
        
                               Herrmann Goedsche
                                   Sebastopol
                 Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
                                  Erster Teil:
                               Seine und Bosporus
                                   Der Prolog.
Ein heftiger Regenschauer, wie der März sie in Paris häufig mit sich führt,
hatte mit der späten Stunde des Abends - die Uhren zeigten bereits über Zehn -
die bewegliche Masse der Spaziergänger und Flaneurs von den Strassen und
Boulevards vertrieben, als an einem Nebenausgang der Gallerie Heinrich's IV. in
den Tuilerieen ein eleganter, aber durch keinerlei Zeichen oder Livree
auffallender Wagen wartend hielt. Endlich gegen halb Eilf öffnete sich die Tür
und zwei in Mäntel gehüllte Personen, die beide Civilkleidung trugen, kamen
heraus und bestiegen den Wagen, der auf einige dem Kutscher zugeflüsterte Worte
sofort über die Pont Royal, durch die Rue du Bac und de Grenelle nach der
Esplanade der Invaliden seinen Weg nahm. Ein Loosungswort am Tor öffnete ihm
den Eingang und der Wagen rollte durch den Cour Royal nach dem berühmten Dom, an
dessen Seiteneingang er still hielt. Ein Mann in Generalsuniform schien hier den
Wagen erwartet zu haben, öffnete selbst den Schlag und begrüsste höflich dir
Aussteigenden, von denen der Eine den Mantel dicht und verhüllend um sich
geschlagen hielt.
    »Sie haben mein Billet bekommen, General,« sagte sein Begleiter, »und wir
sind Ihnen sehr verbunden für Ihre Aufmerksamkeit. Ist unser Mann an Ort und
Stelle?«
    »Er wartet seit einer halben Stunde.«
    »Ah, dann haben Sie wohl die Güte uns einzulassen und dafür Sorge zu tragen,
dass wir unter keinerlei Umständen gestört werden. Die sämtlichen Eingänge sind
doch geschlossen und Niemand mehr in der Kirche?«
    »Es ist Alles geschehen, Herr Graf, wie Sie gewünscht,« entgegnete der
General. »Hier ist der Schlüssel zur Pforte, so dass Sie zu jeder Zeit von Innen
öffnen können. Ich werde die Ehre haben, Sie selbst hier zu erwarten.«
    Die beiden Fremden traten in die Kirche und schlossen die Tür hinter sich,
der alte Offizier aber lehnte sich sinnend unter einem Vorsprung der Mauer an
die Wand, um vor dem Regen geschützt zu bleiben; das Schiff der Kirche war
dunkel, nur vor dem Hochaltar und in der Kapelle zu Häupten des grossen
Katafalks, welcher jene sterblichen Reste umschliesst, die eine vertriebene
Herrscherfamilie als erstes Siegel der entente cordiale von dem Felseneiland St.
Helena holen liess, zu Häupten des Katafalks Napoleon's I. leuchtete der Schimmer
der ewigen Lampen. Ehe die Männer den Gang betraten, hielt der Verhüllte den
Andern einen Augenblick am Arm zurück. »Sie kennen Ihre Instruktionen, Graf,«
sagte er, »wenn etwas Weiteres nötig, werde ich Ihnen ein Zeichen geben.« -
Ihre Schritte hallten im Echo wieder an dem mächtigen Gewölbe, als sie sich der
Kapelle näherten. Ein leiser Luftzug schien die Banner und Standarten in
Bewegung zu setzen, die ringsumher aufgehangen sind. Aber es sind Siegesdenkmale
der neuern Zeit, wehende Rossschweise und Prophetenfahnen, welche die Bourbonen
und Louis Philipp dem Vasallen des Grossherrn in den heissen Kämpfen auf
afrikanischem Boden entrissen; - jene Standarten, die der mächtige Griff des
napoleonischen Adlers einst auf den Feldern von Arkole bis zur Moskwa den
Völkern Europa's nahm, und die der kaiserliche Soldat im Dom seiner Invaliden
aufhängen liess, sind längst verschwunden. Joseph Napoleon hatte wenigstens so
viel Achtung vor dem Kriegsruhm seines verratenen Bruders, dass er diese Zeichen
einstiger Siege verbrennen und vernichten liess, ehe die Verbündeten ihren Einzug
in Paris hielten, um sie wieder zu holen.
    Von den zu beiden Seiten des Grufteinganges aufwärts führenden Stufen des
Mausoleums erhob sich bei dem Nahen der Beiden ein Mann und blieb sie erwartend
stehen. Dem gegenseitigen stummen Gruss folgte eine kurze Pause, in der die
beiden Parteien im Halblicht des Lampenschimmers sich zu mustern schienen. Von
den beiden Eingetretenen hielt sich der Grössere auch jetzt mehr im Schatten und
in den Falten seines Mantels verborgen, ohne auch im Gotteshause den Hut
abzunehmen; der Andere trat näher an's Licht; seine Gestalt war mittelgross und
ziemlich schlank, und sein Kopf trug charakteristische Züge, geeignet, die
Erinnerung jedes Franzosen wachzurufen. Ein ergrauender Schnurr- und Knebelbart
bedeckte den untern Teil seines Gesichts, aus dem ein Paar scharfe unruhige
Augen unter starken buschichten Brauen den Dritten forschend vom Kopf bis zu den
Füssen massen. Dieser erwiederte ruhig, mit einem etwas matten starren Auge den
Blick. Es war ein Mann in hohem Lebensalter, offenbar den Siebenzig nahe, aber
von ungebeugter, fester Körperhaltung. Hauptaar und Bart waren weiss, das
Gesicht ausser von zwei tiefen Narben auch von den Runzeln des Alters
durchfurcht. Die dicht beieinander stehenden Augen hatten, wie gesagt, einen
seltsamen starren Ausdruck, der sich nur von Zeit zu Zeit feurig und dann
unwiderstehlich belebte. Eine der Narben lief von dem linken Backenknochen aus
bis auf den Schädel, auf dessen hoher kahler Platte sie endete. Der Greis hatte
den Reitermantel auf den Stufen des Mausoleums fallen lassen und stand vor den
Beiden gekleidet in eine offenbar alte und unscheinbar gewordene Offizieruniform
der poniatowski'schen Lanziers.
    »Sie sind der Herr,« begann Der, welcher den General am Eingang angeredet
hatte, auch hier das Gespräch, »welcher Seiner Majestät dem Kaiser vor drei
Tagen dies Memoir eingereicht hat?« Er zeigte ihm hierbei ein ziemlich starkes
Heft und fuhr, als der Angeredete sich zustimmend verneigte, fort: »Sie werden
aus dem Besitz dieser Papiere ersehen, dass ich von Allem Kenntnis gesetzt bin
und Vollmacht habe, mit Ihnen zu verhandeln. Es sind dem Kaiser seit ungefähr
zwei Jahren von Zeit zu Zeit ähnliche Denkschriften zugegangen mit - wir müssen
es gestehen, - sehr umfassenden und schätzenswerten Materialien ...«
    »Die der Kaiser auch benutzt hat, sonst wäre er schwerlich der Kaiser,«
unterbrach ihn mit kaustischem Lächeln der Greis.
    »Auch das, wenn Sie wollen, wir gestehen es zu, die Tatsachen sprechen.
Selten hat man eine genauere Voraussicht und Combination der politischen
Ereignisse gefunden, als der Verfasser dieser Schriften besitzt, wohl nie eine
umfassendere und tiefere Kenntnis aller auch der geheimsten Triebfedern, die
Europa, ja die Welt gegenwärtig bewegen. Es ist unmöglich, dass diese Kenntnis
die Wissenschaft eines einzelnen Mannes sei, der nicht wenigstens einen Tron zu
Gebote hat. Der Kaiser, mein Herr, ist begierig, den Verfasser dieser Winke
kennen zu lernen, und da es heute das erste Mal ist, dass Sie eine persönliche
Annäherung selbst gewünscht haben, obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen
Ort und zu seltsamer Zeit, so hat mich Seine Majestät beauftragt, Ihre
Eröffnungen entgegen zu nehmen und Sie nötigenfalls, wenn Sie darauf bestehen,
zu ihm zu führen.«
    »Das ist unnötig, Herr Graf,« bemerkte der Andere, »ich weiss vollkommen die
Person zu schätzen, mit der ich hier zusammentreffe.«
    Der Graf errötete leicht und warf einen Moment lang den Blick auf seinen
Begleiter, der an der zweiten Seitenwand des Mausoleums lehnte. »Sie kennen
mich, mein Herr?« frug er rasch.
    Der Alte verneigte sich ehrerbietig. »Es rollt ein Blut in Ihren Adern,
Excellenz, das ein alter Offizier jenes Kaisers, der nicht zu sagen gewohnt war:
l'empire c'est la paix, sondern l'empire c'est l'épée! nie verkennen wird.
Ueberdies sind wir gewissermassen Landsleute, ich bin Pole von Geburt.«
    »Sie gehören zu der Conföderation des Fürsten Ezartoriski?« sagte Jener
rasch.
    Der Pole schüttelte spöttisch das Haupt. »Herr Graf,« sagte er, »ich bin
nicht siebenundsechszig Jahre geworden, ohne gelernt zu haben, dass die
Wiederherstellung Polens nicht auf dem Parketboden der Salons von Paris gemacht
werden kann. Ich kenne den Herrn Fürsten nur dem Namen nach. Doch lassen wir
das, - es führt uns nur von unserm Gegenstand ab. Ich bitte, recapituliren wir
für einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten.«
    Der Graf verneigte sich zustimmend und der alte Offizier fuhr fort:
    »Im Mai 1850 ging das Kabinet der Tuilerieen aus den ihm von mir anonym
vorgelegten Plan der Initiative in der orientalischen Angelegenheit ein und liess
durch General Aupick von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern.
    Gerade ein Jahr später nahm Herr von Lavalette die Frage auf's Neue auf und
brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugeständnis. Dies hatte, wie wir
vorausgesagt, die Reclamationen des petersburger Hofes zur Folge, der auf die
Vorrechte der griechischen Kirche bestand. Der Divan, von den russischen
Forderungen in's Gedränge gebracht, verzögerte eine genugtuende Erklärung und
Marquis von Lavalette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen
ab.
    Auch das Jahr 1852 verging mit den angeregten Verhandlungen, die immer
verwickelter wurden. Die Pforte, zwischen den beiden bedrohenden Mächten, suchte
nach beiden Seiten hin einen vergütenden Ausweg. Wie das damalige Memoir der
Regierung voraussagte, spannte bei der Erklärung des französischen Gesandten,
zufriedengestellt zu sein, der russische seine Forderungen höher und erlangte
jenen Firman zu Gunsten der Griechen, dessen Auslegung und Proclamation neue
Verwickelungen hervorrufen musste.
    Hiermit war zugleich erreicht, dass die weiteren Aggressionen dem
petersburger Kabinet anheim fielen und von Frankreich abgeleitet, so wie, dass
die Interessen der englischen Regierung mit dem Auftreten der französischen
verbunden wurden. Herr von Lavalette war in der Lage, im November zu drohen, dass
bei einem Bruch der an Frankreich gegebenen Zusage er die Flotte herbeirufen
müsse.
    England, um weder Frankreich noch Russland die Oberhand zu gewähren, nahm
Teil an den diplomatischen Verhandlungen und erklärte die beiderseitigen
Ansprüche für zu weit getrieben. Dies war der Augenblick, um Frankreich vollends
herauszuziehen und den Zusammenstoss jener beiden mächtigen Feinde der
Napoleoniden, Russlands und Englands, vorzubereiten; und in der Tat, Herr Graf,
ich muss gestehen, dass man dies sehr geschickt getan hat.«
    »Ah, Sie meinen die Erklärung unseres Gesandten unterm zehnten December, dass
Frankreich keinen Anspruch auf ein Protektorat über die römisch-katolischen
Untertanen der Pforte mache, und die Erbötigkeit unsers Ambassadeurs in
Petersburg, sich mit dem russischen Kabinet über die streitigen Punkte in der
Frage der heiligen Stätten zu verständigen?«
    »Ganz recht, Herr Graf. Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, damals
mein vorletztes Memoir zu empfangen und dessen Versicherung zu vertrauen, dass
Kaiser Nicolaus auf dem unbedingten Protektorat über die griechischen Christen
in der Türkei, das ist bei einem Verhältnis von neun zu vier Millionen über die
Türkei selbst, bestehen und seine Forderung durch eine unüberlegte
Waffendemonstration unterstützen würde. Russland dirigirte in der Tat bereits
Truppen aus ganz Bessarabien und dem Chersones nach der Gränze der Fürstentümer,
und England ...«
    - »England,« unterbrach die sonore Stimme des Verhüllten zum ersten Male mit
dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung, »England, mein Herr, begann seinen
Rückzug. Die Depeschen Lord John Russel's an den Gesandten in Paris und an
Oberst Rose constatiren, dass das Kabinet von St. James die Schuld der ersten
Drohung immer noch auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung missbilligt
und sich jeder Einmischung fern halten will!«
    »Ich werde sogleich die Ehre haben, diese Anschuldigung näher zu erläutern,«
entgegnete mit einer Verbeugung nach der Richtung hin, in welcher der Verhüllte
stand, der alte Offizier. »Diese Haltung war von dem schwankenden Charakter des
Lord John vorauszusehen. Aber sie wurde paralisirt, indem man in Petersburg die
Wahl einer ausserordentlichen Mission auf den Fürsten Mentschikoff lenkte und
durch die Erklärungen, zu denen sich der Kaiser Nicolaus unvorsichtiger Weise
hinreissen liess. Diese sind Ihnen ohne Zweifel bekannt, Herr Graf?«
    »Ich, weiss in der Tat nicht, was Sie meinen.«
    »Dann haben Sie die Güte, diese Aktenstücke zu lesen. Es sind die genauen
Abschriften der geheimen Berichte, welche Sir Seimour, der englische Gesandte in
Petersburg, über vier Privat-Unterredungen eingesendet, die er am 9. und 14.
Januar sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nicolaus hatte, desgleichen
die eines Memorandums vom letzten Datum, was der Kaiser jenem Gesandten
zustellen liess.« Der alte Offizier zündete eine der auf dem nahen Altare
stehenden, geweihten Lampen an und überreichte ein Heft Papiere, das der Andere
hastig ergriff und mit grosser Aufmerksamkeit durchflog, während auch der
Verhüllte näher hinzutrat und über die Schulter des Grafen mitlas.
    »In der Tat, mein Herr,« sagte der Letztere nach einer Pause von etwa zehn
Minuten, während welcher ihm beim eifrigen Lesen der Depeschen - jener
Aktenstücke, die später unter dem Namen der Entüllungen des blauen Buches
bekannt geworden sind - hin und wieder ein Ausruf der Ueberraschung entschlüpft
war, »in der Tat, ich kannte zwar im Allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom
9., doch diese wichtigen Details sind mir neu. Es scheint, Lord John spielte
eine doppelte Karte, indem er uns die Kenntnis so bedeutsamer Entschliessungen
vorentielt. Sie müssen auf Ehre eine Art Hexenmeister sein, um sich den Besitz
so wichtiger Dokumente verschafft zu haben?«
    »Dem Golde, Herr Graf,« entgegnete der Pole der halben Frage, »ist in London
Alles möglich, gerade wie in Paris den Frauen. -«
    »Ich erlaube mir, bis zu dem Augenblick, in dem wir uns befinden, die
Vorgänge weiter zu resümiren. Die Art und Weise, in welcher Graf Nesselrode
officiell den Kabinetten von London und Paris die Instructionen des Fürsten
Mentschikoff bezeichnete, verzögerten den Ausbruch der Differenzen. Danach
sollten diese Instructionen sehr gemässigt sein, beträfen nur die Montenegriner
und die heiligen Stätten und hätten zum Zweck, ein Aecquivalent für jedes den
Griechen genommene Privilegium zu erreichen. Trotz der Beweise, die ich Ihnen
eben über die Absichten Russlands vorzulegen die Ehre hatte, zögerte das
englische Kabinet noch immer mit einer Einmischung, ernannte aber einen
besonderen Gesandten in der Person des Lord Stratford. Sie kennen den Lord, Herr
Graf, und wissen, dass bei seinem Ehrgeiz und seinem echt brittischen Charakter
ein Kampf mit der Anmaassung und dem Stolz des Fürsten Mentschikoff unmöglich
ausbleiben kann, wenn der Letztere Forderungen stellt, die in den Augen des
Lords mit dem brittischen Interesse im Orient nicht vereinbar sind. Das erste
Auftreten des Fürsten in Constantinopel haben die Zeitungen gemeldet. Es war
beleidigend und herausfordernd in dem Maasse, dass die Pforte den brittischen
Gesandten aufforderte, die englische Flotte zu ihrem Schutz herbeizurufen und
Oberst Rose an Admiral Dundas wirklich die Aufforderung gestellt hat, das
Geschwader nach Vourla zu führen.«
    »Aber der Admiral hat sich geweigert, der Oberst hat seine Aufforderung
zurückgenommen, die englische Regierung hat, was Sie vielleicht nicht wissen
werden, vorgestern den Obersten desavouirt und uns ihr Bedauern ausgesprochen,
dass der Kaiser unserm Geschwader im Mittelmeer gleichfalls den Befehl erteilt
hat, in die griechischen Gewässer abzugehen.«
    »Der Kaiser, mein Herr,« entgegnete der Greis, »ist ein kluger Politiker und
hat sehr Recht getan, die gute Gelegenheit zu benutzen, die ihm der Schritt des
Obersten Rose geboten hat. Sie werden sich erinnern, dass mein Memoir auf eine
solche Gelegenheit speculirte. Nach der Absendung der Flotte Frankreichs bleibt
England Nichts als über kurz oder lang die Nachfolge.«
    »Ich gestehe zu,« sagte der Graf, »dass es für ein grosses Interesse haben
muss, England in einen Krieg mit Russland zu verwickeln und seine ganze Macht im
Orient engagirt zu sehen. Die Forderungen des Fürsten Mentschikoff können
allerdings den Charakter von Demonstrationen gewinnen, die den Kaiser und das
Kabinet von St. James zwingen würden, für eine Krise den Gesandten besondere
Instructionen zu geben.«
    Der Pole lächelte. »Euer Excellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern,
am 22., hat Seine Majestät ihrem Gesandten in Constantinopel bereits diese
Instructionen zugesandt. Soll ich Ihnen die vier Fälle der Instruction noch
bezeichnen? - Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, worin die
Regierung die Hoffnung an das englische Kabinet ausspricht, dass bei der Krisis
in Constantinopel beide Gouvernements gleiche Haltung beobachten werden. Die
Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Telegraphen
berufen, gestern Abend Dover verlassen haben.«
    Der Graf trat erstaunt einen Schritt zurück, der Verhüllte aber ungestüm auf
den Fremden zu, indem er durch die heftige Bewegung den verbergenden Mantel zum
Teil fallen liess. »Wer sind Sie, mein Herr? Sie sehen, ich habe ein Recht zu
fragen, und ich will wissen, auf welche Weise die Geheimnisse des Staats in Ihre
Hände kommen?«
    Der alte Mann verbeugte sich ehrerbietig. »In Frankreich,« sagte er, »hat
stets das Wort eines Edelmannes gegolten und ich bin im Vertrauen auf dasselbe
hierher gekommen. Das Recht, nicht gekannt zu sein oder zu scheinen sei ein
beiderseitiges.«
    Der Andere hüllte sich wieder in den Mantel. »Nach Ihrem Belieben, mein
Herr, doch ich glaube, Sie sind uns noch immer das Resultat schuldig.«
    Der Pole zog nochmals Papiere hervor und überreichte sie dem wieder
herangetretenen Grafen. »Hier finden Euer Excellenz das, was jede englische
Zögerung aufheben wird. Es ist die geheime Instruction des Fürsten Mentschikoff
und weist ihn an, auf unbedingte Anerkennung des Protektorats Russlands über die
griechische Kirche und somit auf Unterwerfung der Pforte unter die russische
Oberhoheit zu dringen und einen Vertrag mit ihr abzuschliessen, der 400,000 Mann
und die Flotte von Sebastopol zu ihrem Schutz gegen die Westmächte stellt.«
    Der Mann im Mantel riss ihm die Papiere aus der Hand und durchflog sie eilig.
»Das ist genug, mehr als genug!« sagte er hastig. »Lesen Sie, Graf.«
    Der Pole überreichte ein zweites Papier. »Hier ist das Verzeichnis der
sämtlichen Streitkräfte, welche Russland in diesem Augenblick disponibel hat. Die
Positionen der Truppen und die Dauer der Etappen sind genau verzeichnet, eben so
die Streitkräfte und Vorräte an den Ufern des schwarzen Meeres.«
    »Gut, sehr gut! Aber was raten Sie nun, mein Herr?«
    »Der Kaiser, von dem unterrichtet, was ich so eben hier vorzutragen die Ehre
hatte, wird seine Vorbereitungen treffen, um im Augenblick der Krisis eine
entsprechende und die brittische Streitmacht überwiegende Landarmee nach
Constantinopel oder an die Ufer des schwarzen Meeres werfen zu können. Die
Bildung eines Nord- und eines Südlagers würde die Zusammenziehung der Truppen
erleichtern. Während Frankreich ohne Mühe 100,000 Mann zum Schutz der Türkei an
das andere Ende des Mittelmeeres senden kann, wird eine solche Anstrengung
England in seinen besten Lebensquellen erschüttern. Es wird genötigt sein, die
Truppen aus Indien und den Kolonieen heranzuziehen, und indes seine
unzureichende Armee im Kampf gegen Russland sich aufreibt, wird Frankreich
kräftiger und mächtiger denn je als der wahre Hort Europa's und der Civilisation
dastehen. Dann - ja dann, wenn England und Russland sich gegenseitig geschwächt
haben, wird es Zeit sein, die Maske fortzuwerfen und die Asche des grossen
Todten, der hier ruht, zu rächen an seinen beiden stolzen Feinden. Dann werden
der russische Doppelaar und der brittische Leoparde sich krümmen und beugen
unter den Krallen des napoleonischen Adlers, und das Blut des Kaisers wird
wieder der Herr der Welt sein, wie es ihm und Frankreich gebührt.«
    »Aber Oesterreich - Deutschland? - -«
    »Oesterreich? - Es wird zuerst den Fuss des Siegers auf seinem Nacken fühlen,
von zwei Seiten zugleich, an der Donau und am Po bedroht. Deutschland? - Will
der Kaiser den Rheinbund? er wird im Nu zu seinen Füssen speichellecken. Und dies
Preussen, hochmütig und abgeschlossen in sich selbst, es wird zaudern und
zaudern, bis ihm nur der Kampf bleibt und die eigene Existenz, und in diesem
Kampfe wird es sich selbst verbluten. An dem wiedererstandenen Polen und Ungarn
und an dem neugeborenen Italien wird das kaiserliche Frankreich drei Stützen
haben, die ihm die Welt unterjochen helfen.«
    Der Mann im Mantel hatte, die Rechte fest auf die Stirn gepresst, die
entflammenden Worte des alten Offiziers angehört, während die Linke sich auf den
Vorsprung der Gruft stützte. Der Mantel war von seinen Schultern gesunken, so
stand er eine Weile stumm und still; dann wandte er sich mit einem stolzen
Ausdruck zu dem Polen.
    »Was immer auch Ihr Zweck sein mag, und ich glaube ihn in jenem schönen
Traum von der Wiederherstellung Ihres Vaterlandes zu erkennen, - Sie haben
gesiegt, und ich werde um jenes grossen Todten willen Ihre Prophezeihung
erfüllen, wenn Gott mir so lange das Leben lässt. - Leben Sie wohl, mein Herr,
und nehmen Sie meinen Dank. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, dass wir uns
sprechen und ich bitte Sie, mir recht bald wieder Nachricht zu geben.«
    Er grüsste den Fremden höflich aber vornehm, während der Graf ihm den Mantel
wieder umhing, und wandte sich nach dem Ausgang der Kirche. »Sie gehen mit uns?«
frug sein Begleiter den Offizier und verweilte einen Augenblick bei diesem.
»Verzeihen Sie, Excellenz, ich habe hier noch ein Gebet zu verrichten. - In
London werden Euer Excellenz das Weitere von mir hören und ich bitte Sie, jedem
Boten zu vertrauen, der Ihnen zu seiner Beglaubigung dies Zeichen übergeben
wird.« Er zeigte dem Grafen ein eigentümlich geformtes kleines Kreuz von
schwarzem Holz mit Silberstiften geziert. Der Graf neigte bejahend den Kopf,
grüsste und eilte dem Vorangegangenen nach, um mit dem erhaltenen Schlüssel die
Kirchtür zu öffnen.
    Draussen fanden sie den General auf seiner übernommenen Wache. Mit gezogenem
Hut begleitete der Veteran die geheimnisvollen Gäste bis an den harrenden Wagen
und schloss selbst den Schlag. Der Graf legte zum deutungsvollen Zeichen den
Finger auf den Mund, während sein Gefährte nur mit leichtem Kopfnicken Abschied
nahm, und dahin rasselte die Equipage.
    Der Mann im Mantel wandte sich, als der Wagen das Tor verlassen, zu seinem
Begleiter. »Hat Maurepas auch die gehörigen Instruktionen und sind Sie sicher,
dass uns dieser Mensch nicht entgeht, wenn er das Hôtel verlässt? Ich muss wissen,
woran ich mit diesem geheimnisvollen Treiben bin; eine solche Macht im Staate
ist viel zu gefährlich, um sie unbeachtet zu dulden.«
    »Es ist Alles nach Ihrem Befehl geschehen, Sire,« entgegnete der Graf, »auf
allen Seiten sind die zuverlässigsten Agenten ausgestellt und sie werden dem
Manne auf allen Tritten folgen. Morgen früh Sire, haben Sie den gewünschten
Rapport. -«
    Auf den Arm des nach dem Dom, um die Tür zu schliessen, zurückkehrenden
Generals aber legte sich im Schatten der hohen Mauern des Hofes eine Hand und
hielt ihn zurück; es war der Pole. »Kennt General Beaupré wohl diesen Ring?«
fragte er freundlich. »Ein Cadet der grossen Armee gab ihn schwer verwundet in
Leipzig dem Soldaten, der ihn aus dem brennenden Hause der Vorstadt und über die
Brücke der Pleisse trug, wenig Minuten vorher, ehe sie gesprengt wurde.«
    »Das war ich,« sagte erregt der General, »wie kommen Sie zu diesem Ringe,
Herr, Sie sind doch nicht - -«
    »Der polnische Lanzier, der Sie zufällig rettete, allerdings, wenn auch
diese Züge Ihnen wenig mehr kenntlich sein werden. Unter braven Soldaten,
General, bleibt immer Kameradschaft und Sie werden mir gewiss eine kleine
Gefälligkeit nicht verweigern, um zu verhindern, dass Ihr Lebensretter vielleicht
in eine Schlinge der geheimen Polizei fällt.« Er nahm den General unter den Arm
und ging mit ihm einige Schritte im Dunkel auf und ab, leise zu ihm sprechend.
Eine Viertelstunde darauf entfernte sich durch eine Seitentür nach dem
Latour-Maubourg unbeachtet ein Mann in dem Rock eines Aufwärters und schlug die
Richtung nach dem Marsfelde ein.
    In einem der belebtesten Stadteile von Paris, - die Scene selbst verbietet
natürlich die nähere Bezeichnung - bereitete sich in derselben Nacht ein
geheimnisvoller Vorgang. Eine mittelgrosse gewölbte Halle von eirunder Form,
anscheinend unter der Erde, denn es fehlten alle Fensteröffnungen, war von einer
Lampe und mehreren auf einer rotbehangenen und quer durch die schmale Breite
laufenden Tafel stehenden silbernen Armleuchtern erhellt. Hinter der Tafel, um
welche sieben Sessel sich reihten, verdeckte ein roter Vorhang das Ende des
Gewölbes.
    Sechs der Sessel nahmen Personen in weite rote Aermelmäntel gehüllt ein,
deren Capüchons hauben-und larvenartig den Kopf bis zum Munde verdeckten. Der
siebente Stuhl war leer, - auf dem Tische selbst lagen mehrere Papiere, mit
deren Verlesung und Eintragung in ein Buch zwei der Mitglieder beschäftigt
waren; keines der gewöhnlichen Wahrzeichen und Symbole geheimer Gesellschaften
zeigte sich weiter in der Decoration des Gemachs, wenn eine in der Mitte
gebrochene goldne Kröne nicht als solches erschien, die oben den Vorhang
zusammenhielt.
    »Die Berichte aus Amerika, England und Ungarn sind notirt,« sagte der,
welcher dies Geschäft vollzogen. »Das Mitglied für Italien hat das Wort.«
    Der Vierte in der Reihe an der Tafel erhob sich: »General Pepe berichtet aus
Turin. Der Mann bleibt auch im hohen Alter Phantast und ist zu Nichts zu
brauchen, sein Name aber wirbt uns zahlreiche Kräfte. Man hat in Turin und Genua
eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen, doch betreffen sie nur untergeordnete
Personen. Auch an andern Orten Italiens, namentlich in Parma, tritt man in Folge
der österreichischen Interventionen mit auffallender Strenge gegen die
Verbindungen auf. Es ist Zeit, dass der missglückte Stoss des Ungars Libényi auf
den Habsburger durch eine festere Hand an anderm Orte corrigirt werde, damit die
Männer auf den Tronen wissen, dass das rächende Verhängnis über ihnen schwebt.
Das Jahr 1853 hat seine Warnung gehabt, ich schlage für das nächste Beispiel
Ferdinand Karl von Bourbon, den Herzog von Parma vor, unsern erbitterten Feind.
- Unsere Presse hat die Nachricht verbreitet, dass Mazzini auf der Retribution
sich nach Malta eingeschifft hat, damit ist vorläufig die Aufmerksamkeit
abgelenkt. Der Aufstand in Palermo ist zwar fehlgeschlagen wie der in Mailand
und Comorn, doch meldet Baron v. Bentivoglio, dass die Organisation zur
Verbreitung der Mazzinischen Proklamation vollständig geordnet ist und grossen
Erfolg zeigt. Die Sammlungen haben im Monat Februar ein Resultat von
achtunddreissig tausend vierhundert Livres ergeben, die ich hiermit in Wechseln
abliefere. Mit den Triester Dampfschiffen sind die befohlenen Verbindungen
eingeleitet.«
    Der Redner übergab mehrere Papiere und nahm wieder Platz. Während seiner
letzten Worte hatte sich eine Seitentür an der Tafel geöffnet, ein Mann, gleich
den Anwesenden in einem roten Mantel verhüllt war eingetreten und hatte den
leeren siebenten Sessel am Ende der Reihe eingenommen.
    »Section Deutschland und Schweiz,« sagte der Secretair.
    Der dritte Verhüllte nahm das Wort. »Die Berichte aus Wien lauten wenig
befriedigend. Das Attentat vom 18. Februar hat die zaghaften Gemüter geschreckt
und die Polizei doppelt aufmerksam gemacht. Libényi hat mit heroischer Ruhe den
Opfertod erduldet. Die genauen Berichte über seine letzten Tage liegen vor. Man
hat selbst die Gewissensbedrohung durch die feile Geistlichkeit erschöpft, um
ihn zum Geständnis zu bringen, von wem die Sendung von 600 Gulden herrührt, die
er kurz vor der Tat durch Anweisung des Londoner Hauses erhalten hat; der Brave
schwieg. Weniger treu seinem Eide starb in Pest der Verräter Andraffy, der die
Pläne zum Aufstand in Comorn Kossut's Schwester überbringen sollte und in die
Hände der Schergen fiel. Er hat die mit Omer Pascha angeknüpften Verhandlungen
über dessen Einrücken in Croatien verraten, soweit er davon Kenntnis hatte, und
dieser Entdeckung ist die augenblickliche Stellung des Wiener Kabinets gegen die
Pforte zuzuschreiben. Man will den Divan um jeden Preis zur Vertreibung der
Flüchtigen drängen. Die Finanzverlegenheit jedoch wächst immer ärger und man
sucht nach neuen Hilfsmitteln. - In Berlin tritt die Spaltung der Conservativen
immer mehr hervor und man arbeitet unsern Absichten in der kommenden Verwicklung
damit in die Hand. Die Polizei hat eine Verbindung aufgehoben, deren unreife
Organisation ein Kind der eingeborenen Demokratie war. Die Beteiligten wurden
von den Wissenden des Bundes zum Teil bei der Flucht Kinkels benutzt, können
aber die höheren Interessen in keiner Weise compromittiren. Es ist hier
vorläufig Nichts zu machen, als die Zerwürfnisse mit Oesterreich möglichst zu
erneuern und die Sympatieen des Heeres für den bevorstehenden Krieg von Russland
abzulenken. Dem russischen Gesandten liegt ein Memoir vor über die Influirung
der Tagespresse - unsere Gegenanstalten sind getroffen. Die Sammlungen haben
äusserst geringe Resultate gebracht, - man gibt dort nur öffentlich. - Die
Regierung von Tessin ist im Begriff den österreichischen Anmassungen zu weichen;
ich habe die Tribune Suisse angewiesen, bei weiterer Nachgiebigkeit mit einer
Revolution zu drohen. - Die Sammlung der Schweiz ergibt Zwölfhundertzwanzig
Franken; das Gesamtresultat der Sammlung aus Deutschland ist noch nicht
eingegangen.«
    Er übergab die Papiere. Der Zuletztgekommene erhob sich nach ihm, ohne die
Aufforderung abzuwarten. Wer der geheimnissdollen Zusammenkunft im Dom der
Invaliden beigewohnt hätte, würde leicht in dem Sprecher den alten polnischen
Offizier wieder erkannt haben. Ausführlich berichtete er über den Gang
derselben, das Misstrauen, das man ihm Anfangs gezeigt und den Eindruck, welchen
die übergebenen Abschriften der wichtigen politischen Dokumente gemacht hatten.
»Der Kaiser,« schloss der Greis seinen Bericht, »ist offenbar ein scharfsichtiger
gewandter Politiker, aber wir haben ihn besiegt, indem wir uns an das
verborgenste Geheimnis dieses verschlossenen Herzens gewandt haben. Ich müsste
mich sehr täuschen, wenn nicht vorher schon die Pläne dieses Kopfes von der
Vernichtung Englands und der Welterrschaft der Napoleoniden geträumt hätten, -
unser Beistand hat sie ihm klar gemacht und die Möglichkeit der Verwirklichung
ihm gezeigt. Er würde den Krieg hervorrufen, selbst wenn er keinen andern Gewinn
davon hätte, als die britische Armee und die britische Flotte von seinen
Schöpfungen verdunkelt zu sehen. Aber ich warne vor diesem Kopf! Er ist schlau
und tatkräftig genug zu einem Versuch, die Bande, die ihn geheimnisvoll
umschlingen, mit eigener Hand zu zerreissen. Möge der Augenblick nicht versäumt
werden, wo sein Fall uns nötig ist, ehe er uns zuvorkommt.«
    Der einmalige scharfe Anschlag einer Silberglocke liess sich hören und
augenblicklich schwieg die Unterhaltung. Der Vorhang im Hintergründe öffnete
sich ein Wenig und ein Mann, ganz gleich wie die an der Tafel verhüllt, nur dass
die rote Maske selbst den untern Teil des Gesichts verbarg, trat hervor. Die
Sieben erhoben sich sämtlich.
    »Die höchste Gewalt ist zufrieden, meine Herren, mit dem Resultat der
Berichte,« sprach der Unbekannte mit einer milden, etwas zischenden Stimme,
»namentlich erkennen wir die grosse Geschicklichkeit an, mit welcher der
Vertreter der Sektion VII. heute seinen Auftrag für die französische Regierung
gelöst hat. Das Geschick Frankreichs ist damit in unsern Händen und wir können
seine Kräfte ohne Gefahr benutzen. - Zur rechten Zeit wird jene einschreitende
Hand bereit sein, die stürzt, wie sie allein erhoben hat.«
    Der zuletzt Gekommene der Sieben verbeugte sich; der Andere fuhr fort: »Die
Botschaften für London, Wien, Berlin, Petersburg und Constantinopel liegen
bereit. Haben Sie die geeigneten Persönlichkeiten dazu ausersehen, je nach dem
Grade der Wichtigkeit, welche die Mission hat?«
    Der Secretair des Rats bejahte und überreichte ein Blatt mit den Namen und
den persönlichen Notizen, das Jener genau überlas. »Warschau und Petersburg!«
sagte er überrascht, - »der Vorstand der Section selbst will diese Mission
übernehmen?«
    Der Verhüllte, welchen der Leser als den Offizier aus dem Invalidendom
erkannt hat, erhob sich. »Ich habe diesen Auftrag als Lohn für die wenigen
Dienste erbeten,« sagte er, »die ich dem Bunde der Unsichtbaren geleistet. Ich
glaubte, dass mir die Mitglieder der höchsten Gewalt das Vertrauen schenken
würden, ich werde meine schwierige Aufgabe mit allen Kräften lösen. Ohnedies ist
hierzu ein Mitglied des siebenten Grades notwendig, um im Augenblick der
Entscheidung den Befehl in die Hand nehmen zu können.«
    »Sehr wahr, mein Herr, aber wir werden Sie kaum hier entbehren können. Auch
sind Sie eine in Warschau sehr bekannte Persönlichkeit und stehen auf der Liste
der Geächteten.«
    Der alte Soldat nahm ein Papier aus dem Portefeuille und überreichte es:
»Die Begnadigung des Kaisers und die Erlaubnis zur Rückkehr! Ich empfing sie
heute von Herrn von Kisseleff.«
    »Das ist allerdings Viel, doch« - eine behandschuhte Hand, die sich aus den
Falten des Vorhangs hervorstreckte, reichte dem Sprechenden einen Streifen
Papier, den dieser las und sofort am Licht einer Kerze verbrannte. »Die
Majorität der höchsten Gewalt ist mit Ihrer Sendung einverstanden. Sie haben
also die Vollmacht zur Reise und werden als Mitglied des Rats bis zur Summe von
fünfzigtausend Rubeln disponiren können. Doch ist es Ihnen bekannt, dass von
diesem Augenblick an, bis zur Beendigung Ihrer Mission, Sie aus dem Rat selbst
scheiden und unter die Gehorchenden zurücktreten.«
    Der Pole verneigte sich. »So nehmen Sie die nötigen Papiere in Empfang und
die Sonne der Freiheit leuchte Ihnen nach Osten.«
    Er reichte dem Scheidenden die Hand, jeder der Beisitzer tat dasselbe und
der Pole verliess den Saal durch die erste Tür, während der Verhüllte dessen
Sitz einnahm.
    »Smyrna und Constantinopel?« führ derselbe nach einem weitern Blicke in das
Papier fort. »Nach diesen Notizen hält der Rat es für gut, den dahin bestimmten
Gehorchenden von hier zu entfernen und in eine Lage zu bringen, in welcher er
gehörig überwacht, dem Bunde bessere Dienste leisten kann, als hier. Welchen
Grad zählt der Gehorchende?«
    »Den vierten.«
    »Das ist genügend, wir haben sichere Leute an Ort und Stelle. Lassen Sie ihn
eintreten.«
    Der Secretair drückte auf eine Feder, die zweite Tür gegenüber dem Tisch
öffnete sich, und ein Mann, anscheinend in den ersten dreissiger Jahren, von
offenen männlichen Gesichtszügen und festem ruhigen Auge, einfach aber gut
gekleidet, trat ein und nahte mit einer Verbeugung dem Tisch.
    »Sie wollen nach der Levante gehen, um als Arzt dort Beschäftigung zu
suchen?«
    »So ist es.«
    »Seit wann sind Sie Mitglied des Bundes?«
    »Seit fünf Jahren.«
    »Gut, Sie werden die Briefe erhalten, die Sie auf Gefahr Ihres Lebens sicher
zu überbringen haben. Die weiteren Instruktionen werden Sie an Ort und Stelle
finden. Die Mittel der Reise sind hier.« Er reichte ihm zwei Goldrollen. »Wann
reisen Sie?«
    »Morgen früh.«
    »Wir werden in Constantinopel von Ihrer Kunst den geeigneten Gebrauch
machen. Bedenken Sie: Willenloser Gehorsam! Leben Sie wohl.«
    Der Angeredete nahm mehrere Papiere in Empfang und entfernte sich durch
dieselbe Tür, aus welcher er eingetreten.
    »Die Person für Berlin und Deutschland!«
    Ein neuer Druck der Feder öffnete die dritte Tür: eine elegant in schwarze
Seide und Spitzen gekleidete Dame trat mit graciösen Manieren ein. Ein kühner
interessanter Kopf blickte aus den umhüllenden Falten des kokett um das dunkle
Haar geschlungenen, von einer prächtigen Brillantnadel gehaltenen
Spitzenschleiers. Die dunklen geschwungenen Brauen über dem feurigen Glutauge,
die zierlich üppigen Formen von Busen und Hüften, der ganze Typus des zwar nicht
mehr in der ersten Jugendfrische prangenden aber überaus interessanten und
anregenden Gesichts liess die Südländerin nicht verkennen. Die sieben Männer
erhoben sich und verbeugten sich artig vor der schönen Erscheinung.
    »Sie gehen nach Berlin, Madame, um dort neue Triumphe zu feiern?«
    »Senjor sind sehr galant,« entgegnete die Dame. »Ich habe das immer
erfahren, seit ich in Frankreich bin, wenn ich auch leider die mächtigen
Beschützer nicht kenne, die sich meiner angenommen und mich aus verabscheuten
Fesseln befreit haben. Sie wissen, Senjor, dass ich ganz zu Ihren Befehlen
stehe.«
    »Wir wünschen vor der Hand Nichts, Madame, als dass Sie diese
Empfehlungsbriefe in den verschiedenen Hauptstädten, die Sie berühren werden,
abgeben, und die Personen, an die sie gerichtet sind, mit der bekannten Gewalt
Ihrer Reize an sich fesseln. Sie wissen, dass wir mächtig sind und namentlich
Schweigen verlangen. Denken Sie immer daran, dass selbst die Wände in unserm
Solde stehen. Vor Allem, Madame, wenden Sie die Geschosse Ihrer Feuerblicke und
die Macht Ihrer Reize gegen die Herren vom Militair und bilden Sie aus diesen
den Kreis Ihrer Sclaven. Ist das besorgt, was für Madame bestimmt war?«
    Der Secretair überreichte ihm ein sammetnes Etui, der Verhüllte schlug es
auf und ein prachtvoller Brillantschmuck glänzte in dem Strahl der Kerzen. Die
Augen der Dame funkelten bei dem Anblick in unbezähmbarer Begierde.
    »Nehmen Sie,« sagte galant der Redner, »es ist ein vorläufiges Zeichen
unsers Dankes und seien Sie gewiss, dass derselbe dabei nicht stehen bleiben wird.
Au revoir, Madame, vielleicht ehe Sie es denken.«
    Er erhob sich, während die Dame eine ziemliche Anzahl Briefe in Empfang
nahm, und führte sie bis an die Tür zurück, die sich hinter ihr schloss. »Bei
meinem Eide,« sagte der Verhüllte zurückkehrend, »ein entzückend schönes Weib.
Sie wird uns treffliche Dienste leisten. Doch lassen Sie uns eilen, die Zeit ist
vorgeschritten. Ich sehe, die nächsten für London bestimmten Personen gehören
den untersten Klassen an?«
    »Man hat um Persönlichkeiten geschrieben, die weniger als Führer und
Wissende, an denen es in London nicht fehlt, denn als geeignet erscheinen,
kameradschaftlich unter den Arbeitern und dem Volk selbst zu wirken. Die beiden
Personen, die wir gewählt haben, sind sehr zuverlässig und geeignet; der Eine
finster, brütend, jedes Entschlusses und jedes Opfers fähig, ohne Familienbande
und nur für die Revolution tätig; der Zweite ein Kind derselben, begeistert,
einer jener pariser Proletarier, die mit Beranger's Liedern statt der
Muttermilch gesäugt worden sind.«
    Ein Zeichen befahl den Eintritt; aus der vierten Tür erschienen zwei
Männer, sehr verschieden im Äußern. Der jüngere mochte etwa 23 Jahre zählen,
ein ächtes Kind des pariser Pflasters, dem, wenn auch von der Conscription durch
eine glückliche Loosung befreit, doch das soldatische Blut des Franzosen aus
Haltung und Bewegung leuchtete. Ein freies männliches Gesicht, von schönem Bart
umschattet, ein etwas wild und hitzig blickendes Auge, die kräftige und doch
gelenke Gestalt mit den ausgearbeiteten Händen, bekleidet mit der reinlichen
Blouse, machte den jungen Mann zum Ideal eines lebensfrischen Repräsentanten der
arbeitenden Klasse. Ganz im Gegensatz zu ihm stand sein Begleiter, anscheinend
fünf bis sechs Jahre älter, nicht gross und dennoch von gebückter Haltung, das
straff anliegende schwarze Haar fast bis zu den buschigen Augenbrauen
herabgehend, unter denen tief liegende unheimliche Augen funkelten; im
gelblichen Italienergesicht, um den kleinen gekniffenen Mund, lagen Züge
unbeugsamer Entschlossenheit.
    »Sie gehen nach London und Manchester,« redete der Verhüllte die Beiden an,
»und werden dort der grossen und heiligen Sache der freien Arbeiterverbrüderung
wichtige Dienste leisten. Ich brauche Sie nicht an das Joch der Tyrannei zu
erinnern, denn Sie fühlten es selbst an jedem Tage, an welchem Ihre Mühen und
Ihr Fleiss die Geldkisten Ihres Fabrikherrn füllten. Nur die erhabene Fahne der
socialen Republik kann in ihrem Schatten jedem freien Mann seine Geltung
verschaffen. Werben Sie unter Ihren Brüdern in England, und bereiten Sie
dieselben vor; denn ich sage Ihnen, der Anbruch des Tages ist nahe, an dem die
Flamme der Völkerfreiheit über Berg und Tal, über See und Land leuchten und zum
grossen Kampfe rufen wird für die ewige Gleichheit!«
    Die schwülstigen, wohlberechneten Worte verfehlten ihren Eindruck nicht, der
junge Mann hob begeistert die Hand in die Höhe wie zum Schwur, der Italiener
ballte die Faust, zwischen den zusammengebissenen Zähnen zischte die Drohung:
    »Tod den Tyrannen!«
    »Diese Papiere werden Ihnen sagen,« fuhr der Redner fort, »an wen Sie sich
in London zu wenden und wie Sie Ihre Instructionen zu erhalten und auszuführen
haben. Im Namen der Freiheit und Gleichheit weihe ich Sie zu dem grossen Werke
des Bundes. Gehen Sie.«
    Die Beiden wendeten sich nach der Empfangnahme der Papiere zur Tür, an der
der Jüngere einen Augenblick zauderte, dann kehrte er rasch um und trat
entschlossen nochmals zu dem Tisch:
    »Morbleu, meine unbekannten Herren! Es drückt mir da Etwas das Herz und das
möchte ich gern los sein, ehe ich die befohlene Reise zu den Beafsteaks antrete.
Mein Alter hätte das Geld sparen können, das er in meiner Jugend darauf
verwendet hat, mich in einer englischen Maschinenwerkstätte in die Lehre zu
geben, dann hätte doch meine Schwester jetzt einen Notpfennig. Ich kann das
arme Mädchen wahrhaftig nicht so zurücklassen ohne Schutz und Hilfe, das
Grisettenblut in ihren Adern ist gar zu leicht und die Verlockung oft gross
genug.«
    »Sie werden vor Ihrer Abreise einen Vorschuss von zweihundert Franken
erhalten, den Sie von Ihrem guten Verdienst in England abtragen können,« sagte
der Rote. »Ihre Schwester wird im Auge behalten werden, gehen Sie unbesorgt.«
    Der junge Arbeiter verneigte sich dankend, warf noch einen neugierigen Blick
rings umher und folgte seinem Gefährten. »Ich glaube, der Vorstand der Section
England,« sagte der Verhüllte, »hat da keine besondere Wahl getroffen. Der Mann
gehörte auf die Barrikade, nicht in die Werkstätten.«
    »Er ist ein trefflicher und für seinen Stand schwungvoller Redner,« wandte
der Getadelte ein, »und wir finden wenig französische Arbeiter, die der
englischen Sprache mächtig sind. Ueberdies ist sein Begleiter der Mann, der
seine Fähigkeiten auf den bestimmten Punkt fesseln wird.«
    »Sie mögen Recht haben, der Zweite ist eine Physiognomie, aus der sich
Vieles machen lässt und der, was er erfasst, nie aus den Augen verlieren wird. Ich
kann den Namen nicht deutlich lesen, der Manu heisst?«
    »Pianori. Er focht in Rom, brachte uns die letzten Depeschen von Turin und
hält sich seitdem heimlich hier auf.«
    »Lassen Sie den Letzten für heute erscheinen.«
    Die fünfte Tür öffnete sich und ein elegant, ja überladen gekleideter Mann
in mittleren Jahren, von einem gewissen Embonpoint, wie es vielen unserer
Börsencoryphäen so behaglich steht, trat unter Verbeugungen ein. Der Schnitt des
Gesichts verriet die orientalische Abstammung vielleicht aus dem zweiten Grad;
die schmal zulaufende hohe Stirn den geübten Rechner und Zahlenmann, die rastlos
sich bewegenden Finger und die kurz und scharf umherblickenden Augen zeigten den
tätigen Geschäftsmann und Speculanten.
    Ohne die Anrede abzuwarten, begann der Eingetretene: »Im Begriff, nach Wien
abzureisen, erhielt ich die Ladung des Rates und beeilte mich, dem Befehl
nachzukommen. Darf ich wissen, welche Angelegenheiten meine Dienste erheischen?«
    Der Verhüllte nahm ein kleines Buch in rotem Saffian, das der Secretair ihm
reichte und durchblätterte es einige Augenblicke schweigend, dann frug er:
    »Haben Sie zufällig unser Conto zur Hand, Herr Baron?«
    »Gewiss, ich steckte es zu mir. Der letzte Abschluss vom vorigen Monat ist,
wie ich ersehe, 75,000 Franken zu meinen Gunsten. Man hatte in dem Monat stark
gezogen.«
    »Ganz recht, mein Herr, indes die anvertrauten Fonds ergeben eine Summe von
Achtmalhundert dreiundsechszigtausend Francs, - so viel ich weiss in Metalliques
und Bank-Aktien?«
    Der Geldmann warf einen hastigen Blick auf den Redner. »So ist es, ich
machte auch nur die Bemerkung in Beziehung auf das laufende Conto.«
    »Ich vermutete das. Doch, mein Herr, der Bund braucht in diesem Augenblick
bedeutende Mittel, und ich wollte Sie ersuchen, die Werte bis auf
achtmalhunderttausend Francs auf Morgen Mittag 12 Uhr für uns disponibel zu
halten. Wir brauchen grade österreichische Papiere und werden sie auf die
gewöhnliche Weise in Empfang nehmen lassen.«
    Der Banquier erbleichte leicht, fasste sich aber rasch. »Sie werden zu Ihrer
Disposition sein.«
    Ein scharfer durchbohrender Blick sprühte aus der verhüllenden Maske. »Ist
das auch gewiss, Herr Baron, werden wir die Metalliques vorfinden?«
    Das Gesicht des Befragten überzog sich mit fahler Blässe, dennoch wankte er
nicht unter dem Schlage, sondern entgegnete mit fester Stirn: »Ich werde die
Ehre haben, Ihnen meine Kasse zu öffnen, das Geld befindet sich darin.«
    Die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Vorhang hinter der Tafel
auseinanderrauschte und in einer dunkel behangenen weiten Nische zwei Männer
sichtbar wurden, die dasselbe verhüllende Kostüm trugen, wie ihr Gefährte. Der
Eine war eine grosse breitschultrige Gestalt, der Andere klein, offenbar
schwächlich und verwachsen. Alle Mitglieder der Tafel standen auf, - der
Geldmann vor ihr trat unwillkürlich einen Schritt zurück und beugte das Haupt.
    »Einen Augenblick,« sagte die ernste dröhnende Stimme des Grössern der neuen
Zeugen, »ich möchte Sie fragen, Gehorchender, ob dieser Auszug über den
gegenwärtigen Bestand Ihrer Kasse richtig ist? Danach ist dieser Bestand an
Aktien der österreichischen Bank nur 2000 Gulden, baar vielleicht 40,000 Francs,
die in diesem Moment wahrscheinlich in Wechseln in Ihrer Tasche oder in Ihrem
Koffer sind; aber von den Ihnen anvertrauten Metalliques gibt es in Ihrer
Kassette keine Spur.«
    Der Baron war vernichtet. »Ich hatte Forderungen zu decken -« stammelte er
endlich, »das Geld ist nicht verloren - ich habe Speculationen - gönnen Sie mir
nur Zeit.«
    Der Grosse lachte verächtlich. »Armer Narr, wenn wir das nicht wüssten, lebten
Sie bereits nicht mehr, um hier von Ihrem Verhalten Rechenschaft zu geben.
Merken Sie sich die Lection, der nächste Bruch des Vertrauens wird mit Ihrem
Herzblut gesühnt! - Hätten Sie uns Ihre Absicht, auf die Escompten-Bank zu
speculiren, mitgeteilt, so würden wir dem gar nicht widersprochen haben, und
Sie hätten nicht auf eigene Rechnung sieben Procent an dem Verkauf der Papiere
verloren. So wie es ist, tragen Sie den Schaden. Sie werden nach Wien reisen und
das Escomptengeschäft in Ordnung bringen. Je mehr Aktien Sie erwerben, desto
besser. Es ist nötig, dass wir die Majorität der Stimmen benützen. - Doch haben
wir noch ein anderes und besseres Geschäft für Sie. Dies Memoir werden Sie,
nachdem Sie es sich zu eigen gemacht, in einer Audienz an Herrn von Bach in Wien
persönlich übergeben und ihm Vortrag darüber halten. Es betrifft den Vorschlag
zum Ankauf der österreichischen Staatsbahnen für Rechnung einer zu bildenden
Gesellschaft. In diesem Portefeuille finden Sie 2 Millionen Gulden in Wechseln
auf Sina und Eskeles; fünfzigtausend davon werden Sie nötigenfalls für die
Beamten verwenden, von deren Empfehlung das Geschäft abhängt, den Rest stellen
Sie dem Premier sofort zur Disposition als Anzahlung auf den Kauf. Die weiteren
Auseinandersetzungen und Bedingungen finden Sie in den Papieren.«
    Der adlige Banquier ergriff erfreut das Portefeuille, prüfte aber als
Geschäftsmann sorgfältig die darin entaltenen Anweisungen. Dann steckte er
Alles zu sich und versicherte hoch und teuer, dass man volles Vertrauen in ihn
setzen könne.
    »Sie werden selbst am besten dabei fahren,« sagte der grosse Verhüllte, »denn
ich schwöre Ihnen, Ihr Leben ist keinen Schuss Pulver mehr wert, wenn Sie im
Geringsten nochmals von der Ihnen vorgezeichneten Bahn abweichen. Jetzt, Herr
Baron, reisen Sie mit Gott und - denken Sie Ihres Auftrags zu jeder Zeit und an
jedem Orte.«
    Der Agent verneigte sich dankend und verliess, etwas weniger sicher, aber
leichtern Herzens, als er gekommen, das Gemach.
    »Jetzt, meine Brüder,« nahm der zuerst Eingetretene der Drei das Wort, »ist
unser Geschäft für heute beendet. Sie werden die nötigen Anstalten treffen, dass
unsere Missionaire genügend überwacht und geleitet werden. Seien Sie tätig in
sämtlichen Sectionen, Sie wissen, wie wichtig die Gegenwart ist. Wenn ganz
Europa erst in Krieg verwickelt worden, kommt die Zeit unserer Ernte. Die
Monarchieen schwächen sich durch die Opferung ihrer Armeen; England wird seine
Zuflucht wiederholen müssen, Fremdenlegionen in allen ihm zugänglichen Staaten
zu bilden, deren Kern unsere Gehorchenden sein werden. Ist der Zeitpunkt der
Erschöpfung gekommen, haben wir die Kämpfe zu dem Ende geleitet, das wir
bezwecken, dann ist es Zeit, den Boden zu bestimmen, auf dem unsere Siege
erfochten werden müssen, und dieser Boden wird zwei Weltteile umfassen. Wann
die höchste Gewalt im Einzelnen oder insgesamt Ihren Sitzungen wieder beiwohnen
kann, ist leider unbestimmt; darum leben Sie wohl bis dahin.«
    Der Verwachsene winkte mit der Hand, einen Augenblick zu warten. Ein leiser
schrillender Ton liess sich hören, und aus dem Druckapparat eines electrischen
Telegraphen, der unter einer entsprechenden Scheibe an der Wand der Nische
angebracht war, schob sich langsam ein Streifen Papier, mit Punktirzeichen
versehen. Er nahm denselben, las die Chiffreschrift und sagte lachend mit
offenbar italienischem Accent: »Graf Walewski hat sich an den Tuilerieen
beurlaubt und ist zu Mademoiselle Rachel gefahren. Dem Polizeiminister meldet
man so eben, dass die Spione am Invaliden-Hotel keine Spur entdecken konnten. Mit
dem Abendzug ist ein Courier von Petersburg für Herrn von Kisseleff
eingetroffen, Fürst Oczakoff. Da haben Sie die neuesten Neuigkeiten. Buona
notte!«
    Die Lichter erloschen, im Dunkel vernahm man mehrere Türen sich öffnen und
schliessen - dann folgte das Schweigen des Todes.
 
                                Das erste Blut.
Entzückend schön, über die Beschreibung der Feder, über die irdischen Farben des
Malers erhaben ist der Sonnenaufgang im Golf von Smyrna!
    Der »Egytto« hatte während der Nacht auf Chios angelegt und eine Menge neuer
Passagiere an Bord genommen. Erst als das Tagesgrauen über die fernen Berge
Anatoliens herauf dämmerte, erhoben sich die Reisenden vom Verdeck, wo sie ihr
improvisirtes Lager gefunden, oder kamen langsam aus den Cajüten und Sabinen zum
Vorschein. Das Verdeck eines Levante-Dampfers bietet, nachdem er von Aten
abgefahren, ein eigentümlich seltsames Schauspiel, dessen bunte Conturen von
Insel zu Insel an Mannigfaltigkeit gewinnen. Der Capitain lässt das Deck der
Schanze mit einer vorbereiteten Bretterlage überziehen, um es vor den Spuren des
Kochens, Bratens und Schlafens säuberlich zu bewahren. Eine besondere Abteilung
für die Frauen und Kinder wird abgegränzt; mit Teppichen und Ballen aller Art
und Form nehmen die Ankömmlinge den kleinen ihnen gestatteten Raum ein; Kreise
bilden sich um den Dreifuss, auf dem alsbald der Granatapfel schmort oder die
Zwiebel und das Hammelstückchen zischt; die Frauen bereiten den Kaffee oder
holen ihn in kleinen Schälchen von dem alten Moslem, der mitten auf dem Verdeck
seine Bude gleich den Schilderhäuschen unserer Obstöker aufgeschlagen hat.
Ueberall strecken sich lange Pfeifen quer über den schmalen, von dem
hochaufgetürmten Gepäck gelassenen Gang; um die Küche drängt sich eine lärmende
Menge, vom Koch glühende Kohlen zum Anzünden ihrer Nargilehs oder Schibucks zu
betteln; zwischen den Haufen der plappernden, lachenden, gestikulirenden
Griechen sitzt auf seinen Kissen in ernster Gravität der Muselmann, von seinem
schwarzen Sclaven bedient; Weiber mit dem wundervoll zarten Teint und den
unzierlichen Gestalten der Frauen der Cycladen schlürfen in ihren klappernden
Holzpantoffeln umher. Das dunkle brennende Auge zwischen den gefärbten Wimpern,
durch die eigentümliche Schwärzung des untern Augenlides noch flammender
gemacht, misst frei und offen den Fremden, oder blickt neugierig unter dem
Yaschmak hervor, dem Mousselinschleier, welcher die orientalischen Schönheiten
verhüllt, und den die Bekennerin des Propheten nur in den vertrauten Gemächern
des Harems ablegt. Dazwischen bewegt sich das Volk der Matrosen, meist sehnige,
sonnverbrannte Figuren von den Küsten der obern Adria, hin und wieder ein
Italiener aus dem Golf von Tarent, stösst ohne Unterschied der Person, wer ihm im
Wege steht oder liegt bei Seite: den Armenier, der auf dem Hühnerkorb sein Gold
zählt und mit einem Andern um den leichten venetianischen Dukaten oder den
beschnittenen Ghazi feilscht, ebenso wie den türkischen Juden, der in seinem
blauen Tuchtalar geschmeidig durch die Menge schlüpft. Für den europäischen
Reisenden hört mit dem Schritt über Aten hinaus jede Bequemlichkeit und
Gewohnheit der nördlichen Civilisation auf; der Platz auf dem Hühnerkasten, auf
dem Bogspriet oder den Bänken des grossen Decks, von dem aus behaglich
hingestreckt er unterm Schutz des Zeltpavillons die Oliventerrassen der
ionischen Inseln, die dunklen Felsenwände von Tschernagora und Albanien, den
zauberhaften Golf von Lepanto betrachtet hat, ist besetzt, kaum findet er einen
Raum an der Brustwehr frei, von dem aus er hinaus das trunkene Auge tauchen kann
in die unermessliche Fläche der Wässer, deren Lazurbläue mit dem im Licht
zitternden Dome des Himmels wetteifert. Das widrige Schauspiel anderer Meere und
Seereisen, die Seekranken, verderben ihm das Bild nicht. Dieses Volk lebt und
stirbt am Strande, das blaue Meer ist sein Element, wie die Luft, - die Fahrt
von einer der prächtigen Cycladen zur andern seine Lebensgewohnheit. Gern opfert
der Reisende sein eignes dolce farniente, um diese Kinder des Südens das ihre
verträumen zu sehen.
    Aus den blauen Tiefen des Meeres wachsen Felsen empor, Felsen mit Rosen und
Myrten, mit dem dunklen Grün des Lorbeers und der Olive, mit dem schlanken
Stamm der Cypresse und der Platane. Smaragden sind es in ihrem dunklen Grün,
Diamanten in dem gelben Strahl ihres Lichts, schaukelnd wie Schmuck auf dem
üppigen Busen einer Lais! Edelsteine sind es, die die tobende Glut des Vulkans
aus dem innern Gewerk der Erde emporgeworfen an die Oberfläche des Tages, dass
sie Kunde geben von den Zaubern der Tiefe; die Götterwelt der Alten bevölkert
sie in der Erinnerung, - weisse Segel auf leichten Barken, mächtige
Handelsschiffe und die Flaggen aller Nationen ziehen gleich Tauben und Schwänen
durch ihre Buchten und Labyrinte. -
    Der erste rosige Strahl der Sonne tauchte am Horizonte empor und zitterte
über die Fläche des Golfs. Glänzend stieg die Königin unserer irdischen Welt
über die in den fernen Nebeln noch unsichtbare Königin der Städte Anatoliens
empor. Neben dem ernsten etwa vier bis fünfunddreissigjährigen Mann in einfacher
aber moderner europäischer Kleidung mit dem grauen breiträndrigen Filzhut, der
schon seit einer Stunde an dem Bollwerk des Vorderschiffes lehnte, um das
herrliche Schauspiel mit allen seinen hier so wunderbaren Farbenwechseln nicht
zu verlieren, breitete ein Türke seinen Teppich aus und knieete mit dem Antlitz
gen Mekka nieder, sein Gebet zu verrichten. Was an Moslems auf dem Verdeck war,
folgte dem Beispiel; der grosse Haufe der Griechen und Franken kümmerte sich aber
wenig um die Andacht der Ungläubigen und unterbrach keinen Augenblick seine
Unterhaltung, ja viele der erstern spuckten verächtlich und mit grimmigen
Seitenblicken nach dem Erbfeind ihres Glaubens in's Wasser. - Eine Hand legte
sich auf die Achsel jenes Mannes, der die ihm fremde Andacht beobachtete; als er
sich umwandte, blickte er in ein Gesicht, das ihm wohl bekannt schien, doch liess
die fremdartige Kleidung, der das Haupt bedeckende griechische Fez ihn im ersten
Moment den Andern nicht gleich erkennen. Es ging ihm wie so häufig im Leben, man
findet unter veränderten Umständen ein Gesicht, von dem man weiss, dass es uns
bekannt und befreundet gewesen, ohne sich doch gleich zu erinnern, wo der
Besitzer hinzutun ist, wie zu benennen.
    »Erinnert sich Doctor Welland wirklich nicht mehr des Comilitonen,« frug der
Grieche, »mit dem er vor Jahren die Kollegien unter Dieffenbach gehört, oder
haben die acht Jahre, die seitdem vergangen, Gregor Caraiskakis so ganz aus dem
Gedächtnisse der Freunde seiner schönen Jugendtage verdrängt?«
    Welland warf sich in die geöffneten Arme. »Die Schulbank des Knaben, die
Aula des Jünglings schlingt ein Band gemeinschaftlicher Erinnerungen, das
wahrlich auch im Männerleben sich nicht vergisst. Verzeihen Sie mir, Caraiskakis,
dass ich 500 Meilen von dem Orte, wo wir zusammen gelebt, und in der veränderten
Tracht Sie nicht wiedererkannte. Glauben Sie mir, ich habe, während der Dampfer
mich an den Küsten Ihrer klassischen Heimat vorübertrug, gar oft Ihrer gedacht,
und nur die Kürze unseres Aufentalts in Aten verhinderte mich, nach dem lieben
Comilitonen alter Zeit zu forschen. - Aber,« fuhr er fort und sah aufmerksam in
das Antlitz des Universitätsfreundes, - »warum die Wahrheit verhehlen, gewiss,
Sie haben sich auch sehr verändert, Gregor, und diese Falten, diese Blässe,
stimmen wenig mit Ihren Jahren und dem frischen, kecken Lebensmut, den der Sohn
des Helden vom Pyräus sonst in jeder Bewegung, in jedem Worte zeigte.«
    »Sie haben Recht,« entgegnete der junge Mann, »ich fühle es selbst. Aber
zuerst, - wie kommen Sie hierher nach der Levante, in die sich brauenden,
drohenden Gewitter, Sie, den ich in Berlin in der Gewissheit eines brillanten
Examens und einer baldigen guten Praxis oder einer Anstellung im Staatsdienst
zurückliess? - Lassen Sie mich das erst hören.«
    »Der Mentor, der sich Ihnen gegenüber so oft als älter und erfahrener gerirt
hat, wusste sich selbst nicht zu leiten. Etwa zwei Jahre, nachdem Sie, lieber
Freund, nach München und von dort, wie ich hörte, nach Griechenland
zurückgekehrt waren, brach bei uns jene merkwürdige, mir selbst kaum erklärliche
Revolte aus, die man die Märztage nennt. Sie kennen sie aus den Zeitungen. Ich
war töricht genug, mich daran zu beteiligen, nachdem ich mir bereits seit
einigen Monaten eine kleine Praxis gegründet hatte. In der Zeit ging Alles
drunter und drüber, auch meine Existenz. Meine Familie trennte sich im Zorn von
mir; so packte ich mein Bündel und zog nach Frankfurt, wo das deutsche
Reichsparlament tagte und tobte. Dort blieb ich bis zum Frühjahr 49 und ein
eigentümlicher Zufall, den ich Ihnen wohl später erzähle, führte mich nach der
Platz und Baden, als der Prahler Miroslanski dort seine Lorbeeren zu pflücken
dachte. Mir war die Sache zuwider, denn ich hatte viel gesehen und erlebt in der
Zeit; aber es stand doch mancher eherne Mann mit aufrichtiger Gesinnung, mancher
Jüngling mit glühender Phantasie und ehrlichem Herzen unter den Freischaaren,
und wenn ich auch nicht an ihrer Seite gegen meine Landsleute focht, so widmete
ich ihnen doch meine Kunst und wirkte als Arzt unter den Verwundeten und
Sterbenden. Der Fall von Rastatt trieb mich nach Strassburg, von da nach Paris.
Ich hätte vielleicht wiederkehren können in meine Heimat, da ich nicht
compromittirt genug war, um sie mir für immer versperrt zu sehen; gewiss hätte es
nur einer Bitte bedurft; aber teils war ich mit meiner Familie ganz zerfallen
und erhielt nur heimlich hin und wieder einen Brief von den Schwestern, teils
fesselten mich viele Freundesbande an Paris. Das Flüchtlings-Comitee
unterstützte mich und ich gründete mir unter den Verbannten aller Nationen eine
Praxis, die wenigstens ihren Mann nährte. - Aber, ich will es Ihnen gestehen, es
fehlte mir die Befriedigung, ich sehnte mich fort in die Ferne, auf ein Feld, wo
ich mehr wirken und schaffen konnte, aus den erschlaffenden Mauern von Paris mit
seinen tausend politischen und socialen Intriguen hinaus in die frische Natur.
Schon wollte ich nach Algerien gehen, als ein Auftrag von Freunden mir einen
anderen Weg wies. Ich erhielt Empfehlungen nach Constantinopel und an Herrn de
Latour, den französischen Gesandten, der mir bei den jetzigen Verhältnissen
gewiss leicht eine meinen Absichten entsprechende Stellung verschaffen wird.
Vorläufig werde ich eine kurze Zeit in Smyrna verweilen.«
    »Da ist unser Ziel dasselbe,« sagte freudig der Grieche, dem die etwas
zurückhaltende und vorsichtige Erzählung vollkommen genügte. »Auch ich gehe nach
Smyrna, mögen die Heiligen geben, mit gutem Erfolg. Selbst in anderer Beziehung
ähnelt sich unser Schicksal, auch die Familie Caraiskakis ist ausgewiesen von
hellenischem Boden, aus jener Heimat, die ihr Vater mit seinem Blut erkauft
hat!«
    »Sie sind verwiesen aus Aten?« frug erstaunt der Deutsche. »Aber König Otto
hat Sie und Ihre Brüder ja selbst erziehen lassen als eine Dankespflicht für den
Heldentod Ihres Vaters.«
    »Wir haben auch über den König nicht zu klagen, er ist gut und will das
Beste. Aber Sie kennen die Parteiungen nicht, die das arme Griechenland
zerreissen und es immer am Emporblühen hindern werden. Nur wenn es galt, das
Kreuz gegen unsern alten Erbfeind zu erheben, waren Griechen jedes Stammes
einig, und selbst da noch trieben Neid und Ehrgeiz ihr zerstörendes Spiel. Wenn
der Wille des Königs auch gut, so ruht die Regierung doch grösstenteils in
Händen, die nur darauf bedacht sind, zur eigenen Bereicherung oder Unterdrückung
der politischen Gegner alle Macht zu verwenden. Die Verwirrung wird gesteigert
durch die Einflüsse der mächtigern Staaten Europa's. Wo an anderen Höfen die
diplomatische Intrigue ihr verdecktes Ziel zu erreichen strebt, da tritt bei uns
die offene drohende Forderung auf. Das arme gedrückte Hellas erliegt unter der
Last des europäischen Protektorats. Blicken Sie hin nach Jonien, der
proklamirten freien Republik! Der britische Schutz hat es in Fesseln geschlagen,
ärger wie die indischen. Ich führe Ihnen nur die einzige Tatsache an, dass auf
allen sieben Inseln nur eine einzige Druckerei ist, die englische
Regierungsdruckerei, und dass kein anderes Blatt, als das Regierungsorgan,
erscheinen darf. Der Gouverneur von Corfu ist mehr Herr in unserem Griechenland
als König Otto, und seinem peremtorischen Verlangen und der Forderung des
englischen Gesandten verdanke ich die Verweisung vom Festlande, die mich seit
zwei Jahren auf den Inseln des Archipel umhertreibt, weil in einigen Artikeln
der Elpis ich die unterdrückten Brüder auf Corfu in Schutz nahm und die
Auflösung des Senats kritisirte.«
    »Wenn ich mich recht erinnere,« frug Welland, »so stammen Sie ja wohl
ohnehin von den Inseln?«
    »Von dem unglücklichen Chios, das trotz seines Märtyrertums im
Befreiungskriege der englische Machtspruch unter den Fesseln des Halbmondes
liess. Meine Mutter flüchtete mit uns aus den Mörderhänden des Kapudan Pascha
auf's Festland, wo mein Vater bereits für das Kreuz kämpfte. Die Sehnsucht nach
der Geburtsstätte liess vor zwei Jahren meine Mutter mich begleiten, ich brachte
sie nach Chios zu Verwandten und schweifte seitdem umher, von Insel zu Insel,
durch die Klöster des Atos, Stambul hinauf und an den Küsten des Pontus.
Ueberall, wo ich weilte, fand ich die Herzen nach Erlösung schlagend, die Faust
sich ballend im ohnmächtigen Grimm. Ueberall mein Volk trotz des Tausimats und
aller Fermans vom Moslem unterdrückt und geschlachtet. Glauben Sie mir, Welland,
was ich gesehen und erlebt, würde Ihnen das redliche Herz in der Brust umkehren.
Nur in Constantinopel und in den Küstenstädten, wo die europäischen Consuln
residiren und ihre Anwesenheit die Pascha's im Zaume hält, haben die
griechischen Christen geduldete Rechte; im Innern des Landes herrscht der
Jahrhunderte alte Druck noch in seiner vollen Willkühr und Barbarei.«
    »Aber Ihre Geschwister? Sie erzählten mir so oft von ihnen.«
    »Mein älterer Bruder steht im griechischen Heer an der Gränze, mein jüngster
ist in diesem Augenblick in Zettinge und hielt die Schluchten der Tschernagora
mit dem tapferen Bergvolk gegen Omer Pascha's Redif's. Beide sind ihrer Väter
würdig und ich nenne sie mit Stolz meine Brüder. Wenn ich sie sehe, werde ich
ihnen den Segen ihrer greisen Mutter bringen, denn ich komme von ihrem
Sterbebett auf Chios, wo ich sie gestern unter den Platanen begrub, die auf den
Trümmern meines väterlichen Hauses wachsen. Möge die blutgetränkte Erde der
Heimat ihr leicht sein!«
    Welland reichte dem trauernden Freunde die Hand. »Und Ihre Schwester?«
    Des Griechen strömende Augen stammten auf. Ueber sein bleiches Gesicht flog
die Zornesröte heftiger Erregung und er streckte den Arm aus gegen die Stadt,
die aus dem Duft von Licht und Wasser emporschwamm, überragt von dem Pagus, an
dessen Seiten über die Kuppeln und Minarets der Türkenstadt sich die
Cypressenwälder der Friedhöfe hinaufziehen, während hoch von der Spitze die
Trümmer des alten genuesischen Kastells sich gegen den Himmel zeichnen.
    »Ich gehe, sie zu schützen, oder - zu richten!« sagte er mit tiefer Stimme
und wandte sich ab. Die drängende Menge umgab sie und verhinderte jedes weitere
Gespräch. -
    Ismir, - wie es die Türken nennen, - Smyrna im Munde der Geschichte, das
Kind Alexanders des Grossen - zehn Mal verwüstet von der Hand mächtiger Feinde,
und zehn Mal wieder emporgestiegen aus seinen Trümmern, Smyrna, eine der sieben
heiligen Kirchen Kleinasiens, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden an
seinem prächtigen drei Meilen breiten Golf aus. Wie fast alle Uferstädte
Griechenlands und Kleinasiens an der Höhe der Berge terrassenmässig
emporsteigend, bietet es einen prächtigen Anblick. Rechts am türkischen Kastell
vorüber mit seinen schläfrigen Schildwachen und unbehülflichen Geschützen fliegt
der Dampfer gegen die Stadt, die von Bergen umgeben nur rechts am Ufer hin sich
nach der Karavanenstrasse öffnet, auf der in langen Reihen die gekoppelten
Kameele die köstlichen Früchte und Erzeugnisse des südwestlichen Asiens zum
Stapelplatz des levantinischen Handels bringen. Rechts im Vordergrund die neue
Kaserne, ihre Höfe in das Meer tauchend; darüber empor die Türkenstadt mit ihren
zahlreichen Minarets und Kuppeln, den kleinen zum Terrassenbau so prächtig
geeigneten Häusern, dem Grün der Büsche und der Bäume, den mäandrischen
Windungen der Strassen; höher am Berge Pagus das armenische Quartier, links die
Franken- und Griechenstadt mit den Flaggen der Consulate, den Kaffeehäusern
Magazinen auf der Marina, - zur Seite einschneidend die Wässer des Golfs
zwischen den Bergen, eine Bucht tief hinein, deren Ufer von den zierlichen
Landhäusern des Dorfes Bournabat besetzt sind. Im Hafen und das ist der ganze
Golf, ankern Hunderte von Schiffen aller Nationen, Kriegsfahrzeuge auf dem Wege
von und nach Constantinopel, Handelsschiffe jeder Art und Grösse, von der
leichten Küstenschebecke bis zum Fregatten-Dreimaster, der die Erde umkreist und
ihre Produkte sammelt. Dampfer kommen und gehen, von Beirut und Alexandrien,
von Malta und Aten, aus dem Bosporus her, - - das Meer ist belebt von den
flatternden Wimpeln und Segeln und dem Schlag der Dampfmaschinen.
    Auf der Höhe des Golfs lag eine österreichische Brigg vor Anker, der »Hussar
«, und von der Gaffel wehte lustig im Morgenwinde der schwarze Doppeladler im
gelben Felde. Bollwerk und Wandtaue waren besetzt von dem Schiffsvolk, das zur
Begrüssung des Lloyddampfers die Hüte schwenkte; auf dem Hauptdeck standen die
Offiziere um eine gedrungene markige Gestalt, den Commandanten Major Schwarz.
Kaum dass der Egytto in einiger Entfernung näher der Stadt Anker geworfen, so
hörte man auch auf der Brigg den schrillen Ruf der Bootsmannspfeife ertönen und
mit der den Kriegsschiffen eigenen Schnelligkeit hob sich ein Boot vom
Schiffsrand und wurde bemannt, um zum Dampfer zu rudern. Roch ehe dasselbe
jedoch anlangte, umschwärmten zahlreiche Uferbarken das Dampfschiff. Die erste
derselben brachte den türkischen Sicherheitsbeamten an Bord, der die Papiere des
Schiffes zu prüfen und seine Ueberkunft aus pestfreien Gegenden zu constatiren
hat. Auf seine Erlaubnis erst verschwindet die kleine gelbe Flagge vom Mast und
das Schiff tritt in den freien Verkehr.
    Während der Beamte noch mit den Papieren beschäftigt war, und sein Khawass in
der malerischen weissen Tracht, den Leibbund mit einem Arsenal von Waffen
gespickt, im Boote Wache hielt, dass kein Unberufener die Schiffstreppe besteigen
möge, drängten sich die Boote, teils zur Aufnahme der Fremden, teils zum
Handel bestimmt, um den Bord, und vielfache Nachfragen und Unterhaltungen in
allen Sprachen des Südens wechselten hinauf und hinab. Welland sass auf dem Rande
des Bugspriets und seine Blicke schauten mit Neugier auf das malerische
Getümmel, in seiner Hand wehte zufällig oder absichtlich ein Taschentuch von
hellgrüner Seide. Nach wenigen Augenblicken bemerkte Caraiskakis, der wieder
neben dem Freunde stand, dass in einem der um das Schiff kreuzenden Boote zwei
Männer scharf auf den Deutschen blickten, und der eine von ihnen nach wenigen
eifrig gewechselten Worten ein eben solches Tuch aus der Tasche zog und wehen
liess. Welland erblickte es und machte mit der Hand ein Zeichen, das rasch
erwiedert wurde, worauf der Nachen mit den Fremden sich an das Schiff drängte
und dabei heftig mit dem Boot der Brigg zusammenstiess, das eben heranfuhr. In
diesem Augenblick wandte sich Welland zufällig um und bemerkte, dass die Augen
zweier Männer sein Tun scharf beobachteten. Der Eine war der Grieche, der
Andere ein Passagier, der schon von Triest aus die Fahrt mitgemacht und mit
auffallender Freundlichkeit sich an den Doctor zu drängen versucht hatte. Diesem
aber gefiel des Mannes Wesen nicht, auch machte ihn ein zufällig hingeworfenes
Wort des Capitains aufmerksam und hatte ihn gewarnt. So hatte er sein Benehmen
auf den äusserlichen höflichen Verkehr beschränkt und namentlich den Fragen
auszuweichen verstanden, die der Fremde, seiner Aussprache nach ein Wiener,
obschon er sich für einen Ungar ausgab, nach Zweck und Ziel seiner Reise
geschickt einzuflechten verstand. Eine leichte Röte überflog Welland's Gesicht,
als er sich so beobachtet und ertappt sah, doch wurde seine Aufmerksamkeit
alsbald durch einen Streit abgezogen, der sich unten zwischen den beiden Booten
erhoben hatte. In dem des Kriegsschiffs sass ein junger schlanker Schiffsoffizier
in der österreichischen Midshipman-Uniform, und gebot heftig den beiden Ruderern
des andern Bootes, an der Treppe Raum zu geben. Einer der beiden Insitzenden
jedoch lachte höhnisch zu dem herrischen Befehl und hiess in italienischer
Sprache, die in den Küstenländern des Orients, selbst bis an die Ufer der Donau
hinauf überall gesprochen und verstanden wird, seine Fährleute ihren Platz
behaupten.
    Der junge Offizier, an Gehorsam gewöhnt und über den Widerstand der
Kahnführer erzürnt, erhob sich und ergriff eine neben ihm liegende Speiche,
dieselbe zum Schlag halb gegen die feigen griechischen Ruderer, halb gegen den
trotzigen Passagier erhebend. Wie ein Blitz flammte das Auge des Bedrohten auf
den Oesterreicher und seine Hand fuhr nach der Brusttasche, aber der Zweite,
Besonnenere, derselbe, welcher das Tuch gezeigt, riss ihn zurück und gab den
Ruderern ein Zeichen, zu weichen. »Bist Du rasend, Jumagalli?« herrschte er dem
Gefährten zu, »Dein Tollkopf wird uns noch verderben.« - Der Offizier bestieg
mit dem ziemlich hörbaren Ausdruck »Gesindel!« die Schiffstreppe, ohne sich
weiter um die Zurückgewiesenen zu kümmern, denn eben war das Zeichen gegeben
worden, dass die Revision beendet und das Schiff in freien Verkehr gesetzt worden
und er hörte nicht das. »Cospetto, Bursche, wir treffen uns wieder!« das der
Italiener hinter ihm her fluchte. Der Andrang der Kähne von allen Seiten
überflutete jetzt die kleine Zwischenscene und bald war das Verdeck förmlich im
Sturm genommen von all den Bootführern, Verkäufern und Agenten, die das Schiff
umringt hatten. Während der junge Offizier von dem Schreiber des Schiffs ein
Packet mit Briefen in Empfang nahm und von dem Wiener angesprochen wurde, hatten
die beiden Männer mit den scharfgeschnittenen südlichen Physiognomieen, die in
dem Kahne mit Welland die Zeichen gewechselt, sich diesem genaht und verkehrten
an einer weniger beengten Stelle des obern Verdecks lebhaft mit ihm. Bald
schienen die Drei sich verständigt zu haben; denn die Fremden winkten ihre;
Kahnführer an Bord und diese brachten das wenige Gepäck des Deutschen in ihr
Boot.
    Ein Jeder hatte genug zu tun, sich in dem Gedräng um seine Habe zu
bekümmern und die Zudringlichkeiten der türkischen und griechischen Bootsleute
abzuwehren, die mit Gewalt sich der Reisenden zu bemächtigen suchten. Die
Geschwätzigkeit und Unverschämteit der Griechen trug gewöhnlich den Sieg über
ihre Rivalen davon und bald flogen Boote mit den Reisenden, die teils in Smyrna
bleiben, teils den Tag, während dessen das Dampfschiff auf der Rhebe ankerte,
dort zubringen wollten, dem Strande zu.
    Welland trat zu dem gleichfalls beschäftigten Jugendfreund und reichte ihm
mit einiger Verlegenheit die Hand. »Ich habe bereits Leute getroffen, Gregor,«
sagte er, »an die ich empfohlen bin und mit denen ich Geschäfte habe. Sagen Sie
mir Freund, wo wir uns heute Abend in dem mir fremden Smyrna treffen können, wir
haben uns noch so Vieles zu sagen und können dann besser unsere weiteren Pläne
besprechen.«
    Caraiskakis drückte ihm eifrig die Hand. »Hüten Sie sich vor den fremden
Flüchtlingen,« sagte er ihm eilig und leise. »Es sollen in Smyrna deren jetzt
mehr als fünfhundert sich befinden und das niedere Gesindel ist zahllos und
macht die Stadt und die Gegend unsicher. Mein Weg führt mich nach dem
armenischen Quartier, und wenn ich kann, suche ich Sie heute Abend bei
Sonnenuntergang auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses um Hafen auf, das
Ihnen jedes Kind zeigt.«
    Damit trennten sich herzlich die Freunde und bald fuhr die Barke der
Italiener mit Welland über die im Sonnenschein leuchtende und blitzende
Wasserfläche zur Stadt. Ihren Weg kreuzte das Boot der Corvette, in dem der
Wiener sass und dem Reisegefährten vertraulich zunickte. Am Quai des
österreichischen Generalconsulats sahen sie es landen.
    Smyrna, das wie viele andere orientalische Städte, aus der Ferne einen so
prächtigen Eindruck macht, bietet im Innern dem Fremden den ganzen Typus des
türkischen Schmutzes, der gränzenlosen Fahrlässigkeit und Unordnung. Nur das
Frankenquartier mit seinen vielen Consulaten und den grossen europäischen
Handelsmagazinen, deren Durchgänge von der Frankenstrasse her sich am
Meeresstrande öffnen, und ein Teil der armenischen Stadt sind nach europäischen
Begriffen einigermassen erträglich. Die Strassen aber auch dieser Stadtteile sind
krumm, eng und ungepflastert, doch Promenaden im Vergleich zu den Gässchen und
Winkeln der Türkenstadt. Keines der Häuser hat mehr als ein Stockwerk ausser dem
Erdgeschoss und die meisten sind nach orientalischer Art, also eng und unbequem
mit flachen Dachterrassen und mauerumgebenen Höfen gebaut. Ein Quai am Hafen
existirt eben so wenig wie in Constantinopel; die Höfe der meisten anliegenden
Häuser laufen bis unmittelbar an das Ufer des Meeres und die einzelnen freien
Strecken auf der Marina, welche den Spaziergang der Bevölkerung Smyrna's an der
See bilden, sind kaum 200 Schritt lang. Das Café anglais, ein Quadrat in die See
hinausgebauter mit leichtem Geländer umgebener Vorsprung, liegt an der Südseite
derselben.
    Welland hatte aus verschiedenen Gründen die Einladung seiner neuen Bekannten
nicht angenommen und seine Wohnung bei Madame Giraud aufgeschlagen, der
behaglichen freundlichen Französin, die eine weitbekannte Pension - wie man die
Kostäuser im Orient nennt, - in der Frankenstadt hält. Er hatte eben seine
Sachen geordnet, als seine beiden neuen Bekannten erschienen und einen Dritten
ihm vorstellten, den Ungar Costa. Es war ein Mann von einigen dreissig Jahren,
nicht gross, doch schlank gebaut, dabei von breiten Hüften und festen Muskeln.
Sein keck geschnittenes Gesicht, von dunklem Bart umgeben, nahmen für ihn ein
und Welland fühlte sich von Anfang mehr zu ihm hingezogen als zu den Italienern.
»Sie haben, wie ich von meinen Freunden höre, Briefe für mich von Paris,« sagte
der Ungar verbindlich; »ich habe so lange der Nachrichten entbehrt, dass ich voll
Erwartung bin. Wollen Sie mir dieselben aushändigen?«
    »Sie werden selbst wissen, dass einige Bedingungen vorher zu erfüllen sind,«
bemerkte Welland und nahm ein sorgfältig verwahrtes Briefpacket aus seiner
Brieftasche. Costa beugte sich zu ihm und flüsterte: »Die Flamme ist die Mutter
des Lichts. Die Mariannen beten die Flamme an!«
    Sie waren zur Seite getreten. »Das sind die Worte des dritten Grabes,« sagte
Welland, »ich brauche die Losung des vierten.«
    Costa flüsterte noch leiser als zuvor: »Flamme und Eisen machen Asche und
Leichen. Asche und Blut düngen den Boden der Freiheit. Die Joseffiten sind die
Blätter des Baumes. - Sind Sie befriedigt?«
    Welland übergab ihm die Briefe. Der Ungar betrachtete ihn einige Augenblicke
scharf, dann zog er ein kleines schwarzes Kreuz von Ebenholz aus der Tasche, das
von eigentümlicher Form dem des Ordens vom heiligen Grabe glich, und in das
fünf breite silberne Stifte eingeschlagen waren; »Sie sehen,« sagte er leise,
»dass Sie mir zu gehorchen haben, denn ich setze voraus, dass Ihre Mission mit dem
vierten Grade endigt?«
    Welland verbeugte sich: »Ich stehe zu Ihrer Disposition, Signor Costa.«
    Der Ungar winkte die Andern wieder herbei, setzte sich an den Tisch und
schickte sich an, das Couvert zu erbrechen. Ehe er dies tat, untersuchte er es
sorgfältig von allen Seiten und betrachtete namentlich aufmerksam das Siegel,
das ein wie oben beschriebenes Kreuz auf guillochirtem Grunde zeigte. Seine
scharfen Augen schienen einen Umstand zu entdecken, der seine Besorgnis erregte.
    »Auf Ihren Eid als Bundesbruder,« frug er, »ist dies Packet nie aus Ihren
Händen gekommen, Signor?«
    
    »Ich trug die Briefe stets in meinem Portefeuille und dies in der innern
Brusttasche meines Rockes. Des Nachts verschloss ich sie in meine Kasette und
stellte diese in die Kabine', in der ich schlief.«
    Costa schüttelte den Kopf. »Das war zu viel Vorsicht, oder zu wenig,« sagte
er, »man hätte uns einen mit der österreichischen Polizei vertrautern Mann
schicken sollen. Der Brief ist geöffnet worden.«
    Er sagte dies mit solcher Bestimmteit, dass Alle erschrocken und neugierig
näher traten, um selbst zu prüfen. Welland behauptete, es sei nicht möglich;
doch der Ungar nahm eine Scheere, schnitt rings um das Siegel das Couvert durch,
hob das erste dann in die Höhe und zeigte an seiner Doppellage, dass das Papier
mit einer seinen erwärmten Klinge unter dem Rande aufgetrennt gewesen und später
auf gleiche Weise wieder befestigt worden war. Dann sah er rasch die Papiere
durch. »Zum Glück,« sagte er, »sind die wichtigeren Stellen in Zeichen
geschrieben, deren Lösung wohl dem Dechiffrirbüreau in Wien arges Kopfzerbrechen
machen dürfte, selbst wenn es gelungen wäre, Abschrift zu nehmen. Haben Sie auf
Niemand Verdacht, Signor Wellando? Wer waren Ihre Mitreisenden?«
    Welland fiel der Wiener ein. »Nur Einer derselben konnte es gewesen sein,
die Andern waren unbedeutende Menschen. Der Mann versuchte sich auffallend an
mich zu drängen, doch wies ich ihn zurück.«
    »Wo schlief er?«
    »Jetzt fällt mir auf, dass, obschon er auf dem ersten Platz reiste, er
mehrmals sein Nachtlager auf den breiten Bänken unserer zweiten Kajüte
aufschlug, unter dem Vorwande, dass ihm in den engen Kabinetten die Hitze
unerträglich sei.«
    »Bassa manelka! verlassen Sie sich darauf, er ist der Spion. Wo ist er
geblieben?«
    »Er fuhr in einem Boot des österreichischen Kriegsschiffes, das an unsern
Bord kam, an's Land.«
    »Ich sah es am Quai des österreichischen Konsulats landen,« flocht einer der
Italiener ein. »Ich beobachtete es genau, denn ich hatte ein kleines Rencontre
mit dem Lassen, der es commandirte.«
    »Sie werden uns sicher noch Unannehmlichkeiten mit Ihrer Hitze bereiten,
Fumagalli,« sagte Costa streng. »Wir sind zwar augenblicklich die Herren in
Smyrna, und die Autorität des Pascha's ist Null. Aber wir müssen trotzdem
vorsichtig sein, um die Aufmerksamkeit nicht auf hier zu lenken. - Signor
Wellando, Sie werden in zwei oder drei Tagen mit mir nach Constantinopel gehen
müssen; unsere Gegner sind tätig, und wir dürfen ihnen keinen Vorsprung lassen.
Sie Fumagalli mit Bassitsch berufen die Ungarn und Italien auf morgen Abend nach
dem Tempel des Jupiter, denn für heute bleibt uns keine Zeit. Eine Stunde vor
Sonnenuntergang! Und nun Signor, ruhen Sie sich aus und schauen Sie sich diese
sogenannte Königin Anatoliens an, Sie werden finden, dass sie einer Reinigung
stark bedarf.«
    Costa schied, die Italiener folgten ihm, nachdem sie dem Deutschen
versprochen, ihn Einer oder der Andere am Abend zu einem Gange abzuholen, und
ihm geraten hatten, vor dem Essen ein türkisches Bad zu seiner Erholung zu
nehmen.
    Diese gewährte es ihm wirklich. Ein türkisches Bad ist einer der Genüsse,
die wir Occidentalen leider nicht kennen, - es ist eine Wollust des Körpers, aus
der man wie neugeboren hervorgeht. Stundenlang kann man sich unter der
knetenden, streckenden, drückenden Hand des Badedieners einem behaglichen Gefühl
überlassen, gegen das jenes dolce farniente des Italieners nur ein Schatten ist.
    Am Tisch, der bei Madame Giraud vortrefflich ist und die Genüsse des Orients
und Occidents vereinigt, waren Gäste aller Zungen. Man sprach und erzählte von
den Verwickelungen in Constantinopel, von den beginnenden Aushebungen in Syrien
und Egypten und der grossen Unsicherheit der Gegend, ja der Stadt selbst, die Jan
Katarchi, der Kameeltreiber, mit seiner Bande in Schrecken zu setzen begann.
Welland vernahm mit Erstaunen, dass eine Stadt von 150,000 Einwohnern von einem
Räuber in fieberischer Angst gehalten wurde, der kaum 10-15 Mann zu seinem Gebot
hatte.
    Es war damals eine merkwürdige Zeit in Smyrna. Die Flüchtlinge aus Ungarn,
Italien und Frankreich hatten sich in Masse an dieser Stätte uncivilisirter
Freiheit und Nachlässigkeit gesammelt, es mochten ihrer wohl an 5- bis 600 sein.
Dazu kam die abnorme Masse Gesindels, welche von dem griechischen Festland, den
Inseln, dem ionischen Staat und namentlich von Malta und Egypten her sich hier
zusammenfindet. Räuber und Mörder, denen der Galgen und die Garotte auf der
Stirn geschrieben steht; Männer, die Menschenblut bei dem geringsten Streit oder
für ihre Zwecke wie Wasser vergiessen, füllten die Gassen und die Kaffeehäuser
der Stadt. Verworfene Subjecte, deren Handwerk das Verbrechen, namentlich
Malteser, diese Pest des Orients unter englischem Schutz, sprachen jeder
Ordnung, jedem Gesetz Hohn. Längst hatten der Pascha und die türkischen Behörden
die Aufrechtaltung einer gewissen Sicherheit, wie sie sich im Orient etwa
erwarten lässt, aufgegeben. Den Mörder, den Räuber - und deren ergriffen die
Khawassen des Pascha's täglich auf offener Tat in den Strassen der Stadt -
reclamirte sofort der englische Viceconsul; denn der Vertreter der brittischen
Macht lag Tag für Tag in Rum berauscht, - oder die Consule von Sardinien, von
Griechenland oder sonst ein gefälliger Beamter, als Angehörige ihres Staates,
und liessen sie nach einer Haft von kaum 24 Stunden wieder auf die menschliche
Gesellschaft los. Um diesem Allem die Krone aufzusetzen, streiften die freien
Räuber rings um die Stadt, und plünderten die Kravanen und die Reisenden. Ja, es
war allgemein bekannt, dass Jan Katarchi, der berüchtigste und kühnste unter
diesen Bandenführern, fast täglich frank und offen in den Strassen Smyrna's
verkehrte, und jeder Grieche ihn zum Spion und Freund ward, da er kühn erklärt
hatte, nur gegen die Feinde des Kreuzes, gegen die Moslems, die Engländer und
Franzosen seinen Säbel erhoben zu haben. Obschon eine Menge Freiwillige ihm
zuströmten, vermied er doch, die Zahl seiner Bande zu vermehren, mit der er ganz
Smyrna bald der Art in Schrecken setzte, dass kein Mensch mehr wagte, die nächste
Umgebung der Stadt allein zu überschreiten. Selbst in dieser hatte der Räuber
schon, von allen Verhältnissen sorgfältig unterrichtet, wohlhabende oder
angesehene Personen aus der Mitte ihrer Familien aufgehoben, in die Berge
geschleppt und schweres Lösegeld für sie erpresst, oder er sandte ihre Ohren,
oder gar ihre Köpfe zum Hohn des Pascha's in die Stadt zurück. -
    Es war am Abend bei Sonnenuntergang, als Welland auf der Terrasse des
englischen Kaffeehauses den Freund seiner Jugend traf. Finsterer Schmerz,
ruhelose Gedanken lagerten auf den Mienen des Griechen. Er drückte schweigend
dem Deutschen die Hand, und Beide setzten sich unter das Zeltdach an das
äusserste Ende der niedrigen Barriere, die in die plätschernden Wellen des Golfs
taucht. »Sie haben nicht Alles so gefunden, wie Sie gewünscht, lieber Freund,«
sagte Welland vertraulich, »Sie empfinden Schmerz und Kummer, wollen oder können
Sie mir nicht dessen Ursache mitteilen?«
    Gregor Caraiskakis sah einige Augenblicke vor sich hin, dann strich er mit
der Hand über die Stirn und entgegnete: »Sie sollen erfahren, was mich hierher
nach Smyrna trieb. Sie wissen bereits aus meinen Erzählungen von der Heimat,
dass meine Schwester und mein jüngerer Bruder aus einer zweiten Ehe stammen, die
meine Mutter sechs Jahre nach dem Tode meines Vaters mit einem früheren
Waffengefährten desselben schloss. Es war ein braver und gerechter Mann, der an
uns beiden Aelteren, die wir im Pädagogium zu Aten auf Kosten des Staats
erzogen wurden, wie ein aufrichtiger Freund handelte, und bei seinem Tode sein
Erbe gleichmässig unter uns Vier teilte. Meine Schwester Diona, jetzt ein
Mädchen von 18 Jahren, kam, als man mich aus Aten verbannte und meine Mutter
nach Chios zog, von dort aus zu armenischen Verwandten ihres Vaters nach Smyrna.
Wir Brüder liebten das Mädchen innig, das, als ich es das letzte Mal sah,
bereits zur schönen Jungfrau erblüht war, wie sie nur dieser milde Himmel
erschafft. Eine Botschaft der erkrankten Mutter rief mich an ihr Sterbebett, und
hier vermisste ich mit Staunen die Schwester, sie war von Smyrna nicht
zurückgekehrt. Ihre Briefe, denn sie hat eine gute Erziehung genossen, was
wenigen von unseren Mädchen zu Teil wird, - brauchten offenbar leere Vorwände
zur Verlängerung ihres Aufentalts, und verbargen sichtlich Vieles vor den Augen
der Mutter. Ich konnte diese nicht verlassen; wie kurz auch die Entfernung war,
- in wenigen Tagen ging es zu Ende. An ihrem Todestag erhielt ich zugleich einen
Brief von Diona, der verworren und schmerzlich aufgeregt von uns Allen einen
leidenschaftlichen Abschied nahm. Mir ahnte Böses, - als das Grab unter den
Platanen sich über meiner und ihrer Mutter geschlossen, eilte ich nach Kastron,
und traf am andern Abend Ihr Schiff.« -
    »Und hier?«
    »Hier fand ich Diona verloren! - Freund, Sie wissen nicht, was unter diesem
warmen Himmel, der das Blut heiss durch die jugendlichen Adern treibt und zur
Nachsicht mahnen sollte, ein Fehltritt des unbewachten Mädchens für Folgen nach
sich zieht! Bei uns besteht noch die Sitte der Väter, die die Jungfrau rein und
unbescholten in das Haus des Gatten liefert, nicht jene Nachsicht und Vergebung,
die in Ihrem kalten Norden gegen die Sünde des warmen Blutes geübt wird. Die
Reinheit unserer Töchter und Schwestern ist ein Ehrenpunkt, der heilig gehalten
wird; das gefallene Mädchen ist verstossen und verflucht von ihrer Familie, wenn
sie nicht die Pistole oder der Dolch des Blutsfreundes in rascher Tat straft. -
Ja, Fremdling auf dem Boden meiner Väter, die Schwester des Gregor Caraiskakis
ist die Maitresse eines Engländers geworden!«
    Er schlug die Hände vor das Gesicht und barg das Haupt auf der Balustrade.
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, noch ehe Welland ihm zu
antworten vermochte. »Caraiskakis?« fragte eine tiefe Stimme in italienischer
Sprache, während die frühere Unterhaltung deutsch geführt worden. »Wer spricht
hier von Gregor Caraiskakis?«
    Die Freunde blickten erstaunt um. Ein Mann mittlerer Grösse, von gedrungenem
kräftigem Bau, in fränkischer Kleidung, die ihm offenbar ungewohnt und unbequem
war, stand hinter ihnen und musste während der Erzählung an einem Tisch in ihrer
Nähe Platz genommen haben. Ein kräftiges orientalisches Gesicht, von der Sonne
tief gebräunt, wurde von einem ergrauenden Bart umschattet; der Mann mochte
ungefähr 50 Jahre zählen. Ein Zug kecker Entschlossenheit und eiserner
Willenskraft presste seinen Mund zusammen, dunkle, rastlose Augen glühten mit vom
Alter ungeschwächtem Feuer unter den dicken Brauen. Seine markige Hand spielte
mit der den Orientalen eigentümlichen Rastlosigkeit an der Stelle des Gürtels,
gleich als sei sie gewohnt, dort den Pistolenknauf oder den Handjar zu finden.
    Welland hatte sich zuerst gefasst. »Was wünschen Sie von uns, mein Herr?«
fragte er.
    »Verzeihen Sie, Signor,« sagte der Fremde, »dieser Herr nannte, wenn ich
recht gehört, so eben einen Namen, den ich lange nicht vernommen habe, der mir
aber lieb und wert ist. Ist ein Gregor Caraiskakis noch unter den Lebenden und
kennen Sie das Kind?«
    »Das Kind,« sagte der Deutsche lächelnd, »freilich nicht. Aber den Mann
kenne ich, der aus dem Kinde geworden, und Sie auch. Dort sitzt er, mein Freund
ist Gregor Caraiskakis.«
    Der Fremde stürzte auf den jungen Griechen zu und fasste seine beiden Hände;
sein Gesicht war lebhaft erregt. »Sie sind Gregor Caraiskakis?« fragte er
hastig, »der Sohn von Michael Caraiskakis und Anastasia Maliolis in Chios
geboren?«
    »Derselbe!« entgegnete erstaunt der Grieche.
    »Wo hatte ich auch mein Gedächtnis!« sagte der Mann, »das ist ja sein
Gesicht, das sind ihre Augen! - Herr,« fuhr er fort, »halten Sie mich nicht für
närrisch oder aufdringlich, dass ich mich freue wie ein Knabe, Einen Ihres
Geschlechts wiederzusehen. Wenn Sie wüssten, wie sehr dies Herz noch an ihm
hängt, wenn Sie erfahren, wie nahe ich ihm gestanden - sprechen Sie, Signor, ist
Ihnen dies Gesicht denn ganz unbekannt geworden, haben Sie keine Erinnerung mehr
für - - Doch nein,« fuhr er, sich umsehend auf der Terrasse, die sich mit
Spaziergängern zu füllen begann, und auf der Costa mit mehreren Begleitern eben
sich den Freunden nahte, fort, »jetzt nicht, hier nicht, diese Menge ist nicht
für mich. Leben Sie wohl, Signor, Sie werden von mir hören!«
    Damit wandte er sich ohne Gruss und ging langsam, wie absichtslos sein
Gesicht mit dem Tuche verbergend, durch die Reihen der Gäste, welche hier ihren
Sorbet, ihre Limonade oder Granita schlürften. Unter den zahllosen Barken, die
am Ufer lagen, wurde sogleich eine von zwei Ruderern frei gemacht, als hätte sie
auf ihm gewartet. Der Fremde stiess einen riesigen Mann in niederer griechischer
Tracht zur Seite, der am Ufer lungernd ihm den Weg versperrte, und stieg in den
Nachen, der sofort sich in Bewegung setzte und davonfuhr, während der
Zurückgedrängte ihm aufmerksam noch und bald darauf mit einigen Männern in
seiner Nähe sprach, eifrig nach dem bereits entfernten Kahne deutend.
Caraiskakis schien übrigens diesen Menschen zu kennen, denn während Costa den
Deutschen ansprach und ihm mehrere Begleiter vorstellte, ging er zu dem
Griechen.
    »Andrea,« sagte er, »kanntet Ihr den Mann, der eben in jenem Boot
davonfuhr?«
    »Excellenza werden das selbst am besten wissen,« entgegnete mit
übertriebener Höflichkeit und ausweichend der Angeredete, der Wirt eines
griechischen Speisehauses, in dem Caraiskakis einstweilen wegen dessen Nähe am
armenischen Quartier seinen Aufentalt genommen. »Ich bin ein armer Mann und
lebe und lasse leben. Excellenza haben ja selbst mit ihm geredet, und in Smyrna
muss jetzt Keiner die Augen da offen haben, wo er sie besser schliessen sollte.
Messerstiche sind eine billige Waare in dieser Stadt. Doch Excellenza wollen mir
eine Gegenfrage erlauben. Wer ist der Herr mit dem dunklen kurzen Rock und dem
breiten Strohhut, der eben mit Ihrem Freunde spricht, mit dem sich Excellenza so
lange unterhalten haben?«
    »Ihr scheint ja genau hier aufzupassen, Andrea,« sagte verwundert
Caraiskakis. »Wenn ich recht gehört im Fortgehen, nannte ihn mein Freund Signor
Costa. Kennt Ihr, der halb Smyrna kennt, auch diesen Herrn nicht?«
    »Bitte um Verzeihung, Excellenza,« entgegnete unterwürfig der Wirt, »aber
ich war meiner Sache nicht ganz gewiss, obschon ich den Signor oft gesehen habe.
Doch kann ich Ihnen gute Nachricht in Ihrer Angelegenheit zu heute Abend
bringen, einer meiner Freunde ist der Sache auf der Spur.«
    »Desto besser, Ihr wisst, es wird Euer Schaden nicht sein. In einer Stunde
bin ich bei Euch.«
    Damit kehrte der Grieche zu seinem Freunde zurück; an Andrea, dem
Speisewirt, aber streiften in der rasch auf den Sonnenuntergang folgenden
Dämmerung zwei Gestalten vorüber, deren eine Welland's scharfes Auge, wenn er
sie beobachtet hätte, leicht für seinen wiener Reisegefährten erkannt haben
würde. Der Zweite, eine robuste Figur mit einem österreichischen Orden im
Knopfloch, winkte ihn nach einem der Durchgänge und frug:
    »Habt Ihr das Wild gefunden?«
    »Ja, Excellenza!«
    »So sorgt dafür, - todt oder lebendig, Ihr kennt den Preis.«
    »Ihr werdet zufrieden sein, Signor Cancellario, wenn nicht heute Abend, so
hoch sicher bis Morgen um diese Zeit, und sollte ich ihn aus einem Bett holen.«
    »Auch den Andern vergesst nicht,« fügte der Wiener hinzu, »es geht in Einem
hin und er wird uns notwendig sein. Doch bleibt der Erste die Hauptsache.
Lebendig wo möglich - ich lege hundert Piaster zu.«
    »Verlasst Euch auf mich, Excellenz.«
    Die Beiden betraten das Kaffeehaus.
    Caraiskakis war unterdess zu Welland gekommen, der sich lebhaft mit dem Kreis
um ihn her unterhielt. »Ich muss Sie verlassen, lieber Freund,« sagte er, als
sich dieser sogleich losmachte, »ich habe Ihnen zwar noch viel zu erzählen und
Ihren Rat, vielleicht auch Ihren Beistand zu erbitten, doch sind mir eben
Nachrichten versprochen, die ich nicht versäumen darf. Wenn es Ihnen genehm,
hole ich Sie morgen zu einem Gang nach dem Bazar ab. - Noch Eins. Eben
erkundigte sich ein Mann, der auch Ihnen vorhin am Ufer auffiel, bei mir nach
Ihnen und Ihren Freunden. Er ist mein Wirt gegenwärtig, ein berüchtigter Mensch
in Smyrna und ein so verworfenes Subject, wie irgend eines die Erde trägt. Aber
ich brauche ihn augenblicklich und habe deshalb sein Haus vorgezogen. Doch
wollte ich Sie aufmerksam machen, der Schurke frägt nie ohne Absicht.«
    Welland zuckte die Achseln. »Ich bin noch so ganz unbekannt und deshalb wohl
ungefährdet. Ich verlasse mich darauf, Sie kommen morgen, gebe Gott, mit
erleichtertem Herzen.«
    Er drückte dem Freunde die Hand und kehrte zu dem Kreise zurück; Caraiskakis
aber wandte sich nach dem griechischen Quartier.
    Es war bereits gegen Mittag, die Stunde der Siesta nahete, als Caraiskakis
den Fremd abholte und mit ihm durch die mäandrischen Windungen der Strassen
hinauf zum Bazar stieg, in dessen weiten Kreuzgängen sich alle Schätze des
Morgenlandes und Abendlandes vereinigen. Züge von Kameelen begegneten ihnen,
Menschen aller Zonen und Farben drängten sich nach dem Weltmarkt. Nach und nach
wurden der Mittagshitze wegen die Gänge leerer. Welland kaufte einige
Gegenstände in den verschiedenen streng gesonderten Abteilungen des Bazars,
unter Anderm einen vollständigen orientalischen Anzug und von einem Turkomannen
einen trefflichen Handjar, und sandte die Sachen durch die Kaufleute in sein
Quartier. Schon während des Handelns war es dem Deutschen aufgefallen, dass ein
Knabe in zerlumpter türkischer Kleidung sie unablässig verfolgte und aufmerksam
beobachtete. Als sie nun durch die leeren Gänge zurückkehrten, trat ihnen der
Bursche an einer Biegung nochmals entgegen. Welland glaubte, es sei ihm um den
Bakschis - ein Trinkgeld - die gewöhnliche Forderung im Orient bei allen
Gelegenheiten, bei denen man mit Türken verkehrt, zu tun und reichte ihm einige
Para's, doch der Knabe schüttelte den Kopf und zeigte ihnen ein Stück schmuziges
Papier, auf dem in griechischer, doch kaum leserlicher Schrift der Name
»Caraiskakis« geschrieben stand. »Aha, wohl von Ihrem geheimnisvollen Freund,«
meinte der Doctor und wies den Boten an den Gefährten. Gregor, den ganzen Morgen
über zerstreut und noch düsterer als am Tage vorher, fragte ihn kurz nach seinem
Begehr.
    »Ich soll Euch bitten, Effendi,« sagte der Junge, »Ihr möchtet heute mit
Eurem Freunde die Marina (den Quai) meiden und um Sonnenuntergang an der
Karavanenbrücke sein, dort würde Jemand Eurer warten.«
    »Torheit,« entgegnete der Grieche, »meine Zeit ist gemessen und ich kann
unbekannten Botschaften keine Folge leisten. Nach der Marina gehen wir eben.«
    »Sie sollten die Botschaft doch nicht so leicht von sich weisen,« sagte
Welland, »vielleicht betrifft sie einen Gegenstand, der Ihnen gerade von
Wichtigkeit ist.«
    »Das ist nur einer, - und von dem kann jener Mann Nichts wissen. Ich bitte
Sie, hören Sie mich weiter, denn ich muss meine Geschichte von gestern vollenden
und Ihre Ansicht hören, um so mehr, als Sie morgen schon, wie Sie mir sagten,
Smyrna und mich wieder verlassen wollen.«
    Er legte seinen Arm in den des Freundes und Beide gingen an das Ufer, wo
sie, vom Seewind gekühlt, auf der kurzen Strecke umherwandelten. Später
begegnete ihnen der Ungar Costa, nickte aber nur, da er sie im eifrigen Gespräch
sah, dem Deutschen zu und setzte sich an einem entfernteren Kaffeehaus am Ufer
nieder, eine Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu schlürfen.
    »Ich habe Ihnen bereits gesagt,« erzählte der Grieche, »wie meine Schwester
Diona hierher gekommen und welches Unglück uns betroffen hat. Als ich gestern zu
meinen armenischen Verwandten kam, bei denen sie sich aufgehalten, fand ich sie
dort nicht mehr vor. Die Familie war bestürzt über meine Ankunft und wollte
offenbar nicht mit der Sprache heraus. Erst durch lange Bitten und Drohungen
erfuhr ich endlich, dass meine Schwester vor etwa drei Monaten die Bekanntschaft
eines Engländers gemacht, der sich hier aufhielt und dass sich das Verhältnis
heimlich weiter gesponnen, bis die Familie dahinter gekommen und Diona strenger
bewacht gehalten habe. Vor einer Woche etwa sei sie plötzlich verschwunden, mit
ihr zugleich der Brite, und es sei alle Anstrengung vergebens gewesen, ihre Spur
aufzufinden. Manche Umstände der Erzählung schienen mir verdächtig und nach
einem heftigen Auftritt mit der Familie verliess ich das Haus. Ich kannte Smyrna
von früher und wusste, dass hier für Gold Alles zu erlangen ist. Nach kurzem
Besinnen nahm ich meine Wohnung bei jenem Speisewirt Andrea, einem berüchtigten
Schurken, der aber die Fäden der meisten Verbrechen hier in der Hand hat - bei
Gott,« unterbrach er sich, »da geht der Bursche eben wieder bis an die Zähne
bewaffnet mit Einigen seines Gelichters umher! - Ich nahm also bei ihm meine
Wohnung und schickte sein Weib auf Kundschaft aus. Bald wusste ich Alles! Meine
Verwandten hatten, durch das verschleuderte Gold des Briten geblendet, die
Bekanntschaft des Mädchens mit diesem begünstigt, ja, er kam täglich in ihr Haus
und der Jungfrau Ruf war vernichtet, wahrscheinlich eher, als sie es wirklich
verdient hatte. Erst als sie von meiner Ankunft auf Chios Nachricht erhielten,
fanden sie es für gut, meine Rache fürchtend, dem Umgang ein Ende zu machen und
Diona einzusperren. Es war zu spät; in einer Nacht waren Beide, das Mädchen und
ihr Liebhaber, entflohen und meine Kundschafterin beteuerte mir, dass die
Kuppler selbst keine Ahnung hatten, wohin. Verschiedene kleine Umstände,
namentlich dass man den Verführer noch vor drei Tagen hier gesehen haben will,
liessen mich argwöhnen, dass das Paar noch in der Nähe sich aufhält und ich bot
nun alles Mögliche auf, seine Spur zu verfolgen. Der Schurke Andrea war mir
förderlich; gestern Abend führte er mir den Mann zu, der das Paar über den Golf
nach Bournabat in einer Barke geführt hatte. Hier bewohnten sie oder bewohnen
sie noch ein wohlverwahrtes Landhaus, das dem englischen Viceconsul gehört,
einem Mann von schlimmen Ruf, dem für Geld Alles feil ist und der für blanke
Dublonen schon die ärgsten Schurken vom Galgen gerettet hat.«
    »Und haben Sie seit gestern Abend bereits Schritte getan?«
    »Heute Morgen führte mich derselbe Fährmann hinüber nach der Villeggiatura.
Ich forderte Einlass am Hause, aber ein englischer Diener weigerte denselben
unter dem Vorwand, dass es gänzlich unbewohnt sei. Dass dem nicht so ist, sah ich
aus dem Umstand, dass sich zwei Khawassen im Hofe umhertrieben. Ich war allein
und konnte den Zutritt nicht erzwingen. Zur Stadt zurückgekehrt, eilte ich zu
dem englischen Consulat und drang bis zu dem Gmeralconsul. Er war wie gewöhnlich
gleich einem Vieh betrunken, sein Stellvertreter aber, jener Eigentümer des
Hauses, der alle Geschäfte und alle Macht in Händen hat, wies mich barsch
zurück, wollte von Nichts wissen und drohte mich verhaften zu lassen.«
    »Was gedenken Sie zu tun?« fragte teilnehmend der Doctor.
    »Was ich tun will?« antwortete zähneknirschend der Grieche. »Sehen Sie hin
auf jenes Boot, das, mit Männern besetzt, wie hier Hunderte umherlaufen, eben
dem Strande naht, mit Männern, die nicht fragen nach dem Erlaubt und Gestattet,
wenn es eine kühne Tat gilt, - mit einem solchen Boot und einem Halbdutzend
solcher Bursche will ich morgen bei Nacht landen an der verschlossenen Tür, die
die Schande meines Hauses birgt, und dann, bei dem Geist meiner Väter, will ich
Gericht halten über die Beiden!«
    »Um Gotteswillen, Gregor, tun Sie keinen unsinnigen Schritt, der Alles
verdirbt und Sie in die grösste Gefahr stürzen muss,« beruhigte Welland. »Gehen
Sie zu dem griechischen Consul, er hat die Pflicht, einzuschreiten. Wenden Sie
sich selbst an den türkischen Gouverneur, er muss Ihr Recht schützen.«
    »Recht in der Türkei?!« hohnlachte Caraiskakis. »Wissen Sie nicht, dass ich
verbannt bin von den Machtabern in Aten? Meinen Sie, dass der feige entnervte
Moslem, der nicht den offenen Meuchelmord aus den Strassen seiner Stadt verbannen
kann, Mädchenraub bestrafen wird an einem seiner hundert Herren, an Einem aus
jenem Volke, das die wahre Pest des Orients durch seinen Übermut und seinen
Druck ist, gegen die selbst das türkische Joch Milde genannt wird? - an einem
Engländer? Wenn die Hand seines Allah aus den Wolken reichte, würden sich die
Bekenner des Halbmondes nicht so beugen, als vor der Tyrannei jener gekreuzten
Flagge. Nein, ich selbst - - Heiliger Gott! was geht dort vor - der blutige
Schurke Andrea mordet Ihren Freund!«
    Ein wildes Geschrei ertönte von der etwas entfernten Stelle des Quai, an der
sie den Ungar verlassen hatten, - Menschen drängten eilig hinzu, der Ruf nach
Hilfe übertönte aus vielen Kehlen den Lärmen.
    Eine schreckliche Scene hatte sich dort entsponnen. Sie ist historisch
geworden in ihren empörenden Einzelnheiten.
    Wir haben bereits erwähnt, dass die Zahl der politischen Flüchtlinge zu jener
Zeit sehr bedeutend in Smyrna war, und dass sie eine gewisse Herrschaft in der
Stadt ausübten. Nächst London war Smyrna damals der offene Centralpunkt der
Agitation. Oeffentlich gegründete Comitee's verhandelten die Revolution von
Europa, und die grosse Tätigkeit der Einzelnen in der Erlernung der
orientalischen Sprachen, die Bemühungen, unter der griechischen Bevölkerung
sogenannte philharmonische Vereine zu gründen, an deren Spitze sie standen,
wiesen darauf hin, dass die Emigration sich in Smyrna und im Orient überhaupt
einen neuen Haltpunkt zu schaffen suche. In keinem Lande der Welt würden die
Flüchtlinge bei einem ruhigen Verhalten weniger gestört worden sein; denn die
lässigen türkischen Behörden kümmerten sich durchaus nicht um ihre Person, ja,
der englische und amerikanische Consul beschützte sie bei jeder Gelegenheit. Der
Zusammenhang dieser Agitation mit der mailänder Februar-Revolte war ganz
offenkundig, und man sprach - gerade wie im Jahr 48 von Berlin und Wien, - am
Tage des Ausbruchs in Mailand bereits davon in der asiatischen Handelsstadt. Da
nur hauptsächlich alle diese Umtriebe und Angriffe gegen die österreichische
Regierung gerichtet waren, forderte endlich der kaiserliche General-Consul von
Wexbecker wiederholt von dem damaligen General-Gouverneur von Smyrna die
Ausweisung der ohne Schutz einer Nationalität sich dort aufhaltenden
Flüchtlinge, besonders die mehrerer in Oesterreich schwer gravirter
Persönlichkeiten, die hier die Führer bildeten. Zu diesen gehörte auch Martin
Costa, im ungarischen Revolutionskriege Adjutant Kossut's und einer der
tätigsten und entschlossensten Offiziere des Insurgentenheeres. Er war nach dem
Uebertritt Kossut's auf türkisches Gebiet mit diesem in Kintaia internirt,
folgte ihm 1851 nach London und ging dann nach Amerika, von wo er unerwartet zu
Anfang des Jahres 1853 nach Smyrna zurückkehrte, wo er alsbald an die Spitze der
Clubs und Verbindungen trat. Die österreichische Regierung hatte die sichere
Kunde von neuen Bewegungen und da selbst das Einschreiten des Gesandten beim
Divan und ein Befehl des Vezirs Ali Pascha den Gouverneur nicht aus seiner
Untätigkeit aufzuwecken vermochte, sah sich die österreichische Regierung
veranlasst, selbst einzugreifen und an ihren General-Consul bestimmte Befehle zu
erlassen, auf Grund der ihr tractatenmässig zustehenden Rechte die Verhaftung der
Flüchtlinge österreichischer Nationalität vorzunehmen und sie an die
kaiserlichen Militärbehörden auszuliefern. Wäre dies in der geeigneten
offiziellen Weise geschehen: etwa durch die Bemannung der Brigg Hussar, oder
durch die Khawassen des Consulats, so wäre trotz der Anwesenheit so vieler
Flüchtlinge der Ausgang offenbar ein ganz anderer gewesen und hätte einen
bedeutenden Schrecken verursacht. Die ungeschickte und eclatante Weise, mit
welcher der Kanzler des Generalconsulats die Sache aber begann, den ersten
Schlag in Folge besonderer am Tage vorher eingegangener Nachrichten gegen Costa
richtend, kehrte das Resultat gegen die Behörde selbst.
    Der Ungar sass ruhig und Nichts ahnend auf dem Quai, auf dem zu dieser Zeit
nur wenig Menschen der Hitze wegen verkehrten, als der Kneipenwirt Andrea mit
drei bewaffneten Gefährten seines Gelichters sich ihm näherte. Zugleich kam ein
Boot mit vier berüchtigten Gesellen derselben Bande herangefahren und ein
anderes mit zwei Ruderern bemannt hielt sich in der Nähe zur Aufnahme des
Griechen. Andrea, den breiten Bund mit Pistolen und Dolchen gespickt, schlug von
hinten den Lesenden auf die Schultern und frug: »Seid Ihr Signor Costa?« -
Ueberrascht über die Frechheit sprang der Ungar empor, und mass den Wirt mit den
Augen. Ehe er aber noch eine Erklärung fordern konnte, stürzten sich alle Vier
auf den Erstaunten und suchten ihn zu Boden zu werfen. Ein wildes Ringen
entstand, der Ungar lief »Verrat!« und so gross war seine Körperkraft, dass er
sich aus den Händen der Angreifer losmachte, zwei derselben packte und rasch
entschlossen sich mit ihnen über die Balken des Bollwerks ins Meer stürzte. In
diesem Augenblicke war es, als Welland und Caraiskakis herbeieilten, zugleich
von mehreren Seiten andere Personen. Aber auch das Boot der Banditen hatte sich
genähert, und von seinem Bort versuchten die Einsitzenden, dem Ungarn, der sich
im Wasser von seinen Angreifern befreit hatte und zum Strande zurückschwamm,
eine Schlinge überzuwerfen. Zwei Mal gelangte Costa an das Bollwerk und
klammerte sich daran fest, um sich empor zu helfen, zwei Mal zerschnitt ihm der
Handjar Andrea's die Finger und Arme, dass er blutend zurückfiel, während dessen
Genossen mit Messer und Pistolen die andrängenden Menschen zurückhielten.
Verzweifelt rang Welland mit einem der Banditen, einem kräftigen Mohren, aber
immer wieder wurde er zurückgestossen und sein Allarmruf erschallte vergeblich.
Während dem war es den Mördern im Kahn gelungen, dem Unglücklichen die Schleife
um den Hals zu werfen, und blutend, halberdrosselt, halbertrunken schleiften sie
ihn an dem Strick durch die Wellen fort. Andrea pfiff dem zweiten Boot und
sprang dann auf Welland zu, diesen hineinzuzerren, doch Gregor warf sich
schützend vor den Freund und eine kleine Hand, die Hand des Knaben, der vorher
die Freunde angesprochen, schlug zugleich die Pistole zur Seite, die der
Anführer der Mörderrotte bereits ergriffen hatte. »Bei der Gebenedeiten des
Himmels,« rief der Knabe, »Andrea, Ihr seid ein todter Mann, wenn Ihr einem der
Herren ein Haar krümmt. Sie stehen unter seinem Schutz!« Er sprach dem Banditen
den Namen in's Ohr.
    Andra fuhr zurück. »Diavolo,« fluchte er, »da hätte ich mir eine schöne
Geschichte auf den Hals geladen! Geht zum Henker, Signor!« Damit stiess er
Welland von sich und sprang in die Barke, die alsbald das Weite suchte und dem
ersten Kahn nachfuhr. Einige Pistolenschüsse knallten hinter ihm drein von
herbeieilenden Gefährten des Gefangenen, aber er war schon zu fern. Man hatte
gesehen, wie der Ungar endlich in das grosse Boot gezogen worden, wie beide zu
der Brigg ruderten und der Gefangene an Deck gebracht wurde; die Aufregung war
entsetzlich. Wie ein Mordio ging der Ruf von der Gefangennehmung Costa's durch
die Strassen Smyrna's; von allen Seiten drängte man nach dem Quai. Italienische,
ungarische, polnische und deutsche Flüche und Verwünschungen füllten die Luft,
um Gregor und Welland, der mit aufregenden Worten den Hergang schilderte,
drängte sich die Menge. Selbst Caraiskakis hatte über der empörenden Scene das
eigene Leid für den Augenblick vergessen. Bassitsch, der Ungar, versammelte
endlich die nächsten Bekannten um sich, und wechselte fliegende Worte mit ihnen,
die das Aergste befürchten liessen, doch Welland drängte sich vor und ermahnte
und bat, alle augenblicklichen Schritte zu unterlassen und von der Beratung
abhängig zu machen, die für die Stunde vor Sonnenuntergang auf dem Pagus
angesetzt war. Er selbst erbot sich, als am Wenigsten durch seine Person
bekannt, nach der Brigg zu fahren und zu versuchen, bis zu Costa zu dringen.
Dies beruhigte ein Wenig die exaltirten Gemüter, rasch verbreitete sich unter
den Flüchtlingen die Kunde, dass die Versammlung trotz des Geschehenen
stattfinden werde, und während noch die Massen auf dem Quai auf und ab wagten,
fuhr Welland, auf sein Bitten von dem Freunde und einem in Smyrna ansässigen
deutschen Kaufmann begleitet, hinaus in den Golf, um sich der Brigg zu nähern.
Seine Bemühung war jedoch vergeblich. Der Anruf der Schildwach befahl ihnen,
sobald man sich auf Kabellänge genähert, beizulegen und als Welland sein
Verlangen kund gab, den Gefangenen zu besuchen, erschien der Commandant der
Brigg, Major Schwarz, ein alter fester Haudegen, auf dem Kastell und drohte
ihnen, beim mindesten weitern Versuch, sich zu nahen, Feuer auf den Kahn geben
zu lassen. Doch war er menschenfreundlich genug, auf ihre Fragen mitzuteilen,
dass Costa zwar erschöpft und leicht verletzt, doch sonst ungefährdet an Bord
gebracht worden und dort in strenger Haft sei.
    Als das Boot zum Quai zurückkam, war die Sonne bereits im Abwärtssteigen und
die Stunde der Versammlung in den mächtigen Trümmern des genuesischen Forts auf
dem Berggipfel nahe.
    »Sie müssen mich auch dahin begleiten, Gregor,« bat Welland den Griechen,
»denn das Ungewitter, das wie ich glaube, sich dort oben zusammenbrauen wird,
könnte leicht auch Ihnen behilflich sein zu Ihrem Zweck. Jedenfalls stehe ich
Ihnen dann ganz zu Diensten.« So folgte Caraiskakis dem Freunde und diente ihm,
da er hier bekannter war, zum Führer.
    Ueber die türkischen und armenischen Begräbnissplätze, die sich an den Seiten
des Berges emporstrecken, von Cypressen unk Platanen beschattet, schritten die
Freunde eilig hinauf. Zu jeder andern Zeit würde sich Welland dem
eigentümlichen Eindruck und Schauspiel hingegeben haben, das die Friedhöfe der
Moslems machen. Sie sind die Spaziergänge von Alt und Jung, Männern und Frauen
während des Tages, der Aufentaltsort, oft die Schlafstätte des Gesindels
während der Nacht. Zwischen den schmalen und aufrechtstehenden Leichensteinen,
welche die Form umgestülpter Obelisken oder Säulen haben, auf deren Spitze ein
Turban oder Fez den Rang des Verstorbenen anzeigt, während blaue und rote
Farben, Vergoldungen und Inschriften den Stein schmücken, spielen die Kinder,
liegen die Müssiggänger und sitzen klatschend die Weiber. Hin und wieder ragen
aus diesen Begräbnissplätzen noch Trümmer der alten hellenischen Mauern hervor,
die sich nach dem Gipfel zu mehren. Pausanias setzt den Ursprung der Stadt in
die Zeit Alexanders des Grossen, der sie in Folge eines Traums für die von
Ephesus gekommenen Smyrnäer gegründet haben soll. Unter der Römerherrschaft kam
sie zur Blüte, Tzachas machte sie im Jahre 1084 zur Hauptstadt seines
neugegründeten ionischen Reichs; Johannes Ducas, der griechische Admiral,
belagerte sie 1097. Zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts war die Stadt bis auf
die Akropolis ein Trümmerhaufe, Angelus Comnenus aber stellte sie vor seinem
Tode (1227) wieder her. Im vierzehnten war sie häufig der Schauplatz der
blutigen Kämpfe der Ritter von Rhodus mit den Moslems; Tamerlan, als er auf
seinem Zuge von den Kämpfen der Christen und Türken in der Stadt hörte,
belagerte sie 1402 vierzehn Tage lang, nahm sie im Sturm und zerstörte sie auf's
Neue.
    All diese Erinnerungen zogen an den Beiden vorüber, als sie den riesigen
Trümmern des Schlosses zueilten. Die Mauern desselben schliessen einen
beträchtlichen Raum ein, in ihrem Mittelpunkt finden sich die Reste einer alten
Kirche, nach den Volksüberlieferungen: der alten Kirche Smyrna's. Desgleichen
viele Cysternen, Gewölbe und Gänge, die einen ganzen unterirdischen Bau unter
den Trümmern bilden sollen. Eine weite, herrliche Aussicht bietet sich von
diesen Ruinen über Stadt und Meer, über die vom Hermuss durchzogenen Ebenen im
Osten und die Flächen im Süden, die der Meles mit seiner Wasserleitung
befeuchtet. Etwas weiter zur Seite, unfern der in die Felsen gegrabenen Stadien,
wo der heilige Polycarp den Märtyrertod erlitt, stehen noch einige Trümmer des
Jupiter-Tempels, und hier hatten die Flüchtlinge aller Nationen sich zur
Beratung versammelt. Man hatte mit der Eröffnung derselben auf Welland
gewartet, und er wurde genötigt, von einem der riesigen Postamente herab
nochmals die Erzählung der grausames Art und Weise zu wiederholen, in der Costa
verhaftet worden. Welland sah sogleich, dass die Exaltation der Menge durch die
Einwirkungen Einzelner auf's Höchste gesteigert worden und dass eine besonnene
Vermittelung dringend Not tat. Er knüpfte daher sofort an seine Erzählung den
Vorschlag, dass die in der Angelegenheit zu tuenden Schritte einem Comitee
übertragen werden möchten, dass dieses von dem österreichischen Consul die
Freigebung Costa's verlangen, und durch Deputationen die Mitwirkung aller andern
Consuln, namentlich der französischen und englischen, in Anspruch nehmen solle.
    Doch das war nur ein Tropfen auf den heissen Stein der geweckten
Leidenschaften. Fumagalli mit all dem lodernden Feuer seiner Landsleute, nahm
den Platz des bedächtigen Deutschen ein und reizte mit flammenden Worten die
Menge zu Taten der Rache. »Wie es Costa ergangen,« rief er, »wird es auch uns
gehen; Einen nach dem Andern werden die feilen Schergen der Tyrannei
hinwegholen, um uns in Ketten in ihre tiefen Kerker auf dem Spielberg und
Kufstein zu werfen, wo so viele edle Söhne der Freiheit lebendig vermodern.
Zeigen müssen wir ihnen, dass wir Mann zu Mann stehen, Blut müssen wir haben zur
Sühne, mit roten Flammenzeichen wollen wir unser Gericht halten! Brüder,
Freunde, edle Männer der Magyaren! Söhne des freien Italiens! - lasst uns
hinunterziehen und die steinerne Zwingburg unsers Feindes, des österreichischen
Consuls, mit gewaffneter Faust stürmen. Wenn die Lohe als Warnungszeichen
unserer Rache über seiner Habe zusammenschlägt, wenn wir ihn und jedes lebende
Wesen in seinem Hause gefangen halten und unsere Dolche ihre Brust bedrohen,
wirb man uns den Verratenen sicher ausliefern, und haben wir ihn erst zurück,
dann Wehe den Elenden!«
    Mit wildem Jubel erwiderte die Menge die Rede. Wahnwitzige Vorschläge aller
Art wurden laut, der Ungar Cricca wollte die am Kastell liegende türkische
Fregatte mit Gewalt nehmen und mit ihr den Gefangenen befreien, ein Anderer
schlug einen Angriff bei Nacht mit Böten vor, ein Dritter gar, die Stadt an
allen Ecken anzuzünden. Je abenteuerlicher und entsetzlicher die vorgeschlagene
Tat, desto stürmischer war der sinnlose Beifall. Vergebens suchte in diesem
Tumult Welland zur Ruhe und Ueberlegung zu mahnen; verzweifelnd wollte er sich
abwenden und den Platz verlassen, als er im Gedränge einen Zettel in seine Hand
gedrückt fühlte. Rasch wandte er sich um, doch unbekannte, nur mit der
aufregenden Versammlung beschäftigte Gesichter zeigten sich rings umher. Er
flüchtete aus dem Gewühle und las den Zettel. Ein Kreuz, ähnlich dem, das Costa
ihm gezeigt, war in flüchtigen Zügen mit Bleistift auf das Papier gezeichnet.
Darunter standen die Worte: »Keine Gewalt! die Zeit ist noch nicht gekommen.
Gehen Sie morgen zum amerikanischen Consul und verlangen Sie seinen Schutz für
Costa als amerikanischen Bürger. Die Hilfe wird zur rechten Zeit bereit sein.
Gehorsam!« - Welland trafen die Zeilen wie ein Blitzstrahl, freudig, dass sich
eine Aussicht zeigte, den Gefangenen zu retten, überraschend, dass auch hier in
so weiter Ferne eine unsichtbare geheimnisvolle Macht seine Handlungen zu
leiten, Alles zu überwachen schien. Er drängte sich mit Gewalt zu Fumagalli
durch und zog ihn bei Seite. »Wenn Sie nicht Alles absichtlich verderben und
Costa's Blut über sich und uns Alle bringen wollen, so stehen Sie von diesen
wahnwitzigen Handlungen ab!« sagte er ihm. »Gehen Sie meinetwegen mit einer
Deputation zu dem österreichischen Consulat und fordern Costa's Freigebung, um
die aufgeregte Menge zu beschwichtigen, aber keine Gewalttat heute! Sie wissen,
dass Costa dem Bunde angehört, im Namen dieses Bundes und als Ihr Vorgesetzter
befehle ich Ihnen, den morgenden Tag abzuwarten. Bis dahin wird Hilfe zur Stelle
sein, die den Ungar schützen kann, den wir heute nur verderben würden.« - Mit
Widerstreben versprach der Italiener, die Menge zu beruhigen oder wenigstens so
zu leiten, dass es bei den Drohungen bliebe und keine offenbare Gewalttat die
Lage verschlimmere. Von ihm erfuhr Welland auf seine Nachfrage auch, dass in der
Wohnung Costa's sich nur wenige und unbedeutende Papiere vorgefunden und diese
bereits in Sicherheit gebracht worden seien. Ein Pass war nicht darunter gewesen.
    Während Fumagalli auf's Neue zu dem Kreis der Flüchtigen sprach, mit Hilfe
seiner Vertrauten die Wahl eines Comitee's zu Stande brachte und dann vorschlug,
nach der Stadt zurückzuziehen, suchte Welland den Freund auf und fand ihn unter
den Trümmern des Schlosses am Rand einer Cisterne sitzen. Die Sonne verschwand
eben am Horizont und in der beginnenden Dämmerung, die, wie es im Süden der
Fall, rasch zunahm, hörten sie die wilden Revolutionsgesänge der abziehenden
Haufen. Sie waren die Einzigen, die noch zurückgeblieben, und Welland mahnte
trotz des erhabenen Eindrucks, den die Stille des Abends und der einbrechenden
Nacht verbreitete, zum Aufbruch, da ihm die Erzählungen von der Unsicherheit der
Umgebung einfielen. Aber es schien bereits zu spät. Als sie den Ausgang suchten,
streckte sich ihnen plötzlich ein Gewehrlauf entgegen und eine barsche Stimme
rief sie in griechischer Sprache an. Sie sprangen zurück und griffen nach den
verborgenen Terzerolen, die Beide trugen, doch ein leichtes Lachen machte sie
sich umwenden, und sie erblickten hinter sich, aber in griechischer Tracht und
auf eine lange Flinte gestützt, den Unbekannten, welcher sich gestern auf der
Marina bei Caraiskakis Namen so ergriffen gezeigt hatte.
    »Ich danke Ihnen, Signori,« sagte der Fremde mit leichtem Spott, »dass Sie
meiner Einladung dennoch Folge geleistet. Freilich etwas spät - doch in diesem
Lande kommt alles Gute spät, oft zu spät, meist gar nicht. Wollen Sie mir
folgen, Sie sehen, jeder Widerstand ist unnütz, und bei Sanct Procopio, meinem
Schutzheiligen, ich wollte mir eher die Augen ausreissen lassen von diesen
türkischen Hunden, ehe ich zugäbe, dass Ihnen etwas Uebles widerfährt.«
    Welland und der Grieche sahen sich um und sich von neun bis zehn dunklen
Gestalten umgeben, deren Waffen im Sternenlicht funkelten, - Widerstand wäre
töricht gewesen - nach wenigen deutsch gewechselten Worten erklärten sich Beide
bereit, dem Fremden zu folgen.
    Dieser - offenbar der Anführer der gefährlichen Schaar - erteilte derselben
einige kurze Befehle und ging dann voran, von den beiden Freunden gefolgt, denen
sorgsam zwei der Banditen jede unebene und gefährliche Stelle zeigten. Der Weg
führte sie mitten in die Ruinen der alten Akropolis und nach kurzem Gang sahen
sie aus einem der verfallenen Bogen den Schein eines Feuers leuchten. Sie traten
durch die Pforte in einen kleinen von Mauern umgebenen Raum, in dessen Mitte ein
Feuer brannte, von dem Knaben angeschürt, der ein Hammelviertel am Spiess briet.
In der Nähe lagen auf riesigen Marmorquadern ein Schlauch voll des schwarzen
aromatischen Brussaweins und andere zur Mahlzeit gehörige Gegenstände.
    Der Fremde schritt zuerst auf den Stein zu, nahm einen Maiskuchen, bestreute
ihn mit Salz und brach ihn in drei Teile, von denen er einen jedem der Freunde
gab. »Nehmt und esst,« sprach er, »der Gast ist dem Wirte heilig.« Gregor und
Welland assen einige Bissen, und Beide, die schöne Sitte des Morgenlandes
kennend, fühlten sich beruhigt.
    »Jetzt, Mauro,« sagte freundlich der Unbekannte zu dem Knaben, »entferne
Dich und halte Wache, dass uns Niemand stört, ich habe mit diesen Männern zu
reden.« Das Kind gehorchte; auf einen Wink des Mannes setzten sich die Freunde
auf die umherliegenden Trümmer und harrten gespannt auf die Entwickelung.
    Lange sass ihr seltsamer Wirt auf dem Stein vor ihnen, die braunen
schwieligen Hände vor dem Gesicht, als zolle er mächtigen Erinnerungen seinen
Tribut. Dann erhob er das Haupt, reichte dem jungen Griechen die Hand, und
sagte: »Sei mir willkommen, Sohn des Michael Caraiskakis, meines unvergesslichen
Herrn! Sage, ist Einem Deines Geschlechts der Name und das Antlitz Johannes des
Ipsaroten denn so ganz fremd geworden, dass er ihn nicht mehr wiedererkennt?«
    »Janos!« rief der Grieche, und sprang empor - »Janos, der Mutter und Kind in
der Mordnacht aus den Flammen trug? Janos, unser Retter und Freund! Heilige des
Himmels, wo hatte ich meine Augen!« Er umschlang den Hals des Mannes, in dessen
Augen Freudentränen glänzten, der aber freundlich ihn von sich drängte.
    »Janos! Ja wohl!« sagte er, »und damit Ihr Alles wisst - Janos Katarchi, Jan,
der Kameeltreiber, Jan der Räuber und Mörder, vor dessen Namen jene ungläubige
Brut dort unten zittert. Jan Katarchi steht vor Dir und heisst Gregor, den
Knaben, den er einst auf den Knieen trug, willkommen, wenn dieser ihn noch
kennen will'«
    Gregor warf sich noch einmal an die Brust des treuen Dieners seiner Familie.
»Sage, Jan der Palikare, Jan der Rächer, wie Dich jedes wahre griechische Herz
dort unten nennt. Was geht mich Dein Name an, Dein Tun, oder dass Du vogelfrei
im Kampf mit den Unterdrückern unsers Volks bist, und an Deinen Händen Blut
klebt! Ist es nicht auch das Blut, das Du vor einunddreissig Jahren zu unserer
Verteidigung vergossen, bist Du nicht der Waffendiener meines Vaters, der mit
ihm das Schiff des blutigen Wütrichs gegen die Wolken sprengte, als diese ihre
Blitze vergessen hatten gegen die tausendfachen Greuel! Es ist wahrlich eine
Segnung der Heiligen in meinem Kummer, dass ich in diesem Augenblick einen Mann
finde, der der Freund meiner Kindheit war, wie ich den Freund meiner
Jünglingsjahre wieder gefunden!« Er reichte Beiden die Hand, die der Bandit
trotz der Abwehr Gregor's leidenschaftlich küsste. Dann zog der Mann des Bluts
und der Verbrechen den Wiedergefundenen zu sich nieder an's Feuer und begann mit
einer Hast und Unermüdlichkeit der Zunge, die dem Griechen, namentlich der
untern Klassen eigen ist, ihm hundert Fragen über das Schicksal der Familie
vorzulegen, während der Deutsche ein stummer, aber aufmerksamer Zuhörer der
unerwarteten Scene blieb.
    »Aber sage mir, Janos,« unterbrach endlich Caraiskakis den Strom der Fragen,
- »wie kommst Du hierher? Wir glaubten Dich todt nach der letzten Nachricht, die
wir von Dir erhalten, und betrauerten Dein Andenken.«
    »Du weisst, Herr,« erzählte der Räuber, »dass ich an der Seite Deines tapfern
Vaters am Piräus fiel, als wir fünf Jahre nach dem Blutbad von Chios unter
Richard Church den Ersatz der Akropolis versuchten. Mein Leib deckte den teuren
Leichnam und zeigte noch die Spuren der drei tiefen Wunden, die ich erhielt. Wie
ich gehört habe, ziert ein Denkmal die Stelle, wo mein Herr für die Freiheit und
das Kreuz am 4. Mai blutete. Mögen die Heiligen ihm im Paradiese gnädig sein!
Als ich erwachte, lag ich nackt und bloss auf dem Schlachtfeld. Ein fränkischer
Arzt erbarmte sich meiner, - schon damals im heiligen Kampf des Kreuzes gegen
den Halbmond hatten sich ja Christen unsern Feinden verkauft! - und verband
meine Wunden. Wider das eigene Hoffen genas ich, und mit hundert anderen
Unglücklichen schickte mich Ibrahim Pascha als Siegesbeute seinem Vater nach
Egypten. Dort litt ich fünf Jahre, was ein Sclave leiden kann, bis ich im Krieg
des Vicekönigs gegen den Sultan mit nach Syrien geschleppt wurde. In dem Gewühl
des Sieges von Konieh gegen Reschid Pascha gelang es mir, zu entkommen, - ich
bettelte und schlug mich durch, bis ich die blauen Ufer unsers schönen Meeres
mit seinen grünen Inselsternen wieder sah, und kam nach Chios. Zehn lange Jahre
hatten nicht gereicht, die Spuren jener schrecklichen Verwüstung zu verwischen.
Die herrliche Insel, des grossen Homer Geburtsstätte, hatte man in den Händen der
Ungläubigen gelassen, die Inglesi tragen die Schuld daran, wie ich mir sagen
liess, jenes Volk von Kaufleuten, das jetzt wieder auf der Seite unserer
Unterdrücker steht, jetzt, wo der grosse Czaar im Norden das ganze Griechenland
frei machen will von der Herrschaft der Ungläubigen. Deshalb hasse ich die
Nation, ich speie auf die Gräber ihrer Väter; denn Nichts sind sie besser, als
die Moslems selber.«
    »Hier hören Sie eine Stimme des Volks,« winkte Caraiskakis dem Freunde. »Wie
aus dem Munde dieses Verbannten und Geächteten, so tönt es überall, wo Hellenen
wohnen und Jeder träumt von einer neuen Aera des byzantinischen Reichs.«
    »Auf Chios,« fuhr der Räuber fort, »war meines Bleibens nicht mehr.
Vergeblich forschte ich nach der Familie meines Herrn. Der neue Name Deiner
Mutter verbarg mir die Spur. So ging ich auf's Festland zurück und gewann mein
Brot in Smyrna als Kameeltreiber bei den Karavanen, die aus dem Innern von
Syrien und Turkomannien die Früchte und Teppiche bringen. Ich hatte Weib und
Kind, - eine Tochter von sechszehn Sommer, und bei Sanct Polycarp dem Märtyrer,
es war ein schönes und gutes Kind. Ich wohnte damals mit meiner Familie in
Tschardak am Tschernek-Su, nährte mich redlich und friedlich und zahlte
regelmässig mein Kopfgeld. Ein junger Mann unsers Glaubens sah mein Kind und
begehrte es zur Ehe. Der Tag der Hochzeit war bestimmt, da reitet der Musselim1
an unserm Hause vorbei und sieht Nausika, die ihm Milch reichen muss. Am andern
Tage lässt er mein Weib rufen, - ich war gerade mit den Karavanen nach Smyrna, -
und frägt sie, ob sie ihm die Tochter verkaufen wolle. Mein Weib erschrickt und
bittet ihn, abzustehen, da das Mädchen verlobt sei und man bloss meine Rückkehr
erwarte, um sie in das Haus ihres Gatten zu führen. Der Musselim aber streicht
sich den Bart, spricht, er brauche ein schönes Weib als Geschenk für seinen
Gönner, den Mehemet Pascha in Stambul, und wenn sie das Kaufgeld nicht nehmen
wolle, werde er das Mädchen umsonst holen. Darauf schickte er nach Vaso, meinem
Eidam, steckt ihn trotz seines Glaubens unter den Nizam2 und sendet ihn noch am
selben Tage mit einer Schaar fort. Am Abend aber holen seine Khawassen das
Mädchen, und als mein Weib stehend folgt bis an die Schwelle seines Hauses,
misshandeln sie die Aermste mit Stockschlägen, dass sie krank von den Nachbarn
nach Hause getragen wird. Als ich fünf Tage später von Smyrna heimkehrte, fand
ich mein Weib am Tode, mein Kind geraubt und den Musselim verreist. Ich raufte
das Haar und begrub mein Weib. Dann tat ich einen Eid bei der heiligen
Jungfrau, zündete mein Haus an, die Stätte meines Glücks, und ging davon.«
    »Aber warum klagtet Ihr nicht, unglücklicher Mann,« sagte der Deutsche,
»warum wandtet Ihr Euch nicht an die europäischen Consuln oder selbst nach
Constantinopel?«
    »An die Consuln?« hohnlachte der Räuber. »War ich ein ionischer Dieb oder
ein maltesischer Mörder, dass ich auf ihren Schutz Anspruch gehabt hätte? Ich war
ja nur ein Ipsarote, Einer der Millionen Christen, die diesen Henkern überlassen
blieben mit Leib und Seele! - Gerechtigkeit in Smyrna oder Stambul gegen den
Musselim, meinen Herrn! - Nein, Signor, ich tat Besseres, das Einzige, was dem
Manne bleibt. Ich lauerte am Wege in den Felsen neun Tage lang, bis der Musselim
von seiner Fahrt zurückkehrte, und als er mir nahe war, schoss ich ihm die Kugel
in Mitten seiner Khawassen durch das gierige Herz. - Seitdem, Gregor
Caraiskakis, seitdem bin ich ein Räuber!«
    »Und Deine Tochter?«
    »Was liegt an meiner Tochter! Sie wird, wie hundert Andere, an das träge
Leben im Harem eines unserer Herren im üppigen Stambul sich längst gewöhnt
haben! Die Heiligen wissen, ob und wo sie atmet - für den Vater ist sie
gestorben. Ich nahm den Sohn der Schwester meines Weibes mit mir, Ihr habt den
Knaben gesehen, und bald waren einige Gefährten um mich versammelt, mit denen
ich mein Rachewerk begann. Ihrer Verfolgungen kann ich spotten, denn tausend
Freunde haben Augen und Ohren für mich in jener Stadt und im ganzen Paschalik.«
    »Du schmähst auf den Türken, Mann, auf den Erbfeind Deines Glaubens,« sagte
Gregor mit finsterem Ausdruck; »gehe hin zu Deinen christlichen Brüdern, den
prahlenden Beschützern unserer Freiheit und unserer Religion, den Männern, die
von den Rechten des Volks in ihren Parlamenten reden und das Glück der Völker im
Munde führen! Der Moslem nimmt offen seinen Raub und sagt: ich bin Dein Herr!
Der Brite aber stiehlt Dir Dein Gut wie Dein Land, wenn es ihm gefällt und macht
Dir noch weiss, es geschehe zu Deinem eigenen Besten. Dir ist die Tochter
genommen, mir die Schwester. Ist die Odaliske des Türken, nach seinen Sitten und
seinem Glauben sein Weib, nicht besser als die Metze des reichen Briten?«
    Er sprang empor; die Faust des Räubers presste seinen Arm: »Was sprichst Du
da?«
    Gregor wiederholte das, was er am Mittag dem Freunde erzählt hatte. Der
Bandit jauchzte hell auf: »Ei! steht es so! - Du würdest das Vöglein ausgeflogen
finden, mein Sohn, wenn Jan, der Kameeltreiber, nicht zufällig dafür gesorgt
hätte. Unten im Golf liegt eine Felucke vor Anker, die der Inglesi gemietet
hat, um mit seinem Täubchen morgen in der Frühe auf und davon zu fahren. Ich
habe gute Spione in Bournabat und hatte dem Franken ohnedem heute Nacht einen
Besuch zugedacht, um ihn etwas leichter zu machen. Jetzt wird die Sache ernster.
Wenn wir Deine Schwester nicht heule ihm abnehmen, ist sie verloren für Dich.
Die Felucke führt nach Tenedos, wo in der Troja-Bai3 die Flotten ankern. - He,
Mauro!« Er pfiff gellend, der Knabe sprang wie ein Pfeil herbei; Jan befahl ihm,
die Gefährten zu rufen bis auf die äusserste Wache gegen die Stadt. »Wir dürfen
erst nach Mitternacht aufbrechen und wollen unterdess unsere Mahlzeit halten. Ehe
der Morgen graut, Gregor Caraiskakis, sollst Du Deine Schwester hier sehen.«
    »Das ist mein eigen Geschäft,« erklärte Gregor, »ich nehme dankbar Deine
Hilfe an, aber ich werde Dich begleiten. Und Du, Freund,« er reichte Welland die
Hand, »wirst uns gewiss nicht verlassen?«
    »Gewiss nicht in einer gerechten Sache,« entgegnete dieser; »aber Eines
beding' ich mir aus, um Ihrer eigenen Ehre willen, Gregor: kein unnützes Blut,
keinen Mord! Sie versprechen mir das Leben des Briten - - hören Sie erst Ihre
Schwester, dann entscheiden Sie und fordern Rechenschaft, wenn es notwendig
ist. Im Licht des Tages werde ich Ihnen als Freund zur Seite stehen, und so
allein können Sie vielleicht die Ehre des Mädchens wiederherstellen. Ich liebe
selbst die Nation des Verführers nicht, aber den Mut, dem Gegner sich zu
stellen, wird ihr Feind selbst nicht läugnen.« Gregor gab das geforderte
Versprechen, nach einigen Einwänden auch der Räuber. Während die wilden
Gestalten seiner Gefährten von verschiedenen Seiten herbeikamen und Alle um das
Feuer zur Mahlzeit lagerten, besprach man das Unter nehmen und Mauro brachte
Waffen aus den in weiten unterirdischen Gewölben und Gängen der Ruinen
befindlichen Verstecken der Bande für die beiden Freunde. - -
    Die dunkle Nacht lag über dem prächtigen Golf, und Ruhe und Stille über der
grossen Stadt, als in der Nähe der Mühlen am diesseitigen Strande zwei Barken
abschoben, in denen sich acht wohlbewaffnete Männer und ein Knabe befanden, und
ihre Richtung nach Bournabat nahmen. Es waren der Räuber Jan Katarchi und seine
Gefährten, Gregor Caraiskakis und Doctor Welland. Jan sass mit diesen in einem
der Nachen zusammen, den zwei Mann ruderten, die andern drei mit dem Knaben
fuhren voraus. Alle waren mit Pistolen und Handjar bewaffnet, Gregor und der
Doctor hatten ihre Kopfbedeckung mit einem Fez vertauscht, an dem vorn ein Stück
grünen Schleiers zur Verhüllung ihrer Gesichtszüge befestigt war. Jan hatte auf
diese Vorsicht bestanden, um späteren Folgen durch ein Wiedererkennen
vorzubeugen. In den Kähnen lagen Stricke und Hacken und eine schwere
Eisenstange, um nötigen Falls die Tür zu erbrechen.
    Auf der Mitte des Wassers sahen sie die Felucke ankern, welche am Morgen Sir
Maubridge und die schöne Griechin nach Tenedos tragen sollte. Jan gab ein leises
Zeichen, in aller Stille vorbeizufahren; die Ruderer hoben die Riemen, um sich
nicht durch die phosphorleuchtenden Striche einer etwaigen Wache zu verraten,
und die Boote trieben in einiger Entfernung am Schiff vorüber, bis sie weit
genug waren, um durch den Ruderschlag nicht mehr gehört zu werden; dann griff
man wieder eifrig zur Arbeit, und nach einer Viertelstunde war man an der
Gartenmauer des Landhauses, das Gregor im Dunkel als dasjenige erkannte, an dem
er am Morgen vorher nach der Schwester geforscht. Der Räuber hatte rasch seine
Dispositionen getroffen. Welland und zwei der Banditen wurden im Wasserhof
zurückgelassen, in dem die Kähne angeschlossen lagen, mit dem Auftrag, hier den
Bewohnern den Rückzug abzuschneiden. Einen Andern postirte Jan auf den Weg nach
Bournabat, da das Landhaus des Viceconsuls fast das Ende des Dorfes bildete; er
selbst mit Gregor, dem Knaben und zwei seiner Leute übernahm es, durch den
Haupteingang einzudringen.
    An dem Tor angekommen, hob der Räuber den Jungen, der seine Lust an der ihm
gewährten Rolle durch fast affenartige Behendigkeit und Geschicklichkeit
ausdrückte, auf seine Schultern und liess ihn einen der am Strick befestigten
Haken über die Mauer werfen und an jener vollends emporklimmen. Oben auf
derselben änderte Mauro bloss die Lage des Hakens und liess sich an dem Seil in
den Hof hinab, um von Innen das Tor zu öffnen. Während dem hatte Jan seinen
beiden Begleitern Fackeln gegeben, um selbe zum Anzünden bereit zu halten.
Gregor fasste den schafft der Pistole in seinem Gürtel und spannte den Hahn.
    »Capitano,« flüsterte dee Knabe durch die Spalte, »die Tür ist
verschlossen, ich kann sie nicht öffnen und höre das Schnarchen des Khawassen.«
    »Pesta!« fluchte der Sciote, »das ändert unser Spiel und wird blutige Arbeit
geben. Sieh, dass Du in's Haus gelangst, Mauro, durch eine der Jalousien. Du hast
zwei Minuten Zeit; beim heiligen Prokopio, sei flink, mein Junge!«
    Wenige Momente darauf setzte er das Brecheisen zwischen die Fugen des Tors
und warf sich mit seiner riesigen Kraft darauf. Zugleich flammten die
Pechfackeln der beiden Räuber empor.
    Ein türkischer Anruf tönte von Innern.
    »Bismillah! Wer ist dort? Was wollt Ihr?«
    »Jan Katarchi!« heulte der Ruf des Räubers durch die Luft und alle Vier
warfen sich mit aller Manneskraft gegen das brechende Tor. Zwei Schüsse
knallten ihnen entgegen, von denen der eine den Mann neben Katarchi in die
Schulter traf, dass er zu Boden taumelte. »Nach der Barke!« herrschte ihm der
Führer zu, und die Fackel dem Verwundeten entreissend, schleuderte er sie mit
gewaltigem Schwunge hinauf auf das platte Dach des Hauses und war mit einem
kühnen Satz über die Trümmer des Tors mitten im Hof. Im nächsten Augenblick
parirte seine grosse Pistole den scharfen Handjarhieb eines Khawassen und er
drückte die Waffe nach dem Türken ab. Aber eingebogen von dem kräftigen Hieb
sprang das Rohr bei dem Schuss und die eisernen Splitter stoben umher.
    »Diona! Diona!« schrie Caraiskakis, und ohne des zweiten mutig den Zugang
des Hofes verteidigenden Khawassen zu achten, sprang er wie ein Panter über
den Hof und versuchte die Tür des Hauses einzustossen. Eine Kugel, die im
nächsten Augenblick durch seinen hohen Fess fuhr, belehre ihn, dass die Bewohner
bereits wach und zur Verteidigung bereit seien. Emporblickend bemerkte er ein
männlich schönes, nur etwas starres Gesicht, das von hochblondem lockigem Haar
umgeben, sich mit furchtlosem Ausdruck aus dem Fenster des ersten Stockwerks
gerade über der Tür heraus bog, um die Wirkung des Schusses und die weiteren
Vorgänge im Hofe zu erspähen. Ein weisser voller Arm schlang sich um den Hals des
Engländers und zog ihn halb mit Gewalt in das Haus zurück.
    Im Hofe schlug sich Katarchi mit den beiden Khawassen, sein Untergebener war
Caraiskakis zu Hülfe geeilt und suchte mit diesem die Tür einzudrängen. Ein Ruf
des Bandenführers, der die Augen überall hatte, mahnte Gregor, zur Seite zu
blicken. Aus einem Nebenfenster des Erdgeschosses, nahe der bestürmten Tür,
lehnte sich ein vierschrötiger Engländer in Seenmannstracht bequem heraus und
suchte für seine Flinte im Anschlag den Kopf des Griechen zu fassen. Die Gefahr
war dringend und fast unabwendbar. Aber im Augenblick, wo der Finger des Briten
den Drücker berührte, schwankte das Gewehr und der Schuss fuhr zur Seite vorbei,
der Engländer aber verlor das Gleichgewicht und an den Beinen in die Höhe
gehoben, stürzte er schwerfällig aus dem Fenster auf das Marmorpflaster des
Hofes. Mauro, der gewandte Schelm, war durch eines der Fenster in's Haus
geklettert und zum glücklichen Augenblick erschienen. Im nächsten hatte er die
Tür entriegelt und Caraiskakis, sein Gefährte und der Räuberchef, der sich des
einen Khawassen durch einen schweren Hieb in die Schulter entledigt hatte,
stürzten in das Haus. Zugleich eilte aus dem Oberstock Sir Maubridge, von zwei
anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt, die Stiege herab, denn oben auf
dem flachen Dache leckten und schlugen bereits die Flammen empor, die Jan's
geschleuderte Fackel an dem trockenen Holzwerk entzündet. In dem linken Arm des
Briten, halb getragen von ihm, hing ein griechisches Weib in wallenden
Nachtgewändern, das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen wallenden
Locken. »Diona!« wiederholte Gregor und das bleiche Frauenbild zuckte zusammen
bei den bekannten Tönen und streckte die Hände nach ihm aus, - aber wie von
unwiderstehlicher Macht dahingerissen, klammerte sie sich von Neuem an den
Geliebten und der flammende Stahl trennte die Geschwister, denn kühn und gewandt
schwang Maubridge den Säbel in seiner Rechten gegen die Herandrängenden, und die
drei Diener wehrten mit allen Waffen, die in der Eile zur Hand waren, den
Angriff ab und sicherten seinen Rückzug. Zwei Mal hob Gregor die Pistole und
visirte nach dem Verführer, zwei Mal liess er sie sinken, denn des Mädchens Brust
deckte opfernd den Geliebten. So tobte, der Kampf von Zimmer zu Zimmer, bis der
hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog.
»Hundert Pfund, wenn Ihr fünf Minuten die Tür haltet!« bot der Brite und warf
sich mit seiner schönen Beute in's Freie, während die drei Engländer wie
grimmige Bulldoggen sich vor den Ausgang stellten und den Gegnern das Weisse im
Auge boten. Ein Schuss durch den Kopf aus Gregors Pistole streckte den einen der
Diener zu Boden, dem Hauswart traf ein Messerstich des Buben Mauro in die
Weichen, und während der dritte Gegner dem Räuberchef einen gewaltigen
Boxerstreich versetzte, der diesen fast zu Boden warf, tönte draussen bereits der
Ruf des Triumph's; Welland trug das ohnmächtige Mädchen auf seinen Armen hinab
zum Ufer, indes seine beiden Gefährten den zu Boden geworfenen Baronet mit
Stricken zusammenschnürten. Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den
blauen Nachtimmel und beleuchtete die blutige Scene. Da eilte vollen Laufs der
Bandit herbei, den Jan auf Posten gegen das Dorf gestellt hatte und verkündete
das Nahen von Leuten. Im Nu waren Alle an den Booten versammelt, - drei der
Männer schwer verwundet, auch Jan blutete aus einem Schulterhieb, - die Boote
flott gemacht und besetzt, - in der nächsten Minute stiessen sie vom Ufer und
flogen in das bergende Dunkel, während hinter ihnen drein noch ein Schuss des
entflohenen Khawassen knallte und die jeden Moment sich mehrenden Gestalten am
Ufer hin und her eilten. Welland hatte das noch immer von Ohnmacht befangene
Mädchen dem Freunde auf den Schoss gelegt und arbeitete rüstig mit zwei Rudern.
In der Spitze des Kahns stand Jan, um die Bewegungen zu lenken, damit sie nicht
zu nahe der Felucke kommen möchten. In der Tat war hier Alles wach geworden von
dem wiederholten Schiessen und dem Brande, der mächtige Rauchwolken in die
Morgenluft emporqualmte. Man rief sie an, aber der Räuber antwortete gewandt,
dass sie vor dem Angriff flüchteten und bald waren sie ausser Schussweite. Im Hauch
der frischen Seeluft kam Diona wieder zur Besinnung. Zuerst fuhr sie empor und
blickte wild um sich, wie den schützenden Freund suchend, - dann, indem sie den
Bruder erkannte, warf sie sich in seinen Schoss und weinte heftig. In der Nähe
des Ufers trennten sich die Kähne, und während der Banditenchef das
Geschwisterpaar weiter hinauf nach seinen Verstecken führte, landete der Knabe
den Arzt in der Nähe der Frankenstadt und geleitete ihn durch die noch einsamen
Strassen bis zum Eingange seines Hauses. Am nächsten Abend versprach er ihn zu
dem Freunde zurückzuführen.
    In Smyrna selbst war der Abend und ein Teil der Nacht zwar ruhig und
stürmisch, aber doch ohne Gewaltat der Flüchtlinge vergangen. Der Tiger hatte
noch nicht Blut geleckt. Eine Deputation an Herrn von Wexbecker, den
österreichischen Consul, war von diesem, der - nachdem die Sache einmal verfehlt
angegriffen war - sich männlich und consequent benahm, abgewiesen worden. Die
Flüchtlinge und der zahllose Janhagel von Smyrna, der sich ihnen angeschlossen,
tobten durch die Frankenstadt, drohten das österreichische Consulat zu stürmen,
warfen einige Fenster ein und liessen es bei den Drohungen. Noch bis tief in die
Nacht wogte die Bevöllkerung auf und ab durch die Strassen. Bei der
Alltäglichkeit von Feuersbrünsten in den grossen türkischen Städten, wo die
Regierung selbst oft ganze Quartiere abbrennen lässt, um die Bewohner zum
zweckmässigeren Neubau zu zwingen, war der Brand jenseits des Golfs zwar bemerkt
worden, aber Niemand achtete darauf, noch weniger fiel es Jemand ein, Hülfe
dahin zu bringen.
    Am nächsten Morgen - Welland hatte von der Erregung der Nacht bis in den
Vormittag hinein geschlafen, - begab er sich sofort zum amerikanischen Consul
und reclamirte der erhaltenen Weisung gemäss Costa als amerikanischen
Schutzangehörigen auf Grund eines Passes, den der Ungar von den Vereinigten
Staaten erhalten haben sollte. Zu seiner Verwunderung fand der Arzt den Consul
sofort bereit, auf das Verlangen einzugehen. Es schien, als ob er bereits darauf
vorbereitet gewesen und er teilte ihm mit, dass am Morgen eine amerikanische
Corvette von Constantinopel angekommen sei und im Hafen Anker geworfen habe, ein
glücklicher Zufall, der ihrer Forderung den nötigen Nachdruck geben musste. Eine
Stunde darauf trat, durch einen Boten herbeigerufen, der Capitain der Corvette
in Begleitung eines seiner Offiziere bei dem Consul ein und begab sich mit
demselben zu Herrn von Wexbecker, um die Reclamation einzulegen. Der
österreichische General-Consul empfing sie zuvorkommend, und obgleich er die
Begründung der Ansprüche bezweifelte, erklärte er sich bereit, die Amerikaner an
Bord des »Hussar« zu begleiten, um durch eine eigene Unterredung mit Costa ihnen
genauere Information zu verschaffen. Welland erwartete in aufregender Spannung
im Consulats-Gebäude ihre Rückkehr, und als er endlich das Boot von der Brigg
wieder abstossen, zur Corvette rudern und dann zum Lande zurückkehren sah, eilte
er ihm auf die Marina entgegen. Der amerikanische Consul brachte jedoch
schlechte Nachrichten. Costa hatte trotzig sich als Ungar erklärt und zwar
angeführt, dass er sich einige Zeit in Amerika aufgehalten und von dort nach
Smyrna gekommen sei, aber über seine Schutzangehörigkeit oder das Vorhandensein
eines Passes keine, einigermassen zum weiteren Einschreiten berechtigende Angaben
machen können. Unter diesen Umständen hatten die Amerikaner von der Reclamation
Abstand nehmen und den Ungar seinem Schicksale überlassen müssen, das er
übrigens mit ungebeugtem Sinne trug. - Welland war sehr bestürzt über die
Nachricht, der Consul jedoch führte ihn bei Seite und versicherte ihm, dass in
der Angelegenheit noch Nichts verloren sei, da Herr von Wexbecker sich weiter
bereit erklärt hatte, vor der Abführung Costa's mit dem nächsten Lloyddampfer
nach Triest erst die weitere Entscheidung der beiden Gesandtschaften in
Constantinopel abwarten zu wollen, an die sofort die nötigen Berichte gesendet
werden sollten. Der amerikanische Capitain war bereits angewiesen, sich jeder
früheren Wegführung des Gefangenen nötigenfalls mit Gewalt zu widersetzen. Für
das Weitere, meinte mit schlauem Lächeln der Amerikaner, werde man schon in
Constantinopel sorgen. Beruhigt schied Welland von ihm und wandte sich wieder zu
Marina, um den Fremden Costa's diese tröstliche Nachricht mitzuteilen, denn
rasch hatte sich die Kunde von der verweigerten Auslieferung in der Stadt
verbreitetet. Eine Zeitung zur Hand nehmend, setzte er sich am Eingang des
englischen Café's (Café Paulo) nieder.
    Es war der Abend des 23. Juni. Das Belvedere des Caffeehauases begann sich
nach und nach mit Fremden und Einheimischen zu füllen. Bald darauf traten Arm in
Arm zwei junge Offiziere von der österreichischen Brigg auf den offenen Raum,
liessen sich an dem zweiten Tisch von Welland nieder und forderten Eis und
Limonade. Es waren der Schiffslieutenant von Auerhaummer und der Marine-Aspirant
Baron von Hackelberg, der einzige Sohn des Feldmarschall dieses Namens. In dem
Zweiten erkannte Welland den Offizier, welcher am Morgen seiner Ankunft zum
Egytto gekommen und das Boot der Italiener zurückgewiesen hatte. - Die beiden
jungen Leute, keck die allgemeine Missstimmung herausfordernd, lachten und
scherzten ziemlich laut und hatten, wie man später erfuhr, schon während des
ganzen Morgens sich unachtsam durch die Strassen Smyrna's umhergetrieben. Viele
Blicke ruhten missbilligend oder ängstlich auf ihnen, dennoch ahnte Niemand die
schreckliche Katastrophe, die folgen sollte.
    Auch Welland hatte mit einer gewissen Unbehaglichkeit und Besorgnis die
kecke Haltung der beiden hübschen jungen Männer bemerkt, und dies um so mehr,
als kurz nach ihrem Erscheinen sein Wiener Reisegefährte sich für einige
Augenblicke einfand, heimlich mit den beiden Offizieren sprach und einzelne auf
ihn fallende Blicke zeigten, dass von ihm die Rede sei. Er wollte, um dem
widrigen Eindruck zu entgehen, sich eben entfernen, als mit Lärmen und Geräusch,
offenbar sehr erregt, eine neue Gesellschaft den Platz betrat und am Tische
neben Welland, gegenüber dem der Offiziere, Platz nahm. Es waren Fumagalli, der
Ungar Bassitsch, dessen Hand fortwährend in der Brusttasche spielte, Lepicq, ein
französischer Fechtmeister, zwei andere lombardische Flüchtlinge, Budoli und
Cugini, und der Pole Sczukowski. Aller Blicke hafteten sogleich auf den beiden
Oesterreichern und Fumagalli gellte ein wildes Lachen auf, indem er Bassisch auf
die Schulter schlug und offen auf den Baron wies. »Per bacco amico, da haben wir
unser Vöglein von vorgestern! Jetzt kann ich Revange nehmen!« - Die Offiziere
hatten Besonnenheit genug, die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken, und
unterhielten sich leise, während die Angekommenen ringsum die Stühle besetzen,
so dass kein Ausgang offen blieb, und Welland rasch zu dem in der Nähe
befindlichen Wirt des Café's, Signor Paulo, trat und ihm einige Worte
zuflüsterte.
    »Bassa manelka!« fluchte Bassitsch. »Grogk hierher! Rasch!«
    Der Arzt aber nahete sich der Gesellschaft und suchte durch ein geschicktes
Manöver die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken.
    »Zum Teufel, Doctor,« schnob der ersichtlich schon angetrunkene Ungar,
»gehen Sie mir da aus dem Wege, Sie geniren mich im Anblick der verfluchten
Röcke, die wir an der Teiss und Donau manch liebes Mal geklopft haben. Ein
Kossut! und der Teufel hole die deutschen Tyrannenknechte!«
    Der Wirt, der das Verlangte gebracht, war am Tische der beiden
Marine-Offiziere vorübergegangen, und sich dort ein Geschäft machend, flüsterte
er ihnen zu:
    »Meine Herren, ich rate Ihnen dringend, sich zu entfernen, es ist hier
nicht geheuer für Sie und ich stehe für Nichts.«
    Eine kurze und leise Beratung zwischen den jungen Leuten folgte, dann
standen Beide rasch auf und versuchten fortzugehen. Welland hatte in diesem
Augenblicke ihnen den Rücken zugekehrt und war bemüht, Bassitsch, der ihm der
Gefährlichste schien, zu beschäftigen. Er gewahrte deshalb nicht, wie das
schwarze Auge des Italieners Fumagalli jeder Bewegung des Aspiranten folgte,
gleich dem Blick der Schlange, mit dem sie die ängstlichen Windungen ihres
Opfers belauert. Fumagalli hielt den Fuss weit vorgestreckt, so dass er damit den
Ausgang zwischen den Stühlen versperrte. Der Baron von Hackelberg war voran;
obschon er die offenbare Herausforderung des Lombarden erkannte, hatte er
Geistesgegenwart genug, seine Ruhe zu bewahren, fasste mit der Linken an die
Mütze und sagte höflich:
    »Signor, erlauben Sie, dass wir passiren!«
    »Zur Hölle!« gellte die Stimme des Lombarden, der wie ein Raubtier
emporsprang und sich auf den Offizier warf. Einen hellen schlanken Blitz sahen
die Umsitzenden zucken und sich zwei Mal in die linke Brust des jungen Mannes
vergraben, dass die Mordfaust gegen die Uniform stiess. Der Baron taumelte, wie
von dem Stoss ausser Haltung gebracht, zurück an das Geländer, dann fasste er es
mit beiden Händen, stiess einen einzigen lauten, kreischenden Schrei aus und
schwang sich mit krampfhaftem Sprung hinüber in's Wasser, das ihn spurlos
verschlang. Zugleich waren die umsitzenden Flüchtlinge, wie als hätten sie auf
dies Mordsignal gewartet, aufgesprungen und stürzten sich mit ihren schweren
Stöcken und Dolchen aus den Lieutenant von Auerhammer, ehe dieser noch im Stande
war, sein Seitengewehr zu ziehen. Mehrere Hiebe über den Kopf warfen ihn zu
Boden, drei Dolchstösse verwundeten ihn, zum Glück nur leicht. Wie ein Rasender
rang Bassitsch mit dem deutschen Arzt, der im Innersten empört um Hülfe gegen
die Mörder rief. Zu zweien Malen rang der Ungar die Rechte los und schoss jedes
Mal ein Pistol gegen den schon am Boden liegenden Offizier ab, zu dessen
Beistand jetzt einige Caffeegäste herbei geeilt waren, die mit erhobenen Stühlen
und was zur Hand war, die wütenden Mörder zurücktrieben. Aber die Bemühungen
Welland's machten den Schuss unsicher, und nur die zweite Kugel streifte leicht
den Verwundeten.
    »Zum Teufel mit Euch!« tobte Bassitsch; »Ihr seid auch ein deutscher
Verräter, der unsre Feinde schützt!«
    »Seid Ihr toll, Signor Dottore?« knirschte Fumagalli und riss den Arzt
zurück. »Wer ein Freund der Freiheit ist, steht zu uns, nicht zu Jenen!«
    Welland stiess ihn von sich. »Meuchelmörder! Wenn das Euer Kampf für die
Freiheit ist, wünschte ich Euch nie gesehen zu haben. Fliehet, da es noch Zelt
ist!«
    In der Tat drängte eine immer grössere Menge herbei; die blutige Tat hatte
das bessere Gefühl des Publikums wach gerufen und Drohungen gegen die Mörder
liessen sich hören. Vor der Ueberzahl zogen sich diese zurück, und die blutigen
Waffen schwingend, jubelnd über die grässliche Tat, zerstreuten sich auf der
Marina, während Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute den Verwundeten rasch in
eine Barke trugen und hinaus in's Meer rudern liessen, um ihn so vor einem neuen
Angriff zu retten. Hier auf der See verband der Arzt die Wunden des Offiziers
und brachte ihn aus der Ohnmacht zum Leben zurück. Dankbar drückte der junge
Mann ihm die Hand und wurde dann von den Kaufleuten zugleich mit der Kunde des
Mordes nach dem Schiffe gebracht, indes Welland in einem anderen Nachen nach dem
Ufer zurückkehrte. Dort hatten unterdess die Nachsuchungen nach der Leiche des
jungen Barons von Hackelberg begonnen. Der österreichische General-Consul mit
den Khawassen des Consulats und der gesamten bewaffneten Dienerschaft war
herbeigeeilt, bald darauf traf ein Boot mit Marinesoldaten vom »Hussar« ein und
die Nachforschungen nach dem Unglücklichen dauerten bis spät in die Nacht, aber
erfolglos. Erst am anderen Mittag gelang es, seine Leiche zu finden. Sie lag
genau auf demselben Fleck auf dem Meeresgründe, an welchem er sich im
Todeskampfe in's Wasser geworfen, mit den Händen fest an die Steine des Grundes
geklammert. Der zweite Stich des Mörders hatte das Herz durchschnitten.
    Zwei Tage darauf wurde die Leiche beerdigt; die Mannschaft der Brigg und das
Personal des österreichischen General-Consulats folgten. Von den anderen
Consuln, denen allen Anzeige und Einladung zugegangen war, hatten nur der
sardinische und der preussische, letzterer aus einer jüdischen Familie stammend
und in den Jahren 1849 und 50 ein gewandter Agent des Minister-Präsidenten, Mut
und Ehre genug, zu folgen.
    Am Abend des Mordes und während der nächsten Tage durchzogen die Banden der
Flüchtlinge triumphirend und herausfordernd die Strassen in der Nähe des
österreichischen Consulats und drohten, dieses zu stürmen, so dass ein Commando
der Marinemannschaft darin Posten nehmen musste.
    Als Welland, an's Ufer zurückgekehrt, nach der nahen Behausung eilte, fand
er dort bereits den Knaben Mauro seiner harren, und eilig trat er mit ihm den
Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Räubers an. Er begann zu begreifen, dass
auf diesem Boden und in diesem Kampf der entfesselten Leidenschaften das Leben
des Einzelnen ein wertloses, kaum beachtetes Ding sei, das nicht das Gesetz,
sondern die eigene Kraft schützen müsse. Unter banger Besorgnis, auch dort,
wohin er ging, Schlimmes zu finden, nahete er durch die Cypressen der Friedhöfe
den mächtigen, aus den Schatten des Abends sich erhebenden Ruinen.
 
                                    Fussnoten
1 Besika-Bai.
2 Der türkische Gouverneur einer Stadt.
3 Die Landwehr.
 
                               Die Doppelgänger.
In den glänzenden Salons der Fürsten Lieven, dieses weiblichen Talleirand's der
letzten Jahre, in der Strasse Saint Florentin 2, bewegte sich die glänzende
Versammlung in jener ungenirten Weise, der höchsten Circles von Paris. Es war
der Abend allgemeinen Empfangs, und was die Weltstadt an Notabilitäten der
Administration und Diplomatie, der Kunst, der Wissenschaft und der Börse, so wie
von Fremden bot, begegnete sich auf diesen Parkets mit den Lions und Lionnes der
Mode. Die Salons der Fürstin hatten in dieser Zeit ihre wichtige politische
Bedeutung; denn alle Parteien fühlten sich hier gewissermassen auf neutralem
Felde, und bei der immer ernster sich gestaltenden Spannung zwischen den Höfen
von Frankreich, England und Russland bot sich hier eine Gelegenheit zu
Besprechungen und Verhandlungen, die weniger für den offiziellen diplomatischen
Verkehr geeignet, doch oft tief einschneidend und von weitin tragender
Wichtigkeit waren. Die Fürstin, ganz geschaffen für die politische Intrigue,
wusste mit dem ihr eigenen Tact die feindlichen Parteien zu beschäftigen und aus
all' dem bunten und wechselnden Verkehr ihre Vorteile zu ziehen.
    Jeder Fremde von durch Geburt, Rang, Reichtum oder Ruf ausgezeichneter
Lebensstellung, der zu jener Zeit in Paris war, weiss, dass zugleich diese Soireen
die reichhaltigsten und angenehmsten an geselligen Vergnügungen waren, die man
finden konnte, und dass neben der politischen Intrigue hier manches
geheimnisvolle und interessante Band der Herzen sich knüpfte, manches Rendezvous
hinter dem Rücken des im Nebenzimmer verkehrenden Gatten oder der wachsamen
Familie gegeben wurde. Bei den in dieser Beziehung ohnehin laxen Sitten und
Begriffen der pariser Gesellschaft, die nur auf gewisse äussere Gesetze der
Schicklichkeit basirt ist, sind die Versammlungen der vornehmen Kreise oft der
Kuppler für Verbindungen und Speculationen jeder Art.
    In einem mit grünem Damast ausgeschlagenen, nur durch die erhobene Portiere
von diesem getrennten Nebencabinet des grossen Salons, in dem getanzt wurde,
sassen auf einer üppigen Causeuse zwei Männer. Der Eine von ihnen, einige Jahre
älter als der Andere und etwa sechs- bis achtundzwanzig zählend, trug die
prächtig-phantasische Uniform eines Capitains der Garde-Zuaven, jenes Elitecorps
aus den gewandtesten und verwegensten Kriegern Algeriens. Sein Gesicht war das
männlich-schöne, mutige eines ächten französischen Soldaten mit Zügen, die jene
Aristokratie der Geburt zeigen, welche Namen und Wappen nur bestätigen, nicht
verleihen können. Auf der breiten Brust mit der silbergestickten blauen Jade
prangte das Ritterkreuz der Ehrenlegion, von dem Janin unter Louis Philipp einst
schrieb: Il est une honte, de l'avoir et de ne l'avoir, das seitdem aber wieder
neue Würde gewonnen. Neben ihm, mit dem Lorgnon vor dem Auge, sass einer jener
hocharistokratischen Flaneurs in den Modecirkeln von Paris, denen ihr vornehmer
Name und ihre elegante Toilette trotz ihrer ruinirten Verhältnisse überall
Eintritt verschafft, ja die mit einer scharfen und witzigen Zunge begabt, als
Chronik des Tages überall willkommen oder gefürchtet sind. Am Spieltisch eben so
zu Hause wie im Boudoir der Damen, an der Tafel des Ministers wie in den
galanten Soireen der demi monde leben diese Männer ein rechenschaftsloses Leben
des Genusses, das entweder an einem Degenstich im Gehölz von Boulogne oder an
einer Pistolenkugel endet, die falsche Wechsel und den Arrestbrief des
Gläubigers quittirt. Zuweilen auch, denn mit dem alten Namen voll
legitimistischer Bedeutung verbindet sich oft Talent, Geist und Herz, reisst ein
unerwarteter Schlag sie aus diesem Leben luxuriösen Müssigganges und wirft sie in
eine Bahn, wo alle Eigenschaften des glänzenden französischen Geistes sich
ehrenvoll entwickeln.
    Alfred de Sazé, einer der Modekönige des Tages, gehörte zu den Leuten, denen
es nicht an diesen höheren und besseren Eigenschaften fehlte, die aber nur wie
Lichtblicke auftauschen aus dem tödtenden Firnis seiner modernen Erziehung.
    Am anderen Ende der Causeuse, auf einen Sessel gestützt, lehnte ein noch
sehr junger Mann in russischer Uniform, dessen eigentümlicher, wunderschön
geformter Kopf sofort auffiel, während sein Auge unruhig und zerstreut
umherschweifte und er nur hin und wieder auf die pikanten Plaudereien seines
Nachbars zu hören schien. Braunes Haar in wirren Locken umgab ein Gesicht, das
in kühnem Oval vorspringend eine überaus schöne leichte Beugung der Nase zeigte,
während dunkle hochgezogene Brauen das glänzende Auge einrahmten. Die
eigentümlichste Schönheit dieses Gesichts bildeten jedoch Mund und Kinn, der
erstere, von einer halb aufgeworfenen Oberlippe bedeckt, die in ihrer Mitte das
glänzende Weiss der Zähne durchschimmern liess; das Kinn, von kräftiger runder
Contour und von jenem seltenen und stets einen energischen unbeugsamen Charakter
voll mächtiger Gefühle oder Leidenschaften verratenden Schnitt, welcher nicht
im scharfen Winkel gegen den Hals zurücktritt, sondern bei dem die Linie des
Halses am Vorderkinn selbst ihren Anfang zu nehmen scheint und gleichsam gewölbt
nach der Brust zu sich herabsenkt. Das Gesicht, von jenem durchsichtig roten
Teint gefärbt, den man Blutteint zu nennen pflegt und der z.B. in jüngeren
Jahren das ähnliche Antlitz der Königin Victoria auszeichnete, war zu
auffallend, um je wieder vergessen zu werden, und hatte bei dem Mangel jeden
Bartes zugleich ein Aussehen, das den Beschauer an stolze Frauenschönheit
erinnerte.
    »Sie sind aber auch der unaufmerksamste Zuhörer, den man sich denken kann,
Fürst,« sagte lachend der Lion zu dem eben beschriebenen jungen Mann. »Seit
einer halben Stunde bin ich bemüht, mit einem Pinsel, der dreist mit Hogart oder
Cruickshank wetteifern kann, Ihnen die Silhouetten der werten Gäste Ihrer noch
werteren Frau Tante zu geben. Was ich Ihnen da erzähle, würde das Glück eines
Memoirenschreibers machen und von unseren Feuilletonisten verschlungen werden,
aber Sie sind und bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vicomte angesteckt
zu haben. Er betrachtet Sie mit Blicken, als wären Sie die Fürstin, Ihre schöne
Schwester, der er bekanntlich stark den Hof und die sich eben, wie ich sehe, von
Oberst Wassilkowitsch zum Contretanz führen lässt.«
    Er unterbrach sich lachend und sah die beiden Nachbarn neckend an.
    »Ah, meine Herren, hab' ich endlich den rechten Punkt getroffen? - Sie sind
ja Beide ganz rot und erregt. Wäre es wahr, Fürst, dass Sie eifersüchtig sind
auf Ihre Schwester wie ein Türke? und Sie, Mèricourt, kann dies starre lauernde
Gesicht, das ich, valga me Dios! wahrhaftig auch nicht liebe, einen berühmten
Krieger, wie Sie, so leicht in Harnisch bringen?«
    Der Capitain legte ihm die Hand auf den Arm.
    »Keine Scherze, de Sazé,« sagte er ernst, »der Gegenstand ist zu hoch dazu.«
    »Bon! So wende ich mich zu einem geeigneteren Bilde. Sehen Sie, Fürst, dort
jene lange hagere Gestalt mit der hohen fabelhaft weissen Cravatte? Dass es Einer
unserer neuen Herzensalliirten ist, ein Exemplar, das uns Azincourt und
Waterloo, Malplaquet und St. Helena vergessen machen soll, brauche ich nicht
erst zu sagen. Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt. Der Mann -
Lord Scherkliffe, Parlamentsmitglied und Besitzer einiger solider Grafschaften -
macht jetzt Aufsehen in unserer guten Stadt Paris, und wenn er das glattrasirte
Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt, wenden alle Damen die Gläser
nach ihm. Wissen Sie, warum? Er ist ein Otello ganz neuer Art. Lord Scherkliffe
ist einer der ersten Gemäldekenner unserer Zeit und beschäftigte vor etwa fünf
Jahren einen jungen Maler in Rom, einen Italiener, der bereits durch seine
Bilder auf allen Ausstellungen einen bedeutenden Namen erworben hatte. Der gute
Lord besass neben seinen Millionen eine blonde Lady, der aber der römische
Künstler besser gefiel, als der langweilige Bildernarr, ihr Gemahl. Erst nach
mehreren Monaten überzeugte sich dieser, dass er auch hier den Narren gespielt,
empfahl sich höflich seinem Protegé, dem Maler, und reiste mit der verliebten
Dame nach Hause, wo er sie manierlich ihren Eltern ablieferte, nachdem er ihr
die in Rom gemachte Entdeckung mitgeteilt. Dann ging er auf Reisen und besuchte
Deutschland, Russland, Italien, und sammelte überall zu enormen Preisen Gemälde.
Mit einem ganzen Wagen voll kam er nach Rom, besuchte seinen alten Freund und
kaufte alten Freund und kaufte ihm die neuesten Werke seines Pinsels ab. Kaum
war er im Besitz derselben, so verlangte er Genugtuung für seine Hahnreischaft
und forderte den Erstaunten auf Pistolen. Man schlug sich, und mit dem ersten
Schuss lähmte der Engländer dem Künstler den linken Arm. Nach einem halben Jahre
kam er wieder und bestand auf einem zweiten Duell. Der Künstler musste sich fügen
und die Kugel des beleidigten Eheherrn traf sein rechtes Handgelenk, so dass die
Hand amputirt werden musste. Als die Kur glücklich vorüber war, erschien der Lord
am Krankenbett seines Feindes und sagte ihm gelassen: Ich habe jetzt meine Rache
befriedigt. Sie sind als Künstler zu einem lebendigen Tode verdammt. - Sie irren
sich, entgegnete der Unglückliche; meine Werke werden Ihre Bosheit überleben.
Der Ruhm meiner Madonna in Paris, meiner Auferstehung in der Gallerie von
Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermögen Sie nicht zu vernichten. Ich
kann nicht mehr malen, aber meine Bilder werden meinen Namen lebendig erhalten.
- Der Lord zeigte ihm ein Papier. Ist diese Liste Ihrer Bilder vollständig? -
Mit Staunen bejahte der Künstler. - So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke,
selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen. Es hat mit viel Mühe gemacht und
viel Geld gekostet, aber ich habe meinen Zweck erreicht. Wollen Sie mich nach
Hause begleiten, um sich zu überzeugen? mein Wagen wartet. - Der Unglückliche
begriff und bat um Gnade. - Sie haben meinen ehelichen Frieden gestört, ich
vernichte den Ihren, sagte Scherkliffe eisig. Sie sollen das Gefühl mit sich
umherschleppen, dass keine Spur Ihres Namens und Ihres Talents auf der Welt
zurückbleibt. - Nach einer Stunde brachte ein Diener dem Verstümmelten eine
grosse Urne voll Asche, - sie entielt Alles, was von seinen Werken auf der Welt
übrig war.«
    »Das ist teuflisch!« rief der Capitain.
    »Ein Mann, der zu hassen und zu lieben versteht!« versetzte der junge Russe.
    »Halt, mein Fürst!« plauderte Sazé weiter, »das verstehen wir wahrhaftig
auch, nur auf andere Weise. Sehen Sie dort Marschall St. Arnaud? Die Fama
bezeichnet ihn bereits als Commandeuer en chef, wenn Ihre Maje Majestät unsern
kleinen Neffen des grossen Onkels im Invalidendom zum Äussersten zwingt. Der
liebe Marschall scheint eine neue Intrigue des Prinzen zu wittern, der gern für
seine Reputation einige notwendige erste Lorbeeren pflücken möchte, und hofft
ihr hier auf die Spur zu kommen. Wissen Sie, dass dieser unser lieber General vor
kaum Jahresfrist seinem Busenfreund den Säbel durch den gestossen hat, bloss weil
dieser ihn bei Madame, seiner Frau, in zarter Situation getrossen und aus dem
Hause geworfen hatte?«
    Méricourt lachte.
    »Sie sind die boshafteste Zunge, die mir noch vorgekommen Sazé,« sagte er.
»Ich darf die Ehre der Armee durch Sie nicht so gefährden lassen.«
    »Eh bien, mein lieber Vicomte, ich bin nicht schwierig. Gehen wir von der
Armee zur Diplomatie über. Unser getreuer Verehrer der Rachel ist freilich nicht
hier und intriguirt jenseits des Kanals, aber ich kann Ihnen Ersatz geben. Sehen
Sie da den Herrn der eben mit Persigny spricht, Oberst Fleury geht gerade an ihm
vorüber. Nun wohl! Der liebe Graf hat kürzlich sein diplomatische Probestück
abgelegt und wird sicher Carriére machen. Sie kennen Madame Fontaille, unsere
allerliebste Soubrette? Nicht? Auch gut; sie ist die Schönheit des Tages und
unsere Börsenkönige ruiniren sich um sie. Der Graf liess sich ihr im Zwischenakt
der grossen Oper vorstellen und bat um Erlaubnis, am nächsten Abend eine Tasse
Tee bei ihr tête à tête trinken zu dürfen. Madame antwortete ungenirt: Ich
nehme zu einer Tasse Tee ein Pfund Zucker, aber von dem, der zehntausend Francs
das Pfund kostet. So teuren Zucker möchte ich Ihnen freilich nicht umsonst
geben und mir doch auch nicht von Ihnen bezahlen lassen. Mir fällt ein Ausweg
bei! Bringen Sie die zehntausend Francs in Banknoten mit und wir werden mit
diesen die Flamme unter dem Teekessel heizen. Dann beweisen wir Beide gleiche
Uneigennützigkeit. - Der angehende Diplomat findet im Augenblick keinen
passenden Rückzug und sagt zu, erzählt aber die Sache einigen Freunden, die
diesen Tee allzu gezuckert finden. Ich selbst sagte ihm: Madame die zehntausend
Francs geben, es ist teuer, aber es passirt! Sie verbrennen, das wäre Tollheit!
Sie richten damit Ihre Carrière zu Grunde, denn kein Minister des Äußern wird
einen Narren zu Ambassadeur machen! - Am anderen Abend begab sich der liebe
Graf, mit dem Päckchen wohlgezählter Banknoten richtig zu der Schauspielerin.
Man plaudert und erwartet den Tee. Sie bestehen also auf dem Autodafée? - Gewiss
und hier sind die Bankbillets. - Der Graf übergibt ihr zehn ächte Billets zu
tausend Francs. Madame griff fieberhaft danach. Nicht wahr, es ist doch schade
darum? - Ei, so verbrennen Sie sie nicht. - Nein, es ist ausgemach, wir bleiben
bei unserem Progamm! und sie legt das Päckchen auf einen Tisch, der mit
hunderterlei Nippsachen bedeckt ist. Der künftige Vertreter des Kaiserreichs
spielt plaudernd mit diesen Kleinigkeiten, nimmt Eines und das Andere in die
Hand und im Augenblick als man den Tee bringt, ist die Escamotage, oder
Prestidigitaton wie Houdin sagt, geschickt ausgeführt. Die Flamme des
Weingeistes leckt mit ihrer blauen Zunge nach dem versprochenen Opfer; Madame
ist äusserst erregt und lebendig, tanzt von einem Ort zum andern, erfasst endlich
das Päckchen, schwingt sich im Kreis umher und im Hui - wirft sie ein anderes in
die Flamme, die sogleich die leichten Blätter verzehrt; das Pseudopäckchen aber
ist geschickt in einer vorsichtig zwischen Blumen zurechtgestellten Vase
verschwunden. - Kaum hört sie nach Mitternacht den Wagen des Glücklichen
fortrollen, so eilt zu dem Versteckt, das die geretteten zehntausend Francs
bergen soll und zieht hervor - ein Päckchen jener den Banknoten so zierlich
nachgeahmten Adresskarten! - Es heisst, die Dame habe bittere Rache geschworen,
Monsieur le Comte aber ist, wie Sie sehen, auf dem besten Wege.«
    Méricourt und Fürst Iwan lachten.
    »Der Graf ist kein Gentleman,« sagte der Letztere. »Man täuscht ein Weib
nicht um solche Bagatelle.«
    »Pah! Bagatelle!« entgegnete lustig Sazé. »Das man Fürst Oczakoff sagen, der
seine Silber-und Goldminen im Ural besitzt und auf seinen Steppenländern die
Bauern nach Tausenden zählt, aber nicht wir Franzosen, die höchstens im
Börsenspiel noch Millionaire werden können. Doch da ist die Quadrille zu Ende,
lassen Sie näher treten.«
    Die drei jungen Männer erhoben sich und traten an den Eingangbogen zum
Salon, durch den eben eine Dame am Arm ihres Tänzers hereinrauschte. Es war die
Fürstin, Iwanowna Oczakoff, die Zwillingsschwester des vorhin Beschriebenen. Das
Spiel der Natur hatte eine wahrhaft fabelhafte Aehnlichkeit zwischen beiden
Geschwistern erzeugt. Nicht nur Wuchs und Gesicht, selbst Stimme und Minenspiel
waren an den beiden zusammen erzogenen schönen Erscheinungen ganz dasselbe ja,
man versicherte, dass diese Aehnlichkeit sich auf die kleinsten Details des
Lebens, bis auf die Handschrift ausdehnte. Nur ein zarterer Alt-Accord
unterschied die Stimme, das lange, üppige Lockenhaar, auf dem ein goldgestickter
smyrniotischer Fez schwebte, den Kopf der jungen Fürstin von dem ihres Bruders.
In den Augen der Dame lag der ganze tat- und willenskräftige und dennoch
hingebende Charakter ihres Bruders. Eine köstliche Robe von grünem Moirée hob
die volle Gestalt der nordischen Schönheit, die seit vier Monaten die junge
Aristokratie von Paris zu ihren Füssen sah.
    Es war in der Tat wohltuend in dieser kalten pikanten Modewelt, in diesem
Wogen herzloser Berechnung, politischer Intrigue und ehrgeiziger Gedanken, die
aufrichtige Liebe und Herzlichkeit zu sehen, mit welcher das junge Mädchen den
Arm ihres Begleiters verliess und auf den geliebten Bruder zueilte.
    »Warum nicht beim Tanz, Iwan?« fragte sie zärtlich. »Sie machen sich eines
Vergehens schuldig, meine Herren, indem Sie meinen Bruder von einem Vergnügen
abhalten, das er sonst leidenschaftlich liebte. Aber freilich, seit einiger Zeit
scheint er für alles Vergnügen ganz verloren, und ich weiss wirklich nicht, ob
die hohe Politik oder welcher Dämon sonst ihn mir ganz verwandelt hat.«
    »Apoll und Diana müssen doch durch Etwas unterschieden sein, gnädigste
Fürstin,« sagte Sazé galant; »aber Sie haben Recht, auch mir ist heute seine
Zerstreuteit aufgefallen. Wenn man die Königin der Schönheit als Schwester
besitzt, so hat man nicht das Recht, sich selbst und seinen Launen anzugehören.«
    »Marquis, Sie sind und bleiben der unnütze Schwätzer. Aber meine
schwesterliche Liebe scheint Sie Alle in einer interessanten Unterhaltung
gestört zu haben, denn auch der Herr Capitain spielt den Ernsten und ist nicht
einmal so galant, mich an das Versprechen zu erinnern, das ich ihm gegeben.«
    Der Offizier blickte sie an, ein rascher verstohlener Wink des Arges
bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung:
    »Ma Princesse tun mir Unrecht, Sie wissen, dass Sie keinen aufmerksameren
Sclaven als mich haben.«
    Iwanowna, den Arm in den ihres Bruders geschlungen, der mit ihrem Begleiter
sprach, lächelte schelmisch.
    »Ich will es für diesmal glauben, obschon der tapfere Zuavenführer und
Löwentödter sich den Rang von einem nordischen Barbaren, wie Ihr Frankreich uns
zu nennen beliebt, hat ablaufen lassen. Aber ich übe Grossmut und habe den
nächsten Tanz für Sie aufbewahrt, wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend
machen will.«
    »Ich tanze heute nicht, Iwanuschka,« sagte der Bruder zärtlich, »Du musst
mich dispensiren.«
    »Da sehen Sie, tut der leidige jüngste Attaché nicht wirklich, als hätte er
das Gleichgewicht Europa's auf seinen zwanzigjährigen Schultern zu tragen? -
Doch à propos, meine Herren, kann mir Einer von Ihnen Auskunft geben, wer der
würdige Palikare ist, der heute im Salon meiner werten Tante Aufsehen macht?«
    »Wenn Sie als Belohnung Ihrem untertänigsten Verehrer die Quadrille nach
meinem Freund Méricourt versprechen wollen, Fürstin,« meinte Sazé, »so verrate
ich Ihnen das diplomatische Geheimnis seiner Vergangenheit.«
    »Geschwind, geschwind; Sie sehen ja, ich sterbe vor Neugier.«
    »Bemerken Sie wohl, gnädigste Fürstin,« plauderte der junge Mann, »dass
Commandant Kalergis den Fess sorgfältig über das linke Ohr gezogen und deshalb
trotz seiner französischen Sympatieen das griechische Costüm trägt. Seine
jetzigen Alliirten, die Türken, schnitten das Ohr ihm ab, als er den Todten
spielte nach der Schlacht am Pyräus, und das übriggebliebene kostet ihm baare
12,000 Piaster Lösegeld. Aber er hat die Summe reichlich wieder eingebracht in
verschiedenen Münzsorten. Denn schon 1843, als Herr Kalergis von der Emeute des
15. September nach Hause zurückkehrte, hatte sich die russische Gesinnung, mit
der das Haus Ihres Gesandten Katakasi verliess, in eine englische verwandelt. Er
hatte wohl begriffen, dass er seine Rolle schlecht gespielt; der Zweck der Emeute
gegen König Otto war verfehlt, die Rubel waren eingesteckt, es handelte sich
jetzt darum, sich für englische Pfunde zu verkaufen. Grossbritannien machte ihn
zum Militair-Obercommandanten von Aten, aber der 4. August jagte ihn
schmachvoll davon. Als der Lord-Ober-Commissar ihm später den kleinen Vorschuss
von 10,000 Talern nicht bewilligen wollte, um Coletti's Regierung zu stürzen,
warf er sich Frankreich in die Arme. Man sagt, dass der Kaiser grosse Pläne mit
ihm vor hat. Gegenwärtig hat er seinen Sohn hierher gebracht, den der Kaiser auf
seine Kosten erziehen lässt.«
    »Ein echter Grieche, - feil jedem Gebot!« sagte Méricourt.
    »Entschuldigen Sie, Capitain,« bemerkte Wassilkowitsch; »Herr Kalergis ist
ein Landsmann unserer schönen Freundin. Er ist Russe von Geburt, aus Taganrog,
wo seine Mutter noch lebt. Seine erste Erziehung erhielt er in Petersburg, wo
ihm noch reiche Verwandte, teils als Kaufleute, teils im kaiserlichen Dienst,
wohnen. Erst im Jahre 1821, beim Ausbruch der Erhebung, kam er nach
Griechenland.«
    »Also politischer Marodeur; jedenfalls verspricht der Charakter noch viel
für die Zukunft.«
    »Und der Herr im Fez mit dem grossen Stern des Christusordens auf der Brust,
mit dem Herr Kalergis eben spricht, wer ist das?«
    »O, Sie irren, mein Lieber,« sagte de Sazé; »das ist nicht der
Christusorden, sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausend und
Einer Nacht. Haben Sie denn aus unserm Constitutionel noch nicht von Leo, dem
Prinzen von Armenien, dem von Russland schnöde beraubten Tronerben des halben
Vorder-Asiens, gehört? - Da sehen Sie die mysteriöse Person in Natura vor sich.
Der Prinz von Korikos, défenseur de l'Eglise d'Orient, wie er sich in den
Journalen nennen lässt, hat kürzlich in London eine etwas scandalöse Affaire
gehabt, und die Rücksichtslosigkeit der Queens-Bench hat ihn bewogen, London mit
seiner Abreise zu strafen. Ich weiss wirklich nicht, - wenn es nicht Herr
Kalergis sein sollte, - wer die Unverschämteit gehabt haben kann, diesen Herrn
hier im Salon Ihrer Fürstin Tante vorzustellen, nachdem er so offenkundig etwas
starke Proclamationen gegen Ihren Czaren und Ihre Regierung durch alle Welt
verbreitet hat.«
    Die ersten Streiche des Orchesters erklangen und machten dem Gespräche ein
Ende; Méricourt bot der schönen Fürstin den Arm, sie in den Salon zu führen,
während Sazé forteilte, noch eine Tänzerin in dem Kreis der Damen zu finden.
Fürst Iwan und der Oberst blieben zurück.
    Der Letztere war eine jener hageren Gestalten, die eben durch ihre Magerkeit
gross erscheinen. Er zählte einige vierzig Jahre, sah aber wie ein Fünfziger aus;
spärlicher, nur durch die Kunst der Toilette gefärbter Haarwuchs über der
hoch-kahlen Stirn, ein graues, oft in's Grünliche spielendes Auge und ein
aufgeworfener Mund über massivem glänzendem Gebiss machten den Eindruck lauernder
Ruhe bei einem brutal-sinnlichen Charakter. Die Uniform war mit Orden beladen,
da Graf Wassilkowitsch, zugleich durch Reichtum ausgezeichnet, zu verschiedenen
politischen Missionen gebraucht worden. Er war einer der Begleiter des Fürsten
Woronzoff, der zu dieser Zeit - im letzten Stadium vor dem Ausbruch des
Zwiespalts - nach Paris gekommen war.
    Die beiden Russen standen am Eingang des Salons und schauten der Quadrille
zu, Beide dasselbe Paar, wiewohl mit sehr verschiedenen Blicken und Gefühlen,
verfolgend. Während Iwan träumerisch an der graziösen Schönheit der Schwester
sich weidete, hing das Auge des Obersten verzehrend an der üppig-schönen Gestalt
und wurde zum kalten Giftstrahl, wenn es sich auf ihren Tänzer wandte und die
lebhafte Unterhaltung beobachtete, die Beide pflogen. Endlich kehrte er sich zu
seinem Gefährten und sagte mit jener Höflichkeit, unter welcher oft der Hohn
schlecht verborgen ist:
    »Auf mein Wort, Fürst, ein herrliches Paar! Es wird den Kaiser, unsern
Herrn, freuen, zu hören, dass die Fürstin Oczakoff dazu beiträgt, die Bande
wieder fester zu knüpfen, deren Zerreissen uns in diesem Augenblicke eben nicht
ganz angenehm wäre.«
    »Wie meinen Sie das, mein Herr?« fragte, sich rasch nach ihm wendend, der
junge Mann.
    »Ei, mein Lieber, ich meine, was die ganze Welt spricht, dass unser
französischer Freund auf dem besten Wege ist, Ihren Landsleuten in der Gunst
Ihrer schönen Schwester den Rang abzugewinnen, ja, man behauptet, man dürfe der
französischen Kaiserstadt bereits zur Gewinnung einer unserer ersten Erbinnen
gratuliren. Der Vicomte soll ein Liebling des Kaisers sein.«
    »Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik,« sagte kurz und
rauh der Fürst. »Die Fürstin Iwanowna Oczakoff wird nie ihr Herz einem Franzosen
schenken.«
    Wassilkowitsch lachte.
    »Da scheint sie nicht den Geschmack ihres Bruders zu teilen. Herr von
Méricourt erzählt wenigstens viel von der Vergötterung, die Fürst Iwan einer
interessanten Grisette des Marais zu Teil werden lässt.«
    Eine dunkle Röte überflog das Gesicht des jungen Mannes, als er plötzlich
so unerwartet sein innerstes sorgfältig bewahrtes Geheimnis dem Spott Fremder
Preis gegeben sah. »Das ist erl - -« Der Fürst recollirte sich im eisigen Bild
seines Gegners. »Das ist nicht möglich! Der Vicomte ist ein Ehrenmann!«
    »Das kann er immerhin sein und doch den künftigen Schwager gern vor einer
Mesalliance bewahren oder wenigstens der schönen Schwester sich dienstbar zeigen
wollen, die, wie man sagt, eine gewisse Herrschaft über den Zwillingsbruder
ausübt, bloss weil sie die Erstgeborene ist. Doch ohne Scherz, Fürst, lassen Sie
uns offen reden, ich bin Ihr Landsmann und uns verbinden gleiche Interessen
gegen diese Fremden. Sie werden auf Ihren Wegen belauert.«
    Der junge Mann fasste krampfhaft seinen Arm. »Beweise, Graf, Beweise!«
    »Ei, die sollen Sie haben! Sie erinnern sich, Fürst, der letzten Soiree, die
Herr von Kisseleff am Dienstag dem Fürsten Woronzoff und Herrn von Persigny gab.
Ich war zufällig und ungesehen Zeuge des Auftrags, den Ihre schöne Schwester an
Herrn von Méricourt erteilte, Sie zu beobachten und zu erforschen, woher seit
Kurzem Ihre seltsame Gemütstimmung komme und was Ihre häufigen heimlichen
Abwesenheiten zu bedeuten haben, deren Zweck Sie so sorgfältig zu verbergen
suchen. Sie können denken, Fürst Iwan, dass ein so galanter Verehrer, wie dieser
Franzose, mit Vergnügen Alles versprach und Wort gehalten hat.«
    »Pest!«
    »Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre
zur Ecke der Strasse Saint Joseph?«
    »Sie haben Recht, ich begegnete dem Vicomte und vermochte mich kaum von
seiner verwünschten Höflichkeit loszumachen.«
    »Nun wohl, Fürst, Herr von Méricourt kennt die elegante Einrichtung des
zweiten Stockes im Hause Nr. 10 der Rue Joseph sehr wohl und weiss, wer der
vornehme Fremde ist, der die hübsche, nur - wie der Vicomte sagt - allzu
leichtfertige Bewohnerin unterhält und Tag und Nacht bei ihr ist. Ich hörte ihn
vorhin gegen Sazé darüber spötteln, ehe Sie erschienen. Blicken Sie hin und
sehen Sie, wie angelegentlich und eifrig der Franzose sich mit Ihrer schönen
Schwester unterhält. Ich wette tausend Imperials, dass er eben seinen Bericht
abstattet.«
    Der junge Mann errötete und erbleichte abwechselnd vor innerer Aufregung.
Der schöne und üppig geformte Mund zuckte. »Der Spion soll mir büssen!«
    »Wissen Sie, was man sogar behauptet, Fürst? Sie sollen mit Ihrer kleinen
Grisette verkleidet den bal mabille, ja sogar die grande chaumière frequentiren
und ein flotter Tänzer dort sein.«
    Diesmal war der Schlag zu arg, ein dunkler Purpur überzog das schöne Gesicht
des jungen Mannes und der Zorn wich der Schaam; er schlug die Augen zu Boden.
    »Ei was,« lachte der Oberst, »wäre es wirklich wahr, Jugend muss austoben und
es wäre ein Geniestreich, in den sich kein Unberufener zu mengen hat. Kommen
Sie, Iwan, die Quadrille geht zu Ende und wir würden nur mit unserer Migraine
die Conversation stören.«
    Er nahm ihn am Arm und führte ihn durch einen Seitenausgang in die
Nebenzimmer. An einem Büffet nahmen sie Champagner und traten dann auf des
Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Salon. - - -
    Die schöne Fürstin hatte keine Ahnung von dem Gift, das eben in des
geliebten Bruders Ohr ausgegossen wurde. Dennoch bezog sich auch ihre
Unterhaltung während der wechselnden Touren des Tanzes auf denselben Gegenstand.
Das Verhältnis zwischen der Fürstin und dem tapferen Capitain war ein ganz
anderes, als es die giftigen Worte des Russen angedeutet. Der Vicomte gehörte
allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schönheit und wurde durch
ihre Achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet vor der zahlreichen Schaar der
Bewerber. Darauf hatte sich jedoch die Gunst der Fürstin bis jetzt beschränkt
und wenn sein dunkles auf ihr ruhendes Auge, oder ein unbewachtes, aber
tiefgefühltes Wort ihr auch längst verraten hatten, dass seiner Huldidigung eine
wahre Liebe zum Grunde liege, dass er um sie werbe als den schönsten Preis des
Lebens, so hatte doch das fragende Wort noch nicht seine Lippe überschritten,
keine ernsteres Zeichen ihm die wohl selbst noch unklaren Gefühle ihres eigenen
Herzens kund getan. Doch verstanden sich Beide, wie sich kräftige und hohe
Seelen immer verstehen.
    »Haben Sie Gelegenheit gehabt, meine Bitte zu erfüllen, Herr von Méricourt?«
fragte die Fürstin. »Sie verzeihen meiner Besorgnis, aber sie ist in den letzten
Tagen nur noch vermehrt worden. Sie selbst haben gesehen, wie verändert der
Fürst sich zeigt und nur mit grosser Mühe konnte ich ihn bestimmen, mich heute zu
begleiten.«
    »Vergeben Sie, Fürstin,« erwiederte der Offizier, »wenn ich leider noch
wenig Fortschritte in Ihrem Auftrag gemacht habe. Dass es an meinem Eifer nicht
gelegen, werden Sie ohne meine Versicherung wissen. Aber der Fürst, Ihr Bruder,
sonst so offen und zugänglich, ist nicht bloss für seine liebenswürdige
Schwester, sondern auch für seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes
Buch. Vergebens machte ich ihm meinen Besuch, er war nicht zu Hause, und als ich
ihm vor einigen Tagen in der Strasse Montmartre zu Fuss begegnete und ihn zu einer
vertraulichen Unterredung zu bewegen suchte, liess er mich fast merken, dass ich
ihm lästig sei und entfernte sich so bald als möglich von mir.«
    »Und wissen Sie, wohin er ging? So viel ich gehört habe, ist der Stadtteil
kein solcher, wo mein Bruder Geschäfte oder Freunde hat?«
    »Dies ist allerdings möglich, doch kann ich der schönen Besorgten auch
darüber keine Auskunft geben, da ich natürlich mit meinen Fragen nicht indiscret
sein wollte und sogleich meinen Weg fortsetzte.«
    »Hegen Sie denn gar keine Vermutung, Vicomte, was diese häufige
Abwesenheit, diese stets allein unternommenen Gänge zu bedeuten haben? Selbst
dem treuen Wassili, der ihn von Jugend auf nie verlassen, hat er streng
verboten, ihm zu folgen und ihm befohlen, sein Ausbleiben mir so viel als
möglich zu verschweigen.«
    Der Capitain lächelte.
    »Ich glaube, Fürstin Iwanowna hegt allzugrosse Besorgnisse. Paris ist der Ort
so mancherlei Zerstreuungen und es wäre leicht möglich, dass irgend eine Liaison
das lebenswarme und empfängliche Herz des Fürsten gefesselt hätte.«
    »Aber warum denn dies geheimnisvolle, ihn aufreibende Treiben? Ich bin
natürlich nicht seine Gouvernante und maasse mir nicht an, in das Tun Ihrer
Männerwelt zu dringen. Doch wenn er der Schwester gegenüber auch schweigt, warum
gegen seine Freunde? Ich habe mir sagen lassen, dass in solchen
Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegen einander sind.«
    »Das mag bei jenen Torheiten der Fall sein, Fürstin, welche die Modewelt
galante Verbindungen nennt, aber nie bei einer ernsten und wahren Neigung des
Herzens. Es sollte mir leid tun, wenn eine solche schon sich seines jungen
Gemüts bemächtigt hätte, denn bei seinem energischen und feurigen Charakter
würde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben. Und wie schwer eine solche selbst
das erprobte Mannesherz verwunden, welche Schmerzen sie auf starke Seelen legen
kann, das empfinde ich selbst zu tief, um meinen jungen Freund nicht davor
bewahrt zu wünschen.«
    Ein rascher wie fragender Aufschlag ihres schönen Auges traf jenes des
Capitains, das mit Innigkeit auf dem schönen Mädchen haftete. Eine leichte Röte
überflog Wangen und Stirn - - die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gespräch.
    Als der Vicomte sie zur Gruppe zurückführte, die sich um die Dame des Hauses
gebildet und de Sazé nahte, die Fürstin an ihr Versprechen zu mahnen, neigte sie
sich vertraulich zu ihm und bat:
    »Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens
für seine Zerstreuung. Die Gesellschaft, in der wir ihn vorhin verlassen, - und
ich sehe Beide nicht mehr an dem vorigen Platz, - ist keine, die ich für ihn
liebe. Gehen Sie, Vicomte, und denken Sie, dass ein Ritter der Ruhe seiner Dame
alle Dienste leisten muss.«
    Ein anmutiger Wink des Fächers verabschiedete ihn; er ging, den Fürsten
aufzusuchen, während Iwanowna sich dem Damenkreise anschloss. - -
    Der nächste Contretanz war vorüber, am Arm ihres Tänzers de Sazé durchging
die Fürstin den zum blühenden Garten umgewandelten Corridor, welcher die
vorderen Salons mit dem hinteren Flügel verband. Plötzlich stockte der zierliche
Fuss, kaum vermochte sie, die Hand erhebend, ihrem sie mit Galanterieen
überschüttenden Cavalier zuzuflüstern: »Marquis, sehen Sie - um Gottes willen,
was ist vorgegangen?«
    Auf sie Beide zu, durch den Eingang, welcher zum Spielzimmer führte, kam der
Zuaven-Capitain. Sein männlich schönes Antlitz war dunkel gerötet, das Auge
blitzte, doch zeigte die ganze Gestalt eine ernste ruhige Fassung. Wenige
Schritte hinter ihm aus einer Gruppe von Herren, welche sich um die Tür
versammelten, folgte Fürst Iwan am Arme des Obersten, der ihn fest zurückhielt.
Das Gesicht des jungen Russen zeigte jene Wachsbleiche, die leidenschaftliche
Charaktere im Augenblick der höchsten Erregung zu befallen pflegt. Sein Auge
irrte scheu umher, offenbar war er mit sich selbst unzufrieden, wenn auch der
fest gekniffene Mund seine Entschlossenheit bekundete. Nur der Oberst bewahrte
seine gemessene Haltung und ein boshafter Blick leuchtete aus seinen Augen, als
er die Begegnung mit der Dame bemerkte, bei der die Herren an der Tür sich
sofort in's Zimmer zurückzogen.
    Sazé begriff im Augenblick, dass etwas von Wichtigkeit vorgefallen und führte
die Fürstin zu einem der Sitze, die unter Rosen- und Camelienbüschen versteckt
zu Lauben gestaltet waren. Der Capitain trat auf ihn zu und während er mit einer
Verbeugung die Dame begrüsste und sein Auge sichtlich das ihre vermied, das
fragend und ängstlich auf ihm ruhte, sagte er mit fester Beherrschung der
Stimme:
    »Gestatten Sie, Durchlaucht, dass ich Ihnen für einen Augenblick Ihren
Cavalier entführe, ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen, und er ist
sogleich wieder zu Ihren Befehlen.«
    Der Fürst war herangekommen und trat zu seiner Schwester.
    »Geniren Sie sich nicht, Herr von Sazé,« sagte er hochmütig, »ich werde Sie
bei meiner Schwester ersetzen.«
    Er bot ihr den Arm, die junge Fürstin jedoch beachtete die Geberde nicht,
sondern wandte sich zu den beiden Franzosen.
    »Da der Zweck unseres Ganges erfüllt ist und ich meinen Bruder gefunden
habe,« sprach sie verbindlich zu de Sazé, »so wären Sie allerdings Ihrer
Ritterschaft ledig, Herr Marquis. Ich habe dagegen noch die Verpflichtung, Ihrem
Freunde zu danken, der zuerst meinen Auftrag übernommen hat, und bitte ihn, mich
zu der Fürstin, meiner Tante, zurückzuführen. Sie müssen mit seinem Vertrauen
sich schon bis dahin gedulden.«
    Damit legte sie die seine Hand auf den Arm des Vicomte und ging mit ihm
voran. Sazé folgte und begriff rasch die Aufgabe, die ihm geworden, indem er das
Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte. Dennoch waren sie zu nah, als
dass die Fürstin eine Frage an ihren Begleiter hätte tun können. Aber das
nervöse Zittern ihres Armes fühlte er in dem seinen und den leisen Druck, mit
dem sie sich auf ihn stützte. Nur als sie durch den Eingang des Salons schritten
und das Gedränge der Anwesenden sie für einige Augenblicke von den Folgenden
schied, schlug Iwanowna rasch das Auge empor und flüsterte hastig:
    »Was ist geschehen, Vicomte? ich muss Alles wissen, ich bin zu jeder Stunde
für Sie morgen zu sprechen!«
    Méricourt aber neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit
tiefbewegter Stimme:
    »Leben Sie wohl, Fürstin, mein Traum ist vorüber.«
    Einen Moment lang presste er ihren Arm an seine Brust, dann zog er sich mit
einer Verbeugung zurück und grüsste im Vorübergehen höflich und gemessen die
beiden Russen. Die Fürstin sah, wie er auf dem Wege durch den Saal Sazé's Arm
nahm und mit ihm am Ausgang verschwand. Als sie sich beklommenen Herzens
umwandte, bemerkte sie den höhnisch lauernden Blick des Grafen Wassilkowitsch
auf sich ruhen.
    Kaum eine Viertelstunde später ertönte am Portal der Ruf nach der Equipage
der Fürstin Oczakoff. Fürst Iwan war schon vorher aus der Soiree verschwunden
und allein nach Hause zurückgekehrt, um den Fragen der Schwester auszuweichen.
    Es war in einer für die pariser Aristokratie noch frühen Stunde des nächsten
Morgens, als in dem von dem Fürsten bewohnten Hôtel der Allée des Veuves vor der
jungen, in weissem Morgenkleide auf der Bergère ihres eleganten Toilettenzimmers
ruhenden Fürstin der Diener ihres Bruders, der Leibeigene Wassili, stand,
herbeigerufen von seiner Schwester Annuschka, dem russischen Kammermädchen der
Fürstin. Beide Geschwister, der Bruder um fünf, die Schwester um drei Jahre
älter als das Zwillingspaar, das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken,
ein in Russland noch überaus heilig gehaltenes Band, hatten demselben von Jugend
auf gedient und dadurch eine entsprechende Erziehung genossen. Mit der
aufopferndsten Treue hingen die Beiden an den fürstlichen Geschwistern.
    Wassili, der Leibeigene, war ein hochgewachsener kräftiger Mann, wie sie das
Innere von Russland so häufig hervorbringt. In seinem markigen festen Gesicht
spiegelte sich Zuverlässigkeit und entschlossene Hingebung. Hinter der Fürstin,
ihm gegenüber, stand seine Schwester, hübsch und blauäugig, die langen blonden
Zöpfe um den Kopf gewickelt, indem sie ihn mit lebhaften Geberden zur Rede
antrieb, die er nur unwillig zu stehen schien.
    »Also Dein Herr ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen?«
    »Nein, Mütterchen.«
    »Und was hat er getan während der Zeit?«
    »Ich weiss es nicht, Mütterchen.«
    »Glaube ihm nicht, dem schlechten Menschen, Durchlaucht,« mengte sich
Annuschka in das Gespräch. »Er wäre ein schlechter Diener, und das ist Wassili
nicht, wenn er sähe, dass sein Herr unruhig, und seine Augen hätten ihn nicht auf
jedem Schritt verfolgt. Er will nicht sprechen, Durchlaucht, er hat mich schon
früher gescholten, wenn ich ihn in Deinem Auftrage fragte, und meint, das hiesse
seinen Herrn verraten.«
    Wassili schoss einen ärgerlichen Blick auf die Schwester, schwieg aber
verstockt. Die Fürstin richtete sich auf.
    »Höre, Wassili,« sagte sie ernst, »ich würde nicht in meines Bruders
Geheimnisse zu dringen suchen, wenn es nicht sein eigenes Wohl gälte. Es ist
Wichtiges vorgefallen, Du musst mir Rede stehen und darfst bei allen Heiligen
nicht das Geringste verheimlichen. Ich befehle Dir also, ich, Deine Herrin, mir
zu sagen, was Iwan bis zum Morgen getan hat.«
    »Er hat mich zu Bett geschickt.«
    »Aber Du hast gelauscht?«
    Wassili kraute sich verlegen in den dichten Haaren.
    »Er schrieb, Mütterchen,« sagte er endlich, »der Herr hat viel geschrieben.«
    »Und dann?«
    »Dann ist er unruhig umhergegangen und ...« Er zögerte.
    »Wirst Du reden, Wassili!« fuhr ihn die Schwester an; »siehst Du nicht, wie
Du die Herrin bekümmerst?«
    »Ja, Annuschka,« sagte ausweichend der Russe, »ich kann doch bei meinem
Schutzheiligen nicht dafür, dass der Fürst seine Pistolen aus dem Schrank
genommen hat. Ich versichere Dich, er schloss sie richtig in seinen Schreibtisch
ein, nachdem er sie lange betrachtet hatte.«
    Die Fürstin winkte mit der Hand.
    »Genug, genug! - Ist der Fürst jetzt allein?«
    »Er war es, Mütterchen, aber - -«
    »Was?«
    »Ich sollte sagen, er schlafe noch, wenn Du nach ihm fragst, und dann, er
sei ausgegangen.«
    »Hat er Dir sonst einen Befehl gegeben?«
    »Ja, Mütterchen. Der Herr erwartet Besuch, und ich soll ihn sogleich in das
Zimmer führen, wo die vielen Bücher stehen.«
    Die Fürstin erhob sich.
    »Geh' auf Deinen Posten, Wassili, und achte sorgfältig auf Alles, was
geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder. Ich lade die Schuld auf
Dein Haupt, wenn das Geringste vorgeht, das ich nicht sofort erfahre.«
    Sie warf einen leichten Mantel um die Schultern, während Wassili, von der
Schwester zur Tür gewinkt, mit dem demütigen, aber in seiner Einfachheit
schönen Gruss der niederen Russen verschwand. Dann verliess sie durch eine andere
Tür das Zimmer.
    Die Fürstin nahm ihren Weg zu den Gemächern ihres Bruders, die, durch den
gemeinschaftlichen Salon und die Nebenzimmer von den ihren getrennt, nach dem
Garten hinauslagen. Eine kleine Tapetentür, welche direkt in das Toilettzimmer
des Fürsten führte und zur Unterhaltung des unbelästigten Verkehrs zwischen
Bruder und Schwester bisher gedient hatte, fand Iwanowna jetzt von Innen
verschlossen. Im Begriff, auf einem anderen Wege durch das eben von Wassili
bezeichnete Zimmer zu gehen, hörte sie fremde Stimmen von Aussen und sprang rasch
hinter die Portiere eines angrenzenden Kabinets, deren Schnuren sie löste.
    Die Falten bewegten sich noch, als Wassili mit einem Herrn eintrat. Die
Fürstin erkannte durch die Öffnung des Vorhanges den Marquis de Sazé, was ihre
Befürchtungen bestätigte und sie ihren Platz behaupten liess.
    Wassili ging, den Besuch zu melden, und augenblicklich erschien der Fürst
und nötigte seinen Gast, Platz zu nehmen. Er sah überwacht und blass aus,
beherrschte aber vollkommen seine Mienen.
    »Sie werden erraten, Durchlaucht,« eröffnete der Marquis die Unterhaltung,
sobald der Diener sich entfernt hatte, »in welcher unangenehmen Angelegenheit
ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdränge. Diese Zeilen des Herrn Capitain de
Méricourt erteilen mir unbeschränkte Vollmacht.«
    Der Fürst lehnte mit einer Handbewegung höflich die Durchsicht ab und
verbeugte sich zustimmend.
    »Ich muss Ihnen gestehen, Fürst,« fuhr de Sazé fort, »ich begreife eigentlich
das Vorgefallene nicht, und mein Freund, der Vicomte, eben so wenig. Wollen Sie
sich herablassen, uns einige Erläuterungen zu geben, so wird sich das
Missverständnis gewiss aufklären, und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen,
meinem Freunde in Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung
zu machen.«
    »Ich bedaure, Herr von Sazé,« sagte der Fürst.
    Doch der Andere unterbrach ihn:
    »Einen Augenblick noch, Durchlaucht, ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung
aussprechen. Sie wissen, dass es nicht Sitte der Franzosen ist, in einem
Ehrenstreit die Hand zu bieten, und namentlich eine solche Beleidigung, wie dem
Capitain widerfahren, anders als durch Blut zu sühnen. Ich bitte, würdigen Sie
also das wackere Benehmen Ihres Gegners, der in Berücksichtigung der bisherigen
Verhältnisse mit jeder billigen Erklärung zufrieden sein will.«
    Der Fürst entgegnete steif und frostig:
    »Obschon noch sehr jung, mein Herr, bin ich doch vollständig mit den
Gesetzen eines Edelmannes vertraut und würde gerade in Berücksichtigung der
Verhältnisse dem Herrn Vicomte nicht zumuten, mit einer Entschuldigung
zufrieden zu sein, die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin. Darf ich Sie um
Ihre weiteren Aufträge bemühen?«
    »Ich habe die Ehre, Ihnen die Forderung des Capitains de Méricourt zu
überbringen.«
    »Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch
einigermassen unbekannt. So viel ich weiss, pflegt man dergleichen Angelegenheiten
rasch abzumachen?«
    »Gewöhnlich ehe die nächste Sonne untergeht; sollten Sie jedoch Zeit
wünschen ...«
    Der junge Mann richtete sich steif empor.
    »Ich bitte, Herr Marquis!«
    »Also heute, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Ihre Waffen?«
    »Natürlich Pistolen, ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen.«
    »Ich werde die Ehre haben, mit Ihrem Secundanten das Weitere zu ordnen.
Wollen Sie mir Ihre Befehle deshalb erteilen?«
    »Sie sind sehr freundlich, Herr Marquis. Graf Wassilkowitsch hat in
Erwartung eines solchen Besuchs meine Vertretung bereits übernommen und wird die
Ehre haben, Sie in seiner Wohnung zu empfangen.«
    »So bleibt mir nur noch, mich Ihnen zu empfehlen, Durchlaucht. Leben Sie
wohl; ich bedaure, diesmal sagen zu müssen, à revoir!«
    Der Fürst zwang sich, zu lachen.
    »Unter Freunden, Marquis, sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich
übel nehmen. Wollen Sie nicht eine Cigarre? - Sie wissen, ich führe echte
Manilla.«
    Der Marquis nahm die gebotene Cigarre und steckte sie in Brand, Fürst Iwan
folgte seinem Beispiele und geleitete ihn nach einigen gleichgültig geplauderten
Worten bis in's Vorzimmer. Als er hierauf rasch in sein Kabinet zurückgekehrt
war und Wassili ihm wenige Augenblicke nachher folgen wollte, fand er in der
Mitte des Zimmers die Fürstin, bleich, die Hand auf das klopfende Herz gedrückt.
Sie hob den Finger drohend in die Höhe.
    »Bei Deinem Leben, Wassili, keinen Laut, dass Du mich hier gesehen!«
    Damit verschwand sie.
    Capitain Méricourt bewohnte den Garten-Pavillon hinter dem Hause seines
Schwagers in der Rue Avenue de Bourdonnaye, wenn er sich in Paris aufhielt. Ein
Vorzimmer, ein kleiner Salon, mit Waffen aller Art und Jagdtrophäen, darunter
mehreren riesigen Löwenhäuten, geschmückt, und zwei Kabinets nebst einem Gemache
für den arabischen und französischen Diener des Vicomte, bildeten das Gelass
dieses Hauses, in dessen unmittelbarer Nähe eine Gartenpforte durch die Mauer
nach einer kleinen Seitenstrasse führte und so den Bewohnern des Pavillons den
ungenirten Ein- und Ausgang gewährte.
    Es war kaum eine Stunde nach dem obigen Rencontre, als ein Fiaker in der
Seitenstrasse vor dem Zugang des Gartens hielt und zwei tief verschleierte Frauen
ausstiegen. Die Eine von ihnen läutete auf das Zeichen der Andern die Glocke und
nach kurzem Harren öffnete Mulei, der junge arabische Diener des Capitains, die
Pforte. Als er zwei Frauen vor sich sah, verneigte er sich nach maurischer Sitte
und nötigte sie, einzutreten.
    »Ist Capitain de Méricourt zu sprechen?« fragte die Zweite der
Verschleierten, anscheinend die Gebieterin.
    »Der Bei befindet sich in seinem Zimmer, Herrin. Wen befiehlst Du, dass ich
ihm verkünden soll?«
    »Sage Deinem Herrn,« erwiderte die Verschleierte, »dass eine Dame ihn in
einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte, die keinen Aufschub
gestattet. Ich würde ihm nur wenige Minuten rauben.«
    Der Maure verneigte sich nochmals mit über die Brust gekreuzten Händen und
bat die Frauen, ihm in das Vorzimmer zu folgen. Dann verschwand er hinter dem
schweren persischen Teppich, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück
und nötigte die Fremden in den Salon. Beide traten ein.
    Das Gemach bildete ein nur mittelgrosses Achteck und empfing sein Licht von
der Kuppel, von der ein schöner Bronceleuchter herabhing. Löwen- und
Panterfelle bildeten die Teppiche vor den orientalischen Divans, welche die
vier Seitenwände einnahmen, die nicht durch Türen unterbrochen waren. Prächtige
orientalische Waffen, von der langen Luntenflinte des Arabers bis zum kostbaren
Handjar von tunesischem Stahl, die Keule des Ashanten und der lange Bogen der
Dayaks, mit dem wallenden Burnus und dem verschlungenen Turban des Kabylen,
Antilopenhörner und Büsche von Straussfedern, die Schädelketten der Bewohner von
Bornu mit mächtigen Elephantenzähnen, dazwischen Gruppen prachtvoller moderner
und antiker europäischer Waffen, türkische Sättel und Zaumzeug mit prächtigen
Teppichen und zahllosen fremdländischen Gerätschaften bildeten in einzelnen
Gruppen-Decorationen an den Wänden den eigentümlichen Schmuck des Gemachs. Auf
den Tischen zur Seite standen und lagen zwischen Schaalen und tunesischen
Kunsterzeugnissen türkische Pfeifen, Schibuks und Nargilehs in buntem Gemisch.
    Nach wenigen Augenblicken trat der Capitain aus dem Nebengemach ein. Ein
weites orientalisches Gewand von weisser Wolle diente ihm zum Morgenrock und
fiel, von einem mit Gold durchwirkten tunesischen Shawl um die Hüfte gehalten,
über die faltigen Beinkleider von Purpurwolle, während ein Burnus von
gleichfalls weisser Farbe mit Gold durchwirkt um seine Schultern hing. Das weite
faltige Costüm kleidete die Heldengestalt des Offiziers und den kräftigen
männlich schönen Kopf bewundernswert.
    »Entschuldigen Sie, meine Damen,« sagte der Vicomte höflich, indem er sie
einlud, Platz zu nehmen, »dass ich Sie noch in Morgen-Toilette empfange, ich
wollte Sie jedoch nicht warten lassen und stehe deshalb zu Befehl.«
    Die Eine der beiden Frauen hob den dichten schwarzen Schleier, der ihr
Gesicht verhüllte.
    »Die Fürstin! - Mein Gott - Sie hier?«
    Iwanowna wandte sich zu ihrer Begleiterin.
    »Verlass uns auf einige Augenblicke, Annuschka, ich stehe unter dem Schutz
der Ehre des Herrn Vicomte.«
    Die Milchschwester der Fürstin verschwand in das Vorgemach.
    Méricourt ergriff die Hand der Dame und führte sie zum Divan. Die seine
zitterte lebhaft, die Röte hoher Erregung lag auf seinem schönen Gesicht.
    »So viel Glück und so viel Schmerz in einem Moment, Fürstin, es ist zu viel,
selbst für eine Männerbrust.«
    Das Antlitz des jungen Mädchens war bleich, aber eine aufopfernde feste
Entschlossenheit lag in jeder Miene, selbst ihre Stimme zitterte nicht.
    »Sie wissen, Vicomte, warum ich komme.«
    Der Franzose beugte sich mit schmerzlichem Lächeln auf ihre Hand, die er
gefasst hielt.
    »Sie werden sich noch heute mit Iwan, meinem Bruder, schlagen?«
    Eine leichte Neigung des gesenkten Hauptes gab ihr die Antwort.
    »Méricourt, Sie werden es nicht tun, - um meinetwillen.«
    »Es ist unmöglich, Fürstin, mein Leben steht zu Ihren Diensten, nicht meine
Ehre als Edelmann. Ihr Bruder verweigert jede Erklärung.«
    »Ich weiss es, ich war ungesehen Zeuge seiner Unterredung mit Herrn de Sazé.
Sagen Sie mir - wie kam es dahin?«
    »Bei meiner Ehre, Fürstin,« sagte der Offizier aufatmend und seinen Blick
zu dem Mädchen erhebend, »ich bin schuldlos daran, ich weiss es selbst nicht, und
dass mir noch auf Erden das Glück zu Teil geworden, Ihnen mündlich das sagen zu
dürfen, was Sie morgen durch den kalten Buchstaben meiner Abschiedsworte an Sie
erfahren hätten, - das erfüllt den geheimsten Wunsch meines Herzens. Ein böser
Dämon muss Ihren Bruder regiert haben. Seine Worte, seine Beleidigungen sind mir
unerklärlich. Ich fand ihn mit dem Obersten beim Spieltisch und geselle mich zu
ihm. Der Fürst war offenbar sehr aufgeregt und als ich ihn fragte, ob ich ihn am
Morgen zu einem Spazierritt abholen dürfe, wie wir früher verabredet, entgegnete
er heftig: er werde allein reiten, er brauche weder einen Vormund, noch - -«
    »Sprechen Sie!«
    »- noch einen Spion!«
    »Mein Gott!«
    »Ich war im ersten Augenblicke so bestürzt, dass mir fast die Fassung fehlte.
Einige Gesichter wandten sich gegen uns - man weiss, Fürstin, dass ich keine Memme
bin und bei Beleidigungen ruhig bleiben darf. Ihr Bild, Iwanowna, stand vor mir.
- Sie reden irre, Fürst, sagte ich und fasste seinen Arm, Sie haben mich
wahrscheinlich nicht verstanden. Kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. - Ihr
Bruder riss sich los. Ich habe Sie sehr wohl verstanden, mein Herr, sagte er
barsch, und wenn Sie meine Worte nicht verstehen wollen, so werden Sie
vielleicht Das verstehen. - Fürstin, er - -«
    »Zu Ende, zu Ende!«
    »Er hob die Hand gegen mich, einen Moment zwar nur, aber - er hob die Hand!«
    Der Capitain war bleich geworden bei der Erzählung.
    »Der Unglückliche!«
    Diesmal war es die Dame, die das Haupt vor dem Manne in unsäglichem Schmerz
beugte.
    Der Capitain schwieg, das Gefühl der schweren Beleidigung machte dem innigen
Mitleiden Platz bei dem Blick auf das erschütterte Mädchen.
    »Ich wiederhole Ihnen, Fürstin,« sagte er endlich, »ich weiss noch immer
nicht, was dieses Benehmen Ihres Bruders hervorgerufen hat, nur ein
Missverständnis oder eine Verleumdung kann die Veranlassung sein, doch leider ist
die Sache nicht mehr zu ändern. Sie kennen selbst das Weitere.«
    »Das ist Wassilkowitsch's Werk!« rief die Fürstin; »jetzt ist mir Alles klar
und mein Widerwille vor diesem Manne hat mich nicht betrogen. Ich weiss, Vicomte,
wie edel, wie grossmütig Sie gehandelt haben! Ich weiss, dass nach den Gesetzen
der Ehre unter Militairs eine solche Beleidigung nur durch den Tod des
Beleidigers gesühnt werden kann, und dennoch haben Sie dem Unglücklichen die
Hand zur Sühne geboten und nur seine Entschuldigung verlangt, Sie, der tapfere
Offizier, der Spiegel stolzen Rufs für alle Soldaten ...«
    »Ich bin es nicht mehr, Fürstin,« unterbrach sie Méricourt. »Heute Morgen
habe ich Herrn von Saint Arnaud meine Entlassung eingereicht.«
    »Wie, Sie haben - -«
    »Es war nötig, Fürstin, der Offizier konnte jene Sühne unmöglich bieten. -
Es war Ihr Bruder, Iwanowna!«
    »Und dennoch Alles vergeblich, - ich kenne seinen eisernen Sinn von Kindheit
auf, er würde sich eher zerreissen lassen, als durch eine Entschuldigung selbst
das erkannte Unrecht gut machen.«
    Sie hatte sich erhoben und ging leidenschaftlich im Salon umher.
    Der Vicomte schwieg und folgte ihr mit trauerndem Blick.
    Plötzlich blieb die Fürstin vor ihm stehen, ihre grossen Augen voll und klar
auf ihn gerichtet.
    »Das Duell darf nicht vor sich gehen, es darf nicht! - Er ist mein einziger
Bruder, der Letzte aus dem Hause der Oczakoff, einer der neun Familien, die von
Ruriks Stamme sind, edler selbst als die Romanoffs. Ich darf ihn nicht sterben
lassen! - Eugen,« es war das erste Mal, dass sie ihn bei diesem Namen nannte und
es durchzuckte den jungen Mann wie ein electrischer Strahl, - »Eugen, werden Sie
zum Engel des Erbarmens an uns, wie Sie bereits zum Helden geworden sind.
Fliehen Sie das Duell - weigern Sie dem Toren, ihn zu strafen, kommen Sie,
fliehen Sie mit mir. - Eugen, ich liebe Sie, und jeder Atemzug meines Lebens
soll Ihrem Glück gewidmet sein!«
    Der junge Offizier sank vor ihr nieder, er presste stöhnend im bittern Kampf
ihre zarten Hände auf sein brennendes Gesicht.
    »Sie verlassen Ihr Frankreich,« fuhr Iwanowna fort, »Sie gehen mit mir in
das herrliche Land, wo mildere, süssere Lüfte wehen, als hier, wo der Oleander
blüht und die Orange sich in den blauen Fluten des Meeres spiegelt. Nach
Taurien folgen Sie mir - nicht bloss der Kaiser hat dort seine erhabene
Phantasie, das Paradies Orianda, - an den Felsenvorsprüngen der Yaila-Alpen
prangen noch viele Stätten eben so herrlich, eben so schön, von deren
Klippenhöhe vielleicht Iphigenia einst hinüberschaute zum fernen Vaterlande, wo
Orestes die Schwester von der grausen Pflicht befreite. O, mein Freund, werfen
Sie es von sich das Vorurteil dieser sogenannten Civilisation, die von Ihnen
verlangt, das Blut Ihres Bruders zu vergiessen, des einzigen Wesens, was gleich
Ihnen mir teuer ist - -«
    Der Vicomte hatte sich emporgerichtet, auf der ehernen Stirn stand der
eherne Männerentschluss.
    »Sein Sie ruhig, Iwanowna, diese Hand wird nicht gerötet sein von dem Blute
Ihres Bruders!«
    »Sie gehen mit mir, Sie opfern mir Alles, Alles, Eugen?«
    »Ich gebe Ihnen Alles, was ich habe, Iwanowna, nur Eines bewahren Sie mir,
das ist, den unbefleckten Namen der Méricourt, den Namen meines Vaters. Es gibt
noch ein anderes Mittel, - bei meiner Liebe zu Ihnen, Ihr Bruder wird unverletzt
von dannen gehen!«
    Die Fürstin stürzte auf ihn zu.
    »Was sinnen Sie? - Das ist Mord an Ihnen selbst! Meinen Sie denn, dass der
törichte Knabe Ihren Edelmut würdigen wird? Sein Leben wäre Ihr Tod - geht das
Duell vor sich, so oder so - sind wir auf ewig getrennt.«
    Der Capitain wandte sich ab.
    »Es ist kein anderer Weg - Sie haben einen Namen zu verteidigen, Iwanowna,
auch der meiner Väter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden, selbst um
den himmlischen Preis nicht, den Sie mir gezeigt haben.«
    Sie warf sich schluchzend am Divan nieder; er setzte sich zu ihr und nahm
ihre Hand in die seine.
    »Warum trauern, Iwanowna,« sagte er freundlich, »nachdem Sie mich so
unaussprechlich glücklich gemacht? Warum trauern, dass uns ein persönliches
Missgeschick trennt, wo uns das Geschick der Völker in jedem Augenblick
unwiderruflich zu trennen drohte. - - Denken Sie, wie unendlich leichter es mir
sein wird, jetzt der Kugel Ihres erbitterten Bruders die Brust zu bieten für
Sie, als wenn das eherne Geschick der Schlachten uns gegenüber gestellt und die
kalte Berechnung der Politik Ihres Kaisers und seiner Nesselrode's und
Kisseleff's den Freund dem Freunde, den Bruder dem Bruder den Stahl in's Herz
stossen hiesse!«
    Die Worte, die Namen, schienen die Fürstin berührt zu haben, - einen
Augenblick schwieg sie wie nachdenkend, dann raffte sie sich rasch empor. Sie
schien ihre volle, eine kurze Zeit von der doppelten Aufregung gestörte Energie
wiederzugewinnen.
    »Wann soll das unglückliche Duell vor sich gehen?«
    »So viel ich weiss, gegen Abend, - um sechs Uhr.«
    »Eugen, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?« sie hob die Hände gegen ihn.
    »Jede, die sich mit meiner Ehre verträgt.«
    »Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus Allem hervorgehen.« Sie
drängte ihn freundlich zum Seitentisch, auf dem das Schreib-Necessaire stand.
»Schreiben Sie an Herrn de Sazé, nur einige Zeilen, dass das Duell erst morgen
früh um dieselbe Stunde stattfinden könne, - nehmen Sie irgend einen Vorwand -
die Ordnung Ihrer Angelegenheiten -«
    »Aber ich darf nicht - ich kann nicht - Sie sinnen eine List ...«
    »Bei dem Grabe meiner Mutter, ich sinne Nichts gegen Ihre Ehre! Ist das
Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwölf Stunden wert? -
Galt Ihnen das Geständnis meiner Liebe so wenig?«
    Er reichte ihr die Hand.
    »Es ist unnötig, dass ich schreibe, - der Marquis hat versprochen, in einer
halben Stunde hier zu sein und ich gebe Ihnen mein Wort, dass Ihr Wille erfüllt
werden soll, dass Arrangement wird sich leicht treffen oder ändern lassen, ohne
aufzufallen. - Fürstin, ich ahne Ihren Grund - Sie wollen Ihren Bruder bewegen -
möge Gott seinem Engel zu dem Werke des Friedens helfen. Ich werde glücklich
sein, diese Lösung von Ihrer Hand annehmen zu können.«
    Sie sah ihm trübe lächelnd in die heiterer gewordenen Augen.
    »Meinen Dank, mein Freund, meinen innigen ewigen Dank! - und jetzt - mein
Lebewohl!«
    Sie wandte sich rasch nach der Tür, er eilte ihr nach, aber sie selbst
kehrte sich an dieser noch einmal zu ihm. Ihre Hände fassten die seinen - ihre
Augen hafteten auf den seinen, Minuten lang, innig und zärtlich, und doch wie
unter dem Flor einer tiefen Traurigkeit. Er zog sie näher, - unwillkürlich - im
stummen Glück - ruhten ihre Lippen einen Moment auf den seinen voll und heiss -
dann rauschte die Portiere hinter ihr zusammen - sie war verschwunden!
    Der Vicomte trat in's Seitenzimmer, die teure Gestalt noch ein Mal zu
sehen; eben eilte sie mit Annuschka, von dem Araber begleitet, durch die Pforte
- im nächsten Augenblick rollte der Wagen davon. -
    Als der Fiaker in die Rue de Grenelle gebogen war, befahl Annuschka dem
Kutscher:
    »Nach der Faubourg St. Honoré 33, Hotel der russischen Gesandten.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Fürst Iwan, - durch ein Billet des Grafen Wassilkowitsch von der veränderten
Bestimmung des Rendezvous in Kenntnis gesetzt, - hatte eben seinen gewöhnlichen
Besuch im Palais und Büreau der Gesandtschaft gemacht und wollte sich entfernen,
als Herr von Kisseleff, der damalige Vertreter Russlands in Paris, ihn in sein
Kabinet rufen liess. Etwas beunruhigt folgte er dem Boten, sah sich aber in
seiner Besorgnis getäuscht, da der Gesandte ihn auf's Freundlichste empfing, mit
keiner Sylbe ein Kenntnis des vorgefallenen Zwistes an den Tag legte und ihn
einlud, mit ihm en deux zu speisen, da mehrere geheime Depeschen zu erledigen
wären, wegen deren er für die nächsten Stunden seiner Hülfe in Anspruch nehmen
müsse.
    Im Ganzen war es dem jungen Mann nicht unlieb, einen Vorwand zu finden, der
ihm erlaubte, nicht in sein Hotel zurückzukehren und so den Fragen der Schwester
auszuweichen. Vor Abend hatte er ohnehin keine Bestimmung über seine Zeit
getroffen, und die Stunden vor einem Duell allein zu verbringen, ist eben für
Keinen angenehm. So fügte er sich also gern und die Arbeit zerstreute ihn. Aber
Stunde auf Stunde verrann, der Gesandte, der von Zeit zu Zeit das Kabinet
verliess und ihn bei der Arbeit einschloss, häufte immer neue Manuscripte vor ihm,
und die Zeit nahete, zu der er versprochen hatte, an einer anderen Stelle zu
sein.
    Abgespannt und ärgerlich warf er endlich die Papiere zur Seite. Die
Depeschen waren vollendet und er nahm seinen Hut, um sich zu entfernen. Die Uhr
im Kabinet zeigte eben halb Zehn, als Herr von Kisseleff wieder eintrat und die
letzten Unterschriften vollzog.
    »Ich muss Sie noch einen Augenblick bemühen, Fürst,« sagte er artig; »die
Secretaire haben bereits das Hotel verlassen und ich bitte Sie, die Papiere zu
couvertiren.«
    Der Fürst gehorchte. Der Gesandte legte noch eine eigenhändige Depesche dazu
und das Briefpacket wurde fertig gemacht. Herr von Kisseleff schellte.
    »Ist der Wagen bereit?« fragte er den eintretenden Jäger.
    »Zu Befehl, Excellenz.«
    Der Diener trat ab.
    »Jetzt, Fürst, muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass diese Depeschen,
wie Sie sich selbst überzeugt haben, von der höchsten Wichtigkeit sind. Den
Telegraphen können wir in dieser Angelegenheit nicht benutzen, die Gründe liegen
auf der Hand. Sie werden daher auf Ihr Ehrenwort dieses Paket nicht von Ihrer
Seite lassen, bis Sie es dem Herrn Staatskanzler selbst übergeben haben.«
    »Wie? ich - -?«
    »Allerdings, Sie selbst. Ich bin genötigt, Sie damit als Courier nach
Petersburg zu schicken, da ich augenblicklich Niemand weiter zur Disposition
habe, dem ich so wichtige Interessen anvertrauen könnte. Sie werden mit dem Zug
um eilf Uhr nach Brüssel abreisen.«
    »Aber Excellenz - das ist unmöglich! Ich bin nicht im Geringsten
vorbereitet.«
    »Das ist unnötig, - es ist Alles getan; die Fürstin, Ihre Schwester, hat
für Alles gesorgt und wird Sie begleiten.«
    Er öffnete die Seitentür, Iwanowna trat ein im Reisekleide.
    Dem jungen Manne schwirrte und dunkelte es vor den Augen. Das Blut schoss in
Strömen ihm zum Kopf, er fühlte, dass er überlistet worden.
    »Ich werde Paris nicht verlassen, mein Herr! Ich habe morgen früh eine
Ehrenverpflichtung und will nicht das Spielwerk einer Intrigue sein, die ich
durchschaue.«
    
    Iwanowna eilte auf den Bruder zu, sie hing sich an seinen Hals.
    »Iwan, bedenke, was Du tust!«
    Der Gesandte trat dicht an ihn heran.
    »Fürst Oczakoff, ich befehle Ihnen im Namen des Kaisers, ohne Widerrede zu
gehorchen. Sie werden auf der Stelle abreisen. Denken Sie an Sibirien!«
    Der junge Mann knirschte. Er wand sich in den umschlingenden Armen der
Schwester.
    Herr von Kisseleff legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in
freundlicherem Tone:
    »Es ist unbedingt nötig, dass Sie reisen, Fürst, um Ihrer selbst willen. Ich
weiss Alles; Sie haben eine bittere Uebereilung begangen und wollen dieselbe
durch ein Verbrechen wieder gut machen. Der Kaiser würde Ihnen nie verzeihen,
wenn in diesem kritischen Augenblick, wo Alles auf dem Spiele steht, Ihre
törichte Heftigkeit einen Eclat mit dem französischen Kabinet herbeiführte.
Ihre Ehre und Ihr Name müssen gewahrt werden, und deshalb zwinge ich Sie im
Namen des Kaisers, abzureisen. Ihr Secundant hat bereits Stubenarrest; ich
selbst werde Ihre Entschuldigung und Rechtfertigung bei Ihrem ehrenwerten
Gegner übernehmen.«
    Der Fürst beugte das Haupt. Er sah, dass ihm jeder Ausweg abgeschnitten war
und er sich fügen müsse.
    »Ich werde reisen, hätte aber von Euer Excellenz mehr Rücksicht erwartet.«
    »Sie sind ein törichter junger Mensch,« sagte der Gesandte achselzuckend.
»Danken Sie der Aufopferung Ihrer schönen Schwester, dass Sie mit so vieler
Rücksicht behandelt und aus jeder Ihrer unwürdigen Stellung hier mit Ehren
gezogen werden.« Er hob warnend den Finger »Uebrigens könnten Sie leider bald
Gelegenheit erhalten, Ihre Rauflust vielleicht selbst an Ihrem heutigen Gegner,
den ich achte und schätze, auf einem würdigeren Felde zu kühlen.«
    »Haben Euer Excellenz noch Etwas zu befehlen oder bin ich entlassen?«
    »Nichts weiter. Ich habe Ihr Ehrenwort, dass Fürst Oczakoff diese Depeschen
richtig und ohne Zeitverlust in Petersburg abliefern wird?«
    »Mein Ehrenwort!«
    »Fürstin! Sie sind mir Zeuge und Bürge für Ihren Herrn Bruder. Ich wollte
Sie erst selbst zum Bahnhof begleiten, verlasse mich aber ganz auf Sie.«
    »Die Ehre meines Bruders ist die meine. Leben Sie wohl, mein Herr, und
genehmigen Sie nochmals meinen innigen Dank.«
    »Auf glückliche Reise also, Fürst, und ohne Groll. Ich muss Sie verlassen,
denn ich habe Berichte zu empfangen. Es ist etwas Wichtiges vorgegangen; man hat
heute Abend ein Attentat auf den Kaiser Napoleon entdeckt und es sollen viele
Verhaftungen in der komischen Oper vorgekommen sein. - Leben Sie wohl!«
    Er reichte Beiden die Hand, die Fürst Iwan schweigend und zögernd annahm,
und geleitete sie bis zum Vorsaal. Diener des Fürsten standen hier bereit, im
Hofe des Palais harrte eine Chaise.
    »Wir finden unseren Reisewagen bereits auf dem Bahnhofe, Iwan,« sagte die
Fürstin freundlich; »Wassili und Annuschka werden uns allein begleiten, die
Anderen folgen.«
    Der Fürst verharrte noch immer in mürrischem Schweigen, während der Wagen
durch die Strassen rollte. Plötzlich als er auf den Place de la Madeleine bog,
fasste er die Hand seiner Schwester.
    »Iwanowna,« sagte er zärtlich, »ich habe mich in den Willen des Gesandten
und in Deinen Wunsch gefügt, und ich schwöre Dir, willig abzureisen, ohne einen
Versuch in Betreff des Ehrenhandels zu machen, den Dein Scharfsinn und Deine
Liebe entdeckt und verhindert hat. Aber ich habe eine Bitte an Dich, von deren
Erfüllung mein Leben abhängt.«
    »So habe Vertrauen zu mir; Du weisst, wie das meine nur in dem Deinen
besteht.«
    Der Fürst zeigte seine Uhr.
    »Es ist zehn Uhr,« sagte er; »um Eilf geht der Zug. Wir haben noch eine
volle Stunde Frist. Gieb sie mir - ich kann nicht scheiden von Paris, ohne eine
andere Verpflichtung gelöst, ohne Jemand, wenn auch nur einen einzigen
Augenblick, gesprochen zu haben, der mich zu dieser Stunde bereits erwartet.«
    »Iwan, Du hintergehst mich!«
    »Bei dem Grabe unserer Mutter - nein! Aber ich schwöre Dir eben so, dass
keine Macht der Welt mich lebendig aus Paris bringt, wenn Du mir diese Bitte
verweigerst. Schwester - ich will - ich muss sie noch ein Mal sehen!«
    Die Fürstin schaute ihn an - ihr Herz gedachte der eigenen Liebe, die sie
vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen.
    »Wann wirst Du am Bahnhof sein?«
    »Eine Viertelstunde vor der Abfahrt. Bei der Unbefleckteit unseres Namens!
ich vertraue Dir diese Papiere an, Du kennst ihre Wichtigkeit und was sie mich
kosten. Und jetzt - jede Minute ist verloren. - Dank, Iwanowna, tausendfachen
Dank. Du rettest mich vor Verzweiflung.«
    Er rief den Kutscher, der Wagen hielt, Iwan öffnete den Schlag.
    Die Fürstin hielt ihn zurück.
    »Noch einen Augenblick! Iwan, Du gehst nur zu einer Dame?«
    »Bei meiner Seligkeit! Meine Ehre ist Dir und dem Gesandten verpfändet.«
    Er verschwand im Gedränge an der Kreuzung der Strassen.
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    Auf dem Nordbahnhof wogte das Leben und Treiben der Reisenden, der
Commissionaire, Beamten und Packträger.
    Die grosse Uhr am Hauptgebäude hatte drei Viertel auf Eilf geschlagen. Die
Fürstin sass im Coupé mit Annuschka, Wassili stand am Schlage, alle Drei schauten
aufmerksam nach den Eingängen, mit jedem anrollenden Wagen den Fürsten
erwartend.
    Die Glocke läutete zum ersten Male. Es war zehn Minuten vor Eilf.
    Das schöne Gesicht der Fürstin begann sich zu verfinstern, in der kleinen
Falte zwischen den Brauen, im Strahl des Auges lag der Unwille, gepaart mit der
ängstlichen Besorgnis.
    Wassili und Annuschka bemühten sich, diese durch allerlei Vermutungen zu
zerstreuen.
    Wagen auf Wagen rollte heran - keiner brachte den Fürsten. Die Minuten
schienen mit Windeseile zu entfliehen.
    Es litt die Fürstin nicht länger im Waggon, - sie trat auf den Perron; die
Uhr in ihrer Hand zitterte vor der innern Aufregung.
    Drei Minuten vor Eilf!
    Eine eisige Entschlossenheit, jener Zug unendlicher Willenskraft, der um den
herrlichen Mund lag, verbreitete sich über das ganze Gesicht. Sie winkte Wassili
heran und legte die Hand auf seine Schulter.
    »Höre wohl an, was ich Dir sage. Es handelt sich um Tod und Leben, - um die
Ehre der Oczakoff! - Ich kann nicht glauben, dass Fürst Iwan sein Wort gebrochen
- ich kenne ihn, sein Wort ist ihm heiliger, als das Leben. Kommt er nicht, so
muss ein unvorhergesehener Zufall, ein Unglück geschehen sein. Der Zug geht ab,
ich mit ihm. Das Wort und die Ehre der Oczakoff müssen rein bleiben im
Vaterlande!«
    Ihr Busen hob sich keuchend, sie rang mit der Erregung - Wassili, der
leibeigene Milchbruder, horchte schweigend den Worten.
    »Hier ist meine Börse, Wassili - für's Erste genug. Du bleibst hier und
weichst nicht aus Paris, bis Du Iwan ermittelt und gefunden. Ich kenne Dich,
Wassili, und weiss, dass sein Leben das Deine ist. Sage ihm, er solle rasch und
heimlich folgen, ich hätte unterdess seine Ehre gewahrt. Kein Wort im Hotel,
Wassili, von dem Verschwinden des Fürsten - bei Deinem Leben! bei dem Leben
Deiner Schwester: Iwan ist abgereist mit mir!«
    Die Glocke erklang zum dritten Male - kein Iwan zu sehen! - sie sprang in
den Waggon, - mit gekreuzten Armen stand der Diener vor der Tür, die der
Conducteur eben schloss.
    »Lebe wohl! Treu und verschwiegen!«
    - Dahin brauste der Zug! - -
 
                                Die Blutbrüder.
Unterhalb Ragusa, wo Richard Löwenherz auf der Rückkehr aus Palästina landete,
um österreichische Treue zu erfahren, - wo Dalmatien im prachtvollen Golf von
Cattaro endet, hat der Kaiserstaat im Wiener Congress eine schmale Küstenstrecke
bis zur Bucht von Antivari sich vorzubehalten verstanden, die ein tapfres, in
der neueren Geschichte vielgenanntes Heldenvolk - die Montenegriner oder
Czernagorzen - von der natürlichen Gränze seiner Berge, dem adriatischen Meere,
trennt. Die Politik der europäischen Staaten hat damit ein Volk, das seit vier
Jahrhunderten den Kampf gegen den Halbmond führt, isolirt und von seiner
zeitgemässen Entwickelung abgeschnitten: - sein Heldentum, seinen in dieser Zeit
der Verflachung und des Eigennutzes spartanisch erhabenen Charakter vermochte
sie ihm nicht zu nehmen, und Oesterreich selbst unterlag noch vor wenigen Jahren
im Kampfe gegen das kleine Bergvolk.
    Czernagora, - das Land der schwarzen Berge, - Montenegro in der Sprache der
Italiener und der Diplomatie, bildet mit der Berda das kleine, kaum 80-90
Quadratmeilen grosse, Berg- und Felsengebiet, das zwischen der Herzogewina im
Norden, Bosnien im Osten, Albanien und dem Paschalik von Scutari im Süden,
hundert Angriffen der Türken siegreich widerstanden hat und schon seit dem Jahre
1703 als gänzlich von der Pforte losgerissener unabhängiger Freistaat zu
betrachten ist. So nahe den sogenannten civilisirten Staaten Europa's, ist dies
Volk doch in Sitten, Denken und Fühlen ein ganz anderes, verschiedenes. Nur das
corsische ähnelte ihm, ehe die französischen Präfecturen es um seine
Eigentümlichkeit und Selbstständigkeit betrogen haben.
    Die Bevölkerung von Czernagora, Uskoken - die Geächteten, - wie sie sich mit
Stolz nannten und noch nennen, stammt von den flüchtigen Serben, die dem
Blutbade von Kossowo und auf dem Amselfelde entronnen, mit dem Sultan Amurat I.
am 5. Juni 1389 das grosse serbische Reich vernichtete. Seitdem sind die
schwarzen Berge der Zufluchtsort aller kühnen Flüchtlinge aus Bosnien, Serbien,
Albanien, und nicht bloss der gemisshandelte Rajah, dessen rächende Hand den
tyrannischen Unterdrücker erschlug, auch der abenteuernde Moslem selbst, der für
seinen Kopf oder seine Freiheit fürchtet, flüchtet hierher und findet Schutz und
Aufnahme. So ergänzt sich diese kühne Bevölkerung, fortwährend decimirt durch
ihre inneren und äusseren Kämpfe, durch ihre Blutrache und ihre Privatfehden,
immer wieder durch neuen Zuwachs aus den kühnsten und kräftigsten Elementen des
Slaventums. Der Nationalzug, das historische Erbe des Volkes, ist der nie
ruhende, fortglühende Hass gegen den Halbmond; seine Historie, welche seine
Piesmen1 besingen, besteht in den Schlachten und Kämpfen mit diesem. Iwo der
Schwarze, von dem das Land den Namen führt, schlug schon 1450 den furchtbaren
Mohamed II. bei Keinowska und erbaute den Hauptort des Landes, Cetinje. Von
jener Zeit ab dienten die Czernagorzen dem Norden Italiens als Damm gegen die
Eroberungen des damals so furchtbaren und gefürchteten Halbmondes. Mit ihrer
sicilianischen Vesper, der schrecklichen Blutnacht zu Weihnacht des Jahres 1703
unter dem Vladiken Danilo Petrowitsch Nieguschi, in der alle Moslems im Lande
erschlagen wurden, befreiten sie sich von dem Zeichen der Abhängigkeit, dem
Haradsch oder Kopfgeld. Seitdem wütete der gegenseitige Kampf fast
ununterbrochen fort. Der Aufruf Czar Peters des Grossen an die orientalischen
Christen zur Teilnahme am Kriege gegen den Sultan machte das Volk zuerst in
Europa bekannt. Die Czernagorzen allein hatten damals den Mut, sich zu erheben,
und das Heer des Seraskiers Achmed Pascha, an 50,000 Mann stark, wurde von den
tapferen Bergbewohnern bei Czarew-Laz geschlagen. Von jener Zeit her schreibt
sich der russische Einfluss und die Sympatie für das Czarenreich in Montenegro.
Seitdem auch suchte und erhielt der Vladika, das geistliche und politische
Oberhaupt des Landes, seine Bischofsweihe in Petersburg.
    Zwei Jahre nach der eben erwähnten Niederlage überzog Kiuprili Pascha mit
120,000 Mann das Land und verwüstete es mit Feuer und Schwert, indem er
verräterisch den selbstgebotenen Frieden brach und die übergebenen Geisseln
mordete. 1727 rächten die Krieger der Berge diesen Verrat durch den Sieg über
Tschengitschbeck. Am 25. November 1756 schlug der Vladika Wassili Petrowitsch
den Wessier von Bosnien in den Pässen von Brod. - Die französische Republik
wurde nach den Siegen in Egypten über die Türken von allen Griechen-Sclaven als
Befreier begrüsst; als aber Napoleon I. mit dem Sultan ein Bündnis schloss, sahen
sich auch die Czernagorzen in ihren Hoffnungen getäuscht und wandten sich auf's
Neue zu Russland. Dem petersburger Vertrage zum Trotz übergaben die Einwohner von
Cattaro ihre Stadt dem russischen Admiral Seniawin; mit russischen Hülfstruppen
belagerten die Czernagorzen General Lauriston in Ragusa, erlitten aber hier eine
Niederlage. 1813 eroberten sie Budva und am andern Tage, den 12. September,
Troitza durch Sturm von den Franzosen, und obschon im Frühjahr 1814 Kaiser
Alexander, in treuloser Diplomatie vergessend und opfernd die Dienste und
Ansprüche seiner tapfern Bundesgenossen, ihren Hafen Cattaro an Oesterreich
abtrat, wollten sie doch von dem alten Schutzherrn nicht weichen, bis die letzte
Patrone verschossen war.
    Im Jahre 1820, als der durch seine Grausamkeit berüchtigte Wessier
Dschelaluddin auf's Neue einen Versuch machte, das Bergland zu unterjochen,
errang Vladika Peter I. einen vollständigen Sieg. Dieser und sein ihm folgender
Neffe, Peter II., der 1830 in Petersburg zum Bischof geweiht wurde und des
Grosswessiers Mehmed Reschid regelmässige Truppen - 7000 Mann - mit 800
Bergkriegern schlug, sind die Regeneratoren Czernagora's und haben Bedeutendes
für sein Emporblühen und seine Kräftigung getan. 1840 und 41 erfochten die
Montenegriner wiederum zahlreiche Siege gegen den berüchtigten Wessier der
Herzogewina, Ali, dann beschränkte sich der Kampf auf die gewöhnlichen nie
rastenden Gränzfehden, bis zur Zeit unserer Geschichte der Serdar von Bosnien,
Omer Pascha, von Norden und Osten, Osmann, der Pascha von Skadar (Scutari), von
Süden aus gegen sie zu Felde zog.
    Das Land ist in vier Nahien oder Bezirke eingeteilt: Czernitza,
Lieschanska, Rietschka und Katunska-Nahia; der letztere ist der nördlichst
gelegene. Jeder dieser Bezirke oder Grafschaften umfasst eine Anzahl Plemen oder
Stämme, deren das ganze Volk vierundzwanzig zählt. Hierzu kommt noch das Gebiet
der Verdas, der sieben Berge, welche Montenegro umgeben, und deren Bewohner mit
dem Freistaat verbündet sind. Jeder der Stämme besteht aus Familien oder
Brüderschaften, Brastwo, die eine Gemeinde bilden, deren Glieder sich alle unter
einander als Verwandte betrachten. Der Vladika, das geistliche Oberhaupt, seit
hundert Jahren aus dem Stamme Njegosch, regiert mit einem Senat von Cetinje aus
das Land, und zwar selbstständig, nachdem Peter II. die neben dem Vladikat
bestandene Einrichtung eines Gobernatore oder Regenten in Civildingen
abgeschafft und die Familie Radonitsch, in der das Amt erblich war, vertrieben
hat.
    Nach dem Tode Peters II. trat sein zum Nachfolger von ihm erwählter Neffe
Danilo Petrowitsch Njegosch Ende Februar 1852 die gewöhnliche Reise nach
Petersburg an, angeblich um die Weihe als Bischof sich erteilen zu lassen. Doch
schon von Wien aus tat er dem Senat kund, dass er der geistlichen Würde zu
entsagen und die Meinung des Volks darüber zu hören wünsche, um dann die
Ermächtigung des Czaren zu suchen. Die zum 21. Mai nach Cetinje einberufene
Volksversammlung sprach sich einstimmig für die vorgeschlagene Trennung der
weltlichen von der kirchlichen Macht und für die Vererbung der Fürstenwürde im
Mannesstamme des Hauses Njegosch aus, und Fürst Danilo liess nach seiner Rückkehr
in Cetinje dem versammelten Volke ein Schreiben des Czaren Nikolaus vorlesen, in
welchem dieser, als Oberhaupt der griechischen Kirche, Danilo Petrowitsch zur
Annahme der weltlichen Fürstenwürde und zur selbstständigen Ernennung des
Bischofs ermächtigte, der in Zukunft der Kirche in Montenegro vorstehen sollte.
Dies offene Eingreifen des Czaren, das Montenegro fast als eine russische
Provinz erscheinen liess, reizte die Pforte zum Einschreiten, die immer noch
nicht die tatsächliche Unabhängigkeit des kleinen Freistaats anerkannt hatte
und die Montenegriner nie anders als Rebellen betrachtete, die nur die
Unzugänglichkeit ihres Gebiets und die geringe Macht der Pascha's vor
Unterjochung schützte. Die Pforte zog unter Omer Pascha in Bosnien Truppen
zusammen, um die Montenegriner zum Gehorsam zu bringen. Fürst Danilo kam ihr
zuvor; er züchtigte mit 1000 Kriegern den abgefallenen Stamm Piperi; 30
Czernagorzen aus dem Stamme Ceklin überfielen am 11. November die kleine
türkische Festung Zabljak und nahmen sie. So entspann sich der Krieg.
    Fürst Danilo räumte zwar, auf Anraten Oesterreichs, am 25. December wieder
die gewonnene Veste und zog sich in die Gränzen seines Landes zurück, aber die
Pforte, die vor Kurzem die ewig revoltirenden Begs Bosniens und der Herzegowina
durch Ströme von Blut unter der eisernen Zuchtrute Omer's zum Gehorsam gebracht
hatte, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, das unabhängige Montenegro zu
unterjochen, und seine Truppen schlossen es von allen Seiten ein. Eine
Proclamation des Serdars drohte die völlige Ausrottung aller Bewohner und seine
Taktiki's (regelmässige Truppen) und Arnauten schienen die Drohung alsbald wahr
machen zu wollen und begingen die scheusslichsten Grausamkeiten gegen Frauen,
Kinder und Hilflose. Im kleineren Kriege blieben freilich die leicht
beweglichen, mit allen Schluchten und Schlupfwinkeln ihres Gebirges vertrauten
Montenegriner überall Sieger und brachten den Türken nicht unerhebliche Verluste
bei. Am 10. Januar griffen die Türken die Distrikte Piwa und Zupa an; in der
Nacht zum 16. brachen die Montenegriner in das türkische Lager ein und Fürst
Danilo drängte am 18. den Feind aus dem Zetatal wieder zurück. Dagegen
erstürmten am 19. die Türken das befestigte Haus des Wojewoden Jakob Wujatich
von Grahowo und nahmen ihn mit vierzig Gefährten gefangen, und Omer Pascha
eroberte das tapfer verteidigte Dorf Martinis unweit Spus am 24. und bedrohte
Cetinje. Doch schon am 27. wandte sich wieder das Kriegsglück. Die Bergvölker
schlugen die Moslems bei Limajani, widerstanden dem Sturme Selim Pascha's auf
die Dörfer Boljevice, Limajani und Sotonica am 5. Februar und auf das Dorf
Gedinje in der Czernitza Nahia am 16. Das Lager Omer's selbst war in der Nacht
zum 9. bei der Brücke von Uzicki Most in der Nahia Bielopavelska vom Fürsten mit
3000 Kriegern überfallen und das türkische Heer mit grossem Verlust in wilder
Flucht bis Spuz zurückgejagt worden, und die Türken mussten sich nach Lesine
zurückziehen und am 25. Februar gänzlich Montenegro räumen, da Oesterreich an
der serbischen Gränze Truppen zusammenzog und durch seinen ausserordentlichen
Gesandten, Feldmarschall-Lieutenant Grafen Leiningen in Constantinopel, von
Russland unterstützt, die Einstellung des Krieges, strenge Untersuchung der
Beschwerden der bosnischen Christen und die Entfernung der ungarischen
Flüchtlinge aus Omer Pascha's Heer forderte. Die Pforte musste nachgeben und Graf
Leiningen verliess am 14. mit der verlangten Note Constantinopel.
    Zugleich begann die Differenz mit Russland in der Frage der heiligen Stätten;
der Czar stellte seine Forderungen, Fürst Mentschikoff traf damit am 28. Februar
am Bosporus ein und bald war die Pforte in der Notwendigkeit, ihre Streitkräfte
an andere Punkte verlegen zu müssen. Am 24. Mai erteilte Omer Pascha in Scutari
dem türkischen Heere den Befehl zum Aufbruch nach der Donau und nur drei
Bataillone verblieben im Paschalik und wurden nach Scutari, Podgoriza und
Antivari verteilt. Fürst Danilo hatte sich, um durch ein näheres Schutzbündniss
seine Macht zu stärken und verschiedene Veranlassungen zu Gränzstreitigkeiten zu
beseitigen, am 25. April nach Wien begeben und war nach einem überaus
freundlichen Empfang am 7. Mai nach Cetinje zurückgekehrt. Bald darauf auch
verbreitete sich die Nachricht, dass ein russischer Emissair, der Oberst Berger,
in Montenegro eingetroffen sei, und während die Angelegenheiten in
Constantinopel sich immer drohender verwickelten und bald zum offenen Bruch
führten, wuchs in allen griechisch-slavischen Provinzen die Gährung unter der
christlichen Bevölkerung immer höher und mächtiger, und auch an den Gränzen
Czernagora's brach trotz der bestimmten Befehle des Fürsten Danilo der kleine
Plänklerkieg mit seinen gegenseitigen Raub- und Abenteuerzügen auf's Neue aus.
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    Wo der prächtige felsenumgürtete See von Skadar (Scutari) sich hinabzieht
gegen das gleichnamige Bollwerk des türkischen Albaniens, noch jenseits der von
den Montenegrinern in Besitz genommenen Inseln Sanct Nicolaus, Stavena und
Morakowitsch, liegt ein Felseneiland, wild und rauh, wie die Gebirge der
Czernitza selbst, gleichsam als Vorposten gegen die türkische Veste, häufig von
einzelnen Streiftrupps der unruhigen Bergbewohner besucht, teils um hier auf
den Oko's2 die schmackhafte Ukljeva zu fangen, teils um von hier aus ihre
ewigen Gegner, die Türken, zu beobachten.
    Ein köstlicher milder Juli-Abend lag auf den blitzenden Wellen des schönen
See's, die der scharfe Wind aus den Schluchten des Sutorman von Süden her in
leichte Bewegung setzte. Unter einer schroff am See emporsteigenden Klippe,
geschützt durch einen mächtigen Felsblock vor dem Luftzug und den Späherblicken,
lagerte eine bunte Gruppe, aus fünf Personen bestehend, um ein kleines Feuer, an
dem ein Holzspiess mit den schmackhaften Weissfischen des See's briet, während die
zu der Gruppe gehörende Frau das Castradina, das Lieblingsgericht der
Czernagorzen aus geräuchertem Fleisch auf serbische Art bereitete. Hoch oben auf
dem Felsen, nach der gewöhnlichen Sitte seines Volkes auf Wachtposten, lag eine
sechste Gestalt in den zottigen braunen Mantel des Hochlands gehüllt, Auge und
Flinte gegen die Seite von Skadar gekehrt und auf der weiten Fläche des See's
jedes kreuzende Boot, ja selbst die dahin streifende die Wellen berührende Möwe
bespähend.
    Das Haupt der Gruppe am Felsen war ein Greis von wahrhaft furchtbarem
Aussehen. Das weisswollene Hemd, Hals und Brust offen lassend und in der Mitte
von einem Gürtel zusammengehalten, in dem eine lange Pistole hing und der
säbelgleiche Handjar mit schwer von Silber beschlagenem wohl einen Fuss langen
Griff steckte, umschloss einen Körper von wahrhaft riesigen Formen. Um die
Schultern von kolossaler Breite hing die Struka, der braune zottige bis über die
Hüften reichende Mantel der Czernagora. Das Bein war zur Hälfte von einem kurzen
türkischen Beinkleide bedeckt, während an den Füssen die Opanka befestigt war,
jene leichte elastische Sandale, die sich vorzüglich eignet, um Berge hinan zu
klimmen und von Fels zu Fels wie der Gemsenjäger zu springen. Das
Charakteristische an der Figur des Alten zeigte der mächtige Kopf, der auf
diesem Riesenleibe sass. Der Scheitel war halb kahl bis auf die Mitte des
Schädels, nicht durch den Mangel an Haaren, sondern nach der Sitte des Volks
rasirt, denn rechts und links und von der hinteren Hälfte fiel mähnenartig ein
starks graues Haar in langen Strängen und Flechten auf den Stiernacken herunter
und vereinigte sich um Mund und Kinn mit einem gleichen rauhen Bart, den der
Alte von Zeit zu Zeit wohlgefällig strich. Stirn und Gesicht bildeten dazu ein
förmliches Gewebe von Runzeln, Falten und Narben, aus dem über der langen
schnabelartig gebogenen Nase ein dunkles rastloses Auge mit einem Glanz und
einem unstäten Ausdruck funkelte, der häufig etwas Wahnwitziges an sich trug.
Das andere Auge war erblindet, von einem Schlag ausgelaufen, und die leere
Höhlung erhöhte das Unheimliche des Gesichts, das durch einen breiten Mund mit
glänzenden wolfsartigen Zähnen gleichfalls nicht gewann. Dies Haupt war von der
beim Volke eingebürgerten Kopfbedeckung beschattet, dem tücherumwundenen Fez,
der dadurch die Form eines Turbans gewinnt. Die furchtbarste Beigabe des
Gesichts aber war ein im Rauch gleich den Köpfen der Neuseeländer getrocknetes
Menschenhaupt, das in seiner ganzen Scheusslichkeit an einer starken durch den
Schädel gezogenen Schnur gleich einem Amulet oder einer Zierrat um den Hals und
auf der Brust des Alten hing. Hinter dem Greise am Felsen lehnte seine lange am
schafft reich mit Silber beschlagene Flinte von altertümlicher Form.
    Der übrige Teil der Gesellschaft bestand aus einem neben ihm sitzenden
jungen Mann von 20 bis 21 Jahren, von edler klassischer Gesichtsbildung in
einfacher griechischer Tracht; einem türkischen Arnauten im malerischen, nur bei
dem Individuum stark mitgenommenen, ja zerlumpten roten Costüm des Volksstammes
der Gueguen; und in einem jungen Burschen von etwa 14 bis 15 Jahren, der
gleichfalls die Kleidung der Czernagorzen trug und dessen Züge eine
unverkennbare Aehnlichkeit mit denen des Alten hatten. Dasselbe, nur gemildert
zu den Formen wirklichen Reizes, war bei der jungen Frau der Fall, die sich mit
der Zubereitung des Mahles beschäftigte. Ueber den lang herabfallenden mit
Bändern durchflochtenen Zöpfen lag zierlich das weisse italienische Kopftuch mit
dem herunterhängenden Schleier, dem Zeichen der Zeichen der verheirateten Frau.
Ein eng und faltenreich um den Hals schliessendes Hemd mit weiten bunt gestickten
Aermeln, die Schürze von roter Wolle, darüber das Ueberkleid ohne Aermel von
weissem Tuch mit blauen Schnüren geziert, vorn offen, Brust und Schürze mit dem
am Gürtel hängenden Einschlagmesser frei lassend, Socken und Sandalen an den
Füssen, bildeten ihren charakteristischen nicht unzierlichen Anzug.
    »So sagst Du also, Beg,« setzte der Arnaut das Gespräch fort, »dass der
Christensultan in Moskwa das schwarze Hochland frei machen wird von den
Gläubigen?«
    »Du redest, wie es ein Moslem versteht, Khan Hassan Lekitsch,« entgegnete
der Greis. »Die Kinder der Czernitza sind nie die Sclaven des weissen Czaren3 in
Stambul gewesen, seit Iwo's meines Ahnherrn, Zeiten, der unter Obod's4 Trümmern
am Busen der schwarzäugigen Wila's5 schläft, die über ihn wachen und ihn
dereinst auferwecken werden, sobald es Gottes Wille ist, seinen geliebten
Czernagorzen Cattaro und das blaue Meer wiederzugeben. Dann wird der
unsterbliche Held wiederum an die Spitze seines Volkes treten und die Schwabi6
vertreiben, gleich wie er die Bekenner des Halbmondes von unseren Bergen
vertrieben hat.«
    »Aber Beg, Du weisst, dass ich selbst zu den Gläubigen gehöre.«
    »Was kümmert das Iwo, den Einäugigen?« sagte der Greis in heiliger Einfalt.
»Bist Du nicht unser Gastfreund und hast von unserm Brote gegessen? Was kümmert
mich Dein Glaube, Khan, wenn Du Treue hältst dem Volke der Czernagora.«
    »Du sprichst es, Beg, und es muss wahr sein. Aber sage mir, wie ist es mit
dem Volk der Moskowiten?«
    »Höre mich, Khan Hassan, und merke auf meine Worte, denn solche hat mit der
Pope Petrowitsch gesagt. In Stambul, das Deinem weissen Czaren gehört, steht eine
mächtige Kirche, von den Heiligen des Himmels gebaut und darin viele heilige
Dinge, die gehörte den Christen, unsern Brüdern. Aber der weisse Czar hat sie
ihnen geraubt und lässt jene den Haradsch zahlen und viele schwere Steuern. Er
schlägt die Männer und hält sie mit dem Antlitz in's Feuer, bis sie ihm sagen,
wo sie ihr Geld verborgen halten, und den Weibern und Mädchen schneidet er das
Gewand über dem Knie ab und gibt sie seinen Kriegern zur Beute, also dass er
jeden Stamm der Rajahbrüder vertilgen will von dem Erdboden. Darob ergrimmte der
schwarze Czar, unser Vater in Moskau, und er hat seine Krieger marschiren lassen
in das Land unserer Väter an dem grossen Strom, an dem der Heiduck wohnt und der
Serbe und der Bulgare, dass der Serdar, unser Feind, eilig unsere Berge hat
meiden müssen und gegen den neuen Feind ziehen. Der schwarze Czar aber, welcher
uns so befreit hat, er verkündet uns, dass er unsere Rechte mit denen unserer
Griechenbrüder zugleich verteidigen und den Sultan aus Stambul wieder verjagen
wird weit über's Meer in's Land, woher seine Väter gekommen sind.«
    »Aber der Vladika hat Frieden gemacht mit dem Sultan,« entgegnete hartnäckig
der Türke, »und ich habe gehört, dass er ein Verbot an alle Plemen erliess, die
Wassen zu erheben.«
    »Du redest Torheit, Khan! Kann denn die Welle der Moratscha rückwärts
fliessen? Kann der schwarze Kalogeri7 seinen Kindern verbieten, nicht für den
Czaren in Moskau zu kämpfen, nachdem er selbst die Weihe von seiner Hand
empfangen hat? Wisse, Khan, ich habe selbst in Cetinje auf dem Markt den
Wojwoden gesehen, den der schwarze Czar an seine Junaks8 in Czernagora geschickt
hat, um sie zum Kampfe zu laden. Sie nennen ihn den Oberst Berger, und dieses
Kreuz hab' ich von seiner eigenen Hand erhalten.«
    Er zeigte ihm eine der russischen Denkmünzen, wie deren viele an die
tapferen Krieger des Hochlandes verteilt werden und die er am Halse neben dem
Schädel trug.
    »Meinst Du,« fuhr der Greis fort und sein eines Auge leuchtete wild, »dass
Beg Iwo Martinowitsch in seiner Jugend umsonst Troitza gestürmt und den Helden
Campaniole mit seiner Kugel erlegt habe, oder dass er gegen den grausamen
Dschelaluddin vor dreiunddreissig Wintern gefochten und die Taktiki's des Mehemed
bei den Kula's von Martinitsch getödtet habe, um in seinen alten Tagen von Gott,
dem grossen Würger9, auf seinem Lager gefunden zu werden? Sieh dieses Haupt auf
meiner Brust, es gehörte einst dem Pascha des verfluchten Podgoritza,
Namik-Halil, und seit einundzwanzig Jahren trag' ich den Todfeind an meinem
Halse, der mein erstes Weib und meine Kinder in's Feuer des Kula's meines
Stammes warf. Meinst Du, dass ein Uskoke, der also hasst, je den Säbel ruhen
lassen wird gegen den Türken? Hab' ich nicht mitgefochten wieder bei
Martinitsch, als uns in diesem Jahre der Würger von Bosnien, Omer Pascha, mit
Krieg überzog? War ich nicht dabei, als wir in der Mordnacht von Plamenzi den
Moslem aus seinem Lager schlugen, und hat mein Schwiegersohn, Gabriel der
Zagartschane10, nicht gefochten und gelitten mit dem tapferen Wojwoden von
Grahowo, dessen Seele die Heiligen gnädig sein mögen, und schmachtet jetzt dort
hinter den Wällen des blutigen Skadar?«
    Er schaute grimmig umher, wie als suche er nach Einem, der den Widerspruch
wage. Die Frau, von seinen letzten Worten erregt, brach in eine
leidenschaftliche Klage aus.
    »Warum sahen meine Augen den Tag, da Gabriel, mein tapferer Gatte, in die
Hände des Selim Pascha fiel, nachdem Gott ihn aus der Hand des grausamen Derwish
hat entkommen lassen? Wohl sehe ich neben mir den Blutbruder meines teuren
Herrn, der an seiner Seite gestritten und mit ihm gefangen gelegen, aber Nicolas
Grivas der Mainote sitzt ruhig hier im sichern Schatten der Felsen, indes
Gabriel Zagartschani im Turme von Skadar modert, aus dem uns Hassan der Moslem
allein die erste Kunde gebracht hat.«
    Der junge Mann in griechischer Tracht, der bisher stumm und melancholisch
brütend neben dem alten Beg gelegen hatte, fuhr empor bei dem bittern Spott und
eine dunkle Röte übergoss sein schönes offenes Gesicht.
    »Was redest Du, Weib?« sagte er heftig. »Habe ich nicht mein Blut vergossen,
wie Dein Gatte, mein Freund, am Tage des Kampfes? Hab' ich nicht Hunger und
Kälte getragen mit ihm, und als wir in's Türkenlager brachen, gefochten an
seiner Seite?«
    »Das hast Du, Nicolas Grivas, - aber ich sehe Dich nicht liegen auf dem
Schlachtfelde, wundenbedeckt, zur Verteidigung Deines Bruders! ich sehe Dich
nicht, gefesselt gleich ihm, in dem moderatmenden Kerker von Skadar! Ich frage
Dich nur, wo ist der Bruder, mit dem Du den Blutbund beschworen, und siehe, Du
kannst mir nicht antworten: Frau, da ist er, oder ich bringe Dir mindestens das
Haupt dessen, der ihn erschlagen hat!«
    Grivas rückte unruhig hin und her.
    »Du tust mir Unrecht, Stephana, und weisst sehr wohl, dass ich mein Blut
willig opfern würde für den Freund. Mein Bruder Andreas Caraiskakis hat wahrlich
keinen Feigling in Euer Land geschickt, dass er Euch beistehen sollte mit seinen
geringen Kenntnissen und seiner jungen Hand im Kampfe gegen den Sultan. Kann ich
dafür, dass das Gewühl des Ueberfalls mich in dem Dunkel der Nacht vom Freunde
trennte und ich fern war, als er im Eifer der Verfolgung verwundet wurde und von
den treulosen Albanesen nach Scutari gebracht ward? Bin ich nicht mit
Lebensgefahr sofort in die Höhle des Löwen gegangen, als Hassan Khan uns die
erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte, um zu suchen, wie
ich ihn retten könne, und bin ich nicht bereit, in einer Stunde auf's Neue das
Werk zu wagen?«
    Die Frau legte freundlich ihre Hand auf seine Schulter.
    »Zürne nicht, Nicolas Grivas, über den Schmerz eines Weibes. Ich weiss, Du
bist ein Junak, ein Tapferer, die Helden meines Volkes rühmen den Knaben der
Juganen11, der zu uns kam, mit uns für den Krieg zu streiten. Aber Du hast nicht
das Auge der Adler von Czernagora, das auch im Dunkeln den Bultbruder bewacht.
Auch ist es trübe und matt, seit Du von Skadar wiedergekehrt bist zu uns, als
läge ein mächtiges Leiden auf Deinem Herzen. Dennoch vertraust Du uns nicht und
mischest Deinen Kummer nicht mit dem meinen.«
    Der Grieche stützte finster das Haupt in die Hand und schwieg. Des Weibes
Blicke ruhten aufmerksam auf ihm, aber sie wagte nicht, weiter zu fragen, bis
Hassan der Arnaut, der mit unendlicher Seelenruhe alle Schmähungen auf seine
Glaubensgenossen mit angehört hatte, den Rauch seiner Pfeife von sich blies und
die Vermutung aussprach:
    »Ich meine, der Giaur hat in die blauen Augen der Houri's von Scutari
geschaut und sein Herz ist getroffen worden gleich dem Reh der Wälder. Bei
Allah, die Weiber in meiner Heimat sind schön, und viele von ihnen haben den
bösen Blick, der niemals den wieder verlässt, den er ein Mal getroffen hat.
Nimmer hätte ich das Land gemieden, wenn mich nicht der Zorn übermannt hätte,
dass ich den Aga Mehemet zu Tode schlug.«
    In Grivas Wangen stieg verräterisch das Blut während der gemächlichen Rede
des Arnauten, indem er Aller Blicke auf sich gerichtet fühlte.
    »Ei wohl, Khan,« sagte Stephan, »Du magst Recht haben, und wenn der junge
Junasch wirklich einer Taube begegnet ist, die sein Herz gerührt hat, ei, so mag
er das Recht der Otmitza12 üben, wenn er glücklich heimkehrt, und sich die Braut
holen.«
    Der Alte schaute sie finster von der Seite an.
    »Die Otmitza hat schon Unheil genug gebracht, denn sie führte den Sohn des
Geschlechts, mit dem wir in Blutrache leben, in unsere Brastwo13. Bei den
Gebeinen des heiligen Märtyrers Basilius in Ostrog14, ich weiss nicht einmal, ob
ich Recht daran tue, zuzugeben, dass dieser junge Mensch, mein Gastfreund, in
den Rachen des Wolfes geht, bloss um einen Mann zu retten, dessen Blut der
Familie Martinowitsch eigentlich verfallen ist und längst hätte von uns
vergossen werden müssen.«
    »Vater,« rief die Frau entsetzt, »was redest Du da? Du sprichst von Deinem
Eidam, dem Gatten Deines Kindes!«
    Der Greis starrte vor sich hin, die fixe Idee seines Familienhasses schien
in ihm wieder aufzusteigen und seinen Geist zu verdüstern.
    »Was Kind!« murmelte er vor sich hin. »Die Blutrache hat seit hundert Jahren
zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch Zahn um Zahn
genommen, so will es das alte Gesetz, und der Vater Deines Mannes hat unsern
Djewer15 zuletzt erschlagen, ohne dass sein Blut bis jetzt gerochen ist.«
    »Aber es ist das Blutgeld gezahlt und der Streit ist ausgeglichen, als mich
Gabriel heimlich davongeführt und Ihr auf des Popen Bitte dann Eure Einwilligung
zur Heirat gabt und Gabriel zum Schwiegersohn nahmt.«
    »Blut ist Blut,« sagte der Alte, »und der Schatten des Vetters hat mich
manch liebe Nacht gemahnt, wenn die Wila's draussen auf der Livada16 tanzten und
der Vampyr umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkräh. Iwo ist alt und
hat einen Eid getan, nur das Blut der Moslems noch zu vergiessen, aber er hat
einen Knaben, in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt, und er wird
die Pflicht seines Stammes nicht vergessen.«
    Der junge Mann, sein Sohn, der bisher geschwiegen und nur auf jedes Wort aus
dem Munde der Aelteren gelauscht hatte, richtete sich funkelnden Auges vom Boden
empor.
    »Befiehl, Vater Iwo, und Bogdan wird gehorchen, gält' es auch das Blut
seines nächsten Freundes.«
    Er zog wie beteuernd den Yatagan in seinem Gürtel halb aus der Scheide,
doch die Schwester, wild erregt von der herzlosen Blutgier, die zur Sühnung
einer alten Familienfehde selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen
konnte, sprang wie ein Blitz auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere
Waffe gleich einem Rohr um das Haupt.
    »Seid Ihr Wölfe aus dem Epyrus,« zürnte sie, »oder die grausamen Tiger des
todten Wütrichs von Janina17, dass Ihr das eigene Blut schlachten wollt, statt
es zu retten aus Türkenhand? - Bei allen Heiligen im Himmel, wer mir an den
Gatten will, der hat es zuvor mit mir zu tun, und er wird sehen, ob die Tochter
der freien Berge die Waffe zu führen versteht!«
    Grivas war aufgesprungen.
    »Gebt Euch zufrieden, Stephana, Vater und Bruder haben es so schlimm nicht
gemeint, und es ist nur der alte böse Geist, der zuweilen über den tapferen Sinn
des Begs kommt. Du weisst, dass Keiner eiliger war, als er zur Tscheta18, da uns
die Kunde kam von Deinem Gatten.«
    Der Alte strich sich wohlgefällig lachend den Bart.
    »So gefällst Du mir, Kind, ich erkenne mein Blut in Dir wieder und weiss, dass
das Weiss seinem Manne anhängen muss. Aber spute Dich jetzt, wenn die Sonne sinkt
hinter die Berge, und wenn die Dämmerung naht, muss der Grieche im Kahn sein, um
zeitig in Skadar zu landen.«
    Die Frau stellte die hölzerne Schüssel mit der Castradina vor sie hin und
Alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Appetit. Dann löste der junge
Martinowitsch die Schildwacht auf dem Felsen ab, um dem Gefährten, einem Vetter
der Familie, gleichfalls sein Teil zukommen zu lassen.
    Während dessen berieten die Männer den gefährlichen Zug des jungen Griechen
zur Befreiung seines Freundes, mit dem er vor dem Heldenkampf von Grahowo die
uralte Sitte der Blutbrüderschaft eingegangen war, ein Band, das zwei Männer zu
jeder Aufopferung und Hingebung verpflichtet. Die Blutbrüderschaft wird nach den
Gebräuchen des Volkes entweder für's Leben oder für eine gewisse Zeit, z.B. für
die Dauer eines Krieges oder einer Fehde, geschlossen. Während dieser verlassen
sich dann die so Verbundenen keinen Augenblick, Gefahr und Ruhe, Speise und Not
teilen sie gemeinschaftlich. Ein Lager umfängt sie, Schulter an Schulter stehen
sie im Kampf, und nur der - gewöhnlich aber gemeinschaftliche - Tod scheidet den
Einen vom Andern und legt dem Ueberlebenden die heilige Pflicht auf, den
gefallenen Bruder blutig zu rächen und für seine Hinterlassenen, wenn er Familie
hat, zu sorgen. Unauslöschbare Schmach trifft den, der seinen Blutbruder in der
Gefahr verlässt oder, ohne ihn gerächt zu haben, aus dem Kampfe allein
zurückkehrt.
    In ähnlichem Fall war Nicolas Grivas, der jüngere Stiefbruder der beiden
Caraiskakis, gewesen. Die heldenmütige Verteidigung des befestigten Hauses des
Wojwoden Jakob Wujatich von Grahowo gegen die Türken unter Dervish Pascha ist
durch die Zeitungen bekannt. Am 19. Januar erstürmten die Türken das Haus, und
der tapfere Wojwode fiel, nachdem er noch eine Felsengrotte lange gehalten und
nur auf die drohende Gefahr der bereits begonnenen Unterminirung unter dem
Versprechen ehrlicher Kriegsgefangenschaft die Waffen streckte, mit vierzig
Gefährten - darunter Grivas und sein Blutbruder Gabriel, der Schwiegersohn des
berühmten Beg Martinowitsch - in die Hände der Türken. Aber die Moslems, treulos
und grausam wie in allen diesen Kriegen gegen die Montenegriner, hielten das
gegebene Wort schlecht und unterwarfen die Gefangenen den furchtbarsten Leiden.
An Pfähle gebunden, der Kleider grösstenteils beraubt und bei dem Mangel an
Lebensmitteln im Lager selbst oft die notdürftigste Nahrung entbehrend, mussten
sie die kalten Wintertage und Nächte zubringen. Der Brand trat bei Vielen
alsbald zu den Wunden und endete ihre Leiden. Es ist historisch, dass einem
Bruder des Wojwoden das Bein abfror. Der Wojwode selbst starb im März an den
Folgen der erlittenen Behandlung. In einer Nacht war es jedoch vier der
Gefangenen, darunter den beiden Freunden, gelungen, während eines furchtbaren
Unwetters zu entfliehen und sie gelangten durch das österreichische Gebiet
glücklich zu den Ihren, wo ihnen jedoch nur kurze Erholung gegönnt war; denn der
Kampf wütete auf allen Seiten und sie nahmen alsbald wieder Teil an demselben
und rächten die Leiden ihrer Gefangenschaft bei dem siegreichen nächtlichen
Ueberfall an der Brücke Uzicki Most und bei Frutack, wo die Türken über 500
Gefangene, 400 Todte und eine grosse Beute mit der Kriegskasse selbst verloren.
Im Gedräng des Kampfes waren hier jedoch die Freunde von einander gekommen, und
Gabriel der Zagartschane, von seiner heimischen Pleme in der Katunska-Nahia also
genannt, fiel auf der eifrigen Verfolgung der Feinde nach Spuz, am Bein
verwundet, in ihre Hände und wurde von dem Heere auf dem Rückzug nach Scutari
mitgeschleppt, während seine Waffengefährten glaubten, dass er im Kampfe
geblieben. Grivas, dessen Suchen nach der Leiche des Freundes vergeblich
gewesen, brachte die traurige Kunde seiner Frau, die während des Zuges nach
Grahowo zu ihrer Familie in der Nahia Rietschka zurückgekehrt war. Nur der Ruf
der bewiesenen Tapferkeit und Aufopferung schützte den jungen Griechen hier vor
Schmach, da er ohne sichtbare Beweise vom Tode des Blutbruders und der für ihn
geübten Rache heimgekehrt war. Dennoch sah er sich überall von missachtenden
Blicken angeschaut und kehrte bald zurück nach Cetinje, wo er im Stabe des
Fürsten mit seinen auf der Militairschule zu Aten erworbenen Kenntnissen schon
früher Hilfe geleistet. Plötzlich, gegen das Ende des Monats Juni, rief ihn eine
Botschaft der Wittwe des Freundes zurück nach der im unwirtbarsten Gebirge
belegenen Kula19 des alten Martinowitsch. Zu seinem freudigen Staunen vernahm er
hier die Nachricht, dass ein aus Scutari wegen eines begangenen Todtschlags
geflüchteter Arnaut der Familie, um sich bei ihr die Gastfreundschaft zu
sichern, die Kunde gebracht hatte, dass Gabriel am Leben und unter den Gefangenen
in Scutari sei. Die Familie hatte alsbald die heilige Pflicht geübt, dem
Blutbruder als dem Nächstverpflichteten Kunde zu senden, und Grivas war sogleich
bereit, das Werk der Befreiung zu wagen. Eine Tscheta aus den engeren
Mitgliedern der Familie wurde hinab zum See von Skadar beschlossen und man
lagerte bereits seit acht Tagen auf einer der von den Montenegrinern den Türken
entrissenen Inseln des prächtigen Gewässers. Von hier aus hatte der junge Grivas
bereits ein Mal sich nach Scutari gewagt, um das Terrain zu recognosciren, denn
offenbar konnte hier zur Befreiung des Gefangenen nur List, nicht Gewalt helfen.
    In der Tat war es ihm auch durch die Andeutungen, die der Arnaut und der
Beg ihm gegeben, gelungen, sich über das Gefängnis des Freundes zu orientiren,
und glücklich kehrte er wieder zu den Genossen zurück, um mit ihrer Hilfe die
Befreiung selbst zu versuchen. -
    Nachdem das Mahl eingenommen, waren die Vorbereitungen zur Abfahrt des
verwegenen Abenteurers, der auch dies Mal die Fahrt allein unternehmen sollte,
bald getroffen. Unter der Fustanelle20 trug er einen langen, mit Knoten und
Haken versehenen Strick um den Leib, ein Feile und ein scharfes Messer in den
Gamaschen der Füsse eingeknüpft, im Gürtel die gewöhnlichen Waffen der Albanesen.
Während der einäugige Greis mit dem Moslem hinunter ging zum Ufer, den schmalen
Kahn vom Segelboot zu lösen, in dem die Gesellschaft gekommen war, trat Stephana
zu dem jungen Mann.
    »Der heilige Johannes schütze und segne Deine Fahrt und Dein Unternehmen,
Nicolas Grivas,« sagte sie feierlich. »Gern möchte ich an Deiner Seite stehen,
und wahrlich, ich wollte Dir kein schlechter Beistand sein im Augenblick der
Gefahr, aber ich fühle, meine Gegenwart könnte Alles verderben. Doch hilft List
und Mut oft nicht allein, wirksamer als Kugel und Stahl ist das gelbe Metall.
Hier, Freund meines Gatten, nimm, was mein davon ist. Ohne den Teuren nützt mir
der Schmuck Nichts; gewinne ich ihn wieder, so ist er mein bester Schmuck.
Nimm!«
    Sie drang ihm eine jener Schnuren von zusammengereihten kleinen Goldmünzen
auf, welche die slavischen Frauen so häufig zum Schmuck des Hauptes benutzen und
in die Haare flechten. Grivas fühlte die Wichtigkeit der Gabe für seinen Zweck
und nahm sie dankend.
    »Noch Eines frage ich Dich,« fuhr Stephana fort und legte freundlich die
Hand auf seine Schulter. »Vertraue mir, der Frau, was Dich sichtlich drückt,
seit Du von Skadar zurückgekehrt bist. Hast Du Etwas Schlimmes von Gabriel,
meinem Gatten, erfahren, oder ist die Vermutung des Khan wahr und hat die Liebe
Dein Herz getroffen?«
    Der junge Mann bedeckte die Augen mit der Hand. »Liebe, Stephana? ich weiss
es nicht, aber wenn es die Liebe ist, so muss sie etwas Schreckliches sein. O,
dass ich Dir diese Augen beschreiben könnte, die ich nur ein einzig Mal geschaut
und die sich für ewig glühend in mein Gehirn gebohrt haben, dass ich nicht mehr
fühlen und denken kann. Kennst Du die grauenvolle Sage Deiner Heimat vom
Vampyr, Frau, der im Mondlicht bleich umherstreift und sich an die Herzen der
Lebenden sangt, jeden Blutstropfen unersättlich verschlingend? So saugt
allnächtlich dies Bild mit den glühenden Augen an meinem Herzen. Stephana - ich
liebe - einen Vampyr!«
    Die junge Frau schlug das Kreuz. »Um der Heiligen willen, Mann, fasse Dich -
Du redest ruchlosen Wahnwitz!«
    »Wahnwitzig möcht' ich werden, und der Wahnwitz hätte mich gen Skadar
getrieben, auch wenn die Pflicht gegen den Freund mich nicht dahin geführt!«
    Der Ruf des Alten ertönte vom Ufer herauf - der Nachen war bereit, die Sonne
im Untergehen.
    »Bete für mich - bete für meine arme Seele! Nur der Himmel kann retten, die
den Unterirdischen verfallen sind!«
    Wenige Worte noch mit den Gefährten, und die kräftigen Ruderschläge
entfernten ihn vom Ufer.
    Es war nach Mitternacht, im Silberglanz des Mondes, als Nicolas Grivas eine
halbe Stunde entfernt von den Wällen von Scutari, östlich vom Hafen der Festung,
unter wildem Felsgestein und Gebüsch nach angestrengtem Rudern landete und den
Nachen, so gut es die Gelegenheit bot, dort verbarg. Dann ging er eine Strecke
landein, suchte sich einen vor den schädlichen Mondstrahlen geschützten Platz
und legte sich nieder zum Schlaf. Mit Sonnenaufgang war er munter, nahte sich
vorsichtig der Stadt und schlenderte dann mit den zahlreichen Gruppen der
albanesischen Landleute und Arbeiter sorglos durch das geöffnete Tor.
    In einem der türkischen Caffeehäuser in der Nähe der Befestigungen des
Hafens, in denen, wie er von Hassan wusste, Andreas gefangen sass, nahm er sein
Morgenbrot und verweilte, bis ein regeres Treiben die Strassen belebte.
    Die rote Tracht der Gueguen oder Myrditen mit dem Waffen-Arsenal im Gürtel,
oder dem malerischen Harnisch, der an die Ritterzeiten und die Tscherkessen
erinnert; die Toja der Toxiden mit dem Waffenrock, dem Gürtel und den Sandalen
aus der Römerzeit, während der schlanke, erhabene Wuchs ihrer Frauen, das rein
griechische Profil und die grossen, blauen, seelenvollen Augen unter den lang
herabhängenden, blonden oder kastanienbraunen Haaren ein Bild klassischer
Schönheit gibt; die Frau von den Ufern der Drinna, die Flinte auf der Schulter,
den Handjar im Gürtel und den Korb mit den Früchten oder Geflügel, die sie zu
Markte bringt, auf dem Kopf; dazwischen die kleine, dunkle Gestalt des Japis aus
den Schluchten und Felsen am adriatischen Meere; die Männer von Suli mit dem
Adlerblick und der stolz emporgetragenen Stirn; der türkische Soldat des Nizam
in seiner dunkelblauen unkleidsamen Tracht mit dem flachen Fez; der geschäftige
Grieche und Jude und dazwischen der gravitätische Moslem, - alle diese hundert
bunten Gestalten mit dem den Griechen-Slaven eigenen lebhaften Drängen und
Schreien gaben ein überaus lebendiges buntes Bild, durch das sich Grivas zum
Khan des Maltesers Girolamo drängte, in dem, nahe am Bazar gelegen, die
Müssiggänger der Festung, die Fremden und die Offiziere der Besatzung zu
verkehren pflegen. Gegenüber dem Khan war der Aufgang zur Citadelle, in deren
Ringmauern sich die Gebäude des Paschalik befanden. Nicolas nahm vor dem Khan
einen Sitz ein, und statt mit einem oder dem Anderen ein seine Zwecke vielleicht
förderndes Gespräch anzuknüpfen, schaute er unverwandt nach dem Tor der
Citadelle, an dem die Wachen müssig lehnten.
    So hatte er bereits zwei Stunden gesessen, als durch das Tor zwei Frauen in
türkischer Kleidung die Festung verliessen, die Gestalt in den verhüllenden
Feredschi21 verborgen, während das Haupt unter dem weissen Schleier, Yaschmack
genannt, verschwand, den, aus einem langen Streifen Mousselin bestehend, die
muhamedanischen Frauen, sobald sie ihre Gemächer verlassen, um den Kopf wickeln
und unter dem Kinn befestigen, so dass er das ganze Gesicht verbirgt und nur
einen etwa drei Finger breiten Streifen für die Augen frei lässt. An der grünen
Farbe des Mantels war leicht zu erkennen, dass die Eine die Herrin, die Andere
eine Sclavin war. Die Gestalt der Ersteren erschien trotz der verhüllenden
Kleidung gross und stolz und hatte nicht den durch die doppelten Pantoffeln
gewöhnlich hervorgebrachten schleppenden und unsicheren Gang. Die Dame trug
vielmehr unter den weiten türkischen Beinkleidern rote mit Gold gestickte
Stiefel, und jede ihrer Bewegungen zeigte eine bei den Orientalen ungewohnte
Rastlosigkeit und Energie. Die beiden Frauen gingen allein, aber deshalb nicht
unbegleitet. Ein seltsamer und schauerlicher Gefährte bewachte jeden ihrer
Schritte, - ein gezähmter Wolf, der gleich einem Hunde, die rote lechzende
Zunge aus dem Rachen hängend, neben ihnen her trottete.
    Die Erscheinung war zu auffallend, um unbemerkt vorüber zu gehen, und
obschon der Grieche eben nur Augen für sie hatte, konnte er doch wahrnehmen, wie
die Besucher des Caffeehauses sich von ihr unterhielten, und mehrmals hörte er
den Namen Fatinitza aussprechen. Er hatte sich vom Sitz erhoben, als er die
beiden Frauen bemerkt, und stand dicht an der Strasse, die sie vorüberführte.
Schon von Weitem hatte ihn in dieser Stellung der Blick der Türkin getroffen,
der mit einem seltsamen verzehrenden Ausdruck auf ihm haften blieb. Starr und
ruhig, lag doch eine wahrhaft unheimliche Glut im Hintergrunde dieses schwarzen
Auges, das sich förmlich an ihn festzusaugen schien. Seine ganze Kraft und
Selbstständigkeit schien unter dem Ausdruck dieses Blickes zu schwinden, und
dennoch vermochte er nicht, den seinen davon abzuziehen.
    Wenn das unheimliche Auge dieser Frau wirklich eine Freude auszudrücken
vermochte, so zeigte sie sich bei dem Erblicken des jungen Griechen. Man sah
durch die Öffnung des Schleiers den sichtbaren schmalen Teil des bleichen
Gesichts lebhaft erröten und ihre Hand liess unwillkürlich den Zipfel des
Mantels fahren, der zurückfallend eine der Tracht der Mirditen ähnliche Kleidung
zeigte, in deren Gürtel ein leichter Handjar und eine zierliche Pistole von
französischer Arbeit steckten. Der Mantel verhüllte sie im Augenblick wieder,
und nur ein leises Neigen des Kopfes, als sie dicht an ihm vorüberging, und der
Ausdruck des Auges zeigten dem nach orientalischer Sitte stumm und ehrerbietig
grüssenden jungen Manne, dass er wiedererkannt sei. Starr und lange schaute er
nach, als die beiden Frauen im Zugang des Bazars verschwanden, ohne dass er zu
folgen wagte.
    »Bei Allah!« sagte eine Stimme hinter ihm, »Du bist ein kühner Christ, dass
Du Dich unterfängst, der Wölfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen. Nur
wenige der Moslems wagen, die Tochter Selim's zu begrüssen.«
    Als Grivas sich umschaute, sah er einen greifen türkischen Kaufmann in
ärmlicher Kleidung vor sich, der ihm jedoch bekannt schien, denn er begrüsste ihn
alsbald und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen.
    »Kennst Du die Frau, Ali Martinowitsch,« redete er ihn an, »so sage mir, wer
sie ist.«
    Der Alte schüttelte den Kopf.
    »Lass Dich warnen, Jupane,« entgegnete er, »dass Du nicht in die Klauen dieser
Wölfin fällst. Es ist Fatinitza, die einzige Tochter des Selim Pascha, der in
Skadar gebietet, von einer Mirditin ihm geboren und der Apfel seines Auges. Aber
ihr leibhaftiger Vater ist der Scheitan22, denn sie liebt das Blut, gleich der
Wölfin, die sie selbst in den Schluchten des Sutorman aus dem Nest geholt und
gezähmt hat. Schon viele der jungen Männer, schön und kühn wie Du, haben ihr
Ende gefunden durch diese Frau, und Niemand weiss, wo ihre Gebeine bleichen. Man
sagt Böses und Geheimnisvolles von ihr, das die Lippe nicht wieder zu erzählen
wagt. Es sollte mir leid tun um Dich, der mir das Zeichen des Begs, meines
Blutsfreundes, gebracht hat.«
    In der Tat gehörte der Moslem zu dem Stamm des alten Czernagorzen. Als
Stanischa, der Sohn Iwo's des Schwarzen, nach der abenteuerlichen Vermählung mit
der Tochter des Dogen von Venedig und seiner Rache an dem schönen Wojwoden Djuro
- wie sie die Piesmen so romantisch erzählen - zu den Moslems floh und zum Islam
übertrat, waren ihm viele Tapfere seiner Heimat gefolgt. Obschon seitdem eine
bittere Feindschaft zwischen den Nachkommen der Abtrünnigen und den christlichen
Czernagorzen herrschte, hätte doch Keiner aus der Familie Buschatli - diesen
Namen führen die Nachkommen Stanischa's in Skadar, wo dieser von den Moslems als
Pascha eingesetzt worden, - einen der alten Blutsfreunde des Hochgebirges an
einen Türken verraten. Es bestand und besteht vielmehr eine gewisse, man könnte
sagen Gastfreundschaft, die sie verpflichtet, in privaten und Familien-Dingen
sich gegenseitig zu Dienst zu sein, unbeschadet der allgemeinen Feindschaft. So
besass auch der Beg in dem alten Kaufmann einen Stammverwandten und häufig schon
hatten Beide in den gegenseitigen Kriegen sich Dienste erwiesen. An ihn hatte
der Alte daher schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen
gewiesen, und der Kaufmann hatte ihm versprochen, auf Grund der Mitteilungen
Hassan's weitere Nachforschungen und Vorbereitungen zu treffen.
    Nicolas Grivas gedachte der ihm obliegenden Pflichten und ermannte sich aus
seinem Brüten.
    »Fürchte Nichts,« sagte er zu dem Alten, »dieses Auge machte nur einen
betäubenden Eindruck auf mich, gerade wie das erste Mal, als ich es
umherstreifend in der Vorstadt der Gärten23 im Schatten der Kastanienbäume auf
mich gerichtet sah und ihm unwillkürlich folgen musste, bis die Tore des
Kastells mir den Weg versperrten. Ich bin ein Mann und hier, um den Blutbruder
zu retten. Hast Du erforscht, was ich Dir aufgetragen und wie eine Botschaft zu
dem Freunde gelangen kann?«
    Der alte Mann bejahte, forderte aber den Griechen auf, ihm nach seinem Hause
zu folgen, da hier ihr Gespräch leicht belauscht werden könne. Nicolas schien
sich zwar nur ungern von dem Platze zu trennen und die Rückkehr der Frauen aus
dem Bazar abwarten zu wollen, Ali aber, der den scharfen Blick der Türkin
scheute und nicht im Gespräch mit dem von ihr bemerkten Fremdling betroffen sein
mochte, drang auf ihre Entfernung, und so folgte ihm der junge Mann durch die
engen Strassen bis zu einem kleinen Häuschen, in dem die Familie des Alten
wohnte. Hier teilte derselbe ihm mit, dass ihre ersten Nachrichten richtig und
der gefangene Czernagorze in einem Kerker des alten Turmes eingeschlossen sei,
der als vorspringendes Werk der Citadelle seine dicken Mauern in die Wasser des
Sees tauchte. Gabriel war von seinen Wunden zwar gänzlich wieder hergestellt,
wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von
einem der Kerkerdiener erfahren, den er als der Bestechung offenbar zugänglich
schilderte. Seine eigene Armut hatte ihm jedoch nicht gestattet, diese zu
versuchen, und er stellte nun Grivas das Weitere anheim. Mit Dank erkannte jetzt
dieser den Wert der Gabe Stephana's, und indem er sie dem ehrlichen Gastfreund
einhändigte, bat er ihn, sein Heil alsbald damit bei dem Gefängnisswärter zu
versuchen. Der Alte verliess ihn, indem er ihm auf's Dringendste anbefahl, nicht
aus dem Hause zu gehen und durch sein Umherstreifen keinerlei Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen.
    Nach zwei Stunden kam er wieder; er hatte den Mann gefunden und dieser war
bereit, für die Schnur der Goldmünzen dem Gefangenen zur Flucht zu helfen. Doch
gab es nur eine Weise, diese auszuführen, da die Ausgänge der Citadelle selbst
stets von Wachen besetzt und gefährlich zu passiren waren. Der Kerker des
Czernagorzen lag im dritten Stockwerke des Turmes, das Fenster war deshalb nur
leicht vergittert und der Mann hatte es übernommen, dem Gefangenen Feile und
Strick zu bringen, um sich mit deren Hilfe durch die nach dem See zu schauende
Fensteröffnung zu retten. Nicolas sollte mit einem Kahn sich um die zwölfte
Stunde der Nacht in der Nähe des Turmes halten und den Flüchtling aufnehmen.
Die ganze Nacht blieb ihnen dann, sich in Sicherheit zu bringen.
    Grivas entledigte sich der scharfen Feile, die er im Leder der Gamaschen
trug, und des Strickes um seine Hüften, und der Alte trug Beides gleich
verborgen zu dem Helfer, der die Hälfte der besprochenen Belohnung im Voraus
empfangen hatte und den Rest erhalten sollte, nachdem er seine Aufgabe erfüllt.
Gegen Abend sollte Nicolas die Stadt verlassen, wie er gekommen war, und im
Schatten der Nacht mit seinem Kahn dem Turme nahen, um zur bestimmten Stunde
bereit zu sein. Weitere Hilfe vermochte ihm der Gastfreund unmöglich zu leisten,
und das Folgende blieb dem Mut und Glück der beiden Blutbrüder überlassen.
    Es war gegen Abend, als Nicolas Grivas von dem Gastfreund Abschied nahm, um
die Stadt vor dem Schluss der Tore zu verlassen und sein Unternehmen zu
beginnen. Mit seinen besten Segenswünschen entliess ihn der Moslem, der jedoch
nicht wagte, in seiner Begleitung weiter sich sehen zu lassen. Der Grieche
wandte sich zum Tor; aber unwillkürlich zog es ihn noch ein Mal hin in die Nähe
der Unheimlichen, die so eigentümlichen Einfluss auf ihn zu üben begann. Er ging
nach Ghirolamo's Khan und setzte sich wiederum dort nieder, nach den Mauern
starrend, welche die seltsame Erscheinung bargen, die man die »Wölfin von
Skadar« nannte.
    Plötzlich entstand ein Lärmen in seiner Nähe. Ein Tschokadar24 war in Streit
mit einem Albanesen geraten, im nächsten Augenblick blitzten, wie dies bei
solchen Scenen gewöhnlich ist, die Handjar's, und ehe Nicolas den Platz
verlassen konnte, sah er sich mitten in den Knäuel gerissen und in den Streit
verwickelt. Tschauschi's25 sprangen herbei, und nach kurzem Gezänk ward er
ergriffen und mit zwei andern der Gäste zum Tor der Citadelle geschleppt, wo
ihnen die Hände gefesselt wurden. In Begleitung ihres Anklägers, des
Tschokadars, wurden sie alsbald vor den Pascha geführt.
    Durch den Hof, der die Zenanah - die Wohnung der Frauen - von den
öffentlichen Gebäuden trennte, gelangten die Gefangenen über mehrere Stufen in
die Halle, wo Selim-Bei, der Pascha von Albanien, sass. Die Halle selbst bot ein
seltsames Gemisch orientalisch-üppiger Ausstattung mit dem rohen Mangel des
Kriegerlebens, da der Bei ein tapferer Soldat war und sich bereits in seiner
Jugend in dem Kriege gegen die Kurden ausgezeichnet hatte. Später bekleidete er
mehrere hohe Stellen in Epirus und Macedonien, und seit der Verbannung des
rebellischen Mustapha's, des letzten Pascha's aus der Familie Butschali im Jahre
1833, das Paschalik von Scutari, wo die fast ununterbrochene Fehde mit den
unruhigen Nachbarn seine kriegerischen Talente und seine Tätigkeit in Bewegung
hielt. Die seidenen Kissen der Divans wechselten als Sjetzte mit gegerbten Wolfs-
und Bärenhäuten oder den einfachen Kordgeflechten ab; zwischen den zahlreichen
Dienern und Müssiggängern aller Art strichen Soldaten des Nizam umher, oder sassen
rauhe Krieger der umwohnenden arnautischen Stämme, mit denen der Pascha einen
regen Verkehr unterhielt.
    Es war die Stunde des Abendgebets und der Muezzim hatte vom Minaret herab
den Ezan26 eben ertönen lassen. Alle Moslems verrichteten andächtig ihr Gebet,
während die Christen gleichgültig zusahn und kaum ihr Gespräch unterbrachen. Es
ist dies die Zeit, nach welcher ein Muselmann selten noch ein Geschäft vornimmt,
sondern sich gemächlich in die innern Gemächer seines Hauses zurückzieht. Als
daher die drei Gefangenen vor den Bei gebracht wurden, befahl er anfangs, sie
bis zum andern Morgen auf der Wache zu behalten und sie dann ihm oder dem Mollah
27 vorzuführen. Nicolas Grivas jedoch, dem es galt, um jeden Preis sich wieder
frei zu sehen, rief laut die Gerechtigkeit des Pascha's an und erklärte, den
Schutz des griechischen Consuls für die ungerechte Haft in Anspruch nehmen zu
wollen.
    In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrunde der Halle neben dem Sitz
des Bei's eine Tür, und die verhüllte Gestalt einer Frau, von dem zahmen Wolfe
begleitet, trat ein und setzte sich auf ein Kissen hinter dem Pascha. Nicolas
erkannte sofort Fatinitza. Obschon es im Orient etwas Ungewöhnliches ist, dass
sich Frauen in die Beratungen und Gesellschaft der Männer drängen, schien die
Gegenwart des jungen Mädchens hier doch nicht aufzufallen. In der Tat war man
gewöhnt, sie bei jeder Gelegenheit - selbst unter den Mühseligkeiten der
Feldzüge und im wüsten Treiben des Lagers - an der Seite ihres Vaters zu sehen,
und teils die den Frauen mehr Freiheit gestattenden Gebräuche der
slavisch-griechischen Weststämme, als jene der wirklichen Orientalen, teils die
unbegränzte Nachsicht und Liebe, die der Bei für dieses sein einziges Kind bei
jeder Gelegenheit an den Tag legte, hatten jede Schranke für das Tun und Lassen
des Mädchens aufgehoben. Ihr unbezwinglicher Eigenwille, der dämonische
Charakter, der ihr innewohnte und aus dem dunklen Auge hervorbrach, regierten
das Haus ihres Vaters und hatten längst jeden Zwang abgestreift.
    Zu den Füssen Fatinitza's legte sich der Wolf und leckte mit seiner glühenden
Zunge ihre Hand. Eine seltsame bedrückende Stimmung schien sich mit ihrer
Anwesenheit über die ganze Versammlung verbreitet zu haben.
    Der Pascha rief die Wachen zurück, welche die drei Verhafteten wieder
fortführen wollten, und wendete sich zu dem Griechen.
    »Du hast es eilig, junger Mann, meine Gerechtigkeit anzurufen,« sagte er
ernst. »Wer bist Du?«
    Der Grieche wollte mit seinem Namen antworten, als er den Finger des
Mädchens erhoben und auf die Stelle gelegt sah, wo der Schleier ihre Lippen
bedeckte.
    Er verstand das Zeichen und sagte daher, ohne seinen Namen zu nennen, dass er
ein griechischer Untertan und auf einer Reise gen Ragusa nach Scutari gekommen
und hier verhaftet worden sei, ohne dass er wisse, warum.
    »Wo ist der Kläger?« fragte der Pascha, »und wessen sind diese drei Männer
beschuldigt?«
    Der Tschokadar trat vor und verbeugte sich vor seinem Herrn.
    »Hoheit,« sagte er unterwürfig, »Dein Knecht war in dem Caffeehause des
italienischen Wirts vor den Toren Deines Hauses, als ich plötzlich eine Hand
in der Tasche meiner Jacke fühlte und, danach fassend, gewahrte, dass mir ein
Beutel mit fünfzig Piastern28 entwendet worden. Dieser albanesische Dieb stand
dicht bei mir und kein Anderer konnte es getan haben. Ich ergriff den Mann,
indem ich ihm sagte, ich wolle die Gräber seiner Väter verunreinigen, wenn er
mir mein Geld nicht zurückgeben würde, er aber zog seinen Handjar und bedrohte
mich.«
    »Bak alum29!« bemerkte der Bei, sich den Bart streichend. »Habt Ihr das Geld
bei dem Manne gefunden?«
    »Allah bila versin30!« rief der Ankläger, verächtlich den Zipfel seiner
Jacke schüttelnd. »Das sind Leute, Hoheit, welche die ganze Welt in dem Winkel
ihres Auges tragen! Er ist kein Esel, Hoheit, wenn auch sein Vater und seine
Mutter solche waren. Ich habe deutlich gesehen, wie er den Beutel seinen beiden
Helfershelfern dort zugesteckt hat.«
    »Haif, haif31! Was sagt Ihr dazu?«
    Der Erste der Angeschuldigten, ein Albanese aus dem Küstenlande, spuckte
verächtlich aus.
    »Er ist der Sohn einer Hündin und lügt wie ein Hund! Ich habe diese Männer
nie gesehen, und die Hand soll verdorren, die ich nach dem Eigentum eines
Rechtgläubigen ausstrecke.«
    Der Zweite war ein Grieche aus der Stadt selbst. Er berief sich auf seine
Bekanntschaft mit vielen der Anwesenden und meinte, der Tschokadar müsse sich in
der Person geirrt haben, als er ihn beschuldigte. Er bot Bürgschaft an und bat,
dass man ihn untersuchen möge.
    Der Pascha wandte sein Auge auf Grivas.
    »Und Du? Was für Kot wirst Du uns zu essen geben?«
    »Der Mann hat sich versehen, oder er ist ein Narr,« antwortete der Grieche
kühn, »Ich verlange, Hoheit, dass Du ihn bestrafst für seine Frechheit,
unschuldige Leute anzuklagen.«
    »Allah bilir32! Du redest hohe Worte; aber ein Pascha ist kein Esel, der
sich von jedem hergelaufenen Dschaur33 betrügen lässt. Untersucht seine Kleidung
und seht zu, ob Ihr den Beutel bei ihm findet.«
    Die Khawassen fielen über den jungen Mann her, der im Gefühl seiner Unschuld
sich willig der Untersuchung darbot. Zu seinem grossen Staunen und Schreck jedoch
brachte der Tschokadar selbst, der bei dem Durchsuchen sehr diensteifrig half,
den Beutel alsbald aus den Falten seines Gürtels zum Vorschein und hielt den
Fund mit lautem Geschrei in die Höhe, während die Türken ringsum in den
Lieblingsruf: Allah kerim! (Gott ist gross), ausbrachen.
    »Was sprichst Du nun, Sohn einer ungläubigen Hündin?« zürnte der Pascha.
»Bringt ihn hinaus in den Hof und gebt ihm fünfzig Stockstreiche zur Strafe für
seine Frechheit!«
    Der Grieche war Anfangs sprachlos gewesen über den so unerwarteten Beweis,
der sich gegen ihn gefunden. Dann, als er das rasche und schmachvolle Urteil
vernahm, kehrte seine Besonnenheit zurück und er verteidigte sich mit aller
Lebhaftigkeit seiner Nation gegen den Verdacht, indem er anführte, es müsse ihm
im Gedränge des Streites der ihm unbekannte Dieb den Beutel heimlich eingesteckt
haben, wenn nicht der Ankläger selbst etwa aus Bosheit dies bei der Durchsuchung
getan habe. Ein eigentümlicher spöttischer Strahl in dem Auge Fatinitza's, den
er während seiner Worte auffing, bestärkte seinen letzteren Verdacht.
    Als daher der Pascha, ohne seiner Widerrede viel zu achten, nochmals das
Zeichen zu seiner Fortführung gab, wehrte er die Khawassen mit Gewalt zurück,
sprang auf den Pascha zu und rief:
    »So wahr Du ein Krieger bist, Selim-Bei, halte ein und untersuche die
Wahrheit, oder lass mich lieber tödten, als solche Schmach erdulden. Ich bin ...«
    Wiederum, mit Blitzesschnelle, sah er das Türkenmädchen das frühere Zeichen
wiederholen. Zugleich neigte sie sich zu dem Ohre ihres Vaters und flüsterte ihm
einige Worte zu. Der alte Selim neigte zustimmend das Haupt.
    »Awret der!34« sprach er, »aber ihr Rat ist gut. Kannst Du einen Bürgen
stellen in dieser Stadt, der Dich kennt, Christ?«
    Grivas dachte an den alten Kaufmann, aber zugleich fiel ihm ein, dass er
durch dessen Nennung leicht ein weiteres Nachforschen und eine Entdeckung
herbeiführen könnte, die den alten Mann in Ungelegenheit und Gefahr bringen
musste. Er verneinte.
    Der Türkin schien dies unerwartet zu kommen. Wieder wandte sie sich zu dem
Pascha und flüsterte ihm in's Ohr. Der Bei nickte.
    »Es kann etwas Wahres unter dem Unrat sein, den Du sprichst, Grieche.«
sagte er dann. »Wir wollen die Sache morgen weiter untersuchen. Bis dahin, da Du
keinen Bürgen stellen kannst, musst Du im Gefängnis bleiben. Geht! - Diesen
beiden unreinen Tieren aber,« er deutete auf die zwei anderen Gefangenen, »gebt
eine Tracht Schläge, weil sie uns nach dem Gebet belästigt haben und werft sie
vor das Tor. Fort!«
    Eine entschiedene Handbewegung liess die Wachen sich schnell der Gefangenen
bemächtigen und vergeblich war alles Protestiren des Griechen; er wurde mit den
Anderen hinausgezerrt. Nur als er am Eingang noch ein Mal den Blick zurück
wandte, sah er Fatinitza zum dritten Male wie beruhigend das Zeichen machen.
    Während die Wachen ihn über den Hof führten, kam der Tschokadar, sein
Ankläger, ihnen nach und änderte mit einem überbrachten Befehl ihre Richtung.
Ihr Weg wandte sich nun in die Gebäude längs des See's und durch einen gewölbten
Gang wurde der Gefangene in eine ziemlich geräumige Zelle gebracht, deren stark
vergittertes Fenster auf die Gewässer sah. Durch dasselbe erblickte Grivas auch
rechts zur Seite den in die Fluten vorspringenden Turm, auf dessen Höhe das
Gefängnis des Freundes war, zu dessen Rettung er hierher gekommen. Eine tiefe
Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner Seele, als er bedachte, wie sein
Unstern, oder diesmal vielmehr die eigene Schuld ihn nötigte, den Blutbruder
auf's Neue ohne Hilfe in der Todesgefahr zu lassen und Nichts für seine Rettung
tun zu können. Seine Phantasie malte ihm das Bild des Czernagorzen vor, wie er
zwischen Himmel und Erde über den dunklen Fluten hing, vergeblich nach dem
Waffengefährten durch die Nacht spähend. Sie malte ihm Stephana's lauten
Vorwurf, die verächtliche Geberde des greisen Häuptlings, die Schande, die ein
tapferes Volk auf seinen Namen häufte, - und das Alles um den Blick eines
Weibes, das mit dämonischer Natur alle seine Seelenkräfte gefesselt hielt, ohne
dass er noch ein Wort mit ihr gewechselt, wie der Blick der Schlange den Vogel
gebannt halten soll in seinen Zauberkreis, dass er nicht die rettenden Schwingen
zu regen vermag, bis der tödtende Zahn ihn erreicht.
    Vergeblich krampfte er in die eisernen Stäbe der Fensteröffnung, - das feste
Metall aus den riesig dicken Mauern zu reissen, hätte es der Kraft eines Giganten
bedurft; selbst wenn er die Feile noch besessen, die er dem Freunde gesandt,
hätte die Arbeit einer Nacht nicht hingereicht, die dicken Stäbe zu
durchbrechen. Verzweifelnd warf er sich auf das Holzgestell, das an einer Wand
zum Lager diente, und brütete über seinem Schmerz, mit tausend Verwünschungen
sich und die Verlockung beladend, während draussen die Nacht immer tiefer und
dunkler über See und Berge sank.
    So mochte er stundenlang gelegen haben, als er aus seinem Schmerz durch
einen Lichtstrahl erweckt ward, der an der gegenüber liegenden Wand seines
Kerkers sich brach. Erstaunt richtete er sich empor und bemerkte, dass der Strahl
aus einer kleinen etwa handbreiten Öffnung in der Wand über seinem Lager kam.
Zugleich fühlte er seine Sinne befangen durch einen warmen wohlriechenden Duft,
der durch jene Öffnung zu quellen schien und seinen Kerker erfüllte.
    Er stieg auf die Holzwand, sein Auge reichte gerade an die fensterartige,
mit einem feinen Drahtgitter verschlossene Öffnung und seine Blicke umfassten
trunken und verzehrend das ungeahnte Schauspiel, das sich ihnen bot.
    Der Raum, den sie überflogen, bildete ein mit Marmorfliessen ausgelegtes
Badezimmer, jene üppige Anstalt des Orients, die eine wollüstige Neugebärung der
Körper ist und aus dessen Pflege einen Cultus schafft. In der Mitte des
Fussbodens war ein kleines Bassin mit warmen, wohlriechenden Wässern gefüllt,
welchen die Aphrodite dieses Ortes eben entstiegen zu sein schien. In einer
Nische, auf einem Marmorbett, von feinen linnenen Tüchern halb verhüllt, in
dieser Verhüllung tausend Reize verratend und entdeckend, lag die Herrin der
Gemächer, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, bedient von fast ganz entkleideten
schwarzen Mädchen, die ihre Glieder salbten und rieben, und auf Haupt und Busen
den Strahl des warmen, weichen Wassers sich ergiessen liessen, während Andere das
üppige rabenschwarze Haar kämmten und trockneten, oder mit weichem wollenem
Gewebe Brust und Arme frottirten. Das Haupt zurückgebeugt, den Mund über den
glänzend weissen Zähnen halb erschlossen, die dunklen dämonischen Augen nur in
jener schmalen Spalte geöffnet, aus der Verlangen und Sehnsucht zu lauschen
pflegt, lag das Mädchen in den Händen ihrer Frauen. Zum zweiten Male sah der
Jüngling unverhüllt dies Antlitz, das einen so gewaltigen Eindruck auf ihn
gemacht hatte. Das Oval desselben war in jenem vorspringenden Bogen gewölbt,
welcher dem Antlitz etwas Adler- oder Geierartiges zu geben pflegt. Dennoch war
jeder ihrer Züge einzeln zart und rein. Unter der fast schnabelförmig gebogenen
Nase mit den weitaufgeschlagenen Nüstern, den Zeichen ungezähmter Leidenschaft,
öffnete sich ein überaus zierlich und willenskräftig geschwungener Mund. Schief
gesenkte starke Brauen, wie bei dem Wolf und Fuchs, senkten sich von den
Schläfen zur Nasenwurzel, und so seltsam und unheimlich der Ausdruck dieses
Kopfes an sich war, so lag doch ein eigentümlicher fesselnder Zauber in ihm,
eine medusengleiche erstarrende und zugleich entflammende Gewalt. Ueppig
schlanke Glieder von jener matten, bräunlich weissen Porzellanfarbe, die manchen
Brünetten, namentlich den Maurinnen, eigen ist, trugen diesen Kopf und die
hundert Wendungen und Bewegungen, welche die Sclavinnen im üppigen Spiel diesem
wollustatmenden Körper gaben, entüllten mit jedem Augenblick neue Reize vor
den gefesselten Augen des Jünglings.
    Seine Schläfe glühten, seine Pulse klopften in wildem Schlage, und gährend
in der unsäglichen ungestillten Brausekraft der frischen Jugend tobte das Blut
durch seine schwellenden Adern. Der Odem in seiner Brust schien zu stocken, das
eigene Leben still zu stehen und sich in den Augen allein concentrirt zu haben.
So stand und starrte er lange, er merkte es kaum, dass das verlockende Bild sich
änderte und verschwand, dass Dunkel wieder die Geburtsstätte so verzehrenden
Reizes verhüllte; nur die hohe, unbeschreiblich herrliche Gestalt, der halb
aufgeschlagene Blick, der, als die Herrin unter dem den Ausgang verhüllenden
Teppich verschwand, verlangend, fragend, verheissend die Stelle streifte, an der
sein trunkenes Auge ruhte, blieb in seinem Gedächtnis. Was kümmert den Trunkenen
die Welt rings umher? Erst als an der Pforte seines Kerkers ein Schlüssel
rasselte, als der helle Strahl einer Blendlaterne durch die geöffnete Tür fiel,
erwachte er aus diesen Träumen und sah ein Mohrenmädchen vor sich stehen, das
ehrerbietig den Salem35 gab und ihm zu folgen winkte.
    »Wohin?«
    Die Schwarze schüttelte das Haupt und legte den Finger auf ihre Lippen -
Nicolas erbebte bei dem Zeichen.
    »Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich weiss, wohin Du mich führst!«
    Das Mädchen bemühte sich, zu sprechen, - ein stammelnder unheimlicher Laut
zeigte ihm, dass sie stumm. Aber ihre Geberden sprachen lebendig, wie sie auf das
Herz deutete, weit, wie empfangend, die Arme öffnete und dann die Hände flehend
und bittend ihm entgegen faltete.
    Ihm dunkelte und glühte es ahnend vor den Augen und Sinnen, das Blut wollte
seine Kehle ersticken - halb bewusstlos winkte er »Voran!« und mit leisen, kaum
hörbaren Tritten schlich das Paar durch die Gänge der Feste. Ein Schnauben und
Sträuben erhob sich, wo sie stehen blieben. Im Schein der Lampe sah der Grieche
den Wolf quer vor der Tür gelagert, ihn mit seinen roten Feneraugen unheimlich
anstarrend. Die Sclavin zog ihn bei Seite und öffnete die Tür.
    »Da hinein!« winkte ihr Finger.
    Der junge Mann betrat halb taumelnd das Gemach - hinter ihm schloss sich die
Pforte.
    Um ihn her war eine halbe Dämmerung. Er sah sich in einem orientalisch
ausgestatteten Gemach von halb ovaler Rundung, dessen hohe Jalousieen hinaus
nach dem See zu gehen schienen, denn durch die halb geöffneten hörte er die
Wellen rauschen. An den Wänden hingen Waffen im bunten Gemisch, zur Jagd wie zum
Kriege. Durch den halb erhobenen Teppich eines breiten Bogens in der Seitenwand
strömte das matte Licht, welches das Vorgemach erhellte. Er stand still, er
fasste mit beiden Händen nach dem klopfenden Herzen - er wagte kaum zu atmen -
und deutlich durch die geheimnisvolle duftschwangere Stille klang ihm das
Plätschern der Wellen.
    »Dschel36!«
    Mit einem Sprunge, wie der entfesselte Tiger nach seiner Beute, war er auf
den leisen Ruf am Zugang des Gemachs und schlug den Teppich zurück.
    Da lag es vor ihm - weiss und üppig in seinen roten Draperieen, über die das
Milchglas einer Ampel an silbernen Ketten ein weiches milderndes Licht goss,
während das wohlriechende Oel ihrer Flamme das Gemach mit wollüstigen Düften
durchzog. Auf einem Tische von Rosenholz zur Seite glänzten und blitzten in
silbernen und goldenen Schaalen cyprischer Wein, die duftenden Confitüren von
Chios, die herrlichen Früchte des Orients.
    »Dschel!«
    Vor ihm, vor seinen Augen, auf einem breiten Divan, von weichen Wolfsfellen
überdeckt, lag eine Gestalt, in die langen Falten eines grossen Feredschi von der
weissen zarten Wolle der Tibetziege gehüllt, das Haupt auf den sich aus der
Decke hervorstehlenden Arm gestützt, die unwiderstehlichen Augen auf ihn
gerichtet.
    Er stürzte zu ihren Füssen nieder.
    »Bana bak ai gusum! Ai dschänum, stambul37!« bat in tiefen Gutturaltönen die
Stimme der Türkin.
    Der Jüngling begrub sein Gesicht in die weichen Falten des Mantels, seine
Lippen glühten auf den Wellenlinien dieser Formen. Durch sein weiches lockendes
Haar spielte die Hand des Türkenmädchens, kosend, verführend. Ihre Augen bohrten
sich in die seinen, als sie sein Haupt zurückbog, - sein Gehirn schien zu
brennen unter diesen verzehrenden aussaugenden Strahlen.
    »Böser Christ, warum hast Du Fatinitza so lange harren lassen? Hat das Heben
ihres Schleiers Dir nicht damals schon verkündet, als sie Dir zuerst begegnete
im Haine der Gärten, dass sie Dein war vom ersten Augenblick? - Musste ich Dich
erst fesseln und führen lassen vor das Antlitz des Bei, meines Vaters, und Dich
werfen in den Kerker, um Dich in süsse Liebesarme zu holen? Uriel, der Engel der
Finsternis, schwebte über der Wölfin von Skadar, so lange ihr Junges fern blieb
von der liebenden Brust.«
    Ein Strom von Feuer brannte in ihrem Kuss auf seinen Lippen, er breitete die
Arme aus nach dem süssen, dämonischen Weibe - -
    Da klang es in dem Nebengemach hell und scharf, - eine französische Uhr, ein
Geschenk ihres Vaters, schlug die Stunde vor Mitternacht, und wie ein eisiger
Strahl fuhr die Mahnung durch die Seele des Jünglings.
    »Habe Erbarmen mit mir! Bei dem Kreuz des Herrn, lass mich heute frei!«
    »Was kümmert mich Dein trügendes Zeichen!« lockte wiederum die sonore
schmeichelnde Stimme; »was kümmert uns Dein Gott! Hat nicht der Engel der Nacht
eben die süsse Stunde des geheimnisvollen Lebens der Geister verkündet, wo sich
die sonst Getrennten zusammenfinden? Warum denn stösst Du mich von Dir, o Christ,
warum willst Du nicht trinken Lippe auf Lippe, Liebe in Liebe, was Fatinitza Dir
bietet?«
    Er hatte das Antlitz verhüllt, vor seinem Geiste stand noch ein Mal das
bleiche Bild des Blutbruders, hangend zwischen Himmel und Erde in seiner
Todesnot, oder kämpfend mit den dunklen Wässern des Sees.
    »Weib, ich liebe Dich, ich vergehe in Dir! Aber bei der Barmherzigkeit
Deines eigenen Himmels, lass mich fort in dieser Stunde, und mein Leben soll Dir
gehören. Ich muss, ich muss!«
    »Dschel!«
    Er warf sich vor ihr nieder auf die Knie.
    »Hilf Du selbst mir aus diesem Zauber, der mich umstrickt. Löse Du selbst
mich aus diesen Banden, die meine Sinne hier gefesselt halten? Gieb mir das
Mittel, hinaus zu gelangen aus diesen Mauern, und dann - - Er ruft! - Er ruft!«
    Wie ein lang gezogener schneidender Ton schien aus weiter Ferne ein
pfeifender Laut hereinzudringen durch die Öffnung der Jalousieen..
    Die Augen schliessend, riss er sich los aus den umstrickenden Armen, und
empor, dem Ausgange zustürzend, der hinaus führte auf den schmalen Gitterbalkon,
hängend über den Tiefen des Sees.
    Mit einem Sprunge, wie die Löwin, der man ihr Junges raubt, war die Mirditin
empor und warf sich ihm entgegen quer vor den Ausgang, die Hände zu ihm
emporgestreckt, das glühende Auge wild auf das seine gebannt. Weitin war die
verhüllende Decke geschleudert - wie sie dem Bade entstiegen - in allem
Geheimnis des himmlischen Leibes lag sie vor ihm.
    Seine Sinne dunkelten - das Gedächtnis, - jede Erinnerung der Männerbrust
schwand - nur seine Augen lebten noch -
    Und der starre dämonische Strahl der ihren schien sich aufzulösen in weiche
schmelzende Akkorde, der drohende Tigerblick wurde zum sanften, schmachtenden,
lockenden Frauenauge, und wiederum zischte es sehnsüchtig, betäubend durch die
roten gehobenen Lippen:
    »Dschel! Dschel!«
    Da beugte er sich nieder und hob die reizende Gestalt des Weibes empor wie
leichten Flaum und drückte sie an die keuchende Brust und trug sie auf seinen
Armen zurück zum weichen üppigen Lager.
    Ihre Hände umschlangen ihn, fest, unauflöslich, wie für Leben und Ewigkeit,
und zogen ihn nieder - -
    Ueber die Wellen des Skadarsees strich klagend der Windeshauch aus den
Schluchten des Sutorman - am Turme von Skadar zwischen Himmel und Wässern stieg
an den Knoten des schwankenden Seils ein bleicher Mann herab und lauschte durch
die Nacht nach dem Hilfe verkündenden Zeichen des Freundes! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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                                    Fussnoten
1 Die Heldengedichte und Volkslieder, oft von den Helden, die sie feiern, selbst
verfasst. Sie pflanzten sich im Volke fort und sind jetzt meist in dem seit etwa
fünfundzwanzig Jahren erscheinenden Staatskalender von Cetinje: Grlitza
(Turteltaube) abgedruckt.
2 Warme Quellen des See's. Man findet hier die obengenannten kleinen Fische oft
in solcher Menge, namentlich gegen den Winter, dass, wenn man das Ruder in eine
solche Fischbank hineinsenkt, dasselbe aufrecht stehen bleibt.
3 Benennung für den Sultan.
4 Eine im Türkenkrieg zerstörte Veste an der Mündung des Czernojewitsch.
5 Christliche Nymphen, Schutzgeister des serbischen Volkes.
6 Die Deutschen.
7 Die frühere Benennung des Vladika von der schwarzen geistlichen Kleidung, die
er den griechischen Mönchen (Kalogeri) ähnlich trug.
8 Junak - ein Tapferer.
9 Der Tod ausser der Schlacht wird von diesen Tapferen als das grösste Unglück
betrachtet; die Verwandten sagen von einem Kranken, der eines natürlichen Todes
starb, er sei von Gott, dem grossen Mörder, getödtet worden (od boga, starok
kronika). Der grösste Schimpf, den man gegen einen Montenegriner ausstossen kann,
ist in den einfachen Worten entalten: »Ich kenne die Deinigen, alle Deine
Vorfahren sind in ihrem Bette gestorben.«
10 Eine der neun Plemen (Stämme) der Katunska-Nahia.
11 Bewohner des Südens.
12 des Weiberraubes.
13 Brüderschaft, Gemeinde.
14 Eines der drei Klöster von Czernagora, im jetzigen Kriege von den Türken
unter Skender-Beg (Graf Jelinski) erstürmt und geplündert.
15 Vetter.
16 Wiese.
17 Ali Tebelin, der berühmte Pascha von Janina.
18 Streifzug.
19 Kula, befestigter Turm.
20 Der von den Griechen und Arnauten getragene hemdartige Rock, der vom Gürtel
bis auf die Kniee fällt und aus einer Menge künstlich zusammengefalteter
Leinenstücke besteht.
21 Der deckenartige weite Mantel, den die türkischen Frauen tragen. Er ist von
leichtem einfarbigem Zeug und gleicht einem grossen Tuch.
22 Der Teufel.
23 Die südliche Vorstadt Scutari's, an deren Aussenseite sich eine Reihe
Batterieen befindet, wärend sie durch eine Krümmung des Flusses und eine kleine
Ebene von der Stadt selbst getrennt ist.
24 Diener; ihre Zahl richtet sich nach dem Range ihres Gebieters.
25 Polizeidiener.
26 Ruf zum Gebet.
27 Kadi, Mollah: türkische Richter; Kadi-askar, der Oberrichter; Mufti, ein
Rechtsgelehrter.
28 Ein türkischer Piaster = 20 Pfennigen.
29 Wir werden sehen.
30 Gott sende ihm Unglück!
31 Schande, Schande!
32 Gott allein weiss es.
33 Ungläubige.
34 Es ist ein Weib!
35 Gruss.
36 Komm!
37 Sieh mich an, Licht meiner Augen, o Du meine Seele!
 
                             Die Wölfin von Skadar.
- - - -
    Das leichte Geräusch brechenden Holzes störte die Stille der Nacht - aber
nicht die schweren Atemzüge der Schlummernden.
- - -
    Dann wieder Alles lauschende Stille.
    Sein Haupt ruhte an ihrer schwellenden Brust. Der halb geöffnete Mund des
schlafenden Weibes mit den spitzen weissen Zähnen schien noch Triumph zu atmen
über den errungenen Sieg. Zwischen den Brauen in der scharf geschnittenen Falte
lag die ganze Leidenschaftlichkeit ihrer Seele. - -
    Ein Schatten glitt unter dem Teppich hervor - wiederum eine lange Pause -
dann legte sich eine kalte Hand auf die glühende Stirn des Griechen.
    Eine unwillige Bewegung der Störung - die Lippen murmelten den Namen
»Fatinitza«, dann schlief er weiter.
    Eine zweite Berührung erweckte ihn. Träumerisch schlug er die Augen empor,
in jener schwelgenden Ermattung des Genusses.
    Vor ihm stand Gabriel der Zagartschane!
    Er wollte emporfahren, die dunkle Glut der Schaam, des gebrochenen
Männereides überflutete sein Gesicht - doch ernst und schweigend winkte der
Czernagorze ihm Vorsicht, auf die lockende Genossin seines Lagers deutend. Dann
trat er zurück in das Vorgemach, leise, unhörbar, wie er gekommen, und winkte
dem Freunde zu folgen.
    Es gelang Nicolas, sich langsam aus den umschlingenden Armen der Türkin zu
winden und vom Lager herabzugleiten auf den Boden, ohne dass seine Bewegungen sie
erweckten. Einige Augenblicke darauf huschte er in das Nebengemach, wo der
Flüchtling stand und aus dem Arsenal an der Wand sich vorsichtig prüfend
bewaffnete. Ein Blick zeigte dem Griechen, wie der Kühne hier herein gelangt.
Die Jalousie des schmalen Altans war geöffnet, die verdeckenden leichten
Gitterstäbe waren an einer Stelle gebrochen.
    Der Czernagorze wandte sich zu ihm.
    »Zum zweiten Male ist der Ruf des Blutbruders in der Stunde der Gefahr
vergeblich nach dem Genossen erklungen; zum zweiten Male fehlte Nicolas Grivas,
als Andreas der Zagartschane seiner Hilfe bedurfte. Wird er auch zum dritten
Male seine Stimme nicht hören, wird er seinen Kampf teilen um Leben und
Freiheit, oder will er ruhen in den Armen der Liebe und den Freund allein sein
Heil versuchen lassen?«
    Der Jüngling beugte sich beschämt.
    »Verdamme mich nicht, Gabriel, meine Seele war umnachtet, mein Wille
gelähmt. Ich teile mit Dir Tod und Leben!«
    »Wohl! ich danke Dir für die rettende Feile und das Seil, die Du mir
gesendet. Aber es war um ein Stockwerk zu kurz und vergeblich schaute ich mich
um nach der versprochenen Hilfe. Da lenkten die freundlichen Wila's mein Auge
auf diesen Altan, und indem ich mich am Seil hin und her schwang gleich dem
Vogel in der Luft, wie ich oft als Knabe getan, wenn ich die Felsennester der
Möwen ihrer Brut beraubt, gelang es mir, die Stäbe zu erreichen und Fuss zu
fassen. Das Uebrige weisst Du. Hast Du Deinen Kahn in der Nähe?«
    »Ich war gefangen wie Du, heute Abend durch meine Unvorsichtigkeit. Nur die
undurchdringlichen Mauern des Kerkers konnten mich fern von Dir halten. Der
rettende Kahn liegt mindestens eine halbe Stunde weit ausserhalb der Stadt unter
den Felsen.«
    »Dann gibt es nur einen Weg für uns. Wir müssen schwimmend aus dem Bereich
der Festung zu entkommen suchen. Bist Du bereit?«
    »Ich bin's!«
    »Diese schweren Waffen nützen uns Nichts,« flüsterte der vorsichtige
Krieger, »lass uns von uns legen, was uns hindert. Suche wie ich einen leichten
Yatagan und birg ihn in Deinem Gürtel.«
    Indem der Grieche nach der bezeichneten Waffe fasste, stiess er an eine
zweite, und diese fiel klirrend zu Boden.
    Erschrocken blickten Beide empor - der Teppich vor dem Zugang des
Schlafgemachs wurde zur Seite gerissen, in demselben, wie der Tiger zum Angriff
bereit, kauerte das nackende Weib, die glutsprühenden Augen auf die Freunde
gerichtet.
    »Verräter!«
    Der einzige Laut zischte durch ihre Lippen; mit einem Sprunge warf sie sich
nach der Tür, aber der Czernagorze stürzte ihr zuvor und umfasste mit aller
Kraft ihren Leib. Ein wildes Ringen begann zwischen den Beiden, eine
übermenschliche Stärke und Geschmeidigkeit schien die Muskeln und Glieder dieser
Frau zu stählen, gleich einem Proteus wand sie sich in dem starken Männerarm und
rang Brust gegen Brust. Aber kein Laut, kein Ruf der Hilfe entschlüpfte ihren
Lippen, nur der keuchende Atem, der zischende Ton der Wut begleitete diesen
Kampf.
    An der Tür jedoch scharrte und kratzte es wütend und immer wütender. Das
grimmige Raubtier witterte die Gefahr, den Kampf seiner Gebieterin, und
versuchte, ihr zum Beistand zu eilen.
    »Mach' ein Ende! komm zu Hilfe! ich vermag diesen Teufel in Weibergestalt
nicht länger zu bändigen.«
    Zwei Mal hatte Nicolas Grivas den Stahl für den Blutbruder erhoben gegen das
dämonische Weib, das eben noch an seinem Herzen gelegen, - zwei Mal traf ihn
mitten in der Furie des Ringens ein kalter verächtlicher Strahl ihres Auges -
und Hand und Waffe sanken machtlos nieder. Da, wie ein Ausweg des Himmels, fiel
sein Auge auf einen zur Seite am Boden liegenden persischen Shawl, und im Nu
hatte er ihn aufgerafft und schlang ihn um Kopf und Schultern des Mädchens.
Gabriel hob sie zugleich empor, im nächsten Augenblick hatte er sie auf das eben
verlassene Lager geworfen und keuchend umschlangen Beide die wild sträubenden
Glieder mit Tüchern und Decken, wie die Hand sie erreichen konnte, und zogen die
Knoten um sie fest. Auch jetzt noch entfloh kein Schrei ihrem Munde, nur das
Atmen der Wut vernahmen sie durch das dicke Gewebe des den Kopf umhüllenden
Shawls.
    Aber draussen am Eingange des Gemaches tobte und wütete es fort, mit
gewaltiger Kraft sprang der Wolf an der Tür empor und stiess ein klagendes
Geheul aus, dass es weit durch die Räume des alten Gemäuers scholl.
    Gabriel riss den Freund mit sich fort, der zitternd auf das Werk seiner Hände
schaute, die gebundene verhüllte Gestalt, die jetzt ruhig und bewegungslos,
gleich als erkenne sie das Nutzlose jedes weiteren Sträubens, auf den Kissen
lag.
    »Sie stirbt! sie erstickt!«
    Doch der Czernagorze drängte ihn zum Altan.
    »Was kümmert uns ein Weiberleben! Hinunter! Hörst Du nicht, dass von dieser
Bestie Geheul schon die halbe Feste in Allarm ist? Mir nach, Blutbruder, und die
Heiligen seien uns gnädig!«
    An der Pforte donnerten Waffen und Hände, - unter den gewichtigen Schlägen
sprangen die Riegel - -
    Mit weitgestrecktem Sprunge warf sich der Czernagorze vom durchbrochenen
Altan hinab in die dunkle Flut, im nächsten Augenblick folgte ihm der Grieche.
    - - -
    Als Beide emportauchten, glänzte heller Lichtschein von der Öffnung des
Balkons über die Fläche des Wassers - im Umwenden glaubte der Jüngling Gestalten
darauf zu sehen, darunter einen weissen fliegenden Mantel, einen Moment nachher
blitzte ein Schuss, die Kugel fuhr über ihnen hin in's Wasser.
    »Nieder!« rief der Czernagorze ihm zu, »halte Dich rechts!« Und die
Schwimmer sanken auf's Neue fast auf den Grund und strichen weit aus.
    Als sie Luft zu schöpfen nochmals emportauchten, waren sie ausser dem Bereich
der augenblicklichen Gefahr, aber weit entfernt davon, gerettet zu sein. Die
Richtung, die sie zu nehmen gezwungen worden, führte sie hinaus in den See. In
den verlassenen Festungswerken wurde es lebendig, Lichter bewegten sich an den
Oeffnungen hin und her, ehe sie noch zehn Minuten weiter getrieben waren, auch
am Strande, und ein Kanonenschuss donnerte über die Fläche des Wassers, Allarm
rufend und die Schildwachen zur Aufmerksamkeit mahnend.
    Mit allen Kräften griffen die beiden rüstigen Schwimmer aus, denn sie
wussten, dass jede Minute Verlust war, und dass es um Tod und Leben gälte, so rasch
als möglich über den Rayon der Festungsmauern hinaus zu gelangen, ehe sie auf
dem Wasser verfolgt werden könnten, und den verborgenen Kahn zu erreichen.
    Aber die Kleider, deren sie sich nicht hatten entledigen können, zogen immer
schwerer und schwerer und hinderten ihre Anstrengungen, und die Kräfte des
Czernagorzen waren durch die Entbehrungen der Haft geschwächt. Rüstiger schwamm
der junge Grieche, an der See geboren und Herr des Elements, und ermunterte den
Freund zu neuen Anstrengungen.
    Doch weit rechts noch lag das rettende Ufer und kaum noch war Zuflucht dort
zu hoffen, denn in kurzen Zwischenpausen dröhnten die Allarmschüsse fort.
    Gabriel war ermattet.
    »Rette Dich selbst, Blutbruder, und grüsse Stephana und die schwarzen Berge!«
    Er sank; aber der Grieche war hinter ihm d'rein und hob ihn empor.
    »Bei der gebenedeieten Mutter Gottes von Ostrog,« flehte er, »verliere den
Mut nicht, Hilfe ist nahe - ich höre Stimmen!«
    Und gleichsam als Antwort auf den Scheidegruss des tapfern Czernagorzen
hallte sein Name durch die Nacht über die Wellen, und hinterdrein klang der
Schlachtruf der Familie Martinowitsch, ihr heilig' Erbteil seit der Mordnacht
der Weihnachten von 1703: Sve Oslobod1!
    »Hier Czernagora!« tönte der Gegenruf des Griechen, wie er sich aus den
Wellen hob. Triumph! Rettung! Durch die Nacht strich ein weisses Segel daher -
ein jubelnder Schrei klang vom dunklen Bord, - Arme streckten sich nach ihnen
aus - das waren Freunde.
    Am Steuer stand der alte Beg, Hassan und der Vetter arbeiteten wie rasend an
den Rudern - Stephana's, Bogdan's Arme streckten sich den Schwimmenden entgegen.
    »Mut!«
    In der nächsten Minute hob Nicolas den erschöpften Freund über den Rand des
Bootes in die Arme seines Weibes und warf sich selbst ihm nach.
    »Wendet! Fort!«
    Erschöpft lagen die Beiden auf dem Boden des rettenden Fahrzeuges, das unter
dem kräftigen Druck des Alten sich von der Festung ab- und den Bergen zuwandte.
    Stephana's Angst und Ungeduld hatte die Hilfe gebracht, indem sie den alten
Beg bewog, mit dem Boote während der Nacht sich den Festungswerken zu nähern,
statt an der bestimmten Bucht des östlichen Ufers des Kahns mit den glücklich
Entkommenen zu harren. Als der erste Allarmschuss über den See donnerte, wusste
die Familie, dass die Flucht vollzogen, und der kühne Eifer trieb sie vorwärts,
die eigene Gefahr verachtend.
    So war die Hilfe im glücklichen Augenblick erschienen.
    Die Czernagorzenfrau bedeckte den Gatten mit ihren Küssen. Im schwarzen
Hochland sind die Weiber treu und voll aufopfernder Liebe. Obschon sie wegen
ihrer wunderbaren Tatkraft von ihren Männern zu den schwersten Arbeiten
gebraucht werden, erleidet ihre Stellung dadurch doch keine Erniedrigung, und
die Frau ist in moralischer Hinsicht keinesweges bloss das Spielzeug des Mannes,
wie dies nur zu oft in civilisirten Ländern der Fall ist. In Czernagora ist das
Weib wahrhaft unverletzbar; Fleiss, Keuschheit und Mut sind die drei schönen
Tugenden, die sie zieren. Darum vertraut sie sich auch ohne Bedenken selbst dem
Fremden, in der Gewissheit, dass er sich keine Unziemlichkeit gegen sie erlauben
werde. Wagte er es dennoch, ihre Schaamhaftigkeit zu verletzen, so würde der Tod
des einen oder des anderen Teils die gewisse Folge davon sein. Ein
czernagorzisches Mädchen liebt nur in der Aussicht auf Heirat, den treulosen
Verführer aber trifft der Tod.
    Diese heilig bewahrte Schaam und Sitte des Volkes wird das Furchtbare der
nachfolgenden Scenen charakterisiren.
    Ueber dem Wiedergewonnenen hinweg reichte Stephana dem Griechen die Hand und
konnte nicht enden in lobpreisenden Dankesworten für seine Tat. Auch der alte
Beg und die Andern bezeugten ihm Dank und Achtung für die bewiesene Aufopferung
und Treue, und mehr als ein Mal drohte das Gefühl bitterer Schaam ihn zu
überwältigen. Das war um so lastender der Fall, als der alte Glaware2 den
Hergang der Flucht zu wissen verlangte, und Gabriel, der sich an der Brust des
treuen Weibes erholt hatte, eilig das Wort ergriff, den Freund aus der
Verlegenheit zu ziehen, und der Familie kurz erzählte, wie Nicolas ihm Feile und
Strick gesandt hatte, wie er verhindert worden sei, mit dem Kahne zu seinem
Beistande zu erscheinen, und nun mit ihm zusammen schwimmend die Flucht versucht
habe, dass diese aber durch einen Zufall zu früh entdeckt worden und ihre
Verfolgung nach sich gezogen.
    Die Beratung, wie dieser am besten zu entgehen, nahm jetzt Aller
Aufmerksamkeit in Anspruch. Der alte Beg war der Ansicht, dass sie jeder Gefahr
glücklich entgangen seien, da der Pascha von Scutari schwerlich um der Flucht
eines einzelnen Gefangenen willen viel Aufhebens machen und aussergewöhnliche
Mittel zur Verfolgung in Bewegung setzen würde. Gabriel und Nicolas jedoch
schauten einander bedenklich an und waren der Meinung, man dürfe keine
Anstrengung versäumen, um so rasch als möglich die czernagorzischen Ufer zu
gewinnen. Ohne den Namen der Wölfin von Skadar auszusprechen, wusste der Grieche
doch seine Besorgnis auch Stephana mitzuteilen, und sie gewann um so mehr
Begründung, als die Gesellschaft bald darauf von der Höhe des Turmes, dessen
Kerkern Jene so glücklich entronnen waren, ein mächtiges Feuerzeichen
emporlodern sah, ein Signal, das sonst gewöhnlich nur bei den Kriegsüberfällen
üblich war, um den verschiedenen Posten entlang der Seeufer die Anwesenheit des
Feindes zu melden. In Zeit von einer halben Stunde stammten links nach Antivari
hin und rechts gegen das Hochgebirge bereits mehrere ähnliche Feuer an den
beiden Ufern und verkündeten die Aufmerksamkeit in den verschiedenen Kastells.
    Der See von Skadar hat eine Länge von nahe an sieben Meilen bei einer
wechselnden Breite von etwa zwei. Nur das nördliche und nordwestliche Ende, an
dem sich die Moratscha und der Czernojewitsch in den See ergiessen, wird von
Czernagora selbst begränzt, und zwar im Norden von der Rietschka Nahia, im
Nordwesten von der Czernitza Nahia. Die nördlich gelegenen Inseln gehören, wie
bereits erwähnt, zwar zum Gebiet von Montenegro, sind aber nur zu Zeiten,
namentlich während des Fischfanges, bewohnt. Man beschloss daher, die rechte
Seite des Sees zu halten und die Ufer der Rietschka zu gewinnen, der heimischen
Nahia des Alten, wo sein Ruf im Augenblick die Männer der zunächst wohnenden
Plemen im Fall der Bedrohung herbeiführen konnte.
    Nachdem man dies getan, wurden die Wachen bestimmt, um stets mit erneueten
Kräften an den Rudern arbeiten zu können. Der alte Beg erklärte, das Steuer
nicht verlassen zu wollen, - seine eisernen Muskeln widerstanden jeder
Anstrengung.
    Die erste der Wachen hielten der Grieche, Hassan Lekitsch der Arnaut und der
Vetter, Iowan genannt. Die beiden Letzteren waren an den Rudern beschäftigt, der
Erste hielt das Seil des Segels, das sich noch immer lustig im beginnenden
Morgenwinde blähte. Es mochte jetzt zwei Uhr nach Mitternacht, oder die
vierzehnte Stunde des Tages, wie man auch hier nach italienischer Sitte rechnet,
sein, und über die Bergspitzen begann der erste Schein der Dämmerung zu brechen,
während noch die tiefen Schatten der Nacht über dem See lagen.
    Der Einäugige summte leise in jener unangenehmen monotonen Sangesweise der
griechischen und orientalischen Stämme die Piesme vor sich hin, welche den Zug
des Czernojewitsch Iwo zum Dogen des grossen Venedigs und die Hochzeit des
falschen Stanischa, des schönen Wojwoden von Dulcigno, Obrenowo Djuro, mit der
Tochter der Inselstadt meldet, wie die Rache des echten Bräutigams und seine
Flucht nach Schabljack.
    Grivas dagegen träumte von der schrecklichen Scene, der er entronnen. Vor
seinen geschlossenen Augen stand mit dem flammenden, verächtlichen,
rachesprühenden Blick die Wölfin von Skadar. Dazwischen kehrte in seine
Erinnerung das schwelgende Bild ihres Reizes zurück, und er beugte, im Innern
vernichtet und von widerstreitenden Gefühlen zerrissen, das Haupt.
    Die zweistündige Wache mochte zu Ende sein, - die Sonne war bereits
aufgegangen und ihre Strahlen brachen durch die Schluchten der im Osten sich
emporstreckenden Bergkämme, als Hassan den Hellenen aus seinem Hinbrüten weckte
und ihm einen Wink gab, sich umzuschauen.
    »Blicke mein griechischer Bruder nach der Seite, wo die Sonne sich in's Meer
senkt, und sage mir, was er über den leichten Nebeln sieht, die dort noch das
Ufer verhüllen. Der junge Falke der Maina hat scharfe Augen!«
    Grivas schaute angestrengt nach der angedeuteten Stelle.
    »Das ist sicherlich ein dunkler Rauch, welcher sich über die Nebel bewegt.
Sollten wir so nah' einer der Inseln sein und dort Beistand finden?«
    »Mein Bruder täuscht sich. Siehst Du nicht, dass der Rauch sich bewegt?«
    »Was habt Ihr? Nach was späht Ihr aus?« unterbrach sie der Beg.
    »Birschik jok3! wir werden nur verfolgt,« entgegnete gleichmütig der
Arnaut. »Der Bei hat jenes höllische Schiff uns nachgesandt, das der Scheitan
erfunden und das allein läuft, ohne Segel und Ruder.«
    »Du meinst ein Dampfschiff?«
    »Ne apalum, was kann ich tun? Der Bei hat von den Franken seit dem Kriege
das Schiff machen lassen, und er hat Leute, die es führen.«
    In der Tat war in dem letzten Kriege die Notwendigkeit rascher
Verkehrsemittel immer dringender an den Tag getreten, und die türkische
Regierung hatte auf die Vorstellungen Omer Pascha's eines der kleinen eisernen
Lustdampfboote, welche zwischen dem Bosporus und Constantinopel fahren, nach
Dulcigno gesandt, wo es von französischen Maschinisten auseinander genommen und
die Bojana aufwärts bis Scutari transportirt, dort aber wieder zusammengesetzt
worden war. Den Czernagorzen war zwar die Beschaffenheit und Schnelle der
Dampfschiffe nicht mehr unbekannt, da sie von der Höhe ihrer Berge fast täglich
dieselben die schöne Adria durchziehen sehen können, doch war eben der türkische
Dampfer auf dem nördlichen Teil des Sees noch zu wenig benutzt worden, um ihnen
weitere Besorgnis einzuflössen, und der Grieche hatte bei der aufgeregten
Stimmung seines Gemüts wenig oder gar nicht auf die Anwesenheit des Schiffes
zwischen den Festungswerken von Scutari geachtet.
    Jetzt wurde ihm jedoch die Gefahr, die sie bedrohte, im Augenblick klar und
er setzte sie dem alten Krieger deutlich und rasch auseinander. Während Gabriel
und Stephana, die Arm in Arm im Vorderteil des Bootes schliefen, und der junge
Martinowitsch geweckt wurden, verzogen sich die letzten Nebel und man erblickte
deutlich den Dampfer in Entfernung von kaum noch einer Meile in südwestlicher
Richtung hinter den Flüchtenden, doch offenbar seinen Cours am westlichen Ufer
entlang haltend.
    Grivas und Gabriel begriffen sehr wohl, dass man bei der Entdeckung der
Vorbereitungen zu ihrer Flucht auch überzeugt gewesen sein würde, selbst wenn
man dasselbe später nicht bemerkt haben sollte, dass ein Fahrzeug der Flüchtigen
in der Nähe harre, und dass ihre Flucht demnach zu Wasser fortgesetzt werde. Wäre
es den Beiden gelungen, in der beabsichtigten Weise um Mitternacht zu entkommen,
so konnte die Flucht nicht vor dem nächsten Morgen bemerkt werden, und dann
waren sie ausser dem Bereich jeder Verfolgung.
    Jetzt war es freilich anders. Die Richtung des Dampfers, der offenbar mit
voller Kraft fuhr, zeigte die Absicht, die Flüchtigen, wenn sie sich nach der
Czernitza Nahia gewandt haben sollten, vorher zu erreichen, oder im
entgegengesetzten Fall sie von diesem näher belegenen Ufer Montenegros
abzuschneiden und nach der andern Seite, dem türkischen Gebiet, zu drängen.
    Offenbar konnte man in dieser Entfernung noch nicht das kleine Boot bemerkt
haben und es galt, dies wo möglich zu verhindern. Eine kurze Beratung folgte,
ob man das leicht verratende Segel einziehen und sich nur auf die Kraft der
Ruder verlassen, oder den noch immer günstigen Morgenwind benutzen sollte.
Beides war gefährlich, denn kaum die Hälfte des Weges war zurückgelegt. Der Beg
entschied sich für die weitere Benutzung des Segels, da ohnehin die erste der zu
Montenegro gehörenden Inseln, Stavena, bereits vor ihnen lag und man hoffen
durfte, an ihrer Wetterseite der Beobachtung des Feindes zu entgehen. Alle
halfen an den Rudern und bald schoss das Boot unter den Felsenufern der Insel
dahin.
    Der Beg wandte das Steuer noch mehr nach Osten und so gelang es ihnen,
anscheinend unbemerkt nach weitern zwei Stunden des Ruderns, während dessen der
Morgenwind erstorben war und man das Segel eingezogen hatte, die zweite der
Inseln, Sanct Nicolaus, anscheinend unbemerkt zu erreichen. Das Dampfschiff war
unterdess weit heraufgekommen und hatte den Fahrstrich des Bootes bereits
überholt, hielt sich aber immer noch am jenseitigen Ufer. Hier unfern der
nördlichen Spitze der Insel, in einer kleinen ziemlich geschützten Felsbucht
beschloss der Beg, Halt zu machen und den Tag zu verbringen; denn da sich über
die Insel hinaus der See bedeutend verengt, wäre es fast nicht möglich gewesen,
der Aufmerksamkeit der Verfolger ferner zu entgehen, während wenn diese, wie zu
erwarten stand, ihren Weg fortsetzten, die Flüchtlinge ganz ungestört hier sich
verborgen halten und das schützende Dunkel der Nacht abwarten konnten.
    Das Boot lag gesichert in der Felsenbucht, in seinem Innern ruhten die
Männer von der Anstrengung des Morgens und der sich steigernden Hitze des Tages.
So vergingen mehrere Stunden, ohne dass sie belästigt wurden. Bogdan, zuerst als
Späher auf eine der Felsspitzen geschickt, hatte berichtet, dass das Dampfboot
hinter der letzten der Felseninseln, Morakowitsch, verschwunden sei. Das hohe
Ufer verhinderte ihn, zu bemerken, dass der Dampfer, nachdem er einer Barke
begegnet war, von der er die Kunde erhielt, dass kein Boot aus dieser Seite des
Sees entkommen sein konnte, an der letzten Insel hielt und Bewaffnete aussetzte,
um dieselbe nach den Flüchtlingen zu untersuchen.
    Gabriel hatte jetzt die Wache und war an's Ufer gestiegen; die Gesellschaft
sass nach ihrem einfachen Mahl, aus der trocknen Castradina und Maiskuchen
bestehend, noch immer im Kahn, um jeden Augenblick bereit zu sein. Nur der alte
Beg hatte seltsamer Weise den Anteil an der Speise von sich gewiesen, er sass
still in sich gekehrt, mit starrem Blick, gleich als habe er ein zweites
Gesicht, und summte wieder leise die Piesmen seines Stammes vor sich hin, deren
so manche die Taten seiner eignen Jugend feierten. Plötzlich fuhren Alle empor
bei dem nahen Knall eines Schusses. Wenige Angenblicke darauf stürzte in kühnen
Sprüngen von Fels zu Fels Gabriel bleich und blutend zur Bucht, noch ehe seine
Stimme sie erreichen konnte, zur Flucht winkend. Im Nu war Alles in Bewegung,
das Boot abgestossen und dem Eingang zugetrieben. Hier, wo die Ufer
zusammentraten, sprang Gabriel in das Fahrzeug.
    »Fort, fort, um aller Märtyrer willen, die Ungläubigen sind uns auf der
Spur! Sie sind zurückgekehrt und durchsuchen die Insel; ein Trupp hat mich
entdeckt, als ich nach dem Schiff spähte.«
    Mit erneuter Kraft warfen sich Alle auf die Ruder, auch Gabriel, dem die
Kugel nur leicht die linke Hüfte gestreift hatte. Das Boot flog in das freie
Gewässer, aber ein wildes Jauchzen, der Knall vieler Gewehre verkündeten ihnen,
dass sie auch bereits entdeckt worden.
    Während der rasenden Arbeit sich umschauend, erblickte Grivas auf der Höhe
der Felsen die Verfolger, drohend die Gewehre durch die Luft schwingend, deren
Kugeln die Flüchtlinge nicht mehr erreichen konnten; unter den Gestalten der
Männer den wehenden Feredschi einer Frau. Ihr ausgestreckter Arm deutete nach
der Küste, ihre Befehle jagten die Arnauten nach allen Seiten.
    Fatinitza, die Wölfin von Skadar, Fatinitza die Rächerin, war auf ihrer
Spur!
    Die Lage der Verfolgten war noch immer keine so verzweifelte, als es im
ersten Augenblick geschienen hatte. Durch den Zeitverlust, den ihre Gegner
notwendig beim Wiedereinschiffen auf den Dampfer und das Herumbringen desselben
um die Ausbuchtungen der Insel erleiden mussten, war ihnen ein bedeutender
Vorsprung gesichert. Ueberdies ist dieser Teil des Sees wegen der vielen aus
dem Grunde sich erhebenden Felsen und Klippen schwieriger für grössere Schiffe zu
befahren. So gelang es den Verfolgten denn wirklich, die Ostseite der dritten
Insel zu erreichen, während die Türken, denen die Schwierigkeiten des
Fahrwassers gleichfalls bekannt waren, an der Westseite des langgestreckten
Eilands hinfuhren, um an dessen Spitze im freien Wasser den Czernagorzen den Weg
zu verlegen.
    Ueber die Felsen der Insel hin konnten die Verfolgten die Rauchsäule des
Schiffes bereits in gleicher Linie mit ihrem Boot streichen sehen, als der alte
Glaware das Steuer wandte und quer über den Seearm nach einem Vorgebirge des
östlichen Ufers abhielt. Auf seinen Wink strengten Alle ihre Kräfte an den
Rudern auf's Neue an und das Boot flog über die Wellen. Die Entfernung der Insel
vom Ufer betrug hier eine starke halbe Meile. Während das Dampfboot etwa in
gleicher Entfernung um die Nordspitze der Insel bog und die weitere Flucht nach
der noch andertalb Meilen entfernten Mündung des Czernojewitsch - dem
sichernden Ufer der Rietschka Nahia - versperrte, war das Boot der Czernagorzen
bereits auf Büchsenschussweite am Ufer und näherte sich einer Einbuchtung, als
aus dem Gestein des Ufers plötzlich leichte Rauchwolken emporkräuselten und
Schüsse ihnen entgegenbljetzten. Zwischen den Felsen zeigten sich die weissen
Pferde der Albanesen, Posten erschienen auf den Vorsprüngen.
    »Das Segel auf!« befahl der Beg, dessen eines Auge in dieser von Minute zu
Minute sich mehrenden Gefahr wieder kühn und fest umherbljetzte. »Gelingt es uns,
das Vorgebirge zu umfahren, ehe jenes dem Teufel verschriebene Schiff heran
kommt, so gewinnen wir das Ufer. Diese Kinder des schwarzen Hundes sollen die
freien Söhne der Berge nicht fangen, denn um auf jene Seite des Vorsprungs zu
gelangen, brauchen sie Zeit.«
    Die Moslems auf dem Dampfschiffe begriffen zwar das Manöver der Flüchtlinge,
doch war es ihnen nicht möglich, vor diesen das Vorgebirge zu erreichen, und
nach einer rasenden Anstrengung von etwa zehn Minuten schoss das Boot gesichert
zwischen den Klippen der nördlichen Seite hin, um sich eine bequeme
Landungsstelle zu suchen, während ohne Resultat mehrere Karonadenschüsse vom
Bord des Dampfers nach ihnen abgefeuert wurden.
    Als das Boot das Ufer berührte, das noch von keiner Wache des Feindes
besetzt war, sprangen Alle eilig heraus, das Fahrzeug seinem Schicksale
überlassend und eilten nun, ihre Waffen mit sich nehmend, in die Schluchten der
Zenta.
    Jowan, dem diese Gegend von früheren Fischerfahrten bekannt war, machte hier
den Führer. Sie waren ungefähr eine Viertelmeile diesseits der kleinen Feste
Zabljak gelandet, die in den Kriegen zwischen Montenegro und den Türken von
Alters her eine so bedeutende Rolle gespielt und auch zu Anfang des letzten
Krieges von den Czernagorzen wieder genommen und beim Abzug am 25. December
zerstört worden war.
    Seit dem geschlossenen Frieden hatte man zwar versucht, die
Befestigungswerke wieder herzustellen, doch war dies erst zum geringen Teil
gelungen und nur ein kleiner Posten hielt sie besetzt, so dass man hoffen durfte,
ohne Gefährdung sie zu umgehen, wenn nicht vorher schon der Befehl zu ihrer
Verfolgung dort eingetroffen. Von der nächsten Höhe, die sie gewonnen, sahen sie
jedoch, dass das Dampfschiff jetzt seinen Lauf nach der halbzerstörten Feste
genommen und sie beinahe erreicht hatte. Es galt demnach, sich tiefer in das
Gebirge zu werfen, um auf dem Umweg das von Zabljak noch eine starke Meile
entfernte Gebiet von Montenegro nach Ueberschreitung der Ziewna zu gewinnen.
    Es war bereits hoch am Nachmittag, als sie hier die Fortsetzung ihrer Flucht
begannen und in die Berge östlich von Fabljak drangen, so viel als möglich die
Richtung nach Norden beibehaltend, um sich ihrem Ziel zu nähern. Aber ihre
Vorsicht und ihr Mut waren vergeblich, denn die Furie, die auf ihren Fersen
war, verstand zu wohl ihren Vorteil, um ihnen Zeit und Raum zum Durchbruch zu
gönnen, und fand in einer vor wenigen Tagen von Podgoritza her in die kleine
Feste eingerückten Reiterabteilung neue Hilfe. Der Offizier ihres Vaters,
welcher mit einem Haufen wilder Albanesen sie auf dem Dampfer begleitet hatte,
war ihrem Willen blindlings gehorsam, und ehe eine Viertelstunde nach der
Landung vergangen war, flogen ihre Boten bereits nach den Reiterposten, welche
durch die schnellen Sendboten des Paschas von Skadar her entlang der ganzen
Küste des Sees noch während der Nacht und des Morgens zum Fange der Flüchtigen
aufgeboten worden waren, und deren nächster jenseits des Vorgebirges bereits die
Czernagorzen an der Landung verhindert hatte. Zugleich brach ein starker Hause
aus der Feste auf, um das Ufer der Ziewna und Moratscha zu besetzen und so den
Füchtigen den Weg abzuschneiden.
    Die Folgen zeigten sich bald. Als der kleine Trupp der Czernagorzen gegen
Abend, von dem Beg geführt, aus den Bergen brach, um den ersten Fluss zu
überschreiten, wurden sie vom Ufer her mit Flintenschüssen empfangen, und selbst
die tollkühne Tapferkeit des greisen Führers musste die Uebermacht der Gegner
anerkennen und ihr weichen. Unter einer alten Steineiche sammelten sich die
Sieben und hielten Beratung, während immer drohender das Netz der Verfolger
sich um sie zusammenzog.
    »Die Stunde ist gekommen,« sprach feierlich der alte Glaware, »da wir Bog,
dem grossen Würger, gehorchen müssen. Wir wollen kämpfen und sterben, wie unsere
Väter getan. Das Haus Iwo's wird untergehen in diesen Bergen.«
    »Du redest weise und recht, Vater,« sagte Gabriel, »aber bedenke, ob es
nicht möglich ist, uns hier auf irgend einem festen Punkt zu halten, bis uns
Hilfe käme von unsern Stammverwandten. Der erste Flintenschuss eines Moslems
weckt hundert Mal das Echo an den schwarzen Felsen von Czernagora.«
    Der Alte schwieg brütend.
    »Weiter hinauf im Gebirg,« sprach Jowan, »steht die Kula, die früher einem
Gliede der Gradjani gehörte, das in's Niederland gezogen war. Wenn wir sie
erreichen, können wir einem Angriff widerstehen. Nur den Boten gilt es zu
unseren Brüdern zu finden.«
    Der Greis blickte ihn finster an. »Willst Du den Glawaren der Martinowitsch
lehren, was er auf diesem Felde zu tun hat, das sein Fuss hundert Mal im Kampfe
durchmessen, ehe Du den eigenen Namen lallen konntest? Was geschehen soll ist
beschlossen. Höret!«
    Alle drängten sich um ihn.
    Der Einäugige nahm den schrecklichen Mumienkopf von seinem Halse und
betrachtete ihn. »Namik Halil, mein Todfeind, ich sende Dich jetzt, um das Blut
derer zu retten, die Du im Leben gehasst und verfolgt hast, denn unversöhnlich
ist die Rache der Martinowitsch. - Gabriel, mein Sohn durch den Leib meiner
Tochter, nimm Abschied von Deinem Weibe, denn sie und das Kind« - er deutete auf
Bogdan - »werden den Gang wagen, um die Krieger der Rietschka zu wecken mit der
Botschaft ihres alten Führers.«
    »Vater!« baten Stephana und der Jüngling erschrocken.
    »Still! die Kinder der schwarzen Berge wissen zu gehorchen, wenn der Glaware
ihres Hauses spricht. Ihr Beide werdet Euch hier unter dem Felsen verbergen, bis
der Schatten der Nacht hereinbricht. Dann werden die Feinde fern sein auf
unserer Spur und Ihr könnt ungehindert davon schleichen. Du, Bogdan, eilst zu
den Kula's der Lubotini und Kozieri und rufst sie zu den Waffen; Du, Stephana,
bringst dies Haupt zu den Wohnungen unserer Brüder, der Gradjanen4, an den Ufern
der Czernojewitsch und sagst ihnen, Iwo Martinowitsch sende es zum Zeichen, dass
er des Knalls ihrer Flinten benötigt sei in der Stunde der Gefahr. Die Frauen
wandern frei durch diese Berge, selbst der Moslem ehrt ihr Recht, und die Gefahr
ist gering für Dich. Wäre es auch anders - Du bist aus dem Blut meines Stammes.
Sagt den Männern der schwarzen Berge, in der verlassenen Kula des Popowitsch
Gradjani würden sie uns finden, mit unserm schnellen Blei die Ungläubigen zu
Boden streckend. Wenn Ihr Euch eilt, kann die Hilfe zur Stelle sein, ehe die
Sonne ihren Strahl über die Berge der Zenta auf die grünen Wellen des Sees
wirft. Ich habe gesprochen! Die Wila's mögen Euch und uns gnädig sein!«
    Alle wussten, dass gegen die Entscheidung des Beg keine Einrede galt. Auch war
der Auftrag, der den Beiden geworden und bei dem vielleicht dessen selbst
unbewusst der Glaware von dem geheimen Wunsch mit geleitet sein mochte, sein Blut
und seinen Namen zu erhalten, offenbar weniger gefährlich, als die Aufgabe, die
den Männern blieb. Stephana, das grausenvolle Sendzeichen des Vaters in ihre
Schürze bergend, und der junge Bogdan knieeten vor dem Familienhaupt nieder,
seine Hand küssend; der Greis machte in jener eigentümlichen Weise der
griechischen Völker mit seinem linken Daumen segnend das Zeichen des Kreuzes
über sie und entfernte sich rasch. Stephana warf sich an die Brust des nur eben
wieder gewonnenen Gatten und schien sich kaum von ihm losreissen zu können. Aber
die drängende Gefahr gewährte hier keine Zeit und die Czernagorzenfrau wusste
deren Wert zu schätzen. Noch im Arm ihres Mannes reichte sie dem Griechen die
Hand und bat ihn, den Geliebten nicht zu verlassen. Dann verschwand sie rasch
mit dem Bruder in eine ginsterbedeckte Felsenspalte, während die Männer dem Beg
nacheilten.
    Schweigend setzten diese einige Zeit ihren Weg fort, absichtlich an einer
geeigneten Stelle sich einem im Tale unten bemerkten Posten der Verfolger
zeigend, was von diesem mit einigen nutzlosen Schüssen beantwortet wurde. Nach
einer weiteren halben Stunde gelangten sie aus eine sich in leichter Abdachung
nach Süden senkende Vergebene, zum Teil mit Gebüsch und wilden Kastanienbäumen
besetzt, auf der, an eine schützende hohe Felswand gelehnt, die halbzerstörte
Kula stand, die sie zu ihrem Zufluchtsort erwählt hatten. Dieselbe war ein
viereckiges turmartiges Gemäuer von Kalksteinen, in der Hauptmauer noch wohl
erhalten und nur das obere Stockwerk mit dem Gebälk eingestürzt. Kein Feind war
zu sehen, und rasch nahmen sie von der Ruine Besitz, häuften Schutt und Balken
vor den Zugang und machten die schmalen Fensteröffnungen in den dicken Mauern
für die Verteidigung frei. Der Platz bot für kühne und standhafte Männer einen
nicht üblen Zufluchtsort, und Alle empfanden dies, als sie nach rasch
vollendeter Arbeit sich um den Häuptling am Boden lagerten und nochmals ihre
Waffen untersuchten, während Jowan an einer der Schiessscharten scharfen Auges
Wache hielt über die Umgebung.
    Die Sonne begann bereits hinter den jenseitigen Bergspitzen zu verschwinden,
als der Czernagorze das Zeichen gab, dass die Feinde nahten. Im Augenblick waren
alle Fünf auf ihrem Posten, alle mit den langen Flinten des Hochlands bewaffnet,
da Bogdan die seine, als am raschen Lauf ihn hindernd, an Gabriel gegeben hatte.
Ein ziemlich starker Trupp berittener Arnauten sprengte die Bergebene herauf und
machte etwa zwei Büchsenschüsse von dem Gemäuer Halt. Offenbar glaubten die
Türken, dass sie auf der Spur ihrer Gegner seien, denn sie prüften sorgfältig die
ganze Fläche, jedes Gesträuch, jedes Felsenversteck durchspähend und bald nahte
ein kleiner Haufe den Ruinen der Kula, misstrauisch die Verrammelung des Zugangs
betrachtend, die Waffen zum augenblicklichen Gebrauch in Händen.
    Der greise Beg liess sie bis auf etwa sechszig Schritt herankommen, dann
stiess er mit seiner donnernden Stimme den gefürchteten Schlachtruf seiner
Familie aus und gab Feuer. Gabriel, Grivas, Jowan und auch der Arnaut Hassan
folgten seinem Beispiele, und drei der Reiter stürzten von den Pferden, während
die Andern erschrocken Kehrt machten und davon sprengten, der Eine gleichfalls
verwundet im Sattel schwankend. In wenigen Augenblicken waren unter dem tobenden
Allahruf die Türken ausserhalb der Schussweite unter den Kastanienbäumen
versammelt, die Pferde wurden gekuppelt und angebunden, während zwei der Reiter
mit der Kunde davon jagten, dass die Flüchtigen gefunden seien, und der Führer
der Schaar verteilte seine Leute über die Fläche, von allen Seiten das Gebäude
im weiten Halbkreise umgebend.
    Während die kurze Dämmerung, die im Süden Tag und Nacht scheidet,
hereinbrach, begann das Gefecht, und die Schüsse der Plänkler knatterten munter
gegen die Oeffnungen des Gemäuers, aus dem hin und wieder ein Schuss aus den
langen Flinten der Czernagorzen antwortete, wenn Einer oder der Andere der
Moslems unvorsichtig sich zu weit vorwagte. Der Schein des Vollmonds, der den
ersten Teil der Nacht erhellte, zeigte klar alle Gegenstände rings umher.
Plötzlich übertönte ein wilder Jubelruf der zurückgebliebenen Türken das
einzelne Knallen der Flinten. An der Spitze eines zweiten Trupps heran jagte
eine Frau im weiten, weiss durch die Nachtluft flatternden Mantel, den Schleier
um das Haupt gewunden, die Büchse in der Hand, im Gürtel Pistolen und Handjar, -
vor dem weissen Araber her in mächtigen Sprüngen mit gesträubtem Haar der Wolf,
ihr Begleiter.
    Um das Pferd der kühnen Reiterin sammelte sich die Schaar, Befehle flogen
von ihren Lippen nach rechts und links, in drei Haufen teilte sich der wohl an
fünfzig Mann starke Trupp, und langsam, lautlos rückten sie jetzt von drei
Seiten gegen den Turm.
    »Bei Allah!« sagte Hassan zu den Kampfgefährten, »wir werden einen schweren
Stand haben. Kennt Ihr den Teufel in Weibergestalt, der sie zum Angriff führt?
Es ist Fatinitza, die Wölfin von Skadar, von der das Volk erzählt, dass sie das
Blut ihrer Feinde trinkt. Es ist unser Kismet5, hier zu sterben.«
    Der alte Beg grinste in teuflischem Hohnlachen.
    »Ist es die Wölfin von Skadar, so will ich sie fällen, wie das Tier, dessen
Namen sie führt!«
    Die Flinte lag an seiner Wange, der Finger berührte den Drücker, doch
vergebens schnappte der Hahn auf die Pfanne, das Gewehr versagte, - zum ersten
Male seit langen Jahren.
    Der Greis setzte es erstaunt und abergläubisch zu Boden.
    »Bei Bog, dem grossen Würger, - sie ist gefeht.«
    »Ich sagte es Euch vorher, Beg Iwo! Sie hat den bösen Blick und keine
Menschenhand kann sie verletzen. - Aber zur Wehr, Männer; die Krieger des
Halbmonds sind über Euch und Allah will es, dass ich gegen die eigenen Brüder
fechten soll.«
    Der Moslem erfüllte wacker die Pflicht des Gastfreundes. Seine Flinte war
die erste, die knallte und einen seiner früheren Kameraden zu Boden streckte.
Der Einäugige, Nicolas, Gabriel und Jowan empfingen die auf ein Zeichen der
schönen Megäre gegen den Bau Heranstürzenden mit einer Salve. Jede Kugel fand
ihren Mann, aber über die Leiber der Fallenden sprangen mit wildem Geschrei die
Albanesen vorwärts und das Handgemenge begann an jeder Öffnung der Mauer.
Pistolenschüsse, die Hiebe der Yatagans und der Säbel klangen hin und her; an
den engen Oeffnungen der Fenster mit leichter Mühe von Jowan und dem Lekitsch -
Khan zurückgeschlagen, drängte sich der Hauptangriff zur weitklaffenden Öffnung
der ehemaligen Tür. Ueber die Balken, Steine und Brandtrümmer versuchten die
blutigen Arnauten in's Innere zu dringen, in ihrer Mitte, Allen voran, keine
Gefahr scheuend, Fatinitza, während das Geheul des Wolfes grimmig durch das
Toben des Gemenges scholl.
    »Sve Oslobod!« klang der Kampfruf des Alten, dessen gewichtige Hiebe, wo sie
niederfielen, Tod und Verderben brachten, da - als seine Faust mit der schweren
Waffe wieder erhoben, warf sich das Mädchen ihm entgegen, ihr dämonisches Auge
traf das seine und ihr Handjarhieb seine Stirn, dass er blutig zurücktaumelte.
    »Maschallah! Der Sieg ist unser!«
    Aber eine Hand erfasste ihren Arm, als sie hereinspringen wollte in den
verteidigten Raum - eine zweite umschlang ihren Leib, Auge blitzte in Auge, der
funkelnde Blick des Weibes und das finstre Auge des Mannes, mit dem sie ihr
Lager geteilt, - und weit hin mit gewaltigem Stoss schleuderte er über die
Trümmer hinweg die Geliebte, dass ihr Körper den Boden mass und heulend der Wolf
sich auf die Gefallene stürzte.
    Die rasche Tat des Griechen entschied den Sieg; die Arnauten liessen
bestürzt ab von dem Sturm und eilten zu der Gebieterin, die sie forttrugen; die
Schüsse der Czernagorzen, die Luft und Zeit gewannen, jagten die Letzten davon.
    Eine Pause schien auf den blutigen Kampf zu folgen. Alle Verteidiger des
Turms mit Ausnahme des Moslem waren verwundet und verbanden jetzt die leichten
Verletzungen, so gut es gehen wollte, sich der auf den Charakter und die Sitte
ihrer Gegner gegründeten Hoffnung hingebend, dass das Misslingen des ersten
Anlaufs ihnen für lange Zeit Ruhe schaffen würde, in der die Hilfe erscheinen
konnte. Auch drüben unter dem über Schussweite entfernten Haufen der Verfolger
war es still, man sah nur, wie sie Holz an verschiedenen Stellen
zusammenschleppten, um Feuer ringsum anzuzünden, damit bei dem frühen Untergang
des Mondes im Schatten der Nacht ihre Beute nicht entweichen, oder im blutigen
Ueberfall ihnen unbemerkt nahen könne.
    Nur das Stöhnen, die Seufzer der Verwundeten, die zu schwer verletzt worden,
um sich von der blutigen Stätte des Kampfes fortschleppen zu können, unterbrach
die Stille um die Ruinen.
    Der alte Beg, die treue Flinte zwischen den Beinen, sass auf einem Stein; das
Mondlicht, durch eine der Oeffnungen hereinbrechend, überglänzte das
narbenbedeckte wilde Antlitz. Der Hieb Fatinitza's war durch den dicken Bund des
Turbans gebrochen worden und hatte nur schräg seine Stirn getroffen, von der
unter der umgelegten Binde dicke Blutstropfen hervorquollen und das Gesicht
durchfurchten, ohne dass er sich die Mühe gab, sie zu trocknen. Sein eines Auge,
von dem überstandenen Kampfe entflammt, blitzte feurig umher.
    »Bei den Gebeinen der heiligen Märtyrer von Ostrog, wir haben diese Hunde
zurückgejagt, wie unsre Väter am Berge Perjnick6 den stolzen Seraskier jagten
drei Sonnen lang. Die Wila's würden uns sicher zum Sieg verhelfen, wenn der böse
Geist nicht das Weib unter sie geführt hätte mit dem schlimmen Blick. Mir ahnet
Böses, Khan Hassan Lekitsch!«
    »Ich spucke auf diese Weiber!« sagte der Moslem verächtlich. »Möge dass Grab
ihrer Mütter besudelt werden, sie haben einem Manne noch nie Gutes gebracht. Es
ist unser Schicksal, Beg.«
    »Du irrst, Khan,« meinte der Glaware, »nur die Frauen mit dem bösen Blick
bringen Unheil, die guten haben uns die Wila's zum Segen gegeben und wir ehren
die Mutter unserer Kinder. Die Ungläubigen freilich geben ihnen nur halbe
Seelen. Reiche mir das grosse Horn, Zagartschane, das meine ist leer und die
Waffen müssen bereit sein.«
    »Was meinst Du, Vater?«
    »Das Horn, das grosse Horn mit dem Pulver, das Bogdan Dir gegeben hat, der es
trug,« sagte der Alte ungeduldig.
    »Um Gott, - Bogdan hat mir Nichts gegeben, - ich habe das Horn nicht!«
    Der Greis sprang empor. - »Das Horn! das Horn!« rief er wild. »Unser Leben
hängt von dem Pulver ab!«
    Alle suchten ängstlich umher und befragten sich gegenseitig - das Stierhorn
mit dem Pulvervorrat des Alten fehlte, - Bogdan, der es getragen, hatte in der
Eile der Trennung vergessen, es mit der Flinte an Gabriel zu geben. Die Männer,
die noch vor wenigen Minuten dem wilden Feinde kühn in das Weisse des Auges
geschaut, sahen sich erbleichend an - es ist etwas Furchtbares selbst für den
Tapfersten, in der Stunde der Gefahr sich der Waffe beraubt zu sehen.
    »Wie viel Pulver haben wir noch?«
    Man sah nach - zwei der Flinten, die Gabriel's und Jowan's, waren noch
geladen, auch ein Pistol entielt noch den Schuss - die Pulverflaschen des
Griechen und des Moslems waren leer.
    Der Beg stützte finster das Haupt in die Hand.
    »Mein eigen Blut ist mein Verderben, - der greise Adler der schwarzen Berge
hat die Krallen verloren, er ist ein Kind in der Hand seiner Feinde!«
    Und wie antwortend hoch über ihnen klang ein Rabenschrei durch die Luft und
das Echo des Felsens trug ihn nieder.
    Der Beg und Gabriel richteten sich empor, ihre Augen schienen das Dunkel
durchbohren zu wollen, die Nerven ihres Gehörs gespannt, wie sie, dem Wilde
gleich, das den Jäger wittert, durch die Nacht lauschten.
    Und wieder - aber leiser und näher klang der Schrei des Raben.
    Gabriel warf sich an die Brust des Freundes, der alte Primore7 schwang
jubelnd die Flinte um das Haupt.
    »Stephana! das ist Stephana - das treue Weib! - Sie haben unsere Not
erraten, sie bringt uns das Pulver!«
    Da krachte in der Nähe ein Schuss - wildes Geschrei auf allen Seiten - über
die Berghalde flog eine weisse Gestalt in rasendem Lauf nach den Schatten des
Turmes zu - an dem Eingange harrten die Freunde und rissen mit blutenden
Fingern Balken und Steine zur Seite.
    »Stephana!«
    »Gabriel!«
    Aber aus den Schatten rings umher, gleich Gespenstern, tauchten die dunklen
Gestalten der Albanesen auf allen Seiten empor, zwischen ihr und den rettenden
Mauern, - ein wilder verzweifelter Schrei, und in den rohen Armen der Männer
wand sich die treue Czernagorzenfrau.
    »Hinaus! Rettet mein Weib!«
    Ueber die eigene Verschanzung empor klimmten die Verfolgten. Ihnen entgegen
donnerte eine Salve der Türken - weit aus breitete der wackere Hassan Lekitsch
die Arme und drehte sich rund um sich selbst, ehe er zu Boden stürzte.
    »Kismet! - Lebt wohl Ihr Brüder - die Houri's des Paradieses winken mir!« -
so starb er.
    Der Beg riss Gabriel und den Griechen zurück.
    »Ein Weib für fünf Männer - und ob es der eigene Saamen ist, das Hochland
bedarf seiner Krieger!«
    Er warf sich vor die Öffnung, die Anderen zurückwehrend. Gabriel verhüllte
das Gesicht, vor Schmerz wild aufstöhnend. -
    Stephana, das treue Weib, das den Freunden das zurückgelassene Pulver
bringen wollte und das Dunkel des untergehenden Mondes abgelauert hatte, wurde
auf den Armen der Moslems zurückgeschleppt zu den Füssen der Wölfin von Skadar.
In ihrem Gewande fand man das Pulverhorn, das sie in die Hände der Feinde
geliefert.
    »Wer bist Du, Weib?«
    »Stephana Zagartschana, des Mannes Frau, den Ihr schmählich gefesselt
hieltet in Skadar.«
    »So bist Du das Weib des Flüchtigen, der meinem Vater entronnen?«
    »Du sagst es, blutige Bula8. Der Mund einer Czernagorzenfrau redet nimmer
Lüge.«
    »Und Dein Mann befindet sich in jenem Turme mit dem Schändlichen, dessen
Verrat ihn befreit hat?«
    »Geh' hin und frage selbst.«
    »Spiele nicht mit der Wölfin von Skadar, Weib, denn wisse. Dein Schicksal
ist ein schlimmes und Dein Blut wird büssen für das, was Jene getan. Keiner darf
atmen, der sagen mag, er hätte Fatinitza's Schmach gesehen. Was wolltest Du bei
den Verlorenen?«
    »Die Tochter des Iwo Martinowitsch, des grossen Beg der Rietschka, fürchtet
den Tod nicht. Sie gehört zum Gatten und Vater in der Stunde der Gefahr.«
    Ein wilder Jubelruf brach im Kreise der Arnauten aus, als sie hörten, dass
der berühmte Krieger des Hochlands in ihrer Gewalt sei. Trotz der furchtbaren
Lage, in der sie sich befand, schwellte Stolz die Brust der edlen
Czernagorzenfrau, als sie diese Anerkennung für den Ruf ihres Vaters vernahm.
    Einer der Albanesen zeigte das Pulverhorn, das man bei der Gefangenen
gefunden.
    »Bei dem Propheten, Herrin, ich glaube, dass diese Tochter eines Hundes den
Männern dies Pulver bringen wollte, woran es den unreinen Tieren von jeher
gefehlt hat. Allah bilir, Gott allein weiss es.«
    »Geht und schaut in die Mündung der Flinten meiner Tapfern, sie werden Euch
Antwort geben,« entgegnete die Czernagorzin kühn. »Aber eilt Euch, denn die
Söhne der schwarzen Berge nahen, um ihren grossen Beg zu suchen und hörten seinen
Ruf nach den Kriegern.«
    Die finstre Falte zwischen den Brauen des Türkenmädchens zog sich dunkler
und drohender. »Dann ist es Zeit, dass Dein Schicksal erfüllt werde. Bindet das
Weib!«
    Mehrere der Arnauten warfen sich auf die Unglückliche und schnürten ihre
Arme zusammen.
    »Mein Pferd!«
    Der Schimmel stampfte unter ihrem Druck. Am Sattel sprang lechzend der Wolf
in die Höhe.
    »Zu den Waffen, Tapfere von Skadar! Nehmt die Brände, dass sie leuchten zu
dem Fest, das wir Jenen bereiten wollen, auf dass man erzählen möge von
Fatinitza's Rache, so lange die schwarzen Berge stehen. Bringt das Weib.«
    Fatinitza voran nahte sich der Zug der Kula, aus der vier Männer ihm bleich
und finster entgegenstarrten.
    Etwa sechszig bis siebenzig Schritt von dem Turm entfernt stand ein junger,
weitästiger Kastanienbaum. Vor ihm befahl die Türkin die mitgebrachten Brände
zusammen zu werfen, dass die Flammen hoch aufloderten und einen weiten
Lichtschein umherwarfen, in welchem den Männern im Turm keine Einzelnheit der
furchtbaren Scene entgehen konnte.
    »Schnürt sie an den Baum, das Antlitz den Rebellen zu!«
    Der Befehl ward vollzogen.
    »Reisst ihr die Kleider ab, - geschändet soll sie vor Euch stehen! - Wie ich
es vor Jenem stand!« setzte die zuckende Lippe leise hinzu.
    »Barmherzigkeit, Du bist ein Weib!« Es war die einzige Bitte, die dem Munde
der unglücklichen Frau sich entwand. - Barmherzigkeit? - Bei dem Löwen der
Wüste, bei dem Tiger der Dschungeln suche Barmherzigkeit, nicht bei den Männern
Albaniens.
    Gleich Bestien warfen sie sich auf die Czernagorzin und rissen und schnitten
die Gewänder herunter, dass der keusche Leib unverhüllt vor den rohen höhnenden
Blicken der Männer stand. Die Wölfin von Skadar trieb das Pferd bis dicht zu der
entehrten unglücklichen Frau und schaute mit finsterem Blick auf sie nieder.
Dann streckte sie drohend die Hand nach der Kula.
    Da blitzte und krachte ein Schuss aus dem dunklen Gemäuer.
    - - -
    In der Kula standen die Männer starren Auges, den Blick unverwandt auf den
herankommenden Zug gerichtet, die Faust um die treue Flinte geklammert, als
wollten die Finger sich in das Eisen krampfen. Nur das tiefe Stöhnen des
unglücklichen Gatten unterbrach die unheimliche Stille.
    »Das Pulver! das Pulver!« murmelte der Greis vor sich hin.
    Man sah Stephana an den Baum schnüren; die Flamme zu ihren Füssen liess
deutlich jeden ihrer Züge erkennen, fast den Strahl ihres Auges, wie er Hilfe
suchte bei den nahen Freunden.
    Jetzt warfen die Arnauten sich auf ihr Opfer.
    »Sie morden sie - hinaus, ihr zu Hilfe!« raste der Zagartschane, doch
nochmals riss die Hand des Greises ihn zurück.
    »Noch nicht - sie schänden nur das Blut der Martinowitsch.« Seine Stimme war
hohl, fast klanglos.
    Gabriel taumelte.
    »Verdammnis über den Teufel in Weibergestalt! Fahre zur Hölle!«
    Seine Flinte lag an der Wange, der Schuss knallte, - doch noch schneller als
sein Finger am Drücker war die Hand des Griechen, die den Lauf in die Höhe
schlug.
    »Halt ein! Du tödtest sie!«
    Die Kugel schrillte hoch durch die Luft.
    War es Stephana, war es Fatinitza, die Nicolas Grivas mit den Worten und der
Tat meinte - nur Gott weiss es.
    »Fluch Dir und ihr Blut über Dich! Zerrissen sei das Band des unseren!«
    Gabriel warf die Flinte zu Boden und wandte sich mit einer erhabenen Geberde
der Verachtung von dem bisherigen Freunde. -
    Nur ein Schuss noch blieb in der Hand der Verfolgten. Der alte Beg streckte
die Rechte nach der Flinte aus, die Jowan hielt:
    »Gieb!«
    - - -
    Die Arnauten waren auseinander gestoben bei dem Schuss der waffenlos
Geglaubten. Nur Fatinitza hielt mit eherner Ruhe.
    »Seit wann haben die Tapferen von Skadar Furcht vor dem Blei der schwarzen
Hunde? - Hierher, Abdallah!«
    Der Mohr, den sie gerufen, nahte dem Pferde. Er empfing ihre Befehle und
fletschte in teuflischer Bosheit die tierischen Züge, indem er langsam das
Messer aus seinem Gürtel zog und zu der Gefesselten trat, deren Auge zum Himmel
erhoben war, deren Lippen ein Gebet zum Allmächtigen sprachen.
    »Dschidelim! Eile Dich! ...«
    Ein wilder Schmerzensschrei riss sich trotz der heldenmütigen
Entschlossenheit von den Lippen der Aermsten - -
    - - -
    »Vater! - Sie martern mein Weib zu Tode!«
    Der Alte schauerte - sein Auge starrte wie in einer Vision, die seinen Geist
zu umnachten begann.
    »Die Engel im Himmel werden dem Blute Iwo's beistehen in seinem
Märtyrertum. Einer der Moskowiten, mit denen ich bei Ragusa focht, war im Lande
gewesen, fern über der grossen See, und erzählte, wie da die gefangenen Krieger
gemartert werden von ihren Feinden und doch ihr Triumphlied singen unter den
Schmerzen des Todes. Ist die Christenfrau aus Iwo's Stamm weniger mutig als die
Heiden der Wälder über der Salzsee?«
    »Es ist ein Weib - lass mich hinaus, Vater -«
    »Zurück, Knabe, und vernimm das Todtenlied der Martinowitsch!«
    Und mit lauter eintöniger Stimme begann der Greis das Heldenlied: Sve
Oslobod. -
    - - - - -
    »Giftige Nattern säugte der Busen des Czernagorzenweibes, so möge er weiter
die Bestien der Wildnis nähren! D'rauf, Scheitan!«
    Der schwarze Henker warf das blutrauchende Fleisch der abgeschnittenen Brust
dem lechzenden Wolfe hin und senkte mit teuflischen Vergnügen das Messer zum
zweiten Male in den Leib der Märtyrerin9!
    »Vater! Gabriel! - Um der ewigen Barmherzigkeit willen, den Tod!«
    Und wieder krachte ein Schuss - der letzte der Czernagorzen! - aber diesmal
taumelte der schwarze Mörder zu Boden und das Haupt der Gemarterten fiel auf die
Schulter nieder - im Tode brechend dankte ihr Auge noch hinüber nach der Kula:
dieselbe Kugel hatte Henker und Opfer durchbohrt. -
    Auf das Bollwerk des Turmzuganges sprang die riesige Gestalt des einäugigen
Greises, wahnwitzig schwang seine Hand die noch rauchende Flinte um das Haupt.
    »Hierher, blutige Mörder von Skadar! Hierher, feige Söhne des falschen
Propheten! Die Männer der schwarzen Berge rufen nach Euch!«
    Und Fatinitza warf ihr Ross gegen die Kula.
    »Zum Kampf! Allah il Allah! zum Kampf!«
    Von allen Seiten klang das furchtbare Angriffsgeschrei und die Schaar
stürmte gegen die kleine Heldenzahl, Schüsse knallten, Waffen blitzten, Stöhnen
der Wut und des Schmerzes, über die Steine und Balken klommen die Albanesen;
hinein in's dichteste Gewühl stürzte sich der Zagartschane - wie sein Schatten
hinter ihm drein Nicolas Grivas, während am Eingang des Turmes der grimmige Beg
und Jowan Martinowitsch den Helden- und Todeskampf kämpften und von unzähligen
Wunden durchbohrt, sterbend noch mit dem Blick voll unauslöschlichen Hasses den
siegenden Feind bedrohten. Zwei Mal hatte Grivas sich vor den zürnenden Freund
geworfen und den Todesstreich von ihm abgewehrt, jedes Mal wandte der
Zagartschane sich nach einer andern Seite, Beide die Mörderin zu erreichen
strebend. Mit wildem Jubel schwangen die Albanesen schon in ihrem Rücken das
abgeschnittene Haupt des Beg auf einer Flintenspitze, - unwillkürlich wich das
trotzige Weib vor den wütenden Rächern zurück, den Zügel des Rosses anziehend;
an Grivas Hals warf sich die Wölfin, aber ein Handjarstoss zerschnitt ihr den
blutigen Rachen und Kehle, - da durchbohrte aus nächster Nähe ein Schuss die
Brust Gabriels, dass ein dunkler Blutstrom mit dem Atemzug aus seinem Munde
quoll. Ueber dem Stürzenden schwang Nicolas den blitzenden Stahl:
    »Dies Mal, Blutbruder, löse ich den Eid!« und sein Hieb spaltete den Schädel
eines Arnauten, der sich auf den sterbenden Freund warf.
    »Lebendig, lebendig fangt ihn!« kreischte die Stimme Fatinitza's und ihre
Geberde jagte die Zaudernden dem Kämpfer entgegen.
    Da trachten neue Schüsse in geringer Entfernung. Durch die Nebel des
Morgengrauens brachen von der Bergseite her dunkle Gestalten, - die
Czernagorzen, die Junaks der Rietschka Nahia, - eine kräftige, militairische
Figur im grauen russischen Capot in ihrer Mitte erteilte Befehle - Oberst
Berger, den Bogdan in der nächsten Brastwo10 mit mehreren Begleitern
umherstreifend gefunden.
    »Vater Iwo! Gabriel! die Kinder der schwarzen Berge kommen!« tönte
ermutigend die Stimme des Jünglings durch das Kampfgewühl und das wüste
Geschrei der von allen Seiten flüchtenden Albanesen.
    Zu spät!
    Ein schwerer Kolbenschlag traf von hinten des Griechen Haupt und warf ihn,
aus zehn Wunden blutend, zu Boden über den todten Freund. Das Blut der
Blutbrüder vermischte sich - der heilige Eid war gesühnt - sein brechendes Auge
traf die Mörderin.
    »Das Kreuz! das Kreuz! - Gabriel - Vater - Stephana, wo seid Ihr?«
    Die Wölfin von Skadar sprang vom Ross. Mit übermenschlicher Kraft hob sie den
blutenden Körper quer auf den Sattelknopf des Pferdes und schwang sich wieder
hinauf. Im Druck der spitzen Steigbügel hob sich der Renner mit der doppelten
Last zum Sprunge und seine Hufe warfen die Flüchtenden zur Seite.
    Weit aus griff der Schimmel. Von den Schüssen der Czernagorzen umdonnert,
den blutigen Körper des seiner Liebe Verfallenen auf Sattel und Arm, sprengte
das Türkenmädchen durch den Pulverdampf.
    In den wallenden Nebeln des Morgenlichts verschwand der flatternde Mantel.
    Hinter ihr aber hielt der Tod seine reiche rächende Ernte!
 
                                    Fussnoten
1 Ganz befreit! - Zugleich der Name der Piesme, welche jene Tat besingt.
2 Familienoberhaupt.
3 Es ist Nichts!
4 Die Nahia von Glubotina oder Rietschka - Nahia, der mittlere Teil von
Czernagora, der an der Mündung des Czernojewitsch und der Moratscha das
nördliche Ufer des Skadar-Sees begränzt und die wildesten Berggegenden entält,
zählt fünf Stämme: die Lubotini, die Kozieri, die Zeklini, die Dobarski und die
Gradjani. Das Tal der Moratscha zwischen Zabljack bis Podgoritza heisst die
Zenta.
5 Schicksal.
6 Czarew-Laz (des Kaisers Abhang), wo 1712 ein Heer von 50,000 Mann unter Achmed
Pascha von den Kriegern der schwarzen Berge fast gänzlich vernichtet wurde.
7 Benenuung aller serbischen Stämme der Küstenländer.
8 Türkenfrau.
9 Dergleichen Abscheulichkeiten sind - historisch - leider noch im letzten
Kriege vorgekommen. Wir erzählen - die Feder versagt fast den Dienst -
Tatsachen!
10 Gemeinde.
 
                             Lorette und Grisette.
Wir haben Fürst Iwan auf dem Place de la Madeleine am Abend des 5. Juli
verlassen, indem er der Fürstin, seiner Schwester, seine Ehre verpfändete, noch
vor eilf Uhr auf dem Nordbahnhof zu sein.
    Aus den finsteren blutgetränkten Bergen Czernagora's führe ich darum den
Leser zurück in das bunte, glänzende, vergoldete Leben der modernen Weltstadt -
nach Paris.
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    In einer jener Strassen, welche die Rue Montmartre mit der Rue Montorgueil
und Poissonnière verbinden, in der Rue St. Josef No. 10, entielt der zweite
Stock eine kleine, aus einem Vorzimmer, Salon und Schlafgemach mit einer
Mädchenkammer bestehende Wohnung, die mit einer gewissen überladenen Eleganz und
jenem Luxus eingerichtet war, welcher mehr als alles Andere beweist, dass der
Besitzer oder die Besitzerin nicht in der Gewohnheit des Reichtums geboren
sind, und dass es ihnen an jenem guten Geschmack fehlt, der das Erbteil der
Geburt oder der Erziehung ist, und das Gold des Luxus mit der Noblesse der
Einfachheit zu verbinden versteht. Verschiedenartige und überzahlreiche Möbel,
vielfarbige Teppiche, Spiegel, Kunstgegenstände und Nippsachen ohne Auswahl
füllten den Salon, in dem in diesem Augenblicke zwei Frauen sich befanden, beide
jung, beide schön, beide Kinder des Pariser Lebens, Tagfalter der Jugend, wie
sie dahin flattern von Lust zu Lust, von Blüte zu Blüte, bis der schöne
Farbenstaub der Flügel verwischt und verschwunden ist und sie untergehen und
verschwinden in den Wogen jenes Lebens voll Sorglosigkeit, Leichtsinn und
Vergnügen, das zum Ersatz täglich tausend neue Schmetterlinge gleich ihnen
entpuppt.
    Trotz dieser Gemeinsamkeiten herrschte doch viel Abweichendes, Verschiedenes
im Wesen der beiden Frauen.
    Im damastbekleideten üppig weichen Fauteuil ruhte eine Frau von hoher
junonischer Gestalt, etwa zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahre zählend,
blond, von jener Farbe, die man cendré nennt, der Teint dem entsprechend sein
und leicht gerötet. In dieser Mattigkeit der Farbe und der Augen lag dennoch
eine gewisse Genusssucht, eine Unbezähmbarkeit des Verlangens, die sich auch in
der Bildung des Kopfes an den Organen der Selbstliebe und der Eitelkeit
ausprägte. Damit ganz eigentümlich verbunden schien die Empfindung für das
Seltsame, Wunderbare und das im Bau des Kinns ausgesprochene Vermögen einer
raschen Entschlossenheit, das mit der gewöhnlichen letargischen Genussliebe der
Schönen einen seltsamen Contrast bildete. Ein schweres Faltenkleid von Rosa
Moirée mit schwarzen Spitzen garnirt, und ein weisser nachlässig im Sitzen
zusammengedrückter halber Dominomantel von weisser Wolle umhüllten die schöne
Gestalt. Die seinbehandschuhte Hand, über welcher mehrere kostbare Bracelets den
schönen Knöchel umschlossen, spielte mit einer halben Sammetmaske und dem
Fächer.
    Zu ihren Füssen auf einem gestickten Tabouret hockte in halb possierlicher
und doch allerliebst graziöser Stellung ein junges Mädchen von höchstens
achtzehn Jahren im eleganten doch sehr legere getragenen Kostüm der Débardeurs,
während ein dunkler Herrendomino auf dem Sopha zur Seite lag. Die Kleine,
gleichfalls noch ohne Maske, qualmte aus den frischen, überaus keck und heiter
aufgeworfenen Lippen eine spanische Cigarre, deren Dampf ihre grosse Gefährtin
von Zeit zu Zeit widerwillig mit den Federn des Fächers zurückwehte. Es war ein
lustiges keckes Leben in dem zierlichen Gesichtchen, Laune und Eigenwille in den
braunen Augen, dabei das Organ des Mitgefühls und der Anhänglichkeit in der
Rundung des Hinterkopfs stark ausgeprägt.
    »Dein Cavalier bleibt lange, Nini« sagte nachlässig die Grosse. »Es wird eilf
Uhr, bevor wir nach dem Jardin Mabille kommen!«
    »N'import! was machen wir uns daraus! Wir bleiben desto länger. Weisst Du,
Celeste, Du bist recht töricht, dass Du immer die Vornehme spielst und so zeitig
fortgehst. Man muss das Vergnügen bis auf den Grund studiren.«
    Die Lorette warf ihrer Freundin durch die matt geöffneten Augenlider einen
halb verächtlichen Blick zu, gleich als wolle sie sagen: Törichtes Kind, was
weisst Du! - Der auf ganz andere Neigungen schliessen lassende Mund aber sprach:
    »Das verstehst Du nicht, das ist nicht Sitte in der bessern Gesellschaft,
und ich ärgere mich jedes Mal über Dein ungenirtes Wesen, wenn wir zusammen an
öffentlichen Orten erscheinen.«
    »Bah! Warum gehst Du da mit uns? Freilich ist's noch nicht lange und erst
seit Dir Dein Protecteur untreu geworden. Weisst Du, Celeste, ich habe schon
gedacht, Du hättest Dich seit den acht Tagen, dass Du mich wieder besuchst, nur
darum zu mir gefunden, um mir Jean zu entführen.«
    Wiederum traf ein ähnlicher Blick die Kleine.
    »Meinst Du denn, wenn mir's Ernst wäre, ich würde es nicht zu Stande
bringen?«
    »O, Jean ist treu, er liebt mich wirklich; es ist nicht eine so von Euren
kleinen Liaisons, die Ihr so gern die vornehmen Damen spielen wollt und es doch
nicht seid. - Man hat bei unserer Liebe noch ein Herz.«
    »Beruhige Dich, Mignonne, sei überzeugt, dazu liebe ich Dich zu sehr aus der
Zeit, da wir Beide noch Kinder waren. Ich freute mich aufrichtig, als ich Dich
wiederfand, auch bin ich nicht undankbar - und Du weisst -«
    »Ah bah, schweige von der Kleinigkeit; Jean gibt mir ja genug, warum sollte
man einer Freundin nicht helfen! Weisst Du, Celeste, es ist eigentlich recht
schade, dass Du schlecht geworden bist; mein Bruder François liebte Dich so sehr
und Du hättest eine brave Frau werden können.«
    Das seine Gesicht der Lorette schien eine Wachsbleiche anzunehmen bei der
Erinnerung, dann flog mit einem leisen Seufzer eine helle Röte über Stirn und
Wangen und die Hand drückte krampfhaft den Fächer.
    »Erinnere mich nicht daran, er war meine einzige Liebe. Aber was können wir
armen Frauen tun - die Armut ist so drückend und die Arbeit so schwer. Als ich
Herrn de Sazé kennen lernte - -
    Ah! das ist Dein erster Verführer, nicht wahr? Mein Bruder hat ihm auch
schwere Rache gelobt. Du hast wohl seit den fünf Jahren gar Viele gehabt,
Celeste?«
    »Du bist eine Närrin!«
    »Es muss komisch sein,« meinte Nini ganz naiv, »so viele Männer zu lieben,
Einen nach dem Andern oder Alle auf ein Mal. Ich könnte es wahrhaftig nicht; mir
macht der Eine schon genug Kopfzerbrechens.«
    »Hat er Dir denn noch immer seinen wahren Namen nicht gesagt?«
    »Er heisst Jean und ist, glaub' ich, aus Polen. Mon Dieu, was weiss ich, wo
das abscheuliche Land liegt! Ich habe immer gedacht, er müsste so ein falscher
Prinz oder so ein verkappter Californier sein, weil er sich gar so wenig aus dem
Golde macht. Er liebt seine kleine Nini, was will ich mehr?«
    »Du verdientest, dass man ihn Dir entführte, so einfältig bist Du. Seit drei
Monaten hast Du diesen Crösus nun in Deinen Fesseln und noch nicht einmal eine
eigene Equipage oder eine Kammerfrau.«
    Nini lachte wie toll, dass sie fast vom Tabouret fiel und die Cigarette
verlor.
    »Ich eine Kammerfrau! Bist Du nicht gescheut? Was sollte ich mit einer
Kammerfrau tun? das gehört für Damen wie Du. - Nein, mein Schatz, die Portiere
genügt mir, und mit der kann ich ungenirt plaudern, wie mir der Schnabel
gewachsen ist, vor so einer zierlichen Demoiselle aber würde ich mich geniren
und wüsste wahrhaftig nicht, ob sie die Herrin oder ich. Aber was willst Du? Bin
ich nicht schön und sein eingerichtet? Ist nicht dies Alles mein, die ich doch
eigentlich nur eine kleine Nähterin war, und kannst Du etwas Hübscheres und
Reicheres sehen, als diesen Salon? He?«
    Celeste zuckte mitleidig die Achseln.
    »Du könntest drei damit ausstatten, und es würde drei Mal besser aussehen.«
    »O, glaube nur,« meinte Nini hochmütig, »Jean kauft mir Alles, was ich
will. Ich habe auch schon an so ein kleines Pferdchen gedacht und einen hübschen
zierlichen Tilboury mit einem Knirps von Jockei oder Mohrenbalg so hinten
d'rauf, aber Jean meint, das passe sich nicht für mich, und wenn ich einen Wagen
hätte, würde ich den ganzen Tag auf der Strasse umherkutschiren und nicht mehr
für ihn zu Hause sein. Wenn wir nach den Boulevard - Teatern gehen, oder in's
Freie vor der Barriere, oder zum Ball, ei, da gibt's ja Wagen genug in Paris.«
    »Wie aber ist's, Nini -« sie sprach das Folgende mit einiger Ueberwindung
aus - »wenn François, Dein Bruder, zurückkehrt? Was wirst Du ihm sagen über das
begonnene Leben?«
    Dem leicht erregten Mädchen traten ein Paar Tränen in die hellen Augen.
    »Das ist freilich böse, aber - warum hat er mich verlassen! Ich liebe
François sehr, aber man kann doch nicht ewig in seinem Dachstübchen verkümmern?
- Und hungern kann man doch erst gar nicht, wenn man auch noch so wenig isst. Du
weisst ja, Celeste, wie glücklich und bescheiden wir waren, als unsere Eltern
neben einander wohnten im Faubourg Antoine, und wir alle Sonntag zusammen
spazieren gingen, Du und François und ich, das närrische Kind. Auch noch aus der
englischen Fabrik kam François immer nach Hause, bloss um Dich zu sehen, bis vor
fünf Jahren - Du erinnerst Dich -«
    »Ich weiss, ich weiss!«
    »Als François im März nach England ging, gab er mir hundertfünfzig Franken,
und damit und mit meiner Näherei hätte ich gewiss gelangt, obschon ich mich recht
stattlich herausgeputzt hatte, wenn ich nicht so einfältig gewesen wäre, das
schöne Geld in fünf blanken Louis, die ich noch hatte, immer mit mir
umherzutragen. Ich habe Dir's ja erzählt, wie man mir's gestohlen hat am ersten
schönen Sonntag im April, als das Gedränge des Abends auf den Boulevards so gross
war, und wie mich Jean da weinend fand und mich ansprach und tröstete. Eh bien,
seitdem kennen wir uns, ich habe, wie die Vögel, mein altes Nest in der Antoine
verlassen und Jean hat mich hierher gebracht, und als ich Dich vor acht Tagen im
Jardin des plantes traf, da ich gerade die närrischen Bären fütterte, und Du
Dich der kleinen Nini erinnertest, ei, da war ich ganz glücklich, denn mit Dir,
Celeste, kann ich doch von so Vielem plaudern, was ich selbst Jean nicht sagen
mag, obschon er nicht müde wird, mich anzuhören und immer sagt, ich wäre seine
Plaudertasche.«
    
    Die ältere Freundin wiegte schmerzlich sinnend den Kopf.
    »Ich glaube Dir, er liebt Dich von Herzen - doch wie hätte Treue und Neigung
bei Männern Bestand. Nur der Genuss ist das einzige Sichere, und den gilt es
festzuhalten. Du wirst noch manche schlimme Erfahrung machen, Kind! Was soll aus
Dir werden, Dein Starost oder Graf, was er nun sein mag, kann Dich doch nicht
ewig lieben?«
    »Rede nicht so, was kümmert uns die Zukunft, die ist noch weit! - Jean hat
mir gesagt, er solle eine Prinzessin heiratchen, aber er wolle nicht und werde
mich lieben, so lange er lebe. Wer will ihn auch zwingen; bah! da kennst Du ihn
schlecht. Wenn's uns in Paris nicht mehr gefällt, ei so gehen wir auf Reisen, er
hat mir's versprochen, und weisst Du, Celeste, ich nehme Dich mit. Aber wo bleibt
der schlechte Mensch, weiss Gott, es ist ja gleich halb Eilf und schon vor einer
Stunde sollten wir auf dem Wege sein.«
    Die Tür wurde aufgerissen, bleich und hastig, vom raschen Lauf aufgeregt,
stürzte ein junger Mann in's Zimmer, - Iwan, der Fürst. Mit einem Sprung war das
Mädchen an seinem Halse.
    »Böser Jean, Du sollst nicht einen einzigen Kuss erhalten. So lange uns
warten zu lassen und den ganzen lieben Tag nicht ein einziges Lebenszeichen von
sich zu geben. Ich habe mich wahrhaftig geängstigt um Dich, böser Mensch, und
wollte es nur vor Celeste nicht zeigen. Gleich geh' und küsse ihr die Hand für
Dein unartiges Ausbleiben.«
    Der Fürst schob sie liebevoll zurück, nachdem er sie auf die Stirn geküsst,
dann warf er sich erschöpft auf das nächste Sopha. Celeste war aufgestanden und
sah überrascht sein aufgeregtes Wesen, auch Nini, die sich auf seinen Schoss
gesetzt hatte und ihm die Haare aus dem Gesicht strich, bemerkte jetzt seine
Zerstreuung.
    »Was fehlt Dir, mein Freund, Du bist so seltsam? - Willst Du den Domino
nicht nehmen, es ist hohe Zeit«
    »Du wirst allein gehen müssen, Nini, ich kann Dich nicht begleiten.«
    »Fi donc, was sind das für Dummheiten? Willst Du mich foppen?«
    Der junge Mann drückte sie an sich.
    »Gewiss nicht! Aber ich kann Dich nicht nur nicht begleiten, Nini: wir müssen
uns auch trennen, - ich fürchte, auf lange Zeit, - ich verreise.«
    Das Mädchen wurde leichenblass und fuhr mit den Händen nach dem Herzen. Erst
jetzt fühlte sie, wie teuer ihr der war, den sie bisher wie einen gewöhnlichen
Liebhaber betrachtet hatte.
    »Jean, ich bitte Dich, mache mir nicht unnütze Angst!«
    Sie faltete stehend die Hände.
    Geberde und Worte waren so einfach aufrichtig, so überzeugend bei dem sonst
nur Scherz und Lachen kennenden Mädchen, dass der Fürst sie in seine Arme riss und
sie ungestüm und lange an sein Herz gedrückt hielt.
    »Nini! teures liebes Mädchen, liebst Du mich wirklich so innig, dass mein
Scheiden Dir solchen Schmerz machen würde?«
    Ihr zierlicher Kopf lag an seiner Brust, sie schaute ihn schluchzend an.
    »Jean! - Verlass mich nicht!«
    Sie presste den Mund an sein Ohr und flüsterte errötend, zitternd ein süsses
Wort ihn zu.
    Liebe, Glück, Verzweiflung wogten in der Brust des jungen Mannes, wie er die
Geliebte umschlungen hielt. Die Aussenwelt um sie her war verschwunden - sie
bemerkten nicht einmal, dass sie nicht allein waren, denn Celeste war - die
unerwartete Scene ehrend - zwischen die seidenen Vorhänge des Fensters getreten.
    Da weckte die prächtige Bronce-Uhr auf dem Kamin die Liebenden. Sie schlug
Halb.
    Der Fürst raffte sich empor und mit Gewalt aus den Armen des jungen
Mädchens.
    »Höre mich, Nini, und ich bitte Sie, Madame, einen Augenblick für diese arme
Kleine, die zu aufgeregt und unerfahren ist, mir Ihre Aufmerksamkeit zu widmen.«
    Celeste trat näher.
    »Ich weiss, Sie sind ihre Freundin schon aus der früheren Jugend. Darf ich
hoffen, eine aufrichtige?«
    »Meine Hand darauf. Sprechen Sie!«
    »Ein ganz unerwartetes, dringendes Geschäft zwingt mich, - vielleicht zum
Glück für uns Beide, - auf der Stelle abzureisen, so dass selbst Dispositionen,
die ich für einen anderen drohenderen Fall bereits getroffen hatte, unnütz
werden. Bei Gott dem Allmächtigen, ich liebe das Mädchen unaussprechlich, und
werde sie nie und nimmer verlassen um meines eigenen Glückes willen. Aber ich
weiss nicht, ob ich für lange Zeit oder je werbe nach Frankreich zurückkehren
können.«
    Nini schluchzte an seiner Brust.
    »Beruhige Dich, Kind. Liebst Du mich wie ich Dich, so wird Nichts uns
trennen. Hier in dieser Brieftasche sind einstweilen ungefähr zehntausend
Franken in Bankscheinen, - ich habe augenblicklich nicht mehr bei mir, doch wird
es vorläufig reichen. Nehmen Sie, Madame, für dieses teure Mädchen. Fort muss
ich - die Zeit drängt und jeder Augenblick« - sein Blick flog nach dem
Zifferblatt der Uhr - »ist kostbar. Von der ersten Station aus, wo ich einen
kurzen Halt mache, wirst Du meine weiteren Bestimmungen erhalten. Willst Du mir
dann folgen in meine Heimat?«
    »Kannst Du fragen? - Bist Du nicht das Einzige, was ich auf der Welt habe?«
    »Ick bin reich, Gott sei Dank, zum ersten Male empfinde ich dessen Wohltat.
Du wirst mir folgen und jede Freude, jeden Genuss teilen, den die Welt bietet.
Sie, Madame, können Sie sich entschliessen, Paris zu verlassen und dieses Mädchen
zu begleiten, so bitte ich Sie darum, Sie werden mir willkommen sein und können
auf meine volle Dankbarkeit rechnen. - Und jetzt, Nini, lass uns scheiden - die
Augenblicke fliegen! Der Fiaker, der vor der Tür wartet, wird kaum noch Frist
haben, mich zur rechten Zeit zum Bahnhof zu führen.«
    Er umarmte das weinende trostlose Mädchen.
    Celeste legte die Hand auf seinen Arm.
    »Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten und an Ihrer Redlichkeit, mein
Herr, aber bedenken Sie, dass dies Kind weiter keine Garantie hat als Ihr Wort.
Sie kennt nicht einmal Ihren Namen.«
    »Höre sie nicht, Jean; was kümmert mich, wer Du bist, wenn Du mich nicht
mehr lieben würdest. Ich vertraue Dir aus vollem Herzen!«
    »Dank, tausend Dank, und Sie, Madame, glauben Sie, dass nur der Wunsch, mir
ungetrübt mein Glück zu erhalten, mich den Schleier des Geheimnisses über unser
Verhältnis werfen liess. Mein Name ...«
    Die Uhr schlug drei Viertel.
    »Um Gotteswillen, lass mich fort! Meine Ehre ist verpfändet, die Ehre meines
Hauses! Leb' wohl, leb' wohl!«
    Er drückte stürmisch heiss einen Kuss auf die Lippen des Mädchens und eilte
in's Vorzimmer. Nini stürzte ihm nach, ihn noch einmal umschlingend.
    »Jean, verlass mich nicht! Nimm mich mit Dir!«
    »Madame, Barmherzigkeit! helfen Sie mir, ich muss fort, ich muss!«
    Er legte sie in ihre Arme und stürzte nach der Tür - sie wurde von Aussen
geöffnet, - eine kräftige Männergestalt mit Blouse und braunem Calabreserhut
trat hastig ein. Ein Blick auf die Gruppe genügte; der Fremde stiess den Fürsten
unsanft zurück und schloss die Tür hinter sich von Innen ab.
    »Ich sehe, ich bin hier recht. Einen Augenblick, mein Herr; wir haben mit
einander zu reden!«
    Zwei leichte Schreie des Staunens und des Schreckens mischten sich mit
einander:
    »François!«
    »Ah, Sie hier, Madame! Sehr gut; in solcher Gesellschaft brauche ich
freilich nicht länger zu zweifeln, was aus meiner Schwester geworden ist.«
    Celeste gab keine Antwort.
    Der Fürst trat auf den Fremden zu.
    »Sie sind Herr François Bourdon, der Bruder dieses jungen Mädchens, das vor
Schreck und Schmerz dort halb ohnmächtig liegt. Ich bedaure aufrichtig, dass der
Augenblick so ungünstig zu einer Erklärung ist, aber Ihre Schwester und Madame
Celeste werden Ihnen das Nötige sagen. Ich bitte, lassen Sie mich vorüber.«
    Der Arbeiter - jener junge stattliche Mann, dem wir im zweiten Kapitel in
der Versammlung der Unsichtbaren als Bote nach London schon ein Mal begegnet
sind - lachte höhnisch auf:
    »Haben Sie's so sehr eilig diesmal, mein Herr?«
    »Ich muss - ich muss! ...«
    »Ich auch, denn auf meinen Fersen, Herr, ist die kaiserliche Polizei, auf
den Ihren nur der Bruder eines verführten Mädchens, und dennoch nehme ich mir
Zeit, die Ehre meiner Schwester zu rächen. Zurück!«
    Mit kräftiger Faust warf er den jungen Mann, der sich mit Gewalt an ihm
vorüberdrängen wollte, zurück bis in die Mitte des Zimmers.
    »Was unterstehen Sie sich, Herr!«
    »Unterstehen? Meinen denn die vornehmen Herren noch immer nach den Lectionen
von 1793 und 1830, dass das Blut des Arbeiters weniger rot durch seine Adern
pulse, als das ihre? dass seine Ehre das Spielwerk ihrer Lüste sei?«
    Nini warf sich zu den Füssen des Zürnenden und umschlang ihn.
    »Bruder, Du tust Unrecht.«
    »Du hast wohlgetan, Täubchen, dass Du mir aus dem Wege gegangen bist - erst
heute Abend auf dem Opernplatz vor dem verunglückten Spass erfuhr ich durch einen
Zettel Derer, die Alles wissen, Deine neue Residenz! Ein ehrlicher Arbeiter kann
nur eine ehrliche Schwester brauchen - ich habe an Der da« - er wies nach
Celeste, die bleich und aufgeregt zur Seite stand - »genug der Erfahrungen
gemacht. Fort, Metze, mit Dir hab' ich nicht zu reden, nur mit Jenem.«
    »Sie entehren sich und Ihre Schwester; sie ist meine Geliebte, wenn Sie
darauf bestehen, mein Weib. Aber meine Geduld ist zu Ende - geben Sie Raum!«
    »Zurück! Meinen Sie, einen leichtgläubigen Narren vor sich zu haben?«
    In dem Fürsten kochte die ausbrechende Wut, Angst, Verzweiflung - seine
Ehre war vernichtet - sein heiliges Wort gebrochen.
    »Um der Barmherzigkeit willen, Platz ...«
    Die Uhr auf dem Kamin hob aus und der erste Schlag der Stunde klang hell aus
dem Salon.
    Die Zeit achtet nicht auf die Wünsche, die Leidenschaften der Menschen, kalt
und unabänderlich wie das Schicksal schreitet sie ihren gemessenen Gang.
    Der helle herzlose Schlag der Uhr fuhr wie ein glühendes Eisen durch sein
Gehirn - Alles verloren - Ehre - Ruf - Glück -
    Wie ein Tiger sprang er auf den Mann los, dessen Dazwischenkunft ihm Alles
geraubt - ein dröhnender Faustschlag, der an seine Stirn von der muskelstarken
Hand des Arbeiters schmetterte - und weit hin auf den Boden rollte der vornehme
Herr, der Fürst, der Gebieter von tausend Seelen, kein Glied rührte sich an ihm.
    »Allmächtiger Gott, Du hast ihn erschlagen!«
    »Retten Sie sich, fliehen Sie, François!«
    Der Arbeiter stand starr und blass, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiss,
und er betrachtete wie verwirrt seine Hand.
    »Fliehen Sie, François, ich beschwöre Sie bei Ihrer einstigen Liebe zu mir!«
    »Es ist vergebens - die Polizei ist hinter mir - ein Complott gegen den
Kaiser, das in der komischen Oper zum Ausbruch kommen sollte - man hat viele
meiner Kameraden verhaftet und verfolgt die Entkommenen. Ich sah, dass ich
bereits beobachtet wurde, als ich das Haus betrat.«
    Celeste sprang an's Fenster.
    »Eine Menge Leute vor der Tür - Soldaten!«
    »Er lebt! er lebt!« tönte dazwischen der jubelnde Ruf des Mädchens. »Celeste
- François - helft mir!«
    Nini, die nach der traurigen Katastrophe sich nur mit dem Geliebten
beschäftigt hatte, versuchte ihn emporzurichten, François sprang herbei, ihr zu
helfen und setzte ihn auf einen Stuhl. Der Fürst erholte sich, er atmete tief
und schwer, und seine Augen waren starr, ohne Ausdruck vor sich hin gerichtet.
    »Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht fort!« - eintönig wiederholte der Mund
mehrere Male die Worte.
    Celeste hatte die Tür zur Treppenflur geöffnet und lauschte, jetzt sprang
sie eilig zurück.
    »Man kommt - ich glaube, man untersucht die Zimmer des ersten Stocks. Um
Gottes willen, ist kein Ausweg?«
    Ihre Blicke flogen suchend umher, während sie die Tür verriegelte. Ihre
Entschlossenheit schien ihr jetzt einen rettenden Gedanken einzugeben.
    »Rasch, François, Ihren Hut, die Blouse herunter!«
    Fast willenlos gehorchte ihr der junge Mann.
    »Mein Herr, haben Sie wenigstens den Edelmut, den Bruder Ihrer Geliebten zu
retten. Sie selbst werden sich leicht befreien. Ihren Rock, Ihren Rock!«
    Sie zerrte den Fürsten empor, - er blieb ruhig, bewegungslos stehen - seine
Augen starrten bewusstlos umher.
    »Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht ab!«
    »Nini, um Gottes willen, hilf, Du rettest den Bruder und sicherst Dir den
Geliebten. Geschwind, Mädchen, geschwind!«
    Der Fürst liess sich widerstandslos den Rock ausziehen, den sie François
zuwarf, und sich mit der Blouse bekleiden.
    »Rasch, rasch in den Salon, den Domino um, die Maske in die Hand, ich höre
sie auf der Treppe!«
    Sie riss dem Fürsten das Halstuch ab.
    Nini hatte begriffen, - sie ahnte das Schreckliche noch nicht, und in der
Hoffnung, den Geliebten sich zu sichern, flog sie mit weiblichem Instinct dem
Bruder zur Hand. Im Nu war die einfache Verkleidung geschehen, der Domino auf
seinen Schultern, der Hut auf seinem Kopf.
    Celeste drückte den Calabreser auf den des Fürsten.
    »Gott sei Dank! - Nun, mein Herr, gilt es, sich kurze Zeit zu verstellen!«
    »Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht ab!«
    Celeste erhob ein lautes Geschrei und sprang an die Tür.
    »Hilfe! Hilfe!«
    Gewehrkolben stiessen auf den Flur.
    »Im Namen des Kaisers, öffnen Sie!«
    Die Lorette riss die Tür auf.
    »Hierher! hierher! Kommen Sie uns zu Hilfe, meine Herren, ein fremder Mann
ist mit Gewalt hier eingedrungen - der Mensch will uns morden oder bestehlen.«
    Der Polizei - Commissair trat ein, hinter ihm Polizeidiener, Wache. In der
Mitte des Zimmers stand der Fürst, noch immer regungslos, gleich als wisse und
fühle er nicht, was um ihn her vorging. Im Zugang des Salons stand Nini in ihrem
Masken-Costüm, dahinter im Schatten François, Beide blass, stumm - der
entschlossenen Freundin Alles überlassend.
    Der Commissair wandte sich zu einem seiner Begleiter.
    »Ist es dieser?« er wies auf den Fürsten.
    »Certainement! ich kenne ihn an der grünen Blouse und dem Hut. Lassen Sie
ihn verhaften.«
    »Mein Herr, Sie sind mein Arrestant, folgen Sie ohne Widerstand. Meine
Damen, ich sehe, Sie sind sehr unangenehm auf dem Wege zu einem vergnügten Abend
überrascht worden. Entschuldigen Sie meine Pflicht.«
    »O, mein Herr, wir sind Ihnen vielen Dank schuldig, - der Schreck und die
Angst waren gross - wir hatten zwar den Schutz unseres Cavaliers - aber -«
    »Ich verstehe,« sagte der Beamte galant und discret mit einer leichten
Verbeugung nach dem Salon. »Meine Pflicht zwang mich jedoch, jede Rücksicht bei
Seite zu setzen. Es hat heute Abend bei der Wiedereröffnung der Opéra comique
ein höchst verabscheuungswürdiges Attentat gegen Seine Majestät den Kaiser
unternommen werden sollen, dem jedoch die Behörden glücklich auf die Spur
gekommen sind. Bei den Verhaftungen in der Strasse Marivaux entkamen mehrere
Personen, unter Anderen dieser Mann. Nochmals also meine Entschuldigung und viel
Amüsement. - Allons!«
    »Eilf Uhr - der Bahnzug geht ab!« -
    »Was sollen die Albernheiten? - für Bicêtre1 können Sie Ihre Manöver später
machen. Mich täuschen Sie nicht. Marsch!«
    Ein leiser Schauer schien durch die Glieder des Fürsten zu laufen, als er
von zwei Agenten an den Armen gefasst und fortgeführt wurde. Er folgte willenlos,
- sein starres Auge wandte sich nicht einmal zur Seite, - unter der Tür hörten
die Zurückbleibenden nochmals seine Stimme:
    »Eilf Uhr - der Zug geht ab!« -
    - - -
    Als die Lorette von der Geleitung des Commissairs erschöpft, aufgeregt
zurückkehrte, lag Nini ohnmächtig im Arm ihres Bruders.
 
                                    Fussnoten
1 Ein grosses pariser Armenhaus, zugleich Irrenanstalt für Männer.
 
                            Die Massacre auf Chios.
Der Mond warf seinen klaren durchsichtigen Schein auf Berg und Meer. Dasselbe
silberbleiche Licht erhellte die Ruinen des genuesischen Forts auf der Höhe des
Pagus von Smyrna, das seinen kalten herzlosen Strahl auf das Märtyrertum
Stephana's in den Bergen der Zenta warf.
    Wo die Ruinen sich nach dem Meer zu öffnen, das mit seinem ewig schwellenden
Busen in jenem Silberschein unruhig zu träumen schien, lag die Bande des Räubers
gelagert, der Smyrna beherrschte: auf einer Marmorquader Gregor Caraiskakis; an
seine Knie gelehnt, trauernd aber vertrauend zu ihm emporblickend Diona, in
deren reichen, nur von einer Spange zusammengehaltenem Rabenhaar die Hand des
Bruders spielte. Vor ihnen der Kameelführer und Welland, der treue Freund. Nur
wenige Schritte davon schürte Mauro ein kleines tönernes Kohlenbecken, aus dem
er von Zeit zu Zeit seinem Oheim oder dem Doctor eine glimmende Kohle reichte,
mit der sie ihren Schibuk1 in Brand erhielten. Es ist eine der Liebhabereien der
Orientalen, häufig Holzkohlen für ihren Pfeifenkopf zu nehmen, gleich wie die
Europäer wiederholt ihre Cigarren anzünden, und Jeder trägt daher im Gürtel eine
besondere Kohlenzange in der Scheide bei sich.
    Etwas weiter, rings um die Gruppe, aber doch im Bereich des Gesprächs,
lagerten die Genossen des Räubers.
    Welland hatte bei seiner Ankunft Besseres gefunden, als er nach den
Vorgängen der Nacht und den Mitteilungen des Freundes hoffen durfte. Eine
schwere Beichte des Mädchens hatte stattgefunden, aus der sie jedoch weniger
schuldig, als es geschienen, hervorgegangen war. Sie hielt sich für Sir
Maubridge's Gattin und nur als solche war sie ihm gefolgt, nachdem in der Nacht
vor der Flucht der britische Viceconsul eine Art von Ceremonie vorgenommen, die
ihr Liebhaber für genügend und bindend erklärte, und die das Mädchen in ihrer
Unbekanntschaft mit den europäischen Gebräuchen und von Leidenschaft verblendet,
gleichfalls dafür ansah. Bei der Kenntnis, die Gregor bereits von dem Charakter
und Treiben des Beamten erlangt hatte, tauchte freilich sofort der Argwohn in
ihm auf, dass die Schwester nur das Spiel eines unwürdigen Betrugs gewesen sein
könne, und er beschloss mit dem Freunde, sich vorerst darüber Gewissheit zu
verschaffen und wo möglich Sir Maubridge selbst zur Rede zu stellen. Der
Ceremonie, die, wie Diona ihm mitteilte, einfach nur in Vorlesung und
Unterzeichnung einiger in der ihr unbekannten englischen Sprache abgefassten
Papiere und in dem Tausch von Ringen bestanden, hatte ausser dem Schreiber des
Consuls nur ein alter Matrose, derselbe, den Mauro in der Villa so rechtzeitig
aus dem Fenster stürzte, bei gewohnt. Auf die Versicherung Gregor's, sich
friedlich und ohne Hass an ihren Gatten wenden und nur die öffentliche
Anerkennung ihrer Ehe erzwingen zu wollen, hatte sie ihm vertraut, dass sie Beide
am Morgen mit der Felucke nach Tenedos oder Dardanelli hatten abgehen wollen, um
dort einige Zeit zu verweilen, da Maubridge Freunde und einen Bruder auf der
englischen Flotte hatte. Die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter warf einen
trüben Schleier über die neuen Hoffnungen der jungen Frau und träumend und
stumm, aber vertrauend auf den Bruder, sass sie an dessen Knie und horchte nur
wenig auf das Gespräch der Männer, an den geliebten Verführer denkend, von dem
Mauro die Kunde gebracht hatte, dass er nach einer Fahrt nach Smyrna am Morgen,
wirklich am Nachmittag mit der Felucke abgesegelt sei. Der Consul hatte sich
noch am Vormittag zu dem Pascha begeben, um energische Reclamationen wegen des
Ueberfalls und des Niederbrennens seines Landhauses zu erheben und Jan Katarchi
wusste durch seine Spione, dass Ali Pascha sofort Befehle erteilt, Streifzüge
gegen die Räuber zu unternehmen. Doch Jan spottete derselben, da er einesteils
selbst unter den Khawassen des Paschaliks gute Freunde zählte, teile sie im
schlimmsten Fall nicht zu fürchten brauchte. In der Tat war die Schaar, die
damals die Polizeimannschaft von Smyrna bildete, nicht viel besser als die
Räuberbande selbst, mit Ausnahme der Khawassen der Consulate, die ernste tapfere
Männer sind; jedenfalls war sie zerlumpter und schlechter bewaffnet und
disciplinirt als die Räuber und der Khawass-Baschi2 keineswegs sehr geneigt,
sich mit der gefährlichen Jagd auf den kühnen Kameeltreiber stark zu befassen. -
    Die Gruppe an den Ruinen des Forts im Mondlicht gewann durch das schöne Bild
der jungen Griechin einen besonderen Reiz. Unter der reichen in den
unterirdischen Gewölben des Forts nutzlos zusammengehäuften Beute hatten sich
genug weibliche Kleidungsstücke gefunden, um Diona die Mittel zu geben,
vollständig in jenem schönen malerischen Costüm zu erscheinen, das die
griechischen Frauen und Mädchen, die noch nicht die französische Mode nachgeäfft
haben, so wundervoll kleidet. Diona bot den vollen Typus der griechischen
Schönheit, einer viel andern, als wir Abendländer gewohnt sind in der Phantasie
uns zu malen. Noch war sie jung genug, um nicht jene weichliche Ueberfülle zu
besitzen, welche die griechischen Frauen über zwanzig Jahre fast durchgängig
auszeichnet, und die nach orientalischer Sitte als schön gilt. Dagegen hatte ihr
Alter - 18 Jahre, während unter diesem milden Himmel oft schon Mädchen von zwölf
und dreizehn Jahren heiraten, - ihre Formen gerundet und Wellenlinien über den
schönen Körper gegossen, die dem ursprünglich seinem und schlankem Wuchs von
Mittelgrösse einen noch verführerischeren Reiz verliehen. Das Gesicht von
rundovaler Form zeigte jenen wunderschönen weissen und zarten Teint, der den
Töchtern der Cycladen eigen ist, gehoben durch zarte und künstliche Röte der
Wangen, welche nicht wie bei der Toilette des Occidents durch mehr oder weniger
feine Schminke, sondern durch Einreibung eines Mittels in die seinen Poren der
Haut, die man durch das Ausreissen der kleinen Härchen öffnet, hervorgebracht
wird, und die wochen-und monatelang ihre zarte Farbe behält, ohne der Erneuerung
zu bedürfen. Augen von der wollüstig schläfernden Mandelform, aus deren Lidern
zwischen den schwarzgefärbten Wimpern ein dunkler Augapfel hervorstrahlt,
während ein feiner schwarzer Strich unter der Wimper des unteren Lides die Grösse
und den Glanz des Auges erhöht; - schön und hochgeschwungene ebenholzfarbene
Brauen unter einer mittelhohen freien Stirn; eine nicht gebogen, sondern grade
in antiker Linie mit einer leichten Wölbung in der Mitte und voller gerundeter
Spitze und starken Flügeln sich senkende Nase und ein etwas grosser aber durch
die herrlichsten korallenartigen Lippen eingerahmter Mund mit einem vollen
runden Kinn - das ist der Typus der griechischen Frauen der Inseln und war die
Schönheit Diona's. Die Toilette der orientalischen Frauen, die gewöhnlich nur
zum Abend gemacht wird, erfordert fast noch mehr Zeit und Sorgfalt, als die der
Schönen von Paris und Wien. Leider wird der zierliche und reiche griechische
Anzug bei den Frauen Atens und Smyrna's meist schon durch das französische
Costüm vordrängt, wo aber die nationale Tracht beibehalten ist, da erscheint sie
reizend und höchst kleidsam. Die Frauen Smyrna's, - meist klein von Gestalt, von
einem blassgelben Teint mit unheimlich funkelnden, beweglichen, schwarzen Augen,
die für grosse Schönheit gelten, auf den Europäer aber den Eindruck des
Rattenauges machen, sind bei ihrer Verheiratung mit letzterm gewöhnlich das
Verderben des Mannes. Von jener Putz- und Gefallsucht, die eine Smyrniotin
beherrscht, gibt selbst die Löwin der pariser Salons kaum eine Idee. Alles was
sie an andern Frauen von Schmuck und Kleidern sieht, erregt ihren Neid, und sie
peinigt den Mann um noch Schöneres, das - einmal getragen - allen Reiz für sie
verliert. Dazu ist sie als Frau eigensinnig, launisch, träge und in Müssiggang
den Tag hinbringend, bis zur Abendzeit, wo sie in voller Toilette sich an die
Tür des Hauses setzt und Besuche annimmt oder macht; und so tugendhaft sie als
Mädchen ist, so selten bleibt sie es nach ihrer Verheiratung. Bei dem
geringsten Widerstand gegen die oft unerträglichen Launen der eingeborenen Frau
hat der europäische Gatte den ganzen Schwarm ihrer werten Verwandtschaft bis
in's zehnte Glied auf dem Hals, und er kann, braucht er sein Hausrecht, von
Glück sagen, wenn er zuletzt ohne einige Messerstiche oder Pistolenkugeln
davonkommt. - Unter den Verhältnissen und bei den Sitten des Orients sind die
moslemitischen Frauen, bei allen sonstigen üblen Eigenschaften dem Manne eine
weit bessere und geeignetere Genossin, als die christlichen.
    Diona trug über dem langen seidenen Gewand von gelber Farbe die reich mit
Gold gestickte offene Aermelweste, welche einen so schönen Schmuck und Teil des
griechischen Costüms bildet, während das, gewöhnlich von einem jener herrlichen
smyrniotischen Fez's oder der längern griechischen Troddelmütze bedeckte
Hauptaar frei um das schöne Gesicht wallte.
    Die Männer waren in einem ernsten Gespräche begriffen. Welland hatte die
Vorgänge des Tages in Smyrna mitgeteilt und die Rede sich nun auf die
politischen Verhältnisse und Ereignisse überhaupt gerichtet, die den Orient und
Occident zu erschüttern drohten, und auf beiden Seiten mächtige Rüstungen und
Vorbereitungen aller Art hervorriefen. Constantinopel ward in diesem Augenblick
noch der Centralpunkt der diplomatischen Agitationen, und von hier aus spannen
sich die Fäden der Intrigue und Gegenintrigue, deren Auslaufen und Entscheidung
nur Wenige noch berechnen konnten.
    Caraiskakis, durch sein abenteuerndes umherziehendes Leben und die Vorgänge
der letzten Zeit nur wenig und unvollständig über den Stand der Angelegenheiten
unterrichtet, hatte den Freund um einen kurzen Umriss gebeten, und dieser gab ihm
denselben. Wir sind genötigt, ihn zu wiederholen, um den Leser vom Beginn
unserer Darstellung und jener Recapitulation im Dom der Invaliden zu Paris auf
die Zeit weiter zu führen, in welcher die gegenwärtigen Scenen spielen, - also
bis zu Ende des Juni 1853. Wir geben hier im Allgemeinen die Historie der
Angelegenheiten und ihre Entwickelung, wie sie sich aus den öffentlichen
Vorgängen und den diplomatischen Aktenstücken dem Auge Europa's dargestellt hat
und darstellen musste, den tieferen Einblick in die Veranlassungen, in die Zwecke
und den Gang für die weitere Ausführung unserer Scenen in Constantinopel selbst
vorbehaltend.
    Man hatte in Wien frohlockt, dass der Czar die Forderungen Oesterreichs in
der montenegrinischen Frage so kräftig unterstützte, sah aber jetzt, dass das
petersburger Kabinet damit einen viel wichtigeren Schlag in Constantinopel
vorbereitet hatte. Russland, das seit Katarina II. mit mehr oder weniger kurzen
Unterbrechungen einen überwiegenden Einfluss in Constantinopel ausgeübt hatte,
sah seit einiger Zeit denselben bedeutend geschmälert und bedroht, indem in dem
Divan immer mehr französische und englische Sympatieen - offenbar auch in Folge
des erweiterten socialen Verkehrs und der Erziehung junger Orientalen in Paris
und London so wie des Eindringens der liberalen und demokratischen Ideen des
Westens - sich geltend machten. Auch materiell hatten England und Frankreich
durch die Vermehrung von Consulaten, neue Handelsverbindungen etc. in der Türkei
einen festern Fuss gefasst, und bedrohten von hier aus die russische Macht. Die
Frage wegen der politischen Flüchlinge nach dem ungarischen Kriege war durch
Englands Einfluss gegen Russland entschieden worden. Die türkischen Verhältnisse
selbst waren kaum länger haltbar ohne eine durchgreifende Reorganisation und
Aenderung, das fühlten und sahen mehr noch als die europäischen Höfe die
einsichtsvolleren Orientalen selbst, und an solchen fehlte es keineswegs. Denn
der Einfluss, welchen alle Staaten Europa's nach und nach sich in der Türkei
erworben, teils durch die Tractate, teils durch ihre Machtstellung und
Handlungen eigener Machtvollkommenheit, war der Art, dass von einer Souverainetät
der Pforte fast gar nicht mehr die Rede blieb, und deren Schatten einzig durch
die Rivalität der occidentalischen Staaten bewahrt wurde. Die immer stärker
hervortretende Entmannung des Islams in Europa hatte die frühere bedeutende und
gefährliche aggressive Macht der Türkei nach Aussen längst aufgehoben, und jene
oben erwähnten internen Verhältnisse lassen das, dem Kaiser Nicolaus
zugeschriebene, eigentlich aber schon vom Hofe Katarina's stammende und auch
von Napoleon I. gebrauchte Bild von »kranken Mann« sehr der Wahrheit
entsprechend erscheinen. Die von Frankreich genommene Aggressive durch den
Streit um die heiligen Stätten3 drohte eine eben solche Wendung zu nehmen, wie
die Flüchtlingsfrage. Russland durfte die Interessen der griechischen Christen
unter keinen Umständen im Stiche lassen, wenn es nicht die für seine
traditionellen und historischen Pläne so notwendigen Sympatieen derselben
aufgeben wollte, und so war es zu einem herausfordernden Auftreten und einem
Beginn des Streites gezwungen, den es offenbar erst für ein Jahrzehend später
bestimmt hatte und zu dem es noch keineswegs durch seine inneren Einrichtungen,
Eisenbahnen, Marine etc. vorbereitet war. Dennoch hatte man sich in Petersburg
dem Glauben hingegeben, dass die russische Machtstellung im europäischen
Staatenverband und sein bisheriger dominirender Einfluss auf Mittel-Europa
hinreichen würden, ernste Conflicte zu vermeiden. Dazu kam der blinde Glaube an
die Unmöglichkeit einer politischen Alliance Englands und Frankreichs. Kaiser
Nicolaus, einer der ehernsten Charactere der Weltgeschichte, rechnete Völker und
Länder zu sehr als Zahlen von seinem erhabenen Standpunkt aus und trug den
tieferen Erscheinungen und Characteren der Gegenwart zu wenig Rechnung.
    Fürst Mentschikoff, der russische Marineminister, war am 28. Februar in
Constantinopel eingetroffen und hatte einen feierlichen Einzug unter dem Jubel
der griechischen Bevölkerung gehalten, dir in der Initiative Russlands eine neue
Aera ihrer Jahrhunderte lang bewahrten Hoffnungen und Wünsche aufblühen sah.
Unter den niederen Klassen der Griechen hatte sich faktisch das Gerücht
verbreitet, der Fürst werde mit den Griechen von Constantinopel das nächste
Osterfest in der Sophien-Kirche, - diesem ehemaligen Palladium des griechischen
Christentums - feiern. Es ist Tatsache und durch zahlreiche Beweise dargetan,
dass dieser Glaube und die Aufregung unter der griechischen Bevölkerung nicht
allein in Constantinopel, sondern auch in Smyrna und Kleinasien hauptsächlich
durch die revolutionaire Propaganda, durch die politischen Flüchtlinge, genährt
und verbreitet wurden.
    Der starre Charakter des Fürsten war zur Führung intriguenvoller
diplomatischer Verhandlungen, in denen die orientalischen Staatsmänner den
feinsten Diplomaten des Westens überragen, wenig geeignet und wir haben bereits
zu Anfang unseres Werkes angedeutet, welchem Einfluss es gelungen war, gerade
dieser, dem Charakter des Kaisers so ähnlichen Individualität die Betrauung mit
dieser schwierigen Mission zuzuwenden. Der Fürst hatte sich geweigert, dem
Minister des Auswärtigen, Fuad Effendi, der Etikette gemäss, seinen Besuch zu
machen, mit der Erklärung, dass Russland gerade besondere Beschwerdegründe gegen
diesen ihm persönlich feindlichen Minister habe, welcher auch die Verhandlungen
wegen der Auslieferung der ungarischen und polnischen Flüchtlinge geleitet
hatte. Die Pforte zeigte dem energischen Auftreten des Fürsten gegenüber sofort
ihre Nachgiebigkeit durch die Entebung Fuad Effendi's von seinem Portefeuille.
Getäuscht durch dieses Resultat ging der Fürst weiter. Der vorgeschobene
Beschwerdepunkt: der Krieg gegen Montenegro, war bereits durch die
österreichische Intervention beseitigt - es blieb also nur die Frage wegen der
heiligen Stätten, hauptsächlich über den Besitz der Schlüssel zum heiligen
Grabe, welchen sowohl die Lateiner (Katoliken) wie die Griechen in Anspruch
nahmen.
    Die Unterhandlungen wurden auf das ausdrückliche Verlangen des Divans unter
Zuziehung des Vertreters von Frankreich gepflogen, die Reclamationen des Fürsten
in den Noten vom 19. und 22. März und 19. April, in welchen er die Rechte der
griechischen Kirche den Lateinern gegenüber in dieser Angelegenheit gewahrt
verlangte, durch Erlass eines Fermans erledigt, welcher die Rechte der Griechen
gegen alle Uebergriffe der Katoliken sichern, zugleich aber diesen - also den
Franzosen - die neuerdings durch Capitulationen erworbenen Rechte unverletzt
erhalten sollte.
    Frankreich hatte bei der ersten Nachricht von der Sendung des Fürsten
Mentschikoff seine Mittelmeer - Flotte nach den griechischen Gewässern gesandt,
der englische Admiral Dundas sich geweigert, auf die gleiche Requisition des
britischen Vertreters in Constantinopel, Oberst Rosen, dasselbe zu tun.
    Die Frage wegen der heiligen Stätten schien geregelt, war es aber nichts
weniger als das, denn Fürst Mentschikoff verlangte jetzt zugleich Bürgschaft
gegen künftige Verletzungen der eingegangenen Verträge, und zwar in Form einer
förmlichen Verpflichtung in seiner Note vom 5. Mai, auf die er Antwort binnen
fünf Tagen forderte. Dies war der Wendepunkt, an dem auf's Neue das Spiel der
politischen Intriguen begann. Die Hauptforderung Russlands ging darauf hinaus,
dass die Pforte in einem besondern Sened (Protokoll) der griechischen Kirche in
der ganzen Ausdehnung ihres Gebiets alle von Alters her besessenen Rechte,
Privilegien und Immunitäten unverändert auf der Grundlage des bestehenden Status
quo gewährleisten solle, und dass die griechische Kirche berechtigt sei, alle den
begünstigtsten christlichen Nationen eingeräumten Vorrechte auch für sich in
Anspruch zu nehmen.
    Durch die Gewährung dieser Forderung hätte der Czar das Recht erhalten, als
Protektor der orientalischen Kirche, also der griechischen Untertanen des
Sultans sich bei allen entstehenden Streitigkeiten derselben mit der türkischen
Regierung zum Schiedsrichter aufzuwerfen.
    Das war gewissermassen eine vollständige Abhängigkeit von Russland, obschon
auf der andern Seite nicht zu läugnen stand, dass die griechische Kirche und
Bevölkerung in der Türkei dringend einer Befreiung und eines energischen
Schutzes ihrer Rechte bedurften.
    Unterm 10. Mai beantwortete der Divan ablehnend dieses Verlangen als
Eingriff in die Souverainetätsrechte des Sultans, die geringeren angeschlossenen
Forderungen bewilligend. Zugleich trat durch den Einfluss des seit dem 5. April
in Constantinopel wieder eingetretenen britischen Gesandten Lord Stradfort de
Redcliffe eine Veränderung des türkischen Ministeriums im britischen Sinn ein.
Der bisherige Grossvezier Mehemet Ali wurde Kriegsminister, Rifaat Pascha
Minister - Präsident und Reschid Pascha trat an die Spitze des Auswärtigen.
    Fürst Mentschikoff antwortete am 11. Mai auf die türkische Note und
kündigte, als die neuen Verhandlungen kein Resultat herbeiführten, am 18. an,
dass er seine officiellen Verbindungen mit der Pforte abbrechen müsse, weil man
für Sicherung verbriefter und unbestreitbarer Rechte, und anstatt die Abhilfe
gerechter Beschwerden ernstlich zu leisten, ihn nur mit leeren Ausflüchten
hinhalte4.
    Fürst Mentschikoff zog sich nach dieser Mitteilung vom 18. Mai an Bord des
bei Bojukdere ankernden Dampfschiffes zurück, das ihn nach Odessa bringen
sollte, setzte aber noch die privaten Unterhandlungen fort. Da die Pforte jetzt
hartnäckig alle Modalitäten des Ultimatums zurückwies, verliess der Fürst am 21.
Mai mit dem russischen Gesandtschafts-Personal Constantinopel, wo nur die
Handelskanzlei zurückblieb.
    Die türkische Regierung zeigte unterm 20. Mai den Vertretern der vier
Grossmächte an, dass sie sich gezwungen sähe, gegen die grossen Rüstungen Russlands
an der Gränze der Donaufürstentümer offen ihre Gegenanstalten zu treffen.
    Der russische Minister des Auswärtigen, Reichskanzler Graf Resselrode,
schickte im nochmals eine Note an Reschid Pascha, in welcher er die Annahme der
früher gestellten Bedingungen binnen acht Tagen forderte, widrigenfalls Russland
die Donaufürstentümer besetzen würde, erklärte jedoch dabei, dass diese
Besetzung eben nur als Pfandnahme und nicht als Kriegserklärung zu betrachten
sei.
    Das Protectorat der Donaufürstentümer berechtigte übrigens Russland nach dem
Vertrage von Baltaliman nur zu einer gemeinsamen Besetzung derselben mit der
Türkei im Fall innerer Unruhen.
    Eine durch die Bemühungen der Vertreter Preussens und Oesterreichs ziemlich
gemässigte Note des Divan, in der man sich bereit erklärte, einen besonderen
Gesandten nach Petersburg zu schicken, lehnte diese Forderung nochmals unterm
10. Juni ab.
    Am 14. Juni war der neue österreichische Gesandte, Baron von Bruck, in
Constantinopel eingetroffen; die Sendung des Grafen Gyulai nach Petersburg
sollte zugleich dort die Versöhnung vermitteln. Frankreich und England, die nach
der Einleitung des Conflicts zwischen Petersburg und der Pforte sich der äusseren
Einmischung fern gehalten hatten, riefen jetzt ihre Flotten in die Nähe von
Constantinopel, und dieselben warfen am 15. Juni in der Besika - Bai am Eingang
der Dardanellen Anker. Die Gesandten erhielten jetzt öffentlich Vollmacht, im
Fall einer Kriegserklärung des Sultans gegen Russland die Flotten nach
Constantinopel zu rufen.
    Zugleich hatte jener diplomatische Notenwechsel zwischen den Kabinetten von
Petersburg, Paris, London, Berlin und Wien begonnen, durch welchen die
streitenden Parteien die Schuld der Zwistigkeiten und deren weitere Folgen sich
gegenseitig aufzuwälzen versuchten. -
    Dies war die Uebersicht, die Welland dem Freunde mitteilte, da er sich,
obschon bereits im März von Paris abgereist, doch bei seinem zweimonatlichen,
durch eine Krankheit veranlassten Aufentalt in der Schweiz und Oberitalien
fortwährend von dem Gang der politischen Angelegenheiten in Kenntnis erhalten
hatte.
    »Mir scheint, Freund,« sagte er zum Schluss, »der redliche Wille einer
Versöhnung und Ausgleichung ist auf keiner Seite sonderlich gross und der
Zwischeninteressen, die in dem Streit spielen, scheinen so viele, dass eine
friedliche Lösung kaum zu denken ist. Es scheint gegenwärtig allein das Ziel der
Beteiligten, vor den Augen der Welt die Schuld des Angriffs und des
bevorstehenden Krieges Einer auf den Andern zu werfen. In Frankreich, ja selbst
in Deutschland, hält man den Krieg für unvermeidlich und erwartet jeden
Augenblick den Ausbruch. Es ist offenbar, dass wir auf einem unterwühlten Boden
stehen, und Niemand kann sagen, nach welcher Seite die Wagschaale sich senken,
wo das gezogene Schwert rasten wird. Alle Verhältnisse scheinen sich umgekehrt
zu haben, Freunde stehen sich feindlich einander gegenüber, alte Feinde haben
den Groll im Busen verschlossen und machen gemeinsame Sache, - willenlos folgt
der Einzelne, Unbedeutende diesem Wogenschlag der Völker, glücklich, wenn er aus
der kommenden Zerstörung sich selbst und das, was ihm teuer ist, in einen
sicheren Port retten wird. Ich fürchte, Freund, auch unser Schicksal wird uns in
das volle Wogengebraus hinaus werfen.«
    »Ja wohl haben Sie Recht, dass alle Verhältnisse verkehrt und aus den Fugen
gerückt sind in diesem Streit!« entgegnete mit Bitterkeit der Grieche. »Steht
nicht das allerchristlichste Frankreich, das streng protestantische England
neben dem ewigen Erbfeind des Kreuzes, um drei Millionen Türken das Recht wahren
zu helfen, zehn Millionen Christen zu unterdrücken, zu tyrannisiren, sie aller
historischen und menschlichen Rechte zu berauben? Zu wem soll das Volk der
Griechen vertrauend aufsehen, zu England und Frankreich, die für ihre Teilnahme
an Navarin mein armes Vaterland zu Grunde richten? die, Sieger über unsere
Tyrannen, ihnen den grössten Teil des Volkes, dessen Freiheitskampf ganz Europa
damals zujauchzte, wieder unter die Sohlen warfen? - Macht denn der wiener
Vertrag die Weltgeschichte und die Rechte und die Historie der Völker, oder gab
es ein byzantinisches Reich, das Jahrhunderte Europa voran blühte, und dessen
Verderben die westlichen Staaten durch die Kreuzzüge herauf beschworen, während
sie es dann hilflos in die Hand der Feinde des Kreuzes fallen liessen?!«
    »Ich glaube schwerlich, Freund, dass Sie es besser haben würden unter dem
Scepter oder der Knute Russlands, als Ihre Väter es unter der Peitsche des
Moslems hatten. Sie wünschen die Wiedergewinnung und Erhebung Ihrer
Nationalität. Wohl! aber Russland, Ihr Beschützer, ist doch gewiss gerade der
Staat, der eine fremde Nationalität am wenigsten achten würde, der Staat, der in
seinen eisernen Armen jedes fremde selbstständige Leben zu unterdrücken, zu
tyrannisiren droht. Wo anders her stammt die Furcht und der Hass Europa's und
jedes Einzelnen vor diesem Koloss? Blicken Sie hin nach Polen -«
    »Meinen Sie denn,« unterbrach ihn der Grieche, »dass mein Volk auch nur den
Gedanken in sich trägt, ein Teil des russischen Reiches zu werden? Keinem
Hellenen kommt die Idee! Frei wollen wir sein auf unserer eigenen Erde, die
getränkt ist mit tausend grossen Erinnerungen der Vorzeit, Herren unseres eigenen
Landes, das zur Wüste geworden, dessen Kirchen zerstört, dessen Kinder
geschändet und geschlachtet sind von einer Handvoll Ungläubiger. Das Kreuz soll
herrschen in der alten Hauptstadt unseres Landes, die einst zwei Weltteilen
Gesetze vorgeschrieben, so gut wie Ihr Rom, unsere heilige Kirche gereinigt
werden von der Schmach des falschen Götzendienstes!«
    Sein Auge flammte, seine Hand war erhoben, als er von der Unterdrückung
seines Vaterlandes, von den Hoffnungen sprach, welche die Brust jedes Hellenen
schwellen. Auch Diona, die Tochter Griechenlands, schaute, auf den Knieen
liegend, mit geröteten Wangen und feurigen Augen empor zu dem Bruder.
    Der Räuber hatte sich aufgerichtet aus seiner trägen Stellung.
    »Höre mich, Franke,« sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Ich bin nicht
gelehrt wie Du und mein Sohn hier aus edlem Geschlecht; ich bin ein geringer
Mann aus dem Lande meiner Väter, ein Dieb und Mörder, und verstehe Nichts von
dem, was die Könige des Frankenlandes sprechen und wollen. Aber sie sind Staub
in den Augen des grossen Czaren, der stets unser Freund war, wie sie Staub sind
in den unsern. Wem sollen wir trauen, auf wen sollen wir hoffen, wenn nicht auf
ihn, dessen Glaube der unsere ist, der der ewige Feind unserer Tyrannen gewesen
und sie bekämpft hat? Sollen wir vertrauen auf den Bruder, der sich uns bewährt
und uns geschützt hat, oder auf den Fremdling, der unserer höhnt und spottet,
die Früchte unseres Fleisses an sich reisst und mit unsern Unterdrückern
gemeinschaftliche Sache macht?«
    »Da hören Sie die Stimme des Volkes,« sagte Gregor; »wie dieser denken und
sprechen Tausende, ja Millionen.«
    »Aber was wollen Sie gegen die Uebermacht? Jeder Versuch zu Russlands Gunsten
würde Ihren Landsleuten unter türkischer Herrschaft nicht allein das Joch
schwerer auflegen, sondern auch die Westmächte zwingen, ihnen allen Schutz zu
entziehen. Ganz Europa sieht die Parteinahme derselben gegen Russland als eine
Demonstration der Cultur und Civilisation gegen die Principien der Unterdrückung
und Willkür an, die der östliche Koloss bisher geübt hat und immer weiter
ausdehnen möchte. Die Politik der Staaten Europa's muss die Herrschaft der Pforte
ungeschmälert aufrecht erhalten.«
    »Die Politik?« rief mit Empörung der Grieche. »Sie haben Recht, dies
herzlose Wort zu gebrauchen, das einst den Namen Europa's mit Schmach auf den
Blättern der Geschichte beladen wird. Diese Staaten und Könige nennen sich die
christlichen, die Verteidiger und Beschützer der Kirche - und sie dulden, dass
ein christliches Volk die Fesseln der Moslems trägt! Hatte Spanien ein grösseres
Recht denn wir, als es ein gesittetes kunsttätiges Volk über das scheidende
Meer im Namen des Kreuzes zurückwarf? zog der Pole Sobieski nach Wien bloss zur
Rettung der Kaiserstadt oder für den Sieg des Christenglaubens? Schmach über die
Nationen des christlichen Europa's, die Missionen auf Missionen zu den fernen
Heiden senden und für ihre christlichen Brüder im eigenen Erdteil kein Gefühl
haben! Schmach endlich über Ihre Liberalen und Republikaner, die Revolutionen
proklamiren in Ländern, die sich wohl fühlen unterm Schutz der Ordnung und des
Gesetzes, und für die Befreiung eines Brudervolks von den Ketten hundertfach
ärgerer Sklaverei, als je Russland oder Oesterreich einem Lande auferlegt hat,
kein Wort, keine Waffe haben, ja, die diese Waffen noch Denen zu leihen sich
drängen, welche die Fesseln dieses geknechteten Volkes für weitere Jahrhunderte
schmieden wollen!«
    »Unterm Schutz Frankreichs und Englands wird die Civilisation und das Recht
des Einzelnen auch hier den Sieg gewinnen, schon hat der Divan sich zu
bedeutenden Verbesserungen entschliessen müssen und eine neue bessere Aera blüht
auch für die christliche Bevölkerung der Türkei empor.«
    Caraiskakis legte die Hand auf seinen Arm.
    »Glauben Sie wirklich, dass es Versöhnung geben kann zwischen dem Opfer und
seinem Henker? dass ein Volk, das solche Leiden getragen, so Ungeheures erduldet
hat, wie das meine, je den Unterdrücker ehren und lieben lernen wird? Meinen
Sie, dass es ein Vergessen zu geben vermag zwischen einem Hellenen und einem
Bekenner des Propheten? - Dann, Welland, dann haben Sie nie erfahren, was wir
gelitten, dann haben Sie nie bedacht, dass seit Jahrhunderten das Blut des Vaters
den Sohn, die Schmach der Schwester den Bruder, das Gewimmer der gemordeten
Säuglinge die Mütter zum ewigen unauslöschlichen Hass entflammt hat und mein Volk
entflammen wird, so lange noch der Name Moslem das Land jenseits dieses
trennenden Meeres entehren wird. Ihre Zeitungen, Ihre Fürsten, Ihre Völker haben
vergessen, was vor kaum dreissig Jahren auf jenen Bergen, auf jenen Inseln
geschehen - aber wir vergassen es nicht, die wir in den Strömen des vergossenen
Blutes geboren und mit der Verzweiflung gesäugt worden sind. Ich ward es,
Welland, ich, der Sohn des unglücklichen Chios, und wollen Sie eine Geschichte
hören, die Sie lehren mag, die Gefühle und Erinnerungen meines Volkes besser zu
beurteilen, wohlan, hier ist der Mann, der sie Ihnen geben wird: Janos!«
    »Mein Sohn, Du hast gut gesprochen, und wenn Du willst, dass ich die
Geschichte Deiner eigenen Kindheit aus meiner Jugend zurückrufe in mein
Gedächtnis und in meinen Mund, so soll sie dieser Franke hören.«
    »Auch uns gieb sie, Mann, auch uns, Gregor und Diona, den Kindern der Frau,
die Dein Heldenmut gerettet.«
    Der - wir wollen ihn in diesem Augenblick trotz seines Handwerks so nennen -
der Palikare richtete sich auf und setzte sich auf einen nahe liegenden Stein;
um ihn her näher heran drängte sich der ganze Kreis. Als Janos zu seiner
Erzählung5 das Wort nahm, war in seiner Rede und in seinen Geberden etwas
Poetisches, Schwungvolles, das auch den niedersten Ständen des Südens eigen zu
sein pflegt und jedes Element des Gemeinen, Unbehilflichen beseitigt, das uns so
oft unter den niedern Volksklassen im Norden anwidert.
    »Euer Vater, meine Kinder,« begann der Räuber, »war ein wohlhabender Mann
auf der Insel Chios und trieb Handel mit Mastix6 nach Constantinopel. Chios war
damals ein blühendes Land, ein Garten Gottes, reich gesegnet mit Fruchtbarkeit
und Schönheit. Was unser Himmel bietet, fand man auf der Insel, der Hafen von
Kastron war gefüllt mit Schiffen aller Nationen, und hundertzwanzigtausend
tätige, wenn mit der türkischen Herrschaft und ihrer Willkür auch nicht
zufriedene, so doch ruhige und fleissige Menschen bewohnten die Insel. Das kam,
weil von Constantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde,
unter der unsere Brüder auf den Cycladen und dem Festlande seufzten, denn Chios
gehörte Fatme Sultana, der Schwester des Grossherrn, als Eigentum, und sie bezog
jährlich nicht weniger denn zwölfhundert Beutel7 von unserer Insel, die den
Mastix erzeugt wie kein anderer Ort in der Levante. Wie bald sollten wir Jene
beneiden lernen!
    Ich war in Ipsara geboren, aber schon als Knabe in das Haus Deines Vaters
gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Aten, selbst nach Triest und
Constantinopel begleitet. Der Name Deines Vaters war geachtet und er zählte zu
den Patrioten, die über dem Gewinn des Handels und dem Klange des Goldes nicht
vergassen, dass der Besitz ihrer Habe, ja ihrer Familie und ihres Lebens nur
Schein und von der Willkür des Muselmannes abhängig war, dass unser heiliger
Gottesdienst nur gegen schwere Geschenke an die Machtaber geduldet wurde und
jedes Rechts entbehrte, dass die Ehre unserer Frauen und Töchter das Spiel der
Lüste unserer Herren blieb und der Moslem verächtlich vor dem eingebornen Sohne
des Landes ausspie und ihn Giaur nannte, wenn er demütig an ihm vorüberging.
Wir waren elender, als das von Gott verfluchte Volk der Erde ist!
    Es bestand damals - und man hat mir erzählt, dass er seit mehr als hundert
Jahren unter meinem Volke bestanden - ein geheimnisvoller Bund, Elpis8 genannt,
der über das Festland und alle Inseln, ja weit hinein nach Asien und über Byzanz
hinaus ging und alle Besseren, Tugendhaften und Tapferen unseres Volkes in
seinen Reihen zählte. Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen
Meere schwimmen, da gibt es kleine Eilande, unzugängliche Berge, auf die sich
freie Männer geflüchtet haben und wohin noch nie der Fuss eines Moslems
ungestraft gekommen ist. Hier ist die Wiege der griechischen Freiheit, und aus
diesen Felsenbuchten, in deren Schutz die Häupter der Elpis sich alle vier Jahre
zu versammeln pflegen, ging der ewige Krieg aus, den, von den Franken verlassen,
unser Volk wenigstens im Einzelnen seit Jahrhunderten gegen die Ungläubigen
geführt hat. Frei wie der Palikare auf den Bergen Livadien's und des Taygetos
war der Capitano, der auf seiner schwarzen Felucke mit kühnen Männern das Aspri
Talassa9 durchstrich und leicht, wie die Schwalbe die Lüfte durchzieht, hinauf
bis zum weissen Lemnos zog oder vor dem Golf von Saloniki kreuzte, und überall
den schwerfälligen Moslem, den habgierigen Franken überfiel und besiegte.
    Dein Vater, Gregor, gehörte seit Jahren der Elpis an, und als die Stunde
gekommen war, wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den
unerträglichen blutigen Druck erhoben werden sollte, eilte er dahin. Wundert
Euch nicht, dass ich, ein schlichter Kameeltreiber, so genau die Geschichte
meines Landes kenne, aber die Namen, die ich nenne, sind mit Blut in die Tage
meiner Jugend geschrieben. Vom Norden, vom grossen Czar aus Moskau her kam auch
damals der Ruf unserer Freiheit. Fürst Ypsilanti zog in das Land ein, das an dem
grossen Strome liegt, der uns von unsern russischen Brüdern scheidet10, aber die
heilige Schaar11 fiel unter der türkischen Uebermacht, und der Grossherr in
Constantinopel schwor bei seinem Barte, Alles zu vertilgen, was Grieche hiess in
diesem Lande12. Auch zu uns kam die Kunde, wie man in Constantinopel, in Smyrna
und Salonichi alle Kirchen zerstört, wie man unser Volk beraubt und gemartert,
unseren ehrwürdigen Erzbischof, den heiligen Gregorius13, ermordet hatte. Da
entbrannte in den Herzen unseres Volkes die heilige Flamme und überall schlug
das Feuerzeichen der Freiheit empor! Von Achaja aus tönte der erste Ruf, und als
der Erzbischof von Patras14 das Kreuz aufrichtete, da klang es wieder in
Aetolien, wie in Attika, Akarnanien und Livadien; auf Spezzia, Ipsara und Hydra,
auf Samos wie im Epirus und Tessalien, wo die tapferen Sulioten und Agraphen
sich mit dem Löwen von Janina15 verbanden, der längst schon am türkischen Joche
gezerrt. Der alte Held Kolokotroni zog mit seinen Klephten daher, der edle
Nikitas, Petros Mauromichalis, der Bei der Marina! Mit Wonne hörten wir jede
Kunde, die Schiff um Schiff uns brachte, aber Chios wagte es nicht, laut in den
allgemeinen Jubelruf einzustimmen, denn Vehid Pascha der Gouverneur hatte Zehn
der angesehensten Chioten nach Constantinopel als Geisseln geschickt und nahm
jetzt aus jedem Dorfe zwei Primaten16 und warf sie in die Kerker von Kastrone,
um sich gegen einen Aufstand zu sichern.
    Dein Vater, Gregor, war, zeitig gewarnt, auf den Ruf Maurokordatos', seines
Freundes, der auch aus Chios stammte, nach Attika geeilt. Mich, ich war damals
achtzehn Jahre alt, liess er bei seiner Familie zurück, denn Deine Mutter trug
Dich noch an der Brust und selbst Dein Bruder Andreas zählte erst vier Jahre. In
dem Landhause Deiner Familie, an der Bucht von Volisso, glaubte er sie vor allen
Stürmen geschützt und ich musste ihm auf das Kreuz schwören, sie nie zu
verlassen.«
    Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand.
    »Vater Michael,« sagte er weich, »und die Mutter, die jetzt Beide im Himmel
sind, bezeugen dort Oben, wie treu Du Wort gehalten.«
    Janos küsste die Hand und führ in seiner Erzählung fort.
    »Die guten Tage für Chios waren vorüber. Veli Pascha und seine Aga's machten
sich die Erbitterung des Divans gegen das griechische Volk zu Nutze und begannen
Unterdrückungen und Erpressungen, die bald allen Grausamkeiten die Waage
hielten, welche unsere Brüder auf dem Festlande je erduldet hatten. Dennoch
widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf, der täglich von Samos und Ipsara
her erging, zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe
anzuschliessen; denn in den Kerkern von Kastrone lagen ihre Väter und Brüder,
hundertundzwanzig an der Zahl, darunter die sieben Bischöfe unserer Insel, und
jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal, was die teuren Häupter
in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes
bedrohte.
    Aber Gott und die Heiligen hatten es anders bestimmt, ihr Geschick sollte
von Aussen her entschieden werden. Fürst Logoteti17 und General Burnia landeten
am 25. März18 mit zweitausend Samioten auf Chios und pflanzten mit Gewalt das
Kreuz der Freiheit auf der Insel auf. Wie unser Aller Herz ihnen entgegen
schlug! dennoch wagten nur sehr Wenige, sich ihnen anzuschliessen, das ganze
Land, alle Dörfer waren tatsächlich, als nach achtzehn Tagen das grause Unheil
auf uns einbrach, noch unbewaffnet.
    Die Samioten griffen Kastrone an und erschlugen hundertundfünfzig Türken im
Gefecht. Vely Pascha mit den Seinen flüchtete in das Kastell und wurde hier
belagert.
    Das Verderben aber war nahe. Bald erscholl die Nachricht von der Annäherung
des grausamen Kapudan Pascha mit der türkischen Flotte. Allgemeines Schrecken
verbreitete sich, und wer da konnte, flüchtete sich. Am 12. April schiffte der
Kapudan mit 15,000 Mann von Tschesme nach der Insel über, die Schiffe von Ipsara
und Hydra kappten die Anker und flohen, zwölftausend Bewohner der Insel mit
ihnen. Sieben der Schiffe fielen in die Hände der Türken und wurden mit den
Unglücklichen versenkt, - ihr Loos war glücklich gegen das der
Zurückgebliebenen.
    Ein allgemeines Entsetzen hielt diese befangen und untätig, während hätten
sie sich mit den Samioten verbunden - sie mit sicherem Erfolg der Macht der
Türken Trotz geboten haben würden. Doch man verliess sich auf das Versprechen des
österreichischen und französischen Consuls, die mit dem Kapudan Pascha
unterhandelt und die Zusage allgemeiner Amnestie überbracht hatten, wenn man
alle Waffen ausliefere. Dies geschah; nur Wenige hielten sich mit Logoteti und
Burnia in den Batterieen von Turloti, und dort entbrannte ein heisser Kampf am
12. und 13. April. Alle Gegenwehr war vergeblich, die Schanzen wurden erstürmt,
die Führer retteten sich durch die Flucht, während der Ueberrest der tapferen
Schaar sich in das Kloster Yamon warf und Schritt um Schritt, Blut um Blut jeden
Fussbreit gegen die anstürmenden Schaaren verteidigte. Sie wussten ihr Schicksal,
und während die Kirche von Turloti in Flammen aufging, während die Türken
bereits die Gräber aufrissen und die Leichen verstümmelten, fiel einer der
Helden nach dem andern, kämpfend in den Trümmern des Klosters - Keiner entkam -
mein einziger Bruder war unter den Todten.«
    Der Erzähler schlug ein Kreuz zum Gedächtnis des Gefallenen, andächtig
folgten die übrigen Griechen, dann fuhr er fort:
    »Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr und nun begann eine
Zeit voll Mord und Entsetzen, wie wohl noch keine gewesen ist unter den Völkern
der Erde. Schaaren von asiatischen Mördern und Räubern, unzählig wie
Heuschreckenwolken, strömten von Tschesme und Smyrna her über die unglückliche
Insel, die der Wütrich jedem Schrecken preisgegeben. Sechs volle Tage lang
dauerte das Morden. Gräuel, wie sie die Hölle nicht erfindet, wurden hier
ausgeübt; nicht das Kind an der Brust, nicht der wankende Greis verschont. Schon
am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Köpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab
19. Mögen nimmer meine Augen das Schreckliche wiedersehen, was sie da erblickt!
Frauen und Jungfrauen wurden von den Henkern öffentlich geschändet und dann
grausam verstümmelt und gemordet. Ich sah Frauen, denen die Brüste abgeschnitten
waren, entmannte Männer, Kinder, denen man die Zunge, die Nasen, die Ohren
abgeschnitten. Aber Alles, was hier geschah, überbot die Grausamkeit des Kapudan
selbst. Auf seinem Schiffe, die Siegesfahne geheissen, hatte er eine besondere
Folterkammer eingerichtet, um durch die grausamsten Martern das Geständnis
verborgener Schätze zu erzwingen, oder sich an den Qualen der Armen zu weiden.
Ich selbst sollte diese Stätte des Teufels in Menschengestalt kennen lernen!
    Am 19. waren bereits von 65 Dörfern, welche die Insel zählte, 49 fast
spurlos von der Erde vertilgt, darunter 20 Mastixdörfer. Vergebens bemühete sich
der französische Consul Digeon, ein früherer Offizier, wenigstens einige zu
retten. Hinter seinem Rücken begannen die aufgestellten Schutzwachen auf's Neue
das Werk der Zerstörung.
    Am 13., nach der Erstürmung von Turloti, war auf der Flotte der Würger ein
grosses Fest. Ein französisches Linienschiff lief mit wehender Flagge ein; es
trug den Herrn de la Meillerie, den Befehlshaber der französischen Seemacht in
diesen Gewässern, und das unglückliche Chios hoffte von seinem Erscheinen Schutz
und Hilfe. Aber der Franke - merke es, Herr! - kam, um den Kapudan Pascha zu
besuchen, ihm Glück zu wünschen zum Siege über die Meuterer, und während das
unschuldige Blut in Strömen am Lande zum Himmel aufdampfte, überhäuften der
Franke und der Türke einander mit Höflichkeiten, und das Geschenk einer reich
mit Diamanten besetzten Dose liess den Franzosen das Herz und die Augen
verschliessen vor dem Jammer seiner christlichen Brüder. Fluch ihm und seinem
Gedächtnis! Fluch seinem gleissnerischen Volke!«
    Der wilde Ausbruch des Hasses, der aus den Augen des Griechen sprühte, liess
Welland erbeben. Diona fasste die Hand des Mannes.
    »Und Du, Janos, wo bliebst Du? was geschah mit unserer Mutter?«
    »Als das Morden am 14. begann und wir in unserer entfernten Wohnstätte die
erste Kunde davon erhielten, suchte ich eilig ein Schiff, aber alle hatten, wie
ich bereits erzählt, von Kastron aus die Flucht ergriffen. - In den
Felsenschluchten des Berges Hyas, auf dem der grosse Sänger unseres Volkes,
Homeros, geboren20, war mir ein Versteck bekannt. Dahin - unter die Trümmer
eines alten Götzentempels unserer Väter, der weit hinaus schaut auf's blaue Meer
- führte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen unserer Henker.
Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu, während deren einige wenige
glückliche Flüchtlinge sich zu uns gesellten. Da, als ich die Deinen nicht mehr
allein und verlassen sah, litt es mich nicht länger in den Bergen, wo wir von
fern den Brand unserer Häuser und Gärten schauten, ich trat zu Eurer Mutter und
bat sie, mir zu gestatten, nach Kastron zu gehen, um dort zu forschen und nach
Hilfe auszusehen. Nur schwer gab sie die Erlaubnis, aber unsere Not war gross
und ich musste fort.
    Ich ging durch das Gebirge und nahte mich Kastron. Die Spuren, die ich auf
meinem Wege fand, habe ich Euch bereits beschrieben. In einem Hause, das allein
an einem Bergabhange stand, fand ich zwei der Henker, - sie schliefen, berauscht
von dem ihnen verbotenen Chioswein, neben den Leichen der gemordeten friedlichen
Bewohner, neben den entstellten Leichen zweier Mädchen, die sie geschändet. Ich
erschlug Beide im Schlaf - es war das erste Blut, das ich vergoss, und wahrlich,
nicht solches, das ich je bereut habe! - In der Kleidung, mit den Waffen eines
der Erschlagenen ging ich weiter und kam nach Kastron.
    Es war am Morgen des 23. April. Das Morden und Brennen in der Stadt und den
nächsten Dörfern hatte einigermassen aufgehört, kaum stand in den Letzteren noch
ein Haus ausser denen der Consule. Die Teufel waren vom Blut übersättigt, und was
noch lebte, das trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen, um als
Sclaven nach dem Festlande geschafft zu werden. Aber Vehid Pascha hatte sich
noch ein besonderes Fest vorbehalten; es galt den hundertundzwanzig Geisseln, die
in seinen Kerkern schmachteten - darunter sechsundachtzig Primaten und sieben
Bischöfe, die Anderen angesehene Kaufleute des Landes. Fünfunddreissig von ihnen,
darunter zwei Brüder Maurocordatos mit ihren jungen Söhnen, Knaben noch, wurden
nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt; die Uebrigen hing man am Morgen
an den Mauern des Schlosses von Kastron auf, und als es den Henkern zu langsam
ging, stürzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlägen.
    Ich schlich in der öden Stadt unter Trümmern und Leichen umher - als ich
Zeuge ward einer Tat, die mir noch das Blut im Herzen erstarrt. Unter einem
Haufen von Unglücklichen, die gleich dem Vieh von einem der Mastirdörfer
herbeigetrieben wurden, erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes, in
dessen Hause ich oft gewesen war, an dessen Tisch ich oft gesessen hatte.
Aphanasia, das Mädchen, war schön, sie zählte sechszehn Sommer und blühte wie
die Rose ihrer Gärten. Ich trug lange schon die Liebe zu ihr im Herzen, aber ihr
Vater war reich und ich ein armer Diener - so schwieg ich. Jetzt fand ich sie
wieder, arm und elend, des Notdürftigsten beraubt, das ihre junge Schönheit
deckte. Ich kam dazu, wie der Araber, dessen Beute sie war, sie eben an einen
Türken verhandelte, der 300 Piaster dafür geboten. Ein unglücklicher Augenblick
feigen Zögerns, um mich selbst nicht zu verraten - er war ihr Verderben. Mit
Gold war ich reichlich versehen, denn Eure Mutter hatte mir eine Summe zur
Gewinnung eines Schiffes gegeben, und der Gürtel der erschlagenen Mörder
entielt eine grosse Zahl goldener Zechinen, die Frucht ihres Raubes. Ich trat
hinzu, indem ich Aphanasia ein Zeichen gab, mich nicht zu kennen, und bot dem
Aegypter 3000 Piaster statt jener Dreihundert. Die Augen des Schurken funkelten
vor Freude über den Gewinn, aber der Türke erklärte, dass sein Handel bereits
abgeschlossen gewesen, ehe ich mein Gebot getan, und wollte das Mädchen
davonführen. Da warf ihm, ergrimmt über den entzogenen Gewinn, der Mohr die
Kaufsumme vor die Füsse, und ehe ich es hindern konnte, riss er die Pistole von
seinem Gürtel und schoss das Mädchen durch die Brust21. Ihr sterbender Blick fiel
auf mich, der ich erstarrt stand vor der schändlichen Tat, dann flog mein
Handjar aus der Scheide und schlug den Mörder zu Boden. Aber mein Schmerzensruf,
meine Flüche hatten mich verraten. Ein Gjaur! tödtet den Christenhund! scholl
es um mich her, und kaum vermochte meine Wut mir Bahn zu brechen durch die sich
mehrenden Verfolger. Ich entkam, wer mühte sich lange in dieser Zeit nach dem
Einzelnen, wo der Opfer so viele zur Hand waren!
    Ich entkam, indem ich mich in einer der nächsten Gassen dem mir
entgegenkommenden Zuge anschloss, welcher die fünfunddreissig Kaufleute aus den
Gefängnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte. Ein Aga
befahl mir, mit Hand anzulegen an die Gefangenen; ich musste gehorchen, um mich
nicht zu verraten, so kam ich auf das Schiff selbst und war Zeuge jener Taten,
deren Gedächtnis noch mein Blut in den Adern gerinnen macht.
    Im Mitteldeck des grossen Schiffes war ein Raum abgeschlagen, an dessen Ende
ein Divan stand, auf dem der Kapudan, von seinen Offizieren umgeben, ruhte. Ein
grosses Kohlenbecken in der Mitte glühte die Eisen und Zangen, ringsum an den
Holzwänden hingen Werkzeuge, wie nur die Hölle sie ausgedacht, Stachelpeitschen,
eiserne Keulen, Schraubenringe, welche die Gelenke zu Brei quetschten, - ich
vermag nicht Alles zu nennen noch aufzuzählen. Einer nach dem Andern der
Gefangenen wurde hineingeführt, und der Geruch verbrannten Fleisches, das Geheul
und Röcheln der Gemarterten drang furchtbar zu uns heraus, dass selbst manches
Antlitz der an Mord und Blut gewöhnten Wächter zu erbleichen schien. Endlich als
zum vierten Mal das Todesröcheln verstummte, wies der Aga auf mich und zwei
Genossen und hiess uns, die beiden Gefangenen, die wir an Stricken geführt,
hineinbringen. Es war ein Maurokordatos - ein Greis von siebenzig Jahren, - mit
seinem Enkel, einem Knaben. Ich hatte ihn oft früher gesehen bei meinem Herrn.
    Als wir den Verschlag betraten - Herr, ich war selbst mehr todt als lebendig
und hätte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben, um die Gräuel nicht zu
sehen, - stürzten die beiden Henker - es waren, höre es, Franke! ein Malteser
und ein nubischer Sclave, Diener des Kapudan! - eben die verstümmelten Reste des
letzten Opfers durch die Stückpforte in's Meer. Zitternd nahten die Beiden dem
Furchtbaren und warfen sich nieder vor ihm auf die Kniee, um Erbarmen flehend.
Es war herzzerreissend, sinneverwirrend, die Bitten des Greises um Gnade für das
Kind zu hören. Der Kapudan - ruhig auf seinem Lager ausgestreckt, das Nargileh
zwischen den Lippen, frug den Greis, ob er hunderttausend Piaster als Lösegeld
sofort herbeischaffen könne? - Ich wusste, die Familie hatte das Zehnfache in
ihrem Vermögen gehabt, - aber wo jetzt, nach dem Raub und der Plünderung ihrer
Habe, während sie aus dem Kerker kamen, der sie länger als ein Jahr umschlossen,
- die grosse Summe schaffen? Die Augen des Greises irrten wie wahnwitzig umher, -
überall nur Blutdurst, Grausamkeit - nirgends Hilfe. Ich sehe ihn noch, wie er
auf den Wink des Pascha's zu Boden geworfen und ihm Maass auf Maass des bittern
Seewassers durch einen Trichter in den Mund gefüllt wurde, indes man ihm die
Nase zuhielt22, bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang. Dann warfen die
Henker sich auf ihn und pressten und traten den Greis - - was male ich Euch die
Scheusslichkeiten, die meine Augen sahen! Als ich den gellenden Jammerruf des
Knaben hörte, der von unseren Blicken entmannt ward, konnte ich es nicht länger
ertragen, ich drängte mich hinaus auf die Gefahr, selbst das Opfer zu werden;
aber die Augen der Würger waren mit der Todesqual ihrer Opfer beschäftigt - man
achtete meiner nicht.
    Als ich auf dem Deck den sonnig blauen Himmel wieder sah, der sich so
herrlich über Meer und Land wölbte, da war das Gelöbnis heiliger, blutiger Rache
mein erster Gedanke, mein heiliger Schwur, - und ich habe ihn gehalten; - denn
diese meine rechte Hand war es, die den Tiger mit seiner Brut zwei Monden darauf
gen Himmel sprengte!«
    Der Räuber schwieg wie erschöpft von den furchtbaren Erinnerungen seiner
Jugend; - Welland hatte sein Haupt verhüllt bei der Beschreibung dieser Gräuel,
aus seinen und Diona's Augen flossen Tränen. Nur Gregor blickte finster und
flammend umher und auf die Türkenstadt zu seinen Füssen.
    »Mein Vater rächte das Ungeheure mit Dir! Michael Caraiskakis war bei der
grossen Sühne, die die Heldenschaar des Kanaris dem blutgetränkten Chios
brachte.«
    Wohl, Knabe, aber meine Hand war es, der man die Ehre gab, die rächende
Flamme zu zünden. - Höret drum weiter.
    Auf einem der Boote, die fortwährend zwischen der aus vierzig Segeln
bestehenden Flotte und dem Lande kreuzten, entkam ich glücklich wieder zur
Stadt. Die »Siegesfahne« zählte eilfhundert Mann Besatzung, zahllose andere
Banden verkehrten fortwährend dort, wer sollte mich auch in dem Gewühl
entdecken, da ich gut türkisch sprach? So blieb ich bei den Moslems, bis der
Abend kam, - dann trennte ich mich von ihnen und schlich nach dem Ort, wo am
Morgen Aphanasia ermordet worden. Ich fand sie wirklich unter andern Leichen und
auf meinen Schultern trug ich den teuren Körper fort und begrub ihn unter einem
Feigenbaum. Dann eilte ich zurück in's Gebirge und am zweiten Morgen war ich
wieder bei Deiner Mutter und schloss Euch Knaben mit Dankestränen in meine Arme,
dass die Heiligen mir gestattet, Euch zu retten.
    Noch zehn Tage lang blieben wir in unserm Versteck, uns kümmerlich von
Früchten und der Milch der in die Berge verlaufenen Ziegen nährend, denn wir
wagten kein Feuer anzuzünden, aus Furcht, uns zu verraten.
    Am Morgen des eilften Tages endlich sahen wir ein Schiff in der Nähe
kreuzen, dessen Flagge nicht den Halbmond mit den Sternen trug.
    Von den erhabenen Trümmern des Tempels aus gaben wir Zeichen, indem wir
unsere Kleider an Stangen banden und zum ersten Mal Feuer anmachten, um durch
den Rauch ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Es glückte - wir sahen bald ein
Boot abstossen und ich eilte hinab zum Ufer, die Nahenden zu prüfen, ob Rettung
von ihnen zu hoffen sei. Heilige des Himmels, der Erste, der den Boden betrat,
war Dein Vater, Gregor!
    Wie soll ich Euch die Freude des Wiedersehens erzählen, als Michael
Caraiskakis die Seinen unverletzt an's Herz drückte. Ich schlich davon unter die
Trümmer und weinte. Die meinem Herzen gleich teuer gewesen, war im Himmel!
    Das Schiff war die österreichische Brig »Venetia«. Auf die erste Nachricht
von der Ankunft der Türken auf Chios hatte sich Caraiskakis aufgemacht zur
Rettung der Seinen. Auf Samos schon hörte er die Kunde von der Verwüstung der
Insel und gab die Familie verloren. Dennoch wollte er wenigstens die Insel
betreten, und es gelang ihm, mit seinem Freunde, dem Capitano Valsamachi, der
dem Blutbad von Turloti entronnen, auf dem österreichischen Schiff
zusammenzutreffen und dessen Führer zu vermögen sie nach Chios und Ipsara zu
bringen. In Volisso war er an's Land gestiegen und hatte hier Alles verwüstet,
aber nirgends Spuren der Seinen gefunden. Viele Flüchtlinge, die sich gleich uns
in den Felsenklüften verborgen, hatten bereits glücklich das Schiff erreicht,
das seit mehreren Tagen um die Insel kreuzte, und als wir sein Deck betraten,
fanden wir neue Scenen der Klage und des Jammers, aber auch die zum Himmel
geballte Faust, den Schwur blutiger ewiger Rache an den Mördern. Selbst das Auge
der Frauen und Kinder glühte in ihrem Durst, als ich die Gräuel erzählte, deren
Zeuge ich in Kastron gewesen war.
    Nach Ipsara ging unser Lauf, wo sich die entkommenen Patrioten der Inseln,
wo sich die Rächer des Frevels versammelten. Dort hörten wir täglich neue Kunde
von dem, was auf Chios geschehen und noch geschah und jede Botschaft schürte das
Feuer in unseren Herzen.
    Der Kapudan Pascha hatte endlich unterm 13. Mai um die Insel nicht ganz zu
entvölkern, durch einen Ferman verboten, noch weiter Sclaven auszuführen, das
Verbot aber rief nur neue Schreckenstaten hervor. Die Moslems, die die
Christenkinder nicht verkaufen konnten, stürzten sie in's Meer. Fünftausend
Kinder im zarten Alter wurden an den Bäumen aufgehängt, ersäuft und von den
Felsen und Häusern herabgestürzt. In Tschesme23) band man sie zu fünfzig und
sechszig mit Stricken zusammen und stürzte sie in's Meer. Selbst die
geldgierigen Smyrnioten fühlten Erbarmen mit dem Elend und kauften so viel sie
vermochten. Tausende und aber Tausende der Bewohner waren in die Sklaverei
geschleppt, zweihundert der angesehensten Geschlechter der Insel ausgerottet
worden24. - Bald drang auch die Kunde zu uns, dass am 20. des Maimonds in
Constantinopel jene zehn Geisseln entauptet worden, die Vehid Pascha schon vor
Jahresfrist dortin gesandt.
    »Wie ein Feuerbrand war die Nachricht von den Gräueltaten auf Chios über
Meer und Land geflogen, und wo die Fahne des heiligen Kampfes aus
Gleichgültigkeit gegen die gewohnten Leiden oder aus feiger Besorgnis noch nicht
erhoben worden, da schlug jetzt die Lohe der Rache für das Ungeheuere Verderben
bringend den Frevlern in die Höhe. Ein Schrei des Entsetzens und der Wut
erscholl, so weit die griechische Zunge reicht. Der Kapudan Pascha, der die
Verantwortung in Constantinopel fürchten mochte, dass er das Eigentum der
Sultana so gänzlich zerstört, sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach
Samos und liess den Aufgestandenen Vergebung und Sicherheit anbieten, wenn sie
die Waffen niederlegen und unter das türkische Joch zurückkehren wollten. Hörst
Du es, Franke, Inglesi waren es, die diese Botschaft der Schmach überbrachten
und die tapfern Samioten überreden wollten. - Mit Hohn und Grimm wurden sie
zurückgewiesen. Von Hydra, Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros, der
Brautkammer des grossen Achill, scholl ein Ruf empor zu den Wolken: Freiheit oder
Tod!
    Und der Tag der heiligen Rache kam.
    Kanaris der Held führte sein blutiges Morgenrot herauf. Mit einer Fregatte
und fünf andern Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker.
Ein ernster Rat wurde gehalten unter den Führern des Geschwaders und der
Geflüchteten. Dein Vater, Gregor, war einer der Ersten im Rat und sass neben
ihm, der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte.
    Die grosse Tat ward beschlossen!
    Am Abend desselben Tages rief mich Dein Vater und befahl mir, ihm zu folgen.
Er führte mich in ein Haus, in dem ich viele Männer versammelt fand, mir
bekannte und unbekannte, es waren die Brüder der Elpis, die Mitglieder jenes
Bundes in der Hetärie, dessen Eid lautet ...«
    Gregor unterbrach ihn. »Das sind Dinge, Janos, die nicht für das Ohr des
Franken taugen, auch wenn er unser Bruder ist. Vollende Deine Erzählung.«
    Der Räuber schaute erschrocken und aufmerksam seinen jüngern Landsmann an,
eine kaum merkliche rasche Bewegung, ein flüchtiges Kreuzen über die Stelle des
Herzens belehrte ihn, - er erwiederte das Zeichen und fuhr fort: »Genug! die
Söhne der Elpis waren Tapfere, die geschworen, vor keiner Gefahr zu weichen, wo
es galt, die Freiheit des griechischen Volks zu erkämpfen oder zu rächen. An
diesem Abend schlug Dein Vater mich, den armen Diener, zur Aufnahme in den Bund
vor, indem er erzählte, was ich auf Chios erlebt, und ich leistete den Eid, den
ich treu gehalten, wenn auch lange Jahre seitdem ihn mit der Gleichgültigkeit
des einförmigen Lebens verwischt hatten, bis auf's Neue das Unrecht und die
Tyrannei mich emporrüttelten und den rächenden Stahl mir in die Hand gaben. Dann
teilte er mir mit, dass am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan
unternommen werden sollte, die im Hafen von Tschesme ankerte, und dass
Freiwillige aufgefordert worden, dem Tode in's Auge zu schauen. Obschon kaum ein
Entrinnen bei dem Wagnis zu hoffen stand, hatten sich am andern Morgen doch
bereits zweihundert Männer gemeldet; das Loos wählte Achtundvierzig aus. Michael
Caraiskakis und Janos der Ipsarote waren unter ihnen; dem Ersten übertrug
Canaris die Leitung der Expedition, ich begleitete ihn.
    Von dem Augenblick an, da das Unternehmen bestimmt war, durfte keine Seele
mehr bei Todesstrafe die Insel verlassen. Während die Achtundvierzig durch
Beichte und Gebet sich vorbereiteten und ihre Waffen in Stand setzten, arbeitete
Tag und Nacht die Bevölkerung des Hafens an der Herstellung der Brander. Am
dritten Tage waren sie fertig; drei Schiffe, von der Spitze des Mastes bis zum
Kiel mit Pech und Teer getränkt, leichtes Werg um Spieren und Taue gewunden,
der ganze Schiffsraum eine wandelnde Hölle von Schwefel, Pulver und
Feuerstoffen, die nur des belebenden Funkens harrte. Die österreichische Brigg
war bei uns geblieben; ihr wackerer Capitain, empört von den geschauten und
vernommenen Gräueln, hatte uns seine Hilfe zugesagt und versprochen, die
Mannschaft aufzunehmen, wenn sie sich retten könne. Zu dem Ende führte jeder
Brander ein grosses Boot mit sich.
    Es war am Abend, als Alles zum Auslaufen bereit war und der fromme Bischof
der Insel mit seinen Diakonen am Gestade erschien, uns den heiligen Leib des
Herrn zu reichen und seinen Segen zu spenden. Auf den Knieen lagen die Hunderte
und hörten das Wort des frommen Greises, dann, ehe wir die Hostie nahmen,
schworen wir Alle auf sie einen heiligen Eid, unsere gemordeten Brüder zu rächen
oder nimmer zurückzukehren vor das Antlitz eines Menschen. Die Menge umdrängte
uns, als wir zum Schiff gingen. An der Rechten Deines Vaters ging der Seeheld
Canaris, ihm die letzten Anweisungen gebend, an seiner Linken Eure Mutter, Dich,
Gregor, auf dem Arm, Andreas an der Hand. Es war ein Heldenweib, und keine
Träne, kein Laut der Klage machte das Herz des Gatten schwer. Noch eine
Umarmung, Canaris reichte Jedem die Hand, und die Boote führten uns zu den
Schiffen, deren Segel bald lustig der Wind blähte. Durch die Nacht, durch die
Wogen rauschte das Verderben gen Tschesme.
    Uns voran ging die Venetia, wir selbst führten die österreichische Flagge
und Papiere, die uns als mit Taback beladen auswiesen, so gingen wir vor
Timania vor Anker, während die Brigg näher nach Tschesme zu kreuzte, wo das
türkische Geschwader an derselben Stelle ankerte, an der, wie Dein Vater mir
sagte, unter der Moskowiten - Kaiserin Katarina der griechische Capitain
Lampros die ganze Flotte der Moslems verbrannt hatte.
    Zwei Tage lagen wir vor Timania, der dritte war der 19. Juni, der Vorabend
des Bairamsfestes, das die Türken mit Gelag und Jubel zu feiern pflegen. So war
es auch diesmal. Als der Abend auf See und Land fank, kappten wir die Anker und
liefen auf Tschesme zu. Schon in weiter Ferne konnten wir den Jubel hören, der
von den Schiffen durch die Nacht drang, die Feuer schauen, die am Ufer brannten.
    Das Schiff, auf dem Dein Vater selbst das Steuer führte, war mit zwanzig
Mann besetzt, die übrige Mannschaft auf die beiden andern verteilt. Die
strengsten Befehle waren gegeben. Jeder stand auf seinem Posten.
    Am Eingang des Hafens wurden die Segel eingezogen, so lagen wir, wie der
Tiger auf seine Beute lauert, bis nach und nach auf den türkischen Schiffen
Alles verstummt war. Es war zwei Uhr nach Mitternacht, als eine Rakete von
unserm Schiff das Zeichen zum Angriff gab. In wenig Minuten flatterten alle
Segel im Winde und die drei Schiffe fuhren grade auf die Flotte hinein. Zugleich
wurde das am weitesten links in Brand gesteckt und die feurige Lohe, an dem
Tauwerk emporleckend, flammte hoch auf gegen den Nachtimmel.
    Es war ein furchtbar schönes Schauspiel, als wir das brenende, flammende
Schiff auf die dunklen Massen vor uns einstürmen sahen. Während ringsum sich der
Lärm der Gefahr erhob, Trommeln wirbelten, der Ruf der Führer die trunkene wüste
Mannschaft weckte und wildes Geschrei von Bord zu Bord scholl, fuhr das Boot an
uns vorüber, das die Mannschaft des entzündeten Branders trug. Sie hatten meiner
Meinung nach zu früh gezündet, ehe sie mitten zwischen den Schiffen waren, sonst
hätte das Verderben noch riesiger sein müssen. Jetzt gab Caraiskakis das Signal
für das zweite Schiff, und in wenig Augenblicken flammte seine Feuersbrunst
empor und der Brander trieb mitten zwischen zwei Linienschiffen, die in kurzer
Zeit von seinen Flammen erfasst waren. Das Geheul, das Geschrei war furchtbar und
überdröhnte den Donner der von allen Seiten gelösten Schüsse. Die Schiffe hieben
die Ankertaue durch und suchten das Meer zu gewinnen, eines das andere mit
vollen Lagen begrüssend, wenn man sich gefährdend zu nahe kam. Vier Linienschiffe
standen in vollen Flammen, eben so mehrere kleine Fahrzeuge. Eine der brennenden
türkischen Galeeren wurde von der Siegesfahne mit einer einzigen Salve in den
Grund gebohrt, als das brennende Fahrzeug dem Admiralschiff zu nahe kam.
    Das aber war die Beute, die wir uns ausgesucht. Wie der Dieb in der Nacht
waren wir im Dunkel herangekommen, dicht an der linken Batterie des Schiffes,
ehe man uns bemerkte und anrief. Caraiskakis stand am Steuer, ich seines Winkes
gewärtig mit der brennenden Lunte an der Hauptluke, die Mannschaft mit Haken und
Seilen im Tauwerk. So fuhren wir auf, und im Nu waren die Enterhaken in dem
Strickwerk des Feindes, die Taue geknüpft und eine Kette geworfen und am
Bugspriet befestigt, dass wir unauflöslich an dem grossen Koloss hingen. Zugleich
flammte der Haufen Maisstroh empor, den ich in den Luken und unter den Wänden
des Schiffes aufgetürmt hatte. Wie ein Blitzstrahl leckte die Flamme empor und
lief an den Tauen und Segeln in die Höhe, dass bald Alles ein Feuerbogen war. Die
Verwirrung, das Geschrei auf dem Schiff des Kapudana waren furchtbar. Er selbst
war ein tapferer Mann, wenn auch ein Teufel in seiner Grausamkeit. Ich sah ihn
auf der Puppe seines Schiffes stehen, wie er unerschrocken Befehle erteilte und
die Rasenden, in Furcht Verzweifelnden antrieb, die beiden Schiffe zu lösen.
Caraiskakis und die Mannschaft waren bereits im Boot und riefen mir zu durch den
Höllenlärm ihnen zu folgen, aber ich vermochte es nicht, mein Auge, mein Herz
schien gebannt an das furchtbare Schauspiel, das sich rings um mich entwickelte.
Zwei Mal hob ich das Pistol und zwei Mal traf meine Kugel die Offiziere, die
sich an unsern Bord gewagt, um einen Versuch zum Absteuern der Schiffe zu
machen. Dann sprang ich zur hintern Luke, von der ein Zünder gelegt war bis
hinunter zur Pulverkammer. Ich schien mir selbst mehr einer der höllischen
Dämonen, denn ein Mensch. Auf dem Schiff der Moslems wuchs die Verzweiflung mit
jeder Minute, Viele sprangen in das Meer, um sich zu retten, Andere, darunter
der Kapudan selbst mit eigener Hand suchten die Boote auf's Wasser zu bringen;
jede Disciplin, jeder Gehorsam waren geschwunden, - was da auf dem Schiff
atmete, und es sollen ihrer, mit den Fremden zum Fest, zweitausend zweihundert
und sechs und achtzig Seelen gewesen sein, dachte nur an die eigene Rettung.
    Da schien der Augenblick gekommen und meine Hand hielt ohne zu zucken, den
Feuerbrand an die Leitung, die zum Pulver führte, dann sprang ich auf der andern
Seite des Schiffes über Bord und versank in's Meer. Noch ehe ich wieder empor
kam, hörte ich ein dumpfes Dröhnen über meinem Haupte, und als ich auftauchte
aus den Wellen, da stob und regnete es um mich her aus den Lüften, Flammen und
Balken, Trümmer, brennende Segelstücke und zerbrochene Spieren. Wie durch ein
Wunder entkam ich der Gefahr, und um mich blickend, sah ich das Admiralschiff,
jetzt ein grosser unrettbarer Flammenberg.
    Ich wusste die Richtung unseres Bootes und schwamm darauf zu, aber es
kümmerte mich wirklich wenig, ob ich es erreichte oder nicht, so stolz war ich
in dem Gefühl der vollbrachten Rache. Doch die Hand der Heiligen war über mir -
bald stiess ich auf die Freunde, die mit Angst meiner harrten und schon, mich
verloren gebend, davon fahren wollten; nur Caraiskakis, mein Herr, war dem
Drängen nicht gewichen. Erschöpft warf ich mich auf den Boden nieder und sah
nach dem in immer furchtbarerer Herrlichkeit sich entfaltenden Schauspiel
zurück, während wir eilig entflohen. Unnütze Eil' - Niemand dachte an unsere
Verfolgung, Jeder hatte mit sich selbst genug zu tun. Nach allen Seiten stoben
die Schiffe auseinander, wie den Pestkranken die fünf Flammensäulen fürchtend,
welche die Nacht zum Tage erhellten. Auf zwei Linienschiffen- gelang es zwar,
den Brand zu löschen, zwei andere aber brannten bis zum Spiegel nieder, nachdem
man die Pulverkammer unter Wasser gesetzt. Rechts und links, nach allen Seiten
donnerten die Kanonen der brennenden Schiffe, die sich von selbst entluden, und
bildeten nicht die geringste Gefahr für die Flotte. Wir waren bereits am
Ausgange des Hafens und näherten uns der Brigg, die uns erwartete, als ein
Krachen die Luft zerriss, ärger denn zehn Donner. Das Meer schien sich in
Flammenwogen gen Himmel zu wälzen - das Admiralschiff des Kapudana mit all'
seinen geraubten Schätzen, mit den Hunderten blutgetränkter Mörder war in die
Luft geflogen!
    Das Zischen der Brände, der durch die Luft fliegenden Gegenstände, der
Erzmassen, die bis weit in's Meer hinaus niederfielen, und die tiefe unheimliche
Stille der Nacht, die urplötzlich darauf folgte - war grauenvoll. Wir Alle
liessen die Ruder fallen, schlugen ein Kreuz und beteten, dann aber brach
einstimmig ein wilder rasender Schrei durch die Luft, aus der tiefsten Tiefe der
Brust und jubelnd wurde er von den Genossen beantwortet, die bereits am Bord der
Venetia unserer harrten.
    Der Kapudan schien das Schiff erst kurz vor dem Auffliegen verlassen zu
haben, als es unrettbar sich zeigte. Ein brennender Balken hatte das Boot
getroffen und zertrümmert, das ihn zum Ufer führte; seine Leute brachten ihn
schwimmend dahin und legten ihn unter einem Felsen nieder - eine lebendige
Leiche, denn seine Glieder waren halb verkohlt! Dort starb er, ohne von der
Stelle gebracht werden zu können, am zweiten Tage unter den furchtbarsten
Schmerzen. Von der ganzen Besatzung der Siegesfahne retteten kaum Zweihundert
das Leben.
    Gott ist gerecht!«
    Eine tiefe Stille war rings umher, als der Kameeltreiber seine furchtbare
Erzählung schloss. Der Räuber, der Bandit war vergessen - nur der Held, der
Palikare stand vor ihnen, dessen Hand Chios gerächt.
    Das eben ist das Eigentümliche des griechischen Volkes, die erhabene
Opferung, das antike Heldentum für die Freiheit, bei der tiefen sittlichen
Versunkenheit seiner Lebensgewohnheiten und seines Tuns und Treibens! feurige
glühende Diamantenstrahlen unter dem verächtlichen Schmutz der Falschheit, des
Lasters und der Gemeinheit.
    Welland erhob sich und drückte schweigend dem Freund und dem Räuber die Hand
- dann schied er, von Mauro und einem der Männer zurückbegleitet. Wie anders
trat ihm hier die Idee der Revolution, der Erhebung des Volks zum Kampf für die
Freiheit entgegen, als dies früher im Vaterlande der Fall gewesen! - Ein
unheimlich beschämendes Gefühl überkam ihn bei der Erinnerung.
    Doctor Welland hatte mehrfache Gründe, die Entwickelung der Costa -
Angelegenheit abzuwarten und wollte unter allen Umständen seinen Weg nach
Constantinopel nicht fortsetzen, ohne nochmals den Versuch gemacht zu haben,
denselben zu sprechen.
    Da Gregor bei dem, was er beschlossen, der Hilfe des Freundes bedurfte,
verschob er gleichfalls die Verfolgung des Briten bis zur gemeinschaftlichen
Abreise, die nach dem Rache des mit allen smyrnaer Verhältnissen so wohl
vertrauten Räubers mit einem der vielfach kreuzenden griechischen Handelsschiffe
geschehen sollte.
    Die Vorgänge in Smyrna hatten unterdess ihren weiteren historisch
merkwürdigen Verlauf genommen. Die mehrfachen Klagen der Consuls und Gesandten
bei dem Divan über die Untätigkeit und Unfähigkeit des gegenwärtigen
Gouverneurs von Smyrna, Ali Pascha, hatten in Constantinopel endlich Früchte
getragen, und die Nachricht seiner Absetzung traf in Smyrna ein, vorangehend
seinem Nachfolger Ismael Pascha, der den Ruf eines energischen, zuverlässigen
und wortgetreuen Mannes genoss. Das Ende des laufenden Gouvernements sollte aber
noch durch verschiedene Akte der gränzenlosen Schwäche und Apatie bezeichnet
werben, welche, verbunden mit Tyrannei und Willkür, die Regierung der türkischen
Provinzen charakterisiert.
    Die Namen der Mörder des jungen Hackelberg waren bereits am anderen Morgen
in ganz Smyrna bekannt; mehrere Tage gingen sie frei und triumphirend mit ihren
Genossen durch die Strassen, und als endlich der General-Consul von Weckbecker so
weit sich vor den persönlichen Gefahren gesichert hatte, um die Pflichten seines
Amtes erfüllen zu können und von Ali Pascha die Verhaftung der Mörder verlangte,
war Fumagalli verschwunden, von Bassitsch aber verlautete, dass er in Diensten
des englischen Predigers Louis sich befinde. Der erste Dragoman des Pascha begab
sich daher zur Verhaftung des Ungars zum englischen Consul, der ihm auch den
freien Zutritt in das Haus des Predigers Louis gestattete. Dieser erklärte
jedoch nach vielfach versuchten Ausreden, dass sein Diener allerdings noch bei
ihm sei, aber vorgebe, unter amerikanischem Schutze zu stehen, er könne ihn also
nur dem amerikanischen Consul ausliefern. Anstatt sich nun unter allen Umständen
des Meuchelmörders zu versichern, begab sich der Dragoman zum amerikanischen
Consul, der unbedingt Bassitsch für einen amerikanischen Bürger erklärte,
endlich aber nach vielem Hin- und Herreden seinen Kanzler Griffit zur
vorläufigen Verhaftung des Mannes mit zum Prediger Louis sandte. Dort erhielten
sie die Mitteilung, Bassitsch kleide sich eben um; als man aber dessen Zimmer
öffnete, war es leer. Herr Louis behauptete, das Verschwinden sei ihm
unerklärlich und höchst wunderbar, der Kanzler Griffit stimmte hierin ein, und
der türkische Dragoman zog sich im stolzen Bewusstsein seiner Pflichterfüllung
zurück.
    Auf gleiche Weise entgingen alle Beteiligten der Strafe. Fumagalli und
Bassitsch suchten auf der amerikanischen Corvette Aufnahme und Ueberfahrt nach,
Capitain Ingraham liess ihnen jedoch sagen, sein Schiff sei nicht für
Meuchelmörder eingerichtet. Es war ein englisches Handelsschiff, die »British
Queen,« das sich zu ihrer Aufnahme bereit erklärte und sie vorläufig nach
England führte.
    Die österreichische Brigg »Hussar« war unterdess durch die Ankunft einer
Galeotte verstärkt worden, die sofort Befehl erhielt, sich neben die Brigg zu
legen. Die drei Schiffe ankerten gegenüber dem preussischen und österreichischen
Consulat in der Entfernung von ungefähr 800-1000 Schritt vom Lande.
    Am Morgen des 2. Juli - es war ein Sonnabend - bemerkte man plötzlich
besondere Vorbereitungen auf den Schiffen und vom amerikanischen Consulat aus
verbreitete sich die Nachricht, dass es zwischen ihnen zum Kampf kommen werde.
Eine grosse Menschenmenge versammelte sich sofort am Ufer und hundert Gerüchte
kreuzten sich. Von dem Kanzler Griffit erfuhr endlich Welland Folgendes.
    In Folge einer am Abend von Constantinopel zugleich mit der offiziellen
Bestätigung der Absetzung Ali Pascha's eingetroffenen Ordre der amerikanischen
Gesandtschaft hatte Capitain Ingraham dem Commandanten des Hussar mittelst einer
Note angezeigt, dass er die sofortige Auslieferung des amerikanischen Bürgers
Costa verlangen oder ihn mit Gewalt holen solle. Die Antwort des Majors Schwarz
war die eines ächten Soldaten: Sein amerikanischer Kamerad möge das Holen
versuchen, das Nichtabgeben sei seine Sache, es sei denn, dass ihm hierüber
Ordres seiner Vorgesetzten zugingen.
    In Folge dieser Antwort sah man alsbald die Schiffe sich zum Kampf fertig
machen.
    Die Corvette zählte ein Dritteil Kanonen und Mannschaft mehr, als die
beiden österreichischen Schiffe, die Uebermacht war also auf ihrer Seite und
Major Schwarz traf demgemäss seine Anstalten. Er legte sich möglichst nahe dem
Feind und setzte seine Mannschaft in Bereitschaft, sofort bei dem ersten
Kanonenschuss zu entern. Zugleich liess er den Gefangenen aus seiner Haft holen
und erklärte ihm mit männlichem Bedauern, dass er genötigt sei, sein Schicksal
an das des Schiffes zu knüpfen. Costa wurde auf dem Mitteldeck an den Mast
gebunden und eine doppelte Wache an seine Seite gestellt, die den strengen
Befehl erhielt, sobald ein Amerikaner den Bord des österreichischen Schiffes
betreten werde, dem Ungar eine Kugel durch den Kopf zu schiessen.
    Die Amerikaner, welche einsahn, dass es einen Kampf auf Leben und Tod gälte,
da Major Schwarz zugleich erklärt hatte, dass er im Fall des Unterliegens sein
Schiff in die Luft sprengen werde, fertigten ihre Testamente aus und sandten sie
durch ein Boot an das Land.
    Hier wurden unterdess die Verhandlungen eifrig betrieben. Der amerikanische
Consul hatte dem General - Consul von Weckbecker ein Ultimatum überbracht,
welches die Entscheidung auf vier Uhr Nachmittags aussetzte. Diese Frist
benutzte der preussische Consul, um zu dem türkischen Gouverneur zu eilen und
hier einen energischen Protest gegen die in einem neutralen Hafen unerhörte und
gegen alles Völkerrecht verstossende Handlung der Amerikaner einzulegen, welche
die nahe belegenen Teile der Stadt und die Consulate mit bedeutender Gefahr
bedrohte. Ali Pascha tat, als höre er jetzt erst von dem ganzen Vorgang, und
schlug vor, bei dem amerikanischen Consul zu protestiren und ihn für alle Folgen
verantwortlich zu machen. Erst als ihm entschieden erklärt wurde, dass es seine
Pflicht sei, in dem eigenen Hafen dergleichen nicht zu dulden und bewaffnet zu
interveniren, erklärte er sich bereit, denjenigen Teil zu schützen, welcher
sich unter die Kanonen des Kastells legen würde.
    Mehrere der Consule traten jetzt zusammen und Herr von Weckbecker willigte
darein, um unnützem Blutvergiessen und der Gefahr für die Stadt vorzubeugen, dass
bis zur Erledigung des Competenzconflicts durch die beiderseitigen Regierungen
Costa dem französischen General-Consulat übergeben werde, das sich zu seiner
Detention innerhalb des französischen Lazarets bereit erklärte. Um drei Uhr
Nachmittags wurde die Convention unterzeichnet, um vier Uhr ward Costa
ausgeschifft und nach dem französischen, von hohen Mauern umgebenen Lazaret
gebracht. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich am Ufer und in den Strassen
versammelt und begrüsste sein Erscheinen mit lautem Jubel, die Flüchtlinge
schienen halb wahnwitzig in ihren Exclamationen und Freudenbezeugungen. Am
selben Abend fand man in einer Strasse die Leiche des Schankwirts Andrea, von
vielen Dolchstichen durchbohrt.
    Nach zwei Tagen war die Haft Costa's bereits eine sehr milde und es gelang
Welland, durch Vermittelung des amerikanischen Consuls eine längere Unterredung
mit dem Ungar zu haben, in Folge deren er den Freunden auf dem Pagus mitteilte,
dass er zur Abreise bereit sei.
    Am 6. Juli führte sie eine griechische Barkasse nach Tenedos und Dardanelli.
 
                                    Fussnoten
1 Lange Rohrpfeife von Weichsel- oder Jasminholz. Nargileh ist die biegsame
Wasserpfeife.
2 Hauptmann der Polizeisoldaten, Khawassen.
3 Die heiligen Stätten sind Kirchen (9 an der Zahl), welche an den Orten, wo die
wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Christi vorgefallen, erbaut wurden. Der
Streit über den Besitz derselben zwischen der römischen und griechischen Kirche,
die von Frankreich und Russland vertreten werden, ist sehr alt. Die von
Frankreich beanspruchen Anrechte datiren von einer im 16. Jahrhundert zwischen
Franz I. und Soliman dem Grossen abgeschlossenen Capitulation, von dem
Hattischeriff von 1690 und der Capitulation von 1740; die der griechischen
Kirche gründen sich auf andere Dokumente.
4 Die Schlusserklärung seiner Note, die wegen der darauf basirten späteren
Kriegsereignisse wichtig ist, lautet: »Dass die Verweigerung einer Bürgschaft für
die griechisch-russische Kirche der kaiserlichen Regierung in Zukunft die
Pflicht auferlege, sie in ihrer eigenen Macht zu suchen, und dass der Kaiser jede
Verletzung des Status quo der griechischen Kirche als eine Verletzung des
Geistes und des Buchstabens der bestehenden Verträge und als eine feindselige
Handlung gegen Russland betrachten werde, welche Sr. Majestät die Pflicht
auferlege, zu Mitteln zu greifen, die er in seiner beständigen Sorge für die
Stabilität des türkischen Reiches und in seiner aufrichtigen Freundschaft für
Se. Majestät den Sultan und dessen erhabenen Vater stets gewünscht habe,
vermeiden zu können.«
5 Möge der Leser nicht etwa in der Wahl der nachfolgenden Erzählung eine
Parteilichkeit, eine Absicht und Tendenz erblicken. Der weitere Verlauf des
Buches wird ihm zeigen, wie weit der Verfasser von jeder einseitigen Auffassung
und Parteinahme entfernt ist und wie er seine Aufgabe darin gefunden hat, nach
beiden Seiten einen tiefen Blick auf die Höhen und Tiefen zu gewähren. Er hat
die hohe Pflicht, Wahrheit zu geben, Tatsachen, welche die Erscheinungen der
Gegenwart erläutern, und die Erzählung, die hier vorliegt, ist eine solche
Tatsache, ein Stück Historie, das die gegenseitige Stellung der beiden Völker
genügend charakterisiren und erläutern kann. Wer zweifelt an den Details, der
lese die englischen und französischen Zeitungsberichte vom Frühjahr 1822, und er
wird die Wahrheit bestätigt finden. - Auf der eben beendeten grossen
Kunstaustellung in Paris hat ein mit der goldenen Medaille gekröntes grosses Bild
von Delacroix die Schrecken dieser Scenen, »Die Massacre von Chios,« mit
entsetzender Schilderung in das Gedächtnis des Publikums zurückgerufen.
 D.V.
6 Das Harz der Mastixbäume, das, mit Zucker versetzt, die beliebteste und in
grossen Quantitäten consumirte Näscherei der türkischen Frauen bildet. Auf Chios
werden überhaupt die feinsten und beliebtesten Confitüren des Orients gefertigt
und in den Handel gebracht, z.B. eingemachte Rosenblätter, Geranium, Weichseln,
Limonen, Cedern, Quitten etc.
7 Silber, ungefähr 60,000 Tlr. Ein Beutel Gold gegenwärtig 10,000 Tlr.
8 Elpis, die Hoffnung, eine Abteilung der grossen Verbrüderung der Hetärie,
welche sich über alle griechisch - slavischen Völkerschaften erstreckte und
hauptsächlich die Erhebung von 1821 vorbereitete.
9 Der neugriechische Name für das Aegeische Meer.
10 Er meint die Donau. Fürst Alexander Ypsilanti, der in der russischen Armee
als General - Major diente, überschritt auf den Ruf seiner Landsleute mit
einigen hundert Mann am 6. März 1821 den Prut und erhob die Fahne des
Aufstandes in der Moldau und Walachei.
11 Im Treffen bei Dragachan (19. Juni).
12 Es ist Tatsache, dass der Divan damals damit umging, die ganze griechische
Nationalität zu vernichten. Das energische Auftreten des russischen Gesandten
Grafen Stroganoff, der am 31. Juli die diplomatischen Verbindungen aufhob und
mit der Drohung eines Krieges nach Odessa abreiste, unterbrach allein dies
Vertilgungssystem, das bereits die furchtbarsten Grausamkeiten hervorgerufen
hatte. Erst Mitte des Jahres erlangten die europäischen Gesandten, namentlich
Lord Strangford, dass dem Morden Einhalt getan und die Muselmänner entwaffnet
wurden.
13 Das Oberhaupt der orientalischen Kirche wurde am Osterfeiertage in seinem
Festgewande vor der Hauptpforte seiner Kirche aufgeknüpft.
14 In den ersten Tagen des April.
15 Ali Pascha von Janina, der später von dem Pascha von Morea, Churschid Achmed,
durch Verrat besiegt und erwürgt wurde.
16 Ortsvorstände.
17 Er wurde im Juni von der neugebildeten Regierung in Morea deswegen verbannt.
18 1822.
19 Historisch, wie überhaupt alle hier folgenden Angaben.
20 Auch Chios streitet um den Ruhm, die Geburtsstätte Homer's zu sein. Ausserdem
waren der tragische Dichter Jon, der zur Zeit des macedonischen Philipp lebende
Geschichtsschreiber Teopompus, der Sophist Teokrit und der Arzt Metrodorus
Eingeborene von Chios.
21 Eine historische Scene unter den tausend ähnlichen jener furchtbaren
Metzelei.
22 Eine - historisch - vielfach vorgekommene Marter!
23 Ein auf dem asiatischen Ufer liegender nur durch eine Meerenge von Chios
getrennter Hafen.
24 Der Smyrna'er Spectateur oriental vom 24. Mai meldet, dass bis zum 20. Mai
schon dreissigtausend Weiber und Kinder als Sclaven zollamtlich ausgeführt waren.
- Es ist Tatsache, dass von einer wohlhabenden Bevölkerung von 120000 Seelen
etwa neunhundert auf Chios zurückblieben.
 
                                  Die Flotten.
Troja! - welche Erinnerungen, welche Jahrtausend alte Historie knüpfen sich an
diesen Namen! Wo ist der gebildete Mensch Europa's, aus dessen Jugendstudien
nicht jene sagenumgürtete Welt herüberklingt, der götterbevölkerte Olymp, die
Peloponiden, Agamemnon, des Atreus Sohn, der lanzenschwingende zornige Held; -
Aias der Telamonier; Nestor, das dritte Geschlecht der Menschen mit seiner
Weisheit beherrschend; - Diomedes, den Kampf mit den Göttern nicht scheuend; -
Odysseus mit seinen wunderbaren Fahrten, und endlich der schnellfüssige Achill,
unwiderstehlich in der Schlacht und furchtlos im Rat, unbändig in seinem Zorn,
mit dem er Patroklos, den geliebten Jüngling, rettet, und zärtlich in der Liebe
zur schönen Sclavin Briseïs und der göttlichen Mutter, der Nereide.
    Und dort am meerumgürteten Strande das hohe Ilion selbst, - der mächtige
Gipfel des Ida, auf dem Paris die schöne Griechin gewann und Aeneas das
Geschlecht der Dardaner beherrschte. Priamos, Hekuba, Kassandra die
Unheilverkündende und der Liebling Apollo's, der männerwürgende furchtbare
Hektor, wie er in banger Ahnung von Andromache scheidet zum Kampf mit dem
Peliden! Sind das nicht Namen und Erinnerungen, die jede Phantasie bewegen?
    Doch nicht allein die Erinnerungen des gebildeten Europäers sind es, die
diese jetzt öde Stätte bevölkern: dem ganzen Volke der Hellenen sind die Gesänge
seines grossen Dichters wohl bekannt, und der niedere Grieche der Inseln, der
Matrose, der auf der Tartane das Meer durchstreift, naht mit Ehrfurcht jener
Stelle und fühlt sich in seinem Elend stolz auf die Namen der grossen Vorfahren.
    Die Bucht von Troja - in der Zeitgeschichte bekannt unter dem Namen der
Besika-Bai - liegt1 nordöstlich gegenüber der Insel Tenedos, sich in weitem
Bogen in das kleinasiatische Ufer hineinziehend. Ein Hafen auf der Westseite der
hohen und felsigen Insel wird als derjenige bezeichnet, in dem sich die
griechischen Schiffe nach ihrem Abzug verbargen, um nach des Odysseus gelungener
List im Dunkel der Nacht zurückzukehren.
    Die Meerenge zwischen Tenedos und dem asiatischen Ufer ist an den schmälsten
Stellen etwa eine halbe deutsche Meile breit. Die Nordostseite der Bai wird von
einem breiten Landvorsprung gebildet, dessen nördliches Ufer den Eingang der
Dardanellen beherrscht. Von der hier gelegenen kleinen, mit starken
Festungswerken versehenen Stadt Dardanelli erreicht das Auge noch die Bai.
    Alexandria Troas, von den Türken Eski Stambul genannt, liegt südlich an der
grossen Bucht und bietet noch, zum Teil mit einem Eichwald bedeckt, eine
interessante und reiche Trümmerwelt. Hunderte von Säulen sind in allen
Richtungen zerstreut um den alten Hafen, eine Reihe davon steht unter Wasser und
schäumend bricht sich die Brandung an ihnen. Ungefähr zweitausend Schritt vom
Meere ab erheben sich noch die grossartigen Trümmer und schönen Bogen eines
Gebäudes, das die Schiffer den Palast des Priamus zu nennen pflegen. Das alte
Troja ist nordöstlich von der Bucht landeinwärts gelegen, im Tal des Skamander
(Mendere). Nur wenige Erdwälle und künstliche Hügel geben dem Altertumsforscher
hier einen Halt. Das Ufer ist am Meeresstrande flach und sanft aufsteigend. Dann
folgen waldige Anhöhen, die zu einem Amphiteater von Bergen emporsteigend,
unter denen der schneebedeckte Gipfel des Ida, das Tal des alten Skamander
umkreisen.
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    Wiederum lag, von Westen gekommen, eine Kriegsflotte auf den blauen Wellen
der Trojabai, - nicht jene zwölfhundert Schiffe, die einst von den ionischen und
ägeischen Küsten die griechischen Helden hierhergeführt, sondern die riesigen
hölzernen Rosse Alt-Englands, der Stolz des stolzen Grossbritanniens, die kühn
emporstrebende Seemacht Frankreichs, die alte Rivalin zu überflügeln drohend.
Kinder eines andern Jahrtausends, einer neuen Zeit im Schaffen und Denken! Die
riesigen Kolosse mit den drei- und vierfach übereinander starrenden Reihen von
Feuerschlünden, bewegt durch die dämonische Kraft des Dampfes oder der wallenden
Segel, boten sicher einen andern Anblick als die griechischen Schiffe vor fast
dreitausend Jahren, doch Land und Meer und Himmel und Felsen waren noch
dieselben wie damals, als sie die Achaïer getragen und des Protesilaos Blut
zuerst den Sand des trojanischen Ufers färbte.
    Am 23. Juni erschien die englische Flotte auf die Ordre des britischen
Gesandten in Constantinopel, Lord Stratford de Redcliffe, unter Vice-Admiral
Dundas am Eingang der Dardanellen und warf in der Besika-Bai Anker. Sie bestand
aus zwei Dreideckern, vier Zweideckern, einer Segelfregatte und vier
Dampffregatten, nebst einigen kleinen Schiffen. - Bald darauf erschien auch die
französische Flotte unter Vice-Admiral La Susse und legte sich im Halbkreis
neben die englische. Sie zählte acht Linienschiffe, darunter die prachtvollen,
das englische Schiff Sanspareil weit überragenden Schraubendampfer Napoleon und
Charlemagne, und fünf Dampffregatten.
    Das Verhältnis war damals zwischen beiden Flotten durchaus kein sehr
freundschaftliches und versprach wenig für die vielgepriesene »entende cordiale
«. La Susse war ein bitterer Gegner der Engländer und nur deshalb später auf dem
Ankerplatz erschienen, um die englischen Schiffe bei ihrer Ankunft nicht
begrüssen zu müssen. Die Stellung der beiden Admirale hatte bereits zu mehreren
Verwickelungen und zur Abberufung von La Susse geführt, dessen Dienstzeit
abgelaufen war. In seine Stelle ward zum Commandanten des Geschwaders der
Seepräfect von Toulon, Vice-Admiral Hamelin, ernannt.
    Auf der Rhede von Brest wurde bereits ein zweites grosses Geschwader unter
Vice-Admiral Bruat ausgerüstet, gleichwie die Engländer in Spitead mit
Anstrengung tätig waren.
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    Die Schiffe lagen in drei grossen Gruppen am Ufer der Bai entlang vor ihren
Ankern. Einige Fregatten und kleinere Schiffe kreuzten durch die Bucht, um unter
der leichten Brise ein Segelmanöver zu machen.
    Wir führen den Leser an Bord einer der erstern, der englischen Fregatte
Niger.
    Die Mannschaft der Wache war in voller Tätigkeit beim Manövriren, denn der
erste Lieutenant verstand sie in Atem zu halten und hatte Augen für jeden
Fehler. - Während er auf dem Gangweg auf- und abschritt, Takelwerk und Segel im
Auge, lehnte Capitain Warburne an der Gallerie des Hinterdecks in der Nähe des
Steuers mit einem Herrn in feiner Civilkleidung.
    Warburne war ein alter Offizier, der seine Midshipmanzeit noch im
napoleonischen Kriege gedient und langsam durch eigenes Verdienst ohne
Empfehlung und Protection seinen mühsamen Weg gemacht hatte. Mit dem Aerger
eines alten Seemannes schaute er auf die Neuerungen und Verbesserungen, die die
Zeit gebracht und die alle seine Gewohnheiten über den Haufen zu werfen drohten.
Vor Allem waren ihm die Vorzüge des Dampfes ein Gegenstand ewigen Grolls, und
die Sicherheit eines Segelschiffes ein Lieblingstema seines Gespräches. Der
Geist des Commandirenden hatte sich so zu sagen auf die ganze Mannschaft
verbreitet, und kaum konnte es ein eigensinnigeres gröberes Schiffsvolk in der
ganzen Flotte geben, sobald es mit den Mannschaften der Dampfschiffe
zusammenkam.
    »Sehen Sie die französischen Halunken an,« sagte der Capitain ärgerlich,
»reiten sie nicht auf ihren Ankern, als hätten sie ganz Alt-England schon in der
Tasche? Ich begreife das Ministerium nicht, wie man uns hierherschicken kann, um
mit diesen Crapauds unnütz in der Sonne zu braten.«
    »Sie sind ärgerlich, Warburne, aber Sie tun Unrecht, die französische
Flotte zu tadeln. Ich habe mich bei den Bootfahrten überzeugt, sie befindet sich
in einem vortrefflichen Zustande, den ich unseren eigenen Schiffen wohl
wünschte. Es ist eine Schmach für England, dass unsere Flotte offenbar gegen die
französische zurücksteht.«
    »Ha, pfeifen Sie auch auf dem Winde, Maubridge,« meinte grämlich der alte
Seemann. »Der Teufel hole die Froschfresser mitsammt ihren Kohlenschiffen. Alle
Ehre und Reputation auf dem Meere geht zu Grunde, seit der verdammte Dampf auf
blauem Wasser regiert, wie er sich auf dem Lande mausig macht. Gott verdamm'
meine Augen, ich glaubte, ich hätte etwas Besseres an Ihnen erzogen, als einen
Bewunderer der schwarzen Rauchfänge. Was ist es für eine Kunst noch, ein Schiff
zu regieren, seit unten im Bauch der schmutzigste Maschinist den Capitain
spielen kann! Aber die Welt ändert sich; seit Sie Ihren Bruder beerbt haben und
im Unterhause sitzen, sind Sie so närrisch wie die Andern. - Dampfschiffe statt
der ehrlichen Leinwand und die Franzosen seitlängs von uns, ohne dass wir eine
ehrliche Breitseite mit ihnen tauschen dürfen, Sie werden's erleben, das bringt
der Flagge mit dem Doppelkreuz kein Glück.«
    Maubridge - der Mann in Civil war der Baronet, dessen Bekanntschaft wir im
Landhause zu Bournabat beim Angriff der Räuber gemacht haben - lachte.
    »Sie sind und bleiben der Alte, Warburne,« sagte er, »und werden sich nie in
die Forderungen der Gegenwart schicken, obschon Sie deren Nutzen einleuchtend
vor Augen sehen. Passen Sie auf, es dauert nicht lange mehr, so wird Ihre alte
Fregatte abgezahlt und kommt als Wachtschiff nach Plymout oder Spitead. Wir
sind viel zu weit hinter den Franzosen zurückgeblieben in der langen
Friedenszeit und sie haben uns in Zahl und Einrichtung der Dampfschiffe
überflügelt, gerade wie die Amerikaner.«
    »Ja, ja, ich seh's, die alten Eichenbalken, die so lange die britische
Flagge durch alle Meere zum Siege getragen und gefürchtet gemacht haben, werden
aus Halbsold gesetzt. Alles soll Eisen sein, Alles mit übermässiger
Geschwindigkeit gehen, - nur die Beförderung eines ehrlichen Mannes geht den
Schneckengang. Es ist keine Dankbarkeit mehr in der Welt, und das rächt sich.«
    »Ei, Warburne, Sie tun wieder Unrecht. Sehen Sie nicht in mir das
Gegenteil? - Hab' ich nicht gleichfalls meinen jüngeren Bruder in Ihre Obhut
gegeben, um einen tüchtigen Seemann aus ihm zu bilden, und bin ich nicht schon
seit drei Wochen Ihr Gast und langweile mich mit Ihnen hier, bloss um Ihnen meine
alte Anhänglichkeit zu zeigen, nachdem ich in Smyrna schon so viele Zeit
verloren habe?«
    Der Capitain schielte ihn von der Seite an.
    »Hm! Der alte Adams - den ich wegen der Einkäufe in Smyrna zurückliess -
erzählt ganz kuriose Dinge von der Weise, wie Sie Ihre Zeit verloren haben, und
dass Sie wohl taten, die Sicherheit eines britischen Kriegsschiffs zu suchen.
Hören Sie, Maubridge, ich habe Sie noch immer lieb, weil Sie ein braver Bursche
waren, der im Sturm seinen Mann stand, d'rum warne ich Sie, hüten Sie sich vor
den Weiberröcken, sie sind eben so falsch wie die Franzosen und haben noch
keinem Manne Gutes gebracht.«
    »Sie sind ein alter Hageprunk, Warburne, und Adams ist ein Schwätzer, der
sich von einem Knaben, so hoch, hors de combat setzen liess. Aber sehen Sie, wie
jener französische Dampfer auf uns zukommt, es ist, als ob der Bursche uns
verhöhnen wollte mit seiner Beweglichkeit.«
    Warburne schaute nach der Flotte zurück. Eine der kleineren französischen
Dampffregatten hatte ihren Ankergrund verlassen und strich gleich einem Schwan
stattlich hinter ihrem Spiegel durch die Wellen.
    »Master Hunter!«
    Der erste Lieutenant kam nach Hinten.
    »Sir!«
    »Lassen Sie gefälligst das Schiff umlegen und nach Tenedos hinüber halten.
Wir wollen dem französischen Maulaffen da nicht den Spass machen, uns in ein
Wettfahren mit ihm einzulassen.«
    »Sehr wohl, Sir!«
    Der Lieutenant gab den Befehl an den Offizier der Wache und das Schiff nahm
seinen veränderten Cours im rechten Winkel von seinem bisherigen Lauf und schob
nach der Insel zu. - -
    Am Vorderkastell standen in mehreren Gruppen die Matrosen, die zu den
abgelösten Wachen gehörten, und schauten über die Brüstungen hinaus auf die
manövrirenden Schiffe oder hinauf zu den Segeln, die sich im frischen Landwind
blähten. Die Brise, die durch das Felsentor der Dardanellen bläst, ist oft so
stark und anhaltend, dass kein Segelschiff den Eingang gewinnen kann und häufig
hunderte von Fahrzeugen Wochen lang vor der Meerenge liegen bleiben müssen, um
auf das Umsetzen oder Aufhören des Nordwindes zu warten.
    Die Matrosen waren fast durchgängig von jener Bullenbeisserfigur, die den
Seeleuten Alt-Englands eigen ist. Man erkannte deutlich jedoch jene Figuren,
welche aus einem andern Lebensberuf durch Zufall oder das schmachvolle Recht der
Pressung darunter geraten waren, obschon es ein eigentümlicher Zug der Briten
ist, dass mindestens zwei Dritteile dieser Unglücklichen nach kurzer Zeit schon
mit ihrem Loose sich ausgesöhnt zeigen, alle frühern Verhältnisse vergessen und
oft die besten Seeleute werden.
    Die Hände in den Hosentaschen, ging die vierschrötige Gestalt des
Deckmeisters Adams von einem Gangweg zum andern, mit forschendem Blick ringsum
die Ordnung prüfend.
    »Herunter von dem Hühnerkasten, Sir, wenn's beliebt, Master Hunter sieht
eben hierher. Warte, Hundesohn, kannst Du Deine schmutzigen Pfoten nicht wo
anders hin tragen?«
    Ein Hieb mit einem Tauende aus dem Vorrat der weiten Tasche nach einem
unglücklichen Schiffsjungen, der mit einem Eimer vorüberhuschte, begleitete die
Worte. Die erste Anrede war jedoch an drei junge Männer gerichtet, die auf einem
der Vorderdeck-Hühnerkasten hockend, über Hängemattenwandung hinausschauten.
    »Sei nicht so bärbeissig, Alter, wir werden Deinem Kasten kein Loch in den
Rumpf stossen. Schau', Gosset, wie sie daher kommt! Ist es nicht eine Schande,
dass wir in diesem alten wurmstichigen Segelboot umherkrebsen müssen, wie ein
Hummer am Lande?«
    »Es ist unverantwortlich von der Krone Grossbritannien, dass eine
Tischgesellschaft so gescheuter und stattlicher Mid's2, wie die ganze Flotte sie
nicht zählt, noch immer verurteilt ist, Raen spleissen, die Stagen reffen, Top-
und Vortopsegel ansetzen zu lassen, den ganzen Tag einem ersten Lieutenant zu
Diensten zu sein, je nachdem's ihm einfällt, unter doppelt oder einfach
gerefften Linnen zu segeln, kurz auf einem Segelschiff zu dienen. Hol' der
Teufel all' die Arbeit.«
    Der Deckmeister rollte grimmig das Prüntjen aus einer Backe in die andere
und spritzte seinen Groll mit der eklen Flüssigkeit durch die nächste
Stückpforte.
    »Mit Verlaub, Sir, wollen Sie jetzt von meinem Kasten herunter oder nicht?
Aus Ihnen wird im Leben kein ordentlicher Seemann werden, Master Gosset, sonst
würden Sie nicht solches Wischiwaschi über ein Schiff zu Markte bringen, das
hundert solche Leute aufwiegt wie Sie und Master Frank.«
    Die Midshipman räumten lachend den Kasten. Es waren drei junge Burschen von
14 bis 17 Jahren, von denen der Eine grosse Aehnlichkeit in den Zügen mit Sir
Maubridge auf dem Hinterkastell wies. Der Zweite, Gosset, war ein ziemlich
schmächtiger Knabe von affenartiger Beweglichkeit, während der Dritte und
Aelteste eine kräftige Figur mit einem ziemlich gemeinen stupiden Gesicht
zeigte.
    »Segel und Dampf ist die schwache Seite von Meister Adam's, grade wie beim
Capitain selbst,« höhnte Gosset. »Ich wette, nur unser erster Lieutenant ist
meiner Ansicht und verwünscht diesen alten Segelkasten, weil er ihn schon zwei
Mal bei der Beförderung im Stich gelassen hat. Ich quittire den Dienst, wenn man
den Niger nicht bald abtakelt.«
    »Vorläufig werden Sie hinunter gehen und das Verdeck räumen, Sie junger
Halunke,« sagte eine strenge Stimme hinter ihm. Es war der erste Lieutenant, der
unbemerkt nach vorn gekommen. »Kümmern Sie sich um Ihre eigene Carriere, die Sie
höchstens in den Mastkorb führen wird, und danken Sie Gott, dass man einen so
spindelbeinigen affengesichtigen Burschen auf Ihrer Majestät Fregatte in Dienst
genommen hat. Hinunter auf's Mitteldeck, wer nicht den Dienst von Ihnen hat.«
    Die Midshipman tauchten eilig durch die Luke, denn Master Hunter verstand
keinen Spass. Auch die Matrosen rings umher drückten sich ihm aus dem Wege, oder
nahmen irgend eine Beschäftigung vor. Der dritte Lieutenant, welcher die Wache
hatte, rapportirte vier Glocken. Der erste Lieutenant ging nach hinten und tat
das Nämliche, und der Capitain befahl, zum Essen zu pfeifen. Der Befehl lief auf
gleiche Weise zum Hochbootsmann und der Ruf: »Alle Mann zum Essen!« erscholl
durch die Luken.
    Es ist dies eines der buntesten Bilder selbst auf einem englischen Schiffe.
Die Tischgesellschaften sammeln sich und nehmen ihre Plätze ein, um Heerd und
Küche drängen sich die Maate, die für jede die Portionen in Empfang zu nehmen
haben und die schwarzen Gehilfen des Kochs haben alle Hände voll zu tun. Der
Stewart der zweiten Kajüte läuft eilig hin und her, um den Tisch der Offiziere
zu besorgen, während der des Capitains höflich seine Einladung für die Tafel
desselben macht, die um 3 Uhr beginnt.
    »Wer isst heute noch beim Capitain?« fragte der Zahlmeister den Eilenben.
    »Der zweite Lieutenant, Sir, und Master Duncombe, der Doctor. Auch der junge
Maubridge.«
    »Schön! bringen Sie dem Capitain meinen Empfehl und ich würde erscheinen.«
    Am Bord eines Schiffes weigert man sich selten, die Einladung eines
Capitains anzunehmen.
    Auf dem Hinterdeck trat der erste Lieutenant zu seinem Vorgesetzten.
    »Der Dampfer hat gleichfalls gewendet, Sir, und scheint uns absichtlich
folgen zu wollen. Es ist die Veloce, Sir.«
    »Lassen Sie die Mannschaft ihr Essen nehmen, aber die Mittelwache in
Tätigkeit bleiben. Aendern Sie gefälligst von Zeit zu Zeit den Cours und
vermeiden Sie einen Segelstrich mit dem Franzosen. Es ist offenbar, dass der Narr
uns seine Schnelligkeit zeigen will.«
    Der erste Lieutenant tippte an den Hut und ging, um das Commando an den
zweiten Lieutenant zu übergeben, der die Mittelwache hatte. Capitain Warburne
spazierte mit seinem Gast auf dem Deck weiter umher.
    Die »Veloce3« schoss unterdess näher heran, stattlich und leicht, wie ein
Schwan durch die Wellen streift, einer jener schönen zierlichen Bauten, die
selbst das Auge eines britischen Seemannes entzücken mögen. Es ist bekannt
genug, dass zu Ende des vorigen und zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts die
englische Marine ihre besten Schiffe den siegreichen Gefechten mit der
französischen Marine verdankte.
    Dicht unterm Spiegel des Niger wendete der Dampfer und schoss an seinem
Backbord vorüber, so dass alle auf den Decks befindlichen Gruppen gegenseitig
vollständig gesehen werden konnten.
    Wir haben die englische Fregatte bereits beschrieben; versetzen wir uns
einige Augenblicke vor der Begegnung auf das Hinterdeck des französischen
Dampfers.
    Alle, die beim Beginn des grossen Krieges die Gelegenheit hatten, die
britischen und französischen Kriegsschiffe zu besuchen, sind erstaunt gewesen
über den grossen Unterschied, der sich auf den Schiffen beider Nationen
bemerklich machte, und den überwiegend vorteilhaften Eindruck, welchen die
französische Marine gewährte. Während Offiziere und Schiffsvolk auf den
britischen Schiffen fast durchgängig etwas Steifes oder Plumpes, ja Brutales an
sich haben, und in dieser Art sich der ganze Dienst kamaschenartig regelt und
abspinnt, erscheint auf den französischen Schiffen Alles bei strenger Regelung
und Ordnung frisch, frei und beweglich. Es herrscht statt des drohenden
Gespenstes der neunschwänzigen Katze, welche noch immer und allein das Tier im
britischen Matrosen zähmen kann, ein natürlicher Geist anständiger Ordnung und
Disciplin unter den französischen Seeleuten, der der Individualität eines Jeden
vollen Spielraum lässt. Leben und Heiterkeit, ein Scherz, ein Spass mitten im
regen Diensteifer, kurz ein gewisses point d'honneur, das nicht bloss im
Bulldoggenmut besteht, herrscht auf dem Vorderdeck eines französischen
Kriegsschiffs.
    Noch greller tritt der Unterschied in den beiderseitigen Offizier-Corps und
in dem Verhältnis der Vorgesetzten zu den Untergebenen hervor. Wenn man
Gentleman's suchen will, so möge man sie auf dem Deck der französischen Schiffe
suchen, vom jüngsten Aspiranten bis zum Capitain ist es Jeder unbestritten. Ohne
der Achtung und dem Range Etwas zu vergeben, herrscht zwischen den Offizieren
des Schiffes ein überaus freundlicher und kameradschaftlicher Ton. Bei den
zahlreichen Ausflügen mit den Dampfern nach Constantinopel, wie später, als die
Flotten im Bosporus ankerten, sah man die älteren und jüngsten Offiziere stets
in Gesellschaft, Arm in Arm, heiter und plaudernd und überall leicht
Bekanntschaft machend, während die Engländer impertinent und abgeschlossen sich
zeigten und das Schiffsvolk, jeder Ausschweifung hingegeben, sich so roh und
brutal gegen die Bevölkerung benahm, dass häufig blutige Händel daraus
entstanden. Während die englischen Schiffe am Bosporus lagen, wurden
tatsächlich, auf Befehl des Seraskiers, alle Abende und Morgen die betrunkenen
Matrosen von den türkischen Wachen auf den Gassen aufgesammelt und in Böten am
Bord der nächsten Schiffe abgeliefert. Wir finden später einige Scenen dieses
Treibens. - -
    Auf dem Hinter- und Vorderdeck der Veloce waren Sonnenzelte ausgespannt,
unter deren Schutz Offiziere und Mannschaft in zahlreichen Gruppen versammelt
waren. Der Capitain, ein Mann von einigen dreissig Jahren, unterhielt ein
Gespräch mit zwei Fremden, von denen der Eine die griechische Kleidung trug.
    »Als wir uns in Paris trafen, Doctor,« sagte er lachend und blies den Rauch
der Papiercigarre in die Luft, »hätten wir Beide schwerlich geglaubt, dass unser
nächstes Wiedersehen am Grabe des Achilles stattfinden werde. Der Kaiser hat uns
seitdem tüchtig umhergeschickt und man scheint mir auch hier Adjutantendienste
bei der Flotte aufbürden zu wollen. Wäre eine Vacanz auf meinem Schiff und
hätten wir hier nicht einen so lieben alten Freund, der vortrefflich mit unserem
innern und äussern Menschen umzugehen weiss,« - er reichte freundlich dem unfern
mit mehreren Offizieren sich unterhaltenden Schiffsarzt die Hand - »so liesse ich
Sie wahrhaftig nicht wieder fort, am wenigsten zu dem schlimmen Geschäft, das
Sie vorhaben.«
    »Der Mensch kommt und geht, Capitain, Sie wissen das am besten,« sagte
Welland, denn er und Caraiskakis waren es, die wir am Bord der Veloce
wiedertreffen. »Freilich möchte es schön sein, diese herrlichen Gewässer auf dem
Schiff eines Freundes zu durchstreifen, wenn auch die Freundschaft oder Ihre
Güte sich nur aus der Bekanntschaft im Café Carozza herschreibt, das wir Beide
besuchten, während Sie im Marine-Ministerium antichambrirten. Doch freute ich
mich aufrichtig, Capitain, als ich in Dardanelli die Namen der ankernden Schiffe
erfuhr und darunter den des Ihren, nicht bloss weil ich Unterstützung von Ihnen
in dem Zweck, der mich hierher führt, hoffte, sondern auch weil es mir Vergnügen
machte, Sie wiederzusehen.«
    »Merci! ich wünschte, ich könnte meine Freundschaft Ihnen nur energischer
beweisen, als durch diese Kreuz- und Querfahrt hinter einem alten englischen
Segelschiff. Doch Sie wissen bereits, Doctor, die Ordres der Admiralität sind
sehr streng und wir müssen Alles vermeiden, was irgend Veranlassung geben
könnte, die entente cordiale auch im Kleinen zu stören.«
    »Ich würde unter keinen Umständen auch weiter Ihren Beistand annehmen,
Capitain Fontain. Sie haben schon mehr als genug getan, indem Sie uns Ihren
allgemeinen Schutz gewähren. Ich kann mir nicht denken, dass wir gezwungen werden
sollten, uns wirklich um Schutz an die französische Ehrenhaftigkeit zu wenden,
worauf ich als Bürger Frankreichs dann nicht ohne Anspruch bin.«
    »Und auf meine Ehre, Sie sollen ihn finden, und sollt' es mein Patent
kosten! - Da sind wir unterm Spiegel der Fregatte. Monsieur Chaleron, haben Sie
die Güte, steuerbord wenden zu lassen und an der Fregatte zu stoppen.«
    Der zweite Lieutenant eilte die Treppe über der Maschine hinauf.
    »A dorit! - Halt!«
    Die Fregatte schob langsam am Steuerbord des Niger entlang.
    Der französische Capitain stand mit dem Sprachrohr in der Hand auf den
Hängemattengittern.
    »Bon jour, Herr Kamerad! Ist's Ihnen gefällig, beizulegen? ich habe Besuch
für Sie an Bord.«
    Capitain Warburne salutirte eben nicht besonders freundlich den Gruss.
    »Zu Diensten, Herr Capitain! Brasst die Segel! Steuer umlegen!«
    Die Fregatte hielt in ihrem Lauf, während vom französischen Dampfer bereits
ein Boot heruntergelassen wurde.
    »Monsieur Bertaudin, Sie werden diese Herren begleiten und mit meinem Boot
auf ihre weiteren Befehle warten. Adieu, Doctor; ich hoffe, Sie zum Diner wieder
an Bord zu sehen.«
    Welland und Caraiskakis, von dem Aspiranten geleitet, bestiegen das Boot und
schoben ab, während sich der Dampfer durch einige Raddrehungen weiter von dem
Engländer zurücklegte. Nach einigen Ruderschlägen waren sie seitlängs der
englischen Fregatte und stiegen die Schiffswand empor.
    »Sir, ich habe die Ehre, Sie zu begrüssen. Darf ich um Auskunft bitten, ob
Baronet Maubridge sich an Bord Ihrer Fregatte befindet?«
    »Zu Befehl!«
    »Sie würden uns sehr verbinden, Sir, wollten Sie die Güte haben, ihm diese
Karte zu schicken und ihm sagen zu lassen, dass wir um eine Unterredung bäten.«
    Master Hunter lud die Fremden ein, näher zu treten, und schickte den
nächsten Midshipman mit dem Auftrage an den Capitain.
    »Der Besuch gilt Ihnen, Maubridge,« sagte dieser. »Wollen Sie sich meiner
Kajüte bedienen, so lassen Sie die Herren dahin führen.«
    Der Baronet hatte die Karte des Doctors gesehen.
    »Ich kenne den Herrn nicht, - wenn Sie erlauben, empfange ich den Besuch
hier.«
    »Wie Sie wollen. Führen Sie die Herren hierher.«
    Einige Augenblicke darauf betraten Welland und der Grieche das Hinterdeck.
Der Capitain lud sie ein, auf den umherstehenden Schiffestühlen Platz zu nehmen,
und trat an das Bollwerk zurück.
    »Darf ich Sie bitten, mein Herr, mir zu sagen, was mir die Ehre verschafft
...?«
    »Wir kommen, Sie um einige Auskunft in Angelegenheiten Ihrer Gemahlin, Lady
Maubridge, zu bitten,« sagte Welland laut genug, um von dem Capitain und den
Leuten am Steuer gehört zu werden.
    »Meiner Gemahlin, Sir? - Sie irren wohl!« Die Stirn des Baronet färbte sich
dunkelrot.
    »O nein, Sir; ich meine Lady Diona Maubridge, geborene Grivas.«
    Der Baronet suchte gewaltsam seiner Verwirrung Herr zu werden.
    »Ich wiederhole Ihnen, dass Sie sich irren; doch bitte ich, mir zu sagen, was
oder welches Recht Sie zu der Anfrage veranlasst.«
    »Sogleich, Sir. Mein Auftrag besteht darin, Sie im Namen der Lady Maubridge
um die Aushändigung des Ehecontracts oder einer vidimirten Abschrift zu bitten.«
    Der Engländer schwieg einige Augenblicke.
    »Ich muss Ihnen wiederholen, dass Sie sich in Betreff einer Lady Maubridge
täuschen. Ich bin nicht verheiratet.«
    Der Grieche machte eine heftige Bewegung, doch Welland legte die Hand auf
seinen Arm.
    »Sie haben mir versprochen, mir die Angelegenheit zu überlassen.« - Er
wandte sich wieder zu dem Baronet. »Wir waren einigermassen auf diese Antwort
gefasst. Doch erlauben Sie mir eine andere Frage. Sie kannten unzweifelhaft eine
junge Dame im Hause des Kaufmanns Andriarchos in Smyrna, Diona Grivas.«
    »Ja wohl, mein Herr.«
    »Was ist aus ihr geworden?«
    »Diese Frage ist wirklich seltsam, doch muss ich gestehen, dass Sie mich
selbst verbinden würden, wenn Sie mir über ihr Schicksal und ihren Aufentalt
Auskunft geben könnten.«
    »Die Dame wurde in der Nacht des 23. Juni aus dem Landhause des englischen
Vice-Consuls in Burnabat und aus Ihrem Schutz entführt, Sir Maubridge.«
    »Sie sind sehr gut unterrichtet, mein Herr. Um es kurz zu machen, sind Sie
etwa der Sendbote des Banditen, der in meine Wohnung einbrach, und kommen Sie,
um irgend ein Lösegeld für das junge Mädchen zu fordern?«
    »Für Lady Maubridge, Sir. Diesmal inen Sie; wir waren es selbst, welche die
Dame entführten.«
    »Wie, Sir?«
    »Ja wohl. Die Dame befindet sich gegenwärtig unter unserm Schutz, und in
ihrer Vertretung kommen wir hierher, um Sie über das Schicksal derselben zu
beruhigen und die weiteren Verhandlungen mit Ihnen zu führen.«
    »Ich bin nicht gewohnt, mit den Genossen von Dieben und Mördern zu
verhandeln. Danken Sie Gott, dass ich Sie nicht auf der Stelle wegen eines
Angriffs auf britisches Eigentum und des Mordes britischer Untertanen
verhaften lasse. Sie stehen auf diesem Schiff auf britischem Boden.«
    »Und unter'm Schutz eines guten Freundes da drüben.« Der Doctor wies kalt
nach dem französischen Dampfer. »Was das Recht auf die Dame anbetrifft, so hat
Sir Maubridge das Beispiel der Entführung gegeben, und mein Freund, Herr Gregor
Caraiskakis, der Stiefbruder der Dame, konnte damals noch nicht wissen, dass Sie
dieselbe bereits zu Ihrer rechtmässigen Gemahlin gemacht hatten.«
    Der Baronet hatte jetzt seine volle Ruhe wiedergewonnen. Um seinen Mund
zeigte sich ein kalter hochmütiger Zug, der von Zeit zu Zeit sein sonst schönes
Gesicht entstellte.
    »Ah! also eine der gewöhnlichen Familienpressereien, von denen ich in Smyrna
so Manches gehört! Nun wohl, meine Herren, ich gestehe, dass ich einen törichten
Streich gemacht habe. Ihr Himmel ist heiss, aber dergleichen lässt sich hier
leicht in Ordnung bringen. Was verlangen Sie für die Dame, die mich einige Zeit
mit ihrer Gunst beehrt hat und von der ich nur bedaure, dass sie sich so früh
schon von mir getrennt hat.«
    »Sir!«
    »Nun ja, Sie werden denn doch nicht glauben, dass Sie von einer wirklichen
Lady Maubridge sprechen. Ich bin zu jedem Ersatz bereit.«
    »Sie läugnen, dass Sie das junge Mädchen unter dem Versprechen der Ehe
entführt haben? dass eine Trauung oder eine diese ersetzende Ceremonie im
englischen Consulat stattgefunden hat und Diona Grivas Ihre rechtmässige Gemahlin
ist?«
    »Was vorgefallen, Sir, darüber werde ich Ihnen keine Rechenschaft geben. Das
aber mögen Sie und dieser Herr, der wahrscheinlich kein Englisch versteht und
daher die Rolle des schweigenden Bruders spielt, wissen, dass ich den Anspruch
auf den Namen meiner Gattin zurückweise und sie in ihrem eigenen Interesse wohl
tun wird, eine so tolle Idee nicht weiter zu verfolgen.«
    »Sie weigern also bestimmt die Anerkennung.«
    »Ich werde mich nicht so lächerrlich machen, darauf weiter einzugehen; haben
Sie Beweise, so legen Sie Ihre Klage bei dem britischen Gesandten ein. Und nun,
meine Herren ...«
    »Einen Augenblick noch,« sagte der Grieche, indem er auf ihn zutrat. »Sie
irrten, wenn Sie glaubten, ich verstände Ihre Sprache nicht. Ich hoffe, dass Sie
eben so gut die Sprache eines Mannes von Ehre verstehen werden, der Ihnen sagt,
dass Baronet Maubridge wie ein ehrloser Schurke gegen ein schutzloses Mädchen
gehandelt hat!«
    »Sir!«
    »Die Willkür und das Unrecht, welche Ihre Nation dem griechischen Volk
antut, müssen wir leider tragen, aber Gott sei Dank, noch ist der Einzelne im
Stande, das angetane Unrecht zu rächen. Ich werde Sie zwingen, meiner Schwester
den Namen zu geben, der ihr gebührt.«
    »Bah!«
    »Bestimmen Sie Zeit und Waffen!«
    »Ich schlage mich mit einem griechischen Banditen nur bei einem Angriff und
Ueberfall, Sie wissen das.«
    »Wohl, so nehmen Sie dies als Angriff ...« er hob die Hand zum Schlage, doch
Maubridge kam ihm zuvor und fasste den Arm.
    »Halt da - keine Beleidigung, für die ich Sie todtschiessen müsste; es sollte
mir leid tun. Dieser Herr wird wahrscheinlich Ihr Secundant sein.«
    »Ich bin es.«
    »Wohl. Der meine wird Sie noch heute aufsuchen. Wo findet er Sie?«
    »Ich werde ihn in Tenedos im griechischen Kaffeehause am Hafen von der
nächsten Stunde ab erwarten.«
    
    »Well! Auf Wiedersehen.«
    Er wandte sich kalt und hochmütig um und trat zu dem Capitain, der ein
stummer Zeuge der ganzen Unterredung gewesen war, indes die beiden Freunde ihr
Boot anriefen und sich entfernten.
    »Sie sehen, Warburne, es ist Aussicht da, dass Sie auch Ihren zweiten
Midshipman zu Gunsten einer erledigten Baronetschaft verlieren. Lassen Sie uns
zu Tische gehen.«
    »Sie werden doch nicht toll genug sein, sich mit dem griechischen
Landstreicher zu schlagen?«
    »Es wird nichts Anderes übrig bleiben, da er sich unter den Schutz unserer
guten Freunde, der Franzosen, begeben zu haben scheint, und ich diesen doch
unmöglich sagen lassen kann, auf Ihrem Schiff wären ein Paar Pistolenschüsse
geweigert worden. Sie werden mir einen Ihrer Offiziere leihen, Warburne, denn
ich muss nun schon die Sache zu Ende bringen.«
    »Gott verdamm', ich hab' es Ihnen gleich gesagt, es kommt nichts Gescheutes
heraus, wo ein Weiberrock im Spiel ist. Unter uns gesagt, mein Junge, scheinen
Sie in der Geschichte auch nicht besonders viel Recht zu haben.«
    »Nicht das geringste,« sagte der Baronet ruhig, »es ist auch sehr leicht
möglich, dass ich ganz anders gehandelt haben würde, wenn die Narren mir nicht
hätten Zwang antun wollen. Die Kleine ist verteufelt hübsch und ich würde
Aufsehen mit ihr in London gemacht haben. - Doch sprechen wir nicht mehr davon,
- die Burschen müssen ihre Lection haben.«
    Der Stewart des Capitains meldete zum zweiten Mal, dass angerichtet sei.
    Wo der Skamander aus dem weiten Bergtal tritt, in dessen Hintergrund der
grosse Hügel liegt, den man das Grab des Achilles nennt, und sich durch die Ebene
des Ufers zum Meer schlängelt, während der Hitze des Sommers oft kaum so gross,
dass er einen Kahn zu tragen vermag, liegen im Myrtengebüsch einige jener
Säulentrümmer, die am südlichen Ende der Bucht sich noch so massenhaft zeigen.
Hierher, um nicht zu weit entfernt von Dardanelli zu sein, hatte der Arzt das
Rendezvous für den nächsten Morgen bestimmt.
    Als die Freunde in der besprochenen frühen Stunde dort mit ihrer Barke
eintrafen, fanden sie bereits den Baronet mit dem zweiten Lieutenant des Niger
vor, der ihm zum Secundanten diente. Der alte Matrose Adams hatte sie mit einem
Genossen hierher gerudert und betrachtete mit Neugier die Kommenden, da
Maubridge ihm mitgeteilt, dass sie unter ihren Angreifern in Burnabat gewesen
waren.
    Der Baronet, teilnahmlos für die weitern Verhandlungen, belustigte sich mit
Pistolenschiessen, wobei der Deckmeister die Aufgabe hatte, die Waffen zu laden.
In dem Baronet, von dessen Character wir noch wenig gesprochen haben, lag eine
seltsame Mischung von Eigenschaften, wie sie in der britischen Nationalität
häufig vorkommen. An und für sich edelherzig und warmfühlend, war er mit jener
Vorliebe für das Seltsame, Ungewöhnliche ziemlich reichlich begabt, die seine
Landsleute so häufig zu den Excentrics führt, die in ihrer Ausartung in's
Abgeschmackte ihnen den seltsamen Ruf durch die ganze Welt verschafft haben.
Damit verband sich jedoch ein unbändiger Starrsinn, ein Eigenwille, der jede
fremde Einwirkung von Aussen, selbst bei der Erkenntnis des Bessern, beharrlich
zurückwies, und eine Caprice, die durch Hindernisse wach gerufen, kein Mittel
scheute, ihren Zweck durchzusetzen. Zu dem Allen gesellte sich jene gewisse
Kälte und scheinbare Gleichgültigkeit, die den Briten der höhern Stände durch
die Erziehung eingeimpft zu werden pflegt.
    Welland trat zu dem Baronet.
    »Sir,« sagte er ernst, »erlauben Sie mir noch ein Mal, Sie daran zu
erinnern, dass Ihre Handlungsweise die Ehre einer Familie trifft, deren Name und
Abkunft sich sicher mit der jedes englischen Pairs messen kann. Aber sie trifft
und bricht auch ein Herz, das in wahrer uneigennütziger Liebe an Ihnen zu hängen
scheint, und das Sie nicht das Opfer einer Handlung werden lassen dürfen, von
der wir nicht wissen, ob sie Täuschung, ob sie Wahrheit war. Diona, Ihre Gattin
nach göttlichem Recht, hat mir diese Zeilen an Sie gegeben und das Versprechen
abgenommen, dieselben in Ihre Hand zu legen. Ich hätte es bereits gestern
getan, wenn die Umstände es erlaubt.«
    Der Baronet nahm das Blatt, erbrach und las es. Es schien nur wenige Zeilen
zu entalten, die indes einen grossen Eindruck auf ihn machten. Seine schöne hohe
Stirn färbte sich wieder, wie bei der ersten Begegnung auf dem Schiff, mit
fliegender Röte, und er wandte sich hastig zu dem Deutschen:
    »Wo ist Diona, kann ich sie sehen?«
    »Sie werden es erfahren, Sir, sobald Sie meinem Freunde jenes Papier
ausgeliefert haben, das im Consulat von Smyrna unterzeichnet wurde, oder uns die
Erklärung auf Ihr Ehrenwort abgeben, dass Sie die Rechte Ihrer Gattin anerkennen
wollen.«
    Der Baronet biss sich in die Lippen.
    »Sie täuschen sich in mir und haben selbst Ihr Spiel verdorben. Diona hätte
mich besser kennen sollen. Wir wollen die Sache beenden, wegen deren wir uns
hierher bemüht haben, erlauben Sie nur, dass ich die Pistole entlade. Adams,
auf!«
    Der Deckmeister warf eine Citrone in die Höhe, während sie in der Luft
schwebte, hob der Baronet blitzschnell die Pistole und schoss. Die Frucht stob
auseinander.
    Welland blickte unwillig auf das prahlerische Spiel, und doch zog sich sein
Herz krampfhaft zusammen bei dem Gedanken, dass das Leben des Freundes, der im
vollen Recht die Ehre seiner Familie verteidigte, der sichern Kugel des
herzlosen Mannes verfallen sei. Er wandte sich zu dem Offizier, um die nötigen
Vorbereitungen zu treffen. Dies war bald geschehen, man wählte ein Paar
Schiffspistolen und mass die Entfernung, fünfzehn Schritt, Jeder sollte das Recht
haben, nach Belieben zu schiessen.
    Als Welland den Freund auf seine Stelle geleitete, drückte dieser ihm
herzlich die Hand.
    »Sollte der Himmel gegen mich sein und mir ein Unglück passiren, so werden
Sie Diona nicht verlassen und sofort an meine Brüder nach Aten schreiben. Die
Adressen kennen Sie, und nun mit Gott!«
    Maubridge fixirte ruhig den Griechen, es war, als wäre er seines Sieges
gewiss. Der Lieutenant gab das Zeichen, einige Schritte ging Caraiskakis vor,
dann schoss er.
    Schiffspistolen sind eine unzuverlässige Waffe. Die wohlgezielte Kugel
streifte den linken Aermel des Baronets und einige Blutstropfen quollen aus dem
Rock.
    »Schade um den Schuss!« sagte der Brite spöttisch. »Jetzt ist die Reihe an
mir, doch zuvor hören Sie einige Worte.«
    Gregor stand finster vor sich blickend da, er antwortete nicht.
    »Wollen Sie mir den Aufentalt Ihrer Schwester nennen und mich das Weitere
mit ihr allein verhandeln lassen?«
    »Nein!«
    »Ueberlegen Sie wohl, ich lasse mir nicht trotzen und schulde Ihnen die
Revange für Burnabat.«
    »Schiessen Sie, Sir! Wenn ich zehn Leben hätte, würde ich sie an Ihre
Verfolgung setzen und nicht von Ihrer Spur weichen.«
    »Dann müssen wir freilich dazu tun, Sie daran zu hindern.«
    Die Pistole hob sich rasch, ein Blitz zuckte, ein Knall, und Caraiskakis
drehte sich um sich selbst, ehe er fiel.
    »Sie haben ihn ermordet!«
    »Keineswegs, ich müsste denn so schlecht schiessen, wie mein Gegner. Richten
Sie ihn auf, die Kugel sitzt in der linken Hüfte und wird Ihren Freund wohl zwei
Monat von meinem Wege abhalten. Das genügt.«
    Welland beschäftigte sich mit dem Verwundeten und fand es, wie der Baronet
in seiner kalten Ruhe gesagt. Er öffnete dem Freunde die Kleider und legte einen
vorläufigen Verband an. Gregor kam dabei wieder zu sich und schaute ihm fragend
in's Gesicht.
    »Beruhigen Sie sich, ich stehe Ihnen für die Kur mit aller meiner Kunst.«
    Maubridge trat heran.
    »Es tut mir leid um Sie, aber Sie zwangen mich. Wollen Sie jetzt - wo Sie
selbst der Hilfe bedürfen, meine Bitte erfüllen und mir den Aufentalt Ihrer
Schwester nennen?«
    Caraiskakis machte eine heftige abwehrende Bewegung.
    »Sir, stören Sie meinen Freund nicht, der Verband kann leicht aufbrechen und
der neue Blutverlust würde ihm schaden.«
    »Kann ich sonst Etwas für Sie tun? Mein Boot steht zu Ihrer Disposition.«
    Eine abwehrende Bewegung.
    »So leben Sie wohl und warnen Sie Ihren Freund, sich nicht in meinen Weg zu
drängen. Kommen Sie, Malcolm.«
    Er verbeugte sich höflich und ging nach seinem Boot, in dem Beide den Fluss
eine Strecke weit hinabfuhren. Adams, der alte Matrose, ruderte sie mit seinen
Gefährten stillschweigend fort, Maubridge sass in Gedanken, den Kopf in die Hand
gestützt. Endlich schaute er auf.
    »Nun, Alter, Du hast noch nicht einmal ein Wort für mich, dass ich so gut
davongekommen? Ist das Deine alte Anhänglichkeit?«
    Der Seemann schüttelte den Kopf.
    »Ich habe Sie gekannt und Sie jedes Tau, jede Spiere am Bord kennen gelehrt,
als Sie ein Bürschchen, lange nicht so gross, wie Ihr Bruder, waren. Aber schon
damals waren Sie ein störrisches Blut. Was haben Sie nun davon, den Bruder
niederzuschiessen, nachdem Sie die Schwester unglücklich gemacht? Sie wissen
selbst, dass er in seinem vollen Recht war.«
    Der Baronet zog die Stirn zusammen und legte seine Hand auf die Schulter des
Matrosen.
    »Du bist ein Tor und kennst mich noch eben so wenig, wie alle Andern. Aber
einen Dienst musst Du mir dennoch erzeigen. Rudert hinter jenen Felsenvorsprungs
und lasst uns dort aussteigen. Wir werden den Weg über das Land zu Fuss machen.«
    Das Boot schoss in das Versteck. Als eine Viertelstunde darauf der Kaik
vorüberfuhr, welcher den Verwundeten und seinen besorgten Freund trug, folgte
das Boot des Kriegsschiffs ihm unbemerkt in einiger Entfernung die Küste entlang
bis nach Dardanelli.
    Hier hatten die Drei im Hause eines griechischen Kaufmanns ein Unterkommen
gefunden, der mit der Familie Grivas verwandt war. Diona warf sich wehklagend
auf den Bruder und benetzte ihn mit ihren Tränen. Nur schwer vermochte sie
Welland durch die Versicherung zu beruhigen, dass keinerlei Gefahr vorhanden,
sei.
    Beide teilten sich nun in die Pflege des Bruders, doch war es Welland
auffallend, dass die Griechin von Tage zu Tage schwermütiger wurde, und in sich
versunken, den Zustand des Kranken wenig beachtete. Ja, er traf sie ein Mal, als
sie weinend und aufgeregt ein Papier las, das sie bei seinem Eintreten eilig
verbarg.
    Er wollte den Freund nicht beunruhigen, dessen Genesung, nachdem die Kugel
aus dem Knochen geholt worden, langsam vorschritt, und schwieg deshalb.
    Seine Briefe hatte er zum Teil nach Constantinopel vorausgeschickt. Zwei
Wochen waren vergangen, als ihm plötzlich von dort ein Fremder, der mit dem
Dampfschiff gekommen, ein Schreiben brachte. Es entielt nur wenige Worte, aber
mit dem geheimnisvollen Zeichen, dessen Untertan er war.
    Der Brief befahl ihm, mit dem ersten abgehenden Dampfschiff in
Constantinopel einzutreffen und machte ihm Vorwürfe wegen seiner Versäumnis.
Welland empfand selbst, dass das längere Verweilen in Dardanelli zwecklos war,
und nachdem er sich mit dem Freunde besprochen, für diesen den Schutz des
französischen Consuls und des Capitains der Veloce gewonnen, schied er von den
Geschwistern. Sobald Gregor ganz hergestellt war, wollte er ihm nach
Constantinopel folgen. -
    Drei Tage darauf war Diona spurlos verschwunden. Caraiskakis, noch an das
Lager gefesselt, bot vergeblich alles Mögliche auf, sie zu entdecken. Selbst das
Einschreiten der französischen Offiziere hatte keinen Erfolg, denn Capitain
Warburne wies nach, dass sein Gast bereits lange vor des Doctors Abreise sein
Schiff verlassen hatte.
    Die Ungeduld, der bittere Aerger verschlimmerten auf's Neue den Zustand
Gregor's und banden ihn an's Krankenlager, so dass er nicht einmal dem Freunde
Nachricht zu geben vermochte.
 
                                    Fussnoten
1 Auf den meisten Karten falsch oder gar nicht eingezeichnet.
2 Midshipman's.
3 Wir wählen für das Schiff absichtlich einen falschen Namen.
 D.V.
 
                               Guckkastenbilder.
                                   I. Berlin.
Die Madrilena rauschte; Sie warf das süsse entzückende Bein dem Publikum
entgegen, das in Logen und Parket, auf Gallerie und im Proscenium in einen
gelinden Wahnsinn geriet, sich im »Brava« heiser schrie und sich die Hände wund
klatschte. Blumen flogen in Masse rechts und links aus den Teaterlogen, obschon
eine arge kritische Zunge die unhöfliche Bemerkung machte, dass dieselben Kränze
und Bouquets schon nach dem El Ole figurirt hätten. Das war jedoch pure
Verleumdung, denn der Berliner Rentier und Banquier ist vollkommen im Stande, wo
es auf seine Liebhabereien und seinen Entusiasmus ankommt, es sich auch Etwas
kosten zu lassen.
    Die Kammerfrau sprang zu, den weichen warmen Hermelin um die Schultern der
Tänzerin zu hängen.
    »Die Blumen! die Blumen?« sagte diese hastig; »rechts das Bouquet!« Dann
floh sie in ihre Garderobe.
    Bald darauf erschien die Duegna mit den Blumen. Die Senjora, ehe sie noch
sich des Costüms entledigte, siel sogleich über dieselben her und riss die
zierlichen Bouquets auseinander, dass die Blüten umherflogen.
    
    »Wieder Täuschung!« sagte sie, ärgerlich mit dem Fusse stampfend; »ich sah
ihn doch in der Prosceniumsloge und bemerkte ausdrücklich, wie er mir das
Bouquet warf. O, diese Männer!«
    »Es war unvorsichtig von Dir, Kind, dass Du die zweihundert Taler beim
Juwelier darauf zahltest. Ich warnte Dich gleich.«
    »Bah! das verstehst Du nicht. Diese Männer in ihrem kalten eisigen Lande
sind blosse Zahlen, sie rechnen in der Liebe; es ist nicht wie bei uns, wo der
Caballero sein Letztes opfert für das Vergnügen seiner Geliebten. Fünfhundert
Taler wären ihm gewiss zu viel gewesen, so zahlte ich dem Juwelier zweihundert
im Voraus.«
    »Es ist aber nun bereits zwei Tage, dass er den Schmuck gekauft hat.«
    »Und seitdem liess er sich nicht sehen. - Höre, ich muss wissen, wer die Dame
ist, die mit ihm in der Loge war. Sie hatte den Schirm vorgezogen, so dass ich
sie nicht genau erkennen konnte. Geh' auf die Bühne und frage, Sennor Asher
kennt ja alle Welt. Ich werde mich allein entkleiden.«
    Die Dienerin, von der Ungeduldigen fortgetrieben, verschwand. Ehe der neue
Akt begann, kehrte sie zurück; das schlaue Gesicht verriet eine eigentümliche
Verlegenheit.
    »Nun! bringst Du Nachricht?«
    »Es ist seine Frau, Senjora!«
    »Diantre! - Dann konnte er nicht. Was hast Du noch? ich sehe Dir's an;
sprich!«
    »War der Schmuck nicht von Smaragden? Ohrgehänge in Glockenform und eine
Breche in Perlen?«
    »Ja, ja; was soll's? Du sahest ihn ja!«
    »Dann, mein Kind, trägt die Dame selbst den Schmuck.«
    Die Tänzerin fuhr empor, als hätte sie eine Natter gestochen. Sie warf den
langen Mantel über das noch nicht befestigte Kleid und sprang aus der Garderobe.
Der Inspicient hatte bereits das Zeichen zur Räumung der Bühne gegeben.
    »Monsieur Asher!«
    Der Regisseur mit seiner bekannten Coulanz gegen die Damenwelt flog herbei.
    »Einen Augenblicken, ich bitten Sie.« Sie war schon vorn am Vorhang und
schaute eine Minute lang durch das Guckloch nach der Prosceniumsloge rechts. »Es
seind gut. Lassen Sie vorfahren, ich will nach Hause.«
    Hinter ihr rauschte der Vorhang in die Höhe und eine der leichten jovialen
Fadaisen, durch welche die Friedrich-Wilhelmsstädtische Bühne seit der Reaction
ihren glänzenden Ruf gemacht hat, begann. Das launische Publikum, das eben noch
dem Aufgebot alles Anmutigen im Sinnenreiz entusiastisch gehuldigt, jubelte
jetzt schon eben so laut der unübertrefflich trocknen und doch so gemütlichen
Komik seines Lieblings Weirauch zu, der zuerst verstanden hat, der Schärfe des
Berliner Witzes ein doch lokales Gewand von Humor umzuhangen.
    »Sennora haben heute wieder ausgezeichnete Triumphe gefeiert; es war ein
kostbarer Abend.«
    »Vous vous trompez, Monsieur! non précieux, mais dispendieux. - Bon soir!«
    Der Wagen rollte davon. -
    Im Hotel Unter den Linden sprangen die wohlgeschulten Kellner mit den
Armleuchtern voran die Treppe hinauf zu den drei eleganten Pieçen, welche die
Senjora bewohnte.
    »Befehlen die gnädige Frau zu soupiren?«
    »Nein! - Tee!«
    »Ein Herr wartet schon seit längerer Zeit auf die gnädige Frau und bittet um
Erlaubnis, noch seine Aufwartung machen zu dürfen.«
    »Ich empfange Niemand, wenn ich getanzt. Morgen.«
    »Dann soll ich die Ehre haben, der gnädigen Frau dies Billet zu übergeben.«
    In ihrem Boudoir warf die Tänzerin erschöpft Mantel und Capuchon von sich
und setzte sich auf das Sopha.
    »Willst Du den Brief nicht wenigstens öffnen?«
    »Gieb! eine gewöhnliche Karte; diese Herren glauben, es bedürfe nur ihres
Namens, der so steif und unbeholfen klingt, dass man ihn nicht aussprechen kann.«
    Sie hatte das Couvert dabei erbrochen, - es lag allerdings nur eine einfache
Karte darin, aber ein Blick darauf hatte sie schnell aufmerksam gemacht und sie
zog den silbernen Leuchter herbei, um genauer darauf zu sehen.
    »Vraiment! Da hätte ich bald eine Dummheit begangen! Geschwind, Ines,
schelle!«
    Der Kellner erschien.
    »Ist der Herr noch unten?«
    »Ja wohl, gnädige Frau.«
    »Ich liesse bitten, in den Salon zu treten. Bestellen Sie ein Souper zu drei
Personen und serviren Sie dann zwei Couverts ...«
    Die Senjora warf sich mit Hilfe der Kammerfrau schnell in eine dunkle
spanische Robe, ordnete einige Augenblicke das noch mit Blumen geschmückte Haar
und warf die Spitzenmantille kokett um den schönen Nacken; dann trat sie in den
anstossenden Salon.
    Der Herr erwartete sie bereits hier. Eine nicht grosse feste Gestalt, tief in
den Dreissigen, von militairischer Haltung und etwas insolentem brüskem Wesen,
das grosses Selbstvertrauen verriet. Ein starker, wohlgepflegter blonder Bart
füllte und umgab den unteren Teil des Gesichts; in den grauen Augen blitzte
eine gewisse kalte Energie und Selbstsucht. Der Fremde trug elegante
Civilkleidung, im Knopfloch das schleswig-holsteinsche Kreuz.
    »Herr Major von ...........?«
    »Ich habe die Ehre, mich als dieser vorzustellen, Madame. Entschuldigen Sie
meinen späten Besuch; doch war ich bereits zwei Mal gestern hier, ohne das
Vergnügen zu haben, die Senjora antreffen zu können. Madame sind von der
hiesigen kunstliebenden Welt so in Anspruch genommen, dass gewiss jeder Ihrer
Augenblicke besetzt ist, und ich freute mich, im Hotel zu hören, dass Sie für
heute Abend keine Einladung angenommen.«
    »Ach ja, ich darf über meine Aufnahme in Berlin nicht klagen, man fetirt
mich und ich habe zahlreiche Freunde gefunden.«
    »Leider nur nicht in den Kreisen, in denen man es wünschte. Ihr erstes
Auftreten, Madame, gab den Ausschlag. Sie haben einen grossen Kreis von
Verehrern, aber in einer andern Sphäre, als in welcher Diejenigen es
beabsichtigten und hofften, - von denen Sie wissen.«
    Die Spanierin errötete leicht und beugte zustimmend den Kopf.
    »Aber es ist nicht meine Schuld; man ist hier so prüde und ich glaubte
wenigstens das Feld behaupten zu müssen, Herr Major.«
    »Sie haben auch vollkommen recht gehandelt, Madame. Man hatte nur ein
falsches Calcul gemacht, man kennt und würdigt Berlin zu wenig. Die norddeutsche
Aristokratie, die preussische Armee sind anderer Natur, als man gehofft hat, -
ich widersprach sogleich, aber man wollte den Versuch doch machen. Das
preussische Offizier-Corps, die Armee insbesondere ist ein in sich
abgeschlossenes Ganze, dessen einzelne Glieder keine Individualitäten bilden,
den Leidenschaften und der Verführung offen. Hier ist zu sehr die Person vom
Soldaten getrennt. Der junge Mann kann vielleicht Fehler und Torheiten begehen,
und es kommen deren genug vor, aber dieselben werden nie auf den militärischen
Geist Einfluss haben. Da kann nicht eine gewöhnliche sinnliche Verlockung Bresche
machen in die Phalanx, sondern nur eine grosse, anregende, verführende Idee,
welche Spaltung in den Gemütern und Ansichten hervorbringt. In dieser Beziehung
sind bereits die nötigen Vorschläge gemacht.«
    »Ich verstehe Sie nicht, mein Herr, - es fehlt doch nicht an Offizieren und
vornehmen Herren unter meinen Verehrern.«
    »Ich weiss, ich weiss! Aber das ist Nichts, - junge Elegants, die der Mode
huldigen und das Extravagante lieben, aber nie Ihnen Einfluss auf ihre blinden
Gesinnungen gestatten werden. Auch die nordische Aristokratie ist zu exclusiv
für solche persönliche Verführungen. Der jüngere Teil gehört ohnehin
grösstenteils dem Militairstande, und die Aelteren, die von Bedeutung sind,
haben eine Tradition und zu viel kaltes Blut, um einer Tänzerin zu Füssen zu
liegen. Die Verhältnisse selbst haben Sie, Madame, auf den Boden geführt, wo
allein Sie in Berlin glänzen und herrschen können, zu unserer blasirten
Finanzwelt, der Eitelkeit der Börse und dem Entusiasmus des pflastertretenden
Rentiers.«
    »Senjor, ich begreife nicht ...«
    Der Major lachte leise.
    »Sein Sie nicht böse, ich will Ihnen keineswegs Ihre Triumphe schmälern. Sie
sind das Entzücken aller wichtigen Leute, die in Berlin den Ton angeben, bis hin
und wieder einmal ein ernster Wellenschlag der Zeit ihre Meinung auf die
gehörige Nullität reduzirt. Diese süssen Formen, diese nie geschauten
Hüftenkünste verzücken eine Klasse bis in den dritten Himmel, welche in Berlin
allmächtig geworden und in allen Branchen dominirt, die selbst den Pietismus von
seinem Trone gedrängt hat, ich meine das vergoldete und vergesellschaftete
Judentum. Aber das gehört ohnehin zum Liberalismus und zur Opposition, so lange
es keine Opfer und keine Gefahr gilt. Sind Sie nicht auch das Entzücken der
Kritik, so weit es eine solche in Berlin gibt? Freilich ist das, mit wenigen
isolirten Ausnahmen, die jämmerlichste Gesellschaft, die existiren kann, und
jedes Anspruchs auf Beachtung baar. Aber alle diese Triumphe, Madame, so
schmeichelhaft und angenehm sie auch für Sie sind, nützen unseren Zwecken Nichts
und werden - so viel ich diesen Entusiasmus veranschlagen kann - auch nur
schlecht Ihre Kasse und Ihre Toilette füllen.«
    Die Spanierin zuckte verächtlich mit dem Munde.
    »Ich habe mir allerdings Anderes von Berlin vorgestellt. Bouquets! Bouquets!
Denken Sie, dass neulich ein - vornehmer Herr sich zum Souper einlud und für sein
Couvert einen Fünfzig-Talerschein zurückliess!«
    Sie gedachte der Niederlage, die sie noch am Abend erlitten.
    »Ich kenne die berliner Renommagen, man verschwendet hier nur mit Worten.
Wenn ich Ihnen raten darf, Madame, gehen Sie nach Wien, nach Prag, nach Pest -
da ist ein glücklicherer Boden, als die norddeutschen Residenzen. Freilich haben
sich seit Achtundvierzig dort auch die Verhältnisse geändert, aber es ist noch
immer reiche Empfänglichkeit da von Oben herab. So tapfer die Armee ist, so ist
sie doch aus zu vielen Ingredienzien zusammengesetzt, um in den Personen nicht
zugänglich zu sein. Es gibt unabhängig von ihr einen lebenslustigen Adel. Sie
werden, wo Sie hier Verehrung und Huldigung fanden, dort Begeisterung und
Aufopferung haben und Männer finden, die Leidenschaft genug besitzen, sich zu
ruiniren. Ihr Ruf ist jetzt begründet und Ihnen vorangegangen.«
    Die Tänzerin wiegte schlau das Haupt.
    »Ich habe bereits meinem Agenten Auftrag gegeben, für mich in Wien und Pest
abzuschliessen. In acht Tagen trete ich auf.«
    »Ah schön! ich sehe, wir verstehen uns. Ich werde dafür sorgen, dass Sie in
Wien Empfehlungen vorfinden, die Ihnen mehr nützen, als die hiesigen. A propos!
Sie zählen doch noch hier zu Ihren Verehrern den jungen Baron H ..... und Herrn
von M ....?«
    »Die Herren machen mir ihren Besuch und sind alle Abend im Teater, - aber
sie sind so jung ...«
    »Es handelt sich nur um eine Gefälligkeit. Auch interessiren sie mich
weniger, als ihre Väter und Verwandten, die, wie Sie vielleicht wissen,
besondere Stellungen bei Hofe haben. Ich besitze da zwei Schützlinge, zwei arme
Bedienten, die unverschuldet ausser Brot gekommen sind und neue Condition in
vornehmen Häusern suchen. In den Familien der gedachten Herren sollen nun zwei
Dienerstellen vacant sein; Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie meine
Schützlinge wie zufällig Ihren Verehrern, Jedem einen, empfehlen wollten.«
    Der Major hatte seinen Wunsch mit möglichster Gleichgültigkeit hingeworfen,
der schlauen Tänzerin jedoch entging es nicht, dass das gerade die Pointe seines
Besuches war, und um sich für die früheren kleinen Zweifel in die Macht ihrer
Reize zu rächen, schaute sie ihm fest in's Gesicht und fragte:
    »Ist dies ein Auftrag der unbekannten Beschützer, denen ich zu gehorchen
habe, Senior?«
    Der Major biss sich auf die Lippen.
    »Sie haben aus dem Zeichen aus meiner Karte gesehen, dass ich nicht aus
Galanterie Ihnen meinen Besuch mache, Madame; weiter wird mir dies in Ihren
Augen Vollmacht geben« - er nahm aus seiner Brieftasche ein seines schwarzes
Kreuz von jener Form, dir wir bereits mehrfach erwähnt haben, mit fünf
Silberstiften geziert - »und ich bitte Sie daher, das, was ich Ihnen vorhin in
Bezug auf Wien und Pest sagte, als aus gleicher Quelle kommend anzusehen. In
Betreff der beiden Diener werden Sie die Empfehlung so wie zufällig bei den
bezeichneten Herren anbringen; Sie werden sagen, diese Leute wären dienstlos,
Sie hätten im Hotel davon sprechen hören und dieselben hätten bei Ihnen in
Dienst treten wollen, oder was Ihr Witz Ihnen sonst eingibt. Morgen früh werden
sich beide Diener bei Ihnen vorstellen; mit guten Attesten sind sie reichlich
versehen, so dass sie Ihrer Empfehlung Ehre machen werden. Und nun, Madame,
erlauben Sie mir, Ihnen das Vergnügen auszudrücken, bei dieser Gelegenheit die
persönliche Bekanntschaft der gefeierten Schönheit des Tages gemacht zu haben
und mich Ihnen zu empfehlen.«
    »Wie, Senjor, Sie wollen schon fort? ich hoffte, Sie würden mir die Ehre
erzeigen, mit mir zu soupiren.«
    »Ich weiss das Glück zu schätzen, Madame, aber meine Geschäfte nehmen mich
noch in Anspruch. Ich hoffe, Sie wiederzusehen; ist es nicht hier, doch später
an einem anderen Ort Ihrer Triumphe. Leben Sie wohl, Senjora.«
    Er empfahl sich, und während die schöne Spanierin sich nachsinnend in die
Ecke ihres Sopha's kauerte, schritt er rasch die Linden entlang, unter denen
noch reges fröhliches Leben herrschte, nach dem Brandenburger Tore zu. -
    Nachdem der Major seinen Weg durch verschiedene Strassen und Hintergassen
genommen und vielleicht dreifach gemacht hatte, wie als wolle er jeder
Beobachtung entgehen, blieb er vor einer niedern Gartenmauer stehen, zog einen
Schlüssel hervor und öffnete die schlecht verwahrte Hintertür. Dann schritt er
durch die hohen Laubgänge und Parkanlagen bis in die Nähe des Vorderhauses,
eines mächtigen stolzen Gebäudes von aristokratischem Typus, das sich vor ihm in
die Nachtluft erhob. Aus dem grossen Fenster des ersten Stockwerks im
Seitenflügel, dem einzigen, das nach dem Garten heraussah, schimmerte durch die
Gardinen ein ruhiges Licht. Nach aufmerksamem Umherlauschen und Schauen pfiff
der Major leise aber scharf einige Takte und sogleich erschien der Schatten
einer weiblichen Gestalt an dem offenen Fenster, die Vorhänge wurden fortgezogen
und eine Dame lehnte sich heraus.
    »Bist Du es, Ferdinand? Ist Alles sicher?«
    »Wenn Du oben unbehindert bist, so komm.«
    Einige Augenblicke darauf verschwand das Licht, aus dem Fenster rollte, die
dunkle Epheubekleidung der Mauer entlang, eine kurze Strickleiter von schwarzer
Seide herunter, und die Dame schwang sich kühn und mit der Sicherheit der
Gewohnheit über die Fensterbrüstung und stieg auf den schwanken Schlingen
herunter, wo sie der Erwartende in seinen Armen auffing und mit einem Kuss
begrüsste.
    »Ich glaubte schon, Du würdest nicht kommen, Ferdinand,« sagte die junge
Dame, eine hohe schlanke Figur im dunklen Capuchon und in ein weites kostbares
Shawltuch gehüllt; »es war so spät und ich hatte mich längst freigemacht.«
    »Es ist eilf Uhr vorbei, Marie, und ich habe Dir oft schon gesagt, dass die
frühe Stunde uns leicht verderblich werden kann. Ueberdies hatte ich dringende
Abhaltung. Doch nun komm'.«
    Er verbarg vorsichtig das Ende der Strickleiter in den Epheuranken und
führte dann die Dame, die sich zärtlich an ihn schmiegte, weiter hinein in die
dunklen Bosquets des Gartens bis zu einer Bank unter hohen Ulmen und Kastanien,
wo er sie niedersitzen liess.
    »Wie, werden wir heute nicht zu unserm kleinen Engel gehen, Du versprachst
es mir doch das letzte Mal, Ferdinand?«
    »Du sollst ihn sehen, gewiss, Marie, aber ich wiederhole Dir, es ist noch zu
früh, die Strassen sind noch zu belebt. Ueberdies habe ich Einiges mit Dir zu
sprechen. Höre mich ruhig an, ich bitte Dich, Marie.«
    Sie setzte sich dicht an ihn, Hand in Hand, den andern Arm um ihn
geschlungen und blickte ihm zärtlich in das harte stolze Auge. -
    »Du weisst, Marie, und wir haben es hundert Mal besprochen, dass unter den
jetzigen Verhältnissen keine Aussicht und Hoffnung für uns ist. Das Glück hat
uns besonders wohlgewollt, dass wir vor dem Auge Deines Vaters und Bruders Deine
Schwangerschaft zu verbergen vermochten, ihre häufige Abwesenheit und Dein
Aufentalt auf dem Lande halfen uns dazu Du verlangtest, dass das Kind in Deine
Nähe komme, und es ist geschehen. Aber was soll weiter werden? Du weisst, dass ich
nicht einmal Zutritt in Deiner stolzen Familie habe, meiner offen
ausgesprochenen Ansichten und meines Bruchs mit dem Herzog wegen.«
    »Hast Du nicht meine Liebe, Ferdinand? Warum auch bist Du, der doch selbst
von Adel, ein solcher Gegner aller seiner Rechte und Interessen, ein
Verteidiger des Pöbels und seiner Zügellosigkeit? Mein Gott, wie kannst Du mit
solchen Leuten umgehen, die auf zehn Schritt nach dem Handwerk riechen, zu dem
sie geboren sind!«
    Der Major schien widrig berührt.
    »Lass uns nicht mehr streiten, Marie, über Dinge, über die wir uns doch nie
einigen werden. Es ist leider eine traurige Wahrheit, dass die Lection von
Achtundvierzig und Neunundvierzig in Berlin nur dazu genutzt hat, den Adel
vorsichtiger im Äußern, aber desto exclusiver und hochmütiger unter sich zu
machen, und im Bürgerstand die Zahl der Heuchler zu vermehren. Gehe hin und
frage, welcher Dank denn den sogenannten Getreuen geworden ist, und ob sie nicht
überall zurückgedrängt sind von der speculativen Geheimeratsdemotratie? -
Männern wie ich kann man freilich die beiden Jahre nicht vergessen und ich will
sie auch nicht vergessen haben, denn sie sind das Feld meiner und unser Aller
Zukunft. Aber diese untergeordnete Lage, diese Untätigkeit ertrage ich nicht
länger. Die Wogen der Zeit brausen vom Sturm bewegt und ein kühner Pilot kann da
sein Schiff an's Ziel steuern. Den Mann ohne Dienst und Ruf würden die Deinen
mit Hohn zurückweisen, dem General, dem Mann von Macht und Bedeutung, wird die
stolzeste Familie dieses Preussens, das vielleicht an der Schwelle seiner
bittersten Demütigung steht, Frau und Kind nicht zu verweigern wagen.«
    »Was sinnst Du, Ferdinand, was beabsichtigst Du?«
    »Lass das, frage mich nicht, ehe ein halbes Jahr vergeht, wirst Du wissen,
was ich meine. Diesen Winter noch bleibe ich in Berlin, das Frühjahr schon führt
mich zu einem meiner Kraft entsprechenden Wirkungskreis. Ich wollte Dich
überhaupt nur auf die Trennung vorbereiten, da sie möglicher Weise über Nacht
kommen kann. Doch es ist Zeit jetzt, dass wir aufbrechen, die Strassen sind ruhig,
komm'.«
    Er hüllte sie sorgsam in das weite Tuch und führte sie durch das Pförtchen
aus dem Garten. Durch die einsamen Wege an den Stadtmauern entlang und den
Tiergarten gelangten sie in die neuen Stadtteile jenseits der Spree, nach dem
Neuen und Oranienburger Tor hin. Hier in einer der Querstrassen blieben sie vor
einem ansehnlichen Hause stehen, und der Major klopfte an ein Fenster des
Kellergeschosses, in dem Alles dunkel und still war. Aber er klopfte lange
vergeblich, Nichts rührte sich, nur ein heiserer Kinderhusten und ein stilles
Weinen drang von Zeit zu Zeit hervor und erfüllte jedes Mal die Dame mit
Schauern.
    »Mut, Marie, Du musst einige Augenblicke hier verweilen, das Weib in
offenbar nicht zu Hause, aber ich weiss, wo sie zu finden ist. Stelle Dich hier
in den Schatten des Türvorsprungs, gleich bin ich wieder bei Dir.«
    »Kann ich Dich nicht besser begleiten?«
    »Nein,« sagte er hart, »das ist Nichts für Dich!«
    Im Grunde war es freundlich von ihm gemeint, er wollte der Armen einen ihr
Mutterherz mit den bängsten Besorgnissen erfüllenden Anblick ersparen. Er
verliess sie darum rasch und ging um die nächste Ecke und rasch eine weitere
Querstrasse entlang, bis ihm aus dem Sousterrain eines kleinen Hauses in wüster
Lärmen, untermischt mit den Tönen einer Ziehharmonika und einer kratzenden
Geige, entgegenklang, welche eine beliebte Polka in überraschem Takt abspielten.
Es war eine jener Kneipen, wie es in den Vorstädten, ja selbst in den innern
Stadtteilen Berlins unter den zahllosen Kellerboutiken noch viele gibt, und
die von der Hefe des Volkes für ihre Festlichkeiten und Orgien benutzt werden,
ohne dass die Polizei dergleichen eben der Gelegenheitsursachen wegen gänzlich zu
verhindern vermag.
    In der Nähe fand der Major den Nachtwächter auf einer Türschwelle sitzen
und nach der Musik hinhorchen.
    »Da geht's lustig her, Herr; das Volk wird Einen bis zum Morgen in Atem
halten!«
    »Wollt Ihr ein Trinkgeld verdienen, Mann?«
    »Warum das nicht, Herr, der Magistrat bezahlt ohnehin knapp und hier hat
Jedermann seinen Hausschlüssel.«
    »So seht nach, ob in jener Kneipe sich eine Frau Müllendorfer befindet aus
der .... strasse, und bittet sie, einen Augenblick heraus zu kommen. Ich weiss,
sie geht häufig hierher.«
    »Ach, die Engelmacherin? versteht sich, ist die drinnen. Die ist Stammgast.«
    »Wie nennt Ihr sie?«
    »Nun, die Engelmacherin, Herr. In's Gesicht mag ich sie freilich nicht so
heissen, denn das Weibsstück hat eine gottvergessene Zunge, aber das ganze
Viertel kennt sie unter dem Namen und der Himmel weiss es, ich glaube, sie
verdient ihn. Die Charité da drüben liefert im Vergleich nicht so viel Leichen
zum Gottesacker, als die Müllendorfer; aber die Kinderhecke bei ihr wird nicht
leer.«
    Der Major schauderte und winkte stillschweigend den Wächter hinunter. Dieser
ging und als bald darauf der Tanz aufhörte, öffnete sich die Kellertür und ein
grosses Frauenzimmer keuchte die Stufen herauf und schaute sich mit einigen
lästerlichen Redensarten um, wer sie um diese Zeit wohl in ihrem Vergnügen
störe.
    Es war, wie erwähnt, eine Frau von grosser, ziemlich robuster Statur und
wohlgenährt, etwa vierzig Jahre alt. Sie war mit einem grünen Merinokleide und
darüber kreuzweis gebunden einem alten gelbseidenen Shawl, bekleidet, auf dem
Kopfe trug sie stark in Unordnung und schief sitzend eine Tüllhaube mit
hochrotem fliegendem Bande, doch hing das Haar unordentlich darunter her,
überhaupt hatte der ganze Anzug ein wüstes zerzaustes Ansehen. Dieser Charakter
sprach sich auch in dem Gesicht des Weibes aus, das gemein und sinnlich vom Tanz
und starken Getränken erhitzt, eine fast kupferne Farbe zeigte.
    »Tausend Schwerenot, wat is denn des für ene Jeschichte, des man nich e Mal
in der Nacht sein Bisken Vergnügen haben kann,« sagte das Weib in niederm
Dialekt, sich von der Stirn den Schweiss trocknend, »schreien die verfl .....
Beesters schon wieder, dass die Nachbarschaft rebellersch wird! - Na wart't, ich
will sie ...«
    Die ernste Stimme des Majors unterbrach ihr widriges Keifen.
    »Ich wollte Sie auf einen Augenblick sprechen, Frau Müllendorfer. Es ist
eine Dame bei mir, die Ihr Pflegekind zu sehen wünscht, und wir haben nur spät
am Abend Zeit, darum liess ich Sie von dem Ort herausrufen, wo Sie mir selbst
sagten, dass ich Sie in solchen Fällen finden würde.«
    Das Weib erkannte den Redner schnell und änderte im Nu ihr Benehmen zu einer
kriechenden Freundlichkeit, die um so widriger war, als sie dazwischen nicht
ganz den Rausch zu verbergen vermochte, der sie bereite halb erfasst hatte.
    »Ach, der gnädige Herr,« sagte sie mit einem tiefen Knix. »Bitte recht sehr,
ick stehe gleich zu Diensten. Glauben Sie ja nicht, dass ick den lieben Engel
drum vernachlässigt hätte, i Gott bewahre, der liegt gut eingepackt in seiner
Wiege ganz aparte von den andern. Sie wissen, gnädiger Herr, unsereins muss doch
auch manchmal en Vergnügen haben, wenn man so kümmerlich sich durch die Welt
schlägt, und die lange Guste, meine Nichte, hält heute Hochzeit, das S ..... hat
richtig noch Eenen erwischt.«
    So schwatzend, lief sie mit manchem Fehltritt neben dem Herrn her bis zu
ihrer Wohnung, wo der Major die zitternde Geliebte aus ihrem Versteck holte und
an seinen Arm nahm.
    »Vorsicht, Marie, ich bitte Dich und halte Dein Gesicht verhüllt. Du trägst
doch den Schleier unter dem Capuchon?«
    Sie presste, in Aufregung zitternd, bejahend seinen Arm.
    »Gleich, gnädige Frau, gleich sollen Sie das allerliebste Krabbelchen sehen.
Kommen Sie nur mich nach, ich will gleich Licht machen.«
    Die Frau hatte die Haustür aufgeschlossen und zog das Paar in den dunklen
Flur, von wo ein zweiter Eingang zu ihrer Kellerwohnung hinunterging. Nach
einigem Umhertappen und mehreren halbleisen, zwischen den höflichen Redensarten
gemurmelten Verwünschungen gelang es ihr, Licht zu machen. Der Major und die
junge Dame befanden sich in einem Keller, dessen vorderer Raum zum Grünzeug- und
Gemüse-Laden diente. Fässer, Bütten und Körbe standen in wüster Unordnung umher,
im Hintergrund einige zerbrochene Möbeln und ein grosser Waschkorb, aus dem jenes
Husten und Wimmern herkam. Die Dame wollte unwillkürlich dahin, doch das Weib
trat ihr mit der angezündeten Oellampe in den Weg.
    »Oh, nich dahin, gnädiges Madamken, das ist nur en armer Balg, die Mutter
ist en Dienstmädken, die sich gleich wieder vermieten musste. Es hat en Bisken
die Masern, und wenn des kleene Jeschöpf druf geht, na lieber Gott, es is ooch
keen so grosses Unglücke. Ick kriege bloss andertalb Dhaler für den Wurm alle
Monate und da is freilich nich viel zu machen.«
    »Mein Kind! mein Kind!«
    »Sein Sie ganz ruhig, Gnädige, darum hab' ick eben das Wurm hier abgesperrt,
dass er nur die andern nich ansticht. Kommen Sie hier herein - stossen Sie nich!«
    Sie öffnete eine Seitentür, die zu einer niedrigen, aber ziemlich
geräumigen Kellerstube führte, ganz im Geschmack dieser Klasse aufgeputzt. An
der gegenüber liegenden Wand stand ein grosses breites Himmelbett, in dem ein
etwa eilfjähriges Mädchen schlafend lag, die Tochter der Frau. Rechts zwischen
den Fenstern die Kommode mit den Gläsern und Kaffeetassen auf der aus bunten
Zeugcareaus genähten Decke, an der Hinterwand der Kleiderschrank und ein grosser,
bequemer und weichgepolsterter Sorgenstuhl vor dem Tisch. In der Ecke hinter der
Tür endlich war eine Art von Pritsche oder kurzem breitem Bett, mit alten
Decken, einigen schlechten Bettstücken und dergleichen gefüllt, und hier lagen,
als der Lichtschein darauf fiel, nicht weniger als fünf Kinder von dem zartesten
Alter von kaum einigen Wochen an bis zu etwa drei bis vier Jahren; dürftige
kleine Gesichtchen, denen das Elend und der Mangel an wahrer Pflege aus den
hohlen Augen und den magern nackten Gliederchen sah, als der Schein des Lichtes,
das ihre Versorgerin jetzt angezündet und auf den Tisch gestellt hatte, durch
die Schatten des niedern, dumpfen und ungesunden Gemaches auf sie fiel.
    Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz, rotbraun
gebeizt, deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren, als das allgemeine
Lager der unglücklichen Früchte leichtsinniger Stunden oder trauriger
Verhältnisse. Ein Rohrgeflecht mit alter Leinwand überzogen, überspannte das
Kopfende der Wiege.
    Auf diese, vom mütterlichen Instinkt getrieben, stürzte die junge Dame zu
und warf sich vor ihr auf die Kniee. Ein junges, etwa fünf Monate altes Kind mit
einem Engelgesichtchen lag schlafend darin. Der Major war ihr gefolgt, auch das
Weib mit der Lampe, deren Schein sie mit der Hand verhüllte, während sie ihn in
gemeiner Neugier immer so zu wenden suchte, dass er das Gesicht der durch Kapuze
und Schleier Verhüllten treffen sollte. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wir müssen einige Augenblicke in der Erzählung inne halten, um wenige Worte
dem traurigen Verhältnis im Allgemeinen zu widmen, das sie uns vorgeführt hat.
    Es gibt in Berlin eine ganze Klasse von Frauen der unteren Stände, die den
Namen »Haltefrauen« führen und ihren Lebensunterhalt dann finden, dass sie mit
obrigkeitlicher Genehmigung verlassene Kinder vom zartesten Alter, oft von ihrer
Geburt an, gegen ein Entgelt in Pflege nehmen. Diese Kinder sind entweder
solche, welche die Armenpflege der Commune die Pflicht hat, unterzubringen, oder
jene armen Geschöpfe, deren erstes Lächeln an die Welt mit Tränen begrüsst wird,
Kinder der Ueppigkeit, der Verführung, des Augenblicks, der Schuld und der
Liebe, - arme kleine Wesen, deren Dasein nach kurzem Rausch meist mit
unsäglicher Angst, mit unbeschreiblichen Schmerzen und Demütigungen erkauft
wird, - arme zarte Kinder, die von der Natur den gleichen heiligen Anspruch an
die Sorge und Pflege der Mutter haben, und von der bürgerlichen Gesellschaft
doch mit Gewalt von der Brust dieser Mutter gerissen werden zu einem Kampf -
sie, die Unmündigen, Kraftlosen - um Leben und Dasein mit der Barmherzigkeit
oder vielmehr der Unbarmherzigkeit und dem Eigennutz Fremder.
    Es ist unvermeidlich, - wir wollen nicht sagen natürlich, dass in einer Stadt
von fast einer halben Million Einwohnern, in der namentlich Massen junger
unverheirateter und noch heiratsunfähiger Personen zusammengedrängt sind, die
unehelichen Kinder sehr zahlreich sind. In Berlin die Schuld auf eines oder das
andere Geschlecht zu werfen, ist sehr schwer, die Verführung ist offenbar gross,
aber auch die Raffinerie von der anderen Seite war bei der früheren, jetzt
geänderten Gesetzgebung ein förmliches Gewerbe. Dennoch liess sich noch immer zur
Ehre der menschlichen Gesellschaft und der allgemeinen Moralität annehmen, dass
mindestens die Hälfte dieser armen unschuldigen Wesen die Frucht unbewachter
wirklicher Neigung und schwacher, nicht grade verbrecherischer Stunden ist. - In
vielen Fällen erlauben es, ist das Unglück geschehen, die Verhältnisse und
Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft nun einmal nicht, dass die armen
Kleinen die Pflege der Mütter geniessen. Gehören diese den höheren Ständen, - und
der Fall ist hier öfter, als die Welt erfährt, - so suchen sie eben den
geschehenen Fehltritt aus alle Weise zu verbergen und das Kind von seiner Geburt
an ausser dem Kreise ihres gewöhnlichen Lebens zu halten. Gehören sie den unteren
Klassen, Nähterinnen, Dienstmädchen, die von ihrer Hände Arbeit leben, denen die
Zeit das tägliche Brot ist, so sind diese schon um ihrer selbst und des Kindes
willen gezwungen, dasselbe sofort in fremde Hände zu geben, um nur möglichst
schnell zum Erwerb wieder zurückkehren zu können.
    Wir haben bereits erwähnt, dass eine grosse Anzahl von Frauen sich mit der
Aufnahme und Haltung dieser Kinder beschäftigt. - Auch mit der Pflege - mit der
Aufziehung? -
    Es gibt unstreitig unter diesen Frauen viele brave, rechtliche, die ihre
Armut redlich mit den übernommenen Pfleglingen teilen, die nach besten Kräften
und Wissen ihre Pflichten lösen. Aber auch die Beste unter ihnen ist noch immer
keine Mutter, und führen wir die Sache auf die Grundidee zurück, so ist diese
doch immer die Speculation: jene Frauen wollen und müssen sich und ihre Familien
von diesen Pfleglingen ernähren. Was diesen entzogen wird, kommt ihnen zu Gute.
Haben sie - wie meist der Fall, - noch Nebenbeschäftigungen, so können sie sich
unmöglich so um die Kleinen kümmern, wie deren Wohlfahrt es verlangt; ist es
nicht der Fall, so leben sie eben speciell nur von ihnen, und die Vergütigungen,
die für den Unterhalt gezahlt werden - 3, ja bis 11/2 Taler monatlich, - sind
spärlich genug, um schon für die Bedürfnisse des Kindes nicht hinzureichen.
Kinder, für die über drei Taler gezahlt wird, werden schon als sogenannte
»fette Kinder« betrachtet und den Inhaberinnen viel beneidet.
    Ueber den Trunkenen und den Kindern wacht ein Engel, dass sie zu keinem
Schaden kommen! - so lautet das Sprüchwort und der Glauben des Volkes. Und in
Wahrheit wachen die Engel des Herrn über der Kinderwelt mit besonderem Schutz,
wie wäre es sonst möglich, dass auch nur der zehnte Teil jener Kleinen, die der
sorgfältigsten elterlichen Aufmerksamkeit geniessen, gross wüchse, wie viel mehr
jener Armen, die von ihrer Geburt aus dem Zufall, ja der Feindseligkeit Preis
gegeben sind.
    Die Kinder sind die Lieblinge Gottes!
    Doch die natürlichen Gesetze, nach denen Zeit und Leben geregelt sind, haben
ihren unveränderten Lauf. So ist denn die Zahl der Kinder auch, die aus Mangel
an Pflege und Liebe in ihrer zartesten Jugend zu Grunde gehen, nach den
statistischen Uebersichten der Todesfälle sehr bedeutend, wenn freilich auch die
wahre Ursache nur selten zu Tage kommt. Die Behörde tut das Mögliche, strenge
Instructionen schreiben den Haltefrauen vor, wie die armen Kleinen abzuwarten
sind, welche und wie viel Nahrung sie zu erhalten haben. Die Aufsicht der
Behörde selbst kann freilich nur eine geringe sein und hier kommt das
segensreiche Wirken mildtätiger Vereine zu Hilfe, die sich aus
menschenfreundlichen Frauen zu dem Zweck der Beaufsichtigung der Halte- und
Pflegekinder gebildet haben.
    Mit dem besten Willen, mit der grössten Aufopferung jedoch können auch diese
den Zweck nicht genügend erfüllen.
    Auch wenn die eigenen häuslichen Pflichten die fortwährende Controlle
erlauben, liegt in dieser selbst schon die Veranlassung, dagegen zu kämpfen. Wer
die menschliche Natur kennt, wird wissen, dass der Niedere jede Aufsicht, die der
Höhere über ihn übt, als ein Misstrauen, als einen Eingriff in seine natürlichen
Rechte, als eine Feindseligkeit betrachtet, geeignet, ihn zu verderben. Er wird
sie erschweren, sich ihr entziehen auf jede mögliche Weise und geht dies nicht,
sie täuschen. Wir brauchen die Nutzanwendung nicht zu machen.
    Trotz aller Vorsicht der Obrigkeit, trotz aller privaten Wohltätigkeit und
Menschenliebe, sind bei den gegenwärtigen Einrichtungen in Betreff der
Aufziehung verlassener und hilfsbedürftiger Säuglinge und Kinder
Scheusslichkeiten in Menge vorgekommen und kommen noch vor, die das Blut im
Herzen erstarren machen!
    Es ist bekannt in ganz Berlin, dass es unter den Frauen, die aus der Aufnahme
dieser Kinder ein Gewerbe machen, viele gab, die den Namen »Engelmacherin«
allgemein führten, weil - die Kinder, die ihnen übergeben wurden, nach kurzer
Zeit zu Engeln wurden, das heisst starben. Man konnte mit positiver Gewissheit
darauf rechnen, dass binnen kurzer Zeit die Kleinen todt waren. Diese Weiber
hatten förmlichen Ruf da, wo man sich eines unglücklichen Kindes entledigen
wollte.
    Sollen wir zur Schmach der menschlichen Gesellschaft glauben, dass es
wirklich Eltern gab, welche auf diesen Ruf speculirten? - - -
    Wir wollen einen Schleier darüber ziehen, und dennoch klingen uns Reden in
den Ohren, die - -
    Wahr aber ist, dass solche Weiber jahrelang ungestört ihr schändliches
Handwerk betrieben, dass sie sich - mit dem offenkundigen Ruf - jedem offiziellen
Verdachte, jeder Untersuchung und Bestrafung zu entziehen wussten. Wer bringt
Dergleichen zur Anzeige, wer beschwert sich über den Hungertod eines armen
namenlosen Kindes? - Die Eltern, denen es eine Last, die es zu der Engelmacherin
brachten?
    Aerzte und Sachverständige haben uns schaurige Fälle in die ser Beziehung
mitgeteilt. - Eine einzige dieser grauen machte in nicht vollen neun Monaten
»sieben Engel.«
    In neuester Zeit ist die Sache vielfach von den Aerzten wieder angeregt
worden, ihr Einschreiten, ihre Denunciationen haben die Teilnahme auf's Neue
darauf hingewandt und gezeigt, dass eben noch immer Entsetzliches auf diesem
Gebiete zu beklagen ist.
    Ein Criminalprozess, der ganz kürzlich gegen eine dieser Haltefrauen
verhandelt worden, hat einen tiefen schrecklichen Einblick in die Rohheit
solcher Charactere, in das furchtbare Elend und die entsetzlichen Qualen
gewährt, denen mitunter die armen hilflosen Wesen ausgesetzt sind. Das
Obductionsprotokoll über den Befund einer solchen ausgegrabenen Kinderleiche war
wahrhaft haarsträubend. Zu den äusseren Misshandlungen, die den zum Scelett
abgemagerten Körper in ihren Spuren bedeckten, war der förmliche Hungertod, der
Tod wegen Entziehung der nötigen Nahrung und ungenügender Beschaffenheit
derselben constatirt.
    Welche Leiden muss das arme kleine hilflose Wesen ausgestanden haben? Wie
viele mögen ihm vorangegangen sein?
    Die Kindesmörderin, welche die unglückliche Tat im Wahnsinn der Erregung,
der Angst, im unzurechnungsfähigen Augenblick vollbracht, muss sie büssen mit
langjähriger schwerer Zuchtausstrafe.
    Für den überlegten langsamen Mord der Engelmacherinnen hat das Gesetz nur
verhältnismässig eine sehr geringe Strafe.
    Wir schreiben diese Betrachtung in einer Zeit, wo die Teurung überhand
genommen, wo die Preise fast aller Lebensmittel sich verdoppelt haben. Die
Pflegegelder sind dieselben niedern geblieben - muss da nicht selbst bei
redlichem Willen die eigene Not den Pfleglingen das Nötigste beschneiden? Wie
viel mehr wird es von den Herzlosen geschehen, die kein Gewissen haben für die,
deren einzige Klage nur das dumpfe Wimmern des Elends, des Hungers ist!
    Wäre es nicht möglich, diese armen, von ihrer Geburt verstossenen hilflosen
Geschöpfe zu schützen, ihre Mütter in eine Lage zu bringen, in der sie den
begangenen Fehltritt leichter verbergen, in der sie die Existenz ihres Kindes
sichern können?
    Die Säuglingskrippen tun unendlich viel Gutes und sind schützende Engel für
viele Kinder. Aber sie schlitzen eben nur das eheliche Kind des Armen vor den
Gefahren, denen es die Verhältnisse der Familie aussetzen.
    Wir meinen das: Findelhaus!
    Warum scheut man sich in Berlin so vor diesem Wort und vor dieser offenbar
menschenfreundlichen Einrichtung?
    Wir haben gehört, dass bedeutende Summen und Vermächtnisse für die Gründung
einer solchen Einrichtung seit vielen Jahren vorhanden sind, dass aber deren
Ausführung an einer gegengefassten Meinung noch immer gescheitert ist. Man glaubt
in der Gründung des Findelhauses eine Beförderung der Unmoralität zu sehen, die
einer christlichen Regierung nicht geziemt.
    Es ist dies ein tiefer und hoher Grund, und wir verkennen keineswegs seine
religiöse Bedeutung, wie seine materielle Wahrheit.
    Die Leichtigkeit, sich der Last des Kindes zu entledigen, wird Viele dazu
führen, sich der heiligen Pflicht zu entziehen.
    Aber ist bei solchen Müttern das Findelhaus für die Neugebornen nicht die
Rettung?
    Giebt es nicht das Gewissen?
    Giebt es nicht die öffentliche Meinung, die selbst in ihrer Ausartung, in
der Klatschsucht, den Nächsten und seine Handlungen bewacht?
    Man hat sich zu etwas weit weniger Gerechtfertigtem, weit Unmoralischerem,
Unchristlicherem entschliessen müssen. Man hat dem Tierischen in der
menschlichen Natur die Concession gemacht, die Bordelle wieder zu eröffnen. Nach
unserer Meinung sind diese in ihrer jetzigen Einrichtung nur Beförderungsmittel
der Liederlichkeit und der Vergeudung und stiften keineswegs den sanitätlichen
Nutzen, den man von ihnen erwartet und rühmt. Der bessere Gesundheitszustand der
Hauptstadt, die Beschränkung der Syphilis ist durch die zugleich eingetretene
schärfere Aufsicht der Behörde auf gewisse Zustände der bürgerlichen
Gesellschaft, durch die Aufhebung der Kneipenmamsells, der zuchtlosesten
Prostitution, durch die Beschränkung der vagabondirenden Liederlichkeit,
keinesweges durch die Bordelle herbeigeführt, über deren Verwerflichkeit wir mit
den stärksten Eiferern vollkommen einverstanden sind.
    Welche Aehnlichkeit aber hat das Findelhaus mit diesen Oertern der Schande,
die man doch geglaubt hat, den Uebelständen einer grossen Stadt schuldig zu sein?
    Das Findelhaus ist eine Anstalt der Barmherzigkeit, die die Schuldlosen vor
den Folgen der Schuld rettet.
    Sollte man deswegen die Rettungseinrichtungen gegen Feuersgefahr nicht
schaffen und vervollkommnen, Versicherungsanstalten nicht gründen, weil man
fürchtet, die Leute werden nun weit weniger vorsichtig mit Feuer und Licht
umgehen, indem sie wissen, dass bei einem Unglück sie doch nicht so leicht
verloren sind?
    Die hundert wohltätigen und barmherzigen Anstalten der Versorgung von
Kranken, Schwachen, Greisen und Armen, die Waisenhäuser und Erziehungsinstitute
für die der Eltern Beraubten - sind sie etwas Anderes als Findelhäuser für die
Unglücklichen und Hilfsbedürftigen?
    Das Findelhaus ist die Waisenanstalt der Säuglinge!
    Wir wollen die endliche Einrichtung nicht im Interesse der Mütter für ein
gutes erhabenes Werk empfehlen - obschon auch hier die Schwäche der menschlichen
Natur viel Berechtigung hätte, obschon gar manche Rettung damit vollbracht, gar
manches Verbrechen verhindert würde; nein - wir mahnen daran im Interesse der
unschuldigen hilflosen Kinder, für die keine andere noch so sorgsame Einrichtung
diese Anstalt der Barmherzigkeit und des Schutzes ersetzen kann.
    In Paris, Wien, London, fast in allen grossen Städten bestehen längst solche
Anstalten und haben sich überall als segensreich und gut bewährt. Auch Berlin
zählt seit Kurzem eine ähnliche, private, und die Unterstützung der Behörden,
deren sie sich zu erfreuen hat, zeigt, wie sehr man die Zweckmässigkeit derselben
anerkennt. Aber sie ist eben nur für die Fehler der Wohlhabenden und kann nicht
den erhabenen Charakter tragen, den ein öffentliches Institut der Barmherzigkeit
haben würde. -
    Berlin besitzt gegenwärtig an der Spitze der entsprechenden Behörde einen
Mann von scharfer durchdringender Einsicht für gesellschaftliche Uebelstände und
einem Organisationstalent, wie uns kein zweites je bekannt geworden. Energie
vereint sich in ihm mit Eifer und Hingebung, und er besitzt die Macht in dem
höchsten Vertrauen, das ihm geworden. Berlin und der Staat verdanken ihm bereite
Einrichtungen, die seinem Wirken dauernde Anerkennung sichern werden, welche
Hindernisse auch Unverstand und philiströser Schlendrian seinem Schaffen
entgegenstellen. Das Gute und Zweckmässige bricht sich noch immer seine Bahn.
Sollte der hohe Beamte, den wir meinen, nicht auch seinen scharfen Blick, seine
Tatkraft auf diese Einrichtung wenden wollen? Indem er die Gründung eines
solchen Hauses der Barmherzigkeit gegen die seit langen Jahren ihm
entgegenstehenden Hindernisse durchsetzte, würde er sich ein Denkmal schaffen,
das seinem Namen hundertfachen Segen gebeugter Herzen und jener Hilflosen
sichern würde, von denen Christus gesagt hat: Lasset sie zu mir kommen, denn
ihrer ist das Himmelreich!
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    Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bettchen und presste es an
ihre Brust.
    »Sehen Sie nur, Gnädige, was der Kleine für Bäckschen hat, rot wie
Aepfelchen. Ja, ja, die Kinder haben's bei der Müllerdorfern gut. Schöne Nahrung
und Reinlichkeit. Ick sage Ihnen, es geht Nichts über die Reinlichkeit.«
    Sie hätschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind, obschon die Mutter,
die sich damit auf einen Stuhl gesetzt, sich ekelnd vor dem Branntweinodem
abwandte, den das Weib ausströmte. Davon erwachte das Kind, schlug die Augen auf
und fing an zu schreien. Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die andern,
die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen.
    »Werdet Ihr still sein, Ihr Bälger! Wart', das ist der Schreihals, die Mine
- das Ding ist drei Jahr und wie ein Einjähriges. Na wart', lasst mich hinkommen.
- Entschuldigen Sie, Gnädige, es sind nur gewöhnlicher Leute Kinder und eene
Magistrats-Waisenkrabbe. Ick werde sie aber gleich zur Ruhe bringen.«
    Damit nahm sie vom Tisch eine grosse Saugflasche, die mit Milch gefüllt
schien, und hielt sie den jüngsten Kindern vor, die begierig daran sogen und
sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen. Weder der Major, noch die mit ihrem
Kinde zärtlich beschäftigte Dame bemerkten die Stösse und Knüffe, welche die
beiden grösseren der erwachten Kinder von dem Weibe erhielten und wie sie sich
heimlich wieder in Schlaf weinten.
    Die junge Mutter ging mit dem beruhigten Kleinen durch die Stube auf und
nieder und legte es dann zurück in sein Bettechen. Zufällig siel ihr Auge auf
die Milchflasche, und ehe es noch die Frau hindern konnte, nahm sie dieselbe in
die Hand, zog den Pfropfen heraus und goss einige Tropfen aus die Hand. Ein
widerwärtiger Dunst quoll ihr aus der geöffneten Flasche entgegen, wie von
saurer verdorbener Milch, mit scharfem Alkohol geschwängert.
    »Um Gott, Frau, was haben Sie da? was ist das für Milch? Ferdinand, ich
bitte Dich!«
    Der Major nahm ihr die Flasche aus der Hand und probirte einige Tropfen.
    »Da ist ja Branntwein darunter, Frau!?«
    »Nu freilich, een Tröpschen; was schad'ts denn? die Kinder schlafen dann
desto besser. Es ist halt nur für die Nachtruh'.«
    »Aber Frau, Sie werden doch einem kaum entwöhnten Säugling nicht das
schändliche Getränk geben?«
    »I Gott bewahre, Gnädige, das ist nur da für die gemeinen Krabben, die sonst
gar nicht stille zu kriegen sind. Das Engelchen schläft ganz von selber und
kriegt die allerfrischeste Milch, wie sie nur der Charlottenburger Milchmann
früh bringt. Der Kleine könnt's bei Ihnen selber nicht so gut haben, wie bei
mir.«
    Die Verlegenheit des Weibes, das rote Gesicht des Kindes hätten freilich
bei einer erfahrenen Mutter böse Zweifel gegen die Ableugnung erweckt. Die junge
Dame warf sich in die Arme des Mannes.
    »Führe mich fort, Ferdinand; diese Lust, dies Alles erstickt mich. O, wie
bin ich so gränzenlos unglücklich!«
    Der Major gab der Frau Geld und befahl ihr auf das Strengste an, dem Kinde
nur die reinste Nahrung zu reichen, und sagte, dass er alle Woche einen Arzt
hierher senden werde, um sich von dem Zustande desselben zu überzeugen. Das Weib
beteuerte und versprach alles Mögliche, und geleitete so das Paar durch den
Hausflur zurück auf die Strasse. Dam - allein - schlug sie verächtlich ein
Schnippchen hinter ihnen drein, steckte dem Kinde in der Wiege wie zum Trotz die
entsetzliche Flasche in den Mund, und als sie den nächtlichen Besuch weit genug
entfernt glaubte, löschte sie rasch die Lampe und eilte auf's Neue zu ihrem
Gelage, ohne das kranke wimmernde Kind im Vorderkeller auch nur eines Gedankens
zu würdigen. -
    Leise weinend schritt indes die junge Mutter neben dem Major her, der
vergeblich sie zu beruhigen und zu trösten suchte.
    »Du hast es selbst gewollt, Marie; das Kind war auf dem Lande gut aufgehoben
bei der armen Frau, aber Du bestandest darauf, es in Deiner Nähe zu haben, um es
wenigstens hin und wieder sehen zu können. Ich habe mich nach verschiedenen
Haltefrauen erkundigt, aber man rühmte mir diese immer noch als eine der
zuverlässigeren. Bei vielen andern waren wir auch weniger vor Entdeckung sicher.
Ueberdies bürgt uns der eigene Vorteil dieser Person dafür, dass sie dem Kinde
die möglichste Sorgfalt widmet; Du hörtest selbst, dass es ihr bestes ist. An
andern Orten ist es vielleicht noch schlimmer aufgehoben.«
    Aller Trost nutzte Nichts; er musste ihr versprechen, sobald als möglich für
das Kind einen andern bessern Ort zu ermitteln, es wieder auf das Land
zurückzubringen, indem sie lieber darauf verzichten wolle, es zu sehen. Der
Major versprach Alles, nur um die Erregte zu beruhigen. So brachte er sie wieder
zurück zu dem Garten und nach weiteren Verabredungen für die nächste
Zusammenkunft, wozu Gelegenheit ihnen durch die obwaltenden Verhältnisse nur
sehr selten gegönnt war, bis zu dem Hause.
    »Und nun leb' wohl, Marie, sei stark und mutig, wir werden sicher noch alle
Hindernisse besiegen; vertraue auf meine Kraft, nur mache Dich los von den
Vorurteilen, die Dich noch mit hundert Banden gefesselt halten. - Zum Henker,«
unterbrach er sich, indem er mit der Hand im Epheugeländer umhersuchte, »wo
steckt denn die Leiter?«
    »Sie wird nicht nötig sein,« sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen; »ich
werde die Comtesse, meine Tochter, auf einem passenderen Wege nach ihrem Zimmer
geleiten.«
    Das Paar fuhr wie vom Blitzstrahl getroffen auseinander. Zwischen ihnen
stand ruhig und gemessen ein grosser stattlicher Mann mit breiter Brust und
grauen Haaren. Das Sternenlicht der Sommernacht liess freilich die Züge nicht
erkennen, aber Jedes der Beiden wusste, wen es vor sich hatte.
    Der Major fasste sich alsbald, während die junge Dame halb ohnmächtig an der
Wand lehnte.
    »Herr Graf,« sagte er, »es ist eine peinliche Situation, in der ich Ihnen in
diesem Augenblick gegenüberstehen muss. Erlauben Sie, dass ich Ihnen morgen früh
eine Rechtfertigung gebe, wie sie unter Männern von Ehre nötig ist.«
    »Bemühen Sie sich nicht, mein Herr - der Zufall und Schlaflosigkeit haben
mich hinter die nächtlichen Promenaden dieser jungen Dame gebracht, und ich
werde sie künftig zu verhindern wissen, eben so wie alle unpassenden
Liebschaften. Weiter weiss ich Nichts und will Nichts wissen. Gute Nacht, mein
Herr.«
    »Herr Graf, ich bitte Sie - hören Sie mich an ...«
    »Mein Herr, zwingen Sie mich nicht, die Bedienten durch meinen Ruf zu
wecken. Mit Leuten Ihrer Art und Ihrer Gesinnung hat ein Edelmann von
unbeflecktem Namen Nichts zu tun. Ich sollte meinen, zum galanten Verführer
wären Sie doch schon zu alt. Es ist also die Speculation! - Dieser Garten aber
und dieses leichtsinnige Mädchen sind noch mein Eigentum, und Gott sei Dank
gelten hier noch nicht die Gesetze der Herren Communisten und Weltverbesserer. -
Entfernen Sie sich, ich befehle es, und lassen Sie sich nicht wieder in dieser
Umgebung blicken.«
    Er fasste die Comtesse hart am Arm und führte sie fort nach dem Hofraum. -
Der Major schlug sich wild vor die Stirn und drohete mit der Faust nach dem
Hause. Dann ging er rasch in die Büsche des Gartens.
    Zur selben Zeit ungefähr, als der Fremde, den wir unter dem Titel »Major«
nach der Bezeichnung auf seiner Visitenkarte eingeführt haben, die spanische
Tänzerin verliess, fand eine andere für das Schicksal Europa's und den Gang
unserer Darstellung bedeutsamere Unterredung statt.
    In dem grossen Empfangzimmer eines Hotels der sogenannten Diplomatenstrasse
von Berlin sass an dem Tisch ein Mann von einigen fünfzig Jahren und ziemlich
kleiner, wenig auffallender Statur mit legerer, leicht gebeugter Haltung, in
einem geschriebenen Memoire lesend und zuweilen mit dem Bleistift einzelne
Stellen darin bezeichnend. In dem ziemlich faltenreichen, fast viereckigen
Gesicht lag eine gewisse Letargie, dabei ein Ausdruck von vieler Gutmütigkeit,
doch zuweilen flog es über die Züge, als sässe leiser jovialer Spott darin, wie
der Schalk im Nacken. Die hohe volle Stirn verkündete den ruhigen Denker und
Beobachter. Das Merkwürdigste an dem Kopf waren die Augen eben in ihrer
Verborgenheit. Unter matt, fast schläfrig gehobenen Augenlidern, mit häufigem
Zwinkern, gleich als könnten sie das Licht nicht vertragen, oder wären
angegriffen von dem Staub der Aktenstube, verschwänden sie fast ganz hinter der
Brille, als wollten sie unter dem Schutz der Gläser nur beobachten und wieder
beobachten. Es lag über der ganzen Persönlichkeit eine unendliche Ruhe, ein
Zusehen, ein Abwarten, eine Zähigkeit, die einen vollendeten, in sich
abgeschlossenen Charakter bildeten.
    In der Tat entsprach das bedeutsame öffentliche Leben und in Preussens
Geschichte so wichtige Wirken des Mannes ganz seiner Persönlichkeit. Es war der
Fabius cunctator der modernen Politik und Diplomatie, jener Staatsmann, dessen
merkwürdigen zähen Eigenschaften und unverwüstlicher Ruhe unterm Schutz seines
erhabenen Monarchen Preussen seit fünf Jahren die glückliche Leitung seines
Staatsschiffes durch eine Unzahl von Klippen und Brandungen und die
schwierigsten innern und äussern Situationen verdankt. Nicht mit jener eisernen
Consequenz erhabener Charactere, aber mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die
zuletzt immer ihren Weg macht, wenn sie auch im Augenblick biegsam und
nachgebend erscheint, verfolgte seine Politik ihr Ziel. Von allen Parteien
angefeindet, von Oben und Unten angegriffen, zahllose Anfeindungen und wenn
nicht Niederlagen, so doch Triumphe seiner Gegner erleidend, ist er der Erste,
welcher sie anerkennt und seinen Rückzug nimmt, und dennoch hat er am Schluss
noch immer seine Zwecke erreicht, seine Feinde und Freunde aus dem Felde
gedrängt und seine - wir wollen nicht sagen »Macht« - aber seine Nützlichkeit
und Unentbehrlichkeit befestigt. Wenn auch nicht ohne Vorurteile, so doch ohne
Leidenschaften ist er unbedingt der glücklichste und an Erfolgen reichste
Diplomat seiner Feit, und wäre wahrscheinlich ihr grösster Staatsmann, wenn er zu
seinen Eigenschaften noch das eigentümliche Talent grosser Männer zählte:
raschen und glücklichen Scharfblick in Beurteilung und Wahl der Personen und
deshalb stets gut bedient zu sein.
    Der im Vorzimmer Wache haltende alte Kanzleidiener öffnete jetzt die Tür
und meldete leise einen Besuch. Der hohe Beamte verliess seinen Sessel, drehte
vorsichtig die Lampe auf dem Tisch um, so dass ihr Licht jetzt nach dem Sopha
fiel, und ging dem Eintretenden bis an die Tür entgegen, die er sorgfältig
hinter ihm schloss.
    »Nehmen Sie Platz Herr Baron! ich habe Ihr Billet heute Mittag erhalten und
Sie erwartet. Wir werden ungestört sein.«
    Der Eingetretene war eine hohe schlanke Gestalt mit blassem feinem Gesicht
und auffallend breitgewölbter Stirn, in der Mitte der dreissiger Jahre. Er sprach
das Deutsch langsam, sein und ruhig, nur wenn die Unterhaltung lebhafter wurde
oder es ihm auf eine subtile Wendung anzukommen schien, bediente er sich im
Gespräch der französischen Sprache.
    »Euer Excellenz sind sehr freundlich,« sagte er, indem er auf die Einladung
des Wirtes auf dem Sopha Platz nahm. »Erlauben Sie, dass ich nochmals erwähne -
um jeden Zweifel über den Character unserer Unterredung zu beseitigen, - dass ich
dieselbe von Euer Excellenz nur als eine private und persönliche erbeten habe,
um Ihre Ansichten und Ihren Rat zu hören, bevor ich morgen die Ehre habe, Ihnen
offiziell die neueste von meinem Kabinet eingetroffene Note zu überreichen.«
    »Unsere Unterredung soll also bloss eine rein private, bedeutungslose sein,
von der ich Seiner Majestät dem Könige keinen Bericht zu erstatten brauche?«
    Der Andere zögerte.
    »Das nicht ganz, - Sie missverstehen mich, Exzellenz. Ich wünsche Ihnen auch
- nicht offiziell - aber unter der Hand - einige Mitteilungen und Vorschläge zu
machen, deren weitere amtliche Kundgebung natürlich von Ihrem Entgegenkommen
abhängen würde. Auch bin ich beauftragt, in gleicher Weise die Ansichten Ihres
Gouvernements über gewisse Eventualitäten der Zukunst zu erfragen.«
    Ein leises diplomatisches Lächeln glitt über das Gesicht des Kleinen.
    »Da Sie unserer Unterredung weder einen offiziellen, noch rein
unterhaltenden Character zugestehen wollen, Herr Baron, so müssen wir sie
vielleicht eine offiziöse nennen. Das ist ja wohl der Ausdruck, den die Neue
Preussische Zeitung, Ihre Freundin, dafür erfunden hat.«
    Der Baron verbeugte sich zustimmend.
    »Gestatten mir Euer Excellenz zunächst einen kurzen Rückblick auf die
letzten diplomatischen Verhandlungen, der uns um so rascher auf den zu nehmenden
Standpunkt führen wird, als Euer Excellenz gewiss bereits wissen oder vermutet
haben, dass die Note, welche ich morgen die Ehre haben werde, Ihnen zu
überreichen, die Antwort des Herrn Reichskanzlers auf die alle Chancen der
friedlichen Ausgleichung auf's Neue bedrohenden Amendationen des Divans zu der
vereinbarten und unsererseits angenommenen Note der wiener Conferenz entält.«
    »Ich bin mit dieser Art der Verhandlung ganz einverstanden, Herr Baron, und
bitte Sie, bis auf den beklagenswerten, und auch von Seiner Majestät dem Könige
tief bedauerten Schritt des Einmarsches Ihrer Armee in die Donaufürstentümer am
3. Juli zurückzugehen. Sie kennen bereits meine Ansicht, dass dieser Schritt, zu
dem sich Ihre Regierung hat hinreissen lassen, mir keineswegs durch die
bestehenden Verträge gerechtfertigt scheint, und dass ich in ihm das Hindernis
aller gütlichen Ausgleichung und die notwendige Ursache kriegerischer
Verwickelungen sehe.«
    »Aber, mein Gott, was wollen Sie, das geschehen soll? Eine Macht wie Russland
konnte sich doch von einem so untergeordneten lebensunfähigen Staat wie die
Türkei in ihren gerechten Forderungen nicht Trotz bieten und die gemachte
Androhung unausgeführt lassen? Und nun, da die Besetzung geschehen, wird der
Kaiser, mein Herr, doch unmöglich seiner politischen Ehre so viel vergeben, um
seine Truppen den Rückzug antreten zu lassen, ohne dass die Gewähr seiner
Forderungen gesichert ist? - Die geringe Zahl der Truppen, welche den Prut
überschritten haben, bürgt Europa dafür, dass es sich nur um eine Pfandnahme,
nicht um ein militairisches Vorgehen gegen die Türkei handelt.«
    »Sie vergessen, Herr Baron, dass die politische Ehre eine Sache ist, die sehr
vielfacher Deutung unterliegt. Vielleicht erinnern Sie sich, dass Preussen, von
dem Sie jetzt die Unmöglichkeit einer solchen Anschauung verlangen, vor nicht
langer Zeit in der Lage war, auf den dringenden Rat einer befreundeten Macht, -
ich will es nicht anders nennen - in, seine innern deutschen Interessen
betreffenden, Streitigkeiten zwei Mal einen militairischen Rückzug aus seinen
avancirten Stellungen nehmen zu müssen. Ich meine Schleswig-Holstein und Cassel,
und wenn ich nicht sehr irre, wurde uns hier auf der nämlichen Stelle klar
gemacht, dass die politische Ehre durch ein solches Rückgehen keineswegs eine
Einbusse erleiden könne.«
    Der Baron errötete stark, antwortete jedoch nicht auf den Fechterstreich,
den er erlitten, sondern nahm sofort die Darstellung der diplomatischen
Verhandlungen auf.
    »Die Pfandnahme der Donaufürstentümer hatte in Constantinopel einen
Aufstand der Kriegspartei und die kurze Aenderung des Ministeriums Reschid zur
Folge, ein Beweis, wie wenig die alttürkische - im Stillen immer herrschende -
Partei zu einer billigen Nachgiebigkeit geneigt ist. Die Vermittelung der
Gesandten bei Seiner Hoheit dem Sultan hat zwar die sofortige Wiedereinsetzung
des Grossveziers und Reschid Pascha's zur Folge gehabt, indes glaube ich, dass es
den Vertretern von Frankreich und England mehr darum zu tun gewesen ist, den
gesicherten Einfluss sich zu bewahren, als den Krieg zu verhindern; denn wir
wissen sehr wohl, dass das Kabinet der Tuilerien bereits unterm 13. Juli das
englische Gouvernement aufgefordert hat, sich über das weitere Agiren der
Flotten zu verständigen, wenn die Vermittelung nicht zu Stande käme. Dahin zielt
auch die Note der französischen Regierung vom 15., welche uns das Recht der
Besetzung streitig macht, und der Pforte daraus dasjenige vindicirt, den beiden
Mächten die Passage der Dardanellen zu gestatten. Auch das englische Kabinet
antwortete in gleicher Weise unserer Circular-Depesche vom 2. Juli. Während
hierauf die Gesandten der vier Grossmächte in Constantinopel darüber
verhandelten, den Protest der Pforte gegen unser Einrücken in die Fürstentümer
uns mundrecht zu machen, und die Pforte den von Lord Stratfort redigirten
Noten-Entwurf am 23. Juli annahm, hatte am selben Tage der Minister des
Auswärtigen in Wien, Graf Buol, die Repräsentanten Preussens, Englands und
Frankreichs bei sich vereinigt, um in Wien selbst einen Ausgleichungsvorschlag
zu vereinbaren, dem die frühere französische Note zur Grundlage diente.«
    »Es war ein unglückliches Zusammentreffen, dass beide Vorschläge gleichzeitig
concurrirten.«
    »So sehe auch ich es an, Excellenz. Graf Buol fügte der französischen Note
zwei Verbesserungen bei, deren eine die Erklärung der Pforte entält, den
Vertrag von Kainardji treu beobachten zu wollen. Der englische Gesandte setzte
hierbei die unnütze Aenderung durch, dass dem ganz klar lautenden Vertrage von
Kainardji von uns nicht eine beliebige Auslegung gegeben werden dürfe.«
    »Ich weiss nicht, Herr Baron, ob diese Einschaltung so unnötig war,«
unterbrach ihn der Minister; »wenigstens hat die Folge gezeigt, dass gerade die
Auslegung den streitigen Punkt abgab. Jedenfalls war das preussische Gouvernement
ganz mit dem Vorschlage des Herrn Grafen Buol einverstanden, den unterdess von
Constantinopel eingegangenen Noten-Entwurf zurückzubehalten und den der wiener
Konferenz zur Annahme zu empfehlen.«
    »Die Feststellung desselben erfolgte am 31.; Oberst von Ruff ging mit einem
eigenhändigen Schreiben Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph nach
Constantinopel, um dem Sultan die Annahme des Vermittelungsvorschlages auf das
Dringendste zu empfehlen, und die Regierungen von England, Frankreich und
Preussen - wir wollen vorläufig an die Aufrichtigkeit der beiden ersten glauben -
instruirten ihre Gesandten bei beiden Kabineten, alle Bemühungen darauf zu
richten, dass die Note acceptirt werde.«
    »Graf Nesselrode benachrichtigte bereits am 3. August unsern Gesandten in
Wien, dass Seine Majestät der Kaiser die wiener Note angenommen habe, und die
Depesche vom 6. brachte die ausführliche Erklärung über diese Annahme unter der
Voraussetzung, dass die Pforte sie auch unverändert acceptire. Wenn nicht, konnte
sich Russland, das sich der Annahme nur zur Beschwichtigung der Besorgnisse
Europa's unterworfen hatte, nicht weiter für gebunden halten. Sie werden mir
zugestehen, Exzellenz, dass hier die Sachlage und die Verpflichtung ganz einfach
und klar ist. Die vier Grossmächte stellen - unabhängig von den streitenden
Parteien - die für den Frieden Europa's und die Lösung des Zwistes von ihnen
notwendig gehaltenen Punkte eines Abkommens fest. Russland acceptirt dieselben
ohne Abänderung und fügt sich dadurch dem Beschluss seiner bisherigen
Verbündeten. Diesen fällt hierdurch die ganz natürliche Verpflichtung anheim,
auch nach der andern Seite hin die Unveränderlichkeit ihres eigenen Werkes zu
vertreten.«
    »Das ist richtig, Herr Baron; es ist nur zu bedauern, dass während der
Verhandlungen Russland die Pforte auf's Neue durch Massregeln reizte, die man
höchstens in einem feindlichen eroberten Lande anwendet. Ich meine den Befehl
Ihres Oberkommandirenden in den Fürstentümern an die Hospodaren, die Verbindung
mit Constantinopel und ihrem rechtmässigen Souverain abzubrechen und den Tribut
zurückzubehalten.«
    »Ich glaube, dass dies Zwischenfälle sind, die auf die allgemeine politische
Rechtsfrage keinen Einfluss haben. - Am 11. August traf die Nachricht in
Constantinopel ein, dass Russland die Wiener Note angenommen habe. Hier,
Excellenz, - ich rede nicht von Preussen - scheint mir die Aufrichtigkeit der
vermittelnden Mächte ihr Ende zu haben.«
    »Ich verstehe Sie nicht, Herr Baron. Nach dem Bericht unseres Gesandten in
Constantinopel hat Lord Stratford am 13. eine Conferenz mit Reschid Pascha
gehabt, in welcher er dringend von diesem verlangte, den Vorschlag der vier
Mächte sich zu eigen zu machen, obschon derselbe erklärte, es seien mehrere
bedenkliche Punkte darin, die sich der Annahme entgegen stellen würden. Am 14.
wurde der Vorschlag vor den türkischen Ministerrat gebracht und verworfen,
selbst wenn er amendirt würde. Lord Stratford, die nochmalige Ablehnung zu
vermeiden, sandte bei dem auf's Neue am 15. gehaltenen Ministerrat einen
Vorschlag an Reschid, die Pforte solle die Note annehmen, indem sie sich
reservire, zu ihren Gunsten die bedenklichen Stellen auszulegen und ihre
Interpretation der Beistimmung der vier Mächte unterbreite, die so den Sinn der
wiener Note sicherstellen würden. Der Vorschlag wurde nach vieler Mühe
angenommen.«
    »Aber diese Amendationen geben dem ganzen wiener Entwurf eine neue Fassung.«
    »Das ich nicht wüsste, Herr Baron. Die Bedenken der Pforte gründen sich auf
drei Punkte. Zunächst soll der Passus über die tätige Sorgfalt des Kaisers von
Russland für die griechischen Christen in der Türkei zu der Auslegung Raum geben,
als ob die Sultane nur in Folge dieser tätigen Sorgfalt der griechischen Kirche
Rechte und Freiheiten gegeben hätten, und damit Russland einen Vorwand zur
weiteren Einmischung bieten. Danach glaubt die Pforte, dass der Passus über den
Vertrag von Kutschuk-Kainardji die Fragen in Betreff der religiösen Privilegien
in einer Weise hineinmenge, die durch jenen Vertrag gar nicht erfordert werde
und die Souverainetät der Pforte bedrohe. - Endlich verlangt die Pforte, dass in
dem Passus über die Gleichstellung der griechischen Kirche mit den anderen Riten
ausdrücklich ausgesprochen werde: dass dies insoweit gemeint sei, als ihre
Untertanen zu diesen anderen Riten gehören. Mir scheint, Herr Baron, dass
namentlich die beiden letzten Verlaugen ganz gerechtfertigt sind.«
    »Aber das ändert die ganze Lage und Deutung unserer Forderung. Wir wollen
nicht die Gleichstellung der griechischen Christen mit dem Zustande anderer
christlicher Secten, die Untertanen des Sultans sind, was längst gesichert ist,
sondern mit den christlichen Culten unter fremdem Schutz, mit den christlichen
Untertanen fremder Mächte in der Türkei.«
    »Zu viel auf ein Mal zu erlangen, Herr Baron, möchte zunächst eine
gefährliche Sache sein. Mir scheint, dass eine solche Auslegung die
griechisch-christlichen Untertanen des Sultans zunächst unter ein Protektorat
Seiner Majestät des Kaisers von Russland dringen würde, das sie in facto aufhören
lässt, Untertanen der Pforte zu sein.«
    Der Andere schwieg, er fühlte, dass er sich eine voreilige Blösse gegeben
hatte.
    »Ueberdies,« fuhr sein Gegner fort, »sind die Verhältnisse der christlichen
Confessionen leider auch in anderen - in christlichen - Staaten noch immer nicht
so geregelt und befreit, dass man ganz berechtigt erscheint, einem
nichtchristlichen Souverain aus den obwaltenden Verhältnissen einen Vorwurf zu
machen. Ich beklage gewiss tief die Leiden der Christen in der Türkei, aber ich
weiss nicht, ob sie ärger sind, als z.B. die Verfolgungen der Katoliken und
Protestanten, welche man noch in der neuesten Zeit christlichen Staaten zum
Vorwurf gemacht hat, ohne dass eine Rechtfertigung erfolgt ist.«
    Der Diplomat biss sich auf die Lippen.
    »Euer Excellenz scheinen gegen die Redlichkeit unserer Absichten
eingenommen,« sagte er nach kurzer Pause. »Was ich vorhin von den Rechten der
griechisch-christlichen Untertanen der Pforte äusserte, ist natürlich nur das
wünschenswerte Ziel einer Emancipation der orientalischen Christenheit
überhaupt, welche zu erreichen doch wohl die Schlussaufgabe aller civilisirten
Staaten ist.«
    »Sie irren, Herr Baron, wenn Sie mir das geringste Vorurteil in dieser
Beziehung zuschreiben. Ich habe allerdings unter'm 28. vorigen Monats unseren
Gesandten in Petersburg dahin instruirt, auf alle Weise bei Ihrem Kabinet die
türkischen Vorschläge zu befürworten, aber nur weil ich darin durchaus keine
Beeinträchtigung Russlands sehen kann.«
    »Aber selbst Graf Buol hat offen diese Aenderungen der Pforte bedauert, da
sie unnütz und mehr Wortveränderungen sind. Ich muss Euer Excellenz darauf
aufmerksam machen, dass diese neuen Hindernisse weniger von der Pforte
ausgegangen, als von den beiden Vertretern Frankreichs und Englands im Stillen
angeregt und in den Weg geworfen worden sind. Wir sind auf das Beste
unterrichtet und wissen, dass Master Alison, der erste Secretair der englischen
Gesandtschaft, während dieser ganzen Verhandlungen in dem Hotel der Pforte sein
Büreau aufgeschlagen hatte und dem Divan die Antworten und Ausflüchte
ausarbeitete.«
    »Das weiss ich nicht,« sagte der Minister trocken, »meine geheime Polizei
erstreckt sich nicht bis Constantinopel.«
    »Der Beweis dafür ist die doppelseitige Stellung, die England und Frankreich
sofort angenommen haben. Letzteres drang bereits darauf, dass wenn unsere Armee
nicht bis zum 1. October über den Prut zurückgezogen sei, - unter den
schwebenden Verhandlungen eine Sache der Unmöglichkeit! - die Flotten die
Dardanellen passiren sollten, während öffentlich beide Kabinete ihren Gesandten
in Constantinopel schreiben, dass sie die Erwiderung der Pforte nur mit grösster
Missbilligung hätten aufnehmen können und Alles aufzubieten sei, dass die einfache
Annahme der Note erfolge. Auf der anderen Seite verlangt man in Petersburg die
Annahme der Abänderungen. Dies ist kein redliches Verfahren und kann nur neue
Verwickelungen herbeiführen.«
    »So weit ich übersehe, Herr Baron, sind wir jetzt auf dem Punkt angelangt,
in dem sich die Verhandlungen befinden und auf dem ich Ihre neueren Eröffnungen
erwarten darf.«
    »So ist es. Ich mag Euer Excellenz nicht verhehlen, dass der Kaiser, mein
Herr, keineswegs gewillt ist, auch nur einen Schritt über die Position
hinauszugehen, die er durch wahrhaft erhabene Nachgiebigkeit in der Annahme der
wiener Note eingenommen. Jede weitere Concession wäre eine Schwäche. Die an
Baron Meiendorf in Wien gerichtete Depesche vom 7. September, die ich morgen die
Ehre haben werde, Euer Excellenz in Abschrift zu überreichen, erklärt ganz
bestimmt, dass Russland es mit seiner Würde unvereinbar halten müsse, nachdem es
ohne Veränderung und Zusätze den Vorschlag der vier Mächte acceptirt, nunmehr
den Forderungen der Pforte sich fügen zu sollen. Das Kabinet von St. Petersburg
verharrt übrigens bei seiner früheren Zusage, dass wenn ein türkischer Gesandter
die unveränderte Note überbringt, die Donaufürstentümer alsbald geräumt werden
sollen.«
    »Ich fürchtete das.«
    »Die Interpretation meiner Regierung ist, wie ich wiederhole, folgende. Die
wiener Note ist nicht Russlands Werk, sondern das Werk der vier Mächte England,
Frankreich, Preussen und Oesterreich. An ihnen ist es nicht allein, in
Constantinopel ihrem Werke, das sie mit der Unabhängigkeit und Souverainetät der
Pforte vereinbar gefunden, Achtung, oder besser gesagt, Gehorsam zu verschaffen,
sondern auch Sache jeder einzelnen Macht ist es, die Mitcontrahenten zur
Erfüllung dieses Vertrages anzuhalten und sich im Weigerungsfall auf die Seite
Russland's zu stellen.«
    »Ich muss gestehen, Herr Baron, dass bis hierhin Ihre Regierung in vollem
Recht ist und ich zweifle nicht, dass in Folge der Antwort Seiner Majestät des
Kaisers mein königlicher Gebieter mir ganz bestimmte Erklärungen in
Constantinopel, Paris und London befehlen wird.«
    »So dürfen wir nötigenfalls auf ein Defensiv-Bündnis mit Preussen und
Oesterreich rechnen und die weiteren Einleitungen dazu treffen?«
    »Einen Augenblick, Herr Baron. Ist die kaiserliche Ablehnung der türkischen
Amendationen Alles, was Sie mir morgen zu übergeben haben?«
    Der Diplomat stutzte.
    »Zu dienen, Excellenz; wie meinen Sie das?«
    Der Minister legte schwer und ernst seine Hand auf das Memoire, in dem er
vorher gelesen, und das noch umgekehrt auf dem Tische lag.
    »Es ist mir da von unbekannter Hand ein Schriftstück zugegangen, das die
Abschrift einer zweiten Depesche vom 7. September an Herrn von Meiendorf
entalten soll, in welcher Graf Nesselrode diesem eine genaue Kritik der
Amendationen der Pforte und die Auslegung des russischen Kabinets zu jedem
streitigen Passus gibt. Ich weiss nicht, Herr Baron, ob das Aktenstück echt und
ob es Ihnen bekannt ist?« Er reichte ihm das Memoire1.
    Das blasse Gesicht des Russen wurde womöglich noch durchsichtiger, er
sprang, wie von einem elektrischen Funken getroffen, empor.
    »Ein Verräter unter meinen Secretairen?«
    Der Minister lud ihn mit einer vornehmen Handbewegung ein, sich wieder
niederzulassen.
    »Ich achte zu sehr die Rechte der fremden Gesandtschaften, mein Herr, um
mich auf eine unpassende Weise in ihre Geheimnisse zu drängen. Diese Papiere
sind mir vor zwei Stunden anonym zugegangen und ich stelle sie Ihnen zur
Disposition, um zu beurteilen, ob sie von einem Ihrer Untergebenen herrühren
können, was ich jedoch bezweifle, da in letzterer Zeit mir mehrfach Winke und
Mitteilungen von derselben Handschrift von ganz andern Orten aus zugekommen
sind.«
    »Ich kann,« fuhr er nach kurzer Pause fort, während welcher sein Besuch die
äussere Ruhe wieder gewonnen hatte und in dem Manuscript blätterte, »von diesem,
jedes officiellen Characters entbehrenden Schriftstück natürlich auch keine
amtliche Notiz nehmen und es auch nicht Seiner Majestät dem König vorlegen, um
auf die Allerhöchsten Entschliessungen einzuwirken. Privatim aber gestehe ich
Ihnen, Herr Baron, dass ich es allerdings für ächt, und sein Bekanntwerden ganz
für geeignet halte, die bereits zweifelhafte Haltung der Kabinete von London und
Paris in eine offene Lossagung von den wiener Beschlüssen zu verwandeln,
wenigstens - ich will offen mit Ihnen übereinstimmen - die Gelegenheit dazu zu
geben.«
    »Und Preussen? - Wir sind der österreichischen Zustimmung sicher auch nach
der Ueberreichung dieser zweiten Note.«
    Wieder überflog ein leichter Zug von Spott das Gesicht des Kleineren.
    »Dann gratulire ich Ihnen. - Preussen, Herr Baron, wird so lange ich die Ehre
habe, an der Spitze seiner Verwaltung zu stehen, und so lange Seine Majestät der
König mich würdigt, meinen Rat entgegen zu nehmen, - sich und Deutschland von
einer tatsächlichen Beteiligung an der orientalischen Verwickelung und dem -
ich glaube kaum noch zu vermeidenden - Kriege frei halten und nur eine
zuratende, vermittelnde und abwartende Stellung einnehmen. Es ist mein festes
Bestreben, uns durch kein temporäres Bündnis in dieser Frage nach irgend einer
Seite hin zu verpflichten.«
    »Da wir auf diesen Punkt der Offenheit gekommen sind, Excellenz, so erlauben
Sie, dass ich unverhohlen meine Meinung über die Zukunft sage. Es liegt in den
ganzen Ereignissen ein gewisser geheimnisvoller Faden, dessen Ursprung und Lauf
ich nicht durchschauen kann, der aber offenbar consequent alle Vermittelungen
und Ausgleichungen hindert und beide Teile immer weiter treibt. Dass die
Absichten von England und Frankreich ganz wo anders hin zielen, als auf einen
Schutz der Türkei gegen etwaige Uebergriffe unsererseits, ist wohl ganz Europa
klar. Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang die beiden neuen Beschützer der
Türkei um der öffentlichen Meinung willen von ihr ganz andere Concessionen für
die christlichen Untertanen und die Civilisation werden erzwingen müssen, als
Russland jetzt verlangt. Dass die Türkei einer vollständigen Reorganisation
bedarf, um im europäischen Staatenbund fortbestehen zu können, ist von allen
Seiten anerkannt. Man sucht uns nur das natürliche Recht der Avance streitig zu
machen. Der sich vorbereitende Zusammenstoss ist ein Kampf des Westens gegen den
Osten, wie er bereits mit einigen Variationen unter dem ersten Napoleon sich
ereignet hat, und um so mehr dürfte es die Aufgabe der alten heiligen Alliance
sein, fest auf der alten Basis zusammenzuhalten. Dies ist der Wunsch und die
Erwartung meines kaiserlichen Herrn.«
    Der Minister schwieg nachdenkend einige Augenblicke, dann sagte er ernst und
würdig:
    »Die Zukunft der Reiche und der Ausgang der Kämpfe, die sich vorbereiten,
liegt in der Hand des allmächtigen Gottes. Jeder Staat hat seine erhabene
Aufgabe, und der König, mein Herr, erkennt die Seine aus vollem christlichem
Herzen und wohlgeprüftem Sinn. Die heilige Alliance ist eine mit dem Heldenblut
der Völker besiegelte und erworbene Erbschaft, die durch Preussen nicht
leichtsinnig gebrochen werden soll. Die persönliche Liebe des Königs, die
Sympatieen eines grossen Teils der besten Männer Preussens gehört Ihrem
erhabenen Monarchen. Aber das Wohl und die Blüte Preussens, seine
eigentümliche, selbst territoriale Stellung im europäischen Staatenbund, an der
zum Teil Russland selbst die Verschuldung trägt, müssen den Gedanken jeder
Beteiligung an einem Kriege uns fern sein lassen, der - gerade heraus gesagt -
nur um fremde, uns nicht direct berührende Interessen geführt wird. Seine
Majestät der Kaiser hat Unrecht gehabt in dem Hervorruf, er wird das Recht aus
seiner Seite haben in der Fortführung. Preussen und Deutschland werden ihm den
besten Dienst erweisen durch eine unbedingte Neutralität.«
    »Russland würde bedeutende Vorteile für ein Offensivbündniss gewähren. Die
vollständige Öffnung seiner Gränzen ...«
    »Das ist ein Recht, das Deutschland ohnehin aus dem wiener Vertrage her
beanspruchen könnte, wenn sich auch vom russischen Standpunkt die Vorteile der
uns schädigenden Absperrung nicht verkennen lassen. Wenn für Preussen die
Öffnung der Ostgränzen einen Krieg aufgewogen hätte, würde es denselben früher
begonnen haben.«
    »Wir dürfen also wenigstens auf eine bewaffnete Neutralität im Fall eines
Krieges rechnen? Bedenken Euer Excellenz, dass die westlichen Gränzen nicht
gesichert sein würden. Der Kaiser Napoleon ist Ihr heimlicher Gegner so gut wie
der unsere, und das Rheinland ist eine sehr zugängliche Position.«
    »Wir werden uns die Rheinprovinz zu schützen wissen, Herr Baron, gegen
etwaige Gelüste danach. Es ist vollkommen Zeit, dass Deutschland sich von jedem
äussern Einfluss, jeder äussern Bedrohung emancipirt und endlich seine Gränzen
festält gegen alle fremden Dispositionen darüber. Das ist der ernste deutsche
Wille Seiner Majestät des Königs und Seines erhabenen Verbündeten des Kaisers
Franz Joseph.«
    »Euer Excellenz werden doch nicht an die törichten Behauptungen der
französischen Zeitungen glauben ...?«
    »Ich glaube in der Politik an Wenig, Herr Baron, am wenigsten an die
Zeitungen. Ich weiss, dass das Kabinet von St. Petersburg unmöglich den Tuilerieen
für die Zustimmung zu den russisch-türkischen Arrangements das linke Rheinufer
zugesagt haben kann, wie es England Cypern und Egypten versprochen haben soll, -
denn Kaiser Nicolaus ist ein Ehrenmann und die Sache wäre nicht nur moralisch
schlecht, sondern auch politisch töricht. Ich wiederhole Ihnen, dergleichen
Geschwätz kümmert mich nicht.«
    Der Diplomat kniff leicht die schmalen Lippen.
    »Also eine bewaffnete Neutralität, wie Oesterreich sie bereits so gut wie
zugesagt hat? Es könnte leicht geschehen, ja es ist wahrscheinlich, dass man die
Revolution zu Hilfe ruft. In London wird bekanntlich bereits ganz offen von den
Flüchtlingscomité's gegen uns propagandirt. Polen und Ungarn sind noch immer
offene Heerde, darum wäre es gut, im Vereine mit Oesterreich ...«
    »Oesterreich, Herr Baron, ist nicht Deutschland. Oesterreich hat seine
slavischen Staaten und Italien zu wahren. Es würde ein grosser Missgriff sein, uns
durch eine Demonstration in Verwickelungen zu bringen und in grosse Kosten zu
stürzen. Was die Revolution betrifft, so sein Sie unbesorgt, wir haben Lehrgeld
gegeben, und Preussen wird sie auch an seinen polnischen Gränzen nicht dulden. Im
Uebrigen: Neutralität, Herr Baron, Neutralität, begnügen Sie sich damit.«
    Der Diplomat erhob sich.
    »In jeder Beziehung. Excellenz, auch in der Presse?«
    »Auch in der Presse, so viel es in der Macht der Regierung steht. Sie
wissen, der König ist für eine anständig freie Discussion in den gesetzlichen
Gränzen.«
    »Ich frug und bat nur darum,« sagte der Diplomat mit feinem Lächeln, indem
er ein Papier aus der Brusttasche zog, »weil auch mir da eine Art von Circular
zugekommen, das an verschiedene Zeitungsredactionen die Freude ausspricht, mm
endlich von dem Druck russischer Suprematie erlöst zu sein, und sie auffordert,
ohne weitere Rücksicht der Stimme der öffentlichen Meinung Raum zu geben.«
    Diesmal war es der Minister, welcher sich auf die Lippen biss.
    »Das ist offenbar eine Dummheit, die höchstens von irgend einer
missverstehenden und tactlosen Voreiligkeit herrührt. Ich werde der Sache
nachfragen. Im Uebrigen wissen Sie, Herr Baron, dass bei uns die Presse
selbstständig ist und wir mit Absicht ein anerkanntes Regierungsorgan vermeiden.
Sie werden daher auch Ihre Vertretung in der Presse selbst suchen müssen.«
    »Wir überlassen dies dem Gefühl für das Recht. Leben Sie wohl, Excellenz,
und nehmen Sie meinen Dank für die freundliche Aufnahme, die Sie mir diesen
Abend gewährt haben. Wem auch nicht mit Erfüllung meiner Wünsche, so doch über
Vieles beruhigt, verlasse ich Sie.«
    »Auf officielles Wiedersehen morgen, Herr Baron,« sagte lächelnd der
höfliche Wirt, »und einen freundlichen Rat noch: lassen sie nie Worte meines
verstorbenen Kollegen, des Fürsten Schwarzenberg, aus dem Gedächtnis. Sie werden
wissen, welche ich meine. Ich empfehle mich.«
    Die Tür des Vorzimmers, bis zu welcher er seinen Besuch begleitet, schloss
sich.
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                                    Fussnoten
1 Die zweite russische Depesche vom 7. September, welche eine ziemlich weit
gehende Auslegung und Deutung der Stipulationen der wiener Note in Form einer
Kritik der türkischen Amendationen entält, wurde der preussischen Regierung erst
später, am 20. oder 21. September, offiziell bekannt.
 
                                II. Petersburg.
In einem mittelgrossen halb gewölbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes,
jenes erhabenen Prachtbaues, den der Befehl eines unumschränkten Gebieters in
Jahresfrist aus der Asche neu hervorzauberte, brannte hinter einem hohen Schirm
eine kleine Lampe, das Gemach notdürftig erhellend. Die Ausstattung desselben
war eine ziemlich einfache. Vor den beiden grossen Fenstern, die nach der Newa
hinausgingen, hingen schwere grün wollene Vorhänge, eben so vor den beiden
Türen. Zwei grosse Arbeitstische standen, der eine mitten im Zimmer. Dieser war
mit Papieren und Mappen bedeckt, ein Seitenrepositorium entielt eben
dergleichen. Der zweite Tisch zeigte auf seiner breiten Platte ein kunstvoll
gearbeitetes Schreibgerät von occidyrtem Silber, Petschafte, Briefbeschwerer
von seltsamem Material und ungewöhnlichen Formen, Einzelnes offenbar von grossem
historischem oder Kunstwert, dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen
Perlenstickerei und eine kleine Standuhr. Ein Termometer und ein Doppelkalender
nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen
Papptafeln mit Listen und Notizen. Zwei offene Bücherschränke rechts und links
zeigten eine Auswahl von Werken in französischer, englischer, deutscher,
russischer und italienischer Sprache. Der Inhalt des ersten Schrankes gehörte
der militairischen Literatur an, namentlich waren es Werke über das Geniewesen.
Auch befanden sich darunter die Jahrgänge der preussischen Wehrzeitung, von der
die beiden neuesten Nummern offen auf dem Tische lagen. Den zweiten Schrank
füllten ernste und schönwissenschaftliche Schriften und einige lexicographische
Werke.
    Neben dem zweiten Tisch stand ein langes, niederes, eisernes Rollbett von
höchst einfacher Construction. Die Unterlage bildete eine Matratze von Maroquin
mit Seegras gestopft, ein eben solches Kissen den Kopfpfühl.
    An den Wänden hingen einige schöne grosse Gemälde geistlichen Inhalts,
darunter eine Madonna von Murillo, und Portraits; auch zwei kleine
Bleistiftzeichnungen in einfachen Rähmchen. Neben dem schriftenbedeckten
Arbeitstisch befand sich an der Wand mir grosse Karte des russischen Reiches,
gegenüber die von Europa. Eine grosse Ordnung und Regelmässigkeit herrschte in der
ganzen Einrichtung des Gemachs und verlieh ihr einen gewissen militairischen
Charakter.
    - - - -
    Auf dem Rollbett, nur von einer wollenen Decke und einem Militairmantel
verhüllt, lag ein Schlafender von fast riesiger Körperform.
    Die breite kolossale Brust hob und senkte sich ruhig, das Antlitz war nach
aufwärts gekehrt, ein Arm unter den Kopf gelegt. Eine hohe, glänzende, eherne
Stirn, in der Mitte zwischen den Augenbrauen über der langen geraden Nase in
einer ernsten halb drohenden Falte zusammengezogen. Das Gesicht lang und in
vollem Oval, das Kinn stark und von grosser Willenskraft, fest gerundet, der
regelmässige Mund, von einem militairischen Schnurrbart überschattet, ernst
geschlossen. Die ganze Figur des Schlafenden schien wie aus Granit gehauen, so
fest und straff war Alles daran. Es lag etwas Soldatisches, Starres,
Titanenhaftes in ihr.
    Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf 5 Uhr und zugleich liess
sich das scharfe kurze Rasseln eines Weckers hören. Bei dem ersten Tone
desselben öffnete der Schlafende maschinenmässig die Augen.
    Diese Augen entsprachen dem Körper, dem ehernen Antlitz. Sie waren ruhig,
fest, klar, gross und von jener Eigentümlichkeit, dass, ohne einen bestimmten
Ausdruck zu haben, ihr Blick doch durchdringend, durchbohrend, niederdrückend
war, wie z.B. das Auge Friedrich's des Grossen von Preussen.
    Die Augen waren echt kaiserlich!
    Es war auch der Kaiser, der eben erwachte.
    Europa hat diesem erhabenen Charakter, diesem ehernen Bilde unter den
lebenden Herrschern, an dessen Sterblichkeit zu glauben man sich entwöhnt hatte,
- viele nur schwere Vorwürfe an der Schwelle seines Jenseits gemacht; es ist
viel Hass, viel Blut und viel Leiden auf diesen Hünen gewälzt worden. Der da Oden
die Waagschale hält, richtet auch über die Könige und Kaiser der Erde, wie über
den Paria, den Lepero und den Muschik. Aber das Gewicht, womit die Gewaltigen
der Erde gewogen werden, ist ein anderes.
    Wer viel gehabt und viel verleumdet wird, wird auch viel geliebt.
    Kaiser Nicolaus ist geliebt worden, geliebt, wie man das Erhabene liebt.
    Er war eine einsame mächtige Natur auf seinem Piedestal, und dieses
Piedestal war der Tron des grössten Reiches der civilisirten Erde. - -
    Der Kaiser warf rasch Decke und Mantel von sich und kleidete sich an ohne
Hilfe mit den Kleidern, die auf einem Stuhle vor seinem Bette lagen. Dann
zündete er an der Lampe die Kerzen der silbernen Armleuchter an, deren je zwei
auf jedem Tische standen.
    Der Selbsterrscher des mächtigen Reiches tat das Alles allein; er bewahrte
bis in das Kleinste herab, so viel es sich mit seinem erhabenen Range vertrug,
die militairischen Gewohnheiten.
    Dann trat er einige Augenblicke an das Fenster und schaute die weite
Perspective hinab. Die frühe Morgenstunde des Spät-Septembers hüllte unter der
nordischen Breite noch Alles in Dunkel, das an tausend Stellen durch die
Gasflammen unterbrochen wurde, die sich in dem Wasser des breiten Stromes
spiegelten.
    Der Kaiser setzte sich hierauf an den ersten Arbeitstisch und begann, einen
Stoss Papiere durchzusehen. Diese mächtige Natur bewahrte eine immense
Arbeitskraft, die durch die strengste Regelung der Beschäftigung und der Zeit
vermehrt wurde. Für gewöhnlich stand der Monarch um halb sieben Uhr auf, nahm
schon während seiner kurzen Toilette verschiedene Meldungen und Rapporte an,
machte dann einen Gang durch das ganze Palais bis zur Wiege seiner Enkel und
blieb bis um acht Uhr in seinem Kabinet. Von acht bis neun Uhr machte er stets,
und wo er sich auch befand, Sommer und Winter, einen Spaziergang in freier Luft.
Um neun Uhr empfing er regelmässig den Kriegsminister Fürst Dolgorucki, auf den
er grosses Vertrauen setzte. Der Fürst ist derselbe, welcher bei der bekannten,
durch fast komische Missverständnisse und Vorspiegelungen weniger Rädelsführer
hervorgerufenen Militair-Emeute gleich nach der Tronbesteigung (am 24. December
1825) als Capitain die treue Wache im Hofe des Winterpalastes kommandirte,
welcher der Kaiser den siebenjährigen Tronfolger anvertraute, ehe er kühn und
allein den Rebellen entgegentrat.
    Um zehn Uhr pflegte der Kaiser sich für kurze Zeit zur Kaiserin und seiner
Familie zu begeben; nie liess er aber auch dort einen angemeldeten Minister oder
eine befohlene Person warten. Wenn gegen zwei Uhr alle Geschäfte im Palais
beendet waren, fuhr er in seiner einspännigen Droschke oder im Schlitten aus und
besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr
speiste er im kleinen Familienkreise, zu dem nur wenige Auserwählte zugezogen
wurden. Der Kaiser ass stark, trank aber sehr mässig. Selbst die Abendstunden
waren meist den Staatsgeschäften gewidmet; wenn er im Salon der Kaiserin oder
der Grossfürstinnen erschien, sprach er wenig und nahm selten an der allgemeinen
Unterhaltung Teil. In sein Kabinet zurückgekehrt, arbeitete er wieder und begab
sich selten zur Ruhe, wenn noch irgend ein Bericht zu erledigen war. Oft stand
er des Nachts auf, verliess allein das Winterpalais und stattete irgend einem
Institut, namentlich den Cadettenhäusern, einen Besuch ab. Sein erster Blick
galt dann stets dem Termometer, der die vorgeschriebenen 14 Grad zeigen musste,
und seine Untersuchungen erstreckten sich bis in's Detail.
    Der Kaiser hielt sich nach seinen eigenen Worten stets »im Dienst« und nur
in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der
sonst streng ordonanzmässigen Uniform und Haltung. Auch im strengsten Winter trug
der Monarch nur den einfachen Offiziermantel, nie einen Pelz.
    Mit dem Beginn der orientalischen Verwickelungen vermehrte sich die
Tätigkeit des Kaisers und er gönnte sich noch weniger Erholungen wie früher. Er
stand fast zwei Stunden früher als sonst des Morgens auf, um zu arbeiten, und
empfing von sechs Uhr ab die Vorträge der Minister und Adjutanten, um später für
die militairischen Geschäfte, die Besichtigungen etc. frei zu sein. Eine
auffallende Aufregung und Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens
bemächtigt und man sah, wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler
Erwartungen und gehegten Ansichten berührte.
    - - - -
    Nachdem der Monarch den Stoss von Papieren, welche vor ihm lagen,
durchgesehen und die Unterschriften vollzogen hatte, sah er auf die Uhr, die
halb Sechs zeigte, und nach einer der Notiztafeln über dem Schreibtisch.
    »Mittwoch - das ist Nesselrode's Tag, da habe ich noch Zeit, er kommt erst
um sieben Uhr.«
    Damit erhob er sich, holte aus dem Ankleidekabinet, zu dem eine Tapetentür
führte, Mantel und Helm und verliess leise das Zimmer.
    Das Vorgemach war erhellt, zwei Pagen sassen dann und schliefen in den
Lehnstühlen. Am Tisch wachte der dienstabende Kammerdiener und las; er erhob
sich rasch, als er die Tür gehen hörte.
    »Ei sieh, Menger,« sagte der Kaiser, »bist Du wach? Geh' hinein und ordne
das Kabinet; um Sieben bin ich zurück.«
    Er schritt hindurch nach dem äussern Vorzimmer, in welchem während der Nacht
ein Offizier der Schlosswache seinen Aufentalt hatte, um aussergewöhnliche
Meldungen entgegen zu nehmen.
    Es war an dem Morgen ein Lieutenant von der Preobraczenski'schen Garde,
diesem Lieblingscorps des Kaisers, das ihn einst gegen die Empörer verteidigt
hatte. Der noch sehr junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem er die
abendlichen Wachrapporte eingetragen, die der Kaiser sich alle Morgen vorlegen
liess, eingeschlafen; sein Kopf ruhete auf dem aufgestützten Arm. Es musste erst
spät geschehen sein, denn eine Depesche, die auf dem Tische lag, zeigte den
Präsentationsvermerk einer späten Stunde. Vor ihm lag ein halb vollendeter
Brief, über dem ihn offenbar die Müdigkeit überrascht hatte, - die Feder war
seiner Hand entfallen.
    Der Kaiser, dessen Schritt der dicke Teppich des Fussbodens unhörbar machte,
nahete sich leise dem Tisch.
    »Sie haben gestern Morgen scharf exercirt,« sagte er wie entschuldigend und
bog sich über den Schlafenden, die Depesche zu nehmen. Sein Blick fiel aus den
Brief und auf seinen Namen. Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las.
    Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes gerichtet, die in dem
Gouvernement Nischnei-Nowgorod wohnte und die Wittwe eines früheren Offiziers
war. Der Sohn, in dem Kadettenhause erzogen, schrieb ihr, wie er hoffe, dass der
Krieg ihm Gelegenheit zur Auszeichnung geben werde, mit der er dem geliebten
Kaiser für die Wohltaten danken könne, die er ihm durch seine Erziehung erzeigt
habe. Er beklagte kindlich, dass er sie, die er seit zehn Jahren nicht
wiedergesehen habe, nicht zuvor noch ein Mal umarmen dürfe, aber selbst wenn er
- was sehr unwahrscheinlich, - Urlaub erhalten könne, sei es unmöglich, da die
Entfernung so weit und er ohne Vermögen nur durch die strengste Sparsamkeit die
kostspielige Stellung bei der Garde bewahren könne, in die ihn der Zufall und
die guten Zeugnisse im Cadettenhause gebracht.
    Das Adlerauge des Monarchen hatte in wenigen Augenblicken den Brief
überflogen und ruhte wie nachdenkend auf dem Schläfer. Dann nahm er vorsichtig
die Feder, schrieb einige Worte unter den Brief und legte denselben wieder an
seine vorige Stelle.
    Mit leichten Schritten, ohne dass der Schläfer erwachte, verliess er das
Gemach. Draussen auf dem Corridor standen zwei Grenadiere des Regiments gleich
Statuen auf ihrem Posten. Der Kaiser nickte ihnen zu und schritt die breite
Treppe hinab, die in den Vorhof führt. Einen Augenblick blieb er sinnend an der
grossen, mit drei Kreuzen geschmückten Steinplatte stehen, welche die Stelle
bezeichnet, auf der er an jenem blutigen 26. December den Grenadieren den
Naslednik (Tronfolger) übergab. Dann hüllte er sich in den Mantel und verliess
den Bereich des Palastes.
    Es war noch zu früh, als dass die Isworstschiks (Droschkenführer), deren sich
der Kaiser bei seinen Besuchen häufig bediente, bereits auf den Halteplätzen
sein konnten, und der Monarch ging daher rasch zu Fuss weiter, die
Alexander-Newskoi-Perspective hinauf. Es war sechs Uhr, als er das Corps - wie
die Cadettenhäuser und Militair-Erziehungs-Anstalten genannt werden - erreichte,
dessen Besuch er beabsichtigt hatte, die Zeit, um welche die jungen Soldaten
regelmässig Winter und Sommer aufstehen müssen. Die Wache schlug eben die
Reveille, als der Kaiser das Tor passirte und sofort nach einem der grossen
Speisesäle sich begab. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Ankunft des
Kaisers durch alle Gänge des weitläufigen Gebäudes, und ehe die fünf Minuten,
welche er bei solchen Gelegenheiten, wie bei Audienzen der Verspätung einräumte,
vergangen waren, wirbelten im Hofraum die Trommeln zum Antreten, und der
Gouverneur der Anstalt, Obristlieutenant Moradowitsch, begrüsste den Monarchen in
dem Saal.
    »Die Offiziere, welche vor drei Tagen das Examen bestanden haben, sollen
heute das Corps verlassen und in die Garnisonen abgehen?«
    »Zu Befehl, Sire.«
    »Gut. Ich will sie vorher sehen. Später habe ich keine Zeit. Komm.«
    Er ging voran nach dem Hof. Der Gouverneur und die den Unterricht
erteilenden Offiziere, welche sich vor dem Saale aufgestellt hatten, folgten
ihm.
    Auf dem Hofe standen compagnieenweise in ihren Hausuniformen die jungen
Leute, welche ihre Erziehung in der kaiserlichen Anstalt genossen, um von dieser
aus in die Armee zu treten. Da der Kaiser auf eine möglichst gründliche
Ausbildung für den Dienst und hohe Klassen hielt, in denen das Avancement bis
zum Lieutenant erfolgen konnte, auch den allzu frühen Eintritt in den activen
Dienst nicht liebte, so war das Alter der Cadetten sehr verschieden.
    Die Offiziere traten an ihre Abteilungen, der Kaiser ging musternd an den
Fronten vorüber. Das Tageslicht war bereits vollständig eingetreten.
    »Lass die neuen Offiziere und Fähnriche vortreten.«
    Der Gouverneur erteilte den Befehl; einundzwanzig Jünglinge traten aus den
Reihen und stellten sich vor dem Monarchen auf. Zwei derselben, die an der
Spitze standen, waren die Aeltesten und schienen bereits das zwanzigste Jahr
erreicht oder überschritten zu haben.
    »Die Zeugnisse!«
    Der Obristlieutenant präsentirte sie und der Kaiser nahm sie ihm einzeln ab,
wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte. Gleich bei dem ersten blieb er
stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem Blick, den der Jüngling fest und
unverrückt aushielt.
    Es war ein junger Mann von hoher, schlanker Figur, mit blassem, klassisch
geschnittenem Gesicht von energischem Ausdruck; das Auge dunkel und feurig,
sonst in seinem Wesen einfach und anspruchslos.
    »Wir kennen uns. Du bist Djemala-Din, der Sohn des Imam Schamyl?«
    »Ja, Sire!«1
    »Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht. Ich wünschte,
er wäre so gut russisch wie Du Ich habe Dich lange warten lassen mit einer
Offizierstelle, aber ich wollte, dass Du tüchtig ausgebildet würdest, damit es
hafte, was Du gelernt hast. Es freut mich, dass Deine Zeugnisse sämtlich gut
lauten. Du hast Dir, wie ich sehe, selbst das Uhlanencorps gewählt und gehst
nach Polen?«
    »Mit Ihrer Erlaubnis, Sire!«
    »Schön. Du wirst immer an mir einen Freund finden und ich habe für Deine
Ausrüstung bereits gesorgt. In Warschau melde Dich sogleich beim Fürsten
Stattalter, er wird Dir das Nötige mitteilen. Nimm die beiden Pferde, die Du
dort findest, als Geschenk von mir und halte Dich brav. Ich habe die Augen auf
Dich gerichtet.«
    Er reichte ihm die Hand, und als der junge Mann sich tief gerührt darüber
beugte, küsste er ihn auf die Stirn.
    »Sire! welche auch meine Zukunft sein möge, ich werde nie Ihrer Güte
vergessen.«
    Er trat zurück in die Reihe seiner Gefährten. Der forschende Blick des
Kaisers traf seinen Nachbar und er sah aufmerksam das Zeugnis durch, das der
Gouverneur ihm reichte.
    Der junge Mann war eine mittelgrosse gedrungene Gestalt mit intelligentem
Gesicht, aber einem starken Zug von Trotz und Eigenwillen um den Mund.
    »Ein Ocholskoi? ein guter Name, aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht.
Du bist zwei Jahre länger in dem Corps geblieben, junger Mensch, als Deine
Fähigkeiten nötig machten. Warum?«
    »Man hat mir die Erlaubnis zum Examen verweigert, Euer Majestät.«
    »Ich sehe es. Du bist zehn Mal in einem Jahre wegen Ungehorsam und
Widerspenstigkeit bestraft. Wie ist's mit ihm, Moradowitsch?«
    »Er ist einer der besten Zöglinge des Corps, Majestät,« sagte der Gouverneur
entschuldigend, »aber er ist schwer zu bändigen.«
    »Ich werde es übernehmen,« entgegnete der Czar. »Gehorsam, unbedingter
Gehorsam ist das Erste, was ein Soldat lernen muss. Ohne blindes Gehorchen kein
Befehl. Ich habe gehört, Du machst Verse, freie Verse, die Du drucken lässt. Das
ist keine Beschäftigung für einen Soldaten. Denke an Lermontof2. Ist bereits
über um verfügt?«
    »Er wird bei den Felddragonern eintreten.«
    »Halt da. Lassen Sie die Bestimmung andern. Er soll zu Bodisco gehen nach
Bomarsund, und wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei geführt und Gehorsam
gelernt hat, mag er in das bestimmte Corps eintreten.«
    Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des jungen Mannes. Die Alandsinseln
gelten in der russischen Armee für eine Strafcolonie, gefürchteter als die
Verbannung nach dem Kaukasus. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück in die
Reihe.
    »Halt!«
    Der Verbannte stand wie eine Mauer.
    Der Kaiser küsste auch ihn auf die Stirn.
    »So, - nun tritt zurück und lerne gehorchen!«
    Er controllirte eben so sorgfältig die Zeugnisse der übrigen Neunzehn, lobte
und tadelte. Als er dann an der Colonne der Cadetten vorüberging, trat plötzlich
einer derselben, fast noch ein Knabe, mit schönem, blondgelocktem Haar und
offenem, Zutrauen erregendem Gesicht vor und beugte ein Knie. Der Kaiser blieb
freundlich stehen und sagte zu dem jungen Mann:
    »Steh' auf, Kind; was willst Du von mir?«
    »Euer Majestät danken für das Glück, dass ich meinen Grossvater umarmen
durfte, und ...«
    »Wie heissest Du, mein Sohn? wer ist Dein Grossvater?«
    »Graf Lubomirski, Euer Majestät. Euer Majestät haben den alten Mann
begnadigt und er befindet sich hier.«
    Der Czar runzelte leicht die Stirn; er liebte es nicht, an Verurteilungen
oder Begnadigungen erinnert zu werden.
    »Es ist brav von Dir, dass Du die Deinen liebst. - Aber Du wolltest noch
Etwas?«
    »Ich wollte Euer Majestät um die Gnade bitten, dass ich den Feldzug gegen die
Türken mitmachen darf. Ich möchte Euer Majestät so gern meine Dankbarkeit und
meine Treue bezeigen.«
    Der Kaiser lächelte, so weit in dies eherne Gesicht Lächeln treten konnte,
und klopfte den Knaben auf den Kopf.
    »Wie steht's mit ihm, Moradowilsch?«
    »Er ist ein fleissiger und talentvoller Schüler, Sire, aber erst sechszehn
Jahre.«
    »Nun, so warte noch ein Jahr, die Sache ist noch lange nicht zu Ende für
Dich und mich. Dann sollst Du als Junker eintreten. - Adieu, Kinder, gehabt Euch
wohl, es wird Zeit für mich.«
    Die Trommeln rasselten, der Kaiser salutirte und verliess den Hof. Am Ausgang
lehnte er mit einer strengen Handbewegung jede weitere Begleitung ab und schritt
allein auf die Strasse hinaus eine kurze Strecke, bis ihm ein Isworstschick mit
dem leeren Gespann entgegenkam. Er winkte ihm, umzukehren und warf sich in das
offene Gefähr.
    »Na domo!« (Nach Hause!) sagte er zerstreut.
    Die Droschke flog davon und hielt in der Nähe des Winterpalastes. Befremdet
stieg der Kaiser, der es ungern sah, wenn man ihn auf seinen frühen Ausgängen
erkannte, aus und fragte den Kutscher:
    »Kennst Du mich denn?«
    Ein schlaues: »Nein, Väterchen!« war die Antwort.
    »Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen!«
    »Tut Nichts, Väterchen, Du bezahlst mich ein ander Mal!«
    »Nein,« sagte der Kaiser, »ich mache keine Schulden. Warte hier.«
    Er verschwand in dem Hofe des Palastes und der Kutscher, der den Kaiser sehr
wohl erkannt hatte, hielt geduldig sein Pferd an. Eine kurze Weile darauf
brachte ihm ein Offizier aus dem Palaste drei Imperials. Das Gesicht des
Kutschers, als er mit dem reichen Fahrgeld davongaloppirte, konnte nicht froher
und glücklicher sein, als das des Offiziers, welcher ihm das Gold gebracht. Es
war derselbe, welcher im Vorzimmer des Kaisers über dem Briefe eingeschlafen
war. Als er erschrocken durch die zufallende Tür aufwachte, fand er unter
demselben die Worte3:
        »Vorzeiger hat zwei Monat Urlaub und aus der Kaiserlichen
        Chatoullen-Kasse 500 Silberrubel zu erheben.
                                                                      Nicolaus.«
    Als der Czar zurückkehrte, warf sich der junge Offizier ihm zu Füssen. Der
hohe Herr aber sandte ihn mit jenem Geschenk zu dem Isworstschick. -
    Es war fünf Minuten vor 7 Uhr, als der Kaiser sein Kabinet wieder betrat und
Helm und Mantel ablegte. Der Kammerdiener brachte ihm das bereit gehaltene
Frühstück. Während er dasselbe genoss, schlug die Uhr Sieben und zugleich wurde
der Reichskanzler gemeldet.
    Der Eintretende hat in der neuesten Zeitgeschichte eine so wichtige Rolle
gespielt, dass wir seiner Persönlichkeit einige Zeilen widmen müssen.
    Es war ein Greis von 75 Jahren, denn der Graf ist 1780 - als Kosmopolit auf
einem englischen Schiff aus der Rhede von Lissabon - geboren, während sein
Vater, aus der rheinisch-bergischen Familie der Grafen von Nesselrode-Ehreshoven
stammend, dort russischer Gesandter war. Bei dem wiener Congress machte sich der
Graf zuerst in der politischen Welt bemerklich und galt auch für einen der
schönsten Männer jener zahlreichen und glänzenden Versammlung. Noch zeigen sich
die Spuren der ehemaligen Schönheit in dem ruhigen feinen Gesicht mit der hohen
Greisenstirn. Selbst die hohe Gestalt war nur wenig gebeugt.
    Der Kaiser bewies stets grosse Achtung und Rücksicht für den alten Staatsmann
und legte sehr bedeutendes Gewicht auf seine Meinung. Er kam ihm auch diesmal
beim Eintritt einige Schritte entgegen und lud ihn ein, sich an dem zweiten
Tisch niederzulassen, aus dessen Platte der Minister das mitgebrachte, ziemlich
umfangreiche Portefeuille öffnete.
    »Ich bitte, Graf, gieb mir zuerst die auswärtigen Tagesberichte; welche
Neuigkeiten? ich bin seit einiger Zeit begieriger darauf, als es sonst der Fall
war.«
    »Baron von Brunnow, Sire, hat auf meine Anweisung durch den Telegraphen am
15. Lord Clarendon officiell angefragt, welchen Weg die englische Regierung nun
einschlagen werde, nachdem ihr bekannt geworden, dass Euer Majestät die
Vorschläge der Pforte abgelehnt haben. Am 16. sind dem englischen und dem
französischen Kabinet durch unsere Gesandten unsere beiden Depeschen vom 7.
mitgeteilt worden.«
    »Und die Antwort?«
    »Es liegt erst die des Herrn von Kisseleff vor, die gestern Abend
eingetroffen. Der Gesandte hat von Brüssel aus in der geheimen Chiffre
telegraphirt, also das Resultat nur im Geheimen erfahren. Hier ist die
Depesche.«
    »Lesen Sie, Graf.«
    »Herr von Kisseleff meldet: Am 17. Depesche nach Wien, dass Frankreich nicht
weiter zur Annahme der Note rate, da unsere Kritik vom 7. anderen Sinn als die
Westmächte unterlege.«
    »Ein leerer Vorwand, nach dem man gesucht hat.«
    »Der Gesandte meldet weiter: Vorschlag des Herrn Drouin nach London, wegen
der Unruhen die Flotten nach Constantinopel zu berufen.«
    »Wieder ein willkommener Vorwand! Und wie lauten die Nachrichten aus
London?«
    »Sire, es fehlen noch die Depeschen.«
    »Sie könnten längst hier sein, wenn man eine Antwort gegeben hätte. Lord
Clarendon wird sich besinnen, auf die neuen Wühlereien des Herrn Drouin de
L'huys einzugehen.«
    Der greise Staatsmann zuckte leicht die Achseln.
    »Was denken Sie davon, Herr Graf?«
    »Sire, Eurer Majestät Vorliebe für England behindert Ihren sonst so klaren
politischen Blick. Wenn auch im Augenblick der Einfluss unseres Gegners Lord
Palmerston beseitigt ist, bleibt England doch unverändert der geheime und
bittere Gegner Russlands und wird die Lockung nie vorbeigehen lassen, unsere
Suprematie im Orient zu brechen.«
    Der Kaiser schritt einige Male ungeduldig im Zimmer auf und ab.
    »Dieses England! dieses England! - ich meinte es so aufrichtig mit ihm. Der
Osten und das Meer gehörten uns Beiden ohne Eroberung, wenn es ehrlich gehandelt
hätte.«
    »Sire, ich habe Ihnen immer gesagt, Russlands natürlicher Verbündeter ist
Amerika. Ein Reich, das noch eine Zukunft hat, muss sich nie mit einer Macht
alliiren, die bereits auf dem Gipfel steht und nach den Gesetzen der Geschichte
und der Natur nur die absteigende Linie vor sich hat.«
    »Das hiesse aber, sich mit der Revolution, mit der Demokratie verbinden, die
ich hasse und bekämpfe.«
    »Sire, der Constitutionalismus von England ist die permanente gefährliche
Revolution, nicht Amerika, das nur damit kokettirt. Nach Euer Majestät Princip
gäbe es dann kein loyaleres Bündnis als Frankreich.«
    Der Kaiser schwieg einige Augenblicke.
    »Was schreibt man aus Constantinopel?«
    »Staatsrat Pisani berichtet über die revolutionaire Bewegung der
Kriegspartei am 10.4. Was er mitteilt, ist von Wichtigkeit und bestätigt meine
Ansichten.«
    »Geben Sie mir einen Auszug!«
    »Schon seit Beginn des Monats machten sich in Constantinopel die Bewegungen
der Kriegspartei auffallend bemerkbar. Die zweimalige Verwerfung der Wiener Note
in dem Divan vom 14. und 15. August war offenbar ihr Werk. Euer Majestät wissen,
dass der Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze dieser Partei steht und
unser gefährlichster Gegner ist. Mehemed Ruschdi Pascha5, Mahmud Pascha6 und
Hamik Pascha7 sind seine Anhänger. Wenn auch bei Mehemed nicht, der offenbar von
ehrgeizigen Spekulationen getrieben wird, so doch bei mehreren anderen
Persönlichkeiten, hätte meiner Ansicht nach Fürst Mentschikoff die zwei
Millionen Silberrubel, die er für dergleichen Zwecke mitnahm, weit nützlicher
für die Interessen Eurer Majestät verwenden können, als dass er sie unberührt
nach Odessa wieder zurückgebracht hat. Der tiefe Verfall der Türkei bedingt, dass
in Constantinopel Alles für Geld feil ist.«
    »Er ist ein Eisenkopf,« sagte der Kaiser, »und hasst die Türken.«
    »Ein wichtiger Teil der kriegslustigen Partei waren von Anfang an die
Ulema's und Softa's8. Es ist dies natürlich, da sie eigentlich den
Ultramontanismus des Islam vertreten und für die eigene Existenz kämpfen. Euer
Majestät wissen aus den früheren Berichten, dass Sultan Abdul Meschid aller
Energie baar und ein Spielwerk in der Hand seiner Umgebungen ist. Um so mehr ist
die geringe Diplomatie des Fürsten Mentschikoff zu beklagen. Reschid Pascha hat
zwar die westmächtlichen Sympatieen, ist aber klug genug, einzusehen, dass der
Türkei das unbeschränkte Bündnis mit Frankreich und England mehr Opfer kosten
wird, als alle Forderungen des bisherigen diesseitigen Einflusses. Es lebt ein
tiefes unabweisbares Gefühl in der türkischen Bevölkerung, dass eine gewaltsame
Entscheidung zwischen der Herrschaft des Islam nur des Christentums erfolgen
müsse. Selbst die Friedensfreunde suchen sie nur hinauszuschieben.«
    »Der unheilbar kranke Mann. Meine Grossmutter9 hat es schon gesagt.«
    »Bereits seit Anfang des Monats hat man an verschiedenen Orten
Constantinopels Anschläge gefunden, durch welche der Sultan aufgefordert wurde,
die Fahne des Propheten gegen die Christen zu erheben, oder abzudanken. Die
Softa's und Ulema's hielten geheime Versammlungen, und am 10. überreichte eine
Deputation von ihnen, von einer grossen Versammlung auf dem Atmeidan gesandt, dem
Conseil eine Adresse an den Sultan, in welcher durch Sprüche aus dem Koran die
Notwendigkeit des Krieges dargetan wurde. Eine zweite Adresse forderte ihn
auf, bis zum Beginn des Beiram, bis zum 15., seine Entscheidung abzugeben, oder
dem Trone zu entsagen!«
    »Ha! Advokaten, Pfaffen mich dort!«
    »Wir wissen ganz bestimmt, Sire, dass diese Bewegung im Stillen von Ruschdi
und zwar im Auftrage von Mehemed Ali geleitet wurde. Sowohl Lord Redeliffe, als
Herr de Latour wussten darum, denn nachdem sie auf Grund der bald und mit einem
Dutzend Köpfe der Softa's gedämpften Emeute erklärt hatten, dass sie zum Schutz
der Christen am Beiram einige Kriegsschiffe nach Constantinopel rufen würden,
trafen ohne den Ferman, den der Sultan für die Flotten beharrlich verweigert,
bereits am Morgen des 15. von den Geschwadern in der Besika-Bai zwei englische
und zwei französische Dampffregatten ein. - Dies wäre ganz unmöglich gewesen,
wenn dieselben nicht bereits vorher Anweisung gehabt hätten. Die
englischfranzösische Absicht liegt daher klar am Tage.«
    »Und der Beiram?«
    »Die Prozession ist ruhig vorüber gegangen.«
    Der Kaiser blieb am Tische des Grafen stehen und stützte die Hand darauf.
    »So mögen sie es denn haben,« sagte er nach einer Pause; »man zwingt mich
zum Kriege. Ist er ein Mal eröffnet, so ist sein Ende schwer zu übersehen, und
eine innere Stimme sagt es mir, - ich werde dies Ende nicht erleben. Aber mein
Russland wird, und wenn halb Europa dagegen in die Schranken treten sollte, - es
wird - es muss siegen! Ich habe es dafür stark gemacht.«
    Er ging noch ein Mal gedankenvoll durch das Zimmer.
    »Ich habe diesen Krieg nicht mutwillig oder eigensinnig hervorgerufen, bei
Gott nicht! Aber ich und dieses Reich haben unsere Mission zu erfüllen. Diese
Mission ist das Erbe meiner Väter, ein politisches und ein religiöses. Russland
ist der Damm gegen die Revolutionen, gegen die umstürzenden zerstörenden Ideen
von Westen her; darum, um ihnen Trotz bieten zu können, musste es stark und
mächtig sein, und ich habe getan, was an mir war, selbst auf Kosten des eigenen
Herzens, vielleicht des Rechts, es kräftig in seinem Innern, gefürchtet nach
Aussen zu machen. Das schwarze Meer ist eine Lebensnotwendigkeit für Russland,
und um seiner Existenz und Zukunft willen kann und wird es nie dulden, dass am
Bosporus ein anderer Einfluss dominirt. - Seine religiöse Mission, sein Erbe ist
der Schutz unseres heiligen Glaubens im Süden und Osten. Eilf Millionen Christen
sehen aus ihrer Not, aus der täglichen Bedrängnis vertrauend auf mich. - Ich
habe das Werk meines Urgrossvaters Peter fortgesetzt, den Russen zum Bürger
seines Landes zu machen und ihm seine Menschenrechte zu geben, - und ich sollte
zögern, wo es gilt, unseren unterdrückten Glaubensgenossen zu helfen und endlich
ihre Christenrechte zu sichern!?«
    »Erinnern Sie sich, Sire, dass diese Absicht schon ein Mal an der Rivalität
von Frankreich und England scheiterte.«
    »Sie haben Recht, - ich war zu nachgiebig, man soll mich nicht mehr so
finden, wenn man mich denn mit Gewalt herausfordern will.«
    »Wie denken Euer Majestät über den Plan, den Vice-Admiral Nachimow vorgelegt
hat?«
    »Nein, Nesselrode, nein! Ich weiss, dass er den Erfolg mit einem Schlage
sichern, den Sieg in unsere Hände geben und einen vielleicht langen und schweren
Krieg vermeiden würde. Die russische Flotte von Sebastopol unerwartet in den
Bosporus werfen, die Schlösser als Pfand besetzen und Constantinopel mit einer
Armee im Schach halten - der Plan ist militairisch vortrefflich, aber - es geht
nicht!«
    »Sire - im Fall eines Krieges sichern Sie dadurch allein Ihre Flotte und die
Herrschaft des Meeres.«
    »Nein - nein! - Sebastopol wird meine Flotte schützen, man kann mich
höchstens an den Küsten verwunden. Ich aber opferte damit meine ganze
Vergangenheit, die bewiesen hat, dass ich kein Eroberer bin. Habe ich nicht im
Frieden von Adrianopel, als die Türkei in meiner Hand war, alle Eroberungen
zurückgegeben? Habe ich nicht die Beleidigung, die Persien mir angetan, mit dem
Erlass der Kriegsentschädigung vergolten? Haben meine Schiffe und meine Armee
nicht den Sultan zwei Mal vor seinem rebellischen Vasallen gerettet? Wer, frage
ich, hinderte mich im Jahre 1848, als alle Welt die Hände voll zu tun hatte, zu
nehmen, was ich wollte? - Statt dessen brach ich die Revolution in Ungarn und
rettete Oesterreich.«
    Der Reichskanzler beugte sich, ohne ein Wort zu entgegnen, auf seine Papiere
nieder.
    »Ich weiss, was Sie sagen wollen; man hat mich vielfach gewarnt. Fürst
Schwarzenberg soll mit Bezug auf Russland noch kurz vor seinem Tode gesagt haben:
Europa würde binnen wenig Zeit über die Undankbarkeit Oesterreichs staunen, aber
ich glaube daran nicht. Von Fritz, meinem Schwager, weiss ich, dass er es ehrlich
meint mit Russland, wenn ich auch nur passiven Beistand von dort erwarte. Die
heilige Alliance, die Sie selbst mit schliessen halfen, ist ein Erbe unserer
Vorgänger, das uns heilig ist. Ich traue auf den Kaiser Franz Joseph, er ist ein
junger Mann, der die Traditionen Oesterreichs nicht zu Schanden machen wird.
Vertrauen erweckt Vertrauen! - Hier biete ich es!« - Der Kaiser nahm einen
versiegelten Brief von seinem Tisch, der dort umgekehrt gelegen, und reichte ihn
dem Kanzler. - »Ich schrieb um diese Nacht. Schicken Sie ihn sogleich mit einem
Courier nach Olmütz ab, wo auch mein Schwager Wilhelm bereits eingetroffen sein
wird. Es ist die Anzeige meines Besuchs im olmützer Lager. - Sie werden mich
begleiten; wir reisen morgen nach Warschau ab.«
    Der Graf legte den Brief in sein Portefeuille.
    »Und nun, Batuschka10,« sagte der Kaiser freundlich nur lehnte ihm die Hand
auf die Schulter, »wie denkst Du über den Erfolg? Werden England und Frankreich
im Fall eines Krieges wirklich auf den Kampfplatz gegen mich treten, wenn man
meine Westgränzen durch Deutschland gesichert sieht?«
    »Sire, ich habe bereits Eurer Majestät wiederholt meine Ueberzeugung
ausgesprochen und durch Gründe belegt, dass die Verwickelung von Frankreich
veranlasst ist und nicht so weit getrieben sein würde, wenn man nicht von vorn
herein die Absicht eines Krieges zwischen Eurer Majestät und England gehabt
hätte. Ich bin noch immer der Ansicht, dass unsere Zeit noch nicht gekommen war,
unsere Einrichtungen und Transportmittel sind noch nicht vorgeschritten genug, -
mit einem Wort, Sire, wir sind nicht vorbereitet.«
    »Dolgorucki steht für die Armee, ich kenne sie selbst genau und weiss, was
Kronstadt und Sebastopol leisten können. Kleinmichel hat Zeit und Mittel gehabt,
die Strassen im Süden genügend in Stand zu setzen, so dass der militairischen
Communication kein Hindernis im Wege steht, wenn wir auch noch keine Eisenbahn
haben.«
    »Die geringe Anzahl unserer Truppen in den Fürstentümern beunruhigt mich,
Sire. Ist der Krieg unvermeidlich, so musste man ihn mit voller Energie
beginnen.«
    »Aber ich habe Dir gezeigt, man macht mir die Pfandnahme ohnehin schon zum
Vorwurf, selbst mein Schwager in Berlin. Eine Operationsarme würde unseren
Gegnern nur Waffen in die Hände gegeben haben. Uebrigens ist Gortschakoff stark
genug, dem Renegaten Omer die Spitze zu bieten.«
    »Die französische Armee ist in vorzüglichem Stand und disponible. Die
verschiedenen Lager sind nicht ohne weitergreifende Absichten gebildet. Wenn
auch die englische Landmacht nicht in's Gewicht fällt, so kann das Bündnis doch
binnen kurzer Frist eine sehr bedeutende Macht an den Bosporus werfen, die
entente cordiale wird sich ergänzen und hat die Mittel in Händen.«
    »Sie ist unerhört, diese unnatürliche Verbindung, gegen alle Tradition und
Politik! Und es scheint Ernst damit zu werden.«
    »Sire, ich glaube, ganz Europa hat sich in Napoleon III. verrechnet. Es ist
offenbar, dass England hierbei sein Werkzeug ist. Er hat eine Erbschaft
angetreten, dessen erste Artikel der Hass gegen England und Russland sind, an
denen sein Oheim unterging. Er hat vor diesem die Erfahrung und die Ruhe voraus.
Ein einziges Wort, das ihm zur Zeit des Staatsstreiches entschlüpft ist,
entüllt seine Pläne und seinen Charakter.«
    »Was meinen Sie?«
    Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muss. »Die Verbindung mit
England in einem Kriege wird und muss die Schwäche desselben vor der ganzen Welt
entüllen. Frankreich, selbst geschlagen, wird der Sieger sein. Der Kampf
zwischen England und Russland kann durch die Schwächung beider Gegner nur sein
Vorteil werden. In einem einzigen Calcül wird sich hoffentlich der Kaiser
Napoleon irren, in der Spekulation, dass Oesterreich und Preussen sich in einem
Kriege durch Teilnahme gegen uns gleichfalls schwächen werden. Diese Beiden,
wenn sie fest bleiben gegen die Verlockung, konnten einst das Paroli bieten;
denn glauben Euer Majestät, man wird versuchen, halb Europa in eine Revolution
gegen uns zu verwickeln.«
    »Wissen Sie, Nesselrode,« sagte der Kaiser vertraulich, »dass ich anfange,
gewisse Vorschläge an Frankreich zu bereuen?«
    »Die von Euer Majestät grossem Ahnen überkommene Politik und das Interesse
Russland's geboten den Versuch und gehen über jede andere Rücksicht.«
    »Sie überzeugen mich, und dennoch kann ich noch immer nicht glauben, dass man
zu einem Angriff gegen mich schreiten wird.«
    »Ich wiederhole Eurer Majestät, der Angreifende hat den Vorteil. Es ist ein
Krieg und eine Rache der Revolution gegen uns.«
    »Europa, die Trone sollten das bedenken.«
    »Leider ist auch in dieser Beziehung zu wenig vorbereitend geschehen. Euer
Majestät sind nun einmal eingenommen gegen die Macht und Bedeutung der Presse.«
    »Bah, ich verachte sie, es ist hohle Lüge und Declamation durch und durch.
Nichts Zuverlässiges. Auf Ihren Wunsch habe ich ja zwanzigtausend Imperials für
die Zwecke bewilligt, was wollen Sie noch mehr?«
    »Sire, ich glaube, es war zu spät. Die Presse lässt sich in unserer Zeit wohl
beeinflussen, aber nicht mehr kaufen. Wir haben Manches versäumt. Ich kann mich
von dem Glauben nicht losmachen, dass Euer Majestät der altrussischen Partei zu
schnell nachgegeben haben.«
    »Wohl - so sei diese Reise der letzte Versuch, den Frieden zu sichern. Ich
werde den Angriff abwarten, - und sie mögen zerschellen an Russland's Kraft. -
Sind weitere Depeschen und Nachrichten eingegangen?«
    »Der ausführliche Bericht des Staatsrats Fonton über seine Reise durch
Serbien liegt vor. Die Bevölkerung ist begeistert für Eure Majestät und das
Auftreten Russlands.«
    »Das gibt Oesterreich einige Beschäftigung und sichert uns vor
Ueberflügelung.«
    »Oberst Berger befindet sich wieder in Cetinje. Sein Einfluss ist durch die
Bemühungen des wiener Kabinets sehr beschrankt. Der Vladika hat neuerdings
strenge Verfügungen gegen die Razzia's in das türkische Gebiet erlassen müssen.
Im Volk selbst aber herrscht die Erbitterung fort und zeigt sich bei jeder
Gelegenheit, namentlich seit einer seiner gefeiertsten Häuptlinge, der Beg
Martinowitsch, von den Türken ermordet worden ist.«
    »Wenn der russische Adler ruft, werden meine wackern Montenegriner nicht
müssig sein. Es war ein grosser Fehler am wiener Congress, Montenegro zu isoliren
und Corfu aufzugeben.«
    »Baron von Meiendorf meldet aus Wien, dass man dort die bestimmten Beweise
habe, dass die Führer der revolutionairen Propaganda, namentlich Kossut und
Mazzini, mit der Kriegspartei des Divan in genauem Rapport stehen.«
    »Das müsste man von Constantinopel aus wissen. Wir sind dort bei Weitem nicht
mehr so gut bedient wie früher.«
    »In Madrid ist das Ministerium Lersundi gefallen. Der Sieg der
revolutionairen Partei bereitet sich vor.«
    »Der Fluch des begangenen Unrechts. Es fehlt diesen Bourbonen an
persönlichem Mut, ihr Alles in die Schranken zu werfen, sonst hätten längst die
Dinge im Westen einen andern Gang genommen.«
    »Der Kriegsminister wird Euer Majestät die Berichte des Fürsten Gortschakoff
vorlegen, so wie den Rapport über den Zustand der Festen am kaukasischen Ufer.«
    »Es ist bereits beschlossen, ich gebe sie auf.«
    »Fürst Mentschikoff sendet Berichte aus Constantinopel. Der Rest der
türkischen Truppen ist am 10. nach Varna abgegangen. Die türkisch-ägyptische
Flotte liegt noch immer unverändert vor Beikos. Der spanische General Prim ist
nach Schumla abgereist, nachdem er in Constantinopel spärliche Beachtung
gefunden hat.«
    »Der Don Quixote!«
    »Am Libanon unter den Drusen sind neue Unruhen ausgebrochen, - ich habe
unsere Agenten in Syrien instruiren lassen. An verschiedenen Stellen Rumeliens,
z.B. in Saloniki, haben neue schändliche Misshandlungen der christlichen
Untertanen ganz ungescheut stattgefunden. Aus Bulgarien ist eine Deputation in
Constantinopel angekommen, welche über die Scheusslichkeiten der Baschi-Boschuks
gegen die Bevölkerung Beschwerde führen soll.«
    Der Kaiser lachte verächtlich.
    »Gerechtigkeit und Schutz bei dem Moslem! - Täglich solche Erfahrungen und
dies christliche Europa will mir nicht gestatten, Christen gegen ihre geborenen
Henker zu schützen! - Haben Sie aus Aten Nachrichten?«
    »Eine unbedeutende Veränderung im Ministerium. Das Ministerium der Justiz,
das der Minister des Auswärtigen Pajkos bisher verwaltet, ist an den Professor
Gilitza übergegangen. Der englische Gesandte tritt in animoser Weise gegen die
Sympatieen auf, die sich offen unter der Bevölkerung Atens und des Landes für
uns zeigen.«
    »Nichts Näheres? - Sie wissen, Graf, seine Macht ist Null, aber ich rechne
viel aus die Sympatieen Griechenlands vor den Augen Europa's.«
    »Ihre Majestät die Königin wiederholt unserm Gesandten die gegebenen
Zusicherungen, doch ist Vorsicht nötig und man klagt über die Intriguen dieses
Herrn Kalergis, der eben aus Paris zurückgekehrt ist. - Alle Vorbereitungen sind
getroffen, im Augenblick einer Kriegserklärung wird Major Caraiskakis sofort an
der Gränze die Fahne des Kreuzes aufpflanzen und den Aufstand nach Epirus und
Tessalien werfen. In Albanien von Montenegro aus wird sein Stiefbruder Grivas
dasselbe tun. Es gährt überall im Lande und wird die Truppen in Süd-Rumelien
zur Genüge beschäftigen.«
    Die Uhr schlug Acht - mit dem letzten Schlage trat der dienstabende
Adjutant in das Kabinet.
    »Sind wir zu Ende, Herr Reichskanzler?«
    »Ja, Sire!«
    »Ah, guten Morgen, Mansuroff. Sie werden mich begleiten. Wer hat heute ausser
den Befohlenen um Audienz nachgesucht?«
    »Fürst Iwan Oczakoff bittet um die Gnade, sich vor seiner Abreise beurlauben
zu dürfen.«
    »Ist er nicht dem Stabe des Fürsten Mentschikoff beibeordert?«
    »Zu Befehl, Sire, doch hat er zuvor Urlaub, seine auf der Courierfahrt von
Paris in Berlin erkrankte Schwester auf ihre Güter in der Krim zu bringen. Die
Aerzte haben ihr den Aufentalt im Süden verordnet.«
    »Wer weiter?«
    »Graf Lubomirski, den Eure Majestät vom Exil begnadigt haben, will
Allerhöchstdenenselben seinen Dank zu Füssen legen.«
    »Lubomirski? - Er hat einen braven Enkel, doch liebe ich die Begegnung mit
alten Rebellen nicht; es ist genug, dass ich verzeihe. Es war ja wohl auf Ihre
Empfehlung, Nesselrode?«
    »Er ist ein alter Mann und hat uns in Paris mancherlei Dienste geleistet.«
    »Genug; sagen Sie den Herren, ich nähme die Meldung für empfangen an, aber
meine Zeit wäre heute allzubeschränkt. Herr Reichskanzler, für morgen früh 6
Uhr. Der Grossfürst Nicolas wird uns begleiten, von Warschau aus der Fürst
Stattalter.«
    »Sire, ich werde die Ehre haben, Eure Majestät auf der ersten Station zu
erwarten. Ich beurlaube mich!«
    »Adieu, Adieu! - Geben Sie mir den Helm, Mansuroff, kommen Sie!« - - -
    Der Kaiser verliess das Kabinet. - - -
    Wir werden es in einer schweren Stunde wieder betreten!
 
                                    Fussnoten
1 Djemala-Din, der älteste Sohn Schamiy's, war von ihm im Jahre 1839 bei dem
Sturme auf Achulgo, wo er selbst nur wie durch ein Wunder entkam, als ein kaum
7jähriger Knabe dem russischen Gouvernement als Geissel gestellt und er war
seitdem auf kaiserliche Kosten in dem Cadetten-Corps erzogen worden. - Wir
werden später Gelegenheit haben, sein ferneres Schicksal dem Leser vorzuführen.
2 Derselbe wurde wegen seines Gedichts auf Puschkin's Tod: »An Russlands
Schutzgeist,« als Soldat nach dem Kaukasus geschickt.
3 Historisch.
4 29. August alten Styls. Um die doppelten Bezeichnungen zu vermeiden, geben
wir, auch wo die Scene in Russland spielt, nur die Daten des neuen Kalenders, der
mit dem älteren um 12 Tage divergirt.
5 Commandeur der Garden.
6 Grossadmiral.
7 Handelsminister.
8 Der Koran - in arabischer Sprache geschrieben, aus welcher er nicht übersetzt
werden darf, - ist nicht allein das religiöse, sondern auch das bürgerliche
Gesetzbuch. Die Ulema's sind die Ausleger des Korans und bilden daher gleichsam
eine Klasse religiöser Rechtsverständiger; Softa's heissen die Schüler und
Studirenden. Das Haupt der Ulema's ist der Scheik ul Islam (gleichsam
Justizminister). Unter ihm steht an der Spitze der Ulema's jeder Provinz ein
Karaskier, der aber in Constantinopel residirt. Diese bilden einen Rat, an den
sich der Sultan in wichtigen Dingen mit du Frage wendet, was der Koran
entscheidet. Die Erklärung des Rates heisst Fetva. - Der Rat hatte sich für den
Krieg entschieden.
9 Katarina II.
10 Väterchen.
 
                                   III. Wien.
Im Hofraum eines jener alten aristokratischen Palais, deren die Altstadt Wien in
ihren krummen, mittelalterlichen Strassen noch so viele bewahrt hat, und welche
die hohen Familien wie zu ihrem alten Geschlecht gehörig, sorgsam hegen, hielt
ein reichgallonirter Stalldiener zwei prächtige, ungarische Pferde in schwerem
Silbergeschirr mit rotseidenem Behang und Zügeln vor einen zierlichen Tilbury
gespannt, dessen leichter graciöser Bau mindestens das englische Muster
verriet. Ein Jockei, in Grün und Silber gekleidet, stand daneben, während nicht
weit davon ein Reitknecht zu Pferde mit einem schönen halbblütigen Reitpferde
wartete.
    Die Vortreppe des Mittelbaues kamen so eben ein Herr und eine Dame herunter;
die Letztere, eine elegante Schönheit, etwa 24 Jahr, von seinen zierlichen
Formen. Das länglich schmale, blasse Gesicht mit der seinen gebogenen Nase und
den hoch geschwungenen, aber scharf gezeichneten, schwarzen Brauen über den
feurigen Augen kündete den sarmatischen Ursprung. Ein tief nach den üppigen
Haarflechten des Hinterkopfes zurückfallender, kleiner Damenhut, ein weiter
weicher Kashmirshawl um das hoch am Hals hinaufgehende, dollmannartig
geschnittene und verzierte Kleid bildeten eine sehr zierliche Tracht und hob den
feinen, kaum die Mittelgrösse erreichenden Wuchs. Eine grosse Lebendigkeit und
Rastlosigkeit tat sich in allen Bewegungen der Dame kund.
    Ihr Begleiter trug die Interims-Uniform eines russischen Capitains mit dein
Kasket. Er war ein grosser, schlankgewachsener Mann von nahe an dreissig Jahren
und ernster, denkender Gesichtsbildung. Seine Brust schmückte die Miniatüre
dreier Orden, eines russischen, eines österreichischen und eines preussischen.
    »Da Ihr Onkel mich für die Spazierfahrt im Prater zu Ihrem Cavalier ernannt
hat, schöne Gräfin,« sagte der Offizier, indem er die Dame auf den Sitz des
Wagens hob und Zügel und Peitsche aus der Hand des Stallknechts nahm, »so
erlauben Sie, dass ich Jockeidienste verrichte.«
    »Nichts da, Capitain; lassen Sie Ihr Pferd meinetwegen folgen und setzen Sie
sich zu mir. Ader von der Brücke ab verwalte ich selbst mein Amt und lasse mir
durch Sie das gewohnte Vergnügen nickt schmälern. Sehen Sie, wie Ali und Miss
Baba in die Zügel beissen, weil sie die gewohnte Hand vermissen.«
    »Die Pferde sind in der Tat heute sehr unruhig,« sagte der Capitain, indem
er sich auf den Sitz schwang und der Jockei hinten auf sprang; »es wird eine
Männerhand erfordern, sie zu bändigen.«
    Er nahm ihre Zügel zusammen und ein leichter Schmitz der Peitsche trieb sie
vorwärts und aus dem Torweg.
    »Nehmen Sie sich in Acht,« lachte die Dame; »ich bin gestern und vorgestern
nicht gefahren und meine Pferde sind heissblütig, wie die Söhne ihres Landes.«
    Der Wagen bog in eine der Gassen, die nach dem Stephansplatz führen. Hoch
und kühn streckte sich dieser schönste und berühmteste Dom Deutschlands in die
blaue Luft. Nach dem roten Turmtor ging die Fahrt, während deren in den
Strassen die Unterhaltung stockte, da die unbändigen Rosse alle Aufmerksamkeit
des Führers in Anspruch nahmen; dann über die schöne Donaubrücke durch die
Jägerzeile, aus der des Banus Croaten vor fünf Jahren die Rebellen Haus um Haus
schlugen, nach dem Praterstern. Als sie am Neubau des Renz'schen Circus vorüber
in's Freie gekommen, legte die Gräfin die Hand auf den Arm ihres Cavaliers.
    »Halt da, Herr Capitain, hier endet Ihr Amt. Ist es Ihnen wirklich Ernst,
meinen Jockei zu spielen, ei, so nehmen Sie seinen Platz ein und lassen Sie
meinen Joan Ihr Pferd besteigen, der kleine Bursche reitet vortrefflich. Ich muss
Raum haben für meine Zügelkünste.«
    Der Capitain hielt an und schaute ihr einen Augenblick in die dunklen Augen,
auf deren zauberhaftem Grund ihm hinter dem leichten Ton des Scherzes eine
ernstere, verhaltene Stimmung zu begegnen schien. Dann übergab er galant Zügel
und Peitsche, schwang sich auf den Hintersitz und schickte den Jockei zu seinem
nachfolgenden Reitknecht.
    Die Peitsche pfiff durch die Luft, die mutigen Rosse schlugen aus, und im
Galop bog das leichte Fuhrwerk in die grosse Prater-Allee.
    Obschon in diesem Augenblick der Hof, alle höheren Militairs und ein grosser
Teil des vornehmen Adels und der Diplomatie sich im Lager von Olmütz befanden,
wo eben der Besuch des Kaiser Nicolaus stattgefunden, - war doch, aus den Bädern
zurückgekehrt, vornehme und reiche Welt genug in Wien, um die tägliche
Praterfahrt glänzend zu machen. Es war der erste October, ein prachtvoller
Herbsttag, und Equipagen aller Art, besetzt von Damen in jener elegant
harmonischen Toilette, durch welche die Schönen Wiens berühmt sind, kreuzten
sich in der breiten vierten Allee, die dem Corso der vornehmen Welt vorbehalten
scheint. Dazwischen Reitergruppen oder einzelne Reiter auf schönen Pferden,
durch die sich Wien gleichfalls auszeichnet. Während der Tilbury der Magyarin in
raschem Trab oder im Galop des Gespanns dahin flog und die geschickte Hand der
Führerin nach rechts und links ausbog oder im wilden Lauf die Vorfahrenden
überholte, erwiederte sie zahlreiche Grüsse, die ihr von allen Seiten wurden, und
mancher den Capitain um die schöne Nachbarschaft beneidende Blick folgte dem
Gefähr.
    Unter den Begegnenden befand sich ein grosser schöner Mann von militairischem
Aussehen, in eleganter Civilkleidung, der den feurigen Rappen, den er ritt,
kräftig im Zügel hielt. Das Gesicht trug die fest geschnittenen, italienischen
Formen, mit dem wachsartigen Teint; um Mund und Nasenflügel lag ein
eigentümlich scharfer Zug. Er verbeugte sich tief vor der Gräfin, die sehr
freundlich, aber mit einiger Verwirrung den Gruss erwiederte und zugleich die
Pferde zu noch rascherem Laufe anfeuerte.
    Der Capitain lehnte über die Wand des Vordersitzes.
    »Sie treiben die Pferde zu stark, Gräfin; es ist Gefahr, dass sie
durchgehen.«
    Sie lächelte spöttisch.
    »Wie kann der tapfere Besieger des Ungarnvolkes von Gefahr sprechen? - Doch
Sie haben Recht, Ali und Baba haben ihre Schuldigkeit getan und uns aus diesem
Gassen und Begegnen geführt. Jetzt mögen sie Ruhe haben.«
    Damit bog sie in eine Seitenallee, die fast leer war.
    Indem sie das schöne Gespann nachlässig im leichten Trabe voran gehen liess,
setzte sie sich bequem in die Ecke des Sitzes zurück.
    »Darf man fragen, warum Capitain Meiendorf nicht, wie halb Wien, mit seinem
Onkel, dein Ambassadeur, in dem glänzenden Lager von Olmütz sich befindet?«
    Der Capitain errötete leicht.
    »Ausser Ihrem demütigen Diener scheinen doch auch andere Militairs und
Verehrer der Schönheit in den Ringmauern Wiens zurückgeblieben, so dass mein
Verweilen wohl nicht auffallen kann. Graf Pisani zum Beispiel, von der
sardinischen Gesandtschaft, dem wir eben begegneten.«
    Die Dame lächelte.
    »Sie sind eifersüchtig, Capitain?«
    »Nein - aber ich fürchte!«
    »Für mich?«
    »Ja!«
    »Und was könnte wohl Ihre Besorgnis für die Gräfin Laszlo, die Nichte eines
Esterhazy, rechtfertigen?«
    Der Offizier bog sich noch weiter vor, gleich als sollten selbst die Bäume
umher seine leisen Worte nicht hören.
    »Gräfin Helene besucht häufig die Gesellschaften der Frau von Czezani - die
auch Oberst Pisani frequentirt!«
    »Was mehr, mein Herr?«
    »Die wiener Polizei ist berühmt, doch, Gräfin, entgeht auch ihr so
Mancherlei. Warum soll ich nicht aussprechen, was doch stadtbekannt ist, - dass
man in unserm Gesandtschaftshotel besser unterrichtet ist, als selbst Herr von
Bach. - Ich kenne die Berichte über jene Cirkel.«
    »Ich hätte nie geglaubt, dass Capitain von Meiendorf sich mit politischer
Spionerie beschäftigen könnte.«
    Der Offizier schwieg tief verletzt und lehnte sich zurück. Sie sah, dass sie
zu weit sich hatte hinreissen lassen und legte mit bezaubernder Freundlichkeit
die Hand auf seinen Arm.
    »Ich habe Unrecht - aber bedenken Sie selbst, welche tiefe Erbitterung diese
fortwährende geheime Polizei unter meiner Nation erregen muss. Frau von Czezani
ist meine Jugendfreundin.«
    »Ich weiss es, und deshalb warne ich so dringend. Ich weiss, dass unter der
Maske von Soiréen der eleganten Welt sich dort offen und geheim zusammenfindet,
was die Hauptstadt an unruhigen revolutionairen Geistern in ihren höheren
Schichten birgt. Die glänzenden geselligen Unterhaltungen, unbeargwohnt von ganz
Wien, decken geheime Zusammenkünfte in entlegenen Zimmern, und Pläne, die ihre
Fäden nach Pest, wie nach Prag und Mailand senden und ihren Ausgangspunkt in
London, Turin und Paris haben. Von hier aus datirte das geheimnisvolle Komplot
im Juni mit dem Vergiftungsversuch und den Verhaftungen in Schönbrunn, dessen
Zusammenhang die Polizei vergeblich zu erforschen suchte. Und mit Schmerz muss
ich es sagen, ratz Gräfin Helene, die Zierde Wiens und ihres Vaterlandes, diesem
dunklen Treiben nicht fremd ist, es wenigstens kennt und billigt.«
    Die schöne Wittwe war während dieser Entüllung bleich geworden, ihre
feingeschnittenen Lippen kniffen sich fest auf einander.
    »Es ist wahr, - was soll ich es leugnen,« sagte sie endlich stolz; »ich weiss
von jener Abscheulichkeit Nichts, aber ich werde gern eine Märtyrerin sein für
mein Vaterland, wie so viele bessere Frauen gewesen sind unter der Staubrute
des Prangers, wie in dem Moder österreichischer Kerker. Glauben Sie wirklich,
dass das Blut der Batyani, das in meinen Adern fliesst, vergessen kann, dass mein
Verwandter den Galgen zierte, dass es vergessen kann, Ungarns Rechte und
Freiheiten?«
    »Aber Ihr Oheim, Ihre Vettern sind auch Ungarn und doch gute Oesterreicher
wie tausend Andere.«
    »Sie sind Diener und Anhänger des Kaiserhauses. Ich aber habe die Milch
meines Landes getrunken und bin in ihm gross geworden. Doch das sind Anschauungen
des Gefühls und der Entscheidung jedes Einzelnen. Um Vieles nicht möchte ich
Kummer auf das weisse Haar meines Onkels bringen und danke Ihnen deshalb für Ihre
Warnung. Ich werde in drei Tagen auf meine Güter am Maros gehen. Will Capitain
Meiendorf einen Teil der Jagdzeit auf meinem Schloss Bisztra zubringen, das er
kennt, so findet er dort - wenn auch nicht durchgängig angenehme - Gesellschaft
und wird willkommen sein.«
    Der Capitain schwieg einige Augenblicke.
    »Ich verlasse Wien wahrscheinlich noch früher wie Sie, Gräfin.«
    »Wie das?«
    »Man erwartet jeden Augenblick von Constantinopel eine entscheidende
Nachricht. Der Kaiser ist gestern, wie Sie wissen, nach Warschau zurückgereist
und wird sie dort in Empfang nehmen. Ist die Pforte wahnwitzig genug, die
Kriegserklärung zu beschliessen, so werde ich wahrscheinlich als Courier zum
Fürsten Gortschakoff gehen müssen. Ohnehin ruft mich dann meine militairische
Pflicht in die Reihen der Donau-Armee.«
    »Wissen Sie, Capitain, dass ich Ihnen dort näher sein werde, als Sie
glauben?«
    »Wie meinen Sie das, Gräfin?«
    »Von der Familie meiner Mutter habe ich zwei Güter am Schyl in der Nähe von
Krajowa geerbt. Sie sehen daraus, dass ich schon als gute Untertanin des
Sultans, meines Oberherrn, Ihre Gegnerin sein muss. Ich denke, noch in diesem
Herbst, spätestens im Frühjahr, meine Walachen zu besuchen.«
    »Das dürfte doch leicht zu gefährlich sein. Sollte es wirklich geschehen, so
würde es mir hoffentlich leicht werden, ein Kommando in jener Gegend zu
erhalten, um zu Ihrem Schutz bereit zu sein.«
    »Sie sind zu galant, Capitain,« lächelte die Gräfin mit leichter Coketterie;
»ich kann kaum annehmen, dass meine kleine Person wirklich einen Anspruch auf Ihr
Interesse hat.«
    Der Offizier bog sich über den Sitz weit vor.
    »Sollte Gräfin Helene in der Tat nicht wissen, welches Bild in diesem
Herzen lebt, seit ich sie damals auf Schloss Bisztra am Lager Ihres kranken
Gemahls zuerst erblickte?«
    Die Gräfin schwieg - Zügel und Peitsche ruhten achtlos in ihrer feinen Hand.
    »Es in eine eigentümliche Gelegenheit, es auszusprechen.« fuhr der Capitain
mit bewegtem Tone fort, »aber Sie wissen, dem Soldaten gehört der Augenblick.
Seit jener Zeit, seit ich Sie sah, Helene, liebe ich Sie innig und fest, so
lange dies Herz schlagen wird. Als Mann von Ehre darf ich jetzt keine Frage an
Sie richten, da ich im Dienst und bei den drohenden Verhältnissen nicht Herr
meiner Selbst bin; ich möchte es nicht - weil ich in Kampf und Tod wenigstens
die Hoffnung mit mir tragen will, in diesem stolzen Herzen ein Gedächtnis zu
finden. - Aber sagen, sagen musste ich es Ihnen, ehe ich scheide - und jetzt,
Gräfin von Laszlo, wissen Sie, warum ich in Wien blieb.«
    Eine lange Pause folgte dem inhaltschweren Geständnis; auf Stirn und Wangen
der schönen Magyarin zeigte die Röte ihre innere Erregung. Ein Kampf schien in
ihrer Seele vorzugehen.
    »Ich muss und will Ihnen dennoch eine Antwort geben, Herr Capitain. - Wissen
auch Sie, warum ich aus den Reihen der Equipagen in dir einsame Allee einbog?«
    Er schaute sie fragend an. Ihr dunkles Auge war zu Boden geschlagen, - sie
achtete es nicht, wie leicht die Zügel ihrer Hand entglitten.
    »Ich glaubte, - ich wusste, dass Sie mir das sagen würden, was ich eben
gehört.«
    »Helene!«
    »Halt, mein Freund! - Sie wissen, dass ich jung einen greisen Gatten erhielt,
den ich kaum zwei Jahre lang als meinen Vater ehrte.«
    »Ich habe ihn gesehen. Sie pflegten den Greis wie einen beliebten.«
    »Familienverhältnisse liessen mich seine Gemahlin werden, - er sah den
Ausgang der Erhebung unseres Landes voraus, den sichern Ruin unserer Familie vor
Augen und wollte mich, die er als Kind geliebt, retten und mir eine Zukunft
bereiten. Ich wurde die Erbin aller seiner Güter.«
    »Gräfin!«
    »Still! was kümmert es uns, ob diese reich oder gering sind, ob diese Hand
eine ihres Goldes wegen so vielbegehrte ist! - Krankheit fesselte meinen Gemahl
an sein Schloss während des ganzen Krieges, obschon er an dem Aufstand keinen
Teil nahm und jeden Verkehr mit den Führern so viel als möglich vermied. Aber
mein Herz flog mit unsern Fahnen, meine Seele war in den Schlachten, die mein
Volk kämpfte, meine Tränen flossen mit seinem Blut und meine Pulse jubelten mit
seinen Siegen!«
    »Und ich, Ihr Feind!«
    »Da kommen Sie, mit den Armeen des Czaren, die Ungarn auf's Neue in Fesseln
schlugen. Sie, die fremde Nation brachten die Ketten, die den erwachten Riesen
zu Boden warfen. Welche Gefühle meinen Sie, müsste die Tochter Ungarns für den
fremden Unterdrücker haben?«
    Er schwieg.
    »Doch Sie sind Soldat, Sie der Einzelne, Willenlose. Als solcher waren Sie
edel und gut, - ich danke Ihnen viel, vielleicht Ehre und Leben, als Sie die
Marodeurs unserer eigenen Armee, - den Auswurf der Zerstreuten, Geschlagenen,
bei der Plünderung unseres Schlosses überraschten und zurückschlugen. Sie
schützten uns gegen alle weiteren Gefahren.«
    »Auch das war Soldatenpflicht.«
    »Es waren zwei Bilder, die in meiner Erinnerung blieben, derselbe Gegenstand
und doch so verschieden, der Feind und der Freund.«
    »Und welchen von beiden sehen Sie jetzt?«
    »Es wird darauf ankommen. - Ich werde meine Hand nur einem Freunde Ungarns
geben, nie seinem Feinde.«
    Wiederum unterbrach ein längeres Schweigen das Gespräch. Dann sprach er mit
tiefem schwerem Ton:
    »Ich bin Soldat - aber ich bin auch Royalist aus fester innerer
Ueberzeugung. Ich werde stets dahin gehen, wohin mein Kaiser befiehlt.«
    Sie atmete schwer, ihre Stimme zitterte.
    »Die drohenden politischen Stürme werden, auch ohne unser Zutun, in vielen
Ländern Veränderungen hervorbringen, - wie ich hoffe, auch in meinem
Vaterlande.«
    »Täuschen Sie sich nicht mit solchen Erwartungen und, ich beschwöre Sie und
will für diese Bitte jede Hoffnung opfern, - denken Sie an das Schicksal der
Gräfin Teleky. Bricht der Krieg aus, so wird Oesterreich sicher mobil machen und
seine flavischen Provinzen besetzen und niederhalten; denn es weiss sehr wohl,
dass ihm hier die nächste Gefahr droht. Geben Sie einen Traum auf, der nur zum
Verderben führt.«
    Die Hände ruhten gefalten in ihrem Schoss, - so jagten die Pferde, die Zügel
am Boden schleifend - sie merkte nicht, - er merkte nicht auf die Gefahr. -
    »So leben Sie wohl - meine Gebete geleiten Sie in den Sturm der Schlacht!«
    »Helene!«
    Sie reichte ihm stumm die Hand, die er an seine Lippen presste. - - -
    Aus einem Seitenweg brachen im Galop drei Reiter, Graf Pisani unter ihnen.
Die Pferde vor dem Tilbury der Gräfin scheuten zurück, - die haltende Hand
fehlte, im rasenden Lauf brausten sie dahin.
    »Um Gott - die Zügel!«
    Die Gräfin sass bleich, ratlos in der Ecke ihres Sitzes. Tief von dem seinen
bog sich der Offizier und versuchte vergeblich die Zügel zu haschen, die unter
den Rädern dahin schleiften, und sich in die Füsse der Pferde schlingend, diese
nur noch scheuer machten.
    Der leichte Wagen flog von einer Seite zur andern - jeder Augenblick drohte
ihn zu zerschellen. Gräfin Helene hielt sich mit Mühe fest auf dem Sitz. Die
plötzliche Todesgefahr hatte die Schwäche des Weibes in ihre volle Macht
eingesetzt.
    »Allmächtiger Gott - wer hilft?«
    »Halten Sie fest, Gräfin, - ich versuche Alles!«
    Während des rasenden Laufes, doch mit besonnener Vorsicht, schwang sich der
Offizier, nachdem er seinen Degen von sich geworfen, von seinem Platz an die
Teile des Wagens nach dem Auftritt zum vordern Sitz, darauf Fuss fassend. Der
Auftritt war kaum andertalb Fuss hoch vom Boden, und so, mit der Hand sich am
Wagen selbst festaltend, versuchte er die Leine zu haschen. Die ersten Versuche
missglückten, dann gelang es ihm, die Zügel zu erfassen, aber verwickelt in das
Geschirr, wie sie waren, und durch das Anspringen der Pferde erhielt er von
ihnen einen so gewaltigen Ruck, dass er die Balance und den leichten Halt verlor
und schwer zu Boden stürzte. Ein lauter Aufschrei der Gräfin gellte in seine
Ohren, - einen dunklen Schatten sah er vorüberfliegen, während er, die Zügel
nicht loslassend, mehrere Schritte fortgeschleift wurde, dann ein plötzlicher
Ruck, dass der Wagen erzitterte, und die wilden Renner standen wie eine Mauer.
Als er sich aus der augenblicklichen Betäubung emporraffte, hielt Graf Pisani
auf seinem schäumenden Renner vor dem Gespann und dessen Kinnketten in seiner
kräftigen Faust. Dann den herbeispringenden Gesellschaftern die weitere
Bändigung der Pferde überlassend, sprang der Graf aus dem Sattel und eilte, die
halb ohnmächtige Dame von ihrem Sitz zu erheben, worauf er sie halb schwebend zu
einem nahen Ruhesitz unter den Bäumen der Allee trug.
    »Gerettet, und durch mich!« sagte der Italiener mit Bedeutung. »Ein
glücklicher Tag, der mir zugleich die Hoffnung gibt, Sie nochmals zu sehen,
Gräfin. Es sind vor einer Stunde höchst wichtige Nachrichten eingegangen - alle
Vertrauten versammeln sich bei der Czezani.«
    Sie vermochte, erregt, alle Pulse fliegend, ihm nicht zu antworten, kaum zu
stammeln:
    »Mein Begleiter - der Capitain« - -
    »Ah, sorgen Sie nicht,« lachte spöttisch der Graf. »Ein Bischen Schmuz - das
ist ja ihr Element. Ein Russe macht sich Nichts daraus und kommt immer wieder
auf seine Füsse.«
    Er beschäftigte sich eifrig um sie, die mit Gewalt die Aufregung überwand
und sich schnell erholte.
    »Wir rechnen sicher auf Ihr Erscheinen, Gräfin, - es ist dringend, ich muss
Sie sprechen.«
    »Ich werde kommen. - Doch wo ist Herr von Meiendorf?«
    Sie wandte umherblickend das schöne Haupt, - ihr Auge traf auf den Capitain,
der kaum zwei Schritt von ihr stand, finster die Gruppe messend, beschmuzt vom
Staub des Weges, den Uniformrock an mehreren Stellen zerrissen. -
    Die Gräfin stand rasch auf und reichte ihm die Hand.
    »Welcher Gefahr haben Sie sich um meinetwillen ausgesetzt, - Sie konnten
sich tödten!« - Indem bemerkte sie dunkle Blutstropfen, die seine linke
Manchette färbten und an der Hand herunterrollten. - »Mein Gott, Sie bluten -
Sie sind schwer verletzt?«
    »Nur unbedeutend - das scharfe Eisen ritzte mir den Arm. - Diesmal,« fügte
er mit kaltem Lächeln hinzu, »blute ich wenigstens für Ungarn.«
    »Es ist unser Handwerk,« sagte der Graf, »und der Herr Capitain achtet
dessen um so weniger, als vielleicht russisches Blut bald in Strömen vergossen
werden wird.«
    »Vielleicht bietet sich auch die Gelegenheit, die Farbe des sardinischen zu
erproben!«
    »Ich hoffe,« entgegnete der Oberst stolz, »dass Seine Majestät, der König
Victor Emanuel, uns diese durch seinen Beitritt zu den Westmächten gewähren
wird.«
    Die Gräfin unterbrach die bitteren Worte, die wie Pistolenkugeln herüber und
hinüber flogen.
    »Die Pferde sind beruhigt, Dank Ihrer mutigen Geschicklichkeit, Herr
Oberst. - Ich glaube, ich kann ohne Gefahr meinen Sitz wieder einnehmen.«
    »Darf ich mir erlauben, meine Dienste anzubieten, da der Herr Capitain
wahrscheinlich vorziehen wird, die Rückkehr seines Dieners mit neuen Kleidern
aus der Stadt zu erwarten?«
    »So wollen wir das gemeinschaftlich tun; ich bitte, Capitain, senden Sie
rasch.«
    »Es ist bereits geschehen,« sagte der Offizier, der seinem eben
herbeigekommenen Reitknecht den Befehl gegeben und den Zügel seines Reitpferdes
in die Hand genommen hatte. »Indes bitte ich dringend, gnädigste Gräfin, sich
meinetwegen nicht aufzuhalten. Ich werde im nächsten Café die Rückkehr meines
Dieners erwarten und bedaure mir, dass der Unfall mich hindert, die mir vom
Fürsten, Ihrem Oheim, übertragene und von mir schwer vernahlässigte Pflicht
besser zu Ende zu führen. Der Herr Oberst wird sicher aufmerksamere Sorge
tragen.«
    Sie sah ihm erstaunt in das Auge, das kalt und gemessen dem ihren begegnete.
Dann ging sie stolz nach dem Wagen, an dem die beiden Begleiter des Grafen noch
hielten. Die Pferde hallen sich vollständig beruhigt, der Jockei stand an seinem
Platz.
    »Darf ich das Glück haben, den Rosselenker zu machen?«
    »Nein,« sagte sie kurz abgestossen, »ich will selbst fahren; man würde sonst
glauben, ich hätte mich gefürchtet.«
    »So erlauben Sie mindestens, dass wir Sie zu Pferde begleiten; unmöglich
können wir Sie allein lassen.«
    Sie nickte stumm und liess sich auf den Sitz heben, wo sie die Zügel aus des
Jockei's Hand empfing. Während die Cavaliere sich auf die Pferde schwangen,
wandte sie sich noch ein Mal zu ihrem früheren Begleiter, der mit kalter
Höflichkeit an der Seite des Wagens stand.
    »Werde ich Sie noch sehen vor Ihrer Abreise?«
    Ein eisiger Blick begegnete ihrem fast zärtlich fragenden Auge.
    »Die Gräfin von Laszlo hat der Freunde so viele, die sie sehen und sprechen
muss, dass ich ihre kostbare Zeit nicht beschränken darf.«
    Der Wagen flog dahin, - er sah die Träne nicht, die sie im stolzen Zorn
zwischen den dunklen Wimpern zerdrückte.
    Aber am Boden sah er es weiss schimmern, das Tuch der Gräfin, das ihr
entfallen. Das hob er auf und presste es an das heisse Gesicht und barg es auf dem
tief verletzten Herzen. - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In der Nähe des Palais beurlaubten sich die Reiter von der schönen Gräfin,
und Oberst Pisani kehrte nach seiner Wohnung zurück. Als er dort ankam, fand er
am Haustor lehnen und auf ihn harren einen Mann von wildem kühnem Aussehen. Der
Fremde mochte an zehn Jahr mehr als der Oberst zählen, der eben das vierzigste
angetreten, doch zeigten nur wenig ergrauende Haare am Scheitel und in dem
kräftigen Bart, der den untern Teil des Gesichts bedeckte, das beginnende
Alter. Obschon der Mann in gewöhnlichen wenig auffallenden Kleidern steckte,
schien doch sein ganzes Ich nicht hinein zu gehören, und hätte über dem
funkelnden schwarzen Auge der bänderverzierte spitze Calabreser gesessen, wäre
die breite gewölbte Brust statt von Rock und Weste von dem roten
silbergestickten Latz des römischen Banditen bedeckt gewesen, mit seinen Uhren,
Ketten, Ringen und Amuletten beladen, - um den Leib die neapolitanische Binde
geschlungen mit den Pistolen darin und den Stilets, - das hätte der passende
Anzug geschienen für die sehnige mittelgrosse Gestalt, die kräftigen Beine, die
den Bergbewohner verrieten, und das ganze Wesen des Mannes, dass, die Flinte in
der Faust, den Gegner auf Tod und Leben zu bedrohen schien.
    »Ah, Signor, das nenn' ich pünktlich,« sagte der Sarde laut zu dem Fremden,
indem er sich vom Pferde schwang. »Kommen Sie mit hinauf zu mir, damit wir
unsern Handel abschliessen.« Damit klopfte er das treffliche Ross kosend auf den
Nacken. »Du hast mir heute einen grossen Dienst erwiesen, Diavolo, der mich
meinem Ziele um Vieles näher bringt, und sollst doppelte Ration haben zum Dank.«
    Er übergab es dem Stallknecht und befahl ihm besondere Sorgsalt für das
schöne Tier, dann lud er den Fremden nochmals ein, ihm zu folgen und führte ihn
hinauf in sein Zimmer.
    Dort warf er sich auf's Sopha, winkte seinem Begleiter, sich niederzulassen
und änderte sofort den Charakter der Anrede.
    »Nun, Sta Lucia,« sagte der Oberst, indem er ein Cigaretto nahm und dem
Fremden die Büchse derselben zuschob, »ich habe, was Ihr braucht, ermittelt, und
es wird gut sein, wenn Ihr Euch bereit haltet, morgen mit dem Frühzug nach Pest
abzureisen.«
    »Warum, Signor Conte? - es gefällt mir recht gut hier, ich bin erst drei
Tage in Wien und habe die Fahrt noch in den Knochen.«
    »Vorerst, mein Bester,« entgegnete der Graf, behaglich die Dampfwolke
verfolgend, die er von sich blies, »taugt die wiener Luft nicht besonders für
Leute Eures Schlages, die unter Garribaldi gefochten und ausserdem so ein
andertalb Dutzend Personen ohne Absolution und Vollmacht aus der Welt spedirt
haben, die Andern nicht gerechnet, die nachgekommen und von denen ich Nichts
weiss. Wien ist ein heisses Pflaster und man liebt uns Italiener nicht gar zu sehr
hier.«
    »Ich bin Franzose, Signor!«
    »Ah, ich vergass. Das liebe Corsika ist ein französisches Departement und
liefert Frankreich seine Kaiser und seine Banditen. Aber abgesehen davon möchte
die Rückreise Euch sonst Schwierigkeiten machen, das nächste Dampfschiff,
welches die Donau hinabfährt, dürfte wahrscheinlich das letzte sein.«
    »Wie so?«
    »Das werde ich Euch besser fünf Minuten vor der Abfahrt sagen. Genug, Eure
Rückkehr nach Constantinopel hat Eile, denn es wird dort jetzt reichliche
Beschäftigung geben. Hier ist zunächst die Auskunft, die das Comité in
Constantinopel verlangt und wegen deren Ermittelung es Euch hierhersandte, da
Ihr Euer Lebelang nicht hier gewesen, also kein Wiedererkennen zu fürchten
hattet.«
    »Darf ich fragen, Signor Conte, ob sich der Verdacht bestätigt hat?«
    »Das kann ich Euch so bestimmt nicht sagen, und müsst Ihr selbst an Ort und
Stelle durch Vergleichung, des Signalements ermitteln. Dass der capitano tedesco
Robert Blum in dem bezeichneten Hause sich versteckt hielt und durch einen
Bewohner desselben angezeigt wurde, steht fest. Der Mann ist später von Wien
fortgezogen, weil er Verfolgungen fürchtete, und es ist richtig, dass er nach dem
Orient gegangen sein soll. Der Name stimmt freilich nicht, aber das ist kein
Hindernis. Das möglichst genaue, hierbei befindliche Signalement wird
entscheiden, ob die erhobene Anklage des Comité's begründet ist.«
    »Giebt sie ein besonderes Kennzeichen an?«
    »Eine starke Narbe an der linken Schläfe.«
    »Per bacco! es ist unser Mann!«
    »So sind wir fertig. Seid Ihr mit einem Anzug versehen, um Euch in eine
Gesellschaft einführen zu können?«
    »Der Teufel hole die verwünschten Kleider, in denen man sich überall zu enge
fühlt. Was ich auf dem Leibe trage ist Alles, was ich habe.«
    »So ist hier Geld, Ihr werdet in jedem Kleidermagazin das Nötige finden.
Binnen einer Stunde müsst Ihr elegant equipirt bei mir sein, um mich an einen Ort
zu begleiten, wo ich Euch als den Marchese Lucaboni vorstellen werde. Es ist
möglich, dass man Eurer dort für Auskunft und Instruction in Betreff
Constantinopels bedarf.«
    Der Corse steckte das Geld ruhig in die Tasche, zündete sich ein neues
Cigaretto an und empfahl sich.
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    Ungefähr andertalb Stunden nach der vorerzählten Scene rollte ein elegantes
Coupé auf der Strasse nach Hietzing, diesem von Villen und schönen Anlagen
gebildeten, beliebten Sommeraufentalt der Wiener. Obschon die Jahreszeit weit
vorgeschritten, wohnten doch viele vornehme Familien noch hier und die schöne
Herbstwitterung erlaubte selbst noch einen grossen Teil der Abende im Freien
zuzubringen.
    Der Cirkel, welcher sich an zwei Abenden in der Woche in dem eleganten
Landhause versammelte, das Frau von Czezani, eine geborene Ungarin, in Hietzing
bewohnte, bildete eine interessante Gesellschaft aus den verschiedensten Kreisen
der lebenslustigen Residenz, und man fand hier - so weit die Bäder- und
Sommerreisen sie nicht entführt - Mitglieder der Aristokratie und Diplomatie,
Koryphäen der Geschäftswelt, Fremde, Offiziere und Künstler. Ganz natürlich
erschien es dabei, dass namentlich Ungarn das Haus ihrer Landsmännin besuchten.
Ein Vorgarten schied die elegant erbaute Villa von der Strasse und diente mit
dein offenen Vestibüle und dem die ganze Mitte des Gebäudes einnehmenden Salon
gewöhnlich zum Aufentalt der Gesellschaft, so dass so zu sagen aller Verkehr
öffentlich und vor den Augen des Publikums sich bewegte, und also um so weniger
Aufmerksamkeit oder Verdacht erregen konnte. Rechts und links vom Salon befanden
sich die Spielzimmer, hinter dem Hause schloss sich, wie gewöhnlich bei den
Villen, ein ziemlich grosser, mit modernen Anlagen gezierter Garten an. Einen
Seitenflügel des Gebäudes bildete ein Gewächshaus, an dessen Ende ein grosser
gemauerter Pavillon stiess, für Sommer und Winter zum Bewohnen geeignet. Die
Laubgänge und dunklen Boskets des Gartens umschatteten ihn und verbargen auf
diese Weise den äussern Zugang.
    Die Gesellschaft war an diesem Abend bereits ziemlich zahlreich anwesend und
hatte sich im Garten um eine fremde Schönheit gruppirt, deren Ruf ihr voran
gegangen und die vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und durch einen
Empfehlungsbrief bei Frau von Czezani eingeführt war.
    Es war die spanische Tänzerin, der wir bereits in Paris und Berlin begegnet
sind.
    Während ein Kreis von Verehrern um die Spanierin eine lebhafte Conversation
unterhielt, promenirten einzelne Gruppen im Garten und Salon. Graf Pisani suchte
die Dame des Hauses auf, der er laut seinen Begleiter als den Marchese Lucaboni
präsentirte, worauf er es diesem überliess, sich so gut wie möglich zu
unterhalten oder durchzuhelfen, und sich in der Gesellschaft verlor.
    Er selbst ging durch den Salon nach dem hintern Garten, in dem verschiedene
Paare promenirten. Sein scharfer Blick fand bald Personen heraus, die er suchte
und er folgte zweien, die im eifrigen halbleisen Gespräch vertieft waren. Die
eine war ein kleiner magerer Abbé mit fuchsartigem Gesicht und scharfen,
stechenden Augen, Italiener wie der Graf; die andere war der Banquier, dessen
Mission nach Wien im Rat der »Unsichtbaren« der Leser beigewohnt hat.
    Als der Graf zu ihnen trat, geschah es an einer Stelle des Gartens, an der
sie durch die freie Umgebung vor jedem Lauscherehre gesichert waren.
    »Ich erwartete kaum, Sie schon hier zu finden, Baron,« sagte der Graf, »und
glaubte Sie noch mit der Flut der Geschäfte überhäuft, die diese wichtige
Nachricht mit sich bringen musste. Wie haben Sie Ihre Dispositionen getroffen?«
    »Der Herr Abbé war so gütig, mir zu helfen, überdies waren alle
Vorbereitungen getroffen. Um 7 Uhr ist mein erster Commis mit der Eisenbahn
abgegangen und gibt in Brünn die Depeschen nach Berlin, Paris und London zur
telegraphischen Beförderung auf. Man wird sie an allen drei Orten morgen
mindestens zwei bis drei Stunden vor Eröffnung der Börsen haben, und die
Geschäfte können vollständig vor deren Beginn abgemacht sein. Ein Milliönchen,
Herr Graf, ein Milliönchen mindestens muss selbst der Schlag eintragen, abgesehen
von den Vorteilen für die Verbindung.«
    Er rieb sich vergnügt die Hände.
    »Aber warum gingen Sie nicht lieber selbst bis Brünn? Es wäre weit sicherer
gewesen.«
    »Der Baron,« meinte der Abbé, »muss notwendig in Wien bleiben, seine Abreise
hätte Verdacht erregen können, und er allein konnte die Speculation hier
ausführen.«
    »Glauben Sie hier noch zu reüssiren? Wie hoch rechnen Sie genau den
Vorsprung unserer Nachricht?«
    »Die Depesche ist darüber natürlich sehr unklar, indem sie ihren wahren
Inhalt unter einer gleichgültigen Mitteilung verbergen musste. Danach ist am 26.
die Kriegserklärung im grossen Rate beschlossen worden. Nehmen wir an, dass der
Tartar am 26. Mittags Constantinopel verlassen hat. Fünf bis sechs Tage braucht
die Botschaft bis Belgrad. Der Pascha wird sie demnach heute Morgen erhalten und
unserm Agenten ausgehändigt haben, der uns von Semlin aus die verabredete
Actienzeichnung telegraphirt hat. Nach dem Uebereinkommen gibt Hussein Pascha
die Depesche erst zwölf oder achtzehn Stunden nach der Ueberlieferung an uns an
den österreichischen Consul ab, dies wird also erst morgen früh geschehen, und
die offizielle Nachricht, die verschiedenen Verzögerungen mitgerechnet, nicht
vor morgen Mittag hier eintreffen, wenigstens nicht bekannt werden. In jedem
Fall haben wir an den drei andern Börsen die Avance, wahrscheinlich auch hier;
denn man wird sie nicht eher veröffentlichen, als bis Bescheid von Olmütz
eingetroffen1.«
    »Die Berechnung scheint mir allerdings richtig. Sind Ihre Depeschen nach
auswärts auch der Art abgefasst gewesen, lieber Baron, dass sie den
Telegraphenbeamten unverständlich bleiben und arglos weiter befördert werden?«
    »Vollständig. Als ich vor vierzehn Tagen zuletzt in Paris war, ist die
genaue Verabredung getroffen. Die Zahlen der Course bilden die geheime Chiffre
der Worte.«
    »So müssen wir den Erfolg abwarten. Ich werde Sie jetzt verlassen, um durch
unser Zusammenbleiben keinen Verdacht zu erregen. Sobald die Gesellschaft sich
etwas gelichtet und Sie die Zurückgebliebenen beschäftigt sehen, treffen wir uns
wie gewöhnlich im Pavillon.«
    Während er zurückkehrte in den Gesellschaftskreis, wandelte das Paar noch
einige Male in den Gängen auf und ab.
    »Wir wurden unterbrochen durch Pisani,« sagte der Abbé; »der Gewinn, die
Habsucht regiert und füllt die Seele dieses Mannes. Auf die Befriedigung dieser
Leidenschaft zielen alle seine Pläne. Nebenbei ist er ehrgeizig, schlau und
namentlich kühn, - man muss dies anerkennen. - Der Plan also, den Sie mir
entwarfen hat bereits die Zustimmungen in Paris erhalten?«
    »Er ist in der vollen Ausführung begriffen. Gedenken Sie wohl. Der Credit
und das baare Vermögen Europa's sind offenbar gegenwärtig in den Händen des
Hauses Rotschild. Abgesehen davon, dass die Mitglieder desselben dem ortodoxen
Judentum angehören, also schon dadurch Feinde aller revolutionairen Prinzipien
sind, dringt es die eigentümliche Stellung, die sie in Europa einnehmen und
welche die einer souverainen erblichen Macht ist, mit sich, dass sie nur in der
Aufrechtaltung des monarchischen Systems ihre Sicherung und ihren Vorteil
sehen.«
    »Aber sie haben eben so gut mit Karl X. wie mit Louis Philipp und Louis
Napoleon Geschäfte gemacht.«
    »Ich sage auch, wohl zu merken, in der Aufrechtaltung des monarchischen
Systems, nicht der Dynastieen. Diese sind ihnen gleichgültig. Die Monarchen aber
sind ihr persönlicher Schutz, ausserdem bietet das Königtum immer mehr
Gelegenheit zur Influirung und Dominirung. Eine social revolutionaire Reform der
Staaten würde auch sie sofort von ihrem goldenen Tron stossen. Selbst wenn die
Prinzipien allgemeiner Gleichheit und Teilung, die doch nur der Köder für die
einfältige Menge sind, glücklich an ihnen vorübergingen, wäre es aus mit ihrer
Herrschaft im Geschäftsleben.«
    »Die Speculation würde über die einzelne Gelbmacht siegen.«
    »So ist es. Die Rotschilds sind demnach streng conservativ und
royalistisch, und werden dies Princip stets mit ihren colossalen Mitteln
unterstützen. Es gilt nun, eine Macht ihnen gegenüber zu stellen, welche die
ihre brechen kann. Das ist: das Kapital Aller gegen das Kapital des Einzelnen.«
    »Ich verstehe Sie noch nicht ganz.«
    »Die Staaten, die Privaten besitzen noch immer mehr als das Hundertfache in
reellen Werten, was die Rotschilds doch zum grössten Teil problematisch, das
heisst im Credit der Papiere besitzen. Man versucht nun ein Unternehmen zu
gründen, welches einen grossen Teil dieser materiellen Werte concentrirt; der
Credit und die problematischen Werte, die sich weiter daran knüpfen, werden
dann ungeheuer sein. Mit diesen Mitteln in Händen wird man mit Erfolg gegen die
Rotschilds kämpfen und sie endlich erdrücken.«
    »Ich begreife das.«
    »Man wird mit diesen beweglichen Mitteln, mit diesem Crédit mobilier, alle
staatlichen und privaten Unternehmungen an sich bringen und sich zu deren Herren
aufwerfen können. Die Eisenbahnen, die Banken, die Bergwerke müssen uns in die
Hände fallen. Sie haben die Anfänge bereits hier in Wien gesehen. Das Institut
ist ein freies bewegliches, es kann überall in's Leben treten, überall seine
Speculationen verbreiten. Wir richten unser Augenmerk zunächst auf Frankreich, -
in weiterer Folge auf Oesterreich und Spanien, weil das die in ihren Finanzen
bedrängtesten Staaten sind und jede herbeischaffende Speculation begünstigen
werden. In Paris hat das Unternehmen bereits festen Fuss gefasst. Der Kaiser
Napoleon hat viele tüchtige Regenteneigenschaften, aber er ist kein Finanzmann.
Der beginnende Krieg wird enorme Summen und Anlehen absorbiren, die
napoleonische Eitelkeit gegenüber dem andern Europa desgleichen.«
    »Aber der directe Zweck für uns, die Erfolge für die Revolution?«
    »Sie liegen auf der Hand, Abbé, und ich begreife nicht, wie ein Mann von
Ihrem Scharfsinn sie nicht sofort übersieht. Zunächst der bedeutende Gewinn, den
die Verbindung aus allen diesen Geschäften ziehen muss. Geld ist Macht. Das
Pfand- und Eigentumsrecht über die Institute und Nerven des öffentlichen
Verkehrs ist von nicht zu übersehendem Einfluss. Das Wichtigste aber von Allem,
was das Schicksal Europa's in die Hände der höchsten Gewalt legt, das ist -«
    »Nun?«
    »Das ist der Staatsbankerutt, der allgemeine Bankerutt der Nationen, der
jeden Augenblick in der Macht der Unternehmer liegt. Denken Sie die kolossalen
socialen Folgen, welche ein solcher unter den jetzigen Verhältnissen haben muss,
selbst wenn er nur nach einer oder der andern Seite hin ausgeführt wird!«
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    An dem Treppenaufgang der Villa traf Graf Pisani auf die Wirtin des Hauses,
etwas erregt mit dem Kammerdiener und der Zofe scheltend.
    »So geht es im häuslichen Leben, Graf, immer Aerger und Verdruss.«
    »Und was erzürnt Sie, schöne Frau?«
    »Mein zweiter Diener ist schon vor mehr als zwei Stunden nach der Stadt
geschickt, um Allerlei zu holen, und der Mensch lässt uns im Stich und kommt
nicht wieder. Ich habe ihm heute Morgen den Dienst gekündigt, weil er mir
ohnehin nicht gefällt, und nun trotzt er wahrscheinlich, weil ich auf seine
dringenden Bitten und Vorstellungen nicht nachgab.«
    »Ei, gnädige Frau, das sind kleine Unannehmlichkeiten, wie sie jeder
Haushalt mit sich führt. Darf ich das Vergnügen haben, Sie zu begleiten?«
    Die Gesellschaft hatte sich mit dem Abend zum Teil wieder entfernt, zum
Teil in den Salon und die Spielzimmer zurückgezogen. Der Graf sah sich mit Frau
von Czezani einige Augenblicke allein.
    »Ist die Gräfin gekommen?«
    »Vor einer Viertelstunde. Ich glaube, sie befindet sich bereits im Pavillon
und erwartet Sie.«
    »Ich darf doch sicher auf den versprochenen Beistand rechnen, schöne Frau?
Die Ereignisse drängen sich jetzt, und ich habe heute Mittag einige Bemerkungen
gemacht, die mir Besorgnis einflössen würden, wenn der Zufall mir nicht glücklich
zu Hilfe gekommen wäre.«
    »Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich folge ihr nach Schloss Bisztra, und
wenn Sie uns dort besuchen, werden Sie sie für Ihre Absichten möglichst
vorbereitet finden. - Doch sagen Sie um des Himmels willen, Graf, wer ist dieser
Pseudo-Marchese, den Sie uns heute zugeführt? Denn dass Titel und Namen falsch
sind, sieht man auf zehn Schritt, und ich fürchte mich wirklich stark zu
compromittiren, so unheimlich scheint ihm in unserer Gesellschaft, und so
unheimlich wird mir in der seinen.«
    Pisani lachte.
    »Es ist ein gezähmter Wolf und nicht zu fürchten. Sie sehen in dem lieben
Marchese ein vollkommenes Exemplar eines Corsen vor sich, der einige kleine
Unannehmlichkeiten gehabt hat. Sta Lucia schwor, seinen unschuldig von den
Geschworenen auf die Galeere geschickten Bruder an den achtzehn falschen Zeugen
zu rächen, die seine Verürteilung herbeiführten. Er hat Wort gehalten; dem
Einen hat er, nachdem er sich mit der Polizei nach der ersten Affaire gründlich
überworfen, eine Kugel in den Leib geschickt, den Andern die Augen ausgedrückt,
noch Anderen furchtbare Verstümmelungen beigebracht. Ein Einziger war noch
übrig, der Schuldigste von Allen, der Anstifter des Verbrechens, der in seinem
Hause in Ajaccio sitzen blieb. Als er eines Sonntags zur Kirche ging, warf ihn
am hellen Mittag ein Dolchstich auf der Schwelle der Kirche zu Boden. Sta Lucia
durchschreitet ungefährdet wie der Engel des Todes die Menge, läuft nach dem
Meere und besteigt im Angesicht der ganzen Bevölkerung wieder die Barke, die ihn
hergebracht. Später schloss er sich der Truppe Garribaldi's an, wo ich um kennen
lernte, und lebt jetzt in Constantinopel.«
    »Aber mein Gott, - ich habe mein ganzes Silberzeug so offen stehen - er wird
doch nicht -«
    »Keine Besorgnis, schöne Wirtin. Unser Freund ist Bandit aus Liebhaberei,
aber kein Spitzbube. Sie könnten Säcke Gold offen stehen haben, und er würde sie
nicht anrühren. Doch ich eile zu unserer kleinen Gräfin, der die Zeit lang
werden dürfte. Beschäftigen Sie möglichst alle Uneingeweihten.«
    Er verliess die Dame und begab sich nach kurzem Verweilen in der Gesellschaft
durch das Gewächshaus nach dem daran stossenden Pavillon, der ein achteckiges
Gemach bildete, in dem für allen Schein ein Spieltisch arrangirt war, während
eine Ampel nur im Halblicht das Gemach erhellte und die Läden fest geschlossen
waren.
    Er fand die Gräfin Helene Laszlo dort im eifrigen Gespräch mit dem Banquier
und seinem Begleiter und einem alten Herrn, dessen faltenreiches Gesicht den
scharfen sarmatischen Schnitt trug, Haar und Bart aber die Schneefarbe des
Greisenalters.
    »Ich sehe,« sagte der Oberst zu der jungen Wittwe, »unsere Freunde sind mir
bereits zuvorgekommen, und haben Sie von der wichtigen uns heute Nachmittag
zugekommenen Nachricht unterrichtet. Am 26. ist in Constantinopel die
Kriegserklärung beschlossen worden, sie wird natürlich sofort erfolgen und die
Feindseligkeiten an der Donau werden alsbald beginnen. Damit ist auch für uns
die Zeit eines energischen Handelns gekommen. Erringt der Sirdar, was bei der
Schwäche der Russen kaum zu bezweifeln ist, an der Donau Vorteile, so kann
jeder Aufstandsversuch in Ungarn sich auf ihn lehnen, er wird ihm den Rücken
decken.«
    »Aber die Wunden meines Landes sind noch tief und schwer; so sehr ich es
wünsche, glaube ich kaum, dass es schon wieder die Kraft haben wird, dem Feinde
entgegen zu treten.«
    »Ein Volk verliert nie die Kraft, für seine Freiheit zu kämpfen, und ob
Ströme seines Bluts vergossen werden. Wie aus der Kadmus Saat wachsen aus dieser
geharnischte Männer. Ich meine auch keineswegs, dass die Erhebung sogleich
erfolgen soll. Es ist vorerst nur nötig, dass das Volk, und namentlich im Süden,
auf die Bedeutung des orientalischen Krieges, auf diese Gelegenheit, seine
Freiheit zu erringen aufmerksam gemacht, und dass die Verbindung mit den Ungarn
in Omer's Armee hergestellt wird. Für den erstern Zweck hat das Comité in London
entsprechende Proclamationen bereits erlassen. Wir rechnen auf Sie, Gräfin, uns
bei der Verbreitung in den Teissgegenden behilflich zu sein.«
    »Ich habe bereits mit der Frau Gräfin das Nötige verabredet,« unterbrach
der alte Magyare. »An einem geeigneten Ort auf einem ihrer Güter wird eine
Druckerei errichtet werden. Der Herr Abbé übernimmt es, für ein zuverlässiges
Personal zu sorgen.«
    »Sehr gut, Doctor, wir verlassen uns ganz darin auf Ihre alte Erfahrung. Was
den zweiten Punkt anbetrifft, so wird man besondere Vorsicht wegen des
verstärkten Gränzcordons anwenden müssen. Es handelt sich vor Allem um erste
ausführliche Besprechungen.«
    »Ich werde von Bisztra aus meine Güter in der kleinen Walachei bei Krajova
besuchen. Hier kann die Verständigung leicht erfolgen.«
    »Das ist der beste Plan. Wenn die Frau Gräfin ihre Einladung nicht
zurücknimmt oder mich nicht dringende Geschäfte abhalten, werde ich schon Ende
dieses Monats die Ehre haben, ihr meinen Besuch zu machen.«
    »Mein Retter von heute kann nur willkommen sein.«
    »Wissen Sie schon, Herr Graf, die Nachricht, die uns hier eben Doctor Todd
aus dem Ministerium des Auswärtigen von Olmütz bringt?« fragte der Banquier.
    »Nun?«
    »Kaiser Franz Joseph, statt morgen, wie bestimmt war, hierher
zurückzukehren, reist mit Herrn von Buol nach Warschau; eine Zusammenkunft
zwischen ihm, dem Kaiser Nicolaus und dem Könige von Preussen soll dort
stattfinden.«
    »Das ist neu und - gefährlich!«
    »Ich hoffe nicht,« sagte der Abbé. »Es gilt nur eilig unsere Freunde in
Constantinopel zu benachrichtigen, dass alles Mögliche aufgeboten werden muss,
eine Verzögerung im Beginn der Feindseligkeiten zu verhindern. Ist der Krieg
erst im Gange, so sind alle Vermittelungen unnütz.«
    Während des Gesprächs war Frau von Czezani auf einige Augenblicke
eingetreten.
    »Zum Glück habe ich die Notwendigkeit sicherer Botschaft vorausgesehen. Ich
habe den Boten sogar mit hierhergebracht.«
    »Ich wollte meine Freundin bitten,« sagte die Dame des Hauses, »mit mir nach
dem Salon zurückzukehren, man hat bereits nach ihr gefragt, und Vorsicht ist
nötig.«
    »Ich habe Ihnen Allen eine wichtige Mitteilung zu machen, die ich in der
Aufregung des Gesprächs beinahe vergessen,« rief die junge Gräfin. »Wissen Sie,
dass unsere Zusammenkünste verraten sind, dass man weiss, was unsere
Gesellschaften verbergen sollen, - dass ich selbst auf das Bestimmteste gewarnt
worden bin?«
    Alle traten unruhig näher, mehrere Gesichter, namentlich das der Wirtin,
wurden bleich.
    »Unmöglich! Woher wissen Sie das?«
    Die Wangen der Gräfin färbte eine dunkle Röte.
    »Das Woher ist mein Geheimnis. Ich kann Sie jedoch heilig versichern, dass
dem so ist.«
    »Aber wenn die Polizei eine Ahnung hätte, wurde man bereits eingeschritten
sein.«
    »Nicht die Regierung ist davon unterrichtet, wenigstens zur Zeit noch nicht,
- andere Personen. Ich glaube, dass wir der Gefahr begegnen werden, wenn wir die
heutige Zusammenkunft hier die letzte sein lassen. Ich reise in den nächsten
Tagen und Frau von Czezani braucht nur die Empfangsabende aufzuheben und mir zu
folgen.«
    »Aber so geben Sie uns doch einen Fingerzeig, damit wir dem Verräter auf
die Spur kommen können,« sagte der Abbé.
    Der Oberst zog die schwarzen Brauen zusammen. Der scharfe Zug um seinen Mund
zeigte entschlossene Härte und Grausamkeit.
    »Der Tod muss notwendig seinen Mund verschliessen.«
    - Ein leises kurzes Aechzen scholl durch das Gemach - Alle sahen sich
erschrocken und fragend an - dann schüttelte Jeder verneinend den Kopf.
    Die Augen liefen umher, gleich als könnten sie entdecken, woher der Laut
gekommen man lauschte nach den Fenstern - -
    Da plötzlich wies der Abbé stumm mit dem Finger nach dem Kamin.
    Eine hölzerne Vorsatztür verdeckte das Innere. Das scharfe Auge des
Priesters hatte eine kaum merkliche Bewegung des Holzes erfasst.
    Wie ein Tiger sprang der Oberst auf den Ort los und riss mit einem Griff die
Tür heraus - - im Innern des Kamins hockte zusammengekrümmt ein Mensch, mit
bleichem, erschrockenem Gesicht, in Bedientenlivree.
    Die Hand des Grafen riss ihn heraus, mitten in's Zimmer. Dort fiel die
Jammergestalt auf die Knie und streckte stehend die gefaltenen Hände empor - die
Zunge schien ihm vor Schreck und Angst den Dienst zu versagen.
    »Johann - mein Diener!«
    Der Oberst erinnerte sich dessen, was er vorhin zufällig von dem Ausbleiben
des Menschen gehört.
    »Wie kommst Du hierher?«
    »Ach, gnädige Frau, verzeihen Sie mir,« jammerte der Elende. »Bei allen
Heiligen im Himmel, ich kam zufällig herein und versteckte mich, wie ich die
Herren kommen hörte.«
    Jeder fühlte, dass der Mensch log, - dass er der Spion war, welcher sie
verriet. Die beiden Damen zitterten und waren leichenblass.
    »Das lügst Du, Bursche!« sagte der Oberst mit kalter Ruhe. »Zunächst wollen
wir Dir ein Mal etwas näher auf den Zahn fühlen und Deine Geständnisse hören,
zuerst uns aber Deiner versichern. Baron, reichen Sie mir den Shawl dort her!«
    »Gnädige Frau - Sie werden mich doch nicht ermorden lassen! - Ich will ja
Alles gestehen! - Zu Hil ...«
    Die feste Hand des alten Ungars presste sich auf den Mund des Elenden, dass
der Ruf in seiner Kehle erstickte. Zugleich schnürte der Oberst ihm mit Hilfe
des Abbé den Shawl um Arme und Leib. Dann zog er aus der Brusttasche ein feines
glänzendes Stilet, dessen Klinge er vor den starrenden Augen des Unglücklicken
auf dem Nagel des Daums probirte.
    Gräfin Helene stürzte auf ihn zu und fiel ihm in den Arm.
    »Allmächtiger Gott, Sie werden den Menschen doch nicht morden wollen?«
    »Wenn es nötig ist, schöne Gräfin, warum nicht? Jeder ist sich selbst der
Nächste. Aber beruhigen Sie sich, dies Instrument soll ihn nur ein Wenig
schrecken und die Wahrheit an's Licht bringen. Das ist jedoch keine Scene für
Damennerven und ich bitte Sie, sich zu entfernen.«
    »Nicht eher, als bis Sie mir Ihr Wort geben, kein Blut zu vergiessen!«
    »Auf mein Ehrenwort, - es soll kein Blut vergossen werden! Baron Riepére,
ich sehe Sie zittern, wie diese Damen; reichen Sie der Frau Gräfin den Arm und
führen Sie dieselbe zur Gesellschaft. - Ich bitte, nehmen Sie sich zusammen;
unser Aller Freiheit und Leben steht auf dem Spiel.«
    Der Banquier beeilte sich, dem halben Befehl Folge zu leisten; er war selbst
so bleich, wie der ertappte Spion.
    Als der Graf Frau von Czezani zur Tür geleitete, flüsterte er ihr zu:
    »Schicken Sie mir sogleich Sta Luzia hierher und bringen Sie ihn selbst bis
an die Tür.«
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    Nach einer kurzen Zeit kehrte die Dame zurück mit dem Pseudo-Marchese, den
der Oberst in das Zimmer schob, dessen Tür er wieder schloss.
    »Merken Sie auf und fassen Sie sich,« sagte er zu der Zitternden. »Wie ich
vorhin hörte, weiss keiner Ihrer andern Leute, dass der Diener bereits
zurückgekehrt ist?«
    »Niemand hat ihn gesehen; sie schalten noch vorhin auf seine Saumseligkeit.«
    »Wo schläft der Mensch?«
    »Mit dem Kutscher zusammen über den Ställen.«
    »Wenn ich nicht in der Lokalität irre, so führt am Eingang des Gewächshauses
eine dunkle Treppe nach dem obern Stock. Läuft diese bis zum Boden und sind die
Türen offen?«
    »Ich glaube ja.«
    »Dann gehen Sie zur Gesellschaft und suchen Sie den Diener und das Mädchen
in den Zimmern zu beschäftigen. Hüten Sie die Gräfin; bedenken Sie, Freundin, es
geht um Tod und Leben.«
    Sie versprach Alles und eilte davon.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf dem Sopha im Pavillonzimmer lag ausgestreckt und festgebunden, ein Tuch
in den Mund gedrückt, der Diener. - -
    Er hatte gebeichtet, - man wusste, was man wissen wollte, dass bis jetzt nur
Unbestimmtes verraten worden und dass die Entdeckung von heute Abend sie
gerettet hatte.
    Am Kamin standen die drei Männer, - auf der andern Seite des Zimmers lehnte
die kräftige Gestalt des Banditen in der Fensternische.
    Die Drei wechselten nur wenige Worte, - Alle empfanden die schreckliche aber
unabweisbare Notwendigkeit.
    Der Oberst trat zu dem Corfen; auch ihre Unterhaltung war kurz.
    »Kein Blut und kein Zeichen von Gewalt?« sagte der Bandit. »Ei, ich weiss ein
vortreffliches Mittel; ich habe es bei dem Schuft von altem Advokaten versucht,
der meinem Bruder auf die Galeeren half. Am andern Morgen glaubte ganz Ajaccio,
der Schlag habe ihn gerührt, bis ich's selbst erzählte. Verschaffen Sie mir nur
ein Kissen, Signor Conte.«
    Der Oberst schaute umher - auf der Lehne der Sopha's lag ein weiches
gesticktes Daunenkissen.
    »Genügt dieses?«
    »Ich denke, ja. Nehmen Sie seine Füsse in Acht.«
    Der Unglückliche mit weitgeöffneten Augen sah die Mörder auf sich zukommen.
Vergeblich waren seine Anstrengungen zu schreien und aus den Tüchern, mit denen
er gebunden, sich emporzuwinden. Der Bandit stand jetzt vor ihm und legte ihn
das ziemlich grosse Kissen auf das Gesicht. »Ich sehe, Signor, Sie sind ein
Geistlicher,« sagte er zu dem Abbé, »ich bitte Sie, sprechen Sie ein Gebet für
den Sünder.« Dann schlug er selbst in der furchtbaren Blasphemie seiner
Erziehung und seiner Natur das Kreuz und setzte sich mit der ganzen Wucht seines
schweren Körpers auf das Kissen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Pisani und der Abbé traten, im Gespräch begriffen, aus dem Garten in den
Salon. Der Letztere war ein wenig bleich, der Oberst ruhig, wie immer; der tiefe
Zug von grausamer Energie um Nase und Mund war in die gewöhnliche Falte
verschwunden.
    An einem der Spieltische stand der Banquier und pointirte zerstreut, die
Gräfin sass an dein Klavier, ohne zu spielen, und schien kaum die Worte zu hören,
die zwei Herren der Gesellschaft an sie verschwendeten. Ihre Augen richteten
sich furchtsam, fragend auf die Eintretenden, auch der Baron warf einen haftigen
Blick voll Angst auf sie.
    »Es wird kühl im Garten,« sagte unbefangen der Oberst, »und wir sind
wahrlich nicht so vertieft in den schönen Abend, wie der Herr Marchese und ihr
gelehrter Landsmann, gnädige Frau, um nicht die Behaglichkeit des Salons
vorzuziehen. - Wie steht's, Baron, ist das Glück wie immer auf ihrer Seite?«
    Er trat zu den Spieltischen.
    »Diesmal droht es mich zu verlassen,« entgegnete der Banquier mit Bezug,
»die Chancen wenden sich gegen mich.«
    »Ei was, man muss bei jeder Bedrohung den Mut nicht verlieren. Männer wie
wir lassen sich nicht sogleich einschüchtern von einer Ungunst der launischen
Fortuna. Ihr Spiel steht am Ende auch gar nicht so schlecht.«
    »Wollen Sie für mich eintreten?«
    »Ich pointire nicht in Karten, ich überlasse nie mein Glück dem Zufall.«
    »Und sind Sie denn Ihres Erfolges immer gewiss?«
    »Ich habe ihn gesichert.«
    Der Banquier atmete tief auf, die Worte wälzten eine Bergeslast von seiner
Brust.
    Gräfin Helene wurde noch bleicher als vorher. »Ich will nach Hause, mir ist
nicht ganz wohl - der Schreck von heute Mittag hat mich doch mehr angegriffen,
als ich dachte.«
    Ihr Aufbruch veranlasste weitere Folge. Der Oberst nahm die Gelegenheit wahr,
sich dabei Frau von Czezani zu nähern, deren Augen ihn schon lange befragt
hatten. »Gute Nacht, gnädige Frau, und - wenn Sie morgen zufällig Etwas vom
Boden Ihres Hauses holen lassen, so versäumen Sie die sofortige Anzeige bei der
Polizei nicht. Ich glaube, der törichte Bursche hat sich in Verzweiflung über
seine Dienstentlassung aufgehängt.«
 
                                    Fussnoten
1 Die telegraphische Nachricht wurde in der Tat erst am 3. in London und Paris
bekannt.
 
                                  Am Bosporus.
Wo jenes prachtvolle, seit Jahrtausenden berühmte Meeresbecken das Marmorameer -
die Propontis der Alten - im Nordosten wieder seine Ufer zweier Weltteile näher
zusammentreten lässt, liegen einige liebliche Eilande, die Prinzeninseln; - näher
und näher drängt sich darüber hinaus Asien an Europa, und ein Golf bildet sich,
aus dem zwischen hohen Bergwänden jene weltberühmte Strasse, der Bosporus, über
sechs deutsche Meilen lang sich nach dem Schwarzen Meere in zahlreichen
Windungen streckt. - Rechts aus Asien hervor springt das Cap Chalcedon;
gegenüber auf dem europäischen Ufer beginnt Stambul, als drohende Warte
gleichsam dem Reisenden von dem Vorsprung des Ufers das berühmte »Schloss der
Sieben Türme« mit seinen blutigen Erinnerungen entgegenstreckend.
    Das Meer scheint sich gleichsam hier in drei Arme zu teilen; nach Nordosten
die Bosporusstrasse, im Süden der weite Blick auf das offene Marmorameer, gegen
Westen eine prächtige, zwischen zwei Vorgebirgen des europäischen Ufers sich
eindrängende Meeresbucht, das Goldene Horn.
    Auf dem Ufervorsprung zwischen diesem und der Buchtung des Marmorameeres
liegt die Sieben- des Ostens, Byzanz, - Constantinopel - Stambul! - Die drei
Namen umfassen ihre Geschichte.
    Gegenüber auf der nördlichen Seite des goldenen Hornes, dessen Ufer sich
hier schroffer und steiler emporheben und als die westliche Felswand des
Bosporus zum schwarzen Meere fortlaufen, liegen die neueren, zum Teil von den
Genuesen und Venetianern gegründeten Stadtteile: um die äussere Spitze Tophana,
daran stossend am innern Ufer des Hornes Galata, über beiden terrassenförmig auf
der Berghöhe Pera, die Frankenstadt. An Galata schliesst sich Tershana, mit dem
grossen Schiffsarsenal und den Werften, Chaskiöi, Piri-Bascha und Sidlische, bis
am Ende der Meeresbuchtung, den sogenannten süssen Wassern von Europa, wo sich
einzelne Binnenflüsschen in den Meeresarm ergiessen, die Vorstadt Kara Agatsch die
Verbindung mit Stambul, der Türkenstadt, bildet.
    Auf der Höhe des Berges umziehen die Vorstädte Cassim-Pascha und St. Demetri
die Frankenstadt Pera. Stambul selbst wird ausserhalb der grossen verfallenen
Ringmauer, die es noch aus der Griechenzeit her einschliesst, von den Vorstädten
Ejoub (zunächst am goldenen Horn) und Daoud-Pascha umgeben. Gegenüber dem
Eingang des goldenen Horns auf dem asiatischen Ufer liegt in prächtiger, sanft
ansteigender Terrasse Scutari, das gleichfalls als Vorstadt Constantinopels
gilt. Als solche werden auch die fortlaufenden zusammenhängenden Ortschaften
entlang der beiden Seiten des Bosporus angesehen, welche hauptsächlich durch die
Paläste und Villen der vornehmen Türken und Europäer gebildet werden, zunächst
auf dem europäischen Ufer: Funduklu, Dolmabaghdsche, Orta-Koi, Kura-Tschesme,
Arnaud-Koi, Rumili-Hissar das berühmte Schloss von Europa, Baltaliman, Jeni-Kioi,
Terapia und Buyukdere, während auf der asiatischen Seite an Scutari sich
Beglerbeg, Koi, Kandili, Anatoli-Hissar das Schloss von Asien, Kandtische, Beikos
und Unkiar-iskelessi anreihen.
    Das ist die allgemeine Topographie jener Stätte auf Erden, die ein Paradies
erscheint von Aussen, Moder und Verwesung im Innern.
    Doch das ist nur das Menschenwerk! Was Gott auf jenem Fleck seiner schönen
Welt geschaffen, das ist ein unvergänglicher, strahlender Diamant im Kranz ihrer
Herrlichkeiten.
    Ein blauer durchsichtiger Himmel wölbt seinen ewig heiteren Bogen über die
leicht bewegte Flut, deren Ultramarin die Orientalen mit dem Namen Giök-su -
das ist: Himmelswasser - getauft haben. Auf mehrere Meilen weit durchdringt das
Auge diese klare, reine Luft so deutlich und sicher, wie in nordischen Landen
kaum auf die Entfernung einer Viertelstunde die Gegenstände sich ihm zeigen. Am
leicht aufsteigenden Berghange, der sich in sieben Hügel gruppirt, hebt sich die
riesige Stadt, ein Meer von achtzigtausend Häusern - Byzanz - Constantinopel -
Stambul - mit jenen tausendjähriqen Erinnerungen des alten Traciens, des
mächtigen Römerreiches - der Kreuzzüge - des Jahrhunderte langen Kampfes der
Komnenen und Paläologen gegen die asiatischen Horden, des Kreuzes gegen den
Halbmond, des Christenreiches gegen die Moslems, für dessen Hilferuf das
kirchenprahlerische Europa kein Ohr hatte; - mit jenen Erinnerungen an Ströme
von Blut, an jene Siege des Halbmondes, der von hier aus Europa bedrängte und
seine Nossschweife bis vor die Tore Wiens trug.
    Welche Weltgeschichte türmt sich vor der Phantasie mit jenen Häusermassen
in den blauen Himmelsdom!
    Und da links - über die Kiosks und Bleidächer von seltsamer Form, die
zwischen Platanen und dunklen Cypressen von der Landspitze des Horns das Auge
fesseln, über das Serail - eine Stadt in der Stadt - hinweg hebt sich auch ein
Dom, riesig und mächtig, ein Meisterwerk von Menschenhänden, wie die Erde kein
zweites hat: - des grossen Justinian heiliger Gedanke an Gott, - die
Sophien-Kirche - jetzt die Aja Sophia, eine türkische Moschee, über deren
Gigantenkuppel von 180 Fuss Höhe und 115 Fuss Spannung hoch in die Luft ein
riesiger Halbmond sich streckt, als Wahrzeichen, dass Europa ja nicht vergessen
möge seiner feigen Herzlosigkeit, ja nicht vergessen möge, dass es hier den
Christenglauben von dem Moslem mit Füssen treten liess!
    Aus dem Meer von Häusern, alle klein, alle eintönig in ihrer rotbraunen
Farbe, tauchen Paläste und die bleiglänzenden Kuppeln der beiden Bazars und
zahlloser Moscheen empor, schiessen die schlanken säulengleichen Minarets in die
Höhe, mit den schmalen Rundgängen und den grünen hohen Spitzen, wie tausend
Fingerzeige nach Oben. Dazwischen wechselt das Grün der Platanen, das dunklere
der Cypressen von den Gärten und weiten Kirchhöfen auf der Höhe der Berge: der
riesige Palast der Hohen Pforte streckt seine lange Front auf dem einzigen
freien Platz zwischen den Häuserreihen, der Turm des Seraskiers, der
Feuerturm, von dessen Höhe Tag und Nacht Wächter die weite Stadt überschauen,
um alsbald den Ausbruch der gefährdenden Flamme verkünden zu können, hebt sich
wie eine Warte des romantischen Mittelalters in die Luft. Und drüben auf der
andern Seite des goldenen Horns - Chrysokeras, wie die Griechen wegen seiner
vorteilhaften Lage und seines Reichtums an Fischen diesen schönsten aller
Meeresarme nannten, - da wo die Mauer von Galata Pera abscheidet, hebt sich eine
wirkliche Warte aus jener Zeit, der alte Genueser Turm, mächtig und frei von
dem Berge ab, zu gleichem Zweck dienend, wie der jüngere Gefährte am Seraskiat.
Von der Spitze Beider weht die rote Fahne mit dem weissen Halbmond und den
weissen Sternen.
    Das Bergufer auf der Nordseite des goldenen Horns steigt, wie erwähnt,
steiler empor, als das der Türkenstadt, und hier kann man die Strassen und Gassen
leichter verfolgen. Massive Gebäude sind hier häufiger, während bei den
Türkenhäusern nur das Erdgeschoss von Mauerwerk, der Aufsatz aber von Holz ist.
Die Paläste der Gesandten, darunter das grosse, nach der Seite von Tophana
abfallende russische Gesandtschaftshotel zeichnen sich aus. Am Ufer des Bosporus
liegt die grosse Geschützgiesserei Tophana, von der der Stadtteil seinen Namen
hat. - Zwischen dem europäischen und asiatischen Ufer, doch näher an Scutari,
erhebt sich, eine kleine Felseninsel aus dem Meer wie Caub im Rhein, der Turm
des Leander mit seinem Wasserschloss. Scutari erscheint, selbst aus der Ferne
gesehen, - das Meer ist hier eine halbe deutsche Meile breit, - weit
freundlicher und lichter, als die europäische Stadt. Nach dem Marmorameer zu
erstreckt sich dort dicht am Meeresstrand die neu erbaute kolossale Kaserne,
weiss und rot angestrichen, die mehrere Regimenter fassen kann. Auf der Höhe des
Berges Burgulu, an dessen Senkung sich die Stadt ausbreitet, dehnen sich die
meilenlangen grossen Friedhöfe aus, die grössten des Orients, denn auch aus
Stambul lassen sich viele Türken hier begraben, um in der heimatlichen Erde der
Mutter der Völker, Asiens, zu ruhen. Darüber hinaus in der Ferne hebt der Olymp
seine Schneegipfel am Horizont.
    Drei grosse schöne Schiffbrücken führen über das goldene Horn, diesen
prächtigen und grössten Hafen der alten Welt. Jede entält zwei Bogen zum
Durchlass der Schiffe, und die Meeresbucht ist so tief, dass selbst die grössten
Linienschiffe sie durchkreuzen und bis dicht an's Ufer anlegen können. Hunderte
und aberhunderte grosser Schiffe jeder Art wiegen sich auf den blauen Wellen
dieses Hafens und am Eingang desselben, riesige Linienschiffe, Fregatten.
Kriegsdampfer, dazwischen die Unzahl der Handelsfahrzeuge jeder Form aus allen
Gegenden und Zonen der Erde, die Brigg aus den Häfen der Ostsee, der
Fregattschooner von New-York und New-Orleans, die italienische Barkasse und die
Tartane der afrikanischen Küste, die Nacht und der Prahm, die Galeotte und die
plumpe Sloop; der Handel und Verkehr der Erde scheint sich hier ein Rendezvous
gegeben zu haben. Dazwischen brausen Dampfer eilig hin und her, legen in jeder
halben Stunde an der Brücke an, um Passagiere einzunehmen für Scutari, den
Bosporus, die Prinzeninseln, oder ankern stolz auf der Rhede, um die weite Fahrt
nach den Küsten des schwarzen Meeres, nach dem sagenhaften Trapezunt, nach
Smyrna, Saloniki, Alexandrien, Triest, Malta, Marseille und noch weiter hinaus
nach den Kreideküsten von Alt-England zu machen. Tausende von Kaïks, diesen
Schwalben des Bosporus, - leichte, schlanke, schmale, auf beiden Seiten spitze
Boote, - so eng und leicht gebaut, dass sie gewöhnlich ausser dem Fanarioten oder
Moslem, der das Ruder führt, nur eine Person tragen, die auf dem Boden des
zierlich mit Schnitzwerk und Teppich gezierten Fahrzeugs kauern muss, kreuzen und
schiessen in allen Richtungen umher mit wunderbarer Schnelligkeit, gleich
leuchtenden bunten Pfeilen über die Flut. Darin sitzt mit gekreuzten Beinen der
Türke in weiter orientalischer Tracht, den Turban auf dem geschorenen Haupt,
oder in dem neuen unkleidsamen blauen Rock mit dem Fess, - der fränkische
Kaufmann oder neugierige Fremde, - der Armenier in seinem schwarzen fliegenden
Talar, - die Hanum in ihren weissen Yaschmal und den bunten Feredschi gehüllt -
Alles kreuzt geschäftig oder im müssigen Vergnügen von Ufer zu Ufer und in der
Meeresstadt umher, deren Häuser und Strassen die Schiffe der Nationen bilden. Es
soll dieser Kaïks über 80,000 in Constantinopel geben und der grösste Teil
derselben ist fortwährend in Bewegung. Die Grossen und Reichen haben deren in
Menge von den verschiedensten Grössen mit reichen Vergoldungen; die zahlreichen
Bootschuppen am Ufer des Hornes zwischen der Moschee der Sultanin Valide und dem
Serail bergen einen grossen Teil.
    Ueber die Brücken und durch die Gassen zunächst dem Horn und den Bazars -
Besestan in Constantinopel genannt - wogt fortwährend ein Gedräng von Menschen,
wie kaum die belebtesten Strassen von London es bieten, unvergleichlich in seinem
bunten, immer wechselnden Anblick. Die Völker des Morgen-und Abendlandes
begegnen sich hier in ihrem nationalen Costüm; neben dem Perser mit dem steifen,
blauen Kaftan und der hohen spitzen Mütze von schwarzem Lammsfell der englische
und französische Matrose; neben dem Derwisch in seinem zerlumpten wollenen
Mantel mit der, einem umgestülpten Eimer gleichenden Kopfbedeckung von grauem
Filz der fränkische Kaufmann oder Handwerker aus Pera; zur Seite des in seine
braune Decke gehüllten Drusen und Kopten die hohe Figur des Tscherkessen, der
Arnaut mit dem Arsenal von Waffen in seinem Gürtel, der Baschi-Bosuk aus den
Wüsten Syriens oder von den arabischen Horden; der geschäftige Grieche, der
Turkomane, der verachtete Jude; - das elegante pariser Frauenkostüm neben den
faltenreichen Hüllen der türkischen Weiber; - schwarze Sclavinnen - Bettler mit
den widrigsten Gebrechen, die ihr »Allah il Allah« murmelnd an den Seiten der
Brücke sitzen und reichliche Gaben in ihr Schälchen empfangen; - die Saka's, die
Wasser- und Limonadenverkäufer; - Händler mit Zuckerwaaren; - die Hamals, die
auf gekrümmtem Rücken die schwersten Lasten befördern; - Eseltreiber mit ihren
Tieren - dazwischen ein einzelner Reiter, ein Offizier oder Beamter der Pforte
auf dem kleinen türkischen Pferde, die Pistolenhalftern und Schabracken mit
breiten Goldborten überladen, rechts zur Seite des Pferdes der Träger der
Waffen, der Mappe oder Tasche, in welcher die Schriften aufbewahrt werden; links
an den Schwanz des Pferdes sich haltend ein anderer Tschokadar mit dem
Tabacksbeutel und Schibuck seines Herrn im langen blauen Sack; - alle
Abstufungen von Farben in den Gesichtern, alle Pracht bunter Gewänder, reicher
Gold- und Silberstickerei auf den Gestalten: - das ist das Bild dieses bunten
Lebens, Treibens und Drängens.
    Dennoch bewegt sich die ungeheure, ewig ab- und zuströmende Masse wenn auch
nicht stiller - denn es herrscht durchgängig durch die zahlreichen Ausrufer und
die Handelsleute ein betäubender Lärmen, - doch weit sicherer und geordneter als
bei uns. Kein Wagen, keine Equipage sprengt den Strom der Fussgänger auseinander,
nur selten fährt langsam ein von einem oder zwei vor einander gespannten Pferden
- in den Umgebungen der Stadt auch von Ochsen - gezogener Araba daher. Es ist
dies ein im Rococcostyl des Abendlandes gebauter Wagen mit rot angestrichenem
und reich vergoldetem Kasten von fast dreieckiger Form, die Spitze nach unten,
der in Riemen zwischen hohen Rädern hängt oder fest aufsjetzt, und in dem die
Frauen der reichen und vornehmen Türken mit einer oder zwei Sclavinnen durch die
Strassen fahren, um ihrer Neugier zu fröhnen und die Läden zu beschauen. Ein
Eunuch oder Sclave führt das Pferd und wahrt die ohnehin in den abscheulichen
Jaschmal verhüllten Frauen vor jeder Berührung mit den Männern. -
    Sobald man das Ufer betritt, schwindet alle Herrlichkeit des schönen Bildes
und die Faulheit, Unordnung und der Schmuz des Orients bieten sich in ihrer
vollen Widrigkeit dem Blick des Europäers.
    Diese ganze ungeheure Stadt müsste ein Flammenmeer gleich Moskau werden, um
dann neu und herrlich aus den Händen des gebildeten Europa's an diesen
paradiesischen Berghöhen emporzusteigen! - Die jetzigen systematischen
Brandstiftungen, welche in bestimmten Perioden die türkische Regierung ausüben
soll, um zu einem zweckmässigeren Neubau zu zwingen, genügen nicht und vermehren
nur die traurige Unordnung durch den Anblick wüster Brandstätten, die
Jahrzehende lang unbebaut bleiben.
    Und dennoch fragen wir uns unwillkürlich, würde mit dieser Unordnung, diesem
Gewirr, selbst diesem Schmuz im Eintausch gegen europäische Regelmässigkeit nicht
auch jene Poesie des Orients schwinden, jener mährchenhafte Duft von Elend und
Glanz, von Tod und Ueppigkeit, von Traum und Wahrheit, von Blut und Blumen, von
Fanatismus und Letargie, Liebe und Sclaventum, Henkern und Houri's, Helden und
Bettlern?
    Würde die Newskoi-Perspective und der Winterpalast an die Felsenufer des
Bosporus besser passen, als die schlanken Minarets, von deren Höhe der Muezzim
zum Gebete ruft, oder als die geheimnisvollen Mauern und Kuppeln des Serails? -
-
    Dennoch lässt sich das Widrige, das Enttäuschende im Anblick dieses Schmuzes,
dieser Vernachlässigung nicht hinwegläugnen. Ausser vor dem Arsenal Tershana und
vor dem Hofe der Geschützgiesserei in Tophana gibt es um das ganze so trefflich
geeignete Ufer des goldenen Horns keine Spur eines so notwendigen und schönen
Quais, wie die europäischen Seestädte sie bieten. Wo das Schiff oder Boot an's
Ufer legt, da tritt der Fuss in Schlamm oder Schmuz, jedes Gässchen, jedes Haus
läuft unmittelbar auf den Meeresstrand aus und nicht hundert Schritt kann man
auf demselben entlang gehen. Die Strassen sind, wie überall im Orient, eng und
krumm und meistens Gässchen, in denen oft kaum ein Fussgänger dem andern
ausweichen kann. Selbst in Pera und Galata herrscht diese Bauart und die grosse
Perastrasse ist nur sechs Schritt breit. Die Strassen sind nur zun Teil, und das
so jämmerlich, gepflastert, dass es die Unbequemlichkeit erhöht. In der Mitte
läuft die Gosse - wo eine solche existirt. Die Stadtteile an der nördlichen
Bergwand, also Galata, Tophana, Pera etc., laufen so steil in die Höhe, dass der
Weg ein blosses Steigen und Klimmen ist. Die Häuser sind hier meist von Stein
gebaut, mit europäischen Einrichtungen, die indes wenig dem Klima entsprechen;
die Hôtels der Gesandtschaften sind grosse prächtige Gebäude, ohne doch den
Stadtteil zu zieren, da sie in hohe Mauern eingeschlossen oder durch enge und
finstre Stiegen und Gässchen abgesondert sind. Die Perastrasse bietet eine Menge
europäische Läden, mit dem Kram gefüllt, der in Europa als zurückgelegte Waare
betrachtet wird. Galata ist der Hauptplatz des Verkehrs, halb türkisch, halb
fränkisch. Die Kaufleute und zahlreichen Banquiers haben hier ihre Läden und
Gewölbe, ebenso der türkische Handwerker, der in offener Bude an der Strasse sein
Geschäft übt. Der Verkehr ist hier nach der Hornseite zu enorm.
    Erreicht man über die erste Schiffbrücke das Ufer von Stambul, so tritt man
alsbald in's volle türkische Leben. Ueber niedere Häuser, deren Wände vom Boden
bis zum Dach mit Hühnerkörben gefüllt sind, ragen die Kuppeln und Minarets der
Moschee der Sultanin Valide empor, und man vertieft sich in die zahllosen Gassen
und Gässchen, die zum grossen Bazar, zum alten Serail, zum Palast der Pforte, zum
Hippodrom, zur Suleimania1 und der Zahl reicher Prachtbauten der andern Moscheen
führen. Die Bauart der türkischen Privatäuser ist ziemlich dürftig, ein
Viereck, das nach dem innern Hof oder Garten zu geöffnet ist, während nach der
Strafe hin entweder die Hofmauer es ganz absondert oder doch nur Erker und
wenige Fenster hinausgehen, die mit grünen Holzjalousieen oder vergoldeten
Stäben vergittert und geschlossen sind. Das untere Stock ist von Steinen erbaut,
die obern, höchstens zwei Etagen, gewöhnlich aber nur eine, sind von Holz und
Fachwerk und laufen bei der grossen Vorliebe der Türken für Balkons, Erker und
Vorsprünge, in denen sie behaglich sitzen können, die eine über die andere auf
Balkenunterlagen hinaus. Der Anstrich des Hauses ist gewöhnlich rotbraun, das
Dach flach, mit niedern Mauern oder Wänden umgeben, so dass die Familie ungesehen
von den Nachbarn auf seiner Höhe sitzen kann.
    Das grosse Serail - Serai Burnu - das in der Abgränzung der umgebenden Mauern
einen Flächeninhalt wie etwa die innere Stadt Wien einnimmt, war der eigentliche
Palast und Wohnsitz der ottomanischen Herrscher und der Schauplatz aller jener
Revolutionen und Bluttaten, die so häufig die Tronfolge änderten. Dennoch sind
der gegenwärtige Sultan und seine Söhne die direkten Abkömmlinge Ottoman's, des
Gründers der Monarchie, und gehören demnach zu den ältesten
Herrschergeschlechtern der Monarchieen. Der Vater Abdul Medschid's, der
politische Reformator Mahmud II., der die Janitscharen opferte und das Tansimat
gab, verlegte die Residenz aus dem Serail, das noch von dem Blute seines am 28.
Juli 1808 ermordeten Bruders und Sultans rauchte, nach den Bosporus-Palästen, um
mit den Erinnerungen zu brechen, die sich für sein Geschlecht an jene Mauern
knüpften. Er erbaute das Palais von Tschiragan am Ufer des Bosporus, nahe der
Stadt, in dem noch der gegenwärtige Sultan residirt, bis das neue, von ihm
erbaute und unfern, noch näher den Vorstädten belegene Palais vollendet ist.
Zahlreiche Kiosks und Schlösser auf beiden Seiten des Bosporus und seinen
zauberischen Höhen dienen ausserdem zum wechselnden Aufentalt des Sultans. Das
ganze europäische Ufer des Bosporus bis Bujukdere hin ist bedeckt von Palästen
und Landhäusern, die teils den türkischen Grossen, teils den Gesandten und
reichen Kaufleuten Constantinopels gehören, wo dieselben zur Zeit des Frühjahrs,
Sommers und Herbstes wohnen. Während die Vorderfront der Häuser und Villen die
Wellen des Bosporus bespülen, strecken sich auf der Rückseite prächtige
Gartenterrassen an der steilen Bergwand in die Höhe.
    Es kann natürlich nicht die Absicht dieses Buches sein, eine umfassende und
detaillirte Beschreibung Constantinopels zu geben, das durch den gegenwärtigen
Krieg Europa erst nahe gerückt ist. Zahlreiche ältere und neuere
Reisebeschreibungen liefern eine solche weit besser und ausführlicher. Der Autor
hatte nur die Aufgabe, dem Leser zur Verständnis der Scenen und der Erzählung,
die uns häufig in diesen Centralpunkt des grossen Kampfes zurückführen muss, eine
allgemeine Topographie zu geben, die näheren örtlichen und Sitten-Schilderungen
den einzelnen Gelegenheiten überlassend.
    Nur über das Verhältnis der Frauen des Orients bleibt uns noch Einiges im
Allgemeinen zu sagen. Die Lage derselben wird in Europa noch vielfach falsch
aufgefasst, und die vage Meinung der Menge glaubt jeden Moslem im Besitz eines
kleinern oder grössern Harems und die Frauen des Orients als gänzlich willenlose
untergeordnete, dem Herrn des Hauses knechtisch gehorchende Wesen.
    Dies ist keinesweges der Fall. Die meisten Staats-und Privatintriguen
entspinnen sich im Harem und werden dort geleitet. Der Moslem, bis zum Sultan
hinauf, steht so gut unter'm Pantoffel, wie der Abendländer, und die Macht und
Freiheit der Frauen ist - wenn auch ausser dem Hause ziemlich beschränkt - in
dessen Innern eine sehr grosse. Die Dragomans und die Harems der Würdenträger
sind die politischen Faiseurs des Orients.
    Es ist dem Mohamedaner erlaubt, vier Frauen zu heiraten, und dieselben
gelten als seine rechtmässigen Gattinnen; die Zahl der Frauen des Sultans kam
sich auf sieben belaufen, doch ist es selten, dass dieser wirklich auch nur mit
einer die gesetzliche Ceremonie der Heirat vollzieht. Jeder Türke hat dagegen
das Recht, so viele Sclavinnen zu halten, als er will und seine Verhältnisse
erlauben2. Dieselben sind dann die Dienerinnen seiner rechtmässigen Frauen, wenn
er solche hat, oder seine Odalisken, und während ihre Reize ihm gehören, - wozu
jedoch ihre freie Einwilligung gehört, - haben sie keinerlei Rechte der
Gattinnen.
    Die Geburt eines Kindes, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, von ihrem Herrn
macht die Sclavin und das Kind jedoch frei.
    Dies ist einer der Gründe, weswegen trotz der erlaubten Vielweiberei und des
übermässigen Genusses des geschlechtlichen Umganges die Zahl der türkischen
Bevölkerung so gering ist und von Jahr zu Jahr abnimmt.
    Um dem durch die Fruchtbarkeit drohenden Verlust der Sclavinnen zu entgehen,
existiren jene empörenden Geheimnisse der Harems, welche die Frucht im
Mutterleibe ersticken, oder das Weib zu seiner erhabenen natürlichen Bestimmung
unfähig machen.
    Der allgemeine Gebrauch dieser schändlichen Mittel ist teils ein
erzwungener, teils ein freiwilliger. Denn selbst die angetrauten Frauen scheuen
sich dessen nicht, und in den Harems der Reichen wird er häufig als Mittel
betrachtet, den Vorzug über die Nebenbuhlerinnen zu gewinnen, und gerade hierin
liegt der zweite Grund zu jener Erschlaffung des osmanischen Geschlechts. Da dem
Muselmann die Liebe nur ein sinnlicher Begriff ist, sucht die Frau oder Odaliske
jedes Mittel auf, alle die Sinnlichkeit des Mannes fesselnden Reize so lange als
möglich zu bewahren und benutzt eben dazu jene Mittel, sobald sie ihm ein Kind
geboren hat. Daher kommt es, dass, während im christlichen Europa die Kinderzahl
in den Familien eine durchschnittlich bedeutende, namentlich bei den unteren
Ständen, ist, in der Türkei bei den Familien der mittleren und unteren Stände
selten mehr als ein oder zwei Kinder gefunden werden. Selbst der Sultan besitzt
nur zwölf Kinder.
    Es ist eine in politischer und physischer Hinsicht anerkannte Tatsache, dass
eine gänzliche Abschneidung der Zufuhr von Frauen aus Georgien und Circassien
und die darauf basirte Regeneration des Blutes der Türkei den Lebensnerv ihrer
gegenwärtigen Einrichtungen abschneiden würde. Daher jenes vorerwähnte russische
Verbot.
    Wir bedauern, auf diese Details eingehen zu müssen, indessen ist es für die
Aufgabe der treuen Schilderung, die wir uns gestellt, unbedingt notwendig. Wir
nehmen daher dieses Recht und diese Entschuldigung auch für Scenen in Anspruch,
die sonst das ästetische und moralische Gefühl beleidigen würden.
    Verschiedene Anordnungen des Korans beschränken die Gewalt über die
Sclavinnen und Sclaven, deren Verhältnis übrigens in der Türkei mehr das von zur
Familie gehörenden Hausdienern ist. Ueberhaupt ist der Türke in seinem
gewöhnlichen Leben, wenn nicht besondere Leidenschaften ihn erregen, milde und
gerecht. Es kommt häufig vor, dass die Sclaven nach einer längeren oder kürzeren
treuen Dienstzeit frei gelassen und von dem Herrn ausgestattet, ja, mit einer
Tochter der Familie verheiratet werden. Viele der ersten türkischen
Würdenträger selbst der Neuzeit waren und sind solche freigelassene Sclaven3.
    Der Moslem schenkt oder verheiratet oft eine seiner Sclavinnen seinem
Sohne, doch darf sie in einem solchen Fall nicht des Vaters Concubine gewesen
sein und wird durch die Heirat frei. Die durch den Umgang mit den Sclavinnen
erzeugten Kinder werden als legitim betrachtet. Die Scheidung von einer Frau ist
sehr leicht, obschon selten.
    Wir haben bereits erwähnt, dass die Herrschaft der rechtmässigen Frau im
Innern des Hauses eine eben so grosse ist, wie im kultivirten Europa, und sie
duldet eben so wenig eine Nebenbuhlerin in ihrer Nähe. Daher ist denn auch das
Recht zur Heirat von vier Frauen im Allgemeinen ein sehr problematisches und
wird nur von Denen ausgeübt, die reich genug sind, ein grosses Harem oder jeder
der Frauen eine besondere Wohnung zu halten. Der Neid und die Eifersucht in den
Harems ist überaus heftig und artet häufig in Tätlichkeiten, ja in geheime und
offene Verbrechen aus.
    Die Abgeschiedenheit der Frauen ausser dem Hause ist noch immer sehr gross.
Während im Haremlik4 ihr Anzug und ihre Sitte eine übertrieben freie ist,
obschon sie auch da nur vor dem Mann, den Kindern, den Eunuchen und
Frauenbesuchen unverschleiert erscheinen, ist jeder Verkehr mit anderen Männern
auf das Strengste verpönt. Seit der Regierung des vorigen Sultans haben sie zwar
grösstenteils die Freiheit des Ausgehens und Ausfahrens, und man sieht, wie
erwähnt, in den Strassen und Läden Constantinopels Frauen in Menge, doch immer
streng verhüllt und verschleiert, und kein Muselmann übertritt die Sitte und
schaut ihnen, wie es bei uns geschieht, in das Gesicht. Selbst der Mann würde es
für unschicklich halten, wenn er seiner Frau, die ihm begegnet, durch ein
Zeichen merken liesse, dass er sie erkannt. Dass bei der Langeweile des Harems und
des orientalischen Lebens im weiblichen Geschlecht sich auch alle Schwächen
ihrer freien situirten Schwestern oft in erhöhtem Grade geltend machen, und
Eitelkeit und Sinnlichkeit sie sehr häufig zum Kokettiren mit fremden Männern
und zum gefährlichen Eingehen von Liebeshändeln führen, ist natürlich.
Dergleichen Verständnisse sind in Constantinopel gar nichts Seltenes, sowohl mit
jungen türkischen Effendi's, als mit Franken. Die Eitelkeit der Frauen hat
übrigens den garstigen Yaschmak, der früher nur die Augen frei liess, bereits bis
zur Nasenspitze herabgerückt, und wo sich die Gelegenheit findet, fällt derselbe
bei den Jungen und Schönen oft noch tiefer. Die französischen Hilfstruppen haben
in dieser Beziehung Wunder getan.
    Die Verhältnisse im Harem des Grossherrn sind natürlich in vielen Beziehungen
verschieden. Der Harem des gegenwärtigen Sultans bestand im Sommer 1853 aus etwa
700 Odalisken, den schönsten Sclavinnen aus verschiedenen Ländern, welche die im
Frühjahr desselben Jahres verstorbene Sultana Valide zum grossen Teil selbst
gewählt. Alles, was an Schönheit und Reiz der weiblichen Formen, auf die der
Asiate so viel gibt, sich in den verschiedenen Abstufungen der Farben findet,
ist hier versammelt: die prächtige Büste der üppigen Georgierin mit den grossen
mandelförmigen Augen und den feingeschnittenen Brauen, die schlanke, ebenmässige
Figur der circassischen Schönheit, wie der volle Wuchs und der feine, zarte
Teint der Frauen von den griechischen Inseln, bis zur Ebenholzfarbe und der
grossen apollinischen Gestalt der schwarzen Sclavin aus jenen Stämmen des Sennar
und Darfur, die sich durch ihren ebenmässigen Körperbau auszeichnen; die feine
zierliche Gestalt der ächten Araberin mit ihrer blassbraunen durchsichtigen Haut
und den Rehaugen, und selbst die Europäerin, namentlich aus den südlichen
Staaten, Italien, Spanien, Sicilien etc.; denn obschon die Geheimnisse des
Harems ziemlich unzugänglich sind, verlautet doch gar Vieles daraus und es ist
bekannt, dass der Harem des vorigen und des gegenwärtigen Sultans viele
Europäerinnen entalten. Die Frauen, die der Sultan aus der Zahl der Odalisken
zur Teilung seines Lagers wählt, heissen Kadinen, und die erste derselben, die
dem Padischah einen männlichen Erben schenkt, gilt als die Favorit-Sultana und
ihr Einfluss ist sehr bedeutend. Sobald ihr Sohn zur Regierung kommt, führt sie
den Titel Sultanin Valide. - Der Sultan entlässt und wechselt übrigens, mit
Ausnahme der Mütter seiner Kinder, seine Kadinen nach Belieben und häufig werden
sie und die Odalisken mit Würdenträgern des Reichs vermählt, oder ihnen
geschenkt. Das Salische Gesetz hat in der Türkei volle Geltung, denn die
Tronfolge erbt nie auf die Töchter fort und nur in der männlichen Linie weiter.
Ein furchtbarer Gebrauch in der regierenden Familie vom Stamme Osmans und ein
Regierungsprincip ist es, dass weder die Brüder noch die Söhne des Sultans
überhaupt Nachkommenschaft, ihre Schwestern aber mir weibliche haben dürfen. Die
Söhne derselben werden sofort nach der Geburt erdrosselt.
    Das ist auch eines der dunklen Geheimnisse der Harems!
    Die Kadinen eines verstorbenen Sultans dürfen nicht wieder heiraten und
werden nach dem Eski-Serai - dem alten Serail, in der Mitte von Stambul belegen,
- gebracht; der Harem des regierenden Sultans bewohnt gegenwärtig den nördlichen
Flügel des Palastes von Tschiragan und folgt seinem Herrn ganz oder zum Teil
nach den verschiedenen Schlössern; in welchen er seinen Aufentalt nimmt.
Derselbe wird bei Weitem strenger überwacht, als der Harem eines Privatmannes.
Die grosse Zahl von jugendlich kräftigen Frauen bleibt fortwährend in den
Gemächern eingeschlossen und ihre einzige Erholung in frischer Luft ist, wenn -
was höchstens drei bis vier Mal im Jahre geschieht - der Sultan die Erlaubnis
gibt, dass sie die kaiserlichen Gärten von Dolmabagdsche betreten dürfen.
    Diese - von hohen Mauern umgeben und jedem Auge, als dem der Eunuchen
versperrt - sind dann der Schauplatz einer solchen Ausgelassenheit und eines so
unbeschränkten tobenden Genusses der kurzen Freiheit, dass die europäischen
Gärtner des Grossherrn, wenn ihnen ein solcher Besuch angekündigt wird,
sorgfältig alle Früchte und Blumen vorher entfernen, denn kaum ein Blatt bleibt
ungebrochen von dem Mutwillen der entfesselten Lebenskraft. Ausserdem besuchen
zuweilen unter strenger und zahlreicher Bewachung der Eunuchen die Kadinen und
Odalisken in kleinerer Zahl die süssen Gewässer von Asien und Europa, diese
Lieblingsorte der Frauen von Stambul.
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    Nenn man das erste der sieben Vorgebirge, die auf jedem Ufer mit
entsprechenden Buchten den Lauf des Bosporus bilden, auf der europäischen Seite
- Tophana - das alte Metopon, hinter sich hat, fährt der Kaïk in die schöne
Bucht von Dolmabagdsche ein, an dem Ufer entlang, an dem früher ein Altar des
Ajax und der Tempel des Ptolemäus Philadelphus stand, dem die Lateiner göttliche
Ehre erwiesen. Auf dieser Rhede, dem Pentecontoricon: der Rhede für die
fünfzigruderigen Schiffe, liess der Scyte Taurus auf dem Wege nach Creta seine
Fahrzeuge ankern. Am Ufer liegt die Moschee Anni-Effendi und weiter hinauf am
Ufer gegenüber der Stelle, wo er seine Flotten zu sammeln pflegte, um den
Schrecken an die Küsten des mittelländischen Meeres zu tragen, steht das einfach
malerische Denkmal Hairaddins Barbarossa's, des berühmtesten türkischen
Seehelden.
    Am Ufer streckt hier der Palast Tschiragan seine lange Fronte von Stein- und
Holzbau mit Arabesken und Stuckaturen hin. An den höhern Mittelbau schliessen
sich zwei Flügel, die wiederum von vorspringenden Seitengebäuden flankirt
werden. Ein schmaler Quai von schönen Marmorquadern, in den das Wassertor für
die Kaïks des Grossherrn einmündet, scheidet das Palais von dem Spiegel des
Bosporus, auf den nach beiden Seiten hin die Fenster und Erker des Gebäudes eine
prächtige Aussicht haben. Der nördliche Seitenflügel entält das Haremlik des
Padischah; vergoldete Fenstergitter scheiden es von der Aussenwelt und schützen
es gegen zudringliche Blicke, während sie den neugierigen Augen der Frauen volle
Freiheit lassen, umherzuschweifen. - -
    Die Sonne neigte sich zum Untergang und der kühle Seewind strich vom Pontus
her durch die Eugen des Bosporus. Die Fenster des Kiosks5 im zweiten Stockwerk
des Haremlik waren geöffnet und liessen die trotz der Herbstzeit warme angenehme
Luft in das Gemach. Dasselbe bildete ein grosses Quadrat, dem sich am untern Ende
den Fenstern gegenüber ein ähnliches anschloss, dessen von feinen Hölzern
getäfelter Fussboden jedoch eine Stufe tiefer lag, als der des obern Zimmers, und
von diesem ausserdem durch ein Geländer von Cedernholz geschieden war, das in der
Mitte einen Durchgang liess. Das obere Ende des so entstandenen grossen Oblongums
entielt die Fenster, und zwar vier dicht an einanderschliessende auf jeder der
drei Seiten, so dass eine Art von Glaspavillon gebildet wurde, aus welchem die
Aussicht nach allen Seiten unbehindert war. Der erhöhte Oberteil des Raumes
entielt rund um die drei Wände einen etwa andertalb Fuss hohen und vier Fuss
breiten Divan von rotem Tuch, dessen Goldfransen auf den Boden niederhingen.
Ueber den Fenstern lief durch das ganze Gemach ein Karnies, von dem faltenreiche
Vorhänge von grüner, golddurchwirkter Seide, durch vergoldete Broncehalter
aufgenommen, niederfielen. Ueber diesem Karnies lag eine zweite Reihe von
Fenstern mit doppelten Scheiben von gefärbtem Glase und zwischen diesen und der
Decke war die sonst einfach in weissgrauer Farbe gestrichene Wand mit Blumen,
Früchten und Waffenarabesken gemalt. Die gleichfalls schön gemalte und verzierte
Decke war in zwei Teile gesondert, von denen der über dem untern Raum niedriger
und flacher war, als der erste. Einzelne Koffer und schön gemalte, vergoldete
und ausgelegte Kisten von wohlriechendem Holz standen an den Seitenwänden des
Unterteils, oder an dem Geländer, welches die beiden Räume schied. Im der Mitte
des Vorgemachs sprudelte aus einem Marmorbecken fortwährend ein Fontainenstrahl,
zuweilen von den Sclavinnen mit Rosen- oder Orangenwasser vermischt und einen
starken Duft verbreitend. In der Ecke befand sich das Tandur, der in der Türkei
gebräuchliche tragbare Heerd, aus einem Holzrahmen bestehend, in dem sich ein
kupfernes Gefäss mit Holzkohlen befindet, teils für die alle Augenblicke sich
wiederholende Kaffeebereitung, teils für das Anzünden der Schibuks und
Nargilehs bestimmt.
    Vor dem rechten Ecksitz an den Fenstern, dem Ehrenplatz in türkischen
Gemächern, lag der Schilteh, - das dünne, viereckige Kissen, welches das
Schaaffell des Turkomanenzeltes vorstellen soll, dem die Nation entsprossen.
    Im Unterteil führten zwei mit schweren Teppichen verhangene Türen aus der
Querwand und eine eben solche aus der Seitenwand nach dem Gebäude hin in die
Divan-Hane, die grosse Mittel-Halle des Hauses, welche den freien Zugang zu allen
Gemächern bildet. Ausnahmsweise - da sonst in den türkischen Zimmern nur ein
Eingang zu sein pflegt, - befand sich auf derselben Seite auch eine gleiche Tür
im Oberteil.
    Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Fussboden desselben vor den
Fenstern. Obschon viele Personen und Gruppen in dem Gemach versammelt waren,
blieb der Ehrensitz und sein nächster Umkreis doch frei.
    Es befanden sich ungefähr zwanzig Frauen in dem Oberteil des Gemachs,
während eine gleiche Anzahl von Dienerinnen den unteren in verschiedenen
Beschäftigungen einnahm. Zwei Schwarze von unförmlich dicker Figur, unglückliche
Geschöpfe, die für die Gebräuche des Despotismus schon als Kinder der Mannheit
beraubt worden, in weiten orientalischen Kleidern von schreiend roter Farbe,
standen an den beiden Eingangstüren, teils um Wache, teils um Ordnung zu
halten unter den oft sehr aufrührerischen Odalisken.
    In der linken Ecke des Kiosk, dem Ehrenplatz gegenüber, schien sich die
Hauptgruppe der drei versammelt zu haben, welche das Oberteil einnahmen. Auf
den Kissen des Divans sassen zwei Frauen in überaus reicher Kleidung, während
eine dritte auf der Decke vor ihnen kauerte, alle Drei im eifrigen, obschon
leise geführten Gespräch. Zwei junge Wohrinnen, Mädchen von etwa 12-13 Jahren,
bedienten sie, indem sie von Zeit zu Zeit mit einer silbernen Zange eine frische
Kohle auf den duftenden Tabak von Schiraz legten, der im vergoldeten Kopf des
Nargileh's brannte, dessen zierlich aus Gold- und Silberfäden gewundener
Schlauch mit edelsteinbesetztem Mundstück aus dem in der Türkei so
hochgeschätzten weissen Bernstein den Rauch durch das mit Rosenwasser gefüllte
Krystallgefäss zu den Lippen der Damen führte. Häufig nahm dabei Eine oder die
Andere derselben einen Löffel von dem süssen Eingemachten, das aus Rosenblättern,
Mastix, Limonen und Weichseln bestehend, in vergoldeten Schaalen auf einem
gleichen Präsentirbrett von den Sclavinnen ihnen gereicht wurde, und dessen
häufiger Genuss, jedes Mal mit einem Schluck Wasser nächst dem Naschen des
Zuckerwerks und dem Kaffee zu den Liebhabereien der türkischen Frauen gehört.
    Die eine der Damen auf dem Divan war eine hohe und trotz des weichlichen
Lebens ebenmässige Figur, zwar über die Frauenjugend hinaus und anscheinend
bereits im Anfang der dreissiger Jahre, aber keineswegs schon verblüht, was so
häufig bei den orientalischen Frauen in einem Alter der Fall ist, dabei uns
Nordländern erst vollkommen die Frauenschönheit zu entwickeln pflegt. Ihre
Gesichtszüge zeigten den reinen klassischen Typus der kaukasischen Raçe, belebt
durch ein feuriges Auge, aus dem Stolz und Herrschsucht sprachen. Das dunkle
Hauptaar war in zahllose Flechten gelegt, die, mit Goldmünzen und Perlen
durchwunden, zu beiden Seiten des Gesichts und im Nacken herunterhingen, während
ein gelbseidenes Tuch um den Scheitel geschlungen und dort mit grossen
Brillantnadeln festgehalten war. Eine dicke, drei Mal umgelegte Perlenschnur
umgab den vollen, ebenmässigen Hals und fiel auf den Busen herab, der von einer
aus Goldstoff bestehenden Weste fast gänzlich entblösst gelassen wurde. Weite
Beinkleider von Purpurseide aus Brussa, aus denen die nackten, auf den Zehen mit
goldenen Ringen geschmückten Füsse hervorsahn, indes die gelben, kaum die Spitze
bedeckenden Pantoffeln vom Divan geglitten waren, bildeten die untere
Bekleidung. Auch die Arme waren fast bis an die Schulter entblösst, von der ein
der Weste entsprechender offener Aermel von Goldstoff niederhing. Schwere
Ohrgehänge von jenen grossen Türkisen, die allein in den Minen von Nischagur in
Indien gefunden werden, und eine Unzahl goldener Armbänder um beide Handknöchel
vollendeten den Putz.
    Eben so reich, obschon weniger frei, waren die beiden andern Damen,
namentlich die zweite, gleichfalls auf dem Divan Sitzende gekleidet. Das reiche
Geschmeide dieser überstrahlte sogar an Glanz und Wert bei Weitem den Schmuck
der Erstern. Diamanten und Smaragden waren sowohl an ihrem turbanartigen
Kopfputz, als an der Stickerei ihres dunkelroten Mieders verschwendet, über
welches ein mit schwarzem Pelz verbrämtes kaftanartiges Oberkleid von gelber
Seide fiel. Die gestickten gelbledernen Socken an ihren Füssen, welche die
Türkinnen statt der Strümpfe tragen, und die beiden Yaschmacks, welche neben
ihnen lagen, der eine mit goldenen Sternen gestickt, bewiesen, dass die Beiden
nicht in den Harem gehörten und nur zum Besuch dort waren. Die Zweite der Damen
war eine türkische Schönheit von etwa 27 Jahren, deren männliche Züge stark an
den verstorbenen Sultan Mahmud II. namentlich in den buschigen Augenbrauen und
der vollen, kräftigen Bildung des Mundes und Kinnes erinnerten; - die dritte auf
dem Teppich Kauernde dagegen mochte bereits an Vierzig zählen, und in ihrem
Gesicht sprach sich ein hoher Grad von Verschlagenheit, Lust und Fähigkeit zur
Intrigue aus.
    Etwas entfernt von der Gruppe, nach der Seitentür zu, die an der Balustrade
des Oberteils zu den innern Gemächern führte, befand sich eine zahlreichere
Gesellschaft von jungen und schönen Frauen, im Genre der erst erwähnten Dame
ähnlich üppig und wo möglich noch freier gekleidet, obschon nur zwei unter ihnen
durch besondern Schmuck sich auszeichneten und dadurch dem kundigen Auge
bewiesen, dass sie unter der Schaar der Odalisken zu Kadinen des Padischah sich
durch die Macht ihrer Reize emporgeschwungen hatten. Alle hockten in den
verschiedensten Stellungen und mit dem Ausdruck einer kindischen Neugier und
Lüsternheit um den grossen Kasten mit Schmuck- und Bijouteriesachen und
Schönheitsmitteln, den eine Frau von demütiger Haltung aber überaus gewandter
Zunge, in der einfachen Kleidung einer orientalischen Jüdin, an dem gelben
Zeichen auf der Brust und den dunklen Strumpfschuhen kenntlich, vor ihnen
ausgekramt hatte. Der Handel war in vollem Gange und der Inhalt des Kastens
wanderte Stück für Stück durch die an Fingerspitzen und Nägeln mit Hennah
gefärbten Hände, während das wirre Geschnatter und Geschwätz der Beschauerinnen
kaum das eigene Wort verstehen liess.
    Dieser Gruppe gegenüber auf der Ecke des Divans, welcher zum Ehrensitz
fortlief, lehnte eine dritte, doch nur aus zwei Personen bestehend, beide der
Typus einer auffallenden und doch sehr verschiedenartigen Schönheit, Herrin und
Dienerin. Die Erste war ein junges Mädchen von kaum siebzehn Jahren, nicht nach
gewöhnlicher türkischer Sitte auf dem Divan mit untergeschlagenen Füssen hockend,
sondern halb liegend in die weichen Polster gelehnt. Ein zartes, blasses Antlitz
von überaus schöner Form, von den im Orient so ungewöhnlichen aschblonden Haaren
umgeben, die in einem reichen Lockenwald auf Hals und Brust fielen, erhielt
durch die bei dieser Farbe eben so seltene Zierde schwarzer Augen, in denen eine
gewisse melancholische Schwärmerei lag, einen wunderbaren Reiz. Die Züge dieses
Gesichts waren edel, verständig und harmonisch, die Figur unter Mittelgrösse,
zart und schlank, und obschon die Schöne, die den Kopf in die rechte Hand
gestützt, sinnend und teilnahmlos vor sich hin schaute, in orientalische
Gewänder gekleidet war, hatte Alles an ihr doch den Typus einer Züchtigkeit und
Schaam, der offenkundig der Kleidung der anderen Frauen fehlte. Vor ihr knieete,
mit ihren Locken spielend und von Zeit zu Zeit ihr allerlei Erfrischungen
anbietend, eine junge Mohrin von wahrhaft junonischem Wuchs und einem Ebenmaass
der Körperformen, der einem Bildhauer hätte zum Modell dienen können. Sie war in
ein weisses Gewand gekleidet, das die dunkle Broncefarbe noch mehr hervorhob,
während breite goldene Reife den nackten Hals, die Anne und Knöchel zierten.
Eine fast antike Kopfbildung bewies, dass sie zu einem der Stämme Abessyniens
gehörte, die sich durch ihre Körperschönheit von allen Mohren so sehr
auszeichnen, dass sie kaum zu den Negergeschlechtern gezählt werden dürfen.
Einige Jahre älter als die Herrin auf dem Divan, schien sie mit einer wahrhaft
mütterlichen Liebe an dieser zu hängen und für sie zu sorgen, denn selbst der
lockende Anblick des reichen Schmucks, der auf der andern Seite ausgelegt wurde
und das neugierige Zudrängen der Dienerinnen aus dem untern Raum vermochte sie
höchstens, von Zeit zu Zeit die schöne Odaliske durch eine Bemerkung aus ihrem
Nachsinnen zu stören und darauf aufmerksam zu machen.
    Im untern Teil des Gemachs um den Springbrunnen waren in ihrem trägen
Schlendrian mehrere Dienerinnen und schwarze und weisse Eunuchen beschäftigt,
oder pflegten selbst des Käff, jenes dolce farniente der Moslems; denn im Orient
besteht die Sitte, dass in einem nur einigermassen zahlreichen Haushalt jeder
Diener und jede Dienerin ein einzelnes bestimmtes Geschäft verrichtet und nie
die Hand zu einem andern anlegt. Dazwischen gingen mit jenem unhörbaren Schritt
und jener Ruhe, welche die asiatische Dienerschaft auszeichnet. Einzelne durch
die Teppiche des Eingangs ab und zu.
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    »Mashallah,« sagte die zweite Dame der Gruppe in der obern Ecke des Gemaches
aufgeregt zu ihrer Gefährtin, »ist der Padischah, mein Bruder, ein Esel oder
bist Du nicht die Sultana seines Harems und die Mutter des Tronerben, dass Du
nicht die Macht haben solltest, einen Mann zu dem zu bewegen, was uns das Beste
dünkt?«
    »Ich küsse Deine Augen, Sultana Adilé,« entgegnete die Circassierin, »Allah
und die Zuflucht der Welt6 haben es gewollt, dass ich die erste Frau seines
Herzens bin, aber Dein Bruder ist veränderlich und die Sonne seiner Gunst ist
auf ein Geschöpf gefallen, von dem ich glaube, dass sie unsere Feindin ist.«
    Die Augen der drei Frauen wandten sich bei dieser Erwähnung einen Moment
lang auf die blonde Odaliske am Ende des Divans, die in ihrem Träumen nicht
bemerkte, dass von ihr die Rede war.
    »Half! Half!7 Eine verkehrte Stunde hat sie hierher und vor den Grossherrn
gebracht. Wir werden es Ali Pascha gedenken der sie ihm zum Geschenk gemacht
hat. Sie ist offenbar eine Moskau8. Aber ich müsste die Sultana nickt kennen,
wenn ich glauben sollte, sie werde ohne ihre Erlaubnis eine Kadine werden und
ihm ein Kind gebären.«
    »Wallah! Haltet Ihr mich für eine turkomanische Kub? Ich habe Augen in
meinen Kopf und sie sind offen.«
    Ein rascher Blick verständigte Beide.
    »Es ist gut. Doch lasst uns von dein Geschäft reden, um das Mehemed Ali
Pascha, mein Mann, mich hierher gesandt.«
    »Allah behüte Euch, Ihr redet Wahrheit, Sultana,« mengte sich die ältere
Frau in die Unterhaltung, »und Mehemed Pascha ist der wahre Hort der Gläubigen.
Hier ist das Schreiben meines Herrn, des Sirdar, eines so guten Moslems, wie nur
je einer das Antlitz des Padischah geschaut hat, obgleich sein Vater und seine
Mutter als Ungläubige verdammt sind. Omer meldet darin, dass er am zwanzigsten
Tage des Muharem9 den Krieg gegen die Ungläubigen beginnen wolle. Wir zählen
heute den gesegneten Tag des siebzehnten, und es gilt vor Allem zu verhindern,
dass der Sirdar keinen Gegenbefehl vom Schatten Gottes10 erhalte.«
    »Du weisst, was geschehen ist heute Morgen im Rat, Sultana?«
    »Mashallah, was werde ich nicht? für was habe ich Augen und eine Zunge im
Munde? Ist der Kapu Agassi11 ein Mann, der auf die Stimme der Sultanin nicht zu
hören wagt?«
    »Die Inglis und Franken sind Leute, welche die ganze Welt in dem Winkel
ihres Auges tragen und eine gespaltene Zunge haben. Sie haben den Padischah
gebeten, dass er ihre grossen Schiffe unter seine Obhut nehme und das Kaïk mit dem
Rauch ist heute nach Dardanelli gefahren, um sie zu holen. Sie sind Giaurs, aber
sie sind mächtig.«
    »Jock! Nichts! was sind sie in Rum12? Der Padischah ist Alles.«
    »Das ist es nicht, was uns den Stein der Sorge auf's Herz legt,« fuhr
beharrlich die Gattin Mehemed's, dieses Hauptes der alttürkischen Partei fort.
»Aber man hat auf das Verlangen der Christen im Divan heute beraten und
beschlossen, dass Dein Mann o Khanum noch zögern solle, den rebellischen Vasallen
in Moskau die Schärfe des Schwertes fühlen zu lassen.«
    »Fluch über die Feiglinge,« sagte eifrig die Khanum; »die das geraten sind
Söhne eines Hundes, ihre Väter sind Hunde und ihre Mütter sind Hündinnen. Sie
verunreinigen mit ihrem Atem den Ruhm des Grossherrn.«
    »Allah bilir, Gott allein weiss es!« stimmte die Schwester des Padischah bei.
»Wer wird unsere Schulden an diese Armenier und Juden bezahlen, wenn es nicht
zum Kriege kommt und unsere Männer Geld verdienen? Ai gusum, sieh mich an, Licht
meiner Augen, Sultana Fatima, Du musst es verhindern!«
    Die Circassierin wiegte schlau den Kopf.
    »Der Padischah ist unser Aller Herr. Wie kann ich tun, was Du sagst, ich
bin Nichts als ein Weib.«
    Die erste Khanum des türkischen Heerführers, eine frühere Dienerin des
Palastes, durch deren Intriguen Omer hauptsächlich seine rasche Carriere gemacht
hat, verstand jedoch in ihren Augen zu lesen.
    »Allah erbarme sich! wo wäre unsere grosse Sultana, wenn Sie nicht für jede
Gefahr ein Mittel hätte. Ich weiss, was ich weiss.«
    »Wie viel Sonnen braucht ein Tartar13, um zu Deinem Gatten zu kommen?«
    »Der Sirdar ist in Rustschuk. In drei Tagen macht der Tartar den Weg, wenn
die Balkanpässe offen sind.«
    »Pek äji, sehr wohl. Wisst Ihr, ob die Botschaft schon abgesandt ist?«
    »Was soll ich sagen? Mein Gatte Mehemed fürchtet es.«
    »Ein Mann ist ein blindes Tier; er sieht bosch, Nichts. Der Padischah hat
sie in der Tasche behalten.«
    »Adschaid! Wunderbar!«
    Beide Frauen hoben die Hände in die Höhe.
    »Ihr seid keine Eselinnen, Euer Witz ist gut; wisst Ihr warum?«
    »Wir sind Staub unter Deinen Füssen,« liebedienerte die Khanum, »wir wissen
Nichts.«
    »Bak, seht.«
    Ihr Finger wies wiederum auf die blonde Sclavin, die in dem Augenblick halb
aufgerichtet aufmerksam auf die Jüdin schaute.
    »Ne olda14?«
    »Wenn wir ihn fern von dieser halten können, wird auch die Botschaft gar
nicht abgesendet werden. Wir brauchen nur zwei Tage Zeit. Hafiz sagt: Der Wille
eines Mannes ist Wachs in der Hand des Weibes, das sein Lager teilt.«
    Die Frau des Sirdars nickte verstehend.
    »Wird der Herrscher der Gläubigen die Nacht in diesem Harem zubringen?«
    »Ich glaube es. Es ist unsere Reihe und er hat mir seinen Besuch verkünden
lassen.«
    »Die Macht Deiner Reize ist gross, o Sultana, sie blühen wie die Rosen von
Schiraz. Aber warum hast Du denn diese Schlange hier behalten?«
    »Du redest Torheit. Das böse Auge der Buhlerin hat den Padischah bezaubert,
und wenn er sie nicht hier wüsste, würde er zu den andern Kadinen gegangen sein,
oder zu ihr allein. Glaubst Du, dass Diese da mir schaden werden?« sie wies nach
den beiden Frauen in der Gruppe um die Jüdin; »bah, sie sind der Hauch meines
Odems!«
    Die schlaue Circassierin hatte wohlberechnet die beiden jüngsten und
schönsten Kadinen in ihre Umgebung gezogen und in die Abteilung des Harems, die
sie bewohnte. Ebenso hatte sie zu vermitteln gewusst, dass die junge blonde
Odaliske, die erst seit Kurzem den Harem des Grossherrn zierte, von diesem aber
die auffallendsten Beweise grosser Zuneigung erhielt, in ihrem Haremlik blieb.
    »So wirb die Sultana selbst das Lager der Zuflucht der Welt besteigen und
seinen Willen einschläfern auf den Kissen ihres Busens?«
    »Nicht ich, Effendi15, auch Jene nicht, obschon ich ihnen vertrauen kann.
Der Padischah soll eine Ueberraschung erhalten, die seinen Geist während der
nächsten Tage in den siebenten Himmel des Propheten verseht. Hört!«
    Sie klatschte zwei Mal stark in die Hände und augenblicklich näherte sich
ihr aus dem Unterteil eine so widerwärtig scheussliche Figur, wie sie eben nur
in dem Harem von Moslems geduldet werden kann, die eine ganz besondere Vorliebe
für Verwachsene und Zwerge zeigen. Aus einem kleinen breiten Körper mit
Säbelbeinen hockte ein unförmlicher kürbisartiger Kopf mit einem Munde, der
förmlich das Gesicht in zwei Hälften schnitt. Aus den Augen leuchtete Bosheit
und List und die rote Kleidung bewies, dass er zu den Eunuchen des Harems
gehörte, wie die Peitsche an seinem Gürtel, dass er einer der Aufseher über die
Sclavinnen war.
    Der Zwerg verbeugte sich tief vor der Sultana und blieb, die Hände über die
Brust gekreuzt, in gebückter Stellung vor ihr stehen.
    »Hast Du Nachricht für mich, Sohn eines Zwerges und einer Hündin?« fragte
die Sultanin. »Ist Neues vorgefallen?«
    »Ich küsse den Stand Deiner Sohlen; bosch, - es ist Nichts.«
    »So können wir auf den Sir Kiatib16 und seine Versicherung rechnen, dass der
Ferman noch nicht abgesandt ist?«
    »Bei meinen Augen, Herrin. Er lag zur Unterschrift des Padischah bereit,
aber der heilige Scheik ul Islam17 hat das Versprechen des Schatten Gottes, dass
die Sache nochmals beraten werden solle. Der heilige Mann und der Saderel Azan
18 haben sich böse Worte gesagt.«
    »Er ist unser Feind,« warf die Schwägerin der Sultana ein; »möge seine Leber
schwarz werden.«
    »Ist Alles geschehen, wie ich befohlen? Sind die Alme'n19 bereit und das
Spiel? Haben die Weiber die Sclavin vorbereitet und sie gesalbt?«
    »Möge das Licht Deiner Augen auf Deinen Sclaven fallen. Das Mädchen hat so
eben das letzte Bad erhalten und ihre Schönheit strahlt, wie der Abendstern,
neben der Sonne der Sultana.«
    »Es ist gut. Lasst uns das Ende erwarten. Allah möge uns beistehen.«
    Der durchdringende helle Klang zweier in einiger Entfernung
zusammengeschlagenen Becken unterbrach das Gespräch.
    »Der Padischah!«
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    Während am Ende des Oberteils die Weiberintrigue im Interesse der
alttürkischen Partei sich schürzte, um den Ausbruch des Krieges herbeizuführen,
war unsern der Gruppe eine andere geheimnisvolle Scene vor sich gegangen.
    Der Leser wird sich erinnern, dass in dem Augenblick, als die Favorita auf
die blonde Odaliske deutete, diese mit aufmerksamerem Blick als bisher die
Gruppe gegenüber zu betrachten begann, die sich um den Schmuckkasten der
jüdischen Juwelenhändlerin drängte. Dir Ursache hiervon war diese selbst, indem
sie in einem Augenblick, als zufällig das Auge des jungen Mädchens auf sie fiel,
ein rasches Zeichen machte und den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen
legte.
    Die Odaliske wandte der Verkäuferin nun ihre volle Aufmerksamkeit zu, und
als ein zweiter und deutlicher Wink der Augen ihr gezeigt, dass die Jüdin ihr
Etwas mitzuteilen habe, aber vor den bewachenden Augen der Sultaninnen sich
nicht selbst ihr zu nahen wage, erhob sie sich langsam und trat wie gleichfalls
neugierig zu der Gruppe ihrer Gefährtinnen heran und nahm einen oder den andern
der Gegenstände in die Hand. Die gewandte Jüdin ergriff sofort den Moment.
    »Aï, Herrin,« sagte sie, indem ihr Blick die Odaliske bedeutete,
aufzupassen; »der Gott Abrahams segne Eure Schönheit. Wollt Ihr nicht dieses
Halsband versuchen? es sind reine Ametysten aus dem kalten Lande der
Moskowiten, unserer Feinde, wo der Schnee das ganze Jahr lang auf der Erde
liegt, obschon ich mir habe sagen lassen, dass die Sonne die Hälfte der Zeit dort
nicht untergeht und die andere Hälfte Nacht ist20. Nehmt, Effendi, und prüft es
an dem Elfenbein Eures Halses.«
    Sie drängte der Odaliske das Halsband auf und diese fühlte zugleich, dass aus
dem weiten Aermel der Jüdin ein anderer Gegenstand mit in ihre Hand glitt.
Besonnen trat sie vor einen der grossen Spiegel, die, meist Geschenke
europäischer Fürsten, in prachtvollen Nahmen an der Wand des Kiosks ohne alle
Regelmässigkeit aufgehängt, eine Lebensnotwendigkeit für die eitlen und
putzsüchtigen Haremsbewohnerinnen sind, und legte das Halsband wie prüfend um,
indem sie geschickt dabei den zusammengerollten Streifen Pergament, den sie
zugleich erhalten, in das süsse Versteck aller Frauen, den Busen, gleiten liess.
Dann gab sie ablehnend den Schmuck wieder zurück und wandte sich nach ihrem
Platz.
    Noch ehe sie diesen erreicht, erscholl das Zeichen, welches den Besuch des
Grossherrn verkündete. Wie mit einem Zauberschlage änderte sich das Bild. Die
Jüdin raffte ihre Sachen eilfertig zusammen, warf der Odaliske noch einen
raschen bedeutsamen Blick zu und wurde von den Verschnittenen aus dem Gemach
getrieben. Auch die erste Khanum Omer Pascha's schlug ihren Yaschmak um das
Haupt und barg sich nach einigen rasch mit der Favoritin gewechselten Worten
unter den Dienerinnen im Unterteil des Gemachs. Während die beiden Kadinen zu
der Sultana traten, stellten sich die Odalisken in zwei Reihen entlang der
Divans auf, die Hände über die Brust gekreuzt und die Augen zu Boden gesenkt,
ebenso die Dienerinnen und Eunuchen im Unterteil.
    In der Bewegung, die dieser Anordnung voranging, gelang es Mariam, der
blonden Odaliske, den Zettel in der hohlen Hand zu lesen. Derselbe entielt die
Worte:
    »An die Khanum Mariam. - Die Verschiebung des Angriffs um zehn Tage ist
heute zwar im Divan auf den scheinbaren Rat des englischen Eltschie21
beschlossen, heimlich aber drängt man den Sultan, die Absendung des Befehls zu
verzögern. Erlange um jeden Preis seine Unterschrift und die Absendung des
Fermans, womöglich noch in dieser Nacht, denn morgen wachen die Feinde. Im Namen
des Gottes, den Du im Herzen verehrst. Die Sache ist wichtig.«
    Sie bog den Pergamentstreif zusammen und verbarg ihn in dem Gewande, denn
der Zug des Sultans nahete, wie das Zusammenschlagen der silbernen Becken
verkündete.
    Einen Augenblick hielt er vor dem grossen Eingang des Gemachs, während die
mit entblössten Säbeln Wache haltenden Eunuchen den Vorhang zu beiden Seiten
emporhielten.
    Zunächst traten vier Itschoklans22 - schon in ihrer Jugend verstümmelte
Kinder - ein und schritten bis zu dem Aufgang des Oberteils vor. Ihnen folgte
eine gleiche Anzahl schwarzer Eunuchen, die Becken schlagend, und darauf der
Tschannador-Aga23, den grossen Pfauenwedel tragend, womit die Pagen dem Grossherrn
Kühlung zufächeln. Hinter ihm kamen die beiden Schwertträger des Sultans und
dann dieser selbst auf den Arm des Kislar-Aga gestützt. Der Kapi-Aga (Agassi)
oder das Oberhaupt der weissen Verschnittenen schloss den Zug, an der Spitze von
vier mit blanken Säbeln bewaffneten circassischen Sclaven.
    Der Grossherr - Abdul-Medschid-Khan - zur Zeit unserer Erzählung im
einunddreissigsten Jahre stehend24 - war eine grosse Gestalt mit vollem
fleischigem, aber blassem Gesicht, das zwar unverkennbar einen Zug von
Gutmütigkeit trägt, aber - offenbar von dem frühen Genuss der Haremsfreuden, zu
denen ihn seine ehrgeizige Mutter verleitete - den Ausdruck des Schlaffen,
Teilnahmlosen hat. Alles innere Leben scheint aus diesem Antlitz verschwunden,
das durch die breite offene Stirn und die edle Form der Nase selbst schön zu
nennen wäre, wenn das grosse dunkelbraune Auge mehr Feuer und nicht jenen
melancholischen Blick der Seelenapatie zeigte. Es ist gewöhnlich zu Boden
geschlagen, oder wenn es erhoben wird, starr und kalt; nur selten sprüht ein
Blitz der Leidenschaft oder des Bewusstseins der Macht daraus hervor, und dann
wird es dem scharfen wilden Auge seines grossen Vaters ähnlich.
    Der Sultan trug die halb europäische Kleidung: weisse Pantalons, darüber
einen zugeknöpften indigoblauen Rock mit steifem Kragen und den roten Fess,
statt der gewöhnlichen schwarzen lackirten Stiefeln25 jedoch gelbe Pantoffeln.
Die einzige Auszeichnung, die ihn schmückte, war ein mit grossen Diamanten
besetztes Brustschild, da wo der Rockkragen sich schloss. Alle seine Begleiter
trugen gleichfalls den abscheulichen Fess, diese unkleidsame und zweckwidrige
Tracht, welche die Reform des verstorbenen Sultans für die Civilbeamten und das
Militair eingeführt hat. Mit dem letzten Janitscharen sank die malerische
Kleidung der türkischen Krieger.
    Als der Grossherr über die Schwelle des untern Gemachs trat, fiel die Reihe
der Dienerinnen und Eunuchen knieend zu Boden, mit der Stirn fast die Erde
berührend, auch die Odalisken beugten sich tief und verharrten, Alle das »Selam
Aleikum«26 murmelnd, in dieser Stellung, bis der Sultan, der nie den Gruss eines
Untertanen erwiedern darf, durch ihre Reihe hin- und zu dem Ehrensitz in der
Ecke geschritten war, auf dem er Platz nahm. Ein rascher kurzer Seitenblick, als
er an Mariam vorüberging, der nicht bloss von dieser, sondern auch von den beiden
Sultaninnen sehr wohl bemerkt worden war, bewies, dass er trotz seiner äussern
Gleichgültigkeit auf seine Umgebung achtete. -
    Der jetzige Grossherr hat, wie gesagt, in seinem Wesen keineswegs das
Entschlossene, Gebietende des Despoten, was man wohl an dem unumschränkten
Herrscher des Orients erwartet und was in den meisten Gliedern seiner Familie
ausgeprägt war. Vielmehr liegt etwas Schüchternes, Unentschlossenes in seinem
Wesen und er ist nicht einmal der Gebieter in seinem Harem. Die Erfahrungen
seiner Jugend mögen daran schuld sein, zuerst der Druck seines despotischen,
keinen Willen neben dem seinen duldenden Vaters, und die Erziehung nicht im
Feldlager, sondern im Harem, in dessen Genüsse er bereits mit seinem dreizehnten
Jahre eingeweiht wurde. Etwa andertalb Jahre vor seinem Tode27 schenkte ihm
Sultan Mahmud eine wunderschöne Circassierin, zu welcher der Jüngling eine
heftige Liebe fasste, die bald auch Folgen hatte. Wir haben oben bereits das
unnatürliche Regierungsprinzip erwähnt, dass die Söhne und Brüder des Sultans bei
seinen Lebzeiten keine Kinder haben dürfen. Die Circassierin weigerte sich,
eines jener abscheulichen Mittel anzuwenden, welches das Kind unter ihrem Herzen
tödten sollte, und der Prinz konnte sich nicht entschliessen, sie dazu zu
zwingen. Er rechnete auf den Tod des Sultans, der sich bekanntlich dein Trunk
ergeben und schon mehrere Anfälle des delirium tremens gehabt hatte, um dann als
Herr und Gebieter die Sclavin und ihr Kind anzuerkennen. Bis dahin suchten Beide
auf alle mögliche Weise die Schwangerschaft zu verbergen. Aber der Neid der
Odalisken brachte sie an den Tag, und der Sultan stellte die grauenvolle Wahl,
dass entweder das ungeborene Kind oder die Sclavin geopfert werden müsse. Die
Geliebte des Prinzen weigerte auch jetzt noch standhaft das Verbrechen gegen die
Natur, und als der junge Abdul zwei Abende darauf den Harem besuchte - war sie
verschwunden: man hatte sie erdrosselt.
    Vier Wochen nachher starb Sultan Mahmud am Delirium in seinem Kiosk auf den
Höhen von Goksu am asiatischen Ufer des Bosporus.
    Abdul Medschid gelangte mit sechszehn Jahren zum Sultanat, doch hatte er
damit kaum den Herrn gewechselt, denn die Sultanin Valide, seine Mutter, und die
Intriguen des alten Chosrew-Pascha hielten ihn unter ihrem Druck, bis zwischen
Beiden selbst Feindschaft ausbrach. Auch nachher noch gönnte er seiner Mutter
einen grossen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte, bis sie im Frühjahr 1853
starb.
    Kurz vorher, ehe sie erkrankte, hatte der Grossherr von Ali Pascha, dem
Gouverneur von Brussa, die Odaliske Mariam zum Geschenk erhalten und ihr alsbald
eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da sie seiner gemordeten ersten
Geliebten auffallend ähnlich sein sollte. Dieser Vorzug hatte natürlich unter
den Frauen des Harems bedeutende Aufregung und Eifersucht hervorgerufen und ihre
Intriguen und die Herrschsucht der Mutter des Tronfolgers erschwerten den
Umgang des Sultans mit seiner neuen Geliebten auf alle mögliche Weise. Man sah
in ihr nicht nur die gefährliche Nebenbuhlerin um die persönliche Gunst des
Sultans, sondern auch um den politischen Einfluss, und es ging das Gerücht im
Harem, dass sie eine heimliche Christin und von der russischen Partei in den
Harem gebracht sei. Wir haben bereits angedeutet, dass man einer Schwangerschaft
zuvorgekommen war, da sie die Geburt eines Kindes den Sultaninnen mindestens
gleichgestellt hätte, während die Unfruchtbarkeit der Kadinen für eine Schmach
gehalten wird und diese ohne Rechte nur in der Lage einer begünstigten Sclavin
verbleiben lässt. Selbst der Wille und die Macht des Sultans vermochten sie kaum
genügend gegen die Angriffe ihrer Feindinnen zu schützen.
    Wir haben oben die eigentümliche Schönheit der jungen Odaliske beschrieben.
Sie war eine Mingrelierin von Geburt, mit ihrer Mutter - einer Russin - als Kind
in die Hände kurdischer Räuber gefallen und später unter den Schutz Ali Pascha's
gekommen, der sie dem Harem seines Gebieters bei passender Gelegenheit zum
Geschenk machte. Näheres wusste und erfuhr man nicht von ihr, doch war es bald
offenbar, dass sie dankbar für die Gunst des Grossherrn diesem mit ganzem Herzen
anhing und ihn hingebend liebte. -
    Ein Schlag der Silberbecken, die während des Ganges durch das Gemach
geschwiegen hatten, verkündete, dass der Grossherr Platz genommen, und auf dies
Zeichen erhoben Alle das Haupt und es bildete sich eine Gruppe um den Padischah.
Die Favorit-Sultana und die Schwester des Grossherrn nahmen auf Kissen am Boden
an seiner Seite Platz und neben ihnen die beiden andern Kadinen, während die
Odalisken jenseits der Fenster an den Wänden entlang auf dem Divan sich reihten.
Neben den Kadinen nahmen der Kislar-Aga und der Kapu-Agassi ihre Stelle ein,
während der Tschannador alsbald eine mit Edelsteinen reich verzierte Pfeife mit
einem Rohr von Jasminholz, das mindestens sieben Fuss lang war, auf dem
Mittelfinger der rechten Hand wiegend, feierlich heranschritt. Ein Offizier der
Eunuchen setzte zugleich eine silberne runde Schaale im richtigen Augenmaass auf
den Boden, so dass, als der Tschannador den Kopf der Pfeife auf diesen Teller
setzte und diese nun zierlich herumschwang, das Mundstück gerade zu den Lippen
des Grossherrn reichte. Ein anderer Offizier brachte in der silbernen Zange,
welche die meisten Türken in einem Futteral am Gürtel tragen, aus dem Tandur die
brennende Holzkohle für den Taback, und dann erst, als die Pfeife in Brand war
und er mehrere Züge des duftigen Dampfes getan, indes die Offiziere rückwärts
gehend nach dem Unterteil zurückschritten und dort mit gekreuzten Armen stehen
blieben, wandte sich der Sultan zu seiner Schwester und der Sultana und begann
das Gespräch mit der üblichen Formel: Kosch dscheldin28 und der Frage: Kiefiniz
aji me: Ist Eure Laune gut?
    Die Sonne war unterdess am Horizont verschwunden, und dies ist die Zeit, wo
die meisten Bekenner des Propheten die einzige oder wenigstens die Hauptmahlzeit
des Tages zu sich nehmen. In den Gängen des Palastes erscholl zugleich der Ezan,
der Ruf des Imaum's zum Gebet, und sofort knieete der Sultan mit dem Gesicht
nach Mekka auf dem Teppich nieder, während alle Anwesenden sich zu Boden warfen,
und verrichtete das Abendgebet. Erst als der Padischah wieder Platz genommen,
erhoben sich die Andern. Alsbald wurde der Kaffee dem Sultan gebracht und
während sich die Sultana Adilé verabschiedete und rückwärts schreitend von ihrer
Schwägerin bis an die Tür der Frauengemächer geleitet, ihren kurzen Heimweg im
Kaïl nach dem Harem Mehemed-Ali-Pascha's antrat, wurde das Gemach mit einer
Unzahl von Wachskerzen erhellt, worauf die Baltahgies, die Köche des Harems,
eintraten, und auf einem vor den Grossherrn gestellten Tisch die zahlreichen
Gerichte ordneten. Dieselben bestanden - wie stets, wenn der Grossherr im Harem
speist - aus türkischen Speisen, der Torba oder Fischsuppe, Dolmas: Reis mit
Fleischkugeln in Weinblätter gewickelt, Kaftas: farcirtem Fleisch, einem
gebratenen Lamm in einem Berge von gekochtem Reis, und Halvas oder
Zuckerfrüchten und Eingemachtem, von denen eine Unmasse kleiner silberner
Schüsseln aufgesetzt wurden.
    Der Padischah speiste allein, von den Pagen knieend bedient, da es nicht
erlaubt ist, dass ein Mann und noch weniger eine Frau seine Mahlzeit teilt. Doch
sandte er häufig durch einen Wink an die Pagen einer oder der andern der Frauen,
darunter auch Mariam eine silberne Schaale mit eingemachten Früchten oder
Leckereien. Während der Mahlzeit, die schweigend vollbracht wurde, verrichtete
am Eingang des Oberteils die Massaldschi29 ihr Amt, indem sie in halbem,
eintönigen Gesang eines jener phantastischen Mährchen erzählte, deren Anhören in
den Kaffeehäusern, auf den Strassen und in den Harems einer der grössten Genüsse
der Moslems ist. Die Erzählung, mit den ausschweifendsten Farben das Liebesglück
schildernd, wurde fortgesetzt, während die Sultana dem Grossherrn aus einer
goldenen Kanne Wasser über die Hände goss, indes einer der Pagen knieend das
Becken von gleichem Metall hielt, in dem der Padischah die vom Koran
vorgeschriebenen Abwaschungen vollführte. Alsdann wurde mit gleichen Ceremonieen
wie vor der Mahlzeit dem Gebieter der Kaffee und eine neue Pfeife gebracht30.
    Der »Herr der Welt« erlaubte jetzt durch seinen Wink den begünstigten
Frauen, gleichfalls ihr Nargileh zu nehmen, da die Unterhaltungen des Abends
beginnen sollten.
    Die Dienerinnen naheten sich ihren Gebieterinnen und Nursädih, die schwarze
Sclavin Mariam's, tat dasselbe. Diese Gelegenheit benutzte die Odaliske zu
einem raschen Gespräch mit ihr.
    »Ist Dein Bruder Jussuf, der Courier, im Palast?«
    »Du sagst es, Herrin.«
    »Wohl. Höre meine Worte. Lass ihn sich bereit halten zu einer Reise nach dem
Lager des Sirdar. Er soll das schnellste Pferd nehmen, das ihm zu Gebote steht,
und nicht rasten unterwegs.«
    »Du kennst seine Schnelligkeit, o Khanum. Der Pfeil vom Bogen verfolgt
seinen Weg nicht gerader denn er.«
    »Der Padischah, mein Gebieter, wird mich zu seiner Kadina wählen an diesem
gesegneten Abend, sein Auge sagte es mir. Nun merke auf. Zu welcher Stunde der
Nacht es auch geschehe, dass ich Dich rufe, so sei zur Hand und lass Deinen Bruder
den Fuss im Bügel halten.«
    »Auf mein Haupt komme es.« - -
    Die Favorit-Sultana klatschte in die Hände und eine Musik von Zitern und
Triangel erschallte aus dem Unterteil des Gemachs. Mit ihren ersten Takten
traten die Almen, die vor dem Padischah ihre Tänze aufführen sollten, herein.
Die Sultana hatte für diesen Abend die jungen Mädchen - Kinder sollten wir sagen
- gewählt, die von zartem Alter an im Harem für dessen Zwecke erzogen und
ausgebildet werden. Wenn auch nicht im Serail des Grossherrn, - wo dessen Person
der alleinige Zweck und Mittelpunkt ist, um den sich Alles dreht - so doch in
vielen andern Harems speculiren die Frauen förmlich in jungen Mädchen, die sie
als Kinder ankaufen, erziehen und in verschiedenen Künsten unterrichten lassen,
um sie dann, wenn sie mannbar geworden sind, oft mit grossem Vorteil an alte
Lüstlinge zu verhandeln.
    Die Almen der Sultana waren Mädchen von 10-14 Jahren, ein Alter, wo unter
diesem Himmelsstrich bereits die jungfräulichen Formen vollständig sich
entwickeln. Sie betraten den obern Raum an der Barriere zwischen den Sitzen der
Odalisken und stellten sich - sechs an der Zahl - in einem Halbkreis auf, worauf
sie zugleich auf die Knie sanken und mit der Stirn zum Zeichen des Grusses den
Boden berührten.
    Das Costüm oder vielmehr die Ausstellung dieser jungen Geschöpfe war so
lüstern und schaamlos, wie sie eben nur für die Zwecke sinnlicher Aufregung
dienen kann. Der obere Teil des Leibes von den Hüften aufwärts war gänzlich
unbekleidet, Arme und Hals waren mit Goldspangen und Perlenschnüren umgeben, und
nur die über die Brust gekreuzten Hände verbargen den emporschwellenden
jugendlichen Busen. Eine Kappe von eigentümlicher Form aus Goldbrokat bedeckte
das Haupt, von dem wohl in zehn mit Perlen und Bändern durchwundenen Flechten
und Zöpfen das Haar herunter hing. Türkische Beinkleider von roter Seide gingen
bis zum Knie, von wo ab das Bein wieder nackt war, indes der Fuss in
goldgestickten niedern Schuhen von gleicher Farbe wie die Beinkleider steckte.
    Nach dem eintönigen Takt der Musik begann hierauf der Tanz, indem sie drei
lange Shawls von farbiger Seide zu allerlei Draperieen und Dekorirungen
verschlangen, erst langsam - dann immer rascher und wilder bis zu den üppigsten
Bewegungen der Flucht und der Hingebung. Die jungen kaum erschlossenen Körper
wanden sich in Geberden und Stellungen des Verlangens und der Verführung einer
Leidenschaft, die ihnen noch unbekannt war, während die nackten Glieder in
hundert Bewegungen und Verschlingungen sich kreuzten.
    Der Tanz dauerte wohl eine halbe Stunde, während der die Sultana die Blicke
häufig auf das Antlitz des Grossherrn beobachtend gerichtet hielt. Doch vergebens
suchte sie den gewünschten Ausdruck - die Augen des Padischah blieben schlaff
auf das gewohnte Schauspiel geheftet, es vermochte nicht seine Nerven zu
erregen, und als jetzt nach einem Zeichen der Sultana, den Tanz zu enden, die
Aelteste der Almen näher trat und knieend dem Padischah eine silberne Schaale
vorhielt, warf er mit derselben Gleichgültigkeit einige Goldmünzen hinein. Mit
Wut und Erbitterung nahm die Favoritin wahr, dass dabei der Blick des Sultans
immer wieder nach der Stelle sich wandte, wo Mariam auf dem Divan sass.
    Auf ein zweites Zeichen der Sultana liessen jetzt die Eunuchen von der Decke
des Unterraums einen straffgezogenen Leinwandvorhang fallen, die Lichter im
obern Teil diesseits des Vorhangs wurden ausgelöscht und die Musik, verstärkt
durch mehrere Tambourins und Handtrommeln, eröffnete eine neue Melodie.
    Es folgte nunmehr in Form eines Schattenspiels eines jener scheusslichen
Schauspiele, halb Pantomime, halb Dialog, die in Stambul die Stelle unserer
Arlequinaden und Hanswurst-Teater ersetzen. Die Hauptfigur derselben, Karagoïs
genannt, ist eine Art komischer Don Juan oder frivoler Hanswurst, der in
verschiedene Liebesabenteuer gerät, wobei namentlich Griechen und Griechinnen
fungiren. Der Dialog wimmelt, wozu die türkische Sprache leicht Gelegenheit
gibt, von den infamsten Zweideutigkeiten, die Actionen und Scenen aber sind der
Art, dass die »Sittlichkeit« der europäischen Bordelle davor erröten würde.
    Diese Sorte von Schauspielen ist nicht allein unter dem Volk in Stambul eine
der beliebtesten Unterhaltungen und findet öffentlich argen Entré statt, wobei
ein grosser Teil des Publikums aus Kindern besteht, sondern sie sind eben so ein
gesuchtes Amüsement in den Harems der Reichen, und viele der Würdenträger halten
sich besondere Darsteller. Namentlich erpicht sind die Frauen aus diese
Schauspiele und es gibt für dieselben auch besondere öffentliche Teater, in
denen sie in Gitterlogen sitzen.
    Die Variationen derselben sind sehr mannigfaltig. Was die ausschweifendste,
aller Schaam baare Phantasie erdenken kann, ist durchgängig der Gegenstand nicht
nur der Worte, sondern der Action, um die physische Erschlaffung aufzustacheln.
Unter solchen Verhältnissen wird es der Leser dem Autor erlassen, auf eine
nähere Beschreibung des angedeuteten Schauspiels einzugehen.
    Es hatte wohl eine Stunde gedauert, als der Padischah selbst das Zeichen zu
seiner Beendigung gab. Die Schauspieler und der Vorhang verschwanden, die Kerzen
wurden auf's Neue angezündet und Kaffee und Zuckerwerk gebracht.
    Diesmal sah die Sultana ihre Arrangements von einem Erfolg begleitet. Die
Stirn des Grossherrn zeigte eine leichte Röte, seine Augen hatten sich belebt,
und als der Glanz der Lichter das Gemach wieder durchstrahlte, irrten sie über
den Reizen seiner Odalisken umher und blieben dann auf Mariam, der Mingrelierin,
mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Feuer haften, dessen Bedeutung nicht zu
verkennen war und den das Mädchen mit gleicher Sehnsucht erwiederte.
    Der Padischah machte eine Bewegung nach dem Kislar-Aga, zu dessen Vorrechten
es gehört, der begünstigten Kadine oder Odaliske die ihr zugedachte Auszeichnung
zu verkünden, als die Sultana dem Befehl zuvorkam und sich vor dem Grossherrn auf
die Knie warf.
    »Möge das Licht der Welt,« sagte sie schmeichelnd, »seiner Sclavin noch
einige Augenblicke seiner kostbaren Zeit gewähren und seine Augen auf ein
Geschenk werfen, das sie für ihn bereit hält.«
    Der Sultan setzte sich wieder.
    »Was ist es, o Khanum? Du weisst, dass ich der Mutter meines Sohnes ihr Recht
nicht verweigere.«
    Die Sultana verneigte sich. Als sie sich erhob, streifte ihr Blick mit dem
Vorgefühl des Triumphes über die getäuschte Nebenbuhlerin hin, die mit einiger
Beunruhigung auf den unerwarteten Zwischenvorgang sah. Dann klatschte sie zwei
Mal in die Hände und alsbald öffnete sich der Vorhang der untern Seitentür
nochmals, und von zwei schwarzen Sclavinnen geführt, trat eine ganz in einen
weiten Schleier und braunen Feredschi gehüllte weibliche Gestalt ein, die
langsam - während ihre Begleiterinnen zurückblieben - die Stufe herauf und bis
in die Mitte des Oberteils vorschritt, wo sie sich vor dem Sultan zur Erde
verneigte und dann, in ihre Gewänder verhüllt, gleich einer Statue stehen blieb.
    Erstaunt schaute der Grossherr auf die ungewohnte Erscheinung und dann
fragend auf die schlaue Sultana.
    Diese zögerte - wie um die Neugier zu reizen - einen Augenblick, dann gab
sie das zweite Zeichen.
    Im Nu flogen die Gewänder und der Schleier zur Seite und ein reizendes Bild
stand vor den Augen des Herrn.
    Es war eine Tänzerin, halb europäisch, halb orientalisch gekleidet, in
raffinirter Berechnung auf die Erregung der Sinne, - ein griechisches Mädchen
von wunderbarer Schönheit, - Nausika, die geraubte Tochter des Räubers und
Mörders Janos, des Kameeltreibers, die Tochter des blutigen Feindes der Moslems,
dessen kühne Tat einst die Gräuel von Chios gerächt hatte!
    Der Leser wird sich erinnern, dass der Musselim von Tschardak das
sechszehnjährige Mädchen kurz vor ihrer Hochzeit aus dem Hause ihres abwesenden
Vaters mit Gewalt geraubt hatte, um sie seinem Gönner, Mehemet Ali, in Stambul
zum Geschenk zu machen, und dass dieser Raub es war, welcher Janos auf's Neue zum
Krieg gegen die Moslems trieb und ihn zum Schrecken Smyrna's machte. Mehemet,
dessen Haus die Schwester des Sultans streng beherrschte, hatte die reizende
Sclavin durch seine Frau der Sultana für den Harem seines Schwagers übergeben
lassen, und diese beschlossen, sich in der Sclavin eine Anhängerin und - beim
Verblühen der eigenen Reize - ein Mittel zu schaffen, auf die Sinne des Sultans
zu wirken und seine Neigung in der Gewalt ihrer eigenen Interessen zu behalten.
    Zugleich war sie klug genug, einzusehen, dass hier selbst bei aller Schönheit
des Mädchens das Gewohnte nicht fesseln und reizen könne, da der Harem der
schönen Frauen so viele barg, sondern dass es galt, einen aussergewöhnlichen
Eindruck auf die Sinne des Gebieters hervorzubringen. Sie fiel auf den Gedanken,
die griechische Sclavin während ihrer Gewöhnung zu den Sitten des Harems durch
einen italienischen Tänzer ausbilden zu lassen, und diesem war es gelungen, in
der Frist eines Jahres aus dem bildsamen Mädchen eine üppige orientalische
Pepita zu schaffen. Zugleich vergass in den Lockungen des Ehrgeizes und
Wohllebens die Griechin Familie, Glauben und Vaterland, gleich der ersten Liebe
zu dem entrissenen Bräutigam, und während ihr Vater auf den Bergen Anatoliens
mit blutiger Hand ihren Raub an den Bekennen, des Propheten rächte, war die
Tochter bereits die gefügige Odaliske des Harems, die sinneberauschende Alme
geworden, die - bisher sorgsam vor den Augen des Grossherrn verborgen - heute ihr
erstes Debüt machen sollte.
    Mit der Raffinerie der Wollust war die junge Tänzerin gekleidet, verhüllend
und entblössend - lockend und verheissend! Um das dunkelbraune, fessellos über den
Nacken fallende Haar, worin lange Schnüre von kleinen Goldmünzen eingeflochten
glänzten, war ein duftender Kranz von damascener Rosen geschlungen. Grosse blaue
Augen unter dunklen Brauen und der üppig aufgeworfene Mund predigten Lüsternheit
und Sinnenrausch. Die antik schöne Nase und das Oval des Gesichts mit seinem
reizenden weiss und rotem Teint bildeten ein äusserst liebliches Bild des Kopfes,
der auf schlankem Hals und üppig geformter Büste sass, die von einem weit bis zur
Herzgrube ausgeschnittenem Mieder von drap d'argent gegen die legère
orientalische Sitte zur schlanken Taille eingeschnürt war. Um die breiten
beweglichen Hüften bauschte ein schwarzer spanischer Seidenrock, kaum bis zum
Knie reichend, während aus der Hülle der zahlreichen weiten Unterkleider von
weissem Spitzengrund die klassische Form des völlig nackten Beines sich
hervorstahl, dessen zierlicher Fuss allein mit fleischfarbenen Seidenschuhen
bekleidet war. Eben so von der Achsel ab, wo sie eine kurze schwarze
Spitzendraperie einschloss, entblösst waren die Arme, an den Handgelenken mit
breiten goldenen Bracelets geziert. Ein Strauss frischer Blumen, Rosen und
Camelien schmückte und schloss den Ausschnitt des Busens.
    Die rechte Hand mit der Castagnette über das reizende Haupt erhoben, die
linke stolz auf die breite Hüfte gestemmt, stand die Tänzerin in malerischer
Stellung einige Augenblicke vor den erstaunten Augen des Grossherrn. Dann
erklangen die rauschenden Töne eines spanischen Tanzes, von Flöte und Violinen
vorgetragen, die draussen im Divan-Hane, dem Vorzimmer, postirt waren, durch die
Vorhänge der Türen herein dringend, und im kecken Sprunge flog die Alme auf den
Padischah zu, den einen Fuss aus der neidischen Hülle üppig-graciös den von den
unerwarteten Reizen entflammten Augen entgegenwerfend. Dann in jenen Windungen
und Geberden, die so reizend das wollüstige Verlangen und Empfinden des
spanischen und italienischen Tanzes ausdrücken, - in denen der Oberkörper
schmachtet und lockt, während von der Taille ab der untere Teil in glühendem
Feuer sich zu erschöpfen scheint, oder in den Sprüngen bacchantischer Lust tobt
und rast, - bald dem Padischah nahend, bald sich wieder von ihm nach dem
frischen, aufregenden Takt der Musik entfernend, schien die Tänzerin alle
Leidenschaften herauszufordern und ihr keckes Spiel mit ihnen zu treiben, bis
zuletzt mit der endenden Musik sie in einer reizend lockenden Attitüde am Boden
knieete.
    Der Padischah war bei dem Ende des Tanzes empor gesprungen; seine sonst so
teilnahmlosen Augen flammten mit verzehrendem Blick auf die schöne Erscheinung.
Selbst die verachteten Halbmänner an seiner Seite schienen neu ermannte Wesen
voll Verlangen und Erregung: - mit raschem Schritt - vom glühenden, Triumph
strahlenden Blick der Sultana verfolgt - trat er auf die Knieende zu und hob das
seidene Schnupftuch, um selbst mit eigener Hand das Amt des Kislar-Aga zu
vollziehen und ihr Haupt damit zu bedecken, das Zeichen, dass die Wahl auf sie
gefallen, an diesem Abend sein Lager zu teilen.
    Da scholl ein schmerzlich gellender Schrei, wie aus zerrissenem Herzen grell
durch das Gemach und fesselte seine Hand.
    Auf dem Divan lag marmorbleich die schöne Gestalt Mariam's in Ohnmacht.
    Während die Frauen mit Nursädih herbei eilten und sich um die Mingrelierin
drängten, stand der Sultan einige Augenblicke stumm und unentschlossen, - sein
Blick hatte die Geliebte erkannt, - dann legte er die Hand wie sinnend an die
Stirn, die Röte verliess das Antlitz, die leidenschaftliche Glut der sinnlichen
Erregung das Auge, und er wandte sich, ohne weiter einen Blick auf sie zu wagen,
von der verführerischen neuen Bereicherung seines Harems und trat zu der um
Mariam beschäftigten Gruppe, die ihm scheu Platz machte. Es war, als fühlte die
bleiche Odaliske seine Nähe; denn alsbald öffneten sich ihre Augen und ihr Blick
wandte sich zärtlich und flehend auf den des Sultans, während sie ihm wie Schutz
suchend die Arme entgegenstreckte. Der Grossherr beugte sich zu ihr, flüsterte
ihr einige Worte zu und legte der Errötenden das Tuch auf das bleiche Gesicht.
    Auf ein Zeichen des Tschannador schlugen sogleich die Silberbecken wieder
zusammen, und der Kapu-Agassi umgab mit seinen Verschnittenen alsbald die
Glückliche, der sofort ein grüner Feredschi über Kopf und Gestalt geworfen
wurde, während der Grossherr in Begleitung des Kislar-Aga und der Pagen sich nach
der Tür wandte, die in der Seitenwand des Oberteils in die Schlafgemächer des
Harems führt. Aber hier warf sich ihm die Favoritin, von den beiden andern
Kadinen assistirt, in den Weg, wutblitzenden Auges, die Adern der Stirn vor
Zorn geschwollen.
    »Haif! Will der Padischah ein Mann sein, und tut seinen Frauen die Schmach
an, dass er auf das Geschrei einer Kuh von Kreuzträgerin hört? Mashallahl Er ist
ein Lügner in seinen eigenen Bart und ein Weib in seinem Hause, nicht besser als
dies Tier von einem Halbmann!« wobei sie verächtlich mit der Fläche der rechten
Hand sich auf den linken Ellbogen schlug, das Zeichen der tiefsten
Geringschätzung.
    »Haif! Haif!«31 schrieen dazu die andern Weiber, sich um ihre Verfechterin
drängend und den Eunuchen die gespreizten Finger in das Gesicht streckend.
    Der arme Sultan schien dergleichen Pantoffelauftritte gewöhnt, denn ohne ein
Wort zu entgegnen, suchte er stillschweigend durch ein Manöver die barrikadirte
Tür zu gewinnen, während der Kislar-Aga und sein Tschannador sich zwischen die
wütende Frau und ihren Herrn warfen. Aber diese Pflichterfüllung sollte ihnen
schlecht bekommen, denn die Sultana war eine böse Segnerin und die Schärfe ihrer
Nägel so gut, wie die ihrer Zunge im ganzen Serail bekannt und gefürchtet.
    »Bah!« schrie die Erbitterte, als der Aga, dessen Gesicht die blutigen Maale
der bösen Finger zeigte, unwillkürlich nach dem Handjar im Gürtel griff und die
Augen grimmig rollte; »was soll das heissen, Du ägyptisches Vieh? Meinst Du, ich
fürchte mich vor einem Manne, der kein Mann ist? Wallah! der schlechteste Knecht
ist besser als Du, und ich will dem Grabe Deines Vaters antun, was ihm gebührt.
Ist dies der Bluttrinker32, oder ist er Deinesgleichen? für was bin ich seine
Bujuk-Hanum33, wenn er meine Sclavin verschmäht? Bana bak, sieh mich an, bin ich
bosch, Nichts? Der Padischah ist eine blinde Kuh und seine Aga's sind Esel!
Haiwan der, es sind Tiere!«
    »Aman! Aman!«34 schrieen die Weiber. »Allah bila versin!«35
    Die Eunuchen drängten jetzt mit Gewalt die Tobenden zurück, während es dem
Sultan gelang, durch die Tür zu entwischen. Sein letztes Wort an den
misshandelten Aga war: »Awret der: Es ist ein Weib! Delhi der: Es sind Tolle!«
Der hohe Beamte aber war mit dieser Entschuldigung wenig zufrieden, denn kaum
war der Vorhang hinter seinem Gebieter wieder herabgefallen, als er seinem Zorn
freien Lauf liess, nach der Peitsche in seinem Gürtel griff und ohne Unterschied
auf die tobenden Frauen losschlug, die alsbald das Feld räumten und sich eilig
auf ihre Divans zurückflüchteten.
    Mariam war unterdess von den weissen Eunuchen der Eifersucht der Odalisken
entzogen und hinausgeführt worden, um den alten Frauen übergeben zu werden,
welche die Schönen für das Lager des Sultans »vorbereiten«, und die Beamten
zogen sich nun eilig zurück, im Stillen über die Schwäche ihres Gebieters
grollend. Zur wutkeuchenden Sultana aber, die eben das griechische Mädchen, das
ihr nahte, erbittert mit dem Fusse von sich stiess, eilte die Khanum des Sirdars
tröstend und beratend herbei.
    »Was nun, o Sultana?«
    »Fluch über die Christin! Mögen ihre Augen verdorren und meine Torheit mir
Unglück bringen, dass ich sie so lange geschont. Unser Plan ist ein Rauch, bosch!
- Die hunderttausend Piaster,« setzte sie flüsternd zur Freundin hinzu, »die mir
der Eltschie von Frangistan hat versprechen lassen, sind Wind. Ne apalum! was
kann ich tun?«
    Die intriguante Gattin des Sirdar sann nach.
    »Mashallah!« sagte eine der Kadinen, »ich habe da einen Talisman bei der
Moskowitin gefunden, als sie in Schwachheit lag und wir ihr helfen wollten. Was
weiss ich? vielleicht ist es der Zauber, den sie gegen den Padischah anwendet.«
    Sie brachte den Pergamentstreif zum Vorschein, den sie im Busen der
Unglücklichen gefunden.
    Die Khanum nahm ihn schnell und überflog die Schrift, da sie die Einzige
war, die in der Versammlung lesen konnte.
    »Allah kerim! Gott ist gross!« rief sie, »wir haben das Verderben der Moskau
in dieser unserer Hand. Ich eile zu Fuad-Effendi, er ist ein schlauer Mann und
wird uns raten!«
    Die lebhaft erregte Neugier der Odalisken musste sich jedoch mit diesen
Worten begnügen, denn nach einem kurzen heimlichen Gespräch mit der Sultana, das
diese hoch zu erfreuen schien, verliess die Vertraute hastig den Harem. - - -
    Kaum zehn Minuten darauf strich ihr Kaïk, von zwei Ruderern getrieben, eilig
über die Fluten des Bosporus und nahm seinen Weg stromaufwärts nach
Kura-Tschesme, wo das Landhaus des Sirdars liegt. Anstatt aber dort anzuhalten,
befahl sie plötzlich den Ruderern, quer über den Bosporus die für die kleinern
Kaïks nicht ganz ungefährliche Fahrt zu machen und nach Kandili am asiatischen
Ufer sich zu wenden. Hier hielt der Kaïk am Wassertor einer einfachen, mehr im
europäischen Geschmack erbauten Villa, und die Khanum schickte einen der
Kaïkschi's in das Haus mit einer Botschaft für dessen Herrn.
    Schon nach wenig Augenblicken erschien derselbe, ein Mann von etwa 30-35
Jahren, grosser körperlicher Schönheit und höchst eleganten französischen
Manieren. Es war Fuad-Effendi, der junge Staatsmann, der offenbar befähigt und
bestimmt ist, in der Geschichte seines Vaterlandes noch eine hervorragende Rolle
zu spielen, wie jetzt schon beim Beginn der orientalischen Verwickelung seine
Stellung und Tätigkeit von Bedeutung war.
    Schon früher, als Fuad seine Erziehung in den Salons von Paris und auf den
Missionen nach London, Madrid und Lissabon vollendete, richteten sich die Augen
der europäischen Diplomaten auf sein Talent, und als er zuerst, damals
Grossreferendar des Divans, nach dem Ausbruch der Revolution in Bukarest und der
Vertreibung des Fürsten Bibesco im Juni 1848 als Commissarius der Pforte in den
Fürstentümern auftrat, um, unterstützt durch das Besatzungsheer Omer Pascha's,
die Fehler Soliman's wieder gut zu machen und zugleich der russischen
Einmischung die Wage zu halten, entwickelte sich seine spätere Stellung. Weder
den russischen Diplomaten36, - welche die gleiche Mission erhalten, - noch den
russischen Generälen37 gelang es, mit der eleganten, schlangengleichen
Gewandteit Fuad-Effendi's in die Schranken zu treten, und die Brutalität
Mentschikoff's, mit der er später diese Niederlage in Constantinopel selbst
rächte, kann die Tatsache nicht verwischen. Von jener Zeit her, in welcher die
Khanum den damaligen Muschir38 begleitete und, da seine Frauen keineswegs die
gewöhnliche orientalische Absperrung erlitten, den Grossreferendar persönlich
kennen lernte, schreibt sich die Verbindung desselben mit Omer Pascha, die indes
nur ein Bündnis zweier ehrgeiziger Gemüter ist, so lange ihre Zwecke
zusammengehen.
    Als später (1849) Fuad-Effendi als Gesandter nach Petersburg ging, während
der Muschir selbst die Verwaltung der Fürstentümer übernahm, lernte das
petersburger Kabinet die volle Gefährlichkeit des jungen Diplomaten kennen, der
die Lage seines Vaterlandes und die drohende Suprematie Russlands sehr wohl zu
würdigen verstand, und als später alle Versuche scheiterten, ihn in
Constantinopel für die russischen Interessen zu gewinnen, er vielmehr einer der
Hauptbeförderer des englischen und französischen Einflusses und zugleich
Minister des Auswärtigen wurde, war seine Entfernung aus dem Cabinet eine der
ersten Bedingungen, die Fürst Mentschikoff stellte und durchsetzte.
    Fuad zog sich bei seinem Rücktritt nach Kandili zurück, wo er nahe genug dem
Mittelpunkt der Intrigue war, um täglich in das Spiel eingreifen zu können.
    Dies war der Mann, der zu der Khanum an's Ufer trat, worauf diese das Boot
verliess und Beide sich abseits eine kurze Zeit besprachen. Dann führte der
Effendi die Dame höflich wieder zu ihrem Sitz zurück.
    »Sei versichert,« sprach er zum Abschied, »ein Geschäft, das Fuad übernimmt,
wird er auch zu Ende führen. Der Ferman soll beim Propheten Deinen Gatten, den
Sirdar, nicht an dem Uebergang über die Donau hindern! Morgen erhältst Du
Botschaft.«
    Während der Kaïk der Dame seinen Weg nach dem europäischen Ufer zurücknahm,
gab der frühere Minister der Dienerschaft seine Befehle und ehe zehn Minuten
vergingen, flog er in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit des Dampfers
durch das Dunkel auf Stambul zu. - - -
    Pera und die fränkische Bevölkerung hat zwei öffentliche Vergnügungsorte, wo
sie im Freien die Kühle des Abends geniesst. Der Eine ist die Promenade am
kleinen Campo39 zwischen Pera und Tershana, eine etwa 200 Schritt lange Art von
holpriger Esplanade, 30 Schritt breit, auf der einen Seite durch ein eisernes
Gitter von dem Begräbnissplatze geschieden, auf der andern von hohen steinernen
Häusern begränzt, in deren Parterre einige Kaffeestuben und Conditoreien sind.
    Hierhin wandelt Jahr aus Jahr ein jeden Abend der fränkische Kaufmann, der
Fremde, der Beamte, und atmet nach des Tages Arbeit bei einer Tasse Kaffee,
einem Glase Eis oder Limonade die erfrischende Abendluft ein. Alle Sprachen
Europa's sind hier vertreten. Ueber die Cypressen des den Bergabhang deckenden
Campo's hinweg erfasst das Auge einen im Sternenlicht glitzernden Streifen des
goldenen Horns und darüber hinaus das aufsteigende Häusermeer des westlichen
Stambuls mit seinen Minarets und Kuppeln und den zahllosen Lichtern. Zur Zeit
des Beirams gewährt das einen prachtvollen Anblick am Abend, da die Kuppeln der
Moscheen, wie die Rundgänge der schlanken Nadeln gleichen Türme dann mit
Kränzen farbiger Lampen illuminirt sind.
    Der andere Vergnügungsort ist ein Garten in der Verlängerung der Perastrasse,
auf dem Wege zum grossen Campo, zwischen Häusern und Mauern versteckt und
ziemlich europäisch eingerichtet. Hier findet man gegen ein kleines Entree ein
nicht schlechtes Concert von italienischen und deutschen Musikern. Trotz der
verhältnissmässig grossen Zahl der Europäer in Pera und Galata ist der Garten doch
nur sehr mässig besucht.
    In einer Laube desselben, dem Vortrag der Ouvertüre der Lucia lauschend,
sassen drei Männer, in deren Einem wir Doctor Welland wiederfinden. Der Zweite
war eine grosse aristokratische Gestalt von den Manieren eines Weltmannes, etwas
Avantürier und gascognirend, aber interessant und überaus gewandt, der seiner
Zelt in zwei Weltteilen und in den verschiedensten Verhältnissen vielbekannte
Baron Oelsner von Montmarquet. Ein ganzes Collier von Orden an seinem Frack
unterstützte den etwas zweifelhaften Titel.
    Der Dritte schien ein Italiener, obschon er in der Unterhaltung geläufig
deutsch sprach, ein herausforderndes, etwas unverschämtes Gesicht, seit 4 bis 5
Jahren in Pera als Banquier und Geschäftsmann ansässig und überall zu finden.
Eine breite Narbe am linken Schlaf zeichnete das Antlitz aus.
    Mit beiden Personen war der Doctor durch Briefe, die er an sie überbracht,
bekannt geworden und in häufigem Verkehr, da sein Leben in Constantinopel bisher
ziemlich langweilig und beschäftigungslos gewesen war, eine Musse, die er zum
Studium der zahlreichen historischen Merkwürdigkeiten, der türkischen Sprache
und der türkischen Sitten benutzte. Er hatte sich zum Eintritt als Arzt bei der
Armee in Bulgarien im Seraskiat gemeldet, doch durch allerlei Verzögerungen
seine Anstellung bis jetzt hingehalten gesehen.
    Das Treiben des Barons war für den Deutschen ziemlich rätselhaft, denn
Jener schien mit allen Parteien in Constantinopel aus gleichem Fuss zu verkehren
und von allen Vorgängen und Intriguen in der genauesten Kenntnis. Die
bedeutenden Geldmittel, über die er offenbar disponirte, vermehrten diesen
Einfluss, und selbst Welland hatte sich ihm nicht ganz zu entziehen vermocht;
denn, nachdem er den Baron von einem jener leichten Uebel durch seinen
ärztlichen Rat befreit hatte, die häufig im Orient sich einstellen und nur
durch Vernachlässigung gefährlich werden, hatte der Genesene ihn mit Diensten
überhäuft und war sichtbar bemüht, ihn an sich zu fesseln.
    Paduani, der Dritte, gehörte als Lombarde zur liberalen Partei und zeigte
seine Gesinnung mit einer gewissen Ostentation, die namentlich gegen Oesterreich
Partei nahm. dabei verkehrte er viel mit den Führern, der Flüchtlinge und
Emigrirten, die jetzt, von jeder Nation, Constantinopel zu überfüllen und einen
ähnlichen Übermut an den Tag zu legen begannen, wie dies im Frühjahr und
Sommer der Fall gewesen war. Offenbar trug dazu der Bruch des russischen und das
Sinken des österreichischen Einflusses bei, während der französische und
englische Schutz jetzt allgewaltig waren. Dennoch hatte Welland bald die
Beobachtung gewacht, dass man dem Italiener nicht recht zu trauen schien. Da er
jedoch mit den Personalverhältnissen in Constantinopel sehr vertraut war, hielt
sich der Deutsche, der erhaltenen Instruktion gemäss, in Verbindung mit ihm.
    Das Gespräch drehte sich, wie jetzt überall der Fall, im Kreise der grossen
Tagesfragen. Die Kriegserklärung war am 26. September im grossen Rat der Pforte,
aus 172 Mitgliedern bestehend, beschlossen worden. Kaiser Nicolaus hatte mit dem
österreichischen Kaiser am 26. bis 28. eine Zusammenkunft im Lager von Olmütz
gehabt, aus der unter Aegide des österreichischen Premiers ein neues
Notenproject hervorgegangen war, das zwar das wiener Kabinet in Paris, London
und Wien befürwortete, doch erwies sich die Zeit den Ausgleichungsvorschlägen
keineswegs mehr günstig und die Forderungen und Gegenforderungen verwickelten
sich immer mehr. Während die drei Monarchen der heiligen Allianz am 3. October
noch eine Zusammenkunft in Warschau hielten, erliess der Sultan, von allen Seiten
gedrängt, am 4. October - am 1. Muharem nach türkischer Zeitrechnung - ein
Manifest an sein Land mit der Kriegserklärung gegen Russland, und Omer Pascha
richtete auf den Befehl der Regierung unterm 6. die Aufforderung an den Fürsten
Gortschakoff, den Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen, die
Fürstentümer bis zum fünfzehnten Tage zu räumen, widrigenfalls die
Feindseligkeiten eröffnet werden würden. Der Fürst erwiderte in sehr gemässigter
Weise, dass er keine Vollmacht habe, Krieg zu führen, Frieden zu schliessen oder
die Donaufürstentümer zu räumen.
    Während noch immer Friedensvorschläge sich von Constantinopel, Wien, Paris
und London her kreuzten und so einer sich im andern aufhob, drangen die
Gesandten der Westmächte in den Sultan, die Flotten aus der Besika-Bai in den
Bosporus zu berufen, und erlangten endlich nach langem Sträuben des Grossherrn am
15. den Ferman dazu. Admiral Dunbas, der Oberbefehlshaber des englischen
Geschwaders, hatte zugleich die Anweisung seiner Regierung erhalten, den Admiral
in Sebastopol zu benachrichtigen, dass, wenn die russische Flotte ausliefe, um
Truppen auf türkisches Gebiet zu bringen, oder irgend einen Akt offener
Feindseligkeit gegen die Pforte zu begehen, er den Befehl habe, die Besitzungen
des Sultans gegen jeden Angriff zu schützen.
    Diese Ankündigung deutete bereits klar auf die Absichten der Westmächte hin,
da der türkischen Flotte keineswegs eine Reciprocität auferlegt wurde und
türkische Fahrzeuge fortwährend Kriegsmaterial und selbst Zuzüge an die
tscherkessischen Küsten schafften.
    Kaiser Nicolaus machte noch einen persönlichen Versuch, die deutschen
Kabinette für seine Interessen zu gewinnen, und traf zu diesem Ende am 8.
October in Saussouci ein, seinen erlauchten Gast und Schwager, den König von
Preussen, dahin zurückbegleitend. Es war das letzte Mal, dass der mächtige Kaiser
die fremde liebliche Stätte sah, von der er einst die Mutter seiner Kinder
geholt hatte. Schon in der Nacht zum 10. trat er wieder die Rückreise nach
Petersburg an. Der König von Preussen begleitete ihn - ein treuer Freund! - bis
zum stettiner Bahnhof in Berlin - Augenzeugen berichten, dass er mit Tränen dort
von dem Kaiser schied. Welche Gefühle mögen beide grosse Herzen bei jenem
Abschied bewegt haben, wenn sie auch nicht ahnen konnten, dass es das letzte
Schauen im Leben war! Zwei treue vielgeprüfte und vielbewährte Freunde auf hohen
Tronen, die letzte Mahnung des königlichen Paters ehrend - hat nur das Grab ihr
Bündnis gebrochen.
    Unter dem Vielen, was das preussische Volk König Friedrich Wilhelm IV.
schuldet, sind gewiss jene Tage in Sanssouci nicht das Kleinste. Dem Freunde, dem
Schwager, den historischen Erinnerungen und dem eigenen Herzen gegenüber blieb
der preussische König fest bei seinem Entschluss, sein Volk fern zu halten von dem
sich bereitenden Kampfe, dessen Veranlassung er für keine gerechte hielt, so
lange nicht die unumgängliche Notwendigkeit ihm das Schwert in die Hand drängen
würde. - Wenige wissen es - aber in den Herzen dieser Wenigen ist die
Bewunderung desto tiefer eingegraben, - welche Kämpfe in jenen Tagen der König
bestand, welche hohen Lockungen dem Hause Hohenzollern wurden und wie schwer der
gerechte Sinn Friedrich Wilhelm's damals in die Wage der Völkerschicksale fiel!
- Dagegen hat er eben so treu sein Freundeswort gehalten und durch keine
Drohung, kein Drängen von der andern Seite sich bewegen lassen, sich den Feinden
anzuschliessen. Preussens eherne Haltung hat offenbar Russland gerettet! - -
    Bereits am 17. hatten die Türken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat
und Widdin besetzt, doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt. Omer Pascha
rechnete den 24. als den Ablauf der dem Fürsten Gortschakoff gesetzten Frist.
    Am 20. beriefen Lord Stratford und Herr de Latour die Flotten nach
Constantinopel. In diesem letzten Augenblick machte der österreichische
Gesandte, Baron von Bruck, noch einen Versuch und drang auf Aufschub der
Feindseligkeiten. Lord Stratford interessirte sich scheinbar dafür und in der
Tat wurde im Divan durch den Einfluss der Friedenspartei der Aufschub um zehn
Tage beschlossen und der Ferman an den Sirdar dem Sultan zur Unterzeichnung
vorgelegt.
    Für Russland wäre dieser Aufschub von grosser Wichtigkeit gewesen, da bei der
verhältnissmässig geringen Zahl des Besatzungsheers in den Fürstentümern wichtige
strategische Operationen und Vorbereitungen noch im Rückstand waren. - -
    Während Welland mit Paduani über die am Tage vorher bei dem englischen
Gesandten stattgefundene Conferenz der Vertreter der vier Grossmächte sich
unterhielt, hörte der Baron offenbar zerstreut und mit wichtigen anderen
Gedanken beschäftigt der Unterhaltung zu und blickte häufig nach dem Eingang des
Gartens. Auch Paduani schien verstimmt und nachdenkend und lenkte mehrmals das
Gespräch auf Vorbedeutungen und Ahnungen. »Es ist heute ein Tag unangenehmer
Erinnerungen für mich,« sagte er endlich, »und ich habe mich seit dem frühen
Morgen mit einer seltsamen Unruhe getragen. Glauben Sie an Ahnungen, Doctor?«
    »Im Allgemeinen nicht, - in einzelnen Fällen: Ja! Der Dänenprinz hat Recht,
wenn er sagt, es ist Vieles zwischen Himmel und Erde, das wir nicht begreifen
können. Ueberdies leben wir ja im Lande der Vorbestimmung und dürfen also an
einer Ahnung derselben nicht zweifeln.«
    »Ohne Winkelzüge - sagt Ihnen Ihre Erfahrung Ja oder Nein?«
    »Ich lernte in Paris einen jungen Engländer kennen, Master Morton, Capitain
bei der schottischen Garde. Er ist der jüngere Sohn der berühmten schottischen
Familie der Earls von Faulconbridge, in denen das zweite Gesicht seit
Jahrhunderten sich vererbt haben soll. Es wiederholte sich auch bei seinem
Vater. Im Jahre 1835 gegen Ende Novembers kam Lord Faulconbridge von London nach
seinen Besitzungen in Schottland, wo seine Familie, darunter der Sohn, der mir
die Tatsache mitgeteilt, ihn bereits erwartete. Als der vierspännige
Reisewagen in die breite Ulmenallee einbog, die zum Schlossportal führte, sah der
Lord dieses plötzlich mit Fackeln erleuchtet und eine Schaar Männer, welche in
tiefer Trauer einen von der inneren Halle aus kommenden Leichenzug zu erwarten
schien. Zum Tode erschrocken befahl er zu halten, aber schon war die Vision
verflogen. Weder der Postillon noch die Diener hatten Etwas gesehen. Lady
Faulconbridge suchte ihrem Gemahl das Ganze auszureden, aber am dritten Tage um
die Stunde des Gesichts sank der Lord plötzlich zu Boden, als er sich mit den
Seinigen eben zum Diner niederlassen wollte. Ein Nervenschlag hatte ihn
getroffen. Capitain Morton war fest überzeugt, dass auch ihm sein Tod vorher
verkündet werden würde.«
    Paduani hatte den Kopf in die Hand gestützt. »Ihnen, Doctor, Ihnen - Ihre
eigenen Erfahrungen?«
    Der Arzt sann einige Augenblicke nach. »Zwei Erinnerungen aus meinem Leben
sind es, welche mir jene unerklärlichen und doch unleugbaren Fäden nahe gebracht
haben, durch welche der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen
scheint. Ich erzähle sie Ihnen wohl ein ander Mal.«
    »Nein, jetzt, ich bitte Sie. Sie möchten sonst keine Zeit mehr dazu haben!«
    Welland schaute den Italiener bei den seltsamen Worten aufmerksam an; das
Gesicht desselben hatte eine aschbleiche Farbe angenommen, er befand sich
offenbar in der grössten Aufregung, der er mit aller Mühe Herr zu werden suchte.
Der Arzt schüttelte den Kopf, doch folgte er seinem Wunsche.
    »Ich war,« erzählte er, »ein junger Mensch von 16 Jahren, und in Breslau auf
Schulen. Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben, der in
einem frühern Kloster an der Oder wohnte. Die älteste Tochter der Familie,
Amalie, war eine Blondine mit herrlichen Locken, so schön, wie ich sie nie
wieder im Leben gesehen, ein Madonnengesicht, die Stirn von breiten Goldflechten
gleich einem Diadem eingefasst, das erste und einzige Weib, in das ich wahrhaft
verliebt gewesen bin. Es war eine halb kindische Leidenschaft, denn das Mädchen
war mehrere Jahre älter als ich und trug den Gram einer unglücklichen Liebe im
Herzen. Ein junger interessanter Maler war von ihr durch die Eltern getrennt
worden und bald darauf in rätselhafter Weise verschwunden - man glaubte an
einen Selbstmord, später erwies sich, dass er im Duell gefallen und von den
Secundanten in die Oder geworfen worden war. Ein einziges Andenken war dem
Mädchen aus der Zeit ihres Umgangs geblieben, ihr eigenes von dem Geliebten
entworfenes aber nicht beendetes Portrait, von dem auffallender Weise nur der
Kranz der goldenen Haare vollendet war, während das Gesicht noch in der
Scizzirung der ersten Anlage verschwamm. - Ich war etwa ein Jahr im Hause
gewesen, als Amalie plötzlich an einer nervösen Krankheit starb, - ich fand sie
bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich. Am
Abend vor dem Begräbnis, als ich sie noch ein Mal besuchte, schnitt ich ihr eine
der breiten Flechten ihres schönen Haares ab, um dieselbe zum Andenken zu
bewahren. Es war Mitternacht, als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer,
einer ehemaligen Klosterzelle, sass; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild
an der Wand. Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den grossen Spiegel mir
gegenüber. Da sah ich das Portrait sich darin spiegeln, aber - schrecklich! in
veränderter Form: das klar ausgeprägte blasse Leichengesicht, wie ich es eben
verlassen, dagegen mit kahlem, aller Haare beraubtem Scheitel! Ich hatte die
Kraft, mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand und - dasselbe
Todtengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an. Mein Haar sträubte sich,
ich glaubte eine Mahnung der Todten zu sehen, dass ich einen frevelhaften Raub an
ihr begangen; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare
verweigert, aus die sie auffallend hielt. Ohne das Auge von der schrecklichen
Erscheinung abwenden zu können, taumelte ich rückwärts zur Tür meines Zimmers
und öffnete sie; - drüben über dem Gang hörte ich das Mädchen noch handtieren
und rief dasselbe. Sie kam mit Licht, - ich bat sie, noch ein Mal mit mir zur
Leiche zu gehen und - legte still die Flechte wieder in den Sarg, wohin sie
gehörte. - Sie sehen,« sagte der Doctor nach einer kleinen Pause, »wohin die
aufgeregte Phantasie führen kann.«
    Der Baron war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des
Gartens zu gegangen, wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach, der die
Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug. Paduani hatte aufmerksam zugehört,
doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen. »Und die andere, Doctor, die
andere?«
    »Der zweite Fall, ich muss es gestehen, ist mir selbst unerklärlicherer Natur
und beweist mir allen Zweifeln gegenüber die Gabe des zweiten Gesichts bei
gewissen Personen. Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus
Verwandte in Stendal, einer Stadt in der Nähe von Magdeburg. Eines Abends waren
wir in Gesellschaft und man erwähnte einer Dame, die erwartet wurde, und die ich
noch nie gesehen, da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte und nur
einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war. Es schien mit ihrer
Person ein gewisses Geheimnis verknüpft, obschon Niemand recht mit der Sprache
heraus wollte, die Meisten aber die Sache verspotteten. Endlich erschien die
Dame, eine Frau, bereits im mittleren Alter, wahrscheinlich noch heute lebend,
von blassem seinem Aussehen, ohne alles Auffallende, und die Gesellschaft nahm
ihren gewöhnlichen Gang. Plötzlich, mein Auge war grade auf sie gerichtet, sah
ich die Fremde unruhig und ängstlich werden. Sie versuchte offenbar dies Gefühl
mit Gewalt zu unterdrücken, doch schien es ihr nicht möglich, denn sie entfernte
sich bald darauf in ein Nebenzimmer und liess von hier aus um Hut und Mantel
bitten. Ich war grade in dem Zimmer anwesend, als Wirt und Wirtin in die Dame,
eine Verwandte von ihnen, drangen, zu bleiben, oder ihnen wenigstens den Grund
ihres raschen Weggehens zu sagen. Lange weigerte sie sich, endlich sagte sie
zitternd und höchst aufgeregt:
    Sie kennen das unglückliche Geschenk, mit dem mich leider die Vorsehung
ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten
bereitet hat, dass ich mich lieber aus allen Kreisen zurückgezogen habe. Während
ich vorhin unter den Fröhlichen sass, überfiel mich wieder diese schreckliche
Gabe des doppelten Gesichts und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche
vor mir auf dem Tische liegen! -
    Der Wirt des Hauses, etwas ungläubiger Natur und auch erst seit Kurzem im
Ort, suchte ihr die Grille auszureden und lachte gradezu, als die Dame ihm auf
sein Drängen endlich einen Herrn, einen lebenskräftigen kerngesunden Hagestolzen
von einigen vierzig Jahren als denjenigen bezeichnete, den sie als Leiche
gesehen. Die Dame aber war nicht zu bewegen, wieder zur Gesellschaft
zurückzukehren und ich bat daher um die Erlaubnis, sie nach Hause führen zu
dürfen. Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen,
doch blieb sie still und traurig, und nahm an der Haustür mit Tränen von mir
Abschied.
    Sie werden leider erfahren, mein Herr, sagte sie, dass ich mich nie täusche.
Die traurige Erfahrung hat mich's schon zu oft gelehrt. -
    Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte, fand ich, dass der Wirt nicht
still geschwiegen, sondern von der Prophezeihung gesprochen hatte, und dass man
sich allgemein bemühte, darüber zu lachen. Vor Allem war das bezeichnete Opfer
der Ungläubigste und Heiterste. Man spielte ein Pfänderspiel und wirklich war
bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen. Da - nach
ungefähr zwei Stunden, während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte, hörte
ich plötzlich lauten Hilferuf, Gekreisch und Geschrei. Alles stürzte herbei -
der Herr, den die Seherin bezeichnet, hatte frisch und gesund noch einen
Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit Vieler
dabei auf den Rückbeinen desselben hin- und hergewiegt, als er plötzlich das
Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten überschlug. Man legte eben in der
ersten Angst den Körper auf den nämlichen Tisch, den die Dame bezeichnet: - er
hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche, ehe man ihn aufhob.«
    »Ei, Doctor, was erzählen Sie da für Schauergeschichten,« sagte lachend der
Baron, der wieder hinzugetreten war, »und ich glaube wahrhaftig, Herr Paduani
lässt seine italienische Phantasie davon in Schrecken setzen. Doch kommen Sie
einen Augenblick, Freund, ich möchte Sie um eine kleine medicinische Auskunft
bitten.«
    Er nahm den Arm des Doctors und führte ihn, offenbar sehr aufgeräumt durch
eine empfangene Nachricht, in einem Spaziergang durch den Garten.
    »Sie haben bereits von der infamen Sitte in diesem Lande gehört,« sagte er
nach einem kurzen Bedenken, »den Lebenskeim oft im Mutterschooss zu tödten. Das
geschieht nicht bloss durch eigenes Verbrechen, sondern häufig auch durch fremde
Bosheit. Ist es möglich, in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu
begegnen, sie aufzuheben und das Opfer wieder zur erhabenen Bestimmung des
Weibes zu befähigen?«
    »Die Angaben sind sehr allgemein,« sagte ernst der Arzt; »zunächst müsste man
wissen, welche höllischen Mittel hier angewendet sind. Es würde nötig sein, die
Kranke zu sehen.«
    »Das geht nicht,« erwiderte der Baron ziemlich barsch; »auch ist hier von
keiner Kranken die Rede. Ich frage Sie bloss, ob es in dieser Beziehung
Gegengifte gibt? Im Orient, müssen Sie wissen, ist man Meister in der
Giftmischerei, und unsere Haremsdamen könnten den Borgia's Etwas zu raten
aufgeben.«
    »Die Natur ist unerschöpflich, Herr Baron,« sagte Welland, etwas verletzt
von dem ungewohnten Ton, »und sie reproducirt ewig in ihren geheimnisvollen
Werkstätten, deren wunderbarste der menschliche Körper ist. Die Erfahrung lehrt,
dass selbst jene Unglücklichen, die in den Höhlen des Lasters sich feil bieten
und bei denen jeder Keim der Mutterkraft längst erstickt scheint, bei geordnetem
Leben mit der Zeit dieselbe wiedergewinnen. Ich glaube, dass die Zeit allein
heilen kann - ein Gegengift aber ist nicht möglich, wenn man das Gift selbst
nicht kennt. Ich würde mich nicht entschliessen, ein solches zu geben, wenn ich
nicht mindestens vorher die Person gesehen habe.«
    »Das ist nicht möglich, ich wiederhole es.« Seine Stirn faltete sich
missmütig. »Man muss sie aufgeben und auf andere Mittel denken,« murmelte er und
reichte dem Arzt die Hand. »Leben Sie wohl, Doctor; ich habe eine Nachricht
bekommen, die mir noch einige Geschäfte auflegt. Ich hoffe, wir sehen uns
morgen. Bringen Sie den Italiener nach Hause, der Mann hat heute ein seltsames
Wesen an sich.«
    Damit schied er.
    Als Welland zu der einsamen Laube zurückkehrte, fand er den Banquier mit
starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend, zuweilen mit der Hand wieder
die Augen bedeckend, als wolle er einer äussern Erscheinung entfliehen.
    »Sie hatten Recht, Doctor, mit Ihrer ersten Geschichte,« sagte er fröstelnd;
»alle diese Bilder sind mir ein Spiel der aufgeregten Phantasie. - Und doch sehe
ich ihn in diesem Augenblick so deutlich vor mir stehen, - schauen Sie,« er wies
in die leere Luft, »mit dem ausgelaufenen Auge, wo die Kugel in den Schädel
gedrungen ist, und den zwei blutigen Wunden in der Brust - gerade wie sie ihn
aus dem Glacis zur Morgue gebracht haben!«
    Er bedeckte schaudernd wieder die Augen mit der Hand.
    »Wen sehen Sie denn dort?« fragte forschend der Arzt.
    »Wen? - wen anders als den Capitano Blum, den deutschen Revolutionsmann, von
dem sie törichter Weise sagen, dass ich ihn im Gefängnis verraten hätte. Die
Narren! als ob ich damals in Wien gewesen wäre. Ich heisse doch Paduani und nicht
...«
    Er ermannte sich.
    »Ich rede irre, Doctor, ich glaube, ich bekomme ein Fieber und werde Sie
morgen um Ihren Rat bitten müssen.«
    »Wollen Sie nicht lieber nach Hause gehen? ich werde Sie begleiten.«
    »Nein, Signor, lassen Sie uns in frischer Luft bleiben, ich fühle, mir wird
schon besser, es war ein böser Anfall, dem ich manchmal unterworfen bin und ich
menge da tolles Zeug zusammen; achten Sie nicht darauf.«
    In der Tat schien er sich zum Erstaunen des Arztes auch ganz wieder zu
erholen, erwähnte mit keiner Sylbe mehr der wüsten Gedanken und nahm das frühere
Gespräch über die politischen Ereignisse wieder auf. Nur schien er den Heimweg
so lange als möglich zu verzögern, und Mitternacht war bereits nahe und der
Garten längst menschenleer, als sie auf Welland's Erklärung, dass er nun die Ruhe
suchen wolle, sich auf den Weg machten. Beide trugen die in Constantinopel nach
Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne, da eine
öffentliche Beleuchtung nicht existirt, und scheuchten auf ihrem, bis in die
Nähe des englischen Gesandtschaftshotels zusammenführenden Wege häufig jene
eigentümlichen Strassenbewohner, die zahllosen Hunde, auf, die auf allen Strassen
Constantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Sanitäts- und
Reinigungspolizei der türkischen Hauptstadt bilden.
    Paduani war jetzt ganz verändert und spottete selbst über seine frühere
Erregung.
    »Wissen Sie,« sagte er lachend zu Welland, während sie an dem Kreuzwege
standen, der sie trennte, »was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte?
Eine dumme Prophezeihung. Als ich heute Morgen eines Geschäftes wegen in St.
Demetri war, begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und
bettelte mich an. Ich hatte zufällig keine kleine Münze bei mir und wies sie
etwas barsch ab. Da hob sie drohend ihre Krücke und schrie mir nach, Azraël, der
Engel des Todes, wie die Moslems sagen, halte bereits seine Fittiche über mir
und ehe der Tag um sei, werde ich Niemandem mehr eine Gabe reichen. Der Tag ist
vorbei und - auf Wiedersehen morgen!«
    Er reichte ihm die Hand und bog trällernd in die Seitenstrasse, in der sein
Haus sich befand. Welland, der in einer Pension an der Perastrasse seine Wohnung
aufgeschlagen hatte, setzte seinen Weg ruhig fort, doch war er noch keine
zweihundert Schritt gegangen, als er plötzlich einen entfernten Hilferuf zu
hören glaubte. Er hielt inne - ein zweiter lauterer Ruf erscholl und liess ihm
über die Richtung keinen Zweifel: er kam aus der Gegend, in der Paduani's
Wohnung lag. Eilig - im Laufe die lästige Laterne von sich werfend - flog er
zurück und rief nach der nicht sehr entfernt einquartierten türkischen
Schaarwache. Am Eingang der Gasse, die zu Paduani's Haus führte und die er im
Fluge erreicht hatte, kamen in vollem Rennen ihm zwei dunkle Gestalten entgegen.
Er rief ihnen sein Halt zu, doch achtlos sprang der Erste an ihm vorüber, dem
Zweiten warf er sich in den Weg und hielt ihn mit beiden Armen fest. »Diavolo!«
fluchte eine wilde Stimme und eine riesige Kraft warf ihn zu Boden. Dennoch
hielt er fest und klammerte sich, laut nach Hilfe rufend, an den Fremden. Die
Klinge eines Dolches blitzte im Mondlicht hoch geschwungen über ihm und ehe er
selbst zu einer Waffe greifen konnte, glaubte er sie niederfahren zu sehen auf
seine unbeschützte Brust - da warf sich ein dunkler Körper zwischen ihn und die
morddrohende Faust, eine Hand fasste dieselbe und rang mit ihr um die Waffe,
während eine jugendliche Stimme neben ihm den Hilferuf schreiend wiederholte.
Der Mörder, eine kräftige Gestalt, riss den Arm los, stiess den unbekannten Helfer
zur Seite und sprang an der Gruppe der herbeikommenden Schaarwache vorüber,
deren schwere eisenbeschlagene Stöcke auf dem Steinpflaster rasselten. Ein
Pistolenschuss knallte hinter ihm drein, aber die Kugel schlug neben ihm hin in
die Häuserwand und er setzte unbehindert seine Flucht fort, alsbald in den
Quergässchen, die nach Tophana hinunter führen, verschwindend.
    Unterdess richtete der fremde Retter den Deutschen empor, - die Laternen der
herbeieilenden Wache erhellten die Scene.
    »Gregor?!«
    »Welland?!«
    Vor ihm stand Caraiskakis mit dem Knaben Mauro, die so seltsam der Zufall zu
seinen Rettern gemacht hatte. Ein nahes Stöhnen und Wimmern verhinderte jedoch
alle Fragen und Erörterungen, Alle eilten die Strasse hinauf, und vor Paduani's
Tür - den Schlüssel zum Oeffnen in der Hand, - auf der eigenen Schwelle im
Todeskampf sich windend, fanden sie den blutigen Körper des Italieners von fünf
Dolchstichen durchbohrt40. - -
    Es war spät in der Nacht, als Welland mit den wiedergefundenen Freuden das
Haus des Ermordeten verliess, nachdem alle Bemühungen zu dessen Rettung sich
vergeblich gezeigt hatten.
    Wenn man von der Perastrasse am russischen Gesandtschaftshotel vorüber den
Weg nach Tophana zur Moschee Kilidsch-Ali-Pascha und zur Kanonengiesserei
treppenartig hinuntersteigt, findet man rechts nach den belebten Teilen von
Galata hin eine Menge wirrer einsamer Quergässchen, deren Aussehen schon
keineswegs sehr viel Sicherheit verspricht.
    Hier befindet sich der berüchtigtste Schlupfwinkel aller Räuber und Mörder
von ganz Constantinopel, das Maltesergässchen, das Hauptquartier des Auswurfs
aller Nationen, der hier ungestört und sicher sein Wesen treibt; denn nach
Dunkelwerden wagt sich kein ehrlicher Mensch mehr in diese Umgebung und die
türkische Polizei hält höchstens ein Mal, wenn der Gesandte einer grossen Macht
wegen vorgefallener Räubereien oder Mordtaten an Untertanen derselben Lärm
erhebt, eine Razzia, die gewöhnlich zu Nichts führt, als dass ein oder der andere
gewöhnlich unschuldige Vagabond aufgegriffen und einen Kopf kürzer gemacht wird.
    Zur Zeit unserer Erzählung war die Unsicherheit in Constantinopel auffallend
im Wachsen, was offenbar mit dem Zusammenströmen der Ausgestossenen aus allen
Himmelsgegenden zusammenhing, die bei den Kriegsereignissen entweder eine
Beschäftigung oder eine Gelegenheit zu Raub und Plünderung zu finden hofften.
Die Kategorieen, in die sich diese Gesellschaft verzweifelter Menschen teilte,
waren natürlich sehr zahlreich. Von den Führern und Propagandisten der
Revolutionen in Frankreich, Italien, Ungarn, Deutschland und Polen, von den
Offizieren der Schlachtfelder von Novara, Wien, Waghäusel und Schässburg, die
ehrlichen Dienst im türkischen Heer suchten oder die Zwecke der revolutionairen
Propaganda verfolgten, bis zum maltesischen Banditen und dem tunesischen Räuber
herab, der um Para's einen Dolchstoss gibt und um wenige Piaster ein
Menschenleben mordet. Welche furchtbaren Scenen in diesen Spelunken der Schande
und des Verbrechens mit einander wechseln, würde selbst die Feder des Autors der
Mysterien von Paris nicht genügend zu schildern vermögen, da der Orient in den
Typen des rohen Verbrechens weit über die Metropole der Civilisation hervorragt.
    In einen leichten Mantel gehüllt, schritt eine mittelgrosse schlanke
Männergestalt in den Eingang der verrufenen Gasse; etwa dreissig Schritt hinter
ihr folgten zwei Kaïkschi's, kräftige Gestalten, die Faust am Kolben der
Pistolen, den Handjar im Gürtel. Der kecke Fremde war noch keine drei Häuser
weit in der Gasse vorgeschritten, als rechts und links zwei Männer auf ihn
lossprangen und ihn an den Armen fassten. Blanke Messer blitzten im Sternenlicht,
rauhbärtige wilde Gesichter starrten ihn grimmig an.
    »Dein Geld her, Bursche, oder wir machen Dich kalt!«
    »Es ist ein Türke,« sagte prüfend der Zweite. »Soll ich ihn zwischen die
Rippen stossen, Stephano?«
    Der Fremde wickelte, ohne ein Zeichen von Furcht, unbefangen die Hand aus
den Falten des Mantels.
    »Mashallah - nicht so laut, Freunde, meine Begleiter da hinten möchten Euch
hören und unrecht verstehen. Die Teufelskerle schneiden einen Kopf ab, ehe Ihr
sagen könnt: Kale espera!41 Auch liebe ich's gern, dass man mir drei Schritt vom
Leibe bleibt, die Kleinigkeit da ist nicht angenehm in zu grosser Nähe.«
    Unter dem Mantel hervor blitzte ein sechsläufiger Revolver; zugleich nahten
die Schritte der beiden türkischen Diener und das Waffen-Arsenal in ihren
Gürteln klang verdächtig zusammen. Verdutzt und mit einer Art von Respect fuhren
die beiden Räuber zurück in das Dunkel der Häuserschatten.
    »Ah bon, so lieb' ich's,« sagte der kleine Moslem; »das ist eine respectable
Entfernung. Aber lauft nicht fort, Kerls, ich habe mit Euch zu reden und Ihr
sollt Euer Goldstück diesmal ehrlicher verdienen, als gewöhnlich. Wo ist die
Pension des Griechen Palurgos?«
    »Wir wissen nicht, wer Ihr seid,« sagte nach einer Pause die rauhe Stimme
eines der Banditen, »und ob man Euch ohne Verrat zu begehen, antworten darf.
Gebt erst ein Loosungszeichen.«
    »Bestia! - wenn ich einer Deiner Collegen wäre, würde ich nicht so lange mit
Dir die Zeit vertrödeln! Kennt Ihr einen Signor Tomaso, den Magyaren?«
    »Gewiss!«
    »Wohl! den muss ich sprechen, ich habe Geschäfte für ihn, und wenn ich ihn
recht kenne, wird er's Euch schwerlich danken, dass Ihr mich unnütz hier
aufhaltet. Bismillah! macht, voran oder ich suche den Weg allein.«
    Die beiden Griechen krauten sich verlegen in den Haaren - das moralische
Uebergewicht des Fremden hatte sie besiegt.
    »Nun wohl, Effendi, auf Eine Gefahr!«
    Sie gingen vor ihm her eine kurze Strecke, dann bogen sie in einen der kaum
zwei Ellen breiten Durchgänge und blieben an einer Mauer stehen.
    »Aber Ihr müsst allein kommen, Eure Sclaven dürfen nicht mit.«
    »Wohl. Sie bleiben hier, doch Einer von Euch bei ihnen, teils um sie vor
unnützem Angriff zu bewahren, teils als Bürgschaft für mich. Euer Lohn wird
verdoppelt werden, wenn ich unbelästigt zurückkehre.«
    Die Banditen besprachen sich einige Augenblicke, dann willigte der Eine in
den Vorschlag, und der Osmanli sagte seinen beiden stummen Begleitern einige
Worte auf Arabisch, worauf er seinem Führer andeutete, voran zu gehen.
    Der Bandit klopfte vier Mal in eigentümlicher Weise mit dem Griff seines
Dolches an die verschlossene Tür, worauf diese sich öffnete und Beide in den
Hof traten. Im matten Schein einer Laterne bemerkte der Fremde, dass ein
griechischer Knabe die Pforte geöffnet hatte und hinter ihnen sorgsam wieder
schloss, er hatte jedoch keine Zeit zu weitern Betrachtungen, denn sein Führer
schritt voran nach dem Hause, aus dem ein wüster Lärmen ihm entgegen scholl, und
öffnete die Tür, die sofort in ein grosses Gemach führte. Die Scene, die sich
hier den Blicken des kühnen Orientalen bot, war eine Orgie der schrecklichsten
Art. Rings umher auf schmuzigen breiten Divans lag und sass eine Gesellschaft,
die würdig gewesen wäre, die Hölle auszustaffiren, Schwarze und Weisse,
Renegaten, Malteser, Griechen, Italiener, in dem buntesten reichen oder
zerlumpten Costüm, Alle bewaffnet, - teils spielend mit schmuzigen Karten, das
blanke Messer gleich neben sich an den Boden geheftet, zum Angriff und zur
Verteidigung bei entstehendem Zank, oder das Moro42 haltend, - teils träg
dahingestreckt, Kaffee oder Rakih43 und andere hitzige Getränke schlürfend,
plaudernd, schwörend, Zoten reissend mit zwei jüdischen Mädchen, dem Auswurf der
eklen Höhle. Dazwischen fuhr der griechische Wirt umher, mit Hilfe eines
grössern Knabens die lärmenden Wünsche seiner Kunden befriedigend. Die einzelnen
Gruppen zu mustern, blieb dem Effendi keine Zeit, denn die meisten Inhaber des
Gemachs fuhren empor, als sie einen in europäischer Weise gut gekleideten Türken
eintreten sahen, der ihnen Allen fremd war; einige Worte des Führers beruhigten
sie jedoch und sie setzten achtlos die unterbrochene Beschäftigung fort.
    »Signor Tomaso, ist er zu sprechen?«
    Der Kahvedschi44 wies dienstfertig auf eine Stiege, die nach dem obern
Gemach führte.
    »Wollen Excellenza belieben, hier hinauf zu spazieren? der General ist in
seinem Zimmer.«
    Der Moslem stieg die Treppe hinauf, öffnete am Ende derselben eine Tür und
trat in das Gemach.
    Zwei Personen sassen darin, in Wolken von Tabacksdampf gehüllt, ein etwa
fünfzigjähriger Mann von mittelhohem Wuchs und militairischer Haltung, häufig
den ergrauenden langen Schnurrbart von ungarischer Form streichend. Den
magyarischen Tyus zeigte auch das Gesicht, die gebogene schmale Nase, die
breiten Stirnknochen und das scharfe blitzende Auge, in dem etwas Finsteres,
Herrisches lag. Der Zweite war ein jüngerer Mann in eleganter französischer
Kleidung, mit Papieren und Briefschreiben eifrig beschäftigt.
    »Mon dieu - der Minister!«
    »Ah sieh, Herr Dechambeau,« sagte Fuad - denn dieser war der Eintretende -
mit leichtem Spott zu dem aufspringenden jüngern Mann, »lassen Sie sich nicht
stören in Ihrer Erholung von den anstrengenden Arbeiten der Redaction. Sie haben
ja gestern einen vorzüglichen Artikel im Spectateur geliefert. Ich kam bloss, um
meinen Freund, den General, zu besuchen, der auch so stark beschäftigt scheint,
dass er für seine alten Bekannten keine Zeit mehr übrig hat. Wenigstens ist er
seit länger als einem Monat nicht bei mir gewesen, und ich kann doch nicht
glauben, dass meine gegenwärtige Entfernung aus dem Divan die Ursache sein
sollte.«
    Der Militair hatte sich erhoben und dem Ankommenden die Hand gereicht. »Das
wissen Sie besser, Hoheit45. Sie haben mich damals in der Walachei vom Strick
gerettet, der mir sicher bei den Oesterreichern geworden wäre, und dergleichen
vergisst man ohne Not nicht, wenn man auch Revolutionair von Profession ist. Ich
hätte jedoch sicher morgen oder übermorgen Ihnen meinen Besuch gemacht, da ich,
aufrichtig gestanden, Ihres Einflusses für einige Anstellungen von Schützlingen
in der Donau-Armee bedarf.«
    »Er steht Ihnen zu Diensten, General,« sagte der frühere Minister höflich.
»Sie wissen, wir müssen nur die Form wahren, da wir in der Flüchtlingsfrage
gegen den wiener Hof Verpflichtungen eingegangen sind und uns trotz der
englischen und französischen Zusicherungen Oesterreich nicht auf den Hals laden
mögen. Uebrigens komme auch ich nicht ohne Absicht in diese abscheuliche
Mördergrube, wohin Sie sich einmal incognito einquartiert haben. Ich - -« sagte
er mit einem leichten Zögern, »bedarf Ihrer Hilfe zu einem geheimen und
schleunigen Dienst.«
    »Geniren Sie sich nicht, Hoheit - Herr Dechambeau ist mit meinen
Angelegenheiten vollkommen vertraut.«
    »Also zur Sache,« sagte der Moslem, der sich auf den Divan niedergelassen.
»Sie haben wahrscheinlich schon gehört, dass gestern im Divan der Aufschub der
Feindseligkeiten beschlossen worden ist. Der Befehl dazu wird spätestens morgen
früh nach Schumla und Rustschuk abgehen.«
    Der General sah ihn aufmerksam und fragend an.
    »Der Tatar mit dem Ferman darf nicht ankommen, mindestens nicht vor dem 25.
Der Sirdar hat seine Instruktionen und die Eröffnung der Feindseligkeiten darf
unter keinen Umständen verhindert werden.«
    »Ich verstehe, aber wie soll ich das hindern?«
    »Sie haben geeignete Leute genug zur Disposition. Einer oder Zwei müssen den
Tataren aufhalten und ihm Ferman und Pass mit Gewalt abnehmen. Inshallah, was
kommt es auf so ein Tier an, wo so viel auf dem Spiel steht! Hier ist Gold,
fünfzig Ghazi's46 für den Mann; eben so viel erhält er, wenn er den Ferman
bringt.«
    »Aber wird die Sache nicht vieles Aufsehen machen?«
    »Die Ordre soll auch keinesweges unterschlagen werden, schon um der
Einmischung der Gesandten willen nicht, sie soll nur zu spät kommen. Am zweiten
Morgen sendet man dann einen andern vertrauten Boten mit Ferman und Pass in
Stelle des Beseitigten ab. Haben Sie die passenden Männer zur Stelle? - ich
werde sie in meinem Boot noch diese Nacht bis Kütschük-Tschekmedgeh bringen
lassen, wo die beiden Strassen nach Adrianopel sich teilen, damit wir keine
Vorsicht versäumen. Dort müssen die Leute sich in Hinterhalt legen und warten;
ich denke, der Bote wird erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang vorüber kommen,
doch muss man auf der Wacht sein, unsere Gegner sind tätig und schlau und werden
sicher einen zuverlässigen entschlossenen Mann senden.«
    Der General sann nach. - »Ich wüsste im Augenblick kaum, wem ich als
zuverlässig den Auftrag anvertrauen könnte!«
    Der Journalist, der bisher schweigend zugehört, wandte sich zu ihm. - »Sta
Lucia,« sagte er, »er weicht nie von seiner Aufgabe.«
    »Ja, aber Sie wissen - -«
    Ein Lärmen im untern Gemach unterbrach ihn. Die Treppe herauf stürmte ein
schwerer Männertritt, und ehe weiter ein Wort gesprochen, stand der Ebengenannte
in der Tür. Er schien erhitzt, atemlos von einem raschen Lauf, seine Kleidung
war in Unordnung und wie Hände und Gesicht mit Blut bespritzt.
    »Was ist geschehen?«
    Der Bandit trat langsam bis zu dem Tisch vor und stiess mit gewaltiger Kraft
den Dolch, den er in der Faust hielt, dicht vor dem General in die Platte, dass
die breite Klinge fast zwei Zoll tief in das Holz fuhr. - »Der Schuft wird den
9. November47 nicht mehr sehen! Ich wollte zwar warten bis zum Jahrestage seines
Verrats, aber die Gelegenheit war heute günstig. Doch muss ich mit Hassan dem
Arnauten für einige Tage fort, General, man hat uns dabei überrascht und die
türkischen Hunde waren hart auf meinen Fersen.«
    »Ein Verräter verdient den Tod,« sagte der General ernst, »und Dieser war
ein doppelter, der sein Spiel lange genug mit uns getrieben. - Es trifft sich
glücklich, dass ich Euch sogleich entfernen kann. Der Gefährte dieses Mannes
kann, wenn es Euch genehm, Effendi, sogar den Courierritt nach Schumla machen.
Er diente früher als Tatar bei der englischen Gesandtschaft und musste gewisser
Vorgänge wegen verschwinden.«
    Der Minister, der mit Interesse den Banditen betrachtet hatte, nickte
zustimmend, und nachdem Hassan in das obere Gemach gerufen war, wurde der
Auftrag den Beiden kurz auseinander gesetzt. Der Kaïk des Effendi mit den vier
Ruderern sollte sie sofort um die Spitze des Schlosses der sieben Türme bringen
bis in die Bucht von Kütschük-Tschekmedgeh, an deren Ufer die Strasse nach
Adrianopel vorüberläuft. Am Nachmittag, zu einer bestimmten Stunde, sollte der
Effendi oder ein Vertrauter mit dem nötigen Gelde an dem Ufer des Lykus vor dem
Tore von Adrianopel (Edrene-Kapussi) auf den Boten harren, der Nachricht über
den Erfolg des Unternehmens und womöglich den Ferman zurückbringen würde.
    Die Verhandlungen waren rasch geschlossen, und nachdem die Banditen das
Aufgeld in Empfang genommen, verliessen sie mit dem Minister zugleich die
Spelunke und eilten zu dem harrenden Kaïk. Derselbe setzte seinen Herrn in der
Nähe des Serails in Stambul an's Land, um sein Haus in der Stadt zu erreichen,
und dann, von acht kräftigen Armen getrieben, seinen Weg entlang der Seeseite
fort. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es mochte gegen vier Uhr Morgens sein, als der Teppichvorhang vor der Tür
des innern Schlafgemachs des Grossherrn ein Geringes zurückgeschlagen wurde und
das schöne Haupt der Odaliske Mariam in der Öffnung erschien. Ihr Auge schaute
forschend umher, von den beiden Verschnittenen, welche, den entblössten Handjar
in der Faust, auf der Schwelle des Gemachs schliefen, nach dem Divan gegenüber,
auf dem es Nursädih ruhend erblickte. Ein leiser Ruf erweckte dieselbe und
brachte sie vorsichtig herbei. Die Herrin reichte ihr ein in einen seidenen
Beutel gehülltes Papier und eine Börse mit Gold.
    »Jussuf, Dein Bruder, möge sofort den Fuss in den Bügel setzen und nicht
ruhen, bis er dies in die Hände des Sirdars gelegt hat. Der Bujurulteh48 ist
unnötig, seine Erlangung würde nur die Abreise verzögern und gefährlich machen;
in dem Beutel ist Gold genug, um überall Pferde zu kaufen. Geh' und - der Gott,
zu dem wir Alle beten, begleite Dich und ihn!«
    Der Vorhang fiel zurück. - - - - - - - - -
    Da, wo unfern der ersten tiefen Buchtung des Marmorameers in das südliche
Ufer der rumelischen Landspitze, auf welcher Constantinopel liegt, - etwa zwei
Stunden von den Toren der Stadt, die Strasse nach Adrianopel sich in zwei
Richtungen, in die über Silivria und Burgaz, und in jene über Tschataldscha und
Wisa, teilt, - windet sich der Weg zwischen einem Felsufer hin, dessen Ausgang
ein Gebüsch von Feigen und wilden Myrrten umgibt. Hier hatten sich seit etwa
einer Stunde die beiden Banditen in Hinterhalt gelebt, ihr Opfer erst im Laufe
des Vormittags erwartend, als plötzlich der nahende Galopp eines Pferdes sie
aufmerksam machte.
    »Diavolo!« sagte der Corse; »ob das am Ende gar schon unser Vogel ist? Leg'
Dich quer in den Weg, Hassan, so muss er einen Augenblick halten, und wir können
uns wenigstens der Sache versichern.«
    »Jawasch49!« antwortete der Arnaut, indem er die Waffen in seinem Gürtel zur
Hand rückte. »Ich bin nicht umsonst Tatar gewesen und kenne einen Kameraden.«
Damit legte er sich mitten auf die Strasse, während sein Gefährte sich in die
Schatten des Gebüsches verbarg.
    Einige Augenblicke darauf erklang der Hufschlag näher und der Reiter ritt in
den Hohlweg ein.
    Hassan fing an, jämmerlich zu stöhnen. Im nächsten Moment sprengte der
Reiter heran: es war Jussuf, der Bote Mariam's und des Padischah's.
    »Gieb Raum da, dass ich vorüber kann.«
    »Aman! Aman! Allah sendet Euch mir zum Beistand, Effendi! Steigt ab und
helft mir, ich bin ein armer Mann, der vom Pferde gefallen ist und das Bein
gebrochen hat.«
    »Inshallah, ich habe keine Zeit. Des Bluttrinkers Zorn sitzt hinter mir,
wenn ich nicht eile! Mach' Dich zur Seite!«
    »So seid Ihr ein Bote des Padischah?«
    »Ich bin sein Tatar! Fort, oder auf Dein Haupt komme es!« Der Mohr gab dem
Pferde die Sporen und es setzte zum Sprunge an. Im Nu war der Bandit auf den
Beinen und griff ihm in die Zügel, zugleich knallte aus dem Gebüsch ein
Pistolenschuss und Jussuf wankte im Sattel.
    »Pesevenk50!«
    Er stürzte schwerfällig zu Boden; während Hassan das Pferd bändigte, warf
sich der Corse über den Blutenden und begann ihn zu durchsuchen. Um den Hals
gebunden, fand er den seidenen Beutel mit dem wichtigen Dokument, im Gürtel des
Tataren die schwere Geldbörse. Der Verwundete versuchte vergebens, das
anvertraute Dokument zu verteidigen, während seine grossen Augen in Schmerz und
Verzweiflung auf den Mörder rollten.
    »Lasst mir den Beutel, es ist ein Brief des Grossherrn und nützt Euch Nichts!«
stöhnte er.
    Sta Lucia lachte. - »Das kannst Du nicht wissen, mein junger Rabe! Eben um
den Brief war's uns zu tun. Und nun zum Teufel, wo ist Dein Bujurulteh?«
    Der Mohr deutete verneinend an, dass er keinen besitze, dann aber wurde er
von dem Blutverlust ohnmächtig. Die Kugel hatte ihn in die linke Seite
getroffen.
    »Wir haben, was wir brauchen,« sagte der Corse zu seinem Gefährten, »und
mehr als das. Was tun wir mit dem Burschen da?«
    »Schneid' ihm die Kehle durch und lass ihn liegen.«
    »Nein, das geht nicht, man würde ihn finden und das könnte unsere Sache
stören. Hilf ihn mir auf's Pferd laden, der schwarze Halunke hat vollkommen
genug und wir wollen ihn in die Schlucht am Meer werfen, an der wir
vorbeigekommen. Dort liegt er ungestört, bis ihn sein und Dein Prophet erwecken
mag.«
    Beide legten Hand an und über den Sattel geworfen, führten sie den leblosen
Körper eine Strecke in's Land mit sich fort. Erst am Rande der Schlucht, als Sta
Lucia ihn in seine nervigen Arme fasste, schien dem Unglücklichen noch ein Mal
das Bewusstsein wiederzukehren und seine Augen blitzten finster und drohend den
Mörder an, während die Hand sich auf die Wunde presste. Ein kräftiger Schwung -
und hinunter flog der Körper über die Klippen und Beide hörten seinen Fall in's
Wasser.
    Sta Lucia schwang das verhängnisvolle Papier hoch in der Hand. »Hundert
Ghazi's gewonnen, Kamerad, ausser diesem Beutel und dem Pferd! Bei allen Teufeln,
das war keine schlechte Morgenarbeit. Fort nach Stambul!« - - - - - - -
    Am 23. October wurde gegen russische Kriegsfahrzeuge, welche die Donau
hinauffuhren, von der türkischen Festung Isakscha unterhalb der Prutmündung das
erste Feuer eröffnet. Die Russen erzwangen mit starkem Verlust die Passage.
    Am 25. ging auf Befehl des Sirdars ein türkisches Corps bei Widdin über die
Donau und setzte sich in Kalafat fest.
    Zu spät traf der Ferman des Padischah am 27. im Hauptquartier ein: der Krieg
hatte begonnen!
                          (Schluss des ersten Teils.)
 
                                    Fussnoten
1 Die schönste Moschee Constantinopels, im äussern Anblick selbst grossartiger und
symmetrischer als die Sophia, 1550-56 von dem Baumeister Sinan erbaut.
2 Zum Verkauf auf dem Sclavenmarkt kommen jetzt nur noch, und auch diese nicht
öffentlich, die schwarzen Sclavinnen. Der Preis für dieselben wechselt von
1000-6000 Piastern (10-60 Napoleond'ors). Die weissen Sclavinnen, die von den
Sclavenhändlern in Circassien und Georgien oft noch als Kinder von den Eltern
gekauft werden, haben gewöhnlich schon ihre Bestimmung, ehe sie Constantinopel
erreichen, und werden je nach ihrer Schönheit um ihren buhlerischen Talenten oft
mit 100,000-120,000 Piastern (1000-1200 Napoleond'ors) bezahlt. Sie werden immer
noch in grosser Zahl nach Constantinopel gebracht, und da Russland im Jahre 1842
diesen Menschenhandel aus jenen Ländern verbot und die türkischen Schiffe streng
controllirte, wurde der Transport von Trapezunt aus gewöhnlich durch englische
Dampfer vermittelt. England verfolgt bekanntlich aus anderen Meeren den
Sclavenhandel.
3 Z.B. Chosrew Pascha. Selbst Mehemed Ali Pascha, der Schwager des Sultans, war
ein circassischer Sclave.
4 Der Teil des Hauses, in dem die Frauen wohnen; Selamlik: die Wohnung der
Männer.
5 Diesen Namen führen die nachbeschriebenen grösseren Zimmer in den türkischen
Wohnungen.
6 Alem Penah, einer der Titel des Grossherrn.
7 Schande, Schande!
8 Moskow, ein Moskowite, Russe.
9 Den 24. October.
10 Zil Allah. Titel des Sultans.
11 Das Oberhaupt der weissen Verschnittenen und der Major Domo des Palastes.
12 Die Welt.
13 Türkischer Courier.
14 Was gibt es?
15 Der Titel Effendi wird selbst Frauen gegeben.
16 Der Secretair des Sultans.
17 Der oberste Geistliche und Richter.
18 Titel des Grossveziers. Mustapha gehörte zur Friedenspartei.
19 Tänzerinnen.
20 Sibirien, woher die schönsten Ametyste kommen.
21 Gesandter.
22 Pagen des Sultans.
23 Der Zweite unter den schwarzen Verschnittenen. Kislar-Aga, das Haupt
derselben, einer der einflussreichsten Posten.
24 Er ist am 23. April 1823 geboren.
25 Diese werden im Orient jetzt trotz des teuren Preises sehr viel getragen.
26 Der türkische Gruss.
27 2. Juli 1839.
28 Ihr seid willkommen.
29 Mährchenerzählerin.
30 Die Ceremonieen der Ueberreichung, des Kaffee's in den vornehmen Häusern auch
bei den Besuchen sind so charakteristisch, dass eine kurze Beschreibung nicht
uninteressant sein wird. Nach dem Befehl »Cave Smarla« erscheint der Kafidschi -
der Kaffeebereiter - im Unterteil des Zimmers, an der Stufe, auf beiden flachen
Händen in der Höhe der Brust ein schmales Präsentirblech haltend, worauf die von
einer reichen Decke ganz verhüllten kleinen Kaffeekannen und Tassen stehen.
Sofort drängen sich die Diener um ihn, die verhüllende Decke wird abgenommen und
dem Kafidschi über Kopf und Schulter gelegt. Wenn jeder Diener - für jeden Gast
ein besonderer - mit seinen Tassen in Ordnung ist, drehen sie sich zugleich um
und gehen langsamen Schrittes auf die verschiedenen Gäste zu. Die kleinen, kaum
wie ein halbes Ei grossen Tassen (Flindschan) stehen in silbernen Untertassen
(Zarf) von derselben Form, wie die Obertassen, nur am Boden etwas weiter; sie
bestehen aus durchbrochener Silberarbeit oder Filigrän, auch aus Gold mit
Edelsteinen oder aus seinem Porzellan. Die Diener tragen sie zwischen den
Fingerspitzen und dem Daumen mit leicht gebogenem Arme vor sich her. Sind sie
nahe an die Gäste hingetreten, so machen sie eine Sekunde Halt, strecken die
Arme aus und bringen die Tassen mit einer Art leichten Schwunges in die Mundnähe
der Gäste, welche so dieselben hinnehmen können, ohne Gefahr zu laufen, den
Inhalt zu vergiessen oder die Hand des Domestiken zu berühren. So klein und
zerbrechlich auch diese Tassen zu sein scheinen, werden sie doch niemals
verschüttet oder zerbrochen. Die Diener gleiten mit so leisen aalgleichen
Bewegungen dahin, dass man beim Kaffeepräsentiren, ob gleich lange Pfeifen und
die gewundenen Röhren der Nargileh's den Boden bedecken, niemals einen Unfall
sieht; und dennoch ist die Schwierigkeit noch durch das Rückwärtsgehen vermehrt,
weil die Diener den Gästen immer das Antlitz zukehren müssen. Dem Sultan wird
Alles knieend dargeboten. Wenn Her Kaffee überreicht ist, ziehen sich die Diener
nach dem untern Teil des Gemachs zurück, wo sie mit gekreuzten Armen stehen
bleiben und jeder die Tasse, die er präsentirt hat, beobachtet, bis er sie
wieder zurücknehmen kann. Alsdann hält, damit nicht die Finger des Dieners
berührt werden, der Gast die Tasse in der Unterschaale vor sich, der Diener hält
eine offene Hand darunter, legt dann die andere aus den Rand der Tasse, der Gast
lässt los und der Diener zieht sich rückwärts zurück.
31 Schande! Schande!
32 Titel des Sultans.
33 Die erste Frau.
34 Jammer! Jammer!
35 Gott sende ihnen Unglück.
36 General Du-Hamel und Herr von Kotzebne.
37 Das russische Besatzungscorps wurde damals vom General-Adjutanten General
Lüders commandirt.
38 Ein Titel, etwa wie Geheimer Rat. Omer erhielt ihn nach seiner Unterdrückung
des Aufstandes im Libanon.
39 Campo santo, Begräbnissplatz.
40 Der Mord Paduani's ist historisch, wie - wir wiederholen es - fast alle
Scenen dieses Romans wenigstens ihre historische Basis haben.
41 Neugriechisch: Guten Abend!
42 Das bekannte italienische Fingerspiel.
43 Branntwein.
44 Kaffewirt.
45 Titel, den man höflicher Weise den Pascha's gibt.
46 Türkische Goldmünze, etwa 11/2 Taler.
47 An diesem Tage wurde an Robert Blum das Urteil des Kriegsgerichts in der
Brigittenau vollstreckt.
48 Türkischer Pass, offene Ordre für die Stationen, Pferde zu stellen.
49 So geschehe es.
50 Schurke.
 
                                 Zweiter Teil:
                            Die Reveille der Völker
                                  Ein Getreuer.
Um vier Uhr Morgens, am Donnerstag, den 13. October, donnerte eine kräftige
Faust an das Tor des Konak Ismaël-Pascha's, des neuen Gouverneurs von Smyrna,
und der Klopfende verlangte den Einlass.
    Schlaftrunken und scheltend über den Lärmen erhoben sich die Wache habenden
Khawassen und öffneten die Pforte, durch welche drei in Mäntel gehüllte Männer
in den Hofraum schritten, der Eine das Gesicht in die Falten tief verborgen,
Alle bis an die Zähne bewaffnet.
    »Weckt zur Stelle den Gouverneur,« sagte einer der Fremden; »Jani Katarchi
will ihn sprechen.«
    Die Khawassen und Tschokadars lachten.
    »Du Jani? Mashallah, seht diesen Sohn eines Schweins! Meinst Du, Du könntest
einen Moslem in den Bart lachen? Du bist ein Esel und Deine Väter waren Esel.
Wir spucken aus ihr Grab und sprechen: Delhi der! es sind Tolle.«
    »Jani,« höhnte ein Anderer, »wird sich selbst in die Höhle des Löwen
bringen? Woher kommt Ihr, dass Ihr solchen Kot redet?«
    Da warf der Verhüllte den Mantel von sich und mit donnernder Stimme rief er:
    »Ich bin Janos! - Geht!«
    Zugleich legten alle Drei ihre Waffen auf das Pflaster des Hofes und standen
ernst und unbeweglich da. In die Diener des Pascha's aber kam Leben, als sie
diesen Mann sahen; der Schlaf und der Zweifel wich aus ihren Augen und sie
beeilten sich, die seltsame Kunde ihrem Herrn zu bringen. In kurzer Zeit
erschien der Kiaia-Bei1, bald darauf der Gouverneur selbst.
    Bis dahin hatte Janos auf keine der an ihn gerichteten Fragen geantwortet.
Erst als Ismaël-Pascha, ein Moslem von strenger, Achtung gebietender Haltung,
erschien, fasste er die Hand eines seiner Begleiter und ging mit diesem auf den
Pascha zu.
    »Du hast diesem Manne versprochen, den jungen Griechen, der von Dardanelli
aus auf Verlangen des Inglis-Consul in Deine Haft gebracht worden, freizugeben
und unbelästigt ziehen zu lassen, wenn Janos, der Kameeltreiber, in Deine Hand
gegeben würde. Wohl! Ich bin Janos und stelle mich selbst. An Dir ist es, Dein
Wort zu halten.«
    Der Pascha strich sich den dunklen Bart, indem er aufmerksam den so eifrig
von ihm Verfolgten anschaute. Dann sagte er ruhig: »Khosch dscheldin! - Ihr seid
willkommen! - Dschidelim! Lass uns gehen!« und damit wandte er sich nach der Tür
des Selamlik und schritt voran, gefolgt von Janos und seinen beiden Gefährten.
    In der grossen Halle des Konak, die zugleich zu den Gerichtssitzungen dient,
nahm der Pascha Platz auf dem Divan und lud die Fremden ein, ein Gleiches zu
tun, indem er sie fortwährend als seine Gäste behandelte. Auf seinen Befehl
erschien alsbald der Divan-Effendi2 und setzte eine Schrift auf, des Inhalts:
»Nachdem Janos, genannt Katarchi, Räuber und Wegelagerer im Gebiet des Paschalik
von Smyrna, Seiner Hoheit dem Gouverneur Ismaël-Pascha seinen Leib zur freien
Verfügung angeboten, wenn der in Haft Seiner Hoheit wegen Teilnahme an
räuberischem Ueberfall und Brandstiftung befindliche Gregor Caraiskakis jeder
Strafe frei und ledig entlassen werde, hat Seine Hoheit der Pascha diesen
Vorschlag angenommen und ist darüber dieser Vertrag geschrieben und
unterzeichnet worden.«
    Der Räuber nickte, als die Schrift verlesen wurde, dann nahm er die von dem
Schreiber ihm gebotene Feder und malte in rohen Zügen zwei sich kreuzende Messer
darunter, als sein Zeichen, wobei er eine Abschrift verlangte, die der
Gouverneur gleichfalls unterschrieb.
    Von diesem Augenblicke an war Janos nach türkischer Sitte für drei Tage ein
Gast in dem Konak des Pascha. Man brachte ihm alsbald Tschibuk und Kaffee und
der Gouverneur unterhielt sich lange mit ihm über seine Taten und die Mittel
und Wege, auf welchen er bisher allen Nachforschungen entgangen war. Der Räuber
erzählte offenherzig und mit einem gewissen Stolz seine Handlungen, hütete sich
jedoch sorgfältig, Namen zu nennen, durch welche seine Anhänger in der Stadt
kompromittirt werden konnten. Er bat den Pascha, den Gefangenen Caraiskakis bis
zur Beendigung seines eigenen Prozesses in Unwissenheit über das Geschehene und
in Haft zu lassen, und im Fall im Laufe des Tages ein Knabe sich zeigen und nach
ihm verlangen solle, auch auf diesen die Gastfreundschaft auszudehnen. -
    Wie ein Lauffeuer durcheilte am Morgen die Kunde von der Tat des berühmten
Räubers die Stadt. Das Volk sammelte sich vor dem Tor des Konaks, und eine
Menge der vornehmsten und reichsten Griechen Smyrna's besuchten ungescheut ihren
Helden in seinem Asyl, jammerten über seinen Entschluss und hielten lange
Unterredungen mit ihm. Janos bewegte sich unterm Schutz der türkischen Sitte
unbehindert in dem Umkreis des Konaks und jeder seiner Wünsche wurde gleich
einem Befehl erfüllt. Mehrmals liess ihn der Pascha zu sich kommen, um ihn den
neugierig zum Besuch eingetroffenen fremden Consuln zu zeigen, und Alle
unterhielten sich voll Teilnahme mit ihm. Im Laufe des Tages hatte sich auch
der Knabe Mauro eingefunden und bediente fortan seinen Herrn und Oheim.
    Es ist ein eigentümlicher Zug im orientalischen Leben, dass trotz des
wütenden Nationalhasses zwischen Türken und Griechen Beide heilig auf ein unter
gewissen Bedingungen gegebenes Wort bauen. Ismaël-Pascha musste die freiwillige
Ueberlieferung des berüchtigten Bandenführers um so willkommener sein, als er
sonst wenig Aussicht hatte, seiner habhaft zu werden. Denn obschon er weit
energischer als seine Vorgänger im Amte auftrat und es seinen Massregeln auch
bereits gelungen war, einen Teil der Bande des Janos von den Khawassen
überraschen und niedermetzeln zu lassen, so zog sich doch ein weit drohenderes
Ungewitter in der politischen Färbung zusammen, welche jetzt diese Banden
anzunehmen begannen. In Smyrna, Sardes und Ephesus organisirten sie offen den
Aufstand und suchten die Unzufriedenen an sich zu ziehen und die griechische
Bevölkerung zur Erhebung der Waffen aufzureizen. Janos galt zugleich als der
verwegenste und gefährlichste Führer, und es war den Türken sehr wohl bekannt,
dass gerade zu ihm die griechische Bevölkerung, als zu dem geeignetsten Leiter
einer Empörung, aufsah.
    Da, zu Anfang October, wurde plötzlich auf einem Dampfer der in Dardanelli
an seiner Wunde krank gelegene Caraiskakis in Fesseln an den Gouverneur von
Smyrna abgeliefert, indem den eben Genesenen mitten in seinen Nachforschungen
nach der entflohenen Schwester und deren Verführer der dortige englische Consul
durch die türkischen Behörden hatte verhaften lassen. Der Vice-Consul von Smyrna
hatte - offenbar auf Veranlassung des Baronets, um ihn an der Verfolgung
desselben zu hindern, - eine Klage gegen ihn auf Teilnahme an dem räuberischen
Ueberfall und dem Niederbrennen seines Landhauses erhoben.
    Der Banditen-Chef schien seine Spione selbst im Konak des Pascha's zu haben,
denn alsbald hatte er erfahren, dass der Sohn seines alten Herrn in dem
türkischen Gefängnis lag und wahrscheinlich verurteilt und in's Bagno nach
Rhodus gebracht werden würde. Zwei Tage vor dem seltsamen Ereignis, das jetzt
alle Zungen von Smyrna in Bewegung setzte, war daher ein Fremder im Konak des
Pascha's erschienen und hatte diesem das Anerbieten der Selbstauslieferung des
Räubers gemacht. Wir haben den Fortgang der Verhandlungen gesehen.
    Am zweiten Tage, als Janos nochmals zum Gouverneur gerufen worden, machte
dieser ihm den Vorschlag, als Renegat in seinen Dienst zu treten und das Amt
eines Khawass-Baschi zu übernehmen, ein Posten, der - wie man in Frankreich und
selbst in deutschen Ländern die Spitzbuben, Revolutionaire und sonstige
anrüchige Personen schon oft mit Erfolg zu Polizeibeamten gemacht hat - in der
Türkei sehr häufig das Ende einer Räuberlaufbahn ist. Aber Janos verweigerte
trotz aller Vorstellungen des ihm sonst drohenden Schicksals standhaft die
Annahme des Vorschlags.
    So verging auch der dritte Tag unter den Vorbereitungen, die der Pascha zu
dem Gericht über den Räuber treffen liess.
    Am Nachmittag hielt Janos noch eine längere Unterredung mit mehreren
angesehenen Griechen aus Smyrna und schien an diese seine Verfügungen getroffen
zu haben. Als die Sonne im Westen in den prachtvollen Golf von Vurla verschwand
und ihre letzten roten Strahlen den Pagus färbten, traten die Khawassen des
Pascha's zu Janos und seinen zwei Gefährten, die sein Schicksal teilen wollten,
und legten ihnen schwere Fesseln an. Die drei Sonnen der Gastfreundschaft waren
vorüber, die nächste sollte über dem Gericht aufgehen. Zugleich öffnete sich das
Gefängnis des Konaks, die noch von dem schweren Krankenlager erschlaffte Gestalt
Gregor's wurde herausgeführt und der Kiaia-Bei verkündete ihm seine Freilassung
mit dem Bedeuten, dass er Smyrna spätestens am morgenden Tage zu verlassen habe.
    Das Wiedersehen des Hellenen mit dem gefesselten Freunde seiner Kindheit war
ergreifend. Er ahnte Nichts von dem heldenmütigen Opfer des Räubers und glaubte
ihn auf einem seiner Streifzüge von den Leuten des Gouverneurs gefangen, und mit
keinem Laut verriet der Bandit sein Geheimnis. Gregor warf sich - unbekümmert
um das blutige Handwerk des Mannes - wie ein Freund in seine Arme und beklagte,
des eigenen vergessend, sein Schicksal. Auf den ausdrücklichen Wunsch des
Räubers hatte Ismaël-Pascha gestattet, dass der Freigelassene bis zur
herannahenden Katastrophe in seiner Gesellschaft bleiben durfte, und Beide
verbrachten die Nacht mit dem Knaben Mauro allein in der Zelle des Gefangenen.
    Hier erst hörte Janos mit stummem Grimm die neue Entführung des Mädchens,
das Duell des Griechen mit Sir Maubridge und die Quelle seiner Verhaftung. Aus
seinem Munde dagegen erfuhr Caraiskakis, dass bereits am andern Morgen, noch ehe
er selbst Smyrna verlassen werde, das Schicksal des Klephten3 entschieden sein
würde. Janos täuschte sich keinen Moment über dasselbe und alle seine Worte
hatten das ernste Gepräge des letzten Vermächtnisses an einen Freund vor dem
schweren Gange zur Ewigkeit.
    Seine Rede, der der Mann und der Knabe aufmerksam während der Nacht
lauschten, atmete in jedem Laut den tiefen Hass des griechischen Volkes gegen
seine Unterdrücker und Tyrannen. Sie mahnte Gregor an den Heldentod des Vaters,
an die teuren Gelübde, die er der Befreiung seines Volkes und seines Glaubens
beim Eintritt in den Bund der Elpis geschworen, und Mann und Knabe wiederholten
das Gelöbnis eines nur mit dem Leben endenden Hasses und Kampfes gegen den
Halbmond.
    Erst gegen Morgen legte sich der Palikare zum Schlaf - es sollte der letzte
sein, von dem er auf dieser Erde wieder erwachte.
    Der Khawass-Baschi - dessen Nachfolger zu werden er verschmäht - weckte ihn
und führte ihn, begleitet von seinen beiden Genossen und Mauro, in die grosse
Halle des Konaks, die für die öffentlichen Gerichtssitzungen diente. Hier waren
bereits der Gouverneur mit seinen beiden Schreibern, sein Kiaia-Bei, der
Kadi-Askar4 Smyrna's und eine Anzahl Mollah's und Mufti's5 versammelt,
desgleichen mehrere europäische Consuln und ein zahlreiches Publikum, meist
Griechen.
    Ismaël-Pascha präsidirte selbst der Gerichtsverhandlung und es wurden
zahlreiche Zeugen vernommen, die sich teils selbst in der Gewalt der
Wegelagerer befunden, teils Freunde oder Verwandte mit schweren Summen
ausgelöst hatten. Auch mehrere Mordtaten wurden dem Gefangenen nachgewiesen und
der englische Vice-Consul beharrte gleichfalls auf seiner Klage wegen Einbruchs
und Mordes. Das Antlitz des Räubers blieb kalt und teilnahmlos bei all den
Anklagen und sich häufenden Beweisen; er versuchte mit keinem Wort, seine Taten
zu beschönigen, sondern beschränkte seine Verteidigung einzig auf die
Erklärung, dass er nur gegen die Feinde seines Glaubens und seines Volkes also
gehandelt habe. Desgleichen weigerte er sich auch jetzt, die Namen seiner
Zuträger und Freunde in Smyrna zu nennen und suchte möglichst alle Schuld von
seinen beiden Gefährten ab und auf sich zu nehmen.
    Unter diesen Umständen konnte der Ausgang des Prozesses keinen Augenblick
zweifelhaft sein und die Verhandlung wurde nach einer Dauer von kaum zwei
Stunden geschlossen. Der Rat der Mollah's fällte das Urteil, dass Jani -
genannt Katarchi - als überwiesener Mörder und Wegelagerer die Strafe von fünf
Yataganhieben zu erleiden habe. Seine beiden Gefährten wurden zu
lebenslänglicher schwerer Galeerenstrafe verurteilt, und nachdem der Gouverneur
das Urteil bestätigt hatte, verkündete es ein Ausrufer von der Schwelle des
Gerichtssaales und in den Gassen der Stadt.
    In der Türkei folgt die Vollstreckung des Urteils dessen Ausspruch
gewöhnlich auf dem Fusse, und von den Tauschi's und Khawassen umgeben wurde der
Verurteilte alsbald nach seiner Zelle zurückgebracht, um sich in der kurzen
Frist, die ihm noch gegönnt war, zum Tode vorzubereiten.
    Eine rasche Vollstreckung des Urteils hielt der Pascha um so notwendiger,
als sich bereits während der Verhandlungen unter der zahlreichen griechischen
Bevölkerung Smyrna's eine grosse Aufregung kund gegeben hatte, die einen
gewaltsamen Versuch zur Befreiung ihres Helden und Palikaren fürchten liess. Die
Besatzung Smyrna's war zur Zeit wegen der allgemeinen Truppensendungen nach
Rumelien und zum Heer unter Selim-Pascha bei Tortum und Batum sehr schwach. Der
Gouverneur liess daher das Tor des Konaks schliessen und befahl, die Hinrichtung
im Hofe desselben vorzunehmen, während dergleichen sonst in den Strassen der
Stadt zur öffentlichen Warnung zu geschehen pflegt. Es ist Gebrauch, die
Leichname der Gerichteten eine Zeit lang am Ort der Hinrichtung liegen zu
lassen, bis sie den Freunden oder Verwandten überlassen werden.
    Als Janos in die Zelle zurückkam, verkündete sein Auge dem harrenden
Freunde, den man wegen der Anwesenheit seines eigenen Anklägers nicht zum
Gericht zugelassen hatte, das Bevorstehende. Obschon ein eifriger Feind des
Glaubens des Propheten, hatte der Wegelagerer doch längst jene Gleichgültigkeit
gegen das Leben angenommen, welche den Orientalen im Allgemeinen eigen ist, und
er unterwarf sich dem Tode, als dem unvermeidlichen »Kismet,« mit einer Ruhe und
Würde, welche das Erhabene seiner Aufopferung noch erhöhte. Er selbst beruhigte
den Tieferschütterten und sprach ihm Mut ein, indem er ihm zugleich das
Versprechen abnahm, für den Knaben Mauro zu sorgen und ihn zu seinem Rächer zu
erziehen. Der Knabe selbst, der ohne eine Miene zu ändern, dem Gericht des
Pascha's zugehört hatte, hielt stumm die Hand seines Oheims. Nur seine keuchende
Brust und das wild, ja mörderisch flammende Auge, wenn es sich durch die offene
Tür auf die Khawassen richtete, zeigte den Sturm leidenschaftlicher Gefühle in
seinem Innern.
    So war die Mittagsstunde heran gekommen, die bestimmte Zeit, und ein kurzer
Trommelwirbel der aufgestellten Soldatenabteilung verkündete den Beginn der
furchtbaren Handlung.
    Beim ersten Schlag der Trommel richtete sich der Räuber, der mit Gregor zum
Gebet niedergeknieet war, in die Höhe und schlug das griechische Zeichen des
Kreuzes. Dann trat er auf den Mann zu, den er einst als Kind aus den Händen der
Moslems gerettet und jetzt wieder von Schmach und Kerker mit dem eigenen Leben
lösen wollte.
    »Gregor Caraiskakis,« sagte er ernst, »der dreieinige Gott mit seinen
Heiligen und den seligen Geistern derer, die für das Kreuz gestorben, schaut auf
uns herab in dieser Stunde. Auch Dein Vater ist unter ihnen und ich hebe meine
Hand auf zu ihm und hoffe, dass er Fürbitte einlegen wird für meine Sünden, denn
treu und fest zum Tode habe ich meinen Schwur gehalten, sein Blut zu retten und
zu schützen. - Ich bin alt - mein Weg ging abwärts, der Deine hinauf - der
morsche Eichbaum sinkt vor den drohenden Stürmen, der kräftige junge Stamm wird
ihnen trotzen. Lebe wohl, Gregor Caraiskakis, und vergiss des gerechten Hasses
nimmer, so wahr Dir und mir der Gott unserer Väter barmherzig sein möge!«
    Die Gewehre der Wache rasselten auf dem Pflaster, die Khawassen traten in
den Eingang der Zelle, als sich Gregor mit männlichen Tränen an die Brust des
Verurteilten warf. Auch über dessen braune Wangen rollte das feuchte Auge zwei
Tropfen als letzten Scheidegruss an das Leben, dann riss er sich kräftig los.
    »Sollen wir Weiber sein vor diesen Moslems in der Stunde des Todes nach
einem Leben voll Kampf und Rache? Fluch und Hass ihnen bis zum letzten Hauch! Und
Du, Knabe, der Du die Geschichte meiner Jugend mit erregtem Herzen angehört,
wenn der Todesengel die Hand auf mich legt, gieb mir den Ruf mit hinüber, dessen
Erinnerung so oft mir die Brust gehoben: Gott und die Heiligen! - Chios und
Tschesme!«
    Der Knabe drückte ihm krampfig die Hand, - keine Träne stand in dem dunkel
glühenden Antlitz des Kindes; - als Gregor's Blicke auf dieses fielen, schämte
auch er sich des Schmerzes und starr und finster nahm er die andere Hand des
Räubers, der in ihrer Mitte ruhig und stolzen Blickes hinaus schritt in den Hof.
    Wo der Türke den Henker macht, sind der Vorbereitungen wenige nötig - das
furchtbar-feierliche Gepränge, das bei uns die Akte der menschlichen
Gerechtigkeit umgibt, ist dort gänzlich unbekannt.
    Am Fenster des Selamlik stand der Pascha, umgeben von seinen Offizieren und
ruhig seinen Schibuk rauchend. Wachen der Redifs hatten das Tor und die
Ausgänge besetzt, in der Mitte des Hofes bildeten die Khawassen und Tschauschi's
einen weiten Kreis, in dessen Innerm die beiden zur lebenslänglichen
Galeerenstrafe verurteilten Gefährten des kühnen Räubers standen; neben ihnen,
in kurze braune Mäntel gehüllt, die zwei Khawassen, welche das Amt des
Nachrichters versehen sollten.
    Hierher wurde Janos geführt - noch ein Händedruck und der Mann und der Knabe
mussten am Eingang des Kreises zurückbleiben.
    Mit festem Schritt betrat der Klephte die Mitte, während die letzten
Genossen seines wilden Lebens sich trotz der Fesseln an ihren Gliedern auf ihn
stürzten und seine Hände und Kleider mit Küssen bedeckten. Die Tschauschi's
rissen sie von ihm und auf einen Wink des Khawass-Baschi knieete der Räuber, das
Zeichen des Kreuzes schlagend, auf den Boden nieder, indes einer der
Tschauschi's seine gefesselten Hände schnell auf dem Rücken zusammen band.
    Ein letzter Blick - ein letzter Gruss - streifte Gregor, den Knaben, die
treuen Genossen, die ihrem Führer zum Kerker gefolgt waren, und das schöne Licht
der Sonne!
    »Gott und die Heiligen!«
    Die helle Stimme des Knaben rief es schneidend in den stillen Kreis - die
beiden Khawassen neben dem Knieenden warfen die kurdischen Mäntel ab, - in ihren
Händen blinkten die schweren Yatagans mit dem bleigrauen Glanz der ächten
Klingen.
    Ein letztes Zeichen des Baschi's, die Trommel wirbelte und der Eine der
Khawassen führte den ersten Streich.
    Das Urteil der fünf Yataganhiebe ist nur eine Formel, - die Henker der
Türkei sind ihres fünften Hiebes sicher. Vier Mal hob sich der Yatagan und fiel
auf den Nacken des Klephten, kaum die Haut blutig ritzend, dann sprang der
Khawass zurück und der Zweite im selben Moment herbei.
    »Rache für Chios! - Flammen von Tschesme!«
    Der schrille Ruf der Knabenstimme übergellte laut den Trommelwirbel und das
Zischen des Hiebes - - weit von dem Nacken rollte das Haupt auf den Boden hin.
Krampfhaft öffnete und schloss sich der Hals, Ströme von Blut ausspritzend, -
dann fiel der Leib des Gerichteten schwer vorn über zur Erde.
    Durch den Kreis der Khawassen, der sich rasch loste, brach der Knabe Mauro
und warf sich mit wildem Geschrei auf den blutenden noch lebenswarmen Körper
seines Schützers und Verwandten. Der kühne Trotz war gebrochen, die
leidenschaftliche griechische Natur machte sich geltend in ihrer vollen
Heftigkeit, und Schrei auf Schrei durchgellte die Luft, vermischt mit wilden
Klagen und Verwünschungen gegen die Moslems.
    Neben ihm und der Leiche knieete Gregor Caraiskakis im stillen Gebet.
    Ohne sich um die Tränen und Verwünschungen zu kümmern, nahmen die blutigen
Diener der türkischen Justiz das Haupt des Gerichteten und befestigten es auf
einer eisernen Spitze über dem Tor. Zugleich wurden dessen Pforten geöffnet und
das Volk strömte unbehindert in den Hof und zur Richtstätte.
    Der Pascha hatte sehr richtig gerechnet, die Vollziehung des Urteils hob
jede Gefahr auf und brach die Aufregung des Pöbels. Wohl erging sich derselbe in
Geschrei und bitteren Verwünschungen, indes auf solche achtet der Türke nicht;
in der Türkei herrscht unbedingte Redefreiheit, und wo der Hass und der Schmerz
Worte findet, wird er selten zur Tat.
    In dem Gebet an der Leiche des Getreuen störte Caraiskakis eine Hand, die
sich auf seine Schulter legte, eine Stimme sagte ihm leise:
    »Im Namen und Auftrag Jani's des Palikaren soll ich Euch mit mir führen von
dieser Stätte, die Euch Gefahr droht. Ich habe gelobt, für Eure Sicherheit zu
sorgen.«
    Als Gregor emporschaute, sah er einen alten Mann in dem fliegenden schwarzen
Gewand der Armenier vor sich. Fast willenlos gehorchte er der Aufforderung und
erhob sich. Er sah, wie ein anderer Mann den Knaben Mauro an die Hand nahm und
folgte dem Unbekannten, nachdem ihn dieser versichert hatte, dass für die
passende Beerdigung der Leiche bereits gesorgt worden.
    Sein Führer geleitete ihn durch die Gassen der Türkenstadt zu dem
fränkischen Quartier und hier in eines der Häuser, deren Hof bis an's Ufer des
Meeres stösst. Hier wurde ihm eine kurze Erholung gegönnt, und da er jede
Erfrischung von sich wies, bestiegen die Vier alsbald ein Boot, das sie zu dem
auf der Höhe des Hafens ankernden Lloyd-Dampfschiff führte, das binnen zwei
Stunden seine Fahrt nach Constantinopel fortsetzen sollte.
    Der Greis in armenischer Kleidung hatte für Pass und Passagierbillet gesorgt
- Alles schien bereits vorbereitet. Auf dem Verdeck nahm der Alte die Hand des
Griechen und führte ihn an eine einsame Stelle des Bollwerks, von der sie
hinüberschauen konnten nach der ausgedehnten Stadt.
    »Ich bin Ihr Landsmann und Glaubensgenosse, Herr,« sagte er, »und habe dies
Gewand nur angelegt, um weniger beachtet zu werden. Mein Auftrag ist erfüllt und
ich habe Ihnen jetzt nur noch wenige Worte zu sagen und Einiges zu übergeben.
Wenn auf Ihrer ferneren Laufbahn Ihr Gedanke oder Ihr Blick nach jener Stadt
zurückkehrt, dann erinnern Sie sich, dass dort ein Grab ist, das für Sie geöffnet
worden. Janos, der Kameeltreiber, ist für Sie gestorben, und diese Schrift, mit
seinem Lebensblut bespritzt und nach seinem Befehl von der Brust seiner Leiche
genommen, wird Ihnen Kunde davon geben. Janos war von uns zu hohen Dingen
bestimmt, er hat uns auf Sie verwiesen, als jünger und geeigneter für den grossen
Kampf, der sich bereitet. Wir wissen, dass Sie mit Ihren Brüdern der Elpis
angehören und nie im Kriege gegen unsere Unterdrücker nachlassen werden. Was
Janos besass - kein Tropfen griechischen Blutes, kein Para griechischen Geldes
klebt daran, - hatte er bei uns niedergelegt und zu einem Vermächtnis für Sie
bestimmt, auf dass Sie es im Kampfe für unsere heilige Sache und zur Verfolgung
Ihres Feindes verwenden mögen. Die Griechen der Hetärie von Smyrna haben das
Fehlende hinzugetan, und ich überliefere Ihnen hier hunderttausend Piaster in
drei Wechseln auf Constantinopel, Varna und Odessa. Möge der heilige Demetrius
Sie schützen und segnen, Sie und diesen Knaben.«
    Er reichte dem von der unerwarteten Kunde zu Boden Gedrückten die Hand,
wehrte die stürmischen Fragen des Griechen zurück, ihn auf den Knaben
verweisend, und bestieg die Barke, die ihn nach Smyrna zurücktrug.
    Das war es, was Gregor Caraiskakis dem Freunde am Morgen nach der blutigen
Tat an Paduani erzählte, indem er ihm zugleich das heilige Dokument seiner
Befreiung zeigte. Eine finstere, entschlossene Ruhe, ein noch strengerer Ernst,
als er schon früher stets gezeigt, schien sich über das ganze Wesen des Griechen
gelagert zu haben, ganz gegen die Gewohnheiten seiner Nation. Nur zuweilen
funkelte sein dunkles Auge, und in dem Strahl desselben schien ein unheimlich
Leben zu kochen und zu walten.
    Gleich ihm stumm und verschlossen zeigte sich auch der Knabe, Alles
beobachtend was er hörte und sah, und fast nie von der Seite seines neuen
Schützers weichend. Er schien bereits alle Gefühle und Neigungen des
Kindesalters von sich geworfen zu haben.
    Beide waren am Tage vorher mit dem Dampfschiff von Smyrna angekommen und
hatten in einer der hintern Strassen von Pera Quartier gefunden. Gregor hatte
gehofft, in den Kaffeehäusern am Campo eine Kunde von dem Doctor zu erhalten, da
er, schon verhaftet, dessen letzte Nachricht in Dardanelli nicht mehr empfangen
hatte. Auch ihn fesselte der schöne Abend im träumerischen Sinnen bis zur
Mitternachtsstunde, und so war er zufällig auf dem Heimweg der Retter des
Freundes geworden.
    Mit Recht glaubte er in Constantinopel zunächst am sichersten die Spur des
Briten Maubridge und seiner Schwester erforschen zu können, und wollte deshalb
hier einige Zeit verweilen. Für Welland, der eine immer innigere Zuneigung zu
dem Griechen empfand, war dies eine sehr willkommene Nachricht, und er
versprach, ihn nach Kräften in seinem Forschen zu unterstützen.
    In der Tat gelang es ihm auch, und zwar durch Baron Oelsner, welcher
zufällig den Griechen bei ihm getroffen, schon in den nächsten Tagen zu
erfahren, dass Sir Maubridge sich längere Zeit in Constantinopel aufgehalten
hatte und dann nach Varna gegangen war, um das türkische Lager zu besuchen. Eine
Gewissheit, ob er diesen Weg allein oder in Begleitung einer Dame gemacht,
vermochten auch die reichen Hilfsquellen des Barons nicht zu ermitteln, jede
Spur von Diona schien verschwunden.
    Dagegen bemerkte Welland mit Erstaunen, dass sich alsbald ein sehr vertrautes
Verhältnis zwischen dem Baron und seinem Freunde entsponnen hatte. Er traf
wiederholt den Erstern in der Wohnung Gregors und Beide in eifrigem Gespräch,
das bei seinem Erscheinen abgebrochen wurde. Auch machten sie häufig Gänge, zu
welchen er nicht abgeholt wurde.
    So waren mehrere Tage vergangen, als an einem Morgen ein Brief im Welland's
Wohnung abgegeben wurde, welcher ihn, mit dem geheimnisvollen Zeichen versehen,
dem er zu gehorchen sich verpflichtet hatte, aufforderte, zu einer späten Stunde
des Nachmittags an der Fontaine Mahmud's I. sich einzufinden.
    Es ist dies ein Bauwerk, das Welland seiner eigentümlichen Schönheit und
Arabesken-Architektur wegen schon oft bewundert hatte, ein viereckiges hohes
Gebäude mit plattem, aber hervorragendem und von einem Geländer umgebenem Dach,
dessen weisse Marmorwände von eingehauenen Devisen und Sprüchen aus dem Koran
bedeckt sind. Der Bau erhebt sich mitten auf dem Markt von Tophana und spendet
nach allen Seiten hin den umlagernden Menschen und Tieren köstliche
erfrischende Labung. Der Deutsche hatte erst kurze Zeit hier geharrt, als er die
hohe soldatische Gestalt des Mannes auf sich zukommen sah, den wir als Bewohner
der Herberge im Maltesergässchen mit der Benennung »General« gefunden haben.
Beide schienen bereits Bekannte und grüssten sich als solche, der Arzt mit
einiger Befangenheit.
    »Das ist schön, dass Sie pünktlich sind, Doctor,« sagte der General, »nachdem
ich Sie so lange ohne Nachricht gelassen. Indessen die Zeit ist da, wo Ihre
Tätigkeit in vollen Anspruch genommen werden soll. Sie werden wissen, dass ein
Courier bereits die Nachricht von dem Beginn des Angriffs an der Donau gebracht
hat.«
    »Ich habe gehört davon.«
    »Ihr Gesuch um Anstellung beim Seraskiat ist unterstützt und ich hoffe, Sie
werden eine Stelle unmittelbar im Gefolge des Muschirs erhalten. Vorerst aber
sollen Sie uns hier einige Dienste leisten. Haben Sie Ihr Besteck bei sich?«
    Der Arzt bejahte.
    »So haben Sie die Güte, mich zu begleiten.«
    Der General führte ihn nach dem Ufer und mietete dort einen vierrudrigen
Kaïk, der sie schnell über den Bosporus nach der asiatischen Seite trug, und auf
Befehl des Generals an dieselbe Wassertreppe in Kandili, an welcher in der Nacht
des 21. die Khanum Omer's zu der geheimnisvollen Unterredung gelandet war.
    Die Diener führten Beide in ein Zimmer des Erdgeschosses und brachten Kaffee
und Pfeifen; bald darauf verliess der General das Gemach und den Doctor darin
allein. Nach kurzer Zeit kam ein Diener, der Welland zu folgen bat und ihn in
ein mit europäischem Luxus eingerichtetes Zimmer des obern Stockwerks führte.
Hier fand er den General wieder in Gesellschaft des Hausherrn, der ihn höflich
sich zu setzen einlud.
    Auf seinen Wink entfernte sich der Diener und die Drei waren allein.
    »Doctor,« begann nach einer kurzen Pause der General, »ich habe Sie hierher
gebracht, weil der Herr hier, einer unserer Freunde, mich ersucht hat, ihm einen
zuverlässigen europäischen Arzt zuzuführen, dem er bei einem traurigen Geschäft
vertrauen kann. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass Ihr Eid Ihnen
unbedingten Gehorsam auferlegt, und Sie wissen bereits, dass ich einer Derer bin,
die ihn zu fordern haben. Aber ich teile Ihnen zugleich mit, dass von Ihrem
Benehmen und Ihrer Willfährigkeit Ihre Zukunft und Ihre künftige Stellung in
diesem Lande abhängen wird, die leicht Ihre kühnsten Hoffnungen und Wünsche
übersteigen dürfte. Die Sache, um die es sich handelt, ist jedoch ernster Natur
und - es werden starke Nerven erfordert, davor nicht kindisch zurückzubeben.«
    »Und was ist meine Aufgabe dabei?«
    »Das werden Sie später erfahren. Vor allen Dingen handelt es sich um Ihr
Schweigen und Ihre Bereitwilligkeit.«
    »Das Schweigen,« entgegnete Welland ernst, »wäre die Pflicht des Arztes,
selbst wenn ich ohnehin nicht durch meinen, Ihnen, Herr General, bekannten Eid
gebunden wäre. Was meine Bereitwilligkeit betrifft, so werde ich meine Kunst
oder meine Tatkraft nie verweigern, wo es irgend mein Gewissen und meine Ehre
gestatten.«
    »Wir verlangen weder die Prüfung Ihrer Ehre, noch Ihres Gewissens,« sagte
herrisch der General, »sondern einfach Ihren Gehorsam, und haben Mittel in
Händen, denselben zu erzwingen.«
    Welland richtete sich mit männlicher Festigkeit auf, der Hausherr selbst
aber kam dem Ausbruch eines Streites zuvor und fasste beruhigend die Hand des
Offiziers.
    »Ueberlassen Sie mir die Sache,« sagte er vermittelnd; »ich glaube, ich kann
die Angelegenheit diesem Herrn, da wir seiner einmal bedürfen, von einem
Gesichtspunkt darlegen, der sein Gewissen beruhigen wird.«
    Der Doctor verbeugte sich erwartend.
    »Sie dürfen,« fuhr der Effendi fort, »die Dinge und Vorgänge, denen Sie
beizuwohnen berufen sind, natürlich nicht von dem Standpunkt der europäischen
Einrichtungen und Civilisation beurteilen. Sie befinden sich hier in der
Türkei, einem, ich gestehe es zu, noch ziemlich wilden Lande, in dem das Leben
und das Blut eines Menschen fast wertlose Dinge sind. Die Sache, um die es sich
hier handelt, ist, einen überwiesenen Verbrecher, der nach türkischen Gesetzen
unbedingt den Tod verdient, in einer höchst wichtigen, für das Wohl und Wehe des
ganzen Staates wesentlichen Angelegenheit zum Geständnis der Helfershelfer und
der Mittel seines Verrats zu zwingen. Bis hierher, werden Sie zugeben, sind
wir, auch nach europäischen Begriffen, vollkommen in unserm Recht.«
    Der Arzt verneigte sich zustimmend.
    »Bei Ihnen,« fuhr der Moslem fort, »verliert man viel unnütze Zeit mit
geistigen Daumschrauben, - bei uns wendet man ein anderes Mittel an: die
wirklichen. Es existirt bei uns noch die Tortur, von der ich mir habe sagen
lassen, dass sie früher bei allen christlichen Völkern Europa's in Gebrauch war
und selbst jetzt noch von der aufgeklärtesten Nation, den Engländern, häufig in
ihren Besitzungen in Indien angewendet wird. Ich wiederhole es, bei Völkern, die
sich noch auf einer Stufe der Cultur befinden, wie das meine, sind grausame und
blutige Strafen und Mittel nicht zu vermeiden.«
    Welland schwieg - er konnte dem gewandten Unterhändler nach Allem, was er
bereits in diesem Lande erfahren hatte, nicht Unrecht geben.
    »Der Dienst, den wir von Ihnen verlangen, besteht nun darin, einer solchen
notwendig gewordenen Tortur im Nebenzimmer beizuwohnen und sie wissenschaftlich
in der Art zu überwachen, dass Sie nach dem Puls der verurteilten Person das
Stadium angeben, in dem wirklich Lebensgefahr eintritt. Ich bemerke Ihnen, dass,
wenn die Person bekennt, sofort inne gehalten und ihr selbst alle weitere Strafe
geschenkt werden soll.«
    Der Deutsche war bleich geworden bei dem schrecklichen, mit solcher
gleichgültigen Ruhe ihm gemachten Vorschlag. Dennoch fühlte er, dass er als Arzt
und in der eigentümlichen Stellung, in der er sich befand, schwerlich sich der
schaurigen Pflicht entziehen könne. Den blutigen grausamen Sitten des Landes
musste der Widerwille des menschlichen Gefühls sich beugen.
    »Der Verbrecher ist wirklich zum Tode verurteilt?«
    »Ich gebe Ihnen mein Wort und schwöre es Ihnen auf den Koran, die Person muss
des begangenen Verbrechens halber sterben, das Geständnis ist ihre einzige
Rettung. Ich wünsche sie zu retten - aber - sie muss bekennen, es muss sein, und
wenn jedes Glied ihr stückweis vom Leibe geschnitten werden sollte!« Der
Fanatismus des Orientalen durchbrach bei dieser Drohung den falschen Firnis der
pariser Tünche, das Auge des vornehmen Mannes flammte wie das des Tigers.
»Unsere eingeborenen Aerzte sind Esel und zu Nichts zu brauchen, darum wenden
wir uns an Sie, den hier und, wie ich höre, mit der türkischen Sprache
Unbekannten, denn dies ist, bei der Wichtigkeit des Staatsgeheimnisses, eine der
Bedingungen. Selbst wenn die Person halsstarrig ist und von der Tortur stark
mitgenommen werden sollte, kann Ihre Kunst dazu dienen, ihre Wiederherstellung
zu sichern. Jetzt ersuche ich Sie, zu erklären, ob wir auf Ihre Begleitung
rechnen dürfen? Bedenken Sie wohl, die Folterung geht vor sich in jedem Fall,
auch ohne Sie! Ihre Weigerung raubt der Person die Aussicht auf Rettung.«
    Der Arzt fühlte, wie der Blick des Generals drohend und finster auf ihm lag;
er empfand ganz das Furchtbare seiner Lage und der Wahl. Nach einem kurzen Kampf
sagte er endlich:
    »Ich bin bereit!«
    »Ihr ewiges Schweigen ist sicher - was Sie auch erblicken, welche
Geheimnisse Sie zufällig auch erfahren mögen?«
    »Sie haben mein Wort!«
    »Wohl, so ist unsere Verhandlung geschlossen. Das Dunkel des Abends beginnt
sich auf den Bosporus zu senken, in einer halben Stunde können wir abfahren.« Er
klatschte in die Hände. »Cave Smarla!«
    Die Diener traten sofort ein und Welland schauderte bei der Ruhe, mit
welcher seine beiden Gesellschafter trotz der Gedanken an die bevorstehende
furchtbare Scene den unvermeidlichen Kaffee und Schibuk nahmen. -
    Die Sterne blinkten am Himmel, und Ufer und Stadt waren bereit's in das
rasch einfallende Dunkel gehüllt, als der Exminister erklärte, dass es Zeit sei,
und alle Drei am Wassertor der Villa den harrenden Kaïk bestiegen, der sie mit
der Strömung rasch nach dem Goldenen Horn führte. Hier bogen die Ruderer auf
einen Befehl des Herrn nach der Serailspitze, umfuhren dieselbe und landeten auf
der Seeseite an einer Pforte, die aus der rings das Serail umgebenden Mauer zum
Wasser führt. Eine Wache stand an der Tür und öffnete dieselbe auf ein
Loosungswort des Ministers zum Eintritt.
    Der General hielt seinen türkischen Freund hier zurück.
    »Ich glaube, Hoheit,« sagte er mit einem gewissen Schauder, der Welland
nicht entging, »es wird nicht nötig sein, dass ich das Seraï mit betrete. Mein
Geschäft ist hier beendet, Doctor Welland wird seine Pflicht tun und - gerade
heraus, ich bin Soldat, aber weder Arzt noch - Moslem. Das Resultat erfahre ich
morgen aus Ihrem Munde.«
    Der türkische Staatsmann lächelte.
    »Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, General,« sagte er, »ich habe den
Doctor, und das ist vorläufig genug. Mein Kaïk steht Ihnen zur Disposition. Auf
Wiedersehen morgen.«
    Er fasste Welland's Hand und zog ihn durch die Pforte.
    Obschon die Erwartung der Scene, die kommen sollte, das Gemüt des Deutschen
einnahm, konnte er doch nicht gleichgültig sein gegen die historischen
Erinnerungen, die sich ihm bei dem seltsamen Eintritt in diesen geheimnisvollen
Ort aufdrängten, den Europa noch immer mit einer gewissen Scheu betrachtet und
dessen Namen es mit dem Begriff reizender und furchtbarer Geheimnisse verknüpft.
Jetzt sind es freilich nur noch die Erinnerungen, welche diese Mauern mit dem
Schleier aus Tausend und Einer Nacht, mit Glanz und Purpur, und Gold, mit all'
der orientalischen Wunderpracht und den Schatten blutiger Historie umweben; -
der Glanz des Trones, das Geheimnis reizender Odalisken ist verschwunden, seit
Mahmud seine Residenz aus diesen Mauern verlegt hat. Jetzt leben hier, von den
Eunuchen und Kapidschi's6 bewacht, nur noch die abgedankten Kadinen und
Odalisken des Harems des verstorbenen und gegenwärtigen Grossherrn, und in den
weiten äussern Räumen und Gebäuden einige Würdenträger des Reichs mit ihrer
eigenen und einem Teil der Dienerschaft des Sultans. Dennoch ist das
Seraï-Burnu auch jetzt noch nicht ohne seine tief umschleierten Geheimnisse, und
bei Lebzeiten der Sultanin Valide, die hier ihren Wohnsitz hatte, spannen sich
von hier aus gar oft die wichtigsten Fäden der Geschichte des Reichs. -
    Durch den rings die Gebäude umgebenden, mit hohen Cypressen und Platanen
besetzten, sonst aber öden und wüsten Garten führte der Minister den Arzt nach
dem gegenüber liegenden Eingang. Links zur Seite blieben die grossen Ställe des
Sultans, die für 1000 Pferde Raum haben, rechts der Kiosk des Padischah, nach
dem Bosporus hin, auf Bogen gebaut mit vergoldeten Kuppeln; in einiger
Entfernung nach der Stadt zu liegt ein zweiter, die Aussicht auf den Hafen
gewährend. In dem erstern hielten sich früher während des Tages gewöhnlich die
Herrscher mit ihren Weibern und Stummen auf. Die Kais um das Serail sind mit
Artillerie ohne Lafetten besetzt, die meisten Geschütze in der Höhe des Wassers.
Bei den öffentlichen Festlichkeiten und das Ende des Ramazan verkündend donnert
diese Artillerie, unter der sich die grosse Kanone befindet, durch welche nach
der Sage Babylon gezwungen ward, sich an Sultan Murad zu ergeben. Ein anderer,
von der Historie bewahrter Mörser befindet sich in der Ecke des ersten Hofes -
in ihm sollen die aufrührerischen Ulemas zu Tode gestampft worden sein.
    Das Seraï-Burnu wurde von Mahomed II. erbaut und bildet auf der Landspitze
zwischen dem Horn und dem Marmorameer eine Art Dreieck, dessen längste Seite
sich nach der Stadt hin erstreckt, nach welcher sich auch die Tore und Höfe des
Zugangs befinden. Es ist ein Conglomerat von zu verschiedenen Zeiten je nach der
Laune der Sultane und Sultana's erbauten Gebäuden der verschiedensten
Bestimmung, in deren Innern zum Teil alte orientalische Pracht, das heisst
Vergoldung und Stuckatur, eingelegte Arbeiten in Gold und Azur, Marmorbecken,
Bäder und Springbrunnen, die unbesorgt auch im ersten Stockwerk angebracht sind,
noch vorhanden ist.
    Die Eintretenden schienen erwartet zu sein, denn zwei Kapidschi's traten
alsbald zu ihnen und gingen vor ihnen her bis zu einer zweiten, in die Gebäude
sich öffnenden Tür, an der wieder zwei Schwarze die Wache hielten. Hier
übernahm ein harrender Eunuch, in bunte schreiende Farben gekleidet, ihre
Führung und geleitete sie durch einen kleinen Hof und verschiedene gewundene
Gänge, in deren Richtung Welland ganz irre wurde, zu einem hell erleuchteten
Divan-Hane, in der an den Wänden mehrere schwarze Sclaven standen, der Sprache
und der Mannheit beraubte Geschöpfe, willenlose Werkzeuge der Willkür ihrer
Gebieter.
    Hier musste Welland auf einen Wink seines Begleiters sich niederlassen,
während dieser durch einen Vorhang in das anstossende Gemach verschwand.
    Alles war Schweigen um ihn her, - ein unheimliches Schweigen schon während
des ganzen Ganges durch das weitläufige Gebäude. Das dauerte auch hier lange
Zeit, bis er endlich eine leise flehende Stimme in einiger Entfernung zu
vernehmen glaubte - schaudernd, denn er fühlte, seine Aufgabe begann jetzt.
    Er lauschte, - doch nur einzelne Laute drangen zu ihm herüber, dazwischen
klang es zuweilen wie eine scharfe, kräftige Frauenstimme, zuweilen auch glaubte
er die seines Begleiters in einzelnen Worten zu vernehmen. Dann war wieder Alles
still, - die menschlichen Bildsäulen um ihn her rührten sich nicht.
    Plötzlich wurde der Vorhang gehoben und der Minister trat heraus, sein
schönes Gesicht war bleich, das Auge funkelte zornig und der Mund war wie in
festem Entschluss zusammengekniffen.
    Ohne Laut winkte er dem Arzt, ihm zu folgen.
    Welland betrat ein zweites grosses Gemach, - fensterlos, nur von einer Lampe
düster erhellt - aber leer - kein Bewohner zu sehen. Im Hintergrunde öffneten
sich durch schwere Vorhänge geschlossen zwei Türen.
    Zu der rechts führte ihn der Effendi und hob den Vorhang; das Gemach war
dunkel, nur aus Spaltenöffnungen der einen Seitenwand schienen einzelne helle
Lichtstrahlen hervorzubrechen. Als sein Auge sich an das Dunkel gewöhnt, sah er,
dass sie durch die Oeffnungen eines Vorhanges kamen, der in dicken schweren
Falten einen Eingang zum Nebengemach schloss.
    Nach dieser Seite geleitete ihn der Moslem und deutete ihm an, sich auf den
Divan niederzulassen. Dann hob er ein Tuch von einem Gegenstand, der unter den
Falten des doppelten Vorhanges hervor auf den Divan gestreckt war, und bedeutete
ihn, denselben zu fassen.
    Der Arzt legte die Finger darauf - es war eine warme Menschenhand, - die
Weiche der Haut, die zarte, volle Form zeigte ihm eine Frauenhand, die in der
seinen zuckte, offenbar jenseits des Vorhanges durch eine Einzwängung des Armes
in dieser Lage festgehalten.
    »Lassen Sie mich fort, Herr, das ist ein Weib, um keinen Preis der Welt mag
ich Teilnehmer der Handlung sein, die sich hier vorbereitet.«
    Der Minister drückte ihn zurück auf den Sitz.
    »Schweigen Sie, und tun Sie Ihre Pflicht,« sagte er mit verhaltener dumpfer
Stimme, »oder Sie sind selbst das Opfer. Die Personen hinter jenem Vorhang sind
nicht gewohnt, mit sich spielen zu lassen. Weib ober Mann, das Verbrechen ist
dasselbe, eben so die Strafe. Hier ist die Klingel, mit der Sie ein Zeichen zu
geben haben, wenn die äusserste Gefahr eintritt, - doch nur dann! - Sie wissen,
was allein hier Rettung bringen kann.«
    Ehe Welland sich fassen, ehe er antworten konnte, war sein Führer
verschwunden, er hörte das Gemach von Aussen durch einen Riegel verschliessen.
    Wieder trat einige Augenblicke tiefe Stille ein, dann erklang durch die
Falten des Vorhanges ein tiefer stöhnender Seufzer.
    Er hatte die Hand der Unglücklichen gefasst, sie war weich und sanft und
musste einem noch jungen, vielleicht so schönen Wesen angehören. Er drückte sie
leise zum Zeichen, dass eine teilnehmende Seele in ihrer Nähe sei.
    Der Seufzer schien ein Echo zu wecken; ihm war, als vernähme er ihn
wiederhallen in dem dunklen Gemach, in dem er selbst sich befand, dicht neben
sich.
    Aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten!
    Ein leichter Kohlenrauch schien durch die Spalten des Vorhanges zu dringen
und gleich darauf zuckte die Hand scharf in der seinen - - -
    Die Marter hatte begonnen!
    Ein brandiger Geruch wie von verkohlendem Fleisch zog durch die Luft,
rascher und krampfhafter wurde das Zucken der Hand.
    Er hörte im Nebengemach das Flüstern mehrerer Stimmen, dann eine lautere
Frage, ein Stöhnen zur Antwort - er entnahm daraus, dass der Unglücklichen ein
Knebel den Mund verschloss.
    Sie musste durch ein Zeichen verweigert haben, Antwort zu geben, denn der
Brandgeruch dauerte fort und verstärkte sich.
    Kalter Schweiss perlte über die Stirn des Arztes, - zehn Mal wohl griff die
Hand nach der Schelle, um das Halt gebietende Zeichen erschallen zu lassen, aber
die Vernunft sagte ihm, dass es der Dulderin nur einen kurzen unnützen Verzug
bringen werde.
    Er liess die Hand los und begrub das Gesicht in die seinen.
    Da störte ihn ein heiseres tückisches Lachen, und ein tiefes jammerndes
Wimmern folgte - dem wiederum jenes seltsame Echo neben ihm zu antworten schien.
    Er fasste rasch nach der Hand, sie war krampfhaft geschlossen - er fühlte,
dass die Leidende in heroischem Trotz gegen die Martern kämpfte. Sein Finger
suchte den Puls - er schlug rasch und wogend, aber noch immer kräftig.
    Ein wildes Kreischen der Wut schien eine verneinende Geberde der Leidenden
zu erwidern, dann kam der herrische Befehl einer Weiberstimme. Er vernahm die
seines Führers dazwischen sprechen, aber der Befehl wurde gleich heftig
wiederholt.
    Plötzlich fühlte er die Hand und den Arm, so weit er vor ihm lag, krampfhaft
erbeben und ringen, wie als wollten sie sich gewaltsam befreien - minutenlang
dauerte diese schreckliche Bewegung - eine grauenhafte, entsetzliche Tat schien
auf Armeslänge von ihm vor sich zu gehen, und rasch fasste seine Hand die
Klingel, um auf jede Gefahr hin der Marter ein Ende zu machen.
    Da streckten sich der Arm und die Hand - das wilde Ringen hörte auf, mehrere
Personen schienen um die Gemarterte beschäftigt, die Frauenstimme sprudelte
Verwünschungen aus, wie er nach einzelnen ihm bereits verständlichen Worten zu
schliessen vermochte. Darunter hörte er wiederholt die Benennung: Moskaw. Eine
zweite Frauenstimme mischte sich drein und zugleich die des Effendi, dann
schwieg der Lärmen und eine schwache, selbst in ihren gebrochenen Tönen noch
süsse Stimme sagte einige Worte.
    Wiederum fragte der Effendi dazwischen.
    Die Stimme sagte noch Einiges - dann stockte sie und verstummte endlich
ganz.
    Die Frage wurde dringend wiederholt, auch die Weiberstimmen mengten sich
hinein -
    Welland glaubte dazwischen, dicht neben seinem lauschenden Ohr ein
lateinisches Gebet, - das Ave murmeln zu hören. Er spannte alle Nerven an, um zu
hören, sich zu überzeugen -
    Todtenstille!
    Zwei Worte, schneidend, befehlend, unterbrachen sie.
    Diesmal schien der Henker es verschmäht zu haben, den Knebel der Leidenden
erst wieder einzuzwängen. Ein Nerven und Mark erschütternder Ton wie von
zermalmenden Knochen - zugleich ein herzzerreissender, wilder Schrei, ein zweiter
- Welland liess wie wahnsinnig die Klingel ertönen, aber die gellende Stimme
eines Befehls fuhr dazwischen und Schrei auf Schrei erscholl fort in
ersterbendem Jammer.
    Mit beiden Händen hatte der Deutsche die Vorhänge gefasst und riss die
befestigten gewaltsam auseinander: das schreckliche Schauspiel bot sich jetzt
seinen zornfunkelnden Blicken dar.
    Auf einem Ruhebett dicht an seiner Seite, lang ausgestreckt und befestigt,
lag die nackende, kaum über den Hüften mit einem Tuch bedeckte Gestalt einer
jungen, selbst in der Entstellung des Schmerzenskampfes noch reizenden Frau.
Aschblonde, wild umherfallende Haare umgaben das blasse Gesicht, aus dem die
schwarzem halbgebrochenen Augen auf ihn emporstarrten.
    Wer sie gesehen, die junge, reizende Odaliske, als sie vor wenig Abenden
noch an der Brust des Grossherrn ruhte, Liebe spendend und empfangend - Mariam,
die Beneidete des Harems, die Gebieterin des Gebieters in drei Weltteilen - wer
hätte ahnen mögen das schreckliche Schicksal, das ihr der finster schleichende
Hass bereitete!
    Die Anklage auf den gefundenen Brief hatte ihr Ziel nicht verfehlt, der
Grossherr hatte die Geliebte aus seiner Nähe verbannt.
    Aber ahnte er wohl, während er im selben Augenblick vielleicht in den Armen
Nausika's, der verlockenden Tochter des Rächers von Chios, schwelgte, ahnte er
wohl, wie verstümmelt der süsse Leib, der sein Lager geteilt, in den Zuckungen
grausamer Schmerzen sich wand?
    Nimmermehr!
    Ein Blick genügte dem Arzt, die furchtbare Marter zu ermessen, die das zarte
Weib mit Heldenmut ertragen hatte. Von den halb verkohlten Fusssohlen stieg noch
der widrige Geruch empor, die Mitte der Brust zeigte ein tiefes Brandmal, in dem
noch die dunkle Asche der verglühten Kohle lag. Die zwei schwarzen Henker -
Stumme mit teuflisch grinsenden Mienen, die dem Winke ihres Meisters gehorchten,
der in der Mitte des Gemachs an einem Tandur die Eisenzange glühte, von
schrecklichen Instrumenten umgeben, - an der Seite der Unglücklichen stehend,
waren eben mit jener einfach höllischen Maschinerie beschäftigt, dem Knebel, der
zwischen Holzstücken die Gelenke der Glieder zermalmt. Auf dem Divan gegenüber,
Furien, der Hölle entstiegen, sassen in ihre Yaschmaks verhüllt, zwei
reichgekleidete türkische Frauen, in den Augen grausamen teuflischen Triumph; in
kurzer Entfernung von ihnen mit finsterm bleichem Gesicht, wie einer furchtbaren
Notwendigkeit gehorchend, der türkische Würdenträger, die Feder, in der Hand,
das Papier vor sich auf dem Schoos, um die Geständnisse der Unglücklichen
aufzuzeichnen.
    Mit einem Sprung war der deutsche Arzt über das Schmerzenslager der
Gemarterten hinweg, und schleuderte die schwarzen Henkersknechte zur Seite. Sein
flammender Blick scheuchte den Tschannador zurück, der nach dem Handjar im
Gürtel griff.
    »Mörder, blutdürstige Mörder, die Ihr seid! - Seht Ihr nicht, dass diese Frau
stirbt in den wahnsinnigen Martern, die Ihr derselben bereitet?«
    »Nieder mit dem Gjaur! schlagt ihn zu Boden!« schrie die Eine der Frauen den
drei Verschnittenen zu, doch der Effendi warf sich zwischen sie und vor den
Arzt.
    »Haltet ein, Sultana! Dieser Ungläubige wird das Weib vom Tode retten, und
Du weisst, dass dies notwendig ist. Ihr Tod könnte uns doppeltes Verderben
bereiten.«
    Sein Befehl wies die Henker aus dem Gemach, nach einigem Widerreden fügten
sich auch die Frauen, ihnen zu folgen, während Welland bereits mit der
Unglücklichen, Bewusstlosen beschäftigt war und sie zum Leben zurückzurufen
suchte. Zum Glück hatte er eine jener kleinen tragbaren Apoteken bei sich,
welche die Aerzte auf Reisen mit sich zu führen pflegen; ein flüchtiges Salz
regte die Lebensgeister der Gemarterten wieder auf, und er versuchte alsbald
einen Verband auf ihre Wunden zu legen.
    Seine Erfahrung belehrte ihn jedoch bald, dass das Leben des armen Wesens in
höchster Gefahr schwebte und ihre Kraft immer mehr ermattete. Um ihr wenigstens
Ruhe zu sichern, bedeutete er energisch den Effendi, welcher besorgt an dem
Lager stand, die Kranke müsse wenigstens einige Stunden ungestörte Ruhe haben
und er selbst werde bei der auf's Äusserste Gefährdeten wachen. Nach einigem
Zögern fügte sich der Staatsbeamte mit der Erklärung, er wolle im Vorzimmer
bleiben.
    Der Vorhang der Tür fiel hinter ihm, Welland befand sich mit dem Opfer
grausamer Verfolgung jetzt allein.
    Er betrachtete wehmütig, schmerzlich das schöne blasse Gesicht mit den in
Letargie geschlossenen Augen, auf das der Todesengel bereits seine grauen
Schatten zu verbreiten begann. Die Wunden und Verletzungen, die das Mädchen
empfangen, waren allerdings nicht absolut tödtlich, aber ihr ganzer innerer
Organismus schien so verletzt, so zerrissen, dass er den Leiden schwerlich zu
widerstehen vermochte.
    Was konnte dies junge schöne Wesen getan haben, das eine so grausame Strafe
nötig machte? was konnte das schwache Mädchen mit den Geheimnissen wichtiger
Reiche zu tun haben?
    Er hatte sie mit einem Teppich bedeckt und sass im schmerzlichen Nachdenken
an ihrer Seite, ihren Puls in seiner Hand.
    Da erklang wieder der stöhnende geheimnisvolle Seufzer, den er schon früher
gehört und für das Echo des Schmerzenrufs der Dulderin gehalten hatte. Diesmal
überzeugte er sich, dass er sich geirrt, dass der jammernde Laut von einem andern
Wesen kommen musste.
    Sie schien ihn gleichfalls gehört zu haben, denn ihre Augen erschlossen
sich, erst irrten sie starr umher, dann fielen sie mit dem Verständnis und dem
Ausdruck des Dankes auf den Arzt, und einige Momente nachher schienen sie ihm zu
winken und auf den zerrissenen Vorhang zur Seite nach dem Nebengemach zu deuten.
    Er sah, wie die Leidende sich anstrengte, zu sprechen, und beugte den Kopf
an ihre blassen Lippen. Er hörte endlich, wie diese in französischer Sprache
flüsterten: »Rettung! - dort!«
    War denn noch ein unglückliches Wesen in der Nähe, das seiner Hilfe
bedurfte?
    Er zog rasch sein Taschenfeuerzeug hervor, zündete das Endchen Wachslicht an
und stieg über das Lager hinweg in das Gemach, in dem er so eben die furchtbare
Scene miterlebt hatte.
    Unfern von seinem Sitz, an den Polstern des Divans, regte und bewegte sich
ein dunkler Knäuel, - er hob den bedeckenden Teppich hinweg, - ein schwarzes
Weib lag dort am Boden, zusammengeschnürt gleich einem leblosen Bündel, den
Knebel im Munde.
    Ihre grossen Augen starrten ihn an mit unbeschreiblichem Ausdruck!
    Mit einigen raschen Schnitten seiner Lanzette hatte er die Bande gelöst und
die Mohrin sprang elastisch mit der Schnellkraft der Jugend empor und stürzte
sich dann, wie eine Tigerin auf ihr gefährdetes Junge, auf die bleiche Gestalt
der Gepeinigten.
    Kaum vermochte Welland, rasch hinzuspringend, sie davon abzuhalten, sich auf
die Leidende zu werfen, und zugleich das Jammergeschrei zu ersticken, das auf
ihren Lippen schwebte und das unfehlbar die Würger auf's Neue herbeigerufen
hätte.
    Mit Zeichen machte er ihr die Gefahr, die sie bedrohte, so gut als möglich
begreiflich. Sie verstand, - sie hatte das Leiden der Gebieterin ja wenigstens
mit dem Sinn des Gehörs mitempfunden, - einem Ballen gleich zur Seite geworfen,
um, wenn das Schicksal der Herrin entschieden war, wahrscheinlich als unnütze
und gefährliche Last in den Fluten des Bosporus begraben zu werden.
    Es war eine herzzerreissende Scene für den Arzt, als sich die Schwarze mit
all' dem leidenschaftlichen Wahnsinn des Volkes heisser Zone bald am
Schmerzenslager der Herrin das Haar raufte, bald sich vor ihm niederwarf, die
Hände zu ihm emporgestreckt, wie um Rettung flehend für die Sterbende.
    Und das Alles ohne Laut, - stumm, still, - aller Schmerz, alle Angst und
Pein in die leidenschaftlichen Geberden zusammengepresst!
    Jeder allzu hörbare Laut wäre Tod gewesen, - selbst die Gemarterte schien
dies zu empfinden und zu fürchten.
    Ihre Augen suchten wieder den Arzt und riefen ihn herbei.
    »Bei dem Kreuz des Erlösers, an das ich glaube wie Du, Fremdling, beschwöre
ich Dich, rette das Mädchen hier; der Mund einer Sterbenden muss durch sie eine
Botschaft senden, die mit meinem Leben erkauft ist.«
    Welland starrte sie an, - wie sollte er helfen, befreien, hier, in den
Mauern des Serails, unter den Augen von hundert Wächtern? - er blickte ratlos
umher.
    »Dort - dort - das Fenster nach dem Meer!« - ihr Auge deutete nach dem
Seitengemach; - zum dritten Male betrat es der Arzt und schaute prüfend und
vorsichtig umher. An der entgegengesetzten Wand befand sich der Kiosk, Fenster
ringsum, mit dichten Jalousieen geschlossen. Es gelang ihm, eine zu öffnen,
durch das vergoldete Holzgitter schaute er hinaus, dicht unter ihm lag das Meer,
der Pavillon reichte bis nahe an die Mauer, die das Serail und seine Gärten auch
von der Seeseite einschliesst.
    Er strengte alle seine Kräfte mit aller Vorsicht an und es gelang ihm, einen
Teil des Gitters ohne merkliches Geräusch mit seinem Dolchmesser
herauszubrechen; - als er den Kopf aus der Öffnung streckte, bemerkte er zu
seiner Freude, dass eine Flucht wenigstens in die öden Gärten möglich war, denn
wilde Weinreben schlangen sich um die Bogen und Pfeiler, die den abgelegenen
Pavillon trugen, fast bis über die Fenster hinauf.
    Als er zurückkehrte an das Schmerzenslager Mariam's, sah er die Mohrin neben
der Herrin knieen, das Ohr auf ihre bleichen Lippen geneigt, die leise dringende
Worte zu ihr zu sprechen schienen. Aber die Schwarze schüttelte heftig den Kopf,
gleich als verweigere sie, um was die Herrin sie flehte. Da rötete sich deren
blasses Gesicht, das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln, zwischen den
Brauen faltete sich die Stirn und die keuchende Brust sandte harte, heftige
Worte, dem Arzt unverständlich, wie die ganze Unterredung, über die zuckenden
Lippen.
    Die Sclavin beugte das Haupt, grosse Tränen rollten aus ihren Augen und sie
faltete im stummen Gehorsam die Hände über die Brust. Als nun Welland herantrat
und leise verkündete, dass der Weg zum Versuch der Flucht geöffnet sei, stürzte
die Schwarze nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte ihren Leib und
ihr Antlitz mit Küssen. Dann - die Hände noch ein Mal flehend gegen den Arzt
ausstreckend und auf die Kranke deutend, verschwand sie in dem dunklen Gemach.
Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Öffnung des Fensters schlüpfen
und verschwinden.
    Atemlos horchte er auf jedes Geräusch, - nur der Schlag seines eigenen
Herzens ängstigte ihn, - die Flucht schien gelungen!
    Als er, um den Verdacht so lange wie möglich aufzuhalten, den Teppich des
Vorhanges wieder möglichst geschlossen und zurück sah auf die Kranke, schien
eine tiefe verklärende Freude sich über ihr Gesicht ergossen zu haben.
    Ihr Mund flehte leise zu ihm auf: Beten! Der Mann, der seit Kurzem Gefahr
und Tod in krassen Zügen um sich gesehen, der der blutigen Bestimmung des
Krieges entgegen ging, sank an dem Lager des misshandelten sterbenden Mädchens, -
das er zum ersten Male im Leben sah, - in die Knie, und leise murmelnd strömten
über seine Lippen die Gebete der Kindheit.
    Wie lange hatte er nicht gebetet, wie lange hatte der Dämon des Zweifels und
der stolzen Freigeisterei seinen Sinn in Fesseln geschlagen, ärger als der
krasseste Aberglaube! O, wie wohl tat es ihm jetzt, glauben und beten zu können
so recht aus vollem Herzensgrunde für ein vergehendes Leben, am Sterbelager der
fremden Odaliske.
    Er sah, wie über ihr Antlitz die Schatten des Todes bleicher und bleicher
zogen, - er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen
des Jenseits. Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen
ihn empor, streifte einen Ring von ihrem Finger und presste ihn krampfhaft in die
seinen - eine Gabe der Erinnerung. Er fühlte den Puls des Lebens schwächer und
schwächer sich verlieren - immer weiter zum Herzen hin - und faltete seine Hände
über den ihren. Dann hob sich die Brust noch ein Mal hoch, über die Lippen quoll
im Todesseufzer der Name Abdul, des Grossherrn Name, der im Arm einer andern
Odaliske ruhte, und das schwarze Auge verging glasig und kalt in der Erstarrung
des Todes.
    Mariam hatte geendet!
    Lange noch betete der fremde Arzt an ihrem Lager; dann bedeckte er das
Gesicht der Todten mit dem Teppich und schritt ruhig und entschlossen, um das
eigene Schicksal unbekümmert, nach der Tür. Auf sein Klopfen öffnete der Wache
haltende Eunuch und vom Divan taumelte ihm sein vornehmer Führer entgegen.
    »Was bringen Sie uns für Nachricht?«
    »Sehen Sie selbst Ihr Werk, mein Herr. Die Dulderin da drinnen hat ein
Höherer, den Sie Allah, den wir Gott nennen, jeder weiteren Qual entzogen. Das
Mädchen ist todt.«
    Der Minister trat bleich und erschrocken zurück.
    »Inshallah! Es war Gottes Wille! Kommen Sie.«
    Er wandte sich mit leichtem Schauder von der Tür ab und winkte dem Arzt,
ihm zu folgen. Mit der Ruhe des guten Gewissens, aber Verderben und
verräterische Opferung in jedem Augenblick erwartend, folgte ihm Welland stumm
durch das Vorgemach, von wo auf den Wink des Effendi zwei Schwarze ihnen
voranschritten und sie durch mehrere Gänge und über Terrassen und Höfe
geleiteten, bis der Deutsche sich in dem grossen ersten Hof des Serails
wiederfand, in den von der Stadtseite der Pavillon oder die Pforte führt, von
der das Reich den Namen hat, Tag und Nacht von fünfzig Kapidschi's bewacht. Hier
blieb der Effendi stehen und reichte dem Arzt einen schweren Beutel.
    »Nehmen Sie,« sagte er, »und schweigen Sie wie das Grab, das Jene bedecken
wird. Die Kapidschi's werden Sie bis zur Brücke geleiten, - Allah behüte Sie.«
    Der Arzt wies mit einer ernsten Geberde das Geschenk zurück, um keinen Preis
hätte er das Blutgeld angerührt. Dann eilte er rasch durch das Tor, die
Begleitung der Kapidschi's von sich weisend, und in die noch belebten Strassen.
Seine Gedanken waren unwillkürlich auf die Flucht der Mohrin gerichtet und ob
sie gelungen.
    Als er seine Wohnung erreichte, war es nahe an Mitternacht.
    Nach einer Nacht voll wilder Träume erwachte Welland ziemlich spät, und die
schrecklichen Erinnerungen, die seine Seele belasteten, mit Gewalt von sich
schüttelnd, machte er sich eben bereit, auszugehen und seinen Freund
aufzusuchen, als Baron Oelsner bei ihm eintrat. Derselbe schien etwas
echauffirt, suchte aber einen scherzenden Ton anzustimmen.
    »Was lange währt, wird gut, Doctor,« sagte er lustig; »ich bringe gute
Nachrichten, eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche für Sie
mitgenommen.« - Er warf dieselbe auf den Tisch. - »Raten Sie, wohin Ihre
Bestimmung lautet?«
    Welland griff hastig danach.
    »Man liess mich hoffen nach dem Hauptquartier?«
    »Falsch geraten. Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt, und ich freue
mich, dass - ich darf es sagen - meine Bemühungen für die Realisation Ihrer
Wünsche nicht ohne Einfluss gewesen sind.«
    Der Doctor hatte während dessen die Depesche geöffnet und fand darin die
erwähnte Ernennung mit der Ordre, sich alsbald nach seinem Bestimmungsort zu
begeben, und dem Bujurulteh für die Stationen der Reise.
    »Sind Sie aber auch bereit, noch heute und zwar so bald als möglich
aufzubrechen?«
    Welland schaute ihn gross an.
    »Davon ist Nichts in der Ordre erwähnt. Sie lautet bloss auf Schleunigst.«
    »Man sagte mir mündlich im Seraskiat, dass man erwarte, Sie noch heute
abreisen zu sehen.«
    »Aber das ist nicht möglich, ich muss doch einige Vorbereitungen treffen; ich
werde sogleich selbst nach dem Seraskiat gehen, um Urlaub auf zwei Tage zu
erhalten.«
    Der Baron schien befangen und dann rasch einen Entschluss zu fassen. Nachdem
ein Blick auf die Tür ihn überzeugt hatte, dass sie unbelauscht waren, trat er
vertraulich auf den Deutschen zu.
    »Sollten Sie nicht vielleicht selbst wünschen,« sagte er mit Beziehung,
»sobald wie möglich Constantinopel den Rücken zu wenden, um Erinnerungen und
Nachforschungen zu entgehen? Zufällige Ereignisse, wenn sie auch der Schatten
der Nacht birgt, können selbst den tapfersten und ehrenwertesten Mann zur
Vorsicht mahnen.«
    Welland blickte ihn erstaunt an - wie konnte er wissen -
    »Mein Rat ist,« fuhr der Baron fort, »Sie sind binnen zwei Stunden
unterwegs, und Sie wissen, ich meine es gut mit Ihnen. Ich erfuhr bereits heute
Morgen die Notwendigkeit Ihrer raschen Abreise, - das Wie? erlassen Sie mir -
und habe alle Vorbereitungen für Sie getroffen. Die Pferde bis zur ersten
Station sind bestellt und ich kann Ihnen die gewiss angenehme Nachricht
mitteilen, dass Ihr Freund Caraiskakis bereit ist, Sie zur Stelle zu begleiten.«
    Welland war befangen von dem Unerwarteten, dessen willenloses Spiel er
schien. Er sann vergeblich auf Aufklärung, auf einen Entschluss.
    »Wenn Sie Geld brauchen, meine Börse steht Ihnen mit jeder Summe zu
Diensten,« sagte Herr von Montmarquet. »Doch scheint mir ein solches Anerbieten
fast unbescheiden bei einem Mann, der solche Kostbarkeiten besitzt und sie
achtlos umher liegen lässt.«
    Er wies auf den Ring, den Welland von der sterbenden Odaliske empfangen und
den er bei der Rückkehr auf den Tisch geworfen, ohne ihn zu beachten. Der Baron
nahm ihn auf und liess das Feuer des grossen Solitairs in der Sonne blitzen.
    »Der Stein ist unter Brüdern mindestens seine zweitausend Imperials wert,
jeder Jude im Bazar würde sie auf der Stelle zahlen. Ach habe lange keinen
schöneren Diamanten gesehen, und selbst die antike Fassung hat bedeutenden
Wert. Wollen Sie den Ring verkaufen?«
    Der Deutsche verneinte befangen.
    »Wohl! so rate ich Ihnen wenigstens, ihn sorgfältiger aufzubewahren und
weniger zu zeigen. Der Padischah dürfte nicht viele solcher Ringe in seinem
Schatz haben! - Doch um auf etwas Anderes zu kommen; Sie haben noch keinen
Diener und werden doch eines solchen bedürfen. Wollen Sie mir erlauben, dafür zu
sorgen?«
    »Sie würden Ihre Freundlichkeit damit noch erhöhen. Ich bin ausser Stande,
irgend Etwas zu bestellen und weiss kaum, wie ich meine Sachen in der kurzen
Frist ordnen soll.«
    »Wohl, ich übernehme die Besorgung und werde einen passenden jungen
Schwarzen, der etwas italienisch versteht und geläufig türkisch spricht, Ihnen
zuführen. Aber es kann erst am Tor von Edrene geschehen. Jetzt, Doctor, packen
Sie Ihren Mantelsack und arrangiren Sie sich mit Ihrer Wirtin. In zwei Stunden
wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Führer bereit sein. Ich selbst erwarte
Sie, wie gesagt, am Tor. Nochmals, lieber Freund, den Rat und die Warnung: es
ist am besten für Sie, wenn Niemand, mit dem Sie etwa hier in Verbindung
gestanden, vorerst erfährt, wo er Sie zu suchen hat.«
    Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig. Welland, von all den Eindrücken
betäubt, musste seine ganze Willenskraft zusammen nehmen, um sich eilig mit der
Ordnung seines Gepäcks zu beschäftigen, da er, ohne eine Lösung für die ihn
bedrängenden Rätsel zu haben, doch einsah, dass der Rat des Barons
bedeutungsvoll war und nicht unbeachtet bleiben durfte.
    Zwei Stunden nachher trat Caraiskakis, zur Reise gerüstet, in sein Zimmer,
um ihn abzuholen. Auf die Anweisung des Barons hatte er die Pferde mit Mauro
nach Stambul über die Brücke vorausgeschickt und nur einen Hamal7 mitgebracht,
das Gepäck des Freundes bis dahin zu transportiren, um so durch die Abreise kein
Aufsehen zu machen. Auch wechselten in dieser Zeit in den Pensionen und
Gastäusern Constantinopels die Kommenden und Gehenden so unaufhörlich, dass der
Einzelne unbeachtet blieb, wenn er sich nicht selbst bemerklich machte. Welland
mit seiner geringen Habe war bereit, und ehe eine halbe Stunde vergangen, fanden
sie auf dem Platz vor der Moschee Walide Mauro mit den Pferden. Bald war der Weg
durch die Stadt, am alten Serail, der Suleimania und der Moschee Mahmud's
vorüber, zurückgelegt und Edrene Kapussi erreicht. Hier am Begräbnissplatz kam
ihnen der Baron mit einem jungen schlanken Mohren, wohl beritten und bewaffnet
und mit einem Felleisen versehen, entgegen, in dem sich nach der Mitteilung des
Barons noch verschiedene notwendige Artikel für seine Freunde befanden. Er
empfahl dem Arzt, den schwarzen Knaben, den er ihm als Diener überlassen,
freundlich und nachsichtig zu behandeln, da er von gutem Gemüt sei und ihm
sicher mit Tätigkeit und Treue lohnen würde; so wie, wenn sich Gelegenheit
durch einen sichern Boten fände, ihm Nachricht von seiner Ankunft und seinem
Wohlergehen zu geben, bis das Schicksal sie wieder zusammenführen werde.
    So schieden sie.
    Während die kleine Gesellschaft, jetzt aus fünf Reitern mit einem Packpferd
bestehend, auf der Strasse nach Crevatis und Silivria dahin galoppirte, wenn man
diesen kaum der Beschaffenheit unserer Feldwege damals gleichen Pfad eine Strasse
nennen mag, hatte der Arzt Gelegenheit, seinen neuen jungen Diener mehrfach zu
beobachten. Derselbe hatte ihn mit einem tiefen demütigen Gruss am Tor
empfangen und Welland bemerkte, wie seine grossen dunklen Augen oft, wenn er sich
unbemerkt glaubte, mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten. Es war ein schlanker
junger Bursche von ausgebildeten, etwas weichen Formen und einem für einen
Schwarzen auffallend edel und wohl gebildeten Gesicht, dessen Züge ihm sogar
etwas Bekanntes, Gesehenes hatten, ohne dass er sich jedoch zu erinnern wusste,
wie und wo.
    Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an, was der Knabe
ziemlich gut zu verstehen schien, wenn er sich auch erst dürftig in der Sprache
selbst auszudrücken vermochte. Auffallend war es Welland, dass der Schwarze so
wenig das heitere sorglose Wesen seines Volkes zeigte, vielmehr eine Art
Schwermut und Kummer; doch bemerkte er zugleich aus allen Antworten des Knaben,
der sich Nursah nannte, dass er aufgeweckten und scharfen Verstandes war und sich
auch hierin von seiner Nation vorteilhaft auszeichnete, die gewöhnlich die
grösste geistige Stumpfheit zeigt.
    Auch bei Caraiskakis blieb Welland ungewiss, ob dieser durch den Baron Etwas
von seinen schauerlichen Abenteuern der vergangenen Nacht wisse. Der Grieche
deutete mit keiner Sylbe darauf hin und erwähnte nur, dass ihm die
Benachrichtigung des Barons, Welland werde sofort nach dem Kriegsschauplatz
aufbrechen, sehr willkommen gewesen sei.
    Sie waren bereits über die Bai von Kütschük-Tschekmedsche gesetzt und nicht
weit von Kumburgas, als sie unfern von einigen Fischerhütten am Meer halten
mussten, um die Fähre abzuwarten, die sie über die zweite Buchtung führen sollte.
Da dieselbe noch am anderen Ufer war, machte Welland den Vorschlag, zu den
Wohnungen zu reiten und dort die Rückkunft abzuwarten, zugleich um zu versuchen,
Wasser für sich und die Pferde zu erhalten.
    Als sie den Hütten nahten, kamen einige türkische Frauen und Kinder heraus,
und eine derselben brachte auf die Bitte einen Krug mit Wasser den abgestiegenen
Reisenden. dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen, der sich durch seine
fränkische Kleidung vor den Uebrigen auszeichnete. Die Türken scheinen den
Glauben zu hegen, jeder Franke ohne Unterschied müsse ein Hekim-Baschi, das
heisst ein Arzt, sein, und da sie im Ganzen zu den fränkischen Aerzten weit mehr
Zutrauen haben, als zu ihren eigenen, ergreifen sie im Innern des Landes jede
Gelegenheit, von dem europäischen Reisenden Hilfe für ein oder das andere Uebel
zu verlangen.
    Ein solches Anliegen schien auch die Frau, unterstützt von ihren
Gefährtinnen, die sich um die Gruppe versammelten, zu haben, denn sie sprach
eifrig auf Welland ein, der endlich seinen Freund zu Hilfe rief. Dieser
verdolmetschte ihm das Anliegen der Frau dahin, dass in ihrem Hause ein Kranker
liege, der von Räubern überfallen, verwundet und dann in's Wasser geworfen
worden sei, wo ihn durch Zufall ihr zum Fischen dahin, gekommener Mann gefunden
und gerettet habe.
    Welland war sogleich bereit, seine Kunst anzuwenden, und indem er Nursah
befahl, ein bezeichnetes Kistchen aus dem Gepäck ihm nachzubringen, folgte er
den Frauen in das Haus.
    Hier, auf einem dürftigen Lager, hatte die Menschenfreundlichkeit der armen
Moslems Jussuf, den Courier der unglücklichen Mariam, gebettet; denn dieser war
es, den vor acht Tagen die Fischer, in der Küstenbucht ihre Hafen aufstellend,
auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden hatten.
    Die Kugel des corsischen Mörders hatte den Schwarzen in der linken Seite
getroffen, war aber durch den dicken Shawl des Gürtels geschwächt worden und
hatte glücklicher Weise kein edleres Gefäss verletzt. Nur der Schmerz und die
Betäubung warfen ihn zu Boden, und selbst der schreckliche Sturz von der Höhe
des Felsens in's Wasser hatte neben mehreren geringeren Contusionen nur einen
Bruch des linken Arms zur Folge gehabt. Die Kühle der Wellen hatte zugleich die
betäubte Lebenskraft wieder aufgeregt und die Blutung gestillt; so gelang es
ihm, das Ufer zu erreichen, und hier, halb im kühlen Wasser hängend, liegen zu
bleiben, bis gegen Abend der Zufall die Fischer herbeiführte.
    Das Alles wusste Doctor Welland freilich nicht, aber es bedurfte dessen auch
nicht, um seine Teilnahme für den Leidenden zu erregen, und nachdem er sich von
der Beschaffenheit seiner Verletzungen überzeugt, war er eben bemüht, mit der
Sonde die Kugel zu suchen, als hinter ihm ein geller Schrei erklang und der
Knabe Nursah, das Gerät des Herrn zu Boden werfend, auf den Verwundeten
zustürzte und ihn stürmisch umschlang. Ausrufungen, zärtliche Worte,
Liebkosungen und rascher Austausch des Erfahrenen in fremder, allen Anwesenden
unverständlicher Sprache wechselten im Fluge, und erst auf sein wiederholtes
Fragen und nachdem Nursah dem Kranken noch Vieles zugesprochen, erfuhr Welland,
dass die Beiden Geschwister seien, durch den Zufall kürzlich getrennt, so wie das
Schicksal, das Jussuf, den Tataren, betroffen hatte.
    Der Knabe Nursah hatte bereits in dem Arzt ein so lebhaftes Interesse
erregt, dass er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm. Während er den
gebrochenen Arm so gut, als es die Umstände erlaubten, schiente und verband, die
Kugel aus der Seite glücklich herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde
legte, war Nursah mit tausend Hilfsleistungen tätig und schien dabei eben so
eifrig für seinen Herrn, wie für den leidenden Bruder.
    Indes Caraiskakis mit den Fährleuten verhandelte, machte Welland, so
unangenehm es ihm auch war, dem Knaben den Vorschlag, zur Pflege seines Bruders
hier zu bleiben und dann ihm nachzukommen, aber Nursah - nach kurzem Nachdenken
und einigen Worten mit seinem Bruder, und nachdem er von seinem Herrn gehört,
dass Jussuf, wenn er sich ruhig verhalte, in höchstens drei Wochen das Lager
wieder verlassen würde, - weigerte sich entschieden, zurückzubleiben.
    Der Führer der Pferde drängte zur Abreise. So schied denn Welland von dem
Kranken, nachdem er dessen Wirten einige Anweisungen für seine Pflege gegeben
und ihm selbst eine kleine Geldsumme zurückgelassen hatte, zu der auch
Caraiskakis eine reichliche Gabe fügte. Noch ehe sie die Fähre erreichten, kam
Nursah, der bei dem Bruder zurückgeblieben, ihnen nachgesprengt und küsste mit
leidenschaftlichem Dank die Hand seines Herrn.
    Drei Stunden nachher waren sie in Silivria, dem ersten Haltepunkt auf der
grossen Strasse nach Adrianopel und Schumla.
 
                                    Fussnoten
1 Stellvertreter des Pascha's.
2 Schreiber eines Pascha's.
3 Klephte ist die Benennung der freien griechischen Parteigänger, oder eben so
richtig Wegelagerer.
4 Oberrichter.
5 Kadi's und Mollah's heissen die Richter, Mufti's überhaupt die Rechtsgelehrten.
6 Torwächter.
7 Lastträger. Dieselben schleppen auf dem Rücken die erstaunlichsten Lasten
durch die bergigen Strassen.
 
                                   Oltenitza.
                            I. Des Donners Grollen.
Ein glänzender Ball beim preussischen General-Consul in den Donau-Fürstentümern
hatte eine Anzahl Offiziere des russischen Heeres und die Elite der vornehmen
Welt von Bukarest versammelt.
    Herr von Meusebach, einer der wenigen Glücklichen, die sich für mutiges
conservatives Auftreten in den Sturmjahren von Achtundvierzig und Neunundvierzig
eines offiziellen Dankes zu erfreuen hatten, wenn auch hors de Berlin durch eine
Mission in's Land der Wilden oder Halbwilden, hat seine gemütliche und
furchtlose Ruhe, mit der er einst der erbitterten Linken das Mene Tekel: »Die
Versammlung riecht nach Leichen!« von der Tribüne entgegen warf, auch unter den
Bojaren bewahrt und vertritt dort die Flagge seines Königs, wie schon mehrere
Gelegenheiten bekundet haben, würdig und nicht ohne Glanz. Junggesell, mit
Vermögen und von lebenslustigem Charakter, hat er sich vielfach den
orientalischen Sitten bequemt und bildet einen Centralpunkt für den geselligen
Verkehr der Fremden und Einheimischen von Bukarest.
    Es ist bekannt, dass bald nach der Besetzung der Donau-Fürstentümer das
russische Ober-Kommando seine Macht auch auf die administrative Verwaltung
ausdehnte und am 23. Juli den Hospodaren befahl, die Verbindung mit
Constantinopel abzubrechen und den Tribut nicht mehr nach Constantinopel zu
senden, sondern in der Staatskasse zu belassen. Bereits unterm 25. Juli forderte
demnach Reschid Pascha die Hospodare, die Fürsten Stirbei in Bukarest und Ghika
in Jassy auf, die Fürstentümer zu verlassen und nach Constantinopel zu kommen.
Die eigentümliche Zwitterstellung, welche die Regierung der Moldau und Walachei
seit langer Zeit zwischen der Oberhoheit des Sultans und dem fremden, namentlich
russischen und österreichischen, Einfluss eingenommen, veranlasste die Fürsten,
dem Befehl durch Zögerung auszuweichen, obschon derselbe am 30. August
wiederholt wurde. Die Stellung der machtlosen Fürsten zwischen den beiden
Gewalten liess sich unmöglich länger halten und sie erklärten, die Regierung
niederlegen zu wollen. Fürst Stirbei verliess mit Bewilligung des russischen
Oberbefehlshabers am 29. October Bukarest und ging über Herrmanstadt nach Wien.
Die Regierung blieb einem ausserordentlichen Verwaltungsrat übertragen, während
bald darauf General von Budberg zum russischen Commissar und ausserordentlichen
Civil-Bevollmächtigten in den Fürstentümern ernannt wurde und an die Spitze der
obern Leitung trat. Ebenso verliess der Fürst Ghika Jassy, um gleichfalls nach
Wien zu gehen, und der General Fürst Usuroff trat dort an die Spitze des
Administrationsrates. Viele Bojarenfamilien folgten den beiden Hospodaren und
zogen sich nach Oesterreich zurück, andere - die zum Teil von den Verhältnissen
Nutzen zu ziehen hofften - blieben jedoch im Lande.
    Die neue Administration brach allen Verkehr mit der Türkei ab und
benachrichtigte davon die fremden Consuln. Ein Erlass versprach den Walachen, die
in die russische Armee treten wollten, verschiedene Vorteile, und die
Einverleibung der moldau-walachischen Contingente wurde vorbereitet.
    England und Frankreich hatten bereits im Juli gegen die Besetzung der
Fürstentümer protestirt und erklärt, dass sie eine Dauer derselben nicht dulden
würden.
    Am 31. October, an demselben Tage, an welchem Kaiser Nicolaus das Manifest
an sein Volk mit der Ankündigung des Krieges richtete, - erhielten die
englischen und französischen Generalconsuln und Consuln in den
Donaufürstentümern den Befehl ihrer Regierungen, das Land zu verlassen.
    Dies war im Augenblick - jenes Fest, das wir zu Anfang dieses Kapitels
erwähnt, fand am 3. November statt, - die administrative Lage in den occupirten
Ländern auf dem linken Donauufer. Es ist nötig, dass wir zunächst einen
Ueberblick über die militairische Lage und die letzten Ereignisse geben.
    Offenbar hatte sich das russische Cabinet über den Erfolg sehr getäuscht,
welchen ein gewaltsames Vorgehen von seiner Seite zur Lösung der schwebenden
Fragen haben würde. Die Türkei hatte in militairischer Beziehung die Zusage und
den Schutz Frankreichs und Englands hinter sich, an die Kaiser Nicolaus noch
immer nicht glauben wollte, und das andere Europa - wie selbst von Denen nicht
geleugnet wird, die auf russischer Seite in dem grossen Kampfe standen, - war des
mit Unvorsichtigkeit und Anmaassung dominirt habenden russischen Einflusses müde.
    Der Glaube an die Macht dieses Einflusses hatte Russland zu seinem Vorgehen
verführt, ohne dass genügende militairische Vorbereitungen getroffen waren. In
anderer Beziehung ist diese Unterlassung wieder Bürge dafür, dass man die Zwecke
ohne Eroberung zu erreichen glaubte.
    Im Ganzen hatten nur ungefähr 77,000 Mann den Prut überschritten, nämlich
das vierte Corps, eine Division und die Reiterei des fünften, und das war
natürlich eine zu geringe Macht, um damit einen Krieg gegen die Türkei zu
führen. Eine Division des fünften Armeecorps rückte später von Odessa nach, und
erst als die Ereignisse zeigten, dass die Türken den Kampf aufnehmen würden,
erhielt das dritte russische Armeecorps, geführt vom General von Osten-Sacken,
Befehl, die Armee zu verstärken und rückte in Eilmärschen nach der Moldau, die
sein Vortrab am 14. November betrat.
    Der grösste Teil der russischen Occupationsarmee - wie gesagt circa 80,000
Mann - hatte seine Stellung in der Walachei genommen und dehnte sich entlang der
Donau aus. Fürst Gortschakoff hatte sein Hauptquartier teils in Bukarest,
teils in Budeschti, einem kleinen Flecken zwischen Bukarest, Giurgewo und
Oltenitza, etwa fünf Meilen von dem ersteren, drei von dem letzten Orte
entfernt, genommen. Der linke Flügel dieser Aufstellung in der Walachei stand
unter dem Kommando des Generals Anrep, auf Kalarasch gestützt, den Türken bei
Silistria gegenüber, während General Lüders die Moldaugränze bei Galacz besetzt
hatte. General Dannenberg hielt die Mittellinie an der Donau und Giurgewo,
Rustschuk gegenüber, und General von Fischbach den rechten Flügel an der Aluta
bis Krajowa gegen Kalafat, nachdem man törichter Weise den Türken gestattet
hatte, sich hier festzusetzen. Fürst Gortschakoff behielt, wie erwähnt, die
Reserve des Mitteltreffens bei sich, und die russischen Truppen waren durch das
strategische Talent des Generalstabs-Chefs Generals von Kotzebue so geschickt
aufgestellt, dass es von dem durch die Natur so überwiegend begünstigten
bulgarischen Ufer doch nicht möglich war, ihre Verteilung und Bewegungen zu
erspähen, während andererseits vierundzwanzig Stunden genügten, um 30,000 Mann
russischer Truppen auf einem der Hauptpunkte zu concentriren.
    Auf türkischer Seite befand sich das Hauptquartier und der Centralpunkt der
Operationen gegen die Donau in Schumla, doch war in diesem Augenblick Omer
Pascha bereits an der Donau im Centrum der Stellung eingetroffen. Den rechten
Flügel stützte er auf Hirsowa und Silistria, von Izzet-Pascha kommandiert, den
linken, bereits über die Donau vorgeschoben, auf Widdin und Kalafat.
    Hier kommandirte Sami-Pascha. Der Sirdar befehligte auf dieser ausgedehnten
Stellung ungefähr 100-120,000 Mann, teils Nischam (Linie), teils Redifs
(Landwehr) und Baschi-Bozuks (Irreguläre)1. Eine Masse europäischer Flüchtlinge
aller Länder befand sich nicht bloss in seiner nächsten Umgebung, sondern auch
als Offiziere und selbst als Gemeine in dem ganzen Heer, zum grossen Teil
Renegaten, da durch die Bemühungen des Muschirs bei dem Uebertritt der
ungarischen Armee im Jahre 1849 Offiziere und Soldaten in Masse dem
Religionswechsel des greisen Generals Bem gefolgt waren. Es wird für die Leser,
die nicht gleich eine Karte des damaligen Kriegsschauplatzes zur Hand haben,
wenigstens ein übersichtliches Bild gewähren, nachstehend die einander gegenüber
liegenden Hauptpunkte des linken und rechten Donauufers angeführt zu sehen. Wir
beginnen von der serbisch-österreichischen Gränze aus, den Lauf der Donau bis
Galatz, also bis zu dem Punkt verfolgend, wo die grosse Walachei, die Moldau, die
Dobrudscha und das russische Gebiet von Bessarabien an ihren Ufern
zusammenstossen.
Krajowa Bukarest
Kalafat ----- Turnul Simnitza Giurgewo Oltenitza
 - - - - - -
Widdin Rahova Nicopoli Schistowa Rustschuk Tuturkai
Kalarasch Futestie ----- Brailow Galatz
- - - -
Silistria Hassowa Hirsowa Matschin ----- Isaktscha
    Das türkische (bulgarische) Ufer bildet bereits von Matschin aus eine fast
ununterbrochen fortlaufende Bergwand, während die walachischen Ufer, mit wenigen
Unterbrechungen flach und sumpfig, den Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt
sind, so dass die gewöhnlichen Gränz- und Quarantainewachen am Ufer in
Wachtäusern kampiren müssen. Die Donau teilt sich an vielen Stellen in mehrere
Arme und bildet grössere und kleinere Inseln. Ihre Breite ist demnach sehr
wechselnd.
    Wie bereits erwähnt, hatten die Feindseligkeiten, und zwar von türkischer
Seite, bei Isaktscha2, einer kleinen türkischen Festung in der Dobrudscha,
begonnen. Fürst Gortschakoff hatte den Befehl erteilt, dass ein Teil der in den
Mündungen ankernden russischen Donau-Flotille den Fluss herauf bis Galatz fahren
solle, um für etwaige Operationen bei der Hand zu sein. Der Befehl lautete, bei
Nacht an den Festungswerken von Isaktscha und den von den Türken dort angelegten
Schanzen vorüber zu fahren; der Kommandant, Capitain Werpakhowsky, und alle
Offiziere der Flotille erbaten jedoch die Erlaubnis, die Festung bei Tage zu
passiren, als eine Gnade. Das Geschwader, aus den Kriegsdampfern »Prut« und
»Ordinarez«, jeder vier Kanonenboote im Schlepptau, bestehend, näherte sich um 8
1/2 Uhr Morgens den 23. October Isaktscha und sofort eröffneten die Türken das
Feuer aus 27 Geschützen, worauf sich eine lebhafte Kanonade von beiden Seiten
entspann, die fast andertalb Stunden währte. Zwei der Kanonenboote wurden durch
das türkische Feuer so beschädigt, dass sie nur bis Reni gebracht werden konnten,
die anderen Schiffe jedoch trafen am Abend in Galatz ein. Ein grosser Teil der
Stadt Isaktscha war durch die russischen Bomben in Flammen gesteckt; unter den
dreizehn Todten des kleinen Geschwaders befand sich auch sein tapferer
Kommandant Werpakhowsky. Sechsundvierzig Mann wurden verwundet. -
    Am 25. October hatten die Türken unter Sami-Pascha, dem Gouverneur von
Widdin, den ersten Uebergang über die Donau unternommen. Die zwischen Widdin und
Kalafat belegene Insel wurde von einem Corps von 2000 Mann besetzt und
befestigt, ohne dass die Russen, deren schwache Vorposten in Kalafat standen,
dies im Geringsten zu hindern suchten.
    Selbst als am Nachmittag des 27. von der Insel aus die Türken unter dem
Befehl von Ismaël-Pascha das linke Ufer unterhalb Kalafat betraten, sahen die
russischen Offiziere von dem auf der Höhe belegenen Kaffeehause dem feindlichen
Uebergang gemütlich zu, bis es zu spät war, die verlorenen Vorteile wieder zu
gewinnen. Die russische Garnison räumte Kalafat, und nach Mitternacht rückte die
Avantgarde der Türken dort ein. Die Stärke derselben betrug damals höchstens
7-8000 Mann. Sofort begannen sie die von Natur äusserst feste Position durch
Schanzwerke zu verstärken und es bildete sich jenes über eine halbe deutsche
Meile lange Vollwerk, an dem der Lorbeer des Fürsten von Warschau noch diesseits
des Grabes seine ersten Blätter verlieren sollte.
    Die ziemlich abgesonderte, und strategisch ausserdem ganz unnütze Position
war von dem Muschir kluger Weise eingenommen worden, um jenem grossen Plan der
Russen auf die Verbindung mit Serbien und die Erhebung des serbischen Volkes
gegen die Türkei zuvor zu kommen. Wir werden später Gelegenheit haben, uns
länger mit Kalafat zu beschäftigen und wenden uns daher zu den nächsten
Ereignissen im Centrum der Stellung.
    Am 1. November waren von den Türken hier gleichfalls mehrere Versuche gegen
das linke Donauufer unternommen worden. Von Rustschuk aus etwas stromaufwärts
bei Tersentschik war ein Corps von 2000 Mann über die Donau gegangen und
plänkelte jetzt gegen Giurgewo, das Rustschuk gegenüber liegt. Hier kommandirte
General Ssoimonoff. Es erfolgte ein Gefecht längs des Dammes der Stadt ohne
grössere gegenseitige Resultate. Am Morgen des 2. hatten die Türken den starken
Nebel benutzt, welcher die ganze Donaugegend bedeckte, und einen Dampfer mit
mehreren Kanonenböten von Rustschuk gegen Giurgewo geschickt. Die Schiffe waren
schon in den Kanal eingedrungen, welcher gegen die Quarantaine führt, als sie
von den Russen bemerkt wurden. Es entspann sich alsbald eine lebhafte Kanonade,
die nach mehreren Stunden mit einem Rückzug der türkischen Schiffe endete. Am
nächsten Tage wiederholte sich dies Spiel.
    Von Tuturkai aus wurde der dritte Versuch zur selben Zeit gemacht und hier
beabsichtigten, wie die späteren Ereignisse ergaben, die Türken den Hauptstoss.
Tuturkai selbst war in der letzten Zeit stark befestigt worden, und unter dem
Schutz des buschigen und bergigen Ufers war es gelungen, ein Corps von 14,000
Mann zwischen hier und Tschischatscha zu concentriren, durch die nötigen
Reserven gedeckt, ohne dass die Russen die drohende Gefahr bemerkten. Am 1.
November setzten die Türken auf die zwischen Tuturkai und Oltenitza, näher am
letztern Ort liegende Insel über und begannen diese zu befestigen. Von hier aus
fassten sie am 2. Position auf dem linken Ufer unterhalb Oltenitza. Am Morgen des
3. standen bereits etwa 5000 Mann auf der Insel. Das Buschwerk derselben
verhinderte jedoch auch hier die Russen, die Zahl und die Vorbereitungen ihrer
Gegner zu erkennen.
    Der Commandeur der II. Infanterie-Division des IV. Armee-Corps,
General-Lieutenant Pawloff, befehligte in Oltenitza, hatte aber nur eine geringe
Truppenzahl bei sich.
    Dies war die gegenseitige Stellung am Abend des 3. November. -
    Fürst Gortschakoff mit seinem Adjutanten hatte selbst den Ball des
General-Consuls mit seinem Besuch beehrt, und eine grosse Anzahl der Offiziere
des Dannenberg'schen (IV.) Corps befand sich aus den umliegenden Stationen auf
Urlaub anwesend, da die Gefahr an keinem Punkte sehr dringend erschien und man
die Vorposten-Positionen an der Donau für genügend hielt, jeden Versuch zu
vereiteln, oder die übergegangenen Streifcorps zurückzuwerfen.
    Unter den Gruppen des Balles zog jene die Aufmerksamkeit auf sich, die sich
um die Schönheit des Tages gebildet hatte. Es war die Gattin eines erst seit
wenigen Wochen aus Paris zurückgekehrten Bojaren aus der reichen und angesehenen
Familie der Bibesco, und obschon es sehr gewöhnlich ist, dass die galanten Damen
von Paris, wenn sie dort ihre Rolle ausgespielt haben oder durch irgend einen
Umstand sich veranlasst sehen, Paris zu meiden, sich von ihren slavischen
Anbetern, - und Paris wimmelt in Friedenszeiten von Mitgliedern des reichen
slavischen, magyarischen und romanischen Adels, - zu der wilden Heimat
entführen lassen, oder auch selbst auf eigene Hand nach Bukarest, Galacz und
Jassy kommen, um dort einen goldenen Fisch zu angeln und mit ihrer Hand zu
beglücken, - so war Madame Bibesco doch wohl geeignet, unter allen ihren
Nebenbuhlerinnen den Sieg davon zu tragen.
    Eine hohe, schlanke Gestalt, das Haar cendré, der Teint sein und leicht
gerötet, ein Bild, das dem Leser nur flüchtig am Abend des 5. Juli in der
Strasse St. Josef zu Paris von uns vorgeführt worden ist. Der spöttisch verzogene
Mund warf rechts und links seine Wortblitze, während das schmachtende Auge durch
die brillanten-besetzte Lorgnette achtlos über den Kreis hinaus kokettirte, der
sich um sie gebildet hatte.
    Plötzlich erbleichte das schöne Gesicht und dann schoss eine dunkle Röte auf
Hals und Antlitz. Frau von Bibesco wandte sich rasch zu einem der Offiziere und
begann ein gleichgültiges Gespräch, während dessen sie ihre Aufregung zu
unterdrücken suchte. Alsdann wieder das Lorgnon vornehmend, liess sie ihre Blicke
nochmals wie zufällig durch den Saal schweifen und endlich an einer entfernten
Gruppe älterer Offiziere haften.
    »Können Sie mir sagen, Herr von Szamarin,« wandte sich die Dame an einen
ihrer Verehrer, einen Ulanen-Major vom Regiment Olwiopol, »wer der junge
Offizier ist, so viel ich von Ihren Uniformen verstehe, von der Garde, der eben
mit dem Oberbefehlshaber spricht? Mich dünkt, ich müsste dies interessante
Gesicht bereits gesehen haben.«
    »Ich kann Ihnen dienen, gnädige Frau,« erwiederte der Offizier galant. »Mit
Ihren scharfen Augen haben Sie einen Adonis der russischen Armee herausgefunden,
Fürst Iwan Oczakoff, und es ist möglich, dass Sie ihn bereits gesehen, da er
einige Zeit der Gesandtschaft in Paris beigegeben war. Ich habe die Ehre, den
Fürsten und seine schöne Schwester, die, wie ich höre, leider krank von Paris
zurückgekehrt ist, von Petersburg her zu kennen. Er steht augenblicklich beim
Stabe des Fürsten Mentschikoff und ist gestern als Courier mit Depeschen von
Odessa hier eingetroffen. Befehlen Sie, dass ich Ihnen den Fürsten vorstelle?«
    »Sie werden mich verbinden, Herr Major.«
    »Aber nur unter der Bedingung, schöne Frau, dass wir dabei nicht zu kurz
kommen, und Fürst Oczakoff, der doch nach dem deutschen Reiterliede nur im
Sturme um den Minnesold werben! Kann, Sie uns nicht entführt.«
    Der Major verliess die Gruppe und näherte sich dem Fürsten, der jetzt, von
dem General en chef entlassen, mit mehreren jungen Offizieren plauderte.
    Die Blicke der Dame folgten ihm nicht ohne Unruhe, - nur zerstreut setzte
sie die Unterhaltung mit ihrer Umgebung fort.
    »Sie haben eine Eroberung gemacht, Fürst,« sagte scherzend Herr von Szamarin
zu diesem, »ohne dass Sie es wissen. Madame Bibesco, die Königin des Balles,
wünscht, dass ich Sie ihr vorstelle.«
    »Ich habe nicht die Ehre, die Dame zu kennen.«
    »Eben deshalb will ich Sie vorstellen. Kommen Sie, Fürst. Die schöne Celeste
Bibesco ist eine Pariserin und wird Sie dort wahrscheinlich gesehen haben,
wenigstens glaubt sie es.«
    Halb gezwungen folgte Fürst Iwan dem Kameraden, der ihn zu der schönen
Bojarenfrau führte.
    »Hier, Madame, erlaube ich mir, Ihnen unsern gefährlichen Nebenbuhler um
Ihre Gunst vorzustellen, Fürst Iwan Oczakoff. Er stammt aus dem Lande, wo Achill
einst vor dem trojanischen Krieg verborgen wurde, und ich hoffe, er hat für die
Pfeile aus Ihren schönen Augen auch nicht einmal die verwundbare Stelle, die
sein berühmter Landsmann besass.«
    »Man muss nach Russland kommen,« sagte die Dame lächelnd, »um die pariser
Complimente noch übertroffen zu sehen. Ich höre, Sie waren noch in diesem Sommer
in Paris, mein Fürst?« - Ihr Auge lag scharf und deutungsvoll auf ihm.
    »So ist es, Madame.«
    »Und wann verliessen Sie es?«
    »Am Abend des 5. Juli.«
    »So bald schon? Ich glaubte, Sie noch später dort gesehen zu haben. Es
scheint, dass der 5. Juli ein wichtiger Tag für viele Personen gewesen ist, auch
mir war er ein solcher.«
    Der Fürst wurde aufmerksamer.
    »Meine Abreise kam plötzlich, deshalb habe ich das Datum genau behalten,
Madame.«
    »Ich zweifle nicht daran, mein Prinz. Ungewöhnliche Ereignisse haften fest
in der Erinnerung, wie es scheint, fester selbst als Gefühle.« Ihr Blick flog
rasch umher - die umgebenden Herren hatten sich rücksichtsvoll einige Schritte
zurückgezogen und plauderten, - sie sah sich unbeachtet und benutzte den
Augenblick. »Ich hätte kaum geglaubt, Sie glücklich und so bald nach jenem
furchtbaren Abend wiederzusehen.«
    »Madame - -«
    »Jetzt wird es mir freilich klar, auf welche Weise es Ihnen gelang, sich zu
befreien. Die arme Nini!«
    Der Fürst war sehr bleich, in seinem Innern kämpfte sichtlich eine grosse
Aufregung.
    »Madame - ich verstehe kaum - -«
    »Ei, mein Gott, warum sich der kleinen Avantüre schämen, mein Prinz! Ich
bin, wenn Sie es wünschen, die Discretion selbst, nehme aber natürlich auch die
Ihre in Anspruch. Wenn Sie Lust haben, weiter mit mir zu plaudern, so sage ich
Ihnen den zweiten Contretanz zu. Im Augenblick bin ich engagirt und ich sehe
eben meinen Tänzer nahen. Au revoir, mon Prince!«
    Am Arm ihres Cchapeaus rauschte sie in die sich bildenden Reihen, während
das Orchester den wilden Mazurka begann.
    Der Fürst starrte ihr nach - seine Augen blieben in ernstem Nachdenken auf
die unerwartete Erscheinung gerichtet. Dann legte er die Hand sinnend an die
schöne Stirn und suchte eines der Nebenzimmer auf, wo er ungestört seinen
Gedanken nachhing.
    Erst die Takte, welche zum Antreten der Quadrille riefen, weckten ihn. Er
schien seinen Entschluss gefasst zu haben und eilte in den Saal zu seiner
Tänzerin, die ihn bereits mit Ungeduld erwartete.
    Während die Touren wechselten, spann sich das Gespräch lebhaft weiter.
    »Darf ich fragen, ob Sie Nini wieder gesehen haben?«
    »Nein, Madame.«
    »Ich dachte es mir,« sagte die schöne Frau mit sichtlicher Erleichterung.
»Sie haben demnach gleich nach dem entsetzlichen Auftritt Paris verlassen?«
    »So ist es.«
    »Es konnte Ihnen natürlich nicht schwer werden, Ihre Identität zu beweisen.
Doch war es edel und schön von Ihnen, mein Prinz, sich für Ihren Gegner zu
opfern.«
    Der Tanz unterbrach die Unterhaltung.
    »Und Nini?« fragte der Fürst, von der Tour zurückkehrend.
    »Mon Dieu! die Kleine begleitete ihren Bruder und war am andern Morgen
spurlos verschwunden. Wir hatten uns alsbald getrennt, um jede Spur zu
verwischen, und ich wagte es erst einige Zeit nachher, unter der Hand mich zu
erkundigen. Aber seltsam, auch die Polizei hatte keine Nachfrage angestellt,
obschon der Mensch schrecklich kompromittirt sein musste.«
    Sie schien die Sache mit einiger Verlegenheit zu umgehen. »Sie sind mir die
Erzählung Ihres weitern Abenteuers schuldig, mein Prinz.«
    Der Tanz hatte geendet, der Fürst führte die Dame nach ihrem Platz. »Ich
fühle ganz die Pflicht, die ich habe, und sie zu lösen ist für mich wichtiger,
als es für Sie von Interesse sein kann, nur scheint hier kaum der Ort dazu.
Würde Frau von Bibesco nur wohl erlauben, ihr morgen meine Aufwartung zu
machen?«
    »Fürst Oczakoff wird mir stets willkommen und ich werde von zwölf Uhr an für
ihn allein zu Hause sein. - Doch sehen Sie, Fürst, - es muss sich etwas
Ungewöhnliches ereignet haben. Ihre Herren Kameraden treten zusammen und ich sah
eben Fürst Gortschakoff mit mehreren Generalen durch jene Tür sich entfernen.
Bitte, gehen Sie und erkundigen Sie sich, wir Frauen sind neugierig.«
    Auch der Fürst bemerkte, dass eine besondere Aufregung im Saale stattfand und
die Offiziere in Gruppen zusammentraten. Er beurlaubte sich mit einer Verbeugung
und eilte zu der Menge, die sich namentlich um die Tür zu einem der
Nebengemächer versammelt hatte, aus dem jetzt Baron von Meusebach seinen Gästen
entgegentrat.
    »Seine Durchlaucht,« sagte der General-Consul mit lauter Stimme, »bitten die
werte Gesellschaft mit mir, sich durchaus nicht zu beunruhigen oder stören zu
lassen. Es sind einige Depeschen eingegangen, die den Fürsten für kurze Zeit in
Anspruch nehmen, aber keineswegs irgend eine Besorgnis rechtfertigen. Meine
Herren, ich bitte Sie, in dem Tanz fortzufahren.«
    Das Orchester begann auf seinen Wink auf's Neue, doch nur wenige Paare
bildeten die Colonne. Man flüsterte in Gruppen oder verkehrte mit den
Adjutanten, die hastig aus den Gemächern, wohin sich der Fürst zurückgezogen
hatte, ab und zu gingen und hier und da einem der Offiziere einen Befehl zu
bringen schienen. Man bemerkte, wie alsbald die Angeredeten aus dem Saale
verschwanden, und von der Pforte des Hauses aus klang der Galopp der
Davonsprengenden herauf.
    Fürst Iwan wandte sich an einen ihm bekannten Artillerie-Offizier und fragte
ihn nach dem Vorgefallenen.
    »Der Teufel ist los!« sagte der Capitain. »Pawloff hat uns bei Oltenitza die
Türken über den Hals kommen lassen und ist bereits heute Mittag von ihnen
zurückgedrängt worden. Kommen Sie, Fürst, wir hören die sichersten Nachrichten
von dem Boten selbst.«
    Er nahm ihn unter den Arm und führte ihn durch die Menge zum zweiten Salon,
wo am Büffet eine Anzahl Militairs um einen staub- und schmuzbedeckten
Kosaken-Offizier versammelt war, der, am Tisch sitzend, grosse Gläser starken
Arracpunsches hinunterstürzte. Die Unterhaltung wurde hier russisch geführt und
das andere Publikum hatte sich daher zurückgezogen.
    »Nun, Herr Kamerad,« sagte Capitain Besutoff zu dem Kosaken, »kann man von
Ihnen erfahren, welche Nachrichten Sie gebracht haben, oder ist die Sache
Geheimnis?!«
    »Warum halten hinter dem Berg mit der Sach', die doch sein püblic morgen
früh!« radebrechte der Kosak. »Wir haben bekommen Schläg', starke Schläg'; die
Herren Muselmann, meine Colleg', waren gekommen zu viel und haben gedrängt uns
zurück. Wir werden haben morgen starke Affair'.« Er hob das neugefüllte Glas und
betrachtete den Inhalt schmunzelnd durch das Licht. »Dieser Punsch sein ser gut.
Auf kuten Erfolg, meine Herren Kamerad'!«
    Der Bursche leerte das grosse Glas auf einen Zug. Indes die Offiziere sich
bemühten, die Details aus ihm herauszuholen, trat einer der Adjutanten des
Oberbefehlshabers zu der Gruppe.
    »Seine Durchlaucht hat den Ball verlassen, meine Herren, und sich in sein
Quartier begeben. Sie werden wohltun, sich fertig zu machen und möglichst
schnell im Hotel einzufinden, um ewige Befehle in Empfang zu nehmen. Wir brechen
noch diese Nacht auf nach Budeschti. Sie, Herr Lieutenant,« er wandte sich zu
Iwan, »wünscht der Fürst gleichfalls zu sprechen.«
    Ein allgemeiner Aufbruch der Gesellschaft erfolgte. Als Fürst Oczakoff in
den Ballsaal zurückeilte, um die schöne Bojarin noch zu sprechen, fand er, dass
sie bereits mit ihrem Gatten das Fest verlassen hatte, das jetzt rasch ein Ende
nahm.
    Die Offiziere eilten teils nach ihren Quartieren, teils nach den Kasernen,
oder direct nach dem Hotel des Oberbefehlshabers. Fürst Iwan traf hier bereits
die Vorgemächer voll von Ordonanzen und Offizieren aller Waffengattungen. In dem
Saal des Hauses, wohin er mit mehreren Andern beschieden wurde, fand er den
Fürsten mit der Generalität und den Mitgliedern des Generalstabs um die Karten
versammelt.
    Der Oberbefehlshaber dictirte eben die General-Ordre an den Chef des 4.
Corps, General von Dannenberg, für die Action des kommenden Tages. Sie lautete:
»In der Umgegend von Dobrény und Negoeschti die erste Brigade der 11.
Infanterie-Division mit der Batterie Nr. 3 und die leichte Batterie Nr. 5 der
11. Artillerie-Brigade, 6 Escadronen des Ulanen-Regiments Olwiopol mit 2
Geschützen der 9. Batterie der donischen Kosaken und 300 Kosaken vom donischen
Regiment Nr. 34 zu concentriren, bei dem Dorfe Mitréni-Fundéni Stellung zu
nehmen und mit diesen Streitkräften den Feind von diesem Punkt aus anzugreifen.«
    Zugleich wurden Spezial-Ordres an alle diese einzelnen zwischen der Saltscha
und dem Mostische cantonirenden Truppen zum sofortigen Ausmarsch gefertigt und
die Adjutanten und Ordonanzen flogen damit nach allen Seiten davon.
    Der Regen goss in Strömen vom Himmel, die wenigen Strassen und Wege waren
bereits grundlos.
    In einer Pause der Geschäfte wandte sich der Ober-Kommandirende an den
jungen Mann. »Ich habe Sie rufen lassen, Herr Lieutenant, um Ihnen mitzuteilen,
dass Sie mich nach Budeschti begleiten und der Affaire beiwohnen werden. Sie
haben damit Gelegenheit, sich die Sporen und« - fügte er lächelnd hinzu - »den
noch mangelnden Bart zu verdienen. Ich hoffe, Sie mit guter Botschaft von Ort
und Stelle an den Herrn Marine-Minister zurücksenden zu können. In zwei Stunden
brechen wir auf. Sie werden Pferde aus meinem Marstall nehmen.«
    Er winkte zur Entlassung und wandte sich zu einem andern Offizier.
    Der Fürst trat ab ziemlich betroffen und misslaunig, denn er schien grosse
Wichtigkeit auf die Unterredung mit Frau von Bibesco gelegt zu haben und sah
diese jetzt vollständig vereitelt. Major Szamarin begegnete ihm.
    »Ich höre, Sie werden dem Scharmützel im Generalstabe beiwohnen. Doch wollen
wir uns sputen, dass wir mit den lieben Moslems fertig sind, ehe Sie kommen. Gute
Nacht oder guten Morgen, Kamerad, ich muss zu meiner Escadron, die Kerls werden
sich freuen, dass endlich der Tanz losgeht.«
    Beide reichten sich die Hand und trennten sich, der Major, um mit seiner
Escadron aufzubrechen, der Fürst, um rasch noch seine kurzen Vorbereitungen zu
treffen.
    Zwei Stunden darauf wirbelten die Trommeln durch die Strassen und eine
Infanterie-Colonne setzte sich bei Sturm und Regen in Bewegung.
    Beim ersten Dämmern des Tages folgte ihr der Oberbefehlshaber mit seinem
Stabe nach Budeschti. -
    Oltenitza, wo der erste grössere Kampf dieses Krieges ausgefochten werden
sollte, ist ein kleiner Ort an dem Flüsschen Argisch, kurz vor dessen Einfluss in
die Donau, die hier etwa 630 Schritt breit ist und in deren Mitte, doch näher
dem linken Ufer und Oltenitza gegenüber, wie wir bereits erwähnt haben, eine
ziemlich grosse, stark bewaldete Insel liegt. Links von dem etwas landeinwärts
gelegenen Städtchen befindet sich näher am Ufer der Donau das grosse steinerne
Quarantainegebäude, in dessen Nähe mehrere alte, nach der Landseite offene
Schanzen und Erdwerke vorhanden waren, von den Russen in früheren Kriegen gegen
die Türken aufgeworfen. Der Argisch bildet an seinem Ausfluss sich bis an's
Donauufer erstreckende Sümpfe, welche die Position beengen und schützen.
    Hier hatte wegen der geringeren Breite der Donau auch bei dem Feldzuge von
1828 die russische Armee mit 40,000 Mann am 23. Juni ihren Uebergang nach dem
bulgarischen Ufer bewerkstelligt.
    Wir haben bereits angeführt, dass die Türken am 2. im Schutz des Nebels ein
kleines Corps von der Insel aus auf das linke Ufer geworfen und sich dort in
jenen russischen Schanzen festgesetzt hatten. Mustapha-Pascha und der spanische
Abenteurer General Prim von Reuss, ein ehemaliger preussischer Lieutenant, der
durch die Weiberwirtschaft in Spanien sich zu solchem Range emporgeschwungen
hat und mit der Speculation nach der Türkei gekommen war, mindestens ein
Oberkommando zu erhalten, - leiteten die Unternehmung. Im Laufe des 3. - es war
ein Donnerstag - hatte sich die Zahl der übergesetzten Truppen bedeutend
vermehrt und drängte die russische Vorpostenlinie auf Oltenitza und die in
Kanonenschussweite hinter dem Ort belegene befestigte Reservestellung zurück. Am
Nachmittag entspann sich ein Gefecht, bei dem die Russen - grösstenteils nur
Kosaken - sehr im Nachteil waren und Oltenitza räumen mussten, während die
Türken ihre Stellung überaus befestigten, auf der Donauinsel zwei Batterieen
errichteten und das Quarantainehaus zu einer solchen umgestalteten. Fortwährend
kamen zugleich Verstärkungen vom rechten Donauufer an.
    Diese misslichen Umstände waren es, die General Pawloff dem
Höchstkommandirenden am Nachmittag des Dritten nach dem etwa acht Stunden von
Oltenitza entfernten Hauptquartier gemeldet hatte.
    Am Freitag Morgen - der Freitag ist der Sonntag der Moslems - standen
bereits 14-15,000 Türken3 verschanzt auf dem linken Donauufer in überaus
vorteilhafter Position. Dieselbe lehnte sich rechts an die Donau, links an den
Argisch. Ihr rechter Flügel war überdies durch mehrere terrassenförmige
Batterieen von zusammen 40 Geschützen am rechten Donauufer und auf dem alten
Schloss von Tuturkai, ihr linker Flügel durch die beiden bestreichenden
Batterieen auf der Donauinsel gedeckt. Die Front, in deren Mitte das steinerne
mit 6 Kanonen besetzte Quarantainehaus stand, war durch Schanzkörbe und
Pallisaden geschützt, welche sie vom rechten Donauufer herüber gebracht hatten.
    Während des ganzen Morgens und Vormittags feuerte die Artillerie gegen
einander, doch in solcher Entfernung, dass wenig Erfolg auf beiden Seiten sich
zeigte. Gegen Mittag endlich klärte sich das Wetter auf und zugleich rückten von
Mutréni-Fundéni und Szanzowa her die consignirten Truppen des Generals von
Dannenberg in die ihnen bezeichneten Stellungen.
    Dieselben waren, Alles in Allem, 8000 Mann stark4, da die Regimenter alten
Schlages, das heisst sehr unvollständig, waren.
    General von Dannenberg hatte sich mit dem Stabe unfern Oltenitza
aufgestellt. Die Kosaken plänkelten auf beiden Seiten, obschon die Stellung des
Feindes jeden Flankenangriff hinderte. Das Selenginski'sche Infanterie-Regiment
(Nr. 21) unter Oberst Sabatinski, und das Jakutzki'sche Regiment (Nr. 22),
geführt vom Oberst Bjalui, standen in Kanonenschussweite in spitzem Winkel
aufgestellt, die Mitte für die Artillerie freilassend, die General-Major
Wedowitschenko kommandirte. Die Ulanen unter General-Major Kosljaninoff bildeten
die Reserve.
    Da die Stellung der Türken nirgends umgangen werden konnte, beschloss der
General den Frontalangriff. Schon während der Aufstellung der Truppen hatte die
türkische Artillerie ihr Feuer aus allen Geschützen und selbst aus einigen auf
dem rechten Ufer aufgestellten Mörsern begonnen.
    Um ein Uhr gab der russische Befehlshaber das Zeichen zum Angriff und sandte
die beiden Batterieen Nr. 3 und 5 bis auf etwa 13-1400 Schritt Entfernung von
den feindlichen Schanzwerken vor, wo sie abprotzten und sofort das Feuer gegen
die türkischen Verschanzungen eröffneten.
    Während einer Stunde spielte die Artillerie, auf beiden Seiten trefflich
bedient, wobei es jedoch der russischen gelang, bis auf Kartätschenschussweite
vorzugehen.
    Die Trommeln wirbelten nunmehr zum Angriff und vier Bataillone des
Selenginski'schen, nebst zwei des Jakutzki'schen Regiments formirten die
Sturmcolonne, kommandiert von Oberst Sabatinski.
    In diesem Augenblick traf der Oberbefehlshaber, Fürst Gortschakoff, mit
seinem Gefolge auf dem Schlachtfelde ein.
    Die Artillerie gab noch eine Salve, dann wandte sie sich zur Rechten und
Linken, und beschoss die Schanze und die Insel, während die Colonne im
Sturmschritt vorging.
    Der erste Aufstoss war fürchterlich - der Tod hielt seine reiche Ernte. Die
Geschütze im Quarantainehause schwiegen, bis die Colonne auf hundert Schritt an
die Pallisaden heran war, und begannen dann ihr Kartätschenfeuer auf die
dichtgedrängte Masse.
    Die Colonne wankte, doch der Zuruf der Offiziere hielt sie zusammen und
trieb sie vorwärts.
    Eine zweite volle Lage begrüsste sie, kaum dreissig Schritt von den
Verschanzungen, eine der Kugeln riss den tapfern Veteran zu Boden, der sie
führte.
    Dies Mal widerstand die russische Tapferkeit nicht, die Bataillone wichen
und stürzten in wilder Flucht zurück; zugleich warf sich die zur Seite des
Quarantainehauses, zwischen diesem und der alten Schanze gedeckt aufgestellte
Kavallerie auf die Weichenden und trieb sie in wilder Flucht vor sich her. Die
russische Artillerie vermochte nicht ein Mal, zum Schutz der Ihren zu feuern, so
dicht geballt in einander waren Freund und Feind.
    »Nun, Fürst, verdienen Sie sich das Hauptmannspatent. Hinunter zu
Kolsjaninoff, er soll angreifen und den Leuten Luft schaffen.«
    Iwan verbeugte sich vor dem Kommandirenden und gab seinem Pferde die Sporen;
in wenig Augenblicken war er bei den Ulanen und hatte die Ordre überbracht.
    »Abgeschwenkt, erste, dritte und fünfte Escadron rechts, die zweite und
vierte links, die sechste in Reserve. Galopp! Marsch!« Die Kommando's erklangen,
die Trompeten bliesen, und im Galopp sausten die braven Ulanen über das schlimme
Terrain, während durch die Mitte bereits die Spitzen der Fliehenden anlangten.
    Die türkische Kavallerie, aus Husaren und syrischen Baschi-Bozuks bestehend,
erhielt von zwei Seiten den Stoss und konnte nur schwer widerstehen. Dieselben
Ursachen, welche die russische Artillerie behindert hatten, dienten auch jetzt
den Gegnern zum Nachteil. Ein wildes Einzelngefecht entspann sich, namentlich
auf der Seite der Baschi-Bozuks, die mit ihren Lanzen den Ulanen das
Gleichgewicht zu halten vermochten.
    Hier, neben Szamarin im dichtesten Gewühl, befand sich der junge Fürst. Sein
Gesicht war bleich, doch die Augenbrauen finster zusammengezogen, wie von einem
festen Entschluss. Seine Rechte hielt den Degen, doch nur zur Verteidigung, -
diese Klinge war noch rein von Blut!
    In solcher Nähe war der Kampf mit den wilden Söhnen der syrischen Steppen
furchterregend. Die braunen Gesichter mit den blitzenden Augen, die wilden
ungewohnten Gestalten in der seltsamen oft zerlumpten Tracht, konnten selbst die
Kaltblütigkeit eines alten Soldaten verwirren. Dem Fürsten blitzte und wogte es
vor den Augen, bis er einen scharfen Schmerz an seinem linken Arm hingleiten
fühlte, ein Lanzenstich, für seine Brust bestimmt, hatte ihn leicht verwundet.
Im Augenblick darauf hieb Szamarin den Turkomanen vom Pferde.
    »Vorwärts, Kamerad, nicht geschont die ....«
    Der schwere Schlag eines Yatagans traf durch den Kalpak hindurch seine
Stirn, zugleich durchbohrte eine Pistolenkugel seine Brust, - der Tapfere
breitete die Arme weit aus - in der Faust noch den Säbel hoch geschwungen - dann
stürzte er unter die Hufe der Pferde, die nur den zuckenden Leichnam zertraten.
    Dies Mal war es der jungfräuliche Stahl, der den Tod des Kameraden rächte
und sich tief in die Seite des Schützen begrub. Ein wilder Schreckensruf
erfolgte, als der Türke, offenbar ein Offizier höheren Ranges, fiel, und
zugleich brach von der Seite her die Reserve der sechsten Escadron in den Feind.
Die regulairen Reiter wandten sich zur Flucht, im Augenblick war diese
allgemein; im Carriere nach dem Ufer, bis in's Wasser der Donau hinein, jagte
die türkische Kavallerie, verfolgt von den Ulanen, bis das Flankenfeuer von den
Batterien der Insel diesen Einhalt gebot und sie zurücktrieb.
    Bleich, schwankend auf seinem Ross, den blutigen Stahl noch an der Hand
hängend, kam Fürst Iwan in den Reihen der schwergelichteten Escadrons zurück.
Ein alter bärtiger Unteroffizier führte am Zügel den prächtig geschirrten
Araber, dessen Sattel sein Stoss eben geräumt hatte. -
    »Sie sind ein Glückskind, Fürst,« sagte der Cornet an seiner Seite; »ich
glaube, es war der Führer dieser Horden, den Sie getroffen haben. Vielleicht
findet sich in diesen goldverbrämten Satteltaschen ein Ausweis; schade, dass wir
nicht Zeit hatten, den Kerl selbst zu durchsuchen.«
    In der Tat fand man in diesem Reservoir der türkischen Soldaten neben dem
Tabacksbeutel die Ordres des Tages, welche erwiesen, dass der Getödtete Hassan
-Pascha, der Führer der Kavallerie des Corps, war.
    Der Oberbefehlshaber selbst kam der zurückkehrenden Kavallerie entgegen und
hörte die dem Kommandirenden erstatteten Rapporte an, während die Colonnen sich
wieder sammelten und formirten. Hierbei wurden auch die in dem Sattelzeug des
gefallenen türkischen Führers gefundenen Ordres und Papiere übergeben, und von
einem der Offiziere, der türkisch verstand, schnell übersetzt.
    Sie schienen von Wichtigkeit, denn während die Artillerie von Neuem ihr
Spiel begann, zog sich der General en chef mit dem Kommandirenden des Corps und
einigen der älteren Stabsoffiziere zu einem kurzen Kriegsrat zurück.
    Derselbe war in wenig Minuten beendet, und indes General Dannenberg auf's
Neue seine Befehle für den Angriff erteilte, winkte der Oberkommandirende den
jungen Fürsten zu sich. -
    »Ich gratulire, Herr Capitain« sagte er freundlich; »Sie haben sich in Ihrer
ersten Affaire ausgezeichnet, wie ich sehe, selbst auf Kosten einer Wunde, und
uns zugleich einen wichtigen Dienst geleistet. Ich breche in diesem Augenblick
nach Giurgewo auf, wo, wie ich aus den gefundenen Papieren ersehe, unsere
Positionen zugleich bedroht sind. Sie bleiben bei General Dannenberg zurück, der
Sie später mit Depeschen an General Anrep und General Lüders senden wird. Von
Galacz aus begeben Sie sich nach Odessa zurück. Ich hoffe, Herr Capitain, wir
sehen uns bald wieder.«
    Er galoppirte davon und Fürst Iwan schloss sich, nicht ohne geheimen Stolz
und dennoch trübe und ernst, dem Stabe des Kommandirenden an.
    Der Tag neigte sich stark, es war bereits 4 Uhr. General Dannenberg hatte
die Ordre erhalten, noch einen kräftigen Angriff zu machen und die Türken
womöglich aus ihrer Position zu verdrängen, jedenfalls aber die eigene Stellung
zu halten.
    Die Trommeln gaben das Zeichen zum Antreten, und wiederum gingen die
Batterieen vor und eröffneten das Feuer. Dies Mal hatten alle acht Bataillons
das Kommando zum Sturm, während die Hälfte der Ulanen mit den Kosaken nachrücken
und die türkische Kavallerie in Schach halten sollte. General-Major Ochterlone,
ein Ire von Geburt, der Commandeur der Brigade, übernahm selbst das Kommando.
    Der Sturmmarsch wirbelte in kurzen Schlägen; die beiden Colonnen setzten
sich in Geschwindschritt, die Eine gegen das Quarantainehaus, die Zweite gegen
die grosse Verschanzung.
    Beide gelangten zu gleicher Zeit - ohne dass die feindliche Artillerie
feuerte, - an das Ziel, die Erste an die Pallisaden, die Zweite an die mit
Wasser gefüllten Gräben vor den Schanzen.
    In diesem Augenblick begann auf ein von den letztern aus gegebenes Signal
ein mörderisches Feuer aus den maskirten Batterieen der Schanzen, aus den
Kanonen des Quarantainehauses und von Tuturkai herüber. Zugleich eröffneten die
auf der Schanze und im Gebäude postirten Scharfschützen - nach dem mehrfach
hörbaren italienischen Kommando meist Piemontesen - ein tödtliches Feuer auf die
Anstürmenden.
    An den Pallisaden wogte der Kampf in wildester Heftigkeit auf und nieder,
die Leichen türmten sich in Haufen, der Tod hielt seine grässliche Ernte unter
den Russen.
    Die finstern verbissenen Männer sanken ohne Klage, noch im Sterben den Feind
bedrohend.
    Vergebens war der Ansturm; die Pallisaden zwar fielen unter dem Andrängen
der Tapfern, die sie mit den Händen aus dem Boden rissen und die stürzenden mit
ihren Leichen deckten. Hinter der Wand von Holz starrte die Wand der Bajonette,
aus den Fenstern des Hauses regneten die Büchsenkugeln der Scharfschützen und
die Kartätschen der Inselbatterieen schlugen grimmig in die Reserve.
    Drüben an den Schanzen tobte der Kampf nicht minder heftig. Von den
Nachfolgenden getrieben, warfen sich die Vorderreihen in die wassergefüllten
Gräben, deren Flut ihnen bis an den Hals ging. - Das Gewehr hoch in der Hand
drangen sie vor, wer glitt, wer stürzte, war rettungslos verloren, die Füsse der
eigenen Kameraden traten ihn in den Grund. An dem Wall klommen sie empor, Zehn,
Zwanzig, Hundert stürzten herab in das nasse Grab, aber hier krallte sich Einer
fest auf der Böschung, dort ein Zweiter, ein Dritter, Hundert standen auf dem
Wall:
    »Hurrah! die erste Schanze ist erstürmt!«
    Die fliehenden Türken warfen sich auf ihre Kavallerie, Verwirrung, Toben
überall, die Reiter setzten in den Strom, um die Insel zu erreichen, selbst die
Infanteristen stürzten sich in die Wellen nach den Booten und Schiffen.
    »Victoria!«
    Aber der Ruf war zu früh. Von der zweiten flankirenden Schanze donnerten die
Kartätschenladungen in die Sieger und rissen breite Lücken. Von Tuturkai herüber
schmetterten die Passkugeln Tod und Verderben in die Reihen, ein mörderisches
Feuer erhob sich von den Booten.
    Von der Front des Quarantainegebäudes wichen die Tapfern, das Kreuzfeuer der
Batterieen war nicht auszuhalten. Zum Glück explodirten, von den russischen
Kugeln entzündet, zwei Pulverkasten in dem Gebäude selbst und rissen breite
Spalten in die kugeldurchlöcherten Mauern, so dass sich die türkische Artillerie
daraus zurückziehen musste.
    Aber am Ufer fasste sie neues Posto und bestrich von hier aus den Platz um
das Haus und die eroberte Schanze.
    Ein weiterer Angriff auf die von der Insel und Tuturkai her gedeckten
übermächtigen Massen wäre Wahnwitz gewesen. General Dannenberg gab das Zeichen
zum Rückzug.
    Die Ambulancen nahmen unter dem Schutz von Kavallerie-Pikets dicht vor der
türkischen Stellung unbehindert ihre Verwundeten auf. Zwölfhundert Todte und
Verwundete deckten von russischer Seite das Feld, - fast sämtliche Majors, beide
Obersten waren verwundet, achtzehn Offiziere unter den Leichen; - die gesicherte
Position hatte den Verlust der Gegner bedeutend geringer gelassen.
    Der Sieg war unentschieden; das Dunkel des Abends lagerte sich über die
blutgetränkten Fluren, die Türken campirten am Donauufer und in der grösseren
Schanze, die sie behauptet hatten, die Russen zogen sich auf Oltenitza zurück.
    Hier - das Städtchen war verschont geblieben von dem Kampf, - in der Stube
eines kleinen Häuschens fertigte General Dannenberg zunächst die Depeschen, mit
denen Boten nach allen Seiten abgingen. Capitain Fürst Oczakoff erhielt die
Ordre, zunächst nach Kalarasch zu General Anrep, so wie für General Lüders oder
den Kommandirenden von Galacz, General Engelhard, die Depeschen zu überbringen,
welche eiligst alle disponiblen Truppen requirirten.
    Die Nacht lag mit ihren feuchten Nebeln über Flur und Strom, als der neue
Capitain mit seinem Diener und zwei Ordonanz-Kosaken durch die Strassen des Orts
schritt, um sich eine Strecke unterhalb Oltenitza im Schutz des Dunkels in einem
Fischerboot zur Fahrt nach Kalarasch einzuschiffen.
    Von dem Schlachtfelde her trugen die Windstösse hin und wieder seltsame Töne
herüber. Aus den Häusern, die zu Lazareten eingerichtet waren, drangen die
Klagen und Seufzer des Schmerzes; - ein Zug dunkler Gestalten auf dem Wege zur
Kampfstätte defilirte an ihnen vorüber: - die Todtengräber gingen an ihr
Geschäft! -
 
                                    Fussnoten
1 Baschi-Bozuks, zu Deutsch etwa Wirrkopf.
2 Das alte Aegisus. Auf dem bessarabisschen Ufer der Donau, tiefer hinein im
Lande, zwischen dem Kilia-Arm und dem Jalpuk-See, liegt die russische Festung
Ismaël, berühmt durch Suwaroff's Sieg, auch durch Byron's Don Juan bekannt.
3 Die Angaben der Zeitungen über die Stärke des türkischen Corps waren damals
sehr verschieden und schwankten zwischen 12- und 23,000 Mann (Ostdeutsche Post,
Telegraphische Depesche des Preussischen Staats-Anzeigers aus Bukarest). Das
Journal de Constantinople war sogar naiv genug, seine erste Angabe von 12,000
Mann auf 3700 zu reduziren, während es die russische Macht auf 25-30,000 Mann
angibt. Bis jetzt ist noch keine irgend zuverlässige und brauchbare Geschichte
des Donaufeldzuges bekannt, selbst die offiziellen Rapports sind spärlich und
unvollständig und die Zeitungsmitteilungen geben, namentlich über die Treffen
bei Oltenitza, die widersprechendsten Nachrichten. - Unter diesen Umständen
dürfte das vorliegende Buch, da dem Verfasser besondere Privatquellen zu Gebote
standen, zugleich das Verdienst einer ersten übersichtlichen und detaillirten
Geschichte haben. Nach diesen Quellen war das ganze, bei Tuturkai concentrirte
Truppencorps, 14,000 Mann, über die Donau gegangen und wurde durch Zuzüge bis
zum 4. verstärkt. Die Reserven blieben auf dem rechten Donauufer.
4 Nach dem Etat hätten die kommandirten russischen Truppen betragen müssen:
Jedes der beiden Infanterie-Regimenter der 11. Division:
4008 Mann Combattanten und
89 Offiziere 8194 Mann,
6 Escadrons à 187 Mann
inclusive Offiziere 1122 Mann,
2 Batterieen à 178 Mann 356 Mann,
Kosaken 300 Mann,
2 Geschütze 60 Mann,
 ---------
 10,032 Mann,
mit 18 Geschützen. Hierzu die zusammengezogenen Vorposten-Linien der Kosaken.
Die russischen Regimenter waren jedoch, wie erwähnt, damals so unvollständig,
dass schon die Gesammtzahl 8000 eine sehr hochgegriffene ist. Offiziere, welche
die Affaire mitgefochten haben, behaupten, dass nur 6000 Mann versammelt waren,
und der Ausgang scheint diese Annahme zu bestätigen.
 
                               II. Die Schlacht.
Von allen Seiten rückten am 6., 7. und 8. die disponiblen russischen Corps nach
Oltenitza heran. Es galt, den Kriegsplan des türkischen Oberfeldherrn in seiner
ersten Entwickelung zu brechen.
    Während, wie oben erwähnt, der äusserste linke Flügel des Muschirs in der
Stellung von Widdin-Kalafat die Verbindung mit Serbien verhinderte und die
Russen in der kleinen Walachei beschäftigte, hatte Omer Pascha seine Hauptmacht
bei Tuturkai und Rustschuk concentrirt und beabsichtigte, von beiden Punkten aus
die russische Position zu durchbrechen und concentrisch gegen Bukarest
vorzudringen. Zugleich sollten ein dritter Uebergang bei Silistria die linke
Flanke der russischen Stellung isoliren und ähnliche Versuche an andern Punkten
ihre Donaulinie in Allarm halten.
    Von diesem Plan war bis jetzt nur der Uebergang und die Festsetzung bei
Oltenitza gelungen und auch hier durch den raschen Angriff des Dannenberg'schen
Corps ein weiteres Vorgehen verhindert worden.
    Wir haben bereits zu Anfang des Kapitels mitgeteilt, dass auch die Versuche
auf Giurgewo am 1. bis 3. gescheitert waren.
    Dennoch gab der Muschir das Unternehmen nicht auf. Er war jetzt selbst im
Lager von Tuturkai eingetroffen, zugleich mit ihm von Constantinopel der
berühmte Insurgenten-General Klapka, und unter dessen Leitung wurden die
Anstalten getroffen, die Stellung in Oltenitza auf's Neue zu befestigen. Die
fortwährend seit dem, 4. über den Strom zugeführten Verstärkungen hatten es
möglich gemacht, die russischen Vorposten bis hinter Oltenitza und auf ihre etwa
einen Kanonenschuss hinter diesem Ort befestigte Reserveposition zurückzuwerfen.
    Am 8. standen 25,000 Mann Türken in den neu befestigten Schanzen und um das
Quarantainehaus in der nämlichen Aufstellung, die bei dem Kampf am 4. so tapfer
verteidigt worden war. General Klapka, der ausgezeichnetste Artillerist der
ungarischen Armee, kommandirte die Artillerie und hatte zur Herstellung der
Verbindung der Ufer über die Mündung des Argisch Brücken schlagen lassen.
    Unterdess concentrirten sich die russischen Streitkräfte bei Budeschti und am
Morgen des 9. waren in den nächsten Umgebungen von Oltenitza 35,000 Mann
versammelt unter'm Kommando, des Oberbefehlshabers. Zwei berühmte
Artillerie-Generale standen also hier einander gegenüber.
    Auch bei Giurgewo hatten die Russen ihre Stellung befestigt und unweit davon
in der Richtung nach Bukarest ein verschanztes Lager von 7-8000 Mann bei
Foreschti gebildet, um die Türken bei einem Uebergange zu verhindern, von hier
aus der russischen Stellung in die Flanke zu fallen.
    Am 8. setzten die Türken von Rustschuk auf die zwischen den beiden Städten
liegenden Donauinseln über und befestigten die grössere derselben, die
Mokomen-Insel. Die Position war gefahrdrohend, und General-Lieutenant Szoimonoff
, der Kommandirende der 10. Infanterie-Division, dem die Verteidigung dieses
Teils anvertraut blieb, beschloss, die Gegner von der Insel zu vertreiben, ohne
erst die von Bukarest nach Giurgewo dirigirte, wegen der schlechten
Beschaffenheit der Wege aber noch nicht angelangte Brücken-Equipage abzuwarten.
    In der Nacht zum 9. liess daher der General 24 Stück schweres Geschütz,
dessen Räder, um jedes Geräusch zu vermeiden und auf diese Weise dem Feind die
Annäherung zu verbergen, mit Stroh umwickelt waren, an das Donauufer führen und
am andern Morgen, sobald der den Strom bedeckende Nebel gefallen, aus diesen das
Feuer gegen die Position der Türken auf der Mokomen-Insel eröffnen.
    Nach drittehalb Stunden waren die Türken, die hier wegen der Breite des
Flusses vom eigenen Ufer aus nicht genügend unterstützt werden konnten,
genötigt, die Position zu räumen. Dagegen behielten sie ihre Stellung auf einer
nahe gelegenen und durch die Terrain-Formation besser gedeckten Insel.
    Zur selben Zeit befahl Fürst Gortschakoff den Angriff auf die Verschanzungen
der Türken in und bei Oltenitza Die Oberbefehlshaber der beiden Heere
kommandirten hier gegen einander.
    Am 9. und 10. bestand der Kampf grössenteils in Artillerie-Gefecht, doch
wurde am letztgenannten Tage Oltenitza von den Russen mit dem Bajonet genommen
und wieder verloren. Am Abend des 10. hatte der Muschir noch unverändert seine
Stellung inne.
    Das Wetter war so schlecht, dass die Artillerie oft nicht feuern konnte.
Dennoch wurde der Kampf mit geringen Unterbrechungen Tag und Nacht fortgesetzt.
    Fürst Gortschakoff beschloss für den nächsten Tag einen gemeinsamen Angriff
auf alle Punkte der türkischen Position. Die Vorbereitungen wurden während der
Nacht in umfassender Weise betrieben.
    Mit dem Schwinden der Nebel am Morgen begann die Kanonade aus mehr als
achtzig Geschützen, denen die nicht viel geringere türkische Artillerie
antwortete. Der Kanonendonner war deutlich in Bukarest zu hören.
    Um 11 Uhr Vormittags begann der Sturm. Drei Mal wurde Oltenitza von den
Colonnen der Russen genommen, erst zum dritten Mal vermochten sie es zu
behaupten, doch war der Sieg nutzlos; denn alsbald beschoss die türkische
Artillerie von den Schanzen den verlorenen Halt mit glühenden Kugeln und die
Flamme jagte die Sieger wieder aus den erstürmten Gassen.
    Am blutigsten tobte jedoch die Schlacht an den Schanzen selbst. Colonne auf
Colonne führten die Generale zum Sturm, aber das furchtbare Kreuzfeuer von vier
Punkten aus warf sie immer auf's Neue zurück und ihre Todten deckten haufenweise
den Boden.
    Die Türken hatten Massen von Schanzkörben von Tuturkai herüber geschafft und
mit diesem Material die Stellung am Quarantainehause und den Schanzen befestigt.
Die Brücke über den Argisch ermöglichte es der türkischen Kavallerie, mit Erfolg
an den Einzelngefechten auf beiden Seiten Teil zu nehmen.
    Erst Nachmittag um 4 Uhr befahl der Fürst den Rückzug; die erschöpften
Truppen bivouacquirten um das brennende Oltenitza, neue Kraft zu sammeln für die
Blutarbeit des nächsten Tages, die wahrscheinlich eben so vergeblich sein
sollte.
    Der Generalstab hatte sich nach dem Dorfe Mitréni-Fundéni zurückgezogen und
hielt dort Kriegsrat. Am nächsten Morgen wurde der Ankunft des Generals Anrep
mit seinem Corps von Kalarasch entgegen gesehen und der Kampf sollte dann mit
den frischen Truppen erneuert werden.
    In dem Dorfe selbst herrschte das Leben eines Feldlagers nach der Schlacht;
Truppen aller Waffengattungen kampirten auf den Strassen, in den Häusern und
Ställen der Tscharan's1, grosse Feuer, vom Novembersturm oft in langen Zungen
über die ärmlichen Erdhütten hin gejagt, gaben den umherlagernden Gruppen Wärme
und Nahrung. Geschrei, Lärm, Gelächter und Töne des Schmerzes überall, der Wotka
und der Rakih2 machten die fleissige Runde, Juden, Zigeuner und zerlumptes
Gesindel aller Art, trieb sich zwischen den Soldaten umher, Lebensmittel feil
bietend, oder um Beute schachernd. Hin und wieder klang das Spiel der Citer
oder der Trommelflöte, von Zigeunern gespielt, und versammelte die für Musik
sehr empfänglichen Söhne des Nordens in dichten Haufen.
    Vor dem Quartiere des Oberbefehlshabers herrschte nicht weniger reges Leben,
Offiziere aller Grade, Wachen, Ordonanzen, kommende und gehende Boten bildeten
ein buntes Gewühl, durch das sich eben ein junger Mann in reicher, aber jetzt
schmuzbedeckter ungarischer Tracht drängte, eifrig nach Capitain Meiendorf
forschend und fragend. Endlich gelang es ihm, durch das Geschenk eines blanken
Dukatens eine Ordonanz zu bewegen, den Capitain, der als Adjutant im Stabe
stand, aufzusuchen.
    Bald darauf erschien derselbe und schaute sich nach dem Suchenden um. -
    »Ah, sieh' da, Herr Aleko Pelin,« sagte er freundlich, als er ihn in dem
jungen Mann gefunden, »was führt Sie hierher aus der glänzenden Gesellschaft von
Bukarest in unsere Reihen, wo der Tod seine Ernte hält? Dieser Ort ist wahrlich
kein Aufentalt für einen der ersten Stutzer der walachischen Hauptstadt, der
nicht an Gefahr, Anstrengung und Entbehrung gewöhnt ist, wie sie hier allein zu
holen sind.«
    Der junge Mann lächelte einen Moment höhnisch bei dem Spott über seine
Weichlichkeit, dann aber fasste er hastig den Arm des Offiziers und zog ihn bei
Seite.
    »Entschuldigen Sie, Herr Capitain,« sagte er erregt, »dass ich die flüchtige
Bekanntschaft im Hause meines Vaters, des Gross-Kaminars, benutze, um in einer
dringenden Angelegenheit mich an Ihre Hilfe zu wenden. Ich bin, wie viele
Andere, von Neugier und Teilnahme getrieben hierher gekommen und fand zufällig
hier einen jungen Menschen, den ich kenne, in grosser Gefahr, wegen irgend eines
Missverständnisses von Ihren aufgereizten Soldaten getödtet zu werden. Es ist -
-« er zögerte, »zwar nur ein Zigeuner, aber ich gestehe, ich nehme grosses
Interesse an ihm und wusste in meiner Not nicht, an wen ich mich wenden sollte.«
    Der Capitain blickte ziemlich ernst.
    »Sie sollten sich hüten vor solchen Bekanntschaften, Herr Pelin. Sie wissen
sehr wohl, dass der Gross-Kaminar wenig mit Ihrem Treiben zufrieden ist und dass
solcher Umgang nicht zu der Stellung passt, die Sie sonst in Bukarest einnehmen.
Doch sollen Sie sich nicht umsonst an mich gewendet haben. Wo ist der Mann?«
    »Er wird in der nächsten Wache festgehalten.«
    »Ich hoffe, dass er unschuldig ist und ich Etwas für ihn tun kann. Kommen
Sie.«
    Er ging mit dem jungen Bojaren die Gasse entlang, bis sie an das Haus kamen,
wo die Corpswache sich einquartiert hatte. In dem Stübchen fand der Capitain ein
seltsames Paar. Ein junger Mensch von siebzehn bis achtzehn Jahren, in der
zerlumpten Tracht eines Zigeuners, die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt,
horchte mit bleichem Gesicht, auf dem bereits alle Spuren der Liederlichkeit
sich zeigten und jetzt deutlich die Todesfurcht ausgeprägt lag, in einem Winkel
zusammengekauert, zagend auf die Trostsprüche eines Mädchens, das, vielleicht
zwei bis drei Jahre älter als der junge Verbrecher, auf der Erde neben ihm sass,
ohne sich um die Reden und Spöttereien der Soldaten zu kümmern.
    Als sie sich bei dem Eintritt Aleko's und des Capitains erhob, zeigte sich
diesen eine jener seltsamen Schönheiten, wie sie die in der Walachei noch sehr
zahlreiche3 Zigeunerrace in all ihrem Schmuz und aller Versunkenheit oft
hervorbringt: eine junonisch schöne Gestalt, die selbst das gürtellose
walachische Hemd mit der breiten rot- und gelbgestreiften Schürze nicht zu
verbergen vermochte, die Züge des dunkelbraunen Gesichts regelmässig, fein,
schwärmerisch; über den Feuer- und Mut-blitzenden schwarzen Augen die schön
gewölbten Augenbrauen, an der Nasenwurzel einander entgegenlaufend; das üppig
wuchernde schwarze Haar von einem roten Tuch bundartig zusammen gehalten; - das
war das Wesen, das ihnen mit einer gewissen kühnen Haltung entgegen trat und
eifrig den Bojarensohn befragte. Der Capitain glaubte nicht mit Anrecht in dem
Mädchen die Ursache des Interesses zu sehen, das der junge Mann an dem
Vagabonden nahm, und erkundigte sich bei dem Unteroffizier der Wache, was
derselbe verbrochen habe. Zu seinem Bedauern vernahm er jedoch, dass die Sache
ernster war, als er gehofft. Der Bursche hatte sich mit Andern seines Gelichters
im Hauptquartier eingefunden, und war am Abend von einer Patrouille mit mehreren
Gefährten dabei betroffen worden, wie sie einen russischen Soldaten, der sich
verwundet zum Dorfe schleppte, geplündert und ermordet hatten. Der Unglückliche
lebte noch und bezeichnete seine Mörder, von denen es nur gelungen war, den
Zigeuner zu erwischen. Leugnen nutzte nicht, denn der Beweis lag vor und die
Befehle gegen das Gesindel waren äusserst streng. Der Oberst des Regiments hatte
kurz entschieden, ihn am andern Morgen vor dem Aufbruch zur Warnung für seine
Genossen aufzuhängen.
    Als der junge Bojar sich daher wieder an den Capitain wandte, zuckte dieser
bedauernd die Achseln und erklärte, dass er gegen das ausgesprochene Urteil
eines kommandirenden Offiziers nicht interveniren könne und der Bursche sein
Schicksal ohnehin verdient habe.
    Das Mädchen - die Schwester des Verurteilten - schien an der Miene der
Sprechenden den abschläglichen Bescheid erraten zu haben, denn sie warf sich
heftig dem Capitain in den Weg, der bereits die Hütte verlassen wollte.
    »Weile, blanker Krieger,« bat sie flehend, »und höre was Dir Sarscha zu
sagen hat. Mungo ist ihr Bruder und Mungo darf nicht sterben, denn er ist
Zinka's, meiner Mutter, Sohn und ihre Liebe und das Messer in ihrem Herzen. Wer
sollte meinen Vater Tunso rächen, wenn es nicht sein Anblick bei ihr täte? Gieb
ihn frei, blanker Krieger, und die Kinder des Egypterlandes werden Dich segnen
und können Dir dienen, mehr als Du denken magst!«
    »Machen Sie der Scene ein Ende, Herr Pelin,« sagte der Capitain, der die
walachische Sprache des Mädchens nur sehr unvollkommen verstand, unwillig zu
seinem Führer. »Sie werden besser tun, sich mit mir zu entfernen.«
    »Halten Sie ein, Herr Capitain,« erwiederte der junge Mensch, dem Sarscha
einige Worte gesagt hatte, während ihr Bruder jammernd zu den Füssen des
Offiziers kroch. »Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie von sich stossen. Das Leben
dieses Burschen kann Ihrer Armee den Sieg verschaffen, die sich sonst nutzlos
vor den Batterieen der Türken opfern wird. Seine Mutter allein vermag es, wenn
sie will, Ihre Colonnen durch die Sümpfe des Argisch und den Feinden in den
Rücken zu führen.«
    Der Capitain horchte auf. »Was sagen Sie da? Ist das Ihr Ernst?«
    »Ich schwöre es Ihnen! Die Zigeunerin Zinka ist die Einzige, welche aus
früherer Zeit die geheimen Schlupfwege der Sümpfe kennt, und sie wird das Leben
ihres Sohnes gern mit diesem Preis erkaufen.«
    Herr von Meiendorf wusste, welchen unendlichen Wert das Anerbieten haben
musste, wenn es sich bewahrheitete. Es konnte das Schicksal des Kampfes sofort
entscheiden; denn gelang es dem Feldherrn, Truppen zwischen das Donauufer und
die türkische Position zu werfen, so war diese mit gänzlicher Abschneidung
bedroht und der Feind musste sich eiligst zurückziehen oder war verloren. Er
überlegte einige Augenblicke, dann sagte er:
    »Wo befindet sich die Frau, von der Sie sprechen?«
    »Sie wohnt in den Sümpfen selbst, einsam und allein mit ihrer Familie, denn
ihr Stamm hat sie verstossen und jeder Walache geht ihr mit einem Fluch aus dem
Wege.«
    »Wohlan, ich will Ihnen glauben und mich von Ihnen oder diesem Mädchen zu
dem Weibe führen lassen, um sie selbst zu befragen. Ist das, was Sie sagen,
wahr, so bürge ich Ihnen dafür, dass der Verbrecher dort frei und ungestraft
ausgehen soll. Beabsichtigt man jedoch, einen Verrat an mir zu üben, so werden
meine Kameraden mich rächen. Jeden Falls bleibt der Mensch als Geissel hier
gefangen.«
    Er erteilte dem Unteroffizier der Wache seine Befehle, schrieb einige Worte
mit Bleistift an einen Kameraden, um seine Abwesenheit zu rechtfertigen, und
winkte dann, dass er bereit sei, sich auf den Weg zu machen.
    Sogleich hüllte sich die junge Zigeunerin in ihr Regentuch und verliess das
Haus. Der Capitain und Aleko folgten ihr, nachdem dieser noch den jungen
Vagabonden beruhigt hatte.
    Das Mädchen wandte sich, ohne die Anreden und Spöttereien zu beachten, die
ihr von den zahlreichen Soldaten-Gruppen zu Teil wurden, zwischen denen
hindurch ihr Weg sie führte, nachdem sie das zum grössten Teil aus walachischen
Erdhütten bestehende Dorf verlassen hatten, sofort nach der Richtung der Sümpfe,
die etwa 1000 Schritt zur Seite ihren Anfang nahmen. Stumm und ernst schritt sie
vor ihnen her, ohne sich anscheinend viel um die Nachkommenden zu kümmern, auf
einem Wege, der schlangengleich sich durch den Morast und das hohe Schilf und
Röhricht wand. Aleko Pelin schien jedoch ziemlich vertraut damit, denn obschon
die hohe Gestalt ihrer Führerin oft im Dunkel verschwand, geleitete er den
Capitain doch sicher und ohne sich zu besinnen den verwickelten Pfad, von dem
der Offizier mit Staunen bemerkte, dass er obwohl hin und wieder schwankend, wie
auf elastischem Grund, doch sicher und fest genug war, eine bedeutende Last zu
tragen.
    So mochten sie wohl eine halbe Stunde in diesem Wald von Rohr
fortgeschritten sein, als sie bei einer plötzlichen Wendung ein Licht vor sich
sahen. Es kam aus einer jener walachischen Pfahlhütten, wie sie in den Sümpfen
die menschlichen Wohnungen bilden, während auf dem trockneren Lande die meisten
Häuser oder Hütten der Landleute und ärmeren Klassen aus grossen in die Erde
gegrabenen Gruben, mit Holz und Moos gegen die Feuchtigkeit ausgelegt, bestehen,
mit nur wenig über den Boden, emporragenden Wänden, auf denen das spitze
Strohdach sitzt.
    Als die Gesellschaft sich der Hütte näherte, deutete ihnen die junge
Zigeunerin durch Zeichen an, zu verweilen, stieg dann rasch auf der Leiter
empor, die statt der Treppe zum Aufgang diente, und verschwand im Innern.
    Die Hütte stand auf acht Pfählen, war ziemlich gross und, ihr Fussboden etwa 3
Ellen hoch vom Sumpfboden entfernt, so dass man nicht in ihr Inneres blicken
konnte. Sie bestand aus Balken und Flechtwerk von Rohr, das mit Lehm und Mörtel
zu einer ziemlich festen Masse verbunden war. Die Fensteröffnungen waren durch
Läden verschlossen bis auf eine, aus welcher der Lichtschein des Feuers in die
dunkle neblige Nacht strahlte.
    »Sie erwähnten vorhin, Herr Pelin, dass die Mutter des jungen Mädchens von
ihrem Stamm verstossen sei und von den Walachen allgemein gehasst werde. Hat sie
sich eines besonderen Vergehens schuldig gemacht?«
    Der Jüngling trat näher zu ihm heran.
    »Haben Sie nie von Zinka, der Zigeunerin und ihrem Geliebten, Tunso,
gehört?«
    »Die Namen sind mir unbekannt. Wer ist oder war Tunso?«
    »Jeder Knabe in Bukarest, ja, in der ganzen Walachei, würde Ihnen Auskunft
geben können, wer Tunso war, obschon fast zwanzig Jahre seit seinem Heldentod
vergangen sind. Tunso war der gefürchtetste und berühmteste General-Einnehmer
der indirekten Steuern der Walachei.«
    »Was wollen Sie damit sagen?«
    »Tunso war - was die Leute so nennen, - eigentlich ein Räuber, der Schrecken
der Türken, der Vornehmen und Reichen, aber der Held, der Abgott der Armen. Von
den Reichen, nahm er, den Armen gab er. Die Unterdrücker des Volkes zitterten
vor ihm, die Lieder des Volkes singen seinen Ruhm!«
    »Ich begreife nicht, wie Sie, der Bojarensohn, über einen gemeinen
Spitzbuben und Mörder in Entusiasmus geraten können?«
    »Tunso hat nie einen Meuchelmord begangen, es war Nichts Niederes an ihm und
er konnte, wenn er wollte, den vollkommensten Cavalier spielen. Die kleinste
Erzählung seiner Taten und Abenteuer wird Sie über seinen Charakter belehren.
Ich will Ihnen nur ein Beispiel anführen, das Ihre eigene Nation betrifft. In
der Zeit seiner grössten Macht, als er am gefürchtetsten war, hatte er in
Erfahrung gebracht, dass der damalige provisorische Gouverneur der
Donau-Fürstentümer, General Kisseleff, sich in der Umgegend von Piteschi
aufhielte, um Bäder zu nehmen. Sofort beschloss Tunso, ihm seinen Besuch zu
machen. Der General pflegte des Morgens in dem grossen Park, der an sein Haus
stiess, spazieren zu gehen. Tunso postirte seine Bande hinter der Umfassungsmauer
des Parks, schwang sich in denselben und stellte sich dem General mit dem
artigsten Compliment vor.« -
    Herr General, sagte er, ich bin Tunso. Es ist durchaus nicht meine Absicht,
Ihr Geld, Ihre Kostbarkeiten oder gar Ihr Leben zu nehmen, Sie haben also Nichts
zu fürchten.
    Was wollen Sie denn?
    Herr General, entgegnete Tunso mit tiefer Verbeugung, meine Braven liegen
dort hinter der Gartenmauer im Schatten, ich brauche Ihnen nur ein Signal zu
geben, und sie sind zur Stelle. Euer Excellenz werden sich selber daraus den
Schluss ziehen, dass Sie in meiner Gewalt sind
    Noch ein Mal, was wollen Sie? wiederholte der Gouverneur.
    Nichts als Ihnen meine Aufwartung machen und Ihnen bemerken, dass ich auf
Ihre Artigkeit rechne, wenn ich Ihnen in die Hände geriete, wie Sie jetzt in
den meinen sind.
    »Herr von Kisseleff, der diese Anecdote selbst im Hause meines Vaters
erzählt hat, kehrte dem Räuber den Rücken, eilte in's Haus und gab Befehl,
strenge Nachforschungen zu halten und Tunso, ohne ihm ein Leides zu tun,
lebendig zu ihm zu führen. Aber die Jagd blieb erfolglos und Tunso lachte den
General aus.«
    Der Capitain lächelte. Er begriff jetzt, welch einen Einfluss ein solcher
Charakter und ein solches Leben in einem halbwilden Lande auf einen jungen
erregbaren Mann haben musste.
    »Tunso,« fuhr Dieser fort - »war oft als Cavalier gekleidet in den ersten
Gesellschaften von Bukarest, ja, er hat sogar einen Ball des Fürsten Paul
besucht und händigte dort einer schönen Griechin ein kostbares Medaillon wieder
ein, das seine Leute am Tage vorher ihr bei der Fahrt durch den Wald von
Pantelemon geraubt hatten. Eine Karte, die er ihr zugleich zurückliess,
benachrichtigte sie, dass es Tunso selbst war, mit dem sie getanzt hatte. Auch
hier entkam er glücklich der Wut des Fürsten. Er war der Schrecken der
Ehemänner und das Entzücken der Frauen. Begegnete ihm aber ein Armer, ein
Unglücklicher, so half und gab er ihm reichlich. Kam ihm die Kunde, dass in Folge
eines Sturmes, einer Ueberschwemmung, eines Feuers eine Kirche oder Moschee, ein
Haus oder Dorf Schaden gelitten oder zerstört sei, so war er auf der Stelle da
und brachte reiche Geschenke. Die Wittwen und Waisen, die Unterdrückten und
Verstossenen hatten an ihm einen Freund und Beschützer. Dem Einen half er mit
Geld, dem Andern mit Rat oder mit seiner Rache. Darum hingen Alle an ihm,
überall fand er eine Zufluchtsstätte, so viel Arme und Unterdrückte, so viel
Freunde und Späher hatte er.«
    »Und war der glorreiche Räuber,« fragte der Offizier scharf, »auch ein
Bojarensohn, wie Sie, der seinen Ruhm so zu beneiden scheint?«
    Der Jüngling errötete.
    »Er war armer Leute Kind, sein wahrer Name Iuwanitza. Er hütete die Heerde,
bis die wunderbar schöne Stimme des Knaben den Popa4 veranlasste, ihn zum
Metropolitan nach Bukarest zu führen. Gegen seinen Willen wurde er an den
Chorpult der Ober-Bisserika gestellt und blieb dort bis zu seinem
achtunddreissigsten Jahre das Entzücken der Stadt. Erst als die Liebe zu der
Zigeunerin Zinka seine Seele erfasste, warf er das Joch von sich und wurde, was
er war.«
    »Das Mädchen, das uns geleitet, und dem Sie, Herr Pelin, etwas zu tief in
die schönen Augen gesehen zu haben scheinen, und der Bursche, der zum Tode
verurteilt ist, sind seine Kinder?«
    »Sarscha ist Tunso's Tochter und, wie die Leute sagen, die ihn gekannt, sein
Ebenbild. Aber ihr Bruder - Doch sehen Sie,« unterbrach er sich, »das Mädchen
winkt uns, einzutreten. Folgen Sie mir.«
    Er klomm die Leiter empor, von dem Capitain gefolgt, und Beide traten in den
Vorraum der Hütte, die in zwei Teile geschieden war. Ein dürftiges Lager von
trockenem Schilfgras, Angeln und Fischgerät, Schlingen für das Wild und
dergleichen bewiesen, dass hier der Aufentalt des jungen Burschen war, wenn er
zu Hause, was freilich selten genug vorkommen mochte.
    »Du kommst zur bösen Stunde zu uns blanker Fremdling,« sagte das Mädchen
indem sie des Capitains Hand fasste, um ihn in die zweite Abteilung zu führen.
»Der glänzende Aldobaran hat nicht geleuchtet auf die Geburt meines Bruders. Im
Verrat ward er empfangen und sein Leben ist Schande. Aber das Mutterherz bleibt
ein unergründlich Rätsel, dunkler als die Linien Deiner Hand, und der Schatten
meines Vaters würde ohne das Kind des Verrats in ihrem Sinn erbleichen. Tretet
ein darum und vollbringt Euer Geschäft, ehe die Stunde naht, da über die
Aeltermutter meines Stammes der Geist kommt, der den Schleier der Zukunft hebt.«
    Sie zog die alte Decke zurück, die den Eingang verhüllte und die Drei traten
in den innern Teil der ärmlichen Hütte. Auf einem kleinen Heerd von Stein
brannte in der Mitte des Gemachs - wenn man den Raum so nennen kann - ein
Torffeuer, dessen Rauch das Innere füllte, bis er durch die Fensteröffnung oder
die Ritzen und Spalten des Daches seinen Ausgang fand. An den Wänden hingen
einige geringe Geräte, darunter die Guzla und das Tambourin, und ärmliche
Kleidungsstücke. Am Feuer auf einem niedern Schemel, die Hände wie im Schmerz
verschränkt, sass eine Frau, deren hohe Gestalt und deren noch immer Spuren
grosser Schönheit zeigendes Gesicht offenbar das Leiden mehr gebeugt und gealtert
hatte, als die Zahl der Jahre. Ihre grossen schwarzen Augen starrten wie abwesend
in die Glut und schwere Tropfen fielen aus ihnen auf die im Schmerz
verschränkten Hände.
    In einem Winkel des Gemachs aus der dürftigen Ruhestätte der Familie lag
eine zweite Gestalt, eine alte, von dem Fieber und Rheumatismus der Sümpfe
gichtisch zusammengezogene Greisin, in wunderlich bunte Lumpen gehüllt, das
lange weisse Haar wirr um das verwelkte Antlitz hängend, aus dem die erloschenen
Augen gläsern und teilnahmlos auf die Fremden starrten.
    Das Mädchen trat zu der Frau am Heerde.
    »Mutter Zinka, hier ist der blanke Soldat, der mit Dir sprechen will.«
    Die Frau fuhr empor und betrachtete einige Augenblicke den Offizier, dann
sank sie vor ihm auf die Knie und hob flehend die Hände zu ihm auf.
    »Tödten Sie ihn nicht, o, tödten Sie den Knaben nicht,« bat sie in den
gebrochnen Tönen des tiefsten Herzeleids. »Der Unglückliche ist ohnehin schon
der Jammer meiner Tage und die Qual meiner Nächte! was sollte ich tun, wenn ich
das Kind meines Jammers noch bleich und todt vor mir sehen müsste!«
    »Euer Sohn hat geraubt, und gemordet einen wehrlosen verwundeten Soldaten
meines Volkes, Frau, der auch eine jammernde Mutter hat, wie Ihr seid.« Der
Offizier sagte es finster und streng; dann aber fuhr er milder fort: »Es gibt
jedoch vielleicht Gnade für den Verbrecher, wenn wahr ist, was mir Eure Tochter
gesagt hat. Seid Ihr aus dieser Gegend gebürtig, Frau?«
    »Nein, Herr, aber ich kenne hier jeden Fussbreit in Wald und Feld, in Sumpf
und Moor.«
    »Giebt es Wege durch diese Sümpfe, auf welchen man an das Ufer der Donau im
Rücken der grossen Schanzen gelangen kann?«
    »Es laufen der Pfade viele, aber sie alle führen in die Irre und keiner zum
Ziel. Einen nur gibt es, aber nur Wenige, die da leben, wissen von ihm und er
ist ein Geheimnis, das diese Wenigen Einem, der jetzt todt ist, mit heiligen
Eiden auf die Christenbibel, auf den Koran und auf den grossen Stern meines
Volkes gelobt haben, nimmer zu verraten.«
    »Und gehört Ihr zu diesen Wenigen?«
    »Ich kenne ihn!«
    »Wohl. Ist der Weg der Art, dass nicht bloss Menschen, sondern auch Pferde und
Gefähr ihn passiren können?«
    »Ich habe ihn zwanzig Mal gemacht mit den Reitern Dessen, der dahin ist und
der schwerbeladenen Keroutza5, die Waaren brachte und holte vom Donaustrand.
Mein einsamer Fuss betritt ihn oft, wenn ich klage um den Verlorenen.«
    »So hört. Könnt Ihr uns diesen Weg zeigen und eine Colonne unserer Soldaten
mit Geschütz noch in dieser Nacht an das Ufer der Donau in den Rücken der
türkischen Stellung führen, so soll Euer Sohn nicht allein frei und jeder Strafe
ledig sein, sondern Ihr selbst sollt noch eine Belohnung von zehn Goldstücken
erhalten.«
    »Gold? - Blankes Gold?« - Ihre Züge belebten sich in der Spannung der
unglückseligen Habgier, die sie einst zum Verrat am Teuersten geführt hatte.
»Ich habe lange kein Gold gesehen. Zeige es mir, Fremdling, dass ich sehe, Du
täuschest die Zinka nicht.«
    Der Capitain sah, wie das Mädchen sich mit zornigem Blick von ihrer
Erzeugerin abwandte. Ihn selbst widerte diese Gier, die sogar den tiefsten
Schmerz überwand, an, doch galt es hier Höheres; er zog seine Börse und nahm
eine Handvoll Goldstücke heraus, die er der Frau zeigte.
    »Dies wird Euer Lohn sein, wenn Ihr uns den Weg verratet.«
    Das Weib schauderte.
    »Verraten! Ihr sprecht das richtige Wort aus. Ein Mal schon hab' ich seinen
Leib verraten um blankes Gold, nun soll ich wieder verraten sein Vertrauen und
den Eid, den ich ihm geleistet. Verderben über mich, dass ich es tat!«
    Sie begrub das Gesicht schluchzend in ihre Hände.
    »Denkt an Euren Sohn, Weib. Dem Todten nützt das Geheimnis nicht und Ihr
rettet Euer eigen Kind dadurch vom Galgen.«
    Sie fuhr empor.
    »Du hast Recht, Fremdling. Nur den Atmenden gehört die Welt. - Bei Azraël,
dem Engel der Nacht, ich will Dir den Weg zeigen. Aber zuvor muss ich sicher sein
des Lebens meines Kindes.«
    »Der Ober-General der Armee selbst wird es Euch zusichern. Ich führe Euch zu
ihm.«
    Die Frau nickte. Dann holte sie aus dem Winkel eine grosse Decke, die noch
mit einzelnen Resten goldener Tressen besetzt war, und schlug sie um Kopf und
Schultern. So trat sie zu der Greisin auf dem Lager im Winkel und rüttelte sie
auf aus ihrer Letargie.
    »Ich verlass Dich Mutter, für diese Nacht, denn mein eigen Blut ruft mich.«
    Die Alte richtete sich auf ihrem Stroh empor.
    »Es sind Männer hier aus anderm Geschlecht als das unsre. Hüte Dich,
Tochter; die Blanken bringen den Kindern des wandernden Vaters Unheil, und Du
hast es erfahren.«
    »Der Blanke bringt uns Gold, Mutter, und Aleko Pelin, den Bojarensohn, der
uns beschützt, kennst Du.«
    »Aleko Pelin?« fragte die Alte und starrte auf den jungen Mann. »Lass ihn zu
mir treten, ehe Du gehst, und den blanken Mann, der Gold brachte in unsre Hütte,
mit ihm. Der Geist unseres Stammes liegt auf mir und ich muss die Worte der
Zukunft reden.«
    Ihr Auge belebte sich mit phantastischem Glanz, ihre Lippen murmelten vor
sich hin, während der Capitain und sein Begleiter auf den Wink Zinka's näher
heran traten.
    »Reiche mir Deine linke Hand, Sohn des Reichen. Die Stunde ist gekommen, wo
ich den Schleier heben darf von Deiner Zukunft. Auch Du, blanker Fremdling, gieb
die Hand, die von Deinem Herzen kommt, aber versilbre sie auf dass meine alten
Augen sich öffnen mögen und die Zunge lehren das Schicksal der Zukunft.«
    Der Capitain erinnerte sich der Gewohnheit der Zigeuner, dass ein Geschenk
ihrer Prophezeihung vorhergehen muss. Er legte eines der Goldstücke auf die
Fläche seiner Hand.
    Die Greisin fasste hastig danach.
    »Gold,« flüsterte sie, »Gold, blanker Junge? Möge das Leben Dir so golden
sein, wie Du freigebig bist. Aber die Linien Deiner Hand lehren mich, dass Du das
wahre Gold nicht aus dem dunklen Schoos zu holen verstehst, wo es Dir gewachsen
ist. Dass Die, welcher Dein Herz gehört, Dich allzu sehr liebt, das wird Dein und
ihr Unglück sein! Nur das Ende aller Gefahr ist Deine Gefahr. Hüte Dich vor dem
Achten!«
    Sie liess die Hand des über den seltsamen Spruch Betroffenen los und fasste
die des jungen Bojaren.
    »Der Edelmann gehört nicht zur Tochter der Verachteten, der Herr soll nicht
sein Blut mit der Sclavin mischen. Wahre Dich vor dem Salz6, Bojarensohn; es gab
nur einen Tunso, und der ist todt, aber der Verräter gibt es viele!«
    Der junge Mann errötete tief, indem er ihr ein Silberstück in den Schoos
warf.
    »Die Alte ist längst schon wahnwitzig« sagte er; »lassen Sie uns
aufbrechen.«
    Sie verliessen die Hütte, aus welcher der eintönige Gesang des Weibes durch
die Nacht ihnen nachscholl.
    Die Zigeunerin Zinka und ihre Tochter schritten voran auf dem Wege den sie
gekommen waren. Der Capitain folgte mit dem jungen Walachen.
    »Sie sind mir noch den Schluss der Erzählung schuldig,« sagte der Offizier.
»Wenn ich auch Vieles erraten konnte, möchte ich doch gern Näheres wissen. Was
war das Ende von der Laufbahn des Räubers, den Sie so sehr bewundern?«
    »Der Tod durch Verrat. Die Frau, die vor uns durch das Moor schreitet, war
Diejenige die Tunso liebte mit aller Kraft seiner Seele. Auch sie liebte ihn,
aber der Teufel blendete sie und fand ihre schwache Stelle in ihrer Gier nach
Gold. Als Tunso aller Nachstellungen spottete und seine Verfolger mit blutigen
Köpfen davon schickte, griff man zum Verrat. Der Aga der Itschoglans7 berückte
die Seele Zinka's mit Bildern von Glanz und Reichtum, und auf das Versprechen
von zehntausend Dukaten verriet die Zigeunerin den Geliebten ihres Herzens, den
Vater ihres Kindes.«
    »Er wurde ergriffen und gerichtet?«
    »Nein, Capitain, dem Henker entging die edle Beute. An der Brücke, die über
den Argisch führt, auf der Strasse von Bukarest nach Giurgewo, legten sich auf
den Wink Zinka's die Itschoglans und Slugitori8 in den Hinterhalt. Zur
bestimmten Stunde des Abends rasselte die Keroutza mit Tunso und eilf seiner
tapfern Gefährten heran. Da sprangen die Häscher hervor und umzingelten die
Kühnen. Zehn wurden bei dem Kampf erschossen und in's Wasser des Argisch
geworfen, die beiden Andern entkamen: es waren Tunso und sein Lieutenant. Aber
einer der Slugitori, ein gewandter Läufer, eilte ihnen nach und fand bald die
Spur des Hauptmanns. Dieser glaubte, es sei sein Gefährte, und liess den
Verfolger heran kommen, bis dieser nahe genug war, um ihm zwei Kugeln durch den
Leib zu schiessen. Trotz der tödtlichen Verwundung gelang es Tunso, zu entkommen
und einen Makis9 zu erreichen. Vergebens suchten ihn die Slugitori mit Fackeln
dort. Aber der Schmerz der Wunden war so gross, dass Tunso erkannte, seine Stunde
sei gekommen, und selbst die Häscher herbeirief. Sie brachten ihn auf einer
Tragbahre nach Bukarest, wo ihm schneller ärztlicher Beistand wurde. Doch die
Wunden waren tödtlich und am dritten Tage starb er.«
    »Und Zinka?«
    »Vor seinem Tode beschied er sie zu sich. Die Verräterin liebte ihn noch
immer und sank wehklagend an seinem Lager nieder, als er sie rufen liess. Er
vergab ihr und starb.«
    »Aber der Sohn Zinka's?«
    »Der Aga, um die zehntausend Dukaten zu sparen, liess sie in seinen Harem
bringen. Als er kurz darauf nach Constantinopel zurückkehrte, verstiess er das
Opfer seiner Willkür; der Gefangene ist ihr und sein Sohn. Seitdem sie den
Schutz des Moslems nicht mehr genoss, war sie von Allem, was Walache heisst,
verachtet und verabscheut. Der ärmste Bauer schloss vor ihr die Tür und ihr
eigener Stamm verstiess sie. So flüchtete sie mit ihren Kindern in diese Wildnis
und lebt hier seit Jahren in Elend und Verachtung.«
    »Und Sarscha?«
    »Sie ist Tunso's echte Tochter, stolz, mutig und entschlossen. Doch das
Gesetz ihres Volkes, das von den Kindern unbedingte Hingebung an den Willen der
Eltern fordert, ist ihr heilig dabei. Der Bauer öffnet ihr gern seine Hütte,
jeder Walache ehrt in ihr die Tochter Tunso's. Aber nur der Tapfre, Kühne, Freie
wird die Liebe dieser Zigeunerin gewinnen.«
    »Nehmen Sie sich in Acht, Herr Pelin,« sagte der Capitain warnend, »dass es
Ihnen nicht geht wie Tunso. Die Jugend ist leicht verführt und sieht für
Freiheit und Tapferkeit an, was im Grunde nur Zügellosigkeit und Verbrechen
ist.«
    Sie waren an die ersten Vorposten gekommen und das Gespräch verstummte, da
die Gesellschaft jetzt zusammen ging. Capitain Meiendorf führte sie direkt zum
Quartier des Oberbefehlshabers, das im Hause des Gutsherrn aufgeschlagen war,
und liess dringend um sofortiges Gehör bitten.
    Hier vernahm er, dass auch vom General Anrep eine Meldung angekommen sei.
Derselbe war am Morgen des Tages von Tikodeschti abmarschirt, um dem Befehl zur
Verstärkung der Colonnen vor Oltenitza Folge zu leisten. Sofort machten die
Türken auch hier den Versuch, in seinem Rücken von Silistria aus über die Donau
zu gehen. Der General erhielt jedoch zeitig genug Kunde, machte Halt und warf
mit seiner Arrieregarde, aus Kosaken und einigen Geschützen bestehend, die
Türken über die Donau zurück.
    Die Audienz des Capitains hatte nur kurze Zeit gedauert, als Zinka, die
Zigeunerin, schon in das Zimmer des Oberkommandirenden gerufen wurde. Bald
darauf eilten die Ordonnanzen durch den Ort.
    Kaum eine Stunde nachher marschirte das Ochotzki'sche Jäger-Regiment unter
Oberst Bibikoff mit zwei Sotnien Kosaken und der leichten Batterie Nr. 6 in der
Richtung nach den Sümpfen ab. An der Spitze des Zuges, neben dem Pferde des
Adjutanten Capitain Meiendorf, schritt, in ihre Decke gehüllt, die hohe Gestalt
der Zigeunerin Zinka.
    Jedes unnötige Geräusch war bei harter Strafe verboten; die Posten in der
Richtung nach dem Schlachtfelde von Oltenitza waren verdoppelt, um jeden Verkehr
nach der türkischen Position zu verhindern.
    Als am Morgen die feuchten Novembernebel sich verzogen, erblickte der
türkische Oberbefehlshaber seine ganze Stellung im Rücken bedroht. Die Batterie,
welche die Russen in schnell aufgeworfenen Werken am Donauufer wie durch Zauber
errichtet hatten, bestrich nicht allein die türkische Position an den alten
Schanzen, sondern auch den Rücken des Quarantainehauses und die Brücke über den
Argisch. Seine Verbindung mit der Insel und dem jenseitigen Ufer war auf das
Höchste gefährdet, wenn die Russen, worauf die fortwährend zuziehenden
Verstärkungen an Mannschaften und Geschützen deuteten, von dieser Seite aus
einen Angriff zugleich mit einem Frontalsturm unternahmen. Die Gefahr erschien
um so dringender, als die fortwährenden Regengüsse den Strom angeschwellt
hatten, so dass die Unterhaltung der Verbindung ohnehin mit jedem Tage
schwieriger wurde. Unter diesen Umständen riet Klapka selbst zum Rückzug und
der Muschir musste sich der Notwendigkeit fügen. Nach einigen leichten
Scharmützeln begannen die Türken am Nachmittag ihren Rückzug, indem sie die
eigenen Verschanzungen, das Quarantainehaus und die Brücke in die Luft sprengten
und anzündeten. Fürst Gortschakoff beschränkte sich auf die strategischen
Operationen und drängte die Gegner nur leicht, da seine Truppen in den
furchtbaren Kämpfen der letzten drei Tage schwer gelitten hatten. Am Morgen des
13. hatten die Türken vollständig das linke Donauufer bei Oltenitza wieder
geräumt und sich auf Tuturkai zurückgezogen. Der türkische Verlust war
namentlich stark unter den Albanesen und Irregulären, doch verhältnissmässig bei
weitem geringer, als der auf Seite der Russen. Man schätzt den letztern an den
vier Schlachttagen auf ungefähr 5000 Todte und Verwundete. In den Reihen der
Moslems befanden sich bei dem Treffen, ausser General Klapka, die Engländer Lord
Worslei, Capitain Baturst und Herbert Wilson und Lieutenant Bucklei, der
sardinische Genie-Offizier Graf Camieri und General Prim.
    Fünf Tage darauf hatte die türkische Armee auch Tuturkai geräumt und sich
teils auf Schumla zurück, teils stromaufwärts nach Widdin hin gezogen.
    Auch bei Giurgewo hatte am 12. ein Kampf stattgefunden. Mit Hilfe der
eingetroffenen Brücken-Equipagen unternahm General Szoimonoff am Morgen mit acht
Feldgeschützen, einem Bataillon Tomsk-Infanterie, einer leichten Batterie und
zwei Escadronen Husaren einen heftigen Angriff gegen die auf der Insel Mokan
wieder postirten und von dort aus Giurgewo noch immer beunruhigenden Türken, und
vertrieb sie gänzlich von der Insel. Unter dem Schutz des Feuers und ihrer
schweren Batterieen in Rustschuk auf der rechten Donauseite und des bei der
Insel stationirten Dampfers, das den Russen jedoch nur geringen Schaden brachte,
flohen die Moslems in die Boote und erreichten das sichernde Ufer.
    Die Russen stellten nach diesem Rückzug zur Verhinderung weiterer Versuche
zwei Lager von je 5000 Mann bei Frateschti nächst Giurgewo und bei Sokaritschi
nächst Kalarasch auf, errichteten eine Batterie beim Dorfe Tape, gegenüber der
Mokan-Insel, und verstärkten den früheren Posten bei Oltenitza durch 2
Batterieen, 4 Eskadronen Ulanen und 1000 Kosaken, indem sie zugleich auf den den
Uebergang beherrschenden Anhöhen bei den Dörfern Dobrény und Newgesti Batterieen
aufwarfen.
    Am 15. machten die Türken einen neuen Versuch, bei der Festung Nikopolis
über die Donau zu gehen und sich Turnuls zu bemächtigen, um von der Mündung der
Aluta aus, welche die Grenze zwischen der kleinen und grossen Walachei bildet,
auf Rusweda loszugehen und gemeinschaftlich mit den von Kalafat vorbrechenden
Schaaren Szlatina anzugreifen, - wo General Fischbach mit 15,000 Mann postirt
stand. General Prim führte mit Tefik-Pascha die aus 2000 Mann bestehende
Avantgarde des Corps, wurde aber vom Oberst-Lieutenant Schaposchnikoff vom
Kosaken-Regiment (Nr. 37) angegriffen und über die Donau zurückgeschlagen.
    Somit war das Ufer der grossen Walachei wieder vollständig im Besitz der
Russen und der Plan des Muschirs, ihre Linie zu durchbrechen vereitelt. Nur bei
Kalafat noch standen die Türken diesseits der Donau und verschanzten die von
Natur aus feste Stellung. Doch begnügten sich hier beide Teile mit kleinen
Streifzügen und Vorpostenscharmützeln, deren fast jeder Tag mit abwechselndem
Glück und Erfolg brachte.
 
                                    Fussnoten
1 Walachischer Bauer.
2 Scharfer Brantwein aus Pflaumen.
3 Die Zahl der Zigeuner in der Moldau und Walachei beträgt über 80,000. Sie
ziehen teils frei umher, teils leben sie auf den Gütern der Bojaren als
Sclaven und werden auf das Härteste behandelt. In neuester Zeit (1856) ist von
dem Gouvernement in Bukarest ihre Emancipation beschlossen worden und sie sollen
- wo man sie nicht freiwillig der Regierung abtritt - aus der Gewalt ihrer
Herren freigekauft werden.
4 Geistlicher, Ortspfarrer; Metropolitan: Bischof.
5 Walachischer offener Wagen.
6 Okna. Aleko Pelin wurde im Januar 1856 vom Divan zu Bukarest als überwiesen,
seit drei Jahren das Räuberhandwerk getrieben zu haben, zu zweijähriger
Kettenarbeit in den Salzgruben (Okna) verurteilt.
7 Polizeidiener.
8 Landdragoner, walachische Gensd'armerie.
9 Gebüsch, Dschungl in den walachischen Sümpfen.
                                   Im Pontus.
                                  I. Gefangen!
Stürmisches - böses - liebliches Meer! Gefürchtet, seit die Geschichte Deinen
Namen kennt! begehrt, seit Völker an Deinen Ufern wohnen! Blaue wogende Wellen,
die Iphigenie auf ihrer Verbannung durchschiffte, die Orest durcheilte, als er
die Schwester suchte. Jason mit der Argonautenschaar holte von euren Küsten das
goldene Vliess; der Perserkönig Darius sandte seine Schiffe auf eurem Rücken
gegen die trotzigen Scyten und Tracier; Philipp der Macedonier durchschiffte
euch! Die Galeeren der Römer trugst du; an deinen Ufern, o Pontus, lebte Ovid;
Papst Clemens I. fand hier Schutz in seiner Verbannung; die Römerkaiser sahen
deine blauen Wellen; die Schiffe der gierigen Genueser und Venetianer
durchfurchten sie; nach dem gold'nen Byzanz sandte Rurik die Söhne; über deine
Fluten trug der Islam sein Zeichen! - Katarina's Flotten unterjochten sie und
das neue Jahrhundert trug seine Donner hinüber nach Varna's weisser Feste!
    An deinen Borden liegt eine Historie der Welt! - Dort unten im Süden, wo die
rastlos zusammenschliessende Pforte der Symplejaden erstarrt ist zum
kanonen-gespickten Felsen von Rumili- und Anatoli-Kawak, hielt König Phineas
Hof, gepeinigt von den Harpyen, welche die Argonauten verjagten. Jason
errichtete seinen Altar der Cybele an des Bosporus Tor, das sich zur
Kaiserstadt öffnet: Byzanz, Constantinopel, Istambul, der Weltstadt. An
Anatoliens Küste, vom Olymp überragt, das sagenumflossene ritterglänzende
Trapezunt, die Heimat des Agripant, dann das Land der Berge und kühnen Helden
ihrer Freiheit, das den Elbros durchströmt; - Tiflis, die Oase von Orient und
Occident, und der Ararat, auf den die Arche sank! Die Wunderufer der Yalta mit
dem kaiserlichen Traum Orianda! Ssewastopol, das neue Epos in der Geschichte der
Waffen; Odessa, das segensreiche, das eine halbe Welt versorgt; die Mündungen
des deutschen Stroms verkümmernd im Sande gleich der deutschen Herrlichkeit;
Varna, das Odessus der Alten, die weisse Moslemsfeste, die das russische Bajonet
zwei Mal mit Blut färbte; die Felsenufer von Burgas, das alte Apollonia und die
Bergkette des Hämus.
    Stürmisches - böses - liebliches Meer, über deine weissen Höhen schwellt das
Segel des Kauffahrers, donnert das Geschütz des stolzen Kriegsschiffs, zieht der
Dampfer seine ringelnden Kreise! Aber wehe, wenn der Sturm deine Wellen regt und
in kurzen Stössen gegen die Wolken schleudert - wenn die Aequinoctial-Geister
deine Tiefen gegen den Himmel wühlen und deine Wässer gegen die starren Felsen
schleudern, die kein Mitleid haben mit Menschenwerk und Menschenleben! Dann bist
du furchtbar in deines Zornes Herrlichkeit, gleich dem Zürnen des Allmächtigen,
dessen Kind du bist, grosser, schöner - stürmischer - lieblicher Pontus, der die
Mutter der Völker bindet mit der Herrscherin gewordenen Tochter!
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    Durch die Wogen des Pontus brauste der »Wladimir,« im langen Strom den
dunklen Dampf des Schornsteins hinter sich d'rein ziehend. Das Meer ging
ziemlich unruhig, in jenen, dem Pontus eigentümlichen und von Schiffern und
Reisenden gefürchteten kurzen Stosswellen, denn am Tage vorher hatte der
Novembersturm über die Fläche gefegt.
    Das Schiff - eine Dampffregatte vom russischen Geschwader des Schwarzen
Meeres - kam von der türkischen Küste und hatte vor Varna gekreuzt. Es geschah
trotz der Kriegserklärung mehr als ein Mal, dass russische Schiffe sich bis in
die Bucht von Varna wagten und unter den Batterieen ihre Beobachtungen
vornahmen.
    Auf dem »Wladimir,« der von Sebastopol1 ausgelaufen, hatte der
General-Adjutant, Vice-Admiral Kornilow, selbst die türkische Küste zwischen der
Sulina und Burgas recognoscirt und wandte sich nun, da keine feindlichen Schiffe
sich blicken liessen, gegen die anatolische Küste, an der die Escadre des
Vice-Admirals Nachimow kreuzte.
    Auf dem Hinterdeck standen und sassen um den Kommandirenden,
Capitain-Lieutenant Butakow, die meisten Offiziere des Schiffs Fürst
Barjatinski, der Zweitkommandirende, und die Lieutenants Dobrowalski und
Iljinski nebst zwei Schiffs-Fähnrichen2, während die nicht im Dienst befindliche
Mannschaft an den Bollwerken in allen Stellungen lungerte oder mit leichten
Arbeiten beschäftigt war. Die Wetterseite des grossen und Vorderdecks maass mit
langen Schritten der wachtabende Lieutenant Popandopulo, zuweilen am Bugspriet
einen der Hühnerkästen ersteigend und hinaus schauend auf die weite Wasserwüste,
die im dunkelbezogenen Himmel bleifarben wogte, während sie so süss und blau
erglänzt im lieblichen Sonnenstrahl.
    »Nun, Schelesnow,« fragte der erste Lieutenant einen jungen Offizier, der
eben die Treppe des Pavillons heraufstieg, »was meint Seine Excellenz, sollen
wir wenden?«
    Der Offizier erwiederte die Frage nicht, sondern wandte sich salutirend an
den Kommandirenden.
    »Seine Excellenz lassen bitten, nach dem Fahrzeug abzuhalten, dessen Rauch
sich am Horizont zeigt; es wäre von höchster Wichtigkeit, Nachrichten aus dem
Bosporus zu erhalten.«
    Der Capitain erwiederte den Gruss und wandte sich an den Fürsten.
    »Wollen Sie die nötigen Befehle geben, Herr Lieutenant!«
    Damit kehrten Alle unbekümmert zu ihren Cigarren und der begonnenen
Plauderei zurück.
    »Steuerbord umlegen! - Halten Sie auf das Fahrzeug ab, das in Sicht ist.«
    Die Befehle gingen durch das Schiff und der Lauf desselben wandte sich nach
Süden.
    »Wache dort oben! welche Richtung steuert der Dampfer in Sicht?«
    »West-Nord-West, Euer Wohlgeboren, er kommt auf uns zu.«
    »Es muss ein Türke sein,« sagte der Capitain bedächtig; »die Escadre des
Admirals kann unmöglich in dieser Gegend sein. Hinauf in den Mastkorb und wohl
ausgelugt.«
    Der Fähnrich, dem er den Befehl erteilt, eilte, das Fernrohr um den Hals,
an der Leiter des grossen Mastes empor.
    »Der Dampfer gibt ein Signal,« lautete nach kurzer Zeit die Meldung.
    »Flagge auf! Geben Sie das Privat-Signal, Popandopulo!«
    Die weiss-blaue Flagge flatterte lustig im Winde, darunter das Fähnchen, das
die Signalfarben zeigte.
    »Er zieht die Flagge auf, es ist einer der Unsern.«
    Die Offiziere und Mannschaften wandten sich verdriesslich ab, - für einen
Seemann auf blauer Flut ist der Anblick der feindlichen Farben willkommener,
als der eines Freundes.
    »Können Sie die Nummer des Signals noch nicht erkennen? Sehen Sie scharf zu,
Bitschesko, Sie haben sonst ja gute Augen.«
    »Sogleich, Capitain. Schorte wos mi!3 Das Schiff schwankt wie ein wandernder
Kirchturm. Halt, ich hab' ihn! - Nr. 86.«
    »Es ist die Bessarabia, ich weiss die Nummer auswendig,« sagte der Capitain.
»Melden Sie es Seiner Excellenz, Herr Adjutant.«
    Schelesnow ging hinunter. - Die Schiffe näherten sich jetzt rasch, in Zeit
von einer halben Stunde konnten die Signale deutlich spielen.
    Das Dampfschiff schlug jetzt die Richtung nach Südost ein und telegraphirte
das Signal: »Anschliessen.«
    »Der Bursche hat offenbar Etwas im Schilde,« sagte der Capitain. »Er hält
auf Kap Kerempe ab und das ist zum Glück bis auf zwei Strich im Winde unsere
eigene Richtung. In einer Viertelstunde werden wir Näheres wissen.« Während die
beiden Schiffe in der angegebenen Richtung ihren Lauf fortsetzten, kamen sie
einander immer näher und waren bereits in Rufweite, als der Lugmann aus dem
Mastkorbe meldete:
    »Zwei Dampfer in Sicht!«
    »Welchen Cours?«
    »Der Eine Ost zu Süd, der Andere weiter nach Norden.«
    Der Admiral war jetzt auf das Verdeck gekommen. Der kleine weisse Wimpel am
Flaggentau des Fockmastes zeigte seine Anwesenheit auf dem Schiff und der
kleinere Dampfer setzte bereits sein Boot aus, um den kommandirenden Offizier an
Bord der Fregatte zu schaffen.
    »Ah, Sie sind es, Capitain Glasemann,« sagte der Admiral, sich über das
Bollwerk lehnend; »kommen Sie geschwind herauf und bringen Sie mir Neuigkeiten.
Diese Herren verlangen sehnlich danach.«
    Einige Augenblicke nachher war der Capitain-Lieutenant der Bessarabia auf
dem Deck und begrüsste ehrerbietig seinen Vorgesetzten. -
    »Was haben Sie Capitain? woher kommen Sie? wo befindet sich die Escadre?«
    »Admiral Nachimow, Excellenz, ist auf der Rückkehr nach Ssewastopol
begriffen. Ich hatte Befehl, zu kreuzen und erfuhr durch Schiffer, dass ein
egyptisches Kriegs-Dampfboot den Weg nach der abchasischen Küste genommen hat,
und war im Begriff, ihm zu folgen, als ich Euer Excellenz fand.«
    »Ist eines der Schiffe, die in Sicht sind, der Egypter?«
    »Ich hoffe es.«
    »Haben Sie irgend einen Verdacht, wer der zweite Bursche ist, der nach
Norden steht?«
    »Ich wüsste nicht, wenn es nicht etwa das Passagierboot des Lloyd sein
sollte, oder ein Franzose, obschon ich sichere Nachricht habe, dass die
englisch-französische Flotte noch vollständig im Bosporus ankert und keines
ihrer Schiffe Rumili-Kawak4 überschritten hat.«
    »Iop foce mat!5 so weit kommen die Oesterreicher nicht. Aber Du kannst Recht
haben, Söhnchen, es mag eines der Transportboote sein, doch ein türkisches. Je
jedem Fall wollen wir uns die Burschen näher besehen. Lassen Sie die Maschinen
ihre Schuldigkeit tun, Capitain Butakow, und zeigen, was der Wladimir kann.
Sie, Capitain Glasemann, werden die Höhe gewinnen und dem Fremden den Rückzug
abschneiden.«
    Ein solcher schien jedoch keineswegs in der Absicht der entfernten Schiffe
zu liegen, vielmehr ging diese offenbar dahin, die anatolische Küste zu
gewinnen.
    Das Ufer war bereits in Sicht getreten, man befand sich zwischen dem Hafen
von Amastro und dem Cap Kerempe, als die weiter auf der Höhe befindliche
Bessarabia signalisirte: »Flotte in Sicht. Weite in Fernsignal,« und gleich
darauf die Frage: »Weiter Jagd machen?« was offenbar andeutete, dass man die
unbekannten Schiffe in dieser Nähe der Escadre unmöglich für feindliche halten
könne.
    Auch auf dem Wladimir machte sich diese Ueberzeugung geltend und schon
wollte der Admiral den Befehl erteilen lassen, die Jagd aufzugeben und den
Cours nach der Escadre zu richten, als die beiden fremden Dampfer Signale
wechselten, dann plötzlich wendeten und die Richtung nach dem hohen Meere
einschlugen. Dieser schwankende Lauf war jedenfalls verdächtig und konnte nur
durch das Erblicken des Geschwaders veranlasst sein. Namentlich war das
Dampfschiff vor dem Wladimir sichtlich bemüht, eine Begegnung zu vermeiden, und
änderte jetzt mehrfach seinen Cours.
    Um 91/4 Uhr wurde daher auf der Fregatte das Privatsignal aufgehisst und eine
Kanone gelöst, es erfolgte jedoch keine Antwort; darauf wurde die russische
Flagge aufgezogen und der Befehl erteilt: »Fertig zum Gefecht!«
    Alsbald löste sich die aufregende Neugier, die bisher Offiziere und
Mannschaften auf dem Deck und an den Bollwerken gehalten hatte, in rasche
Tätigkeit; die Kanonen wurden losgemacht, die Pulverkästen geöffnet, die
Sandsäcke um die Maschinen gehäuft, und alle jene hundert Vorbereitungen
getroffen, welche auf einem Kriegsschiffe dem Kampfe voran gehen und keine
Vorsicht und Notwendigkeit aus den Augen lassen.
    Die Mannschaft stand bei ihren Geschützen, auf den Kugelkästen sassen die
Pulverjungen, der Wundarzt mit seinen Gehilfen im Unterraum, die Deckmeister
machten mit dem Zimmermann die Runde, die Marinesoldaten standen auf den
Gangwegen, und die Offiziere mit gezogenem Degen auf ihren Posten, die Befehle
erwartend.
    Eine Viertelstunde später richtete das verfolgte Dampfschiff seinen Lauf
gerade gegen den Wladimir und zeigte die türkische Flagge, den Weissen Halbmond
mit dem Stern im roten Felde. Bald darauf änderte es nochmals seinen Lauf; die
Schiffe waren jedoch einander bereits so nahe, dass bei der starken Maschine der
russischen Fregatte an ein Entkommen nicht zu denken war. Da Admiral Kornilow
sah, dass das feindliche Schiff schwächer war, als der Wladimir, befahl er nach
Seesitte, ihm eine Kugel vor dem Bugspriet vorbeizusenden, als Aufforderung,
sich zu ergeben.
    Der Türke antwortete mit einer vollen Seitenladung, diese jedoch der noch
vorhandenen Entfernung wegen ganz unschädlich blieb.
    Damit war das Gefecht provozirt, und der Befehl, zum: »Fertig zum Feuern!«
durchlief das russische Deck.
    Unterdess dampften die Schiffe parallel mit einander fort und kamen einander
bald so nahe, dass die Kugeln und Granaten des fortwährend seine Breitseite
abfeuernden Türken über den Wladimir weggingen und die Tackelage desselben
beschädigten. Bereits waren ein Mann gefallen und drei Andere verwundet.
    Da die Kommandirenden jedoch erkannten, dass das feindliche Schiff keine
Spiegel-Kanonen führte, beschloss man, es von Hinten zu bestreichen und so zur
Uebergabe zu zwingen. Capitain Butakow, welcher das Manöver leitete, gab seine
Befehle mit einer Ruhe und Sicherheit, als ob es einer Schiffsübung gälte.
    Der »Wladimir« fiel alsbald ab und in das Kielwasser des türkischen
Schiffes, das er mit seinen Bug-Kanonen der Länge nach bestrich. Hierdurch wurde
der Gegner genötigt, fortwährend beizulegen, um eine Salve geben zu können und
dann wieder eine neue Richtung zu steuern.
    Die »Bessarabia« verfolgte unterdess das zweite Dampfschiff, das durch die
Anwesenheit der Escadre unter dem Winde verhindert war, seine Richtung nach
Osten zu nehmen, und die hohe See zu halten strebte. -
    Der Kampf hatte auf diese Weise bereits drei Stunden gedauert. Obschon es
dem Wladimir leicht gewesen wäre, ihn fortzusetzen, die Bemannung des Gegners
niederzuschmettern und seinen Rumpf zu durchlöchern, ohne selbst erheblichen
Schaden zu nehmen, da die Breitseiten des Türken beim Beilegen über das
russische Schiff hinweggingen, - so beschloss der Admiral doch, nunmehr dem Spiel
ein Ende zu machen und auf Kartätschenschussweite heran zu gehen.
    Die Befehle wurden erteilt, die Fregatte wandte und schoss dann mit der
vollen Kraft der Maschine an der Seite, des Feindes auf und gab ihm eine volle
Kugellage.
    Der Erfolg war in dieser Nähe furchtbar und die Maschine des Feindes hörte
sofort auf zu arbeiten.
    Dennoch setzte er sich noch zur Wehr und gab eine neue Salve. Eine Granate
zerschmetterte die Brust des Lieutenants Schelesnow, dem der Admiral eben einen
Befehl erteilte.
    Der Wladimir umfuhr den türkischen Dampfer. Zwei weitere Lagen, die eine mit
Kartätschen, durchlöcherten den Rumpf und säuberten die Verdecke.
    Jetzt senkte der Moslem seine Flagge; der erste Seesieg in diesem Kriege war
erfochten.
    Das genommene Schiff war der egyptische Dampfer »Pervas Bachri«, von 220
Pferdekraft und mit zehn Kanonen bewaffnet. Von seiner Mannschaft waren der
Capitain, 2 Offiziere und 19 Matrosen getödtet, 18 verwundet, und 134 Mann
wurden gefangen genommen. Der Rumpf des Schiffes war so durchlöchert, dass es zu
sinken drohte. Es bedurfte einer vierstündigen Arbeit, um es in Stand zu setzen,
dem Wladimir nach Ssewastopol zu folgen, wo Beide am anderen Tage eintrafen.
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    Das Schiff, das während des Kampfes die »Bessarabia« jagte, war der
»Djerid,« ein türkisches Passagier-Dampfboot, das von Varna kam und nach Sinope
bestimmt war, Passagiere, Kupfer und Pulver an Bord hatte und eine wertvolle
Beute war.
    Das Schiffsvolk und die Reisenden hatten sich auf dem Verdeck
zusammengedrängt und beobachteten eifrig das sich in der Ferne entspinnende
Gefecht. Auf dem Deck, in der Nähe des Steuers, sass der Capitain auf der Bank,
den Schibuck im Munde, den einer der Schiffsjungen sorgfältig in Brand hielt, um
nicht gepeitscht zu werden: ein dicker behäbiger Türke mit grauem Bart. Viel
Sauberkeit und Ordnung war auf dem Schiffe nicht zu finden; einige türkische
Offiziere mit ihren Mannschaften, die nach Anatolien gingen, armenische und,
syrische Handelsleute, mehrere Juden und zwei Kurden mit ihren Sclaven, die
einen Trupp Pferde nach Varna geliefert hatten, diese bildeten die überwiegende
Zahl der Reisenden. An den Radkästen des Schiffs waren in langen Reihen die
Knoblauch-und Zwiebelstränge aufgehängt, mit jenen Gurken und Früchten, welche
die Hauptnahrung der genügsamen Orientalen sind, aber die, Luft keineswegs mit
besonderem Wohlgeruch erfüllen. Zuweilen tauchten aus den Luken zu den unteren
Kajüten tief verhüllte Frauen auf, sich ängstlich umschauend oder über das
Verdeck zum Heerde des Kochs schlürfend um ihr Tandur mit neuen Kohlen zu
füllen; doch waltete hier offenbar schon die orientalische Abschliessung des
weiblichen Geschlechts in weit höherem Grade ob, als auf den Schiffen im
ägeischen Meer und im Bosporus. Man befand sich an der Küste Asiens, fern vom
Verkehr der europäischen Völker.
    Einer der Passagiere nur erregte und verdiente besondere Aufmerksamkeit. Es
war ein hoher schlanker Mann von schönem, etwas hartem Gesicht und hochblonden
Haaren. Er trug reiche orientalische Kleidung, doch hätte ein aufmerksamer
Beobachter leicht bemerkt, dass sie ihm ungewohnt sass. Auch sprach er nur mit
zwei Männern, die offenbar seine Diener waren, einem Griechen und einem Mann,
dem die orientalische Tracht noch ungefügiger stand, als dem Herrn. Dieser ging
mit sichtlicher Unruhe auf dem Verdeck auf und ab, häufig nach der Treppe der
grossen Kajüte blickend, aus der von Zeit zu Zeit eine ältere Frau heraufstieg
und ihm eine kurze Botschaft zu bringen schien.
    Der Passagier war Sir Maubridge, der sich mit Diona, einer Griechin zu ihrer
Aufwartung und zwei Dienern in Varna eingeschifft hatte, um sich nach der
anatolischen Küste zu begeben und dort die Niederkunft seiner Geliebten
abzuwarten, für die er eine zärtlichere Liebe empfand, als er den Drohungen des
Bruders gegenüber zugestanden. Um desto weniger Aufmerksamkeit zu erregen,
hatten Alle die orientalische Kleidung angelegt.
    Sir Maubridge war von lebhafter Besorgnis bewegt, weil Diona, schon von der
Seefahrt angegriffen, im Schreck über die plötzlich hereinbrechende Gefahr
erkrankt war. Unmutig trat er bereits zum zehnten Male zu dem Capitain, um ihn
zu fragen, ob Aussicht vorhanden, dem russischen Kreuzer zu entgehen. Der
bequeme Moslem aber tat, als verstehe er weder das Italienisch, noch die
wenigen türkischen Worte des Engländers, und schüttelte nur mit seinem ewigen
»Bismillah« bedächtig den Kopf.
    Ungeduldig rief der Baronet endlich seinen griechischen Diener herbei, um
mit dessen dolmetschender Hilfe das begonnene Gespräch fortzusetzen.
    »Frage dieses Faultier von einem Menschen,« befahl er ärgerlich, »ob es
nicht möglich sein wird, die Schnelligkeit unserer Fahrt zu verstärken? Mich
dünkt, die Entfernung hätte sich schon bedeutend verringert!«
    Der Grieche wiederholte die Frage auf Türkisch. Der Capitain aber blies den
blauen Rauch in die Luft:
    »Was kann ich tun? - Ein Schiff ist ein Schiff, und diese Russen haben den
Teufel im Leibe. Bak alum, wir werden sehen!«
    Aber er sah nicht, sondern blieb ruhig sitzen.
    Der Engländer ballte entrüstet die Faust.
    »Sie werden uns nach Sebastopol schleppen!«
    »Inshallah! wie Gott will. Es ist unser Kismet, Effendi mou!«
    »Frage das türkische Vieh, ob er sich denn nicht zu verteidigen gedenkt?
Wir haben vier Kanonen an Bord und Hände in Menge!«
    »Der Beisädih6 ist toll,« meinte der Capitain auf die etwas höflicher
übersetzte Frage. »Ich habe den Vätern und den Müttern der Moskows das Nötige
erwiesen; wir sind keine Kriegsleute, um zu sagen: Puf!«
    Er hörte mit Gleichmut, freilich ohne sie zu verstehen, die Ehrentitel an,
die der erzürnte Brite ihm gab, der überzeugt war, dass das schöne in England
gebaute Schiff bei nur einiger Anstrengung und guter Leitung leicht den Russen
entgehen könne, und der nun einer, wenn auch kurzen, doch unangenehmen
Gefangenschaft entgegen sah.
    Die Bessarabia war unterdess immer näher gekommen und ein scharfer Schuss an
dem Bug des Djerid vorbei mahnte die Türken, beizulegen. Indessen zeigte sich
auch hier die Zähigkeit und Sorglosigkeit des National-Charakters; denn statt
dem eisernen Winke Folge zu leisten, setzte das Schiff nach wie vor seinen Weg
fort.
    Eine Hand berührte jetzt den Arm des Baronets, es war das griechische Weib,
Diona's Dienerin.
    »Herr,« sagte sie, »der Schrecken hat über Eure Dame das Wehe der schweren
Stunde gebracht. Sie windet sich in den Schmerzen, die dem Weibe süss sind.«
    Maubridge fuhr auf.
    »Verstehe ich Euch recht, sie sieht einer Niederkunft entgegen, einer zu
frühen Geburt?«
    Die Frau bejahte.
    »Ich will zu ihr.«
    »Halt, Herr! Ihr würdet das Harem verletzen und die Moslems sind streng
darin.«
    »Was kümmern mich die Narren,« sagte der Brite aufgeregt. »Ich will zu
meinem Weibe!« Alle die vom Stolz und Trotz unterdrückte Liebe zu dem Mädchen
brach in der vollen Kraft durch die Schranke, die sie so lange eingeschlossen.
    Mit zwei Sätzen, während ein zweiter Schuss des russischen Dampfers donnerte
und die Kugel durch die Tackelage, des Djerid schlug, sprang der Baronet die
Treppe zum Pavillon hinab und wollte die Tür desselben aufreissen, als eine
kräftige Faust ihn zurückstiess.
    
    »Bosch! Was willst Du?«
    »Atsch! - öffne! ich muss hinein!«
    »Das ist das Haremlik meines Herrn, kein Mann darf ihn betreten!«
    Die drohende Geberde, mit welcher der schwarze Sclave sich vor die Tür
warf, zeigte besser als die ihm unverständliche Sprache das Verbot.
    Zugleich suchte flehend die ihm nachgeeilte Griechin sich zwischen ihn und
die Tür zu drängen.
    »Ihr wisst nicht, was Ihr tut, Herr; die Türken ermorden Euch!«
    Auf den türkischen Schiffen ist eine der Kajüten ausschliesslich für die
Frauen bestimmt und wird gleich dem Haremlik geachtet. Kein Mann darf eintreten.
Hierzu kam, dass einer der anatolischen Kaufleute, ein strenger Moslem, zur
Sicherung seiner mitgeführten Weiber den Sclaven an die Tür postirt hatte.
    Der Streit rief Neugierige herbei; wie ein Lauffeuer ging die Nachricht
durch das Schiff: ein Mann verletzt den Schutz des Haremliks. Die Moslems
drängten sich heran; denn der drohende Frevel gegen die geheiligte Sitte bewegte
sie mehr, als die Gefahr von aussen, die ja in Allah's Hand stand.
    »Wer ist der Hund, dass wir ihm das Seine tun? seid Ihr ein Sohn des
Teufels, dass Ihr es wagt, uns in den Bart zu speien?«
    Wilde Drohungen umtobten den Briten, Waffen erhoben sich gegen ihn und
vergeblich suchte sein englischer Diener sich zu ihm Platz zu machen.
    Auch der Capitain war herbeigekommen.
    »Tut ihm Nichts zu Leide, er ist ein Beisädih! Was wissen diese Inglis von
Gott und dem Propheten! Sie sind tolle! sie haben Frauen und Pferde, aber sie
lassen die Einen nackend umherlaufen, und machen die Andern alle zu Bequirs7 und
schneiden ihnen die Schwänze ab, so wahr Allah gross ist.«
    »Ein Dschaur8 in der Kleidung der Moslems? was will das ungläubige Schwein
unter uns? Er ist an allem Unglück Schuld, er hat uns die Moskows über den Hals
gebracht. Tödtet den Franken!«
    Der Baronet der noch immer vergeblich um den Eintritt rang, schwebte in der
grössten Gefahr, ein Opfer des unvorsichtig erregten Fanatismus zu werden. Da
donnerte und krachte es über und neben ihnen, und eine schwere Kugel prasselte,
die Splitter umher stäubend, durch das Holzwerk und fuhr durch die
Frauen-Kajüte.
    Die Splitter hatten Mehrere verwundet; in Todesfurcht stürzten die Frauen
aus der Kajüte, Alles floh in blindem Schrecken, sich in die untern Räume des
Schiffes zu verbergen, und im Augenblick sah sich Maubridge allein mit seinem
Diener auf dem behaupteten Kampfplatze. Er drang schnell in die Kajüte, die mit
Staub und Trümmern gefüllt war. In der hintern offenen Kabine auf dem
Schmerzenslager allein lag Diona. Er stürzte an ihre Seite, er verschwendete
tausend Zärtlichkeiten an sie, indem er zugleich seinem Diener befahl, nötigen
Falles mit Gewalt die griechische Dienerin herbeizuschaffen. Dazwischen donnerte
draussen über die Wogen her Schuss auf Schuss und die Kugeln fuhren durch Takelwerk
und Rumpf.
    Die Mannschaft hatte den Kopf verloren und vermochte nicht einmal die
feurigen Grüsse zu beantworten oder die Flagge zu streichen, bis endlich einer
der Maschinisten, ein Italiener, aus dem Raume sprang und das Flaggentau
durchschnitt. Der rote Wimpel mit dem Halbmond flatterte in's Meer und ein
Jubelruf erhob sich am Bord des russischen Schiffes, das bereits fast seitlängs
lag, und während die Maschine des türkischen Schiffes zu arbeiten aufhörte,
seine Haken an den feindlichen Bord warf. Wenige Augenblicke darauf sprangen die
russischen Offiziere, den Degen in der Faust, über die Bollwerke und im Nu war
das Verdeck des Djerid mit Mannschaften überflutet.
    Aber Widerstand war nirgends zu finden, die Weiber jammerten und schrieen,
die Moslems krochen geduldig hervor und ergaben sich in das unvermeidliche
Kismet, während der Capitain von dem ersten Lieutenant der Bessarabia genötigt
wurde, die Papiere über Ladung und Passagiere vorzulegen.
    In Angst und Besorgnis sass der englische Baronet am Eingange der Kabine, in
der Diona, die arme Getäuschte, von der griechischen Dienerin unterstützt, mit
den Schmerzen rang, die das werdende Leben begleiten. Seine ganze kalte harte
Natur schien sich umgewandelt zu haben in zärtliche Sorge um das junge Wesen,
dessen Wimmern und Schmerzensruf wie glühender Stahl sein Herz durchbohrte. Was
kümmerte ihn der Kampf umher, er hatte jetzt nur Augen für die Geliebte.
    Da legte eine Hand sich auf seine Schulter und eine Stimme befahl ihm
barsch, aufzustehen. Als er emporfuhr und die Angreifer zurückstossen wollte,
fielen diese, zwei russische Matrosen, über ihn her und schnürten ihm die Arme
zusammen. Ein Offizier mit dem türkischen Capitain trat eben in die Kajüte. Auf
den Ersteren sprang Maubridge zu und verlangte mit ungestümen Worten, sofort
freigelassen zu werden, und Schutz für sich und seine Leute.
    Der Offizier sah ihn gross an.
    »Ich bin ein Brite. Unser Gesandter in Constantinopel wird Rechenschaft
fordern für jede Beleidigung, die mir widerfährt.«
    Der Offizier lächelte malitiös.
    »Ein Engländer in türkischer Kleidung? Wahrscheinlich ein englischer Spion,
um unsere Häfen zu inspiziren. Ihre Papiere, mein Herr!«
    Der Baronet erbleichte vor stolzer Wut.
    »Ihre Leute haben mich gebunden. Lassen Sie mein Portefeuille aus der Tasche
nehmen, meine Papiere befinden sich darin. - Ich hoffe, Sie werden die Banknoten
dabei schonen!«
    Der Russe befahl kalt, ihn zu durchsuchen, und öffnete am Tisch die
Brieftasche, während Maubridge zähneknirschend daneben stand. -
    »Ein Pass für den Baronet Maubridge und seinen Diener. Das wäre richtig.
Sieh' da, Briefe an Churschid-Pascha9 und Selim-Pascha, also in's feindliche
Lager. Und hier, ein solcher an Schamyl. - Das ist kein übler Fang!«
    »Herr, Sie haben kein Recht, sich an meinen Briefen zu vergreifen!«
    »Einem Engländer trauen wir Alles zu und mit einem Spion machen wir nicht
viel Umstände. Bringt den Mann zu den anderen Gefangenen.«
    Ein Schmerzensruf erscholl aus der Kabine, deren Tür halb geschlossen war.
    Der Baronet überwand seine Wut und seinen Stolz.
    »Sie werden menschlich sein, mein Herr, und in diesem Augenblicke mich nicht
von der Frau da drinnen trennen die jeden Moment ihre Niederkunft erwartet.«
    »Wer ist das Weib?«
    »Eine Griechin. Sie gehört zu meiner Begleitung.«
    »Davon steht Nichts in dem Pass. Pflegen die Herren Briten vielleicht auch
schon ihre Harems mit sich zu führen?«
    »Sie ist« - er zögerte einen Augenblick - »ich bitte, die Dame als meine
Gattin zu achten!«
    »Skotina10, wer's glaubt! - Fort mit dem Burschen, die Weiber werden hier
besser am Platze sein, wie er. Sie können in diese Kajüte gesperrt werden.«
    Die Russen fassten den Baronet und zerrten ihn fort. Da an der Tür klang ihm
zum letzten Male der schneidende Wehruf des Mädchens in's Herz - dann ein
anderer Laut, - er war Vater!
 
                                    Fussnoten
1 Russisch: Ssewastopol.
2 Midshipman.
3 Hol' mich der Teufel!
4 Das tracische Castell am Meereseingang des Bosporus.
5 Eine unübersetzbare, aber in der russischen Gesellschaft sehr gebräuchliche
Redensart.
6 Sohn eines Lords.
7 Walachen.
8 Giaur, Ungläubiger.
9 Der frühere Insurgenten-General Guyon, Renegat, mit Selim Kommandirender der
türkischen Truppen bei Batum.
10 Narr! Dummkopf!
 
                               II. Zwing-Pontus.
Es war am dritten Morgen nachher, als ein einfacher Trauerzug aus dem
Quarantainegebäude der russischen Pontus-Festung Ssewastopol sich nach dem
nahen, am Ende des Quarantainehafens befindlichen Kirchhof bewegte.
    Ein russischer Geistlicher ging dem Sarge voran, der nach griechischer Sitte
offen und niedrig getragen wurde. Nur wenige Personen hatten sich dem Zuge
angeschlossen, einige Diener aus dem Hospital der Quarantaine, eine griechische
Frau und ein Mann in orientalischer Kleidung zwischen zwei russischen
Marine-Soldaten.
    Der Mann war Edward Maubridge, der Baronet; im offenen Sarge, den Rosmarin
in den dunklen Locken und auf der Brust, lag Diona Grivas, die Schwester der
Caraiskakis.
    In der Nacht nach der Geburt war sie gestorben - sie hatte das allzufrühe
Leben des Kindes mit dem ihren erkauft. Ihr Verführer war fern ihrem Sterbebett,
an dem nur der Pope der Fregatte Wladimir und die in Varna geworbene Dienerin
mit den gefangenen türkischen Weibern stand. Dennoch war sein Namen im Tode auf
ihren Lippen, Vergebung in ihrem Herzen. Sie liess sich das Kind, einen Knaben,
bringen, segnete ihn und übergab ihn dem Geistlichen ihres Glaubens mit dem
Geschmeide, das sie von ihrer Mutter geerbt.
    Erst am anderen Morgen erfuhr der Baronet den Tod der Griechin. Die
Nachricht erschütterte den trotzigen stolzen Mann im Innersten.
    Er liess dem Kommandirenden des Schiffes die dringende Bitte stellen, zu der
Leiche geführt zu werden, und als ihr gewillfahrtet worden, verliess er dieselbe
nicht mehr, bis das Schiff in der Nacht auf der Rhede von Sebastopol Anker warf?
Am nächsten Morgen lieferten die russischen Dampfer ihre Beute im
Quarantainehafen ab, und die Gefangenen wurden in ein zu ihrer Aufnahme
bestimmtes Gebäude, die Leiche aber zum Hospital gebracht, von wo aus das
Begräbnis am nächsten Tage erfolgte. Durch freigebige Anwendung seines Goldes
erlangte der Baronet die Erlaubnis, die Todte bis zu ihrer letzten Ruhestätte zu
begleiten.
    In finsterem Brüten vergingen ihm die nächsten Tage, das einzige Geschäft,
das er unternahm, war, einen Bildhauer aus der Stadt kommen zu lassen und ihm
den Auftrag zu einem einfachen Marmorstein für das Grab des griechischen
Mädchens zu geben. Er bezahlte reichlich und im Voraus, um das Werk gefördert zu
sehen. Um sein eigenes Schicksal schien er wenig bekümmert.
    Am fünften Tage nach der Ankunft der Gefangenen war ihre Quarantaine zu Ende
und sie wurden in die Stadt gebracht. Hier ward der Baronet, trotz seiner
Protestationen, von der griechischen Dienerin und dem Kinde getrennt und erhielt
seinen Aufentalt im Fort Sanct Nicolas angewiesen, wo er in strenger
Absonderung mit seinem englischen Diener gehalten wurde.
    Nur der Grieche durfte ab und zu gehen und sorgte für ihre Bedürfnisse.
    Durch ihn erfuhr Maubridge, dass die Wärterin mit dem Kinde in der Familie
des Geistlichen vom Wladimir, die in Sebastopol wohnte, Aufnahme gefunden hatte.
    Von dem Fenster seines hochgelegenen Gemaches aus übersah der Baronet die
schöne Felsenbucht von Sebastopol mit den riesigen Befestigungen der Nordseite,
dem Fort Constantin, dem Catarinen-Fort, der Sukaia-Batterie und der grossen
Citadelle, während rechts der Blick am Eingang des Militairhafens vorbei, dessen
andere Seite, Fort Nicolaus gegenüber, das Fort Sanct Paul beschützte, bis an's
Ende der Bucht zu den Höhen von Inkermann schweifte, wo die beiden Leuchttürme
des Nachts dem Schiffer ihr leitendes Feuer zeigten. Links am Artillerie-Hafen
hin, zwischen dem Fort Nicolas und der grossen Batterie, reichte seine Aussicht
bis zum Fort Alexander und den beiden Quarantaine-Forts die auf der Südseite,
Fort Constantin gegenüber, den Eingang der Bucht deckten.
    Ein buntes Leben herrschte in der prächtigen Seefestung, und der Brite
schien recht eigentlich diese Wohnung erhalten zu haben, wie als solle er einen
Anblick gewinnen von der Macht und Unbesiegbarkeit dieser Vormauer des
russischen Kolosses im Süden, von der aus seine Flotten das Meer beherrschten
und Constantinopel in ewiger Bedrohung hielten. Die mächtigen granitnen Wälle
der Forts und Bastionen starrten von schweren Geschützen, die ein Kreuzfeuer
über die Bucht zu eröffnen vermochten, das jeden eindringenden Feind in den
Grund bohren musste. Auf den breiten Quais um die prachtvollen Werfte und Docks
bewegte sich eine dichte Bevölkerung von Seeleuten und Soldaten; kolossale
Marine-und Artillerie-Vorräte waren überall aufgehäuft und wurden durch die
fortwährend von Odessa und Nicolajew eintreffenden Transportschiffe vermehrt.
Dampfer gingen täglich ab und zu und im Hafen selbst und draussen auf der Rhede
lag zum Auslaufen bereit die prächtige russische Südflotte, um das riesige
Admiralschiff ankernd, das den Namen des General-Admirals des zweiten Sohnes des
kaiserlichen Herrn, Grossfürst Constantin, trug.
    Dies ganze prächtige und grossartige Schauspiel lag unter den Augen des
Gefangenen, doch betrachtete er es mit Gleichgültigkeit. Mit dem Tode Diona's
war eine auffallende Veränderung in seinem Wesen und Charakter vorgegangen; er
fühlte, dass er das Mädchen mit der ganzen Kraft seiner Seele geliebt hatte, und
dass er dennoch unehrenhaft an ihr gehandelt. Das machte seinen hochmütigen Sinn
noch erbitterter, heftiger, abgeschlossener. All' sein Gefühl sein Denken und
seine Entschlüsse concentrirten sich jetzt auf das Kind, das er das seine
nannte. Täglich musste der griechische Diener zum Hause des Popen wandern, um ihm
Nachricht von dem Knaben zu bringen, und eine bedeutende Summe sandte er für die
Pflege desselben.
    So verstrichen mehr als zwei Wochen. All' seine Beschwerden, Anforderungen
und Drohungen, ihn in Freiheit zu setzen, waren von den russischen Behörden
unbeachtet geblieben, er erhielt nicht einmal eine Antwort, und die Offiziere
des Forts vermieden ihn, wenn er die Erlaubnis hatte, auf den Wäller desselben
spazieren zu gehen.
    Es war am Nachmittage des 26. November, als er am Fenster seiner Zelle sass
und mit finsterem Brüten gedankenlos dem Fluge der Möven zuschaute, die über die
Bucht strichen, mit ihrem ängstlichen Geschrei eine Erneuerung des Sturmes
verkündend, der bereits mit kurzen Unterbrechungen seit zwei Tagen getobt hatte,
als seine Aufmerksamkeit durch ein kleines Dampfschiff erweckt wurde, das von
der Höhe der See, ohne, wie die gewöhnliche Vorschrift erheischte, vor den
Eingangs-Forts beizulegen, mit aufgehissten Signalen in die Bucht schoss und am
Fort Nicolas beilegte. Sogleich wurde ein Boot herabgelassen und mehrere
Personen fuhren zum Ufer. Es war dem Baronet, als sei ihm eine derselben nicht
unbekannt, doch war die Entfernung zu gross, um Genaueres zu erkennen.
    Die Dämmerung begann unterdess einzutreten und mit dem Abend sich der Wind
auf's Neue zu erheben. Regen und Hagel peitschten gegen das Fenster der Zelle,
an welchem der Gefangene noch immer sass, in den beginnenden Kampf der Elemente
hinausstarrend. Plötzlich donnerten rasch nach einander drei Signalschüsse von
der vorderen Bastion des Forts und Maubrige konnte bemerken, dass Signale mit
bunten Laternen aufgezogen wurden, die bald darauf von den Schiffen in der Bucht
und auf der Rhede am Eingang wiederholt wurden. Ein lebendiger rascher Verkehr
schien sich trotz der unruhigen See zwischen der Flotte und dem Ufer zu erheben,
Boote, schwer mit Mannschaft beladen, gingen und kamen, und die ankernden
Dampfer begannen zu heizen.
    Eine wichtige Nachricht musste eingetroffen sein, das zeigte auch die
Bewegung im Fort selbst und die Unruhe auf den nächstliegenden Strassen.
    Es mochte gegen 9 Uhr Abends sein, als Tritte sich seiner Tür näherten und
ein Offizier in Begleitung zweier Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonet
eintrat, während vier russische Matrosen an dem Zugang stehen blieben.
    »Ich habe Ordre, mein Herr,« sagte der Offizier, »Sie sofort zum
Kommandanten zu geleiten. Zugleich ersuche ich Sie, Ihren Leuten Anweisung zum
Packen Ihrer Effecten und zur Ueberweisung derselben an diese Männer zu geben,
die sie befördern werden.«
    »So bin ich meiner Haft entlassen und kann abreisen?«
    »Ich befinde mich ausser Stande, Ihnen Antwort zu geben,« erklärte der
Offizier; »ich erfülle die Befehle meiner Vorgesetzten und bitte Sie, sich
fertig zu machen, um mir zu folgen.«
    Der Baronet war zu stolz, um weiter zu fragen, und nach einigen Befehlen an
seine Diener alsbald bereit. Der Russe riet ihm höflich, seinen Regenmantel zu
nehmen, da draussen das Wetter immer heftiger tobte, und führte ihn dann in
Begleitung der Wachen durch die Gänge und Höfe des Forts. Zum Erstaunen des
Briten schlug der Offizier den Weg zu dem Tor ein, gab dort die Parole und
verliess mit ihm die Citadelle.
    Auf den Strassen war trotz der üblen Witterung reges Leben und Treiben, Licht
an allen Fenstern, Matrosen und Marinesoldaten kamen und gingen in Trupps aus
und zu den Magazinen, Offiziere eilten in ihre grauen Schiffsmäntel gehüllt
dahin, und vor dem grossen Eingang des Admiralitätsgebäudes, der Wohnung des
Oberbefehlshabers Admiral Berg und zur Zeit des Fürsten Mentschikoff, brannten
grosse Pechfackeln und war ein lebhaftes Gedränge von Offizieren, Beamten und
schaulustigem Volk in seinen russischen, europäischen und tatarischen Trachten.
    Der Baronet wurde in ein Vorzimmer des ersten Stocks geführt und nach
wenigen Minuten winkte ihm der begleitende Offizier, in den anstossenden Saal
einzutreten.
    Derselbe war von Offizieren und Marinebeamten gefüllt. An einer grossen
Tafel, auf der grosse Seekarten ausgebreitet lagen, waren mehrere höhere
Flottenoffiziere eifrig beschäftigt und in einer Debatte begriffen.
    Der Wind war unterdess immer heftiger geworden und gestaltete sich zum Sturm,
der in einzelnen langen Stössen durch die Bergschluchten fegte und die hohen
Fenster des Saales erklirren liess.
    »Es wird kaum möglich sein, Nowossilsky, dass Sie Anker lichten können und
die hohe See erreichen in diesem Wetter,« sagte ein alter Offizier in der
Admiralsuniform, der in der Mitte des Tisches sass. »Warten Sie bis morgen.«
    »Wir würden höchstens das Tageslicht zum Gewinn haben, Excellenz, und dafür
eine kostbare Zeit verlieren,« entgegnete ein Mann von kühnem seemännischem
Aussehen, der Kommandant der vierten Flotten-Division, Contre-Admiral
Nowossilsky. »Sie kennen unsere Stürme und wissen, dass sie ihre Zeit haben
müssen. Die englisch-französische Flotte könnte leicht Nachricht erhalten haben
und aus dem sichern Bosporus herauskommen. Nachimow hätte dann das Nachsehen.«
    »Nun, wie Sie wollen. Capitain Tschigiri, haben Sie die Ordre bereit?«
    Der Offizier du jour reichte das Papier und Admiral Berg unterzeichnete es.
    »Die Paris und Tri Sswjatitelja liegen bereits auf der Rhede,« fuhr der
Contre-Admiral fort. »Ich werde mich durch die Bessarabia hinausbugsiren lassen.
Wann erwarten Sie Korniloff zurück?«
    »Morgen. Sie werden die Bessarabia kommandiren, ihm entgegen zu fahren.«
    »Nun, ich hoffe, dass er nicht mehr zur rechten Zeit ankommt und uns Andern
auch Etwas übrig lässt. Er hat jetzt bereits drei Dampfer den Türken genommen,
während wir kaum das Bugspriet aus dem Nest gesteckt haben. Doch wie steht es
mit dem Passagier, Excellenz, den Sie mir mitgeben wollten? Die Zeit drängt.«
    »Haben Sie den Engländer hier, Rogula?«
    Der zweite Hafen-Kommandant, an den die Frage gerichtet war, sah nach der
Gruppe an der Tür. »Der Gefangene soll vortreten.«
    Maubridge trat mit finsterm Blick bis zu dem Tisch und stützte die Hand
darauf.
    »Wer von den Herren,« fragte er, ohne die Anrede abzuwarten, »ist Fürst
Mentschikoff? ich wünsche ihn zu sprechen.«
    Der greise Offizier winkte.
    »Der Fürst ist abwesend. Ich bin Admiral Berg, der Oberkommandant der
Festung, und Sie werden sich mit mir begnügen müssen.«
    »Dann lege ich Protest bei Ihnen ein im Namen der britischen Nation, wegen
der unwürdigen Behandlung und rechtswidrigen Haft, die mir hier geworden ist.
Ich werde mich bei unserm Gesandten in Petersburg beschweren.«
    Der Admiral schien die Phrase nicht zu beachten.
    »Sie heissen?«
    »Edward Maubridge, Baronet.«
    »Nach dem Bericht des Capitain Juschkin sind Sie am 6. auf dem türkischen
Dampfboot Djerid gefangen genommen worden auf dem Wege nach Sinope. Man hat bei
Ihnen Briefe an die türkischen Befehlshaber in Anatolien und selbst an Schamyl
gefunden, die beweisen, dass Sie mit den Feinden Russlands in Verbindung stehen.«
    »Ich bin Engländer und habe Niemand Rechenschaft zu geben, wohin ich gehe
und mit wem ich in Verbindung stehe. England ist bei Ihrem Kriege eine neutrale
Macht.«
    Der Admiral lächelte.
    »Wie man's nehmen will! Ich habe jedoch nicht Zeit, mich mit Ihnen in eine
politische Controverse einzulassen. Ich will Sie trotz jener Verbindungen als
Reisenden gelten lassen, und wir werden Sie an den Ort schaffen, wohin Sie gehen
wollten. Sie haben sich demnach nur über eine Haft zu beklagen, die durch die
Umstände geboten war. Unser Geschwader geht in einer Stunde nach Sinope ab und
wird Sie dort mit Ihren Dienern an's Land setzen. Treten Sie ab.«
    »Einen Augenblick, mein Herr - ich will Alles vergessen, aber ich kann diese
Stadt nicht verlassen ohne mein Kind! Lassen Sie mein Kind holen mit seiner
Wärterin.«
    »Ihr Kind? - Meinetwegen. Doch sehe ich Nichts von einem Kinde in Ihrem Pass
erwähnt. Was ist damit, Capitain Juschkin?«
    Der Capitain der Bessarabia trat vor.
    »Ein griechisches Weib, Excellenz, ist nach dem Gefecht eines Knaben
genesen, den Popa Alexanowitsch in seine Pflege nahm, da die Frau starb.«
    »Welches Recht haben Sie an dem Kinde?«
    »Es ist das meine, die Verstorbene war Lady Diona Maubridge.«
    »Lügner!« gellte es durch den Saal von den Lippen eines bleichen Mannes, der
im Haufen der Umstehenden bis jetzt mit atemloser Spannung dem Verhör und der
Verhandlung beigewohnt hatte, das Auge voll Hass keinen Moment von dem Briten
abwendend. »Lügner! Beweise Dein Anrecht an Diona Grivas, die Du gemordet, Dein
Recht, das Du selbst mit Füssen getreten und verleugnet hast!«
    Der Baronet stand bleich, - ihm gegenüber der Bruder und Rächer des todten
Mädchens, Gregor Caraiskakis.
    »Euer Excellenz,« sagte der Grieche und Schmerz und Zorn erstickten fast
seine Stimme, als er sich zu dem Admiral wandte, »wenn der Dienst, den ich Ihnen
geleistet, wenn Eifer und Treue für die Sache Russlands eine Anerkennung
verdienen, so gewähren Sie mir Gerechtigkeit gegen diesen Mann. Zwei Mal
entführte er meine Schwester durch heuchlerische Künste und entehrte sie, indem
er durch ein bübisches Spiel mit der Arglosen sie glauben machte, sie sei seine
angetraute Gattin. Als ich ihr Recht von ihm forderte, leugnete er es, und Diona
Grivas, die Schwester der Caraiskakis, wurde durch seinen Trug zu seiner
Maitresse erniedrigt. In diesem Augenblick erfahre ich, der Bruder, aus seinem
Munde, dessen Spur ich bis Varna verfolgte, den Tod der Unglücklichen und ich
segne ihn, denn er deckt ihre und unsere Schande. Aber das Kind, das Kind aus
dem Blute meiner Schwester, soll der falsche Engländer nimmer besitzen, und
sollte ich es ihm mit dem Leben entreissen!«
    Die verächtlichen drohenden Blicke der Offiziere ringsum, hafteten auf dem
Briten, der bleich und trotzig im Kreise umher schaute.
    »Das Kind ist mein, ich nehme das Recht des Vaters und Engländers in
Anspruch!«
    »Herr Caraiskakis,« sagte der Admiral ernst, indem er sich erhob, »wir sind
Ihnen verpflichtet durch den Dienst, den Sie uns erwiesen haben, indem Sie keine
Gefahr scheuten, um Admiral Nachimow und dann uns Nachricht zu bringen von dem
verräterischen Unternehmen des türkischen Geschwaders. Wir möchten Ihnen gern
Gerechtigkeit gewähren an diesem Mann, doch - das Recht eines Vaters ist ein
heiliges, und als solcher kam er in unsere Gewalt.«
    »Einen Augenblick, Excellenz,« unterbrach der Vice-Admiral Rogula den Greis.
»Wenn ich Capitain-Lieutenant Juschkin recht verstanden habe, erfolgte die
Entbindung des Mädchens erst nach der Wegnahme des Schiffs?«
    »So ist es,« bestätigte der Capitain.
    »Dann, mein Herr,« sagte mit Würde der Admiral, »ist das Kind unter
russischer Flagge geboren und geniesst russischen Schutz, bis Ihre Ansprüche
bewiesen sind, was durch den Tod der Mutter unmöglich werden dürfte.«
    Der Baronet stampfte mit dem Fusse auf. »Ich will mein Kind!«
    Ein Sturmstoss erschütterte das Gebäude, dass es in seinen Grundfesten zu
erbeben schien.
    »Hören Sie die Stimme des Allmächtigen, Herr,« sprach streng der Greis, »der
mit seinem Sturmwind über jene Wogen fährt, denen bald Ihr Leben anvertraut sein
wird, und bereuen Sie Ihre Handlungsweise. - Fort mit ihm, und Sie, Nowossilsky,
zu Schiffe, zu Schiffe, damit Sie die hohe See erreichen, ehe der Sturm nach
Süden umsetzt!«
    Er reichte dem Contre-Admiral die Hand und die Schiffs-Offiziere verliessen
eilig den Saal und die Admiralität. Knirschend fügte sich der stolze Brite in
die Befehle, da einige deutliche Winke ihn belehrten, dass er sonst mit Gewalt an
Bord geschleppt werden würde.
    Als er am Quai stand und auf das Boot harrte, legte sich eine Hand auf seine
Schulter, und sich umwendend schaute er wieder in das Hass glühende Auge des
Griechen.
    »Ich hoffe,« sagte dieser mit zischendem Ton, »wir werden uns wieder
begegnen, wo Sie nicht unter'm Schutz der Gefangenschaft stehen. Holen Sie Ihr
Kind, Mylord, wenn Sie den Mut dazu haben!«
    »Ich werde es holen! Goddam!« Er sprang in's Boot und die dunklen Wellen
trennten die Gegner. -
    Während der ausbrechende Sturm bereits das Land und Meer peitschte,
remorquirte die Bessarabia das Admiralschiff »Grossfürst Constantin« aus der
Bucht, auf deren Höhe die beiden anderen Linienschiffe es erwarteten. Eine
Stunde darauf waren die Anker gelichtet und das Geschwader stand unter
Sturmsegeln glücklich hinaus in See.
 
                                  III. Sinope.
Die russische Pontus-Flotte hatte bisher ungehindert auf dem Schwarzen Meere und
bis dicht an die rumelischen und anatolischen Küsten gekreuzt, und bereits
mehrere türkische Dampfschiffe, darunter noch während der von Omer-Pascha dem
russischen Oberbefehlshaber in den Fürstentümern gestellten Frist den »Medari
Tidjaret,« genommen. Die türkisch-egyptische Flotte ankerte während dessen noch
im Bosporus in der Bucht von Beikos. Das französisch-englische Geschwader war am
8. und 9. vor Constantinopel eingetroffen, wobei wieder verschiedene kleine
Scenen von Rivalität zwischen den beiden Nationen stattgefunden hatten. Ihre
mächtigen Schiffe lagen jetzt vom Eingang des Goldenen Horns bis Bujukdere
hinauf an dem europäischen Ufer des Bosporus und ihre Mannschaften füllten die
Strassen von Constantinopel, wobei das anständige und freundliche Benehmen der
französischen Matrosen einen grellen Gegensatz gegen das brutale und rohe
Treiben der englischen Seeleute bildete, die auf den Strassen Schlägereien mit
den türkischen Wachen anfingen, Weiber insultirten, die Bevölkerung verhöhnten
und sich so viehisch betranken, dass täglich Abends die Gassen in Galata und
Tophana voll Sinnloser lagen, die sich im Kot wälzten. Es blieb zuletzt dem
Seraskier Nichts übrig, als der Befehl an sämtliche Wachen, jeden Morgen die
betrunkenen Matrosen von den Strassen aufzulesen und sie in grossen Booten an Bord
des englischen Wachtschiffes abzuliefern.
    Die Feindseligkeiten in Asien zwischen Russen und Türken hatten unterdess
einen ausgedehnteren Gang und grössere Bedeutung gewonnen, so dass die
Unterstützung der beiderseitigen Flotten nötig wurde.
    Am 28. October hatte Selim-Pascha, der Oberbefehlshaber der türkischen
Truppen in Anatolien, das Fort Nikolajowst (Scheffekil), den ersten russischen
Posten an der südlichsten Spitze der Küste von Kaukasien, zwischen Batum und
Redutkale, überfallen und nach siebenstündigem hartem Kampf genommen. Der Posten
war nur durch die grossen Proviantvorräte von Bedeutung, welche hier lagerten.
Der Kommandant der Truppen in Grusien, Oberst Karganow, versuchte zwar denselben
wieder zu nehmen, wurde jedoch zurückgedrängt. Der Verlust auf beiden Seiten war
erheblich. Die türkische Armee überschritt hierauf auch an anderen Punkten die
russische Gränze und nahm einige kleine Posten weg, bis Fürst Bariatinsky, der
Chef des Generalstabes der zweiten activen Armee1, dem Feinde in einer
vorteilhaften Stellung bei Gümri2 am 14. November eine bedeutende Niederlage
beibrachte, bei welcher circa 1000 Türken zu Gefangenen gemacht wurden. Bald
darauf, am 26., erfocht Fürst Andronikoff einen zweiten glänzenden Sieg über das
türkische Corps, das Achalzik (Akiska) eingenommen hatte und die Festung
belagerte. Die Türken verloren hier an 5000 Mann, 12 Kanonen, 7 Fahnen, die
ganze Bagage und grosse Munitionsvorräte.
    Es ist eine bekannte Sache, dass die tscherkessischen Stämme in ihrem Kampfe
gegen Russland seit Jahren im Stillen von England unterstützt wurden.
    Bei Beginn der orientalischen Verwickelungen war daher eines der ersten
Mittel, was die sogenannte neutrale Intervention in's Auge fasste, die Aufreizung
Schamyl's zu einem Angriff gegen die russischen Forts an der abchasischen Küste
und die ganze Stellung am Kaukasus. Man hoffte dabei offenbar auf einen Aufstand
aller mingrelischen Stämme, um damit eine Schutzwehr für Anatolien zu erlangen.
Die Politik der Westmächte, die bis zum letzten Augenblicke den Schein einer
abwartenden und ausgleichenden Stellung zu bewahren suchte, schob natürlich bei
Verfolgung dieser Intrigue das türkische Cabinet vor. Es wurde im Divan eine
Expedition an die abchasische Küste beschlossen, um den Bergvölkern Geld, Waffen
und Truppen zuzuführen, und alsbald in's Werk gesetzt. Mit dem Kommando des
Geschwaders ward, auf die Einwirkung des Kapudan-Pascha, dieses zweiten Führers
der Kriegspartei, der 61 jährige Osman-Pascha betraut. Derselbe empfahl sich
wenigstens durch einen 42jährigen Seedienst, indem er schon 21 Jahre im Dienste
Mehemed Ali's gestanden, bei Navarin eine Brigg, beim Bombardement von St. Jean
d'Acre ein Linienschiff kommandiert hatte und seit 10 Jahren den Titel eines
Admirals führte. Die Erfahrung indes hat gelehrt, dass auch jetzt eben noch wie
früher die türkische Marine trotz der in England gebauten Schiffe keineswegs den
Ruf verdient, den man ihr mit Gewalt gegenüber der russischen beizulegen
versuchte. Mit wenigen Ausnahmen hat die Türkei nie gute Seeoffiziere erzeugt,
und das Kommando sich stets in unfähigen Händen befunden. Eben so wenig sind die
Türken tüchtige Seeleute und die türkische Flotte war bis zum Beginn des Krieges
zum grossen Teil mit griechischen Matrosen bemannt, die bei der allgemeinen
fanatischen Stimmung unter der griechischen Bevölkerung ihren Dienst verliessen,
so dass nur eine ziemlich undisciplinirte zusammengeraffte Mannschaft auf
derselben zurückblieb. Noch trauriger war es auf der egyptischen Flotte
bestellt, die mit Ausnahme der Dampfschiffe aus so jämmerlichen, alten und
morschen Fahrzeugen bestand, dass beim Auslaufen dieser Hilfsescadre aus
Alexandrien im Sommer das Admiralschiff alsbald gesunken war, und die Flagge
schleunig auf einem zweiten Schiffe aufgehisst werden musste.
    Das Geschwader, mit dem Osman-Pascha in der ersten Hälfte des Novembers
Befehl erhielt, unter Segel zu gehen, bestand aus 7 Fregatten von 74, 60, 52,
56, 50, 38 und 42 Kanonen, 2 Corvetten, 1 Sloop und 2 Transportschiffen.
    Es hatte über 5000 Mann Landtruppen unter Kommando Mustapha-Pascha's, zur
Ausschiffung an der tscherkessischen Küste, an Bord, so wie 20 Millionen Piaster
in englischem Golde, nebst bedeutenden Vorräten von Waffen und Munition.
Mehrere englische Offiziere und Ingenieure, so wie eine Anzahl politischer
Flüchtlinge, befanden sich auf den Schiffen.
    Dies war die wichtige Nachricht der russischen Agenten in Constantinopel,
welche Caraiskakis von Varna aus, indem er ein auf der Höhe der Bucht kreuzendes
Schiff erreichte, dem Geschwader des Vice-Admirals Nachimow, des Kommandirenden
der fünften Flotten-Division, und von diesem mit der Bessarabia nach Ssewastopol
überbracht hatte.
    Am 24. erblickte Vice-Admiral Nachimow, in der Aufsuchung des türkischen
Geschwaders begriffen, dasselbe im Hafen von Sinope, wohin sich Osman-Pascha,
der am 16. von Trapezunt abgesegelt war, zurückgezogen hatte, teils um Schutz
vor den Stürmen zu suchen, teils um abzuwarten, dass die an der abchasischen
Küste kreuzenden russischen Schiffe sich zurückzögen. Die Türken glaubten sich
auf der Rhede von Sinope vollkommen sicher vor jedem Angriff.
    Am folgenden Tage verhinderte ein heftiger Sturm aus Westen den Admiral,
sich Sinope zu nähern, und er sandte sofort die Bessarabia nach Ssewastopol mit
der Nachricht ab, indem er mit den Linienschiffen »Kaiserin Maria« von 120,
»Tschesme« und »Rosstisslaw« von 84 Kanonen und den Fregatten »Kagul« und
»Kulewtschi« die Rhede blokirte.
    Die Stadt Sinope, im Altertum berühmt und als Geburtsort des Philosophen
Diogenes bekannt, liegt auf einer weit in's Meer vorspringenden Landzunge, die
einen sichern Hafen bildet. Von ihren berühmten Tempeln, Lyceen und Porticis ist
Nichts mehr zu sehen, aber die grossen Fundgruben altertümlicher Reste sind die
Mauern, welche die ärmlich erbaute neue Stadt und die Citadelle umgeben.
Letztere scheint ein byzantinisches Werk zu sein und ihre Mauern bestehen ganz
aus Bruchstücken von Säulen, Friesen und Kapitälern etc., bunt durcheinander.
Die Stadt zählt etwa 10,000 Einwohner.
    Die türkische Escadre war bogenförmig längs dem Ufer aufgestellt, mit
seitwärts ausgeworfenen Wurf-Ankern, um bei jedem Winde eine Linie bilden zu
können. Am Ufer waren, den Zwischenräumen der Schiffe gegenüber, doch ziemlich
ungeschickt, fünf Batterieen errichtet.
    In der Nacht zum 28. traf der Contre-Admiral Nowossilski mit seiner
Abteilung bei dem blokirenden Geschwader ein. Dasselbe bestand nunmehr aus 6
Linienschiffen und 2 Fregatten.
    Am 28. machte der Vice-Admiral Nachimow seine Dispositionen, um beim ersten
günstigen Winde den Feind anzugreifen. Dies sollte in zwei Colonnen geschehen,
deren rechte der Admiral führen wollte. Sein Flaggenschiff war die »Kaiserin
Maria«; die Schiffe »Grossfürst Constantin« und »Tschesme« sollten ihm folgen.
Die linke Angriffscolonne unter Befehl des Contre-Admirals Nowossilski bestand
aus den Schiffen »Paris«, »Tri Sswjatitalja« und »Rosstisslaw«.
    Die Fregatten »Kagul« und »Kulewtschi« sollten unter Segel auf der Rhede
bleiben, um, falls einige feindliche Schiffe sich durch die Flucht zu retten
versuchen wollten, sie daran zu verhindern.
    Die Russen ersehnten eifrig den günstigen Wind, während die Türken unter dem
Schutz der Batterieen an die Unmöglichkeit eines Angriffs zu glauben schienen.
    Endlich am Morgen des 30., Mittwoch, setzte der Wind um und es trat ein
leichter günstiger Ost-Nord-Ost ein. Um 10 Uhr Morgens gab der Admiral das
Zeichen, sich zum Kampfe fertig zu machen.
    Am Tage vorher war Sir Maubridge mit seinen beiden Dienern durch ein Boot in
der Nähe der Stadt an's Land gesetzt worden.
    Während sich die beiden Colonnen unter Leesegeln dem Feinde näherten,
herrschte so starker Nebel und Regen, dass die feindlichen Schiffe kaum in der
Entfernung einer halben Stunde deutlich sichtbar waren.
    Die »Kaiserin Maria« ging auf ungefähr 250 Faden weit an zwei türkische
Fregatten heran, deren eine von 74 Kanonen die Flagge des Bahrielivaki
(Vice-Admiral) Osman Pascha zeigte und hinter deren Spiegel am Ufer sich eine
Batterie von 12 Kanonen befand, und warf in dieser Entfernung Anker und
Wurfanker.
    Zugleich legte sich auf dem linken Flügel das Flaggenschiff des
Contre-Admirals Nowossilski, »Paris,« noch näher an den Feind und die anderen
Schiffe nahmen ihre ihnen angewiesene Stellung ein, der »Tschesme« aus dem
äussersten rechten, der »Tri Sswjatitelja« auf dem linken Flügel.
    Die russischen Schiffe hatten kaum Anker geworfen, so begannen die
türkischen Batterieen und Fregatten ihr Feuer.
    Admiral Nachimow hatte mit seinen Offizieren auf der Schanze der »Maria«
seinen Platz genommen und beobachtete mit dem Fernrohr die beginnende Schlacht.
Die Kugeln der Batterieen, namentlich die des Forts von Sinope, taten dem
Masten- und Spierenwerk des Schiffes grossen Schaden, und auch auf dem
»Constantin« bemerkte man deutlich denselben Uebelstand.
    »Lassen Sie die Geschütze der obern Batterie zunächst gegen das Kastell
richten, Capitain Budischtschew,« befahl der Admiral, »wir müssen dasselbe zum
Schweigen bringen, sonst behalten wir keine Stenge an Bord. Mit den Fregatten
wollen wir alsdann schon fertig werden.« -
    Lieutenant Rosstisslaw führte den Befehl auf dem ersten Deck. An seinen
Geschützen arbeiteten die später durch ihren Heldentod so berühmt gewordenen
Matrosen Bolotnikow, Schewtschenko und Koschka mit ihren Kameraden, alle bis zum
Gürtel entblösst, auf den ersten Wink zum Beginn des Feuers harrend.
    Der Capitain ging selbst durch die Batterieen und ordnete die Richtung der
Geschütze, während die türkischen Kugeln durch das Takelwerk pfiffen und hin und
wieder in die Wände des Schiffes prasselten. Nachdem Alles geordnet war,
erfolgte der Befehl zur Eröffnung des Feuers, und von diesem Augenblick an spie
die »Maria« ohne Unterbrechung ihre Breitseiten gegen das Ufer.
    »Sehen Sie den Constantin an, Excellenz,« bemerkte Budischtew, »wie er mit
der Batterie dort umspringt; wahrhaftig, Capitain Rakowskoi rasirt sie, ehe die
Türken drei Mal zum Laden kommen.«
    In der Tat war fünf Minuten nachher die Batterie völlig demontirt und das
Linienschiff konnte unbehindert seine Bombenkanonen des untern Decks gegen die
gegenüberstehende Fregatte wenden.
    »Das Feuer auf dem linken Flügel scheint heftig,« sagte der Admiral; »der
Rosstisslaw scheint von den kleinen Schiffen, die sich an ihn gehangen, und den
Batterieen zu leiden. Geben Sie dem Kagul das Signal, sich anzuschliessen.«
    »Die Bomben der Paris haben die Stadt in Brand geschossen, ich sehe eine
Feuersäule aufsteigen,« meldete der Lieutenant Birjulew.
    »In welchem Teil?«
    »Nach den Minarets ist es das türkische Viertel.«
    »Ha! - was ist das? Tscherti tjebie by wsiali! da geht sie wahrhaftig in die
Höh'!«
    Ein donnerndes Geprassel überdröhnte das Brüllen der Kanonen, - die
Fregatte, welche dem »Constantin« gegenüber gestanden, flog in die Luft, ihre
Trümmer fielen weit ringsum und entzündeten die Flamme an einer zweiten Stelle
der Türkenstadt.
    Lustig arbeiteten die Kanonen auf den drei Decks der »Maria«, dichter
Pulverdampf hüllte sie in fast undurchdringlichen Nebel, dass kaum die
Mannschaften der Geschütze neben einander sich sehen konnten. Nur der
ermunternde Zuruf der Offiziere, das Aechzen der Verwundeten unterbrach die
stille Arbeit an den Kanonen.
    Da prasselte es durch das obere Deck und eine Bombe schlug mitten zwischen
die Batterie. »Nieder! zu Boden!«
    Der Ruf des Lieutenants wurde nur von Wenigen vernommen, die, gewohnt an
blinden augenblicklichen Gehorsam, sich auf das Deck warfen. Einer der Matrosen
des nächsten Geschützes aber war, mit dem Rücken gegen den Offizier gekehrt,
eben mit der Visirung seiner Kanone beschäftigt und hörte den Befehl, oder
achtete der Gefahr nicht.
    Lieutenant Rosstisslaw, im Begriff, sich niederzuwerfen, bemerkte den Mann. Im
selben Augenblick auch erfasste er ihn bei den Beinen und riss ihn schwer zu
Boden, dass der Matrose hart mit dem Schädel gegen das Geschützrad schlug und
sein Gesicht sich mit Blut bedeckte. Im nächsten Moment platzte die Bombe und
ihre Tod und Verderben bringenden Splitter sprühten umher.
    Zehn verstümmelte Leichen deckten den Boden, als der Offizier wieder in die
Höhe sprang, schweres Aechzen belehrte ihn, dass noch Mehrere verwundet worden.
    »Der Teufel hole die Kugel, sie kostet uns ein Dutzend der besten Leute!
Was, auch mein braver Schwetschenko? - Warum hörtest Du nicht auf meinen Befehl,
Sukiensyn3!«
    »Hollah, Euer Gnaden,« sagte der Matrose, den der Lieutenant eben bedauerte
und welcher derselbe war, den er zu Boden gerissen, »die Bombe hat mir Nichts
getan, Euer Gnaden haben mich nur etwas unsanft angepackt. Aber jetzt weiss ich
warum, und schorte wos mi, wenn ich's Euer Gnaden vergesse!«
    Ein Adjutant des Admirals sprang die Leiter herunter.
    »Vielen Verlust, Rosstisslaw, von der Bombe?«
    »Zehn todt, sechs verwundet!«
    »Teufel, das wird den Alten ärgern! An's Werk, Jungens, und richten Sie die
Geschütze jetzt gegen das Admiralschiff. Wir müssen die Flagge haben!«
    Die Kanonen donnerten, die Männer arbeiteten, von Blut, Dampf, Staub und
Schweiss bedeckt, wie die Teufel ausschauend, wie die Teufel tätig in diesem
Meer von Donner und Flammen.
    Eine neue Explosion erfolgte: die türkische Fregatte, welche der »Paris«
gegenüberlag, ging in die Luft. Die See weit umher war von Trümmern, Leichen und
Schwimmenden bedeckt.
    »Die Wurf-Ankertaue sind durchschossen,« liess der im Vorderkastell
kommandirende Offizier der »Maria« dem Capitain melden. »Das Schiff fällt ab.«
    »Auf der Barkasse den Wurfanker! Herunter mit dem Kabeltau!«
    Unter dem heftigsten Feuer wurde das Schiff wieder festgelegt. Der »Tri
Sswjatitelja« war in gleicher Verlegenheit gewesen.
    Eine Stunde hatte das Feuer in voller Heftigkeit gedauert, als es auf
türkischer Seite zu ermatten begann. Die Boote der Schiffe, die noch See halten
konnten, bedeckten, mit Flüchtenden gefüllt, den Raum nach dem Ufer. Hunderte
warfen sich in's Wasser, um schwimmend ihre Rettung zu versuchen.
    Um 2 Uhr hörte das Feuer von den türkischen Fahrzeugen fast ganz auf; drei
Fregatten, darunter die des türkischen Admirals, standen in Flammen, und von den
zwei durch die Kugeln durchbohrten und gesunkenen Transportschiffen waren nur
die Masten sichtbar. Eine der Corvetten war gleichfalls von den herbeigekommenen
Fregatten »Kagul« und »Kulewtschi« in Grund gebohrt, die andere Corvette und die
Sloop kampfunfähig. Die drei Schiffe hatten dem »Rosstisslaw« arg zugesetzt.
    Um 21/2 Uhr gab Admiral Nachimow das Signal, das Feuer einzustellen.
Zugleich wurde Lieutenant Birjulew mit der Parlamentairflagge nach der Stadt
gesandt, um den türkischen Behörden anzuzeigen, dass, wenn noch ein Schuss von den
Batterieen oder vom Ufer aus fallen sollte, der Admiral von Grund aus die Stadt
zerstören und abbrennen werde.
    Der Offizier verweilte fast eine Stunde unbehindert am Ufer, ohne eine
obrigkeitliche Person auffinden zu können. Ein panischer Schrecken hatte sich
der Moslems bemächtigt und die türkische Bevölkerung sich sämtlich in die
nächsten Dörfer geflüchtet. -
    Während die Schlacht im Hafen von Sinope wütete, hatte sich auf der See
jenseits der einbuchtenden Landzunge eine andere Kampfscene ereignet.
    Am 29., sobald der General-Adjutant, Vice-Admiral Korniloff, den die
»Bessarabia« aufgesucht hatte, mit seinem Dampfgeschwader, bestehend aus den
Dampfschiffen »Odessa«, »Krimm« und »Chersones«, in Ssewastopol eingetroffen und
die Schiffe zum Auslaufen wieder bereit waren, ging er zur Escadre Nachimow's
ab. Admiral Korniloff befand sich auf der »Odessa«. Am 30., bald nach 12 Uhr,
bemerkte man auf dem Dampfer, der sich bereits der anatolischen Küste genähert
hatte, über die Landzunge von Sinope hinweg, dass die Schlacht begonnen, und die
Dampfschiffe beschleunigten alsbald ihren Lauf so sehr als möglich, um die Rhede
zu erreichen. Als sie am Vorgebirge von Sinope vorübergingen, wurde ihnen die
türkische Dampffregatte Taïf, von 20 Kanonen, sichtbar, die, auf dem linken
Flügel der türkischen Stellung postirt, weniger gelitten und bereits vor Beginn
des Kampfes geheizt hatte und jetzt bemüht war, durch die Flucht der allgemeinen
Vernichtung zu entgehen.
    Der Vice-Admiral Korniloff befahl alsbald, seine Flagge aufzuziehen und dem
türkischen Dampfschiffe, das nach der hohen See steuerte, den Cours
abzuschneiden. Der »Taïf«, obschon er fast drei Mal stärker war, als die Odessa,
änderte jedoch, sobald er das russische Manövre gewahr wurde, seine frühere
Richtung und lief längs dem Ufer hin. Als das Dampfschiff Odessa sich bis auf
Kanonenschussweite genähert, eröffnete es das Feuer aus dem langen Neunpfünder
auf seinem Vorderteil.
    »Bei Gott,« sagte der Admiral, »die Schurken werden den Kampf nicht
annehmen, sondern verlassen sich auf ihre stärkere Maschine. Wir müssen zu dem
letzten Mittel greifen, sie zum Fechten zu zwingen. Lassen Sie die Enterhaken
bereit machen, Capitain Stanisslaw, und die nötige Mannschaft an die
Schanzverkleidungen treten. Wir wollen versuchen, ihn im Vorbeikommen
anzulaufen, die Enterhaken an seinen Bord zu werfen und ihm dabei eine Salve zu
geben.«
    In wenigen Augenblicken waren die Vorbereitungen getroffen und die Schiffe
näherten sich rasch einander, denn der Capitain des Taïf sah ein, dass er dem
russischen Dampfer nicht ausweichen könne, ohne auf die Klippen des Ufers zu
geraten. Die Besorgnis einer Enterung oder eines Zusammenstosses war dagegen
eine weit geringere, da, wie erwähnt, das türkische Schiff noch ein Mal so gross
war wie die Odessa, und nur in dem Kampfe mit allen drei Dampfern Gefahr lag,
der beim Gelingen einer Enterung unvermeidlich gewesen wäre.
    Die Mannschaften beider Schiffe standen auf den Decks, die Türken mit Rudern
und Stangen bewaffnet, um das feindliche Schiff abzuhalten. Auf den Radkästen
und an den Seiten der Odessa waren die Enterer postirt, Capitain Stanisslaw auf
der Brücke über der Maschine, um die Kommando's für die Bewegungen zu geben.
    »Was tun Sie hier, mein Herr?« sagte einer der Offiziere zu einem Manne in
einem der grauen russischen Militair-Capots und darunter in Civilkleidung, der,
das Glas am Auge, einen Säbel in der Faust, am Bogspriet des Dampfers auf einer
der gefährdetsten Stellen sich hielt. »Sie gehören nicht zur Equipage und setzen
sich hier unnütz der Gefahr aus.«
    Der Angeredete verwandte kein Auge von dem heranbrausenden Gegner.
    »Bitte, lassen Sie mich hier,« sagte er dringend, »ich habe von dem Admiral
die Erlaubnis erhalten, den Kampf mitzufechten, und bin begierig, Ihnen zu
zeigen, dass mein Volk die Gefahren seiner Beschützer zu teilen wünscht.«
    Es war keine Zeit zu langem Streit, denn die Schiffe waren etwa nur noch
20-30 Faden weit aus einander, und Gregor Caraiskakis, - denn er war es, der an
der Brustwehr stand, und welcher, nach dem er in Sebastopol verschiedene
Verfügungen über das Kind seiner Schwester getroffen hatte, auf seine
ausdrückliche Bitte auf dem Schiff des Vice-Admirals aufgenommen worden war, um
seinem Gegner nach Sinope zu folgen, - behielt seinen Platz.
    Während der Taïf in grader Linie seinen Lauf fortsetzte, schoss die Odessa in
einem spitzen Winkel gegen ihn heran. In der Entfernung von etwa einer halben
Seemeile eilten die beiden andern Dampfschiffe herbei.
    Es war die Absicht des Admirals, das Bogspriet des kleinen Dampfers
womöglich in den Radkasten der türkischen Fregatte aufzurennen, die Enterhaken
zu werfen und die Türken so im Kampf festzuhalten, bis die beiden andern Dampfer
herankommen konnten.
    Auf dem türkischen Schiff war diese Absicht offenbar erkannt, denn auch dort
füllten sich die Radkästen und alle höheren Stellen mit Männern.
    Die Odessa schoss wie ein schnaubendes Kampfross heran und ihr Vorderteil
berührte beinahe die Flanke des Taïf, als dieser im selben Augenblick wendete,
so dass der Vorderteil des russischen Schiffes an den Radkästen vorüberschoss und
nur das hohe Hinterkastell der Fregatte traf. Die Enterhaken wurden zwar
geworfen, fanden hier aber wenig Halt, und ein kurzer Kampf entspann sich auf
den Decks, während der Dampfer von dem Aufstoss sich langsam herumschwenkte und
seitlängs der Fregatte legte.
    Einige der russischen Matrosen versuchten an der höheren Brüstung des
türkischen Schiffes empor zu klettern, wurden aber zurückgeworfen oder in's
Wasser gestürzt. Unter denen, welche vergeblich sich damit abmühten, befand sich
auch Caraiskakis. Er hatte mit der Linken sich an eine der herabhängenden
Bootketten festgeklammert und war im Begriff, sich über den feindlichen Bord zu
schwingen, als ein donnerndes Krachen verkündete, dass die Odessa die vier
kleinen Kanonen gelöst, die ihre Breitseite bildeten. Die Schwere der Geschütze
war zu gering, um selbst in dieser Nähe eine gefährliche Wirkung auf die
Fregatte auszuüben, der Rückstoss der Salve bewirkte jedoch, dass die Schiffe von
einander prallten und einige Ketten der geworfenen Enterhaken sprangen, während
andere von dem türkischen Schiffsvolk gelöst wurden. Zugleich schoss die Fregatte
mit aller Kraft der Maschinen vorwärts und war im nächsten Augenblick schon
mehrere Schritte an der Odessa vorbei.
    Ein wilder Ruf des Schreckens ertönte von den Lippen Derer, die noch an dem
türkischen Schiff hingen und vergeblich jetzt wieder an den eigenen Bord zu
gelangen suchten. Einige liessen sofort los und vertrauten sich den Wellen an,
Andere wurden von den Türken heruntergestossen.
    Caraiskakis, der zu spät die Schanze des russischen Schiffes unter seinen
Füssen weichen fühlte, wurde, ehe er noch einen Entschluss fassen konnte, hart von
einem Türken bedroht, gegen den er sich, so gut er es in dieser Lage vermochte,
mit dem Säbel verteidigte.
    Schon wollte er den schwankenden Halt aufgeben und sich gleichfalls in's
Meer werfen, als er sich von hinten am Kragen ergriffen und von einer kräftigen
Faust emporgehoben und über Bord geschwungen fühlte. Im nächsten Augenblick, als
er sich emporraffte, starrte er seinem Besieger in's Antlitz, der ruhig die
Moslems von dem Gefangenen zurückwehrte, - es war Sir Maubridge. -
    Die Odessa verlor mehrere Minuten mit dem Auflesen ihrer Leute und dem
Wenden. Als sie die Verfolgung des Taïf wieder aufnahm, war dieser bereits eine
ziemliche Strecke entfernt, und obschon die Maschine auf's Höchste angespannt
wurde, zeigte es sich doch bald, dass der Lauf der Fregatte zu überlegen war, um
ein Einholen möglich zu machen. Sobald dieselbe daher ausser Schussweite gekommen,
befahl der Admiral, die Jagd einzustellen, und die drei Dampfer wandten sich
eilig nach der Richtung von Sinope, um dort ihren Teil am Kampfe zu nehmen.
    Aber sie kamen hier zu spät.
    Auf der Rhede von Sinope war die Schlacht beendet. Die eintreffenden Dampfer
Krim und Chersones erhielten sofort die Ordre, die russischen Schiffe aus der
Schussweite der noch kampffähigen Uferbatterieen zu bugsiren für den Fall, dass es
dem Feinde einfallen sollte, in der Nacht sein Feuer zu erneuern. Die Odessa
aber wurde beordert, die türkische Fregatte »Damiette«, welche am wenigsten von
den Kugeln gelitten hatte, in Besitz zu nehmen und vom Ufer fortzuführen.
    Dies geschah ohne Widerstand. Man fand auf der Fregatte kaum noch 100 Mann
der Besatzung und etwa 50 Verwundete. Der Commandeur und die Offiziere hatten
das Schiff schon im Anfange der Schlacht verlassen, indem sie sich mit
sämtlichen Ruderbooten in schimpflicher Flucht an's Ufer retteten.
    Mehrere der türkischen Schiffe standen noch in vollen Flammen und gewährten
in dem einsinkenden Dunkel des Abends ein furchtbar schönes Schauspiel, indem
sie aus den glühend gewordenen Geschützen ihre Kugeln weit hinaus über die Rhede
versendeten. Als das Feuer die Pulverkammern erreichte, flogen sie endlich in
die Luft und die brennenden Trümmer verbreiteten sich über die am Ufer entlang
liegende Türkenstadt, so dass diese auf's Neue in Brand geriet. Gegen
Mitternacht stand der ganze, von einer steinernen Mauer umgebene Raum in
Flammen; die Griechenstadt blieb jedoch von dem Feuer verschont.
    Am 1. December bei Tagesanbruch waren von den 12 Fahrzeugen, aus denen die
türkische Escadre bestanden hatte, auf der Rhede nur noch die Fregatte Damiette
im Schlepptau der Odessa, die Sloop und die zweite Corvette ganz zerschossen auf
dem Strande am Südufer der Bucht zu erblicken. Nach aufmerksamer Besichtigung
erwies es sich, dass die »Damiette« 17 Kugeln unter der Wasserlinie erhalten
hatte; der ganze Rumpf unter dem Wasser, die Masten und die Takelage waren in
dem Grade beschädigt, dass ohne bedeutende Reparaturen, die viel Zeit gekostet
hätten, es unmöglich gewesen wäre, sie bis Sebastopol zu bringen. Es wurde
demnach befohlen, sie an's Ufer zu werfen und gleichfalls in Brand zu stecken.
    Mit gleichem Befehl bemächtigten sich die Boote der Fregatte Kagul der Sloop
und der Corvette. Die mit dem Auftrag betrauten Offiziere fanden auf der Sloop
den Kommandanten der türkischen Escadre, den Bahrielivaki (Vice-Admiral) Osman
Pascha, den Capitain der Fregatte »Raphael«, den Commandeur der Sloop und 80
Matrosen. Osman Pascha war bald nach der Eröffnung des Feuers am rechten Bein
verwundet worden, indem eine Kugel den Knochen zerschmetterte. Das Admiralschiff
war das zweite, das von den Bomben der Russen in Brand geschossen worden, und
die zügellose Mannschaft hatte sich alsbald in die Böte geworfen, indem sie
ihren Admiral obenein ausplünderte, ihn seiner Uhr und seiner Kleidung beraubten
und ihn hilflos und entblösst auf dem Deck liegen liess. Ein Boot der Sloop, das
der brennenden Fregatte zu Hilfe eilte, hatte ihn aufgenommen.
    Die türkischen Offiziere wurden auf das Dampfschiff Odessa, die gefangenen
Mannschaften auf das Schiff Tschesme gebracht. Am Abend des 1. Decembers fand
sich auf der Rhede von Sinope kein türkisches Fahrzeug mehr auf dem Wasser.
    Die Beschädigungen der russischen Schiffe beschränkten sich grösstenteils
auf die Masten und die Takelage; am meisten hatten in ihrer Armirung die Schiffe
»Kaiserin Maria«, »Tri-Sswjatitelja«, »Grossfürst Constantin« und »Rostisslaw«
gelitten. Die Mannschaften gingen trotz der Ermüdung des Kampfes eilig an die
Ausbesserung.
    Am 2. December lichtete die Escadre des Vice-Admirals Nachimow Anker und
verliess die Rhede von Sinope, indem die beschädigten Fahrzeuge von den Dampfern
bugsirt wurden.
    Schon am 4. langten die drei am schwersten beschädigten Schiffe auf der
Rhede von Sebastopol an.
    Der Taïf brachte die Kunde von der Vernichtung des türkischen Geschwaders
nach Constantinopel und der Schrecken und die Verwirrung über die unerwartete
Botschaft waren um so grösser, als Niemand an die Möglichkeit eines solchen
Schlages geglaubt hatte. Von den zehn Fregatten und sechs Corvetten der
türkischen Flotte waren sechs und zwei vernichtet, und die Moslems begannen zum
ersten Male bedenklich zu werden über den vielgepriesenen Schutz der Westmächte.
    Im Räume des Taïf langte in Fesseln Gregor Caraiskakis, der einzige
Gefangene, wieder in Constantinopel an.
 
                                    Fussnoten
1 Dieselbe operirte getrennt von der Armee am Kaukasus, die unter Befehl des
General-Adjutanten Fürsten Woronzow stand.
2 Alexandropol.
3 Hundssohn.
 
                              Das Blut Schamyl's.
Es war ein trüber December-Abend, das Sternengewölbe durch düstere Schneewolken
verhüllt, die der Wind am hin und wieder mit mattem Glanz durchbrechenden Mond
vorüberpeitschte, - als durch eine lange strassenähnliche Lichtung am Saume eines
der ungeheuren Urwälder, welche noch grosse Flächen der Ukraine und Volhyniens
bedecken und die Sümpfe von Rokitno und Mozyr genannt werden, ein auf polnische
Art bespannter dreispänniger Schlitten über die Schneedecke flog. Eine dürftige
Spur zeigte allein an, dass die Reisenden noch auf einem gangbaren Wege sich
befanden, obschon dieser wenig genug benutzt werden mochte und meilenweit den
Fahrenden kein lebendes Wesen begegnet war.
    Im Schlitten sassen zwei Personen, ein alter Mann von straffer militairischer
Haltung mit noch jugendlich feurigem Blick trotz des weissen Haars, das unter der
dicken Pelzmütze hervorquoll, neben einem jungen Mädchen von liebreizendem
Antlitz, so weit aus den Krägen, Tüchern und Hüllen, mit denen sie sich gegen
die Kälte geschützt hatte, dieses zu schauen war. Das Gespräch zwischen Beiden
war langst verstummt, teils wegen der Unfreundlichkeit der Witterung, teils
weil sie schon lange mit einander gefahren und kein Gegenstand zur Unterhaltung
nahe lag.
    Auf dem Vordersitz des Schlittens neben dem Postillon sass ein Diener, ein
Mann von mittleren Jahren und kühnem verständigem Aussehen in der polnischen
Tracht, die weisse barankenbesetzte Mütze über die Ohren gezogen.
    »Das Wetter will mir wenig gefallen, Herr Graf,« sagte, sich umwendend, der
Diener; »ehe eine Viertelstunde vergeht, werden wir volles Schneetreiben sehen,
und dieser Wald scheint kein Ende zu nehmen.«
    »Hast Du den Postillon gefragt, wie weit wir noch bis zum Schloss des Fürsten
haben?«
    »Volle drei Stunden. Wir werden vor eilf Uhr in keinem Fall ankommen, wenn -
wir überhaupt ankommen.«
    »Wie meinst Du das, Bogislaw?«
    Der Diener schwieg einige Augenblicke, dann sagte er auf Deutsch:
    »Die Schneefälle sind gefährlich in diesen Wäldern, Herr Graf, auch wäre es
leicht, dass wir auf Wölfe stossen könnten. Die ganze vorige Woche war harter
Frost und das bringt die Bestien von den Karpaten herauf und aus den Sümpfen
her.«
    Graf Lubomirski, - der Reisende im Schlitten war der alte Offizier, dem wir
in der ersten Scene unseres Buchs und dessen Namen wir zuletzt in Petersburg
begegnet sind, - beugte sich besorgt vorwärts.
    »Ich habe selbst schon bedauert,« sagte er in der gleichen Sprache, von der
er wusste, dass sie der jungen Dame an seiner Seite nicht geläufig war, »nicht in
Owrucz geblieben zu sein. Doch hatte ich dem Fürsten zu heute meine Ankunft
angezeigt, um morgen mit ihm das heilige Christfest zu begehen. Es bleibt uns
Nichts übrig, als so rasch wie möglich vorwärts zu kommen. Frage den Postillon,
ob es denn keinen Halteplatz gibt bis zum Schloss des Fürsten?«
    Nach einer kurzen Unterredung berichtete Bogislaw, dass zwar ein Gehöft, ein
Krug für die Holzfäller, eine Meile weiter seitab im Walde liege, doch sei es
besser nach der Meinung des Postillons, den geraden Weg zu verfolgen.
    »Was fürchten Sie, Oheim?« fragte die junge Dame. »Sollten wir uns
vielleicht verirrt haben?«
    »Nein, mein Kind,« beruhigte der Graf. »Es ist kein Grund zur Besorgnis
vorhanden, der Weg führt geradeaus durch die Lichtung und ist kaum zu
verfehlen.«
    Ein furchtbarer Windstoss, der die riesigen Stämme zu entwurzeln schien,
strafte seine Beteuerung der Sicherheit Lügen. Er schien das Signal zu sein zum
Beginn des Unwetters, denn alsbald entluden sich die Wolken in einem dichten
Schneegestöber und binnen wenigen Minuten waren die Reisenden und ihr Fuhrwerk
in einen dichten weissen Mantel eingehüllt. Die Flocken fielen so dicht, dass man
rechts und links die dunkle Baumwand nicht zu sehen vermochte. Man musste den
Lauf der Pferde ihrem Instinct überlassen.
    Das tolle Wetter dauerte ungefähr eine halbe Stunde, von einzelnen heftigen
Windstössen unterbrochen, dann begann es nachzulassen und sich aufzuklären - es
verzog sich so rasch, wie es gekommen war. Trotz aller Anstrengungen der Pferde
hatten die Reisenden während des Wetters doch nur geringe Fortschritte gemacht
und das Schlimmste von Allem war, dass nach kurzer Zeit der Postillon erklärte,
er sei nicht mehr ganz sicher, ob sie auch noch auf dem rechten Wege wären, da
das Schneegestöber jede Spur eines solchen tief bedeckt hatte.
    Vor ihnen breitete sich im Mondenschein, der wieder klar und hell vom Himmel
strahlte, noch immer eine Lichtung aus, doch war es fraglich, ob es die rechte
sei.
    Dem Zweifel und der Beratung wurde ein kurzes Ende gemacht, - ein
entfernter, klagender, heulender Ton liess sich hören, bei dessen erstem Laut die
ermüdeten Pferde die Ohren spitzten und ohne Antrieb von Zügel und Peitsche
sofort sich wieder in Galopp setzten.
    »Haben Sie gehört, Oheim?« fragte die Dame. »Wir sind den Wohnungen nahe,
das war das Heulen eines Hundes.«
    Der Graf antwortete nicht, aber er nahm unter der Decke des Schlittens zwei
dort gesicherte Jagdgewehre hervor und reichte das eine dem Diener.
    »Ehe zehn Minuten vergehen, werden wir die Bestien auf dem Halse haben,«
sagte dieser, diesmal auf Polnisch.
    »Um Gott, Oheim, was gibt es?«
    »Nichts von Bedeutung, Wanda; einige Wölfe, die vielleicht auf unsere Spur
kommen. Wir werden sie mit blutigen Köpfen zurückschicken.«
    Die Dame war eine Polin, und obschon in Warschau erzogen, kannte sie doch
durch Erzählungen hinreichend die Gefahren der Wälder ihres Vaterlandes.
    »Wir sind verloren, Onkel, wenn uns die Wölfe in dieser Wildnis erreichen!«
    Gleich als sollte ihre Furcht bestätigt werden, erscholl dicht zur Seite des
Schlittens, der am Waldrande dahinflog, ein durchdringendes Geheul und ein
dunkler Körper schoss plötzlich aus dem Schatten der Bäume über die helle Fläche
des Schnees und sprang dem linken Handpferde an die Kehle. Im nächsten
Augenblick erfolgte ein Knall und der Wolf stürzte todt zurück: Bogislaw war
beim Anblick der Gefahr vom Schlitten gesprungen und hatte dem Wolf den Kopf
zerschmettert. »Vorwärts! vorwärts!« rief er, indem er sich schnell wie der
Gedanke auf seinen Sitz zurückschwang, und die Pferde, die scheuend vor dem
unerwarteten Angriff kaum einen Augenblick angehalten hatten, jagten auf's Neue
davon.
    Ein lautes Geheul erklang jetzt hinter ihnen drein, und als der Graf sich
umwandte, sah er in der Entfernung von einigen Hundert Schritten eine dunkle
bewegliche Masse sich auf der Schneefläche hinter ihnen her wälzen. Feurige
hüpfende Punkte glühten gleich Johanniskäfern aus dem dunklen Knäuel.
    »Lade schnell das Gewehr, Bogislaw, indes ich sie in Respekt halte,« befahl
der Graf. »Ich habe so manches Mal in längst vergangenen Zeiten meine Flinte auf
die Bestien im Bialowizer Walde abgefeuert, dass ich wohl auch heute noch mein
Ziel halten werde.«
    Die Gräfin Wanda barg ihr Gesicht in dem Pelzcapuchon, das ihren Kopf
bedeckte, um die Gefahr nicht zu sehen. Wenige Augenblicke darauf knallte neben
ihrem Ohr die Büchse des Oheims und ein Schmerzensgeheul aus dem Rudel, das sich
auf etwa hundert Schritt schon dem Schlitten genähert hatte, verkündete ihr, dass
ein Verfolger weniger war.
    »Sie werden einige Minuten anhalten, um ihren Gefährten zu verzehren,« sagte
der Diener. »Ich kenne das Geschmeiss und habe oft mit ihm zu tun gehabt, als
ich noch Büchsenspanner und Jäger beim seligen Grafen war!«
    Die Voraussage bestätigte sich; nach kurzer Zeit waren die Wölfe wieder auf
der Fährte des Schlittens und jagten kaum fünfzig Ellen entfernt hinter ihm
d'rein.
    Noch zwei Mal schoss der Graf mit gleichem Erfolg das Gewehr ab, das der
Jäger ihm reichte, aber der Fall der getroffenen Wölfe vermochte jetzt nur wenig
Augenblicke die Verfolger aufzuhalten und zurückzuscheuchen.
    Während die Männer die Blicke und ihre Aufmerksamkeit nach jenen gewandt
hielten, schrie plötzlich die junge Gräfin laut auf: »Jesus Maria, ich sehe
Licht!«
    Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr der Rettungsstrahl, die Gefährdeten.
    »Es ist das Schloss oder ein Gehöft, in einer Viertelstunde sind wir dort.
Hölle und Teufel, was ist das?«
    Der Diener Bogislaw, der es rief, beugte sich vorwärts.
    »Die Bestie hat das Pferd dennoch verletzt - es stürzt - herunter,
Postillon! rasch, rasch! schneide die Stränge los, ehe sie uns einholen, es gilt
Tod und Leben!«
    Er hatte den Zitternden fast mit Gewalt hinabgestossen und ihm das Messer in
die Hand gedrückt, während er selbst bemüht war, die Zugstränge des Handpferdes
zu lösen, das, an einer Halsarterie verletzt, nur, von der Furcht getrieben, so
lange ausgehalten hatte und jetzt zusammengestürzt war und wild um sich schlug.
    »Den Vordersten, Herr Graf, den Vordersten!«
    Wieder knallte die Büchse und der Leitwolf stürzte zusammen, aber an ihm
vorbei jagte die Meute, denn sie wusste, dass in wenigen Minuten ihr die Beute
entgangen sein würde. Rechts und links am Schlitten vorüber sprangen zwei grosse
Wölfe und einer derselben am Vordersitz empor. Die wie feurige Kugeln glühenden
Augen, der weit geöffnete Rachen mit der lechzenden Zunge, aus dem der giftige
heisse Atem dampfte, waren schrecklich anzuschauen.
    Laut auf klang der Schrei des gefährdeten Mädchens, während der Greis mit
dem Büchsenlauf die Bestien vom Rücken des Schlittens zurückzuhalten suchte.
    In diesem Augenblick war es den Beiden gelungen, die Stränge abzuschneiden
und im selben Moment, als sie sich von der hemmenden Last befreit fühlten,
sprangen die beiden Pferde vorwärts und rissen dabei den noch an ihrem
Vorderzeug beschäftigten Postillon zu Boden. Bogislaw hatte kaum Zeit, sich auf
die Deichsel zu schwingen und festzuklammern, als der Schlitten zwei schwere
Rucke erhielt, wie über hindernde Körper hinschnellend, dass die Insitzenden fast
herausgeschleudert wurden, und dann wieder über die Fläche dahin sauste.
Zugleich gellte ein wilder Angst-und Schmerzensruf, dem alsbald das wütende
Geheul der Bestien antwortete.
    Die ganze Sache war so gedankenschnell vor sich gegangen, dass erst jetzt der
Graf und Bogislaw den Wolf bemerkten, der sich halb erschrocken noch immer an
den Schlitten festklammerte, ohne jedoch durch die rasche Fahrt und seine
hängende Lage zu einem Angriff kommen zu können. Die Faust des früheren Jägers,
noch mit dem langen Messer bewaffnet, fuhr im Nu nach dem Rachen der Bestie und
man hörte das Knirschen des Stahls an dem harten Kiefer und den Zähnen; der Wolf
liess los und stürzte rücklings in den Schnee.
    Die beiden Pferde jagten wie toll dem rasch sich nähernden Lichtschein
entgegen. Es dauerte eine Weile, ehe es dem tapferen Diener gelang, mit den
Zügeln, die er zum Glück um die linke Hand geschlungen gehabt, ihrer wieder Herr
zu werden.
    Jetzt erst erholte sich die junge Dame so weit von dem Entsetzen der eben
erlebten grausigen Scene, um zu bemerken, dass eine der Personen auf dem
Schlitten fehlte. »Um Gotteswillen, Oheim, Bogislaw - der Postillon?«
    Die beiden Männer antworteten nicht und Bogislaw peitschte nur wütend auf
die Pferde. Das bebende Mädchen brach in einen Tränenstrom aus; das
Zurückbleiben der Wölfe, ihr Geheul und Bellen gaben ihr die Ahnung, welchem
entsetzlichen Opfer sie die einstweilige Rettung verdankten.
    Aber diese sollte vollständig werden; denn von jenem Lichtschein aus, den
sie in der Ferne gesehen, und der, wie sie näher kommend schon bemerken konnten,
aus einem Gehöft mitten im Walde kam, bewegten sich mehrere Feuer über die
dunkle Fläche, Kienfackeln, von Menschen getragen, und lautes Geschrei und Rufen
verkündete die Nähe von Helfern in der Not.
    Einige Augenblicke darauf waren sie in der Mitte einer Gruppe von Männern
wilden Aussehens, die mit brennenden Kiensplittern, Stangen und Aexten
bewaffnet, herbeikamen, Bewohner des düsteren Waldes, die auf das wiederholte
Schiessen sich von dem wärmenden Heerd in der elenden Waldherberge losgemacht
hatten, an deren Hoftor jetzt der Schlitten hielt.
    Wenige Worte genügten, um das schreckliche Ereignis zu melden; das entfernte
Heulen der Bestien, die sich ausser dem Lichtkreise der Fackeln hielten,
verkündete ihre Wut, dass ihnen der grösste Teil ihrer Beute entgangen war.
    Es war offenbar ganz nutzlos, Menschenleben zu gefährden in einem Versuch,
ob der arme Postillon noch zu retten sei. Ehe der Schlitten noch den dritten
Teil des Weges von der verhängnisvollen Stelle bis zum schützenden Hause
zurückgelegt hatte, musste jedes Glied von ihm in tausend Stücke zerrissen sein.
    Dennoch, als der Graf mit seines Dieners Hilfe kaum die noch immer zitternde
Dame in den grossen Raum getragen, welcher die Flur und Küche des ärmlichen
Gebäudes bildete, und sie am Heerde niedergelassen hatte, wandte er sich auf
ihre Bitte sogleich an die Leute, die mit stumpfer Neugier umherstanden, nahm
eine Hand voll Silber aus seiner Börse und bot es ihnen mit der Aufforderung,
sich mit Fackeln und Waffen aufzumachen, um wenigstens die Reste des
Verunglückten zu suchen.
    Als die Männer das Silber sahen, welches der Graf mit so unvorsichtiger
Freigebigkeit ausstreute, waren sie alsbald zu dem Gange bereit und machten
sich, drei an der Zahl, mit frischen Kienspähnen und ihren Aexten auf den Weg.
Nur der Wirt des Hauses, eine grobe vierschrötige Gestalt mit all' dem finster
tückischen Ansehen der niedersten Slavenraçe, blieb im Hause bei den
unerwarteten Gästen.
    Erst jetzt kamen diese dazu, sich in dem Raume umzusehen, der ihnen zu einer
Zufluchtsstätte diente.
    Die Hütte, ein mit Sumpfbinsen gedecktes einstöckiges Gebäude von Lehm und
Holz, bot das traurigste Bild von Dürftigkeit, Unordnung und Schmutz, wie man es
in den polnischen Provinzen so häufig findet. Sie war ausnehmend lang, der
grösste Teil für Pferde, Rinder- und Schweineheerden eingerichtet, welche die
Hirten der Gegend hierhin zur Sicherung gegen die Kälte und Raubtiere trieben.
Für diese und die Holzschläger, welche die riesigen Buchen und Eichen des Waldes
fällten, ein wüstes wildes Geschlecht von Leibeigenen, war ein Teil des Hauses
zum Krug1 eingerichtet. Ein halbverfallener Bretterzaun umgab das Hauptgebäude
und ein oder zwei ähnliche für die Aufbewahrung der Futtervorräte. Der Raum,
welcher die Küche bildete, nahm den grössten Teil des einen Flügels des Gebäudes
ein und war rechts und links von Verschlägen oder, wenn man sie so nennen will,
Gemächern begränzt.
    In dem grossen Kamin brannten riesige Kloben von Holz und verbreiteten Licht
und Wärme, was um so nötiger war, als der traurige Zustand der Wände durch
zahllose klaffende Spalten dem Luftzuge freien Eintritt sicherte. Diese träge
Vernachlässigung inmitten aller Hilfsquellen und alles Materials ist eine
charakteristische Eigenschaft der polnischen Raçe. Während der Deutsche mit dem
zehnten Teil der Arbeit, die Jener darauf verwendet, das Holz zum Brennen
herbeizuschaffen, das Haus dauernd in festen wohnlichen Stand setzen würde, lässt
der Pole ruhig seine Hütte verfallen, bis ihr gänzlicher Einsturz ihn endlich
zwingt, eine neue zu bauen. Wie in den unteren Ständen, so herrscht auch in den
oberen eine gleiche Vernachlässigung, ein gleichgültiges Verkommenlassen und von
Ordnungssinn ist keine Spur in dem Volke. In dieser Beziehung unterscheidet sich
scharf der polnische und russische Charakter.
    In einem grossen Kessel auf dem Feuer kochte das Abendbrod der Gesellschaft,
Speck und Grütze, und zwei Frauenzimmer, Mutter und Tochter, waren dabei
beschäftigt und bequemten sich erst auf eine handgreifliche Ermahnung des Vaters
zum Dienst der Dame.
    Jener war, wie erwähnt, ein finster und trotzig blickender Mann von robusten
Formen, der volle Typus des verkommenden Volkes, im schmuzigen Schafpelz, die
fettglänzende Mütze bis über die Ohren heruntergezogen. Dennoch lag bei aller
Wildheit und Rohheit seines Wesens eine gewisse kriechende Höflichkeit gegen den
vornehmen Gast darin, ein Belauern jeder Bewegung, die derselbe machte.
    Bogislaw hatte aus dem Schlitten die Decken und Mäntel herbeigeschaft und
nach dem durch einen starken Holzverschlag von der Küche getrennten Räume
gebracht, der das Ende des Hauses bildete und der von den Weibern auf das
Verlangen des Dieners schnell von einigem alten Gerät und Holz gereinigt worden
war, denn hier war man wenigstens entfernter von dem Schmuz der Tiere auf der
anderen Seite. An ein Weiterkommen in dieser Nacht war nicht zu denken gewesen,
da die Pferde zum Tode erschöpft durch den rasenden Lauf sich zeigten und sie
nach der Versicherung des Wirtes von der rechten Strasse ab und auf einen
Nebenweg geraten waren, von dem aus man im Dunkel der Nacht unter zwei Stunden
das Schloss des Fürsten Lubienski nicht zu erreichen vermocht hätte, selbst wenn
man der Gefahr durch die umherstreifenden Wölfe hätte trotzen wollen.
    Es blieb demnach nur übrig, den Tag hier, so gut es gehen wollte, zu
erwarten.
    Während die junge Gräfin am Feuer sich wärmte, und Bogislaw aus den im
Gepäck befindlichen Vorräten Tee kochte, wobei das glänzende Silbergeschirr
wieder die gierige Aufmerksamkeit der Hüttenbewohner erregte, suchte der Graf
von dem Manne Nachrichten über die Bewohner der Gegend, die Ansichten und die
Stimmung des Volkes zu erhalten, stiess aber auf ein hartnäckiges Ausweichen, von
dem er nicht ermitteln konnte, ob es Trotz und Verstellung oder angeborene
Stupidität war, so dass er endlich die unnütze Mühe aufgab.
    Nach einer Stunde etwa kehrten die ausgeschickten Männer zurück - es waren
zwei Söhne des Wirts und ein fremder Holzschläger - und brachten die Nachricht,
dass man von dem unglücklichen Postillon nur traurige Knochen- und Kleiderreste
gefunden hatte, so vollständig war von den Wölfen das grässliche Werk getan.
    »Aber die Büchse? ich verlor im letzten Kampf das Gewehr und es muss sich auf
dem Platz gefunden haben?« fragte Bogislaw. Die Männer schauten einander
verlegen an, verneinten aber insgesamt die Frage. Einer meinte, die Wölfe würden
die Büchse vielleicht unter den Schnee gestampft haben, oder sie sei später vom
Schlitten gefallen und man werde sie morgen bei Tageslicht leichter finden.
Dieser Meinung trat auch der Graf bei, obschon sein Diener bedenklich den Kopf
schüttelte und erklärte, er wisse ganz gewiss, das er das Gewehr bei dem
augenblicklichen Halt, den das Stürzen des Pferdes notwendig gemacht, verloren
habe.
    Die Männer setzten sich in einen Winkel der Küche zusammen, ihr Abendbrod zu
verzehren, zu dem der Graf eine Flasche Rum aus seinem Vorrat gefügt, und
schienen von der Gegenwart der vornehmen Gäste bedrückt, denn sie sprachen wenig
und nur flüsternd unter einander. Dagegen bemerkte Bogislaw misstrauisch, dass hin
und wieder Einer oder der Andere auf einen Wink des Wirts das Haus verliess, und
draussen eine Unterredung mit ihm zu pflegen schien.
    So war eine zweite Stunde vergangen, und die Reisenden machten sich bereit,
ihr improvisirtes Nachtlager aus Pelzen und Mänteln einzunehmen, als plötzlich
am Eingang des Gehöftes ein Ruf erscholl und Pferde hörbar wurden. Mit finsterm
Gesicht fuhr der Wirt empor und zur Tür: »Niech cie djabli wezma!2 ich kann
keine Leute mehr beherbergen, sie müssen weiter!« aber schon waren auch der Graf
und sein Diener an die Tür getreten, und vor derselben, in die Mäntel gehüllt,
hielten zu Pferde zwei Militairs, ein Ulanen-Offizier mit seiner Ordonnanz. Der
Erstere, ein noch junger Mann von hoher, schlanker Figur mit edlem, stolzem
Gesicht sprang sogleich vom Ross, indem er den Zügel einem der Männer zuwarf und
mühsam in polnischer Sprache befahl, ihm behilflich zu sein, seinen Begleiter
aus dem Sattel zu heben, der bei einem Sturz den Fuss gebrochen habe. Vergeblich
erklärte mürrisch der Wirt, er könne keine Herberge mehr geben, man möge
weiterreiten; der Offizier, an den Umgang mit dem Volk gewöhnt, kümmerte sich
wenig darum und drohte mit dem Kantschuh, der statt der Reitgerte an seiner
Faust hing. Zugleich erklärte der Graf menschenfreundlich, dass er gern sich jede
Unbequemlichkeit gefallen lassen werde, um Hilfe zu schaffen und die Reiter
nicht dem auf's Neue drohenden Schneewetter auszusetzen, und wenige Worte, aber
derbe Püffe des Jägers Bogislaw brachten den Wirt und seine Söhne alsbald dazu,
Hand anzulegen und den Soldaten in den Küchenraum zu tragen, wo er auf einem von
Stroh bereiteten Lager niedergelegt wurde.
    Nachdem er die Pferde sicher untergebracht gesehen und den Schnee vom Mantel
geschüttelt, folgte der Offizier gleichfalls und begrüsste höflich und erstaunt
die junge Dame, die sich bereits mit dem Leidenden zu schaffen gemacht und ihn
mit einer frischen Tasse Tee erquickt hatte. Auf die Einladung des Grafen nahm
der Offizier am Feuer Platz und es entspann sich alsbald in französischer
Sprache eine Unterhaltung, in welcher sich ergab, dass der Neuangekommene, zur
Garnison des Städtchens Olewsk gehörend, gleichfalls auf dem Wege zu dem Schloss
des Fürsten Lubienski begriffen war, um auf die Einladung des reichen
Grundbesitzers mit einigen bereits vorausgegangenen Kameraden die Festtage dort
zuzubringen. Der Dienst hatte ihn verhindert, eher als am späten Nachmittag
aufzubrechen, das Schneewetter ihn gleichfalls im Walde betroffen, und ein Sturz
über eine Baumwurzel seinen Burschen so unglücklich vom Pferde geworfen, dass
derselbe den Fuss gebrochen hatte und der Offizier gezwungen war, nachdem er ihn
mühsam wieder in den Sattel gebracht, ihn langsam weiter zu geleiten, bis er in
die Nähe des ihm vom Ansehen bekannten Kruges gekommen war.
    Mit Verwunderung hörte zugleich der Graf, dass dieser gar nicht weit ab von
der Strasse zum Schloss des Fürsten und deren Vereinigung mit dem Wege von Olewsk
gelegen sei und dass sie morgen in Zeit von einer starken Stunde an ihr Ziel
gelangen könnten. Die Wirtsleute des Krugs hatten sie daher absichtlich
getäuscht.
    Obschon der fremde Offizier seinen Namen nicht genannt hatte, zeigte ihn
doch das ganze Gespräch als Mann von Bildung und Erziehung und eine zufällige
Bemerkung ergab, dass er erst seit etwa drei Monaten hier in Garnison stand. Ein
Zug von Ernst, ja Schwermut, der über das ganze Wesen des jungen Mannes
ausgegossen war, erhöhte das Interesse, das seine männliche Schönheit erregte.
Nur die Begeisterung, mit der er des Kaisers erwähnte, machte die Polen
misstrauisch und zurückhaltend.
    Nach einer längeren Unterhaltung musste man endlich an die Ruhe für die Nacht
denken, da die junge Dame offenbar sehr erschöpft war. Der Wirt schlug vor, dass
der junge Offizier den Verschlag zur Linken der Küche einnehmen sollte; da
dieser jedoch von Schmuz aller Art strotzte, erklärte Jener, dass er es vorzöge,
in seinen Mantel gehüllt, die Nacht am Heerdfeuer zuzubringen, wobei ihm der
Jäger Bogislaw Gesellschaft leisten wollte.
    Diese Anordnung schien dem Eigentümer des Hauses wenig zu behagen, und er
gab sich mehrfach Mühe, den Fremden die Kammer oder den mit Streu und Heu
gefüllten Boden anzupreisen, der über den grössten Teil des Gebäudes lief. Als
er endlich sah, dass sie auf ihrem Willen bestanden, fügte er sich mürrisch und
trieb die Weiber in die Kammer, während er, wie er sagte, mit seinen Söhnen und
dem fremden Holzhauer die Nacht im Pferdestall zubringen wollte.
    Es war Etwas in dem Wesen der Familie, was dem aufmerksamen Diener nicht
gefiel und sein Misstrauen erregte. Dennoch lag kein Grund vor, dasselbe zu
äussern, und nachdem er für sich und den Offizier, so gut es ging, zu beiden
Seiten des Heerdes ein Lager bereitet, und alle Andern den Raum verlassen
hatten, streckten sich Beide zur Ruhe nieder.
    In wenig Minuten war der junge Offizier im festen Schlaf, Bogislaw aber
blieb, seine Pfeife rauchend, auf dem Lager wach.
    Ein eigentümliches Geräusch hatte seinen Verdacht auf's Neue erregt; ihm
war, als hätte er einen Reiter vorsichtig den Hofraum verlassen und draussen,
davonjagen hören.
    Bald darauf öffnete sich leise die Tür der Kammer und die Wirtin des
Hauses streckte vorsichtig den Kopf heraus, um nach den Schläfern zu lauschen.
Sie schreckte eilig zurück, als sie die glänzenden Augen Bogislaw's auf sich
gerichtet sah.
    Noch immer hatte sich Nichts ereignet, was genügend gewesen wäre, den
Verdacht des Jägers zu rechtfertigen, und dennoch wurde derselbe von Minute zu
Minute stärker, bis Bogislaw endlich beschloss, sich auf jeden Fall Ueberzeugung
zu verschaffen.
    Die Glut des Heerdes warf nur ein mattes Licht über den weiten Raum, und da
sein Lager sich im tiefen Schatten des Vorsprunges befand, gelang es ihm leicht,
seinen Plan auszuführen. Indem er den weiten Pelz scheinbar zusammengeballt
liegen liess, als ruhe ein Körper darunter, wand er sich geschickt daraus hervor
und erreichte die Leiter, die an der linken Seitenwand zum offenen Eingang des
Bodenraumes führte. Diese stieg er mit katzengleicher Vorsicht hinan, und war
gleich darauf im Dunkel des Raumes verschwunden. -
    Zur selben Zeit sassen in dem entgegengesetzten Flügel des Gebäudes am Ende
des Stalles, der an fünfzig kräftige ukrainer Pferde, ausser denen der Fremden,
entielt, der Wirt mit einem seiner Söhne und dem Holzfäller um eine dürftige
Lampe in eifrigem Gespräch.
    Den zweiten Sohn hätte der Blick eines Lauschers vergeblich gesucht. -
    »Ich sage Dir, Stenko,« sprach der Bauer, »Deine Vorsicht wird Alles
verderben. Warum den Segen, den uns die heilige Mutter von Czenstochau in
unserer Armut geschickt, erst mit den Anderen teilen? Der Kranke zählt nicht,
und mit den Dreien wären wir allein fertig geworden.«
    »Du redest, wie Du's verstehst, sobaczy synu!«3 entgegnete der Wirt. »Der
Teufel könnte sein Spiel haben und Einer entkommen und dann wären wir Alle
verloren. Ueberdies sind sie bewaffnet und würden sich scharf wehren. Die
Freunde, die Iarkow herbeiholt, werden mit der Heiligen Hilfe hier sein, ehe der
Tag graut, und dann liegen die Edelleute grad' im tiefsten Schlaf. Auch brauchen
wir Jene, um den Schlitten und die Pferde hinweg zu führen, damit wir Alle zu
Hause getroffen werden und kein Verdacht auf uns fällt.«
    »Es war gut, Vater,« meinte der junge Bursche, »dass wir die Büchse bei Seite
gebracht haben. Die Narren glauben sie dort unter'm Schnee, während sie hier
wohl aufgehoben ist.«
    Er brachte das Gewehr zum Vorschein, das er unter der Streu verborgen hatte,
und besah es von allen Seiten.
    »Verflucht, dass wir's nicht brauchen können,« grollte der Alte. »Es ist
eines von den neuen Dingern, wie sie die Jäger des Herrn haben, ohne Schloss und
Stein, aber unsereins versteht damit nicht umzugehen. Schande, dass uns der Herr
die Flinten weggenommen, und uns bloss die Aexte und Messer zu unserer
Verteidigung gelassen hat.«
    »Eine Axt ist ein schönes Ding,« meinte der Andere, »wo sie hinschlägt,
trifft sie sicher. Die Brüder sagen, der russische Kaiser habe es befohlen, dass
die Armen keine Flinten mehr besitzen sollen. Hei! was war es für ein ander
Leben, als wir vor vier Jahren Büchse und Säbel hatten und die Schlösser der
Edelleute plünderten mit unsern Brüdern in Galizien, und die Köpfe der stolzen
Herrn einschlugen, als wäre der Donner des Himmels über sie gekommen!«
    »Du warst ein wilder Teufel, Jankowitsch, es war gut, dass sie Dich nicht
fingen. Sie hätten Dich an den ersten Baum aufgeknüpft.«
    »Ei, ich weiss, dass Du nicht besser warst, als Du bei den Weissmützen stand'st
unter Uminski. Boris hat mir's oft genug erzählt.«
    »Tysiac byci mac mordowalo!4 Sollten wir unser Leben denn für die Edelleute
opfern, wenn es dabei nicht Etwas zu plündern gegeben hätte? Ein Herr ist wie
der andere und drüben in Russland haben sie's wahrlich noch besser als wir hier.
Müssen wir nicht Holz fällen und das Vieh hüten in den Sümpfen Jahr aus, Jahr
ein? und haben die Wölfe oder Bären ein Stück zerrissen, muss es unser Rücken
nicht entgelten? Ich habe mir sagen lassen, drüben aus Weissrussland liessen viele
Herren ihre Leibeigene lernen, zu was sie Geschick haben, und sie kamen in den
grossen Städten zu Ehren und Reichtum. Wo ist dies je einem der Unsern
geschehen? Ich war ein Mal mit dem Herrn in Kiew, um Pferde zum Markt zu
treiben, und hab's wohl gemerkt. Die Bauern des Kaisers drüben sind reiche Leute
gegen uns!«
    »Ob Boris mit dem Jungen kommen wird?«
    »Warum sollt' er nicht? Ein solcher Fang findet sich selten, und er lässt
einen Freund nicht im Stich, wenn er auf seine Faust und sein Messer rechnet.
Reich' mir die Wotkaflasche, Michael.«
    Der Branntwein machte die Runde.
    »Nun legt Euch auf's Ohr und schlaft,« sagte der Wirt, »vor der zweiten
Hahnenkräh' können die Burschen unmöglich hier sein, und ich wüsste nicht,
weswegen wir den Schlaf verlieren sollten. Wir haben morgen in der Frühe viel zu
tun, um alle Spuren zu tilgen und das Gut fort zu schaffen. Iarkow wird uns
schon wecken, wenn er kommt.«
    Er warf sich auf die Streu und die beiden Andern folgten alsbald seinem
Beispiel. - - -
    Das Feuer des Heerdes war im Verlöschen, der Raum fast dunkel, als eine Hand
leise die Schulter des jungen Offiziers schüttelte und dieser, an rasches
Erwachen gewöhnt, auffuhr und im selben Augenblick nach dem unter dem Mantel
neben ihm ruhenden Säbel griff.
    Doch die Hand legte sich rasch auf seinen Mund und eine Stimme flüsterte an
seinem Ohr:
    »Stille, es gilt unser Leben!« Der Offizier erkannte im Halbdunkel den Jäger
Bogislaw, der sich lang an seine Seite kauerte. »Ich sehe, Sie sind von rechter
Soldatenart,« flüsterte dieser, »im Augenblick munter und die Hand an den
Waffen. Wir werden sie brauchen! Bleiben Sie still auf Ihrem Lager und hören Sie
mich an, denn jede Bewegung könnte uns zu früh verraten, ich traue den Weibern
da drinnen nicht.«
    Der Offizier tat, wie der Jäger verlangte, und horchte aufmerksam auf die
Mitteilung desselben.
    »Wir sind einer Bande jener mörderischen Schurken in die Hände gefallen,«
sagte Bogislaw, »die bei dem Aufstande von 49 an der galizischen Gränze raubten
und plünderten. Der Wirt hat seinen Sohn nach anderen Genossen ausgeschickt,
uns zu bewältigen. Wie viele ihrer kommen werden, weiss ich nicht. Ich habe sie
belauscht und erfahren, dass wir Zeit zu unsern Vorbereitungen haben. Sie
gedenken uns erst im Morgenschlaf zu überraschen.«
    »Es soll den Schuften nicht gelingen,« sagte der junge Mann. »Sie werden
sich blutige Köpfe holen. Aber was hindert uns, ihnen zuvorzukommen? Wir sind
Drei gegen Drei und gut bewaffnet. Sie vermögen nicht, uns aufzuhalten.«
    »Sie vergessen den Wald und die Wölfe. Ohne Führer würden wir uns schwerlich
bei Nacht zurechtfinden und den Mördern vielleicht in die Hände laufen. Auch
hindern uns die Gräfin und der arme Bursche dort an der Flucht, der jetzt im
Wundfieber stöhnt und den wir doch nicht ihrem Messer überlassen können.«
    »Aber was ist zu tun? - wir wollen den Grafen wecken.«
    »Noch nicht, Herr. Wir müssen erst unsern Verteidigungsplan entwerfen. Ich
weiss nicht, ob die Weiber da drinnen schlafen, und jede Bewegung könnte uns
verraten. Ich sehe, Sie haben Ihre Sattelpistolen bei sich.«
    »Sie sind geladen und auch die meines Burschen. Aber wir haben keine
Patronen bei uns.«
    »Tut Nichts. Drinnen beim Grafen liegt Pulverhorn und Kugelbeutel, und die
Jagdflinte des Herrn. Meine Büchse haben die Schurken gestohlen, aber sie nützt
ihnen nicht, und da sie weiter kein Schiessgewehr haben, sind wir im Vorteil.
Ich denke, wir lassen den Grafen und die junge Gräfin noch ein Paar Stunden
ruhen und halten abwechselnd Wache. Bis dahin können wir überlegen, was wir am
besten tun. Nehmen Sie die erste Wache, Herr, und wecken Sie mich in zwei
Stunden, oder wenn Sie das geringste verdächtige Geräusch hören. Vielleicht
kommt mir im Schlaf ein guter Gedanke.«
    Er schlich zurück zu seinem Lager, nachdem er noch vorsichtig die Leiter
abgehoben, die zum Boden führte und sie leise quer vor die Kammertür zur Linken
geschoben hatte; der Offizier, der zu seinem bedächtigen und mutigen Gefährten
volles Vertrauen gefasst, beschloss, sich ganz seiner Einsicht zu fügen. Die
Pistolen im Bereich der Hand, stützte er den Kopf auf den Arm und versank in
tiefes Nachsinnen.
    Wohin führten ihn seine Gedanken? wohin wanderte seine Phantasie?
    Bilder seiner Kindheit erhoben sich umher, der mächtige Felsenhorst, auf dem
der Adler nistet, wilde abenteuerliche Gestalten im blitzenden Silberpanzer, -
Waffen, - brausende Bergströme, - das Getobe des wilden Kampfes, - Ströme von
Blut, - und der Knabe emporgehoben von den Armen eines hohen blassen Mannes mit
langem dunklem Bart und blitzendem Auge! - Dann Nacht um ihn her, gerötet vom
Flammenschein brennender Häuser, das wilde Geheul der Stürmenden, blitzende
Bajonnete, donnernde Salven, - Dampf, Rauch, Blut, Feuer, - Tod und Gefahr
ringsum! -
    Und wiederum aus der frühesten Kindheit liebliche, seltsame Bilder: Frauen,
in dichte Schleier gehüllt, die Brust von dem weichen Leder des Berghirsches eng
umschlossen, blitzende Steine und Geschmeide um Haar und Hals; - am dunklen
Felsenhang die Ziege kletternd, - und von den hohen Bergwällen der Blick des
spielenden Knaben hinabtauchend auf Fels und Tal und weit darüber hin die
silberglänzende Fläche des weiten Meeres! -
    Dann kamen die Erinnerungen seiner späteren Jahre, die Erziehung im Corps zu
Petersburg, das Bild der Jugendfreunde und Kameraden, die jetzt weit zerstreut
waren über das unermessliche Reich, - die leuchtende Gestalt des kaiserlichen
Herrn, den er so oft geschaut, dem er Treue geschworen, er, der - -
    Und nun vielleicht hier unrühmlich, ohne Namen, ohne Ruhm zu enden unter dem
Beile eines Mörders; vergessen zu werden unter dem Leichenhügel des Schnees,
zerrissen von den gierigen Bestien des Waldes, die seine Leiche aus der
heimlichen Gruft gescharrt! -
    Dazwischen tauchte ein lichtes schönes Bild auf, seit wenigen Stunden erst
gekannt, und dennoch verlockend, reizend vor seinen Augen stehend, - Wanda, -
die junge Gräfin, für die er sein Blut vergiessen, die er zu retten versuchen,
oder mit der er sterben sollte. - -
    Eine wilde, energische Kraft, wie edles Blut vom Herzen strömend, schoss
durch seine Adern; er fühlte, dass das dunkle schwärmerische Auge des Mädchens
ihn zu jeder Tat und Anstrengung begeistern könne. - -
    Die Stunden vergingen, es war Zeit, den Jäger zu wecken, und er tat es. Im
Augenblick war der Pole munter und bat ihn, nun seinerseits unbesorgt eine
Stunde der Ruhe zu pflegen.
    Aber der Geist des jungen Mannes war zu aufgeregt, als dass er Schlaf zu
finden vermocht hätte. Er überliess zwar seinem Begleiter, ohne sich
einzumischen, alle Vorbereitungen, doch schaute er ihnen wach und aufmerksam von
seinem Lager aus zu.
    Bogislaw horchte erst aufmerksam an dem Eingang, der zu der Kammer führte,
in der die Weiber schliefen. Dann untersuchte er sorgfältig die Haustür.
    Sie war zum Glück ziemlich fest, aber ohne Verschluss, als dass ein ziemlich
starker Querbaum in Haspen vor dieselbe gelegt werden konnte.
    Die Türen beider Kammern öffneten sich nach der Küche, sie konnten demnach
verrammelt werden.
    Es blieb noch der Eingang von der Bodenluke her.
    Die Dispositionen des Jägers waren schnell getroffen. Er hing den grossen
hölzernen Riegelbaum vor die Tür und begann vor der Kammer der Frauen von den
in der Küche aufgetürmten grossen Holzstücken einen förmlichen Wall zu bauen,
der bald halbe Mannshöhe erreicht hatte und die Bretter der Tür festielt.
    Darauf schob er ein neues Scheit in das Feuer und fachte dieses wieder an. -
    »Es wird eben so gut sein,« sagte er leise nach allen diesen Vorbereitungen,
»wenn wir meine Herrschaft schlafen lassen, bis die Gefahr wirklich erscheint.
Der Graf ist ein alter Soldat und wird auf dem Platz sein.« -
    Die Uhr des Offiziers zeigte die vierte Stunde, als draussen ein leises
Geräusch sich hören liess und Bogislaw seinem Gefährten winkte.
    »Sie kommen! machen wir uns bereit, sie zu empfangen, und möge die heilige
Jungfrau uns schützen. Halten Sie die Bodenluke im Auge, ich werde die Tür
nehmen. Nieder mit Jedem, der herein zu dringen wagt!«
    Jeder von ihnen hatte ein Paar der Kavalerie-Pistolen an sich genommen; der
Offizier fasste an der Wand, gegenüber der Bodenluke, Posten, der Jäger an der
Tür, an deren beiden Seiten zwei kleine Fensterchen, wie sie in den polnischen
Hütten üblich sind, sich befanden, eben gross genug, um Licht und Luft
hereinzulassen, aber zu eng, um zu einem Einsteigen, wenigstens bei einiger
Vorsicht der Verteidigenden, Gelegenheit zu geben. Beide waren von Aussen mit
Läden verschlossen, die kleinen Fensterscheiben zerbrochen und mit Papier
ausgeflickt.
    Auch die Öffnung des Bodenraumes war zum Glück nur so gross, dass Mann
gebückt durch sie passiren konnte. Da mit der Seitenwand der Küche der Boden
aufhörte und der Raum über derselben bis zu den Dachsparren frei war, lag der
Zugang in der Wand ziemlich hoch, von der Erde aus mindestens in doppelter
Mannshöhe, die Luke war jedoch offen und ohne Tür.
    Der Jäger hatte absichtlich nur spärlich das Feuer wieder aufgefrischt und
ein schwaches Licht verbreitete sich über den Raum, das jedoch stark genug war,
um den im Innern Befindlichen den nötigen Ueberblick zu gewähren.
    »Wenn ich nur wüsste,« flüsterte der Diener, »wie Viele ihrer sind! Es ist zu
dunkel draussen, um sie zu zählen und ich darf es nicht wagen, sie nochmals wie
vorhin zu belauern.«
    Das Geräusch hatte sich verstärkt, man konnte deutlich hören, dass mehrere
Personen, jedoch vorsichtig, in das Gehöft eintraten und an dem Hause entlang
schlichen. Der unter den Sohlen ihrer Stiefeln knisternde Schnee verriet sie.
    Dann war Alles wieder still. - -
    Die kühnen Wächter harrten. Ihre Mäntel lagen auf den verlassenen
Lagerstätten, so dass sie in dem matten Lichte in einiger Entfernung leicht ein
fremdes Auge täuschen konnten. Sie selbst standen in den dunklen Schatten
verborgen, so dass sie nicht leicht bemerkt werden konnten.
    Wiederum knisterte der Schnee und leise Schritte mehrerer Männer schlichen
heran und hielten an der Tür des Hauses still.
    Zugleich liess sich ein leichtes Geräusch auf dem Boden vernehmen. Wenige
Augenblicke darauf erschien den scharfen Augen des jungen Mannes ein Gesicht in
dem dunklen Raume, eine Gestalt wurde erkennbar - der Wirt des Hauses, - und
der Offizier konnte sehen, dass seine Hand mit einem kurzen schweren Beil
bewaffnet war. Die andere tastete nach der Leiter umher.
    Sie suchte vergeblich. Der Kopf des Mannes bog sich vor aus der Luke, um zu
schauen, ob sie nicht an Ort und Stelle sei. Das Blut des jungen Ulanen
fieberte, seine Hand spannte sich um den Kolben der Pistole. Aber er fühlte, dass
Ruhe und Vorsicht hier mehr galt, als Mut und Tapferkeit.
    »Przeklecie! Die Hundssöhne haben richtig die Leiter weggenommen,« flüsterte
oben eine Stimme. »Bleibe Du hier, die Weiber sollen uns öffnen. Ich sehe, die
Beiden liegen am Feuer.«
    Der Kopf verschwand. Wiederum war eine lange Pause. Dann hörte der Jäger an
das Fenster der Kammer klopfen und eines der Weiber aufstehen und herankommen.
Es folgte ein kurzes Flüstern, darauf machte die Frau den Versuch, ihre Tür zu
öffnen, und als sie dies zu ihrer Verwunderung nicht konnte und die Verrammelung
bemerkte, teilte sie dies eilig den Männern draussen mit.
    Ein wilder Fluch, - dann eine kurze Beratung folgten.
    Gleich darauf erschien der Wirt auf's Neue oben an der Bodenluke, schaute
sich um und schickte sich dann an, herabzuklettern.
    Der Augenblick des Handelns war gekommen.
    »Zurück da! bleibe dort oben oder ich schicke Dir eine Kugel durch den
Kopf!«
    »Mögen die Teufel Deine Mutter quälen! Bin ich Herr in meinem Hause oder
nicht? - Setzt die Leiter an, ich muss hinunter!«
    »Bleibe, wo Du bist, Schurke,« sagte ruhig der Jäger, »wir wissen, was Du
willst und welche Gesellschaft Du bei Dir hast. So wahr ich an Gott und die
Heiligen glaube, Jeder, der diesen Raum vor vollem Tageslicht betritt, ist ein
Kind des Todes! Also troll' Dich und lass uns in Frieden.«
    »Ist's so gemeint, Hundssohn? - Her mit der Leiter, Michael, wir wollen doch
sehen, ob sie, die wir von den Wölfen gerettet, uns aus dem eigenen Hause zu
jagen wagen.«
    Eine zweite Gestalt wurde sichtbar und schob eine Leiter durch die Luke. Der
Krugwirt half.
    »Jetzt hinunter, Michael; ich will sie von Deinen Pferden zerreissen lassen,
wenn sie es wagen, Dir ein Haar zu krümmen. Hinunter, Junge, sag' ich!«
    Der junge Mann setzte den Fuss auf die erste Stufe der Leiter, ein Dritter
zeigte sich hinter ihnen.
    Ruhig und kaltblütig hob der Offizier, der bis jetzt im Schatten gestanden
und sich bei seiner geringen Kenntnis des Polnischen nicht in die Verhandlung
gemischt hatte, die Pistole; im nächsten Moment fiel der Schuss, der junge Bauer
öffnete die Arme, stiess einen Schrei aus und stürzte schwer von der Höhe der
Leiter herab aus die Tenne des Küchenflurs. Gleichzeitig mit dem Schuss war mit
einem raschen Sprung der Jäger von der Tür her unter der Luke und entriss mit
kräftigem Griff die Leiter den Händen, die sie oben fest hielten und die im
Schreck über die rasche Tat sich öffneten.
    »Verfluchte, Ihr habt mein Kind erschossen!«
    Die kurze, schwere Axt, von der Hand des Vaters geschleudert, flog durch die
Luft, aber Bogislaw war ausser dem Bereich seiner Hand und der Offizier machte
eine rasche Seitenbewegung, dass sie unschädlich an ihm vorbeisauste und an die
Kammertür zur Rechten schlug, die eben rasch von innen geöffnet wurde. Der
Graf, seine Pistolen in der Hand, erschien in derselben, hinter ihm, bleich,
verstört, aus dem tiefen Schlaf geweckt, die Gräfin Wanda.
    Zugleich erscholl das Gekreisch der Weiber in der Kammer, wildes Lärmen der
Männer draussen, die ihr Werk verraten sahen, und ihre Axtschläge donnerten
gegen Tür und Läden.
    Stenko, der Wirt, war im Begriff, in seiner Wut hinabzuspringen, als sich
bedächtig der Arm des jungen Offiziers mit der zweiten Pistole hob und nach ihm
zielte.
    »Zurück!«
    Der Dritte, der mit dem Kneipenwirt auf dem Boden war, riss diesen von der
Luke zurück:
    »Hinunter zu den Andern!« Sie verschwanden.
    Die Gräfin in der Tür der Kammer wies zitternd, erregt aus den blutenden
Mann, der sich am Boden krümmte.
    »Um Gotteswillen, ein Mord! was ist geschehen?«
    Mit der Hochherzigkeit weiblicher Natur flog sie zu dem Verwundeten, ihm
Hilfe zu leisten.
    »Was bedeutet das Alles, Bogislaw?« fragte der Graf. »Werden wir
angegriffen?«
    »Mein Verdacht hat sich bestätigt,« sagte der Jäger rasch und kurz. »Wir
sind in diesem Hause in einer Falle und der Wirt hat seine Mordgenossen
herbeigerufen. Wahren Sie uns den Rücken dort nach dem Boden zu, Herr Graf!
Hierher, Herr Lieutenant!«
    Die kräftigen Abschläge draussen zerschmetterten die Läden der Fenster und
donnerten gegen die zum Glück starke Tür. Stenko hatte den Genossen die
Gewissheit gebracht, dass sie entdeckt waren, und ihre Wut versuchte einen
allgemeinen heftigen Angriff.
    Der junge Offizier war an das Fenster zur Rechten gesprungen. Durch die
zerbrochenen Scheiben langte eben ein Arm nach dem Riegel, um ihn aus den Haspen
zu heben.
    »Sparen Sie den. Schuss. Den Säbel, den Säbel!«
    Der Offizier hatte bereits die Pistole fallen lassen und die eindringende
Faust gefasst. Aber die Kraft derselben, die ihn zugleich packte, war stärker als
die seine, sie zog seinen linken Arm aus dem Fenster fast bis an die Schulter
hinaus und zwei, drei Hände fassten draussen an den Arm. Er war in einer völlig
wehrlosen Lage.
    In dem Augenblick entriss eine Hand der seinen den blanken Säbel und die
Klinge fuhr dicht an seinem Kopf vorbei durch das Fenster auf die Gegner. Der
Stoss, den der alte Graf geführt hatte, musste getroffen haben, denn ein wilder
Aufschrei erscholl, der Arm des Offiziers wurde losgelassen und schnell zog er
ihn zurück. Zugleich knallte aus dem andern Fenster ein zweiter Pistolenschuss
und die Vorsicht und Ruhe des Jägers war Bürge, dass er ihn nicht ohne sicheres
Ziel abgefeuert hatte. Die wilden Verwünschungen, das Schmerzensgestöhn draussen
bewiesen, dass der Angriff blutig empfangen worden, - die Tobenden zogen sich
eilig zurück aus dem Bereich der Schusswaffen.
    Jetzt erst gewann der Diener Bogislaw Zeit, seinen Herrn näher von den
Vorgängen zu unterrichten. Die Männer fühlten, dass sie eilig ihre weiteren
Vorbereitungen zu treffen hatten, da offenbar der Angriff wiederholt werden
würde.
    Bogislaw sprang nach der Kammer, um aus dem Gepäck seines Herrn die
Pulverflasche zu holen und neu zu laden.
    »Przeklecie! ich kann sie nirgends finden, die Weiber müssen sie gestohlen
haben, als sie in der Kammer handtierten. Doch haben wir noch Ihre Flinte und
Pistolen, Herr Graf, sie sind geladen. Wer nimmt den Posten in der Kammer ein,
um zu verhindern, dass die Schurken hier durch das Fenster brechen?«
    Es war die wenigst gefährdete Stelle; Aller Augen wandten sich auf die
Gräfin, die in stillem Gebet noch immer an der vorigen Stelle knieete. Das Gebet
galt einem Todten. Der kräftige, jugendliche Körper des Verwundeten hatte wild
gegen den Tod gekämpft, den die innerliche Verblutung rasch herbeiführte, denn
die Kugel hatte quer durch die obere Brust geschlagen, und während des Kampfes
an den Fenstern streckte sich zuckend der Leib und lag dann still und starr.
    Der Oheim hob das Mädchen empor und führte sie halb tragend zu der Kammer.
Es war keine Zeit zu Erörterungen und zur Schonung der Gefühle. Er konnte sie
nur kurz bedeuten, dass sie auf das geschlossene Fenster achten und, wenn es
erbrochen würde, um Hilfe rufen solle.
    Dann trugen Bogislaw und der Offizier den von dem Kampf aus seinem
Fieberschlaf erwachten Soldaten an die Wand gegenüber der Bodenluke und befahlen
ihm, fest diese im Auge zu behalten.
    Der Jäger stand schon wieder auf seinem Posten und recognoscirte durch eines
der zerbrochenen Fenster. Die Räuber hatten sich zurückgezogen und waren
unsichtbar. Die Nacht lag noch immer finster um das Haus, nur durch die weisse
Fläche des Schnees gemildert. Auf ihr nahe dein zweiten Fenster erkannte man
eine dunkle Gestalt regungslos ausgestreckt: die Verteidigung hatte bereits ein
zweites Menschenleben gekostet.
    So verging eine längere Zeit, während der nur wenige Worte gewechselt
wurden. Es schien fast, als ob die Banditen das Grauen des Morgens abwarten
wollten, um ihre Gegner besser zu sehen. Die Weiber in der Kammer, die mehrfach
versucht hatten, die Tür zu öffnen, waren seit einiger Zeit ganz still
geworden. Dagegen vernahm das scharfe Ohr des Jägers ein Geräusch, gleich dem
eines vorsichtigen Arbeitens an einer Wand, und traf danach seine
Vorbereitungen.
    Plötzlich donnerten wütende Artschläge an die Eingangspforte und zugleich
suchten ähnliche aus dem Innern der Kammer die Tür derselben zu sprengen; in
wenigen Augenblicken flog sie in Stücke.
    Aber Bogislaw hatte Aehnliches erwartet, die Tür splitterte, aber öffnete
sich nicht, denn vor ihr bis zu Manneshöhe lagen jetzt eine Masse schwerer
Gegenstände aufgehäuft, die aller Anstrengung des Fortdrängens spotteten.
    Durch die Zwischenräume der Verschanzung streckte mit der ganzen
Kaltblütigkeit eines alten Soldaten der Graf sein Jagdgewehr und zielte auf die
beiden dunklen Gestalten, die hier den Eingang zu erzwingen suchten, aber der
Hahn fuhr nieder auf das Piston, ohne dass ein Schuss erfolgte. Er warf die Flinte
zu Boden und drückte eine der Pistolen durch die Öffnung ab, - der Erfolg war
derselbe. Dem Stoss eines durch die Öffnung funkelnden langen Messers entging er
nur durch eine rasche Seitenbewegung.
    Ein Schrei der Dame verkündete auch auf ihrem Posten Gefahr - der Offizier
war mit einem Sprunge an ihrer Seite und sah die Gestalt eines Mannes, bemüht,
durch die enge Fensteröffnung einzubrechen. Einige Stösse des Säbels trieben ihn
zurück, - fast gleichzeitig knallte der Schuss des Jägers durch ein Fenster und
wiederum brach einer der Banditen zusammen und schleppte sich stöhnend zur
Seite. Zum zweiten Male wichen die Räuber, doch dies Mal nur aus dem Bereich der
Fenster und eine kurze heftige Beratung wurde gepflogen.
    »Wir müssen zu Ende kommen,« sagte der Krugwirt unter gräulichen
Verwünschungen, »der Tag graut und es darf Keiner leben von ihnen, sonst sind
wir verloren. Mein Michael ist erschossen, Stephanowitsch todt, Boris verwundet,
wir müssen Rache haben, und sollte es unser letztes Blut kosten. D'rauf,
Kameraden!«
    Er wollte auf's Neue an die Tür, doch Boris, der Verwundete, riss ihn
zurück.
    »Zum Boden! Die Garben hinunter und dann über sie her, ich und Sarko halten
die Tür.«
    Die Mörder begriffen, sie eilten nach dein Aufgang, der in den Ställen zum
Boden führte.
    »Es sind ihrer noch immer sechs mit dem Kerl, den ich gezeichnet,« sagte
ärgerlich der Jäger. »Der Bursche wandte sich gerade um und bekam die Kugel nur
in's Fleisch. - Doch, Herr, jetzt, glaub' ich, wird es Ernst und gilt es, für's
Leben zu fechten!«
    Graf Lubomirski hatte das Gewehr und die Pistolen untersucht. Eine aus den
Läufen tropfende Feuchtigkeit belehrte ihn, dass die Weiber die Gelegenheit
benutzt haben mussten, bei dem Aufschlagen des Nachtlagers in der Kammer Wasser
in die Läufe zu giessen, wobei sie zugleich die Pulverflasche stahlen. Er
bewaffnete sich mit dem Säbel des armen Ulanen, der machtlos dem Kampfe zusehen
musste.
    »Das Tageslicht dämmert herauf,« sagte der Offizier; »wenn wir uns noch eine
Stunde zu halten vermögen, kann ein Zufall uns Rettung bringen. Sie werden es
nicht wagen, den vollen Tag abzuwarten -«
    Der Ruf des Soldaten unterbrach ihn - er zeigte nach der Bodenluke. Sie war
gefüllt mit einem grossen Bunde von Schilf und Schobenstreu, von denen der Boden
voll lag; während, das Bund von unsichtbarer Hand herabgestossen wurde, drängten
sich von der Seite bereits ein zweites und drittes schützend vor die Öffnung.
    Rasch fuhr die Pistole des Offiziers in die Höhe, der Schuss krachte und man
hörte die Kugel klatschen, aber ein wildes Hohngelächter belehrte sie, dass die
Räuber das Mittel gefunden, den Schuss unschädlich zu machen, und dass die Kugel
nicht durch den dicken elastischen Schirm der Garbe zu dringen vermocht hatte.
Wiederum, rasch hintereinander, fielen zwei Bunde herunter und andere drängten
sich oben.
    Die Gefahr war dringend, Alle begriffen den Plan der Elenden und dessen
sicheres Gelingen. Noch einige Bunde und die Räuber konnten sich unbesorgt
herabstürzen und, während sie selbst ihre Aufmerksamkeit teilen mussten, sie im
Handgemenge angreifen.
    Da, während der junge Soldat wie schützend vor die halb ohnmächtig in der
Tür der Kammer knieende Dame trat, die Faust fester um den Säbelgriff gespannt,
durchfuhr ein glücklicher Gedanke des Jägers Seele. Im Nu war er zum Heerde
gesprungen, sein Fuss stiess die noch glühende Asche auseinander und seine Hand
suchte einen halb verkohlten Brand. Im nächsten Augenblick war ein Busch der
trockenen Schoben darum gewunden, ein Schwung, durch die Luft setzte die
improvisirte Fackel in vollen Brand, und noch ehe die nächste Garbe den Boden
erreichte, flog sie in die geöffnete Luke. Rascher, als das Wort es zu erzählen
vermag, folgte ein zweiter, gleicher Brand, und der wilde Fluch ihrer Feinde
verkündete, dass das unerwartete Auskunftsmittel seinen Zweck erreicht hatte.
Flammen knisterten in der Luke auf, ehe eine halbe Minute verging, schlug schon
die volle Lohe empor, - das Feuer hatte die Schoben und das Gestreu, das die
Banditen gerade um die Luke gehäuft, erfasst, und vergeblich waren alle
Anstrengungen, die Flamme zu ersticken, die wie eine züngelnde Schlange durch
die trockenen Vorräte des Bodens hin lohete. Kaum dass sie Zeit hatten, sich
eilig über denselben zurückzuflüchten bis zu dem Ausgang, der in die Ställe
führte, so füllte schon Qualm und Dampf den langen Raum und hatte die Flamme an
vielen Stellen ihren Weg zum Schobendach gefunden, dessen feuchte Schneedecke
vor der überflüssige Nahrung findenden Glut von Unten her schmolz. Während die
Mörder noch flohen, war Bogislaw, die Andern zu Hilfe rufend, schon beschäftigt,
die heruntergeworfenen, Streugarben fortzuräumen, damit die aus der Luke
sprühenden Funken diese nicht entzünden möchten. Es gelang, sie rasch bei Seite
zu schaffen.
    Der frische Morgenwind hatte unterdess das Feuer immer weiter verbreitet und
nach kaum einer Viertelstunde stand fast das ganze Dach des langen Gebäudes
trotz der Nässe in offenen Flammen. Die Verwirrung und der Lärmen waren gross,
denn die Pferde und das Vieh, die in den Ställen untergebracht waren, rissen
sich bei dem herabfallenden Feuerregen los und stürzten durch die von den
Räubern offen gelassenen Türen in's Freie. Sie sprangen im Gehöft, vor dem
lodernden Brande scheuend, wild umher, oder durchbrachen die Einhegung und
flohen in den Wald.
    Die Wut und Verzweiflung der betrogenen Mörder, die sich jetzt verloren
achten konnten, da der Brand Aufmerksamkeit erregen musste und ihnen zugleich die
Beute entriss, war gross. Bei dem immer mehr sich verbreitenden Morgenlicht
konnten die Belagerten schauen, wie sie umhertobten zwischen den stampfenden
Pferden, nicht an Rettung denkend, ratlos und nur herüber drohend zu den
Verwegenen, die ihrer Ueberzahl so glücklich getrotzt.
    Aber deren eigene Lage wurde jetzt auch immer gefährdeter und verzweifelter.
Obschon der mit Streu gefüllte Boden, wie wir bereits bemerkt haben, nicht über
den Küchenflur weglief, sondern mit einer Wand abschloss, so war doch diese zu
schwach und selbst brennbar, um lange das Feuer aufzuhalten, und auch der
Dachstuhl über der Küche geriet bereits in Flammen, so dass nur wenige
Augenblicke noch ohne Lebensgefahr in dem Raume zu verweilen war.
    Unter diesen Umständen gab es nur einen Entschluss, den: mit gewaffneter Hand
sich Bahn durch die Gegner zu brechen. Die Ausführung war natürlich um so
schwieriger, als die drei Männer, wenn auch kühn und tapfer, doch jetzt ohne
Feuerwaffen, einer doppelten Anzahl zur Wut gebrachter Feinde gegenüber standen
und noch die Dame und den armen Kranken zu schützen hatten. Der Augenblicke der
Ueberlegung waren nur wenige gewährt, aber jetzt bei hellem Tageslicht übersah
der Ablerblick des jungen Soldaten die Gefahr und erkannte rasch den einzigen
Ausweg, der Hoffnung liess. Gerade über dem Hause, nahe am Eingange des Gehöfts,
lag ein halb offenes Schuppengebäude, in dem auch der Schlitten der Reisenden
untergebracht war. Konnte man dieses erreichen, so vermochte man wenigstens,
sich mit grösserer Sicherheit weiter zu verteidigen.
    Der Plan war bald gemacht, wenige Worte genügten zur Verständigung. Der
Offizier und das junge Mädchen erklärten mit Festigkeit, dass sie den armen
Soldaten den Flammen nicht zur Beute lassen wollten. So wurde dieser denn
aufgerichtet und die junge zarte Gräfin schlang selbst seinen Arm um ihren
Nacken und stützte ihn, dass er auf dem gesunden Fuss und einem improvisirten
Stock sich langsam fortbewegen konnte. Zur Linken des Paars trat der alte Graf,
mit dem Säbel des Soldaten bewaffnet, zur Rechten der Dame der Offizier, - sein
ernster, entschlossener Blick sagte, dass nur der Tod die Bahn zu ihr öffnen
werde. Der Jäger Bogislaw stand an der Tür, die Hand am schirmenden Holzriegel,
die Büchse des Grafen zur Seite, das Messer, das die Kehle des Wolfes
durchschnitten, im Gürtel.
    Ein donnerndes Krachen beschleunigte ihren Entschluss, - hinter ihnen brach
bereits ein Teil des Daches zusammen und die Trümmer begruben die Leiche des
jungen Räubers.
    Wilder Jubel der Männer und Weiber erscholl draussen, sie glaubten die
Reisenden verloren - -
    Bogislaw riss den Riegel hinweg, die Tür flog auf, über die Schwelle
sprangen der alte und der junge Soldat, von gleicher Energie beseelt, - hinter
ihnen d'rein schwankte das Mädchen mit dem Kranken und der Jäger mit
hochgeschwungener Büchse deckte ihnen den Rücken.
    Das offene Gebäude, das sie zu ihrer Zuflucht ersehen, war kaum vierzig
Schritt von dem brennenden Hause entfernt, - dennoch aber war der kurze Weg ein
wilder Kampf für das Leben.
    Einen Augenblick lang blieben die Räuber bestürzt über den kühnen Streich,
dann, auf Slenko's, des Wirtes, gellenden Ruf stürzten sie von allen Seiten
herbei und machten einen wütenden Angriff auf die kleine Schaar. Der Wirt
selbst sprang auf den Offizier los und führte einen furchtbaren Schlag mit der
Axt nach ihm, der den Säbel, mit dem dieser parirte, mitten durchbrach, während
ein Anderer sich zwischen den Offfzier und seine Schutzbefohlene stürzte und
diese von ihrem Begleiter riss, der vergebens einen Schlag mit dem Stock nach ihm
führte und zu Boden geworfen wurde. Der Mann, den seine Genossen Boris genannt
hatten und der an der linken Schulter verwundet war, hatte bereits mit einem
Gefährten den Grafen angegriffen und Bogislaw, der Jäger, wehrte sich tapfer mit
dem Kolben gegen die beiden letzten Feinde.
    Von allen Dreien verteidigte sich der Graf mit dem besten Glück, denn ein
scharfer Hieb seiner alten einst kampfgewohnten Faust hatte im ersten Augenblick
schon den rechten Arm seines zweiten Bedrängers gelähmt und seine scharfen Hiebe
und Stösse hielten den riesigen Räuber Boris in Entfernung.
    »Zum Teufel,« rief der Graf, »das Gesicht kenn' ich! - Will ein Pole seinen
Obersten morden, unter dem er bei Grochow und Ostrolenka gekämpft hat?«
    »Niech cie djabli wezma5« fluchte der Bandit, einen kräftigen Streich
führend. »Ich habe Dich längst erkannt, aber Verderben über Euch Edelleute, die
Ihr uns zu unserm Unglück verlockt habt! Nieder mit Dir, alter Rebell!«
    Er unterlief den Greis und umschlang ihn, Beide rangen wütend gegen
einander, der Eine geschwächt durch die Zahl seiner Jahre, der Andere durch die
Wunde.
    Weiter hin schlug sich noch immer Bogislaw mit den beiden Männern.
    Der Offizier, als seine Waffe zersplitterte, hatte sie von sich geworfen und
sich auf seinen Angreifer gestürzt und ihn umfasst. Auch dieser liess das Beil
fallen und rang mit ihm. Ein Todesschrei hielt die fliehende Gräfin auf - sie
sah, wie das Beil des jungen Räubers, welcher sie von dem Soldaten gerissen, den
Kopf des Gefallenen spaltete, und sank, die Augen vor dem grauenhaften Anblick
mit den Händen verhüllend, in die Knie. Im nächsten Augenblick war der blutige
Mensch an ihrer Seite und schwang die noch triefende Axt.
    Ein Blick zur Seite hatte dem jungen Offizier die Gefahr gezeigt, in der die
Dame schwebte. Mit einer wütenden Anspannung jeder Muskelfaser schleuderte er
in gewaltiger Kraft den starken Wirt von sich und war mit einem Sprunge, gleich
dem Tiger, der sein Junges verteidigt, in der Gräfin Nähe. Seine Linke fing den
Stiel der Mordaxt auf und hielt sie fest im gewaltigen Griff, indes die Rechte
in die im Kampf aufgerissene Uniform fasste und mit Gewalt einen Gegenstand
losriss, der darunter um den Hals geschlungen zu hängen schien. Im nächsten
Augenblick flog eine kleine stählerne Scheide auf den Schnee und eine kaum
handlange blaugraue Klinge tauchte sich im kräftigen Stoss bis an die haltende
Faust in das Herzblut des Räubers, dass dieser lang den Boden maass. Wie ein
Sturmwind hatte der junge Mann die Gräfin erfasst und sie halb schleifend zu dem
Schuppen getragen, vor dessen Eingang er jetzt wie ein Cherub mit seiner kurzen
unzureichenden Waffe stand.
    Es war der zweite Sohn des Wirts gewesen, den sein Dolchmesser von
gewundener altertümlicher Form zu Tode getroffen; - heulend, wie der grimmige
Wolf seiner Wälder, stürzte der Vater auf ihn zu, rücksichtslos gegen das eigene
Leben. »Przeklety! Du hast meine Söhne gemordet, Du musst sterben!« Der Stoss des
Dolches streifte seine Wange und riss sie blutig, aber er achtete der Wunde
nicht, und im nächsten Moment hatte er den jungen Mann gefasst und zu Boden
geworfen. Er kniete auf seiner Brust, bestrebt, die Faust der haltenden Hand zu
entreissen, die sich bemühte, das lange Mordmesser, mit dein sie jetzt bewaffnet
war, von sich abzuwehren. Alle Furien des Hasses und der Wut trimuphirten in
den flammenden Augen, in den fletschenden Zähnen. Die losgerungene Faust holte
weit aus zum Todesstosse - -
    »Main! Djemala-Din! Retten Sie Herrn Djemala-Din!« eine fremde Stimme in
jüdischem Dialekt dicht neben den Kämpfenden rief die Worte. -
    Das Messer des Wirtes fuhr nieder - - - eine rasche Bewegung des jungen
Offiziers wendete den Stoss, die spitzige Klinge durchbohrte nur den linken
Unterarm - im nächsten Augenblicke spritzte Blut und Gehirn über den Liegenden
und mit zerschmettertem Schädel stürzte der Pole über sein Opfer weg. Ein
Fussstoss warf die blutige Leiche bei Seite und eine kräftige Hand half dem so
unerwartet Geretteten empor. Neben ihm standen zwei fremde Männer im weiten
jüdischen Talar, unter dem eine seltsame fremde Tracht hervorschimmerte, Beide
lange, mit Silber und Elfenbein eingelegte Pistolen in den Händen, von denen die
eine noch von dem eben getanenen Schuss dampfte. Starke gebogene Nasen unter
dunkel blitzenden Augen, schwarze sorgfältig gepflegte Bärte zierten beide
Gesichter von fremdartigem, aber majestätischem Schnitt - einige Schritte hinter
ihnen stand ein dritter Mann, gleichfalls in jüdischer Tracht, deren
Berechtigung jedoch seine Physiognomie und die Angst und Furcht, die sich auf
ihr ausprägten, deutlich verkündete.
    Die Augen der Männer waren fragend, freudig, begeistert auf den jungen Mann
gerichtet.
    »Bist Du wirklich Djemala-Din, des grossen Imams Sohn?« Die Frage ward in
einer Sprache an ihn gerichtet, die das Ohr des jungen Mannes seit 16 Jahren nur
selten und ausnahmsweise vernommen; dennoch schlugen diese Klänge, in denen er
die ersten Laute gestammelt, die Erinnerungen der Knabenzeit bewahrt hatte,
wohltuend und verständlich an sein Ohr und er antwortete sogleich in ihnen:
»Schamyl ist mein Vater! - aber seht! - helft!« - er eilte trotz der Wunde dem
treuen Jäger zu, der hart bedrängt war, - im Nu standen die seltsamen Fremden an
seiner Seite und stürzten auf die noch kämpfenden Räuber, die bei der
unerwarteten Verstärkung zu entrinnen suchten. Aber nur dem kühnen Boris gelang
die Flucht, indem er sich auf eines der Pferde warf und in dem Glutregen des
einfallenden Daches auf jenem das Tor und den Wald gewann; die andern Drei, von
denen zwei verwundet waren, wurden nach kurzem Widerstand überwältigt, zu Boden
geworfen und gebunden. Die beiden Weiber schienen sich schon während des wilden
Kampfes geflüchtet zu haben. - Auch der Graf und der Jäger bluteten aus leichten
Wunden und atmeten dankend auf über die unverhoffte Rettung.
    Während der Graf mit des Offiziers und des Juden Hilfe das von den Schrecken
des Abends und der Nacht tief erschütterte Mädchen aus der gefährdenden Nähe des
brennenden Gehöfts geleiteten, war Bogislaw mit den beiden Fremden beschäftigt,
die von den Flammen wildgewordenen Tiere abzuwehren, und wenigstens den
Schlitten der Reisenden aus dem Brande zu retten. Auch das gelang nur mit Mühe,
alles Andere war verloren und unter den Trümmern des zusammenstürzenden Hauses
begraben. Da bereits auch die Schuppen und dürftigen Nebengebäude von den
Flammen ergriffen wurden, musste man die gefangenen Räuber herausschleppen und an
die nächsten Bäume binden.
    Die Gräfin war zu einem in der Nähe des Gehöfts auf dem vorbeiführenden
einsamen Wege angebundenen Gefähr der Fremden gebracht und in den Schlitten
gehoben worden. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Retter verwundet war und das
Blut stark aus seinem Arm hervordrang und ihn zu entkräften drohte. Während sie
ihr Tuch fest um die Wunde schlang und die Blutung zu stillen suchte, kamen auch
der Jäger und die Fremden herbei. Die Letzteren stürzten sich sogleich auf den
Offizier, küssten den verwundeten Arm und übernahmen das Geschäft des Verbindens
der Wunde, in dem sie geschickt und erfahren schienen. Dann auch kamen der Graf
und der Jäger an die Reihe.
    Während dessen fand eine kurze Veratung statt, was man zunächst beginnen
wolle. Der Offizier hatte einige Worte mit den Fremden in ihrer unbekannten
Sprache gewechselt und führte darauf den Grafen bei Seite.
    »Mein Herr,« sagte er, »das Schicksal hat uns seltsam zusammengeführt und
schwere Gefahren gemeinschaftlich bestehen lassen. Der glückliche Zufall unserer
Rettung ist mir selbst noch unklar, aber ich habe eine Bitte an Ihre Ehre, es
ist die, wenn Sie das Schloss des Fürsten mit jenem Gespann, das ich zu Ihrer
Disposition stelle, erreichen, Sie in der dort versammelten Gesellschaft nicht
näher der beiden Männer erwähnen, die unsere Rettung bewirkt haben, und die hier
mit mir zurückbleiben werden.«
    »Sie müssen mit uns gehen,« entgegnete bestimmt der Graf. »Sie bedürfen von
uns Allen zuerst besserer Hilfe, und mein Jäger und unsere fremden Retter können
hier zurückbleiben, bis wir Beistand senden können, der vielleicht schon auf dem
Wege ist, da man sicher den Brand bemerkt hat.«
    »Es ist unmöglich, Herr! ich habe mit diesen Männern zu sprechen.«
    »So sind sie Ihnen bekannt? ich hörte Sie in fremder Sprache mit ihnen reden
und einen Namen, der mir nicht unbekannt ist. Sie sind ...«
    »Ich bin Djemala-Din, des Imam Schamyl ältester Sohn und russischer
Offizier.«
    »Sie waren noch diesen Sommer im Kadettencorps zu Petersburg? Verzeihen Sie
die Frage.«
    »So ist es!«
    »Dann kennen wir Sie schon lange, nicht bloss durch Ihr unglückliches
Schicksal, das Sie in die Hände Ihrer Feinde geliefert, sondern auch durch die
Freundlichkeit und den Schutz, den Sie meinem Enkel, dem einzigen Kinde meiner
einzigen Tochter, erwiesen haben. Der Knabe - Michael von Lasaroff ist sein Name
- war mit Ihnen in dem Corps und hat uns oft von Ihnen geschrieben.«
    Er reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand. Der junge Mann nahm sie
zögernd und mit einem Erröten an, das sein vom Blutverlust bleiches Gesicht
färbte.
    »Ich kenne den Knaben und liebe ihn,« sagte er, »aber Sie irren, mein Herr,
wenn Sie sagen, dass ein unglückliches Schicksal mich in die Hände von Feinden
geführt hat. Der Czar ist mir ein Vater gewesen, dem ich mehr verdanke, als
meinem Erzeuger in den Schluchten des Elbrus, und nie wird meine Treue und
Dankbarkeit für ihn enden.«
    Er sprach dies mit einer Festigkeit und Energie, die offenbar den bestimmten
Entschluss eines kräftigen Herzens zeigen und jede weitere Berührung dieses
Gegenstandes zurückweisen sollte.
    »Missverstehen Sie mich nicht, Herr Graf,« fuhr er fort, »wenn ich Sie
dennoch bitte, von meiner Zusammenkunft mit jenen Männern, von der Sie der
Zufall zum Zeugen gemacht, zu schweigen. Ich spreche zu einem Manne von Ehre,
und sage Ihnen daher unverhohlen, dass es Leute meines Volkes sind, die mein
Vater mit einer Botschaft an mich gesandt zu haben scheint. Das Weitere weiss ich
selbst noch nicht, - doch ist es oft geschehen, auch in Petersburg, dass ich auf
ähnliche Weise Kunde erhielt von meiner entfernten Familie. Aber es könnte mir
und Jenen nur von Gefahr sein, wenn unsere Zusammenkunft argwöhnischen Spähern
bekannt würde.«
    Der Graf reichte ihm nochmals die Hand.
    »Nehmen Sie mein Wort, Herr Lieutenant, für unser Aller Vorsicht. Bogislaw,
mein Diener, ist ein treuer Mann und wird Sie nicht geniren, indem ich ihn hier
zu Ihrem Beistande zurücklasse. Nach der Versicherung des Juden, der Ihre
Freunde hergeführt, können wir in einer Stunde im Schloss meines Freundes sein
und Ihnen alle Hilfe senden. Dort sprechen wir mehr von Ihnen.« -
    Die weiteren Anordnungen waren rasch getroffen. Der Jude sollte mit seinem
Schlitten, der nur Raum für zwei Personen bot, den Grafen und die Dame zum
Schloss des Fürsten bringen, wohin jetzt beim Tageslicht keinerlei Gefahr mehr
war, und mit dem Gefähr und weiterer Hilfe zur Abholung des Offiziers und der
Gefangenen zurückkehren, Bogislaw aber bis dahin bei den Letzteren bleiben. -
    Als der Offizier sich dem Schlitten näherte, streckte ihm die Gräfin die
zierliche Hand entgegen und ihr Auge ruhte mit Innigkeit auf ihm.
    »Ich höre von meinem Oheim, mein Herr,« sagte sie, »dass Sie selbst noch
andere Ansprüche auf unsere Dankbarkeit haben, als das Blut, das Sie in dieser
Nacht für mich vergossen. Kommen Sie ja recht bald uns nach, Herr Djemala-Din,
damit ich Ihnen besser sagen kann, als hier, wie tief wir Ihnen verpflichtet
sind.« -
    Der junge Offizier beugte sich errötend über die Hand und küsste sie; der
Graf empfahl ihm noch besonders, aus seine Wunde Acht zu haben, und dahin flog
der Schlitten.
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    Es war eine seltsame Gruppe, die sich jetzt um die dampfenden Trümmer des
Hauses versammelt hatte, deren noch fortglimmender Brand Schutz gewährte gegen
die Kälte des Wintermorgens. - Auf einem halb verkohlten Balken sass - in den
zurückgelassenen Pelz des Juden gehüllt - der junge Offizier, bleich von dem
Blutverlust und der Aufregung seines Innern, vor ihm auf dem Boden kauerten die
kräftigen Gestalten der beiden Tschetschenzen, der Boten des mächtigen
Häuptlings, seines Vaters. In einiger Entfernung hatte sich der Jäger Bogislaw
eine warme Stelle gesucht, und bewachte mit finsterm Blick die drei gebundenen
Polen, die Flinte für jeden Angriff neu geladen zwischen den Knieen, da er an
der Leiche des Wirtes das gestohlene Pulverhorn wiedergefunden hatte. Dicht
daneben lagen die Körper der drei im letzten Kampf Erschlagenen, während die
beiden Andern unter den Trümmern des Hauses begraben waren. Ueber dem Allen
wölbte sich der jetzt ungetrübte blaue Winterhimmel, so heiter und rein, als
ahnte er nicht, welche Kunde von Schrecken und Mord der dunkel qualmende Rauch
ihm zuführte.
    »Du hast uns gesagt, o Herr,« begann der Aelteste der Tschetschenzen, »dass
Du Djemala-Din, der älteste Sohn und Erbe des heiligen Mannes bist, der das Volk
der Mürbiden beherrscht und zum Kampf führt gegen die Feinde seiner Freiheit.
Kannst Du uns ein Zeichen geben, an dem wir erkennen mögen, dass Der, welcher das
Gewand unserer Feinde trägt, wirklich vom Blute Schamyl's stammt?«
    Der junge Mann zog ruhig den kleinen Dolch hervor, mit dem er das Herz des
Räubers durchbohrt, und zeigte ihn den Beiden. Auf der blaugrauen Klinge war ein
Spruch des Korans eingegraben.
    »Das ist das Einzige, was mein Vater mir gab, ehe er sich von der Felsenwand
Achulgo's in den Strom warf, der ihn aus der Gewalt seiner Feinde trug.«
    Die beiden Tscherkessen empfingen mit Ehrfurcht das Zeichen, besichtigten es
genau und drückten es dann an Brust und Stirn.
    »Wir sehen die Chiffre des Imam,« sagte der vorige Redner, »und glauben Dir,
o Jüngling. Djemala-Din, Sohn des unbesieglichen Fürsten des Kaukasus, nimm den
Gruss Muhrad Ben Hassan's und Ali's, des Osseten.«
    Sie neigten Beide knieend das Haupt vor dem jungen Mann und führten seine
linke Hand an Stirn und Brust.
    Nach dieser Ceremonie zog der Aeltere der Boten aus dem Futter seines Rockes
ein mit seidenem Band umwickeltes Schreiben, küsste dasselbe und legte es in die
Hand des jungen Mannes.
    »Der Imam,« fuhr er fort, »hat zu zweien seiner Tapferen gesprochen: Es ist
Zeit, dass der Erstgeborene meines Saamens kehre in das Land seiner Väter und an
der Seite seiner Brüder stehe in dem grossen Kampfe, der sich bereitet. Geht und
bringt ihn vor mein Angesicht. - Deine Diener sind zur grossen Stadt Odessa
gekommen, wo dem Imam ein treuer Mann lebt, der über der Hoffnung der
Tschetschenzen stets ein offenes Auge gehalten. Von ihm erhielten wir Kunde, dass
der Czar der Moskows Dich von seinem Antlitz gewiesen und in dieses Land der
Wälder geschickt hat. Die Männer des Elbrus bargen sich in fremde Tracht und
wandten sich nach Kiew, wohin uns Briefe wurden an vertraute Männer aus jenem
verachteten Volk, das bestimmt ist, Handel zu treiben über die ganze Welt. So
kamen wir gestern heimlich nach der Stadt, in der Du lebst mit Deinen Kriegern.
Aber wir hörten, dass Du sie verlassen, und säumten nicht, uns aufzumachen,
lange, ehe die Schatten der Nacht gewichen waren, um Dir nachzufolgen und keinen
Augenblick zu verlieren. Der Prophet hat es gnädig gewollt, dass der
Flammenschein dieses Hauses uns vom Pfade ab zur Stätte gerufen hat, wo der Sohn
des Fürsten in Not war. Wir segnen den Propheten, dass er uns erlaubte,
Djemala-Din aus der Hand der Mörder zu erretten, die seiner Tapferkeit zu Viele
waren.«
    Der Offizier reichte bei der Erzählung Beiden die Hand.
    »Ich danke Euch, meine Edlen, und werde dieser Stunde nimmer vergessen,
komme auch, was da wolle!«
    Er nahm das Schreiben seines Vaters, löste das Band und entfaltete es.
Dasselbe war in russischer und türkischer Sprache abgefasst; während er las,
bedeckte eine düstere Falte die männlich freie Stirn.
    »Mein Vater schreibt mir,« sagte er endlich finster, »dass ich seinen Boten
folgen solle, sobald ich dieses Schreiben erblickt, bei Tag und Nacht. Mein
Vater vergass, dass sein Wort verpfändet ist dem grossen Czaren dieses Reiches.«
    »Der Imam hat Nichts vergessen,« entgegnete der Mürdite, »aber der Geist hat
ihm verkündet, dass die Zeit um sei, da sein Sohn als Geissel dienen musste dem
fremden Herrn, und dass er das Recht habe, ihn an seine Seite zu rufen.«
    »Dann möge mein Vater seinen Erstgeborenen zurückfordern von dem Czaren.«
    »Es ist nicht die Zeit und Gelegenheit dazu. Grosse Dinge bereiten sich im
Osten und die Herrschaft der Moskowiten an den Küsten unsers gesegneten Meeres
ist ihrem Ende nahe. Dein Vater befiehlt, und es ist an Djemala-Din, zu
gehorchen.«
    »Wenn der Fürst der Mürditen auch sein Wort gelöst glaubt,« sagte der junge
Mann ernst, »so möge er doch bedenken, dass Djemala-Din dem Czaren das seine als
Krieger verpfändet hat, und dass er es nur als gelöst erachten kann, wenn der
Czar selbst ihn seines Schwures entlässt. Ich wiederhole es, mein Vater möge mich
von seinem Feinde zurückfordern, wie er mich ihm als Geissel gegeben, und
Djemala-Din wird dem Willen seines Erzeugers freudig gehorchen. Er kann nicht,
wie ein Dieb in der Nacht, sich aus diesem Reiche stehlen, oder wie ein feiger
Verräter seinen Posten verlassen.«
    Ali sprang vom Boden empor:
    »Beim Barte Schamyl's!« rief er wild, »Du wirst uns folgen zur Stelle, wie
uns der Imam befohlen. Hier ist Gold, hier ist ein Kleid für Dich, auf Dein
Haupt komme die Gefahr, wenn Du Dich weigerst!«
    
    Der russische Offizier hatte sich gleichfalls erhoben und riss das blutige
Tuch des Verbandes von seinem Arm.
    »Beim Blute Schamyl's, das aus diesen Adern rinnt, und das ein höherer
Schwur ist, denn der Deine! ich werde nicht gehen, bis der Kaiser, dem mein
Schwur verpfändet ist, mich selber freigegeben. Bringe dies Wahrzeichen meinem
Vater und sage ihm, sein Sohn sei bereit, alle Bande zu zerreissen, die sechszehn
lange Jahre hier geknüpft, und in sein Haus zurückzukehren, aber nimmer wolle er
seine Ehre opfern als flüchtiger Verräter!«
    Der Tschetschenze hatte zornsprühend die Hand an den Handjar im Gürtel
gelegt, wie, als wolle er seine Drohung mit der Waffe durchsetzen, doch sein
Gefährte Muhrad Ben Hassan legte die Hand aus seinen Arm.
    »Halte ein, o Ali, mein Bruder,« sagte er, »denn der Prophet verbietet Zorn
und Streit unter den Kindern eines Volkes. Du aber, Jüngling, sage uns, welcher
Eid Dich bindet?«
    »Ich schwor dem Kaiser der Moskowiten Treue und Gehorsam als Soldat.«
    »So tust Du Recht, Dich zu weigern, denn der Koran sagt, das ein freier Eid
ein heilig' Ding sein müsse dem Gläubigen, auch gegen den Feind. Der Imam wusste
nicht, dass Du schon der Fahne des schwarzen Czaren geschworen. Er wird traurig
sein, dass sein Auge den Sohn nicht sieht, aber er wird ein Mittel finden, ihn
aus der Knechtschaft zu lösen. Lebe wohl, Sohn unsers Fürstenstammes, - denn
mein Ohr vernimmt das Nahen fremder Männer und Rosse, und man soll uns nicht in
Deiner Nähe finden. Möge der Prophet Dich schützen, bis wir uns wiedersehen in
den Schluchten des Elbrus.«
    Er legte die Hand an Haupt und Brust im morgenländischen Gruss und barg das
blutige Tuch in seinem Gewande. Dann verliess er mit Ali den jungen Mann und
setzte sich entfernt neben den Jäger.
    Sein scharfes Gehör hatte den Bergbewohner nicht getäuscht, ehe eine
Viertelstunde verging, nahten Menschen und Gefähr von der Seite her, wohin der
Schlitten des Juden den Grafen und seine schöne Nichte geführt hatte. Sie waren
auf dem Wege bereits Leuten vom Schloss begegnet, die der Fürst auf den Schein
des Brandes ausgeschickt hatte. Der Graf sandte mit ihnen den Schlitten des
Juden zurück und hatte in einem solchen vom Schloss die Fahrt dahin
fortgesetzt.
    Djemala-Din verweilte so lange auf der Brandstätte, bis die verkleideten
Tschetschenzen mit dem Juden ihren Rückweg angetreten hatten und seinen Blicken
entschwunden waren. Nicht sein Herz begleitete sie zur fernen Heimat - es flog
den nächsten Stunden entgegen, nach einer anderen Seite hin. Mit dem wackeren
Jäger sprengte er gleich darauf, den Schmerz der Wunde nicht achtend, auf den
vom Schloss gekommenen Pferden dahin, den Reitern und ihren Gefährten
überlassend, die Gefangenen nachzubringen.
    Das heilige Weihnachtsfest war vorüber - die Gäste hatten das Schloss des
Fürsten verlassen, nur Graf Lubomirski mit seiner Nichte war bei dem alten
Freunde, und Lieutenant Djemala-Din bei dem gastfreien Schlossherrn gezwungen
zurückgeblieben, da sein Wunde durch die Kälte des Wintermorgens und den
scharfen Ritt verschlimmert worden, so dass ein heftiges Wundfieber eingetreten
war und er mehrere Tage daniedergelegen hatte.
    Das altertümliche Schloss des Fürsten, noch zur Zeit August's des Starken
erbaut, lag mitten im Walde, entfernt fast von der Civilisation und dem Verkehr
der Welt; nur ein Mal verliess es alljährlich der Eigentümer, um in Warschau
oder Moskau einige Wochen zuzubringen. Er beobachtete streng diese Besuche, um
sich dort den Gewaltabern zu zeigen und so jeden Verdacht gegen sich zu
entfernen, da er, als einer der Führer des Aufstandes von 1831, nur durch die
Gnade des Kaisers Amnestie und die Erlaubnis erhalten hatte, auf seinen Gütern
in Volhynien zu leben. Aus diesem Grunde und mit der dem hohen polnischen Adel
eigenen unbeschränkten Gastfreiheit, selbst gegen den Unwillkommenen, ja, den
Gegner, unterhielt er auch fortlaufenden Verkehr mit den Offizieren der nächsten
Garnisonstädte, die bei jeder Gelegenheit heitere Gäste auf dem fürstlichen
Schloss waren.
    Die kleine Gesellschaft war in der altertümlichen, ziemlich grossen
Speisehalle im Parterre des Schlosses versammelt. Die dunkle eichene Täfelung
der Wände, die Stuckatur an der Decke, die Waffen und Jagdtrophäen an den vier
Wänden und die beiden grossen stubenartigen Kamine an den Enden der Halle gaben
ihr ein ehrwürdiges altertümliches Ansehen. Unter den Waffengruppen befanden
sich selbst mehrere slavische Rüstungen früherer Jahrhunderte, als die Zeit der
Erbauung datirte, und eine Menge Trophäen und türkischer Waffen aus der
Heldenschlacht Sobieski's vor dem erretteten Wien.
    Eine grosse eichene Tafel in der Mitte der Halle lief fast die Hälfte
derselben entlang. Sie war jedoch jetzt, der Abend dämmerte bereits, noch
unbenutzt, und von den Anstalten für die Abendmahlzeit noch Nichts zu bemerken.
In den beiden Kaminen dagegen flammte und brannte es lustig von mächtigen
Eichenkloben, eine angenehme behagliche Wärme durch den weiten Raum verbreitend.
Von Zeit zu Zeit hob einer der Diener, die am Eingang der Halle sich aufhielten,
den grossen, den Zugang verschliessenden türkischen Teppich, schlich mit leisem
katzenähnlichem Tritt durch das Gemach und schürte das Feuer, oder verrichtete
irgend eine andere Hilfsleistung. Das Gespräch in den beiden Gruppen, die den
Saal belebten, wurde französisch geführt, und sein Gang daher nicht durch das
Kommen der Diener unterbrochen.
    Am Kamin zunächst des Einganges sassen der Graf und sein Wirt, Letzterer ein
hoher Fünfziger mit weissem Haar und klugem aufgewecktem Gesicht. Beide waren im
Schachspiel begriffen, während dessen sie sich in langen Pausen unterhielten.
    »Sie haben mir selbst zugestanden, lieber Graf,« sagte der Fürst, »dass in
dem Augenblick der Gefahr, als Sie mit dem Schurken Boris kämpften, nach dem ich
vergeblich habe fahnden lassen, die Verwünschung des Soldaten gegen Sie, seinen
alten Führer von Grochow und Ostrolenka her, Sie überrascht, ja, fast gelähmt
hat. Doch ich wiederhole es Ihnen, dies war nicht die Stimme eines einzelnen
Mannes, es ist leider die Stimme des Volkes! Ich habe vielfach Gelegenheit
gehabt, sie zu prüfen und hauptsächlich durch die Resultate, die ich da fand,
bin ich zu anderen Ansichten in der Politik bekehrt worden. Die Revolution von
1831 hat dem Volk selbst wie dem Adel nur verderbliche Folgen gebracht. Der
gemeine Mann, dem eine einfache, aber scharfe Auffassung selbst auf seiner
niedrigen Kulturstufe nicht abzustreiten ist, meint, er habe sein Blut nur für
den Ehrgeiz des Adels vergossen, im besten Fall Nichts zu hoffen gehabt und sei
jetzt schlimmer daran denn zuvor. Er gibt - und Sie wissen selbst, nicht mit
Unrecht - dem Adel die Schuld, dass wir unterlagen und ist, grade heraus, der
ewigen Aufreizungen müde, die es hindern, an sein materielles Wohl zu denken.
Dem Volk, lieber Freund, ist es ziemlich gleich, ob der Czar sein Herr heisst,
namentlich wen es in dem einen Herrn einen Schutz gegen die Vorrechte der vielen
findet. Wir sehen das schlagende Beispiel an den Kronbauern in Russland. Die
Leute revoltirten dort und liessen sich todtschlagen, weil der Kaiser sie nicht
kaufen wollte oder konnte. Das wahre Element zur Fanatisirung der Massen war
nicht das Nationalgefühl, die russische Tyrannei, die kein Jota harter war, als
sie's früher hatten, sondern die Religion, die Kirche. Wo diese Hand in Hand mit
der politischen Propaganda ging, waren grosse Erregungen und Erfolge gesichert.«
    »Und ist der katolische Glaube weniger gefährdet in der, Gegenwart, droht
die ortodoxe Kirche weniger mächtig wie vor zwanzig Jahren? Sind nicht vielmehr
grade ihre Uebergriffe und Forderungen ein Fundament dieses Krieges, welcher
bestimmt ist, Europa eine andere Gestalt zu geben?«
    Lubienski lächelte bedächtig.
    »Ich weiss wirklich nicht, Graf, ob ich annehmen soll, dass ein Mann wie Sie,
der tief in das Räderwerk des politischen Getriebes und der socialen
Entwickelung geschaut zu haben scheint, für einen der Hauptfactoren blind
gewesen sein sollte?«
    »Wie meinen Sie das, Fürst?«
    »Ich meine, dass seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der
Volkserregung geändert hat, der Glauben an das Heilige. Unsere Revolutionaire
seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemühen darauf gerichtet gehalten, die religiöse
Gläubigkeit und Ehrfurcht im Volke mit Füssen zu treten und zu vernichten. Der
Liberalismus hat geglaubt, zu seinem Halt zunächst die Geister von den Fesseln
der Religion befreien, seine sogenannte Aufklärung in die Herzen der Jugend
pflanzen zu müssen. Was ist seit 1830 von den Propaganden in Paris und London
anders geschehen, als schonungslose Maltraitirung der religiösen Gefühle der
Völker? Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben. Mit der Religiosität
des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefühl. In Spanien, wo man die
Kirche ihrer Güter und Würden beraubt hat, wird kein Heldenkampf mehr
stattfinden wie 1809, als die Priester das Kreuz in der Hand dem Volke voran
gingen. Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich, die Nichts geschafft
haben, als augenblickliche Gewalt, - als nur die erlangte Unfähigkeit einer
gewaltigen höheren Idee? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen,
Ungarn, Deutschland, Italien? - Doch nur daran, dass es an einer erhebenden Idee
fehlte, welche gemeinsam die Masse belebte. Alle Ihre Revolutionen und
Revolutiönchen sind im Grunde nur tausend einzelne Intriguenspiele und Kämpfe
der einzelnen individuellen Interessen geworden. Die Fähigkeit zur Revolution
haben unsere Revolutionaire selbst erstickt.«
    »Sie haben nicht ganz Unrecht, Fürst,« entgegnete nachdenkend der Graf,
»aber wie wollen Sie diese Teorie auf ein Volk wie das unsere anwenden, dessen
Masse die geistige Selbstständigkeit fehlt?«
    »Um so mehr, lieber Graf. Glauben Sie wirklich, dass die Herabwürdigung der
Kirche in Rom, die Vertreibung es Papstes, die österreichische und französische
Occupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes, an dem
Priestertum und selbst an den Gebildeteren vorübergegangen sind? - Ich nicht! -
Die Heiligkeit, das Ansehen unserer Kirche hat grade durch die liberalen
Revolutionen in den durch und durch katolischen Ländern überall verloren. Sie
werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder
französischen Revolution sehen! Grade durch das religiöse Prinzip und das streng
von Oben herab aufrecht erhaltene Ansehen der ortodoxen griechischen Kirche ist
Russland stark, und wir werden vielleicht Gelegenheit haben, Wunder von
Aufopferungsfähigkeit der Massen diesem Kriege zu schauen, wenn das eintrifft,
was Sie mir mit solcher Bestimmteit angekündigt haben, die Aufnahme des Krieges
gegen Russland durch Frankreich und England.«
    »Die religiöse Apatie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein.«
    »Sie haben Recht, aber ein wichtiger. Der Liberalismus hat das Volk selbst
denken gemacht. Das Denken führt den Zweifel herbei und ist der Tod jedes
Entusiasmus, dessen Mutter allein das Gefühl ist. Man will jetzt einen Nutzen
sehen, teils individuell, teils im Ganzen. Man traut den Leuten nicht recht,
die sich an die Spitze stellen. Unsere Polen, grade heraus gesagt, trauen dem
polnischen Adel nicht mehr, sie haben keine Lust mehr, um unseres Ehrgeizes,
unserer Interessen willen das zu opfern, was sie sicher haben.«
    »Pfui, Fürst, so gäbe es keinen Nationalstolz, kein Volksgefühl mehr!«
    »Die Revolutionaire in Paris arbeiten ja grade darauf hin, dies auszurotten
in der allgemeinen Gleichmacherei. Ich gehe aber keineswegs so weit, das zu
behaupten, namentlich in unserem Falle nicht. So lange es Hass und Liebe gibt in
der Welt, so lange Sprachen und Gewohnheiten die Völker scheiden, wird es auch
ein Nationalgefühl, einen nationellen Ehrgeiz geben. Aber er muss richtig
verstanden und geleitet werden. Seien wir aufrichtig, Freund. Sie sagen mir: in
diesem Krieg, der sich bereitet, und der nach Ihren Intentionen ein europäischer
werden soll, - ist die günstige Gelegenheit gekommen, die Selbstständigkeit
unserer Nation wieder zu erlangen. Ungarn und Italien sollen sich gleichfalls
erheben, Frankreich und England werden uns unterstützen. Aber, mein Freund,
wollen wir etwa selbstständig oder, wie Sie es nennen, frei werden, - leerer
Name, der reiche Mann ist es überall! - um uns von Intriguanten und Ehrgeizigen
unserer eigenen Klasse dominiren zu lassen? Selbst damit einverstanden, welche
Aussicht auf Erfolg haben wir? Frankreich und England machen wahrhaftig keinen
Krieg um unserer Nationalität willen. England will einfach das in Asien und am
Bosporus für seine eigenen Interessen immer gefährlicher werdende Russland
schwächen, und der Kaiser Napoleon hat eine alte Scharte und persönliche
Beleidigung auszuwetzen und ausserdem durch einen solchen Krieg Gelegenheit,
seine sehr schwankende Position als Eindringling unter den Fürsten Europa's zu
einer befestigten und mächtigen zu machen, so wie sich Heer und Land durch
gloire und Interesse zu sichern. Er hat denselben Ehrgeiz wie sein Oheim, nur
ist er schlauer und versteht seine Zeit. An eine Unterstützung Polens und
Ungarns um ihrer selbst willen, denkt keine der beiden Mächte. Man wird uns
wieder als Soldaten brauchen, als Legionaire, ja als Rebellen, aber man
bekümmert sich um unser Geschick grade so wenig, wie das Recht des Sultans in
Wahrheit die Ursache des Krieges ist. Sie versprechen einen europäischen Krieg,
- ich zweifle daran. Er wird einfach ein Turnier einiger Herausforderer sein, -
die in ihrem Interesse nicht gefährdeten Staaten werben sich frei halten und
dafür sorgen, dass das freilich vielleicht etwas blutige Turnier nicht zu sehr
überhand nimmt, sondern in den soliden Gränzen einiger Abzapfung bleibt. - Ich
wiederhole Ihnen meine aufrichtige Meinung, jede revolutionaire Schilderhebung
Polens gegen Russland bei diesem Kriege würde zwecklos, nutzlos und ein Unglück
für unser Vaterland sein!«
    »Ich finde Sie so verändert und umgewandelt in all Ihren Gefühlen und
Ansichten,« sagte der Graf finster, »dass ich kaum wage, fortzufahren. Sie, einer
der kühnsten und bewährtesten Führer der polnischen Armee, der hundert Mal sein
Leben im Freiheitskampfe wagte, - Sie geben Polen, unser Polen auf?«
    Der Fürst sah ihn gross an.
    »Wer sagt Ihnen das, Kamerad? was gibt Ihnen das Recht zu zweifeln, dass ein
Lubienski sein Vaterland geringer liebe, wie Sie? Mein Weg, mein Hoffen und
Wünschen sind nur andere geworden, wie die Ihren. Nicht in Russlands Fall,
sondern in Russlands Sieg sehe ich die Hoffnung unseres Volkes. Wer ein echter
Pole ist, sollte nicht mit den Franzosen, den Engländern und Deutschen gegen den
Czaren fechten, sondern mit ihm; - so allein gelingt zuletzt die Gründung eines
grossen sarmatischen Reiches, eines Walles und Sieges gegen das Germanentum, das
uns gefährlicher und verhasster ist, als das stammverwandte Russland.«
    Der Graf ihm gegenüber atmete tief auf bei dieser Erklärung, es war, als
sei ihm eine Bergeslast vom Herzen gefallen.
    »Das also ist Ihre Meinung, Fürst?« sagte er nachdenklich und reichte dem
alten Freunde die Hand. »Mir war in der Tat ganz Angst um Ihr polnisches Herz
geworden bei den Sophismen, mit denen Sie die Revolution bekämpften. Zwar,
Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit, ist unser Ziel und Zweck nicht derselbe;
denn ich arbeite und wirke für die Befreiung aller Völker vom Joche der
Bevorrechteten, und die Erhebung unsers Vaterlandes ist mir nur ein Glied in
dieser Kette. Sie aber wollen seine Erhebung als einziges Ziel und durch die
Benutzung der Macht, die es unterdrückt. Ich müsste kein Sohn Polens sein, wenn
ich nicht auch auf Ihrem Wege ihm den Sieg wünschte. - Schach Ihrem König!« - er
tat einen raschen Zug in dem vernachlässigten Spiel.
    Der Fürst lachte.
    »Ich nehme dafür Ihren Springer und stelle die Ordnung wieder her. Halten
Sie sich an das Reelle, auch im Plänemachen, lieber Graf, prüfen Sie das
Erreichbare und die Mittel dazu. Ohne Winkelzug, die Propaganda in Paris, oder
wer sonst Ihnen die Mission an einen alten Freund gegeben, hat sich getäuscht.
Ich sehe in einer selbstständigen neuen Schilderhebung Polens kein Glück, würde
mich unter keinen Umständen ihr anschliessen und ihr sogar entgegentreten. Die
Ansichten meiner jüngern Jahre haben zwanzig Jahre vollständig umgewandelt. Uns
fehlen alle Aussichten auf Erfolg, ja selbst die Männer; denn dem Prahler
Miroslawski werden Sie doch wohl keine Rolle zugedacht haben. Unsere alten
Freunde aber sind todt und zerstreut. Bem's Grab ist zur Schmach unserer Nation
auf dem türkischen Friedhofe zu Kutahija6 mit dein Turban geschmückt, Graf Pac
ruht wenigstens auf christlichem Kirchhof zu Smyrna. Wo die Nordstürme sich am
roten Felsen von Helgoland brechen, schläft unser Freund Pradzynski; Chlopicki,
der uns in's Unglück gebracht, hat das Ende seines Ehrgeizes in der Gruft eines
Freundes bei Kralau gefunden. Szembeck und Chlapowski sind getreue preussische
Untertanen und gründen Familienfideikommisse, Krasinski macht's wie ich,
Skrzynecki trauert in Brüssel, Chrzanowski, Dembinski, Rybinski und Dwernicki
liessen Sie als gebrochene Greise in Paris - wen wollen Sie noch? Geächtet und
zerstreut über die Erde hat uns die Revolution - ich will mein Haupt wenigstens
im Vaterlande zur Ruhe legen. Ich habe mich mit der Gewalt versöhnt und
wiederhole Ihnen, nur in ihr blüht die Hoffnung unsers Vaterlandes.«
    »Und Ihr Sohn?«
    »Er ist Offizier in des Kaisers Garde mit meiner Bewilligung und denkt wie
ich.«
    Der alte Propagandist erhob sich finster, doch sein Wirt zog ihn freundlich
wieder auf den Sessel zurück.
    »Ich habe absichtlich vermieden, mit Ihren Plänen näher bekannt zu werden.
Sind wir auch verschiedener Ansicht geworden, so ändert das doch Nichts an der
Freundschaft der alten Schlachtgefährten. Bedenken Sie, dass Ihr einziges Kind
sich gleichfalls einem Russen verband, Ihr Enkel russische Erziehung genossen
hat. Machen Sie den Frieden, den Sie scheinbar mit der Regierung geschlossen, zu
einem wirklichen, und wenden Sie die grossen Mittel und Quellen, die Ihnen zu
Gebote zu stehen scheinen, dazu an, mit Russlands Hilfe in diesem Kriege ein
neues Slavenreich erstehen zu lassen, das von der Donau bis zur Ostsee reicht.«
    Der Graf hatte das Haupt sinnend in die Hand gestützt.
    »Der Gedanke ist uns nicht neu und, wie ich hier die Verhältnisse finde,
über die unsere Agenten uns vielfach getäuscht, - Adel und Volk gegen eine
Revolution! wohl einer ernsten Ueberlegung wert. - Vielleicht, Fürst, dass
unsere Wege dennoch zusammentreffen! - Lassen Sie uns weiter spielen.« - - -
    - - -
    Am andern Ende der Halle, so entfernt, um nicht zu stören und nicht gestört
zu werden, wurde eine Propaganda in, verführerischerer Form betrieben, als unter
den beiden alten Herren. Gräfin Wanda sass dort, mit einer weiblichen Arbeit
beschäftigt, am Ruhebett, auf dem der junge Offizier, Schamyl's Sohn, noch
bleich und angegriffen, den Arm in der Binde, lehnte, aus einem Buch der Dame
vorlesend.
    Gräfin Wanda hatte sich von der überstandenen Angst und Gefahr rasch erholt,
der elastische schwungreiche Geist, der den Polinnen inne wohnt, hatte sie
leicht darüber hingetragen. Ein Eindruck jedoch schien stärkere Wurzel in ihrem
Gemüt, ja, selbst in ihrem Herzen gefasst zu haben: die Teilnahme für ihren
Retter vor dem Beil des Mörders, und das romaneske seltsame Schicksal, des
jungen Mannes diente nur dazu, den Wert der ritterlichen Tat noch zu erhöhen.
Während ein deutsches Mädchen die Gefühle des regen Interesses und der
Teilnahme in der unbewussten Verschämteit werdender Liebe schüchtern und
zurückhaltend gemacht hätten, lag ein solches Gebahren dem Wesen der Polin fern.
Ohne Ziererei und Zurückhaltung, aber eben so entfernt von Unweiblichkeit und
Unzarteit gab sie sich frei und ungezwungen ihren Empfindungen hin und zeigte
ganz offen den Vorzug, den sie dem jungen Mann vor seinen Gefährten gab. Sobald
er das Krankenlager wieder verlassen hatte und im Gesellschaftssaal erschienen
war, hielt sie sich unbefangen in seiner Nähe, und zeigte ihm durch alle jene
zarten Aufmerksamkeiten ihren Dank, durch die ein weibliches Wesen so wohl des
Herzens Empfinden auszudrücken versteht.
    Die junge Gräfin war der volle Typus der eigentümlichen polnischen
Frauenschönheit. Von kaum die Mittelgrosse erreichender Gestalt war ihr
Gliederbau voll und zierlich gerundet. Das Gesicht zwischen den schwarzen Locken
zeigte ein längliches Oval en face wie im Profil, und jene volle Bildung von
Nase und Mund, jene matte seidenartige Farbe, die den polnischen Damen so
eigentümlich ist. Die sarmatischen braunen und beweglichen Augen, deren Farbe
mit der Seelenregung ein lichteres und tieferes Dunkel anzunehmen scheint,
belebten dies Gesicht. Die kleine Hand und der zierliche Fuss sind
Nationalschönheiten der Polinnen.
    »Sie sind ermüdet, Herr Lieutenant,« sagte die Gräfin, - »brechen Sie ab und
fahren Sie morgen in der Lectüre fort. Lassen Sie uns plaudern und erzählen Sie
mir von Ihrer Heimat.«
    »Was können die Erinnerungen eines Knaben von einem wilden, traurigen, öden
Lande, die ihm ohnehin nur dunkel vorschweben, Gräfin Zerbona interessiren?«
    »Liegt nicht in dem Charakter und Kampf unserer beiden Völker eine gewisse
Aehnlichkeit? Haben sie nicht einen gemeinsamen Feind, gegen den sie für ihre
Freiheit kämpfen? Sind die Söhne beider Länder nicht geborene Krieger - hängen
sie nicht mit jeder Fiber ihrer Seele und ihrer Hoffnungen an der Heimat, für
die sie so oft ihr Herzblut vergossen haben?«
    Das aufsteigende dunkle Blut färbte die Stirn des jungen Offiziers, die
Gräfin bemerkte zu spät, dass sie ihn verletzt, und legte ihre Hand freundlich
auf die seine.
    »Wir Beide, Herr Djemala-Din,« sagte sie, »dürfen uns nicht missverstehen.
Sie haben nicht selbst ihren Weg gewählt, und wenn Sie auch gewiss gleiche Liebe
zu dem Lande, das Sie geboren, hegen, wie ich zu dem meinen, muss es Ihnen doch
ferner stehen, da sich nur wenige Erinnerungen daran knüpfen, da Sie sein Leiden
und Kämpfen nicht selbst geschaut. Mein Volk ist ein gebeugtes, besiegtes, ach -
bei aller Begeisterung im Herzen fühle ich es tief! - unwiederbringlich
gebrochenes - das Ihre ein unbezwungenes freies, im Heldenkampf begriffen, um
die teuersten Güter und siegreich unter der tapferen Hand Ihres Vaters! Sie
brauchen nicht seine Freiheit zu wünschen und zu beweinen, denn es hat sie nie
verloren!«
    Der junge Mann lächelte trübe.
    »Wissen Sie auch, Gräfin, was die Freiheit in einem Lande, wie das meine
ist? wissen Sie auch, was Freiheit im Orient bedeutet?«
    »Sie sah ihn gross an.«
    »Frei ist das Volk, das nicht das schimpfliche Joch eines anderen trägt, das
nur dem selbst gewählten Führer gehorcht. Frei ist das Volk, wo Jeder sein Recht
hat, wo das Recht eines Jeden geehrt und nicht von Fremden mit Füssen getreten
wird; wo Sprache, Gewohnheit und Glaube Eigentum des Volkes sind; wo die
Einrichtungen seiner Väter ihm ungekränkt geblieben; wo der Bewohner nicht der
Sclave des Unterdrückers ist, sondern wo er sein Blut und seinen Schweiss für den
eigenen Heerd vergisst!«
    »Wissen Sie auch, Gräfin, dass wir dennoch einen fremden Oberherrn haben, -
den Sultan in Constantinopel?«
    »Der ist fern - nur ein Schatten!«
    »Aber er nennt sich unsern Herrn, - auch der Czar wohnt in Petersburg. Ich
habe wenig Erinnerungen an meine Heimat, und doch könnte ich Sie mit dem
Wenigen widerlegen. Der Mächtige, der Reiche, Gräfin, herrscht überall, auf den
Höhen des Kuban, wie in den Steppen Ihres eigenen Vaterlandes, wo - wie uns die
Geschichte lehrt, - der Bauer der unterdrückte Sclave des Edelmannes war. Der
Fanatismus schwingt in meiner Heimat seine Geissel blutiger als irgendwo und
verfolgt seine Gegner. Dort gibt es Edle und Knechte, wie hier, und die Kluft
zwischen Beiden ist noch schärfer. Halten Sie das Volk für frei, das seine
eigenen Töchter und Söhne an seine sogenannten Oberherren in Stambul als Sclaven
verkauft, ihren Lüsten zu dienen und ihren Befehlen zu gehorchen? Glauben Sie
wirklich türkische Despotie leichter als die Herrschaft des russischen Kaisers?
sollten wir wirklich für die Eine kämpfen, gegen den Anderen?«
    »Spricht Das der Fürstensohn eines freien Volkes?«
    »Er spricht es, Gräfin - sein Vater gab ihn fort, und sechszehn lange Jahre
hat er keine Heimat gehabt, als das Haus des Kaisers, kein Eigentum, als das
Kleid des Czaren.«
    »Und wenn Schamyl, Ihr Vater, Sie wieder forderte, wenn er Sie riefe zum
Kampfe an seine Seite?«
    Der junge Mann sah sie finster an.
    »Er tat es - jene Männer, die uns Beide gerettet, waren seine Boten!«
    »Und darf ich wissen, was Schamyl's Sohn dem Ruf eines freien Volkes
erwiedert hat?«
    »Der Offizier antwortete, was seine Pflicht war, - der Fürstensohn, was
seine Ehre gebot. Herz und Seele würden ja dennoch zurückbleiben.«
    »Dann ist mir eine grosse Freude versagt,« lächelte Wanda, »ich träumte mir
's so schön, Sie auf jenen Felsenhöhen mir gegenüber zu wissen, wie der Adler
horstend und herabstossend auf silberumpanzertem Ross. Wie stolz wäre ich gewesen,
Ihren Namen täglich zu hören, als den gefürchtetsten Helden des Gebirges.«
    »Sie, Gräfin - wie meinen Sie Das?«
    »Ei, nun, dass ich vergeblich harren werde, dass Djemala-Din, der kühne Führer
der Mürditen, in einer wolken-umdüsterten Nacht hervorbricht über den Kuban nach
unserm armen Schloss und Wanda davonführt aus der Gewalt der schmuzigen Kosaken.«
    »Sie spotten meiner, Gräfin!«
    »Wie, wissen Sie wirklich nicht, dass ich nach dem Kaukasus gehe? Sie können
mir Empfehlungsbriefe geben an Ihre Vettern und Onkels, da Sie mich doch einmal
nicht selbst beschützen wollen.«
    »Gräfin Wanda nach dem Kaukasus? Ich beschwöre Sie, enden Sie den Scherz!«
    »Ich scherze nicht und glaubte, mein Oheim hätte Sie davon unterrichtet.
Eine so gute Polin, wie ich bin, besitze ich doch noch eine ältere
Stiefschwester, die es nicht ist. Sie ist die Gattin des Obersten, Fürsten
Tscheftsawadse, und wohnt mit ihm im russischen Gränzgebiet am Kuban, wo er
kommandiert. Ich bin auf dem Wege dahin, da meine bisherigen Verhältnisse sich
geändert; - mein Oheim begleitet mich bis Odessa, von wo mein Schwager mich
abholen lässt. Begreifen Sie nun, dass ich hoffte, von Ihnen dort zu hören?«
    Der junge Tschetschenze war bleich wie der Tod geworden, - seine gesunde
Hand zuckte krampfhaft nach dem Herzen - sein grosses dunkles Auge rollte wie irr
über das Mädchen, während er sich auf dem Sopha emporgerichtet hatte.
    »Sie nach dem Kaukasus - und ich hier? - Grosser Gott, ich glaubte, Sie
kehrten nach Warschau zurück!«
    »Was ist Ihnen, mein Freund? - fassen Sie sich - man wird auf uns achten.«
    Er blickte wild um sich.
    »Was kümmert mich Ihr Oheim - was der Fürst! Ich Tor, der ich war - fort,
ihnen nach, dass sie meinem Vater sagen: sein Sohn ist bereit! - Und meine Ehre -
mein Eid - -«
    »Sie sind ausser sich - was kümmert Sie ein elternloses Mädchen, das in Ihrer
fernen Heimat, die Sie nicht mehr lieben, eine Zufluchtsstätte finden soll?«
    »Ich, Djemala-Din, mein Vaterland nicht lieben, wo Sie sind, - ich Sie nicht
wiedersehen - Sie, Wanda?« er presste krampfhaft die Hände in einander und gegen
die Brust, dass der Verband des Armes sich löste und ein purpurner Strom
herausschoss - »beim Blute Schamyl's weigerte ich meinem Vater den Gehorsam! Beim
Blute Schamyl's! Wanda, am Elbrus sehen wir uns wieder!« und ohnmächtig sank er
zurück auf das Ruhebett. - -
 
                                    Fussnoten
1 Benennung der niederen polnischen Schänken.
2 Polnisch: Der Teufel mag Dich holen!
3 Hundssohn.
4 Mögen die Teufel Deine Mutter quälen! - ein gebräuchlicher polnischer Fluch.
5 Möge der Teufel Dich holen!
6 Stadt in Kleinasien, 15 Meilen von Brussa. Bem trat bekanntlich in Widdin zum
Islam über; sein treuer Begleiter und Diener, der Artillerie-Sergeant Janek, der
Wächter seines Grabes, erzählt den Reisenden, dass er als guter Katolik
gestorben.
 
                                  Der Aufruhr.
Während der Schlachtendonner bereits an der Donau und an den Küsten Klein-Asiens
tobte, trieb die europäische Diplomatie noch immer ihr listiges Spiel, gleich
als gälte es, nicht nur die Völker, sondern sich selbst zu täuschen. Jeder
Einsichtsvolle in ganz Europa fühlte und wusste, dass der Krieg zwischen den
Westmächten und Russland unvermeidlich sei, dass er das Ziel aller Einmischung und
aller Intriguen, der Zweck aller Vorbereitungen war, und dennoch flogen täglich
die Couriere nach allen Richtungen, dennoch wurde Project auf Project, Vorschlag
auf Vorschlag gehäuft für Ausgleichung und Frieden, und die Höfe von Berlin und
Wien schwelgten in Vermittelungen.
    Zwei Männer allein in Europa wussten, was sie wollten: der Kaiser Louis
Napoleon in Paris und Lord Palmerston in London; denn auch dem Giganten des
Nordens, dem Czaren Nicolaus, begannen die Ereignisse über das hochgetragene
Haupt zu wachsen, sein Glück, sein Stolz und seine Diplomatie hatten ihn
getäuscht. Nur das Vertrauen auf sich selbst und sein Volk und der ungebeugte
Mut wankten nicht.
    Wir haben den Gang der politischen Verhandlungen am Schlusse unsers ersten
Bandes bis zum Ende des Monats October geführt, und nehmen sie dort zu kurzem
Ueberblick wieder auf.
    Noch immer tagte die wiener Conferenz. - Die englische Regierung hatte am 1.
und 2. November das österreichische und preussische Cabinet aufgefordert, dass
unter Beseitigung der andern Vorschläge die Grossmächte sich über einen von Lord
Stratford am 21. October mit den andern Gesandten in Constantinopel
aufgestellten und abgesandten Notenentwurf vereinigen möchten, da man annehmen
könne, dass dieser der Pforte annehmbar erscheinen werde. In der Conferenz der
vier Gesandten in Wien am 3. wurde dieser Entwurf vorgelegt, der
österreichische, preussische und französische Bevollmächtigte erklärten jedoch
diese Vorschläge bei der veränderten Sachlage nicht mehr für geeignet und
Russland hielt nach der Kriegserklärung und Eröffnung der Feindseligkeiten zur
Beendigung des Streits einen feierlichen Friedensvertrag für nötig.
    Dagegen lehnte die französische Regierung einen vom Grafen Buol am 25.
October gemachten Vorschlag ab, welcher eine Verständigung zwischen Russland und
der Pforte über Wien intendirte.
    Graf Buol schlug nun unterm 6. vor, dass die Conferenz eine Note entwerfen
möge auf Grund der olmützer Verhandlungen. Diese Note würde die Pforte
auffordern, zu verhandeln und selbst anzugeben, unter welchen Formen und
Bedingungen. Zugleich müsse Waffenstillstand verlangt werden. Die englische und
französische Regierung erteilten auch bis zum 11. November ihre Genehmigung zur
Abfassung einer solchen Note. Ehe es aber zu derselben kam, hatte das
österreichische Cabinet die auf ein früheres Project (vom 6. October) von
Russland gemachten, von den Westmächten aber nicht genehmigten Gegenvorschläge an
seinen Gesandten nach Constantinopel gesandt, mit der Instruction, sie bei der
Pforte zu unterstützen.
    Unterdess tat der englische Gesandte das Gleiche mit einem ihm unterm 24.
October übersandten Plan seines Cabinets, dem auch Frankreich zugestimmt hatte.
Reschid Pascha erklärte, dass er vor zwei Monaten noch annehmbar gewesen, jetzt
aber nicht mehr.
    Man sieht hieraus, dass nicht weniger als vier Ausgleichungsprojecte in
demselben Augenblick sich kreuzten:
        Die russischen Vorschläge vom 17. October von Oesterreich in
        Constantinopel abgesondert unterstützt;
        der Vorschlag des österreichischen Cabinets vom 6. November;
        der ältere von Lord Stratford (unterm 28. September und - 1. October)
        vorgeschlagene, von den Westmächten unter'm 24. October genehmigte Plan;
        der neue Entwurf von Lord Stratford bei der missglückten Verschiebung der
        Feindseligkeiten unterm 21. October von Constantinopel aus gemacht.
    Sie alle ergingen sich hauptsächlich über die Art und Form der Ausgleichung
und schadeten natürlich einer dem andern, wie viele Köche immer den Brei
verderben.
    Unterdess waren die Flotten in den Bosporus eingelaufen und die Schlachten
bei Oltenitza und Gümri geschlagen und ungünstig für die Türken ausgefallen.
    Frankreich stimmte möglichst Allem und Keinem zu und wartete ruhig des
Augenblicks. An Stelle des französischen Gesandten in Constantinopel, de Lacour,
war General Graf Baraguay d'Hilliers seit dem 12. November gekommen.
    Die englische Regierung trat nunmehr mit einem fünften Project vom 16.
November auf, dem die andern Grossmächte beistimmten. Die wiener Conferenz
adoptirte dasselbe und die Gesandten in Constantinopel legten die neue Erfindung
vor, welche die wichtige Mitteilung machte: dass der Bestand der Türkei
innerhalb der ihr von den Verträgen bezeichneten Gränzen eine der notwendigsten
Bedingungen des europäischen Gleichgewichts sei! Reschid-Pascha - in Angst
gesetzt durch den Schrecken von Sinope - hatte nichts Eiligeres zu tun, als
unter der Hand seine Zustimmung zu geben.
    Aber gerade das Unglück von Sinope war der Wendepunkt, auf welchen man
lauerte, um in den Augen Europa's mit einigem Anstand und Gewissen den tätigen
Protector der Türkei spielen zu können. Gleich am Tage nach dem Eintreffen der
Schreckenskunde - während Haufen der griechischen Bevölkerung durch die Strassen
von Pera und Galata ras'ten mit dem Rufe: »Es lebe unser Kaiser Nicolaus!« - am
3., sandten die Vertreter Englands und Frankreichs zwei Schiffe des vereinigten
Geschwaders, die »Retribution« und den »Mogador« nach Sinope ab, um weitere
Kunde zu bringen. Sie kehrten mit der Nachricht der völligen Niederlage und etwa
150 Verwundeten - dem Rest von fast 5000 Mann, zurück. Das türkische Ministerium
hatte bereits am 4. die Gesandten ersucht, die alliirte Flotte in's Schwarze
Meer einlaufen zu lassen. Während dieselben auf der einen Seite sich dazu bereit
erklärten, sprachen sie auf der andern wieder ihre Ansicht dahin aus, dass die
Türkei das Unglück durch ihr Vorgehen selbst verschuldet habe. Man wusste ja noch
nicht, wie man in Paris die Sache aufnehmen werde! Hier aber glaubte man die
Zeit gekommen und eine energische Aufforderung an die englische Regierung (v.
15.) verlangte, dass die Admirale dem Kommandanten von Sebastopol erklären
sollten, dass jedes russische Kriegsfahrzeug durch die Flotten nach den
russischen Häfen zurückzufahren genötigt, und jeder Angriff auf türkisches
Gebiet oder Truppen mit Gewalt zurückgewiesen werden würde. Wir werden später
sehen, welche wichtige Klausel sich das Cabinet der Tuillerieen dabei bewahrte.
    Unterdess, da die Beschlüsse von Paris und London in Constantinopel noch
nicht bekannt sein konnten, hatten die Gesandten dort nicht umhin gekonnt, auf
Oesterreichs und Preussens Drängen die Verhandlungen über den letzten
Vermittelungsvorschlag fortzusetzen, und der grosse Rat der Pforte beschloss ganz
unerwarteter Weise, dass auf Grundlage der von den Gesandten proponirten
Bedingungen die Friedensunterhandlungen eröffnet werden sollten. Dies geschah,
wie wir später sehen werden, am 18. und 19.
    Werfen wir, ehe wir weiter gehen, noch einen kurzen Blick auf die
augenblickliche Stellung auf dem Kriegsschauplatze an der Donau.
    Während der Czar die allgemeine Mobilmachung der Armee befohlen, war die
Türkei bereits zur Aushebung des zweiten Aufgebots in Rumelien genötigt. Der
Sultan hatte erklärt, im Frühjahr selbst in's Feld ziehen zu wollen, und es
wurden Anstalten für ein grosses Lager bei Adrianopel getroffen. Aus Egypten und
Syrien, aus Albanien und Bosnien strömten fortwährend Zuzüge irregulärer
Truppen, die sogenannten Baschi-Bozuks, herbei und bildeten in babylonischer
Verwirrung Elemente der türkischen Armee, die kaum durch die eifrigsten
Bemühungen der unteren Führer, fast sämtlich polnische, ungarische und andere
Renegaten und Flüchtlinge, zu einiger Ordnung und Verwendung gebracht werden
konnten. Von Disciplin war natürlich fast gar nicht die Rede und man sah sich
genötigt, die regulairen Truppen möglichst von diesen Freischaaren zu sondern.
    Um die Mitte des December begann sich das Corps des General Dannenberg der
kleinen Walachei zu nähern, und es zeigte sich deutlich, dass ein Angriff aus
Kalafat beabsichtigt war.
    Von Bukarest waren zwei Scharfschützen-Bataillone und die Brücken-Equipagen
gegen Braila abgegangen, um die dort zwischen beiden Ufern befindlichen
Donauinseln zu besetzen.
    Gegen Matschin hatte am 13. ein verunglückter Angriff der Russen mit
Kanonenböten unter General Lüders stattgefunden. Desgleichen waren zwischen dem
15., 16. und 17. auch bei, Silistria bereits wiederholt kleine Vorpostengefechte
vorgekommen, indem das russische Feuer die türkischen Transportschiffe an der
Truppenbeförderung nach den Häfen verhinderte. Die Kosakenpikets setzten
wiederholt über die Donau und streiften bis in die Nähe der Festung.
    Die Stellung der beiden Armeen an der Donau war demnach gegen Ende December
folgende:
    Das Hauptquartier des türkischen Generalissimus befand sich in Rustschuck,
das fleissig verschanzt wurde. Hier concentrirte sich das Centrum des Heeres. Die
Festung selbst, unter Befehl von Said-Pascha, hatte 3400 Mann Besatzung. An
ihrer Südseite, noch im Bereich der Kanonen, befand sich ein befestigtes Lager
mit 5000 Mann Nizam unter Mahmud-Pascha und 2000 Mann Redifs. Unmittelbar an
diesem Lager campirten 4000 Arnauten unter Selim-Pascha, die Kavallerie auf der
Strasse von Rustschuck nach Hesargrad, wo die 29,000 starken Reserven des
Centrums standen. - Den äussersten linken Flügel bei Kalafat bildeten circa
50,000 Mann, von denen 20,000 in Kalafat selbst unter Achmet-Pascha, 10,000 auf
der Donauinsel Smurda postirt waren. Selim-Pascha1 befehligte in Widdin.
    Die Communication der Insel mit dieser Festung war längere Zeit durch das
Treibeis behindert. Die Verbindung zwischen Rustschuk und Widdin bildeten 18,000
Mann in Lom, Rahova und Nicopolis. - Den rechten Flügel kommandirte
Halil-Pascha, von Silistria bis Matschin circa 45,000 Mann. Den Trajanswall von
der Donau bis in's Schwarze Meer verteidigte Ismael-Pascha.
    Die Stärke der Türken auf der weit ausgedehnten Donaulinie betrug somit
circa 123,000 Mann ohne die bei Schumla aufgestellten Reserven.
    Die Russische Donauarmee war zur Zeit unbedeutend schwächer, dagegen Herr
der Situation und zur Offensive bereit. Dem rechten Flügel der Türken stand
jetzt General-Lieutenant Lüders in Braila mit 23,000 Mann gegenüber und
bedrohete Heu Uebergang bei Matschin. Das Centrum mit 45,000 Mann stand unter
dem Oberbefehlshaber Fürsten Gortschakoff, der noch immer sein Hauptquartier in
Bukarest hatte, und den linken Flügel, etwa 34,000 Mann, kommandirte jetzt mit
den Divisionen der Generale Fischbach und Dannenberg von Krajowa aus
General-Lieutenant Anrep, der Kommandant der russischen Avantgarde beim
Einrücken in die Fürstentümer. Somit betrug die russische Macht etwa 112,000
Mann. Das Einrücken des dritten Osten-Sackenschen Corps, um die Positionen in
der Moldau und der grossen Walachei einzunehmen, hatte bereits begonnen.
    Diese beiderseitige Situation und Machtentwickelung war offenbar nur die
eines Vorspiels und konnte zu keiner wirklichen Entscheidung führen. Die
russische Armee war, - wenn ihr das Meer versperrt wurde, - viel zu schwach, um
über den Balkan gegen Constantinopel vorzudringen, denn die Erfahrungen von 1828
belehrten sie, dass ein solcher Sieg zu teuer erkauft werde, und das türkische
Heer befand sich offenbar in einem Zustande, dass es auf einer so ausgedehnten
Linie auch die Defensive nur durch die grosse Terrainbegünstigung halten, an eine
Offensive aber nicht denken konnte. Der türkische Soldat der Neuzeit ist
trefflich zur Verteidigung, - schlecht und unbeholfen zum Angriff.
    Wir haben bereits erwähnt, dass der grosse Rat der Pforte sich für die
Vorlage der Gesandten ausgesprochen. Derselbe - der Divan oder die Staatskanzlei
(Menacybie-divaniie) steht ausserhalb des Ministerrats, der Regierung und des
Reichsconseils, und umfasst diejenigen obern und untern Beamten, die man Kalamice
(von der Feder) nennt. Die im Divan sitzenden Beamten zerfallen in fünf
Rangklassen, deren oberste mit dem Ferik (Divisionsgeneral) rangirt. Am Divan
nehmen auch die Exminister und Würdenträger und die gerade in Constantinopel
anwesenden Pascha's Teil. Er entscheidet nicht, sondern teilt bloss seine
Nachschläge mit. - Der Divan hatte im October die Kriegserklärung beraten,
jetzt nach dem Unglück von Sinope und den Nachrichten aus Klein-Asien war er von
Reschid-Pascha berufen, um über die Friedensunterhandlungen seine Meinung
abzugeben.
    Als Grundlagen derselben wurde von der Note der Gesandten aufgestellt:
        1. Möglichst schnelle Räumung der Donau-Fürstentümer.
        2. Erneuerung der alten Verträge.
        3. Neue Garantieen für die erlassenen Firmane in Betreff der
        christlichen Bevölkerung an die Gesamtmächte.
        4. Sicherung der Arrangements über die heiligen Orte in Jerusalem.
        5. Waffenstillstand und Ernennung eines türkischen Bevollmächtigen zur
        Unterhandlung mit Russland unter Mitwirkung der Mächte und in einer von
        diesen zu bestimmenden neutralen Stadt.
        6. Wiederholung der Zusicherungen der Mächte bei dem Vertrage vom 13.
        Juli 1841 über die Integrität der Türkei.
        7. Versprechen der Pforte, ihre innere Verwaltung den Zeitverhältnissen
        und den Rechten ihrer Untertanen angemessen zu ändern.
    Diese Punkte entsprachen zwar keineswegs den ursprünglichen Forderungen
Russlands, entielten aber auch Nichts, was der Aufnahme von neuen Verhandlungen
entgegengestanden hätte. Das schärfere Auge konnte darin nur die Absicht der
Diplomaten, zu laviren, erblicken. Dies Mittel galt natürlich bloss den Augen der
Menge, es war ein Schauspiel, was man Anstands halber aufführte, um die schwache
schwankende Regierung des Sultans über die wirklichen Absichten zu täuschen. Die
Rollen in dem Drama waren bereits verteilt und die bewegenden grossen Factoren:
die revolutionaire Propaganda, die persönlichen Pläne des Kaisers der Franzosen,
und die englische Eifersucht auf Russland, reichten einander die Hände zum
Bündnis.
    Der türkische Fanatismus wurde vorläufig zum Mittel bestimmt, die geheimen
Zwecke zu verfolgen und den Sultan gefügig zu machen. Es war dringend notwendig
geworden, zu einem solchen Eclat zu greifen.
    Der Leser hat am Schluss des ersten Bandes und in den ersten Kapiteln des
gegenwärtigen einen Einblick getan in die Intriguen des Harems und deren
Wirkung auf den Gang der türkischen Politik. Der Sultan, von Anfang an ein
Gegner, des Krieges und eben nur durch die Einwirkungen des englischen und
französischen Gesandten hin und wieder zu einem entscheidenden Entschluss
gezwungen, neigte sich offenbar im Geheimen zur Verständigung mit Russland. Unter
seinen Vertrauten war der alte Chosrew-Pascha, dieser in seinem Mannesalter
einst so berühmte Intriguant. Um ihn schloss sich daher jetzt auch fester die
Friedenspartei.
    Reschid-Pascha, dieser Mann aller Fractionen, der französirte Türke und das
gefügige Werkzeug der Machtaber im entscheidenden Augenblick, zugänglich allen
Eindrücken und von keinem bestimmten Entschluss und Plan geleitet, hatte auf das
energische Drängen des österreichischen Internuntius, Freiherrn von Bruck, nicht
vermeiden können, den grossen Rat zu versammeln, um über die mehrerwähnte
Vorlage der Gesandten zu verhandeln. Es war dies am 17. geschehen, und die
Kriegspartei, den Seraskier und den ältesten Schwager des Sultans, Mehemed Ali,
an der Spitze, rechnete mit Sicherheit auf einen Beschluss, ähnlich dem am 26.
September, welcher sich für die Kriegserklärung, entschied.
    Baron von Oelsner hatte jedoch seine Zeit nicht verloren.
    Die Sitzung am 18. war stürmisch, und der Seraskier fand einen unerwarteten
Widerstand in Chosrew und seinem Anhang.
    »Man wirst mir vor, dass ich ein Russenfreund sei,« rief der alte Veteran des
Kabinets und der Schlachten. »Wohl, ich bin für den Frieden. Aber wenn mein Bart
nach russischem Pulver riecht, so duftet der Eure nach französischen Salben!«
    Der Divan ging auseinander, ohne zu einem Entschluss gekommen zu sein.
    An diesem Abend warteten die Sultana und Nausika, die Odaliske des Sultans,
die Tochter des Janos, vergebens auf das Erscheinen des Grossherrn.
    Es war bereits zehn Uhr Abends, also etwa vier Uhr nach türkischer
Zeitrechnung, als vom goldnen Horn her ein grosses Kaik seinen Weg nach
Tschiragan nahm und eine ziemliche Strecke weit über den Palast hinaus anlegte.
Drei in kurdische Mäntel gehüllte Personen stiegen aus und schienen von einem
Offizier der schwarzen Eunuchen des Sultans am Ufer erwartet zu sein, denn - ein
solcher verbeugte sich alsbald tief vor ihnen und schritt dann vor ihnen her,
nach den Höhen zu, die sich hinter dem Palais erheben und die Gärten desselben
bilden, den einzelnen Wachen ein Loosungswort zuflüsternd, das sie ungehindert
passiren liess. Der Weg führt hinter Tschiragan auf Arnaudkoi zu terrassenartig
steil in die Höhe, oft geht man zwischen Felswänden, oft zwischen 30 Fuss hohen
Mauern, welche die Gärten des Sultans vor jedem fremden Blick schützen. Erst auf
der Höhe kann der Blick sich frei und weit entfalten und umfasst den untern
Bosporus bis rechts nach Skutari hin und links zum Turm von Anatoli Hissar, dem
asiatischen Schloss.
    Auf der Höhe dieses Berggipfels steht ein in italienischem Styl gebautes,
ziemlich grosses elegantes Haus. Die Stürme des Pontus und die linden Zephyre des
Südens umspielen seine Mauern, und die feurige Sonne des Orients brennt in seine
Jalousieen und auf seine Balkone. Es liegt auf einer der schönsten Stellen von
Gottes schöner Erde und ist die Wohnung zweier Deutschen, des
Obergartendirektors des Sultans und seines Substituten, beides geborene Baiern.
Auch die Posten der Gehilfen und Untergärtner sind meist von jungen Deutschen
bekleidet.
    Das Haus steht in einem gleichfalls von einer hohen Mauer umgebenen, aber
möglichst nach europäischer Art eingerichteten Garten, der unmittelbar an den
des Grossherrn stösst. Eine gleiche Mauer, durch welche ein einziges schmales
Pförtchen führt, zu welchem nur der Obergärtner und sein Stellvertreter den
Schlüssel haben, trennt sie.
    In dem Augenblick, wo wir die Vier hier hinauf begleiten, lag freilich nicht
der Glanz hellen Sonnenscheins, des Frühlings oder Herbstes über jener
herrlichen Aussicht, aber deshalb war sie nicht minder reizend im bleichen
Lichtstrahl des Mondes, der ohnehin die Eigenschaft hat, die Farben aufzuzehren,
und desto grossartiger die Formation und Plastik in Licht und Schatten
hervortreten zu lassen. Ein weisser Reif, auf den Felsenplateau's selbst eine
dünne Schneedecke, lag über dem ganzen Bilde, und der schmale Wasserspiegel,
nach Stambul hin sich öffnend, glänzte - wo er aus dem Schatten der Bergwände
trat - gleich einem Silberband.
    Doch war es nur Einer von der Gesellschaft, der diesem herrlichen Anblick
einige Augenblicke widmete, der bereits mehrfach erwähnte deutsch-französische
Baron, der sich auf der Höhe des Plateau's umwandte und, seine Gefährten weiter
gehen lassend, die Augen über dies Eden der Nacht schweifen liess. Dann folgte er
ihnen rasch, denn die egoistischen Gedanken des Ehrgeizes, des Interesses und
der Sorge in der eigenen Brust machen den Menschen gleichgültig für die
Herrlichkeiten des Allmächtigen um ihn her. Der beste Beweis in der schneidend
bittern Weise Larochefaucaulds, dass der Mensch alles Erschaffene für sich
erschaffen glaubt. -
    Das Haus mit seinen Umgebungen war still und öde, am Zugang hatte ihnen der
Obergärtner selbst das Tor geöffnet, wieder geschlossen und war dort
zurückgeblieben. Der Eunuch führte sie quer über den Platz zu dem Pförtchen, das
sich in die Gärten des Grossherrn öffnete und klopfte in eigentümlicher Weise an
dasselbe. Sogleich wurde es geöffnet, sie traten ein und fanden sich dem
Tschannador-Aga gegenüber, der sie mit einer schweigenden Verbeugung empfing und
vor ihnen herschritt. Die Pforte wurde von dem Eunuchen wieder geschlossen und
er lehnte sich, den Säbel ziehend, aussen an dieselbe, um jede Annäherung zu
verhindern.
    Der Aga ging vor der schweigenden Gesellschaft durch die seltsamen
gewundenen Gänge des Gartens her, und sie stiegen mehrere Terrassen hinab.
Obschon der Winter die Vegetation erstarrt, die Bäume entblättert hatte, konnte
man im hellen Lichte des Mondes doch die eigentümliche Ausstattung und
Einrichtung des Ortes um so mehr ersehen, als das sonst so belebende Grün in den
türkischen Gärten eben nur Nebensache ist, und der Baron - der zum ersten Mal
diesen sonst unzugänglichen Ort betrat - benutzte die Gelegenheit zum Umschauen.
Auf dem natürlichen Felsen der Bergwand waren vielfach künstliche Felsgruppen in
seltsamen phantastischen Formen angebracht, grosse Marmorbecken fingen in der
bessern Jahreszeit Cascaden von Wasser auf, oder bildeten die bei den Türken so
beliebten Springbrunnen. Pagoden und wunderliche in Arabesken und Schnörkel
verlaufende Tiergruppen, bunt bemalt, standen überall. Wo der Wind den Reif und
Schnee von den Gängen und Rabatten hinweggefegt, sah man diese mit bunten
Steinen, Muscheln und Porzellan eingefasst; zahlreiche Grotten, Kiosks, Tempel,
chinesische Dächer und Pavillons in den baroksten Formen mit reicher Vergoldung
und Malerei waren überall ziemlich ordnungs- und geschmacklos angebracht.
    Nach einem der letztern von grösserem Umfange wendete die Gesellschaft die
Schritte. Zwei Tschannadors hielten die Wache am Eingang, durch welchen jetzt
die Fremden das Innere betraten; ähnliche dunkle Gestalten bewegten sich um das
Gebäude. Sie befanden sich hier in einem erleuchteten und von Kohlenpfannen
erwärmten Vorgemach, wo sie die Mäntel ablegten und sich der Stiefel
entledigten, um nach türkischer Sitte die Füsse mit weichen Pantoffeln zu
bekleiden.
    Die beiden Begleiter des Barons zeigten sich jetzt als zwei Moslems, der
Eine ein Greis mit langem grauem Bart, listigen Augen und kühn hervorspringender
Nase, der Andere als ein stattlicher Mann von einigen dreissig Jahren mit
geistreichen und lebendigen Zügen.
    Nach kurzer Zögerung für die Toilette der Eintretenden verschwand der Aga
durch den Vorhang der gegenüber liegenden Tür, erschien dann auf's Neue und gab
den Harrenden den Wink, sich zu nähern. Er selbst blieb im Vorgemach zurück.
    Das Gemach, in das sie traten, füllte mit Ausnahme des kleinen Vorzimmers
die ganze Rundung des Pavillons. Es war von einer Krystallkrone erleuchtet und
gleichfalls von silbernen Kohlenbecken durchwärmt, aus denen zugleich der
leichte Duft einer wohlriechenden Essenz durch das Gemach strömte. Die
Jalousiefenster waren sorgfältig mit dicken turkomanischen Teppichen verhängt,
damit kein Lichtstrahl nach aussen dringen konnte. Rings um die Wände liefen
Divans und gegenüber der Tür ruhte auf denselben die schlaffe Gestalt des
Sultans, zu seinen Füssen ein stummer Mohrenknabe auf dem Boden knieend, der das
Nargileh des Grossherrn in Brand erhielt und mit seinen grossen braunen Augen auf
jeden Wink des Gebieters lauschte.
    Der Sultan und der stumme Knabe waren allein in dem Gemach.
    Die Hände auf die Brust gekreuzt, nahten sich die beiden Türken dem
Herrscher, warfen sich in einiger Entfernung vor ihm nieder und verharrten in
dieser Stellung mit zu Boden gehefteten Augen. Der Baron machte eine tiefe
Verneigung und blieb in gebeugter Haltung am Eingang stehen, bis der Grossherr
das erste Wort gesprochen.
    Dieser hatte sich halb aufgerichtet auf dem Divan, das kostbare Mundstück
des Rohres zur Seite gelegt und streckte beide Hände nach dem Jüngsten der
Knieenden.
    »Khosch dscheldin2, mein Bruder Halil. Ich hoffe, Eure Laune und Eure
Gesundheit sind gut und Ihr werdet es dem Grossherrn, Eurem Schwager, nicht
nachtragen, dass er Euch noch nicht öffentlich empfangen konnte, wie es Einem
gebührt, der mit einer Tochter aus dem Hause Omar's das Lager teilt.«
    Halil-Pascha, der jüngere Schwager des Sultans, durch die Intriguen des
Seraskiers aus Constantinopel verbannt und von jeder Beteiligung an den
Staatsgeschäften entfernt, war erst vor zwei Tagen auf eine Botschaft Chosrew's,
denn dieser war sein Begleiter, nach Stambul heimlich zurückgekehrt. Er war als
Russenfreund bekannt, früher längere Zeit am Hofe von St. Petersburg Gesandter
gewesen und hatte dort viele Auszeichnungen genossen. Er gehörte mit Chosrew zu
den entschiedensten Gegnern des Krieges, und dessen Beförderer hatten ihn daher
auf alle Weise vom Sultan fern gehalten; dem schlauen alten Grosswessir war es
aber dennoch gelungen, ihm diese heimliche Audienz zu verschaffen.
    »Möge Dein Schatten lang sein, o Zuflucht der Welt, und die Sonne Deiner
Gunst neu auf den Getreuesten Deiner Diener fallen,« antwortete ehrerbietig der
Pascha, indem er, ohne die Hände des Padischah zu berühren, den Zipfel seines
Rockes an Stirn und Brust führte. »Meine Gesundheit ist gut und wird noch besser
sein, wenn sie sich im Strahl Deiner Nähe sonnen kann. Du bist der Herr, Du
befiehlst und unser Wille ist Nichts!«
    »Ne apalum, was kann ich tun?« sagte der Sultan. »Ich bin von Verrätern
umgeben, die mich in diesen Krieg stürzen. Ich habe so Vieles anhören müssen,
dass mein Kopf wirr ist. Wie befindet sich die Fatimé Sultana, meine Schwester?«
    »Die Küsten Asiens erscheinen ihr schwarz, seit sie die Zenanah des
Grossherrn nicht mehr betreten darf.«
    »Desto öfter hab' ich den Teufel von Adilé dort,« murrte der Sultan; »ich
bin nicht Herr mehr in meinen eigenen Gemächern und diese Weiber lachen in
meinen Bart. Sei willkommen, Wessir, Du bist einer der Getreuen meiner Mutter
und kennst mein Herz. Nehmt Platz an meiner Seite, ich gestatte es Euch. Wer ist
der Franke?«
    »Schatten Gottes,« sagte der alte Wessir, indem er mit seinem Begleiter
Kissen vom Divan nahm, sie unsern des Sultans auf den Boden legte und darauf
niederhockte, »erinnere Dich, dass Du mir erlaubt hast, ihn vor Dein Antlitz zu
bringen. Es ist ein treuer Mann und ein Vornehmer in den Ländern der Franken. Er
sehnte sich, Deinen Schatten zu küssen, und ich wollte, wir hätten vor acht
Monden sein Anerbieten angenommen, das er vom Czar der Russen brachte.«
    Der Sultan rieb sich verlegen die Stirn.
    »Was meinst Du, Vater?«
    »Erinnere sich Deine Majestät,« sagte Halil, »dass es die Flotte von jener
Festung Sebastopol war und hunderttausend Mann guter Truppen, die uns der Czar
zu Hilfe senden wollte, um die Dardanellen zu sperren.«
    »Ich bin wie ein Ball zwischen zwei Händen,« sagte der Sultan finster. »Ist
der Padischah bosch, Nichts, dass er das Erbe seiner Familie nicht mehr selbst
verteidigen kann? Diese Franken machen uns zu Weibern, und sie haben gezittert
vor dem Hauch meiner Väter!«
    Die beiden Pascha's schwiegen verlegen, - sie wussten, wie recht der arme
Sultan hatte.
    »Lasset den Franken näher treten.«
    Auf einen Wink Chosrew's näherte sich der Baron mit ehrfurchtsvollen
Verbeugungen. Der gewandte Abenteurer und Unterhändler war ein Mann von
stattlicher Persönlichkeit und äusserst gewandtem Benehmen, was ihm überall einen
guten Empfang sicherte. Obschon der türkischen Sprache ziemlich mächtig, redete
er doch den Grossherrn in französischer an, die der Sultan jedoch nur sehr
mittelmässig spricht.
    »Möge Euer Majestät geruhen, meine Huldigung und meinen Dank anzunehmen für
die Erlaubnis, das Antlitz des Grossherrn zu sehen. Möge Euer Majestät auch
nachträglich meinen Dank empfangen für die Gnade, dass Sie aus der Hand eines
Franken durch die Vermittelung meines Freundes Ali-Pascha ein demütiges
Geschenk seiner Ergebenheit nicht verschmähten.«
    Der Sultan sah den in ehrerbietiger Haltung vor ihm Stehenden überrascht an.
    »Sie sind willkommen, Herr,« sagte er freundlich, »aber ich verstehe Sie
nicht ganz.«
    »Euer Majestät wollen verzeihen, wenn ich sage, dass ich es war, welcher die
Ehre hatte, eine Sclavin durch den Pascha von Brussa Eurer Majestät als Dienerin
vor etwa Jahresfrist zu übersenden.«
    Das Auge des Sultans funkelte.
    »Wen meinen Sie, Herr? ihr Name?«
    »Mariam, eine Mingrelierin.«
    Der Schlag war geradezu geführt; die Hand des Sultans zuckte unwillkürlich
nach dem Herzen, dann liess er sie kraftlos sinken und erwiederte traurig: »Ich
danke Ihnen, mein Herr, für das Geschenk - die arme Mariam liegt noch immer
schwer danieder an einer ansteckenden Krankheit.«
    »Mariam ist todt,« sagte ernst der Baron.
    Der Grossherr beugte sein Haupt.
    »Inshallah! Wie Gott will! So ist sie also dennoch gestorben an den
schwarzen Blattern. Es tut meinem Herzen weh, diese Kunde von Ihnen zu
bekommen, wo Sie dieselbe auch her wissen mögen.«
    Er wandte das Gesicht nach Mekka und begann ein leises Gebet zu murmeln.
    »Verzeihen Euer Majestät, dass ich Ihre Andacht unterbreche, aber Mariam die
Mingrelierin ist nicht an den Blattern gestorben, denn sie hat die Krankheit nie
gehabt.«
    Der Sultan sah ihn gross und fragend an.
    »Mariam,« fuhr ruhig und langsam der Baron fort, »ist in der Nacht zum 10.
November im Serail zu Stambul grausam durch die Martern der Folter ermordet
worden. Ihr letztes Wort war der Name Eurer Majestät.«
    Der Beherrscher der Moslems fuhr mit einem Sprunge gleich dem verwundeten
Löwen in die Höhe. Er vergass aller Etikette des türkischen Hofes so weit, dass
er, - der nur von den höchsten und vertrautesten Dienern des Harems angerührt
werden darf, - mit beiden Händen den Arm des Fremden erfasste.
    »Dschaur! bei dem Propheten, Du lügst!«
    Der Wessir und Halil waren ruhig sitzen geblieben, - Beide waren auf die
Scene vorbereitet.
    »Möge die Zuflucht der Welt ihrem Sclaven das Wort gestatten,« sagte der
Schwager des Grossherrn; »der Dschaur ist ein vornehmer Mann in seinem Lande und
sein Mund redet keinen Kot, sondern die Wahrheit.«
    Der unglückliche betrogene Grossherr sank auf die Kissen zurück und bedeckte
sein Gesicht mit beiden Händen.
    »Wer? wer?« stammelte er kaum hörbar.
    »Die Bujuk-Sultana3 und meine Schwägerin, Adilé Sultana,« sagte
Halil-Pascha, »haben der Tat beigewohnt. Sie liessen die Odaliske martern, um
für ihre Freunde, die Inglis und Franzosen, Geheimnisse des Grossherrn zu
erpressen. Unser guter Freund Fuad Effendi, den der Ministerrat vor acht Tagen
als Bevollmächtigten zum Sirdar, seinem Genossen, an die Donau geschickt hat,
leitete die Marter. Ich habe gesprochen - auf mein Haupt komme es.«
    Abdul Meschid schaute wild - mit funkelnden Augen umher, und sie fielen auf
den greifen Chosrew.
    »Du bist der Todfeind Fuad's und der Sultana,« sagte er hastig zu Halil,
»ich kann Dir nicht glauben! Rede Du, Chosrew, der Lehrer und Schützer meiner
Jugend!«
    »Halil und der Dschaur reden die Wahrheit. Das Weib Deines Herzens ist
gemordet worden, aber sie hat standhaft geschwiegen und sich der Zuneigung des
Grossherrn würdig gezeigt.«
    Der Sultan erhob sich; seine Augen flammten, wie einst die seines Erzeugers,
das bleiche Gesicht rötete sich dunkel.
    »Beim Barte Mahmud's, meines grossen Vaters, ich will nicht umsonst Hunkiar
der Bluttrinker heissen, denn sie soll gerächt werden an meinem eigenen Blut!
Hinaus, Knabe, und rufe den Aga.«
    Der greise Wessir war aufgesprungen und hatte sich dem wütenden Herrn in
den Weg geworfen.
    »Halt ein, Padischah! Um des Propheten willen, bedenke, was Du tust und
höre den Rat Deiner Freunde!«
    Der Grossherr fasste die Hände der Beiden.
    »Ich weiss es, Ihr seid dem Sohne Mahmud's treu und ich darf auf Euch zählen.
Sie sollen sterben, sterben alle Drei, die diese Tat an meinem Herzen
vollbracht haben, das sie liebte. Ein Mal hab' ich es bezwungen, als die Hand
meines Vaters grausam auf mir lag; jetzt bin ich der Herr und wehe den
Schuldigen!«
    Er war ausser sich, und selbst der intriguenvolle, nur seinen Interessen
folgende Abenteurer sah mit aufrichtigem Bedauern auf den jungen Monarchen, der,
der Herr von Millionen, der Herrscher in drei Weltteilen, mit all' seiner Macht
nicht vermocht hatte, ein schwaches Weib zu schützen, das er liebte.
    Der Aga war in das Gemach getreten und stand harrend am Eingang, während der
Greis und Halil-Pascha den Sultan zum Divan zurückführten und ihn auf die Kissen
nötigten. Auf den Wink Halil's war Téifur-Aga, der Chef der schwarzen
Eunuchen, näher gekommen. Die Verbündeten wussten, dass er ein bitterer Feind und
Neider des Kislar-Aga war und zu ihrer Partei gehörte.
    »Höre mich an, o Schatten Gottes,« sagte der greise Staatsmann. »Wir Alle
fühlen, dass Deiner Macht und Deiner Seele ein Wehe geschehen, aber was getan
ist, ist getan und lässt sich nicht ändern. Unsere Feinde sind mächtig und wir
müssen mit ihnen kämpfen mit der Klugheit der Schlange, denn diese Franken haben
die Ueberhand.«
    »Aber der Padischah ist der Herr,« warf Halil giftig ein. »Soll er sich in
den Bart lachen lassen von seinen Knechten?«
    »Hört mich wohl an,« sagte bedächtig der Greis, »und lasst mein Wort nicht in
den Wind fallen. Die Partei des Seraskiers im Ministerrat ist stark und wir
müssen sie schwächen, ehe wir den Streich auf das Haupt aller unserer Feinde
können fallen lassen. Der Scheik ul Islam hat sich für den Krieg erklärt und die
Hälfte der Diener des Palastes hängen Mehemed Ali an, und leicht würde er das
Volk zu den Waffen rufen können. Aber das Volk ist jetzt auch erbittert aus
Mahmud, den Kapudan Pascha, seinen Schützling, und sagt, dass die Vernichtung
unserer Flotte seine Schuld sei. Ihn kann der Grossherr ohne Gefahr entfernen.«
    »Er falle!« sagte der Sultan. »Wer soll an seine Stelle kommen?«
    »Möge die Sonne Deiner Gnade Riza Pascha bescheinen.«
    »So sei es. Fertigt den Ferman aus, dass ich unterzeichne.«
    Der schlaue Chosrew zog ein Papier aus seinem Busen, das bereits die
Entlassung des Grossadmirals entielt und in das nur noch der Name seines
Nachfolgers eingezeichnet zu werden brauchte. Er nahm das Schreibzeug von seinem
Gürtel und der Sultan unterzeichnete hastig seinen Namenszug.
    »Es ist nicht möglich, die künftige Sultana Valide zu strafen oder eine
Tochter aus Mahmud's Blut um einer mingrelischen Sclavin willen. Es würde einen
Aufstand im Palast erregen. Der Kislar-Aga ist ihr geheimer Freund, aber wenn
Téifur-Aga an seine Stelle kommt, wird er die Weiber im Zaume halten und kann
die Sultana nach dem Burnu-Seraï führen und Deiner Schwester den Eintritt in den
Harem weigern. Er wird das Paradies des Grossherrn von ihren Geschöpfen säubern.«
    Das breite Gesicht des Mohren glänzte vor freudiger Erwartung, denn der
Posten des Kislar-Aga steht dem Range nach zunächst am Grossvezir und ist durch
seine Stellung einer der einflussreichsten.
    Der Sultan bedachte sich einige Augenblicke, dann zog er rasch den
Siegelring vom Finger und reichte ihn dem Eunuchen.
    »Du bist der Kislar-Aga und mögest treuer als Dein Vorgänger meine Befehle
erfüllen.«
    Der Schwarze warf sich aus den Boden und berührte drei Mal mit der Stirn die
Erde. Dann erhob er sich freudestrahlend und blickte auf Chosrew.
    »Wenn es dem Padischah gefällt,« sagte dieser, »so möge die Veränderung im
Palast bis morgen früh verborgen bleiben und erst zur Stunde der Divansitzung
laut werden, damit wir unsere Feinde auch auf allen Seiten überraschen. Die
Artillerie, welche die Brennibors4 gebildet haben, ist treu und möge die Wachen
beziehen. Sie liebt weder den Seraskier, noch Mehemed Ruschdi, den Commandeur
der Garden.«
    Der Sultan schüttelte das Haupt, - in der Türkei das Zeichen der Bejahung.
    »Es ist notwendig, dass wir im Ministerrat mindestens eine gleiche
Stimmenzahl auf unserer Seite haben,« fuhr der Greis fort. »Wenn der Schatten
Gottes die Verbannung aufheben und den Gatten seiner Schwester wieder in den
Rat berufen will als Beistand, würde unsere Stärke wachsen.«
    Er reichte dem Sultan einen zweiten, gleichfalls bereit gehaltenen Ferman
und Abdul-Medjid unterzeichnete; Halil küsste den Zipfel seines Rockes.
    Der Grossherr blickte sie jetzt Alle der Reihe nach finster an.
    »Mashallah,« sagte er mit erzwungener Energie, »ich habe jetzt allen Euren
Willen getan, nun will ich den meinen und Rache für Mariam haben. Die Sclaven
sollen sterben, welche die Hände an ihren Leib gelegt haben, und das Weib, das
man mir für sie gegeben, beleidige nicht länger meine Augen.«
    Die Werkzeuge sollten für die Schuld der Hohen büssen, - türkische
Gerechtigkeit, die sich oft genug im civilisirten Europa wiederholt.
    Der alte Chosrew machte das Zeichen der Zustimmung.
    »Pek äji! es kann ohne Gefahr geschehen und sie mögen sterben. Wofür ist
Téifur-Aga da? Er möge seine Ohren auftun und kein Esel sein. Ist es dem
Grossherrn jetzt genehm, zu hören, was dieser Franke von unseren Freunden, den
Russen, zu sagen hat?«
    Der Sultan, von der vorhergegangenen Aufregung erschöpft, war auf dem Divan
wieder in seine frühere apatische Haltung gesunken; die Röte des Schmerzes und
Zorns hatte der gewöhnlichen krankhaften Blässe Platz gemacht und er bejahte
stumm, indem er dem Knaben winkte, ihm das Rohr des Nargilehs wieder zu reichen,
und dem Baron, auf dem Divan Platz zu nehmen.
    »Euer Majestät,« sagte dieser, »sind in einer schlimmen Lage, indem Sie sich
von Ihrem natürlichen Freund und Verbündeten, dem Czaren, abgewandt haben. Ihre
Armee ist an der Donau zurückgedrängt und in Asien besiegt; in Serbien,
Montenegro und Griechenland drängt das Volk zur Ergreifung der Waffen gegen das
Reich Eurer Majestät. Persien rüstet zum Kriege. Die Flotte ist zur Hälfte
vernichtet, die Finanzen des Staates sind so erschöpft, dass ohne eine schwer zu
realisirende Anleihe die nötigsten Bedürfnisse nicht zu bestreiten sind und das
Heer zum Teil seit vierzehn Monaten keinen Sold erhalten hat. Die griechische
Bevölkerung in Anatolien, Rumelien und auf den Inseln ist zum offenen Aufruhr
geneigt, selbst die türkische Einwohnerschaft ist schwierig, man hat den
Fanatismus aufgeregt und erhöht auf diese Weise die gegenseitige Feindschaft.«
    »Inshallah,« sagte der Grossherr, »was können wir tun? wir sind nicht schuld
an dem Unheil.«
    »Euer Majestät möge dem Czaren, Ihrem wahren Freunde, vertrauen. Der Divan
und der Ministerrat mögen sich morgen bereit erklären, auf die
Friedensverhandlungen einzugehen, welche die vier Mächte vorgeschlagen haben,
und man wird den Engländern und Franzosen damit den Vorwand nehmen, sich weiter
einzumischen. Was haben sie bis jetzt getan, als ihre Flotten hierher gesandt,
die Constantinopel bedrohen, ohne nur eine Kanone zum Schutz der Türkei gelöst
zu haben? Ich bitte Euer Majestät, zu bedenken, dass wenn die Türkei sich
Frankreich und England übergibt, ihre Selbstständigkeit auf's Höchste gefährdet
ist; dass sie französische und englische Schutztruppen kaum je wieder los werden
wird, welches auch der Erfolg des Krieges sei; dass die Kosten eines solchen das
Land vollends ruiniren und wahrscheinlich einiger seiner besten Provinzen
berauben werden; denn Oesterreich wird auch seinen Anteil verlangen und England
ist schon längst nach Candia, Cypern und Unter-Egypten lüstern.«
    Er machte eine Pause, - der Sultan - der Beherrscher eines Gebiets von mehr
als 30,000 Quadratmeilen - hatte ihm finster zugehört, denn er kannte die
Wahrheit dessen, was der Unterhändler ihm aufzählte, und gedachte traurig der
Macht seiner Väter, vor denen Europa noch vor 150 Jahren gezittert hatte. Aber
mit der, den Orientalen in diplomatischen Verhandlungen eigentümlichen
Schlauheit und Zähigkeit sagte er:
    »Die Inglis und Franzosen haben von mir noch Nichts gefordert und erklären,
mein gutes Recht unterstützen zu wollen. Mein Bruder der Czar aber hat gegen
alle Verträge zwei meiner Provinzen genommen und mich gezwungen, den Krieg zu
erklären. Es ist nicht das erste Mal, dass ein russisches Heer mein Reich
bedroht.«
    Der Baron war zu gewandt, um den schlagenden Streich nicht zu pariren.
    »Euer Majestät wollen sich erinnern,« sagte er, »dass der Czar sich durch die
Minister der Pforte beleidigt glaubt und die Donau-Fürstentümer nur als Pfand
für die Erfüllung alter Verträge in Besitz genommen hat. Er wird sich nicht
weigern, sie bei einem neuen und festen Bündnis sogleich herauszugeben. Euer
Majestät werden zugeben, dass Russland das natürliche und erste Anrecht auf die
Bundesgenossenschaft der Türkei hat und dass es in letzter Zeit am Hofe von
Stambul durch die englische und französische Partei sehr verdrängt und
benachteiligt worden ist. Euer Majestät wollen ferner sich erinnern, dass der
Kaiser Nicolaus sich nie als Eroberer gezeigt und im Frieden von Adrianopel
sofort alle Eroberungen herausgegeben, ja die stipulirten Kriegskosten erlassen
hat;« - er warf bei diesen Worten einen scharfen Blick auf Chosrew, dessen
grosses Vermögen von jener Zeit datirt; - »dass der Kaiser ferner in dem Kriege
gegen Mehemed Ali und Ibrahim Pascha sich als uneigennütziger Verbündeter
zeigte, gegen dasselbe Egypten, dessen Horden Euer Majestät jetzt gegen Russland
senden.«
    Es entstand eine längere Pause. Chosrew, dessen schwache und empfindliche
Seite die Erinnerung an Ibrahim Pascha war, der ihn wiederholt besiegt hatte,
brachte geschickt das Gespräch in eine andere Phase.
    »Allah bilir, es ist ein Unglück, dass die Franken ihre Schiffe vor unsere
Stadt gelegt haben, sonst könnte Alles gut gemacht werden. Was befiehlt der
Padischah?«
    Der Grossherr blickte ärgerlich auf den alten Intriguanten.
    »Ich erwarte Rat von meinen Wessiren.«
    »Wenn es dem Vater aller Herrscher gefällt,« meinte Halil, »so habe ich
zahlreiche Freunde im Divan, und einige Beutel werden das Uebrige tun, dass man
morgen für die Friedensverhandlungen stimmt.«
    »Vielleicht hat unser fränkischer Freund einen weiteren Vorschlag,« meinte
der greise Grosswessir mit einem listigen Augenzwinkern nach dem Baron.
    »Ich glaube, Euer Majestät die nötigen Vorschläge machen zu können, sobald
Allerhöchstdieselben ernstlich zu einem Schutz- und Trutzbündniss mit Russland
entschlossen sind. Der Kaiser stellt noch immer seine Flotte und eine Armee von
hunderttausend Mann zum Schutz der Dardanellen zur Verfügung.«
    »Aber wie wäre das auszuführen?«
    »Durch die Anknüpfung der Friedensverhandlungen würden die Westmächte
jedenfalls verhindert werden, Landtruppen nach dem Orient zu senden. Eine
Scheindiversion russischer Schiffe auf die anatolische Küste könnte Gelegenheit
geben, die verbündeten Flotten in's Schwarze Meer zu locken, wo sie sich bei der
jetzigen Jahreszeit unmöglich zusammen halten können. Russland ist bereit, sofort
nach dem Abschluss des geheimen Traktats die Fürstentümer zu räumen, und wird
seine Truppen an der Donaumündung und in Odessa concentriren, von wo sie leicht
nach Varna oder Burgas gebracht werden können. Wenn nach der
Bereitschaftserklärung zu Friedensverhandlungen die Flotten nicht sofort aus dem
Bosporus und den Dardanellen entfernt werden, wird Russland die Forderung
stellen, eine Anzahl von Kriegsschiffen gleichfalls hier stationiren zu dürfen.
Entweder sind dann die Flotten der Westmächte in dem Schwarzen Meere abgesperrt
und in unserer Hand ein Unterpfand, oder die russische Flotte in Verbindung mit
der türkischen und egyptischen und den Kastells der Ufer wirb vollkommen
genügen, jene im Zaum zu halten oder zu vertreiben. Euer Majestät Truppen und
drei russische Armeecorps, die der Czar zur Disposition stellt, werden
hinreichen, die Küsten von Rumelien zu sichern.«
    Der kühne gewaltige Plan, - der so leicht beim Beginn des Kampfes
auszuführen gewesen wäre und dem Schicksal Europa's eine andere Gestalt gegeben
hätte, wenn Kaiser Nicolaus mehr auf die rasche Tat als auf seinen politischen
Einfluss vertraut hätte, - erschreckte den bleichen Grossherrn und seine Augen
schweiften verlegen und ängstlich aus Chosrew und seinen Schwager. Der Letztere
legte beistimmend die Hand auf das Herz, während der greise Diplomat den
flehenden Blick seines Herrn und Schülers nicht zu bemerken schien und
anscheinend kein Auge von dem Unterhändler verwandte.
    »Adschaid! Wunderbar!« sagte endlich der Sultan. »Ich weiss nicht, was ich
tun soll, und bin wie ein Mann zwischen zwei Schwertern. Wenn ich Dir auch
Gehör geben wollte, o Franke, - wie würden wir uns ausreden können vor der Macht
der Ungläubigen, ehe die Hilfe des Czars in der Nähe ist, um uns vor ihrem Zorne
zu sichern?«
    Chosrew erhob ruhig das Haupt; der alte in tausend Schlangenlisten
bewanderte Diplomat hatte das Mittel längst vorbedacht.
    »Wir werden einen Aufruhr in der Stadt erregen,« sagte er gelassen. »Der
Rajahpöbel von Stambul wird eine Revolution machen und wir werden sagen können,
dass uns die Christen gezwungen haben zu dem Bündnis mit Russland.«
    Der Sultan überlegte, - die türkische Geschichte bietet so viele ähnlicher
Scenen und Intriguen, dass ihm der Plan keineswegs so unausführbar vorkommen
konnte.
    »Es ist unser Kismet,« sagte er endlich. »Wird Alles bereit sein und werde
ich sicher bleiben, oder muss ich mich auf eines meiner Schlösser in Anatolien
begeben?«
    »Euer Majestät werden ganz sicher sein unter'm Schutz der Artillerie. Auf
mein Haupt komme es. Morgen Mittag ist der Frieden gesichert und am nächsten
Tage wird der Padischah den Fuss auf den Nacken seiner Feinde setzen.«
    »Ich willige ein,« sagte der Grossherr und gab ermüdet und abgespannt das
Zeichen der Entlassung.
    Die drei Verbündeten verabschiedeten sich unter den gebotenen Ceremonieen
und wurden vom neuen Kislar-Aga wieder bis an die Pforte der Gartenmauer
zurückbegleitet. Während Halil und der Baron bereits den Garten verlassen,
verweilte der greise Chosrew noch einige Augenblicke bei dem neuen, durch seine
Intriguen eingesetzten Würdenträger.
    »Höre, Freund Téifur-Aga,« sagte er mit einschmeichelnder Freundlichkeit,
»Du wirst die griechische Sclavin morgen aus dem Harem entfernen?«
    »Der Padischah hat befohlen. Sie mag das Wasser des Bosporus trinken.«
    »Ein Weib ist sicher ein grosses Uebel,« meinte der Pascha; »aber warum sie
tödten, wenn sie noch jung ist? Der Padischah hat es nicht ausdrücklich bestimmt
und ich will Dir einen Ausweg sagen. Bana bak! Das Mädchen soll schön sein, -
gieb sie mir, Deinem Diener, für seinen Harem - sie wird verschwinden für
immer.«
    Der Eunuch schielte ihn von der Seite an. Er wusste sehr gut, dass es um den
Harem des geizigen alten Intriguanten sehr jämmerlich bestellt war und er das
Mädchen nur aus Habsucht verlangte, um sie mit möglichstem Vorteil zu
verkaufen; aber er wagte nicht, nach dem Dienst, den Jener ihm so eben
geleistet, die Bitte abzuschlagen und antwortete daher:
    »Pek äji, sehr wohl; Du redest Weisheit. Das Boot mit dem Weibe wirb morgen
Abend um die fünfte Stunde5 mit den Stummen des Harems gegenüber der Moschee von
Auni-Effendi Deines Boten harren. Er möge drei Mal den Namen Allah's nennen und
man wird sie ihm übergeben. Behalte mich in Deiner Gunst, o Pascha.«
    Die Beiden schieden, und während bald darauf das Boot seinen Rückweg nach
Stambul nahm und Halil mit dem Franken leise und eifrig über die Vorbereitungen
für den nächsten Tag verkehrte, berechnete der alte Geizhals bereits den Gewinn,
den er aus dem Verkauf der griechischen Tänzerin zu ziehen gedachte.
    Die Bratung, welche am Montag, dem 19., im Divan, im Gebäude der Hohen
Pforte, gehalten wurde, war eine überaus stürmische und der Schlag, welcher der
Kriegspartei durch die Verkündung der Absetzung Mahmud Pascha's, des
Grossadmirals und die Ernennung Halil's - der früher bereits zwei Mal Marine- und
Kriegsminister gewesen war, - zum Minister ohne Portefeuille mit Stimme im
Conseil, beigebracht wurde, ein ganz unerwarteter. Die alttürkische Partei des
Seraskiers und des Scheich ul Islam war damit ihres Uebergewichts beraubt und in
ihrem Einfluss hart bedroht.
    Durch die Bemühungen der Freunde der Grosswessirs, Chosrew's und Halil's,
zeigte sich im Divan eine Majorität für die Friedensunterhandlungen. Nur mit
Mühe vermochten Mehemed Ali und seine Freunde durchzusetzen, dass der Endbeschluss
biss zum nächsten Tage verschoben blieb. Sämtliche Minister sollten dem Rate
beiwohnen.
    Es lag eine schwüle Stille über der grossen Stadt und Jedermann fühlte das
Nahen einer bedeutenden Krisis. Die Beratung des Divan hatte an beiden Tagen
volle fünf Stunden gedauert und erst am Nachmittag geendet. Eine Audienz, die
der Seraskier bei dem Sultan, seinem Schwager, verlangte, wurde abgelehnt unter
dem Vorwande eines Unwohlseins. Der Grossherr hatte sich in die inneren Gemächer
seines Selamlik zurückgezogen. Die Ernennung des neuen Kislar-Aga und die
Verweisung des früheren nach Brussa war erst am Nachmittage bekannt geworden und
hatte den ganzen Harem in Bestürzung gesetzt. Auf die eilige Botschaft der
Sultana war die Schwester des Sultans nach Tschiragan gekommen, aber der
Grossherr weigerte sich, den Harem zu betreten und sie musste vor Zorn und Furcht
bebend den Palast wieder verlassen und hatte noch den Aerger, dem Kaïk des
Grosswessirs Mustapha und Halil's, ihres Schwagers, zu begegnen und Beide in
Tschiragan empfangen zu sehen.
    Wie der politische Himmel, so begann sich auch der wirkliche zu trüben und
schwere Wolkenmassen lagerten am Abend über dem ganzen Horizont. Der Gang
unserer Erzählung führt uns an verschiedene Stellen und wir müssen eilen, ihn
bei einem Manne wieder aufzunehmen, der seit dem Tage von Sinope die drückende
Last schwerer Gefangenschaft getragen hatte, vermehrt durch das Bewusstsein, dem
Todfeinde gerade in der Stunde der Rache erlegen zu sein.
    Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, der bis jetzt auf dem Meere in
die Hände der Türken gefallen, hatte auf der eiligen Ueberfahrt der
Dampffregatte Taïf alle Schmach und alle Leiden zu dulden gehabt, welche die
Erbitterung der Moslems über ihre Niederlage auf ihn häufte. Selbst die
Bemühungen des englischen Baronets vermochten nicht, ihn vor der schimpflichen
Last schwerer Ketten und roher Misshandlungen zu schützen, und nur der Wunsch,
einen Gefangenen den Machtabern in Constantinopel vorzuführen und ihm
vielleicht wichtige Nachrichten zu erpressen, veranlasste den Capitain des
Schiffes, wenigstens sein Leben zu schützen.
    Bei der Ankunft im Bosporus hatte der türkische Befehlshaber seine Hiobspost
sogleich an den Grossadmiral überbracht und dabei zwar des Gefangenen erwähnt,
der Schrecken über die Unglückskunde war jedoch so gross, dass man eines einzelnen
Gefangenen wenig achtete, um so weniger, als es nur ein Grieche war und der
Capitain einfach die Anweisung erhielt, ihn vorläufig auf seinem Schiffe zu
bewahren. So lag denn Caraiskakis seit beinahe drei Wochen vergessen und nur von
dem Hasse der türkischen Schiffsmannschaft im Gedächtnis behalten, in dem
unteren Deck der Fregatte, die am Schloss von Asien ankerte. Die Leiden seiner
Gefangenschaft verdoppelten die wiederholten Besuche des Briten, dessen
Bemühungen, ihn als seinen persönlichen Gefangenen zu behandeln und in die Haft
der englischen Gesandtschaft zu bringen, zwar an der Hartnäckigkeit der Türken
gescheitert waren, der aber fast einen um den andern Tag erschien, um ihn mit
dem Antrage, ja, mit Bitten zu bestürmen, ihm das Kind herauszugeben, für das er
eine eigensinnige Liebe gefasst zu haben schien. Aber vergebens - der Sohn des
Helden vom Pyräus antwortete auf das Anerbieten der Befreiung und des britischen
Schutzes nur mit verächtlichem Schweigen oder dein Ausdruck des tödtlichen
Hasses.
    Im Stillen aber war der Grieche nicht untätig gewesen. Unter den
Seesoldaten, die den Schiffsdienst verrichteten und in seinem Deck häufig
Geschäfte hatten, war ihm ein junger Mann aufgefallen, der ihn häufig mit
Teilnahme betrachtete. Eine Anrede bei günstiger Gelegenheit, als sie allein
waren, überzeugte ihn, dass er einen von den Türken zum Schiffsdienste gepressten
Griechen vor sich habe und er bewog ihn leicht, einen mit Bleistift
geschriebenen Zettel bei seinem nächsten Urlaub an's Land zu bestellen.
    Der Brief war an den Baron Oelsner von Montmarquet und entielt die
Nachricht seiner Gefangenschaft. - -
    Am Nachmittag des 19. war der Baronet wiederum auf dem Taïf erschienen und
hatte den Gefangenen bestürmt, ihm eine schriftliche Vollmacht zur Aushändigung
des Kindes auszustellen, da er jetzt nach England zurückzukehren beabsichtigte.
Er versprach, das Kind zu adoptiren, die Heirat mit Diona anzuerkennen und den
Knaben zum Erben seines Namens und seines Vermögens zu machen.
    Caraiskakis schaute ihn finster an.
    »Wenn Sie mir die Schätze der vereinigten Königreiche böten,« sagte er mit
Hohn, »und den Sohn Diona's - die Sie feig verleugnet haben - zum ersten
Edelmann des mächtigen Englands machen könnten, würden Sie den Knaben doch nicht
erhalten, so lange es von mir abhängt. Seine Spur will ich Ihren Augen
verwischen und nie soll er den Namen seines Vaters hören, sondern ein Grieche
werden mit jeder Faser seines Lebens, der nur Hass atmet gegen das falsche Land
seines Erzeugers!«
    Der ganze Trotz und Hochmut des Briten schwoll empor bei dieser Antwort.
    »So habe, was Du willst und beklage Dich nicht über Dein Geschick. Der
Kapudan hat bereits darüber bestimmt und mit dem nächsten Schiffe gehst Du auf
die Galeeren nach Creta. Ich aber schwöre Dir, Wahnsinniger, dass ich nicht ruhen
und rasten will, bis ich mein Kind gewonnen, und Edward Maubridge wird dies Land
nicht verlassen, bevor er seinen Zweck erreicht hat, so wahr er ein Brite ist!«
    Caraiskakis lächelte verächtlich, - so schieden sie.
    Die Vorgänge des Tages hatten anders auch über das Geschick des Griechen
entschieden. Es war am Abend gegen die zehnte Stunde, als von Tophana her ein
Boot an die Seite der Fregatte Taïf schoss und ein Mann in der Kleidung eines
türkischen Offiziers auf den Anruf der Wache »Befehl des Grossadmirals«
antwortete und an der Schiffswand emporstieg. Auf dem Deck fragte er nach dem
Capitain und händigte diesem eine versiegelte Depesche ein. Es war die Ordre des
neuen Kapudan Riza-Pascha, den bei Sinope gefangenen Griechen dem Ueberbringer
Angesichts des Schreibens zu überliefern.
    Baron Oelsner hatte die erste Gelegenheit benutzt, den Verbündeten zu
retten. Caraiskakis wurde sofort aus dem Raum geholt und dem Boten übergeben,
indem seine bisherigen Wächter und er selbst nicht anders glaubten, als dass er
in ein anderes Gefängnis am Lande gebracht oder verhört werden solle.
    Von seinen Fesseln befreit, statt deren ihm die Hände auf dem Rücken
zusammengebunden wurden, stieg Gregor in das Boot, der Offizier setzte sich
neben ihn und die schwarze Wand der Fregatte war bald hinter ihnen im Dunkel
verschwunden.
    Nach einigen Minuten, während das Boot im Schatten der asiatischen Ufer
hinlief und die zwei Ruderer scharf zu arbeiten hatten, um es bei dem heftigen
Winde und den hochgehenden Wellen im Strom zu halten, schnitt der Offizier die
Stricke von den Armen des Gefangenen und sagte auf griechisch zu ihm:
    »Ich bin ein Bote des Signor Oelsner und habe Ihnen mitzuteilen, dass Sie
frei sind. Die Ordre zu Ihrer Ueberführung nach der Stadt war eine der ersten,
die der neue Grossadmiral unterzeichnete, und sobald der Signor Baron sie in
Händen hatte, war es ein Leichtes, Sie zu befreien. Ich begrüsse in Ihnen meinen
Landsmann, denn diese Kleidung ist natürlich nur angenommen, um den türkischen
Capitain zu täuschen. Der Baron hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschäfte
und er hat mir daher aufgetragen, Sie in ein sicheres Versteck im
Fanarioten-Quartier zu bringen.«
    Caraiskakis dankte dem Landsmann, der sich Geurgios nannte, und hörte von
diesem die wichtigen Neuigkeiten des Tages.
    Sie waren jetzt dem Sommerpalaste von Beschiktasch gegenüber gekommen und
wandten sich nun quer über den Meerosstrom nach dem Grabmal Hayraddins und der
Moschee von Auni-Effendi, um auf der europäischen Seite des Bosporus die Fahrt
nach dem goldenen Horn fortzusetzen, als aus dem Schatten des Ufers von
Tschiragan ein grosser schwarzer Kaïk, von sechs weissgekleideten Ruderern
getrieben, hervorschoss. Geurgios gebot sofort den Seinen, zu halten, um den
fremden Kahn vorbeifahren zu lassen und flüsterte dem Griechen zu:
    »Die Eunuchen des Harems - bei Ihrem Leben, keinen Laut, Freund, was Sie
auch sehen mögen!«
    Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kahn, statt weiter hinaus in den
Bosporus zu fahren, gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihrem
Bord. Im Hinterteil des fremden Kaïks stand ein bewaffneter Eunuch.
    »Eure Loosung?« fragte der Schwarze.
    Der Grieche zauderte einen Augenblick, dann, glaubend, dass der Frager wissen
wolle, ob er einen Ungläubigen vor sich habe, antwortete er rasch mit den Worten
des türkischen Gebets: »Allah la illaha illallah.« Sogleich gab der Schwarze ein
Zeichen und das dunkle Fahrzeug schoss an die Seite ihres Kahns. Schon glaubten
die Griechen sich verloren, denn die berüchtigten Haremswächter machen wenig
Umstände mit den zufälligen Zeugen ihres geheimnisvollen Treibens, und die Hand
des Geurgios fasste nach den Terzerolen in seiner Brusttasche, - aber zu ihrer
Verwunderung begrüsste sie der Offizier der Eunuchen mit einem kurzen »Khosch
dscheldin! - Nehmt!« - zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kaïk
einen grossen ungestalteten Gegenstand, gleich einem Sack, und warfen ihn achtlos
in den Nachen der Griechen, dass dieser von dem Stoss schwankte und umzuschlagen
drohte; im nächsten Augenblick schoss das Haremsboot vorwärts an ihnen vorüber,
wandte und kehrte zu dem Ufer zurück.
    Die beiden Griechen und auch die Ruderer, - die mit den Geheimnissen
Stambuls sehr wohl vertraut schienen, - atmeten frei auf, als sie auf so
schnelle Weise der Gefahr wieder entgangen waren, und die Ruder senkten sich mit
doppelter Eile in die dunklen Wogen, dass der leichte Kahn gleich einem Pfeil
dahin flog und bald in die ruhigeren Gewässer des Horns einbog.
    Noch hatte keiner der Männer die seltsame Last, die ihnen so unverhofft
geworden war, zu untersuchen sich Zeit genommen, und nur die convulsivischen
Bewegungen der Hülle und ein leises unterdrücktes Aechzen und Stöhnen bewies
ihnen, dass ein lebendes Wesen darin verborgen war. Erst als sie die zweite
Brücke passirt hatten und am Ufer des Fanarioten-Quartiers hinfuhren, deutete
Geurgios auf den Sack und fragte:
    »Was machen wir damit? werfen wir die Last in das Horn? Hier sind wir sicher
vor Spähern.«
    Aber Gregor fasste abwehrend seinen Arm.
    »Um der Heiligen willen, lasst uns nicht unmenschlicher handeln, als diese
Moslems. Es scheint ein Weib in dem Sack zu sein und wir wollen die Unglückliche
retten.«
    »Bah, irgend eine alte Hexe, die im Harem gekeift und sich unnütz gemacht
hat! Aber wie Ihr wollt - bei Sanct Demeter, Ihr mögt das Geschenk der schwarzen
Burschen dafür zu eigen nehmen und Euch mit der Last beladen.« -
    Unweit der Kirche von St. Basil, zwischen dem Balat-Kapussi (Palasttor) und
dem Haivan-Seraï-Kapussi - dem Tor der Menagerie, - von dem benachbarten
Amphiteater so genannt, wo die Kämpfe der wilden Tiere stattzufinden pflegten,
- und berühmt als die Stelle, wo im letzten Heldenkampfe gegen die Osmanlis und
Genuesen Daralla und der Grossherzog Notaris fochten, - landete das Boot unter
einem überhängenden Kaïkschuppen, und Geurgios geleitete den Befreiten durch den
Ausgang, der am Ende desselben hinauf in ein ziemlich grosses griechisches Haus
führte, wohin die beiden Ruderer auf seinen Befehl das geheimnisvolle Bündel
ihnen nachtrugen. Man schien sie erwartet zu haben, denn auf der Veranda waren,
trotz des stürmischen kalten Wetters, mehrere Männer versammelt, und in dem
oberen wohlerleuchteten Gemach, wohin man Caraiskakis führte, brannten wärmende
Kohlenpfannen und ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen
schwarzen Rebensaft vom Olymp, den man selbst in Constantinopel nur selten echt
bekommt, nebst Speisen und Erfrischungen besetzt. Hierhin, in einen Winkel des
Gemaches, legten die Bootsleute auch ihre Last, über die Geurgios gegen die
Augen der Neugierigen seinen Mantel gebreitet hatte, worauf ihnen derselbe bei
der eigenen Gefahr ihres Lebens anbefahl, auch gegen die Hausbewohner das
strengste Schweigen über die Art und Weise zu beobachten, wie jene ihnen
aufgebürdet worden. Dann, als sie allein waren, machte er mit Gregors Hilfe sich
daran, den Sack mit einem Dolch aufzuschneiden.
    Der Anblick, der sich ihnen zeigte, war überraschend. Ein junges bildschönes
Mädchen, die in reiche türkische Pracht gehüllten Glieder mit einem kostbaren
Shwal zu einem Klumpen zusammengeschnürt, lag vor ihnen. Der Mund war ihr durch
einen Knebel geschlossen, und die Unglückliche offenbar von der lang andauernden
Todesangst in Ohnmacht gefallen. Während Geurgios die Knoten des Shwals löste,
befreite sie Gregor von dem Knebel und rieb ihr, nachdem man sie auf ein
Ruhebett gestreckt, Stirn und Schläfe mit Wein. Endlich schlug die Schöne die
Augen auf, tiefe Seufzer hoben ihren Busen und ihr Blick fuhr wirr und ängstlich
umher über die fremden Männer und die unbekannte Umgebung. Dann schrie sie laut
auf und warf sich auf die Kniee.
    »Mordet mich nicht,« rief sie; - »für was habe ich meinen Glauben
abgeschworen und Alles hingegeben, was meiner Jugend teuer war, wenn ich so
jung schon geopfert werden soll? Was hab' ich getan - bin ich nicht die
gehorsame Tänzerin des Padischah, die Gefährtin seiner Freuden? hab' ich nicht
treu der Sultana gedient, meiner Herrin? O, habt Erbarmen, lasst mich leben - es
ist so süss und schön, zu leben im Glanz der Herrlichkeit, die ich nie gekannt!«
    Die schöne Nausika - denn sie war es, die durch den Sultan als Sühne für die
geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und von dem Kislar-Aga für seinen Gönner
Chosrew bestimmt, durch eine zufällige Verwechselung und den Irrtum seiner
Untergebenen in die Hände der Griechen gekommen war, - sah in der reichen Tracht
der Odaliske und in der Blässe der Todesfurcht, die ihre Wangen bedeckte und das
grosse blaue Auge aus dem Antlitz zu drängen schien, kaum weniger reizend und
verlockend aus, wie damals, als wir im kurzen Gazegewand der Tänzerin ihr vor
dem Sultan begegneten. Die weichen feinen Hände mit den hennahgefärbten Nägeln
über der wogenden halbentfesselten Brust gekreuzt, lag sie vor den beiden
Männern, und flehte für ein Leben, das stürmisch dein Genuss in jeder Fiber
entgegenklopfte.
    Erst als Gregor ihr wiederholt beteuert hatte, dass sie Nichts mehr zu
fürchten habe, dass sie gerettet sei vor der schrecklichen Execution des Harems,
- dass aber Verborgenheit und Geheimnis das Werk der Rettung vollenden und
sichern müsse, gewann sie Glauben daran, umfasste seine Kniee und beschwor ihn,
sie nicht zu verlassen, indem sie versprach, jedem seiner Winke Folge zu
leisten. Eine kurze Beratung zwischen Caraiskakis und seinem Wirt führte den
Beschluss herbei, die Odaliske auch ferner vor den Augen der Hausbewohner
verborgen zu halten, und sie zu dem Zweck in dem Zimmer, in dem man sich befand,
zu lassen, bis es gelungen sei, ihr weniger auffällige Kleidung zu verschaffen,
um sie an einen noch verborgeneren Ort zu bringen. Geurgios erklärte dem
Landsmann, dass, da besonders auf seinen Wunsch die Fremde gerettet worden, er
auch die Pflicht übernehmen möge, für sie zu sorgen, und gern war Caraiskakis
dazu bereit, denn das Mädchen hatte schnell einen so wunderbaren Eindruck auf
sein bisher nur von andern Gefühlen entflammtes Herz gemacht, dass er sich jeder
Gefahr für sie unterzogen hätte. Er beschloss, den Baron von Oelsner für seinen
Schützling zu interessiren, und als er jetzt auf die Aufforderung seines Wirtes
diesem folgte, nachdem er einige Erfrischungen genommen, versprach er dem
Mädchen, so bald wie möglich wiederzukommen und schloss sie sorgfältig ein.
    Geurgios, ein Mann von einigen vierzig Jahren, führte den neuen Bekannten in
den unteren Raum des Hauses, wo mehrere Griechen versammelt waren und geschäftig
ab- und zugingen. Geurgios schien ihr Haupt, denn ihm wurden alsbald
verschiedene Berichte erstattet und Botschaften mitgeteilt. Er machte
Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt, die er ihm Alle als gute Patrioten und
treue Anhänger des russischen Czaren und Mitglieder der Hetärie bezeichnete, und
Gregor fand bald, dass die Stimmung dieser Männer, von denen er Einzelne schon
früher beim Baron Oelsner flüchtig gesehen zu haben sich erinnerte, eben so
aufgeregt und energisch für den allgemeinen griechischen Traum, die
Wiederherstellung des byzantinischen Reichs, schwärmte, wie die der Griechen auf
den Inseln und dem anatolischen Festlande. Zugleich bemerkte er auch, dass sie
sämtlich nur untergeordnete Werkzeuge höherer Leitung und für die Erregung der
Massen tätig waren, denn Alle wussten zwar, dass in den nächsten Tagen Etwas von
Bedeutung geschehen solle, ohne doch zu erfahren, wo und was. Bei dem Feuer und
der lebhaften Phantasie des griechischen Characters wogte das Geschwätz darüber
hin und her.
    Nur Geurgios wusste offenbar mehr und nachdem er verschiedene Mitteilungen
angehört, nahm er Einzelne bei Seite, sprach mit ihnen eifrig und sandte sie mit
Aufträgen fort, so dass bald nur noch drei oder vier Männer zurückgeblieben
waren. Ihnen befahl er, auf's Neue einen Kaïk zur Fahrt bereit zu machen, und
wandte sich dann an Gregor.
    »Ich habe Sie mit diesen Männern näher bekannt gemacht, was der Signor Baron
früher versäumt zu haben scheint, damit wenn sich irgend eine Gefahr ereignet,
Sie Hilfe und Beistand haben. Die Leute, die Sie hier gesehen, haben die meisten
Anhänger in der Fanarioten-Stadt und sind in diesem Augenblick bereits bemüht,
das Volk für den morgenden Tag vorzubereiten. So viel ich selbst weiss, wird eine
Demonstration zur Unterstützung unserer Freunde im Divan stattfinden. Signor
Oelsner hat mich wissen lassen, dass ich ihn in Tophana treffen soll, und ich
gehe sogleich dahin. Sie werden besser tun, hier zu bleiben, bis ich Ihnen
weitere Nachrichten bringe; das Haus ist zu Ihrer Disposition, - die Frauen sind
in ihren Schlafgemächern und wissen, dass sie dieselben nicht zu verlassen haben.
Zwei meiner Leute bleiben hier zurück und werden für Ihre Sicherheit sorgen. Am
besten wird es sein, Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurück, das Sie freilich noch
einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft werden teilen müssen, da
ich dieselbe der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen mag und erst
geeignete Kleider mitbringen werde, um sie fortzuschaffen. Gegen Morgen bin ich
zurück.«
    Damit verliess ihn der Fanariot und bald darauf kehrten zwei der Männer
zurück und schlugen ihr Lager auf dem Boden des Zimmers auf.
    Caraiskakis beschloss, sich nach dem seinen zu begeben, teils um seinen
seltsamen Besuch zu beruhigen, teils um selbst einen Ort der Ruhe und Erholung
zu suchen. Er fand die Odaliske wach und ganz verändert. Der Schreck und die
Furcht waren von ihrem Antlitz verschwunden, und mit dem Gefühl der Sicherheit
hatte sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt, denn das Leben
des Harems hatte bereits unwiederbringlich die Seele des einst so einfachen und
armen Mädchens umstrickt. Sie hatte die Zeit der Abwesenheit der Männer benutzt,
um ihren Putz möglichst vorteilhaft wieder herzustellen und ihre Haare zu
ordnen. Als Caraiskakis eintrat, sass sie in türkischer Manier auf den Kissen des
Divans und naschte von den Erfrischungen.
    Der Grieche setzte sich neben sie und begann ein Gespräch mit ihr. Die
Naivetät dieser Hingebung, die kein Gefühl der Zurückhaltung und Schaam kannte,
ohne doch niedrig und gemein zu sein, überraschte ihn. Nausika zählte jetzt
achtzehn Jahre, ein Alter, in dem bei den Frauen des Orients die üppigste Blüte
der Reize eingetreten ist, denn später werden sie häufig zu voll und
ungeschickt. Ihre Augen und Lippen strahlten Koketterie und Genuss, der Busen
atmete üppige Sinnlichkeit. Aus dem armen griechischen Mädchen hatten zwei
Jahre türkischer Erziehung die vollkommenste eitle Odaliske gemacht, die sich
bemühte, jede Erinnerung ihrer Vergangenheit zu unterdrücken.
    Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis, durch die ersten flehenden Worte
des Mädchens, die sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht an die Männer
gerichtet, aufmerksam gemacht, nach dieser Vergangenheit; - die Eitelkeit des
Mädchens liess sie sich für eine Georgierin ausgeben, und da sie sich von Anfang
an nur der türkischen Sprache bedient und mit Nichts verraten hatte, dass sie
das griechische Gespräch der Männer wohl verstanden, war es ihr leicht, ihren
neuen Beschützer zu täuschen, indem sie ihm andeutete, dass sie zwar als Christin
geboren, jedoch schon vor vielen Jahren als Sclavin nach Stambul gekommen sei
und den Islam habe annehmen müssen. Ueber die Ursache, die sie so plötzlich aus
der Gunst des Grossherrn und in die Gefahr des Säckens gebracht hatte, erzählte
sie der Wahrheit gemäss, dass ihr dieselbe ganz unbekannt sei.
    Für die Fragen, welche der Grieche getan, richtete die Odaliske hundert
andere an ihn. Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen, um zu wissen,
dass sie keine Aussicht habe, je wieder das Serail zu betreten, und die
Todesfurcht, die sie ausgestanden, liess auch einen solchen Wunsch gar nicht
aufkommen. Dagegen ging all' ihr Sehnen und Denken bereits auf die Mittel, sich
auf andere Weise ein Leben voll jener Genüsse, die sie kennen gelernt, mit
möglichster Freiheit verbunden, zu verschaffen, und als Caraiskakis ihr die
Versicherung gab, dass er sie von Constantinopel wegführen und für sie sorgen
werde, schloss sie scharfsinnig, dass es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen
könne, und setzte alle Künste der üppigen Koketterie in Bewegung, sein Herz zu
erobern und seine Sinne zu bestricken.
    Ihre Hand schenkte ihm den feurigen Wein des Olymp in den Becher, ihr
reizender Mund plauderte ihm von jenen seltsamen lüsternen Geheimnissen des
Harems, die das Blut wallen machen. Dem Manne, der, eben dem scheusslichen
Aufentalt eines türkischen Schiffsgefängnisses entronnen, noch die schweren
Fesseln an seinen Gliedern zu fühlen glaubte, der wochenlang Nichts als die
gröbste ekle Kost, ihm mit Verwünschungen gereicht, genossen, nur das finstre
Antlitz fanatischer Moslems gesehen, - däuchte es wie ein Traut, jetzt hier im
wohlgewärmten, mit Teppichen belegten Zimmer zu sitzen und die Blicke in die
glänzenden Augen der schönen Odaliske zu tauchen, - so schön, - so schön, wie er
noch nimmer ein Weib gesehen! von ihrer weichen Hand berührt zu werden, den
feurigen Wein aus demselben Becher zu schlürfen, den noch eben die purpurnen
Lippen berührt hatten.
    Der finstre, ruhige Mann, der Patriot, dessen Herz nur dem Unglück des
Vaterlandes schlug, der so viel für sein Idol schon gelitten, - wo blieb der
Gedanke, der allein bis jetzt sein Herz gefüllt, - wo die Erinnerung an Kampf
und Sieg vor dem vernichtenden, verzehrenden Hauch der Leidenschaft, die sein
Inneres so plötzlich, so gewaltig erfasst? Wo blieb die catonische Tugend vor dem
Sirocco des aufgeregten Bluts, das, so lange Jahre unterdrückt, jetzt die Bande
sprengte und tyrannisch durch seine Adern tobte.
    Er erhob sich, - er wollte das Gemach verlassen, um bei den beiden
Fanarioten sein Lager zu suchen, - aber er bedachte, dass dies ihre
Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen müsse. Die Odaliske flog nach der Tür
und schob den Riegel vor, sie flehte ihn an, sie in dieser Nacht der Gefahr und
Angst nicht zu verlassen, und Gregor Caraiskakis, der starre, tugendhafte
Patriot, lauschte den Worten des schönen Weibes und blieb. Mit koketter
Geschäftigkeit bereitete ihm das Mädchen an einem Ende des Divans das Lager und
führte ihn dahin. Dann häufte sie für das ihre die Kissen und Polster auf der
entgegengesetzten Seite.
    Die beiden Kerzen auf dem Tische löschte ihr Hauch - bald hörte der Grieche
nur noch die schweren wogenden Atemzüge seiner Gefährtin.
    So verging eine Zeit, - trotz der körperlichen Erschlaffung vermochte auch
er nicht die Ruhe zu finden. Ein tiefer, sehnsüchtiger, leidenschaftlicher Hauch
schwellte seine Brust und drang über seine Lippen.
    Da fasste eine weiche sammetne Hand die fieberglühende seine, ein üppig
runder Arm umschlang ihn, und der süsse Atem eines heissen Mundes flüsterte dicht
an dem seinen:
    »Warum verschmäht mein Herr und Retter seine Sclavin? Soll das Herz allein
ihm gehören und nicht der Leib? Möge mein Gebieter seine Dienerin nicht
verachten!«
    Und die buhlerischen Künste des Harems umstrickten ihn, die heissen glühenden
Lippen sogen auf den seinen, electrische Funken der Lust sendend durch die
entflammende Berührung in seinen Körper, weiche üppige Formen drängten und
schmiegten sich an ihn - Vaterland - Freiheit - Alles war vergessen in dem
entzückenden Rausch.
    Der Todfeind der Moslems ruhte wonnetrunken an dem Busen der verbannten
Odaliske des Grossherrn, - der Gerettete und Befreite schwelgte in den
wollüstigen Reizen der Tochter des Mannes, welcher kaum zwei Monden vorher für
ihn, für seine Freiheit und seine Zukunft das Haupt dem Yatagan des türkischen
Henkers geboten hatte, - Gregor Caraiskakis im Arm, am Busen von Nausika, der
Tochter des Janos!
    Auch der Zweite der tapfern, der edlen Brüder, die den Heldenkampf begonnen,
war der Versuchung erlegen, der Eine im Harem zu Skadar, der Andere im
Fanariotenhause zu Stambul.
    Was will alle Kraft der erhabensten Empfindungen, alle Begeisterung der
Tugend und Ehre gegen die Katarakten des erregten Bluts und den Samum der
Leidenschaft!
    Das Seraskiat, von dem Turme überragt, auf dessen Höhe die Feuerwache von
Constantinopel ist (Dschandchin Koskj), liegt in der Nähe der Suleimania und des
alten Serails; unfern davon, tiefer in die Stadt hinein, der Moschee des Fürsten
Schekzade gegenüber, der Platz, auf dem die alte Janitscharen-Kaserne stand,
deren Hof einst die Stätte des blutigen Gemetzels ihrer Vernichtung war. Der
frühere Wohnsitz des Janitscharen-Aga's ist jetzt der Palast des Seraskiers oder
Kriegsministers, Mehemed Ali's, des Schwagers des Grossherrn, während Reschid
Pascha, der Minister des Auswärtigen, im Palast der Pforte residirt.
    In einem streng nach türkischer Sitte eingerichteten grossen Gemache des
Seraskiats waren an diesem Abend die Mitglieder der Kriegspartei im Ministerrat
und seine Vertrautesten um Mehemed Ali zu einer ernsten Beratung versammelt:
Arif-Hikmet-Bei, der Scheik ul Islam des Reichs, Mahmud-Pascha, der bereits
abgesetzte Grossadmiral, Mehemed Ruschdi, Chaireddin-Pascha und Safeli-Pascha,
der neue Finanzminister. Auf einem Ehrenplatz des Divans sass mitten zwischen den
Moslems ein Mann in europäischer Kleidung von mittleren Jahren, dessen
langgestrecktes schmales Gesicht, rötlich blondes Haar und wasserblaues, kaltes
und beobachtendes Auge den Briten verriet. Es war Master Alison, der
orientalische Secretair der britischen Gesandtschaft in Constantinopel, die
rechte Hand des Viscount de Redcliffe, und durch seine Gewandteit und Kenntnis
der orientalischen Verhältnisse zur Zeit eine der einflussreichsten Personen in
Constantinopel.
    Jeder, der mit den Geheimnissen der türkischen Diplomatie einigermassen
bekannt war, wusste sehr wohl, dass bis jetzt sämtliche Antworten und Noten der
Pforte aus der Feder Master Alison's gekommen waren.
    Die Beratung war ziemlich stürmisch und die Stimmung noch erbitterter, als
der britische Secretair, durch seine Dragomans, - diese unübertrefflichen
politischen Spione und Agenten bei der Pforte, - auf's Genaueste unterrichtet,
ihnen mitteilte, dass der Grossherr bereits die Fermans unterzeichnet habe,
welche auch Ruschdi-Pascha sofort vom Kommando der Garden und Hayreddin vom Amt
des Polizeiministers entoben und Letzteren als Inspektor der Armee nach Asien
sandten.
    Der Seraskier sah sehr wohl ein, dass der nächste Schlag gegen ihn selbst
gerichtet sein und dass sein Todfeind Halil damit nicht säumen werde.
    Von ihm, oder vielmehr durch ihn von der Sultana Adilé, war daher auch der
erste Gedanke des bewaffneten Widerstandes und einer gewaltsamen Demonstration
angeregt worden, bei deren Beratung sich Master Alison jedoch jeder Einmischung
entielt, indem er erklärte, dass seine diplomatische Stellung ihm die Billigung
einer Auflehnung gegen den Willen des Grossherrn verbieten müsse, während er auf
der anderen Seite geschickt durch ein hingeworfenes Wort den Gang der Beschlüsse
zu leiten verstand.
    Nur als der wilde Mehemed, von seiner Erbitterung hingerissen, von dem
geistlichen Vorstande des Reichs verlangte, dass, wenn der Grosssultan
Abdul-Medjid bei seiner Neigung zu ihren Gegnern verharren sollte, er ab- und
Abdul-Azig, sein Bruder, an seine Stelle gesetzt werden müsse, erklärte der
Brite sehr energisch, dass die verbündeten Mächte, denen der schwankende leitbare
Charakter des regierenden Padischah's sehr passend war, die Ausführung eines
solchen Planes nicht dulden und die Flotten sofort einschreiten würden. Eben so
sprach er sich gegen eine Militair-Revolution aus, die Ruschdi-Pascha vorschlug,
indem er sich der Garden versichert erklärte.
    Die Zeit war vorbei, in denen die Janitscharen die Söhne Ottoman's nach
Willkür auf den Tron setzten und die Mauern des Serails die Zeugen blutiger
Taten waren. Vor den Augen Europa's durften die beiden Mächte Handlungen nicht
dulden, die so offen ihre Phrasen von der Verteidigung des Sultans Lügen
gestraft hätten. Zu einer Revolte in Constantinopel gehörte jetzt das Fiat von
London und Paris; das Programm wurde geliefert!
    An eine Palast-Revolution war bei der Stellung der Parteien nicht mehr zu
denken, es blieb also nur noch das Volk, - dessen Demonstration um so
bedeutsamer sein musste. Ausserdem hat das Volk einen breiten Rücken und man
konnte der Gerechtigkeit gegen dasselbe später freien Lauf lassen, ohne sich
selbst zu schwächen, ja im geeigneten Augenblick gegen den erregten Sturm wieder
auftreten und das Verdienst gewinnen, den Tron gerettet zu haben.
    Man beschloss demnach, an das Volk zu appelliren und die Meute in
Bereitschaft zu halten. Das Volk wird vom Fanatismus regiert, und der Scheik ul
Islam erhielt daher den Auftrag, seine Armee, - die Ulema's und Softa's, die
schon am 10. September von der Kriegspartei zu jener Demonstration benutzt
worden, welche die ersten Schiffe der Flotte in den Bosporus rief, - wieder in
Bewegung zu setzen.
    Während man noch über die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt, erschien
einer der vertrauten Tschokodars des Seraskiers, um zu melden, dass ein Grieche
dringend Hayreddin-Pascha zu sprechen wünsche. Der Polizeiminister verliess das
Gemach und liess den Mann in eines der nächstliegenden bringen, da ein mit
verschiedenen Merkmalen bezeichnetes Goldstück, welches der Grieche der
Botschaft beigefügt, ihm zeigte, dass der Fremde einer seiner Spione in der
Hauptstadt war.
    Wenn Gregor Caraiskakis den Mann gesehen, der jetzt mit dem Polizeiminister
sprach, würde er sicher, trotz der kurzen Berührung, eine jener Personen erkannt
haben, die er nach seiner Ankunft im Fanariotenhause gefunden.
    Es ist traurig, aber eine Tatsache, dass, während auf der einen Seite unter
den Griechen die todesmutigste Aufopferung und Hingebung an ihre National-und
Glaubensinteressen herrschte, auf der andern auch die nichtswürdigste Feilheit
und Gesinnungslosigkeit sich kundgab und schmählicher Verrat in jeder Weise
geübt wurde. Nur in dieser Entartung des Volkes, der kriechenden Demut und
Feigheit der Masse ist die Ursache zu suchen, dass die türkische, Herrschaft so
drückend seit Jahrhunderten auf diesem Lande lasten konnte.
    Der Polizeiminister hatte seine zuverlässigsten Spione unter der
griechischen Bevölkerung und war von den Vorgängen und Bewegungen unter
derselben stets auf's Beste unterrichtet. Die Kunde, die er so eben empfing,
überraschte ihn jedoch, da sie ganz unerwartet kam und die Verschworenen der
Friedenspartei rasch und vorsichtig zu Werke gegangen waren. Die Nachrichten
waren freilich nur unvollständig, da Baron Oelsner, als der Letter der
Demonstration, die Unzuverlässigkeit der Griechen zu gut kannte, um seine Pläne
vor der Zeit zu entüllen, doch waren sie immer genügend, um ihre Bedeutung und
die drohende Gefahr ermessen zu lassen. Der Pascha sandte den Griechen zurück,
um nach weiterer Kunde zu spähen, und erteilte dem Khawass-Aga, der ihn zum
Seraskiat begleitet hatte, einen Befehl, ehe er auf's Neue zu der Beratung der
Minister zurückkehrte.
    »Mashallah,« sagte er, seinen Bart streichend, »ich habe wichtige
Neuigkeiten für das Ohr meiner Freunde. Diese Teufel von Anhängern der Moskows
sind nicht müssig und wollen uns zuvorkommen. Die Griechen im Fanarioten-Quartier
und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem
Okmeidan versammeln. Haiwan der, es sind Tiere, aber ihre Zahl ist gross. Wir
wissen nicht, was sie vorhaben.«
    Die Nachricht war von Wichtigkeit und rief eine neue Besprechung hervor. Dem
Scharfsinn des Briten und der bedächtigen Schlauheit der Orientalen konnte es
nicht verborgen bleiben, dass diese Bewegung der griechischen Bevölkerung gemacht
und bestimmt war, die Massregeln der Friedenspartei zu unterstützen, und dass eine
offene Demonstration zu Gunsten Russlands in der Hauptstadt bei den schlimmen
Nachrichten, die täglich aus den rumelischen Provinzen über die Stimmung der
Bevölkerung eingingen, die Geneigteit des Grossherrn zum Friedensschluss nur
verstärken und seine Besorgnis erhöhen musste.
    Zum ersten Male mischte sich der englische Secretair direkt in die weitere
Beratung.
    »Ich sehe keine Gefahr,« sagte er ruhig, »wenn rasch gehandelt wird. Was
auch der Divan morgen beschliessen möge, die Sitzung des Ministerconseils wird
allein die Entscheidung geben. Man möge dieselbe nicht im Palast von Tschiragan
oder in der Pforte halten, sondern im Seraskiat. Ich kenne Seine Hoheit den
Seraskier zu gut, um nicht zu wissen, dass hier die Entscheidung nach seinen
Wünschen ausfallen wird.«
    Der funkelnde Blick des Kriegsministers gab ihm die Versicherung.
    »Unserem Freunde Hayreddin-Pascha wird es ein Leichtes werden, die Griechen
einzuschüchtern und ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen oder nach einer anderen
Richtung zu leiten. Er wird nicht ohne Freunde sein unter der griechischen
Bevölkerung.«
    Hayreddin machte das Zeichen der Zustimmung.
    »Wenn man die griechische Bewegung auf das Ufer jenseits des goldenen Horns
beschränkt, werden die Moslems die Herren in Stambul bleiben. Es liegen vier
unserer Kriegsschiffe vor der Stadt; die Gesandten werden noch einige andere von
Beikos kommen lassen. Das Geschwader wird stark genug sein, um nötigen Falls
die Auflehnung nach jeder Richtung hin in Schranken zu halten.«
    Die türkischen Minister schauten einander an; sie begriffen sehr wohl, was
der Brite mit dem Ausdruck: »nach jeder Richtung«, meinte.
    »Die Zusammenrottung der Griechen,« fuhr dieser ruhig fort, »wird die beste
Veranlassung geben zu einer Demonstration von Seiten der alttürkischen Partei.
Es wird Ihre Sache sein, zu bewirken, dass die russischen Sympatieen nicht den
Sieg davontragen, und zu dem Ende wird es gut sein, wenn man sich der geheimen
Agenten versichert, deren Umtriebe man bisher so unverantwortlicher Weise
geduldet hat.«
    »Allah sende ihnen Unglück,« meinte der Polizeiminister; »ich habe Nachricht
erhalten, wo meine Leute zwei derselben finden können, und wir werden nicht
säumen, so lange der Kopf auf unseren Schultern sitzt. Auf meine Gefahr komme
es!«
    Der Engländer entfernte sich hierauf aus der Versammlung, deren Teilnehmern
die weiteren Verabredungen überlassend. Eine Stunde später schieden auch die
anderen Mitglieder und Hayreddin-Pascha kehrte in seine Behausung zurück, die
unfern der Hohen Pforte belegen war. Dort erteilte er einige Befehle und
verliess dann, in einen weiten kurdischen Mantel gehüllt und nur von einem neben
seinem Pferde hergehenden Diener begleitet, auf's Neue das Haus. Sein Weg führte
zur Moschee der Sultana Walide, der nächsten an der Brücke von Galata. Hinter
derselben, nach dem grossen Bazar zu, findet sich ein freier mit Platanen
besetzter Platz, an dessen Zugang der türkische Minister vom Pferde stieg, das
er der Obhut seines Dieners anvertraute. Als ein vorsichtiger Mann überzeugte er
sich nochmals, dass ihm der Griff zweier Pistolen unter dem Mantel zur Hand war,
und indem er dessen Kapuze über den Kopf zog, betrat er den Platz und schritt
auf die Terrasse der Moschee zu. Auf den oberen Stufen des Rundganges, im
Schatten der hohen Mauern, fand er zwei seiner harrende Personen, den
Khawass-Aga, den er mit einem Auftrage aus dem Seraskiat abgesandt, und einen
fremden Mann, den der Leser als den Kahvedschi aus dem Maltesergässchen in
Galata wiedererkannt haben würde, in dessen Hause Fuad-Effendi vor etwa zwei
Monaten den ungarischen General aufgesucht. Die Abwesenheit des fähigen und
schlauen früheren Ministers des Auswärtigen gerade in diesem Augenblick der
Gefahr durch seine Mission an der Donau war von den Führern der Kriegspartei bei
ihren Beratungen schwer empfunden worden, während ihre Gegner dieselbe eifrig
benutzten.
    Der Pascha flüsterte seinem Untergebenen einen Befehl zu, worauf dieser, die
Hand am Säbel, in einige Entfernung zurücktrat, so dass er das Gespräch nicht
hören konnte. Hayreddin liess sich auf einer der die Balustrade des Aufganges
bildenden Marmorquadern nieder und winkte dem Mann, heran zu treten, bis dieser
in der Entfernung von drei oder vier Schritten von ihm war, wo ihm der Pascha, -
durch die Balustrade von ihm getrennt und gesichert, - befahl, stehen zu
bleiben.
    »Du bist Demetrio, der Kahvedschi aus der Malteser gasse?« fragte er.
    »Wie Euer Excellenz befehlen.«
    »Vor drei Tagen sind in Deinem Hause zwei Galiand schi6 von den Schiffen der
Ungläubigen, Inglesi, ermordet worden?«
    »Bei der Seele meines Vaters!« schwor der Grieche, »Ihr seid falsch
berichtet, o Effendi mou. Ich weiss von keiner solchen Tat.«
    »Willst Du in meinen Bart spucken, ungläubiger Hund?« zürnte der Pascha;
»ich kenne Dich und Dein Haus, es ist das berüchtigste von ganz Stambul und nur
meiner Nachsicht hast Du es zu danken, dass die Mordgrube geduldet wird. Aber
tue Deine Augen auf, Mann, und höre, was ich Dir zu sagen habe. Die Inglis sind
eine Nation, die nicht mit sich spielen lassen, und bei der ersten neuen Klage
werde ich Dir den Kopf vor die Füsse legen.«
    »Sen ektiar der - Ihr seid der Herr, was kann ich tun!« winselte der
Grieche. »Es gibt viele schlimme Häuser diesseits des Horns und es fehlt nicht
an Räubern und Mördern in Constantinopel. Wie soll ich verhindern, dass ein
Franke beraubt oder erschlagen wird?«
    »Bosch! was geht das mich an? In Deinem Hause sind die Galiandschi ermordet
worden, ich habe den Beweis und schicke Dich vor den Kadi, wenn Du nicht tust,
wie ich Dir befehle.«
    Der Grieche spitzte die Ohren.
    »Ich küsse den Staub Eurer Excellenz, ich bin der Sclave Ihres Worts.«
    »Wie viel Männer zählst Du in diesem Augenblick zu Deiner Bande?«
    »Euer Excellenz sind im Irrtum ...«
    »Pesevenk7, antworte!«
    »Wenn Euer Excellenz es nicht anders wollen,« sagte entschlossen der Mann,
»es sind ihrer sechsundzwanzig.«
    »Und wie viel vermagst Du bis morgen Abend zusammenzubringen?«
    »Das ist nicht schwer, mindestens zweihundert.«
    »Das genügt. - Es wird morgen eine Versammlung von Griechen auf dem Okmeidan
stattfinden.«
    »Ich habe davon gehört.«
    »Wohl! lass Deine Freunde sich nicht in die Sache mischen und ihre Hand fern
davon halten.«
    »Das wird schwer halten,« meinte der Grieche; »es sind Teufel, die sich
nicht zügeln lassen.«
    »Nun, bei meinem Bart, wenn sie Teufel sind, so will ich sie zu Azraël dem
Höllenfürsten senden! Ich bin nicht hierher gekommen, dass Du mir in den Bart
lachst, Hund von einem Kahvedschi! Du weisst, dass Du mit Einem sprichst, der die
Macht hat, zu befehlen und Euch Alle aus Stambul zu jagen. Ich habe andere
Arbeit für Dich und Deine Freunde.«
    »Das ist etwas Anderes, Excellenz; wir werden gehorchen.«
    »Du weisst in der Fanariotenstadt Bescheid?«
    »Ich bin dort geboren, Excellenz.«
    »Bana bak! Du wirst dafür Sorge tragen, dass morgen Abend um die zweite
Stunde eine grosse Feuersbrunst in dem Quartier entsteht.«
    »Es ist ein Leichtes. Wie viel befehlen Euer Excellenz, dass wir anzünden
sollen?«
    Der Pascha lachte, indem er sich den Bart strich.
    »Ein Hund ist ein Hund, wenn man ihn auf die Fährte bringt. Es wird genügen,
zwei oder drei Häuser anzustecken, der Wind wird das Uebrige tun. Kennst Du das
Haus des Fanarioten Geurgios?«
    »Ja wohl, Effendi.«
    »Pek äji, sehr gut. Wenn der Lärmen am grössten ist, wirst Du mit einigen
Gefährten in das Haus dringen. In dem oberen Gemach nach der Wasserseite sollen
sich zwei Personen verborgen halten. Es wird gut sein für Dich, wenn ich nicht
mehr von ihnen höre.«
    »Es soll geschehen, wie Ihr befohlen, Effendi.«
    »Inshallah, ich habe Nichts dawider, wenn Ihr auch einige Häuser dieser
Schurken von Fanarioten plündert, aber es muss ein Ende haben. Du verstehst
mich!«
    Der Kaffeewirt lachte.
    »Lassen Euer Excellenz uns machen. Giebt es Nichts für uns zu tun in den
Quartieren jenseits des Horns?«
    »Bakalum, warte. Unter den Schweinen seid Ihr Griechen die klügsten. Ich
erlaube Euch, in Demetri und Cassim-Pascha zwei oder drei Häuser zu plündern,
aber bei meinem Bart, ich lasse Deine Eingeweide den Hunden vorwerfen, wenn Ihr
mehr tut als das und einen Brand in den Frankenstädten macht. Die Dschaurs
dürfen nicht beleidigt werden. Jetzt kennst Du meinen Willen, Sohn eines Juden
und einer Teufelin. Haltet Euch fern von Allem, was morgen sonst in Stambul
geschieht; Du bürgst mir dafür mit Deinem Kopf.«
    Der Kahvedschi verbeugte sich.
    »Es ist ein böses Stück Arbeit,« sagte er, »was Ihr mir auftragt. Wer
bezahlt uns dafür?«
    »Hund, Sohn eines Hundes, was erfrechst Du Dich?« schnaubte der Pascha. »Ist
es nicht genug, dass ich Dein Leben schone, da ich in jedem Augenblick Deinen
Kopf zwischen Deine Beine stellen lassen kann?«
    »Euer Excellenz mögen ein mächtiger Mann sein,« sagte der Grieche demütig,
»aber ich kenne Sie nicht. Meine Gefährten sind nur mit Gold zu leiten.«
    »Du wirst hundert Ghazis erhalten übermorgen, auf dieser Stelle und zu
dieser Stunde, wenn Du Deinen Auftrag gut erfüllt hast. So wahr ich ein
Muselmann bin. Geh'!«
    Der Grieche - der Bandit und Räuber - vertraute unbedingt dem Worte des
Moslems und entfernte sich.
    Um eilf Uhr Vormittags am nächsten Tage begann die Divansitzung im Palast
der Hohen. Pforte, in welcher beide Parteien zum letzten Kampf gerüstet
erschienen. Bereits am Morgen war dem Seraskier die Absetzung Mehemed Ruschdi's
vom Kommando der Garden und der Befehl zugegangen, seinen Nachfolger
einzuführen; Mehemed Ali verzögerte jedoch unter dem Vorwande überhäufter
Geschäfte die Ausführung der Ordre. Für Hayreddin-Pascha war unglücklicherweise
ein abwesender Nachfolger (Arif-Pascha) ernannt und er musste bis zum Eintreffen
desselben sein Amt behalten. Die Friedenspartei hielt sich jedoch ihres Sieges
gewiss, da sie keine Ahnung von den energischen Vorbereitungen der Gegner hatte
und diesmal auf die Beständigkeit des Sultans vertraute.
    Bereits bei Beginn des Divans begannen die Griechen des Fanarioten-Quartiers
und der Vorstädte St. Demetri und Ejoub nach den ausgegebenen Ordres auf dem
Okmeidan, dem Pfeilplatz, auf der Frankenseite des Horns in Gruppen sich zu
versammeln. Der Platz, oberhalb des Arsenals und der grossen Schiffswerfte von
Terschana gelegen, diente in früheren Zeiten zur Belustigung der Sultane im
Bogenschiessen, und hunderte von Steinen zeigen die Stellen, bis zu welchen die
Geschosse der Herrscher getrieben worden. Jetzt ist der Platz öde und
vereinsamt, aber ein Lieblings-Versammlungsort der Griechen, die hier sich
freier bewegen können, als unter der dichtgedrängten türkischen Bevölkerung von
Stambul selbst. Es war jetzt unter den Griechen kein Geheimnis mehr, dass nach
dem Siege im Rat ein grosser Zug zum Palast des Sultans stattfinden sollte, um
von ihm die Ausführung des Divanbeschlusses und den Frieden mit Russland zu
verlangen. Die Masse der Bittsteller musste dieser Demonstration ein drohendes
Gewicht geben. -
    Im Divan wurde die Beratung stürmisch. Da Reschid-Pascha die bestimmtesten
Weisungen erhalten hatte, konnte er nicht anders, als sich der Partei des
Grosswessirs und Chosrew's anschliessen und für den Frieden reden. Das Gold und
die Versprechungen Halil's hatten ihre Wirkung getan, und die Majorität, welche
sich bei der endlichen Abstimmung nach langem und heftigem Streit für die
Einleitung der Friedensverhandlungen auf Grund der Note der vier Grossmächte
erhob, war eine bedeutende.
    Nur die Ulema's und Karaskier's mit dem Scheik ul Islam an ihrer Spitze und
die persönlichen Freunde und Vertrauten des Kriegsministers stimmten dagegen.
    Das Resultat durch rote und weisse Kugeln war kaum bekannt, als der
Seraskier und mit ihm Arif-Hikmet, der Scheik ul Islam und Grossmufti des Reichs,
sich erhoben und in zornigen Reden erklärten, dass sie sich dem Beschlusse nicht
fügen, sondern sofort an das Volk appelliren würden, da der Islam nur durch
einen Sieg über seine Feinde gerettet werden könne. Sie verliessen sofort mit
all' ihren Anhängern den Divan und begaben sich nach der Aia-Sophia.
    Dies war Nachmittags um fünf Uhr.
    Eine Menge Volks hatte sich um den Palast der Hohen Pforte versammelt und
wie ein Lauffeuer flog die Kunde durch die weite Stadt.
    Die ausgestellten Boten brachten die Nachricht nach dem Okmeidan; sie war
das Signal zur Demonstration. Fahnen mit den Inschriften: »Frieden mit Russland!«
»Bürgerliche Rechte den Rajah's!« »Es lebe der Kaiser Nicolaus, unser
Beschützer!« - bunte Laternen mit ähnlichen Devisen und Carricaturen auf die
Westmächte tauchten überall wie durch Zauberei auf und Redner erhoben sich auf
den Denksteinen umher und redeten das Volk an.
    Der Gang der Bewegung war offenbar genau vorher bestimmt. Die Menge, die
sich aus den griechischen Quartieren hier versammelt hatte, belief sich auf mehr
als zwanzigtausend Menschen und behauptete den Platz und seine Umgebungen trotz
des stürmischen Wetters, das bereits den ganzen Tag über getobt hatte. Unter dem
Grollen des Donners und dem Leuchten der Blitze, - eine in Constantinopel in
dieser Jahreszeit nicht ungewöhnliche Erscheinung, - begann sich der Zug zu
ordnen, der noch an demselben Abend seinen Weg nach Tschiragan nehmen und eine
Bittschrift an den Sultan übergeben sollte.
    In diesem Augenblick erst verbreitete sich die Nachricht von der
Gegendemonstration, welche die türkische Bevölkerung auf der anderen Seite des
Horns in Stambul vorbereitete, und erregte schon durch das Unbestimmte der
Nachricht grossen Schrecken unter den Griechen.
    Der Scheik ul Islam mit dem Kriegsminister und seinen Anhängern hatten sich,
wie bereits erwähnt ist, in die Aia-Sophia begeben. Mehrere mit ihren Führern
darin befindliche Christen, meist Offiziere, wurden höflich ersucht, dieselbe zu
verlassen, und die Moschee ward hierauf abgesperrt. Zu gleicher Zeit
versammelten sich die Softa's, die Studenten der türkischen Teologie und
Rechtswissenschaft, deren Zahl in Constantinopel über Dreitausend beträgt, in
der Moschee des Sultans Achmed am Hippodrom und das Volk füllte den ungeheuren
Platz.
    Einen dritten Heerd der Bewegung, - gefährlicher noch als die beiden
genannten Orte, - bildete die Mahmudje, - die Moschee (Dschami) Sultan Mahmud
II., des Eroberers von Constantinopel. Sie steht in der Nähe des
Fanarioten-Quartiers, auf der Stelle, wo einst einer der schönsten Tempel des
christlichen Byzanz prangte: die Kirche der heiligen Apostel. In den
Todtengrüften der Letzteren ruhten von Constantin an die Gebeine der meisten
morgenländischen Kaiser in kostbaren Sarkophagen, bis die Lateiner unter Balduin
und Dandolo sie der heiligen Stätte entrissen. Mahmud baute die Moschee, die
nach seiner Absicht noch die Sophia überragen sollte, und weil sie das nicht
tat, liess der Tyrann dem Baumeister Christodulos beide Hände abhauen. Die
Moschee mit ihren Säulengängen und Vorhöfen, in denen unter hohen Cypressen die
Fontaine plätschert, ist die Hochschule der Softa's und hat in ihren Anbauten
über 360 Zellen als Wohnungen derselben. Von hier aus war die Masse zwar zur
Achmetje8 gezogen, dagegen eine Anzahl vertrauter Schüler zurückgeblieben, um
die sich versammelnde Bevölkerung der inneren Stadtteile zu bearbeiten und mit
der erregten die griechischen Quartiere zu bedrohen.
    Die drei Sammelpunkte des Aufruhrs standen durch Boten fortwährend in
Verbindung und mit Genugtuung hörten die Leiter der Bewegung, wie die Zahl und
Aufregung der Masse in der Mahmudje und auf dem Atmeidan oder Hippodrom
fortwährend schwoll. Dieser Platz des Kaisers Sever, einst die Schaubühne der
Rennen und Spiele, durch berühmte Kunstwerke geschmückt, ist jetzt eine elende
Stätte von noch kaum 250 Schritten Länge und 150 Breite, während er im Altertum
wohl vier Mal so gross war. Die Achmetje und schmuzige Häuser und Hütten haben
ihn beengt, und wo sonst die Statue des Herkules Trihesperus kniete, oder die
Wölfin des Romulus stand, das eherne Nilpferd, Scylla und Charybdis und das
reizende Bild der griechischen Helena, wallenden Haares um den liebepredigenden
süssen Leib; - wo einst die Wagen in der siebenmaligen Runde vor dem Cäsar um den
Platz donnerten und auf dem Turme die vier goldenen Rosse prangten, die ihren
Weg auf die Marcuskuppel von Venedig gefunden haben, - da hält jetzt nur ein
schmuziger türkischer Kaffeewirt unter einsamer Sykomore oder Platane seine
traurige Boutike aufgeschlagen. Welche Taten und Geschicke hat dieser Platz
gesehen, welche Ströme von Blut getrunken! Alle Revolutionen des alten und neuen
Byzanz gingen von ihm aus; hier wurde Gratianus Augustus durch die Meuchler
ermordet; Justinianus warf kühn den Stab in die Arena zum Beginn der Spiele,
während der Rebell Hipatius schon den Hippodrom stürmte und Belisar ihm
entgegentrat, indes halb Byzanz in Flammen dem Kampfe leuchtete; hier hielt der
aus dem Vandalenkriege heimkehrende Feldherr seinen Triumphzug mit dem
Schimmelgespann, das sein Augenlicht kostete; - da, an der Achmetje mit ihren
goldenen Kandelabern und smaragdenbesetzten Ampeln, im Todtengarten der
prächtigen Moschee, ruhen neben den Gebeinen ihres jungen Erbauers die Leichen
seiner Söhne, Sultan Osman's II., der seine frühe Regierung mit dem Morde des
Bruders begann und nach achtzehn Jahren selbst von den Janitscharen erschlagen
wurde, - die Leichen Murat's IV. und seiner von ihm gemordeten Brüder Bajazet
und Suleiman! Auf dem Atmeidan entfaltete der Grosswessir unter dem vorigen
Sultan die Fahne des Propheten und führte die Meute zum Mordsturm auf die
Kaserne der Janitscharen!
    Und dennoch waren es gerade die Manen dieser, die man rachedrohend gegen den
Sohn ihres Vernichters heute heraufbeschwor. Die Pforten der Achmetje öffneten
sich und von den Treppen und Terrassen hielten die Softa's feurige Reden an das
Volk. Ueberall unter der Menge tauchte zugleich der Turban der Janitscharen auf,
das grüne Band, ihr gefürchtetes Wahrzeichen flatterte vom Sturm gepeitscht über
den Köpfen der Menge. Der Ruf nach Krieg mit den Dschaur's, nach Entfaltung der
Fahne von Mekka, nach Absetzung des Sultans, scholl aus hundert Kehlen, und die
Menge heulte es nach und der Name Abdul-Azig, als des neuen Padischah's, klang
trotz der Beteuerungen der Minister gehen Master Alison schon tausendfach in
die drohende Gewitternacht. - -
    Vor Tophana lagen zwei Schiffe der vereinigten Flotten, die »Queen« von 120
Kanonen und der Zweidecker »London«, ihre gähnenden Breitseiten gegen die Stadt
gerichtet. In den Decks von Tershana lag ausser einer preussischen Corvette, die
durch einen unglücklichen Zusammenstoss im Bosporus beschädigt worden, die
englische Fregatte »Tiger« zur Reparatur. Sie war bei der Einfahrt in's
Marmorameer auf einen verborgenen Fels geraten und hatte ein starkes Leck
erhalten. Eine Menge Offiziere und Matrosen des bei Beikos und Bujukdere
ankernden Geschwaders befanden sich ausserdem auf Urlaub in Constantinopel.
    Wir müssen zu einer kurzen Scene am Vormittag des Tages zurückkehren.
    Die Fregatte Tiger hatte zwei Boote nach dem Ufer der Fanariotenstadt
gesandt, um aus einem der griechischen Magazine, die sich dort befinden,
Schiffsvorräte in Empfang zu nehmen. Während der Deckmeister Adams mit den
Matrosen die Gegenstände abnahm und verlud, trieben sich die beiden den Booten
beigegebenen Midshipman, Frank Maubridge und Gosset, in der Umgebung der
Magazine umher, oder streiften neugierig durch die Gassen, das ihnen neue Leben
und Treiben beschauend. Von Zeit zu Zeit musste freilich einer von ihnen zum
Magazin, wenn der alte Deckmeister eine Ladung zu Schiffe brachte, um während
der Zeit die Aufsicht über Mannschaft und Vorräte zu halten, im Ganzen aber
waren sie bei dem Willen, den der alte Adams ihnen tat, ziemlich frei, wie sich
Midshipman immer zu machen wissen, und der Kaufherr, welchem die Magazine
gehörten, bewirtete sie mit der seiner Nation eigentümlichen Geschmeidigkeit
reichlich.
    Eben war die Reihe, umherzustreifen, an Frank - einem hochaufgeschossenen
Burschen, der, obschon erst 17 Jahre, doch bereits durch das Seeleben ein
männliches Aussehen hatte, während der kleine zu jeder Teufelei geneigte Gosset
mit gekreuzten Beinen und einem seine doppelte Länge messenden Nargileh zwischen
den Zähnen prahlerisch auf einem Teppich im Vorhause des Magazins sass und den
unvermeidlichen Kaffee schlürfte. Frank Maubridge zog in der Nähe des Wassers
umher durch die engen Strassen und kleinen bis an's Horn laufenden Höfe. Es war
Mittagszeit und der Stadtteil bereits öde und verlassen, denn Alle, die nicht
Geschäfte zurückhielten, zogen sich nach dem Okmeidan, und die Kaïks kreuzten
mit Zuströmenden fortwährend über die Meeresfläche.
    Ein griechisches Haus, grösser als die anderen und nahe dem Wasser, war dem
jungen Manne schon am Morgen ausgefallen, Tür und Jalousieen waren
verschlossen, aber als er aufmerksam umherspähte, um wo möglich Etwas von den
interessanten Geheimnissen der Frauengemächer zu erlauschen, öffnete sich
wirklich eine der Jalousieen und ein junges Weib in reicher Tracht von
wunderbarer und verführerischer Schönheit schaute heraus, - Nausika, die
Odaliske.
    Während das schöne Mädchen am Morgen noch im träumenden Schlummer auf den
Kissen ruhte, hatte Gregor Ccraiskakis sich erhoben, betäubt, unzufrieden mit
sich selbst, und dennoch von Glück und Liebe berauscht, wenn sein Blick auf die
süsse Gestalt fiel, die an seinem Herzen geruht. Leise, ohne sie zu wecken,
verliess er das Gemach und suchte seinen bereits in der Nacht zurückgekehrten
Wirt auf, den er von den Anstrengungen des Tages und Abends gleichfalls noch in
tiefem Schlaf fand. Als derselbe endlich erwachte, gab er ihm eine Botschaft des
Barons, der ihn eiligst zu sprechen wünschte, und brachte ihn selbst zu diesem,
nachdem Gregor sein Äußeres mit Hilfe des Wirts möglichst verändert und sich
in den weiten schwarzen Talar eines Armeniers gesteckt hatte. Der geheime Agent
freute sich aufrichtig des Wiedersehens und machte ihm alsbald eine genaue
Mitteilung der Vorgänge und Aussichten. Er war bereits durch Geurgios von den
Ereignissen bei der Flucht des Griechen von der türkischen Fregatte unterrichtet
und seine Combination hatte ihm gezeigt, dass die Fremde die durch den Zorn des
Sultans aus dem Harem entfernte Odaliske sein müsse, wenn er auch das Rätsel
nicht lösen konnte, wie die Stummen des Kislar-Aga dazu gekommen waren, die
offenbar dem Tode Geweihte dem fremden Boote zu übergeben. Es war jedoch keine
Zeit, sich jetzt mit der Lösung dieser Frage zu beschäftigen, und da es ihm
wichtig schien, das Mädchen selbst zu sprechen und von ihr vielleicht über die
Anschläge der Sultana weitere Auskunft zu erhalten, wurde beschlossen, dass sie
vorläufig noch in dem Hause des Fanarioten verborgen bleiben und erst später
über ihr weiteres Schicksal entschieden werden solle.
    Während Caraiskakis bei dem Baron blieb, ihn in seinen Anstalten zu
unterstützen, kehrte Geurgios nach dem Fanar zurück und machte seiner schönen
Gefangenen die Mitteilung, dass sie um ihrer Aller Sicherheit willen an ihrem
jetzigen Zufluchtsorte still und einsam verborgen bleiben müsse. Er versorgte
sie mit allen Bedürfnissen reichlich und schloss sie dann auf's Neue ein. Dem
leichtsinnigen eitlen Mädchen, das die Todesangst des vorigen Abends längst
überwunden, war die Gefangenschaft und Einsamkeit wenig willkommen, und je
länger sie dauerte, um so drückender wurde sie ihr. Die Kenntnis des
griechischen Lebens versprach ihr ohnehin wenig Genuss und Zerstreuung für die
Zukunft, wenn sie eingesperrt blieb, und schon dachte sie daran, wie sie sich
von diesen neuen Fesseln befreien könne. Dass ihr Retter und neuer Liebhaber ein
Grieche und nicht ein Franke war, wie sie Anfangs gehofft hatte, behagte ihr
wenig, denn von dem freien und genussreichen Leben der fränkischen Frauen haben
die orientalischen Weiber einen ausschweifenden Begriff und sind daher auch
stets geneigt, gerade mit Fremden ein Liebesverhältniss anzuknüpfen.
    Von Geurgios hatte sie erfahren, dass ihr neuer Beschützer vor dem späten
Abend nicht zurückkehren werde, und die Langeweile und das Bedürfnis der
Zerstreuung trieb sie daher an die Jalousieen, die nach dem Horn und nach einer
einsamen von Mauern gebildeten Gasse zeigten. Hier hatte sie schon am Vormittag
die umherstreifenden englischen Midshipmans bemerkt, und als sie am Mittag auf's
Neue Frank gewahrte, konnte sie die Eitelkeit und Lust der Intrigue nicht
unterdrücken und zeigte sich ihm an den geöffneten Jalousieen.
    Der junge Mann blieb, entzückt von so viel Reizen und seinem Glück, stehen.
    »Schöne Dame,« sagte er galant und mit allem Aufwand orientalischer Poesie,
dessen er fähig war, »der Strahl der Sonne ist Nichts im Vergleich mit Euren
glänzenden Augen, Eure Lippen sind wie aufgeblühte Rosen und ich bringe Euch
meine Huldigung über solche vollendete Schönheit.«
    Das Mädchen lachte, obschon sie von der unsinnigen Begrüssung Nichts
verstanden hatte. Sie machte ihm durch Zeichen deutlich, dass sie von seinem
Englisch Nichts begriffe und fragte in der lingua franca, ob er diese oder
griechisch verstehe.
    Der wackere Frank war in Letzterem freilich nicht bewandert, aber da er ein
Jahr lang auf der Station in Malta zugebracht, kannte er genug von der
Sprachenmelange, die man mit der erstern Benennung beehrt, und vom
Italienischen, um sich verständlich zu machen, und so wiederholte er sein
Compliment in der angedeuteten Mundart, wenn auch nicht ganz so zierlich.
    »Wer bist Du?« fragte die Odaliske.
    »Der Teufel soll den Tiger holen, das alte Rattennest!« sagte Frank
wohlgefällig, »wenn ich nicht einer seiner Offiziere bin. Jedenfalls aber,
schöne Dame, bin ich ein britischer Gentleman.«
    »Bist Du reich?« lautete die weitere Frage.
    Der Midshipman fand sich durch den Zweifel gekränkt und um den britischen
Ruf zu bewahren, griff er in die Tasche und konnte, da die Güte seines Bruders
ihn noch am Tage vorher reichlich versehen, eine stattliche Hand von Souverain's
und Kronenstücken der Schönen produziren.
    »Wenn Du ein Franke bist und reich und ein Offizier,« sagte mit einem
überaus zärtlichen Blicke die Kokette, »so möchte ich wohl mit Dir entfliehen.
Du würdest mich beschützen, nicht wahr?«
    »Potz Haifisch,« murmelte der junge Mann, »das geht rasch hier zu Lande! -
Wer bist Du denn eigentlich, schöne Dame?« fragte er.
    »Ich heisse Nausika und bin eine Obaliske des Grossherrn,« erzählte die
leichtsinnige Schöne. »Aber ich bin hier eine Gefangene und wer weiss, welches
Leid mir noch geschieht. Wenn Du mich retten willst, werde ich Dein Glück
machen. Du gefällst mir - und ich habe immer gehört, dass die Inglis Alles in
diesem Lande tun dürfen, was selbst die Türken nicht wagen.«
    Eine Odaliske des Grossherrn! - Der Gedanke verwirrte vollends das ohnehin
von abenteuerlichen Bildern und Unfug strotzende Gehirn des Mid's und er
beschloss auf alle Gefahr hin, den Ritter bei der Schönen zu spielen.
    »Wenn Du mich lieben kannst, reizende Sultana,« sagte er emphatisch, »so
will ich gekielholt werden, wenn ich nicht Blut und Leben für Deine Befreiung
d'ran setze. Sage mir nur, wie es zu machen ist, denn der Teufel soll mich
holen, wenn ich es weiss!«
    Nausika, die an der Bekanntschaft grossen Gefallen fand und, ihrer Reize
gewiss, über ihre Zukunft wenig Besorgnis hegte, war mit den Vorschlägen gleich
bei der Hand.
    »Kannst, Du des Abends, im Dunkel um die dritte Stunde, wieder unter meinem
Fenster sein, schöner Offizier?«
    Der Midshipman schnitt ein Gesicht; er wusste nur zu gut, dass auf rechtem
Wege das nicht möglich war, denn die aufgetragene Arbeit am Werft war bald
getan und er musste mit den Booten an Bord zurück; die Benennung »schöner
Offizier« aber war zu unwiderstehlich, und da ein Mid selten um eine Lüge oder
um eine Prahlerei verlegen ist, bejahte er dreist die Frage und verständigte
sich dann mit der Schönen über den Unterschied der Schiffsglocken9 und der
griechischen Zeitrechnung.
    »Ich werde an diesem Fenster ein Tuch heraushängen, wenn ich allein bin.
Dann gieb mir ein Zeichen, indem Du drei Mal in die Hände klatschest und ich
werde die Jalousieen öffnen. Hast Du ein Mittel, mir heraus zu helfen?«
    »Zum Henker,« sagte Frank, »wofür gäb' es denn Strickleitern in der Welt?«
    »Gut. Geh' jetzt, damit wir nicht Verdacht erregen. Lebe wohl, schöner
Franke, ich zähle auf Dich!«
    »Gott verdamm' meine Augen!« schwor der würdige Midshipman auf Englisch,
indem er die Hand beteuernd auf's Herz legte, - »heute Abend bin ich zur Stelle
und entführe Euch, holde Miss!« -
    »Den Teufel, werdet Ihr tun!« sagte eine grobe Stimme neben ihm. »Mid's
Schwüre sind keinen Penny wert und Ihr tätet besser, Master Frank, Ihr machtet
Euch zu den Booten, um die Rechnung abzuschliessen, statt hier dem ungläubigen
Weibsvolk nachzuspüren.«
    Mit einem leichten, Schrei flog die schöne Odaliske vom Fenster und schlug
die Jalousieen zu, Master Frank aber wandte sich ärgerlich zu dem alten Adams,
der in aller Seelenruhe eines britischen Matrosen vor ihm stand und mit dem
einen Auge ihn, mit dem andern das Fenster anschaute, in welchem das schöne
Mädchen verschwunden war.
    »Die Haifische sollen meinen Leichnam bekommen,« sagte der würdige
Deckmeister, »wenn ich nicht geglaubt habe, Ihr würdet meiner Erziehung mehr
Ehre machen, als der Baronet, Euer Bruder. Aber ich seh', es ist Einer aus Eurem
Geschlecht so toll wie der Andere. Der Unterrock ist eine böse Flagge, Master
Frank, und vollends in diesem Lande, wie ich mir habe sagen lassen.«
    »Lass mich zufrieden mit Deinen Predigten, altes Seeungetüm,« erwiederte
ärgerlich der Midshipman, indem er bemüht war, den unwillkommenen Aufpasser von
dem Platz fort zu manövriren. »Was, zum Henker, bringt Dich in mein Kielwasser?«
    »Es tut mir leid,« meinte der Aeltere, indem er seinen Zögling durch die
Gassen und Gässchen, auf die er ein scharfes Auge gerichtet hielt, zu dem Magazin
zurückgeleitete, »dass Ihr diesmal mein vorgesetzter Offizier seid. Als solchem
hab' ich Euch zu rapportiren, dass die Ladung vollständig ist, und dass Meister
Gosset nur auf Euch wartet, um dem Kaufmann zu quittiren und abzustossen. Der
junge Halunke wollte Euch selbst aufsuchen, aber dann hätten wir wahrscheinlich
das Nachschauen nach Zweien gehabt.«
    Frank antwortete nicht auf die höflichen Redensarten des Deckmeisters, um
die er sich herzlich wenig kümmerte, und brütete über andere Dinge. So kamen sie
zum Magazin, wo Gosset den Kameraden mit einigen solennen Verwünschungen über
sein langes Ausbleiben empfing, wegen dessen sie wahrscheinlich des warmen
Mittagsessens an Bord verlustig gehen würden. Unsere Midshipmen hatten zwar fast
den ganzen Vormittag noch nichts Anderes getan, als gegessen, getrunken und
umhergelungert, wann aber würde je der Magen eines echten Mid's, dieses Gamin
der See, gesättigt?
    Nachdem die Rechnungen des Kaufmanns unterschrieben waren, begab sich die
Gesellschaft in die Boote, und zum Aerger des argwöhnischen alten Matrosen wusste
Frank es so einzurichten, dass er mit seinem Kameraden in dem zweiten sass. Der
Verdacht des würdigen Deckmeisters steigerte sich noch höher, als er sah, wie
die beiden jungen Herren eifrig die Köpfe zusammensteckten, und Frank mit seinem
Busenfreunde eine grosse Beratung hielt. Der alte Matrose witterte Unheil, wie
eine Möve den Sturm, denn er kannte seine Leute, aber er war ausser Stande, es zu
verhindern.
    »Höre, Frank,« sagte der liebenswürdige Jüngste der Mid's-Kajüte, »die
Geschichte ist Goldes wert. Auf mein Wort, ich helfe Dir, wir entführen dem
Sultan seine Geliebte vor der türkischen Nase weg, und wenn wir dabei auch arg
in die Klemme kommen sollten. Sie hat gewiss einen ganzen Schatz von Diamanten
und sonstigen Edelsteinen bei sich, und das Beste ist, wir machen uns mit ihr
ganz und gar aus dem Staube und werden irgendwo Pascha's.«
    Frank fiel zwar die gierige Frage seiner Schönen ein, ob er reich sei? indes
sein Stolz litt es nicht, die Sultana, von der er geprahlt, selbst
herabzusetzen. Ueberdies hatte er ja die Tasche voll Geld. - »Aber wo bringen
wir sie hin?« - Die Frage machte den beiden Burschen einiges Kopfzerbrechen,
aber bald wurden sie darüber eins, irgend einen beliebigen jüdischen
Commissionair, wie sie deren zu Hunderten in Constantinopel umherlaufen, dafür
sorgen zu lassen.
    Das Nächste und Wichtigste vor Allem war, wie sie von dem Schiffe fortkommen
sollten, und Frank übernahm dies Geschäft, während Gosset versprach, einige
Schiffspistolen und Munition bei Seite zu schmuggeln. Beide wussten sehr gut, dass
die scharfen Augen des alten Deckmeisters auf sie gerichtet waren und dass sie
vor allen Dingen ihn täuschen mussten, damit er ihnen nicht einen Querstrich
durch die Rechnung mache. Sie liessen deshalb näher zum andern Boot hinanlegen
und begannen eine gleichgültige Unterhaltung, bis sie in den Docks des Arsenals
landeten, an deren äusserem Eingang die Fregatte bereits ausgebessert lag.
    Während der erste Lieutenant die Rechnungen des Kaufmannes abnahm und der
Deckmeister damit beschäftigt war, die Ladung an Bord zu bringen, gelang es
Frank, der auf der Lauer lag, an den Capitain zu kommen, der als ein alter
Seewolf es verschmäht hatte, auf dem Lande sein Quartier zu nehmen. Der
Midshipman brachte bescheiden sein Gesuch vor um Urlaub für sich und Gosset für
den Abend und die Nacht, unter dem Vorwande, dass sein Bruder, der Baronet, sie
in das Hotel d'Angleterre zu sich eingeladen, und da der Capitain zufällig
wusste, dass Frank einige Zeilen von seinem Bruder erhalten hatte, auch die
Geschäfte der Midshipmen besorgt waren, gab er dem ersten Lieutenant Anweisung,
sie zu beurlauben.
    Zu dem ganzen Manöver hatte, - das Mittagsessen im Stich lassend, - das
würdige Paar wohlweislich die Zeit gewählt, wo Meister Adams unter Deck
beschäftigt war. Der Alte war daher nicht wenig erstaunt, als er die beiden
Burschen bald darauf in ihre Regenmäntel gehüllt und offenbar mit allerlei
Vorrat darunter bepackt aus der Midshipman-Kajüte kommen und gemütlich in
eines der Kaïks steigen sah, die überall zum Gebrauch bereit standen. Er rief
ihnen zu und fragte, wohin sie wollten, die jungen Halunken beeilten sich aber,
den Bord zu verlassen, und als sie erst im Kaïk sassen, spreizten sie wie auf
Verabredung Beide die Finger an die Nase und streckten als Zeichen ihres Sieges
die Zunge heraus, während der Kaïkschi seine Ruder einsetzte und davon fuhr.
    Der Deckmeister brummte verschiedene nicht sehr schmeichelhafte
Verwünschungen hinter ihnen drein, bis der erste Lieutenant, der zufällig in
seine Nähe kam und, wie der Capitain, grosse Stücke auf den alten Seemann hielt,
ihn fragte, worauf er denn so ärgerlich sei. Der Matrose zeigte ihm die
Davonfahrenden.
    »Gott verdamme meine Augen, Sir,« sagte er, »wenn die Burschen nicht irgend
einen Streich vorhaben. Ich habe so was schon heute Morgen am Ufer gemerkt, und
als sie in die verdammte Nussschaale kletterten, der eines ehrlichen Seemanns
Bein den Boden ausstösst, sah ich, wie dem Master Gosset aus dem Mantel eine
Schiffspistole fiel. Er ist der grösste kleine Taugenichts auf Ihrer Majestät
Flotte.«
    Das wusste der erste Lieutenant sehr wohl.
    »Gebt ihnen ein Signal zur Rückkehr. Wo ist der Feuerwerker?«
    Master Hunter, der Feuerwerker, musste aber erst gesucht werden, und es
vergingen mehrere Minuten, ehe er vor dem Lieutenant erscheinen konnte.
    »Haben Sie den Midshipmen Maubridge und Gosset Pistolen gegeben?«
    »Ja, Sir! Master Gosset bat mich um zwei Paare und sagte, sie hätten die
Erlaubnis vom Capitain, auf dem Bosporus Möwen zu schiessen.«
    Er verschwieg weislich, dass ein Kronenstück Frank's der Bitte den gehörigen
Nachdruck gegeben hatte.
    »Sie sind selbst eine Möwe, Sir,« sagte aufgebracht der erste Lieutenant,
»dass Sie sich von zwei jungen Laffen zum Besten halten lassen. Gehen Sie zum
Henker mit Ihrer Gutwilligkeit, ich werde es dem Capitain melden. Haben die
Burschen beigelegt?«
    Daran dachten aber die Beiden nicht, vielmehr hatten sie, als sie den ersten
Lieutenant im Gespräch mit dem Deckmeister sahen, die Gefahr wohl erkannt und
trieben den Kaïkschi eifrig an, so rasch als möglich sich davon zu machen, indem
sie mit stoischer Ruhe der Fregatte den Rücken kehrten und für alle Winke blind
und taub blieben.
    »Da gehen sie hin, die jungen Halunken,« sagte der Lieutenant, als ihm der
alte Matrose berichtete, dass alle Bemühungen vergeblich gewesen, und auf den
Kaïk wies, der bereits zwischen den andern Schiffen verschwand. »Es ist zu spät,
um sie einzuholen, und ich wette einen halben Monatsold, dass sie irgend ein
Unheil angezettelt haben, ehe sie wieder an Bord kommen. Im Ganzen ist es gut,
dass sie wenigstens bewaffnet sind.«
    »Aber sie sind zu jung, Sir, und können ein Unglück haben unter diesem
fremden Volk,« wandte der alte Matrose ein.
    »Bah! Unsinn, Mann. Midshipmen und Katzen kann man vom Kirchturm werfen,
und sie kommen immer auf die Füsse zu stehen. Ausserdem ist Nichts an ihnen
verloren.«
    Mit diesem geistreichen Trostspruch, der wirklich viel Wahres an sich hatte,
wandte sich der erste Lieutenant wieder zu seinen Geschäften und überliess es dem
alten Matrosen, mit der Sorge um seinen jungen Zögling selbst fertig zu werden.
    Die beiden Mid's hatten sich unterdess in Galata landen lassen und in einem
Kaffeehause ihr Quartier aufgeschlagen. Sie bemerkten wohl, dass eine grosse
Bewegung und Unruhe unter der Bevölkerung herrschte, kümmerten sich aber darum
herzlich wenig, sondern, verfolgten ihre eigenen Zwecke. Das Resultat der
angestellten Beratung war, - da Master Frank Einiges von den Affairen seines
Bruders, des Baronets, in Smyrna hatte munkeln hören und sich dies zum Muster zu
nehmen beschloss, - dass man erst eine abgelegene Wohnung in irgend einem fernen
Quartier auftreiben müsse, wohin man die Schöne am Abend bringen und wo man in
Musse den weiteren Fluchtplan besprechen und einleiten könne. In der Tat gelang
es auch den Burschen, einen jüdischen Commissionair aufzutreiben, welcher für
eine goldene Guinee versprach, eine solche Wohnung sogleich zu finden und sie an
einer bestimmten Stelle des diesseitigen Hornufers zu erwarten. Durch seine
Vermittelung und ein tüchtiges Pfandgeld gelang es ihnen auch, von einem der
griechischen Handelsschiffe ein kleines Boot zu leihen, das sie selbst regieren
konnten. Als diese wichtigen Vorbereitungen getroffen waren, machten es sich die
abenteuerlustigen Midshipmen in einem oberen Gemach des heute leeren
Kaffeehauses bequem, luden ihre Pistolen und warteten schwatzend die bezeichnete
Stunde ab.
    Wir müssen sie dort einige Augenblicke verlassen, gewiss, sie am rechten oder
vielmehr unrechten Orte wiederzufinden, und uns wieder zu den politischen
Ereignissen des Tages wenden. -
    Während Caraiskakis in der Wohnung des Barons beschäftigt und dieser
ausgegangen war, erschien ein türkischer Soldat, der Letzteren sprechen wollte.
Es war derselbe, den Gregor als Boten vom Schiff benutzt und dessen getreuer
Bestellung er hauptsächlich seine Befreiung durch den Baron zu danken hatte.
    Der junge Grieche war sehr erfreut, den früheren Gefangenen hier
wiederzufinden, nach dem er, einen Urlaub der Mannschaft benutzend, sich bei dem
Baron erkundigen wollte. Er erzählte Caraiskakis, dass am Vormittag wieder der
Engländer an Bord gekommen und sehr erstaunt und erzürnt gewesen sei, ihn nicht
mehr zu finden. dabei kam es denn heraus, dass er auf einen Gegendienst für seine
Bemühungen zur Befreiung Gregor's hoffte, und dass er beabsichtigte zu
desertiren, indem ihm, gewaltsam zum Dienst gepresst, dieser täglich
unerträglicher wurde.
    Eine glühende Sehnsucht schien das Herz des jungen Mannes nach seiner
Heimat zu verzehren, und bittere Tränen rollten über seine Wangen, als er sein
trauriges Schicksal erzählte. Man hatte ihn mit Gewalt und ohne dass er eine
Ahnung seines Schicksals hatte, plötzlich aus seinem stillen Leben und von
seinem kleinen Eigentum in Anatolien gerissen, als er eben im Begriff war, ein
geliebtes Mädchen zu heiraten. Mit Erstaunen über die seltsamen Fügungen des
Schicksals entnahm Caraiskakis aus der Erzählung, dass der arme Soldat Vaso, der
erwählte Eidam seines treuen Freundes und Schützers Jani's des Wegweisers, der
Bräutigam Nausika's war, der von der Willkür des Musselim von Tschardak unter
die Redifs gesteckt und später zum Schiffssoldaten gemacht worden war. Einige
Fragen gaben ihm die volle Gewissheit und der junge Mann umfasste weinend seine
Kniee, als er hörte, dass der Mann, dem er in seiner Gefangenschaft freundliches
Wohlwollen bewiesen, ein Freund seines Schwiegervaters war und bereits sein
Unglück kannte. Die Teilnahme Gregor's war durch diese Entdeckung natürlich
verdoppelt und er versprach dem Soldaten, ihm auf alle Weise zu seiner Flucht
behilflich zu sein. Da er es für das Beste hielt, ihm Nichts von dem Geschehenen
zu verschweigen, entüllte er dem Unglücklichen nach und nach auf seine
stürmischen Fragen das ganze Unheil, das die Familie seit der Zeit ihrer
gewaltsamen Trennung betroffen hatte. Die Augen des jungen Anatoliers funkelten
vor Schmerz und Rachedurst, als er vernahm, dass seine Braut mit Gewalt
hinweggerissen und ihr Schicksal unbekannt war, dass Janos ihre und seine Schmach
blutig an dem Musselim gerächt und eben so blutig geendet hatte, und ein
gewisser Stolz kam ihm bei seinem Leid zu Hilfe in dem Gedanken, dass der
berühmte Räuber, von dem er so viel gehört, ohne zu wissen, dass er ihm so nahe
stand, der Mann war, der ihn zum Eidam gewählt hatte.
    Caraiskakis überliess den Flüchtling seinem Schmerz und als er sich mit der
Leidenschaftlichkeit seines Volkes ausgeklagt, suchte er ihn zu beruhigen und
versprach ihm, dass er bei ihm bleiben und ihn in einigen Tagen begleiten solle
auf dem Wege nach Norden.
    Als der Baron zurückkehrte, wurden rasch einige andere Kleider für den
Burschen herbeigeschaft, und da bereits Nachricht eingegangen war, dass die
Griechen sich auf dem Okmeidan versammelten, begaben sich alle Drei dortin.
    Gregor's Seele hatte keine Ahnung, dass die schöne Odaliske, in deren Arm er
die Nacht geruht, die geraubte Braut seines neuen Schützlings, die Tochter
Jani's war, von der jede Spur verloren gegangen schien. -
    Wir haben jetzt die einzelnen Vorgänge des Tages nachgeholt und nehmen die
Erzählung bei dem Zuge vom Okmeidan wieder auf.
    Es war jetzt Abends um die achte Stunde und die Nacht zu dieser Jahreszeit
bereits eingetreten. Die Blitze zuckten am Horizont und der ferne Donner grollte
über die Marmora, der heftige sturmartige Wind aber jagte die Wellen in's Horn
und peitschte die Fahnen des langen Zuges, welcher vom Pfeilplatz aus sich durch
Cassim-Pascha und hinter den grossen Begräbnissplätzen fort nach der Strasse wenden
sollte, die zum Ufer von Tschiragan hinunter führt.
    Die Natur selbst schien sich gegen die Demonstration der Griechen
verschworen zu haben, und von verschiedenen Seiten war bereits der Vorschlag
gemacht worden, den Zug auf den andern Morgen zu verschieben. Ueberall sah man
angsterfüllte Gesichter, als die Kunde sich verbreitet hatte, dass auch die
Türken in der Sophia, in der Achmetje und Mahmudje sich versammelt hatten und
die Fortsetzung des Krieges erzwingen wollten. Viele schon hatten sich rechts
und links in die dunklen Seitengassen verloren und nur mit Mühe noch gelang es
den Führern, den Zug zusammenzuhalten und vorwärts zu bringen, denn sie
begriffen sehr wohl, dass, wenn erst ein Mal die Demonstration heute aufgegeben
worden, schwerlich Aussicht vorhanden war, so bald wieder die feige und uneinige
Bevölkerung zusammenbringen zu können.
    Dennoch sollten alle Bemühungen fruchtlos sein. Als die Spitze der Colonne
zu der Höhe von Cassim-Pascha in der Nähe der Artillerie-Kaserne, von wo ein
freier Blick durch die Berghänge sich nach dem gegenüberliegenden Stambul
öffnet, emporgestiegen war, brach auf ein Mal ein wilder Schrei des Schreckens
aus hundert Kehlen und verbreitete sich durch die lang dahin gedehnte
Volksmasse. Vom Feuerturm des Seraskiats erglänzte nämlich das rote, eine
Feuersbrunst verkündende Licht und deutlich konnte man von der Höhe des Berges
schauen, wie in dem Griechen-Quartier, in der Nähe der Karagumruk-Moschee, deren
schlanke Minarets deutlich im Flammenschein sichtbar waren, eine Feuerlohe in
die Höhe stieg.
    Noch ehe die Erschreckten einen Entschluss gefasst, loderte eine zweite
Feuersbrunst am Tor von Edrene in den finstern Nachtimmel empor und das eilig
heraufziehende Gewitter tobte mit langen Blitzstrahlen dazwischen.
    Die Verwirrung, der Schrecken waren unbeschreiblich. An und für sich sind
die Orientalen gegen die grossartigen Kraftäusserungen der Natur, wie sehr sie
auch daran gewöhnt sein sollten, sehr empfindlich. Der Glaube aber, dass ihre
ewigen Feinde, die Moslems, die Gelegenheit der Abwesenheit so vieler Männer
benutzen und, vom Fanatismus entflammt, mit Feuer und Handjar in ihre Quartiere
einbrechen würden, verdoppelte diese Schrecknisse für die Griechen. Im Nu war
der ganze Zug aufgelöst, die Fahnen und Laternen wurden fortgeworfen, und die
ganze, noch immer mehrere Tausende betragende Menschenmasse stürzte sich in die
engen Gassen, die hinunter zum Horn oder in die diesseitigen Griechen-Quartiere
führen, schreiend, zeternd - in unbeschreiblicher Verwirrung, Kinder und Frauen
zu Boden tretend, - ein Alles vor sich niederwerfender Sturm. Zum Glück teilte
sich bald dieser Strom nach den beiden Schiffsbrücken am Arsenal und den
Stadtmauern, und Hunderte von Kaïks kreuzten in kurzer Zeit trotz des Sturmes
und der hochgehenden Wellen das Horn.
    Aber es war auch Eile von Nöten, die Gefahr dringend, denn ehe die
Fanarioten das jenseitige, Ufer erreichten, gingen bereits noch an zwei anderen
Stellen die Flammenzeichen in die Höhe. -
    Die Verwirrung auch auf dem Horn war schrecklich. Boote rannten auf einander
oder wurden umgeschlagen, Menschen stürzten in's Wasser und plätscherten umher,
einen Gegenstand zu erfassen, an dem sie sich wieder empor retten konnten, -
Geschrei, Verwünschungen, Zorn und Schrecken überall.
    Die Führer der Friedenspartei hatten bei der plötzlichen Auflösung des Zuges
den Kopf verloren, und waren grösstenteils, von der Besorgnis um ihr Eigentum
ergriffen, mit fortgerissen worden. Nur Wenige, darunter Caraiskakis und
Geurgios, fanden sich zusammen und eilten zu dem geheimen Leiter des Ganzen, der
sich natürlich von der offenen Teilnahme an dem Zuge fern gehalten hatte. Der
kühne und umsichtige Geist des Barons hatte im Augenblick auch schon nach den
Mitteln gesucht, die so unerwartete Niederlage der versuchten Demonstration
wenigstens noch in irgend einer Weise für seine Zwecke auszubeuten, und er
erkannte sie darin, den Conflict zwischen den Griechen und den Moslems zu
befördern und die Ersteren zu einem offenen Widerstande mit den Waffen in der
Hand zu ermuntern. Die Nachricht von einem Kampfe zwischen der christlichen und
türkischen Bevölkerung der Hauptstadt musste im ganzen Lande wiederhallen und
konnte zu allgemeinem Aufruhr führen, eine Sache, die von den russischen Agenten
mit allen Mitteln angebahnt wurde.
    Dem Baron mit seinen Begleitern gelang es, am Ufer von Galata die Barke
eines Kauffahrers zu finden. Sie warfen sich selbst mit an die Ruder und das
Boot flog durch die dunklen schäumenden Wellen nach der Fanariotenstadt.
    Drüben in Stambul tönte wüster Lärmen, der Platz um den Palast der Hohen
Pforte glänzte im Fackelschein.
    Als sie durch die zweite Brücke fuhren, kamen sie in das Gewühl der noch
immer zum andern Ufer strömenden Menge.
    Der grelle Schein der auflodernden Feuersbrunst, das Flackern der Blitze
erhellte die Gesichter voll Angst und Schrecken, Zorn und Rachedurst rings
umher. Mit Gewalt brachen sie sich Bahn durch die Kaïks und das Boot, von
Geurgios Hand gelenkt, schoss in den Bootschuppen seines Hauses.
    Geschrei, - Angstgekreisch der Frauen, - das Morrio der wilden Banden von
Mördern und Mordbrennern, die durch die Strassen tobten, - durchheulte die Luft -
eine Scene grauenhafter Verwirrung. Gregor's Herz schlug hoch erregt, indem er
an die Gefahr der Odaliske dachte. Während die Freunde sich, nachdem sie sich
überzeugt, dass das Haus noch nicht gefährdet war, in die nächsten Gassen warfen
und die vorübereilenden Fanarioten zu sammeln suchten, um den Flammen Einhalt zu
tun und den Moslems mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten, übernahm es
Caraiskakis, das Haus zu schützen. Indem er im Dunkel noch vergeblich den Auf-
und Eingang suchte, waren der Baron und Geurgios bereits verschwunden. Plötzlich
erschreckte ihn das Hilfsgeschrei von Frauen und der wilde Ruf von Männern, die
gegen die äussere Pforte tobten. Das Haus war angegriffen und wenige Augenblicke
darauf sah er den neuen Feuerschein eines nahe belegenen Gebäudes rings umher
Alles erhellen. Er hatte den Eingang zum Hause endlich gefunden, stiess die
schwache Tür nieder und stürmte in das Innere. Vaso, der bei ihm
zurückgeblieben, folgte ihm. -
    Wir müssen für einige Augenblicke zu Master Frank und seinem Busenfreunde
Gosset zurückkehren. Nachdem die Burschen verschiedene Tassen Kaffee und Gläser
Liqueur vertilgt und durch einige Pfeifen des duftenden Tabacks von Latakia den
Zustand ihres Gehirns keineswegs klarer gemacht hatten, schaute Frank auf seine
Uhr und streckte den Kopf aus der Tür des Hauses, um als echter Seemann das
Wetter zu prüfen, ehe sie ihre ehrenwerte Unternehmung begannen.
    »Wir werden eine verteufelt schlechte Fahrt haben,« meinte er, »und unsere
Sultanin wird mit einigem Spritzwasser eingeweicht werden. Der Wind stürmt und
überall stehen Gewitter. Man weiss in diesem verteufelten Lande nie, wie man
d'ran ist. Allons, Gosset! auf, Faulpelz! wir müssen an Bord unserer Jölle.«
    Mit einigen Püffen wurde der Jüngste endlich mobil gemacht und Beide eilten
an's Ufer, wo sie an der bestimmten Stelle die bestellte und bezahlte Barke des
Handelsschiffs in Empfang nahmen, wobei der Padrone im Stillen herzlich
wünschte, dass sie mit samt den Midshipmen zum Teufel gehen möge, damit er das
gute Pfandgeld in der Tasche behalten könne.
    Die Mid's, die Verstand genug besassen, um es für besser zu halten, bei einem
solchen Unternehmen keine Bootführer in's Vertrauen zu ziehen, ergriffen die
Ruder und arbeiteten sich bald in den freien Strom. Da sie Beide an die See
gewöhnt waren, machten sie sich aus Wind und Wellen herzlich wenig und die
Arbeit und das Spritzwasser sie bald völlig nüchtern, so dass sie in bester
Beschaffenheit endlich am Ufer der Fanariotenstadt ankamen. Dagegen fanden sie
im Aufsuchen einer passenden Landungsstelle und des Hauses, in dem die Odaliske
eingeschlossen war, allerlei Schwierigkeiten, so dass eine geraume Zeit verging,
ehe sie die Strasse wieder erreichten. Endlich glaubten sie, auf der richtigen
Spur zu sein, und bald überzeugte sich Frank davon, denn an einer der Jalousieen
peitschte wirklich der Wind ein angeknotetes Tuch. Rasch gab der Midshipman das
Zeichen und die Odaliske, die in der Langweiligkeit des Tages vor Ungeduld und
übler Laune fast vergangen war, öffnete die Jalousieen und zeigte sich am
dunklen Fenster. In der Entfernung vernahm man bereits den beginnenden Tumult.
    »Schöne Sultanin, Perle aller orientalischen Frauen,« sagte der Mid in
möglichst hochtrabendem Tone, »Dein Ritter und Befreier ist mit seinem getreuen
Schildknappen zur Stelle. Eine Strickleiter haben wir zwar nicht auftreiben
können, aber habe die Gewogenheit, einige Augenblicke von diesem Fenster
zurückzutreten, und ich werde sogleich ein Knotenseil hineinwerfen, das Du oben
festmachen willst und an dem ich Dich in meinen Armen herabtragen werde.«
    Gosset hörte mit offenem Munde der zierlichen Beredsamkeit seines Kameraden
zu und erhielt jetzt die Anweisung, den vorbereiteten Strick hervorzulangen und
dann in der Strasse auf Posten zu bleiben. Mit geschicktem Wurf schleuderte Frank
das Ende des Taues, an dem ein Haken befestigt war, in das Fenster und Nausika
klammerte es fest, worauf der tapfere Seezögling mit der Behendigkeit eines
Affen an dem Strick emporstieg und sich über die Brüstung in's Zimmer schwang.
    »Der Teufel soll unsere besten Stengen holen und der Capitain alle Tage
sämtliche Mid's mit echtem Portwein regaliren,« schwor er, »wenn ich Euch in
dieser Kajüte sehen kann, so dunkel ist es hier. Warum steckt Ihr keine Lampe
oder kein Licht an, schöne Sultanin, damit ich wenigstens Eure Schönheit
bewundern mag?« -
    Eine weiche Hand erfasste die seine und drückte sie, worauf der Mid seinem
Anspruch auf Männlichkeit nicht anders genügen zu können glaubte, als, indem er
die Odaliske umfasste und ihr einen herzhaften Kuss auf die Lippen drückte. Die
Dame hatte jedoch jetzt andere Gedanken, als leere Liebeständeleien, und
wünschte vor Allem, ihren bisherigen Aufentalt zu verlassen.
    »Hast Du Nichts vernommen, schöner Franke? - es scheint Tumult in der Stadt,
das Feuerzeichen des Seraskiats leuchtet, und ich fürchtete schon, Du würdest
nicht kommen.«
    »Bah,« sagte der Midshipman, »was kümmert mich der Brand von ganz Stambul,
ein Engländer hält sein Wort. Aber nun lasst uns keine Zeit versäumen, schöne
Sultanin, nehmt Eure Sachen und vergesst die Diamanten nicht, damit wir uns davon
machen können.«
    Während die Odaliske, die schon bei Tage in dem Zimmer zusammengeräumt, was
des Mitnehmens wert und transportabel war, dies in ein Bündel zusammenband und
Frank das Tau im Innern besser befestigte, hörte man plötzlich Lärmen in der
Strasse und im nächsten Augenblick erschien der Kopf, dann die schmächtige
Gestalt des Midshipmans Gosset über der Fensterbrüstung und seine werte Person
sprang gleichfalls in das Zimmer.
    »Pest,« sagte der hoffnungsvolle Jüngling, sich den Angstschweiss von der
Stirn wischend, »da draussen scheint der Boden für uns zu heiss zu werden und ich
wollte, alle Odalisken und Sultaninnen des Grossherrn lägen auf dem Grunde des
Bosporus und wir sässen bei Tee und Schiffszwieback in der Kajüte des Tiger. Es
ist ein Mordlärmen in der Stadt, Frank, Feuerschein ringsum, und eine Menge
Leute sind auf den Beinen und rennen durch die Gassen, so dass ich nichts
Besseres tun konnte, als Dir zu folgen.«
    Frank bog sich vorsichtig zum Fenster hinaus und fand die Besorgnis seines
Kameraden mehr als bestätigt. Das Licht der nahen Feuersbrunst war hinreichend,
die Umgebungen des Hauses wenigstens so weit zu erhellen, dass an ein unbemerktes
Entwischen aus dem Fenster vorläufig nicht zu denken war; Frauen und Männer
liefen schreiend durch die Gasse, überall wurden Lichter angezündet, Türen
geöffnet, und Frank war froh, dass er das im Winde schlagende Seil, ihre Brücke
zur Flucht, noch geschwind und unbemerkt in das Fenster ziehen konnte.
    Auch im Hause wurde es laut, man hörte mehrere Personen ängstlich
umherrennen und die Tür aus dem Innern des Hauses wurde zu öffnen versucht,
aber durch den Riegel, den die Odaliske vorgeschoben, festgehalten. Der zweite
Ausgang nach dem Flur und der Treppe war von Geurgios von Aussen verschlossen
worden.
    Nausika zitterte in Angst und Furcht und war ratlos, und auch den beiden
Midshipmen grade nicht sehr wohl bei der Sache zu Mute. Sie sahen sich, wie man
zu sagen pflegt, in einer Mausefalle und wussten, dass sie sich noch sehr
glücklich schätzen konnten, wenn sie mit einer tüchtigen Tracht Schläge davon
kamen.
    Indes ein Mid verliert nie den Mut und die Hoffnung, sich aus der Klemme zu
bringen, in die er sich selbst gesteckt hat, so lange noch Atem in seinem Leibe
ist. Nach kurzer Beratschlagung kamen die Beiden zu dem Resultat, dass sie am
besten an dem Ort, wo sie sich einmal befanden, die weitere Entwickelung oder
die Wiederherstellung der Ruhe abwarten könnten. Die Wahl machte ihnen freilich
keine Schwierigkeit, und während die Odaliske weinte und klagte, setzten die
jungen Burschen ihre Waffen für alle Fälle in Bereitschaft und recognoscirten
durch Fenster und Schlüsselloch. -
    Es war bereits dunkel, als Edward Maubridge, der Baronet, um Neues über die
Bewegungen in Constantinopel zu hören, sich nach Tershana rudern liess. Er
gelangte eben an Bord des Tiger, als der Capitain mit den anwesenden Offizieren
auf dem Hinterdeck der Fregatte stand, um die auf dem anderen Ufer in der
Fanariotenstadt ausgebrochene erste Feuersbrunst zu beobachten, und wurde auf's
Freundlichste von Allen bewillkommnet.
    »Die Gesellschaft der jungen Burschen,« meinte der Capitain, »scheint Ihnen
nicht lange zugesagt zu haben. Ich hoffe jedoch, Sie haben sie sicher
untergebracht, damit sie in dem Lärmen, den diese Leute auf allen Seiten
erheben, nicht auch ihre Nase stecken und zu Schaden kommen.«
    »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Capitain,« erwiderte der Baronet. »Wo
ist Frank?«
    »Nun, zum Teufel, wo soll er sein, als bei Ihnen? Er und der junge Schlingel
Gosset. Sie haben ja selbst ihn eingeladen.«
    Der Baronet sah ihn gross an.
    »Ich verstehe kein Wort davon. Ich kommen eben, um Sie und Frank zu
besuchen, denn im Gesandtschaftshotel steht Alles auf dem Kopf und hat kein
Mensch Zeit zu einem vernünftigen Wort.«
    »So soll das Wetter doch gleich in meinen besten Mast schlagen, wenn die
jungen Halunken mich nicht da gründlich belogen haben. Ihr Bruder, Sir, wies mir
eine schriftliche Einladung von Ihnen vor und erbat sich darauf für diese Nacht
Urlaub.«
    »Ich dachte nicht daran; aber wo mögen die vertrackten Burschen hin sein in
diesem Gewühl? Sie werden ein Unglück haben.«
    »Da blicken Sie hin,« schrie der Capitain, indem er auf den Menschenstrom
wies, der sich von der Höhe der Vorstädte mit wildem Lärmen zum Horn drängte;
»die jungen Halunken haben den Tumult gewittert und sind sicher mitten
d'rinnen.«
    Der erste Lieutenant erzählte jetzt, was er von Adams gehört, und der
Deckmeister wurde eilig herbeigerufen und näher befragt. Seine Erzählung
erweckte ernstlich die Besorgnisse des Capitains und des Baronets.
    »Wenn die Unbesonnenen sich in irgend einen tollen Streich eingelassen
haben, wo Frauen in's Spiel kommen, so sind sie verloren,« sagte der Letztere.
»Kannst Du den Ort wiederfinden, wo Du den jungen Narren heute Morgen
betroffen?«
    »Hm,« meinte der Alte, »ich müsste kein Seemannsauge für eine Landmarke
haben, wenn ich's nicht könnte! Diese Dinger, die sie Häuser nennen, sind zwar
hier einander verteufelt ähnlich, aber ich witterte gleich Unheil und hab' mir
die Fahrt gemerkt.«
    »Wollen Sie mir ein Boot geben, Capitain, und einige zuverlässige Leute?«
    »Die sollen Sie haben, Edward, eine ganze Bootsmannschaft und ihren Offizier
dazu. Den zweiten Kutter in's Wasser und die Leute bewaffnet hinein. Der Teufel
scheint dort drüben los, denn ein Feuer nach dem andern geht in die Höhe. Ich
mache mir Vorwürfe, dass ich die Burschen so leichtsinnig fortgelassen habe, da
doch schon Tumult in der Stadt war. Fort, Jungens, sputet Euch!«
    Der erste Lientenant trieb die Mannschaft an, ehe fünf Minuten vergangen,
war der Kutter bereit und die Matrosen sprangen hinein, mit Enterbeilen und
Kurzsäbeln bewaffnet; der zweite Lieutenant sass bereits in dem Boot. Maubridge,
der eilig die Pistolen des Capitains geholt hatte, und der Deckmeister folgten.
    »Abgestossen!«
    Die sechs Ruder tauchten in die Wellen und das Boot schoss in das Dunkel des
Horns. -
    Die Tür des Hauses von Geurgios krachte unter den Schlägen der Brecheisen
in den Händen der Banditen Geronimo's. Ueber die zusammenbrechende stürzten die
wilden Gestalten in das Innere und ihr Mordio gellte durch das Haus hinter den
flüchtenden zeternden Weibern drein.
    »Nach Oben! nach Oben!« herrschte Hassan, der Führer, seinen Genossen zu;
»Ihr wisst, was der Kneipenwirt uns aufgetragen. Dann ist's Zeit zum Plündern.«
    Der Arnaut mit vier Gefährten sprang die enge Treppe hinauf; Schemel,
Stühle, Tische, Alles, was sich werfen liess, flog ihnen jedoch entgegen auf die
Köpfe und trieb sie wieder zurück.
    »Lahnet bi Scheitan!« fluchte der wüste Mörder; »hinauf, Memmen!« und sein
Pistolenschuss knallte die Treppe hinan, die bereits halb gefüllt war mit einer
Barrikade von Möbeln und Kissen jeder Art.
    »Gieb's ihnen brav, Frank,« schrie der kleine Gosset, »immer die Vordersten!
Der Grieche kann mir das Pistol zurückreichen!«
    Die Kugel des kecken Midshipman traf einen der Banditen in die Schulter, dass
er blutend und fluchend zurücktaumelte. -
    Während die Mid's noch unentschlossen auf den Lärmen am Eingang des Hauses
gelauscht hatten und Nausika in Todesangst in einem Winkel des Gemachs auf den
Knieen lag, bald christliche, bald türkische Gebete jammernd, flogen rasche
Tritte von Aussen zur Tür, ein Schlüssel wurde in's Schloss gesteckt, und ehe
noch die Midshipmen Widerstand zu leisten vermochten, ward die Tür aufgerissen
und Gregor Caraiskakis, gefolgt von Vaso, stürzte herein.
    Erstaunt und starr blieb er stehen, während die Odaliske sich Hilfe suchend
in seinen Arm warf, denn der Schein der nahen Feuersbrunst erhellte jetzt
genügend das Gemach und zeigte ihm die beiden jugendlichen Offiziere, die
Pistolen in der Hand.
    »Was soll das heissen? wie kommen die Fremden hierher?«
    Aber der Sturm draussen an der Haustür verschlang des Mädchens Antwort und
die verlegene Ausrede der Engländer. Es war keine Zeit zu Nachfragen und
Erklärungen.
    »Wenn Sie Männer von Ehre und Herz sind,« rief der Grieche, »so helfen Sie
mir dies Haus und die Frauen darin gegen das mörderische Gesindel verteidigen,
das den Eingang stürmt. Ich sehe, Sie sind bewaffnet; lassen Sie uns die Treppe
zum obern Stock halten!«
    Ein Säbel, den er in einem der Gemächer gefunden, war seine einzige Waffe,
Frank reichte ihm sogleich eine der Pistolen. Die drängende Gefahr hatte die
peinliche Situation des jungen Mannes aufgehoben und die Aussicht auf den Kampf
im Nu alle Torheit und allen Leichtsinn verscheucht. Sein Mut und seine
Entschlossenheit zeigten das gute Blut in seinen Adern.
    »Vorwärts, Sir, ich helfe Ihnen. Gosset, lade die Pistolen und schütze
unsere schöne Sultanin!« und eilig schleppte er die Möbel, die er greifen
konnte, zur nahen Treppe, denn eben brach unten die Tür des Hauses unter den
Händen der Banditen.
    Aber die Odaliske hatte bereits einen anderen Freund und Schützer gefunden.
Aus weit aufgerissenen Augen hatte Vaso, der türkische Soldat, die ehemalige
Braut einige Momente angestarrt, dann sprang er auf sie zu und riss sie gewaltsam
in seine Arme.
    »Nausika, Tochter Jani's, bist Du es wirklich, meine Braut, mein Weib? Du
hier in Byzanz?«
    Mit einem, fast mit Entsetzen gemischten Erstaunen hatte Caraiskakis die
Worte des Soldaten gehört, und ein Blick auf die Verwirrung des schönen Mädchens
überzeugte ihn, dass sie wahr. Die Odaliske, die sein Herz und seine Sinne so
zauberschnell umstrickt hatte, in deren Arm er die Nacht verschwelgt, - die
Tochter Jani's, dessen Haupt für ihn gefallen? Und so, mit dem Schimpf des
Mädchens, hatte er das blutige Opfer vergolten?! Seine Gedanken wirbelten, da
rief ihn der Schuss des Banditen und die Stimme des Midshipman zum Bewusstsein und
seiner Pflicht zurück und im nächsten Augenblick stand er an dessen Seite und
schleuderte die schweren Geräte nach den Angreifern.
    »Hurrah für Alt-England!« schrie der kleine Mid, während er am Fenster die
abgeschossene Pistole lud. »D'rauf, Frank, und pfeffere sie tüchtig; ich muss
auch einen Schuss auf sie tun!«
    Und sein Ruf fand ein Echo, denn aus der Gasse herauf donnerte es aus zehn
Kehlen über den Lärmen der Feuersbrunst und das Geschrei der Griechen: »Hurrah
für Alt-England!« und die Matrosen des Tiger, von Adams und dem Baronet geführt,
stürzten herbei und jubelten hoch auf, als sie die Stimme des Knaben hörten.
    »Hurrah, Frank! brav gehalten! Es kommt Ersatz; unsere Tiger sind da, Adams
und Dein Bruder Baronet! Hierher, Männer! greift sie von vorn an und bringt die
Halunken zwischen zwei Feuer!«
    Aber es tat auch Not, dass Hilfe kam, denn wie Teufel, der Hölle
entsprungen, stürmten die Banditen die Treppe, während ihre zahlreichen
Kameraden sich bereits mit dem Volke auf dem Platze vor der Tür umherschlugen.
    »Das Seil! das Seil!« rief der wackere Frank seinem jungen Kameraden zurück.
»Denk' an das Seil, Gosset, und rette das Mädchen!«
    Der kleine Mid hörte den Ruf seines Gefährten und mit Vaso's Hilfe schleppte
er die halb ohnmächtige Schöne zum Fenster, schlang den Strick um sie und liess
sie hinabgleiten, wo die Anne des Baronets sie auffingen. Kaum war das Tau am
Boden, so hatte es auch der alte Deckmeister erfasst und schwang sich mit der
Gewandteit eines Seemannes, der im Sturm die Tauwand erklimmt, hinauf in das
Gemach. Andere folgten ihm.
    »Hurrah, Master Frank! Die Tiger sind da!«
    Aber der Beistand tat Not. Hassan voran stürmten die Banditen des
Kahvedschi wie rasend die Treppe, über die Möbel und Gegenstände kletternd, mit
denen Frank und Caraiskakis sie gefüllt. Einen zweiten der Stürmer schoss der
Grieche nieder, doch den beiden anderen Kugeln wichen die Männer aus und zum
Laden war keine Zeit mehr. Ueber die Barrikaden aus Stühlen und Tischen hinweg
wurden sie handgemein, doch auch die schwache Schutzwehr riss die starke Faust
der Stürmenden bald zur Seite und ihre Handjars und Dolche klirrten gegen den
Säbel und den Kurzdegen der Verteidiger. Gregor sprang zur Tür des Gemachs
zurück und rief seinem tapfern jungen Gefährten zu folgen, aber der Midshipman,
von einem leichten Dolchstich in die Seite getroffen, strauchelte und fiel, und
im Augenblick war Hassan der Arnaut neben ihm und hob den blinkenden Yatagn zum
Todesstoss.
    Frank war verloren!
    Aber Caraiskakis hatte den Fall des jungen Mannes gesehen - im Nu sprang er
vorwärts mitten unter die Angreifer und sein Säbel fing, zersplitternd am Gefäss,
den schweren Yataganhieb auf. Dann den Griff dem Banditen in's Antlitz
schmetternd, fasste er mit der Linken den Jüngling und suchte ihn
fortzuschleppen.
    »Brav gemacht, Mann! Heran, Jungens!« schrie eine Stimme hinter ihm und der
kräftige Schwung eines Enterbeils deckte den Griechen gegen die erhobenen Waffen
seiner Bedränger. »D'rauf auf die Schufte und gebt's ihnen!«
    Die kräftige Gestalt des alten Deckmeisters sprang in die Gruppe, zwei
Matrosen folgten im nächsten Moment und die unverhoffte Hilfe wendete im Nu den
Kampf. Die drei Banditen stürzten Hals über Kopf die Treppe hinab und aus dem
Hause, an dessen Eingang ihre Kameraden sich mit den Fanarioten und einigen von
dem zweiten Lieutenant des Tiger geführten Matrosen schlugen.
    Adams half dem Midshipman empor.
    »Da habt Ihr die Bescheerung, toller Bursche,« sagte er ärgerlich. »Kein
Unterrock in der ganzen Welt ist wert, dass ein wackerer Seemann sich dafür ein
Loch in den Leib rennen lässt, durch das der Wind hineinpfeift. Wie geht's Euch,
Master Frank? redet! ich hoffe, es ist nicht schlimm, und der brave Mann hier
ist nicht zu spät gekommen!«
    »Ich glaube nicht,« murrte der Midshipman, »aber Zeit war's. Ich bin in die
Hüfte gestochen und der erste Lieutenant wird's vorerst bleiben lassen müssen,
mich in den Mastkorb zu schicken. Aber wo führt Dich der Henker zu so
glücklicher Zeit her, alter Seewolf?«
    »Dazu gibt's nachher Zeit, jetzt lasst uns machen, dass wir zu unsern
Burschen kommen!« entgegnete der alte Matrose, indem er den jungen Mann emporhob
und mit Gregor's Hilfe die Treppe hinabtrug. »Goddam!« rief er plötzlich, als
unten der Feuerschein hell auf das Gesicht des Griechen fiel und er dieses
erblickte. »Ich sollte meinen, wir kennen uns; seid Ihr nicht der Mann von
Smyrna?«
    Caraiskakis schaute ihn finster an bei der Erinnerung.
    »Ich weiss Nichts von Euch.«
    »Glaub's wohl,« meinte der alte Matrose, »aber ich kenne Euch desto besser,
und es freut mich um Master Frank's willen, dass ich Euch damals mit dem
Schiessprügel nicht durch den Kopf geschossen, als Ihr Sir Edward Eure Schwester
abjagtet und uns klopftet. Wir waren auf schlechtem Wege und fochten für keine
gute Sache; aber es ist brav von Euch, Freundchen, dass Ihr des Baronets Bruder
so wacker beigestanden habt.«
    Der Grieche liess den Jüngling fallen.
    »Dies der Bruder des Lord Maubridge?« fragte er wild.
    »Nun ja, Mann! was tut's zur Sache? ein braver Mann hilft dem Andern gegen
das Gesindel. Hierher, Hodges! Dick! helft mir den jungen Master zum Boote
tragen.«
    Der Grieche fasste des Matrosen Arm, während die Gerufenen herbeisprangen und
den Midshipman aus dem Getümmel schleppten.
    »Wo ist das Mädchen, das Weib, das wir im Hause verteidigten?«
    »Ei, zum Henker, wo wird die verteufelte Landnixe sein? In die Arme Sir
Edwards fiel sie, gerade aus dem Fenster herab. Schaut, da läuft sie in der
Mitte unserer Leute, und die Haifische sollen mich fressen, wenn der Baronet
nicht schon seitlängs von ihr liegt.«
    Die Scene umher hatte sich geändert, - die Mordbrenner aus dem
Maltesergässchen hatten die Uebermacht der von allen Seiten zum Löschen des
Brandes und zur Verteidigung ihrer Habe herbeieilenden Fanarioten erkannt und
sich nach allen Seiten durchgeschlagen und zerstreut; die Griechen waren bemüht,
das Feuer zu dämpfen, und die Engländer, jetzt Frank und die von dem Baronet
geführte Odaliske in ihrer Mitte, drängten sich durch die Menge nach ihrem Boote
hin.
    »Nausika - Mädchen - Tochter Jani's!« schrie Caraiskakis und warf sich in
die Menschenwoge, die sich wieder um die Matrosen geschlossen. »Zu mir, Freunde,
das Mädchen ist die unsere!«
    Aber wer kümmerte sich in der eigenen Bedrängnis und Not um das Weib,
dessen türkische Tracht ohnehin genügt hätte, jeden Griechen Gefahr und
Verderben in ihrer Berührung sehen zu lassen. Gosset hatte mit einigen
verwirrten Worten dem Baronet berichtet, dass es eine vornehme türkische Dame
wäre, die hier gefangen gehalten worden und die Frank habe befreien wollen. Die
Odaliske, von der augenblicklichen Gefahr befreit, begriff schnell ihre Lage und
die günstige Gelegenheit für ihre Wünsche.
    »O, Effendi, rettet mich aus dieser Not! ich bin eine Gefangene und ein
armes Weib, verloren ohne Euch,« schmeichelte sie in fränkischer Sprache zum
Baronet, dessen Arm sie unterstützte. Sie waren bereits nahe am Boot, in dem
zwei der Matrosen zurückgeblieben waren, als Caraiskakis endlich die Engländer
erreichte und das Auge des Baronets mit Erstaunen und Erbitterung plötzlich
seinen Todfeind vor sich sah.
    »Das Weib, Mylord!« herrschte der Grieche ihm zu, »Sie haben kein Recht auf
sie, das Weib ist das meine!«
    Der Baronet stiess ihn hohnlachend zurück.
    »Ist dies Weib das Ihre, so nehme ich es, wie Sie mein Kind geraubt. Nur für
dies Lösegeld sollen Sie diese Frau haben! In's Boot mit ihr!«
    Gosset zog die willige Odaliske fort; mit einem Sprunge war der Grieche an
dem Baronet und fasste ihn an der Kehle.
    »Mädchendieb!«
    »Der Teufel hole das Gewürm, nieder mit dem Schuft!« schrie der mit Adams
herbeikommende zweite Lieutenant und der Hieb seines Kurzdegens sauste schwer
auf den Schädel des Griechen nieder, dass dieser bewusstlos zu Boden stürzte, wie
ein gefällter Baum. »Fort mit Ihnen, Maubridge, wir haben, was wir wollen, und
hier Nichts mehr zu tun.«
    Der Deckmeister hatte sich auf den Niedergestreckten herab gebeugt.
    »Ist er todt, der Unglückliche?« fragte nicht ohne Teilnahme der Baronet.
    »Ich denke! Schabe um den Mann; es war nicht viel besser als ein Mord,«
murrte der alte Matrose, »und das Alles um eines verdammten Weiberrocks willen.«
    Der besonnene Lieutenant zog sie fort zum Boot, denn ein Hause Fanarioten
mit Geurgios an der Spitze stürmte herbei.
    Das englische Boot stiess hinaus in das Horn - jammernd am Ufer rannte Vaso
umher, den die Matrosen zurückgetrieben, als er der Wiedergefundenen folgen
wollte.
    Es war am dritten Morgen nach den Scenen des Aufruhrs, als Gregor
Caraiskakis aus einem tiefen Schlafe auf ärmlichem Lager in einem griechischen
Hause der Vorstadt Ejoub erwachte. Sein Kopf war mit Binden umwickelt, an seinem
Lager sass in trübem Sinnen Vaso, der entflohene Schiffssoldat.
    Der Hieb des Lieutenants hatte ihn absichtlich nur flach getroffen und durch
seine Wucht betäubt zu Boden geworfen. Als er wieder zu sich kam, fand er sich
an dem Orte seines jetzigen Aufentalts, wohin ihn Geurgios hatte bringen
lassen. Doch war ihm Ruhe nötig, und ausserdem hatte ihm der Fanariot
Verborgenheit anbefohlen, denn in Constantinopel hatten die Nacht und der
nächste Tag eine neue Wendung der Dinge gebracht.
    Während im Fanar die Feuersbrunst, - wie es hiess, vom Blitzstrahl entzündet,
- in die Wolken flammte und an 200 Gebäude verzehrte, hatte sich der Strom der
fanatisirten Moslems, an der Spitze die Softa's und Ulema's, nach dem Platz der
Hohen Pforte gewendet und umgab drohend und tobend beim Schein der Fackeln und
dem Unwetter trotzend den Palast, die Auslieferung Reschid-Pascha's fordernd.
    Aber Reschib hatte sich bei dem ersten Anzeichen des Sturmes nach Tschiragan
geflüchtet, wohin ihm der Grosswessir folgte. Vergeblich erwarteten die hohen
Würdenträger hier die Demonstration der Griechen; statt deren brachte jeder
Augenblick Nachrichten von dem Triumph ihrer Gegner und der Aufregung unter der
türkischen Bevölkerung Stambuls.
    Am Morgen erliess der Grosswessir den Befehl, dass alle Moscheen, die
Hauptversammlungsorte des Aufstandes, an denen die Softa's fortwährend das Volk
bearbeiteten, geschlossen werden sollten. Dem Befehl wurde entsprochen, aber die
Masse versammelte sich jetzt auf den öffentlichen Plätzen und nahm eine noch
drohendere Haltung an.
    Jetzt erhielten die Garden den Befehl, einzuschreiten und mit Gewalt den
Aufruhr zu unterdrücken, der bereits so ausgedehnt war, dass Lord Redcliffe eine
Proclamation an die britischen Untertanen zur Beruhigung erlassen musste, worin
er Aufnahme und Schutz auf den britischen Schiffen verhiess.
    Die Garden rückten von ihren Kasernen zwar aus und besetzten das Serail die
Pforte und die Suleimanje, wo die Schätze der ganzen Nation gleich wie in einem
grossen Pfandhause in Koffern aufbewahrt werden, aber sie weigerten sich, das
Volk anzugreifen, ohne Befehl Ruschdi-Pascha's, ihres bisherigen Kommandanten.
    Ruschdi-Pascha aber befand sich im Seraskiat, wohin Mehemed einen
Ministerrat berufen, um scheinbar über die drohende Gefahr zu verhandeln, ohne
dass der Grosswessir oder Reschid hier zu erscheinen wagten.
    An verschiedenen Stellen, wo das Volk versammelt war, begannen die Softa's
während des Tages bereits ganz offen die Tronerhebung Abdul-Aziz's zu
proklamiren. Die griechische Bevölkerung - feig und unentschlossen - wagte sich
nicht mehr zu rühren, - sie zitterte seit den Vorgängen des letzten Abends für
ihr Leben und ihre Habe.
    Die Regierung befand sich buchstäblich am Morgen des 22. nur noch im
Seraskiat und in den Händen Mehemed Ali's.
    Bei dem schwachen und ängstlichen Charakter des Sultans fühlte die
Friedenspartei, dass in dein gegenwärtigen Augenblick Nichts zu machen und ein
Nachgeben nötig sei, um nicht allen Einfluss zu verlieren. Chosrew-Pascha selbst
riet dazu, und als daher am Vormittag Adilé, die Schwester des Grossherrn, nach
Tschiragan kam, fanden ihre Worte beim Sultan ein williges Gehör.
    Am Mittag hatten Lord Redcliffe und General d'Hilliers eine längere Audienz
bei dem Sultan, in welcher sie ihm zeigten, dass nur ein unbedingtes Eingehen auf
die Intentionen Frankreichs und Englands die Türkei und seinen Tron zu sichern
vermöchte. Eine Stunde darauf erschien der Seraskier im Palast, seiner Sache so
sicher, dass er ohne alle Begleitung kam, und als er nach einer längeren
Unterredung sich entfernte, geschah es mit dem Schritt eines Triumphators.
    Er vergass, dass in dem Herzen eines Orientalen das Gefühl einer Beleidigung
nie stirbt und unter der trügerischen Blumendecke der Freundschaft und
Versöhnung die Schlange des Hasses ruhig lauert, bis sie ihren Giftzahn in das
Opfer schlagen kann.
    Der Padischah war gedemütigt, - der Padischah wartete seiner Seit.
    Noch an demselben Tage hatte Reschid-Pascha vom Bord der »Queen« aus, an den
er sich geflüchtet, seine Entlassung eingereicht, aber der Sultan dieselbe auf
den Rat des englischen Gesandten nicht angenommen. Dagegen durfte der Seraskier
unbehindert eine scharfe Verfolgung aller Russenfreunde beginnen und eine Menge
Führer der Griechenpartei wurden eingekerkert.
    Dies waren die Nachrichten, die am Abend vorher Geurgios, der sich
gleichfalls von seinem Hause entfernt hielt, dem Griechen gebracht hatte. -
    Auf seine Fragen an Vaso hörte Caraiskakis, dass der Freund heute noch nicht
in Ejoub gewesen. Als dieser endlich kam, erkannte er leicht, dass die
Neuigkeiten, die er brachte, noch schlimmer als die früheren waren.
    »Es freut mich, Sie so weit wieder hergestellt zu sehen,« sagte der
Fanariot, »denn es wird gut sein, wenn wir noch diese Nacht Constantinopel für
einige Zeit verlassen. Der Baron ist auf Betrieb der englischen Gesandtschaft
von der türkischen Polizei als russischer Agent verhaftet und hat mir selbst
diesen Wink gegeben. Mehemed Ali, um seinen Frieden mit dem Padischah zu machen,
hat nach türkischer Weise verräterisch an den eigenen Werkzeugen seiner
Intrigue gehandelt und an 400 Softa's aufgreifen lassen, um sie als Rebellen auf
die Galeeren nach Creta zu schicken. Der Todfeind unseres Glaubens unterhandelt
bereits mit den beiden Gesandten wegen der Einschiffung eines Hilfscorps.«
    »Aber der Baron - sollen wir ihn feig im Stich lassen?« fragte der Grieche.
    »Signor Oelsnero,« lachte der Fanariot, »hat der Mittel zu seiner Sicherheit
mehr in Händen, als wir, und wird sich schon zu befreien wissen. Wir werden ihm
am Balkan bessere Dienste leisten, als hier.«
    »Und das Mädchen - Nausika - die Odaliske?«
    »Bei Sanct Demeter, was kümmert sie uns? Wollen wir eines Weibes wegen den
Kopf in die Schlinge stecken? Diese Teufel von Türken haben keine Eingeweide;
sie schneiden einem Christen den Kopf ab und stellen ihn zwischen seine Beine,
ehe er ein Kreuz schlagen kann, wenn es ihre Weiber gilt. Ueberdies ist für Sie
der Boden von Constantinopel doppelt gefährlich, wenn Ihr Name entdeckt würde,
und ich traue meinen eigenen Leuten nicht mehr.«
    »Wie meinen Sie dies?«
    »Lesen Sie. Ihr Bruder, der Capitano Caraiskakis, hat die Fahne des Kreuzes
in Tessalien erhoben, und die Griechen strömen von allen Seiten ihm zu. Mögen
die Heiligen ihnen besseres Gelingen geben, als uns hier!« Der Fanariot warf ihm
eine Nummer der Elpis und eine Proclamation in griechischer Sprache zu, wie in
diesem Augenblick Tausende als Flugblätter durch Griechenlanb und das südliche
Rumelien, selbst nach Constantinopel hin verbreitet wurden. »Ich habe Beides so
eben durch einen Bundesbruder erhalten.«
    Gregor sprang empor; alle Schwäche, alle Gedanken an seine eigenen
Verhältnisse waren verschwunden, als er den berühmten Aufruf seines kühnen und
tapferen Bruders in der Hand hielt. Derselbe lautete:
 »An die geknechteten Griechen von Tessalien, Macedonien, Tracien und Epirus,
                    Klein-Asien, Candia und allen Inseln des
                                 Archipelagus.
    Brüder und Landsleute! Zu den Waffen, zu den Waffen! Seit vier Jahrhunderten
seufzt Ihr unter türkischem Joch. Die glückliche Stunde ist gekommen. Erhebt
Euch und verliert keine Zeit; der Halbmond verschwinde vor dem Kreuz! Eure Sache
ist eine heilige, und der Allmächtige wird Euch beistehen. Denkt an den Ruhm
Eurer edlen Ahnen und errötet über Eure Entwürdigung. Fürchtet nicht die
Blutunde des Sultans, noch seine glaubensabtrünnigen Freunde; es sind wilde,
aber feige Horden, die Ihr schnell besiegen und zerstreuen werdet. Erhebt Euch,
kämpft und lasst Euer Schwert nicht einen Augenblick rasten, bis Ihr es dem
letzten Moslem in's Herz gestossen! Nieder mit den Barbaren, den Plünderern Eures
ruhmvollen und klassischen Vaterlandes, den Mördern Eurer Brüder von Scios und
Kydonia. Eure nordischen Glaubensbrüder vergiessen ihr Blut an den Ufern der
Donau für Eure Sache. Seid ihnen und ihrem edlen Kaiser dankbar, aber lasst sie
nicht allein vollbringen, was zu leisten Eure Pflicht ist. Bald wird jener
mächtige Strom die gänzliche Vernichtung der Türkenschaaren sehen. Euer
Kriegsgeschrei sei religiöse Unabhängigkeit! und Ihr werdet gewiss die
barbarischen Moslems überwinden. Traut den Franken nicht und hofft Nichts von
ihnen für Eure Freiheit; sie sind Eure bittersten Feinde und die Freunde Eurer
Unterdrücker. Erinnert Euch, dass die Engländer Parga an die Türken verkauften.
Bedenkt, dass die Kanonen der Engländer wegen des verächtlichen Juden Pacifico
die Häuser Eurer Landsleute im befreiten Griechenland bedrohten. Und noch
schlechter als die Engländer sind die lateinischen Franzosen. Verachtet sie Alle
- zielt wohl auf den Feind! Gott ist mit Euch, und bald werdet Ihr frei sein!
    Aten, den 10. (22.) November.
                                                        Anastasius Caraiskakis.«
    »O, dass ich bei ihm sein könnte, dass wir Schulter an Schulter unser Blut für
die Befreiung des Vaterlandes einsetzen dürften!«
    »Seine Kampfstätte ist am Pindos - die Ihre am Balkan. Dortin ruft Sie das
Vaterland.«
    »Treffen Sie Ihre Anstalten,« sagte mit stolzer Fassung der Sciote, »sein
Ruf wird mich immer bereit finden!«
    Im Schatten der nächsten Nacht verliess zum zweiten Male mit Geurgios und
Vaso Gregor Caraiskakis die Hauptstadt des türkischen Reichs auf dem Wege zur
Donau.
 
                                    Fussnoten
1 Ein anderer Selim als der Kommandant der Arnauten bei Rustschuck. Die
türkischen Namen wiederholen sich sehr oft.
2 Seid willkommen.
3 Die künstige Sultanin Valide, die erste Gemahlin des Sultans durch die Geburt
des Tronerben.
4 Die Brandenburger - die preussischen Instruktoren.
5 Zwischen 10 und 11 Uhr.
6 Matrosen.
7 Schurke.
8 Moschee des Sultans Achmet.
9 Die Schiffswachen sind in je vier Stunden eingeteilt.
 
                                 An der Donau.
                                 1. Die Führer.
Es war in den ersten Tagen des Januar 1854 und die Wintersonne schien glänzend
und heiter auf das prächtige Schauspiel, das sich an beiden Ufern der Donau bei
Widdin, dem Viminacium der Römer, entwickelt hatte. Unterhalb der Stadt, die mit
ihren 25 Minarets von alten Festungswerken umgeben sich dicht am Fluss
dahinstreckt und auf der weiten bulgarischen Ebene, - nur rechts durch die
Wradamnitza-Gebirge begränzt und links in weiter Ferne durch die dunklen Massen
des Balkan, - einen freundlichen Ruhepunkt bildet für den Blick, führte eine
Schiffbrücke zu der hochgelegenen Smurda-Insel, die jetzt von Batterieen
starrte. Darüber hinaus, über den etwa 300 Schritt breiten, von einer leichten,
aber nicht tragfähigen Eisdecke bedeckten linken Arm des mächtigen Stromes,
verlängerte sich die Brücke bis zum hoch emporsteigenden Ufer von Kalafat, das
gegenwärtig die stärkste Stellung der türkischen Armee bildete und den Russen
den Weg nach Serbien sperrte.
    Wir haben bereits erwähnt, dass die Russen einen grossen strategischen Fehler
begingen, als sie den Uebergang der Türken bei Widdin und ihre Festsetzung in
Kalafat so leichtin duldeten. Der Fehler rächte sich schwer; denn ihm
hauptsächlich ist es zuzuschreiben, dass die russischen Streitkräfte während des
ganzen Winters und Frühjahrs ihr Augenmerk auf die Sicherung der kleinen
Walachei gerichtet halten mussten und so dem Gegner auf dem rechten Ufer
Gelegenheit gaben, sich zu kräftigen und die Hilfe der Westmächte abzuwarten.
Die Bewachung der Türken bei Kalafat verhinderte fast acht Monate lang alle
Operationen an der untern Donau.
    Die Türken hatten den günstig gelegenen Ort mit einer Verschanzung von circa
6000 Schritt Länge umgeben, die an beiden Enden in einem Fort auslief. Die
Verschanzung bildete nach den russischen Stellungen zu einen vorspringenden
Winkel und war von 600 zu 600 Schritt durch eine mit schwerem Geschütz besetzte,
mit Schanzkörben und Faschinen gegen das Feuer bekleidete Bastion oder Lünette
befestigt. Eine innere Linie von vier Redouten zur Aufnahme der Reserven gab
zugleich eine zweite Verteidigungsfront. Auf einer Anhöhe zur Rechten bestrich
ausserdem eine sehr gut gelegene Redoute die Flanken und auf der Insel, deren
Zugang durch einen Brückenkopf geschützt war, befanden sich vier Batterieen,
jede von vier bis fünf Stück schwerem Geschütz, deren Feuer im Notfall über die
Verschanzungen hinweg trug.
    Die türkischen Vorposten dehnten sich im Halbkreis um die Verschanzungen auf
die Entfernung von zwei bis drei Wegstunden aus und begegneten hier denen der
Russen in täglichen kleinen Scharmützeln.
    Es war am Vormittag grosse Besichtigung der Truppen sowohl in Kalafat als in
Widdin gewesen, und die verschiedenen Corps rückten eben wieder in ihre
Quartiere, ober trieben sich dienstfrei bereits in Gruppen umher. Der Muschir
selbst mit seinem ganzen Generalstabe war seit drei Tagen in Widdin anwesend und
eben im Begriff, wieder abzureisen. Die Masse des Gefolges und die zahlreiche
militarische Begleitung, welche die Strassen um das Konak Said-Pascha's, des
Gouverneurs von Widdin, bei dem der Sirdar sein Quartier genommen, füllten,
erhöhte das bewegte bunte Treiben. Eine Menge Pferde, prächtig gesattelt, wurden
im Konak und vor dem Tor umher geführt, Araba's mit ihrem weissen Ochsengespann
standen zur Seite und die Iastiks in ihrem Innern, wie die Vorhänge, die
sänftenartig das Oberteil umgaben, zeigten, dass sie zur Aufnahme von Frauen
bestimmt waren, während die Arabadschi's mit den Gepäckwagen bereits
vorausgegangen.
    In der Tat führte der Muschir während des ganzen Feldzugs an der Donau
seine jüngste Gattin, eine Deutsche aus Siebenbürgen, und deren Schwester stets
mit sich, indes die Bujuk-Hamnu, die erste Frau, die noch der verstorbene Sultan
ihm gegeben, und deren Hand und Einfluss er hauptsächlich seine glänzende
Laufbahn und seinen Reichtum verdankt, im Serail und den Harems von
Constantinopel, wie wir bereits gesehen haben, seine Interessen wahrte.
    Der Muschir ist in Bezug auf die Frauen ein arger »Gläubiger« geworden, wenn
er auch nicht gerade die schrankenlose Eifersucht derselben teilt. Da der Leser
hier zum ersten Male auf dem Felde unserer Erzählung dieser in den letzten
Jahren so berühmt gewordenen Persönlichkeit begegnet, wird eine kurze Skizze
über sie von Interesse sein.
    Michael Lattas - dies ist der ursprüngliche christliche Name des Muschirs -
ist zu Anfang dieses Jahrhunderts in Illyrien geboren. Er trat in seiner Jugend
in den österreichischen Militairdienst und hatte das Glück, in eine der
militairischen Erziehungsanstalten zu kommen, der allein er seine Ausbildung
verdankt. Als Feldwebel war er in Zengg in das Bureau des Majors Knecicz
kommandiert, der für ihn väterlich sorgte. Hier verwirrte er jedoch die
Kassengeschäfte seines Wohltäters auf die unverantwortlichste Weise, machte bei
einem dem Major nahestehenden Kaufmann in Zara auf seinen Namen Schulden und
entfloh mit dem erschwindelten Gelde nach Banjaluka und Sarajevo, wo er nach
vielfachem Elend Hauslehrer bei dem Pascha wurde. Dort auch trat er zum Islam
über und kam später mit dem Pascha nach Constantinopel, wo er auf dessen
Empfehlung als Zeichner in einer türkischen Militairschule angestellt wurde, und
im Auftrag des verstorbenen Sultans geometrische Wandtafeln für den jungen
Prinzen Abdul-Medjid schrieb. Später wurde er dessen Schreiblehrer und machte,
von dem guten Herzen des jetzigen Sultans mit Wohltaten überhäuft, die
glänzende und rasche Carriere, die ihn an die Spitze der Armee von Rumelien
brachte. Den ersten Ruf gewann sich Omer-Bei 1842 in Syrien als Befehlshaber im
Libanon und dabei trotz seiner grausamen aber notwendigen Strenge eine solche
Popularität, dass die Drusen und Maroniten sich ihn sogar von der Pforte als
Häuptling erbaten. Hier scheint zuerst sein rastloser Ehrgeiz geweckt worden zu
sein, und verschiedene Anecdoten beweisen, wie er schon damals den ganzen
verschlagenen und dennoch heftigen Charakter des Orientalen sich angeeignet
hatte. Wir wählen eine unter den vielen.
    Omer befand sich zu Deir-el-Kamar, im berühmten Palast des Emirs Bechir:
Betteddin, als er von einem der trotzigsten und mächtigsten Scheiks des Libanons
besucht wurde. Während der Unterredung erhält Omer ein Schreiben des Pascha's,
das ihm befiehlt, eben diesen Scheik festzunehmen und nach Beirut zu liefern.
Der Bei verlässt nach einer Weile das Gemach, um ein Geschäft zu besorgen, und
als er zurückkehrt, gewahrt er mit Erstaunen die veränderte und ängstliche
Haltung seines Gastes. Ein Blick auf den Divan belehrt ihn, dass er den Befehl
des Pascha's dort liegen gelassen und der Druse, da Zartgefühl eben nicht die
schwache Seite der Orientalen ist, denselben gelesen hat. Der Bei ist schnell
gefasst. Indem er mit dem Gast ruhig die Unterhaltung fortspinnt, lässt er sich
Schreibgerät bringen, und entwirft auf seinen Knieen einen Brief an den Pascha,
in dem er den Scheik als ganz ungefährlich und zu einem Freunde der Regierung
bekehrt schildert, den er zu einem wichtigen Amte bestimmt habe. Das Schreiben
wiederum geschickt zurücklassend, entfernt er sich nochmals unter einem Vorwand,
und als er wiederkehrt, findet er seinen Gast aufgeheitert und vollkommen
beruhigt. Der Drusenhäuptling, auf die Heiligkeit der orientalischen
Gastfreundschaft bauend, entlässt unbesorgt seine starke Eskorte aus dem Konak,
speist mit dem Bei und schläft unter seinem Dach. Am andern Morgen, als er
fortreiten will und schon den Fuss im Steigbügel hat, wird er plötzlich von den
Wachen, die Omer über Nacht genügend verstärkt hatte, festgenommen und nach
Beirut an den Pascha ausgeliefert, der ihm den Kopf abschlagen liess.
    Wegen seiner Haltung im Libanon zum Pascha ernannt, wurde Omer als solcher
nach Albanien und später nach Kurdistan geschickt, um die ausgebrochenen
Aufstände zu unterdrücken. Er tat es mit eiserner und blutiger Strenge und galt
von dieser Zeit an am Hofe von Stambul als einer der zuverlässigsten und
geschicktesten Diener. Als im Jahre 1848 die Revolution in Bukarest ausbrach,
Fürst Bibesco floh und Soliman-Pascha die Bewegung nicht zu unterdrücken
vermochte, wurde im September der Gross-Referendar Fuad Effendi als
Civil-Commissarius und Omer-Pascha als Befehlshaber des Heeres entsandt, das mit
den Russen gemeinschaftlich die Fürstentümer besetzte.
    Omer-Pascha hatte damals die erste Gelegenheit, die russischen Truppen in
der Nähe zu beobachten. Nur von seinem rastlosen Ehrgeiz gespornt, bot er, ganz
gegen die geheime Politik seiner Regierung, den Russen, als General Lüders in
Transsylvanien einrückte, um die ungarische Revolution zu bekämpfen, seine Hilfe
dabei an, und nur die eifrigen Bemühungen Fuad's vermochten ihm das Törichte
dieses Schrittes endlich klar zu machen. So fort sprang er zum andern Extrem
über, und während er seine erste Gattin nach Constantinopel sandte, um allen
Folgen seiner unüberlegten Politik vorzubeugen, begann er ganz offen seine
Feindseligkeit gegen die Oesterreicher und selbst gegen die Russen an den Tag zu
legen. Diese wurde noch mehr durch die Vernachlässigung erhöht, welche
Oesterreich gegen ihn zeigte, indem es ihn bei den zahlreichen
Ordensverteilungen überging. Dafür rächte er sich durch die willigste, ja
ehrenvolle Aufnahme der ungarischen Flüchtlinge, als deren Beschützer und Freund
er sich von jetzt ab öffentlich zeigte. Ungarn, Deutsche und Polen strömten in
Bukarest zusammen und schworen daselbst in dem von Omer bewohnten Palast
öffentlich ihren Glauben ab. Jeder der Neubekehrten erhielt drei Dukaten in dem
Augenblick, wo er den Fez aufsetzte. Aus den gewandtesten Offizieren bildete
sich Omer eine Umgebung, auf die er sicher zählen konnte und die bald die
Aufmerksamkeit Russlands und Oesterreichs erregte. Wir haben in einem früheren
Abschnitt unseres Buche gesehen, dass Oesterreich im Frühjahr 1853 aus der
Flüchtlingsfrage die ersten Veranlassungen zu seinem Auftreten in Constantinopel
nahm.
    Dem Skandal in Bukarest, während dessen Fuad bereits als Gesandter nach
Petersburg gegangen war, machten endlich die Vorstellungen des französischen
General-Consuls ein Ende. Eine Menge Generale und höhere Offiziere aus den
bekanntesten Adelsfamilien Ungarns und Polens hatten den Turban genommen. Omer
selbst gab ihre Zahl auf 72 an - dazu 6000 Soldaten.
    Die spätere Laufbahn Omer's ist bekannt. Zum Muschir (Titel aller
Staatsminister, - Feldmarschall) von Rumelien und im April 1850 zum
Militair-Gouverneur von Bosnien und der Herzegowina ernannt, unterdrückte er mit
der furchtbarsten Strenge und einer Grausamkeit, die mit den älteren Zeiten der
türkischen Herrschaft wetteifert, die nationalen Bestrebungen der
muselmännischen Bosniaken und Bulgaren, wobei ihm seine Umgebung von dreissig
früheren ungarischen und polnischen Offizieren an die Hand ging, nachdem
Tahir-Pascha, der bisherige Civil-Gouverneur von Bosnien, durch Gift beseitigt
worden. Iskender-Bei - der Pole Ilinski - war dabei einer seiner tätigsten und
glücklichsten Helfer. Nachdem die Rebellion der Bei's von Omer völlig
unterdrückt worden, - die Details würden über den Raum dieser Blätter gehen, -
erfolgte im Anfang des Jahres 1852 die Entwaffnung der bosnischen Christen, bei
der die scheusslichsten Grausamkeiten verübt wurden. Nach Constantinopel
zurückberufen, wurde der Muschir zwar für einige Zeit in Folge der gegen ihn
erhobenen Anklagen ausser Tätigkeit gesetzt, doch schon das Frühjahr 1853 führte
ihn wieder mit vermehrter Macht auf den Schauplatz und gegen die Montenegriner,
wo wir seinem Auftreten zuerst in unserem Buche begegnet sind.
    Es ist unzweifelhaft, dass schon seit seinem ersten Zusammentreffen mit den
Russen an der Donau im Jahre 1849 der Muschir für seinen Ehrgeiz auf einen
grossen Krieg mit diesem Erbfeinde seines neuen Vaterlandes rechnete. Von jener
Zeit ab stand er im Divan fortwährend auf der Seite der Kriegspartei und war
trotz seiner sonstigen sehr liberalen Anschauungen und Gewohnheiten auf das
Engste mit der alttürkischen Fraction verbunden. Die bald nach Beginn des
Krieges in Constantinopel verbreitete Geschichte von einem Vergiftungsversuch
gegen Omer und die wiederholten Drohungen der Alttürken bei den Aufständen der
Ulema's und Softa's, dass der Sirdar mit der Armee gegen Constantinopel rücken
werde, wenn der Krieg nicht seinen Fortgang habe, gehören offenbar mit zu seinen
Intriguen. -
    Im Tschardak1 der Lokanda Alexo's des Slowaken standen zwei Männer, beide in
türkischer Uniform, der Eine mit den Tressenabzeichen des Offiziers, der Andere
in dem einfachen blauen Rock mit dem Fess, - ein Hekim-Baschi2 der Armee, Doctor
Welland, den die Ordre seiner Vorgesetzten von Schumla aus nach Widdin geführt
hatte, um in den schrecklichen Lazareten von Widdin, in denen während des
Winters an 10,000 Typhuskranke von den türkischen Truppen starben, Hilfe zu
leisten.
    Der Offizier war ein Jüs-Baschi (Hauptmann) vom 3. Bataillon des 4.
rumelischen Ordu's3, ein Pale von Geburt, Makiewicz, der schon mit Bem
übergetreten war und in der türkischen Armee Dienste genommen. Welland hatte ihn
durch seine aufmerksame Behandlung von einem der schrecklichen Wechselfieber
befreit, die Tausende entnervten, und der Pole, der seinen Dienst noch nicht
wieder angetreten, beobachtete mit dem Arzt das eigentümliche militarische
Schauspiel.
    »Wissen Sie, Doctor,« sagte der Offizier, »dass der Muschir gestern den
Ober-Ekmekschi4 und zwei seiner Gehilfen hat erschiessen lassen? Die Canaillen
verdienten eine zehnfach härtere Strafe, als die ehrliche Kugel; denn ihnen und
diesen schurkischen Lieferanten ist es zuzuschreiben, dass ein Fünftel des Heeres
in den Lazareten liegt, aus denen nur für Diejenigen ein Weg in's Leben
zurückführt, welche unter so freundliche und geschickte Hände geraten, als die
Ihren.«
    »Ich habe davon gehört, und so sehr ich die Sache als Mensch beklage, fühle
ich doch die Notwendigkeit eiserner Strenge und hoffe von der kurzen Anwesenheit
des Muschirs vielfache Reformen und den besten Erfolg. Ich zweifle keinen
Augenblick, dass die Armee bis auf die Baschi-Bozuks herab sich tapfer schlagen
wird, aber die Unglücklichen verkommen an der gränzenlosen Unordnung und
Nichtswürdigkeit, die in allen Teilen ihrer Verpflegung herrscht. Ich habe das
Brot gesehen, das für die Truppen nach Kalafat alltäglich transportirt wird, und
muss gestehen, dass unser Vieh von solcher Nahrung erkranken, würde. Das Mehl ist
mit Rinde, Spänen, Erde und hundert andern eklen Materialien verfälscht; halb
ausgebacken, im Innern ein reiner Brei, kommt es aus den Bäckereien, man wirst
es in die mit schlammigem Wasser halb angefüllten Boote oder auf durchnässte
Karren und bringt es so in's Lager. Die Wenigsten der Soldaten haben während des
ganzen Decembers ein warmes und trockenes Quartier gehabt, die Schuhe faulen an
ihren Füssen. Alles, was sie erhalten, und es ist wenig genug, ist von der
schlechtesten Qualität. Das Lazaretwesen ist in einem so scheusslichen Zustande,
dass selbst das vielbesprochene Betrugssystem unserer Gegner schwerlich solche
Schrecken hervorzubringen im Stande ist. Von Medikamenten ist fast keine Spur
vorhanden, Calomel oft das Einzige, was zu haben ist. Und das ärztliche Personal
- dass Gott erbarm'! Ich habe selbst einen Unterarzt und einen Apoteker, die mir
beide gestanden haben, dass sie der Eine ein Schneider, der Andere ein
bankerotter Kaufmann in ihrer Heimat waren.«
    Der Pole lachte.
    »Sie werden noch ganz andere Dinge hier kennen lernen, Doctor. Der Unsinn
mit den Aerzten kommt davon, weil in den Augen der Türken jeder Franke von Natur
aus ein Hekim ist. Und dennoch, trotz der Wahrheit Ihrer Schilderungen, trotz
der Tatsache, dass diese Menschen seit mehreren Monaten keinen Sold empfangen
haben, mit dessen Hilfe sie bei der Geringfügigkeit ihrer körperlichen
Bedürfnisse sich einige Erleichterung verschaffen könnten, ist ihre Aufopferung
und ihre Geduld wahrhaft heroisch und erhaben. Sie ertragen alle diese
Uebelstände mit einer Ergebung, von der unsere europäischen Truppen keine Ahnung
haben würden. Auf dem Schlachtfelde oder auf dem harten Lehmboden des Lazarets,
wo auch der Tod zu ihrem Haupte tritt, sie erleiden ihn ruhig und mutig. Es ist
ihr Kismet, für den Koran zu sterben, was kümmert es sie, ob es durch die Kugel
oder die Krankheit geschieht!«
    Der Arzt hatte die Erfahrung selbst an hundert Sterbelagern gemacht; - es
ist erhaben und empörend, mit welcher Gleichgültigkeit der Orientale das schwere
Geschäft des Sterbens betrachtet.
    »Doch lassen Sie uns den Weg hinauf zur Festung gehen,« unterbrach Makiewicz
ihre Betrachtungen. »Der Kriegsrat scheint beendigt und der Zug des Muschirs
sich in Bewegung zu setzen. Sobald er über die Schanzen der Irregulairen hinaus
ist, wird es hier voll genug werden.«
    Die Beiden, denen sich noch einige andere Offiziere anschlossen, verliessen
den Tschardak und gingen durch die traurigen Gassen der Stadt, die bei
schlechter Witterung einer grossen Kloake gleichen und von mephitischen Dünsten
erfüllt sind, nach der Festung, die durch einen Graben von der Stadt abgesondert
ist und in der das Serai des Gouverneurs liegt. Hier auf einer Erhöhung postirte
sich die Gesellschaft und sah den Zug herankommen.
    Eine Abteilung der türkischen Husaren eröffnete denselben, ihnen folgte der
Muschir mit seiner zahlreichen Begleitung zu Pferde, der sich die Führer der
Armee von Kalafat und Widdin angeschlossen. Omer-Pascha steht jetzt im Anfang
der Fünfziger. Es ist von mittlerer, etwas gedrängter Gestalt, sein Gesicht ist
nur durch den scharfen unruhigen Ausdruck der Augen von Bedeutung. Seine
Manieren sind leicht und sicher und seine Lebendigkeit durchbricht häufig die
Schranken der orientalischen Ruhe, die er sich anzueignen gesucht. Im Ganzen
lässt sein Äußeres den Mann von Bedeutung und Tatkraft nicht verkennen. Er
spricht mit Geläufigkeit türkisch, italienisch und französisch und selbst
ziemlich gut das Deutsche.
    »Sie würden mich verbinden, Kamerad,« sagte einer der jungen Offiziere, ein
Sardinier, der erst am Tage vorher von Constantinopel eingetroffen war, »wenn
Sie mich etwas mit den Persönlichkeiten bekannt machen wollten.«
    »Sehr gern, Kamerad. Da an der Spitze reitet der Muschir, den Sie bereits
bei der Parade kennen gelemt. Ihm zur Seite, der Alte auf dem schönen Araber,
ist Sami-Pascha, der Gouverneur dieses schmuzigen Nestes. Pferde und Oglans5
sind sein Luxus; er hat Geld genug dazu zusammengescharrt. Er ist ein Grieche
von Morea und kam als Kind nach Stambul, wo ihn Mehemed Ali, der Vicekönig, zur
glückseligen Würde seines Oglan erhob. Als der schlaue Fuchs, den sein Herr zu
allerlei Aemtern verwandte, endlich merkte, dass es mit seinem Gebieter zu Ende
ging, brachte er seinen Reichtum in Sicherheit und ging nach London, wo er
lange den Stutzer gespielt hat. Auch in Paris hat er sich durch seine Avantüre
mit einer schönen Jüdin bekannt gemacht, und als er nach einigen Jahren nach
Stambul zurückkehrte, gewann er sich durch seinen Verrat an Mehemed das
Paschalik von Trapezunt und später von Larissa. Vor vier Jahren wurde er endlich
hier in Widdin der Nachfolger Hussein's, des Janitscharentödters, und chikanirt
seitdem die Oesterreicher, hält auf seine alten Tage ein Harem, von dem man
Wunderdinge erzählt, und ist der schlaueste alte Hund, den ich noch gekannt
habe!«
    »Sie schildern in scharfen Zügen,« lachte der junge Mulassim6. »Aber der
General oder Pascha an der Rechten des Muschirs?«
    »Das ist Achmet-Pascha, Ihr künftiger Oberbefehlshaber, denn der Sirdar hat
seinen General-Stabs-Chef, Allah sei's geklagt, nun einmal dazu gemacht, obschon
wir unter ihm Nichts als Feiertage haben. Er machte seine Studien auf der
Ingenieurschule zu Wien und ist ein ganz einsichtsvoller Türke, versteht aber
vom Feldlager Nichts. Es wäre nicht auszuhalten, wenn Ismaël-Pascha ihn nicht
manchmal in Bewegung setzte. Ich denke immer, der Muschir hat ihn deswegen an
seine Seite gestellt. Sehen Sie den stolzen Mann da auf dein Rappen, dem
einzigen in der ganzen Schaar, - sein Blick scheint Feuer zu sprühen, und das
tscherkessische Blut in seinen Adern zeigt sich bei jeder Bewegung. Schaut er
nicht aus wie ein König unter diesen schmuzigen Moslems?«
    Der Doctor lachte.
    »Aber Sie sind ja selbst ein solcher geworden, und die halbe Begleitung des
Muschirs besteht aus Männern, die den Koran der Bibel vorgezogen haben!«
    »Bah! Das ist auch der einzige erträgliche Teil der Gesellschaft. - Da,
gleich hinter dem Muschir, sehen Sie den Ferik7 Mustapha-Pascha, die Livas8
Osman-Pascha und Mehemed-Pascha und Nefwik-Bei, Omer's Neffe, ein kecker Bursche
mit seinen Jägern.«
    »Und Graf Ilinski - ich wollte sagen Iskender-Bei, der berühmte Anführer der
Irregulairen?«
    »Da kommt er eben hinterdrein gejagt, als sässe der Teufel hinter ihm im
Sattel oder als gälte es, eine Bank von zwanzigtausend Piastern zu sprengen. Er
reitet wie ein Kosak und ist am Ende auch einer, nach seiner tatarischen
Physiognomie und seinen boshaften Augen zu urteilen. Aber für das Gesindel, das
er kommandiert, ist er unbezahlbar. Ich möchte wissen, wie wir mit dieser
Sammlung von Spitzbuben, Meuchelmördern und Fanatikern fertig werden sollten,
wenn wir Iskender-Bei nicht hätten, und seine beiden trefflichen Adjutanten,
Hidaet-Aga und den Arnautenführer Jacoub-Aga.«
    Er wies auf die Reiter.
    »Sind sie geborene Türken?« fragte, der Sardinier.
    »Den Teufel auch! Lassen Sie Beide die Beleidigung nicht hören, sonst müssen
Sie vor die Klinge. Es sind Landsleute von mir, wenn ich auch nur den polnischen
Namen des Einen kenne. Constantin von Jakoubowski aus dem Grossherzogtum focht
bei Grochow und Ostrolenka, und lebte dann mit Mickiewicz in Paris. In Lemberg
im Jahre Achtundvierzig gefangen und amnestirt, ging er nach Italien und half
Rom verteidigen. Vom den Franzosen von dort vertrieben, hatte er gerade noch
Zeit, zu Bem zu stossen, als der alte Held nach der Walachei zog und vor
Halim-Pascha die Waffen streckte. Seitdem steht er in türkischem Dienst und
machte mit Omer die Feldzüge in Bosnien und Montenegro mit. Sie sollen ein Mal
sehen, wenn er seine Arnauten mit blanker Klinge in's Gefecht fuchtelt. Die
Russen haben ihr Lebtag nicht so viel Schläge bekommen, und als kürzlich ein Mal
bei einem Begegnen der Vorposten Jacoub'a9 den Kosaken zurief, sie sollten zu
den Türken desertiren, bei uns hätten sie's besser und keine Schläge, lachten
die Kerls ihn aus und riefen: Du lügst, wir haben selbst gesehen, wie Du prügeln
kannst!«
    Die Gesellschaft lachte über die Anecdote.
    »Wer ist Hidaet-Aga?« fragte der Doctor weiter.
    »O, diesen eben kenne ich nicht und weiss nur, dass er ans einer vornehmen
polnischen Familie stammt. Er hat so viel von seinem Vermögen aus dem
Schiffbruch der Revolution gerettet, dass er sich im Rosengarten Adrianopel einen
ziemlichen Landstrich kaufen konnte und dort in Ruhe lebte. Nur die Freundschaft
für Iskender-Bei hat ihn wieder unter unsere Fahnen gezogen und er dient ohne
Sold als Freiwilliger, um, wie er sagt, an den Russen eine alte Scharte
auszuwetzen.«
    »Und der Reiter dort in der roten Uniform mit dem geschlitzten blauen
Dolman, der Bärenmütze und dem Halbmond daran?«
    »Hei, das ist der Kolassi10 Wersbitzki, der Kommandant der türkischen
Kosaken, des tollen Corps, das unsere Rechtgläubigen so sehr verabscheuen. Er
reitet neben Depuis, dem Franzosen, und dem Juden Osman'a, dem Adjutanten des
Muschirs, einem reichen Banquierssohn aus Temeswar, der gestern die Depesche aus
Schumla brachte und den Weg von hundert Stunden in zwei Tagen zurückgelegt hat.
Freilich jagte er zwei Pferde zu Tode und das dritte hat er die Nacht verspielt.
Wersbitzki hat ihm ein Beutepferd auf Wechsel verkauft, da der alte Jude, sein
Vater, noch immer richtig honorirt hat.«
    »Aber wer ist der Offizier dort in der fremden Uniform, der neben Lord
Worslei und Capitain Baturst reitet und mit Herbert Wilson spricht?«
    »Ich kenne ihn nicht,« entgegnete der Pole.
    »Da kann ich Auskunft geben, denn es ist ein Landsmann, Oberst Graf Pisani.
Ich focht unter ihm bei Novara und seiner Empfehlung verdanke ich die Anstellung
in Ihrer Armee.«
    »Ist er mit dem Muschir gekommen?«
    »Nein, er hält sich seit einigen Tagen bei Sami-Pascha auf, um wichtige
Nachrichten abzuwarten, und wird, wie er mir bei meiner Ankunft sagte, noch
einige Zeit hier bleiben.«
    »Es scheint, der Muschir lässt ihn eben zu sich rufen, er reitet vorwärts.
He, Hussein'a,« rief er einen jungen Genie-Offizier an, der eben in ihrer Nähe
vorüberritt. »Wie steht's mit dem Kriegsrat, ist der Angriff gegen Krajowa
endlich beschlossen?«
    »Salem, Jüs-Baschi Mackiewicza,« gab der junge Muselmann zur Antwort; »ich
glaube, wir werden selbst von den Moskows aus den Schanzen gejagt. Sie rücken
vor und befestigen sich drei Stunden von unsern Vorposten.«
    Die Nachricht erweckte allgemeines Interesse, das nur auf kurze Zeit
unterbrochen wurde, als die Araba's11, von schwarzen Sclaven begleitet, mit den
Frauen des Sirdars in einiger Entfernung dem Zuge folgten.
    »Voilà Madame la Maréchale!« sagte lachend der Capitain, denn so liess die
jüngste Gattin des Muschirs sich nennen, als sie noch nach europäischer Sitte
unverschleiert in den Gesellschaften erschien. Omer, der bis auf die
Bujuk-Hanum, die Sultan Mahmud ihm gegeben, seine Frauen schon mehrmals
gewechselt und weggejagt, oder durch den Tod verloren hatte, besass 1849 in
Bukarest ein Töchterchen, Emine, von 5 oder 6 Jahren, das er sehr liebte. Da er
dem Kinde Musikunterricht geben lassen wollte, wurde ihm eine junge Sächsin aus
Kronstadt empfohlen und bei ihm aufgenommen. Ohne schön oder interessant zu
sein, verstand sie doch bald, den Muschir zu fesseln, und aus der Lehrerin wurde
seine Frau: Zuerst trat sie wie, wie erwähnt ganz nach europäischer Sitte und
mit grossem Glanz auf, als sie jedoch während des gegenwärtigen Krieges Omer
wieder nach der Donau begleitete, hatte sie bereits völlig die türkischen
Gebräuche angenommen und erschien nur tief verschleiert und von Eunuchen
umgeben. -
    Der Zug war vorüber und die kleine Gesellschaft kehrte daher nach dem
Tschardak des Gastauses zurück, wo sich gewöhnlich die europäischen und selbst
viele türkische Offiziere zu versammeln pflegten, obschon Alexo, der Wirt, im
dringenden Verdacht als Spion des österreichischen Consuls und der Russen selbst
stand.
    Eine bunte Versammlung hatte bereits das Haus und den Vorplatz eingenommen,
und alle Augenblicke strömten neue Ankömmlinge herbei. Ehe Welland, der in der
Lokanda selbst sein Quartier genommen, noch sein Zimmer betreten, sprengten
zehn, zwanzig Reiter, von der Begleitung des Muschirs zurückkehrend, herbei und
warfen sich vor der Veranda von ihren Pferden. Iskender-Bei war an ihrer Spitze
und stürmte in das Haus.
    »Der Teufel soll mich holen und der Prophet dazu!« schwor der wilde
Reiteranführer, »wenn mir die Kehle nicht trocken ist wie ein ausgedörrter
Schwamm. He, Alexo, Bursche, Wein her, Karten und Würfel, wir müssen nach der
Anstrengung im Divan und den Begrüssungs- und Abschiedsreden eine bessere
Erfrischung haben, als den Kaffee, den der schäbige Filz Sami uns vorgesetzt
hat.«
    Die Renegaten im Heere scheerten sich herzlich wenig um das Verbot des
Korans gegen den Wein, und der edle Ungar, Bordeaux und Rum flossen in Strömen,
wenn sie nur zu haben waren. In der Lokanda des Alexo fehlte es aber, trotz des
bedeutenden Zuspruchs, nie an dem Rebensaft, da er durch die Vermittelung seines
Gönners, des österreichischen Generalconsuls, regelmässige Ladungen von Orsova
erhielt. Dafür wanderte jede Kunde, die der Wein von den Lippen seiner Gäste
gelöst, alsbald auch in's Haus des Agenten.
    Mit der edlen Ungenirteit des Orients und des Lagerlebens war alsbald - da
alle anderen Räume des Hauses gefüllt waren, - das grosse Gemach, das Welland im
oberen Stock bewohnte, von der wilden Gesellschaft in Beschlag genommen, und
während der Wirt hin und her eilte, die Gäste mit Getränken zu bedienen,
klapperten auf dem Tische bereits die Würfel und flogen nach rechts und links
die Karten im Hazard.
    Iskender-Bei war ein überaus eifriger und wagender Spieler, und seine beiden
Freunde und Adjutanten gaben ihm wenig nach. Die Moslems selbst sind keine
Freunde des Spiels, sie sind zu geizig dazu.
    Während die fremden Offiziere den Weinflaschen zusprachen, oder dem
stärkeren Rum, hielten sich die geborenen Türken an den letztern, den sie wie
den Slibowitza12 aus Kannen und Biergläsern durch die Kehle giessen. Der Prophet
hat ja nur den Wein verboten, und auch dies Verbot wird jetzt selbst ziemlich
öffentlich missachtet, wie bei uns die Juden den Schinken verspeisen.
    »Nun, Doctor,« sagte Jacoub-Aga, der die Bank hielt, »wollen Sie denn nicht
ein Mal Ihr Glück versuchen? Zum Teufel mit der Kopfhängerei, leben Sie dem
Vergnügen, Sie werden der traurigen Beschäftigung des Arm- und Bein-Abschneidens
genug haben, ehe zwei Mal vierundzwanzig Stunden vergehen.«
    »Ich hörte bereits davon, Kolassi,« fragte der Arzt. »Hat man nähere
Nachrichten?«
    »Die Russen kriechen endlich aus ihren Mauselöchern,« lachte der Bei. »Ihre
Tirailleurs stehen bereits bei Ezetate und ich glaube, sie haben Lust, sich dort
festzusetzen.«
    »Werden wir angreifen?«
    »Versteht sich! Morgen rücken wir aus - aber Sebal cie pies! der heutige Tag
gehört noch uns. Nur Wersbitzki muss diese Nacht bereits fort, um zu
recognosciren; das hat der Narr davon, dass er den Koran verachtet!«
    »Vorsichtig,« mahnte Hidaet-Aga; »der slavonische Spitzbube macht sich
fortwährend hier zu schaffen und lauscht auf jede Sylbe!«
    »Torheit!« höhnte der Bei; »Alexo weiss die Sache besser wie wir. - Drei
Dukaten auf die Dame!«
    Ein Reiter sprengte unten vor das Haus und stürmte die Treppe herauf.
    »Osman-Aga? welcher Dämon führt Sie zurück?«
    »Mashallah, Inshallah, Bismillah und alle Allah's daneben, denn ich bin ein
gläubiger Moslem und kein Jude mehr,« lachte der Wildfang. »Der Muschir ist ein
prächtiger Mann, er hat mich wieder zurückgeschickt, um ihm nach dem Angriff
weitere Kunde nachzubringen. Hussah! Wein her! Wer hält die Bank? ich muss meine
Uhr und meine Ringe von dieser Nacht zurückgewinnen!«
    »Ich gebe Revange,« sagte der Bei und nahm die Karten. »Ah, sieh da, Graf
Pisani! willkommen, Herr Kamerad, bei unserer Unterhaltung. Ich fürchtete schon,
Sie liebten weder Spiel noch Wein und belagerten nur das Haremlik des würdigen
Sami's.«
    »Ich überführe Sie von Ihrem Irrtum, Graf,« entgegnete der Oberst, der eben
eingetreten war, und warf eine Börse mit Gold auf den Tisch. »Fünf Doublonen auf
den Buben hier!«
    »Wahrhaftig, der Bursche hat gewonnen. Was, ein Paroli? ich sehe, Sie
verstehen die Sache.«
    Das Spiel nahm seinen Fortgang. In allen Ecken des Zimmers lärmte eine
Gruppe. Französisch - Türkisch - Italienisch - Polnisch - Ungarisch und alle
slavonischen Sprachen flossen in der Unterhaltung bunt durcheinander. Welland
hatte sich längst darin ergeben, für den Abend und die Nacht auf die Ruhe
verzichten zu müssen, dergleichen kam so oft vor, und unterhielt sich auf der
Gallerie vor den Fenstern mit Capitain Maxwell und Master Godkin, den beiden
Berichterstattern der Daily niews und des Morning Chronicle, ehe er seinen
Abendbesuch im Lazaret machte.
    Alexo, der Wirt, hatte neuen Bordeaux auf den Tisch der Spieler gepflanzt
und dabei war ein bedeutsamer Blick des Sardiniers dein seinen begegnet. Der des
Wirtes bejahte und deutete nach der Tür.
    »Geben Sie mir jetzt die Bank,« erklärte Pisani und legte seine Uhr neben
sich. »Ich bin Ihnen Revange schuldig und werde sie dreissig Minuten halten, aber
keinen Augenblick länger, denn ich habe noch einige Geschäfte. Heran, meine
Herren, faites vôtre jeu!«
    Die Offiziere spielten eifrig weiter, denn der Sardinier war im Glück und
hatte bereits einen Haufen von Gold und Kaïmels13 vor sich gehäuft. Osman'a, der
Jude, sah mit leidenschaftlichen Blicken und vom Wein erhitztem Gesicht dem
Spiele zu. Er hatte schon Alles bis auf das goldgestickte Sattelzeug seines
Pferdes, selbst seinen mit den schweren Goldschnüren pikeschenartig gezierten
Rock der türkischen Husaren, deren Corps er angehörte, verloren.
    »Wollen Sie einen Wechsel auf hundert Dukaten von mir annehmen, Herr Graf?«
fragte er endlich hastig. »Mein Vater ist Banquier in Temeswar und wird ihn
einlösen, wie meine Kameraden mir bezeugen können.«
    Der Sardinier verneigte sich höflich.
    »Ich zweifle keinen Augenblick daran, mein Herr, aber ich mache nie
dergleichen Geschäfte.«
    »Alexo! Schurke, hierher! Zum Henker, wo steckt der Spitzbube?«
    Der Slavonier schoss herbei.
    »Befehlen die Herren frisches Getränk?«
    »Unsinn, Kot! Du sollst mir einen Wechsel discontiren; ich weiss, Du hast
Geld, wenn Du nur willst.«
    Der Slovake wand und krümmte sich wie ein Wurm. Er wusste sehr gut, dass der
Adjutant ihm sicher war, aber er hatte ihm bereits, wenn auch zu den höchsten
wucherischen Zinsen, am Tage vorher ein Darlehen gemacht.
    »O, Aga,« sagte er, »ich bin ein armer Mann und habe bereits zwei Wechsel
von Euch in Händen. Wo soll ich all' das Geld hernehmen?«
    »Schäbiger Lump!« fluchte der Wüstling. »Wir Alle wissen, Du kannst halb
Widdin auskaufen, so viel hast Du schon an uns verdient. Ich gebe Dir mein Wort,
Du sollst Dein Geld wieder erhalten, noch ehe ich das Nest verlasse. Ich werde
morgen zu den Juden gehen und Geld schaffen.«
    »Könnt Ihr mir nicht lieber ein Unterpfand geben, Aga? ich bin ein armer
Mann und muss mich sicher stellen. Seine Hoheit der Vali14 gönnt mir ohnehin kaum
das Leben.«
    »Bah! ich habe Nichts, meine Ringe sind fort, meine Uhr auch. Willst Du mein
Patent?«
    »Was tue ich mit Eurem Patent? das lasst Ihr im Stich, jeder Mann weiss, dass
Ihr der Offizier Seiner Excellenz des Muschirs seid.«
    »Nun, Schuft von einem Slavonier,« sagte der Leichtsinnige, in seiner
Brieftasche kramend, »hier ist was Besseres, das ich höchstens auf einige Tage
entbehren kann. Die Generalordre des Muschirs zum Durchlass auf allen Posten und
zur Lieferung von Pferden. Ohne dies Papier kann ich nicht von der Stelle; ist
Dir das sicher genug?«
    Graf Pisani hatte, während die Uebrigen, unbekümmert um die gewohnte
Verhandlung, fortpointirten, mit halbem Ohr auf das Gespräch gelauscht. Sein
rascher bedeutsamer Blick traf gedankenschnell den Slavonier und winkte ihm,
zuzuschlagen.
    »Bei den heiligen Märtyrern, an die Ihr nicht glaubt, Aga,« schwor der
Wirt, »ich muss Euch anvertrautes Gold geben und tue es bloss auf Euer ehrliches
Gesicht. Lasst das Papier da, Aga, und Ihr braucht Euch nicht zu eilen, ich
verwahre es sicher und hoffe, Ihr werdet mich bei den Zinsen nicht vergessen!«
    Der junge Tollkopf folgte dem schlauen Händler aus dem Gemach. Wenige
Minuten nachher erschien er wieder am Spieltisch, die Taschen voll Gold, und von
den Genossen jubelnd begrüsst.
    Die Dukaten rollten. Mit beiden Händen auf den Tisch gestemmt, folgten
Iskender-Bei und Osman-Aga den Chancen des Spiels. Die Augen funkelten - wilde
Ausrufe und Verwünschungen - das triumphirende Lachen des Gewinns klang von
ihren Lippen - nur der Sardinier spielte wie ein Gentleman.
    Osman'a verlor - der kühne Führer der Baschi-Bozuks triumphirte im Gewinn.
    »Fünfzig Dukaten!«
    Der junge Verschwender schob den ganzen Rest auf das Coeur-Ass.
    »Schwarz! Auf den Buben, Kamerad!« rief der Bei.
    Die Karten fielen rechts und links - Rot hatte verloren, Schwarz gewonnen.
Mit einem grimmigen Fluch hob der Adjutant die nächste Flasche an den Mund und
trank sie bis zum Boden leer, Iskender-Bei aber zog das Gold zu seinem Gewinn.
    »Wein, Alexo, Champagner! Noch eine Taille, Kamerad?«
    Aber der Graf hatte sich bereits erhoben und hielt ihm die Uhr vor.
    »Die Zeit ist um, Herr Graf, ich cedire dem Nächsten. - Viel Vergnügen,
meine Herren, mich rufen noch Geschäfte; vielleicht find' ich Sie später noch
hier und gebe dann weitere Revange.«
    Er steckte den Goldhaufen, der vor ihm lag, in die Tasche und griff nach dem
Kasket. Aber ein jammerndes Geschrei voll Schmerz und Angst fesselte seinen Fuss
und er blieb ein unwillkürlicher Zuhörer der nachfolgenden Scene.
    Die Tür des Gemachs wurde aufgerissen, ein bulgarisches Weib und ein
Mädchen erschienen auf der Schwelle, weinend und zagend, als sie die vielen
Männer sahen. Aber Doctor Welland, der sie führte, zog sie, ihnen Mut
einsprechend, herein und gerade auf Iskender-Bei zu. Nursah, der schwarze Sclave
des Doctors, hatte das Mädchen an der Hand, dessen Gewand zerrissen war, dessen
langes blondes Haar, häufig eine grosse Schönheit der bulgarischen Frauen, ihr
wirr herab bis fast auf die Knie niederhing.
    »Was Teufel, Doctor, bringen Sie uns da für Gäste? Haben Sie eine Otmitza15
gehalten und Braut und Schwiegermutter zugleich erobert? Herbei mit dem Popen!«
    Die ganze Gesellschaft brach in ein tobendes Gelächter aus, Welland aber
fasste eifrig des Bei's Arm.
    »Helfen Sie den Aermsten, die Schutz bei Ihnen suchen,« bat er; »sie sind
geflüchtet aus ihrem Hause, wo Ihre Baschi-Bozuks Mord und Todschlag üben. Mein
Neger fand die Weiber jammernd vor der Tür der Lokanda und führte sie zu mir.«
    »Bah! was wird es sein? - eine Lappalie - das Volk hier ist an Prügel
gewöhnt! Warum geh'n sie den wilden Teufeln nicht aus dem Wege? ich kann mich
nicht mit der Beschwerde jedes Bauern oder jeder Dirne befassen.«
    Die Baba16 war vor dem Bei niedergefallen und umfasste seine Knie.
    »Was gibt's, Weib?« herrschte er ihr auf Türkisch zu.
    »O Hoheit, sie morden meinen Mann - sie haben meinen Neffen erschlagen und
ermorden sich unter einander!«
    Die Stirn des türkischen Guerillaführers verfinsterte sich.
    »Wer bist Du, Frau? wo ist Dein Haus?«
    »An der Dromoi17, Hoheit, die nach Belgradzik führt, dem Adlernest der
Haiducken. Die Zelte Deiner Krieger liegen keine tausend Gänge davon und mein
Mann hält ein Hane18.«
    »Auf's Pferd, Jacoub'a,« befahl der Bei, »und sieh' zu, was es gibt. Meine
Kopfabschneider sollen dem Volke wenigstens nicht an's Leben kommen, sie werden
morgen bessere Gelegenheit finden, ihre Tollheit zu kühlen. Jage die Hunde in
ihre Zelte und Du, Weib, störe mich nicht länger.«
    Er wandte sich wieder zu dem Spiel, während Jacoub-Aga den Säbel umschnallte
und das Gemach verliess, indem er sich von dem Weibe noch weiter den Schauplatz
des Excesses beschreiben liess. Mehrere der jüngeren Offiziere umgaben die
hübsche junge Bulgarin, die weinend und zitternd sich an den deutschen Arzt
drängte, der sie hereingeführt.
    Im Galopp flog ein Reiter vor das Haus, warf sich aus dem Sattel und man
hörte ihn laut nach dem Bei fragen. Es war bereits dunkel geworden, der
Retraiteschuss der Festung jedoch, der die Tore schloss, noch nicht gefallen.
    Der Führer der Irregulairen beugte sich aus dem Fenster.
    »Was gibt's? wer frägt nach mir?«
    »Der Jüs-Baschi der Kosaken, Mahmud-Aga, lässt melden, dass eine grosse Anzahl
der Irregulairen mit seinen Leuten handgemein geworden ist in einer bulgarischen
Mehana19 an der Strasse nach Nissa. Der Kolassi ist bereits in Kalafat und der
Aga zu schwach, dem Kampfe zu steuern.«
    »Tysiac byci mac mordowalo!« fluchte der Bei in seiner Muttersprache, »das
ist ein Anderes! Zu Pferde, meine Herren, wir müssen die Schufte auseinander
treiben, sonst hauen sie sich gegenseitig in Stücke!« Er sprang die Stiege hinab
und rief unter dem Tschardak nach seinem Ross. Mehrere der Offiziere folgten ihm
- andere blieben ruhig sitzen, dergleichen Auftritte ereigneten sich zu häufig,
um ihre Ruhe noch zu stören. Seine On-Baschi's20 voran, jagte der Bei davon. -
    »Hierher, Excellenz!« flüsterte der slavonische Wirt, indem er die Hand des
sardinischen Obersten berührte. »Folgen Sie mir.«
    Es ist ein eigentümliches Zeichen des militairischen Verhältnisses in der
türkischen Armee, dass ausser dem Dienst es weder Offizieren noch Gemeinen auch
nur einfällt, den Vorgesetzten als solchen und anders, denn als gleichstehenden
Kameraden zu behandeln.
    Die beiden unteren Gemächer, die Küche und die Veranda der Lokanda lagen
voll von Militairs jeder Gattung, zum grössten Teil Renegaten; aber auch die
Moslems kümmerten sich nicht um die Durchdrängenden. Zechend und spielend, von
den Leuten des Kahvedschi bedient, war Alles nur mit dem eigenen Vergnügen
beschäftigt.
    Der Sarde folgte dem Wirt durch den Flur und einen kurzen Gang in ein
anstossendes Hintergebäude und zu einem kleinen leeren Zimmer.
    »Verzeihen, Excellenz,« bat der Slovake, »dass ich Sie hierher führe, aber
nirgends im ganzen Hause ist ein Plätzchen, wo man sich ungestört besprechen
kann.«
    Der Oberst warf das Geld, das er gewonnen, auf den Tisch.
    »Hier ist Etwas für den Brief der Gräfin, den Du mir gestern sandtest, und
die hundert Dukaten, die Du für den Ferman des tollen Aga's ausgelegt. Der
Überschuss ist Dein. Gieb mir das Papier.«
    »Aber wenn der Aga es einlösen will?«
    »Bah! - er denkt nicht daran; ich werde dafür sorgen, dass er Beschäftigung
genug hat. In drei Tagen kannst Du es ausserdem zurück erhalten. Wie steht's mit
meinem Auftrag?«
    »Excellenz Befehle sind erfüllt, aber wie ich die Verhältnisse kenne, wird
mein Plan der einzig ausführbare sein. Ich habe sichere Kunde, dass eine Anzahl
Dorobandschen die Gelegenheit zum Desertiren erlauert. Apollony ist bereit, auf
das russische Gebiet zu gehen und die Leute zu führen; es wird ihnen dabei ein
Leichtes sein, die Gräfin in ihrem Schloss an der Deszneizia aufzuheben und über
die Donau zu bringen. Apollony bürgt mit seinem Kopf dafür, während auch die
keckste Schaar der türkischen Truppen nicht die Hälfte des Weges zurücklegen
würde.«
    Der Graf schwieg, einige Augenblicke nachsinnend.
    »Ist der Mann treu?«
    »Wie Stahl und Gold, Excellenz, ich verschwöre mein Leben für ihn. Er führt
die meisten Ueberläufer.«
    
    »Du weisst,« sagte der Oberst, »dass, wenn die Entführung gelingt, Du 200
Dukaten erhältst und der Walache eben so viel. Betrügst Du mich, - denn ich weiss
sehr wohl, dass Du den Russen eben so gut dienst, wie mir, - so werde ich dafür
sorgen, dass Sami-Pascha Dich eines schönen Morgens an Deiner eigenen Haustür
aufhängen lässt. Führe den Mann zu mir.«
    Der Wirt verschwand und kehrte bald nachher mit einem jungen Manne zurück,
der, obschon in türkischer Offizieruniform, doch nur als Volontair in der Armee
diente, und - ein geborener Walache - durch seine Bestrebungen, seine Landsleute
aufzuwiegeln und auf die türkische Seite herüberzuziehen, sich ausgezeichnet
hatte.
    »Alexo hat Ihnen von dem Unternehmen bereits gesprochen,« sagte der Graf.
»Die eingetretenen Umstände erleichtern die Sache. Das Gut und Schloss der Gräfin
Laszlo an der Strasse nach Radovan liegt zwar zwei Meilen innerhalb der
russischen Linien, doch wird die Gegend morgen von Truppen entblösst sein. Kennen
Sie Schloss Badowitza?«
    »Sehr gut, Aga!«
    »Desto besser; also hören Sie! Die russischen Truppen haben eine Expedition
gegen einen Ihnen gewiss bekannten Punkt, Czetate, etwa drei Meilen oberhalb
Kalafat, unternommen, und werden sich dort festsetzen. Ich bin durch einen Brief
gestern genau unterrichtet worden, dass auch die Detaschements, die in der Nähe
von Tschoroy und der Deszneizia stehen, dahin kommandiert sind, das Gut der
Gräfin Laszlo also ohne namhafte Verteidigung in diesem Augenblicke ist. Alexo,
der Wirt, sagt nur, dass Sie der Dorobandschen, die in jener Gegend stehen,
sicher sind. Wir werden morgen die Russen bei Czetate angreifen. Sie müssen die
Zeit benutzen, um die Gräfin ohne Aufsehen aufzuheben und nach der Donau zu
bringen. Wie Sie über dieselbe gelangen, oder zum Lager von Kalafat, ist Ihre
Sache. Die Dame, die so schonend wie möglich behandelt werden muss und gegen die
ich jede Beleidigung auf das Strengste untersage, wird im Konak Sami-Pascha's
hier in Widdin abgeliefert. Ist dies geschehen, so wird Alexo Ihnen sofort die
versprochenen 200 Dukaten auszahlen. Sagen Sie mir nun, ob Sie sich das
Unternehmen auszuführen getrauen?«
    »Es ist ein Kinderspiel, wenn die Entfernung nicht wäre. Ich muss den Strom
hinabgehen und an einer anderen Stelle übersetzen, was schwierig ist, da überall
noch Eis liegt. Der Weg durch unsere Stellung von Kalafat würde mir einen Tag
ersparen, doch sind die Moslems sehr misstrauisch und ihre Linien stark besetzt.«
    »Werden Sie durch die Vorposten der Russen nicht gefährdet sein?«
    Der Walache lächelte spöttisch.
    »Ich besitze genügende russische Papiere - für Gold ist da drüben Alles zu
haben - und kenne überdies die Gegend genau.«
    »So kann ich Ihnen die Mittel geben, zu jeder Zeit und wie Sie es für gut
finden, bei den türkischen Posten während der nächsten drei Tage aus- und,
einzupassiren, ja überall die nötige Hilfe sich zu sichern. Hier ist eine Ordre
des Muschirs; der Zufall hat mich in ihren Besitz gebracht.«
    Apollony untersuchte das Papier.
    »Betrachten Sie die Sache als abgemacht, Herr. Spätestens übermorgen Abend
ist die Dame im Haremlik des Gouverneurs, oder ich habe meinen Kopf verspielt.
Aber ich muss etwas Geld im Voraus haben.«
    »Alexo wird Ihnen fünfzig Dukaten geben. Noch Eins; - die Gräfin muss die
Leute entweder für ein türkisches Streifcorps oder für Ueberläufer halten. Es
kommt nur darauf an, dass ihrer Person Nichts widerfährt, und Gewalt wird sogar
besser sein. Etwas Schrecken und Angst wird ihr nicht schaden, mit ihrer
Umgebung machen Sie keine Umstände und betrachten sie als Feinde. Unter keiner
Bedingung darf aber die Dame ahnen, dass ihre Entführung von hier aus eingeleitet
ist, keine Sylbe von meiner Person, verstehen Sie wohl?«
    »Ihre Befehle sollen erfüllt werden! Auf übermorgen also.«
    Der Oberst nickte.
    »Gutes Glück! Alexo, gieb ihm das Gold.«
 
                                    Fussnoten
1 Die offene Veranda vor den meisten türkischen Häusern.
2 Arzt.
3 Armeecorps.
4 Bäcker.
5 Knaben, Pagen, aber leider auch zu anderen empörenden Zwecken missbraucht.
6 Lieutenant.
7 Divisions-General.
8 Brigade-Generale.
9 Jacoub-Aga; im Gespräch wird dies häufig apostrophirt.
10 Major.
11 Bulgarische Wagen, gewöhnlich mit Ochsengespann; Arabadschi, die Wagenlenker,
Ochsentreiber.
12 Weisser Fusel aus Pflaumen etc.
13 Türkisches Papiergeld.
14 Gouverneur.
15 Mädchenentführung, unter den Haiducken sehr häufig.
16 Bulgarische Hausfrau.
17 Strasse.
18 Gastaus.
19 Schenkwirtschaft.
20 Unteroffiziere, Ordonnanzen.
 
                                II. Die Völker.
Die Mehana des Bulgaren Gawra befand sich ungefähr zehn Minuten vor dem
südlichen Tor Widdins an der Strasse nach Nissa und Ternowo, der heiligen Stadt
des Landes. Das Celo1, zu dem sie gehörte, lag weiter ab von der Strasse.
Jenseits derselben, hinaus in's Feld nach der Donau zu, erstreckte sich das
fliegende Lager der Baschi-Bozuks, die hier die Reserve für die Garnison von
Kalafat bildeten.
    Die Hane war nicht nach bulgarischer Art gebaut, die ein rundes, bis auf
etwa zwei Fuss vom Boden abstehendes Schobendach zeigt, während das Haus selbst
tief in die Erde gegraben ist und man auf Stufen dazu hinuntersteigt. Sie war
vielmehr nach städtischem Muster eingerichtet, einstöckig und mit einer grossen
gemeinschaftlichen Hoda2 versehen, die zugleich Küche, Wohn- und Gaststube, bis
auf zwei kleine Kammern den ganzen unteren Raum der Umfassungsmauern einnahm,
und nur die vielen weissen, von der Sonne gebleichten und auf Pfähle gesteckten
Ochsen- und Pferdeschädel rings um den Hof verkündeten die bulgarische
Wohnstätte. Ein grosser grüner Busch über der Haustür zeigte die Eigenschaft als
Schänke an, - mehrere nach bulgarischer Weise eingerichtete Ställe - denn jede
Art der Haustiere hat hier ihre besondere Wohnung - umgaben das Hauptgebäude.
    Gawra, der Wirt und Pferdehändler, galt unter seinen Landsleuten für einen
habsüchtigen, aber wohlhabenden Mann, wenn er auch den Gebietern gegenüber
Letzteres auf alle mögliche Weise zu verbergen suchte und die ganze Wirtschaft
daher äusserlich ein verkommenes und liederliches Ansehen zeigte. Der Bulgar
unterscheidet sich im Ganzen sehr zu seinen Gunsten von allen anderen Raçen der
Bevölkerung der transsylvanischen Halbinsel. Er ist fleissig, betriebsam, ehrlich
und unverdrossen. Geschickt zu jedem Handel und Gewerk, zu Ackerbau, Viehzucht
und Industrie, wäre dies Volk unter einer verständigen und milden Herrschaft der
grössten Ausbildung fähig, und ihr Land - an den beiden Abhängen des Balkans alle
Erzeugnisse des europäischen Südens und Nordens vereinigend - besitzt einen
natürlichen Reichtum, wie kein anderes. Während an den Abhängen zur Donau Buche
und Eiche, Platane und Wallnuss die mächtigen Kronen aus den üppigen
Buschpflanzen emporstrecken, der wilde Wein sich um ihre Stämme rankt und die
Täler fette Weidentriften in Unzahl bieten, tront hoch darüber der Felsengrad
des Hämus mit Schluchten und unzugänglichen Bergwänden, in deren Tiefen Schätze
edlen Metalls verborgen sind. Rasche goldhaltige Wässer springen von Fels zu
Fels hinab, zur Donau drängend oder jenseits hinüber zu den Küsten des
herrlichen ägeischen Meers. Der Bär, der Luchs und der Adler hausen auf diesen
Bergen, der Schakal streift hinab zur Ebene und der stattliche Rothirsch mit
dem sechszehnendigen Geweih streicht in zahlreichen Heerden durch die Wälder.
Der Eber wälzt sich im Sumpf, das wilde Pferd galoppirt durch die Ebene. Sieben
Felsenpässe brechen durch die gigantischen Massen der Berge und führen zu seinem
südlichen Hange, - die beiden bekanntesten: das trajanische und das eiserne
Tor, von denen das erste nach Sophia, das andere über Kasanlik und Schumla nach
Varna und dem Schwarzen Meere mündet, - zur Landschaft Zagora, die sich vom
Meeresstrande bis zum Berge Atos erstreckt, die reichste üppigste Provinz der
Türkei.
    Wie, wenn man aus dem nördlichen Deutschland kommend, die Felsenmauer der
Alpen bei Botzen überstiegen hat und von Meran hinunterschaut auf die Fluren der
Lombardei - gleich mit einem Zauberschlage eine andere Zone dem Pilger
entgegenweht, so auch an den Felsenpässen des Hämus. Die volle südliche
hesperische Natur umgibt den Wanderer, - die Olive mit ihrem dunklen feuchten
Grün, - die Feige, die Cypresse und Platane, - der Oleander aus zackigen
Felsspalten, an deren Wand sich der Wein und die Melone rankt! die Orange duftet
und der Südwind, der aus der Bai von Enos an der grünen Maritza herauf über die
tracischen Ebenen streicht, trägt ihm die wonnigen Düfte der weiten Rosenfelder
von Edrene entgegen. Ueber die endlosen Ebenen mit dem hohen Gras und den
goldenen Getreidefeldern - nur unterbrochen von den Hunka's3 der pelasgischen
Vorzeit, dem spitz emporspringenden Minaret oder der byzantinischen Wölbung
einer verfallenden christlichen Kapelle - streift tagelang der Reiter, einsam
und allein mit Alogon4, dem stummen Freunde. Zahlreiche Städte bevölkern das
herrliche Land, aber ausserhalb ihrer schmuzigen Ringmauern ist Alles eine
poetische Wüste. Wo der Griechen-Slawe allein wohnt, ist er noch schutzloser der
Willkür seiner Herren preisgegeben.
    Die Tätigkeit und Betriebsamkeit, welche dem Bulgaren innewohnt, hat ihn,
die Maritza entlang bis zu den Küsten des ägeischen Meeres, bis an die Tore
Constantinopels getrieben. Ueberall ist er Ackerbauer, Viehzüchter, Fabrikant,
Handwerker und Kaufmann, und es liegt eine unermessliche Quelle von Civilisation
und Wohlstand in diesem demütigen, sinnenden und empfänglichen Volke. Still
beugt es seinen Nacken unter dem drückenden Joch des Spahi's, der von seinem
Fleisse prunkt, seine Töchter entführt und seinen Glauben verhöhnt, und die
traurige Klage, die seines Herzens tiefsten Kummer dem selten das Land
durchpilgernden Fremdling öffnet, ist der kindlich naive Ruf: »Du bist
glücklich, Bruder; in Deinem Vaterlande gibt es Nichts als Bulgaren5!«
    Dennoch ist auch dies demütige gutmütige Volk schon häufig durch die
furchtbare Last der türkischen Misshandlungen emporgerüttelt und ihm die Waffe
zum kräftigen zähen Widerstand in die Hand gezwungen worden. Nur die eigene
Gutmütigkeit und die verräterische Schlauheit der Gegner hat ihm das Schwert
wieder aus der Hand gewunden und das Joch auf's Neue auf seinen kräftigen Nacken
gelegt.
    Die Nation zählt, - wenn man die wirklich von ihr bevölkerten Landstriche
nimmt und nicht bloss das kleine Gebiet des alten bulgarischen Königreichs, dem
die Türken diesen Namen gelassen, - gegenwärtig vier und eine halbe Millionen
Seelen, und man darf annehmen, dass jetzt - wo sich die europäischen Mächte
wenigstens dem Massemorden entgegensetzen werden - die Zahl bald derart wieder
sich vermehren wird, dass sie die türkische Bevölkerung eben durch ihr Gewicht
still und ohne Kampf zurückdrängt. Dass sie trotz der Gräuel, welche noch dies
Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten entweihten, trotz der Ströme
bulgarischen Blutes, die vergossen wurden, diese Ziffer erreichen konnte,
verdankt sie dem Umstand, dass der Osmane die Nation bisher als Christen
verächtlich von seinen Heerzügen ausschloss und dass das Wüten der Pest
hauptsächlich nur die fatalistischen Moslems danieder mähete, während sie die
reinlichen vorsichtigen bulgarischen Landbewohner verschonte. Es ist erwiesen,
dass jede grosse Pest der Türkei fast eine Million Menschen raubt. Die vom Jahre
1838 tödtete in Bulgarien allein 86,000, fast lauter Türken. Charakteristisch
erzählen die Bulgaren, dass der furchtbare »Schwarze Tod« damals durch die
schänderische Gier ihrer Herren entstanden sei. Junge Türken in Bajardzik hätten
sich über den kaum erkalteten Leichnam einer schönen Armenierin geworfen und, an
ihm ihre viehische Gier befriedigend, den Krankheitsstoff in sich aufgenommen
und weiter verbreitet.
    Wir haben gesagt, dass die Bedrückung des Volkes es von Zeit zu Zeit zu einem
kräftigen Widerstand getrieben. Jede Gemeinde hat ihren Spahi oder türkischen
Grundherrn, der sein Spahilik durch den Kiaja oder Stellvertreter verwalten und
durch diesen den Zehenten von allem Besitztum, Getreide, Wein, Früchten und Vieh
erpressen lässt. Nur im Herbst besucht der Türke zuweilen sein Landgut und haust
dann in seiner weissen Kula6, und der Bulgar empfindet nur an den vermehrten
Lasten, an der grösseren Gefährdung seiner Frauen und Töchter die Nähe des
Grundherrn7. Ausser dem Zehenten hat der Rajah dem Spahi einen dreitägigen
Erntefrohn zu leisten. Doch sind das nur die geringeren Lasten, - noch
drückendere legt ihm die Regierung auf. Neben den extraordinairen Erpressungen
der Pascha's muss er den Haratsch - die Kopfsteuer - mit 15 bis 20 Piastern
jährlich für den Kopf, die Poresa oder Grundsteuer, die sich nach alten festen
Sätzen unverändert richtet, und fast für jeden Gegenstand seines Besitzes Steuer
zahlen. Besjetzt der Bulgare Nichts als sein Weib, so muss er für den Niessbrauch
dieses Gutes allein schon mindestens 100 Piaster geben! Ausserdem ist der Pascha
berechtigt, ungemessene Frohnen von jedem Bauer zu den öffentlichen Arbeiten zu
fordern, und diese Dienste nehmen in der Regel mehr als 30 Tage vom Jahre in
Anspruch. Hierzu kommt noch der Gazdalik oder die Verpflichtung, jeden Gast, der
auf einen Ferman oder in kaiserlichen Angelegenheiten reist, zu beherbergen und
zu bewirten. Mit der grausamsten Strenge werden diese Abgaben eingetrieben, und
die Rechte, die der Bulgar dafür gewinnt, sind Null. Seine Dorfkirchen sind
gewöhnlich elende Schuppen oder finstere, halb in die Erde versenkte Grüfte. Es
ist durchaus untersagt, ein Kloster oder eine den Einsturz drohende Kirche
auszubessern, ohne zuvor für schweres Geld die Erlaubnis des Divans erwirkt zu
haben. Neue zu bauen, ist ganz verboten.
    Auf den Hochebenen des Balkans, zwischen Seres und Sophia, Philibeh und
Ternowo, wohnt eine grössere Freiheit, denn die unzugänglichen Schlupfwinkel der
Berge nehmen die Flüchtigen auf, und von den Höhen her beherrschen mit dem
Schrecken ihres Namens die freien Söhne der Bulgarei, - die Räuber des Gebirges,
- die Haiducken, das Niederland. Es gibt wenige zahlreichere Familien, von
denen nicht einige Glieder unter diese Freischaaren gegangen wären; »der Pascha
plünderte mich aus und ich schickte meinen Sohn unter die Haiducken,« sagt
gelassen der Familienvater. Die Haiducken sind der Schrecken der Türken und das
Einzige, was ihre Gewalttaten gegen das Land noch in Schranken hält. Diese
»Freien« verteilen sich in mehr oder weniger zahlreiche Banden unter
Hauptleuten, welche, wie die alten Barone in den Zeiten des Faustrechts, die
Engpässe besetzen, die türkischen Karavanen und die Steuereinnehmer des Landes
entfallen und den Blutegeln den Raub wieder abjagen. Man erzählt Wunder von
ihrer Tapferkeit und Stärke und ihrer Grossmut gegen den harmlosen Reisenden.
Dennoch wagte noch beim Ausbruch des orientalischen Krieges kaum ein Kaufmann
wenige Meilen durch das Binnenland am nördlichen Abhange des Balkans zu reisen,
und ein sicherer Verkehr fand allein auf der Donau statt.
    Der erste Ausstand der neueren Zeit am Balkan, der die Pforte erbeben
machte, war der Paswan Oglu's, des Bosniaken, mit seinen Kerdschalis im Jahre
1792. Zugleich mit ihm - nach dreihundertjährigem Hinträumen - - erhoben sich
die bulgarischen Haiducken. Aber während Czerni Georg, der Held von Serbien,
1804 sein Land befreite, sahen die Bulgaren untätig zu und wechselten nur ihren
Herrn, denn der Divan - unfähig, Paswan Oglu, den Verteidiger der Janitscharen
und Alttürken, zu vernichten - musste ihn als rechtmässigen Wessir von Bulgarien
anerkennen. Hoch belebten sich wieder die Hoffnungen durch die Kriege der Russen
1810 und 1811 an der Donau, aber der Vertrag von Bukarest (28. Mai 1812) liess
die zum Teil bereits aufgestandenen Bulgaren im Stich und wehrlos in der Gewalt
der Osmanli's, und Tausende wurden aus Rache zu Tode gemartert. Während Fürst
Milosch in Serbien herrschte, lag schwer die Hand Hussein-Pascha's auf dem
Lande, und seine Plünderung des armen Volkes häufte jene Schätze zusammen, die
bis zum Jahre 1843 seinen Hofhalt in Widdin zu einem der glänzendsten im Orient
machten. Die bulgarischen Haiducken kamen nicht eher wieder zum Vorschein, als
bis 1821 der griechische Freiheitsruf auf ihren Bergen wiederhallte. Da erhoben
sie sich aus ihrem Schlaf und zogen schaarenweis nach Macedonien und bis zum
Peloponnes, und Bulgaren waren es, welche die Akropolis von Aten im Sturm
nahmen. Der Slawe Botschar aus Wodina, der nach Suli auswanderte, ist der Held
Marco Botzaris, dessen Blut den heiligen Boden von Missolunghi tränkte.
    Als 1829 Diebitsch in den Pässen von Kuleutscha das Heer Reschid's schlug
und am 19. August in Adrianopel einzog, schien der Stern des christlichen
Bulgariens auf's Neue zu glänzen und die ganze Bevölkerung begrüsste jubelnd die
Befreier. Wiederum täuschte Russland ihre Hoffnungen, wenn es auch seitdem nicht
aufhörte, im Stillen den erwachten Geist des Volkes zu schüren. Die bulgarische
Hetärie, von den Didaskalen, den Dorfschulmeistern, gegründet, verzweigte sich
über das Land, und die Sommernächte der Jahre 1834 bis 1838 fanden die
Eingeweihten gar oft auf den Kirchhöfen der Klöster, auf den Felsenplateau's der
Berge, im wilden Kolo8 sich für die Stunde der Freiheit begeisternd. Der Verrat
des Neffen Hadji Jordan's, der so vielen wackeren Männern das Leben kostete,
brachte den lang vorbereiteten Aufstand zum Ausbruch und 20,000 Mann lagerten um
die Feste Jarkoï, bis der trügerische Milosch statt der versprochenen Hilfe sie
mit dem Versprechen der Befreiung vom Frohndienst und eigener Stareschinen9 zum
Abzug bewog. Zu spät sahen sie ein, dass man sie betrogen.
    Der Raub der schönen Agapia durch den Neffen des Pascha's von Nissa rief im
Frühjahr 1841 auf's Neue das Volk in die Waffen. Unter Miloje erhoben sie sich,
und als erst die Irregulairen Hussein-Pascha's 150 Dörfer zwischen Sophia und
Nissa zerstörten, die Männer spiessten, die Frauen schändeten und in die Flammen
ihrer brennenden Hütten warfen oder in die Sklaverei verkauften, - strömten die
Landleute von allen Seiten in die Gebirge, und von 2000 Spahi's, die sie zu
verfolgen wagten, kehrten kaum 30 zurück. Miloje hielt Nissa mit seinen Männern
belagert und verteidigte, endlich geschlagen, heldenmütig mit 1500 Streitern
die Kula Kamenitza, bis Alle um ihn gefallen und er selbst sich mit einem
Pistolenschuss das Leben nahm, um seinen letzten sechs Gefährten die Flucht zu
erleichtern.
    Seit jenem Aufstande, bei welchem man wieder vergeblich auf die Hilfe
Russlands und Europa's geharrt hatte, herrschte die Ruhe des Todes in der
Bulgarei - nur der Einzelne, der in die Berge geflüchtet und mit seinen Brüdern
sich dort vereint hat, kämpft noch trotzig gegen den türkischen Zwingherrn.
    Offenbar hofften die Russen bei dem gegenwärtigen Zug an die Donau auf einen
neuen Aufstand des bulgarischen Volkes und machten auch vielfache Versuche zur
Gründung von Freischaaren. Aber die Kraft des Volkes war in den dreizehn Jahren
noch nicht wieder genügend erstarkt und der Bulgare erinnerte sich, wie drei Mal
seit eines Menschen Gedenken der schwarze Czar, obschon einer seiner ältesten
Titel der eines »Fürsten der Bulgaren« ist, seine Rettung den eigenen Interessen
geopfert und ihn seinem Zwingherrn stets auf's Neue zu noch härterer
Knechtschaft überlassen hatte. Der Aufstand - der Omer Pascha's Heer hätte
vernichten müssen, - unterblieb, und die griechische Erhebung im Epirus und in
Macedonien fand nicht die gehoffte Stütze am Balkan. - -
    Im Hane des Wirtes Gawra ging es lebendig her an dem Nachmittage des Tages,
der uns in der Lokanda des Slowaken Alexo zu Widdin gefunden hat. Der schlaue
Handja10 hatte die Nähe der türkischen Lager benutzt, um einen Handel und
Ausschank von Getränken anzulegen, und handelte und verhandelte dabei mit Glück
und Gewinn manches Ross, teils aus dem eigenen Stall, teils von der Beute,
welche die Irregulairen und türkischen Husaren von den Streifzügen über Kalafat
hinaus mit zurückbrachten. So strömten denn auch Viele nach dem Abzug des
Muschirs und nachdem die Truppen von der Besichtigung zu ihren Quartieren in der
Palanka Widdins und dem fliegenden Lager zwischen der Heerstrasse nach Nissa und
dem Strom zurückgekehrt, nach der Mehana.
    Das Hane war der gewöhnliche Verkehrsort der Irregulairen, seit Kurzem aber
auch ihrer christlichen Nebenbuhler, der türkischen Kosaken, dieses Corps aus
walachischen Freiwilligen und den Flüchtlingen jedes Landes Europa's, die aus
irgend einem Grunde sich nicht zu der Annahme des Islams bequemen wollten, denn
diese gehört unbedingt zum Eintritt in den türkischen Nizam. Die türkischen
Kosaken waren daher von den Moslems nicht nur als Dschaurs verachtet, sondern
offen von ihnen gehasst, und wurden auf alle gefährlichen und verlorenen Posten
gestellt, da ihre verwogene Tollkühnheit keine Hindernisse kannte. Mit Groll und
Aerger sahen die Baschi-Bozuks sich im Hane des Bulgaren seit einigen Tagen von
ihren Gegnern verdrängt, die der Ruf von der Schönheit der beiden Töchter des
Wirtes und einige zufällige Pferdekäufe dahin geführt hatten, und mit Ingrimm
bemerkten sie, wie der Handja selbst sich weit mehr mit den Dschaurs zu tun
machte, deren Geld leichter rollte und die mehr verzehrten, als die geizigen
Moslems.
    Die Baschi-Bozuks waren heute zahlreicher versammelt als gewöhnlich und
füllten nicht allein die grössere Hälfte des untern Hauses, sondern strömten auf
dem breiten Tschardak fortwährend ab und zu. Die bunten wüsten Gruppen, auf dem
Boden umherkauernd ober gleich Statüen an der getünchten Wand lehnend, boten
einen seltsamen phantastischen Anblick. Neben dem Albanesen von Janina mit der
heute zu Ehren der Besichtigung wieder einmal rein gewaschenen Fustanelle, dem
langbezipfelten Fess und der goldbetressten Jacke, sass der schmuzige Bosniake, der
Arnaut mit den grünen zerlumpten, engen Hosen, die er irgend einem Christen
gestohlen, der offenen roten Aermel-Weste und dem um den Kopf geschlungenen
Tuch, unter dem die dunklen, unruhigen Augen umherbljetzten, - oder gar der
Syrier mit dem bronzefarbenen Gesicht, dem weiten, einst weissen, jetzt zu
schmuzigen Fetzen gewordenen Gewande. Daneben das ebenholzfarbene Gesicht des
Mohren aus Derr oder Kordofan; das gelbe Antlitz des Egypters - des armen
Fellah, - der, von Hütte und Familie gerissen, hier den ihm gleichgültigen
Streit des Grossherrn ausfechten sollte. Der Araber aus den Wüsten von Yemen, der
Bewohner der Oeden um Damaskus, der Druse vom Libanon, die Vertreter aller
wilden Stämme Albaniens neben dem breitbackigen Turkomanen mit den
kleingeschljetzten, scharfen Augen! Grausamkeit, Apatie, Fanatismus und
Spitzbüberei auf allen den braunen, weissen, gelben und schwarzen Gesichtern, ein
Gewirr von Trachten in Farbe und Schnitt, keine der andern gleich, der feine
Seidenshawl um schmuzige Lumpen gewunden, Fez und Turban, Tuch und kurdische
Mütze; der Kaftan und der Ziegenhaarmantel, das entblösste Bein und die rote
albanesische Gamasche; Goldstickerei neben der wollenen, kaum die Blösse
verhüllenden Decke, der blinkende Sporen an dem einen schleppenden Pantoffel,
die gelbledernen Strümpfe der Türken ober das unbehilfliche Schuhwerk, das die
Regierung geliefert. Dazu ein Arsenal von scharfen Waffen jeder Art, das den
Sammler und selbst den Altertumsforscher entzückt haben würde. Der Säbel in
jeder Form und Biegung in Sammet und Lederscheide, im Metall klirrend, oft ohne
alle Hülle - der kostbare bleigraue Damascener Stahl in der einfachsten Scheide,
Handjars jeder Grösse und Form, vom handbreiten syrischen Yatagan bis zur
schweren, gewichtigen Waffe des Turkomanen, kurdische Messer, die mehr gerade
Klinge der Stämme des Peloponnes, der gewundene eiserne Dolch, vielleicht noch
aus den Zeiten der Kreuzzüge von Vater auf Sohn vererbt - eherne und hölzerne,
fusslange Griffe, mit silbernen Buckeln und Stiften beschlagen, - Perlmutter und
Elfenbein, Juwelen und edle Steine an vielen verschwendet. Dazwischen das plumpe
Seitengewehr, das der Nizam trägt, der unvermeidliche Tabacksbeutel überall, die
Feuerzange in ihrer messingenen Kapsel im Gürtel - der Schibuk in Aller Munde, -
eine Wolke voll Tabacksqualm und Knoblauchsgeruch über allen Köpfen; - zwischen
den stillen, ernsten Gruppen mit dem Kaffeebecher oder dem irdenen Krug voll
scharfem Slibowitza, der wie Wasser durch diese abgehärteten Kehlen floss, einige
zerlumpte schmuzige Derwische mit der topfartigen Filzmütze und dem braunen oder
grauen Mantel - das war der Anblick, den die grössere Hälfte des ziemlich weiten
Raumes bot.
    Desto tobender und lärmender war die Gesellschaft in dem anderen Teil. Hier
sassen und standen um zwei oder drei Tische an Zwanzig der türkischen Kosaken in
ihrer kleidsamen Uniform, dem blauen, mit scharlachroten Aufschlägen und eben
solchem Futter in den langen aufgeschljetzten Hängeärmeln versehenen Dolman, dem
Pelztschacko mit dem grossen Halbmond von Messingblech daran und den weiten
blauen Pantalons mit breiten roten Galons. Dazu die Cartouche und der Säbel in
der blinkenden Scheide, obschon auch ihnen die gewöhnlichen Feuerwaffen fehlten,
da der strengste Befehl gegeben war, dass ausserhalb des Dienstes Flinten und
Pistolen nicht getragen werden durften, um möglichst Unheil bei dem heissen Blut
der Parteien zu verhüten.
    Die Gruppen um die Tische waren mit Trinken und Spielen beschäftigt. Während
bei den Offizieren in der Lokanda Alexo's das Pharo die Taschen leerte,
klapperten hier die Würfel unter den Verwünschungen, den wüsten Spässen und dem
Gelächter der Freiwilligen.
    In der Mitte des Gemaches vor dem grossen Kamin war die Kula mit einer ihrer
Töchter eifrig mit der Kaffeebereitung beschäftigt. Gawra, der Wirt, und ein
Neffe von ihm, fast noch ein Knabe, bedienten die Gäste.
    An dem Tisch in der Nähe des Kamins sass die Hauptgruppe der Spieler um einem
Fremden, der, so sehr er ihnen auch in dem verwegenen und kühnen Aussehen glich,
doch keiner der Ihren war und nicht die Uniform trug. Der Leser kennt ihn
bereits - Sta Lucia, den corsischen Banditen, der nach seinem letzten Verbrechen
in Stambul im Heerlager an der Donau Sicherheit gefunden hatte und hier den
Diener des sardinischen Obersten spielte.
    »Mashallah!« murrte Ali, der Arnaut, zu seinem Nachbar, einem zerlumpten
Asiaten, indem er mit dem Mundstück seines Schibuks nach den Spielern deutete,
»sieh diese Söhne der ungläubigen Hunde, wie das blanke Gold durch ihre unreinen
Hände rollt. Ein weiser Mann hat mir gesagt, dass man durch dieses Spiel aus
einem Beschlich11 im Handumdrehen zwanzig goldene Ghazi's erwerben kann.«
    Die Augen des Asiaten funkelten lüstern.
    »Weisst Du, o Ali, wie man das Geld gewinnt?«
    »Ich habe mir sagen lassen, dass man ein Geldstück einsetzt, man wirft die
bleiernen Kugeln und erhält so viel Geld, als sie schwarze Punkte zählen.«
    »Inshallah! - was für Narren sind diese Christen! Es ist nur ein Gott und
Mahomed ist sein Prophet. Ich möchte ihnen wohl ihr Geld abnehmen.«
    »Bei meinem Bart,« schwor der Arnaut, »ich habe die gleiche Lust. Aber mein
Beutel ist leer.«
    Abdallah, der Syrier, nestelte an einem solchen von Ziegenhaar.
    »Ich fand bei dem Moskow, den wir bei dem Ueberfall erschlugen, ausser dem
Golde auf seinen Schultern zehn Stücke in seiner Tasche. Wenn ich wüsste, dass
Allah mein Tun segnen würde, möcht' ich einen grossen Beschlick in diesem Spiel
wagen.«
    »Hussah, Schurke von Wirt! Istem teremtéte! Rum her, Branntwein!«
    »Bergantre12! Wo steckt der Bursche, dass er Caballero's warten lässt?«
    »Villao13! Branntwein her!«
    »Caballeros, Euer Spiel! - Acht auf der Tafel.«
    »Pesta! ich werfe mehr! Zehn!«
    »Psia twoja mac! Hundsmutter die Deinige! Das Geld ist verloren.«
    Der Pole griff sich wild in die Haare und starrte mit funkelnden Augen auf
sein verlorenes Geld, das der Spanier ruhig zu dem seinen zog. - -
    »Allah sende ihm Unglück! Hast Du es mit Deinen eigenen Augen gesehen?«
    »Was lachst Du mir in meinen Bart, o Beg? Auf mein Haupt komme es. Bin ich
ein Mann oder bin ich eine turkomanische Kuh? Sind das Augen oder sind sie es
nicht? Ich habe gesehen, wie er über die Tür seines Hofes die drei Kreuze
gemacht hat, die das Zeichen der Christen sind, und die unsere Brüder auf's
Krankenlager werfen, bis die Reihe an uns kommt.«
    Der Moslem, an den die Rede gerichtet war, schüttelte zur Bejahung sein
Haupt.
    »Wir wollen den Derwisch Ibrahim herbeirufen, der dort steht, er wird uns
sagen, ob dieser aussätzige Bulgar dafür an seine eigene Tür genagelt werden
soll!«
    »Khaweh, Khaweh! Tschibuk, Khaweh dschetir! Bringt Pfeifen und Kaffee
herbei!«
    »Höre, Freund Gawra, reiche mir die Guzla14 dort von dem Nagel. Wo ist
Marutza, Deine Tochter, dass sie mein Lied begleitet? Warum bedient die Moma15
Deine Gäste nicht?«
    Der Bulgare reichte eifrig dem Italiener die Citer.
    »Die Marutza fürchtet sich vor der zahlreichen Gesellschaft, Aga, sie
wirtschaftet in den Ställen mit dem Vieh.«
    »Schaff' sie herbei, pitoccone16! Meinst Du, wir sind hierher gekommen, um
Dein schlechtes Gesicht anzuschauen?!«
    »En avant, Monsieur Gawra, bringen Sie uns Mademoiselle Maruzza!«
    »Die Moma! die Moma!« heulte der Chor.
    Der Bulgare war bereits demütig verschwunden. -
    Die Moslems schauten finster auf die Lärmer; um Hadschi-Achmet und den
Derwisch hatte sich eine Gruppe gebildet und horchte eifrig seinen Worten.
    »Dieses Schwein von einem Bulgaren tut, als ob wir nicht in der Welt wären.
Ich will die Gräber seiner Väter besudeln!«
    Der Redner schüttelte verächtlich den Zipfel seiner Jacke.
    »Corpo di Bacco! Ruhe da oben! Ich will mein Lied singen!«
    Tomasini, der Venetianer, begann, auf der Guzla klimpernd, Orsino's
Trinklied aus der Lucretia. Seine Stimme war schön und bald sammelten sich
Zuhörer um ihn und klatschen ihm ihren Beifall. Selbst die wilden Kinder der
Wüste horchten den übermütigen frischen Klängen.
    An dem Tisch des Corsen stand der Baschi-Bozuk, sein Auge haftete gierig auf
dem Golde, das vor Sta Lucia lag.
    »Hei, Kamerad - willst Du auch ein Mal Dein Glück versuchen? Heraus, alter
Beduine, mit den Piastern und den blanken Dukaten und Dublonen, die Du zusammen
gestohlen hast.« Er reichte ihm den Becher.
    Der Araber verstand seine Sprache nicht, aber er legte langsam und zögernd
einen Imperial auf den Tisch. Seine langen Finger krampften noch ängstlich
danach, als der Corse das Goldstück nahm und prüfte.
    »Diavolo! Russisches Gold? Hast Du viel dergleichen, pidocchioso?«
    Er warf einen Napoleonsd'or daneben und schob dem gierigen Moslem die Würfel
zu. Einige Männer sammelten sich um die Gruppe. -
    Draussen am halb zusammengebrochenen Hofzaun hinter dem Hause, durch den
vorspringenden Stall vor den Blicken verborgen, lehnte Marutza, die älteste
Tochter des Hauswirts. Um das reine ovale Gesicht mit den grossen blauen Augen
wallte das Goldhaar bis fast zur Erde hinab, die jungfräulich üppige Gestalt wie
mit einem Mantel umgebend. Auf dem Scheitel fehlte zwar die Ringelblume oder die
Rose, mit der die Bulgarin sich schmückt, denn die Jahreszeit bot nicht die
sinnige Zierde; aber der Mann vor ihr schaute auch nicht nach fremden Blumen
aus, wo die Rosen auf den Wangen der Geliebten ihm glühten und aus ihren treuen
melancholischen Augen alle Blüten der Zärtlichkeit ihm entgegen strahlten.
    Es war ein kräftiger junger Mann von trotzig kühnem Aussehen, der glänzend
gewichste Schnurrbart lang über die Mundwinkel niederhängend, auf dem Haupte,
das bis auf den langen, in zwei Flechten geteilten Haarbüschel auf dem
Scheitel, kahl geschoren war, einen slavonischen Hut. Von dicker Wolle war seine
ganze Kleidung, die kurze Kutte, der Gürtel, die Beinkleider, die Bänder, womit
seine Füsse dicht umwickelt waren. Ueber dem Allen war er in einen weiten
filzartigen weissen Mantel gehüllt, der die Waffen in seinem Gürtel verbarg, bis
auf die treue Flinte, die im Bereich der Hand lehnte.
    »Ich sage Dir, Marutza,« sprach finster der Fremde, »ich dulde es nicht
länger, dass Dein Vater Dich den Blicken der Männer preisgibt, von denen seine
Habsucht ihren Vorteil zieht, statt Dich, wie es einer Bulgarin ziemt, an der
Spindel oder dem Webstuhl in der Kammer zu halten. Mit Maria, Deiner Schwester,
mag er tun, was ihm beliebt, aber Du bist meine Braut, wenn Du auch den
Schleier oder die Haube nicht trägst, und bei den vierzig Märtyrern, ich hole
Dich in der Otmitza, wenn Dein Vater der Sache kein Ende macht!«
    »Du tätest besser, Miloje,« entgegnete die Stimme des Alten, der seine
Tochter zu suchen gekommen war, hinter ihnen, »Du brächtest Deinen und meinen
Hals nicht in Gefahr, indem Du hier umherstreichst, während die Khawassen des
Pascha's und alle Leute in Widdin wissen, dass ein Preis auf Deinem Kopfe steht.«
    »Bah!« sagte der junge Mann verächtlich, indem er die Finger seiner Rechten
von sich spreizte. »Ich fürchte die Schurken nicht. Ich bin ein freier Haiduck,
und Sami-Pascha weiss, was er von meinen Brüdern zu erwarten hat, wenn er mir ein
Haar krümmt. Mein Vater war ihr Schrecken und, bei der Panagia17! ich werde
diese Türken nicht für die Tschorbadschia's18 erkennen, so lange ein Atem in
dieser Brust ist.«
    »Aber was willst Du hier, wo tausend Augen auf uns gerichtet sind?«
    »Mein Weib, Marutza, meine Braut, wie Du meinem Vater gelobt hast. Ich bin
von den Bergen herunter gekommen, weil ich gehört habe, dass Du, des schnöden
Geldes wegen, Deine Töchter gleich Mägden die Krieger des Grossherrn bedienen
lässt.«
    »Du bist ein Tor, Michael Miloje! Wem anders fällt einst mein Hab' und Gut
zu, als Dir und dem Mann meiner Tochter Maria? Die Weiber müssen verdienen, so
lange sie im Hause sind. Du kannst Marutza doch nicht mit auf Deine kalten Berge
nehmen, und im Paschalik findest Du kein Celo, wo Du Dich niederlassen darfst,
ehe nicht der Bann von Deinem Haupte genommen ist. Was können wir tun, wir sind
die Knechte!«
    »Ha, bei dem Blute meines Vaters, der im Turm von Kamenitza für die
Freiheit der Seinen starb,« rief der Haiduck, »sind wir nicht Memmen, dass wir
diese Fesseln tragen? Sind unsere Freunde, die Moskowiten, nicht jenseits des
Stromes? bereit, uns zu Hilfe zu eilen, sobald nur der Kampfesruf von unsern
Bergen erschallt? Ist der schwarze Czar nicht unser wahrer Vater? Schämt Euch,
Gawra, der Ihr in Eurer Jugend mit dem Popen, Eurem Ohm, bei Jarkoï gefochten
und vor Nissa gestanden mit meinem Vater, dass Ihr so ganz vergessen habt, was
Euer Herz damals entflammte.«
    »Törichter Junge,« sagte der vorsichtige Bulgar, sich scheu umblickend.
»Ist es nicht schon deshalb, weil ich Gawra heisse, dass ich die Rache der
Osmanli's fürchten und ihren Verdacht einschläfern muss? Was weisst Du, wie meine
Seele denkt! Doch fort mit Dir jetzt, - das Mädchen muss in die Hoda und ihrer
Mutter helfen und Dich schütze der Gott unserer Väter, bis Du so viel erworben
hast, dass Du die Braut heimführen kannst. In das Haus, Marutza, oder man wird
nach uns spähen.«
    Das Mädchen riss sich los und flog über den Hof zur Tscharda. Der junge
Haiduck aber fasste des Alten Arm, der ihn gleichfalls verlassen wollte.
    »Ist es nur das, Vater Gawra, das gelbe Metall, dessen ich bedarf, um die
Braut zu erhalten? Schaut her, dessen habe ich genug, mehr als ich brauche, mein
Haus zu bauen und ein stattlich Gut frei zu kaufen.«
    Er zog aus dem breiten wollenen Gürtel einen ledernen Beutel und zeigte ihn
dem Pferdehändler, - der Beutel wog schwer von Gold.
    »Bei dem Blut der heiligen Märtyrer!« fuhr der Alte zurück, »wo hast Du das
Geld her, Michael?«
    »Ei, lasst Euch's nicht kümmern,« lachte Dieser. »Es ist ehrlich erworbenes
Gold, das der schwarze Czar seinen tapfern Kindern, den Haiducken, gesandt hat.
Aber ich kann nicht von hier, Vater Gawra, und ich will auch nicht. Ich muss
Jemand erwarten, der mich innerhalb dreier Tage in Eurem Hane treffen soll, und
Eure Mehana ist ein offenes Haus, ich habe so gut ein Recht, darin zu weilen,
wie jeder dieser Soldaten des Padischah.«
    Der Bulgar bedachte sich einen Augenblick, - sein Geiz und der Anblick des
vielen Goldes, das der Haiduck bei sich führte, siegten über seine Vorsicht.
    »Sei es denn,« sagte er, »aber bei der Panagia, bringe mich nicht in's
Unglück für meine Güte. Die Soldaten kennen Dich nicht und die Khawassen meiden
meine Schwelle, weil sie Schläge von ihnen fürchten. Sei vorsichtig, Michael,
und mische Dich nicht in fremde Händel. Du kennst die Gelegenheit und weisst, dass
die Stiege neben dem Heerd zu den Bodenkammern führt. Dortin zieh Dich zurück,
ehe sie auf Dich und Deine Gegenwart merken; ich werde die Weiber zu Dir senden.
Gieb mir die Flinte, dass ich sie verberge.«
    »Ich kann die Waffe nicht von mir lassen.«
    »Narr! Hier würde sie auch wenig sicher sein, diese Moslems sind Diebe, die
überall umherspähen.«
    Er holte aus dem Stall eine Schütte Stroh und steckte das Gewehr hinein.
Dann nahm er es unter den Arm und schritt dem Hause zu, dem jungen Knees19
winkend, ihm in einiger Entfernung zu folgen.
    Drinnen in der Hoda nahm der Lärmen immer mehr überhand, je mehr der feurige
Branntwein, das Spiel und der Streit die Köpfe erhitzen. Auch die Baschi-Bozuks
standen jetzt in einzelnen Gruppen und lebhafterer Verhandlung, und ihre Augen
ruhten finster auf Gawra, als er sich mit dem Stroh durch ihre Mitte wand und es
in die Kammer hinter dem Heerde warf. Um Sta Lucia und die beiden Bozuks hatte
sich ein zahlreicher Kreis gebildet aus Moslems und Christen und schaute
aufmerksam oder höhnisch dem Spiel zu. Der Corse hatte, seinen Gefährten einen
Wink gebend, dem habgierigen Sohn der Wüste bald den einfachen Mechanismus und
den Gang des Spieles begreiflich zu machen gewusst, teils durch Pantomimen,
teils durch türkische Worte. Noch deutlicher wirkte das Beispiel, denn mehrere
der Kosaken setzten alsbald das Würfeln fort und als Sta Lucia den Syrier die
beiden ersten Würfe gewinnen liess und ihm die Goldstücke zuschob, glaubte der
Bozuk wirklich, sein Kismet wolle es, dass er das Geld des Dschaurs zu dem seinen
mache, und mit der Gier eines echten Spielers setzte er das gefährliche Spiel
fort. -
    Tomasini hatte die Guzla fortgelegt und Marutza, die bei ihm
vorbeischlüpfte, am wallenden Gewand ergriffen, während Rodriguez, der Spanier,
ihre Hand gefasst hielt und fünf, sechs Andere um das geängstete Mädchen sich
sammelten, ihr den Ausweg versperrend.
    »Schöne Marutza,« flüsterte der Italiener, »her zu mir, trink aus meinem
Glase! Pesta, Du bist so allerliebst, dass Tomaso Dich besitzen muss, und wenn es
sein Leben gälte!«
    »Demonio,« schrie der Rival, »der Mann will die Schönheit allein haben! - An
mein Herz, schöne Senjora, Rodriguez ist gleichfalls bis über die Augen vernarrt
in Dich!«
    »Putao!« zischte ein dritter Nachbar und riss das Mädchen an sich. »Halb
Part, Kamerad!«
    Wie ein Spielball flog sie durch die Hände der wüsten Gesellen.
    Laut auf kreischte die Jungfrau. - -
    Abdallah, der Syrier, hatte nach wechselndem Verlust und Gewinn bereits
sieben seiner blanken Goldstücke in den Händen des überlegenen Christen
gelassen. Die Adern seiner Stirn schwollen, krampfhaft zuckten seine Finger nach
dem verlorenen Gelde.
    »Nimm Dich in Acht, Kamerad,« sagte mit spöttischem Lachen der Corse und
seine Rechte spielte am Griff des Dolches, während die Linke lustig den
Würfelbecher schüttelte. »Du vergreifst Dich an fremdem Eigentum. Seid Ihr
solche Straccioni's, dass Ihr nicht ein Paar Geldstücke für Euer Vergnügen wagen
könnt? - Etwas Ordentliches, Freund Muselmann, setze Deinen Rest, hier ist das
Gold, das ich gegen halte!«
    Der Moslem zauderte, - seine Genossen waren stumm, nur die blitzenden Augen
zeigten den gierigen Anteil. Dann langsam und zögernd schob Abdallah den Rest
seiner erbeuteten Imperials auf den Tisch, und der Corse warf klingend und
hochmütig drei dagegen. -
    »En avant, mes braves! Bringen wir einen Toast auf die schöne Marutza!«
    »Allah bila versin! Der Bulgare muss sterben für den Hohn, den er uns
angetan!«
    Die Worte kreuzten sich mit dem gellenden Hilferuf des Mädchens; Vater und
Mutter eilten herbei.
    »Cenrinegato!« donnerte es zwischen das wilde Gelächter und eine kräftige
Faust stiess den geilen Venetianer zurück, dass er den Boden mass, und riss das
Mädchen aus den Armen der Trunkenen. -
    Abdallah hatte seinen Wurf getan, - mit Hohngelächter wurde die niedre Zahl
begrüsst. Sta Lucia schüttelte mit triumphirendem Lächeln den Becher und liess die
Würfel rollen.
    »Siebzehn! - Nichts für ungut, Kamerad, die Imperials gehören mir!« Er zog
die Goldstücke zu dem Geldhaufen vor sich. -
    »Marzocco! Picaro! Filho de puta! Was will der Prostak?« tönten in zehn
Sprachen die Flüche durch einander und Tomasini sprang vom Boden empor und riss
den Säbel aus der Scheide, dass die Klinge blank durch den Qualm und das Dunkel
funkelte, das, nur von dürftigem Lampenschein gebrochen, bereits die weite Hoda
füllte.
    Sta Lucia schaute hinüber nach dem beginnenden Streit. Diesen Augenblick der
Unachtsamkeit benutzte der Syrier, sein Gold wieder zu erhaschen, und seine
Hände fassten gierig danach; drei, vier Andere nahmen die Bewegung für einen
Aufruf zum Raub und fielen über den Geldhaufen des Corsen her.
    »Canaglia!« Einen Augenblick funkelte das Stilet des Banditen in der
erhobenen Faust, dann fuhr es nieder und nagelte die Hand des unglücklichen
Asiaten fest auf den Tisch.
    Ein wilder Schrei des Schmerzes und der Wut - gleich einer Schlange wand
sich der Mann an dem gefesselten Arm.
    »Wallah! Auf die Dschaurs, Ihr Gläubigen!«
    Säbel und Handjars blitzten - mitten hinein in den Lärmen knallte ein Schuss.
- -
    Der Haiduck hatte den Mantel von sich geworfen, - seine Linke suchte das
Mädchen fortzudrängen und zu schützen, während die Rechte eine lange Pistole aus
dem Gürtel riss.
    »Zurück da, die Moma ist eine ehrliche Jungfrau und meine Braut!«
    In dem wüsten Lärmen verklang der Ruf oder wurde mit Hohngelächter
beantwortet; seiner Tracht nach hielten ihn die Christen für einen der
Irregulairen, daher der wütende Schrei:
    »Er hat Pistolen! Nieder mit dem Schuft, Kameraden!«
    Der Irrtum war aber zugleich die Rettung des Haiducken. Während Monsieur
Louis, der lustige Pariser, und einige Vernünftigere sich zwischen ihn und den
Italiener warfen und einen tollen Streit verhindern wollten, fasste der
Portugiese mit frecher Faust die Schulter und das Gewand des Mädchens, ein Ruck,
und das wollene Kleid riss in Stücken und entüllte die weisse Brust der Jungfrau.
    Der trunkene Lüstling tat jedoch jauchzend nur einen Blick auf die
entüllten Reize - der nächste schon zeigte ihm die weite Mündung einer Pistole
dicht vor den Augen und mit zerschmettertem Schädel stürzte er auf seine
Gefährten zurück.
    Der Schuss gab das Signal zum allgemeinen Kampf, die Baschi-Bozuks warfen
sich von allen Seiten auf die gehassten Christen, und der lange verhaltene Groll
brach in ungezügelter Heftigkeit aus. Säbel, Handjars, Dolche und Messer
blitzten und färbten sich rot im Blut der Gegner.
    Mit den Schlägen des schweren Pistolenkolbens hatte sich der Haiduck, die
Braut im Arm, Bahn gebrochen durch das Getümmel, keine der Parteien wusste recht,
woran sie mit ihm war, und so kam er glücklich bis zu der Treppenleiter, welche
neben dem Heerd zum Dachgeschoss des Hauses führte, in dem ausser den
Vorratsräumen zwei Kammern für die Töchter und die Mägde des Hauses sich
befanden. Der scharfe Blick des Knees hatte gesehen, wohin der Handja sein
Gewehr verborgen, und indem er das Mädchen nötigte, die Leiter hinaufzusteigen,
hatte er auch bereits die treue Waffe gefasst und hielt mit ihr Wache am Fuss der
Leiter. -
    »Bassa manelka! Sollen wir uns von den türkischen Lumpen erschlagen lassen?
Hierher, Kameraden!«
    Die breite kräftige Gestalt des ungarischen On-Baschi's hatte sich auf einen
der Tische geschwungen, und während die Reiter sich um ihn sammelten, regnete es
Hiebe von seiner breiten Klinge auf die Köpfe und Schultern der Gegner.
    Gawra, der Wirt, an Schlägereien des Gesindels gewöhnt, hatte Anfangs die
Sache wenig gefährlich genommen und war nur herbeigeeilt, um sein Kind aus den
Händen der Trunkenen zu befreien. Als aber, noch ehe er das Mädchen erreicht,
der Schuss fiel und überall die Waffen blitzten, erkannte er die drohende Gefahr
und drängte die Baba und ihre jüngere Tochter zur Tür. »Geschwind zur Stadt und
hole Hilfe. Die Teufel stecken uns sonst das Haus über'm Kopf in Brand!« Die
Weiber entflohen, während sie im Umblicken noch sahen, wie eine Anzahl der
Baschi-Bozuks sich auf den Wirt selbst warf und der Knabe Jowan zu Boden
geschlagen wurde.
    »Hinaus mit den verräterischen Hunden! Schlagt sie fort, die asiatischen
Spitzbuben!« schrie der Führer der christlichen Freischaar, und in geordneter
Phalanx drangen sie auf die wilde Horde ein und ihre gewichtigen Hiebe trieben
diese durch Fenster und Tür, heulend vor Wut, aus zwanzig Wunden blutend im
Handgemeng. Doch nur eine kurze Zeit war der Sieg auf Seite der Christen. Im
Tschardak fassten die Moslems, von den Ihren, die sich draussen umhergetrieben,
unterstützt, festen Fuss und begannen auf's Neue den Eingang zu stürmen. Wie ein
Zündfeuer lief die Nachricht von dem begonnenen Streit zu dem nahe gelegenen
Lager, und trotz der ausgestellten Wachen begannen bereits neue Banden des
Gesindels durch das Dunkel des Abends herbeizuströmen. Vergebens war das
Erscheinen mehrerer unteren Offiziere, der Christenhass und der Groll, der
zwischen den beiden Truppenteilen herrschte, loderte in so vollen Flammen, dass
an Gehorchen vorerst nicht zu denken war.
    Die Kosaken unter dem Kommando des On-Baschi Stephan begannen sich in dem
Gemach zu verschanzen, denn bei ihrer geringen Zahl und der grösseren Entfernung
der Stadt sahen sie sehr wohl die Gefahr ein und dass es galt, sich zu halten,
bis Entsatz kam. Mehrere von ihnen waren gleichfalls verwundet, ausser der Leiche
des Portugiesen lag ein junger Pole zum Tode getroffen am Boden, der Handjar
Hussein's des Albanesen hatte seinen Schädel gespalten.
    Zwei der Bozuks waren dafür in der Hoda gefallen. Sta Lucia, der Bandit, der
zum grossen Teil den Ausbruch des Kampfes mit veranlasst hatte, war überall und
legte mit Hand an die Verbarrikadirung der Tür und der Fenster. An den
Haiducken dachte Keiner mehr, man hatte ihn für einen der Baschi-Bozuks gehalten
und glaubte, dass er mit den Andern entwichen. Michael Miloje aber hatte die
Gelegenheit benutzt, während der Kampf am Tschardak tobte, und sich mit Marutza
in das Bodengeschoss geflüchtet. Seine starke Faust zog die Leiter ihnen nach.
    Die wilden Gesellen, trotzend der Gefahr, liessen es dann nach der Sicherung
des Eingangs ihr erstes Geschäft sein, die Vorräte der Mehana zu plündern und
alles Getränk herbeizuschaffen. Ein wüstes Bachanal begann, ein Bachanal, das
jeden Augenblick sich in das letzte Todesstöhnen verwandeln konnte. Durch die
Fenster hinaus die Branntweinkrüge schwingend, höhnten sie ihre Gegner.
    Eine kurze Pause des Kampfes war eingetreten - wohl an Zweihundert der
Irregulairen waren jetzt versammelt in der Nähe und auf den braunen dunklen
Gesichtern flammten alle Nüancen der erregten Leidenschaften. Offiziere
sprengten neuerdings herbei und versuchten die Leute zurückzutreiben, -
Mahmud-Aga, der Capitain der Kosaken, unter ihnen, - aber vergeblich drohte er,
seine Escadron ausrücken zu lassen, wildes Hohn- und Rachegeschrei antwortete
den Bitten und Befehlen.
    Kiehnfackeln - die Ställe des Rosshändlers boten des Vorrats genug -
flammten ringsum, dazu verbreitete der helle Mondschein volle Klarheit. - Die
Baschi-Bozuks schienen ihren Hass und ihr Unternehmen geteilt zu haben, denn ein
starker Haufe hatte den unglücklichen Wirt nach der hintern Seite des Hofes
geschleppt zu dem dort befindlichen Ausgange, und zeigte ihm hier sein
Verbrechen: - drei rote mit Tierblut gemalte Christenkreuze auf dem Querbalken
des Tores! Die fanatischen Moslems sahen darin eine Verhöhnung des Halbmonds
und Ibrahim, der Derwisch, hetzte die Erbitterten. Unterdess bereitete die
grössere Hälfte vor den Stufen des Tschardaks sich zum neuen Angriff vor.
    Die Bozuks, welche den Bulgarenwirt trotz seiner Protestationen und seines
Flehens am Tor unter den Kreuzen mit ausgespannten Gliedern festgebunden
hatten, begannen nun ein teuflisches Spiel zu treiben, das stark an die Martern
der Indianerstämme Nordamerika's erinnerte. Ben-Bahoui, der Damascener, hatte es
angegeben. Er rief seine Landsleute zusammen, und auf etwa zehn Schritt von dem
Unglücklichen tretend, wog er seinen Yatagan zwischen den Fingern und
schleuderte ihn dann in geschicktem Wurf nach dem Unglücklichen, dass die Spitze
etwa in Fussweite von seinem Leibe in das Holz fuhr.
    »Kreuzigt ihn! kreuzigt ihn!«
    Das gellende Hohngelächter der Wilden verschlang den Hilferuf des
Gefährdeten.
    Ein Zweiter der Bande - ein grosser Schwarzer mit dem stumpfen
Bullenbeissergesicht der Stämme der Nilquellen - trat vor, den Wurf zu versuchen;
die taumelnde Haltung bewies, dass er seine geringen Fähigkeiten im Slibowitza
ersäuft hatte. Andere strömten hin und her zwischen den beiden Haufen, den Hohn
ihrer Gegner in der Mehana mit der Ladung zu dem blutigen Spiel beantwortend.
    »Mashallah! schlagt die Dschaurs todt!«
    Die wütende Bande begann jetzt den Sturm gegen die Türen und die Fenster
des Hauses. -
    Der Mohr hob grinsend das schwere Messer zum Wurf - plötzlich warf er auch
den andern Arm wild in die Höhe, drehte sich um sich selbst und stürzte zu
Boden. Der Knall, der kräuselnde Rauch aus der Dachöffnung der Mehana zeigte,
woher der Flintenschuss gefallen.
    »Die Hunde haben Feuerwaffen! Wallah! Steckt ihnen das Haus in Brand!« -
    Die schwache Tür der Mehana brach vor den Schlägen der Stürmenden, über die
Trümmern her wurden die Freiwilligen und die Bozuks auf's Neue handgemein.
    Wütend über den Tod eines Gefährten, stürzten Mehrere der Asiaten mit
geschwungenem Handjar auf den unglücklichen Wirt zu, während Andere sich bereit
machten, das Dach in Brand zu stecken.
    Die Gefahr, der Tumult waren auf's Höchste gestiegen -
    Da hob es sich wie eine dunkle Masse jenseits des fast fünf Fuss hohen Zaunes
und sie flog durch die Luft und mitten zwischen die Gruppe der Asiaten: ein
braunes schäumendes Ross, das jetzt zitternd von der gewaltigen Anstrengung stand
und schnaufte. Und auf dem Ross ein Mann, die breite Brust von dem
silberbeschnürten schwarzen Dolman umspannt, Todesdrohung im feuersprühenden
Blick, das hässliche, aber energische Gesicht vor Aufregung glühend: - Graf
Ilinski, Iskender-Bei, der Oberst der Irregulairen.
    »Przeklecie! In Eure Zelte, Ihr Hunde! Fort!«
    Seine Rechte spannte den Hahn der Sattelpistole - sie Alle hörten deutlich
das Knacken, - eine solche Stille war um den Grafen her, als sie ihn erkannt -
nach allen Seiten hin verloren viele der Meuterer sich eilig in's Dunkel.
    »Wer hat das Aas hier erschossen? - Ihr kennt das Verbot, Feuerwaffen bei
Euch zu führen. Antwort!«
    »Sen ektiar der20, o Bei!« sagte endlich, sich zu Boden werfend und seinen
Steigbügel küssend, der Damascener; »der Schuss kam von den Christen her aus der
Mehana. Es ist unser Kismet, Deinem Willen zu gehorchen; wir haben keine
Flinten.«
    »Was tut Ihr mit dem Mann da?«
    »Er hat Kot auf unsern Glauben gehäuft. Es ist ein bulgarischer Mistträger
- wir wollten ihn strafen.«
    »O, Aga,« rief der Unglückliche, »sie warfen mit ihren Yatagans nach mir!«
    Der Bei schaute nach dem Tor. »Ungeschickte Hunde - nennt Ihr das einen
Wurf? Eine Elle vom Ziel!« Er ritt zum Tor und zog den Handjar, der noch neben
dem Leibe des zitternden Bulgaren steckte, aus dem Holz. »Halt still, Prostak21
!«
    Er ritt auf fünfzehn Schritt zurück und hob sich im Sattel. Einen Augenblick
wog er die schwere Klinge auf der flachen Hand, mit dem Mittelfinger den Knopf
des Griffs berührend, dann warf er die Waffe, die zischend die Luft durchschnitt
und kaum in Zollweite über dem Kopf des Wirtes tief in's Holz fuhr.
    Ein donnernder Beifallsruf der Kinder der Wüste erschütterte die Luft.
    Das war die Weise, wie Iskender-Bei diese ungezähmten Seelen gebändigt
hatte. Er sagte zu ihnen: »Ich schiesse besser, wie Du, ich werfe den Djerid
besser, wie Du, ich reite besser, wie Du;« und er schoss besser, er warf besser,
er ritt besser, und war Allen voraus im Kampf. Der Tiger der Wüste beugte sich
vor dem polnischen Wolfe und ward sein Knecht.
    »Bindet den Mann los!«
    Es geschah.
    »Und nun fort mit Euch Schurken und zu Euren Zelten, denn in fünf Minuten
lasse ich Allarm blasen und, Inshallah! - ich spiesse den, der nicht in seiner
Reihe steht. Zum Dank für den Lärmen hier sollt Ihr noch diese Nacht marschiren.
- Du,« er wandte sich zu dem Damascener, »und zwei dieser Hundssöhne - Ihr
bleibt bei dem Mann hier, bis ich nach Euch sende.«
    Er wandte das Pferd und ritt nach dem Hause, ohne die Bande auch nur eines
Blickes weiter zu würdigen. Gleich begossenen Hunden schlichen sie eilig nach
allen Seiten davon.
    Am Tschardak der Mehana hatte unterdess eine eigentümliche, fast komische
Scene gespielt und dem blutigen Gemetzel ein Ende gemacht.
    Während der Kampf tobte und das Blut floss, jagten mit verhängtem Zügel die
Adjutanten des Bei's, Jacoub-Aga und Hidaët-Aga, in den Hof, und der Erstere,
ohne alle Rücksicht auf die Niedergetretenen, sein Pferd mitten in den
dichtesten Haufen. Im nächsten Augenblick schon regnete es rechts und links,
vorn und hinten Hiebe mit dem schweren Kantschuh, den er in der Hand hatte, auf
die Köpfe und Schultern der Stürmenden, während das Pferd, von dem tollen Reiter
gespornt, rechts und links die Männer zu Boden warf. Erschrocken über den
unerwarteten Gruss, stob die Bande, die nicht den Säbel der Christen, wohl aber
die ungezählten Prügel des Kolassi's fürchtete, bei Seite und geriet hier in
die Hände Hidaët-Aga's, der sie mit einer gleichen Tracht mit der flachen
Säbelklinge empfing. - »Jacoub'a! Jacoub'a! Allah beschütze uns're Köpfe!«
heulte es überall, und ehe fünf Minuten vergangen, war der Platz unter dem
schallenden höhnenden Gelächter der so eben noch in blutiger tödtlicher
Verteidigung begriffenen Belagerten von dem Gesindel gereinigt.
    Zugleich hörte man im Lager die langen gewundenen Hörner der Irregulairen in
schweren klagenden Tönen die Signale zum Sammeln blasen, und von Widdin her
schmetterten Trompeten und der Rest der Escadron der türkischen Kosaken unter
Führung eines Mulassim trabte heran.
    Iskender-Bei kam ruhig aus dem hintern Teil des Hofes, wo er in so
tollkühner und glücklicher Weise im rechten Augenblick erschienen war, zum
Tschardak geritten, auf den jetzt die Belagerten - fast die Hälfte mehr oder
weniger verwundet - sich herausgedrängt hatten. Ein Baschi-Bozuk lag erschlagen
mit weit klaffender Wunde in der Veranda; die Verwundeten hatten ihre Kameraden
jedoch mit fortgeschleppt.
    »Kolassi Jacoub?«
    Der Aga salutirte.
    »Wie viel Todte?«
    »Ich höre eben, dass Einer der Freiwilligen d'rinnen erschossen, ein Anderer
schwer verwundet ist. Zwei Leichen der Unsern liegen in der Mehana, eine hier.«
    »Nur? Ein Vierter liegt im Hof; die Sache ist also gut genug abgelaufen.
Jüs-Baschi Mahmud'a!«
    Der Hauptmann der Kosaken, der sich vergeblich bemüht hatte, die Kämpfenden
auseinander zu bringen, nachdem er eilige Meldung in die Locanda Alexo's
gesandt, trat vor.
    »Ich bin der Höchstkommandirende hier, wenn auch Ihre Leute nicht zu den
Meinen gehören. Lassen Sie die Halunken dort, die den Handel angezettelt,
hervortreten.«
    Es geschah.
    »Wer von Euch hat die zwei Schüsse getan? - Antwort!«
    Einige Augenblicke schwiegen Alle, dann entgegnete der On-Baschi:
    »Keiner von uns hat nach dem Tagesbefehl Schiessgewehr bei sich geführt. Der
Erschossene da drinnen ist einer der Unsern.«
    »Wer also schoss?«
    »Ein Baschi-Bozuk natürlich, Mir-Alai22.«
    »Narr! Warum sollte der seinen eigenen Kameraden erschiessen? - Ruft den
Wirt der Mehana aus dem Hofe herbei und seine drei Wächter.«
    Die Leute wurden gebracht. Der Bei wandte sich zu dem Damascener.
    »Woher kam der Schuss, der den Mohren niederstreckte?«
    »Aus dem Hause, Bei! Ich sah selbst den Rauch aus dem Dache steigen.«
    »Durchsucht das Haus. - Kannst Du uns Auskunft geben, Wirt?«
    »Excellenz, habe Gnade mit Deinem Knecht. Ich habe viele Gäste gehabt, die
ich nicht kenne. Man riss mich sogleich zu Boden und schleppte mich in den Hof.
Ich weiss nicht, woher der Schuss gekommen, die Angst des Todes war über mir.«
    Die beiden Mulassims, die mit dem On-Baschi das Haus durchsucht hatten,
erschienen wieder, Marutza mit sich führend. Der Eine trug die Flinte des
Haiducken.
    »Wer ist das Mädchen?«
    »Meine Tochter, Excellenz; sie flüchtete auf den Boden, als der Streit im
Hause begann.«
    »Habt Ihr Niemand weiter gefunden?«
    »Niemand, als dies Weib und die Flinte unter dem Stroh verborgen. In der
Hoda liegt ein junger Bursche, der Aufwärter des Handja, aber er ist verwundet.«
    »Jowan, mein Neffe!«
    »Still. Mädchen, Du musst es wissen, rede die Wahrheit. Wer schoss die Flinte
ab auf den Mohren?«
    Der Bulgar zitterte.
    »Ich, o Aga, tat es. Mein Vater war in Gefahr!«
    Der Bei schaute ihr scharf in die schwarzen Augen, die mutig Stand hielten.
Das ritterliche Blut des Polen trug den Sieg davon über den Moslem.
    »So tatest Du brav, Mädchen, wie ich wünsche, dass meine Tochter an mir tun
möge. Doch vermag ich Deinen Vater nicht vor Strafe zu schützen, weil er gegen
den ausdrücklichen Befehl der Regierung Waffen in seinem Hause gehegt hat.
Mulassim Hassan, der Ihr in dem Lager bleibt, Ihr werdet morgen den Mann und das
Mädchen zu Sami-Pascha führen. Die Todten hier sind meine Sache, versteht mich
wohl, nur das Gewehr geht den Pascha und seine Khawassen an. Gute Nacht,
Mädchen!«
    Sie neigte sich demütig und küsste den Riemen seines Steigbügels.
    »Jüs-Baschi Mahmud'a, führt Eure Leute fort. Nach der Schlacht hören die
Burschen da das Weitere. Und nun, meine Herren, zu unserem Corps und sorgt
dafür, dass keiner der Lebendigen unter dem Vorwande einer Wunde in seiner Reihe
fehle. Bei dem Gott Mahomed's und der Christen, ich will den Kerl lebendig
schinden, der es wagt! Vorwärts, Jacoub'a!«
    Und dem scharrenden Ross die Sporen in die Flanken pressend, flog der wilde
Graf im Galopp davon - hinter ihm d'rein seine Adjutanten.
    In langen, verhallenden Tönen bliesen die Hörner zum Aufbruch nach Czetate.
 
                                    Fussnoten
1 Bulgarisches Dorf.
2 Saal, grosses Gemach.
3 Hunnengräbern - 15-50 Fuss hohen Grabhügeln aus dem Altertum; der Moslem nennt
sie Tege.
4 So nennt der Slawen-Grieche sinnig sein Pferd.
5 Christen!
6 Turm.
7 Sehr bezeichnend für den Volkscharakter ist das Lob, das man in Bulgarien 1840
dem Pascha von Sophia, Seïd, zollte: »An dem Pascha ist weiter Nichts
auszusetzen, als dass er uns, so viel er kann, Geld abschindet, aber wenigstens
sieht er darauf, dass seine Leute unsere Ehre und unsere Weiber nicht antasten.«
8 Rundtanz mit fest verschlungenen Armen, als Zeichen der Kraft und Vereinigung.
9 Dorfobrigkeit.
10 Wirt.
11 Ein kleines Goldstück, fünf Piaster an Wert.
12 Hundsfott! - Spanisch.
13 Lümmel! - Portugiesisch.
14 Citer.
15 Mädchen.
16 Schurke! - Italienisch.
17 Heilige Jungfrau!
18 Herren des Landes.
19 Häuptling.
20 Du bist der Herr.
21 Lümmel.
22 Oberst. Officiell wurde Iskender-Bei erst nach der Schlacht von Czetate dazu
ernannt.
 
                           III. Im Gefecht! Czetate.
Der Oberbefehlshaber der russischen Armee hatte beschlossen, die Operationen
gegen den linken Flügel der türkischen zu beginnen und diese aus der kleinen
Walachei zu verdrängen. Zu dem Ende galt es, Kalafat zu cerniren, und
General-Lieutenant Graf Anrep-Elmpt, der bei dem Einrücken in die Fürstentümer
die Avantgarde kommandiert hatte und jetzt in Krajowa befehligte, erhielt die
entsprechenden Ordres. Kalafat liegt, wie ein Blick auf die Karte lehrt, in
einer kurzen Biegung der Donau nach Nord-Osten, ehe sie sich zur serbischen und
ungarischen Gränze wendet. Dem entsprechend bildeten die Bewegungen der Russen
auf der Basis der Donau die zwei Seiten eines Dreiecks, indem zwei mit einander
in Verbindung bleibende Colonnen von Krajowa aus vorrückten. Das Corps des
Generals Dannenberg bewegte sich von Karakal über den Schyl in den Rayon Radowan
und lehnte seinen äussersten linken Flügel an die Mündung des Flusses, über die
Deszneizia hinaus; die fünfte leichte Division des General-Lieutenants von
Fischbach dagegen besetzte in einem forcirten Marsch die Strasse, welche von
Kalafat längs des Donauufers gegen Orsowa und das eiserne Tor führt. Radowan
bildete somit den Winkel der combinirten Position. Diese Bewegungen waren in den
letzten Tagen des December ausgeführt worden, hatten natürlich die
Aufmerksamkeit der Türken erregt, und es war vor der Rückkehr des Muschirs nach
Nicopolis in Folge der neuerdings durch die Spione über die Vorwärtsbewegung des
Feindes eingegangenen Nachrichten beschlossen worden, die drohende Festsetzung
der Russen nördlich von Kalafat bei Czetate um jeden Preis zu verhindern.
    Gegen diesen günstig zur Verteidigung und Befestigung gelegenen Ort war die
(erste) Infanterie-Brigade des General-Majors Bellegarde, bestehend aus dem
Jekaterinenburgischen Infanterie-Regiment Nr. 19 unter Oberst Uwasnow-Alexandrow
und dem Tobolskischen Regiment Nr. 20, vorgeschoben worden, und Oberst
Baumgarten nahm mit dem letzteren hier Stellung, nachdem bereits am 31. December
in der Nähe ein heftiges aber erfolgloses Gefecht stattgefunden hatte. Schweres
Geschütz mit Pionieren und Schanz-Arbeitern hatte Krajowa am 2. Januar
verlassen, um die Stellung bei Czetate zu befestigen.
    Diese Nachrichten waren es, welche Oberst Pisani durch die geheime
Correspondenz der Gräfin Laszlo erhalten hatte, die trotz der Kriegsgefahr, und
während viele walachische Bojaren im Gegensatz nach Ungarn und Siebenbürgen
flüchteten, zu Anfang December von ihren nahegelegenen ungarischen Besitzungen
auf einem ihr gehörenden Gute in der Nähe von Radowan und Krajowa in dem von den
russischen Truppen besetzten Gebiet erschienen war. -
    Die Scene, welche wir in dem vorigen Capitel beschrieben, ereignete sich am
Donnerstag den 5. Januar. Obschon der nächste Tag der Sonntag der Moslems war,
hatte man doch nicht zögern wollen, bis die Russen sich stärker befestigt
hätten, und der Angriff war für den nächsten Tag bestimmt.
    Um 4 Uhr Morgens verliessen die Türken, 13 Infanterie-Bataillone, 6
Kompagnieen Jäger, ein Regiment türkischer Kosaken und zwei starke Abteilungen
der berittenen Irregulairen mit 28 Geschützen, im Ganzen etwa 18,000 Mann stark,
die Verschanzungen von Kalafat und rückten gegen Czetate vor. Ismaël-Pascha, der
Tscherkesse, kommandirte die Vorhut und das Haupttreffen, unter ihm der Ferik
(Divisions-General) Mustapha-Pascha und der Livas (Brigade-General) Osman
-Pascha. Achmet-Pascha, der Commandeur von Kalafat, befehligte die Reserven.
    Zwei der türkischen Bataillone mit zwei Kanonen wurden auf der Strasse in den
Dörfern Maglavit und Gunia zurückgelassen, um die Verbindung mit Kalafat
aufrecht zu erhalten. Sieben Bataillone sollten die Reserve bilden. -
    Das Dorf Czetate liegt auf einem Hügel, welcher auf mehrere Meilen hin die
umliegende Fläche überragt und auf beiden Seiten von Schluchten eingefasst ist.
Die östliche ist von ziemlicher Tiefe, zerklüftet und steil und verliert sich in
einen kleinen See, unter welchem sich eine Fläche bis zur Donau erstreckt; die
andere, weniger furchtbar, windet sich gegen die Spitze des Hügels hinter dem
Flecken, indem sie eine Art Hohlweg bildet, den man jedoch ohne Schwierigkeit
von einem Ende zu dem andern passiren kann. Die Strasse von Kalafat schneidet
mitten hindurch in nordwestlicher Richtung, nachdem sie zwischen den Schluchten
aufgestiegen ist. Auf der Höhe über dem Flecken, rechts von der Strasse, hatten
die Russen eine starke Verschanzung aufgeworfen, die für den Fall eines Rückzugs
als Zufluchtsort dienen konnte. Vor Czetate und dies deckend, liegt der Weiler
Fonton-Banali, den Oberst Baumgarten mit dem Regiment Tobolsk, einer Schwadron
Husaren des Regiments Fürst von Warschau und einer Abteilung des Donischen
Kosaken-Regiments Nr. 36 mit 6 Kanonen der leichten Batterie Nr. 1 von der 10.
Artillerie-Brigade unter Oberst Sagoskinn besetzt hielt. Die Reserve der
Position unter General-Major Bellegarde stand, da man den raschen Angriff
keineswegs erwartete, fast zwei Meilen zurück in dem Dorfe Motsesseï.
    Der Oberkommandirende, General-Lieutenant von Anrep, hatte sein Quartier in
etwa gleicher Entfernung zur Rechten in dem Dorfe Boleschti genommen. -
    Es war bereits spät am Abende, als eine Ordonnanz einen Offizier weckte, der
in einer ärmlichen Hütte des letztgenannten Dorfes auf seinem Mantel schlief,
und zu dem General beschied. Capitain von Meiendorf, dieser war der Offizier,
war rasch empor und in wenig Minuten bei dem Kommandirenden. Einige Offiziere
waren in dem Gemache versammelt, Kosaken hielten am Eingang einen walachischen
Bauer, dem die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt waren, am Strick. Der
General selbst war offenbar in grosser Aufregung und sah wiederholt Briefe durch,
die auf dem Tische lagen.
    »Gut, dass Sie kommen, Herr Adjutant, es gibt für uns Alle zu tun. Wir
werden eher Gelegenheit haben, als wir es hofften, die Befehle des Fürsten
auszuführen und mit den Türken anzubinden. Meine Kosaken haben in der Nähe der
Deszneizia diesen Nachmittag bei einer Streifpartie einen Spion aufgegriffen,
den Hettmann Poduroff mir so eben zuschickt. Seine Papiere sind von Wichtigkeit
und zeigen, dass unsere Stellung bei Czetate vielleicht morgen schon angegriffen
wird.«
    »Desto besser, Excellenz.«
    »Das mag sein, aber nicht besonders erfreulich ist es, zugleich daraus zu
erfahren, dass der Verrat nicht müde wird, in unserm eigenen Feldlager sein Nest
zu bauen. Wenn ich mich recht erinnere, kennen Sie die ungarische Gräfin Laszlo,
die sich seit Monatsfrist - wie sie angab, um ihr Eigentum in den
Kriegsdrangsalen möglichst zu schützen, - auf Schloss Badowitza zwischen Radowan
und Krajowa aufhält. Ich erinnere mich wenigstens, Sie in Unterhaltung mit ihr
gesehen zu haben, als die schöne Dame uns in voriger Woche in Krajowa besuchte.«
    Der Capitain verbeugte sich, um die Röte zu verbergen, die sein Gesicht
überflog.
    »Ich habe die Ehre, die Frau Gräfin von Wien aus zu kennen und besuchte sie
noch vor einigen Tagen mit mehreren Offizieren.« Er verschwieg, dass gerade die
Nachricht von ihrer Anwesenheit auf den walachischen Gütern ihn veranlasst hatte,
den Fürsten um den Auftrag zur Ueberbringung von Depeschen an General Anrep und
zur Einleitung wichtiger Verbindungen mit dem serbischen und bulgarischen Ufer
zu bitten, die ihn jetzt seit vierzehn Tagen im Hauptquartier des westlichen
Corps beschäftigten.
    »Werden Sie es glauben, Capitain, dass gerade diese Dame den Spion bei uns
gespielt und die Mittelperson abgegeben hat, durch welche der schlaue Fuad
fortwährend mit unsern Bojaren verkehrt und uns so manche Verlegenheit
bereitet?«
    Der Offizier erblasste, doch suchte er sich rasch zu fassen.
    »Unmöglich, Excellenz,« stotterte er.
    »Die Beweise halte ich in der Hand, Herr Capitain. Hier dieses Paket mit
gedruckten Proclamationen an die Bojaren und das Volk trägt die Unterschriften
Omer's und Fuad-Effendi's; dieses Couvert, das man bei dem Boten fand, entält
Briefe an verschiedene Bojaren, und ein Blatt, offenbar an die Gräfin gerichtet,
in welchem man - der Schreiber ist nicht genannt, - für die letzten Nachrichten
dankt, die sie nach Widdin über unsere combinirten Bewegungen gegen Kalafat und
die neuen Zuzüge unserer Truppen gemacht hat. Der Brief schliesst mit der
Benachrichtigung, dass der Muschir zwar heute Morgen Widdin verlassen, aber den
Befehl geben werde, unsere Linien bei erster Gelegenheit zu durchbrechen, und
bittet die Gräfin um weitere Kunde über die Dispositionen. Offenbar hat der
Verkehr meiner Offiziere in ihrem Hause, den ihre täglichen Einladungen so sehr
beförderten, ihr alle diese Nachrichten verschafft.«
    »Und darf ich fragen, was Euer Excellenz beschlossen haben?«
    »Ich muss natürlich Bellegarde und Baumgarten benachrichtigen lassen, auf
ihrer Hut zu sein. Sie, Herr Capitain, beauftrage ich, da Ihnen die Person der
Gräfin hinlänglich bekannt ist, morgen bei Tagesanbruch sich mit einem Zug
Husaren nach Schloss Badowitza auf den Weg zu machen, die Gräfin zu verhaften und
ihre Papiere in Beschlag zu nehmen. Sie liefern die schöne Spionin nach Krajowa
ab, wo sie nach meiner Rückkehr ihrer gebührenden Züchtigung nicht entgehen
soll.«
    »Euer Excellenz erlauben mir die Bemerkung, die Gräfin ist österreichische
Untertanin.«
    »Hier ist sie Walachin, Herr Capitain, und die Oesterreicher selbst haben
uns belehrt, wie man mit diesen ungarischen Damen umspringt. K tschortu1! ich
will sie peitschen lassen, wie die Oesterreicher, und sie mit Kosaken über die
Gränze bringen, dass das Beispiel allen Weibern künftig die Einmischung in die
Politik verleiden soll!«
    »Excellenz, es ist eine Dame - ich war im Hause ihres Oheims täglicher
Gast!«
    »Eine Spionin ist sie, Herr,« fuhr der General auf, »und als solche verdient
sie behandelt zu werden. Was blieb sie nicht in Wien, statt hierher zu kommen
und die Verräterin zu spielen? - Aber ich sehe, wie die Sache steht, Sie liegen
eben so gut in den Netzen der schönen Rebellin, wie diese Herren hier, die schon
allerlei Ausflüchte versucht haben. Ich muss einen weniger galanten Offizier
schicken, wenn ich sicher sein will, dass die Dame nicht einen Ausweg findet.
Skolimoff - rufen Sie mir den Capitain der sechsten Ssottnie her - ich weiss
nicht, wie der Kerl heisst, aber tauglich dazu ist er.«
    »Chotumofski, Excellenz!«
    »Bon! Rasch, damit die Sache zu Ende kommt. Sie, Rittmeister Kowaleff,
nehmen den Boten mit sich und lassen ihn an den ersten besten Baum ausserhalb des
Dorfes aufknüpfen, mit einem dieser Plakate auf der Brust. Es mag den Kanaillen
zur Warnung dienen. Herr Capitain, da Sie die Galanterie dem Dienst vorziehen,
muss ich Ihnen eine andere Beschäftigung geben. Sie werden sogleich zu Oberst
Baumgarten aufbrechen und ihm die Nachrichten mitteilen, die Sie eben gehört
haben, damit er auf seiner Hut ist. Ich werde morgen ihm Verstärkung senden und
wahrscheinlich selbst seine Stellung besichtigen.«
    Der Capitain verbeugte sich. Näher zu dem General tretend, fragte er leise:
    »Haben Euer Excellenz keine Botschaft von Alexo, dem Wirt in Widdin?«
    »Nein, und deshalb eben hab' ich mich anders besonnen und sende Sie nach
Czetate, für den Fall, dass eine solche eintreffen sollte, da Sie der Chiffern
kundig sind. Ich weiss nicht, ob man dem Menschen weiter trauen kann, nachdem er
uns über diesen Verrat im Unklaren gelassen, aber vielleicht fehlte ihm selbst
die Kenntnis davon. Der Bursche, den ich eben condemnirt habe, kennt den Wirt
nicht. Er ist von dem Gut der Gräfin und hatte, nach seinem Geständnis, nur den
Auftrag, am Donauufer vorige Nacht eines Boten von drüben zu harren. Wir werden
in den nächsten Tagen von Ihrem Zigeuner Gebrauch machen müssen. Er ist der
Zuverlässigste von Allen, so jung er ist. Und nun Adieu, Capitain, und grüssen
Sie den Obersten.« Er wandte sich zu einem andern Offizier und Capitain
Meiendorf verliess die Hütte. Draussen begegnete ihm schon der befohlene
Kosaken-Offizier, ein alter graubärtiger Hauptmann mit rohem finsterm Gesicht.
    Der Capitain schauderte, indem er, in seinen Mantel gehüllt, an ihm vorüber
ging, dann setzte er eilig und in tiefem Nachdenken den Weg zu seinem Quartiere
fort.
    Als der Capitain in die walachische Hütte, die er mit mehreren anderen
Offizieren teilte, zurückkehrte, befahl er der Ordonnanz, sofort seine beiden
Pferde zu satteln. Dann ging er und weckte im Stall einen Mann, der dort
schlief.
    »Steh' auf, Mungo, Du sollst mich begleiten.«
    Der junge Zigeuner, dem im Lager von Budeschti am Vorabend der Schlacht von
Oltenitza der Offizier das Leben gerettet, sprang sofort empor und schüttelte
das Heu, auf dem er gelegen, aus den Haaren. Er hatte seit jener Zeit sich den
Russen angeschlossen und, das gefährliche Gewerbe des Leichendiebes und
Marodeurs aufgebend, das nicht minder verzweifelte eines Spions angenommen. Da
seine Wanderungen ihn nicht allein durch die ganze Walachei, sondern auch häufig
in das bulgarische Uferland bis zur serbischen Gränze hin geführt hatten und er
das Türkische und Bulgarische geläufig sprach, war er von den russischen
Heerführern bereits vielfach zu diesen verächtlichen Diensten, die er mit grosser
Gewandteit ausführte, benutzt worden, namentlich zur Unterhaltung einer
Verbindung mit den bulgarischen Haiducken und den Resten der alten Hetärie.
Obschon der Capitain wenig Sympatieen für ihn empfand, hatte der Bursche seit
jener Zeit doch so grosse Anhänglichkeit an ihn gezeigt und ihm seine
Dienstleistungen, wenn er eben nicht anderweitig umherschweifte, so unabweisbar
aufgedrängt, dass er es sich endlich gefallen liess, den Zigeuner mit seinem
gewöhnlichen Reitknecht die Sorge um seine Pferde teilen zu sehen. Da bei den
beschlossenen Bewegungen gegen Kalafat die Anknüpfung und Verbindung mit den
russenfreundlich Gesinnten in Widdin und im Hauptquartier des Muschirs von
grösster Wichtigkeit war, wurde ausdrücklich der junge Zigeuner mit dem Capitain
nach Krajowa gesandt und hatte von hier aus bereits zwei Mal das türkische Ufer
und Widdin betreten, wo Alexo, der Wirt, als Agent beiden Parteien mit grosser
Schlauheit diente.
    Die Pferde standen bereit, der Capitain schwang sich auf, und indem er
seinen Reitknecht zurückliess, befahl er Mungo, das zweite Pferd zu besteigen und
ihm zu folgen.
    Als sie über die Vorposten hinaus auf dem Wege in der Richtung von Czetate
waren, liess der Capitain sein Ross langsam und achtlos schreiten, in düsteres
Nachsinnen verloren. Endlich schien sein Entschluss gefasst, er hielt den Zügel an
und rief Mungo herbei.
    »Ich habe gesehen, dass Du ein guter und verwegener Reiter bist. In welcher
Zeit glaubst Du, dass ich mit meinem Halbblut die Deszneizia jenseits Radowan
erreichen könnte?«
    »Wenn Du das Pferd anstrengst, Capitain, in fünf Stunden.«
    Der Offizier liess seine Uhr repetiren.
    »Es ist Mitternacht! Also gegen sechs Uhr. Die Kosaken werden kaum vor
dieser Zeit aufbrechen und vor Mittag das Schloss nicht erreichen - sie hat
demnach, auch wenn ein Hindernis den Boten verspäten sollte, Zeit genug zur
Abreise. Steig' ab, Mungo, und wechsle mit mir das Pferd.«
    Der Zigeuner gehorchte stillschweigend.
    »Du kannst mir jetzt das Wenige, was ich für die Rettung Deines Lebens in
Budeschti tat, wett machen mit einem Dienst, wenn es Dir wirklich Ernst mit
Deinem Dank ist, wie Du mich so oft versichert hast.«
    »Befiehl, Herr, Mungo wird Dir's beweisen, und wenn es sein Leben kostet.«
    »Kennst Du das Dorf und das Schloss Badowitza?«
    »Ich kenne es nicht, aber ich habe davon gehört in Krajowa. Es wohnt eine
vornehme Dame dort, die der Capitain neulich besucht hat.«
    »Wohl! Höre mich genau an, denn von Deiner Botschaft und deren Eile hängt
Wichtiges ab. Die Dame ist die Gräfin Laszlo, die Herrin des Schlosses. Du
reitest, so rasch Du kannst, nach dem Schloss der Gräfin und suchst unter irgend
einem Vorwande, ohne dass es ihrer Umgebung und dem Posten, der vielleicht noch
im Dorfe liegt, auffällt, zu ihr zu gelangen.«
    »Ich werde es.«
    »Sobald Du sie siehst, verlange ein geheimes Gehör und sage ihr: der Warner
aus dem Prater von Wien lasse sie bitten, noch in derselben Stunde abzureisen
und möglichst rasch die ungarische Gränze zu erreichen. Um Mittag würde es zu
spät sein. - Hast Du die Worte gemerkt?«
    Der Zigeuner wiederholte sie.
    »Aber, Herr, die Dame wird fragen, wer ihr die Worte sendet, oder wenigstens
nach einem Beglaubigungszeichen bei einem Boten, wie ich bin.«
    Der Offizier hatte bereits seine Brieftafel in der Hand und reichte ihm ein
zusammengeschlagenes, vor dem Abreiten im Quartier geschriebenes Papier.
    »Die Vorzeigung desselben wird, wenn die Gräfin einen Beweis fordert,
genügen. Zugleich wird es Dir bei den Militairpikets, die Dich anhalten könnten,
als Ausweis dienen. Es entält einfach die Worte: Mein Diener Mungo reitet in
meinen Geschäften nach Krajowa. - Und nun, Bursche, gieb mir einen Beweis Deiner
Schlauheit und Treue und schone das Pferd nicht.«
    Er reichte ihm das Papier und wandte das seine, doch schon nach wenigen
Schritten kehrte er nochmals um und rief den Zigeuner zurück.
    »Es ist möglich, dass es morgen ein heisses Treffen gibt und Du mich bei der
Rückkehr nicht mehr finden könntest. Nimm diese Börse und meinen Dank für Deine
Dienste, und - wenn Du die Gräfin sprichst, sage ihr, sie möge meiner freundlich
gedenken!«
    Er wandte kurz das Pferd und sprengte davon, während der Zigeuner den Renner
nach der entgegengesetzten Richtung spornte. -
    Der Morgen war klar, der Himmel wolkenlos, nicht ein Windhauch bewegte die
Luft, und als die Sonne aufging, bildeten das friedliche Tal der Donau, noch
stellenweise mit Schnee bedeckt, und der grosse Strom, der langsam seine gelben
Wässer dahinwälzte, ein Bild des Friedens und der Ruhe, das die blutigen Scenen
nicht ahnen liess, die so rasch folgen sollten.
    Bald nach 7 Uhr nahte die türkische Avantgarde dem Weiler am Fusse des
Hügels, auf dem Czetate stand.
    Ismaël-Pascha mit Iskender-Bei und dem Ferik Mustapha befanden sich an der
Spitze der Colonne. Weder in dem Weiler, noch auf der Höhe von Czetate zeigte
sich in dem ersten Licht des Tages eine Spur der Russen.
    Die Colonne machte Halt, der Pascha recognoscirte einige Augenblicke das
Terrain, dann wandte er sich zu seinen Begleitern.
    »Halte Deine Bataillone bereit, Mustapha, und lasse Nefwik-Bei mit seinen
Jägern vorrücken und sich über das Feld verbreiten. Ich werde ihm selbst meine
Befehle geben. Mashallah! ich glaube, die Moskows sind davon gelaufen, ehe wir
gekommen sind.«
    »Du irrst, Pascha,« sagte der Graf; »mein Fernrohr zeigt mir, dass das Dorf
besetzt ist und Artillerie dort steht. Wenn Du mir gestatten willst, will ich
meine Irregulairen an dem Wasser entlang ihnen in den Rücken führen.«
    »Allah sende ihnen Verderben! Es geschehe, wie Du sagst, Freund Bei, auf
Dein Haupt komme es. Wir müssen die Höhe dort gewinnen, wir sind nicht die Esel
der Moskows. Wallah! da ist der Neffe des Muschirs. Höre, Bei, Du sollst die
Ehre des ersten Angriffs haben. Rücke langsam vor und nimm jene Häuser.«
    Nefwik und Iskender-Bei eilten nach verschiedenen Seiten davon.
    Während der Letztere, gedeckt durch das Terrain auf der rechten Seite von
Czetate, mit seinen beiden Regimentern Irregulairer und sechs Kanonen den
kleinen See im Galopp umging, eröffnete sich bereits in der Fronte der Kampf.
Die fünf Compagnieen Jäger unter Befehl Nefwik-Bei's breiteten sich rechts und
links aus und begannen langsam den Hügel gegen den Weiler hinan zu steigen,
zuweilen en tirailleurs feuernd, jedoch ohne eine Antwort hervorzurufen. Sie
waren etwa noch 400 Schritt von dem Weiler entfernt, als plötzlich ein einzelner
Kanonenschuss donnerte und sofort sich noch zwei andere Geschütze demaskirten und
ein scharfes Feuer eröffneten. Das Heckenfeuer der Infanterie fiel ein und von
der Spitze des Hügels begannen die vor Czetate aufgefahrenen drei Kanonen mit
Passkugeln und Granaten ihr Feuer, während die am unteren Abhang mit Kartätschen
schossen. Nur die letzteren taten Schaden, während die ungeschickt gezielten
Schüsse der obern Batterie über die Anstürmenden weggingen und die Granaten in
der Luft platzten, noch ehe sie die feindlichen Colonnen erreicht hatten.
    Den Jägern Nefwik's folgte Mustapha-Pascha mit vier Bataillonen Nizam, von
Hadschi-Mustapha, dem kommandirenden Offizier der Artillerie, unterstützt. Die
türkischen Geschütze - die vorzüglichste Waffe der ganzen Armee - schossen
ungleich besser als die russischen, und ihre Passkugeln schlugen fest und sicher
in die Gebäude des Weilers.
    Zwei Mal setzten die Jäger unter dem Ruf: »Allah! Allah!« an, zwei Mal
wurden sie von den Chargen der Russen geworfen. Wütend spornte Ismaël-Pascha
sein schwarzes Pferd gegen den Nizam und trieb ihn gegen die Gebäude, während
die türkischen Kanonen der Avantgarde folgten.
    Oberst Baumgarten verteidigte die bedrängte Position mit grosser Kühnheit
gegen den überlegenen Angriff. Die Husaren und ein Bataillon des Regiments
Tobolsk waren nach Czetate zurückgesandt und die Uebermacht des Feindes war
daher erdrückend. Der Nizam griff den Weiler mit dem Bajonnet an und an vielen
Punkten focht bereits Mann gegen Mann. Doch noch hielten die Russen tapfer
Stand.
    Den Hügel von Czetate herab jagte ein Adjutant.
    »Major Topoltschann meldet, dass die Kavallerie des Feindes die Position am
See umgangen hat und mit einer reitenden Batterie das Dorf im Rücken angreift.
Das zweite Bataillon und die Husaren sind bereits im Feuer.«
    Die Kunde war entscheidend; die Wegnahme des Dorfes, ehe man sich nach der
Redoute auf der linken (rechte russische) Flanke zurückziehen konnte, hätte das
Detaschement des Weilers gänzlich abgeschnitten.
    Der Kommandirende sah die Notwendigkeit des Rückzuges. Major Kolomeïtseff
erhielt den Befehl, mit dem ersten Bataillon und den Kosaken denselben zu decken
und langsam zu folgen. Der Weiler stand bereits in hellen Flammen, als die drei
Geschütze den Hügel hinauf jagten und dort auf der Höhe ihre Gefährten ablösten.
An der Spitze des dritten Bataillons durcheilte der Oberst das Dorf und warf
sich auf der hintern Abdachung den Baschi-Bozuks Iskender-Bei's entgegen, von
der Schwadron Husaren flankirt, während die Soldaten des ersten und zweiten
Bataillons sich in den Häusern zu verschanzen begannen.
    Die Irregulairen, die bereits einige Vorteile errungen, verloren dieselben
und wichen, obschon die Aga's wütend auf die eigenen Leute losschlugen.
    Der günstige Augenblick war verloren, die Russen hatten das Dorf mit ihrer
ganzen Macht besetzt und eröffneten ein furchtbares Musketenfeuer auf die von
zwei Seiten vorrückenden Colonnen.
    Achmet Pascha sandte zwei Bataillone der Reserve zur Unterstützung vor; mit
einer doppelt überlegenen Macht wurde das Dorf angegriffen, während die
türkische Kavallerie Ordre erhielt, sich in der Schlucht auf der Linken, durch
welche quer der Weg von Czetate nach Norden führt, festzusetzen und so den
Rückzug zur Redoute abzuschneiden.
    Das Gefecht auf den Hügelseiten war überaus blutig; die türkischen Jäger
litten furchtbar, und die erste Compagnie derselben wurde buchstäblich
vernichtet. Unter dem wütenden Allahgeschrei stürmte der Nizam das Dorf.
Schritt um Schritt musste durch Blut erkauft werden. Die Russen machten jede
Mauer, jede Hütte zu einer Festung. Zweiunddreissig Offiziere wurden hier
verwundet, eilf davon getödtet! Man sah sie ihre Mütze in die Stirn drücken und,
den Säbel in der Faust, sich in die Massen stürzen, um den Tod zu finden, lieber
als dass sie wichen.
    Dennoch drangen die Türken siegreich vor - es war zum ersten Male, dass im
Angriff der Nizam Lorbeeren errang!
    An der kleinen Kirche des Ortes hielt Oberst Baumgarten mit seinen
Offizieren, darunter der Regiments-Adjutant Zagreba, dem das Blut fortwährend am
rechten Bein von einem Schuss im Schenkel herabfloss, ohne dass der Tapfere der
Verwundung achtete. Auch Major Kolomeïtseff blutete bereits aus zwei Wunden. Zur
Seite des Obersten befand sich Capitain Meiendorf, der seine Dienste als
Adjutant angeboten.
    Der Oberst wandte sich zu ihm:
    »Bellegarde und Graf Anrep lassen lange auf sich warten, Herr; man muss
dieses Schiessen in Motsetseï gehört haben, und wir schlagen uns schon drei
Stunden.«
    »Die Position ist unmöglich länger haltbar, Oberst.«
    »Ich sehe es und Major Topoltschann hat es mir gleichfalls melden lassen. Es
ist Zeit, dass wir unsern Rückzug sichern. Reiten Sie zu Sagoskin und sagen Sie
ihm, dass er sich fertig hält mit den Geschützen. Die Husaren werden die tête
nehmen, die Kosaken die Geschütze flankiren, und das zweite Bataillon soll
diesmal die Ehre haben, die Arriere zu bilden. In zehn Minuten müssen wir auf
dem Wege sein, und wenn Sie mich das Tuch schwenken sehen, soll Rittmeister
Sszamarin mit seinen Husaren im Galopp die Schlucht forciren. Sie bleiben bei
ihm.«
    Der Capitain salutirte, während der Oberst bereits dem Regiments-Adjutanten
weitere Befehle gab, und ritt zu der Batterie, die an der andern Seite der
Kirche über die Häuser hinweg, in denen man sich Mann gegen Mann schlug, ein
unregelmässiges Feuer gegen die unterstützenden Colonnen des Feindes unterhielt.
    »Achtung! Kartätschen in die Geschütze! - Die Pferde vor!« - Die Befehle
waren in drei Minuten vollzogen.
    Die Trommeln schlugen zum Avanciren. Das zweite und erste Bataillon machten
eine Charge mit dem Bajonnet auf den Feind. -
    Der Oberst schwenkte das Tuch, - die Trompeter bliesen zur Attaque und
gleich einer Windsbraut galoppirte der Rest der Schwadron Husaren vom Regiment
Fürst von Warschau die Strasse entlang und stürzte sich in die Schlucht zur
Linken. Hinter ihnen d'rein jagte die Batterie.
    Hier hatte sich, gedeckt gegen die russische Artillerie vom Dorf und von der
Redoute, die türkische irregulaire Kavallerie aufgestellt mit sechs Geschützen,
welche die Strasse beherrschen sollten. Der Angriff erfolgte jedoch so rasch und
plötzlich, und die Verwirrung war im Augenblick so gross, dass die türkischen
Geschütze nicht an's Feuern kommen konnten, und vier derselben von den Russen
genommen wurden. Indem sich die Husaren und Kosaken rechts und links von der
Strasse ab und auf die Irregulairen warfen, gelang es der russischen Batterie,
die Schlucht zu passiren und alsbald auf der entgegengesetzten Seite Posto zu
fassen, von wo sie den Aus- und Eingang derselben bestreichen konnte.
    Zugleich warf sich das dritte Bataillon Tobolsk über die Seiten der
Schlucht, während das erste und zweite den Anprall des Nizam, durch dessen
Öffnung jetzt die türkischen Kosaken zur Verfolgung heransprengten,
zurückhielten und den Rückzug deckten.
    Das Mordio, der Allahruf und das Hurrah der braven Infanterie zwischen dem
Donner der Geschütze und dem Knattern der Flinten war sinnbetäubend, das
Gemetzel in der Schlucht selbst und auf dem leicht ansteigenden Abhang zur
Redoute wahrhaft furchtbar, das Blut rann, wie Augenzeugen berichten, in kleinen
Bächen auf der gefrornen Erde herunter.
    Mit scharfen Hieben trieb der Bei seine Arnauten in's Gefecht, um womöglich
den Zug der Russen über die Strasse zu durchbrechen.
    Zwei Mal gelang es ihm, zwei Mal wurde er auf's Neue zurückgedrängt.
    Als er zum dritten Mal über die Strasse brach, schloss sich die Colonne hinter
ihm und etwa dreissig Gefährten. Bereits war das zweite Bataillon auf dem
Rückzug, während das erste sich noch heldenmütig jenseits der Schlucht am Rande
des brennenden Dorfes schlug, und die russische Artillerie auf der halben Höhe
der Redoute Stellung genommen und ihr Feuer eröffnet hatte.
    Iskender-Bei, der tapfere Argonautenführer, schien verloren, - ringsum die
starrenden Bajonnete, während die langen Piken der Kosaken und die Säbel der
Husaren seinen kleinen Haufen bedrängten. Ein Hieb hatte bereits seinen linken
Arm gelähmt, doch der verwundete Löwe schien seine Kraft zu verdoppeln und war
überall.
    Aber die starrende Mauer der Bajonnete, gegen die er sein Pferd spornte,
widerstand seiner Tollkühnheit, um ihn fielen die Bozuks, die ihn begleitet, der
On-Baschi Hussein, Abdallah, der Syrier, kaum Zehn noch hielten Stand.
    Da führte der Graf, das Verzweifelnde seiner Lage erkennend, gleich wie
Roland im Tal von Ronceval das Horn, die silberne Pfeife, die er zum
Kommandogebrauch an gleicher Kette auf der Brust trug, an die Lippen und drei
gellende, schneidende Töne schrillten durch die Luft, über alles Kampfgetöse
weitin vernehmbar.
    Capitain Meiendorf hatte sich mit den Husaren auf den Trupp geworfen, der
den Bei schützte, und sein Degen kreuzte sich mit dem Säbel des Führers.
    »Ergeben Sie sich, Graf, Sie sind gefangen.«
    »Einem Russen? Niemals! Tysiac byci mac mordowalo!« Sein Hieb sauste zur
Seite, doch glücklich parirte der Adjutant, dass nur leicht die Spitze des Säbels
seine Wange ritzte. Von der andern Seite umdrängten die Husaren den kühnen Polen
und kräftige Hände erfassten ihn.
    »Nehmt ihn gefangen - Schonung dem Tapfern!« Da brauste und tobte es heran,
gleich einer Sturmesbraut. »Allah! Hurrah!« und rechts und links flogen die
Russen zur Seite, Ross und Mann übereinander stürzend, Lanzen brachen sich Bahn,
Handjars und Säbel blitzten: »Hussah, Bei! Jacoub'a ist hier!« und die tolle
Arnautenbande mit dem Aga an ihrer Spitze hieb rasend den Führer aus der Gefahr!
-
    Die Redoute war glücklich erreicht, die Geschütze derselben und die
Feldbatterie donnerten gegen den Feind und hinüber gegen Czetate - sechshundert
russische Krieger deckten den Kampfplatz, über achtundert waren verwundet.
    Ismaël-Pascha sammelte die Bataillone, um sie zum Sturm gegen die Redoute zu
führen, als ein Adjutant Achmet's herbei jagte und das Anrücken der russischen
Truppen von Motsetseï meldete.
    Es war bereits um Mittag. In dunklen Colonnen, kaum noch eine halbe Meile
entfernt, kamen die Russen gegen die rechte Flanke des Feindes an unter
General-Major Bellegarde: das Jägerregiment Odjessa, geführt von General-Major
Schigmond, der Rest des Alexandrinskischen Husaren-Regiments Fürst von Warschau,
geführt vom Oberst und Flügel-Adjutant Alopäus, eine Feldbatterie von sechs
Geschützen und ein Schwarm von Kosaken, im Ganzen zwischen 7- und 8000 Mann. Die
Infanterie bildete das Mitteltreffen, die Kavallerie und Artillerie war auf den
Seiten aufgestellt und ihr Marsch direkt gegen die Kalafater Strasse gerichtet,
um den türkischen Truppen den Rückzug abzuschneiden.
    Die Reserven Achmet-Pascha's, aus fünf Bataillonen bestehend befanden sich
am Fuss des Hügels, und er liess sie Front gegen den anrückenden Feind machen. Die
türkischen Truppen bewiesen hier grosse Standhaftigkeit, denn die Nachricht, dass
der Feind die Rückzugslinie bedrohe, ist auch bei den bestdisciplinirten wohl
geeignet, Verwirrung anzurichten.
    An der Seite des Hügels, unter der Schlucht auf der Rechten, war eine Art
von alter Fenz, die einen viereckigen weiten Raum einschloss, der von den
Einwohnern wahrscheinlich zur Schafhürde benutzt worden war, jedoch schon vor
langer Zeit, da der Graben halb angefüllt ist. Dennoch gewährte er noch immer
eine günstige Position zur Verteidigung. Die türkische Infanterie unter dem
Livas Osman-Pascha entwickelte sich zur Rechten über diese Einzäunung, drei
Bataillone in Linie, zwei in Reserve, die rechte Flanke durch eine Batterie von
4 Zwölfpfündern, die linke durch 6 Feldstücke gedeckt. Die Kavallerie aus dem
genommenen Czetate wurde zurückgerufen und auf der Linken aufgestellt, das
Regiment türkischer Kosaken vor den Irregulairen.
    Der Anmarsch der russischen Truppen bot einen imposanten Anblick. Nichts
konnte die Festigkeit ihres Marsches übertreffen, jede Linie schritt wie ein
Mann und alle Distancen wurden so genau innegehalten, als ob sie in St.
Petersburg paradirten. Als sie näher herankamen, ritten vier Offiziere vor, um
den Grund zu recognosciren und zogen sich dann wieder zurück. Gleich darauf
änderten die russischen Reservebataillone ihren Marsch und rückten mit zwei
Geschützen gegen die Schlucht vor, machten aber Halt, als sie diese ungangbar
fanden. Zugleich eröffnete die russische Artillerie ihr Feuer, und die türkische
erwiederte dasselbe.
    Es zeigte sich jetzt jener bedeutende Unterschied dieser Waffe in beiden
Lagern, der schon zwei Jahre vorher Kaiser Nicolaus gegen den General Wrangel,
als dieser Petersburg besuchte, zu den Worten hingerissen: »Das habe ich Ihnen
(den Preussen) zu verdanken!«
    Die russischen Geschütze feuerten viel zu hoch und ihre Kugeln taten
anfangs wenig oder gar keinen Schaden, bis es ihnen endlich gelang, die Distance
zu finden. Die türkische Artillerie dagegen, von Hadschi-Mustapha kommandiert,
räumte furchtbar auf unter den anrückenden Colonnen und riss weite Lücken in die
lebenden Mauern. Aber mit jener stoischen Haltung, die der russischen Infanterie
eigen ist, schlossen sich im Augenblick wieder die Reihen, und bewegten sich mit
derselben Ruhe vorwärts.
    Ein türkisches Feldgeschütz wurde demontirt, einen Augenblick liess das Feuer
nach. Dies benutzten die Gegner, um sich zu einer dichten Colonne zu schliessen
und zum Bajonnetangriff auf die türkischen Linien vorzubereiten. Die Trommeln
wirbelten den kurzen Sturmmarsch und die Colonnen kamen heran.
    Aber der Kartätschenhagel der türkischen Geschütze fegte die Spitzen nieder.
Zwei Mal setzten die Russen an, und zwei Mal siegte die menschliche Natur über
den Gehorsam des Kriegers, und sie wurden zurückgedrängt unter dem Allahruf der
ermutigt jetzt vorgehenden türkischen Linien; einige Augenblicke waren die
russischen Geschütze ohne Deckung und fast in der Gewalt der Moslems, als
General-Major Schigmont, selbst verwundet, die Jäger zum dritten Mal gegen den
Feind führte und die Husaren und Kosaken sich in seine Flanken warfen, ohne dass
es den Führern der türkischen Kavallerie gelang, den Angriff aufzuhalten.
    Die Türken wurden nach der Strasse zurückgeworfen. Zugleich erhielt
Achmet-Pascha die Nachricht, dass der General-Lieutenant Graf Anrep mit den
starken Reserven von Boleschti auf Modlavit (Maglawit) anrücke und so ihn im
Rücken bedrohe.
    Zwei Stürme Ismaël-Pascha's auf die Redoute waren unterdessen von Oberst
Baumgarten zurückgeschlagen worden.
    Achmet-Pascha gab den Befehl zum Rückzug nach einem fast achtstündigen
Kampf.
    So tapfer sich die Türken geschlagen, so traurig zeigten sich jetzt die
schlechten Anstalten ihres Heerwesens. Der grösste Teil der Verwundeten, über
500 Mann, musste hilflos auf dem Schlachtfelde zurückgelassen werden. Die Truppen
unter Bellegarde zählten eine gleiche Anzahl von Todten und fast das Doppelte an
Verwundeten; die Türken hatten während des zwiefachen Kampfes gleichfalls über
1000 Mann verloren, so dass nach der Schlacht an 3000 Todte und Verwundete auf
dem Platz lagen. Der Boden war so mit Leichen bedeckt, dass kaum 48 Stunden
hinreichten, sie zu beerdigen.
    Um 3 Uhr traten die Türken unbehindert ihren Rückzug an, denn die Munition
begann beiden Gegnern auszugehen, und sie erreichten Kalafat, ohne von den
Colonnen des General Anrep angegriffen zu werden. Am nächsten Morgen hatte das
letzte Bataillon sein Quartier bezogen. Sie liessen 6 Kanonen in den Händen der
Russen zurück, und deren anrückende Uebermacht blieb Herr des Schlachtfeldes;
aber der Zweck war erreicht, und die Stellung bei Czetate geworfen. - -
    Es war am andern Vormittag, als den unter der zerstörten Mauer einer Hütte
von Czetate im todesähnlichen Schlaf liegenden Capitain Meiendorf eine
schüttelnde Hand weckte. Vor dem Auffahrenden stand Mungo, der Zigeuner, bleich,
erschöpft, kaum sich aufrecht erhaltend.
    »Dein Auftrag? sprich, hast Du ihn glücklich ausgeführt?«
    Der junge Bursche schüttelte den Kopf.
    »Ich kam zu spät. Die Streifwachen hielten mich auf, erst um acht Uhr
Morgens erreichte ich das Dorf - die Dame war fort - das Schloss in Flammen!«
    »Es ist unmöglich, - die Kosaken konnten vor Mittag nicht eintreffen!«
    »Nicht die Kosaken, Herr, die verräterischen Dorobandschen und ein
türkisches Streifcorps überfielen das Dorf, plünderten und führten die Dame
gewaltsam mit sich fort. So erzählten mir die Bauern und Diener.«
    »Und Du bist ihrer Spur nicht gefolgt?«
    »Ich tat es, Herr. Die Marodeurs, über 200 Mann stark, schlugen sich durch
die schwachen russischen Posten und erreichten die Donau unweit Kalafat. Ich
kehrte zurück, um Dich zu benachrichtigen. Drei Stunden von hier stürzte Dein
Pferd todt von der Anstrengung, - ich machte den Rest des Weges zu Fuss.«
    Der Offizier atmete hoch auf.
    »Gott sei Dank, was kümmert mich das Pferd!« - Im nächsten Augenblick
versank er in tiefes Nachsinnen. »Die Gefahr ist noch nicht vorüber,« murmelte
er, »sie darf nicht hierher zurückkehren und muss gewarnt werden, und ich - muss
wissen, ob sie in Sicherheit ist!« - Er wandte sich laut zu dem Zigeuner: »Wann
soll der Knees der Haiducken mit Dir in Widdin zusammentreffen?«
    »Heute oder morgen, Herr!«
    »Nimm meinen Mantel, armer Junge, und suche einige Stunden zu schlafen, dann
folge mir nach Boleschti, Du wirst der Beutepferde genug und billig finden. Aber
höre, versieh Dich womöglich, ehe Du Dich zur Ruhe legst, mit zwei türkischen
Anzügen von den Gefallenen, wir werden ihrer bedürfen. Auf Wiedersehen, Mungo.«
    Der Capitain schritt in tiefen Gedanken davon, sein Pferd zu suchen.
 
                                    Fussnoten
1 Zum Henker!
 
                                 Der Wudkoklak.
In den Tälern der Donau lebt eine grauenvolle Sage und pflanzt sich fort von
Vater auf Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Wenn der Vollmond seinen bleichen
Schein über Fels und Wald giesst, dann erhebt sich der Wudkoklak - der Vampyr der
Griechen-Slawen und Moldau-Walachen - aus seinem Grabe, in dem er mit offenen
Augen und starrem Blick schläft. Seine Klauen und Haare wachsen im Todesschlaf,
- warmes Blut rinnt durch die erstorbenen Adern; denn in den unheimlichen
Nächten des Vollmonds frischt er es auf, indem er durch das Land streift, den
Lebenden die Rückenader öffnet und ihr rotes Blut saugt.
    Schaurig ist der Glaube des Volkes! Steht ein Todter in dem Verdacht, auf
diese Weise sein Grab zu verlassen, so wird er feierlich ausgegraben. Hat die
Verwesung ihr Werk getan, so begnügt sich der Pope, ihn mit Weihwasser zu
besprengen; ist er aber rot und blutig, so treibt man ihm den Teufel aus und
stösst ihm bei seiner Wiederbeerdigung einen im Feuer gehärteten Eichenpfahl in
die Brust, damit er sich nicht wieder erheben könne. Die hungrigsten Raben
fliehen den Leichnam des Verfluchten schon von Weitem, ohne zu wagen, ihn auch
nur mit der Schnabelspitze zu berühren!
    Aber einen andern Wudkoklak gibt es, vor dem nicht der Segen des Priesters,
nicht der blutige Pfahl durch die Brust zu schützen vermag: lebendig wandelt er
unter den Lebenden und sucht seine Opfer. Oft wird er vom unwiderstehlichen
Drang nach Schlachtengemetzel ergriffen und verlässt bei Tag und Nacht seine
Wohnung und schweift umher, Menschen und Tiere, die ihm begegnen, mit Bissen
zerfleischend. Aber das Blut junger Mädchen und Frauen ist es, worauf er
besonders lüstern, - in ihr Herz schleicht er sich ein durch tausend listige
Ränke, und wenn er in der Braut- oder Liebesnacht sie in die Arme presst,
schwindet ihr Bewusstsein und das Blut weicht langsam aus ihren Adern, das
Antlitz wird bleich und täglich bleicher, die Quellen des Lebens vertrocknen,
statt frisch zu erschwellen in befruchtender Kraft; - denn allnächtlich teilt
der Vampyr ihr Lager und saugt der Schlummernden das Mark aus dem Gebein, das
frische rote Blut aus der zitternden Brust, und das junge Leben welkt und
welkt, und ehe der Mond zwanzig Mal seinen Kreislauf vollendet, deckt die Erde
den frischen Leib und das gebrochene Herz, und der Wudkoklak darf nach neuen
Opfern suchen.
    Zuweilen auch paart er sich mit der Wjeschtitza, dem weiblichen Gnomen, dem
Gespenst mit Feuerflügeln, das Nachts sich auf die Brust des schlafenden
Kriegers niedersenkt, ihn in seine Arme presst und ihm seine Wut einflösst.
Alsdann raubt wohl die Wjeschtitza, in Gestalt einer Hyäne, kleine Kinder und
schleppt sie fort in den Wald, da die Liebe des Wudkoklak kein Leben zu zeugen
vermag. Das sind dann die klagenden Stimmen, die in Fels und Wald nach den
Eltern rufen, das sind die wankenden bleichen Lichter, die den Wanderer in den
Moder der Sümpfe begraben!
    Der Bulgare macht drei blutige Kreuze an seine Tür, um dem Wudkoklak und
der Wjeschtitza den Eingang zu sperren. Doch vergeblich, denn die Wjeschtitza
senkt sich im Hass und in der blutigen Leidenschaft auf jede Menschenbrust, und
über die Schwelle des Palastes und der Hütte, durch die ganze Welt schreitet der
Wudkoklak und heftet den gierigen Mund an Unschuld und Tugend, an Alles, was
schön, vertrauend und erhaben ist, und mästet sich von dem Lebensmark der
Lebendigen, die sich machtlos winden in seinen Schlangenarmen!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In einem Gemache des Selamlik von Sami-Pascha zu Widdin lag auf weichen
Polstern die schöne Gräfin Helene Laszlo am zweiten Morgen nach der Schlacht von
Czetate. Ihre geistige und körperliche Kraft war erschüttert von dem
unerwarteten Schreckniss, das über sie gekommen. Jene unerklärliche
geheimnisvolle Laune des Frauenherzens, das sich selbst vermeidet, Rechenschaft
zu geben, hatte sie vermocht, den Vorspiegelungen und Aufreizungen des Grafen
Pisani Gehör zu geben, der ihr mit der schlauen, ganz den Interessen der
revolutionairen Propaganda ergebenen Freundin auf ihre Güter nach Ungarn gefolgt
war und hier verstanden hatte, den exaltirten Geist der jungen Frau zu
Entschlüssen und Handlungen zu erregen, deren sie sich - hätte eben nicht ein
kaum bewusster Wunsch im Grund ihrer Seele sie unterstützt, - sicher entalten
haben würde. So wagte sich denn die Gräfin auf ihre Güter am Schyl und der
Deszneizia, mitten in die Gefahren und die Wirrniss eines occupirten Landes und
auf einen Schauplatz, der jeden Augenblick selbst die Stätte der Schlacht und
des Todes werden konnte, indes der sardinische Oberst sich in's türkische
Heerlager begab. Die Gräfin, in steter geheimer Verbindung mit diesem Manne, der
ihre politische Exaltation zu fesseln verstand, öffnete in Krajowa und auf ihrem
Gute ihr Haus der Gesellschaft der russischen Offiziere und hatte die unwürdige
Rolle der Spionin übernommen und seit Wochen durchgeführt, indem sie zugleich
mit den zurückgebliebenen Bojaren des Fürstentums eine enge Verbindung
unterhielt, unter denen Fuad-Effendi durch seine Intriguen und Versprechungen
eine starke Partei für die Pforte warb.
    Nur hatte der schlaue Graf ohne das Herz der jungen Frau gerechnet, dessen
Geheimnis allein sie zur Uebernahme jener Rolle bewogen. Nach langem und
schwerem Kampf mit dem in Wien so tief verletzten weiblichen Stolz waren dem
Capitain die kurzen Zeilen geworden: »Gräfin Helene Laszlo hat die Ehre, Baron
von Meiendorf ihre Anwesenheit auf Schloss Badowitza anzuzeigen und wird, wenn
der Dienst ihn in diese Gegend führt, den Besuch eines Freundes mit Vergnügen
empfangen.« - So kalt diese Mitteilung in ihrer conventionellen Form auch war,
so genügte sie doch, wie wir gesehen haben, den Capitain nach Krajowa zu führen.
    Zwei Mal seiter war er der schönen Frau begegnet, in Krajowa selbst und bei
einem Besuche auf ihrem Gute, doch beide Male hatten der zahlreiche Hof, der die
Gräfin umlagerte, und der kalte Ernst, der in dem Benehmen des Capitains lag,
jede Verständigung, ja jede vertraulichere Annäherung verhindert.
    So fern standen sich die Herzen, die einander gehörten und die geschaffen
waren, sich zu beglücken - als die Schlacht von Czetate und die Intrigue des
Sarden auf's Neue sie trennte.
    Die Gräfin war bei der gewaltsamen Entführung von Schloss Badowitza durch die
Dorobandschen1, die mit einer Plünderung und einem kurzen Kampfe gegen den
schwachen russischen Posten verbunden war, zwar von jeder Beleidigung verschont
geblieben, aber es war ihr keiner der Schrecken, keine Gefahr ihrer Lage erspart
worden. Trotz aller Bitten und Versprechungen auf eine Kerutza geworfen, von
Zweien der wilden Söhne des Landes bewacht, führte die wilde Jagd der Flucht sie
nach den Ufern der Donau, und vergeblich ersehnte jetzt die ungarische Patriotin
Hilfe und Rettung durch die Hand der russischen Unterdrücker, denn die Zahl der
zum Feinde flüchtenden Dorobandschen war so bedeutend, dass sie die schwachen
begegnenden Pikets leicht in die Flucht schlug.
    So gelang es - während wenige Meilen davon die blutige Schlacht tobte -
Apollony, dem Agenten des Sarden, im Rücken der russischen Stellung seine Beute
am Nachmittag glücklich bis an's Ufer der Donau und zu den türkischen Posten zu
bringen. In einem Boote wurde hier die Gräfin über den Strom geführt und in die
Festung gebracht. Sie war so erschöpft, dass sie willenlos Alles mit sich
geschehen lassen musste. In einem abgelegenen Gemache des Selamlik liess
Sami-Pascha seine schöne Gefangene einstweilen einschliessen, indem er wegen der
Pläne des Obersten seine Gründe hatte, sie in das Haremlik selbst nicht
aufzunehmen.
    Mit Schrecken gewahrte Gräfin Helene, dass alle Hoffnungen auf sofortige
Befreiung sie täuschten, die sie gefasst, als sie sich in die Hände der Türken
geliefert sah. Sie blieb eine Gefangene, zwischen den öden Mauern eines
türkischen Zimmers eingeschlossen, von schwarzen Sclaven bedient, und erst am
Nachmittag erhielt sie eine weisse Dienerin, Marutza, die Tochter des Handja's,
die der Pascha, als am Tage vorher Vater und Tochter nach dem Befehl
Iskender-Bei's von den Khawassen vor sein Gericht geführt worden, zum Dienst im
Haremlik bestimmt hatte, während Gawra mit einer harten Geldbusse und dem Verbot
der Hanewirtschaft belegt ward. Das Mädchen verstand ein Wenig italienisch, und
so konnte die Gräfin sich wenigstens verständlich machen und erfuhr, dass sie in
den Händen des Pascha's von Widdin sei.
    Durch Marutza, welche frei aus- und einging, liess die geängstete Frau
alsbald eine Unterredung mit dem Pascha verlangen, aber der Erfolg derselben
hatte nur dazu gedient, ihre Angst und ihre Verlegenheit zu erhöhen. Der alte
Moslem fand sich in der Tat gegen Abend bei ihr ein, von einem seiner Eunuchen
begleitet, und nahm seinen Sitz mit aller Bequemlichkeit eines türkischen
Haremsherrn auf dem Divan des Gemachs, indem er mit lüsternen Augen die selbst
noch in dem Zustande der Abspannung fesselnden Reize der schönen Ungarin
betrachtete. Zu ihrem Schrecken erfuhr diese jetzt, dass sie nicht bloss eine
Gefangene, sondern von den Dorobandschen als Beute an Sami- verhandelt worden,
und dass dieser sie als eine Erwerbung seines Harems betrachtete. Vergebens
berief sie sich auf ihren Stand, auf ihre Bemühungen für die türkischen
Interessen, auf Graf Pisani, dessen Herbeiholung sie verlangte, der alte Moslem
erwiederte ihr, dass er sie ehrlich gekauft und bezahlt habe, dass er ihren Stand
nicht kenne und dieser ihm auch gleichgültig sei, dass er von keinem Anrecht auf
türkischen Schutz wisse, und wich mit grosser Schlauheit den Fragen und dem
Verlangen nach dem Sardinier aus.
    »Mashallah!« sagte der dicke Pascha, sich den Bart streichend, »was geht
dieser Dschaur mich an? Ich kenne ihn nicht, und wenn ich ihn kenne, bin ich
nicht der Herr in meinem Haremlik, und was hat er dort zu schaffen? Ich weiss
nicht, ob er in Widdin ist, oder in Kalafat, oder in der Schlacht gefallen.
Wallah! was kümmert einen Gläubigen ein Kreuzträger?«
    Gräfin Helene vermochte keine entscheidende Antwort zu erzielen. Der Pascha
verliess sie, indem er ihr nochmals andeutete, dass sie sich als ein Mitglied
seines Harems anzusehen habe. Die einzige Hilfe, die der Verzweifelnden beifiel,
war, einen europäischen Arzt zu verlangen. -
    Doctor Welland hatte den Morgen nach der Schlacht bis zum späten Nachmittag
im Lazaret zugebracht, Hunderten der armen Verwundeten, die sich zurück zum
türkischen Lager zu schleppen vermocht hatten, Hilfe bringend und die traurigen
Leistungen der ihm beigeordneten Unterärzte und Chirurgen beaufsichtigend. Zum
Tode erschöpft, langte er in der Locanda Alexo's an, wo Nursah, der schwarze
Diener, der jeden seiner Wünsche ihm an den Augen abzulauschen schien, ihn mit
bereit gehaltenen Erfrischungen erwartete.
    Nur Einem hatte seltsamer Weise der Sclave sich immer bisher zu entziehen
gewusst: seinen Herrn in die türkischen Bäder zu begleiten und ihn dort zu
bedienen!
    Der Doctor war noch mit seinem Mahle beschäftigt, das von mehreren der
türkischen Offiziere geteilt wurde, und lauschte den Einzelnheiten der blutigen
Schlacht, als ihm von Alexo, dem Wirt, gemeldet wurde, dass ein höherer Offizier
ihn zu sprechen wünsche.
    Es war Graf Pisani, der ihn im selben Zimmer erwartete, in welchem er mit
Apollony, dem walachischen Agenten, die für das Schicksal der Gräfin Laszlo so
unheilvolle Unterredung gepflogen.
    Der Arzt kannte den Grafen seit den wenigen Tagen seines Aufentalts in
Widdin nur von Ansehen. Der innere Instinct seiner ehrlichen Seele warnte ihn
vor dem glänzenden Tiger und er erwartete stillschweigend die Anrede.
    »Verzeihen Sie, Signor Dottore, dass ich Sie nach den vielen Anstrengungen
noch in Anspruch nehme. Im Selamlik des Gouverneurs befindet sich eine kranke
Dame, die Ihrer Hilfe bedarf. Sie ist durch Schreck und Furcht in grosse
Nervenaufregung versetzt und es wird nötig sein, ihr ärztlichen Beistand zu
leisten. Darf ich Sie um diesen bitten? Sobald es Ihnen genehm, wird mein Diener
Sie dahin geleiten.«
    Der Arzt verbeugte sich.
    »Ich werde in einer halben Stunde bereit sein.«
    »Ich habe bei dem Besuch eine Bitte an Sie, Doctor,« bemerkte der Graf. »Man
wird Sie nach mir fragen und Sie wahrscheinlich mit einer Botschaft an mich
beauftragen. Ich bitte Sie nun, der Dame gegenüber zu tun, als sei ich Ihnen
gänzlich unbekannt. Es versteht sich von selbst, dass ich Ihre ärztliche
Mühwaltung honoriren werde.«
    Die ruhigen ernsten Augen des deutschen Mannes hatten sich finster gefaltet.
    »Ich biete gern meine Hilfe, Herr Graf,« sagte er gemessen, »wo sie verlangt
wird. Zu Intriguen und Lügen bin ich unfähig.«
    Der Oberst lächelte verächtlich.
    »Wir missverstehen uns, Signor Dottore. Ihre Person und Ihre Vergangenheit
sind mir nicht unbekannt, und ich habe das Recht. Sie zu dem kleinen Dienst
aufzufordern, den ich von Ihnen verlange. Sehen Sie dies!« Die Hand, die er in
die Brustöffnung seiner Uniform gesteckt, zeigte dem Arzt einen kleinen
Gegenstand.
    Der Doctor fuhr unwillkürlich zurück.
    »Immer dies unselige Zeichen!« sagte er schmerzlich und unwillig. »Wohin ich
mich auch wende, überall verfolgt es mich. Doch, was Sie auch denken mögen, Herr
Graf, ich bin es müde, meine Ehre und mein Gewissen unter einem Zwange zu
beugen, den mir eine Torheit der Jugend auferlegt hat.«
    »Sie verweigern den Gehorsam?«
    »Ich weigere mich, eine Lüge zu sagen. Alles, was mir Ehre und Pflicht
gestatten, bin ich bereit, zu tun.«
    Der Graf, der offenbar noch andere Aufträge beabsichtigt hatte, bedachte
sich einige Augenblicke.
    »Ihre Weigerung, die Sie natürlich zu vertreten haben, kann in meinen
Absichten nur wenig ändern. Es bleibt dabei, dass Sie sich zu der Kranken
begeben, die eine in die türkische Gefangenschaft geratene Dame von jenseits
der Donau ist. Ich will Ihnen nicht weiter wehren, ihr zu sagen, dass Graf Pisani
Ihnen bekannt und hier am Orte ist, aber ich habe das Recht, Sie zu ersuchen,
dass Sie jedes nähere Eingehen auf meine Verhältnisse und etwaige Aufträge
ablehnen.«
    Der Arzt verbeugte sich schweigend.
    »Die Dame,« fuhr der Graf fort, »mag ihre Wünsche mir auf andere Weise
zugehen lassen; ich habe selbst nichts dawider, dass Sie ihr meine Adresse geben.
In einer halben Stunde wird mein Diener Sie auf dem Tschardak der Locanda
erwarten. Adieu, Signor Dottore.« - - -
    Der Morgen sog die frischen Nebeldüfte von der wallenden wogenden Fläche des
Stromes. Zu den Füssen der Gräfin Helene kniete Marutza, die walachische
Dienerin.
    »Deine Befehle sind erfüllt, o Excellenza, meine süsse Herrin,« berichtete
das Mädchen in schlechtem Italienisch, »aber mein Herz ist schwer geworden bei
Bestellung der Botschaft und meine Wange bleich. - Hast Du von dem Wudkoklak
gehört, o schöne Herrin?« flüsterte sie scheu.
    »Ich verstehe Dich nicht, Kind. Wird Graf Pisani mir Hilfe leisten in dieser
eigentümlichen Not? wird er kommen? Sprich - gieb mir Antwort.«
    »Er wird nicht säumen, Herrin,« sagte ängstlich das Mädchen; »wann hätte der
Wudkoklak je gezögert, wenn es galt, auf seine Beute zu stürzen? Weisst Du auch,
wem ich Dein Blatt gebracht?«
    »Dem Oberst Pisani, jetzt in türkischen Diensten, einem alten Freunde von
mir. Er allein kann mich retten.«
    »Was kümmert mich sein Name in der Welt! Er ist ein Wudkoklak - ich sah es
an dem Faltenmaal auf seiner Stirn, an seiner Leichenfarbe und dem höhnischen
Zug um seinen Mund!«
    »Ich verstehe Dich nicht - wer ist Dein Wudkoklak?«
    Das Mädchen blickte sie scheu an:
    »Das ist der Vampyr, der als Mensch unter den Lebendigen wandelt und die
junge Braut sucht, die er zum ewigen Verderben umstricken und deren Blut er aus
den blauen Adern trinken muss.«
    Die Gräfin schauderte.
    »Du bist ein törichtes Kind und hängst an dem Aberglauben Deines Volkes!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Oberst sass an ihrer Seite, seine Stirn bewölkt, während ihr angstvoller
Blick an seinem Antlitz hing.
    »Um Gotteswillen, Sie können mich doch nicht in der Gewalt dieser Menschen
lassen? Nehmen Sie die Hilfe der österreichischen Behörden in Anspruch!«
    Der Sarde lächelte verächtlich.
    »Bei dem langsamen Wege der diplomatischen Reclame würden Sie dann längst
verloren sein. Die Sache ist schwieriger, als Sie denken, teure Freundin. Die
Stellung der europäischen Offiziere unter diesen halbasiatischen Horden ist eine
ganz andere, als wir sie gedacht haben, unser Einfluss durch das Misstrauen gegen
alle Christen äusserst gering. Dazu ist Sami-Pascha unbeschränkter Gebieter in
Widdin und von der Armee ganz unabhängig. Der alte Schuft ist ein
eingefleischter Türke und hat nach den Sitten der Moslems ein unbestrittenes
Anrecht auf Ihre Person. Er hat Sie als Kriegsgefangene gekauft. Es ist ein
Unglück, dass es den schurkischen Ueberläufern eingefallen, Sie wahrscheinlich in
der Hoffnung eines reichen Lohnes oder Lösegeldes mitzuschleppen, und ein noch
grösseres, dass ich nicht Kunde davon erhielt, ehe der schändliche Handel
geschlossen war.«
    »Aber so bieten Sie ihm das Zehn-, das Zwanzigfache dieser Summe!«
    »Das ist längst geschehen, doch der alte Lüstling weigert sich, die - ich
muss es aussprechen, so hart das Wort klingt - die Christensclavin zu verkaufen.
Es ist eine besondere Gunst und nur seiner Furcht vor meiner Person oder seinem
Trotze auf sein Recht nach dem muselmännischen Gesetz zuzuschreiben, dass er mir
den Zutritt zu Ihnen bewilligt hat. Selbst der Arzt, der, wie ich höre, zu Ihnen
gerufen wurde, musste geloben, tobt und raub zu sein für Alles, was er innerhalb
der Wände seines Haremlik erfährt.«
    Die Gräfin rang verzweifelnd die Hände.
    »In welche Schmach, in welches Entsetzen habe ich mich verstrickt! Ihr Rat,
Oberst, führte mich nach Krajowa und zu der schimpflichen Stellung, die mein
Unglück geworden. An Ihnen ist es, mich zu retten.«
    »Und ich will es,« sagte ernst der Mann an ihrer Seite. »Aber hören Sie
mich, Helene, hören Sie meine Beteuerung. Nicht die Selbstsucht eines Mannes,
dessen Ergebenheit und Huldigung wohl Anspruch auf Ihre Gerechtigkeit hat, - die
bittere Notwendigkeit allein zwingt mich, Ihnen das einzige Mittel zur raschen
Befreiung vorzulegen. Ich muss irgend ein persönliches Recht haben, Ihre
sofortige Auslieferung von dem Pascha zu fordern. Ich muss ein Recht haben, sei
es auch nur scheinbar, auf das gestützt ich nötigenfalls die Offiziere und
Führer des Heeres zu meinem Beistande gegen die Willkür Sami's aufrufen kann! O,
missverstehen Sie mich nicht, Helene, - Ihre Rettung allein legt mir das Wort in
den Mund.«
    Die Gräfin war noch bleicher geworden, als die Angst sie gemacht, all' ihr
Blut schien zum Herzen zurückgetreten, an das sie die kleine Hand presste, - der
erste giftige Odemzug des Wudkoklaks erstarrte sie.
    »Wie meinen Sie dies, Graf?«
    »Hören Sie mich an, Helene! Sie wissen, dass ich Sie liebe, auch ohne dass ich
wie ein törichter Knabe zu Ihren Füssen gelegen. Ich bin ein Mann und Soldat und
werbe wie ein solcher um das Weib meines Herzens. Dass der Besitz Ihrer Hand das
Ziel meiner höchsten Wünsche ist, fühlten Sie längst, wenn ich auch vermieden
habe, diese Wünsche Ihnen geradezu auszusprechen, denn ich weiss, dass Sie Nichts
für mich empfinden und nur den Freund, den Mann von gleicher politischer
Gesinnung, den Verteidiger Ihres tapfern und unglücklichen Volkes in mir sehen,
der gegen die Fesseln der Tyrannei und für den erhabenen Gedanken der Freiheit
kämpft, für die Sie in diesem Augenblick unwürdig leiden. Ich bin zu stolz, um
von Ihrer Verlegenheit einen Nutzen zu ziehen für das Erreichen meiner Wünsche,
- aber es ist notwendig, unbedingt notwendig zu Ihrer Befreiung, dass Sie eine
kurze Zeit für meine erklärte Braut gelten. Dies allein gibt mir ein Anrecht
auf Ihre Person, und kein Offizier wird sich weigern, Sie, wenn es sein muss, mit
Gewalt dem Pascha abzuzwingen.«
    Ihre zarten Hände bedeckten das Gesicht, - sie schluchzte, - nur das Weib
war von der kühnen stolzen Patriotin geblieben.
    »Ich weiss,« fuhr der Graf mit schmerzlichem Tone fort, »wie schwer auch nur
dieser Gedanke auf Ihnen lastet, und dass das Bild eines Glücklicheren denn ich -
das Bild eines Despotensöldners in dem Herzen wohnt, das doch für die Befreiung
seiner Nation schlägt. Aber hören Sie wohl, Gräfin, ich gebe Ihnen hiermit das
Ehrenwort eines Edelmannes und eines Offiziers, dass die Erklärung, die Sie zu
meiner Braut macht, nie gegen Sie benutzt werden soll, es sei denn,« - er hielt
einige Augenblicke inne - »Sie wünschten und verlangten selbst deren Erfüllung.«
    Die Gräfin sah das spöttische Lächeln des Triumphes nicht, das sein männlich
schönes Gesicht verzog. Seine schwarzen Augen ruhten mit jener magnetischen
Gewalt der Schlange auf ihr, die das Opfer in ihre Kreise bannt. Ein
unerklärliches Gefühl drückender Angst lastete trotz des Versprechens schwer auf
ihrem Herzen; dennoch empfand sie, dass sie den Vorschlag annehmen müsse, dass er
der einzige Ausweg sei aus der schrecklichen Lage.
    »Ich tue Ihnen weh, mein Freund,« sagte sie abgewandt und reichte ihm die
Hand, »und dennoch - ich kann jetzt nicht über Ihre Bewerbung entscheiden, ich
muss Ihr Wort als Unterpfand meiner freien Entschliessung annehmen.«
    »Sie willigen ein?«
    »Wenn ich vor mir selbst frei bleibe - ja!«
    Der Graf küsste ihre Hand. Dann entfernte er sich für eine kurze Zeit,
während der die junge Frau, mit den bangen Ahnungen ihres Herzens kämpfend, das
Antlitz in den Kissen des Divans verbarg. Pisani kehrte mit Schreibgerät zurück
und legte ein Blatt Papier vor die Gräfin.
    »Es ist nötig, gnädige Frau, dass Sie einige Worte zur Bestätigung meines
Rechtes niederschreiben. Mit ihnen in der Hand werde ich sofort die nötigen
Schritte tun.«
    Ihre Hand zitterte, als sie die Feder ergriff.
    »Was muss ich schreiben?«
    »Erlauben Sie mir, Ihnen die kurzen Worte zu diktiren, Sie sind zu
aufgeregt, um selbst das Zuviel und Zuwenig zu vermeiden.«
    Er sagte sie ihr in französischer Sprache und ihre Finger schrieben sie
langsam nieder, während aus den schönen Augen ein Tropfen auf das Papier fiel.
Die Worte lauteten:
        »Helene Gräfin von Laszlo überträgt dem Obersten Grafen Antonio Pisani,
        als ihrem Verlobten, den Schutz und das Recht an ihrer Person und an
        ihrem Eigentum.«
    »Die letztere Bestimmung ist nötig,« sagte der Oberst nachlässig, »um der
Habsucht Sami-Pascha's Schranken zu setzen.«
    Die Gräfin hatte der Worte kaum geachtet. Sie unterzeichnete und reichte dem
Sarden das Blatt. Als er es berührte, zuckte es wie ein electrischer Strahl kalt
und schneidend durch ihre Nerven.
    »Ich habe Ihr Wort?«
    »Wie weh tun Sie mir, Helene, mit diesem Rückhalt! Morgen spätestens werden
Sie frei sein!«
    Er beugte das Knie vor ihr und küsste zärtlich ihre Hand, die sie ihm
schauernd überliess. Dann erhob er sich und verliess sie. Fest trat sein Fuss auf,
trotzig hob sich der Kopf und die dunklen Augen funkelten in der Gewissheit des
Sieges, als er die Tür der Gemächer und den Eunuch-Khawass, der an ihr Wache
hielt, hinter sich gelassen. Er bemerkte kaum die Dienerin, die aufgeregt, scheu
an ihm vorüber schlüpfte und zu der Herrin eilte.
    Das Mädchen war in seltsamer Aufregung, seine schönen blauen Augen glänzten
diesmal freudig, als es in die Wohnung des türkischen Despoten zurückkehrte,
dessen Machtspruch sie den Ihren entrissen. Die Gräfin, zu deren Dienst man sie
bestellt, hatte die abergläubische Warnerin am Mittag auf einige Stunden
fortgeschickt, als sie Graf Pisani erwartete, und Marutza kehrte jetzt von dem
Hause ihres Vaters zurück, wohin sie, diese Zeit benutzend, geeilt war.
    Die junge Bulgarin warf sich am Ruhebett der Dame nieder, für die, obschon
kaum vierundzwanzig Stunden verflossen waren, seit sie sich in ihrer Nähe
befand, doch bereits ihr ganzes Herz mit jener zähen Ergebenheit schlug, die
eine eigentümliche Tugend dieses Volkes ist.
    »Weine nicht, schöne Herrin,« flüsterte sie schmeichelnd, »der Unheimliche
ist fort und ich bringe frische Hoffnung. Du sollst frei werden, noch ehe die
Sonne wieder die Minarets von Widdin bescheint.«
    Die Gräfin presste die Hand der jungen Trösterin.
    »Ich weiss es, aber Du weisst nicht, welches Opfer es mich kostet. Er hat
versprochen und hält sein Wort.«
    »Er! - Wen meinst Du, Herrin?«
    »Nun, Graf Pisani, der mich eben verliess.«
    »Den Sohn der Hölle? - Unglückliche Herrin - er Dich retten? Er ist der
Wudkoklak und Alles, was er tut, wird Dich nur in den Abgrund ziehen. O, sieh
her! - kennst Du dieses Tuch?«
    Sie reichte der Gräfin ein feines Kantentuch, das diese forschend und
ängstlich prüfte. Es trug ihren Namenszug mit dem Wappen darüber in eleganter
Stickerei.
    »Mädchen, um der Heiligen willen - woher hast Du dies Tuch? Es ist das
meine, und dennoch brachte ich es nicht hierher?«
    »Erinnerst Du Dich an die grosse Sultansstadt an der Donau, von der die
Schiffe mit dem Rauch hier vorbeifahren?«
    »Wien?«
    »Ja, so heisst sie. Es ist ein grosser Garten darin. Doch habe ich den Namen
in der Eile vergessen.«
    »Der Prater?«
    »Es mag sein. Ich soll Dich fragen, ob Du des Tages gedenkst, an welchem in
diesem Garten Deine Pferde mit dem Wagen durchgingen, und des Mannes, der damals
mit Dir war und von Dir schied?«
    »Marutza!« - die Hand der Gräfin presste krampfhaft den Arm der jungen
Bulgarin. »Mädchen - weiter - - weiter!«
    »Er nahm dies Tuch damals mit sich als Andenken und trug es in den
Schlachten seines Volkes. Er ist kein Moslem, obschon er die Kleidung der Mörder
trägt.«
    »Er ist hier?«
    »Vor einer Stunde gab mir der Fremde das Tuch. Er ist ein Freund Michael
Miloje's, meines Bräutigams. Er sagt, er müsse Dich sprechen um jeden Preis, und
wenn Dir hier Gefahr drohe, werde er nicht weichen, bis er Dich gerettet.«
    Die Gräfin rang die Hände.
    »Der Wahnsinnige, in welche Gefahr hat er sich gestürzt! Und ich - in
demselben Augenblick meine Ehre, mein Leben in die Hand eines Andern gegeben, in
die Hand seines Feindes!«
    »Ich warnte Dich vor dem Wudkoklak!«
    Ihre Blicke fielen auf das Schreibzeug, das der Oberst zurückgelassen, und
sie stürzte wie auf einen rettenden Ausweg darauf zu.
    »Kannst Du zu ihm gelangen?«
    »Ich soll ihn in der Locanda Alexo's des Wirtes erwarten, wenn der Abend
kommt; in einer Stunde ist die Zeit da.«
    Die Gräfin schrieb eilig einige Zeilen auf eines der Blätter, die
zurückgeblieben waren.
    »Aber wird Dein häufiges Gehen und Kommen nicht Verdacht erregen?«
    Marutza lachte schlau.
    »Ich habe dem Schwarzen, der dieses Hane bewacht, eine Flasche vom
Feuertrank meines Vaters mitgebracht und ihm das Goldstück gegeben, das ich von
dem Fremden erhielt. Das Eine verschliesst seinen Mund, das Andere trübt seine
Augen! Marutza kann frei aus- und eingehen, nur Du, Herrin, bist die Gefangene!«
    Die Gräfin hatte geendet. Sie faltete das Blatt zusammen und gab es an die
Bulgarin, die es in den Busen steckte, ihr Kleid küsste und eilig verschwand.
    Welche Gebete, welche Gedanken Helenens begleiteten sie! -
    - - -
    Am Vormittag desselben Tages hatten zwei Männer in der phantastischen und
willkürlichen Tracht der Baschi-Bozuks, - wie die Binden um Arm und Kopf
zeigten, Beide nicht ohne leichte Wunden in der Schlacht davon gekommen, - durch
das nördliche Tor, das nach Negotin und dem Timok führt, dem serbischen
Gränzfluss, die Stadt betreten. Bei dem fortwährenden Umhertreiben zahlloser
Nachzügler und dem Leben und Drängen, das überall herrschte, konnte ihre
Erscheinung Niemand auffallen, obschon ein schärferer Beobachter leicht bemerkt
haben würde, dass dem Einen wenigstens das unnachahmliche Phlegma des Orientalen
fehlte, und sein Schritt oft hastig den straffen militairischen Gang zeigte,
während sein Auge scheu und aufmerksam umherschweifte. Er trug den linken Arm in
einer alten Turbanbinde, seine Wange aber zeigte die kaum geschlossene Wunde
eines leichten Hiebes.
    Ohne viele Worte zu wechseln, schritten Beide durch die Stadt und auf dem
Wege nach Ternowo hin, bis sie zum Hane des Bulgaren Gawra kamen. Der grüne
Zweig vor der Tür war jetzt entfernt und der Wirt sass missmütig auf der
Schwelle seines Hofes unter den Pferde- und Ochsenschädeln und rauchte den
Schibuck.
    »Dobar stschast,«2 grüsste der Jüngere der beiden Bozuks in seiner eigenen
Sprache den Wirt. Dieser schaute erstaunt deshalb auf, denn er war solcher
Höflichkeit von einem Moslem eben nicht gewöhnt.
    »Da bog dai!«3 lautete seine Antwort. »Bist Du denn ein Bulgar, junger
Mann?«
    »Wir Beide sind Fremde. Aber ich sehe den Zweig nicht auf Deinem Tor, o
Handja. Wir wollen einkehren bei Dir und Deinen Gaourt4 und Rakih5 kosten.«
    »Wo kommst Du her, Freund,« sagte mürrisch der Wirt, »dass Du nicht weisst,
wie drinnen im Hause ein Mulassim sitzt, den ich bezahlen muss, und den Seine
Hoheit der Pascha zur Aufsicht in mein Haus gelegt hat, dass ich keine Herberge
mehr halte. Geht Eurer Wege, Freunde, ich bin Nichts als ein Pferdehändler und
in der Ungunst des Herrn.«
    Die Beiden rührten sich jedoch nicht von der Stelle.
    »Bist Du Gawra, der Wirt, so wirst Du mir sagen können, wo Michael, Dein
Neffe, zu finden ist?«
    Der Alte schaute erschrocken auf.
    »Was kümmert mich der Landstreicher. Ich bin ein treuer Untertan des
Sultans, unsers Herrn.«
    Der Bozuk schlug rasch mit dem Daumen das griechische Zeichen des Kreuzes
und sein listiger Blick verständigte den Bulgaren.
    »Rede keine Torheit, Handja, Du hast es mit Freunden zu tun und brauchst
Dich nicht zu verstellen. Der Knees wollte mich bei Dir erwarten, und ich habe
mit ihm nötig zu sprechen.«
    Die Gefühle des Wirts in Betreff seines künftigen Eidams schienen sich in
den letzten achtundvierzig Stunden sehr geändert zu haben. Der Haiduck hatte ihm
die Strafe, die der Pascha ihm auferlegt, reichlich ersetzt und Gawra wusste, dass
er ihm sein Leben zu danken hatte. Ueberdies hielt er, durch die letzten
Ereignisse gewarnt, jetzt selbst für notwendig, dass der junge Mann bei erster
günstiger Gelegenheit das schöne Mädchen in die sichern Berge mit sich führe.
Der Haiduck befand sich daher, trotz der drohenden Nähe seiner Feinde, in diesem
Augenblick nicht weit von den Sprechenden. Gawra selbst hatte ihm die Rolle
gegeben, die er spielte.
    »Siehst Du den Knecht dort, welcher am Brunnen die Pferde Deiner Brüder, der
Soldaten, tränkt, die sie in meine Ställe gestellt haben? - Rede mit ihm,
vielleicht kann er Dir Antwort geben.«
    Sein Daumen zeigte nach einem jungen Mann in dem wollenen Kittel des armen
Bulgaren, ohne alles Auffallende in seiner Erscheinung, als seine kräftige
Gestalt, der mit zwei andern Knechten im Hofe mit einer Anzahl türkischer Pferde
beschäftigt war.
    Die Baschi-Bozuks schlenderten in den Hof, wo bereits mehrere ihres
Gelichters umherlungerten und der Tätigkeit der Bulgaren träge zuschauten. Sie
traten wie von ungefähr zu dem Schimmel, welchen eben der junge Mann striegelte,
den Gawra, der Wirt, ihnen angedeutet.
    »Wallah! ein kräftiges Pferd - ich möchte es unter den Beinen haben auf
einem Ritt gegen die Moskows. - Ich grüsse Dich, Knees Michael Miloje.«
    Die letzten Worte wurden flüsternd zu dem bulgarischen Knecht gesprochen.
    »Bei den vierzig Märtyrern!« entgegnete der Bulgare, indem er sich, die Füsse
des Pferdes zu reiben, niederbeugte, »Du hast lange auf Dich warten lassen, und
ich wäre bereits zu dem Hochgebirge zurückgekehrt, wenn mich nicht eine Otmitza
hier gefesselt hielte. - Sprich, was bringst Du für Hoffnungen für die Kinder
der Berge vom schwarzen Czar, unserm Vater?«
    Mungo, - denn er und der Capitain, der erst nach vielen Vorstellungen vom
General-Lieutenant Anrep die Zustimmung zu dem gefährlichen Wagestück der
Selbstprüfung der Verhältnisse in Widdin erhalten, steckten in den Trachten der
Baschi-Bozuks, - machte sich mit dem Pferde zu tun.
    »Schau den Mann an, der mich begleitet, o Knees, er ist einer der vornehmen
Aga's der Russen und herübergekommen, mit Dir und Deinen Brüdern zu verhandeln.
Er hat ausserdem ein persönliches Geschäft und möchte wissen, ob und wie eine
Dame von jenseits des Stromes durch Ueberläufer gestern oder vorgestern in's
Lager gebracht worden ist? Wann und wo kann er Dich sprechen?«
    Der Bulgare kraute sich am Kopf.
    »Ich weiss Nichts von Deiner Dame, als dass meine Moma - Fluch dem Pascha! -
seit zwei Tagen eine fremde Christin im Harem oder Selamlik des Gouverneurs
bedienen muss. Bei den Gebeinen der Heiligen! da kommt sie selbst über die Ebene
von der Stadt her. Nimm dies Pferd und führe es mit Deinem Gefährten nach dem
hintersten Stall im Hof. Dort ist ein Verschlag, in den Ihr Euch begeben mögt, -
ich werde in wenig Zeit bei Euch sein.«
    Mungo tat, wie er gesagt, und gab dem Capitain einen Wink, zu folgen, indes
Michael dem Mädchen entgegen ging.
    Eine Stunde darauf sassen die beiden kühnen Späher, der Haiduck und die Moma
in einer der Hütten, die dem Handja für seine Haustiere und Vorräte gedient,
jetzt aber längst von den Türken geleert waren und besprachen sich eifrig, indem
Mungo, so weit es nötig, den Dolmetscher machte. Dem Capitain blieb kein
Zweifel mehr, dass die Dame im Selamlik des Pascha's die Gräfin Laszlo war und
mit Schmerz hörte er von Marutza, die eben jenes Schreiben an den sardinischen
Obersten besorgt, in wessen Händen die Geliebte sich befand. Die Anwesenheit
Pisani's im türkischen Feldlager machte ihm klar, wie die Gräfin zu jenen
Verrätereien bewogen worden, wenn sie auf der andern Seite ihm auch wiederum
die Entführung und die jetzige Gefangenschaft der Dame als Rätsel erscheinen
liess. Dennoch lebte das undeutliche Gefühl einer grossen über der geliebten Frau
schwebenden Gefahr in seinem Herzen, und er beschloss, womöglich den Versuch zu
machen, sie zu sprechen, und wenn es ihr Wunsch, sie zu befreien.
    Freilich waren die Mittel dazu sehr gering und beschränkten sich auf die
Hilfe seines Begleiters, des Haiducken und etwa Alexo's, des Wirts, dessen
Zuverlässigkeit erst noch geprüft werden sollte. Der junge Knees indes erklärte
das Wagestück ausführbar, und dass er zugleich die ihm verlobte Braut mit
entführen und beide Frauen über die serbische Gränze bringen wolle. Der Haiduck
war in Widdin geboren und kannte daher jeden Teil der Festung, in der das Konak
des Pascha's liegt, auf das Genaueste. Marutza gab ihm die Nachrichten, in
welchem Teil der Gebäude das Gemach der Gräfin lag und es wurde beschlossen,
dass sie beim Anbruch des Abends die Verbündeten nochmals aufsuchen sollte, um
die weiteren Pläne zu hören.
    Während Miloje mit seinem Schwiegervater Gawra das Nötige verabredete und
diesem das Versprechen abnahm, mit vier Pferden am Tor von Ternowo zu ihrem
Dienst bereit zu sein, hierauf türkische Kleider anlegte und unter deren Schutz
sich keck und frei in die Festung selbst wagte, wandten der Offizier und sein
Gefährte sich zu der Locanda Alexo's, des Wirts, deren Umgebung stets von
Offizieren und Soldaten aller Art umlagert war. Hier gelang es der Schlauheit
Mungo's leicht, dem Wirt ein Zeichen zu geben und sich mit ihm zu verständigen.
Durch die hintere Pforte seines Gehöfts wurden die beiden Abenteurer eingelassen
und in dasselbe Gemach quartiert, in dem die Entführung der Gräfin beschlossen
worden.
    Der Slowake, treulos gegen alle Parteien und nur auf seinen Geldgewinn
bedacht, hielt es für wichtig und nötig, seine russischen Verbindungen
wenigstens nicht durch einen unnützen Verrat preiszugeben, und es gelang ihm
leicht, in Betreff der Spionage der Gräfin sich zu rechtfertigen, indem er jede
Kenntnis davon leugnete. Da er die Belohnung des Obersten bereits in der Tasche
hatte, war er zu jeder neuen Intrigue gegen goldene Vergütung gern bereit und
schaffte willig Alles an, was man von ihm verlangte. Die Gelegenheit sollte ihm
zeigen, auf welcher Seite sich ihm der meiste Vorteil bot.
    Während der Capitain hierauf allein in dem Versteck zurückblieb und Mungo in
der Nähe umherstrich, um Kundschaft und den Haiducken aufzusuchen, hörte der
Offizier es in der von Alexo ihm angegebenen Weise an die Tür pochen und
öffnete. Zu seinem Erstaunen stand ein schwarzer Knabe vor ihm, der eilig in das
Gemach schlüpfte und wieder die Tür verschloss.
    Die Brust des Knaben hob sich ängstlich und hastig.
    »Signor,« sagte er auf italienisch, »ich habe Alles gehört, denn meine
Schlafkammer ist über diesem Gemach und nur durch eine dünne Bretterdecke von
ihm geschieden. Du bist ein Russe?«
    »Was willst Du damit, Bursche?« fragte der Offizier und fasste rasch
entschlossen den Arm des Mohren, um sich seiner zu bemächtigen.
    »Lass mich; Du siehst, ich bin Dir nicht feind, sonst wäre ich nicht hier.
Ich komme, Dich zu warnen. - Der Wirt dieses Hauses, dem Du Dich anvertraut,
ist ein Verräter an der Sache Deines Glaubens und Deines Volkes; misstraue ihm!«
    »Wer bist Du, Knabe?«
    »Ich bin der Diener eines fränkischen Arztes, Signor, und Deiner Nation
ergeben. Lies hier den Beweis.« Er holte aus einem seidenen Beutelchen, das an
einer Schnur unter den Kleidern auf seiner Brust hing, ein Papier. »Kennst Du
Signor Oelsnero in Constantinopel?«
    Der Capitain las.
    »Ich weiss, dass er einer der Unsrigen ist und sehe, dass ich Dir trauen darf.
Aber was soll ich tun?«
    »Der Wirt ist habsüchtig. Biete ihm gelbes Gold, mehr als Deine Feinde, und
er wird Dir helfen. Ich wollte Dich nur warnen, ihm nicht zu viel zu trauen.
Lebe wohl, Signor; Nursah wird über Dir wachen.«
    Der Knabe entschlüpfte. -
    In tiefem Nachdenken erwartete der Capitain die Gefährten, die der Wirt mit
Marutza ihm, nachdem die Dunkelheit bereits eingetreten, zuführte. Das Mädchen
übergab ihm das von der Gräfin geschriebene Blatt. Beim spärlichen Schein einer
Lampe las der Capitain die folgenden von einem geängsteten Frauenherzen
diktirten Worte:
    »Ich weiss, dass Sie hier sind, und die Gefahr, in die Sie sich um
meinetwillen gestürzt, erhöht die Schmerzen, die mein Herz zerreissen. Bei den
Worten der Liebe, die Sie mir einst im Prater von Wien gesprochen, beschwöre ich
Sie, verlassen Sie sogleich Widdin und das türkische Gebiet, Sie wissen nicht,
welchem Feinde Sie hier begegnen könnten. Sorgen Sie nicht für mich, - ich werde
morgen frei sein, - der Himmel wird mich schützen und ich sehe Sie in Krajowa
wieder. Fliehen Sie, bei Ihrer und - meiner Liebe, fliehen Sie!
                                                                        Helene.«
    Die letzten Worte des Blattes liessen ihn alles Andere vergessen und er
presste es stürmisch an seine Lippen.
    »Um keinen Preis darf sie zurückkehren! Ich muss sie selbst sehen, sprechen,
und weiche nicht eher von diesem Boden. - Höre, Wirt - auf ein Wort mit Dir!«
Er zog ihn in eine Ecke. »Ich weiss, Du bist ein Schurke, und tust, was Du
tust, um Gold, nicht um der Sache willen! Doch höre mich! Bist Du mindestens in
dieser Sache mir treu und ergeben, so sollst Du einen Lohn erhalten, wie Dir
schwerlich ein Verrat einbringen würde. Hier ist ein gültiger Wechsel auf Sina
in Pest, den Du durch den österreichischen Consul prüfen lassen magst. Er
lautet auf fünfhundert ungarische Dukaten, und sie sollen Dir ausgezahlt werden,
wenn Du mich in meinem Unternehmen unterstützest und wir ungefährdet aus Widdin
kommen. Jetzt sprich, ob wir uns auf Dich verlassen können?«
    Der Slowake prüfte sorgfältig den Wechsel.
    »Euer Excellenz können sich auf Alexo verlassen; ich schwöre Ihnen bei der
Seele meines Vaters, dass ich Alles tun werde, was möglich ist.«
    »Gut, wir sind einig. Nun zu Euch. Ich will und muss die Dame sprechen, die
im Konak des Gouverneurs gefangen gehalten wird, denn es droht ihr eine neue
Gefahr. Habt Ihr irgend ein Mittel, dies im Laufe des Abends möglich zu machen?«
    »Der Weg über den Festungswall bis zum Hause des Pascha's wird in einer
Stunde frei sein,« sagte der Haiduck. »Ich kenne einen alten Winkel, durch den
man unbehindert aus und ein gelangen kann.«
    »Aber die Wachen?«
    »Es steht eine einzige in der Nähe jenes Teiles des Selamlik, die uns
hindern könnte; ich nehme sie auf mich.«
    »Das würde für die Flucht genügen, wenn diese nötig wird. Aber wie gelange
ich zu der Gräfin selbst?«
    »Wenn wir die Gewänder einer türkischen Frau hätten,« sagte Marutza, »so
wüsste ich Rat.«
    »Ich kann sie mit leichter Mühe anschaffen,« meinte der Wirt.
    »Wohl, so tue es. Ich muss jetzt zum Selamlik zurückkehren, ehe die Tore
geschlossen werden. Ich werde die Kleider in einem Packet mit mir nehmen. Der
Signor Offizier folgt mir in kurzer Entfernung, es kann keinen Verdacht erregen,
wenn ein Baschi-Bozuk in die äussern Höfe eintritt, es treiben sich der Männer
dort fortwährend umher, bis die Tore geschlossen werden. Nur der Zutritt in das
Selamlik selbst ist gefährlicher, da dort Wachen stehen, und was geschieht, muss
vor der vierten Stunde (9 Uhr) geschehen, denn nach dieser Zeit kann Niemand das
Selamlik verlassen oder in den Höfen verkehren, ohne von den Wachen angehalten
zu werden. Ich werde vor dem Capitano hergehen bis zu einem dunklen Winkel, wo
er sich ruhig lagern mag. Wenn ich sehe, dass der Schwarze, unser Wächter,
trunken oder unaufmerksam ist, werde ich unter einem Vorwand zurückkehren und
ihn holen. In den Yaschmak und den Mantel einer türkischen Frau gehüllt, kann er
mir ohne Besorgnis folgen, die trüben Augen Ali's, unsers Wächters, werden ihn
nicht erkennen.«
    Der Plan wurde gut befunden, und während Alexo ging, die Gewänder
herbeizuschaffen, machte sich der Offizier fertig zu dem gefährlichen Wege.
Mungo erhielt den Auftrag, den Wirt mit den Pferden für alle Fälle bereit sein
zu lassen, und der kühne Haiduck übernahm es, den Capitain auf dem Schlupfwege
wieder aus der Festung zu schaffen und nötigenfalls die Flucht der Frauen in
derselben Weise zu bewerkstelligen. Marutza trieb zur Eile und der Wirt entliess
die Verbündeten auf demselben Weg, auf dem er sie in seine Locanda geschmuggelt
hatte.
    Das Mädchen schritt eilig voraus durch die bereits dunklen Gassen. In einer
Entfernung von etwa 20 Schritt folgte ihr der Capitain, in den zerlumpten
kurdischen Mantel des Bozuks gehüllt. Viele Menschen bewegten sich auf den
Gassen; so waren sie bereits bis zu dem Damm gekommen, welcher auf das Tor der
Festung zuläuft, als zwei in Mäntel gehüllte Männer, die ihnen entgegenkamen,
auf das Mädchen im Vorübergehen aufmerksam geworden schienen. Der Eine, ein
Offizier, blieb stehen und sah Marutza nach, und so kam es, dass er durch eine
rasche Bewegung mit dem falschen Baschi-Bozuk zusammenstiess und diesem für
einige Augenblicke der Mantelzipfel vom Gesicht fiel. Einen Moment lang starrten
beide Männer sich an, der Capitain erkannte sogleich den Grafen Pisani in seinem
Gegner, dieser jedoch schien durch das matte Sternenlicht, was allein den Platz
erhellte, getäuscht zu sein, und wenn ihm in dieser Nähe auch das Gesicht
bekannt vorkam, doch im Augenblick nicht zu wissen, wo er es hin tun solle. Der
Russe hatte Geistesgegenwart genug, um sich nicht zu verraten, und den Mantel
rasch wieder um sich ziehend sprach er den gewöhnlichen türkischen Gruss und ging
weiter.
    Der Sardinier blieb nochmals einige Augenblicke stehen und schaute den
Beiden nach.
    »War es mir doch, als müsste ich den türkischen Lümmel kennen,« sagte er zu
seinem Begleiter, dem Banditen und jetzigen Diener Sta Lucia. »Sieh, ich glaube
gar, er folgt dem Mädchen in den Konak und - Demonio! - sie macht ihm ein
Zeichen!« Er lachte laut auf. »Die bulgarische Dirne hat sich einen verzweifelt
zerlumpten Galan ausgesucht!« Er wollte eben weiter gehen, als er auf der Erde
etwas Weisses blinken sah, grade an der Stelle, wo er mit dem Fremden
zusammengestossen war. Es hatte eine Briefform und, dadurch aufmerksam gemacht,
hob er das Blatt auf und behielt es in der Hand, indem Beide ihren Weg
fortsetzten.
    Wie es so häufig geht, dass ein zufällig aufgestossenes Gesicht uns verfolgt
und sich in unsere Gedanken nistet, als könnten wir es nicht los werden, - so
auch hier. Der Oberst hatte noch keine zehn Schritte getan, so beschäftigte er
sich schon wieder mit dem Bilde des Baschi-Bozuks, und selbst ungeduldig darüber
und um auf etwas Anderes zu kommen, näherte er sich einem Hause, aus dessen
engem Fenster ein Lichtstrahl fiel, und besah das Papier, das er in der Hand
hielt. Es war ein zusammengefalteter Brief ohne Aufschrift; der erste Blick
jedoch, den er auf seinen Inhalt warf, schien wie ein Blitzstrahl in seinem
Geiste zu zünden. - »Corpo di bacco! wo hatte ich meine Augen? bin ich blind? -
Er ist es, er muss es sein, diese Worte beweisen es, wenn ich meinen Augen nicht
trauen wollte! - Der Tor wagt sich in die Höhle des Tigers und er soll es
bereuen! - Sie stehen in Verbindung, und in diesem Augenblick schon ist
vielleicht all' meine Mühe umsonst und der glücklich angelegte Plan ist
vergebens!«
    Seine Augen funkelten in Wut und Aerger, dann machte die Leidenschaft
jedoch der gewohnten kalten Ueberlegung Platz und im nächsten Moment schon
zuckte ein Blick teuflischen Triumphes nach der Festung zurück. - »Bin ich ein
Tor geworden,« flüsterte er für sich, »dass ich nicht gleich begriffen, welche
Macht damit in meine Hand gegeben ist? - Jetzt, Gräfin Helene, bist Du mein und
Dein Stolz soll gebrochen zu meinen Füssen liegen! - Lucia!«
    Der Bandit, der mit Erstaunen auf das aufgeregte Benehmen seines sogenannten
Gebieters geblickt, sprang herbei.
    »Was gibt es, Signor Conte?«
    »Geschwind zurück nach dem Tor des Konaks und lege Dich in irgend einem
Winkel in Hinterhalt. Du hast den Baschi-Bozuk gesehen, der eben der
bulgarischen Dirne folgte. Habe Falkenaugen, dass er nicht wieder aus dem Konak
entwischt, ehe ich bei Dir bin! Der Mann trägt den linken Arm in einer Binde,
als wäre er verwundet, und einen hellen Turban. Kommt er, so wirf ihn zu Boden
und ruf' die Wache zu Hilfe!«
    Er eilte davon, nach der Locanda Alexo's zu, wo er die Offiziere wusste, den
verhängnisvollen Brief in seiner Hand, den Brief, den Gräfin Helene an den
Capitain geschrieben, den dieser durch einen unglücklichen Zufall bei dem
Zusammenstoss mit seinem Feinde aus dem Wams verloren hatte.
    Sta Lucia, der Corse, lief zum Eingange des Konaks, vor dem er sich gleich
einem Cerberus lagerte, mit scharfem Blick jeden Ein- und Auspassirenden
musternd. - -
    Es war gegen acht Uhr Abends, - drei Uhr etwa nach der türkischen
Sonnenrechnung, - als aus einem alten Cisternenwinkel des innern Festungshofes
eine lange Gestalt in einem grünen Frauenmantel, den Yaschmak dicht über den
Kopf gezogen, hinter der schönen Bulgarin herschlich, die Wasser am Brunnen des
Hofes geholt. Aus dem um das Haus laufenden Tschardak führte eine Treppe zu dem
Teile, den die Gräfin als Gefangene bewohnte, und in einer Art Vorgemach, aus
dem ein Gang in das Innere des Hauses lief, kauerte der alte Mohr, dem die
Bewachung der Dame anvertraut war, neben dem Kohlenbecken, an dem er abwechselnd
Hände und Füsse wärmte. An seiner Seite stand die längst geleerte hölzerne
Flasche, die ihm Marutza am Mittag mitgebracht, und er war eben beschäftigt,
sich seinen Kaffee zu bereiten. Es würde für einen kräftigen Mann ein Leichtes
gewesen sein, den Alten zu überwältigen, aber der geringste Hilferuf desselben,
jedes ungewöhnliche Geräusch hätte zwanzig seiner Gefährten herbeigeführt, von
denen die Höfe und die meisten Teile des weitläufigen Baues belebt waren.
    »Mashallah, Mädchen,« sagte der alte Khawass, »Du bist zwar eine Christin und
die Tochter einer Hündin, aber unter den Schweinen sind die Bulgaren noch die
besten, und es ist freundlich von Dir, dass Du mir diese Flasche da gebracht
hast. Ich wollte, es wäre nur mehr darinnen gewesen, und ich hoffe, Du wirst sie
mir auf's Neue füllen.«
    »Morgen, Ali, wenn ich zur Hane gehe, ich verspreche es Dir. Doch nun halte
uns nicht auf; dies ist die Massaldschi6 aus der Stadt, welche uns den Abend
erheitern soll; Du weisst, die Khanum bedarf es, denn sie weinte den ganzen Tag.
Die Massaldschi wurde so lange im Harem unsers Gebieters aufgehalten und ich
fand sie erst jetzt an unserer Tür.«
    Der Khawass betrachtete einen Moment die fremde Gestalt mit schläfrigen und
von dem scharfen Rakih verdunkelten Augen, dann wandte er sie wieder zu seiner
Beschäftigung.
    »Geht hinein, Ihr Weiber, aber bedenkt, dass die Tore der Festung schon in
einer Stunde geschlossen werden. Wallah! Auf Euer Haupt komme die Versäumnis.«
    Die Beiden verschwanden in dem Eingang des ersten Gemachs.
    Die Gräfin lehnte in dem ihren auf dem Divan, den Kopf in die Hand gestützt.
Von Marutza hatte sie das glückliche Ueberbringen des Briefes erfahren, das
Mädchen ihr jedoch, nach dem Wunsche des Capitains, noch Nichts von dem Wagstück
verraten, das dieser unternommen, um sie zu sehen.
    Als die Tür sich öffnete, glaubte die Dame daher nur ihre Dienerin
eintreten zu hören, und sagte, ohne den Kopf zu wenden:
    »Setze Dich zu mir, Marutza, und erzähle mir jedes Wort, das er gesagt. Mein
Herz ist schwer von Angst und ich wollte die Welt darum geben, wenn ich den
Unvorsichtigen erst glücklich aus Widdin wüsste!«
    »Nicht ohne Sie, Helene!« sagte eine männliche Stimme neben ihr.
    Erschrocken fuhr sie empor und sah die fremde Gestalt an ihrer Seite;
Feredschi und Yaschmak fielen zwar zu Boden, aber bestürzt fuhr die Gräfin trotz
der bekannten Laute zurück, als sie einen Baschi-Bozuk in seiner wilden
seltsamen Tracht vor ihr auf das Knie geworfen und ihre Hand ergreifen sah; ein
zweiter Blick zeigte ihr jedoch die Züge des russischen Capitains und der
Angstschrei erstickte in ihrer Kehle.
    »Um aller Heiligen willen, Sie hier? o, fliehen Sie, Sie bringen uns Beide
in's Verderben!«
    »Ich bin hier, Sie dem zu entreissen. O, hätten Sie meiner Warnung Gehör
gegeben in Wien und sich von jenem Tun freigehalten, das ausser der Sphäre des
Weibes bleiben soll! Ich musste Sie sprechen, Gräfin Helene, um Ihnen zu sagen,
dass die wahren Zwecke Ihres Verweilens auf Ihrem Gute bekannt sind, dass einer
Ihrer Boten aus dem türkischen Lager aufgefangen worden ist. Der kommandirende
General hatte in derselben Nacht den Befehl gegeben, Sie zu verhaften, an deren
Morgen Sie von den Dorobandschen entführt wurden. Mein Bote, der Sie warnen
sollte vor der drohenden Gefahr, traf leider zu spät ein.«
    Die Gräfin sah ihm voll in's Gesicht.
    »Und Capitain Meiendorf hat wirklich dies gewagt für Eine, die er so schwer
verletzte, für die Feindin seines kaiserlichen Idols?«
    Er presste ihre Hände in den seinen.
    »Was wog jener Schmerz, den Sie mir bereiteten, jener Sieg meines
Nebenbuhlers gegen Ihre Rettung? was galt die Republikanerin gegen das Weib
meines Herzens? - Als ich nach der blutigen Schlacht das Unglück vernahm, das
Sie betroffen, da zog es mich wie mit tausend Banden Ihnen nach, und ich musste
wissen, welche Gefahr Sie hier bedrohte.«
    »Aber bedenken Sie auch, dass man Sie erkennen und gefangen nehmen kann!«
    Der Baron schaute sie ruhig und fest an.
    »Werde ich hier ergriffen,« sagte er ernst, »und bei Gott! es war vor kaum
einer halben Stunde nahe daran, so werde ich ohne Weiteres als Spion erschossen,
und nicht allein mein Leben, auch meine Ehre ist vernichtet.«
    »Für mich! für mich!« jammerte die junge Frau; »o, fliehen Sie, ich
beschwöre Sie bei unserer Liebe!«
    Sein Auge glänzte entzückt, als er stürmisch ihre Hände an sein Herz
drückte.
    »Dies Wort allein, Helene, bezahlt tausendfach alle Gefahren. Wie habe ich
von diesem Augenblick geträumt unter den Donnern der Schlachten und auf dem
ruhelosen Lager, und ich sollte ihn kürzen in jämmerlicher Furcht für meine
Sicherheit? O, Helene, wiederholen Sie mir das Wort, dass unsere Liebe Sie
besorgt macht, dass Ihr Herz, Ihr reiches, schönes Herz wirklich das meine ist!
Darf ich's wagen, darf ich's glauben?«
    Sie strich ihm lächelnd die braunen Haare aus der Stirn.
    »Zweifelten Sie wirklich noch daran nach unserer Fahrt im Prater zu Wien? O,
wie weh Sie mir damals taten durch Ihr hartes unverdientes Scheiden!«
    »Aber Pisani - ich hörte zufällig, wie Sie ihm versprachen, zu kommen ...«
    »Zur Baronin Czezani. Was ist mir der Oberst anders als ein Mann, mit dem
mich politische Meinung verband! Ich habe in diesen Tagen, den schwersten meines
Lebens, einsehen lernen, wie töricht ich gehandelt, wie recht Sie haben, und in
welch' schmähliche Stellung mich dieser politische Wahnsinn verlockt hat. Ich
werfe ihn von mir, das schnöde unwürdige Männerwerk, und will einzig und allein
dem Frauenherzen seine Rechte gönnen. Morgen bin ich frei - zum letzten Male
will ich mich des Beistandes dieses Mannes bedienen; - ich eile nach Wien und
verlasse das Haus meines Oheims nicht mehr, bis dieser unglückselige Krieg
beendet ist und ...«
    »O, vollenden Sie!«
    »Bis Capitain Meiendorf seine Braut fordert.«
    Er drückte sie an das entzückte Herz. Tausend Schwüre der Liebe quollen über
seine Lippen, welche die ihren suchten und fanden -
    Da schnitt der scharfe Knall von Pistolen dazwischen, wildes Geschrei,
Waffenklingen, Tumult in den Höfen, das Lärmen und Rufen vieler Menschen:
»Haltet den Dschaur! Nieder mit dem Spion!«
    Ein Flintenschuss fiel dicht unter dem Fenster, der gelle Aufschrei eines
Getroffenen folgte, dann schien eine wilde Hetze durch die Höfe zu beginnen - -
    Aus dem ersten Gemach stürzte Marutza herein.
    »Heilige Mutter Gottes! sie sind hinter Miloje d'rein - Alles ist verraten,
die Höfe sind voll Soldaten!«
    Die Unvorsichtige hatte aus dem Fenster mit dem Haiducken gesprochen, der
verkleidet im Hofe umherschlich und das verabredete Zeichen gegeben.
    Man hörte, wie der Strom der Verfolger hinter Miloje sich entfernte, den man
wahrscheinlich für das edlere Wild hielt.
    Im Augenblick hatte die Ungarin alle Energie ihrer Seele wiedergefunden.
Schnell hüllte sie selbst den Geliebten in Mantel und Schleier.
    »Rasch, rasch, Marutza! fort mit ihm im Schutz dieser Verwirrung, ehe es zu
spät ist. In Wien sehen wir uns wieder!«
    Ein Druck der Hand, und die Frauen drängten ihn aus dem Gemach; Marutza
folgte ihm.
    Ali, der Khawass, hatte sich bei dem Lärmen erhoben und stand an dem Ausgang
zur Treppe.
    »Mashallah! was wollt Ihr Weiber hier? Geht zurück, das ist keine Sache für
Euch!«
    Schritte eilten den Gang daher, der aus dem Innern der Gebäude zur Treppe
führte. Es galt einem raschen Entschluss. Mit kräftiger Hand hatte in
Gedankenschnelle der Capitain den alten Mohren gefasst und schleuderte ihn zurück
in den Winkel, dann sprang er die kurze Treppe zum Tschardak hinunter und aus
diesem in den Hof, von Marutza gefolgt. Schleier und Mantel blieben in der Hand
des Mohren, der ernüchtert den ihm gespielten Betrug erkannte und hinter ihnen
d'rein brüllte. Das Rufen vieler Stimmen belehrte sie, dass im nächsten
Augenblick die Verfolger auf ihren Fersen sein würden, und die Ueberlegung eines
Moments bewies ihnen, dass eine Flucht durch das bewachte Tor in diesem
Augenblick unmöglich sei.
    Kaum wissend, was sie tat, zog die junge Bulgarin den Offizier, dessen
Rechte ein gespanntes Revolver-Pistol hielt, mit sich fort. Der Hof war im
Augenblick menschenleer, weil Alles auf den Haiducken Jagd machte. So gelang es
ihnen, unbemerkt in den Schatten der Wälle und zu dem halb verfallenen Brunnen
zu kommen, in dessen Winkeln Marutza vorhin den Capitain verborgen hatte.
    Beider Brust hob sich keuchend - sie konnten deutlich die neuen Verfolger
sehen, die - Ali an der Spitze - jetzt aus dem Tschardak drangen und mit
Verwünschungen nach den Flüchtlingen suchten.
    »Wir müssen in wenigen Augenblicken entdeckt sein,« flüsterte der Offizier
und seine Hand umspannte fester den Griff des Pistols.
    »Still - keinen Laut!« sagte leise eine dritte Stimme in bulgarischer
Sprache dicht an ihren Ohren. Marutza erkannte sie sogleich und hielt den Arm
des Capitains nieder, der sich eben gegen den unerwartet nahen Gegner wandte und
auf ihn schiessen wollte.
    »Ruhig, Herr, es ist Miloje, unser Freund. Um der vierzig Märtyrer willen,
wo kommst Du her, Michael?«
    Der kühne Haiduck lachte still für sich hin.
    »Die Knechte des falschen Propheten meinten mich zu fangen. Pah! als ob ich
nicht jeden Stein hier besser kennte, denn sie. Bückt Euch und folgt mir, wir
haben keine Zeit zu verlieren.«
    Er kroch ihnen voran durch die Öffnung eines Kanals, welcher den Abfluss der
Cisterne leitete. Einige Schritte weit mussten sie sich auf Händen und Füssen
fortbewegen, dann wurde das Gewölbe höher, sie vermochten aufrecht zu stehen und
der Haiduck liess sie durch ein gehobenes eisernes Gitter passiren, das er hinter
ihnen wieder senkte.
    »Jetzt mögen sie kommen, sie werden die Vögel ausgeflogen finden! Die
Öffnung geht durch den Wall dicht am Haupttor. Vorsichtig, Herr, wir haben den
Graben zu durchschreiten.«
    Sie kamen glücklich hinüber, und während im Konak der Aufruhr der Verfolgung
und Nachforschung tobte, führte der Huiduck sie glücklich an den Wachen vorbei,
durch die Lücken der Mauern und Wälle aus der Festung.
    Alle atmeten leichter, als das Wagstück gelungen, während dessen nur wenige
Worte gewechselt worden, da der Russe ohnehin sich mit dem Haiducken nicht
verständigen konnte. Er wandte sich daher auch jetzt an das Mädchen und bat sie,
den Geliebten zu fragen, wohin er sie zu führen gedächte.
    »Bei der Panagia! wohin sonst, als fort aus diesem Nest in die freien
Berge,« erwiederte der Sohn derselben. »Gawra oder der Zigeuner warten mit den
Pferden und die Verfolger werden uns bald auf den Fersen sein, wenn sie sich
müde im Konak gesucht. Ich habe meine Flinte wieder, die mir Dein Vater für
schweres Gold von diesen türkischen Hunden gelöst hat, und meine Moma - was
brauch' ich mehr!«
    »Ich muss wenigstens vorher Alexo, den Wirt, sprechen,« sagte entschlossen
der Offizier. »Er wird Mittel und Wege finden, über das Schicksal der Dame das
Weitere zu erfahren und mit ihr in Verbindung zu bleiben. Schickt mir Mungo zur
Hinterpforte der Locanda, er wird mich in einer halben Stunde zu Euch geleiten
und ich bin dann bereit, Euch zu folgen.«
    Vergebens waren die Einreden des Mädchens - der Capitain bestand auf seinem
Sinn, und da die Gassen durch den Lärmen in der Festung sehr belebt geworden und
man sich nicht aufhalten durfte, trennte man sich eilig und der Offizier folgte
der Richtung, die Marutza ihm gewiesen, auf die Dunkelheit und seine Verkleidung
vertrauend.
    So bemerkte er es nicht, wie aus dem Schatten der Gebäude ein Mann, der die
Flüchtlinge schon bei ihrem Erscheinen beobachtet, ihm folgte, Sta Lucia, der
Bandit. Glücklich gelangte er an die hintere Pforte der Locanda, deren Tschardak
und Zimmer mit Menschen besetzt war, und, da ihm jetzt die Gelegenheit bekannt,
bis zu dem kleinen Gemach, das ihm vorher zum Versteck gedient hatte, indem er
hoffte, von hier aus leicht dem Wirt ein Zeichen seiner Anwesenheit geben zu
können. Kaum jedoch war er eingetreten, als ein lautes höhnisches Gelächter, das
Schliessen der Tür und das Vorschieben eines Riegels ihn belehrte, dass er
verraten und in die Hände seiner Feinde gefallen sei. -
    Graf Pisani, nachdem er die Anwesenheit des russischen Offiziers in der
Festung entdeckt und leicht den Zweck derselben erraten hatte, eilte, die
Gelegenheit zu benutzen, sich von dem gefährlichen Nebenbuhler zu befreien, ohne
als der Urheber zu erscheinen. Eine Mitteilung an Iskender-Bei genügte, um
sofort die Verfolger in Bewegung zu setzen, und der Sarde liess alle Anstalten
der Art treffen, dass der russische Offizier bei seinem Verlassen des Selamliks
ergriffen werden musste. Der Oberst wollte absichtlich vermeiden, selbst handelnd
aufzutreten, und sein scharfer Verstand hatte ihm bereits die Art und Weise
gezeigt, wie er diese Gelegenheit zur Erreichung seines Hauptzwecks ausbeuten
könne.
    Wir haben bereits gesehen, wie die ausgestellten Wachen Michael Miloje, den
Haiducken, der sich in das Konak geschlichen, für den Capitain nahmen und ihn
verfolgten. Dennoch, trotz dieses glücklichen Zwischenfalls, sollte der Offizier
der Gefangennahme nicht entgehen, denn Sta Lucia, der sich in der Nähe des
Tores umhertrieb, entdeckte die Flüchtlinge, und wir haben erzählt, auf welche
Weise es ihm gelang, den Capitain gefangen zu nehmen.
    Verdriesslich und mit Vorwürfen von Sami-Pascha überhäuft, den der Tumult in
der Ruhe seines Haremliks gestört, waren die Offiziere nach langem Suchen zur
Locanda des Slowaken zurückgekehrt, fanden aber hier einen Gefangenen vor, denn
die türkischen Wachen, aus ihrer Schläfrigkeit erweckt, hatten Mungo, den Spion,
ergriffen, als er um die Locanda schlich und seinen Herrn zu treffen suchte, und
Hidaët-Aga war bereits in einem scharfen Verhör mit ihm begriffen. Der Bursche
schwieg jedoch trotzig und Iskender-Bei befahl, ihn, an Händen und Füssen
gebunden, in einen Winkel des Tschardaks zu werfen und dort scharf zu bewachen,
bis man am andern Morgen Mittel finden werde, ihm die Zunge zu lösen. Die
Gesellschaft kehrte hierauf zu der gewöhnlichen Beschäftigung des Trinkens und
Spielens zurück; Graf Pisani jedoch beschloss, seine Nachforschungen bei Alexo,
dem Wirt, fortzusetzen, dem er in dieser Angelegenheit stark misstraute. Er gab
ihm daher einen Wink, mit ihm zu gehen, und der Slowake, vor der Entdeckung
seiner Doppelzüngigkeit besorgt, folgte ihm nach dem abgesonderten Gemach, das
schon mehrfach zu ihrem geheimen Verkehr benutzt worden. Die Nachricht, dass der
russische Capitain glücklich entkommen, hatte jedoch seine Furcht einigermassen
beseitigt, und er durfte hoffen, von allem Verdacht sich mit der gehörigen
Portion dreister Lügen rein zu waschen.
    Zu ihrem Erstaunen fanden sie jedoch an der Kammertür Sta Lucia Wache
halten, der es nicht gewagt, diese Stelle zu verlassen und den etwaigen
Helfershelfern seines Gefangenen Gelegenheit zu bieten, diesen entfliehen zu
lassen. Der Bandit fluchte gräulich, dass man ihn so lange hier allein gelassen,
und erzählte dann lachend seinem Herrn, auf welche Weise er den Vogel erwischt.
    Der Graf wandte sich mit finsterm Blick zu dem jetzt ernstlich vor
Entdeckung zitternden Wirt.
    »Verräterischer Hund,« sagte er, »Du hast offenbar um die Anwesenheit
dieses Spions gewusst, sonst wäre er nicht hierher geflüchtet. Du wolltest am
Ende gar wagen, meine Pläne zu durchkreuzen, und solltest morgen hängen, wenn
das Glück Dir nicht wohlgewollt und uns dennoch die Beute in die Hand geliefert
hätte. Aber nimm Dich in Acht, Alexo, ich kenne Dich, und bei dem geringsten
weitern Beweis, dass Du treulos bist, hängst Du!«
    Der Wirt beteuerte mit hundert Eiden, dass er von Nichts wisse, dass der
Gefangene da drinnen leicht möglich ein russischer Spion wäre, da der Graf ja
wisse, dass er mit solchen verkehren müsse, um Nachrichten aus dem russischen
Lager zu erhalten, dass er aber nicht das Geringste gegen die Absichten seines
hohen Gönners unternommen; der Oberst jedoch, dies Geschwätz zur Genüge
würdigend, befahl ihm, zu leuchten, und Lucia, die Tür zu öffnen, indem er sich
die grausame Lust nicht versagen wollte, sich durch den eigenen Anblick zu
überzeugen, dass der Gefangene sein verhasster Nebenbuhler sei.
    Der Capitain, durch den Aufentalt bei Tageszeit in dem kleinen Zimmer
belehrt, dass dieses nur den einen Ausgang habe und das starke Eisengitter des
engen Fensters jeden Fluchtversuch unmöglich mache, hatte sich mit
entschlossener Ruhe auf den Divan gesetzt, der an der einen Wand als Lagerstätte
hinlief, und erwartete, die Arme über die Brust geschränkt, in finstern Gedanken
das Kommende. Im Augenblick, da er gerade das höchste ersehnte Glück genossen,
das Geständnis des Weibes, das er seit vier Jahren liebte, empfangen, da ihr
Besitz ihm in Aussicht stand, - gab das Schicksal ihn als Gefangenen in die
Hände seiner Feinde mit der Aussicht auf einen schimpflichen Tod; denn er konnte
nichts Anderes erwarten, als dass die Türken ihn als Spion behandeln würden.
    Der Oberst trat mit dem Wirt, welcher die Lampe trug, in das Gemach,
während Sta Lucia an der Tür blieb. Ein Blick überzeugte den Sarden, dass der
Gefangene der verhasste Feind; dennoch gab er kein Zeichen, dass er ihn erkannt.
    »Dies ist der Spion, den Du gefangen?«
    »Ja wohl, Signor Conte!«
    »Bene! er kann morgen früh mit seinem Kameraden in Gesellschaft sterben.
Bist Du Soldat, Bursche, oder treibst Du Dein Handwerk bloss aus Liebhaberei?«
    Der Capitain, der bei Erwähnung der Gefangennahme eines seiner Gefährten -
er wusste nicht, ob Mungo's oder Michael's - zusammengefahren, blickte ihn
trotzig und verächtlich an.
    »Ich will zunächst wissen,« fuhr der Oberst fort, »wie Du in dieses Haus
kamst und in welcher Verbindung Du mit dem alten Schurken hier stehst? Dass eine
solche existirt, liegt aus Deiner Kenntnis dieses Zimmers auf der Hand. Rede,
Bursche, oder ich will Dir die Zunge lösen lassen.«
    Der Graf hatte italienisch gesprochen. Ein flehender Blick des Slowaken traf
den Baron, als dieser voll und ruhig sein Auge auf das boshaft funkelnde des
Sardiniers richtete.
    »Die Wahl der Sprache, Herr Graf,« sagte er stolz, »zeigt mir, dass Sie mich
kennen. Ein weiteres Verbergen wäre unwürdig Ihrer und meiner. Haben Sie die
Güte, diese Leute zu entfernen, ich habe Ihnen einige Worte zu sagen.«
    Graf Pisani konnte trotz seiner grossen Selbstbeherrschung eine kleine
Verlegenheit nicht verbergen, der ruhige Stolz des Gegners hatte seine Bosheit
geschlagen.
    »In diesem Augenblick glaube ich Sie erst zu erkennen und bitte um
Entschuldigung für meine Worte. Hinaus mit Euch und sorge dafür, Lucia, dass
dieser alte Schurke nicht horcht.«
    Die beiden untergeordneten Personen entfernten sich aus dem Gemach und
liessen den Grafen und den Capitain allein. Die Gegner standen sich jetzt Aug' in
Auge gegenüber.
    »Herr von Meiendorf, Capitain in der russischen Armee? wenn mich mein
Gedächtnis und die flüchtige Bekanntschaft in Wien trotz dieser Kleidung nicht
trügt.« Er wies spöttisch auf das Costüm.
    Der Russe verbeugte sich schweigend.
    »Ich bedaure als Offizier aufrichtig, dass Sie sich zu dieser Rolle
hergegeben haben, um so mehr, als es ausser meiner Macht ist, Sie den Ihnen
bekannten Folgen derselben zu entziehen. Ich stehe in türkischen Diensten und
der Muschir hat die strengsten Befehle in Betreff der Entdeckung von Spionagen
gegeben.«
    Die bleiche Lippe des Russen zuckte bei dem beleidigenden Wort.
    »Ich habe noch mit keiner Sylbe verlangt, Herr Oberst, dass Sie zu meinen
Gunsten Ihrer Pflicht untreu werden sollen und würde das Geschenk der Freiheit
aus Ihrer Hand auch schwerlich annehmen. Ohne mein Tun Ihnen gegenüber
rechtfertigen zu wollen, sage ich Ihnen nur, dass der Grund, der mich hierher
gebracht, die Entführung einer uns Beiden bekannten Dame aus den russischen
Linien durch Ueberläufer war, - der Gräfin Laszlo.«
    »Meiner Braut,« sagte nachlässig der Graf. »Ich weiss davon, denn ich selbst
habe die Entführung veranlasst.«
    »Wie, Sie selbst wären der Urheber jenes Bubenstücks? Sie wagen es, die Dame
Ihre Braut zu nennen?« - Das Blut quoll dem Offizier zu Kopf und Herzen, seine
Augen blitzten.
    »Mässigen Sie sich, mein Herr,« sagte stolz der Oberst, »und bedenken Sie,
dass Sie hier als - Spion gefangen sind, und ich Ihnen keine Rechenschaft zu
geben habe. Um meiner Selbst willen, und da ich glaube, dass auch Sie zu den
Bewerbern um der Gräfin Herz gehörten, werde ich Ihnen meine Worte beweisen. Sie
erinnern sich vielleicht der Handschrift der Gräfin Laszlo?«
    Der Capitain wurde rot, er zuckte unwillkürlich mit der Hand nach der
Tasche, in der er den Brief der Geliebten noch verborgen wähnte. - »Ich hoffe,
Herr Graf!«
    Pisani hatte ruhig aus seiner Brieftasche das Versprechen der Betrogenen
genommen und hielt es dem Capitain hin.
    »Lesen Sie.«
    Vor seinen Augen schwammen die verhängnisvollen Worte in einander, alles
Blut schien in sein Herz zusammen zu strömen.
    »Wiederum getäuscht von ihr! Fahre hin, Glauben und Glück!« - Er murmelte es
zwischen den Lippen und warf sich auf den Divan zurück.
    »Sie sehen, Herr Capitain,« sagte mit leichtem Hohn der Graf, »dass ich ein
Recht hatte, die Dame aus einer Umgebung holen zu lassen, die meinen Absichten
nicht convenirte. Die etwas rauhe Art ist Schuld der Verhältnisse. Ich begreife
übrigens wirklich nicht, Herr Baron, mit welchem Recht Sie sich heute Abend in
die Nähe meiner Braut gedrängt haben, wie ich nach den mir zugegangenen
Berichten glauben muss.«
    »Ich kam hierher,« entgegnete hastig der Capitain, »um die Gräfin vor jedem
Wiederbetreten des russischen Gebiets zu warnen; man hatte am Tage vor ihrer
Entführung die Zwecke ihres Aufentalts entdeckt und ihren Boten aus Widdin
aufgefangen. Der Befehl zu ihrer Verhaftung ist gegeben.«
    »Ich weiss es, ich weiss es,« sagte, die Nachricht schnell benutzend, der
Graf, »und deshalb eben liess ich sie am Morgen der drohenden Gefahr entführen.
Ihre Absicht war edel, Herr Capitain, und ich hoffe, dass sie die Folgen Ihrer
Gefangennahme mildern wird, wenn - Sie mir Ihr Ehrenwort geben können, dass dies
der einzige Zweck Ihres gefährlichen Wagstücks war.«
    Der schlaue Sarde konnte sehr wohl berechnen, dass dies nicht wahrscheinlich
war und der russische Offizier schwerlich für Privatangelegenheiten die
Erlaubnis seiner Vorgesetzten zu dem kecken Unternehmen erhalten hatte.
    Der Capitain schwieg.
    »Dann bedaure ich aufrichtig, dass ich Sie nicht retten und dem Kriegsgericht
entziehen kann. Verheimlichung ist nicht möglich, da Ihre Gefangennahme bereits
mehreren Offizieren bekannt ist und der Bursche, dem sie geglückt, nicht
schweigen wird. Kann ich Ihnen sonst mit irgend Etwas dienen, Herr Baron?«
    Der Offizier verneinte durch ein Zeichen.
    »Ich bitte, verlassen Sie mich.«
    »Ich bin im Stande, wenigstens diese Nacht Sie noch vor den
Unannehmlichkeiten harter Behandlung zu bewahren und werde veranlassen, dass Sie
erst morgen nach dem gewöhnlichen Gefängnis gebracht werden. Alexo wird Sie mit
Erfrischungen versorgen und ich scheide mit dem Wunsche, dass Ihre Angelegenheit
einen glücklichen Ausgang nehmen möge, obschon Sie sich die Gefahr Ihrer Lage
nicht verhehlen werden.«
    Der Gefangene erwiederte finster die Verbeugung des Obersten, der das Gemach
verliess. Seine scheinbare Fürsorge hatte einzig darin ihren Grund, dass er erst
noch seine Pläne reiflich überlegen wollte, ehe er den Gefangenen aus seinen
Händen gab. Das Schicksal desselben war ihm dann gewiss und er spielte wie der
Tiger mit seiner Beute. Um sie gegen alle Zufälle zu sichern und da er den
widerspenstigen selbstwilligen Charakter Lucia's genugsam kannte, liess er durch
den Wirt noch Apollony herbeiholen und vertraute Beiden die Bewachung der Tür
während der Nacht an, Alexo zugleich erklärend, dass er selbst ihm mit seinem
Kopf für den Gefangenen verhaftet bleibe. Beruhigt dann über die Erfolge, die
der Zufall so glücklich begünstigt, kehrte der Graf nach der Festung zurück, in
welcher er sein Quartier bei Sami-Pascha genommen. - -
    Im engen Zimmer des Gefangenen brannte mit ihrem matten Schein die Lampe;
Speise und Wein, die Alexo in Begleitung Lucia's gebracht, standen unberührt auf
dem Tisch, und der unglückliche Bewohner der Zelle sass noch immer in derselben
Stellung auf dem Divan, die Arme über die Brust gekreuzt, die Augen starr vor
sich hin geheftet. Der Schlag, der ihn nach dem beseligenden Geständnis durch
jenes Dokument getroffen, wirkte vernichtend und raubte ihm die ruhige
Ueberlegung, die sonst gar leicht ihm die vielfachen Widersprüche in dem
Benehmen des Grafen gezeigt und ihn zu einer genaueren Prüfung der Umstände und
zu wohl begründeten Zweifeln geführt haben würde. Nur ein Gedanke erfüllte ihn:
verloren Alles - Liebe - Leben und Ehre, denn der drohende Tod eines Spions
befleckte ihm selbst den Glanz der letztern.
    Ein - zwei Stunden vergingen, - der flackernde Schein der Lampe zeigte ihr
Verlöschen an, - was kümmerte es ihn, ob es Nacht um ihn her ward, - lag doch
eine tiefere, drückendere Finsternis auf seiner Seele, die Nacht der begrabenen
Hoffnungen!
    Da weckte ein Geräusch, das er in seiner Betäubung schon lange vernommen zu
haben sich erinnerte, ihn aus dem starren Sinnen. Es klang wie das Schneiden
oder Sägen eines Messers an Holz, um eine Öffnung zu machen oder zu vergrössern.
Er horchte jetzt aufmerksam und machte eine Bewegung. Sogleich hörte das
Geräusch auf, und statt dessen fragte eine flüsternde Stimme über ihm:
    »Bist Du wach, Signor? - Antworte leise.«
    »Wer ist es? was will man von mir?«
    »Nursah, der schwarze Knabe,« flüsterte wieder die Stimme. »Tritt hierher,
Signor, rechts an die Wand, ich habe Dir viel zu sagen.«
    Der Capitain folgte dem Wunsche. Im letzten aufflackernden Schein der Lampe
sah er, dass der junge Mohr eine Ritze der Decke mit seinem Messer handbreit
erweitert hatte und durch diese zu ihm sprach. Er trat dicht unter die Öffnung,
die etwa zwei Ellen über seinem Kopfe war, so dass die Unterredung bequem in
leisem Tone geführt werden konnte.
    Die Lampe war erloschen - tiefe Dunkelheit umgab ihn.
    »Was willst Du, guter Knabe? mein Schicksal ist besiegelt.«
    »Verzweifle nicht, Signor, noch hoffe ich, Dich auf irgend eine Weise zu
retten. Kannst Du mir angeben, was ich dazu tun kann und ob Du Freunde in der
Nähe hast?«
    »Meine Freunde,« sagte der Capitain schwermütig, »sind fern und können mir
nicht helfen. Ich danke Dir für Deinen guten Willen, aber das Leben hat für mich
keinen Wert mehr und ich wünsche den Stunden Flügel, damit sie mir sein Ende
bringen.«
    »Ich weiss, Du liebst,« sagte die Stimme mit weichem mitfühlendem Klange. »Du
liebst die fremde Dame, die von jenseits der Donau entführt wurde und im
Selamlik des Pascha's gefangen gehalten wird. Gieb die Hoffnung nicht auf, nur
mit dem Leben darf sie verlöschen.«
    »Armer Knabe mit der schwarzen Haut und dem warmen Herzen, meine Hoffnung
ist erloschen!«
    »Traue dem Manne nicht, der vorhin Dich besucht, er ist Dein Feind, wie er
der Feind jener Dame ist; denn ich weiss, dass gerade sein Diener Dich gefangen
nahm und noch in diesem Augenblick in Gemeinschaft mit dem Manne bewacht, der
die Dame stahl. Auch das geschah in seinem Auftrage.«
    »Ich weiss es; Graf Pisani selbst sagte es mir und gab mir den Beweis seiner
Rechte dazu.«
    »Er ist falsch, wie die Hölle der weissen Männer! Ich hörte ihre Unterredung,
aber ich hörte auch, wie der Raub vor vier Tagen in diesem Zimmer hier
verabredet wurde. Der Conte hat kein Recht auf die Dame; er befahl seinem
Werkzeuge ausdrücklich, mit Nichts zu verraten, dass er die Hand im Spiel habe,
und ich weiss vom Dottore, meinem Gebieter, dass er auch später noch sorgfältig
bemüht war, sich vor ihr zu verbergen und sie glauben zu machen, dass sie die
Gefangene des Pascha's sei.«
    »Bei allen Heiligen, Knabe! rede die Wahrheit. Ich sah selbst, von ihrer
Hand geschrieben, die Erklärung, die sie zu seiner Braut macht.«
    »Dann hat der Bösewicht sie ihr abgezwungen, vielleicht unter dem Vorwande,
dieses Papiers zu ihrer Befreiung zu bedürfen.«
    Der Capitain erinnerte sich, dass das Blatt keinen Datum getragen, er
erinnerte sich der ihm damals unverständlichen Worte und Besorgnisse der Gräfin,
und so Vieles ging im Augenblick durch seine Seele, das ihm klar und deutlich
bewies, wie der Sarde ihn getäuscht und dass er es sein musste, welcher seine
Verhaftung veranlasst hatte.
    »Knabe - ich glaube, Du hast recht und ich bin ein Tor, dass ich mich
täuschen liess. Zur Hölle mit dem Schurken! warum habe ich ihm nicht eine Kugel
durch den Kopf geschossen, als er mir hier gegenüber stand, dann wäre sie
wenigstens gerettet gewesen! Und gefangen, widerstandslos in seiner Hand und
einem schimpflichen Tode verfallen! Es ist entsetzlich!«
    »Hoffe, Signor, und bete zu Deinem Gott, der bald auch der meine sein wird,
denn täglich lehrt mein gütiger Gebieter mich ihn kennen. Auf den Knieen will
ich ihn anflehen, dass er mir helfen soll, Dich zu erretten. Das Wie? weiss ich
noch nicht, denn ich bin machtlos, aber Allah oder Gott wird mir helfen, Dich
und Deine Liebe zu retten.«
    »Knabe, Dein Glauben beschämt mich!«
    »Hast Du Etwas bei Dir, das Dir morgen schaden kann, so vertraue es mir an.«
    Der Capitain holte aus dem Leibbund eine dort verborgene Brieftafel.
    »Ich gebe sie Dir, obschon Du mir unbekannt. Es sind wichtige Papiere darin,
die Vieler Leben gefährden könnten, wenn sie in unrechte Hände fielen. Noch
wollte ich sie nicht vernichten. Bewahre sie wohl auf.«
    Es gelang ihm, indem Nursah eine Schnur durch die Öffnung liess, sie daran
zu binden.
    »Bei dem Grabe meiner Eltern an den Quellen des Nil, schwöre ich, sie treu
zu bewahren.«
    »Hier ist meine Waffe und noch ein Brief, so schwer es mir wird, mich jetzt
von ihm zu trennen, - aber es muss sein, denn wenn die Schurken Hand an mich
legen, würde er eine teure Person compromittiren. - Hölle und Teufel!« fuhr er
fast laut auf, indem er vergeblich nach dem Blatt der Gräfin in der Tasche
seines Mantels suchte, »er ist fort, - ich muss ihn verloren haben! Fahrlässiger
Tor, der ich bin!«
    »Ruhe - mässige Dich,« bat der Knabe, »noch sind viele Männer im Hause wach,
denn eben erst ist die siebente Stunde (Mitternacht) vorüber, und ich muss fort
jetzt meinen Herrn zu sprechen. Du wirst das Verlorene wohl beim Tageslicht
wiederfinden. Lebe wohl, Signor, und vertraue auf den Gott Deiner Liebe.«
    Der Capitain hörte einen leisen Tritt über seinem Haupt, dann war Alles
still und er wieder allein.
    Er trank jetzt den Wein und nahm so gut es ging im Dunkeln einige Speise,
denn er hatte seit dem Morgen Nichts genossen. Dann warf er sich auf den Divan,
gegen die kalte Nachtluft in den rauhen Mantel gehüllt und entschlossen, wachend
den Morgen zu erwarten, um keinen Ruf des schwarzen Schutzengels zu versäumen,
an dem allein jetzt sein Hoffen hing. Denn das Leben war ihm wieder teuer,
seine Zweifel wurden Gewissheit, und über der Nacht des Unheils und des Verrats,
über dem Blutmeer der Schlachten und Gefahren strahlte gleich einem Stern wieder
der Glauben an ihre Liebe. Goldene Träume von künftigem Glück umgaukelten ihn
und unter ihren Schwingen umfing der heilende Schlaf die erschöpfte Natur. - - -
    Das erste Tagesgrauen dämmerte durch die Gitter des Fensters, als die Stimme
des Knaben ihn weckte.
    »Wache auf, Signor, es gilt Dein Leben.«
    Der Capitain war mit jener, dem echten Soldaten eigenen Beherrschung der
Sinne im Augenblick munter. Dennoch galt sein erster Blick rund um im engen
Gemach dem verlorenen Brief der Geliebten. Dann erst eilte er leise zu der
Stelle, an der der Mohrenknabe ihn erwartete.
    »Der Schlaf überwältigte mich,« sagte er entschuldigend; »sprich rasch,
bringst Du Gutes oder Schlimmes?«
    Eine andere Stimme als die des Knaben antwortete ihm, die tiefe, ruhige
Stimme eines Mannes, die er noch nie gehört.
    »Verzeihen Sie, mein Herr,« sprach dieselbe, »aber es ist nötig, dass ich
sogleich für Nursah das Wort nehme, denn die Zeit drängt, und wir dürfen die
Augenblicke, die uns vielleicht zu Ihrem Beistand noch gegönnt sind, nicht
versäumen.«
    »Ich kenne Sie nicht, mein Herr!«
    »Es ist dies auch nicht nötig,« entgegnete der Andere, »ich bin ein
ehrlicher Mann wie Sie und bereit, einem solchen gegen die Intrigue und die
Bosheit beizustehen. Nursah, mein Diener, hat mich von Allem in Kenntnis
gesetzt, und dass Sie nur in Angelegenheiten einer Dame sich törichter Weise in
das türkische Lager gewagt haben. Dennoch fürchte ich, dass Ihnen der Tod gewiss
ist, denn die Befehle des Muschirs sind streng und ich glaube, dass Graf Pisani,
dessen Gefangener Sie bis jetzt sind, Sie sicher den Türken ausliefern und so
sich von einem Nebenbuhler auf die leichteste Art befreien wird. Er muss seine
besondern Zwecke haben, dass er dies nicht sogleich getan, aber ich hörte, wie
er gestern Iskender-Bei sagte, er spare ihm für heute Morgen eine besondere
Ueberraschung auf.«
    »Ich kenne mein Schicksal und werde ihm als Soldat begegnen. Nehmen Sie
meinen Dank, mein Herr, für Ihre freundliche Teilnahme, wenn sie mir auch nicht
helfen kann.«
    Der Arzt - Nursah's Gebieter - schwieg einige Augenblicke, dann fragte er
leise:
    »Haben Sie Mut?«
    »Sie sprechen zu einem Soldaten, mein Herr.«
    »Missverstehen Sie mich nicht. Ich meine nicht den Mut der Schlacht, der im
Pulverdampf Gefahr und Tod kühn in's Auge schaut, der nach der Blutarbeit des
Tages sich ruhig auf dem Schlachtfeld neben die Leichen von Freund und Feind
lagert. Ich meine einen höhern Mut, der dem Schrecken des Todes in anderer
furchtbarer Gestalt mit festem Herzen in's Angesicht blicken kann, - dem Tode in
seinem martervollsten Gewande.«
    »Ich verstehe Sie nicht!«
    »Ich muss zu Ende kommen,« sagte der Arzt, »es ist der einzige mögliche Weg
der Rettung, den ich ersonnen. Sie müssen in die Hölle eines türkischen
Typhus-Lazarets.«
    Der tapfere Soldat schauderte unwillkürlich.
    »Der Vorschlag ist schrecklich und gefährlich, ich weiss es, aber es ist der
einzige, den ich Ihnen machen kann und - Gott hält seine Hand über Jedem, im
Krachen der Geschütze, wie im Pestatem des Krankenhauses. Was die menschliche
Kunst tun kann, Sie gegen die Infection zu schützen, soll geschehen, das Meiste
aber muss der Mut in Ihrer Brust tun, denn Sie müssen mindestens einen Tag und
eine Nacht in dieser schrecklichen Umgebung zubringe, und verlässt Sie der Mut,
so nützen alle Präservative der Medizin Nichts und die Krankheit erfasst Sie.«
    »Uber wie wird man glauben, dass ich krank bin?«
    »Das werden Sie sogleich erfahren, wenn Sie Ihren Entschluss gefasst.«
    »Und glauben Sie, wenn ich mich der Gefahr unterwerfe, mich retten zu
können?«
    »So weit es in menschlicher Voraussicht steht, ja.«
    Der Gedanke an Helene überwand den so natürlichen Schauder.
    »Ich bin entschlossen; sagen Sie mir, was ich zu tun habe.«
    Eine Schnur senkte sich durch die Öffnung, ein Fläschchen und ein Päckchen
hingen daran.
    »In dieser Leinwand ist Wolle und dunkelrote Schminke Sie werden damit sich
das Gesicht an einzelnen Stellen betupfen, namentlich Stirn und Schläfe, auch
die Gelenke der Hände. Dann trinken Sie den Inhalt des Fläschchens und fürchten
Sie nicht die Folgen, wenn auch besondere abnorme Symptome eintreten werden.«
    »Doctor, - ehe ich Ihren Willen erfülle, versprechen Sie mir Eines bei Ihrer
Ehre als Mann.«
    »Bei meiner Ehre!«
    »Geschehe mit mir auch, was da wolle, Sie werden die Gräfin Laszlo von
meiner Rettung oder meinem Tode in Kenntnis setzen.«
    »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, wie Ihnen in dieser
schweren, - es wird geschehen.«
    »Dank. Jetzt, Herr, - jetzt liegt mein Schicksal in Ihren Händen.«
    Er nahm die Wolle und Farbe und erfüllte das Geheiss des Arztes. Dann ergriff
er das Flaschchen und während ihm aufgeregt das Herz schlug, betrachtete er den
Inhalt durch das Licht.
    »O vertraue ihm, Signor,« flüsterte die Stimme des schwarzen Knaben, »er ist
der beste der Menschen!«
    Der Capitain setzte das Flacon an die Lippen und trank es aus. Ein leichter
Schauer rieselte durch seine Adern - einige Augenblicke wallte es wie Nebel vor
seinen Augen und seine Sinne verwirrten sich.
    »Mir wird so eigentümlich!«
    »Es ist die Wirkung der Medizin,« sagte der Arzt, der sorgfältig die
Gegenstände wieder in die Höhe zog. »Vertrauen, Herr, es ist das Einzige, was
Sie retten kann. Uebergeben Sie sich den Wirkungen des Laudanums unbesorgt, ich
werde über Sie wachen.«
    Der Offizier, von plötzlicher hinreissender Mattigkeit befangen, war auf den
Divan getaumelt, seine Glieder streckten, seine Augenlider schlossen sich.
    »Leben Sie wohl!«
    Nur unklar noch hörte er den Scheidegruss, seine Sinne versagten den Dienst.
- - - - - - - - - - - - -
- - - -
    Es war noch früh am Morgen, als Oberst Pisani bei der im Selamlik gefangenen
Gräfin eintrat. Der Eunuch hatte sie nach dem Lärmen eingeschlossen und ihr auf
keine ihrer Fragen Antwort gegeben, die ohnehin nicht verstanden wurden. In
tausend Aengsten und unter schweren Tränen hatte sie die Nacht hingebracht, -
Marutza war nicht zurückgekehrt, - das Schiessen und der wilde Lärmen der
Verfolgung hatten sie erschreckt und sie musste glauben, dass Beide in die Hände
der Türken gefallen, vielleicht ermordet seien.
    Es war daher eine Erleichterung für ihr Herz, als sie die Schritte vor ihrer
Tür hörte und den Grafen eintreten sah. Bleich und abgespannt, mit fragenden
Blicken trat sie ihm entgegen; der Graf aber mit ernster schmerzlicher Miene
fasste ihre Hand und führte sie schweigend zu dem Divan zurück.
    »O, sprechen Sie, mein Freund, reden Sie, was ist geschehen?«
    Der Oberst lächelte bitter.
    »Sie nennen mich Ihren Freund, und im Augenblick, wo Gräfin Helene mir die
Ehre erzeigt, sich meinem Schutz anzuvertrauen, hält sie einen zweiten für
notwendig und knüpft eine Intrigue an mit meinem Gegner, mit dem Rivalen, der
bestimmt scheint, mir überall in den Weg zu treten.«
    »Der Unglückliche - Sie wissen Alles?«
    »Ich weiss es, Gräfin, ich habe den Verkleideten erkannt, es ist der
russische Capitain, mein Feind von Wien her.«
    »Allmächtiger Gott - so ist er in den Händen der Türken?«
    »Der russische Spion ist gestern Abend gefangen worden.«
    »Aber da Sie ihn kennen, wissen Sie, dass er allein meinetwegen in diese
Gefahr sich gestürzt hat, dass Besorgnis um meine Person ihn hierhergetrieben,
dass er mich warnen wollte vor der Gefahr, die mir in Krajowa droht durch die
Entdeckung meines Tuns, zu dem ich mich durch Sie verleiten liess.«
    »Ich weiss von Nichts,« sagte stolz der Oberst, »ich weiss nach meiner
Soldatenpflicht nur, dass ein Mann, der verkleidet in dem feindlichen Lager
ergriffen ist, in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird, die Gründe,
die ihn zu dem kecken Unternehmen bewogen, seien, welche sie wollen. Wenn Gräfin
Helene es für gut findet, ein Opfer, das sie ihrer politischen Ueberzeugung
gebracht, ihrem treuesten Freunde jetzt als Schuld beizumessen, so habe ich
Nichts dagegen zu sagen. Ich kam, um Ihnen, Gräfin, anzuzeigen, dass Sie frei
sind, Ihre Befehle in Empfang zu nehmen für Ihr Bleiben oder Gehen, und Ihnen
dies traurige Blatt zurückzugeben, mit dessen Hilfe allein es mir gelang, Ihre
Befreiung aus dieser unwürdigen Lage so rasch zu bewirken.«
    Er legte das verhängnisvolle Papier auf den Tisch und trat mit einer kalten
Verbeugung nach der Tür zurück. Die Dame stürzte ihm nach und erfasste
leidenschaftlich seinen Arm.
    »Bleiben Sie, - ich muss Alles wissen. Was ist aus Marutza, meiner Dienerin,
geworden?«
    »Die Dirne muss mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein, den
offenbar noch andere Zwecke hierherführten, als die Besorgnisse eines
Liebhabers. Das Verschwinden des Mädchens beweist, wie gute Freunde und
Verbindungen der Russe hier hatte. Sie selbst, Gräfin, haben ihn in's Verderben
geführt, indem Sie ihn in diese Mauern beriefen.«
    Ein stolzer Blick antwortete der bittern Rede. Im nächsten Moment jedoch
schon siegte die Angst des Weibes.
    »Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, was wird sein Schicksal
sein?«
    »Der Gefangene,« sagte der Oberst langsam und sein Auge betrachtete lauernd
das Opfer, »wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt und - eine Stunde
darauf erschossen werden.«
    Sie rang verzweifelnd die Hände.
    »Ich habe seinen Tod veranlasst! Allmächtiger Gott! gieb mir das Mittel
seiner Rettung! Graf, ich beschwöre Sie, bei Allem, was Ihnen heilig, bei Ihrer
Liebe zu mir, helfen Sie, retten Sie!«
    Sie sank auf die Knie und streckte die Hände flehend zu ihm empor. Er hob
sie auf und führte sie zu dem Divan zurück, auf den er sie niederliess.
    »Was verlangen Sie von mir - es ist unmöglich!«
    »Nein, es ist nicht unmöglich, wenn Sie wollen,« flehte die verzweifelnde
Frau. »Ich weiss, welche mächtige Verbindungen Sie überall besitzen, ich habe oft
genug die Beweise davon gesehen. O, retten Sie mir den Frieden meiner Seele,
retten Sie ihn!«
    »Um ihn einst glücklich in Ihren Armen zu sehen,« sagte bitter der Graf, -
»nein, Helene, dieses Opfer wäre zu schwer. Er selbst hat sich in dies Verderben
gestürzt, ohne dass ich das Geringste dazu getan, ich lasse nur das Schicksal
seinen Weg gehen und es befreit mich von meinem gefährlichsten Gegner. Ihn
selbst zu retten wäre eine Torheit.«
    »Graf, das ist unedelmütig gedacht!«
    »Ich verachte einen unnützen Edelmut, wo es sich um Ihren Besitz handelt.
Toren können alle ihre Hoffnungen und Wünsche zum Opfer bringen und selbst
vernichten, ein Mann von Verstand wird es nie tun. Ich mache mich nicht besser
als ich bin vor Ihnen, Gräfin, aber den Feind ohne Zweck zu retten, ist ein
Frevel gegen sich selbst.«
    »Ja, das ist die Lehre des hohlen Egoismus,« sagte finster die junge Frau, -
»die unser Frevel gegen Alles, was würdig und heilig war, in die Gemüter
gepflanzt!« - Ihre Hand hatte unwillkührlich das Papier ergriffen, das der Graf
vorhin neben sie niedergelegt, und ihre Finger entfalteten es bewusstlos, während
ihr starrer Blick darauf haftete.
    Plötzlich zuckte sie zusammen.
    »Bei Ihrer Ehre und Seligkeit, Graf, so ist er verloren?«
    »Er ist es - nur aussergewöhnliche Mittel vermöchten ihn zu retten.«
    »Und - glauben Sie - wenn ich Sie dazu bewege, - ihn retten zu können?«
    »Ich hoffe es.«
    Sie war blass aber ruhig und gefasst während der folgenden Worte, nur ihre
Hand zitterte leicht, als sie ihm das verhängnisvolle Papier reichte.
    »Nehmen Sie, ich bin bereit, den Inhalt zu erfüllen, unter der Bedingung,
dass Sie den Unglücklichen retten.«
    
    Sie sah nicht den Blitz wilder Freude, der über das Antlitz des Sardiniers
flog, ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet.
    Dennoch nahm er es nicht - mit der Berechnung eines Schauspielers seine
Rolle verfolgend, wich er zurück und sagte leise:
    »Gräfin Helene würde es später bereuen, und ich mag sie nicht an die
Erfüllung ihres Wortes erinnern.«
    Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an.
    »Was ich gesagt, werde ich halten. In dem Augenblick, wo Sie mir die
Nachricht seiner Rettung bringen, bin ich bereit, Ihre Gattin zu werden. - Ist
Ihnen dies genug?«
    Er beugte sich auf ihre Hand und küsste sie zärtlich.
    »Ehe der Abend da ist, hoffe ich, den Priester zu Ihnen führen zu dürfen,
der diesen Tag zum glücklichsten meines Lebens macht. - Ich werde sofort das
Nötige anordnen, damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten, obschon ich es
für das Beste glaube, dass Sie vorerst hier noch verweilen, statt dass ich Sie
etwa in das Haus des österreichischen General-Consuls führe. Ihr Aufentalt hier
ist nur Wenigen bekannt geworden, und Sie werden auf diese Weise aller lästigen
Neugier der österreichischen Behörden entgehen. Die Gräfin Pisani wird Niemand
mit einer Frage belästigen.«
    »Ich überlasse Ihnen alle Bestimmungen, nur - eilen Sie!« Ihre Stimme klang
gebrochen.
    »Leben Sie wohl, Helene - meine Braut!« Er drückte ihre kalte Hand an's Herz
und verliess das Gemach, in dessen Mitte sie gleich einer Statue der Resignation
stand, - die Augen ausdruckslos hinter ihm d'rein starrend.
    Dann zuckte ihre Hand nach dem Herzen und mit einem leisen Schrei sank sie
zu Boden. -
    Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen. -
    In der Lokanda Alexo's waren bereits zeitig viele Offiziere versammelt, um
dem Verhör und Kriegsgericht über den Gefangenen beizuwohnen. Da er in Widdin
ergriffen worden, gehörte die Sache zur Entscheidung Sami-Pascha's, des
Gouverneurs; auf den Betrieb Pisani's jedoch, der die Sache möglichst aus der
Nähe der Gräfin zu entfernen wünschte, hatte der Pascha, statt selbst die
Untersuchung zu führen, nur einige Offiziere abgeordnet, um dem Kriegsgericht
beizuwohnen, und Iskender-Bei um dessen Abhaltung ersuchen lassen.
    Als Pisani die Lokanda betrat, lag zwischen seinen dunklen Brauen eine
tiefe, unheimliche Gedanken verkündende Falte. Es fiel ihm nicht ein, den
verhassten Nebenbuhler entwischen zu lassen, aber es galt List und Schlauheit,
der Gräfin den Beweis zu bringen, dass er sein Wort gehalten und der Gedanke, dass
ihm dazu eine Verwechselung der Person beider Gefangenen helfen konnte, während
die Gräfin nur an den russischen Offizier dachte, lag sehr nahe. Bei der rauhen
wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski fühlte er übrigens, dass er
vorsichtig zu Werke gehen musste, um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu
gehen.
    Das Kriegsgericht war bereits vorüber, man macht in der Türkei nicht viel
Umstände mit einem Menschenleben, - und Mungo, der bei seinem Leugnen geblieben
war, kauerte zwischen seinen Wächtern im Tschardak, zum zweiten Mal unter dem
traurigen Todesurteil sich beugend, nur mit dem Unterschied, dass ihm dies Mal
die Kugel statt des Stricks zuerkannt worden. Dafür sollte die Execution schon
in einer Stunde vollstreckt werden, und keinen helfenden Freund vermochten seine
sehnsüchtigen Blicke zu entdecken.
    Der sardinische Graf nahm den Polen, der den linken Arm noch in der Binde
trug, bei Seite.
    »Ich habe Sie gestern bereits auf einen bessern Fang vorbereitet, Bei,«
sagte er ihm, »als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort getan haben. Der
russische Offizier, auf dessen Fährte ich Sie gestern brachte, und der sich als
Spion in die Festung eingeschlichen, ist durch einen glücklichen Zufall selbst
in meine Hände gekommen, und mein Diener bewacht ihn. Ehe ich jedoch denselben
Ihnen überliefere, möchte ich Sie um einen anderen Dienst bitten.«
    »Sprechen Sie, Freund,« sagte der Bei, dessen Augen bei Erwähnung des
gefangenen Russen funkelten.
    »Der Bursche, den Sie eben verurteilt haben, behauptet, wie ich höre, ein
walachischer Zigeuner und nur auf das bulgarische Ufer gekommen zu sein, um hier
Beschäftigung und Unterhalt zu suchen. Der Kerl mag immerhin ein russischer
Spion sein, aber er ist jedenfalls sehr untergeordneter Natur und schwerlich den
Strick oder das Pulver wert, das an ihn verschwendet wird. Ich habe wichtige
Gründe, dass er am Leben bleibt und bitte Sie, begnadigen Sie ihn und lassen Sie
ihn laufen.«
    »Zum Henker! was haben Sie mit dem Lump? Sie wissen, dass nur der
Oberbefehlshaber oder der kommandirende General dies jetzt noch tun kann.«
    »Ich werde bei Sami-Pascha das Nötige besorgen. Geben Sie nur den Befehl,
die Execution zu verschieben.«
    »Das ist leicht, mir liegt an dem Halunken Nichts.« Er rief Jacoub-Aga und
erteilte ihm den Befehl.
    »Und nun zu Ihrem Russen!«
    »In Beziehung auf diesen habe ich Ihnen gleichfalls Einiges zu sagen. Die
Offiziere sind noch versammelt und das Kriegsgericht wird daher keine
Weitläuftigkeiten weiter veranlassen und kann im Augenblick stattfinden. Ich
wünsche jedoch, mein Zeugnis davon ausschliessen zu dürfen, das meines Dieners
wird genügen, und bitte Sie, die ganze Sache möglichst der Oeffentlichkeit zu
entziehen, da Gründe vorliegen, welche das zu frühe Bekanntwerden der
Gefangennahme und des Schicksals des Russen sehr nachteilig machen.«
    Der Bei schielte ihn von der Seite an; er kannte sehr wohl die geheimen
propagandistischen Verbindungen des Sarden, wenn er auch selbst nicht zu den
Eingeweihten gehörte, da seiner rauhen Soldatennatur das Intriguiren im Dunkeln
zuwider war.
    »Meinetwegen. Ich sehe Nichts, was Ihren Wünschen entgegenstände Aber wo ist
der Spion?«
    »In der Lokanda selbst, - ich lasse ihn in einer der hintern Kammern
bewachen.«
    »Vorwärts denn, ich will ihn sehen, und dann wollen wir ein kurzes Ende
machen. Meine Aga's, haltet Euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer
Justiz!«
    Er winkte Hidaët und ein Paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Sardinier,
der sie mit Alexo, dem Wirt zu dem Anbau des Hauses führte, in dessen Gemach
der unglückliche Offizier eimgeschlossen war.
    Sta Lucia und Apollony hielten noch immer hier Wache.
    »Diavolo!« fluchte der Bandit, »es ist Not, dass Sie uns ablösen, Signor
Conte, die Zeit wurde uns verflucht lang. Der Bursche spürt, was ihn erwartet,
und hat in den letzten Stunden gestöhnt, als fühlte er bereits den Strick um den
Hals. Jetzt erst ist er ruhig geworden.«
    Der Gesellschaft der Offiziere hatte sich wie zufällig Doctor Welland
angeschlossen. Als der Graf den Bericht seines Dieners hörte, empfand er eine
jähe Freude, indem der Gedanke in ihm aufblitzte, Capitain Meiendorf könnte
selbst seinem Leben ein Ende gemacht haben, um der Verurteilung als Spion zu
entgehen.
    »Oeffne die Tür!« gebot er.
    Sta Lucia schob die Riegel fort und stiess die Tür auf; der Bei, Pisani und
einige Offiziere mit den beiden Wächtern traten ein. -
    Ein unerwarteter schrecklicher Anblick bot sich ihren Augen.
    Auf dem Divan lang ausgestreckt lag der Gefangene, die Hände krampfhaft
geballt, die Augen starr weit aus den Höhlen hervorgetreten, von blauen Rändern
umgeben, sonst das Gesicht todtenbleich mit einzelnen roten Flecken auf Stirn
und Wangen. Leichte krampfhafte Zuckungen erschütterten zuweilen die ganze
Gestalt.
    »Przeklecie!« rief der Bei, »hier kommen wir zu spät, der Bursche hat die
Pest oder den Typhus!«
    Er blieb schaudernd an der Tür stehen.
    Durch die erschrockene Gruppe drängte sich der Arzt und trat zu dem Kranken,
dessen Puls er alsbald ergriff.
    »So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mühe,« sagte der
Sardinier hämisch, indem er die traurige Gestalt seines Opfers aus der Ferne
betrachtete. - »Lassen Sie den Leichnam verscharren, ehe er durch Ansteckung
noch Unheil schafft.«
    »Nein,« sagte fest der Bei und trat trotz des Schauders in seiner Brust
einen Schritt näher, »ich bin zwar jetzt ein Moslem, aber Niemand soll sagen,
dass Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackern Feind vernachlässigt. Ich
erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der
Wange, die meine eigene Säbelspitze ihm schlug: es ist der tapfere Offizier, der
im Gemetzel des Hohlwegs von Czetate mir Stand hielt, und vielleicht mein Leben
rettete. Doctor, - wie steht's mit dem Mann?«
    »Ich fürchte, er ist ein Kandidat des Todes, das Faulfieber ist bei ihm
ausgebrochen.«
    »Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund, ohne dass ein Versuch zu seiner
Rettung gemacht worden, obschon es das Beste für ihn wäre, statt des Schimpfes,
als Spion zu enden. Sorgen Sie nach Kräften für ihn.«
    »Dann muss ich ihn in's Lazaret bringen lassen, hier kann er nicht bleiben
ohne Gefahr, Ansteckung zu verbreiten.«
    »Tun Sie das, Doctor, - ich werde sogleich Befehl geben, dass Träger bereit
seien.«
    Der tapfere Bei blickte noch ein Mal mitleidig und schauernd auf den Kranken
und verliess das Gemach; Alle folgten ihm eilig, bis auf den Arzt, der - die Hand
des Gefährdeten in der seinen, - einen dankbaren Blick zum Himmel warf. - - - -
    Stunden waren vergangen, wiederum war der Abend gekommen. -
    In seinen Mantel gehüllt, schritt Doctor Welland durch die schmuzigen Gassen
der Stadt hinauf zur Festung. Ein Billet Oberst Pisani's hatte ihn dringend
ersucht, um diese Stunde sich einzufinden - die Ursach war ihm noch unbekannt.
Nur kurze Zeit war er während des Tages in seiner Wohnung, in der Lokanda,
gewesen, um Nursah einige Aufträge zu geben; die übrige hatte er in dem Lazaret
zugebracht.
    Pisani war anfangs in Zweifel gewesen, ob er die plötzliche Erkrankung
seines Nebenbuhlers für einen glücklichen Zufall halten sollte, der ihm eine
schlimmere Tat ersparte; die Meinung des Arztes jedoch, dass der russische
Offizier in der höchsten Gefahr schwebe und die Kenntnis vom Zustande der
türkischen Heilanstalten liess keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Tod ihn
von dem Gegner befreien werde, und so richtete er sein Augenmerk allein auf die
Täuschung der Gräfin.
    Gleich nach der Fortschaffung des Kanken hatte er sich zurück in's Selamlik
begeben und dort leicht von Sami-Pascha, mit dem er in sehr genauem Verkehr
stand, die Begnadigung des vom Kriegsgericht als Spion Verurteilten erlangt.
Die Ordre dazu wurde auf seinen Wunsch in türkischer und französischer Sprache
niedergeschrieben, und da die Person darin im Allgemeinen nur als der des
Spionirens angeklagte Gefangene bezeichnet worden, war es ihm leicht, sie zu
seinen Zwecken zu benutzen.
    Mit dem Papier in der Hand betrat er das Gemach der Gräfin, in dem dieselbe
am Morgen von den zu ihrem Dienst befohlenen türkischen Frauen am Boden gefunden
und mit Essenzen wieder zum Bewusstsein gebracht worden war. Stillschweigend
legte er es vor ihr nieder, und als ihre Hand hastig danach griff, ihr Auge den
Inhalt überflog und ein leiser Schimmer von Rot wieder die blasse Wange färbte,
verriet Nichts in seinem Gesicht die Gefühle von stolzem Frohlocken und bitterm
Groll, die in seiner Brust tobten.
    »Sie haben Ihr Wort gelöst - vollenden Sie Ihr Werk und geben Sie dem
Unglücklichen die Freiheit wieder. Er möge fern sein, ehe ich - das meine halte.
Ich bin bereit dazu - nur gönnen Sie mir Zeit bis zum Abend und - lassen Sie uns
dann sogleich diesen Ort verlassen.«
    Er versprach mit kurzen Worten, ihre Wünsche zu erfüllen, und schlug ihr
vor, dass sie sich nach der Trauung sofort nach Belgrad auf den Weg machen und
dann auf ihre Güter am Maros begeben wollten, um dort die Verhältnisse zu
ordnen, indem er eines Urlaubs weiter nicht bedürfe. Sie willigte in Alles und
fügte nur die Bitte hinzu, den deutschen Arzt ihr mitzubringen, dessen offenes
redliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflösst zu haben schien. Der Oberst
versprach, dass er einer der Zeugen sein solle. Dann entfernte er sich und
überbrachte die Begnadigung Sami-Pascha's dem Bei, der - kurz gebunden in seinen
Beschlüssen, - dem Zigeuner eine genügende Tracht Schläge mit den
Steigbügelriemen aufzählen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt
transportiren liess mit dem Bedeuten, dass, wenn er sich je wieder darin blicken
lasse, ihm Kugel oder Strick gewiss sei.
    Nursah - der schwarze Knabe - folgte von fern dem kleinen Zuge. - -
    Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkligen Strassen und über
die Wälle und Mauern her, als Welland das Konak des Pascha's betrat. Der grosse
Hof war durch Fackeln erhellt, eine Anzahl von Soldaten und Dienern des
Gouverneurs auf den Beinen, und der Arzt bemerkte nicht ohne eine heimliche
Freude, eine bespannte Araba, möglichst bequem mit einem Deckschirm eingerichtet
und in ihrer Nähe eine Eskorte von zehn türkischen Kosaken unter einem On-Baschi
haltend, denn er hoffte nicht mit Unrecht, dass das Fuhrwerk die ungarische Dame
aus Widdin führen solle. Noch ahnte er nicht, in wessen Begleitung.
    Es war dem Golde und den Bemühungen des Obersten gelungen, einen bosnischen
Franziskaner-Geistlichen, der sich in Widdin aufhielt, aufzutreiben und diesen
durch ein reichliches Geschenk zu vermögen, die Trauung zu vollziehen; denn er
kannte den Wert des Augenblicks und der günstigen Gelegenheit zu gut, um sich
durch irgend eine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen.
    Der Doctor wurde auf die Frage nach dem Grafen in das Gebäude zur Seite
gewiesen, vor dessen Tschardak die Araba hielt. Als ihn Sta Lucia, - der hier
Wache zu halten schien, - erblickte, eilte er in's Haus und der Oberst kam ihm
alsbald entgegen und führte ihn in ein Seitengemach.
    »Welche Nachricht, Doctor, bringen Sie von dem Kranken?«
    »Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden.«
    »Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen, ich hoffe
aber, dass Sie eine andere aus Rücksicht auf die Nerven einer Dame erfüllen
werden. Wenn die Gräfin sich nach dem Gefangenen erkundigt, so verschweigen Sie
ihr, in welcher Lage er sich befindet und sagen ihr vielmehr, dass er gerettet
sei.«
    »Ich werde Ihren Wunsch erfüllen.«
    »Haben Sie irgend ein flüchtiges Salz, eine Essenz zur Stärkung der
Lebensgeister bei sich - die Gräfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistands?«
    Der Arzt bejahte.
    »Wohl, so bitte ich Sie, mir zu folgen. Doch erinnern Sie sich, dass Sie -
wenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind.«
    Er führte ihn in ein grösseres Gemach, in dem bereits mehrere Personen
versammelt waren, Iskender-Bei mit seinen beiden Adjutanten und der Kolassi
Wersbitzki, der Kommandant der türkischen Kosaken mit einem seiner Offiziere.
Alle grüssten ihn freundlich und der Bei erkundigte sich sogleich nach dem
russischen Capitain.
    Der Doctor wiederholte die Worte, die er dem Grafen gesagt.
    Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung, - dann führte der
Oberst, der sich durch eine zweite Tür entfernt hatte, an seiner Hand die
Gräfin Helene in das Gemach. Hinter ihnen d'rein kam der Franziskaner; - erst
jetzt bemerkte der Doctor, dass in einer Ecke des Zimmers ein weissbehangener
Tisch mit Lichtern und einem Krucifix aufgestellt war.
    Die schreckliche Ahnung der Wahrheit überkam ihn.
    Mit fester klarer Stimme nannte der Oberst den Namen der Dame und stellte
ihr die anwesenden Männer vor, welche sie - die türkischen Manieren abstreifend
- mit aller Courtoisie ihrer Nationalität begrüssten und die peinliche Pause der
Vorbereitungen mit einer leichten Unterhaltung zu füllen suchten.
    Helene Laszlo war bleich und ruhig, nur der aufmerksamste Beobachter hätte
bemerken können, dass in dem unruhigen Heben ihres Busens, in dem Zucken der
blassen Lippe der Schmerz kämpfte. Ein feiner türkischer Schleier von dem
Scheitel ausgehend und die zierliche Gestalt fast bis zu den Füssen in leichter
Wolke umfliessend, war das Einzige, was sie schmückte.
    Plötzlich schien sie einen Entschluss zu fassen - und den Gegenstand der
Conversation abbrechend, wandte sie sich an den Bei und sagte rasch:
    »Sie haben heute Morgen ein trauriges Geschäft gehabt, Herr, eine
Verurteilung - ich höre, der Gefangene ist jedoch begnadigt?« Ihre Stimme
zitterte bei der Frage.
    »Begnadigt und frei, - ein höherer Wille machte, dass er seiner Strafe
entging!«
    »Auf Ihr Ehrenwort also - er ist frei?«
    »Gewiss - wahrscheinlich schon längst über die Donau. Aber was interessirt
Sie der russische Spion, Gräfin -«
    Der Oberst unterbrach ihn, besorgt, dass ein Wort zu viel gesagt werden
könne.
    »Die Gräfin hörte davon und ersuchte mich aus Mitleid um meine Verwendung. -
Doch es ist Zeit - wollen Sie Ihren Zeugen wählen, Helene?«
    Die Renegaten traten unwillkührlich einen Schritt zurück, die Heiligkeit des
verlassenen Glaubens überkam sie, - nur der Major der Kosaken mit seinem
Adjutant und der Arzt waren Christen unter der Gesellschaft.
    Zu dem Letzteren trat die Gräfin und bot ihm die Hand. Er stand etwas
entfernt von der Gruppe der Offiziere und hatte die schöne Frau mit grosser
Aufregung betrachtet, offenbar ungewiss, was er beginnen sollte.
    »Wollen Sie mir Ihren Beistand leihen, mein Herr, auf diesem - schweren
Gange?«
    »Um Gotteswillen, Gräfin, haben Sie meinen Brief durch meinen schwarzen
Diener nicht erhalten?«
    »Ich habe Nichts erhalten, mein Herr! - Oder täuscht man mich,« ihre Augen
belebten sich, - »ist er nicht gerettet, - ist er gemordet?«
    »Er ist gerettet, Gräfin, auf das Wort eines ehrlichen Mannes, aber .....«
    »Das ist genug,« unterbrach sie ihn bitter, - »weder Sie noch ich ändern
mein Schicksal, das ich freiwillig gewählt, - so kommen Sie denn!«
    Sie reichte fest und entschlossen dem misstrauisch herantretenden Obersten
den Arm. Im Vorübergehen traf sein dämonisches Auge finster und drohend den
Arzt, der schon den Fuss erhoben, die Lippe geöffnet hatte, um sie nochmals zu
warnen. Er fühlte, dass er hier kein Recht mehr habe, dass jedes Wort ihn selbst
und den Mann, der sich ihm anvertraut, verderben konnte.
    Ein bitterer teilnehmender Schmerz wühlte in seinem redlichen Herzen,
während er die Stimme des Mönchs die Gebete der katolischen Kirche murmeln
hörte. -
    Der Wudkoklak hatte sein Opfer! -
    Ich führe den Leser in die Hölle auf Erden, an einen so grausigen, so
schauerlichen Ort, dass Dante's berühmte Inschrift: »Voi ch'entrate, lasciate
ogni speranza!« allein ihn würdig bezeichnen kann, - in ein türkisches
Militairlazaret.
    Es ist Wahrheit - es sind schauerliche Tatsachen, die ich schildere - kein
Gebild einer dämonischen Phantasie; denn die Wirklichkeit des Lebens ist
schwärzer, furchtbarer, denn alles Reich der Träume!
- - - -
    In einem scheunenartigen Gebäude, das früher zu einem Kavalleriestall
gedient, war das Lazaret für die Truppen von Widdin und Kalafat aufgeschlagen.
Das Gebäude bestand aus einem nach der Donau zu offenen Quadrat in der Nähe des
Tores von Negotin. Erst dem energischen Einschreiten des deutschen Arztes war
es gelungen, diese Räume einigermassen zu sichten und in zwei Abteilungen zu
sondern. Die eine war jetzt für die Verwundeten - die andere grössere für die
Kranken bestimmt. Ich wiederhole, es ist Tatsache, dass in den sechs Monaten der
Besetzung von Kalafat Zehntausend Mann hier am Typhus und anderen schrecklichen
Krankheiten starben!
    Wir haben es mit diesem Teil des Lazarets zu tun - der Faden unserer
Geschichte wird uns leider noch oft genug in jene Höhlen des Schmerzes führen,
wo Blut die Losung ist, und Messer und Säge ihre schreckliche Melodie knirschen.
-
    Ein Binsendach deckte den wohl hundert Schritt langen Raum, von nackten
Balken getragen, die sich auf die leeren Wände stützten. Hin und wieder hingen
an diesen noch die Krippen und Raufen der Pferde.
    Es war kalt - schauerlich kalt in der Januarsnacht in diesem öden Raum!
Rechts und links in zwei langen Reihen befanden sich lange Strohlager, mit
Decken und Mänteln überdeckt - hin und wieder einzelne Kissen.
    Aber das Stroh war faul - modrig, - stinkend, es wurde in Wochen kaum
erneuert, und durch Decke und Wände pfiff der Wind, brach Regen und Schnee
herein. Die Feuchtigkeit rieselte in der Mitte zusammen und bildete modrige
Tümpel.
    Draussen unter dem Sternendach des Winterhimmels lag eine frische
durchsichtig dunkle Luft über der Erde - im Innern dieser Höhle des Jammers aber
lagerte eine dumpfe schwüle Atmosphäre, der giftgeschwängerte Dunst des Todes
und der Ansteckung, ein gelbgrauer Nebel, den die zahlreichen Lampen, die im
Innern des Gebäudes brannten, nur matt zu erhellen vermochten.
    Man hatte im Anfang den Versuch gemacht, die Einrichtung der europäischen
Lazarete nachzuahmen und über den Kranken schwarze Tafeln anzubringen, welche
das Stadium der Krankheit und die angewendeten Heilmittel notificiren sollten -
es war jedoch bei dem Versuch geblieben; denn die täglich wachsende Anzahl der
Kranken und die Fahrlässigkeit und Ignoranz der türkischen Aerzte hatte der
Anordnung gespottet.
    Auf diesem Stroh in langer Reihe neben einander lagen in diesem Augenblick
dicht zusammengedrängt an vier- bis fünfhundert Menschen in jedem Stadium der
körperlichen Auflösung. Das Lazaret lieferte durchschnittlich 40 bis 50 Todte.
    Der Schmerz in jedem Ton - vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei
des Unerträglichen; - das Leiden von der Apatie bis zur gotteslästerlichen
Verzweiflung; - das Sterben von dem stillen Hinschwinden aller Kräfte bis zum
wütenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den Allesverschlinger, - Alles war
vereint in dieser feuchten, pestschwangern Atmosphäre.
    Grösstenteils in ihren Kleidern - Lumpen, die vom Leibe faulten, von
Ungeziefer wimmelten, - lagen die Kranken; glücklich, wer eine Decke gewann, in
die er sich hüllen konnte gegen den Frost. Vom Leibe des Sterbenden riss sie die
Hand des Nebenmannes, - dem tapfern Kameraden, der vielleicht noch vor wenigen
Tagen in der blutigen Schlacht den toddrohenden Hieb aufgefangen, gönnte der
Gerettete jetzt nicht die - letzte Bequemlichkeit des Sterbens!!
    Da lagen sie mit den hohlen Gesichtern, den dunklen Ringen um die starrenden
Augen, und die gräuliche Krankheit färbte alle Nüancen der Völkerfarben - Braun
und Gelb, Weiss und Schwarz - mit dem furchtbaren Aschgrau.
    Wo die Flügel des Gebäudes, die beiden langen Gänge voll Leiden und
Verwesung zusammenstiessen, standen nach jeder Seite hin fünfzig eiserne
Feldbettstellen mit Matratze und Decke. Die türkische Verwaltung musste doch
Etwas tun, und diese hundert Lagerstätten waren für das Lazaret einer Armee
von 40,000 Mann bestimmt, einer Armee, die täglich 500 Kranke hatte ausser den
Verwundeten. Was nutzten aber den Günstlingen der Aerzte, den On-Baschi's und
Mulassim's, die darauf Anspruch hatten, diese Lagerstätten bei dem Schmuz und
der Unreinlichkeit des türkischen Wesens? Zwischen die Leinentücher, auf die
feuchte, modernde Matratze, auf der eben der Eine in ekler Krankheit gestorben
war, musste eilig der Zweite gelegt werden, - der Tod hatte keine Zeit für Wäsche
und Reinigung.
    Der Typhus ist eine schreckliche, die Säfte des Lebens zersetzende
Krankheit, aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traum der Fata Morgana und das
Delirium führt die Phantasie in die unermessenen Räume. Visionen, Wahrsagungen,
erotische Bilder, somnambüle Kräfte und Erscheinungen wechseln bunt in der Glut
des Fiebers oder der Abspannung der Nerven.
    Ueber alle diese schrecklichen Erscheinungen siegte jene furchtbare
Resignation des Leidens und des Todes, die der ächte Moslem besitzt, denn seine
Religion ist von Jugend auf: »Es war mein Kismet!« und ruhig - wenn die
Fieberglut gewichen und die unfreiwillige Exaltation erschöpft hat - streckt er
sich zum Sterben. Selbst in dieser Exaltation, in diesen rasenden Phantasieen
schwebt ihm dieser Glaube vor.
    Welcher furchtbare Unterschied in diesem apatischen Hingeben mit dem
verzweifelnden Ringen des Renegaten an seiner Seite, - des Kranken, der Glaube
und Vaterland verlassen, der keinen Trost mehr hat, als die schreckliche
Hoffnung auf das ewige Nichts. - -
    Was sollten unter diesen fünfhundert Kranken höchstens zwei wirklich
wissenschaftlich gebildete Aerzte, von denen noch dazu der eine als Oberarzt die
Station der Verwundeten zu beaufsichtigen hatte? Die Anstrengungen, die Doctor
Welland gemacht hatte, um einige Ordnung in dies Chaos von Leiden und Schmuz zu
bringen, waren riesenhaft, aber sie erlahmten an der gänzlichen Unfähigkeit
seiner europäischen Gehilfen und der Gleichgültigkeit und dem Egoismus der
türkischen. Wir haben bereits erwähnt, dass die Unterärzte und Apoteker im
glücklichsten Fall aus verlaufenen Barbiergesellen bestanden, dass das aber eben
nur Ausnahmen waren und grösstenteils Leute aus den verschiedensten Ständen,
ohne alle und jede Kenntnis zu Aerzten und Wundärzten geworden waren, bloss weil
sie die Eigenschaft eines Franken besassen und der Türke glaubt, jeder Franke sei
ein Hekim-Baschi.
    Dennoch richtete selbst ihre Unwissenheit - und sie starben hin wie die
Fliegen in diesem traurigen Beruf - weniger Unheil an, als die Nichtswürdigkeit
und die Betrügerei der türkischen Lieferanten - zum grossen Teil Griechen. Die
Feldapoteken waren auf das Jämmerlichste versorgt. Bis auf einige Brechmittel,
Chinin und Calomel war fast Nichts darin zu haben. Zum Glück war Chinin und
Calomel grade die Arznei, die am besten gegen den Typhus, selbst in der
unkundigen Hand, wirkt; aber das Chinin war pulverisirte Eichenrinde und das
Calomel mit Kreide und Kalk vermischt.
    Ueber die Lieferung der Lebensmittel haben wir bereits gesprochen.
    Man muss es dem Muschir zum Ruhme nachsagen, dass er in der Organisation der
Armee, ihrer Bewaffnung und Einübung, Riesenhaftes leistete, aber an der
Verpflegung und namentlich an dem Medizinalwesen, von dem er gar Nichts verstand
und das überhaupt in der türkischen Armee wenig beachtet wird, - was kümmert
sich ein türkischer Heerführer um einige tausend Menschenleben! - scheiterte
selbst seine Energie. Von Zeit zu Zeit griff er zwar mit energischer Hand ein,
einige Lieferanten wurden erschossen, andere erhielten fünfzig oder hundert
Stockprügel, aber das Alles änderte Nichts in dem durch und durch corrumpirten
System.
    Weil die Executionen vor der Front der Truppen vollzogen wurden, glaubte der
Soldat an eine rächende Hand über seinen Peinigern, und stellte in wahrhaft
heroischer Geduld in Ertragung der Leiden das Weitere dem Kismet und dem Muschir
anheim. Wäre nicht der Scherz hier ein zu schneidender Hohn, man möchte sich an
die Antwort des berliner Gassenjungen mit den erfrorenen Händen erinnern: »Des
is meinem Vater schon janz recht, warum koft er mir keene Handschken nich!«
    - - -
    Die dunklen Gestalten der sogenannten Wärter, - meist Mohren, - huschten
durch das Lazaret. Ihre Ohren waren taub gegen das Flehen des Einzelnen um
einen Trunk Wasser, um irgend eine Erleichterung seines hilflosen Zustandes. Von
Strecke zu Strecke stand ein Bütte mit trübem Donauwasser, - die Moslems krochen
still dahin und tranken, wer nicht mehr die Kraft hatte, verdurstete. Aber die
dunklen Wärter waren nicht ohne Beschäftigung. Der Tag hatte aufgeräumt unter
den Kranken und die Leichen mussten entfernt werden, um den neuen Ankömmlingen am
Morgen Platz zu machen. Die Umstände mit den Todten waren gering. Ein eiserner
Haken in den Bund oder das Gewand - wenn nicht in's Fleisch - geschlagen, ein
Strick daran oder um die Füsse gebunden, so wurden sie durch den langen Gang der
Mitte bis zum Ende des Gebäudes geschleift, wo ein grosser Verschlag zur Aufnahme
der Leichen bestimmt war, bis am andern Morgen die Todtengräber der Armee auf
ihren Karren sie holten und in die weiten Gruben auf dem offenen Felde warfen,
die zu diesem Ende von den bulgarischen Bauern gegraben werden mussten.
    Um sie her irrte des Nachts der Schakal, den der Schnee, die Kälte und die
Witterung aus den Gebirgen herab in die Ebene führte, und sein klagendes Geheul
war das einzige Todtenlied der Begrabenen! -
    Zwei Männer, ein älterer Moslem und ein blutjunger, kaum achtzehnjähriger
Franke schritten im Gespräch durch die Aristokratie dieses Jammers, die
Abteilung der Feldbetten. Beide waren in lange talarartige Wachstuchmäntel
gehüllt und trugen einen Schwamm mit Essig getränkt in der Hand. Aber ein
besseres, beliebteres Hilfsmittel, die Rum- oder Rakihflasche lugte aus den
Taschen ihrer Sürtouts, und der schwankende Gang, das gerötete Antlitz des
Jüngeren, wie der starre Blick des Anderen verkündeten, wie häufigen Gebrauch
sie bereits davon gemacht.
    Bei dem vorletzten Bett in der Reihe nach dem allgemeinen Lager hin blieben
sie stehen, - es war durch die Vorsorge des Oberarztes in einem etwas besseren
Zustand als seine Nachbarn. Neue reine Linnen waren über eine frische
Strohunterlage gebreitet, eine zottige siebenbürgener Decke schützte den Kranken
gegen die Kälte.
    Dieser Kranke war der russische Capitain, Baron von Meiendorf.
    Bald nach seinem Transport in das Lazaret war der Offizier von dem Arzt
durch die Anwendung narkotischer Mittel aus dem krampfhaften Zustand erweckt
worden. Als er zur Besinnung kam, betäubt und angegriffen, war der deutsche Arzt
an seinem Lager mit den beiden Männern, seinen Gehilfen, die eben jetzt wieder
dem Bett sich nahten. Ein rasches Zeichen der Verständigung hatte dem Offizier
Schweigen empfohlen, und er hörte mit an, wie der Doctor jenen seine Krankheit
als eines der furchtbaren Faulfieber beschrieb, die namentlich in den russischen
Lazareten zu wüten pflegten.
    Hier lag nun der Offizier den ganzen Tag, so viel als seine Tätigkeit es
erlaubte von dem Arzte unterstützt, der unter der Form von Medizin ihm häufig
starken Wein zur Erfrischung brachte. Alles Elend der Welt schien sich um ihn
concentrirt zu haben, und wie der Aufentalt unter den Wahnsinnigen selbst den
gesundesten Geist an sich selbst irre macht, so weckten die wilden
Fieberphantasieen der Kranken und Sterbenden um ihn her zuletzt seine eigene zu
wirren ausschweifenden Bildern, denen er sich mit Aufbietung aller Seelenkräfte
kaum zu entreissen vermochte.
    Noch schrecklicher, gespensterhafter wurden diese Umgebung, als der Abend
nahte. Der Doctor hatte ihm angekündigt, dass er ihn verlassen müsse, um Alles zu
seiner Flucht vorzubereiten, und dass er zu einer bestimmten Stunde ein neues ihn
nach und nach betäubendes Mittel erhalten solle, das ihn in jenen Zustand
versetzen würde, den er zur Ausführung seines Planes nötig hatte.
    Jetzt war die Stunde gekommen, und die Gehilfen des Doctors, die während
seiner Abwesenheit die Aufsicht und Wache hatten, nahten in ihrem an und für
sich schon schauerlichen Aufzuge, gegen den die Aerzte im Vorgemach des
Lazarets ihre Oberkleidung vertauschten, seinem Lager.
    »Es sind ihrer heute nur achtundvierzig gestorben, Brüderchen,« sagte der
junge Gehilfe mit schwerer Zunge, indem er sich auf den Moslem stützte. »Schade,
dass das halbe Hundert nicht voll ist. Aber ich rechne darauf ehe der Doctor
kommt. Schau den da an, - was nutzt ihm die Medizin, die wir ihm noch geben
sollen? - morgen früh tanzt er doch mit Deinen Houri's im Paradiese.«
    »Was für Kot sprichst Du da, Freund,« erwiderte der Türke. »Die Gläubigen
sind nicht da um zu tanzen, das überlassen sie den tollen Christen und den
Alme's. Die Gläubigen sitzen auf weichen Kissen und lassen sich von zehntausend
der schönsten Houri's bedienen und schlürfen den goldenen Wein von Cypern.«
    »Das muss höllenmässig schön sein! Als ich noch Schneider und Bartkratzer in
Livorno war, hätte ich mir's im Leben nicht träumen lassen.«
    »Unsere berühmtesten Wessire waren in ihrer Jugend Barbiere,« entgegnete
andächtig der Türke. »Mashallah! was willst Du noch mehr? Ich Habe gesprochen.«
    »Und diavolo, ich durste ganz verzweifelt in dieser abscheulichen Luft.
Banabak, Freund Ali, gieb mir Deine Flasche her, die meine ist leer. Du hast sie
mir ausgetrunken.«
    »Eh Gusum, Du tatest es selber!«
    »Das ist eine Lüge! Du hast's getan!«
    »Du bist kein Esel, Freund, besinne Dich!«
    »Höre, Ali, - ich bin Dein Vorgesetzter, gieb die Flasche!«
    Ein wilder, verzweifelnder Schrei furchtbaren Schmerzes gellte zwischen den
eklen Zank, - ein junger Soldat vom Corps der türkischen Kosaken, der zwei
Betten von dem Capitain entfernt lag, hatte ihn ausgestossen.
    »Wasser - bei der Barmherzigkeit Gottes - Wasser!«
    Der ehemalige Barbierbursche stiess trunken seinen Gefährten an.
    »Ich kenne das, - erst haben sie Durst, dann kommt das Delirium und dann
holt sie der Teufel. Es ist was Trübseliges, solchen Durst zu haben. Nummer
neunundvierzig!«
    Er dachte nicht daran, dem Flehenden die Labung zu reichen.
    »Gott will es.«
    Der Jammerruf des Soldaten wiederholte sich und verstummte dann in ein
stöhnendes, wimmerndes Gurgeln.
    »Es ist Zeit, dass wir dem Burschen da die Medizin geben, sonst schilt uns
Signor Wellando und sieht uns auf die Finger wegen des verbotenen Rums.«
    »Ich spucke auf seinen Bart.«
    »Den Teufel tue ich! - er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich's
gefallen lassen würde. Gieb mir die schwarze Medizin da her, Ali. Ich möchte nur
wissen, weshalb unser College so viel Umstände mit dem Lumpenkerl hier macht.«
    »Du irrst Dich, Effendi, - er soll die Weisse haben.«
    »Manigoldo!7 willst Du ihn mit Gewalt umbringen? Die Weisse ist Gift.«
    »Ne apalum! was kann ich tun? Die Schwarze entält das Gift.«
    »Wirst Du schweigen, babuasso!8 ich sage Dir, die Weisse ist's.«
    »Gott ist gross. Wenn es sein Kerim ist, dass sie ihm nicht schaden soll, wird
sie ihm nicht schaden.«
    Der Barbier goss schwankend die dunkle Flüssigkeit in ein Gläschen, als einer
der Mohren ihn anstiess, der eben mit seinem Gehilfen eine Leiche an ihm vorüber
schleppte.
    »Marzocco!9 Du hast mich die ganze Medizin verschütten lassen!«
    Er schlug ihn mit der Flasche in's Gesicht, dass der Schwarze heulend den
Todten fallen liess und die Leiche in dem Gange liegen blieb.
    »Delhi der! Nimm die weisse Medizin jetzt, o Hekim-Baschi.«
    »Es wird sich gleich bleiben,« sagte der Trunkene. »Sterben muss er doch.«
    Damit nötigte er dem Capitain die Medizin ein. Zum Glück hatte dieser die
Instruction des Arztes mit angehört und wusste, dass es die richtige war.
    Die Trunkenbolde zogen weiter; die Leiche blieb liegen dicht neben dem Lager
des Offiziers, und die grossen verglasten Augen schienen ihn in dem Halbdunkel
gespensterhaft anzustarren.
    Erst überkam ihn nach der Medizin ein eigentümliches Gefühl des
Wohlbehagens, - eine gewisse Ruhe und Apatie legte sich auf seine erregten
Nerven. Nach und nach ging dies Gefühl in eine leichte, jedoch nicht unangenehme
Kälte über. Ihm war wie einem im Schnee Erfrierenden, dessen Glieder langsam und
unmerklich absterben. dabei aber bleiben einzelne Sinne tätig, ja schärfen ihre
Functionen.
    Sein Gehör vernahm selbst die flüsternden Laute der Leidenden in grosser
Entfernung. Der verzweifelnde Ruf nach Wasser gellte wie Sturmesbrausen in sein
Ohr.
    Der türkische Kosak ihm zur Linken schien jetzt nicht mehr zu dürsten, -
Träume der Heimat umgaukelten sein Sterbelager. Es war ein Deutscher, - ein
junger Mann aus guter Familie, dem an seiner Wiege nicht das schreckliche Loos
gesungen war. Aber die Verderbnis einer grossen Stadt hatte auch ihn verdorben
von Stufe zu Stufe, bis der Vater nach oft wiederholter Verzeihung ihm endlich
um der andern Kinder willen jeden weitern Beistand entzogen. Die Steckbriefe der
Behörde verfolgten ihn auf der Flucht aus der Heimat, - so war er - ein
Verlorener und verloren - auf den Schauplatz gekommen, der so Viele seines
Gleichen verschlang.
    »Es ist nur ein Gott und Mahomed ist sein Prophet!«
    Das Gebet Abdallah's, des Damasceners, klang wie eine Gotteslästerung in das
Toben und Reden des Deliriums, in das die sinkende Abendstunde Viele versetzt
hatte.
    Die von dem corsischen Banditen verwundete Hand hatte den Asiaten in das
andere Lazaret geführt und dort ihn der Typhus befallen.
    »Gold, heiliger Prophet, - rotes blinkendes Gold! Ich sehe das Paradies
offen mit seinen sieben Himmeln, - die Stufen hinauf sind von Gold, von reinem
klarem Gold ...«
    »Fluche mir nicht, Mütterchen,« wimmerte der junge Mann zur Linken, - »o,
ich weiss wohl, Mutter, dass ich Dir das Herz gebrochen, und die Tränen der
Schwestern und die strengen Augen des Vaters klagten mich an, als Du so weiss im
schwarzen Sarge lagst, - o, fluche mir nicht, Mutter, eine Mutter kann dem
Erstgeborenen nicht fluchen, den sie unter dem Herzen trug.«
    Auf seinem Lager von moderndem Stroh hatte sich ein Mann emporgerichtet, -
der lange Haarbusch des Albanesen fiel über sein todbleiches Gesicht, aus dem
nur die schwarzen Augen mit unheimlicher Lüsternheit funkelten.
    »Heiliger Prophet, Du erfüllst meine Sehnsucht. Ich sehe sie vor mir in all'
ihrer Herrlichkeit, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, der ich nur ein Mal in's
Antlitz geschaut, wofür meine Füsse die Bastonade litten bis sie zu Brei wurden.
Heiliger Prophet, ich sehe Fatinitza, die Houri, und siebentausend Houri's um
sie her. Wie ihre brennenden Augen Wollust strahlen und das Gehirn in meinem
Haupte versengen! Ihre Lippen sind wie die Rosen von Eden, ihr Busen wie der
Marmor von Skyos. Ihr Atem ist Duft und ihre Hüften sind wie Kissen, - heiliger
Prophet, lass mich ruhen in ihrem Arm!«
    »Ich sehe das Gold und die blitzenden Steine, - wo ich hinsehe, ist Gold -
rotes Gold, und der flüssige Strom kommt auf mich zu, - o, dass ich tausend
tausend Hände hätte - -«
    Eine singende Stimme wie aus weiter Ferne schlug an sein Ohr, - er konnte
den Kranken nicht schauen, aber er fühlte das Unheimliche dieser Stimme, die
klang wie ein Grabgesang. Der Unbekannte mit dem Traumgesicht sang sein
Todtenlied bald in italienischer, bald in slavonischer Sprache, - unheimlich -
furchtbar klangen die Worte, - eine Piesme, gleich dem Bardensange Ossians, wie
ihn die Sänger und Seher mit dem zweiten Gesicht in den Felsenschluchten
Schottlands oder in den Nebelbänken der Orkneis klagen.
    »Der Geier schwebt über dem Lamm, - der Wudkoklak wetzt seine weissen Zähne,
um sie in das Blut des lebendigen Weibes zu schlagen. Ich schaue Dich, Frau, wie
Dein weisser Körper sich windet in den Krallenarmen des bösen Vampyrs. Aber seine
teuflischen Augen haben Dich berauscht und Deine Kraft vernichtet!«
.......................................................
    Und wiederum auf's Neue begann die Stimme:
    »Awra, das zarte Weib, liebte Junok, den Tapfern, aus feindlichem Stamm.
Aber Junok fiel in die Hände der Ihren, und der schwarze Haran Hassan wollte ihn
tödten. Da kam sie in der Nacht zu seinem Lager und sprach: Haran Hassan, Du
hast um mich vergeblich geworben und Geschenke mir gesandt, - hier bin ich, nur
von dem Linnen bekleidet, und will Dein Lager teilen, wenn Du den jungen
Krieger ungefährdet zu den Seinen lässest.« ...
    Der Offizier rang mit den grauenhaften Phantasieen, die auf ihn einstürmten
und seine Sinne verwirrten; aber immer kälter und fester legten sich die Bande
der Erstarrung über seinen Körper und das Leben schien nur noch in seinem Herzen
und seinem Gehirn concentrirt.
    »Agnes,« flüsterte der junge Deutsche, »Dein Bild mit dem Kinde steht vor
mir! Wie Du so lieb und rein warst! - kannst auch Du mir vergeben? - Ich werde
zurückkehren zu Dir und dem Kinde, ein treuer Mann werde ich sein, - ich sehe
Dich, mein Weib, mit den goldenen Locken des Knaben - o wie glücklich! -
Allmächtiger Gott im Himmel, der Krampf, der Krampf! Hilfe, Hilfe -«
    Und der Unglückliche wand sich in seinen Zuckungen, und die Bilder der
verzeihenden Lieben hatten ihn getäuscht und die gebrochenen Herzen schlugen
hunderte von Meilen von seinem Sterbelager, - vielleicht ihn im selben
Augenblick verwünschend, vielleicht ihm vergebend. - Gott der Herr allein weiss
es!
    »Ai gusum! wie so süss Deine Küsse sind gleich dem Honig von Chios. Wie sie
mich umdrängen die Houri's, tausend Beine, tausend Busen, tausend Lippen, alle
auf ein Mal! - o tödtende Lust des Paradieses!« - - -
    »Gold - Gold! - Der glühende Strom umfliesst mich und verzehrt meine Gebeine!
Wie soll ich trinken das flüssige Metall!« -
    Und wiederum erklang die geheimnisvolle Stimme und die Sprache wechselte in
den italienischen Wohllaut:
    »Ich sehe vor mir die süsse Nacht, die Brautnacht, die der Geier hält mit der
Taube. Nacht rings um, - o wie sie zittert und sich wehrt die arme blutende
Taube; aber der Wudkoklak ist über ihr. Er hat sie betrogen und Junok, ihr
Geliebter, ist dennoch dem Blutbann verfallen. Er wird sterben, wenn der
Wudkoklak ihr Blut bis zum letzten Tropfen gesaugt.«
    »Die Kerle machen einen Höllenlärmen. Haltet Euer Maul, Canaillen, oder es
geht Euch schlimm!« tobte der trunkene Barbier.
    »Delhi der! es sind Tolle, - sie wissen nicht, was sie reden.«
    »Aia - was das Brautbett schön und süss ist, - wie der Vampyr die Moma
umschlingt und die gierigen Lippen auf ihren Busen heftet! Bleich ist ihr
Gesicht in der Stunde der Liebe, und der Segen des Weibes ist ihr Fluch. Die
Moma opferte das Herz und den Leib für den todten Freund! Fahre wohl, schöne
Awra, denn der Tod ist über Dir, ehe zwanzig Mal der Mond sich gerundet!«
    »Himmlische Houri, nimm mich auf in Dein Paradies!«
    Das Schmerzensstöhnen des jungen Deutschen hatte sich in ein leises Röcheln
verwandelt, - nach und nach verstummte auch dieses. Noch ein Mal vernahm das
gereizte Ohr des Capitains den Namen Agnes - dann war Alles still auf jener
Seite.
    Auch der junge Mulassim war zu dem Paradiese Mahomed's eingegangen, wo die
tausend gazellenäugigen Houri's seiner harrten.
    Die krampfhaft erregten Züge gruben sich zu starren Furchen unter der
erkältenden Hand des grossen Würgers.
    Nur Abdallah, der Geizhals, konnte nicht sterben, - all' seine zähe
Lebenskraft klammerte sich an das elende Metall und den Jammer, dass er es im
Hane des Bulgaren verloren.
    Und fort und fort klang die Todtenklage des Slavoniers aus dem von giftigen
Dünsten erfüllten Dunkel des langen Ganges.
    Die beiden Gehilfen des Doctors untersuchten die Kranken, indem sie
dieselben mit Hilfe eines Stockes aufstörten.
    »Leuchte hierher, Mustapha, Du schwarzer Hund!« sagte der Barbier zu dem
begleitenden Mohren. »Da - der ist für Euch - und hier der On-Baschi auch, der
so viel geschrieen und gejammert hat. Der Kerl geberdete sich wie eine junge
Dirne, die mit einem Alten die Brautnacht feiern soll.«
    »Mein Bruder schaue den Mann, den der Hekim-Baschi uns empfohlen, - ich
glaube, auch seine Zeit ist gekommen.«
    »Per bacco - wahrhaftig; da hätten wir Einen über die fünfzig! - He, Freund,
lebst Du oder bist Du todt?«
    Er stiess den Capitain mit dem Stock an. Der Körper rührte sich nicht, das
Auge blickte starr wie das einer Leiche.
    Und dennoch wohnte Leben und Bewusstsein in dem todten Körper, dessen Glieder
wie durch Starrkrampf oder vollständige Letargie gefesselt waren.
    »Schleppt das Aas weg, - fort mit ihm in die Todtenkammer. Für was haben wir
uns nun abgemüht mit dem Burschen?«
    »Allah wollte seinen Tod. Gieb mir die Flasche, mein Bruder.«
    Die Neger, die bereits die beiden andern Leichen expedirt, rissen den Körper
vom Lager und zerrten ihn durch die Reihe der Kranken nach dem Verschlag am Ende
des Ganges - der Vorratskammer der Leichen.
    Dort liessen sie ihn auf dem kalten Boden liegen. -
    Dunkle Nacht rings um, - die Augen, die er nicht zu schliessen vermochte,
schauten nur schwarze Finsternis; auf der Brust, die der Atem nicht mehr hob,
lastete dennoch wie ein schwerer Alp der Ekle Dunst der Verwesung.
    So lag er stundenlang - über sein Antlitz und seine Hände huschte die
feuchte Kälte der Ratte - um die dünnen Wände des Verschlages heulte draussen der
Schakal, vom Leichengeruch getrieben, und dem Lazaret stöhnte und wimmerte der
Schmerz.
    Dann flimmerte ein matter Lampenschein durch das Gemach, - zwei der Neger
schlichen herein und begannen die Leichen zu durchsuchen. Es ist eine bekannte
Sitte, dass der arme türkische Soldat seinen geringen Sold und seine Beute in
jeder Weise zusammenspaart und hungert und dürstet, um seinen kleinen Schatz zu
vermehren, den er stets am Leibe verborgen trägt. Der Geiz und die Habsucht sind
hervorstechende Eigenschaften der Türken, neben einer prahlerischen
Verschwendung und Schaustellung auf der andern Seite. Obgleich die Soldaten der
Donauarmee Monate lang keinen Sold empfangen, gab es doch Viele der Nizams und
der Irregulairen, die mehrere hundert Piaster an ihrem Körper in Silber und
Goldstücken mit sich trugen.
    Deshalb durchsuchten - obschon es streng verboten war, - nochmals die Wärter
des Lazarets die Leichen und die eklen Lagerstätten. -
    Der Schein ihrer Leuchte fiel auch auf das Antlitz des Capitains und ihre
gierigen Hände plünderten seine Taschen. Wir wissen, dass er seine Habe dem
Knaben Nursah anvertraut, die Leichenräuber fanden daher Nichts als einen
kleinen Ring am Goldfinger seiner linken Hand - der Widerstand, den er
unwillkürlich zu leisten suchte, als sie den Reif mit Gewalt abzogen, sprengte
endlich die Erstarrung seines Körpers und während sie mit der gewonnenen Beute
sich entfernten, fühlte er wieder Leben und die Fähigkeit der Bewegung in seine
Glieder treten. Es war wieder dunkel um ihn her, als er sich mühsam auf den
Ellenbogen aufrichtete und seine geistigen Kräfte zu sammeln suchte, auf denen
es wie ein dumpfer Nebel gelegen, durch den hindurch er alle Vorgänge um sich
bemerkt. Er vermochte wenigstens aus der grässlichen Nachbarschaft der todten
Körper sich zu schleppen.
    Der tapfere Offizier fühlte, wie das furchtbar Schauerliche seiner Lage, die
entsetzliche Umgebung, desto mehr auf ihn wirkte, je mehr er zu vollem klarem
Bewusstsein zu gelangen suchte, und dass, wenn er noch lange in dieser Situation
bliebe, Wahnsinn und Tod sein Loos sein musste. Mit Gewalt kämpfte er gegen die
wüsten Bilder, die wieder seinen Geist zu verwirren drohten, gegen die schaurige
Kälte, die durch die Glieder herauf an sein Herz griff.
    Da wiederum öffnete sich die Tür des Lazarets und nochmals fiel der
düstere Schein einer Lampe auf die Stätte des Todes. Der Offizier hatte noch so
viel Kraft, sich wieder auf den Boden zurück und in die Lage eines Todten zu
werfen, aber diesmal war es nicht mehr nötig - der Eintretende war Doctor
Welland.
    Ein tiefer schwerer Seufzer löste sich von der Brust des Offiziers, als er
den Retter erkannte und führte sogleich diesen an seine Seite. -
    »Um Gotteswillen, Capitain, wie fühlen Sie sich? - Die betrunkenen Schurken,
meine Gehilfen, haben Sie, meinen strengen Befehlen entgegen, an diesen Ort des
Entsetzens eher bringen lassen, als es nötig war. Ich wurde verhindert, früher
wieder hier zu sein. Mut! Mut! und raffen Sie Ihre Kräfte zusammen.«
    Er hatte die Lampe auf den Boden gestellt und hielt ihm ein Flacon mit
scharfen äterischen Salzen unter die Nase, die eine heftige Erschütterung der
Nerven hervorriefen. Dann übergoss er ihn mit einer Flut von Eau de Cologne und
wusch ihm Stirn und Schläfe damit.
    »Können Sie sich erheben, Capitain?«
    »Ich hoffe es - eine Stunde länger in diesem scheusslichen Aufentalt wäre
mein Tod gewesen.«
    Er richtete sich mit Hilfe des Arztes empor, doch musste er sich schwer auf
diesen stützen, seine Beine versagten ihm fast den Dienst, schwer wie Blei lag
es in seinen Gliedern und auf seinem Gehirn.
    »Das ist die Wirkung des Laudanums, die frische Luft wird Ihnen gut tun.
Kommen Sie, Herr.«
    Er schleppte ihn nach einer gegenüberliegenden, in's Freie führenden Tür.
Dort hob er den Holzriegel, der sie von Innen verschloss, löschte die Lampe und
öffnete dann die Pforte; die frische scharfe Winterluft von der Donau her drang
ihnen entgegen.
    Der Arzt zog den Befreiten um die Ecke des Gebäudes, wo Nursah, in eine
wollene Decke gehüllt, kauerte.
    »Verweilen Sie hier und lassen Sie unbehindert die Nachtluft durch Ihre
Kleidung streichen, und riechen Sie von Minute zu Minute an dieser belebenden
Essenz. Ich muss die Spuren Ihrer Flucht vertilgen und dieses Lazaretkostüm
ablegen, dann hole ich Sie hier ab.«
    Damit verschwand er in der Tür des Leichenhauses und verschloss dieselbe
wieder von Innen.
    Der Russe lehnte erschöpft an die Wand des Gebäudes, während der Knabe
Nursah seine Hand erfasste und ihm Mut zusprach. Nach einer Viertelstunde,
während der die rauhe Nachtluft den Capitain durchkältet, dagegen auch die
Betäubung seines Geistes einigermassen erleichtert hatte, kehrte der Arzt, in
seinen Mantel gehüllt, um die äussere Seite des langen Gebäudes zurück.
    »Nun fort, denn ein unglücklicher Zufall könnte hier unsere ganze Mühe
vereiteln. Zuvor noch einen tüchtigen Schluck aus dieser Flasche, Capitain, und
dann hüllen Sie sich in die Decke Nursah's und stützen Sie sich auf mich. Voran,
Nursah, Du weisst den Weg.«
    Damit fasste er den Capitain unter den Arm und führte ihn mit sich fort,
während der schwarze Knabe etwa 200 Schritt vor ihnen her ging, querfeldein von
der Donau und der Strasse nach Negotin ab.
    Sie waren an mehrere Posten vorbeigekommen, denen der Arzt die Parole
zurief. Dem Offizier einer entgegenkommenden Patrouille sagte er ruhig, dass ein
Baschi-Bozuk ihn zu dem Arnauten-Aga gerufen, der im Lager der Irregulairen
erkrankt sei, und da die Tätigkeit des fränkischen Hekim-Baschi's in ganz
Widdin bekannt war, liess die Patrouille die kleine Gruppe ruhig passiren, die
jetzt im Schatten eines Hohlweges sich von der Stadt abwandte.
    Nach einem halbstündigen Gange, während dessen der russische Offizier stumm
alle Kräfte angestrengt hatte, um seinen Rettern zu folgen, erreichten sie eine
Gruppe von Bäumen, in deren Schatten dunkle Gestalten sich bewegten. Nursah
pfiff leise und das Signal wurde sofort erwiedert. Näher hinzutretend, fanden
sie hier zwei Männer mit drei Pferden, Mungo, den Zigeuner, und einen
bulgarischen Knecht des Hanewirtes.
    Der Zigeuner geberdete sich wie unsinnig, als er seinen Herrn wiedersah, er
umarmte seine Füsse und küsste seine Hände, und Capitain Meiendorf, der jetzt
seine volle Gesinnung wieder erlangt hatte und dem nur ein dumpfer Kopfschmerz
und eine grosse Schwäche der Glieder zurückgeblieben war, musste sich mit Gewalt
von ihm losmachen, denn der Arzt drängte zur Eile.
    »Hier,« sagte er, »ist Ihre Brieftasche und die Börse zurück, die Sie mir in
der Lokanda Alexo's anvertrauten. Aus der letztern habe ich wiener Banknoten im
Betrage von fünfhundert Gulden genommen, denn ich musste dem Hanewirt den Wert
der Pferde sicher stellen, und ich selbst bin nicht so reich, um das aus eigenen
Mitteln tun zu können. Im Uebrigen finden Sie Alles unversehrt; der Knecht
Gawra's kennt alle Schlupfwege und wird Sie durch die türkischen Linien über den
Timok auf serbisches Gebiet bringen, wo Sie gerettet sind. In drei Stunden
scharfen Rittes, also mit Tagesanbruch können Sie dort sein, und ich rate
Ihnen, im ersten serbischen Dorf, das Sie erreichen, alsbald ein langes
türkisches Bad zu nehmen und Ihre Kleidung mit jeder beliebigen vollständig zu
wechseln, die dort zu haben ist. Im Uebrigen stehn Sie - wie wir Alle - in des
Allmächtigen Hand, und er wird Ihre Rettung nicht haben gelingen lassen, damit
Sie der Ansteckung jener Pestöhle unterliegen, zu der meine Pflicht mich
zurückführt. Leben Sie wohl, Herr!«
    Der Capitain erfasste seinen Arm und führte ihn einige Schritte abseits von
der Gruppe, die sich zum Abritt fertig machte.
    »Wie soll ich Ihnen danken für Das, was Sie für einen Fremden getan, der
Sie wenigstens um die Gunst Ihres Namens bittet, um stets sich an seinen Retter
erinnern zu können.«
    Der Arzt nannte ihn freundlich.
    »Und nun noch Eines, Doctor Welland,« sagte der Offizier erregt, indem er
die Hand des Deutschen in der seinen drückte. »Sie versprachen mir, die Gräfin
Laszlo von meinem Schicksal in Kenntnis zu setzen und sie in der widrigen Lage,
in der sie sich eben befindet, nicht zu verlassen - -«
    »Die Gräfin,« sagte der Arzt - und seine Stimme vibrirte in schmerzlicher
Erinnerung, »die Gräfin weiss, dass Sie gerettet sind.«
    »Und sie selbst?«
    »Die Gräfin hat bereits Widdin verlassen und wird früher die serbische
Grenze in anderer Richtung passiren als Sie - aber -«
    »Sprechen Sie, Doctor, ich beschwöre Sie!«
    Der Arzt reichte ihm ein versiegeltes Blatt.
    »Ich habe Ihnen hier alles Weitere aufgeschrieben, was Ihnen zu wissen
nötig ist. Ich verlange jedoch Ihr Ehrenwort, dass Sie das Blatt vor zwölf
Stunden nicht öffnen und sich bis dahin allen meinen Anordnungen fügen.«
    »Sie sind mein Retter und ich gebe es, doch warum ...«
    »So sitzen Sie jetzt auf und machen Sie sich auf den Weg. Leben Sie wohl,
Herr, und ehren Sie die Hand des Allmächtigen in Ihrer Rettung und fügen Sie
sich in seine Wege.«
    Der Capitain sass auf dem Pferde.
    »Wenn nur Helene Laszlo gerettet ist, ich bin ein Mann und habe die Kraft,
zu tragen und zu kämpfen.«
    Nursah's Hand reichte ihm die Revolver-Pistole.
    »Nimm Deine Waffe, Signor!«
    »Behalte sie, Knabe, es ist das einzige Andenken, das ich Dir geben kann.«
    Er fühlte schwere warme Tropfen auf seiner Hand. - »Du weinst, Knabe?«
    Nursah schluchzte und der Offizier schaute wild auf Herrn und Diener.
    »Was ist geschehen, Doctor - Sie verschweigen mir ein Unheil ...«
    Doch der Arzt hatte Mungo, dem Zigeuner, gewinkt und dieser des Capitains
Pferd bereits am Zügel.
    »Leben Sie wohl, Herr, und nun vorwärts.«
    Hinweggerissen von seinen beiden Begleitern jagte der Gerettete davon und
die Hufschläge verklangen bald in der Ferne.
    Der Arzt fasste seines jungen Dieners Hand.
    »Komm', Nursah - er ist gerettet und wir wollen uns einer guten Tat
erfreuen, die Der dort Oben uns vergelten wird.«
    Der Knabe weinte. - »Das Leben ist gerettet, Herr - aber er wird es
verachten um den Preis, den es gekostet hat! O dass ich nicht zu ihr zu dringen
vermochte, als es noch Zeit war für sie und ihn!«
 
                                    Fussnoten
1 Die walachischen Milizsoldaten, eine Art Landgensd'armerie.
2 Gut Glück.
3 Das gebe Gott.
4 Kalte saure Milch, ein bulgarisches Nationalgericht.
5 Schnaps.
6 Märchenerzählerin.
7 Schuft von einem Scharfrichter.
8 Schaafkopf.
9 Schurke.
 
                              Das Ende vom Anfang.
Drei Monate waren seit dem blutigen Kampf bei Czetate vergangen und andere
Kämpfer sollten jetzt auf dem Schauplatz erscheinen.
    Es war der Abend des 27. März, und unsere Geschichte führt uns nach einer
kurzen Uebersicht über den Gang der Ereignisse an die Ausgangsstätte unsere
Buches, zurück nach Paris.
    Am 4. Januar war die vereinigte englisch-französische Flotte, 34 Segel
stark, in's schwarze Meer eingelaufen. Indem der englische und französische
Gesandte dies zur Kenntnis Reschid-Pascha's brachten, stellten sie das
Verlangen, dass ohne vorgängiges Benehmen mit den Gesandten und Admiralen die
türkische Flotte nicht die Offensive ergreife.
    Die Verlangen und die Zusage müssen als blosses Blendwerk der öffentlichen
Meinung bezeichnet werden, denn die türkische Flotte war nach den Verlusten von
Sinope in keiner Weise zu einer Offensive geeignet. Der Wendepunkt des Krieges
lag vielmehr bereits in den unterm 27. den Befehlshabern der Flotten gegebenen
Instructionen, deren Inhalt am 12. Januar in Petersburg der englische und der
französische Gesandte dem Grafen Nesselrode notifizirten.
    Die englische Instruction für den Gesandten besagte, dass die Flotten auch
den Türken nicht gestatten würden, einen Angriff zur See zu machen, - die
französische Instruction entielt jedoch von dieser Garantie für Russland kein
Wort.
    Die Admirale Dundas und Hamelin hatten beim Auslaufen die Fregatte
»Retribution« mit Depeschen an den Fürsten Menschikoff nach Sebastopol
vorausgeschickt, welche dem Fürsten-Gouverneur erklären sollten, dass die Flotten
nur zum Schutz des türkischen Gebiets sich im Schwarzen Meere befänden, dass
dagegen die russische Flotte ihre Häfen nicht verlassen dürfe. Die wahre Absicht
der Sendung war aber offenbar eine Recognoscirung von Sebastopol, in dessen
Hafen die Fregatte trotz zwei blinder Schüsse der Batterieen einzudringen
suchte. Erst eine Kugel durch ihren Bug nötigte sie zum Beilegen. Sie fand die
gesamte russische Flotte im Hafen versammelt. Die vereinigte Flotte hatte, trotz
jener Erklärung der Admirale, die Gelegenheit benutzt, um einen Convoi
türkischer Dampfer mit Kriegsvorrat nach Batum zu escortiren.
    Während in Wien die Conferenz sich abmühte, Project auf Project zu häufen,
ohne dass es irgend einem Teil, mit Ausnahme Preussens, wirklich Ernst damit war,
wurden Erklärungen der Höfe von Paris, London und Petersburg gewechselt. Die
russischen Gesandten in Paris und London forderten eine solche über die
Instructionen der Admirale. Die ihre lautete, dass Russland ein Auftreten der
Flotten nicht als feindseligen Akt betrachten würde, welches die Gegenseitigkeit
gewähre, dass Türken eben so wenig wie Russen angreifen dürften, und dass, wenn
den Türken der Verkehr zur See zwischen ihren Küsten gestattet wäre, dies auch
für die Russen stattfinden müsste. England und Frankreich jedoch antworteten
unterm 31. Januar und 1. Februar ablehnend, dass sie die Instructionen, wie sie
seien, aufrecht erhalten würden, vorauf Baron Brunnow und Herr von Kisseleff den
beiden Kabinetten anzeigten, dass sie sich in Folge der verweigerten Reciprozität
genötigt sähen, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und London und Paris
mit den Gesandtschaftsmitgliedern zu verlassen. Dies geschah am 4. Februar. Die
englischen und französischen Gesandten erhielten sofort den gleichen Befehl. Der
Erstere wurde - noch ehe dieser eintraf - von Graf Nesselrode unterm 13.
aufgefordert, seine Pässe zu nehmen. Der französische Gesandte verlangte selbst
die seinen.
    Damit war der diplomatische Bruch entschieden, und die Bitterkeit, welche im
Tone des von Kaiser Napoleon an den russischen Czar unterm 29. Januar
gerichteten, durch die Zeitungen veröffentlichten Briefes herrschte, und die
Antwort des Czaren vom 9. Februar zeigte die gereizte Stimmung und was von
gegenseitigen Concessionen zu erwarten war.
    In Wien war am 29. Januar Graf Orloff, der Freund und greise Vertraute des
Czaren, eingetroffen, um mit Baron von Budberg den Versuch zu machen,
Oesterreich und Preussen zu einem unbedingten Neutralitätsbündniss mit Russland zu
bewegen. Während Oesterreich mit eingehenden Versprechungen hinhielt, lehnte
Preussen offen ein solches Bündnis als eine wenn auch unausgesprochene Hilfe für
Russland ab, die mit seinen durch die Protokolle übernommenen Verpflichtungen im
Widerspruch stände. Die Mission des gewandten Staatsmannes scheiterte hiermit
und der Graf verliess am 8. Februar Wien, worauf Oesterreich sich beeilte, in
Serbien und dem Banat ein Beobachtungscorps von 25,000 Mann aufzustellen unter
dem Vorwande der serbischen Erregung und der in den Gränzdistrikten jetzt offen
ausgebrochenen Schilderhibung der Griechen.
    Unterm 9. Februar erliess Kaiser Nicolaus ein Manifest an sein Volk, worin er
erklärte, dass die von England und Frankreich ihren Flotten im Schwarzen Meere
gegebenen Befehle eine unter gebildeten Staaten unerhörte Handlungsweise
constatirten, die ihn zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit jenen
Staaten genötigt hätten, die sich zu den Feinden des Christentums stellten
gegen Russland, das für die ortodoxe Kirche streite. Russland werde gegen alle
Angriffe feststehen - wie 1812. Die Westmächte antworteten unterm 27. Februar
mit einem Ultimatum nach Petersburg das die Räumung der Fürstentümer bis zum
30. April forderte; die Verweigerung solle als Kriegserklärung betrachtet
werden, und Lord John Russel hielt seine bekannte Philippika im Unterhause gegen
die unredliche und eroberungssüchtige Politik Russlands. Zugleich forderte die
österreichische Regierung, der an einer Verbreitung und einem glücklichen
Erfolge des griechisch-christlichen Aufstandes sehr wenig gelegen war, die
Westmächte auf, demselben zu Wasser und zu Lande entgegen zu treten, und diese
bedrohten die griechische Regierung mit einer Blokade und jener Occupation,
welche, später wirklich ausgeführt, eine Schmach des christlichen civilisirten
Europa's und eine Beschimpfung des Königtums werden sollte, wie sie sich sicher
einst schwer rächen wird. Der Czar dagegen erklärte, dass er dem griechischen
Aufstande seinen Beistand und seine Teilnahme nicht versagen könne, und sollten
die Kämpfe einen ähnlichen Charakter wie die Freiheitskämpfe von 1826 annehmen,
so werde er unter keiner Bedingung mitwirken, diese Bevölkerung wieder unter das
türkische Joch zurückzubringen.
    Mit dieser Erklärung von Seiten Russlands am 2. März waren seine Absichten
offen dokumentirt, wie die Pläne der Westmächte durchs die Instruction an die
Admirale.
    Zu Ende Februar hatten bereits die Absendungen französischer und englischer
Truppen nach dem Orient begonnen. Der Oberbefehl über das französische Heer und
über die gesamte Armee der Alliirten wurde an den ehemaligen Kriegsminister, den
Marschall Saint Arnaud, übertragen; das englische Corps befehligte Fitzroy
Somerset, Lord Raglan. Ingenieure gingen voran, um bei Gallipoli das Lager für
die Hilfstruppen auszustecken, und die Westmächte schlossen unterm 12. mit der
Pforte einen Allianz-Tractat über die Sendung von Hilfstruppen ab, wogegen sich
die türkische Regierung verpflichtete, keinen Waffenstillstand oder Frieden ohne
Bewilligung der beiden Alliirten abzuschliessen. Am 11. war die englische
Ostseeflotte von Spitead ausgelaufen.
    Die Kämpfe an der Donau hatten unterdess mit wechselndem Glück ihren Fortgang
genommen, während dagegen die Russen in Asien mehrere bedeutende Siege gewannen.
    General Schilder hatte am 26. Januar den General Fischbach in Krajowa
ersetzt und die oberste Leitung der Operationen gegen Kalafat übernommen, die
sich indes bis Mitte März auf eine Cernirung und unbedeutende Gefechte
beschränkten. Vom 13. bis 19. vertrieben die Russen die Türken wieder aus
Giurgewo, wo es ihnen gelungen war, sich festzusetzen, der Versuch eines
Ueberganges nach Rustschuk wurde dagegen zurückgeschlagen und die Türken
gewannen selbst die zwischen Szistowo und Rustschuk gelegene Donauinsel, gingen
am 4. März bei Kalarasch auf das linke Ufer des Flusses und zerstörten zum Teil
die gegen Silistria dort errichteten russischen Batterieen. Ebenso versuchte
Fürst Gortschakoff vergeblich und mit grossem Verlust noch ein Mal bei Oltenitza
die zwischen den beiden Ufern liegende Insel den Feinden zu entreissen. Die
Russen waren in diesem Augenblick auf allen Punkten an der Donau im Nachteil
und ihr Führer offenbar mit einem neuen Operationsplan beschäftigt.
    Ein ziemlich grosses Arbeitskabinet, - schwere dunkle Vorhänge vor den
Fenstern, durch welche man auf die glänzende Erleuchtung der Ströme von Gas
schaute, welche allabendlich den herrlichen Quai der Tuilerieen mit Tageslicht
erhellen; - das prächtige Bild einer Frau mit aschblonden Haaren und dunklen
spanischen Augen aus dem berühmten Pinsel Désandré's; - einige Karten an den mit
dunklem Seidenstoff und darein gewirkten goldenen Bienen beschlagenen Wänden; -
in einer Ecke die Uniform- und Waffenstücke der neuen »Hundert Garden«; - Bücher
und Brochüren auf allen Tischen und Schränke mit einer ausgesuchten
Handbibliotek an den Seitenwänden, in welche drei Türen mündeten; - auf dem
grossen Tisch in der Mitte das überaus schön von Stahl und Messing gearbeitete
Modell eines Geschützes nach neuem noch unbekanntem System; - das ist der Ort,
wohin wir den Leser am Abend des 26. März führen.
    An dem Tisch in der Mitte sass ein Mann von etwa 46 Jahren mit hoher Stirn
und vorspringenden, energischen und kräftigen Zügen, denen wir schon ein Mal zu
Anfang unseres Buches begegnet sind. Der aus hundert Abbildungen bekannte
Schnitt des Bartes, der feste stolze Ausdruck des Gesichtes, aus welchem das
ursprünglich ziemlich matte Auge unter buschigen dunklen Brauen häufig scharf
und durchdringend aufflammte, konnten unmöglich die hohe Persönlichkeit
verkennen lassen. Seine rechte Hand ruhte auf der Lehne des Fauteuils, während
seine linke ab und zu eine Cigarre zum Munde führte.
    Er schien aufmerksam auf den abwechselnden Vortrag zweier Herren zu hören,
die an der andern Seite des Tisches ihm gegenüber standen und von Zeit zu Zeit
ihm ein Papier hinüber reichten, das der Sitzende alsdann flüchtig durchsah.
    Der Eine der Beiden trug die glänzende Uniform eines Marschalls von
Frankreich, sein breites Gesicht sah aufgedunsen und ungesund aus; der Kopf des
Andern in Civil mit dem Grosskreuz der Ehrenlegion und zahlreichen ausländischen
Orden am Cordon seines schwarzen Fracks war geistreich und anmassend.
    »Colonel de Méricourt hat die Berichte über die Einschiffung der Truppen bis
zum 22. von Marseille gebracht. In Oran und Algier stehen die designirten
Zuaven-Regimenter bereit und warten auf die Schiffe des Admirals Dufresne. Ducos
sagt mir, dass dieselben heute an der afrikanischen Küste sein werden. Das ganze
Contingent wird demnach bis zum 30. auf der See sein und vor Mitte des nächsten
Monats in Gallipoli ausgeschifft. Wann, Sire, werde ich abreisen?«
    »Es eilt nicht, Marschall, jedenfalls vor den Engländern. Einstweilen genügt
Canrobert. Haben Sie Nachrichten von der Donau, Drouin?«
    »Sehr wichtige, Euer Majestät, ich erlaubte mir nur, dem Herrn Marschall
Oberbefehlshaber den Vortritt zu lassen.«
    »Geschwind, geschwind! Depeschen über Wien? Sie wissen, dass ich sie auf der
Stelle erhalten will.«
    »Beide sind seltsamer Weise wieder zusammen eingetroffen, also offenbar in
Oesterreich verspätet worden. Ich habe unsern Gesandten darüber bereits
geschrieben, aber er behauptet, dass es ausser seiner Macht stehe.«
    »Der Inhalt?«
    »Ein russisches Corps ist unterhalb Hirsova über die Donau gegangen und hat
die türkischen Schanzen erobert. Am 23. sollte die Belagerung gegen Hirsova
beginnen. Fürst Gortschakoff hat auf die Verschanzungen von Matschin ein starkes
Feuer eröffnet und sucht offenbar den Uebergang bei Braila zu erzwingen; ebenso
General Lüders bei Galacz und General Uschakoff von Ismael aus nach Tultscha.«
    »Ah, da haben wir den vollständigen Operationsplan, den Gortschakoff in der
langen Ruhe vorbereitet hat.« Er beugte sich über eine vor ihm liegende Karte.
»Matschin, Isaktscha, Tultscha und Hirsova - sie müssen nach unsern Berichten
von ihrer Stärke in ein Paar Tagen genommen werden und damit ist Babadagh und
die obere Dobrudscha in den russischen Händen. Es handelt sich offenbar um eine
Operation ihres linken Flügels gegen Varna, als den Schlüssel zu Rumelien. Aber
es wird seine Schwierigkeiten haben ohne die Unterstützung der Flotte.«
    »Es ist unmöglich, Sire, ohne den Besitz von Silistria.«
    »Richtig, Marschall - der Muschir kann sonst über ihre Flanke herfallen.
Doch der Fürst ist ein Taktiker und wir werden sicher in den nächsten Tagen von
einem weitern Uebergang oberhalb Silistria hören, das man alsdann von drei
Seiten umschliessen kann.« Er verweilte einigem Augenblicke über der Karte.
»Jedenfalls ist der Augenblick zum Einschreiten gekommen. Wir müssen auf dem
Platz sein und die Macht haben, die Ereignisse nach unserm Willen zu lenken. Die
Türken dürfen geschlagen, aber nicht besiegt werden und die Balkanlinie muss
unberührt bleiben, sonst haben die Oesterreicher Veranlassung und Gelegenheit,
sich einzudrängen.«
    »Silistria wird sich nicht halten können, Sire.«
    »Das ist gleichgültig, wenn es nur so lange geschieht, bis unsere Truppen in
Varna stehen. Wir müssen einige zuverlässige Offiziere in Silistria haben, Sie
werden die nötigen Befehle geben, Marschall. Vaillant wird mir morgen Vormittag
nach dem Conseil über die Etappen berichten. Alle Massregeln müssen beschleunigt
werden.«
    »Euer Majestät erlauben mir die Bemerkung,« sagte der Minister des
Auswärtigen, »dass bei alle dem doch wohl erst der offizielle Schritt der
Erklärung voran geschehen muss.«
    »Erinnern Sie sich, Herr, wie mein Oheim, der Kaiser, gegen Oesterreich
verfahren ist. Das ist hier aber nicht einmal nötig und wir können vor Europa
vollständig alle Formen wahren. Wir haben volle Zeit. Der Beschluss wird morgen
im Conseil gefasst und Fould meine Instructionen erhalten, um sie am Abend im
Senat und der Legislative vorzulegen. Es ist mein Wunsch, dass wir den Engländern
damit nicht zuvor kommen. Das Nötige ist hier und in London vorbereitet und der
Telegraph kann uns über die Stunde verständigen.«
    »Die griechische Regierung hat auf das Ultimatum eine ausweichende und
ungenügende Erwiderung gegeben.«
    »Das wird uns Gelegenheit geben zu einer Etappe im Pyräus. Das Weitere mögen
die Briten von Corfu aus tun. Auf Wiedersehen, meine Herren.«
    Die beiden Minister zogen sich durch die grosse Tür zurück.
    Der Zurückbleibende ging einige Minuten in dem Kabinet auf und ab, die Hände
auf dem Rücken gefalten. Dann trat er zu einem Bilde Napoleon's des Ersten, das
über der Bergère an der Wand zwischen der zweiten und dritten Tür hing und
betrachtete es längere Zeit. Die grossen durchdringenden Augen des berühmten
Herrschers und Kriegers, des Siegers in so vielen Schlachten und drei
Weltteilen, blickten starr und ehern auf ihn nieder.
    »Seit 1815 zum ersten Male,« sagte der Bewohner des Zimmers langsam vor sich
hin. »Die Zeit naht ihrer Erfüllung und die Demütigung von Moskau wie die
Verzögerung meiner Anerkennung werden ihre Sühne finden. Ehe zwei Jahre
vergehen, wird der Tron der Napoleoniden wieder der gefürchtetste Europa's
sein. Das genügt, denn die Erfahrung hat uns das Erreichbare gelehrt. - Vetter
Nicolaus,« - ein leiser Hohn spielte um seinen Mund - »nicht Russland oder
Frankreich - ihre Interessen liegen zusammen! - sondern ich oder Du!«
    Er trat rasch zu der zweiten Tür, hob den Vorhang und öffnete sie. In
einiger Entfernung in dem Corridor, auf den sie führte, stand ein Kammerdiener
in Escapins.
    »André - führen Sie die beiden Herren zu mir in's Kabinet.«
    Einige Augenblicke darauf traten zwei elegant in Schwarz gekleidete Männer
ein, der Eine mit spitzig hervorspringender Stirn, etwas vorstehendem Mund und
scharfen grauen Augen, der Zweite von einem gewissen Embonpoint mit ähnlichen
den geübten Financier verratenden Kennzeichen und orientalischem Schnitt -
Baron Riepéra, dem wir bereits in Paris und Wien begegnet sind.
    Drei tiefe und ehrerbietige Verbeugungen erfolgten, dann erwarteten sie
schweigend die Anrede.
    »Meine Herren,« sagte nach einer Pause der Empfangende, »die
Finanzoperation, die Sie mir vorgeschlagen, ist zu meiner vollen Zufriedenheit
ausgeschlagen. Ich danke Ihnen.«
    Wiederum Verbeugungen.
    »Während Herr von Rotschild Umstände machte mit der Anleihe von 250
Millionen, gab Ihr Memoir der Regierung den sinnreichen Plan in die Hand, die
Summe durch Nationalsubscription - was man sonst nur im Fall einer Finanznot
des Staates tut, - aufzubringen, und den Zeichnungen bis zu zehn Franken Rente
einen bedeutenden Anteil zu sichern. Ich habe sofort neben den Nachteilen auch
die Vorteile dieses Vorschlags erkannt. Nicht mehr die Banquiers, sondern die
Nation bis in die untersten Schichten ist durch diese Zeichnung an dem
steigenden und fallenden Wert der Rente an der Börse beteiligt. Die Anleihen
der Staaten bei den Financiers machen die Fürsten entweder zu ihren Commis oder
im Fall einer gewaltsamen Maassregel zu Räubern; die Anleihe bei Allen aber immer
das Volk zum blinden Anhänger und Verteidiger der Regierung.«
    »Euer Majestät erlaubten wir uns eine hohe Ziffer zu versprechen.«
    »Sie haben sich nicht getäuscht, Herr Bineau hat mir heut Morgen die letzten
Berichte aus den Departements vorgelegt, und die Gesammtsumme beträgt 469
Millionen, trotz der kurzen Frist. Rechnen wir auch hierauf die 20 Millionen,
die Rotschild, die 30 Millionen, die Ihr Crédit mobilier gezeichnet, die 25
Millionen der Bank von Frankreich und die 5 Millionen Sina's ab, so bleiben
immer noch 389 Millionen in kleinen Zeichnungen, also 139 mehr als ich haben
will.«
    »Euer Majestät werden sich erinnern, dass hierin gerade der weitere Vorteil
liegt.«
    »Allerdings, und Das ist der Punkt, wo sich unsere Operationen und unsere
Interessen berühren. Sie sagen richtig, dass die Nation die einmal gezeichneten
Summen nur sehr ungern wieder der Speculation entziehen und dafür jede andere
günstige Gelegenheit benutzen würde.«
    »Wir sind dessen gewiss, Sire. Durch die Bewilligung der von uns erbetenen
Concessionen für den Crédit mobilier erhält unser Unternehmen erst seine wahre
Bedeutung. Die Actien, die augenblicklich nur neun Franken über pari stehen,
werden einen bedeutenden Cours erreichen und uns so leicht kolossale Kapitalien
zufliessen lassen, dass wir jeder spätern Anforderung der Regierung werden genügen
können.«
    Der hohe Herr lächelte unwillkürlich über die jüdische Bestechung.
    »Die Disposition über Ihre Kasse,« sagte er, »ist bei der Genehmigung des
Crédits weniger meine Tendenz gewesen. Ihr Memoir nennt vielmehr ganz richtig
die Beteiligung des Volkes an den Börsenspeculationen eine Sicherung der
Regierungen in dieser umwälzungslustigen Zeit. Sagen Sie mir aufrichtig, Baron
Riepéra, war der Gedanke aus Ihrem Kopfe entsprungen?«
    »Euer Majestät wissen bereits, dass er das Eigentum und die Absicht der
revoloutionairen Propaganda ist, mit welcher sie den Gewinn sichern und den
allgemeinen Bankerutt, also den Umsturz Europa's in ihre Hand bringen wollte.«
    »Ich weiss - und Sie haben mir denselben Plan vorgelegt, um im Gegensatz die
Ruhe Europa's und die Consistenz der Trone an meine Person und an die Erhaltung
des Friedens fesseln zu können, nachdem Beide durch den gegenwärtigen Krieg die
einflussreichste Stellung gewonnen. Aber ich möchte wissen, ob der Gedanke selbst
zuerst von Ihnen ausgegangen ist?«
    Der Finanzmann war schlau genug, das Gefährliche der Frage einzusehen.
    »Die erste Anregung, Sire, gab ein italienischer Abbé - die finanzielle
Ausarbeitung der Idee war mein Werk.«
    »Das dachte ich mir - nur ein italienischer Pfaffe konnte eine so furchtbare
Idee aushecken, und sie wird zur socialen Sündflut werden, indem sie sich mit
der jüdischen Speculation verbindet. Genug davon, Herr Baron. Ich habe Ihnen den
Wert gezeigt, den ich auf Ihre Entüllungen lege, indem ich Ihrem Verwandten,
Herrn Pereira, sofort die Concession des Crédit mobilier erteilt habe. Ich
zweifle nicht an dessen Zukunft, aber merken Sie sich, ich will, dass diese
Umwälzung der europäischen Credit-Verhältnisse meinem Hause dienstbar bleibe,
oder diese Hand, die ihr die Lebenskraft gegeben, wird sie auch zu erdrücken
vermögen. Sie haben, wie ich höre, heute Ihre Zahlungseinstellung angekündigt?«
    »Ja, Sire - ich beschränke mich von jetzt ab auf eine anonyme Teilnahme an
der Leitung des Crédit mobilier.«
    »Wie hoch beläuft sich Ihr Manquement?«
    »Nur drei Millionen, Sire.«
    »Und wie viel verlieren die geheimen Gesellschaften dabei?«
    »Eine Million und achtmalhunderttausend Franken, Sire.«
    »Wie hoch rechnen Sie das Vermögen derselben?«
    »Nach den durch meine Hände gegangenen Summen auf höchstens drei bis vier
Millionen.«
    »Indem man ihnen also die Operationen und den Einfluss an der Börse durch
Ihren Bankerutt aus der Hand nimmt, wird jener Schlag ein sehr empfindlicher für
die Propaganda sein?«
    »Ja, Sire, denn die Beiträge fliessen mit jedem Jahre spärlicher und ihre
Hauptkraft war jetzt gerade die Speculation an der Börse.«
    »Aber sie wird andere Vermittelungen dafür finden?«
    »Mit Eurer Majestät Unterstützung,« sagte der Jüngere der beiden Financiers,
»wird der Crédit mobilier Alles überflügeln. Von der unmittelbaren Einwirkung in
Paris entfernt, wird ihre Kraft gebrochen sein und bei den Nachweisungen, die
mein Vetter mir gegeben, wird es mir leicht werden, der Kasse der geheimen
Verbindungen Schlag auf Schlag beizubringen.«
    »Das wird Ihre Sache bleiben, Herr Pereire. Die erbetene
Eisenbahn-Concession soll bewilligt werden.« - Der Redner wandte sich wieder zu
dem Aelteren:
    »Wollen Sie mir aufrichtig sagen, Herr Baron, was Sie zu dieser
Sinnesänderung, zu dem Entschluss gebracht hat, der Regierung jene Vorschläge und
Entdeckungen zu machen?«
    »Sire - eine grosse Nervenerschütterung - ein furchtbarer Schrecken, den ich
noch nicht überwinden kann. Lassen Euer Majestät über die Spezialitäten mich
schweigen.«
    »Aber fürchten Sie nicht, dass diese Revolutions-Gesellschaften Sie im
Geheimen für den Austritt strafen, sich an Ihrer Person rächen werden?«
    »Der Boden, auf dem ich stand, Sire, war bereits eine Mine, die jeden
Augenblick in die Luft springen konnte. Jener Vorgang, auf den ich angespielt,
zeigte mir, was ich zu erwarten hatte. Ich hielt Euer Majestät für den einzigen
Mann in Europa, der siegreich den Kampf mit dieser verborgenen Macht führen
könnte, und wollte lieber unter Euer Majestät Schutz mich begeben, als länger
jene Lage ertragen. Meine Massregeln sind getroffen; - indem ich Ihr Kabinet,
Sire, verlasse, werde ich für alle Welt ein unsichtbarer Mann für ein oder zwei
Jahre, bis ich glaube, mit Sicherheit für mein Leben mich wieder zeigen zu
können. Man wird mich nach Amerika entwichen glauben und dort vergeblich
suchen.«
    »Im Interesse Ihrer Sicherheit würde es gut gewesen sein, wenn Sie möglichst
vollständige Angaben über diese sogenannten Unsichtbaren und ihre geheimen
Zusammenkünfte gemacht hätten. Die Notizen, die Sie mir darüber haben zukommen
lassen, sind jedoch sehr unvollständig, namentlich in Betreff des Ortes.«
    »Sire - es ist Alles, was ich weiss; - da ich nur einen sehr untergeordneten
Grad hatte und allein für die finanziellen Operationen benutzt wurde, kann ich
nicht mehr sagen. Die Mitglieder meines Grades wurden unter ganz besonderen
Vorsichtsmassregeln an den Versammlungsort des Rates geführt, und ich weiss nur,
dass er sich in der Nähe der Seine befindet.«
    »Gut; zum Glück bin ich im Besitz anderer Materialien. Leben Sie wohl, Herr
Baron - ich glaube, die Zeit, in welcher Sie aus Amerika zurückkehren dürfen,
wird nicht so fern sein.«
    Eine leichte Verneigung des Kopfes zeigte den Beiden, dass die Audienz zu
Ende; sie zogen sich unter Verbeugungen zu der Tür zurück, durch die sie
eingetreten, und verliessen das Gemach.
    Wiederum verging eine Pause in ernstem scharfem Nachdenken, dann legte der
Gebieter den Finger auf die Feder einer Glocke und ein scharfer durchdringender
Silberton erklang. Der diensttuende Adjutant trat sofort durch die grosse Tür
in das Kabinet.
    »Ist Persigny da, lieber Graf?«
    »Zu Eurer Majestät Befehl. Der Herr Minister wartet seit einer halben Stunde
und überbringt eine wichtige Nachricht, wie er mir sagt.«
    »Sie hätten mir das gewöhnliche Zeichen geben sollen; lassen Sie den Grafen
eintreten, Rognet.«
    Der Minister des Innern, - jener Günstling und Anhänger des neuen Gestirns
der Napoleoniden schon bei seinem ersten verunglückten Aufflug, - der Gesandte
von 48 in Berlin, - der Graf aus Recompense, - trat in das Kabinet. Das feine
elegante etwas spitze Gesicht und die zierliche Figur passte zu seiner Haltung.
Dennoch schien die diplomatische Ruhe des Staatsmannes etwas aus dem
gewöhnlichen Gleis.
    »Was hast Du, Persigny?«
    Der Gebieter, der überhaupt für Jugenderinnerungen sehr empfänglich ist,
pflegt ihn in vertrauten Stunden oft ziemlich cordial zu behandeln.
    »Sire - der Telegraph meldet, dass der Herzog von Parma heute Nachmittag beim
Austritt aus seinem Palast ermordet worden ist.«
    »Ein Bourbon!«
    Der Ausdruck war fast unwillkürlich den Lippen entschlüpft.
    »Sire es ist ein politischer Meuchelmord, offenbar ein Werk der
revolutionairen Propaganda. Der Mörder ist entkommen und unbekannt.«
    Er blickte ihn wie fragend an. Der Minister verstand seine Gedanken.
    »Der Dolch, der sich an den legitimistischen Bourbonen gewagt, kann sich
auch an den absoluten Napoleoniden wagen.«
    »Du hast Recht, Persigny, und der Sache muss ein Ende gemacht werden. Das
Schwert und das Scepter meines grossen Oheims soll regieren über Europa, nicht
der Dolch alberner Republikaner. Sorge dafür, dass morgen im Moniteur die Tat
mit den schwärzesten Farben gebrandmarkt wird. Ich bin entschlossen, und noch
heute soll der erste Streich fallen.«
    »Meine Vorbereitungen sind getroffen.«
    »Wohl - so breche ich denn vollständig mit der Revolution und der
Vergangenheit. Sie oder ich, nur Einer darf herrschen. Ich habe dieses Netz
geheimer Intriguen, das man seit zwei Jahren um mich gesponnen, von Anfang an
durchschaut und wie Gregor VII. will ich die Krücken zu Boden werfen, denn ich
kann allein stehen. Die Propaganda glaubte ein williges Werkzeug an mir zu
finden, dessen Gängelband in ihren Händen blieb, aber sie hat sich getäuscht und
wird ihren Herrn erkennen. Mein Oheim hat bloss die französische Revolution von
1793 zu Boden geworfen, - ich werde der Revolution von ganz Europa den Maulkorb
anlegen.«
    »Wir haben mancherlei Vorteile aus diesem Gespenst der Staaten gezogen,
Sire.«
    »Das haben wir, Graf, gewiss, aber die Stunde des Bruchs musste kommen. Der
Tron Napoleons kann nicht von der Geneigteit demokratischer Fanatiker oder
Speculanten abhängen. Ich habe sehr wohl begriffen, warum man mich in dieser
orientalischen Crisis so schlau unterstützt, oder vielmehr, warum man von allen
Seiten den Krieg herangedrängt hat. Hätte er nicht meinen eigenen Zwecken und
Wünschen entsprochen, alle ihre Künste und Avancen sollten wenig genützt haben.
Jetzt werfe ich die Maske ab und will die Bewegung in meiner Hand concentriren.«
    »Euer Majestät wissen, dass ein grosser Teil des Heeres, namentlich in
Algerien republikanische Gesinnungen hegt, und dass viele unserer besten und
beliebtesten Führer diese bei der Wahl offen bekundeten. General Pelissier ...«
    »Pelissier wird tun, was ich ihm befehle. Eben indem ich der Armee
Schlachtfelder, Ruhm und Rache biete, wird sie imperialistisch sein mit jedem
Blutstropfen. Die französische Armee gehört dem Namen Napoleon. Du bist kein
Soldat, Persigny, und begreifst das nicht. Bédeau, Lamoricière und Cavaignac
haben mir ihre Degen anbieten lassen für den Krieg, aber ich brauche und will
sie nicht, ich verzeihe nie; das Frankreich unter mir soll seine eigenen
Marschälle ziehen. Ich halte in meiner Hand jetzt schon den Credit Europa's,
diese mächtige Waffe des künftigen Friedens. Ich werde die Sieger des Hauses
Napoleon demütigen, und den einzigen Mann in Europa, dessen Stolz und Energie
ich achte, bedauern lassen, dass er Ludwig Napoleon beleidigt und ihm sich in den
Weg gestellt hat!«
    Es war das erste Mal, dass dieser verschlossene Charakter selbst gegen seinen
Vertrauten so offen sich aussprach, und der Graf fühlte die Gefahr des Terrains.
    »Der Kaiser von Russland, Sire,« sagte er, »dürfte es jetzt schon vielfach
bereut haben, dass er Ihnen die Anerkennung Anfangs verweigerte. Die geheimen
Anerbietungen in Betreff der türkischen Frage sind Beweise dafür.«
    »Sie vergessen, Graf, wann sie gemacht wurden, und das ist eben der Umstand.
Durch die Spione jener Propaganda musste ich die erste Nachricht von den
Unterredungen erfahren, die der Czar mit Lord Seimour gehalten und die das
englische Ministerium jetzt in dem blauen Buche vor Europa veröffentlicht hat.
Dies Uebergehen Frankreichs oder vielmehr Napoleon's war eine neue Beleidigung.
Ich weiss, der Czar hasst mich und nennt mich einen Avantürier. Das kann ich
selbst tun - aber kein Anderer! Erst als die britischen Füchse ihn abgewiesen,
kam Nesselrode uns mit seinen Plänen. Sagen Sie, Graf, wie nimmt man in
Deutschland die Entüllungen auf, die der Moniteur und das Journal de l'Empire
über die neue Auflage des Vertrages von Tilsit gemacht haben?«
    »Sire, die Zeit zu Äusserungen ist noch zu kurz - die Artikel erschienen
erst vor drei Tagen.«
    »Ich denke, man wird sich endlich jenseits des Rheines überzeugen, was man
von der russischen Freundschaft zu erwarten hat. Dieses Preussen ist blind und
störrisch, wie sein Adel. Ich will keine Eroberungen, aber so lange diese
sogenannte heilige Allianz besteht, bleibt sie eine Bedrohung der napoleonischen
Herrschaft. Der Tag, an dem ich hier in Paris in meinen Tuilerieen ein neues
Bündnis an ihre Stelle setze, wird der erste meiner wahren Herrschaft sein.«
    »Der Tag wird kommen, Sire.«
    »Ich weiss es, Graf - über die Schlachtfelder am Schwarzen Meere dämmert er
bereits. Lassen Sie Moustier in Berlin genau auf die öffentliche Stimmung merken
und verkehren Sie über die Presse direkt mit ihm. - Haben Sie die Nachweisungen,
die ich Ihnen gab, mit den Ermittelungen Pietri's genau verglichen?«
    
    »Es ist heute Mittag mit den beiden Präfekten und Herrn Collet-Meigret
ausführlich conferirt worden. Wir glauben des Platzes ziemlich sicher zu sein
und unsere Agenten bewachen ihn. Der Schlag kann, wie gesagt, jeden Augenblick
fallen.«
    Der Gebieter sah nach der Uhr über dem Kamin.
    »In einer Stunde also - ich müsste mich sehr irren, wenn nach dem Bankerutt
Riepéra's und der Nachricht aus Parma nicht heute noch eine Sitzung stattfinden
sollte. Sind die Befehle nach den Departements erteilt? - Lassen Sie besonders
Lyon im Auge halten.«
    »Sämtliche uns bereits bekannte Verbindungen, Sire, die Marianne, die
Militante, der junge Berg und die Joseffiten sind möglichst genau überwacht, -
es fehlt uns Nichts, als ihr Zusammenhang.«
    »Wir werden ihn heute finden. Sobald die Verhaftungen erfolgt sind, lassen
Sie mir durch Haussmann oder Pietri Bericht erstatten.«
    Der Minister verbeugte sich.
    Die Yella hatte in der grossen Oper getanzt, die schöne russische Sylphide,
die später den Mut bewies, dem französischen Kaiser gegenüber ihre Teilnahme
an dem Siegesfest über ihr Vaterland zu verweigern. Das leichterzige Volk der
Künstler beunruhigte sich nicht über den drohenden Kriegssturm, - sie blieben in
Paris und Petersburg, denn sie wussten, dass Paris und Petersburg, die Ueppigkeit
und das Raffinement, bald wieder einander bedürfen würde, dass Russland seine
Gränzen gegen die Bedürfnisse der Völker, aber nicht für die Schwelgerei der
Reichen auf die Dauer verschliessen kann.
    Aus dem Foyer traten zwei Männer Ann in Arm und gingen plaudernd durch das
Gedräng der Billetändler, der Ausrufer und Zeitungsverkäufer nach dem Boulevard
des Italiens zu. Der Eine trug die Colonel-Uniform der Zuaven, der Andere Civil.
    »Kaufen Sie, Messieurs, les Gardes de la Porte, mit schönen Illustrationen,
ein Sou das Stück!«
    Der junge Mann in Civil lachte.
    »Kaufen Sie, Vicomte, um mit unserer Literatur au fait zu sein. Das
nichtswürdigste und lächerrlichste Pamphlet auf den Kaiser Nicolaus. Ich wette,
der Bursche, wenn Sie ihn fragen, hat auch die Revision der Karte von Europa,
obschon die Polizei sie angeblich confiscirt hat.«
    »Ich sehe, Sazé, Sie stehen bereits wieder vollkommen in der
Tagesgeschichte, obschon Sie erst seit drei Tagen aus Poitou zurückgekehrt
sind.«
    »Ei, mein Lieber,« plauderte der fröhliche Lebemann, »wozu hat man die
Zeitungen, die Correspondenz und seine Freunde? Sie können denken, dass ich ein
eifriger Correspondent geworden bin und der Post viel eingebracht habe, um den
abscheulich langen Herbst und Winter todt zu machen, den ich im Schloss meiner
alten Tante zubringen musste. Verwandschaftsrücksichten, mein Bester, Verwandte
hat leider jeder Mensch! Zum Glück war es meine letzte und ich kann nun
ungehindert tun, was mir beliebt, in die Diplomatie oder in's Militair treten,
kurz, ein Mann des Staates werden, was die legitimistischen Grillen der
Verstorbenen, von der leider meine besten Aussichten abhingen, mir bisher
verschlossen. Ah, Colonel! - ich gratulire bei der Gelegenheit zum Avancement -
wenn Madame la Marquise geahnet hätten, wozu der letzte Sprössling der Sazé's
unterdess all' seine viele Zeit verwandt hat, wie er in den durch das
Bourgeoisieregiment und das neue Kaisertum entweihten Tuilerieen Hof gemacht,
dem Advocatenadel, der Börsenaristokratie und der Judennoblesse viele seiner
schönsten Abende und Salonstudien zu danken hat, - auf Ehre, Vicomte, die alte
Dame hätte mich zu all' ihrem langweiligen Predigten noch gänzlich enterbt.«
    Méricourt - denn der wackere und hochherzige Geliebte der schönen Fürstin
Oczakoff, die wir so lange aus den Augen verloren haben, war der Begleiter des
Marquis, lächelte ernst.
    »Die Verbannung von Paris hat Sie wenig verändert, obschon ich glaubte, dass
pariser Luft Ihnen so notwendig zum Lebenwäre, wie dem Fisch das Wasser.«
    »Da haben Sie Unrecht, Vicomte, ich bin nicht ein einziges Mal während der
ganzen Zeit in Paris gewesen, sondern habe alle Landkränzchen und Bälle der
Provinz mitgemacht, wie ein geborener Krautjunker. Sie sehen ja auch aus meinen
Plänen, dass ich Paris missen will und in die Fremde gehen. Im Vertrauen kann
kann ich Ihnen freilich sagen, es geschieht, weil nach meinem Arrangement von
dem Erbe meiner Tante, das wegen der leidigen wohltätigen Legate viel geringer
ist, als ich und meine Gläubiger erwarteten, mir nicht so viel übrig bleibt, um
das Leben in der frühern Weise hier fortführen zu können.«
    »Werden Sie Soldat, Sazé, Sie dienten ja bereits in ihrer frühern Jugend.«
    »Gewiss, mein Lieber; ein oder zwei Jahre, ich weiss nicht mehr - man muss
seine Pflichten gegen das liebe Vaterland erfüllen. Auch hat ein Bekannter im
Bureau des Kriegsministers mir bereits das Patent als Lieutenant und zur
Dienstleistung beim Stabe des Prinzen, der die 3. Division kommandiren soll,
zugeschickt, - ich habe aber Lust, es doch wieder zurückzugeben, und die
diplomatische Carriere vorzuziehen.«
    »Im Augenblick, wo der Krieg vor der Tür ist?« sagte der Vicomte
vorwurfsvoll.
    »Ah, bah, - ich glaube, Sie zweifeln nicht an meinem Mut, nur ist das Leben
im Felde so - so - unfashionable und ich verspreche mir mehr Spass von den
diplomatischen Operationen in dieser Zeit. Mit den türkischen Harems möchte ich
schon Bekanntschaft machen, wenn wir nur nicht mit den schmuzigen Russen zu tun
hätten. Man wird die Handschuh alle Augenblick wechseln müssen im Gefecht! A
propos, Vicomte, haben Sie Nichts wieder von unserm kleinen durchgegangenen
Duellanten gehört, der den Kamm so gewaltig blähte und dann spurlos verschwunden
war?«
    »Sie meinen den Fürsten Iwan?« entgegnete der Colonel ernst. »Sie wissen,
Marquis, dass kein Flecken auf seiner Ehre haftet und dass Herr von Kisseleff, der
russische Gesandte, uns am Morgen offiziel unterrichtete, dass er den Fürsten
davon abgehalten und zur Abreise als Courier nach Petersburg gezwungen habe.«
    »Ja, ich weiss, und ich begriff damals nicht, warum Sie das heimliche
Anerbieten jenes russischen Obersten, für den jungen Fürsten einzutreten,
ablehnten und sich mit Entschuldigungen des Gesandten begnügten. Sie schiessen so
wundervoll, Vicomte, und hatten die beste Gelegenheit, sich da von dem widrigen
Tatarengesicht Ihres Rivalen zu befreien, denn verliebt in die schöne Fürstin
waren Sie doch.«
    Der Colonel schwieg.
    »Haben Sie Nichts wieder von der Dame und ihrem Bruder gehört?« beharrte de
Sazé.
    »Fürst Iwan ist, wie ich aus den Zeitungen ersehen, in den Stab des Fürsten
Mentschikoff gesandt worden. Sein Name hat bereits ehrenvolle Erwähnung in der
blutigen Schlacht von Oltenitza gefunden. Die Fürstin ist - wie ich von einem
Attaché der Gesandtschaft hörte - gefährlich in Berlin erkrankt und dann auf
ihre Güter in der Krimm zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit gebracht worden.
Ein seltsames Ereignis erinnerte mich daran, als ich vor einigen Tagen bei
meiner Rückkehr von Algier in Marseille der Einschiffung der ersten Division
beiwohnte.«
    »Bitte, erzählen Sie, Vicomte! - Aber was, zum Teufel! verfolgt uns denn
eigentlich für ein fremdes Subject? Ich habe das confiscirte Gesicht schon beim
Austritt aus dem Teater bemerkt, wie es mich aus der Menge der Flaneurs mit den
Augen eines Wolfes anstarrte.«
    Der Colonel sah sich um. In der Entfernung von etwa dreissig oder vierzig
Schritt schlich mit auffallender Beharrlichkeit ein Mann hinter ihnen d'rein von
finsterm verdächtigem Aussehen. Seine Kleidung war die eines Commissionairs, das
Gesicht eingefallen, hohl, so weit es die Entfernung und die Gasflammen zu
erkennen erlaubten, - und von einem dichten Bart zur Hälfte bedeckt. -
    »Vielleicht irgend ein Vagabond oder Bettler,« sagte der Vicomte, »Paris
wimmelt davon. Aber die Zeit ist noch zu früh, kaum eilf Uhr und der Boulevard
zu belebt für solche Nachtvögel.«
    »Also Ihre Geschichte, Colonel!«
    »Ich habe bereits erwähnt, dass ich bei dem ersten Einschiffen der Truppen
zugegen war, denn zu der Division des Generals Canrobert wird auch das 3.
Zuaven-Regiment gehören, dem ich mich von der Garde habe zum activen Dienst
attachiren lassen und folgen werde, sobald ich hier meine Functionen beendet.
Bei dem Gedränge der Einschiffung geriet ich plötzlich mit einer jungen
hübschen Marketenderin zusammen, die meine Hilfe in Anspruch nahm, weil, wie sie
naiv sagte, ihr Bruder auch jetzt bei den Zuaven stände. Das wäre nun kein
besonderes Abenteuer, denn Sie wissen, Marquis, mit welcher Nonchalance unsere
braven Mädchen aus dem Felde mit Offizieren und Soldaten umzuspringen pflegen.
Aber was mich dabei reizte, war das Aussehen ihres Begleiters, der in irgend
eine zusammengesetzte Uniform, wie sie der Trödel bietet, gesteckt war und nur
dazu zu dienen schien, das Gepäck der Kleinen zu bewachen, ohne ihr im
Geringsten sonst an die Hand zu gehen, während sie mit einer auffallenden
Sorgfalt jeden Augenblick nach ihm umschaute. Der Bursche war jung, aber hager
und bleich, dabei aber so hübsch, ja schön, wie Fürst Iwan Oczakoff, mit dem er
eine so auffallende Aehnlichkeit hatte, dass dies eben meine Blicke gefesselt
hielt. Wären die starren todten Augen nicht gewesen, so hätte man die
Aehnlichkeit für erschreckend halten können.«
    »Der Zufall treibt oft sein merkwürdiges Spiel.«
    »Dast schien auch hier der Fall. Der arme Junge war blödsinnig oder
wahnwitzig, ich weiss nicht was. Seine einzige Antwort, als ich ihm befahl, das
Gepäck aufzunehmen und ihn die Soldaten hin und her stiessen, war der immer
wiederholte Refrain: Eilf Uhr - die Bahn geht ab! und ein Lachen, das sogleich
mir seinen Zustand verriet, auch wenn die kleine Marketenderin nicht
hinzugesprungen wäre und mir gesagt hätte, ihr armer Vetter sei geistesschwach
und sie sorge für ihn. Ich gab der Kleinen meine Karte, notirte mir ihren Namen,
Nini Bourdon, und empfahl ihr, mich später in Gallipoli aufzusuchen, wenn ich
ihr gefällig sein könne.«
    Die Freunde setzten plaudernd ihren Weg fort, das Wetter war schön und der
Marquis begleitete den Freund eine Strecke auf dem Wege nach seiner Wohnung,
die, wie wir aus dem ersten Teil unseres Buches wissen, jenseits der Seine lag.
Sie waren über den Platz de la Concorde und bis zum Cours la Reine am Quai
gekommen, auf welchem später die Nebengebäude des Industrie-Palastes erbaut
wurden. Der Colonel trat in einen der Läden, um sich eine notwendige
Kleinigkeit zu kaufen, während der Marquis langsam auf den breiten Quadern am
Fluss hinschlenderte.
    Der Ort war jetzt verhältnissmässig einsam, wenn man dies in Paris so nennen
kann, wo es zu keiner Stunde der Nacht an Flaneurs auf den Boulevards und Quais
fehlt. Méricourt verweilte einige Augenblicke länger in dem Magazin, und als er
sich nach dem Freunde umsah, konnte er ihn im ersten Augenblick nicht bemerken,
bis, weiter gehend, der Schall von Stimmen ihn aufmerksam machte.
    Im Licht der Gasflammen bemerkte er den Marquis und dicht vor ihm, mit
wilden Gesten zu ihm sprechend, den Fremden, der ihnen von der Oper her über die
Boulevards gefolgt war.
    Der Colonel beeilte seine Schritte, denn die Sprache des Fremden klang rauh
und drohend, obschon er die Worte noch nicht verstehen konnte.
    Er mochte etwa noch dreissig Schritte von der Gruppe entfernt sein und
bemerkte, dass ausser ihm noch andere Vorübergehende aufmerksam geworden, als er
sah, dass der Unbekannte sich auf seinen Freund stürzte und ihn mit wilder
Erbitterung an der Brust fasste und schüttelte. Zugleich hörte er die Worte: »Sie
sind sein Mörder, Herr; Ihr Blut für das seine!«
    Im Nu war der Colonel an der Seite des Freundes, aber er kam zu spät, um
eine unglückliche Tat zu hindern. Alfred de Sazé war von schlanker Gestalt,
verbarg aber unter dem schmächtigen Äußern eine starke Muskelkraft. Im ersten
Augenblick wankte er unter dem Angriff des Rasenden, dann aber hatte er ihn
rasch an den Hüften gefasst und schleuderte ihn mit Gewalt von sich. Der
Unglückliche taumelte zurück, schlug an das Gitter, das den Quai nach der Seine
hin abschliesst, und von der gewaltigen Schwingung des Wurfs die Balance
verlierend, rückwärts über die obere Stange des Gitters, und ehe die
umherfassende Hand einen Halt zu ergreifen vermochte, in die Tiefe.
    Ein lauter Schrei ertönte von mehreren Lippen, denn verschiedene Personen,
durch den raschen heftigen Wortwechsel herbeigelockt, hatten die Tat mit
angesehen. Alles stürzte nach den Gittern.
    »Um Gotteswillen, de Sazé, was gab es? was ist geschehen?«
    Der Marquis stand bleich, zitternd, odemlos, sein Gilet und seine Cravatte
zerrissen von dem Griff des Fremden. - »Ich weiss nicht - ich verstehe es selbst
nicht - retten Sie den Menschen, es ist ein Wahnsinniger!«
    Er sprang an den Rand des Stromes, an die Unglücksstelle, an der bereits das
Publikum mit dem Rufe: »Ein Mord! haltet den Mörder!« sich drängte.
    »Er ist auf den Kahn gestürzt!« rief eine Stimme.
    So war es in der Tat, aber wie sich erwies, zum Unglück des Mannes. Dicht
unter dem Quai lag eines der grösseren Seineschiffe; der Stürzende war auf das
Bugspriet desselben geschlagen, jedoch so unglücklich, dass er mit dem Hinterkopf
auf die Schaufel eines Ankers traf. Als die von dem Tumult herbeigerufenen
Schiffer ihn aufhoben und über die schwankende Bohlenbrücke auf den Quai trugen,
zuckten die Glieder bereits im Todeskampf, die Augen rollten wild, ein Strom von
Blut ergoss sich aus dem Munde und wenige Augenblicke darauf war der Unbekannte
eine Leiche.
    Im hellen Licht der Gaslaternen lag dieselbe auf den Quadern des Quais,
umdrängt von der Menge; der Colonel untersuchte den Puls des Unglücklichen und
bat einige Umstehende, ärztliche Hilfe zu holen - der Marquis starrte
regungslos, verwirrt auf das bleiche Todtenantlitz.
    Der Offizier erhob sich endlich. - »Jede Hilfe ist vergebens, der Mann ist
todt. Es ist ein Unglück, Sazé, aber Sie sind ausser Schuld.«
    Ein Polizei-Agent drängte sich heran. - »Man bezeichnet Sie mir als den,
welcher diesen Mann im Streit in die Seine gestürzt. Ich verhafte Sie und Sie
werden mir folgen.«
    Der Colonel entfernte ruhig die Hand des Agenten von dem Arm seines
Freundes. - »Menagiren Sie sich, mein Herr. Sie sehen, dass ich Stabs-Offizier
bin und dieser Herr ist gleichfalls Offizier, wenn er in diesem Augenblick auch
nicht Uniform trägt. Er wurde von dem Manne angefallen und tätlich beleidigt,
hatte also das volle Recht, ihn zu todten. Sie werden im Publikum leicht die
Zeugen finden, einstweilen sind hier unsere Karten: Colonel Vicomte de Méricourt
und Lieutenant Marquis de Sazé. - Wollen Sie mir morgen weitere Nachricht geben
über den Verunglückten, so werden Sie mich verpflichten; einstweilen haben wir
hier Nichts weiter zu schaffen. Kommen Sie, de Sazé.«
    Er zog den Arm des Freundes durch den seinen und ihn aus dem Gedränge, den
nächsten Nachtwagen anrufend, der sie schnell von dem unglücklichen Schauplatz
hinwegführte.
    »Der Mensch wollte Sie offenbar berauben, und doch kann ich die Worte nicht
damit zusammen reimen, die ich hörte?«
    Der Marquis hatte seine Fassung immer noch nicht wiedergewonnen und war auf
das Heftigste angegriffen von dem unglücklichen Ausgang. - »Ich glaube nicht,«
sagte er hastig. »Hören Sie den Hergang. Sie hatten mich eben verlassen,«
erzählte er, »und ich näherte mich dem Trottoir am Strom, als ich hinter mir
rasch Schritte hörte. Ich glaubte zuerst, Sie wären es, und drehte mich um,
erblickte aber zu meinem Staunen den Mann, der uns von der Oper aus lange
verfolgt hatte und der jetzt rasch auf mich zustürzte mit den Worten: Endlich
habe ich Dich gefunden - wo ist mein Herr, mein Bruder? - Was wollen Sie von
mir? ich kenne Sie nicht! - Dies war in der Tat wahr, und dennoch schwebt mir
dies Gesicht dunkel vor, als hätte ich es bereits gesehen, ohne dass ich weiss, in
welcher Verbindung. Seine Augen rollten wie im Wahnwitz. Du warst es, Du warst
bei ihm an jenem Unglückstage; ich weiche nicht von Deinen Fersen, bis Du mir
Rechenschaft gegeben über meinen Gebieter. - Ich glaubte, der Mensch sei
verrückt, und wollte weiter gehen, da sprang er mir wie ein wildes Tier an die
Kehle, und das Andere wissen Sie und - ich bin der Mörder eines Wehrlosen.«
    Das überraschende Unglück schien den leichtsinnigen Dandy bis in's Innerste
seiner Seele erschüttert zu haben. - »Ich kann dies Gesicht nicht los werden,«
wiederholte er schaudernd, »und dennoch weiss ich nicht, wo es mir zufällig schon
begegnet.«
    »Sie werden sich vielleicht später dessen besser erinnern und die
Untersuchung der Polizei über den Unglücklichen wird uns dabei unterstützen. Die
Entscheidung Ihrer Wahl hat eine höhere Hand übernommen, denn es kann jetzt
natürlich keine Rede von einer Rückgabe des Patentes sein; als Offizier kann man
Sie nicht mit einer langwierigen bürgerlichen Untersuchung behelligen. Beruhigen
Sie sich daher, denn Sie tragen an dem Geschehenen keine Schuld. Hier sind wir
an Ihrer Wohnung, und wenn Sie erlauben, begleite ich Sie hinauf, um unsere
notwendigen Schritte für morgen noch zu besprechen.«
    Der Marquis liess sich willenlos geleiten; Méricourt blieb bis zum Morgen bei
ihm. - -
    In der Morgue, dieser letzten Stätte des Elends, der Verzweiflung und des
Verbrechens von Paris, lag kalt und starr die Leiche Wassili's, des treuen
Dieners des fürstlichen Geschwisterpaars. Die Polizei hatte bei ihm nur einen
Brief in russischer Sprache gefunden, der die rätselhaften Worte entielt: »Den
letzten Bericht erhalten; fahre fort zu suchen und zu forschen und melde auch
das Geringste eilig nach Sebastopol auf dem bekannten Wege über Berlin. Ein
Wechsel liegt bei; spare kein Geld.« - Der Wechsel vom Banquierhause Stieglitz
in Petersburg auf das legitimistische Bankhaus Leroy Chabrol in Paris und auf
2000 Franken lautend, lag bei - das Bankhaus hatte zwei Tage vorher jenen
Bankerutt gemacht, der die Credite der Hauptstadt erschütterte.
    Die Polizei liess, nachdem alle weiteren Nachforschungen sich vergeblich
erwiesen, den Leichnam des »so zufällig entdeckten russischen Spions« begraben
und Herr Moustier, der Gesandte Frankreichs in Preussen, erhielt den Wink, dass
die Fäden einer feindlichen Spionage von Berlin aus geleitet würden und man
daher kein Bedenken tragen dürfe, sich in ähnlicher Weise zu revangiren.
    Der Leser folgt uns zur Schlussscene der ersten Abteilung unseres Buches, -
in jene geheimnisvollen Räume, welche den Versammlungsort des »Bundes der
Unsichtbaren« bildeten.
    Ein Jahr und ein Tag waren vergangen, seit die Scene darin eröffnet worden.
Wiederum sassen um die rotbehangene, von Ampeln erleuchtete Tafel die
geheimnisvollen Sechs in ihren roten Capuchons - keine Zeit schien zwischen
damals und jetzt zu liegen, und dennoch waren unterdess die europäischen
Geschicke aus ihren Angeln gehoben, Ströme von Blut waren bereits geflossen und
die Kriegsfurie drohte über ganz Europa.
    Der schwere rote Vorhang vor dem hintern Teil des Gemaches war
geschlossen. Die Mitglieder des Rates verkehrten bereits einige Zeit mit leiser
Stimme und ordneten verschiedene Papiere, als der feine scharfe Anschlag einer
Glocke sich hören liess und gleich darauf aus den Falten des Vorhanges die kleine
verwachsene Figur schlüpfte, welche wir bereits als eines der Mitglieder der
»höchsten Gewalt« haben kennen lernen.
    Die Sechs erhoben sich; der Verwachsene dankte mit einer kurzen Verneigung
und trat zu dem siebenten leeren Stuhl.
    »Der Vorstand der Section VII. ist noch immer nicht zurückgekehrt,« sagte
die scharfe schrille Stimme mit italienischem Accent unter der Maske hervor;
»ich werde seinen Platz einnehmen, meine Brüder und den Vorsitz der Verhandlung
führen. Setzen Sie sich und lassen Sie uns rasch die Tagesgeschäfte erledigen.
Wer vertritt in Stelle des Abwesenden den Bericht für Petersburg und Warschau?«
    Das nächstsitzende Mitglied des Rates erhob sich. - »Der Graf Lubomirski
berichtet aus Volhynien, wo er sich gegenwärtig aufhält. Die Aussichten in Polen
für eine Schilderhebung der Revolution sind in diesem Augenblick ungünstig.
Oesterreich und Preussen sind vollkommen gerüstet und würden sie sofort
bekämpfen. Selbst unter den polnischen Patrioten ziehen sich Viele zurück. Die
Garden sollen in Polen einrücken, um das Corps des Generals Osten-Sacken zu
ersetzen. Der Graf legt den kühnen Plan vor, Russland die Hilfe der Propaganda
gegen die Türkei und die Westmächte anzubieten, unter der Bedingung der späteren
Herstellung einer grossen slavisch-magyarischen Republik zwischen der Weichsel,
der Moldau und der Donau. Die Ausführung würde hunderttausend tapfere und
kriegsgewohnte Soldaten dem Czaren zuführen und den Russen sofort den Weg nach
Constantinopel öffnen.«
    »Der Plan wird circuliren und Sie werden sämtlich ihre Meinung beifügen. Ich
bin der Ansicht, dass bei den Gefahren, die ich später erörtern werde, der
Versuch gemacht werden muss. Fahren Sie fort.«
    »Der Graf begibt sich nach Odessa und der Krimm, wo hauptsächlich die
polnischen Regimenter stehen. Er glaubt unter diesen bedeutende Propaganda
machen zu können. In Petersburg ist das Terrain überaus günstig. Man fühlt
bereits, dass man sich in einen Krieg verwickelt, dem das Land noch nicht
gewachsen ist. Der Eigensinn und die persönliche Kränkung, die der Tyrann
erlitten, hat ihn verblendet. Zugleich macht sich der Drang nach liberalen
Zugeständnissen überall geltend. Der Krieg wird Russland gänzlich niederwerfen,
wenn wir auf der Seite seiner Gegner bleiben.«
    »Es handelt sich jetzt bereits darum, meine Herren, wer unser gefährlichster
Feind ist, der Czar, oder Louis Napoleon. Ich werde dem Grafen selbst antworten.
Berichten Sie rasch aus Berlin und Wien.«
    Der Vorstand der Section »Deutschland und Schweiz« erhob sich. - »Man hat
die spanische Tänzerin genau beobachtet. In Berlin ist ihre Mission, was unsere
Hauptzwecke anbetrifft, gänzlich misslungen. Selbst der jüngere Adel und
Offizierstand zeigt eine Hartnäckigkeit und ein starres Festalten an den alten
Ideen und Gewohnheiten, das einer gänzlichen Abschliessung gleicht. Es tritt dies
neuerdings in festem Zusammenhalten gegen die Eingriffe der Civilbehörden
hervor. Wir werden einst einen harten Stand haben mit der preussischen Armee,
doch hilft auf der andern Seite die immer mehr wieder hervortretende Absonderung
des Adels vom Bürger. Die katolische Fraction in den Kammern bereitet stets
neue Zerwürfnisse und ihre Oppositionsgelüste verleiten sie selbst zur
Verteidigung communistischer und liberaler Fragen. Das arbeitet uns in die
Hände. Man protegirt jetzt das Rheinland auf alle Weise zum Verdruss der älteren
Provinzen. - Von den Anwerbungen aus der Armee und dem Volke für Freicorps ist
wenig zu hoffen - nur was dort nicht fortkommen kann. Die Jugend ist zu
abstrakt, zu wenig empfänglich und abenteuerlustig. - Dagegen sind wichtige
Verbindungen angeknüpft, welche die diplomatischen Geheimnisse fortlaufend in
unsere Hände legen werden. Man geht unvorsichtig zu Werke.
    Der Baron erstattet ausführlichen Bericht und verlangt dafür die
versprochene Empfehlung seines Memoirs in England.«
    »Und Wien?«
    »Abbé Cavelli sendet nur den Finanzbericht. Unsere Operationen haben den
besten Fortgang. Der Graf hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt und jenen Plan
mitgeteilt, in Folge dessen der Abbé bis auf den Eingang weiterer Befehle die
politischen Agitationen eingestellt hat. Oberst Pisani befindet sich mit seiner
Gattin augenblicklich wieder in Wien.«
    »Italien werde ich selbst übernehmen,« sagte der Vorsitzende, »da meine
Nachrichten neuer sind, als der Bericht Mazzini's von Parma. Ferdinand Carl von
Bourbon, genannt Herzog von Parma, ist heute Nachmittag unter dem Dolch der
Unsern gefallen.«
    Alle erhoben sich. - »So mögen alle Feinde der wahren Freiheit sterben!«
    »Und der Tapfere?« fragte eine Stimme.
    »Die Anstalten scheinen vortrefflich, er ist glücklich entkommen. - Ich weiss
die Sache vorläufig nur durch die Regierungs-Depesche. Doch zu Wichtigerem. Sie
sind hier zusammen berufen, um über die höchsten Interessen des Bundes zu
entscheiden. Sehen Sie!«
    Er riss den Vorhang hinter sich auf, - der Raum war leer.
    »Ich habe die Verantwortlichkeit allein übernommen, wie Sie sich überzeugen,
denn meine beiden Collegen in der höchsten Gewalt sind augenblicklich von Paris
abwesend. Der Bund hat in den letzten Tagen einen schweren Verlust erlitten. Sie
wissen, dass wir bereits im vorigen Jahre dem Baron Riepéra zu misstrauen
Veranlassung hatten, der unsere Geldangelegenheiten verwaltete. Es ist ihm
gelungen, bei einem wichtigen Plan, der die ganze Zukunft der Verbindung
entielt, dem Crédit mobilier, einen seiner Verwandten unterzuschieben und, wie
ich fürchte, die Sache uns geradezu aus den Händen zu spielen. Heute Morgen hat
er, den Fall des legitimistischen Hauses Leroy Chabrol benutzend, seine
Zahlungseinstellung erklärt und ist seitdem unsichtbar geworden. Die Kasse des
Bundes verliert mindestens eine Million, die Verluste lassen sich noch nicht
übersehen.«
    »Tod dem Verräter!« klangen die sechs Stimmen.
    »Ich stimme dem bei, - doch dieser Verräter ist schlau, er war gewarnt
durch unsere Nachsicht und wird seine Massregeln genommen haben. Unsere Agenten
verfolgen ihn bereits. Doch, Brüder, das ist nicht das Wichtigste und die grösste
Gefahr, die dem Bunde droht. Louis Napoleon, der sich Kaiser der Franzosen nennt
und es allein durch unsern Willen geworden ist, droht die leitenden Bande zu
zerreissen, mit denen der Bund ihn bisher seinen Zwecken untertan gemacht hat.
Er ist ein Tyrann, schlimmer noch, als die auf dem Trone geborenen, und der
Todfeind der Revolution, die ihn auf den Tron gehoben, weil er fürchtet, dass
sie ihn wieder herabstürzen kann. Er ist schlau und kühn und hat unsere Pläne
und unsere Hilfe benutzt, um den orientalischen Krieg zu einer neuen und festen
Stütze seiner Herrschaft zu bilden. Unter dem Vorwand, für die Rechte und die
Freiheit der Völker zu kriegen, schlägt er die Freiheit in Fesseln. Er hat die
Maske, die er schlau uns gegenüber getragen, abgeworfen und verfolgt unsere
Brüder. Die strengsten Befehle sind an seine Schergen gegeben, Delescluze und 45
Angeklagte des jungen Berges wurden noch im Laufe dieses Monats durch seine
Richter in die Kerker geworfen, und die Proclamation Manin's in der Presse dient
ihm als Vorwand der Verfolgungen.«
    »Er sterbe!« hallte es durch das Gewölbe.
    »Er scheint dem Bund auf der Spur und beabsichtigt seine Vernichtung in
Frankreich. Es gibt einen Kampf auf Tod und Leben und ich habe den Rat
versammelt, weil wir in Gefahr sind, jeden Augenblick durch einen
unvorhergesehenen Schlag getroffen zu werden, Unsers Bleibens in Paris ist unter
diesen Umständen nicht länger und unser nächster Versammlungsort wird London
sein.«
    »Er sterbe!« hallte es wiederum.
    »Seine Zeit ist gekommen. Ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Tyrannen, Er
oder Wir! Die Herrschaft des französischen Adlers über Europa, oder der Sieg der
communistischen Revolution. Sammelt die Stimmen, Brüder!«
    Zwei Urnen machten eilig die Runde. Als die zweite geleert wurde, zeigten
sich vier schwarze und zwei weisse Kugeln.
    Der Verlarvte warf drei schwarze dazu.
    »Im Namen der höchsten Gewalt: Sieben gegen Zwei - die dreifache Majorität
ist erreicht und dem Artikel zehn unseres beschworenen Statuts Genüge geschehen.
Er ist verurteilt.«
    »Wer soll das Urteil vollziehen?«
    »Die Section Drei ist an der Reihe.« Er nahm ein kleines Notizbuch und
blätterte darin. »Bereiten Sie jenen Gehorchenden zu der Tat vor, den Sie im
vorigen Jahre nach England sandten. Sein Gesicht fiel mir schon damals auf und
er scheint die geeignete Person. Ein Römer glaube ich?«
    »Pianori!«
    »Ich glaube. Sondiren Sie ihn sofort.«
    »Und die gegebene Zeit?«
    »Die gewöhnliche: ein Jahr, ein Monat und ein Tag, wie bei Franz von Parma.
Lassen Sie uns ......«
    Jener leise schrillende Ton liess sich hören, der die Tätigkeit des
electrischen Telegraphen verkündete, welcher von unbekannten Orten her zu dem
geheimsten Schlupfwinkel der communistischen Propaganda führte.
    Der Verwachsene stand hastig auf und eilte zu der Scheibe, unter der sich
der schmale Streifen Papier hervordrängte, auf dem die Nadel der Maschine ihre
ominösen Punkte gemacht.
    Sein Blick überflog rasch die Zeichen, während an der ersten der vier, der
Nische gegenüberliegenden Türen ein leichter Hammerschlag erklang.
    »Demonio! wir sind verraten! Hinauf der Chef der Section Eins, das Zeichen
benachrichtigt uns von Gefahr.«
    Der erste Verhüllte stürzte aus der Tür, an der der Hammerschlag das Signal
gegeben.
    »Manigoldo!« fluchte der Verwachsene, »er soll uns büssen. Der Draht meldet
mit dem verhängnisvollen Wort der höchsten Not: Polizei beordert.
Versammlungsort entdeckt. Eiligste Flucht.«
    Die Verschworenen rannten durcheinander, an der zweiten, dritten und vierten
Tür klangen kurz nacheinander die Signalschläge.
    Der Verhüllte sprang auf einen Sessel - seine schwächliche verwachsene
Gestalt schien im Augenblick zu wachsen, seine Stimme schwoll, als sie die Worte
donnerte:
    »Ruhe! - Gehorsam!«
    Alle wandten das Auge auf ihn.
    »Section Zwei und Drei, die Kästen mit den Correspondenzen. Das Mitglied
Vier reisst jenen Knopf aus der Wand, er sprengt den Drat des Telegraphen. Das
Mitglied für Ungarn nehme die Kassette mit sich.«
    Der Verschworene, der sich auf den ersten Hammerschlag entfernt hatte,
stürzte herein:
    »Das Magazin ist umgeben von Gensd'armen, alle Ausgänge sind besetzt!«
    »Meine Herren, auf Wiedersehen heut über vier Wochen in London!« sagte ruhig
die scharfe Stimme des Verwachsenen. Der kräftige Griff seiner Faust riss die
roten Behänge von der Hinterwand des Gewölbes, eine schwarze rohe Mauer kam zum
Vorschein und er zog mit beiden Händen an einem massiven Ring, der aus den
Quadern hervorhing. Der mächtige Stein drehte sich um eine eiserne Angel und
zeigte eine schmale gähnende Öffnung, gerade breit genug, um einen Mann
hindurchzulassen.
    »Fort mit Ihnen! der Chef der ersten Section kennt den Weg - nehmen Sie die
Lampe mit, so weit es geht - das Boot wartet wie am Abend jeder Versammlung -
benutzen Sie die nächste passende Stelle des Ufers und senden Sie es an den
Ausgang der Leitung zurück - in zehn Minuten bin ich am Gitter! Fort! fort!«
    Sie drängten durch die Öffnung - nur eine Lampe blieb zurück und erhellte
den öden geheimnisvollen Raum. Der Kleine sprang an die Türen und öffnete sie,
dann drehte er rasch den Knopf einer Röhre auf, und alsbald plätscherte ein
Wasserstrahl auf den Boden der Gewölbe.
    »Wasser und Feuer in unserm Dienst,« murmelte er, »wir spotten ihrer Macht.«
    Seine Rechte fasste nach einer ziemlich starken Röhre, die in Mannshöhe an
der Wand hinlief, während er die Lampe ergriff und nach dem geöffneten geheimen
Ausgang sich wandte.
    »Es ist Zeit, ich kann den Schall vieler Tritte hören.«
    Sein Hauch verlöschte die Lampe, während seine Hand den Hahn aufzog.
Sogleich verbreitete sich der scharfe widrige Geruch ausströmenden Gases durch
das jetzt dunkle Gewölbe. Im nächsten Augenblick hörte man die grosse Quader in
ihre Fugen zurückklappen -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Präfect selbst leitete die Arbeiten. Gensd'armen mit Fackeln standen auf
dem grossen gepflasterten Hofe umher, der von Lagerhäusern umgeben und mit
Hölzern und Waarenballen bedeckt war.
    Mehrere Arbeiter waren beschäftigt, eine gewichtige mit Eisen beschlagene
Kellertür zu erbrechen.
    »Nehmen Sie Fackeln, Herr Commissair, und durchsuchen Sie die Souterrains.«
    Die Tür war geöffnet, mehrere Polizei-Agenten, Fackeln voran, drangen in
das Gewölbe, in dem grosse Stückfässer Wein lagerten. Einige Minuten nachher
hörte man die Brecheisen gegen eine zweite Tür im Innern schlagen - dann
erfolgte eine Explosion unter den Füssen der Obenstehenden, die an einzelnen
Stellen das Pflaster des Hofes spaltete - die Fackeln verloschen mit einem
grellen Aufflammen und ein widriger Dunst drang aus der Erde und füllte die
Luft.
    Während man die Fackeln auf's Neue anzündete und zu dem halb zerstörten
Eingang des Kellers eilte, hörte man in der Tiefe Rauschen von Wasser. - - -
    Am andern Tage entielt der Moniteur die Nachricht, dass in den Lagerkellern
eines Magazins der Rue ......, in der Nähe der Seine, das aus den beschädigten
Leitungsröhren ausgeströmte Gas eine bedeutende Explosion verursacht und dabei
die Wasserleitung des Viertels gesprengt habe. Zwei Personen seien bei der
Explosion verunglückt, mehrere beschädigt.
    Ein anderer Artikel des Moniteur benachrichtigte das Publikum von Paris, dass
die Regierung neuen revolutionairen Umtrieben der geheimen Gesellschaften auf
der Spur sei.
    Der Minister des Kaiserlichen Hauses, Fould, überbrachte am Abend dem Senat
und der gesetzgebenden Versammlung die Botschaft über die Kriegserklärung gegen
Russland.
             (Schluss des zweiten Teils und der ersten Abteilung.)
 
                                 Dritter Teil:
                          Von Silistria bis Sebastopol
                             Der Aufstand im Epirus.
Während noch der Winter mit seinen Stürmen tobte, die Gipfel und Schluchten des
Pindus und Balkan mit tiefem Schnee bedeckt waren, die Gebirgsbache mit
brausenden Wässern überflutet, die Täler in Ebenen und Seen verwandelt,
loderte die Flamme des Christenaufstands in Epirus, Albanien und Tessalien
bereits in voller Glut empor.
    In diesem Lande, der Heimat glühender Geister und tapferer Krieger, hatte
die Perfidie des Divans seit Beginn dieses Jahrhunderts alles Mögliche getan,
nach Vernichtung der freien albanesischen Begs, durch gegenseitige Bekämpfung
der griechischen, lateinischen und türkischen Stämme die Energie und die Kraft
eines Volkes zu vernichten, das seit Jahrhunderten in blutigen Kämpfen immer
wieder dem Joch von Constantinopel getrotzt. Diese fortwährenden Kämpfe und
Aufstände für die Unabhängigkeit waren nicht bloss von der christlichen
Bevölkerung, sondern noch häufiger von den mohamedanischen Stämmen selbst
ausgegangen. Seit 1850 - nachdem der Verrat Mehemed-Reschtd's 500 albanesische
Begs, an ihrer Spitze den tapferen Pascha von Zeituni, Arslar und Weli-Beg beim
Gastmahl zu Monastir gemordet und die Köpfe der Klephten eingesalzen nach
Constantinopel geschickt hatte, so, gleich Saturn, die eigenen Kinder
vernichtend; - nachdem die Griechen den Erbschmuck ihrer Weiber geopfert, um dem
Wessir gegen ihre Stammfeinde bei Prilipe beizustehen, und 300 epirotische
Palikaren die Verschanzungen von Babussa erstürmt hatten, was das ganze Heer der
Taktikis zu unternehmen nicht wagte, - liess die Pforte zum Dank für die
christliche Unterstützung gegen die Aufständischen das Land wieder in die
grauenvollste Anarchie versinken und führte ein Unterdrückungssystem ein, das
die beklagenswerten Bewohner »Die glücklichen Zeiten Ali-Tebelin's, des
Pascha's von Janina« zurückwünschen liess. »Wenigstens hatten wir doch damals nur
einen Tyrannen,« sagten die Tosken, »der Himmel gebe ihn uns wieder und wir
wollen den Staub von seinen Füssen küssen.« -
    Epirus - Albanien - zerfällt in vier Gebiete. Das nördliche oder rote
Albanien bewohnen die Ghegen, deren christliche, - lateinische, - Stämme die
Mirditen sind. Südlich von den Rot-Albanesen in Gebiet der Parteni
(Ur-Albanesen) wohnen die Tosken, deren muselmännische Stämme die berüchtigten
Arnauten bilden und in Ali von Janina ihr Musterbild fanden. Der dritte Stamm,
die Ljapis oder Japiden, durch seine körperliche und geisuge Hässlichkeit
unvorteilhaft von dem andern Volk unterschieden, bewohnt die acroceraunischen
Felsen längs der Adria und lebt von Raub auf Land und See. Seine Name ist ein
Schimpf unter den andern Albanesen. Der vierte Stamm, die Schamiden, hat das
Reich Pluto's inne, die acherontische Landschaft Aïdonien, zwischen Arta, Suli,
Janina und dem Pindus. In den heiligen Eichenwäldern von Dodona scheint ein
ewiger Frühling zu grünen. Die Fröste Rumelien's, die Heuschreckenschwärme
Macedonien's, der Brand, der in Morea das Getreide verwüstet, das Gewürm, das
die griechischen Weinberge zerstört, sind in Schamurien und den sonnigen
Landschaften von Epirus, die der Meerbusen von Preresa begränzt, unbekannt. Die
Sonnenglut wird durch frische, sanfte Lüfte gemildert, die vom Meer, von den
Schneegipfeln des Pindus und den tausendjährigen Wäldern, mit Wohlgerüchen
geschwängert, in die Täler herniederwehen. Die unterirdischen Feuer, welche das
Land zuweilen erschüttern, machen dasselbe nicht ungesund; die unzähligen
Bergseen strömen keine schädlichen Dünste aus, und der furchtbare Acheron
selbst, der sich zwischen vulkanischen Tälern und erloschenen Kratern
dahinwälzt, der Mauropotamos, bringt nicht mehr den Tod. Denn neben dem Orkus,
dem Reiche der Schatten, und dem Chaos, von dem finstern Erebus und Cocytus
durchströmt, neben den acherontischen Sümpfen, deren phosphorische Dünste den
feuerflutenden Phlegeton der Alten bildeten, neben dem Abgrund von Zalongas,
bei den Ruinen von Cassiopea, in welchen sich die Heldenfrauen Suli's vor den
verfolgenden Türken stürzten, liegen die elyseischen Gefilde am Fusse des Pindus,
duftend von Myrten, Qnendel, Salbei und Tymian, vom hohen Lorbeer und
Rosmarin, von Melisse und Orange, dem Citronenwald und der Narcisse, aus der die
griechische Jungfrau ihre Kränze windet; und mit Mairosen geschmückt zieht die
epirotische Bäuerin in das duftende Gehölz, um noch immer die Hochzeit der Flora
und des Frühlings mit Tänzen zu feiern!
    Hierhin, in die elyseischen Gefilde, verlegen wir den Schauplatz unserer
Geschichte.
    Die türkische Provinz Epirus wird von ungefähr 312,000 Christen und 65,000
Moslems bewohnt. Der Druck aber, welchen die Ersteren wiederum in der letzten
Zeit von der Willkür des Pascha's von Janina, der Begs und Aga's und von ihren
Werkzeugen, den türkisch-albanesischen Truppen auszustehen gehabt, wor furchtbar
und brachte die Bevölkerung zur Verzweiflung, und die tägliche Vermehrung der
Steuern und die grausame Art der Eintreibung derselben, bei welcher mit dem
letzten Groschen auch häufig das Leben des Mannes und die Ehre der Frauen und
Töchter genommen wurde, drängte zum Ausbruch der lange verhaltenen Rache. Der
Pascha von Janina hatte auf drei Jahre im Voraus die Abgaben von Korn und
türkischem Weizen [120 Grosch1, für ein Zagt des Ersteren, 100 des Anderen],
verlangt, desgleichen 20 Drachmen für jede Feuerstelle des Hauses. Dieselbe
Steuer wurde auf jede Schlafstelle, also auf jeden Kopf gelegt. Man rechne, dass
das nur die aussergewöhnlichen Lasten, wobei der Haradsch oder die Kopfsteuer mit
24 Drachmen für den Erwachsenen und 12 für das Kind, und die Zehnten von allen
Erzeugnissen in Feld, Garten und Haustieren fortgezahlt werden mussten, und man
wird begreifen, welche unerschwingliche Last dem Volke aufgelegt worden. Nachdem
der Pascha im August 1853 die Steuern hatte einsammeln lassen, kamen die
Arnauten im December auf's Neue, dieselbe Steuer auf das Jahr 1854 fordernd. Ja,
der Derbend-Aga Frassari ging noch weiter und verlangte ausser den Steuern auch
noch den Sold für 2400 Soldaten, welche die türkische Regierung ihm zu halten
befahl, während er in Wirklichkeit deren nur 800 hielt und sie für ihren
Unterhalt auf Raub und Plünderung anwies.
    Die Grausamkeit, mit der diese furchtbaren Lasten eingezogen wurden, war
unbeschreiblich; täglich wurden Männer und Knaben gemordet und verstümmelt,
Frauen und Mädchen, geschändet. Da endlich brach jener Aufstand der griechischen
Christen im Epirus aus, den die Westmächte - die Franzosen und Engländer - den
unsterblichen Ruhm gewannen, mit Gewalt unterdrückt zu haben, da er ihnen nicht
zum Krieg gegen Russland passte!
    Im Flecken Radobitzi griffen die verzweifelnden Bewohner zuerst zu den
Waffen und vertrieben die Arnauten und türkischen Aufseher. Die hervorragendsten
Männer des Ortes erliessen den 27. Januar eine Proclamation2, welche noch am
selben Tage von 400 streitbaren Männern unterzeichnet wurde. Dieser Erhebung
schlossen sich den folgenden Tag die Laka3 von Suli, Lamara Campoti und Zoamerka
an, alle reich an jungen, waffengeübten Männern, und sofort entbrannten an
zwanzig Orten kleine Kämpfe, und obschon die Christen bei Peta, - der
Schlachtstätte im ersten Freiheitskampf, wo die Philhellenen-Schaar ihren
Untergang fand, - von den Arnauten des Derbend-Aga zersprengt wurden, sammelten
sie sich sofort auf's Neue und warfen die Türken auf Arta zurück. -
    Wir haben bereits im vorigen Bande gemeldet, dass Anastasius Caraiskakis
schon zu Ende November von Aten aus einen Aufruf an die Griechen von
Tessalien, Macedonien, Tracien, Epirus, Anatolien und den Inseln zur
allgemeinen Schilderhebung erlassen hatte. Zugleich reichte er sein Gesuch um
Entlassung aus den griechischen Diensten, er war Offizier im 9. Bataillon, ein
und ging mit einer Anzahl Soldaten über die tessalische Grenze, wo er zuerst
die blaue Fahne mit dem weissen Kreuz erhob. Kaum erreichte ihn die Nachricht von
dem Aufstande in Schamidien, als er mit seiner täglich wachsenden Schaar den
Sulioten zu Hilfe eilte.
    Wie ein Blitzstrahl lief die Nachricht von den begonnenen Kämpfen durch das
ganze von der offen und im Stillen fortwirkenden Hetärie längst vorbereitete
Griechenland. Am Grabe des Sohnes des griechischen General-Lieutenants Tzavellas
zu Aten schloss Panajoti Sutzo mit den feurigen Worten:
    »Tod oder Freiheit, Tod oder griechisches Kaisertum ist unsere Loosung.
Schwöret bei der Leiche dieses Jünglings, dass Ihr Alles unternehmen wollt, was
in Euren Kräften steht, um das griechische Kaisertum herzustellen!« -
    Lieutenant Spiridion sammelte in Tessalien 1200 Krieger; der General
Teodor Grivas, der Bruder des Helden aus dem ersten Freiheitskampfe, sandte
seine Entlassung ein und eilte über die Grenze. Mit ihm die Obersten Stratos4,
Zerbas, Banakiotis, Tzamis, Karatassos, Hadschi Petro, Sacho Mylios. Zeno Melios
, der Bruder des Königl. Adjutanten, schlug sich mit 700 Mann nach dem Epirus,
Temeli folgte ihm mit 300 Mann und 4 Feldgeschützen; 1000 Mainoten unter
Kolokotroni, dem jungen Palastmarschall des Königs, Petimenzanis und Plaputos
zogen herbei; auch der Vicepräsident der Deputirtenkammer, Chourmonsy, eilte in
den Kampf.
    Die Mittel zur Erhaltung der Freiwilligen lieferten den Aufrührern die
Vereine, die sich mit Blitzesschnelle nicht allein in Aten, sondern in allen
griechischen Städten bildeten. Die Epiroten, die Tessalier, die Macedonier, die
Cretenser, die Samioten hielten Sammlungen, die Griechen in London zeichneten an
einem Tage 25,000 Pfund Sterling, die Kaufleute in Syra 20,000 Pfund, eine
einzige Provinz des Peloponnes 40,000 Drachmen. Der Eid der christlichen Krieger
lautet:
    »Ich schwöre auf das Evangelium und die Dreieinigkeit und auf den Namen
Jesus Christus: dass ich die Waffen, die ich in die Hände nehme, nicht eher
niederlegen will, ehe nicht die Tyrannen aus meinem Vaterlande vertrieben sind,
so dass dasselbe gänzlich befreit ist; ich schwöre auch bei dem allwissenden
Gott, dass ich die griechische Fahne mit meinem Blute verteidigen will.«
    Dieser in allen Gegenden Griechenlands aufflammenden Begeisterung gegenüber
erklärten am 23. Februar die Gesandten Frankreichs und Englands dem König Otto,
wie ihre Regierungen für nötig hielten, dass Griechenland strenge Neutralität
beobachte und boten ihm die Hilfe ihrer Truppen gegen die Ungehorsamen an. Der
König, von seiner hochherzigen Gemahlin getrieben, entgegnete, dass er stets die
Neutralität beobachtet habe und beobachten werde, dass er aber die Sympatieen
seines Volkes teile und die Einzelnen nicht hindern könne, ihren
Glaubensbrüdern zu Hilfe zu eilen. Eine ähnliche Antwort gab in Constantinopel
der griechische Gesandte General Metaxa auf die Anfrage der türkischen Minister.
    Die Abreise des türkischen Gesandten Nesset-Bei aus Aten, die spätere
Besetzung des Pyräus und der Akropolis und das schmachvolle Regiment des
Ministers Kalergis waren die westmächtlichen Consequenzen jener Antwort, und
während der englische und französische Gesandte in Aten noch zu Neutralität
rieten, segelten drei englische Schiffe bereits in den Golf von Prevesa und
boten den türkischen Kommandanten der Forts ihre Hilfe gegen die Christen an.
    Unterdess schlugen sich die Freischaaren mit abwechselndem Glück. Die Türken
wurden bei Demorio, Domoti und an dem berühmten Engpass der fünf Brunnen (Pente
pegadia), dem Zugang von Arta nach Janina, bei Salaora und Zuros geschlagen, auf
Peristera zurückgeworfen, und Zervas befestigte jenen Pass, während dessen
tapferer Verteidiger Zambra Ziko sich nach Paramytia und gegen Janina wandte.
Arta fiel in die Hände der Griechen, aber sie mussten die Stadt, von den Kanonen
des Kastells bedroht, wieder räumen und sich auf ihre Cernirung beschränken. In
Tessalien schlugen sich Zacas und Hadji Petro gegen Abbas-Pascha und den
Dervent-Aga Phrassari.
    Dagegen siegten die Türken bei Sanct Dimitri, verbrannten zehn griechische
Dörfer und machten glückliche Ausfälle aus der Citadelle von Arta. Grivas, mit
seiner Schaar geschlagen, musste mit 40 seiner Anhänger in ein Kloster flüchten
und verteidigte dasselbe heldenmütig gegen die Albanesen. Zweitausend Mann
ägyptischer Truppen landeten in Prevesa und eine grössere Zahl war in Anzug.
Zugleich erhielten die Pascha's der umliegenden Provinzen den Befehl zum
Anmarsch. Zu Anfang März war auch der General Tzavellas, ein geborener Suliote,
zu den Aufständischen übergegangen und hatte bei Louros 1500 Türken geschlagen.
Viele Führer ordneten sich ihm unter und übertrugen ihm den Oberbefehl des
Aufstands, der sich bereits über die ganze Pinduskette bis Metzowo erstreckte.
Grivas dagegen, aus dem Kloster befreit, wandte sich gegen Janina und nahm 500
Arnauten im Dorfe Kufovo gefangen. Sie ergaben sich nach dreitägiger Gegenwehr
unter der Bedingung, nicht wieder die Waffen gegen die Griechen zu führen, und
Grivas lagerte vor Janina und besetzte die Inseln des Sees.
    Die türkische Regierung hatte unterdess die diplomatischen Verbindungen mit
Griechenland abgebrochen und den zahlreichen in Constantinopel und den Provinzen
sich aufhaltenden Griechen befohlen, das Reich binnen 15 Tagen zu verlassen. Nur
die katolischen Griechen wurden auf Verwendung des französischen Gesandten
davon ausgenommen. General Metaxa verliess am 3. April Constantinopel. Mit der
berechnenden orientalischen Schlauheit, die ihre meisten Erfolge herbeigeführt,
hatte die Pforte nunmehr Fuad-Effendi, den gewandten Unterhändler, an die Spitze
der Truppen gestellt, die sie zur Dämpfung des Aufstandes nach dem Epirus und
Tessalien sandte und während Abbas-Pascha, Abbi-Pascha, der Dervent-Aga
Phrassari und Zeinel-Pascha mit jetzt zahlreichen Truppen die Griechen von Arta,
Janina und Laritza her angriffen, hatte der schlaue Exminister mit Hilfe der
obern griechischen Geistlichkeit, die, um ihren Einfluss und ihre Privilegieen
besorgt, schändlicher Weise eifrig für die türkische Regierung Partei ergriff,
Uneinigkeit und Eifersucht zwischen die Führer der Freicorps gesäet. Tzavellas
und Grivas standen sich bereits feindlich entgegen und weigerten einander
gegenseitig die so nötige Unterstützung. Zugleich erliessen die Capitains der
englischen Schiffe, welche die Küste von Epirus blokirten, drohende
Proclamationen an die Führer und drohten mit dem Einschreiten der englischen
Truppen. - -
    Es war am Nachmittag eines sonnigen Apriltages und der leichte Wind, welcher
von den grünen bis zu den schneeigen Gipfeln des Pindus aufsteigenden Bergen
wehte, kräuselte leicht die Fluten des Sees Labchistas, dessen Lagunen unter
den Felsen des Tomoros verschwinden. Auf der Hochebene am See dehnten sich die
weiten Ringmauern von Janina aus, jetzt nur noch die Trümmer der unter Ali so
mächtigen Festung umschliessend, die jedoch noch immer stark genug sich zeigte,
die aufständischen Griechen abzuhalten.
    Auf dem Felsenplateau des Klosters der beiden »geldlosen Heiligen«, Cosmas
und Damianus, an dem der Bergstrom Dobra-Woda (frisches Wasser), auf den Höhen
des eisigen Berges Matzikeli entspringend, vorüberrauscht, lagerte eine Schaar
von Griechen und Albanesen unter den Platanen, die das Kloster umgeben, kräftige
Gestalten, christliche Schipetaren5 vom Stamme des Tosken, Hirten des Pindus und
Männer aus den griechischen Gränzprovinzen und der Morea, wie von den steilen
Höhen des Taygetos. Da sassen die Bulukbaschi's6 mit ihren Buren7 des
heimatlichen Phis8, die den Brokovalas9 gegen ihre ewigen Feinde, die
türkischen Stämme, angestimmt. Zwischen den schlanken albanesischen Kriegern mit
dem Phistan (Fustanelle) bekleidet, deren weites Gewebe aus 122 Stücken ihre
Lenden umflattert, über der Flokota, dem roten Unterkleid, den Djeferdane
(Karabiner) in der Faust; - Soldaten der regulairen Armee von Griechenland mit
Wehr und Waffen, wie sie aus den Garnisonen desertirt waren; oder die wilden
zügellosen Bewohner Sparta's, die auf den ersten Ruf mit Maurokordato über den
Golf von Patras gekommen und keinen andern Herrn kannten als den eigenen Willen,
keinen andern Zweck als das Blutvergiessen. Um den Kotsche gelagert, das ganz
gebratene Schaaf, hören sie dem Kaloïatri zu, dem wundersamen Heilkünstler aus
dem Bezirk Zagori, der ihnen von der Kraft seiner Heilkräuter erzählt, bei
welcher der Verwundete ungestört seinen Branntwein trinken darf, damit »das
Fleisch lebendig bleibe«, oder dem Pliak10, der die mirditische Laute spielt und
von den Tänzen seiner Palikaren singt.
    In einiger Entfernung am Rande der Schlucht gingen zwei Offiziere, beide in
der reichen Tracht der Palikaren, in eifrigem Gespräch auf und nieder. Der Eine
war ein Mann von 36 bis 37 Jahren, der Andere um 10 Jahre älter, von wilder
finsterer Miene, Grausamkeit und Zorn in dem blitzenden Auge: Teodor Grivas,
der General der Aufständischen und Führer der Truppen vor Janina, ein Stiefohm
seines Begleiters, des kühnen und edlen Anastasius Caraiskakis, dessen Züge
unverkennbare Aehnlichkeit mit seinem Bruder zeigten, den wir zuletzt auf der
Flucht aus Constantinopel verlassen haben.
    An ihrer Seite ging ein Knabe in zerlumpter griechischer Kleidung, Mauro,
der Pflegesohn des unglücklichen Räubers auf dem Pagus von Smyrna.
    »Bei der Agia-Glykis, der sanften Heiligen11,« sagte Caraiskakis, »wir
werden meinem Bruder Gregor nur Trauriges zu berichten haben, wie er uns böse
und trübe Kunde gesandt. Für den Tod Diona's den Tod meines Bruders Nicolas. Der
Name Grivas lebt in Dir allein noch fort.«
    »So möge er mit mir sterben, ehe je wieder diese meine Heimat das türkische
Joch trägt. Aber auch der Deine, Anastasius Caraiskakis, ruht nur auf vier
Augen. Du und Dein Bruder Gregor Ihr habt kein Weib genommen.«
    »Unser Leben, Teodoros, gehört dem Vaterlande und dem Kampf für die
Freiheit.«
    »Das meine nicht minder, und Weiberliebe ist ein erschlaffend Ding für den
Mann. Ich wollte, Du hättest Dich immer fern davon gehalten, statt Dein Herz an
jenes Mädchen von Messolonghi zu hängen, das die Seeräuber Dir entführten. Was
wirst Du meinem Neffen Gregor antworten?«
    »Die Wahrheit - es steht nicht gut mit uns, ich wollte, es wäre anders.
Deine Feindschaft mit Tzavellas, Oheim Teodoros, ist es, was unsere Sache
schlecht macht und die Herzen der Unsern spaltet.«
    »Bei dem Kakodämon dieser Berge,« fuhr der wilde Klephtenführer auf, »soll
ich mich dem Sulioten untertänig zeigen, der erst von Aten gekommen, als
bessere Männer, denn er, bereits die blaue Fahne erhoben und die Osmanli bis zu
den Toren Arta's gejagt hatten? War ich nicht der Erste, der zum Epirus eilte
und hat mich nicht der freie Wille der Klephten zu ihrem Führer gewählt?«
    »Das hat er, Oheim, Niemand leugnet Deine Verdienste. General Tzavellas aber
ist in den europäischen Kriegsschulen gebildet, ein Führer des königlichen
Heeres, und sein Name steht in grossem Ansehen durch ganz Griechenland.«
    »Mag er; die Namen Grivas und Caraiskakis sind besser als der seine, denn
Heldenblut hat sie geweiht. Ich bin ein Sohn des Pindus und nicht so gelehrt wie
er, aber weinen Mut und meine Vaterlandsliebe stelle ich nicht unter die
seinen. Lass uns nicht streiten, Neffe, Teodoros Grivas und seine Freischaar
wird noch immer Raum zum freien Kampf gegen die Türken finden, auch wenn die
Männer von Suli mir und meinen Leuten ihre Tore verschliessen.«
    Ein Anruf der Wache unter ihnen im Hohlweg, das albanesische »kum phis?«
(wess Stammes?) und der Gegenruf »Wla!« (ein Bruder!), unterbrach ihr Gespräch.
    Gleich darauf wurde von einem der eingeborenen Krieger ein Jüngling auf das
Plateau und vor den Führer gebracht, um den sich alsbald der ganze Haufe mit
jener Ungezwungenheit sammelte, die den freien Krieger der Berge von den
geschulten Soldaten der europäischen Armee unterscheidet.
    Der Fremde war ein junger Mann von etwa 16 Jahren, hoch und schlank
gewachsen mit einem Adlergesicht. Ueber dem Gunjatz, dem wollenen Untergewand
der Czernagorzen, trug er die Struka, den braunen zottigen Mantel, an den Füssen
die Opanka und von dem bis zum Wirbel rasirten Schädel fielen die Flechten
schwarzen Haares, welche das Vorrecht eines Kriegers bilden, auf seinem Nacken,
obschon noch kein Bart Lippe und Kinn beschattete. Die Hand des Jünglings führte
eine lange reich mit Silber beschlagene Flinte und an seinem Hals hing neben
einem grossen Pulverhorn an einer seidenen Schnur ein getrocknetes Menschenhaupt.
Seine Miene war ernst, ja finster, sein Wesen gemessen und schweigsam.
    »Wer von Euch,« sagte der Fremde, indem er in die Mitte der Krieger trat,
»ist der Beg Grivas, der Führer der tapferen Männer von Schamidien?«
    »Ich bin es, Fremder, sage uns Deinen Namen!«
    »Bogdan, der Sohn Iwo's, des Einäugigen, des Begs der Martinowitsch.«
    Caraiskakis sprang auf ihn zu und fasste seine Hand.
    »So bist Du der Sohn des Helden, dessen Brod mein Bruder vor seinem Tode
gebrochen? Du bringst uns Kunde von dem Ende Nicolas Grivas's?«
    »Dein Bruder fiel an der Kula des Popowitsch Gradjani, an der Seite meines
Vaters und des Gatten meiner Schwester, Gabriel des Zagartschanen, seines
Blutbruders, den er gerettet hatte aus dem Turme von Skadar. Der Knabe Bogdan
ist jetzt der Glaware der Martinowitsch, die Moslems nahmen das Haupt Iwo's des
Tapferen mit von dannen, und auch der griechische Gastfreund ruht nicht in
geweihter Erde.«
    »So hat man den Leichnam meines Bruders nicht gefunden? ich hörte doch, dass
Ihr die Türken geschlagen.«
    »Die blutige Wölfin von Skadar trug den Körper davon auf dem Sattelknopf
ihres Rosses. Was nutzten die Kugeln der Söhne der schwarzen Berge gegen ihr
gefeites Leben? Ich allein habe Schuld an dem Verderben der Meinen, denn ich
trug das Pulver, das sie retten konnte, mit mir davon und zur Sühne seitdem das
Unglückshorn und das Wahrzeichen meines Vaters, bis dass ich sein eigenes Haupt
von den Toren Skadar's gelöst habe.«
    »Und was bringt Dich hierher, Czernagorze?« fragte Grivas.
    »Eine Botschaft und meine Rache. Die Botschaft soll ich zu den Häuptlingen
der freien Griechen bringen, von Danilo, dem Vladika der schwarzen Berge; Rache
aber suche ich im Kampf gegen die, Mörder von Skadar, die dem Pascha von Janina
zu Hilfe gezogen.«
    Der junge Czernagorze wickelte aus einem seidenen Tuche das Schreiben des
Fürsten Danilo, worin dieser den gliechischen Führern seine Proclamation vom 16.
März sandte, die das Volk von Montenegro zu den Waffen gegen die Türken rief,
und einen Einfall im nördlichen oder roten Albanien, dem Lande der Mirditen,
verhiess. -
    »So ist die Nachricht wahr, dass Selim-Bei von Scutari mit tausend Arnauten
dem Pascha von Janina zu Hilfe gekommen?«
    »Ihr müsst sie von dieser Stelle in die Tore der Stadt haben einrücken
sehen.«
    »Sei uns willkommen, Bure Bogdan, und mögen Deine Taten Deine Jugend
vergessen machen.«
    Grivas reichte ihm die Hand und führte ihn zu der Platane, unter welcher die
Schaar sich gelagert hatte.
    »Nimm Teil an unserm Mahl und erfrische Dein Herz an unserm Wein.«
    Caraiskakis setzte sich an seine Seite und reichte ihm die grosse hölzerne
Kalebasse. Sein Herz drängte ihn, Näheres von dem Schicksal des geliebten
Bruders zu erfahren, den er selbst im Auftrage der Elpis nach Czernagora
gesandt. Als daher Bogdan seinen Hunger und Durst gestillt hatte, wandte er sich
mit neuen Fragen an ihn und wollte zunächst wissen, ob wirklich der Körper des
jungen Mannes von dem Schlachtfelde entführt worden.
    Bogdan erzählte ihm, was er selbst und seine Krieger geschaut.
    »Sie ist eine Zauberin,« sagte er mit allem Aberglauben seines Volkes, »und
die Bewohner von Skadar sagen, dass sie ein Vampyr sei. Zum Mindesten hat sie den
bösen Blick und Niemand kann sie anschauen, ohne ein Leid davon zu tragen.«
    »Aber warum soll sie den Körper meines Bruders entführt haben, wenn er
wirklich todt war?«
    »Die Wila's mögen es wissen! Schlimme Gerüchte erzählen sich die Weiber von
Skadar seitdem von einem weiblichen Vrokoklak, den sie bei sich hat. Der böse
Geist, der sie so lange als Wolf begleitet hatte und dessen Leib wir auf der
Schlachtstätte fanden, ist seitdem in den Körper einer Sclavin gefahren, von der
sie sich Tag und Nacht nicht trennt. Bei den sieben Heiligen von Ostrog! ich
weiss, was ich rede, Beg, meine Augen haben das Gespenst geschaut, als ich ihrem
Zuge folgte, zehn Tage lang bis zum See von Janina. Es wurde in einer Sänfte von
zwei Maultieren getragen.«
    Die Erzählung des abergläubischen Czernagorzen klang so seltsam, dass
Caraiskakis nicht wusste, was er daraus machen sollte. Auffallend war es ihm, dass
der Körper seines Bruders von der Kampfstätte durch die Arnauten bei ihrer
wilden Flucht mit fortgeschleppt sein sollte, ohne dass sie einen gewissen Zweck
damit verbanden, und er schloss daraus, dass sein Stiefbruder nur verwundet und
als Gefangener davongeführt worden sei. Für das Weitere, ob er am Leben oder
nicht, ob er später der türkischen Rache zum Opfer gefallen oder noch in den
Gefängnissen von Skadar schmachte, bot freilich die Erzählung des jungen
Glawaren keinerlei Anhalt, und dennoch überkam es ihn wie eine geheimnisvolle
Ahnung, als ob sie mit dem Schicksal seines Bruders in Zusammenhang stände.
    Er suchte Grivas auf und teilte ihm seine Hoffnungen und Zweifel mit. So
unbestimmt sie auch waren, zeigte sich der General der Aufständischen doch
alsbald damit einverstanden, dass sie die Gelegenheit der Anwesenheit der Männer
von Skadar benutzen wollten, um auf irgend eine Weise von ihnen zu erforschen,
was über das Schicksal des jungen Griechen etwa bekannt geworden war. -
    »Die Verstärkung Abdi-Pascha's,« sagte Grivas, »lässt mich vermuten, dass er
bald einen Ausfall aus Janina machen wird, und es wird gut sein, wenn wir die
Capitano's davon in Kenntnis setzen, und da die Türken uns überlegen sind, uns
der Pässe nach Mezzovo versichern, wo wir den Weg nach Tracien und Macedonien,
nach Larissa und Salonichi in unserer Hand haben. Dann mag Tzavellas von Arta
her die Verbindung mit Janina bedrohen, während wir uns mit Chatzi vereinen und
Zeinel-Pascha am Pindus aufhalten. Begleite mich bis Dervendzista, Neffe, dort
will ich die Nacht zubringen, da ich Botschaft an die Primaten von Metzovo
gesandt und ihre Antwort daselbst erwarte.«
    »Und mein Bruder - Dein Neffe?«
    »Wir werden sicher im nächsten Gefecht einige dieser Hunde von Ghegen
gefangen nehmen, und ich lasse sie lebendig verbrennen, wenn sie nicht sagen,
was sie wissen.«
    »Wäre es nicht besser, einen Spion an unsere Freunde in Janina zu schicken
und diesen die Nachforschung anzuvertrauen?«
    »Es mag sein - indes die Türken halten jetzt scharfe Wache und es wird ein
schwieriges Unternehmen sein.«
    »Ich habe mein Auge auf den Knaben gerichtet, den uns Gregor, mein Bruder,
von Varna hergesandt hat. Er rühmt uns seine Schlauheit und die Weise, wie er
sich durch ganz Rumelien zu uns durchgeschlagen, ist Beweis genug dafür. Ihn
will ich zu meinem Boten machen; der Knabe spricht fertig türkisch und ist klug
und besonnen genug, dass er uns wichtige Dienste leisten kann.«
    »So mache den Versuch,« sagte der General, »ich treffe unsere Anstalten zum
Aufbruch.«
    Mauro zeigte sich sogleich willig und nachdem er von einem der eingeborenen
Albanesen eine Beschreibung der Stadt erhalten, die in den Strahlen der
Abendsonne in der Entfernung von etwa andertalb Meilen vor ihnen lag, machte er
sich auf den Weg. Caraiskakis geleitete ihn eine Strecke und kehrte dann zu
seinen Leuten zurück.
    Der General mit etwa zwanzig Griechen war zum Abmarsch bereit und
Caraiskakis, indem er seinem Lieutenant den Befehl des Postens anvertraute,
begleitete ihn. Es war bereits am Spätabend, als sie in dem Dorfe Dervendzista
nach einem scharfen Marsch anlangten. Hier quartirten sich die Führer bei dem
Primaten des Orts ein, offenbar sehr gegen dessen Willen, doch musste er der
Notwendigkeit sich fügen. In ihre Aba's12 gehüllt, lagen sie bald, nachdem eine
Wache ausgestellt worden, in tiefem Schlaf.
    Es war am andern Mittag, als der Bote von Metzowo eintraf, der Papa oder
Priester des Ortes, und einen Brief an Grivas überbrachte; während sie ihr Yahni
- ein Ragout von gekochtem Fleisch mit trockenen Erbsen - verzehrten.
    »Die Primaten, meldet mir der Agent,« sagte der General, »sind geneigt, uns
die Tore zu öffnen. Metzowo ist ein reicher Ort, und wir können dort unsern
Leuten Sold und alles Nötige verschaffen, während wir hier Not leiden. Zuvor
will ich Janina anzünden, dass sein Brand uns auf dem Weg leuchten soll.«
    »Es wäre eine unnütze Grausamkeit,« wandte Caraiskakis ein, »Du weisst, wie
viele Griechen dort wohnen und Handel treiben.«
    »Was kümmert's mich,« tobte der wilde Grivas. »Bei der Panagia, dann hätten
die Schufte uns längst die Tore öffnen sollen, ehe diese Hunde von Ghegen in
die Festung gezogen sind, vor denen wir jetzt weichen müssen. Der Agent des
Czaren, unsers Vaters, wünscht eine Zusammenkunft mit mir in dieser Nacht und
schlägt mir die Palanka am Fusse des Mitzikeli auf dem Weg nach Gozista vor, eine
Stunde von hier. Der Papa, den ich befragt, nennt sie ein festes Gebäude.«
    »Das Antlitz des Mannes gefällt mir nicht, so wenig wie das unseres Wirtes.
Gott zeichnet in die Mienen der Menschen ihre Seele.«
    »Der Pliak ist ein Japide, wie er selbst mir erzählte, und hat sich aus den
acroceraunischen Felsen flüchten müssen, wegen einer Tscheta13 seines Phars14.
Es sind Christen, weiter brauchen wir Nichts. Der Primat scheint von dem
Strandrecht Beute genug zusammen gescharrt zu haben, weil sie ihn in diesem
Dorfe zum Primaten gemacht, aber mitunter noch an den türkischen Gebräuchen zu
sehr zu hängen. Hast Du nicht bemerkt, Anastasius, dass sein Weib noch nicht vor
uns erschienen?«
    »Vielleicht ist sie krank.«
    »Bei den Unterirdischen, nein, ich habe sie vor einer Stunde über den Hof
gehen sehen. So wahr ich die vierzig Märtyrer verehre, ich will nicht missachtet
sein von diesem Schurken von Japiden, bei dessen Namen ein wahrer Albani
ausspeit. Sie hat uns das Brot und das Salz nicht gebracht beim Eintritt, wie es
ihre Pflicht gewesen wäre, so soll sie uns wenigstens den Becher bringen beim
Scheiden. Du gehst von hier zurück auf Deinen Posten am Kloster und ich denke
morgen bei Zeiten wieder bei Dir zu sein.«
    »Wie viele der Gefährten nimmst Du mit, Oheim?«
    »Sieben der Mainoten; es sind ihrer genug zur Aufstellung der Wachen. Lass
uns aufbrechen, Anastasius, und mögest Du bald Kunde erhalten von dem
anatolischen Knaben aus Janina.«
    Während die Klephten sich zum Abmarsch anschickten, kam der Hausherr herbei,
auf einer silbernen Platte die altertümliche Trinkschaale mit dem rotblauen
Wein der Höhen des Tzumerka-Gebirges, um den Abschiedstrunk seinen Gästen zu
bringen. Der wilde Grivas jedoch warf ihm mit einem Schlage seiner Faust Becher
und Platte aus der Hand.
    »Räudiger Hund von einem Lapen,« fuhr er ihn an, »glaubst Du, einem freien
Griechen die Ehre und Sitte Deines Hauses verweigern zu dürfen? Schaffe Dein
Weib zur Stelle, dass sie uns, wie der Gebrauch es heischt, den Abschiedstrunk
auf der Schwelle des Hauses kredenze.«
    Die Hand des Primaten, eines wildaussehenden Mannes mit niederer Stirn und
von jener abschreckenden Hässlichkeit, welche seinen Stamm charakterisirt, fuhr
nach dem Pistolenknauf in seinem Leibbund, ein Blick auf die Männer umher aber
lehrte ihn Vorsicht. -
    »Mein Weib ist krank, Herr, mein Gebieter möge sie entschuldigen.«
    »Du lügst, Primat. Es liegt uns wenig daran, ihre Hässlichkeit zu schauen,
die der Deinen gleichen mag, aber ein Japide soll uns nicht Hohn sprechen. Lass
Dein Weib den Becher bringen, oder Deine Fusssohlen sollen es entgelten.«
    Der Hausherr schlich mit finsterm Blick davon. Einige Augenblicke nachher
trat aus dem Innern des Hauses, von einer Dienerin begleitet, die Frau, zum
Staunen der Krieger, welche die Hässlichkeit einer Lapin zu sehen erwartet, eine
Schönheit von antiker griechischer Form, auf deren edlem Antlitz nur die Blässe
geistigen Leidens die schöne Sammetfärbung und den Glanz der dunklen Augen
milderte. Das schöne Hauptaar fiel in drei Zöpfe geteilt und mit Piastern
durchwunden über den Nacken, die Halsbänder von den roten Corallen Corfu's, die
silbernen und goldenen Armspangen und Gürtel, das reiche mit seidenen Troddeln
gezierte Hemd und die im Luftzug der Veranda fliegenden vier um den Leib
gebundenen bunten Schürzen zeigten die wohlhabende albanesische Hausfrau. Mit
der edlen griechischen Verneigung, der Bewegung der Rechten an Brust und Stirn,
ergriff sie die silberne Kanne, welche das Mädchen auf gleicher Platte ihr
nachtrug, und war im Begriff, die Pflichten der Wirtin zu erfüllen, als ihr
grosses Auge auf Caraiskakis fiel, der bei ihrem Eintritt, zufällig mit einem der
Krieger sprechend, ihr den Rücken gewandt hatte, und sie jetzt gleich einer
Bildsäule anstarrte.
    Der Krug entfiel ihrer zitternden Hand und der rote Strom des Weines ergoss
sich über die Steinplatten des Bodens.
    »Anastasius!« das einzige Wort entquoll ihrem hochatmenden Busen, dann sank
sie bewusstlos in die Arme des herbeispringenden Griechen.
    »Aphanasia!« schrie der Offizier wild auf und presste die Ohnmächtige an
seine Brust. »Geliebte meines Herzens, Du das Weib dieses Mannes!«
    Der Primat stürzte sich zwischen die Beiden, seine boshaften Augen funkelten
in eifersüchtiger Wut, als er sie mit Gewalt zu trennen suchte.
    »Zurück, Beg, es ist mein Weib, mein Eigentum! Achtet Ihr so die Sitte des
Landes, das Ihr befreien wollt? Lasst sie los, sag' ich, oder, bei dem Gott
meiner Väter! ich stoss' Euch dieses Eisen durch die Rippen!«
    Eine starke Faust jedoch erfasste den Wütenden und schleuderte ihn den
umstehenden Kriegern zu.
    »Haltet ihn fest und schlagt ihn zu Boden, wenn er sich rührt,« befahl
Grivas. »Was ist's mit dem Weibe, Neffe, woher kennst Du sie?«
    »Das Mädchen von Messolonghi, Aphanasia Dulanyi, die vor zehn Jahren die
Piraten entführten!« Er suchte mit Hilfe der Dienerin die Frau in's Leben
zurückzurufen.
    »Die Tochter meines Waffengefährten am Asprospotamos? So ist dieser Hund von
Japiden der Pirat, der sie raubte. Bindet ihn, Kameraden; der Schurke hat eine
griechische Jungfrau gestohlen, um sein schmuziges Blut mit ihr zu mischen. Es
soll strenges Gericht gehalten werden über ihn, und wehe ihm, wenn er schuldig
ist!«
    Die Mainoten, die sich auf den Primaten warfen, schnürten dem Tobenden die
Arme zusammen, Männer und Weiber des Phars sammelten sich um die Scene, und wie
wenig auch der von den Türken eingesetzte Primat beliebt sein mochte,
schüttelten sie doch bedenklich die Häupter, denn Haus und Weib sind auch dem
christlichen Orientalen so heilig, dass ein Eingriff in diese Rechte bei ihm
stets etwas sehr Bedenkliches und Gefährliches bleibt.
    Aber Grivas war nicht der Mann, sich um das Missfallen einer Dorfschaft zu
kümmern oder seinem Willen deshalb Zügel anzulegen. Den Bemühungen seines Neffen
war es unterdess gelungen, die Frau zum Bewusstsein zu bringen, und er trug sie in
das Gemach zur Seite des Flurs und legte sie auf die Bank von Rohrgeflecht
nieder. Mit der glühenden Leidenschaft des Südens kniete er vor ihr und küsste
ihre Arme und ihre Stirn, mit hundert süssen Worten die schöne Zeit ihrer Liebe
an den blauen Gewässern des Golfs von Patras zurückrufend.
    Sie erzählte ihm ihr Geschick. Der Primat selbst, früher einer der
berüchtigsten jener Seeräuber der acroceraunischen Felsenschluchten an den
Abhängen des Chimära-Gebirges, zwischen Cap Linguetta und Delvino, - die mit
ihren schnellen Tartanen an den griechischen Küsten umherschweifen bis hinüber
nach Calabrien, Ufer und Meer unsicher machend und vor den Verfolgungen sich in
ihre unzugänglichen Skaloma's flüchtend, - hatte sie bei einem Spaziergange am
Meeresstrande mit zwei anderen Mädchen gefangen genommen und in die wilden Berge
Ljapuriens geschleppt, wo er sie durch Misshandlungen zwang, ihn zu heiraten.
Später durch seine Seeräubereien reich geworden, hatte er seine Heimat
verlassen und, durch ein Geschenk den Schutz des Pascha's von Janina erkaufend,
sich in Schamurien niedergelassen, wo jener Schutz ihm zu Amt und Ansehen
verhalf. Aphanasia, die bei dem Raube eine sechszehnjährige Jungfrau gewesen,
hatte dem aufgezwungenen Gatten zwei Kinder geboren, von denen nur das jüngste,
ein Mädchen von drei Jahren, noch lebte und der einzige Trost der Frau war, die
noch immer argwöhnisch von dem ehemaligen Piraten bewacht wurde.
    Das war es, was die nunmehr sechsundzwanzigjährige Frau ihrem früheren
Geliebten und dieser dem General jetzt mitteilte. Grivas sprach ein kurzes
Urteil, obschon dergleichen Gewalttaten, wie der Seeraub von Frauen, an den
Küsten Griechenlands eben nichts Seltenes sind: der Japide sollte erschossen
werden; aber Aphanasia warf sich zu seinen Füssen und bat für das Leben des
Vaters ihres Kindes.
    Auch Caraiskakis erklärte sich auf das Bestimmteste gegen die blutige Tat.
- »Kenamon15,« sagte der wilde Führer, »Ihr wisst nicht, was Ihr bittet, denn ich
wollte Euch von Eurem Tyrannen mit gutem Blei befreien. Der Capitano Delanhi mag
selbst über Euch bestimmen, denn Eurem Vater muss ich Euch zuführen, das fordert
meine Ehre, obschon er es mit Tzavellas hält und bei Arta steht. Mein Neffe wird
Euch nach dem Kloster der armen Heiligen bringen, bis ich Euch weiter geleiten
lassen, kann. Für Euer Eigentum aber wollen wir selbst sorgen, es ist gerecht,
dass der Gatte seine Frau ausstatte.«
    Der General duldete keinen Widerspruch weiter, und um eine blutige Tat zu
verhindern, musste sich Caraiskakis darein finden, dass die Klephten die Wohnung
des Primaten plünderten und die wertvollsten Gegenstände, nachdem die eigenen
Taschen bedacht waren, auf einen Esel luden, als das Eigentum der Frau, die der
Machtspruch des Führers geschieden. Dann wurde sie selbst mit ihrem Kinde auf
eines der kleinen griechischen Pferde gesetzt und Caraiskakis führte es am
Zügel, von dem Rest der Truppe umgeben, zurück nach dem Posten am Kloster,
während der General mit den sieben Mainoten sich nach dem Gebirge wandte. Keiner
der Bewohner wagte, ihrem Abzug Widerstand zu leisten, denn die langen Flinten
der Klephten hatten die friedlichen Schamiden in ihre Wohnungen vertrieben, wo
sie sich versteckt hielten.
    Zu dem wutknirschenden Japiden, der noch immer gebunden in der Veranda
seines Hauses lag, schlich der Papa.
    »Es ist Dir schlimm gegangen, Freund Petros. Die Vorsicht, mit der Du Dein
schönes Weib verborgen, hat Dir wenig genützt, und der griechische Capitano wird
diese Nacht an ihrem Busen ruhen.«
    »Mache mich nicht wahnsinnig, boshafter Kalorgi. Was kümmert mich das Weib,
wenn ich mich rächen kann an dem Hunde, der mich bestahl! Löse meine Bande,
Papa, denn meine Seele dürstet nach seinem Blut.«
    Der Pfaffe nahte ihm vorsichtig. - »Haben die Griechen Dir Alles genommen,
Petros?«
    »Hältst Du mich für einen Esel, Papa, dass ich mein Geld offen den Räubern
hinlege? Sie haben mir viel gestohlen, aber es bleibt mir genug, um ihr
Verderben zu erkaufen. Ich gehe zu Abdi-Pascha nach Janina, und meine Zechinen
sollen eine Schaar von Burschen zu meiner Rache sammeln, die gleich den
Pagania's16 ihrer Spur folgen sollen.« Er streckte ihm die gefesselten Arme
entgegen zur Befreiung.
    »Wenn Ihr mir zwanzig Zechinen gebt, Petros,« sagte der schurkische
Priester, indem er langsam die Stricke zu lösen begann, »so will ich Euch ein
Geheimnis vertrauen, das Euch volle Rache an Euren Feinden sichert und Euch
wieder zu Eurem Weibe und Eurer Habe verhilft.«
    »Du sollst sie haben.«
    »Schwört bei der Panagia!«
    »Bei der Panagia und bei allen Heiligen, die Du willst.«
    »Wohl; ich weiss, dass Ihr in Gunst steht bei dem Pascha, aber die Nachricht,
die Ihr ihm bringen könnt, wird diese Gunst noch erhöhen. Ihr wisst, dass ich für
den Griechen in Metzovo war, ich musste den Weg machen, denn der Diakon des
Klosters hatte mir den Auftrag gesandt und ich wurde bezahlt dafür. Aber ich
habe unterwegs den Brief gelesen, den mir der verkleidete russische Offizier in
Metzovo gab, und weiss, was ich weiss. Ihr gebt mir die zwanzig Zechinen, Petros,
und teilt den Lohn mit mir, den Euch der Pascha dafür gibt, dass Ihr die Feinde
in seine Hände liefert?«
    »Du sollst es haben, Papa, ich schwöre es Dir mit sieben Eiden!«
    »So lasst uns Beide eilig auf den Weg machen nach Janina, denn jeder
Augenblick ist kostbar!«
    Durch den Hain duftiger Citronen und roter Granaten, der den südlichen
Abhang von Janina bedeckt, schlenderte der Knabe Mauro hinter einigen
Seidenarbeitern d'rein, deren kunstvolle Webereien noch heute eine
Haupterwerbsquelle der seit Ali's Tode auf die Hälfte ihrer Einwohnerzahl
heruntergekommenen einst so blühenden Stadt bilden. Sie kamen von den Plantagen
der Maulbeerbäume, die mit Citronen und Oliven den südlichen Gürtel der Stadt
ausserhalb der Ringmauern bilden. Denn wenn auch die griechischen Insurgenten
kaum andertalb Meilen von der Stadt lagerten und bereits mehrfache Angriffe auf
diese gemacht, ja sogar ein Mal innerhalb der Mauern sich festgesetzt hatten,
betrieb doch die griechische Bevölkerung ungestört ihren Handel und ihre
Industrie. Diese Gleichgültigkeit bei der Gefahr, diese ungestörte Tätigkeit
und Beweglichkeit neben dem Abgrunde ist einer der eigentümlichen Züge des
orientalischen Lebens.
    Ein grosser Molosserhund, eine jener kolossalen epirotischen Doggen, in deren
Begleitung unbesorgt die mirditischen Jungfrauen durch die ödeste Wildnis
schreiten, sprang an der Strasse daher und warf den Knaben zu Boden. Aber Mauro
klammerte sich an den vergoldeten Sammetreif, der den Hals des Hundes zierte,
und liess sich furchtlos von ihm fortziehen. Das gefährliche Spiel weckte die
Aufmerksamkeit der Reiter, die der Dogge folgten.
    Die hervorragendste Gestalt war eine türkische Frau zu Pferde, gleich den
Männern in den weiten seidenen Beinkleidern im Sattel sitzend, die goldglänzende
Toka - den Flügelharnisch der Ghegen, aus leichten Goldschuppen gebildet - um
Brust und Schultern, auf dem Haupte den Turban mit hoher Reiherfeder, von dem
ein leichter, halb durchsichtiger Schleier statt des unförmlichen Yaschmaks über
Kopf und Gesicht niederhing, der die Trägerin am freien Umherschauen nicht
behinderte, während er genügte, sie als Bekennerin des Propheten zu zeigen,
obschon in vielen Gegenden Albaniens die Frauen auch der mohamedanischen - meist
schiitischen - Stämme17 unverschleiert gehen.
    Auf der Hand der Dame sass in seiner Kappe der Falke, während ihre Linke das
mutige weisse Ross an den aus rotem Sammet und breiten Goldtressen gebildeten
Zügeln bändigte.
    Ihr zur Rechten, dem Ehrenplatz der Mohamedaner, ritt eine zweite
Frauengestalt, die Erste noch an Grösse überragend, quer auf einem Maultiere,
nach europäischer Sitte. Sie war jedoch vom Scheitel bis zur Sohle in einen
weiten Feredschi und Yaschmak von grüner Farbe, der heiligen der Moslems,
gehüllt, aus dem allein die Augen hervorblickten. Selbst die Hände verschwanden
unter den weiten Falten des Mantels. Die dritte Person der Reitergruppe bildete
ein junger, in weite weisse, nur von einem roten Shawl zusammengehaltene
Gewänder gekleideter arabischer Scheik. Das bronzefarbene Gesicht mit den grossen
dunklen Augen und der schön geformten Adlernase über den schmalen Lippen schaute
kühn und trotzig aus der weissen capuchonartigen Umhüllung hervor. Seine Hand
führte die lange schlanke Lanze der Araber, während die mit Silber und
Perlmutter eingelegte Luntenflinte über seinem Rücken hing.
    Etwa hundert Schritt hinter der eben beschriebenen Gruppe folgte bunt durch
einander ein Haufen arabischer und albanesischer Krieger als die Schutzwehr der
Reiter, die an den sumpfigen Lagunen, in welche der See Labchistas verschwindet,
den Reiher gejagt hatten.
    Die grüne Reiterin berührte leicht den Arm der glänzenden Dame an ihrer
Seite und ihre verhüllte Hand deutete nach dem gefährdeten Knaben, nur dem der
grosse Molosserhund wie der Löwe mit seiner hilflosen Beute sich balgte.
    »Ruhe, Scheitan!«
    Die grosse Dogge, die den erschlagenen Wolf bei Fatinitza, der Tochter des
Pascha's von Skadar, ersetzt hatte, folgte gehorsam dem ersten Ruf ihrer Stimme
und sprang an der Seite ihres Pferdes empor, ihre Füsse und die
entgegengestreckte Hand liebkosend. Der Knabe Mauro aber lief, als habe ihn das
gewalttätige Spiel des Hundes gar nicht erschreckt, neben den Reitern neugierig
her, obschon von dem Fall auf den Boden das Blut von seiner Stirn rann.
    »Wende das Licht Deiner Augen auf dies Kind, dunkle Rose des Sees,« sagte
der Emir mit der blumenreichen Sprache seiner Heimat. »Der Prophet sagt: Wenn
Dein Sclave, oder Dein Ross, ober Dein Hund den Unschuldigen verletzt hat, bist
Du schuldig, den Schaden zu vergüten.«
    »Inshallah! kann ich mich um jeden Bettler kümmern? - - Was geht der
schiitische Bube nicht meinem Tiere aus dem Wege?«
    »Es ist Gerechtigkeit in der Wüste,« sagte der Araber, »lasse sie mich nicht
vermissen an der stolzen Blume der Felsen. Dein Hund hat diesem Knaben ein
Leides getan.«
    Wiederum legte sich die Hand der Verhüllten auf den Arm der, wilden Schönen
und die Bewegung schien eine merkwürdige Macht über sie zu üben, denn sogleich
bezwang sie ihre Heftigkeit.
    »Du redest weise, Araber, und ich habe Unrecht,« sagte sie mit möglichster
Milde ihrer Stimme. »Bist Du ein Knabe aus Janina, Kind?«
    »Mein Vater war ein Tapferer aus Rumili und ist im Kampfe gegen die
Ungläubigen gefallen,« berichtete Mauro, nebenher trabend. »Ich habe keine
Angehörigen und bin eine Waise, die vom Tau der Barmherzigkeit lebt, den Allah
mir sendet.«
    »Ich habe gesehen, dass Du mutig bist, Knabe,« sagte die Tochter des
Pascha's, »und Du sollst mein Oglan sein, bis Du ein Mann wirst. Gehe mit den
Reitern dort und sage ihnen, Fatinitza habe es befohlen.«
    Während der Knabe zurückblieb, galoppirten die Drei weiter durch das Tor
der Ringmauer und in's Innere der Stadt.
    Janina, vom Sebastokrator Michael Lukas gegründet, im zwölften Jahrhundert
bereits durch die Normannen von Neapel aus zerstört, dann von den serbischen
Königen wieder aufgebaut und durch französische Ingenieure unter. Ali Pascha zur
starken Festung gemacht, zeigt seit seinem Fall innerhalb der weitläufigen
Ringmauern nur wüste Stätten und verödete Strassen. Eine Kaserne des Nizam steht
an der Stelle des einst über der Stadt tronenden Schlosses Litaritza, von dem
nur ein kolossaler fünfstöckiger Turm noch übrig ist. Der Platz des Castro, das
mit seinen Trümmern und seinen unbrauchbaren Geschützen den ganzen in den See
vorspringenden Hügel einnimmt und über welchen die Gesellschaft jetzt zu dem
schmalen Damme ritt, der die Insel Kulia mit dem berühmten Serail und dem Turbeh
18 des Löwen von Janina einnimmt und auf dem Ali die zahllosen Opfer seiner
Grausamkeit hängen, spiessen, schinden und lebendig verbrennen liess, bot jetzt
ein buntes Lager der mirditischen und arabischen Hilfstruppen in tausend bunten
Bildern und Gruppen. Ueber den Raum hinweg folgte der Knabe Mauro den Reitern
bis in den äussern Hof des Serails, wo Abdi Pascha gleichfalls seine Residenz
aufgeschlagen hatte. Hier blieb er bei den Arnauten zurück, denen er die Rosse
füttern und die Waffen putzen half, und der schlaue Knabe verstand es bald, das
Gespräch auf ihre Heimat und ihre Taten gegen die Männer der schwarzen Berge
zu bringen.
    Während so der junge Spion geschickt seine Zwecke verfolgte, betraten
Fatinitza und ihre Begleiter das Turbeh - jenen schauervollen Ort, an dem Ali
dem Verrat des Franzosen erlag, und den Abdi-Pascha seinem Collegen Selim zur
Wohnung angewiesen. Der junge arabische Scheich, der seit der Ankunft der
Mirditen am vorigen Morgen, von dem freien und seltsamen Wesen Fatinitza's
angezogen auf allen Tritten, wo sie sich ausserhalb des Haremliks nach ihrer
gewöhnlichen allem Zwang Hohn sprechenden Sitte zeigte, ihr gefolgt war,
benutzte die Gelegenheit, als die grüne Khanum - wie sie die Begleiter der
Wölfin nannten, - vom Pferde stieg, um sich dieser zu nahen.
    »Weise Frau,« sagte er eilig zu ihr, »auch in das gesegnete Arabien kommen
die Zauberinnen von Oman, die die Zukunft verkünden und mit dem Reich der
geheimnisvollen Geister verkehren, und Abdallah ben Zarugah hat sie stets geehrt
und geschützt. Der Sohn der Hedja's ist reich an dem Goldsand seiner Heimat und
den Perlen des Meeres von Persien. Bei der heiligen Kaba von Mekka! Du sollst
den zehnten Teil seiner Schätze haben, wenn Du die Purpurrose des Gebirges mit
Deinen Worten bewegst, oder ihm einen Liebestrank bereitest, dass sie ihr Ohr
seinen Wünschen öffnet.«
    Die Verhüllte neigte das Haupt und folgte der Herrin, die bereits nach ihr
rief, während Abdallah seine Schritte zurück zu seinen Kriegern wandte, die auf
dem Platz des Castro ihr Lager aufgeschlagen.
    Im innersten Gemach des Haremliks warf Fatinitza den Schleier und den Kaftan
von sich, und nahte der grünen Verhüllten.
    »Lege Yaschmak und Feredschi von Dir, o Licht meiner Augen; Du weisst,
Aejischa, der Einzigen, die unser Geheimnis kennt, ist der Mund auf ewig
geschlossen.«
    Sie wies auf die schwarze Sclavin, die auf eine Matte im Gemach kühlenden
Sherbet, Wein, die Früchte der Jahreszeit und jenes süsse Backwerk und
Eingemachte zum Mahl stellte, in dessen Bereitung die Bewohner Janina's berühmt
sind.
    Die Verhüllte warf Schleier und Mantel zu Boden und sich mit gekreuzten
Armen und allen Zeichen finsterer Ungeduld auf den Divan. Es war eine sonderbare
Gestalt, die sich nach der Entledigung der weiten Hüllen zeigte, halb Mann, halb
Frau, in deren Gewändern. Ein bleiches schönes Männergesicht mit sorgfältig
rasirtem Bart unter dem frauenmässig geringelten Haar, quer über der Stirn eine
breite tiefe Narbe, den Körper in ein seidenes Oberkleid, wie es die türkischen
Weiber tragen, gehüllt, eben solche weite Beinkleider und gelblederne Strümpfe
an den Füssen, das dunkle Auge stammend vor Unwillen über die unpassende
Verkleidung, so lehnte er finster auf dem Kissen - - Nicolas Grivas, der schöne
Grieche, der Erschlagene von der Kula des Popowitsch Grabjani an den Ufern der
Moratscha.
    Gleich einem schüchternen bittenden Kinde hatte sich das wilde Mädchen auf
ein Kissen zu seinen Füssen geworfen.
    »Will mein Herr nicht Speise und Trank geniessen?«
    Der Grieche schwieg finster.
    »Stern meines Lebens,« bat das Mädchen, »was hat Fatinitza getan, dass Du
ihr zürnst? Tue ich nicht, was der Odem Deines Mundes will? Bin ich nicht ein
verändertes Weib, das sein eigener Erzeuger kaum wieder erkennt? Hab' ich nicht
das wilde Blut, das durch meine Adern tobt, gebändigt, und die Schmach, die Du
mir angetan im Turme von Skadar, vergolten mit Deiner Rettung?«
    »Fluch über sie,« rief wild der junge Mann, »hättest Du mich sterben lassen
an der Seite meiner Gefährten, die Deine Grausamkeit erschlug, blutige Wölfin
von Skadar, es wäre mir besser, als dass ich lebend in der unwürdigen Mummerei
eines Weibes der Sclave eines solchen bin und mich verbergen muss gleich einem
Aussätzigen.«
    Die Türkin sah ihn finster an.
    »Undankbarer Christ,« sagte sie, »ist das der Lohn für das Herz Fatinitza's,
der Du hundert Mal Gehorsam und Treue gelobtest, als Du aus zehn Wunden blutend
im Kiosk am See ruhtest, wohin sie Dich mit eigener Gefahr gebracht, und Azraël,
der Engel des Todes, an Deiner Seite stand? Deine Wunden habe ich verbunden und
mit heilendem Balsam gesalbt, und bin täglich zu Deinem Lager auf flüchtigem Ross
geeilt, oder auf dem Kahn mit schwellendem Segel, zu Dir, der Fatinitza
verraten hatte in der Stunde der Liebe, der schmachvoll das Heiligtum ihres
Leibes den Augen des hündischen Czernagorzen preisgegeben, dass ich sie Alle
rächend erschlagen musste! Als ich den Genesenden dann zu mir führte im süssen
Geheimnis, das der Tod der Sclaven erkaufte, die Dich so lange bedient, - als Du
wohntest in meinen Gemächern und allnächtlich mein Arm Dich umschlang, und Dich
presste an dies heisse wilde Herz - hast Du mir nicht geschworen, dass Du die
Freuden der sieben Himmel des Paradieses verschmähen würdest an meiner Brust?
Undankbarer Christ, Deine Liebe ist flüchtig wie die Wolke, die über den See
zieht und die Rose, deren Blätter der Wind zerstreut.«
    »Ich liebe Dich, Fatinitza, bei dem Kreuz meiner Väter!« sagte in milderem
Tone der Gefangene. »Aber ich bin ein Mann und diese Mummerei ist unerträglich.«
    »Du weisst, o Licht meiner Seele,« flehte das Mädchen, »dass es das einzige
Mittel war, Dich in meine Nähe zu bringen. Die weise Frau, die ich in das
Haremlik meines Vaters führte, ist sicher vor jedem Argwohn, und ihr stilles
Leben fordert den Lauscher nicht heraus. Die Diener und Krieger des Pascha's
scheuen Deine Nähe, denn sie schreiben Dir Macht über die Geister zu und
fürchten Dich, wie sie mich gefürchtet haben. Selbst ich jedoch vermöchte Dich
nicht zu schützen vor dem Zorn Selim's, meines Vaters, und der Blutrache seiner
Arnauten, wenn sie ahnten, dass Du einer der verräterischen Czernagorzen bist.«
    »Aber dies Spiel muss ein Ende haben, ein Zufall kann Alles entdecken. Und
warum, Fatinitza, hast Du mich hierher geführt in die Mauern von Janina? Ich
habe die Fahne meines Volkes wehen sehen auf den Bergen jenseits der Stadt und
kaum weiss ich noch, dass Dein Volk im Kriege mit dem meinen. Warum entältst Du
mir jede Kunde vor?«
    Das wilde Mädchen sass schmeichelnd auf seinem Schoss, den Arm um ihn
geschlungen, mit der andern Hand einen Becher des feurigen griechischen Weins an
seine Lippen führend.
    »Habe ich nicht geschworen, Dich nie zu verlassen, und ist nicht Deine
Sicherheit allein in meiner Nähe? Was kümmert uns der Kampf zwischen Deinem und
meinem Volk? - sieh', Fatinitza, die Wölfin, ist eine Taube geworden auf Dein
Geheiss und zieht nicht mehr in die Schlacht, wenn auch noch die Toka ihre Brust
bedeckt. O, liebtest Du mich heiss und glühend, wie Fatinitza Dich liebt, Du
hättest längst den verhassten Glauben der Christen mit der Lehre des wahren
Propheten vertauscht und wenn Azraël seinen schwarzen Fittig breitet über das
Haupt meines Vaters, wärest Du der Herr von Skadar und Fatinitza Deine Khanum.«
    Er schwieg, dem liebeglühenden Weibe gegenüber hatte er nicht die Kraft,
ihre Träume von Glück und Glanz zu vernichten. Der verzehrende Hauch dieser
leidenschaftlichen Glut betäubte sein bassres Selbst und entflammte stets auf's
Neue die Gewalt seiner Sinne. Der dämonisch-glühende Blick ihres Anges unter dem
Flor sehnsüchtigen Schmelzes übte noch immer seinen goheimnissvollen Zauber auf
ihn und tief im Herzen fühlte er, dass nur ein unerwartetes Ereignis ihn aus
diesen Banden zu befreien vermöchte, wie einst die Hand des Blutbruders ihn vom
Lager der Syrene zu Skadar gerissen.
    Sie zog ihn nieder zu sich auf die weichen Kissen und Teppiche, und
umstrickte ihn mit ihren Armen. Unter den glühenden Küssen des Türkenmädchens
war sein Herz doch bei den Fahnen seiner Glaubensbrüder auf den Höhen vor
Janina, von denen so lange ihm nur dunkle Kunde geworden. - - -
    Die Liebenden weckte am späten Nachmittag der Eintritt der stummen Sclavin
Aejischa, die, den Teppich des Eingangs hebend, durch Zeichen der Herrin
verkündete, dass der Pascha, ihr Vater, im Haremlik erschienen sei und sie zu
sprechen verlange. In Eil wurde der junge Grieche wieder in Mantel und Schleier
gehüllt und nahm seinen Sitz im Winkel des Divans, die Kugeln des Rosenkranzes
durch seine Finger gleiten lassend, während Fatinitza die Spuren des
schwelgerischen Mahles schnell verbarg.
    Selim-Bei, der Pascha von Skadar, dem wir bereits in seiner Gerichtshalle
begegnet sind, nahm nach der Begrüssung der Frauen in der Ecke des Divans Platz,
und auf den Wink Fatinitza's brachten ihm die eintretenden Sklavinnen den
Tschibuk und frischen Kaffee.
    »Ich komme, Tochter meiner Liebe,« sagte der greise Pascha, »um Dir zwei
Dinge zu sagen. Möge Dein Ohr und Dein Herz geöffnet sein, sie zu vernehmen.«
    »Ich höre.«
    Grivas erhob sich, um Vater und Tochter allein zu lassen; der Beh aber
winkte ihm zu bleiben:
    »Der Rat einer weisen Frau ist niemals von Uebel. Möge Deine Weisheit
Einfluss haben auf das Herz Deiner Freundin. Ich bitte Dich, bleib.«
    So aufgefordert musste der Grieche gehorchen und nahm stillschweigend seinen
Platz wieder ein.
    »Du bist die Einzige, die mir geblieben von vielen Kindern,« sagte der Bei,
»und meine Liebe hat mich verführt, Deinem Willen keine Schranken zu setzen.
Inshallah - es war gottlos und ich bin ein gestrafter Vater dafür, der seinen
Nacken beugen muss unter den Pantoffel seiner Tochter.«
    »Du redest unklug, Vater,« entgegnete das Mädchen unwillig, »Fatinitza liebt
Dich!«
    »Ich weiss es,« sagte der Alte sich den Bart streichend, »was wäre ich sonst!
Aber die Weiber können nicht immer im Haremlik des Vaters bleiben. Sie sind
bestimmt zur Freude des Mannes. Du hast der Bewerber so viele ausgeschlagen, o
Kind, dass meine Haare grau geworden vor Alter und Sorge.«
    »Was kann ich tun?« antwortete die trotzige Tochter, »Fatinitza mag nicht
die Hündin eines Mannes sein, den sie nicht liebt. Sie ist das Kind der freien
Berge.«
    »Bana Bak, ai gusum - er ist ein schöner Mann!«
    »Wer - von welchem Manne redest Du, dass er es wagt, seine Augen zu mir zu
erheben?«
    »Mashallah! es ist Zeit, dass Du einen Mann wählst, denn Du läufst seit
Jahren umher, wie eine wilde Ghegin, den Geboten des Korans zum Trotz. Der Emir
Abdallah ben Zarujah ist ein Fürst im Lande Hedja's, er hat Dich in sein Herz
geschlossen und begehrt Dich zum Weibe.«
    Die gehorsame Tochter spreizte verächtlich alle zehn Finger aus. -
    »Kommst Du nur hierher, Bei, um Deinem Kinde in's Gesicht zu lachen? Bosch,
er ist Nichts, er ist ein wilder Araber, ein verachteter Sohn Ismael's!«
    »Du hast so viel bessere Heiraten verweigert,« sagte unwillig der Alte,
»dass Du froh sein magst, wenn ein Tapferer Dich begehrt. Der junge Mann gefällt
mir, wenn er auch ein Araber ist. Ich höre, er ist reich in seinem Lande und hat
Schlösser im Lande Yemen. Du weisst, ich bin alt und das Leben in diesen rauhen
Bergen gefällt mir nicht mehr. Ich will meine Fahrt nach Mekka machen, zur
heiligen Kaba, bevor ich sterbe, und ich werde Dich begleiten, wenn der Sultan,
unser Herr, diese Ungläubigen in den Staub getreten und den Krieg beendet hat.«
    »Hai! hai! ich aber will dies Land nicht verlassen.«
    »Der Emir ist tapfer - ich habe Freunde in Stambul und bin reich,«
schmeichelte der Bei; »wenn Du ihm nicht folgen willst, und es sei fern von mir,
Dich zu zwingen, so wird es mir mit Allah's Hilfe leicht sein, ihn zu meinem
Kaimakan19 und Nachfolger im Paschalik von Skadar oder Janina machen zu lassen,
da Abdi, mein Freund, nach Rumelien geht, wenn die aufrührerischen Griechen
gezüchtigt sind.«
    »Wallah - was sind das für Träume? Bin ich eine Kuh, die man verhandelt auf
den ersten Blick? Meint der Emir, die Frauen von Albanien seien wie die
Mohrinnen der Wüste, die man auf dem ersten besten Markte kauft; oder denkt er,
ich sei eine öffentliche Tänzerin, weil ich mein Gesicht nicht unter dickem
Schleier zeige?«
    »Delhi der! die Weiber sind toll! es ist Unsinn, was Du sprichst, - ich will
meinen Willen haben oder ich sperre Dich ein.«
    Die wilde Schöne lachte hell auf bei der Drohung, deren Wert sie vollkommen
durch die Gewohnheit kannte.
    »War meine Mutter eine Mirditin oder nicht? stamme ich vom Blute des grossen
Begs von Ak-Serai20 - oder bin ich eine verachtete Japidin, dass Du so mit mir
sprichst? Geh - Du hast graue Haare und redest Torheit. Fatinitza wird sich
eher von den schwarzen Felsen in die Wellen des Meeres stürzen oder zu dem Volk
ihrer Mutter zurückgehen und eine Kreuzträgerin werden, ehe sie einen Mann
heiratet, den sie nicht selbst gewählt hat.«
    Der gläubige Moslem strich sich zornig den Bart über die jeder andern Frau
den sichern Tod bringende Drohung, aber er wagte, so tapfer und streng er im
Felde oder unter seinen Tschokodars und Arnauten war, Nichts zu erwidern, und
liess diesen, Punkt des Gesprächs fallen.
    »Wir werden diese Nacht gegen die Feinde ziehen,« sagte der Pascha, »und sie
schlagen. Abdi wendet sich gegen Rapsista und das Kloster, wo der Grieche
Caraiskakis steht. Mir und dem Emir hat der Prophet einen wichtigen Fang in die
Hand gegeben. Ein griechischer Imam und der Primat eines Dorfes haben uns Kunde
gebracht, wo der Aga der Griechen mit wenigen seiner Gefährten die Nacht
zubringen wird. Die Feinde des Islam sind unter unsern Sohlen.«
    »Wie heisst der Aga der Christen?«
    »Ich habe es vergessen; aber er ist der blutige Feind der Moslems - Fluch
über die Gräber seiner Väter; ich werde sein Haupt nach Stambul senden, wie ich
mit dem Kopf des einäugigen Begs der Czernagorzen getan, und die Rossschweife
sind mir sicher. Wirst Du mich begleiten, Tochter des Propheten, um die
Niederlage der Feinde unsers Glaubens zu schauen?«
    Eine heftige Bewegung der Verhüllten auf dem Divan machte Fatinitza erbeben.
    »Die heilige Frau, die die Stimme der Engel Allahs hört,« sagte sie eilig,
»hat mich belehrt, dass die Weiber dem Kampfe der Männer fern bleiben sollen. Ich
werde für Euern Sieg beten.«
    »Gesegnet sei der Rat dieses Weibes,« rief erfreut der Pascha, »sie redet
weise wie Lokman, obschon sie nie zu uns Männern spricht. Die Frau gehört in das
Haus und der Mann in die Schlacht; Dein wilder Sinn, o Kind, nach dem Treiben
der Männer hat mir oft bittern Gram und mich zittern gemacht für Dich. Nimm
diesen Ring zum Dank für Deine Lehre, Frau, und mögen die Perlen Deiner Worte
noch, lange fallen in das Ohr dieses Kindes.«
    Der alte Krieger warf der Fremden ein Juwel zu, das sie achtlos zur Erde
rollen liess, küsste das Mädchen auf die Stirn und verliess das Gemach.
    Kaum war der Vorhang hinter ihm gefallen und sein Schritt verhallt, so riss
der Grieche den Schleier vom Haupt und sprang auf die Geliebte zu.
    »Lass uns dabei sein, Fatinitza, ich kann hier nicht still verweilen, indes
die Söhne meines Landes geopfert werden.«
    »Unmöglich - was kümmern mich die Kinder Deines Landes? - sie sind Christen,
Fluch über sie! Du allein sollst leben für Fatinitza.«
    »Höre mich, Weib; - unter jenen Kriegern sind meine Blutsverwandten,
vielleicht gelingt es uns, sie zu retten und - bei der Göttin der Liebe, der
meine Vorfahren Altäre bauten - ich will Dir ewig dafür danken!«
    »Die Verwandten Deines Blutes? Betrügt Fatinitza, nicht den eigenen Vater um
Deinetwillen? setzt sie sich nicht täglich hundert Male dem Tode aus bei der
Entdeckung, dass ein Christ, ein Feind, ihr Haremlik entweiht hat und ihr Lager
teilt?«
    »Ich weiss es, ich fühle es und dennoch beschwöre ich Dich! Die Ungewissheit
würde mich todten, ich verlange Nichts als die Deinen zu begleiten, vielleicht
findet sich eine Gelegenheit, wo Deine Hilfe, Deine Fürsprache meinen Freunden
nützen kann.«
    Die seinem Volke - selbst den edleren Charakteren - eigentümliche
Versteckteit und Hinterlist liess ihn fast unbewusst die Worte wägen, - sein Herz
sann bereits auf mehr.
    Das Türkenmädchen schaute ihn fest und prüfend an.
    »Ich will Dein Verlangen erfüllen,« sagte sie endlich, »aber bei der
lodernden Glut, die für Dich durch meine Adern strömt, täusche mich nicht zum
zweiten Male, denn Fatinitza's Liebe würde zum blutigen Hass werden. Ich will mit
Dir gehen zur Kampfstätte, doch nur unter der Bedingung, dass wir Beide dem
Kampfe fern bleiben. Möge die Schlacht walten und ihre Opfer nehmen, Allah
entscheide! Fallen die Freunde Deines Blutes lebendig in die Hände der Meinen,
wird Fatinitza sie schützen. Ich gehe zu meinem Vater!«
    Sie hüllte sich in den leichten Schleier und verliess das Gemach. Kaum hatte
sie sich entfernt, so ergriff der Grieche den seinen und sein Haupt darin
verbergend, folgte er ihr. Die Angst, die unbestimmte Hoffnung, irgend etwas für
die gefährdeten Kämpfer des Kreuzes tun zu können, litt ihn nicht in dem engen
Gemach und trieb ihn hinaus auf die Terrasse, von der im Strahl der sinkenden
Sonne der Blick über die Stadt und die umliegenden Höhen schweifte.
    An der Mauer des mit Blumen geschmückten Vorsprungs lehnte der neue Oglan
der Paschatochter, der Knabe, den ihr Hund am Vormittag zu Boden geworfen und
der mit diesem jetzt kameradschaftlich spielte. Der Befehl Fatinitza's hatte ihn
bereits mit einem neuen Gewande versehen.
    Der Grieche trat, ohne darauf zu achten, dass der Knabe ihn aufmerksam
betrachtete, hastig zu der Balustrade und schaute hinüber zu den Bergen, auf
denen die Schaar seiner Freunde lagerte.
    »Möge die Panagia sie retten, ich vermag es nicht!« sagte er unwillkürlich
in griechischer Sprache vor sich hin.
    Einen Augenblick darauf trafen Laute in derselben Sprache sein Ohr. Es war
ein leiser Gesang, den der Knabe ohne jetzt aufzublicken vor sich hin summte,
dennoch war jedes Wort verständlich und Grivas hörte mit Staunen seinen eigenen
Namen darin. Es war eine wilde Erzählung seines Kampfes in Montenegro, so weit
Bogdan sie hatte geben können, in Form einer Piesme.
    »Wer bist Du, Knabe,« fragte der junge Mann hastig, »bist Du von
griechischen Eltern oder aus den Bergen Czernagora's?«
    Der Knabe schaute ihn schlau an.
    »Man fragt Keinen, ohne selbst Antwort zu geben, sagt das Sprüchwort.
Gefällt Dir mein Lied?«
    »Sprich, wer lehrte es Dich?«
    »Ich hörte die Erzählung von Bogdan, einem Knaben der Hochlande, der bereits
ein Krieger ist. Man nennt Dich die weise Frau, - kannst Du mir bessere Kunde
geben von dem Tode dessen, von dem ich sang? ich höre gern Geschichten.«
    »Knabe,« sagte hastig und tief bewegt der Grieche, »Du verstellst Dich und
bist ein Anderer, als Du scheinen willst. Bei den Gräbern Deiner Väter, bei dem
Kreuz, wenn Du ein Christ bist, - rede die Wahrheit. Was suchst Du im Lager der
Türken?«
    Mauro blickte hastig um sich, - sie waren allein auf der Terrasse.
    »Nicolas Grivas, den Bruder des Gregor Caraiskakis und den Neffen des
tapfern Generals der Krieger des Kreuzes.«
    Die leidenschaftliche Erregung erstickte fast das Wort in der Brust des
Griechen.
    »Ist mein Bruder Gregor im Lager der Griechen? Knabe, rasch, ich selbst bin
Nicolas Grivas!«
    »Dann hat meine Ahnung mich nicht getäuscht,« sagte der Bursche, »die die
Heiligen mir zugeflüstert bei den seltsamen Erzählungen der Arnauten von der
mirditischen Zauberin, die seit der Tödtung ihres Wolfes die unzertrennliche
Gefährtin der Herrin von Skadar geworden. Sie meinen, der böse Dämon habe nur
seine Gestalt gewechselt.«
    »Rasch, rasch, was kümmert mich das Geschwätz der Toren. Sage mir schnell
Deine Botschaft.«
    »Bogdan, der Czernagorze, ist gestern in's Lager gekommen und hat von Deinem
seltsamen Verschwinden erzählt. Das weckte die Hoffnung Deines Bruders, Herr,
dass Du in Skadar gefangen gehalten würdest und ich ward auf Kundschaft
ausgesandt.«
    »Ist Gregor - dessen Namen Du nanntest - im Lager der Griechen?«
    »Mein Herr ist in Varna - ich bin ein smyrniotischer Knabe und als Bote von
ihm zu den Hellenen gesandt. Auf jenem Berge dort, in dem Kloster der armen
Heiligen, weilt Anastasius Caraiskakis, Dein zweiter Bruder, der mir den Auftrag
gab.«
    »Ich weiss es; hast Du von meinem Oheim Grivas gehört?«
    »Er zog gestern mit wenigen Leuten nach Dervendzista. Dein Bruder begleitete
ihn und sollte heute zurückkehren.«
    »Allmächtiger Gott, dann ist Grivas, die Hoffnung des Kreuzes der Mann, den
der verräterische Papa in die Hände der Türken liefern will. Wie viel Krieger
stehen bei meinem Bruder?«
    »Dreihundert. Die Hauptmacht des Generals lagert an der Arta gegen
Fuad-Pascha, der mit 9000 Mann in Prevesa steht. General Tzavellas liegt in
Suli, aber es ist Feindschaft zwischen ihm und Deinem Oheim!«
    »Fluch über diese Uneinigkeit, sie wird Alles verderben. Jetzt begreife ich
den Plan der Türken, sie wollen sich zwischen die Abteilungen drängen und sie
einzeln vernichten. Wer befiehlt im Lager an der Arta in Stelle meines Oheims?«
    »Der Oberst Stratos.«
    »Mein Bruder muss benachrichtigt, Grivas muss gerettet werden. Ein Engel hat
mir es eingegeben, auf meiner Teilnahme am Zuge zu bestehen. Knabe, ist es Dir
möglich, die Stadt zu verlassen?«
    »Ich hoffe es.«
    »Es gilt die Rettung Deiner Glaubensbrüder. Suche das Kloster zu erreichen
und sage meinem Bruder, im Dunkel der Nacht rücken Abdi-Pascha und der Pascha
von Skadar aus, der Erste auf Rapsista zu, der Andere, ihnen den Weg in's
Gebirge zu sperren und Grivas zu vernichten, der sich unvorsichtig vorgewagt
hat. Wenn es eine Möglichkeit ist, soll er den General retten und Stratos
benachrichtigen von der Gefahr. Lebe wohl, Knabe, und die Panagia schütze Dich!«
    Er hüllte sich in den Yaschmak und eilte über die Terrasse zurück, auf der
Aejischa, die Mohrin, ihn bereits zu suchen, erschien. - -
    Die Pascha's warteten das Dunkel ab, um mit ihren Truppen die Festung zu
verlassen. Sie bestanden aus 2500 Mann Nizam und Arnauten, 150 arabischen
Reitern und 4 Kanonen. Ein Bote war bereits am Nachmittag nach der Küste
abgegangen, um Fuad-Effendi von dem beabsichtigten Ausfall in Kenntnis zu setzen
und sein Vordringen zwischen die Stellung der beiden griechischen Generale
anzuraten. Abdi-Pascha mit dem Nizam und zwei Geschützen wandte sich gegen die
Arta und die Stellung des Hauptcorps, Selim-Bei mit den Reitern und zwei Kanonen
in das Tal zwischen dem Kloster und dem Fuss des Mitzikeli, so den Posten bei
dem erstern zwischen zwei Feuer bringend und den verwegenen Führer der Griechen
gänzlich von den Seinen abschneidend.
    Dem Unwillen ihres Vaters trotzend und unter dem Vorwand, dass sie sich nicht
von ihm trennen wolle, begleitete die Amazone von Skadar den Zug, an ihrer Seite
die Verhüllte, vor der die von Aberglauben erfüllten Krieger scheu zur Seite
wichen. Der verräterische Primat machte den Führer und ritt an der Spitze der
Abteilung, von Abdallah, dem arabischen Emir, bewacht. So gelangte der aus etwa
600 Kriegern bestehende Zug im Schatten der Nacht bis auf die Entfernung von
etwa 2000 Schritt in die Nähe seines Ziels und machte hier, von einer Schlucht
gedeckt, Halt. Nach dem Rat des Verräters sollte der Ueberfall in der
Morgendämmerung erfolgen.
    Wo die Quellen der Arta zwischen dem Tzumeria-Gebirge, dem Mitzikeli und den
Höhen des Pindus entspringen, in einer der an Romantik und Lieblichkeit
reichsten Gegenden der Welt, erhebt sich auf einem kühn vorspringenden, von drei
Seiten fast unzugänglichen Felsen die Palanka oder die Kula von Protopapas. Auch
der Abhang der vierten Seite ist durch Erdspalten zerklüftet, so dass nur ein
schmaler Weg für Fussgänger und Reiter offen bleibt, an dessen Seite jäh der
Felsenabhang hinabfällt. Citronenbäume und der hohe Oleander zieren die Höhen,
wilder Wein rankt an den Stämmen empor und Büsche von Rosen, von denen das
unsern gelegene Rhodostopos seinen Namen hat, füllen die Lüfte schon im Frühling
mit Wohlgeruch, während die Hänge und Gründe vom dunklen Grün der Olive gefüllt
sind.
    Dies war die Stelle, wo Grivas mit seinen sieben Mainoten den russischen
Agenten von Metzowo erwartete.
    Der Ort war noch unter Ali-Pascha eine kleine Feste mit geringer Besatzung,
seitdem aber gänzlich verlassen und nur von den Kolbaus, den Hirten des
Gebirges, benutzt. Ein eingesunkener Wall umgab im engen Kreis einen viereckigen
starken Turm, von massiven Quadern zwei Stockwerke hoch aufgeführt, dessen
Mauern und Zinnen Zeit und Verödung nur wenig zu schaden vermocht hatten. Durch
ganz Epirus und an der Küste entlang, selbst in den acroceraunischen Gebirgen
finden sich noch, zum Teil öd und verlassen, zum Teil als abgeschlossene
Posten der Khawassen dienend, viele solche feste Türme, gleich den Trümmern,
der alten Feudalburgen in Mitteleuropa. -
    Die türkenfreundliche Presse hat Zeter und Wehe geschrieen über die
Plünderung, die der Führer der aufgestandenen Epiroten an dem Hause des Primaten
von Dervendzista begangen, nachdem er die Nacht dort zugebracht und sich alle
Mühe gegeben, die gleich darauf folgende an Termopilä und die heldenmütigsten
Taten des Altertums erinnernde Verteidigung der Kula zu verdächtigen und in
den Staub zu ziehen. Der Schriftsteller jedoch, der die Geschichte jener Tage in
den bunten Kaleidoscopen des Romans schildert, kümmert sich nicht um den Streit
und Neid der Parteiungen, sondern malt mit kühner Feder die Taten und Menschen,
wie sie sind.
    Die Namen der sieben Gefährten des General Grivas im Turm von Protopapas
sind dem Andenken erhalten: Hassan Stavro, Demetrios, Andunah Vati, Constantin
Comodouro, Panayotti Zanetacchi, Andreas Zanet und Georg Mauromichalis, der
Namensvetter und Neffe des Klephten, der 1831 den Präsidenten Capodistrias
erschoss, - alle Sieben Söhne der Maina - Wölfe des Taygetos.
    Nicht mit Unrecht führen die Bewohner von Bassa-Maina, des alten Gebiets von
Sparta, den letztern Namen. Rauh und hart wie das Felsgestein des Taygetos,
scheint ihr Sinn allen milderen Freuden des Lebens unzugänglich. Das Land,
dessen Schoos keine Quelle entrinnt, zeugt Kinder, die an Wildheit, aber auch an
Kühnheit und Tapferkeit alle Stämme der Erde übertreffen. Raub und Mord ist ihr
Gewerbe, der Hass und die Blutrache erben unter den Geschlechtern grimmiger,
unversöhnlicher, als selbst auf den schwarzen Felsen Czernagora's und den Bergen
Corsika's, und wenn ein Mann eines natürlichen Todes stirbt, so beklagen sie
ihn, weil er nicht erschlagen wurde und daher keiner Rache bedarf.
    Räuber zur See und zu Land, unbezwungen und ungebändigt, im wilden Kampf
unter einander, seit sie nicht täglich mehr mit ihren Feinden, den Türken,
kämpfen können, war noch in den vierziger Jahren, und ist es zum Teil noch,
jedes Haus der Maina eine Feste und jeder Zugang durch eine Schiessscharte
beherrscht, die man so genau bewacht, dass Nachts nicht einmal Licht gebrannt
wird, um dem Feinde nicht die an den Oeffnungen vorbeigehenden Gestalten als
Ziel zu verraten. Das ganze Gebiet ist ein Land von Türmen; die meist auf
felsigen Anhöhen stehen, so dass sie den benachbarten District überblicken
können. Die unteren Stockwerke werden als Ställe benutzt, während nach den
oberen Gemächern eine so niedrige Tür führt, dass man nur gebückt eintreten
kann.
    Nur die Weiber gehen zum Arbeiten aus, die Greise und Knaben bleiben zu
Hause auf der Wache und es gibt Fälle, dass Männer in zwanzig Jahren nicht die
Schwelle ihres Turmes überschritten haben, um nicht der Blutrache zu verfallen.
Die baierschen Truppen, welche im Jahre 1834 auf Befehl der Regierung in Aten
diese Festen zerstören sollten, wurden von den Mainoten zurückgeschlagen und
alle Anstrengungen der Regierung scheiterten an dem Trotz der wilden Klephten, -
ihre Türme blieben unzerstört.
    Erst in der letztern Hälfte der vierziger Jahre hat die Civilisation
einigermassen Wurzel in dem wilden Lande geschlagen. Viele unserer Leser werden
uns bei dieser Schilderung der Uebertreibung beschuldigen, aber wir können nicht
oft genug wiederholen - wir geben Tatsachen im Gewand des Romans. Noch im Juni
1843 schreibt ein griechischer Correspondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung:
»Die Blutrache wird so weit ausgedehnt, dass sie von einem sterbenden Vater
testamentarisch den Kindern vermacht wird. Die Erben überblicken mit eben
solcher Begier die Anzahl der aufgezählten Morde, welche zu rächen sind, wie das
übrige Eigentum, und haben sie durch Blutvergiessen die Anweisungen des
Testaments vollkommen erfüllt, so begiessen sie das Grab des Vaters mit Wasser,
zum Zeichen, dass jetzt seine Leidenschaft abgekühlt sein könne.«
    Die wilden Söhne des Taygetos gehorchten dem Sohne des Pindus. Grivas, der
mit den Mainoten 1827 die Akropolis von Corint erstürmt, konnte sicher bauen
auf die Treue und den Mut dieser Krieger.
    In ihre Aba's gehüllt, lagen die Tapfern um das verglimmende Feuer im Innern
der Kula; denn die Nächte des Orients sind oft kalt und schneidend, während am
Mittag heiss der Sonnenstrahl brennt.
    Comodouro und Demetrios hatten die Wache auf dem Turm und dem Wall, bis die
Sonne sich erhoben über die schneeigen Gipfel des Pindus und Dodona's heilige
Eichenhaine.
    Aus den Schluchten und Tälern ballten in formlosen Massen die Morgennebel
empor, gleich als ahnten und fürchteten sie den nahenden Strahl der Sonne. Auf
den Wolken über dem See von Janina malten sich die purpurnen und violetten
Strahlen des noch hinter den Bergen verborgenen Tagesgestirns.
    Da dröhnte es von Westen her in langsam auf einander folgenden Schlägen -
ferne Kanonenschüsse.
    Die Hand der Wache legte sich auf die Schulter des Führers - im Augenblick
war der General empor und gleich darauf auf der Plattform des Turmes, um ihn
sammelten sich die Mainoten. - Es war die höchste Zeit - ein seltsames
abenteuerliches Schauspiel entwickelte sich phantastisch aus den ballenden
Nebeln am Fusse der Höhe, auf welcher der Turm steht: - gleich Gespenstern, die
der Hahnenruf des Morgens von ihren nächtlichen Wegen auf und davon jagt,
stürmten durch die Schatten des Tales drei Reiter - voran auf windschnellem
arabischen Ross eine Frauengestalt in fliegenden grünen Gewändern - hinter ihr
d'rein ein alter Moslem, den Säbel in der Faust, offenbar bemüht, der Fliehenden
den Weg abzugewinnen und zuerst am Eingang des schmalen Felsensteiges
anzukommen, der den Weg zum Plateau der Palanka bildete; - den Beiden in der
Entfernung von 60 bis 100 Schritt folgend, eine zweite türkische Frau in
prächtigen Gewändern, den goldglänzenden Panzer des Tosken um Brust und
Schultern, den hohen Reiherbusch über dem Turban. Und hinter ihnen d'rein in der
Ferne, aus dem Nebel und Dunkel, hoben sich im Morgengrauen Lanzenspitzen,
blitzten Bajonnette und wogte es heran in dunklen Massen.
    »Zu den Waffen, Kameraden, die Moslems sind vor der Palanka!« und zu dem
Eingang des Walls stürzten Grivas und seine Maini's.
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    Der Halt, den die Türken gemacht, war, wie gesagt, kaum eine Viertelstunde
Weges von der kleinen Feste entfernt, und der Bei sandte von hier aus seine
Späher, die bald mit der Nachricht zurückkehrten, dass die Griechen zwar Wachen
ausgestellt hätten, sonst aber keine Ahnung von der Gefahr und der Nähe des
Feindes zu haben schienen.
    Es wurde nun beschlossen, dass die Kula durch Tirailleurs überrascht werden
sollte, die sich im Schatten der Klüftungen auf das Plateau schleichen und
plötzlich auf das Zeichen eines Schusses eindringen sollten, während die
Hauptmacht ihnen langsam folgte. Der Emir Abdallah mit seinen Arabern erbot
sich, den Versuch zu wachen. Er stieg von seiner Stute, deren Zügel er um den
schafft seiner in den Boden geschlungenen Lanze schlang, und seinem Beispiel
folgten sofort alle seine Leute. Dann untersuchte der Emir sein langes
Luntengewehr, erteilte den Arabern einige Befehle und verschwand mit ihnen nach
verschiedenen Seiten in den Nebeln, in denen ihre weissen und grauen Gewänder
verschwammen.
    Der Bei mit Fatinitza und dem verkleideten Griechen waren jetzt die einzigen
Reiter, die in der Nähe hielten, und er hiess sie ihnen folgen, um von einem
näher liegenden Hügel den Erfolg des Ueberfalls zu beobachten und dort während
des Gefechts, ausserhalb jeder Gefahr, zu verweilen. Im Gespräch mit ihrem Vater
bemerkte das Türkenmädchen Anfangs nicht, dass ihre Begleiterin zögerte, zu
folgen, und einige Augenblicke zurückblieb, bis der Vorsprung des Felshügels sie
verdeckte.
    Plötzlich verkündete ein Schrei der Ueberraschung ein ungewöhnliches
Ereignis. - -
    In der Brust des jungen Griechen hatte ein wilder Sturm getobt - Qual und
Angst um die Blutfreunde, und Liebe und Dankbarkeit zu dem wilden Türkenmädchen.
Dennoch war er von Anfang an entschlossen gewesen, jede sich bietende günstige
Gelegenheit zu ergreifen, um seinen Oheim und dessen Gefährten zu retten. Der
drängende Augenblick war jetzt gekommen, denn er fühlte, dass, wenn die
ahnungslosen Griechen nicht gewarnt würden, der Ueberfall der Araber gelingen
müsse.
    Er wusste aus den Erzählungen des Emirs an Fatinitza, dass das Ross desselben
eine Stute aus jenem berühmten Geschlecht der Nedjhi war, einer durch ganz
Arabien wegen seiner Schnelligkeit und Muskelkraft berühmten Race, und als daher
der Emir den Sattel verlassen und die Pferde fast unbewacht zurückgelassen
wurden, war sein Entschluss rasch gefasst. Er drängte, zurückbleibend, sein
Maultier an die Seite der Stute und den Augenblick entschlossen ergreifend,
wechselte er den Steigbügel und sprang in den Sattel des arabischen Pferdes,
zugleich die Lanze aus dem Boden reissend und die scharfen, statt der Sporen
dienenden Spitzen der Bügel in seine Flanken pressend.
    Wie ein Pfeil schoss die Stute vorwärts, und im nächsten Augenblick an
Fatinitza, dem Pascha und den ihnen zum Hügel gefolgten Kriegern vorüber.
    Im ersten Moment fesselte Ueberraschung und Verwirrung jede Lippe, da ausser
Fatinitza Keiner die Bedeutung der seltsamen Handlung sich zu enträtseln
vermochte, bis der Ruf derselben: »Verräterischer Christ! Allah verderbe Dich!«
und ihr wütendes Anspornen des Rosses hinter dem Fliehenden d'rein plötzlich
das Staunen mit einem anderen löste. Ein unterdrückter Wutschrei brach von den
Lippen Aller und dann folgte der ganze Haufe der wilden Jagd.
    Diese ging mit Windesschnelle durch den Talgrund, auf dessen anderer Seite
das Felsenplateau der Palanka sich erhob. Da der Pascha und seine Tochter die
einzigen Berittenen in der Gruppe gewesen, unternahmen diese auch allein mit
einiger Aussicht die verzweifelte Verfolgung. Das Pferd des Pascha's war ein
Tier von edlem Berber Blut, das nur wenig dem schnellen Ross des Flüchtlings
nachstand, und der greise Moslem, sobald er sein erstes Erstaunen überwunden,
sprengte wütend hinter dem Griechen d'rein, denn der Ruf seines einzigen Kindes
hatte ihm im Augenblick gezeigt, wie grausam er betrogen worden.
    Die ganze Hoffnung des jungen Mannes lag darin, dass er zuerst den Felskamm
erreichte, welcher den einzigen Weg zum Plateau der Palanka bildete, und die
Augen auf die Feste geheftet, jagte er durch das Tal. Doch hatte er, um der
Gruppe am Hügel zu entgehen, schon beim Fortstürmen die gerade Richtung
verlassen müssen, und wurde auch auf dem weiten Ritt wenn auch nur Augenblicke
lang aufgehalten. Zwei Mal trat ihm aus dem Nebel die weisse Gestalt eines
arabischen Kriegers entgegen und versuchte, sich ihm in den Weg zu werfen. Aber
die Lanze des Emirs warf den Einen, der Sprung des Pferdes den Andern zu Boden,
und Keiner wagte es, auf das wohlbekaunte Ross seines Häuptlings zu feuern.
    So gelang es dem Griechen, fast gleichzeitig mit dem Bei, den Aufgang des
Felsenkammes zu erreichen, und ein Sprung des prächtigen Pferdes brachte ihn
voran auf denselben. Er hatte den Schleier von seinem Haupte gerissen und
schwang ihn durch die Luft. -
    »Zum Kampf, Oheim Grivas, zum Kampf! die Moslems sind Euch nahe!«
    »Verfluchter Ghrist! Schänder meines Harems! stirb!«
    Eine rasende Anstrengung seines Pferdes hatte auf einer breitern Stelle den
greifen Bei an die Seite des Griechen gebracht, und er lehnte sich zurück auf
den Sattel, den Hieb von hinten zu führen, denn er befand sich zu seinem Unglück
auf der rechten Seite des Flüchtlings. Ein Blick zeigte diesem die Gefahr und
dass nur das Verderben des Einen den Andern zu retten vermöge. Der Trieb der
Selbsterhaltung war rascher als alle Ueberlegung, und mit aller Kraft seiner
Hand und seiner Schenkel sein Pferd parirend, drängte er es nach dem Gegner,
indem er den rechten Arm nach ihm ausstreckte, den Hieb aufzufangen.
    Ein wilder Schrei klang an seine Ohren - die Stimme der Geliebten: »Schone
meinen Vater!« - aber im selben Augenblicke schon stiess sein Knie an den hohen
Sattel des Gegners, seine Hand fasste den erhobenen Arm - ein Stoss - und über die
Seite der Felsenkante stürzten Ross und Reiter!
    Im nächsten Moment flog das Araberpferd weiter und dem offenen Eingang des
Walles zu, auf dem jetzt, die Flinten schussgerecht in der Hand, die sieben
Mainoten lagen. Hinter ihm d'rein gellte in seine Ohren der schneidende Zeterruf
des Türkenmädchens, das Klagegeschrei der herbeieilenden Arnauten, und vor ihm
am Eingang des Walles lag eine breite Kluft, über die eine einzige Bohle führte,
welche die Mainoten liegen gelassen und in der unerwartet andrängenden Gefahr
noch keine Zeit gehabt, hinwegzuräumen. Aber sie war zu schmal, selbst im
Schritt ein Pferd zu tragen; noch ein Mal presste er die spitzen Bügel dem seinen
in die Flanken, und mit langem Sprunge gewann es den jenseitigen Rand und stand
zitternd und schaumbedeckt zwischen den wilden Gestalten der Griechen.
    Nicolas Grivas sprang herab, sprachlos - Entsetzen auf dem bleichen Antlitz
- deutete er hin nach dem gefährlichen Wege, den er so eben zurückgelegt hatte.
- -
    Dort jagte die Wölfin von Skadar heran, - der Schleier fliegend im Zug der
Luft, glutrot das Antlitz, rachesprühend das dunkle Auge - in der erhobenen
Hand die Pistole. -
    Kaum sah sie den Abhang, der sie von dem Verräter trennte, noch weniger ihn
achtend in der wilden Leidenschaft, die jede ihrer Fibern spannte, - der Schuss
knallte, indem das Pferd sich zum Sprunge erhob, aber seine Kraft war diesem
nicht gewachsen und die Hand der Reiterin hatte es nicht unterstützt, es
erreichte kaum den jenseitigen Rand und brach zusammen über der Planke, welche
über die wenn auch nicht tiefe doch gefährliche Felsspalte führte. Einen
Augenblick hingen Pferd und Reiterin über dem Abgrund und dieser Augenblick
genügte dem ältern Grivas, um vorzuspringen. Seine kräftige Faust erfasste das
Türkenmädchen und riss es empor, und ein Fusstritt schleuderte die schwankende
Brücke und das Ross auf ihr in die Tiefe.
    Die Flinten der Mainoten krachten zu beiden Seiten und das »Allah Akhbar21!«
der Araber erschütterte die Luft. Abdallah an der Spitze, versuchten die wilden
Asiaten, das Plateau, an den Felsen und Steinen emporkletternd, zu erstürmen, -
aber die Kugeln der sechs wachsamen Spartaner warfen die kleine Zahl, die
emporzuklimmen vermochte, todt oder verwundet von dem Felsrand zurück - kein
Schuss fehlte bei dem leichten Ziel, und der Ruf des kühnen griechischen Führers
belebte den Widerstand. Seine weitreichende Büchse schlug zugleich auf dem
Felskamm in die Schaar der dort Anstürmenden und trieb sie zurück.
    Die Sonnenstrahlen brachen glänzend über die Berge, und die Palanka
vergoldend, zeigten sie sicher den Schützen ihr Ziel.
    Nach ihrer gewöhnlichen Kampfweise, ähnlich der der nordamerikanischen
Wilden, liessen die Asiaten nach dem ersten Sturm vom Angriff ab, sobald sie sich
überzeugt, dass die Ueberraschung misslungen und der Gegner zum Empfange bereit
war.
    Die Araber und die unterdess herbeigekommenen Arnauten zogen sich unter
wildem Geschrei aus der Schussweite der Kugeln zurück. Von der Höhe des Walls sah
der General noch, wie sie den Körper ihres greifen Führers aus der Schlucht, wo
hinein ihn und das Ross der Arm seines Neffen gestürzt, davon trugen, doch
vermochte sein Falkenblick nicht zu erkennen, ob der Verunglückte noch am Leben.
    Der General wusste, dass er vorerst Ruhe und Zeit haben werde, die Anstalten
zur weiteren Verteidigung zu treffen, und jetzt erst wandte sein Blick sich
wieder auf seinen Neffen und seine schöne Gefangene.
    Wir haben gesagt, dass sechs Flinten der Mainoten dem Angriffsgeschrei der
Araber geantwortet hatten; - Andunah Vati, der Siebente, lag, die Hand auf die
rechte Seite gepresst, an der Mauer der Kula und durch seine Finger quoll in
dicken Tropfen das rote Blut, während sein Auge finster und drohend auf das
Türkenmädchen geheftet blieb. Die Kugel ihrer Pistole hatte bei dem Sprunge das
Ziel ihrer Rache, den meineidigen Geliebten, gesehlt und den Mainoten
niedergeworfen. Der schreckliche Vorgang und der Angriff der Araber waren aber
so rasch auf einander gefolgt, dass keiner der Verteidiger Zeit gehabt, auf den
Verwundeten zu merken oder sich um ihn zu kümmern.
    In einiger Entfernung von ihm, auf einer der Quadern, sass Fatinitza; der
Turban war ihr vom Haupte gefallen und das dunkle glühende Auge starrte finster
und gleichgültig durch die Öffnung des Walles auf die ferne Schaar der Ihren.
Sie schien den treulosen Freund nicht zu bemerken, der, nur wenige Schritte von
ihr entfernt, an dem Ross des Arabers lehnte. Ein einziges Mal während des kurzen
Kampfes hatte er gewagt, ihr näher zu treten, aber ein wilder stolzer Blick des
Mädchens scheuchte ihn zurück, und stumm, mit niedergeschlagenen Augen blieb er
in seiner Stellung. So traf die stumme lautlose Gruppe der General, der mit
mehreren seiner Gefährten jetzt in das Innere der Umwallung sprang, während
andere derselben die Wache auf dem Wall behielten.
    »Andunah ist verwundet, seht nach ihm,« befahl der Führer, »und jetzt,
Neffe, nachdem die erste Blutarbeit getan, sei willkommen trotz Deines
seltsamen Aufzugs. Wer ist dies Weib?«
    »Fatinitza, die Tochter des Pascha's von Skadar, meine Lebensretterin. Lasst
sie zum Dank dafür, dass es mir gelang, Euch noch im letzten Augenblick zu retten
und auf die Nähe der Feinde aufmerksam zu machen, unbeleidigt zu den Ihren
zurückkehren.«
    »Sie ist die Mörderin meines Vetters Andunah,« sagte bei der Bitte wild der
Mani Comodouro. »Ihre Kugel traf, ihn - sie muss sterben!« Er hob die Pistole
gegen die Unglückliche.
    Der General jedoch stellte sich vor sie. - »Zurück, Mann! Andunah Vari wurde
im ehrlichen Kampf erschossen und die Türkin ist meine Gefangene. Wer es wagt,
die Waffe gegen sie zu erheben, hat es mit mir zu tun. Du aber, Neffe, irrst,
wenn Du glaubst, ihre Freiheit dafür in Anspruch nehmen zu können, dass Dein Ruf
uns gerettet. Der Donner jener Kanonen über das Gebirge her, den Du hörst und
der uns die Schlacht unserer Brüder verkündet, hatte uns bereits in die Waffen,
gerufen. Dieses Mädchen, deren Namen und blutigen Ruf wir Alle kennen, hat die
Jungfrau vielleicht zu unserer Rettung in unsere Hand gegeben. Bindet ihre Hände
und nehmt ihr ab, was sie an Waffen noch bei sich trägt.«
    »Oheim!« flehte der junge Grieche.
    Der General schüttelte finster das Haupt. - »Sie ist die Gefangene meiner
Hand und es muss sein! Deine Rettung ist vergolten durch die ihre von jenem
Sturz.«
    Zwei der Mainoten fesselten mit einem Riemen die Arme der Türkin und nahmen
ihr den Dolch, der in ihrem Gürtel steckte. Ohne Widerstand liess es das Mädchen
geschehen, nur ein stolzer verächtlicher Blick fiel auf den jungen Grivas, der
sein Gesicht in die Hände verbarg.
    »Bringt sie in den hintern Raum der Kula und fesselt ihr dort noch die Füsse,
damit sie keinen Versuch der Flucht machen kann,« befahl der Führer. »Euer Leben
bürgt mir für das ihre. Legt Andunah gleichfalls dahin und leistet ihm Hilfe, so
gut es sich tun lässt. - Wie hoch schätzest Du die Zahl unserer Feinde, Neffe?«
wandte er sich an diesen, während die Maini's22 seinem Befehl Folge leisteten.
    Nicolas gab die Auskunft, so weit er vermochte.
    »Du magst die Stelle Andunah's einnehmen,« sagte der General, »und Dich mit
seinen Waffen versehen; der Kampf, den wir zu bestehen haben werden, wird ein
harter sein. Und jetzt lasst uns vor Allem daran gehen, den Zugang zu sperren, so
gut es uns möglich ist, denn, verlasst Euch darauf, wir werden bald von ihnen
hören.«
    Sie begannen alsbald Steine und Trümmer vor dem Zugang des Walles
aufzuhäufen. Zwei der Mainoten bestiegen auf des Generals Geheiss das flache Dach
der Kula und lagen an den Schiessscharten. Die andern vier mit dem General und
dem Flüchtling, der sich der Frauengewänder, so weit es tunlich, entledigt
hatte, behaupteten den Wall, häuften Steine und Holzwerk im Innern der Kula
zusammen zur Verpallisadirung des offenen schmalen Zugangs und durchfpäheten die
Umgegend.
    Das Erdgeschoss des Turmes war in zwei Teile geschieden. Im zweiten nach
dem schroffen Felsenabhang zu lagen auf Lagern von Zweigen und Blättern, wie
sich die Hirten des Gebirges sie bereitet hatten, einander gegenüber Fatinitza
und der verwundete Krieger, dessen Waffen und Munition der junge Grivas an sich
genommen.
    Der Letztere hatte noch einen Versuch gemacht, sich der verratenen
Geliebten zu nahen, um ihre Lage möglichst zu erleichtern und sein Tun zu
rechtfertigen, die Türkin jedoch ihm verächtlich und ungeduldig den Rücken
gewandt und kein Wort war ihren Lippen zu entlocken. Mit von widerstreitenden
Gefühlen zerrissenem Herzen verliess er sie endlich.
    Dir Sonne war nunmehr über den Gipfeln des Pindus und ihre Strahlen hatten
die Nebel vertrieben und zeigten den Bedrängten klar und deutlich die Gefahr,
von der sie umgeben waren. Am Eingang des Felsengrates ausser Flintenschussweite
lagerte die Hauptschaar der Türken, und eine Gruppe von Feigenbäumen schien
ihren Mittelpunkt und das Lager ihres todten oder verwundeten Führers zu bilden,
denn man konnte vom Turme aus bemerken, dass Shawls und Decken dort ausgebreitet
waren. Kleine Abteilungen schlossen bereits im Grunde das Platean auf allen
Selten ein und die Mannschaft der beiden Feldgeschütze bemühte sich eben,
dieselben am Zugang des Felsendammes zum Wall, in der Entfernung von sieben- bis
achtundert, Schritt von diesem, aufzustellen, da es zum Glück für die Griechen
nicht möglich befunden worden, sie auf dem Felsdamm selbst durch die Bespannung
weiter vorwärts zu bringen.
    Zu ihrem Staunen sahen die Mainoten jedoch statt des Beginns des Sturmes
einen einzelnen Reiter, den Zweig eines Olivenbaumes in der Rechten - das
Zeichen des Friedens oder Waffenstillstandes - heran nahen. Es war der Emir, der
kühn und unbesorgt bis zur Felsspalte vorritt, welche den schmalen Weg vom
Felsplateau der Palanka trennte, und dort den Zweig als Zeichen über dem Kopfe
schwang, dass er eine friedliche Unterredung wünsche.
    Der General mit Nicolas, indem er den Uebrigen gebot, im Anschlag zu
bleiben, erschien sofort auf dem Wall.
    »Hunde und Söhne von Hunden,« begann der Emir die friedliche Anrede, »Ihr
seht, dass Allah Euch in die Hand der Gläubigen gegeben hat, die zahlreich sind,
wie der Sand am Meere, und dass kein Entrinnen für Euch ist. Bist Du Grivas, der
Anführer der aufständischen Griechen?«
    »Nimm Dich in Acht, Freund Araber, mit Deinen Worten,« entgegnete der
General in türkischer Sprache. »Meine Mainoten und ich selbst sind nicht
gewillt, geduldig die Schmähungen eines Götzendieners zu ertragen. Wer bist Du
und was willst Du?«
    »Ich bin Abdallah ben Zarugah, das Haupt meines Stammes und der Freund des
Pascha's von Skadar, Selim Beh's, eines Tapfern, dem die Hand eines Verräters
Unglück gebracht hat. Ich rede in seinem Namen und führe seine Krieger gegen
Euch zum Kampf.«
    »Sage mir, Emir Abdallah, bei Deinem Haupte beschwöre ich Dich,« unterbrach
Nicolas Grivas das Gespräch, »ist der Pascha bei dem Sturz umgekommen, oder
glücklich der Gefahr entgangen?«
    »Ich erkenne Dich an Deiner Stimme, Pferdedieb,« entgegnete der Araber, »und
Fluch über Dich, denn Du hast Verrat geübt an dem, dessen Brot Du gegessen.
Allah hat seine Hand über dem Pascha gehalten, er ist schwer verwundet und sein
Schenkel gebrochen aber er lebt Euch zum Verderben.«
    Ein unwillkürliches »Den Heiligen sei Dank!« entfloh den Lippen des jungen
Mannes. Dann verliess er hastig den Wall und eilte in das Gefängnis Fatinitza's,
um ihr die Nachricht zu verkünden.
    Sie nahm sie schweigend auf, kein Laut, kein Blick des Auges verkündete ihre
Gefühle.
    Unterdess nahm die Unterhandlung draussen ihren Fortgang.
    »Weshalb kommst Du, Emir? - Ich bin Grivas, der General der freien
Griechen.«
    »Deine Krieger,« sagte der Araber, »werden in diesem Augenblick von dem
Pascha von Janina vernichtet, Du hörst den Donner der grossen Büchsen. Schaue auf
die Zahl meiner Tapfern und Du siehst, dass ein Entrinnen unmöglich ist. Es ist
keine Schmach für den Kühnen, der Macht zu weichen. Gieb Dich gefangen mit
Deinen Lecken, und das Urteil des Pascha's wird milde sein.«
    »Bin ich ein Kind oder ein Weib, dass Du so mit mir redest? Mir haben Kugeln
in unsern Flinten und Blut in unsern Adern.«
    »Du bist ein Tapferer, ich weiss es, und Abdallah, der mit den Rotjacken vor
Aden gefochten, ehrt die Tapfern, auch wenn sie seine Feinde sind. Gieb mir mein
Pferd Eidunih und Fatinitza, die Tochter des Pascha's, nebst dem Verräter
heraus, der sie beide entführt hat, und liefert Eure Waffen ab, so will der
Pascha Dir und den Deinen den Abzug erlauben, wenn Ihr bei dem Koran der
Christen schwören wollt, nie wieder gegen das Licht der Welt zu kriegen.«
    »Der Mann, den Du einen Dieb nennst,« sagte der General, »ist mein Reffe und
ein Krieger des Kreuzes, dessen Blut nicht für die türkischen Henker bestimmt
ist. Das Weib und das Pferd kannst Du erhalten, aber nicht unsere Waffen, die
wir brauchen wollen, so lange ein Moslem auf griechischer Erde steht. Ueberdies,
was bürgt uns für die Erfüllung des freien Abzugs? wir kennen die Treue der
Türken.«
    »Mein Wort,« entgegnete der junge Araber stolz, »der Eid Abdallah's ben
Zarugah, und die Sterne würden eher in ihrem Lauf zurückgehen, als dass ein Hauch
des Eides bei seinem Bart nicht gehalten würde.«
    Der griechische General lachte verächtlich.
    »Du magst redlich genug sein für einen Araber, aber die Türken, Deine
Brüder, sind Pesevenks, Schurken. Wir verlassen uns auf die Jungfrau und unsere
Flinten, wenn Du keine bessern Bedingungen giebst. Zieht Euch zurück nach
Janina, lasst die Berge frei, und ich will Dir Pferd und Weib unbeschädigt
zurückgeben. Willst Du nicht, so mache, dass Du fortkommst.«
    »Hund! Sohn eines Juden und einer Hündin, willst Du Abdallah in den Bart
lachen?« rief der Emir wild, indem er sein Ross wandte und den schützenden Zweig
hinwegwarf. »Dein Blut komme über Dich! Allah Akhbar - zum Kampf!«
    Eine Kugel pfiff dicht an seinem Haupt vorbei, aber die Bewegung des Pferdes
rettete ihn und er jagte unverletzt davon, - die Griechen sparten ihr Blei für
den Kampf auf Tod und Leben, der, wie sie wussten, jetzt folgen musste.
    Kaum war der Emir zu der Gruppe unter den Feigenbäumen zurückgekehrt, so
wurde auch das Zeichen zum Beginn des Kampfes gegeben, und die beiden leichten
Feldgeschütze eröffneten ihr Feuer gegen die Palanka.
    Die Geschütze waren jedoch zu schwach, um auf diese Entfernung hin von
energischer Wirkung zu sein, und sie beunruhigten und gefährdeten kaum die
Personen du Verteidiger. Die Kugeln übten gleichfalls nur geringe Zerstörung an
den dicken Marmorquadern des Tutmes und wühlten den ohnehin halb zerstörten
Wall auf, - die Einnahme der Palanka konnte allein von dem Sturm mit gewaffneter
Hand erwartet werden.
    Dieser liess denn auch nicht lange auf sich warten. Die Maini's sahen den
jungen kühnen Führer gleich einem Pfeil von einem der Posten zum andern jagen,
welche das etwa 50 bis 60 Fuss über das Tal emporragende Plateau umgaben, und
ihnen seine Befehle erteilen. Sie bestanden grösstenteils ans seinen berittenen
Arabern, und diese rückten jetzt bis auf Schussweite ihrer langen Luntenflinten
heran und begannen ein scharfes Feuer auf alle Oeffnungen des Turmes und auf
den drei ihnen zugekehrten Seiten des Walles, während eine Abteilung des Nizam
an den Seiten des Felsendammes und auf diesem selbst vorrückte.
    Sobald sie auf etwa 200 Schritt heran gekommen, gab der General das Zeichen
zur Eröffnung des Feuers, und Schuss auf Schuss aus den sichern Flinten der
Mainoten schlug in die Reihe der Stürmenden, und zwölf Todte oder schwer
Verwundete deckten den Weg, ehe sie bis an die Spalte herankamen, welcher jetzt
die verbindende Brücke fehlte. Die Untenstehenden versuchten zugleich, an der
hier etwa vierfache Manneshöhe haltenden Felswand heraufzuklimmen, während ihre
Gefährten vom Damm aus ein heftiges Feuer auf die kleine Schaar der Verteidiger
unterhielten; aber Grivas hatte drei seiner besten Schützen eilig nach dem
zweiten Stockwerk der Kula gesandt und ihre Kugeln schlugen Tod bringend in das
Gedränge der Türken auf dem Wege oder warfen Mann um Mann zerschmettert von der
mit Mühe erklommenen Felswand zurück in die Tiefe, während die beiden auf dem
Dach des Turmes postirten Krieger unter gleichem Erfolg mit den herandrängenden
Trupps der Araber im Tale Kugeln wechselten.
    Die Offiziere der Türken sahen ein, dass sie ohne andere Vorbereitungen
nutzlos ihre Leute dem tödtlichen Feuer der Griechen aussetzten und befahlen den
Rückzug.
    Ueber zwanzig Todte lagen bereits auf dem Kampfplatz, zahlreiche Verwundete
schleppten sich zurück aus dem Gefecht.
    Man sah die Offiziere des abgeschlagenen Nizam und die Buluk-Baschi's der
Arnauten Selim's um das Lager des verwundeten Pascha's sich versammeln und
Kriegsrat halten. Inmitten der Phistans, der bunten Kleidung der Albanesen und
der dunkelblauen Röcke der Offiziere, wehte der weisse Burnus des Arabers, und
seine heftigen Gestikulationen zeigten, mit welchem Feuer er sprach.
    Sein Rat schien Beachtung gefunden zu haben und ein Beschluss gefasst zu
sein, denn während seine Boten den grössten Teil der Reiter um ihn versammelten,
wurden die Artilleristen und eine Anzahl Nizams an die Kanonen kommandiert, und
man versuchte eine derselben durch Menschenhände auf dem Felsendamm vorwärts und
näher dem Eingange der Palanka zu bringen. Mit vieler Mühe und nach langer
Arbeit gelang es, eine Kanone bis auf 300 Schritt heran zu bringen. Noch in
dieser Entfernung trafen die Kugeln der Griechen und namentlich aus der Büchse
des Generals oft ihr Ziel, und die Türken hielten es daher für rätlich, hier
ihren Halt zu machen.
    Unterdess hatten die um den Emir Abdallah versammelten Araber sich auf die
erhaltenen Befehle nach allen Seiten hin zerstreut. Der Führer der Mainoten
hatte alle diese Anstalten der Feinde eifrig und nicht ohne Besorgnis
beobachtet. Der entfernte, fortdauernd von Zeit zu Zeit rollende Donner des
Geschützes benachrichtigte ihn, dass in der Ferne gleichfalls ein harter Kampf
geschlagen wurde gegen seine Truppen, die des Führers durch seine eigene
Unvorsichtigkeit beraubt waren.
    Mit einem kleinen Fernrohr, das er bei sich hatte, verfolgte er die Araber,
die sich in die Berge zwischen die Bäume und Büsche verloren - er konnte sehen,
wie sie mit ihren Yatagans leichte Zweige und Aeste abhieben und zu starken
Bündeln zusammen banden.
    Im Augenblicke stand die Absicht der Gegner vor seinen Augen - sie machten
Faschinen, um die Schlucht, die sie vom Platean trennte, zu füllen.
    Seine Augen flogen umher, um ein Gegenmittel zu suchen und fanden es.
Zwischen dem Wall und dem Turme lag ein ziemlich grosser Vorrat von trockenen
Reisern, Röhricht und Binsen aus den Sümpfen, den die Hirten hier zu ihrem
Gebrauch aufgehäuft.
    Dasselbe Mittel, das ihr Verderben bereitete, sollte die Gegner schlagen.
    Während zwei der Mainoten fortwährend auf dem Turme Wache hielten, traf der
kühne Palikarenführer seine Vorbereitungen.
    Stunden waren mit dem ersten Angriff und mit diesen beiderseitigen
Vorkehrungen seiter vergangen - der Mittag nahte und die Zeit, da die Kranken
und Verwundeten in die Hand des schwarzen Engels gegeben sind.
    Eine furchtbare - entsetzliche Scene hatte im Turm der Palanka, im Kerker
des Türkenmädchens, begonnen, den weder Grivas noch sein Neffe wieder betreten.
    Die Feder weigert den Dienst, jene Taten niederzuschreiden, mit der die
Krieger des Kreuzes die heldenmütige Verteidigung der Palanka von Protopapas
entweihten; doch der Schriftsteller hat die Pflicht der Gerechtigkeit, und mit
Grauen über die Bestialität in der menschlichen Natur, muss er Scenen schildern,
wie sie zwischen Völkern vorkommen, welchen seit Jahrhunderten Tyrannei und
Fanatismus, Rohheit und Hass das Entsetzliche zum Gewöhnlichen gemacht haben.
    Zu dem General kam der Mainot Constantin Comodouro und meldete ihm, dass der
Engel des Todes an das Lager seines Verwandten getreten sei, und dass dieser
wünsche, von ihm Abschied zu nehmen und zum Sterben eingesegnet zu werden.
    Die rauhen Krieger der Maina, deren Religion noch immer ein phantastisches
Gemisch von altem Aberglauben und den Lehren der griechischen Kirche ist,
während sie seit Jahrhunderten bereits mutig für das Kreuz in den Tod gehen, -
hängen fanatisch an ihren Priestern. Wenn der Tod sie fern von denselben ereilt,
ist es der Capitano, der das Recht hat, jenen zu ersetzen und ihnen die
Absolution und den letzten Segen zu erteilen.
    Ein sterbender Krieger verlangte ihn, und der wilde Palikarenführer zögerte
nicht, den Wunsch zu erfüllen, so lange die Waffenruche es erlaubte. -
    Ein Halblicht, durch zwei enge hochangebrachte Schiessscharten der Mauer, zu
denen steinerne Stufen führten, hereinfallend, beleuchtete das ziemlich grosse
Gemach, an dessen einer Wand halb aufgerichtet der Sterbende ruhte, während auf
der andern Seite auf dem Lager von Binsen und Laub das gefesselte Türkenmädchen
lag, mit dem Gesicht - nach dem Krieger gekehrt, dem ihre Kugel den Tod
gebracht, und ein Zug hohnlächelnden Frohlockens war in ihren dämonischen Augen
und um den festgeschlossenen Mund.
    Der General betrat allein das Gemach und setzte sich auf einen Stein an die
Seite des Verwundeten. Es war ein Kakavouniot, der wildeste und grausamste Stamm
der wilden und grausamen Mainoten, ein Mann, längst über das mittlere
Lebensalter hinaus und ein Häuptling seiner Familie, der bereits mit dem General
in mehreren Schlachten des ersten Befreiungskrieges gefochten. Die Natur von
Eisen, die an vierzig Jahre lang den blutigsten Kämpfen getrotzt, unterlag jetzt
der Kugel eines Mädchens.
    Grivas reichte dem Getreuen die Hand und verkündete ihm die Stellung des
Gefechts und die Vorbereitungen, die der Feind und er selbst getroffen, - das
war sein Trost zum Tode, und die Augen des alten Klephten funkelten bei der
Erzählung des Empfangs, den seine Gefährten den Türken bereiteten.
    »Lebt wohl, Capitano,« sagte er, »und mögen die Heiligen Euch beschützen und
die Unterirdischen Euch helfen! Ich gehe zum Acheron und die Panagia möge mir
gnädig sein. Habt Ihr die Zeit, so lasst ein Grab für mich bereiten, damit die
Moslems, wenn der Teufel ihnen den Sieg gibt, nicht meinen grauen Kopf nehmen.
Gebt mir den Segen, Capitano, denn mein Atem ist kurz und ich habe noch von den
Kindern der hohen Maina zu scheiden.«
    Der General sprach ein kurzes Gebet und machte das Zeichen des Kreuzes über
ihn. Dann fragte er, ob er vielleicht das Türkenmädchen entfernen solle, damit
ihr Anblick seine letzten Augenblicke nicht störe. Der Klephte aber machte
heftig das Zeichen der Verneinung, und noch ein Mal ihm die Hand reichend schied
Grivas von dem Krieger.
    Draussen befahl er dem Neffen, am Eingang des Walles Wache zu halten; er
selbst übernahm den Posten auf der Höhe des Turmes, die sechs Mainoten zu ihrem
sterbenden Genossen sendend. -
    Die wilden Gestalten der Krieger knieten um den Gefährten, den Comodouro,
sein leiblicher Vetter, unterstützte. Der sterbende Klephte sprach in leisen
Worten zu ihnen, er sprach von dem Kampf, in den sie gehen würden, und von der
Tapferkeit, die er von ihnen erwartete. Dann sprach er von den Seinen in der
Heimat und von den Tscheta's, - den Blutfehden, - die er seiner, Familie
zurückgelassen. Er gab ihnen Allen die Grüsse an die Heimat und seine letzten
Bestimmungen, damit, wenn Einer von ihnen den Türken entrinne, dieser sie den
Seinen überbringe. Zuletzt sprach er von seinem Tode und von der Pflicht der
Rache, die er ihnen hinterlasse.
    »Ich sterbe von der Hand eines Weibes, Fluch über ihr Geschlecht! Der Tod
durch Weiberhand ist kein Tod im Kampf, und das Gesetz unserer Väter verlangt,
dass er gerächt werde.«
    »Der General ist kein Sohn der Maina,« sagte Constantin, »er kennt nicht das
Gesetz der Blutrache. Das Weib wird sterben von meiner Hand!«
    Der Verwundete winkte abwehrend mit der seinen. - »Der Capitano hat
befohlen, dass ihr Leben geschont werde. Sie ist seine Gefangene - und wir sind
freie Krieger, die ihm Gehorsam geschworen. Das Weib darf nicht sterben, - es
würde der Tod eines Tapfern sein!«
    »Der Deine muss dennoch gesühnt werden, Andunah Vati, oder Dein Schatten wird
die Unterirdischen verlassen und Fluch bringen über die Schwelle unserer
Häuser.«
    »Er soll es!«
    Der Sterbende warf einen Blick wilden Hasses auf das Mädchen, das bisher
gleichgültig dem schaurigen Auftritt beigewohnt. Er flüsterte mit dem Auge auf
ihr ein Wort.
    Der Klephte nickte stumm.
    »Alle - Alle! Fluch und Schmach über sie!«
    Sie neigten Alle das Haupt.
    »Ich danke Euch, Brüder. - Das Auge wird dunkel - lebt wohl, Maini's, und
vergesst Euren Schwur nicht! - Heilige Jungfrau, bitte für mich und vernichte die
Moslems - -«
    Die Sechs begannen einen Gesang zu murmeln - eintönig, mit jener plärrenden
unangenehmen Weise der Griechen, die sich einzig in zwei Tönen bewegt - den
Sterbegesang eines Kriegers - halb Psalm, halb Hymnus!
    Die Augen des Sterbenden ruhten mit glühendem Hass auf dem Türkenmädchen,
starrer und immer starrer, während seine Hände über die Brust gefaltet waren.
Dann begannen seine Glieder sich zu strecken - ein unheimliches Gurgeln quoll
die Kehle herauf und ein Zucken erschütterte die Glieder.
    Der Wolf des Taygetos hatte geendet!
    Die Wölfin von Skadar schauderte unwillkürlich zusammen, - eine furchtbare
unbestimmte Ahnung überkam die wilde Amazone der Berge. Starr, wie das des
Todten, haftete ihr Auge auf der Gruppe um denselben.
    Fort und fort murmelten die Maini's den Sterbegesang.
    Dann erhoben sie sich Alle zusammen und schlugen das griechische Kreuz,
während Constantin Comodouro der Leiche die Lider über die grossen starren Augen
drückte und sie lang auf das Blätterlager ausstreckte. Der Blutsfreund des
Todten leitete die Leichenceremonieen - dazu gehörte die Rache!
    Er winkte nach der Gefangenen, die noch immer mit aufmerksamen Blicken jede
seiner Bewegungen beobachtete, den Tod erwartend. Sie tat es trotzig und
furchtlos - ihr Auge zeigte nur Verachtung und Hass.
    Er nahm aus der Tasche seiner Jacke zwei Würfel und alle Sechs kauerten sich
im Kreise neben den Todten.
    Sie würfelten - Comodouro begann! Sollte das Spielerglück entscheiden, wer
ihr den Todesstoss gab?
    Comodouro warf Sechs!
    Hassan Stavro - Acht!
    Georg Zanet - Eilf!
    Panagotti Zanetacchi - Vier!
    Georg Mauromichalis - Fünf!
    Demetri-Bei - Zwölf!
    Das Loos fiel auf ihn - aber seltsam - was sollte das bedeuten? - er begann
seine Waffen von sich zu legen, - die Waffen, die der Klephte nie von seiner
Seite lässt, ausser -
    Die Fünf zogen ihre Yatagans und nahten sich der Tür. Ein höhnisch frecher,
faunenartiger und gehässiger Blick fiel auf das türkische Mädchen und den von
den Würfeln Erwählten.
    Der Mainote Demetri-Bei, ein Mann von wildem Aussehen und riesigen
Körperformen, von etwa dreissig Jahren und in der Fülle seiner Kraft, begann ein
seidenes Tuch knebelartig zusammenzudrehen.
    Dann nickte er den Gefährten. Sie verliessen schweigend die Halle - hinter
ihnen fiel die Tür zu. Sie gingen, draussen am Wall mit ihren Yatagans ein Grab
zu schaufeln.
    Der Maini - der Todte - und die Türkin waren allein!
    Die Blicke der beiden Lebenden begegneten sich - die des Mainoten bohrten
sich frech auf das blasse, aber dämonisch schöne Antlitz des Weibes und die
Wellenformen ihrer gefesselten Gestalt -
    Die Blicke des Weibes sprachen Hass, Verachtung, aber zugleich Entsetzen.
    Die Augen des Todten sagten Nichts - sie waren geschlossen für dieses Leben
und geöffnet für das furchtbare Jenseits, wohin er seinen sündigen Hass mit
hinüber genommen und wo er gewogen wurde von der Schale des ewigen Richters, der
keinen Hass kennt, nur Gerechtigkeit!
    Die Türkin sah den Mainoten auf sich zukommen, seine Linke hielt den Knebel!
Schritt um Schritt - jetzt war er an ihrer Seite!
    Ihre Hände rangen sich wund, die ledernen Bande zu sprengen.
    Noch kam kein Laut von ihren Lippen.
    Dann - - - -
 
                                    Fussnoten
1 Gleich 48 Drachmen oder circa 17 Gulden, 1 Drachme = 100 Lephtas oder 21
Kreuzer.
2 Dieselbe lautete:
 »Wir Unterzeichnete, Bewohner der (Türkischen) Provinz Arta, sehr unterjocht
und mit Abgaben überhäuft, Unsittlichkeiten und Gewalttätigkeiten gegen unsere
Jungfrauen erduldend von diesen wilden und barbarischen Türken, setzen fort den
gemeinschaftlichen Krieg von 1821 und schwören auf den Namen Gottes und des
geheiligten Vaterlandes, dass wir unsere Waffen nicht eher niederlegen wollen,
bis wir unsere Freiheit errungen haben. Wir hoffen bei dieser Fortsetzung des
Kampfes von 1821, dass nicht nur alle freien, sondern auch die noch unter der
Knechtschaft der Türken senfzenden Griechen die Fahne der Freiheit erheben
werden, um den Kampf für Glauben und Vaterland fortzukämpfen. Dieser unser Kampf
bleibt ein heiliger, ein gerechter, begründet im Nationalrecht, deshalb wird uns
Niemand unser Vorhaben verdenken. Wohlauf denn, Brüder in Griechenland, Epirus,
Macedonien, Tessalien und Anatolien, erhebet auch Ihr die Fahne und steht uns
bei im Kampf für Freiheit und Glauben. Gott und die Heiligen mögen unser
Beginnen segnen.«
3 Kreise.
4 Sein Gesuch lautete:
 »Majestät! Mein engeres Vaterland grenzt an den Schauplatz des Krieges, welchen
die Nachbarn und Landsleute, die Epiroten, gegen die türkische Tyrannei
begannen. Was der gehorsamst Unterzeichnete zuerst bei seiner Ankunft hier
vernahm, war der Waffenlärm der für Glauben und Vaterland kämpfenden Brüder und
das Echo einer fernen Stimme, welche mich selbst wieder auf das Schlachtfeld
rief. Diese Stimme ist die des Vaterlandes, die Niemand unbeachtet lassen kann,
ohne Verräter an der Heimat und sich selbst zu werden. Indem ich auf diese
Stimme meines unterdrückten Volkes horche und ihm zu Hilfe eile, bitte ich Ew.
Majestät, mein Gesuch um Entlassung von meiner Stelle als Militair-Oberst,
welche Ew. Majestät mich würdigten, zu bekleiden, gnädigst anzunehmen. In
tiefster Ehrfurcht Ew. Majestät gehorsamer Diener und Untertan
                                                               Sotiris Stratos.«
5 Allgemeine Benennung der Bewohner von Albanien.
6 Die Führer der Freischaaren.
7 Tapfere.
8 Klan oder Stamm.
9 Kriegsgefang.
10 Familienhaupt, Hausherr.
11 Griechische Benennung der heiligen Jungfrau.
12 Mäntel von Ziegenhaaren.
13 Fehde.
14 Stammes.
15 Madame.
16 Wehrwölfe.
17 Secte des Ali, im Gegensatz zu den Suniten, den gewöhnlichen Türken.
18 Mausoleum.
19 Stellvertreter des Pascha's oder Gouverneurs.
20 Georg Kastriota, genannt Scanderbeg; seine Nachkommen, zum Islam
übergetreten, regierten drei Jahrhunderte lang die Landschaft Toskarien oder
Mutasche.
21 Der Kampfruf der Araber.
22 Mainoten.
 
                       Das Bombardement der Civilisation.
Es war am Nachmittag des 21. April, am Charfreitag des russischen Osterfestes,
als auf der schönen Strasse von Kiew her nach Odessa eine der gewöhnlichen
russischen Courier-Kibitken mit dem Dreigespann, der Troitza, eilig daher
rollte. Der Insitzende, ein Mann in Civil, zwischen Vierzig und Fünfzig, durch
das Begegnen zahlreicher Estafetten und Ordonnanzen während des ganzen Tages
aufmerksam gemacht, hatte bereits auf der vorletzten Station die sich mit
Blitzesschnelle verbreitende Nachricht erhalten, dass das vereinigte
französisch-englische Geschwader unter Vice-Admiral Hamelin und Admiral Dundas
am Tage vorher auf der Höhe der berühmten Handelsstadt erschienen sei und dass
man jeden Augenblick ein Bombardement erwartete. Zahlreiche Militair-Kommando's,
die in Eilmärschen, von Depeschen requirirt, auf Odessa zurückten, hatten
während des Vormittags die Strasse gesperrt, und nur der Umstand, dass der
Reisende, dessen Aussehen zwar den Militair verriet, der aber nur wenig
Russisch sprach, einen vom Kriegsminister selbst unterzeichneten Courier-Pass und
Befehl zur Pferdestellung besass, und auf der vorletzten Station einem der
ausgesandten Ordonnanz-Offiziere des General-Adjutanten Baron von Osten-Sacken,
der in Odessa kommandirte, höflich die Mitfahrt angeboten, hatte ihm die Mittel
zur Fortsetzung der Reise verschafft. Der Offizier, vom Tschugujeff'schen
Lancier-Regiment »Graf Nikitinn,« verstand in russischer Manier die Pferde zu
erzwingen und gab unterwegs seinem Begleiter, den er durch den kaiserlichen
Befehl als genügend legitimirt für das russische Interesse ansah, einen Bericht
über die Ereignisse der letzten Tage.
    Am 8. April war die englische Dampffregatte »Fourious« auf der Rhede von
Odessa erschienen und hatte unter Aufhissung einer Parlamentairflagge ihren Weg
in den Hafen fortgesetzt, bis die Abfeuerung von zwei blinden Schüssen von der
Hafenbatterie ihr Halt gebot. Sie zeigte hierauf die englische Flagge und hielt
sich ausserhalb der Schussweite, ohne jedoch Anker zu werfen, indem sie ein Boot
mit weisser Fahne nach dem Molo absandte. Dies wurde von dem dienstabenden
russischen Offizier empfangen, dem der Parlamentair, Lieutenant Alexander,
erklärte, dass er den englischen Consul sprechen - wolle. Der Russe erwiderte,
dass beide Consuln - da die Kriegserklärung bereits am 27. März erfolgt sei -
schon vor drei Tagen Odessa verlassen hätten. Verschiedene andere Fragen nach
der Anwesenheit englischer und französischer Untertanen und Schiffe, mit denen
der Parlamentair offenbar einige Zeit hinzubringen suchte, wurden mit der
endlich determinirten Erklärung abgeschnitten, dass man jede weitere Auskunft
verweigern müsse und das Boot sofort zu seinem Schiff zurückzukehren habe.
    Dies geschah; - das Boot jedoch, statt den direkten Weg nach der »Fourious«
einzuschlagen, beschrieb einen halben Bogen entlang den Hafenbatterieen.
Zugleich hatte der Capitain der »Fourious«, William Loring, obschon allerdings
die Maschine des Schiffes ausser Tätigkeit war, die Nordwestbrise benutzt, um
sich von derselben nach der Seite der Rhede, dem innern oder Quarantainehafen,
hintreiben zu lassen, und befand sich bereits innerhalb der Kanonenschussweite.
    Es lag demnach absichtlich oder unabsichtlich dasselbe Manöver vor, welches
von der »Retribution« im Januar auf der Rhede von Sebastopol versucht worden,
und der Kommandant der Batterie des Molo, dessen Befehl lautete, kein
feindliches Kriegsschiff innerhalb Kanonenschussweite herankommen zu lassen, liess
daher auf die Fourious, die, vergeblich durch die blinden Schüsse gewarnt, sich
zu nahe herangewagt hatte, ohne auf ihr Boot zu warten, von der Batterie Feuer
geben. Es fielen sieben Schüsse, ehe die Fregatte sich ausser den Bereich der
Kanonen legte1 und fortsegelte.
    Am 14. erschienen bereits die drei Dampffregatten »Retribution«, »Tiger«
(englisch) und »Descartes« (französisch) vor der Rhede und kündigten noch vor
der Forderung einer weiteren Erklärung ihre Ankunft mit mehreren scharfen
Schüssen gegen die Hafenbatterieen an. Auf die hiernach gestellte Anfrage, warum
man auf das Parlamentairschiff geschossen, gab Baron von Osten-Sacken eine
schriftliche, die Anschuldigung zurückweisende Erklärung des Vorganges, indem er
zugleich in einer Proclamation die Bewohner von Odessa aufforderte, im Angesicht
der Gefahr einer Blokade oder selbst einer Beschiessung der Stadt ihre Habe
landeinwärts in Sicherheit zu bringen. Die feindliche Schiffsdivision hatte sich
unterdess ausserhalb des Bereichs der Hafenbatterieen aufgestellt und fing alle
nach Odessa gerichteten russischen Schiffe auf. Während der Nacht gab sie
mehrere volle Lagen auf die am Hafen befindlichen Magazine, von denen eins in
Flammen aufging. Am andern Tage ging sie mit 14 Prisen zurück in der Richtung
von Varna.
    Am Freitag den 20. waren hierauf die am 17., ohne die Antwort des
Gouverneurs von Sebastopol abzuwarten, von Kavarna aus unter Segel gegangenen
vereinigten Geschwader auf der Rhede vor Odessa erschienen und warfen etwa 3
Seemeilen östlich von der Stadt Anker. Erst hier, am 21., erhielt nach dem
eigenen Bericht der Admiral Dundas das Antwortschreiben des General-Gouverneurs
von Osten-Sacken durch die nachkommende »Retribution«. - Bis hierher lautete der
Bericht des Offiziers, den der russische Gouverneur an die in der Umgegend
stationirten Truppen zur Herbeiholung von Verstärkungen abgesandt.
    Zahllose Fuhrwerke mit Habseligkeiten der Bewohner und diesen selbst
begegneten ihnen, je näher sie der Stadt kamen. Von der niedern Höhe, auf
welcher die Stadt in einiger Entfernung vom Hafen liegt, überblickten sie das
Meer und die feindliche Flotte. Sie zählten 28 Segel, darunter 6 Dreidecker, 13
Zweidecker und 9 Dampfschiffe.
    Am Eingang der Stadt und in den Strassen war das Gedräng so stark, dass der
Wagen oft längere Zeit still halten musste. Der Offizier benutzte eine solche
Pause, um einen vorübergehenden ihm bekannten Militair um weitere Nachrichten zu
fragen. Es war ein junger Mann von etwa 24 Jahren in der Fähnrich-Uniform der
Artillerie, der mit einem Studenten Arm in Arm daher kam.
    »He, Schtschegolew,« rief der Offizier, »Gott grüsse Dich und Herrn Poel an
Deiner Seite, die Ihr wie Castor und Pollux stets bei einander zu finden seid.
Komm hierher und sage mir, was seit gestern geschehen ist, dass alle diese Leute
so in Aufregung sind?«
    Der Fähnrich mit dem characteristisch russischen Gesicht, der breiten
gepressten Stirn und einer Mut und Entschlossenheit verratenden Kinnbildung,
trat zu der Kibitke.
    »Der Himmel erhalte Dich, Gospodin2 und Euer Wohlgeboren. Wir werden morgen
harte Arbeit bekommen. Die Admirale haben einen groben Brief an Seine Excellenz
heute geschrieben und wollen eine Entschädigung, wie sie es nennen, dafür haben,
dass wir vom Molo auf ihre Fregatte geschossen. Sie verlangen bloss, dass ihnen
alle französischen, englischen und russischen Schiffe, die bei der Festung oder
den Batterieen von Odjessa liegen, bis Sonnenuntergang ausgeliefert werden,
ausserdem sie Gewalt brauchen würden. K tschortu3! Als ob wir eine Festung
hätten! wir wollten's ihnen alsdann zeigen4.«
    »Ist Artillerie eingetroffen?«
    »Nur wenig. Mehr kann vor morgen Nachmittag nicht hier sein, wie ich mir
habe sagen lassen. Die leichte reitende Batterie Nr. 11 mit Oberst Galitzin ist
angekommen, aber wir zählen ausserdem nur 48 Geschütze.«
    »Das ist schlimm. Hat Seine Excellenz schon eine Antwort gegeben?«
    »Ich höre nein,« sagte der Student, »Krusenstern hatte eine derbe bereit,
aber Seine Excellenz der General-Gouverneur hält es für schicklicher, gar Nichts
zu erwidern.«
    »Ich werde meinen Weg zu Fuss fortsetzen, denn das Gedräng hält mich zu lang
auf und Oberst Baschkirzoff wartet nicht gern,« sagte der Offizier, aus der
Kibitke springend. »Entschuldigen Sie mich, mein Herr, und nehmen Sie meinen
Dank für die Gesellschaft. Fähnrich Schtschegolew, Du wirst mich verbinden, wenn
Du diesen Herrn nach dem Hôtel Impérial weisest, wo er absteigen will. Sie
kommen zu einer üblen Zeit nach Odjessa! Adieu!« Damit verschwand er eilig in
der Menge, der Fähnrich aber gab dem Postillon Anweisung, weiter zu fahren,
indem er mit seinem Freunde vorangehend dem Gefähr Bahn machte. So kamen sie
bald bis zum Hôtel, wo gleichfalls grosse Verwirrung herrschte und der Fremde die
beiden Herren und den Postillon verabschiedete. Nur mit Mühe konnte er des
Wirtes Herr werden, der ihm Zimmer anweisen liess und auf die Frage, ob Graf
Lubomirski hier logire, bejahend antwortete und ihn in die Wohnung desselben im
zweiten Stockwerk zeigte.
    Der Fremde traf jedoch bloss die Nichte des Grafen, die Gräfin Wanda Zerbona,
zu Hause, der er sich als einen Freund ihres Oheims vorstellte. Von ihr hörte
er, dass sie sich bereits seit länger als einer Woche in Odessa aufhielten, indem
sie gehofft, für sie hier noch eine Gelegenheit zur Ueberfahrt nach dem
kaukasischen Ufer zu finden und so den Landweg zu sparen, dass aber das
Bekanntwerden der Kriegserklärung der Westmächte dazwischen gekommen sei.
Bogislaw, der wackere Jäger des Grafen, wurden eiligst ausgeschickt, um seinen
Herrn zu suchen, der ein Fuhrwerk zu ermitteln gegangen war, mit dem sie die
bedrohte Stadt verlassen könnten.
    Mit Erstaunen fand der zurückkehrende alte Pole den unerwarteten Gast, zu
sehr aber Herr seiner Selbst, um sich in Gegenwart Anderer zu verraten, nahm er
ihn alsbald bei der Hand und führte ihn in ein zweites Zimmer, wo Beide
ungestört sich unterhalten konnten.
    »Um des Himmels Willen, General, wie kommen Sie hierher in eine russische
Stadt und in diesem Augenblick? Ich glaubte Sie nach den letzten Nachrichten in
Constantinopel oder mindestens an der Donau. Wo kommen Sie her?«
    »Direct von Petersburg,« sagte lächelnd der Fremde, den der Graf mit dem
Namen General bezeichnet und dem der Leser bereits in verschiedenen Scenen und
Unterhandlungen mit dem türkischen Exminister des Auswärtigen begegnet zu sein
sich erinnern wird. »Direct aus dem Kabinet des Kaisers Nicolaus.«
    »Sie scherzen!«
    »Dazu haben Leute unsers Schlages wenig Zeit. Aber in der Tat - ermangeln
Sie denn der Nachrichten aus Paris und ist es Zufall, dass ich Sie noch hier
treffe?«
    »Seit drei Wochen fast bin ich ausser Rapport und erwartete hier
Mitteilungen, die wahrscheinlich durch die nötigen Umwege verspätet sind. Mein
Aufentalt war für den April in Odessa angemeldet.«
    »Das wusste ich, und darum fragte ich auf gut Glück nach Ihnen. Demnach ist
Ihnen der Schlag, den Louis Napoleon am 26. März gegen den Bund zu führen
versucht, auch noch unbekannt?«
    »Vollständig.«
    Der General gab ihm eine kurze Mitteilung des Geschehenen. »Am andern Tage
bereits ging ein Bote an mich ab,« fuhr er fort, »der mir Ihr Memoir mit dem
Auftrag überbrachte, die Vorschläge sofort an geeigneter Stelle zu machen. Ich
war zum Glück an der Donau. Der Beschluss kam mir am 3. zu, ein russischer Pass
ist leicht beschafft und am 5. war ich bereits unterwegs nach Petersburg, was
ich für das Beste hielt, nachdem ich mit dem Fürsten unterhandelt hatte.«
    »Und der Erfolg?«
    »Ich hatte zwei Unterredungen mit Nesselrode und eine mit dem Kaiser selbst.
Alle unsere Pläne und Vorschläge scheitern an dem Worte Republik. Es scheint ihm
so verhasst, dass er selbst den handgreiflichen Vorteil dagegen opfert.«
    »Aber haben Sie ihm denn nicht bewiesen, dass dies mit einem Schlage die
Türkei in seine Hände geben, dass es all' seine Gegner und zweideutigen Freunde
vernichten, und dass es Russland allmächtig machen würde?«
    »Mehr als dies; ich bewies ihm klar, dass eine magyarischslavische Republik
der zuverlässigste Freund und Bundesgenosse Russlands sein und dass das
Ländergebiet ihm doppelt und dreifach ersetzt werden würde, ja dass wir von dem
grössten Teil Polens ganz abstrahiren wollten. Seine Antwort war: Jede Republik
wäre ein Fluch für Europa und der Kaiser von Oesterreich sei sein Freund und
Bundesgenosse. Er wolle nur sein Recht und keine Machtvergrösserung.«
    Der Graf lachte bitter.
    »Das ist die Einbildung, mit der sich dieser Mann von Granit selbst täuscht.
Ich habe soviel gesehen und gehört hier und auf dem Wege hierher, dass ich weiss,
er muss unterliegen, wenn er unsere Hilfe verschmäht. Oesterreich spekulirt
bereits auf die Fürstentümer und Preussen wird ihn unter keinen Umständen
unterstützen, denn ausser der französischen gibt es dort bereits eine wichtigere
englische Partei, zu der sich selbst viele Ultraconservative neigen.«
    »Persien,« sagte der General, »auf das die russische Intrigue sicher
rechnete, hat gleichfalls alle Rüstungen wieder eingestellt. Ich weiss bestimmt,
dass von England bereits mit Sardinien wegen Teilnahme an dem Kriege
unterhandelt wird, um durch dessen Contingent ein gewisses Gleichgewicht gegen
Frankreich herzustellen. Ich begreife übrigens den Kaiser nicht; bei aller
seiner Consequenz und seinem Hass gegen die Revolution stützt er sich doch
hauptsächlich auf eine solche der Griechen und sein Kabinet sucht durch ganz
Anatolien die Völkerschaften gegen den Halbmond aufzuregen.«
    »Die religiöse Anschauung dieses Mannes beherrscht seine politische, er hasst
den Islam und bildet sich in der Tat ein, einen Religionskrieg für die
Befreiung der griechischen Kirche zu führen, während seine Umgebung von
Nesselrode an sehr wohl weiss, dass der Krieg ein rein politischer ist. Ebenso
täuscht er sich über die Institutionen, die er geschaffen. Er hielt sie für
genügend zu dem Kriege und wusste nicht, wie wir, dass er um zehn Jahre zu früh
begonnen. Doch wie sind Sie mit ihm auseinander gekommen, und hierher mach
Odessa?«
    »Ich habe ihm mein Ehrenwort als Soldat geben müssen, Russland ohne weitere
Verhandlungen und Schritte auf dem geradesten Wege, für mich also, da ich nicht
durch Oesterreich und Preussen gehen konnte, über Odessa und in der kürzesten
Frist zu verlassen. Er ist Soldat und wir verhandelten wie zwei sich
gegenüberstehende Feldherren mit einander. Er hat ausdrücklich jede Begleitung
meiner Person verboten, sich auf mein Wort verlassend,5 und ich bin daher durch
Ehrenpflicht gebunden.«
    »Haben Sie Etwas von Bakunin erfahren?«
    »Er ist noch in Schlüsselburg, geniesst aber grösserer Freiheit. Ich hörte,
dass sein Onkel Murawieff sich für ihn zu interessiren beginnt.«
    »Er hätte uns den Weg zu der slavischen Republik bahnen können; es war ein
Unglück, dass er sich in das nutzlose Spiel in Dresden mengte. Was haben Sie nun
nach der Scheiterung unseres Vorschlags beschlossen?«
    »Es bleibt uns Nichts übrig, als vorläufig an den alten Plänen festzuhalten.
Es stürzt Europa wenigstens für Jahre hinaus in Verwirrung und ermattet es. Wir
haben noch immer den Vorteil, die günstige Gelegenheit ergreifen zu können, und
da Russland nicht mit uns sein will, müssen wir mit allen Kräften zu seiner
Niederlage beitragen. Die höchste Gewalt richtet ihr Hauptaugenmerk jetzt auf
Sardinien. Ich muss um jeden Preis sofort nach Constantinopel, um dort jeden
Verdacht zu vermeidend.«
    »Das wird schwer sein,« meinte der Graf, »der General-Gouverneur hat das
Embargo auf alle Schiffe gelegt und kein Boot darf den Hafen verlassen.«
    »Glauben Sie an ein Bombardement?«
    »Ich erwarte es, vielleicht schon morgen.«
    »Sind keine der Unsern in Odjessa?«
    »Ich habe zufällig den Capitain eines Marseiller Kauffahrers, des Antilles,
aufgefunden. Er gehört dem zweiten Grade. Sein Schiff liegt im Quarantainehafen
mit voller Getreideladung, aber unter Embargo und unter den russischen Kanonen.«
    »Wir müssen auf jede Chance vorbereitet sein. Lassen Sie uns ihn aufsuchen.«
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    Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Bombardement, von Odessa eine von
London her befohlene Revange für die Schlappe von Sinope war. England konnte es
nicht ertragen, dass Russland einen, Seesieg erfochten haben sollte, und die
englischen und französischen Journale wetteiferten mit einander, den offenen und
ehrlichen Angriff auf die feindliche, in feindlichen Handlungen beschäftigte
türkische Flotte, wobei durch die Stellung derselben ein Teil der nahen
Türkenstadt notwendiger Weise von den russischen Kugeln bestrichen werden
musste, für eine Handlung der Barbarei auszugeben, »wie sie in der Kriegsführung
civilisirter Nationen unerhört sei!«
    Durch diese - gegenüber dem späteren Verfahren, namentlich der englischen
Flotte im Schwarzen Meere und der Ostsee, mehr als verächtlichen - Rodomontaden
suchte man sich zu einem Rächer der beleidigten Civilisation zu stempeln, eine
Phrase, die in dem orientalischen Kriege überhaupt zum Überdruss albern
gebraucht worden ist, um unter dieser Firma eine Reihe von wirklich bisher in
der Kriegsführung civilisirter Nationen unerhörter Handlungen zu begehen, indem
man neben einem Raub- und Plünderungssystem zur See alle irgend zugangbaren
unbewaffneten und unbeschützten Orte und Vorräte nutzlos zerstörte, die
Hunderttausenden hätten Nahrung geben können!
    Die englischen Schiffe betrachteten es, wie gesagt, offenbar als ihre
Hauptaufgabe, die russischen Handels-Etablissements zu vernichten, und mit
welchem Ruhm auch die Landheere Frankreichs und zum Teil auch Englands vor
Sebastopol sich bedeckt haben, die Taten der Flotte bleiben schmachvoll
aufgezeichnet im Buche der Geschichte.
    Der erste Schlag sollte gegen Odessa geführt werden, die Handelskönigin des
Schwarzen Meeres, die Kornkammer eines grossen Teils von Europa. Die
Veranlassung war leicht gefunden in der mutwillig herbeigeführten Beschiessung
des Parlamentairschiffes, das offenbar den Auftrag des Spionirens oder des
Zankapfels hatte. Dass das Bombardement bereits vor allen Erörterungen mit den
russischen Behörden beschlossen war, zeigen die einzelnen Daten der Operationen
und die bereits am 14. und 15. vorgenommenen Probebeschiessungen.
    Unsere Leser wissen, dass wir uns im Laufe dieses Buches auf einem möglichst
unparteiischen Standpunkte gehalten haben, aber wir glauben auch dadurch
berechtigt zu sein, nach unserer Ueberzeugung ein hartes und scharfes Urteil an
bestimmten Orten auszusprechen.
    Wir haben bereits erwähnt, dass das Bombardement schon beschlossen und die
Correspondenz der Vice-Admirale daher nur eine Sache der Formalität war. Die
Auslieferung der Schiffe wäre eine Feigheit gewesen, deren sich kein Soldat
schuldig gemacht hätte, die angemessene und der militairischen Ehre
entsprechende Consequenz der angedrohten Gewalt aber blieb das »Herausholen« der
geforderten Schiffe.
    Auf beiden Seiten wurde die Nacht mit den Vorbereitungen des Angriffs und
des Widerstandes verbracht.
    Am Sonnabend den 22. Morgens 61/2 Uhr gingen nach den Dispositionen der
beiden Vice-Admirale die zum Angriff bestimmten acht Dampffregatten - fünf
englische und drei französische - gegen den Hafen vor. Zunächst legten sich die
beiden französischen Fregatten, »Vauban« von 16 Kanonen (Capitain d'Herbinghen)
und »Descartes« von 16 Kanonen (Capitain Darricau), mit den beiden englischen
Fregatten, »Tiger« von 16 Kanonen (Capitain Giffard)6 und »Sampson« von 16
Kanonen (Capitain Jones), etwa 5-6000 Fuss weit von der Pratika, den Batterieen
gegenüber.
    In zweiter Linie standen die englischen Dampffregatten, »Terrible« von 21
Kanonen (Capitain Claverty), »Furious« von 6 Kanonen (Capitain Loring), und
»Retribution« von 26 Kanonen (Capitain Drummond), so wie die französische,
»Mogador« von 24 Kanonen (Capitain de Wailly). Das englische Linienschiff
»Sans-Pareil« nebst der Dampfcorvette »Highflyer« hielten sich an der äussersten
Gränze der Tragweite der Batterieen, um nötigenfalls den Fregatten zur
Unterstützung zu dienen. Ausserdem stand ein Detaschement von Kanonenböten unter
Commandeur Dixen in der Kampflinie.
    Der russische »Molo« und die Verteidigungslinie der beiden Häfen zählten 6
Batterieen mit zusammen 48 Kanonen, die im Augenblick des Angriffs in Odessa
concentrirten Truppen an 25,000 Mann.
    Die Zahl der Geschütze, welche gegen einander feuerten, betrug daher
ungefähr 150 gegen 50. In den obigen Angaben der Schiffsarmirung sind nur die
schweren Geschütze à la Paixhans begriffen, und das Kaliber derselben übertraf
durchgängig das der russischen Geschütze in kolossalem Verhältnis, wodurch es
den Schiffen möglich wurde, sich in einer grossen Entfernung zu halten, so dass
z.B. die Hafenbatterieeu Nr. 3 und 5 gar nicht tätig am Kampf Teil nehmen
konnten, während sie dem feindlichen Feuer doch ausgesetzt blieben.
    Auf der rechten Seite der Rhede lag die Batterie Nr. 1, und die Batterieen
liefen bis zu der Vorstadt Perecop, wo sie mit Nr. 6 schlossen.
    Wenige Minuten vor 7 Uhr feuerte die »Sampson« den ersten Schuss gegen die
Batterieen vor dem Pratikahafen - den die Berichte der Admirale den
»kaiserlichen« nennen - ab, und hiermit begann der Kampf, indem die feindlichen
Schiffe fast durchgängig das Manöver brauchten, unter Dampf zu fechten und einen
beweglichen Kreis von etwa einer halben Meile Durchmesser zu bilden, so dass im
Vorüberfahren jedes Schiff seine Breitseite gab, was natürlich das Ziel der
Russen neben der Entfernung - zuerst circa 5000 Fuss, später etwas über 3000 Fuss
- noch erschwerte.
    Dennoch antworteten die Kanonen auf dem »Molo« kräftig und nicht ohne Glück.
Nach dem Verlauf von etwa andertalb Stunden musste der »Vauban« die Kampfreihe
verlassen, von drei glühenden Kugeln getroffen, wovon die eine mehrere Speichen
seines Schaufelrades zertrümmert und die anderen seine Windwand in Brand gesetzt
hatten. Eine dieser letzteren war zwischen die Radlücken eingedrungen und
verglühte inwendig die Wand. Die Feuerpumpen der Fregatte spielen, um den Brand
zu löschen, aber vergeblich - und der »Vauban« muss sich zurück- in die Mitte des
Geschwaders flüchten, wo ihm von allen Seiten Hilfe kommt, so dass er endlich um
12 Uhr wieder zu dem Gefecht stossen kann.
    Unterdess hatten die Admirale der zweiten Division das Signal zur Teilnahme
gegeben und die vier Fregatten rücken gegen 10 Uhr in den Gefechtskreis und
beginnen ihr Alles niederwerfendes furchtbares Feuer, einen Hagel von Bomben und
Granaten auf den Hafen und die anliegenden Stadtteile, grösstenteils Magazine,
schleudernd.
    Dennoch war Anfangs der angerichtete Schaden verhältnissmässig nicht bedeutend
und die aufflammenden Feuersbrünste waren bald wieder gedämpft, bis die sechs
englischen Kanonierschaluppen den Versuch machten, am nordwestlichen Teil des
Dammes, wo keine Batterie errichtet war, mit Mannschaften zu landen, indem sie
zugleich eine Masse 24pfündiger Raketen aus die Schiffe des Hafens und die
umliegenden Gebäude warfen.
    Bald standen dadurch sechs Magazine in vollen Flammen und die Dampffregatten
näherten sich, um das Werk der Zerstörung kräftiger zu betreiben und die im
Freihafen eingeschlossenen Schiffe noch schneller zu verbrennen. Unter denselben
befand sich ein einziges kaiserliches Dampfpacketboot, der »Andié«, das von dem
Capitain sofort versenkt und so gerettet wurde. Das Gleiche geschah mit mehreren
anderen russischen Küstenschiffen. Acht derselben und ein österreichisches
Schiff, die »Santa Caterina«, verbrannten. Der schöne Woronzow'sche Palast wurde
durch Bomben in Brand geschossen, das Palais-Royal mit der Statue Richelieu's
zerstört; mehrmals verliessen einzelne Linienschiffe das Geschwader und legten
sich gegen den Strand, um aus der Ferne das auf der Höhe befindliche Landhaus
des Generals Lüders zu beschiessen.
    In diesem gefährlichen Augenblick erschien aus der Höhe des sandigen
Strandes in der Nähe der Vorstadt Perecop eine Feldbatterie von 6 Geschützen mit
6 Compagnieen Infanterie zur Deckung, um die Landung der Schaluppen zu hindern,
und eröffnete gegen diese mit solchem Erfolg das Kartätschenfeuer, dass die
Schaluppen sich mit Verlust zurückziehen und mehrere der Fregatten das Feuer
aufnehmen mussten. Ein Teil der Vorstadt Perecop ging hierbei in Flammen. -
    Unter der Menschenmenge, welche den Quai am Morgen vor dem Beginn des
Bombardements füllte, befanden sich auch der General und sein Freund. Der Hafen
war bedeckt von hin- und herfahrenden Böten.
    »Sie wollen also dennoch den Versuch wagen?«
    »Wenn der Capitain seine Schuldigkeit getan«, sagte der General, »und
während des Bombardements nicht unglücklicherweise eine Kugel gleich das Schiff
segelunfähig macht, hoffe ich, den günstigen Augenblick benutzen zu können.
Leben Sie wohl, Freund, und fahren Sie fort in Ihrem Wirken. Sind Sie Ihrer
Nichte ledig, werden Sie sich ungenirter bewegen können. Die Verbindung durch
das griechische Handlungshaus haben wir besprochen und Sie erhalten von
Constantinopel aus weitere Nachricht, wo ich das Eintreffen des französischen
Prinzen abwarten werde. Halten Sie die russischen Lieferanten im Auge, diese
haben den Krieg in Händen. Und jetzt - wo ist das Schiff? ich erkenne es in
diesem Gewirr nicht.«
    »Der Antilles ist das dritte vom Ausgang des Hafens, sehen Sie dort, ein
anderer französischer Kauffahrer, Adèle, liegt hinter ihm. Hier ist das Boot und
so leben Sie wohl - die Zeit drängt.«
    In diesem Augenblicke donnerte bereits der erste Schuss der »Sampson« und der
General sprang nach einem kurzen Händedrucke in die Barke. In dieser Zeit der
Verwirrung fragte Niemand nach Legitimation oder Berechtigung, und der Quai
leerte sich rasch von Menschen.
    Schuss auf Schuss krachte von der Rhede her und vom Molo entgegen, während das
Boot an die Seite des französischen Kauffahrers flog und der Fremde an Deck
sprang. Dort war Alles voll Aufregung. Der russische Embargo-Beamte hatte das
Schiff verlassen und der Capitain sofort seine Leute versammelt und ihnen den
Vorschlag gemacht, die Verwirrung eines bevorstehenden Angriffes zu dem Versuche
zu benutzen, aus dein Hafen und somit aus der drohenden russischen
Gefangenschaft zu entfliehen. Seine feurigen Worte hatten die kühnen Matrosen
willig gefunden, und Alle erklärten sich bereit, dem doppelten, Kugelhagel zu
trotzen. Als der General an Bord kam, war bereits Alles in voller Tätigkeit,
das Schiff segelfertig zu machen. Ein Boot hatte den Capitain des zweiten
Schiffes von dem Vorhaben benachrichtigt, und in dem Augenblick, als durch die
Demonstration der Kanonenböte die Aufmerksamkeit der Verteidiger abgelenkt
wurde, verliessen beide Schiffe, indem sie ihre Anker kappten, den Hafen, sobald
sie ausserhalb des Einganges waren, die französische Flagge aufziehend. Der
»Antilles« kam glücklich ohne erhebliche Beschädigung seiner Wände und Masten
durch das furchtbare Kreuzfeuer und erreichte das Geschwader und das
französische Admiralschiff »Stadt Paris«, wo Admiral Hamelin dem Capitain den
Rat gab, sofort nach Constantinopel weiter zu gehen. Am 29. ankerte es mit
seiner Ladung von 3500 Tschetwert Getreide glücklich im Bosporus. Das andere
Schiff, »Adèle«, erhielt zwar einige Kugeln im Wind und erlitt einige Havarie
der Takelage, gewann jedoch gleichfalls bei dem ziemlich heftig während des
ganzen Kampfes wehenden Winde die hochgehende freie See. -
    Die Batterie Nummer 6 am Ende des Molo war es, die den feindlichen Schiffen
den meisten Schaden tat, und auf welche dieselben daher bei ihrem Kreislauf ihr
concentrirtes Feuer richteten. Bereits zu Anfang war eines der vier Geschütze
der Batterie demontirt und dabei der kommandirende Offizier schwer verwundet
worden. Der Artillerie-Fähnrich Schtschegolew übernahm sofort das Kommando, da
jedoch der Feind ausserhalb des Bereiches der dritten Kanone stand, so konnten
nur die beiden Kanonen der linken Seite operiren, und mit diesen beiden
Geschützen hielt der tapfere junge Offizier sechs Stunden hindurch Stand gegen
die feindlichen Dampfboote, zuletzt gegen acht Dampfer und die Segel-Fregatte
»Aretusa«.
    Der Pulvervorrat bei der bereits halb demontirten Batterie wurde jedoch
durch eine Rakete in Brand gesteckt und flog in die Luft. Der Artillerist,
welcher den neuen Pulverkarren herbeiführte, fiel tödtlich verwundet und der
Kugelregen über den Weg war vernichtend - die Batterie längere Zeit ohne
Munition. Da ergriff der herbeikommende junge Freund des tapfern Kommandanten,
der Student Poel, die Zügel des Gespanns, und den eisernen Hagel nicht achtend,
führte er glücklich den Pulverkarren in den Schutz der Batterie. Seinen Rock
abwerfend, blieb er hier bei dem Freunde, der nur von sechs Artilleristen noch
unterstützt war, in der Bedienung der Kanonen helfend und die Kugeln
herbeitragend. Auch die dritte Kanone wurde zum Schweigen gebracht, mit ihr
fielen zwei Mann!
    Unerschrocken setzten Schtschegolew und seine Tapferen das Feuer mit der
vierten fort. Erst Nachmittags 2 Uhr, als die von der Batterie gedeckten Schiffe
sämtlich in Flammen aufgegangen und die Batterie selbst in Brand geraten war,
verliess der Fähnrich mit dem Studenten und den letzten drei Artilleristen sein
letztes Geschütz und gelangte glücklich zu den Seinen7.
    Die Bomben, welche die Schiffe von Zeit zu Zeit auf die Stadt geworfen,
hatten ausser dem bereits bezeichneten wenig Schaden getan, da die Entfernung zu
gross und die zurückgebliebene Einwohnerschaft, die sich während des Kampfes sehr
gut genommen hatte und unter dem Feuer den kämpfenden Artilleristen Lebensmittel
brachte, mit Löschanstalten bereit stand. Nach 4 Uhr stellte die angreifende
Division, der noch die französische Dampfcorvette »Caton« sich angeschlossen
hatte, ihr Feuer ein und kehrte zu dem Gros der Flotte zurück, vier ihrer
Schiffe, den »Descartes«, »Vauban«, »Mogador« und die8 »Terrible« im Schlepptau,
wovon die Havarie zweier das Werk der Batterie Schtschegolew's war. Die Verluste
an Mannschaften auf der Flotte waren verhältnissmässig sehr unbedeutend, kaum
nennenswert, in Folge der weiten Entfernung, die Russen jedoch hatten 200 Todte
und etwa 300 Verwundete.
    Sechszehn Schiffe und die Magazine und Etablissements des Freihafens
grösstenteils waren zerstört, keines der geforderten Schiffe dagegen genommen.
    Solches war die erlangte »Genugtuung« der civilisirten Westmächte, deren
amtlicher Bericht meldet:
    »Es konnte uns nicht in den Sinn kommen, der Stadt Odessa das geringste Leid
zuzufügen, eben so wenig wie ihrem Handelshafen.«
    Am andern Tage, am griechischen Ostersonntag, erwartete man die Wiederholung
des Bombardements. Während der Nacht hatten die Russen so viel als möglich ihre
Batterieen wieder hergestellt, neue Verschanzungen aufgeworfen und starken Zuzug
erhalten.
    Es näherte sich aber bloss die Dampfcorvette Fury zur Recognoscirung des
Hafens, an dem mehrere Gebäude noch brannten, und warf einige Granaten auf den
Strand, wurde jedoch mit einem starken Feuer empfangen, das ihren Capitain
verwundete. Ein Dampfboot, welches auf der Höhe von Sebastopol zur Beobachtung
der russischen Flotte mit acht anderen Kriegsschiffen kreuzte, brachte dem
Admiral Dundas die Nachricht, dass an den russischen Schiffen, vor Sebastopol
eine ungewöhnliche Bewegung bemerkt werde, und ein Auslaufen derselben möglich
sei. Die vereingte Flotte legte sich auf diese Nachricht weiter hinaus auf die
See.
    Am 26. Morgens 8 Uhr verliess die Escadron auch diese Stellung, indem drei
der havarirten Damffregatten und ein Linienschiff die Richtung nach Varna
einschlugen, der Rest der Flotte nach Süd-Osten sich wandte. Um Mittag waren die
letzten Schiffe ausser Sicht.
 
                                    Fussnoten
1 Die Erklärung des englischen Capitains Loring vom 21. April 1854 sagt, dass der
erste Schuss gegen das Boot gerichtet gewesen, aber 180 bis 210 Fuss von der Barke
abseits (also nicht auf dieselbe gezielt!) in's Meer gefallen sei, und lässt die
Wirkung und Entfernung der andern ganz unberührt. Auch aus dem weitern Wortlaut
geht hervor, dass das Schiff dem »Molo« damals näher war, als das Boot. - Der
englische Capitain musste wissen, dass es einem feindlichen Kriegsschiffe nicht
gestattet werden konnte, auf Kanonenschussweite in den Hafen zu kommen, und es
ist den Admiralen auch nicht eingefallen, die gleiche Behandlung der
»Retribution« am Eingang des Hafens von Sebastopol - zur Zeit, als der Krieg
noch nicht einmal erklärt war! - für Bruch des Völkerrechts auszugeben und dafür
Sebastopol zu bombardiren. Hiernach ist die nachfolgende Handlungsweise
rechtlich zu beurteilen.
2 Herr; die zweite Anrede bezieht sich auf den Fremden.
3 Zum Henker!
4 In der Tat sprechen die Schreiben und Bülletins der westmächtlichen Admirale
immer von einer Festung und einem Kriegshafen von Odessa, während weder die eine
noch der andere dort existirt. Die Häfen sind beide längst nur Handelshäfen und
zwar ist der eine - der frühere Kriegshafen - der jetzige Pratika- oder
Freihafen, welcher die Handelsschiffe nach überstandener Quarantaine aufnimmt,
der andere der Quarantainehafen. Beide werden nur von sechs Batterieen
geschützt; im Uebrigen ist Odessa eine ganz offene Handelsstadt.
5 Es ist Tatsache, dass während des Donaufeldzugs von den Häuptern der
revolutionairen Propaganda der russischen Regierung ein solcher Vorschlag
gemacht wurde, aber an der Abweisung des Kaisers scheiterte.
6 Dasselbe Schiff, das am 12. Mai in der Nähe von Odjessa auf den Strand geriet
und im Kampfe von den herbeigeeilten russischen Batterieen trotz der Hilfe
zweier heranfahrender grosser Schiffe gezwungen wurde, die Flagge zu streichen
und sich zu ergeben. Nachdem die Mannschaft gelandet, wurde es in Brand
geschossen.
7 Baron von Osten-Sacken begrüsste bei der Rückkehr den Tapfern als Ritter des
Militair-Verdienstordens. Der Kaiser beförderte ihn zum Stabs-Capitain und die
Batterie, die er so tapfer koimmandirt, erhielt seinen Namen.
8 Die Franzosen nennen gewöhnlich ihre Schiffe mit dem männlichen Artikel, die
Engländer mit dem weiblichen.
 
                          Aug' um Auge, Zahn um Zahn!
Wir kehren zurück in die Kula von Protopapas.
    Ein grauenhafter - schrecklicher Kampf hatte sich dort entsponnen, um so
schrecklicher, als er schweigend von beiden Teilen geführt wurde, und der
einzige Zeuge, ausser Gott - stumm war.
    Der riesige Klephte warf sich auf die Türkin - den ersten ungehört
verhallenden Auffschrei der weiblichen Angst, - den Ruf: »Nicolas, herbei!«
benutzte er, um den seidenen Knebel ihr zwischen die Zähne zu pressen.
    Von dem Augenblicke an sprachen nur ihre Augen - eine furchtbare, jeden
Anderen, als den wilden Sohn des Taygetos entsetzende Sprache.
    Der Kampf des gefesselten Mädchens, während die rohe Hand des Maini's ihre
Kleider in Stücken riss, war lang - schrecklich! Die Brust keuchte in dem
vergeblichen Widerstand unter der riesigen Kraft des Mannes, verdoppelt durch
die wilde Erregung aller Nerven und Sehnen.
    Dann unterlag sie endlich - ruhig, still - mit der Gleichgültigkeit der
Verzweiflung. Nur in den dunkeln, krampfhaft starren Augen lag es wie ein
furchtbarer Schwur.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zu den fünf Gefährten, die mit ihren Yatagans das Grab des erschossenen
Maini's gruben, trat Demetri-Bei und nickte schweigend mit grauenhaft frechem
Blick an Georg Zanet, indem er ihm den Yatagan aus der Hand nahm und selbst zu
schaufeln begann.
    Der Mainot George Zanet hatte eilf Augen geworfen, er ging nach der Kula.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nach Georg Zanet kam Hassan Stavro - acht Würfelaugen!
    Ihm folgte der Vetter des Erschlagenen - Constantin Comodouro - Sechs!
    Ohne ein Wort zu sprechen, lösten sich die sechs Mainoten an der Gruft ab.
    Als der Letzte - Panagotti Zanetacchi - zurückkehrte, war das Grab fertig.
    Jetzt entfernten sich Alle Sechs nach dem Turm, den Todten zu holen. Sie
warfen keinen Blick nach dem Opfer der furchtbaren Rache, sondern fassten stumm
den Körper und trugen ihn hinaus.
    An der Wand lag die Türkin, der Knebel war längst aus dem Munde gefallen -
aber kein Laut hatte mehr die grimmige Resignation unterbrochen, mit der sie
nach dem erschöpfenden Kampf Alles geduldet. Gleich einer Todten lag sie da -
das Auge geschlossen, geisterhafte Blässe auf dem Antlitz, und ihr langes,
dunkles Haar floss wirr auf den Boden. Die mitleidigere Hand des Letzten hatte
die leichte Decke ihres Mantels über die Unglückliche geworfen - darunter lag
sie und nur ein krampfhaftes Zucken, das von Zeit zu Zeit über ihre Glieder
schauerte, verkündete das Leben in der sonst regungslosen Gestalt.
    Mit demselben eintönigen Gesang, der den Tod des Kriegers begleitet,
begannen sie jetzt ihn in sein Grab zu legen.
    Da scholl der Ruf des Generals von der Platform des Turmes und Nicolas
Grivas sprang von seinem Posten auf der Höhe des Walles herunter in die
Umringung.
    In demselben Augenblicke zischte es durch die Luft und prasselte es zwischen
die Erde und die Steine des Walls und die einschlagende Kugel streute sie weit
umher.
    Ein schwerer Stein traf die Leiche, gleich dem rächenden Donnerstrahl des
Himmels, und warf sie aus den Händen der Träger kopfüber in das Grab.
    Alle Sechs waren von leichten Splittern leicht verwundet, - Schrammen nur, -
wenige Blutstropfen, die kein Mann achtet, am Wenigsten der wilde Krieger der
Maina.
    Doch - sie waren gezeichnet!
    »Zu den Waffen, Kameraden, an Eure Posten!« befahl der General, von der
Stiege des Turmes herabeilend. »Die Feuer angezündet und dann deckt Euch hinter
den Wällen.«
    Zwei schon vorher bereitete Feuer von Reisig und Geröhr im Innern des
Zuganges und möglichst gedeckt, qualmten alsbald empor.
    Um dieselbe lagen Bündel von trockenen Zweigen, Laub, Binsen, Gras, mit
Streifen leichten Zeuges durchwunden, in welche der Mantel und Schleier der
Verkleidung des jungen Griechen zerrissen worden war.
    Kugel auf Kugel schlug jetzt in kurzen Pausen an Turm und Wall und endlich,
als die Artilleristen das Ziel gefunden, in die Stein- und Holzbarrikade des
Einganges.
    Den Verteidigern der Palanka schadeten die Kugeln wenig, sie lagen teils
im Turm versteckt, teils wohl geschützt hinter dem Wall; die Wachen aus den
Schiessscharten des Turmes beobachteten ungefährdet die Gegner.
    Die Kanonade hatte eine halbe Stunde gedauert und die Barrikade des
Einganges am klaffenden Felsenspalt war jetzt zerrissen.
    Dann schwieg das Feuer und von der Höhe des Turmes tönte der Ruf der Wache:
    »Sie kommen.«
    Die Griechen sprangen empor aus ihren Verstecks und sammelten sich um den
Führer, der bereits Jedem seinen Anteil am Kampfe bezeichnet hatte.
    Nur Einer - Panagotti Zanetacchi - wurde als Wache auf den Turm
zurückgesandt, die Anderen machten sich zum Kampf bereit, Jeder untersuchte
sorgfältig das Schloss seiner Flinte und der langen Pistolen und lüftete den
Handjar.
    Frische Reisigbündel wurden auf die Feuer gelegt, die anderen näher zur
Glut geschoben; dann nahm Jeder seinen Posten am Wall ein, so gut gedeckt als
möglich und doch mit freiem Blick auf den nahenden Feind.
    Und er kam heran - diesmal waren es die Arnauten Selim-Bei's, geführt in
Stelle des Pascha's, von Abdallah, dem jungen Emir. Auf dem Felsenwall und zu
beiden Seiten desselben drängte es wieder heran in dichten bunten Haufen, jeder
Mann vor sich ein oder zwei grosse Reisigbündel tragend, die seinem Körper
zugleich Schutz gewährten gegen die Kugeln der Griechen.
    Aber die Kugeln der Mainoten blieben aus; der General hatte ihnen streng
befohlen, den Schuss zu sparen, bis der Feind in grösster Nähe und jede Kugel
ihres Zieles sicher war.
    Als die Anrückenden etwa die Hälfte des Dammes zurückgelegt hatten, gab der
Emir, den Säbel schwingend, mit dem arabischen Kampfruf: »Allah Akhbar!« das
Signal zum Angriff und die ganze Masse, etwa Dreihundert an der Zahl, von denen
die Hälfte in dichten Gliedern den Damm einnahm, stürzte in wildem Lauf
vorwärts.
    Sie waren zwanzig Schritt vom Felsspalt, als die Büchse des Generals das
Zeichen zur Salve gab. Fast gleichzeitig knallten die sechs Flinten und die
Kugeln warfen die Vordersten zu Boden oder hinab vom Felskamm auf ihre
Kameraden. Einige Kugeln hatten in dem dichtgedrängten Haufen Mehrere verwundet,
- keine gefehlt, aber die Arnauten hielten sich nicht auf mit einer Erwiderung
des Feuers, sondern stürzten mit jener Todesverachtung vorwärts, die den Moslem
auszeichnet. Ueber Todte und Verwundete drängten die Krieger zum Rande des
Felsenspaltes, auf dessen Grund zu beiden Seiten bereits die Kameraden ihre
Reisigbündel emportürmten.
    Zugleich warfen sie die ihren in den Grund, und viele Leiber, von den
Pistolenkugeln der Mainoten in dieser Nähe durchbohrt, halfen den Spalt füllen.
    In wenig Augenblicken war die Füllung bis auf einen Nest von Mannshöhe
geschehen, und die wilden Krieger stürzten sich, von den Folgenden gedrängt,
reihenweise hinab und begannen an der anderen Wand empor zu klimmen, an den
Zacken des Gesteins sich haltend oder Einer auf des Andern Schultern.
    In der Bresche standen jetzt Grivas, sein Neffe und drei der Maini's, mit
dem Säbel, der Kolbe und dem Yatagan die Heraufstürmenden abwehrend, während die
beiden anderen Mainoten fortwährend die Pistolen luden, und Panagotti Schuss auf
Schuss von der Höhe des Turmes in den dichten Haufen sandte.
    Das Allahgeschrei, der Kampfesruf der Anstürmenden war furchtbar,
sinnebetäubend; schweigend - jeden Atemzug zu einer Kraftanstrengung sparend,
kämpften die Griechen. Herüber, hinüber knatterten die Pistolenschüsse, die
Gegner schauten einander in's Weisse der Augen!
    Und immer höher türmte sich die Füllung des Spaltes, Reihe auf Reihe
stürzte sich hinab und klomm empor, und für den zerhauenen Schädel, die vom Arm
getrennte Faust, die zerschossene Brust, drängten zehn Andere empor!
    »Allah Akhbar! Zum Kampf! Zum Kampf!«
    Der wilde Ruf des Führers spornte sie zu immer neuen Anstrengungen.
    Die Griechen waren sämtlich verwundet bis auf den jungen Grivas, der
vergeblich im Handgemenge den Tod zu suchen schien - ihn floh der finstere
Gesell mit jener schneidenden Koketterie des Grabes, das den Begehrenden von
sich stösst.
    Demetri-Bei lag, zum Tode getroffen, am Boden; Georg Zanet kämpfte, an den
Wall gelehnt, aus zwei Wunden Ströme von Blut vergiessend, gleich dem sein Ende
fühlenden Eber.
    Zwölf Augen! - Eilf Augen! Ein Teufel schüttelt die Würfel! -
    Da erscholl über das Toben des Kampfes hin ein schneidender Pfiff des
Generals, der im Handgemenge wie jeder seiner Krieger focht.
    Die beiden Schützen am Wall sprangen zu den Feuern und rissen die flammenden
Bündel heraus, mit dem Fusse neue hinein schleudernd.
    Wie qualmende rauchende Ballen flogen sie im nächsten Augenblick hinunter in
die Masse der stürmenden Türken.
    Die leichten Gewänder erfassten die sprühenden Funken - die Stürzenden
teilten das Feuer den aufgehäuften Faschinen, der Bekleidung der Erschlagenen
mit - und von der Hand der Mainoten flog Bund auf Bund, in Flammen gehüllt,
hinab in den Menschenknäuel.
    Ein furchtbares Geschrei stieg zum blauen wolkenlosen Himmel, eine Mauer von
Rauch und Qualm wälzte sich aus der Felsspalte empor - in sie zurück warfen die
Kolbenschläge und Yataganshiebe der Mainoten die verzweifelnd Emporklimmenden.
    Noch wenige furchtbare Augenblicke, dann verstummte der Kampfruf vor dem
wahnsinnigen Geschrei des Schmerzes und die Arnauten wandten sich auf allen
Seiten zur wilden Flucht.
    Vergebens waren alle Anstrengungen des jungen Führers. Die Flucht der
orientalischen Völker ist nie zum Stehen zu bringen.
    Sie fühlten sich erst sicher im Schutz ihrer Kanonen; - zahlreich waren die
Opfer an Todten und Verwundeten. Acht Griechen hatten den Sturm von dreihundert
tapfern Kriegern abgeschlagen, die Palanka seit neun Stunden verteidigt.
    Hätten jetzt die Moslems auf die zum Tode Erschöpften einen neuen Sturm mit
den frischen Kräften gewagt, die ihnen zu Gebote standen, so wäre der Sieg ihnen
sicher gewesen. Doch mit jener Langsamkeit, welche sie charakterisirt, mussten
sie erst den erhaltenen Schlag überwinden und sich auf's Neue vorbereiten. -
    Sehnsüchtig wandte General Grivas vor der Höhe der Kula den Blick nach
Westen, wo seine fernen Tapfern gestanden und gefochten. Der Geschützdonner
hatte aufgehört und die Befürchtung lag schwer auf seiner Seele, dass der Angriff
der Türken seine Schaar zersprengt habe. Zum Wahrzeichen und als trotzige
Herausforderung seiner Gegner liess der General zugleich an einer Stange auf der
Brüstung des Turmes eine aus Stücken von Bekleidung der Gefallenen roh
gebildete blaue Fahne aufstecken, an welche die Mainoten von Fetzen der
Fustanellen die Form des griechischen Kreuzes geheftet hatten.
    Ein wildes Geschrei der Türken und das wiederholte Feuern aus ihren Kanonen
antwortete dieser Herausforderung. - -
    In dem den Kugeln am wenigsten ausgesetzten Gefängnis Fatinitza's hatten
Demetri-Bei und Georg Zanet, Beide schwer verwundet, die Stelle des jetzt
begrabenen Andunah eingenommen. Die Hilfe, die ihre Kameraden ihnen leisten
konnten, war gering, der Krug mit Wasser, den die Maini's am Abend von der
Quelle im Talgrunde geholt, längst erschöpft, und doch ist der Durst nach
Wasser bekanntlich gerade das, was die Verwundeten am meisten quält. Der Wall
war von den Kugeln der Türken jetzt so demolirt, dass an ein Halten desselben
nicht mehr zu denken war, und Grivas vereinigte seine verringerten Streitkräfte
in dem zweiten Stockwerk und auf dem flachen Dach der Kula, nachdem die Steine
und Balken, welche zur Barrikadirung des Wallzugangs gedient hatten, zur
Befestigung der schmalen Pforte verwendet worden, welche in das Innere des
Turmes führte und die zum Glück durch ihre Seitenrichtung nicht den Kugeln der
Geschütze ausgesetzt war.
    Zu wiederholten Malen hatte es Nicolas Grivas versucht, sich zu dem
verratenen Türkenmädchen zu begeben, doch immer wieder war er am Eingange
zurückgekehrt, von dem niederdrückenden Gefühl seines Verrats und dem Gedanken
an ihre verächtliche Behandlung zurückgetrieben. Fatinitza, von dem Kampfgetöse
aus ihrer Erstarrung erweckt, sass jetzt, den Mantel um sich gezogen, aufrecht an
der Mauer. Ihr Antlitz war noch immer todtenbleich, doch ihre Züge waren jetzt
finster und entschlossen, gleich aus Marmor gehauen wie die der Medeia! Die
dunklen Augen, starr und unbeweglich auf die beiden verwundeten Maini's
gerichtet, funkelten und glühten doch in dämonischem Feuer.
    So sass sie bereits stundenlang, ohne sich zu rühren, und die wilden Söhne
des Taygetos schauderten vor dem Auge des geschändeten Türkenmädchens und
kehrten ihr Gesicht nach der Wand des Turmes, um ruhiger zu sterben.
    Es war am Nachmittag gegen vier Uhr, als über die Berge von Westen her von
Neuem der ferne Donner groben Geschützes an das Ohr der Mainoten schlug - bald
darauf konnten sie selbst die Salven des Kleingewehrs undeutlich hören.
    Zugleich sahen sie, dass die Türkeit vor ihnen sich zu einem neuen Angriff
rüsteten.
    Der General versammelte die fünf noch kampffähigen Verteidiger um sich. -
»Kameraden, Brüder des heiligen Kreuzes«, sagte er, »unsere Freunde sind uns
nahe, ob Sieger oder geschlagen, wir wissen es nicht, aber wir werden uns mit
ihnen vereinen können, wenn es uns gelingt, die Fahne dort oben aufrecht gegen
den Sturm zu erhalten, der uns droht. Unsere Bedränger werden dann genug zu tun
haben, sich selbst zu wehren. Lasst uns daher den Turm verteidigen bis zum
letzten Blutstropfen, es ist die einzige Aussicht auf Rettung und unsere Pflicht
als Söhne Griechenlands. Nur die Flinte kann uns in diesem letzten Kampfe
nützen, zielt fest, lasst keinen Schuss vergebens fallen und uns jetzt noch ein
Mal unsere Hilfsmittel prüfen.«
    Während Zanetacchi wieder als Wache zurückblieb auf dem Dache des Turmes,
stieg der General mit den übrigen Vier hinab in das zweite, und untere Geschoss,
ihnen Anweisungen zum Kampfe erteilend. Das obere Stockwerk ragte auf breiten
steinernen Trägern etwa andertalb bis zwei Fuss über das Erdgeschoss hinaus, und
die Seitenwände waren mit schiefen trichterförmigen Schiessscharten versehen, so
dass von hier aus die nähere Umgebung des Turmes unter wirksamem Feuer gehalten
werden konnte. Die Schiessscharten der untern dicken Mauern waren dagegen, wie
bereits erwähnt, so hoch angebracht, dass von Aussen nicht dazu zu gelangen war.
Der schmale Eingang der Kula war vollständig mit Steinen und Balken verrammelt
und durch die Schiessscharten über ihm gedeckt. Grivas beschloss daher, seine
wenigen Verteidigungsmittel in dem zweiten Stockwerk zu concentriren, das den
Wall und den innern Ring bestrich, und in dessen Schutz sie am wenigsten den
Kugeln der Gegner ausgesetzt waren. Um die Verwundeten dahin bringen zu lassen,
betrat er die hintere Abteilung - Nicolas und die drei Maini's folgten ihm.
    Der junge Mann vermied, das Auge auf das Mädchen zu richten, und trat mit
dem Oheim zu den beiden Verwundeten. Die Verblutung war indes so stark gewesen
und die Beschaffenheit ihrer Wunden so gefährlich, dass ein Transport in das
obere Stockwerk ihnen unzweifelhaft grosse und nutzlose Schmerzen verursachen
musste; der General entschied daher, dass sie gelassen werden sollten, wo sie
waren, da sie hier fast eben so sicher sich befanden. »Auch die Türkin mag hier
bleiben«, befahl er, »sie ist hier am wenigsten im Wege.«
    Jetzt erst wagte der junge Mann einen hastigen verstohlenen Blick auf das
Mädchen, aber so kurz er auch war, zeigte er ihm doch die Zerstörung in ihrem
Äußern, und er sprang wie vom Blitz getroffen auf sie zu mit dem Ruf:
»Fatinitza - was ist geschehen? - um der Panagia willen, sprich!«
    Mit einer rachsüchtigen Gleichgültigkeit gegen das Heiligste des Weibes warf
das Mädchen durch eine Bewegung den Mantel von ihren Gliedern, und die um Brust
und Hüften hängenden Fetzen ihrer Kleidung zeigten der Schaam Hohn sprechend den
furchtbaren Kampf, den sie bestanden, und verrieten das schändliche Verbrechen,
das an ihr verübt worden war.
    Selbst der wilde Führer der Klephten schauderte zurück.
    Die Stirnadern des jungen Mannes schwollen zu roten Strängen an, nachdem
Todesblässe einen Moment lang sein Gesicht bedeckt. Dann drehte er sich wild zu
dem Kreise seiner Gefährten und seine Augen schienen Blitze zu sprühen, während
seine Hand die Pistole aus dem Gürtel riss und den Hahn spannte.
    »Verfluchte! - Ihr!«
    In diesem Augenblick vernahm er das erste Wort von den Lippen des Mädchens,
seitdem er sie verraten. Sie schnellte empor auf ihre gebundenen Füsse, und die
gefesselten Arme von sich streckend, warf sie sich zwischen ihn und die Maini's,
die bereits gleichfalls zu den Waffen gegriffen. Ihre Augen sprühten Hass und
Verachtung, der Ton, mit dem sie ihm ihr »Halt ein, Verräter!« zuherrschte,
schien von den Steinmauern wieder zu gellen.
    »Nicht Du!« sagte sie mit bitterer Verachtung, »nicht Du, meineidiger
Christ! Dein eigen ist Fatinitza's Schande, und verflucht und verfolgt sei'st Du
dafür bis zum Ende der Tage, das Dein Prophet verkündet hat!«
    Dann sank sie zurück auf das Lager und blieb in finsterm Vorsichhinstarren
gleichgültig gegen ihren Zustand liegen.
    Der junge Mann hatte das Gesicht in seine Hände verborgen, denen die Pistole
bei den vernichtenden Worten entfallen.
    Der General schaute finster aus die Maini's. »Wer hat das getan gegen
meinen Befehl?«
    »Wir Alle,« sagte trotzig Comodouro. »Dein Befehl, General, lautete, uns
nicht am Leben der Türkin zu vergreifen! Was wir getan, war das Vermächtnis
unsers sterbenden Bruders - sein Tod ist gerächt worden an seiner Mörderin.«
    Ein halb mitleidiger Blick des wilden und grausamen Häuptlings streifte die
Unglückliche; dann wandte er sich schweigend nach dem Eingang und führte seinen
Neffen hinaus.
    Zur selben Zeit klang von der Höhe der Allarmruf Panayotti's: »Zu den
Waffen! Die Moslems kommen!« und die Mainoten stürzten an ihre Posten. -
    Fatinitza war mit den Verwundeten allein - mit wildem Frohlocken haftete ihr
Blick auf der geschlossenen Tür und hörte sie den drohend näher dröhnenden
Schlachtruf ihres Volkes, das »Allah il Allah!« das wild an allen Seiten der
Palanka empor zu gellen schien.
    In der Tat rückten die Türken diesmal von allen Richtungen gegen die kleine
Feste, nur Wenige zurücklassend zum Schutz des verwundeten Pascha's und der
Geschütze. Die Flintenschüsse der Araber, der Arnauten und des Nizams krachten
vereint gegen den Turm, und von den vier Seiten suchten die Moslems das
Plateau, zu ersteigen.
    Kugel auf Kugel aus den Schiessscharten der Kula traf unter die Stürmenden, -
jede Kugel warf ihren Mann von der erstiegenen Felswand, aber den Stürzenden
folgten Andere, und die sechs Flinten der Verteidiger konnten die Ueberzahl
nicht zurückhalten, der jubelnde Ruf der Arnauten und der Ansturm gegen die
Barrikade des Eingangs verkündeten bald der Türkin, dass die Ihren Meister des
Plateau's geworden.
    Hierhin an die Schiessscharten, welche die Pforte bestrichen, warf der
General jetzt seine besten Schützen, während die Uebrigen fortwährend die
abgeschossenen Flinten luden. Ein Wall von Todten lag bald vor dem Eingang.
    Das wilde Getümmel der Schlacht war der Augenblick, den die Wölfin von
Skadar ersehnt. Das misshandelte Mädchen erhob sich aus die Knie, - auf den
Knieen rutschte sie langsam den beiden Verwundeten näher - die Augen mit
teuflischer Freude auf diese geheftet.
    Die sterbenden Mainoten sahen sie auf sich zu kommen, - näher und näher,
gleich dem finstern Engel des Todes.
    Sie blickten dem grossen Würger furchtlos und trotzig in's Angesicht, aber
sie begannen sich zu fürchten vor dem dämonischen Auge des rächenden Weibes.
    Vergeblich versuchten sie zurückzuweichen, - ihre Glieder waren machtlos,
die Arme bleischwer von dem vergossenen Blut; bei dem Bemühen, sich zu erheben
und der Feindin zu begegnen, lösten sich die leichten Verbände, und auf's Neue
quoll der rote Lebenssaft aus den geöffneten Wunden.
    Jetzt versuchten sie zu schreien, - der wüste Demetri-Bei rief angstvoll
nach seinen Gefährten.
    Ihr schwacher Ruf verklang unter dem Krachen der Flinten hoch vom Turm,
rings um den Turm.
    Jetzt war das Türkenmädchen am Nächsten - Demetri; - langsam, unter
dämonisch befriedigtem Lächeln ihrer scharfen Züge erhob sie die gefesselten
Hände und fasste das. Messer, das in dem Gürtel des Mainoten steckte.
    Er vermochte nicht zu hindern, dass sie es hervorzog.
    Dann beugte sie sich über ihn, - das Auge des Dämons haftend auf dem bangen
starren Blick des Sterbenden. - -
    Die gefesselte Hand stiess das Messer ihm zwischen die Zähne und bohrte es
tief und immer tiefer bis zum Griff in den Hals des Maini's, die Zunge
zerschneidend, die Röhren und Arterien des Lebens zerreissend.
    Ein Strom dunklen Blutes quoll den zerschnittenen Hals herauf und floss über
die Lippen; - auf diese bleichen und kalten Lippen, die frech und frevelnd die
ihren entweiht, heftete der Dämon in Weibergestalt - der Vrokoklak - die seinen
und tränkte sie mit dem Blute.
    Dann erhob sie sich blutig und finster wieder auf die Knie und kroch zu
ihrem zweiten Opfer.
    Andreas Zanet hatte mit stierem Auge das Ende seines Gefährten geschaut -
der Todesschweiss der Angst perlte auf seiner Stirn, denn er zweifelte keinen
Augenblick, den bösen Geist, den Vampyr vor sich zu sehen, der das Blut trinkt
und die Seelen dem, ewigen Pfuhl überliefert. Aller Aberglauben seiner Religion
füllte seine Seele und verzweifelnd sah er sich diesseits und jenseits verloren.
    Die Vrokoklak war über ihm - sein Schicksal erfüllt - -
    Lautlos, nur von den Schüssen der Stürmenden umdonnert, wiederholte sich die
schreckliche Scene.
    Dann kroch sie zurück, die junge schöne Megäre, das Pistol, das der
verräterische Geliebte von sich geworfen, unter ihrem Lager verbergend.
    Fort und fort hörte sie die Schüsse um sich her krachen - dann erhob sich
plötzlich auf der Höhe des Turmes ein lautes wildes Triumphgeschrei, das über
den Lärm des Kampfes hinausgellte. Denn auf den Berghöhen im Westen zeigten sich
starke Schaaren griechischer Krieger und begannen herabzuströmen. In ihrer Mitte
flatterte die blaue Fahne mit dem weissen Kreuze.
    Wie aus Verabredung schwieg für Minuten lang der Kampf an und aus der Kula.
    Man konnte jetzt in grösserer Nähe über den Bergen die Salven eines heftigen
Gefechts hören, das die auf dem Rückzug begriffenen Schaaren des Generals Grivas
an Abdi-Pascha lieferten.
    Immer neue Abteilungen quollen über die Bergkuppen, - von der Kula aus
konnte man sehen, wie sie sich zum Angriff sammelten.
    Deutlich konnte der General durch sein Fernrohr die Seinen erkennen -
Anastasius Caraiskakis, den Czernagorzen Bogdan.
    Vom Schmerzenslager des Pascha's her jagte Bote auf Bote, dem jungen Führer
der Stürmenden den Befehl zum Rückzug zu bringen. Die steinernen Mauern der Kula
trotzten seinem Zorn - die melancholischen Töne der gebogenen Hörner des Nizams
gaben endlich das Signal zum Sammeln, und zähneknirschend führte der Emir die
Seinen zurück zum Lager des Bei's, wo ihre Colonnen gegen die anrückenden
Griechen Position nahmen.
    An hundert Todte und Verwundete hatten die Türken in den drei Stürmen aus
die Palanka verloren; zwölf Stunden lang hatte Grivas mit seinen acht Kriegern
dieselbe gehalten! -
    Aus Aesten und Lanzen war schon früher eine Tragbahre gefertigt worden für
den schwer verletzten Pascha. Auf dieser wurde er jetzt weiter geschafft, und
langsam traten die Türken ihren Rückzug nach der Richtung des See's vor den
andrängenden Griechen an und waren bald im Rücken der Palanka. In einiger
Entfernung nahmen sie eine günstige Stellung ein und begannen von hier aus mit
ihrer einen Kanone die Griechen ziemlich unschädlich in dieser Weite zu
beschiessen. Das andere Geschütz fiel in die Hände der Feinde, da es den
Topschi's1 nicht möglich war, es so rasch von dem Felsengrate zurück zu
schaffen, doch konnte es von jenen nicht benutzt werden, da es ihnen an Minition
fehlte.
    Jubelnd warfen sich die verwundeten Mainoten auf die Barrikade, die sie
gegen die Feinde geschützt, und noch ehe ihre Befreier den Felsenaufgang
erreicht hatten, waren die Balken und Steine fortgeräumt, von den erstern der
Uebergang über die Felsspalte hergestellt, in der noch die Leichen der Arnauten
lagen, und Grivas mit den Mainoten eilte den Befreiern entgegen.
    Es war wenig Zeit zu verlieren, denn Abdi-Pascha, der im Lauf des Morgens
Verstärkungen aus Janina an sich gezogen, bedrängte hart den Rückzug der
Griechen. Er hatte am Morgen den Posten des Capitani Caraiskakis angegriffen,
als dieser eben erst durch den Knaben Mauro die Kunde von dem Leben seines
Bruders und der Gefahr des Generals erhalten und eilig Boten nach dem Obersten
Stratos gesandt hatte. Dieser bald darauf von dem Nizam Abdi-Pascha's und den
Aegyptern von Arta her bedrängt, ohne dass General Tzavellas ihm zum Beistand
eilte, schlug sich durch die Erstern, vereinigte sich mit der stark gelichteten
Schaar des Caraiskakis, der bis Mittag sich am Kloster tapfer gehalten, und
setzte mit ihm den Rückzug gegen Metzovo fort, Beide kaum noch hoffend, den
General unter den Lebenden anzutreffen.
    Um so grösser war der Jubel und der Feuereifer der Griechen, als sie die
improvisirte Fahne von der Brustwehr der Kula wehen und zugleich die Bedrängnis
der Ihren sahen, und Caraiskakis hatte alsbald zum Angriff gerüstet, während
Oberst Stratos noch auf den Berghöhen die Türken in Respekt hielt.
    General Grivas übernahm nach einer kurzen freudigen Bewillkommung seines
Neffen sofort den Oberbefehl; und als ihm Anastasius und Bogdan sagten, dass sein
Stiefneffe Nicolas in Janina am Leben, teilte er ihnen zu ihrem Staunen mit,
dass derselbe den Heldenkampf der Verteidigung der Palanka mitgefochten und in
wenigen Augenblicken sie selbst begrüssen werde. Ein Wink von ihm jedoch wehrte
sie von der Palanka ab mit dem Bedeuten, dass Jener dort noch einen Auftrag
allein zu vollziehen habe.
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    Während der General und seine vier verwundeten Mainoten zu den Freunden
eilten, trat der junge Grieche in das Gefängnis Fatinitza's. Ein kurzer Blick
auf die Maini's überzeugte ihn, dass sie todt, und näher tretend, kniete er an
ihrem Lager nieder und durchschnitt schweigend die Bande an ihren Händen und
Füssen.
    »Fatinitza,« sagte er dann weich und stehend zu ihr, »höre mich, denn wenige
Augenblicke nur sind mir und Dir zur Entscheidung vergönnt. Was ich getan -
meine Flucht, die Warnung an die Meinen - ich will es jetzt nicht verteidigen.
Mein Bruder, mein Oheim waren unter den Bedrohten. Bei dem ewigen Gott, zu dem
Christen wie Türken beten, ich konnte, ich durfte nicht anders, aber ich bin
schuldlos an der Schmach, die Dich betroffen hat und bereit, sie mit meinem
Herzblut zu sühnen oder zu rächen.«
    Das Mädchen verharrte in ihrem verächtlichen Schweigen, ihr Blick war von
ihm abgewandt.
    »Höre mich, Fatinitza - wir sind Beide jetzt frei und im Schutz meines
Oheims - folge mir nach Chios, wo meine Mutter ein kleines Eigentum mir
hinterlassen, fern von dieser Stätte und diesen blutigen Menschen. Folge mir und
sei mein Weib.«
    Dasselbe Schweigen.
    »Fatinitza,« - flehte er verzweifelnd, - »so lass mich Dir folgen - ich will
Dein Sclave sein, - Dich lieben - ich - will den Glauben Deines Propheten zu dem
meinen machen, nur gegen mein Volk kann ich nicht kämpfen!«
    Die Mirditin schaute ihn durchdringend an.
    »Du brauchst den Glauben Deines Kreuzes nicht zu verraten, meineidiger
Christ,« sagte sie finster, - »Dein Weg geht dortin - der meine dahin! Verlass
mich!«
    »Fatinitza - höre mich!«
    Er lag zu ihren Füssen.
    »Kannst Du vergessen,« unterbrach sie ihn mit finsterm Hohn, auf ihre
zerrissenen Kleider deutend, - »Fatinitza, die man die Wölfin von Skadar nennt,
und die eine Taube war gegen Dich, wird es nie! Ein Mal verzieh ich Dir den
Verrat, denn ich liebte Dich! Jetzt hat meine Seele nur Hass für Dich und Deine
Christenbrüder! Sieh hin - nicht an den Kugeln der Meinen starben die Beiden,
Fatinitza's Hand sandte sie zur Hölle, ihre Lippen tranken ihr Blut, wie sie
geschworen beim Grabe ihrer Mutter in furchtbarer Stunde. - Geh'! - Vier leben
noch - Du bist der Fünfte, und wir sehen uns wieder!«
    Er schauderte unter ihrem Auge und barg das Gesicht in den Händen. Endlich
erhob er sich - überzeugt, dass jedes seiner Worte vergeblich wäre.
    »So lebe denn wohl - Weib ohne Herz und ohne Vergebung - lebe wohl und möge
Allah Dir gnädig sein, wie Gott meine Schuld mir an Dir vergeben möge. Ein Dämon
hat mich in Deine Arme geführt, und ein Dämon, Du selbst, treibt mich von Dir. -
In dem Vorderraum der Kula steht das Pferd des Arabers, - Nicolas Grivas ist
kein Dieb an fremdem Eigentum, - nimm es und kehre zu Deinem Vater zurück. In
einer Stunde ist der Weg frei - ich werde sorgen, dass bis zu unserm Abzug Keiner
den Turm betritt, denn Bogdan, Dein Todfeind, ist unter den Meinen.«
    Sie sah ihn kalt und verächtlich an und deutete nach der Tür, - noch einen
Blick warf er auf sie, dann entfloh er.
    Sie war wieder allein mit den Leichen.
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    Allein war sie noch am Abend, als die ersten Sterne am Himmel zu funkeln
begannen, denn Nicolas hatte sein Wort gehalten und jede Annäherung der Seinen
an die blut- und fllichbeoeckte Kula verhindert. Ohnedies blieb den Griechen
wenig Zeit dazu, denn der General Grivas setzte eilig den allgemeinen Rückzug
nach Metzovo hin fort, wo er die Führer in Tessalien an sich zu ziehen und so
verstärkt auf's Neue, den Türken die Spitze zu bieten hoffte, die ihn noch eine
Strecke weit verfolgten. - -
    Von der Höhe der Kula hatte sie den Abzug der Griechen und der Ihren
verfolgt. Mit jenem raschen Uebergang des Tages zur Nacht, den die südlichen
Länder bieten, wölbte sich über ihr bereits der dunkle Himmelsdom mit tausend
blitzenden Sternen.
    Sie führte das Ross des Arabers hinaus aus dem Turm und über den Felsendamm,
auf dem noch die Leichen der Ihren der bergenden Erde harrten, in's Freie. Dort
stand sie, an die Kruppe des Pferdes gelehnt, und schaute hinauf in die helle
schöne Nacht, gleich als suche sie da mit den grossen brennenden Augen Trost und
Frieden, und die stürmisch schwellende Brust saugte gierig die kühle Luft des
Abends, die Orangen- und Myrtendüfte, die der Windhauch der Gebirge von den
elysäischen Gärten herübertrug.
    Aber in dieser Brust blühte kein Paradies, schwarz und schwer wogte das Meer
der Gedanken und Gefühle gleich dem acherontischen Strom, und in ihrem Herzen
herrschten die Eumeniden, deren grauenvoller Altar einst wenig Meilen davon im
pelasgischen Tempel von Paleassa, dem Paleste der Alten, an den acroceraunischen
Küsten stand.
    Einsam war sie und allein - sie wusste wohl, dass keine Heimkehr war zu den
Ihren und dass selbst die Liebe des Vaters ihr nicht verzeihen durfte gegen die
Sitten des Volkes, die streng und unnachsichtlich jeden Fehltritt des Weibes mit
dem Tode bestrafen. Einsam und allein - verraten von dem Geliebten, alle
dämonische Glut - allen dämonischen Hass allein im Busen tragend - kein Wesen
auf der weiten Welt, das jetzt zu ihr stand, der Verlassenen, das Teil nahm an
ihrem Kampf. - -
    Und dennoch irrte sie sich! - Was raschelte durch die Oleander- und
Myrtenbüsche und kam daher in langen Sprüngen und kos'the mit der lechzenden
Zunge ihre Hand? - Scheitan, der Molosserhund, die treue Dogge, die den Wolf ihr
ersetzt hatte, den Nicolas Grivas im Kampf für den Blutbruder ihr erschlagen.
    Wenn der Albanese eine lange Reise antritt, wenn er auszieht, der
Landsknecht des neunzehnten Jahrhunderts, der Schweizer des Morgenlandes, als
Söldner zu dienen in den Corridors des Vatikans, im Schloss von Neapel, wie in
den Serails von Bagdad, Cairo und Marocco, auf den Kreidewällen Malta's und in
den Hallen der moldau-walachischen Bojaren, näht ihm sein Weib in seine Kleider
einige Stücken von ihren eigenen Gewändern, so wie sie ihrerseits das, was ihrem
Gatten am teuersten ist, bei sich behält. Diese Gegenstände hat sie immer unter
den Augen, um daraus eine Vorbedeutung zu entnehmen. Bellt dann des Nachts ohne
besondere Veranlassung sein Hund, so ist sie in bangster Sorge, denn sie weiss,
dass er die Wehklagen seines Herrn erwiedert, der eben in der Sandwüste von Tunis
oder Palmyra gefangen genommen, oder vielleicht gar ermordet wird!
    Um die Mittagszeit des Tages hatte die Dogge, die im Castro von Janina bei
der stummen Sclavin Aejischa zurückgelassen worden, ein jammervolles Geheul
erhoben, wie die Hunde tun, die den Sterbenden wittern, und ihre Pfoten hatten
an den verschlossenen Türen gekratzt. Da hatten die Wache haltenden Arnauten,
das Omen achtend, die Türen geöffnet, und hinaus und davon in mächtigen
Sprüngen schoss die Dogge.
    Als sie zu ihren Füssen sich schmiegte, mit jedem schmeichlerischen Zeichen
der Treue und Anhänglichkeit, da wurde es zum ersten Male wieder warm um das
Herz des wilden, verratenen und geschändeten Mädchens, und sie beugte sich über
den Hund und erwiederte seine Liebkosungen.
    Dann bestieg sie das Ross und ritt langsam, von der Dogge gefolgt, das Tal
entlang in der Richtung, wohin ihre Krieger gezogen - - - - - - - - - - - -
    Die Truppen der Pascha's von Skadar und Janina hatten die Griechen noch eine
kurze Strecke aus dem Wege nach Gozista und Metzovo hin verfolgt und sich dann
nach Dervendzista zurückgezogen. Es war in der Nacht, als Fatinitza die Nähe des
Dorfes erreichte, und an den weissen Gewändern erkannte sie, dass die Araber des
Emirs die äusseren Posten hielten.
    Sie näherte sich dem Einen und auf seinen Anruf antwortete sie, ohne sich zu
erkennen zu geben und verlangte, den Emir zu sprechen. -
    »Bist Du ein Kind des Propheten,« sagte der Araber, »so bleibe an jenem
Feigenbaum und versuche nicht, Dich zu nähern, denn unsere Befehle sind streng.
Der Emir wird in einer Stunde hier vorüberkommen, denn sein Haupt kennt den
Schlaf nicht, wenn er auf den Fersen der Feinde ist und seine Seele ist traurig
um den Verlust seiner geliebten Stute Eidunih.«
    »Ich kann sie ihm wiedergeben.«
    »Gesegnet sei alsdann Deine Hand. Aber bleibe, wo Du bist.«
    Die Mirditin verweilte, in ihren Mantel gehüllt, stumm an der angewiesenen
Stelle. Nach einer Stunde erschien in der Tat Abdallah ben Zarugah, und als ihm
der Araber verkündet, dass ein Bote in der Nähe, der ihm seine Stute
zurückbringe, eilte er hastig dahin.
    Im ersten Augenblicke erkannte er Fatinitza nicht, die ihr Antlitz in ihrem
zerrissenen Schleier nach türkischer Sitte verborgen, und die Freude über das
Wiederfinden seines geliebten Pferdes beherrschte ihn ganz.
    »Du gehörst sicher zu den guten Geistern dieses Landes, Frau,« sagte er,
»dass Du mir zurückgiebst, was ich verloren glaubte für immer. Wie kann Abdallah
Dir danken dafür?«
    »Sage mir, Sohn der Wüste,« entgegnete leise Fatinitza, »wie es Selim-Bei,
meinem Vater ergeht?«
    »Fatinitza?!« rief der Krieger erstaunt, denn auch er hatte mit den Andern
in der Ferne die Gestalt Aphanasia's, der Frau des Primaten, unter den
abziehenden Griechen für Fatinitza gehalten.
    »Still, Araber - der Name sei todt für Deine Lippen. Ich gab Dir Dein Pferd,
beantworte meine Frage.«
    »Unglückliche,« sagte der junge Mann, »ein Zauber hat Deine Sinne verwirrt
und Dich in die Arme der Christen geführt. Dein Vater ist zwar noch am Leben,
aber tödtlich verwundet von jenem unglücklichen Sturz. Wir haben ihn nach Janina
gebracht und ihn einem weisen Helim übergeben. Aber er hat einen Eid getan bei
seinem Bart, dass sein Auge die Reuige nicht wieder schauen will.«
    Das Mädchen lachte grell aus. - »Die Reuige? - Kennt Selim-Bei die Tochter
seines Fleisches so wenig? - Ich erwartete den Fluch meines Vaters und dennoch
hätte Selim nicht also handeln sollen an seinem Blut. Lebe wohl, Araber, und
wenn Du den Pascha noch lebend wiedersiehst - sage ihm: Fatinitza, die Wölfin
von Skadar, Selim's Tochter, habe das Toskenblut ihrer Mutter in den Adern und
werde leben, um sich und ihn zu rächen.«
    Sie wandte sich zu gehen, doch der Araber hielt sie am Mantel zurück. Der
Herabfallende zeigte im Mondlicht das Mädchen im Männergewand der griechischen
Krieger; die Todten in und vor der Palanka hatten ihr Kleidung und Waffen zur
Genüge geliefert.
    »Harre noch einen Augenblick,« sagte der Emir. »Kann Abdallah ben Zarngah
Etwas tun für Dich? Sein Herz ist bei Deinem Unglück.«
    Sie nickte verneinend2, dann, sich besinnend, deutete sie auf den Hund.
»Nimm Scheitan zu Dir,« sagte sie, »und bewahre ihn mir, bis ich ihn fordern
lasse. Er ist treu, aber mir hinderlich auf dem Weg, den ich jetzt gehe. Werdet
Ihr die Christen verfolgen?«
    »Wir erwarten die grossen Büchsen von Janina,« berichtete der Emir. »Wenn die
Sonne zum zweiten Mal über jene Berge kommt, werden wir auf ihren Fersen sein.
Nimm diesen Ring, Mädchen, er ist geweiht an der schwarzen Kaba von Mekka und
ein Kleinod der Zarugah. Wenn Du ihn Einem meines Stammes zeigst, wird er Dir
beistehen bis zum Tode.«
    Sie nahm den Ring. »Lebe wohl!« - als er von dem letzten Gruss wieder empor
schaute, war sie verschwunden. -
    Am nächsten Mittag stand Grivas mit seiner stark geschmolzenen Schaar, die
kaum noch Zweitausend zählte, vor den Toren Metzovo's. Hier hatte nach längerem
Streit der türkisch und griechisch gesinnten Partei die letztere die Oberhand
behalten und öffnete dem General die Tore, der sich alsbald zum Oberherrn der
Stadt machte und der Bevölkerung eine Steuer von 200,000 Piastern (10,000 Tlr.)
auferlegte, die auch willig bezahlt wurde. Die grössern Opfer jedoch, die Grivas
nach zwei Tagen ihnen für die Sache des Freiheits-Kampfes ansann, indem er von
den Notabilitäten und Reichen der Stadt die Darbringung ihrer silbernen und
goldenen Luxusgegenstände als freiwillige Gabe verlangte, erregten
Unzufriedenheit unter den Bewohnern.
    Unterdess rückte Abdi-Pascha auf die Nachricht von der Besetzung Metzovo's
mit frischen Truppen und einer ziemlich zahlreichen Artillerie gegen die Stadt,
und die Uneinigkeit unter den griechischen Führern sowohl in Albanien als
Tessalien liess sie den General nicht in der Behauptung dieses Knotenpunktes der
Strassen nach dem Epirus, Macedonien und Tessalien unterstützen.
    Am 18. April kam es vor Metzovo zu einem harten Treffen und Grivas wurde
vollständig geworfen und gewann kaum Zeit, sich nach der Stadt zurückzuziehen,
der für den nächsten Tag schon ein ernster Angriff drohte. Der General sah ein,
dass er sich hier nicht länger zu halten vermöge, und er beschloss die Verwüstung
der bisher blühenden und wohlhabenden Stadt und den Rückzug gegen die Quellen,
des Asprospotamos - des Achelaus der Alten, und Radartzi.
    Es war am Abend des Schlachttages, als der General in den Strassen der Stadt
das Schicksal derselben und den Befehl verkünden liess, dass die Einwohner sich in
der Hauptkirche versammeln sollten, die zugleich zur Aufnahme der Verwundeten,
über 200 an der Zahl, gedient hatte. In Zeit von einer Stunde waren mehr als
4000 Personen in der Kirche und deren Umgebung versammelt, mit bleichen,
angsterfüllten Gesichtern des Kommenden harrend.
    In der Kapelle der Kirche, auf den Stufen des Altars lag in den Armen einer
Frau ein schwer verwundeter Krieger, Anastasius Caraiskakis, der tapfere
Capitano des Postens am Kloster der armen Heiligen. Eine Kanonenkugel hatte ihm
im Treffen des Tages das Bein unter dem Knie zerschmettert und bei dem Mangel an
ärztlicher Hilfe war die Amputation des Beines, die allein ihn hätte retten
können, unterblieben. In seiner Nähe lagen zwei der tapfern und wilden Maini's
die den Turm von Protopapas verteidigt: Hassan Stavro und Georg Mauromichalis,
und im Kreise umstanden ihn seine tapfern Kämpfer, an seiner Seite Grivas und
der junge Czernagorze, der mit Löwenmut die Schlacht mitgeschlagen.
    Kummer und Schmerz lag auf dem strengen Antlitz des Führers, als er sich
niederbeugte zu dem verwundeten Neffen.
    »Deine Krieger, Anastasius,« sagte er leise, »haben mich um die Erlaubnis
gebeten, Dich auf ihren Schultern mit sich fortzutragen beim Aufbruch.«
    »Wozu?« fragte ruhig der Kranke, »hast Du Tiere und Karren genug
aufgetrieben, um alle unsere verwundeten Brüder mit mir fortzuführen?«
    »Du weisst, dass es unmöglich ist; nicht den zehnten Teil Derer, die uns
nicht selbst folgen können, vermag ich fortzuschaffen. Unser Rückzug muss eilig
sein und in spätestens zwei Stunden beginnen.«
    »Du kennst alsdann, was wir beschlossen,« sagte der Verwundete ernst, »und
Du wärest nicht würdig, der Führer freier Männer zu sein, wenn Du schwanken
wolltest in diesem Entschluss, weil Anastasius Caraiskakis Dein Neffe unter denen
ist, welche Euch vorangehen.«
    Der General schaute ihn schmerzlich an.
    »Dein Bruder Nicolas hat mich verlassen, nachdem die Jungfrau ihn uns kaum
zurückgegeben. Er weigerte sich, zu kämpfen in unsern Reihen und ich liess ihn
ziehen. Du bist der Letzte meiner Anverwandten, der stets zu mir gestanden, und
ich kann Dich nicht missen. Es ist noch Rettung für Dich, wenn wir den
fränkischen Arzt erreichen, der den Capitano Chatzi begleitet.«
    »Kann ich gehen?« fragte der Kranke.
    »Nein.«
    »Ist ein Krieger des Kreuzes besser denn der Andere?«
    
    »Nein - aber«
    »Willst Du mich lebend in die Hände der Moslems fallen lassen, die ihre
Schmach von Protapapas zu rächen haben?«
    »Bei der Panagia - eher will ich selbst sterben.«
    »So geh', Oheim Grivas, und tue, was wir beschlossen. Diese elenden
Feiglinge von Metzovo, die, wenn sie und die verräterische Schaar von
Hadschi-Petros tapfer zu uns gehalten, uns den Sieg verschafft hätten, mögen
wenigstens die Mittel geben, den heiligen Kampf des Kreuzes fortzuführen. Geh!«
    Der General erhob sich; in den Falten seiner Stirn lag jener kalte
Entschluss, der vor Nichts mehr zurückbebt und dem ebenso die richtende Stimme
der Mitwelt gleichgültig ist.
    In der Tat haben auch selbst die griechischen Zeitungen3 für die
nachfolgend beschriebenen Handlungen - die wir keineswegs auch nur entschuldigen
wollen, die aber eine furchtbare Notwendigkeit veranlasste - den General auf
alle Weise angegriffen und herabzuziehen gesucht, wie viel mehr erst die
westmächtliche Presse!
    Der General trat in die Kirche auf die Stufen des Hochaltars, nachdem er
einigen Capitani's Befehle gegeben. Ohne dass sie es merkte, wurde die in und vor
der Kirche versammelte Menschenmasse von einer Chaine der griechischen Krieger
umgeben. Mit wenigen Worten verkündete Grivas den ängstlich harrenden
Einwohnern, dass er in zwei Stunden die Stadt verlassen werde, dass es aber seine
Sicherheit erfordere, diese zum Teil zu zerstören. dabei wiederholte er das
Verlangen der Auslieferung alles Goldes und Silbers, da der Kampf für die
Freiheit ein solches Opfer auf dem Altar des Vaterlandes fordere. Zugleich
wurden Tücher und Teppiche auf den Stufen ausgebreitet zur Empfangnahme dieser
Gaben.
    Dennoch flossen diese nur spärlich. Da, auf einen Wink des Generals,
begannen die Klephten die Kirche zu räumen, indem sie die unglücklichen
Einwohner, die natürlich bei der Nachricht von der drohenden Zerstörung der
Stadt Alles, was sie an wertvollem, tragbarem Eigentume besassen, mit sich
genommen, in kleinen Abteilungen herausholten, sie alles Schmucks und aller
Gold- und Silbersachen beraubten, und sie dann in die Stadt jagten, unbekümmert
um das Zetergeschrei, das diese Gewalttat verursachte.
    Die Beute war ungeheuer. Bei der Fingerfertigkeit und Uebung der
räuberischen Klephten war dieser erste - wir möchten sagen merkantile - Akt des
furchtbaren Drama's in einer Stunde abgespielt. Dann begann der zweite, blutige.
    In vollen Pontifikalibus, mit den Diakonen voran, bleich und zitternd vor
dem schrecklichen Auftrag, der ihm geworden, aber gezwungen von den ihn mit den
geladenen Gewehren umgebenden Kriegern, trat der Bischof von Metzovo aus der
Sacristei und schritt zum Hochaltar. Hinter ihm drein wurden der verwundete
Caraiskatis und die beiden Mainoten getragen und auf die Stufen zwischen die
Haufen von Kostbarkeiten niedergelegt.
    Eine lautlose Stille trat ein, dann sprach der General mit fester tiefer
Stimme:
    »Brüder des Kreuzes, die heute mit mir in der Schlacht gestanden gegen die
ewig verfluchten Moslems, und verwundet in diesen Hallen liegen, ich fordere
alle Die auf, die Kraft genug in sich fühlen, unserem Ausmarsch sich
anzuschliessen, ohne uns hinderlich zu werden, jetzt die Kirche zu verlassen und
an das Tor von Larissa sich zu begeben.«
    Mehrere, die leichter verwundet, oder von einer bangen Ahnung getrieben
waren, erhoben sich und schwankten den Türen zu. Die Reihen öffneten sich vor
ihnen, ohne ihnen Hilfe zu leisten; Einhundertfünfundsechszig Verwundete blieben
zurück. Auf einen Wink des Generals wurden sie sämtlich im Halbkreis um den
Hochaltar gelegt.
    Dann begann der Bischof eine Messe zu lesen. - Viele schauten sich befremdet
an - es war eine Todtenmesse.
    Mit feierlicher leiser Stimme sprach der Geistliche ein ehrwürdiger Greis im
Silberhaar mit langem weissem Bart, am Schluss den Segen über die Versammlung.
    »Brüder!« sagte hierauf der General mit dumpfer zitternder Stimme, »unsere
Zeit ist gekommen! Es ist unmöglich, Euch fortzuschaffen - mit blutendem Herzen
verkünde ich's Euch - Ihr müsst hier zurückbleiben.«
    Ein tiefes schmerzliches Aechzen ging durch die traurige Versammlung.
    »Wollt Ihr den Feinden Eures Glaubens, den Tyrannen Eures Vaterlandes
lebendig in die Hände fallen?«
    »Nimmermehr!« rief mit festem Tone Caraiskakis. »Niemals!« wiederholten die
beiden Mainoten an seiner Seite und »Niemals!« klang es von verschiedenen
Seiten.
    »Was wollt Ihr dann? - sprecht - meine Augenblicke sind gezählt!«
    »Den Tod! - Den Tod von Bruderhand! - Den Tod für die Freiheit statt der
Martern der Barbaren!«
    Keine Stimme wagte den festen stolzen Worten des sterbenden Capitani's zu
widersprechen, - der Stolz des Kriegers unterdrückte bei Vielen die bleiche
Furcht.
    »So sei es denn, und mögen Euch Gott und die Jungfrau gnädig sein und Eure
unsterblichen Seelen in das Himmelreich aufnehmen. Amen!«
    Und wiederum winkte er mit abgewandtem Gesicht dem Bischof und der Greis
stieg herab, das Allerheiligste in der Hand, und begann mit seinen Diakonen die
Reihen der Blutenden zu durchwandeln und ihnen die Sterbesakramente
auszuteilen.
    An der Seite seines Neffen kniete der General, Abschied von ihm zu nehmen
für dieses Leben. An dessen andern Seite war Aphanasia, die Griechin, bleich und
ruhig, die Hand des dem Tode sich weihenden Helden in der ihren. Mit Befremden
blickte der General sie an, als sie nach dem Freunde gleichfalls die Hostie aus
der Hand des Priesters empfing und ihre Lippen das heilige Blut berührten.
    »Was tust Du, Frau? es ist Zeit, dass Du scheidest von dieser furchtbaren
Scene. Entferne Dich - ich werde für Deinen Schutz Sorge tragen.«
    Die Frau sah ihn trübe lächelnd an. »Das heilige Sakrament,« sagte sie ruhig
und ernst, »das uns einst für das Leben vereinigen sollte hat uns wenigstens zum
Tode verbunden. Trenne die nicht nochmals von dem Manne ihrer Liebe, Grausamer,
die Du von dem Manne ihrer Pflicht getrennt hast. Aphanasia Delanyi hat keine
Wahl mehr, als zu sterben mit Anastasius Caraiskakis!«
    »Wahnsinnige - denkst Du nicht an Dein Kind?«
    »Du nahmst ihm den Vater - möge es auch die Mutter vergessen lernen. Bring'
es an meiner statt den Meinen und möge die Jungfrau es segnen.«
    »Vertraue mir das Mädchen, Frau,« sagte eine jugendliche Stimme an ihrer
Seite, »ich werde es schützen mit meinem Leben, wie ich es auf dem Wege hierher
geschützt.«
    Es war Bogdan, der junge Czernagorze, der gesprochen und die unglückliche
Griechenfrau nahm eine Perlenschnur von ihrem Hals und reichte sie ihm.
    »Gieb sie dem Kinde und Gott lohne Dir, was Du an der doppelten Waise tust,
denn ihr Erzeuger liegt unter den Todten vor der Palanka von Protopapas, wie ich
vernommen habe.«
    »Bei dem Haupte meines Vaters, das auf den Wällen von Skadar bleicht,«
schwor der junge Mann, »Dein Kind soll einst das Weib des Hauptes der
Martinowitsch werden, wenn mein Haus ihr genügt!«
    Die Griechin nickte ihm freundlich zu und schloss den kranken Freund dann in
ihre Arme, sich und ihn mit dem Chlamis umhüllend, und deutete dann nach dem
Bischof.
    »Unsere Zeit ist gekommen,« sagte sie, »mögen die Heiligen für Euch bitten,
wie sie es für uns tun.«
    Der greise Bischof wankte zurück nach der Sacristei, nochmals stehend die
Hände gegen den General ausstreckend.
    Vergeblich!
    »Lebe wohl, Anastasius! lebt wohl, meine Brüder!«
    Noch ein Mal stürzte er an seine blutende Brust, dann riss er sich empor.
    Die dunklen Schatten der Nacht hatten sich während der heiligen Handlung auf
das Gewölbe gesenkt, nur die ewige Lampe brannte in ihren silbernen Ketten und
von dem Hochaltar leuchteten matt die heiligen Kerzen. Dicht zusammen gedrängt
in Gruppen hatten sich die dem Tode Geweihten.
    »Griechenbrüder,« fragte die helle Stimme des verwundeten Capitani's, »seid
Ihr bereit?«
    »Wir sind es!« - Die Worte klangen dumpf und hohl.
    »Heilige Jungfrau, erbarme Dich unser! Kreuz und Griechenland - Feuer!«
    Die Salve der Klephten donnerte durch das Gewölbe der Kirche und zersprengte
die Fenster - drei Mal wiederholte sie sich - dann ward Alles still - der letzte
Schrei des irdischen Schmerzes war verstummt - einhundertsechsundsechszig
Leichen mit der todten, ihrer Liebe gestorbenen Frau deckten die Marmorfliessen
der Kirche von Metzovo4. -
    Längst hatte der General sie verlassen und die wilden Klephten, die sich vom
Tode seiner Opfer überzeugt, waren ihm gefolgt. Aus dem Pulverdampf, der das
weite Gewölbe erfüllte, schlich eine einzelne Gestalt vom Altare her, ein junger
Krieger in griechischer Tracht mit krausem entstellenden Bart, die Flinte in der
Hand. -
    Die ewige Lampe warf ihren falben Schein auf ihn, als er unter ihr
hinschlüpfte, und wurde zurückgespiegelt von dem blitzenden dunklen Auge. -
    Seine Lippen waren rot von Blut. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das brennende Metzovo leuchtete dem Rückzug des griechischen Generals -
viele Bewohner der unglücklichen Stadt, die Rache der siegenden Türken
fürchtend, die entsetzlich wüteten in den christlichen Phistans des Gebirges,
hatten sich ihm angeschlossen.
    Ein griechischer Krieger, am Fuss verwundet und ausserdem den rechten Arm in
ein Tuch gebunden, war zurückgeblieben von dem Hauptzug und schwankte, auf die
Schulter eines jungen Kameraden gestützt, langsam hinterdrein. Schon am Tor von
Metzovo hatte dieser sich zu ihm gefunden und ihn hilfreich unterstützt. Es war
derselbe, der zuletzt die Kirche verlassen.
    Das Gehen hatte die Schmerzen der Wunde arger gemacht, nur langsam kam das
Paar vorwärts. Dennoch verliess der menschenfreundliche Helfer den verwundeten
Mainoten nicht.
    »Bei der Panagia,« schwor dieser, »ich wollte, ich läge bei den erschossenen
Brüdern in der Kirche von Metzovo, so sehr schmerzt mein Bein und so sauer wird
mir der Weg. Die Heiligen mögen Deine Hilfe lohnen, Panagotti Zanetacchi aber
wird ewig Dein Freund sein.«
    »Gieb mir Deine Waffen - sie belasten Dich,« sagte der Andere. Zugleich nahm
er ihm die Flinte ab und hing sie um, ebenso die Pistole und den Handjar.
    Wiederum wandelte das Paar längere Zeit dahin, nur von den einzelnen
Schmerzenslauten des Verwundeten ward das Schweigen unterbrochen.
    »Wohin führst Du mich? - wir sind von der grossen Strasse abgekommen und
keiner der Nachzügler ist mehr zu sehen. Wir werden den Türken in die Hände
fallen.«
    »Ich bin in diesen Gebirgen zu Hause, tapferer Maini, und dieser Pfad kürzet
die grosse Strasse und führt über jenen Höhen uns wieder mit dem General zusammen.
Stütze Dich auf mich.«
    Eine halbe Stunde waren sie gewandert, dann warf der Mainote sich erschöpft
auf den Boden.
    »Du tust wohl daran, es ist Zeit, dass Du ausruhst.«
    Der Mond schien hell auf den Berghang zwischen den dichten Büschen von
Tymian, wildem Wein und Oleander - durch eine Öffnung leuchtete in der Ferne
noch immer das brennende Metzovo.
    »Bis hierher,« sagte der Führer. »Es ist Zeit, zu enden.«
    »Wie meinst Du das? - Willst Du mich hier verlassen?«
    »Nicht ich, Mainote - aber Du mich.«
    »Ich verstehe Dich nicht. Gieb meine Waffen zurück!«
    Der Führer lachte hell auf, dann schleuderte er behende Flinte und Handjar
in die dichten Büsche und trat, die Pistole in der Hand, vor den Erschrockenen,
der sich auf den gesunden Arm aufrichtete.
    »Kennst Du mich?«
    »Wer bist Du? - sprich - bin ich in die Hände eines Verräters gefallen?«
    Wieder lachte der vermeintliche Grieche höhnisch auf, dann riss er mit einem
Griff sich den falschen Bart voll Lippen und Wangen, den Fess vom Haupt, und die
schwarzen Flechten eines Weibes rollten hernieder, Fatinitza's dunkle dämonische
Augen blitzten schadenfroh den verwundeten Krieger an.
    »Weib - Teufel - was willst Du von mir?«
    »Frage Dein schwarzes Herz, Maini, und es wird Dir Antwort geben. Ich habe
geschworen, Dein Blut zu trinken.«
    »Dämon der Unterwelt - weiche von mir!«
    »Du musst sterben, Maini, wie Deine Brüder gestorben sind von der Hand der
Wölfin von Skadar. Zwei in jenem Turme von Protopapas, auf der Stätte meiner
Schmach - Einer im Schlachtgewühl vor Metzovo und Zwei in der Moschee des
Christengottes. Fluch über sie! - Du warst der Letzte und bist der Letzte -
bereite Dich zum Tode!«
    Er wollte empor, doch sie hielt die Pistole ihm entgegen. »Du hattest
wenigstens Mitleid mit meiner Schmach und warfst den Mantel über meinen
entehrten Leib. Darum hab' ich Mitleid mit Dir und gönne Dir ein Gebet zu Deinem
Propheten. Aber Keiner darf leben, der sich rühmen darf der Schmach Fatinitza's.
Eile jedoch, die Geister Deiner Brüder erwarten Dich.«
    Der Maini, jung und noch lebenskräftig und mutig, warf sich plötzlich empor
und fasste die drohende Feindin. Einige Augenblicke dauerte das ungleiche Ringen,
aber es gelang ihm nicht, ihre Hand zu erfassen. Während er ihren Leib noch
umklammert hielt und sie zu Boden zu reissen suchte, fühlte er die kalte Mündung
der Pistole an seiner Schläfe, - im nächsten Augenblick zerschmetterte der Schuss
seinen Schädel, dass sein Gehirn das dämonische Weib bespritzte.
    Diesmal schien sie selbst zu schaudern vor dem grauenhaften Anblick und
wandte sich von ihm, ohne den Todten zu berühren.
    »Sie sind dahin,« sagte sie dumpf, »und Fatinitza's Schmach ist gerächt! -
Jetzt, Vater, der Du bereits im Schoss des Propheten weilst, gilt es die Sühne
Deines Blutes und den letzten Kampf. Wehe dem Verräter!«
    Sie wandte sich nach der Heimat.
    Der Verrat Tzavellas's an der gemeinsamen Sache und die Eifersucht
Hadschi-Petros's, von dem eine Schaar von 1000 Mann nahe dem Kampfplatz von
Metzovo untätig gestanden, weil sie sich dem Befehl des Generals Grivas nicht
unterordnen wollte - rächten sich schwer. Am 25. April erlitt Tzavellas mit 3000
Mann durch Osman Pascha bei Peta eine vollständige Niederlage und musste sich
nach Griechenland zurückziehen. Fuad-Effendi zog in Janina ein; 8000 Gewehre,
welche die russische Negierung für die Griechen in belgischen Fabriken hatte
anfertigen lassen, und die bereits glücklich den grössten Teil des Weges
zurückgelegt, wurden an der sicilianischen Küste von einem englischen Kreuzer
aufgefangen und nach Malta gebracht; die albanesische Küste war von englischen
Schiffen blokirt, im Golf von Volo an der tessalischen Küste schoss eine
französische Dampffregatte mehrere, mit Freiwilligen besetzte griechische
Schiffe in den Grund, und Damoko wurde von Salim-und Schiakir-Pascha entsetzt.
Teodor Grivas mit 400 Kriegern hatte sich nach Agrapha zurückgezogen und gab
den Kampf auf. Im ganzen Epirus waren die Türken Sieger.
    Einen neuen Zuzug zwar erhielt der griechische Aufstand durch das
Herbeiströmen der aus dem türkischen Gebiet ausgewiesenen Griechen, von denen
allein 20,000 von Constantinopel und Smyrna auswanderten. Von Aten aus
angefeuert und mit neuen Führern versehen, - Spiro Milio und Vlakopulos an der
Gränze, Grizanos, Priovos, Giakas und dem kühnen Papakosta in der Provinz
selbst, - stand ganz Tessalien bald wieder unter Waffen und mit 12,000 Kriegern
dem neu ernannten Gouverneur, Ali Rizza Pascha und seinen 16,000 Mann gegenüber.
    Doch alle Anstrengungen des kleinen Griechenlands scheiterten an der
drohenden Stellung der Westmächte, die sich nicht entblödeten, selbst über die
Abdankung des Königs Otto zu verhandeln. Fürst Danilo von Montenegro, der auf
seine kühne Proklamation vom 10. März5, von dem russischen Agenten Oberst
Kowalewski angefeuert, 8000 Krieger des Hochlands in Cettinje versammelt hatte,
und ebenso Serbien, das bereits in voller Rüstung stand, wurden von Oesterreich
gezwungen, neutral zu bleiben, und so der ganze grosse Aufstand der slavisch
christlichen Völker, südlich der Donau, unterdrückt, der offenbar sonst der
türkischen Herrschaft in Europa ein Ende gemacht und Russland den Sieg gesichert
hätte. Wir haben bereits gezeigt, wie Kaiser Nicolaus die Verbindung mit der
Revolution im Norden der Donau und Save zurückgewiesen, sowohl um der eigenen
Grundsätze, als um Oesterreichs Willen, das auf diese Weise seine Rücksicht
lohnte. Die Karte von Europa hätte sonst sicher - nicht von der Seine, sondern
von der Donau aus - eine andere Gestaltung gewonnen.
 
                                    Fussnoten
1 Türkische Artilleristen.
2 Wir haben bereits erwähnt, dass unser Zeichen der Bejahung bei den Türken die
entgegengesetzte Bedeutung hat.
3 Der Spectateur de l'Orient, Observ. Triest etc. etc.
4 Wir wiederholen es, die furchtbare Tat ist Wahrheit!
5 Der Aufruf lautet:
 »Von uns, Danilo Petrowich, Fürst der Czernagora und der Brda, Gruss dem
Capitain. Ich wünsche, dass auch wir Czernagoren jetzt, wie auch sonst immer, uns
tapfer und heldenmütig zeigen, gleich den Griechen und andern Nationen, gleich
unsern stets siegreichen Gros- und Urgrossvätern, die uns als ihr Vermächtnis die
Freiheit hinterliessen, auf welche wir jetzt vor der Welt stolz sind. Darum will
ich jene Soldaten kennen, welche früher conseribirt wurden, dass ich weiss, ob ich
mich auf sie verlassen kann, und befehle Euch, Capitaine, dass jeder seinen Stamm
versammle. Jeder Soldat sage freiwillig, ob er mit mir kämpfen will gegen den
Türken, den verfluchten Feind unsers Glaubens und unserer Gesetze. Der Capitain
verzeichne jeden solchen Freiwilligen und berichte mir darüber nach Cettinje.
Das aber sage ich Jedem im Voraus, wer nicht beabsichtigt, mit mir des Todes
gewärtig zu sein, den beschwöre ich bei dem grossen Gott, er möge zu Hause
bleiben, und wer mit mir dann ziehen will, der vergesse Weib, Kind und Alles,
was er auf dieser Welt besitzt, und sage dies dem Capitain, dass er ihn
einschreibe. Ich sage Dir, meine wackere Nation, und Euch, meine lieben Brüder,
wer nicht mit mir sterben will, bleibe unbehindert zu Hause, denn ich weiss sehr
wohl, dass ein Einziger, der freiwillig und mutig in's Feld zieht, besser ist,
als Fünfzig, welche furchtsam von mir herziehen; darum fordere ich jeden wackern
Mann, der ein mutiges und kein Weiberherz hat, und welcher nicht ansteht, für
das heilige Kreuz, die rechtgläubige Kirche und das Vaterland sein Blut zu
vergiessen, auf, dass er mit mir teile Ruhm und Ehre. Sind wir denn nicht, teure
Brüder, Söhne jener alten czernagorischen Sieger, welche drei türkische Veziere
auf einmal bewältigen, welche französische Truppen schlugen und des Sultans
Festungen mit Sturm nahmen? Sind wir keine Vaterlandsverächter, missachten wir
nicht den Ruhm unserer alten Helden, so versammeln wir uns und schlagen los im
Namen Gottes! - Bleibt gesund.
 Cettinje, 16. März 1854.«
                                    Madara.
Man kann sich unmöglich darüber täuschen, dass die, durch die politischen
Verhältnisse hervorgerufene und von Petersburg befohlene schwankende Haltung der
Russen in den Donau-Fürstentümern und ihre anfänglich viel zu geringe
Machtaufstellung das Schicksal des Donau-Feldzuges herbeigeführt haben. Erst
nachdem die Absichten der Westmächte selbst der politischen Naivetät klar sein
mussten, erhielt am 10. März Fürst Gortschakoff von Petersburg die Weisung, sich
nicht länger auf die Verteidigung des »genommenen Pfandes« zu beschränken,
sondern die Offensive gegen das rechte Donauufer zu ergreifen und diejenigen
Punkte auf demselben zu besetzen, welche allenfalls bei dem weiteren
kriegerischen Vorgehen auf feindlichem Boden zu Pivots dienen könnten.
    Die Wahl dieses Vorgehens hatte ihre besondere Schwierigkeiten, und man hat
den erwählten Weg dem Fürsten Gortschakoff - indem man ihm nur das Talent eines
tüchtigen Taktikers und Artilleristen lässt - zu einem grossen strategischen
Fehler gemacht. Es lässt sich indes Vieles zu seiner Rechtfertigung sagen.
    Mit einem Uebergang an der Gränze der kleinen Walachei, zwischen Rustschuk
und Widdin, hätte die russische Armee die türkische allerdings zu einer
allgemeinen Schlacht zwingen und durchbreche können. Es stand ihr dann, da die
feindlichen Festungen dieser Operationslinie (Sistowa, Nikopolis, Rahowa) nur
unbedeutend waren, die Hauptstrasse im Isker Tal nach Adrianopel offen, und ein
Monat hätte sie vielleicht dahin gebracht. Abgesehen aber davon, dass die Türken
mehr denn doppelt so stark waren als 1828, und mit einer Artillerie versehen,
die sich mindestens mit der russischen messen konnte, war damit der Rücken und
die rechte Flanke der schon damals sehr bedenklichen Haltung der Oesterreicher
und ihrem angedrohten Einrücken in Serbien Preis gegeben, und die Verpflegung
einer so bedeutenden Armee bei den grundlosen Strassen aus dem langen Landwege um
so schwieriger. Die Küsten des schwarzen Meeres mussten auch hierbei von einem
starken Corps besetzt gehalten werden, um eine Operation der Türken und ihrer
Alliirten von dieser Seite zu verhindern. Der Aufstand in Griechenland und der
erwartete in Montenegro waren noch nicht so weit gediehen, um davon bedeutende
Hilfe hoffen zu können.
    Der andere Weg war der schon in den frühern Feldzügen gewählte durch die
Dobrudscha. Der strategische Plan des türkischen Oberbefehlshabers erleichterte
sogar den Angriff auf diesen Punkt, indem Omer, auf die Flotten der Westmächte
bauend, sein Hauptaugenmerk und seine Kraft nach der oberen Donau und
Widdin-Kalafat geworfen, um die Verbindung mit Serbien und Rumelien zu hindern,
und Mustapha-Pascha zur Besetzung der untern Donau und der Dobrudscha nur 10
Bataillone Nizam, 8 Bataillone Redifs, 3000 Baschi-Bozuk's und 4000 Reiter mit
48 Kanonen zur Disposition gestellt hatte. Bei dem Stoss gegen die Dobrudscha
behielten zugleich die Russen stets ihre Basis an der Moldau und dem eigenen
Gebiet.
    Freilich fehlte ihnen diesmal gegen die früheren gleichen Feldzüge die
Unterstützung ihrer Flotten und die Beherrschung des Meeres.
    Dennoch wurde dieser Angriffspunkt gewählt und zunächst der Uebergang an
vier Stellen bestimmt.
    Mustapha-Pascha erhielt durch die zahlreichen Spione, die sich auch im
russischen Lager befanden, bereits am 22. Nachricht von den beabsichtigten
Operationen, konnte sie jedoch, obschon er aus sein dringendes Verlangen 6000
Mann Verstärkung erhalten, nicht hindern, da die russische Hauptarmee hier eine
Macht von 90,000 Mann hatte1.
    Am 20. ging Oberst Suroff mit einem Detachement von 2000 Mann durch die
Donaufurt, 2 Meilen unterhalb Hirsowa, und setzte sich gegen die zum Schutze der
Feste errichteten Schanzen in Bewegung. Sein rascher Angriff wurde durch das
Feuer von Kanonenböten unterstützt, musste aber, da die Türken wütend kämpften,
drei Mal erneuert werden. Am 21. waren die Schanzen genommen, am 22. begann die
Cernirung, am 23. die Belagerung der Citadelle Hirsowa's. Am 30. Morgens wurde
sie mit Sturm genommen, nachdem ein Teil durch das Bombardement ein Raub der
Flammen geworden war.
    Am 23. liess der Oberbefehlshaber, Fürst Gortschakoff, nachdem am 22. bereits
ein lebhaftes Feuer auf die bei Matschin errichteten türkischen Verschanzungen
vom linken Ufer aus eröffnet worden, unter dem Schutz von 24 Zwölfpfündern und 6
Achtzehnpfündern eine Pontonsbrücke nach birago'schem System bei Ibraila über
die Insel vor Gedschid an das rechte Donauufer, schlagen und setzte mit einem
starken Corps über. Die Türken zogen sich nach Matschin zurück.
    Gleichzeitig schlug General Lüders eine zweite Brücke von Galacz aus das
rechte sumpffreie Ufer zwischen Matschin und Isaktscha und überschritt unter
Kanonendonner den Strom mit dem Lublin'schen und Samoszki'schen Jäger-Regiment
und den Infanterie-Regimentern Modlin und Bragasch, nebst Kavallerie und
Artillerie.
    An demselben Tage erzwang auch auf dem vierten Punkte General Uschatoff nach
blutigem Kampf den Donauübergang von Ismaël aus, dessen weisse Mauern durch
Byron's »Don Juan« gefeiert sind, oberhalb Tultscha, und nahm die türkischen
Redouten mit Sturm.
    Am 24. wurden bereits Matschin, Isaktscha und Tultscha belagert. Die
Besatzung von Matschin, das mit bedeutenden Proviant und Munitionsvorräten
versehen war, - etwa 6000 Mann - ergab sich am Morgen des 27., nachdem die
Festung zwei Tage lang beinahe ununterbrochen mit Bomben beworfen und zwei Mal
gestürmt worden.
    Am selben Tage fielen Isaktscha und Tultscha, - die Russen befanden sich
also am 30. im Besitz sämmtlicher festen Punkte an der Donau unterhalb des alten
römischen Trajanswalles, der an dem schmalsten Punkt von der Donau zum Meere
führt und an der Erstern von Tschernawoda und Karassu, an der See von
Küstendsche flankirt wird.
    Mustapha Pascha musste daher die Verteidigung von Babadagh - der Position im
Innern der jetzt eingeschlossenen Halbinsel Dobrudscha, - so eilig aufgeben, dass
sämtliche Vorräte in die Hände der Feinde fielen, und sich auf den Trajanswall
zuzückziehen.
    Nachdem in den ersten Tagen des Aprils auch die Operationen gegen Silistria
von Kalarasch aus begonnen, räumte der türkische General vom 6. bis 11. auch
Tschernawoda und Karassu, und zog sich auf der Strasse nach Basardschik zurück,
so dass sich die Russen im vollen Besitz der obern Dobrudscha befanden. -
    Kaiser Nicolaus hatte unterdess den Veteran seiner Schlachten, den
General-Stattalter von Polen, Feldmarschall Fürsten Paskiewitsch, auf den
Kampfplatz beordert und diesem die obersten strategischen Anordnungen
übertragen.
    Der Fürst traf in den ersten Tagen des Aprils in den Fürstentümern ein und
nahm die einzelnen Stellungen der russischen Streitkräfte in Augenschein,
zunächst vor Kalafat, das General Liprandi jetzt näher cernirt hielt, und wo in
den letzten Tagen des März einige blutige Gefechte vorgekommen waren.
    Aus dem Helden von Eriwan war aber auch ein Diplomat geworden - es galt
nicht mehr, Schlachten zu schlagen, sondern auch zu fragen, ob sie geschlagen
werden dürften?
    Der Allianztractat zwischen Oesterreich und Preussen musste dem Ersteren eine
drohende Stellung in Bezug auf die Fürstentümer geben, und obschon der
preussische Kriegsminister, General Bonin, der offene Gegner der russischen
Interessen, seinen undiplomatischen Erklärungen bei Beratung der
Creditbewilligung auf die Beschwerde Russlands bald darauf zum Opfer fiel, war
damit die freie Hand Oesterreichs nicht beseitigt. Von den Tractat-Verhandlungen
und der verabredeten Somnation gegen die fortdauernde Occupation der
Fürstentümer, hatte natürlich die russische Diplomatie zeitige Kunde und diese,
so wie die Unterdrückung der Aufstände in Czernagora und den
türtisch-griechischen Provinzen bewogen ihn, schon am 16. dem General Liprandi
den Befehl zu erteilen, die Cernirung Kalafat's aufzugeben und seine
Streitkräfte auf das Ufer des, die kleine von der grossen Walachei trennenden
Flusses Aluta zurückzuziehen. Sofort wurden die Spitäler aufgehoben und der
Belagerungspark in Sicherheit gebracht. Am 23. sammelten sich bereits die
Truppen in Krajowa und setzten am 25. ihren Marsch gegen die Aluta fort. Die
Türken drangen sofort von Kalafat nach, setzten an mehreren Punkten über die
obere Donau, und es kam, namentlich am Schyl, zu blutigen Gefechten, in denen
meist die Türken Sieger blieben.
    Am 16. hatte ein bedeutendes russisches Streifcorps die Donau bei Oltenitza
passirt, wurde aber gleichfalls durch die Bajonnetangriffe der Türken
zurückgeworfen.
    Auch in der Dobrudscha war es zu harten Kämpfen gekommen, und General Lüders
wurde in einem blutigen Gefecht bei Tschernawoda am 20. nach einem
sechsstündigen Kampf geschlagen und verlor an 500 Todte, 250 Gefangene und 15
Kanonen. Doch mussten die Sieger vor der anrückenden Hauptcolonne der Russen
wieder weichen. An der oberen Donau schlug Sali-Pascha die Gegner bei Turnul und
Nikopoli, Suliman-Pascha erstürmte Radowan, so dass Ende des Monats die Türken
Herren des grüssten Teils der kleinen Walachei waren. -
    Am 27. April war Fürst Paskiewitsch in Kalarasch eingetroffen und die
Bewegungen zur Cernirung von Silistria, in der letzten Hälfte des April von
General von Schilder begonnen, concentrirten sich. Nachdem die Verbindung
zwischen Kalarasch und den Donauinseln hergestellt worden, beschossen die Russen
die türkischen Uferbatterieen und die türkische Flotille vor Silistria. Die
Festung, die zwar 179 Geschütze, aber keine Feldbatterie zur Disposition hatte,
wurde von Mussa-Pascha anfangs mit mir 9000 Mann verteidigt. Der Sirdar eilte
daher, Verstärkungen von Schumla her hinein zu werfen und ein Teil der Corps
aus Kalafat und Widdin wurde zum Ersatz eilig herangezogen.
    Am 3., 4. und 5. waren bereits Truppen der Westmächte in Varna eingetroffen.
    Nachdem wir hiermit die Kriegsereignisse im Allgemeinen bis zum Mai
nachgetragen, nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder auf.
    Es war in der ersten Hälfte des köstlichen lieblichen Mai, des Wonnemonds,
von dessen Wonne und Köstlichkeit wir Nordländer gewöhnlich Nichts erfahren und
von dein wir allein die Erinnerung haben, dass der Hexentag auf dem Blocksberg
ihn eröffnet.
    Anders ist es im Süden - da quellen die Wonnen wirklich aus Busch und
Strauch, von Matte und Baum, von Tal und Berg, da öffnet die Natur in voller
Milde und Lieblichkeit den Busen, und der balsamische Hauch des neuen
Blumenlebens, die milde Luft des blauen Himmels schwellt die Herzen.
    Der helle Mondschein goss sein Licht über eine rauhe wilde Gegend am Pass nach
Ternowo aus der Höhe des Gebirges. In tiefen Uferwänden sprudelte ein lebendiger
kleiner Gebirgsfluss, - üppiges Rankengewächs überdachte die springende von Stein
zu Stein fallende klare Flut, kolossale Felsblöcke rahmten das Ufer ein und
zogen sich bis zur hohen Basaltwand, die, mit dichtem Gesträuch bekleidet,
emporstieg. Ahorn-, Wallnuss-, Feigen- und Maulbeerbäume, umrankt und verbunden
durch den kleinblättrigen wilden Wein füllten mit ihrem frischen Laub die
Umgebung, und ihre Blätter zitterten und spielten in phantastischen Effecten,
bald im Mondstrahl, bald im langen Lichtschein, der von einer Stelle zwischen
zwei mächtigen Feldstücken hervorbrach. Dort lagerte um ein Feuer eine bunte
Gesellschaft, wie sie die wilden Verhältnisse des Gebirges und der Zeit
zusammengeführt - eine Anzahl Männer und zwei Frauen, letztere hinter dem Kreis
der Männer mit einem jungen Mohren an den Resten des Mahles beschäftigt, das
ihre Herrn und Gebieter eben gehalten.
    Acht oder neun der wilden Gestalten, die um das Feuer sassen, behaglich den
Schibuk im Mund und von Zeit zu Zeit die Rakihflasche im Kreise umhergehen
lassend, gehörten offenbar ihrer Kleidung und Bewaffnung nach zu den freien
Bewohnern der Berge, den kühnen und unermüdlichen Feinden der Türken, den
Haiducken, mit den weissen wollenen Röcken und dem in zwei lange Flechten
geheilten Haar des Hinterkopfes. Um so mehr fiel zwischen ihnen, und
augenscheinlich ihnen befreundet, die Gestalt eines greisen Moslems auf, in
blauen weiten Halbbeinkleidern und roten Strümpfen, blauer Aermeljacke und
einer hohen, oben breiten, weissen Mütze, mit dem langen roten Sack. Wer vor dem
Juni 1826 Constantinopel besucht, kannte die Tracht sehr wohl, - es war die der
Ienettschjeri oder Janitscharen, der alten gefürchteten Krieger des Reiches.
    Zur Seite des Buluk-Baschi's oder Capitains der Haiducken, sassen zwei
Europäer, Doctor Welland, der Arzt des Lazarets von Widdin, und ein
französischer Genie-Offizier, Capitain Depuis, aus der Begleitung des
Seraskiers, der in letzter Zeit wieder nach Kalafat gekommen war, um die
Verschanzungen gegen die vorrückenden Russen zu verstärken.
    Beide waren, bei dem Rückzug der Russen von Kalafat und der Auflösung der
dortigen türkischen Stellung, auf dem Marsch nach der ersten Bestimmung des
Arztes, nach Silistria, begriffen und hatten den Weg durch die Gebirge auf
Schumla eingeschlagen. Ihre heutige Tagereise hatte jedoch bereits am Nachmittag
ein unerwartetes Ziel gefunden, denn der Saptieh, jene Sorte türkischer
Spitzbuben von Gensd'armen, die als bewaffnete Wachen und Wegführer den
Reisenden von Station zu Station begleiten, gewöhnlich aber, wenn ihnen nicht
ein grösserer Vorteil durch die Ehrlichkeit in Aussicht steht, mit den Räubern
des Gebirges zur Plünderung ihrer Schutzbefohlenen im besten Einvernehmen
stehen, hatte sie auf Nebenwege geführt, eine Sache, die bei dem Zustande der
Strassen in der Türkei leicht genug ist, und bei dem Erscheinen eines kleinen
Truppes von Haiducken spurlos verlassen. Ein Widerstand der beiden Männer und
ihrer zwei Diener gegen die wilden Söhne des Gebirges hätte nur nutzlos ihr
Leben gefährdet, und so machten sie sich bereits auf eine vollständige
Ausplünderung gefasst, als zu des Arztes Verwunderung der Mohrenknabe Nursah den
Anführer der Haiducken anrief und nach einer kurzen Besprechung in türkischer
Sprache zu seinem Herrn führte.
    »Du bist der fränkische Hekim-Baschi, der in der Lokanda des Slowaken Alexo
zu Widdin gewohnt hat?« fragte der Capitano.
    »Ja. Kennst Du mich?«
    »Ich habe Dich oft gesehen, wo Du mich nicht sahest, und weiss, dass Du ein
Bulgare und unser Freund bist. Ich bin Michael Miloje, der Schwiegersohn des
Handscha Gawra vor dem Tore Widdin's, und weiss, dass Du der Mutter meines Weibes
beigestanden in schwerer Krankheit, und für den Handscha gesprochen hast bei dem
Vali2 von Widdin. Sei mir gegrüsst, Bruder, Du und die Deinen, Ihr seid sicher
unter dem Schutz Miloje's und werdet seine Gastfreundschaft nicht verschmähen.«
    Obschon der Arzt sich des Haiducken nicht erinnerte, war die unerwartete
Umwandlung desselben in einen Freund doch viel zu willkommen, um sie nicht mit
beiden Händen zu ergreifen, und wiewohl die Reisenden gern ihren Weg fortgesetzt
hätten, mussten sie sich doch bequemen, die gebotene Gastfreundschaft des
Haiduckenführers anzunehmen und ihn in das Innere des Gebirges zu begleiten.
    Die kleine Karavane wandte sich demnach unter Führung Miloje's auf
ungebahntem Weg zwischen Felsen und Gestrüpp nach der Höhe der Berge und kam
nach einem Marsch von etwa einer Stunde auf dem prächtigen Felsenhang an, auf
dem die Schaar ihr fliegendes Lager aufgeschlagen und von wo sie in einzelnen
Streiftrupps die jetzt sehr belebte Strasse durch die Pässe belästigte und häufig
selbst grösseren Abteilungen der Türken ernste Scharmützel lieferte.
    Da fast alle Mitglieder der Gesellschaft auf solchen Streifereien nach der
Niederung entfernt waren, fanden sie unter den von Strauchwerk, Fellen und
Stangen flüchtig errichteten Hütten nur Marutza, jetzt die Frau des Führers nach
der kühnen Entführung, und das Weib eines anderen Haiducken, nebst dem oben
beschriebenen alten Janitscharen und einem anderen Mann.
    Alsbald wurden Anstalten zum Mahle gemacht, das aus dem unvermeidlichen
Nationalgericht, dem Gaourt (geronnener saurer Milch) und der Hälfte eines in
einer Grube zwischen Steinen gerösteten Schafes bestand. Hier, in den Oeden des
Gebirges, hörten die Reisenden die neuesten Nachrichten von dem augenblicklichen
Schauplatz der Kämpfe.
    Mit Triumph erzählte der Bulgar von der Uebergabe Matschins mit einer
frischen Garnison von 6000 Mann und guten Wällen an seine Freunde, die Russen.
Im ganzen Volke und selbst in der Armee war damals die Fabel verbreitet, dass
Omer-Pascha eine ungeheure Belohnung von den Russen bekommen, um Kalafat an sie
zu verraten, und dass eben deshalb Achmet-Pascha, sein Freund, so träge und
tatenlos sich in den grossen Verschanzungen gehalten habe. Der Plan sei aber
dadurch vereitelt worden, dass man ausserhalb der Schanzen einen Brief Achmet's an
den russischen General gefunden, worin er diesem die Stunde angab, in welcher
ihm Kalafat überliefert werden sollte. Stender-Pascha, Mustapha-Pascha und
Ismaël-Pascha hätten sich dein Verrat widersetzt, und so sei Omer genötigt
worden, seinen Freund Achmet im Kommando durch Halim-Pascha zu ersetzen und ihn
als Generalstabschef zu sich nach Schumla zu berufen, worauf er alsbald die
Russen am andern Ende der Donau bei Matschin in's Land gelassen habe. In dieser
Weise wurde die kluge Defensive des Muschirs in der ganzen Türkei ausgelegt und
von seinen vielen Feinden in der alttürkischen Partei selbst in Constantinopel
verbreitet. Es ist bekannt, dass sein erbitterter Gegner Riza-Pascha auf die
Nachricht von der Einnahme Matschins ein Gastmahl gab und sie seinen Gästen mit
den Worten verkündete: »Ich habe es immer gesagt, der Dschaur wird uns die
Dschaur's in's Land herein lassen!« -
    Da Welland während des Jahres seines Aufentalts in der Türkei bereits
ziemlich gut die türkische Sprache erlernt hatte und auch der lustige
französische Capitain das Kauderwälsch der Lingua Franca einigermassen handhabte,
ging die Unterhaltung ziemlich geläufig von Statten. Der Arzt und der Franzose
mussten von den fernen Ländern erzählen, denen sie angehörten, und der Erstere
benutzte die Gelegenheit, möglichst viel von den Sitten und Gebräuchen des
Volkes zu erfahren, unter welches das Schicksal ihn geführt.
    Ihm gegenüber sass ein Mann im mittleren Alter, dessen keckes, mit mehr als
einer Narbe bedecktes Gesicht von dem abenteuerlichen Leben zeigte, das er
geführt, und den die Fremden bei ihrer Ankunft im Lager dort und im Gespräch mit
dem alten Janitscharen gefunden hatten. Er sprach fertig italienisch und seine
Reden zeigten, dass er weit in der Welt umher gekommen. Auf sein Befragen erfuhr
der Doctor, dass er einer jener Kiradschia's sei, gewöhnlich geborene Bulgaren,
die als Agenten, Hausirer oder Spediteure der Grosshändler alle Provinzen
durchstreifen und bis nach Syrien, ja bis zum Kaukasus hin Waaren an bestimmte
Handlungshäuser befördern und von da auf ihren kleinen Balkan-Pferden oder
Kameelen neue Ladung mitbringen, häufig auch Hausirgeschäfte auf eigene Hand
machen. Diese Menschen zeichnen sich durch eine erprobte Ehrlichkeit aus; eher
könnte man die Sonne von ihrer Bahn ablenken, als die Kiradschia's von dem Wege
des Rechts, das heisst jenes Rechts, das unter diesen Völkern als solches gilt,
denn sie kaufen und vertreiben eben so gern die ehrlich erworbene Beute der
Räuber, was freilich nach unsern Begriffen für Hehlerei angesehen werden würde.
Als weit gereiste Leute haben sie immer höchst interessante Abenteuer zu
erzählen: bald serbische, walachische und moldauische Hofintriguen, bald
Klatschereien von den Höfen zu Cairo, des Pascha's von Bagdad und der Drusen-
und Maronitenhäupter; bald wilde Räuberzüge und Kämpfe am Kuban oder aus den
Oeden der arabischen Wüste; kurz, sie sind das Orakel der Dorfbewohner und die
Vorsehung der umherstreifenden Freien im Balkan wie am Libanon. Sie kaufen zu
ehrlichen Preisen ihren Raub und liefern ihnen Pulver, Waffen und alle sonstigen
Bedürfnisse.
    Paswan, der Kiradschia, war seit einer Woche bei der Bande des Michael
Miloje, und seine Vertraulichkeit mit allen Mitgliedern zeigte, dass er hier ein
häufiger, sein wohlgefülltes Gepäck, dass er ein willkommener Gast sei. Er wollte
am andern Morgen zugleich mit den Fremden aufbrechen und diese bis Schumla
begleiten, und erzählte jetzt bei dem Keff3 um das Feuer von seinen
Wanderschaften.
    Ein zufälliges Lüften seiner Kopfbedeckung hatte den Fremden gezeigt, das;
er sein linkes Ohr eingebüsst, und der Blick danach war den scharfen Augen des
Kiradschia's nicht entgangen.
    »Ihr müsst nicht denken, Franken, ich sei aus eine schlimme Weise darum
gekommen,« sagte er. »Es ist ein Andenken an diese Berge und meine Knabenzeit,
und wenn's Euch gefällt, will ich Euch erzählen, warum ich Paswan der Einohrige
heisse.«
    Der Arzt und der Offizier baten um das Abenteuer und der Hausirer begann:
    »In den Felsenklüften des Balkan wohnt neben dem Eber, dem Hirsch und dem
Wolf auch der Bär, und er ist für die zahlreichen Hirten unseres Landes das
gefährlichste Tier. Er ist der Feind des Bulgaren, denn wenn er ein Rind oder
ein Pferd zu Boden reisst, so muss der Bulgare es dem Spahi ersetzen. Schon von
meiner frühesten Jugend an half ich meinem Vater die grossen Heerden hüten, die
seiner und eines seiner Vettern Aufsicht von dein Kiaja anvertraut waren. Unser
Vetter hatte einen Knaben, der in meinem Alter war, - ich hatte dreizehn Winter
gesehen, - wo er jetzt ist? Gott allein weiss es, und wir Beide hüteten
gewöhnlich gemeinschaftlich eine Heerde von Pferden an dem nördlichen Abhange
des Gebirges, von dem der Osma herabströmt, eine Tagereise von Ternowo, der
heiligen Stadt unseres Landes, wo die Gräber sind unserer letzten Krals.
    Seit einiger Zeit hatte eine Bärenfamilie, die in der Tiefe des Gebirges ihr
Lager zu haben schien, den Heerden unseres Celo arg zugesetzt und bereits
mehrere Pferde zerrissen. Vergeblich waren alle Streifzüge, welche die Männer
der Gegend nach den Schluchten unternommen hatten; eines Abends aber kam,
während ich mit meiner Heerde am Fusse der Berge weidete, Weliko, mein junger
Vetter, aus seinem besten Schimmel angejagt und ich konnte schon an seinem
frohen Aussehen merken, dass er eine besondere Kunde auf dem Herzen habe. Er war
am Morgen in's Gebirge geritten, um eine entlaufene Stute wieder aufzusuchen. -
Paswan, sprach er zu mir, indem er vom Pferde sprang, wenn Du Mut hast, so
können wir das Schussgeld für einen Bären verdienen. Aber Du musst mir
versprechen, dass Du keiner menschlichen Seele davon ein Wort sagst, sonst
behalte ich für mich, was ich gesehen habe. - Ich schwor ihm dies bei der
Sweta-Horata hoch und teuer, und der Junge, er war kaum ein halbes Jahr älter
als ich, erzählte mir nun, dass er ganz nahe an unseren Weideplätzen zufällig auf
einem Felsen das Lager eines Bären entdeckt habe, das unsere Jäger so weit im
Gebirge gesucht hatten.
    Er hatte bei dem Suchen des Pferdes den Bären gesehen und war ihm gefolgt,
bis er sich sicher überzeugt, dass das Tier sein Lager gefunden. Aus die Klauen
eines erwachsenen Bären waren damals von der Regierung des Paschaliks 50 Piaster
gesetzt, auf die der Jungen die Hälfte; ausserdem hatte das Fell einen guten
Preis, und wir Burschen glaubten in unserer Dreistigkeit, uns das Geld so gut
verdienen zu können, wie ein alter Jäger, und machten danach unseren Plan, indem
wir beschlossen, am anderen Tage das Lager aufzusuchen.
    Die Heiligen seien mir gnädig, aber ich war damals ein wilder Bube. Mein
Vater hatte eine alte Trombole in seiner Hütte - er ist längst im Paradiese, wie
mir der Popa gesagt, der mich schwere Dukaten dafür zahlen liess! - und Niemand
achtete mehr darauf. Weliko, mein Vetter, übernahm es, seinem Vater Pulver und
einige Kugeln zu stehlen, während ich das Gewehr bei Seite zu bringen versprach.
Nachdem wir Alles auf's Beste verabredet, trennten wir uns; ich trieb meine
Pferde in den Pferch und es gelang nur glücklich, die Trombole wegzubringen und
in der kleinen Hütte von Weidengeflecht zu verbergen, in welcher ich gewöhnlich
mitten unter den Pferden die Nächte zubrachte. Als ich am andern Morgen mit
Hilfe meines Vaters die mir überwiesene Heerde ausgetrieben und dieser sich mit
der seinen nach der andern Seite entfernt hatte, kehrte ich rasch zurück und
holte mir das Gewehr. Es war um Mittag, als Weliko zu mir stiess, der einen
andern Buben beredet hatte, während unserer Abwesenheit die Pferde zu
beaufsichtigen und sie nötigenfalls heimzutreiben. Wir machten uns daher sofort
aus den Weg nach der Richtung, in der Weliko das Lager des Bären wusste, ohne dass
eine menschliche Seele weiter von unserem Anschlag erfahren hatte. Unterwegs
luden wir das Gewehr mit dem ganzen Pulver, das mein Vetter gestohlen, und zwei
Kugeln, und füllten die Mündung ausserdem bis an den Rand hinauf mit
Kieselsteinen an. Triumphirend schleppten wir die Waffe auf unseren Schultern
und stiegen so die Berge und Felsen hinauf. Die Sonne war bereits stark im
Sinken, als wir uns endlich dem von Weliko bezeichneten Platze näherten. Der
Felsen, auf dem er sich befand, war ziemlich hoch und mit dichtem Gestrüpp und
Buschwerk bewachsen. In diesem krochen wir fort, bis wir eine ziemlich freie
Stelle erreichten, wo mich Weliko festielt und, nach dem Hintergrund zeigend,
an dem eine hohe Felswand den Platz abschnitt, mir zuflüsterte, dass dort das
Lager der Bären sei. Wir lauschten eine Weile, ohne indes eine Spur von der
Bärin zu merken, und fassten endlich Mut genug, uns naher an das Lager zu wagen.
Hier trafen wir richtig in einer Vertiefung des Felsens und in einem von
Buschwerk und Gras förmlich zusammengebauten Nest zwei junge Bären, etwa sechs
Wochen alt, die munter wie Kätzchen mit einander spielten. Wir berieten, ob wir
nicht lieber mit diesem Fang uns begnügen und eilig das Weite suchen sollten,
und waren schon dazu entschlossen, als uns ein leises Brummen vom Fusse des
Felsens herauf die Gewissheit gab, dass die Bärin in der Nähe und uns also der
Rückweg abgeschnitten war. Es blieb uns demnach Nichts übrig, als an unserm
ersten Plan festzuhalten und nach der Bärin zu schiessen. Wir sahen uns zunächst
nach einer geeigneten Stelle um, von der wir unbemerkt das Tier belauschen und
unseren Schuss anbringen könnten, und glaubten eine solche hinter einem Felsblock
gefunden zu haben, an dessen Seiten ein junger Wallnussbaum in die Höhe wuchs.
Schon vorher war grosser Streit zwischen uns gewesen, welcher von uns Beiden den
gefährlichen Schuss tun solle; ich behauptete, das Anrecht darauf zu haben, weil
ich das Gewehr geschafft, Weliko dagegen, weil er Pulver und Blei geliefert und
der Aeltere war. Trotz unserer wenig sicheren Lage zankten wir uns daher jetzt
auf's Neue, als plötzlich ein lautes Brummen, eben nicht mehr sehr weit von uns
entfernt, dem Streit ein Ende machte, und ich erschrocken das Gewehr fahren
liess, das in Weliko's Händen blieb. Wir waren kaum hinter das Felsstück
gekrochen, als wir von der anderen Seite die Bärin herauftraben sahen, die
zuerst nach ihren Jungen ging, gleichwie eine Baba besorgt nach den Kindern
schaut, dann aber schnüffelnd auf unsern Versteck zukam. Ich rief Weliko zu,
fest zu zielen und sich nicht zu übereilen; doch die Furcht mochte ihn in diesem
Augenblicke auch wohl stark erfasst haben, und die Trombole entlud sich alsobald
mit einem grossen Knall und mit einem durch die unvernünftige Ladung so heftigen
Stoss, dass er uns Beide, die wir dicht an einander kauerten, zu Boden warf. Der
Bär zuckte zusammen und hob sein linkes Vorderbein in die Höhe, das von dem,
Schuss ganz zerschmettert war; ausserdem hatten wir ihn aber auch nicht weiter
verletzt. Zugleich sprang Weliko auf, warf die Flinte von sich und begann so
eilig als möglich das Felsstück und den jungen Wallnussbuam hinaufzuklettern; ehe
ich aber noch aufstehen und ihm folgen konnte, war das Tier bereits zur Stelle
und hob sich an den Hinterfüssen an dem Baum empor. Sie können denken, dass dies
nicht wenig dazu beitrug, die Schnelligkeit meines Vetters zu vermehren, der
mich so kläglich im Stiche liess. Meine Lage war in der Tat schlimm genug, denn
jede Bewegung musste sofort die Aufmerksamkeit der Bestie aus mich ziehen. Der
Bär gab auch bald den Versuch auf, den Baum zu erklettern, wahrscheinlich, weil
er mit seiner zerschossenen Pranke nicht fort konnte, und er wandte sich nun
gegen mich. In diesem Augenblicke, Gott allein weiss es, wo ich ganz rat- und
hilflos war, fuhr mir plötzlich die oft gehörte Erzählung durch den Sinn, dass
der Bär nie einen todten odemlosen Menschen berühren soll, und indem mich das
Tier bereits mit der Schnauze anstiess, beschloss ich, mich todt zu stellen und
hielt den Atem an. Die Bestie stellte sich nun quer über mich und begann mich
von oben bis unten zu beschnüffeln. Ich konnte, indem ich die Augen geschlossen
hielt, den heissen Atem des Tieres und seine feuchte kalte Schnauze auf meinem
Gesicht fühlen, und mir mit Anstrengung aller Willenskraft gelang es mir, die
Augen geschlossen zu halten. Schon fing die Kraft, den Atem zu halten, an, mir
auszugehen, als ich mich plötzlich von der gesunden Tatze der Bestie gestossen
und mich um und um gerollt fühlte. Dies wiederholte sich mehrere Male, bis mir
die Luft völlig ausging und ich es nicht länger auszuhalten vermochte. Ich
öffnete daher zugleich Mund und Augen und sah mich zu meinem Entsetzen dicht am
Abhange des Felsens, der hier in einer fast senkrechten Wand wohl über 50 Ellen
tief in eine Schlucht fiel. Das boshafte Tier hatte, keinen Atem an mir
spürend und dennoch misstrauisch, versucht, mich mit seiner gesunden Tatze an den
nahen Abhang zu rollen und gab mir eben den letzten Stoss, der mich hinunter
werfen sollte. In der Todesangst fasste ich zu und ergriff im Fallen glücklich
die wunde Klaue der Bärin. Der Ruck meines Falles war so heftig, dass ich meinen
dicht am Abgrund stehenden Feind mit hinunter riss und er nur noch Zeit hatte,
sich mit der rechten gesunden Klaue an einer vorlaufenden Wurzel des Randes
festzuklammern. Er brüllte grimmig vor Schmerzen in dem wunden Bein, an dein ich
mich festielt, und versuchte vergeblich, nach mir zu schnappen, oder mit seinen
Hinterfüssen an der glatten Felswand einen Halt zu fassen; während dem gelang es
mir, mit den Beinen und Armen den Rücken des Bären zu umklammern, und so einen
bessern Halt zu gewinnen. Ich rief Weliko aus allen Kräften zu, mir zu Hilfe zu
kommen, sah ihn aber nur von dem Wipfel seines Baumes herunterrutschen und hörte
ihn dann eilig davonlaufen, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, mir
in meiner gefährlichen Lage beizustehen. Der Bär bemühte sich nun, mit seiner
linken Pfote gleichfalls den Felsrand zu fassen, doch liess ihn der Schmerz der
zerrissenen Muskeln nicht dazu kommen. Dagegen sah ich, dass seine Kraft
unmöglich lange die doppelte Last an einer Tatze würde tragen können und glaubte
uns Beide in wenig Augenblicken schon zerschmettert auf dem Grunde der Schlucht.
Meine Augen rollten in der verzweifelten Lage hilfesuchend umher, als sie
plötzlich etwa 6 Fuss unter mir und etwas zur Seite auf einen dort aus der
Felsenritze hervorgewachsenen, jedoch vom Sturm wenige Fuss über dem Boden
abgebrochenen jungen Baum fielen. Ich begriff im Augenblick, dass hier die
einzige Möglichkeit der Rettung lag, und ohne mich weiter zu bedenken, liess ich
mich an dem Körper des strampelnden und arbeitenden Tieres hinunter gleiten.
Während ich den nach der Seite des Baumes hin gerichteten Hinterfuss umklammert
hielt, suchte die Bestie mich mit dem anderen von sich abzustreifen und riss mir
dabei mit der Klaue das linke Ohr vom Kopfe, verletzte mich auch sonst im
Gesicht und an den Armen, dass meine Kleidung ganz zerfetzt war, und das Blut aus
vielen Wunden und Schrammen herausfloss. Dennoch gelang es mir, mit meinem Fuss
den Stamm des Bäumchens unter mir zu erfassen und, mich allen Märtyrern
empfehlend, liess ich den Bären los und mich rittlings auf den neuen Stützpunkt
niedergleiten. Der Stamm war glücklicher Weise zähe und fest genug, um den Stoss
und meine Last zu tragen, und ich fand mich auf ihm reitend in einer, wenn auch
nicht sehr bequemen, doch wenigstens vorläufig gesicherten Lage. Ich schaute nun
nach meinem Feinde hinauf und bemerkte bald, dass, obschon von meinem Gewicht
befreit, seine Kraft doch nicht mehr zureichte, ihn länger zu halten. Nach einem
letzten verzweifelten Versuch, empor zu klimmen, liess die Tatze los, und der Bär
stürzte dicht neben mir und mich im Falle berührend, in den Abgrund, aus dessen
Tiefe sein Aufschlagen dumpf emporschallte. Gott gab es, dass ich mich in dem
verhängnisvollen Augenblick fest an meinen Sitz geklammert hatte, so dass mich
die streifende Masse nicht aus dem Gleichgewicht brachte. So war ich nun zwar
meines grimmigen Feindes los, doch meine Lage wahrlich nicht um Vieles besser;
denn vom Blutverlust und von der Angst ermattet, sass ich hier zwischen Himmel
und Erde auf einem schwankenden Baumstamm, der jeden Augenblick nachgeben
konnte, und ohne fremde Hilfe war es mir unmöglich, den Felsenrand zu gewinnen,
der mehr als fünf Ellen über mir lag.«
    »Der lose Mund der Weiber hat Dir also mit Unrecht nachgesagt,« meinte
Miloje, indem er gleichmütig den Schibuck aus dem Munde nahm, »dass die Moslems
Dir in Constantinopel das Ohr abgeschnitten, weil Du ihnen falsches Gewicht
verkauft!«
    »Fluch über sie!« murrte der Kiradschia ärgerlich, indem er nach dem Handjar
in seinem Gürtel fasste. »Ich wollte, es wagte es ein Mann, um ihm die
Lästerzunge auszureissen.«
    Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des alten Janitscharen, lachte bei dem
listigen Augenzwinkern des Anführers, aber Capitain Depuis, der sich für die
Geschichte als Jäger interessirte, bat eifrig den Gekränkten, fortzufahren.
Nachdem er ein Paar lange beruhigende Züge von Dampf aus Mund und Nase von sich
geblasen, erzählte er weiter:
    »Gott weiss es, mir war schlimm zu Mute, aber ich hoffte, dass Weliko,
obgleich er mich so feig verlassen, bald mit herbeigeholter Hilfe zurückkehren
werde, um mich aus meiner verzweifelten Lage zu befreien, und suchte unterdess
eine möglichst bequeme Stellung anzunehmen, das Blut zu stillen und den Kopf mit
einem Lappen meiner Kleider fest zu umbinden. Aber Zeit auf Zeit verging, die
Sonne war schon versunken und der Mond warf bereits sein Licht über die Felsen,
ohne dass sich von Weliko oder, einer menschlichen Hilfe etwas sehen liess, und
mein Geschrei verhallte ungehört im öden Gebirge. Dagegen kam es mir vor, als
hörte ich ein leises Brummen immer näher und näher kommen, und bald konnte ich
mich nicht länger tauschen; der Bär, an den wir gar nicht, oder ihn nach seiner
Gewohnheit entfernt, auf eigene Hand jagend, gedacht hatten, befand sich in der
Nähe und kehrte zu seiner Familie zurück. Das Brummen erscholl jetzt laut und
als ich empor blickte, sah ich über den Rand des Felsens den Kopf des Tieres
hervorragen, das mich mit grimmigen Blicken und die Zähne nach mir
hinunterfletschend, betrachtete. Es war der Blutwitterung seiner Gefährtin
gefolgt und fand mich hier in meiner hilflosen Lage; freilich war ich ausserhalb
des Bereichs seiner Klauen und Zähne, aber schon der grimmige Anblick des
Tieres, wie es so auf mich herunterstarrte, war hirnverwirrend und ich musste
alle Kraft aufbieten, um meinen Verstand zu behalten. Ich schloss die Augen und
blieb lange Zeit so sitzen; wenn ich aber unwillkürlich, ja, halb gezwungen,
wieder emporblickte, sah ich stets über mir den Rachen des Bären, und seine
grünlich, gleich leuchtenden Käfern, funkelnden Augen. Stunde auf Stunde verging
so in dieser entsetzlichen Lage, ohne dass mein Feind wich; endlich tauchte das
erste Morgengrauen über die Felsen und Wälder auf. Mit allen Gebeten an Gott und
die Heiligen, die ich irgend auswendig wusste, begrüsste ich das Licht und
schöpfte neue Hoffnung, als ich das Tier jetzt sich bedächtig zurückziehen sah.
Aber es geschah nur, um einen so boshaften als wohlüberlegten Plan
vorzubereiten, und es sage mir Keiner, dass der Bär nicht Verstand hat,
mindestens so viel wie ein Türke. Es dauerte nämlich nicht lange, so kam mein
Gegner zurück und trug in seinen Vordertatzen einen Stein, den er über den
Felsrand nach mir herunterstiess. Das wiederholte er mehrere Male, zum Glück aber
waren die Steine entweder klein, oder es gelang mir, durch Bewegungen nach
rechts und links ihnen auszuweichen, so dass ich nur unbedeutend beschädigt
wurde. Jetzt aber hörte ich deutlich, wie die Bestie sich bemühte, ein grösseres
Felsstück zu der Stelle zu schieben und in meiner Angst schrie ich laut auf, als
plötzlich ein Schuss und ein Freudengeschrei diesem Hilferuf antwortete, worauf
noch ein zweiter Schuss und ein Schmerzensbrüllen des tödtlich getroffenen Bären
folgte, und mein Vater mit mehreren Nachbarn an den Rand des Felsens geeilt kam
und mich so unverhofft in meiner freilich kläglichen Lage wieder erblickte.
Sofort wurden mir Stricke zugeworfen, die ich um mich knotete und an denen man
mich in die Höhe zog. Ich war so schwach, dass ich nicht stehen konnte, und man
musste mich die Felsen hinunter bis dahin, wo die Pferde hielten, tragen.«
    »Alle hatten mich längst verloren und höchstens meine Gebeine zu finden
geglaubt,« fuhr der Kiradschia nach einer kleinen Pause und einem tüchtigen
Schluck Rakih fort, »aber Gott und die Heiligen hatten es anders gewollt. Weliko
hatte sich nach seiner Flucht still nach Hause geschlichen und dort, ohne ein
Wort zu sagen, voll Angst über das angestiftete Unheil, versteckt. Erst als ich
bei Einbruch der Nacht noch nicht wieder erschienen, wurde mein Vater
aufmerksam. Er ging nach dem Pferch und fand zwar die eingetriebenen Pferde,
aber mich nicht. Erst später gelang es ihm, zu ermitteln, wer diese
zurückgebracht und der Bursche erzählte nun, dass er mich und Weliko mit einer
Flinte habe nach den Felsen gehen sehen. Weliko wurde endlich aus seinem
Versteck hervorgeholt und eine tüchtige Tracht Schläge brachte ihn bald zu dem
Bekenntnis unsers Unternehmens und des ganzen Vorganges, wobei er denn angab,
dass er erst dann geflohen sei, als er mich bereits von der Bärin hätte zerreissen
sehen. Mein Vater und die Nachbarn brachen alsbald auf und schleppten ihn mit
sich, bis zu der bezeichneten Stelle, wo sie so glücklich noch zur rechten Zeit
eintrafen. Den mit so vielen Gefahren verdienten Preis für die beiden Bären und
die drei Jungen erhielten nun freilich weder ich noch Weliko, sondern den
steckten wohlweislich unsere Väter ein. Dafür aber wurden wir Beide, nachdem
erst mein Kopf geheilt war, noch weidlich ausgepeitscht zur Warunug, dass es uns
nicht wieder einfallen möge, auf eigene Hand zur Bärenjagd zu gehen. - So bin
ich auch um mein Ohr gekommen!«
    »Und zu einer Tracht Schläge,« sagte Miloje. »Schade, dass Du nicht ein Jäger
geworden bist!«
    »Gott wollte es so!« meinte der Erzähler seufzend. »Ich habe später manchen
Bären geschossen, aber es hat mir keiner so viel Angst gemacht, und bei jedem
dachte ich an die Prügel, die mir mein Vater gegeben. Er war ein ächter Bulgare,
mögen die Heiligen gut mit ihm sein.«
    »Wallah!« sagte der Janitschar, »was hilft es, zu klagen, wir müssen Alle
sterben. Mir ist der Tod näher wie Dir gewesen, und ich bin ihm entgangen. Das
Schicksal wollte es und da sitze ich auf meine alten Tage, der ich ein
Länderbesitzer war und ein Haus in Constantinopel hatte, und rauche mit den
Djaurs!«
    »Erzähle es uns, Effendi,« bat der französische Capitain. »Meinst Du Dein
Entwischen aus der Niedermetzelung der Janitscharen? - Ich wünschte schon lange,
den Hergang etwas umständlicher zu erfahren, als damals die Zeitungen meldeten
und die Bücher erzählen.«
    »Mashallah,« entgegnete der alte Türke melancholisch, »was ich Euch erzählen
will, Fremdlinge, regt eine Wunde in meinen Eingeweiden auf, die das Alter und
fast dreissig Sommer nicht haben schliessen können. Allah sende ihm Unglück, der
dies getan - es liegt Staub auf dem Grabe des Grossherrn Mahmud und die Inglis
und Franken wären nimmer nach Stambul gekommen, wenn die heiligen Orta's nicht
vertilgt worden aus dem Strahl der Sonne! - Der Prophet zürnt mit den Gläubigen
und hat ihr Land in die Hände der Dschaur's gegeben.
    Wisst Ihr, wer mit Euch spricht, Fremdlinge? Melek-Ibrahim, der Oda-Baschi4
der Zagrandschi's von der 64. Orta5 des heiligen Stambul.
    Ich hatte ein Weib genommen und zwei tscherkessische Sclavinnen, denn mein
Einkommen war reichlich und der Tschor-Baschi6 mein Freund. Wir wohnten in einem
eigenen Hause in Cassi-Pascha7 und nur im Sommer zog ich alljährlich nach dem
Balkan auf mein Spahilik, das ich von Selim, meinem Bruder, geerbt im Ejalet8
von Widdin. Mein Weib und die Sclavinnen vertrugen sich anscheinend gut bis auf
kleine Zänkereien, denn ich führte kräftig den weissen Stab und litt es nicht,
dass die Frauen mir in den Bart lachten. Zwei Kinder erfreuten mein Herz, ein
Knabe und ein Mädchen, die mir beide meine Lieblingssclavin geboren, denn mein
Weib war unfruchtbaren Leibes. Irene, die Mutter meiner Kinder, war schön wie
die guten Geister, die den Gläubigen umschweben. Ihr Antlitz war wie die
Mandelblüte und ihre Lippen glichen den roten Granaten.
    Aber das Kismet lässt sich nicht abwenden. Schwarze Wolken zogen auf am
Himmel der Ienettschjeri und das Antlitz des Grossherrn verdunkelte sich gegen
seine tapfersten Kinder vor den Einflüsterungen falscher Franken, und man nahm
uns unsere Rechte und wollte uns zwingen, zu fechten gleich den Christen.
    Der Bluttrinker hatte den Nizam gemacht und die Topschi's9, die unsere
Feinde und Neider waren von Anfang an. Es kam damals viel Unheil über die
Müsselmans, denn Alles sollte anders werben, als es die Väter hinterlassen, und
der Grossherr hasste uns, weil wir dem widerstanden und man ihm fälschlich
hinterbracht, dass Viele aus den Orta's der Buluk10 den Glauben des Propheten
schmähten und heimliche Christen wären.«
    »Fluch über die Gräber der Lügner!«
    »Ich wohnte, wie ich gesagt, im eigenen Haus, wie viele meiner Brüder, und
nicht in der Oda11 unsers Corps. Aber täglich war ich bei meiner Orta und wusste,
was vorging. Es war im selben Mond, den wir jetzt schreiben, im Jahre
Zwölfhundertundvierundvierzig der Hedjira12, als der Bluttrinker die neuen
Krieger machte, die man Askeri-Muhammedije nannte. Wir sollten unsere Kaserne
hergeben oder Alle in ihr wohnen, keine Reisskuchen mehr vor den Toren des
Divans erhalten, und andere Führer haben, als die wir selbst erwählt.
    Der Aga der Ienettschjeri war ein Verräter, ohne dass wir es wussten, unb er
hatte uns dem Hunkiar längst verkauft, bevor wir es ahnten. Aber der
Kjetchuda-Bei13 Mohamed und sein Kul-Kjetchuda14 waren treue Ienkridschari's und
standen zu uns mit ihrem Blut. Es war am Abend des dreizehnten Tages im Monat15,
als ich zu meiner Oda vor dem Tore von Pera kommend, das nach Terapia führt16,
die kupfernen Kessel ausgehängt und die Männer des Buluk in wilder Aufregung
fand17. Ein Hat18 war verkündet worden, worin uns Hussein-Aga befahl, die
Waffen, die wir schon längst nicht mehr tragen durften in den Strassen Istambols,
abzuliefern in's Arsenal, und dass ein Jeder sich einschreiben lassen solle in
die Bataillone der Askeri-Muhammedije, oder keinen Sold empfangen werde, wie
Sultan Orkan seligen Andenkens doch bestimmt hat. Da zerrissen wir unsere Jacken
und schwuren bei den Kesseln, dass wir den Schimpf und die Unterdrückung nicht
länger dulden wollten. In allen Oda's Constantinopels waren die Koridschi's19
diese Nacht versammelt und es gingen und kamen Boten von einer zur andern. Als
der grosse Halbmond der Aya20 gerötet war vom ersten Sonnenstrahl, da zogen von
allen Seiten herbei die Orta's: die Zagrandschi's oder Aufseher über dir Hunde,
die Samsondschi's, die Aufseher über die Bullenbeisser, die Tumandschi's, die
Wächter der Windhunde und Falken, und die Orta's der Sumangs, der Schützen. Am
Platz der Oda, welche der gesegneten Moschee des Fürsten Schekzade gegenüberlag,
stiessen die Orta's zusammen und die Strassen waren von mehr als zwanzigtausend
Ienettschjeri's gefüllt. Dann erhob sich eine Stimme aus der Menge und rief uns
auf, zum Palast des Hussein-Aga zu ziehen, der uns verraten, und von ihm unsere
Rechte zu fordern. Der Palast lag unsern des Turmes der Feuerwächter und wir
zogen dahin und zerstörten ihn, bis er der Erde gleich war. Dann nahmen wir den
Weg gegen das Serail und lagerten vom Horn bis zur goldenen Pforte und forderten
Gerechtigkeit von dem Grossherrn.
    Wir waren die Herren von Constantinopel, aber wir waren Kinder in unserm
Willen und Staub vor dem Hauch der Verräter. Die Boten des Sultans erschienen
vor uns und verkündeten uns, dass alle Beschwerden untersucht und abbeholfen
werden sollten, wenn die Orta's sich in ihre Kaserne zurückziehen und dort
verhandeln wollten. Wir glaubten den Versicherungen lind gingen, die Becken
schlagend, nach unseren Oda's zurück, obgleich Viele von uns ein bedenkliches
Gesicht machten, denn wir wussten, dass die Topschi's, unsere Feinde, bereit
standen, und die Schiffe des Kapudan, mit dessen Galiondschi's wir stets in
Streit lagen, hatten sich vor die Stadt gelegt. Dennoch gehorchten wir dem
Befehl unserer Führer; Fluch dem Teufel, der uns blendete, es war unser
Verderben. Das Schicksal wollte den Untergang der Ienettschjeri's.
    Während wir in den grossen Höfen der Oda's lagerten, kamen Boten des
Grossherrn zu uns und redeten mit uns, Bismillah! Einer so und der Andere anders,
Alles Wind, was von ihren Lippen kam. Sie sollten uns nur hin halten, bis die
Mörder bereit waren: was kann ich sagen, - sie brachten uns einen Sack voll
Lügen und auf dein Grunde war der Tod.
    Auf dem Atmeidan hatte der Sultan indes die geheiligte Fahne des Propheten
erhoben gegen die Ienettschjeri's, und das Volk glaubte der Verläumdung, dass
wir heimliche Christen wären, und war gegen uns. In grossen Haufen zogen sie
heran, an ihrer Spitze die Topschi's mit den Kanonen, und der Scheik ul Islam
schleuderte seinen grimmigsten Fluch gegen unsere Häupter.
    Zu spät sahen wir ein, dass wir Toren gewesen und wir beschlossen,
wenigstens als Männer zu sterben. Ich habe nicht das Verderben meiner Brüder in
Stambul geschaut, wie sie niedergemetzelt wurden, gleich einer Heerde von
Schlachtvieh, aber wir hörten das Geheul der Schlächter bis zu uns dringen auf
den Höhen der Griechenstadt. Durch die Strassen Stambuls stoss das Blut in roten
Strömen und auf dem Atmeidan, der so oft unsere Spiele gesehen, lagen die
Leichen der Tapfern hoch übereinander, und das Volk spie sie an und
verunreinigte die Gräber ihrer Väter.
    Inshallah! es war um die Stunde, da der Imam am Abend den Azam vom Minaret
singen soll, - aber es dachte Niemand der heiligen Pflicht, - als die Würger
sich gegen uns kehrten. Wir hatten selbst das grosse Tor der Oda verrammelt und
hielten uns in den Gemächern und auf dem Hof, als sie vier Kanonen herbeiführten
und vor dem Tor aufstellten. Schande, Schande! es waren ihrer Viele und sie
umgaben das ganze Haus mit einer langen Reihe.
    Wir hatten zwar Waffen, die Pistolen in unseren Gürteln, die Flinte auf
unserm Nacken - aber das Pulver hatte man längst aus den Oda's geholt und es
blieben uns wenige Schüsse zur Verteidigung des Lebens.
    Man forderte uns auf, einzeln herauszukommen und die Waffen abzulegen. Viele
von uns glaubten ihnen und gingen heraus, aber als sie entwaffnet unter ihnen
standen, fielen die Topschi's über sie her und schnitten ihnen die Köpfe ab.
    Da beschlossen wir zu sterben - tausend tapfere Krieger, tausend Männer voll
Kraft und Mut!
    Wir schlugen auf die Becken und häuften Kot auf die Gräber ihrer Väter.
Darauf befahl Hussein-Aga, der Verräter, der selbst herbeigekommen, Feuer
anzulegen an die Oda des Buluk.
    An vier Seiten wurde das Feuer gehäuft und die rote Flamme stieg lustig in
die Höhe, wie grimmig wir auch gegen die Mordbrenner kämpften. Viele versuchten,
aus den Fenstern zu entkommen, aber die Kugeln und die Bajonnete unserer
wachsamen Feinde tödteten sie. Immer unerträglicher wurden die Hitze und der
Qualm, und die Flammen füllten jeden Raum. Gar viele tapfere Ienettschjeri
gingen im Feuer in des Propheten Schoss.
    Dann räumten wir selbst die halbverbrannten Balken fort, mit denen wir das
Tor verrammelt, und öffneten weit die Pforte. Ein dichter Haufe von Kriegern
ergoss sich hinaus, um den Weg der Rettung mit dem Säbel in der Faust sich zu
bahnen. Drei Mal versuchten wir es, drei Mal warf der Strom der Kartätschen aus
ihren Geschützen den Strom der Menschen zurück und hohe Wälle von Leichen
türmten sich vor dem Tore.
    Ein altes Gesetz heisst die Ienettschjeri drei Mal gegen den Feind anrennen.
Als wir es zum dritten Male vergeblich versucht, ohne dass Allah uns Sieg und
Rettung gegeben, fügten die Meisten sich in das unabänderliche Schicksal und
erwarteten ruhig das Ende.
    Denn die Mörder wollten uns nicht lebendig, und während die Mauern umher
brannten, sandten fort und fort die Kanonen ihren eisernen Hagel durch das Tor
und die züngelnden Flammen.
    Aman! Aman! In Bergen lagen die Leichen umher und der Gestank der
verbrennenden Leiber und die Hitze waren fürchterlich! -
    Was soll ich noch sagen? - Wir waren unserer an Zwanzig, die sich im Schutz
einer Mauer im Innern des Hofes zusammengefunden, Viele, darunter auch ich, zu
Pferde, wie wir in die Kaserne gekommen. Wir beschlossen, fechtend zu sterben
oder uns durch die Feinde zu schlagen, und als das Feuer der Kanonen einen
Augenblick schwieg, brachen wir durch ein Seitentor über Leichenhaufen und
Trümmer hervor. Rauch und Qualm umgab uns und wir waren mitten unter ihnen, ehe
sie es wussten. Was soll ich Euch erzählen von dem Schlachten, das erfolgte, -
Mashallah! es war ein Meer von Blut, von blitzenden Säbeln, von Bajonneten und
pfeifenden Kugeln um mich her, - was kann ich sagen? als ich wieder von mir
selbst wusste, jagte ich über die Felder von Demetri mit einer tiefen Wunde in
der Schulter, ohne Mütze und Waffen, und um mich war Nacht, nur in der Ferne
erhellt durch die Feuerströme gen Himmel, in denen der Grossherr die alten
Stützen seines Reiches verbrannte. Auf dem Campo zwischen den weissen Gräbern
stürzte mein Pferd - Bismillah! - es war ein treues Tier und hatte mich aus der
Gefahr getragen. Ich setzte den Weg zu Fuss fort nach meinem Hause - und es war
mein Glück, dass Angst und Furcht noch alle Türen und alle Fenster verschlossen
hielt. Der Morgenstern begann bereits zu erlöschen, als ich in die Nähe meiner
Wohnung kam, aber ich war so schwach, dass ich auf einen Stein niederfiel. In der
Ferne hörte ich wilden Lärmen durch die Strassen und meine Eingeweide
erzitterten. Da stand plötzlich ein Mann vor mir und rief meinen Namen. Ich
wusste, dass ich verloren und beugte mein Haupt dem Todesstreich. Aber eine
freundliche Hand half mir empor und zog mich fort. Es war Paswan, der
Kiradschia, der jetzt an meiner Seite sitzt. Sein Haar war damals schwarz, seine
Haut jung und glatt, und obschon er ein Dschaur war, hatte er doch das Herz
eines Gläubigen.«
    Der greise Janitschar unterbrach seine Erzählung und nickte freundlich mit
dem Haupt nach dem Genannten.
    Dann fuhr er fort:
    »Zwei Jahre vorher hatte das Kismet es gewollt, dass ich dem Kiradschia
begegnete und ihn aus der Hand schlimmer Albanesen befreite, die seine Waaren in
Beschlag genommen und ihn tödten wollten eines Zankes halber. Seitdem waren wir
Freunde geblieben und er kam zu mir, so oft seine Geschäfte ihn nach Stambul
führten.
    Unglücklicher, wo willst Du hin? fragte mich mein junger Freund, weisst Du
nicht, dass Tod für Dich lauert aus jedem Schritt? - So will ich Abschied nehmen
von den Meinen und sterben. Der Zorn des Würgers ist über uns. - Komm, sagte
Paswan, ich werde Dich retten. Man wird die Häuser aller Ienettschjeri
durchspähen und Dein und der Deinen Verderben wäre dann sicher. Ich war bereits
an Deinem Hause, um Dich zu warnen, und will Dir jetzt helfen, da Gott Dich
bewahrt hat. -
    Er verband, so gut es ging, an der einsamen Stelle, an der wir uns befanden,
meine Wunde, hüllte mich in seinen Mantel und setzte mir seine Mütze auf. So
führte er mich in die engen Gassen des Griechenquartiers bis zu dem Schuppen
eines Handelsfreundes. Dort verbarg er mich zwischen Ballen und Koffern.
    Es war ein böser Tag, den ich da zubrachte, und wohl zehn Mal wollte ich
mich herausstürzen, um das Verderben meiner Brüder zu teilen, das noch immer,
gleich dem schwarzen Engel, seine Flügel über Stambul breitete. Ich hörte das
Umherziehen der Würgerschaaren, wie sie die Häuser erbrachen, um die versteckten
Ienettschjeri aufzusuchen, und das Geschrei der Weiber und Kinder. Christen, an
diesen drei Tagen, denn ich blieb zwei Tage und zwei Nächte in meinem Versteck,
waren achtzehntausend Ienettschjeri im Kampf umgekommen und hingerichtet
worden. Der Scheik ul Islam hatte durch einen Fetwa den Fluch aus unser
Geschlecht geworfen.
    Zwei Mal im Laufe der zwei Tage erschien Paswan in meinem leichten Versteck,
aus dem er ohne Gefahr mich doch nicht fortführen konnte, wusch meine Wunden und
brachte mir Nahrung. Mein Herz dürstete aber nur nach Kunde von den Meinen.
Endlich am dritten Morgen kam er und sein Auge war trübe, sein Antlitz bleich.
    Freund Ibrahim, sagte er zu mir, die Stunde ist da, wo Du zeigen musst, dass
Du ein Mann bist. Ziehe diese Kleiner an, färbe Deine Arme und Dein Gesicht mit
dieser Schwärze und lass mich Deinen Bart abschneiden. Die Soldaten des Grossherrn
halten scharfe Wache und ein Zucken Deines Auges kann mich verderben, wenn Du
nicht genau meine Worte erfüllst.
    Aber meine Frauen und meine Kinder! Ich schwöre bei meinem Bart, dass ich
Stambul nicht verlassen will, wenn ich nicht zuvor mein Haus wieder gesehen.« -
    »Wenn Du bei den Kesseln der Orta gelobst, entgegnete Paswan, dass Du damit
zufrieden sein und erst weiter forschen willst, wenn wir Stambul im Rücken
haben, soll Dein Verlangen erfüllt werden. -
    Ich gelobte und litt geduldig die Schmach, dass der Christ meinen Bart
abschor und mir die Kleidung eines schwarzen Sclaven anlegte. Dann führte er
mich heraus aus meinem Versteck und bis zu einem entfernten Hofe, in dem zwei
beladene Pferde standen, nebst zwei anderen für uns bestimmt. Wir schwangen uns
in die Sättel und nahmen Jeder den Zügel eines der Packtiere; so ritten wir auf
die Strasse.
    Es war ein schlimmer Anblick für mich. Auf den Plätzen, über die wir kamen,
sah ich überall die abgeschlagenen Köpfe meiner Brüder aufgesteckt und hörte die
Verwünschungen des betrogenen Volkes gegen uns. Meine Eingeweide zitterten, als
mein Freund zur Strasse einbog, die zu meinem Hause führte. Ein Blick von ihm
mahnte mich zur Vorsicht, aber obschon ich ein Mann war und in Schlachten
geprüft, schrumpfte mein Herz zusammen, als ich von Ferne vieles Volk um die
Stätte versammelt sah, da mein Haus gestanden hatte. Denn meine Augen suchten
vergeblich nach ihm, es war von der Erde vertilgt und nur eine Brandstätte noch,
von der der Dampf empor qualmte. Zwischen den rauchenden Trümmern stand auf
einer Stange eine Tafel mit den Worten:
    Melek-Ibrahim, der Oda-Baschi der verfluchten Ieuettschjeri, ist verflucht
mit Allen seines Geschlechts!
    Das Kismet hatte mich schwer getroffen und ich wollte mich herabstürzen vom
Pferde und die Asche meines Glückes streuen auf mein Haupt, aber Paswan war an
meiner Seite und mahnte mich an mein Gelöbnis, und seine Hand fasste die Zügel
meines Pferdes und führte mich davon. Inshallah! es war mein Schicksal und das
Unglück über mir. Erst als wir die süssen Gewässer hinter uns hatten und auf der
Strasse von Edrene davonritten, die wir bald wieder in's Land hinein verliessen,
um aller Verfolgung zu entgehen, erzählte mir der Bulgare von dem Schicksal der
Meinen. Die Khanum, die ich an meinem Herzen gehabt, mein rechtmässiges Weib, war
der Teufel gewesen, der mein Glück zerstört hatte. Schon lange hatte sie still
in der Brust, ohne dass ich es bemerkt, Eifersucht und Hass getragen gegen die
griechische Sclavin, die mir zwei Kinder geboren, und als die Verfolgung der
Jenettschjeri begann und sie wusste, dass sie Nichts von mir zu fürchten hatte,
da war sie davongegangen und hatte mich angeklagt als heimlichen Christen und
die Würger selbst in mein Haus geführt. Die Mutter meiner Kinder hatten die
Henker als Sclavin verkauft, meine Diener waren verjagt und meine Kinder
verschwunden, verkauft vielleicht auf einem fernen Slcavenmarkt, trotz des
Propheten Gebot, und Keiner wusste ein Wort von ihnen zu sagen, ich war ein
entblätterter Stamm.
    Was soll ich weiter sagen - mein Schicksal ist besiegelt. Mein Retter führte
mich glücklich durch den Balkan und ich fand Schutz bei Mollah-Pascha, dem Vali
von Widdin, der den Jenettschjeri heimlich Freund war und gegen die Neuerungen
des Grossherrn kämpfte. Aber der Würger meines Stammes selbst kam in's Land,
Hussein ward vom Sultan zum Dank für die Vernichtung meiner Brüder zum Pascha
von Widdin gemacht und ich musste nochmals fliehen aus meinem Spahilik vor meinem
grimmigsten Feinde. Wiederum war es Paswan, der mir die Kunde der Gefahr brachte
und mich zu seinen Verwandten in's Gebirge führte. Mein Schicksal wollte es, ich
habe mit ihnen gefochten gegen die Krieger des Grossherrn, bis ich alt geworden
bin und das, was Ihr von mir sehet. Ich werde bald eingehen zum Paradiese des
Propheten, denn siebenzig Winter liegen auf meinem Haupte, aber, wenn ich ihrer
noch siebenhundert lebte, das Herz Ibrahim's, des Jenettschjeri, würde dankbar
bleiben für Paswan, den Bulgaren.«
    Der alte Janitschar schwieg melancholisch und dampfte grosse Wolken aus
seinem Tschibuk. Er war vielleicht der Einzige, der noch übrig geblieben von
jener einst so furchtbaren Schaar, dem Schrecken Europa's. Sein Freund, der
Kiradschia, noch im kräftigen Mannesalter und wohl fünfzehn Jahre jünger als er,
reichte ihm die Rakihschaale. - »Es war Dein Kismet, Freund Ibrahim, - wer kann
es ändern?«
    »Und hast Du auch später keine Kunde erfahren, was aus Deinem
verräterischen Weibe und den Kindern geworden ist?« fragte teilnehmend der
Arzt.
    »Allah bilir - Gott allein weiss es. Ich habe vernommen, dass vor einiger Zeit
ein altes Weib in Madara gestorben ist, deren nachgelassene Habe die Zeichen der
64. Orta der Jenettschjeri und den Namen Ibrahim trägt. Ein altes Weib ist ein
grosses Uebel, aber dennoch wird es Paswan nicht versäumen, nachzuforschen, wenn
er morgen mit Euch in Madara übernachtet.«
    »Das Ziel unserer nächsten Tagereise ist das berühmte Dorf Madara?« fragte
der französische Capitain.
    »So ist es. Es liegt abwegs im Gebirge, aber Ihr werdet sicherer reisen in
meiner Begleitung,« sagte der Kiradschia.
    »Ei, Ventre bleu!« lachte Depuis, »ich würde auch einen stärkern Umweg nicht
scheuen, um das berühmte Amazonennest zu besuchen. Sie kennen seine Geschichte,
Doctor?«
    »Ich bin nicht so glücklich.«
    »Dann rüsten Sie sich, Doctor, und schicken Sie vorläufig alle Prüderie und
Keuschheit zum Henker. Madara ist das Paradies der türkischen Frauen in dieser
Welt und die Opferstätte der Männer. Es ist der einzige Ort in der ganzen
Türkei, wo die Frauen Frauen sein dürfen und lieben, wen sie wollen, ohne gleich
fürchten zu müssen, dafür gesackt und geköpft zu werden. Madara ist das
Capadocien der alten Amazonen und die Wlaskaburg der böhmischen Mägde. Weiss der
Teufel, ob seine Rechte sich noch, aus der alten Heidenzeit herschreiben, so
viel aber ist sicher, dass weder Christ noch Türke die Vorrechte dieses seltsamen
Asyls je zu brechen versucht. Es ist ein Weiberstaat im Kleinen. Hierhin
flüchten sich alle Frauen und Mädchen aus der ganzen Türkei, die irgend einem
grimmigen Vater oder Mann entlaufen sind. Wenn sie die Grenze dieses kleinen
Reiches überschritten haben, sind sie freie Bürgerinnen desselben bis zu ihrem
dreissigsten Jahre. Kein Mensch, selbst der Sultan nicht, darf sie zurückfordern,
aber eben so wenig dürfen sie vor jener Zeit freiwillig das Asyl wieder
verlassen. Mit ihrem dreissigsten Jahre hört die Zeit des Vergnügens und der
Freiheit auf, die Aelteren müssen, wollen sie den Ort nicht verlassen, dann die
Geschäfte der Dienerinnen versehen und für ihre jüngeren Schwestern putzen,
waschen, kochen, braten und backen, säen und ernten, was weiss ich! Kurz, so viel
ist sicher, dass es junge Schönheiten und alte Weiber zur Genüge in Madara
gibt!«
    »Und sind die Männer ganz daraus verbannt?«
    »Ei, mit nichten! Das ist eben das Vortreffliche an der Sache. Man munkelt
darüber höchst seltsame Geschichten, die meine Neugier auf's Äusserste gespannt
haben. Ventre bleu! Man wird mich beneiden in der ganzen französischen Armee,
wenn ich eine Nacht wirklich und wahrhaftig in Madara zugebracht habe. Effendi
Paswan, Ihr zernarbtes Spitzbubengesicht, wisst gewiss mehr von den Geheimnissen
des Amazonendorfes zu erzählen. Heraus damit!«
    Der Kiradschia lächelte.
    »Als ich noch jünger war,« sagte er, »führte mein Weg mich wohl öfter dahin,
ich will es nicht läugnen. Ich war gern gesehen unter den Frauen und bin es
noch, denn ich bringe ihnen Seide von Brussa, Stickereien von Constantinopel,
die Wohlgerüche von Edreneh und die Leckereien von Chios. Nicht Jeder darf über
die Grenze der Frauen, aber wer mit einem Freunde kommt und ein freier Mann ist,
ist ihnen willkommen.«
    »Aber die Bedingungen? die Bedingungen des Eintritts, Alter?« forschte
eifrig der Capitain.
    »Was soll ich sagen - Ihr werdet es selbst schauen. Wer eintritt in Madara,
muss sich den Gesetzen des Dorfes fügen - Ihr seid Beide noch jung und werdet
schwerlich ein Nachtlager auf dem Grase der Berge vorziehen. Doch es ist nötig,
dass wir das unsere halten, denn wir müssen aufbrechen, ehe die Sonne die Gipfel
der Berge rötet. Schlaft wohl, Franken!«
    Er hüllte sich in eine grosse wollene Decke und stützte sein Haupt auf eines
seiner Waarenpackete. Wenige Minuten darauf war er in tiefem Schlaf, indes
Ibrahim, der greise Janitschar, unverändert an seiner Seite sitzen blieb und
Wolke auf Wolke hinaus in die Nachtluft qualmte.
    Miloje, der Capitano der Schaar, lud gleichfalls seine beiden unfreiwilligen
Gastfreunde ein, die Ruhe zu suchen und führte sie nach einer der leichten
Hütten, die er ihnen allein zu ihrer freilich sehr geringen Bequemlichkeit
überliess. Bald war das Feuer erloschen und heilige Stille um die Schläfer her,
nur unterbrochen von den plätschernden Wellen des Gebirgsbaches oder dem Schrei
eines Nachtvogels. - - -
    Mit dem ersten Tagesgrauen weckte der Kiradschia seine Reisegefährten. Ehe
sie ihre Hütte verliessen, hatte er bereits seine zwei Packpferde mit ihrer Last
versehen und Nursah und die Haiducken hatten die Pferde gesattelt. Paswan
drängte zum Aufbruch, das Frühstück, aus Kaffee und hartem Brot bestehend, war
bald verzehrt und nach wenigen Augenblicken sassen sie im Sattel.
    Miloje und einige seiner Gefährten begleiteten sie zurück bis in die Nähe
der grossen Strasse, dann schieden sie mit herzlichem Händedruck. Die kleine
Gesellschaft war auf dieser erst eine kurze Zeit vorgegangen, als ihr Führer sie
wieder verliess und einen kaum erkennbaren Seitenweg einschlug. Doch schien er
mit dieser Gegend auf das Genaueste vertraut, denn die wilden Pfade, die er sie
führte, wurden von ihm ohne die geringste Zögerung gewählt und waren, wenn auch
mühsam, doch gangbar für die Pferde. Unter verschiedenen Gesprächen, zu welchen
die eigentümlichen Sitten ihrer nächsten Lagerstätte nicht den wenigsten Stoff
abgaben und die vielfach durch die Erzählung eines Abenteuers des Kiradschia's
in den verschiedenen Ländern gewürzt wurden, kamen sie vorwärts, und als die
Sonne sich zu neigen begann und die türkische Tagesrechnung ihrem Ende nahte,
sagte der Führer ihnen, dass sie nahe am Ziel wären.
    Obschon die wilde oft Grausen erregende Natur des Hochgebirges, rauhe
Felsenmassen, abwechselnd mit üppig grünen Matten, seine Aufmerksamkeit
vollständig in Anspruch nahmen, war es doch dem Arzt nicht unbemerkt geblieben,
dass sein Diener Nursah wieder während des ganzen Tages ein unruhiges, seltsam
befangenes Wesen zeigte. Bald ritt er träumerisch dahin, in tiefe Gedanken
versunken, bald drängte er sich hastig und auffallend an seinen Herrn, und seine
Blicke hingen ausdrucksvoll und doch mit einer gewissen Scheu an diesem.
    Sie hatten den Gipfel des Balkans überstiegen und befanden sich bereits -
wenn auch im Hochgebirge, auf den südlichen Abhängen desselben, die schon von
den milden Winden des ägeischen Meeres bestrichen werden und auf denen die Rose,
der Wein, die Myrte und die Feige in üppiger Fruchtbarkeit gedeihen. Zwischen
rauhen Felsenmassen dahin reitend, dem Zug eines Gebirgsbaches folgend, öffnete
sich plötzlich vor ihnen ein weites Gebirgstal mit aller üppigen Vegetation der
tiefer liegenden Landschaft Zagora. Von hohen Bergen umschlossen und geschützt
vor den rauhen Stürmen des Hochgebirges lag es da in seiner grünen Pracht, die
Prairie mit ihrem fast mannshohem Grase, üppige Getreidefelder von Myrten- und
Feigenhecken eingehegt, an den Platanen und Eichen die Ranken des Weins
emporstrebend, weite Gärten von Rosen und wohlriechenden Kräutern, ein Hauch
wollüstigen Duftes und lieblicher Schönheit über dem ganzen Eden!
    Madara!
    Es war die Colonie der türkischen Frauen, jenes so selten erreichte
Zauberland der Reisenden im Balkan.
    Von der Höhe, wo sie hielten, konnten sie das aus zahlreichen Grünen
versteckten und zierlich gebauten Häusern bestehende Dorf und die seltsamen
Bewohnerinnen in Gruppen versammelt sehen - in dem klaren Gebirgsstrom ihre
Abendwaschungen verrichtend, auf munteren Pferden umherjagend durch das Tal,
oder durch die Felder schweifen, Kränze windend von duftenden Blumen - alle
bunten Trachten des Orients, wallende farbige Gewänder, die Schönheit unverhüllt
prangend im Strahl des Lichts.
    Reizendes Madara! Oase im Frauen- und Liebesleben des Orients!
    Sie lenkten ihre Pferde zum Tal, bezaubert von dem wunderlieblichen
Anblick, aber schon waren auch sie bemerkt, und die Gruppen der Frauen und
Mädchen in der Tiefe begannen sich zu sammeln. An den Trümmern eines Turmes,
der weit über das Tal ragte, sprengte ihnen eine Gruppe von Frauen entgegen,
Frauen, die, obschon teilweise noch schön und frisch, doch offenbar schon jenen
Wendepunkt überschritten hatten, den die Erzählung des Kiradschia, als die
Trennung von ungezügelter Freiheit zum Leben der Arbeit und der Mühen des
kleinen seltsamen Staates, angegeben hatte. Ihre Hand führte keck den Zügel, die
Flinte hing am hohen Sattel, im Shawl, der die Hüften umschlang, steckten blanke
Feuerwaffen. Schon von ferne ertönte ihr Haltruf.
    Als sie näher heran kamen, ritt ihnen Paswan, der Kiradschia, entgegen, und
kaum, dass sie ihn erkannt, erhob sich ein gellendes Freudengeschrei in die blaue
Mailuft, denn wo in öden Ländern wäre der wandernde Kaufmann nicht willkommen,
der Kunde bringt von dem Leben draussen hinter den Bergen oder den Wäldern, der
Putz und Zier, Schmuck und alle jene hundert Gegenstände mit sich führt, die
Frauenaugen lieben und bewundern.
    »Seid gegrüsst, Kiradschia Paswan, Du und Deine Gefährten,« sagte die
Führerin des Zuges. »Mögen sie eintreten in Mdara's geheiligte Gränzen und Brot
mit uns brechen, wenn sie unseren Gesetzen sich fügen wollen. Sage uns, ob Deine
Freunde freigeborene Männer sind, die allein Anspruch haben auf die Rechte
unserer Gäste?«
    »Sie sind es, o Khanum, bis auf einen armen nubisschen Sclaven.«
    »Möge er zur Bedienung seines Herrn mit ihm gehen. Die Weiber von Madara
werden ihm ihren Leib, aber nicht ihr Brot verweigern. Deine Freunde sind
bereit, unser Gesetz zu erfüllen?«
    Der Kiradschia blickte nach seinen Reisegefährten lächelnd um.
    »Sie werden es, Licht meiner Augen!«
    »So seid uns willkommen und möge Euer Eingang gesegnet sein!«
    Sie schoss ihre Flinte in die Luft ab und wandte ihr Ross; ihre Gefährtinnen
folgten dem Beispiel und Alle jagten den Abhang hinab, während die Fremden
langsam folgten, mit gespannter Aufmerksamkeit auf das nun kommende Schauspiel.
Bald darauf verkündete ihnen ein lautes Freudengeschrei, wie die Wächterinnen
des Tales dessen Bewohnerinnen wahrscheinlich die frohe Nachricht gebracht, dass
ein Kiradschia mit seinen Waaren komme, sie zu besuchen; denn von allen Seiten
sah man die Frauen zu dem Eingang des Dorfes eilen.
    Als die Reisenden um ein dichtes Gebüsch bogen, das ihnen einige Zeit die
Aussicht auf das Dorf benommen hatte, kam ihnen von dessen Eingang her ein
seltsamer, überraschender Zug entgegen, eine Anzahl junger und schöner Frauen
oder Mädchen, einige das Tambourin oder Becken schlagend, andere aus zierlich
geflochtenen Körben mit Rosen den Weg bestreuend, und Alle ein bulgarisches Lied
singend, das mit seinen eigentümlich melancholischen Klängen sie, willkommen
hiess.
    Die Frauen umringten die Pferde der Reisenden und, Blumenkränze durch ihre
Zügel schlingend, führten sie die Gäste im Triumph in ihr merkwürdiges Dorf, und
bis in die Mitte desselben, die einen freien Platz bildete. Es kam dem Arzt ganz
eigentümlich vor, sich hier umgeben von mehr als drei- oder vierhundert schöner
Frauen zu sehen, die sie umdrängten, alle redend, durcheinander schnatternd,
alle ihn mit offenen Blicken musternd, unverhüllt durch den hässlichen Yaschmak,
ihren Putz und ihre Schönheit zur Schau tragend, beweglich, froh und frei, statt
der trübseligen bewachten Gestalten, die er seit Jahresfrist fast allein zu
schauen bekommen hatte.
    Der französische Capitain wusste sich vortrefflich in die Lage zu finden und
kauderwelschte und scherzte bereits nach allen Seiten hin, so gut es ging. Auf
dem Platz, an dem der Zug hielt, stiegen sie von den Pferden, und alsbald wurden
diese, nachdem sie des Gepäcks entledigt worden, nach einem offenen Schuppen
geführt und mit reichlicher Nahrung versehen. Wie die Beiden von dem Kiradschia
erfuhren, waren sie, obschon in der Kriegszeit das Tal häufiger besucht, als
sonst, ja ein Mal sogar mit Einquartirung belegt wurde, doch heute die einzigen
Gäste, und der Eifer, sie zu bewirten und zu unterhalten, daher desto grösser.
    Es schien zur Aufnahme der Fremden eine Anzahl zierlicher Wohnungen in
dieser seltsamen Republik in Bereitschaft gehalten zu werden, denn der
Kiradschia, der Arzt und der Capitain, so wie dessen Diener, wurden Jeder
zunächst in ein abgesondertes Häuschen geführt, um von demselben Besitz zu
nehmen, und dann eingeladen, ein türkisches Bad zu nehmen, in dem alte Frauen
sie bedienten. Nur der schwarze Sclave Nursah durfte das Haus seines Herrn
teilen, da die orientalischen Frauen das Princip haben, das häufig auch in der
civilisirten Welt zur Anwendung kommt, den Sclaven oder Diener nicht für einen
Mann anzusehen.
    Als sie, von dem Bade nach dem langen Ritt gestärkt, wieder auf dem Platz
erschienen, waren Teppiche für sie ausgebreitet, und während der Kiradgia seinen
Waarenballen öffnete und dessen Inhalt vor den funkelnden Augen der Menge
entüllte, die Waaren und Geschmeide Hand in Hand gingen und der Kauf- oder
Tauschhandel geschlossen wurde, umgaben andere Frauen den Arzt und den Offizier,
ihnen Kaffee, Sherbet und Früchte vorsetzend, die Nargileh's in Brand haltend
und sie mit tausend neugierigen Fragen bestürmend.
    Zugleich wurden von den älteren Frauen Anstalten für die Abendmahlzeit
gemacht. Jeder Franke gilt im Orient für einen Hekim-Baschi oder Arzt, und als
der Kiradschia verraten hatte, dass der Eine seiner Begleiter ein berühmter
Doctor der Armee sei, wurde der Sturm der Fragen, die für allerlei eingebildete
Uebel Heilmittel verlangten, immer grösser, teilte sich aber komischer Weise auf
den Capitain und den Arzt, denn da beide militärische Kleidung trugen, schien es
den schönen Hilfesuchenden ziemlich gleich, welcher von ihnen der Rechte sei.
    Der Schlag auf ein grosses Becken schaffte ihnen endlich Ruhe, indem er den
Beginn der Abendmahlzeit verkündete, und die schönen Bewohnerinnen des seltsamen
Dorfes lagerten sich in Gruppen und Kreisen um die Gäste, während alte Frauen,
die allein das Gesicht in türkischer Weise verhüllt trugen, die Platten und
Schüsseln mit Pillaw und gekochtem und gewürztem Geflügel oder den mit gehacktem
Fleisch gefüllten Gurken herbeitrugen.
    Die zierlichen, oft eben nicht allzu reinen Finger der Schönen fielen nach
türkischer Sitte alsbald über die Gerichte her und für einige Zeit herrschte
Stille in der sonst so lebendigen und lauten Gesellschaft, da die ewig
beweglichen Zungen und Lippen mit der Mahlzeit beschäftigt waren.
    Die Fremden, reichlich und mit dem Besten bedient, liessen es sich
gleichfalls schmecken und Welland beobachtete mit Vergnügen, wie der
martialische Capitain von zwei schönen, ihm rechts und links sitzenden Frauen,
deren offene Kleidung seine lüsternen Augen in Bewegung hielt, gleich einem
sybaritischen Pascha sich füttern liess.
    Die beiden Frauen rollten die Kugeln des Pillaw in der Fläche der Hand und
stopften sie mit grossen Fleischstücken und Oliven ihm unbarmherzig in den Mund,
und der galante Franzose warf dankbar-verliebte Blicke nach rechts und links,
während er fast erstickte.
    Als die Mahlzeit vollendet war und man wieder Pfeifen und Kaffee zur Hand
nahm, wobei der Kreis der Frauen den Männern Gesellschaft leistete, begann der
Tanz. Aus den Reihen um sie her traten blumengeschmückte schöne Mädchen hervor,
fassten einander an weissen Tüchern an und tanzten den Rundtanz um die in der
Mitte stehende Koriphäa oder Vortänzerin, indem sie in türkischer, griechischer
und bulgarischer Sprache improvisirte Lieder sangen und Andere das Tambourin
oder eine kleine Trommel dazu schlugen. Dann ergriff Eine oder die Andere die
Guzla, lagerte sich im Kreise ihrer Gefährtinnen und sang in monotonem
Declamiren ein Gedicht voll Sehnsucht und Liebe, voll Schwermut und wollüstigem
Hauch, in das der Schlag der Nachtigal einstimmte, die aus den Wipfeln der
überall einzeln oder in Gruppen durch das Tal verstreuten Kastanienbäume,
Eichen und Cypressen ihre lockenden Töne flötete. Die Rosen hauchten ihren Duft
durch die würzige Abendluft, leuchtende kleine Käfer funkelten durch die
Gebüsche und schwebten umher gleich beflügelten Sternen.
    Dazu klang das heitere Lachen silberner, jugendlicher Frauenstimmen aus den
zahlreichen Gruppen und Kreisen auf dem grossen Platz, leichte Gestalten eilten
umher, bald dem eintönigen Vortrag einer Massaldschi oder Märchenerzählerin
lauschend, bald eintretend in die Kreise der Tanzenden, oder neugierig sich
herandrängend in jene, die sich um die Fremden gebildet hatten. Und wenn ein
Tanz oder ein Lied beendet war, dann traten die Tänzerinnen und Sängerinnen
näher zu den Gästen, knieeten nieder vor ihnen und breiteten ein weisses Tuch vor
ihnen aus, in das Jene einige Piaster warfen; oder sie boten ihnen knieend
Blumen zur Auswahl, und wenn die Hand der Wählenden glücklich die Blume
getroffen, die sich die Darbietende zum Sinnbild erwählt, klatschte sie fröhlich
in ihre Hände und ihre schönen Gefährtinnen sandten ihr neidische Blicke zu.
    An der Tür des bescheidenen aber zierlichen Hauses, das dem Deutschen zum
Aufentalt bestimmt worden, stand der schwarze Knabe Nursah und schaute eifrig
nach der Gruppe um seinen Herrn.
    Sein Auge leuchtete mit einer gewissen Angst und Glut, - die Blume, die
sein Herr zog, - das Jauchzen der Frauen, wenn er - was zwei Mal geschah, die
richtige getroffen, schien wie ein scharfer Stahl durch sein Herz zu dringen, so
zuckte die ganze Gestalt zusammen, und die kleine Hand presste fest in der ihren
die welke des alten Weibes, das neben ihm stand und mit Luchsaugen die Vorgänge
beobachtete, und bald anregende, bald beruhigende Worte dem Mohrenknaben in's
Ohr flüsterte. Dazu klimperten die Finger der Alten lustig und gierig in ihrer
Tasche und der helle scharfe Klang verriet die Goldstücke.
    Immer lustiger, immer munterer wurden die Kreise auf dem Platz. Der Capitain
leerte seine Börse, um Putz und Schmuck sachen für die tanzenden und singenden
Schönen zu kaufen, und die Mädchen und Frauen drängten ihm jubelnd die Blumen
auf, ihm selbst die symbolischen Blüten in die Hand drückend, dass der galante
Franzose mit den duftigen Frühlingskindern wie überschüttet war. Die weissen
Hände der jungen Frauen und Mädchen kredenzten Wein in Schaalen und Bechern, den
goldenen, süssen, milden Wein, der an den Höhen des Balkan und drüben auf den
Hügeln der Walachei wächst, das dunkle Purpurblut von Gallipoli, den schwarzen
Traubensaft vom Olymp, den milden Duft von Brussa oder das glühende Feuer von
Chios und den Vulkanen Santorins.
    Und immer höher schwoll und stieg die Lust - bacchantisch rasten die Frauen,
durch die schwarze Nacht summten leuchtend die glühenden lüsternen Käfer, aus
dem Platanengipfel schlug die Nachtigal girrende, verlangende Töne, das
Tambourin klang zum lustigen Tanze, die Düfte der Rosen, der Myrten und der
hundert würzigen Kräuter verdichteten die Luft, - die bunten Papierlaternen, die
den Gruppen geleuchtet, verloschen, - der Kiradschia war in sein Haus gegangen,
- zwei Mädchen im Arm, das Kind eines Pascha's und das junge entwichene Weib
eines alten Griechen, jubelte der Capitain und brüllte französische Opernarien
und lockere Grisettenlieder, - stiller und stiller wurde es auf dem weiten
Platz, - auf die ausgebreiteten Teppiche, in ihre Decken und Schleier gehüllt,
lagerten die süssen Amazonen von Madara, oder legten ihr Haupt in den Gemächern
und den Tschardaks auf weichen Polstern oder dem harten Holze zur Ruhe - stiller
und stiller wurde es ringsum - nur einzelne verhüllte Gestalten nahten in der
duftigen, warmen, üppigen Mailuft den vier Häuschen, die den Fremden zur Wohnung
angewiesen waren.
    O, Madara, süsses phantastisches Madara, poetische Oase im Schmuz des
Orients!
    Lange schon hatte der Deutsche sich in sein Gemach zurückgezogen und
ausgekleidet auf die weichen Kissen geworfen, die sein Lager bildeten. Er hatte
es kaum bemerkt, wie sorgfältig die Jalousieen geschlossen waren, wie tiefes
Dunkel rings um ihn herrschte, als er die Lampe ausgelöscht.
    Er wusste, was folgen würde, er kannte jetzt die Gesetze und Gebräuche der
seltsamen Republik und er war kein prüder, engherziger Tugendprahler, der sich
den Sitten und Gebräuchen des Landes entzog. Durch seine Adern rollte feurig und
kräftig das unverdorbene Blut, die Phantasie malte ihm süsse köstliche Bilder des
Naturgenusses und vor ihm gaukelten die dunkeln, feurigen, mandelförmigen Augen,
die schmachtend in die seinen gesehen, die Reize, die zum ersten Male ihm
unverhüllt erschienen waren.
    Leise Schritte schlürften heran, ein Flüstern vor der Tür ward laut, dann
hörte er, wie der Besuch die klappernden Pantoffeln als Zeichen der Anwesenheit
vor der Tür stehen liess und hereinschlüpfte in das mysterienvolle Gemach.
    Die Tür ward verschlossen, alles dichte Finsternis, dichtes Geheimnis
ringsum.
    Ein betäubender Rosenduft erfüllte die Luft des Gemachs - ihm war, als hörte
er das wogende Atmen eines Busens, den leisen sehnsüchtigen und dennoch
ängstlichen Seufzer, der über halbgeöffnete Lippen quoll.
    Er hatte sich halb aufgerichtet auf dem Lager - seine Pulse wogten
fieberisch!
    Sein halb erstickter Ruf verkündete seine Erregung, - im nächsten Augenblick
warf sich ein voller, weicher, warmer, üppiger Körper an seine Brust, zärtliche
Arme umfingen ihn, heisser Odem mischte sich mit dem seinen und glühende trunkene
Lippen pressten ihm den Mund.
    Dazwischen aber klang es wie leises Weinen und ängstliches Schluchzen.
    Aber der Sturm der Leidenschaft, der erregten Sinne liess ihn Nichts achten
und hören, als deren glühende Befriedigung; Brust an Brust, Lippe auf Lippe
sanken sie in die Kissen.
    Er verwünschte das Dunkel der Nacht, das ihn hinderte, die leuchtenden
Augen, die süssen Züge zu sehen, aber er wusste, dass sie jung und schön war, denn
nur Jugend und Schönheit tragen den Hauch und Duft der Liebe. Voll glühender
Zärtlichkeit umschlangen ihn ihre Arme und dennoch fühlte er, wie er sie in den
seinen hielt, dass sie zitterte in Schaam und Angst.
    So vergingen die Stunden - wie Minuten flogen sie ihm dahin. Zwei Mal im
Laufe der Nacht hörte er, wie draussen an der Tür Schritte trippelten, Stimmen
flüsterten; erst leise, dann erregt und zornig, dann wieder beruhigt und sich
verloren im geheimnisvollen Schweigen der Nacht, und jedes Mal fühlte er, wie
das Weib in seinem Arme heftiger zu zittern begann, wie ihre Brust sich in
ängstlicheren Atemzügen hob und sie das Gesicht furchtsam an seiner Brust
verbarg, ihn umschlingend, gleich, als wolle und könne sie nicht von ihm und ihn
einer Anderen lassen.'
    Mit Schmeichelworten suchte er sie zu beruhigen, und als ihr Mund in
türkischer Sprache ihm zuflüsterte, dass sie ihn liebe, dass diese Nacht ihr
höchstes Glück sei, dass sie seiner gedenken werde immer und ewig, so lange sie
lebe, da war es ihm, als wehten ihn bekannte Klänge an, als öffne sich ein lange
verschlossener Schrein in seinem Herzen, als sei ihm diese Liebe und Wonne, die,
wie die Rose sich entfaltet im wollüstigen Hauch der warmen Abendsonne,
entsprossen war aus dem Sturm der Sinne, aus den unsichtbaren, mystischen Reizen
der dunklen Nacht, - etwas längst Vertrautes und Bekanntes und Empfundenes. Die
Stimme des Weibes in seinem Arm war leise und zagend, aber süss und wohllautend,
und ihre Worte zeigten von tiefem natürlichen Gefühl und einem Denken und
Empfinden, das gewöhnlich den jeder Bildung des Herzens und Geistes
ermangelnden, in launenleerem Geplauder sich ergehenden türkischen Frauen fehlt.
    »Wer bist Du, seltsames Wesen,« fragte der Deutsche in diesem seligen
Rausch, »Du, die mir Liebe so zärtlich beteuert, und mir dennoch erst vor
wenigen Stunden zum ersten Mal begegnet ist im Leben, die mein Auge nicht ein
Mal unterschieden hat im Kreise ihrer Gefährtinnen, die ich nicht wieder kennen
würde, wenn der Morgenstrahl mir nicht Deine Züge verriete, und die dennoch ein
Gefühl in mir weckt, wie es der ruhige, verständige Mann, über die Jahre der
Leidenschaft hinaus, noch nie empfunden?«
    »Sage mir,« flüsterte die Stimme, »bist Du glücklich, o Franke, an meinem
Herzen?«
    »Ich bin es - aber ....«
    »Forschest Du dem milden Hauch der Abendluft nach, der Dein Gesicht kühlt?
Kannst Du den Duft schauen, der Deine Sinne erfreut?«
    »Und dennoch sehne ich mich, Dir in's Auge zu sehen, Deine Züge in mein Herz
zu prägen für immer. Ich werde es, wenn der erste Sonnenstrahl dies Gemach
erhellt.«
    Sie antwortete nicht.
    »Nimm diesen Ring, Mädchen,« sagte er, indem er einen einfachen Granatreif
von seinem Finger zog und an den ihren steckte, »er ist ein Geschenk meiner
Schwester und mir lieb. Ich möchte, dass, wenn ich fern von Dir bin, Du Dich
meiner erinnern mögest, wie ich es tun werde.«
    Er fühlte, wie sie die Hand emporhob und den Ring an ihre Lippen drückte,
und zog sie an seine Brust.
    Lange vorher, ehe das erste Morgengrauen durch die Jalousieen des Gemaches
schimmerte, lag er in tiefem festen Schlaf.
    Als der Ruf des Kiradschia ihn später aus wilden aber süssen Träumen weckte,
streckte sein Arm sich vergeblich nach der Gefährtin der wonnigen Nacht aus -
sein Lager - das Gemach waren leer.
    Er sprang empor - sollte denn Alles ein Traum gewesen sein? Unmöglich - er
war in Madara - dort auf den Kissen noch der Eindruck des Hauptes der seltsamen
Geliebten, - er kannte jetzt die Rechte der Republik, er wusste, dass eine Frau
bei ihm gewesen.
    Die Mahnung des Kiradschia hiess ihn sich beeilen. Er rief nach Nursah,
seinem Diener, aber erst auf wiederholten Ruf erschien dieser, und es war, als
scheute sich der sonst so zutrauliche, auf jeden Wink merkende Knabe vor seinem
Herrn.
    Bald sassen sie auf; Capitain Depuis mit seinem Diener kam von dem Hause her,
in dem er die Nacht zugebracht. Sein Aussehen war erschlafft, matt und zeugte
von den Schwelgereien der Nacht; sein Faunenblick traf den deutschen Arzt und
jagte diesem das Blut in das Männerangesicht.
    Aber man hatte wenig Zeit zur Verständigung - der Kiradschia drängte zur
Abreise, denn sie mussten am nächsten Tage Schumla zu erreichen suchen, und aus
den Hütten und Häusern des seltsamen Dorfes strömten bereits wieder die heiteren
Bewohnerinnen zusammen und umgaben mit jubelndem Morgengruss die Reisenden.
Vergeblich schaute der Arzt nach irgend einem Erkennungszeichen seines
nächtlichen Besuches sich in der Menge um, überall schöne, heitere, neckende
Gesichter, aber nirgends ein seiner Frage begegnender Ausdruck, nirgends ein
Bild, das zu dem seiner aufgeregten Phantasie passte. Zu fragen scheute er sich,
denn er fürchtete den Spott des Offiziers und des Kiradschia's, und so musste er
denn mit ungestillter Neugier sich ihnen zur Abreise anschliessen.
    Ein ähnlicher Zug wie der, welcher sie empfangen, geleitete sie bis zum
Ausgang des Tales, wo das Gebiet des seltsamen Weiberstaates endete und die
Reisenden schieden hier, nachdem sie die Begleitung nach ihren Mitteln reichlich
beschenkt hatten. Die Frauen schossen wiederum ihre Pistolen und Flinten in die
Luft und jagten davon.
    »Nun, Doctor,« sagte lustig der Capitain, als sie einen Augenblick auf der
Höhe des Bergpasses hielten und zurückschauten auf das ferne Tal, »was denken
Sie von unserm Abenteuer und wie haben Ihnen die Gebräuche der höchst ehren- und
achtungswerten Republik gefallen? Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht,
aller Censur zum Trotz, eine verlockende Beschreibung in den Moniteur einrücken
lasse. Ich bin überzeugt, die Sitte findet in Frankreich Nachahmung.«
    »Gut für Ihre orientalischen Hilfstruppen, Capitain, dass es nur ein Madara
in der Türkei gibt. Sie könnte sonst ihr Capua finden, nach Ihrer eigenen Miene
zu urteilen.«
    »Pah - es sind wahre Teufelsweiber, eine pariser Grisette ist eine Vestalin
dagegen. Aber sorgen Sie nicht, Doctor, unsere Soldaten werden aus den
wohlverbarrikadirten Harems unserer werten Bundesgenossen Madara's genug zu
machen verstehen, trotz aller Tagesbefehle des Marschalls. Tausend Donnerwetter,
ich denke mir ein Regiment unserer Jäger oder der Zuaven in unser eben
verlassenes Nachtquartier einmarschiren. He, Monsieur Kiradschia, alter Sünder -
wie ist's Euch ergangen in dieser Nacht?«
    »Hast Du Etwas erfahren in Betreff des Auftrags Deines Freundes, des
Janitscharen-Baschi's?« fügte der Arzt hinzu.
    »Wenig genug, Signoris,« sagte der Führer, »und dennoch hat uns das Gerücht
nicht getäuscht. Das alte Weib von dem wir hörten, dass es in Madara gestorben,
muss in der Tat das verräterische Weib Melek Ibrahim's, meines Freundes,
gewesen sein. Sie war seit länger als zwanzig Jahren in Madara und muss mich oft
dort gesehen haben, wenn ich sie auch nicht wieder erkannte; denn der Oda-Baschi
hielt streng auf das Geheimnis seines Haremliks und ich habe sein Weib nur in
dichtem Schleier geschaut.«
    »Woher schliesst Du dies Alles?«
    »Höre weiter, Signor. Das Weib hatte einen bösen Ruf, selbst in Madara, und
war zänkisch und boshaft. Die jungen Frauen fürchteten sie wie den Teufel. Sie
war schwer erkrankt und mochte ihr Ende fühlen, obschon sie zwanzig Jahre
weniger zählt, als der Jenettschjeri, ihr Gatte. Ich weiss nicht, ob sie je
erfahren hat, dass er gerettet wurde aus dem Gemetzel zu Constantinopel, aber ich
vermute es jetzt, dass sie Kunde bekommen von unseren späteren Nachforschungen
und deshalb sich nach Madara geflüchtet hat. Als der Tod ihr auf der Zunge sass,
hat sie einen Schreiber aus der Nachbarschaft kommen und ihn einen Brief
schreiben lassen. Diesen und ein Paket hat sie den Aeltesten des Dorfes
übergeben, die sie mir aushändigen sollten, wenn ich wieder nach Madara käme.
Also ist es geschehen.«
    »Zum Donner! die Sache wird ja ordentlich romantisch. Und was entält der
Brief, Freund Kiradschia?«
    »Gott weiss es, wie die Moslems sagen,« entgegnete der Alte, »ich habe ihn
noch nicht geöffnet, es hat Zeit, bis unsere Pferde Rast halten in der
Mittagsstunde. Die Botschaft eines Unheils kommt immer noch früh genug, und was
kann ein altes Weib anders bringen als Schlimmes!«
    Mit diesem Trost mussten seine beiden Gefährten sich denn auch begnügen bis
zu der festgesetzten Zeit. Als sie in der brennenden Mittagssonne im Schatten
riesiger Kastanienbäume an einer Quelle die Pferde fütterten und, im Grase
ausruhend, ihr einfaches Mahl verzehrten, öffnete der Kiradschia sein in ein
Lammfell gebundenes Paket.
    Es entielt ausser dem erwähnten Briefe ein Kästchen von jener Art, wie sie
in Constantinopel so vorzüglich gemacht werden. Der Schlüssel lag in dem Brief,
dieser aber lautete:
»An Paswan, den Kiradschia, einen Bulgaren und in Ewigkeit verfluchten Christen!
    Vernimm meine Worte, o Paswan, der Du ein Freund meines Gatten warst und,
wie ich vor Jahren gehört habe, ihn gerettet hast vor dem Zorne des Padischah
und der Vernichtung der verfluchten Jenettschjeri. Auf Dein Haupt komme es. Ich
weiss nicht, ob der Höllensohn noch lebt, aber ich glaube es nicht und setze Dich
darum zu meinem Erben ein, statt dieser alten Weiber, die mich schlecht
behandelt haben und nun nur behalten mögen, was wertlos ist. Ich habe
Melek-Ibrahim, den Oda-Baschi gehasst und dies mit Recht, denn er hat mir viel
Uebels getan, und die schlechte Sclavin war über mir in seinem Hause, bloss weil
sie ihm Kinder geboren hat. Wah! war ich nicht seine rechtmässige Freude? Er hat
meine Rache empfunden. Nun aber will der Prophet, dass man Böses gut mache vor
seinem Tode und ich habe mich dazu entschlossen, da Eblis, der schlimme Engel,
hinter mir sitzt. Ich habe den Kindern meines Gatten Uebles getan, aber das
Schicksal wollte es so. Sie sind verkauft worden als Sclaven, Jussuf, der Knabe,
der zehn Sommer zählte, auf ein maltesisches Schiff, das die Rosalba hiess, und
ich weiss nicht, wo er geblieben ist. Aber der Wille Allah's kann Dich ihn finden
lassen und ich sage Dir, dass er ein Kennzeichen hat, die Anfangsbuchstaben des
Namens seines Vaters auf der linken Schulter, eingezeichnet mit einer Nadel und
eingerieben mit Pulver und Salz, dass sie fortwachsen mit seinem Leben. Das
Mädchen, Zuleika, zählte erst vier Jahre, und ich hörte, dass sie gestorben sei.
Was aus ihrer Mutter geworden ist, weiss ich nicht, - Fluch über sie und die
Gräber ihrer Eltern. Aber die Habe, die ich mitgenommen, gehörte nach dem Gesetz
den Kindern meines Mannes, und so gebe ich sie Dir, o Kiradschia, von dessen
Redlichkeit die Leute Grosses erzählen, obgleich Du ein Dschaur bist, damit Du
sie dem Knaben wiedererstattest, wenn er sich finden sollte. Gott ist gross und
in seiner Hand ruht Alles. Ist Deine Mühe vergeblich, so siehe das Erbe als das
Deine an. Besser in den Händen eines Dschaurs, als dieser tollen Weiber, deren
Dienerin ich geworden bin. Allah beschütze Dich und gebe mir ein gutes Ende. Am
fünften Tage des Monats Zilkadé, im Jahre Zwölfhundertundneunundsechszig21.
Unterschrieben von Zulmah, der Frau des Melek-Ibrahim.«
    In dem Kästchen lagen ein Menge sehr wertvolles Geschmeide, Rosenkränze und
Amulets, nebst einer nicht unbedeutenden Anzahl Goldstücke.
    »Beim Henker!« sagte der Capitain, »ich möchte der Erbe der alten
Verräterin sein. Schade, dass meine Abkunft auf der Mairie registrirt ist! Was
wollt Ihr nun tun in der Sache, würdiger Kiradschia?«
    »Was ich tun will, Signor Capitano?« fragte erstaunt der Bulgare. »Was kann
ich anders tun, als meinem Freunde Ibrahim sein Eigentum zustellen. Es kann
Sonnenstrahlen werfen auf die Tage seines Alters. Mögen die Märtyrer mir
beistehen, dass ich ihm von seinem Sohne einst Kunde bringen kann!«
    »Das möchte etwas schwer werden, alter Freund, nach achtundzwanzig Jahren
und in dieser Völkerwanderung dreier Weltteile. Wer weiss, an welchem Galgen der
Bursche längst hängt, oder wo er gespiesst worden. Ich rate Dir, mach' Dir keine
vergebliche Mühe und Kosten, sie sind weggeworfen.«
    »Wie Gott will,« sagte der Kiradschia treuherzig und fromm. »Die Wege der
Heiligen sind wunderbar, und ich werde sein Erbe bewahren. Lasst uns aufbrechen,
Freunde.«
    Nach wenig Augenblicken waren sie in den Sätteln und auf dem Wege nach
Schumla.
    Hinter dem filmenden Gebieter ritt der Knabe Nursah und sein Auge hing mit
seltsamem, fast zärtlichem Ausdruck an der Gestalt seines Herrn.
 
                                    Fussnoten
1 Unsere Leser, denen nicht gleich eine Karte zur Hand ist, wollen sich
erinnern, dass die in der Aufwärtsbiegung der Donau von Silistria zwischen dieser
und dem Meer liegende Dobrudscha von Silistria ab durch folgende befestigte
Punkte verteidigt wurde:
 Rassowa, Tschernawoda, Hirsowa, Matschin, Isaktscha, Tultscha.
2 Gouverneur.
3 Das türkische dolce farniente.
4 Lieutenant.
5 Die Janitscharen zerfielen in 4 Hauptabteilungen, deren jede eine Anzahl
Orta's oder Unterabteilungen zählte.
6 Suppenkoch - der Hauptmann der Orta, so genannt, weil er die Suppe verteilte.
7 Eine Vorstadt Constantinopels auf der nördlichen Seite des Horns.
8 Gouvernement.
9 Artilleristen.
10 Die Hauptabteilung, bei der der Grossherr selbst als Janitschar
eingeschrieben war.
11 Kaserne.
12 1826.
13 Der zweite Befehlshaber.
14 Sein Lieutenant.
15 Am 13. Juni.
16 Die Artillerie-Kaserne steht jetzt an dieser Stelle.
17 Die kupfernen Kessel, zum Kochen des Pillaw dienend, wurden zum Zeichen einer
Versammlung der Janitscharen ausgestellt und ihr Verlust durch den Feind galt
als Schimpf.
18 Befehl.
19 Name der Janitscharen, die in Constantinopel standen.
20 Aya-Sophia.
21 1. Juli 1853.
 
                            Der Kampf um Silistria.
Das Schlussspiel an der Donau sollte das zitternde Europa auf die
Schreckenstragödie in der Krimm vorbereiten.
    Silistria war das blutige Morgenrot der Tage von Sebastopol.
    Wir haben die Uebergänge der Russen über die untere Donau nach der
Dobrudscha und das Andringen der einzelnen Corps gegen Silistria unsern Lesern
bereits gezeichnet. Einen kurzen Aufentalt gewährten die für die Türken nicht
bloss glücklichen, sondern selbst glorreichen Gefechte von Kastelli, Küstendsche
und Tschernawoda, das Letztere am 25. April; aber wie gross auch die Verluste und
Opfer der Russen bei ihrer Besetzung der Dobrudscha waren, der fast allmächtige
Wille, der dies Volk beherrscht und als blosse Masse für seine Zwecke verwendet,
fragte nicht nach diesen Opfern, und die Massen drängten, den Tod in den eigenen
Reihen, vorwärts bis zum Trajanswall.
    Die Anstrengungen und die Preise, welche die Besetzung der Dobrudscha
forderte, waren kolossal. Ein ungeheurer Train von Kibitken und schweren
Lastwagen musste den Truppen in dies wilde, nur vom flüchtigen Tataren und
Kosaken, den Adlern, den Trappen, den wilden Gänsen und Schwänen bewohnte Land
folgen, auf dessen 200 Quadratmeilen kaum 20,000 Einwohner kommen, dem trotz der
Sümpfe und Moräste das belebende Element des Wassers fast ganz zu fehlen
scheint. So weit das Auge trägt, sieht man nirgends einen Baum oder Strauch; die
stark gewölbten Hügelrücken sind mit hohem, von der Sonne gelb gebranntem Grase
bedeckt, das der Steppenwind in Wellen schlägt; weite Strecken reitet man über
die einförmige Wüste, bevor man ein elendes Dorf ohne Gärten, ohne Bäume, in
einem wasserlosen Tal entdeckt. Der Mensch hat den Menschen aus jenen
unwirtbaren Gegenden verscheucht, und sie sind dem Reich der Tiere
anheimgefallen.
    In ungeheuren Zügen kam und ging dieser Train, neue Provisionen holend und
Hunderte von Verwundeten, Tausende von ruinirten Waffen, Monturen und Rüstzeugen
zurückschleppend. Die Zahl der Verwundeten und Kranken überstieg zu Ende April
bereits 2600, bei Karassu allein gab es über 500 Blessirte; die Zahl der Todten
betrug über 3000. In Braila, Gallacz und Reni wurden zu den bereits bestehenden
sieben Lazareten neue improvisirt, so gut es gehen wollte. Die Ambülancen
füllten sich Tag für Tag dermassen, dass die Transporte nach Hirsowa, Matschin und
zum linken Donauufer täglich zwei Mal erfolgen mussten. Aber nicht bloss der
Verlust an Menschenleben war ungeheuer, die Erfordernisse an Pferden, Bagage und
Munition waren noch kolossaler.
    Auf den Befehl des Feldmarschalls rückte zu Anfang Mai das Corps des General
Lüders, am 6. Rassowa nach hartem Kampfe nehmend, aus der Dobrudscha gegen
Silistria vor. Am 12., 13., 14. und 15. kam es zu heftigen Gefechten, und die
Generale Engelhardt und Grotenhjelm, die Avantgarde des Corps bildend, drängten
die Türken in die Festung zurück und schlossen diese von der Ostseite ein.
    Die Operationen von jenseits der Donau gegen Silistria hatten bereits am 5.
April begonnen; General-Lieutenant Chruleff, der tapfere Führer der fliegenden
Corps in Polen und Ungarn, der im Sommer 1855 sich noch berühmt machte durch den
Zug in die Kirgisen-Steppe gegen die Kotanzen und den Sturm auf die Feste
Ak-Metschet, leitete die Belagerungsarbeiten. Nachdem sich die Russen der drei
Donauinseln Olbina, Tarbaneki und Rakinski bemächtigt hatten, eröffnete der
General am 22. aus den auf dem linken Ufer und den Inseln errichteten
Brustwehr-Batterien mit 70 Kanonen ein heftiges Feuer gegen die Donaufront der
Festung, die Batterieen auf den noch im Besitz der Türken befindlichen drei
andern Inseln und die vorgeschobenen Werke am rechten Ufer. Da aber die Kanonen
der Letzteren den hier etwa 1000 Schritt breiten Fluss beherrschten, konnte der
beabsichtigte Uebergang nicht stattfinden, bis die bereits oben erwähnte
Operation des Lüder'schen Corps von der Dobrudscha her vollständig erfolgt war.
Ein langandauerndes heftiges Regenwetter hatte diese Operationen verzögert, am
14. Mai erst stand die russische Avantgarde in Kütschück-Kainardscha, auf der
Strasse nach Basardschik und Varna, die Festung von dieser Verbindung
abschneidend und die Türken in ihre östlichen vorgeschobenen Werke
zurückdrängend.
    Am 15. unternahmen Fürst Paskiewitsch und Fürst Gortschakoff eine
persönliche Recognoscirung am linken Ufer und der Letztere erteilte nach der
Rückkehr nach Kalarasch alsbald den Befehl, mit dem Schlagen der Brücke
vorzugehen.
    Unter einem heftigen Bombardement der Stadt vom linken Ufer und den Inseln
her vollzog General Chruleff den Auftrag, und zum ersten Male hatte hier der
Ingenieur-Capitain Tottleben Gelegenheit, durch die zweckmässige Anlage der
Brücke unterhalb der Stadt, zwischen dieser und dem Dorfe Ostrow und ausser dem
Bereich der türkischen Batterien sich auszuzeichnen. Am 18. Mai war die Brücke
vollendet. Sie bestand aus zwei Abteilungen für Kavallerie und Infanterie, mit
einer Ueberfuhr für Geschütze. Fürst Paskiewitsch ging an demselben Tage mit
seinem Generalstab über die Donau. Ihm folgten 20 Infanterie-Bataillone (die
ganze 8. Infanterie-Division unter General-Lieutenant Silvan und das
ochotzkische Jäger - Regiment von der 11.), drei Compagnieen Sapeure, das
wossnessenskische und olviopolskische Ulanen-Regiment von der 4. leichten
Cavallerie-Division, drei Sotnien donische Kosaken, 6 Batterieen Fuss Artillerie
und zwei berittene, im Ganzen 88 Geschütze mit dem Belagerungstrain. Das Corps
des General Lüders auf der Südostseite der Stadt zählte 35
Infanterie-Bataillone, (die 9. Infanterie-Division und Abteilungen der 11. und
15.), das litauische Ulanen - Regiment »Erzherzog Albrecht« und das
vollhynische »Grossfürst Constantin«, 2 Kosaken-Regimenter und 104 Geschütze.
    Sofort begannen die Russen die Tracirung der Belagerungslinie von der
Landseite und das Aufwerfen der Trancheen.
    Zugleich sollten nach dem Plan des Feldmarschalls 30,000 Mann bei Oltenitza
auf einer dort geschlagenen Brücke nach Tuturkai übersetzen und gegen Rasprad
vorrücken, somit die Verbindung Silistria's mit dem 10 Meilen entfernten
Schumla, dem Hauptquartier des Sirdars, unterbrechend. Diese Operation
missglückte, denn der Uebergang wurde von den Türken glücklich gehindert und die
Brücke gesprengt. Ungefähr 60,000 Mann cernirten demnach jetzt Silistria auf
drei Seiten und nur die Verbindung im Südwesten und Westen der Stadt, nach
Schumla und Rustschuk, war noch frei.
    Bereits bei dem Uebergang am 16. hatte der Feldmarschall einen Parlamentair
an Mussa-Pascha, den Kommandanten Silistria's, geschickt, ihn zur Uebergabe
aufzufordern. Die Türken wiesen dieselbe zurück und am 19. begann von der
Landseite aus die Beschiessung der Festung aus den zwischen den Weinbergen gegen
die östlichen Vorwerke vorlaufenden Trancheen. In der Nacht zum 22. wurde die
zweite Linie derselben eröffnet und General Schilder sprengte mit Glück von der
Donauseite eine gegen die Müftiereh-Bastion gerichtete Miene, obschon das Fort
selbst wenig Schaden nahm.
    Noch ein Mal wurden jetzt Unterhandlungen eröffnet, und Mussa-Pascha, um
Zeit zu gewinnen, verlangte eine Frist bis zum 26., die jedoch nur bis zum 24.
bewilligt wurde. An diesem Tage stürmten die Russen die östlichen Werke, wurden
jedoch mit bedeutendem Verlust zurückgeworfen. Seitdem dauerte die heftige
Kanonade ununterbrochen fort.
    Wir müssen Silistria selbst und den Verteidigungsanstalten der türkischen
Festung noch eine kurze Beschreibung widmen.
    Silistria bildet die Spitze eines fast gleichschenklichen Dreiecks, dessen
Basis die Linie Schumla-Barna vorstellt, und dessen Ostseite Front gegen die
Dobrudscha und die Strasse über Basardschik nach Varna macht, wie die Westseite
gegen Rustschuk und die von da an die Balkan-Pässe ziehenden Wege. Die
Entfernung nach Tschernawoda beträgt 10, nach Varna 18, nach Schumla 12, nach
Rustschuk 15 Meilen, ein Terrain, das vollständig innerhalb der Wirkungssphäre
einer starken Garnison wäre. Hierdurch begreift sich die Bedeutsamkeit
Silistria's für die russichen Operationen, die ohne den Besitz der Festung der
Sicherheit ermangelt hätten. Diese Wichtigkeit der Position wurde auch in allen
früheren Kriegen anerkannt. Im Jahre 1809 wurde die Festung vergeblich belagert,
1810 aber nach nur fünftägigem Widerstand von General Langeron erstürmt. Damals
wurde Silistria von den Russen geschleift, später von den Türken aber wieder
aufgebaut und bedeutend vergrössert. Im Feldzug von 1828 fesselte es die Russen 4
Monat vor seinen Mauern, ohne dass sie es zu erobern vermochten, und auch nachdem
Varna gefallen, bildete es ein wichtiges Hindernis, und der Feldzug des Jahres
29 musste mit einer Belagerung des an und für sich nicht starken Platzes begonnen
werden, die auch damals General Schilder leitete und welche 43 Tage dauerte.
    So wichtig die Lage Silistria's in strategischer Beziehung, so ungünstig ist
sie es in fortificatorischer, indem die Südseite durch das 200 Fuss hohe
Balkanplateau beherrscht wird, das bis auf 1500 Schritt an den Hauptwall
herantritt und dem Belagerer zur terrassenförmigen Aufstellung seiner Geschütze
Gelegenheit gibt. Man übersieht von hier aus das ganze Innere der Stadt. Die
drei östlichen und zwei westlichen Fronten werden von dieser Höhe aus
bestrichen, und da, wie bereits erwähnt, das Donaubett nur 1000 Schritt breit,
kann auch die Wasserfront von dem gegenüberliegenden Ufer beschossen werden. Die
Stadt selbst bildet einen Halbkreis von etwa 2000 Schritt Länge in Form eines
Zehnecks, jede der Fronten ist 550 Schritt lang, und zwar befinden sich vier
Bastionen auf der Donauseite, drei auf der östlichen, zwei auf der westlichen.
Das östliche Tor ist von den Aussenwerken Tschengell- und Limân-Labiassi
gedeckt. Zur Sicherung der zwei Tore auf der Landfront nach Schumla und
Basardschick wurde bei Beginn des Krieges die bisher sehr unvollständige, aus
unbedeutendem Erdwerk bestehende Verteidigung durch Anlegung eines festen Forts
auf der Höhe Oskardscha zwischen beiden Strassen vermehrt, das zugleich die
Gefahr der Beherrschung vom Plateau aus paralysiren sollte. Unter Leitung eines
früheren preussischen Offiziers, des Artillerie-Capitains Grach ward diese durch
dreifaches Mauerwerk aus Felsengestein hergestellte Nebenfestung, die den Namen
Abdul Medjid erhielt, binnen 8 Monaten hergestellt, indem man Tag und Nacht
daran arbeitete.
    Durch zwei Türme - Arab-Tabia und Yania - flankirt und mit 60 Kanonen
bewaffnet, bildete das Fort jetzt mit dem festen Stadtschloss die
Hauptverteidigung der Festung, nach welcher der Besatzung die Rückzugslinie vom
Fort durch eine Reihe von Batterieen gedeckt war, von deren letzter ein
unterirdischer Gang zur Festung führte. Die Ringmauern der Stadt sind ziemlich
niedrig, das Glacis hinter dem 12 Fuss tiefen, 30 Fuss breiten Graben wird von der
20 Fuss starken Brustwehr des Hauptwalls nur um 8 Fuss überragt. Dies wann die
Hilfsmittel der tapfern Verteidigung von Silistria.
    Am 25. Mai endlich erhielt General-Lieutenant Pawloff, der, wie erwähnt, von
Oltenitza aus bisher vergeblich den Uebergang versucht und nur eine zwischen
beiden Ufern liegende Insel besetzt hatte, die Nachricht, dass die Türken sich
von Tuturkai zurückgezogen, und bewirkte am 26. seinen Uebergang, so dass nunmehr
auch die Verbindung mit Rustschuk abgeschnitten werden konnte.
    Es war am Mittag des 28. Mai - eines Sonntags - als die Geschütze der
russischen Batterieen, die während des ganzen Morgens gespielt und einen wahren
Hagel von Bomben und Vollkugeln auf die Werke der Ostseite und bis in die Stadt
geschleudert hatten, eine kurze Pause machten. Von dem Babadagh-Tor her, vor
dem die hart bedrängten, vorgeschobenen Forts Tschengell-Labiassi und
Limân-Labiassi1 liegen, kam in eifrigem Gespräch eine Gruppe von Offfzieren, von
denen mehrere auch ihrer Kleidung nach Europäer waren. Der Eine von ihnen trug
die Uniform der Zuaven, jenes berühmten Corps, das in diesem Augenblick auf den
blauen Wellen des mittelländischen Meeres seine Ueberfahrt nach Gallipoli und
Varna vollendete, - eine hohe prächtige Gestalt von soldatisch-kühnem ernstem
Gesicht; - zwei Andere waren offenbar Engländer, der Eine in der Uniform eines
Capitains der schottischen Garde, der Andere in Civil.
    »Hussein-Aga,« sagte der ältere Türke zu seinem Begleiter, »schwört beim
Propheten, dass er die Schanzen gegen den nächste Sturm der Moskaws zu halten
vermag. Sage mir Deine Meinung, Jüs-Baschi.«
    »Ich vermag Dir nur zu wiederholen, Mehemed-Bei, was ich bereits dem Pascha
berichtet und was mir diese Herren bestätigen. Der Aga kann die Forts nicht
länger als einen Tag noch halten. Die Trancheen des Generals Schilder sind uns
bis auf halbe Büchsenschussweite nahe.«
    »Wir werden sie heute oder morgen mit Allah's Hilfe zerstören.«
    »Ich zweifle nicht an unserm Sieg, Bei, aber er kann uns Nichts nützen.
Unsere Hilfe muss von Schumla oder Rustschuk her kommen.«
    »Wallah!« sagte ärgerlich der alte Türke, »Du weisst, o Brennibor2, was uns
gestern dieser Hund von Jude gemeldet hat. Die Russen sind bei Tuturkai über die
Donau gegangen. Was tun wir mit diesen Franken, wenn sie müssig stehen in Varna
und Gallipoli. Ich spucke auf ihre Hilfe und bin selbst ein Mann.«
    Der Capitain lachte.
    »Lasse solche Worte die Herren an unserer Seite nicht hören, Bei, und
bedenke, dass gerade die Franken, meine Landsleute, diese Wälle und Forts gebaut
haben, mit deren Hilfe wir jetzt den Russen widerstehen, zu Deinem eigenen
Ruhme, der Du doch Genie-Director von Silistria bist, während Du recht wohl
weisst, dass Du kein Dreieck von einem Quadrat zu unterscheiden verstehst.«
    »Wissen Sie, Herr Kamerad,« fragte der französische Offizier in seiner
Sprache, »was die Botschaft des Pascha's bedeuten soll?«
    »Einen Ausfall, hoffe ich, es ist unbedingt nötig, dass wir uns Luft auf
dieser Seite verschaffen. Ich wünschte, wir hätten dazu einige Compagnieen Ihrer
Zuaven hier, von deren Tollkühnheit wir so viel gehört haben.«
    »Sie werden zur Stelle sein, wenn es gilt und der Kaiser befiehlt, Herr
Capitain. - Da ist der Pascha.«
    Die vier Offiziere näherten sich dem Kreise, der sich auf dem Platze an der
Moschee der Barmherzigkeit um Mussa-Pascha, den tapferen Kommandanten von
Silistria, gebildet hatte. Er bestand aus fast allen oberen Offizieren der
Besatzung, die in diesem Augenblick der Dienst nicht auf den Wällen gefesselt
hielt, und schien mit einer Art von Kriegsrat beschäftigt. Neben dem Pascha
standen der uns bereits bekannte Capitain Depuis, Muglis-Bei, der Anführer der
Redifs, und Kiriki-Pascha, der Führer der Baschi-Bozuks.
    Der französische Offizier, der so eben von den Schanzen hinzu kam, nahm
offenbar eine geachtete Stellung ein, denn man machte ihm und seinen Begleitern
sogleich Platz.
    Der Pascha hielt eine Depesche in der Hand, ihm zur Seite stand ein
türkischer Knabe von klugem, verschmjetztem Aussehen, dessen Lebhaftigkeit jedoch
durch den Anschein von Gleichgültigkeit unterdrückt wurde.
    »Monsieur le Colonel,« sagte der Kommandant höflich zu dem Franzosen, »ich
habe Sie bei der Unterbrechung des Feuers hierher bitten lassen, weil mir vor
einer Stunde eine Depesche von Schumla überbracht worden ist, welche auch ein
Schreiben für Sie entält und die unsere ernste Erwägung fordert. Ihre
Nachrichten stimmen wahrscheinlich mit den meinen überein?«
    Der Zuaven-Colonel - Vicomte de Méricourt - hatte seine Depesche geöffnet:
    »Man trägt mir auf, dahin zu wirken, dass die Garnison sich so lange als
möglich hält. Eine combinirte Bewegung zum Ersatz der Festung ist vor Mitte des
nächsten Monats nicht möglich, da Ihre Truppen zum Teil an der Aluta engagirt
sind, und Rustschuk selbst noch fortwährenden Angriffen ausgesetzt ist. Für jene
Zeit wird jedoch eine Diversion zugesagt.«
    »Ich muss noch eher Beistand haben wenigstens eine Verstärkung der Besatzung
und eine Zufuhr von Proviant,« sagte missmutig der Pascha. »Sie kennen die
unglücklichen Verhältnisse und dass unsere Vorräte in Cadassia lagern.«
    »Es war eine Torheit ohne Gleichen,« warf Capitain Depuis ein.
    »Was soll ich sagen, - es ist nun ein Mal so und wir haben kaum noch für 20
Tage Lebensmittel in der Stadt. Man meldete mir, dass die vorgeschobenen Werke am
Babadagh-Kapussi nicht länger gehalten werden können, trotz der Alles
vernichtenden Tapferkeit unsers Aga's. Mein Genie-Director, Mehemed-Bei, ist
jedoch anderer Meinung.«
    »Dein Genie-Director, Pascha,« sagte brüsk der englische, Offizier, »ist ein
Esel! Die Meinung des Capitain Grach hier ist vollständig die unsere. Die Werke
sind kaum 24 Stunden mehr zu halten.«
    Der alte Bei schaute höchst gleichmütig zu der Artigkeit des Engländers
d'rein und strich sich den Bart. Die Türken begannen bereits dieser Art der
Behandlung seitens ihrer Verbündeten gewohnt zu werden.
    »Inshallah, wie Gott will! Mein Freund Mehemed kann sich irren, und der
Himmel hat Euch Franken ein scharfes Auge in solchen Dingen gegeben. Was ratet
Ihr mir zu tun?«
    »Ich habe bereits über den Fall mit den kommandirenden Offizieren der Forts
gesprochen,« sagte der Colonel, »und unserer Aller Meinung ist, dass durch einen
kräftigen Ausfall in dieser Nacht die Arbeiten der Russen gestört werden könnten
und Hussein-Aga Zeit erhält, morgen die vorgeschobenen Schanzen ohne Verlust zu
räumen und sie unbrauchbar zu machen. Der Herr Capitain hat so vortreffliche
Werke in der Nähe des Tores vorbereitet, dass der Besitz der beiden Forts den
Feinden nur wenig helfen wird.«
    »Ich fürchte nicht die Beschiessung oder die Sturmangriffe,« sagte Capitain
Grach - der türkische Artillerie-Offizier - »sondern die Minen des Generals
Schilder, es ist seine Lieblingswaffe.«
    »Darum müssen wir ihn möglichst fern halten. In unverhofften Ausfällen liegt
die Gelegenheit, seine Arbeiten zu stören. Ich stimme für einen solchen in
dieser Nacht.«
    Der wilde Kiriki - dem die französische Sprache der Beratung fremd war-
erriet aus den Umständen, um was es sich handle und schaute mit dem Ausdruck
eines Bullenbeissers auf den Kommandanten.
    »Mashallah - es sei, wie Ihr sagt, ich habe auch daran gedacht. Wir wollen
einen Ausfall machen diese Nacht auf die Flanke des Feindes an der Donau.
Hussein-Aga soll ihn leiten und Kiriki mit seinen Bozuks und einer Tabor des
Nizams ihn ausführen. Werdet Ihr Teil daran nehmen, Effendi's?«
    »Meine Befehle beschränken mich auf die Stadt,« entgegnete der Colonel.
    »Ich werde Hussein-Aga begleiten,« bemerkte der englische Offizier.
    »Pek äji - es komme auf Dein Haupt, - ich bin nicht verantwortlich für Dich.
Ich werde meine Ordres erteilen. Dennoch muss ich Nachricht senden an den Sirdar
- unsere Lage ist schlimm.«
    »Der kleine Halunke, der die Depeschen herein geschmuggelt,« bemerkte
Capitain Depuis, »kann sie wahrscheinlich auch wieder hinausbringen. Wo ist der
Bursche?« -
    Alles sah sich nach dem zerlumpten Jungen um, der beim Beginn der
Unterredung hinter dem Pascha gestanden, doch vergeblich, denn der Bursche hatte
die Gelegenheit benutzt, sich zu entfernen, bis der türkische Offizier, welcher
ihn von den Aussenposten zum Kommandirenden geführt, berichtete, der Knabe habe
ihm gesagt, dass er früher im Dienst des Frankenarztes gestanden, der kürzlich
von Widdin und Schumla gekommen sei, und dass er zu diesem seinem Herrn
zurückkehren wolle.
    »Das ist Doctor Welland, der Oberarzt des Hospitals und mein Freund,« meinte
Capitain Grach. »Ich bin im Begriff, ihn zu besuchen und werde mich nach dem
Boten erkundigen.«
    »Können Sie mir sagen, Sir,« fragte der englische Offizier, »ob dies
derselbe Doctor Welland ist, ein geborener Preusse, der vor zwei Jahren sich in
Paris aufhielt?«
    »Ganz derselbe, Sir. Ich lernte ihn in den dreissiger Jahren kennen, als ich
bei der Garde-Artillerie in Berlin stand, und traf ihn zu meiner Freude
unerwartet hier in Silistria und in unserem Dienst wieder.«
    »Er kam im vorigen Sommer von Paris.«
    »Dann erlauben Sie mir, Sir, dass ich Sie begleite, ich habe seine
Bekanntschaft in Paris gemacht und es wird mir Vergnügen bereiten, sie zu
erneuern. Begleiten Sie uns, Maubridge?«
    Der Baronet, denn dieser war der Brite in Civil, verneigte sich nachlässig,
und die kleine Gesellschaft nahm, als die Dienstgeschäfte beendet waren und die
Offiziere sich nach allen Seiten zerstreuten, um die Vorbereitungen des Sturmes
zu treffen, ihren Weg nach dem grossen Khan, in dem ein Lazaret für die
Verwundeten eingerichtet worden und Doctor Welland eine kleine Wohnung
angewiesen erhalten. Es waren während der Belagerung für die ganze, über 15,000
Mann betragende Besatzung nur acht Feldärzte vorhanden, von denen noch dazu drei
blosse Chirurgen, und die Anstrengungen, denen sie unterworfen, daher
erschöpfend.
    In der dürftigen Behausung des Arztes, die am Eingang des schlechten Khans
gelegen war, sassen in eifrigem, stillen Gespräch drei Personen zusammen, der
Knabe Mauro - denn der kleine listige Teufel war es, welcher nach seiner
Rückkehr aus dem Epirus durch den Einfluss der in Varna und Schumla wirkenden
Hetäristen zum Ueberbringer der Depeschen an Mussa-Pascha benutzt worden, -
Nursah und sein Bruder Jussuf, der Tatar der unglücklichen Mariam, den Welland,
von der Kugel des corsischen Banditen verwundet in den Fischerhütten an der Bai
von Kumburgas getroffen und dort bis zu seiner Genesung zurückgelassen hatte.
Bei der Ankunft von Widdin hatte er ihn in Silistria wiedergetroffen, wohin der
Mohr, sobald er seine Kräfte wiedergewonnen, den Weg genommen, da die Festung
der Ort war, wohin die erste Bestimmung des Arztes lautete und wohin er den
Genesenen bestellt hatte.
    Der Leser wird sich erinnern, dass der Knabe Mauro den beiden Geschwistern
oder wenigstens Nursah von ihrer gemeinschaftlichen Flucht aus Constantinopel
her bekannt war und es schien ein geheimes Band vorhanden, was die sich
Wiedertreffenden mit einander vertraut machte. Der junge Spion hatte bei seinem
Erscheinen in der Wohnung des Arztes diesem einen Brief seines Freundes Gregor
Caraiskakis aus Varna gebracht, in welchem er ihm, von seiner Versetzung nach
Silistria benachrichtigt, die Neuigkeiten des Tages schrieb und dass er
einstweilen noch in Varna, das durch das Eintreffen der westmächtlichen Truppen
zum grossen Heerlager geworden war, von seinen Interessen und Geschäften
zurückgehalten werde. Um sichere Kunde von dem Freunde zu erhalten, habe er den
Knaben Mauro einem befreundeten türkischen Oberoffizier zum Boten angetragen.
Doctor Welland, ohne auf diesen Zusammenhang viel zu achten, freute sich der
Ankunft des Knaben, weil er durch ihn Nachricht von dem Freunde erhielt, hatte
jedoch erst wenige Augenblicke seinen Erzählungen widmen können. So bemerkte er
nicht, wie der junge Spion, nachdem er mit den Geschwistern allein war, noch
einen zweiten sorgfältig in seinen Lumpen verborgenen Brief hervorsuchte und ihn
an Nursah gab, der - obschon das Schreiben gleichfalls an seinen Herrn adressirt
war - dasselbe öffnete und mit grosser Aufmerksamkeit las, worauf die Drei
alsbald jene eifrige Beratung begannen.
    Durch den Eintritt der beiden Capitains und des Baronets hierbei gestört,
rief Nursah seinen Herrn aus dem Lazaret herbei.
    »Sie werden Arbeit bekommen heute, Doctor, mehr als gewöhnlich,« sagte, ihm
die Hand schüttelnd, der Artillerie-Capitain, »und ich komme, Sie davon zu
benachrichtigen und mir Ihre Anwesenheit in den Forts am Babadagh-Tor zu
erbitten. Wir machen diese Nacht einen Ausfall auf die Russen und bei so
blutiger Arbeit mag man wohl wünschen, die geschickte Hand eines Freundes in der
Nähe zu haben. Zugleich will ich einen Kameraden bei Ihnen einführen, der
bereits das Vergnügen hat, Sie zu kennen. Capitain Morton ...«
    »Ich hoffe, Sie erinnern sich meiner aus Paris, Doctor. Ich habe nie die
Hilfe vergessen, die Sie mir in dem Duell mit dem französischen Spitzbuben
leisteten, der mich am Roulette geplündert.«
    »Mein teurer Sir,« sagte der Arzt erfreut und Jenem herzlich beide Hände
drückend, »seien Sie mir bestens willkommen, wenn ich Sie im eigenen Interesse
auch weit weg von diesem Ort wünschen möchte. Es scheint, als sei der heutige
Tag dazu bestimmt, Nachricht von alten lieben Freunden, zu erhalten.«
    »Erlauben Sie mir, Ihnen einen der meinen vorzustellen,« sagte der britische
Offizier mit einer Bewegung nach seinem Gefährten. »Sir Edward Maubridge,
Baronet, schon länger im Orient als wir.«
    »Der Arzt« der bisher den Fremden nicht beachtet, wandte sich bei diesen
Worten zurückfahrend nach dem Vorgestellten und begegnete dem höhnisch-kalten
Blick desselben.
    »Ich habe die Ehre,« sagte der Baronet ruhig, »den Herrn bereits von Smyrna
zu kennen. Ich traf ihn dort in interessanter Gesellschaft.«
    »Es war nicht das letzte Mal, Sir, dass Sie mich gesehen,« sprach bitter der
Arzt.
    »Richtig, Sir, ich vergass! Sie secundirten am Scamander einen Freund, den
Bundesgenossen von Wegelagerern und Banditen!«
    »Den Bruder Ihrer rechtmässigen Gattin, Sir!«
    »Lassen wir das, wir wollen darum nicht streiten. Es wäre besser für uns
Alle gewesen, Sie hätten damals meinem erstem Wunsch entsprochen. - Haben Sie
von Herrn Caraiskakis gehört? Ich glaube, er ist in dem letzten Aufstand zu
Constantinopel ein Opfer seiner Leidenschaftlichkeit geworden.«
    Der Arzt schaute ihn finster an.
    »Mein. Freund, Sir, hatte als Mann von Ehre seine Schwester zu rächen.«
    Ein unbestimmtes Gefühl verhinderte ihn, zu erwähnen, dass er so eben von ihm
Nachricht erhalten habe, und er hatte noch nicht Zeit gehabt, die Einzelnheiten
seiner Mitteilungen zu lesen.
    »Die Sache ist vorbei, lassen Sie uns nicht streiten darüber,« sagte der
Baronet. »Wir sprechen vielleicht später noch über Dinge, die mich interessiren.
Ich sehe, Morton und Capitain Grach werden ungeduldig.«
    »In der Tat,« meinte der Letztere, »meine Zeit ist gemessen und ich habe
der Vorbereitungen noch viele zu treffen. Ich werde Sie um 9 Uhr abholen in die
Festungswerke. Halten Sie Ihr Verbindezeug bereit, Doctor, und nehmen Sie einen
Gehilfen mit. Es wird einen harten Tanz geben. Wie viel Verwundete hat man Ihnen
von dem gestrigen Bombardement gebracht?«
    »Dreiundsechszig, Capitain. Wir zählten vierzig Todte.«
    »Einen Verlust von Hundert - Das passirt, aber ich fürchte, es wird
schlimmer werden.«
    »Mit wie viel Mann greifen Sie an, Capitain.«
    »Zwei Bataillone Nizam und die Boschuks. Etwa dreitausend Mann!«
    »Und die Stunde?«
    »Eilf Uhr - bei Aufgang des Mondes. Depuis und der französische Offizier
bleiben in den Forts am Basardschik-Tor. Auf Wiedersehen, Doctor, vor dem
Kampf, ich muss zu meinen Arbeitern. Hören Sie - der Feind beginnt wieder seine
Kanonade.«
    Das dumpfe Dröhnen des schweren Belagerungsgeschützes erschütterte auf's
Neue die Luft und die Offiziere entfernten sich eilends, wobei der Capitain ganz
vergass, nach dem Knaben weiter zu fragen, den er beim Eintritt flüchtig gesehen.
    Nursah war allem in dem Gemache ab- und zugegangen während. Besuchs, indes
sich Jussuf und Mauro entfernt hielten. Diese suchte er jetzt eilig auf, während
sein Herr sich mit dem Briefe des Freundes beschäftigte und über das
Zusammentreffen mit dem Briten nachsann.
    Nursah zog die Beiden in einen Winkel.
    »Eine Stunde vor Mitternacht,« berichtete er hastig, »werden dreitausend
Türken einen Ausfall gegen das Lager an der Donauseite machen. Unsere Freunde
müssen benachrichtigt werden.«
    »Kannst Du dem Winde die Botschaft geben?« fragte ärgerlich Jussuf. »Olmas!
Es ist Nichts - die Wälle werden zu gut besetzt sein und der Zigeuner, Eblis
verdamme, ihn! hat sich seit Tagen nicht blicken lassen.«
    »Ich sage Dir, es muss geschehen, die Nachricht muss hinaus,« sagte der
jüngere Bruder mit einer offenbaren Autorität, die er über den älteren übte.
»Wofür wäre dieser Knabe uns zu Hilfe gesandt, wenn er uns in solchen Fällen
nicht nützen sollte?«
    »Wird das Blut der verfluchten Moslems fliessen, wenn ihr Unternehmen den
Russen bekannt wird?« fragte mit einer teuflischen Neugier der kleine Spion.
    »Haben sie Zeit, ihre Vorbereitungen zu treffen, dann kann die ganze Colonne
abgeschnitten werden und ein Sturm die Wälle erobern, Kind.«
    Die Augen des Knaben blitzten.
    »Viele, viele! Ein ganzes Meer von Türkenblut für meinen gemordeten Oheim!«
sagte er giftig. »Bringt mich nur hinaus und gebt mir Euren Auftrag, Mauro ist
schnell und was er will, das tut er.«
    »Von der Schnelligkeit Deiner Füsse, Knabe, wird mehr als von Deinem Mute
abhängen. Wir werden wie gewöhnlich die Wälle an der Abendseite zu bewachen
haben und ich vermag Dich nicht eher hinaus zu lassen, als bis die Nacht
eingetreten ist. Du hast dann einen weiten Weg bis zum Luger der Russen.
Schreibe Deinen Brief, Nursah, der Prophet sieht zwar übel auf mein Beginnen,
aber ich habe geschworen, Dir zu gehorchen, bei Einer, die nicht mehr ist.«
    Der Ruf des Arztes, der nach dem Knaben verlangte, um durch ihn von dem
Freunde zu hören, trennte sie.
    In einzelnen Interwallen dauerte während des ganzen Tages das Geschützfeuer
der Belagerer fort, von den vorzüglich bedienten Kanonen der Festung erwidert.
Der Capitain Grach war überall und in der Tat die Seele der artilleristischen
Verteidigung, die um so höher anzuschlagen ist, als sie einem so alten und
berühmten Genie-Offizier wie General Schilder gegenüber geschah.
    Die Tapferkeit der Türken in Verteidigung fester Plätze, ja, Schanzen, ist
unbestritten und oft erprobt, sie bewährte sich ebenfalls wieder glänzend hinter
den Mauern von Silistria.
    Es war am Abend gegen 10 Uhr, als die zum Ausfall bestimmten Colonnen sich
am Babadagh-Tor zu sammeln begannen. Still und geräuschlos hielten die Reihen
der Irregulairen auf ihren meist weissen Pferden hinter den Wällen, während die
Bataillone des Nizams wie dunkle Schlangen durch das geöffnete Tor in die
beiden vorgeschobenen Forts strömten.
    Mussa-Pascha, der während seines Kommando's eine den Türken sonst sehr
ungewöhnliche Tätigkeit und Einsicht an den Tag gelegt hatte, die ihn auch dem
Einfluss und Rat der europäischen Offiziere zugänglich machte, war überall,
seine letzten Befehle erteilend. Hussein-Aga, der Kommandeur der beiden Forts,
ein wilder aber tapferer Offizier, sollte den Ausfall befehligen, den Capitain
Morton mitzumachen beschlossen hatte. Die Müftirieh-Batterie, welche allein von
den Schanzen an der Donau die rechte Flanke der russischen Stellung bestreichen
konnte, wurde von Mehemed-Bei kommandiert, indes hier und an den vorgeschobenen
Werken die wahre Leitung dem On-Baschi Grach überlassen blieb.
    Der Kommandant selbst wollte durch eine Kanonade von den südlichen Toren
und dem Abdul-Medjid-Fort her die Aufmerksamkeit des russischen Centrums und der
linken Flanke beschäftigen, nachdem er vom Fort aus durch eine Rakete das
Zeichen zum Angriff gegeben.
    An dem hohen Bogen des Tores, durch das sich jetzt im geräuschlosen Marsch
die wilde Reiter-Colonne drängte, standen die Führer, Kiriki-Pascha, ungeduldig,
an die Spitze seiner Bozuks zu eilen, der französische Colonel nochmals an den
Kommandanten für die Infanterie-Attaque einige Ratschläge erteilend, und
Capitain Morton, die Zügel des Pferdes in der Hand, da er unter den Reitern den
Angriff mitmachen wollte, noch einige Worte mit den beiden Preussen wechselnd.
    »Sie setzen sich unnütz einer Gefahr aus, Capitain,« sagte der Arzt, »von
der Sie im besten Fall wenig Ruhm ernten können. Sie sollten Ihre Mission an des
Pascha's Seite bedenken und Ihr Leben nicht zwecklos auf's Spiel setzen.«
    »Sie sind und bleiben ein alter Moral-Prediger, Doctor,« lachte der
Offizier, »vordem am Spieltisch und jetzt wieder bei der Lust des Kampfes. Ich
habe eine für die andere eingetauscht und es ist Zeit, dass ich die russischen
Truppen kennen lerne. Das Corps, dem wir gegenüber stehen, trägt doch nicht etwa
hellblaue Uniformen?«
    »Wie so? - die Uniform ist grün.«
    »Dann werden Sie mich unzweifelhaft unverletzt wieder erhalten. Gefahr droht
meinem Leben nur von einem hellblauen Feind. Hellblau und Weiss - Sie wissen,
Doctor - ich bin ein Faulconbridge, die ihre Ahnungen haben, und auch ich habe
von dem Familienvorzug profitirt.«
    »Sie meinen die Erscheinung des Lords, Ihres Vaters, - was ist Ihnen
begegnet?«
    »Ein ander Mal davon, Doctor - der Pascha scheint fertig - leben Sie wohl,
meine Herren!« Er schwang sich auf's Pferd. Zugleich wandte sich der Kommandant.
    »Es ist Zeit, Effendi's, - Alle auf Eure Posten, in einer Stunde erwartet
das Signal. Allah gebe uns Sieg.«
    Das Gedränge der Davoneilenden verschlang den letzten Gruss. Jeder nahm
seinen Posten ein und nach wenig Minuten, als der Galopp des Kommandanten und
seiner Begleitung verklungen war, lag tiefes Schweigen auf den Werken.
    Der Pascha nahm seinen Weg innerhalb der Wälle um die Stadt, um noch ein Mal
die Wachsamkeit der Mannschaften zu prüfen, ehe er seinen Posten auf den Werken
an der Südseite einnahm. Die Wälle der Westseite waren von den Compagnieen
besetzt, die der Kommandant bei den geringen Hilfsmitteln der Verteidigung als
eine Art Freicorps aus den Bewohnern Silistria's und dem Tross von Gesindel
gebildet hatte, das mit und ohne Herrn, so wie aus Deserteuren, Abenteurern,
Flüchtlingen und entlaufene Sclaven bestehend, sich in die Festungen eingedrängt
hatte, und dass er wenigstens auf diese Art nutzbar zu machen suchte. Auch
Jussuf, der ehemalige Courier, gehörte hierzu und stand jetzt auf einem der
äusseren Posten des Walls in der Nähe des Tores von Schumla.
    Es war zehn Uhr, der Mond noch nicht aufgegangen und ein leichter Sprühregen
fiel von Zeit zu Zeit. Zu seinen Füssen im Schatten des Walles lag es wie ein
Ball zusammen gerollt, jedem zufälligen Blick verborgen, - Mauro, der
anatolische Knabe, gewöhnt an solche Unternehmungen und erst vor wenig Tagen mit
Nicolas Grivas aus den blutigen Bergen Metzowo's zurückgekehrt zu dem Mann, dem
ihn der sterbende Oheim zugewiesen, zu Gregor Caraiskakis nach Varna.
    »Allah möge mir vergeben, wenn ich Unrecht tue,« murmelte der Courier vor
sich hin, »aber es ist mein Schicksal, Mariam zu gehorchen. Was gehen mich,
diese Türken an - puf, - sie sind Hunde, ich bin ein Abyssinier und meine Väter
waren Christen! Jawasch - wir wollen es tun! steh' auf, Knabe, es wird Zeit für
Dich!«
    Der Junge sprang rasch auf die Füsse:
    »Ich bin fertig, Jussuf.«
    »Hast Du den Weg gemerkt, den man Dir beschrieben?«
    »Wie von der Hand zum Mund! ich kreuze die Strasse von Schumla eine
Viertelstunde von der Festung und gehe dann immer nach Aufgang, bis ich an die
Vorposten der Russen komme.«
    »Du hast den Brief?«
    »In den doppelten Sohlen meiner Pantoffeln und diese im Gürtel.«
    »Und Du weisst, nach wem Du fragst?«
    »Nach dem General selbst. Sorge nicht, ehe der Morgen graut, bin ich wieder
an dieser Stelle.«
    »Zwei Stunden nach Mitternacht stehe ich wieder auf diesem Posten. Allah
oder der Gott der Christen geleite Dich. Du kannst doch schwimmen?«
    »Ich tauche wie die Ratten.«
    »Desto besser - eile Dich.«
    Er hatte dem Knaben eine starke Seidenschnur um den Leib geschlungen und hob
ihn über die Brustwehr. Halb rollend glitt der Junge über den Wall bis zu der in
den Graben sich senkenden Mauer. Dort angekommen, gab er seinem Helfershelfer
ein leises Zeichen, auf welches dieser die Schnur losliess. Mauro zog sie an
sich, suchte, mit den Händen tappend, seinen der vorspringenden. Steine aus und
befestigte hier sorgfältig das eine Ende des dünnen Strickes, da er ihm zur
Rückkehr dienen sollte; dann liess er sich leicht an ihm in's Wasser und
durchschwamm die geringe Breite, bis er eine Stelle fand, auf welcher er an der
anderen Seite mit Hilfe der Nägel und Zehen emporklimmen konnte, was ihm durch
den hier hohen Wasserstand bedeutend erleichtert wurde. Ehe zehn Minuten
vergangen waren, vernahm der Mohr das verabredete Zeichen, dass der gewandte
kleine Spion in Sicherheit sei.
 
                                    Fussnoten
1 Die Werke sind grösstenteils durch den Schöpfer der türkischen Artillerie, den
ehemaligen preussischen Major von Kuczkowski (Muglis-Pascha) und Lieutenant Bluhm
gebaut.
2 Brandenburger, Preusse.
 
                                   Der Sturm.
Der Kriegsrat, den der Fürst von Warschau mit den Führern des Belagerungscorps,
es waren sechsundfunfzig Generale vor der Festung versammelt, - an diesem
Nachmittag im Dorfe Kanara, dem Hauptquartier des Fürsten Gortschakoff,
gehalten, war vorüber, und der Fürst machte sich eben bereit, nach Kalarasch
zurückzukehren, wie er alle Abende tat.
    Vor der Tür der durch flüchtige Anbauten von Holz und Zelttuch vergrösserten
Bauernbaracke standen die Generale, Adjutanten und höhere Offiziere in eifrigem
Gespräch über die eben beratenen Gegenstände, die einzelnen Ansichten und
Vorschläge nochmals erörternd, da eine Entscheidung noch nicht erfolgt war. Die
beiden Fürsten und Führer der Armee dagegen waren noch in dem Gemach, in dem die
Beratung stattgefunden und an dessen Eingang von Aussen zwei Unteroffiziere
Wache hielten.
    Der greise Feldmarschall sass in der straffen Haltung, die er trotz seiner
zweiundsiebenzig Jahre noch immer beobachtete, in einem Feldstuhl, und seine
hohe, wenn auch magere, dünne Figur machte noch immer eine imposante Wirkung.
    Ihm gegenüber stand der ihm jetzt untergebene bisherige Ober-Befehlshaber
der Donauarmee, Fürst Gortschakoff, die Hand auf die Tafel gestützt, das von der
tiefgesenkten Stirn etwas zusammengedrückte Auge nachdenkend auf den Feldherrn
gerichtet.
    »Sie sind zwanzig Jahre jünger als ich, Fürst,« sagte der greise Krieger,
»und haben noch eine Zukunft vor sich. Gott allein weiss, welchen Ruhm Sie in
diesem Kriege noch erwerben mögen. Mein Ruf, mein Besitz ist die Vergangenheit,
und ich möchte sie nicht gern auf's ungewisse Spiel setzen in diesem Feldzuge,
in dem wir an Händen und Füssen gefesselt sind. Du Franzosen und Engländer stehen
bereits vor uns und haben das Meer; sie verstärken sich mit jedem Tage und
bilden schon eine nicht zu verachtende Zahl. In unserm Rücken lauert unser alter
Freund Oesterreich mit seiner perfiden Politik; - selbst die Proklamation an die
Bulgaren hat uns getäuscht und ich habe eine bittere Erfahrung mehr gemacht! Die
griechischen Aufstände können uns nicht mehr nützen - meine Ansicht, die ich
noch heute unserm Herrn, dem Kaiser, melden werde, ist, dass wir Eile haben
müssen, uns mit Ehren aus diesen unglücklichen Fürstentümern zurückzuziehen.«
    »Die Strasse nach Schumla ist frei - der Muschir nicht im Stande, uns
aufzuhalten.«
    »Ich weiss es, Fürst - aber - der Fehler dieses Krieges von seinem Beginn!
wir haben nicht die Macht zur Disposition, die nötig wäre. Sie selbst wissen am
Besten, wie viele Russen den Prut überschritten haben.«
    »Hundertundsechszigtausend Mann!«
    »Wir sind unter uns, Fürst - wir machen keine Berichte für die europäischen
Zeitungen. Wie hoch rechnest Du unsere Verluste in diesen neun Monaten?«
    Der Fürst beugte traurig das Haupt.
    »Fünfundsechszigtausend, Durchlaucht! Kalafat hat uns allein an
Fünfzehntausend gekostet: die Krankheiten haben furchtbar gewütet.«
    »Heiliger Andreas! mehr als der dritte Mann! - Wenn wir das Lüders'sche
Corps - und Lüders liegt noch immer krank in Kalarasch - und Chruleff hier
zurücklassen, behielten wir noch nicht vierzigtausend Mann, um den Balkan zu
forciren. Es geht nicht.«
    »Ich habe oft genug um Verstärkungen und Zufuhr gebeten, indes - -«
    »Der Kaiser täuscht sich über den Zustand der südlichen Provinzen, die
Communikationsmittel sind erbärmlich«
    »General Kleinmichel hat seit Jahren Millionen darauf verwandt.«
    Der greise Fürst sprang heftig empor, alle diplomatische Ruhe schien mit
einem Schlage ihn verlassen zu haben.
    »General Kleinmichel ist ein - - und der Teufel hole die Millionen, die in
seinen Büchern stehen. Ich weiss, was ich von seinem System in Polen zu leiden
habe und bin wahrlich nicht der Mann, der so geduldig zusieht. Was, Fürst,
willst auch Du hier den Hofmann spielen, unter vier Augen, und diesem
fluchwürdigen System des Truges noch den Mantel halten?« - Er ging hastig auf
und ab in dem kleinen Gemach. - »Es geht nicht - ich sehe es deutlich und klar,
die Missstände sind zu gross und zu tief mit dem ganzen System und dem Volk
verschmolzen, als dass selbst ein Riesenwille, wie der des Kaisers, sie in einem
Menschenleben ausrotten könnte. Ich fürchte, ich fürchte, die Schuld der
Einzelnen könnte sich ein Mal schwer an dem Ganzen rächen. - Doch wir müssen
wenigstens zu Ende kommen mit diesem Nest, das sie eine Festung nennen. Was
meinst Du zu Schilder's Vorschlag?«
    »Wir haben bereits vier Mal gestürmt,« sagte ausweichend der Fürst, »und an
zweitausend Mann geopfert.«
    »Ich weiss, ich weiss, Sie sind Artillerist, Durchlaucht, und trauen zu viel
auf die Macht der Kanonen.«
    Ein flüchtiges Lächeln des Stolzes zuckte über das Gesicht des berühmten
Artillerie-Generals - er hoffte, noch ein Mal Gelegenheit zu haben, die volle
Gewaltigkeit seiner Waffe bekunden zu können.
    »Lasse Dir sagen, Kamerad,« sprach der alle Fürst und legte vertraulich die
Hand auf die Achsel seines jüngeren Gefährten, »es bereitet sich eine Revolte in
dem Befestigungssystem vor und Du wenigstens wirst es noch erleben, dass der
Stein ganz dem Spaten und der Erde weicht. Ich habe da eine vortreffliche Arbeit
eines Deiner jüngeren Offiziere gelesen - Tottleben heisst er und ich empfehle
Dir den Mann. Russland, Fürst, hat schon eine Menge seiner Siege dem ruhigen
Wirken der Hacke und des Spatens zu danken!«
    »Die beiden Forts der Ostseite können sich nicht länger halten, die
Batterieen haben sie zusammengeschossen.«
    »Ich habe mich bereits überzeugt - senden Sie morgen früh dem General
Schilder zehntausend Mann Verstärkung und lassen Sie um Mittag, wenn das
Geschütz seine Wirkung getan, stürmen. Wir müssen sie haben, aber sie werden
uns wenig nützen. Die Stärke des Feindes liegt in der neuen Citadelle, die sie
nach dem Sultan nennen. Haben wir die Aussenwerke, dann mag Schilder seinen
Minenkrieg beginnen. Jetzt aber leben Sie wohl, Durchlaucht. Ich habe noch meine
Berichte zu machen und will morgen zeitig wieder bei Ihnen sein.«
    Der Fürst geleitete ehrerbietig den greisen Feldherrn bis zum Wagen, die
Adjutanten und Offiziere der Suite warfen sich auf die Pferde und der Zug
rasselte davon, der zweiten Pontonbrücke zu, die man eben weiter unterhalb der
ersten über den Strom vollendet hatte.
    Während des Gesprächs der Führer hatte vor dem Quartier die Unterhaltung in
den Gruppen fortgedauert, die von Offizieren jeder Charge und Waffe gebildet
waren.
    Eine solche stand in der Nähe einer alten halbverwitterten Kastanie und
schien mehrere Personen von Bedeutung zu entalten; denn um zwei durch ihre
Uniform als kommandirende Generale ausgezeichnete Männer hatte sich ein grosser
Kreis von Offizieren versammelt. Der Aeltere von Beiden, ein Mann von 68 bis 70
Jahren, nahm wenig Teil an dem Gespräch und liess, - an den Baum gelehnt, - die
Blicke über den Kreis hinausschweifen in die roten Abendwolken, welche die
unter den Horizont sinkende Sonne hinter den Werken von Silistria gleich
blutigen Streifen über den Himmel schoss. Es war eine hohe Greisengestalt, hager
wie der Fürst von Warschau, aber keineswegs von dessen stattlichem Aussehen. Die
reiche goldbeladene Genie-Uniform hing unordentlich und aller militairischen
Accuratesse entbehrend um die dürren Glieder und über der ganzen Figur lag etwas
Träumerisches, Unheimliches, gleich als gehöre sie nicht dieser Welt an. So mag
man sich Swedenborg denken, oder einen der alten Seher des schottischen
Hochlandes, mit dem doppelten Gesicht begabt. Namentlich war es der Kopf und das
Auge, was diesen unheimlichen, aber nicht würdelosen Eindruck machte: eine jener
Adlerbildungen des haarlosen, nur an der Seite mit spärlichen weissen Locken
versehenen Schädels, wie wir sie zuweilen so scharf ausgeprägt finden; - überaus
tief in den Höhlen liegende Augen, mit buschigen weissen Brauen darüber, so tief,
dass es nur wie ein Feuerstrahl daraus hervorfunkelte und die Farbe der Pupille
ganz unsichtbar blieb; unter der grossen schnabelartig gebogenen Nase ein dichter
grauer Schnurrbart: - das war der General-Adjutant, Ingenieur-General Schilder,
einer der berühmtesten und sowohl durch seine militairischen Talente als durch
seine Seltsamkeiten bekanntesten Soldaten Russlands, der nun zum zweiten Mal vor
der türkischen Festung lag.
    General Chruleff an seiner Seite unterhielt sich eben mit dem
General-Lieutenant Selwan, dessen Division den linken Flügel der Aufstellung
gegen Silistria bildete und die Trancheen gegen das Fort Abdul-Medjid führte.
Der Stabschef des General-Lieutenants, Oberst Graf Orloff, der Sohn des
berühmten Freundes des Kaisers, stand dabei, mit einem Adjutanten des Fürsten
und einem jungen Genie-Capitain sprechend, und ab und zu mengten sich Andere des
zahlreichen Offizier-Kreises in die Unterhaltung.
    »Erinnern Sie sich unsers Wirtes, Capitain, von dem Abend in Bukarest, als
wir vom Ball zu dem blutigen Tanz von Oltenitza geholt wurden?« fragte einer der
Offiziere den Adjutanten.
    »Des preussischen General-Consuls von Meusebach?«
    »Richtig, Baron - er besuchte uns heute Morgen während des Bombardements in
den Schanzen und erkundigte sich auch nach Ihnen.«
    »Was hat Herrn von Meusebach hierher geführt?«
    »Ei, die Neugier - er war bereits bei dem Schlagen der ersten Brücke
gegenwärtig, als der kleine Kotzebue fiel - und wollte sich von unsern
Fortschritten überzeugen. Wir konnten ihm leider den gehofften Sturm nicht
aufführen, denn es fehlten die Ordres, aber er hat eine recht hübsche Kanonade
mit angesehen. Kennen Sie seinen Pudel Caro?«
    »Ich habe nicht die Ehre,« sagte lächelnd der Adjutant, »doch habe ich von
den Bären des Herrn von Meusebach gehört.«
    »Ei, liebster Meiendorf, wahrhaftig, da verlieren Sie viel. Es ist ein
ausgezeichnetes Vieh und apportirt wunderbar. Glauben Sie wohl, dass der Preusse -
der wirklich ein Soldat zu sein verdient, denn er spazierte ganz ruhig im Feuer
umher und liess die Cigarre nicht ausgehen, - die Passkugeln durch seinen Hund
appportiren liess? Das Tier wusste die Bomben und Granaten dagegen ganz
vortrefflich zu unterscheiden und hielt sich stets aus ihrem Bereich. Karamsin,
der an der Aluta steht, lehrte ihn das Kunststück in Bukarest.«
    »Herr von Karamsin,« sagte eine dumpfe Stimme neben ihnen, »wird keine Hunde
mehr das Apportiren lehren.«
    »Wie können Sie das behaupte, General?« warf der Graf ein.
    »Oberst Karamsin,« sagte der alte Ingenieur-General - denn dieser war es,
der die eigentümliche Prophezeihung in den Kreis geworfen, - »hat von den
Türkenhunden heute genug bekommen. - Israël ist ausgezogen den Philistern
entgegen in den Streit. Die Philister aber hatten sich gelagert zu Aphek und
rüsteten sich gegen Israel. Und der Streit teilte sich weit; und Israël ward
von den Philistern geschlagen und sie schlugen in der Ordnung im Felde bei
viertausend Mann.«
    »Ei was, Kamerad,« sagte halblachend der General-Lieutenant Selwan,
»verderben Sie uns mit solchen düsteren Gedanken nicht die Laune. Der Kaiser
Alexander, allen Respekt vor ihm, wird diesmal hoffentlich falsch berichtet
sein.«
    Der alte General wandte sich zu ihm und sah ihn starr an.
    »Und es kam ein Gericht über die Spötter und sie wurden zu Schanden in ihrer
Weisheit. - Gehe heim, Mann, und bereite Dich vor, denn Du wirst eher vor Dem
stehen, der Himmel und Erde gemacht, als Einer von diesen Allen - jenen dort
ausgenommen.«
    Der magere Finger des Generals zeigte vor sich hin, und mit einem
unwillkürlichen Schauder wichen Alle zur Seite, bis nur ein entfernterer
Offizier - der Oberst-Lieutenant eines Jäger-Bataillons - ihm gegenüberstand,
der gar nicht wusste, von was die Rede war und deshalb näher hinzu trat.
    »Herr Kamerad,« sagte der General-Lieutenant mit einem gewissen Unwillen,
»für wen von uns auch die Stunde kommen mag, sie wird uns als Männer und
Soldaten finden, auch wenn wir nicht an Kartenschlagen und Wahrsagen glauben.«
    Er verliess den Kreis.
    Eine tiefe unheimliche Stille hatte sich über denselben verbreitet - Jeder
kannte die Seltsamkeiten des alten Generals und seine Visionen, die ihm
namentlich in der Dämmerung und in den einsamen Stunden der Nacht das Erscheinen
des verstorbenen Kaisers Alexander vormalten, obschon selten Jemand darüber zu
spotten wagte. -
    Der Abend hatte seine stillen melancholischen Dinten rings umher auf die
Flur gesenkt - nur von den Donauschanzen her donnerte in langen Pausen ein
Schuss. In dem sinkenden Lichte stand die hohe schmale Gestalt des Generals und
sein geisterhaftes Auge starrte dem Fortgegangenen nach. Ringsum im Kreise
herrschte ein auffallendes Schweigen, das um so schauerlicher abstach gegen die
lachende, lärmende Unterhaltung der entfernten Gruppen.
    »Der Tor! - da geht er hin in seinem stolzen Mut,« sprach die hohle Stimme
des Greises, - »und schon ist er Nichts als Staub und Asche. Als ob mein todter
Freund und Herr sich irren könnte - sein Auge schaut das Unglück, das
heraufzieht über das heilige Russland. So wahr mir der Dreizehnte Gefahr und Tod
bringt, so wahr wird jener Uebermütige im Staube liegen vor der Hand des Herrn,
noch ehe die Sonne wieder die Gipfel der Berge vergoldet.«
    »Kommen Sie, Freund,« sagte zutraulich und teilnehmend General Chruleff,
»wir wollen aufbrechen, unser Weg bis Girlitza ist nicht der kürzeste.«
    »Die Pferde, Herr General?«
    Der alte Krieger, noch immer mit seiner Vision kämpfend, legte die welke
Hand auf den Arm des jungen Obersten, der die Frage getan.
    »Schau' Dich um, Graf Orloff, damit Du die schöne Welt siehst und jene
Wolken, auf denen der Gott Israels tront. Schau um Dich das Land, das er
gemacht hat und die Himmel, die seiner Hände Werk! Wo ist Dein Auge, Graf, - die
Höhle ist leer - Deine Hand ist voll Blut - wehe über Jerusalem!«
    Die hohe greise Gestalt schauerte unwillkürlich zusammen - - auch der junge
Graf - - da wirbelten die Trommeln und die Wache trat in's Gewehr, die beiden
Oberstkommandirenden erschienen im Eingang des zeltartigen Quartiers.
    »Guten Abend, Gortschakoff! - Guten Abend, meine Herren und gute Wache!«
    Dahin rasselte die Equipage - nach allen Seiten zerstreuten sich die
Mitglieder des Kriegsrats mit ihren Suiten. - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Halb Eilf! - Der General-Lieutenant Selwan hielt eben, von dem Chef seines
Stabes begleitet, eine Nachtrunde durch die Trancheen und die Postenkette
entlang, als ihm ein zerlumpter türkischer Knabe zugeführt wurde, - Mauro, der
junge griechische Spion. -
    »Oberst Daragan,« meldete der begleitende Unteroffizier, »zeigt an, dass der
Bursche an den äussersten Posten nach dem kommandirenden General gefragt hat und
eine eilige Nachricht überbringt.«
    »Wer bist Du?«
    Der General wandte sich zu dem Knaben.
    Mauro schüttelte mit dem Kopf, er verstand kein Russisch.
    »Spricht Einer von Euch Türkisch oder Griechisch oder die Lingua franca -
die Zeit ist kostbar!«
    Graf Orloff redete ihn auf Italienisch an, das der Junge leidlich verstand.
    »Bist Du der General?«
    »Dieser Herr hier.«
    »Dann lass uns im Geheimen reden, ich habe einen Brief für ihn.«
    Die Offiziere und Soldaten traten zurück - im Schatten der Brustwehr hatte
einer der Sappeure rasch eine Laterne angezündet und an die Lafette gehängt.
    »Den Brief, den Brief, Bursche!«
    Der Junge brachte ihn sorgfältig aus dem Schuh zum Vorschein. -
    »Man hat mich so lange an den Vorposten aufgehalten, Herr - die Zeit muss
bald da sein, um eilf Uhr greifen die Türken an.«
    Der Graf liess die Uhr repetiren, während der General-Lieutenant den Brief
durchflog.
    »Drei Viertel auf Eilf! Schorte wos mi! auf welcher Linie soll der Angriff
erfolgen?«
    Der General sprang empor. -
    »Lassen Sie, ich weiss genug! wir können heute einen tüchtigen Schlag tun,
Orloff, und vielleicht das ganze Nest nehmen! - Ein Kosackenoffizier!«
    Ein Kosack sprang vor.
    »Dein Pferd?«
    »Kaum hundert Schritt von hier, Väterchen!«
    »Carriere zu den Schanzen des Generals Schilder an der Donau - die Türken
werden um eilf Uhr einen starken Ausfall vom Babadagh-Tor machen. Eine Rakete
von der Citadelle das Signal. Pascholl und schone das Pferd nicht. Pepotoff!«
    Ein zweiter Offizier stand bereit.
    »Du hast gehört -: fort mit gleicher Meldung nach Girlitza zu Schilder und
Chruleff.«
    »Wohl, Excellenz!«
    Der Galopp des Kosacken klang bereits über die Ebene.
    »Orloff!«
    »Excellenz!«
    »Welche Truppen haben wir auf den Umkreis einer Viertelstunde zur
Disposition?«
    »Nur das dritte Bataillon des poltawskischen Regiments, das dritte des
alexopolskischen und das erste der samoszkischen Jäger.«
    »Es genügt. Michalowitsch!«
    »Zu Befehl.«
    »Zu Oberst Daragan in die vorderste Linie - er soll das Bataillon zum Sturm
sammeln.«
    Der Offizier schwang sich über die Brustwehr und sprang querfeldein.
    »Du, Komajeff, zu Boussaye - das Bataillon muss in fünfzehn Minuten an der
letzten Tranchee sein. Fort! - Lieutenant von Möller gleiche Ordre dem
General-Major Golowaschewski!«
    »Aber der Brief, Excellenz, der Brief - er muss zum Fürsten!«
    »Du hast Recht, Graf. Hier,« - er warf dem Knaben seine Börse zu, - »sieh',
wo Du bleibst. Lass ihn zurück über unsere Posten, wenn er will. Fürst Braginski
- schnell zu Pferde und nach Kanara zum Oberstkommandirenden diesen Brief und
sage ihm, wenn der Ausfall sich bewahrheitet, was wir in zehn Minuten wissen
werden, würde ich einen Sturm versuchen auf die südöstliche Front, die dann
sicher nur schwach besetzt ist -«
    »Excellenz - bedenke -«
    »Ich weiss, was Du sagen willst, Orloff, aber die Gelegenheit ist zu gut, um
zu zaudern. Ein Armee-Corps oder eine Kugel - Beides ist zu gewinnen. Sorge, dass
Popoff mit den anderen vier Bataillonen in Reserve nachrückt und nicht zu spät
kommt. Ich gehe voran nach dem Platz - zehn Minuten nach dem Aufsteigen des
Signals beginne ich den Sturm.«
    Der General eilte davon - nach allen Seiten flogen die Boten und
Ordonnanzen.
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    Gleich dem dämonischen Reiter, der in den Sagen der Völker durch Nacht und
Sturm braust, flog die graue Gestalt des jungen Kosacken-Offiziers auf dem
kleinen wilden Pferde mit der langen Mähne und den feurigen Augen über die
Ebene, jedes Hindernis im rasenden Anlauf überspringend, über Stein und Sumpf,
Graben und Buschwerk - nur ein Kosakenpferd konnte solchen Lauf unternehmen, nur
ein Reiter der Steppe ihn ausführen! - Immer in gerader Linie fort auf die
Trancheen zu, die sich in zweiter Linie bereits zwischen der Stadt und den
Weinbergen weit in's Land über die Strasse nach Rassowa und bis zu dem Punkt
erstreckten, wo der Oberst Graf Oppermann, der die Arbeiten in den Trancheen
leitete, den Bau der Redoute begonnen, von der man das Fort Abdul-Medjid im
Rücken beschiessen wollte.
    Plötzlich tat das Pferd des Ordonnanzoffiziers einen furchtbaren Sturz, es
war in eine der im hohen Grase angebrachten Schützengruben mit den Vorderbeinen
gestürzt und hatte beide morsch gebrochen. Der Offizier flog aus dem Sattel über
den Kopf des Pferdes hinweg, raffte sich aber, nur wenige Augenblicke betäubt,
wieder empor; das hier mannshohe Gras versperrte ihm die Rundsicht, der bedeckte
Himmel gestattete ihm nicht einmal, sich nach den Sternen zu orientiren.
    Da knisterte und zischte es links in der Ferne vor ihm in die Höhe - hoch in
den dunklen Nachtimmel stieg von der Citadelle der majestätische
Strahlenschweif einer Rakete und streute auf dem Zenit seine glänzenden
Leuchtkugeln in das Dunkel ringsum - auf Augenblicke Tageshelle verbreitend.
    »Heiliger Iwan, schütze sie!« Der Lichtstrom hatte ihm die Lage der Forts
gezeigt, wie ein gejagter Hirsch brach er sich Bahn zur Rechten durch das
Gestrüpp und Gras -
    Kaum zweihundert Schritt weit -
    »Stai! - die Parole!«
    Victoria - er war an der Tranchee! - »Constantin und die Flotte! - Allarm,
Allarm! Zu den Waffen - die Türken machen einen Ausfall!« -
    Ein Musketenschuss, dann eine Salve links in der Entfernung eines halben
Wersts krachte bereits die Antwort, in der nächsten Minute brach der Allahruf
der Moslems durch die Luft und eine Kavallerie-Attaque donnerte quer über das
Feld.
    »Festgestanden! - Fertig! - Feuer! - Drauf mit dem Bajonnet!«
    Die Säbel und Handjars der Irregulären blitzten zwischen dem kleinen Posten.
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    In dunklen Massen, unter wütendem Allahruf brachen die Kolonnen des Nizam
auf die vorderen Linien der Trancheen und die errichteten Batterieen, im ersten
ungeahnten Anlauf die Postenkette über den Haufen werfend und unaufhaltsam bis
zur ersten Linie vordringend. Erst hier, an den Abhängen der Weinberge und
unterm Schutz der russischen Batterien am Donau-Ufer gelang es dem Obersten
Grafen Oppermann, die Seinen zum Stehen zu bringen und die Truppen zu sammeln.
    Die Verwirrung und der nächtliche Lärmen waren furchtbar, das Schlagen der
Trommeln, die Allarmsignale der Hörner auf allen Seiten, der Ruf der Offiziere,
das Knattern der Flinten und Pistolenschüsse - das wilde Geschrei der Türken,
dem nur das grimmige Zähneknirschen des Feindes, die lautlose aber desto
verzweifeltere Gegenwehr antwortete, das Alles war sinnverwirrend, betäubend,
der Hölle entstiegen!
    In der ersten Viertelstunde war der Kampf ein Knäuel gegenseitigen Ringens
und Würgens, Faust gegen Faust, Mann an Mann - ja Zahn gegen Zahn, denn der
Fallende fasste rasend mit seiner letzten natürlichen Waffe oft noch den Gegner,
und am Boden würgten sich die Feinde unter den Füssen der Kämpfenden.
Siegesjubelnd gellte das Allah der Türken und immer weiter und weiter drängten
die Massen vor, während im Rücken bereits die Geschütze der erstürmten Schanzen
vernagelt, die Laufgräben von hundert rüstigen Händen verschüttet wurden und die
Hyänen der Schlachtfelder, die regellosen Marodeurs und die privilegirten, trotz
aller Befehle des Muschirs von den Pascha's geschützten und geduldeten
Kopfabschneider der Tabors oder Compagnieen ihr gräuliches Geschäft an den
Leichen und Verwundeten der Russen begannen.
    Dazu strömte Zug auf Zug aus dem geöffneten Tor, zur Unterstützung von dem
vorsichtigen Mussa-Pascha beordert, und stürzte sich in den Kampf.
    Kiriki-Pascha mit den berittenen Bozuks hatte sich zur Rechten geworfen, um
die Verbindung mit dem Centrum zu durchbrechen und dem ungestümen Angriff war es
im ersten Augenblick gelungen. Cavallerie kämpfte hier mit russischer Infanterie
und den Artilleristen, die wütend mit den Ladestöcken und Hebebäumen sich
verteidigten, und sich einzeln an den Kanonen erschlagen liessen, ehe sie von dem
anvertrauten Gute wichen. Mitten in den Reihen der Bozuks befand sich der
englische Garde-Capitain, das wilde Gemetzel betrachtend und nur hin und wieder
den am Faustgelenk hängenden Säbel zur Abwehr schwingend. Den Jägern, die diesen
Teil der Trancheen hielten, war es jetzt gelungen, an einer eben erst
angelegten Batterie Posto zu fassen unter dem Commando eines jungen
Artillerie-Offiziers, des Lieutenant Potemkin, und zwei Geschütze gegen den
Feind zu richten. Während sich an der Kehle der Batterie die orloffskischen
Jäger wütend gegen die Reiter schlugen, krachte der Kartätschenhagel in den
dichten Haufen der Feinde, Reiter und Pferde zerreissend und zu Boden
schmetternd, die ersten Kanonenschüsse, die von russischer Seite in diesem
furchtbaren Kampfe fielen.
    Rat - tat - rat - tat - tat! Der kurze Schlag des Sturmmarsches schien den
Höllenlärmen des Kampfes zu durchbrechen und mit dem grollenden Donner des
Himmels zu wetteifern, den die immer höher heraufziehenden Gewitterwolken, schon
mit Sonnenuntergang drohend, jetzt mit dem Leuchten der Blitze durch die Nacht
warfen. Gleich einer Strahlengarbe fuhr es von den Donauschanzen jetzt hinauf in
die dunklen Wolkenschichten, eine Garbe grosser Raketen, die Gegend ringsum auf
eine Minute weitin mit Tageshelle überglänzend.
    In dem hellen Schein sah man das Anrücken der russischen Kolonnen, das
zweite Jäger-Bataillon vom Regiment »Fürst von Warschau« unter Anführung seines
tapfern Obersten Kloot von Jürgenburg eilte seinen bedrängten Kameraden zu
Hilfe, ihm zur Seite im Sturmmarsch dicht schon an den wilden türkischen Reitern
General-Major Inseroff mit dem zweiten Bataillon des Jeletzkischen Regiments.
    Das »Hurrah!« der Russen überdonnerte den Donner, von Kanara her gellte das
»Kuli!« des Tamanskischen Kosacken-Regiments, das der Oberfeldherr zu Hilfe
sandte - von den Weinbergen herab drängte in dunklen Massen mit den im
Blitzstrahl blitzenden Bajonnetten die Infanterie-Colonnen General Chruleffs.
    Das rollende Hurrah mischte sich mit dem wütenden Allahruf, mit dem Donner
des Himmels - der zuckende Blitz - das blendende Licht der Raketen und
Leuchtfeuer - zeigte den grimmigen Gegnern das Weisse im Auge, glänzte auf dem
blinkenden Stahl, spiegelte blutrot im strömenden Blut. Dazu schien der Himmel
seine Schleusen zu öffnen und vom sich erhebenden Wirbelwind gepeitscht, stürzte
ein dichter Gewitterregen herab.
    Alle Schrecken der Hölle schienen vereint auf diesem blutigen Flecke von des
Allmächtigen lieblicher Erde!
    Rat - tat - rat - tat - tat! Neue Regimenter der Russen im Sturmschritt
herbei - durch die engen Wege der auslaufenden Donausümpfe von Girlitza
schmetterten die Trompeten der Prinz-Friedrich-Carl-Husaren heran zum Angriff.
    Hussein-Aga gab das Zeichen zum Rückzug; über die Kämpfenden hinweg zischten
bereits die Passkugeln des Capitain Grach aus dem Tschengell-Labiassi in die
russische Stellung, und die Müftirieh-Batterie donnerte mit schweren Kanonen.
    Kiriki's Reiterei hatte längst den Rückzug begonnen. Schritt um Schritt
schlug man sich jetzt mit dem drängenden Feinde; Muchlis-Pascha am Commando -
Kiriki durch den Leib geschossen, vom Arm des englischen Capitains unterstützt,
während seine Bozuks sich Bahn hieben, nahte man schon den Forts!
    »Hier ist der Hekim-Baschi - Allah sei gepriesen und sein Prophet!«
    »Goddam! Das ist ein Glück, dass Sie hier sind, Doctor. Ich fürchte, der
Pascha ist schwer verwundet!«
    Er hob mit Hilfe einiger Männer den Verletzten vom Pferde, das selbst von
einem Bajonnetstich blutete.
    »Es ist in diesem Getümmel wenig zu machen,« sagte Welland, den der Eifer
seines Berufs aus dem Schutz der Forts und den Truppen nachgetrieben hatte. »Wir
wollen ihn forttragen; fasst an, Bursche. Wie steht die Schlacht, Capitain?«
    »Nennen Sie's ein Schlachten, ein Gemetzel. Hell and damnation! Selbst in
Indien hab' ich ein solches Blutbad nicht gesehen, und dazu Finsternis und Regen
statt des versprochenen Mondscheins. Wir müssen eilen, uns zurückzuziehen,
Doctor, die Russen gewinnen jetzt das Feld.«
    Schon war es zu spät. Das Hurrah und Kuli der Kosacken brauste heran wie ein
Bergstrom und trennte sie von den Ihren und drängte sie fort - wen kümmerte
jetzt der verwundete Pascha unter den Hufen der Pferde und den Füssen der
Menschen, wo Jeder genug an sich selbst zu deuten hatte. Capitain Morton, wieder
zu Pferde, an dessen Mähne sich der Arzt hielt, focht für das Leben wie jeder
der Reiter, hin und her drängte der Stoss der Massen.
    »Herauf, Doctor, hinter mir auf die Kruppe, oder Sie werden erdrückt!«
    Welland schwang sich mit Turnergeschicklichkeit empor - in dem Augenblick
warfen Blitze und Raketen ein neues Licht und er sah die zum Stoss gehobene Lanze
eines Kosacken und dicht neben sich einen feindlichen Offizier.
    »Heiliger Gott! Doctor Welland - Sie hier?«
    Der Säbel des russischen Offiziers schlug die Lanze des Steppenreiters in
die Höhe.
    »Capitain Meiendorf!«
    »Fort, fort mit Ihnen - Gott schütze Sie - da hinaus!«
    Der englische Capitain, mit zwei Gegnern beschäftigt, hatte sich kaum
umgesehen, doch die französisch gesprochenen Worte gehört, und benutzte den
Rat, das Pferd zur Seite werfend - der Chock herbei eilender türkischer
Infanterie machte Luft, nach einigen Augenblicken hatte sich die türkische
Kavallerie herausgehauen, und während sie selbst nun gegen den Feind ansetzte,
von Beiram-Pascha geführt, flüchteten die Doppelreiter in den Schutz der Forts
und gewannen den Eingang, indes die Kartätschen über ihre Köpfe hinweg in die
anstürmenden Colonnen der Russen hagelten. Der Rückzug war blutig, fürchterlich,
so blutig und verderblich wie der Ueberfall selbst, und nur die Nacht und das
wohl gezielte Feuer des Capitain Grach wahrte die tapfern Truppen vor der Rache
der Gegner.
    Kaum wussten die Führer auf den Bastionen am Babadagh-Tor, dass im selben
Augenblick eine zweite Schlacht auf der Südseite der Stadt geschlagen wurde.
Unter dem Toben des Kampfes vermochte Keiner den entfernteren Kanonendonner zu
unterscheiden.
    Dennoch wütete dort der Kampf fast eben so blutig. Wir haben bereits
gesehen, dass der auf der linken Flanke kommandirende General-Lieutenant Selwan -
der Commandeur der 8. Infanterie-Division - ohne die Befehle des
Ober-Kommandirenden zu erwarten, beschlossen hatte, den Ausfall zu benutzen, um
das gegenüber liegende und die Südseite deckende Fort Arab-Tabia zu stürmen,
indem er der Ansicht war, dass die Türken in diesem Augenblick dort nur eine
schwache Besatzung zurückgelassen haben würden.
    Wir müssen auch diesem Kampfe folgen, da in seinem Schein von Feuer und Blut
zwei Begegnungen stattfanden, die für die Personen unserer Geschichte
bedeutungsvoll sind.
    Im Dunkel der den Mond verbergenden aufsteigenden Gewitterwolken reihten
sich die Bataillone an dem äussern Rand der Laufgräben mit möglichster Stille:
drei Compagnieen des dritten Bataillons des poltowskischen Infanterie-Regiments,
das dritte Bataillon des alexandropolschen und das erste Bataillon des
samoszkischen Jäger-Regiments, begleitet von einer Sappeur-Compagnie und der
Mannschaft einer Feldbatterie.
    Es war wenige Minuten vor 11 Uhr, als noch eine Anzahl in der Nähe
bivouacquirender oder zufällig benachrichtigter Offiziere herbeikam und sich dem
General zur Disposition stellte, darunter der Oberst Kostanda von der reitenden
Artillerie der Leibgarde.
    Aller Augen hafteten auf den dunklen Massen des Abdul-Medjid-Forts, von dem,
wie sie wussten, das Signal kommen musste. Links zeichneten sich am Horizont die
schwarzen Linien des Arab-Tabia aus; - kein Geräusch - kein Laut von drüben her,
Nacht und Schweigen bis auf das melancholisch herübertönende La illah-Allah il
Allah! einer Schildwache als Gruss an die Ronde, und als Zeichen ihrer
Wachsamkeit. Auch diesseits Alles Schweigen, nur leises Flüstern in den Reihen,
die Offiziere auf die Degen gestützt, die Soldaten das Gewehr im Arm - die
Sappeure vorn mit Faschinen, Aexten und Leitern.
    Plötzlich - mit dem Minutenzeiger auf Eilf schoss der feurige Strahl der
Rakete vom Fort in die Höhe.
    Also Wahrheit - die Botschaft des jungen Spions hatte nicht gelogen, und
manches Herz, das noch immer gezweifelt, wappnete sich fester bei der Gewissheit
der nun bevorstehenden blutigen Stunde, jedes Ohr lauschte gespannt -
Todtenstille ringsum -
    Der Oberst Kostanda hatte sich auf den Boden geworfen, um besser zu hören -
zehn Minuten darauf liess sich undeutlich in der weiten Entfernung der Schall
einer Gewehrsalve vernehmen.
    »Sie sind an einander, Excellenz - Gott lasse die Unsern bereit sein!«
    »Pascholl! Bei Todesstrafe kein Schuss ohne Befehl!«
    Schweigend - ein gespenstiges Ungeheuer, Tod und Verderben in seinen Ringen
- drängten die Reihen vorwärts. - Um den Horizont zuckte das Wetterleuchten und
mit den dunklen Menschenwolken zusammen zogen die Wolken des Himmels gigantisch
gegen einander zur Feuerschlacht der Elemente.
    Jetzt waren die Tirailleurs bis auf 200 Schritt an die äussere
Circumvallation heran, die hinter einem - bei der höheren Lage des Forts nach
dem Bergplateau zu - trotz des hohen Wasserstandes der Donau kaum drei Fuss tief
mit Wasser gefüllten Graben lag. Keine Ahnung noch schien die Moslems vor der
drohenden Gefahr zu warnen.
    Der grelle Schein des Blitzes entüllte jetzt plötzlich die Bataillone der
Russen.
    »Mashallah, die Moskows! Zu den Waffen! zu den Waffen!«
    »Sturmschritt! - Vorwärts!« Die russischen Trommeln schlugen den kurzen
Appell und ehe die Bataillone heran kamen, waren die Glacis vor dem Graben durch
die Bajonnette der Tirailleurs von den türkischen Wachen geräumt und die
Colonnen, die Sappeurs voran an der Brücke und dem Graben, und ihr Hurrah
donnerte herausfordernd durch die Lüfte. Die Faschinen flogen in das Wasser, die
Leute sprangen und stürzten die Böschungen hinunter und begannen mit der den
russischen Soldaten eigenen Halsstarrigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Tod
bis steilen Wände des Walles emporzuklimmen. Das Heckenfeuer der Jäger bestrich
kräftig die Wälle, und der Zuruf, die Todesverachtung der Offiziere ermunterte
die Leute zu riesenhaften Anstrengungen.
    Aber der Angriff scheiterte an der Wachsamkeit der Artillerie und dem
Umstande, dass Mussa-Pascha es für rätlich gehalten hatte, gleich in einer
Ahnung des Kommenden und in der Absicht, während des Ausfalls die Kräfte des
linken russischen Flügels durch eine Eröffnung des Feuers zu beschäftigen, die,
seine Südseite und die Strasse nach Schumla deckenden Forts, Arab-Tabia und
Yania, mit einer starken Besatzung zu versehen, und dass sich - eben jener
Demonstration wegen - die fremden Offiziere, die nicht am Ausfall Teil
genommen, in den Forts befanden. Der Pascha, nachdem er das Zeichen zum Ausfall
gegeben, war mit seiner Umgebung noch in der Nähe der Batterieen, welche die
neue Citadelle, Abdul-Medjid, mit Silistria verbinden, als der Angriff des
General-Lieutenants Selwan begann, und umsichtig und entschlossen warf er alle
disponiblen Kräfte dahin, während die Citadelle ein Flankenfeuer gegen den
russischen Angriff eröffnete.
    In diesem Augenblick war es, als das Gewitter mit Sturm und Regen in seiner
vollen Heftigkeit ausbrach. Ein Flammengürtel schien plötzlich rings um den Wall
der Arab-Tabia sich zu öffnen und sprühte seinen Kartätschenhagel gegen die
Stürmenden. Der Donner des Geschützes rollte mit dem des Himmels, mit der Flut
der Wolken goss sich der eiserne Strom über die Feinde.
    Der französische Colonel, - Capitain Depuis - auch der Baronet Maubridge,
der sich der Begleitung des Pascha's angeschlossen, - befanden sich unter den
türkischen Offizieren auf dem Fort und warfen sich in den Kampf. Die Tabor's1
der in der Stadt gebildeten Freischaaren, die unberittenen ägyptischen
Baschi-Bozuks hielten standhaft die Wälle.
    Dennoch gelang es dem samoszkischen Jäger-Bataillon wirklich, auf dem grossen
Wall Fuss zu fassen und es entspann sich hier ein wütender Kampf. Mann gegen
Mann, - die Jäger ihre Hirschfänger auf die Büchsen gesteckt, die Bozuks und
Freiwilligen mit Säbel, Pistole und Handjar oder den Flintenkolben. In der Nahe
dieses Getümmels kämpfte am Wall auch der englische Baronet mit seinem Diener
gegen das Andrängen der Stürmenden. Der Diener des Briten, den er erst in
Schumla angenommen, eine wilde, breitschultrige, verwogene Gestalt in
Arnautentracht, lud und schoss kaltblütig seine Pistolen auf die heraufklimmenden
Russen ab. In seiner Nachbarschaft, durch den Kampf dahin gedrängt, focht
Jussuf, der schwarze Courier, schon vor einer Stunde abgelöst von seinem Posten.
    In diesem Moment gelang es dem Obersten Grafen Orloff, auch hier mit einer
Abteilung der alexopolskischen Infanteristen den Wall zu erklimmen und er griff
mit dem Säbel in der Hand die Verteidiger an. Ein Pistolenschuss des vorhin
erwähnten Dieners fuhr ihm von der Seite quer über das Gesicht und ein grober
Schrootkorn durchbohrte sein Auge, dennoch kämpfte der Tapfere weiter. Aber auch
der Arnaut hatte keine Zeit mehr, die lange Pistole am Riemen über den Rücken zu
werfen und sich der blanken Waffe zu bedienen, denn zwei Infanteristen stürzten
über ihn her und der Kolbenschlag des Einen warf ihn blutend zu Boden, und schon
sprang der Zweite gegen ihn und hob das Bajonnet zum Todesstoss.
    »Sukiensyn2! Geh' zu Deinem falschen Propheten!«
    Ein kräftiger Yataganhieb traf Waffe und Arm des Russen, dass beide machtlos
niederfielen, ein zweiter spaltete ihm das Gesicht bis tief in den Hals hinein,
und über dem zu Boden Gestreckten stand der Mohr, den Kameraden gegen den
anderen Feind kräftig verteidigend und schützend, wenige Hiebe und Stösse, und,
obschon aus einer leichten Wunde blutend, die das streifende Bajonnett ihm in
die Seite gerissen, hatte doch seine grössere Gewandteit auch diesen Gegner
gefällt.
    Der Kampf hatte nur wenige Augenblicke gedauert, Jussuf hob den Gefallenen
empor.
    »Diavolo! - Das ging hart her - Dank, Kamerad!«
    Das Auge des Mohren fiel bei dem Klange dieser Stimme aufmerksam auf das
Gesicht des Geretteten und die Feuer des Himmels, wie die Blitze aus
Menschenhänden, die fortwährend das Dunkel erhellten, liessen ihn trotz der
Blutbefleckung das Gesicht des Andern klar und deutlich erkennen. Es schien wie
ein electrischer Schlag durch die Glieder der grossen kräftigen Gestalt zu zucken
und die Muskeln krampften sich zusammen, wie zum gewaltigen Sprung, seine Augen
blitzten wie die des Tigers, der sich auf seine Beute werfen will. Aber nur
einen Moment lang - dann schien ein gewaltiger Entschluss jede Fiber zu
beherrschen, ein Entschluss, der sich in den leise zwischen den Zähnen zischenden
Worten kundgab: »Von meiner Hand - allein; erst soll er mich kennen!« und den
vom gewaltigen Kolbenschlag noch Halbbetäubten - - der Nichts von dem grimmigen
Triumphe des ihm ganz fremden Helfers gemerkt - umfassend, zog er ihn schützend
aus dem gefährlichen Gewühl.
    Die kaum errungenen Vorteile der Russen waren gegen den Andrang der von
Mussa-Pascha herbeigerufenen Verstärkungen nicht zu halten; von einem
Handjarstoss durchbohrt, stürzte der tapfere Führer der samoszkischen Jäger,
Oberst-Lieutenant Gladysch, - kaum vermochten seine Krieger den Sterbenden den
siegreichen Verteidigern zu entreissen; in den Graben zurückgestürzt, mit
Kartätschen überschüttet, war der Kampf der Russen nur ein Kampf der Ehre und
der Verzweiflung, und ihr allzukühner Führer, der selbst bis an den Graben
vorgedrungen, konnte sich der Ueberzeugung des Missglückens nicht länger
verschliessen.
    »Popoff lässt uns im Stich,« sagte er zu dem neben ihm stehenden
General-Major Wesselinski, »geben Sie den Befehl zum Rückzug. Ich selbst bin
verloren, ich« - - -
    Er liess den Säbel fallen, hob die Arme in die Höhe und drehte sich um sich
selbst, ehe er schwer zu Boden stürzte - eine Kärtätschenkugel hatte ihm den
Leib aufgerissen und das Kriegsgericht erspart.
    »Um Gotteswillen, Excellenz - ermannen Sie sich - ich höre den Sturmmarsch
unserer Reserven - Popoff rückt an -«
    »Zu spät - der Rückzug - - Gott sei mir gnädig!«
    Ehe sie den Körper aufhoben, war der tapfere Offizier bereits eine Leiche
und die unheimliche Prophezeiung des Generals Schilder erfüllt, wie in Betreff
der Anderen.
    Kühn und frisch rollte der Trommelwirbel des Sturmmarsches durch Wetter und
Kampf, unter dem General-Major, Popoff mit vier Bataillonen als Reserve von der
rechten Seite jetzt herbeistürmte und sich todesmutig gegen das Fort warf. Aber
die Besatzung desselben war jetzt dermassen verstärkt, dass sie den
heldenmütigsten Anstrengungen trotzen konnte. Der General-Major, Fürst Urusoff,
mit dem ersten Bataillon des alexopolskischen Jäger-Regiments stürzte sich in
den Graben und eilte den Kameraden zum Beistand - der Führer selbst einer der
Ersten, die den Wall erstiegen.
    »Oberst Wassilkowitsch, vor mit Deinem Bataillon - wir müssen diese Kanonen
zum Schweigen bringen.«
    Das graugrüne Auge des Offiziers funkelte, indem er den Degen hob, als
Zeichen zum Angriff. Der galante alte Roué aus dem Salon der Fürstin Lieven zu
Paris, die kriechende, im Verborgenen ihr Gift in die jungen Herzen ergiessende
Schlange, - der reiche, an jede Ueppigkeit des Lebens gewöhnte Graf war
verschwunden und dem grimmig-tapferen Offizier gewichen, der seine Bataillone,
wetteifernd mit dem jungen Fürsten, zum Sturm führte. Die ersten Reihen füllten,
von den Nachdrängenden achtlos gegen das billige Menschenleben in die Tiefe
gestürzt, den Graben, - über dem Damm von Leibern erklommen die Stürmenden den
Wall - breite Lücken rissen die Kartätschen in ihre Reihen, aber neu und neu
füllten sich die blutigen Breschen und das siegreiche Hurrah der Russen donnerte
auf der Höhe der Embrasüren.
    Aber die Augenblicke des Sieges konnten nur kurz sein - von rechts und links
schmetterten die wohlbedienten Geschütze der Besatzung das Verderben in die
russischen Glieder, und in der Front drangen mit jubelndem Triumph die Moslems
auf die Haufen, die die Brustwehr erklommen, ein französischer Offizier kühn und
ermunternd voran.
    Die minutenlange, fast Tages-Helle zeigte klar und deutlich die kriegerische
Gestalt, das edle feurige Antlitz des Vicomte de Miéricourt. -
    »Feuer auf sie! Feuer auf den Offizier! Hundert Rubel dem, der ihn trifft!«
    Die Gewehrsalve krachte, - aber unverletzt und glorreich stand unter den
pfeifenden Kugeln der brave Zuaven-Offizier und stürmte auf die Gegner.
    »Ha - Graf Wassilkowitsch! Heran zu mir!«
    Die Säbelklingen kreuzten sich, - Schritt vor Schritt wichen die Russen, bis
an den Rand der Embrasüren, jeden Zollbreit des gewonnenen Bodens nur mit ihren
Leichen, mit ihrem Blute den grimmigen Gegnern zurückverkaufend.
    Drüben vom Glacis her liessen die Hörner in bringender Weise den Befehl zum
Rückzug ertönen - auf den anderen Stellen hatten die Russen bereits den Wall
geräumt und klommen in wilder Flucht aus dem Graben empor, von den Kartätschen
der Artillerie haufenweise zu Boden geschmettert!
    »Ergeben Sie sich, Graf Wassilkowitsch, - Sie sind verloren!«
    »Der Hölle eher, als dem Todfeind!«
    Ein mit aller Kraft des erbittertsten Hasses geführter Säbelhieb galt dem
Haupte des Vicomte, aber die geschickte Hand desselben parirte ihn, dass die
Klinge des Russen am Griff zersprang, dann war der kühne, in den Kämpfen
Algerien's mit allen Künsten der Wehr vertraute Zuavenführer an ihm und hatte
ihn an Hals und Lenden gepackt und im nächsten Augenblick über die Brustwehr
hinunter in den Graben gestürzt. Wem es nicht gelang, eilig zu fliehen, der fiel
ohne Barmherzigkeit auf dem Fleck, auf dem er gekämpft; - die Flucht der Russen
war allgemein, blutig, verderblich, - der voreilig und ohne die nötige
Unterstützung unternommene Sturm glänzend abgeschlagen. Nicht das Armee-Corps,
sondern den Tod hatte er dem trotzigen Führer gebracht.
    Der Verlust der Russen in dieser Episode des blutigen Kampfes war überaus
schwer; sie selbst geben ihn auf 250 Todte, und 39 verwundete Offiziere, und 548
Soldaten an - in Wahrheit betrug er weit über tausend Mann. Unter den
Verwundeten befanden sich ausser dem schwer am Aug' und in der Schulter
getroffenen Obersten Grafen Orloff - der Commandeur der Reserven selbst,
General-Major Popoff und Oberst Kostanda. Todt am Wall von Arab-Tabia lagen -
wie der greise Geisterschauer es ihnen verkündet - General-Lieutenant Silvan und
der Führer der tapferen Jäger, Oberst-Lieutenant Gladisch.
    Diese Nacht kostete den Russen über zweitausend Mann. Auch der Verlust der
Türken war bedeutend.
 
                                    Fussnoten
1 Abteilungen.
2 Hundssohn!
 
                            Auf und unter der Erde.
Auf einem Rohr-Divan mit schlechten Polstern lag Doctor Welland, ausruhend von
den Strapazen und Mühen der Nacht, die er - es war mehrere Tage nach dem
blutigen Ausfall - an der Seite der Kranken und Verwundeten zugebracht.
    Nursah, der schwarze Knabe, schaute durch den gehobenen Vorhang herein, ob
sein Gebieter wach sei, und als er sich davon überzeugt, kam er näher und legte
demütig einen klein zusammengefalteten und schwarz gesiegelten Brief vor ihm
nieder, der statt der Adresse den blossen Namen des Arztes trug.
    »Woher der Brief?«
    »Jussuf fand ihn am Morgen auf der Schwelle der Tür.«
    Der Doctor betrachtete das Blatt, das offenbar keine dienstliche Mitteilung
entielt, von allen Seiten, wie wir wohl zu tun pflegen bei Briefen, von denen
wir nicht wissen, woher? obschon das Oeffnen uns jedes Nachdenken leicht
ersparen würde, und sagte:
    »Ich sah Deinen Bruder gestern in Gesellschaft eines Menschen, der jetzt der
Diener des Engländers zu sein scheint, welcher mich neulich mit seinem Landsmann
besuchte. Ich müsste mich sehr irren, oder wir haben Beide den Mann schon in
Widdin gesehen bei Handlungen, die keineswegs für seinen Charakter sprechen.
Warne Deinen Bruder.«
    »Er hat dem Italiener bei dem Sturm auf Arab-Tabia das Leben gerettet und
Signor Lucia beweist ihm seitdem grosse Dankbarkeit.«
    »In dem Auge des Mannes liegt Tücke und Verbrechen - ich wiederhole es:
warne Deinen Bruder.«
    Ein leichtes kaum merkliches Lächeln flog über das dunkle Gesicht des jungen
Dieners, als er sich verbeugte und zurückzog, während Doctor Welland den Brief
erbrach.
    Der Brief war vom Capitain Meiendorf geschrieben und lautete:
    »Bei unserer Begegnung im Sturm der Schlacht erst erfuhr ich mit Gewissheit,
dass mein Befreier aus der türkischen Gefangenschaft zu Widdin in Silistria
weilt. Nur wenige Augenblicke bleiben mir heute, da ich wieder im Stabe des
Fürsten bin und die Folgen des Ausfalls noch alle Kräfte in Anspruch nehmen, um
Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihr Schuldner bin. Erhöhen Sie diese Verpflichtung,
indem Sie mir Weiteres mitteilen und jede Nachricht über den Gegenstand geben,
der uns Beide verbündet, - es ist für mich von Wert, das Geringste zu erfahren.
Wie schwierig auch der Verkehr sein mag, ich werde Mittel finden, ihn zu
unterhalten, und wenn Ihnen eine Person den Namen nennt, der unsere Loosung ist,
können Sie ihr sicher jede Botschaft auftragen. Leben Sie wohl und möge der
Himmel Sie schützen. Ihr
                                                       Alexander von Meiendorf.«
    Der Arzt las den Brief, mit einer tiefen Rührung des traurigen Schicksals
jenes wackern edlen Kriegers gedenkend, der auf der Seite der Feinde stand und
für den er doch so viel Teilnahme empfunden. Er steckte das Blatt zu sich und
beschloss, noch genauere Nachforschungen anzustellen, wie es in seine Wohnung
gekommen, da es offenbar bewies, dass die Russen ihre Spione in der belagerten
Festung hielten.
    Der Eintritt der Capitaine Grach und Morton, wiederum begleitet von Sir
Maubridge, machte seinem Nachdenken ein Ende.
    »Wir haben uns nur wenige Augenblicke seit der Nacht des Ausfalls und dem
grossen Sturm gesehen, den die Russen am Tage darauf unternahmen. Indem wir dem
Feind die zerstörten Vorwerke am Babadagh-Tor überlassen haben, können wir
unsere Mittel concentriren, und auch ich habe dadurch mehr Zeit gewonnen. Wie
geht's mit Ihren Verwundeten und Kranken, Doctor?«
    »Es ist mir lieb, Sie zu sehen,« entgegnete der Arzt, »und ich bitte um Ihre
Unterstützung beim Pascha. Ich bin mit meinen Collegen darüber einig, dass für
die Rettung unser Aller ein Waffenstillstand von einigen Stünden unbedingt
notwendig ist, wenn nicht der Typhus, ja noch Schlimmeres, Alles verschlingen
soll.«
    »Wie meinen Sie das?« fragte der Capitain.
    »Sie selbst müssen bereits die Verpestung der Luft durch die zahllosen
Leichen von Tieren und Menschen empfunden haben, die um die Forts aus den zwei
letzten Stürmen und den täglichen kleinen Gefechten liegen geblieben sind. Ich
habe alles Mögliche getan, um im Innern der Stadt die sofortige Beerdigung
aller unserer Leichen durchzusetzen, aber Sie kennen zur Genüge die
Fahrlässigkeit und den Schmuz der Moslems, und die Cadaver der Tiere bleiben
unbeachtet auf den Strassen. Hier haben wir nicht die Hilfe der Hunde, wie in
Constantinopel. Ueberdies geschieht auch das Begraben der menschlichen Leichen
äusserst sorglos, und die grossen Gruben, die zu ihrer Aufnahme dienen, werden nur
mit einer dünnen Schicht von Erde bedeckt. Die Hitze ist im Steigen und es
entwickeln sich auch in der Festung Miasma's, die mit dem Pestauch von aussen
vereint zehnfach tödtlicher wirken müssen, als alle feindlichen Batterieen. Die
Cholera ist bereits stark im Zunehmen!«
    »Goddam!« meinte der englische Offizier, »es ist eine verteufelte Aussicht,
wie ein Hund zu sterben.«
    »Aber die Russen,« warf der Baronet ein, »haben denselben Nachteil wie
wir.«
    »Darauf eben gründe ich meinen Vorschlag. Unsere Kanonen verhindern sie,
ihre zurückgelassenen Leichen zu begraben. Ein vorgeschlagener Waffenstillstand
zu diesem Zweck wird als eine Noblesse unsererseits angesehen werden und ihnen
sehr willkommen sein. Wir aber ziehen den besten Vorteil davon.«
    Der Capitain hatte aufmerksam und nachdenkend zugehört.
    »Sie haben Recht, Doctor, und wir werden Ihren Vorschlag ernstlich bei dem
Pascha unterstützen. Es wird am besten sein, wenn Sie ihn sofort und in unserer
Gesellschaft anbringen. Mussa hat mir ausserdem einen Auftrag an Sie gegeben. Ich
glaube, der Knabe, der uns am Sonntag die letzten Nachrichten und Depeschen aus
Schumla in die Festung schmuggelte, befindet sich bei Ihnen.«
    »So ist es.«
    »Master Welland,« sagte spöttisch der Baronet, »scheint eine ganze
orientalische Familie in seiner Begleitung zu haben.«
    »Ich besitze einen einzigen Diener, Sir,« entgegnete der Arzt ruhig, »der
hier seinen Bruder gefunden hat. Ueber Beide bin ich meinen Vorgesetzten jede
Auskunft zu geben bereit. Was den Knaben betrifft, so ist er das Vermächtnis
eines treuen, aber missleiteten Mannes an einen teuren Freund. Daher kenne ich
ihn.«
    »Etwa des Räubers Jan Katarchi für Herrn Caraiskakis?« fragte spitzig der
Engländer.
    Capitain Grach unterbrach ihn unwillig.
    »Was geht das uns an, Sir! Wollen Sie hier im Orient den Stammbaum eines
Jeden prüfen, ehe Sie mit ihm verkehren, so möchten Sie seltsame Geschichten zu
hören bekommen. Hier ist die Frage, ob Sie den Burschen für geschickt genug zur
Ausführung eines Auftrags halten und ob er ihn übernehmen will?«
    »Das Erstere beantwortet sein Hiersein, dass Zweite ist leicht zu
entscheiden, indem wir ihn rufen.«
    »Nehmen Sie ihn mit, Doctor, und begleiten Sie uns zum Pascha. Es handelt
sich darum, Briefe nach Schumla zu bringen und Nachricht von dort zu holen über
die beabsichtigten Bewegungen zu unserm Entsatz, damit wir vielleicht eine
unterstützende Diversion aus der Festung machen können.«
    Mauro wurde gerufen und der Arzt begleitete mit ihm die Offiziere, um den
Kommandanten aufzusuchen.
    Sie fanden ihn auf der nämlichen, zu einer Art Paradeplatz der Truppen
dienenden Stelle, auf der wir ihm zuerst begegnet sind. Das Bombardement der
Stadt hatte den ganzen Vormittag gedauert und Mussa-Pascha denselben auf den
Wällen zugebracht, mit Anordnungen und Ermunterungen beschäftigt. Hussein-Aga
und die beiden französischen Offiziere waren wieder in seiner Begleitung. Der
Knabe wurde sogleich dem Pascha vorgestellt.
    »Bismillah,« sagte Mussa, »der Bursche sieht aus, als trüge er die ganze
Welt in dem Winkel seines Auges. Getraust Du Dich, sicher nach Schumla zu
kommen, ohne den Moskows in die Hände zu, fallen, wenn ich Dir zwanzig goldene
Ghazi's verspreche und eben so viel bei der Rückkehr?«
    »Ich bin ein Kind, Hoheit - die Moskows achten nicht auf mich.«
    »Ai dschänum! das ist eben der Grund, weshalb wir Dich wählen. Wie heissest
Du, Knabe?«
    »Mauro.«
    »Du bist im Glauben an den heiligen Koran erzogen? Wer sind Deine Eltern?«
    »Möge Dein Schatten lang sein, Hoheit, und der Ruhm Deiner Tapferkeit über
dem des Sirdars. Ich bin ein Grieche von Geburt, aber habe seit meiner Jugend
keine Eltern mehr und diene den Müssilmännern.«
    Der Pascha fühlte sich durch das Compliment zu geschmeichelt, um Misstrauen
zu zeigen.
    »Sprich zu einem Griechen von Gold und er verkauft seine Seele! Dieser Knabe
wird zuverlässig sein, er hat bereits seine Probe abgelegt und es ist
gefährlich, einen andern Boten zu schicken. Geh' mit Selim, meinem
Divan-Effendi, er wird Dir die Briefe einhändigen und die Hälfte des Geldes,
denn es ist notwendig, dass Du zur Stelle und ohne weiter mit Jemand in der
Stadt zu verkehren, die Wälle verlassest. Es fehlt den Moskows leider nicht an
Spionen in Silistria, und unsere besten Unternehmungen werden oft vereitelt.
Selim wird Dich dem Offizier des südlichen Turmes Yania übergeben und Allah
möge Deine Augen, Deine Ohren und Deine Füsse stärken, damit Du den Feinden
glücklich entkommst. Geh', denn wir haben noch mehr zu tun.«
    Der Knabe ward auf seinen Wink fortgeführt, nachdem er demütig den Rock des
Pascha's berührt und die Hand des Arztes geküsst hatte. Capitain Grach machte
hierauf den Commandanten mit den schweren Besorgnissen der europäischen Aerzte
und dem Vorschlag des Doctor Welland bekannt. Alle in der Umgebung des Pascha's
befindlichen europäischen Offiziere stimmten sofort den erhobenen Bedenken bei
und erkannten die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Abhilfe an. Nur
Hussein-Aga machte einige Einwendungen.
    »Bei meiner Seele,« sagte er, »diese Dschaurs werden sich einbilden, wenn
sie die weisse Fahne auf unsern Wällen sehen, wir dächten an Uebergabe.«
    »Desto bitterer werden sie sich getäuscht fühlen,« widerlegte ihn der
Capitain. »Ich dächte, die Russen hätten die Kraft Deines Armes und die
Unbezwingbarkeit Deines Mutes bei dem letzten Ausfall genug kennen gelernt,
tapferer Aga, um zur Genüge zu wissen, was sie zu hoffen haben.«
    »Du hast Recht, Jüs-Baschi1 Grach,« entschied der Pascha, »und Dein Rat ist
immer weise gewesen, wie Dein Mut gross. Ich habe noch heute Gutes von Dir
geschrieben an den Sirdar. Wir wollen die Fahne des Waffenstillstandes
aufstecken auf dem Turm der Citadelle und einen Unterhändler senden in das
Lager der Moskows. Wen rätst Du, zu wählen?«
    Der Pascha hatte - während die Zwischenreden unter den türkischen Militairs
und die Instruction des kleinen Spions in türkischer Sprache geführt worden -
bei der die europäischen Offiziere interessirenden Frage sich wieder des
Französischen bedient und war daher Allen verständlich gewesen. Der Baronet,
welcher der ganzen Verhandlung mit grosser Aufmerksamkeit gefolgt war, nahm die
Gelegenheit wahr, eine Bemerkung zu machen, die er offenbar schon lange
anzubringen wünschte.
    »Vielleicht würde Doctor Welland selbst der beste Bote der Vermittelung
sein, da er, wie ich von Capitain Morton vernommen, besondere Freunde unter den
russischen Offizieren zählt.«
    Aller Augen wandten sich bei der unerwarteten, einer Anklage ähnlichen
Bemerkung auf den deutschen Arzt, der in der Tat von der Bosheit des Gegners
überrascht, einige Augenblicke verlegen und unsicher blieb. Das Gefühl, wie
nötig es sei, keinen unwürdigen Verdacht aufkommen zu lassen, gab ihm indes die
Fassung zurück und er erwiderte ruhig und fest dem Angreifer in's Auge schauend:
    »Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen, Sir, und was überhaupt das
Bekümmern um meine Person und meine Angelegenheiten bedeuten soll?«
    »Der Baronet,« sagte scharf Capitain Morton, »scheint auf die zufällige
Äusserung von mir hinzudeuten, dass in dem Augenblick, als Sie, mein Freund, bei
dem Ausfall am Sonntag so aufopfernd uns in's Kampfgewühl folgten und wir in
grosser Gefahr waren, von einer Abteilung der Kosacken niedergemacht oder
gefangen zu werden, ein russischer Offizier unser Beider Entkommen ermöglichte,
weil er in Ihnen wahrscheinlich einen Bekannten früherer Zeit wiedersah, ebenso
wie wir selbst uns schon im früheren Leben getroffen haben.«
    »So ist es, Sir, und ich glaube nicht nötig zu haben, mich darüber zu
verantworten.«
    Der Zuaven-Colonel hatte mit sichtlichem Unwillen der Wendung des Gesprächs
zugehört.
    »Das ist eine Sache, die sich von selbst versteht und die einzig wir
Offiziere zu beurteilen haben,« fügte er mit unverhehlter Verachtung gegen den
versteckten Ankläger bei und indem er dem Arzt die Hand reichte. »Ich habe
Gelegenheit gehabt, diesen Herrn trotz meiner erst kurzen Anwesenheit in seiner
Pflichterfüllung zu beobachten, und möchte wünschen, dass die türkische und die
verbündete Armee viele Männer seiner Ehrenhaftigkeit in ihren Reihen besitze.
Ich selbst zähle viele liebe Bekannte in der feindlichen Armee und werde mit
Vergnügen auch auf dem Schlachtfelde die Erinnerung früherer Zeiten anerkennen.«
    Doctor Welland verbeugte sich erfreut gegen ihn.
    »Ich danke Ihnen, mein Herr; Sie haben mir nur Gerechtigkeit widerfahren
lassen.«
    »Der Vorschlag war überhaupt unpassend,« bemerkte Capitain Grach, während
sich der Baronet mit einer hochmütig höhnischen Miene, als verachte er die
Kritik seines Benehmens, zurückzog, »da zu der Sendung nur ein Offizier
verwendet werden kann. Die Sache ist jedoch dringend, Hoheit, und Du wirst gut
tun, sofort die nötigen Befehle zu geben.«
    »Lasse die Fahne ausstecken, und Du, Hussein-Aga, sende zwei Offiziere ab an
die Posten der Moskows. Mashallah! Wir möchten gern, wie es tapfern Soldaten
ziemt, im Kampf gegen unsere Feinde und auf den siegreich behaupteten Wällen
sterben, nicht auf dem Krankenlager an der scheusslichen Pest.«
    Der Ruf des Muezzims vom Minaret: »La Illa illa Allah, we Muhammed Resul
Allah2!« unterbrach seine Worte. Der streng seine religiösen Pflichten ausübende
Pascha wandte sich sofort gegen die Moschee.
    »Der Azam ruft uns zum Assar,« (das dritte oder Nachmittags-Gebet,) »lasst
uns das Heiligtum betreten und Allah und dem Propheten danken, dass sie uns
bisher den Sieg gegeben. Möge Azraël, der Engel des Todes, uns ...«
    Der Tapfere sprach die Worte nicht aus; durch die Luft über ihnen knisterte
und zischte es, und es krachte nieder mit gewaltigem Schlag tief in den
Erdboden.
    »Eine Bombe! Nieder mit Allen!«
    Capitain Grach rief's, indem er sich zu Boden warf und Alle - bis auf den
ziemlich starken und etwas unbeholfenen Pascha - seinem Beispiel folgten oder
wenigstens zur Seite sprangen. Fast im selben Augenblick, als die Bombe den
Boden berührte, platzte sie auch schon und die Eisenstücken sprühten rings
umher. Doctor Welland war der Erste wieder empor, und sein Auge fiel sogleich
auf den unglücklichen Kommandanten. Der Brave stand aufrecht, aber wankte wie
ein Mann, der einen harten Stoss erhalten, und seine beiden Hände pressten sich
auf die linke Seite und den Leib, während zwischen den Fingern durch ein Strom
dunklen Blutes hervorquoll. Der Arzt sprang auf ihn zu und umfasste ihn, im
Augenblick waren auch Capitain Grach und die andern Offiziere ihm zur Seite.
    »Um Gottes willen, Hoheit - bist Du schwer getroffen?«
    Der Pascha machte einige Versuche zu sprechen - Blut quoll mit jedem
Atemzug über seine Lippen.
    »Es ist mein Kismet! - Der Tag des Todes ist gekommen - mögen Munkir und
Nekir3) gnädig mit mir verfahren! - Freunde, gebt mir die Kiblah4!«
    Mehrere der türkischen Offiziere hoben ihn empor und trugen ihn in die
Vorhalle der Moschee, wo sie ihn an einen Pfeiler lehnten, mit dem Antlitz gen
Mekka. Der Arzt war eifrig um ihn beschäftigt und untersuchte die schreckliche
Wunde.
    »Ist Hoffnung vorhanden?«
    Der Capitain frug es auf Deutsch - Doctor Welland antwortete in derselben
dem Sterbenden unverständlichen Sprache.
    »Keine,« sagte er hastig, »in wenigen Augenblicken steht er vor dem
allmächtigen Richter. Das Eisenstück hat die Lebensarterien getroffen und steckt
noch in seiner Seite. Jeder Versuch würde ihm nur unnützen Schmerz machen.«
    Alle standen um den sterbenden Kommandanten bestürzt und stumm und das mit
Blitzesschnelle sich verbreitende Gerücht füllte schnell die Halle der Moschee
und den Platz vor derselben mit Menschen an. Der Verwundete atmete mühsam, aber
er blieb bei voller Besinnung.
    »Der Padischah hat mir diese Stadt vertraut, aber Gott bestimmt es anders.
Hussein-Aga, Dir übergebe ich den Schlüssel des Tores, verteidige ihn wie
Deinen Bart und achte auf den Rat dieser Franken. Möge der Prophet Eurer
Tapferkeit den Sieg geben!«
    Der Arzt, der neben ihm kniete und seinen Puls mit den Fingern bewachte,
winkte mit den Augen den Umstehenden. Hussein-Aga legte seinen Tisbeh oder
Rosenkranz ihm zwischen die Hände und einige Augenblicke hörte man zwischen dem
entfernten Donner der Kanonen und dem Krachen der einschlagenden Kugeln keinen
Laut, als die röchelnden und immer kürzer werdenden Atemzüge mit jenem
schauerlichen Gurgeln in der Kehle, das bei Bluterstickung den Tod verkündet.
Dann quoll ein schwarzer Strom dieses Blutes aus dem Mund, die kräftige Gestalt
des Pascha's zuckte zusammen und streckte sich - her tapfere Krieger hatte
geendet.
    »Er ist zum Barzakh5 eingegangen,« sagte Hussein-Aga ernst, »die Mizam6 des
Barmherzigen wird seine Taten wägen und ihm das Dschennet7 der sieben Himmel
öffnen. Bei Eblis, dem finstern Geiste, wir wollen seinen Schatten rächen mit
dein Tode von tausend Moskows!«
    »Möge der Sieg Dich begleiten, Bei, Du bist unser Kommandant nach dem Willen
des Todten, und der Sirdar wird sicher Deine Tapferkeit ehren.«
    Die türkischen Offiziere machten dem neuen Befehlshaber ihren demütigen
Gruss.
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    Den russischen Generalen war der Antrag eines Waffenstillstandes zur
Beerdigung der Leichen nur willkommen gewesen, da ihre Truppen noch mehr wie die
Türken von dem Miasma litten und die Krankheiten bereits in ihren Reihen
wüteten. Die weisse Fahne, die auf den Bastionen Silistria's wehte, liess die
Nachricht von der Uebergabe der Festung die Runde durch Europa machen, aber
schon am andern Tage - am 3. Juni - nachdem beide Teile ihre Todten begraben
hatten und auch der Kommandant von Silistria seine Ruhestätte unter den so
tapfer verteidigten Wällen gefunden hatte, entbrannte der Kampf auf's Neue und
mit verdoppelter Energie. Die Russen unternahmen an diesem Tage einen
allgemeinen Sturm und griffen die Forts an, während ihre Flotille die Stadt
bombardirte. Der Kampf war mörderisch, aber ohne Erfolg für die Angreifer. Gegen
Abend war es diesen zwar gelungen, eine Mine unter der ersten Batterie von
Arab-Tabia herzustellen, aber die Capitaine Depuis und Grach hatten rechtzeitig
eine Gegenmine geschlagen, und diese sprengte an 400 Mann der Angriffs-Colonne
in die Luft, als diese auf das Sprengen einer Bresche harrten. In der durch die
unerwartete Explosion entstandenen Verwirrung machten die Türken einen Ausfall
und zerstörten die nahe liegenden Schanzen.
    Von diesem Tage an ruhten kurze Zeit die Sturmangriffe und es begann der
furchtbare Krieg unter der Erde, jener Krieg mit der Bussole und dem Spaten, der
Krieg der lebendig Begrabenen - der Bergleute des Blutes und des Todes!
    Das war der unheimliche gespenstische Kampf, zu dem man wie zum Orkus aus
dem hellen Sonnenlicht hinabstieg und in dem General Schilder, der gespenstische
Seher der Zukunft, ein Meister war.
    Die Russen drängten Tag um Tag, Stunde vor Stunde ihre Laufgräben vorwärts
gegen die schwer bedrohte Stadt, und in der Heimlichkeit, in dem Schutz der
aufgeworfenen Erde wühlte der General gleich dem Maulwurf seine Gänge gegen die
Wälle und Bastionen.
    Es war ein Glück für die Festung, dass der neue, noch jungkräftige und kecke
Kommandant doch die Manen seines Vorgängers dahin achtete, die Talente und
Kenntnisse der europäischen Ratgeber zu ehren. Während er den Krieg der
Ausfälle und offenen Verteidigungen leitete, überliess er den beiden
Genie-Offizieren die unbestrittene Leitung der Befestigungsrenovationen und der
Gegenarbeiten. Trotz der verdoppelten Tätigkeit der Verteidiger konnte man
sich dennoch nicht verhehlen, dass die Fortschritte der Belagerung, wenn auch
langsam, doch jeden Tag bemerklicher wurden. Es war bereits mehrfach zwischen
den Minirern und Gegenminirern zum erbitterten unterirdischen Gefecht gekommen.
Am 8. hatten die Russen eine Sappe aus Schanzkörben, mit Baumwolle gefüllt,
bereits bis an den Rand der südöstlichen Contreescarpe getrieben, hinter welcher
sich die Minirer mit dem Ausgraben zweier Schachte beschäftigten. Die Führer
entwickelten dabei eine unablässige Tätigkeit. Was der fortwährende
Kartätschen- und Granatenhagel der Türken bei Tage niederwarf, zeigte sich am
anderen Morgen wieder aufgebaut.
    Am 7. und 8. hatten kleine Ausfälle und Gefechte mit wechselndem Glück
stattgefunden. Der 9. Juni war ein blutiger Tag gewesen. Nachdem des Morgens
eine Mine gegen zwei der Wasserforts gesprengt worden, versuchten die Russen die
Breschen zu nehmen, wurden aber mit bedeutendem Verlust von den neuen
Hilfstruppen, denen es, 3000 Mann stark, unter Rifat-Pascha am Tage nach Mussa's
Tode gelungen war, von Rasgrad her sich in die Festung zu werfen,
zurückgeschlagen. Zu gleicher Zeit machte Paskewitsch selbst mit einer
bedeutenden Truppenzahl - 31 Bataillonen Infanterie, 32 Schwadronen Kavallerie
und 8 Sotnien Kosaken mit 12 Feldbatterieen - eine grosse Recognoscirung um alle
Befestigungen bis zu dem Flecken Kalopetra auf der südöstlichen Seite. Hier
stiess die Colonne auf türkische Kavallerie aus der Festung und zwang dieselbe,
sich in das Fort Abdul-Medschid zurückzuziehen, das nunmehr ein heftiges Feuer
eröffnete. Eine matte Kugel, die zu den Füssen des Pferdes des Fürsten von
Warschau niederfiel und dasselbe zu Boden riss, fügte dem greifen Führer selbst
eine Contusion an der rechten Hüfte zu. Der Feldmarschall achtete jedoch nicht
darauf und blieb bis zum Ende der Kanonade zu Pferde. Wir führen den Leser an
demselben Abend wieder in's russische Lager.
    Es ist in Kalarasch selbst, dem Hauptquartier des Fürsten, wo wir die Scene
wieder aufnehmen. Der greise Stattalter lag in dem frühern Quarantainegebäude,
das zu seinem Quartier eingerichtet worden und mit Stabs- und
Ordonnanz-Offizieren überfüllt war, auf einem freistehenden Feldbett in halb
sitzender Stellung, neben sich einen niederen Tisch mit Papieren bedeckt. Das
Gemach war ziemlich ärmlich ausstaffirt, aber glänzend erhellt, indem grosse
Kerzen auf silbernen Leuchtern überall umherstanden. Der Leibarzt des Fürsten,
der schon bei seiner Rückkehr in's Lager bedeutende Schmerzen gefühlt und nur
mit Anstrengung nach Kalarasch gelangt war, - hatte so eben die Verletzung
untersucht und ihm erklärt, dass sie zwar nicht gefährlich sei, ihn aber mehrere
Wochen hindern werde, zu Pferde zu steigen. Während der Arzt fortfuhr, lindernde
und frische Umschläge auf die verletzte Stelle zu legen, hatte der Fürst bereits
sich zu wichtigen Geschäften gewendet. Es befanden sich ausser dem Arzt und dem
Stabschef General-Major Wranken, der eben auf die Nachricht der Verletzung
eingetroffene Fürst Gortschakoff und General-Lieutenant Chruleff mit einem
dritten hohen Offizier im Gemach, der, am Ruhebett stehend, dem Fürsten eine
Depesche überreicht hatte, mit deren Durchsicht dieser eben beschäftigt war. So
sehr der alte Krieger und Staatsmann auch Herr seiner Mienen sein mochte, war es
doch allen Anwesenden sichtlich, dass der Inhalt des Briefes, dessen grünes
Couvert und Siegel ein Handschreiben des Kaisers erwiesen, von grosser
Wichtigkeit sein musste und einen tiefen Eindruck auf den Fürsten machte. Er
faltete endlich das Papier langsam zusammen, steckte es wieder in das Couvert
und schien einige Augenblicke in schwere Gedanken verloren. Dann - sich ihnen
entziehend - wandte er sich zuerst zu dem Arzt:
    »Kann ich Deiner Hilfe auf eine Stunde entbehren, lieber Tschetukin?«
    »Ich fürchte, nein, Durchlaucht - muss ich Sie jetzt verlassen, so kann ich
für die Folgen nicht stehen - die Contusion ist vernachlässigt und die
Geschwulst bereits eingetreten.«
    »Und wenn ich Dich gewähren lasse, in welcher Zeit bin ich fähig, das Lager
zu verlassen?«
    »Ich verlange nur für morgen Ruhe, Durchlaucht - zu Wagen sollen dann Ihre
Bewegungen unbehindert sein.«
    »Gut, Staatsrat, - ich kenne Dich und weiss, dass ich mich auf Deine
Verschwiegenheit verlassen kann. Kümmere Dich nicht um uns und fahre fort mit
Deinen Mitteln, da die Erhaltung dieses alten Körpers in den nächsten Wochen
vielleicht unserm Herrn, dem Kaiser, noch einigermassen nützlich sein mag. Wir
sind sämtlich hier treue und bewährte Söhne des heiligen Russlands und ich kann
daher ungescheut sprechen, wie es die ernsten und schweren Umstände erfordern.
Nimm Platz, Schebesky, und Du Wranken, wir haben eine ernste und lange Beratung
vor uns. Ihre Ankunft, Fürst, hat mir erspart, Sie rufen zu lassen. Der Tag hat
wichtige Nachrichten gebracht.«
    »Auch ich habe dergleichen, Durchlaucht.«
    »Gut. Einer nach dem Andern. Hast Du vielleicht auch Nachricht von dem
Gesandten aus Wien?«
    »Mein Bruder benachrichtigt mich von dem Ausgang der Zusammenkunft des
Kaisers von Oesterreich und des Königs von Preussen in Tetschen.«
    »Verdammnis über die österreichische Dankbarkeit, - ich wollte, wir hätten
Ungarn den Rebellen gelassen. - Es ist, wie ich gefürchtet, Oesterreich wird in
die Donau-Fürstentümer einrücken und hat sich den Rücken gedeckt durch das
Garantie-Cartell mit Preussen.«
    »Es sind Differenzen entstanden zwischen den beiden Herrschern über die
Auslegung des Cartells.«
    »Ich weiss, ich weiss, - aber der Nutzen ist nur passiv. Preussen hält das
wiener Gelüst in Schranken, aber nur, wenn wir auf unserm eigenen Gebiet stehen.
Oesterreich kann nicht offen operiren, aber sein Druck zwingt uns zurück.
Dennoch ist das nicht das Schlimmste. Ich habe heute wichtige Berichte über die
Zusammenkunft in Varna erhalten.«
    »Die Rapporte unserer Agenten über den Kriegsrat am 19. liegen seit acht
Tagen vor.«
    »Das ist es eben, Fürst, was uns getäuscht hat. Die Halunken taugen Nichts,
- Marschall Arnaud und Lord Raglan wissen sehr wohl, dass sie von unseren Spionen
umgeben sind, und was mit den Türken beraten wird, in der kürzesten Zeit uns
bekannt ist. Ich sage Dir, Fürst, Deine Agenten in Schumla sind Dummköpfe und
haben nur erfahren, was alle Welt weiss. Wie lautete doch der Bericht?«
    Fürst Gortschakoff, einigermassen pikirt, nahm aus seinem Taschenbuche ein
Papier und entfaltete es:
    »Hier ist die Abschrift der Chiffern: Der Zusammenkunft am 19. in Varna
wohnten der Marschall St. Arnaud, Lord Raglan, Omer Pascha, die Admirale Dundas
und Hamelin und der Kriegsminister Riza-Pascha bei. Oberst Tignir machte den
Dolmetsch, auch Aguiah-Pascha, der neu ernannte Pforten-Commissair im Lager des
Muschirs, war zugezogen. Das Resultat war, dass Herrn von Saint-Arnaud die
Leitung der Kriegsoperationen sämtlicher am Kriegsschauplatz aufgestellter
Streitkräfte übertragen worden ist. Der Muschir erstattete über die Lage
Silistria's Bericht und der Ersatz wurde beschlossen. Die beiden Generale sind
vollständig auf die Pläne Omer's eingegangen und die Dampfboote mit den Ordres
nach Skutari und Gallipoli abgegangen, um einen Aufbruch in Masse anzuordnen. -
Die Berichte gingen uns allerdings spät zu, da die unglückliche Verhaftung
unserer Hauptagenten in Constantinopel einige Verwirrung in die Sache gebracht
hat.«
    »Sind das alle Ihre Nachrichten, Fürst?«
    »Bis auf die neuen Meldungen über die Ersatzoperationen, die ich eben
empfangen und später vorzutragen die Ehre haben werde, ja.«
    Der alte Feldmarschall lächelte.
    »Sei nicht ärgerlich, Kamerad, Deine Nachrichten sind gut, aber ich habe
wichtigere. Nach der Rückkehr der Generale nach Varna hat eine zweite Beratung,
aber diesmal ohne die Türken, auf dem französischen Flaggenschiff stattgefunden,
und die Expedition gegen Sebastopol ist beschlossen worden.«
    Ein leises Lächeln, gedämpft durch die Ehrfurcht vor dem greifen Haupt des
Fürsten-Stattalters ging durch den kleinen Kreis der Generale, doch blieb es
von jenem nicht unbemerkt.
    »Du hast Unrecht, Fürst, und glaubst, weil Du ein Artillerist bist, dass es
eine Unmöglichkeit sei, die furchtbaren Batterieen von Sebastopol zu überwinden.
Ich bin kein Seemann und weiss nicht, was Schiffe gegen Granitwälle ausrichten
können, aber ich sage Dir, ich wünschte, Fürst Mentschikoff verliesse sich nicht
allzusehr auf sie, - ich kenne diese Franzosen und sie werden irgend ein
Auskunftsmittel finden, ihren Zweck zu erreichen.«
    »Darf ich etwas Näheres von den Nachrichten Eurer Durchlaucht erfahren?«
fragte einlenkend der Zweitkommandirende.
    »Der Versuch gegen Sebastopol ist ausdrücklich beschlossen, aber man wird
mindestens zwei Monate mit den Vorbereitungen zubringen. Diese sollen möglichst
geheim betrieben und die Truppen in Varna unter dem Anschein concentrirt werden,
zum Entsatz von Silistria zu dienen. Die Aufgabe bleibt aber dem Muschir selbst
überlassen. Die Uebertragung des Gesamt-Oberbefehls an Herrn von Saint-Arnaud
ist eine leere Comödie und Omer-Pascha nicht sehr gesonnen, sich unterzuordnen.
Er trifft umfassende Anstalten zum Entsatz durch seine eigenen Truppen.«
    »Das Letztere stimmt mit meinen Nachrichten überein. Sie können Ihrem
Berichterstatter vollkommen trauen, Durchlaucht?«
    »Er hält sich bereits zwei Monate in Varna auf und ist mir von Bodinianoff
in Constantinopel, als volles Vertrauen verdienend, empfohlen. Er ist ein Bruder
des Führers der Griechen im Epirus, Caraiskakis ....«
    »Ich kenne den Namen und habe bereits selbst Beweise seines Eifers für die
russische Sache erhalten. Ich glaube, dass auch unsere Verbindungen in Silistria
unter seinem Einfluss stehen.«
    »Ehe wir zu einem Resultat kommen, sage mir Deine eigenen Nachrichten.«
    »Der Knabe,« berichtete der Fürst, »der am 28. die Nachricht von dem Ausfall
an Selwan und später die Depeschen Mussa-Pascha's an den Muschir uns zur
Durchsicht brachte, ist aus Schumla diesen Abend zurückgekehrt.«
    »Hat man ihn wieder als Boten benutzt?« fragte hastig der Feldmarschall.
    »Man scheint blindes Vertrauen in ihn zu setzen und Nichts von der Eröffnung
der Depeschen gemerkt zu haben. Hier sind die neuen.«
    Er legte mehrere Briefe auf den Tisch. Die Siegel waren durch das
gewöhnliche Mittel heisser Dämpfe nach Abformung des Petschafts in Staniol
geöffnet.
    »Der Inhalt, Fürst?«
    »Hier ist der Auszug. Der Muschir bestätigt Hussein-Bei im Kommando, setzt
ihm jedoch Rifaat-Pascha als ältern Offizier zur Seite. Ein vollständiger Plan
des Entsatzes durch eine combinirte Truppenbewegung und einen Ausfall der
Garnison ist für den 13. und 14. bestimmt. Said-Pascha in Rustschuk hat 30,000
Mann zum Aufbruch bereit, und Iskender-Bei von Widdin, der den Angriff von
dieser Seite leiten soll, ist bereits über Nicopolis eingetroffen. Die Vorposten
des Corps stehen bei Baba und Turkosimich. Zugleich wird Giurgewo angegriffen
werden. Im Hafen von Rustschuk liegen zwei türkische Dampfschiffe und an achtzig
Boote bereit, um die Expedition zu unterstützen. Der Muschir selbst wird mit
Mehemed-Pascha von Schumla her in zwei Colonnen eine Diversion unternehmen. Sein
rechter Flügel lehnt sich an die Anhöhe des Taiban-Dereh, - seine linke Flanke
an den Dristra, das Centrum steht bereits bei Erekli an der Strasse von Schumla
nach Silistria.«
    »Wer führt die Vorhut und wie stark ist der Muschir?« unterbrach der
Feldmarschall.
    »Der Renegat Czaikowski mit den sogenannten türkischen Kosacken. Die
Depesche gibt die Stärke des Südcorps auf 70,000 Mann an, also mit Said-Pascha
an Hunderttausend. Am 13. soll das gemeinsame Vorrücken beginnen. Am 14. werden
die Corps in der Nähe von Silistria stehen und am Morgen des 15. angreifen,
indem Hussein-Pascha zugleich auf drei Stellen an den Wasserforts, aus dem
Babadagh-Tor und Abdul-Medjid einen Ausfall machen soll.«
    »Wie stark sind wir in diesem Augenblick hier?«
    »Mit Pawloff nur 64,000 Mann. Wir haben vor Silistria bereits über 6000
gelassen.«
    Das Gespräch, das bisher allein zwischen den beiden Führern gepflogen
worden, verstummte jetzt ganz, - der greise Feldmarschall war in ernste
Betrachtungen versunken und seine Hand fasste unwillkürlich zwei Mal nach dem
Briefe des Kaisers.
    »Wir müssen zu einem Entschluss kommen. Recapituliren wir die Sachlage. Auf
der einen Seite Bessarabien und die Krim über kurz oder lang bedroht; - unsere
Stellung in der grossen Walachei nicht länger haltbar - kaum noch in der Moldau;
- Silistria fast noch eben so fest wie beim Beginn der Belagerung, und ein
starkes Entsatzcorps in der Nähe. Die Truppen kaum genügend, den Gegnern die
Spitze zu bieten, - an einen Uebergang über den Balkan nicht mehr zu denken und
keinerlei Vorteil im längern Beharren auf dieser Seite der Donau. Wägen Sie
selbst ab, meine Herren.«
    »Was würde man in Petersburg dazu sagen!«
    »Schebesky kommt von dort. Er kann uns den besten Bescheid geben.«
    Der angerufene General zuckte die Achseln.
    »Ich glaube, man hält dort die Donau-Besetzung jetzt selbst für einen
Fehler. Man hätte am Bosporus stehen oder innerhalb der russischen Gränzen
bleiben müssen.«
    »Sehr wahr. Aber wir dürfen Silistria nicht aufgeben ohne des Kaisers
ausdrücklichen Befehl,« sagte ziemlich heftig General Chruleff.
    Der Feldmarschall nickte ihm zu und zog dann langsam den Brief seines
kaiserlichen Herrn aus dem Couvert.
    »Wollen Sie des Kaisers eigene Worte hören?«
    Alle schwiegen ehrfurchtsvoll.
    »Hast Du, Fürst Iwan Feodorowitsch,« las der Feldmarschall, »bei Empfang
dieses Briefes die Festung Silistria genommen, so wollen wir Gott und den
Heiligen für diesen Sieg Russlands danken. Weht der Halbmond noch auf ihren
Mauern, so will ich Dir überlassen, was Du das Beste zu tun hältst. Bedenke
jedoch, dass Russlands Ehre nur in Russland selbst liegt. Ich wiederhole die
Vollmacht, die ich Dir bei der Uebernahme, des Kommando's erteilt habe.«
    Der Fürst-Stattalter schwieg; General Chruleff war der Einzige, welcher
eine rasche Antwort hatte:
    »Wir können unmöglich von hier gehen, ohne wenigstens noch einen Schlag
versucht zu haben.«
    Der alte Fürst lächelte.
    »Nein, tapferer Chruleff,« sagte er freundlich, »das sollst Du auch nicht.
Ich sehe, dass wir einig sind über die Notwendigkeit des Rückzuges, doch darf er
natürlich nicht übereilt werden. Es gilt zunächst, die Combination des Muschirs
zu vereiteln.«
    »Wir haben die Depeschen in unserer Hand.«
    »Ganz recht, aber ich halte es für zweckmässiger und weiser, sie richtig in
die Hand des neuen Kommandanten gelangen zu lassen, um nicht sein Misstrauen
wachzurufen. Es handelt sich bloss darum, Zwiespalt und Verwirrung in ihre
Beschlüsse zu bringen.«
    »Man könnte den Datum um zehn Tage ändern!« sagte General Schebesky
kaltblütig.
    Der Fürst von Warschau lächelte sein.
    »Das war meine Meinung; im Kriege ist jede List erlaubt. Sobald dies mit der
nötigen Vorsicht geschehen, womöglich noch diese Nacht, Fürst, lasse den Boten
nach Silistria laufen, triff aber Anstalten, dass wir genau von allen Vorgängen
in der Stadt unterrichtet bleiben. Ich bin entschlossen, wie ich in Warschau
beabsichtigte, mein Hauptquartier bis zum Eintreffen weiterer Befehle des
Kaisers nach Jassy zu verlegen. Es ist der geeignetste Punkt - 32 Meilen von
Silistria, 20 von Kamienecz und 22 von Odessa, - wir übersehen da das Feld. Du,
Fürst Gortschakoff, übernimmst von diesem Augenblicke an wieder den Oberbefehl
der moldau-walachischen Truppen. Lasse morgen das Bombardement gegen die Festung
von den Inselbatterieen wieder beginnen, fange aber an, Dein anderes schweres
Geschütz auf das linke Ufer zu bringen. Schilder muss so weit fertig sein, dass am
13. ein Versuch gegen die Citadelle gemacht werden kann. Beordere Pawloff, von
Tuturkai aus sich dem Zuzug von Rustschuk entgegenzuwerfen, indes Chruleff den
Renegaten Mehemed8 und den Muschir angreift. Dadurch wird der ganze
Operationsplan der Gegner zerstört und wir erhalten Zeit, zu sehen, was sich mit
der Festung noch beginnen lässt.«
    »Ich werde die Befehle noch diese Nacht erteilen. Ich höre, Lüders befindet
sich auf dem Wege der Besserung?«
    »So ist es. Gott und den Heiligen sei Dank; dafür werden wir den braven
Orloff verlieren. Ich bedaure seinen Vater, meinen alten Freund! - Verdammt,
Doctor, ich glaube, die Schmerzen nehmen wieder zu!«
    »Wenn Euer Durchlaucht sich nicht sofort einige Ruhe gönnen, stehe ich für
Nichts, am wenigsten für die Möglichkeit, abzureisen.«
    Die Generale verabschiedeten sich.
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    Es war am Morgen des 13. - Dienstag -, in der seit zwei Tagen durch ein
unaufhörliches Bombardement schwer bedrängten Festung erwartete die Besatzung
jeden Augenblick einen Sturmangriff der Russen, sobald die Minen des Generals
Schilder ihr Werk getan, deren bereits einige von den Russen in den letzten
Tagen gesprengt worden, ohne dass sie jedoch mehr als leicht wie
derherzustellende Mauer- und Erdrisse zu Wege gebracht hatten. Jedermann wusste,
dass sie hauptsächlich gegen das Fort Abdul-Medjid gerichtet sein mussten, und dass
hier die Entscheidung des Tages und des Schicksals der Stadt lag. Die Capitaine
Grach und Depuis und selbst der alte Chef des Geniewesens, Mehemed-Bei, so weit
seine Fähigkeiten reichten, waren indes nicht müssig gewesen und der Spaten unter
der Erde arbeitete rüstig an den geheimen, furchtbaren Gängen, bestimmt, die
eindringenden Feinde in die Luft zu schleudern. Schon zwei Mal waren unter der
Erde die feindlichen Mineurs aufeinander gestossen und das blutige Würgen hatte
das schauerliche Grab im wahren Sinne begraben. Das Sprengen der Minen war das
Einzige, wovor die türkischen Soldaten, zum Teil aus ihrem bewussten Ungeschick,
zurückbebten, während der passive Gehorsam der Russen darin bekannt war, und die
Bewachung und Sprengung der türkischen Minen blieb daher einer Anzahl
Freiwilligen anvertraut, die aus den kecksten und jedem Wagstück Trotz bietenden
fremden Abenteurern gewählt waren und durch reichen Lohn gelockt wurden.
Hussein-Aga oder, wie er jetzt bereits hiess, Hussein-Pascha, und sein Gefährte
im Kommando, der Ferik Rifaat hatten am Tage vorher für den Morgen des 13. -
auch ohne Kunde von den Demonstrationen der Ersatzcorps zu haben, - einen
allgemeinen Ausfall beschlossen, und die Truppen standen daher, kampfgerüstet,
innerhalb der Wälle und Tore.
    Auch diesmal hatten die Russen keine Ahnung davon - wir werden im Verlauf
der Geschichte hören, durch welche Ursache, - und der Sturm gegen die Festung
war erst für den Nachmittag 3 Uhr festgesetzt, nachdem drei grosse Minen, welche
die Russen gegen die Forts Abdul-Medjid, Arab-Tabia und Yania gerichtet hatten,
gesprengt sein würden. - - -
    Eine finstere undurchdringliche Nacht füllte wieder den etwa drei Fuss
breiten, langen, winkligen Gang, der aus dem Souterrain der Bastion von
Arab-Tabia unter dem Graben gegen den äussern Wall führte und dort in einer
Kammer von etwa zehn Fuss Quadrat und Mannshöhe endete. Die schwarze Finsternis
dieser Kammer wurde gebrochen durch das matte Licht einer sorgfältig verwahrten
Laterne von dickem Glase, die auf dem Fussboden am Eingang des Ganges stand und
ihren Schein auf mehrere, an den feuchten Seitenwänden aufgestellte Fässer und
zwei Männergestalten warf, die in der Mitte des engen Raumes in der gewöhnlichen
türkischen Stellung auf dem Boden kauerten.
    Die Deckel der Fässer waren aufgeschlagen, schwarz, wie die Umgebung rings
umher, war der Inhalt derselben - ein starker Zündsack lief von einer der
Oeffnungen zu der andern. Am Eingang der Erdkammer hing an einem in die
Seitenwand gestossenen Querholz eine grosse Klingel, von deren Griff eine Schnur
sich in das Dunkel des Ganges verlor.
    Die beiden Männer waren die Wächter der Mine, - in der Tiefe des
einmündenden Ganges, um die Ecke des Winkels biegend, verlor sich eben der
letzte Lichtschein einer sich entfernenden Laterne, - Capitain Grach mit seiner
Ordonnanz, der eben die Minengänge nochmals revidirt hatte.
    Die Runde schien ein inhaltschweres Gespräch der beiden der Todesgefahr keck
trotzenden Wachen gestört zu haben, denn als kaum jener letzte Lichtschein
verschwunden war, begann es auf's Neue. Obschon in dieser Tiefe der Erde, weit
entfernt von der Ausmündung der Gänge, selbst der lauteste Schrei von keinem
menschlichen Ohr weiter gehört werden konnte, wurde das Gespräch doch leise,
fast flüsternd geführt, - gleich als verböten die Schauer des grabähnlichen
Ortes jeden lauten Ton.
    Der Schein der Laterne fiel auf die beiden Gesichter, wie sie manchmal in
seinem Dunstkreis sich vorwärts beugten - auf das dunkle Antlitz des Mohren
Jussuf mit den grossen gelbweissen Augen, die er gedankenvoll auf den Zweiten
gerichtet hielt, auf seinen neuen Freund und fast unzertrennlichen Gefährten -
Sta Lucia, den ehemaligen corsischen Banditen.
    »Der Hekim-Baschi vermisst seit zwei Tagen einen wichtigen Brief,« sagte
langsam der Mohr. »Bak - sieh - er glaubt, dass Du ihn gestohlen hast, während Du
bei mir warst, denn er hat mich und meinen Bruder gewarnt vor Dir. Doch der
Prophet weiss es, ich kann nicht von Dir lassen, und darum bin ich mit Dir in
dieser Höhle der Schrecken, wo Eblis herrscht, der Fürst der Finsternis.«
    Der Corse lachte.
    »Barbuasso! bekommen wir nicht glänzendes schönes Gold dafür, dass wir den
gefährlichen Posten übernommen, der nur Gefahr droht den Feigen und
Ungeschickten, und hätten wir die Zechinen des Pascha's Andern lassen sollen? -
Aber genug, ich hatte noch eine andere Ursache, Dir den Posten vorzuschlagen, um
unbelauscht hier sprechen zu können.«
    Er griff in seinen Gürtel, zog einen ledernen Beutel heraus und öffnete ihn
im Licht der Laterne.
    »Kennst und liebst Du das?«
    Der Beutel entielt etwa 30 bis 40 Goldstücke.
    »Bismillah! Kamerad - wie kamst Du dazu?«
    »Höre mich an, Jussuf,« sagte der Andere, indem er den Beutel wieder
einsteckte, »Du sollst halb Part haben und noch mehr als dies. Antworte mir
aufrichtig bei Deinem Propheten: Hältst Du grosse Stücke auf den Hekim-Baschi, Du
und Dein Bruder?«
    »Was soll ich sagen, Freund - es ist so und es ist anders. Nursah, mein
Bruder, isst sein Brot; aber er ist ein Franke, ein Dschaur. Was geht ein
Ungläubiger mich an?«
    Der Corse sah den schlauen beobachtenden Blick nicht, den sein Gefährte bei
den Worten auf ihn schoss.
    »Per bacco! das ist Recht, - ich konnte es mir denken. Jussuf, es ist wahr,
ich habe den Brief.«
    »Wallah! ich dachte es mir! Ein Brief ist ein Brief und eine Erfindung des
Teufels. Ich spucke auf alle Briefe und ihre Väter und Mütter. Was tust Du mit
dem Briefe?«
    »Ei zum Teufel! Mir selbst ist wenig an dem Wisch gelegen, aber desto mehr,
wie es scheint, dem Engländer, der die Ehre hat, mich jetzt als eine Art
Leibdiener und Khawass in seinen Diensten zu haben!«
    »Dem Inglis?«
    »Ja. Ich will Dir Etwas sagen - der Hekim-Baschi, Dein - oder vielmehr
Deines Bruders Herr, ist ein Spion der Russen, er verkehrt mit ihnen und sendet
ihnen Botschaft aus der Festung.«
    Er sah den dunklen, blutigen Blick nicht, der auf ihn schoss.
    »Ich weiss nicht, ob Du mit zu dem Complot gehörst,« fuhr der Corse ruhig
fort, »aber ich möchte es fast glauben. Du weisst, was einem Verräter nach dem
Kriegsgesetz droht?«
    »Inshallah! wohl weiss ich es! Aber Du wirst nicht von hier gehen, um es
weiter zu erzählen.«
    »Narr! lass Deinen Handjar ruhig im Gürtel stecken. Ich fürchte Dich nicht;
wenn ich nicht eine gute Absicht mit Dir hätte, würde ich mit Dir nicht hierher
gegangen sein und Dir jetzt nicht offen meinen Verdacht oder vielmehr meine
Gewissheit in's Gesicht gesagt haben.«
    »Was konnte ich tun? - ich bin ein armer Sclave und meine Haut ist
schwarz.«
    »Der Hekim-Baschi hat Dich und Deinen Bruder mit Gold bestochen, aber Du
sollst mehr verdienen und ohne Gefahr, alle Tage eine Kugel durch den Kopf zu
bekommen. Ich bin Dir Dank schuldig, denn Du hast mein Leben gerettet vor dem
verfluchten Russen und Du sollst sehen, dass Sta Lucia kein undankbarer Schuft
ist, wenn auch sonst mein Gewissen sich gerade nicht viel Kummer macht.«
    »Meine Ohren sind offen.«
    »Mein Herr hasst den Deinen - das Warum? geht uns Nichts an, ich weiss es auch
nicht. Kurz und gut, er sinnt auf sein Verderben oder will ihn wenigstens in
seine Gewalt bekommen, um irgend einen Zweck von ihm zu erpressen. Am Tage, da
der Zufall gerade Dich zu meinem Lebensretter gemacht hat« - er unterbrach sich
und beugte sich horchend nach vorn. »Was ist das für ein Geräusch, - mir ist,
als hörte ich es neben uns?«
    »Du irrst, Freund, - vielleicht ein Posten, der über die Mine geht. Fahre
fort, in des Propheten Namen.«
    »Also an diesem Tage hatte mein Herr den Doctor zufällig hier wieder
gefunden, und als er hörte, dass Du, der mich so sorgfältig in den beiden ersten
Tagen pflegte, im Dienst seines Feindes ständest, oder doch unter seinem Dache
wohntest, gab er mir den Auftrag, mich an Dich zu machen und mit Dir gute
Freundschaft zu halten.«
    Die Zähne des Mohren glänzten weiss zwischen den dicken Lippen hervor.
    »Ich weiss nicht, woher er gleich den Verdacht eines Verkehrs des
Hekim-Baschi mit den Russen hatte, aber genug, er hatte ihn und ich hätte nicht
Sta Lucia sein müssen, wenn ich nicht, ehe acht Tage vergingen, gewusst hätte,
dass sein Verdacht Wahrheit sei. Der Brief ist in seinen Händen.«
    »Wah! was ist ein Brief! der Hekim-Baschi hat Freunde!«
    »Ich sage Dir, er und Ihr Alle seid in unsern Händen. Meinst Du, wir würden
es bei einem Beweise gelassen haben? - Der türkische oder griechische Knabe, den
Dein Herr zu seinen Botschaften gebraucht, ist in unserer Gewalt; wir fingen ihn
gestern Abend auf, als er am Wall umherschlich. Der Bursche kam geduldig, als
ich ihn rief, und merkte Nichts eher, als bis ich ihn in meinen Händen hatte,
aus denen kein Entrinnen ist. Wir haben die Briefe, die er bei sich trug,
gefunden.«
    Der Mohr war bei der Nachricht erschrocken zurückgefahren, hatte sich aber
bald gefasst.
    »Und was habt Ihr mit dem Knaben gemacht?«
    »Wir haben ihn eingesperrt in des Beisädih's9 Wohnung.«
    »Es ist ein Unglück - was kann ich dafür? Was beabsichtigst Du, mit uns zu
tun?«
    »Hab' ich Dir nicht gesagt, dass Du Nichts zu fürchten hast? - Es soll kein
Haar der Wolle auf Deinem Schädel in Gefahr sein, wenn Du meinem Rat folgst.
Der Beisädih hat mich beauftragt, mit Dir zu sprechen. Der Junge, den wir
bereits in der Hand haben, wird festgehalten bis zu der Zeit, da der Lord für
nötig hält, die Anzeige zu machen. Bis dahin beobachtest Du den Hekim-Baschi
genau und teilst mir Alles mit, was er tut und treibt, dann treten ich und Du
als Zeuge gegen ihn auf. Nursah, Dein Bruder, erhält des Doctors Habe und wir
einen reichen goldenen Lohn von meinem Herrn. Er kennt mich und weiss, dass er
sein Versprechen halten muss. Jetzt rede und sage Deinen Entschluss.«
    Schon seit einiger Zeit hatte der Mohr wiederholt den Kopf vorgebeugt und
während er mit dem einen Ohr der Rede des würdigen Genossen zu lauschen schien,
angestrengt nach der andern Seite hin gehorcht. Jetzt machte er eine Bewegung
mit der Hand, wie um dem Anderen Schweigen zu gebieten, und warf sich dann lang
auf Boden, das Ohr auf die Erde pressend.
    »Was hast Du? - Demonio! - jetzt hör' ich auch ....«
    Jussuf war bereits wieder auf den Füssen.
    »Bismillah! Ich glaube, die Moskows arbeiten neben uns, überzeuge Dich
selbst, o Freund.«
    Der Bandit schlich zu der Wand, aus deren Richtung sehr entfernt und
undeutlich und nur durch den dumpfen Wiederhall des Erdbodens hörbar ein
einförmiges Geräusch herüber dröhnte. Er kniete auf dem Boden nieder, weit
vorgebogen und den Kopf horchend unten an die Erdwand gedrückt, das andere Ohr
mit der Hand hohl bedeckend, wie man zu tun pflegt bei Anstrengung der
Gehörnerven. In dieser Stellung konnte er nicht sehen, was hinter ihm vorging.
    »Höre genau, Freund!«
    »Zum Teufel! - schweig'!«
    Hinter ihm stand, wie lauschend, gleichfalls gebückt, die Gestalt des
schwarzen Couriers, aber seine Rechte hatte leise den Handjar aus dem
Gürtelshawl gezogen und hielt die graue mattglänzende Klinge hinter dem Rücken
verborgen.
    Es war eine jener wunderbaren, unscheinlichen Klingen, wie sie Damascus in
früheren Zeiten aus zusammengeschweissten Drähten gehärtet, ein matter
schwarzgrauer Stahl mit wirren Damastfiguren, der in der Hand eines Moslems -
und selbst von diesen verstehen ihn nur noch Auserwählte zu führen - nicht mit
dem Schlag und der Kraft des Armes, sondern durch die rasche und sichelförmige
Führung und seine unglaubliche Härte und Schärfe Eisen und Daunen
durchschneidet.
    »Die Moskows sind - - Marzocco! was tust Du?!«
    Er wollte empor springen, doch es war zu spät. Der Mohr hatte ihn mit der
Linken am Genick gefasst und drückte seinen Kopf zu Boden, während seine Rechte
rasch und gewandt mit der Schärfe des Handjars einen anscheinend nur leichten
Schnitt über die ihm zugekehrte innere Seite der Beine seines Gefährten führte.
Dann liess er ihn los und sprang zurück, zugleich den neben der Laterne liegenden
Handjar des Verwundeten aufhebend und die Waffe in den Gang schleudernd.
    Der Bandit, der nur eine geringe Verletzung empfunden hatte, wollte wütend
sich erheben und auf den verräterischen Freund werfen. - »Hund von einem Neger!
Du musst sterben!«
    Aber die Beine versagten ihm den Dienst, er fiel kraftlos zusammen, gleich
als wären die Füsse ihm am Knie amputirt - der Handjar des Mohren hatte mit einem
Schnitt die vier Kniemuskeln, welche innerhalb des Kniees Schenkel und Bein
verbinden, durchschnitten, er war unheilbar in einem Augenblick zum machtlosen
Krüppel geworden und die Wahrheit durchfuhr bei dem zweiten vergeblichen Versuch
seine schwarze Seele.
    »Manigoldo10! Noch habe ich meine Arme, um Dich zur Hölle zu senden!« Er
griff nach den Pistolen in seinem Gürtel, liess aber die Hand alsbald mit einem
wilden Fluch kraftlos sinken: er erinnerte sich, dass nach strengem Verbot
Niemand eine Schusswaffe in die Minengänge mitnehmen durfte und schon aus eigener
Besorgnis nicht mitnahm.
    Der Mohr hatte die Bewegung gesehen und lachte spöttisch.
    »Warum hast Du mir das getan, schwarzer Teufel, nachdem Du selbst mir das
Leben gerettet?«
    »Bana bak, ai gusum! - Schau' mich an, Licht meiner Augen! - öffne den
Brunnen Deiner Gedanken, und Du wirst es wissen,« sagte höhnend der Schwarze.
»Du hast ein schlechtes Gedächtnis, Freund Lucia, und mich hat Allah mit einem
vortrefflichen gesegnet. Aber es ist Zeit, dass wir unsere Rechnung schliessen,
Eblis, der Engel des Unheils, könnte uns die Moskows auf den Hals schicken und
mich um meine Rache betrügen.«
    »Komm' mir nicht zu nahe, Schurke! - Zu Hilfe, Kameraden!«
    Der Mohr machte eine verächtliche Bewegung, die das Nutzlose des Rufs an
menschliche Hilfe zeigen sollte, dann zog er aus der langen Seidenbinde um seine
Hüften eine dort verborgene starke Schnur und warf sich damit auf sein Opfer.
    Es erfolgte ein langer heftiger Kampf, bei dem Keiner der Kämpfenden einen
Laut hören liess. Der Corse wehrte sich verzweifelt und mit riesiger Kraft. Aber
der Blutverlust, der Schmerz seiner Wunden und die Unbehilflichkeit, in die er
durch dieselben versetzt worden, mussten ihn bald unterliegen machen. Er fühlte
seine Brust und Arme von der verhängnisvollen Binde zusammengeschnürt und in
wenig Minuten sich eine hilflose, fast regungslose Masse, die wie ein Stück Holz
am Boden lag.
    Der Schwarze betrachtete spöttisch sein Werk und rollte mit dem Fuss den
Körper rundum. Hätten die wutfunkelnden Augen des besiegten Feindes ihn
durchbohren können, sie wären wie tausend Dolchstösse gewesen!
    »Schwarzer Teufel - sprich - was habe ich Dir getan? - was willst Du von
mir?« keuchte der Corse.
    »Was Du mir getan hast, Brüderchen?« fragte langsam der Courier. »Bei den
sieben Toren des Paradieses, Du sollst es hören. Zuvor aber will ich mir die
Freiheit nehmen, Deine Taschen zu untersuchen. Bei der Reise, die Du nun bald in
Gesellschaft jener Moskows antreten wirst, deren Nähe Du hörst, bedarfst Du des
Gepäcks nicht.«
    Er begann ruhig die Taschen und den Leibbund des Hilflosen zu plündern.
    »Höre mich, Jussuf! Wenn es Gold ist, was Dich reizt, ich will Dir Alles
lassen, was mein ist - ich schwöre Dir bei der heiligen Jungfrau, ich will mich
nicht rächen an Dir und Dir vergeben, dass Du mich zum Krüppel gemacht hast, nur
bringe mich an das Licht des Tages!«
    »Du sollst dahin kommen, verlass Dich d'rauf!«
    Er hatte seine Plünderung beendet und das Gold und mehrere Schlüssel, die er
bei dein Banditen gefunden, zu sich gesteckt; dann setzte er sich neben ihn.
    »Wenn Deine Laune gut ist, o Effendi Lucia, so lass' uns plaudern. Wir haben
noch einige Minuten Zeit. Erinnerst Du Dich eines Abends im Monat Schewal und an
ein kleines Geschäft, das Du an einem schwarzen Mann auf der Strasse nach
Silivria verrichtetest, dem Du hundert Zechinen und einen Brief stahlst? - Du
scheinst das Briefstehlen zu lieben!«
    Ein kalter Schweiss begann die Stirn des gefesselten Banditen zu bedecken. Er
fing an, zu begreifen, dass er einem mitleidslosen Rächer in die Hand gefallen.
    »Du - der Courier - wo hatte ich meine Augen!«
    »Was weiss ich! Allah hat die meinen besser gemacht. Als Du meinen wunden
Körper auf Deinen Armen zu jener Schlucht von Tschekmedsche trugest und ihn in
die blauen Wellen des Meeres versenktest, traf mein Auge Dein Antlitz und, wenn
ich Ibrahim's11 Alter erreicht hätte, ich würde es nimmer vergessen haben.«
    »Erbarmen, Jussuf - ich habe Gold - viel Gold - -«
    »Weisst Du, wer meine Wunden heilte? wer mir das Wasser des Lebens gab, von
dem meine Glieder wieder ihre alte Kraft bekommen, jene Kraft, die Dich
gebändigt hat? - Der Hekim-Baschi war es, den Du verfolgst und den der
fränkische Hund, Dein Herr, bedroht!«
    »Erbarmen, Jussuf - ich will Alles tun, was Du willst - ich will den
Engländer tödten, wenn er die Papiere nicht herausgibt oder dem Doctor
Schlimmes tun will.«
    »Narr! Du bist zu Nichts mehr gut, selbst nicht zu Deinem Handwerk, dem
Meuchelmorden. Du bist wie ein Kloss Erde und wirst Erde werden. Wisse, dass der
Hekim-Baschi, den Du verderben wolltest, nicht einmal Schuld und Ahnung hat von
dem Verrat an die Moskows. Selbst hier warst Du auf falschen Wegen, und Allah
wird nur die Mittel geben, das gut zu machen, was Du böse gemacht.« -
    Man hörte in der Pause, die Jussuf seinen Worten folgen liess, jetzt dumpf
aber deutlich das Arbeiten, Hacken und Schaufeln zur Seite der Minenkammer in
einiger Entfernung.
    »Die Moskows sind uns nahe - kaum zehn Schritt breit Erde trennen sie von
uns - Du wirst in ihrer Gesellschaft zu Ladha12 fahren, wo Du die Teufelsköpfe
von Zakhum fressen wirst, die Deine Eingeweide zerfleischen werden,
verräterischer Christ!«
    »Verfluchter! Die Moskows werden mich retten! Zu Hilfe!«
    Er begann mit aller Kraft seiner Lunge zu schreien, doch im Nu hatte sich
der Mohr aus ihn geworfen und presste ihm ein Tuch in den Mund.
    »Tor - Du beraubst Dich selbst des Trostes, Dein letztes Gebet sprechen zu
können!«
    Er lauschte - die Arbeit der Russen schien für einige Augenblicke
eingestellt, sie hatten den gewaltigen Ruf vielleicht als dumpfen Klang zu sich
dringen hören und horchten. - Als Alles stumm blieb, setzten sie bald die Arbeit
fort.
    Mit fast aus den Höhlen dringenden Augen folgte der machtlose Bösewicht den
Vorrichtungen, die sein Todfeind jetzt begann. Jussuf schleppte eines der
Pulverfässer an die Öffnung des Ganges und stellte es dort auf. Dann zog er den
Banditen in die Mitte des Raumes und warf ihn dort achtlos hin, mit dem Gesicht
dem Eingange zugekehrt. Er hob die Laterne, leuchtete seinem Opfer in's Gesicht
und hielt sie dann vor sein triumphirend grinsendes Antlitz, gleich als wolle er
Jenem dessen Züge für die letzten Augenblicke noch schreckensvoll einprägen.
    Dann nahm er sorgfältig das Licht aus der Laterne, putzte es mit den Fingern
und trat in den Gang zurück vor das Pulverfass. Sorgfältig die Flamme mit der
Hand umhüllend, steckte er die Wachskerze in das Pulver - langsam tiefer und
tiefer - bis die Flamme kaum noch einen Zoll von der Pulverschicht entfernt war.
    Sein schwarzes Antlitz mit den grossen gelbweissen Augen und den glänzenden
Zähnen schien dem Verlorenen das Haupt des dunklen Engels Eblis im roten Schein
des Lichts, der darüber fiel.
    Dann richtete sich sorgfältig, vorsichtig der Mohr wieder auf. Er hob wie
zum Abschied den Finger in die Dunkelheit empor.
    »Gedenke Jussuf's des Couriers und der Strasse von Silivria!« -
    Er verschwand gebückt und langsam im Dunkel des Ganges, jeden Luftzug
vermeidend.
    Mit ihm sank des Corsen letzte Hoffnung. Der Mörder, der reuelos das Blut so
Vieler vergossen, sass jetzt, halb aufgerichtet - in dem eigenen Grabe, in der
Gewissheit des Todes, des furchtbaren Todes, dessen Nähe auch der verhärtetsten
Seele Alles in einem andern Licht erscheinen lässt.
    Kalter Schweiss drang Tropfen aus Tropfen aus seinen Poren, wirre Gedanken
zuckten durch sein Hirn, wie er das Schreckliche wenden möchte. Der Knebel im
Munde erlaubte ihm kaum das Atmen, - aber nur leben! den Schmerz der Wunden
fühlte er nicht - nur leben! - ob er es als jammervoller Krüppel müsse, - was
tat es? - nur leben, ach, nur leben! -
    Seine Augen hafteten stier auf dem brennenden Licht - mit Todesangst
beachtete er jede Bewegung der Flamme, wenn sie ein Luftzug aus dem Minengang
zur Seite trieb.
    Er versuchte, sich dem Pulverfass näher zu wälzen, sich aufzurichten -
vergeblich, die zerrissenen Sehnen hielten ihn an den Boden gefesselt. Dann kam
es ihm in den Sinn, dass jede Bewegung das Licht erschüttern und umfallen machen
könne, dass seine Hände gefesselt, um es zu ergreifen, dass sein Mund verschlossen
sei, um die Flamme in seinem Innern zu begraben.
    Seine Anstrengungen, die Bande der Arme zu zerreissen, waren furchtbar.
Plötzlich traf ein Laut sein Ohr - die Klingel am Eingang war in Bewegung
gesetzt, - sie schellte - - -
    Heilige Jungfrau, Mutter des allsühnenden und vergebenden Heilands, er war
gerettet, - Menschen waren nahe - - -
    Nein - die Schwingungen des Glöckchens verhallten - kein Laut liess sich
hören! Mit teuflischer Bosheit der Rachgier hatte der Mohr beim Austritt aus dem
Minengang die Schnur in Bewegung gesetzt, durch welche den Wachen im Innern der
Erde die Befehle signalisirt werden sollten.
    Der erste Zug der Schnur bedeutete: »Fertig zum Zünden!«
    Des Unglückliche fühlte den schneidenden Hohn - ein Hauch konnte das
furchtbare, immer tiefer und tiefer brennende Licht verlöschen und er war
gerettet! aber dieser Hauch - er war eine Unmöglichkeit für ihn.
    Nochmals verdoppelte er seine Anstrengungen, die Arme, die Hände, die Zunge
loszuringen - das Blut schien ihm aus den Augen dringen zu wollen vor der
gewaltigen Anspannung aller Nerven! -
    Vergeblich!
    Da versuchte er, zu beten! zum ersten Mal vielleicht wieder seit seiner
Kindheit - seit jener Zeit, da er den schwarzen Lockenkopf in den Schoss der
Mutter gelegt, da sie ihn zum Kirchlein geführt auf der Felsenhöhe von Capo
Calvi, von wo der Blick des Kindes hiuausschweifte über das blaue, sonnige,
liebliche Meer, über Fels und Tal - -
    Und er sollte Meer und Tal und Fels nie wieder schauen?
    Um ihn schwarze Finsternis - das Grab - das ewige furchtbare Grab -
    Die Gebete seiner Seele wurden zu Lästerungen - entsetzlihe Bilder tanzten
und tauchten aus der Finsternis um ihn her -
    Lauter und lauter schallte durch die dicke Erdwand das Arbeiten der
russischen Minirer zu ihm herüber. Ihm däuchte, er könne schon die einzelnen
Stösse der Spaten, das Murmeln der Stimmen, das Commando des Ingenieurs vernehmen
- -
    Ein Blick auf die Kerze - er hatte sie eigentlich nie aus den Augen gelassen
- belehrte ihn, dass jede Hoffnung vergeblich sei - kaum linienbreit noch
schwebte die Flamme über dem Pulver.
    Da begannen bleiche drohende Gestalten vor ihm sich zu erheben, die er so
lange zurückgedrängt; die blassen Todten von Ajaccio - die geschändeten Mädchen
und gemordeten Greise aus den Schreckenstagen Roms - Paduani in der Strasse von
Pera - das schreckensbleiche Gesicht, die starrenden Augen des armen Dieners in
der Villa zu Hietzing vor den Toren Wiens - auch dessen Augen allein hatten
Sprache, auch dessen Zunge fesselte der Knebel -
    Jahre der Angst und der Furcht vor dem Ewigen lagen in den wenigen Minuten,
die seit dem Verschwinden des Mohren doch erst vergangen, und doch waren sie so
kurz, so kurz - -
    Näher und näher dröhnten die Spatenstiche der Russen - er hörte es deutlich,
sie hatten die Richtung nach ihm eingeschlagen, von dem dumpfen Klang der
Höhlung geleitet - er hörte das versuchende Pochen - deutlich den Befehl des
Offiziers - kaum wenige Fussbreit noch - -
    Allbarmherziger Gott - Rettung - Rettung - -
    Da - da -
    Es knisterte an der Flamme des Lichts - es zischte - ein, zwei Körner
sprühten -
    Dann - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Mit der fahlen Bleiche, welche die schwarze Farbe annimmt, durch welche der
grelle Sonnenstrahl des Aequators die Wesen jener glühenden Länder gezeichnet
hat, stürzte Jussuf, der Courier Mariam's, mit hastigem Schritt aus den Gewölben
der Bastion, die zu den Minen führten.
    Er sah das goldene Mittagslicht, den blauen Himmel über sich - der Sonne
Strahl blendete sein Auge, das aus der Nacht des Grabes kam.
    »Der On-Baschi - der On-Baschi - wo ist er?«
    Man trug ihn halb den Capitainen entgegen, die auf die Meldung eilig herbei
kamen.
    »Fasse Dich, Mann! - Was ist geschehen? - wo ist Dein Gefährte?«
    Der Mohr stand vor den Offizieren, deren Kreis sich mit jedem Moment
vermehrte; er hatte alle seine Fassung wieder erhalten.
    »Die Moskows, o Aga, sind in der Nähe der Minenkammer, wir hörten deutlich
ihr Arbeiten - vielleicht keine zehn Ellen uns zur Seite -«
    »Ich will mich überzeugen!«
    Capitain Grach eilte nach der Kehle der Bastion.
    Der Mohr warf sich ihm in den Weg.
    »Wallah! es ist zu spät - mein Kamerad wird zünden, so bald er die Russen
nahe genug hält, - er muss jeden Augenblick erscheinen; ich eilte voran, es zu
verkünden.«
    »Das Glück ist für uns!« rief der französische Capitain, dem rasch die Worte
übersetzt worden. »Eilen Sie zu Hussein-Pascha, Herr Kamerad, damit er die
Truppen zum Ausfall bereit hält. An die Geschütze, meine Herren, und fertig zum
Feuern!« Er sprang die Böschung hinauf, auf die Wälle der Bastion - Capitain
Grach war davon geeilt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch die vorderste Linie der gegen Arab-Tabia vorgeschobenen Trancheen kam
mit seinem Adjutanten der greise Chef des russischen Geniewesens. Sein
kalt-graues aufmerksames Auge prüfte genau jede Linie, die Höhe der Brustwehr,
die Anlage der Embrasüren, die Arbeiten zum Aufstellen der Kanonen, die Richtung
der fertigen Geschütze, die bereits in vollem Feuer gegen die Bastionen waren.
Zuweilen aber machte er eine plötzliche unheimliche Bewegung, wandte das weisse
Haupt zurück, gleich als wolle er Jemand sehen, der ihm folgte, und schien, in's
Leere starrend, auf Worte zu horchen, die nicht gesprochen wurden.
    An der Kehle der Sappe rief er den kommandirenden Artillerie-Offizier. -
»Lieutenant Potemkin!« - es war derselbe, welcher so kühn und umsichtig in der
Nacht des grossen Ausfalls die ersten Geschütze in's Feuer gebracht - »welche
Nachricht von den Minirern?«
    »Capitain Ochalski hat vor fünf Minuten melden lassen, dass er das Bett des
Grabens bis zur Mitte erreicht hat. Man beginnt das Pulver hinabzuschaffen.«
    »Gut! Sobald die Sache beendet, schnellen Rapport. Er findet mich an der
zweiten Mine gegen die Citadelle.« Er brach plötzlich ab und wandte sich hastig
um, als sähe er Jemand hinter sich stehen. »Zum Henker! kann ich des Kaisers
heute denn gar nicht los werden? Gespenster passen nicht zum Dienst! - Was winkt
der Schatten fortwährend mir und raunt mir in's Ohr, als ob ich nicht wüsste, dass
heute der Dreizehnte! - Der Fürst lässt mir melden, Lieutenant, dass in einer
Stunde die zum Sturm bestimmten Truppen in die Linien rücken werden. Vergessen
Sie die Botschaft an Ochalski nicht, dass ich schleunigen Rapport haben muss; -
ich hoffe, ehe die Sonne sinkt, dort drüben die Fahne mit dem Adler flattern zu
sehen!«
    Er wandte sich, um nach den Pferden zurückzukehren, die in einiger
Entfernung ihm langsam nachgeführt wurden.
    Der General hatte kaum zwei Schritte getan, als die Erde unter ihm zu
rollen begann, wie bei einem Erdbeben - dann erfolgte ein gewaltiger Stoss, der
ihn und alle in der Nähe Befindlichen zu Boden warf; - die Erde schien sich
zwischer der Sappe und der letzten Batterie zu öffnen und hoch in die Luft sich
zu erheben; ein ohrzerreissender Knall - ein dichter Regen von Erde und Steinen,
menschlichen Leibern und Gliedern füllte fast minutenlang Alles rings umher,
Geschützstücke selbst flogen weit über die Trancheen hinaus und fielen
zerschmetternd nieder - die Wände der Laufgräben waren weitin eingestürzt, die
Sappe ein hohler Krater, die nächste Batterie in die Luft gesprengt, - ein Teil
der diesseitigen Böschung des Grabens in diesen zusammengestürzt.
    Ein Jammerruf - ein wildes schmerzliches Gewimmer drang zugleich aus den
dicken Pulver- und Staubwolken, die rings umher fast wie dichte Nacht die Luft
füllten.
    Der junge Artillerie-Offizier, der den General zurückgeleitet, war erst
wenige Schritte wieder entfernt und der Erste, der - wunderbar allen
Verletzungen entgangen - aus der Erde der Brustwehr, die ihn überschüttet, sich
emporraffte.
    »Excellenz, wo sind Sie? sind Sie verwundet?«
    Er sprang durch den Dampf und Rauch nach der Stelle zu - der General stand
bereits aufrecht, bleich, aber ruhig.
    »Die Gräber öffnen sich und bringen die Todten zurück - mein kaiserlicher
Herr und Freund - ich seh' Dich licht und hehr aus den Wolken der Finsternis
daher schreiten - sprich - ist die Stunde Deines Dieners gekommen?«
    »Um der Heiligen willen, Excellenz, fassen Sie sich!« - der junge Mann wagte
es, seinen Arm zu ergreifen - »ein unglücklicher Zufall muss die Mine Ochalski's
zu früh gesprengt haben.«
    Der Name des einem grässlichen Schicksal erlegenen Offiziers führte den
greifen General in die Wirklichkeit zurück.
    »Tscherti tjebie by wsiali! Hinauf auf die Brüstung! Du hast junge Augen -
was siehst Du?«
    Der junge Mann stand schon oben, ein Adjutant des Generals folgte ihm.
    »Das Fort ist unbeschädigt - ich sehe Nichts von unseren Arbeiten - Alles
scheint verschüttet - der Dampf -«
    »Herunter, Bursche! - nicht uns're Mine ist es; die Türken haben eine gegen
uns gesprengt und wir werden gleich mehr von ihnen hören.«
    Eine Kartätschensalve, die von der Bastion über das Glacis daher prasselte,
bestätigte die Befürchtung des Generals.
    »Die Pferde! die Pferde! Die Tölpel vor dem Abdul-Medjid sind töricht
genug, ihre Mine zu sprengen in dem Glauben, dass ich hier das Signal gegeben.
Verdammt sei der Tag!«
    Er eilte mit jugendlicher Kraft zurück über die Trümmer und Erdstürze,
welche die Trancheen füllten, bis zu der Stelle, wo die Pferde zurückgelassen
worden.
    »Gott geleite Sie, General!«
    »Narr! Deine Batterie ist Atom - hierher zu mir; es ist keine Schande für
den Krieger, in solchem Fall sich zu retten!«
    Noch ehe sie die Pferde erreichten, gellte bereits der Allahruf der Türken,
den Ausfall verkündend - -
    Die Pferde waren glücklich verschont geblieben - der General stieg mit
Potemkin's Hilfe auf das seine und jagte querfeldein davon, den russischen
Werken vor der Citadelle Abdul-Medjid zu. Er hatte den Hut verloren, sein langes
graues Haar flatterte im Winde.
    Wer eines Rosses habhaft geworben, folgte ihm.
    Ein Hagel von Kugeln peitschte über die offene Fläche - mehrere Reiter
stürzten - das Pferd des Generals ward von einer Passkugel am Hinterteil
getroffen und schleuderte, zusammenbrechend, den alten Offizier weit von sich,
dass er zum zweiten Male niederstürzte. An vier Stellen brachen die
Ausfallscolonnen der Türken aus den drei Forts - die egyptischen Truppen -
Kavallerie - im hellen Sonnenstrahl blitzten die hochgeschwungenen Waffen der
anstürmenden Geschwader. Aber schon war der junge Artillerie-Offizier, dem es
geglückt, in der Verwirrung eines der Pferde zu nehmen, an der Seite des
Generals, sprang aus dem Sattel und half ihm hinein. - »Vorwärts, Väterchen; was
ist an einem Lieutenant gelegen! Erhalte Du Dich dem Kaiser!« Er sprang neben
dem Pferde des Generals her, der auf's Neue den russischen Schanzen zu
galoppirte; da überschlugen sich plötzlich Ross und Reiter - eine Kanonenkugel
hatte des alten Offiziers linkes Bein dicht unter'm Knie zerschmettert - -
    »Kaiser Alexander - Kaiser Alexander -!«
    Wieder stand im Nu der junge Lieutenant neben ihm, den Säbel in der Faust,
bereit, in seiner Verteidigung das Leben zu lassen - kaum tausend Schritt weit
jagte türkische Kavallerie bereits daher - aber sie warf sich zum Glück rechts
hin gegen die Trancheen - Offiziere sammelten sich auf Potemkin's Ruf um den
verwundeten General - von der naheliegenden Schanze eilte ein Kommando herbei -
im Augenblick war er von der Last des schlagenden Pferdes befreit und auf
mehrere Gewehre gelegt, auf denen laufend die Soldaten ihn zurücktrugen aus dem
blutigen Gemetzel, das sich auf allen Punkten der langen Linie entspann.
    Der Erfolg des Ausfalls war ein vollständiger, alle Erwartungen
übertreffender, denn die Russen, in keiner Weise auf den Angriff vorbereitet und
den ihren auf die vorhergehende Sprengung von Breschen basirend, wurden
vollständig überrascht und bis hinter ihre ersten Linien zurückgeworfen. Das
Donauufer entlang der Festung fiel in die Hände der Belagerten und blieb darin.
Auf der Ost- und Südostseite wurde der grösste Teil der Belagerungsarbeiten der
Russen zerstört, mehrere Fahnen und eine Mörser-Batterie blieben in den Händen
der Türken, die dritte Mine, die nach der voreiligen Sprengung der gegen das
Abdul-Medjid-Fort noch übrig blieb, wurde verschüttet - - die Belagerung musste
auf's Neue begonnen werden. Tausend Todte liessen die Russen in den zerstörten
Laufgräben - der Verlust der Türken war nur wenig geringer, denn heldenmütig
hatten in ihren Werken sich die Posten gewehrt, ehe die Hilfe herbeikam.
    Schon beim Beginn des Kampfes hatte Jussuf, der Mohr, sich eilig und still
aus dem Fort entfernt, und während die Schlacht tobte, eilte er mit beschwingtem
Fuss durch die engen Strassen, bis er an der Hofmauer des Hauses anhielt, das, wie
er wusste, der Engländer Maubridge bewohnte. Mit Hilfe der Schlüssel, die er dem
Todfeind abgenommen, der jetzt bereits vor dem ewigen Richter und Rächer stand,
gelangte er leicht in das Innere, wo jetzt nur ein altes, ängstlich dem
Bombardement lauschendes Weib zugegen war, und dieses, durch sein grimmiges
Aussehen und die Todesdrohung erschreckend, führte ihn bald in die einsame und
wohlverwahrte Kammer, wo er den Knaben Mauro eingesperrt fand. Er nahm ihn an
der Hand und führte seine Beute glücklich davon. Durch die zum Ausfall
geöffneten Tore und im Gewirr der ein- und ausdrängenden Truppen gelangten
Beide rasch in's Freie, und während zu ihrer Linken noch donnernd und blutig der
Kampf ras'the, schlugen sie eilig die Strasse nach Schumla ein. - -
    Am 13. war Mehmed-Pascha - der Renegat Czaikowski - mit den bei Erekli
stehenden Truppen vorgerückt und traf am 15. mit dem Chruleff'schen Corps bei
Baldakidi zusammen. Gleichzeitig hatte Said-Pascha die bei Turkossimich auf der
Strasse von Rustschuk stehenden Truppen unter Iskender-Pascha gemäss dem
allgemeinen Operationsplan vorrücken lassen, während er selbst Giurgewo und die
Mokan-Insel angriff. Aber Pawloff's Division, rechtzeitig benachrichtigt, warf
sich den Truppen des ehemaligen Grafen Ilinski in den Weg und verhinderte ihre
Vereinigung mit Silistria und dem türkischen Südcorps. Bis in die Nacht hinein
dauerte die Kanonade.
    General Schilder ward noch im Lager amputirt und dann nach Kalarasch
gebracht. Aber der Brand trat in die Wunde und es musste eine zweite Amputation
am obern Schenkel vorgenommen werden.
    Doch auch diese rettete den greifen Krieger nicht. Seine Stunde war am 13.
gekommen, wie das Traumbild seines verewigten Kaisers ihm verkündet: - er starb
am 23. in den Armen des jungen Artillerie-Offiziers, der ihn vor der türkischen
Gefangenschaft gerettet und den er nicht wieder von seiner Seite liess. Er starb
- indem er noch das Leid hatte, die Aufgabe der Belagerung und den Rückzug der
Russen vom rechten Donauufer zu erfahren.
    Beides erfolgte in den letzten Tagen des Monats, nachdem schon seit dem 15.
jeder active Angriff aufgehört und die Belagerung sich auf eine teilweise
Cernirung durch das Corps des Generals Grotenjhelm auf den von Jassy angelangten
Befehl des Fürsten-Stattalters beschränkt hatte. Fürst Gortschakoff und die
Generäle Lüders und Chruleff trafen schon am 19. wieder in Bukarest ein, alle
Drei leidend und krank. Das Einrücken der Oesterreicher in die
Donau-Fürstentümer wurde bereits ganz offen proclamirt. Im Angesicht der
österreichischen Truppenmärsche, welche den ganzen Raum von der serbischen
Gränze an über Siebenbürgen bis zur Bukowina bedeckten und Flanken und Rücken
der russischen Armee bedrohten; bei der Aufstellung neuer Truppen an der Gränze
bei Krakau und der Bildung eines Reservecorps in Mähren war auch die Stellung in
der Moldau bedroht und es erfolgte der Befehl zum Rückgang über den Prut. Damit
endete der erste Akt des grossen orientalischen Drama's.
    An zehntausend Todte liessen die Russen allein vor Silistria zurück, darunter
sechs Generäle und fünf Obersten.
    Der Donau-Feldzug hatte sie mit der furchtbaren Verheerung der Krankheiten
an achtzigtausend Menschen gekostet.
 
                                    Fussnoten
1 Hauptmann.
2 Es gibt keinen Gott als Allah, und Muhammed ist Allah's Prophet.
3 Die Folterengel, die den Begrabenen befragen.
4 Die Richtung nach Mekka, die stets beim Gebet und in der Sterbestunde jeder
Mahommedaner nimmt.
5 Nach dem Koran der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung.
6 Die Waage, auf der die Taten der Guten und Bösen gewogen werden.
7 Das Paradies.
8 Czaikowski.
9 Sohn eines Lords - Benennung vornehmer Engländer.
10 Schuft von einem Scharfrichter!
11 Abraham's.
12 Hölle.
 
                                 Kaleidoscope.
Bunte Bilder - bunte Gestalten - ein flüchtig' Schattenspiel in Farben - Berg
und Meer - Nord und Süd - Mann und Weib - Blut und Blumen - Liebe und Hass -
    Schütt'le das leichte Glas, Leser, das all' die tausend wirren Gestalten
entält - die Zeit drängt - die Erzählung fliegt, und dennoch hätt' ich Dir noch
so gar Vieles zu sagen, so gar Vieles zu malen.
    Einen Stoss an das Glas - welches Bild wird seine Lichtmosaik zuerst Dir
bringen? - das Auge an die Loupe - hinein den Blick - was ist's, was Du siehst?
wohin hat der Zaubermantel der Phantasmagorie Dich geführt?! - - -
 
                               Auf der Rennbahn.
Der vierte Tag - Dienstag, der 20. Juni - der so rasch im Sporting berühmt
gewordenen Berliner Rennen nahte sich bereits dem Ende. Obschon der Hof bald
nach den Festlichkeiten zur Feier der silbernen Hochzeit des Prinzen und der
Prinzessin von Preussen, an der das ganze Land so patriotischen Teil nahm, sich
nach der Provinz Preussen begeben hatte, war doch noch immer viel hohe und
vornehme Gesellschaft in der preussischen Königsstadt versammelt und namentlich
das diplomatische Corps vollständig geblieben, da jeder Tag jetzt neue wichtige
Botschaften und Verhandlungen brachte.
    Ein leichtes Gewitter war gegen Abend heraufgezogen, der kurze dünne
Regenschauer hatte jedoch nur dazu gedient, den Staub des weiten Sandfeldes, auf
dem die Bahn ausgesteckt ist, zu mildern, ohne die zahlreichen Sportsmans vom
innern Turf zu vertreiben oder die farbenreichen Toiletten der Damen - denn die
Berlinerinnen lieben das Bunte - zu verderben, welche in grosser Zahl und etwas
pikanter Mischung die Tribünen rechts und links von der erhöhten Hofloge
füllten, während das Publikum zu Vier-Groschen, das man bereits zum Volke zählt,
seine Stehplätze auf den Flanken behauptete, unterstützt von den nie fehlenden
fliegenden Marketenderinnen in Kümmel und Schinkenstullen.
    Der Platz im Innern zeigte ein lebhaftes Treiben - sehr viele Offiziere, die
mit grosser Vorliebe an den Aufregungen der Bahn hängen, die Mitglieder des
Rennvereins und des Jockei-Clubs, viele Aristokratie aus den Provinzen, die
Wollmarkt und Rennen hierher geführt, hohe Beamte, Attaché's, pferdeverständige
Banquiers, jene zahlreiche Sorte berliner Flaneurs, teils Juden, teils
Christen, die überall sind, ohne dass man weiss, wer sie sind, überall unverschämt
und absprechend - des Morgens in irgend einem vornehmern Weinlokal, zur
Caffeezeit auf der Kranzler'schen Rampe, Abends im Foyer des Opernhauses oder im
Kroll'schen Garten, aber niemals an einem Mittagstisch. Da waren die vornehmen
Industriellen in Gold, Edelsteinen, Seide und Bronce, die, weil der Hof bei
ihnen kauft, glauben, sie gehörten dazu, die im März 1848 auf's Schleunigste das
Hoflieferanten-Wappen bei Seite brachten, in der Vossischen Zeitung mit einem
anständigen Beitrag für die Hinterbliebenen der Märzhelden zeichneten und jetzt
über den Undank die Nase rümpfen, dass sie noch nicht das Hohenzollern-Kreuz
erhalten haben, einstweilen aber keine Galla-Vorstellung im Opernhause und keine
Gelegenheit versäumen, wo das Entree ihnen erlaubt, sich unter Hof und Adel zu
mischen. Da fehlten auch nicht die markirten Physiognomieen, die ein Conto gegen
150 Prozent offen halten für die Ehrenscheine junger Sprossen aus Preussens alten
Familien, jene Blutegel am grossen Grundbesitz der Aristokratie. Die berliner
Börse endlich in ihren ältern und jüngern Prachtexemplaren, die junge Litteratur
und die Hotelbesitzer, die ihre Fremden zum Rennen fahren, wenn die Frau
Gemahlin nicht etwa die Equipage mit Groom und Bedienten für sich selbst gepresst
hat.
    Kurz Alles Bewegung, Alles Glanz, Alles Sehen und Gesehenwerden.
    Das Hürden-Rennen um den von des Königs Majestät gesetzten Preis war eben im
Gange; die vier Pferde, von den adligen Besitzern oder Offizieren geritten,
hatten das letzte Hindernis dicht zusammen genommen und es entwickelte sich nun
ein interessanter Kampf. Selbst auf den Tribünen hatte sich Alles erhoben und
war in Bewegung, die Linien im Innern des Platzes drängten möglichst weit vor
zum Aerger des Flanken-Publikums, das seine Rechte mit lautem Rufen
verteidigte, und die Aufregung und Teilnahme hatte selbst Männer erfasst, die
sonst herzlich wenig um den Turf sich zu kümmern pflegen.
    »Caurire siegt - Breidbach ist eine Länge voraus! Hundert Friedrichsd'ors
Paré! Haben Sie Lust, Baron?«
    »Angenommen, Hoheit - ich wette auf den Shakespeare. Lüttwitz weiss, wann es
Zeit ist.«
    »Sie kommen - sie kommen! - Trial und der Emperor bleiben zurück!« -
    »Sie werden galant sein und mich zwei Louisd'ors gewinnen lassen,« flüsterte
es aus der ersten Reihe der Tribüne zu dem Herrn mit starker Nase und
Backenbart, Frack von Heimann unter den Linden, der an der Linnenwand der
Tribüne auf die Bank gestiegen, mit allerlei schwedisch-gymnastischen
Körperverdrehungen dem Lauf der anstürmenden Pferde folgte, gleich wie die
Kegelschieber die edle Gewohnheit haben; - »ich wette auf die Blaukappe - die
Equipage an den Renntagen ist so teuer!«
    »Avec plaisir, reizende Amanda! Was werd' ich nicht tun! - Wollen Sie zwei
Friedrichsd'ors auf den Shakespeare halten, Herr von Walter?« - Der galante
Verlust der Wette war so gesichert.
    »In des Teufels Namen, stehen Sie doch ruhig, Herr Wolf. Sie werfen noch die
Bank um. Ich wette nie!«
    Ein lauter Jubel begrüsste die jetzt am Pfosten vorüber stürmenden Pferde -
»Shakespeare« voran, »Caurire« als Zweiter.
    »Das macht mit den gestrigen Wetten vierhundertundzwanzig Friedrichsd'ors,
Hoheit!«
    »Ich weiss, ich weiss! - wir haben morgen noch das Jagdrennen, - der Brin
d'Amour siegt gewiss!«
    »Heute Abend, holder Engel, bringe ich's!« flüstert Herr Wolf und springt
von der Bank, sich unter das Gedränge mischend, das wieder den Platz füllt und
die dampfend zur Waage zurückkehrenden Pferde umgibt. »Wissen Sie, lieber
Freund, wie viel ich eben hab' verloren auf die Caurire? - Zwanzig baare
Louisd'ors! Aber 's schadet nischt - 's ist an eene vornehme Dame!«
    Alles drängt durcheinander, die Freunde den Sieger begrüssend, Andere mit den
Besiegten jeden Satz der Pferde discutirend.
    »Sind Sie heute Abend zu Hause, Herr Meyer?«
    »Zu untertänigstem Befehl. Wie viel? - Es ist schwer, Geld aufzutreiben -
die Cöln-Mindener und Ludwigshafen-Bexbacher nehmen Alles in Anspruch - 115
Procent heute!«
    Ein verächtliches Achselzucken. - »Das ist Ihre Sache - ich kann mich hier
nicht mit Ihnen aufhalten; um neun Uhr schicke ich.« -
    Die jugendliche Bettelgeneration mit Blumensträusschen macht ihren letzten
Angriff - einzelne Equipagen nehmen bereits ihre Besitzer auf - die Prinzen
haben die Königliche Loge verlassen und bewegen sich freundlich plaudernd über
das eben beendete Rennen unter der Menge - die neuen Nummern werden aufgezogen
und sechs Jockei's machen sich fertig zum nächsten Handicap.
    Zwei Herren gehen aus und ab in der Bahn, an den Tribünen entlang - beide
offenbar keine Sportsmans, doch den gebildeten Klassen angehörend; der Eine in
Reiserock und Mütze.
    »Ich wusste Sie wirklich all keinen Ort zu führen, lieber Doctor,« sagte der
Andere, »der Ihnen, da Sie zum ersten Male in Berlin sind, rascher und
prägnanter ein Bild unseres Lebens und der Klassen, Sünden und Annehmlichkeiten
der Berliner Gesellschaft gegeben hätte. Sie finden in der Tat hier Alles, was
auf diesen Namen Anspruch macht, und ein buntes pêle-mêle ist es in der Tat.«
    »Bitte, bezeichnen Sie mir einige pikante oder hervorragende
Persönlichkeiten.«
    »Da sehen Sie unsern preussischen Premier; Sie kennen ihn bereits. Er
unterhält sich eben mit dem Chef unserer Polizei.«
    »Herr von Hinckeldei hat in der Tat sich bereits einen europäischen Ruf
erworben.«
    »Ich fürchte, er wird an diesem und seiner Energie scheitern. Bei der Macht
ist es schwer, die richtige Gränze zu treffen.«
    »Die öffentliche Stimme nennt Ihre Finanzen, Ihr Postwesen und Ihre Polizei
vortrefflich.«
    »Ich erkenne an, dass ohne einige kleine Sünden gegen die Paragraphen über
die persönliche Freiheit nicht Ordnung zu halten ist. Dennoch lieben wir auch
hier manche Neuerungen aus dem Jahre 1848 nicht.«
    »Sie haben wenigstens in Preussen den Vorzug, dass zu Ihren Sicherheitsbeamten
stets nur Personen von unbescholtenem Ruf und bewährter Treue, keine Vidocq's
gewählt werden.«
    Der Preusse zeigte nach einem Herrn, der im seinen Reitfrack vorüberging, den
weissen Bibi auf dem etwas kahlen Kopfe und einen grossen Brillant im Chemisett. -
»Wissen Sie, dass der Mann dort, der rechts und links grüsst, zehn Jahre in
Spandan gesessen hat und einen der berüchtigsten Gaunernamen der Residenz
trägt?«
    »Und er kommt hierher?«
    »Warum nicht! Sie werden noch ganz andere Dinge auf unserer Runde erfahren.
Der Mann ist reich und man antichambrirt bei ihm unter den Linden. - Sehen Sie
den kleinen Herrn dort - er trägt einen vornehmen Namen, ist ein rastloser
tätiger Geist und hat Vieles geleistet auf dem Felde der politischen Intrigue
in den bösen Jahren. Er hat manchen künftigen General-Consul gemacht. Man hätte
ihn zum Diplomaten creiren sollen, wenn er nur nicht eben so gut im Hause der
Wucherer, als im Hotel der Minister bekannt wäre.«
    »Der Herr, um den er eben einen Umweg macht?«
    »Ein ehemaliger Schulkamerad von mir; vor ihm und seinem Bruder liegt viel
Zukunft, obschon ihn die Gegenwart in eine schiefe Stellung gebracht hat. Die
Majestät soll 1849 von ihm gesagt haben: Der ..... will wohl gar Minister
werden? - Und dennoch, Freund, wird er's einst sein und ich wünsche es ihm, denn
er ist vielleicht am meisten von der conservativen Partei mit Undank behandelt
worden. Ich weiss, welche zähe Tätigkeit er im Jahre 1848 entwickelt hat! Es
sind Viele in den Reihen unserer Kammeropposition, die damals Männer voll Treue
und Aufopferung waren.«
    »Man sagt im Auslande, das Princip der preussischen Regierung nach dem Jahre
48 sei mehr darauf gerichtet gewesen, die Nichtbewährten an sich zu ziehen, als
das Verdienst der Bewährten anzuerkennen?«
    Das Gesicht des Andern wurde ernst. - »Das Gleichniss vom verloren gegangenen
Lamm,« sagte er mit einem gewissen Hohn, »ist christlich, aber nicht politisch.
Die Treue ist kein Verdienst, aber die Untreue ist eine Schmach; das ist ein
ewig geltender politischer Satz, und für das Rechtsgefühl treuer und ehrlicher
Herzen ist es eine tiefe Verletzung, Leute sich jetzt brüsten und blähen und
überall mit ihrem Patriotismus für König und Tron sich in die vordersten Reihen
drängen zu sehen, die, als die Wogen hoch gingen, nicht bloss feig den Posten
verlassen, sondern die zu den offenen Gegnern und Schmähern des Trones
gehörten.«
    »Sie haben zwei Stände in Ihrem Lande, deren Gesinnung sich unverbrüchlich
bewährt hat: den Adel und das Heer.«
    »Sie sprechen da eine schwere Beschuldigung aus, die ich auf meinem
Vaterlande nicht haften lassen kann. Das ganze Land ist treu dem Trone und
ehrlich conservativ - der Graf wie der Bauer, der Soldat wie der Bürger. Was
schlecht und faul war und ist, das sind zwei Dinge: der Schachergeist des
christlichen und orientalischen Judentums und der rabulistische Advokatengeist
von Westen. Beide sind Früchte der gepriesenen Neuzeit.«
    »Ihr Adel -«
    »Unser Adel - sehen Sie hin da auf jene zahlreiche Gesellschaft, markige
frische Gestalten und Gesichter - ich liebe die geborene Noblesse des Körpers!
Unser Adel hat sich brav bewährt und ich gönne ihm selbst seine stark wieder
hervortretende Exclusivität. Aber der Schachergeist nagt leider auch an ihm,
schmuziger Rost an gutem Stahl, die Spiritusspeculation und der Handel ruinirt
mir den noblen Eindruck. Der berliner Wechselwucher hat schon manchen berühmten
Namen fallen machen.«
    »Es sind dies leider Corruptionen, die Sie überall finden - die Sucht, reich
zu werden, die Börse, die sogenannte Geldaristokratie, sind Uebel, die nicht
allein demoralisiren, die auch materiell untergraben.«
    »So möge man den kaufmännischen Geist, den sogenannten Segen des Handels,
nicht allzusehr poussiren. Ich bin kein Feind des Judentums als solches,
Freund, aber ich hasse das Judentum als sociale Macht aus tiefster Seele, und
unser ganzes Ringen, unser ganzer Kampf ist hauptsächlich mit ihm. Wollen Sie
materielle Beweise? - Berlin bietet sie in reichem Maasse. Seit 1848 sind erst
sechs Jahre verflossen. Gehen Sie durch den Tiergarten - mehr als die zweite
prächtige Villa ist jüdischer Besitz. Sehen Sie unsere Etablissements, unsere
Banquiergeschäfte, den Getreidehandel, die glänzenden Waarenbazars, die
Schneider- und Tischlermagazine, - Handel und Wandel - Besitz und Arbeitgebung
an - zwei Dritteile befinden sich in den Händen der Juden. Der Handwerkerstand
ist durch die Speculation der Geldmacht förmlich ruinirt. Das Judentum herrscht
in der Kunst - unsere ersten Schauspieler sind fast sämtlich Juden! - wie in der
Litteratur und Wissenschaft. Ich wiederhole es Ihnen, ich bin kein Feind der
Juden als Juden, und habe liebe, geschätzte Freunde unter ihnen, - aber ich
hasse das speculative zersetzende Judentum, das Alles unter die Herrschaft der
Zahlen bringt.«
    Der fremde Arzt lächelte. - »Sie werden eifrig in Ihrem Tema. Das sind
Fragen, über die Staatsmänner und Zeitungen verhandeln mögen.«
    »Entschuldigung für die Abschweifung, und dennoch wird sie Ihnen auch
einigermassen hiesige Verhältnisse characterisiren, die Factoren des jetzigen
berliner Lebens: den Hof, den Adel und das Militair, - das Geheimeratstum, -
die jüdische Geldherrschaft und zuletzt - das bürgerliche Philistertum.«
    »Sie vergessen Ihre Presse, zu der Sie ja selbst gehören und die immer eine
Macht ist.«
    Der Berliner lächelte. - »In Berlin nicht. Es gibt in der ganzen Residenz
zwei Blätter von journalistischer Würde und Gesinnung: die Kreuzzeitung und die
Nationalzeitung. Die Presse? Wissen Sie, aus was unsere Presse besteht? Aus
einem kleinen Häufchen anständiger und gesinnungsvoller Männer, aus einigen
wenigen Talenten, aus einem Schwarm politischer Apostaten und aus einer
ziemlichen Anzahl unfähiger Judenjungen, die in andern Geschäften nicht vorwärts
kamen. Bewährte Republikaner redigiren conservative Organe, von Eitelkeit
geplagte Krämer fabriciren Leitartikel, Frauen und Narren machen die Kritik,
ehemalige Bänkelsänger und durchgefallene Referendarien die Politik und
naseweise Jungen die Correspondenzen. Es gibt verteufelt Wenige, zu denen man
mit Anstand sagen kann: Herr College! und die Collegenschaft der Anständigen ist
so jämmerlich, dass sie noch niemals den geringsten Gemeingeist gezeigt hat,
selbst gegenüber der polizeilichen Zuchtrute des Herrn von Hinckeldei.«
    Sie waren Beide stehen geblieben im Gespräch und schauten dem Abritt der
Jockei's zum neuen Rennen zu, als zwischen ihre Köpfe sich der eines
hochbeinigen, störrigen Gaules streckte. Vergebens zerrte der jugendliche
Sonntagsreiter, in einen jener duftigen Gummiröcke gehüllt, die das Grauen der
Damennerven sind, an den Zügeln, um der Rosinante eine andere Richtung zu geben,
der Gaul wollte nicht, und eine Gruppe lachender, junger Offiziere und
Sportsmans bildete sich um den Unglücklichen.
    »Verehrungswürdiger James,« sagte der Journalist spöttisch, »verschiedene
Tiere aus dem alten Testament waren auch höchst störrischer Natur, also ärgern
Sie sich im neuen nicht; für den Aufkauf der Billets zum Auspfeifen meines
letzten Stückes will ich Ihnen den Gefallen tun, Ihren altertümlichen Fuchs
gleich einem Hirsch in's Feld galoppiren zu machen.«
    Er gab lachend dem Gaul einen Hieb mit dem Spazierstöckchen, und der
unglückliche junge Orientale galoppirte wirklich zum Gelächter der Tribünen -
deren ständische Flanken ihn mit dem Rufe: »Pietsch kommt!« begrüssten - über die
Bahn. -
    »Ein Sprössling jener Aristokratie, die Sie vorhin so sehr anfeindeten?«
fragte lachend der Arzt.
    »Ein Candidat des künftigen berliner Löwentums. Der Vater ein verständiger
Geschäftsmann, der junge Narr ein Affe, der noch nicht begreift, dass
Lächerrlichmachen das grösste Uebel. Er hatte ein pikantes Vorbild an seinem
Oheim, der viel Geld an die Schreier von Achtundvierzig verlieh und natürlich
Nichts wiederbekam. Ich sah ihn an einem Ballabend im Gesellschaftshause das
Champagnerglas zwei Mal mit blanken Dukaten füllen und es einer Phryne für seine
Wahl bieten, das Mädchen, schlug sie lachend aus und wählte ihren Louis - Sie
kennen doch die Benennung von Herrn Arago her, gesandtschaftlichen Andenkens!«
    »Wer ist der Herr dort, der mit der Gruppe von Offizieren spricht und Sie
vorhin grüsste?«
    »Ah - das Embonpoint Ueberall und Nirgends? Seine Familie ist vor Kurzem
geadelt worden und zeugte Künstler, Banquiers, Diplomaten und Bummler. Der Herr
da ist der stereotype Flaneur aller öffentlichen Orte, eine gutmütige Haut und
seit seiner verunglückten teatralischen Carriere in Dessau von der Familie als
amüsanter Müssiggänger unterhalten. Da drüben sitzt seine Schwester ohne von, und
das ist ein trüber Kummer, der sich vielleicht durch eine vornehme Heirat
redressiren lässt. Papa gab zur Feier seiner Adelung einen prächtigen Ball, zu
dem nur pure Aristokratie geladen war. Das Fräulein vom Hause tanzte mit einem
unbekannten, durch seine noblen Manieren ausgezeichneten Cavalier und amüsirte
sich an seinen pikanten Bemerkungen über die Toilette der Gäste. Vraiment,
Monsieur le Baron, Sie machen höchst scharfsinnige Bemerkungen über die
Garderobe der Herren! - Meine Gnädige, warum sollte ich auch das nicht
verstehen? ich arbeite doch schon drei Jahre bei Heimann unter den Linden! - Sie
können den Eclat denken!«
    Beide lachten. Der Journalist erwiederte mit kaltem Nicken den Gruss eines
Vorübergehenden. »Der Mann rühmte sich, am 18. März den Lieutenant von Zastrow
vom Pferde geschossen zu haben. Doch seine Küche ist gut.«
    Ein grosser Herr mit kahler Stirn grüsste im Vorbeigehen.
    »Sie haben meinen Artikel noch immer nicht gebracht, Doctor?«
    »Es ist unmöglich, auch nur zwei Worte zu lesen. Ich besitze keine
Dechiffrir-Anstalt. - Ein schmuziger Geizhals,« sagte er im Weitergehen,
»obschon einer der ersten Spiritusbrenner und einst der Vorstand einer ganzen
Provinz. Jetzt hat er das Verdienst, jedes Mal mit seinen Reden die Bänke der
Kammer zu leeren. - Doch sehen Sie da die beiden Herren - sie sind in der Tat
aus dem Herrenhause und Beide Träger erster Namen Preussens, der Eine der
Nachkomme eines berühmten Generals, der Andere der Sohn eines energischen
Ministers. In diesen beiden Gestalten liegt wahre Aristokratie und Noblesse.«
    »Die dunklen runden Augen des Zweiten haben einen ergreifend melancholischen
Ausdruck.«
    »Sie meinen den, der eben mit dem Polizeipräsidenten eine Verbeugung
wechselt - vom Scheitel bis zur Sohle ein Edelmann. Der Offizier, mit dem er
spricht, machte in Paris Aussehen durch seine Reiterkünste. Es fliesst hohes Blut
in seinen Adern und er ist einer unserer bekanntesten Cavaliere. Die
Künstlerinnen wissen davon zu erzählen. Ah! - da - sehen Sie die stolze Figur
dort, die Donna Diana unserer Bühne? Ihr Bett soll einen förmlichen Pavillon
abgeben, grösser als das der Königin von England, das ein besonderer Courier im
Schloss von Brühl einrichtete.«
    »Sie haben eine böse Zunge.«
    »Man lernt dergleichen in Berlin; es gilt, sich zu wehren. Der Angreifer hat
den Sieg. Die Glocke hat uns von der Bahn gejagt, lassen Sie uns im Vorübergehen
die Schönheiten der Tribünen mustern.«
    »Die Damen da dicht an der Königlichen Loge?«
    »Es sind die einzigen Plätze, die sich die hohe Aristokratie und die
Repräsentation der Westmächte zu bewahren vermocht hat. Und dennoch werden auch
diese bereits blokirt. Sehen Sie die vierschrötige Gastwirtin dort, die sich
gar zu gern in die zweite Reihe drängen möchte? Sie wusch einst für einen
gutmütigen Rentier, und seit ihr würdiger Gemahl in patriotischen Concerten
machte, fiel sie während der Bade-Saison auf allen Wegen den höchsten Damen
durch ihr Knixen zur Last, bis Beide endlich, um sie los zu werden, ihren Zweck
erreicht haben.«
    »Und Jene dort mit dem blassen orientalischen Gesicht?«
    »Wahrhaftig, diesmal nur in der zweiten Reihe? - die Mama mit der ganzen
Familie von sieben hoffnungsvollen Sprösslingen ist zu spät gekommen. Die junge
Dame trägt nur Unterröcke von Valencienner Kanten, hat damit einem reichen
jungen Handlungsherrn durch ihren Papa bloss 60,000 Tlr. als Abstandsgeld einer
Heirat abgegaunert, tanzt ziemlich schlecht und lässt mit dem Gelde
Wuchergeschäfte machen. Die Familie ist ganz vorzüglich auf ähnliche
Speculationen dressirt und ausgezeichnet geachtet.«
    »Ich muss Ihnen gestehen, ich begreife die Möglichkeit einer so gemischten
Gesellschaft nicht.«
    »Ich auch nicht, mein Lieber, aber wie gesagt, das Geld gewinnt bei uns alle
Tage mehr Boden. Reines Blut ist wahrhaftig bald nur noch in den Vierfüsslern von
Race zu finden. Sehen Sie - da kommt die Carriere an, Graf Reichenbach's Despair
voran.«
    Die Aufregung im Turf war gross, denn der Sieg blieb lange unentschieden.
Despair, Brandenburg und des Fürsten Sulkowski Renner »Exhibition« rangen wacker
Kopf an Kopf.
    »Zum Henker! der Pole hat wahrhaftig gesiegt!«
    Das Gedräng' hatte sie hinter zwei Personen gebracht, deren Äußeres einen
scharfen Contrast bot. Die Eine breit und aufgeschwemmt mit einem
nichtssagenden, gedunsenen, fast bleifarbenen Gesicht, aus dem allein die runden
Augen Schlauheit und Bosheit leuchteten, zeigte in allen Bewegungen grosses
Phlegma und Sicherheit; die Andere von ziemlicher Grösse, schlanker Statur und
einem gewissen aristokratischen Aussehen wies jene unruhige Bewegung und
Rastlosigkeit, die auf den Sanguiniker oder ein schlechtes Gewissen schliessen
lässt.
    Die Hinterstehenden hörten unwillkürlich einige Worte des Gesprächs.
    »Was sagte Ihnen der Franzose?« fragte der Dicke.
    »Nichts als das Loosungswort und die Bestellung auf heute Abend 11 Uhr in
den Tiergarten.«
    »Dann können wir das gelbe Tuch einstecken, es hat seine Dienste getan.
Wird Ihr Mann auch sicher kommen?«
    »Um 10 Uhr mit der Bahn von Potsdam. Sie wissen, der Eine wenigstens
begleitete den König und -«
    Die beiden Männer wandten sich im Fortgehen und das Auge des Dicken
begegnete dabei dem finstern und festen Blick des Journalisten. Er zuckte
sichtlich zusammen und sein fahles Gesicht wurde fast noch aschbleicher, während
er seinen Gefährten fortzog.
    »Ein fatales Gesicht!«
    »Und ein Schurke im Innern durch und durch. Ich war einst töricht und
unvorsichtig genug, ihn zu benutzen und durch seine Eigenschaften als
vortrefflicher Gesellschafter bestochen, viel mit ihm umzugehen. Er lohnte mir
zahllose persönliche Wohltaten mit einer öffentlichen Verleumdung.«
    »Und was taten Sie?«
    »Was konnte ich tun? Ich ohrfeigte ihn, als ich ihm das erste Mal wieder
begegnete, auf offener Strasse, und damit war die Sache abgetan. Er ist jedoch
einer der gefährlichsten Menschen Berlins und ich möchte wohl wissen, zu welcher
Nichtswürdigkeit er seinen Begleiter dort verlocken will - denn er selbst als
Winkeladvokat ist schlau genug, sich stets zu sichern. Am 19. März sass er bei
der Fahrt der Polen neben dem Fanfaron Mieroslawski.«
    »Wer ist der Andere?«
    »Ich glaube, ein ehemaliger Polizei-Officiant, ein Herr von Hassenpflug oder
dergleichen, ich kenne ihn nur vom Sehen.«
    »Man bricht auf; ich dächte, auch wir suchten unsern Wagen.«
    Die Hof-Equipagen mit jenen prachtvollen Gespannen preussischer Zucht, die
selbst in England Staunen erregt haben, waren bereits abgefahren, Reiter und
Wagen füllten den Weg, betresste Lakaien suchten ihre Herrschaften, Herren und
Damen ihre Equipagen, berittene Constabler die Ordnung aufrecht zu erhalten. Das
Gedränge und die Verwirrung waren trotzdem ziemlich gross.
    »Sehen Sie, Doctor, da fährt eben der russische Gesandte ab, dem Sie morgen
vor der Abreise nach Warschau Ihre Aufwartung machen wollen, der hagere blasse
Herr.«
    »Sein Einfluss und seine Tätigkeit hier scheinen bedeutend zu sein?«
    Der Journalist lächelte.
    »Sie haben keinen Begriff von der Apatie der Russen - sie waren der
Ansicht, sie hätten Deutschland im Sack und das ist ihr Unglück. Glauben Sie
wohl, dass mir neulich noch ein angehender russischer Diplomat, als ich mit ihm
über die Stimmung der deutschen Presse sprach, im vollen Ernst sagte: Wir werden
ihnen mit unsern Kanonen antworten!«
    »Ich glaube selbst, dass ich manche Erfahrungen in Russland machen werde.«
    »Ich erinnere mich beiläufig einer guten Anekdote, die mir dieser Tage
erzählt wurde. Bei der vorletzten Anwesenheit des Kaisers Nicolaus wollte dieser
einem von ihm sehr geschätzten und stets sehr freundlich behandelten hiesigen
Künstler ein Zeichen seines Wohlwollens zurücklassen und es sollte in Form einer
wertvollen goldenen Uhr geschehen. Einige Tage darauf kommt der Hofmaler zu
einer hohen Person und diese sagt ihm: Ich gratulire, mein lieber X., zu der
schönen Uhr, die Sie vom Kaiser erhalten haben. - Der Künstler zieht dieselbe
lächelnd hervor und frägt: Wollen Eure Hoheit sie sehen? - Die hohe Person nimmt
das mohnblattartige Fabrikat in die Hand, besieht es staunend und sagt
entrüstet: Das ist wohl kaum möglich, da muss ein Irrtum stattgefunden haben.
Ich bitte, lassen Sie mir die Uhr, der Kaiser kommt morgen zurück und ich möchte
sie ihm zeigen. - Das geschieht, und der Kaiser, als er die Uhr sah, antwortete
lachend: Voilà que je connais mon Prince de ...... off!«
    »Sie müssen in Ihrem bewegten Leben einen Schatz von Anekdoten gesammelt
haben.«
    »O ja - so ziemlich. Meine Memoiren sind so reich, wie die meines kleinen
pikanten Freundes, den wir heute Morgen trafen. Doch - was geht da vor? - welche
Unverschämteit!«
    Es hatte sich dicht neben ihnen eines jener kleinen Dramen entsponnen, wie
sie oft so hohnneckend einschneiden in glänzende Scenen und glänzendes Leben.
    Eine noch junge, elegant gekleidete Frau, sichtlich den höchsten Ständen der
Gesellschaft angehörend, war mit ihrem Gatten die Stufen der Tribüne
heruntergestiegen und dieser hatte sie einen Augenblick allein gelassen und sich
entfernt, um seine Equipage zu suchen.
    Die Dame war gross und schlank, aber von blassem, leidendem Aussehen. Wer ihr
damals unter das verhüllende Capuchon und den Schleier geschaut hätte, wie jenes
dicke, vom Branntwein und der Völlerei gerötete Weibsstück es einst getan, das
jetzt bei dem fliegenden, von einem Hunde gezogenen Marketenderkarren stand und
kein Auge von der blassen Dame schlug, der hätte leicht darin die Gräfin Marie
wiedererkannt, die wir im ersten Bande unseres Buches mit dem heimlich Geliebten
zu der Wiege ihres armen verstossenen Kindes begleiteten.
    Eines Jahres Gram und Schmerzen vermögen im glänzenden Sommer des Lebens die
Züge noch nicht so zu verändern, dass sie nicht wiederzuerkennen wären - das ist
den Herbststürmen aufbehalten!
    Plötzlich liess das Weib die Karre stehen und sprang auf die Dame zu, mit der
schmuzigen schwieligen Hand die seidene Robe derselben erfassend und
festaltend, gleich als solle die Beute ihr unter keiner Bedingung entwischen.
    »Donnerwetter! - der Teufel soll mich holen, oder dat is ja des gnädige!
Madamken von de Jöhre, des Marieken, das ick jepeppelt habe. Se werden mir doch
noch kennen, de Müllendorfern aus de Luisenstrasse?«
    Die Blässe der Dame ging in's Leichenhafte über, als ihr Blick auf das Weib
fiel, und ein Schauder überlief ihre Glieder bei der Berührung. Dennoch hatte
sie Mut und Fassung genug zu dem leisen Versuch, ihr Kleid loszumachen: »Ich
kenne Sie nicht, Frau.«
    Das Weib, dem man ansah, dass sie während des Nachmittags ihrem eigenen
Verkaufsartikel reichlich zugesprochen hatte, bekam jetzt ein ganz rotes
Gesicht, stemmte den Arm in die Seite und schrie, ohne die Dame loszulassen:
    »Wat - Sie kennen mir nich, mir, de Müllendorfern, die Ihren Bankert sieben
Monate lang jepeppelt? Na, det sollt' mir fehlen! Meenen Sie, ick hätte keene
Augen nich? Eenen eenzigen Blick - und ob Sie zehn Schleiers hätten, ick kenne
meine Leute wieder.«
    Die Geängstigte stammelte:
    »Was wollen Sie von mir? - gehen Sie!«
    »Aha!« schluchzte das Weib, die in ihrem Rausch jetzt anfing, die Gekränkte
zu spielen; »sehen Sie, nu kommt man die Erinnerung. Der arme Wurm, ick hatte
ihn so lieb und hätt' ihn niemals nich von mir jejeben, wenn mir nich der Neid
anjeschwärzt bei die Polizei von wejen die Jöhre mit die Masern, Sie wissen's
schon, da im Korbe, und der Kummissarius mich die Kinder verboten hätte. Aber
ich habe noch eene Rechnung für Extra-Milch und Medicin - die Zeiten sind
schlecht - Drei Taler und zehn - nee, zwanzig Iroschens - Ihr Amant war mir
wegjeblieben und ick halte mir an Sie!«
    Die Dame war mehr todt wie lebendig, fliegende Röte und Blässe wechselte
mit Gedankenschnelle auf ihrem schönen Gesicht, während ihr Auge ängstlich in
der Ferne suchte.
    »Um Gotteswillen, Frau - ich habe kein Geld bei mir - Sie sollen mehr als
das haben, nur machen Sie jetzt kein Aufsehen.«
    »Nee, ick kenne die Vornehmen - daruf lässt sich die Müllendorfern nich
fangen.«
    »Heute Abend - 10 Uhr, am potsdamer Tor links - ich komme bestimmt.«
    In dem Augenblick drängte sich der Journalist durch einige Neugierige, die
sich bereits um die Scene sammelten, deren Schauplatz zum Glück etwas abseits
und durch einen Vorsprung vom Menschenstrom gesondert war.
    »Gnädige Gräfin, ich bitte, meinen Schutz zu genehmigen.«
    »Befreien Sie mich von dieser Frau, mein Herr - um Gotteswillen - beruhigen,
befriedigen Sie sie, oder ich bin verloren! Mein Gemahl kommt ...«
    Der Journalist winkte dem Freunde.
    »Geben Sie schnell dieser Frau das Geld, was sie verlangt, lieber Koch.«
    Er bot der Dame den Arm und führte sie dem herbeikommenden Grafen entgegen.
    Dieser war eine grosse, hagere Gestalt, schon über die Mitte des Lebens
hinaus - ein kaltes graues Auge - ein hochmütiges, etwas abgespanntes Gesicht.
    »Was hatten Sie da, meine Liebe? ich sah Sie von Leuten umringt und beeilte
mich - dieser Herr ...«
    »Dieser Herr,« sagte die Gräfin mit gewaltsamer Fassung, »hat mich aus einer
grossen Verlegenheit befreit, in die Sie mich durch Ihr Alleinlassen gebracht.
Eine unverschämte Bettlerin belästigte und insultirte mich.«
    Der Graf verbeugte sich mit süsslich kaltem Lächeln gegen den
Zurückgetretenen und griff nach seiner Börse.
    »Ich bin Ihnen sehr verbunden - Sie haben für meine Gemahlin eine Auslage
gemacht - darf ich bitten -«
    Die Gräfin legte errötend rasch die Hand auf den Arm ihres Gemahls und der
Schriftsteller, dem bereits eine spitzige Antwort auf der Zunge sass, hörte, wie
sie ihm das Wort: »die Karte!« zuflüsterte.
    »- um Ihren Namen?« beendete der vornehme Herr seine Rede.
    Jener nahm schweigend die Karte aus dem Portefeuille und übergab sie mit
einer kalten Verbeugung. Der Graf hielt die Lorgnette an's Auge und las den
Namen.
    »Ah! Herr Walter, es freut mich, bei der Gelegenheit Sie kennen zu lernen,
habe von dem Namen viel gehört; gehören ja gewissermassen zu uns. Ich hoffe, Sie
bei mir zu sehen. Leben Sie wohl indes, mein Lieber.«
    Die Gräfin sass bereits in der glänzenden Equipage - ein flehender dankender
Blick der schönen Frau traf ihn, während ihr Gemahl einstieg, und deutete dann
rasch nach der Gegend, wo sie jenes drohende Weib verlassen hatte. Der
Journalist verstand, seine Augen senkten sich zusagend, eine wiederholte
Verbeugung und dahin rollte der Wagen.
    Als er zurückkam zu der Gruppe um den Marketenderkarren, sah er voll Verdruss
und Besorgnis, dass der Winkelconsulent mit dem bleigrauen Gesicht sich
herangemacht hatte und mit dem Weibsbild eine Unterhaltung pflog. Sein
Hinzutreten scheuchte Jenen zwar hinweg, aber er bemerkte wohl, wie er fortfuhr,
sie aus der Ferne zu beobachten, und von dem Freunde erfuhr er, dass der
Bleifarbene, während jener dem Weibe fünf Taler gab, auf die sie ihre offenbar
aus der Luft gegriffenen Ansprüche steigerte, unter dem Vorwande, einen Kümmel
zu trinken, hinzugetreten war und allerlei neugierige Fragen über ihr Gespräch
mit der Dame an sie gerichtet hatte.
    »Seine Schurkenseele,« sagte verstimmt der Journalist, »wittert ein
Geheimnis, durch dessen Kenntnis er eine Familie bedrohen und im Trüben fischen
zu können hofft. Es muss hintertrieben werden.«
    »Ich stelle mich gern zu Ihrer Disposition. Die arme Frau tat mir in der
Seele leid.«
    »Gut, so nehme ich Ihre Güte für einen Weg zu Fuss in Anspruch, statt dass wir
fahren. Ich kenne zufällig Einiges aus dem Leben jener vornehmen Dame, und dies
gibt mir ein trauriges Licht zu der erlebten Scene.«
    »Darf ich das Einige wissen?«
    »Warum nicht? Sie sind ja fremd hier und vergraben morgen schon die kurze
Mitteilung in die weiten Steppen Russlands. Die Dame ist die Tochter einer
unserer ältesten Familien, ihr Vater war ein vielgenannter Staatsmann, aber die
Lenkung der öffentlichen Angelegenheiten liess ihm wenig Zeit, sich um das
Vertrauen seines einzigen Kindes zu kümmern. Stolz und Koketterie liessen ihn und
die Tochter in der Jugend manche Partie ausschlagen, vielleicht suchte sie auch
Besseres, als eine Convenienz-Heirat. Die Jahre vergingen - sie kam darüber in
jene, deren Zahl unverheiratete Damen ein Decennium lang nicht überschreiten -
sie kam an die Dreissig. Zu dieser Zeit scheint das Herz seine Rechte gefordert
zu haben und man flüstert von einer geheimen Liebe mit einem Abenteurer - einem
fremden Offizier - der sich einige Zeit hier aufhielt und auf irgend eine Weise
Carriere zu machen suchte, nachdem er vergeblich den Liberalismus und die
Revolution zur Leitersprosse benutzt hatte. Seiner ehrgeizigen Speculation
scheint jetzt eine Chance sich zu bieten - man nennt seinen Namen als Zugabe zum
orientalischen Feldzug. Ich kenne das Nähere jener tendre liaison nicht und weiss
nicht, wie sie zum Abbruch gekommen, sondern nur, dass die Gräfin im letzten
Winter von ihrem Vater genötigt wurde, ihren jetzigen Gatten, den Typus
steifer, hohler Form und geistlosen Hochmuts und ihr an Jahren weit überlegen,
zu heiraten. Einen Monat darauf starb ihr Vater, das neue Ehepaar aber ist erst
vor zwei oder drei Wochen von seiner Reise zurückgekehrt.«
    »Aber das Verhältnis zu jenem Weibe, das doch den untersten Volksklassen
angehört?«
    »Das, lieber Freund, kann ich vielleicht fürchten, mag ich aber nicht
wissen, ehe mir die Kenntnis nicht von anderer Seite aufgedrängt wird. Glauben
Sie mir, man lernt in Berlin manche trübe Blicke in das Leben der Familien tun,
die allen Schimmer und allen Glanz zum Moder machen und zeigen, wie selten das
Hemd des Glücklichen zu finden ist. Es ist so viel Schein, so viel Trug und
Elend in der grossen Stadt, die dort vor uns sich hinstreckt, dass dem scharfen
Beobachter bange wird um's Herz, wenn er ein solches hat. Wahre Humanität
fehlt.«
    »Ich habe stets gehört, dass Berlin eine so grosse Anzahl wohltätiger
Anstalten und Stiftungen besitzt, wie keine andere protestanische Stadt.«
    »Sie haben Recht; die Könige und Königinnen Preussens haben mit offener Hand
und weiser Umsicht wahrhaft Erhabenes für die Leiden und unermesslich mehr
geschaffen, als diese Stadt ihnen je gedankt hat, weil sie sich einbildet, vor
dem ganzen Lande ein Recht darauf zu haben. Da drüben das Gehölz verhindert uns,
eine der erhabensten Stiftungen frommen Wohltuns zu sehen: Betanien. Auch die
Privatwohltätigkeit tut unendlich viel und gibt bei allen Gelegenheiten gern
und viel. Ich erinnere Sie an den Brand von Hamburg. In neuerer Zeit jedoch
fängt an, die Eitelkeit des Gebens überhand zu nehmen. Man beginnt mit zwei
gefährlichen Dingen ein böses Spiel, das leicht das wahre Gefühl abstumpfen
kann, man macht in Wohltätigkeit und in Patriotismus, eine Art Annoncen- und
Prahlerei-Geschäft gleich den sich überbietenden Kleiderhändler-Affichen. Es ist
wahr, der Berliner hat gern zu Allem sein Stück Vergnügen, und wenn er liest:
Der grosse Künstler X.X. wird sich zum Besten der und der Ueberschwemmten beide
Beine abschneiden lassen und dann auf dem Kopf eine Polka tanzen, so steuern
Tausende und aber Tausende zu dem guten Zweck höchst neugierig bei. Indes es ist
ie Pflicht der Volkserziehung hier, das Ne quid nimis zu halten und namentlich
die häufig im Hintergrunde lauernden eigennützigen oder ehrgeizigen
Speculationen der Einzelnen zu beschränken, sonst untergräbt das vorhin
besprochene christliche Judentum selbst uns diese beide schönen und ehrenden
Gefühle1. Auf der, einen Seite das fortwährende Gift des Liberalismus und
Materialismus, auf der andern das Lächerlich- und Widrigmachen - das genügt, um
auch den Granit eines im Ganzen noch braven Volkssinnes zu untergraben.«
    »Sie sehen finster!«
    »Das beiläufig; - es ist traurig, dass man immer wieder auf das politische
Feld hinüberschweift, während ich Sie doch bloss von socialen Gebrechen
unterhalten wollte. Doch dort eben bietet sich mir ein geeignetes Bild zur
Rückkehr. Sehen Sie dort die Equipage, den Herrn mit dem starren Aktengesicht
und der hochnäsigen, breiten, wohlhäbigen Miene darin, mit Frau und drei
Töchtern - alle Toilette von Gerson. Der Geheimerat - es steht zwischen dem
Geheimen und dem Rat freilich noch ein Wort in der Mitte, aber es ist in Berlin
Styl, hier zu abbreviren, und die Gesellschaft wimmelt von Geheimeräten und
Doctoren (selbst Ihr Ergebenster par courtoisie), gerade wie von Dresden von
Baronen, Wien von Herren Von's und die rheinischen Fremdenlisten von Mhlady's! -
also der Geheimerat hat ein ganz anständiges Einkommen, gerade so viel wie acht
wackere Subalternbeamten in seinem Büreau, und dennoch petitionirt er beim
Minister alljährlich um Gratification zur Badereise und Zulage zu Weihnachten,
und wo irgend ein Diäten-Extraordinarium in der Luft schwebt, schnappt er es den
Untergebenen vor der Nase weg. dabei lebt der Mann für gewöhnlich zu Hause viel
schlechter, als ein Subalternbeamter in der Provinz. Warum? Um im Winter seine
Empfangsabende und Soiréen zu geben, bei denen ein jammervoller Tee, ein dünn
gestrichenes Butterbrot mit durchsichtigen Schinkenscheiben, ein Punsch oder
Cardinal mit zwölf Teilen Wasser und einem Teil Rum oder Wein, aber unendlich
viel Toilette, Musik, Gelehrsamkeit, Singakademie und lebenden Bildern gereicht
wird; um alle Concerte und Opern mitzumachen, dazu nie die werte Familie zu Fuss
gehen, sondern beim trockensten Wetter vorfahren zu lassen u.s.w. u.s.w.
Glücklich und ehrlich, wenn er noch mit den häuslichen Entbehrungen davon kommt
und sich nicht auf's Schuldenmachen legt!«
    »Die allgemeine Genusssucht ist überall im Steigen«
    »Das ist's, was ich sagen wollte. Eine bescheidene Lebensfügung schwindet
immer mehr. Ich weiss in der Tat nicht, wie viele Subalternbeamten- und andere
Familien, deren Einkommen man doch ziemlich genau überschlagen kann, in der
Gegenwart das Alles mitmachen können, was man sie mitmachen sieht. Die
zufriedenen Leute werden immer seltener. Sehen Sie den darauf folgenden
eleganten Mietswagen - ein unbekannter ungarischer Jude, der mit sehr gutem
Gehalt an der Bühne engagirt zu werden das unverhoffte Glück hatte. Er war noch
kein halbes Jahr im Engagement, so hatte er die Unverschämteit, bei einer
Höchsten Person um einen Pump von zweitausend Talern zu bitten - weil er nicht
auskommen konnte! Und nun sehen Sie die Dame in dem nächstfolgenden Wagen, die
mit dem pariser Hut, den der Staub der Rennbahn und des Weges an dem einen Tage
verdorben, mit dem Kinde auf dem Rücksitz. Ein Kind ist jetzt Mode bei unsern
Loretten! Neben ihr die Mutter - die Tochter ernährt sie und sie speculirt
bereits darauf, sich von ihrer Tochter einst wieder ernähren und kleiden zu
lassen. Pfui über den Schacher mit dem Mädchenleib!«
    »Es geht in Paris,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »leichtsinniger
und frivoler zu, als hier, aber selbst dort ist die Speculation nicht so
raffinirt ausgebildet. Sie werden nie sehen, dass diese Hermaphroditen zwischen
Frau und Mädchen Knaben haben - immer wieder Mädchen! Die Schande speculirt in
die Zukunft, der Fluch unserer Zeit, die Speculation auch in diesem Genre. Da
zwischen dem Wagen durch drängen sich mehrere junge Mädchen - wissen Sie, was
sie verdienten, ehe sie das Seidenkleid, das sie tageweise leihen, auf dem Leibe
trugen? Drei und vier Silbergroschen in Strohhutfabriken, sechs mit Hemdennähen,
denn verhältnissmässig sehr wenige bringen es zur Selbstständigkeit einer
Schneidermamsell mit zehn Silbergroschen täglich und der Kost, - wenn sie
Bestellungen haben. Aber jene armen Geschöpfe wollen auch leben mit ihren vier
Groschen, - sie wollen Frühstück, Mittag- und Abendessen, sie wollen bekleidet
sein und ein Kämmerchen haben, - wo das Alles hernehmen von dem Verdienst? Jedes
Dienstmädchen ist besser daran, als diese armen Geschöpfe mit dem warmen Herzen
und dem leichten Blute in den Adern. So fallen sie! Es ist ein sehr
beachtenswertes Zeichen für die berliner Mädchenwelt, dass sich selten Eines
entschliesst, sich in einem jener abscheulichen Häuser als Sclavin zu begraben.
Die Meisten auch der Gefallenen arbeiten lange Zeit noch ehrlich während des
Tages, und nur der Abend ist die Zeit des Leichtsinns und - des Verderbens. Hier
ist der Krebsschaden, auf den ich vorhin deutete, hier sollte mit allen Kräften,
allen Mitteln geholfen werden. Je mehr man dem weiblichen Geschlecht ermöglicht,
ein ehrliches und züchtiges Mädchen zu bleiben, desto besser wird es mit der
Gesellschaft überhaupt stehen.«
    »Können Sie es tadeln, dass man zum Beispiel die sogenannten Biermamsells
abgeschafft hat?«
    »Ja und Nein. Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es gab viele Orte
hier, die sogenannten Polkakneipen, die schaamloser waren, als das gemeinste
Bordell. Die Polizei würde weit wohltätiger wirken, wenn sie sich weniger mit
dem einzelnen Individuum zu schaffen machte, als mit der Beaufsichtigung und
Controlle der öffentlichen Vergnügungsanstalten, und die Concessionen dazu nur
den moralisch Gewähr leistenden Personen gäbe. Das Ueberbieten der Wirte mit
unsinnigen Plakaten und Anzeigen fängt bereits an, in gefährlichem Maasse
zuzunehmen. Hierbei wäre eine Censur ganz am Ort. Man hätte jene nichtswürdigen
Kneipen schliessen sollen, die zum Scandal so lange bestanden, man hätte die
Wirte für Zucht und Ordnung mit der Concessionsentziehung verantwortlich machen
sollen, wie man doch Buchdrucker und Buchhändler, trotz der Pressfreiheit, damit
zu nötigen weiss. Aber man hat durch jene Maassregel auch Hunderten von Mädchen
die Gelegenheit genommen, auf eine ehrliche Weise ihr Brot zu erwerben. Wenn man
nichts Besseres an die Stelle setzen kann, muss man das Mindest-Gefährliche oder
Schlechte lassen, das ist einmal eine, wenn auch traurige, doch notwendige
Maxime des gesellschaftlichen Zustandes.«
    Sie waren unter diesen Gesprächen - immer in einiger Entfernung hinter dem
Marketenderkarren jenes Weibes hergehend und sie beobachtend - über den Berg
gekommen, auf dessen Höhe nach Westen das prächtige eiserne Denkmal der
neuerschütterten heiligen Alliance steht, zu dem 6. August 1848 die Bauern von
Tempelhof her, Choräle singend, mit ihren schwarz-weissen Fahnen zogen, während
aus der Metropole bereits sich der lange Zug berliner Gewerke, fliegender
Buchhändler, demokratischer Tribunalsräte und Abgeordneter, der versammelten
Lindenclubbs und Zubehör mit allen jenen Harlequinszeichen der berliner
Revolution wälzte, um am Fuss des Denkmals preussischer Ehre vom Reformator Held
die Huldigung an den Reichsverweser empfehlen zu lassen. Längst schon hatten sie
den Mann, dessen Zusammentreffen mit dem Weibe der Journalist eben vermeiden
wollte, mit seinem Gefährten in einem Torwagen an sich vorüberkommen sehen, und
Jener glaubte die Gefahr vollends zu beseitigen, indem er am Fuss des Berges, wo
der Weg sich rechts und links abzweigt, der Frau nochmals ein Geldgeschenk unter
der Bedingung machte, dass sie zu einem der andern Tore ihren Weg nehmen sollte.
Die Vorsicht erwies sich bei'm Weitergehen nicht als unnütz, denn die Freunde
bemerkten später in einem der zur Seite der Strasse liegenden Lokale das
spionirende Auge des Consulenten.
    Dennoch sollte die Bosheit durch die unglückliche Begünstigung des Zufalls
ihr Ziel erreichen.
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    Es war schlechtes Wetter geworden bei der Rückkehr von der Rennbahn, und der
Abend finster und abwechselnd regnerisch. Es war gegen 10 Uhr, als unter dem
Schutz ihrer Schirme in der Nähe des potsdamer Tores zwei Männer umherstrichen,
auf die Ankunft des Bahnzugs wartend.
    »Sie wollen also bestimmt nicht bei der Zusammenkunft zugegen sein?« fragte
der Grössere, Elegantere der beiden Männer, in dem man im Licht der städtischen
Gaslaterne leicht jenen Gefährten des Winkelconsulenten von der Rennbahn
wiedererkennen konnte.
    »Warum auch, lieber Freund?« entgegnete der Andere. »Sie wissen, ich
verstehe wenig Französisch und die Gegenwart eines. Dritten könnte überhaupt nur
geniren. Wir haben es ja ausgemacht, dass ich ganz aus dem Spiel bleibe und Sie
nur mit meinem guten Rat und meiner Gesetzkenntniss unterstütze. Ich will weder
wissen, was der Inhalt dessen ist, was Sie von der dritten Person erhalten,
noch, was Sie damit tun. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Privatgeheimnisse, mit
Ausnahme der Beichte und des Arztes, von keinem Gesetz geschützt werden.«
    »Sie sind sehr vorsichtig!« sagte der Erste bitter.
    »Vorsicht ist die Mutter der Sicherheit; meine Lage ist ziemlich precair und
ich habe Familie, Sie aber stehen so gut wie frei und es wäre Torheit, wenn Sie
den Vorteil und die Gelegenheit nicht benutzen wollten. Ueber einfältige
Scrupel sind Männer wie wir doch wohl hinaus. Da tönt das Signal, der Zug kommt
eben an, - ich wünsche ein gutes Geschäft und Sie wissen, wo Sie mich bis um 11
Uhr treffen. Nur keine Unvorsichtigkeit vor den Leuten.«
    Er liess den Gefährten, ohne seine Antwort zu erwarten, allein und ging die
Strasse an der Mauer entlang. Dann aber wandte er sich rasch links nach dem
Tiergarten. Er war kaum einige Schritte gegangen, als er vor sich her ein
Frauenzimmer gehen sah, das manchmal, wie halbtrunken, einzelne Worte vor sich
hinmurmelte. Ein Etwas in der Gestalt schien ihm nicht unbekannt, der Schein der
nächsten Strassenlaterne, der auf das rote gemeine Gesicht fiel, belehrte ihn,
dass er das Weib vor sich hatte, das am Nachmittag auf der Rennbahn die Dame
attaquirt - im Augenblick übersah er den Zweck des Ganges, und sein schlechtes
Herz jubelte über den glücklichen Zufall. Er mässigte seine Schritte, ging auf
die andere Seite des Weges und behielt sie scharf, aber vorsichtig im Auge. So
gelang es ihm, an dem Kreuzweg der Bellevue-Allee zeitig genug eine
Frauengestalt zu sehen, die dort, tief verhüllt, zu warten schien, und noch ehe
das Weib diese erblickte, unbemerkt in den dunklen Gang zur Rechten zu gelangen,
wohin er mit teuflischer Schlauheit berechnete, dass sie ihren Weg nehmen würden.
    Als nach einer Viertelstunde die beiden Frauen sich trennten, wobei in der
Hand der ehemaligen Haltefrau schwer eine Rolle von Talern blieb, folgte der
Lauscher eben so gewandt und schlau der arglosen Dame, die mit einem Dank zu
Gott für die glücklich abgewandte Gefahr mutig ihren einsamen Weg durch die
dunkelsten Gänge zum Tore wählte.
    Die schlimmere, drohendere schlich hinter ihr - die Schlange, welche aus dem
Geheimnis ihres freudenlosen Lebens einen Quell der perfidesten Erpressungen
machen wollte. Der graue Winkelconsulent rieb sich die Hände. - »Die Politik
entläuft mir nicht,« sagte er abgebrochen vor sich hin, »sie sind heute sicher
vor mir, hier ist ein besserer und leichterer Gewinn. Aufgepasst also!« -
    Kein schützendes Auge, das diesmal über der armen Frau gewacht hätte, -
keine schirmende Hand, die den lauernden Schurken zu Boden geschlagen hätte! -
wenige Minuten darauf sah er sie in eines der glänzenden aristokratischen Hotels
der Wilhelmsstadt eintreten. - - - - - - - - - - - -
    Der Zug von Potsdam war eingetroffen, Droschken und Fussgänger drängten sich
durch das Tor. An der ersten der halb verkommenen Bildsäulen zur Linken des
Leipziger-Platzes lehnte der Gefährte des Consulenten wartend. Nach wenigen
Augenblicken schon kam ein Mann, in den Mantel gehüllt, aus dem Strom der
Fremden und wandte sich nach der Stelle, wo Jener stand. Der Ankommende war ein
alter Mann, etwa siebenzig, wie sein weisses Haar zeigte, von grosser magerer
Statur, das Gesicht faltenreich, spitzig und schlau.
    Am Briefkasten bei'm Tore hielt er einen Augenblick still, sah sich rasch
um und steckte dann schnell zwei Briefe hinein. Die Adresse des Einen lautete an
einen britischen Namen in einem der Hauptstationsorte der Bahn nach dem Rhein,
und es lag offenbar eine Absicht zum Grunde, dass der Fremde, der von Potsdam
kam, den Brief in Berlin zur Post gab. Der zweite Brief war nach Helgoland
adressirt. Gleich darauf schaute der Alte sich nach dem Harrenden um, und als er
ihn bemerkt, trat er zu ihm.
    »Guten Abend, Lieutenant! Sie sehen, ich bin prompt.«
    »Bringen Sie Nachrichten?«
    »Einige. Lassen Sie uns hier zur Seite gehen nach der Verbindungsbahn, wir
sind dort ungestört. Haben Sie die Verhandlung angeknüpft?«
    »Es ist geschehen und Alles geordnet; man rechnet auf meine regelmässigen
Mitteilungen. Ich habe mir, wie Sie mich angewiesen, ausdrücklich bedungen, dass
man nicht forscht, wie und woher.«
    »Und die Bezahlung?«
    »Die Frage wird heute noch geordnet werden und gewiss zu Ihrer Zufriedenheit.
Was bringen Sie für Berichte?«
    »Die Kabinetsordre zur Realisirung der Hälfte der Anleihe ist am 17.
unterzeichnet worden. Am selben Tage war Graf Münster von Petersburg in
Gumbinnen und hatte eine zweistündige Audienz. Der russische General Grünwald
hat ein Handschreiben überbracht.«
    »Haben Sie Nichts über den Inhalt erfahren?«
    »Noch nicht. Der Kabinetsrat hat unsern Mann mitgenommen und zu schreiben
an mich habe ich ihm verboten. Der Andere hat mir heute Morgen jedoch die
Abschrift eines früheren Briefes aus Petersburg gebracht, der wichtige Details
über die wahren Verluste an der Donau, die Stärke der russischen Truppen bei'm
Rückgang über den Prut und die gegenwärtigen Aufstellungen und disponiblen
Mittel in den südlichen Gouvernements in sehr genauen Zahlen entält. Der Brief
ist etwas wert!«
    »Geben Sie her - mein Wort! ich werde daraus zu machen suchen, was möglich
ist, und Sie sollen redlich Ihre Hälfte erhalten.«
    Mit einem habsüchtigen Zögern reichte ihm der Alte einige Papiere.
    »Wollen Sie mich nicht vielleicht selbst mit der Person zusammenbringen?«
    »Das geht vorläufig unter keinen Umständen, denn ich selbst spreche sie zum
ersten Male,« entgegnete der Andere entschieden. »Die Einleitung hat mich viel
Mühe gekostet, da man selbst von jener Seite mit grossem Misstrauen verfährt; Sie
müssen sich also vorläufig auf meine Ehre verlassen. Ich bekümmere mich nicht um
Ihre ursprünglichen Auftraggeber und Ihre kleinen Nebengeschäfte, aber was ich
in die Hand genommen, will ich auch selbst durchführen. Sie hatten das Vertrauen
zu mir, mich zum Mitwisser zu machen, haben Sie es also auch ferner. Unser
Vorteil geht Hand in Hand.«
    »Meinetwegen denn - wir werden ja sehen, ob man sich honorig zeigt, und
haben die Fortsetzung oder das Abbrechen der Verbindung ja in Händen. Geben Sie
sich nur keine Blösse und nennen Sie keine Namen. Noch Eins, wenn man's noch
nicht weiss. Der Minister-Präsident wird übermorgen nach Bromberg entgegen
reisen. Der Telegraph hat ihn citirt.«
    »Meine Ansicht ist, wir geben möglichst wenig Nachrichten über hiesige
Vorgänge.«
    »Mir recht! Nun adieu, Kamerad, denn ich muss jetzt zur Stadt und mein altes
Quartier aufsuchen. Machen Sie gute Geschäfte - wir treffen uns also bestimmt
morgen früh um Neun, ehe ich zurückfahre?«
    »Bestimmt! Gute Nacht, Lieutenant!«
    Die Beiden trennten sich - der Alte ging, nachdem er seinen Gefährten hatte
aus dem Tor gehen sehen, die Strasse entlang und wandte sich links; der Andere
richtete seinen Weg nach dem Tiergarten.
    Viele Gedanken schienen ihn zu bestürmen - Zweifel - Bedenken - vielleicht
Gewissensbisse. Er blieb wiederholt stehen und murmelte einzelne Worte vor sich
hin - - - mehrmals auch wischte er sich den Schweiss von der Stirn. - Zeigten
sich ihm ahnungsvoll die verdienten Schrecken der Zukunft? - sandten
giftgeschwängerte Dünste der Sümpfe des glühenden Guyana, die furchtbaren öden
Sandküsten des Aequators ihre warnenden Schatten in seine Seele?
    »Es ist Nichts,« sagte er leise; »was geht mich Russland an? mag es seine
Geheimnisse selbst wahren! - Es ist nicht mein Vaterlands - ich bin kein
Verräter an diesem - es gibt kein Gesetz - ein blosser Handel, wie jeder
andere!« - Er schien entschlossen und wandte sich nach den dunklen Laubgängen.
    Auf einer der Steinbänke sass ein Mann, in einen Paletot mit hohem Kragen
gehüllt.
    »Bon soir, Monsieur!«
    »Quelle heure de la nuit?«
    »Les comödies ont finies et le spectacle commence.«
    »Ah, le mot! - Je vous attends déja une demi heure.«
    Der Rubikon war überschritten.
 
                                    Fussnoten
1 Eine Befürchtung, die leider sich immer mehr nur allzu gegründet zeigt.
                                                     Anmerkung des Uebersetzers.
 
                                 In der Steppe.
Hui! Hui!
    »Väterchen, halte Dich gut, mein Liebling! Denke, dass wir in drei Stunden
die Station erreichen müssen. Pfui, Brauner, wer wird stolpern, wo der Boden so
fest und das Gras so weich ist! Strenge Deine Muskeln und Sehnen an, Närrchen,
die gnädige Herrschaft will es, die gnädige Herrschaft zürnt mit dem armen
Jämschtschick1, wenn wir vor Nacht die Stanzia nicht erreichen.«
    Es war auf der Steppe - gegen Abend, - ein schwüler Abend, der auf die
glühende Tageshitze des Juli-Anfangs gefolgt war. Der heisse Sommer lag schon auf
der nogaischen Steppe, die sich vom Dniepr bis zum Asowschen Meere hinzieht und
den Zugang der Krimm von der Landseite bildet. Zwei Strassen, wenn man die Bahn
durch die trockene Wüste so nennen kann, laufen nach dem Eingangspunkt der
Landenge von Perekop, welche die taurische Halbinsel mit dem Festland verbindet:
westlich von Odessa und Cherson her in der Nähe des Meeres über Aleszki und
Kalanczig, - vom Norden, dem Wege von Czarkow und Jekaterinoslaw sich
anschliessend, die Strasse von Berislaw über Czaplynka.
    Kennst Du die Steppe? - Nein - Du kennst sie nicht, Leser, diesen Anfang
einer grossen Zukunft, diese Hoffnung Russlands im Süden. Die mächtigen weiten
Strecken, die sich von den Donaumündungen um den Pontus bis zu den Felsenwänden
des Kaukasus hindehnen, auf der Karte wie in der Wirklichkeit nur unterbrochen
durch die grossen Ströme Don, Dniepr, Bug, Dniestr und wenige Städtenamen; auf
den Karten nur bezeichnet durch die Namen: Kosackenlinie, nogaische Steppe,
Steppe von Otschakow, Taurien. Unermessliche Grasfelder unter der schattenlosen
Glut der Sonne, die im Sommer breite Erdspalten in den braunen Boden reisst,
über die im Winter der eisige Orkan braust. Weite endlose Ebenen, aus denen sich
nur die Mogilen, die geheimnisvollen Grabhügel vergangener Völkerschaften,
erheben, - die nur das schilfbedeckte tief eingeschnittene Flusstal der grossen
Ströme oder der sumpfigen Limans unterbricht, - oder die jähe Regenschlucht,
vielleicht das seit Jahrhunderten ausgedörrte Bett eines Nebenstromes.
    Das Land der Scyten, - das so lange unbekannte Gebiet, von dem einst die
Ströme wilder Barbarenhorden sich über das gesittetere Europa ergossen, nach
Süden bis zu den Mauern des goldenen Byzanz, nach Westen bis in die Fluren des
sonnigen Italiens und Frankreichs, nach Norden hinauf bis zum blutigen
Lechfelde, bis zu den Türmen Merseburgs, bis zum Felde von Wahlstatt, wo der
Sohn der heiligen Hedwig mit seinen Rittern fiel; von dem aus Pugatscheff den
Tron der Czaren bedrohte.
    Seit Peter der Grosse das erste russische Kriegsschiff aus dem Don in's
Asowsche Meer gleiten liess, seit Catarina ihren Gemahl am Prut losgekauft mit
ihrem Schmuck aus den Händen der Türken, seit ihre grosse Nachfolgerin und
Namensschwester durch den Frieden von Kainardschi2 die Krimm und das schwarze
Meer eroberte, ist Unendliches schon geschehen für diese Länderstrecken. Grosse
Handelsplätze entstanden, wo sonst nur der Tartar seine wilden Rosse getummelt,
die Oede der Steppe wurde zum Garten an ihrem Rande, Oasen blühenden und
fruchtbaren Landes tauchten auf aus diesem endlosen Gebiet, hervorgerufen durch
den Fleiss fremder Colonisten, die religiöse oder politische Unduldsamkeit aus
ihrer Heimat vertrieben und die hier Schutz und Reichtum fanden; blühende
Militair-Colonieen entstanden, weite Strecken trugen das goldene Korn und die
öde Graswüste wurde zur Fruchtkammer des halben Europa's, das an den Molo's von
Odessa sein Brot holt.
    Dennoch ist es noch immer die Steppe, die sich hier ausdehnt, und alle jene
Städte, Gärten und fruchtreichen Colonieen sind eben nur Oasen in der grünen
Wüste. Tagelang findet der Reisende, der sie auf der Britschka durchfliegt, nur
die einsame Militair-Station, wo er die Pferde wechselt, die aus der Steppe oft
meilenweit erst geholt werden, oder die Rasenhütte des Tabunschik3 und selten
die freundlich weisse Colonie des deutschen Menoniten.
    Die Steppe ist schön in ihrem Frühlingsschmuck, so weit das Auge trägt ein
bunter duftiger Teppich von Blumen und Gräsern, von frischen Quellen bewässert,
die der Winterschnee genährt hat. Aber es sind nur wenige Monate. Wenn der
Sommer kommt, verdorren Blumen und Gräser - die Quellen vertrocknen - der Boden
wird zur harten Rinde, von tausend Falten und Rissen durchzogen, die Heerden der
mächtigen Rinder, der wilden Rosse und geduldigen Schafe drängen sich zusammen
und suchen das letzte trübe Schlammwasser der Cisterne; eine dumpfe, staubige
Hitze ruht auf dem braunen Erbreich und die wunderbaren Bilder der Fata Morgana
täuschen den verschmachtenden Reisenden.
    Denn der Mensch trotzt auch hier der Natur und ihren Schrecken; durch die
weite dürre Wüste marschirt die Colonne, die der Wink des Kaisers von weiter
Ferne her zum Süden sendet, fliegt der Wagen, der den eilenden Courier, den
unermüdlichen Reisenden trägt.
    Die Rosse, die der eingeborene Jämschtschik mit Schmeichelworten antrieb,
waren vor einen ziemlich eleganten pariser Reisewagen gespannt und zogen ihn
rasch über die öde Fläche. Die Reisenden, welche anfangs die Strasse von Aleszki
am Meere entlang gewählt, hatten dieselbe schon nach dem ersten Dritteil auf
den Rat des Postmeisters verlassen, der sie versicherte, dass sie auf keiner
Station weiter Pferde bekommen würden, da dieselben für die Regierung in
Beschlag genommen, und sie versuchten daher, quer durch die Steppe reisend, die
grosse Strasse von Berislaw nach Perekop zu erreichen.
    In dem gegen die Hitze fest verschlossenen Wagen sass ein russischer
Offizier, den gebrochenen linken Arm in der Binde, und auch am Kopfe Spuren
tragend von durch Quetschungen oder einen heftigen Fall erlittenen Verletzungen.
Sie waren gewiss nicht im Stande, das hagere Gesicht mit der hoch-kahlen Stirn,
dem aufgeworfenen Munde und dem grünlich grauen Auge zu verschönern.
    Die Dame war gross und schlank, das Haar cendré, der Teint und das Auge matt
und dennoch voll Lüsternheit, das fest geformte Kinn Entschlossenheit
ausdrückend.
    Sie war voller Ungeduld und Ermattung. Bald brauchte sie heftig den Fächer,
bald das Flacon, oder öffnete und schloss das Glas der Wagentür, ohne auf ihren
Nachbar viel Rücksicht zu nehmen.
    »Lassen Sie das Fenster ruhen, Celeste,« sagte dieser endlich in
französischer Sprache; »Sie verbessern das Uebel der Hitze dadurch nicht und
lassen unnütz den Staub herein.«
    »Abscheulich!« rief die Dame; »nennen Sie das ein Land, in dem man atmen
kann, Graf? Was versprachen Sie mir Alles in Bukarest? - den Himmel Italiens
oder der Provence, Orangendüfte und die prachtvollsten Scenerieen, und hier sind
wir, eingeschlossen in einem Wagen, in einem Meer von Staub und erstickender
Hitze, kein menschliches Wesen zu sehen, als höchstens ein Mal des Tages einige
Halbwilde und eine Baracke, die Sie ein Postaus zu nennen belieben.«
    »Warten Sie!« sagte der Russe gleichgültig.
    »Warten! Geduld!« rief die Französin heftig; »das mögen Sie Ihren
Leibeigenen empfehlen, nicht einer Dame. Warum liessen Sie mich denn nicht lieber
in Bukarest, wo doch noch ein Schimmer von Civilisation und Gesellschaft
herrscht, statt mich solchen Fatiguen auszusetzen?«
    »Sie sind unverständig, Celeste. Herr Bibesco, Ihr sogenannter Gemahl ...«
    »Mein Herr,« unterbrach ihn heftig die Dame, »keine Beleidigung!«
    »Nun, Ihr wirklicher Gemahl,« verbesserte sich spöttisch der Offizier,
»sitzt im Gefängnis und wird für seine Correspondenz mit den türkischen
Ministern entweder erschossen oder wenigstens über den Prut mitgenommen werden.
Ueberdies wissen Sie sehr wohl, dass sein Vermögen hin, der Rest mit Ihrer
freundlichen Hilfe verschwendet ist und dass Sie von seiner Familie Nichts zu
erwarten haben. Als ich nach meiner Verwundung beim Sturm auf Silistria - der
Teufel gesegne es dem französischen Schurken! - in Ihr Haus nach Bukarest
gebracht wurde und Sie die Güte hatten, sich meiner körperlichen und -
Herzenspflege anzunehmen, wofür ich Ihnen dankbar die Hand küsse, waren die
Verhältnisse zwar noch nicht zum Eclat gekommen, indes geschah es doch bald
darauf, und ich glaube, ich war damals Ihre Hauptstütze.«
    »Man hat es mir bitter zum Vorwurf gemacht.«
    »Bah! - ich weiss es, dass der grössere Teil der Bojaren gerade nicht sehr
russisch gesinnt ist, aber ich wiederhole Ihnen, von der Familie Ihres Gatten
hätten Sie ohnehin wenig zu erwarten gehabt, und Sie hätten mit Ihren
Eroberungen, an deren Erfolg ich keineswegs zweifeln will, von vorn beginnen
müssen. Unter diesen Umständen konnte der Vorschlag, meine Begleiterin und
Freundin zu sein, als ich zur Erholung von meinen Verletzungen einige Monate
Ruhe oder wenigstens leichten Dienst in dem schönen Klima der taurischen Küste
geniessen sollte, Sie nur verschiedenen Verlegenheiten entreissen.«
    »Ihr Antrag war nicht der einzige, Graf, ich hatte die Wahl,« sagte die Dame
mit jenem schaamlosen Hochmut der pariser demi monde, der aus solchen
Verhältnissen ein gesellschaftliches Recht macht.
    »Ich weiss das, schöne Celeste,« erwiederte der Russe halb galant, halb
apatisch, »und dass Sie mir den Vorzug gaben, ist mir sehr schmeichelhaft. Aber
Sie müssen sich doch auch in das Unvermeidliche fügen. Der Weg, den wir
gezwungen sind zu machen, hat allerdings sein Unangenehmes und seine
Beschwerden, namentlich für Damen. Aber sie sind unvermeidlich, um an unser Ziel
zu gelangen, da der Seeweg für die Dampfboote gesperrt ist.«
    »Warum haben Sie uns dann nicht wenigstens den Weg an der Küste fortsetzen
lassen?« beharrte die Dame eigensinnig. »Ich hätte dort doch weniger von der
Hitze und dem Staub zu leiden gehabt, auch sollen die Stationen zahlreicher
sein, als in dieser Wüste.«
    »Sie haben selbst in Kostogrysowo gehört, Celeste, dass auf der ganzen Tour
keine Pferde mehr zu haben waren und dass auch die Reisenden, - gleichfalls eine
Dame, - die eine Stunde vor uns abgefahren sind, vorgezogen hätten, die
Hauptstrasse zu erreichen. Noch einige Stunden, und wir sind auf der Station und
werden die Nacht dort zubringen.«
    »Es dunkelt bereits,« sagte furchtsam die Dame; »sehen Sie dort drüben die
düstre Wolke, die so rasch am Horizont emporgestiegen ist? Diese öde Gegend ist
doch sicher?«
    »Bah! - Es lebt des Gesindels genug hier, denn alle entlaufenen Leibeigenen
flüchten in die Steppen und alle Verbrecher lassen sich hier nieder, weil
Niemand frägt, wer und woher? Aber selten finden sich hier Leute genug zusammen,
um eine Gefahr besorgen zu lassen. Doch - die Wolke da drüben ist seltsam - die
Sonne muss noch hoch über dem Horizont stehen und dennoch ist kein Schein mehr zu
sehen - Skotina4! warum hält der Wagen? was ist's mit den Jämschtschiks, Ossip?«
    Er hatte das Fenster geöffnet und fragte den auf dem Bock neben dem einen
Postillon sitzenden Leibdiener.
    »Dort hält ein Wagen, Erlaucht, die Telege, die uns vorangegangen ist, aber
mehrere Reiter sind um sie her.«
    »Paschol! Vorwärts, Tölpel - die Leute haben vielleicht ein Unglück gehabt -
je eher wir hinkommen, desto eher werden wir es erfahren.«
    Der Wagen, aus dem man die etwa andertalb Werst noch entfernte Gruppe am
Rande der immer tiefer und näher sich senkenden Wolke bemerkt hatte, rasselte
auf's Neue über das dürre Erdreich - aber die Pferde schienen wild und unruhig
und wurden es mit jedem Augenblicke mehr. Auch die Postillone schien eine
bestimmte Besorgnis zu erfassen, sie riefen sich in tatarischem Idiom mehrfach
zu und fuhren sichtbar nur mit Widerwillen weiter.
    Um sie her schien sich jetzt die Steppe zu beleben. Die zierlichen Gestalten
der Erdhasen huschten an ihnen vorüber oder suchten ihre Löcher. Zwei grosse
Trappen mit erhobenen Flügeln und vorgestreckten Köpfen rannten scheu an ihnen
vorüber, hoch aus der Luft tönte das scharfe Geschrei eines Adlers, der über
ihnen weite Kreise zog und sich über die immer näher und näher kommende Wolke
empor zu schwingen schien.
    Wiederum, etwa noch einen starken halben Werst von jener Gruppe entfernt,
hielt der Wagen. Schon seit einigen Augenblicken hatte ein leises
eigentümliches Summen und Schwirren in der Luft begonnen. Die Räder schienen
über weiches knirschendes Gras zu gehen, das halb verdorrte Gestrüpp der weiten
Steppe schien sich, obschon kein Luftauch zu spüren war, zu regen und lebendig
zu werden.
    »Was gibt's?«
    »Erlaucht,« sagte der nächste Jämschtschik, »möge der heilige Iwan Dich
segnen - aber es sind die Heuschrecken!«
    »Tscherti tjebie by wsiali! was geh'n die Heuschrecken uns an? - vorwärts!«
    Nur Einer, der diese furchtbare Landesplage noch nie in der Nähe gesehen,
konnte so sprechen, und noch ehe die Equipage jene Gruppe erreicht hatte, wurde
der Oberst inne, dass er sich hier in ein Uebel gestürzt, das keine Macht und nur
Geduld zu beseitigen vermochte.
    Nicht Tausende, sondern Millionen und aber Millionen dieser widrigen
seltsamen Insekten füllten den Boden und schwirrten zum Teil durch die Luft;
dennoch bildeten diese Massen offenbar nur die Flanke des fliegenden Stromes,
denn wie die Reisenden jetzt deutlich bemerkten, bestand die grosse Wolke, die
nun massiv an ihrer Seite hing, die Strahlen der sinkenden Sonne gänzlich
verbergend und zu Anfang von ihnen für eine Wetterwolke gehalten, nur aus
Myriaden ziehender Heuschrecken.
    Sie waren jetzt dicht an der früher bemerkten Gruppe und die Jämschtschiks
hielten zum dritten Male an, diesmal offenbar mit dem Willen, nicht weiter zu
fahren. Die Pferde schnoben und schlugen um sich her und waren kaum zu bändigen.
Der Oberst, um nicht genötigt zu sein, die Scheiben länger geöffnet zu halten,
öffnete auf der dem Anzuge der Insekten entgegengesetzten Seite die Tür für
einen Augenblick und sprang heraus. Sein Fuss zertrat mit jedem Schritt Hunderte
des Gewürms und er stand sofort bis an die Knöchel in dem widerlichen Strom.
    Vor ihm hielt eine halb offene, aber durch einen ausgespannten Leinenschirm
vor den Sonnenstrahlen geschützte und möglichst bequem eingerichtete Telege, in
der zwei Damen sassen, die Eine jung, zart und schön, offenbar den vornehmen
Ständen angehörend, die Andere anscheinend die Zofe, Beide eifrig beschäftigt,
sich von dem Gewürm möglichst frei zu halten, welches, teils durch die Luft
fliegend, teils an den Rädern emporkriechend, den Wagen, die Kleider, ja Hände
und Gesicht der Reisenden bedeckte. Zur Seite des Wagens, dessen Bespannung
verschwunden war, stand ein kräftiger Mann in der Halblivree eines Jägers, ohne
auf sich zu achten, bemüht, die junge Dame vor der lästigen Plage zu schützen,
die sie übrigens mit grosser Fassung ertrug.
    Um die Telege hielten auf ihren kleinen mit Feldgepäck belasteten Pferden
ruhig fünf Kosacken, deren Kleidung und Ausrüstung zeigte, dass sie nicht zu den
regulairen Truppen, sondern zu den freien Contingenten gehörten, welche die
nomadisirenden oder Steppenvölkerschaften stellen. Vier waren noch jung, der
Fünfte jedoch ein Greis von riesiger Figur, das braune asiatische Gesicht von
Narben und Furchen durchzogen und mit einem Auge - das zweite war durch eine
quer über das ganze Gesicht laufende und dasselbe spaltende Wunde verletzt und
geschlossen - versehen, das wie ein Feuerstrahl unter den buschigen weissen
Augenbrauen funkelte. Langes weisses Haar und ein eben solcher Bart fassten sein
durch die grosse Narbe wirklich Furcht erregendes Antlitz ein. Bei einer Bewegung
des Greises, die seinen grauen Militair-Mantel öffnete, sah der Graf, dass er
unter diesem eine alte mit drei oder vier Orden und Medaillen dekorirte Uniform
trug. Alle Kosacken rauchten, wie die Jämschtschiks, aus kurzen Pfeifen einen
eben nicht sehr duftigen Taback, der jedoch den Vorteil hatte, das fliegende
Gewürm wenigstens von ihrem Gesicht abzuhalten; um das Andere kümmerten sie sich
wenig.
    Das Alles hatte der Graf mit einem Blicke aufgefasst; denn die zwar
keineswegs wirkliche Gefahr mit sich führende, ja halb lächerliche, aber um so
widrigere Lage erlaubte kein langes Besinnen. Indem er an die Telege trat, sagte
er höflich:
    »Ich bin der Oberst Graf Wassilkowitsch und ein Reisender durch die Steppe
gleich Ihnen. Sie scheinen sich jedoch in einer noch schlimmeren Lage als wir zu
befinden, und ich erlaube mir die Frage, in wiefern ich Ihnen nützlich sein
kann?«
    Ehe noch die Dame antworten konnte, nahm der Jäger das Wort:
    »Unsern Dank, gnädiger Herr! - die Gräfin Wanda Zerbona ist meiner Fürsorge
anvertraut und auf dem Wege nach der Krimm, um von Kertsch aus ihre Verwandtin,
die Fürstin Tscheftzawade im Kaukasus, zu erreichen. Die Halunken von Postillons
haben, als die Heuschrecken nahten, die Stränge abgeschnitten und sind auf- und
davongeritten.«
    »Wie kommen diese Kosacken hierher?«
    »Die braven Leute sind uns begegnet und auf unsere Bitten und das
Versprechen einer Belohnung bei uns geblieben. Wir befinden uns bereits fast
eine Stunde in dieser unangenehmen Lage.«
    Der Oberst wandte sich zu dem alten Kosacken.
    »Wer bist Du?«
    »Iwan, der Steppenteufel, Batuschka!«
    »Skotina! - Woher Du kommst? ob Du Soldat bist?«
    »Zweiundfünfzig Jahre war ich's, Väterchen, teils für den Czar, teils auf
eigene Hand. Der Czar ist mir gnädig gewesen, ich bin der Ataman meines
Stammes.«
    Er wies auf die Dekorationen seiner Brust.
    »Bist Du hier zu Hause? - sprich rasch!«
    Der alte Kosack lachte, wenn das Grinsen dieses verwitterten Gesichts ein
Lächeln zu nennen war.
    »Die heilige Mutter von Kasan beschütze Dich. Ich bin kein Tatar, sondern
ein ehrlicher Kosack vom Don. Das sind meine Enkel, und zwei habe ich
fortgeschickt, die spitzbübisschen Jämschtschiks für diese armen Leute
zurückzuholen. Wir hörten, dass der Czar im Süden Soldaten brauche und da sind
wir.«
    Der Offizier sah, dass er von dieser Seite keine Auskunft erhalten könne, er
wurde aber in den weiteren Nachforschungen durch seine Begleiterin unterbrochen,
die mit weiblichem Takt und Teilnahme ihm zurief, die fremde Dame in ihren
Wagen bringen zu lassen, der mehr Schutz gegen die Belästigung gewährte, als die
offene Telege. Das geschah augenblicklich durch den Jäger Bogislaw und den
Diener des Grafen.
    »Wie weit sind wir hier noch von der grossen Strasse entfernt, oder ist irgend
ein Ort in der Nähe, wo wir Schutz vor diesem abscheulichen Gewürm finden
können?«
    »Die Strasse ist noch fünfzehn Werste entfernt, Erlaucht,« sagte der älteste
Postillon, »und die Stanzia5 noch weiter. Aber auf der Hälfte des Weges zur
Rechten ab liegt eine Colonie der Frommen.«
    »Wahrscheinlich Menoniten,« erläuterte Bogislaw.
    »Zum Henker! mögen sie sein, wer sie wollen, wir müssen sie zu erreichen
suchen. Wir müssen den Strom dieser Armee von Heuschrecken durchbrechen, denn
umzukehren würde nunmehr Nichts nützen. Bringt rasch die wertvollsten Sachen
aus der Telege nach meinem Wagen und dann müssen zwei von Euch den Mann hier und
das Mädchen zu sich auf die Pferde nehmen, denn im Wagen ist kein Platz.«
    »Unser Gepäck ist vorausgesandt, wir sind fertig.«
    »Desto besser - die Sache wird unerträglich. Zehn Rubel Jedem von Euch
Trinkgeld, wenn Ihr uns glücklich durch diese Wolke von Gewürm bringt.«
    Er sprang in den Wagen zurück.
    Der Jäger hatte die sich sträubende Zofe beruhigt und, den Plan des Grafen
verbessernd, zu Ossip auf den Kutschbock gehoben, während der Jämschtschik, der
diesen Platz bisher eingenommen, sich auf das linke Pferd des hinteren
Dreigespanns schwang und Bogislaw selbst das rechte Seitenpferd bestieg.
    »Vorwärts, Kamerad,« rief er dem alten Kosacken zu, - »es bleibt bei der
Belohnung. Brich uns die Bahn.«
    Der Alte pfiff seinen Enkeln. Fest aneinander jagten die fünf Reiter in die
dunkle Wolke von Gewürm hinein, die Jämschtschiks gaben ihren Pferden den
Kantschuh und zwangen die sich bäumenden und schnaubenden Tiere, im Galopp den
Reitern zu folgen.
    Einige Minuten lang vernahm man Nichts als das Schnauben der Tiere und das
weiche zermalmende Knirschen der Räder, denn selbst der ermunternde Zuruf der
Männer war verstummt, weil jedes Oeffnen des Mundes diesen sofort mit den eklen
Geschöpfen gefüllt hätte.
    Ringsum war die Luft von ihnen verdichtet, der Boden mehrere Zoll hoch
bedeckt - jedes Gestrüpp, jeder Halm, auf den sie niederfielen, war im Nu
verzehrt und auf ihrem Wege durch's Land die öde Steppe in wenig Augenblicken
noch öder geworden.
    Wenn die Glut des Sommers kommt und die Sonnenstrahlen heiss und giftige
Dämpfe entwickelnd auf die sumpfigen Gegenden fallen, dann erheben sich aus den
endlosen Morästen der Dobrudscha die Myriaden jener hässlichen Insekten und
nehmen, gleich Gewitterwolken vom Winde getrieben, ihren Weg nach dem Süden oder
über das schwarze Meer hinüber nach Bessarabien und der Krimm und ziehen oft
weit hinein in die Steppen des südlichen Russlands. Millionen und aber Millionen
dieser Geschöpfe verschlingt das Meer, - doch was ist das in der Menge - wo sie
niederfallen, da sind sie dichter wie die Tropfen des Regens, verwüstender wie
der gewaltige Orkan, und nur selten vermag der Mensch mit allem seinem Witz
seine Ernte gegen sie zu schützen.
    Die Glieder der Pferde, die Räder, der ganze Bau des Wagens, die Körper der
Reiter waren mit den Insekten bedeckt, die selbst die Stoffe der Kleider
anfrassen. Das Mädchen und der Diener des Obersten hatten ihre Köpfe, so gut es
ging, in Tücher verhüllt und liessen alsdann den kriechenden Strom über sich
ergehen. Selbst die in der durch Glasscheiben geschlossenen Kutsche Sitzenden
litten ausser der drückenden widrigen Atmosphäre von dem Gewürm, denn Hunderte
waren bei dem Oeffnen eingedrungen und krochen durch alle Ritzen zu, so dass sie
fortwährend in einem Kampf bleiben mussten. Die Französin war fast ohnmächtig,
nur Gräfin Wanda unterwarf sich ruhig und tätig dem überkommenen Missgeschicke.
    Der Zug hatte sich geradezu in den Strom der Heuschrecken geworfen, um ihn
an seiner schmalen Seite zu durchbrechen. Die Eingeborenen wussten, dass er auch
hier wohl eine Viertelmeile breit, aber gewiss das Doppelte und Dreifache lang
sein konnte. Man war bereits ziemlich weit gekommen, als ein Augenblick
wirklicher Gefahr zu drohen schien. Der Zug der Heuschrecken veränderte aus
einer noch unbekannten Ursache plötzlich seine Richtung und erhob sich; das
Tageslicht, ohnehin schon geschwächt durch den sinkenden Abend, schien auf
Minuten lang gänzlich verfinstert, denn die Luft umher war buchstäblich gefüllt
mit schwirrenden fliegenden Insekten, die Pferde, die anfangs schnaubend und
wild sich in dem Schwarm geberdet, standen nunmehr zitternd und ruhig, und
selbst die Männer der Steppe hatten jetzt, so gut es ging, ihren Kopf verhüllt
und überliessen sich gleichgültig dem Kommenden.
    Selbst das Atmen wurde immer schwieriger - die französische Dame im Innern
des Wagens war leichenblass vor Furcht und Erschöpfung.
    »O, dieses verwünschte Land - Wasser, Wasser! - ich ersticke!« -
    Zum Glück dauerte dieser Zustand nur wenige Minuten. Wir haben bereits
bemerkt, dass ein den Reisenden noch unbekannter äusserer Einfluss auf den Zug der
Insekten einzuwirken schien. Sie erhoben und drängten sich immer mehr und
erhielten eine Eile, die ihnen nicht erlaubte, sich an Gegenstände zu hängen.
Nach kurzer Zeit wurde es lichter, das Gewirre in der Luft umher hörte auf und
Menschen und Tiere vermochten freier zu atmen.
    Das erste Geschäft, was Alle vornahmen, gleichgültig gegen alle sonstigen
Beobachtungen, war natürlich, sich von den Ueberresten des widrigen Abenteuers
zu reinigen, und die Nüstern und Ohren der Pferde von einzelnen
zurückgebliebenen Insekten zu befreien. Die Jämschtschiks mit dem Jäger waren
eifrig damit beschäftigt, denn sie wussten, dass jetzt die Pferde, nachdem ihre
Angst überstanden, durch das kleinere Uebel scheu und unbändig gemacht werden
konnten.
    Die Gesellschaft im Wagen war jetzt auch im Stande gewesen, die Fenster
niederzulassen, um frische Luft zu schöpfen. Die Postillone sassen auf und waren
bereit, auf's Neue davon zu fahren, doch zögerten sie noch einige Augenblicke,
da sie unschlüssig schienen, nach welcher Richtung sie sich wenden sollten.
    Die Aussicht war nämlich, obschon der furchtbare Schwarm sich immer mehr und
immer rascher verlor, noch immer gesperrt. Eine graubraune Wolkenwand schien den
ganzen Horizont zu bedecken und die Sonnenhitze des Mittags auf's Neue mit sich
zu bringen. Die Reisenden befanden sich eingeschlossen wie in einem Tale, ohne
selbst die Richtung der Himmelsgegenden beurteilen zu können.
    »Diese Tiere scheinen einen widrigen brandigen Geruch zurückzulassen,«
sagte die junge Gräfin; »es ist noch immer so schwül und drückend. Bedienen Sie
sich meines Flacons, Madame!«
    Der Oberst, ohne sich um die Frauen viel zu kümmern, lehnte aus dem Fenster.
    »Was soll das Zaudern? Vorwärts, Tölpel! - Was soll's?«
    Die letzte Frage war an den alten Kosacken und den Jäger Bogislaw gerichtet,
die nach einer kurzen Besprechung auf den Wagen zukamen.
    »Väterchen,« sagte der Kosack mit jener, den gemeinen Russen so
eigentümlichen Manier, einer directen Antwort auszuweichen, - »die Heiligen
haben Dich und die Frauen zu keiner guten Stunde die Reise antreten lassen.«
    »Um es kurz zu machen, Herr Graf,« fiel der entschlossene Jäger ein, - »denn
die Augenblicke sind kostbar - diese mit dem Lande vertrauten Leute meinen, es
drohe uns eine grössere Gefahr, als die vergangene: die Steppe stehe in Brand!«
    Die beiden Damen hatten zum Glück die russisch gesprochene Meldung nicht
verstanden, doch sahen sie an dem Zurückfahren des Obersten, an der Blässe, die
unwillkürlich sein Gesicht überzog, dass eine grosse Gefahr im Anzuge sein musste,
und die verwöhnte pariser Lorette, die entführte Bojarendame, fasste laut
aufschreiend seinen Arm.
    »Mein Himmel! Graf, was gibt es? was spricht der Mann? ich will es wissen!«
    Der Oberst machte sich ungestüm frei.
    »Zum Henker, Madame! das ist kein Augenblick für Ihre Narrheiten. Unser
Leben steht auf dem Spiel. - Woraus schliesst Du das?«
    Der Jäger wies auf die Wolkenwand ringsum, die immer dichter emporstieg und
in der einzelne hellweisse Wolken emporzukräuseln schienen. Ruhig hielt der alte
Kosack an der Seite des Wagens, während seine Enkel beschäftigt waren, den
Jämschtschiks im Bändigen und Festalten der fünf Pferde zu helfen.
    »Atmen der Herr Graf nur die Luft, die Sinne werden Sie bereits
überzeugen.«
    In der Tat wurde der brandige Geruch immer schärfer, die Schwüle immer
drückender.
    »Wie ist das Feuer entstanden - woher kommt es?«
    »Gott weiss es! - Die Colonisten oder Hirten haben es wahrscheinlich zum
Schutz vor den Heuschrecken angezündet. Ich muss gestehen, dass ich selbst ratlos
bin, da ich nicht einmal die Richtung des Himmels anzugeben vermag. Euer
Erlaucht würden am besten tun, diesem alten Mann zu vertrauen.«
    Der Oberst wandte sich zu diesem:
    »Du siehst, dass ich Stabsoffizier bin und dass es Deine Pflicht ist, mir zu
gehorchen. Wo ist die Gefahr für uns?«
    Der Alte deutete ruhig ringsum im Kreise.
    »Ueberall? - Sollen wir umkehren?«
    Der Kosack schüttelte mit dem Kopfe.
    »Es nützt Nichts, Väterchen. Unter den Heuschrecken würdest Du desto
schneller verbrennen.«
    »Weisst Du einen Ausweg - kannst Du uns führen, uns retten? denn ich hoffe,
Du wirst uns nicht verlassen.«
    »Nein, Väterchen, Iwan wird bei Dir ausharren. Du bist ein vornehmer Herr,
aber Du verstehst Nichts von der Steppe. Willst Du mir die Anordnung
überlassen?«
    »Es sei! Hundert Rubel für Dich und Jeden der Deinen, wenn Du uns rettest.«
    Der Alte hielt sich, nachdem er auf diese Weise das Recht, zu befehlen,
erlangt hatte, mit einer Erwiederung nicht auf, sondern wandte sich sofort an
seine Enkel:
    »Wanka, jag' dem Feuer entgegen und sieh', welche Richtung es nimmt. Alexei
Petrowitsch, fort, nach Mittag zu und schau', ob dort ein Ausweg. Olis, mein
Liebling, wende Dich gegen Abend. Möge der heilige Iwan über Euch sein, Ihr hört
unser Pulver. Fort!«
    Die drei jungen Kosacken sprengten nach verschiedenen Richtungen in die
Wolkenwand hinein.
    Während der Alte mit dem seltsamen6 Namen dem Jäger Bogislaw, den er rasch
als den Tätigsten und Geeignetsten der ganzen Gesellschaft erkannt, einige
Instructionen gab, deren Inhalt sich bald dadurch zeigte, dass Bogislaw von Zeit
zu Zeit eine Pistole in die Luft schoss und wieder lud, - suchte der Graf die
Damen zu beruhigen, denen die Natur der Gefahr längst nicht mehr verborgen war.
Celeste war ausser sich, bald weinte sie zaghaft, bald stiess sie mit
französischem Wortschwall die bittersten Vorwürfe gegen ihren Beschützer aus,
bald wieder bat und flehte sie, dass man die Pferde antreiben und dem Feuer
entfliehen möge. Auch der Oberst war mehrere Male im Begriff, den Befehl zu
geben, die Rosse, die nur mit grösster Mühe festgehalten werden konnten,
loszulassen, doch gab ihm ein Blick auf die ruhige Haltung des Kosacken und die
Ueberlegung die Ueberzeugung, dass man der Erfahrung und dem Instinkt des greifen
Eingebornen der Steppen am besten vertrauen und jede Anordnung überlassen werde.
    Die Hitze war fortwährend gestiegen, die umgebenden Rauchwolken begannen
bereits eine rötliche Farbe anzunehmen. Durch den Wolkennebel hatten sie häufig
dunkle Gestalten in vollem Lauf vorüberhuschen sehen - die Wölfe, die wilden
Hunde und anderes Getier der Steppe - aus der Luft herab hörten sie das
ängstlich kreischende Geschrei grosser Schwärme wilder Enten und anderer
Wasservögel, die von der Glut aufgescheucht, hoch über dem Brand weg zu ihren
sumpfigen Nestern eilten. Die Minuten, die sie in der quälenden Ungewissheit
zubrachten, schienen Stunden.
    Der Kosack Wanka war der Erste, der im vollen Carriere seines kleinen
zottigen Pferdes, dem Mähne und Hufhaar verbrannt waren, zurückkam.
    »Fort, Djeduschka, - das Feuer ist hinter mir - kaum drei Werste entfernt
und nimmt die Richtung hierher.«
    »Haltet die Pferde bereit, Lieblings! Schliess' die Fenster Deiner Karosse,
Väterchen. - Auf!«
    Aus dem Nebel zur Rechten jagte Alexei Petrowitsch.
    »Hierher! hierher! es ist eine Lücke in der Wand von Rauch und der Boden nur
von den Heuschrecken verwüstet.«
    »Schiesst Eure Pistolen zusammen los, dass Olis uns hört. Der heilige Andreas
schütze den Jungen! Feuer! - Und nun vorwärts, dort hinein!«
    Die Pferde wurden zur Seite gerissen und im Galopp jagte die Kutsche, von
den Reitern umgeben, in die Rauchwand - von Zeit zu Zeit feuerte der wackere
Jäger noch einen Schuss ab.
    Der Wagen war etwa zweihundert Schritt vorgedrungen, als die Dunst- und
Wolkenwand sich lichtete und sie in eine verhältnissmässig freie Atmosphäre kamen.
Es zeigte sich, dass ein leiser Luftzug die Dampfwolken vor sich her trieb und
die klare, helle Glut schlug zu ihrer Linken in die Höhe und knisterte über die
weite Ebene.
    Die Rosse jagten wie toll über die Fläche und rissen den Wagen in wilden
Sprüngen über die Risse und Unebenheiten des Bodens. Züngelnd liefen die Flammen
über diesen, wenn auch der Luftstrom sie in bestimmter Richtung vorwärts trieb,
und an vielen Stellen jagten geradezu die Pferde durch die bereits
emporschlagende Lohe.
    Celeste lag ohnmächtig im Wagen, die Gräfin atmete schwer, das Gesicht an
das Wagenfenster gepresst, dessen Scheiben in der Glut bereits zersprungen
waren, während der Graf mit finsterer Entschlossenheit die schreckliche Scene
beobachtete.
    Plötzlich sperrte ein breiter Erdspalt die Fahrt und die Postillone hielten
still. Der vordere Jämschtschik sprang sogleich aus dem Sattel und begann die
Stränge seiner zwei Pferde zu lösen.
    »Was tust Du, Canaille?«
    »Wo der Tod uns vor Augen, hast Du uns Nichts zu befehlen, Väterchen. Diese
Pferde hindern nur den Wagen, die Heiligen werden uns durchhelfen, wenn wir
allein sind!«
    »Sukiensyn!« - Eine Pistolenkugel pfiff dicht am Ohr des ungehorsamen
Postillons vorüber.
    »Gnade, Excellenz, ich bin Dein gehorsamer Knecht!«
    »Den Ersten, der uns zu verlassen wagt,« schrie der Oberst durch das
geöffnete Fenster, »schiesse ich nieder! Iwan - wo bist Du?«
    »Hier, Erlaucht,« entgegnete der alte Kosack, »ich untersuchte die
Erdspalte. Wiederholt das Schiessen! Pascholl!«
    Wiederum donnerte der Wagen davon, rechts und links von ihnen schlugen am
Gestrüpp die Flammen bereits in die Höhe - die Fesseln, die Mähnen, die Schweise
der Rosse waren abgesengt, kaum noch vermochten die Menschen zu atmen.
    »Heilige Mutter Gottes, vergieb mir Sünderin!« jammerte Celeste in der Angst
des Todes. »Das ist die Strafe dafür, dass ich die arme Nini um ihr Eigentum
bestohlen, welches mir der Russe gab, dass ich nun mit diesem Manne so elend
verderben muss.«
    Gräfin Wanda hatte die Hände gefaltet, sie betete still - vor ihrer Seele
stand in dieser letzten Stunde das Bild des jungen Tschetschenzen-Offiziers, des
Imams Sohn, der einst mit ihr die ähnliche Stunde der Todesnot geteilt.
    Heilige Mutter von Kasan! - das war ein Schuss aus der Ferne, ein Signal, das
nicht von den Männern um die dahin fliegende Equipage kam!
    »Kuli! Kuli! Olis - hierher!« donnerte die Stimme des alten Atamans.
    Ein zweiter Schuss -
    Dann brach aus der Rauchwand vor ihnen ein kleiner Reitertrupp, fünf Männer
zu Pferde: zwei junge russische Offiziere und ein älterer Mann in braunem
langschössigem Rock, die weisse weite Halsbinde trotz der Hitze sorgfältig um den
Hals geknüpft, einen dreieckigen Hut von altmodischer Façon auf dem, mit langem
schlichtem Haar umgebenen Kopf. Mit ihnen zwei Kosacken.
    »Zu Hilfe! zu Hilfe! Hierher!« schrie der Oberst - im nächsten Augenblick
waren die beiden Offiziere am Wagen - -
    Ein gellender Schrei erscholl aus diesem.
    »Da ist er! da ist er! Vergebung, Fürst, einer Sterbenden! ich liess sie im
Elend!«
    »Schorte wos mi! Fürst Iwan Oczakoff, Sie in dieser Höllenglut?«
    »Oberst Wassilkowitsch, so wahr ich lebe! Wir wagten uns in die Gefahr, um
eine Dame zu retten.«
    »Sie ist hier - doch sprechen Sie rasch, gibt es einen Ausweg aus dieser
Höllenglut, die uns lebendig röstet?«
    »Für den Wagen schwerlich. Hesekiah, wissen Sie Rat und Hilfe?«
    Der Menonit wandte sich zu ihm.
    »Es muss ein Tabun hier in der Nähe sein, ich kenne den Tabuntschik, obschon
er ein finsterer, menschenscheuer Greis ist. Aber es ist unmöglich, mich in
diesem Rauch zu orientiren und es gibt hier überall gefährliche Erdspalten.«
    »Halt!« schrie der Kosack - »still, Väterchen, so lieb Euch Euer Leben ist,
ich höre einen Ton - ein Signal!«
    Die Jämschtschiks hatten auf einer vom Feuer noch nicht erfassten Stelle die
Pferde angehalten. Alle lauschten gespannt, einige Augenblicke lang war Nichts
zu hören, wie das Knistern und Zischen der Flammen, die fast ringsum empor
schlugen - dann klang es erst leise und immer lauter, wie der Ton einer
metallenen Glocke, - bald war eine Täuschung unmöglich.
    »Das ist die Glocke des Tabuns für die Heerden,« sagte ruhig der Menonit, -
»Gott vergebe es mir, dass ich dem Manne kaum diese Menschenfreundlichkeit
zugetraut habe. Der Herr ist mit uns - wir dürfen nur dem Schall der Glocke
folgen, doch rate ich Dir, Freund Offizier, die beiden Gespanne zu trennen.
Diese Frauen werden sicherer fahren mit der Troika.«
    Der Rat war bei der rissigen Beschaffenheit des Bodens zu gut, um nicht
befolgt zu werden. Im Nu waren die Stränge der zwei Vorderpferde vom Jäger
Bogislaw und den Kosacken abgeschnitten, und der Erstere befahl dem
Jämschtschik, voran zu reiten nach dem Schall der Glocke, um zugleich den
Zustand des Weges zu prüfen. Die Todesgefahr war so gross, dass der junge
Postillon, kaum die Möglichkeit der Rettung vor sich sehend, und von der
drohenden Pistole des Obersten befreit, wie blind und toll davonjagte. Hinter
ihm her flog, von den Reitern umgeben, der Wagen durch Rauch und Flammen.
    »Links! links, Freund! so lieb Dir Dein Leben ist!« schrie der junge
Menonit, während schon näher und näher der Schall der Glocke erklang und sie
bereits den Zuruf einer menschlichen Stimme zu hören vermochten.
    Es war zu spät -
    Ein wilder, furchtbarer Schrei des Entsetzens - und vor ihren Augen
verschwanden im Nebel und Rauch, kaum zehn oder fünfzehn Schritt vor ihnen, die
Gestalten des Jämschtschiks und seiner zwei Pferde, wie von der Erde
verschlungen.
    »Links! links! Gott sei Seele und Leib gnädig!«
    Der Menonit hatte sich mit seinem Pferde quer vor das Gespann geworfen,
Bogislaw riss mit Aufbietung all seiner Kraft das rechte Sattelpferd, das er
bestiegen, zurück und drängte das Gespann nach Links - so flogen sie davon dem
Rufen und Läuten entgegen, ohne dass Einer von dem schrecklichen Schicksal des
jungen Postillons Kunde nehmen konnte; wenige Augenblicke darauf war das Läuten
vor ihnen -
    »Passt auf, Brüder,« rief der Menonit, »der Graben kommt - hopp!«
    Er setzte mit seinem Pferde hinüber, Iwan folgte - dann der Jämschtschik mit
dem Dreigespann - ein Ruck, Angstgekreisch, - der Wagen stürzte um, aber war
glücklich über den rettenden Graben, den die Hirten zur Sicherung ihres Tabuns
gegen das Feuer aufgeworfen.
    Die Voransprengenden hatten jenseits desselben noch den jungen Kosacken Olis
gesehen, wie er eifrig eine kleine Glocke schwang, die zum Herbeirufen der
Heerden zu dienen schien, und neben ihm eine hohe Greisengestalt in wildem
Costüm, teilnahmlos die Arme übereinander geschlagen und den Anstrengungen des
jungen Mannes zuschauend.
    Im nächsten Augenblick waren Alle - mit Ausnahme des seltsamen Greises - um
den umgefallenen Wagen beschäftigt, um den Insitzenden herauszuhelfen. Der
Oberst war der Erste, der durch die geöffnete Tür sich herausschwang, sein
kranker Arm schmerzte ihn durch den Stoss heftig und schien auf's Neue
beschädigt. Er rief nach seinem Leibdiener und befahl, sogleich aus dem
geretteten Gepäck ein Arzneinecessaire zu suchen, während die Damen
herausgehoben, in her Nähe eines gegen die Hitze verdeckten Brunnens
niedergesetzt und von den beiden jüngeren Offizieren mit Wasser benetzt wurden.
Gräfin Wanda, die erst bei dem Todesruf des Jämschtschiks die während, der
ganzen furchtbaren Scene bewahrte Fassung verloren und ohnmächtig geworden,
erholte sich zuerst und leistete nun mit dem Kammermädchen der Französin Hilfe.
    Sie schlug die Augen auf, - ihr erster Blick fiel auf den jungen Fürsten,
den sie auf dem Ball des General-Consuls von Meusebach sich hatte vorstellen
lassen, und der sie mit sichtlichem Interesse betrachtete
    Eine dunkle Röte - bei der Erinnerung an Worte, die sie in der Todesangst
ausgestossen - überzog das Gesicht der ehemaligen Lorette.
    Während diese kurze Erkennungsscene unter der Gruppe der vornehmen Reisenden
spielte, die sich so eigentümlich zusammengefunden, war ein noch seltsamerer
Auftritt unfern von ihnen vorgegangen.
    Der Tabuntschik hatte sich von der zahlreichen, so plötzlich auf sein Gebiet
eingedrungenen Gesellschaft zurückgezogen. Die Scene umher gewährte einen
eigentümlichen Anblick. Obschon das Feuer, so schnell wie es gekommen, sich
nach dem raschen Verzehren des trockenen Grases entfernte und den Tabun - die
Niederlassung der Rosshirten - ganz unberührt, gelassen hatte, da derselbe - auf
der einen Seite durch die tiefe, jähe Regenschlucht, auf der andern durch einen
von den Hirten aufgeworfenen und mit befeuchteter Erde abgedämmten Graben
gesichert worden, so sah man doch an einzelnen, dichter mit Gestrüpp bewachsenen
Stellen in der Nähe noch immer die Flammen emporschlagen, und Rauchwolken
ballten sich über die freigebliebene und abgebrannte Stätte hin. Wo sie sich
öffneten, sah man grosse Heerden Viehes - Pferde und Schaafe dicht
zusammengedrängt auf der gesicherten Oase, von den Hirten oder den Knechten des
Tabuntschiks bewacht, und ein eigentümliches Schauspiel gewährte es, als diese
jetzt zwischen den Schaafen zwei Wölfe hervorzerrten, die sich in der Angst vor
dem Feuer unter die Heerden schmiegsam verkrochen hatten, und die sonst so
gefährlichen Bestien ohne Widerstand todtschlugen.
    Der Tabuntschik stand in der Nähe seiner Semlanke - der kaum mannshoch aus
dem Boden hervorragenden, grösstenteils in diesen gegrabenen aber geräumigen
Hütte, - deren Dach nach beiden Seiten hin in den Rasen selbst auslief. Er war
eine hagere aber kräftige Gestalt, fast nur Sehnen und Muskeln, das von einem
weissen krausen Bart umgebene Antlitz lederfarben geworden von der Glut der
Sonne und den eisigen Wettern des Winters. Ein dunkles unruhiges Auge lag unter
den buschigen Brauen, die linke Wange zeigte eine tiefe querüber laufende Narbe.
Die ungebeugte kräftige Haltung, durch den fortwährenden Aufentalt im Freien,
die Art seiner Beschäftigung und die einfache Nahrung über die gewöhnliche Zeit
des Menschen hinausgebracht, liess das Alter des Mannes nicht erkennen, dennoch
musste es hoch und selbst über die Jahre des greisen Kosacken reichen. Er war
ganz in gegerbtes Fohlenleder gekleidet; eine eng anschliessende Jacke,
Beinkleider, an denen die Haarseite nach ausserhalb gekehrt war, und derbe
hochhinaufreichende Stiefeln von Rossleder mit starken Sporen bildeten seine
Tracht. Eine lederne Kaputze mit eingeschnittenen Oeffnungen für Augen, Ohren
und Mund hing ihm über den Nacken; in dem breiten Gürtel, auf den er die Hand
stützte, staken ein kurzes Beil und verschiedene Zangen, Werkzeuge und Büchsen,
die er in seinem Beruf als Besitzer grosser Rossheerden brauchte; die Hand hielt
die derbe kantschuhartig geflochtene Peitsche.
    Der alte Kosack, der um die Geretteten genug Personen beschäftigt sah, hatte
sich von ihnen gewandt und näherte sich dem einsam stehenden Tabuntschik.
    »Die Heiligen mögen Dich segnen, Väterchen. Wir sind gekommen, bei Dir Hilfe
und ein Nachtlager zu suchen, Du wirst uns nicht von Dir weisen.«
    »Ich lade Niemand zu mir,« sagte finster der Rosshirt, »doch weigere ich auch
Niemand mein Brod und Salz. Du bist mein Gast. - Weshalb starrst Du mich so an,
alter Mann?«
    Das Tageslicht war zwar dem Erlöschen nahe, aber seine letzten Strahlen
brachen eben noch scharf durch die sich teilenden Rauchnebel und fielen auf das
Antlitz des greifen Rosshirten.
    Der Ataman sprang auf ihn zu und fasste seinen Arm:
    »Dies Gesicht kenne ich und wenn es Metusalem's Alter hätte - schau' diese
Narbe auf meinem Gesicht an, Kaisermörder, und erinnere Dich an die Nacht des
23. März!«
    Seine Rechte fasste nach der Pistole in seinem Gürtel.
    Das Antlitz des alten Tabuntschik war fast schwarz geworden, seine
tiefliegenden Augen schienen Blitze zu schiessen.
    »Tschort w twaju Duschu!7 Du bist verrückt.«
    »So wahr die Heiligen an meinem Sterbelager stehen und die finstern Geister
verscheuchen mögen - ich kenne Dich, Fürst Michael, und Gott der Herr hat dem
armen Kosacken der Steppe das Leben erhalten, um noch an der Pforte des Grabes
seinen Todfeind zu finden.«
    Der Tabuntschik lächelte bloss verächtlich.
    »Lege den Finger auf Deine eigene Wange und Du wirst das Zeichen finden, mit
dem der Degen des Czaren Dich gebrandmarkt. Du musst sterben von meiner Hand!«
    Er zog den Hahn des Pistols - doch die Hand des Rosshirten drückte es jetzt
zur Seite:
    »Ich weiss nicht, wer Du bist und welchen Anspruch Du an mich hast,« sagte
derselbe finster. »Aber bedenke, dass Du mein Gast bist und ich Dein Wirt, und
Fluch auf den Russen, der die heilige Sitte der Väter verletzt. Wenn die erste
Stunde eines neuen Tages da ist, wirst Du, ein Greis wie ich, mich über der
Gränze dieses Tabuns finden, bereit, Dir Rede zu stehen.«
    Er wandte sich unerschüttert von ihm und verschwand in die Semlanke.
    Der alte Kosack blieb in tiefem Sinnen, auf seinen Säbel gestützt, zurück.
 
                                    Fussnoten
1 Postillon.
2 21. Juli 1774.
3 Rosshirt, Heerdenbesitzer.
4 Tölpel, Narr.
5 Station.
6 Historischen.
7 Der Teufel in Deine Seele!
 
                                     Varna.
Das Geschick der Städte und Orte wechselt wie das der Menschen; Metropolen
versanken in Schmuz und Trümmer; wo der Handel der Welt einst sein Gold streute
und Tausende fleissiger Hände tätig waren, herrscht ein Jahrzehend darauf
Einsamkeit und Elend. So auch umgekehrt - die öde Stätte, die kaum genannt wird
unter den Namen, lässt ein plötzlicher Umschwung zum wichtigen Stapelplatz
werden. Eine halbe Welt versammelt sich an der Einsamkeit der Gräber und Glanz
und Leben vergolden schmuzige Baracken.
    Nirgends mehr zeigt sich dieser plötzliche Wechsel, diese zauberhafte
Veränderung, als gerade im Orient, jenem seltsamen Gemisch von Letargie und
flammender Leidenschaft.
    Wenn der Schiffer aus dem Bosporus an den felsigen, seltsam schroff
geformten Westküsten des Pontus Euxinus mit günstigem Wind hinaufstreift, an der
Stätte des alten Apollonia vorüber, wo jetzt das Dorf St. Nicol seine
Fischerhütten ausgestreut, gelangt er mit dem milden Hauch des Südens zu einem
breiten schönen Golf, der sich so weit hineinstreckt in's Land, dass die Flotten
der Welt hier stattlich, wenn auch eben nicht sehr sicher vor Anker liegen
könnten. Der Golf wird von dem Ausfluss des Dewno-See's in's Meer gebildet, oder
der See bildet eine Fortsetzung des Golfes, wie man will. Im Süden erheben sich
begränzend die Felsen des Galata-Vorgebirges, die Nordseite steigt in leichter
Hebung plateauförmig bis an den Fuss des mächtigen Hämus, dessen breiter Kamm mit
unzähligen Ausläufen vom Schwarzen Meere bis zu den Felsenwänden der Adria die
bulgarischen und slavischen Provinzen der Türkei durchschneidet. Zwischen dem
Gebirge und dem Golf, seine Wälle und Mauern unmittelbar in die blauen Wellen
des Letzteren tauchend, liegt Varna, das Obessus der Alten.
    Stets ein wichtiger militairischer Vorposten Constantinopel's in den seit
140 Jahren andauernden russisch-türkischen Kriegen, war Stadt und Festung,
nachdem ihre Wälle bei der letzten Eroberung durch Diebitsch und bei dem
Bombardement durch Admiral Greigh im Jahre 1828 zerstört worden, in Schmuz und
Unbedeutendheit versunken, bis plötzlich die rollenden Donner des orientalischen
Krieges sie mit einem Zauberschlag zum wichtigsten Stapel- und Sammelplatz
zuerst der türkischen Donau-Armee, dann selbst der westmächtlichen
Expeditionscorps machten. Durch das Verdrängen der russischen Flotte aus dem
Schwarzen Meere concentrirte sich der ganze Transport auf Varna; Truppenmassen
wandten sich von hier aus nach dem Feldlager des Krieges, Schumla, oder bildeten
in weiten Lagerungen um die Stadt eine neue; kolossale Vorräte aller Art wurden
hier aufgehäuft und der breite Golf wimmelte von Kriegs-und Transportschiffen
jeder Gattung.
    Vom April bis zum Ende August 1854 war das sonst kaum 16,000 Einwohner
zählende Varna eine Weltstadt, in der sich drei Weltteile - Europa, Asien und
Afrika - ihr kriegerisches Rendezvous gegeben hatten. Es wird nötig sein, einen
kurzen Rückblick auf die militairischen Operationen der Schutzmächte der Türkei
zu werfen, ehe wir zur Beschreibung der vorliegenden Scenen übergehen.
    Wir haben am Schluss des zweiten Bandes erwähnt, dass bereits zu Ende Februar
die Sendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen
hatten. Am 20. März wurden auch die ersten afrikanischen Truppen eingeschifft;
General Canrobert traf mit Bouat und Espinasse zu Anfang April in Gallipoli ein,
was zum ersten Sammelpunkt der anglo-französischen Armee bestimmt war. Der
Marschall St. Arnaud, der am 22. April mit einer Proclamation in Marseille den
Oberbefehl übernommen, folgte im Mai; Prinz Napoleon, der Vetter und präsumtive
Tronerbe des Kaisers, hatte sich, mit einem Divisions-Commando betraut, am 1.
April eingeschifft, war nach Beseitigung der über die Ausweisung der Griechen
zwischen dem französischen Gesandten und der Pforte entstandenen Differenzen in
Constantinopel eingetroffen und hatte den Palast von Defterdar-Burnu bezogen.
Von englischer Seite folgten im März Lord Raglan, der britische
Oberbefehlshaber, und der Herzog von Cambridge, dem vom Sultan das Palais
Tschiragan eingeräumt wurde; - in der Mitte des April standen bereits 40,000
Mann englisch-französischer Truppen auf türkischem Boden.
    Schon in Gallipoli zeigte sich der grosse Nachteil, in dem die englische
Armee durch die jammervolle Fahrlässigkeit ihrer Intendanzen und
Verpflegungs-Commissariate gegen ihre kriegerischen und gewandteren Rivalen
stand. Die Franzosen hatten rasch die besten Quartiere für sich genommen,
während es dem ersten englischen Detachement, das ankam, selbst an Booten zur
Landung fehlte. Es klingt unglaublich, aber es ist wahr, dass der englische
Consul in Gallipoli nie Befehl erhalten hatte, für die Unterbringung der
erwarteten Truppen Vorkehrungen zu treffen. Wenige Tage früher waren zwei
Verpflegungs-Offiziere, die kein Wort türkisch verstanden, angekommen, um
Proviant einzukaufen, das war aber auch Alles, was für die Expeditions-Armee
geschehen war. Schon damals fingen daher die auf's Trefflichste bedienten
Franzosen an, mit Spott und Achselzucken auf die Engländer zu schauen und John
Bull zu hänseln, was häufig zu ernsten Händeln führte.
    Mitte April begannen auch die ersten Translokationen der Truppen nach
Scutari, Adrianopel und Varna. Durch die strategischen Operationen der Russen
gegen die Dobrudscha und Silistria beunruhigt, sahen die Alliirten ein, dass sie
zum Schutz Constantinopels eine Position einnehmen müssten, um das bereits
ziemlich lau gewordene Vertrauen der Türken zu stärken, und Varna wurde als
Operationsbasis für alle weiteren Zwecke gewählt. Anfangs Mai trafen englische
Sappeurs und Mineurs in Varna ein und steckten ein Lager am Südende der Bucht
ab. Am 18. kamen Marschall St. Arnaud und Lord Raglan in Varna an, wo der
bereits früher erwähnte grosse Kriegsrat über den Entsatz von Silistria gehalten
wurde. Die Feldherren begleiteten Omer-Pascha nach Schumla und in der am Bord
des Agamemnon, des Flaggenschiffs des Vice-Admirals Sir Edmond Lyons, nach ihrer
Rückkehr gehaltenen Veratung wurde zuerst auf die Instruction des Kaisers die
Expedition nach der Krimm beraten und beschlossen.
    Tiefes Geheimnis sollte diesen Beschluss begleiten, dennoch war er bald den
gewandten griechischen Spionen kein Geheimnis mehr. Freilich hatten sie das
Schicksal Kassandra's, die auch bei der modernen Iliade nicht fehlen sollte, -
die Russen glaubten sich sicher und Sebastopol uneinnehmbar - von der Seeseite.
Eine Belagerung zu Lande hielt man für eine Unmöglichkeit.
    Im Juni trafen die erste und dritte Division der französischen-Hilfs-Armee,
die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon, zur See in Varna ein. Die
Divisionen Bosquet und Forei (die zweite und vierte) folgten auf dem Landwege
über Adrianopel.
    Mitte Juli standen mit den Türken und Egyptern ungefähr 100,000 Mann in
Varna. Die Engländer hatten ein festes Lager bei Dewno an der Strasse nach
Schumla und auf der Südseite des Golfes bezogen, die Egypter und Baschi-Bozuks
lagerten neben den Zuaven auf dem Campo und das Hauptcorps der Franzosen hinter
dem alten Wall der Festung.
    Ein Treiben, wie die bewegteste Phantasie es sich nicht zu malen vermag,
herrschte am Nachmittag des 20. Juli in den Strassen, Gassen und Gässchen von
Varna und auf dem Spiegel des Golfs. Eine starke Escadre der ankernden
Kriegsschiffe machte sich offenbar fertig, in See zu gehen und nahm Munition und
Wasser ein. Am Dewno-Kai wimmelte es von Matrosen und Mariniers, Soldaten und
türkischen Lastträgern, Pferden, Kameelen und Maultieren. Bergehoch waren hier
die Munition, die Tornister, die Brotsäcke aufgetürmt. Angebundenes
Schlachtvieh brüllte und blökte, betrunkene Matrosen standen und lagen überall
im Wege, Jeden mit Grobheiten tractirend, der in ihre Nähe kam, schreiende
Griechen, plaudernde und lachende militairische Flaneurs, marschirende Kolonnen,
Araber und Lasttiere aller Art. In den Strassen, die zum Staunen der gläubigen,
über solche Neuerungen die Augen zu den sieben Himmeln des Propheten schlagenden
Muselmänner von den Franzosen rasch mit Namen und Nummer versehen worden, war
die Bewegung und das Gedränge nicht minder gross. Der Spahi mit seinem
abenteuerlichen afrikanischen Costüm und dem wehenden Mantel, der Araber mit
seinem schmuzigen Burnus, den nackten Beinen und dem gelben, durch einen Strick
um den Kopf befestigten Tuch; die englischen Uniformen rot mit blauen
Pantalons, den steifen erstickenden Halsbinden und den hohen Bärenmützen; die
Franzosen mit den leichten Kaskets, die sie auf Befehl des Marschalls schon in
Gallipoli gegen die schweren Tschako's vertauscht hatten, auf den Kopf gestellte
Engländer, blau oben, rot unten; der Gamin der Armee: der Zuave mit den weiten,
türkischen, roten Pantalons, dem koketten Jäckchen und blossen Halse und dem
langen blauen Schweif am grossen Fess; Marketenderinnen in ihrer kecken,
zierlichen Tracht; griechische Kaufleute und bulgarische Ochsentreiber mit den
quietschenden und knarrenden Wagen; Staabsoffiziere zu Pferde; die irregulären
Aegypter in ihren Hosen und Jacken von gelb, rot oder weiss gestreiftem Kattun,
die wie ein wandelnder Bettüberzug aussahen; Juden und Maultiere, Jäger von
Vincennes und Bergschotten, faule Moslems, die Hände auf dem Rücken, den langen
Tschibuk hinter sich her schleifend; Baschi-Bozuks in ihrer malerisch wilden
Tracht; Matrosen in den Rinnsteinen, lachende Midshipman, Mohren, Araber,
Europäer, Nord- und Südländer, der Hut neben dem Turban, der Helm neben der
braunen bulgarischen Pelzkappe, Filz und Seide, Gold, Tuch, Silber, blinkende
Waffen, Pferde, Esel, Kameele, zwanzig Sprachen durch einander - das war das
Babylon von Varna!
    Welche Feder vermöchte die bunten Scenen zu malen! Dort die beiden Zuaven,
die lachend, den Fess schief auf dem Ohr, dass eine wahre Kunstfertigkeit dazu
gehört, ihn auf seiner Stelle zu balanciren, zum Tor hereinschreiten, jeder in
der Hand ein grosses Huhn, während hinter ihnen schreiend und gestikulirend der
Grieche herrennt, mit den vierzig Sons nicht zufrieden, die sie ihm als Kaufgeld
octroyirt haben; - vor einer der zahllosen, rasch in den Strassen voll
Knoblauchsgeruch, Staub und Schmuz etablirten offenen Schenken ein halb Dutzend
französischer Offiziere und Unteroffiziere mit dem Frühstück aus freier Faust,
der Wurst, dem Zwieback und dem Gläschen Absynt oder Wermut; - ein betrunkener
englischer Matrose mit einem Soldaten der irländischen Brigade zusammenrennend
und Pat im nächsten Augenblick im derben Handgemenge, während die Franzosen
einen Kreis um Beide bilden lassen; - der türkische Philister, neugierig
zuschauend, bis er bei einer falschen Bewegung des Trunkenen selbst einen
heftigen Faustschlag in's Gesicht bekommt, worauf beide Kämpen gemeinsam über
ihn herfallen und das lange Nohr seines Schibuks auf seinem Rücken zerschlagen;
- auf eine Araba, die nicht durch das Gedränge kann, klettern vier Chasseurs
d'Afrique und ziehen ein schmuziges Spiel Karten hervor, mit dem sie, trotz
aller Protestation des Fuhrmanns, eine Spielpartie dort etabliren; - um die
Garküche des Türken, der mit seiner einfachen Dampfmaschine Hammelschnitte am
hölzernen Spiess brät, eine Reihe Rotjacken, hungrigen Blickes auf das Garwerden
des Bratens harrend, denn das Brot, was die englische Bäckerei liefert, ist nur
halb gebacken und ungeniessbar; - die Menge plötzlich rechts und links
auseinander drängend: eine Kolonne, die vom Exerciren kommt, - eine Wache des
Profoss mit zwei gefangenen, französischen Voltigeurs, die mit Gewalt in ein
bulgarisches Haus eingedrungen sind, hinter dessen Jalousieen sie ein Paar
Mädchenköpfe bemerkt haben, ein seltener Artikel jetzt in Varna; - oder gar vier
Krankenträger mit zwei verhüllten Bahren, von Schildwachen begleitet, auf dem
Wege zum Lazaret.
    »Fi donc! La Cholera! - De quelle troupe les malheureux, mon brave?«
    »Des huzards!«
    »Merci! Place, Messieurs, pour les malades!«
    Der Zuave stösst den langen Engländer bei Seite, der sich mit einer gewissen
Unbehaglichkeit den Leib hält.
    »Dam your eies!«
    »Beliebt, Herr Kamerad?«
    »No!«
    Lachend, tobend drängt die Menge hinter dem Krankenzug wieder zusammen, der
nahe Tod ist vergessen, so lange voll das Leben pulsirt. Auf dem Tschardak eines
Hauses kramt ein armenischer Handelsmann sein Bündel aus, Pfeifenköpfe, Rosenöl,
Filigranarbeiten, Wundpflaster und schlechte Seidentücher. Seine gewandte Zunge
preist sie in einem Gemisch aller Sprachen den umdrängenden Flaneurs an. Ein
englischer Dragoner, der seinen letzten Sold noch in der Tasche hat, kauft fünf
Flaschen von der Rosenessenz, die Adrianopel nie gesehen. Die vergoldeten, in
Böhmen gefertigten Flacons verlocken ihn und er will sie nach Hause schicken.
Einstweilen vermehrt er sein Gepäck damit, das ohnehin 82 Pfund wiegt. - Ein
Sürüdschi, mit dem Courier von Schumla sich Bahn brechend durch das Gedränge.
»Wo ist der Konak des Pascha?« - »Bilmem!« - ich weiss nicht - mit »Olmas« - es
gibt Nichts, kann nicht sein - die ewige Antwort der Türken! - an einer Ecke
eine Gruppe Moslems und Engländer, auf das Schauderhafteste die beiderseitigen
Sprachen in aller Höflichkeit misshandelnd, das »Bono Johnny« oder »Francis bono«
an allen Enden und wo es ungehört geschehen konnte, ein »Pesevenk Giaurs« oder
ein giftiges Ausspucken hinterdrein - das war Varna im Sommer 54, und Sacristi!
Marschall Saint Arnaud mit seinen pomphaften Proclamationen von künftigen Siegen
oder Nimmer-Heimkehr hielt verdammt wenig Ordnung in diesem Gewühl!
    Im Tschardak des »Restaurant des officiers,« wie sich pomphaft mit langen
Buchstaben eine der schnell etablirten Garküchen in der grossen Corso-Strasse
nannte, drängte es sich von ab- und zugehenden Offizieren aller Waffengattungen.
Eben so im Innern, wo vor ziemlich schmuzigen, rings umher laufenden Rohrbänken
Tische standen, die mit französischem Luxus servirt und von zwei gewandten
Garçons bedient waren, wenn auch die Speisekarte fast so mangelhaft als die
Speisen selbst blieb.
    Die Unterhaltung flog von Tafel zu Tafel und jeder der Neueingetretenen gab
ungenirt seinen Teil dazu.
    Eine laute lärmende Gesellschaft sass in der Mitte des Zimmers.
    »Erzählen Sie, Ducru. Also ein Kleeblatt von Jeanne d'Arcs in Constantinopel
und wir werden sie hier sehen?«
    »Wie heissen sie? Wer ist die Dritte? Das Journal de Constantinople spricht
ja Wunderdinge von ihr.«
    »Von der Gräfin Zamoyska haben Sie bereits gehört. Parbleu - vor zwanzig
Jahren mochte sie passiren, jetzt ist sie in der Zeit, wo das
Todtgeschossenwerden ein Glück für sie sein könnte.«
    »Lassen Sie das den Capitain Wisimski nicht hören, Vantourin, er war in
Galizien einer ihrer alten Courmacher.«
    »Bah - sie ist eine aufblühende Rosenknospe gegen den Drachen, die
Prinzessin Kirajia Dscheladulha, eine alte kurdische Hexe, die mit 200
Spitzbuben vom Ararat gekommen ist und sich berufen glaubt, das Reich Mahomed's
zu retten. Sie trägt nicht einmal einen Schleier, so sicher ist sie ihrer
Tugend, und sitzt auf dem Pferde wie ein kranker Affe.«
    »Aber die Dritte - sie soll jung und schön sein, und Gott verdamm' meine
Augen, wie unsere lieben Alliirten zu sagen pflegen, wir leiden hier
abscheulichen Mangel an Damen.«
    Der junge Souslieutenant kräuselte sich schwermütig dabei den Bart.
    »Sie können eben so gut einer mit Kartätschen geladenen Batterie in die
Mündungen sehen, Villard,« lachte der Erzähler, »als in die Augen dieses kleinen
Teufels, das Einzige, was aus der Umhüllung des widerlichen Jaschmaks zu sehen
ist.«
    »Aber woher weiss man da, dass sie jung und schön?«
    »Alle Welt in Constantinopel sagt es. Sie war erst acht Tage vorher mit
ihren hundertundfünfzig Arnauten eingetroffen. Sie soll die Tochter eines
verstorbenen Pascha's sein und sehr reich, denn sie erhält ihre Schaar aus
eigenen Mitteln.«
    »Ihr Name?«
    »Sie nennt sich bloss die Rächerin!«
    »Bah - eine Komödiennärrin! Und sie kommt hierher?«
    »So hörte ich.«
    »Da ist der Adjutant. Willkommen, Bertolin - was Neues?«
    »Der Briefsack ist mit dem Roland eben angekommen, der die Dritten von den
Zuaven gewacht hat. Hier, einige Briefe für Sie.«
    »Geben Sie her. - Peste - das ist von der kleinen, Clairon im Variété, sie
schreibt immer mit gelbem Couvert.«
    »Mir den Charivari!«
    »Eine Nummer des Moniteurs - will Niemand?«
    »Ah, bah - wir lesen der offiziellen Albernheiten genug in den
Proclamationen des Marschalls.«
    »A propos - ist es unehr, dass eine Ordre wegen der Brunnenvergiftungen
erlassen ist? Das Wasser ist so verteufelt schlecht, dass man wahrhaftig daran
glauben sollte.«
    »D'rum trinken Sie auch nur Bordeaux, Commandant.«
    Der ziemlich corpulente Bataillonschef fasste sich an die rote Nase.
    »Diantre, er ist nur so abscheulich teuer in diesem verfluchten Nest!«
    »Hat Jemand von Ihnen den Capitain de la Tremouille gesehen?« fragte der
Adjutant, »hier ist ein Brief für ihn.«
    »Er ist heute Morgen an der Cholera gestorben,« sagte eine Bassstimme vom
Nebentisch. »Lieutenant Walton machte ihm Platz im Lazaret.«
    »Peste - diese Lazarete, man bekommt das Fieber, wenn man daran denkt.«
    »Neuigkeiten von Paris? Leblanc, ich beschwöre Sie, was sagt man im Foyer
der Oper?«
    An den Krieg, an den bevorstehenden Feldzug dachte kein Mensch.
    »Es ist allerdings der Befehl gegeben,« erzählte der Adjutant, »dass kein
Grieche oder Türke sich den Brunnen im Innern der Stadt nähern darf.
Schildwachen sind ausgestellt und haben Ordre, in der Nacht auf Jeden zu feuern,
der nicht zu den Truppen gehört. Man hat in dem einen an der kleinen Moschee
Choleraleichen gefunden.«
    »Pfui! - Mir wird übel werden, wenn ich noch ein Mal Wasser ansehe.«
    »Roqueplan1 hat in der Tat mehr Glück als Verstand - der Kaiser bezahlt
nochmals die Schulden und er soll Direktor bleiben. Das hat er der Cruvelli zu
danken, die mit Fould gut steht.«
    »Hören Sie - Bartelemi hat wirklich vom Sultan eine Dose mit Brillanten
bekommen für das jämmerliche Gedicht im Constitutionnel: Das Bombardement von
Odessa.«
    »Ich wünschte, wir hätten den Versemacher hier, um vor Sebastopol die
Melodie zu seinem Opus pfeifen zu hören.
    Der Moniteur dementirt hier die Nachricht, der Marschall sei zum
Generalissimus ernannt. Omer soll in Constantinopel seine Demission für den Fall
verlangt haben.«
    »Bêtes! - diese türkischen Dickköpfe begreifen nicht einmal die Ehre, unter
den Adlern der grossen Nation zu fechten!«
    In der Ecke des Gemaches, an einem kleinen runden Tische, sass der
Lieutenant-Colonel Vicomte de Méricourt mit einem Offizier in Husarenuniform bei
einer Flasche Bordeaux. Der Colonel führte sichtlich zerstreut das Gespräch,
seine Miene war ernst und nachdenkend, und seine Blicke musterten häufig
forschend die Eintretenden, gleich als erwarte er Jemand.
    »Graf Branicki,« erzählte der Husarenoffizier, »reist morgen nach
Constantinopel ab, um mit dem ersten Dampfer nach Marseille zu gehen. Der Prinz
sendet ihn, um dein Bericht des Marschalls das Paroli zu bringen.«
    »Ich hörte von den neuen Zwistigkeiten, aber nicht den Grund, Sazé.«
    »Bah, Freund,« lachte der frühere Flaneur, »was wollen Sie noch für einen
Grund? Seit der Marschall Constantinopel betreten, zanken sie sich. Der Empfang
des Sultans mag ein solcher Grund sein. Der Prinz ist bequem, und der Marschall
chicanirt ihn.«
    »Aber die Veranlassung der neuen Scene?«
    »Der Prinz nahm sich Bosquet's an bei einem Widerspruch und es soll zu sehr
anzüglichen Worten gekommen sein. Er kam mit rotem Kopf zurück und liess selbst
das Diner stehen, was bei ihm viel sagen will. Er schloss sich sofort mit dem
Grafen ein und die Reise desselben ist das Resultat.«
    »Haben Sie Etwas über den heutigen Kriegsrat gehört?«
    »Er kann erst jetzt zu Ende sein - offenbar die Expedition von Canrobert und
Sir George Brown. Ich fürchtete schon, man hätte Sie mit commandirt.«
    »Es gehen nur regulaire Truppen; aber die geringe Zahl ist auffallend.«
    »Zwölftausend Mann - Regimenter der Division Bosquet und Engländer.«
    »Damit kann man unmöglich einen Angriff gegen Sebastopol wagen?«
    »Alle Welt sagt's - es ist ein lautes Geheimnis.«
    »Bon jour, Commandant!« grüsste ein hinzutretender Ingenieur-Capitain. »
Diantre! ich habe heute Morgen Ihre orientalischen Spahi's exercieren sehen, wie
der Marschall unsere metamorphosirten Bozuks benennt, und ich muss Ihnen das
Compliment machen, Sie haben Merkwürdiges in den zwei Wochen geleistet.«
    »Der Mann, der Ihnen bei Arab-Tabia die Mine sprengte, Capitain Depuis, ist
einer meiner besten Unteroffiziere oder On-Baschi's, wie es heisst. Ich verdanke
seinem Eifer viel.«
    »Ich erinnere mich - ein Mohr - sein Gefährte verunglückte in der Mine. Das
ist eine schwarze Krähe unter den Geiern. - Sie werden des Gesindels genug haben
füsiliren lassen, ehe sie gehorchen lernten.«
    »Sie erinnern mich mit dem Worte an ein trauriges Tema - haben Sie von dem
deutschen Arzt gehört?«
    »Doctor Welland - mein Reisegefährte von Widdin? - was ist's mit ihm - an
der Cholera gestorben? ich hörte eben von Santerre aus dem Bureau des
Oberstaabsarztes, dass wir täglich an fünfzig Todte zählen.«
    »Die Engländer fünfzig Prozent mehr,« warf ein Capitain der Artillerie ein,
der dicht daneben ein Huhn verspeiste. »Eine Schlacht mit den Russen könnte kaum
so aufräumen, wie wir in der letzten Woche decimirt worden sind.«
    »Schlimmer als das, Depuis - Sie scheinen also nicht zu wissen, dass in
diesem Augenblick Kriegsrecht über ihn gehalten wird?«
    »Fichtre! Warum? ich komme vor einer Stunde erst von Baltschik, wo ich fünf
Tage Gurken mit Hammelfüllsel gefressen.«
    »Eine unglückliche Denunciation - man behauptet, er habe in Silistria mit
dem Feinde correspondirt - es sollen Briefe mit seiner Adresse aufgefangen
sein.«
    »Ce serait bien le diable! Ich kann es kaum glauben.«
    »Ich auch nicht - ich sah den Mann in seiner Pflichterfüllung und lernte ihn
achten. Aber ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen verbündet sich
gegen ihn.«
    »Wer bildet das Kriegsgericht?«
    »Leider die Türken - er steht in türkischem Dienst. Es sind zwar ein
französischer und ein englischer Beisitzer zugezogen auf Bestimmung des
Marschalls, sonst aber blieb Alles Sali-Pascha überlassen und dieser ist ein
eingefleischter Türke.«
    »Wer bestimmte den französischen Offizier?«
    »Bosquet. Ich bat ihn persönlich, mich zu commandiren, da ich in Silistria
gewesen. Aber er schien seltsamer Weise ein Vorurteil gegen den Angeklagten zu
haben, denn als er sein Notizbuch nachgesehen, schlug er es rund ab.«
    »Kennen Sie die politische Gesinnung des Deutschen?«
    »Wie so?«
    »Der General, so heisst es, ist Republikaner.«
    »Das sind auch Andere, aber der Arzt ist zu unbedeutend, um irgend
politische Antipatieen auf sich gezogen zu haben. Ich weiss nicht, wie. -
Endlich, Capitain Morton!«
    Der Engländer, dem dieser Zuruf galt, und dem wir in Silistria schon
begegnet sind, war hastig in das Haus getreten und hatte sich suchend
umgeschaut. Sein Blick war finster, sein Gesicht zeigte deutlich Aufregung. Er
trat hastig zu dem Tisch.
    »Nun, Herr Kamerad - welche Nachricht?«
    »Er ist verurteilt und soll morgen früh erschossen werden.« - Er stürzte
ein grosses Glas Rotwein hinunter. - »Goddam! mein eigenes Zeugnis hat den
Ausschlag gegeben.«
    »Ich bitte, erzählen Sie!«
    »Verdammt! dass ich es sagen muss, aber wir haben dem Doctor den Ankläger
selbst zugeführt. - Sie erinnern sich meines Landsmannes, des Baronet Maubridge,
Vicomte. Er ist es, der aus einer mir unbekannten Ursache den Mann verfolgt und
denuncirt hat. Er hat Briefe übergeben, die unzweifelhaft beweisen, dass eine
verräterische Verbindung aus Silistria mit den Russen unterhalten und der Feind
vielfach von dem Zustand der Festung und den beabsichtigten Ausfällen
unterrichtet worden ist.«
    »Aber das ist noch kein Beweis, dass der Doctor darum gewusst hat. Dass es an
Spionen in Varna nicht fehlte, ist eine bekannte Tatsache.«
    »Der Baronet behauptet, dass er die Briefe am Abend des 13., - Sie erinnern
sich der Minensprengung am andern Tag und des grossen Ausfalles, bei dem General
Schilder fiel - selbst dem Knaben abgenommen habe, der für Mussa Pascha mehrfach
Spionendienste verrichtete. Der Knabe ist entflohen oder befreit worden, - aber
Sie wissen, dass er sich während der Anwesenheit in der Festung bei Welland
aufhielt.«
    »Spione dienen häufig beiden Parteien,« bemerkte Depuis.
    »Der Hauptbeweis ist leider ein Brief, der an den Doctor selbst gerichtet
und von einem Offizier aus dem Stabe Gortschakoff's unterzeichnet ist. Er
spricht ganz klar von einer früheren Befreiung des Schreibers aus türkischer
Gefangenschaft durch den Arzt, von einem fortbestehenden Einverständnis, und der
Angeklagte hat ihn anerkennen müssen.«
    »Der Unglückliche!«
    »Er weigert jede nähere Auslassung über das Verhältnis, in dem er zu dem
Schreiber steht, beteuert aber mit seinem Ehrenwort, dass er nie eine seine
Pflicht verletzende Mitteilung gemacht und dass der Brief auf unbekanntem Wege
ihm zugegangen und durch seinen Diener auf der Schwelle seiner Wohnung
vorgefunden worden sei.«
    »Hat man den Diener befragt?«
    »Der junge Mohrenknabe ist seit der Verhaftung seines Herrn verschwunden und
nicht aufzufinden. Es wurde leider durch Zeugen bewiesen, dass der Doctor nach
seiner Ankunft von Silistria in Varna mit Griechen verkehrt hat, die in
gegründetem Verdacht der Verräterei stehen und von der Polizei des Pascha's
verfolgt werden.«
    »Aber Ihre eigene Aussage, Capitain?«
    »Sie erinnern sich des Wortwechsels mit meinem Landsmann kurz vorher, ehe
Mussa-Pascha fiel. Ich musste zugeben, dass bei dem nächtlichen Ausfall am 28.
Mai, als ich Kiriki-Pascha aus dem Getümmel brachte, und die Russen uns
überfielen, ein feindlicher Offizier, derselbe, der den Brief geschrieben, den
Doctor und mich aus den Händen seiner eigenen Leute befreite und entkommen liess.
    So wäre der Unglückliche wirklich verloren - ich weiss nicht, es sträubt sich
ein Gefühl in meinem Innern, an seinen Verrat zu glauben.«
    »Dasselbe ist bei mir der Fall. Ich schulde ihm eine Freundlichkeit von
Paris, die Rettung in jener Nacht und es grollt mich, dass ich seinem Feinde
selbst die Gelegenheit geboten. Ich habe dem Baronet meine Erklärung gemacht und
erwarte seine Botschaft.«
    »Ich stehe in jeder Beziehung zu Diensten. Wohin hat man den Doctor
gebracht?«
    »Er wird im Hause Sali-Pascha's gefangen gehalten, nahe an dem grossen
Magazin. Man hat mir den Zutritt verweigert.«
    »Wäre, Canrobert nur hier! - doch er ist bereits nach Baltschick
aufgebrochen. Vor Allem müssen wir Aufschub der Vollstreckung erlangen, - eilen
Sie Beide zu Ihren Freunden, ich werde den Prinzen für den Unglücklichen zu
interessiren suchen.«
    »Zum Henker, Kommandant,« sagte eine Stimme neben ihnen, »ich suche Sie seit
einer Stunde. Ordre im Dienst!«
    »Zu Ihren Diensten, Capitain Marcell!«
    »Soll mich freuen, Kommandant, denn ich habe gern brave Kameraden neben mir.
Aber sputen Sie sich, unsere Brigade ist die erste. Wir sollen dem Prinzen um
zwei Etappen voraus sein und Oberst Bourbacki mit seinen Zuaven ist schon
aufgebrochen. Sie wissen, der tolle Afrikaner duldet keine Verspätung. Au revoir
unterwegs, Kamerad!«
    Der Vicomte hatte unterdess die Ordre gelesen.
    »Heiliger Gott! - ich muss in einer Stunde mit meinen Spahi's auf dem Marsch
sein. Der Aermste - Doch halt, Sazé, Sie müssen meine Stelle vertreten und dem
Prinzen die Bitte vortragen - es gilt ein Menschenleben.«
    »Ich bin zu Ihrer Verfügung und werde tun, was ich vermag.«
    »Kommen Sie eilig, Capitain Morton und Depuis begleiten uns; ich muss meine
Befehle geben und unterwegs hören Sie das Weitere.«
    Sie verliessen hastig den Restaurant, doch war es kaum möglich, von dem
Tschardak sich durchzudrängen. Die Corsostrasse herauf von dem Dewno-Kai her
wogte es in dunklem Gedränge - Militairmusik, das donnernde Vive l'empereur! aus
tausend kräftigen und durstigen Kehlen. Dann klang es lustig, trotz Staub und
Hitze:
As-tu vu
La casquette,
La casquette?
As-tu vu
La casquette
Du père Bugeaud!2
- das berühmte Marschlied der Zuaven - das erste Bataillon, des dritten
Zuaven-Regiments aus Algier, so eben ausgeschifft, rückte in die Festung, um
jenseits derselben das Lager zu beziehen.
    Das Interesse des Kommandanten wandte sich unwillkürlich dem militairischen
Schauspiel der stattlichen Truppe zu, in deren Reihen er selbst seine Sporen
verdient, als Lieutenant unter Canrobert bei der Belagerung von Zaatcha und im
Aurasgebirge gefochten hatte.
    Der Leser erinnert sich, dass der Vicomte am Morgen jenes Tages, an welchem
er den Besuch der Fürstin Iwanowna empfing, seinen Abschied eingereicht hatte
und dass dieser durch das Verschwinden des jungen Fürsten unnötig gemacht
worden. Bei Beginn des Krieges hatte der Vicomte um seine Versetzung aus dem
Stabe des Kaisers zur activen Armee gebeten, und war zum Kommandanten des
zweiten Bataillons des dritten Zuaven-Regiments ernannt worden. Verschiedene
Kommando's beim Einschiffen der Truppen, nach Silistria und zuletzt zur
Organisation der Baschi-Bozuks durch die Generale Yussuf und Beatson, hatten
jedoch bis jetzt seinen Eintritt in das Regiment verhindert und er begrüsste es
jetzt zum ersten Mal auf türkischem Boden.
    Die Stabsmusik voran, das Trommlercorps seinen Marsch schlagend, Gamains von
den Strassen der Hauptstadt, denen selbst das freie Leben im Antoine noch zu
ruhig gewesen und die den Eltern und Lehrherrn davon gegangen, jetzt dem Stabe
des bärtigen riesigen Tambourmajors folgten. Hinter der Musik die vier
Marketenderinnen des Bataillons, drei junge frische Frauen mit kecker
Grisettenmiene, und eine ältere, den Fess der Zuaven auf dem braunen
kurzgeschnittenen Haar, blanke Tressen auf dem coquetten blauen Jäckchen, das
lose um die Brust sass, und um den kurzen Rock von gleicher Farbe, unter dem die
roten Beinkleider hervorbauschten, - Jede das bekannte Fässchen auf dem Rücken,
die Freudenspenderin der Soldaten. Und hinter den kecken Dirnen, die so oft im
blutigen Schlachtgewühl zwischen Pulverdampf und dem Pfeifen der Kugeln ihren
Freunden den letzten Labetrunk gereicht, der Oberst des Regiments mit seinen
Adjutanten zu Pferde, die Offiziere, die lange Reihe bärtiger lustiger Gestalten
in der kecken Nonchalance der französischen Marschhaltung, den Fess hinten auf
das Ohr geschoben, das Gewehr leicht im Arm, den hellblauen Shawl mit
unbeschreiblichem Aplomb um die Hüften geschlungen, an der Seite Scheersack und
Proviantbeutel, auf den Rücken den Tornister, auf dem, mindestens ein Mal in
jedem Zuge, die berühmte Katze kauerte, Mademoiselle Minette, der Liebling und
Vorkletterer der Compagnie, der bissige, boshafte, Wache haltende, kleine
Teufel, der die Kabylen auf 500 Schritt zu wittern verstand.
    Der Vicomte sprang an das Pferd des Obersten, ihn zu begrüssen.
    »Willkommen, Kommandant! Ich habe Ihr Bataillon offen gehalten und Sie
können eintreten, sobald es morgen uns folgt. Du Moulin führt es unterdess.«
    »Nichts wäre mir lieber, Oberst,« berichtete eilig der Offizier, »aber ich
bin noch kommandiert zu General Yussuf und seinen türkischen Spahi's und in einer
Stunde marschiren wir nach der Dobrudscha.«
    »Fatal! - vielleicht, dass wir Ihnen folgen müssen. Auf Wiedersehen also vor
den Russen, Méricourt.«
    Dieser trat zurück.
    »Bon jour, Commandant! Avez-Vous oublié la petite vivandière de Marseille?«
fragte eine freundliche Stimme neben ihm.
    Es war die Marketenderin vom Quai der Hafenstadt.
    »Nini Bourdon?«
    »C'est ça, mon Commandant. Ich sehe, Sie haben meinen Namen behalten. Mein
Bruder marschirt in der zweiten Compagnie.«
    »Und der arme Irre, Dein Vetter?«
    »Er bewacht mein Gepäck im Nachtrab. Au révoir, Monsieur - ich muss in meine
Reihe.«
    Sie sprang davon. Der Vicomte mit seinen drei Gefährten eilte weiter.
    »Merken Sie auf, Sazé, das war die Marketenderin, von her ich Ihnen sprach.
Der Mensch, der eine so seltsame Aehnlichkeit mit Fürst Iwan hat, folgt ihr, wie
sie sagt. Auf meine Ehre, dort ist er - blicken Sie hin, der blasse Bursche da
auf dem Maultier, ein zweites führend.«
    »Wahrhaftig, - die Aehnlichkeit ist erschreckend!«
    »Die Zeit drängt - lassen Sie uns eilen.«
    »Einen Augenblick noch,« bat Depuis. »Ich höre so eben, dass eine Abteilung
Tunesen und die beiden Amazonen folgen, die in Constantinopel mit ihren
Freischaaren Aufsehen gemacht haben.«
    »So leben Sie wohl, der Dienst ruft mich. Sie wissen, was zu tun ist und
der Himmel möge Ihren Schritten Erfolg geben.«
    Der Vicomte drängte davon durch den Menschenstrom, den die Neuigkeit von der
Ankunft der Freischaar herbeizog. Die anderen Drei verweilten, um das Schauspiel
zu sehen, und den Zug vorüber zu lassen: - zunächst die Mohren von Tunis, die
ersten Hilfstruppen, die der Bei gesandt und deren man sich in Constantinopel so
bald als möglich entledigt hatte, wilde Gestalten, die Mordlust und
Zügellosigkeit in den gelben Augen, auf den schwarzen, braunen und gelben
Gesichtern, eine Horde, die die Hölle selbst losgelassen zu haben schien. - Dann
das wilde Spiel der Zinke und der Trommel, eine gedrängte Schaar prächtig
ausgestatteter Reiter in der bunten albanesischen Tracht, die lange Flinte auf
dem Rücken oder die Lanze in der Faust, kühne stolze Gesichter. Und zwischen den
bunten Albanesen die finsterblickenden dunkeln Söhne eines andern Weltteils,
die Kinder des Ararats: die Kurden, broncefarbene Gesichter und Körper, eine
rote Jacke, welche die sehnichten Arme fast bloss liess, dunkle Beinkleider bis
zum Knie, die hohe Mütze von schwarzem Lammsfell auf dem Kopf, den dunklen
Filzmantel um die Schultern, mit Flinte, Yatagan und Lanze bewaffnet.
    Vor diesem gemischten seltsamen Haufen zog eine Gruppe her, welche aus drei
Personen bestand und die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, die sich bei den
Franzosen sofort in mancherlei spöttischen Acclamationen kund gab.
    Die Mitte nahm, auf einem Kameel reitend, ein alter schmuziger Derwisch ein,
in grauer Kutte mit nackten Beinen, nach der näselnden Manier der Orientalen
Sprüche aus dem Koran laut hersagend, während er die Kugeln seines Rosenkranzes
mit rapider Schnelligkeit durch die Finger gleiten liess. Ihm zur Linken ritt die
kurdische Prinzessin, deren Fanatismus die Prophezeihung von einer Jungfrau, die
das türkische Reich und den Islam erretten werde, in Bewegung gesetzt hatte.
Aber die Jungfrau war längst zur runzlichen alten Jungfer geworden, und ihre
etwas buckliche Figur und der ziemlich komische Aufzug, in dem sie auf ihrem
Pferde sass, erregte das Gelächter der europäischen Truppen. Die reine Jungfrau
trug wahrscheinlich in dem Glauben, dass die Russen vor der Holdseligkeit ihres
Antlitzes davon laufen würden, dasselbe unverhüllt, schien sich aber gewaltig
über die frechen Blicke der Männer zu ärgern, die von allen Seiten auf ihr
ruhten. Sie mochte bereits einige fünfzig Jahre zählen, war klein und mager und
nie ohne ihren Adjutanten, den alten schmuzigen Derwisch, zu sehen. Später, da
sie allerlei Ansprüche machte und den türkischen Behörden lästig zu werden
begann, schoben diese sie bei Seite, ja, man erzählt, dass Omer Pascha die alte
Närrin ohne Weiteres auf ein Schiff packen und in Trapezunt an's Land setzen
liess, ihre rüstigen Krieger aber weislich unter seiner Reiterei behielt.
    Ein höheres Interesse fesselte die Zuschauer jedoch an die dritte Figur der
Gruppe, die geheimnisvolle Reiterin, von der Capitain Ducru erzählt. Ihre Figur
war schlank und ebenmässig und sass fest und sicher im Sattel, nicht hockend und
plump, wie die türkischen Frauen gewöhnlich zu reiten pflegen. Ein Yaschmak von
feiner schwarzer Spitzengaze verhüllte zwar ihr Gesicht nach muselmännischer
Sitte, doch wies der sichtbare Teil der Nase und Stirn und das feuersprühende,
dämonisch dunkle Auge, dass die Fremde jung und schön sein musste. Sie führte mit
sicherer Hand das feurige arabische Ross, das sie ritt; ein halb offenes
Oberkleid von braunem Tuch mit dunklem Pelz besetzt und weite Beinkleider, von
gleichfarbiger Seide bis auf die zierlichen Knöchel herabfallend, bildeten ihren
Anzug. Ein reich verzierter Säbel hing an ihrer Seite, Pistolen waren in ihrem
breiten Shawlgürtel.
    An der Seite des Pferdes schritt unbekümmert um das Menschengewühl ein
grosser Molosserhund.
    Das spöttische Gelächter, der höhnende Zuruf, der zuerst ihre beiden
Gefährten begrüsst hatte, verstummte, als sich Aller Augen auf die dunkle
Reiterin wandten. Bald murmelte es durch die Menge: »La Vengeresse! la
Vengeresse!« und je weniger die Zuschauer von der Benennung verstanden, desto
höher schwoll das Interesse daran und brach alsbald in einen stürmischen
Hurrahruf aus.
    Die Türkin schien mit derselben Gleichgültigkeit und Verachtung auf die
Beifallrufenden zu schauen, mit der sie vorhin ihren Hohn und Spott aufgenommen.
Plötzlich aber zuckte es wie ein electrischer Funke durch ihren ganzen Körper.
Sie presste ihrem Ross die scharfen Spitzen der Bügel in die Flanken, dass es sich
hoch bäumte, drehte es sicher auf den Hinterbeinen um und setzte mit einem
Sprung auf die Menschenmauer zu, die erschrocken auseinander stob.
    Das Pferd mit seiner wilden Reiterin hielt dicht vor zwei Armeniern, die in
ihre weiten schwarzen Talare gehüllt, das Barett tief in die von dunklen Bärten
halb verdeckten Gesichter gedrückt, zuschauend unter der Menge gestanden. Mit
einem seltsamen Gemisch von Entsetzen und Aufregung blickte der Jüngere auf die
Amazone, während der Aeltere ihn fortzuziehen sich bestrebte.
    Nur einen Augenblick dauerte die Scene. Das Weib auf dem Pferde hob wie
warnend die Hand und sagte langsam und deutlich: »Die Reihe ist an Dir, hüte
Dich, Nicolas Caraiskakis!« und im nächsten Moment schon lenkte sie ruhig zurück
in die Reihe und ritt weiter, gleich als sei Nichts geschehen und als habe ihr
Ross nur durch Zufall gescheut, und der Menschenstrom schloss sich alsbald wieder
um sie her.
    Die Hand des ältern Armeniers aber zog den Erkannten mit sich fort aus dem
Gedräng in die nächste enge Quergasse, durch einen kaum mannesbreiten Durchgang,
und weiter, bis sie in die Griechenstadt kamen und zu der halbverfallenen Mauer
eines Hofes. Auf ein eigentümliches Klopfen wurde die Tür von Innen geöffnet
und Beide traten in den engen Hof, aus dem sie durch einen langen Gang in das
von der Strasse gleichfalls durch Mauer und Tor abgesonderte Vorderhaus
gelangten.
    In einem Gemach zu ebener Erde, das an den Fenstern stark vergittert war,
hielt endlich der Aeltere an und wandte sich zu dem Mann, der ihm geöffnet.
    »Rufe Geurgios und wer sonst von den Brüdern im Hause ist.«
    Dann, während der Diener sich entfernte, wandte er sich an seinen Gefährten.
    »Das Weib erkannte Dich trotz der Verkleidung. Wer ist sie?«
    »Fatinitza - die Wölfin von Skadar - die Tochter Selim-Bei's, des
verstorbenen Pascha's von Skadar.«
    »Ich habe von dem Knaben Mauro Manches gehört von dem Character dieser Frau
und Deinem Verhältnis zu ihr, während Dein Mund gegen den eigenen Bruder
verschlossen blieb. Du hast sie zu fürchten?«
    »Sie hat mir Verderben geschworen - in der Kula von Protopapas.«
    »Sie möge ihre Macht probiren, - ehe die Sonne aufgeht über den Golf, wirst
Du auf den Wellen des Mavri-Talassa3 schwimmen.«
    Er legte das Barett, die falsche Haartour mit den langgewickelten dunklen
Locken und den Bart ab, - es war Gregor Caraiskakis, der mit dem Bruder
gesprochen.
    Zugleich traten Geurgios der Fanariot und zwei andere Griechen in das Zimmer
mit dem Knaben Mauro.
    »Ist Nursah in seinem Gemach?«
    Der Knabe bejahte.
    »Der Bursche hängt mit Fanatismus an seinem Herrn und hat gedroht, Alles zu
verraten, ehe er ihn in Gefahr liesse. Die Nachricht, dass der Doctor verurteilt
ist und morgen erschossen werden soll, muss ihm verborgen bleiben.«
    Es klang wie ein leiser Schrei durch das Gemach, und Caraiskakis blickte
sich um, aber es war Nichts.
    »Die Zeit des Handelns für uns ist gekommen. Höhere und wichtigere
Interessen haben mich gezwungen, den Freund in die Gefahr zu bringen, die ihn
jetzt bedroht. Fluch diesem Inglis, der ihn und uns verraten. Meine Pflicht ist
es jetzt, ihn zu retten und sei es mit meinem Blute.«
    »Was gedenkst Du zu tun?« fragte Geurgios.
    »Zuerst die Interessen unsers Glaubens und unsers Vaterlandes. Ich bringe
schlimme Botschaft: Hadji Petros ist von Fuad, Zeinel-Pascha und Abdi geschlagen
worden. Der General stand mit 4000 tapfern Hellenen bei Kalambaka, - Zacco und
Katarachia deckten die uneinnehmbaren Pässe von Syrakos. Da sandten die Franken
ihre Commissare zu Zacco und der Verräter gab ihren Lockungen und
Versprechungen nach und räumte die Schanzen. Am andern Tage standen die Moslems
vor Kalambaka. Hadji verteidigte es mit viertausend Getreuen fünf Stunden lang
gegen Eilftausend, - kaum dass er verwundet selbst dem Gemetzel entkam.
Sechshundert Christenköpfe schickten die Paschas auf Pferden nach Larissa4. Das
Kreuz ist in Tessalien gefallen, wie es im Epirus fiel!«
    »Und der König? - die Königin?«
    »Sie liegen in den Banden der Franzosen und Engländer. Ihre Soldaten, stehen
im Pyräus, ihre Schiffe kreuzen vor unsern Häfen und durchsuchen unsere
Fahrzeuge. Spiro Milios ist arretirt und mach Napolis gebracht, weil er dem
Schurken Kalergis und den fränkischen Schergen nicht Rechenschaft geben wollte,
woher das Geld ihm gekommen, mit dem er unsere Brüder besoldet. Kalergis und
Maurocordato rütteln am Tron, die Macht ist in ihren Händen, unsere Freunde
werden in den Kerker geworfen, der König, bis Königin werden offen beschimpft
und verhöhnt, unsere Presse ist unterdrückt und der britische und der
französische Gesandte gebieten an der Akropolis.«
    »Christen gegen Christen! Fluch ihnen, die uns bei Navarin geködert, nachdem
unsere eigene Kraft die Fesseln gebrochen hatte.«
    Ein trauriges Schweigen folgte den Mitteilungen. Gregor nahm zuerst wieder
das Wort.
    »Das Unglück darf uns nicht entmutigen, - wir sind Kinder des Schmerzes und
mit dem Kampf gegen die Tyrannei grossgesäugt. Unsere Hoffnung richtet sich nach
Norden, und ob Ströme von Blut fliessen, die Söhne der Hetärie, die Kinder der
Elpis werden nicht ermüden in dem Kampf. In dem heutigen Kriegsrat unserer
Bedrücker, denn der Franzose und der Engländer sind jetzt so gut der Feind
unsers Volkes und Glaubens wie der Moslem selbst - ist Wichtiges beschlossen
worden. General Epinasse mit drei Divisionen wird einen Zug nach der Dobrudscha
unternehmen. Die Führer sind ausser ihm der Araber Yussuf, General Bosquet und
der Prinz selbst. General Lüders muss sofort durch einen Boten benachrichtigt
werden, denn ein Teil der Truppen ist bereits auf dem Marsch.«
    »Mauro soll sich bereit machen.«
    »Die Flotte segelt morgen ab, 12 Linienschiffe und 6 Fregatten. Sie wird in
Baltschik anlegen, um den General Canrobert und Sir George Brown einzuschiffen.«
    »Aber das Geheimnis ihrer Bestimmung - so gilt es wirklich Sebastopol? und
der Fürst, der sich auf uns verlassen, hat keine Nachricht?!«
    Gregor nahm die Hand seines Bruders:
    »Er wird sie ihm bringen und so zugleich diese Stadt verlassen, in der die
Ankunft eines Dämons in Frauengestalt ihm Verderben droht. Die Flotte ist nicht,
obschon dies allgemein verbreitet wird, zu einer Expedition gegen Sebastopol
oder Balaclawa bestimmt, sondern wird nur eine Recognoscirung des Ufers
vornehmen und die russischen Schiffe herauszulocken suchen, indem man sich den
Anschein gibt, in Balaclawa landen zu wollen. Sie geht an die Küsten von
Colchis mit Munition und Waffen für die Bergbewohner.«
    »Wie wird Dein Bruder nach Sebastopol gelangen?«
    »Die smyrniotische Felucke Maria liegt auf der Rhede mit englischer Ladung
für Batum, bereit, jeden Augenblick in See zu gehen. Capitano Felicio hat bis
diesen Abend gezögert, die Pässe zu holen. Er wird bis Mitternacht in der Stadt
verweilen - Nicolas kennt den Ort, wo er uns erwarten wird; er und der deutsche
Arzt werden ihn in der Kleidung von Galiandschi's begleiten. Die Felucke wird
vierundzwanzig Stunden vor der Flotte das Cap Aya passiren. Nicolas versteht mit
einem Boote umzugehen, und wird mit einem solchen die Küste erreichen.«
    »Der Weg ist sicher,« meinte Geurgios. »Welche Aussicht hast Du, den Franken
zu retten?«
    »Der Schlag, den wir erst in drei Tagen zu führen gedachten, muss schon in
dieser Nacht erfolgen. Vor Mitternacht muss das französische Arsenal und das
grosse Lazaret in Flammen stehen, und möge diese Brandfackel das Verderben des
Halbmonds und seiner Freunde beleuchten.«
    »Aber die Unsern sind noch nicht bereit - die Brander nicht fertig.«
    »Wir haben sechs Stunden Zeit, darin lässt sich der Untergang von ganz Varna
bereiten. Ich will es an allen Ecken anzünden, ehe ich zugebe, dass der Freund
ihr Opfer wird.«
    »Und Dein Plan, ihn aus dem Konak des Pascha's zu befreien?«
    »Wir wissen durch Vaso - Vassili, wie er im Dienst des Pascha's heisst, - dass
er in demselben Seitenflügel des zweiten Hofes gefangen gehalten wird, den der
Inglese mit dem griechischen Mädchen bewohnt. Wir werden Eingang finden zu
ihnen, ich und mein Bruder, das Wie? und Warum? kümmert Euch nicht, es ist eine
Rechnung unter mir und dem Briten. Wenn die Flammen des Arsenals in den
Nachtimmel emporschlagen, wird der Konak lebendig werden, und Alles zu dem
nahen Feuer strömen. In der Verwirrung wird es uns leicht sein, den Gefangenen
zu befreien und mit ihm bis in die Khandschia am Hafen zu gelangen, in der uns
der Capitano erwartet. Die Tore der Wasserseite bleiben wegen der Flotte die
ganze Nacht geöffnet. - Ist Jussuf, der Mohr, hier gewesen?«
    »Vor kaum einer halben Stunde, um Abschied zu nehmen von dem Bruder. Die
türkischen Spahi's, wie diese Franken die Räuberschaar genannt haben, verlassen
die Stadt.«
    »Ich, weiss es - und nun an unsere Geschäfte. Die Heiligen mögen uns
schützen.«
 
                                    Fussnoten
1 Der damalige Unternehmer der grossen Oper.
2 Seit 1844 das Lieblingslied dieses eigentümlichen und berühmten Corps. Sein
Ursprung schreibt sich von folgender Anecdote: In einer Nacht überfielen die
regulairen Truppen Abdl-Kaders das Lager des Marschalls Bugeaud und waren mitten
darin, ehe die erstaunten Soldaten die Gefahr ahnten. Die Offiziere mussten sie
mit ihrem Beispiel ermuntern. Der Marschall war einer der Ersten auf dem Platz
und tödtete mit eigener Hand zwei Feinde. Bald war die Ordnung wieder
hergestellt, die Zuaven, welche dies eine Mal so schlechte Wache gehalten,
sammelten sich, rückten an und verjagten den Feind. Nach beendigter Schlacht
bemerkte der Marschall bei der Helle der Bivouacfeuer, dass Alle, die ihn
ansahen, verstohlen lachten. Er fährt mit der Hand nach seinem Kopf und findet
diesen mit einer solennen - Nachtmütze bedeckt. Als er hierauf nach seiner
Feldmütze ruft, erheben sich tausend Stimmen und schreien nach der Mütze des
Marschalls. Am andern Morgen circulirte bereits das Lied und hat sich seitdem
bei dem Corps erhalten.
3 Neugriechische Benennung des Schwarzen Meeres.
4 Historisch!
 
                                   Im Tabun.
Die Erdhütte des Tabuntschik bildete ein geräumiges Gemach mit zwei Ausgängen,
deren einer auf mehreren Stufen hinauf in's Freie führte, während die zweite
Tür nach einem anschliessenden Vorratsraum ging. Die Wände, von in der Sonne
getrockneten Lehmsteinen aufgemauert, waren mit Wolfs- und Pferdehäuten
bekleidet und mit einer Unzahl von bunten Heiligenbildern der schlechtesten
Qualität beklebt. In einer Ecke brannte vor einer mit allerlei Flitterwerk
ausstaffirten grobgeschnjetzten und bemalten Holzfigur der Jungfrau mit dem
Christuskinde und darunter vor dem Bilde des Schutzheiligen des Besitzers, eine
Lampe. Grüne Zweige von Ginster und Wermut waren an den Wänden aufgesteckt,
Binsen deckten den Fussboden.
    Die Gesellschaft der Reisenden hatte beschlossen, die Nacht in dem Tabun
zuzubringen und mit der erwachenden Sonne, wenn die Steppe abgekühlt und jede
Gefahr beseitigt war, ihre Reise fortzusetzen. Der Tabuntschik hatte es
übernommen, nach der verlassenen Telege der Polen zu sehen und dieselbe, wenn
das Feuer sie nicht verzehrt, nach der Zufluchtsstätte holen zu lassen.
    Die eben überstandene Gefahr warf noch ihre Schatten über die Geretteten.
Das furchtbare Ende des jungen Postillous, der zerschmettert mit den beiden
Pferden auf dem Grunde der tiefen Schlucht gefunden worden, hatte ihnen das
Schicksal gezeigt, dem sie so leicht ohne den Schutz des Höchsten und die
Aufmerksamkeit des Menoniten verfallen gewesen wären.
    An dem Heerd in einem Winkel des Gemaches brodelte der Teekessel, dieses
Labsal der Russen. Die beiden Damen sassen auf einem von den getrockneten Gräsern
der Steppe und Tierhäuten gebildeten Lager, unfern von ihnen die Dienerin,
während die Männer um einen roh zusammengezimmerten Tisch, als Bänken sitzend,
von den Kriegsereignissen sprachen.
    Am Feuer selbst kauerte der greise Tabuntschick, den brodelnden Kessel
beachtend. Der Reisevorrat des Obersten hatte Rum und die nötigen
Ingredienzien des Mahles hergegeben, dessen Hauptbestandteil ein vom
Tabuntschik gekaufter Hammel bildete, von dem der grössere Teil den Dienern und
Kosacken überlassen worden war.
    »Der Fürst-Gouverneur,« erzählte der junge Fürst Iwan, »hatte mich in die
Steppe beordert, um an Hetman Kassalap die Aufforderung zum Sammeln der
irregulairen Esotnieen zu überbringen. Ich war auf der Rückkehr und hatte in
Uroczczerna den Lieutenant Potemkin getroffen. Wir verweilten auf der Colonie
der Eltern jenes braven Menoniten, als die Gefahr der Heuschrecken ihre Felder
bedrohte und man mit den gewöhnlichen Mitteln des Rauchs sie verscheuchte. Ich
weiss nicht, ob hierbei durch Unvorsichtigkeit die Steppe in Brand ging.«
    »Verzeih' Bruder,« bemerkte der Menonit, »das Feuer kam von der Küste her
und brannte bereits seit gestern.«
    »Gut! Die wackern Landleute hatten ihre Felder durch Aufwerfen von Gräben
gesichert. Noch ehe die Gefahr uns so nahe, kamen die zwei Kosacken in die
Colonie und erzählten von der Not, worin die treulosen Jämschtschiks die
polnische Dame gelassen. Die Ritterpflicht erforderte, ihr zu Hilfe zu kommen,
und so machten wir uns auf den Weg durch das Feuer. Hesekiah führte uns.«
    »Wir danken Ihren Bemühungen unsere Rettung,« sagte der Oberst.
    »Weniger uns, als den zweckmässigen Massregeln Ihrer Kosacken und dieses
Rosshirten. Iwan Oczakoff, Väterchen, wird stets bereit sein, Dir seinen Dank zu
beweisen.«
    Der Tabuntschick, der sinnend in das Feuer gestarrt, wandte forschend seine
Augen auf ihn:
    »Du bist ein Oczakoff?«
    »So ist es, Väterchen. Mein Vater war der Gouverneur von Kasan. Meine
Mutter, eine Fürstin Wolkonski. Kennst Du meine Familie?«
    »Ich habe gehört von ihr, denn der Wolkonski Güter liegen zum Teil in
Taurien.«
    »Schloss Aya an den von Myrten und Orangen bekleideten Felsenküsten der
Yalta ist mein Erbe. Meine Schwester weilt dort und ich hoffe, Oberst, dass, wenn
Sie die Luft und die Milde des Südens geniessen wollen, Sie über meine
Besitzungen verfügen werden.«
    »Ein echtes russisches Blut,« murmelte der Rosshirt. »Deine Mutter, Fürst,
lebt sie noch?«
    »Sie starb bei unserer Geburt. Iwanowna und ich sind Zwillingskinder.«
    Der Tabuntschik schlug ein Kreuz:
    »Die Heiligen seien ihr gnädig. Deine Mutter, Fürst, hatte drei Oheime,
Brüder ihrer Mutter.«
    Der junge Mann sah ihn misstrauisch an.
    »Wenn Du ihre Namen weisst, kennst Du auch ihre Schuld und ihr Schicksal. Sie
sind todt.«
    »Alle Drei - auch der Jüngste?«
    »Ja!«
    Der alte Tabuntschik versank in Schweigen, dann erhob er sich und ging
hinaus; bald darauf folgte ihm der Menonit.
    Der junge Fürst sass, den Arm auf den Tisch gestützt, in Nachdenken.
    »Die Erinnerung an Deine Familie hat Dich betrübt, Fürst Iwan,« sagte der
junge Artillerie-Offizier. »Was vergangen ist, ist vergangen.«
    »Ich dachte der Tränen, die meine sanfte Mutter oft über den Fluch der
grausen Tat geweint, die auf ihrer Familie lastet, Sie wissen wahrscheinlich,
dass meine Grossmutter eine geborene Fürstin Zuboff war.«
    »Was kümmert uns die Vergangenheit,« meinte der Oberst. »zwei Menschenalter
liegen dazwischen und zwei Kaiser haben verziehen. Lassen Sie uns diese Damen
bitten, jetzt an unserm Mahle Teil zu nehmen und den Tee zu bereiten.«
    Die Damen erhoben sich und nahmen Platz, die Bojarenfrau, die ihre
Verwirrung über die Erkennungsscene bereits überwunden und bemüht war, die
etwaige Eifersucht des Obersten zu zerstreuen, konnte sich trotzdem nicht
entalten, nach dem Fürsten zu kokettiren.
    »Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, Furst Iwan, woher Sie Madame Bibesco
kennen?«
    »Ich hatte die Ehre, ihr in Bukarest vorgestellt zu werden.«
    Ein Blick der schönen Bojarenfrau hatte ihm Vorsicht geboten.
    Aber Graf Wassilkowitsch hatte den Blick gleichfalls aufgefangen und
begriffen, dass irgend ein ihm noch unbekannter Bezug zwischen diesen beiden
Personen bestehen musste. Die ihm nächstliegende Erinnerung war Paris und der
Cyniker lächelte, weit entfernt, eine Eifersucht zu fühlen oder zu verraten,
spöttisch, als er den Jüngling betrachtete. Es lag in seinen Plänen, ihn sich
untertan zu machen und ihn zu umstricken.
    Während der Artillerist die beiden Damen unterhielt, nahm er die Gelegenheit
wahr, mit dem Fürsten allein sich zu besprechen.
    »Wissen Sie, Fürst, wem ich diesen gebrochenen Arm, eine gebrochene Rippe
und diese Narben am Kopfe verdanke?« fragte der Graf. »Ihrem Freunde, dem
Vicomte, dem ich auf den Wällen von Silistria begegnete, als der tolle Selwan
uns zum Angriff führte.«
    Eine dunkle Röte färbte das schöne Antlitz des jungen Mannes.
    »Blieb der Vicomte unverletzt?« fragte er hastig.
    »Dass ihn der Teufel hole - ich liess auf ihn schiessen, aber der Bursche
schien gefeit gegen unsere Kugeln, und eh' ich ihm selbst zu Leibe konnte, lag
ich unten im Graben, von seiner Hand hinuntergestürzt. So viel wissen wir jetzt,
dass wir ihn in den Reihen unserer Feinde uns gegenüber haben. Wir können das
gestörte Duell jetzt hoffentlich auf dem Schlachtfelde nachholen. Vielleicht
befreit uns die Cholera oder eine Kugel von dem Schleicher und Verräter.«
    Die dunkle Röte lag noch immer auf der Stirn des jungen Mannes, um seinen
Mund zuckte es wie zu einer bittern Antwort, doch bezwang er sich.
    »Ich glaube, Sie tun dem Vicomte Unrecht, Graf.«
    »Den Teufel auch! Ein Offizier und Edelmann darf, auch wenn er der Anbeter
einer Dame ist, sich nicht zum Klätscher und Spion herabwürdigen. Er hat Ihre
Liebschaft in der Strasse Saint Josef an die Fürstin, Ihre Schwester, und wer
weiss an wen sonst verraten. A propos! was haben Sie bei der schnellen Abreise
mit der kleinen Grisette angefangen? Die Sache schien Ihnen wahrhaftig Ernst und
die Kleine war hübsch. Sie würde Unterhaltung während des Feldzugs gewährt
haben.«
    Hätte er in diesem Augenblick das Gesicht des jungen Mannes schärfer
beobachten können, als es der dunkle Schein der Lampe im Tabun zuliess, so würde
er das Zucken des Mundes, das scharfe Aufhorchen des schönen Gesichts bemerkt
haben.
    »Ich weiss nicht, was aus ihr geworden,« sagte derselbe schüchtern.
    »Ich erkundigte mich aus Interesse für Sie nach Ihrer erzwungenen raschen
Abreise nach dem Mädchen.«
    »Bitte, Graf, teilen Sie mir Alles mit, was Sie wissen.«
    »Es ist wenig und selbst das Wenige Ihnen schwerlich angenehm.« Indes,
Fürst, ein junger Mann von Welt muss auf dem Gebiet der Liebe seine Erfahrungen
machen. Diese pariser Frauenzimmer sind geborene Coquetten. Was ich gehört, ist
übrigens eine Art pikantes Abenteuer. Sie erinnern sich, dass am Abend Ihrer
Abreise ein Attentat auf den Kaiser Napoleon vor der komischen Oper verübt
wurde; schade, dass es nicht gelang, die Frazosen hätten dann schwerlich ihre
Finger in unsere Angelegenheiten gesteckt. Die Polizei war auf den Beinen und
verhaftete mehrere Personen. Es scheint, dass sie die Flüchtigen bis in die
Strasse Saint Josef verfolgt und dort Haussuchungen gehalten hat. Mein
fränzösischer Kammerdiener berichtete mir, dass dies auch bei Mademoiselle Nini
geschehen und dass man zwei Männer dort gefunden, von denen der Eine der
Liebhaber der Grisette war, der sie eben zum Ball führen wollte, der Andere der
eingedrungene Mensch, den man als Teilnehmer an dem Attentat verhaftete.
    »Und der Liebhaber des Mädchens?«
    »Ah, Sie sind eifersüchtig, Fürst, gewöhnen Sie sich den Fehler bei Zeiten
ab. - Der Liebhaber hat Ihre kleine Flamme zum Mabille oder in den Jardin des
fleurs geführt - am andern Tage aber war Mademoiselle Nini spurlos verschwunden
und hatte selbst ihre elegante Einrichtung im Stich gelassen. Da ich keine
Indiscretion mehr begehen konnte, ging ich selbst hin und beschaute sie mir. Ich
mache Ihnen mein Compliment über Ihren Geschmack.«
    »Wo können sie hin sein - wer war der Liebhaber? - - wer - -«
    Der junge Mann brachte nur mühsam die Worte heraus.
    »Ja, das wissen die Götter, Fürst. Meine Meinung ist, das Mädchen hat
gesehen, dass nach der Scene mit der Polizei die Doppelrolle, die sie gegen Sie
gespielt, zu Ihrer Kenntnis kommen würde, und hat Ihren Rivalen vorgezogen.«
    Fürst Iwan wandte sich ab. Seine Hände rangen krampfhaft in einander, seine
Lippen pressten sich. Unhörbar für den Andern tönten die Worte aus seinem Munde:
    »Wiederum jede Spur verloren!«
    Der Oberst wandte sich auf's Neue zu ihm:
    »Es wird gut sein, Freund, wenn Sie der Fürstin, Ihrer Schwester, Nichts von
der Anwesenheit des Franzosen in Silistria sagen wollen. Die tendre Inclination
wird hoffentlich im Nationalgefühl längst untergegangen sein. Befindet sich die
Fürstin noch immer auf Ihrem Schloss an der Yalta und darf ich zu ihrer
Herstellung gratuliren?«
    »Meine Schwester, Graf, ist allerdings noch dort, zwar wiederhergestellt,
aber noch so leidend, dass sie die Einsamkeit vorzieht und nur wenig Besuche
erhält. Doch das Schloss ist weitläuftig, der Teil, den meine Schwester bewohnt,
auf einem abgesonderten Felsen erbaut und ich wiederhole daher meine Einladung.«
    
    »Aber was soll ich mit Madame Bibesco anfangen? Wir Männer unter uns machen
allerdings aus solchen Verhältnissen Nichts, doch ich kann sie unmöglich mit
in's Schloss zur Fürstin nehmen.«
    Der junge Fürst war leicht errötet.
    »Ich habe das bedacht,« sagte er mit einiger Verlegenheit und einem Blick
auf die Französin, »allein ich hoffe, es wird sich machen lassen, und ich darf
Sie Ihrer schönen Pflegerin nicht berauben. Ich werde meiner Schwester sagen,
dass Madame Bibesco als eine Anhängerin unserer Sache aus Bukarest vor den Türken
geflüchtet ist und auf meine Einladung nach Schloss Aya kommt.«
    »Sie sind sehr galant, Fürst, und ich nehme es dankbar an, verspreche Ihnen
auch, so wenig eifersüchtig als möglich zu sein. Doch wenn wir noch einige
Stunden Ruhe geniessen wollen, so ist es die höchste Zeit, an unser Lager zu
denken. Ich werde die Nacht in meinem Wagen zubringen und für Sie und den
Lieutenant ist Raum in jener Kammer. Lassen Sie uns die Diener rufen.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Während die vornehmen Mitglieder der Gesellschaft in dieser Weise ihre
Nachtruhe bereiteten, sass am andern Ende des Tabuntschiks im Schatten einer
jener kleinen Mogilen, die gleich Maulwurfshügeln an tausend Stellen aus den
Ebenen des südlich en Russlands auftauchen, der alte Kosackenhäuptling mit seinen
sechs Enkeln. Sie hatten eine Grube in den Boden gegraben, diese mit Steinen
ausgelegt, Feuer darin gemacht und zwischen die erhitzen Platten dann die
vordere Hälfte des Hammels gelegt, die ihnen überlassen worden. Auf den Befehl
des Obersten hatte sein Leibdiener ihnen eine Flasche Rum gegeben, und sie
hatten so eben ihr Mahl unter sich, abgesondert von den Hirten, beendet.
    Der greise Kosack sass, den Kopf auf die Hand gestützt und aus einer alten
silberbeschlagenen Reiterpfeife von Meerschaum rauchend, die er vor vierzig
Jahren aus Deutschland mit zurückgebracht, in Gedanken versunken am obern Ende
des Kreises, den seine Enkel bildeten. Selbst sein Liebling Olis, der neben ihm
kauerte, wagte nicht, ihn darin zu stören. Nur flüsternd tauschten die Brüder
und Vettern ihre Meinung aus.
    »Die Heiligen seien ihm gnädig,« murmelte Wassili zu seinem Nachbar, »ich
glaube, der böse Geist nimmt wieder Besitz von ihm, her über ihn kommt beim
Neumond von seiner schlimmen Wunde her.«
    »Schweig still,« gebot Wanka, »Du siehst, Djeduschka will reden.«
    In der Tat erhob der greise Kosack das Haupt, dessen weisse Haare der
bleiche Mondschein versilberte und schaute mit verstörten Blicken auf die Gruppe
umher. Die breite Narbe, die zerfetzend quer über das Gesicht lief, verlängerte
sich bis über den rechten Vorderschädel hin, und ihr roter Streif war deutlich
sichtbar. Das eine Auge des Greises schien jeden Einzelnen der Gruppe zu
durchbohren und starrte dann unheimlich hinaus in's Weite.
    »Gieb Acht, Alexei,« flüsterte sein Bruder, »jetzt erzählt er uns eine der
seltsamen Geschichten, die ihm in seinem langen Leben begegnet - von dem
Franzosenkrieg oder den Fahrten nach dem kalten Lande am Eispol, wo mitten im
Sommer der Hauch des Mundes gefriert; von der schönen Czarin selbst oder von den
Zügen gegen die Moslems, da unsere Väter jung waren. Wenn der Geist über ihn
kommt, pflegt er es zu tun.«
    Ein kräftiger Rippenstoss des Nebensitzenden brachte den Schwätzer Demetri
zum Schweigen. Der Alte hatte den Mund geöffnet - er schien eine eintönige
Melodie vor sich hin zu summen. Dann begann er plötzlich zu sprechen, Niemand
wusste, ob zu den Söhnen, oder in's Unbestimmte hinaus zu unsichtbaren Gestalten.
    »Ströme von Blut, - Ströme von Blut, heilige Jungfrau von Kasan! Fürbitterin
der Söhne aus Ruriks Stamm, barmherzige Mutter Gottes, wende das Unheil ab vom
heiligen Russland. Ich sehe die Ströme des Landes und das weite Tor der
Gewässer, die Gott der Herr mit Salz getränkt, rot schimmernd von Feuer und
Blut. Mein Ohr hört ein Rollen und Getöse, mächtiger als das Krachen Deiner
Donner in den Bergen, und die Erde hat sich aufgetan und speit die Schrecken
der Hölle aus. Heiliges Russland, heiliges Russland, erwache und rüste Dich gegen
die Legion Deiner Feinde!«
    Nach einer kurzen Pause begann der Unkensang des Greises auf's Neue, während
die jungen Männer stumm und befangen auf jedes seiner Worte horchten.
    »Wehe mir, dass ich zum zweiten Mal das Gericht über Dich erleben muss,
heiliges Russland! Wohl erinnere ich mich aus den Tagen, da ich ein Mann ward,
wie diese Narbe brannte im Mondlicht und ich vor mir sah die Schrecken, die da
kommen sollten - die weiten Schlachtfelder und die Schneegefilde, bedeckt mit
den starren Leichen, und wie die Flammen hoch emporschlugen aus der Stadt des
heiligen Iwan. Und wie ich's gesehen, so kam's! Blut tränkte die russische Erde
und des Franken Ross trank aus dem Weihkessel unserer Kirchen. Aber der Herr
wandte sein Angesicht gnädig wieder zu unserm Volk und die Gebeine der Feinde
bleichen auf den Feldern Russlands.«
    Schweigen lag rings umher auf der weiten Steppe, der weisse Mondstrahl sog
und lastete auf dem kahlen Schädel des Alten - sie sahen es nicht, wie hinter
ihnen an der Mogile, dem alten Heidengrab, langsam ein Schatten emporstieg.
    »Was kommen muss, wird kommen,« fuhr der Alte fort, »Blut und Tod, Schrecken
und Verderben. Drei von den Söhnen deckt das Grab, aber Einer lebt noch von
seinem Saamen - und der Todesschrei des gemordeten Vaters gellt in seinen Ohren.
Er war ein Kind, als sich die Mörderhand gegen das geheiligte Haupt des Czaren
erhob, aber der Fluch will sein Recht und trifft die Schuldlosen wie die
Schuldigen. Und also wird sich's erfüllen, bis ein gekröntes Haupt sich selbst
zum Opfer gebracht für das blutige Vaterland, das seinen Vater gemordet hat.«
    Der Greis liess sein Haupt sinken und barg es in die Hände. Als er es nach
einiger Zeit erhob und im Kreise der stummen Enkel umherschaute, halte sein
Auge, wiewohl noch immer traurig und finster, doch den unheimlichen Ausdruck der
Geistesstörung verloren. Er sammelte sich einige Augenblicke und begann dann
auf's Neue die Rede.
    »Ich habe Euch eine Geschichte zu erzählen und Ihr selbst sollt das Urteil
fällen. Ost, als Ihr noch auf meinen Knieen schaukeltet oder ich Euch reiten
liess auf meinem Sattelknopf vor mir über die Haide, legtet Ihr Eure kleinen
Finger an diese Narbe und frugt mich, woher sie gekommen, dass die Männer der
Stämme mich Iwan den Einäugigen oder den Steppenteufel heissen. Ihr sollt jetzt
erfahren, wem ich dies Zeichen danke, das mich begleiten wird in's Grab.
    Ich war ein junger Mann, schlank und glatt wie Ihr, wenn ich auch mehr schon
erfahren, denn als Knabe schon war ich den Fahnen des grossen Hetmann Suwarow
gefolgt, in das Land, das sie Italien nennen. Wenn der General erwachte, stellte
er sich vor sein Zelt und krähte gleich dem Hahn, seine Krieger zu wecken, aber
die Krieger hielten fest zu ihm und vollbrachten manche grosse Tat unter seiner
Führung.
    Der General hatte mich dem jungen Czaren gegeben, dem Sohn der grossen
Katarina, da er noch Grossfürst war, und ich kam mit ihm von Schlüsselburg nach
dem Winterpalast in der Nacht, da die Kaiserin starb, und wurde einer seiner
Leibkosacken. Der Czar Paul war ein wunderlicher Herr, bald gerecht und gut,
bald aufbrausend und jähzornig; aber mir war er ein Wohltäter und ich war sein
getreuer Knecht. Gegen die Vornehmen war der Czar hart und streng, und vergalt
ihnen das Leid, das sie über den Armen brachten, dessen Leib und Seele ihnen
gehört, d'rum ward er gehasst von ihnen bis auf's Blut. Aber das Volk liebte den
Czaren.
    Es war im Michaelspalast, am Abend des 23. März im Jahre Gottes
achtzehnhundertundeins - vor länger als dreiundfünfzig Jahren. Ich zählte damals
zweiundzwanzig Jahre und war ein Liebling des Herrn. Ich hatte an dem Abend die
Wache im Vorzimmer seines Schlafgemachs, und der Czar, der seine Feinde unter
den Fürsten und Grafen fürchtete, vertraute auf uns gemeine Leute. Der Nordwind
pfiff draussen um den Palast und ich stand mit blankem Säbel auf meinem Posten,
als der Czar aus seinem Gemach kam, die Wachskerze in der Hand, und mir in's
Gesicht leuchtete.«
    Bist Du es, Iwan? sagte der Herr, wenn Du wachst, weiss ich, kann ich ruhig
schlafen.
    »Er probirte Schloss und Riegel der Corridortür und leuchtete an den
verriegelten Fenstern umher, wie es seine Sitte war, denn er glaubte schon
lange, dass sie ihm einmal an's Leben wollten. D'rauf, an der Schwelle der Tür,
wandte er sich nochmals zu mir und sprach:
    Iwan, öffne keinem Menschen und unter keiner Bedingung. Das Leben des Czaren
beruht auf Deiner Treue.
    So nickte mir der Herr und ging, ohne sein Zimmer zu schliessen. Ich habe ihn
nie wiedergesehen. Gott der Herr möge der Seele des Czaren gnädig gewesen sein!«
    Er schlug mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes und fuhr dann fort:
    »Ich stand mit meinem Säbel an der Tür und hielt als guter Soldat und
treuer Russe meine Wache. Es mochte Mitternacht sein, als plötzlich die Krähen,
die in den Gipfeln der Lindenbäume im Garten um den Palast nisteten, sich
krächzend erhoben und mit vielem Geschrei durch die Nacht umher flogen, gleich
als wollten sie eine Gefahr verkünden.
    Gleich darauf hörte ich Schritte und man pochte an die äussere Tür, die mit
Eisenblech überzogen war und deren Schlüssel ich hatte. Ich fragte, wer da sei,
und die mir bekannte Stimme des deutschen Generals antwortete:
    General Benningsen und Graf Pahlen, der Vertraute des Czaren. Es ist Feuer
ausgebrochen im Palast und wir müssen den Kaiser augenblicklich wecken.
    Noch zögerte ich, - aber ich kannte die Stimme des Generals und das Feuer
konnte möglich sein und mein Herr verbrennen durch meine Schuld. Der Teufel
verblendete mich - ich drehte den Schlüssel und zog den Riegel. Die da
eintraten, waren der General und der Fürst Valerian Zuboff, der Begleiter des
Grossfürsten Alexander. Sie eilten in das Gemach des Kaisers und ich hörte
alsbald den Herrn heftig reden.
    Plötzlich ertönte seine Stimme laut und kräftig:
    Ich unterzeichne nicht! Fluch Euch! Ihr seid Verräter!
    Da fuhr es mir wie ein Stich durch's Herz, dass ich seine Feinde zu ihm
gelassen hätte und ich fasste den Griff meines Säbels fest, um für ihn zu
sterben.
    In dem Augenblicke kam der Fürst wieder heraus und eilte durch die
Vorzimmertür davon - ich hörte jetzt wieder ruhig sprechen und wartete.
Plötzlich rief der Czar: Niemals! fort mit Dir! und der General stürzte mit
blankem Säbel durch das Gemach, der Czar aber stand halb bekleidet auf der
Schwelle seines Schlafzimmers und sagte:
    Schmach über Dich, Iwan, dass Du die Verräter zu mir liessest!
    Ich warf mich zu seinen Füssen, denn ich war schuldlos. Da wurde die Tür
aufgerissen und herein stürzten die drei Brüder Zuboff mit dem Deutschen, die
Generäle Talizin und Tartarinoff und viele Offiziere und wollten in das Gemach
des Czaren dringen, der bei ihrem Anblick zurückgeflohen war. Aber ich warf mich
vor die Tür und rief ihnen Zurück! zu und wehrte mit meinen Händen den
Frevlern, denn meine Waffe hatte ich am Boden gelassen, als ich vor dem Herrn
kniete. Sie wollten mich fortziehen, aber ich klammerte mich fest an sie und
rief mit lauter Stimme:
    Verrat! Rettet den Czaren!
    Ihre Säbel und Degen blitzten, ich sah ihre blutigen Augen und hörte ihre
drohenden Worte und dann traf ein furchtbarer Hieb meinen Schädel und schnitt
quer über Auge und Gesicht, dass das warme Blut hervorsprjetzte aus hundert
Quellen und ich zu Boden stürzte.
    
    Wie im Traum hörte ich ein Getümmel um mich her, dann die Stimme des Czaren
- zum letzten Mal! - einen wilden Fluch - Gott und die Heiligen mögen ihn
vergeben, und dann wurde es finster um mich und ich verlor das Bewusstsein.
    Die Russen hatten ihren Vater ermordet! Zwei Mal hintereinander schlug die
Mörderfaust an den Tron Rurik's und zwei Mal lastete Fluch auf dem heiligen
Russland!«
    Der Greis schwieg und murmelte leise ein Gebet, auch die Andern taten es.
Dann erzählte er weiter:
    »Seit der Schreckenstat liegt Blut auf Russland, bis die Söhne, so da
lebten, um sich auf den blutigen Tron zu setzen, neben ihm ruhen in der
Kaisergruft von Alexander-Newskoi, und kein Blut mehr klebt an der Krone Dessen,
der sie trägt. Von der Zeit an, da ich die Mörder zu meinem Herrn gelassen und
ihr Säbel diesen Schädel spaltete, wohnt ein zweiter Geist in diesem Körper,
über den ich nicht Herr werden kann. Ich konnte nicht sterben für den Czaren,
den meine Unvorsichtigkeit in die Hände seiner Mörder geliefert. Als ich
erwachte, lag ich in einer Klosterzelle, wohin mitleidige Kameraden mich
gebracht. Ehrwürdige Mönche pflegten mich, und als ich genass, sass längst der
neue Czar auf dem Tron seines Vaters. Zum Glück für mich achtete Niemand auf
den armen erschlagenen Kosacken und mein Mund blieb verschlossen über die
Schrecken der blutigen Nacht.
    Aber mein Leben schuldete ich dem todten Czaren, und wenn der Neumond kam
und sein bleiches Licht auf mein wundes Gehirn brannte, da wurde es lebendig um
mich von blutigen Gestalten, und ich ras'the in der Schlacht, oder in der Steppe
auf wildem Ross, und sie nannten mich Iwan, den Steppenteufel, weil mein Antlitz
gezeichnet war, wie das eines Teufels.
    Ich schlug die Schlachten des heiligen Russland's alle, aber keine brachte
mir den Tod, den ich dem todten Czaren schuldete. Ich sah das erste Mal das
Gericht heraufziehen über das Land und die Feinde ihre Rosse tummeln auf seinen
Fluren! Die Hand Gottes schlug sie, denn die Hand des Herrn verlässt Russland
nicht, selbst in seiner Erniedrigung.
    Drei der Söhne des Czaren liegen in der Kaisergruft und der vierte hält mit
mächtiger Hand die Krone auf seinem Haupte. Er war ein Knabe zwar, als die
Bluttat geschah und schuldlos daran; aber er ist von seinem Saamen, und zum
zweiten Male seh' ich die Wetterwolken dräuen über den Söhnen des Gemordeten.«
    Der Aelteste der Enkel, Boris, unterbrach die kurze Pause.
    »Erzähle uns, Djeduschka1, was aus den Mördern wurde, die Hand gelegt an den
gesalbten Leib des Czaren.«
    »Das Gericht des Herrn wandelt sichtbar auf Erden. Der Erbe des Trones
wandte sein Angesicht von ihnen, nachdem die blutigen Hände ihn mit der Krone
geschmückt. Die Einen starben in der Verbannung, die Andern fern an den Gränzen
des Reiches unter den Schwertern der Feinde und dem schwarzen Odem der Seuche,
Alle von den Menschen verachtet, von Gott verflucht.«
    »Und der Mann, der Dich verwundet, als Du den Czaren verteidigtest?« fragte
Olis.
    »Er ist der Einzige, den Gott übrig gelassen hat, auf dass ich sein Gericht
an ihm vollziehe. Wie ich für meine Sünden als schlechter Wächter meines
Dienstes, ist er von dem Herrn durch den Degen des gemordeten Czaren gezeichnet
worden für's Leben. Und wenn er länger als fünfzig Jahre die Kainsstirn vor der
Welt verborgen, - das Gericht sollt' ihn dennoch ereilen und der heilige Iwan,
mein Schutzpatron, hat ihn am Ende meiner Tage in meine Hand geliefert, auf dass
Iwan, der Steppenteufel, zu Iwan, dem Rächer werde! - Ihr, die Ihr jung seid und
weder Hass noch Liebe habt für die vergangene Zeit, - Ihr sollt sein Urteil
sprechen.«
    »Den Tod,« sagten Wanka und Alexei.
    »Wir wollen Jeder mit Deinem Feinde kämpfen,« sprach Wassili.
    »Er muss ein Greis sein, wie Du, Djeduschka,« bemerkte Olis. »Sag' uns seinen
Namen und wo wir ihn finden mögen?«
    »Es waren drei Brüder, die das Fürstenhaus der Zuboff gebar,« sprach der
Alte. »Zwei der Mörder ihres Czaren ruhen im Grabe, der Dritte und Jüngste,
derselbe, der mich zu Boden schlug, lebt! - es ist - - -«
    Ein dunkler Schatten schien zwischen ihnen dahin zu gleiten, eine breite
Hand legte sich auf den Mund des Atamans. Die hohe Gestalt des greisen Rosshirten
stand unter ihnen - seine Linke wies nach dem Mond:
    »Die Stunde ist da - komm!«
    Die gebieterische Geberde des Tabuntschiks halte Alle verstummen gemacht.
Schweigend erhob sich der alte Kosack und nahm aus den neben ihm liegenden
Halftern des Sattels seine Reiterpistolen, die er in den Gürtel steckte. Dann
wandte er sich zu seinen Enkeln und deutete mit dem Finger auf die Mitte des
Kreises.
    »Bleibt und schweigt!« befahl er kurz.
    Der Tabuntschik schritt voran - er war ohne alle Waffen, mit Ausnahme des
kleinen Beils in seinem Gürtel; der Ataman folgte ihm eben so stumm.
    So überschritten sie den Graben, der den Tabun von der Steppe schied, und
wandten ihre Schritte nach der tiefen Regenschlucht, in der wenige Stunden
vorher der arme Jämschtschik mit seinen Pferden den Tod gefunden hatte. Die
Knechte des Tabuntschik hatten an derselben Stelle bereits ein Grab gegraben und
die Leiche versenkt, die formlosen Massen der Pferde aber lagen noch zur Seite.
    Unfern des Grabhügels, auf den der Mond durch den Eingang der Schlucht seine
bleichen Strahlen warf, blieb der Tabuntschik stehen und wandte sich, die Arme
über die Brust gekreuzt, zu seinem Begleiter.
    »Diese Stelle,« sagte er ruhig, »liegt ausser den Gränzen, die Dir
Gastfreundschaft gewährt. Die freie Steppe ist Jedermanns Eigentum und der Tag,
da Du mein Salz gegessen, ist vorüber. Was willst Du von mir?«
    »Dein Leben, Väterchen, wenn Du Fürst Michaël Zuboff bist.«
    »Was sollte ich es leugnen, da Du der Einzige warst, der mich seit den
dreissig Jahren erkannt hat, dass ich diese Steppe bewohne.«
    »Dann musst Du sterben!«
    »Ich habe Dir bereits gesagt, Mann,« sprach der Tabuntschik finster, »ich
kenne Dich nicht. Wenig liegt mir am Leben und ich hoffte längst auf die Ruhe
des Grabes, die nicht kommen will für den Schuldigen. Aber wer gibt Dir das
Recht, mich zu richten?«
    »Erinnere Dich, Väterchen, der Nacht des 23. März,« entgegnete der alte
Kosack, indem er langsam die Pistolen aus seinem Gürtel zog und ihre Schlösser
prüfte.
    Der Greis lachte wild und gellend auf.
    »Skotina! meinst Du, dass ich je Dessen vergessen könnte, was wie höllisches
Feuer hier brennt?«
    Er deutete mit dem Finger auf seine Stirn.
    »Gedenkst Du des jungen Leibkosacken des Czaren, dessen törichte Unvorsicht
den Mördern die Tür öffnete? erinnerst Du Dich, als der leichtgläubige Diener
seine Torheit gut machen und die Schwelle seines Herrn mit seinem Leibe decken
wollte, dass Dein Säbel ihn zu Boden schlug? - Schau' her, das Zeichen von Deiner
Hand, das er dreiundfünfzig lange Jahre mit sich getragen durch die Welt.«
    »Ich erkenne Dich jetzt.«
    »Iwan, der Kosack.« fuhr der Alte fort, »will nicht morden, wie die
Vornehmen tun. Nimm diese Pistole, Fürst, und lass uns kämpfen als Männer. Die
Heiligen werden meine Hand leiten.«
    Der Geächtete hatte sich auf einen Stein gesetzt.
    »Ich werde die Meine nicht mehr gegen Dich erheben. Tödte mich, aber
verschweige Denen, die da oben schlafen, meinen Namen.«
    »Ich habe auf meinem Schmerzenslager einen Eid geleistet bei dem heiligen
Andreas, dem Märtyrer,« sprach traurig der alte Kosack, »doch Du warst
verschwunden damals, als ich Dich suchte. Jetzt bin ich ein alter Mann, aber ich
muss ihn dennoch halten. Es tut mir leid, Fürst Michael, dass Du sterben sollst
wie ein Hund in der Steppe, nicht wie ein Mann im Kampf, denn Du warst in Deiner
Jugend ein Tapferer, bis die Blutschuld auf Dich kam. So lass uns denn beten, dass
sie Dir vergeben werden möge, denn der Augenblick der Rache ist gekommen.«
    Er spannte den Hahn seiner Pistole; - bewegungslos, das Haupt auf die Hand
gestützt, sass der Tabuntschik, den finsteren Blick zur Erde gerichtet.
    »Gott und die Heiligen seien Dir gnädig!«
    Der Alte erhob die Pistole .......
    Aber eine dritte Hand legte sich abwehrend auf seinen Arm und eine milde
Stimme ertönte:
    »Die Rache ist mein, spricht der Herr.«
    Es war der Menonit, welcher gesprochen, dann fuhr er mit sanftem, in die
Seele dringendem Tone fort:
    »Wer bist Du, dass Du es wagst, die Hand gegen Deinen Bruder zu erheben? -
Was dieses Mannes Vergehen auch sei, ich kenne es nicht, so wenig wie Dein Recht
zum Richten, aber Gott, der Herr, hat mich noch zu rechter Zeit hierher gesandt,
um Dir eine Todsünde zu ersparen. Wenn Gott vergibt, wie viel eher müssen wir
Menschen nicht vergeben, die von seiner Gnade gemacht sind? Lege das Werkzeug
des Mordes von Dir, alter Mann, der Du selbst bald vor Deinem ewigen Richter
stehen wirst, und bete zu ihm um Vergebung für den Frevel, den Deine Hand
begehen wollte.«
    Der alte Kosack sah den Prediger unwillig von der Seite an, steckte aber die
Pistole in seinen Gürtel.
    »Du bist Einer von den Frommen, die hier wohnen, wie ich gehört habe,« sagte
er, »dem eine ehrliche Kriegswaffe ein Greuel ist und die nicht einmal fechten
wollen für Gott und die Heiligen. So bete Du denn zu Gott für uns Beide, denn
was ich mit dem Manne dort abzumachen habe, kann weder Deine Hand noch Dein Wort
zurückhalten. Unser Beider Leben ist dem heiligen Russland verfallen. Wenn Du ein
Mann bist, Tabuntschik, so folge mir.«
    Der Angeredete erhob sich, doch der Menonit hielt sie zurück.
    »Eure Schuld mag schwer sein, Brüder, dass Ihr also sprecht,« sagte er, »aber
wäre sie tief wie das Meer und hoch wie der Ararat, Gottes Gnade und Vergebung
ist höher und unergründlicher, so ein Sünder Reue fühlt. Wir lieben das Handwerk
des Krieges nicht und unser Glaube verbeut uns, die eigene Hand zum Kampf gegen
Mitmenschen zu bewaffnen. Aber wir achten die Tapfern, die für das Vaterland
kämpfen. So Ihr Euer Leben schuldig zu sein glaubt, so weiht es Eurem Vaterlande
und opfert es auf den Wege der Pflicht, denn auch die Hand des Alten und
Schwachen vermag Mächtiges, wenn Gottes Schutz und das Recht mit ihr ist.«
    Der Tabuntschik zuckte empor.
    »Du hast Recht, Mann - das ist, was meiner Seele fehlte. Noch fühl' ich
Kraft genug in diesem alten Leibe, um gegen die Feinde Russland's zu stehen. Lass
mich mit Dir ziehen, einen Greis, älter als Du, Iwan, und Beide unser Leben
weihen auf dem Opferaltar, der Russland heisst. An Deiner Seite will ich fechten,
Mann, und Du wirst mich sterben sehen zur blutigen Sühne der Vergangenheit.«
    Der alte Kosack schwieg einige Augenblicke, dann führte er den Tabuntschik
zur Seite.
    »Du kannst nicht fechten neben mir und meinen Söhnen, Fürst Michael,« sagte
er fest, »denn Deine Hand raucht von Blut, und der Fluch würde bei den
Unschuldigen sein. Aber ich weiss, dass ich Deinem Worte trauen darf. Willst Du
schwören auf das heilige Kreuz, dass Du sterben wirst für Russland gegen seine
Feinde?«
    »Ich schwöre es!«
    »So geh' - vergeben kann ich Dir nicht, aber die Sühne lege ich in die Hand
des Herrn. Auf Wiedersehen vor dem Richterstuhl Gottes.«
    Er wandte sich von ihm und verliess mit dem Menoniten die Schlucht, in der
einsam am Grabe des Jämschtschiks der alte Kaisermörder die Nacht verbrachte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als nach Tagesanbruch die Gesellschaft zur Abfahrt sich anschickte, trat der
alte Tabuntschik zu Fürst Iwan Oczakoff.
    »Ich habe vernommen,« sagte er, »dass der Gouverneur von Taurien sich gegen
die Franzosen und Moslems rüstet und Pferde braucht. Sage ihm, dass Michael, der
Tabuntschik, mit dreihundert kräftigen Rossen in Baktschiserai sein wird, ehe
der Mond sein letztes Viertel geendet. Du aber, junger Mann, gestatte einem
Greise, dass er dann mit zehn rüstigen Knechten in Deine Dienste tritt, und unter
Deinen Augen seine letzten Tage dem heiligen Russland weiht.«
 
                                    Fussnoten
1 Grossväterchen.
 
                                    Uursah.
Die Hitze des Tages, des nämlichen, dessen Ereignisse in Varna wir in der
vorigen Scizze zu erzählen begonnen, hatte schwere Gewitterwolken von Süden
heraufgeführt, die, an der Bergkette des Balkan hinziehend, ihr fernes
Wetterleuchten über Meer und Land gossen.
    Der Konak von Sali-Pascha, dem türkischen Gouverneur von Varna, demselben,
dessen Prozess wegen Ermordung seiner griechischen Sclavin zwei Jahre später1 die
Aufmerksamkeit Europa's auf sich lenken sollte, war der Einquartierung so wenig
wie jedes andere Gebäude Varna's entgangen, und es hatten in seinen vordern
Höfen zwei Compagnieen der schwarzen schottischen Schützen gelagert. Dieselben
waren jedoch am Nachmittag auf den Schiffen der Expedition eingeschifft worden
und ihre Stelle hatten die eingetroffenen kurdischen und arnautischen
Freischaaren eingenommen.
    Die Höfe standen voll Pferde, an den Mauern, unter jedem Vorsprung, unter
jedem Dache lagerten die Gruppen der Reiter, nach ihren Landsmannschaften
getrennt, während die Diener, Khawassen und Soldaten des Pascha's ab- und
zugingen.
    Selbst der hintere Teil der Wohnung des Pascha's war seinem eigenen
Gebrauch nicht allein vorbehalten geblieben. Du eifersüchtige Moslem hatte sein
Harem nach Constantinopel entfernt, um jede Berührung mit den Christen zu
verhindern, und das Haremlik mit Sir Edward Maubridge geteilt, der der
persönlichen Protection des englischen Oberbefehlshabers genoss und ausserdem mit
Sali-Pascha bekannt war, welcher vor dem Kriege zur Gesandtschaft in London
gehörte und, - gleich vielen andern vornehmen Moslems - eine gewisse europäische
Tünche des Äußern sich zu eigen gemacht hatte.
    In einem wohl erleuchteten Gemach dieses Haremliks, in dem mehrere
Gegenstände, zur Reise gepackt, umherstanden, befanden sich am späten Abend noch
drei Personen, zwei Männer und eine Frau; die Erstern waren der Baronet und
Sali-Pascha, ein schöner, noch ziemlich junger Mann, dessen Antlitz jedoch in
seiner matten Farbe und in den dunklen Ringen um die dunklen Augen die
Erschlaffung der Haremsgenüsse verriet, - die Frau war Nausika, die Begleiterin
und Maitresse des Baronets, seit er ihr Rendezvous mit dem Midshipman gestört.
Die Schlaue, die Gefahr ihrer früheren Erinnerungen einsehend, hatte jedoch
ihren Namen geändert und nannte sich seitdem Nedela.
    Während die beiden Männer nach europäischer Weise bei den Resten des Mahles
am Tisch sassen, zwei Flaschen des milden Brussaweins vor sich, den der Pascha,
sich wenig um die verbietende Satzung des Korans kümmernd, mit Genuss schlürfte,
lag Nausika-Nedela auf den Polstern des Divans, und ihr feuriges, beobachtendes
Auge wanderte von dem Einen zum Andern. Da der Baronet mit finsterer Miene, das
Haupt auf die Hand gestützt, am Tisch sass, begegnete es häufig den
leidenschaftlichen Blicken des Moslems mit einer aufreizenden Koketterie und
einem Ausdruck, der auf ein Einverständnis zwischen Beiden schliessen liess.
    Zu dem Wesen des Baronets war eine gewisse Unruhe, ein Kampf seiner Seele
bemerklich, den er durch hastiges Trinken zu betäuben suchte.
    »Es waren am Abend zwei fränkische Offiziere hier,« sagte der Pascha, »die
den Gefangenen sprechen wollten. Sie sind abgewiesen auf meinen Befehl.«
    »Ich danke Dir.«
    »Der verräterische Giaur wird morgen sterben in der zweiten Stunde. Es
vermag ihn Nichts zu retten. Wann schiffst Du Dich ein, Beisädih?«
    »Mit Sonnenaufgang. Unsere Sachen sind grösstenteils bereits an Bord der
Brigg, deren Cajüte ich gemietet habe. Doch Du kennst unsern Vertrag, Freund
Sali?«
    »Inshallah! was werd' ich nicht! Ihr Franken habt zwei Augen im Kopfe und
Eure Zunge ist gespalten. Du hast den Hekim-Baschi unter das Schwert unserer
Gerechtigkeit geliefert, der ihn alle Franken-Pascha's nicht entreissen sollen.
Aber er mag entfliehen, wenn Du es so willst. Was ist an einem Hunde gelegen!«
    »Er hat den Tod verdient,« sagte der Baronet, »denn ich weiss, dass er ein
Verräter ist. Aber er besitzt ein Geheimnis, das sein Leben retten kann. Ich
muss den Versuch mit ihm machen.«
    »Was willst Du von ihm, o Beisädih?«
    »Nur den Namen und den Aufentalt eines Mannes, der mein Feind ist und dem
ich ein Leben entreissen muss, das mir gehört. Meine Anstalten sind getroffen. Ich
kann mich auf Deine Leute verlassen? denn ich mag die Hilfe meiner Landsleute
nicht in meine Angelegenheiten mischen.«
    »Arnud-Mustapha, der Führer meiner Khawassen, fürchtet den Scheitan nicht,
und Hussein-Aga, mein Verwalter, ist mir treu ergeben. Sie harren mit
Yaver-Mehemed Dein bei der Wache des Tores und werden Dir überall hin folgen.
Vassili, mein griechischer Diener, wird Euch zu ihnen geleiten, sobald Du
befiehlst.«
    »Der Zugang zu dem Gefangenen ist also frei?«
    »Bismillah! Ich habe ihn in das bestimmte Gemach führen und die Wache von
seiner Tür entfernen lassen, da Du es wünschtest. Der Hof ist voll von Kriegern
und seine Flucht unmöglich. Hier ist der Schlüssel zu seinem Kerker.«
    »Gut! - So will ich den Versuch machen, - es ist eine Stunde vor Mitternacht
und Zeit, dass Du Dich zur Ruhe begiebst, Nedela. Wir müssen mit Sonnenaufgang zu
Schiffe.«
    Das Mädchen wechselte rasch einen Blick des Unwillens mit dem Moslem.
    »Ich fühle mich unwohl, Herr, und möchte, dass Du mich auch diesmal
zurückliessest.«
    »Es geht nicht oder Du musst überhaupt auf meinen Schutz verzichten. Meines
Bleibens ist in Varna nicht, auch wenn meine Absicht misslingt, und
Constantinopel ein besserer Aufentalt für Dich, als dies Heerlager.«
    Der Pascha hatte sich erhoben.
    »Möge der Himmel Deinen Wünschen günstig sein, Franke,« sagte er, dem
Engländer die Hand reichend. »Ich werde Dich morgen vor Deiner Abreise sprechen
und erfahren, was das Kismet gewollt hat.«
    Er neigte sich höflich vor der Griechin, deren Augen ihm bedeutsam winkten,
und verliess das Gemach.
    Noch kurze Zeit schritt der Baronet auf und nieder, dann nahm er aus einem
Kästchen zwei Terzerole, prüfte die Schlösser und steckte sie zu sich. Er warf
einen Offiziermantel um seine Schultern, setzte eine Militairmütze auf und trat
so zu dem Mädchen, das stumm bisher seinen Bewegungen gefolgt war.
    »Ich muss Dich verlassen, Nedela, für diese Nacht,« sagte er, »denn ich habe
Wichtiges vor. Du wirst Dich nicht fürchten, allein zu bleiben?«
    »Warum sollte ich mich fürchten,« entgegnete mürrisch die Schöne. »Ich bin
gewohnt, dass Du mich allein lässest und all' die schönen Dinge unerfüllt
bleiben, die Du mir versprochen hast, als Du mich aus Constantinopel führtest,
wohin ich nicht zurückkehren mag. Bin ich eine Sclavin, die man einsperrt, oder
bin ich ein griechisches Mädchen, das seine Freiheit hat, zu tun, was es
will?!«
    »Du bist töricht, Nedela! Dieses Heerlager von Soldaten eignet sich nicht
für ein Weib.«
    »Und warum nicht? Ich bin jung, ich bin schön und werde Freunde finden in
Menge, die mich mehr lieben, als Du, und weniger finster sind. Denn ich weiss,
Herr, Du liebst mich nicht. Du ziehst rastlos umher und ich bin nur das
Spielwerk Deiner Laune und Dir längst zur Last. Ich mag nicht nach
Constantinopel.«
    »Du bist ein Kind, Nedela, und weisst nicht, was Du willst. Nachdem ich mich
Deiner angenommen, kann ich Dich nicht hilflos verlassen. Ich will Dich zu
Deinen Verwandten im Fanar zurückbringen, von denen Du mir erzählt, und Dich
reichlich versorgen, wenn Du mich nicht ferner begleiten willst. Ueberlege
Deinen Entschluss wohl bis morgen.«
    Er verliess sie. Das eitle und gefallsüchtige Mädchen, das während der
Abwesenheit des Baronets bereits ein Verständnis mit Sali-Pascha angeknüpft
hatte und dessen Favoritin zu werden hoffte, sann unruhig auf Mittel, wie sie
sich der Aufsicht ihres Beschützers entziehen könne, denn der vorsichtige Pascha
hatte sich streng geweigert, einen Streit oder Bruch ihretalben mit dem
Gastfreund herbeizuführen.
    In diesem Sinnen störte sie ein leises Kratzen an der Tür des Gemaches. Sie
klatschte in die Hände, zum Zeichen des Eintritts und Vassili, der griechische
Diener, erschien sofort auf der Schwelle und hob den Teppichvorhang.
    Der arme verliebte Soldat, den Caraiskakis, unter Veränderung seines Namens
Vaso in Vassili, in den Dienst des Pascha's gebracht hatte, war durch die
Färbung seiner Haare, das Wachsen seines Bartes nach türkischer Sitte, während
die Griechen das Kinn glatt geschoren tragen, und ein Pflaster auf einem Auge,
völlig unkenntlich geworden. Selbst seine Stimme hatte der Wunsch, immer in der
Nähe der früheren Braut zu sein und die Furcht, sobald er erkannt worden, von
ihr gewiesen zu werden, zu verändern gewusst. Die Ergebenheit und der
Diensteifer, den er bei jeder Gelegenheit für die Leichtsinnige zeigte, waren
auch von ihr nicht unbemerkt geblieben und sie benutzte ihn für alle vertrauten
Dienste.
    Dennoch lag in diesem feigen zertretenen Herzen eine heftige Leidenschaft,
eine glühende Eifersucht verborgen, die einst zur blutigen Tat werden sollte.
    »Herrin;« flüsterte der Diener, »bist Du allein?«
    »Ich bin's, Vassili, was hast Du?«
    »Ein Armenier, der in das Konak gekommen, bittet Dich dringend, ihn zu
sprechen. Er sagt, er brächte Dir Botschaft von Deinem Vater.«
    Das Mädchen sprang empor, wie von einer Feder geschnellt.
    »Von Janos, meinem Vater? Es ist unmöglich!«
    Vaso hatte die Tür geöffnet, der Armenier in Barett und Bart schlüpfte
herein. Durch die Öffnung sah man zugleich neben Vaso die Gestalt eines jungen
türkischen Matrosen.
    »Wer bist Du? woher kommst Du?« fragte hastig Nedela.
    Der Fremde nahm Barett und Bart ab.
    »Du bist Nausika, die Tochter Jani's, des Kameeltreibers,« sagte Gregor
Caraiskakis, »erkennst Du mich, Mädchen?«
    Die junge Smyrniotin hatte sich einige Schritte zurückgezogen, ihr Antlitz
zeigte den schnellen Wechsel der Farben.
    »Heilige Maria! Du bist der Mann, der mich Aermste aus dem Bosporus rettete,
der im Fanar ... -«
    Sie vollendete nicht, das Bild jener Nacht stand vor ihrer Seele, wenn auch
mit einem unbehaglichen Gefühl der Erinnerung, denn die Erscheinung und die
Ansprüche eines alten Liebhabers harmonirten keineswegs mit ihren Plänen.
    Aber Gregor, von einem doppelten Gefühl erfüllt, der Erinnerung an den alten
Freund, der mit seinem Blut die Treue besiegelt, und den Schwüren jener Nacht
voll Wollust, Vergessen und Liebe, unterbrach sie.
    »Höre mich an, Nausika,« sprach er hastig, »die Minuten sind uns gezählt,
ich komme, Dich zu retten aus diesen unwürdigen schmachbedeckten Fesseln, in die
Deine bedachtlose Jugend Dich geführt. Ich komme, um gut zu machen eine teure
Schuld an Deinem Vater, eine Schuld an Dir. Welche Vergangenheit auch an Dir
klebt, Gregor Caraiskakis wird Dich zu seiner Gattin machen und sein Namen wird
jeden Flecken von Dir nehmen.«
    Er breitete die Hände nach ihr aus, die ehemalige Odaliske schien jedoch
wenig beeilt, sich seiner Sorge anzuvertrauen.
    »Du kommst von Janos, meinem Vater - es sind Jahre vergangen, dass ich nicht
von ihm hörte und ich bin seine Tochter nicht mehr.«
    »Du bliebst es, denn Du warst ein willenloses Opfer des Frevels. Er hat ihn
gerächt, aber er ist selber hinüber gegangen zu den Gefilden der Glückseligen.
Ich vollziehe sein Erbe, indem ich Dein Retter und Schützer werde für's Leben.«
    Selbst die Nachricht von dem Tode ihres Erzeugers, schien nur wenig Eindruck
auf das in den Intriguen und Gelüsten des Harems verdorbene Herz der Schönen zu
machen.
    »Wohin willst Du mich führen, wenn ich Dir folge?« fragte sie.
    »Ich werde Dich an einen sichern Ort geleiten, wo Du bleibst, bis diese
Kriegsstürme ausgetobt. Du wirst mit Nicolas, meinem Bruder, nach dem russischen
Gebiet fliehen.«
    Das Mädchen schüttelte verächtlich den Kopf.
    »Wozu? ich habe Freunde hier - der Beisädih ist mein Beschützer.«
    »Fluch über den Verräter! Sein falsches Herz hat das Leben meiner eigenen
Schwester gebrochen, und er wird Dich eben so verstossen, wie er sie verstossen
hat. Die Rache ist auf seinen Fersen.«
    »Du bist sein Feind?«
    »Bis über das Grab hinaus. Drei Dinge führen mich hierher: Dich zu holen,
den gefangenen Freund vor dem schimpflichen Tode zu retten und mich an dem
Inglis zu rächen. Wo ist er?«
    Die Odaliske sah ihn mit einem seltsamen, forschenden Blick an.
    »Meinst Du den deutschen Arzt, den der Inglese hat zum Tode verurteilen
lassen?«
    »Denselben. Er kannte Deinen Vater - er ist für uns're Sache in Gefahr.«
    »Und Du willst ihn retten vor seinen Feinden und diese verderben?«
    »So wahr mir die Märtyrer helfen mögen, ja!«
    Sie fasste seine Hand, - ihr Hauch blies die Lampe aus, dass er in dem Dunkel
des Gemaches die frohlockende Miene nicht sehen konnte:
    »Bist Du bewaffnet?«
    Er legte ihre Hand auf seine Brust, sie fühlte unter dem Gewand die Knäufe
der Pistolen und den Griff eines Dolches.
    »So komm'!«
    Sie zog ihn hastig durch mehrere Gemächer; die Matten und Teppiche dämpften
das Geräusch ihrer Schritte. Dann auf eine letzte Tür deutend, deren Spalt
einen hellen Lichtschimmer ausströmen liess, flüsterte sie: »Dort! ich erwarte
Dich!« und entfloh.
    Gregor Caraiskakis näherte sich der Tür, durch die ihm zwei bekannte
Stimmen entgegenschallten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In einem Gemach des steinernen Hauptgebäudes des Pascha-Konaks, wohin er
nach dem Kriegsgericht gebracht worden, sass der deutsche Arzt, bemüht, mit
möglichster Fassung und Ergebung das traurige Schicksal zu erwarten, das ihm für
den nächsten Morgen zuerkannt worden.
    Er vermochte nicht zu entscheiden, ob seine Verteidigung mehr an dem bösen
Willen oder der Gleichgültigkeit der Beisitzer des Gerichts gegen ein
Menschenleben gescheitert war, aber bei dem vollen Bewusstsein seiner Unschuld
blieb er doch gerecht genug, anzuerkennen, dass die Beweise gegen ihn schwer und
erdrückend gewesen. -
    Die Nacht vor einem Duell, - die Nacht vor der Hinrichtung, - les derniers
heures d'un condamné, - sind eine Zeit, die der Dramatiker und Romanschreiber
wohl mit Redensarten von Ruhe und Heroismus ausfüllt, deren Furchtbarkeit aber
selbst für das bestgeordnete Gewissen nur Der zu fassen versteht, der Aehnliches
erlebt. -
    Sterben - diese grosse Schlussscene des Lebens, auf die man sich niemals
vorbereitet! - Sterben - dieses unsägliche und undurchdringliche Geheimnis des
Daseins, mit dessen Lösung das grösste Elend uns zufriedengestellt sehen würde,
mit dessen unheimlichem Rätsel alles Glück und alle Güter der Erde uns schwarz
erscheinen! - Sterben - jene Hoffnung der Liebe und des Unglücks, jene Marter
des Gewissens und des Genusses! - Sterben - jene heilige Phantasie des Glaubens
und jene schreckliche Leugnung der Selbstständigkeit des electrischen Funkens,
Leben genannt durch die Aerzte und Philosophen! - Sterben - auf welchem
denkenden Herzen lastete die furchtbare Aussicht nicht!
    Toren erzählen von dem Heroismus, mit dem Männer zum Tode gegangen. Toren
sehen nur die äussere Hülle, nur die göttliche Stolzeskraft der Seele, die den
Körper aufrecht erhält - nicht die Gefühle des Herzens.
    Sein Leben rollte Bild auf Bild an ihm vorüber, - die Kinderjahre im Hause
des Vaters, auf dem Strassenpflaster der preussischen Residenz - die
Universitätsjahre, der Eintritt in das wogende unverstandene politische Leben.
Not und Leichtsinn, Kummer und Stolz in Paris - die drückenden Fesseln des
politischen Bundes, - die farbenhellen Bilder des Orients, Ruhe und Kampf,
Jammerschrei und pulsirendes Leben - Blut neben Gold - Schlacht und Seuche - und
jene Nacht! jene Nacht mit ihren geheimnisvollen Rätseln und Freuden - - -
    »Fare well!«
    Die Riegel an seiner Tür rasselten, durch die geöffnete trat eine Gestalt,
in den Militairmantel gehüllt, herein und blieb vor ihm stehen. Langsam
entfernte sie die bergende Hülle, - der Baronet, Edward Maubridge, stand vor dem
Verurteilten. Sein Gesicht war bleich, sein Auge entschlossen.
    »Sie hier? - was wollen Sie? - Sie haben Ihr Werk vollendet.«
    »Hören Sie mich,« sagte der Baronet, »hören Sie mich ruhig an, wie es dem
Mann zum Manne ziemt. Dann fassen Sie Ihren Entschluss.«
    Er hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er, als habe er diesen Auftritt,
jede Sylbe seiner Erklärung, durch seinen Entschluss festgestellt, ruhig fort:
    »Das Schicksal hat uns zusammengeführt, die wir der Wege verschiedene
wandelten. Es warf Sie in den meinen, als Gefährten eines Mannes, den ich hätte
lieben können und den ich hassen und verfolgen musste, und diesem Hass sind auch
Sie zum Opfer gefallen.
    Ich bin ein Engländer, - das heisst hartnäckig und stolz. Die Frauen sind
meine Leidenschaft oder meine Schwäche. Ich sah in Smyrna die Schwester Ihres
Freundes, Diona, und liebte sie. Bei dem Normannen-Blut meiner Väter! ich liebte
sie! Nur die teuflische Einflüsterung des Schurken von Consuls in Smyrna liess
das Recht mich in Händen behalten, die Gültigkeit unserer Ehe je nach meinem
Willen anzuerkennen oder zu verweigern. Bei Gott - hätten nur ihre Augen
gesprochen, das Kind unter ihrem Herzen, mein besseres Ich hätte gesiegt und ich
sie nach England geführt als meine Gattin.«
    »Wozu mir das, einem Sterbenden?«
    »Sie werden es sogleich erfahren, Sir. Als Sie mit dem Banditen Janos in
unser Asyl einbrachen und Diona mir nahmen, fühlte ich erst recht die Stärke
meiner Liebe; als Ihr Freund auf dem Verdeck des Niger mir jedoch die Rechte
seiner Schwester abtrotzen wollte, da stieg der Teufel meines Trotzes und
Stolzes in voller Stärke in mir empor, und es begann ein Kampf zwischen mir und
ihm, der vielleicht nur mit unserm Leben endet. Ein freundliches Wort hätte am
Grabe des Achill, als ich die Pistole gegen ihn hob, wahrscheinlich unser Aller
Schicksal gewendet.«
    »Das Wort auszusprechen, Sir, war an Ihnen.«
    »Es ist möglich, - ich will nicht streiten darüber, es geschah nicht und der
Kampf war begonnen. Sie wissen wahrscheinlich, dass mein Weib auf der See bei
Geburt ihres Kindes starb, dass ich als Gefangener nach Sebastopol geführt wurde,
dass Ihr Freund mich von meinem Kinde trennte und geschworen hat, es mir nie
zurückzugeben. Schwur gegen Schwur, ich muss meinen Sohn haben und setze mein
Leben daran. Caraiskakis war in meinen Händen, er wurde mir entrissen und ich
glaubte ihn bei einer Scene des Aufstands im Fanar von Constantinopel
erschlagen.«
    »Ich wiederhole die Frage, - wozu mir das? einem Sterbenden?«
    »Sie waren der Freund, der Vertraute des Mannes, den ich verfolgte. Sie
wussten vielleicht um das gegen alle meine Spione wohlverwahrte Geheimnis des
Kindes. Ihre Spur führte nach Silistria und ich ging dahin. Dort erhielt mein
Verdacht die Bestätigung, dass Diona's Bruder, mein Gegner, am Leben, denn mit
dem Briefe des Russen, den Ihnen mein Diener stahl, fiel ein solcher jenes
Mannes in meine Hände: Er ist in Varna.«
    »Es ist möglich.«
    »Es ist gewiss; ich weiss es, aber es ist all' meinen Anstrengungen unmöglich
gewesen, ihn aufzufinden. Sie kennen seinen Aufentalt. Ihr Verrat in Silistria
in Verbindung mit Ihrem Freunde ...«
    Der Gefangene legte die Hand auf den Arm des Baronets.
    »Halten Sie ein, Sir, und tun Sie einem Sterbenden nicht ein Unrecht. Sie
wissen, dass ich unschuldig bin, dass von dem politischen Fanatismus des Mannes,
den ich Freund nannte, mein Name, meine Diener gemissbraucht sind zu der
entehrenden Spionage, dass ich selbst aber keinen Teil daran habe.«
    »Ich weiss nicht, ob Sie unschuldig sind, oder schuldig,« sagte der Brite
heftig, »die Beweise sind gegen Sie und Sie sind auf mein Zeugnis verurteilt,
das ich gegeben, wie ich es als Mann verantworten kann. Jedenfalls hat Sie Ihr
Freund, in diese Lage gebracht, und Sie haben keine Rücksicht mehr auf ihn zu
nehmen. Ihr Leben, Sir, Ihre Rettung liegt dagegen in meinen Händen.«
    »Wie das?«
    »Ich habe die Mittel, Sie noch in dieser Stunde aus Varna zu führen.
Antworten Sie mir als Mann von Ehre: kennen Sie den Aufentalt meines Kindes?«
    »Ich weiss nur, dass es in der Krimm von seinem Oheim zurückgelassen worden
ist, Nichts mehr.«
    »Sie kennen den Aufentalt des Herrn Caraiskakis hier in Varna? - Sir, es
gilt Ihr Leben.«
    »Ich glaube ihn zu kennen.«
    »Wenn ich Sie aus diesem Kerker noch in dieser Stunde befreie, wollen Sie
mich und einige der Meinen zu ihm führen, dass ich mich seiner Person bemächtigen
kann? - Merken Sie Wohl, ich will ihn nur zwingen, mein Kind mir auszuliefern,
und Goddam! diesmal soll er mir nicht entrinnen. In dem Augenblick, wo er mir
seinen Besitz abtritt, soll er frei sein.«
    »Sir, ich bin kein Verräter - ausserdem, ich kann mein Leben nicht durch
Flucht retten.«
    »Sie sind ein Tor! Er hat Sie betrogen und zum Werkzeug seiner Zwecke
gemacht, wie Sie sagen, - er selbst hat das Band der Freundschaft, des
Vertrauens gebrochen ...«
    »Er ist hier, es einzulösen!« sagte eine leidenschaftliche Stimme, »Du aber,
doppelter Feind und Verräter, nimm Deinen Lohn!«
    In der Tür stand der Armenier, seine Augen funkelten ... ...
    »Caraiskakis - Goddam, er selbst - ich verhafte Sie ...«
    Gleich dem Tiger sprang der verkleidete Grieche auf ihn zu, das Messer
blitzte in seiner Hand und sein Stoss warf den Baronet zu Boden ...
    »Hell and damnation - zu Hilfe ...«
    Sein Blut überströmte den Boden, mit der Linken hielt Caraiskakis seinem
Opfer den Mund zu.
    »Rasch, Nicolas, rasch - das Bündel mit den Kleidern.«
    »Was haben Sie getan, Gregor!?«
    Der Arzt kniete zu dem Verwundeten und beschäftigte sich mit ihm. Der starke
Blutverlust hatte den Baronet bereits ohnmächtig gemacht.
    »Bei der Panagia, Freund, eilen Sie, wir haben keinen Augenblick zu
verlieren - legen Sie diese Kleider an! Nicolas, bewache die Tür!«
    »Lassen Sie mich, Herr - ich besudle meine Ehre nicht mit einer
schimpflichen Flucht.«
    »Um aller Heiligen willen, - Freund, - Bruder, keinen falschen Stolz! Ich
habe mein Leben gewagt, Sie zu retten - Sie müssen entfliehen!«
    Der Deutsche achtete nicht auf ihn - er zerriss sein Tuch, um die Wunde des
Engländers zu verbinden.
    Plötzlich erhob sich in der Ferne ein furchtbares Geheul, das immer höher
und höher schwoll - Trommeln wirbelten, Signalhörner bliesen, ganz Varna mit
seinen Heermassen schien aus dem Schlaf der Nacht zu erwachen.
    »Jangin-war! - Jangin-war2!«
    Der Feuerruf scholl in zehn Sprachen durch die Nacht, durch alle Strassen
Varna's - im Konak wurde es lebendig, Menschen liefen umher, Geschrei, Fragen -
-
    »Um des Himmels Willen, ich beschwöre Sie, Welland, werfen Sie die Kleider
über und fliehen Sie mit uns - jeder Augenblick Zögerung ist Verderben.«
    Der Deutsche erhob sich, der Verband war angelegt.
    »Entfernen Sie sich, Herr Caraiskakis,« sagte er streng. »Die Bande, die uns
verknüpften, hat Ihr Trug zerrissen. Ich entschuldige Sie mit dem Fanatismus für
Ihr Vaterland und vergebe Ihnen meinen Tod. Aber ich bin ein Preusse, Herr, und
das graue Haupt meines Vaters werde ich nicht beschimpfen, indem ich durch feige
Flucht die Anklage des Spionenhandwerks bestätige.«
    »Ewiger Gott - - hören Sie mich ...«
    »Gehen Sie - sichern Sie sich selbst, oder ich rufe um Hilfe. Gehen Sie und
lassen Sie mich versuchen, dieses Opfer Ihres Tuns zu retten.«
    Er beugte sich, gleichgültig gegen die Beschwörungen des früheren Freundes,
wieder zu dem Verwundeten und begann mit der Sorgfalt des Arztes seinen Puls zu
prüfen und die Wunde näher zu untersuchen, während draussen durch die Strassen der
Stadt immer lauter der Feuerruf hallte, die Trommelwirbel schlugen, die
Kommandoworte der hin- und herjagenden Offiziere ertönten.
    Durch die dunklen Gänge des Konaks rannten die Khawassen und Diener des
Pascha's, die Wachen heulten ihr Jangin-war, die Pferde bäumten und rasten - der
ganze weite Konak war auf den Beinen.
    In der Tür der Gefangenzelle erschien das bleiche Gesicht Vassili's,
mahnend an die Flucht, Nicolas stürzte herein und riss mit Gewalt den Bruder
fort. - »Das Vaterland gilt mehr, als ein Leben, und sei es das kostbarste!« -
so schleppte er ihn davon, denn aus allen Türen stürzten Menschen, die Stimme
Sali-Pascha's rief nach den Wachen, die treulose Nedela schrie jetzt Hilfe und
Mord, Lichter erhellten die Vorplätze, über die Höfe goss die Feuersbrunst, deren
Glutwolken man hoch in den Himmel wirbeln sah, Tageshelle. Eine
unbeschreibliche Verwirrung herrschte hier und Menschen und Pferde drängten
durcheinander. Mitten im äussern Hofe sah Nicolas Grivas mit einem Blicke die
Wölfin von Skadar auf dem schwarzen Ross halten und Befehle erteilen, ihre
Arnauten um sich sammelnd; von dem Balkon des Tschardaks heulte der Derwisch der
Kurdin seine Sprüche in's Getümmel, den Untergang Varna's verkündend, weil der
»Schatten Gottes« sich mit den Dschau'rs verbunden.
    Einen Moment glaubte der junge Grieche sich von dem Auge der Rächerin
gestreift und tauchte unter in dem Gewühl von Menschen; im nächsten waren sie
ausserhalb des Tores des Konaks und in dem Strom, der sich nach der nahen Stätte
der Feuersbrunst ergoss.
    Das Gedränge hier, der Lärmen waren wahrhaft fürchterlich. Die anrückenden
Compagnieen der Pionire und Sappeure mussten sich mit Hieben ihrer Axtstiele Bahn
brechen. Wer unter die Füsse getreten wurde, war verloren, ein jämmerlicher Tod
wartete seiner. Araber, Franzosen, Engländer, Türken - zehn Nationen bunt
durcheinander. Einzelne Griechen suchten sich eilig durch die Menge zu winden
und zu entfliehen, denn schon hatte sich das Gerücht verbreitet, dass Griechen
die Feuersbrunst angestiftet und mehrere beim Anzünden des Magazins ergriffen
worden seien. Wilde Rufe nach Rache ertönten und die Erbitterung steigerte sich
immer höher, als man bemerkte, dass die Häuser, in denen Griechen wohnten, fest
verschlossen waren und kein Bewohner sich zeigte.
    Unfern des Konaks, wo die Strasse zum sogenannten Corso und den Seetoren
sich wendet, drückte Gregor dem Bruder die Hand. - »Fort mit Dir und erreiche
das Schiff. Du weisst, wohin Du mir Nachricht zu geben hast. Die Heiligen
schützen Dich!« - Er warf sich - während Nicolas seinen Weg verfolgte - in die
Lücke, welche das rücksichtslose Dahersprengen mehrerer Generale in die
Menschenmauer riss, und gelangte so zu dem Platz, auf dem die Feuersbrunst
wütete.
    Ein nächtlicher Brand in der Türkei ist ein schreckliches Ding, so häufig es
auch vorkommt. An vernünftige, einigermassen wirksame Löschanstalten ist selbst
in Constantinopel nicht zu denken. Das, was vor Allem bei dem Löschen fehlt, ist
Wasser! man müsste es geradezu kaufen. Die Bauart der Strassen und Häuser ist so
eng und gefährlich, dass man sich meist damit begnügen muss, das brennende
Quartier abzusperren und das Weitere dem Himmel anheimzustellen.
    Das tut der Türke überhaupt immer - es ist sein Kismet.
    Die Feuersbrunst auf dem übrigens ziemlich freien Platze war nicht weniger
schrecklich, als wenn sie in dem engsten Quartier stattgefunden, furchtbarer
noch durch die Stätten, die sie ergriffen.
    Auf der einen Seite stand das Lazaret in vollen Flammen; auf der andern war
ein grosses Gebäude, das zum Militair-Magazin diente und an das sich gleich
Schwalbennestern lange Reihen jämmerlicher Hütten klebten, zwar bereits von dem
Feuer ergriffen, doch wurden die französischen Sappeurs, die rasend arbeiteten,
denn in den untern Räumen lag eine bedeutende Quantität Pulver, - offenbar hier
der Flammen Herr.
    Desto furchtbarer, über alle Beschreibung, war der Anblick des brennenden
Lazarets, das von den Mordbrennern an mehreren Orten angesteckt worden und
durch seine leichte Bauart mit vielem Holzwerk der Verbreitung der Flamme
weniger Widerstand entgegen gesetzt hatte, als das grösstenteils aus Stein
errichtete und nur von grossen hölzernen Anbau's gefährdete Magazin.
    Das Militair, namentlich ein französisches Linienregiment, das zum Aufbruch
am andern Morgen bestimmt und daher marschfertig consignirt war, hatte bereits
begonnen, eine Chaine um die Brandstätte zu bilden. Wasser war nicht zu haben,
denn der nächstliegende Brunnen war bald erschöpft und das Meer zu weit
entfernt; man musste das Gebäude den Flammen überlassen und nur noch versuchen,
die einem schrecklichen Tode verfallenen Kranken zu retten.
    Aber es fehlte an Leuten, an allen Hilfsmitteln, die nicht die braven
Truppen selbst herbeischaffen konnten. Durch die eingeschlagenen Türen und
Fenster des Erdgeschosses schwangen sich unbekümmert um Feuer und stürzende
Balken, die Tapfern in den Flammenpfuhl und trugen auf ihren Rücken die Kranken
heraus, gleichgültig gegen die Ansteckung der Seuche. Der ganze Boden umher,
grell beleuchtet von der Flamme, war bedeckt mit jammernden halbnackten
Gestalten, oft schon in der Agonie des Todes, den Flammen entrissen, um im
nächsten Augenblick doch dem unbarmherzigen Würger in die Arme zu fallen. Die
Soldaten riffen ihre Mäntel vom Gepäck, um die Armen zu bedecken.
    Dennoch fanden mindestens sechszig Menschen, Kranke und kecke Wagehälse, die
sich in die Unmöglichkeit stürzten, ihren Tod in den Flammen, und wenn einer der
Unglücklichen für Augenblicke an einer der obern Oeffnungen oder beim Einstürzen
einer Wand erschien und die Arme vergeblich hilfesuchend nach Unten streckte,
bis das stürzende Balkenwerk, der Flammenwirbel ihn verschlang, brach ein
Gebrüll der Wut und des ohnmächtigen Grimms aus der Menge, als wären tausend
Tiger auf dem engen Raume versammelt.
    Der Marschall Saint Arnaud mit dem Prinzen, den Generälen Bosquet und
Epinasse und einem zahlreichen Stabe hielt auf dem Platz mitten im Gedränge und
erteilte seine Befehle, während um den englischen Oberbefehlshaber erst wenige
Offiziere versammelt waren, da die meisten Truppen der Briten weit ausserhalb der
Festungswerke lagerten. Lord Raglan wandte alle Aufmerksamkeit der Rettung des
Magazins zu, das Werk der Menschenliebe seinen Alliirten überlassend.
    Plötzlich brach ein Geheul wilden Frohlockens über den Platz, Alles
übertäubend, als jubelte eine Legion von Teufeln durch die Luft. »Les
incendiaires! les incendiaires!« und wie ein Sturmwind flog die Nachricht über
die Menge, dass in den Hütten am Magazin eine Bande der dahin geflüchteten
Brandstifter, Griechen, entdeckt und ergriffen worden sei.
    Das Getümmel wurde fürchterlich, unbeschreiblich.
    »Zum Marschall! zum Marschall! In's Feuer mit ihnen!« heulte der Ruf. Mit
Kolbenstössen, ja, mit Bajonnetstichen musste die starke Escorte, welche die
Gefangenen umgab, sich Bahn brechen durch die Menge und die Unglücklichen
verteidigen.
    Tausend Hände waren gegen sie erhoben, tausend wutflammende Gesichter
umdrängten sie, ihnen hundertfachen Tod drohend. Einige der Gefangenen, - es
waren ihrer sechs - mussten von Soldaten der Wache geschleppt werden, denn die
ersten Misshandlungen der wütenden Franzosen hatten sie des Gebrauchs ihrer
Glieder, beraubt oder betäubt - Einer dagegen, das bleiche Gesicht Blutstropfen
überperlt, die aus einer Stirnwunde flossen, ging fest und aufrecht; seine Hände
waren mit einer Offizierschärpe auf den Rücken geschnürt.
    Ein Blick genügte für Gregor Caraiskakis - er erkannte Geurgios, den
Fanarioten. Hinter den Gefangenen, den blossen Degen in der Hand, den Offizier
der Escorte unterstützend, schritt der Capitain Depuis, an seinem Arm hing ein
schwarzer Knabe, ängstlich sich zusammenschmiegend, - Nursah, der Diener des
verurteilten Arztes, und an seiner Seite Paswan, der Kiradschia.
    Der Blick auf Geurgios und Nursah hatte dem Führer der Elpis alle drohende
Gefahr entüllt; dennoch konnte er sich nicht entschliessen, nach dem
Schlupfwinkel zu eilen, in dem die griechische Verschwörung das Netz ihrer Fäden
concentrirt hatte, um zu sehen, ob hier noch ihre wichtigen Papiere zu retten
seien; ausser der Mauer von tobenden Menschen fesselte ihn das Interesse an dem
Bundesbruder.
    Die zaudernde Wahl sollte jedoch bald und schrecklich entschieden werden.
    Kaum zehn Schritt noch von dem Marschall entfernt, brach plötzlich durch die
finstern Blicke des Fanarioten voll Hass und Todesverachtung gereizt, eine Woge
von Menschen, heulend, brüllend, durch die Escorte und riss den Unglücklichen aus
ihren Reihen. Vergeblich waren alle Anstrengungen der Offiziere und Soldaten,
ihn wieder zu befreien, man vernahm kein Kommando mehr, selbst die Befehle des
Marschalls blieben unbeachtet in dem wütenden Geschrei: »Zum Feuer! zum Feuer!«
- Minuten lang sah man in der Glut der noch immer hoch in die Luft schlagenden
Lohe den Körper des Fanarioten über den Köpfen der Menge, wie er von Hand zu
Hand weiter gelangt wurde, dann verschwand er einen Augenblick, um im nächsten
wieder zu erscheinen, hoch durch die Luft geschleudert, hinein in den kochenden
Heerd von Flammen.
    Ein einziger gellender Schrei - dann folgte eine lautlose plötzliche Stille
auf dem ganzen Platz. - -
    »Fällt das Bajonnet! Nieder mit Jedem, der sich an den Gefangenen vergreift.
- In das Pascha-Konak mit ihnen zum Verhör!«
    Des Marschalls eigenes Kommando klang weitin über die Menge, das Klirren
der Gewehre verkündete, wie die Reihen sich um die Bedrohten schlossen; von
drüben her antwortete das Krachen der letzten einstürzenden Balken und Wände;
der Marschall, einem der Generäle das Kommando übergebend, wandte sein Pferd,
gefolgt von seiner ganzen Umgebung.
    Gregor Caraiskakis, in die Menge gekeilt, hatte stumm den Tod des
Bundesbruders mit angesehen. Im Augenblick, da Bewegung und Luft in die Masse
kam, verschwand er im Gedränge.
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    Es war gegen 11 Uhr gewesen, als die Schaar von Caraiskakis und Geurgios mit
den verschworenen Griechen das Haus verlassen hatte, das ihnen zum
Hauptschlupfwinkel diente, weil es ziemlich unbemerkt lag mitten in dem
Griechenquartier und mehrere Ausgänge hatte. Da alle Hände gebraucht wurden für
die Ausführung ihrer Beschlüsse, blieb die Bewachung des Hauses und des Sclaven
Nursah einem alten Griechen überlassen.
    Doch Nursah hatte sich müde geweint, er lag auf den Matten und schlief.
Caraiskakis selbst hatte die Tür des Gemaches von Aussen verschlossen.
    Aber kaum war eine Viertelstunde vergangen und kein Geräusch mehr im Hause
zu hören, so richtete der schwarze Knabe sich von seinem Lager empor, schlich
auf den Zehen an die Tür und die Jalousieen und horchte hinaus. Da Alles ruhig
blieb, öffnete er behend und leise die Letzteren und blickte hinaus. Das Gemach
lag eine Treppe hoch und das Fenster war von einem Vorsprung des Hauses
beschattet. Mit der Schnelligkeit einer Katze hatte Nursah die leichten Decken,
die sein Lager bildeten, zerrissen und aneinander geknüpft und befestigte sie an
den Jalousieen. Dann liess er sich an ihnen hinab gleiten und gelangte glücklich
in Hof und Garten, dessen Mauer er überstieg.
    In dem Gässchen angelangt, das die Mauer begränzte, blieb er einige
Augenblicke stehen, um einen Entschluss zu fassen. Er wusste, dass Eile Not tat,
wollte er seinen Herrn retten, denn er hatte bei der Rückkehr der beiden
Caraiskakis an der Tür gelauscht und, obschon er das Neugriechische nur sehr
mangelhaft verstand, doch erfahren, dass Jener zum Tode verurteilt war und am
nächsten Morgen erschossen werden sollte. Ebenso wusste er, dass Gregor einen
Versuch zu seiner Rettung machen wollte, indem er die Magazine in Brand setzte.
Schon als nach der Verhaftung des Arztes der junge Mohr zu dem Freunde seines
Herrn geflohen war, hatte er ganz bestimmt erklärt, dass er sich lieber selbst
opfern und ein offenes Geständnis über die Art und Weise, wie er in Silistria
den Spion gemacht, ablegen wollte, ehe er seinen Herrn in Gefahr liesse.
Caraiskakis hatte ihn zwar durch die Versicherung beruhigt, dass eine solche
nicht vorliege und der Arzt höchstens eine kurze Haft zu bestehen habe, da ihm
Nichts erwiesen werden könne, aber er hatte es doch seitdem für nötig gehalten,
den Knaben nicht mehr aus dem Hause und auch dort unter Aufsicht zu lassen.
    Das erregte Misstrauen hatte den Mohren jedoch wachsam gemacht und einige
Worte des Bruders beim Abschied hatten seine Aufmerksamkeit erhöht. So gelang es
ihm, die Wahrheit zu entdecken.
    Im Augenblick stand auch sein Entschluss fest, dass er sich nicht auf die
Mittel der Griechen verlassen könne, sondern koste es sein Leben, selbst Alles
aufbieten wollte, den Herrn, den er mit einer seltsamen Hingebung liebte, zu
befreien, zu retten.
    Jetzt stand er, um diesen Entschluss auszuführen, von seinen Hütern befreit,
in der Strasse, aber zugleich auch fiel die Schwierigkeit seines Unternehmens ihm
auf die Seele. Er wusste, dass nur wenige Stunden noch zwischen jetzt und dem Tode
lagen, und kannte nicht ein Mal die Namen der Richter seines Herrn, an die er
sich zu wenden hatte. Ebenso fiel ihm die Unmöglichkeit bei, jetzt in der Nacht
bis zu einem der Befehlshaber zu gelangen, wenn dies für den armen schwarzen
Knaben überhaupt möglich war.
    Er gedachte, wie wenig man sich überhaupt um ein Menschenleben kümmerte.
    Der Name des Capitains fiel ihm bei, der ihr Reisegefährte gewesen auf dem
Wege durch den Balkan nach Silistria. Er war ein gutmütiger lustiger Mann und
hatte oft mit dem jungen Mohren launig geradebrecht.
    Aber wo ihn finden unter den Tausenden? - war er überhaupt noch in
Silistria? - wie ihn suchen, da er nicht einmal der fremden Sprachen dieser
Krieger mächtig war?
    Er war hastig immer vorwärts geschritten und so in die belebteren
Stadtteile gekommen, wo die Schenkhäuser und Restaurants noch immer geöffnet
waren und Ab- und Zugehenden Erholung von den Beschwerden und dem Lärmen des
Tages boten.
    Trostlos sah der Knabe sich um und dann hinauf zu den Sternen. Er wusste ein
grosses Geheimnis, das vielleicht Hunderten das Leben retten konnte und wollte es
verkaufen für das eines Einzigen, aber wem konnte er es bieten?
    Der Himmel selbst schien ihm Antwort zu geben auf sein Flehen. Indem er an
dem Tschardak des »Restaurant des officiers« vorüberschlich, hörte er eine
bekannte Stimme - - ein Mann mit einem Diener, der ein Pack trug, kam die Stufen
herunter, er hörte, wie er diesem den Auftrag gab, die Packete nach her
Karawanserai zu tragen und die Maultiere fertig zu halten für den Aufbruch mit
dem ersten Sonnenstrahl.
    Der Mann war Paswan, der Kiradschia.
    Mit einem Freudenrufe sprang der Knabe auf ihn zu - er verstand seine und
der Fremden Sprache, er konnte helfen.
    Nursah fasste seine Hand, seine Worte überstürzten sich anfangs so, dass der
Händler ihn nicht zu verstehen vermochte, bis er ihn in den Lichtstrahl aus
einem der offenen Fenster zog und erkannte.
    »Armer Bursche,« sagte er mitleidig, »das traurige Schicksal Deines Herrn
hat Dich wahrscheinlich auf die Strasse geworfen und ohne Nahrung und Obdach
gelassen. Du kannst mich begleiten, bis sich etwas Besseres für Dich finden
wird. Heute Abend noch hörte ich vom Capitain Depuis, dem Franken, dass er morgen
erschossen wird.«
    »Der Capitano? - Wo ist er? - wo verliessest Du ihn?«
    »Vor wenig Augenblicken dort im Kaffeehause. So lustig er sonst ist, so sehr
geht ihm das Schicksal des Hekim-Baschi nahe und dass er trotz aller Bemühungen
es nicht zu wenden vermochte.«
    Der Knabe warf sich ihm zu Füssen.
    »Bei dem Christus, den er mich erkennen gelehrt, o Paswan, habe Erbarmen mit
mir. Ich, ich vermag ihn zu retten. Ich kann seine Unschuld entdecken, ich kann
diese Franken hier retten grossem Unglück. Habe Mitleid mit ihm und lass mich mit
dem Capitano sprechen!«
    Der Kiradschia war erstaunt, doch er war ein Mann von gutem Herzen und
versprach, den Wunsch des Knaben zu erfüllen. Er hiess ihn warten und ging zurück
in das Kaffeehaus.
    Bald kam er wieder mit dem französischen Capitain.
    »Frage ihn,« sagte hastig der Knabe, »ob es meinen Herrn retten kann, wenn
ich beweise, dass er Nichts von dem Verrat in Silistria gewusst und ich allein
die Nachrichten an die Moskows gegeben und die Boten gesandt habe?«
    Der Kiradschia wiederholte die Worte des Mohren auf französisch, aber der
Capitain schüttelte traurig den Kopf.
    »Es wird wenig helfen und der Beweis Dir schwer sein. Der Spruch des
Kriegsgerichtes ist gefällt und jeder Aufschub der Vollstreckung selbst der
Empfehlung des Prinzen von dem Pascha abgeschlagen. Du würdest Dich unnötig
selbst in Gefahr bringen, wackerer Bursche; denn ich glaube, dass Dein Vorgeben
bloss ein freiwilliges Opfer Deiner Treue ist.«
    Nursah hatte mit glühenden Augen an dem Munde des Offiziers gehangen und aus
seinen Bewegungen die Antwort gelesen.
    Er fasste krampfhaft den Arm des Kiradschia's.
    »Frage ihn,« sagte er mit glühendem Gesicht, und er bediente sich der Lingua
franca, gleich als wolle er den Kiradschia möglichst an einer Verheimlichung
seiner Worte hindern, »frage ihn, ob sie ihn freigeben wollen, wenn ich ihnen
ein wichtiges Geheimnis entdecke, eine Verschwörung, noch diese Nacht die Stadt
in Flammen zu setzen?«
    Der Kiradschia blickte erschrocken auf den Knaben - der Capitain jedoch, der
einzelne Worte verstanden hatte, war aufmerksam geworden; so wiederholte Jener
denn wörtlich die Frage.
    »Diantre! Ist dies Wahrheit oder lügst Du, Bursche?«
    Der Mohr hatte den Zweifel auf seinen Lippen gelesen.
    
    »Bei der heiligen Mutter Gottes, an die ich glaube! bei den Gräbern meiner
Eltern!« beteuerte er.
    »Rührt Euch Beide nicht von der Stelle,« befahl der Capitain, »ich weiss, Du
verstehst italienisch. Im Augenblick bin ich wieder bei Euch!« - Er sprang
zurück in das Café, wenige Momente nachher kam er zurück mit einem Offizier. -
»Erzähle diesem Herrn, was Du weisst, er spricht italienisch.«
    Nursah berichtete mit fliegenden Worten, ohne den Zusammenhang mit der
Rettung Welland's zu erwähnen, dass die Griechen um Mitternacht die Magazine der
Franken in Brand stecken wollten, von dem Lazaret hatte er selbst nur
Ungewisses verstanden.
    Capitain Depuis hielt bereits die Uhr in der Hand, während ihm sein Kamerad
die Nachricht übersetzte. Einige Worte genügten den Offizieren, um sich über die
nötigen Schritte zu verständigen. Während der Zweite in das Café zurück eilte,
um Lärm zu machen und Meldung nach allen Seiten zu senden, zog Capitain Depuis
den Degen.
    »Du weisst den nächsten Weg zu dem Magazin?« fragte er den Kiradschia.
    »Ja, Herr!«
    »Vorwärts denn und rasch, Ihr Beide weicht nicht von meiner Seite! Ist es,
wie Du sagst, und kommen wir zeitig genug, so bürge ich Dir für sein Leben.«
    Halb rennend verfolgten sie den Weg. Dem Unteroffizier einer Patrouille, die
ihnen begegnete, befahl der Capitain, sich ihnen anzuschliessen, - so, im vollen
Lauf zuletzt, betraten sie den Platz und eilten nach der dunklen Masse des
Gebäudes. Plötzlich strauchelte der Capitain.
    »Morbleu! hier liegt ein Mensch!«
    Er bückte sich, ihn zu fassen, zog aber schnell die Hand zurück. - »Es ist
die Schildwache, sie ist ermordet!«
    In demselben Augenblicke schoss eine Flammengarbe in die Höhe, das Lazaret
an der anderen Seite des Platzes stand in Feuer. In dem hellen Schein, der sich
weitin ergoss, huschten einzelne dunkle Gestalten an den Mauern und zwischen den
Baracken hin.
    »Höll' und Teufel! Die Mordbrenner haben das Lazaret angesteckt. Dort
fliehen sie! hinter ihnen dr'ein!«
    Der Kiradschia hielt ihn zurück.
    »Das Magazin! das Magazin!«
    Ein Blick belehrte die Franzosen, dass auch hier das bübische Werk im Gange
sei: zwei, drei Flämmchen schlugen aus den Dächern eines angebauten kleinen
Häuschens.
    Der Flintenschuss eines Soldaten knallte hinter einer jener dunklen Gestalten
d'rein, die an ihnen vorüberhuschen wollte; mit geschwungenem Degen sprang der
Capitain auf eine zweite los, indem er dem Unteroffizier zuschrie, die Ausgänge
des Platzes zu besetzen.
    Zugleich rollten entfernte Trommelschläge durch die Strassen und fanden bald
ihr hundertfältiges Echo. Menschen kamen in vollem Lauf herbei, mit jedem
Augenblicke mehrte sich ihre Zahl.
    Der Verfolgte war dem Capitain unter der Hand verschwunden. Während der
Hilferuf Nursah's und des Kiradschia's bald Menschen genug herbeiführte, um für
die Rettung des Magazins zu wirken, forschte der Capitain nach den Mordbrennern,
da er überzeugt war, dass sie noch irgend wo in der Nähe verborgen sein müssten.
    Wir haben bereits gesehen, wie sie entdeckt worden. Geurgios und fünf seiner
Gefährten, von den Franzosen überrascht, hatten sich in eine der Baracken
geflüchtet, gewiss, in dem folgenden Gedränge zu entkommen. Die Aufmerksamkeit
des Capitains verhinderte ihren Plan.
    Auf Befehl des Marschalls waren die Gefangenen nach dem Pascha-Konak, als
dem nächsten sich eignenden Platz, gebracht worden, der sofort wieder von
französischen Wachen besetzt wurde, indem man ohne Weiteres die albanesischen
und kurdischen Freischaaren hinausjagte und die aus dem Lazaret geretteten
Kranken hier einquartirte. Obschon das türkische Regiment in der von den
Alliirten besetzten Stadt eine Null geworden, machte doch der Marschall
Sali-Pascha die bittersten Vorwürfe über die schlechte Polizei, die er übe und
dieser hütete sich daher wohl, von dem Vorfall im eigenen Hause zu sprechen, um
so mehr, als er ihn zu seinen besonderen Zwecken auszubeuten suchte.
    Als nämlich durch das Geschrei Nausika's, der Nedela, - das sie erst erhob,
nachdem sie die beiden Griechen hatte entfliehen sehen, und durch den Feuerlärm
der Pascha herbeigeführt worden, hatte die Schlaue ihm allerlei Lügen von dem
plötzlichen Erscheinen bewaffneter Männer bei ihr erzählt, um sich so gegen ihn
und den Baronet sicher zu stellen, ohne jedoch ihre Bekanntschaft mit
Caraiskakis zu verraten, und die Aufmerksamkeit nach dem Gemach des Gefangenen
gelenkt. Man fand die Tür von diesem selbst geschlossen und den Arzt noch immer
mit dem Baronet beschäftigt.
    Die Moslems haben einen unbegränzten Glauben an die Geschicklichkeit der
fränkischen Aerzte, und der Pascha überliess daher den Verwundeten, nachdem er
erfahren, dass ihn einer der eingedrungenen Diebe oder Mörder verletzt, der
weitern Hilfe des Doktors, indem er zwei Khawassen als Wache dazu stellte,
während er selbst sich mit jener türkischen Ruhe zur Brandstätte begab, die
Alles Gott anheimstellt.
    In dem Audienzzimmer des Pascha's war sofort ein Kriegsgericht gebildet
worden, das die gefangenen Mordbrenner verhörte; - Adjutanten eilten hin und
her, den Oberbefehlshabern ihren Rapport zu bringen, der Konak schien plötzlich
zum Hauptquartier geworden.
    Die Tatsachen lagen so klar, dass das Verhör der fünf Griechen nur kurz war.
Das Zeugnis des Capitains bekundete, dass man sie in der Nähe des Arsenals und
der ermordeten Schildwache und noch verschiedenes Material zur Brandstiftung in
ihren Taschen gefunden hatte; die Aussage Nursah's, dass der Plan ein
verabredeter gewesen. Vier der Angeklagten leugneten auch weder die Absicht,
noch die Tat, weigerten sich aber entschieden, ihre Freunde und Helfer und
deren Verstecke zu verraten. Nur Einer, von der wütenden Menge übel
zugerichtet, bezeichnete das Haus, in dem die Führer sich aufzuhalten pflegten
und man die Beweise ihrer Verbindung finden würde, und dessen Lage der Knabe
Nursah nur unvollkommen anzugeben vermocht hatte.
    Vergebens hatte er während seiner kurzen Aussage versucht, auf die Unschuld
seines Herrn zurückzukommen, der Vorsitzende des Kriegsgerichts, nur mit der
Feststellung des vorliegenden Verbrechens beschäftigt, verwies alles Weitere auf
später - oder an das türkische Gericht, das den Arzt verurteilt.
    Während das Kriegsgericht zur Fällung des Urteils sich zurückzog, war
Capitain Depuis mit einem türkischen Offizier kommandiert worden, mit Hilfe
Nursah's den Schlupfwinkel der Griechen aufzusuchen und zu durchforschen. Als
das Kommando sich auf den Weg machte, begann bereits die helle Nacht des Orients
sich in die Klarheit jener wunderbaren Morgenröte zu verwandeln, die Meer und
Land mit ihren Farbendinten überschüttet.
    Die Zeit wartet nicht - die Zeit fliegt.
    Die Strassen waren noch gefüllt von dem Trubel der Nacht, die erbitterte
Menge wich nicht von den Türen des Konaks, sie verlangte die Hinrichtung der
Mordbrenner, die ihre schutzlosen Kameraden geopfert. An andern Stellen machte
sich die Bewegung bemerklich, die dem Aufbruch grosser Truppenmassen vorangeht.
    Mit dem Aufgang der Sonne sollten die noch zurückgebliebenen Colonnen nach
der Dobrudscha aufbrechen, im Laufe des Morgens die Escadre unter Segel gehen.
    Beim Licht des Tages gelang es Nursah, sich leichter zu orientiren und das
Haus, aus dem er entflohen, zu finden. Eine unsägliche zu Angst spannte alle
seine Geisteskräfte, beflügelte seine Schritte.
    Aber das Haus war leer - Gregor Caraiskakis und die übrigen Verschworenen
hatten Zeit gehabt, es zu räumen und Alles mitzunehmen, was ihnen Gefahr bringen
konnte.
    Die sorgfältigste Durchsuchung ergab keine Spur; indem sie das Haus besetzt
liessen, kehrten die Offiziere mit der Meldung zurück.
    Aber die durch die Strassen ziehenden Colonnen verzögerten ihren Weg - die
Sonne war aufgegangen und warf ihre klaren Strahlen über Stadt und Meer.
    Je näher sie dem Konak kamen, desto grössere Angst durchbebte das Herz des
jungen Mohren; sein flehender Blick wandte sich jeden Augenblick vorwurfsvoll
auf den Capitain, der ihm das Leben seines Herrn versprochen, und der ihn
vergebens in seiner ihm unverständlichen Sprache zu beruhigen versuchte.
    Schon auf dem Wege hatte sie das Gerücht erreicht, dass die Griechen zum Tode
verurteilt worden und auf Befehl des Marschalls sofort auf dem Glacis der
Festung erschossen werden sollten, um die Erbitterung der Soldaten zu beruhigen.
    Ein wildes tumultuarisches Geschrei voll bitterer Verwünschungen verkündete
ihnen, als sie näher kamen, dass die Verurteilten bereits ihren Todesweg
angetreten.
    Als sie den Eingang des Konaks erreichten, kam ihnen eine Gruppe englischer
Matrosen entgegen, die eine Krankensänfte trugen; daneben ging ein alter
englischer Schiffscapitain, von Zeit zu Zeit sorgsam nach dem Kranken sehend.
Mehrere türkische Diener begleiteten den Zug und machten Platz für ihn.
    Der Offizier war der Capitain des »Niger«, der Kranke, den er an Bord
transportiren liess, Edward Maubridge.
    Nach der Feuersbrunst in der Nacht war der Capitain mit anderen
Flottenoffizieren zur Stadt gekommen und hatte den Baronet aufgesucht. Er fand
ihn unter den Händen des Arztes, der die letzten Stunden seines Lebens mit einem
Werke der Menschenfreundlichkeit füllte. Dieser gab ihm die Versicherung, dass
für das Leben des Baronets unter der Hand eines kundigen Chirurgen Nichts zu
fürchten sei, indem der Stoss des Dolches keine Lebensarterien verletzt und nur
starken Blutverlust zur Folge gehabt hatte, der den Kranken auch grösstenteils
bewusstlos liess. Da zugleich der Befehl des Marschalls bekannt wurde, dass alle
entbehrlichen Räume des Konaks sofort zum Lazaret in Stelle des abgebrannten
Gebäudes eingerichtet und benutzt werden sollten, beschloss Capitain Warburne,
den Verwundeten an Bord zu bringen und ihm dort die nötige Pflege zu widmen,
statt ihn unter Fremden und in der Ansteckung eines Lazarets zurückzulassen.
    Sali-Pascha hütete sich wohl, diesem Einrichtung zu widersprechen, und
Nedela sah damit ihre Absichten erfüllt, da sich Niemand um ihr Zurückbleiben
kümmerte.
    Capitain Depuis hatte mit seiner Begleitung den Eingang des Konaks erreicht
und liess hier Nursah, im Schutz einer Wache zurück, um seine Meldung zu machen
und zugleich nochmals für den Arzt zu sprechen und des jungen Mohren
Eingeständnis vorzulegen. Aber er traf weder den Marschall, noch den Prinzen
mehr im Konak. Dem Zurückkehrenden stürzte Nursah entgegen, den Kiradschia mit
sich fortziehend. Die wilden verzweifelten Bewegungen des Knaben zeigten ihm
sogleich, dass etwas Ungewöhnliches vorgegangen.
    »Was ist geschehen - rasch! denn wir müssen eilen, den Befehl zum Aufschub
der Execution zu erhalten, die um 6 Uhr vollstreckt werden soll.«
    »Es ist zu spät!« jammerte Paswan, »alle Mühe ist vergebens, der Pascha hat
die Gelegenheit benutzt, das Urteil an dem Hekim-Baschi zugleich mit den
Griechen vollstrecken zu lassen, ich sah den Unglücklichen vorüber kommen.«
    »Diantre!« fluchte der Capitain, »sie können noch keine fünf Minuten
Vorsprung haben, - wir holen sie ein! Ha - die Hilfe sendet uns Gott!«
    Ein Reitertrupp kam die verhältnissmässig geleerte Strasse herauf, General
Espinasse mit seinem Stabe, der Kommandirende der Expedition nach der
Dobrudscha, um seiner Brigade zu folgen.
    Der Capitain sprang an sein Pferd und salutirte.
    »Monsieur le Général, retten Sie die verpfändete Ehre eines französischen
Offiziers!«
    Der General hielt einen Augenblick an.
    »Was wünschen Sie, Capitain?«
    Mit fliegenden Worten, während er neben dem Pferde des Generals herging,
berichtete der Offizier die Vorgänge, das Wort, das er dem Knaben verpfändet für
die Entdeckung des Complotts, die Geständnisse und die Selbstanklage desselben
in Bezug auf die Spionage in Silistria; endlich den tückischen Streich des
Pascha's, der die Stunde der Execution verfrüht. Der General sann einige
Augenblicke.
    »Ich habe von dem Verurteilten gehört und dass man Zweifel an seiner Schuld
hegte. Aber die Sache betraf die Herren Türken allein und ging uns nicht an.
Jetzt steht es anders. Sie verpfändeten Ihr Wort im Namen des Kommandirenden und
das muss gehalten werden, wenn es noch Zeit ist. Wo soll die Hinrichtung
vollstreckt werden?«
    »Auf dem Glacis am Tor von Baltschick, auf Ihrem Wege, Excellenz.«
    »Vorwärts, meine Herren! Sehen Sie zu, wie Sie nachkommen, Capitain, lassen
Sie aber den jungen Spion nicht von der Seite, damit wir die Sache später
untersuchen können.«
    Der General setzte sein Pferd in Trab. Nursah lief neben ihm her, der
Capitain folgte, so gut es ging.
    Als sie am Tore ankamen, knallte eben eine Salve.
    »Rechts, rechts, Herr!« schrie der Kiradschia, der mit dem angstkeuchenden
Knaben neben den Pferden herrannte, »das waren die Griechen! - ich sehe das
türkische Kommando dort!«
    Der General sprengte im Galopp nach dem bezeichneten Ort durch die Platz
machende Menge, die der Execution der Mordbrenner beigewohnt, an dem
französischen Kommando vorüber, das um die Leichen der fünf Erschossenen
aufmarschirt war - sein weisses Tuch winkte nach einer entfernteren Gruppe - -
    Dort stand aufrecht am grünen Wall neben einer offenen Grube ein Mann,
bleich, aber fest und mutig - -
    Zehn Schritt von ihm traten eben zwölf türkische Nizams an, die Kolben ihrer
Gewehre rasselten aus den Boden.
    So rasch der General geritten - Nursah, der schwarze Knabe, war dennoch
früher zur Stelle, als er, und stürzte sich zwischen die Soldaten und seinen
Herrn, diesen umklammernd und mit seinem Leibe schützend.
    »Rettung, Herr! Rettung! Du wirst leben!«
    Aber der Arzt stiess ihn verächtlich von sich.
    »Ich mag keiner Gnade ein ehrloses Leben verdanken. Jüs-Baschi, kommt zu
Ende!«
    Bei diesem aber hielt bereits der General.
    »Sprecht Ihr französisch, Herr?«
    »Du sagst es, Excellenz.«
    »Was wollt Ihr mit dem Mann da tun?«
    »Inshallah! Wie Gott will! Er soll erschossen werden. Er ist ein Spion und
das Kriegsgericht hat ihn verurteilt.«
    »Dummheiten!« sagte der General. »Wir können unsere Aerzte besser brauchen,
als sie von Euch Türken erschiessen zu lassen. Der Mann ist unschuldig und
ausserdem - packt Euch zum Teufel!«
    Der Jüs-Baschi glotzte ihn gross an.
    »O meine Seele! was soll ich sagen - der Mann, Excellenz, ist mir vom Pascha
übergeben und ich muss ihn erschiessen lassen.«
    Der General wandte sich kaltblütig zu seiner Suite, die eben herankam.
    »Montaigne, reiten Sie nach dem Tore zurück, das, wie ich sehe, eben das
erste Regiment verlässt. Beordern Sie eine Compagnie hierher und lassen Sie den
Platz mit dem Bajonnet räumen, wenn diese schmuzigen Schufte sich nicht bis
dahin aus dem Staube gemacht haben.«
    Ohne sich weiter um den erschrockenen Moslem zu kümmern, ritt er zu dem
Verurteilten, der staunend die unerwartete Scene mit angehört hatte.
    »Sie sind frei, Herr,« sagte der General freundlich, »aber es wird gut sein,
wenn Sie für einige Zeit ohne Zögern Varna verlassen. Doctor Maineville von den
dritten Zuaven ist erkrankt und zurückgeblieben. Sie werden den türkischen
Dienst quittiren und seine Stelle einnehmen.«
    Der Uebergang von dem Gefühl des sicheren Todes zum frischen gesicherten
Leben war zu plötzlich, zu überraschend, um nicht selbst das kräftigste Herz zu
erschüttern. Einige Augenblicke wankte der Arzt, wie ein Betäubter, unter dem
Schlage, dann raffte er sich auf und streckte beide Hände nach dem General aus.
    »Excellenz - täuschen Sie einen Unglücklichen nicht - mein Name ist
beschimpft, meine Ehre verloren! ich bin als Spion verurteilt!«
    »Ich weiss, ich weiss,« sagte ungeduldig der General. »Wir wollen das später
in Ordnung bringen. Ihre Rettung danken Sie dem Capitain hier und dem Geständnis
dieses schwarzen Burschen da, der, wie ich höre, die ganze Spionage geleitet
hat.«
    Der Mohrenknabe sah aus den Augen und Geberden, dass von ihm die Rede war. Er
umfasste demütig die Füsse seines Herrn. -
    »O Vergebung, Effendi! Du, dem ich so viel verdanke, Dein Zorn wäre
bitterer, als der Tod.«
    Aber der Arzt stiess ihn empört und heftig von sich, dass er weitin zu Boden
taumelte.
    »Verräter! Du hast meine Liebe und Güte mit Verrat Deines Herrn gelohnt, -
geh' aus meinen Augen, für immer, Bube!«
    »Nehmen Sie eines meiner Handpferde, Doctor, bis wir zur Colonne kommen,«
befahl der General. »Capitain Depuis, nehmen Sie den schwarzen Burschen da mit
zurück und übergeben Sie ihn dem Commandant de Place zur weiteren Untersuchung.
Und nun, meine Herren, vorwärts, denn wir müssen die Verspätung einholen.«
    Der Arzt sass bereits im Sattel des Pferdes, das ein Reitknecht ihm
zugeführt. Depuis und der Kiradschia waren mit dem schwarzen Knaben beschäftigt,
den die Hand des deutschen Arztes von sich geschleudert und der, betäubt, mit
blutender Stirn, am Boden lag.
    Der mitleidige Offizier hatte ihm Jacke und Tuch geöffnet und versuchte, ihn
zum Leben zurück zu bringen.
    Plötzlich sprang er erstaunt empor.
    »Ein Weib, Excellenz, - es ist ein Weib!«
    Der General blickte schlau und lächelnd bald auf den Arzt, bald auf die
Gruppe. Es konnte kein Zweifel sein, - die Gestalt, die schwer atmend und eben
erwachend vor ihnen lag, gehörte einem Weibe. Der volle üppige Busen in seiner
Ebenholzschwärze quoll aus dem zerrissenen Obergewande den Blicken entgegen.
Eine Schnur schlang sich um den festen kräftigen Hals und schien auf der
wogenden Brust etwas Glänzendes, gleich einem Ringe, zu halten. -
    »Parbleu!« sagte spöttisch der General, »das Abenteuer wird immer
interessanter. Doch, Weiber, Capitain, haben stets das Privilegium des Verrats
und deshalb lassen Sie die schwarze Schöne laufen, sobald sie wieder zu sich
gekommen. Galopp, meine Herren!«
    Dahin sprengte die Cavalcade. Einen Blick nur hatte der Arzt auf das
ohnmächtige Mädchen geworfen und dieser eine ihm das Rätsel gelöst, das in dem
Knaben ihm schon beim ersten Begegnen bekannte Züge gezeigt hatte.
    Nursah - Nursädih!
 
                                    Fussnoten
1 1856.
2 Es ist Feuer!
 
                                Cholera morbus!
Während bereits von Paris her die Krimm-Expedition im Geheimen beschlossen war
und Marschall St. Arnaud seine Vorbereitungen in Varna traf, ergab sich die
Notwendigkeit, teils, um die Aufmerksamkeit der Russen von diesen
Vorbereitungen abzulenken, teils, um dem weitern Umsichgreifen der Krankheiten
zu steuern, die Truppen in weitern Distancen zu dislociren oder auf Expeditionen
auszusenden. Die ungeheure Anhäufung von Menschen auf einem Punkte, die
unerträgliche Hitze und die Ausdünstungen der Unreinlichkeiten aller Art,
welche, trotz der strengsten Verbote, nach orientalischer Gewohnheit die Strassen
und den Hafen Varna's füllten, hatten - wie wir bereits gesehen - die Cholera
mit gefährlicher Heftigkeit ausbrechen lassen. Der Marschall sandte daher einen
grossen Teil der Flotte mit einer embarkirten Truppenzahl unter Canrobert und
Sir George Brown mit geheimen Instructionen an die Küsten der Krimm ab.
    Diese Instructionen gingen, wie die griechischen Spione richtig ahnten,
nicht auf eine Landung und einen Angriff Sebastopol's aus, sondern Lauf eine
möglichst genaue Recognoscirung der Küsten und ihres Fahrwassers.
    Eine solche war um so notwendiger, als die Russen das schlaue Manöver
gebraucht hatten, Seekarten über die Ufer des Schwarzen Meeres zu verbreiten,
welche absichtlich falsch und darauf berechnet waren, jeden Feind zu täuschen.
    Zugleich mit der Expedition zur See war eine Landexpedition gegen die
russischen Truppen beschlossen worden, welche die Dodrudscha noch besetzt
hielten. Diese Expedition erfüllte, wie bereits erwähnt, den doppelten Zweck,
das durch die Untätigkeit bei der Belagerung von Silistria bereits erschütterte
Vertrauen der Türken auf ihre Alliirten wieder zu kräftigen und die Truppen zu
trennen.
    Oberst Desaint, welcher die Dobrudscha durchstreift, hatte die Nachricht
überbracht, dass zwischen Matschin, Tultscha und Babadagh noch 10,000 Mann
russische Infanterie mit 2 Husaren-Regimentern sich befänden. 1200 Kosaken
standen als Vorhut in der Nähe von Küstendsche.
    General Yussuf, der berühmte afrikanische Parteigänger, hatte mit Oberst
Beatson eben die Organisation der Baschi-Bozuks, unter dem Namen der
»orientalischen Spahi's« vollendet. Der Marschall vertraute ihm das Geheimnis
der Krimm-Expedition und wie nötig es sei, die Russen durch eine Diversion in
anderer Richtung zu fesseln. Er erhielt demgemäss die Ordre, mit seinen 3000
umgeschaffenen Reitern und zwei Bataillonen Zuaven, unter Bourbaki in die
Dobrudscha vorzudringen und die Russen zu beunruhigen. Zu seiner Unterstützung
wurden staffelweise drei Divisionen aufgestellt, deren erste unter General
Espinasse, dem Commandant en chef der Expedition, der leichten Avantgarde folgen
sollte, während die Divisionen des General Bosquet und des Prinzen Napoleon als
zweite und dritte Linie aufgestellt blieben.
    Am 4. August sollten die Truppen wieder eintreffen, um sich am 5. zur
Krimm-Expedition einzuschiffen.
    Man hatte nur Eines in diesem Plane vergessen.
    Dies Eine war - die Cholera.
    Das Ziel des Marsches für die Division Espinasse war Küstendsche, wo der
General sein Lager aufschlagen sollte, um von hier aus die fliegende Colonne
Jussuf's zu unterstützen.
    Es ist ein trauriges Land, die Dobrudscha, und eine Armee, die es
durchzieht, hat mit unsäglichen Mühseligkeiten zu kämpfen, die sich steigern, je
näher man dem Donau-Delta kommt. In der nächsten Umgebung Varna's, bis auf etwa
6 Meilen, durchwandert man waldiges Terrain; bald darauf aber sieht man keinen
Baum, keine Schlucht mehr, nur von Entfernung zu Entfernung Senkungen des
Erdreichs, in denen sich das Sumpfwasser sammelt. Das Auge schweift über die
Flächen, ohne einem Gegenstande zu begegnen, der das geringste Interesse fesseln
kann; nicht ein Bach frischen Wassers bewässert jenes trostlose Gelände. Am
dritten Tag schlug die Division ihr Bivouac in Kavarnac auf. Von da an bestand
das, was man Dörfer nannte, aus elenden Hütten von trockenen Steinen, aus denen
sich die bulgarischen Familien bei der Ankunft der Franzosen geflüchtet hatten,
auf ihren Armen oder ihren zerbrochenen Araba's davontragend, was sie ihr
spärliches Besitztum nannten.
    Am 25. Juli kam die Colonne in Mangalia an - es lag in Trümmern. Schon am
andern Nachmittag verliess sie wieder den Ort und wanderte durch trostlose
Haiden, auf welche die Sonne ihre glühenden Strahlen sandte. Man nahte dem
Trajanswall, über den hinaus bereits Yussuf mit seiner mobilen Colonne
schwärmte, und schlug das letzte Bivouac vor Küstendsche, zwischen zwei
Höhenzügen, auf. Der Boden hob sich hier wellenförmig, die Oede war hin und
wieder belebt, aber es waren nur Trupps wilder Pferde, die sie durcheilten.
Schwärme wilder Gänse, die aus den Sümpfen mit lautem Geschrei aufflogen bei der
Annäherung des Zuges, oder das Gekreisch der Adler, die in den Lüften ihre
Kreise zogen und so wenig an eine Störung gewöhnt waren, dass sie die Soldaten
dicht an sich herankommen und mit den Gewehren nach sich schlagen liessen, ehe
sie sich erhoben.
    Wenn die Nacht kam, dann umkreiste der wilde Hund oder der Schakal mit
seinem klagenden Geheul das Lager und die Schildwachen sahen ihre formlosen
Schatten über die Fläche stieben.
    In dieser Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus, das einen
sinnbetäubenden Eindruck auf die ermüdeten Soldaten machte. In wenig
Augenblicken war das ganze Lager durch hundert Giessbäche unter Wasser gesetzt.
So kam man nass und erschöpft unter dem Strahl der glühenden Sonne am anderen
Morgen in Küstendsche an, aber man fand einen Trümmerhaufen, dessen Ruinen zum
Teil noch rauchten, so dass General Espinasse eine Stunde davon sein Lager
aufschlagen musste.
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    Es war am Abend des 28., als eine ziemlich starke Abteilung der
orientalischen Spahi's und zwei Compagnieen des ersten Zuaven-Regiments unter
Lieutenant-Colonel oder Colonel, wie er unter den Organisirten genannt wurde,
Vicomte de Méricourt, durch die öde, wellenförmige, zum Teil schon hier in
Sumpf auslaufende Steppe vordrang. Die Tirailleurs hatten dem Commandanten
angezeigt, dass in der Entfernung von einer Viertelstunde ein tartarisches oder
bulgarisches Dorf zu liegen scheine, und der Vicomte, abseits des Yussuf'schen
Corps detaschirt, hatte die Stelle zum Bivouac bestimmt.
    Bei der Ankunft fanden sich in der Tat mehrere halb zerstörte, von Lehm und
Binsen errichtete Erbhütten, die sonst den Aufentalt jener wenigen aber
genügsamen Menschen bilden, welche Gegend bewohnen.
    Die Hütten waren leer, nur in einer derselben fand man - was seit vielen
Meilen nicht geschehen war - drei der geängsteten Bewohner des Landes in
ärmlicher Tracht.
    Es war ein Mädchen von hoher schlanker Figur, schönen Zügen und braunem
Teint, das ruhig und zurückhaltend an dem ärmlichen Lager eines Kranken sass, der
in Schaaffelle gehüllt auf getrockneten Binsen lag. Ein noch ziemlich junger
Mensch mit verschmjetztem Aussehen kam den Offizieren kriechend entgegen und
erzählte in ziemlich verständlicher Lingua Franca, dass sie eine arme bulgarische
Zigeunerfamilie und hier, als die Bewohner vor den Moskows flüchteten,
zurückgeblieben wären, da ihr Bruder vom Fieber ergriffen, zu krank gewesen sei,
um mit ihnen fortzuwandern.
    Auf weiteres Befragen berichtete der Zigeuner, dass die letzten Russen vor
vier Tagen an der Stelle gewesen, ein vereinzeltes kleines Commando Kosacken,
und dann nach Isler zu abgezogen seien, wobei er aus den Reden der Reiter gehört
habe, dass das ganze russische Corps, das noch die Dobrudscha besetzt hielt, auf
dem Rückzug begriffen sei.
    Zugleich kam die Meldung, dass die Soldaten in der Nähe das notwendigste
Bedürfnis des Kriegers auf dem Marsch, Wasser, in einem jener Brunnen gefunden
hätten, die mehr aus Cisternen bestehend, äusserst spärlich über das traurige
Land verstreut sind und jetzt noch grösstenteils von den Russen verschüttet
waren. Menschen und Tiere hatten sich sofort um den Rand der Cisterne
zusammengedrängt, um mit dem Lebenselement die vertrockneten Gaumen zu netzen.
    Die erhaltenen Nachrichten bestimmten vollends den Obersten, an dieser
Stelle das nächtliche Bivouac aufzuschlagen. Sofort begannen, während die
türkischen Reiter sich träge neben ihren Pferden lagerten und ihr hartes Brot
verzehrten, die Zuaven jene fliegenden Gezelte aufzuschlagen, die ihre Erfindung
sind, indem sie ihre Lagersäcke auftrennen und sie, je zwei und zwei
zusammenbindend und durch Stäbe stützend, Windschirme daraus machen, in deren
Schutz sie ihre Feuer anzünden. Die Erfahrung hat den Nutzen dieser Einrichtung
erwiesen, und Bedeau, der ehemalige Oberst der Zuaven, regelte sie und führte
sie bei dem ganzen Regiment ein. Während die Fouriere die Verteilung der
geringen Lebensmittel vornahmen, machte ein Teil der Mannschaften aus dem
trockenen Dünger der Steppentiere und Binsen Feuer an, um an der Flamme den
Kaffee zu kochen, der im Notfall die sonst beliebte Abendsuppe ersetzen muss,
indem man das Zwieback in den Kaffee reibt und so eine Art von Pastete macht.
Der Zuave hat das Talent, überall etwas zu finden, wo kein anderer Soldat das
Geringste entdecken würde, und so sah man denn auch bald mehrere der lustigen
Krieger daher kommen, in ihren Mützen jenes der türkischen Steppe eigentümliche
Tier, die kleine Landschildkröte tragend, die ihnen zu einer kräftigeren Speise
verhelfen sollte. Kaum war die Entdeckung gemacht, als die halbe Compagnie sich
auf die Jagd begab, um Schildkröten zu fangen, und da bei jedem Zuge dieser
eigentümlichen Soldaten sich wenigstens Einer befindet, der sich rühmt, ein
halber Vatel zu sein, so waren in Zeit von einer halben Stunde wenigstens zehn
verschiedene Zubereitungen des Tieres im Gange.
    Der Oberst hatte seine Lagerstätte in der Nähe der Hütte aufgeschlagen, in
welcher er die Familie gefunden, es vorziehend, durch das Bivouacquiren unter
freiem Himmel dem widrigen Schmuz und der dumpfen Atmosphäre dieser kaum für
Menschen geeigneten Löcher zu entgehen. dabei leitete ihn ausserdem die Absicht,
das wirklich in ihrer Racen-Eigentümlichkeit schöne Mädchen vor den
Zudringlichkeiten der französischen Soldaten zu schützen, die in diesem Punkt
ein sehr weites Gewissen haben.
    Nachdem der Colonel selbst die Posten revidirt, kehrte er zu seinem offenen
Bivouac zurück, wo sich bereits die Offiziere der kleinen Schaar versammelt
hatten und ihren Anteil an den gerösteten Schildkröten nahmen. Einer der
Burschen hatte dazu in dem Wasserkessel mit einer Flasche Rum einen Grogk
gebraut.
    Die Gesellschaft debattirte eben über den abscheulich schlechten Geschmack
des vorgefundenen Wassers trotz des Zusatzes von Rum, als der Colonel mit dem
Capitain-Adjutanten Feverrier dazutrat.
    »Pardioux!« schwor Capitain Brice de Ville, dessen gascognischen Ursprung
das Wort verriet, »die Fiebersümpfe am Auri-Gebirge entalten wahrhaftig
besseres Zeug als diese stinkende trübe Flüssigkeit. Prüfen Sie selbst, Colonel,
unsere Leute müssen krank werden, wenn sie das Zeug geniessen.«
    »Was sollen wir machen?« lachte Lieutenant Lesorier, »können Sie wie Moses
eine andere Quelle in der Wüste schaffen? Unsere Wasserschläuche sind bis auf
den letzten Tropfen geleert.«
    Der Vicomte hob den ihm dargebotenen Becher und prüfte mit Auge und Nase das
Getränk. Es roch so abscheulich, dass er es ohne weitere Probe auf den Boden goss.
Sein Auge fiel dabei zufällig auf den jungen, zerlumpten Zigeuner, der am
Eingang der Hütte kauerte und die Gruppe der Offiziere neugierig beobachtete,
nachdem er sich zu verschiedenen Dienstleistungen eifrig hinzugedrängt hatte.
    Er winkte ihn heran.
    »Dein Bruder ist wahrscheinlich vom Genuss des schlechten Wassers dieser
Gegend erkrankt?«
    »Ich bin Dein Sklave,« sagte der Zigeuner demütig. »Wir trinken von keinem
Brunnen in diesem Lande, unsere Nahrung ist der Tau des Himmels, den wir
auffangen.«
    »Also sind die Quellen dieses Bodens gefährlich?«
    »Es gibt gute und schlechte, wie sie Gott gemacht hat. Unser Gesetz
befiehlt uns, das Wasser des Himmels aufzufangen.«
    »Du kennst diese Gegend?«
    »So ziemlich. Wir sind zwar auf der Flucht vor den Moskows hierher gekommen,
aber ich habe sie in diesen Tagen viel durchstreift.«
    »Du sollst uns morgen früh zum Führer dienen und gut dafür bezahlt werden.«
    »Das Kind Aldobarans wird dem Befehl des tapfern Franken gehorchen. Welchen
Weg befiehlst Du, dass ich Euch morgen führe?«
    »Wir werden den Russen nach Isler zu folgen. Wie weit entfernt ist die See?«
    »Kara Irman ist eine Tagereise von hier.«
    »Der General,« wandte sich der Colonel zu den Offizieren, »wird auf der
Hälfte des Weges zu uns stossen.«
    »Wissen Sie, Vicomte, wie weit Yussuf Befehl hat, vorzudringen?« fragte der
Major, welcher die beiden Compagnieen kommandirte.
    »Ich weiss nur, dass die Colonne am 5. in Varna zurück sein soll.«
    »Sie glauben also an eine Einschiffung?«
    »Alle Zeichen deuten darauf hin, doch ist Zweck und Zeit Geheimnis der
Oberbefehlshaber.«
    »Cap de Bious! Was kann es anders sein, als Sebastopol. Wir werden
Sebastopol nehmen und gegen Moskau marschiren.«
    »Der Weg möchte etwas weit sein, Capitain,« sagte lächelnd der Colonel.
    Der letzte Teil des Gespräches war zwar französisch geführt worden, dennoch
horchte der Zigeuner eifrig darauf, gleich als könne er es verstehen.
    Die Offiziere hatten ihre Zuflucht zu den Feldflaschen genommen, und das
unvermischte Getränk - Rum, schlechter Cognac oder Wermut-Liqueur - machte
fleissig die Runde. Es war bereits finster geworden und die Soldaten begannen
sich zu lagern.
    »Pest!« sagte der Gascogner, »es ist doch eine verfluchte Gegend, und mir
ist immer, wenn ich mich umschaue, als müsste ich hier meine Gebeine lassen. Wenn
die Herren Russen uns nur wenigstens noch einige Motion verschaffen wollten. He,
Bursche!« er wandte sich zu dem jungen Zigeuner, »lass die junge Hexe, Deine
Schwester, uns wahrsagen, oder uns etwas vorsingen und tanzen, Ihr Zigeuner
versteht ja allerlei Teufelskünste.«
    Die Offiziere fielen im Chor ein mit jener Ungenirteit, die im
französischen Dienst ausser unter'm Gewehr zwischen den Offizieren aller Grade,
ja selbst zwischen diesen und den Mannschaften herrscht, und die sich in ihrem
Vergnügen wenig um die Gegenwart des Obern kümmert.
    Der Zigeuner war in der Erdhütte verschwunden und kam gleich darauf mit dem
Mädchen an der Hand wieder zum Vorschein. Der rote Glanz des Feuers beleuchtete
die in phantastische Lumpen gehüllte Gestalt, aus dem Kopftuch, das ihr
schwarzes Haar umhüllte, schauten die dunklen Augen kalt und finster auf die
Gesellschaft. Ihre Hand hielt die kleine, der Balaleika ähnliche Citer der
Bulgaren.
    Der Colonel wandte sich freundlich zu dem Mädchen.
    »Willst Du uns eines Deiner Nationallieder vorsingen, so soll ein Geschenk
Dir die Mühe lohnen.«
    Der Zigeuner sprang dazwischen.
    »Sarscha versteht die Lingua Franka nicht, blanker General. Sie spricht nur
Türkisch und Bulgarisch.«
    »Dann, meine Herren,« sagte lächelnd der Vicomte, »werden wir auf das
Vergnügen eines nationellen Concerts als Nachtisch wohl verzichten müssen, denn
mit unserm Türkisch ist es noch schlecht bestellt.«
    »Nicht doch, Colonel. Wir rufen Franconville von Ihren Spahi's, der kann uns
dolmetschen. Er spricht Türkisch wie Wasser.«
    Nach wenig Augenblicken schon kam der Gerufene herbei, einer jener
französischen Abenteurer, die sich seit vielen Jahren im Orient aufhielten und
jetzt vielfach als Dolmetscher von den Truppen verwendet wurden. Er war
Unterlieutenant bei den neu organisirten orientalischen Spahi's und erklärte
sich bereit, jeden Vers der Sängerin auf Französisch zu wiederholen.
    »Lass Deine Schwester beginnen. Dieser Herr wird uns jeden Vers übersetzen.«
    Das Mädchen sah mit einem seltsamen Blick auf die Gruppe, die neugierig und
schweigend lauschte. Dann griff sie in die Saiten, dass die Dissonanzen widerlich
hinaus schallten in den Kreis, der sich immer zahlreicher um sie bildete, und
begann mit einer eintönigen und dennoch weitin dringenden Stimme jenen
furchtbaren Gesang, in dem der apatische bulgarische Charakter alle jene
Jahrhunderte alten Klagen gegen den Halbmond in der Geissel der Gegenwart
zusammendrängt:
»Ueber das Gebirge kam die Pest,
Hinter Stambul ist ihr schwarzes Nest.
Grün war das Gebirg' und schön betaut,
Aber es verdorrten Baum und Kraut.
Und das Heilkraut ist zuerst verdorrt,
All' die kleinen Vöglein flogen fort.
Dann vom Berge schritt die Pest in's Tal,
In Pravadi fing sie an die Qual.
Klopfend ging sie dort von Haus zu Haus,
Leichen warf man auf das Feld hinaus.
Erst nur Türken traf ihr schwarzer Hauch,
Später traf er fromme Christen auch.
Auch die Raben flogen fort vom Schmaus,
Nur der Storch blieb auf dem leeren Haus.
Auch der Treue fiel zuletzt vom Dach,
Und es fielen ihm die Jungen nach.
Schwarz vor Aerger ist die Pest zu seh'n,
Einen schwarzen Schleier lässt sie weh'n.
Sie ist eine stumme, alte Frau,
Welk ist ihre Brust, ihr Auge grau.
Nur wenn Jesus Christ in Schlummer fällt,
Steht sie auf und wandelt durch die Welt.
Als der Nordwind unsern Herrn geweckt,
Floh sie über's schwarze Meer erschreckt.«
    Der Lieutenant der Spahi's wiederholte Vers um Vers die Worte den Zuhörern.
    Je weiter er kam, desto stiller wurde es im Kreise, desto unheimlicher
lagerte sich das Grauen rings umher.
    Der Gascogner sprang auf.
    »Cap de Bious! - Halte ein mit diesem Unkensang, der Einem das Mark in den
Adern erstarren macht. Es ist Zeit genug für den Soldaten, an die Krankheit zu
denken, wenn sie uns beim Schopf hat.«
    Ein einzelner, lauter, langgedehnter Schrei vom Ende des Bivouacs her schien
ihm zu antworten.
    »Der Doctor! wo ist der Doctor?«
    Ein Zuave kam mit der Nachricht gelaufen, dass zwei Kameraden plötzlich bei
ihrem Nachtmahl erkrankt seien.
    Die beiden Chirurgen, die sich bei der Truppe und in dem Kreis der Offiziere
befanden, erhoben sich ziemlich langsam und gleichgültig, bis ein ernster Blick
des Colonel sie zur Eile mahnte. Der Gang der heitern Unterhaltung war durch das
Lied und die Meldung gestört, und man traf daher allseitig Anstalten zum
Nachtlager, während der Vicomte unruhig mit dem alten Major auf und ab schritt,
bemüht, seine Besorgnis zu verbergen.
    Die Zigeunerin war nach dem unheimlichen Liede wieder verschwunden, Niemand
dachte mehr an die Possen, die man zur Unterhaltung mit ihr vorgehabt. Ein
leichter Nebel, wie diese Sumpfgegenden stets bei Nacht aushauchen, hatte die
weite Fläche eingenommen und gab den Gestalten und Gegenständen etwas
Verschleiertes, Gespensterhaftes.
    Plötzlich hörte der Vicomte in seinem Rücken eine Stimme sich anmelden:
    »Monsieur le Colonel!«
    Sich mit seinem Begleiter umdrehend, sah er den einen der beiden Chirurgen
vor sich und das blasse erschrockene Gesicht des jungen Mannes schien ihm nichts
Gutes zu verkünden.
    »Was gibt es, Fremont?« fragte der Major. »Was fehlt den Leuten?«
    »Ich rapportire,« sagte der Wundarzt mit leiser Stimme, »dass die beiden
Leute von der Cholera ergriffen sind. Drei Andere zeigen gleichfalls Symptome.«
    Die beiden Offiziere fuhren erschrocken zurück.
    »Morbleu!« rief der Major, »das fehlte uns in dieser Wüste noch! Sie werden
ein gewöhnliches Uebel gleich für die Seuche halten.«
    »Weder mein College noch ich können uns darüber irren, Herr Major,« sagte
der Chirurg. »Wir haben in den Lazarets in Varna Dienste geleistet und
verstehen, wenn wir auch keine promovirten Aerzte sind, doch genug von der
Krankheit, um zu wissen, dass die vorliegenden Fälle der rapidesten Art sind.«
    Der Vicomte nahm den Major am Arm.
    »Schweigen Sie, Herr, über die Meldung, die Sie uns gemacht und den
Charakter der Krankheit, auch wenn sich noch weitere Fälle zeigen sollten. Gehen
Sie zurück und lassen Sie die Kranken absondern, ich werde sogleich zur Stelle
sein.«
    Während der Chirurg zu dem Lager zurückkehrte, führte der Vicomte den Major
eine Strecke seitwärts.
    »Der Zug nach der Dobrudscha,« sagte er, »ist hauptsächlich unternommen, um
die Truppen der Krankheit wegen abzusondern, die in Varna furchtbarer wütet,
als die Bülletins zugestehen. Ich habe bestimmte Ordres für den Fall, dass die
Krankheit ausbricht. Wir werden vier Stunden den Mannschaften Ruhe gönnen und
uns dann auf den Weg machen. Gebe Gott, dass die Seuche sich nicht weiter
verbreitet, denn - - -«
    Er schwieg.
    Der alte benarbte Major, der funfzehn Jahre lang in Afrika gefochten, sah
ihn starr an.
    »Denn - - - was dann?«
    »Es ist unmenschlich, - aber die Befehle sind peremtorisch, - ich soll die
an der Cholera Erkrankten auf dem Wege sich selbst überlassen.«
    »Fluch dem, der diesen Befehl gegeben!« rief der alte Soldat entrüstet.
»Möge er selbst nicht auf dem Felde der Ehre, sondern auf dem schlechten
Krankenlager enden wie ein Hund. Geben Sie Ihre Befehle, Lieutenant-Colonel;
Major Estolles wird zu gehorchen wissen, wenn er auch den Befehl für eine
Schande der französischen Armee hält.«
    Der Vicomte fasste seine Hand.
    »Sie wissen, wie ich selbst darüber denke und wie sich mein eigenes Herz
empört. Lassen Sie uns vereint alles Mögliche tun, um dem Uebel zu begegnen.«
    Sie begaben sich sofort zu dem Bivouac, wo statt des Schlafes bereits grosse
Unruhe herrschte. Trotz aller Vorsichtsmassregeln hatte sich die Nachricht von
dem Ausbruch der Cholera bereits verbreitet, und die unerschrockenen,
leichterzigen Krieger, die ohne Bedenken den Feuerschlünden einer Batterie
entgegen gingen, steckten die Köpfe zusammen und zitterten bei dem Gedanken an
den Tod durch die Seuche.
    Die Befürchtungen waren leider nicht unbegründet. Von den dreihundert Zuaven
waren, als die Offiziere an die Stelle kamen, die sofort durch Wachen isolirt
wurde, bereits vierzehn Mann von der Krankheit ergriffen; vier davon rangen in
Todeskämpfen und starben während ihrer Anwesenheit.
    Der Aeltere der beiden Chirurgen erklärte, dass das Wasser des Brunnens den
rapiden Ausbruch herbeigeführt haben müsse.
    Der Colonel liess Schildwachen an den Brunnen stellen und befahl, ihn bei dem
nächsten Tageslicht zu untersuchen.
    Ausser den abseits lagernden und um die drohende Gefahr unbekümmerten Moslems
schlossen nur Wenige in dieser Nacht die Augen. Die Rapports der Aerzte
wiederholten sich von Stunde zu Stunde; als die Morgendämmerung anbrach, waren
bereits vierunddreissig Erkrankungen unter den Zuaven, drei unter den Spahi's,
gemeldet.
    Der Vicomte befahl den Aufbruch, und - indem er es nicht über sich gewinnen
konnte, die Kranken ihrem Schicksale zu überlassen, - deren Aufnahme in die
nachfolgenden Araba's. Während er nach der Hütte der Zigeuner schickte, um den
Führer holen zu lassen, - entstand ein wütendes Geschrei in der Gegend des
Brunnens.
    Mit aschbleichem Gesicht trat der alte Major zu ihm; bei dem Tapfern, der
vor keiner Gefahr gebebt, malte sich Abscheu und Entsetzen in allen Zügen.
    »Die Höllenbrut!« sagte er, »meine Leute haben so eben auf dem Grunde dieser
Cisterne, deren Wasser wir getrunken, drei Leichname russischer Soldaten
gefunden. Der Schurke von Zigeuner musste darum wissen, die ganze Familie soll
baumeln!«
    Aber die Ordonnanz brachte die Nachricht, dass die Hütte leer war. Selbst der
Kranke war verschwunden. Eine Nachfrage bei den Wachtposten ergab, dass schon im
Anfang der Nacht der Zigeuner und seine Schwester mehrmals hin und her gegangen
waren, was die Wachen, da der ausdrückliche Befehl des Colonel lautete, die
Familie nicht zu belästigen, nicht beachtet hatten. So war es ihnen leicht
geworden, auch über die Linie der ausgestellten Vorposten zu entwischen.
    Der Eindruck, den der schauerliche, Ekel erregende Fund machte, war kaum zu
bewältigen. Schon während der kurzen Anstalten des Aufbruchs mehrte sich die
Zahl der Kranken. Als die Colonne sich über die öde Fläche beim ersten
Sonnenstrahl bewegte, blieben mehrere Soldaten auf dem Wege zurück - alle
Ermahnungen der Offiziere halfen Nichts, - die Krankheit machte bei Einzelnen so
rasche Fortschritte, dass schon nach kurzer Zeit das Delirium eintrat.
    Man war noch keine zwei Lieues marschirt, als der Major der Zuaven den
Colonel rufen liess, der sich bald bei dem Vortrab der Spahi's, bald bei dem
Nachzug der Kranken-Escorte aufhielt, überall anordnend, antreibend.
    »Freund,« sagte er ihm, »meine Stunde ist gekommen, der Ekel wird mich
tödten. Ich fühle die Krankheit in meinen Eingeweiden; es bleibt keine Rettung
für Sie und die Colonne, als dass Sie streng den Befehl des Generals befolgen.
Lassen Sie mich mit den Andern zurück und suchen Sie das Corps Yussuf's zu
erreichen, wo wenigstens Feld-Apoteken zur Hand sind. Ich empfehle Ihnen meine
Braven, Kamerad, - retten Sie, was Sie können, davon. Dieser Feldzug wird viele
französische Leben kosten.«
    Der tapfere Veteran war vom Pferde gestiegen und sass an einem der
Steppenhügel; schon zeigten sich die Vorboten der Krankheit, doch wollten ihn
seine wackern Krieger unter keinen Umständen verlassen. Der Vicomte am
wenigsten. Es musste ein rascher Entschluss gefasst werden; Méricourt liess die
Vorhut der Spahi's Halt machen.
    »Fünfzig Mann des ersten Tabor's sitzen ab und schicken ihre Pferde für die
Kranken zurück, die sie zu Fuss escortiren! In gleicher Weise wird mit den
Kranken der Reiterei verfahren.«
    Der Mulasim1 übersetzte die Ordre; ein rebellisches Geheul der befehligten
Abteilung folgte.
    »Fluch über die Dschaur's! Wir wollen ihre Mütter verdammt sehen, ehe wir
den ungläubigen Hunden unsere Pferde geben! Mögen sie umkommen, es ist ihr
Schicksal!«
    Das Rebellenblut der alten Baschi-Bozuks drohte in vollen Flammen
auszubrechen, doch der Colonel verstand es zu behandeln.
    »On-Baschi Jussuf!«
    Der riesige Mohr, Nursädih's Bruder, ritt vor. Er verstand genug die Lingua
franca, um die Befehle des Kommandirenden zu begreifen und war ein Liebling
desselben, der sich, wie einst seine gemordete Gebieterin Mariam, auf seinen
blinden Gehorsam verlassen konnte.
    »Lass' den Burschen dort absitzen und sein Pferd zurückführen! - Bei der
geringsten Weigerung weisst Du, was Du zu tun hast.«
    »Pek äji, Beh!«
    Der Mohr wandte sich zu dem nächsten Reiter:
    »Inshallah! ist es Dir gefällig, von Deinem Pferde zu steigen, mein Bruder?«
    »Olmas!«
    Der Halunke starrte gemütlich hinaus in die Luft, als sei der militairische
Gehorsam ihm trotz der zahlreichen Prügel bei der Organisation ein unbekanntes
Ding geblieben.
    Ohne ein Wort zu sagen, schlug der Mohr ihn mit dem Knauf seiner Pistole so
gewaltig an den kahlen Schädel, dass er aus dem Sattel zu Boden stürzte. Dann
wandte er sich mit der gleich höflichen Frage an den Zweiten, der, so schnell es
sein Phlegma erlaubte, dem Befehle gehorchte. Die Mulasim's machten es auf der
anderen Flanke eben so und in fünf Minuten waren die Sättel geräumt und die
Pferde zum Transport der Kranken bereit. So wie die Sache einmal durchgesetzt
war, hörte man keinen Laut des Widerspruches mehr, und die Bozuks leisteten
willig den Kranken alle Hilfe.
    Trotz alles Beistandes jedoch kam der Zug nur langsam vorwärts und eine
immer mehr anwachsende Zahl von Leichen bezeichnete seinen schaurigen Weg, je
höher die Sonne stieg, je heisser ihre Strahlen über die Fläche brannten.
    Aber Seuche und Oede sollten nicht ihr einziger Feind bleiben!
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    Die Angabe des Zigeuners, dass Krankheit des Bruders die Familie in dem
Tartarendorf der Dobrudscha zurückgehalten, war insofern Wahrheit, als eines der
Mitglieder der kleinen Gesellschaft allerdings am Fieber litt, doch war die
Krankheit bereits den Heilmitteln der Kinder der Steppe gewichen und hätte sie
nicht an der Flucht gehindert. Das Zurückbleiben geschah vielmehr absichtlich,
denn der junge Zigeuner war Mungo, der russische Spion, mit Sarscha, seiner
Schwester und deren Liebhaber, Aleko Pelin, dem Bojarensohn, und streifte im
Auftrage der russischen Befehlshaber durch die südlichen Steppen der Dobrudscha,
um nach der Kunde, die der Knabe Mauro von dem Aufbruch der Expedition gebracht,
den Weg der französischen Truppen zu belauern.
    Als Sarscha ihr Unglück verkündendes Lied gesungen, schritt sie einsam und
finster in den Abendnebeln davon, ohne in die Hütte zurückzukehren. Sie
verachtete das Gewerbe des Bruders, ja, sie achtete wohl selbst nur wenig der
leidenschaftlichen Liebe des jungen Bojaren, dennoch trieb sie die Vereinsamung,
die auf ihrem Stamm lag, aus den Kreisen des Volkes und liess sie dem Manne sich
anschliessen, der ein Herz für sie zeigte. Ueberdies lastete in der Heimat das
Gerücht auf ihr, dass die Familie den Russen den Weg durch die Sümpfe von
Oltenitza verraten, und wenn auch Zinka, ihre Mutter, vor jeder Gefahr durch
den Ruf des bösen Auges gesichert und in ihrer einsamen Sumpfhütte unbelästigt
blieb, warfen die walachischen Bauern doch schlimme Blicke auf Sohn und Tochter.
Darum hatte Mungo nach seiner Rückkehr von Krajowa Sarscha und ihren Liebhaber
beredet, ihm auf das rechte Ufer der Donau in's Lager der Russen zu folgen.
    Der junge Zigeuner stand durch die Schlauheit und Kühnheit, die er bei jeder
Gelegenheit an den Tag gelegt und die durch Capitain Meiendorf gebührend gerühmt
worden, bei den russischen Oberoffizieren in dem Rufe eines ihrer besten und
zuverlässigsten Spione, und es fehlte ihm daher nicht an reichen Belohnungen,
deren Ertrag er in der einsamen Hütte seiner Mutter verbarg. Umsichtig, keinen
Laut verlierend, beobachtete er unter der Maske der kriechenden Angst und Demut
jetzt den Kreis der französischen Offiziere und die Aufregung, die bei der
plötzlichen Kunde von dem Ausbruch der Seuche sich bald durch das ganze Bivouac
verbreitete. Der günstige Augenblick der Flucht schien ihm gekommen, und indem
er in die Hütte zurückkehrte, hiess er den Bojarensohn, sich der
Krankenvermummung entledigen und sich dagegen in ein altes Gewand und Tuch
Sarscha's verhüllen. Dann öffneten sie in der Rückwand der Hütte ein mit
getrocknetem Schilf verstopftes Loch und krochen in's Freie. Der Nebel und die
allgemeine Unruhe erleichterten ihr Entkommen, und zwischen dem hohen Gras der
Steppe gelangten sie bald ausserhalb der Postenkette. Hier fanden sie Sarscha und
alle Drei eilten nun über die öde Fläche einer etwa eine Meile entfernten Stelle
zu, wo zwischen zwei Hügeln die halbverfallene steinerne Umfassung eines
cisternenartigen Brunnens sich erhob, der gutes Wasser entielt, dessen Dasein
aber der Spion sorgfältig den Franzosen verschwiegen hatte.
    In der Vertiefung des Bodens ruhten hier fünf jener kleinen Steppenpferde,
auf denen der Kosack die Ebenen der Dobrudscha, wie die des Dnjepr und Don
durchschweift. Auf der Mauer des Brunnens sass eine dunkle Figur, die lange
schlank am Nachtimmel sich abzeichnende Lanze zeigte den Kosacken; ein zweiter
lag schlafend am Boden.
    »Stoi! - Wer da?«
    »Gutfreund, Brüderchen,« lachte der Zigeuner. »Wecke rasch den Lieutenant,
wir bringen Nachricht. Die Franzosen sind in der Falle.«
    Der Ruhende sprang empor; es war der junge Kosackenoffizier, der die Meldung
des unglücklichen aber tapferen Selwan in der Nacht des grossen Ausfalls vor
Silistria zu den Schanzen an der Donau hatte bringen sollen.
    »Gott und die Heiligen mögen Deinen Weg segnen, Bursche. Was bringst Du für
Nachricht? - Du hast mich lange warten lassen!«
    Mungo berichtete, während Sarscha und ihr Liebhaber sich an dem Wasser des
Brunnens erfrischten.
    »K tschortu!« fluchte der Kosack, »es wird unmöglich sein, sie diese Nacht
zu überfallen, denn der General ist zurückgegangen und steht über zwanzig Werste
von hier entfernt. Gleichviel, er muss die Nachricht erhalten, und wenn Du die
Richtung ihres Marsches gut verstanden, sind wir ihnen zur rechten Zeit auf den
Fersen. Zu Pferde, Freunde! zu Pferde!«
    Wenige Minuten darauf jagte die kleine Schaar nach Norden zu durch die
einsame Steppe.
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    Es war um Mittagszeit, als die Franzosen und Spahi's auf ihrem traurigen
Rückzug an einer Hügelkette angelangt waren, die sich nach dem Trajanswall
hinzog. Hier liess der Lieutenant-Colonel die Colonne rasten, denn selbst die
Gesunden vermochten in der brennenden Hitze nicht mehr vorwärts zu kommen. Die
Krankheit wütete furchtbar in den Reihen, das heitere Gelächter, der
übermütige Gesang der Zuaven war verstummt, - von den beiden Compagnieen
fehlten bereits sechsundsiebenzig Leute, darunter der tapfere Major, der, eine
Lieue von dem Halt entfernt, sein aus zehn blutigen Schlachten gerettetes Leben
ausgehaucht. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, ja Mutlosigkeit hatte sich der
französischen Soldaten bemächtigt, während die Moslems jetzt die Zähigkeit ihres
Charakters bekundeten und sich gleichgültig in alles Ungemach und alle Leiden
des Zuges fügten.
    Der Vicomte hatte verschiedene kleine Trupps zur Recognoscirung und zu
Nachforschungen nach Wasser ausgesandt und sich eben finster und erschöpft auf
den Boden gesetzt, um einige Augenblicke auszuruhen, während unsern von ihm
mehrere Soldaten eine breite Grube in den dürren Boden schaufelten, bestimmt,
die Leichen des Majors und der nach der Ankunft auf dem Lagerplatz gestorbenen
Krieger aufzunehmen. Ringsum zeigte die Gegend den eigentümlichen Charakter
dieser Wüste. Auf den uralten Hünenhügeln sassen und flatterten mächtige Adler,
gleich als begleiteten sie Tod und Beute witternd den Zug. Zahllose Völker von
Rebhühnern stürzten schwirrend unter den Hufen der Pferde aus dem dürren Grase
hervor, wenn einzelne Wachen von Hügel zu Hügel ritten. Grosse Heerden von
Trappen strichen durch die Ebene, gleichsam zur Jagd verlockend - aber den
Jägern fehlte die Lust und die Kraft, denn auf ihren Fersen sass selbst ein
grimmer Feind, - der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt! - Rechts und links und
hinter ihm die stummen Gruppen der Soldaten, auf das glühende Erdreich geworfen,
in finsterer Apatie erwartend, dass der Drache der Krankheit auch sie erfassen
und verschlingen werde; - nur die Schildwachen, dem Gebote der militairischen
Disciplin gehorchend, auf und ab gehend, oder mit bleichem Gesicht, auf das
Gewehr gestützt, nach dem Hintergrund des Lagers hinhorchend, von wo der
Leidensruf, das Todesstöhnen so manches tapfern Kameraden klang. Und über dies
Bild von wilder Natur und menschlichem Elend, menschlicher Schwäche und
Ohnmacht, der helle klare Himmel, der glühende, versengende Strahl der
Julisonne! Der Vicomte schauderte bei der Betrachtung dieses
seltsam-schrecklichen Bildes, als plötzlich der On-Baschi Jussuf mit zwei
Begleitern mit verhängtem Zügel über die wellenförmige Ebene dahersprengte.
Zugleich vernahm das scharfe Ohr des Offiziers den entfernten Knall von
Pistolenschüssen, und von mehreren Punkten her sah man die einzelnen Patrouillen
zurückgejagt kommen.
    Noch ehe der On-Baschi die Schildwachen der kleinen Lagerstätte erreicht
hatte, war der Commandant auf den Füssen und liess Allarm schlagen. Der Ruf: »Die
Russen! die Russen!« ging mit Gedankenschnelle durch die Gruppen, und gleich als
hätte das Wort, das ihnen einen neuen Feind verkündete, den Bann des Grauens und
der verzweifelnden Apatie von Aller Glieder gelöst, kam Bewegung in die Menge,
ordneten sich die Reihen rasch auf das Wort der Offiziere.
    Die Ankunft des Mohren, der vor dem Colonel sein Pferd parirte, brachte die
Bestätigung:
    »Die Kosacken, Bei! sie sind zahllos wie die Heuschrecken!«
    Der Vicomte hatte kaum Zeit, seine Anordnungen zu treffen, die mit raschem
Ueberblick der Gefahr dahin gingen, die Seite des Hügelrückens zu halten.
Während die Kranken sich selbst überlassen blieben, warfen die Offiziere die
Zuaven vor als Postenkette rings um die Stellung. Ihnen schlossen sich die
abgesessenen Spahi's an, die ihre Pferde zum Transport der Wagen und Kranken
gestellt hatten; im Kreise dieser Kette ordneten sich die Reiterhaufen der
Spahi's.
    Es war das erste Mal, dass die Franzosen in diesem Kriege ihre alten Gegner
von 1812 und 1813 wiedersahen, die Söhne der Steppe, wie ihre Feinde in Algerien
die Söhne der Wüste waren. Es bedurfte kaum des Zurufs, der Ermunterung der
Offiziere, um die Leute, die sich auf die Knie in dem hohen dürren Grase
geworfen, auf einen tapfern Empfang des Feindes vorzubereiten.
    Noch während die Spahi's in der Formirung ihrer Reihen begriffen waren, sah
man über den Kamm der gegenüberliegenden Hügel die kleinen, hurtigen,
beweglichen, grauen Gestalten auf unansehnlichen, aber lebendigen Pferden jagen,
die schlanken, spitzen Lanzen in der Faust, diese gefürchtete Waffe, die einst
die Franzosen von Moskau bis Paris gejagt hatte. Das »Kuli! Kuli!« der
halbwilden Steppenkrieger schallte durch die klare dünne Luft Unheil drohend
herüber, und im nächsten Augenblick erschien die dunkle Phalanx eines
Kosacken-Regiments auf den Hügeln.
    Kaum fünf Minuten lang hielt der Feind an, um sich zu sammeln und die Front
zu bilden. Man sah die Offiziere hin und her sprengen, auf die sichtbaren
Schwadronen der orientalischen Spahi's deutend und dann diesen Wald von Lanzen
sich senken und an den Hals der kleinen Pferde pressen. Ein gellender
langgezogener Schrei erfüllte die Luft, dann kam, gleich einer Schwalbe im Stoss,
die ganze dunkle Reihe im Galopp daher gejagt.
    Der Tod bringende Empfang belehrte jedoch die russischen Offiziere bald, dass
sie hier auf andere Gegner gestossen, als auf ihre gewohnten Erbfeinde, die
Moslems.
    Der Chok des Kosacken-Regiments ging im vollen Galopp bis auf ungefähr 100
Schritt vor den ruhigen Colonnen der Spahi's. Da plötzlich entwickelte sich auf
den Wirbel der Trommeln ein Feuer auf der ganzen Verteidigungslinie, kaum 30
Schritt von den Anstürmenden, das mit sicheren Schüssen Pferde und Reiter zu
Boden warf. Im Nu sprangen zugleich die Zuaven empor und bildeten eine Phalanx
von Bajonneten, an denen die Wenigen zurückprallten, die das tödtliche Feuer
noch so weit halte vordringen lassen.
    Die Reihen des anstürmenden Regiments lösten sich rechts und links in wilder
Flucht.
    »Vive l'Empereur!«
    »En avant, mes braves!«
    Der Säbel des Colonel winkte. Im Carriere brachen die halbcivilisirten
türkischen Reitermassen vorwärts und jagten die Kosacken weit hinüber über das
Tal.
    Erst der langgedehnte Ton der Hörner rief die Bozuks zurück. Das Auge des
tapfern und umsichtigen Führers umfasste das Schlachtfeld. Da links debouchirten
dichte Massen von Feinden über die Hügelreihe herauf: ein zweites Regiment
Kosacken und eine Colonne Infanterie, auf den Pferden der Steppenreiter mit zur
Stelle befördert, kam über die Anhöhen.
    Die Signale hatten die französisch-türkische Reiterei zurückgeführt. Die
Zuaven sammelten sich in Gliedern zur kühnen Verteidigung des Platzes, auf dem
sie vielleicht dennoch bald ihr Leben der schrecklichen Seuche zum Opfer bringen
sollten. Der Colonel war überall und ermunterte die Seinen.
    Es tat Not, denn jeder Blick rückwärts lehrte, dass die ekle widrige
Krankheit unaufhaltsam ihre Opfer forderte.
    Der leichterzige gascognische Capitain wankte an ihm vorüber, die Faust,
die noch den tapfer geschwungenen Säbel hielt, auf den Magen gepresst.
    »Das höllische Wasser wühlt mir im Leib! Ich muss zum Doctor, leben Sie wohl,
Colonel - die Lanze eines Russen möge Ihnen ein besseres Ende geben, als
meines!«
    Er stürzte nach wenigen Schritten in Zuckungen zu Boden; der Vicomte liess
ihn aufheben und zu den Chirurgen tragen. Die zurückkehrenden Leute meldeten,
dass nur der Eine noch seinen Dienst erfülle, der Zweite aber sich gleichfalls in
den Schmerzen der Krankheit winde.
    Einen traurigen verzweifelnden Blick warf der brave Commandant hinauf zu dem
lichten, klaren Mittagshimmel, der so viel Elend überwölbte. Nicht die
Ueberzeugung entmutigte ihn, dass hier ihr Aller Grab gegraben - nur die bittere
Empfindung, dass hie Krankheit ihr Sieger und Würger werde und die tapfere Schaar
fast widerstandslos in die Hand des Feindes gegeben habe.
    Und dieser liess nicht warten. In aufgelösten Reihen plänkelte die Hälfte der
Kosacken und die Infanterie rings gegen den Lagerplatz der Franzosen, während
das neu angekommene Regiment in geschlossenen Sotnien den günstigen Augenblick
abzuwarten schien, um sich auf die Bedrängten zu werfen. Der Colonel liess im
Rücken, wo das fliegende Lager sich an die hintern Hügel lehnte, so gut es in
der kurzen Zeit ging, durch das Aufwerfen eines Grabens und die Aufstellung der
Araba's, welche das Gepäck und die Kranken bisher geführt, eine Art Verschanzung
bilden, welche wenigstens von dieser Seite gegen einen Choc der Reiterei sichern
konnte, und sandte die Hälfte seiner Spahi's gegen die Plänkler, die andern und
die geschmolzenen Glieder der Zuaven gegen einen Massenangriff zurückbehaltend.
    Ueber die von hohem Steppengras bedeckte Ebene, die zwischen den zwei
niedern Hügelzügen sich dehnte, entspann sich jetzt ein lebendiges
Reitergefecht, in dem die Chancen ziemlich gleich waren, da beide Teile auf
dieses Plänkeln und diesen Einzelnkampf gewöhnt und geübt waren. Nur hüteten die
Kosacken sich, nachdem die Kugeln der Zuaven mehrere Sättel geräumt hatten, der
Stellung dieser Gegner zu nahe zu kommen.
    Eine Stunde mochte so vergangen sein, als der militairische Blick des
Colonels bemerkte, dass ein neuer Impuls unter die Russen zu kommen schien.
Reiter sprengten auf dem Hügelrücken hin und her, die Signale riefen die
Plänkler zum Sammeln und offenbar bereitete sich ein allgemeiner Angriff vor,
der bei der Ueberzahl der Russen vernichtend wirken musste.
    Dennoch wollte er Leben und Sieg so lange als möglich verteidigen und traf
alle Anstalten zu einem kräftigen Empfange der Gegner. Das frühere Manöver
konnte jetzt nicht mehr glücken und es galt, die Lanzenreiter festen Fusses zu
empfangen. Der Colonel liess die Zuaven die Mitte und die Spitze des Halbkreises
einnehmen, und die Spahi's die Seiten bilden.
    Der Sturm kam und das zweite Kosacken-Regiment in vollem Galopp heran,
während zwei Sotnien des andern rechts und links angriffen. Der Stoss war rasch
und blutig, aber das regelmässige Feuer, die kecke sichere Haltung der Franzosen
schlug noch einmal den Ansturm ab, während an den beiden Flanken der Stellung
ein wildes Handgemenge entstand. Hierhin warfen die russischen Offiziere ihre
Infanterie und der Vicomte sah, dass in wenigen Momenten der Kampf sich zu seinem
Nachteil entscheiden musste.
    In diesem Augenblicke vernahm er den unerwarteten Knall eines Feldgeschützes
und das Pfeifen einer Kugel über ihren Köpfen hinweg. Ein zweiter und dritter
Schuss folgten rasch dem ersten, bevor er noch Zeit hatte, sich aus dem
Kampfgewühl los zu machen und von einer freien Stelle sich umzuschauen.
    Die Kugeln waren gegen die vier Sotnien der Russen gerichtet, welche als
Reserve vor den jenseitigen Anhöhen aufgestellt waren.
    Von der Hügelwand über und hinter ihnen in einiger Entfernung qualmte der
Rauch der Geschütze und blitzte das Feuer aus dem Pulverdampf, und auf den
Anhöhen entlang jagten türkische Spahi's.
    Hilfe in der Not - das konnten nur französische Feldgeschütze, die
Avantgarde des Generals Yussuf musste in der Nähe sein - die Russen wussten davon
und hatten einen letzten Coup versucht!
    »Haltet Euch! Haltet Euch, meine Braven! Französische Hilfe rückt an!«
    Aber es war zu spät - in demselben Augenblick durchbrach die russische
Infanterie die gedehnte schwache Verteidigungslinie, die Kosacken folgten, und
einige Minuten lang war das ganze so tapfer verteidigte Gelände eine wirre
Masse von Kämpfenden, so dicht gedrängt, dass oft nur der Stoss des Säbelgriffs
gegen den Feind gebraucht werden konnte. Pferde stürzten und traten ihre Herren
unter die Hufe, über Kranke und Sterbende ging das Gewühl schonungslos hinweg,
Reiter und Infanteristen kämpften neben- und miteinander, oft nicht den Freund
vom Feind unterscheidend, Weh- und Wutgeschrei, der donnernde Siegesruf der
Russen, das herausfordernde Kampfgeschrei der Franzosen, der Jammer der
Sterbenden und Zertretenen, dazwischen die zum Rückzug rufenden russischen
Signale - -
    Mit Mühe gelang es endlich den russischen Offizieren, ihre Mannschaften aus
dem Gewirr zu lösen und sie zurückzuführen. Aber der Rückzug löste sich bald in
wilde Flucht, denn in Masse schwärmten jetzt die Spahi's des französischen
Generals heran und von den näher gekommenen Geschützen hagelten Kartätschen und
Granaten über den Steppengrund. Erst auf den jenseitigen Höhen, wo die vier
Sotnien die Reserve bildeten, sammelten sich die Regimenter und traten, von der
türkischen Reiterei umschwärmt, einen langsamen Rückzug an.
    Auf der Stätte des kurzen aber blutigen Kampfes lagen die Leichen,
Verwundeten und Kranken wüst durcheinander, Menschen und Pferde, die
verstümmelten, von den Hufen der Pferde zertretenen Opfer der Seuche neben den
Opfern des Säbels und der Lanze, Zuaven, Spahi's und Russen. Wer verschont
geblieben von dem blutigen Gemetzel, selbst die Verwundeten und Kranken,
schleppte sich jubelnd den Rettern entgegen, die jetzt in geschlossenen
Colonnen, den General mit seinem Stabe voran, über die Hügel daherkamen.
    Der Säbelhieb eines Kosacken hatte den Colonel über die Stirn getroffen und
eine blutende, wenn auch nicht gefährliche Wunde zurückgelassen. Der starke Arm
des On-Baschi Jussuf hieb einen Zweiten vom Pferde, dessen Lanze den Vicomte im
Rücken bedrohte. Von dem Mohren und einigen Offizieren begleitet, sprengte der
Vicomte jetzt dem berühmten Namensvetter seines Lebensretters entgegen.
    »Ah ciel, Monsieur le Colonel! Sie bluten, die Russen haben Ihnen scharf
zugesetzt; wir kamen, von dem Schiessen geleitet, zur rechten Zeit!«
    Der Vicomte rapportirte das Geschehene. Der weltberühmte kühne Abenteurer,
der frühere Gouverneur von Constantine und französische Brigade-General, der
einst der Kabburha, der Tochter des Bei von Tunis Zunge, Hand und Auge des
verräterischen Mohren sandte, der ihre Schäferstunde belauscht, war, obgleich
über die erste Blüte des Mannesalters hinaus, doch noch immer ein Mann von
kühner schöner Haltung, klein und zierlich von Wuchs, aber ein vollendeter
Reiter. Sein scharf und ausdrucksvoll geschnittenes Gesicht verdüsterte sich
merklich, als er von dem Ausbruch der Cholera in dem Detachement vernahm.
    »Das ändert meinen Vorsatz,« sagte er, »und lässt diese Spitzbuben da drüben
ungeschoren entkommen, deren Gros bei Babadagh ich mit einem Nachtmarsch
überfallen wollte. Ich kann es nicht missbilligen, Lieutenant-Colonel, dass Sie
Ihre kranken Leute nicht im Stich gelassen, und scheere mich selbst den Henker
wenig um die unmenschliche Ordre des Marschalls. Mit unserm Vordringen aber
ist's vorbei und wir müssen unsere nächsten Lazarete oder wenigstens bewohnte
Gegenden wieder zu erreichen suchen. Sir folgen uns, Vicomte, mit dem Rest Ihrer
Leute; ich werde ihnen sogleich Aerzte senden. Die Kranken und Verwundeten
müssen auf die Bagagewagen verteilt werden.«
    Ehe eine Stunde verging, waren die Gräber zur Beerdigung der Gefallenen
gegraben und das Corps auf dem Rückmarsch.
    Es ist nicht unsere Aufgabe, die schrecklichen Leiden der einzelnen
Abteilung der Expedition weiter zu verfolgen. Der Tod, der in ihren Reihen
wütete, verbreitete sich bald auch unter die Truppen des Generals.
    Um 8 Uhr Abends hatte man bereits 150 Todte und 350 Sterbende. Es war ein
schreckliches Schauspiel, das die mutigsten Herzen mit Grauen erfüllte. Es
handelte sich nicht mehr darum, einen Feind zu verfolgen, der stets vor den
Blicken am unermesslichen Horizont der Steppe verschwand, sondern einer Geissel
Gottes zu entrinnen. Nur die Energie des tapfern Afrikaners trieb die Truppen
auf dem Wege nach der Küste vorwärts, wo man hoffen konnte, Schiffe zu finden
und durch die frische Seeluft die Krankheit gemildert zu sehen.
    Die Colonne des Generals Espinasse war bis Kergeluk vorgedrungen, und der
Todesengel hatte sie mit gleicher Wut getroffen. Das brave Infanterie-Regiment,
das die Kranken aus dem brennenden Lazaret in Varna getragen, hatte den
Giftstoff der Ansteckung in seinen Adern mit in die Wüste gebracht und die
Anstrengungen des Steppenmarsches liessen ihn bald zur vollen Wut ausbrechen.
Todte und Sterbende lagen haufenweise unter den Zelten. Man hatte keinen Feind
gesehen und dennoch bedeckten Leichen den Boden, wie nach einer Schlacht; man
grub Gräber, um die gestorbenen Gefährten zu begraben, aber bei dem Aufwerfen
der Schollen entquollen pestilenzialische Dünste dem Boden; so Mancher, der dem
Kameraden ein Grab grub, legte die Schaufel nieder, ehe das Werk vollendet war,
und warf sich schweigend an, den Rand der halboffenen Gruft, um nicht mehr
aufzustehen. Die noch Lebenden wurden auf die Pferde gehoben oder von den
Kameraden getragen, sogar auf die Fahrzeuge der Artillerie musste man die Kranken
laden. Diese verhängnisvolle Nacht war die zum 30. Juli. An dem andern Tage
vereinigten sich die Colonnen der beiden Generale, und man konnte deutlich
sehen, wie die Furcht vor einem ruhmlosen Ende auch die Häupter der
Unerschrockensten zu Boden drückte. Da gegenseitige Hülfe nicht denkbar war, so
galt es, jede grössere Anhäufung von Menschen zu vermeiden. Die Yussuf'sche
Colonne ging ohne Aufentalt an den Kampfgefährten vorüber und bewegte sich
gegen Mangalia, indem sie auf ihrem Wege als verhängnisvolle Etappen zahlreiche
Gräber zurückliess, die den Pfad anzeigten, den sie gewandert. Bei diesem Marsch
war es, dass der Vicomte durch ein kurzes Wiedersehen des deutschen Arztes die
erste Nachricht von seiner Rettung erhielt. Doctor Welland war in voller
Tätigkeit und lohnte mit energischer Aufopferung das edelherzige Einschreiten
des Generals. So schrecklich die Verhältnisse waren, unter denen man sich
wiederfand, so herzlich war die Begrüssung im Leben von beiden Seiten, und mit
Vergnügen hörte der Vicomte, dass, wenn der schwarze Tod sie verschonte, sie bei
seinem eigenen Regiment sich wiederfinden sollten.
    Die Espinasse'sche Division erreichte mittlerweile ihr ehemaliges Bivouac
bei Pallas, wo sie ein Bataillon mit den Tornistern der Infanterie, eine Section
der Ambulancen und ihr anderes Gepäck zurückgelassen hatte. Da es unmöglich
wurde, alle Kranken noch weiter zu schaffen und die Führer darüber einig waren,
der grausamen Anweisung des Marschalls so lange als möglich keine Folge zu
geben, so liess man hier bei der Ambulance einen Teil der Kranken zurück und
zugleich zwei Bataillone zu ihrem Schutze. Die Seuche wuchs an Heftigkeit und
jede Minute vermehrte sich die Chiffre der Sterblichkeit. Am 31. war die
Division vereinigt und entledigte sich ihrer Kranken nach Küstendsche, wo der
»Pluto« sie aufnahm. Bisher waren die Zuaven am meisten heimgesucht, obwohl alle
Corps ohne Ausnahme viel zu leiden hatten. Warten war hier gleichbedeutend mit
Sterben. Der General bestimmte daher, dass den anderen Morgen um halb 5 Uhr der
weitere Rückmarsch nach Varna angetreten werden sollte - aber noch denselben
Abend um 10 Uhr traf unerwartet der General Canrobert von seiner Argonautenfahrt
vor Küstendsche auf dem »Cazique« ein. Von allen Seiten erhoben sich bei dem
Anblicke des geliebten Führers in diesem durch die schrecklichste aller
Krankheiten decimirten Lager die lebhaftesten Zurufe, Aller Arme streckten sich
ihm entgegen; die Sterbenden erhoben sich, um ihrem General entgegen zu gehen;
denn dem Unglücklichen erscheint jede Veränderung seiner Lage als eine
Besserung, und nicht bald war ein General so von den Seinigen geliebt, wie
Canrobert. Welches Schauspiel entrollte sich aber seinen Blicken. Auf allen
Seiten lagen unter dem Schutze der Zeltdächer die Fieberkranken ausgestreckt.
Ueberall hörte man Gestöhne, und der Tod mähte mit unbarmherziger Sichel in den
Reihen der erschöpften Krieger. So fand Canrobert seinen schönen, stolzen,
kriegslustigen Heerhaufen wieder, den er voll Leben und Kampfesdurst verlassen
hatte. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er seiner Umgebung die Hände und man sah
Tränen seinen Wangen entrollen. Dann durchschritt er die Zeltgassen, hatte ein
Wort des Trostes für alle Leidenden, belebte den Mut der Gesunden durch die
Hoffnung auf nahen ruhmvollen Kampf, und beugte sich mitfühlend über jene herab,
die im Begriffe waren, eine Beute des Todes zu werden. Mittlerweile wuchs die
Sterblichkeit in der schreckbarsten Weise. In der Nacht und an dem folgenden
Morgen wurden alle disponiblen Pferde der Artillerie, so wie die Packmaultiere
der Offiziere, requirirt, um 800 Neuerkrankte nach Küstendsche zu schaffen. Am
1. August verliess man Pallas und am 2. war die Zahl der Erkrankungen wieder so
gross, dass die Sänften und Araba's nicht mehr genügten, um die von der Seuche
Ergriffenen fortzuschaffen; man musste endlich zu den Pferden der Offiziere und
Generale seine Zuflucht nehmen. Zu allem Ueberflusse begannen
unbegreiflicherweise die Lebensmittel zu fehlen. Canrobert gab einem von
Küstendsche mit Cholerakranken abgehenden Schiffe die Weisung mit, von Varna
Lebensmittel als Rückfracht nach Mangalia zu bringen. Zugleich wurde in der
Nacht der Capitain Marcel zu Yussuf geschickt, der um einen Tagesmarsch voraus
war, mit der dringenden Aufforderung, den General mit Transport- und
Lebensmitteln zu versehen. Glücklicherweise hatte eben ein Schiff in Mangalia
Lebensmittel ausgeladen; Offiziere und Soldaten halfen 600 Pferde beladen und
machten zu Fuss, die Pferde am Zügel, 6 Lieues, um ihren leidenden Brüdern Hilfe
zu bringen. - General Espinasse, von der Cholera ergriffen und von seinem
Geretteten treulich gepflegt, blieb mit einem Regimente zurück, um die nicht
transportirbaren Kranken zu bewachen. Der Rest setzte sich in Marsch und stiess
endlich auf die 600 Packpferde Yussuf's. Die braven Baschi-Bozuks gingen nun mit
den leeren Pferden noch weiter zurück, um Espinasse's Regiment abzuholen, da
aber die meisten Kranken kein Pferd mehr besteigen konnten, requirirte Canrobert
Araba's, um sie zu befördern. Endlich kamen, als man Mangalia erreicht hatte,
welches am Meere gelegen ist, Schiffe in Sicht, die 2000 Cholerakranke nach
Varna schafften.
    Das war das schaurige Ende der ersten französischen Expedition gegen die
Russen!
 
                                    Fussnoten
1 Lieutenant.
 
                               Die Almaschlacht.
Der Roman hat den allgemeinen Gang der Begebenheiten so lange verlassen, dass wir
den Leser mit einem kurzen Ueberblick derselben bis zu der Katastrophe führen
müssen, die sich jetzt im Süden bereitete.
    Wir haben die Resultate der Verhandlungen der europäischen Kabinette über
die orientalische Frage am Schluss unseres zweiten Bandes, also bis zum Frühjahr
1854, berichtet.
    Auf Grund des zwischen Oesterreich und Preussen geschlossenen Allianztractats
zum Schutz der deutschen Interessen richtete das wiener Kabinet nach Petersburg
Sommation auf Räumung der Fürstentümer. Unter'm 29. Juni antwortete Graf
Nesselrode mit der Erklärung, dass die Stellung in den Fürstentümern nur noch
eine militairische Position sei, die geräumt werden würde, wenn man Sicherheit
habe, dass die Feindseligkeiten andererseits nicht fortgesetzt würden. Russland
stimme den Grundsätzen des Protokolls vom 9. April bei und wolle darauf den
Frieden unterhandeln: Integrität der Türkei - Räumung der Fürstentümer -
Consolidirung der Rechte der Christen in der Türkei gemeinsam durch die Mächte.
    Diese Note der russischen Regierung erwiderten die Kabinets von London und
Paris mit folgenden vier Forderungen: 1) Europäische Garantie für die Rechte der
Donau-Fürstentümer; 2) Sicherung der freien Schifffahrt an der Donaumündung; 3)
Revision des Vertrages von 1841 im Interesse des europäischen Gleichgewichts und
im Sinne einer Beschränkung der russischen Macht auf dem Schwarzen Meere; 4)
gemeinsame Förderung der Emancipation der Christen, aber nur in einer mit den
Souverainetätsrechten des Sultans vereinbaren Weise.
    Diese Forderungen waren offenbar so anmassend und politisch gefährlich für
Russland, als unwürdig christlicher Staaten! Dennoch machte sie auch Oesterreich
zu den seinen, während Preussen sich auf eine Vorlage in Petersburg und den
Versuch beschränkte, sie mit den von Russland vorgeschlagenen Grundbedingungen in
Einklang zu bringen. Unter'm 26. August verwarf Graf Nesselrode die übersandten
Bedingungen, die offenbar den Zweck der Demütigung und Schwächung Russlands zum
Ziel hätten und höchstens einem durch langen Kampf geschwächten Reich geboten
werden könnten. Zugleich erklärte er, dass aus strategischen Gründen die Truppen
hinter den Prut zurückgezogen seien und Russland sich fortan völlig auf der
Defensive halten werde.
    In Asien waren während dieser Zeit die russischen Armeen fortwährend
siegreich gegen die Türken gewesen. General Wrangel hatte ein feindliches Corps
unter Selim-Pascha bei Bajazid vernichtet und beherrschte den Carawanenweg.
Fürst Bebutoff schlug Zarif-Pascha bei Kurukdere auf's Haupt; aber die
englischen Intriguen und englisches Gold, welche Schamyl bis unter die Mauern
von Tiflis führten, nötigten die Sieger, sich gegen diesen Feind zu wenden.
    Im Norden hielt unterdess die englisch-französische Flotte die Ostsee
occupirt und englische Schiffe begannen jene Plünderung und Zerstörung
unbeschützter Küstenstädte, die als eine ewige, aber keineswegs vereinzelte
Schande auf der britischen Kriegsgeschichte haften wird. Wir führen als einziges
Beispiel der englischen Humanität an, dass die Mannschaft einer Fregatte vierzig
Frauen und Mädchen von einer der Alandsinseln auf ihr Schiff brachte, acht Tage
lang sie zur Fröhnung ihrer Gelüste mit umher schleppte und dann die
Unglücklichen fern von ihrer Heimat wieder an's Land setzte.
    Aber es waren ja bloss Russen, gegen die man sich dergleichen schon erlauben
darf!
    Am 16. August bombardirte die vereinigte Flotte das einem solchen Angriff
keineswegs gewachsene Bomarsund und die französischen Landungstruppen unter
General Baraguay d'Hilliers zwangen den Kommandanten, General Bodisco, zur
Uebergabe. Man zog diese einer spartanischen Aufopferung vor. - Die
Befestigungen der Alandsinseln, offenbar von der russischen Politik bestimmt,
später ein Zwingpontus der Ostsee zu werden, waren noch im Entstehen begriffen;
die Station dieser Inseln aber, wie wir bereits bei einer früheren Gelegenheit
bemerkten, galt für die Truppen in Petersburg als der nordische Kaukasus, das
heisst, als eine Art Exil. Es muss anerkannt werden, dass die Zerstörung Bomarsunds
und die spätere Friedensclausel, welche die Befestigung der Alandsinseln
verbietet, die nordeuropäischen Staaten vor einer grossen politischen Gefahr oder
wenigstens Bevormundung befreien kann.
    Am 20. August war eine österreichische Armee in die Walachei eingerückt,
Halim-Pascha schon am 8. mit einem türkischen Corps in Bukarest angekommen.
Omer-Pascha folgte ihm mit 25,000 Mann am 22., und Fürst Gortschakoff, der nach
der Abreise des greisen Fürsten von Warschau wieder allein das Obercommando
führte, räumte zu Ende des Monats vollständig die Moldau.
    Durch die Besetzung der Walachei nach dem Abzug der Russen verfolgte das
wiener Kabinet unter all' diesen politischen Wirrnissen eine eben so
selbstständige als schlaue Politik, die bei dem Streit der drei grossen Nationen
für die eigenen Interessen so viel als möglich im Trüben fischte. Am 6.
September zogen die Oesterreicher in Bukarest ein. Oesterreichs Verlangen an den
deutschen Bundestag, ihm auch bei einem weiteren aggressiven Vorgehen den Rücken
zu decken und seine Besetzung der Donau-Fürstentümer als eine deutsche
Angelegenheit und für Deutschland unternommen zu schützen, scheiterte jedoch an
der klaren und redlichen Politik des Königs von Preussen, der sich weigerte, den
unter'm 20. April geschlossenen Allianztractat zu einer deutschen Mobilmachung
gegen Russland ausbeuten zu lassen, um von dessen Bedrängnis Zugeständnisse für
Oesterreich zu erzwingen, und der die Fürsten des deutschen Bundes bewog, allen
Verdächtigungen Oesterreichs, allen Drohungen der englischen und französischen
Presse gegenüber sich seiner strengen Neutralität anzuschliessen.
    Preussens Ehrlichkeit rettete Russland - das ist eine Tatsache, die erst die
spätere Geschichte würdigen wird. Den Dank - -
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    Goldener Sonnenschein lag über dem Pontus, dessen Wogen sich gleich der
Brust eines Riesen hoben, bedrückt von einer, ungewohnten Last.
    Auf dem Hinterdeck der Fregatte »Niger«, nahe dem Steuer, stand ein bleicher
Mann, die Hand auf die Wandtaue gestützt, und schaute auf das Gewühl ringsum,
das den Spiegel des Meeres bedeckte, - auf die flache Küste, die sich von hohen
Bergplateau's im Osten und Süden her hier in Steingerüll in das blaue Meer
verlief.
    Es war der dreizehnte September, der Jahrestag der Schlacht an der Moskwa; -
eine Armada, zahlloser und stolzer als die des spanischen Philipp's, bedeckte
das Meer; - die Küste vor den Augen des Mannes war die Küste von Eupatoria, die
Bai von Kalamita, und der Mann mit dem kranken bleichen Gesicht der englische
Baronet Edward Maubridge.
    Das Verdeck des »Niger« war dicht gefüllt mit Offizieren und Soldaten des
42. englischen Infanterie-Regiments von der Brigade des Generals Campbell. Das
Feldgepäck lag an den Seitenwänden hoch aufgetürmt, zwischen den dichten
Gruppen der Soldaten bewegte sich oft nur mühsam das Schiffsvolk und nahm sich
wenig in Acht, bei Gelegenheit durch einen Tritt oder Stoss seinen Groll an den
verachteten Rotjacken und Landratzen auszulassen, die seine Decke ungangbar
machten. Einzelne Weiber, dieser unvermeidliche Balast englischer Truppen,
befanden sich im Vorderschiff.
    Um den kranken Baronet drängte und lärmte es von Offizieren, die mit
Capitain Warburne über die Mittel ihrer Ausschiffung verhandelten und seinen
Porter tranken.
    Der Adjutant des Generals, der Befehle wegen der Ausschiffung gebracht und
dessen Boot unten an der Falltreppe auf den blauen Wellen schaukelte, trat zu
dem Baronet.
    »Ich freue mich, Vetter,« sagte er, »Sie so weit wieder hergestellt zu
sehen, dass Sie Zeuge unserer ersten Operationen sein können. Wie ich hörte,
wurden Sie durch das Messer eines griechischen Banditen in der Nacht des
Lazaret-Brandes in Varna verwundet?«
    »So ist es, Capitain Waller. Zum Glück glitt der Stoss an den Rippen ab, nur
das dazu getretene Fieber hat mich sechs Wochen an's Krankenlager gefesselt. Es
ist das erste Mal, dass ich das Verdeck ohne Hilfe betrete, und wahrlich, der
Anblick um mich her muss ein englisches Herz beleben.«
    Er war in der Tat grossartig. Die schwimmende Stadt bedeckte, in drei Linien
formirt, so weit das Auge sah, das Meer: Segel an Segel, die wirbelnden Säulen
von Rauch, die Flaggensignale, die tausend kreuzenden Boote gewährten ein ewig
wechselndes Bild.
    »Haben Sie noch einige Augenblicke Zeit, Vetter, so würden Sie mich durch
eine kurze Uebersicht unserer Operationen verbinden. Bei dem Treiben im Schiff
war in den letzten Tagen zu keinem vernünftigen Wort zu kommen.«
    »Oberst Lofter schreibt seine Antwort und das dauert sicher noch eine
Viertelstunde, die ich Ihnen sehr gern widme. Ich war zufällig gestern an Bord
des Agamemnon, des Flaggenschiffs des Sir Edward Lyons, und hörte da ausführlich
die Dispositionen.«
    »Vor Allem, wie steht's mit der Gesundheit der Truppen?«
    »Im Augenblick ziemlich günstig; es war aber die höchste Zeit, dass wir in
Bewegung kamen. Bis Ende Juli waren von Portsmout, Soutampton, London,
Marseille und Toulon 80,000 Mann bis Varna gebracht, aber die Cholera und die
schlechte Verpflegung hatte uns im August auf 65,000 reduzirt. Die unglückliche
Expedition nach der Dobrudscha hat die Franzosen allein 6000 Mann gekostet.«
    »Ich hörte davon. Sie begann am Tage meiner Verwundung.«
    »Der Zug nach der Krimm war zum August schon beschlossen, nur war man über
die Landungsplätze und die Operationen selbst noch nicht einig. Sie wissen, dass
am 5. die Einschiffungen begannen, am 9. trafen wir die vorausgegangene
französische Flotte an den Schlangeninseln und das Gros ist seitdem vereint
geblieben, 150 Kriegsschiffe einschliesslich 32 Linienschiffe1 und 80 Dampfer,
dazu 600 Transportschiffe.«
    »Wer hat die Letzteren geliefert?«
    »Alle Welt, wir haben allein 73 Oesterreicher darunter.«
    
    »Kennen Sie die Stärke unserer Truppen?«
    »Ganz genau. Wir zählen 32 Bataillone, 10 Schwadronen und 24 Geschütze, etwa
26,000 Mann2; die Franzosen 38 Bataillone, 4 Sappeur-Compagnieen und 72
Geschütze, dagegen an Kavallerie nur eine halbe Schwadron Spahi's, im Ganzen3
32,000 Mann; doch ist, wie ich höre, gestern schon ein Dampfschiff nach Varna
zurückgegangen mit dem Befehl für den Aufbruch der Reserven. Unsere würdigen
Schutzbefohlenen, die Türken, sind 7000 Mann stark. Die Armee führt 5000 Pferde,
Belagerungsgeschütze, auf 39 Tage Proviant für 65,000 Mann und 1000 Schuss für
jedes Geschütz mit. Wenn Sie bedenken, dass jede dieser 14 bis 16 Batterieen mit
ihrer Schmiede und ihrer Munition 30 oder 31 Wagen zählt, so ergibt dies schon
an 450 Wagen mit fast 2000 Pferden Bespannung. Rechnen Sie dazu die Wagen mit
Ingenieur-Gerätschaften, die Munitionswagen, die Lazaretwagen, das Gepäck und
die Kavalleriepferde, so werden Sie sich einen Begriff dieses ungeheuren
Transports machen, wie die Welt noch keinen zweiten gesehen.«
    »Ich fürchte nur Unglück und Verwirrung.«
    »Seien Sie unbesorgt, die Anstalten sind vortrefflich geordnet und, ich muss
es gestehen, unsere jetzigen guten Freunde, die Franzosen, Meister in
Arrangements. Die Oberbefehlshaber der Flotte, die Admirale Dundas und Hamelin,
sorgen nur für die Sicherheit der Landung. Kriegsschiffe sind daher nach allen
Punkten detaschirt, von denen eine Störung stattfinden könnte, selbst gegen
Odessa. Vor Sebastopol kreuzen seit dem 10. die Vengeance, die Retribution und
die Fury. Jedes Dampfschiff hatte zwei Transportschiffe in's Schlepptau
genommen. Sie sehen die drei Linien, welche die Schiffe drei (englische) Meilen
lang bilden, links bis zum Cap Baba, rechts nach der Bai von Kalamita hin bis zu
den Trümmern jenes alten genuesischen Forts, das Sie über dem tatarischen Dorf
auf der Spitze des Hügels erblicken und das morgen der Mittelpunkt der Landung
sein wird. Die Avisoschiffe trafen schon vorgestern auf den Stationen von Cap
Baba bis zum Cap Lukull ein, und Lyons, der die Ausschiffung leitet, untersuchte
selbst die Küsten. Die erste Linie der Schiffe bestreicht mit ihrem schweren
Geschütz das Ufer weit hin und führt den grössten Teil der Infanterie an Bord.
Auf der zweiten befindet sich die Kavallerie, auf der dritten die Artillerie und
das Gepäck.«
    »Wann wird die Landung beginnen?«
    Der Offizier sah nach seiner Uhr.
    »Es muss sogleich geschehen, und wenn Sie ein erträgliches Fernrohr haben,
werden Sie von hier aus sie vollständig beobachten können. Doch sollen heute nur
so viel Truppen an's Land gesetzt werden, um festen Fuss in Eupatoria fassen zu
können, das nicht stark besetzt scheint. Die Hauptlandung beginnt morgen weiter
südlich und man hofft, jede Stunde 6-7000 Mann landen zu können.«
    »Wann wird sich Lord Raglan ausschiffen?«
    »Morgen. Er hat das genuesische Fort zu seinem Hauptquartier ausersehen.
Marschall St. Arnaud jedoch, der sich dort an Bord der Ville de Paris befindet,
wird erst am nächsten Tage folgen. Man sagt, er sei nicht ungefährlich krank.
Der Herzog von Cambridge ist bei dem Lord, Prinz Napoleon und General Canrobert
sind auf dem Valery und Montebello.«
    »Wie weit ist der Ausschiffungspunkt von Sebastopol entfernt?«
    »Sieben französische Meilen in gerader Linie, doch wird er von zahlreichen
Wasserscheiden durchschnitten.«
    »Werden die Russen unserer Landung keinen Widerstand entgegen setzen?«
    »An dieser flachen Küste wäre er unmöglich. Die Wahl, die Sir George Brown
und Canrobert auf ihrer Recognoscirung im Juli getroffen, ist vortrefflich.
Sehen Sie, Edward, da gehen die Signale vom Flaggenschiff des Admirals in die
Höhe und da kommt auch meine Depesche. Werden Sie mit an's Land gehen, Vetter?«
    »Ich werde vorläufig bei Capitain Warburne bleiben.«
    »So leben Sie wohl und beeilen Sie sich mit Ihrer Genesung, um unserem Siege
beiwohnen zu können.«
    Er sprang in's Boot. Aller Augen und Aller Interesse an Bord war jetzt von
der beginnenden Ausschiffung auf dem linken Flügel in Anspruch genommen.
    Man konnte deutlich durch das Fernrohr die Operation verfolgen. Die
Ausschiffung des bestimmten Corps von 10,000 Mann erfolgte zwischen Cap Baba und
der kleinen Stadt Eupatoria. Zwei französische, zwei englische Regimenter und
3000 Türken wurden in der Zeit von zwei Stunden an's Land gebracht. Die Boote
und Fähren lagen seitlängs der Schiffe, die ungefähr 1600 Ellen sich vom Ufer
befanden und an deren Bord die Mannschaften in Abteilungen geordnet standen,
wie sie mit ungeladenen Gewehren in vollem Marschgepäck die Boote betreten
sollten. Sobald ein solches seine Ladung hatte, setzte es sich gegen den Strand
in Bewegung, bis auf die Entfernung von etwa 50 Ellen, wo die Mannschaften in's
flache Wasser traten und nach dem Ufer wateten, auf dem sofort die Aufstellung
erfolgte. Die Pferde wurden an den Schiffswinden aus dem Raum gehoben, in See
gelassen und dort von den Gurten befreit, um nach dem Ufer zu schwimmen oder zu
waten, wo man sie auffing.
    Das Ganze - das Vorspiel des nächsten Tages - gewährte ein überaus belebtes
Schauspiel. Ein französisches Jäger- und ein englisches Rifle-Bataillon waren
die Ersten am Lande, Zuaven und Türken folgten. Sobald ein Bataillon festen Fuss
gefasst, wurden Tirailleurs vorgeschickt, aber nirgends zeigte sich ein Feind,
bis auf einige vereinzelte Kosacken, die sich in angemessener Entfernung
hielten. Man glaubte, dass sich die russische Besatzung in Eupatoria zum
energischen Widerstand rüste, und General Yussuf ging mit 4000 Engländern,
Franzosen und Türken vor, um dir Stadt zu stürmen, als die Plänkler die
überraschende Nachricht brachten, dass sie so gut wie verlassen war.
    Auf die Meldung hiervon wurde beschlossen, nur ein zur Besatzung genügendes
Corps, das sofort zugleich die Befestigung der Stadt beginnen sollte, hier
zurückzulassen und die weitere Ausschiffung südlicher vorzunehmen. Während der
Nacht lichteten die Schiffe die Anker und segelten an der Küste hinab in die Bai
von Kalamita. Die »Ville de Paris« legte sich um 7 Uhr Morgens dem alten Fort
gegenüber und die ganze Flotte in der vorher bestimmten Ordnung um sie her. Um 8
Uhr gab der französische Admiral das Signal zur Ausschiffung, um halb 9 Uhr
wehte die erste französische Flagge am Ufer; General Canrobert und der
Contre-Admiral Bouet-Villaumez pflanzten auf der Küste die drei Flaggen auf,
welche die Ausschiffungspunkte für die drei Divisionen bezeichneten. Eine halbe
Stunde darauf war die ganze erste Division gelandet; die Feld-Artillerie wurde
dabei in Barken ausgeschifft. Um Mittag war die ganze französische Armee mit 20
Feldgeschützen am Ufer, am Nachmittag wurden Pferde, Kanonen und Gepäck an's
Land gebracht. Sobald die Colonnen sich formirt hatten, schickten sie
Tirailleurs voran und debouchirten das Ufer hinauf.
    Die Engländer begannen ihre Ausschiffung um 93/4 Uhr und setzten sie mit
Bequemlichkeit fort, so dass am Abend erst die Infanterie gelandet war.
    Es war der Jahrestag des Einzugs in Moskau. Wie am Tage vorher liess sich
kein Feind sehen, um die Landung zu verhindern. Nur ein einzelner Offizier, von
einigen Kosacken gefolgt, hielt ruhig und beobachtend am Strande, schien sich
ausführliche Notizen zu machen und zog sich erst zurück, als die ersten Truppen
landeten. Auch da noch sah man ihn mit grosser Kühnheit und Ruhe in der
Entfernung etwa eines Minié-Schusses verweilen und seine Beobachtungen
fortsetzen. Da man noch keine Kavallerie am Ufer hatte, wurde kein Versuch zu
seiner Gefangennahme gemacht.
    Wir haben erwähnt, dass die Engländer ihre Landung erst begannen, nachdem
bereits ein Teil der französischen Infanterie ausgeschifft war. Einer der
Ersten am Ufer war General Brown und er begann sofort mit seiner gewöhnlichen
Furchtlosigkeit und Gleichgültigkeit gegen Gefahr die Schlucht hinauf zu
steigen, welche den Bach in's Meer führte, und die in verschiedenen Wendungen in
das sich nach und nach hebende Land hineinlief.
    In seiner Begleitung befand sich allein der General-Quartiermeister Airei
und Beide waren so eifrig in ihrem Gespräch, dass sie nicht bemerkten, wie weit
hinaus sie die Linie der Vorposten überschritten.
    Die Flanke der französischen Position nahm an dem Klippenhügel, auf dessen
Höhe die Ruinen des genuesischen Castells sich befanden, zunächst der englischen
Ausschiffung, das dritte Zuaven-Regiment ein. Die Mannschaften hatten ihre
Gewehre zusammengestellt, jedoch die Ordre, beisammen zu bleiben. Plänkler waren
durch die Ebene zerstreut und drangen langsam vor.
    Auf der halben Höhe des Hügels, der mit Offiziergruppen jeder Waffengattung
besetzt war, stand der Stab des Regiments um Oberst Polkes versammelt, teils
über die Ausschiffung und die nächsten Schritte der Armee verhandelnd, teils
dem Landen der Engländer zuschauend; unter ihnen der Lieutenant-Colonel Vicomte
de Méricourt.
    »Haben Sie über die Operationen Näheres gehört, Labrousse?«
    Der Commandant des ersten Bataillons zuckte die Achseln.
    »Ihr Freund Sazé wird Besseres wissen. Ich sehe ihn dort den Hügel herauf
kommen.«
    Der Ordonnanz-Offizier des Prinzen benutzte in der Tat einen freien
Augenblick, um den Freund aufzusuchen, da nur wenig Pferde erst gelandet waren
und er daher keinen Dienst tat.
    »So viel ich gehört,« sagte er auf die nach der Begrüssung an ihn wiederholte
Frage, »liegen zwei verschiedene Systeme vor. Nach dem ersten soll die Armee
nach der Landung eine Schwenkung nach links machen, nach der Landenge von
Perecop marschiren, den Russen eine Schlacht liefern und dann, gegen die
anrückenden Hilfskräfte gesichert, die Belagerung von Sebastopol vornehmen. Nach
dem zweiten sollen wir uns rechts wenden, unverzüglich auf Sebastopol losrücken
und es durch einen raschen Angriff nehmen, ehe Entsatz und Hilfe herbeizukommen
vermag.«
    »Was werden wir tun?«
    »Das wird in dem Kriegsrat beschlossen werden, der nach der Landung der
Engländer beim Marschall stattfindet.«
    »Sehen Sie da, meine Herren,« sagte ein grosser hagerer Offizier mit
spanischem Gesichtsschnitt, »der Russe hat wahrhaftig den Teufel im Leibe. Ich
glaube, er hat es auf den englischen General abgesehen.«
    »Wo - was gibt's?«
    »Seit einer Stunde schon,« antwortete der Capitain, »beobachtet der Offizier
dort, nebst seinen sieben Kosacken, der einzige Russe, der sich bis jetzt hat
blicken lassen, unsere Ausschiffung. Da drüben den Hohlweg hinauf stiegen vor
zehn Minuten zwei englische Generäle, die Klippen verhindern sie, die Nähe der
Feinde zu bemerken und sie können leicht hier vor unsern Augen niedergestochen
werden. Sehen Sie - der Russe hat sie bemerkt, und trifft seine Anstalten. Er
scheint ein noch sehr junger Offizier, das Gegenstück zu dem Fratzengesicht an
seiner Seite, - ich kann seine Mienen deutlich erkennen.«
    »Erlauben Sie mir einen Augenblick Ihr Glas, Capitain de Lara.«
    »Mit Vergnügen.«
    Der Spanier reichte dem Vicomte das kurze Feldperspectiv; deutlich, mit
blossen Augen, konnten Alle der Scene folgen. Man sah, wie der Kosack neben dem
Offizier mit der Lanze nach der Schlucht wies, in der man die Federhüte der
beiden Generäle von Zeit zu Zeit zwischen dem Gestein sich nähernd erblickte,
wie dann die Russen von den Pferden stiegen, die Einer hinter die vorspringenden
Felsen führte, und wie sie zwischen diesen sich verbargen. Nur der junge
Offizier blieb den Augen in seiner beobachtenden Stellung noch sichtbar.
    Plötzlich presste die Hand des Vicomte fest den Arm seines Freundes.
    »Nehmen Sie das Glas, Sazé - blicken Sie hin - erkennen Sie ihn?«
    »Die Cholera soll mich haben, wenn das nicht der Fürst ist. Die Aehnlichkeit
ist übrigens merkwürdig - eben kam ich an dem Bivouac Ihrer kleinen
Marketenderin vorbei und betrachtete mir das blasse Gesicht ihres verrückten
Gehilfen.«
    Die Gefahr der beiden englischen Oberoffiziere schien übrigens auch von
vielen Andern bemerkt worden zu sein, als von der Gruppe der Zuaven-Offiziere.
Ein Adjutant des Generals d'Autemarre flog den Hügel hinunter und einige
Augenblicke darauf hörte man die Hornsignale des Bataillons der afrikanischen
Jäger, welches am weitesten voran stand, wie sie die Tirailleurs zum Avanciren
commandirten.
    Während die Bewegung ausgeführt wurde, sah man die beiden britischen
Generäle auf dem Plateau erscheinen, plötzlich Halt machen und dann in vollem
Lauf zurückfliehen. Zugleich knallten mehrere Flintenschüsse und der Rauch
kräuselte sich über die Felsstücke her.
    Mit atemloser Spannung hing jedes Auge an dem Punkt, um die Lösung der
kleinen Scene zu erkunden. Dann sah man aus dem Schutz der Steinwände den
russischen Offizier mit seinen sieben Kosacken hervorjagen und quer über die
Ebene auf der Strasse nach Sebastopol zu an der Kette der französischen Plänkler
hinsprengen, die erfolglos den kecken Reitern mehrere Schüsse nachsandten.
    »Wahrhaftig! der Bursche verdient, zu entkommen! Sehen Sie, wie er auf
unsere Kugeln höflich salutirt - und da löst sich das Rätsel!« -
    Aus der Schlucht kamen verfolgend etwa ein Dutzend britische Infanteristen
hervor, die unbeachtet den Generälen nachgegangen und im glücklichen Augenblick
zur Stelle gekommen waren, um mit ihrem Feuer die Kosacken zurückzujagen. Einer
der Letztern - Olis, der Enkel des alten Häuptlings - wurde leicht in's Bein
getroffen, - das war das erste Blut, das auf dem Boden der Krimm in diesem
Kriege vergossen ward. Ströme sollten folgen!4 - - -
    Die Franzosen hatten am Nachmittag ihre sämtlichen Pferde und ihre Bagage
an's Land gebracht, die Engländer aber gefeiert. Dieser Verzug der
Bequemlichkeit rächte sich alsbald, denn schon am Abend änderte sich plötzlich
die Witterung und von Mitternacht bis zum Morgen wüteten Windstösse und heftige
Regengüsse. Die englische Armee musste diesen Vorschmack des Kommenden unter
freiem Himmel, ohne Obdach, ohne Zelte, zubringen. Die an hundert
Bequemlichkeiten gewöhnten alten Generäle, Lords und jungen Offiziere lagen im
Platzregen am Ufer in durchweichten Decken, statt der Kopfkissen
Salzwasserpfützen, ohne Feuer, ohne Grogk, ohne Aussicht auf ein warmes
Frühstück, auf einen wohltätigen Kleiderwechsel. Und rings umher zwanzigtausend
pudelnasse Bursche, die sich in ihren Schiffsräumen von der Bescheerung Nichts
hatten träumen lassen. Sir George Brown kampirte die Nacht unter einem
umgestürzten Karren; der Herzog von Cambridge hatte einen ähnlichen Schlafsalon,
denn die Franzosen hatten alle Räume des kleinen Dorfes und der Ruine in
Beschlag genommen. Die Verzögerung rächte sich aber noch bitterer, indem das
Wetter am 15. und 16. fortdauerte, und mit der Brandung der Wellen am Ufer die
Ausschiffung der Pferde und Artillerie sehr erschwerte. Viele schöne Pferde
gingen dabei verloren. Das nasse Bivouac übte seinen Einfluss auch auf den
Gesundheitszustand aus und einzelne Cholerafälle begannen sich wieder zu zeigen.
    Der Kriegsrat am 15. hatte sich für den directen Marsch nach Sebastopol,
dessen Nordbefestigungen man im Sturm zu erobern hoffte, entschieden. Vier Tage
waren jedoch durch die Zögerung der Engländer nötig, um die übrige Artillerie,
die Pferde, das Gepäck und die Proviantvorräte an das Ufer zu schaffen, und um
die Vorbereitungen zu dem Marsch zu treffen. Diese Zeit wurde zugleich benutzt,
um aus Eupatoria eine feste Stellung zu machen, in deren Schutz man
nötigenfalls die Wiedereinschiffung bewirken konnte.
    Dann setzte sich das Gros der Armee gegen den Almafluss in Bewegung, auf
dessen Höhen, wie die tatarischen Spione die Nachricht brachten, Fürst
Menschikoff seine Stellung genommen.
    Die Armee rückte langsam und vorsichtig vor - die Flotten begleiteten sie
zur Seite. -
    Der General-Gouverneur von Taurien, Marineminister Fürst Menschikoff gebot
in jenem Augenblick in der Krimm, ausser der Flotte von Sebastopol und geringen
Garnisonen in Kertsch, Baktschiserai und Perecop, nur über eine disponible Armee
von 42 Bataillonen, 16 Schwadronen Kavallerie, 11 Sotnien5 Kosacken, 72 Fuss- und
24 reitenden Geschützen, im Ganzen etwa 35,000 Mann. Es wäre ein schwieriges,
ja, unmögliches Unternehmen gewesen, mit diesen geringen Kräften eine
ausgedehnte Küste gegen die Landung einer so übermächtigen Armee und Flotte
verteidigen zu wollen oder gar die Offensive zu ergreifen. Der Fürst beschloss
daher, zur Verteidigung Sebastopols an der ersten Wasserscheide des Weges an
dem Flüsschen Alma auf den vorteilhaft gelegenen Höhen eine Defensivstellung zu
nehmen, den Rückzug nach Sebastopol und zur Rechten nach den Höhen von
Baktschiserai auf diese Weise sich sichernd.
    Es ist ein unaufgeklärtes Rätsel geblieben, warum man, nach den langen
Vorbereitungen der Alliirten für die Krimm-Expedition, die sich vom Anfang
August nach der Rückkehr des französischen Corps aus der Dobrudscha nochmals bis
zum September verzögerte, die Krimm nicht stärker besetzt hatte, als mit einer
Anzahl, die in keiner Weise siegend dem Feinde die Spitze bieten konnte.
    Man muss als Erklärung Folgendes annehmen. In Petersburg herrschte zunächst
der Glaube, dass wenn ein Angriff auf Sebastopol versucht würde, derselbe von der
Seeseite aus erfolgen werde. Hier kannte man die Stärke der Festung und wusste,
dass sie gleich Kronstadt den vereinigten Flotten Trotz bieten könne.
    Einen Landangriff erwartete man höchstens in Bessarabien.
    Ausserdem glaubte der Kaiser den Zustand der Communicationsmittel der Art,
dass leicht bedeutende Truppenmassen rasch nach der Krimm geworfen werden
könnten; er glaubte, nachdem er seit drei Jahren nicht in Sebastopol gewesen
war, die Landbefestigungen der Stadt, für die gleichfalls ungeheure Summen
verwendet worden, der Art, dass sie eine Belagerung aushalten könnten; er glaubte
die Festung für ein halbes Jahr vollständig verproviantirt.
    Dieser Glaube des Kaisers täuschte ihn, - all' seine Strenge hatte das
Trugsystem des russischen Beamten und Lieferanten teils nur vorsichtiger zu
machen, nicht zu unterdrücken vermocht.
    Hierzu kam, dass in diesem Augenblick die russischen Behörden in den
Heerlagern der Feinde schlecht bedient waren.
    In Constantinopel war, wie wir früher gemeldet, der Hauptagent der
russischen Interessen, Baron Oelsner, entdeckt und unschädlich gemacht worden,
nachdem der Sieg der Partei des Seraskiers seine Beschützer verdrängt hatte. Ein
italienischer Arzt, Aska, den der Baron gewinnen wollte, verriet ihn. Baron
Oelsner, der, um die türkische Polizei zu täuschen, deren eigenen Agenten
spielte und dafür ein Gehalt von 1000 Piastern monatlich bezog, hatte den Plan
eines allgemeinen Aufstandes der Christen und einer Massacre der Moslems in
einer bestimmten Nacht entworfen. Den militairischen Teil des Aufstandes sollte
der Engländer Planta, genannt Harrison, leiten, jener Mann, der im Norden
Deutschlands eine seltsame und rätselhafte Rolle gespielt hat. Ein griechischer
Schiffscapitain, Konstantin, ein Verwandter des griechischen Gesandten Metaxa,
hatte es übernommen, vierzig andere Schiffscapitaine für die Sache zu gewinnen,
auf ihren Schiffen Waffen und Munition nach Constantinopel zu bringen und mit
sämtlichen Matrosen der vierzig Schiffe bei dem Aufstande Hilfe zu leisten.
Oelsner stand durch Vermittelung des russischen Obersten Bodinianoff in
Verbindung mit dem Fürsten Gortschakoff und dem Grafen Orloff, dem Freund und
Günstling des Kaisers.
    Wir haben gesehen, wie der Ausbruch dieser Pläne durch die Gegenwirkungen
der alttürkischen Partei scheiterte; durch den Verrat des italienischen Arztes
wurden die Umtriebe des Barons entdeckt und er im Serail gefangen gesetzt. Nur
der Schutz mächtiger Freunde sicherte sein Leben.
    Eben so haben wir gezeigt, wie der Hauptagent des Barons und der russischen
Interessen in Varna, im Heerlager der Verbündeten, Gregor Caraiskakis, durch die
Verkettung der Umstände aus Varna vertrieben wurde. Die Nachrichten, die seitdem
das russische Gouvernement erhalten, waren schwankend und unsicher, und der
trotzige starre Sinn des General-Gouverneurs von Taurien hatte die durch Nicolas
Grivas ihm überbrachte Warnung unbeachtet gelassen. - - - -
    Daher kam es, dass 65,000 Mann ohne Kanonenschuss, ohne Schwertschlag an der
Küste der Krimm landen konnten, dass 65,000 Mann, von einer mächtigen Flotte
flankirt, an den Höhen der Alma jetzt 35,000 Russen gegenüber standen.
    Das Einzige, was die Russen bei dem Nahen der alliirten Flotte getan, war
die Räumung der Gegend zwischen Eupatoria, Baktschiserai und Sebastopol von
allen Hilfsmitteln, und die Alliirten fanden nicht nur wenig frischen Proviant,
den ihnen einige muhamedanische Tataren der Bevölkerung zuschleppten, sondern
litten auch grossen Wassermangel.
    Am 19. begann das Vorrücken der Verbündeten, die Engländer auf dem linken,
die Franzosen auf dem rechten Flügel, die Türken in der Reserve. Die Kavallerie
des Lords Cardigan drängte die Vorposten der russischen Stellung zurück und es
entstand ein kurzes Plänklergefecht, worauf die Verbündeten Halt machten und an
dem kleinen Flüsschen Bulganak, sieben Wersts6 von der Alma entfernt, für die
Nacht bivouacquirten.
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    An einem Bivouacfeuer der englischen Linie sassen gegen 11 Uhr Nachts noch
mehrere Offiziere der schottischen Garde-Füsiliere und von Goldstream, im
Gespräch über die Vorbereitungen zur Schlacht die Rückkehr ihres Führers von dem
grossen Kriegsrat erwartend, der in dem Hauptquartier des Marschalls, einem
tatarischen Hof, gehalten wurde. Andere lagen, in ihre Mäntel gehüllt, am Boden
und schliefen - vielleicht den letzten Schlaf.
    Am Bivouac entlang im Nachtnebel kam eine Reitergruppe.
    »Da sind die Schotten, Herr Kamerad,« hörte man eine tiefe Stimme sagen;
»der Capitain muss dabei sein; Mac-Griffin wird Sie führen. Gute Nacht; auf
glückliches Wiedersehen morgen auf jenen Höhen dort.«
    Die Offiziere waren aufgesprungen, sie hatten die Stimme ihres
Befehlshabers, Lords Bentink, erkannt und salutirten, während er vorüber ritt.
Drei Offiziere, die sich von der Begleitung des Generals getrennt, kamen näher;
zwei Franzosen waren darunter.
    »Befindet sich Capitain Morton von den Füsilieren bei Ihnen, meine Herren?«
fragte der Adjutant.
    »Ah, Sie sind's, Griffin! willkommen; da werden wir hoffentlich Neuigkeiten
hören.«
    »Da liegt der Capitain schon seit einer Stunde und schläft, wie es scheint,
ziemlich unruhig.«
    »Goddam! wie kann man so faul sein, wenn ein Dejeuner von Kanonenkugeln und
kaltem Stahl uns erwartet. Der Angriff auf die Russen ist beschlossen, ich
bringe bereits die Dispositionen für die Garde. Aber wecken Sie den Capitain,
hier sind zwei französische Bekanntschaften von ihm, die ihn zu sprechen
wünschen.«
    Die beiden Fremden waren zu Fuss und grüssten höflich die Gesellschaft; es
waren der Vicomte und der deutsche Arzt. Aber es war nicht nötig, Capitain
Morton zu wecken, denn plötzlich fuhr er, der etwas abseits lag, aus dem Schlafe
empor, sprang auf und schlug mit dem Degen in der Scheide, den er im Arm gehabt,
heftig in die Luft.
    Die Offiziere umher brachen in ein lautes Gelächter aus.
    »Sie träumen, Capitain; wir fechten erst morgen mit den Russen!«
    Der Eine schüttelte ihn am Arm; der Schein des Feuers beleuchtete das blasse
Gesicht des Briten, der mit wirren, offenbar noch von den Phantasieen des Traums
erregten Blicken um sich starrte.
    »Wo ist der Hellblaue hin? ich - sah ihn deutlich, wie er das Pistol hinter
mir hob - -«
    »Sie haben geträumt, Capitain, und sind hier unter lauter ehrlichen
Rotjacken, bis auf die beiden Herren da, die Sie zu besuchen kommen. Selbst
unsere Feinde tragen grüne Uniformen.«
    Der Offizier fuhr mit der Hand über das Gesicht, wie um seiner Sinne wieder
vollständig Herr zu werden.
    »Es schüttelte mich auf aus dem Schlaf - ich sah ihn so deutlich vor mir,
dass es kaum möglich ist, dass ich geträumt. - Ah! Sie, Vicomte, und Sie, mein
alter Freund! Willkommen im Leben, das Sie für alle Leiden und Gefahren, die Sie
bestanden, entschädigen möge.«
    »Ich komme,« sagte der Arzt, »da bis jetzt mich immer Amt und Entfernung
hinderten, Sie aufzusuchen, um Ihnen am Vorabend eines Tages, der uns leicht für
immer trennen kann, meinen Dank zu sagen für die freundliche Teilnahme und
Hilfe, die Sie, wie ich erfahren, meinem Schicksal gewidmet haben.«
    Der Capitain reichte ihm beide Hände.
    »Ich war gewissermassen schuld an Ihrer Verurteilung und hätte es mir nie
vergeben können, wenn jenes schmähliche Urteil vollzogen worden wäre, von
dessen Unrecht ich von Anfang an überzeugt war.«
    »Der Prozess unseres Freundes,« fügte der Colonel ein, »ist auf Betreiben des
Generals Espinasse revidirt und er ist völlig freigesprochen worden. Sein
Hauptankläger weigerte sich, nochmals gegen ihn aufzutreten.«
    »Ich danke das eben Ihrer freundlichen Bemühung, Vicomte,« sagte der Arzt,
»so gut wie die Bestätigung meiner Anstellung in Ihrem Regiment durch den
Marschall.«
    Im Kreise der Offiziere wurde zugleich der Name genannt. Der Adjutant
erzählte, dass der Obercommandant alle Vorbereitungen zum Kampf seinem
Generalstabe habe überlassen müssen. Lord Raglan und General Martimprei hätten
in Gegenwart des Marschalls die Gefechtsdispositionen entworfen, wobei derselbe
kaum im Stande war, durch Zeichen an der Beratung Teil zu nehmen.
    »Im Kriegsrat,« fuhr er fort, »ist beschlossen worden, durch einen
gleichzeitigen Frontalangriff beide Flanken des Feindes zu umgehen. Die
Franzosen werden gegen den linken Flügel, wir gegen den rechten operiren. Unsere
Truppen werden in doppelten, aneinander stossenden Colonnen vorgehen, die Front
aus zwei Divisionen wird von Tirailleurs und reitender Artillerie gedeckt. Die
zweite Division unter Lach Evans bildet, wo wir jetzt lagern, unsern rechten
Flügel und schliesst sich an die Division Napoleon's. Sir George Brown nimmt den
linken Flügel, Evans stützt sich auf Sir Richard England, Brown auf die Division
des Herzogs von Cambridge und Sie werden morgen mit Tagesanbruch in diese
Stellung rücken, meine Herren. Catcart und die Kavallerie unter General-Major
Graf Lucan bleiben in der Reserve, um Sie gegen die feindlichen Reiter zu
decken. Das sind die Dispositionen und nun - gute Nacht, Gentlemans.«
    Ferne Schüsse unterbrachen das Gespräch.
    »Ich glaube, unsere Vorposten werden handgemein.«
    Man vernahm Nichts weiter - erst am anderen Morgen verbreitete sich die
Nachricht, dass der französische Oberst-Lieutenant de la Gondie bei der Rückkehr
vom Herzog von Cambridge zum Prinzen im Nebel in die Hände der Kosacken gefallen
war.
    »Auch wir müssen scheiden,« sagte der Vicomte, »denn einige Stunden Ruhe
werden uns nötig sein für die morgende Anstrengung. Leben Sie wohl, Capitain;
ich hoffe, Sie besuchen uns morgen Abend auf den erstürmten Höhen.«
    Sir Morton hatte sie einige Schritte begleitet.
    »Ich danke Ihnen für Ihren Wunsch, Kamerad,« sagte er ruhig und gefasst,
»indes lassen Sie mich Ihnen Lebewohl sagen, Beiden, für immer! Ich werde den
morgenden Abend nicht sehen.«
    »Was machen Sie sich für Gedanken, Capitain! Niemand weiss den Fall der
blutigen Würfel einer Schlacht, aber der Soldat darf sich nicht damit den Mut
schmälern, sondern muss kühn auf Glück und Sieg vertrauen.«
    »Mein Mut, Vicomte,« sagte der Engländer ruhig, »wird hoffentlich über
jeder Probe stehen. Doch, Freund, ich stamme aus dem Hochland und Sie werden
vielleicht gehört haben, dass in einigen unserer alten Familien die Gabe des
zweiten Gesichts den Mitgliedern eigen ist.«
    »Ich habe gehört davon!«
    »Vielleicht erinnern Sie sich, Doctor, was ich Ihnen von dem Ende meines
Vaters erzählte.«
    Der Arzt nickte - er gedachte der Vorbedeutung, die er vor kaum einem Jahre
dem Italiener Pisani im Peragarten zu Constantinopel mitteilte.
    »Wohl - vor einer Stunde ist auch mir die Kunde meines Todes geworden. Der
Blaue wird mich erschiessen.«
    »Sie haben lebhaft geträumt, Capitain. Selbst die Farbe kann Sie beruhigen;
unsere Gegner tragen bekanntlich die grüne Uniform.«
    Sir Morton schüttelte mit schmerzlich ernstem Lächeln das Haupt.
    »Ich täusche mich nicht und kann meinem Schicksal nicht entgehen. Doch das
ist Soldatenloos. Leben Sie wohl, meine Freunde, und gedenken Sie meiner.«
    Er reichte Beiden die Hand und verliess sie eilig. Sie kehrten zu ihrer
Division zurück, die am Meeresufer bivouacquirte.
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    Der anbrechende Morgen zeigte einen heitern klaren Himmel, sonnig und hell
lag er über Berg, Tal und See.
    Die verbündeten Truppen verliessen um 6 Uhr ihre während der Nacht inne
gehabte Stellung und begannen den Vormarsch in der bereits angedeuteten Ordnung.
Auf der Ebene, die sich vor der russischen Position ausbreitete, formirten sie
ihre Schlachtordnung. Um 8 Uhr hatten die französischen Divisionen bereits ihre
Stellung eingenommen und begannen den Angriff, während die Engländer mit ihrem
gewöhnlichen Phlegma erst im Aufmarsch begriffen waren. Sämtliche Dampfboote
hatten sich dem Vorgebirge Lukull genähert und machten sich fertig, das Feuer zu
eröffnen. -
    Die Position, welche der Fürst Menschikoff gewählt, lag auf dem linken Ufer
der Alma, etwa 12 Wersts von der Nordseite Sebastopols entfernt. Die Höhen
treten dort hart an den Fluss heran und erheben sich über denselben um mehr als
100 Fuss. Bei dem im Grunde gelegenen tatarischen Dorfe Burliuk führte eine
hölzerne Brücke über den Fluss, die einzige auf der ganzen Länge desselben. Zwar
konnte er an mehreren Stellen mittelst Furten von allen Truppengattungen leicht
überschritten werden, doch ist das Flusstal durch die Abhänge und Weinberge so
beengt, dass man bei einem solchen Unternehmen offenbar mit grossen
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.
    Obschon diese verteidigende Stellung durch die günstig gelegenen Höhen
manchen Vorteil gewährte, hatte sie doch auch in taktischer Beziehung ihre
besonderen Nachteile. Vorerst war die Position zu ausgedehnt, um hinreichend
von der geringen Anzahl der russischen Truppen besetzt werden zu können, und
weiter konnte sich der linke Flügel nicht an das Meer stützen, da er hier unter
dem Kreuzfeuer der alliirten Flotte gestanden hätte.
    Der Fürst hatte daher den linken Flügel 2 Werst vom Meer entfernt aufstellen
müssen. Hier standen in Compagnie-Colonnen formirt die 4 Reserve-Bataillone des
Bialystok'schen und Tarutinski'schen Jäger-Regiments mit der leichten Batterie
Nummer 4 des 17. Artillerie-Regiments. Die Reserve des Flügels bildete auf einer
rückwärts gelegenen Höhe das Moskau'sche Infanterie-Regiment und das 2.
Bataillon des Minski'schen.
    Im Centrum standen die leichten Batterieen 1 und 2 der 16.
Artillerie-Brigade links von der Strasse von Eupatoria, hinter ihnen das
Borodin'sche Jäger-Regiment; rechts von der Strasse die Batterie Nummer 1 in
vorteilhafter Stellung, dahinter das Jäger-Regiment Grossfürst Michael
Nicolajewitsch und das Wladimir'sche Infanterie-Regiment.
    Den rechten Flügel bildete das Susdali'sche Infanterie-Regiment mit 3
leichten Batterieen, weiter rückwärts das Uglitz'sche Jäger-Regiment mit 2
Batterieen. Die Haupt-Reserve stand an der Strasse, aus dem Wolinski'schen und 3
Bataillonen des Minski'schen Regiments mit 1 leichten Batterie gebildet.
    Rechts davon hielt die Husaren-Brigade der 6. leichten Kavallerie-Division
mit 1 leichten reitenden Batterie. Eilf Sotnien Kosacken befanden sich auf dem
rechten Almaufer, das 6. Schützen-Bataillon und das combinirte halbe
See-Bataillon hielten die Weinberge und die Gärten der tatarischen Dörfer
Burliuk und Alma-Tamak besetzt; die Sapeur-Compagnieen standen an der Brücke.
    Der Marschall St. Arnaud war, trotz seiner Krankheit, am Morgen des
Schlachttages zu Pferde gestiegen und hielt 13 Stunden im Sattel aus.
    Von dem rechten Flügel der Verbündeten drang die Division Bosquet auf dem
beschwerlichen Uferweg vor. Die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon rückten
mit ihrer Artillerie gegen das Dorf Alma-Tamak; ihnen folgten als Reserve die 4.
Division unter Forei, die Artillerie-Reserve unter Roujoux und die türkischen
Truppen. Eine dichte Plänklerkette aus Zuaven, den Jägern von Vincennes und
algierischen Schützen ging der Schlachtlinie voraus.
    Erst um 101/2 Uhr Morgens begannen auch die Engländer das allgemeine
Vorrücken. Die Division Evans, von einer mit Stutzbüchsen bewaffneten
Schützenlinie gedeckt, marschirte gegen das Dorf Burliuk; ihr zur Linken die
leichte Division Brown. Die Division Catcart und die Kavallerie-Brigade des
Lord Cardigan folgten dem linken Flügel als Reserve.
    Es war gegen Mittag, als sich an den Höhen am Meere ein lebhaftes Gefecht zu
entfalten begann, indem die Franzosen die Position zu stürmen suchten. Zugleich
begann die Flotte ihr Feuer, und wider Erwarten der Russen erreichten die Kugeln
aus den schweren Geschützen ihre Truppen.
    Unterm Schutz dieses Feuers überschritt die Brigade d'Autemarre, das 3.
Zuaven-Regiment an ihrer Spitze, die Alma nahe ihrer Mündung und warf sich in
die Schluchten, die steil von der Höhe abfallen.
    Das erste Bataillon unter Commandant Labrousse versuchte, die Höhen zu
erklimmen - das Feuer der vier russischen Bataillone warf es zurück.
    Oberst de Bonnet ritt an das zweite Bataillon heran.
    »Lieutenant-Colonel Méricourt, Sie haben da Gelegenheit, das Patent des
Kaisers einzuweihen und zu zeigen, was die Herren von der Garde können.«
    Der Vicomte salutirte stumm. Dann wandte er sich zu den Reihen seiner
Tapfern, die unaufhaltsam im Sturmschritt vorgingen.
    »Die freiwilligen Kletterer!«
    Zwölf Mann sprangen vor - zwei davon grosse Katzen im linken Arm, in dem
zugleich das leichte Gewehr ruhte; François Bourdon, das Mitglied der Marianne,
unter ihnen.
    Der Führer zeigte mit der Säbelspitze nach oben; die steile schroff
abfallende Wand schien unerklimmbar. Einige Augenblicke standen die kühnen
Wüstenkrieger und starrten die 100 Fuss hohe Felswand an, während die Kugeln der
Russen in das Regiment schlugen. Ein bärtiger Corporal wandte sich zu dem jungen
Pariser:
    »Einen Kuss von Deiner hübschen Schwester, wenn ich dir den Weg zeige?«
    »Sapristi! Sie wird mich auslösen! Zeige Deine Kust.«
    Der Corporal streichelte im Kugelregen seine Katze:
    »Madame Minette, Sie werden mich nicht um einen Kuss von Mademoiselle Bourdon
bringen. En avant, meine Teure!«
    Er warf sie gegen die Bergwand; einen Augenblick besah sich die Katze die
Wand und versuchte hinauf zu klettern, dann rannte sie an den Abhang entlang
nach dem Meer zu. Ein heiteres Gelächter der ganzen Reihe und verschiedene
ermunternde Zurufe begrüssten sie. Dann liefen in geübten Sprüngen die zwölf
Vorkletterer ihr nach und verschwanden um eine Felswand. Gleich darauf erschien
die Gestalt des jungen Parisers am Vorsprung und schwang den Fess.
    »Sie haben den Weg,« rief Capitain Parguez.
    »Vorwärts, meine Braven!« kommandirte der Oberst. »Lalanne, nehmen Sie die
Spitze. Vorsicht, meine Herren; Ruhe!«
    Er war vom Pferde gesprungen, das Bataillon bereits an der Felswand, die
nach der See abfiel. Einige tiefe Gerinne, die das Regenwasser seit
Jahrhunderten hinein gerissen, gingen bis zum Plateau. Das war der Weg, den die
Katze genommen. Auf der Hälfte der Höhe sah man bereits die zwölf Zuaven
klettern - einen Augenblick nachher war die ganze Felswand mit den roten Fess's,
den blauen Jacken der kühnen Männer bedeckt.
    Das erste Bataillon hatte sich wieder gesammelt; das dritte versuchte eben
den Aufgang, als sein Commandant fiel.
    »Capitain de Lara, Sie nehmen das Commando! - Vorwärts!« befahl der General
d'Autemarre. -
    Wie die Katzen selbst kletterte die tolle Schaar an der Felswand hinauf,
jeden Strauch, jeden Spalt benutzend, oft Einer auf den Schultern des Andern:
    Erst das »Vive l'Empereur!« das von der Meeresseite her donnerte, belehrte
die Russen, dass der unersteigbare Wall erstiegen, das Unmögliche möglich
geworden war.
    Die Brigade Bouat sollte die Zuaven und afrikanischen Jäger d'Autemarre's
unterstützen, aber sie konnte das Terrain nicht so rasch überwinden und verlor
ihre Verbindung. Das dritte Zuaven- und das fünfzigste Linien-Regiment und das
Bataillon der afrikanischen Jäger, welche die Höhe gewonnen, befanden sich jetzt
abgeschnitten und in schlimmer Gefahr, denn das Moskauische Regiment und zwei
leichte Batterieen eilten der linken Flanke der russischen Stellung zu Hilfe und
die Geschütze nahmen, trotz des heftigen Feuers der Schiffe, Stellung am Rand
des Plateau's und eröffneten ihr Feuer gegen die Franzosen, während der Stoss der
Infanterie-Colonnen sie in den Abgrund zu stürzen suchte.
    Der Marschall sah die Gefahr seiner linken Angriffs-Colonne und sandte die
Brigade Lourmel zur Unterstützung nach. Zugleich brachten die Adjutanten dem
Prinzen und Canrobert den Befehl, das Dorf Alma-Tamak und die anschliessenden
Höhen nach dem Meere zu zu nehmen. Die Brigade d'Aurelle rückte zur
Unterstützung Canrobert's heran, welcher die Anhöhen bereits zu ersteigen begann
und die Artillerie-Reserve Roujoux begann ihr Feuer.
    Das schaffte den Verwegenen auf dem Plateau Luft, denn das Tarutinski'sche
Regiment und die Reserve-Bataillone der Bialystok'schen und Brestk'schen
Infanterie mussten sich gegen den Frontalangriff wenden. Vier starke französische
Divisionen, unterstützt von siebenzig Geschützen, kämpften jetzt gegen den
linken russischen Flügel. Dennoch wichen die Tapfern nur Schritt um Schritt.
Drei Bataillone des Minski'schen Regiments, das Husaren-Regiment Grossherzog
Sachsen-Weimar und drei Batterieer eilten ihnen zu Hilfe, doch vergeblich; jeder
Fussbreit wurde mit dem Bajonnet verteidigt - vergeblich! Die Uebermacht drückte
die Tapfern zurück und die Bomben der See-Artillerie fielen Verderben sprühend
mitten in ihre Haufen. Oberst Prichodkyn, der Commandant des Minski'schen,
General-Major Kurtianoff , der Führer des Moskauischen Regiments, sanken in ihr
Blut - fast sämtliche Bataillons- und Compagnie-Commandanten beider Regimenter
wurden in diesem wütenden Kampfe verwundet.
    Auf der Höhe an der Strasse von Eupatoria hielt der Fürst mit seinem
Generalstabe, die Schlacht beobachtend. Das finstre, trotzige Gesicht blieb den
Engländern zugewandt, die er persönlich hasste und deren Intriguen er all' sein
Misslingen in Constantinopel zuschrieb. Das Dorf Burliuk, von den Russen
angezündet, stand in vollen Flammen und der breite Flammengürtel verhinderte die
Briten am geraden Vordringen. Zwei Regimenter der Brigade Adams forcirten eine
Furt zur rechten Seite, während General-Major Pennefater mit dem 30., 55., 95.
und 49. Regiment links das Dorf umging, von dem Feuer der russischen Schützen,
des See- und Sappeur-Bataillons empfangen. Das Kärtätschenfeuer der englischen
Artillerie warf die russischen Schützen aus dem Dorfe und den Weingärten und
zurück auf das linke Almaufer. Jetzt sandte der Fürst den Befehl zum Abbruch der
Brücke. Die Stabs-Capitaine Ananitsch und Janizin führten ihn unter dem
heftigsten Kugelregen in 32 Minuten aus.
    Während so die Division Evans das Centrum stürmte, warf sich die leichte
Division General Brown's auf den rechten russischen Flügel. General Codrington
suchte eine Redoute zu nehmen und wurde zurückgeworfen. Das 7., 23. und 33.
britische Infanterie-Regiment verloren fast die Hälfte ihrer Leute; General
Buller mit der zweiten Brigade rückte zur Unterstützung - aber ohne Erfolg; da
sendet Lord Raglan die Division des Herzogs von Cambridge und sie überschreitet
den Fluss. Die Garden unter Bentink ersteigen unter dem Kartätschenfeuer von 36
Geschützen die Höhen; vergeblich wirft der General der Infanterie, Fürst
Gortschakoff, welcher hier commandirt, Jäger und Artillerie in das Gefecht, die
englischen Jäger besetzen die Weingärten, die Garde formirt sich in Front auf
der Höhe und eröffnet ein verheerendes Bataillons-Feuer und die Brigade
Pennefater und die Highlanders7 drängen das Centrum zurück.
    Vergeblich auch stürzen sich das Jäger-Regiment des Grossfürsten Michael
Nicolajewitsch und das Wladimir'sche Infanterie-Regiment drei Mal mit dem
Bajonnet auf den Feind; die Engländer bewahren in dieser einzigen Schlacht des
orientalischen Feldzugs ihren alten Ruhm, und von den Kugeln ihrer Jäger fallen
die russischen Offiziere und die Kanoniere an ihren Geschützen.
    Dem Fürsten Gortschakoff werden zwei Pferde unter'm Leibe getödtet, sein
Mantel ist von Kugeln durchlöchert, der Commandant der 16. Division,
General-Lieutenant Kwizinski, beide Brigade-Commandeure, zwei
Regiments-Commandanten sind gefährlich verwundet, fast sämtliche Bataillons- und
Compagnieführer sind getödtet oder kampfunfähig; das Wladimir'sche Regiment
allein hat 49 Offiziere und 1500 Mann verloren, die Artillerie muss wegen Mangel
an Bedienung ihr Feuer einstellen.
    Auch der Verlust der Engländer ist gross. Unter der tödtlichen Kugelsaat,
unter den wütenden Bajonnetangriffen der Russen bleibt Capitain Morton von der
hochländischen Garde unberührt, - die Russen weichen, seine Kameraden spotten
über sein zweites Gesicht.
    Die Uebermacht der Alliirten durch die Zahl und die bessere Bewaffnung an
Büchsen musste den Sieg erringen. Fürst Menschikoff, welcher fürchtete, von
Sebastopol abgeschnitten zu werden, befahl General Gortschakoff, das Centrum und
den rechten Flügel nach der zwei Werst südlicher gelegenen Position an der
Katscha zurückzuführen. Hier stiess auch der linke Flügel dazu, der bis zum
Augenblick des allgemeinen Rückzugs, also fast vier Stunden lang, den Stoss der
sämtlichen vier französischen Divisionen ausgehalten hatte.
    Das Jäger-Regiment des Grossfürsten Michael und die Trümmer des
Wladimir'schen Regiments deckten den Rückzug der Artillerie. Obschon fast alle
Artilleriepferde erschossen worden, blieben nur zwei Geschütze von der Batterie
Nummer 1 der 16. Artillerie-Brigade in den Händen der Feinde. Der tapfere
Commandant der russischen Artillerie, General-Major Kischinski, nahm auf dem
nächsten Höhenrücken mit 24 Geschützen neue Stellung; das Wolinskische
Infanterie-Regiment marschirte in Schlachtordnung auf und die Kosacken und
Husaren warfen sich gegen die englische Kavallerie, die fast noch gar nicht am
Kampfe Teil genommen. Ebenso waren die Türken und die Division Catcart in
Reserve geblieben.
    Bei jener neuen Bewegung machten die Alliirten in ihrer Verfolgung Halt und
der Fürst konnte seine Truppen bis an den Katschafluss zurückziehen. Während der
Nacht überschritt die russische Armee den Fluss, bezog Bivouaks, ohne vom Feind
beunruhigt zu werden, und passirte am Morgen die Brücke von Inkerman. Die Russen
hatten 1892 Mann an Todten - darunter 1 General und 46 Offiziere, 2698
Verwundete, darunter 3 Generale und 84 Offiziere, im Ganzen mit den
Contusionirten und verwundet auf dem Schlachtfelde Gebliebenen fast 6000 Mann
verloren. Der Verlust der Alliirten kann eben so hoch geschätzt werden, obschon
ihn der officielle Bericht nur auf 4301 Mann angibt, denn der Moniteur
berichtete einige Wochen später, dass sich noch 2060 verwundete Engländer in den
Hospitälern von Constantinopel befänden, und der Herzog von Cambridge schrieb
nach der Schlacht in einem seiner Briefe nach London, dass, wenn die Engländer
noch einen solchen Sieg erfechten würden, England keine Armee mehr habe. - - - -
- -
    Die Schlacht war zu Ende, auf den Höhen, die die britischen Garden genommen,
lagerten, nahe den blutgedüngten Weingärten, die Garden des Brigade-Generals
Bentink.
    Es war Abend, die Gefahr vorüber, und Capitain Morton hatte bereits seiner
Compagnie den Befehl gegeben, die Gewehre zusammenzustellen und das Bivouac zu
bereiten. Mac-Griffin, der Adjutant des Generals, gratulirte eben spottend dem
Capitain, dass dieser so glücklich dem Blutbade entkommen, glücklicher als er
selbst, der den Arm in der Binde trug.
    Plötzlich fiel ein Pistolenschuss aus einem nahen dürren Ginsterbusch und
Capitain Morton, gerade durch das Rückgrat getroffen, sank leblos zu Boden.
    Soldaten der Compagnie stürzten erbittert hinzu - sie fanden im Ginsterbusch
einen schwer verwundeten russischen Husaren in hellblauer Uniform. Er lag im
Sterben und schien mit letzter Kraft das Pistol auf den verhassten Feind
abgefeuert zu haben. Zehn Bajonnete durchbohrten seine Brust.
    Das zweite Gesicht hatte sich erfüllt!8
 
                                    Fussnoten
1 15 französische, 10 englische und 7 türkische.
2 Die englischen Truppen waren folgendermassen zusammengesetzt: Leichte Division
des Generals Brown. 1. Brigade General Codrington, 3 Bataillone vom 7., 23. und
33. Infanterie-Regiment. - 2. Brigade General Buller, 3 Bataillone vom 19., 77.
und 88. Infanterie- und das 2. Jäger-Regiment. - I. Division unter dem Herzog
Cambridge: 1. Garde-Brigade unter General Bentink, 3 Bataillone
Garde-Grenadiere, Coldstream und Schottische Garde-Füsiliere; 2. Brigade unter
General Colin Campbell, 3 Bataillone vom 42., 79. und 93. Infanterie-Regiment. -
II. Division unter General Lacy-Evans: 1. Brigade unter General Pennefater, 3
Bataillone vom 30., 55. und 95. Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General
Adams, 3 Bataillone vom 41., 47. und 49. Infanterie-Regiment. - III. Division
unter General England: 1. Brigade unter General George Campbell, 3 Bataillone
vom 1., 38. und 50. Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General Eyre, 3
Bataillone vom 4., 28. und 44. Infanterie-Regiment. IV. Division unter General
Catcart: 1. Brigade unter General Goldie, 3 Bataillone vom 21., 46. und 57.
Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General Torrens, 3 Bataillone vom 20., 63.
und 68. Infanterie-Regiment. - Die Feld-Artillerie bestand aus 1 reitenden und 3
Fussbatterieen zu je 6 Geschützen. - Die leichte Kavallerie-Brigade des Lord
Cardignan zählte 10 Schwadronen.
3 Die französische Armee zählte bei der Landung folgende Truppenteile: I.
Division unter General Canrobert: 1. Brigade General Espinasse, 4 Bataillone vom
1. Zuaven- und 7. Linien-Regiment und 1. Jäger-Bataillon; 2. Brigade General
Vinoy, 4 Bataillone vom 20. und 27. Linien-Regiment und das 9. Jäger-Bataillon.
- II. Division unter General Bosquet: 1. Brigade General d'Autemarre, 4
Bataillone vom 3. Zuaven- und 50. Linien-Regiment und 1 Bataillon afrikanische
Jäger; 2. Brigade General Bouat: 4 Bataillone vom 6. und 82. Linien-Regiment und
das 3. Jäger-Bataillon. - III. Division unter Prinz Napoleon: 1. Brigade General
Monet, 4 Bataillone vom 2. Zuaven- und 3. See-Regiment und das 19.
Jäger-Bataillon; 2. Brigade General Tomas, 4 Bataillone vom 95. und 97.
Linien-Regiment. - IV. Division unter General Forei: 1. Brigade General Lourmel,
4 Bataillone vom 19. und 26. Infanterie-Regiment und das 5. Jäger-Bataillon; 2.
Brigade General d'Aurelle, 4 Bataillone vom 39. und 74. Linien-Regiment. - Zu
jeder Division gehörten 1 Sappeur-Compagnie und 12 Geschütze. Die
Artillerie-Reserve unter Oberst Roujoux bestand aus 4 Batterieen zu 24 Kanonen.
4 Der Vorgang bei der Landung ist historisch.
5 Abteilung von 100 Mann.
6 Eine deutsche Meile.
7 Hochländer.
8 Der Vorgang ist verbürgt.
 
                                  Ssewastopol
Wir haben den Leser bereits ein Mal in den Conferenz-Saal der neuen Admiralität
auf der Südseite von Ssewastopol geführt und verlegen unsere Scene wiederum
dahin.
    Wie damals füllten Offiziere aller Grade und Waffengattungen den Vorplatz
und die Räume des grossen Gebäudes. Nur sah man diesmal eine grosse Anzahl der
Versammelten die Spuren des furchtbaren Kampfes an der Alma in Binden und
Pflastern tragen. Die alte Admiralität war zum zweiten Marine-Hospital
eingerichtet und dort lagen die langen Reihen der zerschmetterten Kranken im
Wundfieber.
    Fürst Menschikoff war nach der Schlacht, ohne die Defensiv-Stellungen an der
Katscha und dem Beljbek weiter zu beachten, um die Bai von Sebastopol und über
die nachmals so berühmt gewordene Traktir1-Brücke von Inkerman hinter die
Tschernaja nach der Südseite Sebastopol's zurückgegangen, eine möglichst starke
Garnison in den nördlichen Festungswerken zurücklassend. Wir haben bereits
erwähnt, dass die alliirte Armee wegen der starken Verluste in der Almaschlacht
jede Verfolgung aufgegeben. Erst am 22. September brach sie auf und rückte nach
dem Beljbekfluss und nahm am Abend dieses Tages eine Stellung auf den Höhen
dieses Flusses im Angesicht der Nordforts.
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    Unter dem Säulenaufgang des Admiralitätsgebäudes wimmelte es von Soldaten,
Matrosen und Einwohnern, welche begierig auf Nachrichten lauschten, denn es
hiess, dass die Stadt von den Bewohnern geräumt werden solle. Boote von den im
Hafen und der Bai ankernden Kriegsschiffen legten fortwährend am Quai an und
brachten obere Flotten-Offiziere; über die Schiffsbrücke vom Fort Nicolas her
drängte und wogte es von Kommenden und Gehenden. Ein weiter Halbkreis von
Neugierigen füllte den Platz um die Admiralität, Muschiks; Kaufleute,
Schiffsvolk, Tataren, - Handwerker und Beamte, Soldaten und Civilisten, Allee
bunt durcheinander.
    An eine der Säulen gelehnt stand Fürst Iwan Oczakoff mit mehreren Offizieren
der Landarmee und Marine. Unfern von ihm befand sich die Gruppe des alten
Kosacken mit seinen sechs Enkeln, die der junge Fürst gleichsam als Freizügler
in seinen persönlichen Sold und Dienst genommen hatte und als Ordonnanzen
verwandte. Zwei der jungen Männer trugen die Spuren leichter Verwundungen aus
der blutigen Almaschlacht.
    »Sehen Sie, Barjatinski,« sagte der junge Capitain zu einem Offizier in
Marine-Uniform mit den Abzeichen eines ersten Lieutenants, »da kommt Einer, der
Ihnen die Belohnung für Sinope vorweg genommen hat. Wahrhaftig, ich hätte es
ebenso gut haben können, wenn mich der Fürst nach Petersburg geschickt hätte.«
    »Sie würden schwerlich die Courierfahrt in fünf Tagen ausgehalten haben,
lieber Freund,« sagte lachend der Offizier des »Wladimir.« »Ueberdies hatten Sie
sich ja erst bei Oltenitza die Capitains-Epauletten geholt und müssen Anderen
auch Etwas gönnen. Der Podpolkavnik2 Konzaroff ist ein wackerer Offizier.«
    »Ist die Anecdote wahr, die man von seiner Beförderung erzählt?« fragte ein
junger Fähndrich vom litauischen Jäger-Regiment.
    »Gewiss, Drunewitsch, und weil Sie sich an der Alma-Brücke so brav geschlagen
haben, will ich Ihnen, was ich als zuverlässig davon weiss, erzählen.«
    »Sie werden mich verbinden, Herr Capitain.«
    »Als die Nachricht von der Schlacht von Sinope in Odessa eintraf, befand
sich Konzaroff unter den Ordonnanz-Offizieren in der Umgebung des Fürsten.
Menschikoff fragte, in welcher Zeit man den Weg bis Petersburg zurücklegen
könne, und Alle nannten die gewöhnlichen sechs Tage, nur Konzaroff erbot sich,
es in fünf möglich zu machen. Der Fürst vertraute ihm die Depeschen an und der
Capitain warf sich, wie er ging und stand, nur mit Geld versehen, in eine
Britschka und jagte unterwegs zehn Pferde todt. Am fünften Abend war er im
Winterpalast, halb erfroren, halb zu Tode geschüttelt, so erschöpft, dass er sich
kaum aus dem Schlitten erheben konnte. Er wurde unmittelbar nach der Ankunft dem
Kaiser vorgestellt, der ihn mit in sein Cabinet nahm, wo er sich niederliess, um
die freudige Botschaft mit Musse durchzulesen. Als er damit fertig war und sich
nach dem Boten wandte, fand er, dass dieser auf einen Sessel an der Tür gesunken
und eingeschlafen war. Der Kaiser befahl, ihn zu wecken, aber es war durch die
gewöhnlichen Mittel bei der ungeheuren Uebermüdung des Mannes total unmöglich.
Da rief der Kaiser mit dem ihm eigentümlichen raschen Verständnis der
menschlichen Natur, dicht zu ihm tretend, plötzlich in barschem Tone aus: Heda!
Ihre Pferde stehen bereit! und der eifrige Courier, der sich noch unterwegs
glaubte, sprang rasch empor, um dem Gebote der Pflicht zu gehorchen. Der Kaiser
fragte ihn nun, welchen Rang er habe. - Capitain, war die Antwort. - Nun denn,
sagte der Kaiser zu einem Adjutanten, bringen Sie ein Paar Epauletten! und
setzte, an den Courier sich wendend, hinzu: Ich befördere Sie auf der Stelle zum
Podpolkavnik; umarmen Sie mich und dann gehen Sie schlafen.«
    »Es lebe der Kaiser! Tschorte wos mi! Ich weiss, dass Konzaroff sich bei der
ersten Gelegenheit für ihn tödten lässt.«
    »Das wird, glaub' ich, auch Andern passiren, wenn sie so eigensinnig alle
Vorbedeutungen verschmähen.« - Fürst Barjatinski deutete dabei auf eine eben
eintretende Gruppe hoher Marine-Offiziere, indem er salutirte.
    Alle Offiziere grüssten ehrerbietig. Es waren die Vice-Admirale Nachimoff und
Korniloff, der tapfere Istomin, der Vice-Admiral Rogula, zweiter Commandant des
Hafens von Sebastopol, und die Contre-Admirale Ssinitzinn und Zebrikoff.
    »Schau', Djeduschka,« sagte der junge Kosack Ohlis, der auf einen Stock
gestützt wegen des verwundeten Beines, neben dem Alten stand, »der dort kommt,
das ist der Mann, der die türkischen Schiffe drüben über der See verbrannt hat.
Fürst Iwan zeigte mir ihn diesen Morgen, und der Andere da neben ihm ist auch
dabei gewesen.«
    »Ich sehe ihrer Drei,« murmelte der greise Kosack, »aber alle Drei haben
keine Köpfe. Es sind lebendige Leichen -«
    »Dein armes Haupt war heute der bösen Mittagssonne wieder ausgesetzt,«
beruhigte der Knabe, »Du hast Deine bösen Träume davon bekommen, Grossväterchen,
und siehst Bilder, die nicht vorhanden sind.«
    Der Alte sah ihn starr an. - »Meinst Du, törichtes Kind! Ich sage Dir, mein
Mund redet die Wahrheit, wenn ich Leichenberge ringsum verkünde, und dieses
Wasser zu unsern Füssen gerötet von Strömen Blutes. Der Geist zeigt mir nicht
das Schicksal meines Fleisches, aber ich sage Euch, von Denen, die Ihr um Euch
schaut, werden nur Wenige diesen Tag wieder erleben, wenn das Jahr gewechselt
hat.«
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    Der grosse Conferenzsaal des Admiralitätsgebäudes war gefüllt mit höheren
Offizieren, welche die Tafel in der Mitte umstanden, an der sieben oder acht der
oberen Befehlshaber sich in eifriger Beratung befanden.
    Die Mitte nahm der Oberst-Kommandirende Fürst Menschikoff ein. Der Ausdruck
dieses Kopfes passte ganz zu dem starren, stolzen, unbeugsamen Character, den er
als Staatsmann und Feldherr bewiesen. Das kleine, sarmatisch geschljetzte, graue
Auge funkelte mit einer unbezwingbaren Willenskraft unter den buschigen weissen
Brauen so tief aus der Kopfhöhle hervor, dass oft seine Form und Farbe kaum zu
erkennen war. Die hohen Backenknochen zeigten die mongolische Abstammung, der
festgezogene Mund mit dem breiten eckigen Kinn Kraft und unbändigen Stolz. Nur
um die Winkel lag zuweilen eine Falte voll sarkastischen, in Augenblicken selbst
gutmütigen Humors.
    Um den General-Gouverneur von Taurien sassen und standen der General Fürst
Gortschakoff I.3, der Gouverneur der Stadt General Lermontoff, die Commandeure
der Bezirks-Artillerie General-Major Pichelstein und des Ingenieur-Corps, der
Festungsbaumeister General-Lieutenant Pawloffski, die Chefs der 16. und 17.
Infanterie-Division, die in der Almaschlacht gefochten, General-Lieutenants
Kwizinski und Kirjakoff, der General-Major Trubnikoff von der 16.
Artillerie-Brigade und die Commandanten der Festung und des Hafens,
General-Lieutenant Kismer, Vice-Admiral Rogula und Vice-Admiral Stanjukowitsch
mit vielen Andern.
    Die drei Commandanten des Geschwaders standen am Ende der Tafel. Vor dem
Fürsten lagen die Festungspläne und eine Land- und Seekarte der Gegend.
    »Die ersten Hilfstruppen,« sagte er, »können selbst aus Kertsch und Feodosia
kaum vor Mitte October hier sein, aus Nicolajef und Odessa dürfen wir sie erst
zu Anfang November erwarten. Es gilt daher, so lange uns selbst zu helfen. Sie
behaupten also, meine Herren, dass die Nordforts stark genug sind, der Belagerung
zu widerstehen?«
    »Ich bürge dafür, Durchlaucht,« erwiederte der erste Commandant.
    »Wie viel Mann brauchen Sie, um sich zu halten?«
    »Zehntausend Mann.«
    »Ich werde Ihnen 8 Bataillone der Reserve-Brigade der 15. Division in
Sebastopol lassen. Nachimoff, wie hoch rechnen Sie das gesamte Matrosen-Corps
aller Schiffe in der Bai?«
    »Mit den Hafen- und Arsenal-Arbeitern Zwölftausend, Durchlaucht.«
    »Gut. Sie werden nötigenfalls für die Südseite und zur Unterstützung der
Forts genügen. So behalte ich ungefähr achtzehntausend Mann, um gegen die
Belagerungsflanke des Feindes zu operiren.«
    Alle sahen den Fürsten erstaunt an.
    »Euer Durchlaucht wollen die Stadt verlassen?« fragte General-Lieutenant
Kismer.
    »Es ist das Beste, was wir tun können, General. Ich denke noch diese Nacht
über die Brücke von Inkerman zurück zu gehen. Ich wäre am Besten gleich jenseits
der Tschernaja geblieben. Hier wäre die Armee abgeschnitten, in der Stellung
zwischen Baktschiserai und dem Beljbeck jedoch kann ich fortwährend die linke
Flanke der Belagerer bedrohen.«
    Der tapfere Führer der 16. Division, General-Lieutenant Kwizinski, der, am
Arm und Kopf verwundet, sich in den Kriegsrat hatte tragen lassen, nickte
zustimmend.
    »Wenn der Feind die Forts nimmt, ist die Flotte verloren,« sagte mit harter
Stimme der Vice-Admiral Korniloff.
    Der Fürst sah ihn finster und spöttisch an. - »Sie ist es auf jeden Fall.
Gegen die viertausend Kanonen des alliirten Geschwaders können unsere Schiffe
nicht aufkommen; wir müssen sie anderweitig so gut zu benutzen suchen, als es
geht.«
    Die Augen der Offiziere wandten sich auf die drei Admiräle. Jeder konnte
sehen, während der Fürst sich über die Karten beugte, wie Admiral Nachimoff das
Blut in das Gesicht trat, als er die Hand auf den Tisch legte.
    »Wie meinen Euer Durchlaucht dies?«
    »Sie sollen sogleich meinen Plan hören. Wie gross ist die Entfernung zwischen
Fort Constantin und Fort Alexander, Herr Hafen-Commandant?«
    »Zweihundertvierzig Faden,«4 berichtete der Vice-Admiral Stanjukowitsch.
    »Dann werden wir freilich mindestens sieben Schiffe brauchen. Es gilt vor
Allem, meine Herren, der alliirten Flotte den Eingang in die Bai unmöglich zu
machen und wir müssen dafür ein Opfer bringen. Ich beabsichtige, sieben unserer
grossen Schiffe noch heute zwischen den Forts versenken zu lassen und so die Bai
zu sperren.«
    »Das ist unmöglich, Durchlaucht!«
    »Warum, Herr Vice-Admiral?«
    »Weil ich Euer Durchlaucht als Admiral und Marineminister bitte,« sagte
Nachimoff mit sichtlich unterdrückter Bewegung, »der russischen Marine nicht die
Schmach anzutun, dass man von ihr sagen könne, sie fürchte, mit irgend einer
Flotte der Welt sich zu messen. Ich habe fünfundsechszig Segel hier versammelt,
Durchlaucht, und meine Matrosen brennen vor Begier, mit jenen übermütigen
Franzosen und falschen Engländern zu kämpfen. Ich bitte Sie im Namen der Flotte
des Schwarzen Meeres, wenn Ssewastopol belagert wird, die alliirten Geschwader
angreifen und ihnen eine Schlacht liefern zu dürfen.«
    »Und was glaubst Du damit zu erzielen, Peter Nachimoff?« fragte der Fürst.
    »Wir werden auf Leben und Tod kämpfen. Wir werden uns durchschlagen und das
Asow'sche Meer erreichen. Wenn nicht, so wird die russische Flotte nicht die
einzige sein, die in diesem Kampfe vernichtet wird. Frankreich und England
werden zugleich den Verlust der ihren beklagen.«
    Ein stürmischer Ruf aller See-Offiziere ging durch den Saal, sie Alle hoben
die Hände auf zum Zeichen der Uebereinstimmung.
    »Du bist ein tapferer Mann, Freund,« sagte der Fürst ruhig, »Niemand, am
wenigsten der Kaiser, zweifelt daran. Aber mit Deinem Opfer würde der Sache
unsers Herrn wenig gedient sein. Du und die Deinen, Ihr müsst Ssewastopol für
Russland bewahren.«
    
    »Ich bin für das Meer erzogen, auf ihm allein verstehe ich zu fechten.«
    »So wirst Du es auf dem Lande lernen, Freund. Gehorsam ist das erste Opfer,
was wir bringen müssen.« - Der Fürst nahm ein Verzeichnis vom Tisch. - »Hier ist
das Verzeichnis der Schiffe5, die ich zum Versenken bestimmt habe. Die Capitaine
haben sie sofort zu räumen und nur die Kanonen der oberen Decks und die
Pulvervorräte an's Land zu schaffen. General-Major Hartung wird die Stelle
bezeichnen, an der die Versenkung am besten auszuführen ist.«
    Eine tiefe Stille hatte sich über den Saal gelagert, die Marineoffiziere
schauten finster und stumm vor sich hin; ihre Kameraden von der Landarmee sahen
mit Teilnahme auf die entwaffneten Tapfern.
    »Die Batterieen der Forts und die versenkten Schiffe werden genügen, uns
gegen die Flotte der Feinde zu sichern,« fuhr der Fürst fort. »Für die Nordseite
bürgt mir Kismer; die Südseite ist nicht gefährdet, darum wird es am Besten
sein, die Schiffe sämtlich dahin zu bringen und die Mannschaft am Lande in Corps
zu formiren, welche die Verteidigung der Stadt übernehmen und die Nordforts
unterstützen. Die Feinde haben unsere stärkste Position vor sich und sie werden
daran scheitern. Wenn man uns von Süden angegriffen hätte, würde unsere Lage
schlimmer sein.«
    »Sehr schlimm!«
    Die Worte schienen einem der Anwesenden unwillkürlich entfahren, denn Alle
blickten sich verlegen an, als der Fürst sich im Kreise nach dem Sprecher
umschaute.
    »Wer von Ihnen machte die Bemerkung, meine Herren?«
    Aus dem Kreise der Stabsoffiziere trat ein Ingenieur-Offizier mit den
Capitains-Epauletten. Wir sind ihm bereits vor Silistria begegnet.
    »Verzeihen Euer Durchlaucht, die Bemerkung ist mir unwillkürlich
entschlüpft.«
    »Sie sind der Capitain Todleben?«
    »Zu Befehl, Durchlaucht.«
    »Ich will Ihre Einmischung entschuldigen. Doch, wie kommen Sie zu der
Behauptung?«
    »Ich habe heute Morgen die Befestigungen der Landseite besichtigt,
Durchlaucht, und -«
    »Nun, heraus!«
    »Und jene Ueberzeugung gewonnen.«
    Der Fürst hatte aus seiner Brusttasche ein Notizbuch gezogen und blätterte
darin.
    »So glauben Sie, dass, wenn die Festung auf der Südseite angegriffen würde,
sie sich nicht halten könne?«
    »Unzweifelhaft, Durchlaucht.«
    Der Fürst blickte nach dem General-Lieutenant Pawloffski, dem
Festungsbaumeister. - »Was meinst Du dazu, Excellenz?«
    Der alte General war schon längst unruhig hin und her gerückt. - »Der Herr
Capitain übertreibt,« sagte er. »Wir haben sehr starke Werke an der Südseite.«
    »Aber sie sind ohne Deckung,« unterbrach der Genie-Offizier. »Es gibt
verschiedene Punkte der Umgegend, welche den Hafen und die Zugänge beherrschen,
wenn sie nicht mit vorgeschobenen Werken versehen werden.«
    »Zum Glück kommen wir nicht in die Verlegenheit,« sagte der Fürst, »überdies
wäre es zu spät, grosse Werke anzulegen.«
    »Ich bitte um Entschuldigung, Durchlaucht,« sagte kühn der Capitain, »aber
das ist es nicht. In fünf Tagen kann eine äussere Linie geschaffen sein.«
    »Können Sie Mauern und Bastionen aus der Erde stampfen, Herr?«
    »Das nicht, Durchlaucht, aber ich habe die Erde selbst. Der Wall und die
Sappe müssten Ssewastopol verteidigen, wenn es von Süden her angegriffen würde.«
    Der Fürst schaute ihn fest und nachdenkend an und dann nochmals in das
Notizbuch, in dem er gefunden zu haben schien, was er suchte. - »Fürst
Gortschakoff hat Sie mir mit vorzüglicher Empfehlung gesendet, Capitain,« sagte
er, »und Schilder hat auf dem Todtenbett von Ihnen gesprochen. Ich habe den
Ingenieur vom Platz noch nicht ernannt und will Ihnen die Stelle anvertrauen,
wenn Sie leisten, was Sie versprochen. Sie mögen Ihre Pläne General Pawloffski
vorlegen. Doch muss ich mich jetzt zu dem Nötigeren wenden. General Kwizinski
ist mit meinem Plan der Einnahme einer Flanken-Position einverstanden, wie ich
gesehen. Was denken Sie dazu, Kirjakoff, und Sie, Welitschko?«
    »Ich müsste kein Kavallerist sein, Durchlaucht, wenn ich Anderes vorziehen
könnte.«
    Auch der Kommandant der 17. Division stimmte zu.
    »So treffen Sie Ihre Anstalten, meine Herren, denn wir brechen diese Nacht
noch auf.« - Der Fürst erhob sich und trat im Vorbeigehen zu den beiden
Vice-Admiralen. - »Ich bin ein Seemann, wie Du, Petrowitsch,« sagte er, »aber
der Kaiser hat Ssewastopol mir anvertraut und die Flotte ist nur ein Teil von
ihm. Wir dürfen den Engländern keinen Seesieg weder hier noch in Kronstadt
gönnen.«
    Der Vice-Admiral verbeugte sich kalt. - »Euer Durchlaucht werden mir
gestatten, nach Petersburg zu berichten?«
    »Wie Sie wollen, Herr Vice-Admiral, bis zur Entscheidung des Kaisers aber
werden Sie meine Befehle befolgen.«
    Keine Muskel zuckte in dem harten, ehernen Gesicht, als er sich von ihm
wandte.
    In dieser Nacht, der Nacht vom 24. zum 25. September, überschritten die
Truppen die Tschernaja auf der Traktir-Brücke, schlugen den beschwerlichen Weg
nach der Meierei Mekensi ein und gelangten am Morgen des 25. nach einem
mühevollen Marsche auf die Strasse nach Baktschiserai, wo der Fürst bei dem Dorfe
Otarkioi eine solche Stellung einnahm, dass er die Verbindung mit Perekop
unterhalten und die Verbündeten im Rücken bedrohen konnte, sobald diese gegen
die Nordforts Etwas unternahmen.
    Der Tag war trübe und stürmisch gewesen, erst am Abend klärte sich das
Wetter auf. Es war 8 Uhr, als durch das Tor an der Mastbastion Fürst Iwan
Oczakoff mit seinen sieben Kosacken die Stadt verliess und auf dem Wege, der nach
Balaclawa führt, vorwärts trabte.
    Während des Tages hatte sich in der Stadt die Nachricht von einem Gefecht
verbreitet, das zwischen der Kavallerie der Alliirten und der Nachhut der
Colonne des Fürsten Menschikoff vorgekommen sein sollte, doch fehlten nähere
Nachrichten darüber. Gegen Abend glaubte man vereinzelten Geschützdonner in der
Richtung nach Süden gehört zu haben, doch achtete man dessen nicht, da dort
unmöglich ein Feind stehen konnte, auch war der Schall bei dem starken und
ungünstigen Wind zu undeutlich.
    Der Capitain war von dem Fürsten zurückgelassen worden, um über die
Ausführung der befohlenen Massregeln Rapport zu bringen und der Kommandant
beorderte ihn am Abend, nach dem zwei Meilen entfernten Balaclawa zu reiten, um
den Obersten Manto, den Kommandanten der kleinen halbverfallenen und nur von 110
Mann und 4 kleinen Mörsern verteidigten Festungswerke zu erinnern, auf seiner
Hut zu sein, da man im Laufe des Tages mehrere Schiffe der Alliirten hatte nach
Süden sich dirigiren sehen.
    Die Nacht war eingetreten über dem Ritt des Capitains, der eine besondere
Vorliebe für den alten Kosackenführer gefasst hatte, und sich von ihm Abenteuer
seiner Jugend erzählen liess. Die Reiter begannen eben von dem hohen Plateau
herabzusteigen, das sich etwa eine halbe Meile von der Küste nach Ssewastopol zu
erhebt, und aus einem Hohlweg hervorkommend, hatten sie Ufer und Meer vor sich.
    Alsbald fasste der greise Kosack den Zügel des Fürsten und sein Arm deutete
auf die felsige Ebene hinunter, von der breite Schluchten sich in das Meer
senkten. In einer derselben lag Balaclawa. Ein Kranz von Feuern schien sich
rings umher zu ziehen.
    »Um der Heiligen willen, Gospodin - keinen Schritt weiter - was bedeuten
diese Feuer?«
    Der junge Mann starrte erstaunt auf das seltsame Schauspiel, das sich etwa
eine Viertelstunde entfernt vor ihm zeigte. Man konnte deutlich mit blossen Augen
bemerken, dass die Feuer von Menschenmassen umlagert waren. Balaclawa selbst, am
Eingang der Schlucht liegend, schien in Licht zu schwimmen.
    »Und dort!« - Der Kosack wies nach dem Meere - auf der Höhe über die Felsen
der Ufer hinweg sah man zahlreiche Lichter in schwankender Bewegung.
    »Vorwärts - wir müssen uns überzeugen, was dort vorgeht!«
    Der Capitain gab seinem Ross die Sporen - aber eine kräftige Faust fiel ihm
in die Zügel und vor ihm richtete sich wie aus der Erde gestiegen eine lange
dunkle Gestalt empor.
    »Zurück, Fürst Iwan Oczakoff!« sagte der Fremde mit dumpfer Stimme, »Dein
Leben gehört dem Vaterland!«
    »Mensch, wer bist Du, der Du mich kennst?« - Seine Hand griff nach der
Pistole.
    »Lass stecken, Kind - Du wenigstens hast kein Recht auf mich, wenn auch
Michael der Tabuntschik aus der Steppe von Borislaw nicht sein Brot mit Dir
geteilt hätte.«
    »Der Rosshirt - so wahr ich lebe! Wie kommst Du hierher, Alter - was geht
dort vor - was bedeuten die Feuer um Balaclawa?«
    »Sie leuchten Gefahr, Knabe! die Engländer und Franzosen lagern dort unten,
Balaclawa ist in ihren Händen, ich, ich habe sie dahin geführt durch die
Gebirge, und zum zweiten Male ruht der Fluch jedes Russen auf dem Haupt des ewig
Verdammten! - Eil' nach Ssewastopol, Fürst, denn der Feind steht vor seinen
Mauern!«
                          (Schluss des dritten Teils.)
 
                                    Fussnoten
1 Wirtshaus.
2 Oberst-Lieutenant.
3 General der Infanterie, der in der Almaschlacht unter Mentschikoff focht,
nicht zu verwechseln mit dem nachherigen Oberbefehlshaber, General der
Artillerie, Fürst Gortschakoff II.
4 Etwa 1350 Schritt.
5 Es waren die Schiffe: »Heilige Dreieinigkeit« von 120, »Rostislaff« von 84,
»Siseboli« von 40, »Zagosdich« von 84, »Uriel« von 80, »Silistria« von 80 und
»Kulewtscha« von 40 Kanonen.
 
                                 Vierter Teil:
                                  Ssewastopol
                              In des Meeres Tiefen.
Wir haben am Schluss des vorigen Bandes die Alliirten auf der Südseite von
Sebastopol, im Besitz von Balaclawa, verlassen und nachzutragen, wie sie aus der
Lagerung am Bjelbeck, bereit zum Sturm der Nordforts, dahin gekommen.
    Verlegen wir den Gang unserer Darstellung daher um vierundzwanzig Stunden
zurück auf den Nachmittag des 24. September, nachdem wir für Diejenigen unserer
Leser, welchen nicht ein Plan der Umgegend von Sebastopol zur Hand ist, eine
kurze aber notwendige Scizzirung des Terrains und der Festung gegeben haben.
    Sebastopol liegt, wie früher erwähnt, vierzehn Stunden südlich von Eupatoria
an einem vorspringenden, durch eine tief einlaufende, nach rechts und links sich
in Arme verzweigende Meeresbucht gespaltenen Vorgebirge. Die Bucht ist auf der
Nord- und Ostseite von ziemlich hohen Bergen gebildet und umgeben, auf der
Südseite erhebt das Ufer sich am Eingang gleichfalls schroff und hoch, weiterhin
aber bildet es mehr einen Kessel, von Schluchten durchschnitten, der sich nach
und nach zu einem amphiteatralischen Plateau erhebt. In das östliche Ende der
Bai ergiesst sich der aus dem Südosten kommende in seiner ganzen Länge durch ein
Bergtal laufende Tschernajafluss. Nahe dem Ausfluss desselben liegen die Ruinen
von Inkerman und der nördliche und östliche Leuchtturm. Zwei Brücken fuhren
über den Fluss unterhalb der Bai, die Strasse nach Baktschiserai und Symferopel,
den beiden Hauptorten der Krimm inmitten der Gebirge, bildend. - Diese Strasse
durchkreuzen, nach der See im Norden Sebastopols mündend, die Flüsse Alma,
Katscha und Beljbeck. Von der Nordseite läuft gleichfalls eine Strasse nach
Baktschiserai, der alten Hauptstadt der Tartaren-Khane.
    Das nördliche Ufer Sebastopols geht in einer gegen die Bai einspringenden
Landspitze aus, auf der das starke Fort Constantin seine Granitwälle in die See
senkt, den Eingang der Bai deckend. Hierauf folgen nach dem Innern zu auf den
vorspringenden Punkten das Fort Catarina und die Batterieen von Sukaia. Auf der
Höhe der Bergwand nach dem Beljbeck zu deckt die grosse Citadelle oder das
nördliche Fort die genannten Seeforts und die Strasse nach Eupatoria.
    Auf der Südseite bildet die äusserste Bucht nach der Seeseite zu die
Quarantaine-Bucht, von dem Innern her durch die grossen und kleinen
Quarantaine-Batterieen beherrscht. Es folgt, dem Fort Constantin auf der
Nordseite entsprechend, das Fort Alexander; eine Batterie, dann der Handelshafen
und auf dessen östlicher Seite das bedeutende Fort St. Nicolas. Zwischen diesem
und dem folgenden Fort St. Paul buchtet tief in das ansteigende Bergland hinein
der Kriegshafen, sich wieder abzweigend östlich in das Bassin zur Ausbesserung
der Schiffe, die sogenannte Schiffsbucht am Arsenal, westlich in den grossen
Militairhafen, der fast bis zu den äussersten Befestigungen der Stadt in's Land
hineinläuft. Ueber das Fort Paul und die Ringmauern hinaus erstreckt sich die
Karabelnaja oder Schiffervorstadt. An der östlichen Seite des Militairhafens
liegen die neue Admiralität, Kasernen, das Arsenal, prächtige Docks und das
grosse Hospital, an der westlichen die alte Admiralität und die Promenade mit dem
Denkmal Kazrky's.
    In dem über die Quarantaine-Bucht hinaus sich scharf in das Meer
hineinziehenden und dann nach der Südspitze der Krimm zu wieder einbiegenden
Lande liegen, ausserhalb der Verteidigungslinie von Sebastopol, zunächst die
Schützenbucht (Streletzka-Bucht), die Kamiesch- und Kasatsch-Bai. Die äusserste
Spitze des Landes nach Westen bildet das Cap Chersones. Grade unterhalb des
Kriegshafens im Süden dieses, die Halbinsel Sebastopol bildenden Vorsprungs der
Krimm liegt die ziemlich enge, aber vollkommen geschützte Bucht von Balaclawa.
Eine Strasse geht von dort nach Süd-Sebastopol, eine andere über die Tschernaja
nach der Nordseite und rechts in das Innere nach Baktschiserai.
    Diese kurze Uebersicht wird vorläufig genügen. - -
    Am Bjelbeck-Ufer, im Angesicht der Citadelle und der Nordforts lagerte die
alliirte Armee, die Franzosen den rechten Flügel an der See bildend, die
englische Kavallerie bis zum Ende der Bucht ihre Pikets vorschiebend. Die Türken
bildeten die Reserven und hielten die Strasse nach Eupatoria besetzt.
    Es war um Mittag, als man von den Höhen des Ufers einen kleinen Dampfer von
Westen her die See durchschneiden und mit dem französischen Admiralschiff
Signale tauschen sah, worauf das Dampfschiff seinen Weg gegen das Ufer so weit
als möglich fortsetzte, ein Boot in See liess und nach dem Ausfluss des Beljbeck
sandte. Der landende Marine-Offizier fragte nach dem Marschall und eilte,
zurechtgewiesen, nach dem Zelt desselben, das in einiger Entfernung unter einer
Gruppe von Korkbäumen aufgeschlagen war. Die überbrachten Depeschen schienen
Wichtiges zu entalten, denn trotz des seit der Almaschlacht bedeutend
verschlimmerten Zustandes des Marschalls, eilten bald darauf Adjutanten nach
verschiedenen Seiten davon, die Führer der Armee zum Kriegsrat zu berufen.
    In einem jener Täler, die sich schluchtenartig zur Bai von Sebastopol auf
der Nordseite hinziehen, weit über die russischen Befestigungswerke hinaus
lagerte ein englisches Dragoner-Regiment: die Vedetten und Posten auf den Höhen,
einzelne Patrouillen ab- und zureitend, im Grunde die Pferde zusammengekoppelt,
an den süssen Gräsern und Kräutern, dem Laub der wilden Feigenbäume und
Rankengewächse nagend - die Soldaten in Gruppen umherlagernd, Kaffee kochend,
ihre Waffen putzend, oder mit jener stoischen Ruhe des echten Briten um einen
lustigern Kameraden versammelt, den das grüne Irland geboren, und der der
Gesellschaft ein heiteres Lied oder eine wunderbare Geschichte zum Besten gab.
Im Vorübergehen lauschte selbst mancher der Offiziere der lustigen Geschichte
Pad's, ehe er zu seinem Kreise zurückkehrte.
    Das Bivouak und Feldleben hatte, nach den kurzen Unannehmlichkeiten der Tage
und Nächte der Landung noch nicht jene rauhen Seiten gezeigt, die später die
Armee in vollem Maasse kosten sollte. Man hatte, allerdings mit schweren
Verlusten, einen grossen Sieg erfochten, man hoffte auf weitere leichte Triumphe,
man lagerte in einem der schönsten Klima's der Welt, unter Sonnenschein und
Pflanzenduft, und das Auge, an die grauen Dinten des Nordens gewöhnt, schweifte
über das Grün der Weinberge, der Feigen und Olivenwälder, die schlanken
Cypressen und breiten Platanen auf die blaue glänzende Fläche des Meeres. In
einiger Entfernung unter ihnen lag die Russenstadt Sebastopol, mit den Forts und
Bastionen, welche die klare durchsichtige Luft dieses Himmelsstriches deutlich
und klar zeigte, - die sichere Beute der nächsten Tage, der Triumph vor ganz
Europa, der neue Zeuge für die unersättliche Habgier des stolzen Inselreichs!
    Auch für jenes Hauptbedürfniss aller Armeen der Welt und der britischen
insbesondere, den Proviant, war noch leidlich gesorgt und die Offiziere
entbehrten selbst eines gewissen Comforts nicht, da sie Flaschenkasten und
Menagen von den Schiffen mit gebracht, ihre Garderobe noch nicht verdorben war
und der rauhe Wintersturm noch nicht die ermatteten Glieder erstarrte.
    Die Menagen hatten ihren Dienst erfüllt, die Beafsteaks und Hammelcotelettes
waren verzehrt und die Flasche machte in dem lagernden Kreise die Runde, während
die Cigarre oder die leichtgefertigte spanische und orientalische Cigarette ihre
Rauchwirbel in die Luft schickte.
    »Der arme Welleslei,« sagte der Capitain Tysdale, während er den silbernen
Feldbecher mit Claret füllte. »Er hat Sebastopol nicht einmal zu sehen
bekommen.«
    »Der Major starb am Tage nach der Schlacht, wie ich gehört?«
    »Ja, an der verdammten Cholera, und Brigade-General Tylden auch. Bisher
haben die Franzosen allein Generäle daran verloren und ihr Marschall selbst wird
schwerlich davon kommen.«
    »Es bringt Avancement in die Armee, die Stellen werden billig werden,«
bemerkte ein junger Fähnrich.
    »Bah, O Mallei, speculiren Sie nicht vergeblich. Ihr Onkel in Tipperara hat
noch an dem Wechsel zu bezahlen für Ihre Ausrüstung und die irischen Kartoffeln
geraten dies Jahr schlecht.«
    »Was wissen Sie von den Verhältnissen meiner Familie, Lieutenant Halkett,«
rief der Ire hitzig, »wollen Sie mich beleidigen?«
    »Dummheiten, O Mallei,« sagte der Doctor, ein behäbiger, rotnasiger
Walliser. »Wissen Sie nicht, dass an der Regimentstafel, wenn das Tischtuch
fortgenommen ist, keine Rede übel genommen werden darf? Nun haben wir nicht
einmal ein Tischtuch gehabt, also senken Sie Ihren Kamm, mein Streitähnchen,
Sie werden noch Gelegenheit genug haben, ihn bei den Kosacken anzubringen.
Ueberdies hat Halkett Recht, Ihr nächstes Geld, wenn wirklich welches aus Irland
kommt, was Sie nun schon ein Jahr lang uns vorerzählen, verwenden Sie auf Ankauf
eines Gauls, denn der Ihre hat den Spat und ist eine Schande für das Regiment.«
    Der lustige Kreis lachte.
    »Ich nehme das nächste Beutepferd!« prahlte der Fähnrich.
    Der Doctor zwinkerte listig mit dem rechten Auge.
    »Vielleicht eines von den beiden Vollbluts, die unsere Pikets gestern
eingefangen und die mit ihren würdigen Besitzern da drüben der Entscheidung des
Earls harren? Sie müssten sich prächtig machen, zwei solche Kracken mit
struppigen Mähnen und Rattenschwänzen unter den Normannen des vierten
Dragoner-Regiments Ihrer Majestät!«
    Der graubärtige Major blickte nach den beiden Pferden.
    »Gott verdamm' Eure Augen, Fähnrich O Mallei, ich glaube, das Eine hält mit
Euren langen Beinen jedes Wettrennen aus. Die Ohren sind kurz, und Augen und
Nüstern verraten Feuer.«
    »Pah, Major - es sieht abscheulich aus! Da Sie aber meinen, so will ich es
nehmen.«
    Der junge Mann erhob sich, um hinzuschlendern, der alte Offizier aber
schüttelte lachend den Kopf.
    »Das Ansehen haben Sie umsonst. Doch mit dem Nehmen ist es Nichts, Sie
müssten das Pferd denn dem Eigentümer abkaufen.«
    »Zum Henker, es ist ja Kriegsbeute.«
    »Die beiden Leute sind von unsern Patrouillen ergriffen und in's Lager
gebracht worden, weil wir Nachrichten über das Land brauchen, aber keineswegs
als Feinde. Der Tagesbefehl des Lord-Generals bestimmt auf das Strengste, dass
alle Eingebornen, mit denen wir verkehren, möglichst gut behandelt werden
sollen.«
    Die Offiziere näherten sich den beiden Gefangenen, die neben ihren Pferden
am Fusse einer Platane sassen, im ernsten Gespräch vertieft. Die Pferde gehörten
zur Zucht der kleinen langhaarigen Steppentiere, doch hätte ein Kenner der
donischen Race das Eine leicht an den sehnigen und schlanken Beinen und kurzen
Fesseln, den aufgeworfenen Nüstern und den feurigen roten Augen für ein
treffliches Tier erkannt, wie unschön auch sein Aussehen sein mochte. Die
Herren dieser Pferde waren ein grosser kräftiger Greis von finsterm und stolzem
Aussehen, grösstenteils in Rossleder gekleidet, die Mütze von Wolfsfell auf dem
kahlen Haupt, dir schwere Peitsche am Gürtel, so wie ein junger Mann von antiker
Schönheit, welche der einfache kaftanartige Rock noch mehr hervorhob: Michael,
der Rosshirt aus den Steppen des Dniepr und Nicolas Grivas, der junge Palikare,
der in der Nacht des Lazaretbrandes aus Varna entflohen war, um die Nachricht
von den Beschlüssen des Kriegsrats der Alliirten nach Sebastopol zu bringen.
    Wir haben gesehen, dass auch sein Bruder Gregor Caraiskakis nach der
Entdeckung des griechischen Complotts sich flüchten musste. Er war der Armee des
Fürsten Gortschakoff gefolgt und befand sich mit diesem zur Zeit in Odessa.
Dortin hatte er den jüngern Bruder beschieden, um mit ihm und mehreren andern
der griechischen Flüchtlinge den Plan zur Gründung einer griechischen Freischaar
zu beraten.
    Mit den Vorbereitungen dazu beauftragt und mit neuen Warnungen der durch
fortdauernde Verbindungen in Varna wohl unterrichteten Griechen an den Fürsten
Menschikoff kehrte Nicolas Grivas nach der Krimm zurück, als er auf dem Wege
über die Landenge von Perekop auf den alten Tabuntschik traf, der einen
Transport von dreihundert Pferden, den Reichtum seiner Zucht, als freiwillige
Gabe auf dem Altar des Vaterlandes anzubieten kam und sie dem Oberbefehlshaber
von Taurien zuführen wollte. Der junge Mann schloss sich dem Zuge an und die
Nachrichten, die er vom Kriegsschauplatze brachte, die Erzählung seiner
griechischen Kämpfe hatten ihm das Vertrauen des finstern Greises erworben.
    Schon auf dem Wege nach Symferopol gelangte die Kunde zu ihnen von dem
Erscheinen der alliirten Flotte in der Bay von Kalamita, und während der
Tabuntschik seine Rosse mit den Knechten auf der Strasse nach Baktschiserai
weiter sandte, wandte er sich selbst mit dem jungen Griechen nach der Küste, um
Näheres von der Landung der Feinde zu erspähen. Mit Staunen bemerkte Nicolas
Grivas an seinem alten Begleiter einen hohen Bildungsgrad und eine grosse
Kenntnis in militairischen Dingen, die auf seine Frage der sonst über seine
Vergangenheit sehr wortkarge Greis dahin erklärte, dass er den Franzosenkrieg
mitgemacht. - Von fliehenden Tataren hatten sie die Nachricht der Almaschlacht
gehört und von dem Rückzug der Russen nach Sebastopol. Auf dem Wege dahin war
es, dass sie von einer vorgeschobenen Reiterpatrouille der Engländer überrascht
und festgenommen wurden, da der Befehl der Oberstkommandirenden dahin ging,
einige Bewohner des Landes in's Lager zu bringen, um von ihnen Nachrichten über
die Bewegungen der Feinde und die Festung zu erhalten.
    Während die britischen Offiziere sich, wie oben erzählt, unterhielten, lag
der greise Tabuntschik auf den Arm gestützt unter der Platane und betrachtete
mit finsterm Blick bald die Feinde seines Landes, bald die weit hin sich
dehnende Aussicht auf die Bay und die bedrohte Stadt.
    »Die Heiligen mögen ihre Augen verblenden,« sagte er endlich in spöttischem
Ton in griechischer Sprache zu seinem jungen Begleiter, »dass sie sich an diesen
ehernen Citadellen der Nordseite ihre Schädel einrennen und die Schwächen der
Festung im Süden nicht merken. Dennoch wollte ich mein altes Leben darum geben,
wenn man diese hochmütigen Engländer und französischen Windbeutel dahin locken
könnte. Der Marsch durch die Defileen von Inkerman und das Tschernaja-Tal
brächte sie bei richtiger Benutzung des Augenblicks in einen Sack, aus dem
keiner Mutter Sohn lebendig wieder heraus kommen sollte, und Menschikoff ist der
Mann dazu.«
    »Kennt Ihr diese Gegend so genau?«
    Der Alte fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
    »Ich brachte in meiner Jugend einige Zeit hier zu und durchstreifte auch in
den letzten Jahren mehrfach die Krimm bei meinem Pferdehandel. Blicke dortin,
Grieche, links an dem Leuchtturm vorüber jenen dunklen Punkt - siehst Du ihn?«
    »Es scheint mir ein Turm.«
    »Es sind die Ruinen von Inkerman. Dort teilt sich der Weg, der nach Osten
führt nach Baktschiserai; zwei andere überschreiten die Tschernaja und führen
nach dem Süden auf Balaclawa zu, der eine unter den Augen und den Kanonen der
Festung vorüber, der andere hinter jenem Felsenzug verborgen - er läuft zwischen
Bergen und Schluchten und wäre ein Termopylä, in dem die Hunderttausende eines
Darius verderben müssten, da der Rückzug leicht gesperrt werden kann. Ich wollte,
ich hätte zwanzigtausend Mann Russen unter meinem Kommando und diese
fünfzigtausend Engländer und Franzosen in jenen Schluchten!«
    »Was meint Ihr, dass aus uns werden wird - werden sie uns als Kriegsgefangene
auf die Schiffe bringen?«
    »Der Teufel in ihre Seele! Hätte man uns nicht überrascht, als wir an der
Quelle sassen und unsere Sättel verlassen hatten, ein Regiment ihrer Kavallerie
hätte mich wenigstens nicht einholen sollen.« - Er streichelte freundlich die
Nüstern des zottigen Pferdes an seiner Seite, das den Kopf zu ihm niederbeugte
und seine Hand leckte. - »Hätte ich Buruk unter mir gehabt und ihm mein Pascholl
Liebling zugerufen, ich hätte jeder Verfolgung spotten können, und wenn sie
tagelang gedauert; denn Buruk ist an jede Anstrengung der Steppe gewöhnt und
würde die neunzig Wersts von Eupatoria bis Sebastopol in sechs Stunden zurück
legen. Doch beruhige Dich, Sohn - ich glaube, man wird uns frei geben, so wie
die Operationen gegen die Werke begonnen haben. Die Toren ahnen nicht, dass ich
Englisch verstehe und die Kenntnis ihrer Sprache hat mich hören lassen, dass
strenge Befehle gegeben sind, gegen die Bewohner des Landes mit möglichster
Schonung zu verfahren.«
    »Aber ich bin ein Grieche und man wird Verdacht schöpfen.«
    »Nicht, wenn Du vorsichtig bist. Du bist mein Enkelsohn - der Enkel eines
einfachen Tabuntschik, wie wir verabredet, alles Andere überlasse mir. Da kommen
diese verräterischen Briten auf uns zu - russische List soll ihnen die Spitze
bieten.«
    Während die Offiziere zu den Gefangenen traten, um ihre Pferde näher zu
betrachten und ein Gespräch anzuknüpfen, sah man einen Adjutanten rasch über die
Bergfläche daher galoppiren und nach dem Bivouac der Dragoner einlenken.
    »Du hast da ein ziemlich boshaft aussehendes Pferd, Alter.« sagte der Major
auf Französisch, »doch scheint es kräftig und rasch zu sein. Ist es Deine eigene
Zucht?«
    »Es ist ein Kind der Steppe Gospodin,« antwortete der Tabuntschik; »seine
Eigenschaften sind so so - bald gut, bald schlecht - man muss mit unsern Pferden
umzugehen verstehen.«
    »Du bist ein Rosshändler, wie Du angegeben?«
    »So ist es!«
    »Dann wird es Dir lieb sein, zu hören, dass dieser Herr hier Dein Pferd Dir
abkaufen will.«
    »Du scherzest, Gospodin; ein solches Pferd würde sich für einen Offizier
nicht passen.«
    »Goddam! Wir haben in Varna noch schlechtern Schund für unsern Abgang
annehmen müssen, und Dein Pferd ist gegen die Kracke, die Fähnrich O Mallei
erhalten, ein Bucephalus.«
    »Was verlangt der Kerl für den Gaul?« fragte der junge Mann, der kein
Französisch verstand, ungeduldig. »Ich hoffe, er macht keine Umstände - mit zwei
Pfund ist die Mähre bezahlt.«
    »Ich habe bereits gesagt, Herr,« beugte der Tabuntschik vor, »dass meine
Knechte mit einem Transport Pferde auf dem Weg sind, zum Handel mit der Armee.
Es sind bessere Pferde dabei, als dies hier, das nur gut ist für einen alten
Tabuntschik, und das ich nicht verkaufen möchte, weil ich an seinen Gang gewöhnt
bin.«
    Dem Handel, dem der Rosshirt sich, trotz alles Widerspruchs, schwerlich auf
die Dauer hätte entziehen können, wurde durch das Herbeisprengen des Adjutanten
ein Ende gemacht.
    »Wo ist Major Ewelyn?«
    »Hier, Herr!«
    »Oberst Kennedi lässt Sie bitten, die beiden Gefangenen, die Französisch
sprechen, auf das Schleunigste zu ihm in's Hauptquartier zu schicken. Ich werde
sie begleiten.«
    »Hier sind die Beiden. - Besteigt Eure Pferde, Männer, und folgt diesem
Herrn. Ich hoffe, dass Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet, denn ringsum
stehen unsere Leute und Ihr würdet auf der Stelle niedergeschossen werden. - Ist
etwas Neues los, Sir?« wandte er sich auf Englisch wieder zu dem Offizier,
während der Tabuntschik und sein Begleiter ihre Pferde zäumten und bestiegen.
    Der Adjutant beugte sich zu dem Major nieder.
    »Es sollen wichtige Mitteilungen von Paris eingelaufen sein. Man munkelt
von einer Bewegung der Armee nach der andern Seite der Festung.«
    So leise er gesprochen, so hatte das scharfe Ohr des Tabuntschik die
Nachricht doch vernommen und es zog wie ein Wetterleuchten über das alte
verwitterte Gesicht. Er sass im Sattel:
    »Wir sind fertig, Gospodin!«
    »Vorwärts denn!« befahl der Adjutant.
    »Leben Sie wohl, meine Herren.«
    Sie trabten davon. Der Tabuntschik unterhielt sich unterwegs mit dem jungen
Griechen in seiner Sprache.
    »Ich habe eben gehört,« sagte er, »dass diese Engländer von einem Angriff auf
der Südseite sprachen. Mögen die Heiligen geben, dass wir ihnen entwischen, um
dem Fürsten diese wichtige Nachricht bringen zu können.«
    So kamen sie zum Gezelt des Marschalls St. Arnaud, in dem der Kriegsrat
versammelt war. Der Adjutant liess seine Begleiter am Eingang, wo eine grosse
Anzahl von Offizieren und Ordonanzen versammelt war, unter dem Schutz der
Wachen, um seine Meldung zu machen. Der scharfe Blick des Greises bemerkte
mehrere gleich ihnen gefangene Eingeborne des Landes, die von Wachen
herbeigebracht worden, offenbar, um befragt und verhört zu werden. Er winkte mit
einer bezeichnenden Geberde seinem jungen Gefährten, denn trotz der Menge, die
sich um das ziemlich grosse, aus drei Abteilungen bestehende Zelt bewegte,
herrschte eine grosse Stille, nur durch das Klirren der Waffen und die Schritte
der Schildwachen und der Ab- und Zugehenden unterbrochen.
    Sie hatten noch nicht lange gewartet, als Lord Cardigan, der Befehlshaber
der englischen Cavallerie, in Begleitung des Obersten Kennedi aus dem Zelt trat
und der Letztere sich suchend umschaute.
    »Ah, da sind meine Leute, Mylord,« sagte er, als sein Blick auf den
Tabuntschik fiel. »Hierher, Alter mit Deinem Sohn, und folge uns.«
    »Lassen Sie den jungen Mann zurückbleiben, Sir,« sprach der Lord. »Es wird
gut sein, wenn man Jeden einzeln befrägt.«
    Auf einen Wink des Generals musste Grivas bei den Pferden zurückbleiben,
während der Rosshirt den Offizieren in das Innere des Zeltes folgte.
    Die erste Abteilung war von mehreren Adjutanten und Stabsoffizieren
eingenommen, die auf Feldtischen Depeschen schrieben, während von Zeit zu Zeit
der Chef des Generalstabs, Brigadegeneral de Martimprei, aus dem Innern kam,
Befehle erteilend.
    Lord Cardigan schlug den dicken Teppichvorhang zurück, welcher den Eingang
in die mittlere grosse Abteilung des Zeltes bildete, und trat hinein, von dem
alten Tabuntschik gefolgt, der auf seinen Wink am Eingang stehen blieb.
    Rasch, gleich dem Blitz, überflog sein Auge die Versammlung.
    Am andern Ende des Raumes oder Gemaches lag auf einem mit Kissen bedeckten
Feldbett, in einen Soldatenmantel gehüllt, der Marschall Saint Arnaud, der
Obercommandirende des Landheers. Die Seuche hatte tiefe Spuren auf das
bleifarbene Antlitz des Generals gegraben, in tiefen dunklen Ringen lagen die
matten Augen, und mit Mühe hatte er den Kopf auf einen Arm gestützt, während der
Generalstabsarzt Dr. Bernielle seine Linke in den Händen hielt und von Zeit zu
Zeit dem Kranken einige Tropfen einer stärkenden Medizin reichte, oder ihn
ermahnte, sich nicht anzustrengen. Vor dem Bett des Marschalls stand ein grosser
Tisch, auf dem eine Karte der Krimm und ein ziemlich unvollständiger Plan der
Festung Sebastopol lag. Zur Linken des Tisches sassen der Prinz Napoleon und die
Generäle Canrobert, Bosquet und Forei, während auf der andern Seite Lord Raglan,
der Obercommandant der britischen Armee, kenntlich an dem fehlenden Arm, mit dem
Herzog von Cambridge und den englischen Generälen Brown, Lacy-Evans, England und
Catcart, nebst den Admirälen Dundas und Lyons Platz genommen. Eine grosse Anzahl
französischer und britischer Generäle standen um den Tisch her.
    »Mein Urteil,« sagte Lord Raglan eben, »kann hier nicht entscheiden, Sie
müssen wissen, Herr Marschall, wie weit Sie den Nachrichten, die der Kaiser
Ihnen sendet, trauen können. Wir stehen hier vor den Forts und ich kann mich von
dem Gedanken nicht trennen, dass ein rascher Angriff von der Land-und Seeseite
die Sache zur Entscheidung führen würde.«
    »Die Nordforts sind stark, Mylord,« sagte der französische Oberkommandant
mit matter Stimme, »wir würden unsere Truppen vergeblich opfern, wenn wir nicht
erst durch schweres Belagerungsgeschütz Bresche gelegt. - Unser Spion in Berlin
scheint vortrefflich unterrichtet; wir haben es in der Zahl der Truppen gesehen,
die uns an der Alma gegenüber standen.«
    Der Herzog von Cambridge nahm ein Papier vom Tisch. »Die Depesche ist so
verteufelt kurz, dass sie nur wenig Anhalt bietet. Der Angriff ist auf die
Südseite zu verlegen - zuverlässige Nachrichten über Berlin melden, dass dort die
Schwäche der Festung ist. Napoleon. - Voilà tout.«
    In diesem Augenblick beugte sich Lord Cardigan über den Tisch und sagte
einige Worte. Aller Augen wandten sich nach dem Eingang des Zeltes, wo der Greis
ruhig und anscheinend teilnahmlos stand.
    Der dicke Prinz Napoleon klemmte das Lorgnon in's Auge.
    »Ist das Ihr Gefangener, der Französisch spricht, Mylord Cardigan?«
    »Er ist es, Kaiserliche Hoheit, und ein so vorzügliches Französisch, wie Sie
nur in den Salons von Paris hören können.«
    »Ah, diese Russen sprechen alle sehr gut die Sprache der civilisirten Welt.
Aber der Kerl dort sieht mir keineswegs aus, als gehörte er zu den bevorzugten
Ständen.«
    »Treten Sie näher, Mann,« sagte der General Bosquet rauh. »Wir haben keine
Zeit zu Betrachtungen, sondern wollen ihn befragen. Wollen die Herren es
vielleicht tun, deren Gefangener er ist?«
    Lord Raglan antwortete höflich ablehnend mit einer Handbewegung, und der
französische General wandte sich sogleich wieder zu dem Rosshirten, der
unbefangen durch den Kreis der glänzenden Offiziere bis zu dem Tisch getreten
war.
    »Wie heisst Ihr, Freund, und was seid Ihr?«
    »Michael der Tabuntschik, General; wenn Sie den russischen Ausdruck nicht
verstehen, ein Rosszüchter und Rosshändler.«
    »Seid Ihr hier zu Hause? Es ist seltsam, dass Ihr bei Eurem niedern Stande so
fertig Französisch sprecht.«
    »Ich bin ein Franzose, wie Sie, General!«
    »Diantre - und hier in Russland? Ihr müsst ein alter Mann sein, Freund.«
    »Achtzig Jahre, Herr. Ich war Sergeant bei Manson's Kürassieren, wurde 1812
gefangen genommen und lebte seitdem in den Steppen oder den Gebirgen dieses
Landes, zuerst als Sclave, nach dem Tode meines Herrn auf eigne Hand.«
    »So seid Ihr bekannt mit der Umgegend von Sebastopol?«
    »Ich würde jeden Weg mit verbundenen Augen finden. Ich kenne jeden Stein des
Gebirges.«
    »Das wäre vortrefflich,« meinte der Prinz. »Wenn Sie Franzose sind, mein
Herr, werden Sie wissen, was Sie Ihrem Vaterlande und Ihren Landsleuten schuldig
sind und sich nicht weigern, uns einen wichtigen Dienst zu erzeigen.«
    »Ich bin ein alter Mann, Herr, und habe länger als vierzig Jahre in diesem
Lande gelebt,« meinte der Greis, »aber ich freue mich doch, am Rande des Grabes
unter Franzosen zu stehen und werde gern tun, was ich kann. Was wünschen Sie
von mir?«
    »Wir verlangen die Beantwortung einiger Fragen,« sagte General Bosquet.
»Zunächst, können Sie beurteilen, welcher Punkt im Süden von Sebastopol sich
für unsere Schiffe zu einer Landung eignen würde?«
    »Ei General, ich bin nicht Seemann, nur ein einfacher Soldat, aber da kann
wenig die Frage sein. Da wäre zuerst die Kamiesch-Bai.«
    »Sie liegt zu nahe für unsere Zwecke an der Festung!«
    
    »Nun, Parbleu! dann ist Balaclawa der rechte Ort, und ein verteufelt guter
Platz ist er, gegen die Stürme gedeckt, freilich ein Bischen eng -«
    »Ist der Ort stark verteidigt,« unterbrach der General ungeduldig die
anscheinende Geschwätzigkeit des Alten. - »sind die Festungswerke stark?«
    »Ei was denken Sie, General,« lachte der Greis, »da kennen Sie unsere Russen
schlecht. Als ich das letzte Mal dort war, sah ich vier eiserne kleine Kanonen,
und mit einer Compagnie Ihrer Grenadiere jage ich die ganze Besatzung zum
Teufel.«
    Die Generäle beugten sich über die Karte, um die Lage des bezeichneten Orts
zu prüfen, und Lord Raglan wechselte leise einige Worte mit dem Marschall. Dann
wandte er sich selbst zu dem Rosshirten.
    »Wie weit ist Balaclawa von Sebastopol entfernt?«
    »Dreizehn Werst oder drei Lieues, wenn Sie das lieber wollen, Herr.«
    »Wie ist das Terrain beschaffen?«
    »An der Küste Felsen und Schluchten, Herr, dann hebt es sich zum Plateau und
senkt sich, von Höhlungen durchschnitten, nach Sebastopol hin.«
    »Ist es möglich, um das Ende der Bai von Sebastopol mit einer Armee bis
Balaclawa vorzudringen, ohne mit der Festung in Berührung zu kommen?«
    Er herrschte lautlose Spannung auf diese Frage. Ein Blitz von Hohn und
Freude zuckte in den Augenwinkeln des Alten, doch nur einen Gedanken lang. Dann
lachte er heiter und sagte:
    »Ei General, wir Hirten der Gebirge kennen die Wege. Ihr könnt, wenn Ihr die
Leuchttürme umgeht und die Gebirge zwischen Mekensyr und den Ruinen von
Inkermann durchschneidet, an der Tschernaja-Brücke die Talschlucht gewinnen und
vor Balaclawa stehen, ohne dass eine Katze in der Festung Euren Marsch bemerkt,
wenn sie hier nicht aufmerksam gemacht werden.«
    Wiederum wurden leise einige Worte zwischen den beiden Ober-Commandirenden
gewechselt, dann befahl Lord Raglan, den Tabuntschik für einen Augenblick
abtreten zu lassen, aber sorgfältig zu bewachen, dass er mit Niemand ein Wort
wechsele.
    Die Beratung der Generäle war jedoch nur kurz und der Tabuntschik wurde
bald wieder herein geholt.
    »Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz Napoleon,« sagte General Bosquet, »hat
Sie bereits an Ihre französische Abstammung und die Pflichten derselben
erinnert. Was Sie tun, tun Sie dem Erben des grossen Kaisers. Es liegt uns
daran, die Armee nach der Südseite der Festung zu führen, womöglich nach
Balaclawa. Wollen Sie uns als Führer dienen, Mann, so soll Ihnen eine reiche
Belohnung zu Teil werden. Im andern Fall müssen Sie in strenger Haft bleiben,
denn Sie haben zu viel gehört, um Sie gehen lassen zu können.«
    Der Tabuntschik schüttelte den Kopf.
    »Ihre Drohung kann mich nicht schrecken, Herr, so wenig wie Ihre Versprechen
mich reizen. Ich bin ein alter Mann, Herr, und hänge nicht am Leben. Aber ich
habe nicht vergessen, dass Frankreich mein Vaterland ist, und bin bereit, Ihnen
auf Gefahr meines Kopfes den Weg durch die Gebirge nach Balaclawa zu zeigen,
wenn Sie mir gestatten wollen, zugleich meine Interessen zu besorgen, damit ich
nicht zu Schaden komme.«
    »Wie meint Ihr das, Freund?« fragte der Herzog von Cambridge.
    »Ich bin ein Pferdehändler, wie Sie wissen,« sagte der Alte, »und komme aus
der Steppe jenseits Perecop mit 300 mutigen Tieren, dir um eine Tagereise
hinter mir zurück sind. Wenn ich Ihnen den Weg zeige, fallen die Tiere in die
Hände der Russen, und ich möchte dann nicht wagen, bei diesen mein Eigentum
fordern.«
    »Wir werden sie Ihnen abkaufen oder den Wert vergüten.«
    »Ich bin ein Kaufmann, General, und lebe vom ehrlichen Handel. Wenn Sie
wollen, dass ich Ihnen diene, so lassen Sie mich meinem Eigentum entgegensenden
und meinen Leuten Anweisung geben, die Pferde in Ihr Lager zu bringen.«
    »Das geht unter keinen Umständen,« sagte Bosquet rauh; »der Mann darf mit
Niemand mehr verkehren.«
    Der alte Rosshirt lächelte spöttisch.
    »Dann, General, erlauben Sie mir, dass ich mir wenigstens den Markt bei
meinen neuen Landsleuten, den Russen, nicht verderbe.«
    Es entstand eine kurze Pause. Der Greis hatte das Ansehen eines so
entschlossenen Charakters, dass ein Jeder begriff, Drohungen wären hier
vergeblich.
    »Fragen Sie den Mann,« stöhnte der Marschall, »wie er die Sache ausführen
will.«
    Der Tabuntschik trat einen Schritt näher zu dem Tisch.
    »Ihr Misstrauen sollte mich kränken,« sagte er ruhig und ernst, »doch ich
will Ihnen selbst ein Mittel vorschlagen, unsere Interessen zu vereinigen.
Draussen steht mein Enkelsohn, der mit mir gefangen wurde. Er versteht unsere
Sprache, weiss aber natürlich Nichts von dem Dienst, den ich Ihnen leisten soll.
Lassen Sie ihn herein kommen, geben Sie ihm sicheres Geleit durch Ihre Posten
nach Eupatoria hin bis zum Weg nach Symferopol, und ich werde ihm hier in Ihrer
Gegenwart seinen Auftrag erteilen. Sie selbst mögen hören, ob ich ihm mit einem
Wort das Geheimnis verrate. Ueberdies bleibe ich ja in Ihren Händen und Sie
mögen mein Leben nehmen, wenn ich Sie täusche.«
    
    Nach einer kurzen Beratung der Führer willigte man in den Vorschlag und
liess den Griechen herein führen.
    »Kennst Du diesen Mann?«
    »Er ist mein Grossvater, Herr.«
    »Wohl, sagen Sie ihm Ihren Auftrag.«
    Der Tabuntschik wandte sich zu dem jungen Mann und sah ihn fest und ruhig
in's Gesicht. Zu seinem Staunen bemerkte Nicolas, dass der Greis langsam und ohne
aufzufallen das Erkennungszeichen der Hetärie machte und begriff im Augenblick,
dass die Unterredung eine doppelte Bedeutung haben werde und seine höchste
Aufmerksamkeit fordere.
    »Du weisst ungefähr, wo Du unsere Pferde treffen wirst, Sohn?«
    »Ja, Grossvater.«
    »Wohl. Du sollst ihnen entgegen gehen, indes ich bei diesen Herren
zurückbleibe. Sie haben die Pferde gekauft und Du sollst sie zu ihnen führen. Du
musst Dich eilen, damit die Knechte sie nicht nach Baktschiserai bringen, denn
dort wären sie für uns verloren. Morgen früh, wenn Du Deine Sache gut machst,
können die Rosse bei uns sein.«
    »Welchen Weg muss ich nehmen, Grossvater?«
    »Geh' über die Katscha zurück und wende Dich rechts in die Berge. Erinnere
Dich der Stelle, die ich Dir heute Morgen bezeichnete. Dort warte, sie müssen da
vorüberkommen oder rasten, wie wir ausgemacht haben.«
    »Aber, Du Grossvater, wo bleibst Du?« Es lag aufrichtige Besorgnis in dem
Auge des jungen Mannes.
    »Um mich kümmere Dich nicht, Kind, ich werde diese Herren nicht verlassen,
und wir treffen, so die Heiligen wollen, morgen wieder zusammen. - Ich bin
fertig mit meinem Auftrag. Sind Sie zufrieden damit, so geben Sie dem Knaben
sein Geleit.«
    Der französische General, der dem Marschall zunächst sass, unterzeichnete
einen Pass durch die Vorposten.
    »Lassen Sie den Burschen durch einen Offizier bis über die Posten jenseits
der Katscha begleiten und ihn sogleich sich auf den Weg machen, General Vinoy.«
    Der Genannte trennte sich von der Gruppe und winkte der verkappten Griechen,
zu folgen.
    »Noch Eines,« sagte mit unbefangenem Ton der Tabuntschik. »Nimm den Buruk,
Kind, er hat einen guten Gang durch die Gebirgswege.«
    Grivas machte das Zeichen des russischen Grusses. Einen Moment lang streifte
verstehend sein Blick das feste, klare Auge des Greises, dann folgte er dem
General aus dem Zelt.
    Der kranke Marschall erhob sich mühsam und mit Unterstützung des Arztes in
sitzende Stellung.
    »So ist es denn beschlossen, wir gehen nach der Südseite, und ich schlage
Ihnen vor, um Mitternacht aufzubrechen,« sagte er mit Anstrengung seiner Stimme.
»Es wird nötig sein, dass ein Teil der Armee hier zurückbleibt, um die Russen
über unsere Bewegung zu täuschen und sich hier mit allem Gepäck einzuschiffen.
Ich werde den Zug mit Ihnen machen, meine Herren - aber - ich fühle bei aller
Anstrengung, dass ich nicht im Stande sein werde, den Pflichten meines Commando's
zu entsprechen und bin gezwungen, es - einstweilen niederzulegen. Ich schlage
Ihnen - - -«
    Der General an seiner Seite, der vorhin den Pass unterzeichnet hatte, legte
leise die Hand auf seinen Arm.
    »Erlauben Sie, Herr Marschall, dass ich Sie unterbreche,« sagte er
aufstehend. »Seine Majestät der Kaiser Napoleon hat in weisem Vorbedacht eines
so unglücklichen Falles, der uns Ihrer Führung beraubt, die Gnade gehabt, mich
unverdienter Weise mit dem Oberbefehl der Armee zu beauftragen.«
    »Sie haben also eine geheime Ordre, General Canrobert?« fragte der Kranke
heftig.
    »Einen Kaiserlichen Handbefehl,« entgegnete der General, indem er ein Papier
aus seinem Portefeuille nahm und auf den Tisch legte. »Hier ist er.«
    Der Marschall griff krampfhaft danach und sah das Dokument einige
Augenblicke an, dann schweifte sein Blick zu dem Prinzen hin, während seine
schlaffen Mienen eine gewaltige Anstrengung sich zu beherrschen ausdrückten.
    »Parbleu!« flüsterte er mit halb erstickter Stimme. »Ihr Oheim, Monseigneur,
ist ein vorsichtiger Herr!« Er sank in die Kissen zurück.
    »Mein Gott!« rief der Herzog von Cambridge, »der Herr Marschall ist
ohnmächtig!«
    Während sich der Arzt mit dem Kranken beschäftigte, wandte sich General
Canrobert mit höflicher Verbeugung zu dem britischen Oberbefehlshaber:
    »Wenn es Ihnen gefällig ist, Mylord, treffen wir sogleich die Bestimmungen
und Anstalten für den Aufbruch der Armee.«
    Der junge Grieche hatte vollkommen die Worte seines greifen Gefährten
begriffen und den Grund, aus welchem er ihm sein eigenes Pferd zuwies. Er musste
dasselbe sogleich bei seinem Austritt aus dem Zelt besteigen und unter
Begleitung eines Offiziers der Spahi's seinen Weg antreten. Obschon er mit dem
Lande selbst wenig bekannt war, hoffte er doch bald, wenn er erst aus dem
Bereich der Postenkette der alliirten Armee war, auf einen russischen Posten
oder wenigstens auf Eingeborne zu stossen, die im Stande wären, ihm den Weg zu
zeigen. Auf die vom Tabuntschik ihm gerühmten Eigenschaften des Steppenpferdes
vertrauend, berechnete er, dass selbst von jenseits der Katscha ein scharfer Ritt
ihn um Mitternacht nach Sebastopol bringen konnte. Wohl dachte er daran, sich
schon früher seines in echt französischer Manier schwatzenden und ihn ziemlich
verächtlich behandelnden Begleiters zu entledigen, und es hätte ihm auch
keineswegs an Mut zum Versuch der Tat gefehlt, doch lehrte ihn ein Blick auf
die kriegerische gewandte Gestalt und Haltung des afrikanischen Cavalleristen,
dass er keinen geringen Gegner zu bekämpfen haben würde, und er überlegte, dass
ein Missglücken des Versuchs, ja selbst ein unberechenbarer Zufall beim Siege
einen der zahlreich umher verstreuten und auf der Strasse nach Eupatoria hin- und
herpassirenden Trupps feindlicher Krieger herbeiführen und die Ausführung seiner
wichtigen Mission verhindern konnte. Er fühlte, dass nur kaltes Blut und List ihm
helfen müsse, und dass sein Leben der Aufgabe gehöre, der er sich gewidmet hatte.
    Der Abend dunkelte bereits, als sie die Katscha überschritten hatten. Hier
erklärte der Grieche seinem Begleiter, dass er sich zur Erreichung seines Zweckes
rechts auf die Strasse nach Aramkoi wenden müsse, und da der Offizier nur Ordre
hatte, ihn über den Fluss hinaus zu bringen, auch an dem schweigsamen Mann wenig
Gefallen fand, übergab er ihn einer türkischen Patrouille, die ihn bis über die
äussersten Linien der Vedetten nach Osten hin bringen sollte und wandte sein
Pferd zur Rückkehr.
    Nicolas Grivas, indem er neben seinen neuen Begleitern herritt, bemerkte,
dass er hier im Bereich der türkischen Reserven war, die zum Teil noch an der
Alma lagerten. An zwei Stellen musste er den Passirschein des Generals vorzeigen,
und obschon die türkischen Offiziere, die ihn anhielten, kein Wort davon lesen
konnten, hielt der französische Adler auf dem Papier sie doch in Respekt und man
sandte den Reiter von Posten zu Posten weiter.
    Es war ein grosses Bergplateau, auf dem, nach der Aussage des ihn
begleitenden On-Baschi's, der letzte Reiterposten der Türken stand und mit
ungeduldig klopfendem Herzen sah Nicolas Grivas ihn jetzt vor sich.
    Es war einer jener milden September-Abende, die in der gemässigten Zone
überall schön, in diesen Himmelsbreiten etwas unbeschreiblich Köstliches haben.
Von dem hohen Bergplateau aus überflog der Blick den im Sternengefunkel, jener
so eigentümlich prächtigen Erscheinung der Südländer, ruhenden unendlichen
Meeresspiegel, an dessen fernem Horizont noch einzelne jener rot violetten und
bläulichen Farbentöne auftauchten, die den Sonnenuntergang begleitet hatten,
Farben, wie wir sie im Norden niemals auf Himmel und Erde schauen. Im Westen des
Plateau's erhoben die Bergketten, in deren Mitte die alte Tartarenhauptstadt
liegt, ihre dunklen Wände, - der Duft des Tymian und Lavendels, welcher den
Boden bedeckte, aus dem hier und da sich ein wilder Feigenbaum oder die
Korkeiche mit ihren breiten Aesten erhob, flog mit dem frischen Seewind über die
Ebene; in weiter Entfernung von einander leuchteten, gleich riesenhaften
Glühkäfern, die Feuer der Posten und Wachen bis zur Alma hin.
    An einem solchen Feuer am Eingang einer Schlucht, die von Olivenbäumen
bewachsen war, lagerte der äusserste Posten der Moslems, und an den wilden
phantastischen Gestalten, ihrer Kleidung und Bewaffnung erkannte der Grieche,
dass die Krieger zu jenen türkischen Freischaaren gehörten, deren Wiedersehen in
seiner Erinnerung mit einem dämonischen und dennoch so schönen Bilde sich
verknüpfte.
    Wilde Blicke starrten ihn an und manche nervige Faust fasste beim Anblick der
verhassten russischen Tracht nach dem Pistolenkolben oder dem Handjar im
Leibbund; doch des On-Baschi's Benachrichtigung, dass der grosse Pascha der
Franken den Fremden unter seinen Schutz genommen und dieser in seinem Auftrag
reise, zähmte die rachsüchtigen Begierden und die Bozuks warfen sich wieder am
Feuer nieder.
    Der junge Mann hatte eben dem On-Baschi, welcher ihn hierher geleitet, den
verlangten Baktschis gegeben und wandte sein Pferd, um durch die Schlucht davon
zu galoppiren, denn er fürchtete mit Recht, dass ihm einer oder der andere der um
ihn lagernden Halunken, die bei der Erteilung des Trinkgeldes mit lüsternen
Augen seinen Geldbeutel angesehen, im Dunkel eine Kugel nachsenden möchte, als
von dorter selbst Hufschlag erscholl und er eine herauskommende Reitergruppe
bemerkte, die sich rasch näherte.
    Ein grosser Molosserhund, den vergoldeten Sammetreif um den Hals, sprang der
Gruppe voraus, die aus einer türkischen Frau und etwa zwanzig arabischen und
albanesischen Kriegern bestand. Neben der Türkin ritt, in lange weisse Gewänder
gehüllt, auf prächtigem weissem Pferd ein arabischer Scheik, wie der hohe
Reiherbusch auf seinem Turban zeigte.
    Plötzlich hielt der Molosserhund in seinen Sprüngen an, hob die Nase in die
Luft und stiess ein lautes Gebell aus, indem er mit weiten Sätzen auf den
Griechen zustürzte, an dem Pferde emporsprang, dem Reiter die Füsse leckte und
sich wie toll geberdete.
    Der Ruf »Scheitan! hierher!« scholl aus der Gruppe, ohne dass der Hund darauf
hörte.
    Bleich wie der Tod sass der Grieche im Sattel, er hatte den Hund erkannt, er
hatte die trotzige Stimme vernommen, die se oft schmeichelnd und demütig in
unsäglicher Liebe seinen Namen genannt.
    Fatinitza war dort - Fatinitza, die Rächerin - la Vengeresse!
    Er sah, wie sie mit dem Emir Abdallah näher und näher kam, erstaunt über das
Gebahren des Hundes, - er hörte, wie sie die Männer der Wache nach ihm fragte, -
er fühlte, wie sich die Augen des Mädchens auf ihn richteten, - seine Sinne
wirbelten, seine Besonnenheit, fast sein Bewusstsein verliess ihn, er beugte den
Kopf bis auf die Mähne seines Pferdes und presste ihm die Sporen tief in die
Seiten, dass es in weitem Satz davon sprang und wie rasend durch die Reitergruppe
hindurch die Schlucht hinunter schoss.
    Einen wilden Schrei hörte er hinter sich und den Ruf des Weibes: »Ihm nach,
Abdallah, bei Deinem Ring! Lebendig! lebendig bringe ihn!« Dann donnerten die
Hufe der wilden Schaar hinter ihm drein, dann hörte er das gellende
Kampfgeschrei der Söhne der Wüste, die Befehle, welche die Reiter rechts und
links von der Schlucht zur Seite jagten, um ihm den Weg abzuschneiden. Als er
wieder das Freie gewonnen, schien das ganze weite Plateau hinter ihm und um ihn
lebendig geworden zu sein. Hundert dunkle Schatten stürmten gleich Gespenstern
über die Fläche daher - das wilde Geschrei der Verfolger heulte wie der Jubelruf
von tausend Dämonen um ihn.
    Er gedachte der Wichtigkeit, die sein Leben, seine Freiheit in diesem
Augenblick für eine grosse Nation, für die Hoffnung und Errettung seines eignen
Volkes hatte; - er schauderte bei dem Gedanken, in die Hände der Eumenide zu
fallen, die sich an seine Fersen geheftet; - er betete zu Gott und den Heiligen,
dass sie seinem Pferde die Flügel des Windes verleihen, die Augen seiner
Verfolger mit Nacht bedecken möchten, und in dem Allen, in dem tobenden Aufruhr
seiner Seele, von Furcht, Hoffen und Verzweiflung, fielen ihm die Worte des
greisen Tabuntschiks ein, und er beugte sich zu dem Ohr des Pferdes und
flüsterte: »Pascholl, Liebling!«
    Und das Ross der Steppe griff in weiten Sprüngen aus, und über Fels und Stein
flog mit ihm wie der Sturmwind der wilde Hengst, seine Verfolger weit hinter
sich lassend.
    Aber Einer war da, - den das Ross der Steppe nicht zu besiegen vermochte:
Abdallah mit der weissen Stute Eidunih aus dem Geschlecht der Nedjhi - mit
Eidunih, die an Schnelle mit dem Flügelross des Propheten zu wetteifern
vermochte, und als der Grieche das Haupt wandte und das weisse arabische Pferd
hinter sich d'rein kommen sah, da wusste er, dass er verloren war; hatte er es
doch selbst erprobt bei der Flucht zu der Kula von Protopapas!
    Er fasste das Pistol, das er in der Brusttasche unter dem Kaftan trug und
spannte den Hahn, um seine Freiheit so teuer als möglich zu verkaufen. Aber der
Emir, sein Verfolger, schien nicht gewillt, den Vorteil zu benutzen, vielmehr
bog er zur Seite ab, und dann erst liess er seinem Renner die Zügel schiessen, der
ihn in wenig Augenblicken weit über den Verfolgten hinausbrachte. Dadurch zwang
er ihn, von der graden Richtung abzuweichen und sich zur Seite zu wenden; dies
Manöver wiederholte der Sohn der Wüste einige Male, und ehe sich's der Grieche
versah, war er ganz von seinem Wege entfernt und in einen weiten Kreis seiner
Verfolger zurückgedrängt.
    Vergebens kämpfte das mutige Steppenpferd um den Sieg, von allen Seiten
tauchten die Gegner empor und sprengten gegen den jungen Mann. Noch einen
Versuch machte er, das Gebirge zu gewinnen, indem er durch den Ring hindurch zu
brechen versuchte und sein Pistol auf den Araber abschoss, der sich ihm
entgegenwarf - im nächsten Augenblick aber sah er einen weissen Burnus, ein
weisses Ross an sich vorüberschiessen, eine Lanze wirbelte, von kräftiger Hand
geschwungen, durch die Luft und traf ihn mit so grosser Gewalt, dass er bewusstlos
vom Pferde stürzte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als Nicolas Grivas wieder zu sich kam, empfand er durch die Art seiner Lage
und der Bewegung, dass er über ein Pferd geworfen, von diesem fortgetragen wurde.
Seine Hände und Füsse waren gebunden, sein Kopf mit einem Tuche bedeckt, so dass
er nicht sehen und selbst nur mit Mühe atmen konnte. Dennoch fühlte er an dem
schärfern Hauch des Seewindes, dass der Zug, der sich stumm und rasch vorwärts
bewegte, seine Richtung nach dem Gestade des Meeres nahm.
    Die Verzweiflung des jungen Mannes war gränzenlos - zu seiner Ehre müssen
wir sagen, dass die Vereitelung seines wichtigen Auftrags, welcher die Rettung
Sebastopols, die Vernichtung der alliirten Armee in sich schloss, ihn tiefer
bewegte, als die eigene persönliche Gefahr. Dennoch war auch diese nicht gering,
er kannte den Character und die Energie des wilden Türkenmädchens und machte
sich bereit, zu sterben.
    Das vermehrte Geräusch von Pferden und der Ton von Stimmen, die sich
unterredeten, benachrichtigte ihn, dass der Trupp sich einer grossen Schaar
angeschlossen hatte. So ging es noch eine kurze Strecke weiter, dann machte der
Zug plötzlich Halt und er wurde hart, gleich einer leblosen Masse, auf den
Felsboden geworfen.
    Einige Augenblicke noch dauerte das Geräusch fort, dann entfernten sich die
Reiter, doch fühlte er, dass der Hund in seiner Nähe geblieben war. Vergeblich
blieben all' seine Anstrengungen, seine Hände zu befreien und die Hülle von
seinem Gesicht zu entfernen, die Bande waren fest und nach mehreren Versuchen
ergab er sich in sein Schicksal.
    Zwei Stimmen in seiner Nähe unterredeten sich, er erkannte die klaren
scharfen Töne des Weibes, dessen Vertrauen er getäuscht, in dessen Händen er
sich jetzt befand, und die tiefe wohllautende Gutturalsprache des jungen
arabischen Scheiks.
    »Was willst Du mit dem verachteten Dschaur tun, Tochter des Propheten?«
hörte er den jungen Krieger sagen. »Bei der schwarzen Kaba von Mekka! lass' mich
einen Stoss mit dieser Klinge nach dem Herzen des Moskows tun und er hat, was
ihm gebührt. Der Aga des grossen Frankenmuschirs hat uns den Befehl gebracht,
vorwärts zu gehen und wir müssen ihm gehorchen!«
    »Geh'! ich halte Dich nicht!«
    Die Worte des Arabers hatten dem Griechen gezeigt, dass die Wölfin von Skadar
das Geheimnis seiner Person bewahrt, und frische Lebenshoffnung schwellte auf's
Neue seine Brust.
    »Ich kann Dich nicht hier zurücklassen am Strande des tückischen Meeres,
blutige Blume von Skadar,« sagte der Emir. »Deine Männer harren auf Deinen
Befehl, dass Du sie gegen die Ungläubigen führst - Gehorsam ist die Zierde des
Kriegers und die Fahne des Propheten ist entfaltet. Lass' uns den Mann tödten und
weiterziehen.«
    »Kennst Du diesen Ring, Emir Abdallah Ben Zarujah?«
    »Mashallah! bei dem Bart meines Vaters, dessen Gebeine in der Wüste von
Yemen ruhen, - wie sollte ich ihn nicht kennen? Er ist ein Talisman meines
Stammes und ich gab ihn Dir für Eidunih, mein Lieblingspferd, unter dem
Feigenbaume von Dervendzista. Jedes Glied des Stammes der Zarujah wird gleich
dem Blinden dem Willen Dessen gehorchen, der diesen Ring ihm zeigt.«
    »Wohl, Emir Abdallah - so gehorche Du selbst und löse mit diesem Gehorsam
den Ring aus, den meine Hand Dir hier zurückgibt.«
    Der Araber, den Ueberlieferungen seines Volkes getreu, beugte sein Haupt,
indem er den Talisman aus den Händen des Mädchens nahm.
    »Was befiehlst Du, dass ich tue?«
    »Dieser Mann ist Dein Gefangener, Deine Lanze warf ihn vom Pferde. Gieb mir
ihn und das Recht über sein Leben.«
    »Der schmuzige Moskow ist ein schlechtes Geschenk - nimm ihn und tue mit
ihm, wie Dir gefällt. Bei dem Sarge des Propheten, der zwischen Himmel und Erde
schwebt, - was kann der fremde Mann Dich kümmern?«
    »Emir Abdallah,« sagte das Mädchen mit tiefem Ton, - »das Geschäft mit
diesem Mann ist mein. Du hast mir Gutes erwiesen, als Asche auf meinem Haupte
und der Fluch meines Vaters über mir war. Möge er in den Freuden des Paradieses
wandeln! Du hast Dein Antlitz mir freundlich zugekehrt, als wir uns wiederfanden
auf den Schiffen, die uns von Varna an dies Gestade führten, und Fatinitza,
Selim's Tochter, ist Deine Schuldnerin. Jetzt, bei der Mutter, die Dich gebar,
höre meine Bitte: besteige Dein Ross Eidunih und führe Deine Schaar und die
meine, wohin uns geboten ist. Das Geschäft, das ich mit diesem Gefangenen habe,
duldet keine Zeugen.«
    Der Emir bestieg schweigend sein Pferd.
    »Du wirst uns folgen, schwarze Rose des Epirus?«
    »Ich - folge Dir!«
    »Dieser Sclave könnte Dir gefährlich werden, wenn Du allein bist. Lass einige
Deiner Krieger bei Dir bleiben.«
    Das Weib lächelte verächtlich.
    »Bin ich Fatinitza oder nicht? Ueberdies ist Scheitan bei mir - doch hegst
Du Besorgnis, so lasse fünf meiner Albanesen dort unten auf mich harren, dass sie
den Knall meiner Pistole hören können, ohne dass ihr Auge mich zu bespähen
vermag. Emir Abdallah, geh' - und der Prophet begleite Dich.«
    Der Araber schwenkte die Hand zum Zeichen seines Gehorsames und seines
Grusses, dann wandte er sein Pferd und galoppirte davon.
    Jetzt wusste Nicolas, dass er mit Fatinitza allein war! - -
    Nach einer Pause von einigen Minuten wurde das Tuch von seinem Haupte
entfernt. Er erhob sich auf die Knie und schaute um sich.
    Es mochte nahe an Mitternacht sein nach dem Stande der Sterne, die bleiche
schmale Sichel des Neumonds erhob sich eben über die Gebirge im Osten und warf
ihr gespenstiges Licht über Fels und Meer.
    Das Letztere brandete in weissem Schaum zu seinen Füssen Er fand sich auf
hohem Felsenufer am Ausfluss der Katscha - kaum drei Schritt von ihm entfernt
fiel die Klippe fast senkrecht zum Meere hinab.
    Er wandte sein Auge nach der andern Seite, - dort stand die schlanke Gestalt
des Weibes, das ihn einst so heiss geliebt, und der Nachtwind spielte mit ihren
weiten dunklen Gewändern, und der bleiche Mondstrahl lag auf ihrem noch
bleicheren Gesicht, von dem sie den Yaschmak aus schwarzen Schleiern abgerissen.
So stand sie, die Arme gekreuzt, das dunkle dämonische Auge auf ihn gerichtet,
und zu ihren Füssen kauerte Scheitan, der riesige Molosserhund.
    »Fatinitza!«
    Der Name entfloh seiner keuchenden Brust, - ein Klang der alten Liebe, - die
Angst - das Grauen mischten sich in den Ruf.
    Die Türkin neigte verächtlich den Kopf.
    »Du irrst, Nicolas Grivas - nicht Fatinitza, die Wölfin von Skadar, steht
vor Dir - sie starb im Turme von Protopapas - die Rächerin ist es, wie jene
Franken sie nennen, die vor Dir steht.«
    »Fatinitza, höre mich an ...«
    »Zwei Mal, Nicolas Grivas, habe ich Dich gewarnt, in den Kreis meiner Augen
zu treten. Das erste Mal in jener Kula an den Leichen Deiner Gefährten, - das
zweite Mal in Varna, als Du verkleidet standst unter Tausenden der Meinen. Jetzt
kommst Du zum dritten Mal in den Bereich meines Atems - Du musst sterben!«
    »Höre mich, Fatinitza,« sagte mit milder Stimme der junge Mann, »ich bin
nicht feig, ich fürchte den Tod nicht, und er soll mir willkommen sein von
Deiner Hand, die ich schwer gekränkt, die um mich gelitten, obschon - so wahr
ein Gott über uns ist in dieser Stunde - ich nach Glaube und Pflicht nicht
anders handeln konnte. Ich will sterben, aber ich flehe Dich zuvor um Eines -
bei der Wonne, die ich einst an Deinem Herzen getrunken - bei den Tagen voll
Glück, die ich an Deiner Seite verlebt - bei Deiner Liebe zu mir, deren
Gedächtnis keine Schmach und Rache verlöscht in dem klopfenden Herzen - um Eines
flehe ich Dich - -«
    Das Weib sah ihn starr an.
    »Was willst Du von mir?«
    »Meine Ehre ist verpfändet, mein Name gebrandmarkt, wenn ich diese Nacht
nicht Sebastopol erreiche. Noch ist es Zeit - noch kann die verdoppelte Eile das
Versäumte ersetzen - Weib - Teufel - Dämon - Ewiggeliebte - sende mich nach
Sebastopol, und ich schwöre Dir bei meinem Seelenheil, ich stelle mich morgen
Dir freiwillig als Dein Opfer.«
    Er rutschte auf den Knieen zu ihr, er streckte die gefesselten Hände zu ihr
empor, er lag vor ihr - verzweifelnd, flehend - von dem Hauch ihres Mundes
Gewährung heischend - der kräftige Mann ein verächtliches Rohr in der Hand des
Weibes, der Staub unter ihrer Sohle.
    »Denkst Du an den Turm von Skadar, Nicolas Grivas, und wie Fatinitza's
Liebe Dich aus Deinem Kerker geholt?«
    Er beugte das Haupt:
    »Ich gedenke dessen, o Fatinitza!«
    »Als die Kugeln sausten und die Schwerter blitzten vor der Kula des
Popowitsch Gradjani - gedenkst Du der Stunde, als die Wölfin von Skadar, die
Tochter des Propheten, den Feind ihres Volkes und ihres Glaubens aus den Armen
Azraëls gerettet, des Todesengels und geführt zu der Insel im See?«
    »Barmherzigkeit, Weib - mit Flammenschrift ist es eingegraben in diesem
Herzen!«
    »Kennt Grivas, der Grieche, den Kiosk am See von Skadar, wo Fatinitza seine
Wunden geheilt? die dunklen Wellen des See's, auf denen der Verräter einst
geflohen und die das Geheimnis zu wahren jetzt über den Leichen der drei Sclaven
fluten, die den Kranken bedient im Kiosk!?«
    Nur das Stöhnen des Mannes antwortete ihr.
    »Wie der Pelikan mit seinem Herzblut das Junge nährt,« fuhr die Türkin
eintönig fort, »also nährte Fatinitza an ihrem Herzen die Schlange, deren Gift
sie verderben sollte. Tausend Eide schwor er ihr, während sie mit Gefahr ihres
Lebens den greifen Vater hinterging und seinen Bitten trotzte; - und als die
Stunde der Prüfung gekommen, da warf er sie fort wie ein geknicktes Rohr und
floh zu seinen Freunden und lud den Fluch und den Tod des Vaters auf ihr
verbrecherisches Haupt.«
    »Dein Bild, Fatinitza, hat mich aus dem Lande meiner Väter über Land und
Meer gejagt!«
    »Sie liebte ihn - und er stiess den Dolch des Undanks und der Schande zwei
Mal in ihre Brust! Sie liebte ihn und gab ihr Leben für ihn, und er erschlug ihr
den Vater und warf ihren Leib, der sein eigen geworden, den Lüsten seiner
Krieger vor! - Fluch - Fluch - dreifacher Fluch über Dich, Nicolas Grivas! die
Stunde ist da, es ist Zeit, unsere Rechnung zu schliessen!«
    Stumm - lautlos - lag er vor ihr im Staube.
    »Du musst nach Sebastopol, Nicolas Grivas?« fragte plötzlich die Türkin.
    »Lass mich dort hin, oder tödte mich zur Stelle! Meine Ehre ist verpfändet.«
    Sie blickte kalt und ruhig auf ihn herunter und ein leichter Hohn zuckte um
ihren Mund. »Ich will Deine Bande durchschneiden, wandere durch die Gebirge zu
der Stadt Deiner Freunde - auf Dein Haupt komme die Gefahr.«
    Sie bückte sich und hatte, ehe er es noch bemerken konnte, die Fessel an
seinen Füssen durchschnitten.
    »Geh - Du bist frei!«
    Er versuchte aufzustehen, aber taumelte; die Stricke hatten seine Füsse so
fest zusammengeschnürt, dass sie ohne Empfindung waren. Auch fühlte er, dass der
Schlag des Lanzenschafts, der ihn zu Boden gestreckt, seinen Kopf noch immer
betäubte.
    »Allmächtiger Gott - ich kann nicht! Wie vermöchte ich Sebastopol zu
erreichen ohne Pferd - ohne Mittel durch die Schaaren der Deinen zu dringen!«
    Wiederum stand sie vor ihm mit gefalteten Armen und schaute mit Hohn auf den
Griechen.
    »Nicolas Grivas - die Geschändete, Verfluchte will Dich bis vor den Ort
bringen, wohin Du verlangst, wenn Du ihr folgen willst - sie will Dich zur
Stelle führen, noch ehe der erste Morgenstrahl über jene Gebirge dämmert. Willst
Du ihr folgen?«
    »Fatinitza - Retterin in der Not - Du giebst mir doppelt das Leben zurück!«
    »So harre meiner hier - indes ich die Vorbereitungen treffe. Zu dem Ziel,
das wir zusammen erreichen wollen, liegt dort der Weg!«
    Ihre Hand deutete nach dem Meer - dann glitt sie gewandt und leicht den
Abhang hinunter und war im Augenblick verschwunden.
    Der junge Mann hatte sie begriffen. Konnte er an der Küste hin in einem Boot
den Eingang der Bai von Sebastopol oder eines der Forts erreichen, und das
konnte in zwei, höchstens drei Stunden geschehen - so war keine Zeit verloren,
sein Auftrag erfüllt und die Armee der Feinde in den Schluchten der Tschernaja
verloren.
    Es verging eine Viertelstunde, die dem jungen Mann zur Ewigkeit wurde. Er
versuchte auf dem Felsplateau hin und her zu gehen, doch wenn er sich dem Abhang
näherte, an dem Fatinitza verschwunden war, fand er Scheitan, den Molosserhund,
ihm den Weg versperrend.
    Endlich erschien die Türkin wieder und winkte ihm schweigend zu folgen. Sie
führte ihn hinunter zum Strand, der einsam und verlassen war und in dem in einer
Buchtung des Flusses ein Ruderboot schaukelte. Der kleine Mast war eingesetzt,
leicht flatterte das Segel daran im Nachtwind.
    »Steig' ein, Nicolas Grivas,« sagte das Mädchen, »unsere Zeit ist gemessen.«
    Er hielt ihr die noch gefesselten Hände entgegen.
    »Willst Du die Bande nicht lösen, Fatinitza? - ich verstehe mich auf das
Rudern.«
    Sie neigte verneinend das Haupt.
    »Du bist der Feind meines Volkes und ich ein Weib und allein. Am See von
Skadar hat mein Ruder mich oft zu Dir getragen, als Du verwundet lagst im Kiosk
unter den Myrtengebüschen - diese Hand ist stark genug, uns auch jetzt durch
die Brandung zu führen.«
    Auf ihren Wink nahm er im Vorderteile des Bootes Platz, während sie die
Ruder ergriff. Scheitan, der Hund, hockte am Segelbaum, zwischen ihm und ihr,
mit klugem Auge den Gefangenen bewachend und zuweilen seine Füsse leckend, dann
aber wieder, wenn er eine Bewegung machte, sich zu nähern, das scharfe weisse
Gebiss gegen ihn fletschend. Mit kräftiger Hand nahm die Türkin das Ruder, - so
stiessen sie hinaus in die schäumende Brandung.
    Mit den rückprallenden Wellen schoss das Boot über den weissen Rand dahin und
befand sich nach wenigen Minuten im verhältnissmässig ruhigen Wasser. Eine frische
Brise wehte jetzt gegen Morgen von Nord-Osten her, und die Türkin legte die
Ruder nieder, spannte das Segel und setzte sich an das Steuer. So sassen sie an
beiden Schiffsenden einander gegenüber, während das Boot wie ein gespornter
Renner durch die Wogen dahin flog, hinein in Nacht und Meer.
    »Du entfernst Dich zu weit vom Lande, Fatinitza,« sagte der Grieche, »wir
werden sicherer sein im Schutz des Ufers, als auf der freien See.«
    Das Weib lachte - aber dies Lachen klang heiser und wild.
    »Ich habe versprochen, Dich nach Sebastopol zu führen; den Weg überlass mir.
Am Ufer kreuzen die Kähne, welche die Franken zu ihren Schiffen führen. Die
Mündung des Bjelbek, wo unsere Krieger lagern, ist belebt von den
feuerschnaubenden Booten der Isauri's.«
    Der Grund schien genügend. In der Tat sah man in den Schatten des Ufers den
Feuerschein mehrerer kleiner Dampfschiffe, welche dort kreuzten und zwischen der
Flotte und dem Lande hin und herglitten. Dennoch konnte der Grieche sich einer
unbestimmten Angst nicht entschlagen, als das Boot immer weiter auf die Höhe des
Meeres trieb. Mit Geschick wich die Türkin den dunklen Schiffskolossen aus, die,
an den von ferne leuchtenden Gaffellaternen kenntlich, weitin das Meer
bedeckten. Endlich löste sie das Tau, welches das Segel hielt, hob den Baum aus
seiner Fuge und warf ihn über die Seite des Bootes.
    »Um der Heiligen willen, was tust Du?«
    Er war aufgesprungen und haschte mit den gefesselten Händen nach der dahin
treibenden Leinwand.
    »Bleibe auf Deinem Platz, Nicolas Grivas,« sagte ruhig das Mädchen, »das
Segel würde uns verraten, wenn wir an jenen Schiffen vorüber kommen. Die Ruder
werden genügen.«
    »Aber es ist Zeit, Fatinitza, dass wir wenden. Wir sind auf der Höhe der See
und der Eingang der Bucht ist fast eine Stunde ostwärts von uns entfernt. Wenn
wir nicht eilen, bricht der Tag herauf und wir wären verloren.«
    Ein Plätschern, - der Fall beider Ruder in's Wasser antwortete ihm.
    »Wir sind es, Nicolas Grivas - wir sind auf der Höhe von Sebastopol - ich
habe gehalten, was ich Dir versprach. Jetzt, Nicolas Grivas, der Du über den See
von Skadar schwammst, um Fatinitza zu entfliehen - versuche Deine Kraft, um Dein
Ziel zu erreichen.«
    »Wahnsinnige - selbst wenn diese Arme nicht gefesselt wären, vermöchte ich
nicht den dritten Teil dieser Entfernung zurück zu legen.«
    »Es ist eine Sage in Deinem Volk, von der Du mir selbst erzählt hast im
Kiosk am See und in den goldenen Gemächern des Harems meines Vaters, dass ein
Grieche zu der Geliebten schwamm über die Gewässer, die dieses Meer mit dem
Deiner Heimat verbinden. Abydos nennt man die Stelle, wenn mein Gedächtnis
Deine Worte behalten. Was Deine Väter um der Liebe zu einem Weibe willen
vermochten, wird ein Grieche doch tun, um die Verratene zu verlassen.«
    Ein finsterer Hohn lag in den Worten, - er achtete nicht auf ihn, - aufrecht
stehend im Boot verfolgten seine Augen die auf den Wogen davon schaukelnden
Ruder, die er in der Dämmerung noch zu erkennen vermochte, welche sich im Osten
über die Felswände von Sebastopol zu erheben begann.
    »Fatinitza - rasch, rasch - löse diesen Strick von meinen Händen, dass ich
den Rudern nachschwimmen und sie zurückholen kann!«
    Er streckte ihr die Hände entgegen, während sein Auge nicht die Ruderstangen
verliess, an deren Wiedergewinn ihre Rettung hing; noch hatte seine Seele nicht
die furchtbare Absicht des Mädchens begriffen.
    »Tor - denke an Dein Leben - nicht an jene gebrechlichen Ruder; dort ist
Sebastopol, Nicolas Grivas - und hier werden wir sterben!«
    Er starrte sie an, wild, verworren - wäre ihm der Tod gekommen im
Schlachtgewühl von ihrer Hand, - hätte sie ihn erschlagen, als er gefangen vor
ihr lag - er hätte ihr Recht begriffen und wäre mutig gestorben. Jetzt aber,
hier, so nahe dem Ziel, in dem Glauben gerettet, frei zu sein, bäumten alle
Pulse des Lebens in ihm gegen das Gespenst des Sterbens sich auf, das in den
Worten der Wölfin vor ihm empor stieg.
    »Du bist der Letzte von den Söhnen des Isauri,« fuhr das Weib fort, »die den
Leib der Tochter Selims geschaut und berührt? - Jene Frechen, denen Dein Verrat
mich vorwarf gleich der Beute den wilden Tieren des Waldes, sind gestorben von
dieser Hand, wie ich es geschworen in jener Stunde. Dich hat Fatinitza geliebt,
darum bist Du der Letzte und magst sterben in Frieden mit Deinem Gott!« -
    Ihre Hände zogen die beiden Pistolen aus dem Gürtel und spannten die Hähne.
    »Tigerin - Du willst mich kaltblütig morden?«
    Er sprang auf sie zu, doch im Nu richtete die riesige Dogge vor ihm sich auf
und legte drohend die Pfoten auf seine Schultern, Fatinitza aber lächelte
verächtlich.
    »Nicht meine Hand soll den Tod Dir geben, Hellene, der Gott unserer Väter
richte über uns Beide.«
    Und die Läufe der Pistolen auf den Boden des Bootes richtend, wo die Fugen
der Hölzer sich zusammenbinden, berührten ihre Finger die Drücker und die Kugeln
schlugen dicht neben einander ein Loch, durch das im Augenblick das Wasser
hereinquoll.
    »Halte ihn, Scheitan!«
    Sie warf die Pistolen über Bord und erweiterte mit drei kräftigen Stössen
ihres Handjars die Öffnung - und dann fiel die letzte Waffe in's Meer.
    »Fatinitza, halt' ein - Du bereitest Deinen eigenen Tod!«
    Auf der bleichen Stirn des Türkenmädchens, um die frei von den Schleiern der
Morgenwind die dunklen Flechten trieb, lag die Majestät der Opferung.
    »Der Mann, der in meinen Armen geruht im warmen Leben, wird darin liegen
auch in jener Tiefe. Der Tod sühnt Deinen Verrat und Fatinitza wird sterben mit
Dir!«
    Er fiel auf die Kniee, er presste die gefesselten Hände vor die Augen,
während Liebe, Reue, Verzweiflung und Schrecken seine Seele bestürmten, - dann
wieder sprang er empor und schaute wild umher auf das Weib im Spiegel des
Bootes, das jetzt ein Spiel der Wellen dahin trieb, - auf die Wasserwüste umher
- auf Himmel und Land; - seine Hände wanden sich verzweifelnd gegen die Bande,
die sie fesselten, und seine Blicke begegneten voll Angst und Wut den traurigen
Augen des Mädchens.
    Ueber die Felsenhöhen von Sebastopol, das etwa eine halbe Meile entfernt
lag, zog dämmernd der Morgen - und jener liebliche Stern - der Begleiter der
Nacht, die Poesie aller Völker - wer ahnet seine Deutung, wer weiss es, welche
seligen Geister von ihm niederschauen? - begann zu erbleichen in jenem Licht,
dessen Nahen er verkündet.
    Heilige Ruhe lag über Wolken und See und im Dunkel ruhte noch das Land, das
bald erbeben sollte Nacht und Tag im Flammenschein von tausend Geschützen.
Deutlich in der hereinbrechenden Dämmerung waren der Eingang der Bai und die
riesigen Felsenforts zu seinen Seiten zu erkennen. Nach Norden und Westen zu
hoben sich aus den Nebeln, die leise über das Meer hinballten, dunkle Kolosse,
die Schiffe der Alliirten.
    In der Entfernung von kaum dreihundert Faden erblickte der verzweifelnde
Mann eines derselben, das nächste von allen. Er hob die Hände winkend empor,
sein Ruf um Hilfe, um Beistand scholl mit aller Anstrengung der Lungen über die
See, bis seine Stimme heiser ward, bis er erschöpft auf die Bank des Bootes
zurückfiel.
    Das Wasser, das langsam und still in das Boot eindrang, stand bereits über
den Knöcheln seiner Füsse.
    Das Mädchen lächelte traurig bei den wahnsinnigen Anstrengungen des Mannes.
Sie wusste, dass der Wind jetzt hinein in die Bucht stand und kein menschlicher
Ruf jene Schiffe erreichen konnte, dass mit jedem Augenblick, dem Strom des
Meeres zur Bai folgend, der Todeskahn sich immer weiter von jenen Schiffen
entfernte und sinken musste, ehe die schnellste Rettung sie zu ereilen vermochte.
-
    »Soll Fatinitza, die Wölfin von Skadar, einen Feigling geliebt haben? Willst
Du sie beschimpfen noch in ihrer letzten Stunde, da Azraël seinen schwarzen
Fittig niedersenkt auf ihr Haupt?«
    Er blickte starr auf sie - in seinen Zügen kämpften gewaltig der
Männerstolz, die Schaam vor dem schwachen Weibe, seiner Mörderin, die mit ihm
sterben wollte, mit der menschlichen Schwäche und Furcht.
    O, das Leben - das Leben das nur ein Mal verloren geht! - verloren? - oder
sollte es eine Wiederkehr geben - einen Kreislauf der Leben - ein Wiederkommen
zur schönen Erde - ohne Wissen - in anderer Gestalt?! - Wäre jene dunkle
Erinnerung von gleichen Scenen, Bildern und Gestalten, die oft wie ein Blitz
durch unsere Seele zuckt und wie ein Blitz vergeht, das Zeichen einer
Seelenwanderung?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wer löst die nächtigen Rätsel? - Gott allein!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Höher und höher schwoll die Flut im Kahn - ängstlich, keuchend sprang der
Hund auf den Bänken des Bootes hin und her, von Einer zum Andern - tiefer und
tiefer sanken die Planken, die allein noch waren zwischen ihnen und der
Ewigkeit.
    »Lass uns beten, Geliebter - Du zu Deinem Gott, wie ich zu Allah und dem
Propheten. Mein Hass ist dahin wie meine Schande, der Gott der Christen und der
Moslems wird für die Gereinigten nur ein Paradies haben!«
    Und über die Berge zuckte ein lichter Strahl der noch verborgenen Sonne, die
Meereshöhe vergoldend, und vom Fort Constantin donnerte der Reveilleschuss über
Land und See.
    Der Kahn begann zu schwanken und sich zu drehen - laut heulte der Hund -
    »Dschel! - Dschell« und sie erhob sich.
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    Bis über die Kniee reichte die Flut, in der sie jetzt stand, und über die
Bänke hin mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuschritt.
    »Dschel! - Dschel!«
    Das war jenes Wort, das erste, das er von ihren Lippen gehört - das
Syrenenwort, das im Turm von Skadar ihm entgegen scholl, sinnverwirrend, von
dem weichen Lager von Wolfsfellen, hinter dem Teppich des stillen Gemachs - -
    »Dschel!«
    Und rascher und rascher drehte sich das Boot im Wirbel und die See gurgelte
herauf durch das Leck!
    Sie hatte ihn erreicht und dann - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am Bord des Niger, der am Abend das 42. Regiment eingeschifft und jetzt auf
den Dampfer wartend, der ihn nach Süden bugsiren sollte, auf der Höhe des Meeres
vor Sebastopol lag, hatten Master Malcolm, der zweite Lieutenant und der
Midshipman Maubridge die letzte Nachtwache. Der Lieutenant schritt auf dem
Gangweg auf und ab, zuweilen einen Blick nach dem Tauwerk oder unwillig nach den
Soldatengruppen werfend, die überall im festen Schlaf umherlagernd ihm den Weg
versperrten.
    Die Morgendämmerung kam über die Berghöhen jenseits der Festung und fiel
lichter und lichter auf die Fläche des Meeres. Der Lieutenant blickte nach der
Sanduhr, die ihm zeigte, dass in wenigen Minuten seine Wache zu Ende war, und sah
sich nach dem Midshipman um, der dem Mann im Vorderkastell den Befehl bringen
sollte, aufzupassen auf die Glocken.
    Master Maubridge war jedoch nirgends zu schauen und ärgerlich stieg der
Lieutenant zum Hinterdeck hinauf und ging nach dem Steuer. Neben dem
Steuermannsmaat vom Dienst sass der alte Deckmeister Adams, der bereits seine
Koje verlassen hatte und heraufgekommen war. Der Alte erhob sich sogleich, da er
nur Offizier des Vorderkastells war und kein Recht an dem Platz auf dem
Hinterdeck hatte.
    »Guten Morgen, Sir,« sagte der Deckmeister. »Ich glaube, wir werden bei
Sonnenaufgang eine Brise von Osten haben, und das hat mich heraufgetrieben noch
vor den Glocken, damit Alles in Ordnung ist. Je eher wir die Landkrebse wieder
los werden, desto besser für die Ordnung auf dem alten Niger.«
    »Haben Sie den Midshipman der Wache gesehen?«
    »Master Maubridge, Sir?«
    »Ja wohl - Ihren Zögling. Gott verdamm' seine Augen! er macht Ihnen wenig
Ehre.«
    »Es ist junges Blut, Sir; aber vor einer Viertelstunde noch traf ich ihn an
der grossen Luke, wie er die Schildwacht den kleinen Gosset wecken hiess, der nach
ihm die Wache hat.«
    »Meister Gosset wird sich hoffentlich bedanken, eher seine Hängematte zu
verlassen, als das Glockenzeichen gegeben ist, denn wenn die jungen Halunken
zusammen sind, treiben sie Nichts wie Unheil. Goddam! ich glaube, da gibt es
schon welches?«
    Ein Lärmen auf dem Vordercastell hatte sich erhoben und man hörte eine laute
Stimme eine Reihe von gälischen Flüchen, untermischt mit den wildesten
Drohungen, hervorsprudeln.
    »So wahr meiner Mutter Sohn Angus-Mac-Mahor ist, ich schneide dem jungen
Hunde die Kehle ab. Halte ihn fest, Evan Dhu, den jungen Schänder, bis dieser
Brut mein hochländisches Messer die Ohren vom Schädel geschnitten hat.«
    Ein fürchterliches Gebrüll des kleinen Gosset und der Hilferuf des Master
Frank Maubridge liess den alten Deckmeister rasch die Treppe hinunter springen
und über die Beine und Tornister der Soldaten stolpernd nach dem Vorderschiff
eilen. Der Lieutenant folgte ihm, und die Scene, die sie hier erblickten, war,
so lächerrlich auch der Anblick blieb, nicht ohne Gefahr.
    Ein riesiger Hochländer hatte den kleinen Gosset an der Kehle und hob und
schüttelte ihn wie ein Rohr, im vollen Ernst bemüht, dem jungen Taugenichts mit
seinem langen Messer die Ohren abzuschneiden, wogegen dieser natürlich mit
Händen und Füssen sich wehrte, von Zeit zu Zeit, wenn die Eisenfaust des Soldaten
ihm dazu Luft liess, ein Zetergeschrei ausstossend. Frank wehrte sich verzweifelt
in den Händen eines zweiten Soldaten; ein Blick genügte dem Lieutenant, die
Ursache des Streites zu entdecken, denn beide junge Burschen hatten noch grosse
Schiffspinsel in der Hand und Master Frank sogar noch den Blechtopf mit Farbe,
dessen sie sich bedient; die Physiognomieen der beiden erbitterten Hochländer
und mehrerer Andern, die sich, von dem Lärmen aufgeweckt, rings erhoben, aber
sahen wahrhaft scheusslich aus, indem die Midshipmen ihren festen Schlaf benutzt
hatten, die Gesichter ihnen mit den Querstreifen der Farben ihrer Plaids Rot
und Schwarz zu bemalen.
    Ein Faustschlag des alten Deckmeisters warf den Hochländer zurück, der Frank
in seinen Händen hatte, und befreite den jungen Mann, der wie ein gejagter Hund
durch die sich bildende und Gefahr drohende Gruppe schoss, auf den nächsten
Hühnerkasten und von dort in das Takelwerk sprang und mit der Behendigkeit eines
Affen an der Tauwand zum Mastkorb des Vordermastes emporrannte, denn mehrere der
erbitterten Soldaten hatten ihre langen Dirks gezogen, als sie Einer den Andern
so schändlich verunstaltet sahen, und Evan Dhu, ein Mann von den Inseln, den
Adam zu Boden geschlagen, machte sich bereit, dem Deckmeister ernstlich zu Leibe
zu gehen.
    Eine grössere Mühe hatte der Lieutenant gehabt, den Knaben Gosset aus der
Faust seines erbitterten Gegners zu befreien, was ihm nur mit Hilfe einiger
herbeikommenden Matrosen der Wache gelang, die den halb erwürgten Midshipman
nach der Konstablerkammer brachten, wo einige Rippenstösse des eben sich zur
Uebernahme der Wache rüstenden dritten Lieutenants und ein ihm in's Gesicht
gegossenes Waschbecken voll Wasser ihn wieder auf die Beine brachten.
    Die hochländischen Soldaten, die sich anfangs der Rettung der beiden
Verbrecher mit Gewalt hatten widersetzen wollen, wurden durch den Sergeant-Major
ihrer Compagnie und das Versprechen, dass die Midshipmen streng bestraft werden
sollten, zur Ruhe gebracht. Sie legten sich jedoch nicht wieder zum Schlaf,
sondern setzten sich, da sie noch kein Wasser zur Reinigung ihrer
liebenswürdigen Physiognomieen erhalten konnten und die schadenfrohen Matrosen
ihnen die Eimer verweigerten, in ihre Plaids gehüllt, im Kreis zusammen und die
verdächtigen Blicke, die sie nach dem Mastkorb warfen, weissagten Master Frank,
der nach überstandener Gefahr sie, die Hände in den Taschen, über die Brüstung
seiner sichern Stellung von oben herunter angrinste, nichts Gutes.
    Lieutenant Malcolm, der selbst ein Schotte war, ärgerte sich natürlich
gewaltig über den nichtsnutzigen Streich der beiden Burschen, hatte aber den
jungen Maubridge doch zu gern, um ihn einer Gefahr auszusetzen, und als die zwei
Schläge auf die Schiffsglocke die Ablösung der ersten Morgenwache verkündet
hatten und die Förmlichkeiten der Uebergabe des Schiffes an den dritten
Lieutenant erfüllt waren, der mit Gosset heraufkam, riet er, den Letzteren auf
dem Hinterdeck zu behalten und befahl Frank über die Verbindungstaue nach dem
Mastkorb des Hauptmasts sich zu begeben.
    »Sobald Master Hunter auf Deck kommt, Erskine,« sagte er zu seinem
Nachfolger, »zeigen Sie ihm die Sache an. Ich lasse ihn bitten, den jungen
Halunken da oben den ganzen Tag im Mastkorbe zu lassen, damit ihm die Sonne die
Haut so rot brät, wie er sie den ehrlichen Kerlen dort gemacht hat, und diesen
kleinen Tagedieb dazu. Schade, dass die beiden Burschen wie Gentlemens behandelt
werden sollen, während ein Tauende ihnen das Dienlichste sein würde. Gute Wache,
Erskine.«
    »Ich danke Ihnen, Master Macdonald, für die wohlwollende Absicht,« sagte
Frank, der von dem untern Korb des Hauptmastes die Worte gehört, mit echter
Midshipmen-Frechheit, »jedenfalls habe ich schon deshalb auf die Behandlung
eines Gentleman's Anspruch, weil ich als solcher meine Wirtshausrechnungen
selbst bezahle.«
    Der zweite Lieutenant rannte wütend die Luke hinunter, während Erskine
lachte, denn es war bekannt, dass Malcolm, der der Sohn eines Werftaufseherin
Glasgow war, bei solchen Gelegenheiten sehr gern die besser gefüllten Börsen
seiner Kameraden benutzte.
    »Sie werden sich noch in ernste Ungelegenheiten bringen, Master Frank,«
sagte Erskine, indem er die Treppe zum Hinterkastell emporstieg, »und alle
Vorliebe des Capitains wird Sie diesmal vor strenger Strafe nicht schützen
können. Benutzen Sie die Zeit da oben, einen Ausguck zu halten.«
    »Halt, Sir,« rief der junge Mann, »das hab' ich schon getan, seit ich hier
oben bin. Ich bitte Sie, Erskine, lassen Sie mir durch Gosset das Nachtglas
reichen. Ich sehe dort in der Entfernung einer halben Meile einen dunklen
Gegenstand auf der See - zwischen uns und dem Ufer - aber das Licht ist noch
nicht scharf genug, es zu erkennen, und James hier sagt mir, dass er schon seit
einer halben Stunde das Ding beobachtet hat.«
    Auf einen Wink des Lieutenants brachte Gosset seinem Freunde das Nachtglas
nach oben.
    »Was ist es, Maubridge? - wahrscheinlich ein Recognoscirboot von der Foury,
die einen Kanonenschuss von uns liegt.«
    »Es ist ein Boot, Sir - aber keines der unsern. - Warten Sie - jetzt hab'
ich den Burschen und der Tag kommt. - So wahr der Baronet, mein Bruder, mir die
schönste Odaliske in ganz Constantinopel gestohlen hat - das Ding ist seltsam -
zwei Personen sitzen in dem Boot, das ohne Ruder und Segel auf den Wellen treibt
- in der Mitte ein grosser Hund - die Eine scheint russische Kleidung zu tragen -
die Andere ein Weib, ihre langen Zöpfe fliegen im Winde - -«
    »Zum Henker - was bedeutet das Alles?«
    »Ich weiss es nicht, - aber das Boot kentert und scheint leck - jetzt erhebt
sich das Weib und breitet die Arme aus - Goddam, da kommt der erste Sonnenstrahl
über die Gebirge und blendet mich - -«
    »Es werden Unglückliche sein, die von einem Schiffe abgetrieben und in Not
sind,« sagte der wackere Erskine. »Herunter, Frank, und in die Yölle, ihnen zu
Hilfe. Master Adams - vier Matrosen von der Wache - rasch!«
    Ueber die Felsen und die Bai von Sebastopol schossen glänzend die ersten
Strahlen der Königin des Lichtes empor, weitin Land und Meer vergoldend - in
ihrem Glanze liess Frank Maubridge, der leichterzige, lecke Midshipman des
Niger, seine Blicke über den Spiegel des Meeres irren, das Boot suchend - -
    Er suchte vergebens! - Einen Augenblick schien es ihm, als sähe er eine
dunkle Gestalt, gleich einer grossen Dogge, kräftig gegen die Wellen kämpfen, in
ihren Zähnen ein Gewand - doch die Entfernung war zu gross - und die nächste Woge
verschlang die Erscheinung. Weitin unterbrach Nichts - Nichts den wogenden
Spiegel der goldglitzernden Wellen.
    »Zu spät - das Boot ist versunken - keine Spur mehr zu sehen!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da ruhen sie, der Sohn des geknechteten Hellas von den Armen des
Türkenmädchens umschlungen, und in ihre Gewänder verbissen der treue
Molosserhund; - da ruhen sie auf dem Felsengrund des Pontus: - Nicolas Grivas,
der Bruder der Caraiskakis, und Fatinitza, die Wölfin von Skadar, und der erste
Sonnenstrahl über die Felsen von Taurien war ihr Grabbegleiter.
    Da ruhen sie - die Donner von tausend Geschützen sangen eilf Monden über
ihrem Grabe das Todtenlied wie nie in der Weltgeschichte ein zweites erklungen
ist; und die Trümmer von Sebastopol sind ein riesiges Monument, das dieselben
Vandalenhände zusammengehäuft, welche unfern ihres Grabes die Reste von
Iphigeniens Tempel zerstörten!
    Da ruhen sie - der Delphin zieht seine Kreise über der ewig bewegten Gruft,
das Handelsschiff durchfurcht die Wellen, der Sturm türmt sie zu empörten
Gebirgen, und Morgen um Morgen küsst der erste Sonnenstrahl über die Höhen des
Tschadirdagh her ihren riesigen Sarg!
    Da ruhen sie - wiedervereint in des Meeres Tiefen, und die brennende Schmach
der Palanka von Protopapas ist erloschen in den Wellen des Pontus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Also geschah's, dass die Armee der Alliirten durch die Schluchten der
Tschernaja am 25. September ungehindert die Südseite von Sebastopol erreichte
und Balaclawa nahm.
 
                              Des Kampfes Beginn.
                                 I. Der Catar.
Die spanische Tänzerin war wieder in Berlin und hatte zur Captatio benevolentiae
ihrer Hüftenexperimente eine Gastvorstellung zum Besten der schlesischen
Ueberschwemmten ankündigen lassen. Das schöne und interessante Weib hing an
Berlin wegen der ersten Triumphe, die sie hier gefeiert, und kehrte daher von
allen Kunstreisen immer wieder zum comfortablen Hotel Unter den Linden zurück,
wenn sie sich auch manchmal mit dem galanten und aufmerksamen Wirt überwarf;
denn sie verstand es zu schätzen, dass er an seiner Table-d'hôte mit ihrem
Atlasschuh für den wunderkleinen dazu gehörigen Fuss Propaganda machte. Diesmal
hatte sie ein Brief mit dem bekannten geheimnisvollen Zeichen nach Berlin
beschieden, und einstweilen, da die Vorbereitungen zu der neuen Posse des
beliebten berliner Humoristen Kalisch: »Die Bummler von Berlin« ihr Auftreten
verzögerten, langweilte sich, weiterer Nachrichten harrend, die Donna und
spielte darum die Amazone, indem sie im Hermelin die Peitsche schwang und mit
dem eleganten Brougham durch die Strassen der Residenz kutschirte.
    Die Sennora hatte, bis auf jenen plötzlichen Ruf, Nichts wieder gehört von
ihren geheimen Beschützern und gedachte kaum noch des kleinen Dienstes, den sie
ihnen durch die Empfehlung zweier unbedeutender Diener vor längerer Zeit
erwiesen, als sie zufällig in einem Journal den Namen des Fremden zu Gesicht
bekam, der ihr damals seinen Besuch gemacht. Er figurirte jetzt als fremder
Condottiere und der rote Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwünschung
zurück, die betrogene Erwartung und getäuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu
spät erschallen liessen.
    Dennoch hatte die Erfüllung jenes Auftrags, so gering die Masche auch schien
in dem Netze ereignissschwerer Verwickelungen, das sich über Europa spann,
unberechenbare Folgen gehabt. Wenige nur ahnten und wussten, dass die preussische
Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war, die ihre
Nachrichten nach Paris, London und Turin, in die Heerlager der Despotie, des
constitutionellen Lieberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte.
Merkwürdigerweise war es gerade das eheliche Preussen, dessen erhabener Fürst in
den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenüber
den verschiedensten Verlockungen gab, wo politische Intrigue im Stillen mächtige
Hebel in Bewegung setzte und den schmuzigsten Verrat verächtlicher Hausdiebe
benutzte.
    Wir haben bereits angedeutet, auf welche Weise über Berlin wichtige
Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die Hände ihrer Gegner
gelangten. Neben diesem Getriebe der Habsucht ging, wie gesagt, noch manches
Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminirenden
Gang und es bedurfte in der Tat einer späteren öffentlichen Beschämung und
eines blutigen Todes, um jener egoistischen Intriguenwirtschaft vor dem reinen
Trone Preussen's Halt zu gebieten und ein Ende zu machen, welche zur
Demoralisirung der Staaten führt und dem »Bürgerkönig« sein Exil bereitet hat. -
    Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschäftigte der lebhafte Geist der
Spanierin sich angelegentlich mit der Ankunft mehrerer interessanter Fremden,
die das Hotel gewählt. Drei darunter, die sie flüchtig bei der Ankunft am Tage
vorher gesehen, schienen ihr nicht unbekannt und das Fremdenbuch, das der
gefällige Hotelier ihr präsentirte, gab ihr wenigstens über das erste Paar
Auskunft und sie erinnerte sich, den Herrn und die Dame ein Mal in Gesellschaft
in Wien vor Jahresfrist gesehen zu haben: den sardinischen Obersten, Grafen
Pisani, der, wie die Nachricht auswies, mit seiner Gattin von London kam. Der
Dritte, dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt schien, war ein kleiner magerer
Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen.
Der Fremdenzettel nannte ihn Banquier Tomas.
    Mehr aber als diese Persönlichkeiten, deren sie sich nur unbestimmt
erinnerte, interessirte sie eine Vierte, welche die schöne Donna noch nicht zu
Gesicht bekommen, obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem
Rufe ihres unermesslichen Reichtums schien. Es war ein noch junger russischer
Bojar, den einige übermütige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen
hatten und der, da Paris und London ihm durch die Kriegsverhältnisse verboten
waren, in den deutschen Bädern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen
Händen verschwendete.
    Es war gegen Mittag des Tages, als die Spanierin, das Ponnygespann mit
gewandter Hand lenkend, auf der Rückkehr von der Spazierfahrt vor der Tür des
Hotels wieder vorfuhr und bemerkte, dass sich ein ungewöhnlicher Auftritt eben
zugetragen haben musste. Mehrere der Gäste standen lachend auf der Treppe oder
vor den Zimmern, zwei Constabler im Flur, und von dem Corridor des ersten
Stockes hörte man eine laute Stimme allerlei Verwünschungen auf Deutsch,
Französisch und Russisch hervorsprudeln. Während einer der nahestehenden Herren
der Tänzerin die Hand reichte, an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die
Stufen hinaufeilte, kam ein junges hübsches Mädchen in einfacher, aber netter
Kleidung ihr entgegen, das Gesicht freudestrahlend, obschon auf den jugendlichen
Wangen noch die Spuren von Tränen zu sehen waren. Ihre Hand hielt eine kleine
Brieftasche sorgfältig wie einen Schatz und damit wollte sie hastig aus der Tür
eilen, als einer der Constabler sie rauh am Arme fasste.
    »Halt, Mamsell, Sie gehen mit uns!«
    »Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen,« sagte unwillig eine Stimme hinter
dem Mädchen, »und kommen Sie fort. Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde und
wenn unsere Berliner Loretten davon hören, stürmen sie Ihr Hotel.«
    Der Wirt, zu dem der Beamte, der ziemlich verdriesslich aussah, die letzten
Worte sagte, lächelte etwas spöttisch, schwieg jedoch mit dem Tact des klugen
Mannes, der es mit der Polizei nicht gern verdirbt, und führte die Spanierin die
Treppe hinauf; von deren Höhe aber übernahm die schon früher gehörte scheltende
Stimme die Antwort.
    »Wenn ich mich von der Polizei belästigen lassen wollte, Skotina!« schalt
dieselbe, »dann konnte ich in Russland bleiben. Zum Henker mit solcher Quälerei,
ich mag von Ihrem Berlin Nichts mehr wissen; Herr Wirt, schicken Sie mir meine
Rechnung! ich reise in einer Stunde.«
    Der Hotelier liess erschrocken die Tänzerin stehen und sprang zu dem reichen
Gast.
    »Euer Durchlaucht werden mich doch die Ungeschicklichkeit der Polizei nicht
entgelten lassen? Der gnädige Herr haben in Berlin noch so viel zu schauen - und
sehen Sie da, eben kommt eine seiner interessantesten Erscheinungen, die
spanische Donna, von der ich Ihnen schon gesprochen.«
    Der Bojar wandte sich zur Seite und kniff das Lorgnon in's Auge. Die
Tänzerin stand vor ihm und betrachtete den schönen Mann mit feurigem festem
Blick. Im Moment verschwand das brüske, übermütige Wesen des Russen, er machte
eine höfliche Verbeugung indem er zurücktrat und die Spanierin vorüberrauschte.
Seine Hand hielt den Wirt, der ihr folgen wollte, einen Augenblick zurück. -
»Dinirt die Donna an Ihrer Table-d'hôte?«
    »Zuweilen, Durchlaucht, ich glaube, dass sie es heute tun wird.«
    »So benachrichtigen Sie mich davon und belegen Sie ein Couvert neben ihrem
Platz. Man braucht mir nicht in meinen Zimmern zu serviren.« -
    An der Tür ihres Salons empfing die Tänzerin bereits den aufmerksamen
Wirt.
    »War das der Russe, Monsieur?«
    »Gewiss, Sennora, und Sie haben bereits eine Eroberung an ihm gemacht. Der
Fürst fragte, ob Sie die Table-d'hôte beehren würden?«
    »Ah - bah! wir wollen sehen! Was war das für eine Scene, als ich kam? bitte
erzählen Sie!«
    Der Hotelier lachte.
    »Das Abenteuer ist wirklich pikant und wird Aufsehen machen. Der junge Fürst
besuchte gestern den letzten Sommernachtsball bei Kroll und scheint da mit einer
kleinen Grisette soupirt zu haben, denn er kam spät nach Hause. Vor einer halben
Stunde, während er noch schläft, erscheint ein Polizei-Agent, erkundigt sich
nach dem Russen und verlangt, gemeldet zu werden. Ich muss nachgeben und der
Fürst erscheint sehr verdriesslich im Schlafrock. Die Scene war Goldes wert! ich
will versuchen, sie Ihnen dramatisch wieder zu geben!«
    »Allons, Monsieur, ich warte!«
    »Der Agent bittet sehr höflich um Entschuldigung für die Störung und frägt,
ob Seine Durchlaucht gestern den Ball bei Kroll besucht?« - »Ja, mein Herr. Darf
man das etwa in Berlin nicht?« - »O, doch - nur erlauben Sie mir die Frage, ob
Sie nicht dort bestohlen worden sind?« - Der Fürst sieht ihn gross an, dann seine
Pretiosen nach, die auf dem Tische liegen, und sagt: »Ich denke nein. Jedenfalls
vermisse ich Nichts!« - »Ich fürchte, doch!« - Der Agent legt eine russische
Banknote von hundert Rubeln auf den Tisch. - »Was soll das?« - »Entschuldigen,
Durchlaucht, die Indiscretion - soupirten Sie mit einer kleinen Grisette?« - »Ja
wohl, mein Herr, aber ich begreife wahrhaftig nicht -« - Der Agent öffnet die
Tür und führt die junge Schöne herein, der Sie im Hausflur begegnet sein
müssen. - »Ist es diese?« fragt er triumphirend. - »K tschortu! - allerdings -
warum weinen Sie, Kind?« - »Die Dirne hat Sie bestohlen, Durchlaucht. Man
verhaftete sie heute Morgen, als sie bei einem Banquier diese Banknote von
hundert Rubeln wechseln wollte. Das Frauenzimmer log, sie hätte dieselbe von
einem unbekannten Cavalier geschenkt bekommen und beschrieb die Person, aber wir
kennen das! Unserer Aufmerksamkeit gelang es, zu ermitteln, dass der Fremde Euer
Durchlaucht waren, und ich habe die Ehre, das gestohlene Gut zurückzustellen und
nur ein kleines Protokoll zur Anerkennung der Person aufzunehmen.« - Das Mädchen
weint und schluchzt und beteuert, dass sie keine Diebin sei; der Fürst aber wird
ganz rot im Gesicht vor Aerger und schaut die Polizei an, als wolle er sie mit
einem Bissen verschlingen. - »Zum Teufel mit Ihrer Dienstfertigkeit! Geht Sie
das was an, wenn ich diesem Mädchen Etwas schenke?« - »Nein - aber - wenigstens
liegt ein Irrtum vor - man gibt einer Grisette doch nicht hundert Rubel -« -
»So? - nun -« der Fürst öffnet ein Portefeuille, holt noch fünf gleiche Scheine
heraus und gibt sie dem Mädchen: »Da haben Sie Etwas für den Schreck, Kleine,
und Sie, Herr, stören Sie die Leute wegen solcher Lumpereien nicht in ihrem
Morgenschlaf.« - »Sie hätten das Gesicht sehen müssen, Sennora, es war zum
Malen!«
    Beide lachten.
    »Der Russe ist also sehr reich?«
    »Sein italienischer Kammerdiener erzählt, dass er eine Million jährliche
Einkünfte hat.«
    »Demonio! - Nun, Sennor, ich habe mich besonnen - ich werde heut in Ihrer
Gesellschaft diniren.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dem Salon des zweiten Stockwerks fand zur selben Zeit eine andere
interessante Unterredung statt zwischen zwei uns bekannten Personen, der achtlos
im Nebenzimmer die Gräfin Pisani beiwohnte.
    Noch kannte Helene Laszlo den Betrug nicht, dessen Opfer sie geworden. Aus
den Zeitungsblättern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren,
dass Capitain Meiendorf im Stabe des Fürsten Gortschakoff der Belagerung von
Silistria beigewohnt hatte. Sie erfüllte die Pflichten der Gattin stumm und
still, in ihr Schicksal und ihr erhabenes Opfer ergeben, aber ihr Leben war
freudlos und bleicher wurde täglich die Wange, trüber das sonst so trotzige,
feurige Auge und an dem Herzen nagte der giftige Wurm. Denn wenigstens wusste sie
jetzt, wie tief und bitter sie sich in dem Manne getäuscht, dem sie in jener
unglücklichen Stunde angetraut worden; sie hatte seinen Character voll Habgier
und Ehrgeiz sich vor ihr entlarven und sich jener geschickten Maske liberaler
Principien und der Begeisterung und Tätigkeit für die Revolution entkleiden
sehen. Nur der Egoismus waltete in ihm und leitete seine Schritte und seine
trügerischen Handlungen. Schon der erste, den er nach der Heirat getan, war
eine Verständigung und Aussöhnung mit der österreichischen Regierung, die ihn,
somit den Besitz des bedeutenden Grundvermögens seiner jungen Gattin sicherte.
Es ging das Gerücht, dass er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen
verwandt worden sei, deren Character stark das Gegenteil seiner früheren
Tendenzen zeigte. -
    Die Gräfin sass in dem durch die Tür geschlossenen Nebenzimmer, mit einer
weiblichen Handarbeit beschäftigt, am Fenster, während der Graf, in der Bergère
lehnend, eine Cigarette rauchte und mit bald hochmütigem, bald scharf
beobachtendem Blick seinen Gast betrachtete. Dies war die als Banquier Tomas
aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete Person. - Der sorgfältig arrangirte
Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze schlaue
Physiognomie rief das Bild des kleinen hagern Abbé zurück, dem wir im Salon der
Frau von Czezani in Wien begegneten.
    Der Abbé oder Pseudo-Banquier sass in einem Fauteuil, halb hinter der breiten
Lehne verborgen; das Manöver, sein Gesicht möglichst im Schatten zu halten,
hatte ihm aber wenig genützt, denn der Graf war ein zu erfahrener Kämpe, um
nicht auch seinerseits diese Vorsicht zu beobachten. So sassen die beiden
Intriguanten einander gegenüber, gleich zwei gewandten, sich ihrer Kraft
bewussten Gegnern, Jeder bemüht, eine Blösse des Andern zu entdecken. -
    »Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl, Graf,« sagte der Abbé, »dass ich
Sie gerade jetzt in Berlin treffen musste. Man erwartete, wie ich höre, in Turin
Ihre Rückkehr von London erst im nächsten Monat.«
    Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen, denn der Graf nahm
die Cigarette aus dem Munde und warf einen raschen Blick nach ihm.
    »Bitte - wer erwartete mich?«
    »Ei - Graf Cavour und die Brüder La Marmora!«
    Der Schlag war direct und eine leichte Röte überzog das Gesicht des
Getroffenen, der unter einem erkünstelten Lächeln seinen Aerger zu verbergen
suchte.
    »Unsere Obern, lieber Freund,« sagte er endlich, »sind zwar immer sehr gut
unterrichtet, aber seit sie gezwungen wurden, Paris zu verlassen und in den
Canton Tessin überzusiedeln, scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand
verloren zu haben.«
    »Unsere Obern?« - der Abbé blickte ihn schlau von der Seite an. - »Wir
dürften also hoffen, in dem künftigen General noch immer ein eifriges Mitglied
des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen?«
    Diesmal wurde der Graf dunkelrot, dennoch überging er die Pointe der
Antwort und sagte möglichst unbefangen:
    »Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln, wenn ich auch in
letzterer Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe, tätig zu sein. Sie wissen so
gut wie ich, wenn Sie mich auch wenigstens vorläufig nicht daran erinnern
wollen, dass uns ausser unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich
verbinden -«
    »Auch seitdem - zum Beispiel: Parma und der 26. März!«
    »Still um Gotteswillen! - was ich sagen will ist, dass ich unverändert der
Ihre bin, so weit es meine anderweiten Verhältnisse mir gestatten.«
    »Die sich durch die Heirat mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy
allerdings bedeutend verändert haben. Wir sind gewiss nicht unbillig, lieber Graf
und ehren nicht bloss das Recht der Flitterwochen, sondern selbst des
Flitterjahres, tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur, dass
unsere ehemaligen Mitglieder - wenn sie uns nicht mehr brauchen - unsere Pläne
wenigstens nicht durchkreuzen.«
    »Wie meinen Sie das?«
    Der Abbé schien die Frage zu überhören, wenigstens antwortete er nicht
direct.
    »A propos, Graf, wie hoch beläuft sich jetzt die active sardinische Armee?
als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen?«
    Diesmal schaute der Oberst Jenen von der Seite an.
    »Fünfundvierzigtausend Mann, Abbé. Seit wann beschäftigen Sie sich mit
militairischer Statistik? - Doch,« fuhr er, rasch zu einem andern Gegenstand
übergehend, fort, »da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde, weih ich
wenig von dem Stande der Verbindung und bitte Sie um einige Mitteilungen.«
    »Sehr gern, Herr Graf, um so mehr, als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in
Anspruch genommen hätte. Sie werden sich erinnern, dass am 26. März die
Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genötigt waren,
wenigstens vorläufig Paris zu verlassen.«
    »Es war zu der Zeit, wo wir uns zuletzt in Wien trafen.«
    »Richtig! Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurück und machten
Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung.«
    Der Graf rückte unbehaglich auf dem Sessel.
    »Können Sie mir das verdenken? Das ganze Vermögen meiner Frau liegt im
Kaiserstaat. Ich habe in Sardinien Nichts als meinen Sold.«
    »O, sicher nicht, und Sie haben gesehen, wie wir es vermieden, Sie mit
unsern Angelegenheiten zu behelligen. Die höchste Gewalt war damals zweifelhaft,
wohin man den Rat verlegen sollte, ob nach London oder Piemont; zuletzt
entschloss man sich für Tessin. Man wünschte Sardinien und Frankreich möglichst
nahe zu sein. Der Tod des Bourbons in Parma hat in Ober-Italien einen tiefen
Eindruck gemacht.«
    »Er hat uns mehr geschadet, als genützt.«
    »Ich weiss es. Wir unter uns können uns offen gestehen, dass wir seiter eine
grosse Niederlage erlitten haben. Die jetzigen europäischen Verwickelungen sind
von uns ausgegangen, indem wir bei dem allgemeinen Sturm oder der allgemeinen
Erschöpfung hofften, einen durchgreifenden Schlag tun zu können. Diese Hoffnung
scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunächst hält sich Deutschland fern von dem
Kampf durch die zähe Politik dieses verhassten Preussens, das wir auf Russlands
Seite zu sehen hofften. England weigert sich demnach Polen, Ungarn und Italien
zu revolutioniren und begnügt sich mit der lassen Bildung elender
Fremdenlegionen, die für uns eine gute Hilfe gewesen wären, aber ein
unzureichendes Mittel sind. Der Kaiser Napoleon endlich, unser Zögling und jetzt
unser bitterster Gegner, hat die Maske abgeworfen, er hat die Leitung der
europäischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen und in der seinen
concentrirt. Er weiss, dass er um die Herrschaft in Europa allein mit uns zu
kämpfen hat und - er hält die Revolution bereits unter seiner Faust, wie die
Massregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich jetzt
zeigen.«
    »Bis einer jener Zufälle eintritt, welche so oft die Geschichte geändert
haben.«
    Der Graf sah seinen Gefährten bedeutsam bei diesen Worten an.
    »Wir wollen darauf hoffen. Unsere Stütze gegen die erschöpften und
decimirten Soldaten der kriegführenden Mächte wird dann die von dem jetzigen
Krieg unberührte und gekräftigte sardinische Armee sein, das wissen Sie.« - Sein
Blick fixirte dabei den Grafen, der eine gewisse Verlegenheit nicht zu
bemeistern vermochte. - »Selbst unsere geniale Finanzspeculation hat dieser
Usurpator an sich gerissen. Sie wissen, dass Baron Riepéra zum Verräter
geworden?«
    »Ich hörte den Argwohn bei seinem Bankerott; man hat lange Nichts von ihm
vernommen?«
    »Er hält sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million, die ihm damals der
Coup in Wien eingetragen, aber wir erkennen in Vielem seine Hand und es ist kein
Zweifel, dass er uns an Napoleon verraten hat. Die Gründung des Credit mobilier
ist sein Project, die Pereire's sind seine Verwandten. Nach den
achtzehnmalhunderttausend Franken, die wir bei seinem gut gespielten
Fallissement verloren, sind uns wiederholt harte Schläge beigebracht worden, die
beweisen, dass eine mit unseren Geldgeschäften ganz vertraute Hand dabei geholfen
hat.«
    »Aber was kann den Baron zu dem Verrat bewogen haben?«
    »So viel ich weiss, eine Lection, die er vor dem Rat des Bundes erhielt und
- ich glaube, jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani. Er war eine Memme,
der dergleichen Schrecken einjagt. Doch genug von ihm, wir werden ihn zu finden
wissen, trotz seines neuen Beschützers. Mein Aufentalt hier in Berlin jedoch
ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrat. Wir wollen versuchen, unsern damaligen
Verlust wieder zu gewinnen.«
    Der Oberst horchte hoch auf.
    »Sie gewannen bei unserm wiener Geschäft mit der Nachricht von der
Kriegserklärung der Türkei auf Ihren Privatanteil zwanzigtausend Gulden. Ich
glaube, Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu können, wenn Sie mich
unterstützen wollen.«
    »Wie das?«
    »Ich befinde mich seit drei Tagen hier, seit die Nachricht von der
Almaschlacht hier bekannt ist, um den Augenblick für einen Coup abzupassen, der
von uns von Wien aus dort, hier und in Paris an den Börsen vorbereitet wird.
Indes - ich fühle mich hier genirt; irgend ein Misstrauen hat mir einen der
verschmjetztesten österreichischen Polizeiagenten nachgeschickt und ich sehe mich
von dem Menschen auf allen Tritten und Wegen beobachtet. Er logirt dort in dem
Hotel gegenüber und belauert mich. Im entscheidenden Augenblick - und dieser ist
heute - könnte er mir einen unangenehmen Streich spielen und aus dieser
Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft. Sie sind durch Ihre Heirat ein Verwandter
des österreichischen Gesandten geworden und es wird Ihnen ein Leichtes sein,
eines der jüngeren Mitglieder der Gesandschaft zu bewegen, mit Ihnen heute die
Börse zu besuchen, unter dem Vorwande, das Treiben daselbst kennen zu lernen.« -
    »Ich begreife aber noch nicht, was Sie eigentlich bezwecken?«
    »Ueberlassen Sie mir die Ueberraschung; - die Presse ist in eine Falle
gegangen, über die man Jahre lang lachen wird. Noch Eines - haben Sie Credite
auf Berlin?«
    »Auf Mendelssohn und Compagnie tausend Ducaten.«
    »Das wird für Sie genügen, ausserdem garantirt leicht die österreichische
Gesandtschaft Ihr Vermögen. - Wissen Sie, dass wir im Hotel noch einer bekannten,
gewissermassen zu uns gehörenden Persönlichkeit begegnen?«
    »Sie meinen die spanische Tänzerin, welche an jenem Abend im Salon zu
Hietzing zugegen war?«
    »Ja. Sie ist hierher bestellt. Sobald unsere finanzielle Aufgabe in Ordnung,
werde ich sie nach Petersburg dirigiren. Wir haben zwar über Berlin Nachrichten
von dort, doch scheint unser Spion hier nicht ehrliches Spiel mit uns zu treiben
und das Wichtigere für Paris und London aufzusparen. Man will einen Versuch mit
der verführerischen Schönheit unserer Donna an gewissen Personen machen. - Doch
still - hier kommt die Gräfin!«
    Die Gräfin trat in das Zimmer.
    »Der Kellner des Hotels meldet den Herrn von Treumund - ich weiss nicht, ob
Sie den Mann haben rufen lassen?«
    Der Abbé fiel ein:
    »Ganz recht, lieber Graf - ich habe mir erlaubt, ihn hierher zu bestellen,
ich bitte, lassen Sie ihn eintreten.«
    Die Gräfin winkte nach der Tür zurück, dann wandte sie sich nochmals zu
ihrem Gemahl:
    »Ich beabsichtige, einen Besuch bei meiner Cousine abzustatten - werden Sie
mich begleiten?«
    »Ich habe Geschäfte, die mich daran hindern und werde später dem Herrn
Gesandten meine Aufwartung machen.«
    Die Dame entfernte sich. - »Wer ist der Herr?« fragte der Graf.
    »Er ist oder wird einer der gewandtesten Courtiers Berlins. Als
Correspondent mehrerer französischen und deutschen Journale ist er nicht ohne
Einfluss, durch seine Tätigkeit in allen Kreisen bekannt, durch das schlaue
Geschäft seiner Adoption von einem alten Bummler adligen Namens für die gute
Gesellschaft möglich gemacht - ist er zwar augenblicklich von Schulden und
Wechseln gedrückt, aber für unsere Absicht vortrefflich geeignet, und ich
zweifle keinen Augenblick daran, dass er sich bald glänzend in die Höhe bringen
wird, um so mehr, als er eben mit einem der ersten deutschen Speculanten zur
Benutzung der Presse in Verbindung getreten ist. Kennen Sie das Börsentreiben?«
    »Ich habe noch nie einen Fuss dahin gesetzt.«
    »So ist er gerade der Mann, um Sie in die Geheimnisse dieser Coulissen
einzuweihen. Ich bitte, lassen Sie ihn kommen.«
    Er nahm einige Papiere aus der Tasche, während der Kammerdiener des Grafen
durch die Haupttür einen Fremden in den Salon entführte. Es war ein junger
hübscher Mann mit blondem Haar und Bart, bemüht, aristokratische Manieren zu
zeigen, dem jedoch seine grosse Beweglichkeit entgegen war. Die Augen waren
klein, blinzelnd und gutmütig.
    Der Abbé - oder vielmehr Banquier Tomas - stellte den Fremden vor und
nötigte ihn zum Sitzen.
    »Graf Pisani,« sagte er, »ist vollkommen eingeweiht in das Geschäft und wird
uns bei unserer heutigen Operation unterstützen. Die Zeit drängt und so bitte
ich sogleich um Ihren Bericht. Welchen Eindruck haben die gestrigen
Abend-Nachrichten von Wien gemacht?«
    »Das telegraphische Correspondenz-Bureau hat sie noch am Abend verbreitet.
Die heutigen Morgenblätter und die Abendzeitungen durch Extrablätter melden zwar
nur unbestimmt: Westmächte im Besitz eines Forts von Sebastopol; Russen 15,000
Mann verloren; Fürst Menschikoff sechs Stunden Bedenkzeit erhalten. Heute Morgen
ist aber bereits von Paris eine telegraphische Bestätigung eingetroffen und man
erwartet heute bei Beginn der Börse die ausführliche Nachricht.«
    »Und die Course?«
    »Sie gingen in der gestrigen Abendversammlung der kaufmännischen Ressource
rapid in die Höhe, und werden offenbar heute um drei bis vier Procent steigen.«
    »Sie haben russische und Schatzobligationen in verschiedenen kleinen Posten
angeboten?«
    »Ich habe nach Ihrer Bestimmung verfahren, aber Niemand will sie, selbst zu
72 nicht.«
    Der Abbé rieb sich vergnügt die Hände. - »Es war vorauszusehen. Lassen Sie
uns überblicken, wie unsere Geschäfte stehen.«
    Der Berliner Courtier öffnete das Portefeuille, das er in der Hand hielt,
und nahm eine Note heraus.
    »Recapituliren wir. Auf Grund der Creditive von Eskeles und Sina kaufte ich
an der Sonntags-Börse bei unsern drei ersten Bankhäusern 115,000 Gulden
Metalliques zu 723/4.«
    »Richtig, sie standen gestern bereits 751/4 und werden heute noch mehr in
die Höhe gehen.«
    »Ich hoffe es, indes ist das schon ein Gewinn von 2775 Gulden. Ferner
300,000 Gulden Nordbahn zu 173.«
    »In diesem Augenblick 1791/2.«
    »Oberschlesische 180,000 Tlr. zu 921/2, 120,000 Gulden Neueste Anleihe zu
961/4 und 200,000 Tlr. Cosel-Oderberger zu 1631/4. Sie stehen bereits 205.«
    »Der Schlag ist bedeutend. Die Käufe betrage nach meiner Berechnung also
1,060,000 Tlr.«
    »Und der Gewinn in diesem Augenblick über 90,000.«
    »Nun merken Sie wohl auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage. Die Course
werden heute und morgen noch rapid steigen und die Nachfrage wild sehr bedeutend
sein. Glauben Sie, dass Sie heute sämtliche Papiere, über die wir disponiren, zum
heutigen Cours für den 15. verkaufen können.«
    »Unbezweifelt - wenn wir so töricht sein wollten.«
    »Ueberlassen Sie das mir; ich habe meine Gründe dazu, und Sie sollen an
Ihrer Courtage nicht zu kurz kommen. Doch wird es gut sein, wenn Sie mit dem
Verkauf mehrere Agenten beauftragen, denn so bedeutende Summen aus einer Hand
würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und leicht die Hausse stören. Ich
werde auf der Börse zugegen sein, um nötigen Falls Ihnen meine Bestimmungen
geben zu können. Im Uebrigen aber wird es zweckmässig sein, wenn Sie viel mit dem
Herrn Grafen hier und seinem Begleiter verkehren, so bald diese an der Börse
erscheinen, und geschickt das Gerücht verbreiten, dass von diesen bedeutende
Aufkäufe gemacht würden.«
    Der Agent verbeugte sich schlau lächelnd.
    »Ich verstehe und werde nicht verfehlen, dies zu tun. Doch erlauben Sie
mir, auf einen Umstand Sie aufmerksam zu machen, da es mir scheint, dass Sie neue
telegraphische Nachrichten erhalten haben. Man argwöhnt an der Börse seit
einiger Zeit, dass viele der eingehenden Depeschen auf irgend eine noch
unerklärte Weise verraten werden. Einer unserer Börsenmatadore scheint die
Course und Aufträge von ausserhalb förmlich zu riechen und überflügelt alle mit
seinen Combinationen - oder seinen Nachrichten. Es wäre fatal, wenn er uns in
die Quere käme.«
    Herr Tomas lächelte. - »Beruhigen Sie sich auch hierüber, auch der Herr
wird kaufen.«
    Der Courtier empfahl sich. - - - - - - - - -
    Der Neubau einer Berliner Börse gehört zu den Seeschlangen ohne Ende, die
fortwährend auftauchen und niemals erlegt werden. Zwischen der Dampfmaschine der
grossen Fontaine und den Ruinen des neuen Doms, für dessen Camposanto-Entwürfe
Cornelius die bescheidene Forderung von hunderttausend Talern macht, liegt oder
lag die Villeggiatura des Berliner Handelsstandes und seit drei oder vier Jahren
des Berliner Geld- und Creditschwindels. Ein wenn auch nicht unstattliches, doch
sehr beengtes Gebäude mit einem von Bäumen besetzten kleinen Vorplatz nimmt
täglich von zwölf bis drei Uhr eine Anzahl von mindestens 2000 Personen auf, die
den grossen Handel und Geldverkehr der Hauptstadt ursprünglich vermitteln sollen
zur Beförderung und Verteilung des Wohlstandes und der Industrie des Landes.
    Seit den letzten drei Jahren jedoch ist das Berliner Börsenleben zu einer
Pest des Landes ausgeartet, verwerflicher, hundertfach gefährlicher, als die von
der öffentlichen Meinung und der Regierung geächteten Spielbanken, die nur
Einzelne verderben, während die Börse auf alle Klassen demoralisirend oder die
Zustände verschlimmernd wirkt.
    Der frühere Börsenverkehr steht zu der jetzigen Börsenwirtschaft wie die
gediegene kaufmännische Berechnung zu dem Delirium der Speculation, wie die
Waare zur Ziffer, wie der Handel zum Diebstahl. Vielleicht characterisiren, wenn
auch nur schwach, die nachfolgenden Crayons einigermassen dies Treiben. -
    Es war Mittag gegen ein Uhr, als Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attaché
der österreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatze der Börse erschien und
langsam durch die versammelten Gruppen wandelte, dem Treiben des Verkehrs
zuschauend. Die handgreiflichen Differenz-Ausgleichungen einiger Mitglieder
hatten damals noch nicht die Eintrittskarten eingeführt und jeder Fremde betrat
ungenirt das Sanctuarium des Zahlenschwindels. Der Attaché war mehreren der
grossen Banquiers bekannt, die ihn begrüssten und ansprachen, und wunderbar
schnell verbreitete sich die Nachricht auf der Börse, dass ein Mitglied der
Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei. Offenbar hatte dabei der
Agent Treumund die Hand im Spiele, der alsbald bei dem Erscheinen der beiden
Herren sich dem Grafen anschloss und den Cicerone nachte, von Zeit zu Zeit sie
verlassend und bald hier, bald dort neue Geschäfte abschliessend.
    Dies Verfahren konnte nicht verfehlen, Aufmerksamkeit zu erregen, um so
mehr, als bald bekannt wurde, dass die Aufträge, welche der Agent machte, über
grosse Summen lauteten und die Börse ohnehin in höchster Erregung war. So eben
waren die telegraphischen Depeschen des Correspondenz-Bureau's von Wien und
Paris über die dortigen Course eingegangen und der Agent des Hauses Oppenheim
verlas nach der getroffenen Einrichtung von einer Erhöhung dieselben mit lauter
Stimme. Die Boten des Staats-Telegraphen-Bureau's durchbrachen mit
Privatdepeschen suchend die Menge. Das Geschäft schien in vollem Gang und die
vereideten Makler wurden bestürmt mit Anmeldungen.
    Der Graf mit dem Gesandschafts-Cavalier, der zu unerfahren und zu sehr
Edelmann war, um so rasch zu begreifen, dass er hier zur Folie diente - hatte
endlich am Eingang des Hauses einen Platz gefunden, von wo Beide das Treiben
innen und aussen beobachten konnten. Der Agent stand bei ihnen.
    Die Scene umher war wirklich charakteristisch und für einen Unbeteiligten
an Stoff zu Beobachtungen überreich. Eine Wirrniss von Geschwätz und Geschrei -
oft dem eigentümlichen Idiom einer polnischen Juden-Synagoge gleichend - lag
auf dieser sich drängenden, stossenden, sammelnden und hin und her eilenden oder
fest auf gewissen Stellen ansharrenden Menge, in der die gebogene oder kulpige
Nase als Typus in hundert Variationen des Alters vorherrschend war. Die
gewöhnliche Höflichkeit und Rücksicht grosser Gesellschaften schien aus dieser
verbannt und Jeder im Schreien, Stossen und Drängen nur auf seine eigenen Zwecke
Bedacht zu nehmen. Ein Notizbuch in der einen, den Bleistift in der andern Hand,
mauschelnd, rufend, fragend, horchend, beteuernd und wegwerfend, die
gespannteste Aufmerksamkeit in der lauschenden Miene oder mit verächtlichem
Achselzucken, schmeichelnd und scheltend, kriechend und hochmütig - überall die
Ohren, überall die Augen - hier ein Wort wechselnd, dort ein Opfer in den Winkel
drängend, lügend und belogen, täuschend und getäuscht, jede Spannung, jede
Heuchelei auf den Gesichtern, bedächtig und hastig, schnöde und freundlich,
lärmend und schweigend, so wogte das Chaos der Geldintelligenz, das sich den
Reichtum und die Intelligenz des Landes nennt!
    »Staats1! wer kauft?«
    »Zehn2! Wie steht?«
    »Wer hat Cölner - Enkel3? Achtundachtzig drei Viertel? Ich kaufe.«
    »Herr Lion, Herr Lion, wo ist Herr Lion?«
    »Franzosen4! Hundertsiebenundsiebzig ein Halb!«
    »Schreiben Se mer ein, Zwanzig zum Ersten. Wollen Se handeln mit
Wittenberger? Herr Friedemann, brauchen Sie Rheinische Kinder?«
    »Sechsundachtzig - haben Se gehört, Herr Hertel? Notiren Sie den Cours -
Sechsundachtzig bezahlt5.«
    »Hören Se zu - Meyer is am Kaufen - Nordbahn und 1854er Loose, lassen Se uns
eilen, sonst kommen mer zu spät.«
    Dazwischen schellt die Glocke als Signal um Abschluss.
    »Die Zahl Ihrer grossen Kaufleute und Banquiers, die an der Börse Geschäfte
machen, scheint sehr bedeutend,« bemerkte der Sardinier.
    »Der Schein täuscht, - von der ganzen Zahl, welche die Börse füllt, verdient
kaum der vierte Teil, hier zu sein. Vielleicht die Hälfte ist nicht einmal der
Kaufmannschaft incorporirt und besteht aus den sogenannten Wilden. Wenn es Ihnen
Vergnügen macht, will ich Ihnen die Einrichtung und das Treiben unserer Börse in
kurzen Worten schildern.«
    »Ich bitte darum.«
    »Man kann die Börsenleute etwa in vier Kategorieen einteilen. Zuerst die
grossen Banquiers, jene Säulen des grossen Geldmarkts, die traditionelles Vermögen
und Geschäfte, die eine Vergangenheit haben und einen europäischen Ruf, wie z.B.
Magnus, Jüterbock, Schickler, Mendelssohn, Anhalt und Wagner, Robert Warschauer
u.s.w. Diese Koryphäen des Geldmarkts machen fast nie eigene Speculationen, sie
beteiligen sich an Anleihen oder sind die Commissionaire derselben. Ihre
Repräsentanten erscheinen hier nur um der Gewohnheit des Hauses willen und
führen nur die Geschäfte ihrer Committenten aus. Sehen sie da die stabilen
Posten dort auf den Bänken und an dem Gitter? Das sind unsere Geldfürsten oder
ihre Vertreter. Das wohlbehäbige runde Gesicht dort stöhnt über die Unmasse der
Geschäfte und seine ganze Arbeit besteht am Tage darin, sich zwei Stunden lang
Herr-Von nennen zu lassen und die andere Zeit zu flaniren! - Sehen Sie da das
Paar prächtige Waden in den eng anliegenden Beinkleidern am Gitter dort im
Winkel nach dem Dome zu? Diese musculöse Kraft ohne besondere geistige Capacität
ist der Börsen-Repräsentant einer unserer nobelsten Firmen, so wie jener junge
jüdische Aristokrat mit den in beliebter Wastelart bis an die Achselhöhlen
zurückgeschlagenen Rockpatten, die Frucht eines unserer berühmtesten jüdischen
Häuser. Einstweilen lässt er sich von Minna schröpfen und der achtbare Papa dort
in der Banknische an den Säulen neben ihm schlägt mit stiller Behaglichkeit die
Beine übereinander, neigt den Kopf zur Seite und harrt der Coursnotirungen, wie
Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem. So einfach der Mann aussieht, sein
Vermögen wird mit zwei Millionen taxirt, denn hier, Herr Graf, hat Alles seine
Taxe.«
    »Sie erzählen pikant!«
    »Journalistenmanier. Kommen wir zu der zweiten Kategorie, den kleinen
Banquiers und grossen Spekulanten. Diese sind die Hauptfaiseurs der Börse, sie
machen die Course und treiben einen Umsatz in Ziffern, der in's Kolossale geht.
Man kann die Summen, die jetzt an der Berliner Börse umgeschlagen werden, auf
durchschnittlich zwei eine halbe Million täglich rechnen. Ein Teil dieser
Männer macht noch Banquiergeschäfte, ein anderer Teil blosse Spekulationen.
Sehen Sie den grossen hagern Herrn dort mit der halben Glatze und dem verlebten
Gesicht? In jeder dieser Falten sitzt eine verzehrende Leidenschaft. Der Mann
hat in Sachsen schon fünfmal auf Nichts gestanden und seine Spekulationen haben
ihn immer wieder auf den Gipfel des Reichtums gehoben. Er kommandiert in diesem
Augenblick wieder ein paarmalhunderttausend Taler, ist unser grösster
Baisse-Spekulant und seine polnische Maitresse holt ihn alle Nachmittage in
glänzender Equipage von seinem Tummelplatze ab, bis - -«
    »Es liegt etwas Unheimliches in seinen Manieren; jetzt schiesst er wie ein
Stossvogel durch die Menge.«
    »Das ist so seine Manier, - er hat sein Opfer. Dort steht sein Gegenmann -
ich meine jenes durchsichtig blasse Gesicht mit der eigentümlichen Farbe der
Wasserleichen, denen man einen Zoll tief durch's blutlose Fleisch zu sehen
wähnt.«
    »Das Gesicht ist interessant, das Auge scharf und voll Verstand, der
Ausdruck ruhig.«
    »Und dennoch ist sein Besitzer voll rastloser Beweglichkeit, und es duldet
ihn kaum einen Augenblick schweigend auf demselben Platz. Er ist unser
bedeutendster und glücklichster Spekulant und ausgezeichnet durch ein so enormes
Gedächtnis, dass er zu seinen Geschäften, obschon er ihrer täglich 50 bis 60
schliesst, nie ein Notizbuch braucht. Man fängt übrigens an auf der Börse, ihn
mit einem gewissen Argwohn zu betrachten, denn er scheint fast allwissend in
Betreff aller ankommenden Nachrichten, so glücklich sind seine Combinationen.
Ich habe schon vorhin gegen Ihren Freund meine Besorgnisse geäussert.«
    »Der Herr scheint fortwährend umlagert von einem Schwarm, Alles drängt sich
um ihn.«
    »Die Ursach' werd' ich Ihnen gleich in einer weiteren Kategorie erklären.
Erwähnen will ich nur noch, dass die fünfzehn oder zwanzig Mitglieder der eben
bezeichneten jährlich durch ihre Spekulation sechs-bis achtmalhunderttausend
Taler verdienen.«
    »Die also das Publikum zahlt,« bemerkte der Attaché.
    »Ganz recht; und noch ärgere Blutegel sind die beiden letzten Kategorieen.
Die dritte besteht zunächst aus den privilegirten Jobbern, der eigentlichen
kleinen Mauschelei, welche die beiden höheren Stufen schon abgeschliffen haben.
Hier findet man die kleinen Geschäfte und den jüdisch näselnden Jargon, den
ausgehungerten Jobber neben dem behäbigen gemachten Geldmann, wie jenes Exemplar
dort zeigt, das vorzüglich in Magdeburg-Wittenberger macht und die orientalische
Abstammung durch einen wohlgehegten Schnurrbart zu cachiren sucht. Das Studium
dieses Genres ist wirklich interessant. Blicken Sie einmal dortin auf den alten
grauen Kerl, der so schmuzig aussieht, als käm' er aus einem Trödelladen vom
Mühlendamm, und dann wieder die stattliche ruhige Figur dort, der man die höhere
Intelligenz ansieht und wie sie ihre Umgebung dominirt. Der Herr dort ist der
Hauptautor der berühmten Inserate der Vossischen und man hört sie täglich bei
den Geschäftchen sans gêne beraten.«
    »Aber zu welchem Zweck, wenn man doch weiss, woher sie stammen?«
    »Für's Publikum, lieber Herr; denn es gibt nichts Dümmeres, als das
Publikum im Allgemeinen. Es ist eine Hammelheerde, die angeleitet werden muss,
das sauer oder glücklich erworbene Geld rasch wieder los zu werden. Die Klasse
der Makler und kleinen Banquiers macht nur geringe eigene Spekulationen, indem
sie in die Nähe der grossen Tonangeber sich drängt, ein Wort aufschnappt und sich
mit einigen Tausenden in der Spekulation beteiligt. Freilich bekommen sie dabei
oft die ärgsten Ohrfeigen; denn es ist eine alte Regel, dass über kurz oder lang
die kleinen Spekulanten der Börse von den grossen aufgefressen werden. Die Grossen
verstehen ihr Handwerk. So wird es dem Börsenkönig nicht einfallen, wenn er
verkaufen will, dies auf der Börse zu tun. Im Gegenteil, dort kauft er
einzelne Posten des Papiers und streut den Leuten damit Sand in die Augen,
während in allen Ecken seine lange vor Beginn der Börse instruirten Agenten die
wahren Geschäfte für ihn machen. Im Uebrigen zahlt ihre Existenz das Publikum
durch die Courtage und die Kunst des Schneidens. Bitte, wenden Sie das Auge dort
auf jenen Mann. Der Schacher ist ihm jedem Zuge ausgeprägt und der Mensch ein
originelles Exemplar der Jobberei. Er hat immer eine Partie Uhren, Brochen,
Brillanten und dergleichen zur Hand, die er förmlich als Prämie für ein Geschäft
ausbietet. Sehen Sie, eben ist er wieder daran, ein Geschäft zu machen, lassen
Sie uns den Spass haben, einen Augenblick näher zu treten und ihm zuzuhören.«
    Der alte Mann, den das charakteristische Zeichen orientalischer Schlumperei,
die über den fettigen Rock heraushängenden Kragenbänder und eine fast in den
Mund sich krümmende Nasenspitze kenntlich machte, hielt einen jungen Kaufmann
beim Rockknopf fest. »Woll'n Se mer liefern acht Mecklenburger zu Einundvierzig
en Viertel, Herr Lehmann? Wissen Se was, ich geb' Sie diese gold'ne Uhr mit de
dicke Berlocks zu. Wie, Se wollen nich machen den Rebbes? Aach gut. Se sollen
haben vier Nordbahn-Kinder, Fünfundvierzig drei Viertel und diese Busennadel.«
    »Der Wert der beiden Pretiosen,« sagte lachend der Courtier, »ist mit einem
kleinen Profitchen dem der Procente gleich, um welche der Alte die Papiere höher
oder niedriger schachert. Doch lassen Sie uns zu Ende kommen mit der allgemeinen
Charakteristik. Die vierte Kategorie besteht aus dem Tross, der neben den beiden
andern herläuft und den Vermittler und Pfuschmakler spielt: die sogenannte
Coulisse, alte bankerotte Ganner und junge unverschämte Bengels von fortgejagten
oder fortgelaufenen Commis, eine Rotte von Tagedieben, zu faul, um wirklich zu
arbeiten, aber schlau genug, um sich hier überall aufzudrängen und täglich ein
oder zwei kleine Geschäftchen zu erluchsen, die ihnen durchschnittlich vier,
fünf Taler, häufig auch noch Besseres abwerfen, jedenfalls weit mehr, als der
ehrliche Commis bei angestrengter Arbeit verdient. Wenn sie am Ultimo nicht
zahlen können, bleiben sie eine kurze Zeit fort oder lassen sich hinauswerfen.
Die Sorte ist wir die Schmeissfliegen, zu jeder List und jeder Gannerei bereit;
es laufen ihrer über Hundert umher, und das Publikum muss sie täglich mit fast
tausend Talern ernähren, um die ihm die Pariere verteuert werden. Zum Glück
ist wenigstens unsere Börse noch ziemlich rein von dem Besuch der Privaten; das
Publikum, das bereits in allen Ständen massenhaft speculirt, liegt noch in den
Händen der grossen und kleinen Banquiers, und nur Wenige kommen selbst. Da ist
ein Exemplar. Sehen Sie da an dem Baum links den langen schwarzgekleideten
Herrn, welcher mit einem meiner Kollegen spricht?«
    »Den mit der Brille? ja.«
    »Er ist Hauslehrer bei dem *** Gesandten. Bei der türkischen
Kriegserklärung, die er von seinem Prinzipal erfahren, wagte er sich auf das
Glatteis der Börse und gab mir einen Auftrag. Er gewann, indem er sein ganzes
Erbteil, 400 Taler, wagte, damit das Doppelte und speculirt seitdem
fortwährend, bis - - Da drüben am Gitter des Museums neben Piefke mit seinen
weissen Mäusen und Inseparables, die nur zusammenleben und die er einzeln
verkauft, - steht ein Bild von dem gewöhnlichen Ende solcher Privatspeculanten.«
    »Der Mensch in dem desolaten Aufzug, der so unverwandt hieher schaut?«
    »Vor zwei Monaten noch hatte er Credit für Tausende, obschon er längst
ruinirt war. Der Mann besass zwei Häuser in der Friedrichsstrasse und ein gutes
Geschäft. Als der Actienschwindel bei uns begann, wollte er mit Gewalt seinen
Wohlstand zu Reichtum machen und liess sich, obschon er nicht das Geringste
davon verstand, mit einem Spiritusspeculanten ein. Später, um sich
herauszureissen und die erlittenen Schlappen zu decken, machte er in rheinischen
Actien und verlor in Zeit eines Vierteljahrs 75,000 Taler. Er ist jetzt ein
Bettler, aber so auf das Börsenspiel versessen, dass er täglich wenigstens
hierher kommt, um von ferne zuzusehen. Seine Familie hat jetzt oft kaum das
trockene Brot.«
    »Solche Beispiele werden durch die entgegengesetzten aufgewogen, es fehlt
gewiss auch hier nicht an Leuten, die rasch reich geworden.«
    »Im Gegenteil, sie schiessen wir Pilze aus der Erde und Niemand weiss oft,
woher die Mittel zu der Verschwendung kommen, die sie so plötzlich entwickeln.
Der Herr im grünen Reitfrack, der sich dort rechts nach Kalau drängt, -
entschuldigen Sie, Sie verstehen den Kunstausdruck nicht, jener Fleck heisst bei
uns Kalau, und die grosse Gesellschaft der beschriebenen dritten Kategorie, die
sich dort zu postiren pflegt, heisst man Kalauer, - also jener Herr hatte, wie
unsere meisten Kleiderjuden, bereits zwei Mal Bankerott gemacht, sich aber damit
im Gegensatz zu ihnen völlig ruinirt, so dass er, um den Executoren zu entgehen,
nirgends eine bleibende Wohnung hielt. Seit vier Wochen fährt er mit einem
eleganten Tilbury, nimmt im Opernhaus nur Fremdenloge, trägt täglich vier Paar
strohgelbe Handschuhe und führt Signora Caspari in den Pariser Keller. Bis zu
einer Tänzerin hat er es freilich noch nicht gebracht, so gern er auch den Baron
spielen möchte.«
    »Welche Papiere haben ihn denn so plötzlich reich gemacht?«
    »Reich - Börsenpapiere? Beides weniger. Er ist Commissionair geworden und
makelt in Rittergütern; auf die Börse kommt er nur so nebenbei.«
    »In Rittergütern? - ich denke, der preussische Adel conservirt sein
Grundeigentum?«
    »Die Gütercommissionaire sind jetzt ein coulantes Geschäft und vermehren
sich täglich. Die Zeitungen wimmeln von ihren Anzeigen, in denen sie
herrschaftliche Güter jeder Art und Grösse zum Verkauf anbieten, und wenn auch
drei Viertel dieser Annoncen notorisch erlogen sind, so verstehen sie doch bei
dem bleibenden Viertel die beiden Parteien so gründlich zu schröpfen, dass der
Wucher, der mit dieser Erscheinung eng zusammenhängt, daneben eine Tugend ist.
Nun, Herr Levi,« - er sprang rasch zu einem Vorübergehenden, - »wollen Sie noch
eine kleine Post Nordbahn-Väter?«
    Der kleine dicke Mann, den er angeredet, rieb sich innerlich lachend die
Hände.
    »Was soll ich tun damit, Herr von Treumund? Einstweilen wollen wir abwarten
die Bestätigung von die Nachrichten von die Tataren und von die Schiffscapitaine
von's Schwarze Meer. Sie wissen, Freund, ich bin vorsichtig.«
    »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte zurückkehrend der Courtier zu dem
Grafen. »Der Mann ist der Geldfaiseur höchst einflussreicher, ja hoher Personen,
die rechte Hand von Leuten, die am Staatsruder sitzen, und in vielen Beziehungen
ein höchst scharfsinniger Patron. Eine Hand wäscht die andere und Geldgeschäfte
und Lieferungen haben ihn zum reichen Mann gemacht. Gewiss sinnt er dafür schon,
welchen Patriotismus er am Königs Geburtstag an's Lampenlicht stellen oder
welche neue finanzielle Denkschrift er für einen seiner Mäcens vom Stapel lassen
wird. Der Mann wirft Hunderte fort für eine seiner rastlosen Launen und schlägt
dafür einen jungen Handwerksmann halb todt, weil dieser sich nicht ein Viertel
seiner Rechnung kürzen lassen will. Aber ich muss ihm nach und ihn zu einem, wenn
auch noch so kleinen Geschäft bewegen. Hier auf der Börse achtet man auf Alles.«
    Er schoss davon.
    Aus dem Menschenstrom, der aus dem Börsensaal nach dem Vorplatz und zurück
wogte, drängte sich ein kleiner noch ziemlich junger Mann mit gebogener
orientalischer Physiognomie und etwas Kreuzfeuer in den Augen voll zuckersüsser
Aufdringlichkeit zu dem österreichischen Cavalier.
    »Ganz gehorsamster Diener, Herr Baron, freut mich, die Ehre zu haben, Sie
wiederzusehen. Sagen Sie mir, Sie müssen's wissen, Sie sind Diplomat, ist es
wahr, dass gedonnert haben die Kanonchens am Invalidendom? Wie käme der Tatar
dazu, zu bringen eine falsche Nachricht an Omer-Pascha, er muss es wissen wenn
auch versiegelt geblieben ist die Depesche; 22,000 Russen gefangen, der Kaiser
Napoleon ist bei Gott ein grosser Mann! Was sagt der Herr Gesandte dazu?«
    Der junge Diplomat betrachtete mit einem gewissen vornehmen Missbehagen den
kleinen Hebräer.
    »Ich habe nicht das Vergnügen -«
    »Herr Baron, Sie werden mir kennen, - ich habe die Ehre gehabt auf dem
grossen Ball bei Herrn von Magnus; unsere Firma ist unter den Linden - was meinen
Sie, könnte man einen Schlag wagen? ich werde Sie beteiligen mit zehn Prozent.«
    Der Ataché verbeugte sich ablehnend.
    »Bemühen Sie sich nicht, ich spiele nicht an der Börse.«
    »Schade! - Auf ein Wort, Herr Meyer! Was denken sie? die österreichische
Gesandtschaft ist hier auf der Börse, sie hat mir eben eine wichtige Mitteilung
gemacht; lassen Sie uns kaufen, Dreiundachtzig ein Halb, das Geschäft ist gut.«
    Das Gedränge entführte ihn. In seinem Schutz war der Abbé zu dem Sardinier
getreten.
    »Sehen Sie dort die beiden Männer, die eben mit unserm Courtier sprechen?«
    »Der Eine sieht hierher?«
    »Richtig; es ist der wiener Polizei-Agent, der Andere ein hiesiger Beamte.«
    »Der Mensch hat eine vertrackte Physiognomie, so schmuzig und tückisch.
Unser würdiger Bandit Sta Lucia, der wer weiss wo ein Ende genommen haben muss,
war ein Apollo gegen dies Galgengesicht. Wie heisst das Subject?«
    »Heller. Er ist ein verdorbener Advokat von wenig ehrenvollem und
moralischem Ruf, machte schon vor 48 den Polizeispion in Pest und lieferte
manchen Patrioten nach dem Spielberg. Bei der Revolution spielte er plötzlich
den Republikaner, half das Zeughaus stürmen, wenigstens rühmt er sich dessen,
drängte sich bei allen Demonstrationen vor und verteidigte die Hochverräter und
Majestätsbeleidiger. Später, nachdem das Handwerk der Demokratie nicht mehr
ging, wusste er sich wieder in den Polizeidienst zu bringen und nimmt zur Schande
des Kaiserstaats und zum Aerger aller ehrlichen Leute eine hohe Stellung darin
ein, ja man hat sich so weit vergessen oder mit ihm eingelassen, dass man ihm
sogar Orden des Landes aufgehängt hat.«
    »Und wie nimmt er sich jetzt gegen die Demokratie?«
    »Er verfolgt sie als Renegat auf das Bitterste, obschon ich überzeugt bin,
er würde gern Cartel mit uns machen, wenn wir dazu geneigt wären. Im Uebrigen
erlaubt er sich jede Willkür und Dinge, die jeden Andern vor die Schranken des
Kriminalgerichts bringen müssten. Man hat ihn entweder zu tief in die Karten
schauen lassen oder braucht ihn zu notwendig. Wir können dabei nur gewinnen,
denn sobald das monarchische System erst zu dem Grundsatz kommt, die sogenannte
Treue und die Ehrenhaftigkeit und Moralität des Standes einer Nützlichkeit der
Person zu opfern, untergräbt es selbst das vielgepredigte Rechtsbewusstsein im
Volk, entkleidet seine Aemter und Auszeichnungen des Nimbus, und das Gewissen
des Volkes fällt uns in die Hände. - Vorläufig aber müssen wir uns der Macht des
Augenblicks fügen und ich bitte Sie daher, dass Sie mich in einer nicht
auffallenden Weise mit Ihrem Begleiter bekannt machen und in's Gespräch bringen.
Das wird vorläufig jenen irritiren und uns vor Belästigungen oder Nachfragen
sichern.«
    Der Gesandtschafts-Cavalier hatte sich eben wieder nach dem kleinen
Intermezzo zu seinem Begleiter gewendet, der ihm rasch den Gefährten als seinen
Banquier und Geschäftsführer vorstellte und beide in ein Gespräch verwickelte.
    »Mon Dieu! Diese Leute scheinen mir alle den Kopf verloren zu haben über die
gestrigen und heutigen höchst unzuverlässigen Nachrichten,« sagte der junge
Diplomat. »Wer wird einer türkischen Depesche glauben und noch dazu einem blossen
Gerücht! Aber überall, wo man sich hinkehrt, hört man von Nichts als von diesem
merkwürdigen Tataren und der Schiffernachricht.«
    »Ich bitte Sie, Baron,« flüsterte der Graf, »stören Sie die Leute nicht in
ihrem Glauben. Die erste Regel in der Diplomatie ist, keine eigene Meinung zu
haben. Wir sind hier, um uns an diesem Treiben zu amüsiren und zu belehren, und
da kommt auch unser gefälliger Cicerone zurück.«
    Ein Blick verständigte den Abbé mit dem Courtier, dass die Geschäfte im
vollen Gange. Der Attaché wollte die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, sich
über preussische Verhältnisse zu unterrichten. - »Ich habe gehört, dass Ihrem
Hypotekenwesen jetzt in gefährdender Weise die Kapitalien entzogen und der
Speculation zugewendet werden,« sagte er. »Auf meinen Gängen durch die Strassen
bemerkte ich, dass sich die Zahl Ihrer Banquiers bedeutend vermehrt!«
    Der Courtier verzog den Mund.
    »Wer ist heutzutage nicht Banquier?« Nicht Jedermann ist so bescheiden, wie
die hübsche kleine Frau eines dicken Freundes von mir, die, vor Kurzem bei ihren
Verwandten in Schlesien zum Besuch, von diesen in einem Kaffeeklatsch als Frau
Banquier Langsam aus Berlin vorgestellt wurde und zum Entsetzen der Familie
spöttisch berichtigte: »Mit Erlaubnis, wir machen vor der Hand bloss kleinen
Wucher!« -
    Der Baron lachte.
    »Was die Zahl dieser sogenannten Banquiers betrifft,« fuhr der Courtier
fort, »so vermehrt sie sich allerdings, wie die Fliegen, und geht unter dieser
Firma frei aus vor der Staatsanwaltschaft. Denn alle Geschäfte dieser kleinen
Meute des Geldmarkts gehörten eigentlich vor deren Forum.«
    »Wie das?«
    »Es ist leicht erklärt. Jeder angehende Handelsagent, der ein Bischen Witz
und Credit hat und die Anfertigung einer eleganten Firma nebst einer
Pränumerandomiete in einer noblen Verkehrsstrasse bezahlen kann, etablirt sich
jetzt als Banquier, sucht Bekanntschaften und offerirt seine Dienste zu
Geldgeschäften. Bei der Art, wie sie diese Geschäfte dem Publikum gegenüber
ausbeuten, müssen diese Leute sämtlich reich werden, wenn sie eben nicht wieder
auf eigene Hand speculirten. Ich will Ihnen einmal vorrechnen, wie das Publikum
von den Banquiers in die Scheere genommen wird. Ein Besitzer, der kaufen oder
verkaufen will, gibt z.B. einem Banquier den Auftrag, 6000 Taler
Berlin-Hamburger Actien ihm zu verkaufen. Der Banquier berechnet dafür an
erlaubten Vorteilen zunächst halbe Courtage für den Makler, während er
wahrscheinlich das Geschäft selbst gemacht hat, dass heisst 1/2 per mille, also
hier 3 Taler, Provision für die Besorgung 1/6 Prozent, also hier 10 Taler. Sie
werden mir zugeben, dass 13 Taler für ein ganz kleines müheloses Geschäft schon
ein recht hübscher Verdienst wären. Aber man ist weit entfernt davon, sich damit
zu begnügen! Es gilt, den Committenten nach dem Kunstausdruck zu schneiden, und
das geschieht in folgender Weise. Der Agent schlägt die Papiere an der Börse für
1091/2 los und berechnet seinem Auftraggeber 109, höchstens 1091/4 dafür,
vielleicht auch gar nur, wenn's ihm bei den Notirungen glückt, 1081/2. Das ist
demnach ein kleiner Extraprofit von 15, 30 oder 60 Talern bei dem einzigen
unbedeutenden Geschäft, ohne das geringste Risiko, und im Grunde doch nichts
Anderes als Betrug.«
    »Aber kann derselbe nicht nachgewiesen werden?«
    »Das ist fast unmöglich. Sie werden bereits bemerkt haben, dass zu gewissen
Personen hier fortwährend die Leute sich herandrängen und ihnen eifrig
zusprechen. Es sind dies die vereideten Makler, welche die Course zu notiren
haben, oder die Börsen-Berichterstatter der Zeitungen. Diesen Personen, wenn sie
nicht selbst beteiligt sind, was bei der Presse sehr häufig der Fall ist, weiss
man auf alle mögliche Weise die Notirungen nach dem eigenen Vorteil
aufzudrängen. Man sagt ihnen, hier hab' ich eben zu dem und dem Cours gekauft
oder verkauft, und auf ein Vierteloder ein halb Prozent ist die Sache oft gar
nicht zu unterscheiden. Deshalb auch finden Sie erstens in den öffentlichen
Notirungen die bezahlten Course oft in verschiedenen Steigerungen notirt, und in
den fünf oder sechs Courszetteln, die hier an der Börse herauskommen und zum
Teil auf diese Spekulation gegründet sind, die Course sehr häufig ganz
verschieden angegeben. Der Banquier hält nun die sämtlichen Courszettel,
vielleicht von jedem ein Dutzend im Abonnement, er sucht sich für das
bezeichnete Geschäft gerade den Courszettel heraus, der ihm zum Schneiden am
vorteilhaftesten passt, legt ihn bei der Berechnung seinem Committenten bei, und
dieser schwört noch darauf, wie solide der Mann ihn behandelt, während er
schändlich über's Ohr gehauen ist. Das, meine Herren, nennt man Börsen-Usance,
und diese Usance herrscht nicht etwa bloss bei den Jobbers und Kalauern!«
    »Die grosse Presse könnte hier viel dagegen tun.«
    »Die Presse, Herr Baron, wird im Gegenteil auf das Schändlichste missbraucht
und verbreitet die Täuschung im ganzen Lande. Die Redacteure der grossen
politischen Zeitungen verstehen fast durchgängig Nichts von den Börsengeschäften
und müssen diesen Teil ihres Blattes den engagirten Berichterstattern
überlassen. Nun ist es leicht zu begreifen, wie die auftauchenden grossen
Geldinstitute bedacht sind, die Notirungen ihrer Papiere zu treiben. Wir haben
Scandalfälle gehabt, nicht bloss in Wien, sondern auch hier, dass die
Börsen-Berichterstatter der politischen Zeitungen mit 20, 30, 50,000 Taler
Actien beteiligt werden, bloss um ihr Interesse dafür zu gewinnen. Das Manöver
ist ganz gewöhnlich; die geheimen Akten der Institute in Braunschweig,
Darmstadt, Dessau etc. könnten Wunderdinge davon erzählen. In den meisten Fällen
bleibt die Sache natürlich diskret, nur zuweilen bei widerwärtigen
Börsenzänkereien platzt die Bombe, es kommt ein förmlicher Handel mit den
Notirungen und Poussirungen zum Vorschein, wie es vor einiger Zeit mit einer
grossen hiesigen Zeitung passirte; man wechselt die Berichterstatter und - die
Sache bleibt beim Alten! Zum Teil auch - wie jener kleine Orientale dort, der
so eifrig umherschiebt - spekuliren die Herren auf eigene Hand. Mundus vult
decipi - es kommt Alles nur auf das Air an, mit dem es geschieht!«
    »Aber den grossen Banquiers kam diese Pfuschbörse doch unmöglich recht sein?«
    »Es ist Nichts dagegen zu machen; das Einzige, was sie tun können, ist,
manchmal Einem oder dem Andern einen Genickschlag beizubringen, der ihm eben so
rasch zum Bettelstab hilft, wie er reich geworden. Bemerken Sie den grossen Mann
da? - er ererbte ein Vermögen von 200,000 Talern und eines der brillantesten
Geschäfte; das Vermögen ist durch die Spekulation in Spiritus und Getreide
binnen zwei Jahren verloren gegangen. Sehen Sie dort die orientalische
Physiognomie? - der Besitzer kam reich von Breslau hierher, spekulirte
vortrefflich und verzehnfachte sein Vermögen. Seit drei Monaten aber fällt ihm
jede Spekulation an der Börse gegen, es ist, als ob er mit Blindheit geschlagen
wäre. Ich gebe nicht 1000 Taler mehr zu Gunsten seiner Bilance, und fährt er
noch vierzehn Tage so fort, so ist die Pleite unausbleiblich.«
    »Aber warum stürzt sich der Mann in sein Unglück?«
    »Ein Jeder ist der Schmied seines Schicksals und seines Goldes. Es ist das
Börsenfieber, das ihn ergriffen, und das so gut existirt, wie das Fieber am
Roulet. Er wird daran verbluten, denn er ist ein ehrlicher Jude, dem der
ehrliche Name über das Leben geht, und statt Bankerott zu machen, wie hundert
Andere tun würden, wird er es mit dem Leben zahlen. Der Fall ist noch kürzlich
mit einem reichen Banquier vorgekommen, der des Wuchers angeklagt war. Glauben
Sie mir, meine Herren, das Spiel an der Börse ist verführerischer und zeigt
ärgere Leidenschaften ruft krasseren Jammer hervor, als der verpönte grüne Tisch
in Homburg oder Baden-Baden! Nicht Alle wissen und wollen aus dem Bankbruch
ihrer Habe oder ihres Rufs hervorgehen, wie jener Herr dort mit der ruhigen
gemessenen Physiognomie, der vor einiger Zeit auf der Leipziger Messe den
englischen Fabriken, die ihm Hunderttausende anvertraut, seine
Zahlungseinstellung anzeigte, aus gesicherter Ferne 20 Procent bot und, nachdem
dies Arrangement geschlossen war, sich jetzt Palast über Palast baut. Da, da -
laufen zwei Spekulanten, die, der Eine zwei Mal, der Andere drei Mal, Bankerott
gemacht haben und die jedes Mal reicher aus den Arrangements hervorgingen, wie
sie gewesen waren. Für Jenen dort schossen vor vier Wochen, als er pleite war,
seine guten Freunde an der Börse 1000 Taler zusammen und heute hat er bereits
wieder 20,000 erspekulirt. Und hier, - sehen Sie den Wicht im blauen Frack mit
goldenen Knöpfen? - der Mensch hat mehr als ein Mal wegen Diebstahls in Spandau
gesessen und in seinem Vorzimmer antichambriren jetzt Barone und Grafen.«
    »Ich habe gehört,« bemerkte der Attaché, »dass sich der norddeutsche Adel
mehr mit Geldspekulationen beschäftigt, als der unsere.«
    »Warten Sie, bis Sie die gehörige Anzahl Spiritusbrennereien haben, und es
wird eben so sein. Der Spiritus und das Korn ist jetzt ein Spekulationsartikel,
so gut wie die Eisenbahn-Actien. D'rum hat man die Börsen auch zusammengeworfen.
Dort am Fenster rechts steht ein Stettiner Jude, der jährlich hier an der
Berliner Börse in Zahlen gerade noch ein Mal so viel Getreide in Zeitkäufen
verhandelt, als ganz Europa produzirt. Er hat zu gewissen Zeiten tausend Wispel
fortwährend unterwegs von einem Börsenort zum andern, bloss um die Lieferungen
fingiren zu können. Noch vor einigen Tagen machte er einen kolossalen Schlag,
indem er über Nacht sämtliches Bahnhofsfuhrwerk mietete, so dass die Verkäufer
nicht im Stande waren, die herbeigeholten Vorräte, wie Börsen-Usance, von den
Bahnhöfen in die Stadt zu schaffen und deshalb Tausende als Differenz zahlen
mussten. Kaufmann und Produzent spekuliren jetzt mit dem täglichen Brot des
Unbemittelten. Jener Mann, der hier vorbeigeht, hatte an einem der letzten
Lieferungstage alles Korn aufgekauft und war so bescheiden, den Preis von bloss
hundert Procent für vierundzwanzig Stunden zu verlangen. Die Differenz wurde
diesmal mit den Fäusten ausgeglichen und die Zahlungsart scheint jetzt
Börsengebrauch zu werden.«
    Graf Pisani, der nur wenig auf die Redseligkeit seines Comissionairs gehört,
sondern sich leise mit dem Abbé unterhalten hatte, wandte sich zu ihm. - »Die
beiden Herren, mit denen Sie vorhin sprachen, sind Polizeibeamte? Was tun sie
hier?«
    »Der hiesige Beamte, der bei dem andern dasselbe Geschäft, wie ich bei
Ihnen, das des Cicerone, versieht, scheint die Geschäfte eines unserer
Hauptfaiseurs zu beobachten, den ich Ihnen bereits bezeichnete. Der Fremde
scheint Sie, Herr Tomas, zu kennen, er erkundigte sich besonders nach Ihnen und
dem Herrn Grafen und ob Herr Tomas mit dem Herrn Attaché bekannt sei?«
    »Und Sie bejahten?«
    »Versteht sich; es standen gerade einige unserer Fixer in der Nähe und
hörten jedes Wort. Die Vormundschaft eines unserer Privatteater ist in jener
Ecke stark vertreten. Des Abends erscheinen die Herren als Protektoren der
Kunst, obschon sie zum Teil nicht in besonderem Geruch stehen, des Vormittags
gehören sie zur Kategorie Nummer Zwei an der Börse. Der ältliche Herr dort, der
auch dazu gehört, ist mir einer der Liebsten der ganzen Börse, solid und nobel;
dem kleinen Orientalen an seiner Seite ist neulich ein Gastwirt mit 20,000
Talern durchgegangen und es schwebt ein interessanter Prozess über die Sache. -
Doch in fünf Minuten ertönt die Schlussglocke und ich muss die Notirungen von
meinen Geschäftsfreunden sammeln. Da wird die telegraphische Depesche eben
verlesen, die seit einer Stunde kein Geheimnis mehr ist. Wenn es Ihnen Vergnügen
macht, hören Sie zu.«
    Der bereits erwähnte mit der Veröffentlichung der Börsen-nachrichten
beauftragte Makler stand, von der Menge umdrängt, auf einer Erhöhung und verlas
eben jene Depesche, mit der sich damals ganz Europa blamirte.
    Sie lautete:
        »Paris, vom 3. Morgens. Der heutige Moniteur bringt eine aus Wien
        datirte Depesche des dortigen französischen Gesandten Baron Bourquenei
        mit der Meldung, dass am 30. vorigen Monats in Bukarest ein Tatar mit
        Depeschen für Omer Pascha eingetroffen, welche wegen dessen Abwesenheit
        nicht geöffnet worden sind. Nach dem mündlichen Berichte des Tataren ist
        Sebastopol eingenommen, 22,000 Russen sind gefangen, 18,000 getödtet,
        das Fort Constantin ist in die Luft gesprengt und sechs russische
        Linienschiffe sind untergegangen.«
    Die geheimen Faiseurs, deren Intrigue und Mittel wir angedeutet, machten
damit die glänzendste Spekulation. Nachdem die Course durch ihre wohlberechneten
Manöver bedeutend im Steigen waren, verkauften sie enorme Summen zu diesen hohen
Sätzen für die nächste Abrechnung, gewiss, dass schon in den folgenden Tagen das
Ausbleiben der Bestätigung und die entgegengesetzten Nachrichten die Course
wieder herabdrücken würden. Die Profite, die damit an den Börsen von Wien,
Berlin und Paris in demselben Augenblick gemacht wurden, betrugen über eine
Million.
    Der Abbé war den darauf folgenden Tag mit den Bilancen beschäftig. Als er am
zweiten der spanischen Tänzerin seinen Besuch machte und ihr eine Reise und ein
Gastspiel in Warschau und Petersburg vorschlug, fand er jedoch unerwartete
Ausflüchte, ja zuletzt völlige Weigerung.
    Zwei Tage nachher war die Spanierin verschwunden, - wie es hiess, in
Begleitung des russischen Fürsten Jaboleff. Erst im Frühjahr kam sie unter'm
Schutz ihres neuen Mäcens in den böhmischen Bädern wieder zum Vorschein. Man
sagt - so unwahrscheinlich es bei einer Tänzerin lautet - dass sie den Fürsten
wirklich geliebt, wenigstens sprach dafür, dass die eigensinnige Donna in alle
Launen ihres Geliebten sich mit sclavischer Hingebung fügte. Wie es auch sei,
Liebe oder Weiberlaune hatte das Band gesprengt, das sie bisher den geheimen
Plänen dienstbar gemacht.
 
                                    Fussnoten
1 Börsenausdruck für Staatsschuldscheine.
2 Statt Zehntausend, nach dem Börsengebrauch.
3 Kinder und Enkel werden die neuen und neuesten Actien-Emissionen genannt.
4 Französisch österreichische Staatsbahn-Actien.
5 Die Börsenbezeichnungen auch in den Courszetteln sind: Brief (ausgeboten zu
dem Cours von ..., ohne Nehmer zu finden); Geld (gesucht zu dem Cours von ...,
aber nicht zu haben); bezahlt (wirklich gekauft zum Cours von ...).
 
                              II. Die Feuertaufe.
Der Morgen des 17. October zog heiter und lieblich herauf, denn in diesem Klima
ist der October gewöhnlich der schönste Monat des Jahres. Der Himmel war
wolkenleer und auf dem Meer herrschte vollkommene Windstille.
    Unsere Erzählung hat uns nach Sebastopol zurückgeführt, nach Ssewastopol,
dessen Südseite drei Wochen der Untätigkeit des Feindes und der titanenhaften
Anstrengung seiner Verteidiger zur furchtbaren Festung umgeschaffen hatten. Es
ist hier an der Zeit, einige Anführungen über die Befestigungswerke zu geben, an
denen der kühne Mut von Tausenden verbluten sollte.
    Die Befestigungswerke Ssewastopols vor der Krim-Expedition hatten offenbar
nur den Zweck, die Flotte des schwarzen Meeres und die ungeheuren Arsenale und
Vorräte dieses Zwingpontus zu sichern und waren daher auch nur auf der Seeseite
stark. Ein Angriff von der Landseite durch die Türken, während die russische
Flotte das schwarze Meer beherrschte, schien undenkbar, und wir haben gesehen,
dass man in unbegreiflicher Verblendung selbst damals, als die verbündeten Armeen
schon in Varna lagerten, ihn noch für kaum möglich hielt.
    In den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Nicolaus war zwar ein Plan
zur Befestigung auf der Landseite entworfen, aber nur teilweise ausgeführt
worden. Die Festungswerke in einer Länge von 6 Werst sollten sowohl die
eigentliche Stadt, als auch die Schiffer-Vorstadt (Karabelnaja decken und sich
von der Mündung des Kilen-Grundes1) um die Schiffer-Vorstadt herum bis an die
äusserste Spitze der Südbucht, von hier um die Stadt ziehen und an das
Quarantaine-Fort anschliessen.
    Diese Verteidigungslinie bestand zur Zeit der Landung der Verbündeten auf
der grössten Strecke nur aus einer einfachen Steinmauer, durch unvollendete Werke
und an einigen Stellen durch zur Verteidigung eingerichtete Kasernen
(Defensiv-Kasernen) gedeckt. Ganz vollendet war nur der Teil auf der westlichen
Seite der Stadt von dem Seefort Alexander an, und auf der Ostseite der Südbucht
(des grossen Kriegshafens) der Turm auf dem Malachof-Hügel (die
Kornitowski-Bastion).
    Die Annäherung von der Seeseite wurde durch die bereits zu Anfang dieses
Bandes detaillirten Seeforts mit 700 Kanonen grossen Kalibers verteidigt, die in
zwei und drei kasemattirten Etagen placirt waren2).
    Der Mann, den General Schilder von seinem Sterbebett dem Fürsten gesandt,
Totleben, dessen Patent als Oberst-Lieutenaut zum Dank für die vor Silistria
geleisteten Dienste bald nach ihm in Ssewastopol, vom Kaiser unterzeichnet,
eingetroffen, hatte sein kühnes Anerbieten gegen den Fürsten wahr gemacht.
Während der vierzehn Tage der Waffenruhe entstand wie durch Zauberschlag ein
Gürtel von Festungswerken um die Südseite der Stadt. Mit jedem Tage wuchsen neue
Bastionen und Batterieen aus der Erde, für deren Armirung das Arsenal und die
Schiffs-Artillerie unerschöpfliche Quellen boten. Die Matrosen, die Sappeurs,
die Truppen, die Einwohner - Männer, Weiber, Kinder selbst arbeiteten und lösten
sich Tag und Nacht ab, Jeder bot willig seine Habe, seine Kräfte, sein Leben zur
Verteidigung der Vaterstadt und des Bollwerks Russlands im Süden, und nach
Verlauf der zwei Wochen - die der Feind mit seinen Einrichtungen verbracht -
starrten mehr als 200 Geschütze schweren Kalibers von trefflich angelegten
Wällen ihm entgegen, bereit, ihn mit Geschossen aller Art zu begrüssen, und
hinter diesen Geschützen harrten todesmutig die tapfern Land- und Seesoldaten.
    Während dieser kurzen Zeit entstanden die Bastionen Nr. 2, 3 und 4, beendigt
wurde der Bau der Bastionen Nr. 5 und 6 und der Batterieen vor der projectirten
Bastion Nr. 1 und bei dem Turm auf dem Malachof-Hügel. Den Raum zwischen den
Bastionen deckten neuerbaute Batterieen, die unter sich mittelst Trancheen
verbunden waren. Am Ende der Südbucht lag das Schiff »Jehudil«, dessen
Artillerie den Savandanakina- und Laboratornaja-Grund bestreichen konnte3).
    Zugleich war die Garnison, die am Tage nach dem Abzug des Fürsten
Menschikoff und der Besetzung Balaclawa's durch die Alliirten tatsächlich nur
aus 11,000 Mann Seesoldaten und Matrosen und 8 Bataillonen der Reserve-Brigade
der 13. Infanterie-Division bestand, bedeutend verstärkt worden. Am 28.
September schon trafen von Baktschiserai in den nördlichen Festungswerken 29
Bataillone in der Stärke von 23,000 Mann ein. Das Offensivcorps, mit dem sich
der Fürst jenseits der Tschernaja nach dem Mekensiewaja-Berg zurückgezogen,
betrug zu dieser Zeit nur 25,000 Mann.
    Hätten die Verbündeten gleich am Tage nach der Besetzung Balaclawa's eine
Recognoscirung gegen die Festung unternommen, so würden sie unfehlbar die
Schwäche der Südseite erkannt und einen Sturm unternommen haben, der sie auch
bei der heldenmütigsten Verteidigung in den Besitz der Stadt gesetzt hätte.
Wie jedoch die Gefangennahme und der Tod seines Boten die Verbündeten vor einem
verderblichen Angriff auf dem Marsch nach Balaclawa bewahrte, also rettete
wiederum die Flucht des greifen Tabuntschik
nach jener Führung, die eine Opferung sein sollte und ein Verrat wurde, die
Stadt, denn die Generäle der Feinde glaubten ihre Pläne und ihre Schwäche
entdeckt und waren in den ersten Tagen nur darauf bedacht, sich gegen jeden
Angriff von russischer Seite zu schützen.
    Hierzu trug noch bedeutend der Wechsel des Oberkommando's und die Eifersucht
zwischen den Führern der beiden Nationen bei. Der Marschall Saint-Arnaud hatte,
bereits zum Tode krank, den Marsch nach Balaclawa in einer Sänfte begleitet - er
wollte durchaus vor Sebastopol stehen. Schon vor Balaclawa jedoch trat das
Delirium ein und gänzlich entkräftet wurde er am 29. Mittags an Bord des
»Bertollet« gebracht, der sofort nach dem Bosporus absegelte. Kaum
eingeschifft, kam der Kranke wieder zu sich und unterhielt sich zuweilen mit
seinem Schwiegersohn und seinen Offizieren bei vollem Bewusstsein. Augenzeugen
erzählen, dass er dabei wiederholt auf den schrecklichen Zug der französischen
Colonnen in die verpestenden Sümpfe der Dobrudscha zurückkam. Um 41/4 Uhr wandte
er sich plötzlich in seinem Bett um und verschied - an derselben Krankheit, der
er zwei Monat vorher Tausende nutzlos und hilflos geopfert. Am Abend des 30.
warf der »Bertollet« in Terapia mit gestrichener Flagge seine Anker und setzte
die Leiche an's Land. -
    Am 1. October erst unternahmen von Balaclawa aus die verbündeten Generäle
mit 4 Bataillonen eine Recognoscirung gegen die Festungswerke von Sebastopol und
fanden diese bereits so weit vorgeschritten, dass sie sich überzeugten, ein
starkes Bombardement müsse einem Sturm vorhergehen. Man beschloss demnach, die
Trancheen zu eröffnen, und begann mit den Arbeiten am 4. October.
    Zunächst galt es, sich die Rücken- und Flankenlinien der Belagerungsarbeiten
zu sichern. Auf der Seite nach Westen deckte das Meer die Belagerer. Die
Franzosen hatten an der Kamiesch-Bai4) eine feste Stellung genommen und
schifften hier ihr Belagerungsmaterial und ihre Verstärkungen aus. Am 7. October
trafen bereits die 5. und 6. französische Division unter den Generälen
Levaillant und Paté und die afrikanischen Jäger hier ein. Die Operationsbasis
und der Hafen der Engländer und Türken blieb Balaclawa und hier schifften sich
die von Constantinopel eintreffenden Verstärkungen aus.
    Die rechte Flanke der Verbündeten, beim Beginn der Belagerung hauptsächlich
von den Engländern eingenommen, war von der Bodenbeschaffenheit überaus
begünstigt. Zunächst trennte das tiefe Tal der Tschernaja mit den steilen
Talrändern auf eine weite Strecke nach Süden hin die Aufstellung der Alliirten
von der auf dem gegenüber liegenden Ufer, dem Mekensiewaja-Berg und den
Inkerman-Höhen befindlichen Operationsarmee des Fürsten Menschikoff. Dieser
Terrainschutz, den die beiden feindlichen Armeen genossen, erklärt auch, dass
ungeachtet der zahlreichen Streitkräfte die Operationen im Felde keinen grossen
Einfluss auf den Gang der Belagerung und Verteidigung Sebastopols haben konnten.
    Zwischen der Tschernaja und Balaclawa bildeten die unzugänglichen Schluchten
des Sapunberges den Schutz der Verbündeten, die hier 16 Feldschanzen aufgeworfen
hatten, um diese natürliche Mauer noch zu verstärken.
    In der Nacht vom 9. zum 10. October eröffneten die Belagerer ihre erste
Parallele, die Franzosen mit 1600 Arbeitern unter dem Schutz von 8 Bataillonen
gegen die Mast-Bastion (Nr. 4 in einer Entfernung von 400 Saschen5). Die
Parallele sollte sich bis zur Quarantaine-Bucht erstrecken und mit 5 Batterieen
die russischen Werke auf dieser Seite beschiessen. Die Engländer erbauten ihre
Parallele in der grösseren Entfernung von 600 Saschen gegen die Bastion Nr. 3 und
verlängerten sie an den folgenden Tagen gegen den Malachof-Hügel und die
östliche Seite der Schiffer-Vorstadt. Die Nacht war dunkel, ein starker
Nordostwind jagte schwarze Wolken daher, welche den ganzen Horizont bedeckten
und es der Garnison unmöglich machten, den Beginn der Belagerungsarbeiten
sogleich zu bemerken und zu stören. Als der Tag anbrach, eröffneten die
russischen Batterieen ein starkes Feuer, doch konnte dasselbe den Fortgang der
Arbeiten nicht mehr hindern. Am 13. bereits führten die Franzosen 53 Geschütze
in ihre Batterieen ein, die Armirung der englischen mit 73 Geschützen grossen
Kalibers, darunter 4 Lancaster-Kanonen, war erst am Abend des 16. beendet. Eine
zahlreiche Artillerie stand in Reserve.
    Am 15. October versammelten sich die verbündeten Generäle und Admiräle zu
einem Kriegsrat. Der Kommandant der englischen Escadre, Dundas, erklärte sich
entschieden dagegen, mit den Kanonen seiner Flotte die Landbatterieen durch
einen Angriff auf die Seeforts zu unterstützen, wurde aber überstimmt.
    Am Morgen des 17. sollten die Flotten in zwei Linien gegen die Rhede
vorrücken. Von der französischen Escadre, welche den rechten Flügel gegen das
Quarantaine-Fort, die Batterie Nr. 10 und das Alexander-Fort bildete, waren dazu
bestimmt in erster Reihe die Schiffe: Charles Magne, Montebello, Friedland,
Ville de Paris, Valery, Heinrich IV. und Napoleon; in zweiter: Algier, Marengo,
Marseille, Souffrant, Bayard und Jupiter. Das englische Geschwader, gegen das
Fort Constantin gerichtet, bestand aus der: Queen, Vengeance, Albion, Britannia,
London, Aretusa, Bellerophon, Rodnei, Trafalgar, Agamemnon, Sanspareil, Terible
und Samson. In der Mitte, zwischen den englischen und französischen Schiffen,
standen 2 türkische - demnach 28 Schiffe mit ungefähr 500 Geschützen ihrer
Breitseiten gegen die drei mit 260 Kanonen besetzten Seeforts. Tausend Geschütze
harrten somit am Morgen des 17. des Signals zum gegenseitigen Feuer.
    Wir haben gesagt, dass der Octobermorgen hell und friedlich über die
Berghöhen im Osten empordämmerte; die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen
auf das Meer so leuchtend und glänzend, wie an jenem Morgen, als sie das Grab
Fatinitza's und ihres Geliebten vergoldete.
    Die Luft war rein, ein leichter Südostwind, welcher den ganzen Vormittag
anhielt und die Bewegungen der Flotte erschwerte, strich über die
Felsenplateaus. Aus dem Morgendunst tauchten die langen weissen Häuserreihen der
»heiligen Stadt« empor, die Schiffe lagen noch träge und regungslos auf den
spiegelglatten Fluten des Meeres und der Rhede, dass man sie für todte Bilder
auf einem gemalten Ocean zu halten versucht war. Terrassenförmig steigt hinter
der crenelirten Mauer auf dieser Seite die Stadt mit ihren Kirchen, stolzen
Gebäuden aus weissem oder rotem Sandstein, ihren Gärten und Baumgängen am Hügel
empor, der sich auf der Südwestseite an 200 Fuss hoch erhebt und sich dann zu der
Rhede, der Bucht und den Südforts hinabsenkt.
    In einer Embrasüre der Kapitale der Mast-Bastion sass der junge Fürst
Barjatinski, der wackere erste Lieutenant des Wladimir, mit mehreren seiner
Kameraden plaudernd, während um ihn her die Matrosen die schweren
Schiffsgeschütze in Stand setzen, Kugeln häuften, und die Werkzeuge der
Vernichtung von dem Tau polirten, der sich über Nacht auf das blanke Metall
gelegt. Der 30. Flottenequipage nebst der Mannschaft des »Wladimir« unter dem
Oberbefehl des Vice-Admirals Novossilski war die Verteidigung der wichtigen
Mast-Bastion anvertraut worden.
    Der Fürst legte das Fernrohr, das er einige Augenblicke am Auge gehabt, aus
der Hand, glättete die gelben pariser Glacé-Handschuhe schärfer über die Hand
und holte aus der Tasche seines grauen Paletots den goldgestickten Tabacksbeutel
mit dem duftenden Latakia, um sich eine neue Cigarre zu drehen.
    »Reich' mir die Lunte, Koschka,« sagte er nachlässig, »wir werden noch zu
verschiedenen Rauchwolken Zeit haben, ehe wir die ihren da drüben aufsteigen
sehen. Willst Du Dich bedienen, Birjulew?«
    Er warf einem in seinen Paletot auf dem Boden liegenden Offizier den Beutel
zu, während der riesige Matrose, den er angesprochen, mit der brennenden Lunte
eines Geschützes herbeisprang.
    »Ich bin neugierig,« sagte der Offizier am Boden, »ob sie ihre Schiffe in's
Gefecht bringen?«
    »Bah - vielleicht versuchen sie's, aber die Quarantaine und Constantin
würden ihnen eine Lection geben, die sie für künftig in gehöriger Entfernung
hielte. Wie steht der Wind, Kusmenko?« Der junge Aristokrat war zu blasirt, um
den Wolkenzug eines eigenen Blicks zu würdigen.
    »Süd-Süd-Ost, Euer Gnaden!«
    »Ein trefflicher Strich, um nach Odessa zu fahren.«
    »Was gibt es Neues in Petersburg?« fragte der Lieutenant Birjulew. »Ich
sah, dass Sie gestern einen Brief erhielten.«
    »Gagarin von der Garde hat mir geschrieben. Der liebe Junge wusste noch
Nichts von unserer Affaire an der Alma und glaubt mich schwerlich hier mein
Nachtlager auf dieser verteufelten Maner halten. Der Kaiser hat ein Witzwort
gemacht, und das läuft durch die Stadt, weil es ziemlich selten passirt.«
    »Erzählen Sie, Fürst.«
    »Der Kaiser begegnet nach den neulichen Unterhandlungen mit Wien - Sie
wissen, dass Hess, unser erbitterter Gegner, das Kommando der Invasionstruppen
erhalten hat - dem General Fürst Radziwil. - Du bist ein Pole, Fürst, sagt der
Kaiser, und wirst die Geschichte Deines Vaterlandes kennen. Kannst Du mir sagen,
welches die beiden dümmsten Regenten von Polen gewesen sind? - Der General
schaut ihn verlegen an und stottert: Nein, Sire! - Dann will ich es Dir sagen.
Sobieski ist der Eine, weil er Wien entsetzte, und ich bin der Andere, weil ich
Oesterreich rettete.«
    Der Lieutenant lachte. - »Ich meinte eigentlich, welche Neuigkeiten man vom
Kriegsschauplatz im Norden meldet?«
    »Ei so, ich dachte, Du verlangtest Petersburger Hofgeklätsch. Nun, dass sich
Bodisco in Bomarsund gefangen gegeben, statt sich und das Nest in die Luft zu
sprengen, ist keine Neuigkeit mehr - die Flotten haben seitdem einige
Plünderungen an der finnischen Küste verübt und beziehen ihre Winterquartiere in
Kiel, während die unsere in Kronstadt fault. Der Teufel hole das Glück zur
Marine zu gehören, ich habe es immer dem Grossfürsten Constantin verdacht. A
propos, weisst Du, dass die Engländer das Schloss meines Onkels Woronzoff an der
Yalta geplündert haben?«
    »Massandra?«
    »Gewiss. Auch des Grafen Potozki himmlische Besitzung Livadja und des Fürsten
Dundukoff Gut Korjakoff sind von den Halunken unter dem Vorwand einer
Fouragirung völlig geplündert worden. General-Lieutenant Rischef hat jetzt eine
starke Recognoscirung nach dem Baidartal gemacht und die Feinde können nur an
den Küsten fouragiren. Ich würde Iwan Oczakoff raten, seine schöne Schwester
von Schloss Aya in Sicherheit zu bringen, so fest es auch auf den Klippen am Meer
gelegen ist. Wie ich höre, befindet sich überdies eine zweite Dame da, eine
Freundin des Obersten Wassiltschikoff, und das Beispiel der Fürstin
Tschestsawadse lehrt uns, dass es gefährlich für Damen ist, in der Nähe der
Feinde allzusehr auf die Sicherheit der Wohnung zu trauen«.
    »Hat man von den Unglücklichen Nichts weiter gehört?«
    
    »Ei freilich! Schamyl hat die Damen - Du weisst, dass auch die Fürstin
Orbelion und eine Verwandte der Tscheftsawadses, eine junge polnische Gräfin,
die erst kurz vorher in der Kachetie eingetroffen war, ehe die Tschetschenzen
sie überfielen, mit gefangen genommen wurden, - in das Innere der Berge nach
seiner Felsenveste Pokhalski geschleppt und fordert ein unverschämtes Lösegeld.
Er will vierzigtausend Rubel und seinen Sohn Djemala-Din zurück.«
    »Wenn ich recht weiss, ist dieser ja Offizier?«
    »Er steht bei den Ulanen in Podolien. Der Fürst hat sich an den Kaiser
gewandt und ihm das Verlangen des Imams vorgelegt. Man kennt die Entscheidung
noch nicht. Schorte wos mi! Da regen sich die Franzosen und da drüben auf der
Batterie des Krähennests geben die Unsern Signale. Wir wollen den Admiral
benachrichtigen lassen. - Heda, Fähnrich Bitschesko, meldet Seiner Excellenz,
dass der Feind sich rührt.«
    »Da kommt er selbst und Korniloff mit ihm.«
    Das Ravelin herauf kamen langsam mehrere Reiter mit nebenhergehenden
Offizieren sprechend. Es war der Admiral Korniloff, der mit seinem Collegen
Novossilski herankam. Seit dem Tagesgrauen war der General-Stabschef des Fürsten
Menschikoff, dem die Verteidigung der Festungswerke anvertraut war, zu Pferde
und beritt die einzelnen Teile. Ein Urrah der Matrosen begrüsste den geliebten
Führer.
    »Nun, Kinder,« sagte der Admiral, »ich fürchte, es wird heute heiss her
gehen, aber ich kenne Euch und weiss, was Ihr leisten könnt. Bei Euch wird der
Lärmen zuerst anbrechen, deshalb bin ich hierher gekommen. Sieh' da,
Barjatinski! Guten Morgen, Kamerad!«
    Er reichte dem Fürsten die Hand. - »Ah, meine Wackern von der Maria - toller
Koschka und Du, Bolotnikow, und der alte Schewtschenko. Wo ist Rostislaw, Euer
Batterieführer?«
    »Ich habe ihm die Batterie dort drüben anvertraut, welche die Leute das
Krähennest nennen.«
    »Charoscho. Er wird seine Schuldigkeit tun. Was starrst Du mich so
trübselig an, Fürst Petrowitsch, da wir doch zum Tanz gehen«?
    Der junge Mann trat an den Admiral und deutete mit der Hand auf eine seltsam
geformte breite Waffe, die derselbe als Seitengewehr angeschnallt trug. Es war
eine Schaschka6 von altertümlicher Arbeit, die breite Scheide mit grossen
Stahlbuckeln belegt, der Griff von künstlich ciselirter Arbeit.
    »Excellenz«, sagte der Fürst, »es betrübt mich, dass Du die Waffe heute
trägst. Ich bitte Dich, lege sie ab und nimm meinen Säbel.«
    »Närrchen! kommst Du wieder mit der alten Geschichte. Ich hatte die
Schaschka zufällig zur Hand, aber da sie an meinem Gehenk ist, mag sie daran
bleiben. Wir haben keine Zeit zu Ammenmährchen und vor den Kugeln der Feinde
steht der Admiral wie der Lieutenant. Leih' mir Dein Glas, Söhnchen, und lass
mich sehen, was die Franzosen beginnen.«
    Er stieg vom Pferde und setzte sich an den Posten dem Signalmanns auf die
Blende, das Fernrohr am Auge, während seine Begleiter und die Offiziere der
Bastion ihre Blicke gleichfalls nach den Batterieen der Feinde richteten.
    »Wir werden das Feuer der drei Batterieen dort auszuhalten haben,« sagte der
Admiral, »ich zähle 27 Enceinten, und wenn mich das Auge nicht täuscht, dort in
der rechten sechs stattliche Mörser. - An die Geschütze, Kinder - ich glaube,
sie beginnen ihr Feuer!«
    Von dem Turm der Katedrale schlug es eben halb Sieben. Die Glockenschläge
waren noch nicht verklungen, als aus der dritten französischen Batterie eine
Rauchsäule sich emporkräuselte und ein dunkler Punkt im Bogen mit jenem
prasselnden Zischen durch die Luft kam, das den Bomben eigen ist. Der Knall
hallte durch die Luft und zwei weitere Schüsse folgten unmittelbar darauf.
    Im nächsten Moment schien die Erde zu erbeben, die Luft zu erzittern. Ueber
dreihundert Geschütze schweren Kalibers hatten gleich als hätten sie auf das
Signal gewartet, von beiden Seiten auf dem ganzen Halbkreis von der
Quarantainebucht bis zum Kilengrund ihr furchtbares Feuer begonnen und
schütteten einen Hagel eherner Todesboten rings umher.
    Korniloff beobachtete unbeweglich auf seinem ausgesetzten Posten die Wirkung
des Feuers, während der Unteroffizier, der mit der Signalisirung beauftragt war,
ungeduldig und besorgt daneben stand.
    - »Deine Kugeln schlagen zu niedrig, Birjulew,« sagte der Admiral, »lasse
etwas weniger Pulver nehmen, oder visire höher - da - der Schuss tat seine
Wirkung, der Mörser ist demontirt!«
    - Er sprang von der Brustwehr herunter und reichte dem Mann das Glas, der
alsbald den gefährlichen Posten einnahm. - »Und jetzt, Lieblinge, da ich Euch in
voller Arbeit sehe, will ich Euch verlassen und weiter. Gott schütze das heilige
Russland!«
    Der Ruf, wie ein Donnerrollen sich über die ganze fernerspeiende Bastion
fortpflanzend, übertönte das Krachen der Geschütze. Nur einen Blick konnten die
an den Kanonen arbeitenden Leute auf den geliebten Führer werfen, der mit der
Hand winkend sie verliess und am Eingang des bedeckten Weges noch einige Momente
bei den auf den Tod oder die Verwundung ihrer Kameraden harrenden
Ersatzmannschaften verweilte. Dort drückte er Novossilski die Hand, bestieg den
harrenden Schimmel und ritt unter dem Regen der Kugeln nach der Bastion III. am
jenseitigen Ende der Südbucht.
    Fürst Barjatinski hatte den Admiral mit den Augen verfolgt, so weit er ihn
sehen konnte. Mit einem trüben Kopfschütteln wandte er sich zu dem neben ihm
kommandirenden Birjulew. -
    »Der heilige Andreas möge ihn schützen, aber ich fürchte, wir sehen ihn
nicht wieder. Die verfluchte Schaschka!«
    Fragend schaute ihn der Offizier an. Aber die Antwort blieb der Befragte ihm
schuldig unter dem Donner der Geschütze. -
    »Eine Bombe für uns - sie ist bitterböse! Aufgepasst links!« schreit der
Signalist und das Krachen der einschlagenden gewaltigen Hohlkugel in die
Batterie selbst mahnt zur Vorsicht. Man wirft sich zur Seite, dennoch reisst die
platzende Bombe sechs Mann zu Boden. Einige sind todt, Anderen hat sie Arme und
Beine abgerissen, Blut und Fleisch spritzen umher - aber die Geschütze sind zum
Glück unversehrt. Man hört kein Stöhnen, keine Klage; die Träger springen herbei
und bringen die Verwundeten nach dem Verbandplatz im Schutz der Kasematten.
Andere Leute treten an das Geschütz - »Eins! - Zwei! - Sechs! - Feuer!« - und
die Kugel fliegt wieder gegen den Feind. Matrosen schleppen ein Reservegeschütz
herbei für eine von einer Vollkugel getroffene Kanone oder bringen frische
Cartouschen. Eine Granate schlägt in die Brustwehr ein, platzt und nimmt ein
Stück Erde mit hinweg. »Leute nach oben!« ertönt die Stimme des Kommandeurs der
Batterie. »Eine Bombe ist in die Blendung geschlagen.« - »Ja, Euer Gnaden.« -
Die Todesmutigen springen nach der Decke der Wölbung und in einem Augenblick
ist der gewaltige Trichter mit Erde und Steinen verschüttet. Da saust eine
zweite Bombe durch die Luft und das unglückliche Geschick führt sie auf dieselbe
Stelle, die Decke wird durchschlagen, die gewaltige fünfzigpfündige Kugel
springt und zerschmettert ein Dutzend Tapferer!
    Es ist 10 Uhr. Dicker Pulverdampf erfüllt die Batterieen. Die Bastion
gleicht dem speienden Krater eines Vulkans, die Männer an den Geschützen, bis an
die Hüften entblösst, von Schweiss, Erde und Pulver mit einer dicken Kruste
überdeckt, aus dem schwarzen Gesicht nur das Auge weiss und grimmig leuchtend,
arbeiten wie die Teufel; die Offiziere gehen auf und ab und dirigiren das Feuer.
Vollkugeln, Granaten, Bomben fliegen, pfeifen, zischen, schlagen ein, platzen,
ricochettiren nach allen Richtungen. Jeder ist nur mit dem Zerstörungswerk
beschäftigt, Niemand achtet auf die eigene Gefahr!
    Ein donnerndes Urrah! erschüttert das Gewölbe der Batterie. Aus der ersten
Schanze der Feinde ist ein mächtiger Feuerstrahl durch den Pulverdampf
emporgestiegen, ein gewaltiges Krachen übertäubt den Donner der Geschütze auf
der meilenlangen Feuerlinie: das Pulvermagazin der französischen Batterie ist in
die Luft geflogen; - drei Viertelstunden vorher hat die vierte feindliche
Batterie dasselbe Schicksal gehabt und mehr als 50 Mann wurden dabei getödtet
und verwundet. Die übrigen drei französischen Batterieen waren jetzt nicht mehr
im Stande, das fürchterliche Feuer der drei Ssewastopoler Bastionen und der
zahlreichen Batterieen kräftig zu beantworten und der General Canrobert überliess
es dem Kommandanten der Artillerie, Tiry, den Kampf nach eigenem Ermessen
einzustellen. Um 11 Uhr schwiegen sämtliche französische Batterieen. Von den
fünf war die eine durch das explodirende Pulvermagazin gänzlich vernichtet, in
den anderen waren 19 Geschütze demontirt. An 400 Todte und Verwundete blieben in
der französischen Parallele.
    Aber auch der Verlust und die Zerstörung in den russischen Werken war nicht
unbedeutend. Auf dem Kampfplatz, von dem wir den Leser der Eröffnung des Feuers
haben beiwohnen lassen, lagen zwischen Blut und Trümmern, keuchend von der
gewaltigen Anstrengung, die erschöpften Kämpfer an ihren Kanonen, die frische
Luft in die erhitzen Lungen saugend, die der Wind durch die breiten, von den
Kugeln der Feinde erweiterten und zerrissenen Schiessscharten herein wehte.
    Auf der Blendung standen die Offiziere, die dem Kugelregen glücklich
entgangen, oder doch nur leicht verwundet worden waren, und schauten nach der
feindlichen Flotte, deren letzte Schiffe merkwürdiger Weise eben erst von den
Dampfern in die Schlachtlinie bugsirt worden waren und die jetzt ihre
Breitseiten gegen die Rhede-Forts und die drei östlichen Bastionen kehrten, zum
Gefecht fertig. -
    »Der Spektakel,« sagte Novossilski, »wird sogleich wieder auf's Neue
angehen; es ist gut, dass wir Luft haben von der Landseite. Ich begreife nicht,
warum die hölzernen Rosse Alt-Englands uns so lange Ruhe gelassen.«
    »Ich wette fünfzig Rubel, der Admiral befindet sich in der Quarantaine und
wartet dort auf den ersten Gruss, sonst hätten wir ihn längst wieder hier
gesehen.«
    »Ich glaube eher,« sagte Barjatinski, »er ist auf der andern Seite der
Bucht, das Feuer ist dort noch sehr heftig und er mag die Engländer nicht
leiden.«
    »Was meintest Du vorhin mit der Schaschka, Kamerad?« fragte der Lieutenant
Birjulew.
    Der Fürst blickte nach den feindlichen Schiffen. - »Ihre Signale fangen an
zu spielen, wir haben also noch fünf Minuten Zeit und ich kann Ihnen die
unheimliche Geschichte erzählen, die mir das Herz schwer macht. Der Teufel hole
die Schaschka!«
    »Was hat der Teufel mit der Schaschka zu tun, die mir eine schöne alte
Waffe zu sein schien?«
    »Vorzüglich; der Stahl der Klinge ist wundervoll. Sie gehörte dem armen
Schelesnow, den vielleicht Einige von Ihnen gekannt haben. Er war als Courier
nach Tiflis geschickt worden und hatte sie auf der Reise von dort nach
Suchum-Kale für dreissig Rubel gekauft.«
    »So billig?«
    »Das meinte ich auch, doch Schelesnow erwiederte mir, dass sie Niemand hätte
kaufen wollen eines Aberglaubens wegen. - Die Schaschka hatte unter den
Tschetschenzen den Ruf, Jeder, der mit derselben in den Kampf ginge, würde
unfehlbar umkommen oder tödtlich verwundet.«
    »Und er kaufte sie dennoch? Ich meine, die Seeleute sind gerade sonst
abergläubisch.«
    »Schelesnow spielte den Freigeist und lachte über die Sage, als er sie mir
erzählte. Es war am Bord des Wladimir, als wir mit Admiral Korniloff von Varna
kamen. Wir stiessen auf das türkische Dampfschiff Pervas Bachre und unsere
Kanonenkugeln begrüssten es. Wir fuhren auf Kartätschenschussweite heran und
unsere Mannschaft machte sich fertig zum Entern. Ich sah, wie Schelesnow den
kaukasischen Säbel umschnallte. - Haben Sie die verhängnisvolle Eigenschaft
vergessen? fragte ich ihn. Er antwortete: Gott bewahre, aber ich glaube nicht
daran, und eilte auf das Verdeck. Der Kartätschenschwarm sauste uns über die
Köpfe, als ich zur Batterie kam, um die Anordnungen zur Abordage zu treffen. Da
sehe ich, wie die Matrosen einen verwundeten Offizier aufheben, aus dessen Brust
sich das Blut stromweise ergiesst: es war Schelesnow, eine Kugel hatte ihn in die
Brust getroffen, fünf Minuten später, nachdem er die Schaschka angeschnallt, und
nun klirrte sie, von der Leiche nachgeschleppt, gegen das Verdeck7. Ich ergriff
die verhängnisvolle Klinge und wollte sie in meiner ersten Aufwallung über Bord
werfen; aber unwillkürlich erfasste mich ein unüberwindliches Gefühl, dieselbe
zum Andenken an den gefallenen Kameraden aufzubewahren, und ich tat es.«
    »Aber wie kommt die Schaschka in den Besitz des Admirals?«
    »Er befahl mir, den Nachlass Schelesnow's aufzunehmen und er wurde, wie es
Sitte, vor dem Mast versteigert. Dem Admiral gefiel die unglückliche Waffe und
er überbot mich.«
    »Und sagten Sie ihm Nichts von ihren schlimmen Eigenschaften?«
    »Ich tat es, aber er lachte mich aus und meinte, er glaube nicht an
Vorurteile und ich wäre eben so gefährdet wie er. Sie haben es vorhin nochmals
mit angehört. Mir war weh um's Herz, als ich ihm die Schaschka überreichte und
ich zürnte mit mir selbst, dass ich nicht dem unbegreiflichen Wunsch, sie
aufzubewahren, statt sie in's Meer zu schleudern, widerstanden. Der Admiral aber
scheint eine besondere Liebhaberei an der Waffe zu haben, denn schon mehrfach
sah ich sie ihn tragen.«
    »Ohne dass sie ihm geschadet hat?« lachte der Sappeur-Capitain.
    »Der Admiral ist seitdem noch in keinem Gefecht gewesen,« sagte
kopfschüttelnd der Seemann. »Ich wünschte, es wäre Abend, wie es jetzt -« er sah
nach der Uhr - »Mittag ist. - Und da kommt Arbeit für uns!«
    An der Signalleine der »Queen« flatterte das Signal »Fertig zum Feuern!« und
die Breitseite des riesigen Dreideckers hüllte sich in Feuer und Rauch. In der
nächsten Minute legte sich ein Flammengürtel über die ganze Breite der Rhede,
Land und See war in Dampf gehüllt, die Bomben kreuzten hoch durch die Luft und
schmetterten auf die Stadt und hinüber über die Bucht bis zum Malachof-Hügel und
der furchtbare Kampf begann auch auf dieser Seite auf's Neue.
    Während die Batterieen der Westseite der Stadt, das Constantin-, Alexander-
und Quarantaine-Fort mit einem furchtbaren Feuer der vereinigten Flotte
antworteten, dauerte der Kampf auf der Ostlinie gegen die englischen Batterieen
ununterbrochen fort. Dieselben waren zweckmässiger als die französischen in der
Entfernung von 600 Schritt von den russischen Werken erbaut und litten daher
weniger von dem Feuer. Zahlreich mit schwerem Geschütz - dreiundsiebenzig 68-,
46-, 32- und 24pfündigen Kanonen und zehnzölligen Mörsern bewaffnet und mit
einem Ofen für die glühenden Kugeln versehen, erzielte die englische Artillerie
bei diesem ersten Bombardement grössere Resultate als die französische. Dennoch
widerstanden auch hier die Russen mit Glück. Die Erde zitterte wie bei einem
Erdbeben von der gewaltigen Erschütterung der Atmosphäre, der Luftzug war von
dem heftigen Feuer erloschen und der Pulverdampf bedeckte so dicht die Umgegend,
dass man nur nach dem Blitzen der feindlichen Schüsse die Geschütze richten
konnte.
    Es war 12 Uhr, als der tapfere Leiter der Verteidigungs-anstalten,
Vice-Admiral Korniloff, nachdem er wiederholt die Linien beritten, sich auf dem
Malachof-Hügel befand. Er hatte sich eben von seinen Freund und Kameraden
Nachimoff getrennt, der mit riesenhafter Tätigkeit die Verteidigung auf der
Bastion III. leitete, deren Geschützbedienung bereits drei Mal hatte ersetzt
werden müssen. Als er eben vom Turm bis zur Brustwehr gehen wollte, um sein
Pferd zu besteigen, traf ihn eine Kanonenkugel und riss, die unheilkündende Waffe
8 zerschmetternd, ihm das linke Bein am Unterleibe weg.
    Heulend vor Schmerz und Wut warfen sich die treuen Matrosen auf den
geliebten Führer und trugen ihn zur nächsten Verbandanstalt. Nur noch bis zum
Abend lebte der tapfere Kommandant der Matrosen des schwarzen Meeres. Als man
ihm kurz vor seinem Tode die Nachricht mitteilte, dass die feindlichen
Batterieen zum Schweigen gebracht worden, rief er ein »Hurrah!« und starb.
    Um drei Uhr Nachmittags begannen die Schiffe, eines nach dem andern mit
Hilfe der Dampfer sich aus der Kampflinie zurückzuziehen, um 6 Uhr war die ganze
alliirte Flotte aus dem Schussbereich der russischen Batterieen und steuerte
teils der Rohr-Bai, teils der Mündung der Katscha zu, um Havarie auszubessern.
    Diese war sehr bedeutend - namentlich hatte das Feuer des Fort Constantin
furchtbar gewirkt. Auf dem französischen Admiralschiff - »Ville de Paris« - war
der ganze Stab Hamelin's verwundet, nur er selbst blieb in dem Regen der Bomben
wie durch ein Wunder verschont. Auch der »Montebello«, »Friedland«, »Napoleon«
und »Karl der Grosse« hatten schwer gelitten. Von den englischen Schiffen, die
dem Fort Constantin gegenüber gestanden, waren die »Agamemnon«, »Albion« und
»Queen« bedeutend beschädigt. Bei keinem später Bombardement wagten die Flotten
wieder, den Forts so nahe zu kommen.
    Aus den englischen Batterieen hatte sich das Feuer hauptsächlich gegen die
Bastion III. gerichtet, deren Geschütze um die dritte Nachmittagsstunde fast
sämtlich demontirt waren. Doch war auch der Schaden in den britischen Linien
bedeutend; um 4 Uhr flog dort gleichfalls ein Pulvermagazin in die Luft und am
Abend erwiderten nur noch zwei Geschütze das Feuer.
    Mit einbrechender Dunkelheit schwieg das Feuer der Kanonen gänzlich und die
Stille der Erschöpfung, des Todes lagerte sich über die Stadt und ihre Umgebung.
    Der Verlust der Alliirten betrug auf den Flotten allein nach den offiziellen
Berichten 527 Mann, in den Trancheen mindestens eben so viel. Die Russen zählten
gleichfalls 1200 Todte und Verwundete.
    Ssewastopol hatte seine Bluttaufe siegreich bestanden!
 
                                    Fussnoten
1 Die östlichste kurze Einbuchtung der Rhede von Sebastopol auf der Südseite.
Zwischen dem Kilen-Grund und der grossen Südbucht mit der davon an der Mündung
abzweigenden kleineren Schifferbucht liegt die Schiffer-Vorstadt.
2 Hiervon am Eingang südlich das Quarantaine-Fort mit 60, Fort Alexander mit 90
Geschützen, nördlich Fort Constantin mit 110 Kanonen. Diese 260 Geschütze
konnten gegen die Flotten auf der Aussenrhede operiren.
3 Den geehrten Lesern, die bei der Lectüre einen Plan Sebastopols nicht zur Hand
haben, kann die nachfolgende typographische Situationsangabe wenigstens dazu
dienen, die Reihefolge und Stellung der Bastionen für späteren Gang der
Erzählung in der Erinnerung zu halten.
4 Kamischewaja-Bai - Rohr-Bai.
5 Etwa 1400 Schritt.
6 Ein tscherkessisches Schwert.
7 S. die Scene Band II., Seite 87.
8 Die Stücken der Waffe befinden sich im Besitz der Familie des Admirals.
 
                            Balaclawa und Inkermann.
Die Namen stehen blutig eingezeichnet im Buch der Weltgeschichte!
    Das erfolglose Bombardement vom 17. October, dem sie nicht einmal den
Versuch eines Sturmes folgen lassen konnten, nötigte die Alliirten zu einer
regelmässigen Belagerung der Festung. Wir haben bereits ausgeführt, wie ihre
erste Sorge dahin gegangen war, durch Befestigung des Sapunberges und der
Zugänge nach Balaclawa ihre Operationsbasis zu sichern. Hierhin richteten sich
natürlich auch die Blicke des Oberkommandanten der russischen Armee.
    Einstweilen erwarteten beide Teile die Ankunft neuer Verstärkungen. Die
Alliirten, auf ihre bedeutenden Hilfsmittel und ihre Ueberlegenheit an Zahl
vertrauend, hofften, durch eine regelmässige Belagerung die Stadt bis zum
Einbruch des Winters zu erobern. Die Engländer setzten ihr Feuer aus 68
Geschützen fort und am 19. waren auch die französischen Batterieen so weit
wieder hergestellt, um das ihre beginnen zu können. Die Beschiessung wurde
fortgesetzt, ohne dass der eine oder der andere Teil wesentliche Nachteile
davon hatte. Die Russen, die durch das Bombardement täglich etwa 300 Mann
verloren, besserten über Nacht regelmässig ihre Schäden wieder aus, ersetzten die
zerstörten Mauern durch zweckmässige Erdwerke und errichteten neue unter der
rastlostätigen Leitung der Ingenieur-Arbeiten durch Totleben, der nach dem
ersten Bombardement zum Obersten ernannt worden. Die Linie der Befestigungswerke
war zur besseren Oberleitung der Verteidigung in vier Abteilungen geteilt,
welche zu dieser Zeit der General-Major Asnalowitsch, Vice-Admiral Novossilski,
Contre-Admiral Panfilof und Contre-Admiral Istomin befehligten.
General-Lieutenant Kirjakof kommandirte die Reserven, Kommandant der gesamten
Truppen, die aus 57 Bataillonen bestanden, war der General-Lieutenant Moller,
Hafen-Gouverneur der Vice-Admiral Staujukowitsch, Kommandant der 13
See-Equipagen der Vice-Admiral Nachimof.
    Die englischen Batterieen warfen zahlreiche Raketen in die Stadt, doch ohne
viel Erfolg; dagegen litten die Verteidiger durch das Büchsenfeuer der Zuaven
und Jäger von Vincennes bedeutend. Die Franzosen waren bis zum 25. mit ihren
Trancheen bis auf 750 Schritt an die Festung herangekommen und die Besatzung
unternahm seit dem 20. allnächtlich kleine Ausfälle gegen sie oft mit bestem
Erfolg.
    Die Operationsarmee der Russen war nach der Almaschlacht, wie bereits
erwähnt, zu schwach, um etwas Entscheidendes gegen die Belagerungsarbeiten der
Verbündeten unternehmen zu können. Der Fürst, der seitdem nur durch 12
Schwadronen Reiter unter General-Lieutenant Rischof und einige Bataillone aus
Kertsch und Feodosia verstärkt worden, musste die Ankunft des 4. Infanterie-Corps
abwarten, das in Eilmärschen aus Bessarabien nach der Krim beordert war. Leider
für den Erfolg der Russen vermochte er seine Ungeduld nicht zu zügeln und
beschloss, als am 22. in der Nähe von Ssewastopol die 12. Infanterie-Division des
General-Lieutenants Liprandi eingetroffen war, ohne die übrigen Abteilungen des
Corps abzuwarten, die Operationsbasis der Verbündeten anzugreifen und sie von
Balaclawa abzuschneiden.
    Das Centrum der Russen befand sich in dem Dorfe Tschorgun auf dem rechten
Ufer der Tschernaja. Zwei Wege führten von hier nach Balaclawa, der eine rechts
durch das stark verschanzte Dorf Kadikoi, im Tal zwischen dem Sapunberg und den
Bergen südöstlich von Balaclawa gelegen, und der linke näher den letzten Bergen.
Beide liefen quer über die grosse Woronzoff-Strasse, welche sich von Sebastopol
nach der Yalta zieht. In dem Tal um Balaclawa und Kadikoi standen die
englischen Truppen, durch eine doppelte Reihe von Redouten und Verschanzungen
gedeckt, deren vorderste an der Woronzoff-Strasse von den Türken besetzt war.
Hinter Kadikoi lag die englische Kavallerie. Jenseits des Sapunberges standen
auf den Höhen desselben in gesicherter Stellung als Observations-Corps gegen die
an der Rhede sich hinwindende, von Sebastopol zunächst nach Inkermann führende
Strasse die beiden französischen Divisionen des Generals Bosquet.
    Die Leitung des Angriffs am 25. October war dem General Liprandi übertragen.
17 Bataillone, 22 Schwadronen mit 10 Sotnien Kosacken und 52 Geschütze sollten
denselben von drei Richtungen unternehmen. Der Fürst liess ausserdem, um die
rechte Flanke des Angriffs zu decken, eine Brigade mit 10 Geschützen unter
General-Major Schabokritski in der Nacht die Tschernaja überschreiten und sich
gegen den Sapunberg aufstellen. Die Dispositionen waren, nach dem Urteil aller
Militairs, vortrefflich, aber das zur Ausführung kommandirte Corps zu schwach,
um einen dauernden Erfolg zu sichern. General-Lieutenant Rischof führte von der
Traktirbrücke1 her die rechte Colonne, General-Major Semiakin die mittlere
direkt auf Kadikoi los, General-Major Gribbe die linke gegen Kamari zur Umgehung
der feindlichen Stellung. Schon bei Tagesanbruch waren die russischen Colonnen
auf dem Marsch, um 6 Uhr gelangte das mittlere Corps an die ersten Redouten,
eröffnete das Feuer und nahm sie im Sturm. Die Türken verliessen sie zum Teil in
wilder Flucht und um 71/2 Uhr wehte die russische Fahne auf allen vier Schanzen.
Die Geschütze wurden vernagelt oder unbrauchbar gemacht, die Vorräte zerstört
und die russische Artillerie begann von dieser Position aus die bei Kadikoi und
Balaclawa aufgestellten englischen Truppen und das Lager zu beschiessen. Die
linke russische Colonne hatte sich gleichfalls glücklich des Dorfes Kamari
bemächtigt.
    General-Major Colin-Campbell eilte mit dem 93. schottischen Regiment zur
Unterstützung der Türken herbei, die Kavallerie der Engländer unter Lucan schloss
sich ihm an und die flüchtigen Türken sammelten sich unter ihrem Schutz. Um 8
Uhr erschienen Lord Raglan und Canrobert auf dem Schlachtfelde und beorderten
eilig von Balaclawa her starke Reserven, um die verlorene Stellung wieder zu
gewinnen.
    Die vierte englische Division Catcart und die erste Garde-Brigade des
Herzogs von Cambridge rückte gegen die Woronzoff-Strasse vor. Zugleich liess
Bosquet einen Teil der 1. Division und einige Schwadronen reitender
afrikanischer Jäger in das Tal vorgehen.
    General Liprandi erteilte jetzt dem General-Lieutenant Rischof den Befehl
zum Kavallerie-Angriff und die Husaren-Brigade mit den uralskischen Kosacken und
zwei reitenden Batterieen stürzten sich im Galopp auf die Hochländer Campbell's
und die Dragoner des General Scarlett, die Wagenburg, welche die Schotten vor
ihrer Stellung aufgefahren, attakirend. Aber festen Fusses - Schulter gegen
Schulter, wie das berühmte Kommando der Hochländer sagt, - empfing sie die
Infanterie und eine Batterie der Brigade Scarlett begrüsste die kecken
Steppenreiter mit ihren Kartätschenladungen. Die russische Kavallerie wurde
geworfen und hinter ihr drein donnerten die schweren Dragoner der Briten, bis an
die eroberten Redouten. Hier jedoch wandte sich das Glück - ein vernichtendes
Feuer der russischen Batterieen brach die Reihen der Dragoner und brachte sie in
Unordnung. Mit grossem Verlust zogen sie sich zurück.
    Lord Raglan sah mit Groll die Niederlage seiner Reiterei unter den Augen der
Franzosen und wollte um jeden Preis die englischen Geschütze wieder haben,
welche die Russen mit den Redouten erobert hatten. Der stolze Somerset2, der
Adjutant und Neffe des eisernen Herzogs, der seine Sporen beim jammervollen
Siege von Kopenhagen geholt, aber sie dann auf den blutigen Schlachtfeldern von
Fuentes d'Onores, Badajoz und Salamanka verdient hatte, der bei Quatre Bras
gegen Kellermann's schwere Reiter mit dem tapfern 42. Regiment gekämpft und vor
Waterloo den rechten Arm gelassen, - hatte in dem siebenundzwanzigjährigen
Kamaschendienst voll Untätigkeit und militairischer Pedanterie, welche die
englische Armee zur schlecht organisirtesten Europa's hat werden lassen, - die
Rittertaten seiner Jugend nicht vergessen. Seine Adjutanten flogen zu dem
Kommandanten der Kavallerie, dem Grafen Lucan, und überbrachten ihm den Befehl,
die russische Stellung durch Lord Cardigan's leichte Kavallerie-Brigade, welche
den linken Flügel bildete, attakiren und die zurückgehenden Husaren und Kosacken
verfolgen zu lassen.
    So unfähig sich beide britische Reiterführer auch im Fortgang des Feldzugs
gezeigt haben, so hatten sie doch Einsicht genug, zu sehen, dass die Ausführung
dieses Befehls mit grosser Gefahr verbunden war. Selbst wenn die englische
Reiterei die russische Schlachtlinie durchbrach, konnte sie leicht in das
Kreuzfeuer der Artillerie zweier Corps geraten.
    Der Adjutant des kommandirenden Generals harrte daher, nachdem er dem Grafen
den Befehl überbracht, vergeblich einige Minuten auf Antwort, während dieser
ängstlich sich mit seinem Stabe beriet. Ungeduldig fragte er endlich: »Wollen
Euer Herrlichkeit dem General-Feldzeugmeister eine Antwort senden?«
    »Mein Herr -« sagte der Graf, »ich gestehe Ihnen, ich glaube den Befehl des
Lords missverstanden zu haben. Er kann unmöglich verlangen, dass Kavallerie die
verlornen Redouten wiedernimmt?«
    »Ich habe Euer Herrlichkeit nur meine Befehle zu überbringen, das Weitere
ist Ihre Sache.«
    »So haben Sie die Güte,« sagte der Graf hochmütig, »die Ordre in Gegenwart
dieser Herren nochmals langsam und deutlich zu wiederholen.«
    Der Adjutant tat es.
    »Jetzt, mein Herr, melden Sie dem General, dass wir tun werden, was
englische Kavallerie tun kann, dass es aber nicht meine Schuld ist, wenn heute
Abend die britische Krim-Armee keine Kavallerie mehr besitzt. Vorwärts, Mylord
Cardigan! lassen Sie die 4. und 13. leichten Dragoner die Höhe der Redoute links
umgehen und den Angriff beginnen, während das 14. Regiment und die Husaren als
zweites Treffen nachrücken.«
    Die Trompeten bliesen und die leichten Dragoner trabten mit jenem
todesverachtenden Trotz gegen die Batterieen, welcher immer den
Bulldog-Charakter der englischen Soldaten ausgezeichnet hat. Die Regimenter
umgingen die Höhe und attakirten die russischen Husaren und Kosacken trotz des
Kartätschenfeuers zweier russischen Batterieen in beiden Flanken und ohne auf
das Heckenfeuer des Odjessa'schen Jäger-Regiments zu achten. Das 14.
Dragoner-Regiment und die beiden Husaren-Regimenter 8 und 11 drangen nach und
warfen sich auf eine donische Batterie, deren Bedienung sie in Stücken hieben.
Das blutige Handgemenge wogte gleich einem Knäuel zwischen den Hügeln hin und
her und das Feuer der russischen Batterieen musste inne halten, um nicht Feind
und Freund zugleich zu vernichten. Der Kommandant der 2. Brigade der russischen
Kavallerie, General-Major Ghalezki, fiel; nur mit Anstrengung behaupteten die
Husaren und Kosacken das Gefecht.
    In diesem Augenblick stürzte sich der Oberst Jeropkin mit seinem
Ulanen-Regiment, das so eben erst auf dem Schlachtfelde eingetroffen war und
hinter den Odessaer Jägern eine verdeckte Aufstellung genommen hatte, auf die
rechte Flanke der englischen Kavallerie. Der Stoss war furchtbar und von dem
glänzendsten Erfolge begleitet. Die ganze Reiterbrigade wurde vollständig
geworfen, geriet in die grösste Unordnung und wandte sich zur wilden Flucht,
verfolgt von den Ulanen, niedergeschmettert von den Kartätschen der Batterieen
auf den Hügeln und des Schabokritski'schen Corps. An fünfhundert Reiter liessen
die Engländer auf dem Kampfplatz.
    Die Flucht war so ungestüm und unaufhaltsam, dass sie selbst die schwere
Dragoner-Brigade Scarlet's, welche Lord Raglan seiner leichten Kavallerie zu
Hilfe gesandt, mit sich fortriss - die englische Reiterei verschwand vom
Schlachtfeld. Vom Sapunberg aus hatte man die Vernichtung der leichten
britischen Kavallerie beobachtet. Der französische Obercommandant liess daher -
freilich etwas spät - drei Schwadronen seiner afrikanischen Jäger einen Angriff
auf die Batterieen Schabokritski's am Abhang der Pedjuhinni-Berge machen; die
herbeieilende Infanterie jedoch warf sie zurück.
    Um 9 Uhr hatten die Verbündeten bereits 20,000 Mann im Tal von Kadikoi
vereinigt und verstärkten sich fortwährend. Aber die unglückliche Attake der
englischen Kavallerie hatte einen solchen Eindruck auf die Generäle und die
Truppen gemacht, dass man nicht wagte, nochmals gegen die von den Russen
besetzten Höhen vorzugehen. Hätten diese zu Anfang des Treffens mit einer
genügenden Macht ihre Vorteile verfolgen können, so ist wohl kein Zweifel, dass
es ihnen gelungen wäre, Balaclawa zurück zu erobern, ein Sieg, der die
Verbündeten zur Wiedereinschiffung in der Kamiesch-Bai gezwungen hätte.
    Die Artillerie setzte von beiden Seiten die Kanonade bis zur vierten
Nachmittagsstunde fort, dann zogen die Alliirten ihre Truppen in's Lager zurück;
die Russen behaupteten das Schlachtfeld.
    Die englische leichte Kavallerie war fast zur Hälfte vernichtet - was davon
übrig, machte bald die gränzenlose Unordnung der Verwaltung und die
Fahrlässigkeit der Führer kampfunfähig.
    Die Belagerung der Stadt schritt nur langsam vorwärts, da die Stellung der
Russen bei Tschorgun und gegen Balaclawa die Alliirten nötigte, hierhin alle
ihre Kräfte und all' ihre Aufmerksamkeit zu richten. Die Gegner verschanzten
sich Aug' in Aug' in ihren festen Stellungen.
    Unterdessen waren auf beiden Seiten bedeutende Verstärkungen eingetroffen.
In den ersten Tagen des November zählte die französische Armee wieder 49
Bataillone, 8 Schwadronen und 96 Feldgeschütze, die englische 32 Bataillone, 20
Schwadronen und 24 Geschütze, die türkische Division bestand aus 8 Bataillonen,
- so dass die gemeinsame Stärke etwa 70,000 Mann betrug: 35,000 Franzosen, 23,000
Engländer und 12,000 Türken.
    Die russischen Landtruppen in Sebastopol und der Umgegend bestanden jetzt
aus 103 Bataillonen, 58 Schwadronen, 22 Sotnien Kosacken und 282 Geschützen, im
Ganzen aus 82,000 Mann, waren also stärker als die Verbündeten, aber geteilt in
die Verteidigung der Stadt und das Observations-Corps.
    Unter diesen Verhältnissen beschloss der Fürst Menschikoff, jene Offensive zu
ergreifen, die eine bleibende und ruhmvolle Stelle in der Geschichte der
blutigen menschlichen Kämpfe mit dem Namen der »Schlacht von Inkermann« bewahren
wird.
    Der strategische und taktische Plan dieser Schlacht ist einer der
vorzüglichsten, die je gefasst wurden, und würde dem Genie Friedrich des Grossen
und Napoleon's nicht zur Unehre gereicht haben. Was ihn scheitern liess, waren
Dinge, die ausser der Berechnung des Feldherrn lagen.
    Die Brücke von Inkermann führt über die Tschernaja nahe ihrem Ausfluss in das
Ende der grossen Bucht von Sebastopol. Die neue Sappeurstrasse und die alte
Poststrasse laufen, von der Festung kommend, an ihr zusammen, die erste in der
Nähe des Buchtufers hinführend, die andere zieht sich eine Strecke durch den
Kilengrund und windet sich dann in engem Defilee durch die Höhen, wobei auf der
Seite nach der Tschernaja das Tal so morastig ist, dass die Strasse mehr als
tausend Schritt über enge Faschinendämme läuft.
    Während die Franzosen auf dem südöstlich liegenden Sapunberg mit zwei
Divisionen unter Bosquet sich stark verschanzt hatten, war den Engländern die
Deckung des Terrains zwischen dem Sapunberg und dem Kilengrund, durch welches
eben die beiden Strassen von der Tschernaja her führen, überlassen. Sie hatten
jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Belagerungsarbeiten gerichtet, ohne an
die Deckung der Wege zu denken, und erst Ende October wurden drei Redouten zum
Schutz des rechten englischen Flügels und des Lagers hier flüchtig aufgeworfen,
von denen die erste, auf der Höhe über der alten Poststrasse gelegen, diese
vollständig beherrschte, während die beiden andern weiter rückwärts lagen.
    Diese Umstände waren dem Fürsten Mentschikoff wohl bekannt und er beschloss
daher, die Engländer durch die gefährlichen Defileen anzugreifen. Durch die
Besitznahme der Höhen, welche sich auf beiden Seiten des Kilengrundes befinden,
wäre das russische Offensiv-Corps in unmittelbare Verbindung mit der Garnison
Sebastopols gekommen; es konnte seine überlegene Kavallerie gegen den Feind
verwenden und dieser wäre gezwungen gewesen, die Belagerung des östlichen
Stadtteils aufzuheben, welche später eben den Sieg entschied.
    Wir haben bereits erwähnt, dass die Disposition des Fürsten eine
ausgezeichnete war. Der Angriff sollte, um die Feinde zu täuschen, von
verschiedenen Seiten her geschehen. Zunächst sollte eine starke Colonne von 29
Bataillonen und 38 Geschützen unter General-Lieutenant Ssoimonoff aus der Stadt,
und zwar von der Bastion II. hervorbrechen und die Höhen des Kilengrundes in
Besitz nehmen; eine zweite Colonne mit 20 Bataillonen und 96 Geschützen unter
General-Lieutenant Pawloff, dem wir gleich Ssoimonoff bereits bei dem Kampfe um
Oltenitza und Giurgewo begegnet sind, sollte über die Inkermann-Brücke durch die
Schluchten und auf der alten Poststrasse vordringen und das englische Lager
angreifen. Zugleich aber sollten das Corps des Generals der Infanterie, Fürsten
Gortschakoff (I.), von Tschorgun südwestlich her einen Scheinangriff mit 20,000
Mann gegen die französische Stellung auf dem Sapunberg unternehmen, und aus der
Ostseite der Festung selbst zwei Regimenter der Garnison unter General-Major
Timofjef einen Ausfall aus der Bastion VI. gegen die französischen
Belagerungslinien machen. Die Russen führten somit an 60,000 Mann mit 234
Geschützen in's Gefecht, wovon jedoch nur etwas mehr als die Hälfte für den
wirklichen Kampfplatz bestimmt war, genügend, die Engländer zu erdrücken, wenn
die Zufälle der Schlacht es nicht anders gewendet hätten.
    Der Abend des 4. November, Sonnabend, war von höchst widrigen Wetter
begleitet. Es regnete ununterbrochen in Strömen, die Wege und Schluchten waren
grundlos von Wasser und Schmuz und ein dichter Nebel lagerte über Tälern und
Bergen, kaum im Umkreis von zehn Schritten die Gegenstände erkennen lassend; die
ganze Natur hatte ein trübseliges Aussehen und die Schildwachen suchten unter
den Vorsprüngen des Gesteins, an den Stämmen der Berge und den Erdhängen jeden
kleinen Schutz gegen die Unbilden des Wetters.
    In der englischen Redoute Nr. 1, welche eine Compagnie des 95. Regiments von
Lach-Evan's Division besetzt hielt, war eine Baracke für die Offiziere
aufgeschlagen, die, auf einer Seite offen, kaum den strömenden Regen abhielt;
indes die armen Soldaten dem Unwetter ohne allen Schutz als ihre Mäntel und die
drei Feuer, die sie auf der Leeseite der Baracke angezündet hatten und mühsam
unterhielten, preisgegeben waren. Es fehlte am Nötigsten für die Ueberwinterung
der englischen Armee und man war notorisch in Besitz von höchstens einem für 10
und 15 Mann berechneten Zelte auf 100 Köpfe.
    In der Baracke lagen drei Offiziere in ihre Mäntel oder englische
Reisedecken gehüllt, der Eine sogar in einen prächtigen persischen Teppich, der
die Zierde eines fashionablen Salons gewesen wäre, und jetzt hier in Schmuz und
Regen umher gewälzt wurde. Die Offiziere sahen sehr missmütig aus und das
Einzige, woran sie sich trösten konnten, waren die türkischen Papiercigarren,
denn durch die Vorsorge der englischen Proviant-Commissaire fehlte es an nichts
weniger, als an Allem!
    »He, Mickei!« rief der Capitain Armstrong, indem er sich halb auf den Armen
emporrichtete und nach dem Feuer hin schnüffelte, »es riecht verteufelt gut, ich
glaube, Du brennst Kaffee, Schurke, und lässt Deinen Herrn hier ohne
Gewissensbisse verschmachten!«
    Der Angeredete, ein rothaariger Irländer, dem selbst die Beschwerden des
Wetters und Mangels die angeborene Laune nicht zu verderben vermocht hatten,
warf beide Arme in die Luft. »O, Du grundgütige Mutter aller Schmerzen, was sind
Seine Gnaden ungerecht gegen den armen Mick! Hab' ich darum diese gesegnete
sechspfündige russische Kanonenkugel ganze zwei Meilen weit unter diesem meinem
Arme mitgeschleppt, um nun beschuldigt zu werden, ich tränke den schlechten
Kaffee, den der Commissair geliefert, und liesse meinen Herrn verdurften? Nein,
mein süsses Augenlicht, Mick macht Kaffee für seinen Herrn und dessen Freunde und
begnügt sich mit einem Tropfen Whiskei.«
    Die Offiziere sprangen wie von einer Feder geschnellt in die Höhe und
Capitain Armstrong vor die Baracke, wo er eben noch zeitig genug ankam, um
seinen würdigen Diener eine ziemlich umfangreiche Lederflasche nach einem
tüchtigen Zug absetzen zu sehen. Der Capitain war mit einem Schritt seiner
langen Beine bei ihm und hatte die Flasche dem Verduzten aus der Hand gerissen,
dem die Unvorsichtigkeit, die er begangen, klar wurde. - »Höllenhund! Du hast
ein Getränk, das besser ist als Wasser, und sagst mir Nichts davon?«
    »Ach, Euer Gnaden,« winselte Mickei »ein so vornehmen Gentleman wird einen
armen Kerl, wie ich bin, nicht der kleinen Erfrischung berauben wollen. Bei
meines Vaters Seele, die Pater O'Donnoghue, der Schurke, noch immer im Fegefeuer
brennen lässt, weil ich ihm keine Messen mehr bezahlen wollte, - ich habe mich
nur versprochen, es ist schlechter türkischer Branntwein, den die vermaledeiten
Schurken von Kameelmist brennen sollen! - Mögen sie dafür ewig schmoren, wo das
höllische Feuer am schärfsten brennt!«
    Der Capitain hatte jedoch, ungeschreckt von diesem wenig empfehlenden
Patenbriefe, die Flasche an den Mund gesetzt und, einen tüchtigen Schluck
getan. - »Den Teufel auf Deine lügnerische Zunge, Schuft,« sagte er, indem er
die Flasche an Lieutenant Cavendish, einen etwas gelb aussehenden, schmächtigen
Offizier, weitergab - »es ist guter Rum!«
    »Gott verdamm' meine Augen,« rief der Fähnrich O'Mallei, ein Landsmann des
armen Mick, der mit trübseligen Blicken den Inhalt seiner Flasche sich
vermindern sah, »der Kerl muss den Lord Ober-Commissair zum Freunde haben, oder
eine ganz besondere Quelle. Woher hast Du den Rum, Mick, mein Jüngelchen?«
    »Ich hab' ihn gekauft, Euer Gnaden,« jammerte der Bursche, »ehrlich bezahlt,
oder ich will in meinem Leben nicht wieder Betty Flanagans runde Waden ansehen,
wenn sie den Rasen von Mulingapatna im Zweitritt stampft. Ein Tatar, wie sie die
Juden hier zu Lande nennen, hat mir die Flasche für baare zehn Schilling und
sechs Pence verkauft.«
    »Das ist billig genug in Betracht der Umstände,« sagte der Capitain, »und Du
sollst um Dein Geld nicht kommen. Hier hast Du Deine zehn Schillinge und dafür
überlässt Du uns die Flasche, von der Du bereits Deinen redlichen Anteil
geschluckt haben wirst. Sollte der Jude oder Tatar sich wieder blicken lassen,
so will ich Dir wohlmeinend raten, ihn festzuhalten und zu mir zu bringen,
damit sein Vorrat nicht in andere Hände fällt. Solche Lieferanten muss man sich
zu Freunden halten.«
    »Wenn Euer Gnaden Nichts dawider haben,« schmunzelte der Ire, »ich habe ihm
wohl so einen kleinen Wink gegeben, dass wir seiner bedürfen, aber dem
vermaledeiten Juden ist das Wetter zu schlecht gewesen.«
    »Er würde auch nicht durch die Posten kommen und mein Befehl galt bloss für
das Lager. Jetzt mach' uns den Kaffee, mit dem Zusatz von Rum wird das schlechte
Zeug gut tun und Lieutenant Stuart muss gleich von der Ronde zurückkehren.«
    »Schickt das Commissariat denn noch immer den fatalen grünen Kaffee?«
lispelte Lieutenant Cavendish.
    »Möchten die Halunken daran ersticken,« schimpfte der Capitain. »Was denken
sie in Alt-England, dass wir nichts Anderes zu tun hätten, als Kaffee zu
brennen!«
    In der Tat war der Unwille in der ganzen britischen Armee neben den hundert
andern Ursachen auch darüber allgemein, dass als Proviant der schlechteste grüne
Kaffee geliefert wurde. Die Soldaten hatten endlich die Erfindung gemacht, ihn
in ihren Feldkesseln zu rösten und in Ermangelung von Kaffeemühlen mit
Kanonenkugeln auf Steinen zu zermalmen, so dass die russischen Kugeln zu diesem
Zweck sogar ein gesuchter Artikel waren.
    »O'Mallei,« sagte der Capitain, ehe sie wieder unter ihrem Zelt sich
einrichteten, »gehen Sie gefälligst und wecken Sie Lieutenant Lundgreen und
fragen Sie ihn, ob er an unserer Schlemmerei Teil nehmen will. Der arme Bursche
hält hier seit fünf Tagen aus und wird selten genug was Warmes gehabt haben.«
    Gleich darauf gesellte sich der Artillerie-Offizier, der die zwei Geschütze,
mit denen die Redoute armirt war, kommandirte, zu ihnen und Alle harrten des
Kaffee's, den Mickei jetzt in dem Kessel über dem Feuer hatte. Der Regen begann
aufzuhören, aber der dichte dampfende Nebel aus dem feuchten Boden verstärkte
die Finsternis.
    »Es wundert mich, Kamerad,« meinte der Capitain, »dass die vorgeschobene
Schanze nur mit Ihren zwei Sechspfündern versehen ist, da sie doch eigentlich
die Hauptposition an der Strasse bildet. Ohnehin scheint sie mir nicht besonders
zweckmässig eingerichtet.«
    »Ein Kind kann das sehen,« brummte der alte Artillerie-Lieutenant, »und sie
ist auch von Kindern und Narren angelegt. Erst auf dringendes Verlangen
Lach-Evan's bequemte man sich dazu und was denken Sie, als ich hierher kam, wie
die Coldstreams, welche die Wache hatten, die Schanze erbaut? Ich will verdammt
sein, wenn so ein Muttersöhnchen aus einer Lordsfamilie, dem das Patent gekauft
worden, ohne dass er einen rechten Winkel zu nehmen versteht, die Schiessscharten
nicht mit der breiten Seite nach Innen eingeschnitten hatte!«3
    Die Offiziere lachten. - »Wissen Sie nicht, wie dieser moderne Vauban hiess?«
    »Lieutenant Elliot, ich glaube ein Vetter oder Neffe des Herzogs von
Norfolk!«
    »Das kommt von dem System unserer Militairverwaltung. Wär' die Nation und
jeder Einzelne nicht an und für sich so brav, die schmachvolle Einrichtung müsste
uns längst zur schlechtesten Armee Europa's degradirt haben! - Ich meine das im
Allgemeinen,« fuhr der Capitain zu seinem ersten Lieutenant gewendet fort, der
die Wendung des Gesprächs mit offenbarer Verlegenheit angehört hatte. »Was
können Sie für die Einrichtungen Ihres Vaterlandes, und überdies haben wir bis
auf den braven Stuart, der es am Cap unter mir erwarb, Alle unsere ersten
Patente bezahlen müssen!«
    »Wenn ich nicht irre, Kamerad,« sagte der Artillerist zu Lieutenant
Cavendish, »sind Sie erst vor Kurzem zu unserer Armee gestossen?«
    »Ich diente in Indien.«
    »Ost oder West?«
    »In Bombay, Herr Kamerad! Doch befand ich mich nur zwei Jahr im Regiment.«
    »So konnten Sie das Klima nicht ertragen?«
    »O,« sagte der Lieutenant, »daran hatte ich mich bereits so ziemlich
gewöhnt. Es ist gerade nicht ganz schlecht leben in Indien für uns Engländer.«
    »Hören Sie, Cavendish,« sagte der Capitain, »Sie sind kein übler Bursche,
wenn Ihnen auch mitunter noch die Manieren des Hofdienstes etwas ankleben. Wir
haben Sie nie gefragt darum, wie es kam, dass Sie Indien verliessen und das Patent
in unserm Regiment eintauschten, wodurch Stuart um die erste Aussicht auf die
Compagnie gekommen ist. Ich sollte meinen, Sie hätten warten können, bis sich
eine Gelegenheit bei der Garde bot. Kommen Sie, wir sind unter uns, erzählen Sie
uns die Gründe, wenn es angeht, und ich glaube, Ihr Vertrauen wird gerade Ihre
Stellung bei uns nicht verschlechtern.«
    Der junge Offizier zögerte einige Augenblicke, dann sagte er: »Wenn Sie es
wünschen, bin ich bereit, obschon das Geständnis Ihnen keine besondere Meinung
von mir beibringen wird. - Ich - ich fürchtete mich in Indien!«
    »Was zum Henker! - ich hoffe, doch nur vor der Cholera oder den
Klapperschlangen? Das ist erlaubt.«
    »Nein, Sir - ich fürchtete mich - vor einem Braminen.«
    »Das ist seltsam. Ich habe Sie bei dem Angriff auf Kamiesch tapfer im Feuer
stehen sehen und kann daher nicht glauben, dass es Ihnen an Mut fehlt. Es müssen
also ungewöhnliche Ursachen im Spiel sein. Sie machen mich neugierig, bitte,
wickeln Sie uns Ihr Gespinnst ab, wie unsere Freunde auf den Schiffen zu sagen
pflegen; bei dem Becher Kaffee, den Mickei eben bringt, wird es uns die Wache
verkürzen helfen.«
    Der Irländer reichte die blechernen Trinkschaalen mit dem Kaffee umher, in
den die Offiziere zu seinem Aerger den Rum schütteten.
    »Sie wissen,« erzählte Cavendish, »dass der Herzog von Norfolk mein Oheim ist
und ich Page am Hofe war. Teils um mich für einige sogenannte schlechte
Streiche zu bestrafen, teils damit ich dem Lord, meinem Bruder, und meinen
werten Verwandten nicht zu sehr auf der Tasche liegen, sondern eine möglichst
rasche Carriere im Diesseits oder Jenseits machen möge, gab man mir vor zwei
Jahren ein Lieutenantspatent bei unserer Armee am Ganges - der Teufel hole sein
Gedächtnis!«
    »Sie dienten Alle, so viel ich weiss, nie in Ostindien,« fuhr er fort, die
Asche von seiner Cigarre klopfend, »es ist ein seltsames Land und namentlich die
malabarische Küste, die noch lange nicht so europäisirt ist, wie Calcutta. Ich
stand mit meiner Compagnie in der Nähe von Bombay in einem der kleinen
Hafenorte, und da ich ein Neuling war, interessirten mich tausend Dinge, an
denen meine Kameraden, die länger im Lande waren, gleichgültig vorüber gingen.
Stellen Sie sich einige Schritte von dem flachen sandigen Ufer eine frische
grüne Ebene vor, die von Kanälen bewässert wird.« Diese, mit eleganten
phantastischen Holzbrücken überbaut und mit unzähligen Booten bedeckt, verlieren
sich in die Tiefe der Wälder. Ueberall an ihren Ufern liegen alle Arten von
Wohnungen zerstreut: die buntbemalten, mit kunstreichem Täfelwerk bekleideten
Magazine, die die schönsten Arbeiten der indischen Industrie vor den Blicken
entfalten; - ungeheure Lagerhäuser, die in weitem Umkreis die Luft mit dem
betäubenden durchdringenden Duft der Gewürze erfüllen; - daneben die elendesten
Hütten von Palmblättern, von dem üppigen Pflanzenwuchs beinahe verdeckt. Keine
Plätze, keine Strassen, nur eine Menge Fusspfade, die sich durchkreuzen oder in
einem Cocuswald verlieren. Rings um den Hafen, wo den ganzen Sommer über eine
grosse Menge arabischer Fahrzeuge liegt, die von Mascat oder Dindad kommen,
bewegen sich ungeheure Elephanten, welche die Balken herbeischleppen, die jene
einladen wollen. Braune, gelbe, schwarze Gesichter, von dem Olivengrün der
Bronze bis zur feinen Hautfarbe des Chinesen, ein wirres Geschnatter von hundert
Dialecten und Sprachen; die schlanke Gestalt des Hindu, der tückisch-trotzige
Blick des Malayen; die bewegliche Figur des Chinesen neben dem ernsten Araber;
der Parse, welcher das Feuer anbetet, neben dem Moslem von dem Ufer des roten
Meeres und dem geduldigen Sohne des Lotos - Bramine und Paria, der reiche
Kaufmann zwischen der Schaar der Bettler und Gichtbrüchigen, die sich auf den
Händen fortschleppen! Armenier von Trapezunt, Juden von Aleppo und Bassora,
Perser und Kurden; hundert bunte schillernde Farben, Gold und Seide, - die
Gazellenaugen und schlanken Glieder der Tänzeriunen neben Aussätzigen, deren
Haut mit weissen Flecken bedeckt ist, und anderen Elenden, die von Krankheiten
geplagt werden, für welche unsere Sprache keinen Namen hat: das ist Indien!
    »Wir wohnten in einem Palast von Holz, einer alten Residenz der Rajah's,
hatten aber bald herzliche Langeweile und sehnten uns nach der Promenade von
Bombay zurück, wo allabendlich die schöne Welt Europa's und Asien's sich am
Klang der britischen Militairmusik ergötzt, denn Bombay ist der Stapelplatz des
Orients. So machten wir denn täglich, um die Zeit todt zu schlagen, ziemlich
weite Ausflüge in die Umgegend, bald allein, bald in Gesellschaften, denn die
Jagd gewährte in diesem Teil des Landes wenig Interesse.«
    »Auf einem dieser Ritte, den ich mit dem ältesten Lieutenant unsers
Bataillons machte, kamen wir in die Nähe einer indischen Pagode am Meeresstrande
und fanden unter einem grossen Feigenbaume mit hängenden Zweigen, von dessen
Wipfel ein ganzer Wald faseriger Wurzeln auf die Erde herab hing, die Hütte
eines Braminen. Der Mann hiess Nikalanta, wie ich später erfuhr, und hatte im
Dienst seines Götzenbildes seinen Unterhalt gefunden, bis zu seinem Unglück sich
Missionaire in seiner Nähe festsetzten und die Gläubigen von dem Bilde mit dem
Elephantenkopf fortlockten. Seitdem war er Schreiber bei einem reichen Babon
(Banquier) geworden, der die Europäer hasste. Als wir um den Baum kamen, sahen
wir den alten Mann mit seiner Tochter, einem wunderschönen Hindumädchen, vor der
Tür sitzen. Unser Anstarren verscheuchte das Mädchen in das Innere des Hauses,
der Bramine aber blieb unbeweglich sitzen, mit den Augen in die Luft starrend,
obschon ich ihn mehrmals anrief. - Der alte Narr, sagte Staunton, befindet sich
in dem Zustand religiöser Verzückung, eine Kanone vor seinen Ohren würde ihn
nicht wecken! - Das wäre! ich will ihn schon zum Antworten bringen! - und ich
klatschte mit der Peitsche dicht vor seinem Gesicht, aber er rührte sich nicht.
- Wir haben die Eitelkeit des scheinheiligen Hindu herausgefordert, meinte mein
Begleiter, er tut, als ob er uns nicht hörte, aber ich kenne dennoch ein
Mittel, woran seine Geduld scheitert. Soll ich es anwenden? - Versteht sich! -
Er sprang vom Pferde, ergriff die Pantoffeln, die der Bramine in die Nähe der
Tür gestellt und legte sie mit dem indischen Gruss: Mögen Deine Wege leicht und
angenehm sein! auf seinen Kopf gerade über der dreifachen roten und blauen
Linie, die seine Stirn schmückte. Ein wilder, herzzerreissender Schrei machte
mich in diesem Augenblick erbeben, es war das junge Mädchen, welches jammernd
hinzustürzte, aber es war zu spät, - der leichtsinnige Streich, von dem ich
damals noch nicht wusste, was er bedeutete, war geschehen, und Staunton bereits
wieder zu Pferde. Der Alte rührte sich noch immer nicht, nur sein schwarzes Auge
ruhte mit einem furchtbaren Ausdruck auf uns, während auf das Geschrei des
Mädchens mehrere Hindu's, die in der Nähe beschäftigt waren, herbeieilten und
als sie den Braminen mit seinem seltsamen Kopfputz erblickten, gleichfalls ein
Wehklagen erhoben. Auf ein Zeichen Staunton's gaben wir unsern Pferden die
Sporen und waren bald weit entfernt von der seltsamen Scene, deren Erklärung ich
vergeblich von meinem Kameraden verlangte. Er schien vielmehr ärgerlich über
sich selbst und sagte mir endlich, dass ich ihn zu einer törichten Handlung
verleitet hätte, die uns Beiden Gefahr bringen könne.«
    »Aber was sollten die eigenen Pantoffeln denn dem alten Judier für Schaden
tun?« warf O'Mallei ein.
    »Dieselbe Frage tat ich am Abend, den wir bei einem reichen Kaufmann
zubrachten, ohne jedoch weiter die Namen zu nennen, und erfuhr, dass durch die
Berührung eines unreinen Gegenstandes jeder Bramine der Rechte seiner
geheiligten Kaste verloren geht und zu einer niedern degradirt wird.« - »Wer
auch dem Übermut verübt,« sagte mir der erfahrene Mann, »er kann ihm teuer zu
stehen kommen. Vielleicht überlebt der Bramine seine Schande nicht, wenn er aber
lebt, wird er leben, um sich furchtbar zu rächen.« -
    »Ich gestehe Ihnen, mir wurde bei dieser Erklärung nicht ganz wohl zu Mute
und ich begriff jetzt, warum Staunton ärgerlich auf sich und mich war und in der
nächsten Zeit unser Quartier möglichst selten nach der Dämmerung verliess. Indes
es erfolgte Nichts und wir vergassen die Geschichte um so rascher, als wir bald
darauf nach Bombay zurückbeordert wurden. Der Winter war uns dort äusserst
angenehm verflossen und wir bereiteten uns Beide, einen Urlaub, den wir
erhalten, zu einer Reise nach Bengalen zu benutzen, um an den grossen Tiger- und
Elephanten-Jagden Teil zu nehmen, als am Tage vor unserer Abreise, an welchem
wir mit einigen Freunden zusammen speisten, gegen das Ende der Mahlzeit ein Kuli
- ein Hindu-Commissionair - eintrat und ein sauber eingeschlagenes Packet
brachte, das an Staunton, der unterdess zum Capitain vorgerückt war, und mich
selbst adressirt sich ergab.« - »Von wem?« fragte ich. - »Nouloum mahin Sahib,«
(Ich weiss es nicht, Herr,) antwortete der Kuli und verschwand. Staunton öffnete
das Packet an einer Seite und ich sah, wie er beim Erblicken des Inhalts
erblasste. Sein Wink bedeutete mich, keine Frage zu tun, als wir aber allein
waren, gab er mir das Packet mit den Worten: »Ich wusste es wohl, der törichte
Scherz würde seine Folgen haben!« - In dem Packet waren die alten Pantoffeln des
Braminen, die Staunton diesem auf meinen Wunsch auf die Stirn gelegt.
    »Wir schifften uns am andern Morgen in einem Boot ein, das uns von Bombay
nach dem Festland bringen sollte, wo wir die vorausgesandten Pferde zur
Weiterreise treffen wollten. In dem Augenblick, als wir das Ufer verlassen
wollten, drängte sich einer jener indischen Heiligen zu uns, die in fanatischem
Wahnsinn sich selbst oft die grässlichsten Martern bereiten. Der Sanniassy war
ein alter Mann, sein Haar in Unordnung, seine Nägel lang und gekrümmt, wie die
Krallen des Greif, der Körper beinahe nackt und ganz mit Asche überschmiert. Auf
dem Rücken trug er ein kleines Kupfergefäss, unter dem Arm die Antilopenhaut, auf
die er sich zum Beten setzt und in der Hand den aus drei Zweigen schlangenförmig
gewundenen Stock. Als er uns nahe war, blitzten seine Augen von wildem Hass,
während er mit einem seltsam ergreifenden Tone uns die Abschiedsworte zurief:
Geht, wohin Eure Wünsche Euch rufen und mögen Eure Wege leicht und angenehm
sein! - Ich sah, dass er die Münze, die Staunton ihm zuwarf, im Staube liegen
liess, und als das Boot durch die Wellen schob und der Fakir nur noch wie ein
dunkler Punkt auf dem weissen Sande des Ufers zu erkennen war, hörte ich die
Laskaren den Namen unter sich flüstern: Nikalanta!«
    Der Erzählende erfrischte sich durch einen Trunk aus seinem Becher und fuhr
dann fort: »Zwei Mal noch fand ich die unheimliche Erscheinung auf unserm Wege,
wenigstens glaubte ich sie zu erkennen, das eine Mal in einem alten Schwärmer,
der auf einem indischen Markt, auf dem wir verweilten, sich mit dem eignen
Fleisch an der Spitze eines Eisenhakens aufgehangen, an dem er von einer
wagerecht auf dem Gipfel einer Säule sich drehenden Stange in der Luft schwebte;
das andere Mal in der Gestalt eines Bettlers, als wir mit Abscheu in einem
indischen Dorfe die Folterqualen betrachteten, welche die gierigen
Steuereinnehmer der armen Bevölkerung bereitet hatten.«
    Der Capitain nahm die Cigarre von den Lippen. »Sagen Sie ehrlich, Cavendish,
ist das Geschwätz der Journale wahr?«
    »Hören Sie, was wir mit eigenen Augen erblickten. - Das Dorf war zwei Jahre
nach einander hart durch Wolkenbrüche und andere Plagen Indiens, wie ich mir von
einem alten Manne erzählen liess, mitgenommen worden und hatte nur sehr klägliche
Reisernten gemacht, so dass die Bevölkerung die Steuern der Regierung seit einem
Jahr schuldig war. Gerade am Tage vor unserer Ankunft waren zwei Steuereinnehmer
mit einem Kommando Seapoy's eingerückt, um die rückständigen Steuern zu
erpressen. Und in der Tat - man erpresste sie. - Wir fanden die Bevölkerung,
Männer, Weiber, Kinder und Greise, auf dem Platz vor der Pagode jammernd und
wehklagend. An vielen der Männer, ja selbst an Greisen war das nichtswürdige
Anundal angewendet, eine Folterart, die darin besteht, dass den Unglücklichen der
Kopf an die Füsse, oder ein Bein an den Kopf gebunden wird, kurz dass sie in die
verrenkteste Stellung gebracht werden, in der sie unter bittern Qualen in der
glühenden Sonnenhitze tagelang zubringen müssen. Andere waren an den Ohren, an
den Haaren oder am Bart aufgehängt -« -«
    »Unmöglich - Sie übertreiben!«
    »Auf meine Ehre - ich schildere Gesehenes und weiss, dass dies in diesem
Augenblicke noch ein ganz gewöhnlicher Vorgang ist. Ja, was ich Ihnen bisher
gesagt, ist nur Spielwerk gegen die Martern, welche im Namen und unterm Schutz -
ich will zu ihrer Ehre nicht sagen, mit Kenntnis und Zustimmung - der Regierung
des freien Grossbritanniens verübt werden. Nicht selten geschieht es, dass man dem
armen Opfer eine Schlange oder irgend ein ekelerregendes Insekt in den
empfindlichsten Teil des Körpers steckt und den Mann so lange martern lässt, bis
er zahlt. Eine andere häufig angewendete Martermetode besteht darin, dass man
den armen Hindu's Pfeffer in die Augen, in die Nase oder - in die Schaamteile
bringt und ihnen die entsetzlichsten Schmerzen verursacht. Die Folterart, die
wir neben dem Anundal hier angewendet sahen, war das abscheuliche Kitten.«
    »Bei Sanct Patrik,« sagte Fähnrich O'Mallei, »die Leute haben ja ein ganzes
Wörterbuch von Kunstausdrücken. Bitte, worin besteht das Kitten?«
    »Es ähnelt der früheren Tortur in Europa und besteht aus einer hölzernen
Zange, in welcher die Hände, Füsse und bei den Frauen auch die Brüste, Ohren und
andere empfindliche Körperteile so lange gekneipt werden, bis der Gefolterte
das Bewusstsein oder auch den Gebrauch des gemarterten Organs verloren hat. Oder
die Henker knackten die Finger des Opfers, bis der Schmerz unerträglich wurde -«
    »Hören Sie auf, Kamerad,« sagte der alte Artillerist mit Ekel, »und erzählen
Sie lieber von Ihren eigenen Abenteuern.«
    Die Fortsetzung wurde jedoch durch den Anruf der Schildwache am Eingang der
Redoute unterbrochen und dann hörte man die Stimme des von der Ronde
zurückkehrenden Lieutenant Stuart, die mit fröhlichem Ton nach dem Capitain
rief.
    Der Herankommende, ein Schotte von Geburt, war eine hohe schlanke Gestalt,
etwa 30 Jahre alt, mit sonnverbranntem hübschem Gesicht. - »Der Teufel soll mich
holen,« sagte er lachend, indem er sich wie ein nasser Pudel schüttelte, dass von
der Feuchtigkeit des Mantels die Flamme hoch aufsprjetzte, »wenn ich in diesem
Augenblick nicht der willkommenste Lieutenant im ganzen Lager bin. Aufgeschaut,
meine Herren - Lord Raglan sollte mich zum General-Proviantmeister machen, denn
kein anderer als Ronald Stuart von Kinrose würde es in dieser verwünschten Nacht
fertig gebracht haben, zwischen Schlamm und Regen Proviant für eine
Generalstafel aufzufischen!«
    »Was, zum Henker, meinst Du, Ronald, mein Junge?« fragte der Capitain, »und
was sind das für ein Paar Schurken da hinter Dir? Hast Du Gefangene gemacht?«
    »So wahr Pater O'Donnoghue den hübschen Dirnen lieber Beichte hört als alten
Weibern,« mischte sich Mickei ungerufen in's Gespräch, »ich glaube, 'r Gnaden,
das da ist der kosackische Jude, unser Rumlieferant, von dem ich 'r Gnaden
gesagt habe.«
    Der Fremde wurde herbeigewinkt. Es war seiner Kleidung und seinem Aussehen
nach ein tatarischer Bewohner der Gegend, wie er in einigen radebrechten
englischen Worten erzählte, aus dem Dorfe Kadikoi. Er hatte einen Knaben, seinen
Bruder, bei sich und beide trugen in Körben allerlei Mundvorrat, mit dem sie
nach ihrer Angabe Handel trieben. Das Wetter hatte den Leuten offenbar hart
zugesetzt, und Lieutenant Stuart erzählte, dass er beim Rückweg im Nebel auf sie
in der Nähe der Redoute gestossen und aus ihrem Kauderwälsch vernommen hätte, dass
sie dahin wollten.
    Es war zwar sehr gewöhnlich, dass sich die tatarischen Einwohner im Lager
umhertrieben, dennoch war Capitain Armstrong unzufrieden, dass sein Offizier die
beiden Fremden in die Verschanzung geführt. Indes die Gelegenheit, in diesem
Wetter ungehoffte Erfrischungen erhalten zu können, überwog alle
Bedenklichkeiten, und der Capitain gestattete, dass die Tataren einige Flaschen
ziemlich guten einheimischen Branntweins unter Mickei's Vermittelung an die
Soldaten verkauften, während die Offiziere noch eine Flasche Rum und ein
Hammelviertel von ihnen erhandelten.
    Der Irländer erhielt den Auftrag, alsbald so gut es die Umstände erlaubten,
Fleischschnitten zu braten, und Fähnrich O'Maillei bereitete einen warmen Grogk.
    »Und nun, Kamerad,« sagte Lieutenant Lundgreen, »erzählen Sie uns Ihre
Geschichte zu Ende, ehe die Reihe der Nachtrunde Sie trifft.«
    »Ich habe bereits erwähnt,« fuhr der Erzähler fort, »dass wir auf dem Wege zu
den Elephanten- und Tigerjagden waren, die im Innern Bengalens um diese Zeit
stattfanden. Eine eigene Scheu hatte mich abgehalten, Staunton von dem
Wiedererscheinen des Braminen zu sagen, teils weil ich die unangenehme
Erinnerung nicht wieder zur Sprache bringen wollte und uns Mannes genug wusste
gegen alle Angriffe des alten Schwärmers, teils auch weil ich glaubte, ich
könne mich in der Person geirrt haben. Ueberdies fesselte die Aufregung der
wechselnden Scenen und Umgebungen, in die wir jetzt gekommen, alles Interesse.«
    »Wir waren in der Nähe von Hyderabad und mit einer Gesellschaft Offiziere
und Gentlemen von Madras zusammengetroffen, mit der wir vereint in die grosse
Dschungelwüste eindrangen. Acht Tage hatten wir an ihren Gränzen schon mit der
Elephantenjagd zugebracht, ohne doch das gefürchtete Wild Bengalens, den
Königstiger, zu Gesicht zu bekommen. Mehrere Treiben, zu denen die Bauern der
nächsten Dorfschaften aufgeboten worden, hatten in dem District, den wir
betreten und der von einem Tiger verheert werden sollte, zu keinem Resultat
geführt. Das Lager wurde nicht aufgespürt und wir bekamen selbst den schlauen
Feind nicht einmal zu Gesicht, obschon fast an jedem Morgen neue Räubereien
erzählt wurden, die er im Schatten der Nacht verübt. Wir hatten uns deshalb auf
eine ziemliche Strecke hin verteilt und lagen Nacht um Nacht auf dem Anstand in
Hütten von Bambusstäben, die man uns zwischen den Aesten der Bäume erbaut hatte.
Es war eine ziemlich hohe Wette zwischen den Mitgliedern der Jagdgesellschaft
geschlossen worden, wer den Tiger erlegen würde, und Staunton setzte eine
besondere Ehre darin, den Sieg für unser Regiment zu gewinnen.«
    »Eines Morgens, nachdem ich der Reihefolge nach vergeblich auf dem Anstand
zugebracht und mich an den Wundern der Tropenmacht entschädigt hatte, kam
Staunton hastig zu mir und weckte mich aus dem Schlaf, in dem ich im Schatten
einer riesigen Palme lag.« - »Die Wette ist unser, Cavendisch,« sagte er
aufgeregt, »wenn Sie den Mut haben, ein Wagestück mit mir zu unternehmen.« Ein
junger Indier hat sich erboten, uns für eine gewisse Summe das Lager des Tigers
zu verraten, das er zufällig entdeckt. Er schlägt vor, uns in dieser Nacht
dahin zu führen, währen der Tiger auf Beute umherstreicht, und uns in der Nähe
ein Versteck zu zeigen, aus dem wir ihn bei der Rückkehr in der Morgendämmerung
erlegen können.
    »So verwegen der Versuch auch war, unsere Jagdlust war erregt, dazu unser
Stolz und ich erklärte mich, wiewohl mich eine unheimliche Ahnung beschlich, die
ich als ein Gefühl von Furcht unterdrückte, zu dem Abenteuer bereit. Wir trafen
während des Tages so heimlich unsere Vorbereitungen, dass Keiner von unsern
Jagdgefährten, ja nicht einmal unsere Diener das Vorhaben ahnten, und statt beim
Anbruch der Nacht den Lauerposten in der Bambushütte einzunehmen, bestiegen wir
unsere Pferde und ritten, mit unsern Doppelbüchsen bewaffnet, nach der Stelle am
Rande des Dschungelwaldes, an der uns der Indier erwarten wollte. Der junge
Mann, fast halb ein Knabe noch und mit weichen schönen Gesichtszügen, die mir im
Sternenlicht selbst nicht ganz unbekannt schienen, harrte unser und lief alsbald
im Trabe vor unsern Pferden her, so dass wir, je weiter wir in das Dickicht
kamen, ihm kaum mit gleicher Schnelligkeit zu folgen vermochten.«
    »Wir ritten sichtlich auf einem breiten Elephantenpfade dahin, den die
riesigen Tiere auf ihrem regelmässigen Wechsel durch Wald und Gestrüpp
gebrochen. Es war eine wundervolle Nacht, der Sternenhimmel funkelte über uns
wie ein Gewölbe von goldgesprenkeltem durchsichtigem Glas, Myriaden grün-und
goldleuchtender Feuerfliegen bedeckten die Büsche und die Blätter und füllten
die Luft. Das Geschrei der Rohrdommel und das Quaken der riesigen Ochsenfrösche
schallte aus den Sümpfen, der Duft der Magnolien und der narkotischen Pflanzen,
die bei Nacht ihre Kelche öffnen, erfüllte die Luft. Wenn wir uns einem jener
Sumpffelder näherten, in denen die Eingebornen ihren Reis bauen, erhoben sich
grosse Schaaren weisser Reiher mit eintönigem Geschrei in die Nachtluft.«
    »Plötzlich erzitterten unsere Pferde und blieben wie angewurzelt stehen. Ein
leiser Pfiff scholl von vorn her zu uns, und unser jugendlicher Führer fasste die
Zügel der Pferde und drängte sich zwischen sie. Ein gurgelnder stöhnender Laut
übertönte all' das seltsame mannichfaltige Geräusch einer indischen Nacht und
dann folgte ein heulendes Schnauben, das den Wald ringsum zu erschüttern schien
und vor dem das Gekrächze der Hyäne, der klagende Ton des Schakals, die uns im
Walde begleitet, verstummten. Der Knabe, unser Führer, drängte sich an uns und
flüsterte: Der Tiger! es ist der Tiger! - Im Nu waren unsere Büchsen von der
Schulter und wir schauten nach der Seite, von welcher der Laut gekommen - aber
nur einen Moment lang sahen wir zwei grüne rollende Feuerpunkte etwa 50 Schritt
von uns entfernt funkeln, dann schoss es wie ein dunkler Streif über die Lichtung
und war verschwunden. - Vischnu beschützt uns! flüsterte der Indier, und hat den
grossen Würger geblendet, dass er seinen Weg verfolgt. Eilen wir uns, der Pfad ist
jetzt sicher!«
    »Es war mir während des Rittes schon wiederholt vorgekommen, als sähe ich
hin und wieder durch die Büsche eine graue Gestalt vor uns hingleiten, nach
deren Gang sich unser Führer richtete. Doch hielt ich die Erscheinung immer
wieder für ein Tier, oder einen Schatten und merkte nicht weiter darauf. Jetzt,
nachdem wir dem Tiger glücklich entgangen, sah ich sie wieder mehrmals ganz
deutlich, und als wir nach einem halbstündigen Ritt auf einen freien Platz
gelangten, stand sie an ein Felsstück gelehnt vor uns. Als wir näher kamen,
zeigte es sich, dass es ein Hindu war, tief in sein weisses Lenden- und
Schultertuch gegen die Nebel der Nacht eingehüllt.«
    »Wir befanden uns hier auf einem ziemlich hohen und freien Felsplateau, an
dessen Fuss wir eine grosse sumpfige und morastige Dschungel sich ausdehnen und in
dem giftigen Broden, der aus dem Boden emporstieg, verschwinden sahen. Der junge
Hindu erklärte uns, dass unsere Pferde hier bleiben müssten, die er in Obacht
nehmen werde, und dass wir nur zu Fuss unter Führung seines Vaters unsern Weg zu
dem Lager des Tigers fortsetzen könnten. Nachdem wir uns einmal so weit gewagt,
wäre es Feigheit gewesen, zu zögern, und wir nahmen daher unsere Waffen,
empfahlen dem Knaben unsere Pferde, die auf dem hohen und freien Felsplateau
sicher waren vor dem Angriff der Raubtiere, und befahlen dem alten Indier,
voran zu gehen.«
    »Seine gebückte hagere Gestalt, in das weisse Tuch gehüllt, glitt im
Sternenlicht vor uns hin auf einem durch Binsen und Dornen vielfach gewundenen
Pfad, der unsern Augen nicht einmal erkennbar war und der mitten durch den Sumpf
in hundert Krümmungen enge sich wand, so dass wir nur Einer nach dem Andern ihn
passiren konnten, wobei wir oft auf den Zuruf des Indiers genötigt waren, von
einer festen Stelle zur andern über den trügerischen Grund zu springen. Ich kann
nicht sagen, was Staunton dachte, ich aber gestehe offenherzig, dass ich bereits
sehr bereute, mich auf das Abenteuer eingelassen zu haben.«
    »Ich kann mir die Lage lebhaft denken, Kamerad,« sagte Lieutenant Stuart,
während der Erzähler eine Pause machte und dem Grogk zusprach, »und hätte kaum
geglaubt, dass Sie sich schon in so ernsten Gefahren befunden haben. Im
Kaffernkrieg unter Sir George Catcart ist es mehrfach passirt, dass wir die
höllischen Dschungeln der Erogi-Gebirge bei Nacht durchziehen mussten, von wilden
Feinden auf beiden Seiten bedroht, und bei der Distel von Schottland! die
Hassagayen der Kaffern waren nicht minder zu fürchten als die Klauen Ihrer
Tiger!«
    »Es scheint, jede unserer Kolonieen hat ihre Annehmlichkeiten,« sagte der
Offizier. »Wir waren kaum zehn Minuten, die Büchse im linken Arm, durch dies
furchtbare Dickicht vorgedrungen, als der Mond aufging und seine Strahlen die
Gegend ringsum erhellten. Vor uns aus dem Grau der Nebel stiegen riesige seltsam
geformte Massen empor, bald schlanken Säulen, bald riesigen Kuppeln und
Felswänden gleich. Wir riefen unserm Führer zu halten und uns zu sagen, wo wir
uns befänden, doch er sprang, ohne Antwort zu geben, von Stelle zu Stelle immer
weiter und es blieb uns Nichts übrig, als ihm zu folgen, bis wir endlich
atemlos auf festem Grund und in der Gegend jener phantastischen riesigen
Gebilde anlangten, die wir jetzt als die Ruinen Jahrtausende alter indischer
Tempel und Bauwerke erkannten. Wir befanden uns in den sagenhaften
unzugänglichen Ruinen von Bidjeagur, die, wie ich wusste, etwa acht Meilen
entfernt von dem Dorfe Anagundy liegen mussten.«
    »Der Hindu, unser Führer, schien in dieser Trümmerwelt, aus der unser Nahen
mehr als ein Mal den Schakal und die Hyäne aufstörte und riesige Vampyre durch
die Nachtluft scheuchte, wohlbekannt, denn er führte uns, noch immer wortkarg
auf unsere Fragen, ohne zu zaudern, durch diese modernden Tempel und Paläste bis
zu dem Eingang einer halb verfallenen, von riesigen Marmorwänden umgebenen
Pagode, an deren Säulen und Mauern wir im Mondlicht hundertfach wiederholt die
Verwandlung des Götzen Vischnu erkennen konnten. - Der Tiger hat da darinnen
sein Lager, sagte er leise, als fürchtete er selbst die Schauer der Umgebung,
eine Stunde vor Sonnenaufgang kehrt er von seinem Raub zurück. Ihr werdet am
besten tun, Saib's, zwischen diesen Steintrümmern Euch zu verbergen und ihn zu
belauern. - Eine kurze Beratung zwischen uns Beiden liess uns denselben
Entschluss fassen. - Und Du, Sudners, denn zu dieser Klasse glaubten wir, dass der
Führer gehöre, was willst Du tun? fragte Staunton. - Ich bin ein Ausgestossener,
Saib, ein Paria, sagte der Mann. Bei den vier Köpfen dessen, den ich nicht
nennen darf, mein Leben gehört Euch! - Wir beschlossen, den Ort näher zu
untersuchen und legten unsere Büchsen und Schiesstaschen, die uns am Klettern
hinderten, auf die nächsten Quadern, sie unter der Obhut des Hindu's lassend,
worauf wir aus unserm Jagdvorrat ein Windlicht anzündeten, über die Trümmer
stiegen und in das Innere des Tempels eindrangen. Der Schein der Fackel
scheuchte auf's Neue einige Fledermäuse auf, sonst jedoch schien das Gewölbe
frei von allem Getier, was dafür sprach, dass hier das Lager des Königstigers
sein musste. Wir erhielten im nächsten Augenblick auch die Gewissheit durch eine
Menge von Knochen, die teils glatt und gebleicht, teils noch mit Fleischresten
rings umher zerstreut lagen. In diesem Augenblick hörten wir aus einem Winkel
ein Mianen und Winseln, und als wir den Schein unsers Lichtes dahin wandten,
sahen wir etwas sich regen und bewegen, wie zwei kleine unbehilfliche Tiere.
Drei Schritte brachten uns nahe heran - es war das Lager des Tigers und darin
lagen zwei kaum vier Wochen alte junge Tigerkatzen!«
    »Da waren Sie ja doppelt glücklich bei Ihrer Jagd,« sagte der Fähnrich.
    »Den Teufel auch! Wie ein Blitz fuhr der Gedanke durch unsere Seelen, dass
wir nicht in dem Lager eines Tigers, sondern einer Tigerin uns befanden und
daher wahrscheinlich zwei furchtbare Feinde zu erwarten hatten. Staunton gab
zuerst diesem Gefühl Worte.« - »Das geht selbst über britische Nerven,
Cavendish,« sagte er. »Ich denke, wir nehmen die jungen Katzen hier als Beweis
unsers Abenteuers, erreichen unsere Pferde und attakiren morgen bei Tage mit der
ganzen Jagdgesellschaft dies Nest. Ein Tigerpaar für zwei Mann liegt ausser
unserer Wette.«
    »Damit hatte er eine der Katzen am Hals gepackt und schnitt ihr die Kehle
durch. Ich machte es mit der zweiten eben so und wir kletterten dann hastig über
die Steintrümmer des Ausgangs zurück.
    Der Hindu war verschwunden!
    Im ersten Augenblick, da unsere Gewehre und Taschen auf den Steinen lagen,
glaubten wir, er habe seinen Posten bloss zufällig verlassen und befinde sich in
der Nähe, und wir riefen nach ihm, um ihm die drohende Gefahr und unsern
Beschluss mitzuteilen. Unser Ruf weckte das Echo der Ruinen, ohne den Führer
herbeizubringen. - Wo zum Teufel, sagte Staunton, muss der Schurke stecken. Er
kann unmöglich aus Furcht davongelaufen sein, denn seine Angabe, dass die Tiger
erst mit dem Morgengrauen zurückehren, ist, wie ich aus Erfahrung weiss, richtig.
Ich schlage dem Schuft das gelbe Fell zu Mus, dass er uns hier unnütz aufhält. -
Ein wildes Hohnlachen antwortete diesem Ausbruch der Besorgnis und Ungeduld;
dann sahen wir auf der Höhe der Tempelruine eine menschliche Gestalt wie durch
Zauberei erscheinen, am Nachtimmel sich abmalend, und wie aus den Wolken klang
eine unheimliche höhnende Stimme mit dem Ruf:
    Zwei Saib's - zwei Tiger! - Möge Euer Weg leicht und angenehm sein!
    Im Augenblick war mir das Geschehene klar - der Führer war Nikalanta, der
entweihte Bramine, und wir unwiderbringlich die Opfer seiner Rache. Der Gedanke
hatte kaum Zeit gehabt, mir durch das Gehirn zu fahren, als auch schon die
Büchse an meiner Wange lag, gegen den Verräter erhoben, und mein Finger den
Drücker berührte.
    Das Zündhütchen sprühte, ohne dass das Gewehr sich entlud. Ein neues
Hohngelächter antwortete meinem Versuch.
    Bestürzt schaute Staunton mich an und dann auf die Stelle, von der die
Gestalt unseres unversöhnlichen Feindes jetzt verschwunden war. - Was soll das
heissen? was tun Sie, Cavendish? - Meine fliegenden Worte verkündeten ihm die
furchtbare Lösung. Er blieb einige Zeit finster und nachsinnend, dann sagte er:
Ich glaube, Sie haben Recht, und auch mich wollte es bedünken, als hätte ich das
Gesicht des Knaben schon gesehen, der uns zu dem Gange verlockte. Es war die
Tochter des Braminen, die wir damals an der Hütte fanden. Die Lage, in die uns
jener Teufel versetzt, ist wahrhaft furchtbar, und wir werden ihr schwerlich
entrinnen. Indessen lassen Sie uns als Männer tun, was wir vermögen, und komme
dann, was da wolle. Zuerst bringen Sie Ihr Gewehr in Ordnung, damit es im
Augenblick der Not nicht nochmals versagt. - Ich hatte es bereits aufgenommen,
aber zu meinem Entsetzen bemerkte ich jetzt, dass es feucht war, - Nikalanta
hatte Wasser, das er in der hölzernen Flasche an seiner Seite trug, in den Lauf
gegossen. Dasselbe war mit Staunton's Büchse geschehen. Unser erster Gedanke war
jetzt an das Pulverhorn, das an meiner Jagdtasche hing - es war leer, wir waren,
fast waffenlos, den Tigern Preis gegeben.
    Sprachlos setzten wir uns auf die Quadern und schauten uns an. Wir wussten
nicht, ob unser Feind noch in der Nähe weilte, und welches neue Unheil er
brütete, aber unsere Lage schien kaum schrecklicher, gefährlicher werden zu
können; denn wir fühlten Beide, ohne es auszusprechen, dass an einen Versuch zur
Rückkehr durch den Dschungelsumpf ohne Führer und vor vollem Tageslicht nicht zu
denken war, und dass das Gelingen auch dann noch sehr zweifelhaft blieb. Bis
dahin aber waren die Tiger längst zu Stelle. Ohnehin machte allem Zweifel über
diesen Weg ein aus der Entfernung schwach herüberdringender eigentümlicher
Schrei ein Ende, dem gleich darauf ein zweiter folgte. Ich hatte nie in meinem
Leben den seltsam klagenden, die Nerven erregenden Ton vernommen, doch Staunton,
der die Schlachten gegen die Shiks mitgeschlagen, belehrte mich darüber: Es sind
unsere edlen Pferde, denen der blutdürstige Schurke sein Messer in's Herz stösst,
um uns jeden Weg der Flucht abzuschneiden.
    Endlich hatten wir uns so weit gefasst, dass wir unsere Lage ruhiger
besprechen konnten. Es war Mitternacht vorüber, also etwa noch zwei Stunden
Zeit, bis die Morgendämmerung begann. Verschiedene Pläne wurden gefasst und
verworfen, endlich beschlossen wir, uns in dem Tempelgemäuer selbst, welches zum
Lager der Tiger diente, so gut zu verbarrikadiren als möglich, da es nur an
einer Stelle einen offenen Eingang zeigte. Wir schleppten mit aller Anstrengung
Steintrümmer heran, die Öffnung zu verengen, und arbeiteten, dass uns der
Schweiss von der Stirn lief. Als wir keine leichten, für unsere Kräfte geeigneten
Steine mehr fanden, setzten wir uns hinter die leichte Brustwehr. Kamerad, sagte
der Capitain, ich bin ein älterer Jäger wie Sie und weiss, dass die Tigerpaare nie
zusammen jagen. Es ist wahrscheinlich, dass nach ihrer Gewohnheit die Tigerin
zuerst und weit früher, als der Tiger zurückkehrt. Unser Leib muss hier die
Spalte, durch welche die Bestie in unsere Festung eindringen kann, verteidigen.
Uns Beide auf den Tiger zu stürzen, hiesse wahrscheinlich Beide kampfunfähig
machen. Lassen Sie uns also loosen darum, wer zuerst dem Tier sich
entgegenstellt; der Zufälle und Schickungen sind so mancherlei und irgend ein
glücklicher Umstand könnte vielleicht wenigstens Einen von uns retten, wenn es
dem Andern gelingt, mit seinem Leben die erste Bestie abzuschlagen. Nach einigem
Bedenken willigte ich ein, indem wir überein kamen, dass Der, den das Loos
getroffen, den vordersten Posten einnehmen und von seinem Kameraden nur
unterstützt werden sollte. Ein Geldstück sollte entscheiden. Staunton wechselte
ein in beiden Händen - wer die Guinee traf, hatte den ersten Kampf zu bestehen;
ich wählte - die Hand war leer, der Capitain sollte der Tigerin entgegen treten.
    Ich weiss nicht, wie ihm zu Mute war; mir wollte fast das Herz und der Kopf
zerspringen, während er seinen Jagdrock ablegte und sich ihn von mir um seinen
linken Arm wickeln liess. Indem ich dies tat, fühlte ich einen harten Gegenstand
- ich zog ihn heraus - allmächtiger Gott! - es war ein sechsläufiger Revolver,
den er in der Tasche bei sich trug und den er in der Aufregung gänzlich
vergessen. Schon glaubte ich uns bewaffnet und gerettet, aber der Capitain
benahm mir den Wahn. Hätte ich eher daran gedacht, sagte er, so wäre es
vielleicht möglich gewesen, unsere Büchsen zu reinigen und das Pulver aus den
Pistolenläufen zur Ladung zu benutzen. Doch wäre es immer nur ein Vielleicht,
und die geringste zurückgebliebene Feuchtigkeit würde den Schuss verloren machen.
Ueberdies ist es jetzt zu spät - mich dünkt, ich sehe bereits die ersten Boten
der Dämmerung. Nehmen Sie das Pistol, und wem Sie kaltes Blut genug besitzen, so
warten Sie den Augenblick ab, wenn ich mit der Hefte handgemein bin und setzen
es ihr an das Auge. - Er weigerte sich auf das Bestimmteste, das Pistol selbst
zu nehmen, indem er erklärte, dass es in meinen Händen ihm nützlicher sein würde.
Ich band ihm eben das lange scharfe Jagdmesser mit dem Taschentuch in der
rechten Hand fest, während die linke in der dicken Umhüllung des Armes frei
blieb, als wir plötzlich in einiger Entfernung das Röhrich knistern und brechen
und zugleich ein wildes Schnauben hörten. Mit den Worten: Da ist sie! - nun Gott
befohlen, Kamerad, und vor Allem kaltes Blut! riss er sich von mir los und sprang
an die Öffnung.
    Er hatte Recht, - es war die Tigerin, die mit langen Sätzen, ein Reh im
Rachen, von der Dschungel her durch die Trümmer sprang. Die Dämmerung hatte im
Osten bereits begonnen und wir konnten das Tier, eines der grössten seiner Art,
deutlich sehen. Plötzlich hielt es in seinem raschen Lauf an und schnubberte
umher, - es hatte die Witterung seiner todten Jungen empfangen, die wir
ausserhalb der Pagode an der Stelle, wo wir so unglücklicher Weise zuerst unsere
Büchsen zurückgelassen, hatten liegen lassen. Im nächsten Augenblick war die
Tigerin bei den kleinen Leichen und ein so wildes Geheul erschütterte die Luft,
dass ich fühlte, wie mir das Blut in den Adern gerann. Jetzt - sie hatte ihre
Feinde gewittert und flog mit gewaltigem Satz gegen den Eingang, ihre Pranken
rissen wie Spreu die Steine zur Seite und ihr Oberkörper füllte die Öffnung.
Zum Glück erlaubte die kletternde Stellung ihr nicht die Anwendung ihrer vollen
Kraft, wie ein Sprung diese entwickelt, und ehe sie sich durch die Steine
zwängen konnte, sah ich, wie Staunton sich ihr entgegen warf. Die Scene, die
jetzt folgte, ging rascher vor meinen Augen vorüber, als ich es hier zu erzählen
vermag. Ich sah, wie der linke Arm meines tapfern Kameraden in den offenen
Rachen der Bestie stiess und seine Hand wahrscheinlich ihre Zunge fest packte,
ich hörte das Knirschen der Zähne in den brechenden Knochen, ich sah, wie die
Tatze des Tiers in seine Brust schlug und zugleich seine rechte Hand zwei -
drei Mal zustiess, wie jedes Mal ein dicker Blutstrahl sich über das Tuch ergoss -
dann war es mir, als ob meine Sinne in dem betäubenden Odem des Tieres sich
verwirrten, als hörte ich den Ruf: Zu Hilfe, Cavendish! zu Hilfe! - ein Knall -
ein zweiter - ich fühlte, dass ich geschossen, das Wie? wusste ich nicht - und
dann verlor ich das Bewusstsein.«
    Der Erzähler machte eine Pause; kein Laut unterbrach die atemlose
Aufmerksamkeit, mit welcher die Offiziere der erregenden Beschreibung zugehört
hatten.
    »Meine Schwäche,« fuhr der junge Mann fort, »wird in Ihren Augen vielleicht
verächtlich erscheinen; aber bedenken Sie, dass ich, auf dem Parketboden von
Windsor erzogen, noch nie Gelegenheit gehabt, meine Nerven für solche furchtbare
Scenen zu stählen.« Dennoch konnte meine Ohnmacht nur wenige Augenblicke
gedauert haben, als ein schmerzliches Stöhnen an meiner Seite und mein leise
ausgesprochener Name mich zum Bewusstsein und zu meiner Pflicht zurückrief. Ich
war entschlossen, mich auf das Untier zu stürzen, aber - der Kampf war zu Ende:
kaum zwei Fuss von mir lag die Tigerin mit durchschnittener Kehle und das eine
grüne Auge rollte noch im Verscheiden, während das andere, von den Schüssen
zerschmettert, blutig aus der Höhle hing und Wellen schwarzen Blutes aus Hals
und Rachen quollen. Ich schaute mich nach Staunton um, er knieete neben mir -
entsetzlich anzuschauen. Sein linker Arm war bis an die Schulter zermalmt und
hing schlaff, ein Gemisch von zerrissenen Sehnen, Fleisch und Kleiderfetzen,
herunter, während die Brust eine breite, bis auf den Knochen gehende Wunde
zeigte, wie die Pranke des Ungetüms sie gerissen hatte. »Es ist vorbei mit mir,
Cavendish,« flüsterte er stöhnend, »die Klauen des Tigers hatten die
Lebensarterien schon getroffen, als Ihr Schuss sein Gehirn zerriss.« - Ich hob ihn
in meinen Armen auf und schleppte ihn einige Schritte weit fort von dem blutigen
Tier. Ich sah, jeder Versuch, ihn zu verbinden, selbst wenn ich die Mittel dazu
gehabt hätte, wäre vergeblich gewesen. - »Lassen Sie mich ruhig sterben,
Cavendish,« sagte er, »und denken Sie an Ihre eigene Rettung. Der Tiger kann
jeden Augenblick kommen, aber mir ist ein Mittel eingefallen,« - er sprach mit
Anstrengung in abgebrochenen Sätzen - »das uns Beide gerettet hätte, wenn ich
eher daran gedacht. In meiner Tasche ist Feuerzeug - Sie müssen die Dschungel in
Brand stecken - unter diesen Steingewölben sind Sie sicher. Aber eilen Sie -
eilen Sie!« - -
    »Die Ueberzeugung fuhr mir durch den Kopf, dass das Mittel vortrefflich sein
musste, dennoch wollte ich den Sterbenden nicht verlassen.« - »Fort, fort - eilen
Sie,« rief er mit aller Anstrengung, »jede Minute ist unwiederbringlich - Sie
finden mich noch lebend!« - Ich sprang über die Leiche des Tigers und die Steine
und eilte zum Rande der Dschungel. Das Morgenrot zeigte bereits seine ersten
Dinten und ein leichter Luftzug wehte über die Fläche. Rasch war einiges dürre
Gesträuch zusammengerafft und in Brand gesteckt, ich warf es in das Rohrdickicht
und im nächsten Augenblick schon quollen Rauch und Flammen in die Höhe.
    »Nach kaum fünf Minuten war ich wieder bei dem Verwundeten. Er hatte sich
zur Leiche der Tigerin geschleppt und betrachtete sie mit einem gewissen Stolz.
- Lassen Sie mich auf ihr sterben, Cavendish, sagte er, es wird nicht viele
Männer geben in der britischen Armee, die sich rühmen können, eine Tigerin mit
dem Jagdmesser bekämpft zu haben. - Hören Sie - wie die Flamme knistert - mein
Rat war gut, aber er kam zu spät! - In der Tat zeigte ein Blick mir, dass das
ganze Dickicht bereits in Flammen stand, die, von dem Wind angefacht, mit
rasender Schnelle über das dürre Geröhr flogen. Tiere aller Art, wilde
Kaninchen, Schlangen, Eidechsen, Schakals und schwarze Eber flüchteten, von dem
Feuer aufgejagt, aus ihrem Lager im Sumpf und nach den höher und frei gelegenen
Ruinen. Staunton fasste meine Hand; an dem starren, gläsernen Ausdruck, den seine
Augen annahmen, konnte ich sehen, dass der Tod ihm nahe war. - Cavendish,
flüsterte er, wenn Sie entrinnen, verlassen Sie Indien sogleich - denn der
braune Satan wird Sie verfolgen bis - Er fuhr plötzlich empor, die Sinne des
Sterbenden waren, wie dies häufig der Fall sein soll, merkwürdig geschärft und
er hörte durch das Zischen und Knistern der Flammen ein Geräusch, das mein Ohr
noch nicht unterscheiden konnte. - Gott erbarme sich Ihrer, Kamerad - der Tiger
kommt - der Tiger - Ich hatte kaum Zeit gehabt, empor zu springen, da
erschütterte ein wütendes entferntes Brüllen die Luft und schien mit
Sturmeseile näher und näher zu kommen. Durch das Prasseln der Flammen hörte ich
das Brechen des Rohrs und der Gebüsche und dann -«
    »Stop!« klang der Anruf der Schildwache vor der Brustwehr. - »Werda? -
Feldgeschrei? - Parole?«
    »Abukir und Waterloo!« sagte eine Stimme. »General Codrington zur
Visitation!«
    Ehe noch die Schildwache ihr »Passirt« hatte entgegnen können, waren die
überraschten Offiziere schon emporgesprungen und eilten dem Hals der
Verschanzung zu. Ausserhalb derselben hielt in der Tat der Brigade-General mit
einer kleinen Begleitung. Einige Nachrichten, die ihm am Tage vorher von
Bewegungen der Russen zugekommen waren, hatten ihn besorgt gemacht, und er
beritt die britischen Linien, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu
überzeugen.
    »Wer kommandiert die Batterie?«
    »Lieutenant Lundgreen, Excellenz. Die erste Compagnie des 95. Regiments,
Capitain Armstrong zur Deckung.«
    »Gut, meine Herren, ich sehe, das Höllenwetter hat keinen Einfluss auf Ihre
Wachsamkeit geübt. Doch möchte ich Ihnen raten, Capitain, obschon ich nicht Ihr
kommandirender General bin, einen Offizier mit einem Piket während der
Dunkelheit die Strasse zwischen den Höhen bis zur Wasserleitung hin patrouilliren
zu lassen. Die Russen stehen, wie wir wissen, in bedeutender Stärke am andern
Ufer des Flusses.«
    »Zu Befehl, Excellenz. Lieutenant Cavendish, nehmen Sie einen Sergeanten und
zehn Mann, verstärken Sie unsern Posten auf der Strasse nach der Tschernaja und
senden Sie Patrouillen bis an den Talrand.«
    Der Lieutenant salutirte mit etwas saurer Miene. - »Zum Henker!« flüsterte
O'Mallei, »da kommen wir um den Schluss Ihrer Geschichte. Ich hätte gar zu gern
erfahren, wie Sie noch davongekommen.«
    »Gedulden Sie sich bis wir uns wiedersehen,« entgegnete Cavendish ebenso. -
Er eilte, sich fertig zu machen, denn der General zögerte offenbar, um den
Abmarsch der Patrouille zu sehen.
    Beide ahnten nicht, dass zwischen dem Jetzt und dem Wiedersehen die Ewigkeit
lag.
    »Fertig, Capitain. Gewehr auf! Marsch!« Das Kommando verliess die Schanze.
Als Cavendish bei General Codrington vorbeimarschirend salutirte, klang von der
Festung her ein fernes melodisches Summen durch die schwere Nebellust. Der
Lieutenant blieb stehen - auch die andern Offiziere horchten aufmerksam auf die
Klänge, die offenbar von der Festung herkamen. Lord Codrington lachte. - »Stören
Sie sich nicht daran, meine Herren, ich habe es vorhin schon vernommen, als ich
meine eigene Brigade visitirte. Die Russen läuten zur Nachtmesse in der Stadt,
es ist morgen Sonntag und sie feiern wahrscheinlich irgend einen ihrer hundert
Heiligen. Gute Nacht oder - Guten Morgen und gute Wache, Gentlemen!« - Der
General ritt grüssend weiter nach der Richtung der andern Redouten.
    Als er fort war, wurden die Wachen abgelöst und dann hüllten sich Offiziere
und Soldaten in ihre Mäntel und suchten eine wenigst nasse Stelle für die Ruhe
einiger Stunden. Auf seine Frage erfuhr Capitain Armstrong, dass der Tatar und
sein Knabe zugleich mit der Patrouille die Verschanzung wieder verlassen hatten,
was ganz gegen seine Absicht geschehen, aber nicht mehr zu ändern war.
    Der Tatar hatte übrigens nur eine kurze Strecke weit bis zur alten
Poststrasse das britische Detaschement begleitet, dann verliess er die Soldaten
unter dem Vorgeben, nach Kadikoi zurückkehren zu wollen. Die Patrouille war kaum
im Dunkel des Hohlwegs verschwunden, als er auch die Strasse verliess und an den
Hügelseiten emporkletterte. »Jetzt wissen wir, was wir wollen, Mauro,« sagte er,
»Du kennst die Parole und das Feldgeschrei für den Notfall, wenn Du auf
Soldaten stossen solltest. Also rasch nach der Stadt und General Ssoimonoff
entgegen. Ich schlage den Weg durch die Steinbrüche ein und bin in einer Stunde
an der Brücke. Die Narren haben uns alle ihre Verteidigungs-Anstalten sehen
lassen und ich denke, Mungo's Probestück auf diesem ihm fremden Boden wird der
Empfehlung Deines Herrn keine Schande machen.« -
    Der Spion verlor sich in den dunklen Schatten der Berge, während der Knabe
nach der Richtung der Stadt schlich.
    Als General Codrington von seiner Inspection der britischen Linie, die er
bis gegen den Sapunberg hin ausgedehnt hatte, zurückkehrte, - der Tag brach
bereits an - fielen plötzlich auf dem linken Flügel der Vorpostenlinie vor der
Division Brown einige Schüsse und bald darauf hörte man von der Seite von
Inkermann ein heftiges Gewehrfeuer.
    Codrington liess seine Brigade unter Waffen treten.
    Das Glockengeläut in der Nacht von den Türmen Sebastopol's hatte nicht der
Sonntags-Frühmesse gegolten, sondern die Einwohner zusammengerufen zum Gebet für
den glücklichen Ausgang der Schlacht. Die Truppen standen bereits auf den
Sammelpunkten.
    Als die Morgenröte sich am Himmel zeigte, während auf den Bergen und in den
Tälern dichter Nebel lag und im englischen Lager noch Alles ruhig schlief, ohne
an die nahe Gefahr zu denken, begannen die russischen Truppen auch von den Höhen
des rechten Tschernajaufers herabzusteigen, und von der Stadt her näherte sich
die Spitze der Colonne Ssoimonoss's.
    In diesem Augenblick schon war es, wo das Geschick der Schlacht durch den
Fehler eines ihrer Führer entschieden wurde, der die Folgen selbst nicht durch
die heldenmütige Opferung seines Lebens abwenden konnte. Die Disposition für
die Colonne des General-Lieutenants Ssoimonoff, die von der Bastion Nr. 2 aus
gegen die Engländer vorbrechen sollte, lautete: auf der linken Höhenseite des
Kilengrundes vorzugehen und die Engländer anzugreifen. Der Fürst hatte damit die
westliche Seite des Kilengrundes gemeint, bei der Bestimmung von rechts und
links den Lauf des Talgrundes nach seinem Ausgang zum Meere annehmend.
    General Ssoimonoff tat das Gegenteil - er rechnete in der Richtung, nach
welcher er marschirte.
    So überschritt seine Colonne denn gleich beim Austritt aus der Stadt die
Mündung des Kilengrundes und rückte auf dem Plateau des östlichen Randes vor,
statt sich auf dem breiten Terrain des westlichen zu entfalten und hier den
linken Flügel der englischen Stellung anzugreifen, nach dem Centrum hin
aufzurollen und so zwischen die englischen Trancheen und das Lager einzudringen,
das am Anfang des Kilengrundes lag. Dies war jedoch nicht der einzige
überwiegende Nachteil. Durch die Irrung des Ssoimonoff'schen Corps schob es
sich vor den von der Inkermann-Brücke her vordringenden rechten Flügel der
Angriffs-Colonne des General-Lieutenants Pawloff, der von dieser Seite gegen das
englische Lager vordringen sollte, während sein linker Flügel auf der alten
Poststrasse und durch die Schluchten die englischen Redouten und den rechten
Flügel der Feinde angriff. Die Russen verloren damit ihr numerisches
Uebergewicht, da sie nicht aufzumarschiren vermochten. Die russischen Regimenter
mussten in Compagnie-Colonnen zum Angriff gehen, auf welche die englischen
Bataillone in Front zu zwei Gliedern aufgestellt, mit ihren vorzüglichen
Gewehren schon in weiter Entfernung ein sicheres, vernichtendes Feuer
eröffneten. -
    Der dichte Nebel und die graue Farbe der Platschtsch's4 der Russen machte es
neben der Ermattung der englischen Schildwachen den feindlichen Tirailleurs
möglich, unbemerkt dicht heran zu kommen. Das Tarutinskische Jäger-Regiment
unter seinem Commandeur General-Major Wolkow rückte auf der alten Poststrasse
vor, während das Borodinskische Regiment parallel die Schluchten hinan stieg.
    Lieutenant Cavendish, der kaum eine halbe Stunde vorher von einer
Recognoscirung bis an die Tschernaja zurückgekehrt, sah sich plötzlich im Rücken
und in den Flanken von russischen Jägern umgeben und ein Offizier rief ihm auf
Englisch zu, er solle sich ergeben. Der junge Mann jedoch, dem es durchaus nicht
an Mut fehlte, erwiderte mit einem Schuss seines Revolvers, um die nächsten
Schildwachen zu allarmiren, und versuchte dann an der Spitze seiner kleinen
Truppe sich durchzuschlagen. Ein Bajonnetstich in die Brust warf ihn verwundet
zu Boden, indes gelang es ihm, aus dem wütenden Kampfe, der jetzt folgte, zu
entkommen, und auf dem Boden sich hinschleppend, den Schutz des nächsten
Gebüsches zu erreichen.
    Binnen wenig Minuten war jetzt Allarm auf der ganzen Linie. Der Angriff
zeigte sich aber so ausgedehnt, das Kanonen und Kleingewehrfeuer krachte von so
verschiedenen Seiten, dass die englischen Generale anfangs vollständig in Zweifel
waren, woher der Angriff sie bedrohe. Von der linken Seite her donnerten die
Batterieen der Stadt und unterstützten die Artillerie Ssoimonoff's, die mit 38
Geschützen sich auf den rechten Kilenhöhen aufgestellt hatte. Die Spitzen des
Pawloff'schen Corps erstiegen bereits die Höhen der Poststrasse, von Südosten
verkündeten Kanonenschüsse die Diversion des Fürsten Gortschakoff gegen den
Sapunberg.
    Zuerst glaubten die Engländer, es gälte auf's Neue einen Angriff gegen
Balaclawa, und hielten das Vordringen von Inkermann für eine Scheinattake. Die
blutige Wirklichkeit belehrte sie bald eines Andern. General Pennefater, der
wegen Krankheit Lach-Evans die Division führte, erschien zuerst auf dem
Kampfplatz und sandte die drei Regimenter der Brigade Adams zum Schutz der
Redoute Nr. 1, mit der eigenen Brigade links gegen Ssoimonoff Stellung nehmend.
Buller und Codrington setzten mit ihren Brigaden die Schlachtlinie fort, und
hinter diesem ersten Treffen gelang es den Engländern, ihre weitere Stellung zu
bilden.
    Noch im Schutz des Nebels drängten das Borodin'sche und Tarutinski'sche
Jäger-Regiment von der Colonne Pawloff's, nachdem sie die Hohlwege erstiegen,
die Brigaden Pennefater's zurück und griffen die Redoute Nr. 1 an. Das
Tomski'sche und Koliwanski'sche Regiment, unterstützt durch das Regiment
Catarinenburg, warfen sich trotz des furchtbaren Flankenfeuers der vier
englischen Brigaden Codrington, Buller, Campbell und Gordon, mit dem Bajonnet
auf die Brigaden Adams und Pennefater. Der Ruhm, den die Engländer sich stets
angemasst, dass keine Truppen der Welt sich mit ihnen im Bajonnetkampf messen
können, wurde hier vernichtet. Die russischen Bataillone drangen mit
unwiderstehlicher Macht vor, obschon die Kräfte auf diesem Teil des
Schlachtfeldes ganz gleich waren. Das Gemetzel war entsetzlich, fast jeder Stoss
der Bajonnete brachte eine tödtliche Wunde, aber über die Fallenden und
Sterbenden stürmten neue Kämpfer in die Reihen. Das »Urrah« der Russen, wie sie
in dem Talgrund in geschlossenen Colonnen vordrangen, klang wie der Donner
einer Lawine, und gleich einer solchen rollten sie die englischen Bataillone
auf. Die Artillerie Ssoimonoff's sandte zugleich von der Höhe ihre Kugeln bis in
die Zelte des englischen Lagers, ein Bataillon des Tomski'schen und zwei
Bataillone des Koliwanski'schen Regiments stürmten die Redoute Nr. 2.,
vernagelten zwei Lancaster-Kanonen und drangen bis in's Lager der 2. Division.
Zwei Bataillone Catarinenburg unter ihrem tapfern Oberst Uwaschnow Alexandrow
umgingen sogar das obere Ende des Kilengrundes, gelangten so auf das Terrain,
das die Colonne Ssoimonoff von Anfang hätte occupiren sollen, stürzten sich hier
auf das Lager und vernagelten die Geschütze.
    Doch sie blieben ohne Unterstützung; - General-Major Wilboa, der
Kommandirende der drei Regimenter, fiel, von einer englischen Kugel getroffen,
die Miniébüchsen der Schützen der leichten Division Brown räumten furchtbar
unter den Russen auf und die tapferen Bataillone mussten ihre Vorteile wieder
aufgeben und, fast aller Offiziere beraubt, bis an den Hohlweg zurückgehen, der
die Steinbrüche an dem Kilengrund bildet.
    Hier war es, wo der unerschrockene Ssoimonoff mit seinem Blute den
begangenen Fehler sühnte. Der Kommandant seiner Artillerie, Oberst Saghoskin,
fiel - die Artillerie-Bedienung, die Zugpferde wurden von den weitin treffenden
Kugeln der Engländer niedergeworfen, erst unter'm Schutz der vom General-Major
Schabokritski in vorteilhafter Stellung aufgefahrenen Batterieen gelang es den
russischen Regimentern, sich wieder zu formiren. Sie hatten furchtbar durch den
Heldenkampf gelitten und mussten aus der Schlachtlinie zurückgezogen werden. In
den drei Regimentern waren nur noch zwei Stabs- und fünfzehn andere Offiziere
ohne schwere Wunden. Neue russische Regimenter nahmen hinter den Batterieen
Stellung und eine Kanonade begann. - Auf der Höhe hinter diesen Batterieen der
ersten Linie hielt der Oberbefehlshaber der russischen Angriffscolonnen, General
Dannenberg, und der Tod um ihn her mähte eine reiche Erndte. Offiziere des
Generalstabes, Adjutanten und Ordonnanzen wurden ringsum getödtet, dem General
selbst zwei Pferde unter dem Leibe erschossen.
    Während dieses wilden Kampfes an dem obern Ende des Kilengrundes hatten die
beiden Regimenter des Pawloff'schen Corps, die sich gegen die Redoute Nr. 1 und
die Brigaden Adam's und Pennefater's gewendet, dieselben zurückgedrängt und
stürmten wiederholt die Redoute, in welcher sich Capitain Armstrong mit den
erhaltenen Verstärkungen mit Löwenmut schlug. Dem muntern O'Mallei schlug eine
Kugel durch den Mund und schloss ihn auf ewig; der treue Mickei schleppte seinen
tapfern Herrn schwer verwundet aus dem Kampf; die Russen drangen wiederholt bis
an die Mündungen der Kartätschen-sprühenden Geschütze Lundgreen's vor, und für
die Todten, die Bajonnet und Kolbe der Engländer von den Brustwehren
schleuderte, klommen mit jener zähen Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Leben
neue Schaaren empor. Schon waren Einzelne in das Innere der Batterieen
gesprungen und kämpften mit den Artilleristen, da - - -
    »Vive l'Empereur!« - -
    Früh 7 Uhr war Lord Raglan mit seinem Stabe auf dem Schlachtfelde
eingetroffen, wo bereits, mit Ausnahme der Brigaden Colin-Campbell und Eyre, die
in den Trancheen und bei Balaclawa standen, die ganze englische Macht im Feuer
war. Um den Gang des Gefechtes besser zu überwachen, ritt er in die
Schlachtlinie vor - an seiner Seite fiel hier der Chef seiner Artillerie,
General Strangway's, der bei Leipzig als Kommandant einer Raketen-Batterie
ruhmvoll seine Laufbahn begonnen.
    Bald nach Beginn des Angriffs schon eilte General Bosquet, der Kommandant
des französischen Observations-Corps auf dem Sapunberg, in das britische Lager,
gefolgt von 4 Compagnieen Vincenner Jäger, 2 Bataillonen Infanterie und 2
reitenden Batterieen. Er bot den Generalen Catcart und Brown seine Hilfe, doch
die hochmütigen Briten, noch nicht gedemütigt von der Decimirung ihrer
Regimenter, lehnten den Beistand ab und erklärten, noch Truppen in Reserve zu
haben. Nur wenn die Redoute Nr. 1 in die Hände der Feinde fiele, würden sie um
Unterstützung ihres rechten Flügels bitten. Bosquet, weit verständiger, als die
Engländer, sandte ohne Weiteres die mit ihm gekommenen Truppen der Redoute zu
Hilfe und kehrte nach seinem Posten auf dem Sapunberg zurück, um sich selbst von
der Wichtigkeit des Angriffs zu überzeugen, der dort von Tschorgun her drohte.
Sein Scharfblick erkannte sofort, dass hier nur von einer Scheinattake die Rede
war, um ihn zu beschäftigen. Er traf demnach seine Vorbereitungen, um auf die
erste Botschaft der Engländer nach dem Schlachtfelde eilen und mit seinen
Truppen das Schicksal des Tages entscheiden zu können.
    Aber der beleidigte General wartete auf die Bitte der Briten, die, wie er
sah, kommen musste. Der tapfere Republikaner, der mit seiner ganzen Division keck
gegen das Kaisertum gestimmt, der, als Liebling der Armee, nur auf Fürsprache
Canrobert's beim orientalischen Kriege wieder eine Division erhalten und seitdem
durch sein Organisationsgenie bei der Landung in Gallipoli die Engländer in
Staunen gesetzt, die faulen Türken mobil gemacht, der an der Alma schon durch
den Sturm auf die Höhen am Meer die Schlacht entschieden hatte, - er hasste als
echter Franzose die anmassenden Verbündeten seines Kaisers, die natürlichen
Feinde Frankreichs, und beschloss, sie zu demütigen.
    Seine ersten Bataillone waren es, welche im letzten Augenblick den tapfern
Verteidigern der Redoute zu Hilfe kamen und sie befreiten, während zugleich
General Bentink mit der Garde-Brigade der geworfenen zweiten Division zu Hilfe
eilte und die Russen zurücktrieb.
    Es war 9 Uhr, der erste Akt des blutigen Drama's war beendet.
    Doch nur auf kurze Zeit. Auf's Neue rollte der Vorhang empor und liess das
Spiel beginnen, in dem der Kanonendonner die Rede, der Tod die Action war.
    Die drei hintersten Regimenter der Colonne Pawloff's, das Ochotski'sche
Jäger-, das Jakutski'sche und Selenginski'sche Infanterie-Regiment, die nach
Ueberschreitung der wieder hergestellten Inkermann-Brücke rechts auf der
Sappeurstrasse vorgerückt waren, trafen um 8 Uhr auf dem Schlachtfelde ein, zur
Zeit, als die vorderen Truppen Ssoimonoff's nach dem Fall ihres Führers zum
Steinbruchgrund zurückgedrängt wurden.
    Neben General Dannenberg hielten zu Pferde zwei junge Offiziere, mit den
Abzeichen hohen Ranges unter dem bei ihren Bewegungen sich öffnenden Mantel
geschmückt, der Eine etwa 23 Jahre alt, mit ernsten, gestreckten Gesichtszügen,
die an ein majestätisches Bild erinnerten, in der Uniform des Genies; der
Zweite, wenig jünger, aber von freundlichen, rundern Zügen und dennoch
unverkennbarer Aehnlichkeit, die Abzeichen der reitenden Garde-Artillerie
tragend. Die drei Regimenter, das Ochotski'sche an der Spjetzte, marschirten eben
zwischen den Hügeln auf und formirten sich in Angriffscolonnen und der Brigade-
und die Regiments-Kommandanten sprengten zu dem Befehlshaber.
    »Wir müssen die Redoute unter allen Umständen haben, General Ochterlone,«
sagte der Kommandirende, indem er sein Glas vom Auge nahm. »Ich sehe, die Garden
halten sie jetzt; lassen Sie Bibikof links abschwenken und die Höhen stürmen;
Ihrer Majestät Coldftreams werden auf den nächsten Almacs nicht so stark
vertreten sein, wie ich hoffe.«
    Während der greise Kommandant des Regiments salutirte und davon sprengte,
wandte General Dannenberg sich wieder zu dem Kommandeur der ersten Brigade. »Sie
müssen über den Hohlweg der Strasse, um die Höhe zu gewinnen, ehe jene Colonnen
dort - wenn ich nicht irre, ist es die vierte Division unter Catcart - sie
besetzen. Capitain Kowaleff, reiten Sie zu Pawloff und sagen Sie ihm, was ich
über die Regimenter bestimmt, er soll die Reserven nachrücken lassen und die
Batterieen so nahe als möglich bringen. Vorwärts, meine Herren, und Gott segne
Russland!«
    Eine Hand fasste seinen Arm; es war der eine junge Offizier an seiner Seite,
während der Andere verschwunden war. »General,« sagte der junge Mann, »mit Ihrer
Genehmigung werde ich mich Oberst Sabatinski anschliessen.«
    »Unmöglich, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete der General höflich, aber
bestimmt; »ich kann es unter keinen Umständen gestatten. Euer Kaiserliche Hoheit
und Grossfürst Michael sind bereits hier - - -« er sah sich erstaunt um - »wo ist
der Prinz?«
    »Mein Bruder,« sagte der Grossfürst Nicolaus, denn dieser war der Offizier
und mit seinem jüngsten Bruder am Abend vorher zum Jubel der Armee in
Ssewastopol eingetroffen; »mein Bruder ist bereits Oberst Bibikof dahin gefolgt,
wohin Ehre und Pflicht ihn rufen, und ich bitte Sie, Herr General, zu bedenken,
dich der Kaiser, unser Vater, uns nicht hierher geschickt hat, um Schlachten
schlagen zu sehen, sondern sie mit unsern braven Soldaten zu schlagen.«
    Der General verbeugte sich. »Diese Herren sind Zeuge, dass ich meine Pflicht
getan. Ich kann Eure Kaiserliche Hoheit nur bitten, Ihr kostbares Leben nicht
unnütz auszusetzen.«
    »Das kann nie geschehen, wo es Russlands Ehre gilt. Auf Wiedersehen, Herr
General!«
    Der Prinz, dem sein Vater auf den Antrag des Fürsten Menschikoff nebst
seinem Bruder für ihr tapferes Benehmen später den Sanct Georg-Orden 4. Klasse
verlieh, sprengte mit seinem Adjutanten den Regimentern nach und verliess sie
während des folgenden Gefechts im heftigsten Feuer nicht.
    Mit Ungestüm warfen sich die russischen Jäger auf die Redoute, die jetzt von
den Coldstreams - der berühmten englischen Garde - verteidigt wurde, und ein
Kampf, fürchterlicher, blutiger, denn zuvor, entspann sich. Die Briten, gänzlich
von den Ihren abgeschnitten und zugleich von der russischen Artillerie auf den
gegenüberliegenden Höhen beschossen, schlugen sich mit Heldenmut. Vier Mal
drangen die Ochotsker bis zu den Schiessscharten, und vier Mal wurden sie von dem
Bajonnet und dem Feuer wieder zurückgeworfen. Zweihundert Mann des kaum
Siebenhundert starken Regiments waren bereits gefallen, da gab endlich die
Hoffnung auf, die Redoute halten zu können, warf sich heraus und bahnte sich mit
dem Bajonnet den Rückweg durch die Feinde.
    Das Gemetzel war furchtbar, mehr als ein Drittel des Regiments fiel, aber
auch der Sieg der Russen wurde teuer erkauft. Ihr tapferer Oberst Bibikof
stürzte tödtlich verwundet, beinahe alle Stabs- und Ober-Offiziere des Regiments
lagen auf dem Kampfplatz.
    Aber von der Redoute wehte die russische Fahne! -
    Die Brigade Ochterlone warf sich auf die Reste der zweiten englischen
Division und trieb sie zurück. Da eilten Catcart - der Liebling Wellington's -
mit seiner Division und Lord Bentink mit den übrigen zwei Garde-Regimentern und
dem wieder gesammelten Rest der Coldstreams zur Unterstützung und zum Angriff
herbei. Während die Grenadiere und die tapfern schottischen Garde-Füsiliere
unter den wilden Klängen des Pibroch von Donald Dhu und dem Ruf: »Schottland für
immer!« die Redoute wieder erstürmten und die Ochotski'schen Jäger warfen,
stürzte sich Catcart mit dem 29. und 63. Regiment in den Hohlweg, um der
russischen Brigade den Rückweg abzuschneiden. Oberst Bjalui mit den
Jakutzki'schen Jägern stürmte, unbekümmert auf die Gefahr im Rücken, gegen die
Garden - Lord Bentink wurde verwundet, zwölf britische Offiziere waren gefallen,
die Redoute auf's Neue den Garden entrissen und diese zurückgetrieben. Die
Engländer im Hohlweg sahen sich durch die besonnenen Befehle General
Ochterlone's von dem Selenginski'schen Regiment umringt. Das Blutbad war hier
entsetzlich, ein Kampf der Verzweiflung von Seiten der Briten, die mit dem
Bulldoggen-Grimm fochten, der noch im Tode sich an den Feind klammert; - ein
Kampf wütenden Hasses von Seiten der Russen, deren Erbitterung während des
ganzen Krieges in allen Ständen weit grösser gegen die Briten, als gegen die
Franzosen sich zeigte. Vergeblich war alle Tapferkeit, alle persönliche
Aufopferung des tapfern Catcart, der in ihren Reihen kämpfte. In seine Ohren
dröhnte verzweifelnd der Ruf der Soldaten: »Wir haben keine Patronen mehr!« -
»Nun, so habt Ihr Bajonnete!« rief der General. »Also vorwärts für den Ruhm von
Alt-England!« Und vorwärts stürzten die Compagnieen, aber sie zerstoben an den
russischen Phalanxen und eilten in Unordnung den Höhen zu. Hier jedoch empfing
sie das Jakutzki'sche Regiment mit einem Kugelhagel. Catcart, durch den Kopf
geschossen, fiel - Goldie, Torrens, seine beiden Brigade-Generale, wurden
verwundet, dichter Pulverdampf umhüllte das Todesfeld.
    Auf allen Punkten begannen die Engländer sich zurückzuziehen; die zweite
Redoute war in den Händen der Russen, und zum zweiten Male drangen sie in das
britische Lager.
    Neben Lord Raglan befand sich während des ganzen Gefechts der französische
Oberkommandant Canrobert, ohne der Wunde an der Hand zu achten, die er erhielt.
Gegen 10 Uhr Morgens brachten ihm die Adjutanten die Nachricht, dass dir Russen
unter Timofjef aus der Bastion Nr. 6 auf der Westseite der Festung einen Ausfall
gegen die französischen Approchen gemacht hatten und mit der Brigade Lourmel im
Kampf waren. Die drei französischen Divisionen der Westseite waren in Allarm und
warfen die Russen zurück, dort hatte man also Nichts zu besorgen, und der
kleine, bewegliche Oberkommandant der französischen Armee blieb auf seinem
Posten, den Augenblick erwartend, in dem sich der englische Stolz beugen musste.
    Und er beugte sich. Lord Raglan, die ganze englische Position verloren
sehend, wenn nicht schleunige Hilfe einträfe, verlangte die französische
Unterstützung und erlitt die Demütigung, dass er, auf Canrobert's Wunsch, seine
eigenen Adjutanten zu dem früher abgewiesenen Bosquet schicken und um rasche
Hilfe bitten musste.
    Durch den Donner der Geschütze und das Rollen des Gewehrfeuers vernahm man
den hellen Klang der langen Hörner der Zuaven, der algierschen Schützen und der
Jäger von Vincennes. Bosquet, der General Kaiser Napoleon's, spielte diesmal die
Rolle der Preussen bei Waterloo und kam mit seinen drei Brigaden im
Geschwindmarsch vom Sapunberg heran, sie rechts von den Engländern in die
Schlachtlinie werfend auf den linken Flügel der Russen. -
    So wechselt die Geschichte - so wechseln die Freundschaften der Einzelnen
und der Reiche!
    Der dritte und letzte Akt der blutigen Tragödie von Inkermann begann!
    Das eigentümliche Marschexercitium der Zuaven - der Trab oder vielmehr das
springende Laufen in Compagnie- und Bataillons-Colonnen - brachte sie mit
überraschender Schnelligkeit herbei. Die Brigade Monet folgte den beiden anderen
als Reserve.
    Einen Augenblick war General Dannenberg unentschlossen, ob er nicht die vier
Regimenter, die noch nicht in den Kampf gekommen waren und von denen das
Uglitz'sche und Butinski'sche die Artillerie gedeckt hatten, das Wladimir'sche
und Susdali'sche als Reserven zurückbehalten worden, dem neuen Stoss
entgegenwerfen und um den Sieg ringen sollte, indes die Ueberlegung, dass bei
einem Misslingen sein ganzes Corps, das gefährliche Defilée von Inkermann im
Rücken, verloren sein musste, entschied und er beschloss den Rückzug. Während die
Artillerie den Befehl erhielt, nach der Inkermann-Brücke abzufahren, flogen die
Adjutanten zu den bedrohten Regimentern mit dem Befehl zum Rückmarsch.
    Der General schaute sich suchend um, es galt, eine persönliche Ordre
auszuführen, nachdem die Pflicht des Feldherrn erfüllt worden. Ein junger
Offizier vom Generalstabe des Fürsten Menschikoff, der, wie viele seiner
Kameraden, sich dem Stabe des Generals Dannenberg angeschlossen, hielt mit
mehreren Kosacken in der Nähe.
    »Capitain Iwan Oczakoff!«
    Der Offizier salutirte.
    »Sie kennen den Grossfürsten Nicolaus persönlich. Er begleitet, wie Sie
gesehen haben, das Selenginski'sche Regiment, das in diesem Augenblick sich in
der grössten Gefahr befindet. Suchen Sie Seine Kaiserliche Hoheit auf und sagen
Sie ihm, ich liesse bitten - nein, ich liesse ihm als kommandirender General
befehlen, Sie auf der Stelle hierher zu begleiten.«
    Der junge Fürst beugte sich über den Sattelknopf seines Pferdes und flog
davon, indem ein Wink seiner Hand seine Begleiter ungeduldig bei der Suite des
Generals zurückhielt. Ihre ängstlichen Blicke sahen ihn in dem Meer von
Pulverdampf verschwinden, welcher in der Richtung der genommenen Redouten Berg
und Tal bedeckte.
    Oberst Sabatinski, der Kommandirende des Selenginski'schen Regiments, hatte
bereits die Ordre zum Rückzug erhalten; das Ochotski'sche Regiment war schon auf
demselben begriffen und somit das seine dem vollen Stoss der frischen
französischen Truppen preisgegeben. In drei Bataillons-Colonnen formirt, dicht
geschlossen erwarteten die Russen den Stoss. In diesem Augenblick gelangte Fürst
Iwan zum Regiment und erkannte in der mittelsten Colonne den Grossfürsten.
    Er war an seiner Seite, als die französischen Hörner dicht vor den Fronten
im Pulverdampf erklangen und unter dem donnernden Kaiserruf das dritte
Zuaven-Regiment auf die Russen stürzte, während rechts und links die
afrikanischen Jäger attakirten.
    Der erste tolle Anlauf der Franzosen prallte an der Unbeweglichkeit der
russischen Massen ab. Die Glorie der Zuaven ist der Einzelnkampf. General
Saint-Pol, welcher sie führte, sammelte in kurzer Entfernung das Regiment zur
neuen Attake, während die Russen langsam zurückgingen. Die französischen
Plänkler unterhielten ein scharfes Feuer aus ihren kurzen Büchsen.
    Der Grossfürst weigerte sich, das bedrohte Regiment zu verlassen - erst die
bestimmte Erklärung des Obersten Sabatinski nötigte ihn dazu, als ein Schuss
sein Pferd traf. »Du siehst, Fürst,« sagte der junge Kaisersohn, »dass ich nicht
fort kann. Ich werde zu Fuss mit den Braven kämpfen!« Fürst Iwan war bereits vom
Pferde gesprungen. »Eure Kaiserliche Hoheit kennen meinen Befehl und werden mein
Pferd nehmen!« Nur mit Mühe verstand sich der Grossfürst endlich dazu und verliess
unter dem Kugelregen die Colonne. Er war kaum entfernt, als der zweite Ansturm
der Franzosen in die Reihen der Russen brach und sie diesmal zu sprengen drohte.
Die ersten Glieder wurden zu Boden geworfen, ein blutiges Handgemenge mit
Bajonnet und Kolben begann. Von zwei Seiten drangen die Zuaven in die russische
Stellung. -
    »Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der verrückte Jean ist, welcher
der hübschen Hexe, Deiner Schwester, davon gelaufen sein muss,« sagte mitten im
Gewühl des Angriffs ein bärtiger Zuaven-Sergeant zu seinem Nebenmann, einem
kräftigen, mutigen Krieger, der eben wieder sein Gewehr lud.
    »Wo, Papa Fabrice? - Der junge Russe im Mantel? - Parbleu! es ist Jean und
wir müssen ihn wiederhaben, den blödsinnigen Burschen!« Damit warfen sich die
Zuaven in eine Lücke des Getümmels und schlugen sich nach der Stelle durch, wo
sie den jungen Offizier bemerkt hatten. Ein Degenstoss empfing den Bruder der
Marketenderin, so dass er ihn nur mit Mühe zu pariren vermochte. - »Der Bursche
ist verrückt wie ein Märzhase oder ein wirklicher Ueberläufer,« schalt der
Sergeant und schleuderte den jungen Mann zu Boden, der sich verzweifelt wehrte,
indes Bourdon mit zwei russischen Infanteristen vollauf beschäftigt war, die ihn
angriffen. - »Der Tölpel ist schlimmer, als ich dachte, und mir lang' im Weg
gewesen! Zum Teufel mit ihm!« Der Sergeant, erbittert über den Pistolenschuss,
den der Offizier, schon am Boden, nach ihm abfeuerte und der seine bärtige Wange
streifte, hob das Gewehr, um dem Gefangenen einen Kolbenschlag auf den Kopf zu
geben, als ein Säbel schützend dazwischen fuhr, der Säbel eines französischen
Offiziers. »Quartier, Canarade, pour cet enfant!« Zugleich wurde der Zuave von
der Seite her angegriffen und das Gewühl trennte ihn im Augenblick von der
Gruppe. Der französische Offizier aber, der die Uniform eines
Bataillons-Kommandanten trug, bog sich vom Pferde und riss den jungen Russen in
die Höhe. »Vous êtes mon prisonier, mon Prince, mais sauvez vous-en! - Vite!« -
Der Vicomte, denn dieser war es, der Fürst Iwan erkannt, warf sein Pferd nach
einer anderen Richtung des Gefechts, durch diese Bewegungen die Flucht seines
Feindes deckend. Als er sich noch ein Mal umsah, war der junge Fürst glücklich
in den Reihen der Seinen, die, von der zweiten Bataillons-Colonne unterstützt,
sich wieder gesammelt hatten und den Franzosen im langsamen Rückzug die Spitze
boten.
    Der kurze Zwischenfall des Kampfes war an dem Vicomte wie eine Erscheinung
vorübergegangen und nur die Wunde am linken Arm, die er bei der edlen Sicherung
des Entkommens seines Feindes durch einen Bajonnetstich erhalten, bewies ihm
materiell die Wirklichkeit der Begegnung. -
    Die Regimenter Pawloff's, durch den fünfstündigen Kampf erschöpft,
vermochten der Uebermacht, welche jetzt durch die Ankunft der Franzosen auf
Seite der Alliirten war, obschon die Engländer nicht mehr als 8000 Mann noch zum
Gefecht disponible hatten, nicht zu widerstehen und räumten das Schlachtfeld. Es
galt nur noch, den geordneten Rückzug zu decken, und dies geschah mit
heldenmütiger Aufopferung. Während die Artillerie nach der Inkermann-Brücke
abfuhr, schlugen sich das Jakutski'sche und Selenginski'sche Regiment an den
Abhängen der Höhe und Bosquet musste wiederholt die Reihen seiner Brigaden auf's
Neue ordnen.
    Nachdem die Artillerie in Sicherheit war, bewerkstelligte die russische
Infanterie ihren Rückzug, indem die Regimenter Wladimir und Susdal denselben
deckten, den Boden mit ihren Leichen besäend unter den wiederholten Angriffen
der Franzosen. Erst das Feuer der am Ausfluss der Tschernaja postirten
Dampfschiffe Wladimir und Chersones machte der Verfolgung ein Ende. Die Russen
zogen sich teils über den Fluss, teils auf der Sappeurstrasse nach der Stadt
zurück. Um halb drei Uhr Nachmittags war die Schlacht zu Ende.
    Dreitausend russische Leichen deckten die Wahlstätten, ausserdem fast ein
Drittel der Verwundeten, deren Zahl an sechstausend betrug.
    Der Verlust der Verbündeten war nur wenig geringer. Lord Raglan hat, wie die
eigenen Fugeständnisse der englischen Correspondenten beweisen, ganz einfach
gelogen, indem er offiziell den Verlust der Briten auf 464 Todte und circa 2000
Verwundete angibt. Der Verlust der Engländer betrug in der Tat 5000 Mann und
die Franzosen verloren 2000 Todte und Verwundete.
    Nach den Briefen des französischen Brigade-Chefs Bourbaki befanden sich im
englischen Lager nach der Schlacht nur noch 10,000 Kampffähige; die 2. Division
war bis auf 300 Mann zusammengeschmolzen, das 95. Regiment der Brigade
Pennefater zählte nur 64 Mann. Einunddreissig Offiziere der Garde waren
gefallen.
    Das Schlachtfeld bot einen grässlichen Anblick - die Hohlwege und Abhänge
waren bedeckt mit Haufen von Todten und Sterbenden. Achtundvierzig Stunden
dauerte nach dem geschlossenen Waffenstillstand das Suchen und Fortbringen der
Verwundeten.
    Das war das Drama von Inkermann, ein Gemetzel ohne Sieg, ein Kampf ohne
Erfolg. Glücklich, die der Ehrentod auf dem Schlachtfelde den furchtbaren Leiden
und Schrecken entzogen hatte, welche der nahende Winter über beide Armeen häufen
sollte!
 
                                    Fussnoten
1 Wirtshausbrücke.
2 Fitzroy Somerset, Lord von Raglan. Das Stammhaupt der Somersets führt den
Titel: Herzog von Beaufort.
3 Historische Anecdote, wiewohl kaum glaublich!
4 Die von Kaiser Nicolaus eingeführten Militairmäntel.
 
                        Des Meeres und der Liebe Wogen.
Es war am Morgen des 17. November, als ein kleiner Reitertrupp sich von dem
Innern des Landes her den Felsenabhängen näherte, welche das berühmte Ufer der
Yalta vom Cap Aitodar bis zum Golf von Kaffa bilden. Nicht prangte jene
kaiserliche Phantasie Orianda, welche das Genie Schinkels geträumt, jetzt in den
warmen duftigen Farbentönen eines orientalischen Frühlings; Livadia, Nikita und
Alushta - die zauberhaften Felsenhöhen, hatte das Nahen des Winters ihrer
Orangendüfte und Rosenfelder entkleidet; - das in seiner Ruhe so durchsichtige
Meer war kein Spiegel von Licht und Azur, der Himmel kein Gewölbe unendlicher
Klarheit, unbeschreiblich duftiger Farben mehr! - Durch die Schluchten des
Jaila-Gebirges, über die bleigraue Fläche des Meeres, durch den Wolkendom fegte
der Sturmwind, Hagel und Regen, die bösen Vorboten des Winters, vor sich her
peitschend; in wilden Bergen wälzte sich seit vierundzwanzig Stunden die See
gegen das Felsenufer, an dessen Wänden sie zu weissem Gischt und Schaum
emporbrandete.
    Wehe dem Schiffe, das in diesem Wetter nicht vom sicheren Hafen umschlossen
und geschützt war, oder wenigstens die offene See zu halten vermochte.
    Die kleine Reitergruppe näherte sich rasch auf der Strasse von Kirsuff her
und hatte offenbar ihren Weg nach einem altertümlichen phantastischen Bau
gerichtet, der sich auf der Höhe des Vorgebirges Aju-Dagh von den Wolken
abzeichnete und einen weiten Rundblick über Land und Meer gewähren musste. Es war
ein Felsenschloss, halb Ruine, halb durch prächtige Neubauten zur Villa
umgeschaffen, aber offenbar sehr unzugänglich gelegen und leicht gegen jeden
Angriff zu verteidigen, da es auf der Landseite Wälle und Mauern führte. Der
Ban bestand aus zwei Teilen, auf den breiten Gipfeln zweier Klippen errichtet
und durch eine Kluft geschieden, über die eine hängende Brücke führte. Der Teil
zur Linken war mehr Veste als Landhaus, und einzelne riesige Mauertrümmer
deuteten darauf hin, dass sein Ursprung den ältesten Zeiten, vielleicht noch dem
Pontischen Reich und der Regierung des Mitridates angehörte, von der sich so
zahlreiche und erhabene Trümmer an dieser Küste bis nach Kertsch, dem Panticapea
der Alten, hinauf finden. Wenigstens sprachen dafür die prächtigen Säulenschafte
und Capitäle, die in dem grossen viereckigen Mittelturm eingemauert waren, der
offenbar von den Genuesen errichtet war. Einige Anbauten im Styl des
Mittelalters, Wall und Ringmauer mit einer wieder in Stand gesetzten Zugbrücke,
die über einen tiefen Felsspalt führte, zeigten, dass der Ort den ritterlichen
Handelsleuten einst zur Beste gedient hatte.
    Der gegenüberliegende Teil des Seeschlosses wies einen modernen Bau aus der
Zeit des Glanzes jenes mächtigen Günstlings, dessen Intriguen und Feldzug
Taurien zu den Füssen seiner kaiserlichen Herrin legten, Potemkin's, dessen Wink
Zauberschlösser aus dem Boden stampfte und Wüsteneien bevölkerte für die
Aussicht einer flüchtigen Stunde. Eine nicht weitläufige, aber prächtige Billa
im Rococo-Geschmack mit breiter Veranda, marmornen Bassin's und Arcaden hüllte
sich, jetzt dem Sausen des Sturmwindes freigegeben, während der schönen
Jahreszeit in den prächtigen Mantel von Cypressen und wilden Feigenbäumen. Auf
einer Felsspitze in der Nähe standen die ziemlich wohlerhaltenen Ruinen eines
unverkennbar antiken Tempels. Von beiden so verschiedenartigen Teilen des
Schlosses senkten sich breite wohlerhaltene Terrassen mit Wein- und
Feigenspalieren und mit jetzt gegen die rauhen Stürme wohl umhüllten prächtigen
Orangenbäumen besetzt, bis zum Strande des Meeres, das hier eine kleine,
ziemlich geschützte und durch zahlreiche Klippen am Eingang nach Aussen hin
verwahrte Bucht bildete.
    Die acht Reiter trugen sämtlich die grauen russischen Militairmäntel, und
die hohen schlanken Lanzen erwiesen wenigstens sechs von ihnen als Kosacken von
der Armee. Von den drei Vorausreitenden zeigte sich der Eine als ein schöner
junger Mann mit dunkelblonden jetzt vom Regen feuchten Locken unter der
Militairmütze, der Andere als ein rauher finsterer Greis - Michael, der
Tabuntschik, aus der Steppe von Berislaw, der Unglückliche, der die Verbündeten
nach Balaclawa geführt.
    Der junge Fürst, der an seiner Seite ritt, hatte mit sorgsamer Pflege ihn in
sein eigenes Quartier in der Stadt bringen lassen und ihn, als er dieselbe
verlassen musste, treuen Händen anvertraut. Auf seinen Befehl blieb Iwan, der
alte Jessaul1, mit einem seiner Enkel bei ihm und pflegte ihn während des
hitzigen Fiebers, das sich seiner bemächtigt und das ihn die wildesten Irreden
ausstossen liess. Erst auf dem Rückzug von der Inkermann-Schlacht betrat der Fürst
wieder die Stadt und nahm den Greis, den seine riesige Natur die Krankheit hatte
überstehen lassen, mit sich nach Baktschiserai. Eine noch finstrere Melancholie
als früher hatte sich des Alten bemächtigt, er vermied den Umgang mit Menschen
und sein einziger Verkehr mit dem alten Kosackenhäuptling bestand in
Nachrichten, die er sorgsam über den Stand der Verteidigung und der Gefechte
von diesem einzog. Als er wieder so weit gekräftigt war, um ausgehen zu können,
strich er, unbekümmert um die feindlichen Kugeln, in den Strassen der Stadt und
in den Verteidigungslinien schweigend umher, oft an den gefährlichen Stellen
sich gleichgültig aussetzend, um die feindlichen Batterieen zu beobachten. Nie
aber legte er eine Hand an irgend eine Arbeit der Verteidigung, und das hohe
Greisenalter, das sein Aussehen zeigte, ersparte ihm jede Aufforderung, während
Iwan und sein Enkel überall sich tätig zeigten.
    In einem Punkt nur begegneten sich die Sympatieen der beiden alten Männer,
in der Zuneigung zu dem jungen Fürsten, und nur der Befehl, den derselbe ihnen
gesandt, seine Ankunft in der Stadt abzuwarten, hinderte sie, ihm in das Lager
zu folgen. Nachdem dies nach dem Tage von Inkermann geschehen, war es übrigens
auffallend, welchen Einfluss der greise Tabuntschik trotz seines einsylbigen
finstern Wesens über den Jüngling gewann und den, gleichsam sich höherer
Autorität und Berechtigung beugend, auch der alte Jessaul anerkannte. Mitleid
mit dem Greise, dessen patriotische Absicht so grosses Unheil herbeigeführt, und
von dem Alles, was er gesehen, und gehört, ihn nicht zweifeln liess, dass er einst
bessere Tage gekannt, hatte den jungen Mann zuerst bewogen, sich seiner
anzunehmen und diese Teilnahme dauerte in gesteigertem Maasse fort, obschon alle
seine Fragen nach den früheren Schicksalen des Greises von diesem ohne
Erwiederung gelassen wurden. Auch Iwan, der Kosack, verriet mit keiner Sylbe,
dass er die furchtbare Vergangenheit und den geächteten Namen des Mannes kannte.
Er bewachte bloss aufmerksam den jungen Fürsten, in dessen Dienst er getreten,
gleich als fürchte er, dass die Nähe des Tabuntschik ihm Unheil bringen werde.
    »Es ist seltsam, Djeduschka,« sagte der Fürst, indem er sich zur Anrede an
seine beiden alten Begleiter des gemütlichen russischen Schmeichelwortes
bediente, »es ist seltsam, wie sicher Du uns geführt und wie genau Du die ganze
Gegend selbst in diesem Unwetter wieder erkennst. Warst Du schon auf Schloss Aju
selbst?«
    »Es sind dreissig Jahre,« sagte der Alte ausweichend, »seit mich der
Pferdehandel zum letzten Mal bis Kertsch geführt hat. Felsen und Meer bleiben
aber dieselben, nur die Menschen verändern sich.«
    »Mich däucht,« wandte sich der junge Mann an den Jessaul, »ich sehe, trotz
des Regens und obschon uns der Sturm den Gischt der See in die Augen treibt,
Leute auf dem Wall der Burg und am Tor. Olis, Dein Enkel, den wir
vorausgesandt, hat also den Weg gefunden und unsere Ankunft gemeldet.«
    »Die Heiligen haben ihn beschützt in diesem Unwetter. Er ist ein treuer und
eifriger Knabe.«
    »So lasst uns die Pferde antreiben, dass wir die Höhe erreichen und unter Dach
kommen. - Da ziehen sie die russische Fahne auf der Spitze des Turmes auf.
Seht, wie der Sturmwind sie peitscht!« - Er gab seinem kleinen an die
Anstrengungen solcher Ritte besser als ein Racepferd gewöhnten Steppenross den
Kantschuh und Alle ritten in scharfem Trabe den Klippen zu, auf deren beiden
Plateau's sich eine Schaar von Dienern und Leibeigenen versammelt hatte. Nach
einem beschwerlichen Steigen auf dem vielfach gewundenen Pfade den Felsen hinan,
der zu dem linken Teil des Schlosses führte, erreichten sie die
heruntergelassene Zugbrücke und den Platz vor dem Tore. Ein dreimaliges
»Urrah!«, mit zahlreichen Segenswünschen und Anrufungen verschiedener Heiligen
gemischt, begrüsste sie, und während der alte Kastellan des Schlosses ehrerbietig
sich fast bis zur Erde beugend, zu dem Pferde seines Herrn trat, diesem auf
einem hölzernen Teller Brod und Salz zum Zeichen des Willkommens überreichte,
und dann den Gaul am Zügel in den Schlosshof führte, umdrängte ihn das
Schlossgesinde, leibeigene Tataren und Russen, seinen Mantel, seine Stiefeln oder
die Decke seines Pferdes küssend.
    Während Fürst Iwan vom Pferde sprang, fragte er den Kastellan: »Wie geht es
der Fürstin, meiner Schwester, und wie befindet sich die fremde Herrschaft?«
    »Die Gospodina, Herr,« berichtete der Verwalter, »erwartet Dich, die
Heiligen haben ihr leider noch immer nicht volle Gesundheit verliehen und wir
sehen sie selten. Seine Erlaucht, der Graf, haben täglich nach Deiner Ankunft
gefragt, da er wieder wohlauf ist. Gott erhalte ihn, er ist ein freigebiger
Herr.«
    Der Fürst nickte. - »Sende zu ihm, Alter, und lass ihm sagen, dass ich ihm
sogleich meinen Besuch machen würde, wenn ich meine Schwester gesehen.« - Dann
fragte er leise: »Du hast meine Instructionen erhalten und treu befolgt?«
    Der Verwalter legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich bestätigend.
    »Habt Ihr hier in letzter Zeit Etwas von den Feinden gefehen?«
    »Seit die Schurken Livadja geplündert, sind sie an der Küste nicht wieder
gelandet, Durchlaucht, nur auf der hohen See sahen wir ihre Schiffe. Schorte wos
mi! - ich weiss nicht, warum der Czar es duldet. Gestern aber kam Ibrahim, der
Tatar, und brachte Nachricht, dass sie im Baidar-Tale fouragiren und ein Haufen
selbst bis zur Jaila vorgedrungen ist. Der heilige Andreas möge sie verderben.«
    Sie waren in das Innere der Gebäude eingetreten, nachdem der Fürst Befehl
erteilt, auf's Beste für seine Begleiter zu sorgen; und er stieg eilig jetzt zu
dem obern Stockwerk des grossen Turmes, das die Fürstin bewohnte.
    Eine Dienerin empfing ihn am Eingang und geleitete ihn zu einem innern
Gemach, dessen Portière sie hob. - »Hier Gospodina, ist Dein Bruder!«
    In der Mitte des Gemachs, dessen Fenster auf die wilder regte See schauten
und das, in einen Erker eingebaut, keinen Ausgang weiter zu haben schien, stand,
in ein weiches Gewand von persischer Seide gehüllt, aber das Gesicht mit einem
dichten Mousselinschleier fast nach orientlischer Sitte ganz bedeckt, die junge
Dame, offenbar sehr erregt und zitternd. Bei den Worten der Dienerin sprang sie
dem Eintretenden entgegen und ihren Lippen entfloh fast unwillkürlich der Ruf:
»Wassili!«
    Der Fürst legte bedeutsam einen Finger auf den Mund, während er mit dem
andern Arm die Schwester umschlang. Dann winkte er der Dienerin, sich zu
entfernen und verschloss selbst sorgfältig die Tür des Vorgemachs und des
Zimmers.
    Als er zurückkehrte, fand er die Schwester schluchzend am Fuss des Ruhebettes
knieen, und sich darauf setzend, nahm er ihren Kopf zwischen beide Hände und
küsste, den Schleier entfernend, ihre Stirn. - »Mut!« sagte er traurig, »Mut,
meine Teure! ich bringe weder Nachricht von dem Einen, noch von dem Andern,
sondern komme, sie hier zu holen.«
    Das Gesicht, das aus den Schleiern ihm weinend entgegenschaute, und das
seine Hand jetzt mit Küssen überdeckte, war jung und schön, aber - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In einem mit allem orientalischen Luxus und europäischem Comfort
ausgestatteten Gemach des rechten Teiles des Felsenschlosses sass Graf
Wassilkowitsch auf einem der prächtigen Divans, offenbar in tiefem Nachdenken,
während er mechanisch von Zeit zu Zeit einen Zug aus dem Nargileh tat, dessen
Bernsteinspitze zwischen seinen festgeklemmten Lippen hing. Ihm gegenüber, in
unruhiger Hast und Beweglichkeit, anscheinend das tobende Unwetter auf dem Meer
beobachtend, stand die Französin, in Wahrheit aber schweiften ihre Blicke
fortwährend hinüber nach dem älteren Teil der Gebäude. - »Eine Stunde schon
da,« sagte sie endlich ärgerlich mit einer halben Wendung zum Grafen, »und noch
immer nicht hier. Ich muss gestehen, besonders artig ist unser Wirt gerade
nicht.« -
    Der Graf achtete so wenig auf ihren Missmut, dass er ihr nicht einmal eine
Antwort gab. Er sah krank und angegriffen aus, wie damals, als wir ihm in der
Steppe von Berislaw begegneten; sein stechender, nachdenklicher Blick ruhte auf
seinem Leibdiener, der in knechtischer Haltung vor ihm stand.
    »So hat also die Fürstin ihren Bruder nicht bei der Ankunft begrüsst und Ihr
habt sie nicht gesehen?«
    »Nein, Erlaucht. Nur die tatarische Dienerin erwartete den Herrn und führte
ihn nach dem Turm. Die Gospodina muss krank sein.«
    »Krank und immer krank - der Teufel soll mich holen, wenn es nicht eine
Ausflucht ist, um jeden Verkehr mit uns fern zu halten.«
    »Es ist im höchsten Grade beleidigend für mich,« warf die Dame ein. »Ich
habe Ihre hochmütige Prinzessin oft genug auf der Zinne des Turmes oder der
Terrasse gesehen, um zu wissen, dass diese Kränklichkeit nicht gefährlich ist und
sie nicht hindern kann, eine ihres Geschlechts zu empfangen. Ich möchte in der
Tat wissen, welches Mittel diese Dame gegen die Langeweile besitzt, denn ich,
mein Bester, finde den Aufentalt hier unerträglich.«
    »Sie werden sich indes fügen müssen, Madame,« sagte der Oberst kalt, »denn
ich wüsste wahrhaftig nicht, wo Sie eine bessere Versorgung finden würden.« - Ein
Zeichen entliess den Diener. - »Lassen Sie uns ein ernstes Wort sprechen,
Celeste,« fuhr er fort. »Sie sind eine ziemlich schlechte Krankenpflegerin
diesmal gewesen, als ich, statt Genesung an dieser herrlichen Küste zu finden in
Folge jener abscheulichen Aufregungen in der Steppe bei unserer Ankunft hier im
August auf's Neue schwer erkrankte und gefesselt hier vier Monate lang liegen
musste, während meine Kameraden für Russland kämpfen. Ich entschuldige Ihr
französisches Blut und wir brauchen uns gegenseitig keine Comödie vorzuspielen
über Liebe und Treue. Indes, weibliche Gesellschaft und Ihr Umgang ist nur
Bedürfnis geworden und ich verspreche Ihnen, auch später für Sie reichlich zu
sorgen, wenn Sie Ihre Launen meinem Willen und meinen Absichten zu fügen
verstehen.«
    »Sie sind allzugütig, Graf,« meinte die Französin höhnisch. »Darf ich
fragen, was dieser Wille befiehlt und wohin diese Absichten gehen?«
    »Es war von vorn herein auffallend,« sagte der Oberst, »dass der Fürst keinen
Anstand genommen hat, uns hierher einzuladen, obschon ihm unser Verhältnis klar
sein musste.«
    Die Bojarin errötete lebhaft.
    »Ich sollte doch meinen, man ist bei Ihnen in Russland nicht allzu prüde.«
    »Da haben Sie Recht, wenigstens was gewisse Angewohnheiten und Redensarten
betrifft. Indes ist immer ein Unterschied und die junge Fürstin Oczakoff eine
Dame, die Rücksichten verlangt. Ich weiss in der Tat nicht einmal, in welcher
Form ihr Bruder. Ihre Anwesenheit dargestellt hat.«
    »Dieses Zweifels wird Sie der Besuch des Fürsten entledigen.«
    »Ich hoffe es und wünsche, wenn es irgend möglich ist, die Gelegenheit zu
benutzen, um Sie mit der Fürstin in Berührung zu bringen.«
    »Mich? - nach dieser beleidigenden Vernachlässigung?«
    »Meine Liebe, vergessen Sie nicht, die Fürstin ist eine geborene vornehme
Dame und Sie - -«
    »Ich bin die Frau des Bojaren Bibesco, als solche haben Sie mich kennen
gelernt und ich wüsste nicht, dass ich Sie zum Beichtvater meiner Vergangenheit
gemacht hätte!« - Der scharfe entschlossene Zug um ihre Brauen prägte sich hart
und tief aus.
    »Erzürnen wir uns nicht auf's Neue, schöne Freundin. Herr Bibesco brachte
Sie von Paris und das genügt. Beantworten Sie mir lieber die Frage, ob Ihnen das
ganze Tun und Treiben der Fürstin Iwanowna nickt überhaupt etwas Seltsames,
Geheimnisvolles hat, ein Rätsel, das Ihre Neugier zur Lösung herausfordert?« -
    Sie kam zu seinem Divan und lehnte sich auf die Kissen. - »Sie haben Recht,
Graf. Man sagt, die Fürstin soll schön sein und sehr ihrem Bruder ähneln.«
    »Zum Verwechseln! - Doch das ist eben der Punkt, über den ich Ihre Ansicht
hören möchte. Sie haben der Fürstin selbst mit Hülfe meines scharfen Opernglases
nie in's Gesicht gesehen?«
    »Wie sollte ich. Sie ist, wenn Sie auch auf den Terrassen erschienen ist,
stets in dichte undurchsichtige Schleier gehüllt gewesen.«
    »Man sagt,« sprach der Graf lauernd, »dass sie diese selbst im Innern der
Wohnung vor der Dienerschaft nicht ablegt?«
    »Meinen Sie, mein Herr, dass, um diesen Umstand zu erfahren, weibliche
Neugier erst Ihre Erlaubnis oder Ihren Wink abgewartet hat?«
    Der Graf lachte. »Ich dachte mir's, Mutter Eva verleugnet sich nie! Hören
Sie, Celeste, wenn der Fürst kommt, hoffe ich, ihn auf irgend eine Weise zu
nötigen, selbst wenn der Verwand der merkwürdigen Krankheit seiner Schwester
fortdauern sollte, dass er Sie mit ihr in Berührung bringt. Ich bitte Sie, dann
aufzumerken, ob die Aehnlichkeit so gross ist.«
    »Aber wenn die Fürstin verschleiert bleibt?«
    »So suchen Sie wenigstens ihr Haar - die auffallende Form ihres Kinnss -
irgend ein Kennzeichen zu sehen.«
    »Was soll das bedeuten? Hegen Sie Misstrauen gegen die Identität der Dame?«
    Der Oberst sann eine Weile nach, dann sagte er entschlossen: »Ihr Interesse,
Celeste, ist trotz aller Ihrer Launen mit dem meinen so eng verbunden, dass ich
Ihnen vertrauen kann. Ich glaube, der Fürst täuscht uns, uns und die Welt.«
    »Wie meinen Sie das?«
    »Ich meine, dass die Fürstin Iwanowna gar nicht hier, - dass sie todt oder
wenigstens weit von hier entfernt ist.«
    »Sie träumen!«
    »Das passirt Männern, wie ich bin, selten. Sie müssen wissen, Celeste, dass
ich aus Familienverbindungen einigen Anspruch auf die Hand der jungen Dame habe
und dass auch der Kaiser, unser Herr, der Verbindung seine Zustimmung nicht
versagen würde. Ihr Eigensinn - meinetwegen ihre Abneigung hat jedoch bisher
alle meine Bewerbungen zurückgewiesen, und ihr Charakter, der den schwachen,
wankelmütigen ihres Bruders beherrscht, ist der Art, dass er jeden Entschluss
durchsetzt.«
    »Das würde indes noch immer nicht diese Comödie erklären.«
    »Hören Sie erst aus. In Paris hat die Fürstin Iwanowna einen französischen
Offizier auffallend ausgezeichnet und - ich täusche mich nicht darin - sie liebt
ihn.«
    »Warum nicht? - die Franzosen verstehen, den Frauen zu gefallen.«
    »Der Henker hole die Weiberknechte! Ich habe den Bruder und den Galan zwar
entzweit, aber ich kenne den Charakter dieses stolzen, eigensinnigen Mädchens,
und wenn ich nicht selbst erfahren, dass der Franzose bei der Orient-Armee ist,
würde ich glauben, sie sei in Paris in seiner Nähe geblieben.«
    Celeste lachte. »Das ist ein sehr unwahrscheinlicher Roman, Graf. Ihr Hass
oder Ihre Eifersucht - Sie sehen, wie anspruchslos ich bin - führen Sie irre.
Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Schöne in ihrer Liebe zu dem Gegner Ihres
Volkes bloss die Einsamkeit gesucht, um« - sie machte eine Verbeugung - »lästigen
Bewerbungen aus dem Wege zu gehen.«
    »Warum lud uns der Fürst aber gerade hierher ein?«
    »Der Zufall der Begegnung hatte vielleicht sein Spiel - vielleicht wurde die
Gelegenheit benutzt, Sie sicher zu machen. Während Sie krank lagen, ist die
Fürstin über alle Berge, und alle die Vorsichtsmassregeln galten nur einer
Stellvertreterin.«
    »Das ist eben der Argwohn, der mir durch den Kopf geht - aber ich denke, ich
will bald klar sehen.«
    »Sie werden in wenigen Augenblicken die Gelegenheit haben,« sagte die Dame,
die wieder am Fenster stand. »Die verzauberte, bisher so sorgfältig
verschlossene Pforte zu der Verbindungsbrücke öffnet sich - es ist der Fürst.«
    Wäre der Graf nicht mit seinen eigenen Plänen so vollständig beschäftigt
gewesen, er hätte die dunkle Röte und Aufregung bemerken müssen, die sich der
schönen Französin bemächtigt hatte.
    »Soll ich mich entfernen?«
    »Ich bitte darum, Celeste. Ich werde nach Ihnen schicken.«
    Während sie in ein Nebengemach verschwand, meldete Ossip den jungen
Capitain.
    Nach den ersten Begrüssungen und nachdem der Fürst auf dem Divan Platz
genommen, betrachteten sich Beide einige Augenblicke, wie als sänne Jeder über
die beste Art nach, das Gespräch von den bisher gegebenen militairischen
Nachrichten auf das Feld persönlicher Interessen zu ziehen. Fürst Iwan eröffnete
es.
    »Ich vernahm mit Bedauern, lieber Graf,« sagte er, »dass, statt Erholung und
Genesung in den schönen Monaten des Jahres hier zu finden, Sie auf's Neue einem
Rückfall ausgesetzt und ernstlich krank waren. Ich hoffe, dass meine Leute es an
keiner Aufmerksamkeit und den wenigen Bequemlichkeiten haben fehlen lassen, die
an diesem abgelegenen Ort zu erreichen sind.«
    »Ich bin Ihnen den grössten Dank schuldig, Fürst,« entgegnete höflich der
Graf, »und vermisste Nichts. Die Fürstin, Ihre Schwester, versah Ihre Stelle und
ich habe nur das Bedauern, dass ich bis jetzt nicht Gelegenheit finden konnte,
ihr meinen Dank auszudrücken.«
    »Das Benehmen Iwanowna's muss Ihnen in der Tat sogar unartig erschienen
sein, Graf,« meinte mit einem Anflug von Lächeln um den schön geformten Mund der
junge Mann. »Meine Schwester hat, einer ihrer eigensinnigen Launen folgend, die
unsichtbare Burgfrau gespielt. Zu ihrer Entschuldigung muss ich sagen, dass sie
sehr leidend war.«
    »Lassen Sie uns aufrichtig sein, Fürst; ich glaubte, dass die Anwesenheit der
Frau von Bibesco ...«
    Der junge Mann fiel ihm rasch in's Wort. »Ich habe Madame Bibesco meiner
Schwester als eine Verwandte von Ihnen bezeichnet, die Sie sehr unglücklichen
Verhältnissen in Bukarest entrissen haben.«
    »Sie beruhigen mich da über einen mir bisher sehr peinlichen Punkt.«
    »Ich komme zugleich,« fuhr der Fürst fort, »um der Dame die Entschuldigungen
meiner Schwester zu überbringen und sie zu ihr zu führen, wenn Frau von Bibesco
es mir erlauben will.«
    Der Graf sah ihn verduzt an. »Sie wollen Madame Bibesco der Fürstin, Ihrer
Schwester, vorstellen?«
    »Wenn Sie Nichts dawider haben, lieber Graf, nur die Dame einwilligt, ja.«
    Dies plötzliche Zuvorkommen in seinen eigenen Absichten frappirte den
Obersten, weil es das Fundament seines Verdachts und seiner Beobachtungen
erschütterte. »Werde ich die Ehre haben, der Fürstin gleichfalls meinen Besuch
machen zu dürfen?«
    »Morgen, lieber Graf, so lang' Sie wollen; für heute, oder vielmehr für die
wenigen Stunden, die ich ihr widmen kann, hat sie mich ganz in Beschlag
genommen. Ich muss noch vor Anbruch des Abends Sie wieder verlassen, hielt es
aber für Pflicht, wenigstens die Bekanntschaft der Damen zu vermitteln.«
    »Sie wollen fort? - in diesem Unwetter?«
    »Soldatenpflicht, Oberst, Sie kennen das. Als Sie in's Hauptquartier
meldeten, dass Sie wiederhergestellt und der Arzt, der von Alushta Sie besucht,
Ihnen gestatlet habe, sich dem Heere wieder anzuschliessen, schrieb ich Ihnen,
dass ich selbst kommen würde, Sie abzuholen und meine Schwester zu besuchen;
indes haben einige Umstände meinen Plan verändert.«
    »Ich bin bereit zur Abreise, und nur dies furchtbare Wetter und Ihr
Schreiben verzögerten dieselbe seit gestern.«
    »Sie wird vielleicht nicht so eilig sein nach dem zu schliessen, was ich
gehört habe, und Sie können die Pflicht mit den Rücksichten für Ihre kaum
wiederhergestellte Gesundheit vereinigen.«
    »Wie meinen Sie das?«
    »Ich habe Depeschen nach Kaffa und Kertsch zu überbringen, war in Nikita und
muss auch Alushta besuchen. Fürst Menschikoff beabsichtigt, an einzelne feste
Punkte der Küste kleine Kommando's zu legen gegen die Landungen der Verbündeten,
und ich bringe die Ordres für die Truppen. Schloss Ayu ist einer dieser Punkte.«
    »Nun, und - -?«
    »Man hat mir im Hauptquartier diese Ordre für Sie mitgegeben.«
    Der junge Mann nahm aus dem Portefeuille ein Dienstschreiben und übergab es
dem Obersten.
    »Sie haben mich in der Tat durch diese lange Vorbereitung neugierig
gemacht.« Er erbrach das Schreiben; Ueberraschung, Verdruss und Befriedigung
wechselten auf seinem Gesicht. »Wie? - ich soll das Kommando hier in diesem
Schloss übernehmen? Was bedeutet das?«
    »An der ganzen Küste von der Yalta bis Alushta,« sagte ruhig der Fürst. »Ich
habe dem Oberbefehlshaber Schloss Ayu zur Disposition gestellt und es soll, so
viel mir gesagt worden, Ihr Hauptquartier bilden.«
    »In der Tat - so sagt die Ordre. Ich weiss nicht, Fürst, ob ich Ihnen danken
soll oder nicht, denn offenbar ist es Ihr Borschlag, der mich zur Untätigkeit
hier verdammt.«
    »Sie sind ungerecht gegen sich selbst, Graf. Die Franzosen fouragiren
bereits bis an die Yaila und die Engländer werden sicher die Plünderung von
Livadia und Yalta zu wiederholen suchen. Man fürchtet sogar einen Angriff auf
Kaffa und Kertsch; Ihre Tätigkeit wird also hier volle Gelegenheit finden,
während bei uns im Felde notgedrungen durch den Winter eine erzwungene
Waffenruhe mit allem Elend des Leidens und der Krankheiten eintreten wird. Ich
glaubte überdies, als ich Sie in Vorschlag für das Kommando brachte, Sie einer
Verlegenheit in Betreff der Sorge um Ihre schöne Schutzbefohlene zu enteben.
Sie brauchen sich jetzt weder von ihr zu trennen, noch sie den Mühseligkeiten
und Gefahren eines Feldlagers auszusetzen.«
    »Ich bin Ihnen in Wahrheit Dank schuldig und werde denselben beweisen durch
meine besondere Sorge für die Sicherheit beider Damen.«
    »Wie so?«
    »Die Fürstin, Ihre Schwester, wird jetzt unter'm Schutz der Truppen und
meiner Fürsorge weniger exponirt sein, als dies bisher der Fall war.«
    Der junge Capitain spielte einige Augenblicke mit dem Portefeuille in seiner
Hand. »Es war dies anfänglich auch meine Absicht, Oberst,« sagte er endlich
leichtin, »indes Iwanowna hat mir ihren Entschluss mitgeteilt, mich bei meiner
Rückkehr in drei Tagen von Kertsch nach Baktschiserai und Ssewastopol zu
begleiten.«
    »Sie scherzen - die Fürstin in den tausend Gefahren der belagerten Stadt?«
Seine blasse Stirn hatte sich dunkel gerötet über der unerwarteten Nachricht,
er fühlte sich überlistet oder geschlagen.
    Der Fürst hob ruhig den Blick zu ihm empor. »Sie kennen den eigenwilligen
Charakter meiner Schwester. Kaum selbst genesen, reisst das Beispiel der
barmherzigen Schwestern, die von Kiew und Moskau im Lager eingetroffen sind, um
sich der Pflege unserer Kranken und Verwundeten aufopfernd zu weihen, sie zur
Nachahmung hin, und sie erklärt, dass, wenn der Platz des Bruders auf den Wällen
Ssewastopols oder in den Reihen des Heeres ist, der seiner Schwester am
Siechbett der tapfern Krieger sei.«
    »Sie wären wahnsinnig, Fürst, wenn Sie eine solche extravagante Phantasie
unterstützten. Zu solchen Opfern ist das Volk da, nicht die Damen der höchsten
Aristokratie. Der Typhus mit all' seinen furchtbaren Gefährten wird sich bald
der Armee bemächtigen, denn ich kenne unser Verpflegungssystem. Tausende werden
seinem Pestauch zum Opfer fallen, abgesehen von dem hundert anderen Gefahren.«
    Der junge Offizier sah ihm mit stolzem Lächeln in's Auge. »Auf Ihrem
Krankenlager hier, Graf,« sagte er begeistert »konnten Sie freilich den
Entusiasmus nicht kennen lernen, der ganz Russland für diesen heiligen Kampf
bereits erfüllt. Der Kaiser sandte seine Söhne, und meine eigenen Augen haben
gesehen, wie die Grossfürsten neben dem gemeinen Soldaten für das Vaterland und
unseren Glauben fochten. Es war der Gehorsam im Volke und seine stets willige
Opferung, mit der wir an der Donan kämpften, jetzt aber ist der Russe in seinem
eigenen Lande angegriffen und das Jahrhundert hat bereits gezeigt, was er dann
zu tun vermag. Die Kaiserin selbst beschäftigt sich mit der Sorge für die
Verwundeten. Die Druschinen der Reichswehr sollen aufgeboten werden und bereiten
sich durch das ganze Reich, der Bauer, der Leibeigene verlässt Pflug und Hütte
und heftet das weisse Kreuz auf Hut und Kutka. Der Edelmann bietet sein Blut, der
Kaufmann sein Geld, fromme Frauen pilgern nach der bedrängten Stadt; - tausend
Andere, die zu fern und von den Verhältnissen gebunden sind, bilden Vereine in
jedem Gouvernement, in jedem Kreis, und arbeiten und sammeln Tag und Nacht für
die Pflege der Kämpfer. Selbst der friedliche Menonit - erinnern Sie sich jenes
sanften und mutigen Mannes, der uns durch den Steppenbrand führte? - sendet
seine Erndten als Geschenk für das Heer. Und glauben Sie, dass Iwanowna Oczakoff,
die so nahe der Stätte des Ruhms und der Opferung ist, zaudern würde, ihr Opfer
auf den Altar des Vaterlandes zu legen und mit ihrem Beispiel voran zu gehen? -
Nein, Oberst - Iwanowna ist ihre eigene Herrin und Nichts soll sie hindern, dem
Vaterlande und der Ehre ihres Namens ihr Leben zu weihen!«
    Der junge Mann war aufgesprungen und stand in erregter Haltung vor den
ältern kalterzigen Mann, dessen graue Augen finster zu Boden sahen. Der Oberst
fühlte, bass er, ohne sich blosszustellen, Nichts auf diesen Ausbruch der
Begeisterung erwidern durfte, dennoch lag Hohn und Aerger in den tiefen Falten
um seinen Mund. »In der Tat, mein junger Freund,« sagte er nach einer Pause mit
unverhehltem Spott, »ich hielt die Fürstin, Ihre Schwester, nicht für so
begeistert in diesem Kampf und glaubte eher an gewisse Sympatieen für unsere
Gegner.«
    Der junge Offizier schaute ihn zornig an. »Iwanowna Oczakoff ist eine
Russin. Wollte Gott, jeder Russe fühlte so patriotisch wie sie!«
    Der Oberst ging, unzufrieden mit sich selbst und mit der Wendung der
Ereignisse, einige Male in dem Zimmer auf und ab. Sein Misstrauen liess neue
Zweifel in ihm emporsteigen, und um Zeit zur Ueberlegung und zu weiteren Plänen
zu gewinnen, richtete er das Gespräch auf einen anderen Punkt. »Die Ordre
besagt, bass mit dem Eintreffen der Truppen meine Function beginnt.«
    »Die Befehle zum Marsch sind zugleich mit mir abgegangen, Sie können sie
also in zwei bis drei Tagen erwarten: zwei Compagnieen Jäger, eine halbe
donische Batterie und zwei Sotnien Kosacken. Eine derselben wird vielleicht
schon in Alushta eingetroffen sein, und wenn Sie Befehle mitzugeben haben, werde
ich sie überbringen.«
    »So wollen Sie wirklich fort?«
    »Nach dem Diner und einer kurzen Ruhe. Ich werde jedoch nur zwei meiner
Kosacken mitnehmen und lasse die Andern meiner Schwester zurück, um ihre
Anstalten zu treffen. In drei Tagen bin ich von Kertsch zurück und bitte Sie,
bis dahin die Fürstin in Schutz zu nehmen und mir jetzt zu erlauben, Madame
Bibesco zu ihr zu führen.«
    Es war dem Oberst lieb, dass der Fürst selbst auf diesen Besuch zurückkam,
und er beeilte sich, die Dame zu holen.
    Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als der junge Fürst schwer aufatmete,
wie nach einem harten Kampf, und die Hand auf die Brust presste. »Es ist
gelungen,« sagte er leise, »und jeder Argwohn beseitigt. Ich war ein Tor, dass
ich ihn hierher führte; denn was bis jetzt getan ist, ist Spiel gegen das, was
mir zu tun bleibt. Aber es war das einzige Mittel, zu ihrem Umgang zu kommen
und die Spur zu verfolgen. Jetzt also - an sie!« Er hörte die Nahenden und ging
ihnen entgegen.
    Die ehemalige Lorette, die der Graf jetzt herein führte, war, trotz aller
Anstrengung, es zu verbergen, dem jungen Manne gegenüber verlegen und aufgeregt.
Mit dem feinsten Takt und grosser Artigkeit jedoch verstand er, ihre Verlegenheit
zu negligiren, wiederholte die Entschuldigung der bisherigen Zurückhaltung der
Fürstin und seine Einladung, die von der Dame mit einem bezeichnenden Blick
angenommen wurde.
    Der Regen, der bisher in einzelnen Intervallen fiel, hatte aufgehört, desto
fürchterlicher jedoch tobte der Sturm. Während die Französin sich in Mantel und
Capuchon hüllte und der Graf ihr dabei half, wiederholte er leise die Mahnung:
genau auf Alles zu merken.
    Der Fürst bot der Dame den Arm. - »Wir wollen über die Brücke gehen, statt
des langen Weges durch die Tore.«
    »Ist es nicht gefährlich?«
    »Ich bürge dafür.« - Mit dem Versprechen, vor seiner Weiterreise den
Obersten noch zu besuchen, führte er sie fort.
    Als das Paar aus der Villa und auf das Plateau trat, fühlte es die ganze
Macht des Sturmes, der sich mit jedem Augenblick mehr und mehr zum Orkan
gestaltete. Bleigrau und schwer hingen die Wolken fast auf den Spitzen der
Felsen von weissen, lichten Nebeln durchzogen. Das Meer wühlte zu ihren Füssen in
bergetiefen Schlünden, schwarz und undurchsichtig, bis es, an den Klippen
emporschäumend, in weissem Gischt und Millionen Tropfen sich löste.
    Die Französin schmiegte sich angstvoll an den Arm ihres Begleiters, während
er einige Augenblicke an dem eisernen Geländer der Brücke stehen blieb und auf
das furchtbar schöne Schauspiel hinausblickte. Die Brücke selbst schien bei dem
Heulen des Sturmes unter ihren Füssen zu beben.
    »Sie haben diese Fläche im Gold und Azur der Sommermorgen geschaut, schöne
Frau,« sagte der Offizier, »in all' der Herrlichkeit dieser lieblichen Küsten,
und ahnten damals wohl schwerlich, welche Schrecken dieselbe Natur bergen kann.
Und dennoch hat das Menschenleben so ähnliche Wechsel; in jedem Herzen wohnt der
Sturm neben dem Sonnenschein des Glücks und des Friedens.«
    »Ich beschwöre Sie, führen Sie mich fort, ich kann es nicht ertragen! Die
Unglücklichen, die in diesem Augenblick auf dem Meere sind!«
    Der Sturm verwehte die Hälfte ihrer Worte. Er führte sie rasch über die
schwankende Brücke und öffnete die schützende Pforte, die sich so lange vor ihr
verschlossen hatte. Durch gewölbte Corridore und mehrere Gänge führte er die
Dame nach jenem Erkerzimmer im Turme, in dem die Fürstin ihn erwartet hatte und
wo er sie bat, auf einem Divan Platz zu nehmen.
    »Bevor ich die Ehre habe, Sie der Fürstin, meiner Schwester, vorzustellen,«
sagte der junge Mann ehrerbietig, aber mit einer Aufregung, die der seiner
schönen Gefährtin nicht nachstand, »wird es vielleicht Ihnen nicht unlieb sein,
wenn wir uns verständigen.«
    Die Bojarin nickte hastig imb zustimmend. - »Sie wissen, dass ich Sie
sogleich wiedererkannte.«
    »Die Umstände,« fuhr der Fürst fort, und ein aufmerksamerer Beobachter als
die Französin hätte bemerken können, dass er sorgfältig jedes Wort wog,
»verhinderte uns beide Male an einem längeren Austausch unserer Erinnerungen.«
    Er schwieg. - »Als Sie mir auf dem Ball im Hause des preussischen
General-Consuls in Bukarest vorgestellt wurden,« sagte Celeste, »begriff ich
erst die Weigerung, Ihren Namen an jenem schrecklichen Abend zu nennen.«
    »Am 5. Juli?«
    »Richtig - der Datum ist auch mir unvergesslich geblieben. Nini und ich
harrten schon so lange auf Sie, um uns nach dem Mabille zu führen. Ich kann mir
auch jetzt den Grund Ihrer plötzlichen Abreise deuten. Sie standen damals bei
der Gesandtschaft?«
    »So ist es!«
    »Und auf den verfehlten Bahnzug bezogen sich wahrscheinlich damals Ihre
Worte. Ich wiederhole Ihnen, Fürst, es war edel von Ihnen, dass Sie Nini's
Bruder, der so unglücklich dazu kam, schonten, obschon der rohe Mensch sich an
Ihnen vergriffen hatte. In der Tat, der Gedanke, sich wahnsinnig zu stellen und
sich nach Bicêtre führen zu lassen, um einer Antwort überhoben zu sein, war
magnifique.«
    Sie war im Plaudern und bemerkte die Todtenblässe des jungen Mannes nicht. -
»Bicêtre - wahrhaftig - der Gedanke kam mir zufällig!« - Er schien mit Gewalt
die Worte hervorzuwürgen und sein Geist entfernt von der Unterredung zu sein.
    »Wie lange, Fürst, brachten Sie in dem abscheulichen Gefängnisse zu, um uns
nicht zu compromittiren und Bourdon's Flucht zu sichern?«
    »Wie lange? - ich entsinne mich nicht genau - vier Stunden - ich fuhr mit
dem Morgenzuge ab!«
    »Es war ein Opfer, das die Kleine kaum wert war. Sie sagten mir bereits,
dass auch Sie Nichts wieder von ihr gesehen?«
    »Nein.«
    »Sie war spurlos verschwunden mit ihrem tollen Bruder. Ich hatte natürlich
mich sobald als möglich von ihnen entfernt, nachdem ich« - sie wandte scheu das
Auge ab - »das reiche Geschenk, das Sie zurückliessen, ihr eingehändigt; aber die
Aermste war in der Tat ganz ausser sich und - es sollte mich nicht wundern, wenn
der Bösewicht, ihr Bruder, in diesem Zustand - die grosse Summe -«
    »Sie haben also Nichts von dem Mädchen wieder gehört?« unterbrach sie der
Fürst.
    »Sie begreifen, ich konnte mich nicht compromittiren mit einem Complotteur.
Ich hielt einige Tage darauf unter der Hand Erkundigungen, aber Beide waren fort
und die glänzende Einrichtung, die Sie ihr gegeben, durch einen Commissionair
schon am Morgen nachher verkauft worden.«
    »Also die Wohnung in der rue ...«
    »Saint Josef Nr. 10 - Sie sind vergesslich, wie alle Männer, mein Fürst,
sobald sie uns verlassen haben. Die Wohnung war geräumt und so jede Spur
verloren. Sie wussten das nicht?«
    »Ich habe, wie ich bereits erwähnte, aus der Haft befreit, noch am frühen
Morgen Paris verlassen müssen,« sagte der Fürst hastig. »Meine Schwester war
bereits vorausgereist.«
    »So erklärt sich Alles. Ich habe Ihnen also nur meinen Dank zu sagen für die
Discretion, mit der Sie meine Vergangenheit bewahrt, und bitte Sie, dies auch
ferner zu tun, namentlich auch gegen Graf Wassilkowitsch.« - Sie reichte ihm
mit einem koketten Blick die Hand, die der junge Mann zerstreut küsste.
    »Lassen Sie uns Verbündete sein - ich kann Ihnen meine Freundschaft gleich
durch eine Warnung betätigen. Der Graf glaubte sich von Ihnen und Ihrer
Schwester getäuscht, er meinte, dass die Fürstin längst nicht mehr hier; Ihre
Ankunft jedoch hat ihn wieder irr an seinem Argwohn gemacht, obschon er mir
aufgetragen, ihm genau über meinen Besuch zu berichten.«
    »Das sollen Sie, schöne Freundin,« sagte aufstehend der junge Mann, während
sein Auge mit einem leichten Ausdruck von Spott auf ihr ruhte. »Ich denke, wir
sind einig, und Graf Wassilkowitsch soll seine Ruhe wieder erhalten. Erlauben
Sie, dass ich meine Schwester benachrichtige und einstweilen mich bei Ihnen
beurlaube, da ich noch Vieles zu ordnen habe.«
    Er küsste nochmals ihre Hand und verliess das Zimmer, in dem sich Celeste
jetzt prüfend umschaute, um nach Frauen Art aus den Umgebungen auf Character und
Beschäftigung der Bewohnerin zu schliessen. Sie blätterte in einem französischen
Album, als ein leichtes Geräusch in ihrem Rücken sie umschauen machte. Eine
bisher unbemerkte Tapetentür in der Wand hatte sich geöffnet und eine junge
Dame war in's Zimmer getreten. Der weite Morgenrock von schwerer persischer
Seide umhüllte die schöne Gestalt, die neidischen Schleier waren
zurückgeschlagen und zeigten jene merkwürdige Aehnlichkeit des schönen und edlen
Gesichts mit ihrem Bruder: - Celeste stand vor der Fürstin.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Spät-Nachmittag; eine Pause, die der Orkan gemacht, als wolle er
sich von seinen Anstrengungen erholen und zu neuer Wut rüsten, hatte den
Bewohnern des Schlosses am fernen Horizont ein grosses Schiff im Kampf mit den
erregten Wogen gezeigt. Man konnte natürlich nicht wissen, ob es ein
Kriegsschiff oder einer jener zahlreichen Kauffahrer war, die der lockende
Gewinn der Geschäfte damals in grosser Zahl nach dem Schwarzen Meere führte.
    In dem bereits mehr erwähnten Gemach stand der junge Früst, zum Aufbruch
gerüstet, am Fenster sass die Fürstin, wieder in ihre dichten Schleier gehüllt.
Iwan, der alte Ataman, mit seinem jüngsten Enkel Olis standen an der Tür des
Zimmers.
    »Ich habe Dich zu meinem Begleiter gewählt, Iwan,« sagte der Fürst, »weil Du
Gehorsam kennst von Deinem langen Soldatenleben und weil ich mich auf Deinen
Scharfsinn und Deine Treue verlassen kann. Auf dem Wege, den wir vorhaben, ist
jedoch noch eine andere Eigenschaft notwendig. Ich muss das Gelöbnis
unverbrüchlicher Verschwiegenheit von Dir und Deinem Enkel erhalten.«
    »Olis ist zum Gehorsam erzogen. Was mich betrifft, so frage den Tabuntschik,
Herr, ob Iwan, der Steppenteufel, zu schweigen weiss.«
    »Ich verstehe nicht, worauf Du Dich beziehst, aber ich vertraue Dir. Deine
andere fünf Enkel bleiben hier mit dem alten Tabuntschik zum Dienst der Fürstin,
meiner Schwester. Du suche Dir für zwei oder drei Tage Lebensmittel für einen
Mann und zwei Pferde zu verschaffen. Mache Alles zum Aufbruch bereit und führe
die Pferde nach dem Tor des neuen Schlosses. Ich muss von Oberst Wassilkowitsch
Abschied nehmen und werde dort aufsteigen. Geht jetzt, schweigt über meine
Befehle und schickt dann Kastellan zu mir.«
    Die Kosacken entfernten sich und nach einigen Augenblicken, die der Fürst im
Gespräch mit seiner Schwester zugebracht, erschien der alte Verwalter des
Schlosses. Er war ein ehemaliger Leibeigener von den Gütern des Fürsten in einem
innern Gouvernement, dem schon der Vater desselben die Freiheit geschenkt und
dies Amt gegeben. Er hatte ein würdiges, ehrliches Ansehen und war der Familie
seines Herrn treu ergeben.
    »Sergei Popotoff,« sagte der Fürst, »ich weiss, Du bist ein treuer Diener
unsers Hauses und hast alle die Befehle, die ich Dir in Betreff meiner Schwester
gab, genau erfüllt, ohne zu fragen wie oder warum.«
    »Es war meine Pflicht, Herr. Kein Fremder hat die Schwellen des alten
Schlosses überschritten, Niemand die Zimmer der Herrin betreten, als das
tatarische Mädchen, das sie mitgebracht.«
    »Ich weiss es und bin zufrieden mit Dir.« - Der alte Mann küsste demütig
seine Hand. - »Jetzt fordere ich einen andern Dienst von Dir, bei dem Du, was Du
auch sehen und hören magst, eben so wenig fragen darfst. Von meiner Mutter weiss
ich, dass ein geheimer Gang aus diesem Schloss an den Fuss der Klippen zum
Meeresstrand führt, schon von den alten Erbauern dieses Turmes angelegt. Du
kennst ihn?«
    »Er ist ein Geheimnis, das zu meinem Amte gehört, Herr. Du allein hattest
das Recht, danach zu fragen. Hier ist der Schlüssel.« - Er nestelte ein schweres
Bund von seinem Gürtel.
    »Wo mündet er im Schloss?«
    Der Kastellan ging nach der Wand des Gemachs, die der Tapetentür gegenüber
lag und in deren Mitte ein grosser Spiegel in schwerem Eichenrahmen von alter
Schnitzarbeit angebracht war. - »Sieh' diesen Knopf, Herr, unter der Ecke des
Glases. Ein Druck öffnet die Tür. Der Gang ist seit langen Jahren nicht benutzt
worden, seit die Fürstin, Deine Mutter, todt ist, die, wenn sie hier war, wohl
ein Mal in schönen Nächten auf den Stufen zum Rande des Wassers hinunterstieg,
statt den Weg über die Terrassen zu nehmen; aber es gehört zu meinem Amte,
Alles, was mir überliefert worden, im Stande zu erhalten.«
    »Oeffne!«
    Der Kastellan drückte auf den Knopf, man hörte eine Feder springen, der
grosse Spiegel drehte sich in seinen Angeln und der dunkle Zugang einer
Wendeltreppe, in der Dicke der Mauer angebracht, öffnete sich. Ein scharfer,
kalter Luftzug drang aus der Tiefe empor.
    Der Fürst untersuchte die öffnende Feder im Innern. - »Wo und wie ist der
Zugang von unten?«
    »Die Treppe mündet in der Steingrotte, Durchlaucht, vor der Du viele Male
als Knabe am Strande gespielt hast, während die Frau Fürstin sorgsam von dem
Steinsitz im Innern Dich hütete. Der Sitz ist noch da und links von ihm am Boden
ein eiserner Ring in der Wand, den man nur zu ziehen braucht.«
    »Es ist gut. Schliesse die Tür und erinnere Dich an Alles, was ich Dir
gesagt. Triff alle Anstalten zur Abreise der Fürstin in drei Tagen, wenn ich von
Kertsch zurückkehre, und zur Aufnahme der kaiserlichen Soldaten. Du hast alsdann
Graf Wassilkowitsch zu gehorchen, wie mir selbst. Und jetzt, Iwanowna, ist es
Zeit zu scheiden; begleite mich bis zur Brücke.«
    Er schlang den Arm um die Fürstin und führte sie hinaus in's Freie, wo er an
der Pforte, die auf die Brücke zum neuen Schlossteil führte, Abschied von ihr
nahm. Auf beiden Seiten des Schlossplateau's hatte sich die Dienerschaft in
zahlreichen Gruppen versammelt, teils um der Abreise des Herrn beizuwohnen,
teils um das in der Ferne kämpfende Schiff und das Aussehen des Himmels und
Meeres zu beobachten. Alle sahen, wie der junge Offizier von der Schwester
schied und dann über die Brücke schritt, während sie, von ihrer tatarischen
Dienerin begleitet, in ihre Gemächer zurückkehrte.
    Eine halbe Stunde später bestieg der junge Capitain, von dem Grafen bis zum
Ausgang der Villa geleitet, sein harrendes Pferd und ritt mit den beiden
Kosacken langsam und vorsichtig den Felspfad hinab.
    Der Sturm, der eine Stunde geruht, begann sich auf's Neue zu erheben und
brauste mit seinem Donner über das bewegte Meer. Im Südosten zog es dunkel und
schwer herauf und breitete die nächtigen Fittige über den Horizont.
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    Die englische Fregatte - eine alte Bekannte von uns - der Niger, kämpfte mit
all jenem Trotz, den der Mut und die Geschicklichkeit britischer Matrosen den
Eichenplanken einzuhauchen scheinen, gegen Sturm und Wogen. Das Schiff war in
der letzten Zeit häufig zum Transport von Verwundeten nach den grossen
Hospitälern gebraucht worden, welche die Engländer und Franzosen in Skutari und
am europäischen Ufer des Bosporus angelegt hatten und kehrte von einem solchen
eben von Constantinopel zurück, als es schon am Tag vorher der Sturm von seiner
Richtung ab und hoch hinauf nach Nordost verschlagen hatte.
    Eine Abteilung britischer Reconvalescenten befand sich an Bord: auch zwei
französische Offiziere und ein Arzt. Dieser und einer der Offiziere hatten einen
Transport Verwundeter aus der Inkermann-Schlacht nach Constantinopel gebracht,
der andere Offizier kehrte aus dem Lazaret zurück. Da im Augenblick kein
französisches Schiff Gelegenheit zur Ueberfahrt bot, hatten sie diese auf dem
britischen benutzt: Colonel Méricourt, der Ingenieur-Capitain Depuis und Doctor
Welland. Im Vordercastell hatte die Gutmütigkeit oder Bestechlichkeit der
Matrosen Handelsleute und allerlei Volk eingeschmuggelt, während eine englische
Dame, deren Gatte vor Sebastepol stand und die mit dem letzten Dampfer von
Soutampton eingetroffen war, auf Empfehlung des Gesandten die hintere Cajüte
inne hatte.
    Die Nacht und den Tag über hatte das Schiff mühsam unter den Sturmseegeln
gegen das Unwetter ausgehalten. Es war eben jene kurze Ruhe eingetreten, deren
wir bereits bei den Scenen am Lande erwähnt haben, und die Mannschaft stand,
nachdem alles Mögliche geschehen war, um die Fregatte vom Lande abzurichten, in
Gruppen auf den Decks umher, während die Offiziere auf dem Hintercastell bald
die Wolken, bald die versuchsweise aufgesetzten Seegel beobachteten.
    Auf der Bank am Lee sassen die beiden Franzosen, Méricourt, noch den linken
Arm in einer leichten Binde tragend, und Capitain Depuis, und sprachen mit
Welland und dem Schiffsarzt, die sich an den Wandungen festielten. Näher dem
Steuer, wo Capitain Warburne mit dem ersten Lieutenant stand, klammerte sich an
die Gallerie eine hagere, krankhafte Gestalt, der selbst in diesen Stunden der
Gefahr die französischen Offiziere ganz unverholen ihren Widerwillen und ihre
Missachtung zeigten: Edward Maubridge, der Baronet. Erst als das Schiff bereits
unter Seegel war, hatten sie erfahren, dass er, krank und leidend, noch immer ein
Gast auf dem Fahrzeug seines alten Freundes war, der ihn nach jener Mordnacht in
Varna an seinen Bord hatte bringen lassen, um ihm dort eine Pflege zu widmen,
die er in einem Lazaret oder unter Fremden nicht gefunden hätte. Ein hohler
trockener Husten erschütterte von Zeit zu Zeit den siechen Leib und zeigte, dass
der Dolch des Griechen edle Teile getroffen hatte. Trotz der Mahnungen des
Arztes und des Capitains war der Baronet auf Deck gekommen und weigerte sich, es
zu verlassen, obschon seine Kraft ihn kaum gegen den Wind aufrecht erhalten
konnte und die Sturzseen, die über das Verdeck schlugen, wenn das Schiff in eine
tiefe Höhlung der Wogen sank, ihn bis auf die Haut durchnässten.
    Auf allen Gesichtern lag Ernst und Besorgnis, denn die Gefahr, in welcher
das Schiff schwebte, war selbst den Laien bekannt, und der finstere Blick des
alten Capitains kündete neues Unheil.
    »Der Fockmast trägt die Seegel kaum länger, Capitain Warburne,« sagte der
erste Lieutenant, indem er unruhig nach diesen schaute. »Die Stengen biegen sich
wie die Peitschenstiele und die Wanten sind wie Eisen gespannt. Lassen Sie uns
wenigstens das Vormars- und das Vorbram-Seegel einziehen.«
    Der Capitain wies statt aller Antwort nach Südosten, wo schwärzer und
schwärzer die dunkle Wand zugleich mit den Schatten des Abends heraufstieg.
    »Ich sehe das Alles, Sir,« sagte ehrerbietig der Lieutenant, »aber die
Gefahr, dass der Mast über Bord geht, ist uns näher.«
    »Es ist unmöglich, Sir, dass wir die hintern Seegel benutzen können. Der alte
Bau liegt so schwer im Wasser und die Wellen auf diesem verteufelten Meer sind
so kurz und schnell hintereinander, dass wir nur mit dem Fock uns einigermassen
stetig halten können. Wie hoch schätzen Sie die Entfernung jetzt vom Lande?«
    Der Offizier sah prüfend nach der Küste hinüber, die im zunehmenden Dunkel
zu verschwinden begann. - »Wir hatten um Mittag vier Seemeilen und werden
vielleicht eine gewonnen haben.«
    »Ich fürchte,« flüsterte der Capitain, »das Schlimmste kommt erst nach. Wenn
wir an einer befreundeten Küste wären und Warnungsfeuer uns die Richtung angeben
würden, könnten wir entkommen. Indes, wir müssen das Möglichste tun. Lassen Sie
Adams das grosse Seegel bereit halten, Master Price, damit, wenn Gefahr ist, es
im Augenblick gehisst sein kann.«
    »Ja, ja, Sir!« - Der Befehl lief weiter nach dem grossen Deck. Price, der
Schiffer, ging selbst nach dem Fuss des grossen Mastes, um die Anstalten zu
beaufsichtigen.
    »Hast Du das schwarze Frauenzimmer bemerkt, Frank,« fragte der Midshipman
Gosset seinen älteren Kameraden, »die durchaus nicht hinunter wollte, als die
Lukenklappe wieder geschlossen wurde? Ich glaube, sie ist verliebt in einen von
uns und voll zärtlicher Besorgnis, dass uns eine dieser Wellen über Bord spielen
möchte.«
    »Ich glaube eher in den Capitain oder Master Hunter, denn ihre Augen waren
fortwährend nach dem Hinterdeck gerichtet, als ob das Ersaufen für sie keine
Gefahr hätte. Der grosse Mohr, der den französischen Offizier bedient, ist ihr
Bruder.«
    »Der Teufel hole die Weiber und die Franken! Es ist ein Unglück, dass wir sie
an Bord haben.«
    Der Hochbootsmann ging eben vorüber. - »Wenn Sie je ein wahres Wort gesagt
haben, Master Gosset, und das ist bei Ihnen eine seltene Sache, so war's in
diesem Augenblick. Es ist Freitag heut, denken Sie daran.«
    »Aufgepasst auf Ihren Dienst, Ihr Herren,« sagte der dritte Lieutenant, nach
vorn kommend. »Geben Sie dem Klüver etwas mehr Luft, Clinton!« - - -
    »Ich wünschte, College,« sagte Welland zu Duncombe, dem Wundarzt der
Fregatte, »Sie könnten den Mann dort bewegen, das Deck zu verlassen. Dieses
Peitschen des Novembersturmes ist Gift für seine Brust. Ich habe, Gott weiss,
keine Ursach, ihm Gutes zu erweisen, aber meine Pflicht als Arzt fordert, dass
ich es sage.«
    »Er ist ein so eigensinniger Bursche, dass jede Mühe vergeblich ist. Ich habe
bereits bei der Abfahrt aus dem Bosporus bemerkt, dass Sie ihn mieden, und mir
ist es vorgekommen, als hätte ich Ihr Gesicht bereits früher mit ihm in
Verbindung gesehen, nur weiss ich nicht gleich wie und wo.«
    »Der Sturm erhebt sich auf's Neue,« sagte Capitain Depuis; »es ist so
finster, dass man bald nicht zwanzig Schritt weit sehen kann. Wollen wir hinunter
gehen, Méricourt?«
    »Es ist zu spät, die Luken sind geschlossen und wir müssen hier aushalten.
Ueberdies sehe ich der Gefahr lieber in's Auge.«
    »Sie scheint nahe genug zu sein. Horch'! was ist das?«
    Eine augenblickliche Todtenstille lag in der Luft, die dichte Wolkenbank zur
Seite, die jetzt weit über die Hälfte des Horizonts umzogen, schien sich in der
Mitte zu spalten und ein weisses fahles Licht schob sich schnell nach dem Zenit
empor.
    »Herunter mit dem Vormars! Rafft das Vorbram-Seegel!« donnerte die Stimme
des Capitains durch das Sprachrohr. Der erste Lieutenant war in zwei Sprüngen
die Treppe des Hinterdecks hinunter und im Vorderschiff. »Rasch, rasch, Leute!
Es gilt Euer Leben! Nehmt Eure Messer - herunter um Himmelswillen mit dem
Seegel!«
    Es war zu spät, obschon zehn, zwanzig Matrosen im Nu in den Wanten und an
den Schooten hingen.
    Ueber die See her kam es wie ein dumpfes brüllendes Stöhnen. Dann erscholl
ein ferner Schlag, hoch in der Luft, wie ein hundertfacher Kanonenschuss - ein
zweiter - und im nächsten Augenblick brach der Orkan mit einer Wut los, gegen
die alles bisherige Toben sanfte Musik gewesen zu sein schien. Der rasende Sturm
fasste die beiden oberen Seegel des Vordermastes - einige Augenblicke schwankten
die Stengen hin und her, und es war zweifelhaft, ob sie brechen oder die Seegel
reissen würden; aber der nächste entschied. Während das Vorbram-Seegel in Fetzen
zersprungen durch die Luft peitschte, konnte die Vormars-Stenge dem furchtbaren
Druck nicht länger widerstehen und sie brach über den Eisenringen des Fockmars
mitten durch und stürzte mit dem ganzen Takelwerk über Bord, Klüber und
Sturmfock mit sich in die schäumenden Wellen reissend.
    Ein durchdringender gellender Angstruf, ein Schrei aus der Brust zwanzig
tapferer verlorener Männer übertönte selbst das Brüllen des Orkans.
    »Mannschaft über Bord!« - »Setzt die Boote aus!« - »Master Bully, der dritte
Lieutenant, fehlt!«
    Die Mannschaft eilte durch einander - selbst der Mann am Steuer achtete
einen Augenblick nicht aus seinen Dienst und die Spanne Zeit genügte, um das
Unglück zu vollenden.
    »Klammern Sie sich fest, Colonel! Um Gotteswillen - die Woge!«
    Die Warnung des braven deutschen Arztes war kaum gegeben, als eine grosse
Welle das Schiff, das von seiner Richtung abgewichen, am Wetterbug fasste und auf
die Seite warf, dass die Spitzen der Masten fast in der tiefen Höhlung des
Wassers verschwanden, indem es hinunterschoss.
    Ein Teil des obern Bollwerks war fortgerissen, mit ihm Duncombe, der
englische Arzt und der Gehilfe des Steuermanns. In den Leegatten hing die fast
leblose Gestalt des Baronets; Méricourt und Depuis hielten sich mit wahnsinniger
Anstrengung festgeklammert an den Tauen des Besanmasts.
    Der alte Bau der Fregatte richtete sich jedoch stöhnend in allen Fugen aus
dem Grabe der Wässer wieder empor. Der Capitain selbst hatte mit Hand angelegt
an das Steuerrad und es gelang, das Schiff vor den Wind zu bringen.
    »Lassen Sie kappen, Hunter, so rasch als möglich!«
    »Alle Mann auf ihren Posten! - Haut die Taue durch!
    Während Welle auf Welle das Schiff hob und in den Abgrund senkte, gelang es
der Mannschaft, sich von den Trümmern zu befreien.«
    Dreiundzwanzig Mann fehlten! - »Sie sind unwiederbringlich verloren,« sagte
der Capitain auf eine Bemerkung des Schiffers; »es ist unmöglich, in dieser See
und bei unserer Havarie auch nur den geringsten Versuch zu machen zu ihrer
Rettung.«
    »Sir!« - der Steuermann berührte ehrerbietig selbst in dieser furchtbaren
und bewegten Scene den Hut, den er sich auf dem Kopf festgebunden.
    »Was wollen Sie, Mr. Sporschill?«
    »Ich fürchte, Sir, es ist etwas an dem Steuer beschädigt - das Schiff
gehorcht ihm nicht mehr.«
    »Das wolle Gott verhüten - es wäre unser sicheres Verderben!« Der Capitain
griff selbst in die Speichen und einige Versuche überzeugten ihn, dass der
Steuermann Recht hatte. »Es bleibt Nichts übrig, wir müssen den Versuch machen,
es fest zu legen.«
    »Aber es ist unmöglich, Sir, jedes menschliche Glied würde zehn Mal
zerschmettert, und wir dürfen nicht vom Winde weichen.«
    »Ich weiss es, aber dennoch müssen wir Gewissheit haben; Kinder,« - er wandte
sich zu den nächsten Mannschaften - »das Steuer ist beschädigt, es ist
vielleicht möglich, den Schaden zu bessern, aber ich muss wissen, wo er sitzt.
Wer wagt sein Leben an die Untersuchung?«
    Eine augenblickliche Pause folgte, dann traten von zwei Seiten der alte
Deckmeister Adams und Frank Maubridge, der Midshipman, vor und es klang wie aus
einem Munde: »Ich, Sir!«
    »Ich danke Ihnen,« sagte der Capitain, »aber ein Leben zu wagen ist genug
und Adams steht die grössere Ruhe und Erfahrung zur Seite. Nimm alle
Vorsichtsmassregeln, Alter, und dann rasch, denn jede Minute ist kostbar. Frank,
sehen Sie nach Ihrem Bruder.«
    Das Schiff, von den rasenden Wellen gejagt, trieb pfeilschnell vor diesen
hin, bald auf dem Gipfel der Wogen, bald in den tiefen Abgründen. Das noch immer
gespannte Fockseegel hielt es allein im stetigen Lauf, da der Klüber jedoch fort
war, blieb jede Wendung unmöglich und es wurde von dem Sturm, wie jeder Seemann
am Bord recht gut wusste, gerade auf die gefährliche Küste zu getrieben.
    Während der alte Deckmeister mit Hilfe einiger Matrosen sich zu dem Wagstück
bereit machte, indem er bloss ein leichtes Tau um seinen Leib schlingen liess und
eine Kette mehrfach um seinen linken Arm schlang, hatte Frank Maubridge sich zu
dem Baronet gewandt. Er fand ihn, von Doctor Welland unterstützt und auf der
Bank im Lee, festgebunden an einem Tauring, um gegen jede überspülende Welle
geschützt zu sein, wie er unter den Bemühungen seines edelmütigen Gegners eben
wieder zum Bewusstsein zurückkehrte.
    
    Der Capitain war selbst an's Steuer getreten, während Lieutenant Hunter die
Leitung des Schiffs übernahm. Mit vieler Mühe und durch Hilfe des Fockseegels
fiel es einen Strich vom Wind ab und diesen Augenblick benutzte der alte
Deckmeister, um sich über das Bollwerk zu schwingen und an den Galerieen des
Sterns hinabzusteigen.
    Er hielt sich möglichst frei von dem sichernden Tau, nur auf die Kraft
seiner atletischen Arme sich verlassend. Eine atemlose Stille herrschte am
Bord, nur von dem Toben des Sturms und der Wellen unterbrochen; Jeder, den nicht
seine Pflicht an eine andere Stelle fesselte, suchte die Bewegungen des kühnen
Kletterers zu verfolgen. Unter'm Schutz der halben Wendung des Schiffes stieg
der Deckmeister anfangs glücklich an den Galerieen und Simsen des Hintercastells
hinab. Wir müssen bemerken, dass der ganze Vorgang rascher verlief, als unsere
Erzählung ihn wiederzugeben vermag! Er war am Steuer und man konnte über die
Brüstung bemerken, wie er die Kette, deren Ende er um den Arm getragen, zu
befestigen versuchte. In diesem Moment erschütterte ein neuer furchtbarer
Sturmstoss das Schiff - das Fockseegel riss aus seinen Schlingen mit einem Knall,
der einem Kanonenschuss glich, und flog wie eine weisse Wolke dann über das
Bugspriet hinaus. Die Fregatte fiel zurück in den Wind, - einige Augenblicke sah
man den braven allen Seemann im dunkeln Schlunde der Wässer an der Leine hängen,
dann, ehe sie noch gehisst werden konnte, kam eine dunkle schäumende Woge daher
und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Balken.
    »Hisst das Tau! Rasch - rasch, Jungens!«
    Die Matrosen arbeiteten mit rasender Kraft, die Offiziere legten Hand mit
an, denn der alte Deckmeister war bei Allen beliebt; das Tau flog durch die
Hände, im nächsten Augenblick erschien die kräftige Gestalt in der Höhe und zehn
Hände erfassten sie, um sie über das Bollwerk zu heben.
    Der Kopf des alten Mannes, aus einer Stirnwunde blutend, hing bleich auf die
linke Schulter, die mächtigen Glieder waren schlapp und kraftlos; als die
Matrosen sie anfassten, fühlten sie die Knochen an mehreren Stellen
zerschmettert.
    Man legte den Verletzten auf das Deck am Compasshaus; Frank Maubridge knieete
neben ihm und suchte das Blut unter lautem Wehklagen zu stillen.
    »Er kommt zu sich,« sagte Capitain Warburne. »Alter Freund, wie geht es
Dir?«
    Der Deckmeister hob den Kopf, von dem Doctor unterstützt, der auf der
anderen Seite neben ihm war und seinen Puls hielt. Sein erster Blick fiel auf
Frank und ein mattes Lächeln verbreitete sich über seine gefurchten Züge. »Das
war keine Arbeit für Euch, Master Frank,« flüsterte er, »Ihr werdet deren noch
heute schwer genug haben. - Capitain Warburne,« - er wandte sich zu diesem -
»die Steuerkette ist gerissen und das Steuer aus seinen obern Pinnen gehoben, es
ist keine Möglichkeit der Befestigung da, die Fregatte ist verloren, wenn Ihr
sie nicht durch andere Mittel rettet.«
    »Ich fürchtete es. - Fühlst Du Dich schwer verletzt, Mann?«
    »Es ist aus mit mir! Dreissig Jahre, Capitain, sind wir zusammen geseegelt,
zwanzig davon in diesem Schiff - die Planken wollen nicht mehr zusammenhalten
und mit mir ist's eben so. Ich fühl' es - der Sturz hier auf die Brust - -«
    »Mut - Mut! Die Wunden sind nicht gefährlich!«
    »Ich würd' ein Krüppel sein und besser, ich gehe, wohin der alte Niger geht.
- Capitain Warburne - der verteufelte Dampf hat uns doch überflügelt!«
    Der sterbende Seemann schwieg erschöpft; - die Untersuchung hatte Doctor
Welland gezeigt, dass der Brustkasten zerschmettert und jede Hoffnung vergeblich
war. Während Frank, der Midshipman, und der Baronet, der sich wieder erholt
hatte, mit dem Leibenden sich beschäftigten, ohne auf die Gefahren ringsum zu
achten, richtete der Capitain wieder sein ganzes Augenmerk auf die furchtbare
Lage des Schiffes.
    »Oeffnen Sie die Luken, Master Keane,« befahl er dem Hochbootsmann, »wir
haben kein Recht mehr, die Leute dort unten zu halten und müssen ihnen jede
Chance zur Rettung gewähren. - Untersuchen Sie die Boote, Pearson.«
    Der Zimmermann berichtete, dass der zweite Kutter von der Sturzsee
fortgerissen, das Ghig zertrümmert, der erste Kutter und das Langboot aber noch
seetüchtig wären.
    Das Schiff trieb jetzt, dem Steuer nicht mehr gehorchend und während die
Mannschaft versuchte, an dem Stumpf des Fockmastes ein neues Seegel zu
befestigen, mit furchtbarer Geschwindigkeit vor Wind und Wellen, zuweilen sich
auf die Seite legend und dann von einem Wasserberg überschüttet. Fast jede neue
Welle, die über die Bollwerke schlug, riss in die Menschenmenge, die, aus dem
Raum voll Angst und Jammer emporsteigend, auf den Verdecken sich drängte, eine
Lücke, und die Unglücklichen, die sich nicht verstanden festzuhalten oder zu
sichern, in die dunkle Tiefe hinab, aus der keine Wiederkehr ist, ausser an jenem
Tage, der uns Alle wieder vereinen soll zur Wägung von Schuld und Torheit!
    Am Besanmast stand ein riesiger Mohr in der Uniform eines orientalischen
Spahi's, den rechten Arm um den Mast gelegt, während die linke Hand ein
schwarzes, tief in den Yaschmak und Feredschi verhülltes Weib umschlang, deren
Augen fest auf die Gruppen des Hintercastells gerichtet waren. Mistress Duberly,
die englische Dame, die ihrem im 8. Husaren-Regiment dienenden Gatten, den
Verboten Lord Raglan's und Lord Lucan's zum Trotz, nach dem Lager folgen wollte
und in dem Niger die Ueberfahrt machte, war gleichfalls auf das Deck gekommen
und die französischen Offiziere suchten so gut als möglich die Zitternde zu
sichern.
    Der alte Deckmeister hatte dem Baronet gewinkt, sein Ohr näher zu seinem
Munde zu bringen, denn das Gebrüll der Wogen und des Sturmes machte kaum in
nächster Nähe die Worte verständlich. »Eins liegt mir schwer auf der Seele,«
sagte er mit Anstrengung, »und lässt mich bangen vor dem grossen Admiral dort oben
- das griechische Weib, das ich Euch verbergen half am Golf zu Smyrna. Ich
kannte Euch als Knaben, Sir Edward - erleichtert meine Sterbestunde durch das
Versprechen, gut zu machen an ihr, was Ihr verbrochen habt. Sucht die Lady auf,
Ihr wisst, dass sie Euer rechtmässig Weib ist - ich war Zeuge davon, und der
wackere Bursche, ihr Bruder, den der zweite Lieutenant in der Fanariotenstadt
erschlug, als Ihr mit einer türkischen Metze davon lieft, hatte ein Recht, Euch
zur Rechenschaft zu ziehen.«
    Das bleiche, kranke Gesicht des Baronets verzog sich zu wildem Hass. »Diona
ist längst todt und ruht auf dem Kirchhofe von Sebastopol. Der Grieche aber, den
Du erschlagen wähnst, lebt und seinem Dolche verdank' ich's, dass diese Brust den
Keim des Todes in sich trägt!«
    Es war das erste Mal, dass der Baronet gegen seine englischen Freunde Diona's
Tod und seines Mörders erwähnte, über dessen Person er bis jetzt hartnäckig
geschwiegen.
    Der Alte seufzte schwer auf. »Ich sagte es Euch wohl, es kommt nichts Gutes
von den Unterröcken. Vergebt dem Manne, wie der Herr dort oben Euch vergeben
möge, und hütet Master Frank vor dem Weibervolk. Es ist der Letzte Eures Stammes
und ein wackerer Junge bis auf die schlimme Klippe.«
    »Licht vor uns!« unterbrach der schallende Ruf vom Vorderkastell die
verschiedenen Scenen und fesselte alle Augen auf den Horizont. Hoch über
demselben, gleich wie mitten aus den schwarzen Wolken heraus flammte ein Licht,
erst klein und schwach, aber rasch sich zur grossen, lodernden Flamme
ausbreitend, die vom Sturm emporgewirbelt wurde.
    »Es muss ein Leuchtturm in der Nähe sein, Sir!« meinte der Schiffer.
    »Es ist viel eher ein Leuchtfeuer oder Signal auf der Küste,« entgegnete der
Capitain, »das uns zeigt, wie nahe wir derselben sind. Das grosse Seegel, Hunter,
es ist die einzige Aussicht, uns abzuarbeiten. An die Geitauen und
Bauchgardingen, Jungen - steigt auf die grossen Schooten! - lasst die
Stockgardingen los, Bursche! - Eingeholt! es gilt Euer Leben!«
    Das grosse Seegel bauschte im Sturm.
    »Brandung am Wetterbug!« Der Ruf erschütterte wie ein electrischer Strom die
Menge.
    »Halfen Sie das Schiff, Master Price,« sagte der Capitain zu dem Schiffer,
»ich hoffe, wir haben noch Raum dazu.« - Seine Kaltblütigkeit verliess ihn in
dieser furchtbaren Gefahr keinen Augenblick.
    Der Schiffer befahl den Leuten am Steuer den Versuch, während der erste
Lieutenant die Richtung des grossen Seegels dirigirte. Trotz der Havarie am
Steuer gelang es, die Fregatte abfallen zu lassen, und sie ging weiter vor, als
sie plötzlich einen erschütternden Ruck erhielt - sie war auf einen Felsen unter
dem Wasser gestossen.
    Ein durchdringendes gellendes Geschrei erscholl durch das ganze Schiff und
dann drängten Mannschaft und Passageire nach hinten, gleich als wollten sie bei
dem Capitain und den Offizieren Schutz suchen. Eine anstürmende riesige Welle
fasste die Fregatte am Spiegel und man fühlte, wie sie wieder in's Wasser gehoben
wurde.
    »Sie ist flott, Sir!«
    Durch das Gewühl stürzte der Zimmermann nach hinten. Sein Gesicht war
bleich, Todesschreck in dem Auge des bewährten Seemannes. »Das Schiff ist leck,
Sir, es füllt sich rasch mit Wasser - wir können kaum noch zehn Minuten es flott
erhalten!«
    Die furchtbaren Worte waren trotz des Sturmes fast von Allen gehört worden
und ihre Wirkung zeigte sich augenblicklich in dem Aufhören jeder Ordnung und
Disciplin.
    Das Geschrei: »Das Schiff geht unter!« übertönte das Brüllen des Orkans.
Während Jeder seinen bisherigen Haltpunkt verliess und verzweifelnd umher rannte,
rissen die überschlagenden Wellen Leben auf Leben hinunter in den dunklen
Abgrund.
    Eine feste Männerhand fasste den Arm des Capitains in diesem furchtbaren
Augenblick. Umblickend sah er in das bleiche, aber entschlossene Gesicht des
französischen Colonels. »Dort ist ein zweites Feuer, Herr,« sagte der Offizier.
»Vielleicht kann es uns nützen!«
    »Sie haben Recht, Sir - es ist noch eine Hoffnung, wenigstens für Sie! Eilen
Sie Alle in's Vorderschiff und suchen Sie sich dort so gut als möglich
festzuhalten - verlassen Sie es um keinen Preis, denn Boote sind in diesem
Wogendrang unnütz. - Fort, fort, Alle, die nicht hier ihren Posten haben!« - Er
ergriff das Sprachrohr. »Ruhe auf dem Deck! Jeder Mann auf seinen Posten! Fort
da aus den Booten!«
    Eine Anzahl Matrosen hatte sich der Boote zu bemächtigen gesucht und war
beschäftigt, sie zu lösen. Der kalte Mut des Capitains brachte sie zum Gehorsam
und sie verliessen die Boote bis auf einen langen Schottländer, der ruhig
fortfuhr, die Krabber los zu machen.
    »Heraus aus dem Boot!«
    »Gott verdamm' mich, wenn ich's tu'! Jetzt ist Jeder hier Herr!«
    Die Worte wurden von dem Capitain nicht gehört, aber die Geberden
bezeichneten zur Genüge ihren trotzigen Sinn. Sie waren kaum ausgesprochen, als
Warburne stumm und energisch dem ersten Lieutenant, der in der Nähe des Bootes
stand, mit dem Finger nach dem Ungehorsamen deutete. Eine Handspeiche wirbelte
durch die Luft und fiel mit schwerem Schlag auf den Schädel des Mannes. Der
Unglückliche taumelte, griff nach den Tauen und fiel rücklings in's Meer.
    Die kaum einen Augenblick währende Scene erregte keine Teilnahme, ausser dass
sie die Zaudernden desto schneller zum Gehorsam brachte. »Männer,« sagte der
Capitain und seine Stimme schien das Brausen der Brandung zu beherrschen,
»zwanzig Jahre kommandire ich dies Schiff, und so lange eine Planke davon übrig,
werde ich Gehorsam zu erzwingen wissen. Alle Mann nach vorn, wer nicht auf dem
Hinterkastell Posten hat. Legt Kutter und Langboot mit Tauen am Stumpf des
Fockmastes fest und dann - Gott schütze Euch, Leute!«
    Alle drängten sich nach vorn bis auf die Männer, die diesseits des
Besaumasts ihren Posten hatten. Der erste Lieutenant stand neben dem Capitain.
»Darf ich Sie fragen, Capitain Warburne, was Sie mit dem Schiff beabsichtigen?«
    »Sehr gern. Sehen Sie dort die Öffnung in dem Felsenwall des Ufers, in der
das Feuer brennt?«
    »Ja, Sir!«
    »Es muss eine Bucht sein und das Feuer ist von mitleidigen Feinden
angezündet, um uns den Weg zu zeigen. Ich will versuchen, das Schiff dort hinein
zu führen oder wenigstens in dieser Richtung auf die Felsen auflaufen zu
lassen.«
    »Es wird in diesem Fall dem Wogendrang nicht zu widerstehen vermögen, Sir!«
    »Ich weiss es, aber ich hoffe wenigstens das Vorderschiff festzukeilen und
deshalb habe ich Alles nach vorn beordert.«
    »Ich sehe, Sir, dass es der einzige Ausweg ist. Erlauben Sie mir also, hier
meinen Posten einzunehmen, Ihre Befehle sollen erfüllt werden.«
    Der Capitain machte ein abwehrendes Zeichen. - »Nein, Hunter, so war es
nicht gemeint. Dieser Ehrenposten steht dem Kommandirenden zu. Eilen Sie in das
Vorderschiff und sorgen Sie, dass Alles vorbereitet ist; vielleicht wird ein oder
das andere Boot erhalten.«
    »Aber, Sir - -«
    »Ordre im Dienst, Herr! - Leben Sie wohl, Hunter, und Gott segne Sie Alle! -
Was wollen Sie hier, Frank?«
    Der Midshipman, der seinen Bruder in's Vorderschiff geleitet, war
zurückgekehrt und stand in seiner Nähe. »Was wollen Sie hier?«
    »Bei Adams bleiben und Ihnen, Capitain Warburne!«
    »Nichts da - der Deckmeister ist bereits dort, wo sein Capitain bald sein
wird. Nehmen Sie den Knaben mit fort, Hunter.«
    Es wagte Keiner mehr, zu widersprechen, seine Gestalt, der Ausdruck seines
Gesichts hatten etwas Feierliches. Der erste Lieutenant zog den Midshipman mit
sich fort, den ein Blick auf den alten Adams belehrte, dass der Capitain Recht
hatte.
    Warburne beobachtete, auf der Bank an der Wetterseite stehend und den
rechten Arm fest um das nächste Tau gepresst, die dunklen Massen des Ufers vor
ihnen. Seine kräftige Gestalt trotzte dort der vollen Wut des Sturmes, der sein
ergrautes Haar und seine Kleider peitschte.
    »Quartiermeister - herum mit dem Steuer, so gut es geht! Bringt die Fregatte
voll vor den Wind!«
    Die Männer am Steuer, an den Wanten, an den Zugleinen des grossen Seegels,
das, bis zum Äussersten gespannt, das Schiff fast mit der Geschwindigkeit der
Wellen vorwärts riss, standen wie eherne Statuen auf ihren Posten.
    »Halten Sie grad' aus auf das Feuer, Master Price!«
    »Ja, ja, Sir!«
    Die Worte waren kaum heraus, als die Fregatte, statt in jene Bucht unterhalb
des Schlosses Aju-Dagh einzufahren, bereits mitten in der rückschäumenden
Brandung auf die Felsenreihe stiess, welche den Eingang der Bucht umgab und ihn
für jeden Unkundigen unmöglich machte.
    Der Stoss warf fast Alle im Vorder- und Hinterschiff zu Boden und wiederum
erhob sich ein furchtbares Geschrei zum Nachtimmel, von den Flügeln des Sturmes
nach dem nahen Lande getragen. Die beiden noch stehenden Masten, der grosse und
der Besanmast, aus ihren Fugen gerissen, wankten zwei Mal hin und her und
stürzten dann krachend über Bord, eine Anzahl Menschen mit fort reissend.
Zugleich überflutete eine riesige Welle gleich einer Lawine und hob das Schiff
noch tiefer zwischen die Felsen.
    Es folgte ein zweiter, ein dritter Anprall der wütenden Wellen und der
letzte entschied das Schicksal des Schiffes. Die Fregatte brach mitten durch und
während das Vorderteil zwischen Felsen festgeklemmt und gewissermassen gesichert
war, riss die schwarze Woge das Quaterdeck und Hinterteil zurück. Einen
Augenblick sah man es auf dem Gipfel der schäumenden Wellen schweben und dann
verschlang es die dunkle Tiefe.
    Der letzte Jammerruf der Ertrinkenden, der Heldenmut, mit dem der Capitain
und die Halboffiziere am Steuer, bis zum letzten Augenblick ihrer Pflicht
getreu, den Opfertod erlitten, - das Alles bedeckte die Nacht und das Brüllen
der Brandung. Auch von den Vielen, die nach dem Befehl des Capitains auf dem
Vordercastell Schutz und Sicherheit gesucht, hatte mindestens die Hälfte das
Verderben erreicht und von den mehr als vierhundert Menschen, welche am Morgen
noch das Schiff getragen, waren jetzt kaum hundert noch am Leben, und jede
Minute, jede Welle riss ein neues Opfer aus der Reihe.
    Die beiden französischen Offiziere, Doctor Welland und der Baronet, die Lady
und das schwarze Geschwisterpaar befanden sich unter den bis jetzt erhaltenen
Passagieren; von den Offizieren des Schiffes waren ausser dem ersten Lieutenant
und dem Hochbootsmann noch drei Midshipmen auf dem Wrack, jene drei, denen
unsere erste Scene am Bord des Niger begegnet ist.
    Sobald das erste Entsetzen über den Untergang ihrer Kameraden vorüber war,
suchte Master Hunter ihre Lage zu überschauen. Die Stellung des Vordercastells
gewährte einigen Schutz gegen den Andrang der Wogen und jenseits der Felsen in
der Bucht zeigte sich verhältnissmässig ruhiges Wasser. Sie waren ungefähr 80 bis
100 Faden vom Lande entfernt und konnten deutlich um das dort brennende Feuer
Gestalten von Menschen sich bewegen sehen. -
    Jetzt zeigte sich, wie glücklich und zweckmässig der Befehl Capitain
Warburne's gewesen war, die Böte durch lange Taue an dem Stumpf des Fockmastes
zu befestigen. Die Lantsche war zwar bei dem Anprall und dem Bruch des Schiffes
fortgerissen und auf einem Felsen zerschmettert worden, zu seiner Freude aber
erblickte der Lieutenant den zweiten Kutter an seinem Tau glücklich innerhalb
der Bucht schwimmen. Dieselbe Woge, die das andere Boot vernichtet, hatte das
leichtere glücklich über die Felsen hinweggeschleudert.
    Frank sass bei seinem Bruder und unterstützte diesen; die anderen Passagiere,
dicht zusammengedrängt, hielten sich an die Taue, die mehrere der Matrosen an
den Kovein-Nägeln und anderen Teilen des Vordercastells festgebunden, nur dem
Arzt war es nicht gelungen, eine genügend ihn sichernde Stelle zu erreichen, er
sass auf dem äussern Ende eines der abgebrochenen Balken und hielt sich dort mit
Mühe fest. Ihm zunächst kauerte Gosset, der Midshipman, unter dem Bollwerk
gesichert und überdies an einer langen Bugleine sich festaltend. Der
selbstsüchtige Character des Menschen zeigt sich nie schroffer, als gerade in
Augenblicken gemeinsamer Gefahr, wenn die Bande der Ordnung gelöst sind und
Jeder nur an sich selbst denkt. Der Schiffbrüchige, der mit einer Spanne Platz,
mit einem Ausstrecken seines Armes seinen Kameraden retten könnte, weigert sich,
das geringste Opfer zu bringen, weil es ihn selbst vielleicht gefährden könnte!
    Jede neue anstürmende Welle drohte den Arzt von seinem Balken
hinwegzuschwemmen und nur mit der Kraft der Verzweiflung, die für das Leben
ringt, klammerte er sich noch an. Seine Geberden, sein Ruf baten den Midshipman,
ihm zu helfen, was dieser leicht von seinem sichern Standpunkt durch Zuwerfung
des Taues hätte tun können. Aber der junge Taugenichts dachte an Alles eher,
als das Geringste von seinen Vorteilen aufzuopfern, zumal er den Arzt für einen
Franzosen hielt.
    Lieutenant Hunter hatte eben den auf dem Wrack befindlichen Matrosen durch
Zeichen und Worte den Befehl erteilt, vorsichtig das Tau einzuholen, an welchem
das Boot trieb, als eine Welle, stärker als die andern, den Bord überspülte und
im Zurückprallen den Arzt mit in die Tiefe riss. Ein durchdringender gellender
Schrei erschütterte die Herzen, dann sahen die Erstaunten eine helle in weisse
Gewänder gehüllte Gestalt auf den Planken entlang fliegen, dem Midshipman die
Leine entreissen und sich in die Brandung stürzen. Zugleich sprangen der Mohr und
Frank Maubridge nach der Stelle, wo der Deutsche verschwunden war, und Gosset,
von Beiden zur Seite gestossen, erhielt für sein Schelten einen derben Fusstritt.
Ueber das Bollwerk gebeugt, schauten der Mohr und der Knabe mit Angst in die
schäumende Flut. Ein Freudenruf erhob sich aus Beider Brust, als ein weisses
Gewand emportauchte, eine Gestalt, die in ihren Armen festumschlossen eine
zweite hielt, und der junge Seeoffizier Griff um Griff die Leine einholte, die
sie aus der Nacht des Todes zum Leben zurückführte, während Jussuf, der Mohr,
sich weit über das Bollwerk lehnte, die Schwester und ihren frühern Gebieter vor
dem zerschmetternden Anprall zu bewahren.
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    Es mochten zwei Stunden seit der Abreise des Fürsten verflossen sein, als
Sergei Popotoff, der Kastellan im neuen Schloss, erschien, um Namens seiner
Gebieterin die französische Dame einzuladen, den Abend bei ihr zuzubringen, wenn
sie das Unwetter nicht scheue, um den Weg zu wagen. Es lag dem Obersten zu viel
daran, jede Chance der Annäherung an die Fürstin festzuhalten, als dass er
Celesten nicht sofort hätte senden sollen. Die Frauen sassen in dem Erkergemach
am Kamin, während der tobende Sturm die kolossalen Grundmauern des Schlosses zu
erschüttern schien, und die Französin fühlte sich bald beruhigt und erging sich
in dem lebhaften Geplauder ihrer Nation, da auch nicht die leiseste Anspielung
der jungen Fürstin darauf deutete, dass ihr ihre früheren Verhältnisse bekannt
seien.
    »Mein Bruder,« sagte Iwanowna auf eine Bemerkung der Französin, »ist der
Strapazen der Witterung gewöhnt und die hohen Felsenwände des Ufers brechen die
Wut des Orkans, so dass der an ihrem Fuss hin führende Landweg nach Alushta
verhältnissmässig sicher ist. Nur wen der Sturm auf dem Meere getroffen, schwebt
in grosser Gefahr, denn diese See, so lieblich und ruhig im Sonnenschein, ist
furchtbar und tückisch in ihrer Empörung, und wir werden sicher nach dem Sturme
von vielen Unglücksfällen hören.«
    »Es war am Nachmittag ein Schiff zu sehen am Rande des Horizonts.«
    »Ich sah es gleichfalls, als ich meinen Bruder geleitete, doch scheint es
glücklich davon geseegelt und das freie Meer gewonnen zu haben. Diese Küste wäre
sein Verderben.«
    »Graf Wassilkowitsch zweifelt daran, er meinte, dass es dem Ufer näher
gekommen und glaubte, noch vor einer halben Stunde seine Signallaterne auf der
See erkannt zu haben.«
    »Mein Gott, dann müssten die Unglücklichen in der höchsten Gefahr schweben
und bedürften eines Zeichens, sie vor der Annäherung an diese Felsen zu warnen.«
- Sie schlug an eine Glocke und sandte die eintretende Dienerin, den Kastellan
zu holen.
    »Ich möchte wissen, welcher Nation das Schiff gehört - man hat die Flagge in
der weiten Entfernung nicht erkannt,« meinte die Französin ängstlich.
    »Vielleicht Ihrer eigenen, Madame; doch das ist gleichgültig, es sind
Menschen in Lebensgefahr. - Hat man,« wandte sie sich zu dem eingetretenen
Kastellan, - »von dem Schiff, das sich gegen Abend auf dem Meere zeigte, seitdem
Etwas wahrgenommen?«
    »Der Sturm treibt es auf die Küste zu, Durchlaucht, man kann von der Höhe
aus deutlich seine Lichter sehen.«
    »Ist das Feuer auf der Plattform des Turmes angezündet, das bei solchem
Unwetter die Schiffe vor den Klippen warnen soll?«
    »Nein, Durchlaucht.«
    »Und warum nicht?«
    »Der Graf drüben befahl es zu unterlassen. Er meint, es könne nur ein
feindliches Schiff sein und unsere Pflicht fordere es, seinen Untergang zu
befördern.«
    »Das wären die Grundsätze tscherkessischer Strandräuber,« sagte die Fürstin
zornig, »nicht civilisirter Nationen. Hinauf auf den Turm, ehe fünf Minuten
vergehen, muss das Signalfeuer brennen. Die Heiligen geben, dass es nicht zu spät
sei.«
    Sie trat aufgeregt an das hohe Bogenfenster, das nach dem Meer schaute, und
Celeste folgte ihr ängstlich. Mit einem scharfen Opernglase durchforschten sie
durch die halb geöffneten Jalousieen die wilderregte dunkle Fläche, nachdem sie
das hindernde Licht im Gemach entfernt hatten.
    »Dort sehe ich Lichter - eins, zwei - sie schwanken auf den Wellen,« rief
die Französin, »jetzt sind sie verschwunden, doch jetzt, - dort wieder -«
    Die Fürstin nahm ihr das Glas ans der Hand und sah scharf hinaus. - »Ich
glaube das Schiff zu erkennen, wie ein schwarzes Gespenst malt es sich auf dem
Kamm der Wogen gegen den Horizont.«
    »Das Feuer auf dem Turm brennt, sie können jetzt die Küste erkennen und
sich retten.«
    »Das steht allein in Gottes Hand. Hat der Sturm sie schon zu nahe getrieben,
so kann nur Er helfen.«
    »Dort unten zündet man ein zweites Feuer an - man ist auf die Rettung der
Unglücklichen bedacht!«
    Die Fürstin riss die Glastür auf und stürzte auf den Altan, der sich vor dem
Fenster öffnete. Der Sturmwind fegte in das Gemach und schmetterte klirrend die
Scheiben aus ihren Rahmen. - »Das ist teuflisch - das heisst die Unglücklichen
unrettbar in's Verderben locken!« - Sie eilte zurück und ihr Ruf nach den
Dienern scholl durch den Corridor - doch Niemand war zu sehen, - die
Zimmerflucht der Fürstin ein verbotener Teil, dem nur Wenige zu nahen wagten.
    Erst das wiederholte Rufen führte Sergei Popotoff herbei. - - »Hinunter zur
Bucht,« herrschte ihm die Fürstin zu. »Man soll das Feuer dort unten
augenblicklich löschen! Die Bösewichter wissen allzuwohl, dass die Einfahrt in
die Bucht unmöglich ist!«
    Der Alte eilte davon. Mit Angst und Entsetzen beobachteten unterdess die
beiden Frauen den Horizont der Brandung, an dem man jetzt den Rumpf des grossen
Schiffes sich häufig deutlich emporheben sehen konnte, denn der Nachtimmel
hatte, obgleich von dunklen Sturmwolken umzogen, doch der Stellung des Mondes
halber eine gewisse Durchsichtigkeit angenommen, die ihn von den schwarzen
Gewässern sonderte, und von Zeit zu Zeit zeigten sich breite hellere
Streiflichter in dem Gewölk.
    »Es hat die Richtung hierher, die Unglücklichen glauben in den Schutz einer
Bucht einzulaufen. Sie sind unrettbar verloren!«
    »Durchlaucht,« sagte keuchend der in vollem Lauf zurückkehrende Kastellan,
»man weigert mir den Gehorsam dort unten. Das Schiff sei ein feindliches und
müsse in die Felsen gelockt werden. Der alte Mann, der mit dem Fürsten kam, hat
den Rat gegeben und Oberst Wassilkowitsch den Dienern gesagt, dass ihm von dem
Fürsten-Stattalter der Befehl an dieser Küste vertraut sei.«
    Einen Augenblick stand das junge Mädchen unentschlossen, die Hand an die
Schläfe gepresst, dann richtete sie sich mit kräftigem Entschluss empor. Mit zwei
Schritten war sie an der Tapetentür und hatte den Schlüssel derselben umgedreht
und abgezogen; dann warf sie einen kurzen Pelz um die Schultern und barg das
Lockenhaupt in ein gleiches Capuchon. - »Ich muss hinunter, Madame, an's Meer,«
sagte sie erregt und hastig »um Unglück oder Verbrechen zu hindern, so viel in
meiner Macht steht. Haben Sie Mut, so tun Sie wie ich und folgen Sie mir.
Sergei, sende alle unsere Leute an die Bucht mit Seilen und Stangen!« - Sie
verliess eilig das Gemach; Celeste, in dem Kampf zwischen der Furcht, allein zu
bleiben und der, sich dem Unwetter auszusetzen, wurde bald von jener allen
Frauen eigenen Lust am Abenteuerlichen bewogen und eilte, in ihren Mantel
gehüllt, der Fürstin nach. -
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    Unterhalb der Terrassen, wo die Bucht zwischen breiten Felsenwänden am Fuss
der Schlossberge sich öffnete, brannte ein mächtiges Feuer. Wilde, erregte
Gestalten standen umher, die Blicke nach dem gescheiterten Schiffe gekehrt, das
draussen zwischen den Felsenriffen hing.
    Auf einen halbverbrannten Ast gestützt, schaute mit satanischer Freude der
greise Tabuntschik hinaus in die Nacht. - »Passt auf, Erlaucht, - ich wette
meinen Kopf, dass ich Recht hatte, es sind Engländer, welche dir Heiligen in
unsere Hand geben, auf dass wir ein Opfer bringen dem gesegneten Russland!«
    »Sie haben ein Boot gesichert,« entgegnete der Oberst, das Glas vor die
Augen geklemmt, »sie machen den Versuch, zu landen!«
    »Mögen sie verflucht sein in alle Ewigkeit! Es wäre ihnen besser, sie lägen
bereits auf dem Grunde des Meeres. - Passt auf, Männer! So wie sie das Ufer
berühren, über sie her und zurück mit ihnen in die Wellen!«
    Der wilde Haufe der Leibeigenen und Diener begrüsste voll grimmigen Hasses
mit Jubelgeschrei den unmenschlichen Befehl.
    Das Wasser in der Bucht, durch die Felsenkämme von dem sturmflutenden Meere
getrennt, war verhältnissmässig ruhig, wenigstens gefahrlos, wenn auch die Wellen
hoch an der Uferbank emporschäumten. Die Schiffbrüchigen hatten das Boot
glücklich an sich gezogen, ein kleiner Leck im Boden war rasch gestopft und auf
des Lieutenants Befehl unternahm der Midshipman Maubridge mit der englischen
Dame, den beiden Franzosen, dem Arzt, dem Baronet und sechs Matrosen die erste
Ueberfahrt.
    Die Hoffnung der Rettung stählte die Arme der Männer und ihre kräftigen
Ruderschläge führten das Boot glücklich an's Ufer, obschon trotz des Zurufs
keine Hand sich regte, ihnen ein Tau zuzuwerfen. Kaum aber hatte der Kutter
angelegt und die Schiffbrüchigen sprangen an's Land, als mit wildem Geheul die
Rotte auf sie zustürmte, Waffen und Pfähle in der Hand, sie zu Boden zu
schlagen.
    »Morbleu! Kamerad,« fluchte Capitain Depuis, »die Bestien sind ärger, als
der Sturm draussen auf dem Meere. Es gilt um unser Leben zu fechten!« - Mit einem
Bootshaken wehrte er tapfer die Andringenden ab.
    Der Colonel sah in dem Obersten einen Mann von Stande, ohne ihn in den
ersten Augenblicken, von dem Spritzwasser und dem Feuer geblendet, zu erkennen.
- »Mein Herr,« rief er mit lauter Stimme in französischer Sprache, »wir sind
Schiffbrüchige und ergeben uns als Gefangene. Schützen Sie uns vor diesem
Gesindel.«
    Der Ton der Stimme weckte das Echo des Hasses in der Brust des russischen
Offiziers, der sich bisher wenigstens fern von dem feigen meuchlerischen Angriff
gehalten hatte. Mit einem Sprunge war er in der Nähe des Ufers. - »Vicomte de
Méricourt?«
    »Graf Wassilkowitsch -?«
    Ein gellendes Hohnlachen des Russen gab die Antwort. - »Zurück mit den
französischen Spitzbuben in's Wasser! Keinen Pardon für die Feinde des heiligen
Russland's!« - Und er selbst, den Säbel hochgeschwungen, führte die wilde Schaar
gegen die Unglücklichen, die sich zu wehren suchten, so gut es ging.
    Auf Depuis stürzte der alte Tabuntschik ein. Der brave Capitain so vielen
Gefahren des Feldzugs an der Donau glücklich entronnen, von der Seuche genesen
und aus dem Toben des Meeres gerettet, schwang mutig den Bootshaken zur
Verteidigung, als ihn die schwere, noch Funken glimmende Keule des Rosshirten
mit gewaltigem Schlage traf und in die Kniee schmetterte. - »Méricourt, zu Hilfe
- man mordet mich!«
    Der Colonel liess die britische Dame von seinem Arm und war im Sprunge neben
dem blutenden, betäubten Freund. Er führte keine Waffe, mit der Kraft seiner
Arme allein warf er sich den Blutdürstigen entgegen.
    »Zu Boden mit ihm, Michael! Tod dem Franzosen!« - Es bedurfte des anregenden
Zurufs des russischen Obersten nicht, der Tabuntschik schwang seine riesige
Keule wild um das Haupt zum Todesstreich.
    Da fuhr es dazwischen wie ein Sonnenstrahl - wie ein Engelsbild aus
Himmelshöhen zwischen den blutigen grausamen Mord: Iwanowna, die Fürstin, die
Kapuze zurückgeworfen, die Hand drohend erhoben, das flammende Auge zürnend auf
die Mörder gerichtet. »Zurück mit Euch! - wage Keiner, sie anzurühren, so lieb
ihm sein Leben ist! sie stehen in meinem Schutz!«
    Der Tabuntschik starrte sie erstaunt an. »Was haben Frauen zu tun bei dem
Männerwerk? - Sie müssen sterben zur Sühne für das heilige Russland!«
    »Sie werden nicht sterben, grausamer alter Mann! Russland führt mit
feindlichen Soldaten, nicht mit Schiffbrüchigen Krieg! - Zurück da, Ihr Sclaven
- ich lasse Den zu Tode peitschen, der noch eine Hand zu erheben wagt! - Graf
Wassilkowitsch, schämen Sie sich dieser Tat gegen Hilflose!«
    »Ich begreife,« sagte der Oberst, durch die alle seine Pläne durchkreuzende
unglückliche Begegnung zum Vergessen aller Vorsicht aufgereizt, »dass die Fürstin
Oczakoff ihre Bewunderer von Paris nicht als Feinde betrachten will. Indes muss
ich ihrer Menschenfreundlichkeit Einhalt tun; ich führe seit heute Morgen das
Kommando an der Küste und bin verantwortlich -«
    Die Fürstin, die bisher die Schiffbrüchigen nicht näher beachtet hatte,
sondern bloss auf ihre Rettung bedacht gewesen war, schaute sich bei den
boshaften Worten des Obersten fragend nach ihnen um und ihr Blick begegnete dem
feurigen festen Auge Méricourt's, der seit ihrem unerwarteten Erscheinen sich
mit dem blutenden Freunde beschäftigt hatte.
    »Vicomte de Méricourt - Sie hier?!«
    Er beugte sich auf die Hand, die sie ihm unwillkürlich reichte. »Es ist eine
traurige Begegnung, Fürstin. Lassen Sie mich, um früherer glücklicherer
Erinnerungen willen, meine Schicksalsgenossen und jene Unglücklichen, die noch
dort auf den Klippen um ihr Leben ringen, Ihrem Herzen empfehlen. Helfen Sie, so
lange noch menschliche Hilfe möglich ist! Wenn Sie hier gebieten, sind wir Ihre
Gefangenen!«
    »Ich kann in Ihnen nur Schiffbrüchige sehen, nicht Feinde, Herr Vicomte. Und
wäre dies, so hätte ich für meinen Bruder den Tag von Inkermann zu lösen.
Verfügen Sie über meine Diener.«
    Sie befahl mit strengem Ton dem herbeigekommenen Schlossvogt und jedem der
Anwesenden, Hand anzulegen zur Rettung der Gefährdeten. Während eine Tragbahre
geholt wurde, um den schwer verwundeten Genie-Capitain zu transportiren, hatte
der Midshipman Frank und seine Matrosen das Boot zurückgeführt und mit einem
langen Seil das Wrack mit dem Ufer verbunden. Es war, als ob der Orkan mit dem
Untergang des Schiffs den Gipfel seines Tobens erreicht gehabt, denn von Minute
zu Minute liess jetzt seine Gewalt nach und vor der Wut der Wogen schützte die
Reihe der Klippen. Vier Fahrten des Kutters hatten jetzt alle noch am Bord
Lebenden an's Ufer gebracht: - siebenundfünfzig Menschen, die von der Bemannung
und der Passagierzahl übrig geblieben waren; mehr als Dreihundert hatten ihr
Grab in den Wellen gefunden.
    Lieutenant Hunter war der Letzte, der das Wrack verliess. Jetzt standen sie,
in Gruppen zusammengedrängt, durchnässt, frierend und trostlos, an jenem Feuer,
das ihr Verderben, wenn nicht herbeigeführt, doch beschleunigt hatte, und
harrten der Entscheidung ihres Schicksals.
    Schweigend und mit gewaltsam zurückgedrängtem Zorn hatte Graf Wassilkowitsch
die Anstalten des jungen Mädchens und die Landung der Schiffbrüchigen
beobachtet. Die Furcht vor der Herrin hatte all' die Diener und Leibeigenen, die
seine Befehle und Anreizungen gegen die Feinde aufgestachelt, von ihm abfallen
gemacht bis auf den Tabuntschik, welcher in finsterer Haltung, auf seine Keule
gestützt neben ihm stand. Erbitterung, die geweckte Grausamkeit und der Hass
gegen seinen persönlichen Feind kämpften in seinem Innern mit der Besorgnis,
seinen Wünschen und Absichten bei der Fürstin durch ein schroffes Entgegentreten
zu schaden. Dennoch siegte die Eifersucht und er beschloss, seiner neuen Stellug
Gehorsam zu verschaffen. Mit diesem Entschluss nahte er sich der Dame, als diese
eben den Befehl erteilt hatte, die Geretteten hinauf nach dem alten Schloss zu
führen.
    »Ich bedaure,« sagte der Oberst ernst, »meine Gegenwart in diesem Augenblick
der Fürstin Oczakoff aufdringen zu müssen, doch weiss sie selbst, dass ich nicht
eher Gelegenheit hatte, meine Ehrfurcht zu bezeigen. Darf ich fragen, was ihre
Absichten in Betreff dieser Gefangenen sind?«
    Die Fürstin sah ihn ruhig und kalt an. »Diese Leute, Herr Graf,« entgegnete
sie, »sind für mich unglückliche Schiffbrüchige, nicht Gefangene, bis der
General-Gouverneur, an den ich sofort Nachricht senden werde, über sie
entschieden hat. Diese Herren aber hier« - sie wies nach den Offizieren -
»werden vorläufig meine Gäste sein, wie Sie, Herr Graf.«
    Der Oberst konnte ein höhnisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bedaure,«
sagte er, »diesen Edelmut nicht teilen zu können. Diese Herren gehören zu den
Feinden des Landes, sind auf einem Kriegsschiff an unserer Küste in
Gefangenschaft geraten und ich will sie sofort als Gefangene behandelt wissen.«
    »Mit welchem Recht massen Sie sich an, auf meinem Eigentum so zu handeln?«
    »Mit dem Recht, das mir die Ordre des Generall-Gouverneurs als Kommandant
dieser Küstenstrecke gibt. Ihr Bruder selbst, Fürstin, überbrachte heute Morgen
diese Ordre und Ihr Schloss steht unter meinem Schutz und meinem Befehl.«
    Die Fürstin schaute ihm trotzig in das tückisch blickende Auge. Die
Blutfarbe ihres Gesichts färbte sich mit höherem Rot, die schön geformte
Oberlippe schwellte sich im Gefühl zornigen Widerstandes. »Sie irren, Graf
Wassilkowitsch; noch bin ich die Herrin!«
    »Zwingen Sie mich nicht,« sagte der Oberst erbittert. »Ihren Dienern diesen
Befehl, der im Namen des Kaisers lautet, zu zeigen. Sie werden nicht wagen, ihm
als Rebellin zu trotzen.« Er hielt ihr die Ordre entgegen.
    »Ich werde es!« entgegnete sie stolz und gebieterisch. »Diese Ordre erteilt
Ihnen ausdrücklich, wie ich von meinem Bruder weiss, den Befehl in unserem
Eigentum von dem Augenblick an, wo die Truppen zur Besetzung eintreffen, -
nicht eher. Bis dahin, Oberst Wassilkowitsch, erinnern Sie sich, dass Sie allein
die Eigenschaft eines Gastes meines Bruders für mich haben, und wagen Sie nicht,
diese zu missbrauchen!«
    »Ich würdige ganz das Unwillkommene derselben,« sagte der Russe höhnisch,
diesmal in französischer Sprache, um von den fremden Zeugen dieser Scene
verstanden zu werden, »um so mehr, als ich Personen hier sehe, welche der
Fürstin Oczakoff willkommener zu sein scheinen, obschon sie die Feinde ihres
Landes sind. Ich werde meine Massregeln danach nehmen.«
    Der französische Colonel trat einen Schritt vor gegen den Grafen, doch die
Hand Iwanowna's hielt ihn mit einer Bewegung zurück. Ihr schönes Gesicht flammte
in edlem Stolz, ihr grosses, volles Auge schien Feuer zu sprühen. - »Das Haus
meiner Väter schützt den Gast, selbst wenn er nicht besser als ein Strandräuber
und Meuchelmörder wäre,« sagte sie fest. »Hüten Sie sich, Graf Wassilkowitsch,
dass ich diesen Männern nicht sage, wer dieses Feuer angezündet und auf bübische
Weise Hunderte von ihnen in's Verderben gelockt hat! - Ich bitte um Ihren Arm,
Herr Vicomte, meine Diener werden für Ihren Freund sorgen!«
    Sie wandte sich mit einer unnachahmlichen Geberde verachtenden Stolzes von
dem Grafen ab zu den Fremden und reichte dem Vicomte die Hand.
    Der Oberst sah sie knirschend die Terrassen emporsteigen. Sein dämonischer
Blick voll Hass und Groll verfolgte sie, bis sie im Eingang verschwanden, dann -
während Sergei, der Kastellan, die Geretteten von den Dienern des Schlosses
hinauf führen liess und vier derselben die Trage mit dem Verwundeten so sorgsam
als möglich aufnahmen, - stieg er selbst auf der andern Seite hinan, nur von
Michael, dem Tabuntschik, und der Pariserin begleitet.
    An dem Feuer, das die Fregatte in die Bucht gelockt, das so vielen Tapferen
das Leben gekostet, blieben nur einige in Hütten zerstreut umher wohnende
Eingeborene zurück, um das entfernte Wrack mit gierigen Blicken zu überwachen,
und zu erwarten, was der finstere Wellengott bei seiner Zertrümmerung an die
Küste führen würde.
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    Der Sturm hatte ausgetobt, nur die Trümmer, welche rings die Brandung an's
Ufer geworfen, und ein Teil des noch immer zwischen den Felsen festgeklemmten
Vorderkastells der einst so stattlichen Fregatte zeigte von den Verheerungen,
die er angerichtet. An der ganzen Küste entlang hatte er mit gleicher Heftigkeit
gewütet, so dass die ältesten Leute sich nicht eines ähnlichen erinnern konnten.
Die Ufer der Krimm waren mit den Trümmern zu Grunde gegangener feindlicher
Schiffe bedeckt. Bei Eupatoria waren zwei Linienschiffe, darunter der »Heinrich
IV.«, zwei Dampfer und dreizehn kleinere Schiffe gestrandet; bei Sebastopol
vierzehn und ausserdem mehrere bei Balaclawa und an den Felsenküsten der
Ostseite. Aehnlich war die Verheerung im Lager der Alliirten; die Zelte waren
umgestürzt, die Hütten zerstört worden, eine allgemeine Verwirrung und Betäubung
herrschte und die französische Armee dachte bereits an jene Schrecken der Natur,
die vor zweiundvierzig Jahren so furchtbar für Russland aufgetreten waren.
    Der Sturm hatte sich zwar in der Nacht gänzlich gelegt, aber ein
unfreundliches Wetter war eingetreten und der Winter hatte begonnen. Es schneite
und regnete fortwährend. Im Schloss Aju waren die Schiffbrüchigen, so gut es
ging, untergebracht und Alles war zu ihrer Verpflegung und Unterstützung getan,
wie die Herrin befohlen. Im Uebrigen aber zeigten die Diener und Eingeborenen
eher mürrischen Groll über den Zwang, dem sie sich beugen mussten, als
Teilnahme, und mancher Blick des Nationalhasses ward getauscht, als die
Erschöpften erst sich wieder zu fühlen begannen.
    Die britischen Matrosen und Soldaten, die von der Fregatte gerettet worden,
standen während des Tages in einzelnen Gruppen in den Hallen und dem Hofe des
Schlosses umher, betrachteten mit Missmut die hohen Mauern und die aufgezogene
Zugbrücke und besprachen mit einander ihr Schicksal. Es war offenbar, dass, wenn
sie irgend das Land gekannt und gewusst hätten, wohin sie sich wenden sollten,
sie den Versuch gemacht haben würden, das Lager der Alliirten zu erreichen.
Dasselbe Tema wurde mehrfach in dem grossen Gemach abgehandelt, in dem die
Offiziere ihren Platz und reichliche Brwirtung gefunden hatten. Bei aller Güte,
welche die schöne Herrin des Schlosses für sie bewies, konnten sie sich doch
nicht verhehlen, dass sie so gut wie Gefangene waren, und die Nachricht, dass
vielleicht schon am andern, jedenfalls zweitfolgenden Tage ein russisches
Detaschement erwartet wurde, machte dies Loos gewiss. Das Schicksal der Besatzung
des Tiger bei der Strandung am Ufer von Odessa war unzweifelhaft auch das ihre,
und wahrscheinlich ein härteres und mit grösseren Unannehmlichkeiten verbunden,
da seitdem durch die Belagerung Sebastopols die Erbitterung unter den Russen
bedeutend gestiegen war.
    Auch die Fürstin empfand das Schwierige ihrer Lage. Sie hatte am Morgen
einen der Kosacken mit der Anzeige des Strandens der Fregatte in das
Hauptquartier nach Baktschiserai geschickt, doch wusste sie, dass die Truppen von
Kaffa und Symferopol, welche dem Obersten untergeordnet worden, eher eintreffen
mussten, als die Bestimmung des General-Gouverneurs, und dass Graf Wossilkowitsch
dann das Recht und die Mittel in Händen hatte, seinen Absichten Gehorsam zu
erzwingen. Der Verkehr zwischen dem alten und neuen Schloss schien während des
Tages ganz abgebrochen, doch hatte sie teils selbst bemerkt, teils war ihr von
Sergei und der tatarischen Zofe berichtet worden, dass drüben grosse Tätigkeit zu
herrschen schien. Boten hatten zu Pferde das Tor der Villa verlassen und die
Richtung nach Yalta und Alushta eingeschlagen. Eine neue Gefahr drohte von
anderer Seite. Der Schiffbruch hatte, sobald sich die Nachricht verbreitete,
eine Menge Bewohner der Gegend herbeigezogen, Fischer, Tataren, Leibeigene
anderer Grundherren und eine der zahlreichen Zigeunerhorden, wie sie
umherziehend einen Teil der Bevölkerung der Krimm bilden. Wohl an zweihundert
wilde, ihrer Botmässigkeit, die sich auf das kleine Gebiet des Schlosses
erstreckte, nicht untertane Männer lagerten, der Witterung trotzend, am
Meeresstrand und teilten sich in die Beute, die teils das Meer an's Ufer
geworfen, teils sie selbst aus dem Wrack plündernd geholt hatten. In Allen
lebte offenbar Hass gegen die geretteten Feinde, durch die grausame Plünderungen,
welche kurz vorher englische Schiffe an der unbeschützten Küste verübt hatten,
zur grimmen blutdürstigen Erbitterung gesteigert. Der alte Tabuntschik ging
wiederholt unter ihnen umher, und schien die Leute zu einem unbekannten
Unternehmen anzuspornen und zu bereden, wie die häufig nach dem Schloss
gerichteten Geberden bewiesen. Die Fürstin hatte daher strengen Befehl gegeben,
alle Ausgänge des Schlosses sorgfältig zu schliessen, und die gefährdeten nach
der Terrasse hin zu verrammeln, so dass kein Ueberfall zu besorgen war. Am
Vormittag hatte sie die Vornehmeren der Geretteten und die englische Dame
empfangen, der sie Kleider und Wäsche gesandt und jede Höflichkeit erzeigt
hatte, die ihr Geschlecht forderte. Seitdem hatte die Fürstin vermieden, mit den
männlichen Gästen zusammenzutreffen - sie fürchtete, ihn wieder zu sehen. Die
Lady war bei ihr geblieben.
    Es war am Nachmittag, als der Colonel in einem kleinen gewölbten Gemach am
Lager seines verwundeten Kameraden sass, an dem er den Arzt abgelöst. Doctor
Welland hatte die Nacht und den Vormittag bei dem Patienten zugebracht, der im
wilden Fieberwahnsinn ras'the, bald sich noch von den Wellen umbraust, bald sich
im Getümmel der Schlacht wähnend. Die Lebenskraft, der frische Mut, die den
Gefahren und dem Elend des Donau-Feldzugs, dem Tode in den Laufgräben vor
Sebastopol und den Schrecken der Cholera getrotzt hatten und glücklich entgangen
waren, die ihn eben noch gerettet aus dem Toben des Orkans - sie lagen gebrochen
jetzt von dem hinterlistigen Schlag eines Greises, und in wildem Gehirnfieber
verzehrte sich Leben und Geist.
    Doctor Welland hatte alle mögliche Hilfe seiner Kunst aufgeboten, dem Manne,
der ihn vor wenigen Monaten noch vor dem Tode des Verbrechers gerettet, jetzt
selbst das Leben zu erhalten, und darüber noch nicht ein Mal Zeit gefunden, an
die wunderbare neue Bewahrung des seinen zu denken und die beiden Schwarzen
aufzusuchen, denen er sie verdankte. Er wusste, es war Jussuf, der On-Baschi, der
den Colonel begleitete, und er mochte vielleicht ahnen, wer die schwarze
Verhüllte war, die sich ihm in das tobende Meer nachgestürzt, obschon er ihre
Gegenwart auf dem Schiffe erst nach dem Ausbruch des Sturmes bemerkt hatte. Seit
sie auf dem Schloss waren, schien sie auf's Neue verschwunden oder ihn
wenigsten sorgfältig zu meiden, und mannigfache widerstrebende Gefühle hinderten
ihn, den On-Baschi nach seiner Begleiterin zu fragen.
    Jetzt hatte der Arzt erschöpft sich einige Ruhe gegönnt, nachdem es ihm
gelungen war, die wilde Aufregung des Fieberkranken zu besänftigen, der jetzt in
apatischem Schlaf lag. Méricourt hatte bereits zwei Stunden an seiner Seite
gesessen, fast eben so bewegungslos als der Kranke selbst - seine Gedanken waren
bei dem unerwarteten Wiederfinden der Geliebten, seine Träume bei ihr, so nah'
und doch so fern, kaum durch Schritte getrennt, und doch durch Völkergeschicke
geschieden.
    Er dachte an sie! - Wenn des erprobten Mannes geharnischte Seele die Liebe
erfüllt, geschieht es mit ihrer ganzen urewigen Gewalt, mit jener unermesslichen
geheimen Kraft des Lebens, die eine Bürgschaft ist für das ewige auf den
Sternen.
    Blut, Ehrgeiz, Menschenhass - selbst die Phantome mit jenen edlen Namen der
Ehre, des Ruhms und des Vaterlandes - bauten Wälle zwischen ihren Herzen; -
Wälle und Mauern aber sind menschliche Erfindungen und scheiden nur Körper,
nicht Seelen! Er wusste, dass sie ihn liebte - was tut es, ob sein Arm sie
umschlingt? - Herzen lassen nicht von Herzen!
    Ein leises Geräusch erweckte ihn aus seinen Träumen. Als er die Tür
öffnete, stand das tatarische Mädchen vor ihm, das ausschliesslich die Fürstin
bediente. Ihre zitternde Hand hielt ein Billet, dessen Adresse sie ihm wies.
    Die Adresse lautete an ihn.
    Er riss es auf - es entielt nur wenige Worte, Iwanowna unterzeichnet:
»Folgen Sie der Ueberbringerin - ich muss Sie sprechen!« - Er sah auf den
schlafenden Freund. Dann winkte er der Tatarin, der er sich durch die Sprache
nicht verständlich machen konnte, zu harren und ging, Jussuf zu holen, den er
auch glücklich in der Nähe traf und zu dem Kranken sandte. Ein zweiter Wink an
das Mädchen, dass er bereit sei, und sie ging voran bis zu jenem Erkerzimmer, dem
Aufentalt ihrer Gebieterin. Sie hob die Portiere und liess ihn eintreten.
    Er fand sich getäuscht in seinem Hoffen, die Fürstin war nicht allein, die
englische Dame, seine Reisegefährtin auf der gestrandeten Fregatte, bei ihr.
    Iwanowna Oczakoff stand in der Mitte des Gemachs, ihre gewöhnliche und
ruhige Haltung war einer Erregung von Aussen gewichen, verschiedenartige Gefühle
schienen in ihr zu kämpfen, während sie stumm und mit niedergeschlagenen Blicken
die ehrerbietige Begrüssung des Offiziers erwiederte; indes die fremde Dame mit
dem gemessenen zurückhaltenden Wesen, das den vornehmen Engländerinnen eigen
ist, Beide beobachtete. Hätte der Vicomte Zeit oder Lust gehabt, dieselbe näher
zu betrachten, so würde er gefunden haben, dass auch auf ihrem Gesicht sich
Unruhe und Besorgnis häufig zeigten.
    »Ich würde es nicht gewagt haben, die Zurückgezogenheit unserer grossmütigen
Retterin zu stören,« sagte der Vicomte, nachdem er auf den Wink der Dame Platz
auf einem Fauteuil genommen hatte, »so sehr ich auch wünschte, ihr besonders
meinen Dank abzustatten, - Ihre Erlaubnis muss mich daher entschuldigen.«
    Die Fürstin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Wir haben keine
Zeit zu Einleitungen, noch zu Formen der Höflichkeit, Herr Vicomte,« sagte sie.
»Der Krieg unserer Monarchen kann uns wenigstens die früheren freundlichen
persönlichen Erinnerungen nicht vergessen machen; Iwanowna grüsst Sie wie damals,
als sie Ihnen an jenem unglücklichen Tage ihre Hand zum Dank für das Opfer
reichte, das Sie ihrer Schwesterliche gebracht. Iwanowna Oczakoff, mein Herr,
trägt das Gedächtnis an jene Stunde noch unverändert in ihrem Herzen.«
    »Fürstin -« er beugte sich verwirrt, betäubt von dem süssen Geständnis über
die Hand, die sie ihm reichte und bedeckte diese mit Küssen.
    »Still, mein Freund - jene Dame dort darf wohl hören, dass die Tochter der
wilden Steppen des Ostens offen und frei die Liebe zu dem Edlen und Würdigen
gesteht, aber sie muss auch sehen, dass die Russin die Pflicht für ihr Vaterland
kennt und für den Feind desselben nur die Erinnerung des Herzens hat. Diese
allein gehört uns - für das Uebrige hat das Schicksal, dem wir uns beugen
müssen, Meere von Blut und Unglück zwischen uns gedrängt.«
    Er senkte das blitzende Auge und liess langsam und traurig die schöne Hand
los, die ihn willkommen geheissen.
    »Sie haben den Grafen Wassilkowitsch erkannt, gestern bei jener furchtbaren
Scene?«
    Er bejahte.
    »Er hasst Sie - noch bitterer, wie damals, als er das unselige Missverständnis
zwischen Ihnen und meinem Bruder hervorrief. Vieles ist mir deutlich geworden
erst seit Kurzem. Sie wissen,« - eine dunkle Röte überzog ihr schönes Gesicht -
»warum er Sie hasst, und Sie wurden jetzt, wie mein Bruder mir erzählt, noch sein
Sieger bei Silistria, was eine Bitterkeit vermehrt.«
    »Ich kümmere mich wenig darum, Fürstin!«
    »Fürchten Sie Alles von ihm. Leider reicht wahrscheinlich schon morgen meine
Macht nicht mehr hin, Sie zu schützen. Er ist zum Befehlshaber an dieser Küste
ernannt und jeden Augenbild können die kommandirten Abteilungen unserer Truppen
eintreffen.«
    »Dann müssen wir ausführen, was wir beschlossen haben. Ihre Grossmut,
Fürstin, hat es verweigert, uns als Kriegsgefangene anzusehen. Wir sind demnach
durch Nichts gebunden. Wir sind sechsundfünfzig rüstige Männer und wollen
versuchen, zu Lande Balaclawa zu erreichen.«
    »Es ist unmöglich - lesen Sie! Deshalb eben liess ich Sie holen, denn die
Lady hier hatte mir gleichfalls Ihre Absichten mitgeteilt.« Sie reichte ihm das
Blatt, das ihre Hand bei seinem Eintritt gehalten. »Es ist von einer
Landsmännin, einer französischen Dame, geschrieben,« sagte sie mit einer
leichten Verlegenheit, »die, so viel ich weiss, einen Verwandten des Obersten
geheiratet und nach jenes Tode oder Verbannung von Bukarest ihn hierher
begleitet hat.«
    Der Offizier las; das flüchtig mit Bleistift geschriebene Billet lautete:
        »Meine Fürstin!
    Ihre Freundlichkeit durch eine Warnung zu vergelten, ist mir Pflicht. Auch
bin ich Französin und kann unmöglich meine Landsleute mit kaltem Blute morden
sehen. Finstere Pläne gegen die Schiffbrüchigen sind im Werk - ich weiss nur so
viel, dass Boten abgegangen, um die Ueberkunft der Truppen zu beschleunigen. Das
Landvolk der Gegend, voll Erbitterung gegen die Alliirten, ist aufgeboten und
ein Haufe Gesindel, mehr als Zweihundert, bewacht die Wege vom Schloss, um Ihre
Schützlinge zu verhindern, zu dem französischen Streifcorps zu gelangen, das
kaum drei Stunden von hier im Gebirge diesen Morgen sich gezeigt hat. Aber ich
fürchte, man hat Schlimmeres noch mit den Unglücklichen vor, als sie gefangen zu
nehmen; der Graf hat ihr Verderben geschworen. Ich hoffe, einen der Diener zu
bestechen, dass er diese Zeilen Ihnen bringt und flehe, vollenden Sie das
begonnene Werk der Rettung.
                                                                             C.«
    Einige Augenblicke sann er stillschweigend nach, dann sagte er aufblickend:
    »Es bleibt uns demnach nur übrig, den gefassten Plan festzuhalten und uns
durchzuschlagen, wenn wir Waffen bekommen können. Vielleicht finden sich deren
genug hier im Schloss?«
    »Es wird an ihnen nicht fehlen, wenn es die Verteidigung meiner Gäste
gilt,« erwiederte die Fürstin streng, »nie aber werde ich Ihnen Waffen geben, um
Russen, meine Landsleute, anzugreifen.«
    Er schwieg.
    »Hören Sie mich an, mein Freund. Der Hass des Oberst Wassilkowitsch richtet
sich vorzüglich gegen Sie. Sind Sie entfernt und gerettet, so werden Ihre
Kameraden Nichts zu fürchten haben und man wird sie in ehrenvoller
Gefangenschaft halten, wie die Mannschaft, die in Odessa in unsere Hände fiel.
Sie müssen fliehen, Vicomte, Sie allein.«
    »Das ist unmöglich!«
    »Ich habe die Mittel in Händen, Sie unentdeckt aus diesem Schloss zu
bringen. Pferde harren zwei Werst von hier in einem Versteck am Ufer der See;
ein sicherer, mir ergebener Mann ist dabei und kann Sie geleiten. Verkleidet
werden Sie leicht durch das Land und bis zu einem Posten der Ihren kommen,
während eine grössere Zahl entdeckt und angegriffen werden würde. Sie werden
diese Flucht noch diese Nacht antreten und morgen gerettet sein.«
    Er schüttelte den Kopf. - »Ich danke Ihnen, Iwanowna, aber ich wiederhole
Ihnen, es ist unmöglich. Ich darf meine Kameraden im Unglück nicht feig
verlassen, um mich selbst zu retten, und Sie täuschen sich, wenn Sie glauben,
Graf Wassilkowitsch würde an ihnen nicht mein Entkommen desto grausamer rächen.
Ich teile unter allen Umständen ihr Schicksal.«
    Die Fürstin wusste ihm Nichts zu erwiedern, denn sie fühlte die Richtigkeit
seiner Bemerkung und kannte die Grausamkeit des Volkes, wo seine Leidenschaft
geweckt und kein stärkerer Wille da war, der sie zügelte. Sie presste unruhig die
Hände an die pochenden Schläfe. »Aber ich kann, ich darf Sie nicht der Gefahr,
dem sichern Verderben überlassen.«
    »Vielleicht könnte man sich in diesem Schloss halten, bis unsere Truppen, die
so nahe sein sollen, uns entsetzen,« sagte Mistress Duberly die mit
Aufmerksamkeit bisher dem Gespräch zugehört hatte, ohne sich einzumischen.
    »Sie haben Recht, Mylady - dies wäre der einzige Weg. Wir müssen auf Hilfe
von Aussen bauen. Wenn die französischen Streifcorps nur drei Stunden von hier
entfernt sind, so können sie benachrichtigt werden.«
    »Aber ich darf unmöglich Feinde gegen meine Landsleute zu Hilfe rufen!«
    »Ich verbürge mich mit meiner Ehre, Fürstin, dass - wer auch die
französischen Truppen kommandiert, - keine Waffe wider unsere Gegner erhoben
werden soll, wenn man uns nicht zur Notwehr zwingt. Es handelt sich bloss um
eine Diversion bis in die Nähe dieses Schlosses, unter deren Schutz wir frei
abziehen können. Graf Wassilkowitsch hat noch keine Truppen hier und das
Gesindel, das mordlustig uns belagert, wird bei dem Erscheinen französischer
Soldaten von selbst das Feld räumen.«
    Die Fürstin sann einige Augenblicke nach. »Sie könnten sich verbürgen, dass
kein Angriff von Seiten Ihrer Truppen erfolgt, und dass kein feindlicher Versuch
gegen uns bei dieser Gelegenheit gemacht wird? Man hat bereits früher mehrere
unbeschützte Orte der Küste geplündert und Gefangene weggeführt.«
    »Das taten die Engländer, Fürstin. Unsere Rettung beim Schiffbruch ist Ihr
Werk und jeder Franzose wird diese Tat der Menschenfreundlichkeit ehren und die
Waffen nicht gegen unsere Retterin kehren. Aber was geschehen soll, müsste rasch
geschehen, um jedes Zusammentreffen mit russischen Truppen zu vermeiden.«
    »Wer soll versuchen, Ihre Freunde herbeizuholen - Sie selbst Vicomte?«
    Der Colonel lächelte über die neue Bemühung, ihn zu entfernen. »Meine Ehre
gebietet mir, zu bleiben. Aber freilich müsste es Jemand sein, der französisch
spricht, und ausser dem Arzt, der Depuis nicht verlassen kann, wüsste ich Keinen
unter meinen Unglücksgefährten -«
    »Vergessen Sie mich? - ich bin bereit zu dem Abenteuer.«
    »Sie, Mylady?«
    »Warum nicht? Wenn die Fürstin mich mit den notwendigen Erfordernissen
versehen kann, - ich bin eine ziemlich gute Reiterin, wie ich Ihnen beim
nächsten Wettrennen im Lager zu beweisen hoffe, und ausserdem gelingt es
vielleicht einer Frau, desto eher durchzukommen.«
    »Das ist wahr - aber dies Wetter - es dunkelt bereits.«
    »Ah bah! ich bin die Frau eines Soldaten, und war auf Strapazen und Gefahren
aller Art gefasst, als ich hierher kam. Wie könnte ich mir besser die Erlaubnis
des Lords zum Bleiben erkaufen, als mit diesem Abenteuer? Hätte ich nur Bob,
mein Lieblingspferd, bei mir2, alle Ihre Kosacken sollten mich nicht einholen.«
    Die Fürstin hatte sich entschlossen. »Was Sie tun wollen, Mylady, ist
allerdings nicht ohne Gefahr, indes der Mann, dem ich Sie übergeben würde, treu
und zuverlässig«
    »Wann soll ich aufbrechen?«
    »Je eher - je besser - sogleich! die Dämmerung begünstigt uns jetzt.«
    »Ich bin bereit - aber -« sie wies auf die Kleider, die sie von der Fürstin
erhalten.
    »Sie finden Alles hier - selbst das nötige Reitzeug. Wollen Sie uns auf
eine Viertelstunde verlassen, mein Freund? Sie finden in dem vordern Zimmer
Schreibzeug, wenn Sie einige Worte für die Lady nötig halten.«
    Der Vicomte entfernte sich.
    Als er nach kurzer Zeit wieder herein gerufen wurde, fand er die englische
Dame in einem passenden Reitrock und einen Regenmantel mit Kapuze verhüllt. Ein
eleganter Damensattel log in ihrer Nähe.
    Ausser den beiden Damen war noch eine dritte zugegen, ganz gleich gekleidet
mit der Fürstin, das Haupt in einen türkischen Yaschmal verhüllt.
    »Haben Sie Mylady noch einen Auftrag zu geben, Vicomte?«
    »Hier sind einige Zeilen, die ich Sie dem kommandirenden Offizier zu
übergeben bitte. Sie entalten die Verpflichtung meines Ehrenworts, das jeder
Kamerad achten wird. Wie es auch kommen möge, Mylady, es macht mich glücklich
und erleichtert unser Missgeschick, dass Sie wenigstens Gelegenheit finden, ihm zu
entrinnen.«
    »Du weisst Alles, was Du zu tun hast. In einer Stunde werden wir zurück sein
- Du öffnest unter keinen Umständen, ehe wir wieder hier sind. - Und jetzt,
Vicomte, nehmen Sie diesen Platschtsch hier und das Reitzeug, - ich bin im
Begriff, Sie in die Maschinerie meines Zauberschlosses blicken zu lassen.« - Sie
hüllte sich selbst in einen kurzen Pelz und zog das Capuchon über das
Lockenhaupt, dann zündete sie ein Windlicht an und trat an den Spiegel der
Seitenwand. - »Merken Sie auf und folgen Sie mir unbesorgt.«
    Die geheime Tür öffnete sich unter ihrem Druck.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die britischen Offiziere halten am Abend vergeblich nach dem französischen
Colonel gefragt - er blieb verschwunden, und als Jussuf, der Mohr, der noch
immer die Krankenwache bei dem Verwundeten hielt, berichtete, dass eine Dienerin
des Schlosses ihn geholt, sorgte man nicht weiter um ihn. Der Einzige, der ihm
näher stand, der deutsche Arzt, lag noch immer im tiefen Schlaf, die erschöpfte
Natur hatte ihre Rechte gefordert. -
    Es war zehn Uhr; in der grossen Halle im Seitengebäude des alten Genueser
Turmes standen auf einer langen Tafel die Ueberreste der Abendmahlzeit, für
welche der Kastellan im strengen Auftrage seiner Herrin gesorgt. Flaschen mit
dem feurigen griechischen Wein oder dem mildern Rebensaft der taurischen Küste
und der Donau, Rum und Branntwein bedeckten den Tisch, und die Gruppen der
Männer, schwatzend, lachend, lärmend, das kaum überstandene Elend bereits
vergessen, oder schon in tiefem Schlaf an den Wänden umher liegend, zeigten, dass
sie dem Getränk wacker zugesprochen.
    Am obern Ende der Tafel sassen Hunter, der Hochbootsmann, die beiden
Midshipmen und der Baronet, im ernsten Gespräch begriffen.
    »Es ist schlimm, Sir,« sagte der Letztere, »dass Sie den Leuten gestattet
haben, des Guten wahrscheinlich zu viel zu tun. Es werden ihrer nur Wenige
fähig sein, die nötige Wache zu halten, und ich traue dem Gesindel um uns her
wenig.«
    »Lassen Sie gut sein, Sir Edward,« meinte der erste Lieutenant; »nach den
überstandenen Leiden durfte ich nicht so streng sein mit den Männern. Sie können
eine Stärkung brauchen, denn ich fürchte, wenn wir morgen unseren Weg antreten,
werden wir all' unseren Mut und unsere Kräfte von nöten haben, um uns einen
Angriff abzuwehren.«
    »Ich wünschte,« brummte der Hochbootsmann, »wir wären heute Morgen
aufgebrochen - wir haben zu viel Zeit verloren.«
    »Sie wissen, Keane, dass es unmöglich war; wir waren zu erschöpft und unfähig
zu einem Entschluss.«
    »Ist es möglich gewesen, einige Waffen zusammenzubringen?«
    »Den Teufel auch! - einige Beile und ein alter Spiess - weiter Nichts! ich
habe schon alle Tischmesser in Beschlag genommen. Der Kerl von Schlossverwalter
oder was er vorstellt, versteht mich nicht oder will mich nicht verstehen.«
    »Lady Duberly,« sagte Hunter, »hat es übernommen, der Fürstin unseren
Entschluss mitzuteilen und sie um Waffen zu bitten; aber sie scheint sich dort
so wohl zu befinden, wie der Franzose, dass Beide das Wiederkommen vergessen
haben.«
    »Wir wollen nach ihnen schicken,« sagte der Hochbootsmann.
    »Ich habe es bereits getan, aber die vier Kosacken, die an der Treppe Wache
halten, weigern sich, Jemand hinauf zu lassen, und der Kastellan erklärt in den
paar Worten Französisch, die wir Beide verstehen, dass die Fürstin verboten, sie
zu stören.«
    »Wenn es sich bloss darum handelt, uns zu bewaffnen,« sagte der Midshipman
Gosset, dessen Ansprüche die Erinnerung an die überstandenen Gefahren nicht
wenig vermehrt hatten; »ich weiss deren genug zu finden!«
    »Wo, Bursche? hast Du spionirt?«
    »In dem Gewölbe über dem Tor sind alte Waffen genug, es scheint eine alte
Rüstkammer aus wer weiss welcher Zeit. Ich sah's heute Morgen durch das
Schlüsselloch und auch Gewehre darin, als ich in den Gängen umherstrich.«
    »Ei, so nehmen wir sie mit Gewalt morgen, wenn man sie uns verweigert,«
sagte heftig der Baronet, dessen Lebensgeister die Spannung ihrer gefährlichen
Lage auf's Neue geweckt zu haben schien. »Auch was an Pferden sich vorfindet.«
    »Aber das wäre Raub und eine schlechte Vergeltung für die uns gewordene
Aufnahme,« meinte edelmütig Frank. »Der französische Colonel versprach
ausdrücklich heute Morgen der Fürstin, dass wir uns ihrem Willen unterwerfen
würden!«
    »Gott verdamm' mich, Master Frank, wenn ich's tue,« murrte Keane. »Was geht
uns des Franzosen Versprechen an? Es ist ein Unglück, dass wir die Kerle bei uns
gehabt.«
    »Capitain Warburne würde anders über sein Wort denken,« sagte der Midshipman
trotzig.
    Die Erinnerung an den braven Capitain, der so mutig für ihre Rettung in den
Tod gegangen, berührte Alle tief und einige Augenblicke wagte Niemand, dem
Einwurf des Midshipman zu begegnen. Dann aber sagte Hunter entschlossen: »Wir
Alle haben gehört, wie die Herrin dieses Schlosses uns erklärt hat, dass sie uns
vorläufig nicht als Gefangene betrachten könne und die Bestimmung darüber dem
russischen Oberbefehlshaber überlassen wolle. Niemand kann es uns verdenken,
wenn wir einen Versuch machen, der Gefangenschaft zu entgehen, und wir können
dabei nicht allzu krittlich sein. Weigert man uns Waffen, so müssen wir nehmen,
was wir bekommen können. Morgen machen wir den Versuch, und bis dahin mag Jeder
sich Ruhe gönnen. Ich gesteh', ich brauche sie selbst. Sind die Männer, die wir
zur Vorsorge am Tor postirt, an ihren Stellen?«
    »Die Zugbrücke ist aufgezogen, an jedem Eingang Einer von unsern Leuten,«
berichtete Frank. »Ich überzeugte mich, eh' ich hierher kam.«
    »Wer von Ihnen Beiden wird die erste Wache halten? Clinton oder Sie? denn
ich und Gosset taten es in voriger Nacht.«
    »Ich denke,« meinte der Hochbootsmann, »Master Frank übernimmt die erste
Nachtwache und weckt mich dann.«
    »Gut, so sei es! Und jetzt legt Euch nieder, Männer, und Sie, Frank, halten
Sie die Leute auf den Posten wach. Kommen Sie, Sir Edward.«
    Während der Lieutenant, nachdem so alle ihm möglichen Vorsichtsmassregeln
getroffen waren, sich nach einem anstossenden Gemach begab, wo das Lager für ihn
aufgeschlagen, blieb Gosset noch einige Augenblicke bei seinem Kameraden. »Ich
hoffe, Frank, Du wirst kein Narr sein und Schiffsdienst tun,« sagte er
leichterzig. »Ich habe die ganze Morgenwache geschlafen, bis Clinton mit einem
Fusstritt mich weckte, der grobe Halunke. Es hat nicht die geringste Gefahr und
ist eine Bosheit von Hunter, dass wir uns den Schlaf selbst am Lande entziehen
sollen. Gute Nacht, Frank!«
    »Schlaf wohl, Gosset!«
    Sie schüttelten sich die Hände.
    An der Tür des Gemachs, das den Offizieren angewiesen war, blieb der
Baronet, wie von einer plötzlichen Anregung ergriffen, stehen und kehrte zu
seinem Bruder zurück.
    »Höre, Frank,« sagte er, »Du hast nur wenige Stunden geschlafen und bedarfst
der Ruhe. Lege Dich nieder, ich werde die Wache für Dich übernehmen.«
    Die ziemlich seltene Freundlichkeit und Beachtung des älteren Bruders rührte
das Herz des jungen Mannes. »Ich danke Dir, Edward,« sagte er innig, »aber ich
würde einen schlechten Offizier abgeben, wenn ich meinen Posten einem Andern
anvertrauen wollte. Du selbst bist noch immer leidend und würdest Dich kränker
machen. Lass mir die Freude, Deinen Schlaf zu bewachen.«
    Der ältere Maubridge fasste mit der Hand nach der kranken Brust, die ein
trockener Husten erschütterte. »Ich weiss nicht - warum ich besorgt um Dich bin,
nachdem die Gefahr überstanden! Du bist der Letzte unserer Familie - wenn nicht
- -« die fixe Idee an Diona, an sein verlorenes Kind erfüllte auf's Neue seine
Seele und er starrte düster vor sich hin.
    »Lege Dich nieder, Bruder, ich bitte Dich. Ich wollte, Du frügst den
französischen Arzt um Rat, der so wacker Dir auf dem Schiffe beigestanden hat.«
    Der Baronet machte schaudernd ein Zeichen der Abwehr. »Gute Nacht, Frank!«
Er schwankte davon.
    Der Jüngere schaute betrübt ihm nach und dann auf die Gefährten, die sich
alle, so gut es ging, ringsum in der Halle gelagert. Eine Stunde wohl sass er im
Nachsinnen über das Geheimnis, das offenbar seines Bruders Seele belastete und
von dem er nur sehr Unvollständiges aus den Andeutungen des alten Deckmeisters
wusste, die diesem im Aerger über das Treiben des Baronets und sein neues
Verhältnis zu der im Fanar geretteten Odaliske entschlüpft waren. Das Schnarchen
seiner Unglücksgefährten ringsum übte einen schläfernden Eindruck auf seine
Sinne aus, er versank in einen Zustand zwischen Traum und Wachen, aus dem ihn
erst ein kräftiger Entschluss wieder emporschüttelte. Er sah nach der Uhr - es
ging bereits auf Mitternacht, und obschon er allein war, färbte doch eine dunkle
Schaamröte sein Gesicht, dass er so lange seine Pflicht versäumt hatte.
    Der Knabe machte sich fertig, seine Runde anzutreten, und nachdem er einen
Schluck Wein genommen, verliess er die Halle, schloss die Tür und trat in den
Hofraum.
    Der Regen, der den ganzen Tag über gefallen, hatte aufgehört und zwischen
den rasch dahin ziehenden Wolken trat zuweilen sogar der Mond hervor und warf
seinen bleichen Glanz über die Gebäude und den Hof. - »Ich fürchte,« murmelte
Frank vor sich hin, »die Bursche haben kaum besser gewacht, als ich. Hier ist
das Torgewölbe, wo Sannders postirt war. Der Halunke ist untergekrochen und
schläft - wahrhaftig, da liegt er!« Er beugte sich zu dem dunklen Körper, der im
Schatten der Mauer zu seinen Füssen lag, und schüttelte ihn, zuerst am Arm, dann
an der Brust, - als er plötzlich zurück in den Mondschein sprang und seine Hand
emporhielt. Eine noch warme, dunkle Flüssigkeit tropfte davon nieder. -
»Barmherziger Gott, Blut! Der Mann ist ermordet - zu Hilfe!«
    Er hatte den Ruf kaum ausgestossen, als er wilde, bärtige Gesichter vor sich
auftauchen sah, erhobene Hände, blitzende Beile und Messer - -
    »Tschort w twaju duschu! Schlagt ihn zu Boden!«
    Ein Hieb über den Kopf warf ihn in die Knie. Im Fallen noch sah er, wie
dunkle Haufen von Männern aus einer Tür in der Mauer des grossen Turmes
hervorstürzten, die zu den Kellergewölben führte. Ein schmerzhafter Stich, für
seine Brust bestimmt, fuhr durch eine Waldung in seine linke Schulter; dann, wie
von einer Feder geschnellt, sprang der wackere Knabe wieder empor und schoss
durch den Kreis seiner Feinde - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dem grossen Gemach, im neuen Teil von Schloss Aju, in dem Oberst
Wassilkowitsch am Tage vorher den Besuch des jungen Schlossherrn empfangen, stand
der Graf in einem dichten Kreis wilder Gestalten, deren grimmige, von
blutgierigem Hass erregte Mienen und funkelnde Augen sie entschlossen zu jeder
furchtbaren Tat verkündeten. Es waren Fischer, Muschiks, Zigeuner in den
verschiedenartigsten Trachten der niedersten Volksklassen, Alle mit Aexten,
Spiessen und Messern bewaffnet, Einige mit Säbeln und Pistolen, und Drei oder
Vier in Jägerkleidung mit Gewehren. Der Graf selbst trug über dem kurzen
Pelzrock im Gürtel Pistolen, in der Hand seinen Säbel; sein Gesicht war bleich,
aber entschlossen, sein hässliches Auge funkelte Rache und Grausamkeit.
    Ein Leibeigener von der Dienerschaft des alten Schlosses stand vor ihm. -
»Also der französische Offizier und die englische Dame haben den ganzen Abend
bei der Fürstin zugebracht und ihre Gemächer noch nicht verlassen?«
    »Ja, Erlaucht! So wahr die Heiligen mich segnen mögen. Ich stand die ganze
Zeit auf der Lauer, wie Du mich geheissen, und Boris, mein Kamerad, hat jetzt
meine Stelle eingenommen.«
    »Wie viel Wachen haben sie ausgestellt?«
    »Zwei Mann am Haupttor, zwei an der Tür nach der Terrasse und einen an der
kleinen Pforte zur Brücke. Als ich über die Mauer stieg, lagen sie bereits fast
Alle im Schlaf. Im Turm wachen die vier Kosacken, die der Fürst
zurückgelassen.«
    »Der Henker hole die Schufte! Ist die Terrasse besetzt, dass sie auf dieser
Seite nicht entwischen können?«
    »Sei unbesorgt, Graf,« sagte der Tabuntschik. »Seit dem Abend lagert eine
hinreichende Zahl dort und auch am Strande sind Wachen genug. Wir können das
Werk beginnen.«
    »Wohlan! Ihr kennt meinen Willen. Die Wachen werden zunächst unschädlich
gemacht und dann Alle gefangen genommen. Nur wer sich widersetzt, wird
niedergestossen.«
    Der Tabuntschik lächelte mit blutdürstigem Spott zu dem Befehl des Obersten.
- »Sei zufrieden, Gospodin - wir wissen, was wir zu tun haben!« Sein Auge
winkte im Einverständnis den Umstehenden.
    »Es ist seltsam, Alter,« fuhr der Graf fort, »dass Du allein von der
Verbindung wusstest, in welcher die Kellergewölbe der beiden Felsenseiten stehen.
Wie nun, wenn sie von drüben den Durchgang gesperrt oder verschüttet hätten?«
    »Es weilt Keiner mehr auf Erden,« sagte der Greis finster, »der von den
Oeffnungen dieser unterirdischen Gewölbe weiss. Woher ich die Kenntnis habe, mag
Dir gleich sein. Genug, ich habe versprochen, Euch mitten in das Schloss zu
führen, trotz ihrer Mauern und Riegel, und ich werde mein Wort halten. Ich habe
mich bereits überzeugt, dass der Durchgang frei ist. Mögen die Feinde Russlands
alle verderben, wie diese in unsere Hand gegeben sind!«
    »Einen Augenblick noch,« sagte der Graf eilig, »ich muss mich von Einem
überzeugen.« Er nahm eine Kerze und ging durch das nächste Zimmer bis zum
Schlafgemach der Französin. Er horchte an der Tür, dann öffnete er sie leise
und leuchtete hinein: - Celeste lag auf ihrem Lager, sie schlief. Vorsichtig,
wie er gekommen, verschloss er wieder die Tür und ging zu den Harrenden. Kaum
aber waren seine Schritte verklungen, als die Französin die Decken von sich warf
und vollständig angekleidet vom Lager sprang. Ihr Gesicht war sehr bleich und
aufgeregt. - »Bald hätte er mich entdeckt,« murmelte sie; »jetzt, Glück und
Mut, steht mir bei!« Auf den Zehen schlich sie hinter ihm d'rein, auf's Neue zu
lauschen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es wird für die Darstellung des Folgenden nötig sein, noch eine kurze
Erläuterung des Schauplatzes zu gewähren. Der grosse Turm aus der Genneser Zeit
bildete mit zwei anschliessenden kurzen Flügelgebäuden die Front nach der See und
den Felsenterrassen. Zwei lange Gebäude stiessen im rechten Winkel an beiden
Enden an, das linke die Wohnungen der Dienerschaft und der Fremden entaltend,
das zur Rechten nach der Villa hin jetzt zur Aufnahme der Schiffbrüchigen
benutzt. Die vordere Seite des viereckigen Hofes schloss eine breite,
mittelalterlich krenelirte Mauer, in deren Mitte ein niederer Turm das
Torgewölbe bildete. Vor dem Tor vermittelte die jetzt in ihren Ketten hängende
Zugbrücke den Uebergang über eine Felsspalte. -
    Es war dem jungen und kühnen Midshipman gelungen, dem ersten Angriff der
nächtlichen Feinde sich zu entreissen; halb betäubt von dem Schlage, hatte er nur
ein Bewusstsein, das - wie von ihm die Rettung aller seiner Kameraden abhing, und
mit dem durchdringenden Geschrei: »Alle Mann ahoii! Verrat! Verrat!« floh er
über den Hof nach der Tür, die zu der Halle führte, in der seine Gefährten
schliefen. Zwei Pistolenschüsse knallten hinter ihm d'rein, die eine Kugel
schlug in seinen Arm, aber es gelang ihm, bis zum Eingang zu kommen. Doch zu
seinem Unglück hatte er die Tür selbst verschlossen, und ehe er mit dem
verwundeten Arm sie zu öffnen vermochte, waren die Verfolger bei ihm. Keinen
Augenblick war sein Warnungsruf verstummt und schon hörte er Lärm im Innern, als
eine Faust ihn von hinten an den Haaren erfasste und zurückriss. Er sank in die
Kniee: »Edward! Bruder Edward! zu Hilfe - zu - -«
    »Hundssohn! Zur Hölle mit Dir!« - Die breite Klinge eines Messers
durchschnitt seinen Hals, - aus hundert Quellen sprudelte das junge Lebensblut.
    Der brave, tapfere, hochherzige Knabe wand sich im Todeskampf, als die Tür
aufflog und seine Freunde, mit Allem bewaffnet, was ihnen im Augenblick zur Hand
gewesen, herbeidrängten.
    »Auf sie! aus sie! Nieder mit allen Feinden des heiligen Russlands!« heulte
die Stimme des Tabuntschiks, indem er über die Leiche des jungen Mannes auf die
Gegner sprang. Ein wildes, blutiges Handgemenge verstopfte den Eingang. - - -
    Eine Hand fasste den Schlafenden und schüttelte ihn. - »Bei dem weissen
Christ, den Du mich kennen gelehrt, erwache, Herr, erwache!« - Der deutsche Arzt
fuhr aus dem Schlummer empor - das Geschrei eines wilden Kampfes draussen in den
Gängen, auf dem Hof dröhnte in seine Ohren und verwirrte ihn im ersten
Augenblick, während er von dem Lager sprang. Dämmerung umgab ihn, die Lampe, die
in dem Gemach gebrannt, war verlöscht, eine zitternde Hand hielt seinen Arm,
eine zweite dunkle Gestalt sah er undeutlich mit dem Rücken gegen die Tür
gelehnt, diese gegen das Toben Anstürmender von Aussen halten.
    »Was geht vor? was ist geschehen?«
    »Still - um des Lebens willen! Folge mir! Die Russen morden Deine Brüder!«
    »Barmherziger Gott - Capitain Depuis - -«
    »Ihre Wut hat ihn erschlagen! - Fort, fort - Bruder, er ist das heilige
Erbe, das uns Mariam hinterlassen!«
    Der Schwarze an der Tür winkte: »Möge Allah Euch helfen! Jussuf sichert
Eure Flucht!«
    Sie zog ihn mit sich fort. - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die britische Wache an der Pforte, welche zur Verbindungsbrücke mit dem
neuen Schloss führte, war unter dem Mordmesser der Schaar gefallen, die, vom
Tabuntschik geleitet, den Ueberfall durch die unterirdischen Felsgewölbe
ausgeführt hatte. Durch die geöffnete Tür drang der Rest der wütenden Schaar
unter des Obersten Führung und stürzte nach dem Hauptgebäude des Turms, während
die Diener und Leibeigenen des Schlosses sich teils aus Furcht, teils aus
Sympatie für ihre Landsleute in dem Seitengebäude verbergen hielten, das ihnen
zur Wohnung angewiesen war.
    Am Fuss der grossen Treppe, die zu den Gemächern der Fürstin führte, fand der
Graf den Gefährten des treulosen Dieners, welcher dessen Spionsdienst
fortgesetzt. - »Ist der Franzose fort?« - »Nein, Gospodin, keine Seele hat die
Gemächer der Herrin verlassen!« - Der Graf lächelte grimmig mit der Gewissheit
des Triumphes: »Dann sind sie mein! Folgt mir und besetzt alle Ausgänge und
Verbindungstüren!« - Er sprang die Treppe hinan und wollte die Gemächer der
Fürstin betreten, als vier Lanzen sich ihm und dem mordlustigen Haufen entgegen
kreuzten. Die vier jungen Kosacken, Iwan's Enkel, hielten treu an ihrer Wache.
»Zurück, Gospodin, hier darf Niemand passiren!« - »Seid Ihr toll? Seht Ihr
nicht, wer ich bin? Fort mit Euch!« - »Wir dürfen nicht, Gospodin! Nur die
Fürstin darf uns fortschicken!« - »Hundssöhne, so habt, was Ihr wollt!« - Er
feuerte die Pistole aus Wanka ab und der junge Mann stürzte zusammen. »Wollt Ihr
gehorchen, Tölpel!?« - »Wir dürfen nicht, Herr, es ist unser Posten!« - Der
starre russische Gehorsam liess sie nicht weichen von ihrer Pflicht, ohne dass sie
doch den Angriff erwiderten. - »So nehmt, was Ihr verdient! Euer Blut komme über
Euch! Nieder mit ihnen!« - Du wilde Haufe stürzte sich über sie und die drei
Kosacken fielen auf der Schwelle, die sie mit ihrem Leben verteidigt. Die Tür
war nicht verriegelt, wer auch hätte es gewagt, die Zimmer der Herrin zu
betreten und dem Verbot zu trotzen, als die Flut der Empörung wilder
Leidenschaften? - »Bleibt zurück und haltet Wache, dass Niemand entrinne!« befahl
der Graf und klopfte an die innere Tür. »Es gilt Ihre eigene Rettung. Fürstin
Iwanowna - geben Sie die Gefangenen heraus!« - Keine Antwort erfolgte. - aus dem
Hofe herauf tönte allein das Geschrei des wilden Kampfes.
    »Ich beschwöre Sie, Fürstin, zu öffnen! Diese Rasenden lassen sich nicht
bändigen!« - Wieder keine Antwort. Höhnisch und bedeutsam winkte der Graf seinem
Haufen nach der Tür. Im Nu war diese gesprengt, aber selbst die wilde
mordlustige Bande wagte nur mit Scheu über die Schwelle zu dringen. Vor einem
Betpult kniete die Gestalt der Fürstin, schluchzend, die Hände ringend: - sie
war allein.
    Der Graf nahte ihr zögernd. - »Ich vermochte diese Schreckliche nicht zu
wenden, Fürstin, die Volkswut ist entflammt durch den Schutz, den Sie den
Feinden gewährt. Ich beschwöre Sie, um unserer eigenen Rettung willen, geben Sie
die Versteckten heraus und Niemand wird wagen, Sie zu beleidigen. Mein Leben
bürgt für Ihre Sicherheit?« - Er beugte sich zu ihr und versuchte sie
aufzurichten - plötzlich fuhr er zurück und riss die Knieende dann mit rauher
Faust empor. - »Höllischer Betrug - das ist die Fürstin Oczakoff nicht!« - Seine
Hand entfernte roh die verhüllenden Schleier - ein bleiches angsterfülltes
Gesicht zeigte sich seinen Blicken, nicht die stolzen Züge Iwanowna's.
    »Was bedeutet der Betrug? Wo ist die Fürstin? - sprich, Unglückliche!« -
Annuschka, die treue Dienerin, in der Fürstin Gewändern, rang die Hände, doch
kein Laut des Verrats kam über ihre Lippen! - »Rede, Dirne, oder Du bist des
Todes!« - Er schlug sie mit der geballten Faust in das Gesicht, dass das Blut ihr
hervordrang und die Unglückliche auf den Boden stürzte. Schaum der Wut stand
dem Offizier vor dem Mund, als er sich so getäuscht sah. - »Sie sind verborgen!
Hundert Rubel dem, der ihre Spur findet! Durchsucht jeden Stein des Hauses!«
    Ein wilder Hurrahruf unterbrach seine Befehle - das war nicht das
Siegesgeschrei der Seinen. - »Old England for ever!« donnerte es durch die
Nacht, das Kampfgewühl schien nicht mehr in Hof - über die Körper der treuen
Wächter hinweg sprang er die Treppe hinunter: die kleine Schaar der Engländer
hatte sich durchgeschlagen und den unbesetzten Ausgang zur Villa erreicht, sie
kämpfte an der schwanken Brücke, die schon ein Teil überschritten. Drüben am
Felsenrand kommandirte der britische Lieutenant ruhig und fest wie im tobenden
Seesturm, und der Andrang der rasenden Barbaren, die als blutige Mordtrophäen
die Köpfe des Midshipmans und des Capitains auf ihren Piken trugen, brach sich
an dem unerschütterlichen Mut und der Körperhaft der Matrosen. Einer der
Letzten der kühnen Verteidiger war Jussuf, der Mohr.
    »Brecht das Gebälk ab, Jungens!« scholl die klare Stimme Hunter's. »Besetzen
Sie das Haus, Maubridge. Teufel - da haben die Burschen ein Gebäude bereits in
Flammen gesteckt. Nieder mit der Brücke, Keane, es wird uns Zeit schaffen zu
unserer Verteidigung.«
    In dem Augenblick, als der Mohr, der Letzte vor der Brücke unter den Hieben
der wilden Feinde zusammensank, riss sich aus den Armen des deutschen Arztes im
Haufen der Engländer mit gellendem Wehgeschrei die schwarze Sclavin, seine
doppelte Retterin, los und stürzte durch die erhobenen Waffen hinüber nach dem
jenseitigen Felsen und warf sich auf den Körper des Bruders. Die
aussergewöhnliche Tat hielt selbst die erhobene Hand der blutigen Männer zurück,
die überdies glaubten, das Weib gehöre zur Dienerschaft des Schlosses, und ihre
Aufmerksamkeit wurde zugleich anders gefesselt, denn dicht hinter dem Mädchen
stürzte das leichte Gebälk der Verbindung in den Abgrund.
    Aus dem Tal aber schmetterten Trompeten, Fanfaren, während der Feuerschein
des brennenden Seitengebäudes die Scene ringsum beleuchtete. - »God damn! unsere
Arbeit ist umsonst,« rief der Lieutenant »da kommen die russischen Soldaten und
wir sind in der Klemme!«
    »Halt!« schrie der Baronet. »Um des Himmels willen - das sind französische
Signale! ich kenne sie! Ein Hurrah, Ihr Burschen, dass sie uns hören!« Ein
donnerndes »Vive l'Empereur!« antwortete dem Hurrahruf der Briten, Waffen
blitzten im Feuerschein am Fuss der Felsen, Reiter sprengten den Pfad herauf,
französische Husaren - ein Offizier an ihrer Spitze, neben ihm Colonel de
Méricourt!
    Ein Jubelruf begrüsste die Ansprengenden. - »Das ist brav, Herr, dass Sie uns
nicht verlassen, wie wir gefürchtet,« sagte der Schiffslieutenant, dem Vicomte
die Hand reichend. - »Wie war es Ihnen möglich, die Hilfe zu finden?«
    »Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, Herr Kamerad,« sagte der
Kommandant der Husaren auf Englisch. »Sammeln Sie schnell Ihre Leute und führen
Sie sie den Weg hinunter in den Schutz meiner Escadron. Wir müssen auf der
Stelle fort, denn wir haben sichere Nachricht, dass russische Truppen noch vor
Tagesanbruch hier sein werden. - Sacristi! was ist das?« - Er sprengte nach dem
Hause, aus dem mehrere englische Matrosen eine Dame schleppten, die in
kreischenden Tönen um Hilfe rief und in französischer Sprache beteuerte, dass
sie keine Russin sei. »Lasst die Frau los, Männer, und macht, dass Ihr fort kommt!
Parbleu, täuschen mich meine Augen oder ist dies Madame Celeste?«
    »Himmel! Alfred de Sazé! Ich beschwöre Sie, Marquis, nehmen Sie mich unter
Ihren Schutz!« - Der Offizier war galant vom Pferde gesprungen und erkundigte
sich, wie die ehemalige Geliebte, die seine Verführung zur Lorette gemacht, in
das Felsenschloss an der Yaila geraten, als der Vicomte ihn auf die drohende
Gefahr aufmerksam machte, und wie jeder Augenblick Zögerung Alles verderben
könnte. - »Eh bien,« sagte der leichterzige Franzose, »wir wollen den Russen
eine doppelte Niederlage beibringen. Wollen Sie Ihren russischen Liebhaber
aufgeben, Madame, und mit uns kommen, so verspreche ich Ihnen ein Lagerleben, so
gut es sich haben lässt. Es fehlt uns teufelsmässig an schönen Frauen!« - Celeste
reichte ihm die Hand. »Ah bas! Wenn wir uns vertragen wollen - ich bin der
vergoldeten Gefangenschaft bei diesen Barbaren herzlich müde!« - Der Offizier
gab ihr den Bügel und schwang sie vor sich in den Sattel. - »Wohlan, das nenne
ich mir einen glücklichen Streifzug, und nun, Messieurs so rasch als möglich auf
und davon, Jeder, so gut er kann!« Der Trompeter blies, der Colonel, Hunter und
de Sazé trieben, so rasch es ging, die Leute vor sich her, dem Tor und dem
Felsenwege zu, während von drüben her einzelne Schüsse der wütenden Gegner
herüber knallten; - mit Kummer und Schmerz schaute der deutsche Arzt nach dem
Felsenplateau des alten Schlosses, wo das Gewühl der Feinde die Gestalt des
heldenmütigen Mädchens ihm verbarg, und schwankte, ob er bleiben oder fliehen
sollte, dann trieb der Zuruf des Vicomte und das Gedränge ihn hinab und nur die
düstre Flamme allein, die in den Nachtimmel emporloderte, belebte noch, sich
rasch verbreitend, die Stätte, während unten im dunklen Tal die Signale
schmetterten und die Colonne sich eilig in Marsch setzte, verfolgt von den
Flüchen der Russen, die nicht wagen konnten mit dem feindlichen Detachement sich
zu messen. - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am Vormittag, der der Nacht des Ueberfalls folgte, hatte Schloss Aju ein sehr
verändertes Aussehen. Eine Ssotnie Kosacken war in der ersten Morgendämmerung
eingetroffen und von dem Grafen sofort zum grössten Teil zur Verfolgung des
feindlichen Streifcorps abgesandt, das so glücklich für die Schiffbrüchigen
seinen Zug bis über das Yaila-Gebirge ausgedehnt hatte; bald darauf eine
Compagnie russischer Jäger und diese hielt jetzt das Schloss und die Küste
besetzt.
    Drüben auf dem nachbarlichen Felsenplateau dampften noch die Ruinen der
Villa, die der Brand ganz in Asche gelegt. Die Spuren des nächtlichen Kampfes
zeigten sich noch auf verschiedenen Stellen, aber die Leichen waren bei Seite
geschafft. Aus der Flurhalle im Erdgeschoss des Turmes schallte ein leiser
monotoner Gesang, die Todtenklage der Krieger der Steppe um die vier gefallenen
jungen Landsleute, deren Leichen sie hier gefunden und auf dem Steinflur der
Halle neben einander gelegt hatten, von Leichtern umstellt.
    Auf der untersten Stufe der breiten Steintreppe sass Nursädih, das schwarze
Mädchen, das Haupt des schwer verwundeten Bruders in ihrem Schoss und jede
Pflege ihm widmend, die sie ihm gewähren konnte. Mit den Stücken ihres
zerrissenen Yaschmals hatte sie seine Wunden verbunden, Niemand leistete ihr
Hilfe, Niemand kümmerte sich auch um sie, als das tatarische Mädchen, das
mitleidig ihr Wasser gebracht.
    Der Graf schritt finster und unruhig mit dem Capitain der Jäger im Hofraum
auf und ab, diesem seine Dienstanordnungen erteilend. Er schien mit sich selbst
zu grollen über die nächtliche Tat und vermied so viel, als möglich davon zu
sprechen. Das Verschwinden der Fürstin hatte ihn nicht weniger beunruhigt, denn
die sorgfältigste Nachforschung in dem ganzen Gebäude hatte keine Spur von ihr
gegeben und das Rätsel, wie der französische Offizier entkommen und zu der
raschen Hilfe gelangt, blieb ungelöst. Die Flucht der Französin war ihm
gleichgültig.
    Plötzlich erhoben sich am Tor streitende Stimmen, wie als wollten sie
Jemand am Eintritt hindern. Dann kam durch die Pforte ruhig und ernst auf seinem
kleinen Steppenpferde Iwan, der greise Jessaul, und blieb erst in der Mitte des
Hofes halten, als der blutige Tabuntschik hastig hinzutrat und die Zügel seines
Pferdes ergriff.
    Die Blicke der beiden Greise, als sie sich kreuzten, waren, finster, doch
drückten die des Rosshirten eine gewisse trübe Teilnahme aus, die des Kosacken
Zorn und Misstrauen.
    »Kehre um, Iwan,« sagte der Tabuntschik, »und verlass diese Mauern. Deine
Augen sind alt und ich möchte sie nicht getrübt sehen von dem Anblick, der Dich
bedroht.«
    Der Jessaul lächelte düster. - »Wann ist Iwan, dem Zaporoger, den sie den
Teufel nennen, Gutes geworden, wo der Herr der Finsternis in Deiner Gestalt ihm
entgegentrat? - Wo ist Wanka, mein Enkel, und Alexis und die Andern, dass sie
ihrem Ataman das Ross halten?«
    Seine Augen suchten im Kreise, doch Niemand antwortete ihm. Die Offiziere,
die Soldaten und die Leute vom Schloss waren näher getreten und bildeten einen
Kreis um den Alten.
    »Du bist der Kosack des Fürsten Oczakoff?« fragte der Oberst, während der
Greis vom Pferde stieg. »Was bringst Du für Botschaft - wo ist der Fürst?«
    Der Alte, statt ihm zu antworten, neigte horchend den Kopf - die Töne des
Todtengesanges schallten leise aber deutlich aus der Halle des Turmes her ihm
entgegen. Sein benarbtes, durchfurchtes Gesicht erbleichte bei ihrem Anhören. -
»Was ist das? bei den heiligen Märtyrern, das ist die Todtenklage vom Ufer des
Don - -«
    Er wollte vorwärts, der Graf vertrat ihm den Weg. »Antworte mir zunächst,
welche Botschaft bringst Du?«
    »Ich will die Fürstin Oczakoff sprechen! Lass mich vorbei, Herr, in meinem
alten Haupte brennt es, wie jene Flammen der Steppe, aus denen ich Dich mit
meinen Enkeln einst rettete. Jane Klage - -«
    »Sie gilt der gerechten Strafe von Rebellen gegen den Befehl des Kaisers,«
sagte der Oberst mit der ganzen Gefühllosigkeit der russischen Aristokratie
gegen den niedern Mann. »Die Fürstin Oczakoff befindet sich nicht mehr im
Schloss, darum - -«
    »Iwanowna Oczakoff ist hier,« sagte eine klare, feste Stimme, und
zurückprallend erblickte der Graf auf der obersten Stufe des Turmportals die
edle Gestalt der Fürstin, in dunkle Gewänder gehüllt, auf den Arm ihrer gleich
gekleideten Dienerin gestützt. Das schöne Gesicht war bleich, um den Mund lag
ein Zug tiefen Schmerzes, auf der gewölbten Stirn und in den dunklen Augen aber
unbeugsame Entschlossenheit.
    Die Fürstin schritt langsam und ernst die Stufen herab, ohne den Obersten
eines Blickes zu würdigen, und durch die sich ehrerbietig öffnenden Reihen zu
dem greifen Krieger, dessen Hand sie ergriff. - »Vater Iwan,« sagte sie
feierlich, »der Allmächtige, der über uns Alle gebietet, hat vier Deiner Enkel
nicht im Kampf für das heilige. Russland, dem Du sie geweiht, aber im Kampf für
Treue und Ehre lassen durch die Hand böser Menschen. Der Wille des Herrn, sei
gelobt!«
    »Amen!« Es klang wie der Ton der Schollen, die auf den Sarg fallen. Der
Greis hatte sein Haupt gebeugt und folgte, vor sich hinstarrend, der Hand, die
ihn zu den Leichen der Seinen führte. Zu ihren Häupten kniete er nieder und
vereinigte seine tiefe Stimme mit der Klage der Steppenkrieger, die die seltsame
Todtenfeier bildeten.
    Unterm Bogen der Pforte war die Fürstin stehen geblieben und hatte Sergei
Popotoff gewinkt. - »Bereite Alles zu meiner Abreise,« befahl sie ruhig und
gemessen, »in einer Stunde lass den Wagen bereit sein.«
    Der Graf hatte das Gefühl von Scheu und Grauen, das ihn bisher
zurückgehalten, trotzig überwunden und näherte sich bei diesen Worten der jungen
Herrin. - »Die Fürstin Oczakoff,« sagte er finster, »wird mir als Kommandant
dieser Truppen erlauben, eine Escorte zu ihrer Disposition zu stellen und die
Frage an sie zu richten - -«
    Die Fürstin richtete sich empor, ihr vernichtender Blick streifte mit dem
Ausdruck verächtlichen Widerwillens den hochmütigen Mann. - »Wagen Sie nicht,
mich anzureden, Herr,« sagte sie stolz und kalt. »Iwanowna Oczakoff hat Ihnen
keine Antwort zu geben. Ich werde in Baktschiserai mein Tun rechtfertigen.« -
Sie wandte ihm den Rücken. - - -
    Zwei Gründen später verliess ein verschlossener Wagen den steilen Felsweg und
schlug die Strasse nach dem Innern der Halbinsel ein. Drei bewaffnete Diener
folgten ihm.
    Ehe die Fürstin das Schloss verlassen, hatte sie Sergei, dem Kastellan, auf's
Strengste befohlen, das arme Mohrenmädchen, das ihren verwundeten Bruder nicht
verlassen wollte, in seinen Schutz zu nehmen und ein reiches Geldgeschenk an den
Wundarzt der Jägercompagnie diesen vermocht, Jussuf alle Sorgfalt seiner Kunst
angedeihen zu lassen. Der Graf hatte alsbald nach jener Zurückweisung
zornknirschend sein Pferd bestiegen und eine Recognoscirung der Küste angetreten
- er wünschte weder der Fürstin, noch ihrem Bruder jetzt zu begegnen.
    Als der Wagen den Fuss des Felsenkammes erreichte, fand sich der greise
Jessaul zu den Begleitern und küsste schweigend die Hand, die die junge Fürstin
ihm reichte. Er kam von dem breiten Grab, das die Kinder der Steppe am Ufer der
Bucht gegraben und in das sie seine vier Enkel unter den Gebräuchen ihres Volkes
eingesenkt. - Am Abend scharrte man unfern von ihnen in eine weite Grube die
verstümmelten Leichen der gemordeten Schiffbrüchigen; jene die von ihrer tapfern
Hand bei der Verteidigung gefallen, hatte das Voll mit sich hinweggeschleppt.
    Da ruhen sie in unbekanntem Grabe, der heldenmütige wackere Jüngling, der
tapfere verdiente Offizier. Kein Denkstein, wie sie auf den Leichenfeldern vor
Sebastopol an Kampf und Glorie mahnen, erinnert an sie. Die rauschenden Wellen
flüstern dem britischen Knaben im kühlen, Felsengrabe den Gruss von seinem
tapferen Führer auf dem kühlen Grunde des Meeres! - - - - - -
    Wenige Worte werden genügen, die verspätete Rückkehr der Fürstin in das
Schloss Aju-Dagh zu erklären. Als sie und der französische Offizier von der
Begleitung der englischen Dame zu der entfernten Hütte in den Uferfelsen
zurückkamen, in der aus Gründen, die wir hier noch nicht zu erwähnen haben,
Iwan, der Jessaul, mit zwei Pferden harrte, fanden sie die Grotte, welche den
Zugang zu der geheimen Treppe des Turmes bildete, von Leuten des wilden Haufens
eingenommen, den der Graf für seine Zwecke aufgeboten. Vergebens harrten sie in
einem nahen Versteck des Abzugs der Männer, aus deren Reden die Fürstin den
Anschlag entnahm, welcher die Schiffbrüchigen bedrohte. Es wäre Wahnsinn
gewesen, sich der Entdeckung Preis zu geben, und der französische Offizier wurde
durch die Sorge für seine schöne Beschützerin nun dennoch gezwungen, in der
Stunde der Gefahr, die jene ihm sorgfältig verbarg, sein zu sein von seinen
Unglücksgefährten. Im Schutz der Nacht wandte sich, als die Bande am Ufer von
ihrem Posten nicht wich, das Paar nach dem Innern, und umging die Felsen, um auf
dem gewöhnlichen Wege das Tor des Schlosses oder sonst eine Zufluchtsstätte zu
erreichen. Hierbei war es, wo der französische Offizier auf das Streifcorps
unter de Gazé stiess, das Mistress Duberly und der Jessaul so glücklich schon
diesseits des Yaila-Gebirges gefunden. Unter dem Schutz des alten Kosacken
kehrte die Fürstin zu dessen verborgenen Aufentalt zurück, während der Colonel
mit den Husaren zur Befreiung der Engländer eilte.
 
                                    Fussnoten
1 Führer einer kleinern Abteilung Kosacken.
2 Die Dame spricht in ihrem später veröffentlichten Tagebuch: »Journal kept
durind de Russian War etc.« sehr viel von ihrem Pferde, aber sehr wenig von
ihrem Manne!
                                                                            D.V.
 
                              Während des Winters.
                           I. Wiederum in der Steppe.
Es war ein frosteller Nachmittag im Januar, gegen Ende des Monats, als ein
Schlitten vor einer Stanzia1 auf dem Wege nach Perecop hielt, in der nämlichen
Gegend, die wir im Sommer in den Gefahren des Steppenbrandes gesehen. Die
unermessliche Eintönigkeit der Steppe war geblieben und schien nur die Farbe
geändert zu haben. Das in Myriaden Krystallen glitzernde Eistuch des Schnees
spannte sich über die weite Fläche, nur an einzelnen Punkten des Horizonts
unterbrochen durch die lichten Schatten einer der aufsteigenden Moginen2. Im
Schlitten, in den dunklen Bärenpelz gehüllt, sass ein junger Offizier in
Ulanenuniform, seine Waffen und sein Gepäck füllten den Vorderteil, auf dessen
Brett der Führer des Gespanns gesessen.
    Der Wirt und Aufseher der Stanzia stand bereits an der Tür, vor der sich
auch viele andere Personen versammelt hatten: Knechte, Muschiks und Tataren,
darunter einige Kosacken, die hier zu Depeschendienst stationirt waren. Die
Leute beeilten sich, mit der Untertänigkeit des niedern Russen gegen Jeden, der
Offiziere-Uniform trägt, herbeizuspringen, die Pferde abzuschirren und dem
Reisenden herauszuhelfen.
    »Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Euer Wohlgeboren,« sagte der
Stationsaufseher, die Pelzmütze in der Hand. »Wenn Sie weiter wollen, so muss ich
Ihnen gehorsamst melden, dass keine Pferde auf der Station sind. Aber ich hoffe.
Euer Gnaden werden die warme Stube nicht verschmähen und einen Napf Blinh und
Kascha3 oder ein Glas warmen Getränkes.«
    Dem jungen Offizier schien die Nachricht, dass keine Pferde zu haben seien,
höchst gleichgültig, denn er kannte die auf allen Stationen sich wiederholende
Ausrede, dagegen die Aussicht auf die warme Stube nicht unangenehm, weil ein
eisig scharfer Wind über die Steppe zog und die Kälte fortwährend zunahm. Ohne
zu antworten, trat er in die Küche und durch deren erstickenden Rauch in die
wohlgewärmte, für den Aufentalt der Reisenden bestimmte Stube, denn das
Stationshaus war auf kaiserliche Kosten erbaut und hatte die vorgeschriebenen
Einrichtungen. Er setzte sich auf die Bank am Ofen, zog die Uhr und sagte
einfach zu dem ihm gefolgten Aufseher:
    »In einer Stunde, Brat4, lasse die Pferde auspannen. Einstweilen gieb mir,
was das Haus vermag.«
    »Aber ich versichere Euer Wohlgeboren, es ist ein Huf im Stalle ...«
    »Mir gleich. In einer Stunde! Dienst des Kaisers!« Er hielt ihm die offene
Ordre entgegen.
    Der Postmeister krümmte sich wie ein Wurm. - »Der heilige Michael möge mir
beistehen, - wo soll ich die Pferde hernehmen? Der Dienst ist jetzt
unaussprechlich schlimm seit dem Kriege. Die letzten sind heute Mittag mit dem
Herrn fort, der das Bataillon begleitete.«
    Sein flehender Blick traf auf eine sehr unempfindliche Miene; der Offizier
hatte seine kleine Kabardiner Pfeife auf's Neue gefüllt und sich bereits auf die
Bank gestreckt. - »Was gibt es Neues von Ssewastopol?«
    »Die Heiligen mögen es schützen!« entgegnete der Wirt. »Es kam heute Morgen
ein Courier hier durch, dem Sie vielleicht begegnet sind. Er ging auf der grossen
Strasse nach Petersburg.«
    »Ich komme nicht von dort. Welche Nachrichten?«
    »Schlimm genug. Die Arbeiten der Feinde in den Laufgräben haben wieder
begonnen und die Feinde viele Verstärkungen erhalten. General Osten-Sacken, der,
wie Euer Wohlgeboren wissen werden, jetzt das Kommando in Ssewastopol führt,
soll viele nächtliche Ausfälle machen, bei denen sich unsere Truppen mit Ruhm
bedecken.«
    »Sind die Grossfürsten noch in Ssewastopol?«
    »Ja, Euer Wohlgeboren. Ich habe gehört, dass Seine Kaiserliche Hoheit, der
Grossfürst Nikolaus Nikolajewitsch, die Verteidigung der Nordforts kommandiert.
Euer Vohlgeboren werden sich selbst davon in einigen Tagen überzeugen können?«
    Der Offizier schüttelte den Kopf. - »Ich gehe nicht nach Ssewastopol.«
    Der Aufseher schante ihn erstaunt an - das war in diesen Tagen eine seltene
Antwort. - »Darf ich mir die Freiheit nehmen, Euer Wohlgeboren zu fragen, wohin
Ihr Weg führt?«
    »Ich will nach dem Kuban und gehe daher nach Kertsch. Hat unsere Armee in
der letzten Zeit Verstärkung erhalten?«
    »Es kommen täglich Truppen, trotz der strengen Kälte. Das dritte
Infanterie-Corps ist seit Weihnacht auf dem Durchmarsch. Fast täglich kommen
Abteilungen vorbei, noch heute Mittag passirte ein Bataillon.«
    »Sie werden einen schlimmen Tag haben. Wie weit ist die nächste Stanzia?«
    »Acht und zwanzig Werst, Herr! Es ist die Colonie der Frommen5.«
    »Zum Henker! Ein schlimmer Marsch - es wird nicht viel weniger sein, als 24
Grad.«
    Der Wirt zuckte bedenklich die Achseln. - »Wenn es nur das Schlimmste
wäre!«
    »Wie meinst Du das?«
    »Die Tataren, die das Wetter kennen, fürchten einen Sturm, und ein
Schneesturm ist ein bös Ding in der Steppe. Die Heiligen mögen uns bewahren!«
    Der Offizier, der einen tüchtigen Schluck von dem heissen, stark mit Rum
versetzten Tee genommen, der eben herein gebracht worden, sah ihn lächelnd von
der Seite an. - »Du meinst wegen der Pferde? es hilft Dir Nichts, Brüderchen,
ich bleibe doch nicht.«
    »Die Heiligen sollen mich vergessen, wenn ich Euer Wohlgeboren nicht die
Wahrheit sage. Der Graf, welcher dem Bataillon sich angeschlossen, um des jungen
Fähnrichs, seines Enkel willen, hat die letzten Pferde genommen und sie doppelt
bezahlt. Die armen jungen Leute. Ich glaube, die Hälfte der Offiziere ist kaum
aus den Anstalten in Petersburg gekommen.«
    Der Reisende wurde aufmerksamer. - »Waren es neue Truppen? Wer führt sie?«
    »Poltawskische Infanterie, Herr. Podpolkawnik6 Galizin kommandiert das
Bataillon. Es muss Not haben vor Ssewastopol, denn die Truppen haben Ordre,
doppelte Tagemärsche zu machen, und der Kommandant ist nicht der Mann, sie ihnen
zu schenken.«
    Er legte das Stationsjournal vor den Reisenden, um seinen Namen zu erfahren:
die Lieutenantsuniform und der Mangel aller Bedienung hatte ihm nicht besondern
Respect eingeflösst. Der Fremde zog das Buch zu sich, blätterte darin und las
gleichgültig die letzten Namen. Plötzlich sprang er hastig empor und den Finger
auf die letzte Einzeichnung, fragte er: »Graf Ludomirski? - wer ist das?«
    »Der letzte Reisende, der Pferde erhalten: ich erzählte Euer Wohlgeboren
bereits davon. Er folgt schon von Kiew aus dem Bataillon, bei dem, wie mir der
Jäger sagte, sein Enkel eingestellt ist, aus Besorgnis für den Knaben. Als ob
nicht jeder russische Vater so gut wie er seine Söhne für den Dienst gegeben!«
    »Der Graf ist ein aller Mann? - kannst Du mir ihn näher beschreiben?«
    »Warum nicht, Väterchen, er ist kenntlich genug: zwei tiefe Narben im
Gesicht, die eine bis über den kahlen Schädel. Den Jäger kenne ich - er kam im
vorigen Sommer hier durch bei dem grossen Steppenbrande mit einer Dame.«
    »Er ist's - unbezweifelt! - Höre, Brat, die Ausflucht mit den Pferden muss
aufhören; ich muss auf der Stelle weiter. Ich will die Post nicht zur Krontaxe,
sondern gebe Dir doppelte Bezahlung, wenn ich die Pferde binnen einer
Viertelstunde habe, und ein gutes Trinkgeld obend'rein.«
    Das Versprechen half - Furcht und Geld sind die Mittel, durch die bei den
Russen Alles zu ermöglichen ist. Wenige Augenblicke darauf sprengte ein Kosack
davon, um Pferde aus der Stepphe herbeizuschaffen. Dennoch schien der erweckte
Diensteifer mit Besorgnis zu kämpfen, der Aufseher stand mit den Bauern und
Knechten in lebhaftem Gespräch vor der Tür und schaute oft nach dem Himmel, den
Worten und Zeichen eines alten Tataren horchend.
    Die Sache war aber schwerlich zu ändern, das Geld, das der Offizier so
freigebig geboten, lockte und über die Fläche galoppirte bereits der Kosack mit
einem jungen Burschen und den drei zur Beförderung des Schlittens bestimmten
Pferden. Der Offizier stand trotz der strengen Kälte in der Tür des Hauses, um
mit seiner Gegenwart die Vorbereitungen zu beeilen.
    Der Postalter trat wieder zu dem Offizier. - »Ich halte es für Pflicht,
Gospodin, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Ihnen Gefahr in der Steppe droht
Muhamed, der Tatar, ist der beste Wetterkundige fünfzig Werst in der Runde, seit
Michael, der Tabuntschik, zur Krimm gezogen, und er meint im Ernst, dass wir
leicht einen Schneesturm haben können.«
    Der Ulan lachte ihm in's Gesicht. - »Schau Dich nur mn, Alter - es ist ja
kein Wölkchen am Himmel. Hier ist Dein Geld und etwas darüber für die Kosacken
und nun lass mich ungeschoren mit Deiner aufrichtigen oder erfundenen Besorgnis.«
    »Das ist es ja eben, Euer Gnaden,« sagte, demütig dankend, der Mann, »dass,
wer nicht ein Leben lang in der Steppe zugebracht hat, ihre Zeichen und Tücken
nicht kennt. Ich habe gar schreckliche Stürme auch bereits bei heiterm
Sonnenschein erlebt und die Heiligen mögen Euch vor einem ähnlichen behüten.
Folgt meinem Rat und nehmt wenigstens einen der Eingeborenen noch zur
Begleitung mit, denn der Abend kommt rasch herbei und die grosse Spur, welche die
Soldaten gemacht, könnte leicht verweht werden.«
    Der Offizier willigte nach einigem Bedenken ein, wenn die Sache ohne
weiteren Zeitverlust geordnet werden könne, und der alte Tatar selbst war nach
verschiedenem Hin- und Herreden gegen das Versprechen eines Trinkgeldes bereit,
den Schlitten zu begleiten. Der Reisende, welcher daraus schloss, dass die ganze
Warnung nur auf diesen Zweck hinausgegangen, befahl ungeduldig die Abfahrt, und
die Troika galoppirte nach wenigen Minuten unter dem Schreien und Rufen des
Postillons hinaus in die weite Schneefläche, während der Postalter und seine
Leute besorgt ihnen nachschauten.
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    Die Dunkelheit war bereits eingetreten - die Sterne funkelten und blitzten
vom Himmelsgewölbe, scharf und eisig in einzelnen heftigen Stössen fuhr der Wind
über die unermessliche weisse Oede, durch die sich langsam der dunkle Zug des
Bataillons fortschleppte. Die Leute waren seit dem Morgen marschirt und zum Tode
ermüdet; das schwere Gepäck, mit dem sie belastet, vermehrte die Erschöpfung,
denn die Bagagewagen waren mehrere Märsche zurückgeblieben, um die angestrengte
Eile des Zuges nicht zu stören, und nur wenige Schlitten und Karren mit den
nötigsten Bedürfnissen und Vorräten begleiteten den Zug.
    Der Marsch der grossen Colonne geschah stumm und still, kaum dass sich hier
und da ein halb unterdrückter Fluch ober ein Scheltwort der Offiziere und
Unteroffiziere, ein Antreiben der Führer der Gespanne hören liess. Man fühlte die
unheilschwere Ermattung, die über dem Ganzen lag, die Furcht vor einer drohenden
Gefahr, obschon nirgends ein Anzeichen davon zu blicken war.
    Der russische Soldat ist ein eigentümlicher Mensch: bis zu einer gewissen
Gränze, und diese ist meistenteils die Gränze des Lebens, das Urbild passiven
Gehorsams ohne Empfinden und eigenen Willen, sowohl im Ertragen aller Arten von
Leiden und Gefahren, als im Widerstand gegen dieselben und im Handeln. Es fehlt
ihm durchaus nicht an Vaterlandsliebe, an Gefühl und Opferungsfähigkeit für alle
jene Güter, für welche der Mensch Blut und Leben einsetzt, aber selbst in seinem
Angriff liegt eine gewisse Passivität, ein Fatalismus. Er nimmt sich nur selten
die Mühe, sich Rechenschaft zu geben, und liebt es nicht, auf seine eigene
Entscheidung sich verwiesen zu sehen. Wenn ihm das Kommando erteilt worden ist,
Etwas zu tun, wird er es ausführen, mit Gewalt oder mit List, die ihm
keineswegs fehlt, und er bleibt dabei gleichgültig gegen alle Folgen für ihn
selbst; wenn ihn der Kaiser ruft, wenn der Pope ihm das Kreuz zeigt, wird er mit
einem zähen Fanatismus in jede Gefahr gehen, dessen aufflammende Energie nicht,
aber dessen Ausdauer eine Welt in Erstaunen setzt. Dieser Eigenschaften wegen
ist der russische Soldat, wenn auch nicht der geschickteste, der glorreichste,
so doch - in der Masse wenigstens - vielleicht der beste der Welt.
    Obschon die Colonne möglichst dicht geschlossen blieb, marschirten die
Soldaten doch zwanglos und mit den üblichen Erleichterungen. Jeder hatte sich,
so gut es ging und die Mittel ihm erlaubten, gegen den erstarrenden Hauch des
eisigen Ostwinds zu schützen gesucht und war bemüht, in fortwährender Bewegung
zu bleiben, und die Offiziere sorgten dafür, dass Keiner die Reihen verliess; denn
Zurückbleiben war in der Schneewüste und der von Minute zu Minute sich
steigernden Kälte der Tod.
    Neben einem jungen Unterfähnrich, der in Wahrheit noch Knabe war, schritt
ein alter, aber rüstiger Mann, in einen Militairmantel gehüllt, der beim
Aufwehen des Windes Civilkleidung zeigte. Seine Aufmerksamkeit war offenbar
allein mit dem Jüngling beschäftigt, dessen Kräfte schwer erschöpft waren, der
aber mit aller geistigen Energie dagegen kämpfte, die Spuren dieser Schwäche zu
zeigen. - »Armer Junge,« sagte der Greis, »es ist unmöglich, dass ein Knabe wie
Du dieser furchtbaren Anstrengung widerstehen kann. Lasse mich mit dem
Oberst-Lieutenant sprechen, er muss Dir einen Platz auf dem Schlitten bewilligen,
den ich bereits für die Kranken hergegeben. Du hast das erste Recht daran.«
    Der junge Mann hielt ihn am Arm zurück. - »Ich beschwöre Dich,
Grossväterchen, mach' mir die Schande nicht. Was würden meine Kameraden in
Petersburg sagen, die mich beneideten um die mir gewordene Auszeichnung, wenn
ich schon auf dem Marsch unterlegen wäre! Lieber sterben.«
    »Du wirst es und ich mit Dir, wenn Du eigensinnig beharrst. Du hast noch
nicht die Kraft eines Mannes, und selbst Männer werden nicht lange mehr der
Ermüdung und der Kälte widerstehen, wenn wir nicht bald das Ziel erreichen. Es
war Wahnsinn von Dir, in Deinem Alter Dich zur Einstellung zu melden, und
unverantwortlich, dass man Deinem kindischen Entusiasmus gewillfahrtet.«
    Der Unterfähnrich versuchte, mit Aufbietung aller seiner Kräfte einen festen
Schritt anzunehmen. - »Sage das nicht, Grossväterchen,« entgegnete er. »O, wenn
Du zugegen gewesen wärst, als der Kaiser unsere Schule vor dem heiligen
Weihnachtsfest besuchte, wenn Du gesehen hättest, wie die Knaben den mächtigen
Herrn baten, er möge ihnen erlauben, in die Arme einzutreten und für das
Vaterland zu kämpfen, wie der Kleinste sich gross, der Jüngste älter zu machen
suchte, welcher Jubel sich erhob, als der Kaiser bestimmte, dass dreissig der
Besten das Patent erhalten sollten - o, Du würdest begreifen, wie stolz
Diejenigen waren, auf welche die Ehre fiel.«
    Der alte Mann blickte finster vor sich hin. - »Ich hatte andere Pläne mit
Dir - es traf mich wie eine Todesnachricht, dass Du so plötzlich und so jung in
die Armee eingestellt worden. Sebastopol, Knabe, ist das unersättliche Grab.«
    »Und wäre es das,« fuhr der Jüngling fort, »ich führe den Namen Lasaroff und
werde ihm keine Schande machen. Ich will dem Czar beweisen, dass ich bis zum Tode
dankbar bin für die Gnade, die Dich wieder zu mir geführt. Wie gern hätte ich
schon damals mein Blut für ihn vergossen, und seine Huld gab mir ja das Recht
auf die Ehre, jetzt unter den Erwählten zu sein.«
    »Stütze Dich auf meinen Arm, Michael,« sagte der Greis, ohne auf die
Begeisterung des Jünglings zu antworten. »Der Sturm nimmt zu und Dein Schritt
schwankt - Du reibst Deine letzten Kräfte auf.«
    Ein Stocken in der Colonne entstand. Der Podpolkavnik kam langsam an der
Seite herab geritten, hinter ihm trugen vier Soldaten einen Mann.
    »Wenn noch ein Raum ist in Ihrem Schlitten, Herr,« sagte der Kommandant, »so
bitte ich Sie, dem Lieutenant Timotscheff ihn zu gönnen. Der Mensch ist völlig
erschöpft und ohnmächtig und ich möchte ihn nicht gern zurücklassen.«
    »Das müsste natürlich sein Tod sein,« erwiderte der Graf bitter. »Versuchen
Sie selbst Ihr Heil; ich und mein Diener gehen bereits zu Fuss und das Gefähr ist
so überladen, dass die Pferde es kaum noch fortzubringen im Stande sind.«
    Der Offizier überlegte finster einige Augenblicke, dann sagte er heftig:
»Die Jugend wird immer entarteter, Herr, und vermag Nichts mehr zu ertragen. Ich
kann ihm nicht helfen - legt ihn zu Boden, Leute, und mag er erfrieren. Mein
Befehl lautet: Vorwärts!«
    »Nicht an der Jugend Ihrer Soldaten liegt es, Herr,« entgegnete der Graf,
»aber der Doppelmarsch in diesem Schnee und gegen den Sturm erschöpft jede
Kraft. Wie weit rechnen Sie noch die Entfernung?«
    »Der Teufel weiss es in dieser höllischen Steppe. Ich hoffe, es sind keine
sieben Werst mehr, aber es ist unmöglich, sich in dieser Fläche zu orientiren,
und ich wünschte, wir hätten landeskundige Führer mitgenommen. Ihr Postillon ist
der Einzige, der uns Auskunft geben könnte, der Bursche versteht aber kaum ein
Wort reines Russisch.«
    »Hören Sie, wie es in den Lüften braust!«
    »Bei Gott - es erhebt sich ein Wirbelwind, der uns den Schnee aufrühren
wird. Fest an einander geschlossen, Leute, und vorwärts! Wer fällt, mag liegen
bleiben.«
    Er wollte davon sprengen, der Graf fiel ihm in die Zügel. »Der Himmel stehe
uns bei, ich fürchte, es kommt ein Schneesturm! Formiren Sie Quarré-Colonnen, es
ist unsere einzige Rettung und der Rat eines alten Soldaten!«
    Die Kommandorufe der Offiziere erschollen in dem Heulen und Brausen, das
sich ringsum erhob, das in den Lüften sauste, aus der Erde empor zu wirbeln
schien, von allen Seiten, gleich einem höllischen Concert von tausend
Teufelsstimmen. Die ganze Steppenfläche rings umher schien lebendig zu werden
und sich in die Lust zu erheben, der Schnee wirbelte in so dichten Massen, dass
kaum zu atmen war und die ganze Umgebung eine einzige grosse Lawine schien.
    »Michael, mein Kind! mein Sohn! halte Dich fest an mich! Hierher! hierher!«
    Einen Augenblick versuchten die Trommeln zu wirbeln dumpf und hohl; -
Kommandorufe tönten zwischen dem Toben der Natur halb erstickt, aber das Geheul
des entfesselten Orkans, vermischt mit hundertfachem Jammerruf und
Hilfsgeschrei, überwältigte jeden einzelnen Laut. Die Bespannungen der wenigen
Gefähre, welchder der Colonne folgten, standen schnaubend und zitternd, dann
versuchten sie wie toll ihre Banden zu sprengen und stürmten in rasendem Lauf,
die dichten Menschenhaufen zur Seite schleudernd, davon.
    Nach dem ersten furchtbaren Stoss schwieg minutenlang der Sturm, gleichsam
als schöpfe er neuen Atem, und in dem hellen winterlichen Sternenlicht, das
noch immer die Steppe erhellte, sah man weisse Massen sich bewegen und einzelne
Gestalten nach allen Richtungen hin zerstreut über den Schnee flüchten.
    »Halt! - Still gestanden! - Zum Quarré!« klang die mächtige Stimme des
Führers und gehorsam selbst in der Todesgefahr ordneten die noch nicht
niedergeworfenen oder zersprengten Züge sich um den Befehlenden.
    Das Quarré war noch nicht geschlossen, als der Sturm auf's Neue losbrach und
im Nu die ganze Fläche ein unermesslicher Schneewirbel war.
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    Der Schlitten des jungen Offiziers war kaum zwei Werst hinter dem Bataillon,
wie der Sturm losbrach. Im Augenblick, als der erste heulende Ton durch die Luft
fuhr, stürzte sich der alte Tatar von seinem Sitz und warf sich vor die Pferde,
diese in die Nüstern packend und dem Postillon zuschreiend, aus allen Kräften
sie festzuhalten. Hierdurch gelang es, sie auf einer Stelle zu fesseln und die
so notwendige Richtung zu behalten. Denn selbst die sonst so sichern Tiere
verlässt häufig bei so plötzlichen und schrecklichen Naturerscheinungen ihr
Instinct. Unwillkürlich seitwärts sich neigend, suchen sie der fessellosen Wut
des Orkans auszubeugen, lenken von der rechten Strasse ab und kommen oft, ohne
dass der von dem wirbelnden Schnee betäubte und geblendete Reisende es merkt, mit
kreisförmiger Wendung in eine gerade entgegengesetzte Richtung, je nachdem der
Wirbel sie irre leitet. Unsicher, ohne Pfad, scheu vor den empörten Elementen,
weichen sie zuletzt willenlos jedem Impuls des umspringenden Sturmes, bis sie
entkräftet im tiefen Schnee stecken bleiben oder in eine der Regenklüfte
stürzen, welche den Steppenboden durchfurchen.
    Es ist nicht selten, dass Reisende am Eingange der Dörfer elend umkamen, weil
sie nicht wussten und nicht sahen, wie nahe sie dem Rettungshafen waren.
Schrecklich ist das Schicksal der Heerden, die auf offener Steppe von einem
solchen Schneesturm überrascht werden, besonders wenn er von der Richtung, des
Hofes her weht, dem sie angehören. Die Pferde springen wild auseinander, rennen
meilenweit, es ist unmöglich, sie zusammen zu halten. Die Schafe drängen sich
dicht an einander und folgen trotz aller Anstrengung der Hirten den leitenden
Tieren in der Richtung des Sturmes. Die Hirten, selbst der Wut des Orkans
preisgegeben und vor Kälte erstarrt, geben endlich das fruchtlose Bemühen des
Widerstandes auf und folgen der von der dämonischen Gewalt fortgetriebenen
Heerde, so lange es ihre Kräfte gestatten oder bis sie selbst von den wandelnden
Lawinen verschüttet werden.
    Die Kirgisen der nogaischen Steppe verloren vor einigen Jahren in einem
solchen Sturm Tausende von Pferden, Schafen und Kameelen.
    Als der erste Stoss des Orkans vorüber war, liess der Tatar den Pferden die
Zügel schiessen und sie jagten mit rasender Schnelle über die Fläche dahin. Zwei
Mal wiederholte sich dies Spiel, der Schlitten schnellte bereits hin und wieder
über einen unter der Schneedecke liegenden Gegenstand, ohne dass die Fahrenden in
ihrer rasenden Eile sich von der Natur desselben überzeugen konnten. Der
Offizier glaubte mehr als ein Mal Rufen und menschliche Stimmen durch dies Toben
der Elemente zu vernehmen, Gestalten und Schatten durch die Schneewirbel
schwanken zu sehen - aber vergeblich war sein Haltruf, denn der alte Tatar trieb
die ohnehin rasenden Rosse zu immer neuer Eile. Jetzt - dort - ganz deutlich
hörte er den Hilferuf - gleich darauf eine schwache Salve von Gewehren -
Gestalten taumelten um ihn her. - »Haltet ein - das ist unser Schlitten! Halte
ihn fest, Bogislaw. Das Erbarmen muss der eigenen Rettung weichen!« Ein kräftiger
Mann warf sich vor die galoppirenden Pferde und liess sich von ihnen
fortschleifen, ein Zweiter, eine schwere Last auf den Armen, schwankte hinter
dem Schlitten d'rein. »Schiess' ihn nieder, Gospodin!« schrie der Tatar; »nieder,
oder wir sind verloren, wenn sie sich an uns anhängen!« Aber der Offizier hatte
bereits selbst in die Zügel gegriffen und die Pferde zum Stillstand gezwungen.
»Wenn Gott Ihnen barmherzig sein soll in Ihrer Todesstunde, so üben Sie selbst
Barmherzigkeit!« flehte eine tiefe Stimme neben ihm. »Nehmen Sie meinen Enkel,
einen Knaben, in Ihren Schlitten und retten Sie ihn, ich will gern hier sterben
und Sie segnen in meiner letzten Not!« - »Graf Lubomirski? - ich kenne die
Stimme - herein, herein! jeder Augenblick ist Todesgefahr - aber ich lasse Sie
nimmer im Stich!« Der alte Pole, noch ungewiss, wer sein Retter sei, warf den
leblosen Knaben in den Schlitten und sich darüber hin. »Wenn Du noch einen
Augenblick zögerst, Gospodin, so sind wir geopfert!« jammerte der alte Tatar.
»Dort kommen sie und sie werden uns Schlitten und Pferde nehmen - die Last ist
ohnehin für die Tiere zu gross!« Massen schneebedeckter Gestalten stürzten
herbei, wildes Geschrei ertönte, jeder der Unglücklichen drängte nach dem Mittel
der Rettung. - »Vorwärts! - vorwärts, ohne Erbarmen!« rief der treue Jäger,
indem er hinten auf die Kufen des Schlittens sprang und mit gewaltigem
Faustschlag einen der Elenden in den Schnee schleuderte, der sich bereits dort
angeklammert. Durch die halb betäubten, erstarrten Soldaten flog das Dreigespann
mit der Doppellast davon querfeldein - hinter ihnen her Flüche und
Verwünschungen, das Geheul des neu emporwirbelnden Sturmes - rings um sie ein
fliegendes Meer von Flocken und spitzen, schneidenden Krystallen, dass oft kaum
die Hand vor den Augen zu sehen war. Von Strasse, von Pfad keine Spur, die hatte
längst der wirbelnde Schnee begraben. Zum Glück vermochte der greise Führer in
den Pausen des Sturmes nach den Sternen die Richtung zu finden, und obschon die
Pferde von Schnee und Wind ermattet und durch die schwere Last gehemmt wurden,
kamen sie doch rasch vorwärts und liessen die unglückliche Schaar weit hinter
sich in dem weissen Grabtuch des Schnees. Die Hand des Herrn, die aus
Flammenglut und Wogendrang errettet, war über ihnen und führte sie glücklich
aus der eben so schrecklichen Gefahr des eisigen Todes unter den wandelnden
Schneebergen. Nach zahlreichen Gefahren und Leiden hielten, etwa eine Stunde
nachdem der Schlitten das Bataillon verlassen, die Pferde vor der offenen Fenze
eines grossen Gehöfts, in die sich zahlreiche Heerden schon beim Beginn des
Sturmes glücklich geflüchtet hatten und wo sie jetzt im Schutz der langen,
niedern, ein weites Viereck bildenden Stall- und Scheunengebäude kauerten. Der
alte Tatar führte die Pferde in das Gehöft und auf den Ruf der Reisenden eilten
die Bewohner und die versammelten Hirten aus dem Schutz des Hauses den
Erschöpften zu Hilfe.
    Zwei Stunden darauf sassen, wie in jener Winternacht in dem Krug der
polnischen Wälder, Graf Lubomirski und der junge Offizier, in dem Jener zu
seinem freudigen Staunen Djemala-Din, den kaukasischen Prinzen, wiedergefunden,
am warmen Heerdfeuer des Mennoniten Hesekiah zusammen. Der wackere Jäger
Bogislaw, der so manche Gefahr mit ihnen und für sie treulich bestanden, wachte
jetzt bei Michael Lasaroff, dem jungen Unterfähnrich, den sie starr und leblos
in das Haus getragen und der endlich durch die angestrengte Anwendung aller
Hilfsmittel wieder in's Leben zurückgerufen, sich in diesem Augenblick unter der
Obhut der Frauen des Hauses und unter hoch aufgetürmten Betten im tiefen
Schlafe befand.
    Draussen tobte der Schneesturm noch immer mit gleicher Heftigkeit und die des
Landes Kundigen erklärten, dass er mindestens vierundzwanzig Stunden in derselben
Weise anhalten werde, während welcher Zeit es unmöglich sei, den Schutz des
Gehöftes zu verlassen. Selbst die aufopfernde Menschenliebe der Mennoniten hatte
es daher nicht wagen können, den im Schneegefilde dem Verderben preisgegebenen
Truppen irgend eine Hilfe zu bringen und vergebens hatten der Graf und der junge
Kaukasier eine bedeutende Summe für Den geboten, der als Führer zum rettenden
Hort die Unglücklichen aufsuchen wollte. Die Kälte war zur Nacht so heftig
geworden, das Schneetreiben so wütend, dass selbst das kühnste Herz verzagte vor
dem gewissen Tode. Man hatte sich begnügen müssen, am Eingang des Dorfes Wachen
aufzustellen, die alle Viertelstunde abgelöst werden mussten, und von Zeit zu
Zeit Gewehre abschossen. Aber man wusste, dass bei der Macht des Sturmes der
Schall kaum über den nächsten Umkreis dringen konnte, dass Alles vergeblich und
das Schicksal der Unglücklichen wahrscheinlich längst entschieden war: - ein
Grab unter dem Leichentuch der Schneelawinen, - ein Riesengrab für tausend
mutige, treue Kriegerherzen, die noch vor wenigen Stunden auf dem Wege zur Ehre
und Pflicht so lebenswarm geschlagen.
    Diese Gewissheit warf die Schatten trüber Stimmung über alle Mitglieder der
Versammlung, selbst über die sonst für das Schicksal ihrer Zwingherren ziemlich
gleichgültigen Tataren. Die Mennonitenfamilie hatte im gemeinsamen Gebet die
Unglücklichen dem Schutz und Erbarmen des Höchsten empfohlen und die Männer
sassen still in den grossen Küchenraum umher, dem Wüten des Orkans lauschend.
Djemala-Din hatte dem Grafen mitgeteilt, dass er auf dem Wege zum Kaukasus sich
befinde. Der Emir Schamyl hatte, wie wir bereits aus der Unterhaltung der
russischen Offiziere auf der Mastbaftion am Tage des ersten Bombardements
wissen, neben der Summe von 40,000 Rubeln die Kurückgabe seines ältesten Sohnes
als Lösegeld für die Fürstinnen Tscheftsawadse und Orbelian verlangt, und der
Kaiser dem jungen Manne freigestellt, ob er dem Verlangen seines Vaters Folge
leisten wolle oder nicht. Was Djemala-Din von sich gewiesen, als die Boten
seines Vaters ihn zur heimlichen Flucht zu bewegen suchten, erschien ihm jetzt,
wo er die Gräfin Wanda am Kaukasus wusste, in einem anderen Lichte, und er hielt
es für eine Pflicht der Ehre und Liebe für sie, sich selbst zur Befreiung ihrer
Verwandtinnen zu opfern. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, von ihren Lippen den
Dank für das Opfer zu empfangen und im Hintergrunde der unbestimmte Traum, sie
dennoch dort auf dem Felde wilder Abenteuer für sich zu gewinnen, wie sie selbst
ihn durch ihre Phantasieen angeregt, machten ihm den Entschluss leicht. Erst
hier, am Heerde des Mennoniten in der wilden Steppe, wo das Schicksal ich so
wunderbar mit dem Verwandten der Geliebten zusammengeführt, vernahm er zum
ersten Male, dass auch sie selbst in den Felsennestern seiner Heimat als
Gefangene schmachte. Die Aufregung, in die ihn diese Nachricht versetzte, war zu
sichtbar und gross, um von dem Greise missverstanden zu werden, der bereits auf
dem Schloss in Volhynien die entstehende Liebe des jungen Mannes beobachtet hatte
und ihn achtete und schätzte. Obschon Gräfin Wanda ihm Nichts vertraut,
beurteilte er doch die hochherzige romantische Richtung ihres Geistes und
Herzens zu richtig, um zu zweifeln, dass sie die Gefühle des jungen
Tscherkessenfürsten erwiederte, und das tiefe Nachdenken, in das er so eben
versunken, galt zum grossen Teil der seltsamen Schicksalsverkettung des jungen
Paares und seiner Zukunft.
    »Ihre Lage, Prinz,« sagte er endlich, »wird eine äusserst schwierige sein.
Sie wissen, dass der Kampf zwischen den freien Bergvölkern und den Russen auf's
Neue heftig entbrannt ist. Sefer-Pascha und Beisched-Pascha haben ihnen schon im
Sommer bedeutende Hilfsmittel zugeführt, die russischen Festungen am Schwarzen
Meere sind sämtlich zerstört oder in den Händen Ihrer Landsleute und die
Schlacht am Ingur hat auch dort die russische Macht gebrochen. Ich weiss, dass von
den alliirten Flotten nach dem Beginn der besseren Jahreszeit eine grosse
Expedition an die östlichen Küsten des Schwarzen Meeres ausgeführt werden wird
und dass England Ihren tapfern Vater unterstützt. Er wird von dem Erden seiner
Macht mit Recht fordern, dass er in dem neuen und günstigen Kampf für die
Freiheit an seiner Seite steht, dass er sich würdig zeigt der grossen Aufgabe, die
Unabhängigkeit der Stämme, die ihm einst gehorchen werden, gegen die Tyrannei zu
verteidigen. Ich bin ein Greis, Freund, und fühle, dass dieser Krieg der
Fürsten, von dem wir so viel für die Sache allgemeiner Freiheit hofften in einer
Versöhnung ihrer Interessen und ihrer Vorteile auslaufen wird, denn manche
bittere Erfahrung hat mich belehrt, dass Zwiespalt und Eigennutz noch nicht die
Völker zu einer gemeinsamen Erhebung gegen die Unterdrückung reif gemacht. Aber
es gibt Wehrfesten des glorreichen Kampfes, die, wenn der Sieg uns hier
entrissen wird, diesen ewigen Streit fortführen und an denen die entarteten
Völker Europa's sich immer auf's Neue ermutigen. Eine solche stolze Feste ist
der Kaukasus und sein Kampf - wollen Sie sich ihm weihen, wie Ihre Väter taten,
werden Sie eintreten in den Krieg gegen Russland, das Sie bisher mit hundert
Lockungen verführt und Sie jetzt verstösst und verhandelt gleich einer Waare um
zwei wertloser Weiber und adliger Namen willen?«
    Der junge Offizier sah einige Augenblicke ernst vor sich nieder, er fühlte,
dass von seiner Antwort die Meinung des fanatische Greises, vielleicht die
Hoffnung seiner Zukunft abhängig sein würde. Aber er empfand zugleich, dass jedes
Ausweichen, jede Täuschung seiner selbst und seiner Liebe unwürdig sei. -
»Djemala-Din,« sagte er fest und bestimmt, »wird nie sein Schwert im Kampf gegen
den Czaren Nicolaus, seinen Freund und Wohltäter, ziehen.«
    Der alte Pole schaute finster und halb verächtlich auf ihn. »So werden Sie
ein Zwittergeschöpf sein zwischen Krieger und Sclaven, misstraut von den Ihren,
misstraut von Ihren bisherigen Freunden. Sie werden untergehen in diesem Kampf,
wo Sie ein Held Ihres Volkes sein könnten. Ich hatte es anders gehofft und
gewähnt, dass die Tochter eines unglücklichen und dennoch fortoffenden und
ringenden Volkes in dem Sohne des glücklicheren die Flamme seines Rechts durch
ihre eigene Begeisterung geweckt habe.«
    Der Tscherkesse sah ihn erstaunt und zweifelnd bei dieser offenen Anspielung
an. - »Darf ich Ihre Worte deuten, wie mein Herz es möchte? - ich beschwöre Sie,
Graf - - -«
    Der Pole unterbrach ihn. - »Hören Sie mich an, Djemala-Din, des Imam's Sohn
und vielleicht die Hoffnung der Zukunft eines ganzen Volkes. Die Vorsehung hat
uns eigentümlich hier zusammengeführt und es ist eine seltsame Stunde und
Umgebung, in der ich Ihnen hier meine Seele eröffnen will. Draussen der tobende
Sturm, der die Söldner Russlands unter seiner eisigen Last begraben, um uns seine
demütigen Sclaven, wir selbst kaum dem Tode entgangen und durch Sie Alles
gerettet, woran das Herz eines Greises mit den Banden irdischer Liebe gekettet
ist. In meine Knabenzeit drang der Donner des Heldenkampfes von Dubienka7 und
des unglücklichen Rufs von Maccieiowice, wo mein Vater an der Seite von Polens
grösstem Helden verwundet wurde. Mit der Muttermilch hatte ich den Hass gegen die
Unterdrücker meines Vaterlands gesogen, und als ein neuer Stern seiner Hoffnung
in Frankreichs Kaiser ihm aufging, stand der Jüngling unter seinen Adlern und
focht seine Schlachten vom Ebro bis zur blutgetränkten Moskau und auf
Deutschlands und Frankreichs Fluren, immer vertrauend und getäuscht von dem
trügerischen Geschlecht der Napoleoniden, die aus den Freiheitshoffnungen der
Völker nur eine Staffel ihres Ehrgeizes machen. Nach dem Fall des Kaisers lebte
ich teils in meinem Vaterlande, das unter dem russischen Druck seufzte, teils
auf Reisen durch England, Amerika und Italien, und trat hier in den Bund jener
grossen Gemeinschaft, die über die Welt verbreitet und deren Aufgabe ist, die
Freiheit der Völker zu erringen und ihre Fesseln zu zerbrechen.«
    Er schien eine Antwort von seinem jungen Gefährten zu erwarten, doch dieser
begnügte sich, ihm schweigend zuzuhören, und der alte Revolutionair fuhr fort:
»In jener Zeit, während die Männer, die für die Freiheit standen und wirkten,
gleich den gehetzten Tieren durch alle Länder Europa's verfolgt wurden, starb
mein Weib, das ich mit meinem einzigen Kinde im Vaterlande zurückgelassen. Meine
Tochter wurde von Fremden erlogen. Das Jahr 1830 kam, von den Barrikaden von
Paris, die uns nur ein Königtum in anderer Gestalt erkämpft, eilte ich, ein
Mann bereits in der Neige der Jahre, zum Vaterlande, das noch ein Mal seine
Fahne erhoben zum blutigen Kampf. Ich focht in den Schlachten von Ostrolenka und
Grochow und an meiner Seite Wanda's Vater, der Gatte meiner jüngeren Schwester;
auch Lubienski, in dessen Schloss in Volhynien wir jene Weihnachten zubrachten,
war unser Waffengefährte. Sie wissen, wie auch damals Polens Stern durch die
Uneinigkeit seiner Führer und die Wortbrüchigkeit Frankreichs den russischen
Bajonnetten erlag. Aber noch ein anderer tiefgreifender Verlust traf mein
alterndes Leben. Ludmilla, mein einziges Kind, das einzige Vermächtnis einer
geliebten und hochherzigen Frau, die bei meiner Schwester lebte, in den
Grundsätzen und Gefühlen ihrer ganzen Familie erzogen, häufte Schmach auf das
Haupt ihres Vaters. Ein russischer Offizier, der im Schloss meines Schwagers im
Quartier gelegen, der Vater Michael's, gewann ihr Herz, und als ich Polen
verlassen musste und sie mit mir nehmen wollte nach Frankreich, weigerte sie
sich, mich zu begleiten, sie trotzte dem Vaterfluch und folgte dem Feinde ihres
Vaterlandes, dem Offizier des Czaren.«
    Der alte Mann stützte das Haupt in die Hand und starrte in die Kohlen des
Heerdes. - »Ich war einsam in der Welt - kein Kind, kein Vaterland, ein
gefährdeter verbannter Wanderer auf dem Rundkreis der Erde, gehetzt im Kampf mit
ihren Gewaltigen. Dieser Kampf allein war jetzt meine Liebe, mein Kind! Sie,
noch vor wenigen Tagen der Offizier eines jener Gewaltigen und bald vielleicht
wie ich ein Kämpfer für die Freiheit - Sie ahnen nicht, auf welchem Vulkan die
Trone Europa's stehen, wie unterwühlt der Boden unter ihren Füssen ist und wie
mächtig und blutig von Stunde zu Stunde als Mene Tekel die Hand der Unsichtbaren
an ihre Pforten klopft und an die Forderungen der Völker mahnt. Es ist ein Kampf
auf Tod und Leben, der seit drei Jahrzehnten zwischen den Kämpfern der Freiheit
und den Männern der Trone gefochten wird, mit tausend Waffen und Mitteln, im
Dunkel der Nacht und der Verborgenheit, und gleich den Vulkanen und Erdbeben
ausbrechend in hellen Flammen, wann und wo die Gegner es am wenigsten geahnt.
Hundert Mal besiegt von den Schergen der Gewalt, hundert Mal fruchtlos durch
Verrat und Zwiespalt der eigenen Glieder, findet die Sache der Freiheit gleich
dem Proteus im Blut der Niederlagen neue Kraft und neuen Mut zum Kampf und sie
erzieht die Völker für den dereinstigen Sieg.«
    »Und was verstehen Sie unter diesem? - was ist die Tendenz jenes grossen und
geheimen Bundes, von dem wir selbst in der Abgeschiedenheit einer Garnison
gehört haben?«
    »Die Selbsterrschaft der Völker, ihre Befreiung von dem Joch der einzelnen
Tyrannen, die allgemeine sociale Republik.«
    Der Offizier legte die Hand auf das Knie des Greises. »Das ist es, wo unsere
Wege sich scheiden, Graf Lubomirski,« sagte er mit edler Ruhe. »Ich bin ein
junger Mann und habe nur wenig beobachten können im Vergleich zu Ihrem langen
und reichen Leben, aber ich fühle, dass das edle Wort Freiheit und Kampf für sie
gar oft missbraucht wird. Ich bin kein so entarteter Sohn meiner heimatlichen
Berge und meines Volkes, dass ich nicht tief im Herzen sein heiliges Recht
erkennen sollte, mit Blut und Gut seine Unabhängigkeit gegen den fremden
Herrscher zu verteidigen. Die Selbstständigkeit der Nationen und ihr heiliges
Recht der Geschichte, des Glaubens und der Sitten - das ist die grosse Sache der
Freiheit, und wo diese ihr Banner erhebt, ob an der Weichsel oder am Kuban, sie
wird immer alle edlen Herzen für sich begeistern, - nicht das hohle Geschrei der
Republik und des Socialismus.«
    »Wie Sie es nennen mögen - es ist gleich, die Streiter der Freiheit sind
Alle Brüder einer grossen Sache! Ich habe mich nickt getäuscht, und Sie werden
dennoch einer der Unsern sein im Kampf gegen Russland, den gefährlichsten Feind
der Umgeburt der Welt.«
    »Niemals, so lange Kaiser Nicolaus lebt, niemals wird Djemala-Din, Schamyl's
Sohn, gegen den Mann das Schwert erheben, der sein Freund und Wohltäter war.
Erst wenn Dessen Augen geschlossen, dem er den Fahneneid geschworen, obgleich
der Kaiser ihm diesen gelöst, wird den Sohn des freien Tscherkessiens Nichts
mehr hindern, für die Unabhängigkeit seines Volkes gegen das russische Volk zu
kämpfen. Bis dahin wird Schamyl, mein Vater, die Ehre seines Sohnes selbst
ehren.«
    Der greise Agent und Kämpfer der revolutionairen Ideen war von der einfachen
und edlen Erklärung und Auslegung des jungen Mannes ergriffen. Das Bewusstsein,
dass auch ihn selbst im Grunde doch nur die Begeisterung für die Befreiung des
eigenen Vaterlandes in die Reihen der revolutionairen Propaganda getrieben, bis
das nationelle Streben in jenen socialen Tendenzen und dem alles Edlere und
Selbstständigere zersetzenden Demokratismus untergegangen, war ihm noch nie so
klar und deutlich vor die Seele getreten, als bei der schlichten Deutung des
jungen Tschetschenzen über das, was er unter »Kampf für die Freiheit« begreife.
    »Was Sie unter socialer Republik, unter Demokratie verstehen,« fuhr der
junge Mann fort, »ist mir nicht ganz klar - ich kenne und ehre die Einrichtungen
im Lande meiner Väter und in dem, das mich erzogen. Wie soll ich Begeisterung
hegen für Etwas, das mir unbekannt und ungewohnt ist. Jedes Land hat seine Sitte
und für ihre Bewahrung opfert das Volk sein Blut. Die Edlen und Mächtigen werden
immer Edle und Mächtige bleiben und ihre Stimmen im Rate gehört werden, wie der
Knecht ein Knecht. Die Fürsten sind die Stattalter Gottes auf Erden und ein
heiliges Erbe der Völker. Ich bin ein Fürstensohn und werde, da mich Allah
berufen, das Erbe meiner Väter zu wahren wissen.«
    »Sie sind Moslem?«
    »Ich habe nach der Bestimmung des Kaisers die Religion meiner Väter nicht zu
wechseln brauchen. Auch ohne den Namen eines Christen sind die heiligen und
milden Grundlehren Ihrer Religion die meinen. In den Tälern des Elbrus und des
Kuban, ist der Glaube der Nazarener kein Fremdling, sondern besteht seit
Jahrhunderten, und meine Mutter war eine Christin. Aus meiner Knabenzeit weiss
ich, dass Maria und der weisse Christ selbst von unsern mohamedanischen Stämmen
heilig gehalten werden. Doch was sprechen wir von mir, dem Unbedeutenden, dessen
Namen und Gedächtnis auch unter seinen Freunden bald verschollen sein wird - Sie
selbst haben Ihre Erzählung noch nicht geschlossen, der Name zweier teurer
Wesen fehlt darin und ich habe aus dem Munde Michael's den Namen seines
Grossvaters nur mit Liebe nennen hören.«
    Das lange von dem politischen Fanatismus und seinen Intriquen verschlossene
Herz des alten Mannes öffnete sich wider Willen bei dem Namen seines Enkels, des
Letzten aus seinem Blut. - »Die Härte gegen mein Kind,« sagte er traurig, »hat
manche Nacht den Schlaf von meinem Lager gescheucht, obschon ich wusste, dass ich
Recht getan. Lasaroff, ihr Gatte, war ein eingefleischter Russe, aber sonst ein
wackerer Mann, und seinen Bemühungen allein ist es zu danken, dass das Besitztum
meiner Schwester nicht confiscirt wurde und ihrer Familie erhalten blieb. Erst
acht Jahre nach Polens Besiegung traf mich der letzte Gruss meines Kindes von
ihrem Sterbebett, auf dem sie Michael das Leben gegeben. Der Vaterfluch hatte
ihre früheren Kinder dem Tode geweiht, und sie bat mich sterbend um meinen Segen
und meine Vergebung für das letzte. Der Tod sühnt alle Schuld, und dies alle
Herz öffnete sich einer unendlichen Liebe für den ungekannten Enkel. Lasaroff,
sein Vater, starb wenige Jahre nach seiner Gattin und Michael wurde nach seiner
Bestimmung in einem der Corpshäuser in Petersburg erzogen.«
    »Und Ihre andere Familie? Ihre Schwester?«
    »Sie blieb bis zu ihrem Ende eine treue Tochter Polens, während ihr Gatte,
der an meiner Seite gefochten, mit Russland seinen Frieden machte, und ihr Sohn
später im russischen Kriegsdienst stand und mit dem Gatten seiner älteren
Stiefschwester wie - ich muss es zu unserer Schande sagen - so viele Polen im
Kaukasus zur Unterjochung Ihrer freien Nation unter dem Doppeladler focht. Er
fiel vor fünf Jahren als ein Opfer der Cholera und seine uns fremde Frau und
seine Kinder sind die Erben der Guter in Polen. Aber meine Schwester hatte ein
zweites jüngeres Kind, eine Tochter, Wanda, die Sie kennen, und in der ihr
Geist, ihr Herz, ihre Vaterlandsliebe fortleben. Sie sah ich in Berlin und
Paris, sie liebte ich und durch sie erhielt ich Nachricht von dem Letzten meines
Blutes, von meinem Enkel, und blieb in Verbindung mit ihm. Es wird Sie nach dem,
was Sie ausgesprochen, wenig kümmern, aus welchen Gründen ich vor fast zwei
Jahren, durch eine frühere Bekanntschaft mit dem russischen Staatskanzler
unterstützt, die Amnestie des Czaren annahm und nach Polen und Russland kam.
Nicht einer der geringsten war die Sehnsucht nach meinem Enkel und die Liebe zu
ihm, die noch einmal das welke Herz des Greises erfüllte und belebte.«
    »Und darf ich fragen, welche Absichten Sie mit ihm hegen?«
    »Ich will Ihnen nicht verhehlen, dass die politische Aufgabe, die mich in
dieses Land geführt, misslungen ist. Die Ereignisse sind uns aus den Händen
gewachsen, andere und gefährlichere Gegner als Czar Nicolaus sind unserer
heiligen Sache entstanden und haben unsere Pläne durchkreuzt, und wir können
augenblicklich nur die welterschütternden Ereignisse beobachten und so viel als
möglich die einzelnen Phasen für uns benutzen. Ich glaubte Michael, da er nur
ein Knabe ist, noch nicht siebzehn Jahre, gesichert vor den Stürmen der Zeit in
jener Anstalt zu Petersburg, wohin ihn das Testament seines Vaters bestimmt; ich
bedachte und ahnte nicht, dass er den Geist desselben und seine Gesinnung geerbt.
Am Rande meines Lebens muss ich sehen, wie das Kind meines Blutes von mir abfällt
und ein fanatischer Anhänger meines Feindes ist. In Odessa, wo ich grösstenteils
mich aufgehalten, seit ich meine Nichte bis dahin auf dem Wege zu ihrer
Stiefschwester am Kaukasus begleitet, überraschte mich der jubelnde Brief des
törichten Knaben, dass sein Abgott, der Czar, ihm gestattet, in ein Regiment für
die Krimm einzutreten, und dass er bereits auf dem Marsch hierher sei. Die
Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag und machte das alte Herz erbeben. Ich
eilte ihm entgegen, ich versuchte durch alle meine Verbindungen das Geschehene
rückgängig zu machen - vergebens! er weigerte sich, seinen Dienst zu verlassen
oder zu vertauschen, ja, ich vermochte ihn nicht einmal dazu, die Strapazen, die
seinen jungen Körper aufreiben müssen, sich zu erleichtern. So folgte ich, von
Angst getrieben, schon von Kiew den Märschen seines Bataillons.«
    »Und nun?«
    »Gott selbst hat entschieden! Das Bataillon, zu dem er gehört, ist durch
seinen Ratschluss in diesem Augenblick wahrscheinlich vertilgt aus der Reihe der
Bestehenden - er vielleicht das einzige Leben, das von tausend mit Ihrer Hilfe
gerettet ist durch mich. Seine Pflicht gegen den Kaiser und sein Vaterland ist
erfüllt, sein neues Leben gehört mir, seinem Retter und einzigen Verwandten. Ich
werde ihn mit fortnehmen aus diesem Lande, wo der Mensch nur die Zahl ist in den
Augen seines Herrn, und ihn, fern von hier, nach einem ruhigern führen, wo meine
letzten Tage seinem Glück geweiht sein und ihn Besseres kennen lehren sollen,
als die Opferung für Zwingherrschaft und Tyrannei.«
    »Aber Wanda, Ihre Nichte?«
    »Sie lieben sie?«
    Eine dunkle Glut überzog das edle Gesicht des jungen Tschetschenzen. -
»Warum soll ich leugnen, wessen ich mich nie zu schämen brauche? Es wird das
Glück meines Lebens sein, dass ich nur einen Dienst ihren Freunden zu leisten
hoffen durfte und jetzt sie selbst auslösen kann aus der Gewalt Derer, die für
sie Fremde und Barbaren sind. Ehe der Mond noch ein Mal seinen Kreislauf
vollendet, wird Gräfin Wanda in den Armen der Ihren sein.«
    »Und verloren für Dich, Tor,« sagte der Greis hastig. »Halte fest, was das
Glück Dir bescheert, Du bist würdig, sie zu besitzen.«
    Djemala-Din sah ihm erstaunt, bestürzt in's funkelnde Auge. »Warum wollen
Sie eine Hoffnung wecken, die nie verwirklicht werden kann?«
    »So liegt es an Dir allein, Mann! Keinem möchte ich Wanda lieber gönnen, als
Dir, dem künftigen Führer eines freien und edlen Volkes, das Polen mit Strömen
von Blut und unvergänglichem Hass rächt an den stolzen Unterdrückern, das allein
Russland's Macht bisher widerstanden hat. Nimm sie hin, die Tochter Polens, die
Du Dir gerettet unter dem Mordmesser der Raubgesellen und die Dich liebt mit
allem Feuer ihrer edlen Seele. Wanda denkt zu gross und hochherzig, um nicht dem
Manne ihrer Liebe zu folgen auch über die Gränzen der hohlen Civilisation, und
an ihrem Geist, ihrem Heldenfeuer und freien Sinn wird Deine eigene Seele und
Begeisterung erstarken zum Kampf für die Freiheit.«
    »Glänzender Traum - hoch über dem Glück der Sterblichen, wie der Adlerhorst
meiner Ahnen über den niedern Tälern der Kabardah!« - Er presste die Hände auf
die stürmisch klopfende Brust. - »Welches Bild zeigst Du mir, o Vater - sie, die
Tochter milderer Sitten und Künste, die Gattin des Nomaden? - sie die Schöne und
Zarte das Weib des Kriegers der wilden Berge, die Christin das Weib des Moslems
- -«
    »Was kümmert das die Liebe?! Deine Sache, Fürstensohn der Abchasen, ist es,
dem Polenkinde den Willkomm und das Haus zu bereiten unter Deinem Volke; Deine
Sache ist es, die Braut zu gewinnen, indem Du sie zurückbehältst in Deinen
Bergen oder mit dem Säbel in der Faust aus dem Lager der Russen holst. Der Segen
und die Einwilligung eines Greises, ihres liebsten Verwandten, sei mein
Abschiedsgeschenk an Dich für ihre und Michael's Rettung.« - Er schrieb eifrig
beim Licht des Feuers auf ein Blatt seiner Brieftafel, siegelte es und gab es
dem ehemaligen Offizier. - »Das Wort des Bruder ihrer Mutter wird ihr weibliches
Zaudern beseitigen, wo es die Erfüllung eines hohen Lebenszieles gilt. Möge der
Himmel Euch schützen und Polens Tochter durch ihre Liebe sühnen, was Polens
Söhne in den Reihen Russlands gegen ein freies Volk gefrevelt haben. Danke mir
nicht, Djemala-Din, mein Sohn - Dein und Wanda's Glück liegt in Deiner eigenen
Männerhand. Von Deinen Bergen sende mir mit ihr den Gruss der Freiheit - und nun
lass uns ruhen nach dem Sturm der Natur und der Seelen, denn die Ruhe tut diesem
alten Körper not!«
    Er drückte ihn innig an seine Brust - dann schlich er nochmals zum Bett
seines schlummernden Enkels und teilte mit dem Tscherkessenfürsten das Lager,
das die Gastlichkeit der Mennoniten ihnen bereitet.
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    Der wilde Schneesturm dauerte mit gleicher Heftigkeit, wie die Tataren es
voraus gesagt, bis zum Nachmittag des andern Tages. Jeder Versuch, während des
Morgens in's Freie zu dringen zur Aufsuchung der Verunglückten, scheiterte an
der Wut des Orkans und der grimmigen Kälte. Erst mit der beginnenden Dunkelheit
legte sich der Aufruhr der Natur eben so vollständig und eben so plötzlich, als
er entstanden, und konnte die Verbindung mit den nächsten Gehöften wieder
hergestellt werden. Aber nirgends fand sich eine Kunde von dem unglücklichen
Bataillon und die ganze männliche Bevölkerung der Kolonie und der in ihrer
unmittelbaren Nähe liegenden Stanzia machte sich noch am Abend auf, beim Schein
des hellen Sternenlichts die Spuren der Vermissten zu suchen.
    Djemala-Din und Bogislaw begleiteten sie, während der Graf bei dem von den
ausgestandenen Leiden erkrankten Knaben zurückblieb. Eine Stunde weit von der
Kolonie, mitten in der öden Steppe, fand man die Bestätigung des grässlichen
Unglücks, nachdem man schon lange vorher in einer tiefen Regenschlucht das
zerschmetterte Gefähr des Grafen und mehrere Bagagewagen, so wie rings auf der
weiten Schneefläche zahlreich Leichen Erfrorener vereinzelt entdeckt hatte. Ein
Berg von Schnee, von dem Sturm zusammengewirbelt, wölbte sich hier gleich einer
mächtigen Tumule, aus dessen Grund menschliche Glieder und Waffen hervorragten.
Die Steppenwölfe umheulten den riesigen Grabeshügel und flohen bei der
Annäherung der Lebenden. Mit rüstiger Kraft, von Stunde zu Stunde sich ablösend,
ging man daran, die Lawine zu öffnen - je weiter man kam, desto schrecklicher,
herzzerreissender wurde das Schauspiel, das sich den Blicken bot. Haufen von
Leichen übereinander liegend, starr und eisig, dass bei den Stössen der Schaufeln
und Hauen die Glieder wie Glas absprangen, entüllten sich den Augen. Als der
Morgen tagte, stiess man auf das Schrecklichste. In dichtem Haufen gedrängt,
aufrecht, fest an einander gepresst und durch ihre Masse sich haltend, viele noch
die Gewehre in den erstarrten Händen, standen mehr als dreihundert Leichen, -
ein Quarré von todten Kriegern, in ihrer Mitte der Podpolkawnik, ihr Führer,
gleich als erwarteten sie den Feind.
    Und der Feind war über sie gekommen, aber nicht der, dem Menschenkraft und
Menschenmut widerstehen konnte im ehrlichen Kampf. Die grause Kälte hatte ihre
Kraft gebrochen, die Grabeslast des Schnee's ihren Mut mit dem Leben getödtet.
In den starren Augen schien noch der Trotz des Kriegers zu funkeln, die Reihen
schienen nur des belebenden Kommando's zu harren, um sich neuem Leben zu
entfalten. - Aber der Kommandoruf, der sie weckte, sollte nur die Posaune sein
des ewigen Weltgerichts, die die Gräber öffnen wird und die Todten laden zum
Gericht des Herrn!
    Der junge Tschetschenze floh schaudernd von der schrecklichen Grabstätte.
Noch am selben Tage schied er von dem Grafen und seinem frühern Schulgenossen
und setzte die Reise nach Perecop und Kertsch fort; denn der Gedanke, die
Geliebte schutzlos unter seinen tapfern aber wilden Landsleuten zu wissen,
drängte ihn zur fieberhaften Eile. Ende Februar langte er in Chassaw-jurt an,
wo der Fürst Tscheftsawadse sich aufhielt, und seine eigene Ungeduld
beschleunigte die Verhandlungen.
    Der 22. März war der Tag, den der Emir selbst zur Auswechselung der
Gefangenen an den Ruinen des Forts von Schoib-Kapu an der Gränze der grossen
Tschetschnia bestimmt hatte.
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    Die Krankheit des jungen Unterfähnrichs, des Einzigen, welcher aus jener
furchtbaren Nacht von dem Bataillon das Leben gerettet, fesselte ihn wochenlang
an das Haus des menschenfreundlichen Mennoniten und mit ihm den alten Grafen,
seinen Grossvater und dessen treuen Diener. Nur langsam ging die Kräftigung des
Jünglings wieder vor sich und sehnsüchtig sass er am Fenster des kleinen
Stübchens, das ihre Wirte ihm eingeräumt, und schaute den Kolonnen nach, die
Tag um Tag vorüber nach dem Süden zogen zu Kampf und Ruhm.
    Der alte Revolutionair sorgte mit der Aufmerksamkeit und Liebe einer Mutter
für jedes Bedürfnis, für jede Pflege des Enkels, während jedes seiner Worte ihn
für seine Pläne zu gewinnen berechnet war. Das Schweigen des Jünglings galt ihm
als Zugeständnis für die Erfüllung seiner Wünsche, und schon bereitete er ihre
Abreise nach Odessa vor, um von dort nach Frankreich oder der Schweiz zu gehen,
als an einem Morgen der Unterfähnrich plötzlich verschwunden war. Ein
zurückgelassener Zettel zeigte ihm die Täuschung, in die er sich gewiegt, die
Worte lauteten: »Tausend Dank und Segen für Deine Liebe, Grossvater, aber Michael
Lasaroff hat das Herz eines Russen und sein Platz ist in Ssewastopol!«
 
                                    Fussnoten
1 Station.
2 Tumulen, alte mongolische Grabhügel.
3 Kohlsuppe und Grütze.
4 Brüderchen - häufige Anrede gegen Untergebene.
5 Menoniten.
6 Oberst-Lieutenant.
7 Unter Kosziusko am 17. Juli 1792. Das »Finis Poloniae!« in der zweitgenannten
Schlacht gegen Suwaroff am 10. October 1794 ist bekannt.
 
    II. Nicht auf den Schlachtfeldern allein stirbt man den Heldentod für's
                                   Vaterland!
Wir haben unsern Lesern im ersten Band unseres Buches, das sich seinem Ende
naht, versprochen, sie noch ein Mal in das Kabinet des mächtigen Monarchen zu
führen, gegen den in diesem Augenblick das halbe Europa in Waffen stand.
    Der Kaiser war seit mehreren Tagen leidend - die in Petersburg mit grosser
Heftigkeit herrschende Grippe hatte auch ihn ergriffen, und die Rastlosigkeit,
mit der er seine Tätigkeit fortsetzte, die Aufregung, der er sich über die
politischen Ereignisse innerlich hingab, und die geringe Schonung seiner
Gesundheit hatten das Uebel von Tage zu Tage gesteigert. Obschon bis jetzt noch
keine Gefahr vorhanden war und sein Leibarzt Dr. Mandt dies auch anerkannte,
hatte dieser doch um Erlaubnis gebeten, einen zweiten Arzt zuziehen zu dürfen
und der Kaiser die Beratung seines gewöhnlichen Leibarztes auf Reisen, des Dr.
Karell, bewilligt. Am Tage vorher hatten beide Aerzte dem kaiserlichen Herrn
ernste Vorstellungen gemacht und erklärt, dass, wenn er nicht eine grössere
Vorsicht eintreten lasse, sie für die Folgen nicht stehen könnten.
    Trotz der Bitten der Aerzte und seiner Familie hatte der Kaiser sich
geweigert, sein gewöhnliches Kabinet zu verlassen, das für seinen Zustand durch
die Ecklage und die grossen Fenster, auf die der Wind von zwei Seiten stiess, sehr
unvorteilhaft war. Es herrschte in dem Zimmer kaum 10 bis 12 Grad Wärme,
während draussen der Termometer auf 20 bis 23 Grad unter Null zeigte.
    Der Kaiser hatte eine schlaflose Nacht gehabt, nachdem er den ganzen Abend
vorher mit dem Staatskanzler Graf Nesselrode gearbeitet und nachher noch mehrere
geheime Berichte und Depeschen durchgesehen. Er hatte sich am frühen Morgen
ankleiden lassen und schon um 7 Uhr nach seinem alten Freunde und Vertrauten,
dem General-Adjutanten Grafen Orloff gesandt.
    Der riesige Graf - er war einer der grössten und stärksten Männer Russlands
und tödtete im Jahre 1851, nach Staraia-Russia gesandt, um einen Aufstand in den
Militair-Colonieen zu dämpfen, mit einem einzigen Faustschlag einen jungen
Soldaten, der aus dem Gliede hervortrat - sass seinem kaiserlichen Herrn
gegenüber an dem grossen Arbeitstisch, der mit Papieren bedeckt war. Sein Antlitz
war ernst und sorgenvoll, das des Kaisers blass, nur von Zeit zu Zeit durch die
Anstrengungen des Hustens oder die innere Aufregung mit fliegender Röte
bedeckt.
    »Einhundertdreiundzwanzigtausend Mann - es ist nicht möglich,« sagte der
Monarch heftig. »Dolgorucki muss sich irren!«
    Der Graf reichte ihm das Memoir, das er in der Hand hielt. »Der Feldzug an
der Donau kostet uns 60,000, - Silistria allein den sechsten Teil. Die
Almaschlacht zählt mit 6000, Balaclawa und Inkermann 9000, - in Ssewastopol sind
in den drei Monaten 18,000 gefallen, mehr als eben so viel sind dem Typhus und
der Cholera unterlegen oder untauglich.«
    »Es ist schrecklich - aber unsere Gegner haben fast eben so viel verloren.
Welches furchtbare Resultat und für was?«
    Der General schwieg. »Ich muss der Sache klar in's Auge sehen,« fuhr der
Kaiser fort, »ich habe gestern bis 11 Uhr mit Nesselrode gearbeitet, um nochmals
alle unsere Aussichten zu prüfen.«
    »Euer Majestät reiben sich auf mit dieser rastlosen Tätigkeit bei Ihrem
Unwohlsein. Ihr Leben ist das schätzbarste Gut Russlands.«
    »Wer weiss - wer weiss, alter Freund! Wir sind Beide Soldaten und wissen, wie
leicht jede Lücke sich schliesst. Hätte nur Kleinmichel mich nicht mit den
Strassen im Stich gelassen, die Sache stände anders. Wer hätte von Oesterreich
Das gedacht!«
    »Ich habe Euer Majestät stets gewarnt, sich nicht von Meiendorf täuschen zu
lassen. Er über Wien - Nesselrode über London. Er war Metternich nicht gewachsen
und verliess sich blind auf seine Verwandtschaft.«
    
    »Ich weiss, dass Du die deutsche Partei nicht liebst,« sagte kopfschüttelnd
der Kaiser, »Meiendorf trifft keine Schuld, Du selbst hast bei diesen
undankbaren Oesterreichern Nichts ausgerichtet. Was geschehen ist, lässt sich
nicht ändern.«
    »Euer Majestät erinnern sich, dass ich im Jahre 49 gegen die Hilfe ohne
Bedingungen war. Grossmut in der Politik ist immer ein Fehler und das Möglichste
zu fordern nie ein Schade!«
    Der Monarch lächelte bitter. »Das ist das Prinzip, nach dem Du beim Vertrag
von Adrianopel1 gehandelt. Und was nützen uns jetzt diese Zugeständnisse? Hab'
ich nicht auf den undankbaren Allianztractat vom 2. December, den Oesterreich
mit Frankreich und England geschlossen, mich bereit erklärt, alle jene alten
Rechte zu opfern? Ich will Dir sagen, Alexei Feodorowitsch, wie es ist. Man will
in Wien den Frieden nicht, man glaubt die Gelegenheit günstig, die Donau zu
gewinnen und schämt sich nicht, dafür die Liberalen Deutschlands in Bewegung zu
setzen.«
    »Sire, Ihr Schwager hält fest! Er ist ein Ehrenmann auf dem Tron.«
    »Ich weiss es und vertraue auf ihn. Oesterreich's Intriguen am Bundestag
scheitern an Preussens Festigkeit, und die französischen Noten werden ihre
Abfertigung finden. Russland ist in der Schuld Preussens und möge es nie
vergessen, wenn die Zeit kommt, wo die andern Mächte sich für seine jetzige
Neutralität zu rächen suchen2!«
    Der alte General schwieg - es war offenbar, dass er erwartete, der Kaiser
solle ihn um einen Gegenstand befragen, und dieser zauderte ganz gegen seine
Gewohnheit damit. Er legte wiederholt die Hand auf den Tisch und ballte sie,
gleich als bemühe er sich, einen Entschluss zu fassen. Endlich wie erzürnt über
sich selbst, heftete er seine Augen fest auf den Grafen und sagte mit leiser,
kaum hörbarer Stimme: »Ich habe Dein Billet von gestern Abend erhalten. Der
Agent ist zurückgekehrt?«
    »Ja, Sire!«
    »Und er bringt die Antwort auf unsere Vorschlage?«
    Der General nickte stumm.
    »Heraus damit, Mann - man hat in Paris abgelehnt - man fordert grössere
Vorteile? - Heraus damit, Orloff,« fuhr er heftig fort, als der Graf trübe das
Haupt schüttelte - »Du kennst mich und weisst, dass ich Alles ertragen kann.«
    »Euer Majestät sind noch so angegriffen und aufgeregt -«
    »Gehörst auch Du zu Denen, die unter dem Vorwand, mich zu schonen, Glied um
Glied martern können? Nicht den Diplomaten verlange ich, sondern den Freund und
seine Wahrheit. Sprich denn,« - er lächelte seltsam - »vielleicht hab' ich wenig
Zeit mehr, sie zu hören.«
    »Sie wissen, Sire, dass mein Bote ein zuverlässiger und gewandter Mann ist.
Er hat mit - dem Kaiser selbst verhandelt.«
    »Nun, und?«
    »Er hat eine vollständige Zurückweisung erfahren.«
    Die Hand des Monarchen ballte sich krampfhaft: »Weiter - die Details!«
    »Sire - sie sind eine Beleidigung; ersparen Sie einem treuen Diener den
Schmerz, sie zu wiederholen.«
    »Nichts da - ich muss Alles wissen, jedes Wort, jede Sylbe!« Die Stimme klang
ungeduldig.
    »Die Instruction ist an Boucquenai3 bereits abgegangen, sich jetzt mit
unserm Zugeständnis der Auslegung nicht mehr zu begnügen - es sei zu spät.«
    »Was verlangt man?«
    »Sire - der Kaiser Napoleon kann Euer Majestät nicht vergeben, dass Sie so
lange mit seiner Anerkennung gezögert - er hasst Sie!«
    »Ich weiss es - ich wusste es längst!«
    »Euer Majestät verletzten vielfach seinen Ehrgeiz - er will jetzt der erste
und wichtigste Mann in Europa heissen, und das kann er nicht, so lange Euer
Majestät da sind.«
    »Will er mich vielleicht tödten lassen?« sagte der Kaiser spöttisch.
    »Das nicht, Sire, dem das Leben der Monarchen gehört Gott. Aber er will
Russlands Schande für den Frieden - er verlangt -«
    »Sprich!« - Die Augen des Herrn waren mit unwiderstehlicher Majestät auf den
Grafen gerichtet, der finster die seinen niedergeschlagen hielt.
    »Sire - dieser Mann stellt eine Alternative, die Moskau und Paris vergessen
machen soll und von Russland nicht angenommen werden kann, so lange noch ein
Tropfen russisches Blut in uns lebt. Er verlangt die Uebergabe Ssewastopols und
der Südflotte an seine Armee oder -«
    Das Auge blieb fest auf ihm haften.
    - »oder Ihre Tronentsagung. Er könne und wolle sich nur mit einem andern
Regenten Russlands verständigen, weil Euer Majestät wohl wüssten, dass Sie ihn
persönlich beleidigt hätten, - die Hand der Grossfürstin -«
    »Still - kein Wort mehr!« Er winkte gebietend mit der Hand, stützte die
mächtige Stirn auf die Linke und versank in ein kurzes Nachdenken.
    »Der Aufruf der Reichswehr,« sagte nach einer Pause der General, »wird uns
noch eine halbe Million Soldaten geben. Euer Majestät werden zwei Dritteil
Ihrer Armee im Süden concentriren können. Preussen und Kronstadt sichern
Petersburg - Ssewastopol wird sich halten, bis unsere Operations-Armee genügend
stark ist, um alle Feinde mit einem Schlage zu vernichten.«
    Der Kaiser lächelte matt. - »Du weisst es besser, Orloff! Wir haben zehn
Jahre zu früh unser Werk begonnen - aber ich wollte es noch selbst tun. Ich
glaubte Russland vor jenem Fluch der spekulativen Civilisation noch schützen zu
können und unterliege ihm. Eine Eisenbahn nach dem Süden - und Europa hätte
bereits eine andere Gestalt. Der Traum der Wiederherstellung der christlichen
Macht am Bosporus ist zu Ende - ich glaubte, das Testament meines Ahnen durch
erhabene Absichten adeln zu können, aber ich bin an den Mitteln gescheitert.«
    »Wir werden einen ehrenvollen Frieden erzwingen.«
    »Höre mich an. Wir haben drei Schlachten verloren, weil unsere Kräfte den
Gegnern nicht gewachsen waren. Das war unser Fehler und unser Unglück beim
Beginn und es ist nicht wieder gut zu machen. Die Feinde haben das Meer als ihre
Strasse, - die unsere braucht die vierfache Zeit, sie werden uns also immer
voraus sein im Ersatz ihrer Lücken und Hilfsmittel. Hier liegt der Vertrag
dieses nur durch seine Schmach mächtigen Englands mit Sardinien -: es lauft
15,000 frische Soldaten, wes es einst die Deutschen für die Urwälder Amerika's
gekauft hat. Einem Palmerston ist das erlaubt. Ich aber durfte den Plan der
revolutionairen Propaganda, den der ungarische General mir brachte, nicht
annehmen, denn ich hätte mit dem Geist meines ganzen Lebens gebrochen. Kampf
gegen die Revolution, so lange diese Hand den Degen halten kann.«
    »Ssewastopol wird den Feind ermüden!«
    »Es wird und muss fallen. Totleben und meine braven Soldaten haben das
Unglaubliche geleistet, aber alle menschliche Kraft hat ihre Gränzen. Dolgorucki
hat Dir zwar die amtlichen Rapporte vorgelegt - dies geheime Memoir, das mir der
Grossfürst Nicolaus gesandt, den ich selbst zum Ingenieur gebildet, gibt mir das
wohlgeprüfte Urteil bewährter Männer - Totleben's selber. Ssewastopol ist mit
der Sappe verteidigt worden und wird durch die Sappe fallen. Die Feinde kannten
seinen schwachen Punkt nicht, weil weder Raglan noch Canrobert Ingenieure und
Feldherrn sind, und deshalb bat es sich gehalten. Sobald der Angriff auf die
Schiffervorstadt und die Korniloffski-Bastion concentrirt wird, ist das
Schicksal der Festung entschieden.«
    »Die Engländer haben diesen Posten und sie sind weder geschickt noch kräftig
genug, um sie den dort fürchten zu müssen. Die übersandten Pläne des Barons
Osten-Sacken für das System vorspringender und deckender Contre-Approchen und
Feldschanzen sind vortrefflich.«
    »Sie können die Verteidigung verzögern, aber nicht den Fall hindern. Der
Korniloff-Hügel beherrscht die Südseite und die Rhede.«
    »Euer Majestät sagen selbst, dass der Feind falsch operirt.«
    »Aber er wird seinen Fehler verbessern. General Niel ist bereits in den
letzten Tagen des Januar im Lager angekommen, und er ist der beste Ingenieur,
den die Franzosen haben. Dieser Bericht der Spione hier meldet, dass er bereits
vorgeschlagen hat, die Angriffsfronte zu ändern.«
    »So muss man die Entscheidung auf einen Wurf setzen. Lassen Sie Menschikoff
nochmals mit seiner Gesamtmacht angreifen, von der ganzen Garnison unterstützt.
Mögen sie sterben, sie Alle für Russland, wenn sie nur den Feind mit vernichten.«
    Der Kaiser war aufgestanden - er trat jetzt um den Tisch und legte dem
riesigen alten Krieger die Hand auf die Schulter. »Das kannst Du raten, Freund!
ich habe andere Pflichten. Hundertachtundzwanzigtausend Mann tapferer Soldaten
stehen in und um Ssewastopol - sie mögen für ihr Vaterland sterben, aber sie
dürfen nicht leichtsinnig geopfert werden und Russlands Existenz am Pontus mit
ihnen. Oesterreich und dem Halbmond müssen wir dort auf alle Chancen gewachsen
bleiben und hier können wir keine Truppen mehr entbehren, denn Frankreich
agitirt unaufhörlich in Stockholm, und Finnland ist jeder Invasion offen.«
    »Aber was beschliessen dann Euer Majestät?«
    »Ich will den Frieden möglich machen!«
    Der Graf sah den Czaren starr und offenbar ihn nicht verstehend an. -
»Wollen sich Euer Majestät näher erklären?«
    »Später - wir wollen ausführlicher beraten - ich weiss ja jetzt Deine
Antwort von Paris.«
    »Sönnen Sie sich Ruhe, Sire - Sie bedürfen derselben. Ich beurlaube mich.«
    Der Kaiser winkte ihm freundlich; er hatte ihm den Rücken gekehrt und stand
vor dem Regal, das seine Handbibliotek entielt. »Ich werde Dich rufen lassen,
wenn es Zeit ist!«
    Der General entfernte sich - unter der Tür rief ihn der Kaiser nochmals
zurück. - »Welcher von den Flügeladjutanten4 ist an der Reihe für die
Depeschen?«
    »Oberst Tettenborn, Sire.«
    »Lass ihn bereit sein, nach Baktschiserai abzugehen. - Ich halte es für das
Beste, wenn Menschikoff auf seine Entebung anträgt; - er ist ohnehin leidend
und es würde unserm alten Freunde doch gar zu wehe tun, wenn gerade er, der den
Kampf so tapfer begonnen, unterliegen sollte.«
    Der Graf wagte nicht, Etwas zu sagen; er verbeugte sich nochmals beklommen
und verliess das Gemach.
    Der Kaiser ging einige Male, die Hände in einander verschlungen, auf und
nieder - ein heftiger Hustenanfall nötigte ihn, stehen zu bleiben. Dann trat er
wieder zu dem Bücherschrauk und nahm ein Buch heraus, mit dem er sich an den
Tisch setzte.
    Es war Stokes, des berühmten englischen Arztes Werk über die Brust- und
Lungen-Affectionen.
    Der Kaiser las länger als eine halbe Stunde aufmerksam darin - seine
mächtige Stirn hatte sich finster zusammengezogen, zuweilen perlte ein grosser
Schweisstropfen darauf.
    Das Rasseln der Gewehre der ablösenden Schildwachen draussen vor dem Palast
unter seinen Fenstern weckte ihn aus den tiefen Gedanken, mit denen er über dem
Buche sass. Sein Auge traf auf die Madonna von Murillo und von ihr auf das
einfache Kruzifix von Ebenholz mit dem bleichen weissen Christusbilde, das
darunter hing; seine Hände falteten sich, sein Haupt sank auf sie nieder - der
Kaiser betete.
    Als er sich erhob, ruhte sein Blick wenige Momente ruhig und traurig auf dem
Bildnis der Kaiserin und seiner Lieblingstochter, der verstorbenen Grossfürstin
Alexandra, das er selbst nach dem schönen Portrait von Brüllow in der Kapelle
von Sarskojé-Sélo copirt, denn der mächtige Herrscher beschäftigte sich oft in
den wenigen Erholungsstunden, die er sich gönnte, mit der schönen Kunst der
Farben. Dann, den Kopf erhebend, sprach er fest sein Lieblingswort aus: »Und
jetzt - im Dienst!«
    Seine Hand drückte auf die Feder der kleinen Glocke - der diensttuende
Kammerherr trat ein.
    »Wollen Sie so gut sein, lieber Baron,« sagte der Kaiser freundlich, »und
Befehl geben, dass mein Schlitten vorfährt?«
    »Euer Majestät wollen ausfahren?« stammelte dieser erschrocken.
    »Warum nicht? - Die Garde-Reserven der Regimenter für Littauen sind zur
Revision in der Reitbahn kommandiert; ich bin nicht gewohnt, auf mich warten zu
lassen. Tun Sie also nach meinen, Wunsch.«
    Der Kammerherr entfernte sich - wenige Minuten darauf kehrte er zurück, um
anzuzeigen, dass der Befehl erteilt worden. Der Kaiser hatte bereits den Helm
aufgesetzt und den Mantel umgenommen. - »Majestät,« sagte der treue Diener, »im
Vorzimmer warten der Geheime Rat Mandt und Staatsrat Karell. Sie bitten,
vorgelassen zu werden.« - Er hatte die Augenblicke benutzt, die beiden harrenden
Aerzte von der Absicht des Kaisers in Kenntnis zu setzen.
    »Ich weiss, ich weiss!« sagte dieser ungeduldig, »aber ich habe jetzt keine
Zeit, später - am Abend oder morgen!«
    Er ging an dem Kammerherrn vorbei durch die Reihe der Vorzimmer nach der
grossen Treppe zu. Im zweiten fand er die beiden Leibärzte.
    »Entschuldigen Sie, meine Herren,« sagte der Kaiser, halb scherzend, im
Vorübergehen, »aber ich bin in grosser Eile. Nachher stehe ich Ihnen mit Puls und
Atem zu Diensten.« - Sein erster Leibarzt, Dr. Mandt, ein geborener Preusse, dem
er stets grosses Wohlwollen und Vertrauen bewiesen, trat ihm jedoch kühn in den
Weg. - »Euer Majestät wissen vielleicht nicht, dass draussen eine Kälte von mehr
als 23 Grad herrscht. Wenn Euer Majestät meine Bitten auch nicht beachten, so
flehe ich Sie wenigstens an, das Urteil meines Collegen Dr. Karell anzuhören.
Es ist meine Pflicht, darauf zu dringen.«
    Der Kaiser war stehen geblieben, - ein Hustenanfall erschütterte heftig den
kräftigen Körperbau trotz aller Anstrengungen, die er machte, ihn zu
unterdrücken. Zwei scharf begränzte rote Flecken zeigten sich auf seinen
Wangenknochen - er sah die beiden Aerzte ernst aber nicht missbilligend an.
    »So reden Sie!«
    »Sire,« sagte Dr. Karell mit fester Stimme, »kein Militairarzt in der ganzen
Armee würde einem Soldaten, der so krank wie Euer Majestät ist, erlauben, das
Hospital zu verlassen, weil er sicher ist, dass der Patient es nur kränker wieder
betreten wird.«
    »Ich kann dem Urteil des Dr. Karell nur beistimmen,« fügte Mandt hinzu,
»und wiederhole als Arzt die Forderung, als Untertan die ehrfurchtsvolle Bitte,
dass Euer Majestät in Ihr Zimmer zurückkehren.«
    Das Schweigen des Kaisers war nur kurz - seine Stimme ruhig und den
unbeugsamen Entschluss verkündend, der keine Widerrede mehr duldet, als er sagte:
»Ich danke Ihnen, meine Herren; Sie haben Ihre Pflicht getan, lassen Sie mich
nun auch die meine tun.« Damit ging er an den sich ehrerbietig Verbeugenden
hastig vorüber. Sie sahen sich erstaunt und schmerzlich betroffen an. - - -
    Der Kaiser blieb zwei Stunden, nur in seinen Mantel gehüllt - er besass nicht
einmal einen Pelz, - in dem kalten Exercierhause, und war trotzdem bei seinem
Fortgehen ganz in Schweiss gebadet, denn er war sehr angegriffen, hatte stark
gehustet und fortwährend ausgeworfen. Dennoch fuhr er, als er das Exercierhaus
verlassen, noch zu dem kranken Kriegsminister, Fürsten Dolgorucki, ermahnte
diesen, nicht zu früh auszugehen, und kehrte dann erst in das Winter-Palais
zurück.
    Die Kälte auf den Strassen war schneidend!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Vormittag des 2. März - in den Vorgemächern des kaiserlichen
Kabinets waren die obersten Palastdiener, die Minister, die Generäle und hohen
Hofchargen zahlreich versammelt, und dennoch herrschte eine fast lautlose
Stille, nur zuweilen von einer leisen Frage an die langsam und traurig ab- und
zugehenden Kammerdiener unterbrochen. In den Augen ernster Staatsmänner,
schlachtengewohnter Krieger hingen Tränen, finster und sorgenschwer falteten
sich die Stirnen, die Augen befragten sich stumm und ängstlich - gespannt
lauschte das Ohr auf jeden Laut aus dem Krankenzimmer.
    In allen Kirchen der grossen Kaiserstadt lag das Volk auf den Knieen mit
seinen Geistlichen vereint im Gebet um das Leben des Czaren.
    Seit dem Abend des unglücklichen 22. Februar, an dem er noch darauf
bestanden, den Gebeten der ersten Fastenwoche beizuwohnen, hatte der Kaiser sein
Arbeitskabinet nicht mehr verlassen. Dort erteilte er, auf dem Sopha liegend
und nur mit dem Mantel zugedeckt, am andern Tage dem Obersten und
Flügel-Adjutanten von Tettenborn noch Audienz und fertigte ihn mit Instruktionen
nach Baktschiserai ab. Am Abend liess er den Grossfürsten Tronfolger zu sich
kommen und schloss sich mit ihm ein. Als nach zwei Stunden der Erbe Nusslands das
Kabinet seines Vaters verliess, bemerkte man, dass er auffallend bleich und erregt
aussah. Von diesem Augenblick an übernahm der Grossfürst alle
Regierungsgeschäfte.
    Vom 24. bis 27. Februar steigerten sich nur langsam die Erscheinungen der
Krankheit - erst in der Nacht zum 1. März verschlimmerten sie sich reissend und
am Abend dieses Tages gaben die Aerzte die Hoffnung auf. Auf ihren Wunsch baten
die Kaiserin und der Tronfolger den Kranken, das heilige Abendmahl zu nehmen.
    Die Kaiserin hatte die ganze Nacht am Lager ihres Gemahls mit seinem
Leibarzt zugebracht. Es war 3 Uhr Morgens, als dieser dem Kaiser eröffnete, dass
seine Lunge in starke Mitleidenschaft eingetreten und eine Zähmung derselben zu
befürchten sei. Der Herr von Millionen von Menschenleben verstand, dass der
Grössere seine Zeit beschlossen habe. Keine Muskel in dem ternen Antlitz zuckte,
als er sich mit der Frage an seinen Arzt wandte: »So muss ich sterben?«
    Drei Mal setzte der treue Diener an, das verhängnisvolle »Ja« auszusprechen,
- die Stimme versagte ihm, erst beim dritten Mal kam es über seine Lippen.
    Der Kaiser faltete ruhig die Hände - sein grosses Auge wandte sich nach Oben
- das Ohr des Arztes allein vernahm das leise Wort, das er flüsterte - es hiess:
»Russland!«
    Mit freundlichem Blick wandte sich der dem Tode geweihte Herrscher dann zu
dem Verkündiger der furchtbaren Botschaft und sagte, ihm die Hand reichend: »Ich
danke Ihnen. Woher haben Sie den Mut gehabt, mir dies zu sagen?«
    Dr. Mandt erwiederte, dass er nur ein Versprechen erfüllt habe, was er ihm
früher gegeben; dass er es für seine Pflicht gehalten, weil er wisse, dass Er die
Wahrheit hören und ertragen könne.
    Der Kaiser nickte. Dann verlangte er das heilige Abendmahl und empfing es
ruhig und gefasst - sein starker Geist hatte mit dem Himmel seinen Frieden
geschlossen, wie er ihn jetzt mit der Erde schloss. Er nahm Abschied von der
Kaiserin, den kaiserlichen Kindern und Kindeskindern, segnete und küsste jeden
Einzelnen mit fester Stimme dabei den Segen sprechend und ihnen Grüsse auftragend
für die beiden entfernten Söhne auf den Schlachtfeldern von Ssewastopol. Die
Familie musste sich dann entfernen, er behielt nur die Kaiserin und den
Tronfolger bei sich.
    Das geschah 4 Uhr Morgens.
    Gegen sechs Uhr bat er die Kaiserin, sich etwas zur Ruhe zu legen. Ihre
Antwort war: »Lass mich bei Dir, ich möchte mit Dir heimgehen, wenn es möglich
wäre!« - Der Kaiser sagte darauf: »Nein, Du musst noch hienieden bleiben; sorge
für Deine Gesundheit, damit Du der Mittelpunkt der ganzen Familie sein kannst.
Gehe nur, ich werde Dich rufen lassen, wenn der Augenblick herannaht.«
    Jedes Wort bei diesem erhabenen Sterben war einfach und erhaben wie der
Scheidende selbst.
    Die Kaiserin verliess still weinend das Gemach - als sie die Schwelle
überschritten, mussten ihre Kammerfrauen sie forttragen.
    Der sterbende Herrscher liess dann die Grafen Orloff und Adlerberg, den
Minister des kaiserlichen Hauses, und den Kriegsminister Fürsten Dolgorucki
eintreten - diese drei Männer aus seiner Jugend, die ein ganzes Menschenleben
neben treuen Untertanen ihm treue Freunde gewesen waren.
    Der Kaiser dankte ihnen für diese Treue und nahm Abschied von ihnen. Sein
Auge begegnete ruhig und fest dem unruhigen vorwurfsvollen Blick Orloff's.
Später liess er seine spezielle Dienerschaft kommen, segnete sie und nahm
Abschied von ihr. Der ersten Kammerfrau der Kaiserin, von Rohrbeck, dankte er
besonders für ihre Pflege dieser und trug ihr einen Gruss auf an sein liebes
Peterhof.
    Der Kaiser, schon schwer atmend, befahl hierauf selbst, seinen nahen Tod
nach Moskau, Warschau und Berlin zu telegraphiren und traf mehrere Anordnungen
für sein Begräbnis, das er möglichst einfach wünschte. Dann - es war gegen 10
Uhr - wandte er sich mit der Frage an den Arzt, wie lange der Prozess der
Auflösung zu dauern pflege.
    Weinend antwortete ihm Dr. Mandt: »Zwei Stunden.«
    
    Jetzt trat eine schreckliche Stille ein - die Sprache hatte den Kranken
verlassen - er betete still, sich oft bekreuzend, nachdem er die Hand seiner
zurückgekehrten Gemahlin in die des Ober-Presbyter Bajanow, seines Beichtvaters,
gelegt.
    Diese Zeit der Stille war erhaben furchtbar. Die Hand der Gattin trocknete
zitternd von Zeit zu Zeit mit ihrem Tuch die Perlen des Todesschweisses von der
bleichen Stirn des Sterbenden5. -
    Bald nach eilf Uhr wurde der Tronfolger abgerufen und entfernte sich leise.
Als er zurückkehrte, hielt er zwei Briefe in der Hand - die der so eben
eingetroffene Sohn des Fürsten Menschikoff nebst den Depeschen über den
Reiterangriff Chruleff's auf Eupatoria überbracht hatte.
    Der Blick des durch das Geräusch aufmerksam gemachten Leidenden traf den
Tronerben. Dieser beugte sich über ihn und flüsterte: »Briefe von meinen
Brüdern aus Ssewastopol - willst Du sie lesen?«
    Der Kaiser winkte verneinend - er hatte die Sprache wiedergefunden und sagte
laut: »Es würde mich wieder auf die Erde zurückführen! Grüsse meine tapfern
Soldaten von Ssewastopol und danke ihnen in meinem Namen!«
    Einige Minuten nachher sprach er mit eben so kräftiger Stimme:
    »Ditez à Fritz, de rester toujours le même pour la Russie, et de pas oublier
les paroles de Papa!«
    Es war sein letzter Gruss an die Erde - sein Testament für Russland!
    Der letzte Todeskampf begann - lange noch ruhte sein brechendes Auge auf den
beiden Grossfürsten, den jüngern Gliedern der Familie und auf der Kaiserin, deren
Hand er in der seinen behielt und wiederholt drückte. Alle Anwesenden lagen auf
den Knieen - das leise Murmeln der Sterbegebete von den Lippen des Priesters
klang allein durch das Gemach.
    Sie beteten für ihn - er betete mit ihnen, dass Gott der Herr sein
unsterblich Teil barmherzig empfangen möge. - - -
    Um 12 Uhr 10 Minuten verkündete Dr. Mandt, dass der Herrscher von Russland so
eben verschieden sei.
    Nach dem Urteil der Aerzte ist selten ein Mensch so leicht und schmerzlos
gestorben, wie Kaiser Nicolaus!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von Berlin brachte der Telegraph - zum ersten Mal sühnend jene
unheilschwangere drängende Eile der Neuzeit - des Königlichen Freundes und
Bruders frommes Trosteswort der heiligen Offenbarung:
    »Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben. Ja, der Geist spricht, dass
sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!«
 
                                    Fussnoten
1 1829 von Graf Orloff geschlossen.
2 Neuenburg!!!
3 Der französische Gesandte in Wien.
4 Das Institut der zahlreichen General- und Flügel-Adjutanten des Kaisers
bildete gleichsam seine Executive. Als Vollstrecker seiner persönlichen Befehle
flogen sie nach allen Richtungen des weiten Reichs, Strafe, Reform und Belohnung
bringend.
5 Dies Tuch wurde später von der Kaiserin einem der treuesten Verehrer und
Freunde ihrer Gemahls, dem bekannten Vorleser seiner Majestät des König von
Preussen, Hofrat Louis Schneider, als erhabenes Andenken an den grossen Todten
übersandt.
 
                        III. Lagerbilder. Die Engländer.
Mit dem Orkan am 14. November hatten die furchtbaren Leiden der englischen Armee
vor Sebastopol begonnen. Der wolkenbruchartige Regen hatte dazu die ganze Gegend
von Balaclawa bis zur Front in einen Sumpf verwandelt und die Verwüstungen, die
er angerichtet, waren über alle Beschreibung. Von sämtlichen ohnehin äusserst
schlecht construirten Zelten blieben nur drei im ganzen Lager stehen, - der
Sturm war so heftig, dass er ganze Gefährte umwarf, Tische und Balken
fortschleuderte, dass sich die Menschen am Boden festalten mussten, um nicht
fortgerissen zu werden, und dass die Soldaten verzweifelt danach riefen, zum
Sturm gegen die russischen Batterieen geführt zu werden, weil sie wenigsten
durch die Kartätschen umkommen wollten und nicht durch den Orkan. Die fliegenden
Lazarete, welche die mehr als jämmerliche Sanitätsverwaltung in Zelten
eingerichtet hatte, wurden in den ersten Stunden schon zerstört, der Sturm brach
die Stützen, riss die Zeltdecken fort und die Kranken wälzten sich in dem
fusshohen Schlamm, überströmt von dem Regen. Stabsoffiziere und Gemeine krochen
mit den notdürftigsten Kleidungsstücken, die sie aus der umherwirbelnden
Zerstörung gerettet, in den Schutz von Hügeln, Erdwürfen und Feldmauern; selbst
die kommandirenden Generale unterlagen dem allgemeinen Elend, Lord Lucan z.B.,
der Befehlshaber der Kavallerie, musste stundenlang bis an die Kniee im Schlamme
zwischen den Trümmern seiner Hütte sitzen. Gegen Mittag war Schneegestöber
eingetreten und die Berge ringsum waren bald in eine weisse Decke gehüllt. Viele
Soldaten fand man am Morgen vor Kälte und Nässe umgekommen. Mitten in der Nacht
- während aller Schrecken der Natur - überbrüllte eine furchtbare Kanonade von
den Batterieen Sebastopols die Wut des Sturmes, und die Bomben zischten und
prasselten in weiten Bogen durch die zürnenden Lüfte.
    Aber die schwersten Folgen des Orkans kamen erst nach. Während in der
Kamiesch-Bucht, dem französischen Ausschiffungpunkt, unter der Kriegs- und
Transportmarine die grösste Ordnung herrschte, war in Balaclawa eine Verwirrung
und Willkür, wie sie keine Feder beschreiben kann. Eine grosse Anzahl von
Transportschiffen, mit Lebensmutteln, Fourage und Lagerbedürfnissen belastet,
hatte auf Befehl draussen vor dem Hafen auf einem felsigen Meeresgrund von 35-40
Faden Tiefe vor Anker geben müssen, von 1200 Fuss hohen Felsen umgeben, obgleich
es bekannt war, dass die Rhede in dieser Jahreszeit heftigen Stürmen ausgesetzt
ist. Bei dem Orkan gingen diese Schiffe mit vielen Mannschaften elendiglich
unter, sie zerschellten an den fürchterlichen Klippen, deren Anblick allein
schon das Herz des kühnsten Seemanns mit Entsetzen füllen kann. Dadurch entstand
Mangel an Lebensmitteln und Fourage. Man hatte überdies versäumt, den Weg von
Balaclawa nach dem Lager während der trockenen Witterung auszubessern, und er
befand sich jetzt durch das Regen- und Schneewetter in einem Zustande, dass er
einer tiefen Kloake glich und der Transport fast unmöglich wurde.
    In der Nacht des 28. November war überdies die Cholera ausgebrochen und ihre
Verheerungen steigerten sich von Tage zu Tage. Schon zu Anfang December starben
im englischen Lager durchschnittlich täglich 80 bis 90 Menschen. Ausserdem
wüteten der Scorbut und böse Fieber. Von den 20 Schiffslieutenants der
Marine-Brigade konnten am 1. December nur noch fünf Dienste tun. - - -
    Es war am Nachmittag des 13. Januar. - Die vor den englischen Linien gegen
den Malachof angelegten Schützengruben waren mit Scharfschützen von
verschiedenen Regimentern besetzt. Jede der Gruben, mehr als 100 Schritte vor
den äussersten Linien, fasste 10 Mann incl. eines Offiziers und war für beide
Parteien eine der gefährlichsten Waffen. Sie bildeten förmlich vorgeschobene
Redouten, verlorene Posten, allnächtlich den Angriffen des Feindes ausgesetzt,
aus denen aber während des Tages durch die Lücken der den Rand umgebenden
Erdsäcke ein scharfes Büchsenfeuer auf Alles unterhalten wurde, was sich
ausserhalb des Schutzes der Wälle oder der Laufgräben sehen liess. Wer den Kopf
über die Brüstung neugierig erhob, konnte sicher sein, im nächsten Augenblick
ein halbes Dutzend Kugeln um seine Ohren pfeifen zu hören, wenn er sie überhaupt
noch hören konnte.
    Die Mannschaften in den Laufgräben wurden nur alle 24 Stunden abgelöst und
die Schwäche der englischen Armee war bereits so gross, dass die Soldaten
wöchentlich drei bis vier Mal diesen anstrengenden Dienst hatten. Eben so
erfolgte die Ablösung in den Gruben nur alle 24 Stunden und jedes Mal bei Nacht,
da während des Tageslichts die Batterieen des Feindes das Terrain nach allen
Richtungen bestrichen.
    Wir führen den Leser in das Innere einer solchen Grube, um ihm eine Probe zu
geben von den furchtbaren Schrecken, welche die englische Armee nicht
decimirten, sondern bereits fast vernichtet hatten.
    Ein Offizier vom 95. Regiment, der uns bereits bekannt ist, jetzt in Folge
der Inkermann - Schlacht Capitain Stuart, befand sich in der mittleren Grube.
Ausser ihm waren ein Fähnrich und sieben Mann darin, - der Zehnte fehlte, man
hatte seine Leiche vor einer Stunde über den kleinen Erdwall geworfen, der die
gefährliche Stellung gegen den Feind hin decken sollte.
    In dem engen Raum herrschten Elend und Not in vollem Maasse. Es gehörte ein
scharfes Auge damals dazu, die britischen Offiziere von ihren Untergebenen zu
unterscheiden. Eine rote Uniform war fast nur noch bei den fortwährend
eintreffenden und dennoch die Lücken nur spärlich füllenden Ersatzmannschaften
zu erblicken und bald genug war ihr Glanz im Schlamm und Kot verschwunden. Der
junge Mann, der neben dem Capitain auf einem Stein kauerte, die Füsse bis über
die Knöchel in dem Schlamm und Schneewasser, das den Boden der Grube bedeckte,
trug freilich noch eine solche unter dem Soldatenmantel, aber eine alte
Pelzmütze von tatarischer Form, die ihm sein entfernter Verwandter Stuart
geliehen, hüllte bereits den Kopf ein. Darunter sah ein feines aristokratisches
Gesicht hervor; - der arme Bursche, der nene Fähnrich der Compagnie, der
O'Mallei's Stelle eingenommen, war der jüngere Sohn eines englischen Peers und
im Glanz des Reichtums erzogen, bis ihn der Familiengebrauch mit 50 Pfund
Zuschuss hinausstiess in die Welt und Alles für ihn getan zu haben glaubte, indem
er ihm eine Offiziersstelle in einem Infanterie-Regiment kaufte. Fähnrich
Ellisdale war erst vor sechs Tagen mit den letzten Ersatzmannschdaften
eingetroffen und sein Traum von Ruhm und Ehre war in der kurzen Frist bereits
kläglich zusammengeschmolzen.
    Sein älterer Vetter, in dessen Compagnie er glücklicher Weise gekommen, war
als bewährter Soldat besser geschützt gegen die Kälte und Nässe. Hohe
Matrosenstiefel, damals ein sehr gesuchter Artikel und in Balaclawa mit dem
fünffachen Preise bezahlt, reichten bis über die Mitte der Schenkel. Ein
tatarischer zerrissener Pelz, starrend von Schmuz und Fett, von dem
übergeschnallten Säbelgurt zusammengehalten, bildete die Hauptbekleidung,
während die Mütze mit einem dicken roten Tuch umwunden worden. Aehnlich waren
die meisten Soldaten bekleidet, - Flicken von allen möglichen Farben und Stoffen
zierten als Ausbesserung Jacke und Beinkleider, - drei von den armen Teufeln
aber hatten ein jämmerliches zerrissenes Schuhzeug, und die Lappen und Binden,
mit denen sie ihre Knöchel und Füsse umwunden, waren nur geringer Schutz gegen
die Feuchtigkeit und Kälte.
    Aber noch nicht genug dieses Elends, - auch Krankheit und Schmerz herrschten
in der schrecklichen Höhle. Der eine der Soldaten litt fürchterlich an der
roten Ruhr, einem andern hatte eine russische Büchsenkugel den linken Arm
zerschmettert, als er unvorsichtiger Weise beim Zielen ihn über die Deckung
hinausgestreckt. An wundärztliche Hilfe war nicht zu denken, bevor die Ablösung
in der Nacht erfolgt war. Der Capitain hatte den armen Menschen, so gut es gehen
wollte, verbunden, aber das schmerzliche Stöhnen des Mannes unterbrach oft das
Gespräch der Andern, das mit der Gleichgültigkeit geführt wurde, zu welcher die
unbeschreiblichen Beschwerden bereits gegen die Leiden des Nächsten fast jedes
Herz verhärtet. An der einen Ecke der Brustwehr, den Kopf hinter derselben
verborgen und das Minié-Gewehr durch eine Öffnung im Anschlag stand der Soldat,
an welchem die Reihe des Postens war, während an der andern kaum 6 Fuss
entfernten Seite Mick der Irländer, der wackere und heitere Diener des frühern
Führers der Compagnie, die Spähwache hielt nach dem Artilleriefeuer der Russen.
    Capitain Stuart führte die Aufsicht über die drei Schützengruben, die vor
diesem Punkt der englischen Linien angelegt waren und hatte ein kurzes
Schneegestöber um Mittag benutzt, um, auf dem Bauch fortkriechend, von seinem
Standpunkt in der mittelsten die zur rechten Seite zu besuchen. Das rasche
Aufhören des Schnees und das scharfe Feuer der Feinde fesselten ihn jetzt in
dieser.
    »So haben Sie also Cavendish gesehen, Ellisdale,« sagte er, die kurze Pfeife
aus dem Munde nehmend und im Gespräch fortfahrend, »wie geht es dem Burschen?«
    »Um vieles besser, als da Sie ihn selbst besuchten, Vetter. Die Wunde in der
Brust ist geschlossen, das russische Bajonet hat keinen der edlen Teile
verletzt und er hofft in höchstens vier Wochen wieder beim Regiment zu sein.«
    »Beim Regiment - er wird sich verteufelt wundern, was davon noch übrig ist.
Mickei und ich und drei oder vier Andere sind so ziemlich Alles, was Inkermann,
die Cholera und die Kälte von der Compagnie im Dienst gelassen haben, die in
jener höllischen Redoute unter dem tapfern Armstrong focht.«
    »O Akushla, mein Liebling,« warf Mickei ein, »es ist brav von Ihnen,
Capitain, wenn Sie auch nur ein Schotte sind, dass Sie so gut sprechen von meinem
seligen Herrn. Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht, dass ich ihn um vier
Schillinge betrog bei dem Verkauf der Rumflasche in jener gesegneten Nacht.«
    »Ich sah, wie Du ihn aus dem Kampfe trugst, Bursche, und das wiegt manche
Deiner Sünden auf,« sagte gutmütig der Offizier. »Es ist mir lieb, dass
Cavendish davonkommt, da ich jetzt nicht mehr auf seinen Tod zu warten brauche,
um meinen Rang zu erhalten; ausserdem kann der Bursche uns jetzt seine famose
Tigergeschichte zu Ende erzählen. Aber wie gesagt, er wird sich wundern, obschon
es dem 95. nicht allein so gegangen. Das 63. Regiment hatte gestern noch 7 Mann
diensttüchtig und Goldies 46. noch 30. Die schottischen Garde - Füsiliere, die
1562 Mann stark nach der Krim kamen, zählen jetzt einschliesslich der
Offiziersbedienten und Corporale noch 210 Mann, - und in den meisten Brigaden
steht es eben so1.«
    »Es sind 12 Regimenter seit vierzehn Tagen eingetroffen, drei von Corfu,
eins aus Aten, drei von Malta, das 17., 39. und 89. von Gibraltar und zwei aus
England, Sir,« sagte ein Corporal, »ich hörte es gestern in Balaclawa, als ich
mit dem Fähnrich dort war.«
    »Ja, aber sie werden kaum ausreichen, den Ausfall der Divisionen zu
ergänzen. Der Lord hat, nach dem vorgestrigen Tagesbefehl, ihre Zahl ohnehin
schon auf vier ausser der leichten reduciren müssen. Doch erzählen Sie mir,
Lionel, wie es Ihnen in Balaclawa ergangen ist. Der Major beklagt sich, dass Sie
kaum ein Dritteil des Proviants mitgebracht.«
    »Eine Kugel aus der dritten Schiessscharte.« schrie Mickei dazwischen.
»Muscha - sie zielten wahrhaftig hierher!«
    »Rechts oder links vorbei, Bill,« sagte der Corporal zu seinem Nachbar, »es
gilt eine Pfeife Taback!«
    »Grade aus über den Kopf!« rief ein Anderer. In demselben Augenblick duckten
Mick und der wachhaltende Schütze in die Grube nieder und zugleich überschüttete
die in den niedern Erdwall einschlagende und über ihre Köpfe hin ricochettirende
Vollkugel die ganze Gesellschaft mit einer Menge Erde und Schlamm.
    »Damned! - Du hast wahrhaftig Glück,« sagte ruhig der Verlierende, »es ist
wirklich meine letzte Pfeife.«
    »Sie stehen in der Blendung so dicht wie die Sperlinge,« schrie der
Irländer, schon wieder auf seinem Posten; »schiess, Jenkins, mein Junge! Eine
Kugel für den Burschen, der so toll wie ein Märzhase auf der Brüstung steht!«
    Der Schuss krachte bereits. Mick, als er den russischen Offizier fallen sah,
hob sich mit halbem Leibe über den Grubenrand und schwang jubelnd die Mütze.
Aber sogleich riss eine Kugel aus dem nächsten russischen Versteck sie ihm aus
der Hand, als Lection für die eigene Unvorsichtigkeit. Zugleich brachte von der
andern Seite her ein ziemlich derber Rippenstoss des Capitains, verbunden mit
einer wenig verbindlichen Verwünschung, ihn zur Ruhe. Beschämt und ziemlich
trübselig beschaute der Irländer seine Hand. »Heiliger Patrik!« sagte er
ärgerlich, »eine so schöne Kappe! ich habe sie Lieutenant Egerton vom Kopf
genommen, als er am letzten gesegneten Freitag im Laufgraben von der Bombe
zerrissen wurde und hätte sie mein Leben lang tragen können. Das hat man davon,
wenn man sich darüber freut, dass so ein russischer Spitzbube an einer ehrlichen
Kugel stirbt, statt an seinen verdammten Fiebern zu krepiren!« Die Andern
lachten ihn aus, während der Kranke in seinem Winkel noch jämmerlicher stöhnte,
und Mick kraute sich in den Haaren, deren dicke Wirrniss ihm ziemlich die
verlorene Kopfbedeckung ersetzte.
    Stuart wiederholte seine Frage nach Balaclawa, hauptsächlich um den jungen
Mann, dessen Körper und Seelenkräfte sichtbar unterlagen, von seinem Brüten
abzuziehen.
    »Der Teufel hole das Nest, das eine wahre Hölle ist, und den Weg dahin,«
sagte der Angeredete. »Dieser Weg ist Nichts, als ein Sumpf, in den mich Ihr
elender Gaul nicht weniger als drei Mal warf, dass ich von oben bis unten mit
einer faustdicken Kruste bedeckt war. Gott! wenn mich Cousine Ella oder auch nur
die Gräfin, meine Mutter, in dem Aufzuge gesehen hätte - sie wären des Todes
geworden. Pferdeleichen am Rande dieses Tümpels alle zwanzig Schritt weit. Viele
Tiere so erschöpft, dass sie unterwegs zu Boden fallen und die Rationen, welche
sie schleppen, vollends ungeniessbar werden.«
    »Goddam!« warf der Capitain ein, »es fallen täglich an fünfzig Stück; es
sollen keine dreihundert dienstbare Pferde mehr im ganzen Lager sein!«
    »Menschen wateten und stolperten durch diesen Schlamm uns entgegen, oder
setzten sich mit furchtbaren Flüchen auf einen hervorragenden Stein, Bilder von
Schmutz und unaussprechlichem Jammer. Siechtum und Entbehrung fast in allen
Gesichtern - manche der unglücklichen Soldaten sah ich, bei denen die Krankheit
eben zum Ausbruch gekommen, in ihren Leiden am Rande des Weges sich winden -
ohne Hilfe, denn Jeder denkt hier nur an sich selbst. Dazwischen eine Escorte
mit dem halb durchweichten Schiffszwieback beladen, das hier fast die einzige
Nahrung scheint; - Männer, die man eher für Strassenräuber nach ihrem Aussehen
halten sollte, als für britische Offiziere, auf einem rattenschwänzigen Pony,
mit Reihen von Zwiebeln oder einem Sack Kartoffeln und ranzigen Würsten behängt,
vorn auf dem Sattel ein Paar magere Hühner oder ein Stück Salzfleisch - über das
Alles ein Regen, der bis auf das Mark der Knochen erkältet und nur aufhört, um
sich in stechenden Hagel zu verwandeln.«
    »Ich weiss es, der Weg ist furchtbar!« meinte der Capitain; »es war schon im
December unmöglich, nachdem man seine Ausbesserung versäumt, die Hütten für das
Lager herauf zu transportiren. Alles Gefähr wurde ohnehin damals für die Kanonen
und die Munition in Beschlag genommen, statt Magazine im Lager anzulegen, und
man bekümmert sich den Teufel darum, was aus den Soldaten würde. Der Lord sitzt
in seiner warmen Hütte wochenlang beim Schachspiel und denkt nicht daran, durch
die Laufgräben zu kriechen, wie Canrobert tun soll. Sie wollen eine Eisenbahn
bauen, wie ich höre, aber sie wird fertig werden, wenn die Armee erfroren und
verhungert ist. Doch erzählen Sie von Balaclawa und wie es kam, dass Sie so wenig
zurückbrachten.«
    Der Fähnrich schauderte. - »Mir ist so unwohl - die Kälte dringt mir
ordentlich an's Herz. Wenn ich nur einen einzigen Schluck Rum hätte!«
    Der Capitain schüttelte vergeblich seine Flasche. - »Ich gab den letzten
Tropfen an Mac-Mahon, den kranken Sergeanten, der dort in der Grube links mit
sechs Andern liegt. Warum brachten Sie auch nicht wenigstens ein Fässchen von dem
schlechten Commissariatszeug?«
    »Wir hatten drei Fass bei uns und ich trug selbst eins mit an der Stange,«
klagte der junge Offizier, »da ein betrunkener Matrose Ihr Pferd gestohlen und
damit auf und davon galoppirt war. Den Corporal hatte ich nach dem Matrosenlager
geschickt, weil mir gesagt worden, dass alle verschwundenen Pferde dort
anzutreffen sind. Wir legten es einen Augenblick nieder, als die Axe an der
Karre brach, auf der die Brotsäcke und die anderen Fässer lagen, um Hilfe zu
holen, und ich sprach die Zuaven darum an, die an der Marschlinie Wache halten.
Der Teufel hole sie! -wie das Rudel Aasgeier, die rings umher auf den todten
Pferden und Ochsen sassen, fielen sie über die Karre her, im Nu waren die
Brotsäcke zerschnitten, die Zwiebeln gestohlen, die Fässer aufgeschlagen und der
Rum verteilt. Nur das Fässchen, das ich selbst für die Compagnie mitgeschleppt
und auf das ich mich zum Schutz setzte, konnte ich retten. Nicht einmal das Holz
an der Karre liessen sie uns; die Halunken meinten spöttisch, sie brauchten es,
um den Grogk dabei zu kochen, mit dem sie auf unsere Gesundheit trinken
wollten.«
    »Ja, ja - es sind prächtige Kerle, unsere Freunde, die Zuaven - immer
lustig, gesund und wohlgenährt, ob von Katzenfleisch oder von englischem Speck,
ist ihnen gleich. Aber verteufelte Spitzbuben sind die Burschen. General Bosquet
lieh uns neulich ein halbes Regiment von ihnen und 500 Pferde und Maultiere, um
Munition und Mundvorrat herauszuschaffen, und wahrhaftig! die Sacrés arbeiteten
wie die Bären trotz aller Tollheiten A propos - haben Sie schon gehört, Vetter,
wie wir um 200 Maultiere gekommen sind, die wir in Varna gelassen und mit dem
Jason erwarteten?«
    »Nein, es ist mir auch gleich, da sie doch nicht da sind und wir ihre Stelle
vertreten müssen.«
    »Hören Sie zu, mein guter Gesell, es wird Sie wenigstens zerstreuen. Man muss
sagen, unsere Verbündeten, die Türken, haben eine eigentümliche Art, ihre
Rechnungen zu schliessen. Der Jason brachte also am 30. nur 100 Pferde und
Maultiere, von denen mehr als die Hälfte schon wieder den Hunden und Geiern zur
Nahrung dienen, und einen dicken Türken, unter dessen Obhut sie in Varna
zurückgelassen worden. Als er auf das Commissariat kam, trugen zwei Männer einen
grossen Sack ihm nach Von den Dreihundert, die Du mir anvertraut, sagte der
würdige Sohn Mahomeds, sind Zweihundert gefallen. Da hast Du den Beweis; zähle
nach! - Dazu schütteten die Männer den Sack aus, und 400 Pferde- und Eselsohren
lagen vor dem erstaunten Ober - Commissair. Ich hätte das lange Gesicht sehen
mögen! Aber ich wette, der Mashallah hatte uns über unsere eigenen Ohren gehauen
und in Varna die von allem krepirten Vieh für einige Piaster zusammengekauft.«
    »Stop, Capitain! Der whistling Dick kommt!«
    Der »pfeifende Dick« war der Beiname, den die englischen Soldaten kolossalen
Kugeln von 16 Zoll im Durchmesser gegeben hatten, die 18 Pfund Pulver entielten
und aus einem bestimmten Mörser von einem Floss im Binnenhafen geschleudert
wurden. Sie hatten bei ihrem Niederstürzen eine Kraft von wohl 500 Centnern und
verbreiteten Tod und Verstümmelung rings um sich her.
    Man hörte deutlich das Pfeifen der Bombe, wie sie näher kam, ihr
Aufschmettern in dem Boden und dann ihr Zerplatzen. Alle in der Schützengrube
hatten sich unwillkürlich so tief als möglich niedergebeugt.
    »Der Henker hole das Ungetüm, wo es hinschlägt, wächst kein Gras mehr.
Fahren Sie fort, Vetter, in Ihrem Berichte. Sie werden sich doch wenigstens das
Rumfass nicht unter'm Leibe haben wegstehlen lassen? Dennoch sitzen wir hier im
Trocknen.«
    »An Versuchen fehlte es nicht, - indes ich zeigte den Burschen meinen
Revolver, und später kam ein französischer Offizier dazu, bei dessen Anblick sie
verschwanden, als hätte die Erde sie aufgenommen. Als ich aber in's Lager kam
und meinen Unfall rapportirte, meinte Oberst Jea, es sei billig, dass unser
Bataillon den Verlust trüge, und confiscirte das Fass zur Teilung an die beiden
anderen.«
    »Das ist fatal und gegen den alten Burschen lässt sich keine Einrede wagen.
Seit man ihn für die Alma und Inkermann schmählicherweise bei der Beförderung
übergangen, obschon er der Klügste und Tapferste in der ganzen Armee war, ist
ohnehin kein Auskommen mit ihm. Wie fanden Sie es in Balaclawa selbst?«
    »Sehen Sie Dante's Aufschrift zur Hölle darüber, und Sie behandeln das Nest
noch unverantwortlich gut. Keine Worte können seinen Schmuz, seine Greuel, seine
Hospitäler, die Begräbnissstätten, die todten und sterbenden Türken, die
vollgedrängten Gassen, die stinkenden Schuppen, die ganze säuische Umgebung und
den Verfall beschreiben. Alle von Pest und Seuche entworfenen Schilderungen, von
der Bibel an bis zu Boccac, Defoë und Moltke, erreichen noch lange nicht die
einzelnen Bilder von Seuche und Tod, die man auf einem einzigen Gange durch
Balaclawa dutzendweise sieht. Die sterbenden Türken haben jedes Gässchen und jede
Strasse zu einer Cloake gemacht, und die schrecklichsten Formen des menschlichen
Jammers, die in der ersten Stunde das Herz erschüttern, lassen bald
gleichgültig, da man ihnen auf jedem Schritt begegnet. Ich hob die Bastdecke,
die vor dem Torweg einer elenden Hütte hing, in welcher ich Jammer und Stöhnen
und Gebete zum Propheten hörte, und sah auf einer Stelle und in einem Augenblick
eine Anhäufung von Leiden und Greueln, die mein ganzes Leben lang meine Träume
vergiften wird. Die Leichen lagen noch auf derselben Stelle, wo die
Unglücklichen gestorben waren, mitten unter den Lebenden, und die Letzteren
boten einen über alle Vorstellungen der Phantasie gehenden Anblick. Die
gewöhnlichsten Einrichtungen eines Hospitals fehlen, der Gestank ist entsetzlich
- die faule Luft findet nur durch die Ritzen in Wänden und Dächern Abzug, durch
die der Regen und Wind seinen freien Einzug erhält, und so weit ich beobachten
konnte, sterben diese Menschen hier, ohne dass man den geringsten Versuch macht,
sie zu retten2.«
    »Sie waren in unserm eigenen Lazaret - wie fanden Sie es dort?«
    »Nicht besser, als in den fliegenden Baracken, die man zu gleichem Zweck im
Lager hält. Ich sprach mit Cavendish darüber, die Aerzte sind Dummköpfe oder
reichen nicht aus.«
    »Wir kennen das. An der Alma fanden sich Chirurgen, die in ihrem Leben noch
keine Arterie unterbunden hatten und einen armen Teufel als unheilbar verbluten
liessen, der einfach durch den Arm geschossen war.«
    »Die Luft ist auch hier verpestet,« erzählte der Fähnrich weiter; »nicht
einmal hinreichend Stroh war vorhanden und die Commissaire weigerten sich, neue
Verband- und Medicinvorräte herauszugeben, obschon ein Transportschiff im Hafen
sie an Bord hatte, bloss weil das Sanitäts - Departement in London noch keine
Ordre dazu gegeben hat.«
    »Verdammt sei das schändliche System in unserer Armee!« meinte der Schotte.
»Diese Legion von Protokollen und Schreibereien lastet wie ein Fluch auf uns. Da
haben wir das Zeugamts-Departement, das Sanitäts - Departement, das
Commissariats-Departement und das eigentliche Militair - Departement, und alle
diese Departements haben ihre eigenen Chefs und keines kümmert sich um das
andere, sondern geht seinen Schlendrian fort.«
    »In der Tat, es geht toll und verrückt her auf den Werften, wenn man diese
Kotberge so nennen mag. Capitain Keen von den Ingenieuren hat 4000 Tons Bretter
und Balken zum Hüttenbauen nach Balaclawa gebracht, aber er kann Niemand finden,
der sie übernimmt oder aus den Schiffen ausladet. Unterdess erfrieren unsere
Soldaten unter freiem Himmel oder den leichten Zelten. Ein Teil der Vorräte an
Winterkleidern ist mit dem Prince auf der Rhede untergegangen, ein Schiff mit
Winterkleidern für die Offiziere, wie ich hörte, bei Constantinopel verbrannt.
Dennoch wäre immer noch genug vorhanden, wenn man es nur verteilen wollte. Man
hat wochenlang offene Lichterschiffe mit warmen Ueberröcken und Handschuhen für
die Mannschaften im Hafen allem Regen und Schnee preisgegeben, und als man die
Sachen an's Land brachte, wollte Niemand sie in Empfang nehmen, ohne durch
Befehl ermächtigt zu sein.«
    Der Erzähler, dem die Bewohner des traurigen Aufentalts mit Ingrimm
lauschten, machte unwillkürlich eine Pause und presste die Hände gegen den Leib.
Sein Gesicht verzerrte sich und er wand sich einige Augenblicke in heftigem
Schmerz, der jedoch zum Glück bald wieder vorüber zu gehen schien, denn er fasste
sich gewaltsam und fuhr fort:
    »Ich selbst sah auf dem Werft im Regen und Schnee neben den aufgetürmten
Kugeln und Bomben Berge von warmen Filzstiefeln, Röcken und anderen
Kleidungsstücken, von Brot und Salzfleisch, Teekisten und hundert anderen
Dingen. Eine Schildwache stand dabei und man sagte mir, dass sie dort seit zehn
Tagen lagerten, während wir hier - keine Stunde davon - Not an Allem haben.«
    »Und erzählten Sie dies dem Obersten Yea?«
    »Ich sagte ihm Alles und er schwor, wenn er binnen drei Tagen nicht Proviant
und Kleidungsstücke habe, wolle er mit den Schotten nach Balaclawa marschiren
und mit dem Bajonnet sich das Seine holen.«
    »Bei der Distel von Schottland - er ist der Mann, Wort zu halten.«
    »Die Sterblichkeit unter den Türken in Balaclawa und auch unter unseren
Leuten ist furchtbar, man trägt die geschwollenen Leichen halb nackend während
aller Stunden des Tages durch die Strassen und scharrt sie wenige Zoll tief in
grosse Gruben am Abhang des Hügels - ich sah ihrer in den wenigen Stunden mehr
als siebenzig an mir vorüber bringen. Sturm und Regen spülen die leichte
Erddecke bald herab und die verwesenden Gebeine der Todten ragen aus den
Hügelseiten und verbreiten neues Miasma, und nicht bloss während der Nacht halten
die Geier und wilden Hunde hier - - -« er unterbrach seine Rede mit einem
schmerzlichen Aufschrei und presste die Hände fest auf den Leib.
    »Was ist Ihnen, Lionel? - halten Sie sich wacker, mein armer Bursche, wir
haben ja nur noch wenige Stunden in diesem Höllennest auszuhalten.«
    Der junge Mann wand sich in bitteren Leiden. - »Ich werde die furchtbare
Krankheit bekommen,« stöhnte er, »man wird mich in jene schrecklichen Lazarete
bringen und das ist mein Tod. O, wenn ich nur etwas Warmes erhalten könnte!
einen einzigen Becher heissen Kaffee's! - es könnte mich retten.«
    Sein Verwandter sah ratlos umher. - »Wir haben wohl Kaffee bei uns, aber
keinen Span von Holz, wir müssten denn unsere Büchsenschäfte verbrennen. Armer
Junge, das war kein Land für Sie! und solche Burschen schicken sie uns
duzendweis.«
    Der Irländer hatte mit Teilnahme die Not seiner Offiziere gesehen. -
»Muscha,« sagte er, »das Dings da schaut aus wie eine Axt von einem der Kerle
mit den langen Bärten, und das da drüben ist, wenn ich richtige Augen mit auf
die Welt gebracht habe, ein umgehauener Baum oder ein Balken von den
Schanzgräbern. Holz woll'n wir schon kriegen, Sir, wenn nur der Capitain einen
Augenblick meinen Posten einem Andern zuteilen will.« Damit begann er, sein
Gewehr zurücklassend, bereits über den Rand der Grube zu klettern.
    Capitain Stuart wollte ihn zurückhalten. - »Kerl, Du bist rasend! Du bist
durchlöchert wie ein Sieb, ehe Du zwanzig Schritt zurückgelegt hast.«
    Aber Mickei war bereits aus der Grube und wackelte langsam und ohne seine
Pfeife ausgehen zu lassen, auf den Baum zu, nachdem er mit einer -
unbeschreiblichen Geberde nach den russischen Schanzen hin seine Verachtung
aller Gefahr ausgedrückt hatte.
    »Lassen Sie ihn gewähren, Sir,« sagte der Corporal, »es ist ohnehin zu spät
und ich habe oft gesehen, dass Tollheit und Übermut am besten gegen die Kugeln
fest machen. Wir wollen lieber die Burschen auf den Wällen und in den Gruben im
Auge behalten.«
    In der Tat erwies es sich so, wie der alte Soldat prophezeiht. Des tollen
Irländers Übermut war sein bester Schutz, denn während er gemächlich begann,
einen Vorrat von Spänen abzuhauen, schienen die Russen zuerst ganz erstaunt
über dies kalte Blut. Bald genug iedoch knatterte ein bleierner Platzregen um
den seltsamen Holzhacker her, der aber noch ganz ruhig eine Zeit lang
fortarbeitete. Die Russen, dadurch noch wütender gemacht, feuerten nun um so
leidenschaftlicher, und selbst drei Mal mit einer Kanone, deren Vollkugel kaum
zwölf Schritt zur Seite über die Ebene schlug, ohne dass sich Mick deshalb im
Geringsten beeilte. Offenbar rettete ihn nur die Leidenschaftlichkeit der
Feinde, die sie nicht zum ruhigen Zielen kommen liess, ausserdem aber unterhielten
die besten Schützen der seinen und der nächsten Grube, sobald man den kühnen
Streich des Mannes bemerkt, ein scharfes Feuer auf Alles, was sich vom Feinde
blicken liess, und Capitain Stuart schoss selbst einen der Kanoniere in der
Schiessscharte nieder, aus der man die Kanone auf den Irländer gerichtet. Dennoch
schützte ihn eben nur der Zufall, während seit diesem bald in der ganzen Armee
bekannten Vorgang riele seiner Kameraden den Irländer als kugelfest verschworen.
    Der Verwegene sah sich endlich die abgehackten Späne an, schien zu
überlegen, ob es genug seien, kauerte dann nieder und sammelte das Holz in
seinen grossen Feldmantel, latschte zurück durch die ununterbrochenen Salven und
sprang unversehrt mit seinem Schatze wieder herab, nachdem er den Russen noch
mit der Faust gedroht. Man sah's ihm an, er hatte in seiner echt nationellen
Sorglosigkeit keine Vorstellung davon, welcher Gefahr er sich eben ausgesetzt,
denn kaum dass er im Schutz der Grube sich befand, traf eine vierte Kanonenkugel
des Feindes, der jetzt die Richtung gefunden, den Stamm und zerschmetterte ihn.
    In einem kleinen Feldkessel wurde das Feuer angemacht, da der Boden zu nass
war, um zur Unterlage zu dienen, und eine grosse zinnerne, längst geleerte
Feldflasche diente dazu, mit den Schneewasser starken Kaffee zu bereiten, wovon
lieber nach wiederholten Auflagen seinen Anteil bekam, denn Mickei war
fürsorglich gewesen und hatte auch an »etwas Warmes« für sich gedacht. Die
Leiden des jungen Offiziers linderten sich, obschon häufig Fieberschauer durch
seine ohnehin vor Kälte bebenden Glieder fuhren; dagegen starb bald darauf unter
schrecklichen Convulsionen der Soldat, den die Ruhr überfallen. Man hob die
Leiche zu seinem Kameraden über den Grubenrand.
    Die Schrecknisse und Gefahren der kleinen Besatzung in der Schützengrube
sollten mit diesem zweiten Todesfall jedoch noch nicht ihr Ende erreicht haben,
obschon bereits der Abend Hereinzubrechen begann. Die Russen feuerten jetzt
häufig mit Kartätschen über die Fläche, teils um Wagnisse, wie das
vorhergegangene, unmöglich zu machen, teils um den Rückzug an den
Schützengruben zu verhindern. Dazwischen zischten von Zeit zu Zeit Bomben über
ihren Köpfen und schlugen mehrmals unfern von ihnen in den Boden, sich dort im
Zerspringen ein trichterförmiges Loch wühlend.
    Capitain Stuart sah nach seiner Uhr. - »Ich muss Sie verlassen, Vetter,«
sagte er, »und auf alle Gefahr versuchen, die Grube links zu erreichen, um von
dort die Signale für die ganze Linie steigen zu lassen, denn verschiedene
Anzeichen beweisen mir, dass die Feinde sich bereit machen, bei eingetretener
Dunkelheit einen Ausfall zu machen, und wir müssen auf unserer Hut sein. Halten
Sie -« er vollendete nicht, denn das Krachen einer einschlagenden grossen Bombe
unterbrach ihn und ein gellender Angst- und Hilferuf übertönte selbst den Donner
der Geschütze.
    »Heiliger Patrik - es ist der pfeifende Dick!«
    »Wo - wo? - die Kugel muss in die Trancheen gefallen sein.«
    »Nein, nein - da links - sehen Sie - die Grube - unsere Kameraden!«
    Die Männer hatten sich bereits über den Rand der ihren erhoben, unbekümmert
um die Gefahr; - in der Richtung, in der die mittlere Schützengrube lag,
wirbelte eine Erd- und Dampfwolke in die Höhe - im Dämmerlicht glaubten sie eine
menschliche Gestalt zu schauen, die auf den Rand der Grube emporsprang, zwei Mal
mit den Armen wild durch die Luft schlug, im nächsten Augenblick aber in einem
aufzischenden Feuerstrahl verschwand - sie meinten die zerrissenen Glieder
umherfliegen zu sehen, - ein Krachen, ein Zifchen, einzelne Eisenstücke der
springenden Bombe flogen durch die Luft - dann war Alles bis auf die Rauchwolke
über dem unglücklichen Platz verschwunden und nur ein vereinzeltes Feuer der
Geschütze aus den russischen und englischen Batterieen unterbrach in
regelmässigen Intervallen die furchtbare Stille.
    Die Männer in der Grube waren zurückgetaumelt in deren Inneres bei dem
Anblick, dessen Schrecken die Blitzesschnelle und Undeutlichkeit noch vergrössert
hatten. Der Capitain hatte die Augen mit der Hand bedeckt. - »Der Allmächtige
sei ihren Seelen gnädig! - sieben wackere Bursche, wie sie die Küsten Englands
nur jemals in Kampf und Tod gesandt, sind in einem und demselben Augenblick zur
Ewigkeit abberufen.«
    »Wie, Capitain,« sagte der Fähnrich, »sie sollten Alle getödtet sein?
Vielleicht sind Einzelne nur verwundet - -«
    »Die Bombe muss mitten unter sie geschlagen sein, selbst der Mann, der sich
trotz des Luftdrucks zu retten versuchte, musste zu Atomen zerrissen werden. Das
Schreckliche kommt glücklicherweise nur selten vor, aber der traurige Fall vor
uns ist nicht der einzige und wird nicht der einzige bleiben. Lassen Sie uns ein
Vaterunser beten als gute Christen für Sergeant M'Mahon und seine Tapfern, und
dann leben Sie wohl, denn die Russen haben eine Pause gemacht mit ihren
höllischen Kartätschen und ich muss sie benutzen. - In zwei Stunden werden Sie
abgelöst, wenn wir dann noch am Leben sind.«
    Es war finster geworden während der letzten Scene und Capitain Stuart schien
im Schutz der Dunkelheit glücklich auf seinem Stationsposten angekommen zu sein,
denn etwa eine halbe Stunde nach seiner Entfernung, die er grösstenteils auf dem
Boden fortkriechend bewirkt hatte, sah man von dort eine blaue Leuchtkugel
emporsteigen als Zeichen für die Laufgrabenwachen, auf ihrer Hut zu sein.
    Die Russen schienen jedoch an Nichts weniger zu denken, als an einen
Ueberfall. Das Feuer war nach und nach schwächer geworden und hatte endlich ganz
aufgehört. Der Wind hatte sich nach Süden gewendet und es trat Tauwetter ein.
Von den Tschernaja - Höhen und der Nordseite der Festung leuchteten grosse
Wachfeuer, - die öffentlichen Gebäude in der belagerten Stadt schienen
illuminirt, selbst in den Batterieen sah man Lichtreihen hin- und herziehen. Und
jetzt klang durch die eingetretene Stille majestätisch von der Stadt her, wie in
jener Nacht vor Inkermann, das volle Geläut aller Glocken, das die Bewohner und
die Besatzung zur Wladimir - Katedrale und den andern Kirchen der Stadt rief.
    Die Engländer wussten sich anfangs die Erscheinung nicht zu erklären, bis der
Fähnrich sich erinnerte, dass der gregorianische Kalender um zwölf Tage
zurückdatire und die Russen daher an heutigen Abend erst ihr Neujahr feierten.
    Der Schein der Freudenfeuer machte einen traurigen Eindruck auf die armen,
halb verhungerten und erfrorenen Teufel in den britischen Laufgräben und
vorgeschobenen Posten, und sie harrten mürrisch und nur selten ein Wort
wechselnd, von Krankheit und Gefahren zum Tode erschöpft, der Ablösung, die nun
bald im Schutze der Nacht kommen musste.
    In der Tat hörte man, als die Zeit herannahte, Tritte - doch das
krieggewohnte Ohr des Corporals wollte darin nicht den Schritt der Patrouillen,
sondern das compacte Marschiren einer grossen Masse erkennen. Der Fähnrich hatte
erst bei dem eingetretenen Tauwetter empfunden, dass einer seiner Füsse erfroren
war und nur mit Mühe bewegt werden konnte. - Mick, der Irländer, spähte für ihn
am Rande der Grube.
    »So wahr ich im Fegefeuer schwitzen werde, wenn mich nicht irgend eine Seele
herausbetet,« sagte der sorglose Bursche. »Ihl habt Unrecht, Corporal. Ich höre
deutlich das Kommando von den Laufgräben her kommen und meine Ohren sind gross
genug, um so eben ein gesegnetes Goddam zu verstehen.«
    »Dann kommt Freund und Feind zugleich,« flüsterte der alte Soldat, »denn von
der Bastion her naht eine dunkle Reihe und ich höre ihren Tritt! - Feuer,
Kameraden, dass wir die Unsern warnen!« - Er schoss sein Gewehr in die Nacht
hinein ab. Ein donnerndes »Urrah« antwortete dem Schuss und verkündete, dass er
Recht gehabt. Dann stürmte unter wildem Kampfruf eine breite, festgeschlossene
Reihe über die Fläche daher und gegen die Gruben und die erste Linie - - -
 
                                    Fussnoten
1 Offizielle Zahlen.
2 Wir benutzen zu diesen Schilderungen die wörtlichen Berichte der Times, um uns
gegen den Vorwurf der Uebertreibung zu sichern!
 
                          IV. Der Ausfall. Die Russen.
Die Nachricht von dem Tode des Kaisers hatte zunächst dumpfen Schrecken und
Schmerz - dann das Gefühl erbitterter Rache in den Herzen der braven Besatzung
von Ssewastopol hervorgerufen.
    Man hatte die erste Kunde durch einen Ueberläufer aus dem Lager der
Alliirten erhalten - das electrische Fluidum über Wien und Varna lief rascher,
als die Couriere über Moskau und Perecop.
    Jeder Zusammenstoss mit dem Feinde ward seitdem noch blutiger, mörderischer,
denn zuvor. Das Testament des Kaisers, sein letzter Gruss an die Tapfern hatte
die Begeisterung, den Fanatismus zum wildesten Hass gesteigert.
    Wir haben bereits erwähnt, dass seit der Uebernahme des Kommando's in
Ssewastopol durch den General-Adjutanten Baron Osten - Sacken das
Verteidigungssystem ein anderes geworden. Man war aus der Defensive in die
Offensive übergegangen, und in der Tat waren während fast dreier Monate die
Belagerer mehr die Belagerten, als die Garnison der Festung.
    Seit der Nacht zum 11. December hatten die Ausfälle der Besatzung mit
wechselndem Glück, aber mit stets gleicher Kühnheit ununterbrochen die Feinde in
Allarm gehalten und sie gezwungen, zu allen Stunden eine zahlreiche Menge
Truppen in den Trancheen zu halten, was die durch Krankheit, Mangel und
Witterung erschöpften Armeen noch mehr aufrieb. Die Namen Golowinski, Birjulew,
Titof, Actachof, Sawalischin, Rudakowski und andere mehr, werden als die kühner
Führer gewagter Unternehmungen immer glänzen auf den Blättern der russischen
Kriegsgeschichte jener Tage.
    Doch nicht auf solche Ueberfälle allein beschränkte sich die Taktik der
Kommandanten. Wir wissen aus dem Munde des Kaisers selbst, wie gut man den
gefährdetsten und wichtigsten Punkt der Festung auf russischer Seite kannte, den
Malakoff - Hügel (weissen Hügel) mit seinem Turm - jetzt zum Andenken an den
gefallenen Helden die Kornilofski - Bastion genannt. Daher galt es, hier die
Verteidigungswerke auf das Möglichste zu stärken.
    Totleben war rastlos tätig im Entwerfen neuer Pläne und das tapfere Genie -
Corps der Festung unermüdlich in ihrer Ausführung. Mit zauberhafter Schnelle
wuchsen über Nacht neue Werke empor und die erstaunten Feinde sahen am Morgen
Wälle und Schanzen, wo sie vielleicht schon am nächsten Tage ihre Pakallelen zu
ziehen gehofft hatten.
    Gegen die unterirdischen Arbeiten der Franzosen, namentlich vor der
Mast-Bastion, wurde mit Erfolg ein System von Contreminen geführt. Contre -
Approchen und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flügels vergeschoben. Das
Selenginski'sche Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten
Seite der Kilenschlucht, also auf seiter dem Gegner preisgegebenem Gebiet, die
nach ihm benannte Redoute, so überraschend und plötzlich, dass der verduzte Feind
den Bau nicht einmal zu stören suchte. Erst in der folgenden Nacht versuchte
General Monet mit 5 Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch
nicht armirten Werken zu vertreiben, wurde aber mit furchtbarem Verlust durch
das Bajonnet und das Feuer der auf der Rhede ankernden Dampfschiffe »Wladimir«,
»Chersones« und »Gromouosz« zurückgetrieben.
    In der Nacht zum 1. März wurde noch weiter vorgeschoben ein zweites Werk
erbaut, die Wolinski'sche Redoute. Beide, durch Trancheen verbunden und
Schützengruben vor sich, deckten jetzt den linken Flügel der russischen
Stellung, die Bastione I. und II. bis gegen den Malakoff hin. Auch bei diesem
kamen die russischen Ingenieure den Arbeiten der Franzosen zuvor, welche in
Folge des dürch General Niel angeratenen neuen Angriffssystems jetzt den Posten
der Engländer auf dem rechten Flügel (also gegen Bastion I., II. und III.)
[Malakoff] eingenommen hatten, und erbauten in der Nacht zum 11. März auf einem
etwa tausend Schritt vor der Kornilofski - Bastion liegenden und dieselbe
bestreichenden wichtigen Hügel die Lünette Kamtschatka.
    Von diesen drei so kühn vorgeschobenen Werken aus bedrohten die Russen die
Belagerungsarbeiten durch fortwährende neue Ausfälle, während der Feind
wiederholte Stürme auf diese Werke unternahm, die Ströme von Blut kosteten, aber
tapfer zurückgeschlagen wurden, so namentlich der Sturm auf die Lünette am 17.
März.
    Am 20. März war der neuernannte Ober - Befehlshaber der Krimm - Armee. Fürst
Gortschakoff, in Ssewastopol eingetroffen - er kam, um den Tod eines der Helden
von Ssewastopol, des jungen Contre - Admirals Istomin, zu betrauern, der am Tage
vorher bei dem Bombardement, das die Verbündeten gegen die Schiffer - Vorstadt
und die Werke des linken russischen Flügels gerichtet, deren Kommandant er war,
in der Kamtschatka - Lünette getödtet worden.
    Am 22. März endlich hatten die Franzosen die Schützengruben vor der Lünette
erobert; - die Engländer hatten die Aufmerksamkeit für den Bau der neuen
russischen Werke benutzt, um ihrerseits vom sogenannten grünen Hügel aus, der
Chapman - Batterie zwischen dem Labordonaja- und Sarakandina - Grund, eine
dritte Parallele gegen den Redan - die Bastion Nr. III. - vorzutreiben. Sofort
beschloss der Fürst, die Gegner aus diesen Stellungen zu werfen.
    Es war am Nachmittag des 22. März; - die Mast-Bastion, von deren Höhe wir
der Eröffnung der Kanonade auf die bedrängte Stadt beigewohnt, war nebst ihren
Aufgängen und bedeckten Wegen gefüllt mit Soldaten, die, in Gruppen
umherlagernd, ihre Waffen in Stand setzten, kochten oder schliefen.
    Es sind Jäger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotski'schen
Jäger-Regiments und des 6. Wolinski'schen Reserve-Bataillons ausser der
Besatzmannschaft der Bastion; das Feuer, das mit den gegenüberliegenden
französischen Batterieen gewechselt wurde, ward von beiden Seiten nur schwach
und in Intervallen unterhalten. Schärfer und rascher donnerte es von dem
östlichen Ufer der Südbucht herüber.
    Eine ernste feierliche Stimmung schien in der ganzen zahlreichen Besatzung
vorzuherrschen und das Gespräch der Offiziere belehrte alsbald über die Ursache.
    Vor einer der Erdhütten, die am Eingang der Bastion zahlreich zum Schutz
gegen die feindlichen Kugeln gegraben waren, sass eine Gruppe von Offizieren, in
ihre grauen Mäntel gekleidet, rauchend und sprechend. Das Werk bot jetzt
freilich einen sehr verschiedenen Anblick gegen damals, als die Belagerung
eröffnet wurde. Der Platz ist schmuzig, von allen Seiten mit Schanzkörben,
frischen Erdaufschüttungen, Kellern, Plattformen, Erdhütten umgeben. Grosse
eiserne Geschütze stehen umher und Kugeln liegen in unregelmässigen Haufen dabei.
In der Mitte, halb versunken in den Kot, liegt ein demontirter Mörser, der noch
nicht fortgeschaft werden konnte. Der Infanterie-Soldat, der als Schildwacht an
der Batterie auf-und abschreitet, zieht nur mit Mühe die Füsse aus dem klebrigen
Schlamme hervor - überall sieht man Splitter, nicht gesprungene Bomben,
verdorbene Waffen. Die Tranchee, die an dem Innern des Berges hinauf läuft zum
Eingang der Bastion, wird von den Leuten fast gar nicht mehr benutzt, sie setzen
sich lieber den Gefahren des daneben her laufenden offenen Weges aus, statt bis
an die Knie in dem dünnen Schlamm zu waten. Auch die Russen haben entsetzlich
gelitten während des Winters durch das Schwert der Feinde und die gräulichen
Lazaretfieber - aber ihr Mut, ihre Hingebung ist ungebrochen, und selbst das
Matrosenweib in ihrer alten Schubeika und den Soldatenstiefeln schreitet keck
und unbekümmert um die feindlichen Kugeln nach der Bastion, ihrem Manne eine
Suppe oder einen wärmenden Tränk zu bringen.
    Bei Lieutenant Birjulew, durch die grüne Marineschärpe kenntlich und durch
viele kühne und glücklich geleitete Ausfälle während der letzten Zeit bei den
Soldaten sehr beliebt, sassen mehrere Kameraden von verschiedenem Rang und
verschiedenen Corps: Capitain Tonagel vom 4. Sappeur-Bataillon, dessen Brust
das Georgen-Kreuz schmückt für die Ingenieurarbeiten in der Mast-Bastion1,
Oberstlieutenant Sazepin, Lieutenant Tokarew von den Ochotsker Jägern und der
Fähnrich Ssemenski.
    »Sie waren in der Stadt bei dem Begräbnis, Sazepin,« sagte der
Sappeur-Capitain, »und es kann uns also nicht wundern, Sie heute so auffallend
traurig zu sehen. Fühlt doch der geringste Matrose und Soldat gleich uns den
Schmerz um den braven Istomin. Ich bitte Sie, erzählen Sie uns von dem Begräbnis
des Wackern.«
    Der Podpolkawnik hatte Kopf und Arm auf das Knie gestützt in tiefes Sinnen
verloren gesessen und fuhr jetzt aus diesem empor. »Ich weiss nicht,« sagte er
verstimmt, »was mit mir vorgeht, aber diese Bestattung mahnt mich unwillkürlich
daran, wie bald auch mir die Stunde schlagen mag!«
    »Bah - dafür sind wir Soldaten und müssen jeden Augenblick zum Abmarsch
bereit sein,« meinte Birjulew, seine Papiercigarre drehend. »Ueberdies haben Sie
vorläufig keinen gefährdeten Posten, da Woschtschenski an Achbauer's2 Stelle
getreten und die Trancheen von der Redoute Schwarz bis zu uns vollendet sind.«
    Der Oberstlieutenant strich mit der Hand über sein Gesicht und entgegnete:
»Sie haben Recht, - ich dachte nur einen Augenblick an Frau und Kinder, aber
Jurkowski's Beispiel leuchtet uns vor, der jetzt am Malakoff kommandiert und
erklärt hat, dass nur das Grab oder schwere Verstümmelung ihn von dort entfernen
würden. Als man ihm gestern die Botschaft von seiner Frau aus Simpheropol
brachte, die das erste Bombardement hochschwanger mit sechs Kindern hier mit uns
erlebt, dass sie von der Cholera ergriffen dem Tode nahe sei und ihn bitten
lasse, nur auf einen Tag hinüber zu kommen, antwortete er: Nicht auf eine Stunde
kann ich meinen Posten verlassen!«
    »Echt spartanisch!« brummte der Jägerlieutenant.
    »Ja, spartanisch - spotten Sie immerhin. Tokarew! Die Taten des klassischen
Alter hums reichen nimmer an diese Aufopferung, die wir täglich hier von dem
Geringsten sehen, während er weiss, dass sein name spurlos in der Menge
verschwinden wird. Oder wägt die Forderung der spartanischen Mutter: Mit dem
Schilde oder auf dem Schilde! etwa höher, als gestern die Antwort Ihres
Kameraden Wickhort, da er schwer verwundet fortgetragen wurde und der General
ihn fragte, welche Belohnung er wünsche, ob das Georgen-Kreuz oder Beförderung:
Lassen Sie eine neue Bombenkanone auf die vierte Bastion bringen!?« - Doch Sie
wollen von Istomin's Begräbnis hören? In der Wladimir-Katedrale liegt er
begraben gleich neben Korniloff, und Nachimoff, der Dritte im Bunde unserer
Seehelden, beugte sich über die Gruft und ich sah seine Tränen fallen auf den
Sarg. Aber er seufzte nicht nach dem gefallenen Waffenkameraden, sondern nach
dem Loos, das jenem gestattete, die Entehrung der russischen Seeflagge nicht
länger mit anzusehen, die Mentschikoff ihr auferlegt. Denn gleich darauf, als
General Osten-Sacken ihm vorstellte, dass er ihm in seiner Eigenschaft als
Truppenkommandant der Festung verbieten müsse, sich der Gefahr noch länger
ebenso tollkühn auszusetzen, wie der Gefallene getan, da sein Leben für Russland
unschätzbar sei, - da antwortete der Admiral ihm trotzig: Euer Excellenz würden
dasselbe tun, wenn man Ihnen den Säbel ander Hand nähme und Sie mit einer
Fuchtel bewaffnen würde.
    Der Marinelieutenant reichte dem Erähler die Hand: »Er hat Recht - Gott möge
ihn wenigstens uns erhalten. Aber dennoch meine ich, hat die Marine auch hier
auf dem Lande ihre Schuldigkeit getan.«
    »Das hat sie - und der Ruhm der Verteidigung Ssewastopols gehört ihr zur
grossen Hälfte. Jetzt schmälert sie uns Soldaten ihn noch bei den Ausfällen, bei
denen sie immer voran!
    Haben Sie Ihre näheren Instructionen schon erhalten für heute Abend, Herr
Kamerad?«
    Birjulew halte sich leicht für das Compliment verneigt. »Noch nicht, Herr
Oberstlieutenant. Ich kenne nur im Allgemeinen den Zweck und weiss allein, dass
unsere Diversion zur Unterstützung der Hauptattaquen unter Generallieutenant
Chrulef von der Kamtschatka-Lünette und der griechischen Freiwilligen des
Fürsten Morusi von der Bastion III. dienen soll. Aber ich erwarte sie jeden
Augenblick.«
    »Man muss gestehen, der General en chef hält ein gutes Entree. Ich wünsche
nur, dass er so fortfährt.«
    »Man hegte eigentlich kein besonderes Vertrauen auf seine Energie,« sagte
vorwitzig der Fähnrich. »Er soll überaus vorsichtig und schwer von Entschlüssen
sein.«
    »Das ist es, was man dem Fürst-Admiral eben nicht zum Vorwurf machen
konnte,« fiel der Sappeur ein, »indes ist es eine wichtige Eigenschaft für den
Feldherrn. Etwas mehr Vorsicht hätte uns Inkermann nicht verlieren machen.«
    »Ssoimonof's Versehen trug die Schuld. Der Fürst war einer jener Kolosse von
Erz, für die es Zufälle und Möglichkeiten nicht gibt. Es ist merkwürdig, dass
diese harte Natur mitunter so viel Laune und Gemütlichkeit bewies. Ist er
bereits abgereist?«
    »Gestern Morgen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein. In Petersburg
galt er früher als Witzbold. Barjatinski hat uns manche hübsche Anekdote von ihm
erzählt.«
    »Richtig! Sein Epigramm auf den Herzog von Leuchlenberg und dessen Georg
brachte ihn ja eine Zeit in Ungnade. Aber er war stets ein tapferer Soldat. Die
Eroberung von Anapa begründete seinen Ruf.«
    »Bei Varna,« fügte der Podpolkawnick bei, rollte ihm eine matte Kanonenkugel
über den Fuss, während er eine Prise Schnupftaback nahm. Ader nicht ein Körnchen
ging ihm verloren, während er sagte: Hätte der Bursche so viel Pulver mehr
gehabt, wie ich hier zwischen den Fingern halte, so hätte ich ein Bein weniger.
    Die Anekdote mit dem Knopf ist kostbar und soll durch alle europäischen
Zeitungen die Runde gemacht haben.
    »Bitte, lassen Sie hören, Birjulew, ich kenne sie nicht,« bat der
Jäger-Offizier.
    »Ei sie in bald erzählt. Capitain Beaufort von den britischen leichten
Dragonern war bei Balaclawa gefangen genommen und zur Heilung einer Wunde nach
Simpheropol gebracht worden. Bald darauf gingen durch Gelegenheit eines
Parlamentairs Briefe für ihn ein, und da es Vorschrift, dass alle Schreiben an
und von Kriegsgefangenen vor der Uebergabe gelesen werden, geschah dies auch mit
den Briefen des Capitains. Einer davon - der Engländer gehört zur Peerage - -
war von einer Dame. Sie bat ihn. Ssewastopol so bald als möglich einzunehmen,
damit er zu den Almaks noch in London sei, aber auch Fürst Mentschikoff in
Person nun Gefangenen zu machen und ihr zum Beweis seiner Tapferkeit einen Knopf
von des Fürsten berühmten Paletot mitzubringen. Als dem britischen Capitain
dieser Brief übergeben wurde, fand er einen andern dabei von des Fürsten eigener
Hand, der in englischer Sprache und mit grosser Höflichkeit ihm schrieb, er habe
den Brief der jungen Lady gelesen, bedaure, ihrem Verlangen weder mit
Ssewastopol noch mit seiner Person entsprechen zu können, schätze sich aber
glücklich, mit dem beiliegenden Knopf das gewünschte Andenken ihm für die Schöne
zustellen zu können.«
    Die kleine Geschichte verbreitete einige Heiterkeit in dem Kreise, erst die
Ankunft eines Offiziers vom Stabe, von einem Unterfähnrich geführt, unterbrach
dieselbe.
    »Ordonnanz-Offizier von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Oberbefehlshaber an
den Lieutenant Birjulew,« meldete der Fähnrich.
    »Zu Diensten, mein Herr!« Der Marineoffizier war aufgesprungen und empfing
den Boten in militairischer Haltung. »Ich hoffe, Sie bringen mir die näheren
Instructionen für den Ausfall.«
    »So ist es. Ich bin der Stabscapitain von Meiendorf und beauftragt, den
Erfolg des Ausfalls hier abzuwarten. Die Herren sind wahrscheinlich Offiziere
Ihres Detaschements und ich kann daher in ihrer Gegenwart ohne Weiteres diese
schriftliche Instruction mit den mündlichen Anweisungen vervollständigen?«
    Birjulew stellte die Offiziere vor. »Oberstlieutenant Sazepin ist in diesem
Augenblick der kommandirende Offizier der Bastion und Capitain Tonagel der
Ingenieur vom Platz. Setzen Sie sich zu uns, Herr Stabscapitain, und lassen Sie
uns überlegen, wie wir unsere Aufgabe am besten ausführen mögen.«
    »Der Hauptausfall,« berichtete der Capitain, indem er auf einer demolirten
Lafette Platz und die angebotene Cigarre nahm, »geschieht mit dem
Dnjprowski'schen Infanterie-Regiment, das erst gestern Abend eingetroffen, den
Kamschatkaischen Jägern, 2 Bataillonen des Wolinski'schen und 2 Bataillonen des
Uglitz'schen Regiments nebst der 44. Flotten - Equipage. General - Lieutenant
Chruleff wird damit von der Kamschatka-Lünette um 10 Uhr Abends die
französischen Logements angreifen. - Zugleich rückt Capitain Budischtschef mit
zwei Flotten-Equipagen, einem Bataillon Minsker und den griechischen
Freiwilligen gegen den äussersten rechten Flügel der britischen Trancheen
zwischen dem Dekavaja-und Laboratornaja-Grund. Welche Truppen gehören zu Ihrer
Expedition, Herr Kamerad?«
    »Ich habe 475 Jäger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotski'schen
Regiments und des Wolinski'schen Reserve-Bataillons, nebst einem Kommando meiner
altenn Matrosen vom Wladimir und der Maria.«
    »Ich bin noch zu kurze Zeit hier,« sagte höflich der Baron, »um Ihnen zu
solchen Gefährten gratuliren zu dürfen, obschon ihr Ruf auch längst bis zu uns
gedrungen. Welche Offiziere werden Sie begleiten?«
    »Lieutenant Tokarow kommandiert die Ochotsker, Fähnrich Ssemenski die
Reserven, ausserdem ist der junge Mann, der Sie hierher gebracht, Unterfähnrich
Lasaroff, bei dieser Abteilung.«
    »Er scheint,« bemerkte der Capitain, »ein echt russisches Herz in der
Knabenbrust zu tragen. Als ich ihn im Gespräch fragte, wie es ihm hier gehe,
sagte er misslaunig: Verteufelt schlecht, es ist nicht zum Aushalten. Ich
glaubte, er meine die Bomben und Kugeln und tröstete ihn, dass nicht alle träfen.
Der Bursche aber blickte mich gross an und erwiderte: Verzeihen Sie, ich meinte
den Schmuz, vor dem man gar nicht zur Batterie kann, ohne die Stiefeln zu
verderben3«
    Die Offiziere lachten. - »Er ist erst vor sechs Tagen zu unserm Bataillon
gekommen. Das seine erfror im Januar in der Steppe in einem Schneesturm und ich
glaube, er ist der Einzige, der durch Zufall entkommen. Er war lange krank und
die Kommandantur, bei der er sich dann meldete, hat ihn einstweilen bei uns
eingestellt.« Fähnrich Ssemenski berichtete dies.
    »Ich selbst,« fuhr der Marine-Lieutenant fort, »führe meine Schiffskameraden
und habe genug alter gedienter Leute dabei, die mich unterstützen. Haben Sie
vielleicht zufällig schon den Namen des tollen Koschka gehört?«
    »Koschka, den Liebling des seligen Admirals? ei, wer hätte das nicht, der in
den letzten drei Jahren am Schwarzen Meer stand! Ist es nicht derselbe Bursche,
der bei Sinope eine Fregatte in Brand steckte und im ägeischen Meere den Kampf
gegen fünf griechische Seeräuber bestand? Ich möchte ihn wohl sehen.«
    »Derselbe, Herr, Sie können seine Bekanntschaft leicht machen. Er liegt dort
oben in der Schiessscharte auf seiner Kanone und schläft, weil Beide gerade Ruhe
haben.« - Der Offizier setzte die silberne Seemannspfeife an die Lippen und liess
einen langgezogenen Ton erklingen, worauf man eine Menge kräftiger Männer
aufmerksam die Köpfe erheben sah und auch der Schläfer bei dem Wiegenlied der
Kanonenschüsse den seinen erhob; der einzige sogar nur halblaut gesprochene Name
brachte ihn sofort auf die Beine und er kam mit dem langsamen, schwankenden
Schritt, der den Seeleuten eigen ist, auf die Gruppe der Offiziere zu, zog seine
fettglänzende Haarlocke über die Stirn und machte einen tiefen Kratzfuss.
    Es war ein Mensch von riesigem und dennoch grosse Behendigkeit verratendem
Gliederbau, das Gesicht mit den scharf ausgeprägten Zügen der mongolischen Race,
doch von grosser Gutmütigkeit: nur das schmal geschljetzte Auge blitzte
Scharfsinn und Keckheit.
    »Euer Gnaden haben mich gerufen?«
    »Wohl, tapferer Koschka. Ich hörte mit Vergnügen, dass Du Dich zu der Zahl
der Matrosen gemeldet, welche uns heute Nacht begleiten werden. Du sollst die
Vorhut führen, wenn Du versprichst, der Ordre die strengste Folge zu leisten und
Dich nur dann auf ein Schlagen einzulassen, wenn ich es befehle.«
    Der grosse Matrose wiegte sich etwas verlegen auf seinen Hüften. - »Ah, Euer
Gnaden sticheln wegen der dummen Geschichte in den französischen Tranchirungen,
oder wie sie das Ding nennen. K tschortu! Aber ich möchte, wenn's Euer Gnaden
Nichts verschlägt, gern erst hören, mit wem wir diese Nacht zu tun haben
sollen, ehe ich leichtsinnig so ein Versprechen gebe.«
    Der Marine Offizier lachte. - »Ja, Bratka, das weiss ich selbst noch nicht so
recht, da musst Du diesen Herrn befragen.«
    »Ist er von den Unsern?« fragte der Matrose vertraulich.
    
    »Wenn Du meinst von der Marine,« entgegnete der Bezeichnete, »so habe ich
allerdings nicht die Ehre und werde nicht einmal den Ausfall mit machen. Aber
ich bin Offizier vom Stabe des Fürsten und war mit ihm an der Donau.«
    »Ah,« sagte der Matrose mit wenig verhehlter Geringschätzung, »das sind,
glaub' ich, die Herren, die immer reiten müssen. Nun, - es muss auch solche geben
und ich möchte wohl auch ein Mal auf einem Pferde sitzen, bloss um zu sehen, ob
es wahr ist, dass so ein Ding beim Laufen gerade so stösst, wie die Sturzwellen in
der See bei Nordost.« - Er zog die Hosen in die Höhe und fuhr sich verlegen
durch die Haare. - »Weisst Du, Väterchen.« fuhr er halblaut zu seinem Offizier
fort, »ich traue dem Neuen noch nicht so ganz, er gehört zu dem Landvolk, doch
denke ich so bei mir, unser Vater Nachimoff wird wohl das Beste für ihn tun.
Aber der Teufel soll meine Mutter kriegen, wenn ich auf Deinen Vorschlag nicht
lieber gleich die Wahrheit sage. Wenn's gegen die Inglischen geht, stell' mich
lieber hinten hin, denn ich habe einen Zahn auf die Burschen, der noch nicht
ausgeglichen ist, und ich möchte da vielleicht verlauter sein, als erlaubt wird.
Gieb Bolotnikow meine Stelle - Du kannst Dich auf ihn verlassen. Gott und die
Heiligen wissen es.«
    »Was hast Du mit den Engländern, Koschka?«
    »Das ist doch klar - alle Welt weiss es, sie haben den Kaiser durch den
Telo-Grafen, den Hundssohn, vergiftet, weil er nicht türkisch werden und die
Factoria zur zweiten Frau nehmen wollte. Als ob ein rechtgläubiger Mann nicht an
einem Weibsen genug hätte, wenn sie auch eine Königin sein täte. Ausserdem hat
das Szbrod4 mir vor drei Tagen eine so gute Kanone zerschossen, wie nur je eine
noch ihren Schnabel durch die Luken gesteckt hat.«
    Das Lächeln der Umstehenden prallte an der genügsamen Ueberzeugung des
Meerwolfs ab. Er sah sie Alle ziemlich scheel von der Seite an und knurrte
einige unverständliche Höflichkeiten in den Bart, denn als Liebling der Admirale
nahm er sich manche Freiheit heraus. Dann seinen plumpen Gruss wiederholend,
wollte er sich eben entfernen, als sein scharfes Seemannsauge auf die zwischen
der Mastbastion und der Bastion V. vorgeschobene Redoute Schwarz fiel. »Der
Admiral wird sogleich hier sein, Väterchen,« sagte er zu dem Lieutenant. »Seine
Flagge ist fort und ich sah sie noch an ihrer Stelle, ehe ich hierher kam.«
    Ein Blick überzeugte den Offizier, dass das Privatsignal eingezogen war,
welches den Truppen den Ort des Verweilens des Abteilungskommandanten jedes Mal
anzeigte, und bald darauf sah man auch in dem gedeckten Trancheeweg eine kleine
Gruppe von Männern eilig heran kommen.
    Es war der Vice-Admiral Nowossilski, der seit fünf Monaten den Befehl der
zweiten Verteidigungsabteilung (von der linken Flanke der Bastion V. bis zum
Labordonaja - Grund) führte und während der ganzen Zeit den ihm zugeteilten
Rayon nicht verlassen, ja nicht ein einziges Mal sich entkleidet hatte. Er
bewohnte ein Erdloch, wie die meisten Soldaten der Batterieen, und war
unermüdlich tätig, bis er drei Monate später und nachdem er wochenlang nur
einzelne Stunden geschlafen hatte, gänzlich zusammenbrach und für todt nach
Ssewastopol gebracht werden musste, wo er wieder zu sich kam und zu seiner
Herstellung nach Odessa geschickt wurde.
    Hinter dem Befehlshaber bemerkte man auf einer Trage einen
Schwerverwundeten. Die entgegen gehenden Offiziere erfuhren bald, dass es der
Major Woschtschenski, der Kommandant der Redoute war, der in Gegenwart des Vice
- Admirals schwer blessirt worden.
    »Es ist mir lieb, Sazepin, Dich gleich zu treffen.« sagte Jener. »Du musst
auf der Stelle hinüber und den Befehl übernehmen. Capitain Lawroff ist zwar ein
ausgezeichneter Offizier und glücklicher als seine Vorgänger, die in den
Trancheen immer nur wenige Tage aushalten konnten, aber er hat damit vollauf zu
tun und bereits zwei starke Contusionen am Kopf, die ihn fast blind machen.5 Er
ist zu jung noch, um vorsichtig zu sein; eile Dich also, dass Du hinüberkommst.
Ist ein Arzt auf der Bastion?«
    Nur zwei Chirurgen waren augenblicklich zur Stelle in dem zum vorläufigen
Verband - Lokal eingerichteten Kasemattenraume. Ihnen wurde der Verwundete
übergeben, da er sich, wieder zu sich gekommen, beharrlich weigerte, sich nach
der Stadt schaffen zu lassen. Der Admiral schickte einen Boten nach dem nächsten
Lazaret ab, um einen erfahrenern Arzt herbeizuholen, indes Oberstlieutenant
Sazepin mit ernster Miene von seinen Gesellschaftern Abschied nahm, ihnen einen
glücklichen Ausgang ihres Unternehmens wünschte und sich dann auf den Weg
machte.
    Baron Meiendorf hatte sich dem Vice - Admiral vorgestellt und in seiner
Gegenwart dem kommandirten Führer der Expedition die speziellen Instruktionen
wiederholt. Es galt die Stellung der Engländer auf dem grünen Hügel zwischen dem
Labordonaja- und Saranda - Nakina - Grund zu allarmiren und zu beschäftigen, um
hierdurch den Angriff des Capitain Budischtschef von links zu unterstützen.
Zugleich sollten die vorgeschobenen Schützengruben genommen und gegen den Feind
gekehrt werden. Die Richtung von der Bastion her musste entlang der französischen
Schildwachen genommen werden und es bedurfte daher grosser Vorsicht. Die
Offiziere besprachen noch dies Unternehmen, als ein lauter Jubelruf der Matrosen
und Soldaten sie störte. Der Admiral sah sich zornig um, aber seine Miene wurde
sogleich wieder freundlich, als er zwei Frauen auf sich zukommen sah, umringt
von einer Anzahl der tapfern Verteidiger, die mit fast kindischer Freude und
einer Verehrung wie für Heilige die Beiden begrüssten.
    Es waren zwei sehr verschiedene Erscheinungen, eine alte dürftig gekleidete
kleine Frau, aber überaus beweglich und rührig, das saltige Gesicht mit dem
immer geschwätzigen Mund voll Heiterkeit aus der weissen Haube hervorlachend; -
die Andere eine edle jugendliche Gestalt mit ernstem, von dunklem Schleier
umhüllten, von Luft und Anstrengung geröteten Gesicht, dessen interessantes
Profil auf den ersten Blick fesselte. Ein junger Kosack trug hinter ihr einen
grossen Handkorb mit Verbandleinen, Charpie und verschiedenen Linderungs- und
Stärkungsmitteln gefüllt.
    Ganz Ssewastopol kannte bereits die beiden Frauen: Prasskowja Iwanowna
Grasoff, die kleine Alte, die zu Anfang des Jahres plötzlich ihrer Familie in
Petersburg entwichen war und in Ssewastopol erschien, um die letzten Tage ihres
Lebens den Verteidigern zu widmen, und Iwanowna Fürstin Oczakoff, ein Engel des
Lichtes für die Leidenden und Verzweifelnden.
    Sie gehörten nicht einmal zu dem Orden jener barmherzigen Schwestern von der
Gemeinschaft zur Kreuzes - Erhöhung, die seit dem 1. December unter der
Anleitung des berühmten russischen Anatomen und Operateurs Pirogoff in den
Lazareten und auf den Kampfstätten selbst eine furchtlose Menschenliebe und
eine Tätigkeit entwickelten, die in den erhabensten Aufopferungen der
Menschengeschichte nur dem ewigen Vorbild des göttlichen Erlösers nachsteht. Die
beiden Frauen, die so eben die Bastion betreten, die eine alt und gebrechlich,
die andere jung, schön, mit allen Gütern des Lebens gesegnet, kamen ohne das
kirchliche Gelübde nur aus dem Gesicht der reinsten Vaterlandsliebe auf die
Stätte der Schmerzen und weihten ihre Kräfte, ihr Leben den Unglücklichen.
    Iwanowna Oczaloff war mit ihrem Bruder, der, wie es hiess, seine Stelle im
Stabe des Fürsten - Admirals aufgegeben, um sich als Freiwilliger den
Verteidigern Sebastopol's anzuschliessen, zu Ende December in der belagerten
Stadt eingetroffen, begleitet von einer schwarzen Dienerin und dem alten Jessaul
nebst seinen zwei ihm gebliebenen Enkeln. Sie hatten auf der Südseite in der
Nähe des Denkmals Kasarski's, das so merkwürdig verschont blieb in all' den
furchtbaren Bombardements, welche die Stadt erlitt, ein Haus bezogen, in dem im
Herbst der junge Fürst den wahnwitzigen Tabuntschik pflegen liess und das der
Familie gehörte. Hier teilten sie alle Schrecken und alles Elend der
furchtbaren Belagerung unter hundert Handlungen des Heldenmuts und der
Nächstenliebe, sonst aber in vollständiger Abgeschlossenheit lebend. Fürst Iwan
hatte verschiedenen Ausfällen beigewohnt und in den Batterieen Dienste getan,
während seine liebliche Schwester täglich, wenn ihr Bruder nicht im Dienst war,
die Hospitäler besuchte und die Verwundeten pflegte. Doch sah man auffallender
Weise nie die Geschwister zusammen und Eines hütete das Haus, wenn das Andere es
verliess. Auch die schwarze Dienerin hatte seit mehreren Wochen die Schwelle
desselben nicht überschritten. Das Wesen der Fürstin, wenn sie unter den
Leidenden erschien, war stets ernst und still; einen grossen Teil ihrer
menschenfreundlichen Tätigkeit widmete sie nicht bloss den kranken Landsleuten,
sondern mit gleicher Sorgfalt den verwundeten und gefangenen Feinden, deren
Sprache sie verstand.
    Immer heiter, immer munter bei der zärtlichsten Teilnahme war dagegen die
kleine Alte, die von ihren geringen Mitteln in den Apoteken Eau de Cologne,
Hoffmannstropfen und andere Linderungsmittel, kaufte und von den Gaben der
Fürstin, mit der sie bald an den Krankenbetten Bekanntschaft gemacht, reichlich
unterstützt wurde. Meistenteils war sie in den Verteidigungswerken selbst
tätig, brachte, wo Jemand in der Nähe getroffen wurde, die erste Hilfe und
legte den ersten Verband an. Dann pflegte sie zu sagen: »Sei lustig!« oder wenn
sie einen Leichtverwundeten verbunden hatte: »Sei nicht feige, geh' wieder auf
Deinen Posten!« Die Matrosen schwärmten für sie.
    Die Alte trippelte auf den Admiral zu. - »Gott grüsse Dich, mein Täubchen,
mein Landsmann! Ein Soldat, der uns begegnete in der Stadt, erzählte uns, dass
Ihr einen Schwerverwundeten hier habt und er einen Regimentsdoctor holen solle.
Da dachte ich und die gute Dame hier, es würde gut sein, wenn wir Euch sogleich
ein wenig Hilfe brächten. Ich hätte Dich ohnehin heute Abend noch besucht,
Admirälchen, mein Liebling, da ich gehört habe, dass wieder Etwas im Werke ist.«
    »Sei uns willkommen, Mutter Prasslowja Iwanowna,« sagte der Admiral, »und
Sie, durchlauchtige Dame, genehmigen Sie Unsere Verehrung, denn ich müsste mich
sehr in der Aehnlichkeit irren, wenn ich nicht die edle Schwester unsers tapfern
Kameraden Iwan Oczakoff vor mir sähe.«
    Die junge Dame machte eine bejahende Verneigung, indes Aller Augen
bewundernd an ihr hingen.
    »Verzeihen Sie einem alten Seemann,« fuhr der Admiral fort, »der seit
Monaten diesen Posten nicht verliess und Sie also nur durch den Ruf Ihrer
Mildtätigkeit für uns arme Soldaten kennt, der ganz Ssewastopol erfüllt. Ihr
wackerer Bruder hat auf dieser Bastion bereits gezeigt, wie würdig er einer
solchen Schwester ist.«
    »Das Lob Iwan's aus dem Munde eines solchen Helden muss selbst die Schwester
ehren,« sagte die Fürstin graziös. »Doch ist es Euer Excellenz gefällig, uns zu
dem Verwundeten geleiten zu lassen, um zu sehen, ob wir seine Schmerzen
erleichtern können?«
    »Ja, Batuschka,« fiel die kleine Alte ein, »tue Das, wir haben allerlei
mitgebracht, was Deine Beinabschneider nicht haben. Und Ihr, meine Jungen,
Täubchen, Kinderchen, wir bleiben heute Abend bei Euch und werden abwarten, wie
Ihr Eure Sache macht und ob Ihr heil zurückkommt. Auf der Redan - Bastion und
dem Korniloff haben heute die guten Schwestern vom Kreuz den Dienst übernommen.«
    Ein freudiger Zuruf antwortete der Alten und sie schüttelte sich mit den
Matrosen und Soldaten die Hände, putzte an ihnen herum und gab ihnen hundert
gute Lehren. - »Ich fürchte,« sagte der Admiral, »selbst Pirogoff's Hilfe wird
bei unserm Kranken wenig vermögen. Beide Füsse sind ihm von einer Vollkugel
zerschmettert. Doch mag ihm schon Ihre segenbringende Nähe ein Trost sein und
ich will Sie sogleich zu ihm geleiten lassen.«
    Aus dem Kreis der Offiziere sprang der junge Unterfähnrich Lasaroff, dessen
Augen voll Bewunderung an der schönen Samariterin gehangen hatten, mit der
Frage: »Darf ich?« und der Admiral nickte lächelnd dem jungen Führer
Einwilligung, dessen Schnelle der Galanterie seiner ältern Gefährten
zuvorgekommen war.
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    Es war 10 Uhr, der Himmel wolkenbezogen geworden, so dass die Dunkelheit dem
Angriff ihren Schutz verhiess. Bei der Batterie des Lieutenants Perekomski hatte
sich das Detaschement versammelt: 475 Mann und 80 nur mit Spaten und Hauen
bewaffnete Arbeiter. Lieutenant Birjulew hatte jetzt den Leuten den Zweck des
Unternehmens und seine Anordnungen bekannt gemacht und sie harrten in
geschlossenen Abteilungen des Kommandos zum Vorgehen.
    Jetzt keuchte von der Bastion ein Unteroffizier her, ein zweiter Mann mit
ihm. - »Der Admiral lassen Euer Gnaden sagen, dass der Augenblick gekommen. Das
Signal ist auf der Bastion zu sehen,« meldete der Erstere dem Kommandanten.
    »Dann, Kinder, fertig. Ich habe Euch nur zu empfehlen, unter keiner
Bedingung die Front - Linie zu brechen, sondern Schuller an Schulter zu
marschiren, und werde genau Acht geben auf jede Uebertretung dieses Befehls.
Mützen ab!«
    Die Waffen rasselten leise - die ganze Schaar bekreuzte sich drei Mal mit
tiefer Andacht. Währenddess hatte der Begleiter des Boten umhergefragt nach dem
Unterfähnrich Lasaroff und den Jüngling endlich aufgefunden. - »Um der Heiligen
willen, Bogislaw, wo kommst Du her? Ist meinem Grossvater ein Unglück geschehen?«
    »Das grösste, was ihn treffen konnte, Junker: Eure Flucht!« sagte der treue
Jäger. »Der alte Graf war ausser sich und wollte Euch nach; aber in Baktschiserai
verweigerte man ihm die Erlaubnis, nach Ssewastopol zu gehen, und zwang ihn,
umzukehren.«
    »Gott sei Dank, dass er gesund ist und die Gefahren in der Festung nicht
teilen darf. Ich konnte nicht anders, Bogislaw!«
    »Ich glaub' Euch, Junker, und begreife das. Ich meine, der Herr gibt Euch
im Stillen selbst Recht. Ich habe einen Brief an Euch von ihm.«
    Das Kommando: »Vorwärts mit Gott! Marsch!« unterbrach das Gespräch - die
Colonne begann mit raschem, möglichst leisem Schritt sich in Bewegung zu setzen.
    »Geh' zurück, Bogislaw - Du wirst mir ihn später geben - erwarte mich im
Schutz der Bastion!«
    »Niemals! ich habe dem Grafen geschworen, da mich, den niedern Diener, kein
Verbot zu kommen hinderte, keinen Augenblick mehr von Eurer Seite zu weichen,
sobald ich Euch aufgefunden.«
    »Ruhe im Glied! Still da hinten, Leute!« zischte das Kommando Birjulew's;
der Fähnrich konnte dem treuen Manne nur die Hand drücken und ihn neben sich in
die Reihe ziehen, dem der Marsch ging jetzt mit grosser Hast vorwärts.
    Aber alle Vorsicht der Führer half zu Nichts - das scharfe Auge der
Zuavenposten hatte bald die dunkle Colonne entdeckt, als sie über eine kahle
Fläche zog, und aus der nächsten Schützengrube fiel ein Schuss.
    »Links, Bursche, links und nicht gefeuert! Wir sind bald über ihre Flanke
hinaus und im Schutz des Berges.«
    Eine Signal - Rakete schoss aus der französischen Tranchee empor, man hörte
Allarm schlagen und alsbald knatterte auf der ganzen Linie ein lebhaftes
Bataillefeuer, wie das Knattern und Zischen feuchten Holzes im Kamin.
    Bald hatte das Detaschement den sogenannten »Zuckerhut« passirt in der
Richtung der Georgiewstrasse und konnte, durch den Berg geschützt, von den
französischen Legements nicht mehr gesehen werden. Aber die auf der ganzen
feindlichen Kette wiederholten Appell-Signale und Rufe der Schildwachen und
Hornisten bewiesen zur Genüge, dass man sowohl in den französischen wie in den
englischen Linien auf einen Angriff bereit sei.
    Vom Labordonaja-Grund herüber krachten Gewehrsalven, dazwischen donnerte das
Geschütz der englischen und französischen Batterieen und bewies, wie heftig der
Kampf dort bereits wütete. Rakete auf Rakete stieg empor als Signal,
Unterstützung herbei zu rufen.
    Die Franzosen schienen durch den Berg den Trupp ganz aus dem Auge verloren
zu haben oder ihre eigenen zu sammeln, denn Alles war einer Zeit lang auf dieser
Seite stumm und es herrschte jene Ruhe, bei welcher dem braven Soldaten viel
schwüler und ängstlicher zu Mute wird, als bei dem Blitzen und Knallen des
Mussketenfeuers. Endlich hatte man die englischen Logements erreicht, das heisst,
die Russen standen am Fuss des grünen Hügels, auf dessen Aufgängen jene die
Trancheen und die hinter liegende Chapmann - Batterie deckten.
    Die Russen begannen stillschweigend die Anhöhe hinauf zu steigen, aber sie
hatten kaum fünfzig Schritt gemacht, als das »Who is tere?« der Schildwache
ihnen entgegenscholl. - »Français« rief Birjulew; »vorwärts, Kinder, und fällt
das Bajonnet! Hurrah!« - Fünf bis sechs englische Schützen sprangen hinter einer
Hecke hervor und schlugen ihre Gewehre auf die Stürmenden an, diese aber kamen
ihnen zuvor und eine allgemeine Salve streckte den ganzen Posten zu Boden.
Gleich im ersten Anlauf waren die Russen bis mitten in den Lagements und machten
Alles nieder, was nicht in die zunächst liegende Tranchee flüchten konnte. Die
Engländer liessen achtzehn Todte in den Gruben. Sofort befahl Lieutenant
Birjulew, die Arbeiten zur Wendung der Gruben gegen die Feinde zu beginnen.
    Die Russen arbeiteten eifrig und es gelang ihnen glücklich, die Brüstung der
Logements abzugraben, aber es schien unmöglich, sich länger zu halten; denn
ander nächsten Tranchee pfiffen und sausten die Kugeln unablässig auf sie ein,
und die Batterie begann mit Kartätschen von der Höhe des Berges herab zu fegen.
Auf der ganzen Linie bis zum Kilengrund hin schien zugleich jetzt das
mörderische Gefecht entbrannt. Der tapfre Führer bemerkte, dass es möglich sei,
den ersten Laufgraben zu nehmen, um sich von dem lästigen Feuer zu befreien, und
kommandirte rasch zum Angriff. Mit lautem Urrah stürzten die Jäger und Matrosen
gegen die Tranchee; aller verzweifelte Widerstand half nicht, zwei Minuten
darauf drangen sie bereits in die zweite Linie ein. Ein entsetzliches
Handgemenge erfolgte, das Bajonnet wütete unter den dicht gedrängten Massen,
dann räumten die Briten - es war das 20. Regiment - den Platz.
    Aber es war ausser der Möglichkeit für die Russen, sich hier festzusetzen,
denn eine Flankenbatterie von zwei Kanonen bestrich der Länge nach die ganze
Tranchee und gleich auf den ersten Schuss stürzten zehn Mann, darunter der
Fähnrich Ssemenski. Man musste den Rückzug antreten.
    Während die Verwundeten zurückgebracht wurden zu den von der Bastion
beorderten Tragen, arbeiteten die Schanzgräber mit verdoppelter Kraft an der
Hauptaufgabe, der Umwendung der Logements. Aber die Engländer waren den
Zurückweichenden auf dem Fusse in die Laufgräben wieder gefolgt und erneuerten
von dort den Kugelregen, der die Erdarbeiten hinderte.
    Birjulew befahl eine zweite Attaque; - abermals nahmen die Russen die erste
und zweite Tranchee, die Flankenbatterie feuerte diesmal glücklich zu hoch und
die Leute bekamen den Pfiff weg, sich im rechten Augenblick glücklich vor den
Kugeln zu decken. Man begann sich festzusetzen in der Tranchee und mehrere
aufgestellte Mörser zu vernageln, als ein Arbeiter von den Logements
herbeigelaufen kam und mit leiser Stimme dem Kommandirenden meldete, dass auf der
rechten Seite von den französischen Laufgräben her eine Abteilung die Höhen
herunter komme, um ihnen in den Rücken zu fallen. - »Wie viel sind ihrer?« -
»Kann's nicht sagen. Euer Gnaden, vielleicht hundert oder hundertfünfzig Mann.«
- Birjulew befahl den Leuten Stille, indem er sie aus der Tranchee zurückzog. Er
hoffte, die französische Unterstützung abzuschneiden und gefangen zu nehmen,
aber der Plan missglückte, von den feindlichen Posten bemerkt; denn als die
Russen den Berg hinabstürmten, bliesen deren Hornisten den Ihren Rappel und sie
hatten Zeit, sich zurückzuziehen.
    Die Arbeit an den Logements wurde nun noch mehr beeilt, aber die Arbeiter
waren auf's Neue wieder dem Feuer der Laufgräben ausgesetzt und man sah sich
gezwungen, einen dritten Angriff auf diese zu machen. Die Feinde wichen
wiederum, aber etwa fünfzehn Scharfschützen, die noch auf dem Erdwall standen,
schlugen zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf den kühnen Führer der Russen an, der
nicht einmal die drohende Gefahr bemerkte. Er war im nächsten Moment verloren,
als der Matrose Schewtschenko, der dicht bei ihm war, sich flüchtig bekreuzte
und vor seinen Offizier warf. Die Schüsse krachten - und die tapfere Brust
empfing nicht eine Todeskugel, sondern die ganze Zahl derselben. Erst jetzt,
indem er das dumpfe Anprallen der Schüsse und den Gegenstoss des stürzenden
Körpers fühlte, bemerkte der Offizier die heldenmütige Aufopferung seines
Getreuen und warf sich, im ersten Schmerz Alles um sich her vergessend, neben
dem Blutenden auf die Knie. »Schewtschenko, mein Freund, Du bist getroffen? -
Wie ist Dir, Bratka? So sprich doch nur ein einziges Wort!« - Aber der Tapfere
konnte nicht mehr antworten: er lag da, stumm und bleich, nur der Mund zuckte
leise und um die Lippen spielte jenes seltsam freundliche Lächeln, das man statt
der Verzerrungen des Schmerzes so oft auf den Gesichtern der durch die Kugel
Getödteten findet.
    Der Lieutenant verweilte immer noch bei der Leiche, als der Hochbootsmann
Bolotnikow zu ihm trat und ihn am Arm fasste. »Es ist keine Zeit zu verlieren,
Euer Gnaden,« rief er, »unsere Burschen dringen eben in die dritte Tranchee ein;
dass das Ding nur nicht etwa schlimm abläuft!« - Die Worte führten den
Kommandirenden rasch zu seiner Pflicht und er eilte seinen Leuten nach. -
»Zurück, Kinder, zurück!« - Sie hatten sich bereits der dritten Tranchee
bemächtigt, arbeiteten wie die Rasenden mit dem Bajonnet und der ganze
Laufgraben war gefüllt mit Todten.
    Bereits gelang es dem Offizier, seine Leute in guter Ordnung zurückzuführen,
als ein hochgewachsener britischer Stabsoffizier auf den letzten Grabenwall
sprang, in jeder Hand eine Pistole, und die Seinen zur Verfolgung anfeuerte.
Doch diese schienen genug des Blutbades zu haben und rührten sich nicht von der
Stelle. Da feuerte der Brite beide Pistolen auf den Hochbootsmann ab, der ihm
zunächst stand. Mit der linken Hand hatte er gefehlt und die Kugel flog dicht an
Koschka's Kopf vorbei; die rechte Waffe aber hatte fast unmittelbar Bolotnikow's
Schläfe berührt und mit zerschmettertem Kopf sank der Tapfere zur Erde. - Gott
schenke ihm das ewige Himmelreich! - Wie die Rasenden stürzten die Russen sich
auf's Neue auf den Feind und jagten ihn zurück.
    Während dieses Angriffs waren die Arbeiten an den Gruben beendet und diese
gegen den Feind gekehrt worden. Die Laufgräben lagen voll Leichen und der
Auftrag konnte als vollendet angesehen werden, da auch von der linken Seite her
der Kanonendonner schwächer geworden und Lieutenant Birjulew überdies Nachricht
erhielt, dass Verstärkungen in die französischen Linien zu rücken schienen.
    Die Hörner befahlen den Rückzug und man begann in geschlossenen Gliedern den
Berg hinab zu gehen, nachdem die neueingerichteten Logements mit Schützen
besetzt worden, als ein Unteroffizier an Lieutenant Tokarew, den einzigen ausser
dem Kommandirenden übrigen Offizier, die Meldung brachte, dass einer der Ihrigen
in der letzten Tranchee zurückgeblieben scheine. - »Es schimpft und flucht dort
drinnen auf gut Russisch und die Leute glauben ihres Kameraden Koschka Stimme zu
erkennen!« - »Koschka? Das muss der Kommandant wissen!« - »Befehlen Euer Gnaden
vielleicht, dass wir ihn freimachen?« - »Natürlich! Formirt Euch! Links um!
Marsch!« und im sechsten Anlauf ging es zurück nach der feindlichen Tranchee.
    Darin tobte und wetterte es allerdings mit all' den beliebten Flüchen und
Verwünschungen, an denen die russische Sprache so abscheulich reich ist. Und es
war Zeit, dass die Hilfe kam. Mit dem Fuss auf der Brust des zu Boden geworfenen
englischen Obersten, welcher die unglücklichen Schüsse auf Bolotnikow
abgefeuert, stand der Matrose Koschka, das Gesicht dunkelrot vor Anstrengung
und Erbitterung, und seine mächtige Faust schwang eine beilartige Enterpike,
seine Lieblingswaffe, im Kreis um sich, während sein riesiger Körper bereits aus
drei Wunden blutete.
    »Jop foce mat! wenn ich Euch nicht Alle massacrire, Ihr englischen Schurken,
Ihr Hundssöhne und Lumpenpack, mit samt Euren Lords und Tele - Grafen, den
schäbigen Meuchelmördern!« tobte der ehrliche Seemann, indem jeder seiner
Streiche einen Gegner zu Boden schlug. »Den Kerl hier unter mir wollt Ihr? Den
Teufel in Eure Seele bekommt Ihr! Seid Ihr nicht Memmen, dass Ihr auf den Knaben
dort schlagt und den tobten Mann, statt auf einen Burschen wie ich?!«
    In der Tat wandte sich ein grosser Teil der Wut und des Angriffs der
Briten nicht gegen den riesigen Matrosen, dessen gewichtige Axtiebe ihre
Gewehre wie Halme zersplitterten und dem sie, da ihre Munition verschossen, nur
durch ihre Ueberzahl und den Anfall von allen Seiten Gefahr brachten, sondern
gegen die einzige kecke Hilfe, die das waghalsige Unternehmen des Seemannes,
seinen Kameraden Bolotnikow zu rächen, geteilt hatte. Drei oder vier Schritt
von ihm lag am Boden der Tranchee der Unterfähnrich Lasaroff, den zerbrochenen
Degen fest in der Knabenhand, von Blut bedeckt, das zum Glück jedoch nur zum
geringsten Teil aus unbedeutenden Wunden das seine war; denn über ihm lag, mit
seinem eigenen Körper ihn schirmend und von zwanzig Bajonnetstichen durchbohrt,
von Kolbenschlägen zerschmettert, der treue Bogislaw, der schon die erste Stunde
seines Hüteramtes mit dem Herzblut zahlte. Mit den letzten Atemzügen, den
letzten zuckenden Bewegungen des fliehenden Lebens noch suchte er den seinem
Gebieter geleisteten Eid zu halten und den Jüngling zu schützen.
    Da - als auch die riesige Kraft Koschka's zu erlahmen begann und sein
schäumender Mund nur noch unverständliche heisere Töne murmelte und der
Kolbenschlag eines Schotten ihn schon auf ein Knie sinken gemacht - donnerte das
»Urrah« der Russen als Jubelruf der Rettung in ihre Ohren, und rechts und links
stoben die Engländer auseinander in eiliger Flucht nach der zweiten Tranchee.
    »Der heilige Andreas, Sanct Basilius und wie sie Alle heissen, lohne Euch den
Liebesdienst, Lieutenant Birjulew,« keuchte der befreite Matrose, indem er
seinen Gefangenen, den Kommandanten des 34. Infanterie-Regiments, am Kragen
aufhob und ihn wie einen Sack sich über die Schultern warf; »ich habe den
Inglischen, der mir Bolotnikow erschoss. Aber ich bitt' Euch, nach dem Knirps da
zu sehen, der mir so wacker beigestanden, und dem Mann, der mit ihm war. Ich
möchte selbst kein todtes Stück der tapfern Burschen in den Händen der Feinde
lassen.«
    Man hob den blutigen verstümmelten Körper des Jägers auf, legte ihn über
zwei Gewehre und richtete den jungen Offizier empor, der mehr betäubt als
verletzt war und, rasch zu sich kommend, die blutüberströmte Hand seines Retters
in der seinen, neben der improvisirten Trage herlief. Denn Lieutenant Birjulew
befahl, nachdem der Zweck des Anfalls erreicht, den eiligsten Rückzug, um das so
glücklich bisher ausgeführte Unternehmen nicht im letzten Augenblick noch zu
gefährden. Während die russischen Schützen in den Logements die Verfolger in
Respekt hielten, gelangte die kleine Colonne glücklich an den Fuss des Berges, wo
sie ihre Verwundeten an die mit den Sänften und Tragen harrende Reserve abgab
und im Schutze der Nacht und des Feuers des »Jehudil«, der in der Spitze der
Südbucht ankerte, den gefährlichen Sarandakina-Grund passirte und die
Mast-Bastion wieder erreichte.
    Man hatte ausser dem Obersten einen englischen Ingenieur-Capitain und zwölf
Soldaten zu Gefangenen gemacht. Nur mit Mühe konnte Koschka bewogen werden, den
seinen wieder auf die Beine zu stellen und in einer den Kriegsgebräuchen
entsprechenderen Weise zu behandeln und zu transportiren, und es bedurfte des
ernsten Befehls seines Kommandanten dazu.
    Der Ausfall hatte übrigens auch auf den anderen Punkten, wiewohl mit grossen
Verlusten, einen günstigen Erfolg für die Russen gehabt. Die Truppen Chrulef's
schlugen sich gegen die Divisionen Mayran und Brunet und nahmen und verloren
drei Mal das Terrain zwischen den russischen Redouten und den französischen
Trancheen, bis es endlich in ihren Händen blieb und die am Abend vorher von den
Franzosen eroberten Logements wieder von ihnen besetzt wurden. Auch die
griechischen Freiwilligen verrichteten tapfere Taten gegen den rechten Flügel
der britischen Trancheen und warfen das 77. und 97. Regiment.
    Dieser glückliche Ausgang führte eine in der Geschichte des Krieges kaum
erhörte kühne Offensive der Belagerten gegen die Belagerer herbei, indem die
Ersteren mit einer verbundenen Linie neuer Contre - Approchen bis auf 600
Schritt gegen die feindlichen Parallelen vorgingen. - - -
    Als die tapfere Schaar Birjulew's, der für diese Nacht zum
Capitain-Lieutenant und Flügel-Adjutanten ernannt wurde, zu ihrer Bastion
zurückgekommen, fand sie schon am Eingang derselben neben dem Admiral die beiden
Frauen mit dem Verbinden der vorausgesandten Verwundeten beschäftigt. Michael,
der Unterfähnrich, hatte seinen Retter keinen Augenblick verlassen; als man den
blutigen Körper aber aus der Sänfte hob, war längst auch der letzte Funke von
Leben entflohen. Prasskowja Iwanowna machte darauf aufmerksam, dass die
verstümmelten Finger des Mannes das blutüberströmte, von Bajonnetstichen
zerrissene Fragment eines Briefes im Todeskampf aus der innern Tasche seines
Rockes gezogen zu haben schienen und festgeklammert hielten, gleich als sei die
Bestellung des Blattes die letzte Aufgabe seines Lebens. Als man es aus der
erstarrten Hand gelöst, entzifferte man die Adresse des jungen Fähnrichs, der
halb bewusstlos über der Leiche seines Freundes jammerte. Der Matrose Koschka
aber legte die schwere Hand auf seine Schulter, während die kleine behende Alte
seine eigenen Wunden verbinden half, und sagte: »Zum Henker, Bursche, ein braver
Kerl wie Du muss nicht weinen! Sie sollen mich an den Flaggenknopf vom grossen
Mast schnüren und zwei Mittelwachen lang in der Julisonne am Sanct Georgen-Cap
braten lassen, wenn Koschka Dir je vergisst, dass Du mit dem Todten dort der
Einzige bei ihm bliebst in den britischen Tranchirungen!« -
    Eine Trauerkunde trübte die Freude des tapfern Marine-Lieutenants über das
gelungene Unternehmen; sein Gesellschafter am Nachmittag, der Podpolkawnik
Sazepin, war im Laufe des Abends auf dem eben erst übernommenen Posten in den
Trancheen der Redoute Schwarz getödtet worden, seine Ahnung also in rasche
Erfüllung gegangen. - -
    Als Michael Lasaroff am andern Morgen, während ein Waffenstillstand zwischen
den Gegnern zur Beerdigung der Todten ihm Musse gab, den zerrissenen, halb
vernichteten Brief zu lesen versuchte, konnte er nur folgende geheimnisvolle,
blutverwischte Worte noch entziffern:
        »Mein geliebtes ......
    ... wollte es wohlmachen mit Dir, meiner .......... letzten Freude auf der
Welt, ........ Wohl fühle ich, dass .......... Dich nicht vermögen werden,
........ zu mir .............. aufzugeben, was Du für Dei ...... Pflicht hältst,
was ............. freier Menschen unwürdig ................. einziger Weg, Dich
zu retten, dieser Krieg muss auf's Schleunigste enden; ...... Haupt möge fallen,
um das Deine zu schützen. Möge der Himmel ............. von Dir wenden, bis
.............. gelungen, Sebastopol, zu retten und Dich mit ihm selbst
.............. Andenkens Deiner Mutter willen schone bis dahin Dein
............. kann nicht zu Dir ................. Ereignisse in Petersburg
verhindern ..... Bogislaw, den Getreuen und Muti ............. bereits auf dem
Wege nach Paris. ............ Gedenke .............«
 
                                    Fussnoten
1 Er wurde Anfangs April, während er in einer Blendung stand und die Leute für
die Arbeiten des Tages verteilte, durch eine Kugel tödtlich in der Brust
verwundet. Als man ihn in das Quartier brachte, eilte Totleben herbei und
tröstete ihn, dass nach dem Auspruch des Arztes die Wunde nicht gefährlich sei.
Tonagel umarmte ihn und erwiderte: »Nein, es ist aus! mich schmerzt es nur,
meine Bastion zu verlassen!«
2 Er beaufsichtigte die Arbeiten der ersten Abteilung und fiel bei dem
Abschlagen einer französischen Attaque.
3 Die Anecdote ist historisch; - der Verfasser bittet um Entschuldigung, dass er
immer und immer wieder darauf aufmerksam macht.
4 Lumpenpack.
5 Der junge Offizier blieb selbst nach einer dritten Contusion auf seinem
Posten, bis ihn Anfangs April eine Kugel tödtete.
 
                                 Frühjahr 1855.
                            I. Der geheime Vertrag.
Paris begann sich bereits mit einer aussergewöhnlichen Anzahl von Fremden aus
allen Ländern zu füllen, welche die bevorstehende Eröffnung der grossen
Weltausstellung herbeigeführt, jener echt napoleonischen Gasconade auf den
gewaltigen Druck des Krieges, der die Finanzen dreier mächtiger Staaten zu
erschüttern begann. Frankreich hatte bereits über 300 Millionen Franken
verwendet, eine neue Anleihe war unabweisbar, und der Transport der Truppen
allein hatte seit Beginn des letzten Winters über 70 Millionen Franken
verschlungen, während England der Unterhalt jeden Mannes im Orient bei der
jämmerlichen Verwaltung auf mehr als 200 Pfund Sterling zu stehen kam. Sein
Kriegsbudget war in den letzten zwei Jahren von 12 auf 43 Millionen Pfund
gestiegen. Handel und Gewerbe, die nicht in dem Kriegsverkehr ihre Quellen
hatten, stockten in Frankreich, der gewohnte grosse Abfluss nach Russland war
gehemmt, die englische Freundschaft wenig einträglich und in Paris beliebt, und
der Kaufmanns- und Bürgerstand sprach sich ziemlich offen für einen Frieden aus.
Die Presse schimpfte im Concert mit der Times auf Preussen, oder illustrirte die
ungenügenden Berichte Canrobert's, ohne damit die Stimmung zu ändern. Die
Lockspeise, welche die Regierung der Bevölkerung von Paris mit jener Ausstellung
hingeworfen, gab indes wenigstens Stoff zum Tagesgespräch und zu jenen hundert
kleinen Debatten, Prahlereien und Einbildungen, welche der Franzose liebt, und
somit jener ernstern Stimmung vorläufig einen Abfluss.
    Der Moniteur hatte die Ordonnanz noch nicht gebracht, welche die Eröffnung
verschob. Um den Industrie - Palast, bei dessen Direction der Prinz Napoleon
seine Lorbeeren im orientalischen Kriege vergessen machen sollte, herrschte ein
reges Leben und Treiben und im Innern noch die heilloseste Verwirrung, obschon
der Tag bereits der 28. April war. Leute aller Stände, Schaulustige, Arbeiter,
Aussteller und wichtig tuende Jury-Mitglieder, drängten sich auf allen Seiten
und die sonst so luchsäugige pariser Polizei hatte in dieser Zeit nur eine sehr
nachsichtige Controlle üben können.
    Die Avenue des Champs Elysées entlang, von dem Platz des Austellungsgebäudes
her kamen zwei Männer, der Eine hochgewachsen, alt, mit zwei tiefen, den
ehemaligen Soldaten verkündenden Narben über dem Gesicht, in eine alte Militair
- Uniform niedern Grades gekleidet, der Andere klein, gebückt, mit dichtem,
struppigem Haar und stechenden, unruhigen Augen, in gutem bürgerlichem Anzug.
Die Männer unterhielten sich in italienischer Sprache, obschon nur wenige der
Begegnenden dies bemerken konnten, da sie, ohne aufzufallen, doch so viel als
möglich allein und abgesondert gingen.
    »Sie wissen also gewiss, dass er kommt?« sagte der Kleine.
    »Aus derselben Quelle, aus der ich Ihnen vorgestern bereits die
entscheidende Nachricht brachte, dass die beschlossene Reise nach der Krimm
aufgegeben sei. Die Minister hatten eine solche Menge Proteste auf die Beine
gebracht, welche das Wohl des Staates an seine Person gefesselt erklären, dass
der Rückzug mit Ehren gemacht werden konnte.«
    »Man wird bald Gelegenheit haben, sich von der Wahrheit dieser Meinung zu
überzeugen!«
    »Still,« unterbrach der Aeltere diese spöttischen Worte; »die Luft und die
Bäume könnten Ohren haben! Sie sind also entschlossen?«
    »Wozu jetzt noch ein Zweifel - im letzten Augenblick? Hier, fassen Sie meine
Hand und prüfen Sie meinen Puls, ob er wie der eines Mannes geht!«
    »Ich meinte nur in Betreff der Gelegenheit, Signor Pianori.«
    »Nennen Sie mich Liverani, wie ich in meiner Wohnung heisse, es ist sicherer.
Die erste Gelegenheit ist die beste und ich will sie mir nicht entgehen lassen.
Wie viel Uhr haben Sie?«
    »Es ist ein Viertel über Vier - in einer halben Stunde spätestens muss er
kommen.«
    »Und seine Begleitung?«
    »Wahrscheinlich nur ein Paar Adjutanten - wie gewöhnlich in kurzer
Entfernung einige jener unbeholfenen Dummköpfe von der geheimen corsischen
Sicherheitswache, die man gegen die Polizei Pietri's eingetauscht. Sie haben
also, wenn Sie meinen Rat befolgt, volle Aussicht, zu entkommen.«
    »Ich trage einen vollständigen hellen Anzug unter diesen dunklen Kleidern,
auch eine Kappe.«
    »Ihre Droschke wird an der bezeichneten Stelle halten - links vom Château
des fleurs; die Frau ist entschlossen und wird mit einem weissen Taschentuch aus
dem Schlage lehnen. Sie laufen durch die Bosquets. Sind Ihre Waffen in Ordnung?«
    »Es ist eine Präcisionspistole mit Doppelläufen übereinander und kostete
mich in London hundertfünfzig Francs. Ausserdem habe ich zwei Terzerole in der
Tasche und ein Messer im Gürtel - für mich, wenn es misslingt.«
    Ein Arbeiter, in eine Blouse gekleidet, streifte in diesem Augenblick dicht
an ihnen vorüber und der Alte im Soldatenrock winkte seinem Begleiter Schweigen.
Erst als der Mann weit genug wieder entfernt war, fuhr er fort: »Dort ist der
Triumphbogen und das Château - wir wollen scheiden. Im Namen der Unsichtbaren,
Bundesbruder, frage ich Dich zum letzten Male: bist Du entschlossen. Deinen Eid
zu halten?«
    »Ich bin's!«
    »So sei der Genius der Freiheit mit Dir und führe Deine Hand! Leb' wohl,
Bruder - was auch Dein Loos sei, die Krone des Siegers oder des Märtyrers - die
Rächer werden Dich nicht verlassen!« - Er drückte ihm die Hand und entfernte
sich. Sobald er dem Italiener aus den Augen war, wandte er seine Schritte nach
der Rue de Challot, erreichte den Boulevard du Banquet und nahm an der Barrière
de l'Etoile Platz in einem Caffeehause, von wo er die Avenue übersehen konnte.
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    Gegen 5 Uhr kam der Kaiser der Franzosen die breite Allee daher geritten,
nur begleitet von einem seiner Adjutanten, dem Grafen Edgar Nei, und seinem
Stallmeister, dem Oberst-Lieutenant Valabrègue. Das Gesicht des Mannes, der,
wenn auch nicht an Ruhm, so doch unzweifelhaft an Klugheit und Glück, noch über
seinem grossen Oheim steht, war ernst und nachdenkend, denn ein Ministerwechsel
stand bevor und der Abend war zu verschiedenen wichtigen Conferenzen bestimmt.
In einiger Entfernung folgte den beiden Reitknechten ein Wagen, in welchem der
Chef jener geheimen corsischen Sicherheitswache, Hirevoy sass, welche, wie
bereits erwähnt, der Kaiser sich selbst gebildet hatte, nebst einem ihrer
Mitglieder, Alessandrini. Auf der Höhe des Château des fleurs, wo augenblicklich
verhältnissmässig wenige Spaziergänger verweilten und nur zwei Arbeiter in der
Nähe wie zufällig umherschlenderten, erhob sich von einer der Steinbänke beim
Nahen der Reiter plötzlich ein gut gekleideter Mann - derselbe, welchen wir
vorhin mit dem alten Soldaten haben sprechen sehen - und trat mit einer
Verbeugung dem Reitweg näher, die Hand in der Brusttasche, gleich als wolle er
eine Bittschrift überreichen.
    Dies schien auch der Kaiser zu glauben; denn, sein Pferd etwa sechs oder
sieben Schritt von dem Manne anhaltend, neigte er sich über den Sattel und
streckte die Hand aus, als Jener plötzlich ein vierläufiges Pistol aus dem Rock
zog und auf den Monarchen feuerte. Die Kugel flog unschädlich vorbei und der
Kaiser fuhr mit der Hand wie schützend nach dem Kopf. Diese Bewegung rettete
wahrscheinlich sein Leben; denn der Mörder feuerte das zweite Mal - das Pistol
über den linken Arm gelegt - zu hoch und die Kugel streifte nur den Hut des
Bedrohten und machte ihn herabfallen. In diesem Augenblick, ehe der dritte Lauf
der Mordwaffe gebraucht werden konnte, warf sich der nächste der beiden
Arbeiter, derselbe, der eine halbe Stunde vorher an dem verbrecherischen Paar
verübergegangen war und einige unbestimmte Worte aufgefangen hatte, auf den
Italiener und versetzte ihm einen Dolchstich in den Arm, der ihn die Pistole
fallen lassen machte. Ein kurzes Ringen entstand, während dessen der Corse
Alessandrini aus dem Wagen springen, herbeieilen und zur Festnahme des Mörders
helfen konnte. Als dieser sah, dass seine Flucht unmöglich geworden, ergab er
sich trotzig in sein Schicksal und liess sich, von einer schnell sich sammelnden
Menschenmenge umringt, binden und von den als Arbeiter verkleidet gewesenen
beiden Polizei-Agenten in eine Droschke werfen.
    Der Kaiser, etwas bleich, sonst aber gefasst und ruhig, hatte den Männern,
welche sich auf den Mörder geworfen, zugerufen, den Elenden zu schonen, dann
aber ruhig seinen Weg nach dem Boulogner Wäldchen fortgesetzt, wo er die
Kaiserin treffen wollte. Erst als die erregte Volksmenge sich um ihn drängte,
setzte er sein Pferd in Galopp.
    Plötzlich, am Triumphbogen, hielt er es an und fixirte einen Mann, der an
einem Pfeiler der Kettenbarriere stand. Die Nachricht des Attentats war noch
nicht bis hierher gelangt, obgleich man in der Ferne den Auflauf in der Avenue
deutlich bemerken konnte; dennoch starrte der Unbekannte mit einem gewissen
Entsetzen auf den Kaiser, und die tiefe Narbe, die von der linken Schläfe des
greifen Gesichts quer über den Schädel lief, glänzte weiss in der Röte der
Aufregung, welche jenes bedeckte.
    Der Kaiser hatte sich zu dem Oberst Nei gewandt und ihm, auf den Mann, der
in eine alle Soldaten - Uniform gekleidet war, deutend, einige Worte gesagt,
dann aber rasch seinen Weg fortgesetzt. Der Fremde, sobald er bemerkt, dass die
Rede von ihm war, kreuzte die Arme und erwartete ruhig die Annäherung des
Offiziers, der vom Pferde gestiegen war.
    »Ich habe einen Auftrag an Sie, mein Herr,« sagte er artig zu dem Greise,
»und bitte Sie, mir einige Schritte zur Seite zu folgen, um die Aufregung nicht
zu vermehren.«
    »Ich stehe zu Diensten, doch ersuche ich Sie, mir zuvor zu sagen, was jener
Auflauf in den Champs Elysées zu bedeuten hat?«
    »Es ist so eben ein nichtswürdiges Attentat auf den Kaiser verübt worden,
dem Seine Majestät jedoch mit Gottes Hilfe und durch die Wachsamkeit der Polizei
des Herrn Balestrino glücklich entgangen ist.«
    »Ah! Balestrino,« sagte der Alte mit finsterm Spott, »er ist ein anderer
Mann, als diese Corsen. Und was ist aus dem Mörder geworden?«
    »Man hat ihn ergriffen und er befindet sich in diesem Augenblick
wahrscheinlich schon auf dem Wege zur Conciergerie.«
    Der Greis schwieg einige Augenblicke. - »Was wollen Sie von mir?«
    »Der Kaiser, der Sie zu kennen scheint, wünscht Sie zu sprechen.«
    »Er hat Sie beauftragt, mich zu verhaften?«
    »Nein - er befahl mir bloss, Ihr Ehrenwort als Soldat zu fordern, dass Sie
sich heute Abend um 10 Uhr bei dem Gouverneur des Invalidenhotels einfinden
wollen, von wo man Sie abholen wird.«
    »Und wenn ich mich weigere?«
    »Dann - allerdings - glaube ich auf meine eigene Verantwortung - aber Seine
Majestät haben einen solchen Fall gar nicht vorausgesehen und mir nur
aufgetragen, sein kaiserliches Wort für Ihr ungefährdetes Kommen und Gehen zu
verbürgen.«
    »Ich werde kommen!«
    »Ihr Ehrenwort?«
    Der alte Soldat sah ihn unmutig an. - »Ihr Vater, der Marschall, hätte an
meinem blossen Ja nicht gezweifelt! - Auf mein Ehrenwort als Soldat eines
Grösseren, denn er ist - ich werde zur Stelle sein.«
    Er wandte dem Obersten ohne zu grüssen den Rücken und entfernte sich langsam.
- - -
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    Ganz Paris war in Aufregung über das Attentat, die Polizei in Bewegung; das
diplomatische Corps, die Minister, die hohen Corporationen mit der Familie des
Kaisers waren schon vor dessen Rückkehr in den Tuillerieen versammelt, um Glück
zu wünschen - bis 10 Uhr dauerte die Flut der Audienzen, ehe der Kaiser zur
Ruhe kommen konnte. Der Justizminister hatte noch am Abend seine Aussage
aufgenommen. - -
    Im Arbeitszimmer des Kaisers, demselben, in welchem vor Jahresfrist Credit,
Krieg und Revolution so wichtige Beschlüsse erfuhren, sass der Gebieter
Frankreichs, bequem hingestreckt auf einer Chaise - longue, zur Seite einen
vergoldeten Gueridon, auf dem mehrere Papiere ihm zur Hand lagen. Der Kaiser
rauchte eine Cigarre, zwei Herren mit hohen Ordensauszeichnungen auf dem Frack
standen an dem grossen Arbeitstisch. Wir sind Beiden bereits begegnet: - Graf
Walewski, der bisherige Gesandte in England, und Persigni, der frühere Minister
des Innern. Sie waren bestimmt, ihre Rollen in dem neuen Ministerium zu
tauschen.
    Die Verhandlung hatte bereits einige Zeit gedauert. - »Eine Ihrer letzten
Amtshandlungen, lieber Graf,« sagte fortfahrend der Kaiser, »soll die Stellung
der Corsen unter Balestrino's Leitung sein. Ich habe mich überzeugt, dass er der
Geschickteste und Tätigste ist.«
    »Wann glauben Euer Majestät, dass die Veröffentlichung der Ernennungen
erfolgen soll?«
    »In fünf oder sechs Tagen. Die Demission Drouin de L'Huys muss erst im
Publikum ihre Wirkung tun - augenblicklich verdrängt sie der heutige Vorfall.
Die Ernennung Touvenel's für Constantinopel soll den Anfang machen. Lassen Sie
einstweilen nur Layard und Roebuck mit ihrem Sebastopol-Comité für uns arbeiten.
Lord Bourgoyen's Zeugnis ist noch compromittirender, als das des Herzogs von
Newcastle und das Spiel wird binnen Kurzem in unsere Hand sein.«
    »Oberst Sibtorp,« sagte Graf Walewski spottend, »beabsichtigt Lord Russell
über Spezifizirung seiner Wirtshausrechnungen für die Mission nach Berlin und
Wien zu interpelliren. Er meint, die Ausgaben für die weibliche Begleitung
müssten gestrichen werden.«
    Der Kaiser lachte herzlich. - »Diese Sucht unserer geliebten Alliirten, sich
zu compromittiren, kommt uns sehr zu Statten. Palmerston's Eigensinn ist die
beste Chance, die wir uns wünschen konnten und ich prophezeihe Ihnen, die
Friedensconferenzen werden ihrer Zeit nur in Paris stattfinden. Wann glauben
Sie, Graf, dass der neue Schlüssel für die Chiffern in London eintreffen kann?«
    »Nicht vor dem 6. oder 7. Mai.«
    »Das passt zu dem Ambassadenwechsel. Es ist eine kostbare Idee dieser
Engländer, - ein einziges Exemplar zurückzuhalten und das so glücklich sich
escamotiren zu lassen.«
    »Und was beschliessen Euer Majestät in Bezug auf die dadurch erfahrene
Absicht der Expedition nach Kertsch?«
    »Meine Instructionen werden zur selben Zeit in der Krimm sein, wo Raglan's
Bericht in London gelesen werden kann. Canrobert oder -« er schwieg einen
Augenblick und überging das Wort, »wird demnach vollkommen Zeit haben, seine
Massregeln zu treffen. Lieber will ich wahrhaftig die Russen am Bosporus dulden,
als eine englische Festung am Eingange des Azow'schen Meeres. Bei der
Gelegenheit fällt mir ein: die Anordnungen wegen der ausschliesslichen
Beförderung der Briefe nach und aus der Krimm durch die Post sind doch
wiederholt und werden streng beachtet? Wir sind nicht solche Narren wie die
Engländer, uns selbst zu compromittiren, und die gestrigen Listen da unserer
Verluste und der Gefangenen, die wir seit Beginn des neuen Bombardements
erfahren und gemacht, lauten wenig günstig.«
    »Die Lagerpolizei ist sehr aufmerksam und die Capitaine aller
Transportschiffe haben strenge Instructionen, Sire. - Man täuscht sich übrigens
im Publikum wenig über den Zweck der Anordnung und die Post hat manchen Spott zu
erleiden. Die alte Herzogin von Beaufrémont z.B. gibt alle ihre Briefe nur mit
einer Nadel zugesteckt auf die Post und schreibt darunter: Remettez l'épingle,
s'il vous plait!«
    »Lassen Sie dem Faubourg Saint-Germain den Spass, dergleichen Beschäftigungen
unterhalten ihn und schaden mir herzlich wenig. Wirken Sie nur für
Beschleunigung des Besuchs der Königin Victoria, Persigny, ich will den Parisern
für die 750 Millionen Franken der neuen Anleihe wenigstens ein Schauspiel geben,
während die Regierung Ihrer Majestät für 16 Millionen Pfund Nichts tut, als
Stoff für Blamagen aus der Krimm zu liefern.«
    »Sire, Sie sind heute bei Humor!«
    Der Kaiser lächelte mit einem feinen rückhaltenden Spott. »Bah! glaubst Du,
die Affaire aus den Champs Elysées habe mir den Appetit verdorben? Frankreich
muss heute empfunden haben, wie viel an meiner Person hängt - und dieser Bericht
Pietri's über des Nichtswürdigen Vergangenheit und Herkunft beruhigt mich über
die einzige Besorgnis, die ich aus dem seltsamen Zusammentreffen hätte ziehen
können.«
    »Ich verstehe Euer Majestät Meinung nicht?«
    »Der Herr Ambassadeur muss seine Wissbegierde schon für London aufsparen, wo
sie mir hoffentlich recht gute Dienste leisten wird; für heute genug, meine
Herren. Sie, lieber Graf, habe ich noch um einen vertraulichen Dienst zu bitten.
- Bleiben Sie nur, Persigny, es ist kein Geheimnis. - Wissen Sie, wen ich heute
am Triumphbogen wieder erkannt?«
    »Ich bin begierig, Sire?«
    »Unsern Unbekannten aus dem Invalidendom - vor zwei Jahren.«
    »Dem die ganze Polizei so lange vergebens nachspürte? Und Euer Majestät
liessen ihn nicht verhaften, wo sein Erscheinen offenbar in Rapport zu dem
Mordanfall steht?«
    »Lieber Freund,« sagte der Kaiser mit dem vorigen geheimnisvollen Lächeln,
»es sind wahrscheinlich gegenwärtig viele merkwürdige Fremde in Paris, ohne dass
sie gerade mit Herrn Pianori in Verbindung stehen. Doch ist meine Absicht eben,
mich in dem vorliegenden Falle davon zu überzeugen, auch ohne dass ich in die
Functionen meiner Polizei eingegriffen habe. Ich bitte Sie, von hier sich zu dem
Gouverneur der Invaliden zu begeben; Sie werden den Mann, von dem wir eben
gesprochen, dort finden, wenn ich seinen Character recht beurteile, ihm dieses
Papier geben« - er warf rasch einige Worte auf ein Blatt - »und ihn
hierherführen. Nei ist anderweitig beschäftigt und Sie sind ihm bekannt.«
    »Und was soll ich mit ihm tun?«
    »Sie führen ihn hierher - durch die Terrasse dü Bord und den Pavillon
Marsan. André wird Sie dort abholen. Sie bleiben dann im blauen Salon im Bereich
meiner Stimme. Adieu bis dahin.«
    Die beiden Minister zogen sich zurück. Der Kaiser blieb einige Zeit allein,
bloss mit seinen Gedanken beschäftigt und mit den Augen den Zeiger der grossen Uhr
auf dem Kamine, ein Meisterwerk Delacour's, verfolgend. Mit dem Schlag halb Eilf
hörte man ein Kratzen an der mittlern, durch eine schwere Portiere bedeckten
Seitentür, die der Kaiser sogleich selbst aufschloss.
    Zwei Männer traten herein, der Eine war der Graf Nei, der Andere ein
zierlich gebauter Mann von etwa 28-30 Jahren in einem einfachen Civilanzug.
    Der Kaiser erwiederte die Verbeugung des Unbekannten und sagte dann zu
seinem Begleiter: »Verlassen Sie uns, lieber Graf, und verhindern Sie jede
Störung, bis ich Sie rufe.«
    Der Adjutant verliess das Gemach, der Kaiser selbst schloss hinter ihm die
Tür und liess die Portiere fallen. Dann wandte er sich zu dem Fremden und sagte
einfach: »Wir sind allein, mein Herr!«
    Einige Augenblicke betrachteten beide Männer einander mit offenbarem
Interesse. Der Fremde war, wie gesagt, feingewachsen und jung, seine
Gesichtsbildung hatte den tatarischen Druck in edlern Formen, das durch eine
Brille bedeckte feurige Auge verkündete Mut und Energie nur eine Falte zwischen
den Brauen einen gewissen Zwang, den er sich antat. Seine Manieren gehörten
sichtbar der besten Gesellschaft an, doch war seine Haltung frei von jedem
Zwange und der Devotion, die gewöhnlich die Nähe des Trägers einer Krone
auferlegt.
    Indem der Kaiser nach seinem frühern Platz zurückging, nahm er zwei kleine
in englische Leinwand gebundene Bücher aus seiner Handbibliotek und legte sie
neben sich auf die Causeuse. Sein Benehmen gegen den Fremden war übrigens artig
wie das eines feingebildeten Privatmannes bei einer Conversation, nicht wie die
Haltung des mächtigen Monarchen bei Erteilung einer Audienz. Mit einer leichten
Handbewegung nach einem danebenstehenden Lehnsessel einladend, sagte er höflich:
»Ich bitte, nehmen Sie Platz - unsere Unterhaltung kann vielleicht lange dauern.
Ich hoffe, Sie haben alle Anordnungen für die Geheimhaltung dieser Audienz Ihren
Wünschen entsprechend gefunden?«
    Der Fremde verneigte sich. - »Euer Majestät sind meiner - Bitte auf das
Freundlichste entgegen gekommen und ich danke Euer Majestät dafür.« Das Wort
»Majestät« schien wie durch Zwang unwillig über diese stolz aufgeworfenen Lippen
zu kommen und ein dunkles Rot überschoss das Gesicht des Sprechenden, als er den
leisen Triumph bemerkte, der einen Augenblick lang um den Mund des Napoleoniden
zuckte.
    »Sie haben den Auftrag,« sagte der Kaiser, »die vertraulichen
Unterhandlungen zu Ende zu bringen, die nach dem Tode des Kaisers Nicolaus
meines Herrn Bruders Liebden in Petersburg wegen des künftigen Friedensschlusses
mit mir im Geheimen eröffnet hat. Sie werden höchst wahrscheinlich - da mir die
Bürgschaft Ihrer unbekannten Person fehlt - eine Vollmacht besitzen?«
    Der seltsame Unterhändler überreichte ein Blatt, das der Kaiser auseinander
schlug. Es entielt nur die Worte:
                               »Pleins pouvoirs!
                                                                     Alexandre.«
    Der Herrscher der Franzosen machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe,
gab das Blatt zurück und sagte: »Dies genügt vollständig. Kommen wir zur Sache.«
    »Die Chancen des Krieges in der Krimm, Sire, stehen in diesem Augenblick
günstiger für uns, als bei Beginn des Feldzug. Wir haben eine starke Festung und
eine zahlreiche, entschlossene Besatzung, wo wir früher nur eine unvollständige
Verteidigung hatten. Ihre Armee, Sire, hat bei allem militairischen Ruhm, mit
dem sie sich durch ihre Ausdauer bedeckt, doch während des Winters viel
gelitten. Ihre Belagerungsarbeiten haben nur geringe Fortschritte gemacht.«
    »Ich täusche mich nicht darüber, doch habe ich einen mächtigen Verbündeten!«
    »Welchen, Sire? - England? - Sardinien?« Die Frage klang voll bittern
Hohnes.
    »Nein, mein Herr! - Das Frühjahr und nötigenfalls noch den Sommer!«
    »Wir haben die gleiche Chance, obschon ich zugeben will, dass der Winter
unser besserer Alliirter war. Die Werke Ssewastopols - -«
    Der Kaiser, der mit den Almanachs spielte und sie wie zufällig
durchblätterte, unterbrach ihn lächelnd: »Lassen wir das Alles - das war Sache
der Präliminarien und wir haben Wichtigeres. Ich will mit Offenheit Ihnen
vorangehen und aussprechen, dass ich den Frieden so gut brauchen kann, wie
Russland.«
    »Sire, Sie erklärten den Krieg!«
    »Ich habe dem Kaiser Nicolaus den Krieg erklärt, nicht dem Kaiser Alexander.
Ich brauchte damals den Krieg, denn es galt, meinen jungen Tron zu befestigen.
Jetzt gilt es, meiner Nachkommenschaft diesen Tron auch zu sichern. Das kann
die Diplomatie besser, wie der Krieg. Sie sehen, ich bin sehr aufrichtig.«
    »Euer Majestät danke ich dafür. Was Russland dazu tun kann - - -«
    »Nein, mein Herr, das sind vage Versprechungen. Ich muss die ganz bestimmte
Erklärung haben, dass Russland die Bourbonen für alle Zeit fallen lässt. Mit den
Orleanisten und den Republikanern werde ich schon allein fertig, das Einzige,
was meiner Familie entgegen stehen kann, ist die Tradition - und mit dieser muss
Russland freiwillig - merken Sie wohl - freiwillig und offen brechen, wenn ich
meinerseits Opfer bringen soll.«
    Der junge Unterhändler schwieg, auf seiner kräftigen Stirn lagen schwere
Wolken.
    »Die Romanow's,« fuhr der Kaiser streng fort, »haben eben so gut ihren
Anfang gehabt, wie die Bonaparte's. Ich bin nicht einmal der Erste, sondern
bereits das dritte Glied meines Hauses auf dem Trone. Sie werden mir
zugestehen, dass die Bourbonen ihre Glanzzeit überlebt und ihre Restauration
nicht haben aufrecht halten können. Dies würde auch künftig der Fall sein. Die
Orleans sind ein Geschlecht von Unruhstiftern und Gelegenheits-Speculanten. Sie
haben also keine Bürgschaft für die Zukunft, als in mir, und wenn je ein Mann
das Wort wahr gemacht, dass er mit der Revolution gebrochen, so bin ich es!«
    »Euer Majestät legen, ich erkenne es im Namen meines - Gebieters an, die
Notwendigkeit klar dar, aber nicht die Mittel.«
    »Hören Sie mich an - ich fordere keine Erniedrigung der legitimen Höfe von
Europa, wie mein Onkel törichter Weise, um seinem Stolz zu schmeicheln, tat;
aber ich fordere anerkennendes Entgegenkommen. Ich wiederhole Ihnen, die Person
des Kaisers Nicolaus war dasjenige Element, was meinen Ansprüchen in Europa
bisher entgegen stand. Er war es, der den Weg, den ich versuchte zur
Einbürgerung meiner Rechte, abschnitt. So lange er lebte und unbesiegt war,
blieb ich ein geduldeter Emporkömmling und in zweiter Reihe. Gott selbst hat
entschieden und Russland die neue Auffassung der Zeit leicht gemacht. Ich bin
kein Eroberer, wie mein Onkel, ich will nicht in Europa gefürchtet, aber ich
will gesucht und nötig sein. Wir werden den Frieden schliessen unter
Bedingungen, die für unsere beiderseitige Stellung notwendig und nützlich sind.
Dann wird die Zeit neuer Bündnisse und diplomatischer Conjecturen eintreten. Die
erste Notwendigkeit hierzu war die Sprengung der sogenannten heiligen Allianz.«
    »Sie ist faktisch bereits todt - durch Oesterreichs Dankbarkeit.«
    »Ja, aber Russland muss sich verpflichten, auch nicht einmal für die
Wiederherstellung des Scheines etwas zu tun.«
    »Unsere Staatsmänner haben diese erste Forderung Eurer Majestät erkannt und
Russland verpflichtet sich dazu.«
    »Das ist mir lieb. Es wird, um der allgemeinen Stimme willen, notwendig
sein, dass bei dem Friedensschluss Russland einige Concessionen am Schwarzen Meere
macht, vielleicht die Abtretung einer unwesentlichen Landesstrecke zur
sogenannten Regulirung der Gränze und der Donaumündung. Wir sind die Letztere
Oesterreich schuldig für seine Rolle, werden aber dafür sorgen, dass es keinen
festen Fuss am Schwarzen Meere fasst. Das Protektorat der Donau - Fürstentümer
wird unter die gemeinsame Diplomatie gestellt.«
    »Das ist ein wichtiger Verlust für Russland.«
    »Eine blosse verführerische Gelegenheitsmacherei. Nach dem Verlust Ihrer
Flotte und Arsenale im Süden ist Ihnen die Sache ohnehin nutzlos.«
    »Aber unsere Flotte ist noch nicht verloren!« Das Auge des Russen blitzte
stolz und feurig.
    »Sie ist es; - wir können natürlich nicht über den Bosporus wieder
zurückgehen, bevor die russische Flotte zu existiren aufgehört. Ueberdies ist
sie ja zur Hälfte bereits vernichtet. Doch das wollen wir später erörtern. Sein
Sie versichert, dass ich gar keinen Einspruch erhebe gegen jede Verstärkung Ihrer
Flotte im Norden, eine solche kann nur mein Wunsch sein und ich werde Ihnen mit
Bereitwilligkeit die französischen Werfte für diesen Zweck öffnen.«
    Der junge Diplomat sagte langsam und feierlich: »Wir sind bereit, unsere
Angriffsstellung im Süden zu opfern, natürlich unter Vorbehalt unserer Rechte
bei einer künftigen Regulirung der türkischen Frage - aber unter der Bedingung,
dass England keine weiteren Erwerbungen am Mittelmeere macht und nicht am
Schwarzen Meere festen Fuss fasst.«
    »Ach, dafür lassen Sie mich sorgen; Sie werden in Kurzem ein Pröbchen davon
hören, wie ich meinen speculirenden Verbündeten in Ihrem Interesse auf die
Finger sehe! Möge Russland zusehen, wie es sich den Weg nach Indien bahnt und
sich nach China ausdehnt, ich werde gar Nichts dawider haben. Asien ist das Land
der nächsten fünfzig Jahre.«
    »Sire - ich will Ihre Offenheit erwiedern - Sie wünschen das Mittelmeer?«
    »So ist es - und es ist nicht mehr als billig, dass Frankreich dort herrscht.
Seine natürliche Lage berechtigt es dazu und ich hoffe es noch zu erleben, dass
jeder lecke Eindringling auf sein natürliches Gebiet zurückgewiesen wird. Sie
taten Recht, mein Herr, geradezu auf den Hauptpunkt unserer Verständigung
loszugehen. Hier ist das Bündnis der Zukunft für Russland und Frankreich.
Vorläufig verlange ich nur, dass Sie meine Politik und meine Festsetzung in
Italien nicht beschränken, ich werde dafür mit Ihnen in der dänischen Frage Hand
in Hand gehen. Dies sprengt das österreichisch - englische Bündnis, und Preussen
in Schach zu halten ist Ihre Sache.«
    »Wir sind einverstanden. Preussen ist ein Staat, dessen Hauptaufgabe seine
innere Entwickelung und seine Verteidigung gegen Oesterreich bleibt.«
    »Dies, erkenne ich an und wünsche dringend mit ihm ein freundliches
Verhältnis. Weiter können wir uns nicht viel nützen; doch muss ich darauf
bestehen und dafür sorgen, dass es nach dem Frieden sich der Anerkennung meiner
Berechtigungen anschliesst. Dafür werde ich sein Recht der Teilnahme an den
Friedensverhandlungen trotz seiner angenommenen Neutralität gegen alle
englischen Einwendungen unterstützen. Die öffentlichen Friedensverhandlungen
müssen natürlich in Paris stattfinden.«
    »Sollte nicht Brüssel oder Berlin - -«
    »Nein, mein Herr - keinen Rückzug! Das ist das erste und natürlichste
Zeichen jener Anerkennung und Sicherung, die eben unser Hauptbedingniss ist.«
    »Wir überlassen Eurer Majestät die Wahl.«
    »Und nun, da wir mit der Zukunft fertig sind, lassen Sie uns zur Regelung
der Nebenfragen übergehen, ich meine die ehrenvolle Beendigung des Krieges
selbst und die Entscheidung über Sebastopol.«
    »Sire, Sie werden Nichts verlangen, was die Waffenehre Russlands beleidigt!
Wir wünschen den Frieden, aber wir sind nicht besiegt, und - ich muss es
wiederholen - Ssewastopol ist fester denn je!«
    Der Kaiser sann eine Weile nach. - »Die Verständigung ist vom militairischen
Standpunkt schwieriger, als vom politischen. Sie sind wahrscheinlich selbst
Offizier oder haben wenigstens gedient?«
    Der Fremde verbeugte sich.
    »So werden Sie desto leichter einsehen, dass ich die Armee schonen muss. Sie
kann ohne einen Erfolg oder eine grosse Niederlage nicht zurückkehren, und die
letztere würde alle unsere diplomatischen Pläne vernichten oder in weite Ferne
schieben. Der Franzose lebt von der gloire und ich darf die Armee nicht
verletzen. Vielleicht eine ehrenvolle Capitulation?«
    »Sire, Sie haben die britische und die türkische Armee zu Aliirten!«
    »Ei, die könnte man sich vom Halse schaffen - geben Sie den Burschen in
Kleinasien eine Lection, dort ist mir Ihr Sieg ganz recht. Doch machen Sie
selbst einen Vorschlag, Sie werden ohne einen solchen nicht hierher gekommen
sein.«
    »Lassen Euer Majestät uns den Kampf um Ssewastopol gleich einem Turnier des
Mittelalters betrachten. Welches dann auch der Ausgang sei, die politischen
Folgen sind durch die eben erfolgte Verständigung über die Zukunft geregelt; -
unsere Armeen kämpfen nur noch um die Ehre. Euer Majestät mögen selbst den
Zeitpunkt bestimmen, bis zu welchem Tage dies Turnier dauern soll. Jeder tue
das Mögliche für den Ruhm seiner Waffen. Die Einnahme der Südseite oder der von
Ihnen festgesetzte Termin endet den Kampf und lässt einen Waffenslillstand
eintreten, während dessen der Frieden geschlossen wird. Auch im Fall das Glück
uns begünstigt, wird Ssewastopol ein Schuttaufen und - ich gestehe es zu -
unsere militairische Herrschaft auf dem Schwarzen Meere für längere Zeit
vernichtet sein. Man stampft weder Arsenale, noch eine Flotte, noch ihre
Equipage aus den Gräbern.«
    Das Auge des jungen Mannes mit dem stolzen, ernsten Gesicht schaute finster
und voll Schmerz - es war, als läge diese stolze Flotte, diese Riesenschöpfung
nicht auf dem Grunde des Meeres, sondern in der Tiefe seines Herzens begraben.
    Es folgte eine Pause. Endlich schrieb der Kaiser einige Worte auf ein Blatt
und reichte es dem Unterhändler. - »Ist Ihnen dieser Datum genehm?«
    »Ja, Sire, obgleich alle Chancen dann für Sie sind. Ueberlebt Ssewastopol
diesen Tag, so wäre es - ja, es wäre Wahnsinn, Ihre brave Armee noch einem
Winter, wie der vorige, auszusetzen. Der Wassenstillstand beginnt demnach auf
jeden Fall vor diesem Tage an?«
    »Ich bin es zufrieden! - Wenn Sebastopol fällt, selbst im Sturm, sollen sich
Ihre Truppen unangefochten zurückziehen dürfen. Wir werden den Sieg nicht
verfolgen.«
    »Ich danke Ihnen, Sire, obgleich ich hoffe, dass er auf unserer Seite sein
wird. Die Einschiffung der Franzosen wird von uns durch keine Feindseligkeiten
gefährdet werden.«
    Beide Parteien lächelten unwillkürlich bei diesem Wettstreit des
Nationalstolzes.
    »Ihr Turnier, mein Herr, wird Ströme von Blut kosten. Können wir auch die
Menschenleben verantworten?«
    Der Russe sah ihn erstaunt an. - »Elihn Burrit, Sire, ist ein Narr. Fürsten
können keine Philantropen sein, wie teilnehmend auch ihr Herz dem einzelnen
Leiden schlägt. Die Armeen der Könige sind die Aderlassmesser der menschlichen
Gesellschaft. Wir Russen machen Politik mit den Soldaten, nicht um der Soldaten
willen.«
    »Sie sprechen kühn,« sagte lächelnd der Kaiser, indem er sich erhob, »und
sind überhaupt ein seltsamer Unterhändler, mit dem man sehr rasch zu Ende kommt.
Walewski und Nesselrode hätten sicher zu dem, was wir in einer halben Stunde
erreicht, Monate gebraucht, was allerdings wahrscheinlich noch mehr Blut
gekostet haben würde. Doch - wir haben bei alledem einen Hauptfactor ganz ausser
Spiel gelassen - Seine Herrlichkeit Lord Palmerston und meine intimen
Verbündeten!«
    »Euer Majestät Flotte - ich mache Ihnen mein Compliment über Ihre Marine -
und die Russische hätten vereint England vom Erdball peitschen können! Euer
Majestät mögen es mit England einrichten nach Ihrem Belieben. Wir unterhandeln
mit Frankreich.«
    Ein selbstzufriedenes stolzes Lächeln lag auf dem Gesicht des französischen
Herrschers. - »So wären denn alle Punkte geordnet - aber in welcher Form wünscht
Seine Majestät der Kaiser Alexander einen Austausch unserer Stipulationen?«
    »Sire, mein - der verewigte Kaiser hat uns die Lehre von dem blauen Buch
hinterlassen. Mein Souverain ist zufrieden mit dem Versprechen Eurer Majestät,
das ich die Ehre habe, hiermit anzunehmen. Ich habe Ihnen freilich dagegen
Nichts zu bieten, als eben diese Vollmacht.«
    »Ihr Wort genügt mir gleichfalls,« sagte sein Gegner artig. »Es soll mich
sehr freuen, Eure Kaiserliche Hoheit nach geschlossenem Frieden offiziell in
Paris zu empfangen und das bewiesene Vertrauen dann zu vergelten.«
    »Sire - - -«
    Der Herrscher Frankreichs überreichte dem überraschten Gast das kleine Buch,
in welchem er mehrfach geblättert, aufgeschlagen an einer der ersten Seiten,
indem er zugleich die Feder der Glocke drückte. Es war der Gotaische Almanach
vom Jahre 1850.
    Die Tür hinter der Portiere öffnete sich augenblicklich und Oberst Nei trat
ein.
    »Leben Sie wohl,« sagte der Kaiser, indem er seinem Besuch die Hand reichte,
»und reisen Sie glücklich. Ich hoffe, das Turnier fällt zu unserer
beiderseitigen Zufriedenheit aus und wir sehen uns recht bald wieder. Lieber
Graf, Sie werden die Gefälligkeit haben, sich ganz zur Disposition - - dieses
Herrn zu stellen.«
    Er geleitete den Besuch, der seit jener Anrede ein bedeutsames Schweigen
beobachtet, mit auffallender Artigkeit bis an die Schwelle des Gemachs. Als er
zurückkam, warf er sich auf die Ottomane und bedeckte, tief aufatmend, das
Gesicht einige Augenblicke mit der Hand.
    Als er sie zurückzog und wie an jenem Abend - vor Jahresfrist - vor das
Portrait seines Oheims trat, war sein Antlitz marmorfest in den stolzen Zügen
und das Auge ruhte mit einem gewissen selbstzufriedenen Hohn auf dem Bilde. -
»Die Sühne ist gebracht - meine Schuld an Dich abgetragen und die Beleidigung,
die mir selbst geworden. Jetzt kommt die Zeit, die mein allein ist!«
    Der Kaiser schritt gedankenvoll einige Male auf und nieder. »Ich bin müde
von all' dem,« sagte er endlich, »und muss zu Ende kommen. Sehen wir, ob Walewski
meinen Mann gefunden hat.«
    Er klatschte in die Hände und sein vertrauter Kammerdiener Andrée trat
sogleich durch die entgegengesetzte Tür ein.
    »Ist der Graf im Salon - allein oder in Begleitung?«
    »Seine Excellenz harren seit einer Viertelstunde. Es ist ein alter Herr bei
ihm.«
    »Lass Beide eintreten.«
    Der Gebieter hatte wieder auf der Causeuse Platz genommen, der grosse
Arbeitstisch trennte ihn von den Eintretenden.
    Diese waren der Graf Walewski und der Mann, welchen der Kaiser am
Triumphbogen getroffen, diesmal in einer seinem Alter entsprechenden vornehmen
Civilkleidung, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt.
    »Ich danke Ihnen, mein Herr, dass Sie Wort gehalten haben,« sagte der Kaiser.
»Es ist lange her, dass wir uns nicht gesehen, dennoch erkannte ich Sie sogleich
- trotz der Verkleidung. Beabsichtigen Sie auch jetzt noch, Ihr Incognito
beizubehalten?«
    »Sire - ich bin der Graf Lubomirski, Escadronchef der polnischen Lanziers
unter Ihrem Oheim, zuletzt Oberst in der Armee der polnischen Republik.«
    »Ah! ich kenne den Namen, einer der Helden von Somosierra mit Niegolewski -
wenn ich nicht irre?«
    Der Greis verbeugte sich.
    »Mein Herr,« fuhr Jener fort, »unsere Bekanntschaft ist seltsamer Art und
ich gestehe Ihnen offen, dass ich es bedaure, einen Mann Ihres Namens in
Verhältnissen und Verbindungen zu treffen, deren Natur nur geheimnisvoll und
verbrecherisch sein kann. Dennoch habe ich Vertrauen zu Ihnen und habe Sie unter
Verpfändung meines Ehrenworts zu dieser zweiten Zusammenkunft eingeladen, um
einige Fragen und eine Mitteilung an Sie zu richten.«
    »Sire - meine Anwesenheit zeigt Ihnen, dass ich Ihnen antworten werde - so
weit es mich betrifft - aber nur, - wenn ich die Ehre einer geheimen Audienz
habe.«
    »Ich bat Sie schon früher, lieber Walewski - - -«
    »Euer Majestät verzeihen - aber ich muss mich weigern, Sie mit einem Manne
allein zu lassen, der zu dem Bunde Ihrer gefährlichsten Feinde gehört.«
    »Der Herr war Offizier meines Oheims,« sagte der Kaiser ruhig, »Sie hörten
es selbst, lieber Graf; ich entbinde Sie aller Verantwortung und nehme diese auf
mich. Bleiben Sie im Nebenzimmer.«
    Der Minister entfernte sich schweigend, nicht ohne noch einen besorgten
Blick auf den Polen geworfen zu haben.
    Der Gebieter Frankreichs und der Sectionschef der revolutionairen Propaganda
waren allein. Erst nach einigen Augenblicken brach der Erstere das Schweigen.
    »Sie sind ein Mitglied der sogenannten Marianne oder vielmehr des Bundes der
Unsichtbaren?«
    Ein spöttisches Lächeln zuckte unter dem grauen Schnurrbart des Polen. -
»Euer Majestät sind gut unterrichtet durch den Baron Riepéra.«
    »Sie haben das unbedingte Versprechen Ihrer eigenen Sicherheit in der Hand.
Wollen Sie mir deshalb aufrichtig eine sonst gefährliche Frage beantworten?«
    »Ich erklärte mich schon bereit dazu - da es ohnehin wohl die letzte
Unterredung sein wird, mit der Euer Majestät mich beehren.«
    »Das wird von Ihnen abhängen,« bemerkte der Kaiser, ohne auf den Doppelsinn
zu achten. »Sagen Sie mir offen und ohne Besorgnis: wussten Sie um den heutigen
Mordanfall gegin mich?«
    »Ja, Sire!«
    »Also doch - ein politisches, wohlüberlegtes Attentat, nicht der Wahnsinn
eines Einzelnen! Das ist abscheulich!«
    »Sire - Sie sind uns im Wege - Sie haben sich aus unserer Stütze zu unserm
Herrn gemacht, Sie, der Republikaner auf dem Trone, sind der bitterste Feind
der socialen Republik geworden - Sie müssen sterben, Sire!«
    »Alter Tor! wissen Sie nicht, dass das Leben der Männer, die Gott auf einen
Tron gesetzt, vor allen andern unter seinem Schutz steht?«
    »Aber die Königsmörder, Sire, sind oft die Rächer in der Hand Gottes.«
    »Das ist Blasphemie! Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe, und
hinterbringen Sie es den Häuptern Ihrer Verbindung, wenn Sie nicht, wie ich
vermute, selbst eines - bitte,« unterbrach er sich, denn der Graf war dem
breiten Tisch einen Schritt näher getreten - »bleiben Sie an Ihrem Platz, ich
wünsche nicht eine allzu grosse Nähe. Also hören Sie oder berichten Sie Jenen
meinen festen Entschluss. Ich habe nicht Lust, meine Person politischen
Fanatikern oder Schurken länger zur Zielscheibe dienen zu lassen, weil ich ihren
Plänen unbequem geworden bin. Ich erkenne an, dass die revolutionaire Propaganda
so gut eine bestehende Macht ist, wie die legitimen Trone oder die Trone de
facto, mit der man unterhandeln kann. Möge sie daher England, Italien, Ungarn -
meinetwegen auch die Türkei zum Schauplatz ihrer Tätigkeit machen - ich werde
sie gewähren lassen und bewillige ihr ausdrücklich dies Feld. In Frankreich aber
dulde ich sie nicht mehr, in Frankreich bin ich Herr, ich allein! Ich habe sie
mit offenen Waffen bisher bekämpft, aber ich schwöre Ihnen, bei dem geringsten
Versuch von Meuchelmord, der noch ein Mal gegen mein Leben oder ein Leben der
Familie Napoleon gemacht wird, soll Cahenne ein Eldorado sein und ich will sie
verfolgen wie giftiges Gewürm bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel. Also
persönliche Sicherheit bei allem Prinzipienkampf, oder ein Vertilgungskrieg
auf's Äusserste!«
    Das Gesicht des Herrschers war dunkel geworden bei den heftigen
entschlossenen Worten - der alte Propagandist aber hatte ihnen anscheinend
unbewegt zugehört.
    »Jetzt, mein Herr,« fuhr der Kaiser fort, »ist der Zweck erledigt, wegen
dessen ich Sie hierher bemüht. Ich wollte sicher sein, dass meine Worte, mein
Entschluss zuverlässig zu den Leitern jener Bündnisse kämen, und benutzte den
Zufall, der mich Ihnen endlich wieder begegnen liess. Gehen Sie also zurück nach
England, woher Sie mit dem feigen Meuchler gekommen und wo Lord Palmerston Ihren
Freunden seinen Schutz gewährt. Sie haben mein Geleit und Niemand wird Ihre
Abreise hindern. Aber hüten Sie sich, zurückzukehren nach Frankreich, - um der
Erinnerungen von Somosierra willen wünsche ich dies, Herr Graf!«
    »Sire - ich komme nicht aus England!«
    »Woher sonst? - Diese Ermittelungen der Polizei« - er zeigte auf ein Papier
- »ergeben bereits, dass der Mörder ein Italiener, ein ehemaliger Genosse
Garribaldi's, aber vor acht Tagen aus England gekommen ist.«
    »Ich widerspreche dem nicht - ich jedoch, Sire - komme direkt aus Russland!«
    Der Kaiser fuhr empor. - »Aus Russland, sagen Sie? - das ist seltsam! - wäre
es möglich - - -?«
    »Sire - es wird Ihnen beweisen, dass Sie mit einigen Präsumtionen Unrecht
haben. Von wem Pianori ausgeschickt ist, mögen Ihre Gerichte ermitteln - wenn
sie es im Stande sind. Ich aber kann Ihren Auftrag an die Häupter der freien
Verbindungen nicht ausführen. - Ich lege den Schutz, den mir Ihr eigenhändiger
Befehl gewährt, in Ihre Hände zurück, - Sie werden mich auch nicht wiedersehen;
denn, Sire, es gibt noch einen andern wichtigeren Grund, weshalb - -« er legte
das Papier, das Graf Walewski ihm übergeben, auf den Tisch - plötzlich fuhr er
zurück - der entschlossene finstere Ausdruck des narbigen Gesichts verschwand in
einer unendlichen Angst - -
    Der Kaiser hatte sich halb erhoben und die Linke an die Feder der Glocke
gelegt, während die rechte Hand einen Gegenstand zwischen den Kissen der
Causeuse erfasste. - »Was beabsichtigen Sie, mein Herr? - hüten Sie sich!«
    »Halten Sie ein, Sire - um Gotteswillen - verzeihen Sie diese Indiscretion,
aber - ich sehe hier einen Namen - ich beschwöre Sie, wie kommt der Name dieses
Knaben in Ihr Cabinet?« - Er hatte ein Papier, auf das neben der Stelle, an
welche er jenes Blatt niedergelegt, zufällig sein Auge gefallen war, aufgerafft
und hielt es zitternd dem Kaiser hin - grosse Schweisstropfen brachen aus seiner
Stirn.
    »Es ist die letzte Liste der russischen Offiziere,« sagte dieser kalt, »die
in den nächtlichen Gefechten seit Wiederbeginn des Bombardements vor Ssewastopol
zu Gefangenen gemacht wurden. Interessirt es Sie, so lesen Sie immerhin.«
    »Sire« - der Greis taumelte nach der Lehne eines Sessels und stützte sich
darauf, noch immer das Papier fest in der Hand - »erlauben Sie - aber ich bin
ein alter Mann, und was mir eben begegnet, hat mich überwältigt.«
    Er unterlag sichtbar der höchsten Ausregung. Der Kaiser war freundlich näher
getreten und nötigte ihn zum Sitzen. - »Nehmen Sie Platz, Herr Graf! Vielleicht
haben Sie auf der Liste einen Ihnen bekannten Namen gefunden?«
    »Es ist der Name meines Enkels Michael Lasaroff - Fähnrich! - Sire - Sie
sagten vorhin mit Recht, Gott bewahre das Leben Derer, die er auf einen Tron
gesetzt! Der Name dieses Knaben hat Ihr Leben gerettet - denn in diesem
Augenblick schon hätte Frankreich keinen Herrn mehr gehabt!«
    Der so seltsam bedrohte Monarch konnte allerdings ein Gefühl des Schauders
und Widerwillens nicht unterdrücken, doch gewann er sogleich die Fassung wieder
und entgegnete: »Sie fiebern, Herr Graf - und schreiben sich eine Absicht zu, an
die ich zu Ihrer eigenen Ehre nicht glauben kann.«
    »Nein, Sire,« sagte mit festem Tone der alte Propagandist, »was ich sage,
ist Wahrheit; nicht die Beschlüsse der republikanischen Gesellschaften allein
drohten Ihnen den Tod - Ihr Leben war einem entschlossenen Manne notwendig, um
das Teuerste zu retten, was er besitzt. Ihr Tod hätte die Belagerung von
Ssewastopol beendet, auf dessen Wällen mein Enkel als Verteidiger stand. Gott
hat es anders gewollt; - als Gefangener der Franzosen ist sein Leben gesichert -
machen Sie also mit mir, was Sie wollen.«
    Der Kaiser ging einige Male in dem Cabinet auf und ab und schien einen
Entschluss zu überlegen. Dann blieb er vor dem Polen stehen und sagte: »Ich
brauche wohl kaum zu erwähnen, dass mein Wort giltig bleibt. Wollen Sie jetzt
meinen Auftrag an die Führer Ihrer Verbindungen ausrichten? - ich biete Ihnen
Leben für Leben.«
    »Wenn ich Euer Majestät recht verstehe,« sprach erschüttert der Greis, »so
bin ich überwunden. Gott hat zu mir gesprochen! Ich stehe Ihrer Verfügung, wie
ich einst der Soldat Ihres grossen Onkels war. Sie werden Nichts von mir fordern,
was nur ein Ripiéra leisten konnte.«
    »Ich bin damit einverstanden und freue mich dieses Resultats. Der Auftrag,
den ich Ihnen gegeben, muss von Ihnen persönlich ausgeführt werden, ich verlange
nicht zu wissen, wo und wie, aber die Sache selbst ist für mich zu wichtig.
Sobald dies geschehen, mögen Sie nach der Krimm abreisen, ich brauche eine
Person für die Ausrichtung von Aufträgen dort, die ich keinem Offizier meiner
Armee anvertrauen will. Eine offene Ordre wird Sie ermächtigen, über die weitere
Gefangenschaft und das Schicksal Ihres Enkels selbst zu verfügen.«
    »Sire, zählen Sie auf mich! - eine Festung für ihn, bis dieser Krieg zu Ende
ist!«
    »Arrangiren Sie das, ganz wie Sie wollen, Herr Graf. - Gehen Sie jetzt, denn
ich bedarf der Ruhe - ich behalte ein Pfand, dass ich Sie bald wiedersehe. Wenn
Sie eine geheime Audienz wünschen, so wenden Sie sich an meinen Kammerdiener
Andrée.«
    Er gab das Zeichen und der Minister, der mit Besorgnis es längst erwartet,
öffnete sogleich die Tür.
 
                                 II. Hochzeit!
Am 19. Mai hatte General Pelissier das Oberkommando der französischen Armee
übernommen - der Kaiser hatte seinen Kämpen zum Turnier gewählt.
    Die Stärke der verbündeten Truppen betrug zu dieser Zeit durch die
bedeutenden Nachsendungen aus Frankreich, die Ankunft des türkischen Corps unter
Omer Pascha und der Sardinier unter General La Marmora1: 174500 Mann, von denen
100000 allein auf die Franzosen kamen. Auch die Zahl der Russen in der Krimm war
auf c. 200000 Mann gewachsen, so dass fast eine halbe Million Krieger auf diesem
Fleck Erde einander gegenüberstand.
    Am 9. April hatten die Verbündeten ein zweites Bombardement auf die Festung
eröffnet, das, in Betracht seiner riesenhaften Vorbereitungen, einzig in der
Geschichte dasteht. Die Kosten des Vorbereitungs-Materials betrugen nicht
weniger als sieben Millionen Franken. Fünfhundertundacht Geschütze schweren
Kalibers - mindestens 32 pfündige und viele Bombenkanonen, die 100- und 200
pfündige Hohlkugeln warfen - bildeten die Armirung der Demontir-Batterieen von
der Quarantaine-Bucht bis zum östlichen Ende der Rhede. Vierzehn Tage dauerte
dieses furchtbare Feuer mit beinahe gleicher Heftigkeit - während des Tages die
Kanonade, während der Nacht das Bombardement - ununterbrochen fort und mehr als
zweimalhunderttausend Kugeln verschiedener Art wurden während dieser Zeit auf
Ssewastopol geschleudert.
    Dennoch hatte dieser entsetzliche Eisenhagel nicht den gehofften Erfolg.
Obschon die russischen Batterieen dem Feind nicht mit gleicher Heftigkeit
antworteten und durchschnittlich alle 24 Stunden 15-20 russische Geschütze
demontirt wurden, lieferten die ungeheuren Vorräte des Arsenals und die
Artillerie der versenkten Schiffe doch hinreichenden Ersatz und mit jedem Morgen
sahen die Verbündeten die jenseitigen Batterieen in demselben Zustand, wie vor
Beginn des Bombardements. Alles, was am Tage die feindlichen Geschosse zerstört
hatten, war in der Nacht, trotz des heftigen Bombenfeuers, wieder ausgebessert.
Keine der Festungs-Batterieen wurde zum Schweigen gebracht, wogegen dies
mehrfach mit englischen und französischen der Fall war. Schon am zweiten Tage
waren hier 50 Geschütze demontirt. Die Flotte - eingedenk der erhaltenen Lection
- hielt sich ausser dem Bereich der Seeforts. In der Festung machte jeder Tag des
Bombardements gegen 500 Mann kampfunfähig, die Verbündeten verloren etwas über
200.
    Während der nächtlichen Bombardements wüteten zugleich die Kämpfe um die
Logements fort.
    In der Nacht zum 2. Mai liess Pelissier, der damals noch den linken Flügel
der Belagerungsarbeiten kommandirte, die Redoute Schwarz und die Logements vor
der Bastion IV. und V. mit 10000 Mann stürmen; - die Logements wurden nach einem
grossen Verlust genommen, die Redoute Schwarz aber schlug den Angriff zurück.
    Die Belagerungsarbeiten waren somit nur wenig vorgeschritten, als Pelissier
- gleichgiltiger gegen Menschenleben, als je ein russischer Führer - den
Oberbefehl in Stelle Canrobert's erhielt, der, sorgsam und aufopfernd, doch
selbst fühlte, dass er zu einem solchen Kampf nicht die Energie und
Rücksichtslosigkeit besitze, welche allein den Sieg verschaffen konnte. Würdig
von seinem Posten als Oberbefehlshaber zurücktretend, bewies er den Mut und
Gehorsam des Soldaten, indem er sich das Kommando seiner frühern Division
zurückerbat.
    Der neue Oberkommandant ging sofort zum Sturm der Verteidigungslinien über.
Schon in der Nacht zum 22. Mai warf er auf die Linien der Contre-Approchen
zwischen der Quarantaine-Bucht und der Mastbastion drei starke Colonnen unter
General de Salles, denen Chrulef begegnete. Der blutige Kampf dauerte die ganze
Nacht ohne Resultat, beide Teile hatten weit über 2000 Todte und Verwundete. In
der nächsten Nacht erneuerte sich die Schlacht.
    General Pelissier richtete nun sein Augenmerk gegen die Schiffervorstadt und
ging mit seinen Approchen vor; - am 2. Juni waren die französischen Linien so
weit vorwärts gedrungen, dass die russischen Logements vor der Kamschatka-Lünette
geräumt werden mussten, weil das französische Feuer sie im Rücken fasste. -
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    Es war Abend; - in einem mittelgrossen Gemach des Erdgeschosses - der Fürst
und die Fürstin Oczakoff hatten bei der immer grössern Ueberfüllung der Lazarete
den bedeutendsten Teil ihres Hauses für Kranke und Verwundete eingerichtet, die
die Fürstin mit ihren grauen pflegte, - lag, auf einem wohlgeordneten Feldbett,
ein verwundeter französischer Offizier im unruhigen Schlummer. An seiner Seite
sass die Fürstin selbst, - während an der andern Wand zwei dunkle Gestalten sich
beschäftigten, Jussuf, der Mohr, und Nursädih seine Schwester.
    Der ehemalige Courier des Sultans und spätere Baschi-Bozuk war hager und
abgefallen; die Folgen der schweren Wunden, die er an der Felsenbrückc von
Schloss Aju erhalten, zeigten sich noch in seinem ganzen Äußern, obschon sechs
Monate seitdem verflossen. Nur sein gelbglänzendes Auge hatte den alten feurigen
Blick bewahrt, der jetzt oft mit dem Gefühl der Dankbarkeit die schöne Gestalt
der Fürstin suchte, deren Befehl und Güte ihn damals gerettet. Dann wieder
kehrte das Auge mit Zärtlichkeit zu seiner Schwester zurück, seine aufgeworfenen
Lippen öffneten sich zu einigen freundlichen Worten und er versuchte mit dem
etwa drei Monat alten Kinde zu spielen, das diese auf ihrem Schoss hielt. -
    Die ganze Liebe einer jungen Mutter lag in den Augen, mit denen Nursädih das
kleine Mädchen betrachtete, das seiner Farbe nach zum Mulattengeschlecht
gehörte, bei der edlern Gesichtsbildung der Mutter aber schon jetzt nur wenig
die Merkmale der schwarzen Race zeigte.
    »Klein Piccaninni sein artig Kind heute,« sagte der Schwarze, »wecken Signor
Offizier nicht auf, spielen hübsch mit schwarzen Onkel.«
    »O Jussuf,« flüsterte das Mädchen, »die Kleine ist so lieb und gut, als
verstände sie schon Alles, was ich ihr sage. Aber sieh', der französische Aga
erwacht und die Fürstin bedarf meiner: hier, nimm Du das Kind.«
    Der blut- und kampfgewöhnte Mann nahm den Säugling so zart und sorgfältig
auf, als sei er zur Wärterin geboren, und schaukelte ihn auf seinen Armen,
während Nursädih zu der Fürstin schlich.
    Diese beobachtete das Erwachen des Kranken mit grosser Teilnahme. Auf ihrer
leicht gebräunten Stirn lagen Zeichen trüben Sinnens und schweren Kummers, das
schöne Antlitz, das sich draussen im Pulverdampf der Schanzen und Redouten, im
Jammer der Lazarete nur heiler und tröstend zeigte, war hier düster und
gedankenvoll.
    Der kranke Offizier trug ihr wohlbekannte Züge - wohlbekannt aus einer
glücklichen freudenreichen Zeit ihres Lebens! - der bleiche Mann mit den hohlen
Augen, den feuchten an der Stirn klebenden Haaren war einst der Liebling der
pariser Salons, der kecke Roué am Spieltisch, im Ballsall und Boudoir, der
Tonangeber der Mode und der Vertraute der Chronique scandaleuse von ganz Paris,
aus dem Reiche der Coulissen, wie aus den Cabineten der Diplomaten: Alfred de
Sazé!
    Bei einer der kecken nächtlichen Streifereien der russischen Matrosen und
Jäger ausserhalb der Festung im Mai war der junge Reiteroffizier, der auch nach
der Abreise des Prinzen Napoleon vor Sebastopol zurückgeblieben war, auf einer
Feldwache aufgehoben und verwundet nach der Mastbastion gebracht worden, wo die
Fürstin sich am Morgen befand. Sie hatte ihn sofort erkannt und gebeten, den
Gefangenen in ihr Haus aufnehmen zu dürfen, das, wie erwähnt, bereits einer
Anzahl Verwundeter und Kranker zur Heilstätte diente. Die an und für sich nicht
gefährliche Wunde des lebenslustigen Marquis erregte jedoch bald ernste
Besorgnisse, da das verdorbene Blut des pariser Lebens, eine seltsame Aufregung
der Nerven, die ihn bald nach seiner Ankunft im Hause der Fürstin ergriff und
die Wirkung der eingetretenen Hitze seinen Zustand, trotz aller Sorgfalt,
verschlimmerte und fieberhafte Erscheinungen herbeiführte, die jenem furchtbaren
Uebel ähnelten, das jetzt die Lazarete entvölkerte, rascher als Kugel und
Bajonnet, und das der Schrecken der tapfersten Krieger war: dem Typhus.
    Der Sorgfalt des Arztes gelang es zwar, den Ausbruch zu unterdrücken, aber
der Tod hatte dabei auf andere Weise sich die Beute gesichert: der Brand hatte
die Kniewunde erfasst und der eitle Franzose verweigerte, sich das Bein abnehmen
zu lassen. Pirogoff selbst hatte ihn am Morgen besucht und sein Achselzucken
verkündet, dass auch das äusserste Mittel jetzt zu spät kommen würde.
    Der Kranke kannte vollkommen seine Lage; die Schmerzen hatten sich bereits
gelegt und sein leichter und doch männlich entschlossener Charakter trat wieder
stanz in den Vordergrund.
    Der kurze Schlaf, wenn auch fieberhaft, hatte ihn doch gekräftigt. Sein Auge
schien im Zimmer umherzusuchen und wandte sich dann auf die Fürstin. - »Wie
fühlen Sie sich nach dem Schlummer, Herr Marquis?« fragte ihn diese.
    »Parbleu, Durchlaucht, als letzte Vorbereitung zum ewigen ganz leidlich!
Doch - Sie haben sich selbst wieder bemüht, - wo ist meine treue Wärterin
Annuschka?«
    »Sie ruht einige Augenblicke - ich verlangte es von ihr, weil sie ganz
erschöpft war.«
    »Das ist kein Wunder; denn seit den fünfzehn Tagen, dass Ihre Güte mich hier
aufgenommen, hat sie mein Krankenlager kaum verlassen. - Es ist mir lieb,
Durchlaucht, dass ich allein mit Ihnen bin -: ich möchte Sie bitten, mir eine
kurze Unterredung zu gewähren.«
    »Das Sprechen wird Sie ermüden und angreifen,« sagte die Fürstin zögernd.
    »Was tut das? - eine Stunde eher oder später - ich habe so viele vergeudet
in meinem Leben, dass ich jetzt nicht geizen mag darum, wo es vielleicht das
Beste gilt, was ich im Leben getan habe.«
    »Soll ich unsere schwarze Freundin fortschicken?«
    »Nein, Fürstin, lassen sie Beide hier, wir werden sie ohnehin vielleicht
brauchen. - Ich verstehe zwar nicht Russisch, Durchlaucht, aber ich habe wohl
begriffen, was Ihr Doctor von heute Morgen gesagt.«
    »Beunruhigen Sie sich nicht, Ihr Leben liegt in der Hand des Allmächtigen.«
    »Beunruhigen? bah! Als ob das Leben derlei wert wäre! Ich weiss, ich muss
sterben, und werde kaum noch vierundzwanzig Stunden Ihrer Güte zur Last fallen;
das ist wenigstens eine Beruhigung auf den Weg.«
    »Freveln Sie nicht, Herr von Sazé. Es sollte mich tief schmerzen, wenn
irgend Etwas Ihnen gezeigt hätte, dass Sie, wenn auch unser Feind, uns zur Last
gewesen sind. O! warum haben Sie nicht unseren Bitten und dem Rat der Aerzte
nachgegeben und sich einer Operation unterworfen, die sicher Ihr Leben gerettet
hätte!«
    »Nein, Fürstin, das können Sie mir nicht im Ernst zum Vorwurf machen! Ja,
wenn es noch ein Arm gewesen wäre, - ein leerer Aermel an der Brust ziert besser
wie zwei Ordenskreuze und hindert nicht! - Aber denken Sie sich selbst, Alfred
de Sazé an einem Krückenstock, auf einem Korkbein - Valga me Dios! ich möchte
lachen, wenn ich mir die komische Figur in den Salons des Faubourg St. Germain
oder auch nur bei Herrn Miré oder in den Tuilerieen denke. Es wäre ein allzu
teurer Handel, ein Bein von gutem Blut für einen Napoleon!«
    »Sie sollten ernstere Gedanken suchen und an Gottes Gnade denken, Herr. Ich
bedaure, dass wir keinen Priester Ihrer Confession in Ssewastopol haben, aber
auch einer der unsern könnte Ihnen ein nützlicher Freund sein.«
    »O, meine Durchlaucht, ich bitte Sie - nicht so strenge. Ich beschäftige
mich wahrhaftig schon seit heute Morgen mit sehr ernsten Dingen, bei denen ich
ohnehin die Hilfe Ihres Popen in Anspruch nehmen muss. Wissen Sie, Fürstin, ich
habe so ziemlich Alles erfahren auf der Welt, bis auf Eines: wie einem Ehemann
zu Mute ist. Und dies Vergnügen will ich mir noch vor meinen Ende bereiten, -
ich will heiraten!«
    Die Fürstin wandte sich unwillig von dem Spötter ab und wollte sich erheben.
Seine Hand legte sich leise auf ihren Arm, und als sie auf ihn schaute, sah sie
einen schmerzlich ernsten Ausdruck in seinen Augen mit dem frivolen Lächeln
seines Mundes kämpfen.
    »Bleiben Sie, Fürstin,« bat der Kranke; »was ich Ihnen gesagt, klingt nur
wie übermütiger Frevel. O, fürchten Sie nicht, dass ein halbtodter Roué, wie
ich, seine Blicke zu der Rose der Krimm erheben will - ich ehre die Rechte
meines Freundes Méricourt, der für den Verlust eines Beines vielleicht gern an
diesem Platz läge. Meine Absichten sind bescheidener und richten sich auf
Mademoiselle Annuschka, Ihre Dienerin!«
    »Sie reden irre, Herr von Sazé! Annuschka ist meine Freundin, meine
Schwester, aber -«
    »Hören Sie mich aus, Durchlaucht,« sagte der Kranke und seine Stimme klang
jetzt ernst und sanft, ein gewisser feierlicher Ausdruck hatte sich über sein
Gesicht verbreitet. »Bei meiner Ehre, ich rede die Wahrheit! In Ihre Brust lege
ich ein Geheimnis nieder, was die meine erleichtern möge in jener Stunde, vor
der wir Alle zagen, wie stark wir auch die Furcht uns wegzuspotten bemühen.
Erinnern Sie sich wohl des besondern Eindrucks, welchen Annuschka's erster
Anblick auf mich machte, als ich in Ihr Haus gebracht worden?«
    »Genau, Herr Marquis!«
    »Von dem Fürsten erfuhr ich auf hingeworfene Fragen, dass Annuschka einen
Bruder hat, dem sie gleichfalls sehr ähnlich ist. Er war der Diener des Ihren,
und ich erinnere mich jetzt, in Paris in Ihrem Hotel ihn gesehen zu haben.«
    »Er verliess uns nie.«
    »Und dennoch ist, wie der Fürst mir, ohne näher darauf einzugehen,
mitteilte, dieser Mann, der nach Ihrer raschen Abreise in Paris zurückblieb,
dort spurlos verschwunden?«
    »So ist es!«
    »Ich beabsichtigte, dem Fürsten, Ihrem Bruder, mein Geheimnis mitzuteilen,«
fuhr der Kranke fort, »aber sein Dienst hat ihn, wie Sie mir sagten, nach der
andern Seite der Stadt geführt und hält ihn dort fest. Es bleibt mir keine Zeit,
seine Rückkehr zu erwarten, und ich musste mich an Sie wenden. Sie halten jenen
Mann - Annuschka's Bruder - für todt?«
    »Wir sind überzeugt davon - seine Treue ist zuverlässig und wir hätten
sicher von ihm gehört.«
    »Er ist es!«
    »Wie, Herr von Sazé, Sie kennen das Schicksal Wassili's? Sie wissen von
ihm?«
    »Ich bin leider überzeugt - diese Hand brachte ihm den Tod, wenn auch
unabsichtlich.«
    Die Dame schauderte zurück. Schrecken, Angst und Aufregung spiegelten sich
auf ihrem schönen Gesicht. Der Kranke sah, wie sie mit Gewalt nach Fassung rang,
bis sie endlich die Worte hervorstiess: »Um Gotteswillen, Herr, ich beschwöre
Sie, reden Sie - erzählen Sie mir Alles!«
    »Das ist meine Absicht, Fürstin, und mag zugleich meine Rechtfertigung sein
- wenn die Tat sich entschuldigen lässt!«
    Die Fürstin winkte ihm, fortzufahren.
    »An einem Abend des März im vorigen Frühjahr verfolgte mich am Quai des
Cours la Reine ein ziemlich derangirt aussehender Unbekannter und fiel mich
plötzlich wie ein wütendes Tier an unter Ausrufungen und Beschuldigungen, die
mir gänzlich unverständlich waren und zum Teil noch Rätsel sind. Ich sollte
ihm Rechenschaft geben über seinen Gebieter, ich sei sein Mörder und dergleichen
mehr. Das Gesicht war mir nicht ganz unbekannt, doch so verwildert, dass ich mich
auch später nicht darauf erinnern konnte. Ich stiess ihn von mir, mich von ihm
losreissend, und der Unglückliche taumelte so heftig gegen das Gitter des
Flusses, dass er darüber hinweg und in den Fluss schlug, wo er sich am Eisenwerk
eines Seineschiffes den Kopf zerschmetterte. Als man ihn an's Ufer trug, war er
bereits todt.«
    »Und es war Wassili?«
    »Ich wusste es nicht, bis ich verwundet hierher kam. Ich hörte am Tage
darauf, dass die Polizei in dem Verunglückten einen russischen Spion entdeckt,
doch nicht den Namen. Aber obgleich ich absichtslos und nur in der Abwehr den
Tod des Mannes veranlasst und mehr als einen traurigen Duellausgang verschuldet
hatte, konnte ich mich hier doch nicht über den Tod des Fremden beruhigen und
sein düstres Bild schwebte lange vor meiner Seele und störte meinen Schlaf.«
    Die Fürstin weinte leise vor sich hin. - »Armer Wassili - bis zum Tode
getreu!«
    »Die Ursach' des Anfalls und seine Worte sind mir, wie gesagt, noch ein
Rätsel. Ich kann sie selbst nicht einmal auf jenes Duell beuten, denn der
Diener Ihres Bruders wusste doch zweifelsohne, dass es nicht stattgefunden und
sein damaliger Herr unversehrt in Russland sich befand. Ich trat, um der
langwierigen Civiluntersuchung über jenen Vorfall und der unangenehmen
Erinnerung zu entgehen, in die Armee, und erst die Erscheinung Annuschka's
lehrte mich, jenem traurigen und mich immer noch bedrückenden Bilde eine
bestimmte Form zu geben.«
    »Es war Gottes Schickung - selbst die Schwester wird Ihnen die Tat nicht
zurechnen.«
    »Dennoch liegt sie mir schwer auf der Seele, und wenn Sie einem Sterbenden
den bösen Augenblick erleichtern wollen, Fürstin, so helfen Sie ihm, an der
Schwester zu vergüten, was er am Bruder verbrochen. Ich lebte früher in den Tag
hinein und hatte mein Vermögen genossen - ich nenne es genossen, so dass mein
Testament mir gerade kein grosses Kopfzerbrechen gemacht haben würde. Das
Schicksal aber hat mir eine Malice gespielt; denn vor etwa sechs Wochen erhielt
der verarmte Marquis, der seit dem letzten Arrangement mit seinen Gläubigern
keine Aussicht mehr hatte, als sein Offizier-Patent, die amtliche Nachricht, dass
er ein reicher Mann geworden. Ein entfernter Verwandter, dessen Namen ich kaum
gehört, ein Plantagenbesitzer auf Martinique, dem seine ganze Familie das gelbe
Fieber zum Jenseits befördert, hat die Albernheit gehabt, mich zum Erben zu
machen, und der Capitain de Sazé würde in Paris fünfzehnhunderttausend Franken
deponirt finden, wenn er nicht so töricht gewesen wäre, sich vor Ssewastopol
das Bein zerschmettern zu lassen.«
    »Gott kann noch Alles wenden!«
    »Nein, Fürstin, Er hat mehr zu tun, als sich mit einem leichtfertigen
Toren zu beschäftigen. Dass Er aber ist, dass Er die zahllosen Fäden dieses
wirren Durcheinander, das wir Leben nennen, dennoch in Seiner Hand leitet,« fuhr
der Kranke wieder mit ernsterem, fast feierlichem Tone fort, »das zeigt mir die
Fügung, welche meine letzten Stunden durch die Sorge gerade des Mädchens
erleichterte, deren Bruder ich erschlug. Mein Wunsch und mein Wille ist, bis auf
einige Legate, ihr das Vermögen, das mir der Zufall so rechtzeitig in den Schoss
geworfen, zu hinterlassen. Dazu bitte ich Sie, mir behilflich zu sein. Das blosse
Niederschreiben meiner letzten Verfügungen würde jedoch kaum dazu genügen und
sie jedenfalls in eine Menge Weitläufigkeiten verwickeln. Kein französischer
Gerichtshof aber wird der Marquise de Sazé das ihr bestimmte Erbe streitig
machen!«
    Er schwieg erschöpft; die lange Unterredung begann ihn offenbar fieberhaft
zu erregen, wie sein Auge zeigte. Dennoch hielt es die junge Fürstin für
Pflicht, zu erwidern: »Annuschka ist mit ihrer Lebensstellung zufrieden. Sie
wird unter keiner Bedingung dem - der ihren geliebten, zärtlich betrauerten
Bruder getödtet, ihre Hand reichen wollen.«
    »Aber sie braucht es nicht zu wissen, warum sollte sie es je erfahren?«
sagte der Offizier dringend. »Wollen Sie einem Mann, der Vieles gut zu machen,
den leichten Trost durch eine unnütze Bedenklichkeit verkümmern? Sie wissen so
gut wie ich, dass diese Ehe Schein, und ehe vielleicht der morgende Tag anbricht,
sie Wittwe ist.«
    »Ich weiss nicht, wie ich sie zu dem eiligen Schritt bewegen soll.«
    »Der Tod, Fürstin, gestattet keine lange Bedenkzeit, das wird auch sie
begreifen. Sagen Sie ihr, dass ich für ihre sorgsame Pflege auf diese Weise ihr
danken wolle, dass es meinen Tod erleichtern werde und« - um seine blassen Lippen
schwebte wieder das leichte spöttische Lächeln des Lebemannes, der so manches
Frauenherz an sich gefesselt - »ich glaube, sie wird sich nicht weigern, Alfred
de Sazé's Gattin zu werden.«
    Er lehnte sich zurück in die Kissen; die Fürstin empfand, dass sie kein Recht
habe, eine Sühne zurückzuweisen, die ihrer Milchschwester und treuen Gefährtin
vielleicht eine glänzende Zukunft bereiten konnte. Sie erhob sich und sprach:
»Ich gehe, um die Erfüllung Ihres Wunsches zu versuchen, Herr Marquis. Annuschka
wird nicht erfahren, wessen Hand ihren Bruder getödtet, bis - Doch sagen Sie mir
das Eine noch, wann geschah die unglückliche Tat?«
    »Ich erinnere mich des Tages ganz genau, Fürstin; es war am Abend des 26.
März. Ihre Landsmännin, die Bagdanoff2, hatte in der Oper getanzt und ich war
zum ersten Male dort wieder mit Méricourt zusammengetroffen nach seiner Rückkehr
von Algier. Ich gedenke deutlich des Abends und selbst unsers Gesprächs - es
handelte sogar von Ihnen und Ihrem Bruder und er erzählte mir zuerst von dem
seltsamen Spiel der Natur, die einem armen Marketenderburschen eine wirklich
seltsame Aehnlichkeit mit Ihrem Bruder gegeben.«
    Die Fürstin war stehen geblieben und hatte sich lebhaft zu ihm gewandt;
fliegende Röte übergoss ihr Gesicht. - »Meinem Bruder Iwan gleich? ich bitte
Sie, wer? wo?«
    »Ein armer Verrückter oder Schwachsinniger. Der Vicomte traf ihn zuerst bei
dem Einschiffen der Truppen in Marseille. Ich selbst sah ihn in Varna und muss
gestehen, dass diese enorme Aehnlichkeit mich wirklich anfangs erschreckte.«
    Die Fürstin presste die Hand auf die heftig wogende Brust, auf ihrem Antlitz
wechselte mehrfach die Farbe, während ihr Mund fast keuchend stammelte: »Und
lebt - der Mann noch? Wo ist er? Haben Sie Näheres über ihn erfahren? Erzählen
Sie mir Alles, es - es wird Iwan so sehr interessiren, von seinem Ebenbilb zu
hören!«
    »Er gehört zur Cantine der Marketenderin Nini Bourdon vom dritten
Zuaven-Regiment, bei dem Méricourt steht. Die niedliche Kleine sorgt wie eine
Mutter oder eine Geliebte für den verrückten Burschen, den sie für ihren
Verwandten ausgibt. Ich versuchte selbst mehrmals, ihn auszuholen, indes er ist
toll wie ein Märzhase, wenn auch ganz unschädlich, und folgsam wie ein Kind, und
die stehende Antwort, die man höchstens von ihm erlangt, ist die confuse Rede:
Eilf Uhr! der Zug geht ab!«
    Iwanowna Oczakoff hatte sich von dem Erzähler abgewandt, ihr Gesicht ihm
verbergend. Mehrere Minuten stand sie so da, ihr ganzes Wesen schien dadurch
heftig erschüttert, so dass es selbst dem Kranken auffiel und er danach fragte.
Erst dann schien sie ihre Fassung zurückzuerhalten und mit tiefbewegter Stimme
sprach sie. »Ich glaube, Sie hatten Recht vorhin, Herr Marquis, als Sie sagten,
die Hand des allmächtigen Gottes habe Sie auf dies Schmerzenslager und gerade in
dies Haus geführt. Ich erkenne seinen Willen und gehe, mit Annuschka zu
sprechen. Jussuf wird einen würdigen Geistlichen, den ich kenne, hierher führen,
seine Schwester aber unterdess bei Ihnen bleiben.«
    Sie ging und hiess den Mohren, ihr folgen, währen Nursädih, die junge
schwarze Mutter, auf die Bitte des Kranken ein Schreibpult vor ihn legte und ihm
behilflich war.
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    Eine Stunde darauf hatte sich die Scene in dem Zimmer, das bald der
Schauplatz jenes geheimnisvollen Scheidens von Seele und Körper sein sollte, ein
Wenig geändert. Neben dem Bett des französischen Offiziers sass in einfachem
schwarzem Kleide, den kleinen Myrtenzweig im Haar, der unter dem Donner der
Schlachten fortgegrünt auf dem heimatlichen Boden, und von dem weissen Schleier
halb verdeckt das bleiche Mädchen, das bald zur jungfräulichen Frau werden
sollte, die Hand des Kranken mit halb scheuem, halb zärtlichem Blick in der
ihren; denn das scharfe Auge des Franzosen hatte sich nicht getäuscht und es
weniger Ueberredung der Fürstin bedurft, als diese gefürchtet. Die Herrin selbst
ging unruhig im Zimmer auf und ab, während schweigend und achtungsvoll ein
französischer Corporal, gleichfalls Gefangener, den in der Heilung begriffenen
linken Arm in der Binde, in der Nähe Nursädih's an der Tür sass.
    Diese öffnete sich jetzt und Jussuf führte einen ehrwürdig aussehenden Mann
in der Kleidung der russischen Geistlichkeit herein. Seine Rechte hielt in einem
Körbchen die heiligen Gefässe, während er auf dem andern Arm ein kleines Kind von
etwa andertalb Jahren trug.
    Die Fürstin eilte ihm entgegen. - - »Nehmen Sie unsern Dank, ehrwürdiger
Vater Vasili Polatnikow, dass Sie unserer Bitte gefolgt sind, und geben Sie uns
Ihren Segen.«
    Der Pope, die heiligen Gefässe niederstellend, machte das Zeichen des Kreuzes
über ihre Stirn. - »Der Segen des Herrn ist bei Dir und den Deinen, o, meine
Tochter, denn Dein Herz gehört ihm, und wer tut wie Du, ist der Fürsprache der
Heiligen sicher.« - Er sah umher, wohin er das Kind auf seinem Arm, einen
muntern Knaben, setzen könne, als Annuschka zu ihm trat und ihn bat, es ihr zu
geben. - »Es ist eine Waise,« erzählte der Priester auf einen fragenden Blick
der Fürstin, »auf dem Meere geboren, inmitten von Kampf und Tod. Die griechische
Mutter zahlte sein Leben mit dem ihren und übergab den Knaben sterbend meiner
Sorge. Er hat keinen Verwandten mehr, da auch sein Oheim, einer der Capitani's
des Fürsten Morosini, beim grossen Ausfall des Generals Chruleff gefallen ist.«
    »Aber warum lassen Sie das Kind nicht bei Ihrer Familie, hochwürdiger
Vater?«
    Der ehemalige Kaplan des »Wladimir« beugte in schmerzlicher Ergebung das
Haupt. - »Der Herr,« sprach er traurig, »hat auch mich schwer heimgesucht, wie
ganz Russland - mein Weib und meine beiden Töchter sind die Opfer der Seuche
innerhalb dreier Tage geworden und mein Haus ist öd' und verlassen. Dieses Kind
hat Niemand als mich, der für sein zartes Alter Sorge trägt.«
    »O, so lassen Sie es mir,« sagte die junge Braut rasch und errötend,
»lassen Sie mich dafür sorgen und so die Mutterpflichten erfüllen. Wir wollen es
pflegen und warten in diesen Schreckenstagen, bis Gott über uns anders
bestimmt.«
    »Annuschka tut Recht, ehrwürdiger Vater,« sprach die Fürstin, »und ich
vereine meine Bitte mit der ihren. Wie konnten Sie auch uns in Ihrer Not
vergessen! Gott gebe den Ihren Frieden und Ihnen ein seliges Wiedersehen -
dieses Kind des Unglücks aber gehört hinfort unserer Sorge.«
    Sie fasste die Hand des Geistlichen und führte ihn zu dem Lager des Kranken,
ihn von der heiligen Pflicht unterrichtend, die man von ihm verlangte, und von
dem Zustande des Offiziers, der zugleich eines zweiten, noch feierlicheren
Sakramentes bedürftig sei. Der Geistliche verstand so viel Französisch, um
einige Fragen an den Kranken über die Handlung zu richten, der er die kirchliche
Weihe erteilen sollte, und während er einen Tisch zum Altar improvisirte,
winkte der Offizier den Anwesenden, näher zu treten.
    »Ich bitte Sie, Kamerad,« sagte er zu dem gefangenen Corporal, »wenn Sie
ausgewechselt werden und unser Frankreich wiedersehen, stets zu bezeugen, dass
diese Heirat von mir im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte und nach
reiflicher Ueberlegung geschlossen ist. Dieses Papier, Durchlaucht, das ich in
Ihre Hände lege, entält meinen letzten Willen. Er sichert meiner Gattin mein
sämtliches Vermögen - mit Ausnahme einer Summe in Gold und Wechseln, die mir von
Paris mit der Nachricht des Erbes in's Lager übermacht wurde und die ich - jener
Frau bestimmt habe, welche - ich im November aus Ihrem Schloss Aju davon führte.
Madame Celeste wird sich trösten in deren Besitz! Haben Sie die Güte, durch
Ihren Bruder mit dem nächsten Parlamentair diese Schrift und die begleitenden
Zeilen an den Vicomte von Méricourt in's französische Lager zu senden, ich habe
ihn zum Vollstrecker meines Willens ernannt und weiss, dass er ihn erfüllen wird.
Und jetzt bitte ich Sie - lassen Sie die Ceremonie beginnen, ehe es zu spät
wird.«
    Der Priester trat mit dem heiligen Buch vor den Altar, während Annuschka
weinend an der Seite des Bettes knieete. Die Fürstin und der Corporal bildeten
die Zeugen der traurigen Ceremonie, während die schwarzen Geschwister mit den
Kindern ehrerbietig zurückstehend ihr beiwohnten. Leise und feierlich klangen
die Worte der Weihe durch das Gemach, mir von dem Rollen des Donners
unterbrochen, der von den Wällen der bedrängten Stadt dem Feuer des Feindes
antwortete. Als der Priester die Ceremonie des griechischen Ritus geendet und
die beiden Ringe, welche die Fürstin ihm reichte, dem Paar angesteckt, erhob er
seine Stimme im Gebet zu dem Allmächtigen, seinen Beistand zu erflehen für die
letzte schwere Stunde des Mannes, der so eben jene feierte, die sonst des Lebens
süsseste ist. Alle umher lagen auf den Knieen, selbst der Mohr mit seinem
fatalistischen Glauben vom Sterben fühlte die heilige Bedeutung und wandte sein
Haupt gen Mekka, und er, den das Gebet am meisten berührte, er selbst, der dem
Tode Geweihte, fühlte das Gebet mit, dessen Worte er nicht verstand.
    Er war der Erste, der wieder das Wort nahm und die Fürstin und den Popen
ersuchte, zur Stelle das Dokument über die vollzogene Trauung auszufertigen, das
Iwanowna versprach, von dem Gouverneur, General von Osten-Sacken, selbst
verifiziren zu lassen. Dann bat er, ihn der Pflege seiner nunmehrigen Gattin für
eine Stunde allein zu überlassen. -
    Der ehrwürdige Geistliche des »Wladimir« schied, von der Fürstin bis zur
Tür begleitet, um an dem Schmerzenslager seiner tapfern Landsleute die heiligen
Pflichten des Trösters zu üben, indem er versprach, am Abend nochmals
zurückzukehren, und empfahl das Kind ihrem Schutz.
    Er sollte es nicht wiedersehen! In der Nähe der Wladimir-Katedrale, als er
das Marine-Lazaret verlassen und die Brücke über den Kriegshafen passirt hatte,
traf ein Stein sein Haupt, den eine fallende Bombe von dem Gewölbe des Doms
schmetterte. Soldaten trugen ihn an die Stufen des Altars, wo er den Geist
aufgab.
    Für selben Zeit eilten die Fürstin Oczakoff und ihre Diener, durch den
Hilferuf Annuschka's herbeigelockt, in das Gemach, in dem die Braut bei dem
Gatten zurückgeblieben. Annuschka hatte die Tür aufgerissen, ihr Auge blickte
verstört und erregt, der Kranz war von den fliegenden blonden Zöpfen gefallen,
ihr einfacher Putz derangirt, und schluchzend rang sie die Hände; - auf dem
Feldbett aber lag, in der geschlossenen Hand noch den Brautschleier der jungen
Gattin zusammenkrampfend, der Lion der pariser Salons, der Mann der Mode und des
Genusses, mit all' den traurigen und edlen Seiten des französischen Charakters
begabt - Alfred de Sazé - starr und todt.
 
                                    Fussnoten
1 Am 12. Mai.
2 Seite 378 des zweiten Bandes hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen, es muss
dieser Name stehen statt »Yella«.
                                                                            D.V.
 
                               III. Dai Bosche1!
Wir haben bereits angeführt, dass mit dem Wechsel des Oberkommando's der
französischen Armee auch eine andere Stellung der Truppen eingetreten war und
die Franzosen ihre Hauptstärke jetzt wider die linke Flanke der Festung, gegen
die Schiffervorstadt und die dieselbe verteidigenden ältern und neuern Werke
richteten. Hier stand das Corps Bosquet mit den Divisionen Canrobert, Camou,
Mayran, Dülac und Brünet, noch immer die Verschanzungen auf dem Sapunberg, als
den Hauptalt seiner Stellung, bewahrend. Auf dem rechten Flügel, an die
Tschernaja lehnend, befand sich jetzt die sardinische Division Durando mit einem
englischen Husaren- und Ulanen-Regiment. Den Zwischenraum nahmen drei türkische
Divisionen Omer-Pascha's ein.
    Am Abhang des Sapunberges, wo derselbe sich gegen den Dokowoga und
Kilengrund senkt, stand das Lager des ersten und dritten Zuaven-Regiments.
Mitten zwischen den Zelten und Baracken, mit den seltsamsten Ausstasfirungen,
erhob sich auf einem freien Vorsprung eine grosse und mit besonderer Sorgfalt
erbaute Cantine, die offenbar mehrere geräumige Abteilungen hatte, und um
welche schon während des ganzen Vormittags ein überaus reger Verkehr geherrscht
hatte. Es war die Marketenderbude des ersten Bataillons des dritten
Zuaven-Regiments, die Cantine Nini Bourdon's, durch die Unterstützung des
Vicomte auf das Stattlichste hergerichtet und der Hauptsammelplatz der ganzen
umlagernden Truppen.
    Ein buntes Bild und Leben entfaltete sich vor und in dem halb aus Linnen und
Segeltuch, halb aus festem Holzwerk gebildeten Bauwerk. Das Genie der in allen
Sätteln gerechten und in allen Künsten erfahrenen, berühmten und berüchtigten
Soldaten Algerien's hatte sich offenbar auf's Höchste abgemüht, hier etwas ganz
Ausserordentliches zu leisten. Ueber dem breiten, mit einer seht
zurückgeschlagenen Leinwandgardine decorirten Eingang der Cantine wehte die
Fahne des Regiments, denn Oberst Maurelhan-Polkes hatte in einer angebauten
Baracke sein Quartier genommen. Trophäen von russischen Waffen, von den
Schlachtfeldern erbeutet, alte Fessbinden der Zuaven und ein grosser ausgestopfter
Adler, den ein geschickter Schütze aus den Lüften geholt, schmückten ausserdem
das Portal, dessen gloriose Schönheit bei alledem in Gefahr war, in Schatten
gestellt zu werden durch einen höchst seltsamen Nebenbau. Es war dies ein etwa
funfzehn Schritt breites und einige Fuss über dem Erdboden erhöhtes Gerüst, vorn
einen viereckigen, von Laubwerk, bemalten Brettern und alten Tapeten und
Teppichen gebildeten Rahmen zeigend, der durch eine Art Vorhang geschlossen war.
An einer hohen mit verschiedenen Flaggen gezierten Stange schwebte darüber her
ein grosses Plakat mit der Inschrift: »Téâtre national des Zouaves de Sa Majesté
l'empereur Napoléon III. et du Général Bosquet.« Ein geschriebener Zettel, am
Vorhang angeheftet, verkündete, dass mit Höchster Genehmigung seiner Excellenz
des Generalissimus die Zuaven des ersten und dritten Regiments die Ehre haben
würden, nach dem Diner aufzuführen das berühmte und beliebte Vaudeville: »Le
retour de Crimée« mit nachfolgenden kosackischen und spanischen Nationaltänzen.
Alles gegen beliebiges Entree zum Besten der Verwundeten in den
constantinopolitanischen Lazareten.
    Ein Halbkreis von roh gezimmerten Tischen und Bänken umgab den Eingang der
Cantine und das weislich daneben gebaute Teater, so das Auditorium der höheren
Ränge bildend, während für die untern Grade des sehr gemischten Publikums eine
Reihe den Erdgräben vor dem Teater gezogen waren, in denen die Zuschauer nach
Lust und Belieben in hundert verschiedenen Stellungen auf den Querdämmen sassen
und lagerten, gleich im Parquet eines Teatersaal. In der Zeit, wo die
dramatischen Talente der Zuaven noch nicht beschäftigt waren, dienten Tische und
Bänke, wie gegenwärtig, zum gewöhnlichen Versammlungsort und nicht selten waren
selbst kommandirende Generäle die Gäste der hübschen Nini.
    Eine bunte Menge füllte jetzt jeden Platz innerhalb und ausserhalb der
Baracken, vorherrschend freilich die Zuaven mit dem kecken, selbstbewussten
Aplomb, der unvergleichlichen Negligence ihrer Haltung, den Fess auf einem Ohr,
die Hände in den Taschen, teils umherschlendernd, teils in Gruppen trinkend,
spielend, fluchend, prahlend, lockend oder auf hunderterlei Weise beschäftigt.
Dazwischen alle Uniformen der französischen Armee und Flotte, die algierischen
Scharfschützen, die Mariniers, die kecken kleinen, prahlerischen Voltigeurs, die
Husaren und Dragoner von d'Allonville's Division, welche zwischen dem Sapunberg
und Balaclawa lagerte, einzelne schwere Kürassiere, Matrosen, Schiffsoffiziere
und Artilleristen; daneben neugierig und demütig, von den Franzosen verlacht
und bewirtet, einige Türken oder in ihre Burnusse und Kopftücher trotz der
Hitze gehüllte Araber - bekannte Erscheinungen für diese tapfern, in der Sonne
Afrika's gebräunten Truppen. Ein schwer betrunkener englischer Matrose, der auf
dem irgend wo zu einem Spazierritt während seines Ruhetags ohne Willen des
Eigentümers entlehnten Maultier hin und her schwankte, wie eine Fregatte im
Sturm, und sorgsam von zwei Soldaten im Sattel gehalten wurde, während ein
Dritter den Zügel führte und in dem Jargon, das sich zwischen beiden Armeen
gebildet, dem Bruder Teerjack von den Freuden erzählte, die ihn bei der
Teatervorstellung erwarteten, gegen die jede Aufführung in Drurylane oder
Coventgarden Schund sei; um den Stamm eines verkrüppelten Feigenbaumes
versammelt eine Gruppe von Offizieren, die dort angeheftete englische
Ankündigung eines grossen Wett- und Jagdrennens studirend; eine grosse Zahl von
Gesindel, wie sie jedes Lager mit sich bringt, Handelsleute, Tataren, Hausirer
aller Art: - das Alles lagerte und bewegte sich in bunten Gruppen umher.
    Durch den offenen Eingang zur grossen gleichfalls mit Tischen besetzten
vordern Abteilung der Cantine sah man die Demoiselle de Comptoir in ihrem
kleinen mit vieler Zierlichkeit arrangirten Bureau; aber die schlanke,
junonische Gestalt, das Cendré des Haares, das mattgefärbte schöne Gesicht mit
dem Auge voll Genusssucht und Eitelkeit gehörte nicht der Herrin der Cantine
selbst, der zierlichen, gewandten Nini an, sondern Celesten, der ehemalien
Lorette, der Bojarenfrau, der Maitresse des Russen Wassilkowitsch! Das Schicksal
hatte eigentümlich mit den beiden Freundinnen gespielt, seit wir ihnen an jenem
verhängnisvollen Märzabend in der rue de St. Josef begegnet sind.
    Nini selbst war in den zwei Jahren eine Andere geworden. Ihre noch immer
zierliche Gestalt schien doch kräftiger und bedeutender, das kindlich frohe
Wesen hatte sich mit einer festern Haltung gepaart, das Leben mit seinen Sorgen
hatte offenbar ihre Erziehung geleitet und ohne der Naivetät ihres Characters zu
schaden, doch eine grössere Sicherheit im Handeln und Auftreten herbeigeführt.
Beweglich gleich einem hüpfenden Vögelchen war sie bald hier, bald dort, die
zahlreichen Gäste bedienen helfend, oder mit All' und Jedem plaudernd und ein
Scherzwort oder eine flüchtige Erzählung wechselnd - bald wieder in der Küche
der Restauration, wo eine ältere Marketenderin, deren sich mehrere des Regiments
dem jungen Mädchen willig angeschlossen und untergeordnet hatten, die Aufsicht
führte. Zwei Zuaven verwerteten hier die Früchte ihrer culinarischen
Jugenderziehung, der sie entlaufen, zum Besten des Allgemeinen, indem sie von
den Erträgen des merkwürdigen, freilich äusserst nahe an Spitzbüberei gränzenden
Fouragirtalents und den eigenen Vorräten der Cantine eine Speisekarte à la
Véfour zurichteten. Die kokette Marketendertracht in den Farben des Regiments,
blau, rot und grün, stand dem Mädchen allerliebst, wie sie so zierlich zwischen
den Tischen umher eilte und dabei doch Zeit behielt, ihre liebevolle
Aufmerksamkeit zwei Personen besonders zu widmen, zwischen denen sich ihr Herz
zu teilen schien.
    Die Eine war ein kräftiger, kühn ausschauender Corporal von etwa
fünfundzwanzig Jahren, das männlich freie und hübsche Gesicht von langem,
dunklem Bart umschattet, auf der Brust die Medaille, der mit mehreren Kameraden
an einem Tisch ausserhalb der Cantine sass und häufig, wenn er sich unbemerkt
glaubte, einen finstern, halb spöttischen Blick nach dem improvisirten Comptoir
und seiner schönen Inhaberin warf, die von einem Schwarm jüngerer und älterer
Offiziere umgeben war, mit denen sie sich nachlässig unterhielt. Es war François
Bourdon, der Bruder der kleinen Marketenderin.
    Die zweite Person, welche die besondere Fürsorge Nini's genoss, war der
bleiche, geistesschwache Bursche, dessen merkwürdige Aehnlichkeit mit dem jungen
russischen Fürsten schon so vielen Personen aufgefallen war. Still und
teilnahmlos schlich er zwischen den Gästen umher, von denen die meisten mit ihm
bekannt schienen, und verrichtete eben so Alles, was ihm geheissen ward. Sein
leerer Blick belebte sich nicht einmal, wenn Nini ihm einige freundliche Worte
sagte, oder ihm aufmunternd die hohle Wange klopfte, eine Liebkosung, die mehr
als Einer mit neidischem Auge sah und für die mancher Tapfere willig zum Sturm
auf eine russische Redoute marschirt wäre.
    Nur ein Mal, als Nini am Comptoir Celesten's stehen blieb, mit dieser einige
Worte wechselte und der todte Blick des Burschen von François auf die Gruppe der
beiden Frauen schweifte, überzog ein flüchtiger Blitz von Gedanken das hagere
junge Gesicht; er rieb die Stirn mit der Hand und starrte wie emsig eine
Erinnerung suchend in's Leere. Wenige Augenblicke darauf schien jedoch die
erregte Gedankenfolge wieder unterbrochen und er verrichtete teilnahmlos nach
wie vor die Geschäfte der Bedienung, wobei er manchmal auf einige Zeit in einen
der hintern Räume der Cantine verschwand.
    Die Gruppe an dem Tisch, an dem François sass, bestand aus dem
Sergeant-Major, der mit dem jungen Kameraden an der Alma und bei Inkerman die
Wagnisse ausgeführt, den Aermel seiner Jacke mit Galons bedeckt und Mamsell
Minette, die erste Kletterin des Bataillons, neben sich, - aus einigen andern
Soldaten der Compagnie, zwei Voltigeurs vom 20. Regiment und einem algierischen
Scharfschützen. Die Unterhaltung war äusserst lebhaft und drehte sich teils um
die Tagesereignisse des Feldes, teils um die innern Angelegenheiten von Küche
und Teater.
    »Passt auf, Kinder,« sagte der Sergeant-Major, »es gibt morgen einen Tanz,
wenn auch die Generäle noch geheim tun und die Köpfe zusammenstecken. Man hat
nicht umsonst seit drei Tagen Kugeln gefahren und die armen Kerle, die Türken,
wie Maultiere in den Magazinen arbeiten lassen. Da, Bursche,« fuhr er fort,
indem er einem langsam vorüberschreitenden Araber das Glas hinreichte, »trink'
einmal, es ist ächter Wermut, von Deinen eigenen Bergen gepflückt, die doch
Nichts weiter hervorbringen, als das bittere Kraut und das Gewürm, die Kabylen.«
    Der Angeredete war ein junger, schöner Araber, offenbar einer der Führer,
und wer ihm näher in's stolze, finstre Auge geschaut, hätte in ihm unmöglich
Abdallah ben Zarugah, den Emir der tapfern Reiter der Hedja's, verkannt. Er
hüllte sich, mit verächtlicher Geberde den Trank zurückweisend, in seine weiten,
weissen Gewänder und schritt weiter, dem Eingang der Cantine zu.
    »Peste! Verschmäht der Schuft von einem Koranfresser, mit einem Feldwebel
der dritten Zuaven zu trinken? Ich will ihn -« er griff nach seiner Katze, um
das Tierchen verächtlich auf den Mahomedauer zu schleudern, doch François hielt
ihm den Arm fest.
    »Ruhe, Papa Fabrice! es ist der Aga, der den Griechen-Offizier im vorigen
Monat verwundet und gefangen, und der alle Tage kommt, um nach ihm zu schauen.
Lass ihn gehen - Du weisst, dass der Kommandant jede Beleidigung ahnden würde.«
    »Maudit soit le butoir! ich will wegen eines Spitzbuben von Beduinen nicht
im Loch stecken, wenn vielleicht ein Gefecht vor der Tür steht. Komm' her,
Minette, sei ruhig, mein Tierchen, und beisse Dich nicht mit dem gelben Burschen
da, die Messieurs Beafsteaks werden Dir Revange geben und heute seine Kameraden
hetzen.«
    Minette, die Katze, war nämlich mit dem berühmten Hund des 20.
Linien-Regiments, der stets vor der Tête hermarschirte und den die Voltigeurs
auf das Apportiren der Kugeln, ja selbst von Bombenzündern abgerichtet hatten,
in argen Streit geraten, und rasch, mit der leichtsinnigen Teilnahme des
französischen Charakters für alle Intermezzo's, bildete sich ein Kreis um die
beiden Gegner. Ein Fusstritt des Voltigeurs jedoch, welcher den Hund mitgebracht,
stellte den Frieden wieder her. - »Sandioux2!« wetterte der Gascogner, »will
sich das Vieh mit einander zanken, während die Russen dazu vom lieben Herrgott
ganz express erschaffen sind! - Nichts da - hierher, Groscanon - Kusch!« und er
steckte ihn zwischen seine Beine, während der Zuave die Katze vor sich hinlegte
und mit ihr spielte.
    »Wem mag es gelten?« fragte der Scharfschütze, kokett seine gelbe Weste
ordnend und den Dampf aus der Cigarre in blauen Ringeln von sich blasend.
    »Sacristi! wem anders, als dieser verfluchten Lünette! Sie liegt unserm
Dicken im Kopf und wurmt ihn schon lange. Es wird Blut kosten. Wann soll der
Spektakel losgehen?«
    »Die Kanoniere sprechen von diesem Nachmittag.«
    »Ah, Mordioux! deshalb gibt man uns die Teater-Vorstellung zum Kaffee nach
Tisch. Ich hörte davon, dass die Schanze des kleinen Fossoyeur3 in Stand gesetzt
worden und die schwarzen Batterieen. Es ist nebel von dem Kleinen, dass er keinen
Anstand nimmt, unter dem Dicken zu dienen.«
    »Parbleu! kann er sich etwas Besseres wünschen? Einen General, wie unsern
Afrikaner, bekommt er nicht alle Tage wieder.«
    »Bei all' dem ist's hübsch. Es hat Jeder seine Art und jedenfalls war die
seine immer noch besser, als die Trägheit des Wettermännchens4, das Nichts tut,
als den ganzen Tag Schach spielen und Zeitungen lesen. Er soll nicht ein
einziges Mal die Lazarete besucht haben, und das tat selbst der verstorbene
Marschall in Varna.«
    »Wisst Ihr, dass der Ober-General heute hinüber geritten ist zu den
Engländern?«
    »Bah! er wird sehen wollen, wie weit sie mit den Laufgräben am Redan sind.«
    Der Voltigeur schüttelte schlau mit dem Kopf. - »Das kümmert den General
wenig, er wünscht die ganze Sippschaft zum Teufel. Aber Vitrolles, sein alter
Ordonnanz-Zephyr, hat mir gesagt, dass der Barometer auf Sturm steht. Der Bursche
kennt seine Mienen.«
    »Dann Gnade Gott den Engländern, er bratet sie bei lebendigem Leibe, wie die
Araber-Familien in der Höhle von Djebel Debbag.«
    »Brrr!« machte der zweite Voltigeur; »die Geschichte ist zu abscheulich, als
dass sie wahr sein könnte.«
    Der alte Zuaven-Sergeant sah ihn grimmig an. - »Halt's Maul, Rekrut, nicht
raisonnirt, was verstehst Du davon! Ich sage Dir, ich, Sergeant-Major Fabrice
Tonton, es ist so wahr, wie ich dieses Glas hier trinke. Ich war dabei, und ein
abscheulicher Gestank war's, als die siebenhundert Männer, Weiber und Kinder so
in dem Rauch erstickten von dem Holz, das man vor der Höhle aufgehäuft.«
    »Wie, Du halfst bei der schändlichen Tat?« fragte unwillig der junge
Bourdon.
    »Wir Zuaven nicht, François,« sagte ernst der Sergeant, »wir sind zwar wilde
Teufel und fragen leider wenig genug nach Gott und den Heiligen, aber gegen
Weiber und Kinder und unbewaffnete Männer möchten wir doch nicht die Hand
erheben. Es war bei der Gelegenheit, als er dem Kommandanten Vergier, der damals
Unter-Lieutenant war, befahl, seine Soldaten Holz herbeitragen zu lassen, und
dieser statt der Antwort seinen Säbel abgab und sich zum Arrest meldete. Der
General war ausser sich und schimpfte wie eine Dame der Halle von Feiglingen und
Memmen mit Weiberherzen, die nicht verdienten, Krieger zu heissen, da - -«
    »Nun, Fabrice - weiter?«
    »Da sah ich mit diesen meinen Augen den Lieutenant auf ihn zuspringen, ihn
an den Schultern fassen und schütteln, wie man einen Schulbuben schüttelt, indem
er ihm zuschrie, er möge erst Höflichkeit lernen, wenn er französischen
Offizieren befehlen wolle.«
    »Der Unglückliche! - und der General?«
    »Bah! er machte sich los und sagte: Ist das ein Vieh, - aber ich brauche
viele solche Kerle! - zum Lieutenant aber sprach er: Monsieur, ich nehme Sie in
meinen Stab; wir wollen sehen, ob Sie Andere auch so schütteln werden. - Der
Lieutenant kommandiert seit zwei Jahren sein Bataillon bei den zweiten Zuaven und
die Teufel, die Zephyrs, erhielten den Befehl, die Höhle auszuräuchern, und
befolgten ihn. Wir aber standen dabei, das Gewehr im Arm und - - - zum Henker
mit der garstigen Erinnerung!«
    Er wischte sich den Schweiss von der Stirn und pfiff den Zuaven-Marsch vor
sich hin.
    »Madame Celeste,« warf einer der Kameraden hin, »scheint heute verteufelt
unruhig, ihre Augen rollen wie zwei feurige Kohlen und sie scheint zu suchen,
was sie nicht findet. - He, Jean,« rief er dem in die Nähe kommenden
Schwachsinnigen zu, »bring' mir ein frisches Glas, mein Bursche - Absint,
ächtes Schweizer Gewächs.«
    Der junge Mensch nahm gehorsam das Glas, indem er ihn mit den leeren irren
Blicken anstarrte. - »Eilf Uhr - der Zug -«
    »Weiss schon, mein Bursche, kenne das Lied. Mach' fort und bring' mir den
Absint und frag' in der Küche nach, ob sie den Trutahn nun bald gebraten
haben, den ich heute Morgen eingeliefert.«
    Corporal Bourdon war trotz aller Mühe, die er sich gab, ruhig zu sein, das
Blut auf die Stirn gestiegen und er sah finster nach der leichtsinnigen
Jugendgeliebten hin. In dem Augenblick wurde der Vorhang der nahe gelegenen
Bühne etwas bei Seite geschoben und ein merkwürdig ausstaffirter Bursche schaute
heraus und suchend umher.
    Es war ein bärtiger Zuave mit schielendem Blick, den Kopf in eine
abscheuliche zerknitterte Weiberhaube gesteckt und um Kinn und Ohren ein Tuch
gebunden, um den roten Bart darunter zu verstecken, den er sich nicht hatte
entschliessen können, der Kunst zum Opfer zu bringen. Den untern Teil des
Körpers hatte er in einen langen Weiberrock gehüllt, dessen aufgenommene Falten
er einstweilen um den linken Arm geschlagen trug.
    »Pst! - François - François Bourdon!«
    Der junge Corporal trat hinzu. - »Was gibt's, Bernaudin?«
    »Sind sie da?«
    »Wer?«
    »Maudit! Wen kann ich anders meinen, die Garden?«
    »Nein - kein Einziger!«
    »Das ist schön - que le diable les importe! sie mögen bleiben, wo sie sind;
schade nur, dass sie unsere schöne Vorstellung nicht sehen können. Die
hochnäsigen Narren hätten sich geärgert zum Schwarzwerden - ich bin göttlich als
Fürstin Mulaschpulaschkin! wir haben so eben meine grosse Scene probirt.«
    Ein schallendes Gelächter der Nächstsitzenden unterbrach die bärtige
Actrice, deren Erscheinung man eben erst bemerkt. Der Kopf verschwand eilig
hinter dem Vorhang und nur Mund und Nase waren noch zu sehen. - »Was habt Ihr zu
lachen, Ihr Narren? habt Ihr noch keine russische Dame im Negligée gesehen?
Fichtre! Erobert Sebastopol, dann könnt Ihr sie im allerdurchsichtigsten haben
aus erster Hand, wie unsere Kameraden die Bulls in Kertsch. Ihr tätet
gescheidter, wenn Einer lieber den Saufaus Lebrigaud suchte, der sich noch immer
umhertreibt, indes sein Popencostüm längst bereit liegt. Ich wette drei Flaschen
Wein gegen einen gestohlenen Schinken, das Publikum wird abgespeist und seine
Plätze eingenommen haben und der Halunke ist noch immer nicht zur Stelle.«
    »Dort unten zieht er mit einem betrunkenen englischen Matrosen umher!«
    »Ich will ihn holen,« sagte Bourdon und stand auf.
    »Ah - joli garçon! Du verdientest einen Kuss, schöner Corporal, wenn die
Fürstin Mulaschpulaschkin nicht schon engagirt wäre. Lass Dir ihn jetzt von
anderer Seite geben, mein Junge, das Feld ist rein.«
    Während Bourdon unter dem Gelächter der Kameraden sich bereits entfernte,
fragte der Sergeant-Major: »Was meinte der Kerl mit den Garden? Morbleu, es ist
wahr, ich habe heute noch keinen Einzigen von den goldbetressten Narren in der
Cantine gesehen, die sie sonst förmlich belagerten.«
    Die Umsitzenden schwiegen, indem sie sich anschauten, und ihre bedeutsam
gewechselten Blicke verrieten, dass ihnen die Ursach' nicht unbekannt war.
    »Parbleu! werd' ich Antwort bekommen? Weiss Jemand, warum die Garde sich
heute nicht blicken lässt?«
    »Ei, Papa Fabrice,« sagte eine helle und heitere Stimme neben ihm, »sollten
Sie wirklich die grosse Neuigkeit des Tages nicht wissen, die, wie man mir sagt,
schon drei Duelle gekostet hat?«
    Der Sergeant-Major hatte sich rasch und galant zu der hübschen Sprecherin
umgewandt, indem er ein süsssaures Gesicht zu der ihm gewordenen Benennung
schnitt. »Es ist wahr, Mademoiselle Nini,« sagte er, »dass ich recht gut Ihr
Vater sein könnte, aber Sacristi! die verteufelte Gewohnheit der Burschen da,
mich Papa Fabrice zu nennen, klingt aus Ihrem hübschen Munde für einen Anbeter
noch in den besten Jahren eben nicht angenehm! - Doch - was ist denn geschehen
und wissen Sie wirklich die Ursach'? - haben die Garden ihr Lager abgebrochen
oder was ist passirt?«
    »Ei, ei, Papa Fabrice,« lachte die Marketenderin schelmisch, »Sie müssen
heute Morgen lange geschlafen haben!«
    »Ich gestehe es zu meiner Beschämung, Mademoiselle. Wir sind nicht am Dienst
- und Ihr Bruder spendirte gestern Abend noch spät einen Korb voll Brussawein,
der so leicht durch die Kehle rollt! Aber der Henker soll die Narren hier holen,
dass sie mir nicht längst - -«
    »Ruhe im Glied, Papa Fabrice, sonst erfahren Sie Nichts! Sie wissen ja, dass
die Herren von der Garde keinen Dienst in den Trancheen zu tun brauchen?«
    »Parbleu! was werd' ich nicht? Die Faullenzer haben d'rum Zeit genug, zu
schniegeln und zu bügeln, von Morgens bis Abends sich hier umher zu treiben und
den wenigen Damen, deren Anwesenheit allein uns hier den Dienst versüsst, die
Köpfe zu verdrehen.«
    »Wenn Sie auf mich zielen, Papa Fabrice,« sagte Nini lachend, »so geht der
Schuss vorbei. Mit meiner Freundin Celeste - das will ich nicht verschwören! Seit
der schöne Husaren-Aide-de-Camp getödtet oder gefangen ist, geht es ihr schlecht
und sie braucht Zerstreuung. Es ist aber doch ein boshafter Streich, den man
gegen die Herren von der Garde verübt hat.«
    »Ich bitte, sprechen Sie, Mademoiselle.«
    Die hübsche Marketenderin hatte ein Stück Kreide aus der Tasche geholt. -
»Da, sehen Sie, Papa, das haben boshafte Hände in vergangener Nacht an die Zelte
der Garden geschrieben. Man las es heute Morgen und es ist ein wahrer Aufruhr
entstanden.«
    Der Sergeant-Major war den kecken Krähenfüssen des Mädchens gefolgt und las:
        »LA GARDE de MEURe ici, ET NE SE REND PAS aux tranchées!«
    Ein allgemeines Hohngelächter begleitete den Vortrag der Worte, selbst der
Sergeant-Major konnte, den bis über den Hals herabfallenden Schnurrbart
streichend, ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken, denn das Privilegium
der Garden war allgemein verhasst und hatte schon zu vielen Zänkereien
Veranlassung gegeben.
    »Peste! ich glaube wohl, dass ihnen da der Aerger zu Kopf gestiegen, denn der
Spass ist vortrefflich. Aber ich begreife immer noch nicht, warum sie deshalb von
der Cantine fortbleiben. Gegen Verdruss ist ein tüchtiger Schluck ein
Radikalmittel!«
    Nini schien mit der Antwort zu zögern. - »Ich habe gehört,« sagte sie
endlich, »dass sie die Zuaven beschuldigen.«
    »Ah so, mein Engel - sie könnten Recht haben, denn ich versteh' mich auf die
Bursche. Nun weiss ich auch, warum Madame Celeste so ärgerlich ausschaut. Sie ist
besorgt, dass der reiche Graf von Pontève's Grenadieren, der ihr den Hof macht,
seit Sie sie beim Comptoir angestellt, ihr aus dem Garn geht. Parbleu! da kommt
Einer, dem ich den Streich auf den Kopf zusagen möchte, wenn nicht gar Ihr
Bruder selbst mit dabei gewesen ist - das ist ohnehin so ein halber Gelehrter!«
    Die Prozession mit dem Maultier und dem betrunkenen Engländer war
herangekommen; der Soldat, der das Tier führte, Lebrigaud, der gesuchte Acteur.
    Der Mann war der wahre Typus eines Zuaven, ein ausdrucksvollerer, von wilder
Energie strotzender Kopf kaum denkbar. Wie alle Zuaven, trug er den Schädel
rasirt, aber auf dem obern Teil der Stirn, wo der Fez aufsjetzt, zeigte sich ein
Gürtel von tättowirten Figuren. Auf dem Mittelfinger der rechten Hand hatte er
eine Frauenfigur mit griechischen Formen, auf jenem der linken den Kopf einer
Römerin eingegraben. Herzen mit Namen und Kränzen waren auf den anderen Fingern
ausgestochen, seine musculösen Arme wahre Bilderrollen, gleich der berühmten
Gallerie Leporello's. Die ganze Armee kennt ihn und weiss, dass er schon zwei Mal
zum Tode verurteilt und zu langjähriger Kerkerstrafe und Kugelschleppen
begnadigt wurde. Er ist 1840 bei der afrikanischen Armee unter den Zephyren
eingetreten und schon zwei Jahre darauf verging er sich gegen seine Vorgesetzten
der Art, dass das Kriegsgericht das Todesurteil fällte. Aber Marschall Bugeaud
brauchte einen Mann, dem er eine gefährliche Sendung durch das Land der Kabylen
auftragen wollte, und Lebrigaud erbietet sich dazu. Er führt seinen Auftrag
unter tausend Gefahren aus und der Marschall erlässt ihm die Strafe. Im Jahre
1850 wurde er zum zweiten Mal begnadigt, nachdem er seinem Corporal im Zank um
ein Mädchen ein Ohr abgehauen und aus Eifersucht gegen den Bevorzugten die
Geschichte selbst angegeben hatte. Für die Almaschlacht hat er von Canrobert die
Tapferkeitsmedaille erhalten - er gehört vor Sebastopol zu den enfants perdu und
man erzählt hundert waghalsige Streiche von ihm.
    Das ist der Bursche, den Bourdon herbeiführt. Die Physiognomie des Zuaven
hat durch einen frischen, ziemlich schlecht zusammengeflickten Säbelhieb nicht
besonders gewonnen, der ihm die linke Wange gespalten, aber Lebrigaud kümmert
sich wenig darum.
    Ein Geschrei und Gelächter empfängt ihn, um den sich bald ein bunter Kreis
sammelt, und selbst die Schauspieler strecken ihre Köpfe hinter dem Vorhang
hervor, um an der Unterhaltung Teil zu nehmen.
    »Wo bleibst Du, Lebrigaud? es ist Zeit, in Dein Costüm zu kriechen. Wenn wir
dinirt haben, beginnt die Vorstellung!«
    »Tununle Dich, Lebrigaud. Willst Du mit uns Trutahn speisen, mein Junge?«
    »Zum Henker! wie sieht der Bursche aus? - Du kommst in Arrest, wenn der
Capitain Dich sieht.«
    »Pah! Ihr Narren - ich holte mir's bei den Russen; kann man nicht seinen
kleinen Krieg auf eigene Hand haben, ohne gerade Napoleon III. zu sein?« Er
nickte bedeutsam der Fürstin Mulaschpulaschkin zu.
    »Hast Du Händel gehabt?« flüsterte der Zuave.
    »Verteufelte - ich glaube, man hat mich erkannt! Einer der Grenadiere liegt
auf dem Rücken. Es wird Sturm geben.«
    Der Sergeant-Major war hinzugetreten. - »Wo hast Du die Schmarre da über
Deine Fratze bekommen, Lebrigaud?«
    »O, Papa Fabrice, es ist eine alte von damals, als ich Euch bei Inkerman aus
den russischen Bajonneten holte, das dumme Ding ist bloss wieder aufgebrochen.«
    Die schlaue Antwort entzog ihn einem scharfen Eramen, denn der im Dienst
sehr strenge Feldwebel drehte sich bei der Erinnerung um und ging brummend
wieder nach seinem Platz.
    »Goddam your eies! I have tirst!« schrie der betrunkene Matrose.
    »Wen hast Du da?« - »Was sagt er?« fragte es bunt durcheinander.
    »Oh, je le trouvai - c'est mon ami. Car ce John Boule, voyez-vous, ça ne
sait pas s'arranger comme nous autres; ça ne sont que des zenfants. Puis ça nous
zaime! cré nom de chien comme ça nous zaime!« und mit der Guterzigkeit des
echten Bruder Lüderlich hob er mit Hilfe der Nächststehenden den betrunkenen
Matrosen, den er wahrscheinlich in seinem Leben am Wege zum ersten Mal gesehen,
von dem Maultier und eine lebhafte Debatte begann, wie man den Gast am besten
amüsiren könnte.
    »I have tirst, Johny Crapaud!«
    Die mündliche Unterhaltung zwischen den Alliirten dieses Schlages war
gewöhnlich für sie selbst und jeden Andern ganz und gar unbegreiflich; sie
bestand aus excentrischen aber fruchtlosen Ausfällen des Einen in die englische
und des Anderen in die französische Sprache, wobei der Freund das, was der
andere Freund nach seiner Mutmassung gesagt haben dürfte, verbindlich in die
eigene Muttersprache übersetzte und der erste Sprecher die Richtigkeit der
Uebersetzung mit dem herzlichsten »Oui, oui« oder »Yes, yes« approbirt.
    »Er will das Teater sehen,« schrie Bernaudin hinter dem Vorhang vor. »Gieb
ihm einen Platz im Parquet, Lebrigaud!«
    »Er will uns zum Pferderennen abholen!« riefen Andere.
    »Er will Würfel spielen, diese John Bouls haben immer Gold!«
    »Narren!« sagte lachend der Corporal. »Der Bursche ist ein Schwamm, er hat
Durst!«
    »Ah c'est ça camarade! Du hast Recht, ich erinnerte mich nicht gleich, dass
Du das Kauderwälsch verstehst. Achtung vor Corporal Bourdon, Inngens, er ist ein
Gelehrter und der einzige Mensch, ausser Mademoiselle, seiner Schwester, vor dem
ich Respect habe.« Lebrigaud, der von kleiner Figur war, die aber ganz Muskel
und Behendigkeit schien, blickte bei den Worten mit einer Art zärtlicher
Bewunderung auf den viel jüngeren Mann, der ihn in der Tat ein Mal windelweich
gewalkt hatte, als er seiner Schwester mit Gewalt einen Kuss geraubt. - »Mort de
ma vie! ich habe nicht die geringste Eifersucht auf Dich, obgleich Du's bereits
zum Corporal gebracht hast, während ich, Narcisse Lebrigaud, seit fünfzehn
Jahren den Gemeinen spiele!«
    »Mademoiselle Nini! Eine Flasche Wein!«
    »Nein - Cognac! Diese Engländer trinken Nichts als Rum!«
    »Teufel! Und sie sind doch eine so zärtliche Nation.«
    »Zärtlich? wie so?«
    »Ei, sie behandeln ihre Weiber wie die Kätzchen. Sagen Sie nicht zu jeder:
Mies!?«
    Ein brüllendes Gelächter belohnte den schlechten Witz.
    »Dafür behandeln ihre Damen sie en Canaille! Sie sagen Mylord, und Mylord
...«
    »Ist ein Hundename!« - Neues Gelächter, während dessen der Brite, der, ohne
Ahnung von der Beleidigung seiner Nation, mit grämlichem Blick umherstarrte, in
einer der Gruben vor Anker gebracht wurde, die vor der Bühne das Parquet
bildeten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Aus den hintern Räumen der Cantine kamen langsam im Gespräch drei Männer,
denen ein kaum über dem Knabenalter stehender Jüngling, in ein russisches Capôt
gehüllt, den linken Arm in einer Binde, die Stirn gleichfalls umwunden, folgte.
    Die drei Männer waren der Lieutenant-Colonel Méricourt, der deutsche Arzt,
jetzt Medecin-Major der dritten Zuaven - und Sir Edward Maubridge.
    »Es tut mir leid, Monsieur de Lasaroff, dass ich Sie in das Gefangenen-Depôt
abliefern muss,« sagte der Vicomte, »aber da Ihre Wunden so gut wie geheilt sind,
muss ich meiner Pflicht Genüge leisten, wenn Sie Ihr Ehrenwort verweigern.«
    »Mein Herr,« sagte der Jüngling schüchtern, »ich glaube nicht, dass Sie mich
deshalb tadeln werden.«
    »Nicht im Geringsten, - das ist Ihre Sache! Aber da der Doctor heute sich
dafür ausgesprochen hat, dass Ihr Schicksalsgenosse, der griechische Offizier,
mit erster Gelegenheit nach Constantinopel zur bessern Pflege gebracht werden
soll, muss ich den Posten einziehen, der Sie Beide bewacht, und Sie in's
Hauptquartier einliefern, damit man über sie verfügt.«
    Der Jüngling verbeugte sich schweigend und setzte sich in trübem Nachdenken
an einen der Tische in der Nähe des Verschlages nieder.
    Die drei Männer blieben unsern des Comptoirs, an dem jetzt Celeste
beschäftigt war, nach Nini's Dictat eine Anzahl Speisekarten auszufertigen, in
ernstem Gespräch stehen. Die Strapazen des Winters und des Feldlagers zeigten
sich in den gebräunten festen Gesichtern des Colonels und des Arztes, während
die Gestalt des Baronets noch hagerer und gebeugter erschien, als da wir ihm
zuletzt begegnet, in den Schreckensscenen von Schloss Aja. Er war in die Farbe
der Trauer gekleidet, der Flor um seinen Hut galt dem gemordeten Bruder, die
eingefallenen Wangen zeigten die hektische Röte, dieses gefährliche Kennzeichen
innerlich verborgener schleichender Krankheit. Dennoch lag in seinem Auge, in
seiner Haltung eine gewisse Kraft und Entschlossenheit, ein Daransetzen des
ganzen Denkens und Lebens an einen bestimmten Zweck.
    »So sind Sie also der Ansicht, dass Herr Caraiskakis die Ueberfahrt aushalten
kann?« fragte er zu dem Arzt gewendet.
    »Ja, Sir. Lassen Sie mich den unglücklichen Zustand meines Freundes noch ein
Mal recapituliren, und Ihnen meine Ratschläge geben, denn leicht dürfte dazu in
den nächsten Tagen nicht Zeit sein.«
    »Ich bitte Sie darum.«
    »Als Sie nach unserer merkwürdigen Rettung aus dem Felsenschloss der Palta,
die zwei mir teure und gute Menschen, gegen welche ich mir leider schweren
Undank vorzuwerfen habe, in's Verderben stürzte, - zu mir kamen, Sir Edward,
gebeugt von dem schrecklichen Tode Ihres wackern Bruders; - als Sie offen und
männlich das begangene Unrecht bekannten und meine Vergebung verlangten, dass Sie
mich einem schmachvollen Tode überliefern gewellt -: da reichte ich Ihnen
aufrichtig die Hand und versprach Ihnen meinen geringen Beistand; - denn wir
trugen eine gemeinsame Erinnerung an Wesen im Herzen, die Tod und Schicksal von
uns gerissen.«
    »Aber Ihre Erinnerungen, Sir,« unterbrach ihn finster der Baronet, »waren
rein, - an den meinen klebt die Schuld, und das Grab gibt seine Todten nicht
wieder!«
    »Diona ruhe in Frieden! Ihr seliger Geist möge den bittern Hass zwischen
Ihnen und ihrem Bruder sühnen helfen. - Ich begriff, dass Ihr Leben und Denken -
zuerst vielleicht aus Eigensinn und Laune, später von der Stimme des Gewissens
gefestigt - einzig an der Erlangung Ihre Kindes hing das Gregor Caraiskakis
Ihnen verweigert, ja, von dem Sie nicht mehr als seine Existenz wissen, nicht
einmal das Geschlecht. Ich begriff dies Gefühl; denn ich empfand, dass ich selbst
mein Leben opfern könnte für ein Kind, welches das meine wäre. Ich versprach
Ihnen, wie gesagt, meinen Beistand, da Sie nicht von den Mauern Sebastopols
weichen wollten, hinter denen Sie Ihren Gegner und vielleicht auch das Pfand
seiner Rache glaubten.«
    »Der Erfolg hat es bewiesen!«
    »Sie haben Recht - Gott selbst hat durch eine seiner wunderbaren Fügungen
die Lösung des Rätsels in Ihre Hand gelegt und es dennoch auf's Neue
verwickelt. Der Handjar des jungen Arabers, der jetzt da drinnen bei seinem
Opfer sitzt und dessen Beziehungen zu Gregor Caraiskakis mir selbst fremd sind,
hatte den Kopf meines unglücklichen Freundes gespalten bei dem nächtlichen
Angriff der griechischen Freischaar und der Russen auf die britischen und
türkischen Batterieen am Mamelon. Es war nicht Zufall, sondern des Allmächtigen
Fügung, die Sie am Morgen auf die Kampfstätte führte und den Schwerverwundeten
erkennen und aus den Händen der unwissenden Türken retten liess.«
    »Sie, Doctor, waren der erste Gedanke, der mir einfiel; ich wusste, dass Sie
sein Freund waren.«
    »Ich danke Ihnen für das Vertrauen gegen mich. Sein Fanatismus, der ihn zum
Verrat selbst an der Freundschaft führte, hat uns getrennt, aber ich wäre ein
schlechter Mann, hätte sein Unglück nicht jede Erinnerung an seine Verschuldung
getilgt und nur das Andenken an unsere frühere Gemeinschaft zurückgelassen. Ich
danke es dem Herrn Vicomte hier von Grund des Herzens und unserer braven kleinen
Bourdon, dass sie mich in den Stand setzten, den Verwundeten nicht seinem
Schicksal in einem entfernten Lazaret überlassen zu müssen, sondern ihn hier
unter meiner persönlichen Aufsicht und unter steter Pflege behandeln zu können.«
    »Aber seine Krankheit - wir sind noch immer so weit vom Ziel, wie je.«
    »Es ist wahr, die Folgen der Verwundung sind eigentümlich gewesen. Der
dicke griechische Fess scheint zwar den Säbelhieb des Arabers aufgehalten und
seine tödtende Kraft gebrochen zu haben und die Wunde selbst ist vollkommen
geheilt. Dagegen ist hier die in der Chirurgie hin und wieder, doch selten
vorkommende Erscheinung einer peripherischen Paralyse, einer Asphyxie aller
äussern Nerventätigkeit, eingetreten. Der Kranke vermag weder zu sprechen, noch
sich zu bewegen. Es lässt sich dies nur durch die Verletzung oder Betäubung
gewisser Nervencomplexe erklären, wie beim Schlagfluss. Wir wissen und sehen
Alle, dass das volle Bewusstsein und Gefühl ihm längst zurückgekehrt ist, der
Ausdruck seines Auges zeigt dies, ebenso ist sein Gehör scharf und unverletzt,
der Verstand, das Denken ist bei ihm in voller Tätigkeit - und ich bin
überzeugt, dass die aufopfernde Sorgfalt, die Sie ihm gezeigt, selbst eine
Umstimmung seiner Gefühle gegen Sie bereits hervorgebracht hat. Nur dass er
gegenwärtig ausser Stand ist, sie auszudrücken.«
    »Wenn ich mich recht erinnere, findet sich ein ähnlicher Fall in dem
bekannten Roman Monte Christo von Dumas,« sagte der Vicomte, der bisher
schweigend der Erörterung zugehört hatte.
    »Ganz richtig, nur mit dem Unterschied, dass dort ein Schlagfluss zum Grunde
gelegt wird und wir hier nicht ein Gebilde der Phantasie, sondern wirklich einen
jener merkwürdigen Fälle aus dem Nervenleben vor uns haben, wie sie eben nur die
Chirurgie zeigt.«
    »Aber Sie sprachen selbst die Hoffnung auf eine rasche volle Umwandlung, auf
eine völlige Genesung aus.«
    »Und ich hege sie noch. Es gibt, meiner Ansicht nach, zwei Wege, die dazu
führen. Der erste ist ungestörte Ruhe, eine Absonderung von den aufreizenden
Ereignissen des Tages, welche die Nerventätigkeit wieder stärken und zu den
alten Funktionen zurückführen wird; der zweite ist eine analeptische mächtige
Aufregung der Seele, einer verborgenen Leidenschaft, die mit einem Schlage die
ganze Lebenskraft wieder herzustellen vermag. Das Letzte ist ein Mittel, was
keine Kunst, nur der Zufall herbeizuführen im Stande ist - wir können uns daher
nur an das Erste halten, und deshalb habe ich Ihnen geraten, Ihren - Schwager
jetzt, wo seine spezifische Heilung vollendet, mit erster Gelegenheit von hier
fort und nach einem ruhigern Aufentalt zu schaffen.«
    »Ich habe bereits meinem Agenten in Constantinopel Auftrag gegeben, uns alle
Bequemlichkeiten zu sichern, und werde das nächste Dampfschiff benutzen.«
    »Dann bürge ich für die Heilung; - nur an dem Wann? scheitert die Bestimmung
der Wissenschaft. Gott helfe dazu und lege Frieden und Versöhnung in Ihrer
Beider Herzen!«
    Der Vicomte war bei der letzten Wendung des Gesprächs an das Comptoir
getreten, wo er Nini und Celeste freundlich begrüsste. »Wir hoffen auf eine gute
Mahlzeit, meine Kleine, der Doctor und dieser Herr speisen mit mir.«
    Nini salutirte militairisch. »Aufzuwarten, mein Kommandant. Sie wissen, das
Beste, was die Cantine vermag, steht zu Ihrem Befehl. Wo wünschen Sie, dass Ihr
Tisch gedeckt werde?«
    »Ei, mein Schelm, bei den andern Offizieren - wo sich Platz findet, wir
haben hier keine Aristokratie. Sie haben Ihre schönen Hände mit der Dinte
geschwärzt, Madame.«
    Celeste rieb kokett die zierlichen Finger. »Mein Unstern ist an dieser
fatalen Situation Schuld, Herr Vicomte, und dennoch musste ich das Anerbieten der
kleinen Nini, die ich in Paris zufällig kennen gelernt, noch mit Dank annehmen,
da Ihre Lagergesetze so unartig gegen Damen sind. Haben Sie noch keine Gewissheit
über Herrn von Sazé?«
    »Noch immer keine!«
    »Fatal! - aber es ist abscheulich, dass er mich solcher Verlegenheit
aussetzen konnte. Ich wollte, ich wäre in Paris, statt in diesem abscheulichen
Wirrwarr!« Sie warf dem Vicomte durch die schmachtend halbgeschlossenen
Augenlider einen verführerischen Blick zu, doch die Verlockung prallte an dem
gestählten Herzen und dem Unwillen über die selbstsüchtige Gleichgültigkeit
gegen das Schicksal seines Freundes ab. »Sie verstehen sich zu entschädigen,
Madame! - Sorgen Sie für den armen Knaben, den Russen, Nini,« sagte er kurz
abbrechend zu der jungen Wirtin der Cantine, »Ihre Pflegebefohlenen sollen
Ihnen nicht lange mehr lästig fallen.«
    »Wie, mein Kommandant, sind Sie unzufrieden mit mir?«
    »Gewiss nicht, hübsche Nini - aber der griechische Offizier soll nach
Constantinopel gebracht und der junge Russe muss endlich an's Gefangenen-Depot
als gesund abgeliefert werden.«
    »O, mein Herr - es ist ein halbes Kind - die armen Leute haben es dort gewiss
schlimm, es muss so schrecklich sein in einem Gefängnis!« Tränen standen in
ihrem bittenden und mitleidigen Auge, das bei den Worten auf der Gestalt ihres
blödsinnigen Vetters ruhte.
    »Die Pflicht gebietet, mein Kind, und ich setze mich ernster Verantwortung
aus,« sagte freundlich aber bestimmt der Vicomte, »wenn ich noch länger gegen
Ihren hübschen Protegée solche Nachsicht übe. Sie wissen, dass, als er von Tonton
und Ihrem Bruder zum Gefangenen gemacht wurde, er nach der Vorschrift angemeldet
ist, nur Ihre Bitte und das Wohlwollen, das ich für den Knaben selbst fühle,
bewogen mich, ihn aus Veranlassung seiner leichten Wunden als krank und in
Privatpflege anzugeben. Aber der gestrige Tagesbefehl verordnet auf's Strengste
die Ablieferung aller Gefangenen in's Haupt-Depot und der Kranken in die
Lazarete, und Doctor Welland hat nicht länger zögern können, ihn als gesund zu
melden.«
    »Fi donc! der abscheuliche Doctor!«
    Der Offizier lächelte. »Ich kann jetzt in Wahrheit Nichts weiter tun, da
der Bursche selbst die Abgabe seines Ehrenworts verweigert. Bringen Sie Ihre
Bitte bei Oberst Polkes an - vielleicht übernimmt er die Verantwortung.«
    »Brrr! Nein, mein Kommandant,« lachte, sich schütternd, das Mädchen -
»lieber einer Batterie entgegen! Monsieur le Colonel ist ein wilder Bär und ich
weiss sehr wohl, dass nur Ihrem Schutz das arme Kind die Erlaubnis zu danken
hatte.«
    »Also - Mademoiselle - die Dienstgeschäfte zwischen uns sind erledigt - und
nun zu Tische!«
    »Sie sollen sogleich bedient werden, mein Kommandant, denn Sie sind eine
Perle aller Stabsoffiziere.« Ein koketter galanter Knix, und die hübsche
Marketenderin sprang davon. - - - -
    Die Mittagsstunde war heran gekommen und die Soldaten lagerten vor ihren
Zelten um die Feldkessel, oder waren noch mit der Zubereitung der Menagen
beschäftigt. In den Küchengräben loderten lustig ganze Reihen kleiner Feuer, vor
den Cantinen und Marketenderbaracken dinirten die Gruppen der Offiziere mit den
seltsamsten Tafelarrangements, auf Fassböden, rohen Tischen oder dem Rasen.
Ueberall Heiterkeit, Gelächter, bunte Unterhaltung - keine Spur des grausigen
Kampfes, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein dumpfer, ferner Kanonenschlag herüber
gedröhnt wäre und eine leichte weisse Rauchwolke sich aus der Ebene in die
lichte, von der Hitze vibrirende Lust emporgekräuselt hätte, die Lage der
Trancheebatterieen anzeigend. Regelmässig antwortete darauf ein gleicher Knall,
ein gleicher Rauchwirbel aus den lang hingestreckten braunen Erdwerken der
Festung. Seit einer Viertelstunde jedoch war auch dieses eherne Frag-und
Antwortspiel verstummt, denn es war nachgerade auf beiden Seiten Gewohnheit
geworden, ausser an Tagen scharfen Bombardements, um die Mittagszeit von 12 bis 3
Uhr das Feuer gänzlich einzustellen.
    Die Aussicht vom Abhang des Sapun war prachtvoll und das Panorama der Bucht
von Sebastopol im Hintergrund von den Bergwänden der Nordforts geschlossen, lag
in voller Ausbreitung vor den Augen. Die Höhe des Sapun war ungefähr 5- bis 6000
Schritt von dem User der Rhede in gerader Linie entfernt, der Blick beherrschte
dieselbe bis zu den Forts Alexander und Constantin und tauchte dann weit hinein
in die Lichtreflexe des anscheinend unbeweglichen Meeresspiegels, von dem sich
in einzelnen dunklen Punkten die vor dem Eingang stationirten Schiffe der
alliirten Flotte oder ein nach Eupatoria ziehender Dampfer abhoben. Die Luft war
so klar und durchsichtig, dass man auf der Rhede selbst mehrere der Takelage und
des Spierenwerks beraubte, noch vorhandene russische Dreimaster genau
überschauen, die Boote über die Süd- und Schifferbucht kreuzen, ja in den
Strassen der Stadt die Soldatenzüge sich bewegen sehen konnte. Während links der
Laboratornaja-Grund längs des grünen Hügels zur Südbucht zog, durchfurchten
rechts der Dokawaja-, Kilen- und Steinbruchgrund die gelbe Fläche, auf der die
Trancheen und Batterieen sich wie dunkle Zeichnungen hervorhoben, bis östlich
über die Tschernaja hinweg, seitwärts der Ruinen von Inkerman, das von den
hellen reflectirenden Farben geblendete Auge einen angenehmen Ruhepunkt an den
Weinbergen der Meierei Bugharinaja fand.
    Quer über die Südbucht sah man eine Anzahl russischer Linienschiffe in zwei
Reihen ankern und ihre furchtbaren Breitseiten dem Einschnitt des Kirchhofs
zwischen dem Redan (Bastion III.) und dem Malakoff (Kormlowski-Bastion) über die
weissen Häuserreihen der Vorstadt zukehren. Das Ganze bot allerdings ein
interessantes militairisches Bild, doch nur das Auge eines Eingeweihten oder
eines Genieoffiziers hätte zu erkennen vermocht, dass einer jener wütenden
Kämpfe in wenig Stunden bevorstand, deren Donner Himmel und Erbe erschütterten,
die mit Blut und Leichen den Felsenboden der Krimm düngten. Einzelne
Truppenkolonnen, die sich im Schutz der Bergrücken und Schluchten zu sammeln
begannen, ein stärkerer Zug der Munitionskarren und Lasttiere nach den
Batterieen, bildeten allein diese Anzeichen für den Kundigen.
    Unter einer Korkeiche, deren mageres Schattendach noch durch ausgespannte
Leinentücher verstärkt war, sass, um einen niedern schmalen Tisch von
Fichtenbrettern, eine Anzahl französischer Offiziere, meist zu dem hier
lagernden dritten Zuaven-Regiment gehörig, dazwischen die Uniformen
verschiedener anderer Corps, Artilleristen der auf dem Sapunhügel erbauten
Mörserbatterie, und zufällige Gäste, darunter zwei Offiziere der sardinischen
Bersaglieri.
    Die Unterhaltung flog bald heiter, bald ernst über hundert verschiedene
Gegenstände und kreuzte sich in Scherzen und Mitteilungen, bis dazwischen
wieder die Erzählung Eines oder des Andern eine allgemeinere Aufmerksamkeit für
kurze Zeit fesselte. Der seltenste Gegenstand, der berührt wurde, war
auffallender Weise das bevorstehende Bombardement.
    »Sie trafen gestern in Kamiesch ein?«
    »Die Veloce warf vorgestern Abend Anker. Wir brachten die Nachrichten, die
das Bülletin gestern veröffentlicht hat.«
    »Man hört schöne Geschichten von Kertsch, Herr Kamerad von der See? Wenn nur
die Hälfte wahr ist, muss es verteufelt locker dort zugegangen sein.«
    Der Marineoffizier sah sich vorsichtig um. »Sind Engländer am Tisch?«
    »Dass ich nicht wüsste! Nein - wir sind zufällig noch unter uns!«
    »Dann, meine Herren, muss ich Ihnen sagen, dass unsere werten Verbündeten,
die Engländer und Türken, sich auf das Abscheulichste benommen und Dinge in
einer unverteidigten Stadt begangen haben, die uns der Schmähung von ganz
Europa aus setzen werden.«
    »Mordioux! um das zu sagen, - warum braucht man da die Anwesenheit der
Beafsteaks zu fürchten!« rief ein Offizier.
    »Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihre Zeit zu bestimmen, Capitain
Parquez,« sagte der Marine-Lieutenant höflich, »so hoffe ich Sie zu überzeugen,
dass es der Mannschaft der Veloce in keiner Weise an Mut fehlt.«
    »Unsinn! Estas en vestra camisa? Davon kann keine Rede sein! Capitain
Parquez hat nicht daran gedacht, an dem Ruf der Männer von der Veloce zu
zweifeln. Ausserdem - Sie sind mein Gast.«
    Der gascognische Capitain murmelte einige Worte. »Kommandant de Narbonne
Lara hat vollkommen meine Meinung ausgedrückt.«
    Der See-Offizier verbeugte sich freundlich. - »Auch tat ich die Frage nur,
weil ich nicht Unbeteiligte verletzen wollte. Die Art und Weise aber, wie unter
den Augen des Generals Brown und Vice-Admirals Lhons von den englischen Soldaten
und Matrosen verfahren wurde, war empörend.«
    »Man hörte doch von einem Befehl des britischen General Brown,« bemerkte ein
Offizier der Chasseurs d'Afrique, »dass jeder Mann, der nach Dunkelwerden in der
Stadt betroffen würde, gepeitscht werden solle?«
    Allgemeines Gelächter. - »Der Befehl existirt,« bestätigte der Lieutenant
der Veloce, »aber er galt nur in Jenikale und passt übrigens für englische
Soldaten und Matrosen. Unter uns - eine grosse Verteidigung der Küste und des
Zugangs zum Asow'schen Meer fand nicht statt, die wenigen Batterieen wurden von
der Flotte bald zum Schweigen gebracht und Kertsch ohne Widerstand übergeben.«
    »Die Russen sollen über Hals und Kopf sich auf allen Punkten zurückgezogen
haben?«
    »Das ist ihr System. Die Geschütze wurden unbrauchbar gemacht, die Magazine
geleert oder gesprengt. Die ganze Küste glich in der Nacht, nachdem wir bei
Ambalaki gelandet, einer Reihe ledernder Vulkane. Dennoch fand die verbündete
Armee noch kolossale Vorräte nicht allein in den Schiffsarsenalen, sondern
namentlich an Getreide in den Magazinen.«
    »Ei, so hoff' ich, werden uns die Commissaire bald ein besseres Brot
liefern, als das hier auf meinem Messer.«
    »Täuschen Sie sich nicht, Lieutenant Brande,« lachte der Schiffsoffizier.
»Bei meinem Abgang hatte die Flotte bereits 248 Schiffe mit Getreide vernichtet
und in Kertsch allein wurden über 2 Millionen Kilogramms verbrannt.«
    »Ader doch bloss Vorräte der Regierung?«
    »Ich glaube nicht, - man hat keinen Unterschied zwischen dem Privateigentum
der Kaufleute und den Vorräten der Regierung gemacht. Selbst das grosse Magazin
des österreichischen Consuls, das geschickt unter der Form einer Villa versteckt
war, wurde angezündet. General d'Autemarre schlug zwar vor, die Getreidemassen
nach Constantinopel und unseren Lägern zu schaffen, oder wenigstens allen
französischen und englischen Kauffahrern in Kamiesch und Balaclawa zu gestatten,
hier umsonst Ladung zu nehmen, aber unsere Verbündeten eilten, ihren Hauptzweck
zu erfüllen: den Russen möglichst viel materiellen Schaden zuzufügen.«
    »Sie wollten uns die Zerstörung von Kertsch erzählen, Kamerad,« sagte der
Kommandant des zweiten Bataillons, dü Moulin.
    »Wir rückten am Freitag, den 25., ein, marschirten aber sofort nach Jenikale
weiter, indem nur eine kleine Abteilung Franzosen, dagegen ein Regiment
Engländer und der grösste Teil der Türken unter Reschid Pascha zurückblieb.
Ausserdem war eine Zahl britischer Matrosen und Marinen gelandet und hatte den
Auftrag, die Regierungsfabriken und eine Privatfabrik zur Verfertigung von
Miniékugeln und Patronen zu zerstören. Viele der wohlhabenderen Bewohner und die
Beamten hatten mit der russischen - wie ich hörte, wenig über 2000 Mann starken
- Besatzung die Stadt verlassen. Die Zurückgebliebenen aber kamen den Truppen an
den Toren nach ihrem Landesbrauch mit Brot und Salz entgegen, und es wurde
ihnen Schutz des Lebens und Eigentums zugesagt. - Wie gesagt, unsere Truppen
rückten noch an dem Vormittag weiter, kaum aber hatten sie die Stadt verlassen,
so begannen die abscheulichsten Scenen der Plünderung. Die Türen der
verschlossenen Häuser wurden erbrochen - was nicht fortgeschleppt werden konnte,
mutwillig zertrümmert. Mord und Notzucht wüteten in allen Strassen, die Horden
der Zigeuner und der Tataren machten bald mit den Soldaten und Matrosen
gemeinschaftliche Sache und führten sie von Haus zu Haus der russischen
Kaufleute und Handwerker, ihnen dort neue Opfer der Habsucht oder der Wollust
zeigend. Die Bevölkerung unterlag, völlig wehrlos, der viehischen Brutalität und
es wurden Taten verübt, deren sich Karaiben schämen könnten!«
    »Und geschah Nichts, dem zu steuern?«
    »Capitain Fontain schickte täglich Patrouillen aus, so lange wir auf der
Rhede ankerten - aber was halfen die Wenigen, die nicht einmal das Recht hatten,
gegen die Engländer einzuschreiten! Ich selbst schoss einen türkischen Marodeur
nieder, der betrunken die Strasse daher taumelte, auf seinen blutigen Säbel einen
Säugling gespiesst5. In fast allen Häusern waren Fenster und Türen zertrümmert,
die Möbel zerschlagen, die Betten und Matratzen aufgeschljetzt aus blosser
Zerstörungslust. Die Plünderung dauerte noch fort, als wir am 3. zurückstellen.
Wäre sie nicht von so abscheulichen Scenen begleitet gewesen, man hätte lachen
müssen über die Unvernunft dieser Raubsucht. Ich sah Matrosen sich müde
schleppen an einem alten Lehnstuhl, an schweren Federbetten oder an einem
hölzernen Heiligenbild mit einer Glorie von Blech um den Kopf. Einzelne machten
freilich vorzügliche Beute. Ihrer Majestät 79. Regiment zum Beispiel stahl eine
grosse Quantität Silberzeug aus einem der Häuser.«
    »Ich hörte, dass das berühmte Museum von Kertsch mit den Altertümern
klassischer Vorzeit zerstört worden?« fragte Capitain Stahl.
    »Bis auf die letzte Scherbe! - Wilde hätten nicht ärger hausen können! Man
begriff nicht, wie die Wut weniger Menschen in so kurzer Zeit eine solche
Verheerung anrichten konnte. Ich fand den Fussboden des Museums fusshoch mit
zerbrochenem Glas, Bruchstücken von Statuen, Vasen, Urnen, dem kostbaren Staub
grosser Erinnerungen, den sie einschlossen, und halbverkohlten Stücken Holz und
Knochen bedeckt. Kein Stückchen von Etwas, das sich zerbrechen oder verbrennen
liess, war vom Hammer oder Feuer verschont geblieben. Die Schränke und Regale
waren von den Mauern gerissen, das Glas in Atome zerschmettert, die Statuen in
Stücke zerklopft; es war kaum möglich zu erraten, was sie früher gewesen waren.
Eben so barbarisch hatte man an dem Grabmal des Mitidrates gehaust.«
    »Und Sie konnten Nichts dagegen tun?«
    »Als ich hinkam - war bereits das Werk vollendet. Wenige Schildwachen vor
alle diese Gebäude gestellt, hätten sie vor der jämmerlichen Zerstörung
gerettet. Wie naiv unter solchen Scenen blutigen Schreckens es auch klingen mag
- ich musste wenigstens meiner Entrüstung Worte geben und schrieb sie mit
Bleistift auf den weissen Türflügel des Eingangs6.«
    »Das ist das Loos des Krieges,« murrte Capitain Mongin. »Wozu uns um das
alte Gerümpel ärgern, wir haben wichtigere Dinge in der Nähe. Sie haben also
gleichfalls noch keine Ordre beim Zweiten, Blanchet?«
    »Parbleu - nein! - ich glaube, man wird die Garden beschäftigen und uns in
den Laufgräben lassen.«
    Der alte Capitain lächelte hämisch: »Unsere Jungen sollen ihnen einen
empfindlichen Streich gespielt haben,« flüsterte er - »es ist gut, dass Polkes
seit heute Morgen fort ist.«
    Sein Nachbar nickte lächelnd. »Geht heute Jemand zu den Briten? Wann beginnt
das Rennen?«
    »Méricourt wollte hinüber. Ich wette, die Narren jagen den Hund mitten
zwischen die Batterieen hinein. Man sollte ihnen die Spielereien verbieten.«
    »Lassen Sie ihnen immerhin das Vergnügen, Kommandant,« bemerkte lachend der
Chasseur-Offizier. »Ihre Prahlerei, besser zu reiten als wir, hat ihnen
höchstens bei Balaclawa Vorteil gebracht, als die russischen Ulanen sie
jagten.«
    »Haben Sie Mistress Duberly reiten sehen?« fragte ein Lieutenant.
    »Ei, die Méricourt gestern besuchte und zu heute einlud? Der Teufel soll
mich holen, eine hübsche Frau, aber doch nicht so interessant und noch lange
keine so kühne Reiterin, wie die schöne Sardinierin. Wie heisst sie doch, Herr
Kamerad?«
    »Sie meinen die Gräfin Pisani,« sagte höflich der Bersaglieri. »Es ist eine
Ungarin und ich sah nie eine schönere und festere Hand ein Pferd regieren.«
    »dabei sieht sie sehr blass und leidend aus. Es ist Torheit, eine Dame den
Strapazen dieses Feldzugs auszusetzen.«
    »Der General, ihr Gemahl, soll sehr eifersüchtiger Natur sein,« berichtete
der Sarde. »Er soll sie im vorigen Jahre während des Donau-Feldzuges geheiratet
haben und ein famoses Vermögen mit ihr.«
    »Jedenfalls ist Ihr Oberst besser daran, wenn sie unfreiwillig gefolgt ist,«
sagte lachend Lieutenant Rouet, »als unser armer Delorny vom Genie, der nach
Dépuis Tod hierher kam. Sie haben doch von der pikanten Geschichte mit seiner
Heirat gehört?«
    »Nein! - Was ist's? - Erzählen Sie.«
    »Ei, der Charivari und mehrere andere Journale teilten schon vor einem
halben Jahre den Prozess mit.«
    »Pah - wer findet in den Laufgräben den Charivari oder die Gazette des
Tribüneaur? - Die Engländer sind in dieser Beziehung besser bedient.«
    »Ja - in dieser einzigen. Kannte Jemand von Ihnen Madame d'Alembert?«
    »Bedenken Sie, Rouet, dass wir aus Afrika kommen!«
    »Nun - man ist auf Urlaub in Paris. Ueberdies war Herr von Alembert ehemals
ein wackerer Offizier und Madame die Tochter des Generals Valpré aus der
Kaiserzeit. D'Alembert war gelähmt und brachte seine letzten Lebenslage im
Spital zu Val de Grace zu, Madame aber wohnte bei der Gattin eines unserer
Generale und lernte dort Delorny kennen. Die Dame war 40 Jahr, als ihr Gatte im
März des vorigen Jahres starb und verliebte sich in den jungen Capitain, der
sich die Sache anfangs gefallen liess, ohne jedoch von Heirat zu sprechen.«
    »Caramba! Da hatte er Recht!«
    »Aber Madame d'Alembert sah die Sache nicht von dieser Seite an. Sie nahm im
vorigen Sommer Opium - zwei Mal sogar - und wollte sterben! Der Arzt erklärte
wenigstens, sie werde die Nacht nicht überleben, und Delorny fühlte ein
menschliches Rühren in seinem Gewissen und liess sich mit ihr - wie man sagt - in
extremis trauen.«
    »Und dann wurde die Dame plötzlich gesund? Cap de Bious - ich wittere den
Braten.«
    »Richtig - nur nicht ganz so rasch. Delorny soll sich dann haben bewegen
lassen, die Trauung in der Kirche St. Tomas zu wiederholen, doch heimlich, ohne
Zeugen und Ausweis der Kirchenbücher. Madame behauptet zwar, die Ehe sei
vollzogen trotz ihrer vierzig Jahre - Delorny weigerte sich jedoch, ohngeachtet
der gerichtlichen Klage, irgend einen Schritt zur Legitimation zu tun, hielt
sich von ihr entfernt und verschwand endlich ganz. Erst vor einem Monat erfuhr
die zärtliche Gattin, bass er sich zur Orient-Armee hatte versetzen lassen und
machte sich auf, ihm zu folgen. Vorgestern traf sie, in Begleitung des
Feld-Almosenier Tenelli und der Obersten Brancion, von Constantinopel hier ein
und überraschte gestern den ungetreuen Flüchtling, der sich Nichts weniger
träumen liess, als diesen Besuch.«
    »Ich kann mir die Scene denken!«
    »Vielleicht doch nicht, wie sie in Wirklichkeit war. Delorny wurde grob, so
dass Brancion ihn fordern wollte, die zärtliche Frau aber brachte sich mit einem
Dolch, den sie im Kleide verborgen trug, zwei Stiche in der Nähe des Herzens
bei.«
    »Hol' der Teufel die Tollheit der Weiber!«
    »Namentlich der alten, Capitain! Man hat ihr zwar glücklich die Waffe
entrissen, ehe sie sich wirklich tödten konnte, was für Delorny wohl das Beste
gewesen wäre, aber die Geschichte hat das ganze Hauptquartier in Alarm gebracht
und General Pelissier wütet noch ärger gegen allen Frauenbesuch, als bisher,
und hat geschworen, dass, mit Ausnahme der Marketenderinnen, der Profoss Alles aus
dem Lager spediren soll, was einen Unterrock trägt.«
    »Der General scheint demnach kein so galanter Verehrer des schönen
Geschlechts, wie sein Vater,« sagte lachend der deutsche Medecin-Major, der eben
mit Méricourt und dem Engländer zum Tisch getreten war und Platz nahm.
    »Ah, sieh' da, Doctor! Setzen Sie sich hierher. Was wissen Sie denn von dem
Vater des Generals? - ich denke, die Familie ist ziemlich unbekannt.«
    »Der Zufall machte mich mit Umständen vertraut,« erzählte der Arzt, »die
vielleicht dem General selbst ganz fremd sind und er ahnt wahrscheinlich gar
nicht einmal die Existenz einer Schwester.«
    »In Frankreich?«
    »Nein - in meiner Heimat; Einige von Ihnen wissen wohl, dass ich aus Berlin
bin.«
    »Und dort lebt eine Schwester des Generals?«
    »Nicht in Berlin selbst - aber doch in der Nähe. Es ist eine sehr achtbare
Dame, die Gattin einen angesehenen Kaufmanns, Namens Mertens in Mittenwalde,
einem kleinen Städtchen unsern der Preussischen Hauptstadt. Ihre Mutter war eine
Mademoiselle Dütertre in Berlin und hatte ein Verhältnis mit dem Capitain
François Pelissier vom 18. Voltigeur-Regiment, der als Adjutant Dudinot's 1808
in Berlin sich aufhielt. Die Familie besitzt noch ein Portrait dieses Capitain
Pelissier, des Vaters der Madame Mertens, in der Uniform seines Regiments, und
einen Brief an seine Geliebte, in dem er seine Freude über die Geburt der
Tochter ausspricht. Später hat jedoch weder Mutter noch Kind je wieder von ihm
gehört.«
    »So würde dies eine ältere Schwester des Marschalls sein, denn so viel ich
weiss, ist er erst 44 Jahr.«
    »Er gehört zur jüngern Schule der Afrikaner,« bemerkte der Vicomte.
»Pelissier, Bosquet, Changarnier, Lamoriciere, Mac-Mahon - sie sind Alle aus
Bügeaud's Erziehung hervorgegangen. Er wurde frühzeitig nach Algier gesandt,
weil er in Paris ein ziemlich wildes Leben führte und Schulden machte.«
    »Bah - wer täte das nicht! Man liebt, man trinkt, man spielt! Wozu wäre das
Leben da?«
    »Wissen Sie denn, dass Letour, der berüchtigtste Grec von Paris, sich in
Kamiesch eingefunden hat?«
    »Der Doctor?«
    »Ja, ich sah ihn gestern - die Lagerpolizei wird ihm hoffentlich bei Zeiten
den Weg weisen.«
    »Warum nennt man ihn den Doctor?« fragte Welland, - »ist er ein Arzt?«
    »Das nicht - er gab der Fakultät bloss eine kleine Lection. Sie müssen die
Geschichte in Paris vernommen haben.«
    »Ich bin nicht so glücklich.«
    »Nun, so hören Sie. Letour ist, wie gesagt, einer der gewandtesten Grecs und
äusserst schlau der Polizei gegenüber. Er wusste, dass Herr Düport, eine der
medicinischen Celebritäten von Paris, sehr reich und gleichzeitig ein
leidenschaftlicher Spieler war, aber es gelang ihm weder den Doctor in ein
Spielhaus zu locken, noch sich in den Salons Zutritt zu verschaffen, die jener
besuchte. Er mietete deshalb ein comfortables Logis, legte sich zu Bett und
liess den Doctor Düport rufen. Dieser kommt, fühlt den Puls, verordnet einen
Trank und verspricht Abends wiederzukommen. Dies erwartete man. In der Tal, als
er eintrat, fand er im Zimmer des Kranken einen Tisch, an welchem mehrere
Herren, wie sie sagten, um ihren Freund zu zerstreuen, spielten. Der Tisch war
mit Gold bedeckt. - Es geht mir viel besser, Doctor, sagte der vorgebliche
Kranke und fügte nach einigen Worten über seinen Zustand bei: Sie haben eine
glückliche Physiognomie, möchten Sie wohl die Güte haben, einige Partieen für
mich zu machen? - Gern, erwiderte der Arzt. Der Grec gab ihm 10 Louisd'ors und
der Doctor fing an zu spielen. Er war sehr glücklich, gewann 100 Louisd'ors,
zählte sie dem Kranken hin und meinte, dass er öfter Lust gehabt, halbpart mit
ihm zu machen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, meinte der Grieche. Wenn Sie
morgen einige Augenblicke Zeit haben, so kommen Sie. Ich werde diese Herren
einladen und wir machen eine Partie. Doctor Düport stellte sich pünktlich ein
und associirte sich mit seinem Kranken, der sich ziemlich wohl befand. Zuerst
liess man ihn einige Louis gewinnen, aber bald drehte sich die Chance und in drei
Besuchen verlor der Doctor nicht weniger als 25000 Franken. Zu spät sah er ein,
dass er betrogen sei; denn als er das vierte Mal wieder kam, um Revanche zu
nehmen, war das Nest ausgeflogen.«
    »Was kommt dort für Cavalkade?« fragte ein Offizier, der zufällig
aufgestanden.
    »Wo? - dort? - ich glaube, es ist Feverrier - der Bursche muss es eilig
haben.«
    »Nein - ich meinte da nach der andern Seite - die Staubwolke?«
    Der Brigade-Adjutant war herangesprengt. »Meine Herren, der Oberst lässt Sie
wissen, dass der General en Chef sogleich mit dem ganzen Stab hier sein wird. Die
Leute sollen aber in ihrer Beschäftigung bleiben - wie ich sehe also bei der
Mahlzeit. Sie wissen, der General liebt es nicht, zu geniren und ist heute
ohnehin nicht besonderer Laune.«
    »Wie so - was gibt es - erzählen Sie, Feverrier!« Die Offiziere umdrängten
ihn.
    »Ei, unter uns - es hat einen verteufelten Sturm gegeben. Der Ober-General
war bei Lord Raglan in Kamara und, wie mir General Wimpfen vertraut, ist es zu
einer Scene gekommen, wegen der Befestigungen, welche die Engländer bei Kertsch
und Pawlowskaja verstärken wollen.«
    »Doch wohl, um sich dort festzusetzen? Ein neues Corfu oder Gibraltar am
Azow'schen Meer.«
    »So scheint es! Doch reichen Sie mir einen Becher Wein - meine Kehle ist so
trocken wie die Sahara. - General Pelissier,« fuhr er fort, nachdem er
getrunken, »hat dem Lord erklärt, er werde d'Autemarre den Auftrag senden, sich
mit Gewalt jeder Fortifikation an der Küste zu widersetzen, die einen andern
Zweck habe, als die Expedition zu sichern. - Wahrhaftig - da sind sie schon, der
Teufel traue dem Dicken!«
    Der greis der Offiziere zog sich zurück, während die Anhöhe herauf der
zahlreiche Stab des französischen Ober-Feldherrn, begleitet von mehreren
Divisions- und Brigade-Generalen, Ismaël-Pascha und dem General La Marmora, kam.
    Zwei Araber, in weissen wehenden Gewändern, ritten dem General Pelissier
voran, der auf einem kräftigen Grauschimmel sass. Er war ein starker, fast fetter
Mann, was ihm das anhaltende Reiten sehr erschwerte, mit fast weissem, kurz
abgeschnittenem Haar. Die Gestalt nicht gross, das Gesicht von einem gutmütigen
Ausdruck, von dem ganz verschieden, den man nach seinen Antecedentien in Afrika
erwarten sollte. Nur um die Nasenwurzel verkündeten einige Falten den harten,
festen und eigensinnigen Charakter. Der General trug eine mit Orden geschmückte
Uniform, und darüber trotz der Hitze, einen weissen Mantel, ähnlich denen der
arabischen Häuptlinge.
    Die Umgebung des Generals zeigte zahlreich Namen, die sich bereits in der
neuesten Geschichte des französischen Waffenruhms in Afrika, Spanien,
Griechenland und Italien mit Ruhm bedeckt hatten, obschon sie, gleich Pelissier,
meist erst im Alter zwischen 40 und 50 Jahren standen, oder die durch ihren
Heldentod vor den Wällen des Malakoff bei den spätern Stürmen des 18. Juni und
8. September sich einen Platz in den Büchern der Geschichte erkauft haben, wie
Mayran, Brünet, Rivet, der Generalstabschef des I. Armee-Corps, Saint Pol,
Breton und Marolles. Der Ober-General unterhielt sich lebhaft mit dem General La
Marmora, dessen Bruder, General Alessandro La Marmora, bereits an der Cholera
erkrankt war, und seinem Liebling Rivet, der in der Nacht zum 14. April und 2.
November die Logements vor der Redoute Schwarz genommen hatte.
    »Guten Tag, meine Herren,« sagte Pelissier. »Wir müssen Sie hier kurze Zeit
stören, weil man von Ihrer Höhe eine Aussicht hat, die ich brauche. - Das Glas.
Selim!«
    Der arabische Leibdiener überreichte dem Feldherrn das Feldperspectiv.
    »Kommen Sie her, Bosquet,« fuhr der Kommandirende fort, »wir werden uns hier
leichter verständigen. Wenn Sie Vergé mit seiner Brigade die linke Parallele bis
zu den Steinbrüchen, auf der Flanke der Engländer, besetzen lassen, kann Wimpfen
im Dokowaja-Grund sich aufstellen, von Brünet unterstützt. Ich hoffe jedoch, es
wird der Reserven nicht bedürfen. Am besten ist's, Sie lassen den Mamelon gleich
von drei Seiten her angreifen, so teilt sich das Feuer. Wenn Oberst Shirlei mit
den Briten seine Schuldigkeit tut, wird er den Kirchhof zu dieser Zeit besetzt
haben und die Kanonen des Malakoff zur Genüge beschäftigen.«
    General Bosquet verbeugte sich schweigend, - er und Pelissier waren keine
besonderen Freunde und häufige Rivalen.
    »Ich glaube, Camou wird hier ein leichteres Spiel haben, als Mayran und
Dülac vor den Redouten,« fuhr der General fort. »Dennoch wird die Wegnahme des
Mamelon für uns von grösster Bedeutung sein. Der Teufel soll das Nest holen,
dessen Bau man gar nicht so weit hätte gedeihen lassen sollen!«
    »Ich danke Euer Excellenz für die Ehre, die Sie uns mit dem Befehl erzeigt
haben,« sagte General Camou.
    »Eigentlich wären freilich die Garden an der Reihe gewesen,« meinte der
Feldherr, »und Pontèves wird mir's gewaltig übelnehmen. Indes er ist der Jüngste
von uns und hat Zeit. Wer kommt dort?«
    Er deutete nach der Bergseite, die nach Südosten führte und auf deren Abhang
eine Reitergruppe von den entfernten Lagerplätzen der Garde herkam. »Parbleu -
ich glaube, das ist Mellinet, der mich zu quälen kommt. Vorwärts, meine Herren,
zur Victoria-Redoute!«
    Ehe jedoch der Stab sich in Bewegung setzen konnte, sprengte der Commandeur
der Garde-Division, General Mellinet, mit seinen beiden Divisionairs, den
Generalen Ulrich und Pontèves, und mehreren Offizieren der Garde-Regimenter,
herbei und schnitt dem Ober-Kommandanten gleichsam den Weg ab.
    Als General Pelissier sah, dass er nicht mehr entkommen konnte, blieb er,
verschiedene Verwünschungen murmelnd, auf der Stelle halten. Es war bekannt, dass
er mit den obern, seinem Kommando untergebenen Offizieren häufig nicht besonders
höflich umsprang und weit eher den Soldaten und unteren Graden etwas nachsah;
namentlich erfreuten sich die Garden nicht gerade besonderen Vorzugs.
    Um diese Tatsachen schien sich General Mellinet jedoch wenig zu kümmern,
als er gerade auf den Ober-General zuritt und kalt salutirte.
    »Es freut mich, dass Sie kommen, Mellinet,« sagte dieser, offenbar irgend
einem Anliegen vorbeugend, »ich vermisste überhaupt heute die Herren von der
Garde bei dem Besuch im britischen Hauptquartier; Sie können mich nach der
Victoria-Redoute begleiten.«
    »Verzeihen Eure Excellenz,« sagte der Angeredete kalt und fest, »ich muss um
einige Augenblicke Gehör bitten und bin dazu hierher gekommen, da ich hörte, dass
der Stab diesen Weg genommen.«
    »Nun, sprechen Sie unterwegs, ich habe Eile - Sie werden wissen, dass das
Feuer in drei Stunden beginnen muss.«
    »Ich habe nicht die Ehre, Eurer Excellenz Anordnungen schon zu kennen,«
beharrte der General, der wohl merkte, dass der Ober-Kommandant ihm zu entkommen
suchte, »aber ich muss bemerken, dass die Sache sich am besten hier an Ort und
Stelle entscheiden lassen wird.«
    »Meinetwegen denn! bitte, was wünschen Sie?«
    »Ich komme im Namen der Garden Beschwerde zu führen, über Beleidigungen und
Verhöhnungen, die man sich fortwährend gegen sie erlaubt.«
    »Ach. Larifari, die alte Leier von den ewigen Zänkereien,« schrie der
Ober-Kommandant. »Lassen Sie mich endlich damit ungeschoren, wenn Sie keine
bestimmten Beschwerden anführen können. An allen Streitigkeiten hat ein Teil so
viel Schuld als der andere.«
    General Mellinet schien in Voraus entschlossen, Ruhe und Gelassenheit zu
behalten, obschon die Behandlung ziemlich impertinent war und sein Gesicht sich
zu röten begann; er begnügte sich daher, dem Ober-Befehlenden ein Papier mit
den Worten zu überreichen: »Ich bitte Eure Excellenz, dies zu lesen.«
    Pelissier entfaltete das Blatt - es war eines der Plakate, welche man an die
Zelte der Garden während der Nacht angeheftet hatte und dessen Inhalt wir
bereits erwähnt haben.
    Der künftige Marschall las das Pamphlet und brach dann in ein schallendes
Gelächter aus. - »Mort de ma vie! Gestehen Sie, Mellinet, der Witz ist nicht
übel. Ich bitte, Rivet, lesen Sie das Dings da!«
    Er reichte mit baucherschütterndem Lachen das Blatt dem Generalstabs-Chef,
aus dessen Hand es die weitere Runde machte, während die Offiziere der Garde
bleich und rot vor Zorn wurden.
    »Gottes Blut,« sagte endlich der General Pontèves, dessen Gesicht dunkelrot
zu glühen begann, »wir sind nicht hier, um Ihr Gelächter zu hören, meine Herren,
sondern um Genugtuung für dir Beleidigung zu fordern.«
    »Ah, sieh da, Pontèves,« rief der Ober-General, »sei verständig und lache
über den Scherz. Das ist das Beste, was die Herren tun können, denn - die
Angelegenheit der Trancheers ist doch nun ein Mal Wahrheit.«
    »Excellenz,« sagte General Mellinet mit scharfem und erhobenem Tone, »wie
dem auch sei, wir kommen nach gepflogener Beratung mit unsern Offizier-Corps,
um zwei Dinge zu verlangen. Das Erste ist, dass Sie den Garden gestatten, auf ihr
Vorrecht Verzicht zu leisten und in dem Trancheendienst abzuwechseln, wie jeder
andere Teil der Armee; - das Zweite ist eine strenge Untersuchung wegen des
angetanen Schimpfes, der bereits Blut gekostet hat und noch mehr kosten wird,
wenn Euer Excellenz uns Ihr Einschreiten verweigern.«
    Der Ober-General sah den Redner von der Seite an, doch mochte er sich der
Sache vor dem sardinischen Ober-Kommandanten schämen, denn er sagte ärgerlich:
»Was ist's damit? reden Sie deutlich und klar, Herr General!«
    »Es haben in Folge dieses Schimpfes heute Morgen bereits drei Duelle
stattgefunden und ein Sergeant der Grenadiere ist dabei erstochen worden,«
sprach der Ankläger. »Die Soldaten der ganzen Division sind wütend, ausser sich,
- und ich kann Euer Excellenz nicht für ausgedehnte Excesse einstehen, wenn die
Täter nicht sofort bestraft werden.«
    Die Falte zwischen des Ober-Generals Brauen hatte sich vertieft, in den
Krähenfüssen um die Augenwinkel lag Hohn mit aufsteigendem Zorn gemischt, als er
fragte: »Das sind Alles allgemeine Anschuldigungen, General Mellinet, aber wer
ist der Täter?«
    »Es sind Zuaven vom dritten Regiment,« sagte Pontèves barsch. -
    Der Oberst des dritten Zuaven-Regiments, de Bonnet-Maurelhan-Polkes, drängte
im Augenblick sein Pferd aus den hintern Reihen. - »Erlauben Sie, Herr General,
das ist - -«
    »Still!« sagte der Ober-Befehlshaber mit gebietender Stimme und
Handbewegung. »Ueberlassen Sie das mir, Oberst. Wo sind die Beweise für Ihre
Behauptungen, Herr General?«
    »Die Schildwachen haben Zuaven in der Nähe unserer Zelte bald nach
Mitternacht umherschleichen gesehen, ein Corporal der Grenadiere behauptet, zwei
von ihnen erkannt zu haben. Den Einen bezeichnet der Name dieser Brieftafel, die
man an einer Stelle fand, an welcher jene Nichtswürdigkeit angeheftet war, der
Andere hat sich durch das Duell verraten, indem er heute den Corporal des
ersten Grenadier-Regiments, der ihn beschuldigte, tödtlich verwundete.«
    General Pelissier hatte das Notizbuch geöffnet, seine Stirn war finster wie
eine Gewitterwolke, weniger aus Aerger über den Unfug, als aus Groll über die
directen Beweise. - »François Bourdon« las er, - »wie heisst der andere Bursche,
den man gesehen haben will?«
    »Lebrigaud!«
    »Lebrigaud? - der Name ist mir nicht unbekannt - ein toller Taugenichts,
wenn ich mich recht erinnere. In welcher Compagnie stehen dir Beiden?« - Sein
Blick heftete sich auf den Kreis von Offizieren und Soldaten, der sich in
einiger Entfernung um die Generale gebildet hatte und in gespanntem Schweigen
der Entwickelung harrte. Der Kommandant des ersten Bataillons, Vicomte de
Méricourt, trat salutirend aus der Reihe.
    »Euer Excellenz zu Befehl, die beiden Leute stehen beim ersten Bataillon,
das ich zu kommandiren die Ehre habe, aber ich glaube, für Corporal Bourdon
bürgen zu können, der einer der bravsten und ordentlichsten Soldaten ist.«
    »Ich habe Sie um Ihr Zeugnis noch nicht gefragt, Herr,« sagte grämlich der
General. »Lassen Sie die beiden Männer hierher kommen.«
    Der Befehl lief schnell durch die Menge, die sich näher herandrängte, und
einige Augenblicke darauf trat der Corporal Bourdon in den Kreis und blieb in
dienstlicher Haltung vor den Generälen stehen. Ihm folgte Lebrigaud, in den
Talar und die Mütze eines polnischen Juden gekleidet, die als das Costüm eines
russischen Popen gelten sollten, an der Hand nicht ohne einiges Sträuben die
noch scandalöser ausgeputzte Figur seines Collegen Bernaudin hinter sich
herzerrend.
    Ein unterdrücktes Lachen lief durch die ganze Cavalkade des Stabes bei der
Erscheinung dieses seltsamen Kleeblatts, während die Offiziere der Garden ihre
Lippen wund bissen.
    »Was soll die Mummerei heissen, - wer sind die Kerls?« fragte der
Ober-Kommandant, bemüht, eine strenge Miene anzunehmen.
    »Excellenz halten zu Gnaden,« nahm der verkleidete Pope mit einer tiefen
Verbeugung das Wort, »ich bin für heute Nachmittag der ehrwürdige Vater Basilius
Papodorowitsch und das da ist Ihre Durchlaucht die Fürstin Mulaschpulaschkin,
die Besitzerin verschiedener Goldbergwerke im Uralischen Gebirge oder am
Kasperschen See, die sterblich in einen Offizier von Euer Excellenz getreuen
Zuaven verliebt ist und mit des Himmels Hilfe und meinem Beistand seine eheliche
Gallin werden soll.«
    Das Gesicht des Generals wurde jetzt im Ernst finster. »Nimm Dich in Acht,
Bursche, und bedenke, vor wem Du stehst! Wie heisst Du?«
    »Lebrigaud, Excellenz, und das ist mein Kamerad Bernaudin,« sagte der
Lüderjahn unbesorgt, »wir haben heute, mit Erlaubnis des Obersten, eine kleine
Teatervorstellung, zu der wir Euer Excellenz und die Herren Generäle gern
einladen möchten, wenn es der Respect erlaubte; - Euer Excellenz wollen das
Costüm entschuldigen, - wir durften es nicht wagen, Sie warten zu lassen.«
    »Es ist gut! - Dein Name kommt mir bekannt vor?«
    »Möglich, General. Wir haben Beide einen grossen Teil unserer Zeit in Afrika
zugebracht.«
    »Du warst unter den Zephyren beim Angriff auf die Verschauzung der
Veni-Passan?«
    »Ja, General - es sind fünfzehn Jahr her und ich bin seitdem nicht schöner
geworden. Ich half Sie damals über die Schanze werfen - Sie waren da noch nicht
so dick und schwer wie heute7 - ich erinnere mich genau.«
    »Richtig, Du warst einer von den Dreien, aber ich habe ein eben so gutes
Gedächtnis und erinnere mich auch, dass Du der Erste bei mir warst. Ich kenne
jetzt auch Dein Gesicht, trotz des Bartes.«
    »O,« sagte der Zuave höflich, indem er den falschen Bart entfernte, »da kann
ich dienen, General!«
    Jedermann sah jetzt, wie die Untersuchung enden würde, denn Pelissier nahm
bei jeder Gelegenheit seine alten Zephyre in Schutz, obschon sie die
berüchtigsten Taugenichtse der afrikanischen Armee waren. Trotzdem konnte sich
der General Pontèves nicht entalten, noch einen Versuch zu machen, indem er auf
die breite Schmarre des Zuaven wies: »Da steht der Beweis auf seinem Gesicht,
dass er Derjenige ist, welcher sich heute Morgen geschlagen hat.«
    »Fichtre! ich denke, ich habe es noch nicht geleugnet! - Es kam wegen einer
Beleidigung, die nur die Garden angetan haben.«
    »Dir, Kerl?«
    »Ja, General, sie haben mir eine Brieftafel, die mir mein Freund und
Corporal Bourdon hier zu meinem Namenstag als Andenken geschenkt hatte,
gestohlen! Der Henker weiss zu welchem Zweck!«
    Unaufhaltsam, trotz der Gegenwart des Ober-Befehlshabers, war das Gelächter,
das nach dieser frechen Anschuldigung hervorbrach. Der Spitzbube hatte offenbar
die vorhergegangene Anklage und Verhandlung hinter der Bühne versteckt angehört
und parirte auf diese Art den Beweis, da er seinem jüngern und ehrlicheren
Kameraden nicht recht trauen mochte.
    »Und Euer Excellenz gestatten diesem Schuft eine solche Infamie?« schrie
wütend General Mellinet.
    »Ich begreife nicht,« fuhr der Zuave mit derselben stoischen Ruhe fort, »wie
man sich darüber ärgern kann. Wir müssen uns doch auch gefallen lassen, dass die
Herren von der Garde uns nicht anders, als Hühnerdiebe nennen, während sie die
ganze Zeit doch ihre Eier in unsere Nester zu legen bemüht sind.« Er wies mit
der Hand nach dem Eingang der Cantine, wo man einen Adjutanten des General
Pontèves, heimlich vom Pferde gestiegen, die Gelegenheit benutzen sah, sich so
eifrig mit Mademoiselle Celeste zu unterhalten, dass das Pärchen nicht einmal die
Aufmerksamkeit bemerkte, die der Zuave schlau darauf gewandt.
    »Sie werden dem Grafen Bretanne drei Tage Arrest dafür geben, Herr General,«
sagte der Ober-Kommandant - kein besonderer Freund des schönen Geschlechts -
barsch, »dass er seiner Liebeleien wegen die Achtung vor seinen Vorgesetzten aus
den Augen setzt. - Was die Beleidigung anbetrifft, so stehen Anschuldigungen aus
beiden Seiten. Hast Du dies geschrieben, Bursche? - Sprich die Wahrheit!« - Er
zeigte dem Zuaven das Plakat.
    Der Halunke spielte wie die Katze mit der Maus mit seinen Gegnern. Er besah
das Blatt hinten und vorn, zeigte es kopfschüttelnd seinem Gefährten und sagte
dann, die Augen listig zusammenkneisend: »Aber General, die ganze Compagnie
weiss, dass ich kein Gelernter bin und nicht einmal meinen Namen schreiben kann,
sonst müsste ich ja längst mindestens Oberst sein, abgesehen von den paar kleinen
Verurteilungen. Ausserdem kann hier Bernaudin, mein Kamerad, der die Fürstin
Mulaschpulaschkin darstellt, bezeugen, dass ich die ganze Nacht nicht von seiner
Seite gekommen bin!«
    »So wahr alle neunhundertundneunundneunzig Heiligen meiner Seele gnädig sein
mögen, ich will mein Leben lang Nichts als saure arabische Milch fressen,«
schwor die Fürstin geläufig, »wenn das nicht Alles die reine Wahrheit ist, Euer
Excellenz, Herr General-Ober-Kommandant! Ich will verdammt - -«
    Eine Handbewegung und ein einziger Blick des Generals unterbrach und
scheuchte ihn einige Schritte zurück. - »Kannst Du einen ähnlichen glaubwürdigen
Zelgen für Dein Alibi stellen, Corporal?« fragte er, zu Bourdon gewendet.
    Der junge Mann war blutrot und scheute sich offenbar, eine Lüge
vorzubringen, obschon er Zuave war. Lebrigaud sprang ihm jedoch eilig zu Hilfe
und sagte: »Der Sergeant-Major Fabrice war bei ihm.«
    »Fabrice Tonton? - Das ist ein Braver - ich kenne ihn. Lasst ihn vortreten.«
    Papa Fabrice wurde sehr gegen seinen Willen in den Kreis gedrängt und schien
sich ziemlich unbehaglich und verlegen zu fühlen.
    »Nun, mein Alter,« sprach freundlich der General, »die Sache hier muss ein
Ende nehmen. Sprich also frisch heraus, ob Dir bekannt, wo dieser Mann hier die
Nacht zugebracht!«
    Der Sergeant-Major drehte sich noch immer verlegen den langen Schnurrbart
oder rückte den Fess von einer Seite auf die andere und kraute sich hinter dem
Ohr.
    »Nun wirds?«
    »Peste! - Es ist freilich nicht ganz recht, General,« murmelte der
Angeredete endlich, »dass so ein alter Esel, wie ich, sich verführen lässt - aber
die Wahrheit muss heraus! - Wir haben zusammen getrunken, mein General - es war
so, wie ein Namenstag, ich weiss nur nicht genau welcher! - aber wir sassen die
Nacht beisammen, das ist wahr, nur ...«
    »Das ist genug,« sagte der Ober-Kommandant. »Tretet zurück, Bursche. Sie
sehen, General Mellinet, dass sich Nichts hat ermitteln lassen. Was Ihr Verlangen
betrifft, so bewillige ich dasselbe und die zweite Garde-Brigade soll bei der
heutigen Ablösung bereits den Dienst in den Trancheen beziehen. Treffen Sie die
nötige Aenderung in den Bestimmungen, Rivet.«
    »Aber das Duell - der erstochene Sergeant?«
    »General Wimpffen möge ein Kriegsgericht anordnen - Sie hörten ja, dass der
Bursche behauptet, der beleidigte Teil zu sein.«
    Der Kommandant der Garden wandte sich zu dem Kommandeur des Regiments. »Da
mir hier jede Genugtuung verweigert wird,« sagte er, bleich vor unterdrücktem
Aerger, »so habe ich Sie, Oberst Maurelhan, nur noch darauf aufmerksam zu
machen, dass, lässt sich Einer von Ihren Schuften noch ein Mal im Bereich des
Lagers der Garden blicken, die Wachen Ordre haben werden, ihn wie einen Hund
nieder zu schiessen!«
    »Wenn Sie hierher gekommen sind, General,« schrie der alte Polkes heftig,
»um mich zu beleidigen, so ...«
    »Halt da, meine Herren,« unterbrach die strenge Stimme des
Ober-Befehlshabers, »keinen Streit! Meine Entscheidung ist gefällt und Sie mögen
bedenken, General Mellinet, dass ich wegen eines Witzwortes doch unmöglich brave
Soldaten erschiessen lassen kann. Begleiten Sie uns weiter, Mellinet, wenn es
Ihnen genehm.«
    »Euer Excellenz werden mir erlauben, nach meinem Quartier zurückzukehren,«
sagte der Garde-Divisionair, kurz und kalt salutirend, und wandte, ohne Antwort
abzuwarten, sein Pferd.
    »Oberst Maurelhan-Polkes,« fuhr der Ober-General fort, das Regiment scheint
mir allerdings etwas ausser Zucht und ich muss Sie bitten eine grössere Strenge
eintreten zu lassen. Um den Übermut etwas zu dämpfen und zu bestrafen, soll
das Regiment morgen die Spitze nehmen beim Sturm auf den Mamelon. Lassen Sie
daher die Brigade Vergé die Stellung im Dokowaja-Grund einnehmen und die erste
Brigade den Angriff machen, Camou!
    Ein donnerndes »Vive l'Empereur!« »Vive le général Pelissier!« erschütterte
bei dieser Strafbestimmung rings umher die Luft. Die Zuaven geberdeten sich wie
wahnsinnig; sie umringten, vorstürzend, den General, sie umarmten und küssten die
Füsse seines Pferdes, sie schwenkten die grünen Shawls ihrer Kopfbedeckung durch
die Lust und trieben tausend tolle Possen.
    »Das ist unbillig, General Pelissier,« sagte ernst Pontèves, der von der
Garde-Suite allein noch zurückgeblieben war. »Diese Genugtuung hätte zum
Mindesten den Garden gebührt und ich hatte Ihr Versprechen für meine Brigade bei
der ersten Gelegenheit und mahne Sie jetzt daran.«
    Der Ober-General klopfte ihn freundlich auf die Schulter. »Sei vernünftig,
Pontèves, wenn es Ernst gilt auf den Malachof, sollst Du mit Deinen Grenadieren
nicht fehlen, auf mein Wort. Der Mamelon ist ein Vorposten und den zu nehmen das
Gesindel da gerade gut, das tolle Blut wird dabei genug decimirt werden, und
nach dem Gefecht die Freundschaft wieder hergestellt sein. Ich kenne das und
schicke deshalb Deine Brigade in die Trancheen, damit heute Ruhe bleibt. - Ist
es gefällig, meine Herren, wir haben viel Zeit verloren! - Adieu, Kinder, und
beeilt Eure Vorstellung, damit Euch die meine nicht stört!«
    Er galoppirte unter dem Zuruf der Menge in weit besserer Laune davon, als er
hergekommen; gefolgt von der ganzen Suite.
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    Der Ober-General und sein Stab waren noch nicht in der Schlucht
verschwunden, als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager dieser
Männer begann, die Narren und Kinder in ihrem Müssiggang, Löwen und Helden im
Gefecht sind! Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf lief wie ein Blitz
durch die Zeltreihen der ganzen Brigade und schien, trotz der brennenden
Mittagshitze, Alles zu elektrisiren. Selbst die Offiziere waren von dem
allgemeinen Taumel angesteckt. Ueberall waren Kreise und Gruppen in lebhafter
Demonstration, vor dem Teater sammelten sich dichte Massen, nahmen die Plätze
bunt durch einander um den eingeschlafenen britischen Matrosen ein und schrieen
nach dem Beginn des Schauspiels und nach Musik, die Lieblingslieder und den
Sturmmarsch zu spielen. In der Tat winde auch die Ruhe erst einigermassen
hergestellt, als die Musiker, in einem Erdloch vor der Bühne postirt, den
Zuavenmarsch begannen, der Vorhang in die Höhe ging und die sämtlichen
dramatischen Künstler in den absurdesten Aufzügen in einer Reihe gruppirt
erschienen, während Lebrigaud an ihrer Spitze mit einer entsetzlichen Stimme den
Text des Liedes brüllte, in dessen Chor bald die ganze Versammlung einfiel, dass
die Melodie weitin durch die von der Sonnenglut zitternde Lust erklang.
    Während dieser Scenen, die so wechselnd und belebt das allgemeine Interesse
in Anspruch nahmen, hatten - gleichsam hinter den Coulissen - andere Auftritte
gespielt, die nicht minder wichtig und fesselnd waren für die einzelnen Personen
unserer Erzählung.
    Michael Lasaroff, der gefangene Unterfähnrich, war bei dem Erscheinen der
Cavalcade des Ober-Kommandanten neugierig, wie es die Jugend ist, an ein offenes
Fenster der Cantine getreten, die Feldherren zu sehen, während Nini, mit der
Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt, neben ihm stand und ihm die Namen der
Generäle nannte. Plötzlich fuhr der Jüngling zurück - sein Blick war auf eine
ihm wohlbekannte Gestalt getroffen, einen alten Mann in Civilkleidung, die aber
den früheren Krieger nicht zu verbergen vermocht hätte, auch wenn das Kreuz der
Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht, von denen die eine
sich am Schädel verlief, darüber in Zweifel gelassen hätten.
    Der Greis ritt in der Suite des Generals en Chef. Sein Auge musterte traurig
und ernst die bunten Kriegergruppen. Eine kurze Wendung weiter - und es hätte
gefunden, was es so sehnsüchtig suchte.
    Der junge Unterfähnrich war lebhaft bewegt - Blässe und fliegende Röte
wechselten auf seinem von dem Wundlager noch angegriffenen Gesicht. Dann schien
er seinen Entschluss gefasst zu haben und zog sich hastig, wie vor einer
Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschützerin Nini, in die ihm
angewiesene Abteilung der Cantine zurück.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die kurze Unterredung, welche der zum Arrest befohlene Grenadier-Offizier
mit Madame Celeste geflogen, hatte doch genügt, dem Schicksal der Eitlen und
Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben. Die Anwesenheit von Frauen im Lager
ohne bestimmten militairischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von
beiden Ober-Feldherren untersagt, das Verbot wurde aber vielfach und unter
allerlei Vorwänden umgangen.
    In dieser Weise war auch Madame Bibesco von ihrem Entführer, dem Capitain de
Sazé, während des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden und hatte
dort die Leiden und die Not der Armee weniger empfunden. Erst als ihr
Beschützer und zeitweiliger Geliebter gefallen oder wenigstens verschwunden war
und sie dadurch in allerlei Verlegenheiten geriet, hatte sie den Vicomte de
Méricourt, als den ihr bekannten Freund desselben, aufgesucht und dabei Nini
Bourdon in ihrer neuen Lage wiedergetroffen. So peinlich und unangenehm in
vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit der früheren Freundin und deren
Gefährten sein mochte, hatte die Klugheit ihr doch geboten, das guterzige
Anerbieten derselben und eine Stelle als Demoiselle de Comptoir in der Cantine
anzunehmen, die sie seit einer Woche bekleidete und die ihr reichlich
Zerstreuung und Gelegenheit gab, mit den besuchenden Offizieren zu kokettiren
und ihre Netze auszuwerfen. Die fortwährenden Intriguen, in denen sie sich
bewegte, waren es auch, die ihre Aufmerksamkeit von der Aehnlichkeit des armen
Blödsinnigen mit dem früheren Geliebten Nini's in Paris abwandten und sie nicht
näher und schärfer nachforschen liessen, als dass sie ein seltenes Spiel des
Zufalls darin sah. Irgend eine Geschichte, die ihr die ehemalige Grisette von
dem armen Verwandten erzählt, genügte ihr daher wenigstens scheinbar, da sie
sorgfältig und aus ihr wohlbekannten Gründen vermied, auf die Scene jenes Abends
in der Rue St. Joseph zurückzukommen und sich auch wohl gehütet hatte, Nini von
ihrem späteren Zusammentreffen mit dem Fürsten Iwan Oczakoff zu erzählen.
Dennoch blieb ihr das Verhältnis zu Nini Bourdon und deren Umgebungen höchst
unbehaglich und sie ergriff daher die erste sichere Gelegenheit, sich ihm zu
entziehen, indem sie die Anerbietungen des reichen Garde-Offiziers annahm. - - -
    Während ihres Gesprächs mit dem Grafen Bretanne und den draussen vorgehenden
lebhaften Scenen war daher auch der Eintritt eines englischen Offiziers wenig
beachtet worden, der unfern des Eingangs Platz nahm und Kaffee bestellte.
    Der Fremde trug die Interims-Uniform eines englischen Linien-Regiments, mit
allen Nebenerfordernissen der feinsten Toilette. Ein rötlicher Schnurr- und
Backenbart rahmte sein offenbar noch sehr jugendliches Gesicht ein, eine blaue
Brille bedeckte die Augen.
    Dennoch schien dies Gesicht einen eigentümlichen Eindruck hervorzubringen,
denn Nini, bei der der britische Offizier im Vorübergehen Kaffee bestellt,
betrachtete ihn mit halb erstaunter Miene und ging zwei Mal an ihm vorüber, ihn
neugierig anschauend, ehe die Wendung des Verhörs vor General Pelissier all'
ihre Aufmerksamkeit und ihre Besorgnis fesselte.
    Der schwachsinnige Jean brachte, da alle Bedienung sich ausserhalb der
Cantine befand, das Getränk und setzte es in seinem träumerischen Wesen achtlos
vor dem fremden Offizier nieder.
    Nicht so spurlos ging die einfache Begegnung bei diesem vorüber. Der Anblick
des armen blödsinnigen Burschen durchzuckte ihn gleich einem elektrischen
Schlage; er machte unwillkürlich eine Bewegung, aufzuspringen, die Arme erhoben
sich - doch eben so schnell schien er seiner Bewegung Meister zu werden und
jedes Zeichen der Aufregung zu unterdrücken, ausser, dass seine Blicke von diesem
Moment an unverändert allen Bewegungen des Schwachsinnigen folgten, der das
empfangene Geld zum Comptoir trug und den Rest dem Offizier zurückbrachte.
    Dieser berührte hastig dabei die Hand des armen Burschen - es schien, als ob
er sie drückte. Wer in diesem Augenblick ihn näher beobachtet hätte, würde
bemerkt haben, dass zwei grosse schwere Tropfen unter den blauen Gläsern der
Brille langsam hervor und über seine Wangen flossen.
    General Pelissier hatte bereits den Platz verlassen und verschiedene Gruppen
der Offiziere und Soldaten hatten, während der Lärm und Jubel draussen tobte,
sich um das Comptoir Celesten's oder in der Cantine selbst versammelt, jener und
der jungen Marketenderin die komischen Scenen des Verhörs schildernd, von dem
bevorstehenden Kampf plaudernd oder sich gemächlich zum Einnehmen ihres Kaffee's
anschickend. Die britische Uniform war eine zu gewöhnliche Erscheinung, als dass
sie irgend hätte Aufmerksamkeit erregen können, als höchstens einige flüchtige
Blicke, da der fremde Offizier sich abgesondert hielt und den Kopf in die Hand
gestützt dadurch einen Teil seines Gesichts verbarg.
    Zwei Männer nur hatten ihm eine schärfere Beachtung gewidmet, ohne dass er
dies bemerkte. Es war der Corporal Bourdon, der seinen sehr grämlichen und
ärgerlichen Sergeant-Major in eine Ecke gezogen, um sich dort gegen die Vorwürfe
zu verteidigen, die der Alte für seinen Aufruf zum Zeugnis ihm machte.
    »Den Teufel über Euch, Halunken,« schmälte der Feldwebel. »Konntet Ihr Euch
nicht herauslügen aus der Geschichte, ohne einen alten Kerl, wie mich, und seine
kleinen Sünden vor den General zu bringen? - Wenn er mich nun degradirt hätte,
Ihr Schufte, bloss weil ich mich verleiten liess, mir in Gesellschaft solcher
Laffen einen kleinen Haarbeutel zu trinken? He - was hätte man dann in der
ganzen Armee von Sergeant-Major Fabrice gesprochen? Welche Schmach wäre damit
auf die sämtlichen Zuaven gefallen! Fichtre!«
    »Il n'est pas si diable qu'il est noir, Papa Fabrice!« beruhigte ihn der
Corporal. »Ihr habt Nichts von einem Haarbeutel gestanden und nur die Wahrheit
gesagt, dass Ihr mit uns ein Wenig gebechert. Wie sollte das Eurem Ruf schaden?
Oder wolltet Ihr vielleicht lieber, dass wir in eine arge Klemme kamen, wo es
bloss galt, ein Paar Worte Wahrheit zu sprechen? Parbleu - lasst das meine
Schwester nicht hören!«
    »Na, na,« brummte der Alte, »es hätte mir freilich leid getan, aber ...«
    »Ich schwöre Euch überdies, Papa Fabrice,« fuhr der Corporal fort, »Ihr
war't auch im Geringsten nicht betrunken. Ich weiss ganz gewiss, dass Ihr uns Alle
zu unserm Lager gebracht habt und der Letzte war't, der einschlief.«
    »So - na, wenn das ist! - ich habe auch so eine dunkle Erinnerung! - Aber
der Aerger vor dem General hat mir die Kehle ganz trocken gemacht - ich muss mich
wahrhaftig umsehen - -«
    »Bleibt ruhig hier sitzen, Papa Fabrice, und seht Euch unterdess den
Engländer an, von dem uns Nini gesprochen und der Jean so ähnlich sehen soll,
indes ich uns eine Flasche hole.«
    Er kehrte bald darauf zurück und schenkte ein. Von dem Platz, den sie
gewählt, konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten.
    »Peste!« murmelte der Sergeant-Major, »es ist wunderbar, wie ähnlich er dem
blödsinnigen Jungen schaut. - Erinnerst Du Dich noch des Russen, der bei
Inkerman mit seiner Pistolenkugel mir die Wange schljetzte? - Es ist, als ob der
Teufel das verhenkerte Gesicht in alle Nationen der Welt hinein gehext hätte!«
    »Morbleu - Du hast Recht, Papa Fabrice, mich daran zu erinnern! Ob der
Bursche am Ende gar ein falscher Engländer ist? - Ich will mich doch gleich
überzeugen!«
    Er erhob sich, nachdem sie die Flasche geleert, und schlenderte bei dem
Tisch des Briten vorüber, wo er wie zufällig stehen blieb.
    »Wollen Sie nicht unser Teater mit Ihrer Gegenwart beehren, mein Offizier?«
fragte er auf Englisch. »Es wird ein prächtiges Stück aufgeführt und ich werde
für einen guten Platz sorgen.«
    Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen, antwortete aber
sogleich: »Später, mein Tapferer. Im Augenblick bedarf ich einer kleinen
Erholung, denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher.«
    »Ach, Sie kommen gewiss, das Bombardement mit anzuschauen. Man wird es
prächtig von hier sehen, das französische und britische Feuer in einem
Ueberblick.«
    
    »Und wann soll es beginnen, mein Freund?« fragte der Engländer, aufmerksam
geworden, mit einiger Unruhe.
    »Ah - General Pelissier ist von noblem Charakter. Er wird uns nicht in
unserm Vergnügen stören. Unsere Landsleute am weissen Berg müssen ja auch zuvor
ihr Steeple-chase abhalten, wie sie ihre Hundejagd nennen. Ich denke so gegen
fünf Uhr, Sir. Aber das wird gar Nichts sein gegen unsern Sturm morgen. Sie
wissen doch, dass das dritte Zuaven-Regiment die enfants perdu bilden wird?«
    »In der Tat - ich wusste es nicht!«
    »O dann müssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hier bleiben und den
Spass ansehen, wenn der Dienst Sie nicht bindet. Auf Wiedersehen, mein Offizier -
ich höre meine Kameraden mich rufen, aber ich komme es Ihnen zu sagen, wenn der
zweite Act beginnt!«
    Er entfernte sich nach dem Ausgang der Cantine, wo Fabrice mit der
Marketenderin Nini sich unterhielt, während daneben das Publikum eben einem
Couplet der Fürstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall klatschte. »Wir haben
uns getäuscht, Papa Fabrice - der Herr ist ein veritabler Engländer, der aus
reinem Zufall dem armen Jean so ähnlich sieht.«
    Eben traten der Vicomte, der Arzt und der Baronet zu der Gruppe. -
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    Der schwachsinnige Bursche, der Gerät von den Tischen der Cantine
fortgeräumt, schlich wieder zurück nach dem hintern, für die beiden Kranken und
Gefangenen bestimmten Raum, wo er den grössten Teil seiner Zeit zubrachte.
    Er war kaum durch die Tür verschwunden, so erhob sich der britische
Offizier, nachdem er einen raschen Blick in der Cantine umher geworfen und sich
unbemerkt gesehen hatte und folgte dem Blödsinnigen.
    Er legte die Hand auf den Drücker der Tür und horchte einen Augenblick - im
nächsten schloss sie sich hinter ihm.
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    In dem halb von Seegeltuch, halb von Holzwerk gebildeten Seitenbau der
Cantine lag auf einem Feldbett, den Kopf in eine Binde gehüllt und von einem
hohen Kissen gestützt, regungslos die abgezehrte Gestalt von Gregor Caraiskakis.
    An seinem Bett sass stumm, die dunklen Augen fast bewegungslos auf sein
Gesicht geheftet, Abdallah ben Zarujah, der Emir aus der Hedjas, und am andern
Ende der stumpfsinnige Schützling Nini's.
    Auf der andern Seite des Gemachs stand Michael Lasaroff, seinem kranken
Leidensgefährten von dem Besuch des Generals Pelissier und was er von dem
Bombardement und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke erlauscht,
erzählend.
    Weder die Anwesenheit Jean's, der sich mit sichtlicher Vorliebe an den
jungen Unterfähnrich angeschlossen und aufmerksam den russischen Liedern
lauschte, die dieser manchmal zum Zeitvertreib sang - noch die des Arabers
schien den Erzähler zu stören. An Beide war man gewöhnt, denn der Emir erschien,
wie bereits in dem Gespräch der Zuaven erwähnt worden, fast täglich in der
Cantine, um nach seinem Gefangenen zu sehen, dessen Genesung er sehnsüchtig zu
erwarten schien, obschon die stolze Würde seines Volkes ihm Ruhe und Geduld gab.
So pflegte er, wenn der Dienst ihn nicht abhielt, eine bis zwei Stunden neben
dem Kranken zuzubringen, die Augen auf sein Gesicht geheftet.
    Auch dieser selbst schien sich an den Besuch gewöhnt zu haben, dessen
Ursache gleichwohl Jedermann ein Rätsel war. Doctor Welland hatte an diesem
Nachmittag dem Krieger der Wüste mitgeteilt, dass der kranke Grieche nach
Constantinopel, behufs seiner bessern Heilung, geschafft werden solle und der
Araber sass seitdem in ernstem Nachsinnen über die gewöhnliche Zeit seines
Besuchs hinaus.
    Zwei Augenpaare waren aufmerksam auf die erzählenden Lippen des jungen
Russen geheftet, gleich als wollten sie jedes Wort verschlingen. Wir wissen, dass
die einzige Lebenstätigkeit in dem fast völliger Apatie unterlegenen Körper
des griechischen Capitains in den Augen lag, durch die sich das volle
Seelenbewusstsein aussprach. Diese Augen drückten jetzt deutlich die Teilnahme
des vielgeprüften Mannes, des treuen Bundesgenossen der Russen, an der Gefahr
aus, welche die Festung bedrohte, und den Schmerz, hilflos hier liegen zu
müssen.
    Im seltsamen Gegensatz schien die innere geistige Tätigkeit des zweiten
Aufhorchenden Null, während er körperlich im vollen Besitz aller
Lebenstätigkeiten war. Nur der Klang der russischen Worte, in denen der
Fähnrich erzählte, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen und sein Ohr
wohltätig zu berühren.
    »Und wir müssen hier gefangen sein,« schloss Michael Lasaroff seine Rede,
»wir können ihnen keine Nachricht geben von der drohenden Gefahr. Die Lünette
ist das Vorwerk unsers Bollwerks, - das erkennen und wissen diese Fremden gut
genug und dass, wenn der Malakoff fällt, Ssewastopol verloren ist! O, möchte
immer an seinen Wällen ihr Stolz und ihr Übermut sich brechen!«
    Eine klare feste Stimme gab die Antwort auf den Wunsch des tapfern Knaben:
    »Dai Bosche!«
    Erstaunt schaute der Fähnrich nach dem Eingang. Dort stand der britische
Offizier, die Hand zum Himmel erhoben. Die Linke hatte die Mütze und die
entstellende blaue Brille entfernt - seine Augen waren fest und innig auf den
Irren geheftet, während er nochmals die Worte wiederholte:
    »Dai Bosche!«
    War es der Klang dieser Stimme - waren es die zwei Worte selbst, mit denen
der Russe häufig auf ein Gebet oder einen Segensspruch antwortet - sie wirkten
wie ein elektrischer Strom auf die Seele des Irren, wie eine plötzliche
Erinnerung aus der Kindheit und Jugend, wie ein Strahl von Licht auf die Nerven
seines Denkvermögens. Er war emporgesprungen, seine Hände an die Schläfe
gepresst, seine grossen braunen Augen hafteten weit geöffnet auf der fremden
Erscheinung, die mit magischer Gewalt ihn anzuziehen schien. Dann Schritt vor
Schritt, sie unverrückt anstarrend, schwankte er auf sie zu.
    Eben so fest hielt der britische Offizier seine Augen auf ihn geheftet, aus
denen Trauer und Zärtlichkeit sprach. Langsam senkte sich sein Arm, und seine
Hand streckte sich nach dem armen Schützling Nini's aus - seine Lippen öffneten
sich wie zu einem Wort, einem Ruf, den wogende kämpfende Gefühle in seiner Brust
noch erstickten.
    Aber noch ehe er die Lippen überschritten, hatte sich die Scene verändert.
    Mit Staunen hatten die stummen Zuschauer das seltsame Naturspiel betrachtet,
das die beiden einander so fremden Wesen boten. Wie sie so dicht auf einander
zugetreten, war die Aehnlichkeit zwischen ihnen deutlich, ja wahrhaft
erschreckend. Das blasse krankhafte Antlitz des Irren trug unverkennbar die Züge
des schönen kräftigen Gesichts des fremden jungen Offiziers - Augen, Nase und
Mund boten dieselben Formen. Die merkwürdige Aehnlichkeit, dies Spiegelbild
schien eben so auffallend auf den Irren zu wirken und den Eindruck der Stimme
und der Worte des Fremden fortzusetzen. Es kämpfte und rang offenbar in seinem
Geist, gleich als wolle er eine schwere Last von sich schütteln. Seine Hände
wühlten krampfhaft in dem lockigen Haar - in dem Spiegel der Augen schien
Verstand und Erinnerung zu dämmern.
    Der Gang der Ereignisse verhinderte die Katastrophe. Der Auftritt hatte noch
andere Zeugen gehabt, auf welche der Anblick des nicht mehr durch die Brille
entstellten Gesichts des Offiziers seine Wirkung geübt.
    Die Hand Michael Lasaroff's zeigte nach der Tür; seine Miene schien
verwirrt nach der Bedeutung der seltsamen Scene zu fragen.
    Eine andere fasste zugleich des Briten Arm. »Keine Bewegung, Fürst - um des
Himmels Willen schauen Sie nicht zurück, oder Sie sind verloren,« flüsterte eine
Stimme an seinem Ohr. »Geschwind die Brille vor die Augen.«
    Neben dem englischen Offizier stand der Vicomte de Méricourt, gefolgt von
dem Arzt und dem Baronet, und durch die geöffnete Tür schauten der
Sergeant-Major und das Geschwisterpaar Bourdon.
    »Willkommen, Lieutenant Talbot!« fuhr der Vicomte mit Geistesgegenwart laut
fort, »es freut mich, Sie hier zu treffen - die Aehnlichkeit des armen Burschen
da mit Ihnen hat gewiss auch Ihr Interesse erregt!« Er war zwischen den Offizier
und die Tür getreten, sein Auge traf zugleich bittend und verständigend den
Arzt, und dieser trat zu Nini und ihrem Bruder, ihnen erzählend, dass der Fremde
ein ihnen längst bekannter Offizier sei. Fabrice und der Corporal zogen sich
sogleich respectvoll zurück.
    Der Lieutenant-Colonel atmete tief auf, als er die nächste Gefahr so
glücklich beseitigt sah. »Welche törichte Verwegenheit führte Sie hierher,
Fürst?! General Pelissier lässt ohne Ansehen Jeden als Spion erschiessen, der in
Ihrer Lage betroffen wird. Sprechen Sie - was kann ich - was können wir Alle
tun, Sie zu retten; denn wir Alle danken Ihrer edlen Schwester Leben und
Freiheit.«
    Fürst Iwan Oczakoff, denn Dieser war allerdings der verkleidete Russe, nahm,
ohne ein Wort zu entgegnen, ein versiegeltes Briefpacket aus der Brusttasche und
reichte es dem Vicomte.
    »Für mich?«
    Der Fürst nickte bejahend.
    Méricourt riss die Emballage auf, ein Dokument, mit dem Siegel des
Gouverneurs von Sebastopol bescheinigt und ein an ihn adressirter Brief waren
darin. »Von de Sazé? - demnach ist er gefangen in Sebastopol?«
    Das Auge des Fürsten wies traurig nach dem Brief, den der Vicomte rasch
überflog. »Der Unglückliche - so hat er geendet?«
    Der Fürst entfaltete eines der Papiere, es war der amtlich beglaubigte
Todtenschein.
    »O mein Gott - in seiner Blüte, als ihm das Glück lächelte!« Der Colonel
presste traurig die Hand an seine Stirn. »Sein Vermächtnis, sein Wille soll mir
heilig und all' meine Tätigkeit dem Recht seiner Gattin geweiht sein. Aber er
starb in Ihrem Hause, Fürst, gepflegt in seiner letzten Stunde von Ihrer
hochherzigen Schwester, die ich mit Entsetzen jetzt in den tausend Gefahren
jener Stadt sehe! Das muss uns ein neuer Sporn sein, Sie zu retten - welcher
Grund Sie auch immer zu diesem verwegenen Schritt bewogen hat. Kommen Sie her,
Doctor - Sir Edward, ich beschwöre Sie, helfen Sie uns ein Mittel ersinnen,
diesen Unbesonnenen einem schmählichen Tode zu entziehen und glücklich über die
Linien hinaus zu bringen.«
    »Von welcher Seite gelangten Sie in das Lager, Fürst?« fragte der Arzt.
    Iwan Oczakoff deutete ruhig nach Osten. Es war offenbar, dass er nicht Rede
stehen wollte.
    »Es ist unmöglich, ihn dort wieder hinauszuschaffen,« erklärte der Colonel.
»Die Wachen sind, seit der Sturm beschlossen, verstärkt, Niemand darf unter
irgend einem Vorwand die Linien verlassen, ich selbst kenne das Passwort noch
nicht.«
    »So müssen wir versuchen, ihn auf der Seite der Engländer entfliehen zu
lassen - die Aufsicht ist dort fahrlässig.«
    »Denken Sie an das Rennen,« mischte der Baronet zum ersten Mal sich ein.
»Die Gelegenheit ist unbedingt günstig - die Tollköpfe setzen oft bis in die
russischen Linien hinein und wenn der junge Mann Mut, Geistesgegenwart und ein
gutes Pferd hat - ist seine Rettung leicht. Ich selbst will ihn so weit als
möglich begleiten. Meine Nähe wird ihn vor jedem Verdacht sicher stellen.«
    »Der Gedanke ist vortrefflich,« sagte überlegend der Arzt, »und muss auf's
Schnellste ausgeführt werden, denn« - er sah nach der Uhr - »es fehlt nur noch
eine halbe Stunde zur Rennzeit. Aber wo nehmen wir ein Pferd her?«
    »Das meine steht gesattelt,« fiel hastig der Vicomte ein, »erinnern Sie
sich, dass ich Sir Edward begleiten wollte!«
    Der besonnene Arzt schüttelte den Kopf. - »Das geht nicht,« sagte er, »Ihr
Pferd trägt das französische Sattelzeug und ist überdies ein schwerer Normann,
der hinter den flüchtigen Rennpferden der englischen Offiziere zurück bleiben
würde. Wir müssen ein Pferd haben, was ihm die Chancen des Entkommens sichert.
Ausserdem bestehe ich darauf, Vicomte, dass Sie als Offizier ganz aus dem Spiel
der Hilfeleistung bleiben.«
    Eine leichte Hand berührte leise seinen Arm, - es war Abdallah, der Araber,
der, obgleich er nur einzelne Worte französisch verstand, doch mit der scharfen
Beobachtung seines Volkes der Unterredung gefolgt war.
    »Mein Freund, der die Heilkräfte der Kräuter und Metalle so gut kennt,«
fragte er sanft in türkischer Sprache, »braucht ein Ross?«
    »So ist es, Emir - ein Pferd, schnell wie das Deine!«
    »So nimm Eidunih, meine geliebte Stute, den Schatz der Zarugah - ich gebe
sie Dir unter einer Bedingung.«
    »Welche? - sprich!«
    »Lass mich diesen Mann begleiten, wenn sie ihn, wie ich hörte, nach Stambul
bringen wollen.«
    »Was hast Du mit ihm, edler Emir - er ist Dein Gefangener, aber bedenke, er
ist ein Unglücklicher, den Gott getroffen.«
    »Der Mann hat Abdallah ben Zarugah nie ein Leid zugefügt - er kennt ihn
nicht! Aber Abdallah muss das Erwachen seiner Lippen belauschen, um ihn zu
fragen, wo Der ist, dessen Züge er trägt und dessen Bruder er sein muss. Ich habe
gesonnen und gesonnen, bis der Prophet Licht in meine Seele gesandt und mir
zugeflüstert hat, dass der Moskow, den ich fing an den Ufern der Katscha und den
die blutige Rose von Skadar von mir forderte, der griechische Verräter ist, den
sie liebte.«
    »Ich weiss nicht, von wem Du sprichst, Emir.«
    »Er weiss es,« sagte der Araber, auf den Capitano deutend, »denn Jener trug
das Antlitz seiner Familie. Er soll mir Kunde geben, wohin Fatinitza, die
Rächerin, verschwunden ist, ob sie meiner Hilfe bedarf oder ob sie treulos
geworden am Glauben ihrer Väter um eines Feigen willen.«
    »Ich wiederhole Dir, ich verstehe Dich nicht - doch ich nehme Dein
Anerbieten an, und Du sollst diesen Kranken begleiten, wenn Du das Heer
verlassen darfst und mir schwörst, diesem Manne kein Leides zu tun.«
    Der junge Emir legte die Hand auf sein Haupt. - »Ich gelobe es Dir, weiser
Hekim-Baschi. - Abdallah ist ein freier Mann und kann gehen und kommen, wann und
wie er es für gut findet. - Wohin soll ich die Stute Dir führen?«
    »Bringe sie hinter das Lager dort rechts und harre unserer - an den beiden
Cypressen. Sei rasch, Emir Abdallah, ich bitte Dich, und wenn es angeht,
entstelle das Äussere Deiner Stute, damit man sie nicht erkennt.«
    Der Araber nahm seine Gewänder zusammen, warf noch einen Blick auf seinen
Gefangenen und verliess das Gemach. Doctor Welland teilte eilig den Freunden das
Anerbieten mit, und sie Beide kannten genugsam die edlen Eigenschaften des
Pferdes, um zu wissen, dass es die Flucht des Russen sichern würde.
    »Sie, Vicomte, müssen hier bleiben,« fuhr der Arzt fort, »und die scharfen
Augen Derer abwenden, denen bereits die unheilvolle Aehnlichkeit aufgefallen
ist. Der Baronet und ich werden unsern jungen Freund oder Feind begleiten und
Gott und seiner Geistesgegenwart muss das Weitere überlassen bleiben.«
    »Einen Augenblick noch,« sagte der Colonel. »Ich kann es mit Ehre und
Gewissen vereinbaren, Fürst, Sie von einem schmählichen und unedlen Tode zu
retten, aber ich darf nicht ganz meine Pflicht als Soldat und Franzose
vergessen. Was auch der Grund war, der Sie hierher geführt - dieser Brief oder
ein unbesonnener Diensteifer - Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, Nichts von
den militairischen Vorbereitungen zu verraten, welche die Festung bedrohen und
von denen Sie vielleicht Kenntnis genommen. Sie werden als Soldat und Edelmann
meine Forderung würdigen.«
    Iwan Oczakoff legte beteuernd die Hand auf die Brust - es war seltsam, dass
er selbst in diesem Augenblick zu sprechen vermied. Aber sein Auge traf zugleich
mit bedeutungsvollem Ausdruck auf das des jungen Unterfähnrich.
    »So bin ich zufrieden, Gott schütze Sie und sagen Sie der Fürstin, Ihrer
Schwester, dass es eine kleine Zahlung auf unsere grosse Schuld an sie sei.«
    Fürst Iwan lächelte, indem er zwei Finger in die Höhe hob, als wolle er
andeuten, dass der Franzose ihn zwei Mal gerettet. Dann, indem Jener das Gemach
verliess und am Eingang der Cantine mit der Marketenderin, ihrem Bruder und
Celesten ein Gespräch begann, machte er sich bereit, dem Arzt und dem Baronet zu
folgen.
    Dies schien ihm, trotz der Gefahr, in der er schwebte, nicht leicht zu
werden, denn er war auffallend bewegt, während seine Augen mit ängstlichem,
zärtlichem Ausdruck auf dem Irren ruhten.
    Der Arme hatte sich bei dem Dazwischentreten scheu in einen Winkel
zurückgezogen, das Gesicht mit den Händen bedeckt und schien gleichfalls lebhaft
erregt und von einem Ringen in seinem Innern gequält.
    Der Arzt betrachtete erstaunt und nachdenklich diese kurze Scene.
    »Eilen wir!« sagte der Baronet, an dessen Melancholie dies Zwischenspiel
bedeutungslos vorübergegangen war.
    Iwan Oczakoff fasste sich mit einer raschen Anstrengung, indem sein Auge
dabei dem fragenden Blicke des Arztes begegnete. Er trat mit raschem,
elastischem Schritt auf den Irren zu, schlug mit dem Daumen der rechten Hand ein
Kreuz über ihn und küsste ihn nach russischer Sitte auf die Stirn. Dann wandte er
sich schnell ab und verliess mit seinen beiden Begleitern das Gefangenen- und
Krankengemach.
    In der Cantine geleitete sie der Arzt durch einen hintern Ausgang in's
Freie, während das brüllende Gelächter des Publikums über die tollen Spässe der
Fürstin Mulaschpulaschkin dicht neben ihnen erscholl. Indes Sir Edward sein
Pferd von einer nahen Baracke holte, geleitete der Arzt seinen jungen Schützling
rasch weiter.
    Er gedachte des ähnlichen Auftritts in Widdin und wie seltsam das Schicksal
spielte, dass es ihn hier zum zweiten Mal als Retter des Feindes auftreten liess.
Er konnte sich nicht entalten, den Fürsten zu fragen, ob er den Stabs-Capitain
Meiendorf kenne und dieser sich in Sebastopol befinde.
    Fürst Iwan nickte bejahend.
    »Dann,« sagte der Arzt, »bitte ich Sie, ihm den Namen eines Freundes, den
meinen - Doctor Welland - zu nennen und ihm zu sagen, dass Graf Pisani mit seiner
edlen Gemahlin sich in der sardinischen Armee auf den Höhen der Tschernaja
befindet.«
    Sie waren nur wenige Schritte noch von der Cypressengruppe entfernt, in
deren Schatten Emir Abdallah bereits die Stute Eidunih - das Ross des Windes -
bereit hielt, als der Russe stehen blieb und plötzlich sein Schweigen brach.
    »Doctor Welland,« sagte er feierlich und aufgeregt, »ich weiss von Einer,
deren Leben und Denken Ihnen gehört, dass Sie das Herz eines Ehrenmannes haben.
Wollen Sie dem Dienst, den Sie mir in diesem Augenblick erweisen, noch einen
wichtigeren, heiligeren hinzufügen, der mich Ihnen ewig verpflichten wird?«
    »Sprechen Sie, Fürst!«
    »Geloben Sie mir zuerst auf Ihre Ehre, was ich Ihnen vertraue, in Ihrer
Brust zu bewahren, bis meine Lippe oder der Tod es löst?«
    »Auf meine Ehre!«
    »So beschwöre ich Sie, all Ihre Kunst, Ihr menschenfreundliches Herz dem
armen Irren zuzuwenden, den ich in jenem Gezelt verlassen musste, ich binde ihn
auf Ihre Seele, denn - -« der junge Fürst trat dicht an ihn heran und flüsterte
einige Worte, bei deren Anhören der Arzt erschrocken und staunend zurücktrat. Im
nächsten Augenblick schon war Iwan Oczakoff bei dem Araber und im Sattel.
Zugleich galoppirte Sir Edward herbei. Einen flüchtigen Gruss noch - ein
Schweigen mahnendes Drücken des Fingers auf die Lippen, dann flogen beide Reiter
dahin nach dem Labordonaja-Grund und der englischen Stellung.
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    Die britischen Offiziere hatten zu ihrer Unterhaltung eine eigentümliche
Art des Wettrennens erfunden - die Jagd auf die wilden Hunde, die sich in der
Nähe der Lager und der Schlachtfelder mit ihren fliegenden Genossen, den Geiern,
sehr zahlreich aufhielten. Die Tiere bildeten die Mitte zwischen Wolf und
Schakal und zeigten sich gewöhnlich ziemlich furchtlos und schlau, indem sie -
gleich als wüssten sie, wo sie Schutz vor ihren Verfolgern finden könnten, - wenn
es irgend anging, den Weg nach den russischen Festungswerken nahmen. Die Hetze
wurde sowohl dadurch, als durch das wechselnde unbekannte Terrain ein sehr
gefährliches Spiel, bei dem Unglücksfälle nicht selten waren.
    Die schon mehrere Tage vorher in Folge einer Wette für diesen Nachmittag
angekündigte Jagd hatte eine bedeutende Anzahl von Offizieren und Gentlemen aus
dem Administrations-Personal auf dem Plateau des weissen Berges, diesseits der
Trancheen und Batterieen, zwischen den Zugängen des Labordonaja-und
Sarakandina-Grundes versammelt. Man hatte sich genötigt gesehen, trotz der
Hitze, die Jagd auf eine frühere Nachmittagsstunde anzusetzen, da das
angekündigte Bombardement sie später unmöglich machte und der Wortlaut der Wette
das Niederhetzen einer bestimmten Anzahl von Hunden in bestimmten Tagen, deren
Datum am Abend ablief, erforderte.
    Der Kreis der militairischen Sportsmen und Jäger war jetzt ziemlich gut
beritten, denn viele Offiziere hatten im Laufe des Frühjahrs von England sich
treffliche Pferde nachkommen lassen, zum Teil auch unter den türkischen gute
Einkäufe gemacht. Es befanden sich jedoch nur wenige französische
Kavallerie-Offiziere in der Gesellschaft, da im Ganzen bei diesen Wettrennen die
Franzosen sich als weit schlechtere Reiter bewiesen hatten und ihren Verbündeten
nicht gern diesen Triumph über sich einräumten. Als der Baronet und sein
Schützling auf dem Platz des Rendezvous ankamen, fanden sie die ganze
Reitergruppe bereits in Bewegung und langsam dahin reitend, um den Gegenstand
der Verfolgung aufzusuchen. Dies war ein sehr günstiger Umstand, der jede
Aufmerksamkeit von ihnen ablenkte und sie schlossen sich unbemerkt der Cavalkade
an.
    Die Jäger trugen am rechten Handgelenk herabhängend eine schwere
Hetzpeitsche von Riemen aus Büffelleder, in deren drei Spitzen Büchsenkugeln
eingeflochten waren, und es galt, mit dem Schlag der Peitsche das Tier, so bald
es erreicht worden, zu Boden zu strecken.
    Unter den vordersten Reitern des Zuges konnte man eine Dame bemerken, die -
fest im Sattel - mit grosser Sicherheit ihr schönes braunes Pferd leitete und mit
ihren Nachbarn sprach. »Das einfältige Bombardement,« bemerkte sie eben, »wird
uns am Ende ganz die Jagd verderben. Die Munitionskarren, die unaufhörlich in
Bewegung sind, und die Herren vom Genie haben alle Tiere verscheucht, und ich
wette, wir bekommen kein einziges zu sehen.«
    »Dann würde der Preis unentschieden bleiben,« sagte galant der
Infanterie-Capitain an ihrer Seite, »und Mistress Duberly, trotz ihrer schönen
Aussichten, ihn verlieren.«
    »Dasselbe geschieht, wenn ein Anderer, als wir Drei, heute das Wild
niederschlägt,« entgegnete die Amazone. »Wie viel trafen Sie doch in diesen acht
Tagen, Capitain Cavendish?«
    »Drei Stück, Mylady!«
    »Und ich und Herr O'Mallei hier, ohne dass er den Hals gebrochen, eben so
viele, während die Anderen nur zwei zählen. Was haben Sie da in der Hand, Sir?«
    »O - Nichts, Mylady, nur eine Dose von indischer Elfenbeinschnitzerei. Ich
hatte sie in meine linke Gilettasche gesteckt und bemerkte, dass sie mich dort
genirt. Sie ist mit getrocknetem Ingwer gefüllt - darf ich Ihnen anbieten?«
    »Nein, Sir - ich danke. Aber bitte, zeigen Sie mir die Dose selbst, die
Arbeit scheint ausgezeichnet.«
    Capitain Cavendish überreichte sie ihr. - »Ich kaufte sie im Augenblick, als
ich an Bord gehen wollte, um nach Europa zurückzukehren, von einer indischen
Händlerin, die mich mit seltener Aufdringlichkeit plagte. Ich hatte die Dose
ganz vergessen, da ich mein Gepäck nicht wieder nachgesehen, seit ich an der
Wunde von Inkerman in's Lazaret zu Balaclawa kam. Ich fand sie heute zufällig
beim Kramen und nahm sie zu mir.«
    »Die durchbrochene Elfenbeinarbeit ist ausgezeichnet, ich habe sie selten so
schön gesehen,« meinte die Dame, die Dose zurückreichend.
    »Waren Sie mit dem Fähnrich O'Maillei verwandt, Sir?« fragte der Offizier
den Dragoner, »der bei unserm Regiment stand und bei Inkermann fiel?«
    »Er war ein Vetter von der Linie der O'Maillei von Timberary, Capitain.
Warum?«
    »Es kam mir in den Sinn, weil in den letzten Stunden, die ich mit ihm
verlebte, zufällig auch die Rede von meinen Erinnerungen aus Indien war.«
    »Ich will nicht hoffen, dass Sie mir ein ähnliches Schicksal daraus
vindiciren,« lachte der Dragoner-Lieutenant. »Hollah ho! - da haben sie Etwas
entdeckt - vorwärts, Mylady, sonst kommen wir zu spät!«
    Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte, von der Dame und dem Capitain
begleitet, dem Orte zu, wo mehrere Reiter plötzlich angehalten.
    »Wahrhaftig - da ist der Bursche,« rief der Capitain - »sehen Sie dortin,
Mylady, an dem Oleandergebüsch am Abhang.«
    Dort kauerte allerdings ein grosser gelbbrauner Hund, den spitzen Kopf weit
vorgestreckt, die Ohren zurückgelegt, gleich als wisse er recht gut die
Annäherung der Feinde und wolle doch voll Selbstvertrauen nicht eher von dem
Pferdeknochen weichen, den er zwischen den Vorderpfoten hielt, als bis es die
höchste Not erfordere. Die Reiter kamen rasch näher, während der Hund sie
anbellte, und breiteten sich nach rechts und links aus, um ihm den Weg
abzuschneiden. Plötzlich schien das Tier seine Sicherheit zu verlieren, es
sprang empor, zog den Schwanz ein und fing an, davon zu laufen, während die
ganze Gesellschaft ein wildes Tally-ho ertönen liess und im Galopp über das
felsige Terrain die gefährliche Jagd begann.
    Der Hund nahm seinen Weg nach dem Labordonaja-Grund und überschritt die
Woronzoffstrasse, sich dann links wendend, nachdem die Jäger sich vergeblich
bemüht hatten, ihm in dieser Richtung zuvorzukommen.
    »Jetzt ist es Zeit,« flüsterte der Baronet dem jungen Russen zu. »Vorwärts,
und Gott schütze Sie!«
    Iwan Oczakoff kniff, wie ihn der Araber bedeutet, in das linke Ohr der Stute
und sofort stürzte das edle Pferd in gestrecktem Lauf voran.
    Die Jagd ging über einen gefährlichen, von Felsspalten und Steinmassen
vielfach durchbrochenen Boden. Cavendish, die Lady und der junge Irländer waren
allen Andern voran; aber in wenig Augenblicken schon sahen sie den unbekannten
Offizier ihnen zur Seite, und gleich darauf ihnen voran schiessen.
    »Goddam! der Bursche ist vorzüglich beritten - echt arabisches Blut. Nun,
Mylady, lassen Sie Bob seine Künste zeigen!«
    Die Dame trieb ihren Vollblutrenner mit Peitsche und Sporen an, der Capitain
war dicht hinter ihr - O'Maillei mehrere Längen zurück mit seinem Halbblütigen.
Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; denn der unbekannte Rival war bereits
weit voraus und dem Tiere dicht auf den Fersen, das, von den Soldaten einer
nahe gelegenen Feldschanze gescheucht, jetzt geradezu seine Richtung zwischen
den englischen Trancheelinien hindurch den Grund entlang nach dem Ende der
Südbucht und der Batterie Stal nahm.
    Plötzlich erschütterte eine dröhnende Salve die Luft, weisse Rauchwirbel
kräuselten empor, Schuss auf Schuss aus schwerem Geschütz donnerte die Reihen der
Batterieen entlang bis zur Canrobert-Schanze auf dem äussersten rechten Flügel,
und aus den Festungswerken der Bastionen der linken Stadtseite flammte und
krachte die Erwiderung; - das Bombardement hatte mit voller Wut begonnen.
    Capitain Cavendish parirte sein Pferd. »Zurück, Mylady, um des Himmels
willen, oder wir kommen in die Schusslinien. Zurück!«
    Die Dame hielt unerschrocken den schnaubenden Renner an. »Sehen Sie dortin
- den Mann vor uns - der Unbesonnene! - Sie winken ihm aus den Batterieen - er
achtet nicht darauf.«
    »Das Pferd muss mit ihm durchgegangen sein - er scheint nicht Herr mehr
desselben - Schade um den kecken Burschen - er ist rettungslos verloren, wenn er
nicht etwa ein Ueberläufer ist. Aber fort von hier, Mylady, die Stelle ist für
Sie zu gefährlich!« Eine Vollkugel aus dem Redan ricochettirte unsern von ihnen,
Beide wandten die Pferde und sprengten davon.
    Fürst Iwan war im Pulverdampf der Batterieen an der Biegung der
Woronzoff-Strasse verschwunden.
    Allmälig sammelte sich die Reiterschaar auf der Höhe des weissen Hügels von
der so gefährlich unterbrochenen Jagd und besprach den Ausgang, von dem
günstigen Standpunkt ausserhalb der Schusslinien der Kanonade zuschauend. Der
Allen unbekannte Reiter und sein Schicksal bildete natürlich einen
Hauptgegenstand des Gesprächs und der Vermutungen.
    »Er muss von Balaclawa herauf gekommen sein,« behauptete Lieutenant
O'Maillei; »vielleicht Einer der neuen Burschen, die von Constantinopel
gekommen. Aber schade ist es um das Pferd - der Blitz ist langsam gegen solch
Blut. Ich möchte mein Patent dagegen wetten, so neu es auch ist, dass es ein
reiner Araber war von der Mohanna-Race.«
    »Wenn ich recht gesehen,« sagte Mistress Duberly, »kamen Sie ja mit dem Herrn
zugleich, Sir Edward?«
    »Ich traf ihn auf dem Wege zum Abritt, kannte ihn jedoch nicht.«
    »Jedenfalls war unser Rennen ein todtes,« meinte lächelnd der
Infanterie-Capitain, »vielleicht in doppelter Beziehung. Aber der tolle Ritt hat
mich doch etwas angegriffen - ich fühle noch zuweilen die Nachwehen des
Lazarets. - He, Mickei - nimm mein Pferd und halte reinen Mund gegen Capitain
Stuart, sonst brummt er drei Tage lang mit mir.«
    »O Jemine, Capitain,« sagte der Irländer, der diesmal den Reitknecht
spielte, »warum hören Sie auch nicht auf guten Rat und bleiben hübsch im Lager,
wenn das Regiment ein Mal Ruhe hat. Das kommt Alles davon, dass Sie Pferde
halten, Capitain, was beim 95. doch nur der Oberst tut. Wollen Sie eine
Stärkung, Akushla - 's ist echter Whiskei in der Flasche?«
    Capitain Cavendish hatte sich neben der Reitergruppe, die sich durch
zahlreiche unberittene Zuschauer vermehrt hatte, auf ein Felsstück gesetzt. -
»Ich danke, Mickei, ich bin noch zu erhitzt. Ich will zuerst von diesem Ingwer
geniessen, den ich noch nicht probirt.«
    Er holte die Dose aus der Tasche, öffnete sie und nahm einige Stücke heraus,
die er in den Mund steckte, während der Soldat mit den Pferden lüstern neben ihm
stehen blieb.
    Plötzlich sprang der unglückliche Offizier empor, schlug die Arme wild um
sich und stürzte mit einem entsetzlichen Schrei zu Boden. Alles sammelte sich
sogleich um ihn her, zuerst in der Meinung, er sei von einer Kugel getroffen;
die Zuckungen des Unglücklichen, der Schaum, der ihm vor die Lippen trat und das
rollende blutunterlaufende Auge zeigten jedoch bald, dass es sich hier um einen
innern Krankheitsfall handle, und ein Arzt, der sich unter den Zuschauern befand
und sogleich zu Hilfe eilte, erklärte die Symptome für die einer schrecklichen
und tödtlichen Vergiftung.
    
    Der ehrliche Mickei, zum Tode erschrocken, vermochte Anfangs kaum Rede zu
stehen, und erst nach vielem Hin- und Herfragen kam er zu der Auskunft, dass der
furchtbare Anfall sogleich nach dem Genuss des Inhalts der Dose erfolgt war, die
der Capitain noch in der krampfhaft geballten Hand hielt. Der Doctor entfernte
sie mit Gewalt, öffnete sie und schüttete den Inhalt heraus, den er sorgfältig
prüfte, ohne jedoch ein Anzeichen des Giftes zu entdecken. Misstress Duberly
wiederholte eben, was ihr der Capitain von dem Kaufe der Dose erzählt, als sie
bemerkte, dass auf dem Boden derselben ein Pergament- oder Papyrusstreifen
zurückgeblieben war. Man zog ihn heraus, er entielt in englischer und indischer
Sprache nur den hindostanischen Gruss:
    »Gehe, wohin Deine Wünsche Dich rufen und mögen Deine Wege leicht und
angenehm sein!«
    Ein Offizier hatte die Worte halblaut verlesen, aber der Kranke sie, trotz
des Kanonendonners, mittelst der Schärfung der Sinne verstanden. - »Nikalanta!«
stöhnte er, »es war seine Tochter - ihr Gift brennt wie Feuer an meinem Herzen -
Hilfe! zu Hilfe!«
    Sie lag nicht in Menschenkräften, in menschlichem Wissen! Der Arzt mochte
dies erkennen, denn er erhob sich mit einer Geberde des Bedauerns und sagte zu
einem Stabsoffizier in der Nähe: »Diese Früchte sind wahrscheinlich mit einem
indischen Narcoticon zufällig oder absichtlich getränkt, dessen Analyse uns
unbekannt und gegen das kein Mittel existirt. Vielleicht Upas von dem
berüchtigten Baum. Die Fälle solcher Vergiftungen sollen in Indien nicht selten
vorkommen, wenn sie auch weniger acute Wirkung zu zeigen pflegen.«
    »Der Teufel hole das Land!« murmelte der Offizier, »Cholera,
Brillenschlangen, Tschaugh's und Tiger wären Unannehmlichkeiten genug, als dass
man noch Giftmischerei dazu brauchte! England wird es nicht eher mit Sicherheit
geniessen können, als bis die eingeborene fanatische Brut ganz und gar vertilgt
ist!«
    »Sir, das sind 150 Millionen Menschen!«
    »Und wären es 1500 Millionen, wenn sie sich nicht dem Segen unserer Cultur
fügen wollen. Wie war es mit Irland noch vor 50 Jahren? Irland ist jetzt ruhig,
seit man den Repeal über's Meer deportirt hat!«
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    Als am Abend Mickei dem Capitain Stuart den Tod des Führers der zweiten
Compagnie meldete, bemerkte der Offizier: »Es tut mir leid! Cavendish war ein
besserer Kamerad, als wir Anfangs dachten und erst seit acht Wochen aus dem
Lazaret. Schade, dass er noch immer vergessen hatte, uns die hübsche Geschichte
mit den Tigern zu Ende zu erzählen!«
    Man war sehr gleichgiltig geworden gegen die Leben im Lager vor Sebastopol!
-
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    Nicht der Frieden der Nacht, der prächtigen, funkelnden, üppigen Juninacht,
ruht über Meer und Land, über Stadt und Berg. Der Donner der Mörser weckt die
Echo's, an dem lichten Sternenhimmel ziehen die Bomben ihre lichteren, feurigen
Bogen; aus den dunklen Erdschanzen und von den Wällen der bedrängten Stadt
blitzt und flammt es von Minute zu Minute und der Hagel von Eisen, die Würfel
des Todes rasseln über das Feld und furchen in der vergänglichen Nacht die
Ruhestätten der langen, ewigen - die Gräber!
    Durch das Verderben besäete Feld schleicht still und spähend ein Knabe; -
der sausende Tod, der auf den Granaten daher fegt, auf den feurigen Bomben durch
die Luft saust, kümmert ihn nicht! Seine einzige Sorge ist, vor den lauernden
Posten, vor dem Schutz der belebten Schanzen, Batterieen und Laufgräben weit
auszubiegen in die Fläche, wo die Vernichtung auf jedem Schritte droht. -
    Ein blaues Licht zischt in die Höhe - dort liegt die Bastion, die dunklen
Wälle des Redan erheben sich kaum 200 Schritt von ihm! -
    Die gebückte, schleichende Gestalt ist einen Augenblick sichtbar geworden
und in den Contre-Approchen bemerkt.
    »Stai - Wer da?«
    »Gutfreund! Gott schütze Russland!«
    Michael Lasaroff ist bei den Seinen! - - -
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    Mit dem Anbruch des Tages hat die Kanonade wieder begonnen, die eiserne
Ablösung des eisernen Bombardements der Nacht. -
    In der Cantine sass, 24 Stunden später als unsere vorige Scene begann, an
einem Tisch mit dem ältesten Capitain seines Bataillons der Vicomte, während
einige Papiere vor ihnen lagen und die Marketenderin mit ihrer Freundin, der
Corporal Bourdon mit Lebrigaud und der irre Jean dabei standen.
    »Wir wollen zunächst die Sache mit Madame Bibesco zu Ende bringen,« sagte
der Kommandant. »Sie haben gehört, Madame, dass mein verstorbener Freund mich
beauftragt hat, Ihnen seine sämtliche im Lager zurückgebliebene Barschaft
auszuhändigen, die der Oberst seines Regiments in Verwahrung genommen hatte.
Hier ist das Verzeichnis - die Summe besteht in 70,500 Francs, davon 50,000 in
Wechseln auf das Haus Jacq. Alléon u. Comp. in Constantinopel auf Sicht zu
zahlen, und 20,500 Francs in Napoleond'ors. Hier sind die Papiere und das Geld.
Wollen Sie die Güte haben, mir über die Summe in Gegenwart dieser Herren zu
quittiren?«
    »Darf ich fragen, ob der Marquis in Beziehung auf mich nicht irgend eine
weitere Bestimmung getroffen?« fragte die Abenteurerin, indem sie zur Bewahrung
des Scheins das Taschentuch an die Augen führte.
    »Nein, Madame.« Die Worte des Briefes lauten bloss: »Er hoffe, die Summe
würde hinreichen, um Sie seinen Namen vergessen zu machen.«
    »Abscheulich! - Ich kann also ohne Bedingung über dies Geld verfügen?«
    »Ja, Madame.«
    Die Augen der ehemaligen Lorette funkelten - alle Vergnügungen und Freuden
von Paris tauchten in lockenden Farben vor ihrem Geist auf. Doch schien zugleich
ein Gedanke, ein Zweifel sie zu bedrücken und unschlüssig zu machen. Sie schob
mehrmals einige der Geldrollen hin und her und ihr Auge flog verstohlen zu Nini
hinüber. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als ihr Blick dabei den ihr zunächst
stehenden irren Burschen traf. Noch nie war ihr die Aehnlichkeit desselben mit
dem Fürsten Oczakoff so aufgefallen, und ihr Innerstes erbebte, als der Arme ihr
mit einem bisher an ihm nicht gekannten Lächeln des dämmernden Verständnisses
zunickte und flüsterte: »ich weiss es wohl, Zehntausend!«
    Eine dunkle Röte überzog die Stirn der jungen Frau, sie nahm hastig fünf
der Rollen zusammen und schob sie auf Nini zu. »Das ist Dein Anteil an meinem
Reichtum,« sagte sie fast ängstlich. »Nimm - es ist das Deine!«
    Die Marketenderin schaute sie erstaunt an. - »Was - ich sollte Dir Dein
unverhofftes Glück schmälern? Was fällt Dir ein, Celeste - die kleinen Dienste,
die ich Dir geleistet, sind reichlich durch Deine Gefälligkeit aufgewogen und
ich werde doch von einer Freundin nicht Bezahlung annehmen!«
    »Ich bitte Dich, sei nicht töricht, Kind,« bat die Bojarin, »dieses Geld
ist das Deine, Du hast volles Recht darauf, glaube mir, und ich bitte Dich um
meinetwillen, um jenes armen - Kranken willen, es anzunehmen. Ich würde keine
ruhige Stunde mehr haben, wenn Du es ausschlägst.«
    Der Eifer, die Dringlichkeit, mit der sie bat, waren auffallend, und die
kleine, leicht bewegte Grisette machte bereits Miene, die Grossmut ihrer
Freundin zu preisen und anzunehmen, als ihr Bruder rauh dazwischen trat.
    »Verzeihen Sie, Madame,« sagte er streng und fest, »aber Nini bedarf Ihres
Goldes nicht. Wenn sie einen Bruder behalten will, wird sie keinen Sous jenes
Geldes berühren, für das einst das Herz und die Liebe eines ehrlichen Mannes
verraten wurde.«
    Die Lorette wandte sich beleidigt von dem Jugendgeliebten und raffte das
Gold wieder zusammen. - »Wie es Ihnen beliebt, Herr Bourdon. Ich hielt es für
meine Pflicht, Ihrer Schwester die Summe anzubieten,« - sie warf einen hastigen
Blick auf den Schwachsinnigen, schien jedoch durch das Resultat beruhigt; -
»wenn sie die Annahme weigert, ist es nicht meine Schuld. Was meine Liebe und
meine Person betrifft, so halte ich sie noch heute für zu gut, um sie an den
ersten besten Arbeiter oder Soldaten wegzuwerfen.«
    François wollte heftig antworten, ward aber von der Schwester
zurückgehalten, während Celeste, im Besitz ihres Schatzes, eine hochmütige und
trotzige Verbeugung der Gesellschaft machte und in der hintern Abteilung der
Cantine verschwand.
    Man hatte es kaum bemerkt, dass während der kleinen Scene ein Fremder
eingetreten und in der Nähe Platz genommen hatte, derselbe benarbte Alte, dessen
Anwesenheit in Pelissier's Generalstabe am Tage vorher den russischen Fähnrich
erschreckt hatte.
    »Jetzt zu Ihnen, denn Sie haben mich in eine sehr unangenehme Lage versetzt,
Mademoiselle,« fuhr der Lieutenant-Colonel zu der Marketenderin fort. »Nach
Allem, was bis jetzt ermittelt, sind Sie und dieser Schuft hier« - er wies auf
Lebrigand - »es gewesen, die dem jungen Russen zur Flucht geholfen. Was
veranlasste Sie, meine Nachsicht auf diese Weise zu missbrauchen?«
    »Bedenken Sie, mein Kommandant,« schluchzte Nini, »er war so jung und Sie
wollten ihn jetzt in ein Gefängnis schicken.«
    »Es war meine Pflicht, die ich zu lange versäumt. Corporal Bourdon, ich
frage Sie auf Ihr Ehrenwort als französischer Soldat, wussten Sie um den Anschlag
Ihrer Schwester?«
    »Nein, mein Kommandant!«
    »Das freut mich, ich hätte Ihnen ungern die Gelegenheit entzogen, sich heute
am Mamelon Beförderung zu holen. Nehmen Sie dem Burschen da den Säbel ab und
führen Sie ihn zum Profoss. Capitain Mongin wird ihm Arrest geben.«
    Der Capitain nickte. »Wir kennen uns, mein Vögelchen, und ich will Dir die
grossmütigen Galanterieen vertreiben!«
    Der lüderliche Zuave hatte bis jetzt mit grosser Gleichgültigkeit die gegen
ihn erhobene Anklage angehört, als er aber nun vernahm, dass er in Arrest
geschickt werden sollte, während ein Kampf bevorstand, geriet er ausser sich,
warf seinen Fess auf den Boden und trampelte wie ein Narr darauf umher. - »Que le
diable les importe! Zum Henker mit allen Weibsleuten, sie sind zu meinem Unglück
auf der Welt und machen mit einem Augenzwinkern einen Narren aus mir! Capitain
Mongin - mein Kommandant - Sie werden doch um einer solchen Lumperei willen mich
nicht um den Sturm bringen? Fichtre! Ich will meine eigene Zunge verschlucken,
wenn ich den Schimpf überlebe.«
    »Das hättest Du eher bedenken sollen, bevor Du Dich von einem Mädchen
verleiten liessest, gegen Deine Pflicht zu handeln!«
    »Maudit, mein Kommandant! - Aber wozu wären die Frauenzimmer sonst auf der
Welt. Es passirt vernünftigeren Leuten als ich bin! Hier Mademoiselle betörte
mich, indem sie mir freiwillig einen Kuss versprach. Mordio! - so dacht' ich -
was kommt es auf einen Russen mehr oder weniger an, Du holst dafür heute zehn
Andere von ihren Schanzen, und so führt' ich ihn im Dunkel bis an die letzte
Tranchee, nachdem ihm Jean hier seinen eigenen Rock gegeben. Unmöglich, mein
Kommandant, konnte ich mich doch von einem verrückten Burschen in der Galanterie
übertreffen lassen?«
    Der arme Schützling Nini's nickte ihm vergnügt lächelnd zu. Er schien
offenbar seinen Anteil an der Sache zu verstehen und sich darüber zu freuen. -
»Er ist fort,« sagte er, »der Andere auch, ich weiss, sie gaben ihm das Pferd!
Jean's Seele ging mit ihnen - aber er wird sie wiederholen - dai Bosche!«
    Niemand achtete viel auf die Worte des Irren, doch fiel die Erinnerung an
die in seiner Gegenwart verabredete Flucht des jungen russischen Fürsten schwer
auf des Vicomte Seele und er befand sich in grosser Verlegenheit, da er sich
sagen musste, er habe ja Aehnliches getan.
    Der rasche Eintritt des Medecin-Major unterbrach jedoch die peinliche
Situation. Doctor Welland war offenbar sehr aufgeregt, seine Miene unruhig und
nachdenkend. Hinter ihm folgte Jussuf, der Mohr, der beim Erblicken des Vicomte
sogleich auf diesen zusprang und mit dem höchsten Ausdruck von Freude seine Füsse
umfasste und küsste.
    »Jussuf? - um des Himmels willen, wo kommst Du her?«
    »Inshallah - es ist Jubel in meinen Augen, Herr, dass ich Dich wiedersehe.
Was kann ich sagen? - ich war verwundet und gefangen bei den Moskows - ein Engel
hat den armen Mohren gerettet und ihm die Freiheit gegeben, dass er zu seinem Aga
zurückkehren möge.«
    »Ich habe mich einige Augenblicke von meinem Posten entfernt,« sagte der
Arzt, »um Ihnen die seltsame Nachricht zu bringen. Vor einer Stunde brachte eine
Ordonnanz des kommandirenden Offiziers der Vorposten an der Tschernaja den
Mohren zu mir, den wir für todt im Schloss Aju zurückgelassen und der seitdem bei
den Russen gefangen war. Er behauptete, sich selbst ranzionirt zu haben und hat
sich bei den Wachen auf mich und Sie berufen. Ich bestätigte seine Aussage und
übernahm seine weitere Meldung. - Er bringt das Pferd des Arabers zurück und den
Dank des Fürsten, der glücklich Sebastopol erreicht hat,« fügte er flüsternd
hinzu. - Das Ehrenwort, das er dem Fliehenden gegeben, liess ihn verschweigen,
wie der Mohr zugleich der Ueberbringer eines geheimen Schreibens an ihn gewesen,
das seine Blicke jetzt nachdenkend und forschend auf dem irren Schützling der
Marketenderin weilen machte.
    Der Vicomte war hocherfreut durch die Rückkehr des On-Baschi's seiner
frühern Bozuks, den er bei seiner Rückkehr zu dem 3. Zuaven-Regiment zu seinem
Diener gemacht. Er reichte ihm die Hand und überwies ihn an den Bruder Nini's,
um ihn zu equipiren und alles Nötige ihm zu verschaffen. Dann wandte er sich
wieder zu dem Arzt. »Sie finden mich und Capitain Mongin bei einer unangenehmen
Untersuchung. Das törichte Mitleid von Mademoiselle dort hat Ihren
wiederhergestellten Patienten, der heute der allgemeinen Ordre gemäss an das
Gefangenen-Depôt in Kamiesch zurückgeliefert werden sollte, entkommen lassen.
Seine Genesung war bereits durch Oberst Polkes gemeldet und wir werden nun Beide
wahrscheinlich vielerlei Verdriesslichkeiten für unsere Nachsicht und
Ueberschreitung der allgemeinen Regel haben. Zum Glück hat die Flucht auf ihren
Freund keinen Einfluss, der von den Türken zum Gefangenen gemacht worden.«
    »Die Sache ist kaum so bedeutend, als Sie dieselbe ansehen, Kommandant. Das
Gelingen oder Misslingen des bevorstehenden Sturmes wird ganz andere Dienstsünden
bedecken, und es ist wohl unnötig, dass Sie irgend Jemand deshalb zur Strafe
ziehen. Wenn Ihre Zuaven den Mamelon nehmen, wird kein Oberst oder General der
ganzen Armee nach einem entkommenen russischen Knaben fragen, wie der kleine
Lasaroff war!«
    »Lasaroff? - Michael Lasaroff?« rief der Fremde, der aufmerksam dem Gespräch
zugehört. »Verzeihen Sie, mein Herr, Sie nennen einen Namen, der mich angeht.
Der russische Gefangene, der diese Nacht entflohen - ist es der Fähnrich Michael
Lasaroff?«
    »Derselbe, mein Herr!«
    Der alte Mann schlug die Hände vor das Gesicht. »Alles umsonst - Alles
verloren! - auch hier zu spät! - So geschehe denn der Wille Des da Oben; - was
sind menschliche Berechnung, sterbliche Mühen gegen Seine Bestimmung!« - Traurig
und gebrochen taumelte die hohe Greisengestalt auf den Sessel zurück, - zwei
schwere Tränen quollen aus den grauen Wimpern und flossen langsam über die
gefurchten Wangen, - die eherne Kraft, die so lange ihn aufrecht gehalten im
Kampf für seine Pläne, seine Meinungen und seine Zwecke, - sie war vernichtet
vor der Ueberzeugung, dass in der Bestimmung über Völker wie über Menschen der
Wille des Ewigen keinen Eingriff sterblicher Hände duldet. - Verwundert, aber
mit achtungsvollem Schweigen schauten die fremden Krieger auf den alten Mann,
bis dieser sich ermannte und seine feste ernste Haltung wieder gewann.
»Verzeihen Sie einem Manne die Schwäche,« sagte er mit Würde, »der selten in
einem langen und bewegten Leben ihr unterlegen. Ich bin der Graf Lubomirski,
einst Capitain unter Napoleon dem Ersten, - und der Knabe, der diese Nacht nach
Sebastopol zurück entflohen, ist mein Enkel, der einzige Sprosse meines Blutes.
Ihr Kaiser - es ist gleichgiltig, wie ich die Gefangennahme erfuhr - gab ihn in
meine Hände, hier ist der Befehl, ihn Angesichts desselben mir auszuliefern.
Doch vergeblich forsche ich seit zwei Wochen im Hauptquartier, in allen
Gefangenen-Depôts, ich fand den Namen zwar in den Listen angeführt - seine
Person jedoch war verschwunden.«
    »Vielleicht eine Fahrlässigkeit der Schreiber,« sagte der Vicomte. »Der
junge Mann wurde als verwundet gemeldet und nicht abgeliefert, da seine Jugend
uns dauerte und der Aufentalt in den Lazareten durch den Typhus Gefahr
bringt.«
    »Ich begreife es und danke Ihnen dafür. Erst heute Morgen vernahm ich in
Folge des erlassenen Generalbefehls aus dem Hauptquartier zufällig, dass bei
Ihrem Corps sich noch einige Gefangene und Verwundete befänden und eilte
hierher. Es war zu spät!« - Er schwieg einige Augenblicke, dann überreichte er
dem Vicomte die kurze offene Ordre von der Hand des Kaisers. »Nehmen Sie, Herr
Kamerad,« sagte er traurig, »sie ist jetzt nutzlos für mich und wird Sie jeder
Verantwortlichkeit für Ihre Güte überheben. Wenn Sie einem alten Krieger, einem
Gefährten des Ruhmes der französischen Adler eine weitere Freundlichkeit
erweisen wollen, so strafen Sie nicht die Flucht des Knaben an Denen, die mit
ihrer Hilfe ihm eine Liebe zu erweisen dachten. Ich nehme das Leben meines
Enkels mit diesem Papier als empfangen aus Ihrer Hand und lege es in die
Gottes!« -
    Die Trommeln wirbelten, - die Hörner der Zuaven riefen draussen das Regiment
zum Sammeln, - die Brigade- und Divisions-Adjutanten flogen mit dem Befehl zum
Abmarsch an den Lagerreihen entlang! - einen kurzen teilnehmenden Händedruck
nur tauschte der Vicomte mit dem einsamen Greis und dem zu seiner Ambülance
eilenden Freunde, während sein Befehl dem jammernden Lebrigand den Säbel
wiedergab; dann eilte er an die Spitze der Seinen, wo Oberst Polkes bereits
ungeduldig harrte.
    Unter dem Jubel der Zuaven bildeten sich die Reihen zum Abmarsch.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Sieben Uhr Abends! - Auf der Höhe, auf der am Tage vorher der unglückliche
Zufall das Jagdrennen so traurig beendet, standen zahlreiche Gesellschaften von
Offizieren, die Fernröhre und Gläser an den Augen, alle Blicke nach dem Mamelon
- der Lünette Kamschatka - gerichtet, deren Wälle ein ununterbrochenes Feuer
spieen, während vom Malakoff her und aus den zwei Reihen russischer
Linienschiffe, die quer über die Südbucht sich gelegt, der eiserne Hagel durch
Flammen und Pulverdampf daher fegte.
    Aus dem Dokowaja- und Kilengrund herauf, aus den Trancheen in der Front
entwickelten sich jetzt die französischen Kolonnen, lösten ihre Reihen und
kletterten den steilen Aufgang zum Mamelon empor.
    Man sieht die einzelnen Krieger wie Punkte und Schatten höher und höher
klimmen, - jetzt die ersten an der Böschung, - Pulverdampf umhüllt sie,
Feuerströme fahren dazwischen, doch nur Einzelne reisst das tödtende Eisen aus
den zerstreuten Reihen, - plötzlich zeichnen sich zwei dunkle Schattengestalten
auf den Kamm der Brustwehr gegen den Abendhimmel ab, - eine Fahne weht als
Sammelpunkt, ein dunkler Menschenknoten ballt sich darum her - und hinein in den
Mamelon dringen in hellen Haufen die kühnen dritten Zuaven.
    Da wirbeln die Trommeln durch den Pulverdampf, die russischen Reserven
rücken in das Werk, das die französischen und englischen Batterieen zu
bestreichen aufgehört, die Bajonette klirren an einander, das kleine Gewehrfeuer
knattert und die Franzosen werden über die Brustwehr zurückgeworfen.
    Aber am Abhang sammeln sich die Haufen, kaum haben ein oder zwei Kanonen aus
den Schiessscharten auf's Neue ihre Blitze gegen sie gespieen, so stürmen sie die
Böschung wieder hinan, - ihnen voran die hochgewachsene Gestalt eines Offiziers,
winkend mit Säbel und Hand. Wieder tauchen die dunklen Schatten auf gegen die
Abenddämmerung auf der Höhe der Brustwehr, - in dichten Massen wogt und drängt
der Kampf in's Innere, - dann speit die Kehle des Werks dunkle Massen
Flüchtender aus, die unter dem Feuer des Malakoff Schutz suchen, - von der Höhe
der Lünette flattert die Tricolore - und ein tausendstimmiges »Vive l'Empereur!«
überdonnert das Gekrache der Geschütze.
    Der Mamelon - die Vormauer des Malakoff ist genommen.
 
                                    Fussnoten
1 Das gebe Gott!
2 Gottes Blut!
3 Fossoyeur, Todtengräber, ein Beiname, den die Soldaten dem General Canrobert
gaben wegen eines Bülletins, in dem er die Approchen »Gräber für die Besatzung
von Sebastopol« genannt.
4 Anémoscope. Lord Raglan war wegen seiner eifrigen Witterungsbeobachtungen
unter diesem Spottnamen bekannt.
5 Eigener Bericht der Times!!
6 Sie lauteten: »En entrant dans cette temple, où reposent les souvenirs d'un
millénaire passé, j'ai reconnu les trâces d'une invasion des Vandales! Helas!
Anglais ou Français, faites la guerre à la postérité, mais ne le faites pas à
l'histoire. Si vous avez la prétention d'être nations civilisées, ne faites pas
la guerre des barbares!«
7 P. hatte als Bataillons-Kommandant der Zephyre Befehl, eine Schanze
wegzunehmen, aber die Araber verteidigten sie tapfer. Da befahl er: »Jetez moi
à travers; mes hommes me suivront alors!« Gesagt, getan; drei Mann warfen ihn
hinüber, er erhielt vier Wunden, aber seine Soldaten folgten ihm.
 
                                   Die Orgie.
Die glühende Hitze des Augusttages ist vorüber. Von den Symplegaden her, den
rastlosen Felsentoren des Bosporus, die Jason's kühne Fahrt an den Grund
fesselte, - an der Geierstadt des König Phineas vorüber, wo Herkules mit seinen
Pfeilen die gierigen Harpyen erschoss, streicht der kühlende Seewind die breite
Felsenstrasse entlang mit ihren durchsichtigen Wogen und den aufgetürmten Ufern,
dem reichen Boden klassischer Sagen und romantischer Erinnerungen. Mit den
Wellen kommt er daher vom hochaufwogenden Pontus an den Felsenschlössern
vorüber, den genuesischen Castellen, von Murad IV. wieder erneut, - jetzt
Anatoli- und Rumili-Kawak geheissen, - wo einst die eherne Kette den Eingang zu
Byzanz den tracischen Räubern wehrte, wo über der Kapelle der heilgen Maria von
den Zinnen des Furris Timäa das Feuerbecken hoch durch die Nacht den Schiffern
im Pontus leuchtete; - über den geheiligten Hain von Petra rauscht er, dessen
Bäume die Axt nicht berühren darf, damit das mächtige Wasserbecken nicht
vertrockene, das Werk des Comnenen Andronikus, das noch heute das grosse Byzanz
tränkt; - über das grosse Tal von Buyukdere, wo neben den sieben Platanen der
sieben Brüder die stolzen Flaggen der europäischen Ambassaden sich brüsten. Oder
er streift drüben am asiatischen Ufer das Ancyräum, von dem Jason seine Anker
mitnahm, die bytinianischen Berge des Olymp, wo der Argyrer Phrygos den Tempel
der zwölf Götter baute, Poseidon seinen Altar hatte und die Heruler mit ihrer
Flotte ankerten! An Hieron treibt er die Wogen hin, wo unter Kaiser Romanos 942
der Patrizier Teophanes die Schiffe der Russen schlug, die jetzt die letzten
Freunde seines geknechteten Volkes sind; wo die Genuesen und Venetianer1 ihre
ehrgeizigen Kämpfe um die Herrschaft des alternden Byzanz fochten; wo die
türkische Myte das antike Bett des Herkules zum Riesengrabe Josua's gewandelt,
das von Derwischen bewacht wird; - stösst, weiterstreichend, an das Vorgebirge
Argyconium mit seinen phantastischen Schlössern der Sultana's, berühmt als
Unkiar Skelessi, wo am 26. Juni 1853, im Angesicht der lagernden russischen
Armee, jener Tractat geschlossen wurde, der die Dardanellen den Flotten
England's und Frankreich's sperrte und die Ursache des grossen Kampfes geworden
ist.
    Diesseits aber bricht sich der kühlende Luftzug, der Strom der Wellen in der
Bucht von Terapia, ehe Beide weiter fluten.
    Terapia - Pharmacia - wo Medea ihr Gift auf die Küste streute, Perle des
Bosporus, wo die fürstlichen Familien des alten Byzanz ihre Sommerpaläste bauten
und in den kühlenden Lüften des Pontus schwelgten! Terapia, dessen Wässer so
oft das Blut der Venetianer und Genuesen rötete, wohin Nicolo Pisano sich
flüchtete, als er am 13. und 14. Februar 1352 mit dem Feind und den Stürmen
gekämpft: - sei mir gegrüsst, lieblichste Bucht des lieblichen Bosporus am Tale
der kühlen Quelle, wie Dein leuchtendes Bild vor meiner erinnernden Seele steht!
- - -
    Nahe dem Palast, den Fürst Ypsilanti erbaut und der jetzt zu einem
französischen Lazaret eingerichtet worden, taucht ein stattliches, im
orientalischen Styl gebautes, Landhaus den kurzen Mauervorsprung seines untern
Stockwerks in die zum goldenen Horn eilenden Wogen. Zur Seite öffnet sich, wie
bei all' diesen Villen, welche die Ufer des Bosporus zieren, das Wassertor zum
Einlass der Kaïks, und das Haus umgeben, auf der Rückseite von hoher Mauer
eingeschlossen, Terrassen mit Oleander, Geranium, Myrten und Lorbeer bedeckt.
Die erste Terrasse trägt, an das Vorderhaus stossend, einen grossen Pavillon.
    In diesen Winkel des Edens von Constantinopel hat sich der tiefe Kummer und
die zügelloseste Lust geflüchtet. Der griechische Banquier, dem das Haus gehört
und der das Reich bis zu Ende des Krieges verlassen musste, hat es durch seinen
bulgarischen Agenten vermietet; den geräumigen, mit einem besonderen Ausgang
versehenen, Seiten-Pavillon bewohnt der englische Baronet mit dem kranken
Griechen, dessen Erwachen aus dem letargischen Zustand er - selbst ein Schatten
und dem Grabe verfallen - hartnäckig bewacht, gemeinsam mit dem jungen Araber,
der seinem Gefangenen hierher gefolgt. In dem ersten Geschoss des Vorderhauses
aber wohnt Celeste Bibesco, die Geliebte des Garde-Capitains Grafen Bretanne,
der im misslungenen Sturm der Verbündeten auf den Malachof am 18. Juni verwundet,
sich an die Ufer des Bosporus hat bringen lassen, um hier unter der Pflege von
Frauenhand zu genesen.
    Die schöne Lorette ist nicht bloss mehr die Geliebte des reichen Offiziers;
das Testament Alfred de Sazé's hat sie selbst zur Besitzerin von Reichtum
gemacht, den sie bereits mit vollen Händen zur Befriedigung all' ihrer Lüste und
Launen verschwendet. In der Wohnung der übermütigen Coquette und ihres
ausschweifenden Beschützers feiern jede Freude, jeder wollüstige Genuss des
Orients ihre nächtlichen Orgien, während die Hitze des Tages die Bewohner im
Schutz ihrer luftigen Gemächer an's Lager oder in die kühlen Baderäume fesselt.
    Es ist Mitternacht - die Jalousieen des grossen Gemachs, das, nach
orientalischer Sitte, den ganzen Flügel des Hauses einnimmt, sind geöffnet und
lassen durch die schützende Hülle der Muskitairs die köstliche milde Seeluft
eindringen. Eine Tafel, bedeckt mit den feurigen Weinen von Cypern und Santorin,
dem dunklen Olymp, Bordeaur, Scherbet und Champagner in grossen Eiskufen, mit
prächtigen dunkelglühenden Trauben von Brussa, den süssen Pfirsichen von den
Felsenwänden des Hellespont und den Feigen von Smyrna; besetzt mit den
schwelgerischen Confitüren, die auf Chios aus Rosenblättern und Geranium,
Quitten und Mastix bereitet werden, - steht in der Mitte des halb europäisch,
halb asiatisch möblirten und rings an den Wänden mit breiten Divans umgebenen
Saales.
    Sechs Paare befinden sich darin in höchst ungenirten Situationen. Der
Zustand der Tafel, die zerbrochenen Gläser und Teller, die auf dem Boden
umhergeworfenen seidenen Kissen der langen Divans an den Wänden, der tolle
Übermut der Einen und die stumpfe schlaftrunkene Haltung der Andern beweisen,
dass die Orgie schon stundenlang gedauert hat.
    Zwei Mänaden, die Verderbnis des Occidents und des Orients gleichsam
repräsentirend, führen den Vorsitz. An dem untern Ende des Tisches, auf den
weichen indischen Matten, ruht die junge Smyrniotin, die ihr Schicksal aus dem
Dunkel eines asiatischen Dorfes in den Palast von Tschiragan geführt, aus der
Alma des Grossherrn zur Freundin des brittischen Baronets und zur Odaliske des
Pascha's von Varna, ihres jetzigen Gebieters, gemacht hat: Nausika - Nedela, die
Tochter des Kameeltreibers, des Räubers vom Pagus zu Smyrna! Der rechte Arm, von
prächtigen goldenen und Korallen-Braceleis fast vom Handgelenk bis zum Ellbogen
bedeckt, hält nachlässig ein zierliches mit Perlmutter und Silber ausgelegtes
Tambourin zwischen den hannahgefärbten Fingern, während die linke Hand ein
Champagnerglas hebt, um es von dem Offizier an ihrer Seite füllen zu lassen. Ein
gelber persischer Shawl ringelt sich in leichten, vom Zufall geworfenen Falten
um ihren schönen Wuchs und hebt den durchsichtigen Teint des reizenden Gesichts,
während die Flut dunkelbrauner Locken frei um Hals und Schultern wogt und das
schwimmend blaue Auge aus den langen, schwarzgemalten Wimpern emporschaut, die
weissen perlenartigen Zähne sich wie in keckem Spiel aus den purpurnen Lippen
drängen. Die neunzehnjährige Mänade steht jetzt in der vollen Blüte und
Entwickelung ihrer Schönheit, und die von dem gewohnten Druck des Orients
entfesselte Leidenschaftlichkeit droht Verderben in Liebe und Hass jedem, der ihr
naht.
    Der Offizier neben ihr stützt die Hand leicht auf den kleinen chinesischen
Rohrsessel, während sein aristokratisch-schönes, jetzt vom Lärmen und Rausch
gerötetes Gesicht mit dem feinen französischen Backen- und Kinnbart sich zu ihr
niederbeugt. An der andern Seite des Gemachs, vor einem prächtigen Fortepiano
von Rosenholz, sitzt mit einem noch jungen Mann von charakteristischer
Gesichtsbildung die schlanke Figur der Bojarenfrau. Ein leichtes orientalisch
weites Gewand von jenem weissen nebelartigen Mousseline, den allein die
kunstfertigen Finger der Hindu's an den Ufern des Ganges weben, umfliesst faltig
die graziösen Formen der Pariserin, die kleinen Füsschen wippen und spielen mit
den goldgestickten Pantoffeln, ein zierliches Spitzenhäubchen hängt lose nur
noch an einem kirschroten Band im Cendré ihrer aufgelösten Frisur und das
übermütig lachende Auge ruht halb spöttisch auf der Gruppe ihr gegenüber,
während ihre Finger eine kecke Polka über die Tasten des Instruments
herrauschen.
    Am Tische selbst sitzt ein Offizier in der Interimsuniform des Stabes, aus
einem langen, mitten zwischen die Flaschen, Früchte und Gläser gestellten
Nargileh mit Eiswasser duftigen Latakia dampfend und übersättigt in ein Blatt
des Journal de Constantinople schauend, indes auf dem Divan in der Ecke ein
Vierter mit zwei jungen Frauen, deren Züge die georgische Abstammung verraten,
neckend, tändelnd, jene Sprache junger Herzen in der ganzen Welt spricht, wo das
verständigende Wort gegenseitig fehlt.
    Die bunten Feredschi's und Schleier am Boden, die einzelnen Uniformstücke
mit dem Abzeichen der Garden und der Marine, und die kaum vernarbten, zum Teil
noch verbundenen Wunden der Männer zeigen, dass hier eines jener lockeren
Rendezvous, eine jener Orgien begangen wird, welche so häufig zwischen den zu
ihrer Genesung von den Wunden des Kampfes oder dem Gift der Lagerkrankheiten in
die am Bosporus eingerichteten Lazarete gesandten Offizieren und den türkischen
Frauen stattfanden. Das Gold und die Gewandteit der Gelangweilten sprengte die
Riegel der bestversicherten Harems, machte die Wächter blind und beförderte,
trotz der strengen Befehle der Oberkommandanten und der Bemühung der Gesandten,
die fast immer damit verbundenen Gefahren verachtend, eine Menge Liebeshändel
und Abenteuer, die noch lange ihre Folgen auf das häusliche Leben der Türken
üben werden.
    Die ehemalige Lorette präludirte mit einer Hand weiter auf dem Piano,
während sie mit der andern die kleine Papier-Cigarre zwischen den Lippen
hervornahm und fortwarf. »Eine neue, Monsieur,« sagte sie herrisch zu dem
Offizier, der neben ihr sass. - »Was meinen Sie, Graf, können Sie sich eine
nachsichtigere Beliebte wünschen, als ich bin?«
    »Ah ciel! Sie sind ein Engel, Celeste« sagte der Capitain der
Garde-Voltigeurs, indem er die Hand der Nedela an seiner Seite küsste. »Sie
sollen dafür auch volle Freiheit haben, wenn wir erst wieder nach Paris kommen.«
    »Wein, gieb mir den schäumenden, süssen Trank, caro mio!« flüsterte die
Odaliske. »Wirst Du mich mitnehmen, schöner Aga, nach dem goldenen Paris, von
dem Ihr so viel erzählt?« Er raunte die Antwort ihr zwischen den wallenden
Locken in das Ohr.
    »Auf - Montaillier! Schämen Sie sich nicht, eine Zeitung zu lesen, wo es die
letzten Stunden unserer Freuden gilt? Sie sind zum Einschlafen langweilig mit
Ihrer Politik. Sehen Sie Vaudricourt, wie er mit doppelten Karten spielt!«
    »Es lebe die Coeur-Dame!« schrie der junge Schwelger vom Divan her.
    »Zum Henker mit Euch! Lasst mich mit Euren Torheiten in Ruhe. Ich will
lieber wieder den Malachof stürmen oder drei Tage in den schändlichen Trancheen
liegen und weniger müde sein, als von einem Eurer Zechgelage.«
    Ein schallendes Gelächter der Kameraden belohnte ihn, auf das die Odalisken
verwundert horchten, da sie die Ursache nicht verstanden.
    »Es lebe der Malachof! Es lebe der 18. Juni, der uns hierher geschickt!«
schrie der junge Marquis de la Houdinière.
    »Euer Vergnügen ist mit Mayran's und Brünet's2 Fall und 6000 Mann teuer
genug erkauft!«
    »Bah - das gibt Avancement; in der Linie sind bereits drei Regimenter frei!
Die Engländer büssten verhältnissmässig noch mehr ein - Campbell, Shadfort und der
tolle Yea sind böse Verluste!«
    »Der Teufel hole sie!« schrie der Graf von seinen Kissen her. »Hätten sie
mit uns zugleich angegriffen, so hatten wir den Turm. Das 19. Regiment hielt
seine Fahne zwanzig Minuten lang auf der Brustwehr aufgepflanzt, und erst die
Geschütze vom Sägewerk3 jagten uns wieder herunter. Das verdammte Wettermännchen
hatte die Zeit verschlafen.«
    »Still! - Der Lord hat seine Schuld bezahlt, und die Zukunft wird lehren, ob
wir mit seinem Nachfolger besser daran sind. Der einzige Nutzen, den die
Engländer uns gebracht, ist, dass sie die Zufuhren der Festung jetzt am Faulen
Meere abschneiden.«
    »Falsch - die Russen haben mehr zu beissen, als wir! Der Landtransport dauert
ungehindert fort; Tausende von Wagen sind unaufhörlich unterwegs, und wir können
lange passen, bis wir sie aushungern, wenn wir Perecop nicht nehmen. Man meldet,
dass sie an der Tschernaja sich sammeln und erwartet dort einen Angriff gegen
unsere Linien. Taganrog und Berdiansk sind beschossen. Anapa hat man geschleift
gegen den Wunsch der Tscherkessen.«
    »Das ist schlecht gehandelt an Schamyl!«
    »Was geht uns der Imam an? Giebt es sonst Neues?«
    »Im Journal nicht. Privatim hörte ich, dass die Cholera unter den Sardiniern
arge Verheerungen angerichtet.«
    »Desto aufrichtiger wollen wir dem Malachof danken, dass er uns hierher
geschickt. Es lebe die Liebe, es lebe der Champagner!« Der Lieutenant fasste die
Hand der Nedela, die sich erhoben hatte.
    »Halt da, Boisrobert - Jedem das Seine!«
    »Ah bah! lassen Sie mich plaudern!«
    »Aber Sie verstehen kein Wort italienisch, Bursche!«
    »Diese Damen hier sprechen auch nicht französisch - die Lingua Franca, die
ich rede, verstehen sie Alle!«
    »Keinen Streit! - Die Tage, die wir zugebracht, waren zu angenehm, als dass
wir sie uns noch verderben sollten. Der alte Kiradschia soll leben, der
bulgarische Ehrenmann und Hauswirt, der so geschickt den Unterhändler zu
spielen versteht. Möge Allah den Sali Pascha noch lange in Saloniki fest und von
seinem Palast am Bosporus entfernt halten. Meinst Du nicht auch, Schätzchen?«
    Die junge Odaliske mit den Mandelaugen hob sie nach dem Offizier, obschon
sie kein Wort seiner Sprache verstand. »Allah bilir,« flüsterte sie - »Bana bak,
aï gusum!«
    »Den Henker auch - auf die Dauer wird's langweilig, dass man so wenig mit
ihnen reden kann. Houdinière hat sich den besten Teil erwählt in Madame
Celeste!«
    »Meinen Sie, Monsieur? Kommen Sie her und unterhalten Sie mich. Der Kapitain
spricht nur Fadaisen.«
    »Nichts da - ich lege Protest ein!«
    »Freiheit meine Herren, oder Graf Bretanne und ich schliessen unsere
orientalischen Salons und werden Einsiedler, wie unsere Nachbarn im Pavillon!«
    »Der Schurke von Bulgare, warum vermietet er die Villa auch an zwei
Parteien!«
    »Der Mann versteht seinen Vorteil - die Häuser werden mit Gold aufgewogen
in Terapia, und wir kamen später.«
    »Was hat der Schuft sich für seine Hilfe zahlen lassen?«
    »Vierzig Napoleons! Er schwört, er habe drei Eunuchen und wer weiss wie viel
alte Weiber zu bestechen gehabt.«
    »Es lebe die Liebe! Die Franzosen bleiben die Sieger im Orient überall - ich
weiche keinen Schritt mehr von Constantinopel!«
    »Bis Mellinet befiehlt - er versteht keinen Spass und die Doktoren im
Lazaret sprechen bereits davon, dass wir geheilt wären und Andern Platz machen
könnten!«
    »Bah! wir haben unsere Ruhetage verdient. Wenn die Lücken durch die Cholera
und die russischen Kugeln zu gross werden, wird uns Pelissier schon zurückholen.
Bis dahin - zu allen Teufeln mit jedem Gedanken an den Dienst!«
    »Zum Tanz, zum Tanz, Messieurs! Sein Sie nicht so träge! Passen Sie auf -
ich will Feuer in Ihre Adern giessen!«
    Sie raste eine spanische Melodie auf dem Klavier; wie von Federn geschnellt,
sprang die Nedela von den Kissen empor, warf den Shawl um ihre Schultern und
begann den Tanz.
    »Auf - auf, Ihr Schläfrigen! Die Augen auf, zum Tanz!« Der Eine zerrte die
ruhenden Paare empor, die Andern klatschten Beifall um die tanzende Mänade. Der
tolle Vaudricourt sprang ihr gegenüber und begann die wüsten Touren des Cancan
aus den pariser Barrièrenkneipen.
    Die übermütig wilde Gesellschaft fasste einander an den Händen und zog einen
wirbelnden Kreis um die Tänzer.
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    Plötzlich klopfte es heftig an die Tür, durch den dicken Vorhang und dem
bachantischen Lärmen drangen die flehenden Töne einer Stimme: »Signor Francese!
Signor Conte! bei der heiligen Panagia, öffnen Sie, oder wir sind Alle
verloren!«
    Graf Bretanne war an die Tür gesprungen, während die Offiziere erschreckt
durch einander liefen. Die türkischen Mädchen schauten verwundert auf die Männer
- sie vertrauten ihrem Kismet.
    »Wer ruft? - Bist Du es, Paswan?«
    »Si Excellenza. Es sind verdächtige Männer unten am Wassertor - auf dem
Bosporus halten zwei Boote! Wenn es die Polizeiwache ist, gibt es Lärmen.«
    »Verdammt - die Lazaretordre ist streng.« Der Graf öffnete halb die Tür.
»Ist der Gartenweg zur Lazaret-Terrasse frei?«
    »Ich sandte Jovas, den Diener, dahin. Die Signori's müssen fort und die
Weiber auch sogleich. Mein Kopf ist verloren, wenn man die Odalisken hier
findet.«
    »Das ist Deine Sache, Freund Paswan, dafür bezahlten wir Dich. Aber meine
Kameraden müssen in Sicherheit - General Sol hat den Teufel im Leibe, und die
Sache würde zu grossen Lärmen machen. Ich werde sie selbst entfernen, unterdess
lösche die Lichter aus und bringe die Weiber in Sicherheit. Ich hoffe, man wird
nicht wagen, in eine französische Privatwohnung einzudringen.«
    Einige Worte unterrichteten die Offiziere. Während man die Lichter bis auf
eins oder zwei auslöschte, beobachtete man durch die Jalousieen die Wasserseite.
Zwei grosse Kaïks hielten in der Entfernung von etwa 50 Schritt regungslos auf
den Wellen.
    »Fort mit Ihnen, meine Herren! ich geleite Sie über die Terrassen. Morgen
sehen wir uns wieder.«
    Die Lorette klammerte sich an den Grafen, »Du wirst mich nicht verlassen,
Guillaume! Mir graut vor der unbekannten Gefahr!«
    »Keine Sorge, mein Kind - wir haben Nichts zu fürchten hier im Hause. Was es
auch sei - kein Türke wagt die Frauengemächer zu betreten. Nur unsere Freunde
will ich fortschaffen.«
    Er riss sich los von ihren umschlingenden Armen. Die Offiziere hatten ihre
berauschten Kameraden empor gerissen, ihre Kleider zusammengerafft und folgten
ohne Abschied eilig dem Capitain4.
    Die armen verlassenen Geschöpfe sahen, traurig und ängstlich geworden, ihnen
nach, indem sie sich eilig wieder in ihre Gewänder zu hüllen suchten. Der
Kiradschia stand beobachtend an der Jalousie.
    Die Nedela war verschwunden.
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    Die Ruderer hielten mit leisem Schlag einen grossen Kaïk auf seiner Stelle
fest. Die Augen des Mannes, der hoch aufgerichtet im Boot stand, waren mit
flammender Wut auf die Fenster der Villa gerichtet. Schwarze Gestalten,
Schlingen in den Händen, die Handjars im Gürtel, kauerten mit teuflischem
Grinsen auf den verzerrten zwitterhaften Gesichtern um ihn.
    In dem zweiten Boot dicht neben an lehnte über den Rand Wassili, der
griechische Diener des Pascha's von Varna - Vaso, der Bräutigam Nausika's, der
er in eifersüchtiger und ohnmächtiger Liebe bis zum Harem des Türken gefolgt. Er
war bleich und zitterte heftig.
    »Allah sei Dank,« sagte der Pascha, »wir kommen zur rechten Zeit, ihre Lust
zu stören. Du kennst meine Befehle?«
    »Ja, Hoheit.«
    »Du bist ein treuer Diener, Wassili, und ich würde Dich zum Aufseher meines
Hauses machen, wenn Du kein Dschaur wärest. Aber bei dem Barte meines Vaters,
ich bin noch Muselmann genug, mich zu rächen, wenn ich auch die grossen Städte
dieser Franken gesehen habe. Du weisst also, dass der Inglis, mein Gast in Varna,
jenen Pavillon bewohnt?«
    »Du sagst es, Herr!«
    »Und die Weiber sind nicht bei ihm?«
    »Nein, Hoheit. Der Bulgare, der das Haus verwaltet, führte sie zu den Aga's
der Franzosen.«
    »Mögen ihre Väter verdammt sein. Der Hund soll ihr Schicksal teilen und der
Aufseher der Weiber dazu, der seine Pflicht vernachlässigte. Du zähltest ihrer
fünf und die Nedela ist dabei?«
    Der Grieche zauderte einige Augenblicke, bevor er antwortete. »Ich weiss es
nicht, Hoheit, ich kenne nur die Zahl, die hierher kam. Das Haremlik ist Deinem
Diener verschlossen.«
    »Lahnet bi Scheitan! ich kenne ihren intrignanten Geist und ihr wollüstiges
Herz. Sie hat die Sclavinnen verführt. Ich wollte, der Engländer hätte sie
behalten, oder ich wäre nicht der Tor gewesen, die Weiber mit nach Stambul zu
nehmen, dass sie mir in den Bart lachen, wenn der Grossherr mich auf die Reise
sendet. Sie müssen sterben, wie ich befohlen.«
    »Aber die Offiziere - die Franken?«
    »Sie werden es nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen. Wenn es sein muss,
knebelt sie, aber tödtet sie nicht, ich habe es dem Tschauschi-Baschi gelobt,
als er mir die Tschokadars und Verschnittenen lieh, den mir angetanen Schimpf
zu rächen. Korkma! es ist keine Gefahr dabei, wenn Du treu und vorsichtig bist.
Niemand wird uns erkennen, meine Rückkehr ist noch unbekannt, darum sandte ich
Dir Botschaft, mich an den süssen Wassern zu erwarten. Eile Dich, Wassili - sie
löschen die Lichter aus - sie haben uns bemerkt! Vorwärts!« Er klatschte leise
in die Hände und die Kaïks schossen im Nu an die Marmortreppen, wo sie bereits
zwei der Männer fanden, welche die Zugänge vom Lande her bewacht. Im nächsten
Augenblick waren alle Ausgänge umstellt und ein kräftiger Tschokadar sprengte
mit dem Brecheisen die Pforte, durch welche Wassili mit den schwarzen Eunuchen
in's Innere drang.
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    An sein Lager gefesselt lag der Grieche Caraiskakis - der Letzte der drei
Brüder. Eine fieberhafte Unruhe leuchtete und glühte in seinem Blick, es war,
als ränge das Leben in Folge eines unbekannten magnetischen Einflusses nach der
Sprengung der Bande.
    Der Jubel des Bachanals war durch die offenen Jalousieen von der Villa zu
ihnen deutlich herüber geklungen. Der Baronet hatte schon hundert Mal die
unruhige Nachbarschaft verwünscht, die seiner Meinung nach die Genesung des
Gelähmten störte. Scharfsichtiger als er, hatte der Araber, der von seinem
Burnus bedeckt auf einer Bastmatte im Winkel des Gemachs lagerte, bemerkt, wie
häufig eine dunkle Röte die Stirn des Griechen überzog, wenn ein helles
frivoles Gelächter von drüben herüber schlug.
    Der Baronet hatte dem Kranken die neuesten Nachrichten der Tagesblätter
vorgelesen, die Fortschritte der Belagerung nach dem verunglückten Sturm auf den
Malachof, die Abberufung Canrobert's nach Paris auf den Wunsch Pelissier's, den
Zug der Russen gegen Kars und die Bestimmung Omer-Pascha's nach Kleinasien.
    Das Journal war auf den Tisch gesunken, seine Hand stützte das Haupt - seine
Gedanken schweiften hinüber nach der bedrängten Stadt, nach dem Schatz, dem
jetzt all sein eigensinnig beharrliches Streben galt.
    Die Zeichen der Orgie drüben waren verstummt.
    Plötzlich unterbrach ein wilder Schrei, der Hilferuf einer weiblichen
Stimme, die Stille der Nacht.
    Edward Maubridge horchte auf, auch der Emir hatte sich halb erhoben.
    Abermals gellte der Schrei wild - verzweifelnd durch die Nacht: »Zu Hilfe,
Bretanne! zu Hilfe!«
    Im Nu war der Baronet empor. »Was geht dort vor? Lass uns zum Beistand eilen,
tapferer Emir!« Er hatte ein Pistol ergriffen und eilte die Treppe hinab,
Abdallah, seinen Ruf begreifend, folgte ihm mit einem Sprung.
    Die Tür aus dem Pavillon war von Aussen versperrt.
    Gregor Caraiskakis blieb allein!
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    Abdallah und der Baronet hatten, nachdem ihr Bemühen sich vergeblich
gezeigt, die Tür zu öffnen, eines der Fenster des Erdgeschosses aufgerissen und
sprangen auf die Terrasse. Eine Gestalt huschte im Schatten der Nacht an ihnen
vorüber, während sie weiter liefen, eine zweite folgte lautlos, aber jammernde
Laute und das Geräusch eines Ringens riefen sie zu Hilfe und sie eilten über den
Hof, der den Pavillon von dem Vordergebäude trennt, und drangen in die untere
Halle, die sich auf der andern Seite nach dem Wassertor öffnet.
    Der Anblick, der sich ihnen bot, war seltsam genug.
    Ein vierrudriger Kaïk hielt dicht an den Stufen der Halle und in dem
Sternenlicht sah man wenige Schritte davon in der Meeresflut auf den gestemmten
Rudern einen zweiten grössern halten.
    Fünf sackartige Ballen lagen auf den Marmorfliesen des Bodens, krampfhaft
sich windend und schlagend, und ein dumpfes verzweifeltes Stöhnen drang von
ihnen her. Sie schienen eben die Treppe herab aus dem ersten Stockwerk
geschleift und mehrere schwarze Gestalten waren bemüht, sie in den Kaïk zu
werfen, während andere einen Mann zu dem Boot zerrten, der heftig widerstrebte.
Am Boden nahe dem Eingang lagen gebunden und geknebelt zwei Menschen.
    Vier Männer traten den Eindringenden sogleich entgegen, ihre blanken Wehren
funkelten im matten Licht vom Eingang.
    »Was geht hier vor? Fort mit Euch, Raubgesindel, oder ich feuere!«
    »Zurück, Dschaur! Gebt Freiheit der Gerechtigkeit des Padischah!«
    »Zu Hilfe, Excellenza! Rettet Euern Wirt!« Es war die Stimme des
Kiradschia, welche flehte.
    »Hund ohne Leber! Allah verbrenne Deine Zunge!« schrie der Tschokadar, der
den Alten vorwärts zerrte, und holte zum Streich mit dem Yatagan aus.
    Der Schuss des Baronets traf den Einen der Eunuchen, während der junge Araber
vorwärts stürzend in den weiten Falten seines Burnus den Hieb auffing und den
Alten den Händen seiner Bewältiger entriss.
    Ein starkes dreimaliges Händeklatschen gab, so bald der Pistolenschuss
gefallen, vom grössern Kaïk her das Zeichen zum eiligen Rückzug. Die schwarzen
Eunuchen warfen eben den letzten der seltsamen Ballen in den heftig schwankenden
Kahn und sprangen nach. Ein schriller Schrei als Signal, dann stürzten sich die
Zurückgebliebenen in das Wasser, und das Boot, von den aufgestemmten vier Rudern
getrieben, schoss weit ab vom Lande zu seinem Genossen. Als der Baronet und sein
Gefährte auf die Marmorbalustrade des Wasserrandes sprangen, sahen sie die Köpfe
der Schwimmenden bereits an den Seiten des grössern Kaïks emportauchen, die Arme
sich festklammern und beide Boote dann wie streichende Möven nach der Mitte der
Meerenge zu verschwinden.
    Wenige Augenblicke darauf, während sie ihnen noch nachstarrten, hörten sie
über das Wasser her ein schweres Aufplätschern, wie von dem Fall eines grossen
Körpers in die Wellen -
    Dann ein zweites - ein drittes -
    Fünf Mal wiederholte sich der Ton, den die Wasserfläche als Leiter des
Schalles zu ihnen herüber trug. Der alte Bulgare an ihrer Seite zitterte heftig,
als er sie zurückzog in das Innere des Hauses, und ohne ihren Fragen Rede zu
stehen, hastig die gesprengte Pforte zu schliessen versuchte und eine Lampe
anzündete.
    In ihrem Schein erkannte man in den beiden geknebelten Gestalten an der Wand
das alte griechische Weib, das mit dem Kiradschia und einem in Terapia
wohnenden Burschen die Mieter des Hauses bediente, und den französischen
Offizier, den Beschützer und Geliebten der Bojarenfrau. Der Baronet, noch immer
an einen blossen Raubanfall glaubend, löste mit dem Kiradschia möglichst rasch
seine Bande, wobei er bemerkte, dass die Brust des Offiziers wie von einem eben
bestandenen heftigen Ringen keuchte. Kaum war der Knebel aus seinem Munde
gelöst, so stiess der Capitain den Namen seiner Maitresse aus, schaute mit wildem
Blicke umher und stürzte die Treppe hinauf zu dem grossen Gemach, in welchem noch
kurz vorher die Orgie stattgehabt, der Übermut und die Wollust das Scepter
geführt.
    Die Andern waren ihm gefolgt, Abdallah den blutenden Arm, den der
Yataganhieb des Tschokodars durch die Gewänder verletzt, mit diesen umwindend.
    Aber der Ruf »Celeste!« fand keine Antwort.
    Das Gemach bot einen Schauplatz der ärgsten Unordnung und Zerstörung dar,
nur noch durch die von der Decke hängende Ampel erleuchtet. Der Tisch in der
Mitte war umgestürzt, Fetzen der bunten Feredschi's und der weissen Schleier der
Frauen lagen überall hin zerstreut, ein wildes Jagen und Ringen hatte offenbar
stattgefunden. Der zitternde Kiradschia reichte dem Offizier ein zerrissenes
Frauenhäubchen, das er aus einem Winkel aufhob und das an den Bändern leicht als
das der unglücklichen Lorette zu erkennen war. Vergeblich blieb das Suchen in
allen Zimmern, man fand in einem derselben nach den Terrassen zu eine Jalousie
geöffnet, doch nirgends weiter eine Spur von ihr.
    »Wir müssen den Kommandanten der Lazaretwache wecken und ihnen nachsetzen,«
rief der Offizier endlich. »Welches Recht sie auch an die andern Frauen haben
mögen, sie haben mit ihnen eine Französin entführt und sie muss befreit werden.«
    Der Kiradschia hielt ihn zurück. - »Excellenza - es ist zu spät. Das Unglück
ist geschehen und wir mögen aus unsere eigene Sicherheit bedacht sein,
wenigstens was mich betrifft; denn meines Bleibens ist nicht länger in Stambul.
Die Ihr retten wollt, liegt bereits todt auf dem Grunde des Meeres. Wir selbst
hörten den Fall der fünf Opfer.«
    »Entsetzlich!« stöhnte der Graf, »und wir verliessen sie, statt sie zu
verteidigen! Aber Du sprichst von fünf - sechs Morde haben die Barbaren
begangen!«
    »Fünf Mal nur tönte der Fall in's Wasser,« entgegnete der Engländer. »Als
wir, durch die versperrte Tür aufgehalten, Ihnen zu Hilfe eilten, floh eine
Gestalt an uns vorüber nach dem Pavillon zu.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch das geöffnete Fenster hatte sich lautlos, um die andern Mörder nicht
aufmerksam zu machen, das fliehende Weib in das Innere geschwungen und stürzte,
nur von einem Manne verfolgt, in das Vordergemach. Ihr Fuss glitt aus, noch ehe
sie die Tür gegenüber erreichen konnte, und sie fiel zu Boden. Im Nu war der
Verfolger an ihrer Seite und riss an den langen Flechten ihr entsetzenbleiches
Haupt zurück.
    »Erbarmen! Hilfe! - Wassili - Du? - und Du willst mich morden?«
    Der junge Diener schlug ein gellendes Hohnlachen auf. »Wassili? - Hast Du
nur Blicke für Deine Buhler, Tochter Jani's, des blutigen Rächers von Smyrna?« -
Er riss das Pflaster von seinem Auge. - »Hat die falsche Farbe des Haares, der
Gram der drei Jahre den Gespielen Deiner Kindheit, den Mann, dem Dein Vater Dich
verlobt, so ganz aus Deinem Gedächtnis gerissen?«
    »Vaso!?«
    »Ja, Vaso - den ein Jahr lang in Deiner Nähe Qual und Eifersucht verzehrt
haben, der sah, wie Du die Buhlerin warst der Feinde und Unterdrücker meines
Volkes, des kalterzigen Inglesen, des grausamen Türken. Du, seines Harems Erste
und doch Nichts als die Sclavin seiner Lüste! Und jetzt die Buhlerin der
prahlerischen Franzosen, die unsers Glaubens Schützer bekriegen! - Ich war es -
ich - der zertretene vergessene Wurm - der Deine nächtlichen Wege belauschte,
während das Gold die Augen Eurer Wächter bestach! Ich war es, der Sali's Rache
hierher rief! Mein Auge verfolgte Dich, als Du unbemerkt Deiner Strafe zu
entrinnen gedachtest - meine Hand hat Dich ergriffen, - Du musst sterben,
Nausika, damit das höllische Feuer aufhört, mich zu verzehren!«
    Er hob die Hand mit dem breiten Dolchmesser bewaffnet zum Stoss auf den
nackten Busen - schlaff, in Todesfurcht sanken die Arme der abtrünnigen Buhlerin
nieder, auf ihren bleichen Lippen verstummte der letzte Schrei - -
    Aber eine Hand erfasste die Waffe und entriss sie der seinen, - ein Arm stiess
den in den Qualen der lang unterdrückten Eifersucht fast wahnsinnigen Mann
zurück - zwischen ihm und seinem Opfer stand Gregor Caraiskakis, finster,
drohend, die Hand bedeutungsvoll erhoben. - Der Ruf Nausika's hatte die Bande
der Letargie gesprengt, wie es der deutsche Arzt voraus gesehen.
    »Kennst Du mich?«
    »Capitain Caraiskakis?« - Sein Daumen schlug das Verbrüderungszeichen der
Elpis.
    »So wage es nicht, das Blut dieses Weibes zu vergiessen - um ihres Erzeugers
willen, Deines und meines Freundes! Das Leben ist das einzige Gut der
Gesunkenen. Bei dem Zeichen, das uns verbündet, rette sie vor ihren Verfolgern.«
    Die Nedela, ihn erkennend, hatte sich zu seinen Füssen geworfen und umschlang
sie schmeichelnd. - »Mein Gebieter, mein Freund! Nausika ist glücklich, dass sie
Dich gefunden, Licht ihrer Augen! Sie wird die treue Sclavin sein Deines
Willens!«
    Der bleiche Patriot sah mit verächtlichem Blick auf sie nieder; sein Fuss
machte sich frei von ihr und stiess sie zurück. - »Als ich Dich retten wollte und
Dir meinen Namen geben um des Märtyrers, Deines Vaters willen, führtest Du mich
zum Morde! Als ich das Blut Deines Buhlers vergossen, riefest Du die Schergen
des neuen zu meiner Verfolgung und warfest Dich zum zweiten Mal in die Arme des
verfluchten Geschlechts, das Deinen Vater getödtet. Geh' - meine Schuld an Dir
ist gelöst und jene Nacht im Fanar zum Fluch an mir geworden; die Geliebte
Gregor Caraiskakis' durfte einzig das Vaterland sein!«
    »Was gebietest Du, Capitano, dass ich tun soll?«
    »Führe sie mit Dir, aber sichere ihr Leben; - tue mit ihr, was Du willst,
was sie verlangt. - Nimm!« - Er kehrte mit festem Schritt in das zweite Gemach
zurück, nahm aus dem Schrank des Briten eine Börse voll Geld und warf sie mit
der leichten Seidendecke, die sein Lager bot, der Odaliske zu. Vaso reichte ihr
die Hand. - »Komm!« sagte er.
    »Wohin?«
    »In Sali's Harem zurück, wenn Du willst. Du kannst es sicher betreten, denn
eine Andere hat Deine Stelle auf dem Meeresgrunde eingenommen, und Dein
lügnerischer Mund wird ihn leicht überreden, wenn er von Stambul zurückkehrt und
Dich findet, dass Du es niemals verlassen. - Oder lass uns zusammen fliehen nach
Demetri in's Griechenquartier und uns dort verbergen, bis wir nach unserer
Heimat entweichen können. Die Panagia wird mir helfen, zu vergessen, was Du
gewesen bist!« Die alte Liebe hatte in dem schwachen, lenkbaren Herzen des
jungen Mannes wieder die Oberhand gewonnen.
    Sie hüllte sich in die Decke und blickte auf ihn und den Capitano. - »Komm!«
    »Wohin, Nausika?«
    »Ich heisse Nedela und bin nicht für Dein Elend geboren. In das Harem
Sali's!«
    Caraiskakis wandte sich verächtlich ab; er wies stumm nach dem Aufgang zur
Plattform des Daches, von der man zur obern Terrasse gelangen konnte. Die
abtrünnige Odaliske folgte mit festem Schritt ihrem Begleiter, um, zwischen den
Mauern der Gärten niedersteigend, einen Kaïk zu suchen, der sie zurück an's
andere Ufer führen sollte. - - -
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    Wenige Minuten, nachdem sie verschwunden, kehrte der Baronet, von Abdallah,
dem französischen Offizier und dem Kiradschia begleitet, nach dem Pavillon
zurück. Zu ihrem höchsten Erstaunen fanden die beiden Ersten den Kranken bleich,
aber im vollen Wiederbesitz seiner Glieder und seiner Sprache, auf dem Lager
sitzen, das ihn so lange als eine lebendige Leiche getragen.
    »Mashallah! Ein Wunder ist vor meinen Augen! Gesegnet sei die Stunde Deiner
Auferstehung!«
    »Was ist geschehen, was hat sich ereignet? - Sie sind genesen, mein - mein
Schwager?« Der Baronet streckte zögernd die Hand nach ihm aus. Caraiskakis
ergriff sie ernst, doch freundlich, während er seine Linke dem Araber reichte.
Doch der junge Mann, der sein erstes Staunen bewältigt, trat einen Schritt
zurück. »Warum zögert Abdallah ben Zarujah, die Hand eines besiegten Feindes
anzunehmen, nachdem er ihm hundert Wohltaten erwiesen?«
    Der junge Scheik kämpfte sichtlich mit sich selbst. »Du bist ein tapferer
Christen-Aga,« sagte er dann; »aber Dein Antlitz erinnert mich an Einen, der die
blutige Rose von Skadar mir gestohlen und verschwunden ist mit ihr und Scheitan,
ihrem Hunde, ohne Spur seit dem Tage, da die Christenheere vom Bjelbek nach der
grossen Feste der Moskows zogen. Ich muss wissen, was aus Fatinitza, der Rächerin,
und dem Manne geworden ist, den ich gefangen nahm und den sie von mir forderte
für das Kleinod der Zarnjah.«
    »Wenn Du meinen Bruder Nicolas meinst, tapferer Emir, der, wie ich
vernommen, ein Türkenmädchen aus Skadar liebte,« sagte der Grieche nach einigem
Sinnen, »so kann ich Dir keine Auskunft über ihn geben. Er zog nach Ssewastopol
in der Zeit, die Du erwähnst, mit einem wichtigen Auftrag, aber keine Kunde ist
seitdem zu mir gedrungen von ihm, trotz allen Forschens.«
    »Die Albanesen, die ich zurückliess, sahen ihn, das Weib und den Hund
hinausfahren auf schwankem Boot in die Wüste der Gewässer.«
    »Dann frage Den da,« sprach finster der Grieche, indem er auf den Baronet
wies; »er erzählte ihr Schicksal in Deiner und meiner Gegenwart, ohne dass ich
wusste, wen es betraf. Sie Beide, die Du suchst in Hass und Liebe, ruhen längst
auf dem Felsenboden des Meeres vor Ssewastopol. Auf dem Schiff, das ihn damals
trug, sah man sie versinken, das Weib, den Mann und den Hund, an dem Morgen nach
dem Tage, von dem Du sprichst.«
    Er schwieg, - der Araber reichte ihm jetzt die Hand, dann verhüllte er das
Gesicht mit dem blutigen Burnus, den er trug. Nur Paswan, der Kiradschia, hatte
von den Anwesenden das Gespräch verstanden, das in türkischer Sprache geführt
worden. Nach einer Weile näherte er sich mitleidig dem jungen Scheik, und
versuchte seinen Arm zu entblössen, um nach der Wunde zu schauen, die ihm der
Handjar des Tschokodars geschlagen.
    »Edward Maubridge,« fuhr der Grieche, zu diesem gewendet, mit feierlicher
Stimme fort, »der allmächtige Wille Gottes hat mich zum Leben auferstehen lassen
durch die Gefahr Einer, die wir Beide in Sünden kennen. Frage nicht und forsche
nicht nach ihr, so wenig, wie ich fragen mag, wie sie hierher gekommen, wir
haben mit Wichtigerem unsern Geist zu beschäftigen. Wir Beide haben schwer
gefehlt, lass uns vergeben, um Diona's willen. Das Kind, das Du suchst, der Knabe
meiner Schwester und der Erbe Deines Namens ist in Ssewastopol, so Gott ihn seit
meiner Verwundung beschützt hat, wohl und kräftig, in der Familie des Popen
Basili Polatnikow, des Kaplans des Wladimir. Ehe wir scheiden für immer, will
ich ein Schreiben in Deine Hand legen, auf welches das Kind und jede
Legitimation Dir ausgeliefert werden soll. Mache gut an ihm, was Du an seiner
Mutter verbrochen.«
    »Bei der Ehre meines Namens,« sagte der Baronet mit Kraft, »es soll der
einzige Zweck vom Rest meines Lebens sein. Auch mich hat die Hand Gottes schwer
getroffen, und sein Auge sieht die Reue eines Mannes. Warum aber willst Du -
jetzt mein Bruder - mich wieder verlassen und zu jenem unseligen Kampfe
zurückkehren, der uns so Vieles geraubt hat?«
    »Nicht zum Kampf - nicht in die Schlacht! Ich bin ein Sohn des Unglücks, und
habe Verderben gebracht über Alle, die ich liebte: Diona - Janos - dem deutschen
Freunde, ihr, der Gefallenen und dem letzten Bruder, den ich hatte. Mein Arm ist
nicht mehr gemacht für den Kampf des Kreuzes, und wenn ich diese Stätte
verlasse, geht mein Weg zum Atos, zu den Klöstern meines Volkes. Auf jenen
freien Felsenhöhen wird Gregor Caraiskakis sein Leben schliessen im Gebet für den
Sieg, den Triumph seines Vaterlandes und die Seelen Derer, die ihm
vorangegangen.«
    Er schwieg - das Haupt in die Hand geneigt. Selbst der französische Offizier
wagte es nicht, die Stille zu unterbrechen, obgleich er wenig von Dem, was um
ihn her vorgegangen, begriffen. Er sah, dass von Celeste auch hier keine Spur zu
finden, und das schreckliche Schicksal, dem sie im Augenblick des höchsten
Übermuts verfallen, machte ihn schaudern und einen tiefen Eindruck auf sein
Gemüt. Wir wollen hinzufügen, dass am andern Morgen alle Nachforschungen der
französischen Behörden natürlich keinen Erfolg hatten, und dass der Graf nach der
Einnahme Sebastopols als ernster und geprüfter Mann nach Frankreich
zurückkehrte, während die meisten seiner Kameraden bei der furchtbaren Orgie auf
den Wällen des Malachof sielen. -
    Erst der Kiradschia störte nach einer Weile die Stille. Er hatte den Arm
seines Lebensretters halb mit Gewalt entblösst und die Wunde untersucht, als
plötzlich seine Hand zu zittern begann, und er aufmerksam, fast erschrocken in
das ernste Antlitz des jungen Scheik sah. »Was ist das? Um der gebenedeiten
Mariam willen, die auch Du verehrst, Emir, was bedeutet dies Zeichen?« Sein
Finger wies auf zwei verschlungene Buchstaben, die auf der Schulter des jungen
Arabers blau eingeäzt waren. »Wie kommt das Namenszeichen meines Freundes Melek
Ibrahim, des Oda-Baschi der Zagrandschi's auf Deinen Arm?«
    »Meine Mutter stach es mir ein, da ich ein Knabe war, zum Gedächtnis ihres
verlorenen Bruders, der es gleichfalls auf seiner Schulter trug.«
    »Und Deine Mutter - sprich - woher kam sie, wie heisst sie?«
    »Zuleika, Freund. Mein Vater fand sie als fünfjähriges Kind, halb todt,
verschmachtet auf dem Wege der Karavane zur Kabah von Mekka. Ein harterziger
Sclavenhändler hatte die Kranke dort zurückgelassen. Mein Vater, damals ein
Jüngling, wie ich, führte sie zu den Zelten unsers Stammes und nahm sie sechs
Sommer später zum Weib, da sie schön geworden, wie der Duft der Blumen aus den
Oasen.«
    »Und sie - woher kam sie, weiss sie sich Nichts aus ihrer Kindheit zu
erinnern?«
    »Du siehst, Freund, dass sie des Zeichens gedachte, das ihr Bruder trug. Sie
wusste, dass sie über's Meer gekommen, und dass ihr Vater einer der tapfern
Jenettschjieri gewesen, die der Wille des Grossherrn verflucht hat. Die Männer
der Wüste kümmern sich nicht um den Zorn des Padischah, und da mein Vater ein
Tapferer war, nahm er die Tochter eines Tapfern unter seine Frauen.«
    »Lebt sie noch?«
    »Zuleika, die Gattin Omars, weilt unter den Lebendigen und harret der
Heimkehr ihres Erstgeborenen. Aber die Gebeine meines Vaters ruhen in der Wüste
von Yemen, und das Blut der verfluchten Magrebi ist geflossen, sie zu rächen.«
    »Ich glaube Dir, Emir, - aber höre mich an, Sohn! Der Vater Deiner Mutter
lebt, er beweint seine Kinder, und Dich zu schauen, seinen Enkel, würde Wonne
sein für die greisen Augen!«
    Der Emir sah ihn erstaunt an. »Deine Worte sind süss für mein Ohr, alter
Mann. Doch der weise Lokmann sagt: Glaube nicht Das, was Dir wohlklingt, bevor
es die Probe bestanden.«
    »Bei Deinem und meinem Gott, Emir, es kann kein Zweifel hier sein. Melek
Ibrahim, der Oda-Baschi, wohnt in den Felsenklüften des Balkan bei meinem Volk
und wird Dich gern als seinen Enkelsohn erkennen. Ich verlasse morgen in aller
Frühe diesen Ort und ziehe nach Norden, denn hier droht mir Gefahr nach Dem, was
diese Nacht geschehen. Komm' mit mir, wenn Du kannst, und nimm das Erbe, das wir
für Dich bewahrt haben.«
    Der Emir reichte ihm die Hand. »Mein Kismet hier ist erfüllt,« sagte er
traurig. »Achmet, mein Milchbruder, führt die Leute meines Stammes an meiner
Statt, die, wie ich vernommen, Iskender-Pascha nach Batum gefolgt sind. Ich bin
frei und werde Dich begleiten. Vielleicht, dass das Wort eines weisen Greises
Frieden giesst in meine Seele, die tief betrübt ist. Ruhe jetzt, alter Mann, von
den Schrecken des Abends, Abdallah wird für Euch wachen und am Morgen mit
Eidunih, seiner Stute, bereit sein!«
    Er setzte sich auf die Schwelle des äusseren Gemachs und schaute über den
offenen Balkon hinaus auf die im Sternenlicht tanzenden Wellen des Bosporus.
    Wie hier die buhlerischen Odalisken, die leichtfertige Tochter des fernen
Paris, - so deckten sie dort im Norden das Weib seiner ersten Liebe. - Fahre
wohl, junger Ritter der Wüste!
 
                                    Fussnoten
1 1350.
2 Divisions-Generäle.
3 Redan.
4 Es ist Tatsache, dass eine Gesellschaft französischer Offiziere die Frauen,
die sie aus einem Harem zu sich gelockt, ohne Weiteres verliess und der Rache des
beleidigten Türken preisgab.
 
                                 Der Malachof.
Wir sind am Schluss unsers Buches - noch ein Mal rollt der Vorhang auf, Dir
flüchtig die blutigsten Bilder zu zeigen; - dann, Leser, scheiden wir! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Sturm am 6. Juni hatte nicht bloss die Lünette Kamtschatka - den Mamelon
- sondern auch die beiden andern vorgeschobenen Werke, die Selenginski-und
Vohlinski-Redoute nach einem heftigen Kampf und Blutbad in die Hände der
Franzosen gebracht. Sie verloren an 3000 Mann, darunter den General Lavarande,
die Russen nicht viel weniger mit dem General-Major Timotjef. Die beiden
Redouten wurden gesprengt, der Mamelon unter dem Namen Brancion-Redoute zu einer
Batterie gegen den Malachof umgewandelt. Bosquets Lorbeeren ärgerten jedoch
General Pelissier und er entfernte ihn daher vor dem beabsichtigten grossen
Sturm, indem er ihm den Ober-Befehl der Tschernaja-Linie übertrug.
    Man schien absichtlich den Jahrestag der napoleonischen Erinnerungen zu
wählen, selbst der traurigen, und da zum 14. - dem Tag der Schlacht von Marengo
- die Vorbereitungen nicht vollendet werden konnten, wählte man den 18. - den
Tag von Waterloo - zum Sturm auf den Malachof, um den Engländern zu zeigen, dass
man zu siegen verstehe. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Die
Divisionen Mayran, Brünet und d'Autemarre - das Bosquet'sche Corps war zum
grossen Nachteil für den Erfolg durch die Eifersucht Pelissier's getrennt - mit
der Garde sollten den Malachof, die Engländer den Redan angreifen, nachdem am
Morgen des 17. auf der ganzen Belagerungslinie ein heftiges Bombardement
eröffnet worden, während dessen 20,000 Kugeln und 10,000 Bomben von den
Franzosen auf die Festung geworfen wurden.
    Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet und, wie heldenmütig auch
der Ansturm der Franzosen war, die zwei Mal bis in das Werk drangen und sich in
der Vorstadt festsetzten, sie wurden mit furchtbarem Verlust geworfen, da sie
ohne Unterstützung durch die Engländer blieben, deren Angriff vollkommen
verunglückte. General Mayran fiel, Brünet wurde durch die Brust geschossen, fast
sämtliche Regiments-Commandeure waren verwundet, die Franzosen verloren als
kampfunfähig gegen 6000 Mann, die Engländer an 2000; auch der russische Verlust
betrug 5000. An einzelnen Stellen um den Malachof lagen die französischen
Leichen vier Ellen hoch übereinander; die Bedienungsmannschaften der Geschütze
im Malachof hatten drei Mal ersetzt werden müssen; von der Compagnie des tapfern
Szewski-Regiments, welche die Batterie Gervais verteidigt, waren noch 35 Mann
am Leben. - Entsetzlich waren die Scenen, die sich bei dem von den Alliirten
begehrten Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Leichen zeigten. Die Geier
hatten sich auf dem Schlachtfelde bereits gesammelt; ein Augenzeuge berichtet,
dass er auf dem Wahlplatz einen englischen Offizier fand, der, tödtlich
getroffen, noch Kraft genug hatte, in der krampfhaft geballten Faust einen Vogel
zu erwürgen, der an ihm zu nagen begann.
    Mit dem verunglückten Sturm auf den Malachof trat gewissermassen eine Pause
in der Heftigkeit des Kampfes ein; man begnügte sich, die Belagerungsarbeiten
fortzusetzen, mit der Sappe immer näher und näher an die Festungswerke heran zu
dringen und den Kreis der Trancheen enger zu schliessen. Die Länge derselben
betrug zu dieser Zeit bereits 17 Stunden; 85 französische Batterieen waren
errichtet, freilich nicht ohne den bedeutendsten Verlust, denn der Bau der
einzigen Batterie Nr. 22 mit nur 3 Geschützen kostete allein 865 Mann. Der
Minenkrieg begann gegenseitig jetzt nach allen Richtungen zu spielen, auf
russischer Seite von dem Stabs-Capitain Melnikoff geleitet, der in Totlebens
Stelle trat, als dieser zu Anfang Juli am Fuss verwundet wurde und gegen Ende
August, noch nicht geheilt, doch wieder in den Werken erschienen auf's Neue
erkrankte, und auf Befehl des Fürsten Gortschakoff nach Symferopol gebracht
wurde. Mit welcher Aufopferung die Soldaten an dem berühmten Schöpfer der
Verteidigung von Sebastopol hingen, beweist der Zug, dass, als während des
Sturmes vom 18. auf den Malachof eine 7 Pud schwere Bombe gerade neben dem
General niederfiel und der Luftdruck ihn ohnmächtig zu Boden warf, sechs
Soldaten herbeisprangen und ihn mit ihren Körpern deckten. Fünf wurden
augenblicklich getödtet, der sechste schwer verwundet, während Totleben damals
mit einer leichten Contusion davonkam.
    Am 11. Juli, Abends 8 Uhr, fiel der Dritte des Heldenkleeblatts der
russischen Admiräle: Nachimoff, als er von der Brustwehr des Malachof die Feinde
recognoscirte. Wie an Lord Raglan's Begräbnis, der am 28. Juni an der Cholera
gestorben, die Russen ihre sämtlichen Geschütze schweigen liessen, so ehrten die
Franzosen mit gleicher stummer Huldigung das Andenken des tapfern Gegners.
Sechszehn Stunden hatte er nach seiner Verwundung in den Kopf noch gelebt; als
er sein Ende fühlte, wandte er sich zu den Matrosen der 39. Tschernanor'schen
Flottenequipage, die ihn schluchzend umringten mit den Worten: »Kinder, vergesst
nicht, das Kreuz (die Kriegsflagge) vor dem Feind wie bei Sinope an den grossen
Mast zu heften!« Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck
und stimmte sie zu verzweifeltem Mut. Als der Sarg in die Gruft der
Wladimir-Katedrale sank, schwor General Chruleff: »Dein Denkmal, braver
Seemann, soll Berge feindlicher Leichen werden!« und: Da budet tak! (So soll es
sein!) rollte durch die beiwohnenden Regimenter.
    Die Zahl der tapfern Seeleute in der Festung war gewaltig geschmolzen,
obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des
Azow'schen Meeres eingerückt waren. Von den 36 Marine-Offizieren, welche bei
Beginn der Belagerung die Batterieen kommandirten, war noch Einer kampffähig.
Aber Begeisterung und fester Todesmut erfüllte Offiziere wie Soldaten. Am 8.
Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien, Innocenz, auf dem
Catarinen-Platz die versammelten Truppen und reichte ihnen das Abendmahl. Sie
schworen, auf ihrem Posten zu sterben. Im Laufe des Juli trafen die 7. und 15.
Infanterie-Division in Ssewastopol ein, zu Anfang August aus Polen die 2. und 3.
Division des berühmten Grenadier-Corps, so dass die russische Armee der Krimm
trotz aller Verluste zu Anfang September wieder 160,000 Mann zählte.
Fünfunddreissigtausend Arbeiter waren allnächtlich mit der Ausbesserung der
Schäden beschäftigt, welche die Kanonade des Tages an den Wällen verübt, oder
errichteten neue Verteidigungswerke. Fortwährend suchten die Belagerten durch
kleinere und grössere Ausfälle die Arbeiten des Feindes aufzuhalten, die
bedeutendsten erfolgten in der Nacht zum 25. Juli, 2. und 15. August. Am 28.
verursachte eine russische Bombe im Mamelon eine furchtbare Explosion, die an
200 Mann tödtete und verstümmelte.
    Auch die Verluste der Alliirten waren entsetzlich. Bis zum Juni hatten die
Franzosen bereits 80,000 Mann durch Krankheit und Wunden vor Sebastopol
eingebüsst, die englische Armee war zwei Mal fast vollständig erneut worden. Von
den Anfang Mai eingetroffenen 15,000 Sardiniern waren nur noch 8000 kampffähig,
2000 schon bis zum 1. August an der Cholera gestorben. Die Miasmen, die sich aus
den Leichenfeldern und aus der versumpfenden Tschernaja entwickelten,
verbreiteten, im Verein mit dem acuten Wechsel der Witterung - während des Tages
oft 31-34° Wärme, des Nachts kaum 3-4° - Seuchen, nachdem die Cholera im August
nachgelassen, den Typhus und Scorbut in desto grösserer Heftigkeit. Es wurden
während des Monats täglich 6-800 Kranke auf den Schiffen in die Spitäler am
Bosporus transportirt. Durch das Feuer der Russen, die durchschnittlich in 24
Stunden 4000 Schüsse taten und 600 Bomben warfen, war der Verlust in den
Laufgräben, je mehr sie sich den Werken näherten, desto entsetzlicher.
    Die Stimmung, die sich ziemlich offenkundig in der Armee kund gab, liess
nicht frei von Besorgnissen. Offiziere und Soldaten sahen sich nutzlos decimirt
und als Beute von Krankheiten und Anstrengungen. Die täglichen Verluste in den
Laufgräben, während mit jedem Morgen neue russische Werke aus der Erde zu
wachsen schienen, ermatteten auch den Stärksten. Die Garden selbst schickten
Deputationen an den Generalissimus mit der Bitte, ihr allzu auszeichnendes
Lederzeug ablegen zu dürfen, und General Reinault forderte gleich heftig ihre
grössere Schonung, wie man früher auf ihre Teilnahme am Dienst bestanden; man
verlangte mit dem Mut der Verzweiflung nach einem neuen allgemeinen Sturm, um
zu sterben oder zu siegen, denn Allen graute vor einer nochmaligen
Ueberwinterung und schwerlich hätte man sich dieser gefügt. Als auch der
Napoleonstag, der 15. August, ohne den gehofften Sturm vorübergegangen war,
kamen mehrmals Fälle der offenen Renitenz vor, wenn die Regimenter zum
Laufgrabendienst beordert wurden. Dazu zeigten sich wieder häufig unter allerlei
Verkleidungen Emissaire der revolutionairen Propaganda im Lager und begannen
ihre Wühlereien. General Pelissier verkannte die Gefahr nicht und ergriff
verschiedene Massregeln, um die Äusserungen des Missvergnügens zu unterdrücken, da
er zu gut einsah, dass er nicht Alles auf einen letzten entscheidenden Wurf
setzen durfte, ohne dessen Erfolg möglichst gesichert zu sehen. Die erste
Massregel war die Ausweisung der französischen Correspondenten, selbst der
officiellen Journale, die der Generalissimus am 14. Juli auf ein Schiff packen
und nach Constantinopel bringen liess; - freilich blieben die weit ungenirteren
englischen zurück! In Kamiesch wurde eine förmliche Militair-Censur-Commission
eingesetzt, welche alle abgehenden Briefe controllirte und jede Klage
unterdrückte. Hierauf folgte die Entfernung Canrobert's, der, so oft er sich
zeigte, der Gegenstand von Ovationen der Soldaten war. Der General inspicirte -
es war am 26. Juli - gerade die Laufgräben, als Pelissier ihm in Abschrift eine
Stelle aus der Depesche des Kriegsministers zugehen liess, wodurch der Kaiser
ihn, im Interesse seiner Gesundheit, zur Rückkehr aufforderte. Canrobert
antwortete auf der Stelle, dass er sich nur einem ausdrücklichen Befehl fügen
werde, und schon am 29. war dieser durch den Telegraphen da. Der General verliess
am 4. August die Krimm, von seinem glücklichern Rivalen wenigstens beim Scheiden
noch mit allen Ehren umgeben.
    Schon lange vorher, ehe dies geschah, hatten die Belagerer einen neuen
Angriff der russischen Armee von der Tschernaja her erwartet und vollkommen Zeit
gehabt, sich darauf vorzubereiten und ihre Stellung zu befestigen. Er erfolgte
am Morgen des 16. August - bekannt unter dem Namen der Tschernaja-Schlacht, oder
der Schlacht an der Traktir-Brücke. Die Russen stiegen unter den ungünstigsten
Verhältnissen aus ihrer gedeckten Stellung in das Tschernaja-Tal nieder,
überschritten den Fluss und gingen die gegenüber liegenden wohlbefestigten Höhen
hinan, zuerst die Türken und die verschanzten Sardinier angreifend. Bald aber
liess sich, gegen die ausdrückliche Disposition des Oberbefehlshabers, General
Read von seinem Ungestüm fortreissen, mit dem rechten Flügel die gesicherte
überlegene Stellung der Franzosen an den Fedhujini-Bergen zu stürmen und hier
die Schlacht zu engagiren. Drei Mal gewannen die Russen die Höhen, drei Mal
wurden sie von Bajonnet und Kartätschen zurück geworfen, und der Tod mähte in
ihren Reihen. General Read büsste seine Verwegenheit mit dem Leben - vier Stürme
der Freiwilligen, um seine Leiche zu holen, warfen die französischen Kartätschen
nieder; General-Major Weimarn, sein General-Stabs-Chef fiel - auf dem Rücken
trug sein Adjutant, der gigantische Lieutenant Stolypine, den Körper des
geliebten Führers aus dem Getümmel; an der Seite des russischen Generalissimus
wurde General Wrewski getödtet, nachdem er, zwei Mal schon getroffen, verweigert
hatte, sich zurückzuziehen. Nutzlos, vergeblich opferten die tapfern Grenadiere
immer und immer wieder ihr Leben, bis General Kotzebue, die Unmöglichkeit des
Gelingens, das Zwecklose des Blutbades erkennend, vom Pferde sprang und auf dem
Sattel die Ordre zum Rückzug an die engagirten Divisions-Chefs schrieb. Eine
Granate schlug neben ihm nieder und platzte, während sich die Umgebung eilig
zurückgezogen, ihn mit einer Wolke von Staub und Splittern bedeckend. Als sie
sich verzogen, sah man den General ruhig fortschreiben und erst, nachdem er
geendet, das Blut von der Stirn trocknen.
    Weit über 3000 Russen, 1100 Franzosen, an 900 Türken und 200 Sardinier
deckten den Kampfplatz, das Flussbett war gefüllt mit Leichen. Die Sardinier
verloren den General Montevecchio, auch von den französischen Führern waren
viele verwundet, darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven, Polkes. - Auf
die Belagerung selbst hatte die Schlacht keinen Einfluss.
    Dagegen vermehrte sie die Spaltung zwischen den französischen und englischen
Truppen, die schon nach dem Sturm am 18. Juni, dessen Misslingen man den
Engländern geradezu Schuld gab, bedeutend hervorgetreten war und sich in
Übermut und Verhöhnungen auf Seiten der Franzosen offen kund gab. Die
Erbitterung brach in hundert Zügen aus, als die englischen Soldaten das
Tschernaja-Schlachtfeld, das nicht ihr Blut gekostet, auf eine so schaamlose
Weise plünderten, dass 6 Stunden nach beendigtem Kampf nur die nackten Leichen
noch dort lagen und General Simpson selbst in einem Tagesbefehl vom 20. seinen
Truppen ihr Benehmen vorwarf. Man musste zuletzt den französischen und englischen
Soldaten verbieten, dieselben Schankboutiken zu besuchen.
    Am 17. August liess General Pelissier das Feuer auf's Neue verstärken;
während der zweiten Hälfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition
ausgeladen und nach den Batterieen gebracht. Fortwährend trafen neue
Verstärkungen ein, am 24. General Mac-Mahon, der geprüfte Afrikaner, 1840 noch
Bataillons-Commandant der Vincenner Jäger, dann Oberst in Algerien, wo er sich,
um sich vor dem Herzog von Orleans auszuzeichnen, auf einem Zug gegen die
Kabylen an der Spitze seines Regiments auf den drei Mal stärkern Feind warf,
sein rechtes Auge verlor, aber zum General ernannt wurde. Er trat an Canrobert's
Stelle.
    Die Zeit eilte - und der dem General Pelissier im Geheimen gesetzte Termin
nahte heran; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph und der hitzige, durch
die nicht erfüllte Hoffnung auf den Marschallsstab am 15. August erbitterte
General sandte die berüchtigte Antwort: »Sire, wenn Sie glauben, es besser
machen zu können, so kommen Sie selbst!«
    In den ersten Tagen des September endlich war man mit der Sappe so weit
vorgedrungen, dass die Spitze der französischen Trancheen nur noch 30 Metres (90
Fuss) von den Werken des Malachof entfernt war; schon mehrere Tage konnten sich
die Gegner sprechen hören. Der allgemeine Sturm wurde beschlossen.
    Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade, bestimmt, die
Bastionen, - schon längst kaum mehr als ein Schuttaufen - vollends zusammen zu
schmettern. Sechshundert französische und 200 englische Feuerschlünde grössten
Kalibers eröffneten ein Feuer, welches die Erde ringsum erbeben liess und selbst
in der Entfernung einer Viertelmeile nur in den Pausen gestattete, sich anders,
als durch Zeichen verständlich zu machen.
    Die Festung antwortete in gleicher Weise, obschon an vielen Stellen die
Trancheen der Gegner so weit vorgedrungen waren, dass sie unter dem Niveau der
Geschütze lagen. Die Zerstörung im Innern war furchtbar. Die Erde innerhalb der
Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflügt, dass nicht ein Sandkörnchen
an seinem Orte geblieben, sie war mit Flintenkugeln, Kartätschen,
Granatensplittern, Kanonenkugeln und Bomben vollständig bedeckt. Wir führen
beispielsweise bloss die Tatsache an, dass vom 22. Mai bis 10. Juni die
russischen Soldaten und Matrosen auf der ganzen Verteidigungslinie an Blei von
feindlichen Kugeln 1960 Pud (78,400 Pfund) und 1015 achtzigpfündige, nicht
geplatzte Bomben sammelten, aber das machte kaum ein Drittel, da zwei Drittel im
Wall oder in den Mauern stecken blieben und nach der Stadt und den Buchten
hinüber flogen. Schon im Mai waren gegen 500 Häuser von Grund aus zerstört,
selbst das Strassenpflaster aufgewühlt. Ende August waren nur wenige Gebäude
bewohnbar, die Lazarete und alle Büreau's nach Fort Paul und Fort Nicolaus
verlegt. In dem letztern wohnte der Commandant Kismer mit mehr als 20,000
Menschen. Der Bericht Pelissier's gibt an, dass während der 336 Tage der
Belagerung über 1 Million 600,000 Schüsse aus 800 Feuerschlünden, also
durchschnittlich täglich 4434 Schüsse auf die Stadt geschehen. Die
Verteidigungswerke waren sämtlich so zu Staub zermalmt, dass die Erdarbeiten
kaum noch auszubessern waren, und Fürst Gortschakoff, - nachdem bereits am 5.
und 6. August eine Pontonbrücke über den Handels- und Kriegshafen zur bessern
Verbindung der beiden Stadtseiten geschlagen worden, - für den Rückzug nach der
Sievernaja (der Nordseite) eine Brücke über die Bucht zu schlagen beschloss.
General Buchmeier, der Chef der Ingenieure, führte, unter dem Kugelregen der
Feinde, mit Hilfe des Contre-Admirals Suckow und Oberst Narew dies Riesenwerk in
15 Tagen aus, und die schwimmende Balkenbrücke von 1500 Schritt Länge und 9
Schritt Breite, zwischen den Forts Nicolaus und Michael die Ufer verbindend,
wurde am 27. August eingeweiht. In der Nacht zum 6. August ward das erste
russische Linienschiff, die »Mariam« durch die Bomben der Alliirten in Brand
geschossen.
    Es ist eine entsetzliche Tatsache, dass in den letzten neun Tagen dem
Bombardement und den Krankheiten täglich viertausend Mann in der Festung zum
Opfer fielen!
    Während die Franzosen und Engländer so ihre Vorbereitungen zur Entscheidung
des Kampfes trafen, sahen die Türken immer mehr ein, welch überflüssige Rolle
sie in der Krimm spielten und Omer-Pascha traf, schwer erbittert über die
erfahrenen Zurücksetzungen, am 18. Juli in Constantinopel ein, den Sultan für
eine Verlegung des Kampfplatzes zu gewinnen. Seine Pläne wurden jedoch
hintertrieben und Mitte August Iskender-Bei, jetzt Iskender-Pascha (Graf
Ilinski), der bei Eupatoria von dem russischen Oberstlieutenant Wimmer mit
schweren Säbelhieben verwundet worden, mit der Cavallerie, gegen Ende des Monats
der Serdar selbst mit dem grössten Teil der Infanterie nach Klein-Asien
geschickt zum Entsatz von Kars, das von General Murawieff und den Fürsten
Andronikoff und Bebutoff schwer bedrängt war. Die Stelle der türkischen Truppen
in Eupatoria nahmen die englischtürkischen Baschi-Bozuks ein, welche durch die
offene Empörung am 7. Juli in Dardanelli und ihre dort verübten Greueltaten
eine Probe von der Organisation geliefert, die ihnen General Beatson - bei dem
Aufruhr verwundet - und Vivian beigebracht hatten. In Constantinopel selbst war
Ende August Mehemed-Ali wieder zum Kapudan-Pascha ernannt worden und die
alttürkische Partei auf's Neue an's Ruder gekommen. Der Hat-Humayum, diese
grossmütige Erwerbung der alliirten Mächte zu Gunsten der christlichen
Bevölkerung, an die Stelle des Tansimats und der Forderungen Russlands gesetzt,
blieb ein Spiel in den Händen der fanatischen Pascha's und ohne alle Wirkung.
    Die Folgen der Trennung der Bosquet'schen Divisionen waren bei dem Sturm am
18. Juni zu klar hervorgetreten, als dass der Generalissimus für die Erreichung
des Hauptzweckes nicht jede kleinliche Rivalität hätte aufgeben sollen. General
Bosquet war mit seinem Corps nach der Tschernaja-Schlacht wieder in die
Belagerungs-Linien eingerückt, und das 3. Zuaven-Regiment, jetzt kommandiert von
Colonel Méricourt, hatte sein früheres Lager am Sapun wieder bezogen.
    Der alte polnische Oberst hatte das Feldlager nicht wieder verlassen,
obschon er nach jener traurigen Täuschung jede weitere Hoffnung und Bemühung
aufgegeben, das Schicksal seines Enkels lenken zu können. Die Teilnahme, die
Méricourt diesem bewiesen, hatte ihn häufig in seine Gesellschaft gezogen, bis
der Colonel ihm eine frei gewordene Baracke auf dem Sapun anbot. Er bezog sie
zusammen mit dem von Constantinopel zurückgekehrten Baronet. Die beiden trüben
und wortkargen Gefährten passten gut zu einander. -
    Es war am Mittag des 7. September, als der alte Propagandist allein in der
Hütte sass, auf einer umgestülpten Tonne schreibend und von Zeit zu Zeit mit
traurigen Gedankenbildern auf den Donner hörend, der, Luft und Erde
erschütternd, von den Wällen und Batterieen herauf rollte. Den Eingang
verdunkelte eine Gestalt und aufblickend gewahrte er einen der Armenier, die als
Handelsleute das Lager durchstreiften. Unwillig, gestört zu werden, winkte der
Oberst ihm, fortzugehen, der Fremde legte jedoch zu seinem Erstaunen den Packen
von sich und setzte sich ihm gegenüber auf eine Kiste, nachdem er sich
vorsichtig umgesehen.
    »Der Lärmen, den die Kanonen dieser Soldateska machen,« sagte der
Eindringling in italienischer Sprache, »sichert uns wenigstens gegen das
Behorchen. Ist meine Verkleidung wirklich so trefflich, dass ich erst dieses
Zeichens bedarf?« - Er bog den Mittelfinger der linken Hand ein und streckte sie
gegen den Polen.
    »Abbé Cavelli?« rief dieser mit Staunen.
    »Still, lieber Graf - keine Namen! Sie könnten mich eben so gut den Banquier
Tomas, den Lord So und So und wer weiss wie nennen, gegenwärtig bin ich der
Handelsmann Basil Aristarchi, wohlbekannt auf dem Bazar von Constantinopel, und
es genügt, dass Sie über meine Person im Klaren sind. Wir sind doch sicher hier?«
    »Ich erwarte keinen Besuch, Signor. Doch muss ich Sie auf Eines aufmerksam
machen - ich habe seit dem 28. April aufgehört, Mitglied des Bundes zu sein und
...«
    »Der höchsten Gewalt Ihren Rücktritt zugleich mit der Warnung mitgeteilt,
die der Kaiser Napoleon so gütig war, uns zukommen zu lassen. Ich weiss das Alles
und noch mehr, aber Sie werden sich erinnern, lieber Graf, dass, wenn man nach
unsern Statuten auch berechtigt ist, die Function als tätiges Mitglied des
Rates der Sieben niederzulegen - man doch nicht aufhört, ein Wissender und
Gehorchender zu bleiben; - der Eid des Eintritts gilt für das Leben, und ich
hoffe, dass Graf Lubomirski ihn nicht brechen wird, wie ihn Andere in diesem
Lager gebrochen haben.«
    Der Greis blickte ihn erstaunt an. - »Sie kannten meine Stellung, Signor?
ich glaubte Sie bloss Mitglied des fünften Grades?«
    »Ei, man schreitet vorwärts, Oberst, und wer weiss, was aus dieser
unscheinbaren Hülle des Armeniers noch hervorgeht,« spottete der Italiener. -
»Doch, unsere Augenblicke sind gezählt. Ihre Dienste, Signor Conte, hatten Sie
zu einem so hervorragenden Mitglied des Rates der Sieben gemacht, dass man Ihre
Tätigkeit und Ihre Erfahrung schwer vermisst. Ich komme mit dem Auftrag, Sie um
den Wiedereintritt in den Rat zu bitten.«
    »Mein Entschluss steht fest,« sagte der Andere. »Ich habe das Recht, wie Sie
selbst zugestehen, alle Tätigkeit aufzugeben und ein Wissender zu bleiben, da
der Grad, den ich eingenommen, nicht mehr gestattet, mich ganz aus der
Gemeinschaft des Bundes zu entlassen. Ich bin ein Greis - meine Kraft ist durch
Manches, was Sie nicht interessirt, gebrochen, ich kann nicht mehr nützen und -
gerade heraus, ich will es nicht. Die Erinnerungen meiner Jugend sind mächtig in
mir erwacht - ich mag nicht weiter kämpfen weder gegen das Haus Bonaparte, noch
gegen das Haus Romanow!«
    Der Italiener lächelte verächtlich. - »Ich kann nicht glauben, dass Alter die
Nerven wirklich so verwelkt, um Geist und Kraft zu lähmen. Das Beispiel der
Diplomatie zeigt, dass dem nicht so ist. Talleirand hatte - Nesselrode und
Metternich haben trotz ihres hohen Alters ihren Geist bewahrt.«
    »Signor Abbé,« sagte der Pole, »Sie sind im Verhältnis zu mir jung, vor
Ihnen liegt noch die Welt; - ich weiss nicht, welche Stellung Sie haben, denn Sie
sind ein Geheimnis auch für mich - aber ich will Ihnen eine Erfahrung sagen,
einen Rat geben. Die schärfsten Pläne des menschlichen Hirns brechen oft an der
Schwäche der menschlichen Herzen. Nicht das Alter allein ändert die Menschen,
jeder trägt seine Stelle im Innern, nennen Sie sie Grundsätze, Laster oder
Gefühl, - wo er Egoist bleibt. Darum müssen Sie mit den Menschen, welche die
Mittel zur Ausführung der festen Pläne sind, wechseln, wie Gott mit den
Geschlechtern der Menschen wechselt. Dass sie diesen Egoismus, diesen Punkt, an
welchem die Willfährigkeit aufhört, nicht achteten, sondern ihn unterdrückten,
zwangen, das war der Fehler der grössten Verbindung, der grössten Verschwörer
aller Jahrhunderte: der Jesuiten.«
    Der Abbé schaute ihn nachdenkend an. - »Der Rat hat sein Wahres! wir haben
in letzter Zeit dahin zielende Erfahrungen gemacht. Die Agenten zum Beispiel,
welche im März 53 von der damaligen Versammlung ausgesandt wurden, sind fast
sämtlich ihrer besondern Interessen und Ansichten wegen aus unsern Reihen
desertirt. Der Banquier Ripièra wurde ein Verräter aus Furcht und Habsucht, die
spanische Tänzerin machten Eitelkeit und Blut ungehorsam und zur Maitresse eines
Russen, Ihnen, Signor Conte, galt das Leben eines Knaben mehr als die Zukunft
der Propaganda, den deutschen Arzt hat ein allzu zartes Gewissen gerührt und von
den beiden Arbeitern hat den Einen seine Ungeschicklichkeit auf das Schaffot
gebracht, den Andern sein törichter Begriff von Familienehre zum
entusiastischen Soldaten gemacht.«
    Der Graf schwieg.
    »Ich komme so eben von einem Andern unserer Freunde,« fuhr der Abbé
spöttisch fort, - »ich habe General Pisani's Beichte gehört, ein Geschäft, das
ich natürlich besser verrichten konnte, als jeder Andere. Ihn hat der Ehrgeiz
und der Reichtum, wenn auch nicht abtrünnig, doch seine eigenen Pläne vorziehen
gemacht, - jetzt muss er Beides verlassen, den neuen Rang und den Reichtum
seiner Frau. Wenigstens ist er Teufel genug, die Letztere mit sich zu nehmen! -
Sie haben Recht, Signor Conte, man muss die Werkzeuge nur so lange benutzen, als
ihre eigenen Interessen nicht mit den unsern collidiren!«
    »Signor,« sagte der alte Mann entschlossen, »das sind Gespräche, die uns
nicht zum Ziel führen. In welcher Absicht haben Sie mich aufgesucht?«
    Der Abbe sah ihn scharf an. - »Ich erwähnte bereits, Signor Conte, dass ich
den Auftrag hätte, Sie zu uns zurückzuführen.«
    »Und ich erklärte Ihnen, dass ich mich von jedem tätigen Anteil
zurückgezogen habe.«
    »Ist dieser Entschluss unwiderruflich?«
    »Er ist es.«
    »Auch dann, wenn ich den Auftrag habe, Ihnen dies zu bieten?« - Er übergab
ihm eines der mehrerwähnten Kreuze - es zeigte neun Silberstifte. Der Pole
zuckte zusammen und sah ihn erstaunt an. - »Sie - mit welchem Recht - das
Zeichen der höchsten Gewalt?«
    »Ich muss das Recht wohl haben, da ich Ihnen den Eintritt anbiete. Die Leiter
der Unsichtbaren wünschen Sie in ihrer Mitte zu wissen - um Ihres Vaterlandes
willen und da sich mächtige Dinge vorbereiten.«
    Der Pole schüttelte das greise Haupt. - »Mir scheint es, Signor, der Bund
täte besser, günstigere Zeiten abzuwarten - der Kampf mit den Dynastieen ist
nicht zu seinen Gunsten ausgefallen. Der Kaiser Napoleon -«
    »Hat morgen zu regieren aufgehört. Was Pianori verfehlt, wird Bellamare
treffen. Wenn jener Mann heute, morgen oder übermorgen das Teater besucht, wird
ein neuer Versuch auf sein verfluchtes Leben gemacht werden, sein Glück wird ihn
nicht immer schützen!«
    »Meuchelmord - immer und immer wieder - und glauben Sie dadurch die
verlorene Schlacht zu gewinnen? Er wird unsere Sache vollends verderben.«
    »Die Revolution, Signor Conte, wird nie mehr in Europa unterliegen, so lange
sie nur den Mut hat, zu kämpfen, und so lange England seine Mission begreift,
uns zu schützen! Meinten Sie wirklich, die Drohung dieses Emporkömmlings könne
uns einschüchtern? Er ist es, der uns fürchtet; dies Coquettiren schon mit der
Demokratie, wie jene Rede seines Vertreters in der Ausstellung zeigt es. Wir
sind ihm den Prozess gegen die 150 Mitglieder der Marianne, die im März verhaftet
und am 31. Juli im Saal des pas perdus verurteilt wurden und Dheniers
Verdammung in Lille1 schuldig! Aber selbst, wenn sein Stern ihn nochmals
beschützen sollte, sind die Chancen in ganz Europa der Art, dass sie unsere
erneute Tätigkeit fordern.«
    »Verzeihen Sie, Signor,« sagte gemessen der Graf, »ich bin ein Wenig aus der
Kenntnis gekommen.«
    »Es ist nötig, dass Sie von unsern Aussichten unterrichtet sind. Dass zwei
wichtige Mitglieder des Bundes gestorben sind, wissen Sie wahrscheinlich, der
Triumvir Marmiani in Aten und General Pepe am 15. August in Turin. Der
Nachfolger des Corsen hat zwar seine sogenannte National-Anleihe von 360
Millionen erhalten, aber die Sache ist zu einem Börsen-Geschäft gemacht worden,
und von den dreimalhundertundzehntausend Narren, welche das Zehnfache der
Millionen zeichneten, sind zwei Drittel Unzufriedene geworden, weil man ihr Geld
nicht nahm. Am 27. August sind bereits bedeutende Unruhen in Angers
ausgebrochen. Auf die Armee kann sich der Usurpator für seine Pläne nicht
stützen, von den 101 Infanterie-Regimentern Frankreichs sind 41 im Orient, 2 in
Rom, 112 in Afrika, Paris allein braucht ihrer 10, und es bleiben ihm für die
Bedrohung Preussen's und Deutschland's durch das sogenannte Ostlager kaum 120,000
Mann. Eben so wenig wird er die Revolution in Spanien damit niederhalten, wenn
die 25,000 Mann Spanier, die sich O'Donnel durch den geheimen Tractat vom 7.
August für eine Anleihe von 500 Millionen Francs zu stellen verpflichtet, die
Halbinsel verlassen haben. Missglückt der Sturm auf Sebastopol, wie
wahrscheinlich ist, so steht es schlimm mit dem napoleonischen Regiment, denn in
der Armee ist die Zahl der Missvergnügten gross, und ihnen ihr Ziel zu geben, bin
ich hier. Das Offizier-Corps des 14. Regiments hat bei dem Abschiedsfest in Rom
am 5. August bereits offen seine Empörung gezeigt - man hat es nicht gewagt, es
nach dem Orient zu schicken. Napoleon - wenn sein Glück ihn vor Bellamare's
Pistole rettet - wird dann von der Armee gezwungen werden, den Krieg hier
aufzuheben und ihn an den Prut, in die russischpolnischen Provinzen zu
verlegen, dahin haben auch Omer-Pascha und Ilinski in Constantinopel agirt.
Sckarzinski2, Zsurmanski, Wolawski, Sasit-Bei halten den Sirdar auf diesem Plan
fest und England wird das Geld geben zur Bildung zweier Legionen der Türkischen
Kosaken, die nur aus Polen und Ungarn bestehen dürfen. Czaikowski leitet die
Organisation, das war die Mission des Grafen Zamoiski in England und Frankreich.
Mit der Ueberschreitung des Prut durch den Serdar oder die Franzosen bricht die
Erhebung in ganz Polen aus, Miroslawski und Mak werden sie in dem Preussischen
Grossherzogtum verbreiten. - Die Leitung der Polnischen Sache soll Ihre Aufgabe
sein.«
    »Signor,« sagte der Oberst, »meine Berichte aus Polen sollten Sie bereits
über diesen Irrtum enttäuscht haben. Die Polen hassen Russland weniger, als Sie
denken. Von all' den Polen, die in der Armee von Sebastopol stehen, sind bis
jetzt nur vier in's Lager der Alliirten desertirt, während die Zahl der
Deserteure aus den Reihen der Sardinier und der Fremden-Legion bedentend ist.
Wenn Sie keine andere Stütze Ihrer Pläne haben, als eine Revolution in Polen,
steht es schlecht mit Ihrer Armee.«
    »England wirbt sie für uns, Graf, im Norden wie im Süden. Die Fremdenlegion
in Schorncliffe wird, wenn unsere Fahne weht, ihr folgen. Jeder Legionär ist ein
Soldat mehr für uns, und das Geld, was das Parlament dafür bewilligt, ist nichts
Anderes als ein Beitrag zur Revolution. In der Schweiz sinb neue Werbungen im
Gange; die Bildung einer italienischen Legion ist beschlossen, General Percy zur
Organisation bereits am 17. August in Turin eingetroffen; von Schweden her hat
Doctor Rosenschild eine Freischaar gegen Russland angeboten. Zwischen Sardinien
und Frankreich herrscht bereits Spannung, der Papst hat seine Allucation
geschleudert, die famose Rede Palmerstons am 10. August über Italien hat den
Brand von den Alpen bis zum Cap Passaro3 geschürt, Rom ist in Gährung, unser
geheimes Bündnis mit den Müratisten und Miroslawski's Brochüre gegen die
Bourbonen über ganz Neapel verbreitet, Pisacane harrt meines Winkes für ganz
Unteritalien, die halbe Armee ist sein, und bei dem ersten Anstoss, dem ersten
Ruf zur allgemeinen Erhebung, wird mit dem Norden auch der Süden in Flammen
stehen und Beide werden sich im Kampf die Hand reichen.«
    Der Italiener, von der Leidenschaftlichkeit seiner Natur fortgerissen über
die gewöhnliche Vorsicht, schwieg jetzt erschrocken und sah sich scheu um; das
halb spöttische, halb traurige Lächeln des Greises beruhigte ihn, nur in der
Nähe, in der sich Beide befanden, war es möglich, seine Worte zu verstehen. »Das
Alles, Signor,« sagte ruhig und bestimmt der Oberst, »lässt mir zwar über Ihre
Person keinen Zweifel mehr, aber es überzeugt mich nur, dass noch ein anderer
Grund existirt, weshalb Sie mich aufgesucht und meinen Rücktritt wünschen.«
    Ein leichter roter Fleck zeigte sich auf der magern Wange des
Revolutionairs - er erkannte, dass die edlere Natur seines Gegners ihn zur
Offenheit zwang. »Wohl, Signor,« sagte er, »Sie haben Recht. Wie auch Ihr
Entschluss auf mein aufrichtig gemeintes Anerbieten lauten mag, Sie sind mir
gleiche Offenheit schuldig, mit der ich Ihnen unsere Pläne entüllte. Sie sind
im Besitz eines Geheimnisses, das den Leitern der Unsichtbaren nötig ist. Es
fehlt ein Glied in unsern Conjecturen, es eristirt Etwas, das uns irre macht in
unsern Combinationen und das uns bis jetzt verschwiegen blieb. Es ist Etwas in
Paris beraten, beschlossen worden, das wir nicht kennen. Alle Anzeichen deuten
darauf hin, dass Sie im Besitz dieses Geheimnisses sind, Ihre Unterredung mit dem
Kaiser - Ihre plötzliche Sinnesänderung, Ihr Verweilen hier im Lager, das Ihre
Mitteilung über Ihren Enkel nicht mehr genügend erklärt -«
    »Und was führt Sie überhaupt zu der Annahme, dass ein solches Geheimnis
existirt?«
    »Der Mangel jeder Vorbereitung Frankreichs auf den Fall, dass Sebastopol
nicht fällt! - Die ausgestreueten Gerüchte einer zweiten Ueberwinterung, eines
neuen Heerlagers bei Constantinopel können nicht bemänteln, dass man gar keine
Anstalten dazu getroffen. General Pelissier verzögert es selbst, für einen
notwendigen Fall die Wiedereinschiffung der Armee durch eine stärkere
Befestigung von Kamiesch zu sichern, während die Engländer dies aus allen
Kräften mit Balaclawa getan haben. Entweder, Napoleon muss des Falles von
Sebastopol sehr sicher sein, oder -«
    »Dass er es ist, zeigt sein Brief vom 20. August an die Armee.«
    »Was er über die Lage der russischen Streitkräfte und der Festung durch die
beiden Spione in Berlin und den Verrat der Briefe aus der Umgebung des Königs
von Preussen erfährt, wissen wir auch - aber das genügt nicht, um die Chancen des
Kriegsglücks mit Bestimmteit zu berechnen.«
    »Oder -«
    »Oder es existirt ein geheimer Pakt - kurz, Sie müssen um das Geheimnis
wissen!«
    »Ich kenne es!«
    »So werden Sie sich erinnern, Graf, dass jede Wissenschaft der Unsichtbaren
den Oberhäuptern gehört.«
    »Signor,« sagte der Veteran entschlossen, »die Tage, die ich noch zu leben
habe, sind gezählt und ich fürchte deshalb die Dolche der Unsichtbaren nicht.
Mein Entschluss ist deshalb gefasst. Die Gewalt, die Sie mir bieten, soll der
Preis des Geheimnisses sein, das Sie wünschen. Ich kann ihn nicht annehmen, ich
habe Ihnen meine Gründe gesagt. Aber Sie sollen es haben für einen andern Preis
- den einzigen, gegen den ich es verkaufe.«
    »Lassen Sie hören.«
    »Ich schulde dem Kaiser Napoleon ein Leben - das Meine, und eine Güte -
meinen Enkel. Geben Sie mir die Erlaubnis, ihn, ohne Sie oder den Täter zu
compromittiren, gegen den Mordversuch zu warnen und versprechen Sie mir, nicht
weiter durch Meuchelmörder gegen ihn zu kämpfen, und das Geheimnis ist das
Ihre.«
    Der Italiener dachte nach. »Schwerlich kann ihn Ihre Warnung noch zu rechter
Zeit erreichen - und sie muss ohnehin zu unbestimmt sein, dergleichen werden ihm
und seinem Herrn Pietri täglich zugehen.«
    »Der Erfolg steht in Gottes Hand!«
    »Wohlan, ich will es wagen und verpflichte mich mit meinem Ehrenwort, aber
merken Sie wohl - nur auf zwei Jahre!«
    Der Greis öffnete seinen Rock und zog unter dem Hemd ein flaches blechernes
Kästchen hervor, das an einer Schnur um seinen Hals hing. Er öffnete es und nahm
einen im offenen Couvert steckenden Brief heraus, den er entfaltete und vor den
Abbé legte, ohne ihn aus den Händen zu geben.
    Der Brief entielt nur die Worte:
        »Ich wiederhole den bestimmten Befehl, den Rückzug der russischen Armee
        von der Südseite Sebastopols in keiner Weise zu gefährden.
                                                                      Napoleon.«
    Der Abbé liess das Blatt los. »Also ein Tractat zwischen Russland und
Frankreich noch vor Entscheidung des Krieges? Man hat sich geeinigt und die
Fortsetzung der Belagerung ist ein blosses Spiel?«
    »So scheint es - ich habe nur versprochen, sobald es Not tut, von dieser
Ordre Gebrauch zu machen.«
    Der Italiener schwieg einige Augenblicke. »Die Gewissheit schon,« sagte er
dann, »ist wichtig - sie ändert all unsere Pläne im Norden. Leben Sie wohl, mein
Herr, ich werde mein Wort halten, nach zwei Jahren werden wir Andere haben, wie
wir jetzt Bellamare haben. Leben Sie wohl - Ihres Schweigens wenigstens sind wir
sicher.« In der Tür stiess er auf den Vicomte, der eben vom Pferde stieg.
    Der Pole empfing seinen jüngern Freund mit sichtlicher Freude. Der Vicomte
nahm seine Hand und führte ihn in die Baracke. »Wo ist Sir Edward?«
    »Er verliess mich diesen Morgen, ohne bis jetzt zurückgekehrt zu sein. Ist
der Beschluss des Kriegsrats ein Geheimnis?«
    »Nicht für Sie,« berichtete der Colonel. »Für morgen Mittag 11 Uhr ist der
Sturm auf der ganzen Linie bestimmt, mein Regiment wird die Reserve gegen den
Malachof bilden.«
    »Das Blutbad wird entsetzlich sein.«
    »Wir sind gefasst darauf. Jetzt muss ich meine Vorbereitungen treffen, die
strengste Vorsicht ist befohlen, damit es uns gelingt, die Russen zu
überraschen. Man ist in den letzten Tagen wieder feindlichen Spionen auf die
Spur gekommen und es ist der Befehl gegeben, alle verdächtigen Personen sofort
zu verhaften und wenn sie sich nicht ausweisen können, zu erschiessen. Auch
Agenten der revolutionairen Propaganda sollen sich im Lager zeigen und die
Missstimmung der Soldaten und Offiziere aufreizen. General Pelissier hat sogar
auf unser Corps besonders hingedeutet. Das erinnert mich daran, dass ich den
Schurken Lebrigaud alsbald nach dem Hauptquartier zu senden versprochen habe. Er
ist einer der alten Zephyre des Generals und der Adjutant sagte mir, dass er ihn
sprechen wolle, wahrscheinlich um ihm ein Geschenk zu geben. Wir treffen uns
wohl in einer Stunde in der Cantine Nini's, Herr Graf?«
    »Ich muss sogleich nach Kamiesch,« sagte dieser, »und werde Sie daher erst am
Abend wiedersehen. Sie rücken doch vor morgen nicht aus?«
    »Nein! Wir nehmen morgen noch die letzten Ordres in Empfang!«
    »Auf Wiedersehen also, Colonel!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Abend; um die Cantine der jungen Marketenderin hatten sich
zahlreiche Gruppen gesammelt, denn es war so eben darin ein kurzes Kriegsgericht
über einen ertappten Spion gehalten und dieser zum Erschiessen verurteilt
worden. Der Unglückliche hatte sich unter der Maske eines armenischen Händlers
mit seinem Knaben in Kamara und dem sardinischen Lager umhergetrieben, und
gerade diese Verkleidung hatte zu seiner Entdeckung beigetragen, da aus dem
Hauptquartier geheime Warnungen gegen einen gefährlichen Agenten der Propaganda
an demselben Tage erlassen worden. In Kamara war der Verdächtige zwar
verschwunden, ehe man sich seiner versichern konnte, dagegen wurde er in den
französischen Linien auf dem Sapun von Zuaven ertappt und von einem Soldaten als
der Zigeuner wieder erkannt, der im vergangenen Sommer in der Dobrudscha den
Brunnen vergiftet. Auch der Colonel erkannte ihn wieder, überdies fanden sich
mehrere wichtige Papiere bei ihm, die bewiesen, dass er das Spionenhandwerk schon
lange im Lager mit grossem Erfolg getrieben, und dass er augenblicklich im Besitz
aller Nachrichten über den morgenden Sturm war. Die Erbitterung der Soldaten,
als sie von der Vergiftung des Brunnens durch die Leichen hörten, war so gross,
dass die Wache, die mit dem armen Sünder jetzt aus der Cantine trat, um ihn zur
Execution zu führen, ihn nur mit Mühe vor einem noch furchtbareren Schicksal
bewahren konnte. Es war Mungo, der Zigeuner, den die Schwester diesmal nicht zu
retten in der Nähe war, Mungo, der endlich seinem Schicksal verfallen. Die
Gewöhnung an die Gefahr hatte ihm jetzt eine festere Haltung gegeben, als
damals, da ihm zuerst der Strick drohte. Mit der Verstockteit seines Volkes
hatte er auch jedes Geständnis über seine Verbindungen im Lager und seine
Mitschuldigen verweigert und schritt jetzt zum Tode, zwar mit scheuem,
angsterfülltem Blick, nach jeder Gelegenheit des Entkommens spähend, aber
wenigstens ohne weibische Klage. Neben ihm, in der Mitte der Wachen, ging der
Knabe Mauro, sein Gefährte bei den meisten seiner kecken Spionagen, und in dem
finstern Gesicht, den zusammengebissenen Zähnen und den feindlichen Blicken, mit
denen er die Drohungen und Verwünschungen der Soldaten vergalt, lag der ganze
Trotz und Hass, mit denen seine Jugend gegen die Unterdrücker seiner Kindheit
erfüllt worden. Das Kriegsgericht hatte, in Betracht seines Alters, entschieden,
dass er der Hinrichtung seines Gefährten beiwohnen, dann gepeitscht und in's
Bagno von Constantinopel abgeliefert werden sollte.
    Zugleich verliessen die Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet, die
Cantine. Der Adjutant des General Wimpffen reichte dem Vicomte die Hand.
»Berichten, Herr Oberst,« sagte er, »werden wir auf alle Fälle an General
Bosquet, vielleicht dem Generalissimus müssen. Doch wird dazu die Abschrift der
betreffenden Stelle genügen, wir haben kein Recht, indiscreter als nötig mit
dem Brief einer Dame zu sein, besonders unter so traurigen Umständen. Behalten
Sie also einstweilen den Brief und befragen Sie Ihren Freund, den Medecin-Major,
sobald er aus dem Lazaret von Kamiesch zurückkehrt, ich zweifle keinen
Augenblick, dass er jede genügende Aufklärung wird leisten können.«
    »Ich verbürge mich mit meiner Ehre für die seine.«
    »Gewiss, gewiss - das Ganze ist offenbar eine Privatangelegenheit und wir
durften sie nur um seiner selbst willen in Gegenwart der Offiziere nicht fallen
lassen. Auf morgen denn, vor dem Malachof, der Ihr Patent einweihen wird!« Er
ritt davon, »während der Colonel zur Cantine zurückkehrte, um die Meldung der
vollzogenen Execution abzuwarten.«
    Während der Sergeant-Major Fabrice die Papiere des Gerichts auf dem
Feldtisch zusammennahm, ergriff der Vicomte den verhängnisvollen Brief, den man
mit verschiedenen verräterischen Notizen bei dem Spion gefunden hatte. Er war
an den russischen General-Stabs-Capitain von Meiendorf in der belagerten Festung
gerichtet und lautete:
        »Mein Freund!
        Im Angesicht des Todes, - ich selbst eine dem Tode Geweihte, - richte
        ich die letzten Worte an Sie auf dieser Welt. Der Mann, der mir Ihren
        Namen nannte, den Sie sandten, nach mir zu forschen, wird Ihnen diese
        Zeilen überbringen.
        Unsere Liebe, unser Glück wurde das Opfer eines Teufels. Von seinem
        Schmerzenslager, auf das die Wunde ihn warf, die Ihre rächende Hand in
        der Tschernaja-Schlacht ihm geschlagen, höre ich bis hierher den
        Verworfenen seine Flüche auf Sie und mich brüllen. Man will es mir nicht
        sagen, aber ich glaube, dass sein Hass mich absichtlich mit dem Pestauch
        seiner Krankheit vergiftet hat, während ich meine Pflicht an seinem
        Lager tat. Das fühle ich, dass meine aufgezehrten Kräfte mich nur wenige
        Stunden noch von der Ruhe trennen, die mein zerrissenes gebrochenes Herz
        begehrt.
        Denn erst seit Tagen weiss ich durch die Geständnisse seines Fiebertobens
        und den Freund, den Gott an meine Seite stellte, am Krankenbett wie am
        schrecklichen Traualtar, ohne helfen zu können! - dass mein Opfer ein
        nutzloses, dass ich auch damit hintergangen war! - Doctor Welland, der
        Sie rettete in Widdin und Ihre Flucht bewerkstelligte, der in Silistria
        mit Ihnen in Verbindung stand und den ich als Regimentsarzt der Zuaven
        vor Sebastopol wiederfand, hat mir Alles klar gemacht und mir auch
        gefagt, dass er Ihnen Botschaft gesandt, wie nahe wir uns. Aber das Leben
        entflieht, und die Sterbenden haben Eile, darum sende ich meine letzten
        Grüsse nicht durch ihn. Der Allmächtige gebe, dass Ihre Pflicht Sie morgen
        auf der Nordseite zurückhält und fern von den Gefahren, mit denen um 11
        Uhr ein allgemeiner, sorgfältig verheimlichter Sturm den Malachof und
        alle Ihre Bastionen bedrohen wird. Wahren Sie Ihr Leben, um dem
        Gedächtnis Derjenigen eine lange, lange Erinnerung weihen zu können, die
        selbst als die Gattin eines Andern - des Vampyrs, der mein Herzblut
        gesaugt - nie aufgehört hat, Sie zu lieben, und die ihre Liebe hinüber
        nimmt in die ewige Zeit, wo keine Trennung ist! Meine Hand ermattet -
        das letzte Lebewohl, Alexander! - bis zum Wiederfinden dort Oben!
                                                                        Helene.«
    Er las den Brief wieder und wieder, und dachte betrübt an die Herzen, die
rauh das Schicksal trennt und von einander reisst! Er dachte traurig der eigenen,
in den Geschicken der Völker versinkenden Liebe! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Erst gegen Mitternacht kehrte Doctor Welland von Kamiesch und den
anstrengenden Vorbereitungen für den morgenden Kampf zurück; mit ihm der Baronet
und der polnische Oberst. - Während der Vicomte dem Arzt den Brief zum Lesen
einhändigte und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzte, erschien der
Sergeant-Major Fabrice Tonton mit einer dringenden Meldung. Er zeigte an, dass
der Zuave Lebrigaud vor einer halben Stunde im trunkenen Zustand zurückgekehrt,
prahlerische Reden führe, die auf ein gefährliches und wichtiges Vergehen
schliessen liessen. Die Ausdrücke, die der Feldwebel berichtete, machten die
Aufmerksamkeit des Vicomte rege und er befahl, mit Uebergehung der bereites der
Ruhe vor dem blutigen Kampf pflegenden Bataillons-Offiziere, den Kerl ihm
vorzuführen.
    Der Lüderjahn erschien alsbald, von Bourdon und Vernaudin geführt, mit der
unverschämten und unbesorgten Miene, die all' sein Tun begleitete, und der
erste Anblick schon bewies, dass er stark getrunken hatte.
    »Ah, mein Commandant - nein, mein Colonel, ich grüsse Sie!« sagte der
Bursche, halb taumelnd salutirend. »Was steht zu Befehl, mein General, Ihr
Befehl ist vollzogen und das Geld redlich verdient!«
    »Wo kommst Du in diesem Zustand her - Du bist total betrunken.«
    »Ah, mein General -« der Lüderjahn hielt offenbar den Vicomte für einen
Andern, - »es ist eine verfluchte Fahrt auf den Grund des Meeres und man hat
wohl das Recht, sich da einen Spitz zu trinken. Der Wein von Constantinopel ist
verflucht gut! Fichtre - die Bursche passten mir arg auf, ehe ich sie überlisten
konnte! Drei Mal musste ich tauchen, ehe ich das höllische Tau fand! Dieu me
punisse! Wenn ich nicht meine Jugend am Strand von Marseille zugebracht - es
wäre unmöglich gewesen. Aber Peste! General, Sie kennen Ihre Leute und erinnern
sich der kleinen Fähigkeiten Ihrer Zephyre!«
    »Was hast Du getan - was sollen die Reden?«
    »Ei, General,« lachte vertraulich der Halunke, »stellen Sie sich doch nicht
so - das Tau des hundsföttschen Telo-Grafen ist durchschnitten, mindestens
hundert Klaftern vom Ufer weit, und die Narren werden zu tun haben, die Enden
wieder zu kriegen. Ich fand zum Glück einen Nachen - aber spät, General - sie
passten auf den Dienst und ich durfte doch erst im Dunkeln an's Werk!«
    »Schurke - Du hast den Drat des Telegraphen zerstört?«
    »Den Teufel, ja, General, stellen Sie sich doch nicht so, als ob Sie's mir
nicht befohlen hätten. Sie wussten recht gut, dass ich mit jedem Seewolf um die
Wette tauche! Geben Sie mir die zehn Napoleons, General - die andern sind - hui!
Weiss der Henker, wo das Geld bleibt!«
    Der Oberst wechselte mit den Freunden erschrocken erstaunte Blicke, dann
winkte er dem Sergeanten und Corporal, zurückzutreten, und den Trunkeneu beim
Arm fassend, sagte er mit unterdrückter Stimme zornig: »Du zerschnittest das Tau
auf Befehl des General Pelissier?«
    »Versteht sich, General, Sie befahlen es ja selbst heute Mittag, als wir
allein waren,« er schaute den Offizier mit gläsernen verstörten Blicken an, dann
schien ihm die Wahrheit emporzudämmern. - »Peste!« stammelte er - »ich glaube,
ich bin ein Dummkopf gewesen - Sie sind nicht der Kommandant der Zephyre, nein,
richtig, Sie sind mein Colonel! - Verdammt!« Er begann, sich hinter den Ohren zu
kratzen und auf die Lippen zu beissen, der Schreck fing an, ihn nüchtern zu
machen.
    »Nehmen Sie diesen Kerl und übergeben Sie ihn dem Profoss,« befahl der
Colonel dem Sergeant-Major. »Dass kein Mann mit ihm zu sprechen sich untersteht.
Wagt er selbst, noch einen Laut von sich zu geben, so stecken Sie ihm einen
Knebel in den Mund. Sie Drei beobachten strenges Schweigen über Alles, was Sie
gehört. Fort mit ihm, ich werde ihn selbst morgen in aller Frühe zum
Hauptquartier begleiten.«
    Er winkte und der Zuave wurde, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben,
verdutzt und bestürzt abgeführt.
    Als sie allein waren, wandte der Oberst sich zu dem Arzt und dem Grafen.
»Was halten Sie von den Geständnissen des Burschen?«
    »Es sähe General Pelissier ähnlich,« sagte der Arzt. »Man erzählt noch ganz
andere Willkür von ihm und er wünscht wahrscheinlich für den morgenden Sturm und
seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen. Aber mein Gott, was
fehlt Ihnen, Graf - was bewegt Sie so tief?«
    Der alte Mann, indem er sich mit den Zeichen der grössten Aufregung aus einen
Stuhl warf und die Hände faltete, stiess den Brief der Gräfin, den der Arzt auf
den Tisch gelegt, herunter, dass er im Luftzug der geöffneten Tür einige
Schritte davon flog.
    Im Winkel sass der irre Jean, ohne dass man auf keine Anwesenheit geachtet.
Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen, dessen Inhalt der Arzt
laut gelesen, - sein bleiches abgemagertes Antlitz zeigte die Züge der äussersten
Spannung, in seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten der immer mehr und mehr
sich losringenden Seele, wie ein Entschluss ein Wille des zurückkehrenden
Verstandes. Leise, wie mit Schritten einer Katze schlich er im Schatten dem
Gegenstande seines Verlangens zu - noch eine Bewegung - er streckte die Hand
danach - »Eilf Uhr! der Zug geht ab! Ich komme noch zur rechten Zeit!« - -
    »Es liegt ein Fluch auf Allem, was ich tue!« sagte der Greis. »Diese
unglückselige Tat wird die traurigsten Folgen haben. Der Kaiser -«
    »Was ist mit ihm? reden Sie!«
    »Wenn die Depesche, die ich nach Paris absandte, nicht schon abgegangen,
bevor der schmähliche Streich, verübt ward, ist der Kaiser verloren und
Pelissier trägt die Schuld. Doch - die Leben der Fürsten liegen in der Hand
Gottes, sie mag ihn schützen, wenn sie will - meine Schuld ist abgetragen - hier
aber, hier soll der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere
Ströme von Blut vergiessen, als der Wille des Gebieters gefordert Gott sei Dank,
ich kann den General zwingen, dem Entsetzlichen Einhalt zu tun, und unter den
Geretteten wird der Allmächtige mir das Leben meines Enkels bewahren!«
    »Sie sind ausser sich, Graf - General Pelissier muss seine Pflicht tun gegen
den Feind und diese fordert dessen Vernichtung.«
    »Törichte Männer,« sagte hohnlachend der Pole, »wisst Ihr nicht, dass all
dies Blut, diese Leben nur einem leeren Spiele geopfert werden? dass der Friede
zwischen den Herrschern längst geschlossen und Ihr nicht für Frankreich kämpft
gegen Russland, sondern für die Torheit, Eure Fahne auf zerschossene Wälle zu
pflanzen, deren Besitz dem Feinde bereits wieder gesichert ist?«
    »Entsetzlich - diese Ströme von Blut, die täglich vergossen werden -«
    »Sie haben keinen Zweck, als das kalterzige Spiel der Diplomatie! Spiel -
grausame, herzloses Spiel ist Alles im Leben, - der Republikaner spielt mit den
Köpfen seiner Brüder für törichte unausführbare Ideen, und der Autokrat türmt
Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stoltzen Salve willen vom
Invalidendom her! Soldaten meint Ihr zu sein, Krieger für Recht und Ruhm? -
Gladiatoren seid Ihr, die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust, und
die, wenn Nero gesättigt, noch vom Ehrgeiz seines Centurionen zur Schlachtbank
gepeitscht werden!«
    Er sank erschöpft zurück in die Arme der erschütterten Offiziere; draussen
aber vor dem Eingang der Cantine schollen die Tritte eines Pferdes, der Ruf der
Schildwacht und die Antwort: »Ordonnanz aus dem Hauptquartier! Depesche für den
Oberst des dritten Zuaven-Regiments.«
    Der Vicomte nahm sie selbst dem Boten ab, bescheinigte den Empfang und
öffnete sie in Gegenwart der Freunde. Sie war von dem General-Stabs-Chef
Martimprei gezeichnet und lautete: »Colonel Méricourt hat sich mit dem
Medecin-Major Welland morgen früh 7 Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die
Führung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ältesten Major zu
übertragen.«
    »Das kommt meiner Absicht zuvor,« sagte fest der Colonel, »und gewiss - ich
werde nach dem, was wir gehört, zur Stelle sein.«
    »Und ich werde Sie begleiten,« sprach der Graf, »ich werde morgen sein
Schatten bleiben.«
    »Aber der Befehl, der uns bescheidet, hat offenbar Bezug auf die Verhaftung
des Spions,« fügte Welland hinzu. - »Nahmen Sie den Brief zurück, Colonel? ich
legte ihn hierher.«
    »Nein!«
    Der Brief war verschwunden. Jean - der Irre - der Schützling Nini's, mit
ihm. Sie aber schlief sanft und ermüdet auf ihrem Lager.
    Der Morgen graut unter dem Zischen und Krachen der Bomben; der Feind hat in
den letzten 24 Stunden an 70000 Vollkugeln und 16000 Bomben und Granaten in die
Stadt geworfen.
    Zwischen den demolirten Weingärten, welche sich von der Meierei Burnasi am
Zusammenstoss des Laboratornaja- und Sarakandina-Grundes nach der Spitze der
Südbucht hinziehen, zwischen dem grossen Redan und der Mast-Bastion kriecht von
Graben zu Graben, von Trümmern zu Trümmern ein armselig Wesen, ein junger, in
den grauen Platschtsch gehüllter russischer Soldat. Er ist waffenlos, seine fast
nackten Füsse bluten, an scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen. Noch hat
die Kanonade nicht begonnen, deren Beantwortung aus den Batterieen Perekomski,
Stal und Kostanarof mit einem Hagel von Kartätschen und Vollkugeln sonst den
Boden fegt und jede Annäherung unmöglich macht. Nur einzelne Bomben, von der
Chapman-Batterie auf dem weissen Berg geworfen, schlagen in den Felsenboden ein
oder klatschen weiter hin das Wasser der Bucht. Der junge Mann wendet kaum den
Kopf nach ihnen. Einen Augenblick hält er unter den Trümmern einer Feldschanze
an, welche die Kugeln zusammengerissen, und hebt den Kopf, um sich zu
orientiren. Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hindern
ihn, der leise Anschlag der Wellen, den sein geschärftes Ohr in einzelnen Pausen
des Bombardements vor sich zur Rechten hört, ist der einzige Halt, den er
wahrnimmt. »Ich bin von dem Wege abgekommen,« murmelt der arme Bursche vor sich
hin - »das ist nicht die Richtung, die ich dem Fähnrich bezeichnete! Doch Gott
und die Heiligen haben bis hierher geholfen und werden mich schützen - eilf Uhr,
ich komme vorher!« - Es ist Jean, der Irre, der in dem sorgsam bewahrten Mantel
des Fähnrichs Lasaroff dessen Flucht mit dem kostbaren Brief, den er gestohlen,
nachgeahmt. Der arme Bursche hat einen weiten Umweg gemacht, um den
französischen Posten und Batterieen zu entgehen, die Erinnerung der Kinderjahre,
während deren er einige Zeit in der Festung zugebracht, ist in ihm aufgetaucht
und hat mit merkwürdigem Instinkt ihn die verborgensten Richtungen geführt.
    Eine auffallende Veränderung ist überhaupt mit ihm vorgegangen; das
Bewusstsein, der Verstand kehrt immer klarer zurück, nur einzelne wüste Sprünge
macht der Wahnsinn noch, der ihn so lange befangen; die deutliche
zusammenhängende Erinnerung fehlt ihm zwar noch, Tage, Monate, Jahre scheinen
ausgestrichen aus seinem Gedächtnis, nur einzelne Momente daraus stehen deutlich
vor seiner Seele, während aus dem Zustand seines Irrseins ganze zusammenhängende
Wahrnehmungen, Beobachtungen und Entschlüsse sich bereits in ihm entwickelten.
    Er weiss, dass er Russe ist, dass sein Vaterland in Gefahr, Ssewastopol von den
Feinden bedroht ist! Er hat erfahren, dass der Malachof die Vormauer der Festung,
dass er am nächsten Morgen um 11 Uhr angegriffen werden soll und Alles davon
abhängt, dass die Garnison zum Kampfe bereit sei. Er weiss, dass dies Alles der
Brief entält, den er auf der Brust verborgen trägt und dass seine Bestellung,
verbunden mit der mündlichen Botschaft, die Festung retten mag! Das ist der
einzige Gedanke, das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft!
    So schleicht er vorwärts - von Stein zu Stein, von Wall zu Wall, bald
kriechend, bald zusammen kauernd, bis plötzlich ein russischer Anruf, die Frage
nach dem Feldgeschrei, ihn emporschreckt. Ehe er sich noch besinnen, ehe er eine
Antwort stammeln kann, blitzen Musketen vor seinen Augen, knallen Schüsse, ein
heftiger zuckender Schmerz am Kopf, wie ein Peitschenschlag, warmes Blut, sein
eigenes, strömt über sein Gesicht, und er fällt besinnungslos nieder.
    Ihm wird wohler und wohler, er fühlt gleichsam, wie das Fieber von ihm
weicht, das bisher sein Gehirn verzehrt. Ihm ist, als hörte er um sich her
Stimmen, er fühlt sich aufgehoben und fortgetragen. Ein Augenblick lichteren
Bewusstseins lässt ihn russische Soldaten, Offiziere und Matrosen um sich, wie
durch Nebel erkennen, einen Wundarzt, der neben ihm knieet und ihn verbindet, er
versteht in einer kurzen Pause des Geschützdonners der Batterie Worte, die
flüchtig gewechselt werden.
    »Es hat nicht viel auf sich, Excellenz,« sagt der Wundarzt. »Drei bis vier
Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurückgeben. Der dicke
Bund um den Zuaven-Fez hat die Kraft des streifenden Schusses gebrochen und die
leichte Blutung tut ihm eher gut, als dass sie schadet.«
    »Der Fürst muss erst dieser Tage in Gefangenschaft geraten sein und hat sich
offenbar selbst ranzionirt. Aber wir haben keine Zeit, die Sache zu untersuchen,
und hier kann er nicht bleiben. Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner
hochherzigen Schwester schuldig, die, seit das Mütterchen Prasskowja Iwanowna auf
dem Malachof Kurgan von der Bombe zerrissen wurde, der Engel der Barmherzigkeit
für unsere Brüder auf der andern Seite ist. Nehmen Sie vier Mann und lassen Sie
den Verwundeten mit einer Trage zum Paulsfort bringen - dort in der Nähe des
Lazarets wohnen die Geschwister, seit ihr Haus von den Kugeln zerstört.«
    Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl - wiederum
schwand das Bewusstsein des Verwundeten, der sich auf's Neue emporgehoben und in
dem Kugelregen fortgetragen fühlt, der auf die Bastionen und die Trümmer der
Stadt herunterprasselt.
    Die Hand des Allmächtigen schützt die Träger, schützt die Bahre! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Stunden verrinnen in dem furchtbaren Toben der Geschütze; stürzende Mauern,
berstende wankende Dächer, das Stöhnen der Verwundeten, das letzte Aechzen der
Sterbenden! Kommandorufe, die sich kaum verständlich machen können, das Rollen
der Trommeln - die Hölle scheint alle Schleusen ihrer Schrecken geöffnet zu
haben.
    Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattirten Gemach des Fort Paul, das
mit einer anstossenden Kammer die allgemeine Verehrung, die Iwanowna Oczakoff
geniesst, ihr und den Ihren eingeräumt hat, liegt der junge Verwundete, den
General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hat. Vor ihm knieet
Nursädih, die schwarze Sclavin, beschäftigt, sein Gesicht mit stärkenden
Essenzen zu reiben, während ihre Linke das Kind an ihre Brust presst. Unfern
davon - bleich, ängstlich die Wiederkehr des Bewusstseins beobachtend, steht
Annuschka - die Wittwe de Sazé's mit dem zweiten Kinde, das Gottes Schickung am
Hochzeitstage an ihr Herz gelegt.
    Sie zittert heftig - sie allein mit der treuen Nursädih weiss um das
Geheimnis, sie hat den Verwundeten erkannt.
    Dumpf nur hallt der Kanonendonner in diesem geschlossenen Raum. Plötzlich
schlägt der Kranke die Augen auf, seine Blicke sind klar, lebendig. Er richtet
sich empor - er schaut um sich, zuerst erstaunt, bestürzt, allmälig bewusster; er
erkennt die Frauengestalt am Fusse des Lagers: »Annuschka, treue Annuschka, Du
bei mir - sprich, wo bin ich, wo ist Iwanowna, meine Schwester?«
    »Fürst Iwan! Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt, die Dich uns
zurückgegeben. Du bist in Ssewastopol, Gospodin, Du warst bei den Feinden Deines
Volkes und Dein Geist von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt.«
    »Ssewastopol! - mein Gott, ja - ich erinnere mich -« er springt vom Lager
empor - »der Brief - eilf Uhr - die Flucht - das weiss ich! Alles Andere ist wirr
und dunkel noch in meinem Gedächtnis! Aber der Brief - wie viel Uhr ist es,
Annuschka?«
    »Zehn Uhr, Batuschka!«
    »Zehn Uhr!« Der Ruf gellt schneidend durch das Gemach. »Fort, um
Gotteswillen, fort! oder Alles ist verloren!« Ein hastiger Blick umher zeigt ihm
einige Uniform- und Waffenstücke an den Wänden; er reisst sie herunter und ist im
Nu damit bekleidet. Annuschka ringt die Hände und sucht ihn vergebens
festzuhalten, alle Kraft und Besinnung ist ihm wiedergekehrt, das vergossene
Blut hat wohltätig auf ihn gewirkt.
    »Um des Erlösers willen, Fürst Iwan, ich lasse Dich nicht! Die Fürstin -«
    »Wo ist sie? Wo ist Wassili, Dein Bruder?«
    »Heiliger Basilius - Du weisst nicht, dass er für Dich starb?«
    »Nichts, Weib, ich weiss Nichts, als dass jeder Augenblick Zögerung
Ssewastopol stürzt.« Er sucht hastig nach dem Brief und zieht ihn aus seiner
Brust hervor. »Wo ist der Oberkommandant, weisst Du, wo der Generalstab sich
befindet?«
    »Auf der Sievernaja, Fürst Iwan, ist General Osten- - wo willst Du hin, Herr
- Iwanowna -«
    »Das Vaterland vor der Schwester! Wenn Du eine Russin bist, wenn der
zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter von Boris nicht auf Dir ruhen soll,
fliege, eile, suche den Capitain Meiendorf dort auf, gieb ihm diesen Brief, dem
General selbst, wenn Du jenen nicht findest! Schrei' es aus durch die Gassen,
jedem Offizier, dem Du begegnest, entgegen! Die Franzosen stürmen um Mittag die
Stadt, dreissigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malachof!«
    »Allmächtiger Gott, und die Fürstin ist auf der Bastion - auf Deinem Posten,
Fürst Iwan!«
    »Auf meinem Posten? - Wahnwitzige! Ja wohl ist der meine dort, Ssewastopol
zu retten! fort mit Dir!«
    Er warf ihr den Brief zu und stürzte hinaus - Annuschka ihm nach. Draussen am
Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri, die Letzten der sechs Brüder,
zum Schutz der Frauen von der Fürstin zurückgelassen, während der Jessaul sie
begleitet hatte, und die erstaunt der wohlbekannten Gestalt nachschauten, die
sie fern auf den Wällen wähnten. »Ihm nach!« befahl mit Wort und Geberden die
Frau, »ihm nach, weicht nicht von seiner Seite und schützt sein Leben mit dem
Euren!«
    An den prächtigen, jetzt mit Trümmern und Verwundeten bedeckten Quais und
Docks der Schiffer- entlang floh der junge Mann den wohlbekannten Weg nach den
äusseren Berteidigungswerken zu, gefolgt von den beiden Kosaken.
    Seit einer Stunde fast hat das heftige Feuer der Belagerer nachgelassen und
nur in Pausen fallen die Schüsse. Die russischen Kanoniere verschnaufen schweiss-
und blutbedeckt an ihren Kanonen - die Mannschaften lagern sich an den Leichen
ihrer Kameraden zur augenblicklichen kurzen Ruhe; Abteilungen rücken zur Stadt
zurück - sie Alle glauben, dass die gewöhnliche Ruhe der Mittagszeit eingetreten
in dem beiderseitigen Feuer, und obschon auf die Meldung, dass feindliche Truppen
die Trancheen vor dem Malachof anfüllten, einige Truppen von General Chruleff,
dem Kommandeur der Karabelnaja-Seite als Reserve aufgestellt worden, hielt man
doch nicht den Angriff für so nahe.
    Dem dahin Stürmenden, der den begegnenden Offizieren und Soldaten zuschreit,
der Malachof-Kurgan sei in Gefahr, wirbelt Trommelschlag in der Nähe der
Bjelostok'schen Kirche entgegen. Das Regiment Jelets rückt in die Linie hinter
der Batterie Scherwe, ein Bataillon des Jäger-Regiments Fürst Warschau, das die
Nacht über in der Korniloffski-Bastion geschanzt hat, will die Pause der
Kanonade benutzen und zur Stadt zurück. Offiziergruppen sind den Truppen voran -
ihnen begegnet Jean - Iwan mit dem Ruf: »Zurück! Zurück! die Franzosen stürmen
den Malachof!« Man staunt einen Augenblick ihn an, ein Stabs-Offizier springt
vor, Graf Wassilkowitsch, jetzt General-Major, der seit acht Tagen mit den
Verstärkungen eingerückt, eben vom Malachof kommt. - »K tschortu, Capitain
Oczakoff, wie kommen Sie hierher? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan
verlassen? Geben Sie Ihren Degen ab, Herr, Sie sind Arrestant!« - Der junge
Capitain fasst seinen Arm. »Meinen Posten? Ich war auf dem Malachof? ich? ich bin
so eben aus dem feindlichen Lager entflohen, die Gefahr der Festung zu
verkünden!« - »Sind Sie wahnsinnig, Herr?« tobt boshaft der Ober-Offizier - »ich
verliess Sie vor zehn Minuten auf dem Posten, den ich Ihnen zugeteilt, wie Sie
mir einst den Posten auf Schloss Aju anwiesen. Antwort, Herr Capitain, wie kommen
Sie hierher?«
    Da kracht es und schwirrt und tobt und prasselt es durch die Luft, - eine
einzige Salve aus neunhundert Feuerschlünden! Drei steinschleudernde Fugassen
entladen sich aus den kaum 30 Metres von dem Malachof noch entfernten Approchen
und zermalmen die Brustwehren und Merlon's in dem ausspringenden Winkel der
Bastion. Ein donnerndes »Vive l'Empereur!« jubelt durch den Geschützdonner und
ein heftiges Kleingewehrfeuer von links und vorwärts zeigt den begonnenen Kampf.
    Durch die Vorstadt herauf kommt General Chruleff mit wenigen Adjutanten
gesprengt und wirft sich vom Pferde. Meldungen jagen von allen Seiten herbei,
Befehle fliegen davon. »General-Major Wassilkowitsch, nimm die Jäger
Fürst-Warschau und das Brjanskische Regiment und hinauf mit ihnen zur
Korniloffski-Bastion. Fürst Iwan Oczakoff, bringe Sabaschinski an der fünften
Abteilung den Befehl, der Turm-Bastion4 zu Hilfe zu eilen. Fort mit Dir!« Der
junge Mann, erschrocken, willenlos vor dem plötzlichen Ausbruche der Gefahr,
eilt, dem Befehle Folge zu leisten, davon.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Vor der bestimmten Stunde schon hat sich der Colonel Méricourt mit dem
Medicin-Major Welland und dem polnischen Obersten im Hauptquartier eingefunden.
Eine Wache von zwei Mann geleitet hinter ihnen den Zuaven Lebrigaud mit auf den
Rücken gebundenen Händen und verlegenem trübseligem Gesicht.
    Die drei Männer sind ernst und gedankenvoll. Dem unangenehmen Verlust des
Briefes ist am Morgen ein anderes seltsames Ereignis gefolgt - der irre Jean ist
aus der Cantine Nini's verschwunden, der Bursche, der sich sonst nicht ohne
Begleitung fünfzig Schritt über die Baracken-Reihen des Regiment gewagt, ist
nirgends zu finden und Nini untröstlich, denn die Pflicht ruft sie in die Reihen
ihres Bataillons, und sie will heute durchaus nicht zurückbleiben - eine
unbestimmte Ahnung treibt sie.
    Doctor Welland beschäftigt dies Verschwinden offenbar mehr, als der neue
verdriessliche Verdacht, der auf ihm lastet. Er hat, so viel in der Eile sich
tun liess, die eifrigsten Nachfragen angestellt, ohne indes auf eine Spur zu
stossen, ausser dass unter den wenigen Sachen des Armem der russische Mantel fehlt,
den er nach seinem eigenen Geständnis von dem jungen Fähnrich zurückbehalten.
Zehn Mal treibt es ihn an, die seltsame Entdeckung, die ihm Fürst Iwan bei
seiner Flucht zugeflüstert, den Inhalt des von Jussuf heimlich überbrachten
Briefes, der ihm mit den dringendsten Worten ängstliche Sorge und Aufmerksamkeit
für den Irren an's Herz legt, dem Colonel mitzuteilen. Zwar ahnt er nur die
Hälfte des Geheimnisses, er weiss aus den Worten des Fürsten nur, dass Jean ihm
nahe steht durch Bande des Blutes - er weiss zu wenig von den Geschwistern, um
eine bestimmte Mutmassung zu fassen, und seine vorsichtige Nachforschung bei
Nini und ihrem Bruder ist an deren Schweigen gescheitert. Aber sein feierliches
gegebenes Ehrenwort an den Fürsten bindet ihn und lässt ihn schweigen.
    Das Quartier des Generals, halb Zelt, halb Baracke, ist von Stabsoffizieren
umgeben, Adjutanten kommen und gehen jeden Augenblick und die Pferde des
Generalissimus stehen bereits gesattelt. Auf die Meldung, die der Colonel durch
einen der arabischen Leibdiener Pelissier's hineinsendet, kommt jedoch alsbald
der Befehl, in das innere Gemach zu treten. Der Colonel befiehlt Lebrigaud zu
folgen, während der alte Pole zurück bleibt und sich mit den Offizieren des
Generalstabs unterhält.
    In der Zelt-Abteilung, die das Cabinet des Ober-Kommandirenden bildet,
befindet sich, von dem zweiten Araber bedient, General Pelissier, mit dem
Ankleiden beschäftigt, während General Martimprei, sein Stabschef, über einen
grossen Plan der Festungswerke gebengt, noch verschiedene Details mit ihm
bespricht und ein Adjutant die Punkte notirt.
    Die Miene des Generals ist hart und finster, als er die Beiden eintreten
sieht, aber offenbares und unangenehmes Erstaunen malt sich auf seinem Gesicht,
als er hinter ihnen den Zuaven erblickt. Er tritt sogleich hastig auf sie zu. -
»Was soll die Freiheit heissen, Colonel Méricourt, die Sie sich herausnehmen,
diesen Burschen in mein Gemach zu bringen, während ich nur Sie und diesen Herrn
da hierher befohlen habe?«
    »Euer Excellenz wollen den Drang des Augenblicks entschuldigen,« erwidert
ruhig der Vicomte, »ich wäre auch ohne den eingegangenen Befehl genötigt
gewesen, mich Ihnen vorzustellen. Dieser Mann hat sich diese Nacht im Trunk
gerühmt, das Seil des unterseeischen Telegraphen bei Kamiesch durchschnitten zu
haben.«
    »Da hätten wir ja den Täter,« sagt General Martimprei. »So eben ist die
Meldung von dem Unheil eingegangen, das der Bursche angestiftet.«
    »Zum Teufel mit dem Telegraphen!« herrscht unwillig der General. »Die
Anzeige hätte Zeit gehabt bis morgen, oder an den General der Brigade geschehen
müssen.«
    »Euer Excellenz entschuldigen, ich hielt ihn hierher zu führen für meine
Pflicht. Der Kerl hat anzudeuten gewagt, dass er den Telegraphen auf Euer
Excellenz Befehl zerstört hat.«
    Das Gesicht des Ober-Feldherrn färbt sich dunkelrot bis unter die weissen
Haare. Ein wütender Fluch entschlüpft seinen Lippen, auf welche tief sich die
Zähne pressen, sein funkelndes Auge fährt zornig bald auf den Colonel, bald auf
den Zuaven. »Maudit soit le butoir! Das hast Du gewagt, Schurke?«
    Lebrigaud blickt halb trotzig, halb furchtsam auf. - »Gesagt kann ich's wohl
haben, wenn's der Colonel einmal behauptet,« murrt er, »aber das ist kein
Beweis, dass es wahr sein muss! Ich weiss keine Sylbe davon und war betrunken.«
    General Pelissier lässt einen pfeifenden Ton zwischen den Zähnen hören, man
kann nicht unterscheiden, ob er Behagen oder Zorn anzeigt; ehe er aber noch der
Sprache Herr wird, mengt sich der Generalstabs-Chef in die Verhandlung, indem er
sich zu dem Gefangenen wendet: »Aber Du gestehst zu, den Drat zerstört zu
haben?«
    »Fichtre! was hilft alles Leugnen, das Unglück ist mir passirt - beim Baden,
ich tauche ziemlich gut und blieb hängen an dem verfluchten Strick; er oder ich!
Da dacht' ich, es wäre besser, dass der Kaiser einen Zuaven behielte, der heute
die Fahne auf den Malachof pflanzen kann, als dass ich da unten im Grunde wie an
einem Angelhaken hängen bliebe. Zur Niederschlagung auf den Schreck hab' ich ein
Paar Flaschen getrunken, und da vielleicht dummes Zeug geschwatzt, um mich vor
Strafe zu schützen. An einer Lüge stirbt ein Bursche wie ich bin nicht gleich!«
    »Nein, der Schlag müsste Dich denn jetzt gerührt haben!«
    »Lassen Sie den Burschen, Martimprei,« sagte der Generalissimus, »die
Entschuldigung lässt sich hören. Mach', dass Du zu Deinem Regimente kommst,
Canaille, und wenn Du heute Mittag nicht der Erste im Sturm bist, so lass' ich
Dich morgen schinden. Fort mit Dir!«
    Der Halunke lässt es sich nicht zwei Mal sagen und mit einer halb spöttischen
Verneigung verschwindet er, während die andern Anwesenden sich betroffen
ansehen.
    »Und nun zu Ihnen, mein Herr, der Sie mit solchen Lappalien die kostbare
Zeit rauben,« fährt der General den Offizier an. »Ich habe gestern Abend noch
mit General Bosquet über den Bericht des Generals Wimpffen gesprochen. Dieser
Herr da« - er deutete auf den Arzt - »hat schon früher sich verdächtig gemacht
und ist in Varna unter dem Verdacht des Verkehrs mit dem Feinde verurteilt
worden. Wo ist der Brief, der die Bestätigung der Spionage entält und den man
verkehrter Weise in Ihren Händen gelassen, der Sie der Freund und Gönner dieses
saubern Herrn sind?«
    Das Gesicht des Colonels entfärbt sich. - »Excellenz, ein unglücklicher
Zufall hat das Papier verloren gehen lassen, aber ich beteuere auf meine Ehre
...«
    »Wenn mir Euer Excellenz Gehör gestatten wollen,« fügt der deutsche Arzt
hinzu, »so ...«
    »Schweigen Sie! Wer mit den Russen verkehrt, ist ein Feind! Diese deutschen
Eindringlinge waren stets Verräter gegen Frankreich. Sie sind Ihres Dienstes
entlassen und werden mit dem ersten Schiff nach Constantinopel die Krimm
verlassen!«
    »Das ist eine Ungerechtigkeit, Excellenz! ohne Untersuchung, ohne
Verteidigung meiner Ehre ...«
    »Danken Sie es diesem Herrn hier,« schrie der General, »der so geschickt zur
rechten Zeit die Briefe seiner guten Freunde verliert, während er Verleumdungen
seiner Vorgesetzten protegirt, dass ich Sie nicht dem Kriegsgericht übergebe, wie
ich es gewollt. Und Sie, Colonel, schämen Sie sich der Freundschaft für so
zweideutige Gesellen. Wenn das die vielgerühmte Treue für den Kaiser ist, die
die adeligen Herren von der Garde in die Linie mitbringen, so danke ich für
solchen Einschub!«
    Der Vicomte ist todtenbleich - seine Augen funkeln, aber er sucht sich
gewaltsam zu fassen, während General Martimprei besorgt näher tritt. - »Mässigen
Euer Excellenz Ihre Worte,« sagte er endlich, ein Papier aus der Uniform
ziehend. »Wer sich seines Verkehrs zu schämen hat, glaube ich nicht zu sein.
Wenn Euer Excellenz meine Ernennung zum Oberst des dritten Zuaven-Regiments
unangenehm, so kann ich Ihnen damit entgegenkommen, dass ich Ihnen mein
Abschiedsgesuch hiermit überreiche und um seine Beförderung bitte. Ich diene
Frankreich's Ehre, nicht einem frevelhaften Spiel mit dem Leben der Armee - und
bitte Euer Excellenz, wenn ich den Sturm überlebe, mein Kommando bis zur
Entscheidung des Kriegsministers niederlegen zu dürfen!«
    »Gleich, Herr! gleich! zur Stelle, wenn's beliebt! Wenn dem Herrn Vicomte
der Malachof zu gefährlich scheint, wird jeder bürgerliche Unter-Lieutenant gern
seine Stelle beim Angriff versehen!«
    Der Colonel zuckte zusammen. - »Meine Ahnen, Herr General, fochten als
Barone bereits mit Auszeichnung in den Kreuzzügen, während die Ihren vielleicht
noch vor sechszig oder siebzig Jahren als Schuster hinter'm Ofen sassen. Alter
Adel hat wenigstens das Gute vor den Emporkömmlingen aus dem Plebejertum, dass
er sich in allen Lagen als Gentleman zu betragen versteht!«
    »Mir das, Herr!?« - in blinder Wut hob der General die Hand, in der er
bereits die Reitpeitsche trug.
    Der Vicomte trat einen Schritt zurück und legte ohne ein Wort zu sagen die
Hand an den Säbelgriff. Martimprei fiel dem General in den Arm und der Arzt
umfasste den Freund und zog ihn halb gewaltsam aus der Tür. Die Offizier-Gruppen
im Vorgemach hatten bei dem Geräusch des bevorstehenden Aufbruchs und der
entfernten Kanonade wenig von dem Streit gehört und waren zu gewöhnt an
Zornausbrüche des Generalissimus, um viel darauf zu achten. Der Colonel stand
noch vor dem Zelt mit den Freunden, einen Augenblick unentschlossen, was er zu
tun habe, als General Martimprei ihm nach kam, ihn am Arm fasste und bei Seite
führte. - »Es tut mir leid, Herr Vicomte,« sagte er, »dass es zu einer solchen
Scene gekommen. Aber der Generalissimus hat gestern Abend mit Bosquet und heute
Morgen andere Verdriesslichkeiten bereits gehabt und die dumme Geschichte mit dem
Telegraphen, an der er wahrscheinlich nicht ohne Anteil ist, hatte ihn in Wut
gebracht. Sie sind ihm indes Nichts schuldig geblieben und er lässt Ihnen sagen,
Sie möchten an der Spitze des Regiments den Russen nur eben so begegnen wie ihm.
Morgen, so wir leben, wird sich Alles ausgleichen und hoffentlich auch für den
Doctor da Etwas tun lassen. Jetzt eilen Sie fort, denn der General wird
sogleich zu Pferde steigen, um die letzte Besichtigung vorzunehmen.«
    Der Colonel salutirte höflich, aber kalt. - »Nehmen Sie meinen Dank, Herr
General - ich werde meine Pflicht tun, doch, verschont mich auch die Schlacht,
der Armee des Kaisers Napoleon werden wir Beide nicht länger angehören. Leben
Sie wohl!«
    Einige kurze Worte noch zu dem polnischen Veteranen, ein bezeichnender
Händedruck, dann eilte er mit dem Freunde davon.
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    Die Verbündeten harrten in drei Angriffs-Colonnen des Zeichens zum
allgemeinen Sturm; alle Dispositionen waren auf's Sorgfältigste getroffen und
grösstenteils den Russen gänzlich verborgen geblieben, indem schon seit dem
frühen Morgen ein heftiger Nordwind wehte und grosse Staubwolken emportrieb,
welche die Bewegungen der Franzosen verhüllte.
    Die Division Levaiklant auf dem linken Flügel sollte die Central-Bastion
(V.) und ihre Lünetten angreifen, unterstützt von der Division d'Autemarre,
welche sich gegen die Mast-Bastion (IV.) zu wenden bestimmt war im Verein mit
der sardinischen Brigade des Generals Craldini. Die Divisionen Bouat und Paté
mit dem 30. und 35. Linien-Regiment bildeten die Reserven auf dem äussersten
Flügel, den Quarantaine-Werken gegenüber; General de Salles führte den
Oberbefehl.
    Auf der östlichen Seite, der Karabelnaja gegenüber, war der gleichzeitige
Angriff gegen mehrere Punkte gerichtet. General Dülac sollte mit zwei Brigaden
auf dem rechten Flügel den kleinen Redan (die (Turm-) Bastion II.) stürmen,
unterstützt von der Brigade Marolles und dem Garde-Jäger-Bataillon. Der zwischen
dem kleinen Redan und der Kornilowski-Bastion (Malachof) gelegenen grossen
Courtine, welche beide Werke unter sich und mit der rückliegenden zweiten
Verteidigungs-Linie, den sogenannten schwarzen Batterieen (Batterie Henrighof),
verband, stand General de la Motterouge gegenüber mit zwei Brigaden, die
Voltigeurs und die Grenadiere der Garde unter General Mellinet als Reserve.
    Den Malachof selbst und die Batterie Scherwe (Gervais - zwischen dem
Malachof und dem grossen Redan) war General Mac-Mahon mit der ersten Division des
Bosquet'schen Corps anzugreifen bestimmt, die Brigade Wimpffen und die zwei
Garde-Zuaven-Bataillone als Reserve.
    Sobald die Franzosen im Malachof sich festgesetzt, sollten auf ein gegebenes
Zeichen die Engländer den grossen Redan (Bastion III.) stürmen. Der Erfolg am 18.
Juni hatte gezeigt, dass, so lange die Batterieen des Malachof den Redan deckten,
die Engländer ihn nicht zu nehmen vermocht hätten. General Simpson hatte sich in
den kläglichen Anteil gefügt, den Pelissier seinem Verbündeten an dem blutigen
Ruhm des Tages zugestanden.
    Gegen einen Angriff des Fürsten Gortschakoff von Inkerman und der Tschernaja
her waren die Truppen der Generäle d'Herbillon und d'Aurelle, die Cavallerie
d'Allonville's und der Rest der Sardinier aufgestellt.
    Um 8 Uhr Morgens hatten die sämtlichen Truppen ihre Aufstellung in den
Trancheen genommen, in denen zum leichtern Vorgehen breite Durchgänge eingehauen
waren. Zwei Batterieen Feidgeschütz standen in der Lancaster-Batterie bereit, im
Galopp heranzustürmen, und vier andere Batterieen als Reserve in der
Victoria-Redoute. Jede Colonne hatte 60 Sappeurs bei sich, je ein halbes
Bataillon führte Werkzeuge und Bohlen für das Passiren des Grabens, und die
Colonne begleiteten 50 Kanoniere, um nach den Ergebnissen des Kampfes die
eroberten feindlichen Geschütze zu vernageln oder gegen die Russen selbst zu
kehren.
    Um 10 Uhr hatte sich General Bosquet auf den gewählten Posten in die sechste
am weitesten gegen die Courtine vorgeschobene Parallele begeben, wohin freilich
die Schusslinien der feindlichen Geschütze convergirten, der aber einen
vollständigen Ueberblick des Kampfplatzes ermöglichte. Hier erwartete er die
festgesetzte Stunde. Ein Signal zum Beginn des Sturmes sollte von der
Brancion-Redoute, wo der Generalissimus um 10 Uhr 45 Minuten sich eingefunden,
nicht gegeben werden. Alle Uhren der Divisions-Generale waren nach der Uhr des
Ober-Befehlshabers gestellt - sobald der Zeiger auf eilf Uhr 30 Minuten stand,
hatten die drei Angriffs-Colonnen hervorzubrechen.
    Die Russen lagen ruhig und achtlos in ihren Traversen.
    Es waren Augenblicke der furchtbarsten Spannung. Die französischen Generale
standen aufrecht unmittelbar an den Brüstungen, die Uhr in der Hand, die
Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen, die Truppen, in gebückter
Stellung in den Trancheen, hielten das Bajonnet gefällt.
    In der äussersten Tranchee, welche links nach dem Kirchhof zu und dem
Dokowaja-Grund die Strandstrasse aus Sebastopol nach der Inkerman-Brücke
schneidet, hat das dritte Zuaven-Regiment mit den algierischen Scharfschützen
seinen Stand; es ist bestimmt, die Batterie Gervais anzugreifen, und die Zuaven
fluchen heimlich, dass die Reihe, die Ersten zu sein gegen den Malachof, diesmal
ihre Kameraden vom ersten Regiment getroffen.
    Auf den Säbel gestützt, in Gedanken trotz des furchtbaren Augenblicks
verloren, steht der Vicomte. Die leise Berührung einer eiskalten Hand, welche
sich auf die seine legt, weckt ihn. Aufblickend sieht er neben sich Nini, die
Marketenderin. Ihre Augen sind gerötet von Tränen, ihr bleiches Gesicht drückt
Angst und Kummer aus. »Haben auch Sie noch immer keine Spur von ihm gefunden,
mein Herr? Verzeihen Sie meine dreiste Frage, die Angst zerreisst mein Herz!« Sie
flüstert es leise, denn jedes Geräusch ist streng verboten.
    »Sie meinen Jean? Nein, Mademoiselle. Der Bursche wird sich wohl
wiederfinden. Doch, was tun Sie hier, Nini? Sie gehören zum Nachtrab und nicht
in die vordersten Reihen.«
    Das Mädchen presste die Hände auf das Herz und ihr banger seelenvoller Blick
schaute bittend zu ihm empor. »O, lassen Sie mich hier, Monsieur le Colonel,«
flüsterte sie - »wissen Sie denn nicht, dass er ein Russe ist?«
    »Ein Russe?«
    »Ich wusste es zuerst auch nicht, aber später wurde mir's klar. Vor zwei
Jahren war er mein Freund und Beschützer in Paris - aber am Abend des 5. Juli
traf uns Alle ein furchtbares Unglück und seitdem ist er irrsinnig.«
    Der Vicomte starrte sie mit Entsetzen an - der 5. Juli - in seiner Seele
stieg ein Bild empor - ein Gedanke, selbst halb wahnwitzig und dennoch - all'
die sich verkettenden Umstände - er öffnete die Lippen zur weitern Frage - -
    Da krachte und donnerte es über ihren Häuptern, als wollte der Himmel
zerreissen in seinen urewigen Grundfesten. Die sämtlichen Geschütze hatten noch
eine volle Ladung gegeben - der Augenblick war gekommen. Die Generäle, ihren Hut
über dem Haupte schwingend, erschienen auf der Brüstung, auf dem äussersten
Epaulement der Trancheen zeigte sich das Commando-Fähnlein Bosquets, die
Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, ein tausendstimmiges Hurrah
erschütterte die Luft - und vorwärts ging es zum Sturm.
    Mac-Mahon mit der Brigade Espinasse, das erste Zuaven-Regiment voran, links
ihm folgend das 7. Linien-Regiment, warf sich auf den Vorsprung des Malachof und
auf die linke Façade der Bastion, dort wo dieselbe mit der Courtine
zusammenhing. Der Raum zwischen den Laufgräben und dem Ravelin der Bastion
betrug etwa 50-70 Schritt im Sturmeslauf, im Nu ist er überflogen, der halb
verschüttete Graben überschritten, ohne auf die Hilfe der Sappeurs zu warten,
die Abdachung der Wälle erklommen und der Zuave Lihaut vom ersten Regiment, dem
Mac-Mahon die Commandofahne anvertraut, pflanzt sie im ersten Anlauf auf den
Wällen des Malachof auf; um sie sammeln sich die emporklimmenden Tapfern.
    Die Russen sind bestürzt - überwältigt, die Brustwehr ist nur mit den
Mannschaften der Artillerie besetzt, die an ihren Stücken niedergestossen werden.
Das ganze Innere des Malachof, bis auf den Kurgan - die Trümmer des allen
Turmes - ist mit hohen Traversen durchzogen, hinter denen die Soldaten Schutz
gegen das Bombardement gesucht. Vereinzelt stürzen die Compagnieen des
Regimentes Praga daraus hervor - ihr tapferer Kommandant Oberst Freund wirft
sich mit ihnen dem Feinde entgegen und stürzt verwundet; es ist ein Zusammenstoss
Mann gegen Mann, die russischen Offiziere, den Degen in der Hand, stürzen sich
auf das Parapet, mit Wort und Geberde ihre Soldaten zum Widerstand ermunternd.
Einer nach dem Andern sinken sie unter den Kugeln, die aus nächster Nähe auf sie
gerichtet werden - aber der Kampf entbrennt jetzt am ganzen Wall. Man ringt Leib
an Leib mit einander in wilder Wut, das Bajonnet ist unnütz geworden, man
schlägt sich mit Kolben und Steinen nieder, mit Schaufeln, Protzstangen und
Holzstücken, die man von den Geschützblendungen abreisst.
    Doch Schaar auf Schaar dringt in das Innere der Bastion ein und das Regiment
Praga wird geworfen. -
    Die 5. Division unter de la Motterouge hat ein schwierigeres Terrain, als
die Stürmer des Malachof, doch steht sie bald in geschlossenen Massen an der
Front der Courtine und nimmt im Anlauf die Batterie von 6 Geschützen de la
Poterne, welche den Malachof flankirt. Während die Kanoniere die Geschütze
vernageln, dringt die Infanterie gegen die zweite Verteidigungslinie vor. Das
Kartätschenfeuer der Russen schmettert die Spitzen der Colonnen und ganze Reihen
nieder, aber Nichts hemmt ihren Lauf. Sie ersteigen die Brüstungen, die
Kanoniere werden an ihren Stücken erschlagen und die zweite Linie ist erobert,
das 11. Regiment dringt bis an die Tore der Vorstadt!
    Die Division Dülac hat im ersten Anlauf den kleinen Redan - die (Turm-)
Bastion II. - genommen, trotz des furchtbaren Kartätschen- und Musketenfeuers,
das Regiment Olonetz zurückgeworfen, einen Teil der Geschütze vernagelt und
bereits die zweite Verteidigungslinie und den Uschokowaja-Grund erreicht, der
kurz zur Rhede führt. Aber hier wirst sich den Eingedrungenen der Major
Jaroschewitz mit einem Bataillon des Regiments Bzelofersk entgegen und mit dem
Bajonnet sie bis über die Brustwehr zurück.
    Das Glück der Schlacht wendet sich, die Russen sind nur überrascht, nicht
überwunden. Die Zurückgedrängten sammeln sich unterm Schutz der in den Ravins
des Uschokowaja- und Apollo-Grundes gelagerten Reserven. Zwanzig bespannte
Feldgeschütze fliegen herbei und eröffnen ihr Feuer, die Batterieen des
Nordufers werfen Bomben in die Colonnen, die drei Dampfer Wladimir, Chersones
und Odessa legen sich in die Kilenbucht und schleudern einen Tod und Verderben
sprühenden Kartätschenhagel auf den Feind. Die französischen Brigaden wanken,
sie wenden sich - vergebens suchen sie sich am schnell verrammelten Eingang des
Redan zu halten, - dann in den Gräben, - erst an der ersten Linie der Courtine
machen ihre Verfolger Halt. Hier formiren sich die Franzosen auf's Neue,
abermals wirbeln die Trommeln zum Sturm und der Kampf um den Redan beginnt zum
zweiten Mal. General Saint-Pol fällt, General Bisson ist schwer verwundet,
wiederum wanken die Angreifer, als die Reserve-Brigade Marolles herbei eilt und
zwei Grenadier-Bataillone der Garde unter Pontèves von General Bosquet zu Hilfe
gesandt werden, den gleich darauf ein Bombensplitter auf seinem gefährlichen
Posten an der rechten Seite trifft und betäubt zu Boden wirst. Für einen
Augenblick sind nochmals die Parapets und Batterieen des Redans in den Händen
der Franzosen.
    Aber die Russen wissen sehr wohl, dass der Verlust des Redan die Möglichkeit
eines Rückzugs über die Schiffbrücke in Frage stellt. General-Major Sabaschinski
mit 3 Regimentern der 8. Infanterie-Division wirft den Feind zurück, drei Mal
wiederholt sich der Angriff, drei Mal müssen die Franzosen unter dem
furchtbarsten Feuer weichen. Die Generale Marolles und Pontèves, der tapfere
Führer der Garden, dem Pelissier den blutigsten Posten versprochen, opfern ihr
Leben, fast sämtliche Führer der Compagnieen der Linie sind gefallen - es bleibt
Nichts übrig, als der rascheste Rückzug nach dem Graben der Courtine.
    Das Schlüsselburger Jäger-Regiment, das von General Chruleff gesandt, dem
Redan zu Hilfe eilt, findet die Arbeit bereits getan und wendet sich gegen die
Courtine. Vergebens versuchen die Franzosen auch dort den schnell errungenen
Sieg zu behaupten, vergebens rasseln, von Bosquet letztem Befehl herbeigerufen,
die an der Victoria-Batterie aufgestellten Feldgeschütze über ein Terrain heran,
welches das Feuer der Russen vollkommen beherrscht, protzen im heftigsten
Kugelregen ab, der binnen wenig Minuten zwei Dritteil der Offiziere und
Mannschaften niederwirft, und beginnen ein Feuer, das endlich die Kriegsdampfer
nötigt, sich zurückzuziehen; - die Schlacht ist auf dieser Flanke verloren und
die Division de la Motterouge vermag, nachdem auch der Führer der
Garde-Reserven, General Mellinet, verwundet ist, sich nur kurze Zeit noch in der
ersten Enceinte der Courtine zu halten.
    General Dülac hat das Kommando in Stelle Bosquets übernommen, der durch die
schwere Wunde endlich genötigt ist, die Kampflinie zu verlassen und sich auf
einer Tragbahre nach der Lancaster-Batterie bringen zu lassen. Auch auf der
linken - der westlichen - Seite der Stadt sind die Franzosen nicht glücklicher.
Der Hauptsturm auf die Central-Bastion (V.) missglückt, trotz der Aufopferung der
Offiziere und Soldaten, ein Angriff der Mast-Bastion wird unmöglich, jeden
Augenblick demaskiren die Russen neue Batterieen, Flatterminen zerreissen den
Boden unter den Füssen der Stürmenden; die Generale Breton und Rivet fallen,
General Trochü wird schwer verwundet, die Fremdenlegion fast vernichtet und de
Salles muss den Befehl zum Rückzug geben in das Innere der vorgeschobenen
Waffenplätze. Der russische Ober-Commandant General Graf Osten-Sacken überzeugt
sich selbst von dem Sieg der Seinen auf dieser Seite und eilt dann hinüber zu
jener Stelle, wo sich das Schicksal des Tages entscheiden muss.
    Das ist der Malachof.
    Die Zuaven und algierischen Jäger haben bei dem Angriff auf die Batterie
Gervais das Jägerregiment Grossfürst Michael zurückgedrängt, der Zuave Lebrigaud
ist der Erste auf dem Wall und wird schwer verwundet von seinen Kameraden
zurückgetragen. Die Franzosen haben sich auf dem verschütteten Graben
festgesetzt und schiessen durch die Embrasüren, aber das Kostrana'sche
Jäger-Regiment eilt der Batterie zu Hilfe, die Kanonen der linken Seite des
grossen Redan vertreiben die Angreifer von der Batterie Gervais; ein Befehl
Mac-Mahons ruft sie zur Unterstützung der Franzosen im Malachof.
    Da diese sich hier festgesetzt, geben um 121/2 Uhr drei Raketen aus der
Victoria-Batterie den Engländern das Zeichen zum Angriff auf den grossen Redan.
Sie haben eine breite Fläche aus ihren Trancheen zu überschreiten und das
Kartätschenfeuer der Russen decimirt ihre aufgelösten Reihen. Die Anstalten der
Engländer sind so schlecht getroffen, dass sich kaum 1500 Mann zum Sturm
entwickeln, während ihre Reserven untätig in den Laufgräben bleiben. Nur Wenige
übersteigen die Brustwehr und versuchen die Faschinen auf den Backen der
Embrasüren anzuzünden; das Wladimir'sche Regiment, anfangs zurückgedrängt, aber
bald unterstützt durch Compagnieen der Regimenter Kamtschatka und Jakutsk wirst
die Briten mit dem Bajonet zurück, und das Feld mit ihren Leichen besäend,
fliehen diese nach den Trancheen zurück.
    Die Schlacht ruht auf dem linken Flügel der Franzosen und auf der Stellung
der Engländer, nur um den Schlüssel von Sebastopol, um den Malachof, wird mit
gesteigerter Wut gekämpft.
    Der Zuaven-Unteroffizier Lihaut hat die ihm vertraute Fahne auf der Stelle
verteidigt, auf der er sie aufgepflanzt, - von 42 Büchsen- und Musketenkugeln,
von drei Kanonenschüssen wird sie zersplittert und zerfetzt, aus fünf Wunden
blutet der Held und dennoch wankt und weicht er nicht von seinem Posten. Um ihn
haben sich die Kameraden gesammelt und stürmen gegen den Feind; Oberst
Collineau, der Kommandeur des Regiments ist am Kopf verwundet, aber die Russen
sind bis an die Kehle des Werks geworfen, wo sich rasch die algierischen
Schützen in einem Verhau festsetzten.
    Jetzt stürmen die Russen wieder heran, Graf Wassilkowitsch, der
heimtückische boshafte Mann, schlägt sich wie ein Held im Innern der Bastion in
der Nähe des alten Turms, auf welchem die Schützen postirt sind und ein
gefährliches Feuer unterhalten. General-Lieutenant Chruleff selbst stellt sich
an die Spitze des Regiments Ladoga und stürmt gegen die Kehle der
Korniloff-Bastion; er wird in diesem Augenblick verwundet. General-Major Lisenko
übernimmt das Kommando und fällt, schwer getroffen, im Eingang der Redoute -
General-Major Inseroff lässt sich an der Spitze der andringenden Regimenter
tödten - General-Lieutenant Martineau wird schwer verwundet - vier Mal stürmen
die Colonnen der Russen, das Bollwerk Sebastopol's wieder zu erobern -
vergebens! - immer neue dichte Massen der Franzosen stürzen sich in die eroberte
Bastion, die Brigade Vinoy, - das dritte Zuaven-Regiment, der Rest der Reserven
- Mac-Mahon selbst übersteigen den Wall, zu seinen Füssen wirrd der tapfere
Oberst de la Tour du Pin von einem Wurfgeschoss zerrissen; man kämpft mit dem
Bajonnet, mit den Zähnen, mit der Faust, der Fuss gleitet auf Strömen von Blut
und Bergen von Leichen!
    In den bereits erwähnten Trümmern des ehemaligen Kurgan des Malachof, nahe
dem Ausgang, die durch das crenellirte Erdwerk und die soliden Blendungen eine
kleine Festung im Innern der Bastion bilden, kämpft mit Glück ein junger
russischer Offizier mit etwa 60 Mann, darunter zwei Greise, der Eine in der
Tracht der Kosaken, der Andere von riesiger Gestalt in dem Rock der Druschinen.
Auf diesen Kurgan stützen sich die letzten Kämpfe der Russen, in seiner Nähe
verteidigt General-Major Wassilkowitsch noch immer die Batterie nach der Seite
des Redan. Das mörderische Feuer aus den Schiessscharten dieser kleinen Bollwerke
erregt die Aufmerksamkeit des Generals Mac-Mahon und er befiehlt dem Obersten
des dritten Zuaven-Regiments, sie und die Batterie zu ihrer Seite zu nehmen. Aus
die Letzere stürzt sich die Masse - ein Säbelhieb des Colonel verwundet den
alten Feind, der ihm gegenübertritt, Graf Wassilkowitsch, von den Seinen
geführt, wird mit dem Rest der Russen bis an die Kehle der Bastion gedrängt.
    Er erhebt sein Tuch - er winkt hinüber nach dem Kurgan, auf dessen Brustwehr
der Greis in der Druschinen-Tracht mit einem Kanonenwischer die stürmenden
Zuaven niederschlägt.
    Der Alte sieht das Zeichen - er springt zurück - durch die breit von einer
Kanonenkugel zerrissene Blendung sieht man ihn mit der Rechten eine Lunte
schwingen, mit der Linken eine Steinplatte zur Seite werfen.
    Da stürzt sich eine jugendliche Gestalt, blutend bereits aus zwei Wunden,
zwischen ihn und die Öffnung und sucht ihn zurückzudrängen - gleich einem Kinde
schleudert sie der fanatische Alte zurück - er hat das Zeichen gesehen, das ihm
der Graf gegeben, und will sein Versprechen erfüllen, er beugt sich vor, er hebt
die Lunte - da - im letzten Augenblick reisst der junge Offizier das Pistol aus
dem Gürtel und sein Schuss streckt den Alten zu Boden. Sein eignes Blut hat
Michael, den Tabuntschik, getödtet und den Mord des Kaisers gerächt. Der Hand
Iwan Oezakoff's entfällt das Pistol, sein Auge trifft den Vicomte auf der
überstiegenen Brustwehr, den seine Tat am eigenen Volk gerettet, und er
verliert das Bewusstsein, während die Zuaven die letzten Verteidiger des Kurgan
hinaustreiben zu Wassilkowitsch's flüchtender Schaar.
    Die Sappeure stürzen sich auf die Öffnung, deren bedeckenden Quader der
Tabuntschik gehoben, und entdecken einen Luntengang in die Tiefe, - ihre
Schaufeln und Aexte reissen quer vor dem Kurgan die Erde auf und finden noch zwei
electrische Dräte: - das untere Gewölbe des Kurgans ist mit 40000 Kilogrammen
Pulver gefüllt, und die Lunte des Rosshirten hätte glorreich die Schreckenstat
seiner Jugend gesühnt, wenn die Liebe nicht triumphirt hätte. -
    Hinter der Kehle der Bastion entspinnt sich ein neuer Kampf zwischen den
verfolgenden Franzosen und den Russen, deren Verstärkungen zu einem letzten
Versuch herandringen. Dem von zwei Soldaten zurück geführten General-Major
Wassilkowitsch begegnet eine eben herbei eilende Compagnie des Schlüsselburger
Jäger-Regiments - Spielwerk der Hölle: - an ihrer Spitze Iwan Oczakoff, dessen
Tat im Malachof er eben verflucht. Der Verwundete stürzt auf ihn zu:
»Verräter, wo kommst Du her, ich sah Dich blutend sinken im Malachof nach
Deiner schändlichen Tat?« - »Im Malackof, mich? ich focht am Redan!« - »Lügner,
Dich selbst oder Dein Ebenbild - -« Der junge Offizier fasst ihn an - wie ein
Blitz zuckt es durch seinen Geist, die Worte, die Annuschka gesprochen, die
Erinnerung an die Schwester, die er im Drang der Gefahr ganz vergessen - die
Erinnerung an sein Ebenbild im Lager am Sapun, dessen Wort ihn zuerst geweckt
aus der geistigen Nacht - eine Schlussreihe von Gedanken in einem Augenblick -
»Allmächtiger Gott - Iwanowna an meiner Stelle!« - Der Graf starrt ihn einen
Augenblick an, auch ihm wird mit Blitzesschnelle die Ueberzeugung: »Verflucht
sei die Metze, die, um ihren Buhler zu retten, Russland's Sieg geopfert hat!« -
Blutiger Schaum stürzt aus seinem Mund, während Iwan Oczakoff ihn von sich stösst
und davon stürmt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf seinem Arme hat der alte Kosaken-Häuptling den jungen Offizier des
Kurgan aus den Leichenhaufen getragen und lehnt ihn in einem Winkel der Bastion
an die Wand, beschützt von Méricourt und dem Sergeant-Major Fabrice. An der
Seite des Bewusstlosen knieet Nini, die Marketenderin, seinen Kopf auf ihrem
Schoss - sie reisst, schreiend vor Angst und Schmerz um den geliebten Flüchtling,
die Uniform ihm auf - eine volle üppige, blutüberströmte Frauenbrust quillt ihr
entgegen, entüllt sich allen Blicken! - »Barmherziger Gott - Iwan - Iwanowna!«
tönt auch hier der Schrei des Colonels - - da rast es herbei, die Menschenwoge
der Franzosen, geworfen auf dem äussern Abhang der Bastion und die tapfern Feinde
dringen ihr nach durch die Kehle des Werks noch ein Mal in das Innere des
Malachof! Ein Schlachten, ein Würgen ringsum! An der Spitze seiner Jäger stürmt
Iwan Oczakoff auf die weichenden Zuaven, - das Auge der Marketenderin trifft auf
die bekannte Gestalt, das bleiche Gesicht; sie fährt empor -: »Das ist der
Rechte! Jean! Jean, zu mir!« Da knallen die Büchsen der russischen Jäger - da
schlagen die Kugeln ein in nächster Nähe in die Hausen der Franzosen - ein
einziger herzzerreissender Schrei und auf die Stelle, wo Iwanowna's Haupt in
ihrem Schoss gelegen, stürzt mit zerrissener Brust todt die treue Marketenderin.
Ueber den jugendlich schönen Leib hinweg wogt und stürmt der Kampf; - der alte
Jessaul hat den Augenblick benutzt, den Körper Iwanowna's über seine Schultern
geschwungen und ist mit ihm in den Reihen der Seinen.
    Da kracht es und hebt es sich, als wollte die Erde sich gegen den Himmel
bäumen, als wären ihre Grundfesten gelöst, der Himmel selbst erzittert, dichte
Rauch- und Staubwolken wälzen eine Nacht in den hellen Tag, Trümmer, zuckende
Glieder fliegen umher - beide Heere stehen entsetzt und glauben dennoch den
Malachof in die Luft geflogen und Tausende in seinen Werken und den Reduits
begraben.
    Allmälig sinken die Staubwolken, der Malachof steht, hoch von seinem Wall
flattert noch keck die Tricolore, - nur die Batterie de la Poterne an der Flanke
der Courtine und der Bastion ist gesprengt, das Pulvermagazin durch die
brennenden Faschinen entzündet worden.
    Einen Augenblick noch stehen erschüttert die Gegner - aber schon haben sich
die Franzosen gesammelt.
    Neue Massen der Sieger des Malachof stürmen heran - die Russen werden
geworfen und retiriren in dunklen Haufen aus der Kehle der Bastion, die rasch
mit Faschinen geschlossen wird - auch der letzte Versuch ist gescheitert - der
Malachof verloren.
    General Osten-Sacken erkennt, dass die Wiedernahme der Bastion eine Armee
kosten würde - er beschliesst, seinen geheimen Instructionen gemäss, den Sieg auf
allen anderen Punkten und die Erschöpfung des Feindes zu benutzen, um die
Südseite der Stadt zu räumen, die nach dem Verlust des Malachof nicht mehr zu
halten ist. Er befiehlt daher dem General-Lieutenant Schepelieff, ohne einen
Angriff auf die Kornilowski-Bastion weiter zu versuchen, den Feind daran zu
verhindern, von dort in die Stadt zu debouchiren, und bis zur Nacht die
zerstörten Gebäude auf dem nördlichen Abhang des Hügels zu halten. -
    Aber nur ein Trümmerhaufe soll in die Hände der Feinde fallen, wie vor 43
Jahren nur die Brandstätte von Moskau den Cohorten des ersten Napoleons
überlassen ward.
    Von 5 Uhr ab ist der Kampf nur noch durch die Artillerie unterhalten worden.
Bei Eintritt der Dämmerung bemerkt man die dunklen Colonnen der Russen über die
Schiffbrücke von der Nicolaus-Bastion nach der Sievernaja in ununterbrochener
Reihe ziehen. Im Innern des Malachof sind, bereits durch Menschenhände
herbeigeschaft, acht Coehorn-Mörser zur Beschiessung bereit, mehrere russische
Geschütze wieder in Stand gesetzt und General Tiry, der Chef der Artillerie,
gibt Befehl, die Brücke zusammen zu schiessen.
    Aber nur wenige Schüsse fallen, als ein Adjutant des Generalissimus
herbeistürmt und den Befehl überbringt, das Feuer einzustellen und den Rückzug
der Russen nicht weiter zu hindern. Graf Lubomirski hat sein Versprechen
gehalten und Pelissier, ihn verwünschend, alle Verfolgung aufgegeben. Ohnehin
wäre sie kaum möglich gewesen, denn Explosion auf Explosion zeigt, wie der
abziehende Gegner seine Verteidigungswerke, seine Pulvermagazine und Gebäude,
so wie er sie verlässt, in die Luft sprengt. Rote Flammenmassen wirbeln an
hundert Punkten zum Nachtimmel empor. - - -
    Doch die ersten Schüsse auf die Brücke haben noch einige Opfer gekostet.
Vergebens hat Annuschka, die junge Wittwe, nach der Sievernaja zu gelangen
versucht, den ihr anvertrauten Brief zu bestellen. Truppen, zu den Wällen
eilend, füllen die Brücke - sie eilt zurück zum Fort Paul - aber kaum hat sie es
erreicht, so verbreitet sich die Nachricht, dass die Franzosen den Malachof
genommen haben und in die Stadt dringen. In Todesangst, während Nursädih sich zu
folgen weigert, ergreift sie das ihr anvertraute Kind und stürzt auf die
Strassen, die zur Brücke der Südbucht und der westlichen Stadt führen, als ein
Name mitten in den drängenden Hausen der Soldaten und Bewohner ihr Ohr erreicht:
»Meiendorf - Capitain Meiendorf!« Sie fasst die Hand des Offiziers - sie fragt
ihn - er ist der Gesuchte und sie übergibt ihm den Brief, indem sie um seinen
Schutz bittet. Aber die Massen trennen sie wenige Augenblicke darauf und vor dem
Hagel der Kugeln flüchtet Annuschka unter den Vorsprung eines Hauses, wo ein
abgesprengter Stein ihre Stirn trifft und sie bewusstlos und blutend niederwirft.
    Capitain Meiendorf hat noch keinen Augenblick gefunden, den ihm so dringend
übergebenen, Brief zu lesen; erst als die ersten Colonnen über die Brücke zur
Sievernaja ziehen, benutzt er einen günstigen Augenblick, ihn zu öffnen. Noch
hat er die ersten Zeilen kaum überflogen, als ihn ein Splitter einer der vom
Malachof geworfenen Bomben am Kopf trifft. Er fällt dicht zur Seite des
Oberstkommandirenden - sein letzter Laut ist ihr Name - dieselbe Stunde hat sie
vereinigt im Himmelreich! -
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    Es ist Nacht. Der Riesenbrand des Nicolas-Fort zeigt, dass die Pontonbrücke
bereits abgebrochen worden - von Zeit zu Zeit noch fliegt ein Pulvermagazin in
die Luft - die Zahl der gesprengten beträgt fünfunddreissig.
    Zehntausend Leichen - darunter 4 russische und 5 französische Generale -
decken das Schlachtfeld. Jede der beiden Parteien zählt überdies eine gleiche
Anzahl Verwundeter oder Vermisster. Von der französischen Garde, die in's Gefecht
gekommen, ist die Hälfte getödtet und verwundet. An einzelnen Stellen, vor dem
Redan, an der Kehle des Malachof, liegen die Leichen zu Hügeln getürmt.
    Während die Artillerie und das Genie arbeitet, Batterien zu errichten und
die Befestigungen herzustellen, tragen die Soldaten die Leichen in Haufen
zusammen und die Chirurgen verrichten bei Fackelschein ihre blutige Arbeit.
    Ein Mann - erschöpft - hat diese verlassen und tritt zu einer Gruppe an den
Ruinen des Kurgan. Ein Zuaven-Burnus deckt einen am Boden liegenden Körper - es
ist Nini's Leiche, deren kalte Hand winselnd Minette, die kleine Katze des
Sergeant-Majors, leckt. Der Alte selbst sitzt kummervoll neben der Marketenderin
- sein Arm ist zerschmettert und erst flüchtig verbunden, aber er will die Todte
nicht verlassen, bis die Kameraden am Morgen sie holen.
    Neben ihm, an die Trümmer des Kurgan gestützt, steht Bourdon, der Sergeant,
unverletzt im dichtesten Kampfgewühl, die Augen finster, tränenleer auf den
Körper zu seinen Füssen gerichtet. Colonel Méricourt spricht mit Jussuf, dem
Mohren; - er ist mehrfach, aber leicht verwundet und nach dem Zurückführen des
Regiments, dessen Commando er dem einzigen unverletzten Capitain übertragen, in
den Malachof zurückgekehrt.
    Welland, der trotz seiner schimpflichen Entlassung seine Pflicht als Arzt
erfüllt hat, reicht dem Freunde die Hand, er hat bereits den grössten Teil der
Ereignisse des Tages erfahren. Der Colonel bittet ihn, einem jungen Russen seine
Hilfe angedeihen zu lassen, den Jussuf, durch die Nennung seines Namens
aufmerksam gemacht, an der Kehle des Werkes aus den Leichenhaufen hervorgezogen.
Es ist Olis, der Kosak Iwans, oder vielmehr Iwanowna's, der an der Seite des
jungen Fürsten - der Letzte der sechs Brüder - gefallen. Der Arzt erkennt bald,
dass menschliche Hilfe hier vergeblich, und sucht nur den Tod des Armen nach
Kräften zu erleichtern. Man hat ihn neben Nini gebettet.
    Dann erklärt Jussuf, der Mohr, seinem Herrn den Entschluss, in die brennende
Stadt hinabzusteigen, deren Wege er kennt und bis zum Paul-Fort vorzudringen, wo
- wie ihm der Sterbende beschrieben - die Schwester und die Fürstin gewohnt.
Eine drängende Ahnung der Seele treibt den Vicomte zur Begleitung an - auch der
Arzt erbietet sich dazu, nachdem er sich einige Augenblicke erholt. Russische
Soldatenmäntel, um sie im Innern der Stadt unkenntlich zu machen, sind leicht
herbeigebracht von den zahllosen Leichen. Als die Gesellschaft das Werk verlässt
und Méricourt die ausgestellten Posten mit dem Passwort befriedigt, gesellt sich
stumm, aber entschlossen, Sergeant Bourdon zu ihr.
    Es ist ein furchtbarer Gang. In der Nähe der Schlachtfelder Leichen auf
jedem Schritt; zwischen Trümmern und verstreuten Kugeln, demontirten Geschützen
und Munitionskarren schreitet man vorwärts in ein Chaos der Zerstörung. Aber je
weiter man vordringt - die russische Armee scheint verschwunden, nur die dunklen
Gestalten einzelner Marodeurs schleichen umher, schmerzliches Stöhnen eines
Verwundeten und Zurückgelassenen dringt hier und da an ihr Ohr. Brennende
Magazine beleuchten von Zeit zu Zeit ihren schaurigen Weg - der Donnerschlag
einer aufgesprengten Batterie auf der Westseite zeigt ihnen, dass der Feind
wenigstens noch tätig ist in der aufgegebenen Stadt.
    So - im Schutz der Dunkelheit oder der grellen Feuersbrunst, der allgemeinen
Verwirrung und Zerstörung, die nicht nach Freund und Feind fragen lässt, und in
der bergenden Verhüllung ihrer Platschtsch's - gelangen die kühnen Männer, in
den Abhängen an der Schifferbucht sich haltend, in die Nähe des Pauls-Forts. Der
Umstand, dass es noch nicht gesprengt oder angezündet, beweist, dass man es noch
nicht gänzlich aufgegeben, dass noch menschliche Wesen darin sind. Jussuf
schleicht sich voran, die Gefährten in einem Versteck zurücklassend; bald kehrt
er wieder, er ist auf keine Gefahr gestossen, nur auf entsetzliches Leid - und
winkt ihnen zu folgen.
    Sie gelangen glücklich in den ersten Hof und durch diesen in eine Höhle der
Verwesung und des Jammers, in die Lazarete.
    Von allen Schrecknissen des Krieges, die sie erlebt, ist dieser Anblick der
schrecklichste, herzbrechendste. Lange Reihen von Verwundeten, mit Todten, ja
bereits Verwesenden abwechselnd, haben als rettungslos zurückbleiben müssen -
faulende und verfaulte Körper in ihrem letzten Todeskampf, dicht an einander
gedrückt - ohne Beistand, ohne Pflege, die Einen auf der Diele, die Andern auf
elenden Bettstellen oder blutgetränkten Strohbunden, aus denen ekle Flüssigkeit
sickert. Die Mauern, das Dach des Saales, von Bomben gespalten - liegen sie da,
die Unglücklichen - Viele noch lebendig, während die Maden bereits an ihren
Wunden nagen; Andere halb wahnsinnig vor Schmerz und Leiden, haben sich dem
Eingang zugewälzt, um der Hölle zu entrinnen, und deuten sterbend, um einen
Tropfen Wasser flehend, auf ihre Todeswunden. Der beengende Leichengeruch,
dieser Gestank von brandigen Wunden, verpestetem Blute, verwesendem Fleische ist
grausenhaft über alle Begriffe - selbst der Arzt, der die türkischen Lazarete
an der Donau gekannt, schaudert im tiefsten Grauen - Méricourt verhüllt das
Gesicht. »All' dies unsägliche Elend - für welchen Zweck?!« - Endlich gelangen
sie in den zweiten Hof - zu der Reihe der kasemattirten Wohnungen. Sie wagen es
nicht, eine der wenigen, still und verdrossen umherwandernden Gestalten
anzusprechen, um sich nicht zu verraten - Stube auf Stube durchsuchen sie -
alle sind leer, oder die Bewohner stumm - auf ewig.
    Endlich deutet der Arzt auf ein Licht, das aus dem Gitterfenster einer Mauer
leuchtet - man findet die Tür und öffnet sie - ein leiser monotoner Gesang,
eine jener Todtenklagen summt ihnen entgegen, die melancholisch fallende Melodie
der Steppenvölker des Ostens; - sie treten ein: auf einem Feldbett ruht eine
halb verhüllte Gestalt, zu ihren Füssen schläft ein kleines Mulattenkind, eine
schwarze Frauengestalt kniet daneben und am Kopfende murmelt Iwan der Jessaul,
Iwan der Steppenteufel seine Todtengebete. Der Schein einer Lampe fällt auf das
Gesicht der Gestalt auf dem Lager - hellbraune Locken umgeben das bleiche Oval,
die festgeschlossene Lippe, das volle Kinn - den schönen Schwung des Gesichts -
den halb entblössten Frauenbusen - es ist Iwanowna, und der Colonel stürzt an
ihre Seite und bedeckt die kalte Hand mit Küssen.
    Noch eine andere Scene hat sich im gleichen Augenblick ereignet; - von dem
Bruder, der sie emporhebt, gleitet der tränenschwere Blick des armen
Mohrenmädchens auf den deutschen Arzt. Da stammelt sie seinen Namen, reisst sich
los von dem Bruder und streckt Jenem das schlafende Kind entgegen. Er zaudert,
er sieht sie mit verwunderten Blicken an, bis sie, mit der Linken das Kind an
ihre Brust gepresst, ihn mit der andern Hand in den Strahl der Lampe zieht und
diese Hand ihm entgegenhält - auf dem vierten Finger der schwarzen Hand glänzt
ihm der Granatreif, das Geschenk seiner Schwester, entgegen, den er der
Unbekannten gegeben, die in der süssen Nacht von Madara sein Lager geteilt.
    Die Wahrheit überkommt ihn mit überzeugender Gewalt, und er drückt Weib und
Kind an die Mannesbrust.
    Die Todtenklage des Jessaul ist verstummt; flammenden Auges, Angst,
Entzücken in allen Zügen, reisst der Colonel den Freund aus den Armen der
schwarzen Sclavin zum Lager Iwanowna's - und legt seine Hand auf den
Marmor-Busen, den so eben seine Lippen berührt. Der erfahrene Arzt fühlt sofort
den leisen Schlag des Herzens, das noch pulsirende Leben. Sein Wink entfernt die
Anwesenden mit Ausnahme Nursädih's und seine geschickte Hand beginnt sofort die
Untersuchung der Wunden, die nur unvollständig verbunden sind. Nursädih erzählt
ihm, dass der alle Jessaul die Fürstin bis in das Fort gebracht, dass Iwan, ihr
Bruder, in rasender Leidenschaft, all' ihre unendliche Aufopferung vergessend,
mit einem Fluch sie dem Tode überlassen, weil sein Ebenbild Schmach auf seinen
Namen gehäuft und der Rettung des Feindes ihres Volkes die Rettung Sebastopols
geopfert habe, - und dass sie, erschüttert, mit gebrochenem Herzen, wieder in
jene tiefe Ohnmacht gefallen, die die Unkundigen für den erlösenden Tod
gehalten.
    Nach kaum zehn Minuten kann der Arzt dem Freunde die Versicherung bringen,
dass keine der Wunden des hochherzigen Mädchens tödtlich ist, dass nur der starke
Blutverlust ihren gefährlichen Zustand veranlasst hat. Eine rasche Beratung der
Männer folgt: die Möglichkeit einer Rettung Iwanowna's liegt in ihrer Entfernung
aus dem Fort und man beschliesst, sie zu versuchen. Eine Tragbahre ist rasch aus
dem Lazaret herbeigeschaft und von liebenden Händen geordnet. Der Jessaul, dem
der Colonel durch Nursädih volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, zusichert,
will Die nicht verlassen, die er so lange bewacht. Er und der Mohr nehmen die
Trage, an deren Seite der Arzt und der Colonel sorgsam über die Bewusstlose
wachend gehen, während Nursädih voran den nächsten Ausweg in die Stadt zeigt,
ohne das Lazaret nochmals zu berühren, und der Zuaven-Sergeant den Rückzug
deckt. Die Hand des allmächtigen Gottes ist über ihnen in den Gefahren der
brennenden Stadt, der explodirenden Minen, und als die erste Morgendämmerung
über den Höhen von Inkermann dämmert, sind sie bereits im Schutz der
französischen Posten.
    François Bourdon, der tapfere Zuave, ist nicht allein, auf seinem Arm trägt
der Tapfere ein junges Kind, dessen leises Wimmern ihn auf dem Wege durch die
Strassen unter die Halle eines halb zerstörten Hauses gelockt und das der leicht
zum Mitleid bewegte Soldat aus den Armen einer blutbedeckten erstarrten Frau
genommen. Er bringt das Kind dem Regiment als Ersatz für die jetzt todte
Schwester!
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    Es ist wiederum Mittag - auf dem Malachof-Hügel sitzen, drei Männer, ernst
und düster auf die zerstörte Stadt, auf die blaue Rhede schauend, von der die
mächtige Kriegsflotte des Pontus, der Stolz Russland's, verschwunden ist,
verbrannt, versenkt in die Tiefen des Meeres, das sie so lange beherrscht. Noch
dampfen und rauchen die Ruinen der Stadt, noch donnert in langen Zwischenpausen
eine einzelne Explosion und von den Nordforts herüber dröhnt von Zeit zu Zeit
ein warnender Schuss.
    Einzelne Haufen plündernder Soldaten sind bereits in die Vorstadt
hinabgestiegen, aber noch wagen nur Wenige, weiter vorzudringen, obgleich man
die Stadt jetzt vom Feinde verlassen weiss.
    Tausende sind beschäftigt, weite Gräber zu graben, in denen die erbitterten
Gegner friedlich neben einander schlafen sollen, bis ein anderer Trompetenstoss
sie weckt - zum ewigen Weltgericht. Man muss eilen mit den Leichen, denn die
Sonne des Südens brennt verwesend und giftige Fliegenschwärme umsummen bereits
die Todten.
    Am Fusse des Malachof-Hügels, zu Füssen der drei Männer, graben Zuaven ein
einzelnes Grab - an dessen Seite harmlos ein zweijähriger Knabe spielt. Es ist
Nini's Grab, und die Hand des Bruders bettet sie in den Schoss der Erde. Wie
Kinder schluchzen die bärtigen wilden Gesellen, die gleichmütig als Loos der
Schlachten tausend tapfere Kameraden an ihrer Seite fallen sahen. -
    Die Augen der drei Männer am Hügel schweifen über die Gräber und über die
Trümmer - suchend und suchend - vielleicht bis der Tod sie selbst nimmt. Der
Eine hat auch den Liebling vor wenig Stunden in die Erde gebettet - er schaut
jetzt nach dem Letzten seiner Enkel, welches der weiten Gräber vielleicht ihn
birgt - denn allein ist Fürst Iwan aus dem Kampfe zurückgekehrt! - Der alte Pole
an seiner Seite sucht den Einzigen, den Knaben seines Herzens, und sein greises
Auge sieht hinüber nach den Felswällen der Sievernaja, als könne es sie
durchdringen und erkunden, ob sie den Geretteten bergen? - Der Dritte - der
stolze Baronet, schaut mit gefalteten Händen, mit unstätem, verzweifelndem Blick
auf die riesige Trümmer- und Todesstätte und ahnt nicht, wie nahe ihm das
Ersehnte, wenn die strafende Hand Gottes den Schleier von seinem Auge nehmen
wollte.
    Drei Männer - Männer im Sturme des Lebens! - die ihr Teuerstes verloren und
zu ihren Füssen die Gräber und die Trümmer Sebastopols!
    Suchet! - Suchet! - Suchet! -
 
                                    Fussnoten
1 Wegen des Versuchs, den Eisenbahn-Train des Kaisers in die Luft zu sprengen.
2 Osman-Bei.
3 Die südlichste Spitze Siciliens.
4 Il. - kleine Redan.
 
                       Die letzte Rose von Charlottenhof.
Zwei Jahre fast sind verschwunden seit der Einnahme Sebastopols, - Frieden sind
geschlossen, neue Bündnisse erregen die Welt, der Osten stürzt sich mit Gewalt
in die Cultur des Westen und reisst die fest gebauten Schranken zweier
Jahrhunderte nieder.
    Die Dynastie der Napoleoniden ist legitimirt durch Visiten und Gegenvisiten,
es hat ein Heer von Sternen geregnet - Frankreich hat seinen Sohn - und der
Hat-Humayum hat Alles beim Alten gelassen! Unter der Asche Italiens lodert die
Revolution und am Ganges zieht das Gericht der Vergeltung herauf für die
prahlerischen Wucherer mit dem Blute der Völker.
    Was ist anders? - Ein grosses Herz fehlt in den Reihen der Gesalbten und
viermalhunderttausend ordinaire Menschen deckt die orientalische Erde!!! - - -
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    Die sonntäglichen Extrazüge haben Tausende müssiger, vergnügungslustiger
Berliner nach dem Paradiese von Sanssouci befördert, von dem sich der Königliche
Monarch von Preussen nur den kleinen Raum der obern Terrasse mit der Sterbestätte
seines grossen Ahnen bewahrt. Wenn das Leben und Wohnen irgend eines Hofes der
Welt öffentlich und dem Volke gehörig ist, so ist es das des Königlichen Hauses
der Hohenzollern. Der König von Preussen ist ärmer, als der geringste seiner
Untertanen; denn er hat in der Tat kaum ein eigenes Haus.
    Dieser schöne Zug von Königlichem Socialismus zeigt sich durch die ganze
erhabene Familie. Fremde und Einheimische erzählen, dass der ritterliche Prinz
von Preussen mit dem beau idéal eines künftigen Regenten, dem Prinzen Friedrich
Wilhelm, geduldig vor der Tür von Babelsberg, ihrem herrlichen Schloss,
gewartet haben, indes das Publikum neugierig und indifferent ihre Arbeits- und
Schlafkabinette beschaute. Eben so hindert auf Sanssouci die dünne Schnur vor
dem Zugang der obersten Terrasse nicht den Blick in die Häuslichkeit des
mächtigen Fürsten.
    Die Kunstschätze und die herrlichen Anlagen des Parks haben heute nicht
allein die Menge nach der zweiten Residenz des Königs gezogen. Erhabene Gäste
weilen dort, - Namen, auf welche die Welt schaut, eine hohe Frau, jedem Preussen
bekannt und jedem Preussenherzen teuer in ihrem Wittwenschleier, wie einst unter
dem Blumenkranz des Mädchens und unter der Krone des grössten Reiches der Welt; -
ein Fürst, der eine halbe Erde, sein Erbe reformiren will und der Raum zu dem
Versuche findet von der Weichsel bis zum chinesischen Meer, vom Nordpol bis zum
Fuss des Ararat; - ein Prinz, der sich im Schlachtgewühl von Inkerman den Lorbeer
geholt, den er jetzt in den Myrtenkranz der Braut schlingen will.
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    Das schöne militairische Fest des Mittags, dem der ganze Hof beigewohnt, ist
vorüber, die Höchsten Herrschaften haben sich einen Augenblick zurückgezogen,
die Hitze hat auch das Publikum vertrieben, und nur einzelne Gruppen von Damen
und Herren, meist in reichen Uniformen, bewegen sich in dem duftigen Schatten
der riesigen hundertjährigen Orangen und der vergoldeten Broncelauben, während
die Wasser der herrlichen Cascadenfontainen über ihre Marmorbecken
niederrauschen und aus dem Meer grüner Baumgipfel der Strahl der Riesenfontaine
seine Perlen in die Lüfte streut.
    Auf einer der zierlichen Gitterbänke von Gusseisen sitzen zwei Damen, eine
ältere mit festen aristokratisch stolzen Zügen, das Auge beweglich und doch so
sicher, die Zweite jung, zierlich und elegant gebaut, zu dem hellblonden Haar
und der etwas matten seinen Miene passend. Eine Dritte, imponirend durch ihren
Wuchs, die Zahl der Sommer durch die blendende Toilette unmöglich zu
entscheiden, wenn der Gotaer Almanach nicht zu Hülfe kommt, mit dunklem Auge
die Gruppe überblitzend, stützt leicht die von der feinsten Pariser Hülle
bedeckte Hand auf den Kasten des nächsten Orangenbaumes.
    Vier Herren stehen im Gespräch um sie gruppirt, nur einer davon ist in
Civil, die drei Andern tragen Uniform. Der Erste von ihnen ist ein hoher
Offizier von hohem Alter, aber von ungebeugter martialischer cavaliermässiger
Haltung. In dem kleinen von Falten umgebenen Auge, das scharf umherblickt, liegt
ein gewisser gutmütiger Humor; er spricht langsam und gegen Männer mit dem
Ausdruck Eines, der zu befehlen gewohnt ist.
    Der Zweite ist ein Garde-Artillerie-Offizier in der vollen stattlichsten
Mannesblüte. Sein frisches Äussere imponirt, seine Bewegungen sind die der
höchsten Gesellschaft und stellen seinen Nachbar in Schatten, der zwar von
gleichem Alter und in einer glänzenden russischen Garde-Uniform, die junge
breite Brust mit Orden bedeckt, doch zuweilen zeigt, dass das Feldlager und
Schlachtgewühl ihm ein gewohnterer Boden, als das Parket eines glänzenden Hofes.
Sein interessantes männlich schönes Gesicht ist eine Verschmelzung slavischer
mit deutschen Zügen.
    Der Herr im schwarzen Civilfrack, auf der Brust eine Reihe von Orden, unter
denen das Hohenzollernkrenz ein Herz deckt, das mit jedem Gedanken, mit Wort und
Tat auf diese Anerkenntniss seines Königs ein Recht hatte, zeigt ein gewisses
Embonpoint, jene solide Behaglichkeit geistreicher Genussmenschen. Für die
letztere Eigenschaft spricht das runde kräftige Kinn, für die erstere das blaue
klare und doch scharfe Auge, die rastlose Beweglichkeit dieses höfischen
gemütlichen Proteusgesichts, das bald Spott und Humor, bald sinnenden Ernst, ja
tiefes Studium zeigt, ewig wechselnd im Ausdruck nach der Stimmung und dem
Stoff, mit dem sich sein Geist augenblicklich beschäftigt, - den Ausdruck,
dessen Vielseitigkeit auf die Leinwand zu fesseln der geniale Pinsel Adams's
allein vermocht hat.
    Der fortschreitende Geist der Zeit hat nicht allein die Völker, sondern auch
die Höfe der Fürsten geläutert. An Stelle der Grumbkow's sind Männer wie
Humboldt und Jener getreten, das schönste Zeugnis für den erhabenen Standpunkt
Dessen, der ihnen das Vertrauen seiner Mussestunden zugewendet.
    »Sie sind uns noch den hohen Scherz schuldig, Prinz Kraft,« sagte die
sitzende Dame mit dem strengen Ausdruck, »über den unser Hofrat so viel
gelacht. Mon Dieu, wäre er nicht für unsere Ohren?«
    »Warum nicht, meine gnädigste Gräfin,« erwiederte der junge Offizier. »Ich
überbrachte die telegraphische Depesche von Wien, welche für morgen die Ankunft
Ihrer Majestät der Königin von Griechenland meldet; Seine Majestät meinten
heiter scherzend: Das Hotel zum Schwarzen Adler wäre in diesem Sommer doch das
besuchteste von ganz Berlin.«
    »Wenn Ihre Majestät die Königin von Griechenland kommt,« bemerkte mit
leichter Satyre die hohe Dame am Orangenbaum, »so werden wir Gelegenheit haben,
zu erfahren, ob Ihr Herr Caraiskakis oder Grivas noch am Leben, lieber Hofrat?«
    »Es ist doch recht abscheulich von Ihnen,« sagte die junge Blondine, »dass
Sie das arme Marketendermädchen so grausam sterben lassen. Sie sind sonst so ein
herzensguter Mann und lesen uns manchmal so liebe komische Dinge, dass ich gar
nicht begreife, wie Sie so grausam sein können.«
    »Also Sie haben das Buch auch gelesen, ma chère?« fragte scharf die ältere
Dame, »Sie leugneten es doch neulich auf das Bestimmteste.«
    Das reizende Gesichtchen der jungen Baronesse überzog sich mit Rot. »Es
fielen mir neulich einzelne Hefte bei meiner Schwester in Berlin in die Hände,
deren Gemahl sich dafür interessirt. Die Beschreibungen der Schlachten sind
wirklich - wie soll ich sagen, recht unterhaltend, namentlich wenn man jetzt die
Herren vor sich sieht, die darin mitgekämpft. Haben Sie nicht auch die
militairischen Schilderungen recht pikant gefunden, Excellenz?«
    »Verzeihen Baroness,« sagte der alte Feldmarschall trocken, »ich lese
dergleichen Zeug's nicht. Ich begreife nicht, wie sich hier der Hofrat, seiner
Zeit ein ganz verständiger Soldat, mit so nichtsnutzigem Geschreibsel befassen
kann!«
    Der Hofrat wehrte mit Hand und Mund. »Ich bitte Euer Excellenz und Sie
meine gnädigsten Damen auf das Untertänigste, doch endlich Akt zu nehmen von
meinem Protest. Ich werde doch gewiss nicht einen solchen Verstoss begehen, ein
Buch zu schreiben, in dem allerlei lebende hohe und verehrungswürdige
Persönlichkeiten mit so frevelhafter Dreistigkeit behandelt sind.«
    »Sie haben Recht, lieber Hofrat,« sagte die ältere Dame, »ich traue Ihnen
so Etwas nicht zu, obschon Sie manchmal gewisse kleine Tücken noch immer nicht
ablegen können. Nicht wahr, ma Comtesse, Sie sind auch meiner Meinung?«
    Die schöne Dame am Baum klappte mit einem leichten ironischen Lächeln den
Fächer zu. »Man hätte am Ende gar noch zu befürchten, selbst zur Staffage der
Scenen des unbekannten Autors zu dienen!«
    »Himmel! was denken Sie, meine Liebe, - eine solche Anmassung! Ich schicke
Ihnen morgen Ihr hässliches Buch durch meinen Diener zurück, Hofrat, ich mag es
gar nicht zu Ende lesen; es war ohnehin unverantwortlich von dem Autor, wer der
Herr auch sei, so lange mit dem Schluss uns warten zu lassen.«
    »Ich traue Ihnen doch nicht, Hofrat,« sagte der Artillerie-Offizier, »die
allgemeine Stimme hält Sie oder den Kabinetsrat für den geheimen Verfasser oder
Faiseur, denn es ist unglaublich, dass einem der gewöhnlichen Herren von der
Feder alle die Hilfsquellen und Mittel zu Gebote gestanden hätten, die offenbar
zu dem Buche benutzt sind.«
    »Auf meine Ehre, Durchlaucht,« beteuerte der Hofmann, »Sie tun mir
Unrecht. Der Autor, wenigstens der, den ich dafür halten muss und den ich
freilich das Unglück habe zu kennen, der mir aber gewiss selbst noch irgend eine
Bosheit für das Gerücht spielt, war heute im Park. Ich sah ihn unter dem
Publikum bei dem Fest.«
    »Ei, und Sie zeigten ihn uns nicht? Sein Name?«
    Der in die Enge getriebene Hofrat nannte nach einigem Sträuben, als die
Hand der schönen Dame sich halb schmeichelnd halb befehlend auf seinen Arm
legte, den bescheidenen Schriftsteller-Namen.
    Niemand zollte ihm weitere Aufmerksamkeit, als der Russe; - mit der
Gewöhnlichkeit eines Namens schwindet ja so häufig das Interesse an irgend einer
bis dahin pikanten Erscheinung.
    Der russische Capitain bat den Hofmann, den Namen zu wiederholen, was dieser
mit seiner einschmeichelnden Gefälligkeit tat. »Er wird vielleicht ein kleines
Interesse für Sie haben, Herr von Potemkin, weil Sie selbst ja jene blutigen
Tage so ehrenvoll mit durchkämpft,« er deutete fein auf die Orden. »Ja - es ist
merkwürdig, ich erinnere mich sogar, dass Ihr in Russlands Geschichte so berühmter
Name in eine Scene an der Donau, ich glaube, bei der Verwundung des Generals
Schilder, verflochten ist.«
    »Ich stand allerdings bei Silistria und hatte bei Inkerman die Ehre, Seiner
Kaiserlichen Hoheit bekannt und deshalb zu Höchstseinem Stabe befördert zu
werden. Das Buch, von dem Sie sprechen, mein Herr, ist mir jedoch unbekannt und
ich fragte bloss nach dem Namen, weil er der meiner verstorbenen Mutter ist. Sie
war eine Deutsche und mein Vater lernte sie in dem Feldzuge von 1813 kennen.«
    »Ihre gnädige Frau Mutter hat vielleicht Verwandte bei uns?«
    »Ich weiss es nicht - meine Mutter starb sehr jung - man sagte mir später, am
Heimweh. Ich habe nie den meinen Verwandten gehört und mein Kriegerleben von
Jugend auf hat mich auch gehindert, danach zu forschen.«
    Die Gesellschaft erhob sich, denn es zeigte sich eine Bewegung am mittlern
Pavillon und aus den Laubgängen von der Seite der berühmten Mühle von Sanssouci
her kam, von hohen Militairs gefolgt, ein majestätisch stattlicher Offizier in
der Uniform eines preussischen Ulanen-Regiments. Der Feldmarschall ging ihm
sogleich ehrerbietig entgegen.
    »Bitte, bester Hofrat,« flüsterte im Vorübergehen die junge blasse
Baronesse dem Civilisten zu, »fragen Sie doch den Herrn, was aus der Gräfin
Iwanowna geworden und ob sie sich wirklich noch bekommen haben?«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In der schattigen Allee, nahe der prächtigen und künstlerisch sinnigen
Idylle, mit deren Namen ein mächtiger Fürst das Andenken seiner erhabenen
Schwester feierte, und die in früheren Zeiten, als der unvergessliche, heilig
verehrte Vater noch die Krone trug, sein Lieblingsaufentalt war, gingen zwei
Männer spazieren, von einem blonden kräftigen Knaben gefolgt.
    Wir sind ihnen früher begegnet - auf der Rennbahn bei Berlin, dem
Journalisten mit dem losen Mund und seinem Freund, dem Arzt, der damals nach
Sebastopol ging. Er ist zurückgekommen aus den südlichen Steppen des russischen
Kaiserreichs, wo er nach dem Fall von Sebastopol sich eine Existenz gegründet
hat, um noch ein Mal die hochbetagte Mutter zu sehen und die Freundin, die
treulich auf ihn, den längst in Russland Verheirateten in stiller unerkannter
Liebe gehofft.
    »Sagen Sie mir, lieber Freund,« fragte der Doctor, »was ist aus der
vornehmen schönen Dame geworden, der wir damals zufällig Gelegenheit hatten,
einen kleinen Dienst zu erweisen? - Besuchen Sie noch ihr Haus, wohin der Herr
Gemahl Sie eingeladen?«
    »Der Graf ist vor etwa zwei Jahren gestorben und hat sie als reiche Frau
hinterlassen. Die Gräfin hat jedoch vorgezogen, die erneuerten Bewerbungen des
früheren Verehrers zurückzuweisen, und statt am Cap der guten Hoffnung sich
unter den Kaffern und Buschmännern anzusiedeln, mit - einem hübschen an
Kindesstatt adoptirten Mädchen auf eines ihrer Güter in Schlesien
zurückzuziehen. Doch bei der Erwähnung fällt mir ein, dass Sie ja damals auch mit
einer der Persönlichkeiten bekannt wurden, denen man später den gemeinen Verrat
der von untreuen Dienern erkauften russischen Depeschen an Frankreich und
England schuld gab.«
    »Wen meinen Sie?«
    »Den Mann, der das Geheimnis der armen Frau von jenem abscheulichen Weibe
erfahren wollte und leider auch wirklich später durch einen unglücklichen Zufall
erfahren hat. Er sog sich wie ein Blutigel an dem Erlauschten fest und erst der
Tod ihres Gemahls befreite die Gräfin von seinen Erpressungen.«
    »Es erfolgten ja damals wohl verschiedene Verurteilungen?«
    »Das Sprüchwort von den kleinen und grossen Dieben hat sich nur teilweise
bewahrheitet. Es schwebt immer noch ein gewissen Geheimnis über der Sache, das
die eben verbreitete Nachricht eines Berliner Blattes von der Anstellung einer
der Hauptpersonen keineswegs geeignet ist, aufzuklären. Ein Opfer ist freilich
der Justiz gefallen. Wenn man, wie Andere, aus aller Zeit dreitausend Taler
Anteil an gewissen Versicherungsgesellschaften bezieht, kann man wenigstens den
Folgen Trotz bieten. Die Polizeiakten einer nordischen Provinzial-Residenz
sollen darüber interessante Daten liefern.«
    »Lassen Sie mich etwas Anderes fragen. Wollen Sie denn Ihr Buch nicht
beenden? So viele der lebendigen Figuren, an denen der Leser reges Interesse
genommen, sind ohne Abschluss geblieben.«
    Der Journalist lächelte spöttisch, indem er dem Knaben, der neben ihn
getreten, das blonde Haar aus der Stirn strich. »Warum denn Alles immer
erschöpfen bis auf die Hefe der Alltäglichkeit? Sind wir nicht schon Philister
genug? Soll ich ihnen etwa erzählen, dass der deutsche Demokrat und seine
schwarze Gattin von Mariam's Todesgeschenk glücklich und zufrieden unter dem
Schutz der despotischen Herrschaft des Doppeladlers in Odessa leben, die
schwarze Frau ihrer Liebe und er in weitem Wirkungskreise geehrt und gesucht? -
Sie selbst sind dem Paar ja dort begegnet und wissen, dass er das beste Teil
erwählt; denn mit der Mohrin am Arm wäre in den Berliner Strassen ihm die
löbliche Gassenjugend nachgelaufen und hätte Pietsch gespielt!«
    »Aber Méricourt? Iwanowna?«
    »Auf den hohen Bergebenen des freien Daghestan soll ein Haus stehen, halb
Palanka, halb Villa, das der Gattin Djemaladin's gehört, des verschollenen
Tscherkessenprinzen, die er sich geholt in sternenloser Nacht am Ufer des Kuban.
Dort wohnt ein fremder Krieger mit seinem Weibe, - sie Beide haben Namen und
Glanz aufgegeben und mit der Vergangenheit gebrochen; er schwingt den Säbel
nicht mehr für Ehre und Fürstengunst, sondern nur, wenn die Gefahr es heischt,
für die heiligen Nationalrechte eines freien Volkes; sie vergisst im Arm der
Freundschaft und Liebe den undankbaren Fluch eines Bruders. Ob es Méricourt, ob
Iwanowna, das Paar, von dem ich hörte - ich weiss es nicht! Was kümmern mich die
Briefe an Herrn Nöhring, meinen Verleger, die nach ihrem Schicksal fragen.
Wollen Sie die Badeliste von Kissingen lesen, - Sie finden vielleicht Fürst Iwan
darin. Durch die französischen und deutschen Blätter lief schon im vergangenen
Winter die artige Anecdote von dem Zuaven-Sergeanten, der ein Kind in den
Trümmern von Sebastopol unverletzt in den Armen einer blutbedeckten, anscheinend
todten Frau fand und mit sich nahm. Eine trauernde Dame - so lautet die
Geschichte der Zeitungen - steigt eines Tages, nachdem die Presse viel von dem
kleinen Regimentsknäblein der Zuaven erzählt hat, in Begleitung von Freunden an
der Kaserne der Rue de la Pépinière ab; sie fragt nach dem Sergeanten B ......,
man sagt ihr, der Herr Lieutenant wohne in der Nachbarschaft. Die Besucher
begeben sich dahin. Als die junge Frau in das bescheidene Zimmer des Offiziers
tritt, sinkt sie ohnmächtig auf einen Stuhl; sie hat das Kind, das sie zu
Sebastopol verlor, spielend am Boden erkannt. Lieutenant B. erzählt einfach, was
er getan, und indem er die älteren Rechte ehrt, bittet er nur um die Erkaubniss,
den Kleinen von Zeit zu Zeit umarmen zu dürfen. Der Bericht fügt bei, dass der
Knabe im Hôtel der schönen russischen Dame mit dem französischen Namen bald
Vater und Mutter haben würde. Sind Sie nun befriedigt?«
    »Aber - - -«
    »Kein Aber, Freund, ich habe genug schon gegen das eigene Gefühl gesündigt.
Da blicken Sie hin, ein Stück Geschichte aus der Gegenwart, das interessanter
ist, als jede Romanfigur. Die Mütze ab, mein Junge, hier kommen Die, vor denen
sie jeder Preusse zieht.«
    Equipagen, gallonirte Vorreiter voran, die prächtigen Rappen des Trakehner
Gestüts biegen in die Allee und halten vor dem Eingang von Charlottenhof.
Ehrerbietig ziehen sich die Zuschauer in die Umgebung des berühmten Rosengartens
der Villa zurück. Der prächtige Blumenflor ist zwar längst vorbei, die Hitze des
Sommers hatte die Blätter vor ihrer Zeit verdorrt, die Winde haben den Rest
zerstreut in die Lüfte und blütenleer stehen die mit seltener Kunst gezogenen
und gepflegten Stämme.
    Nur an einem Zweig noch blüht in sich entfaltender Pracht eine dunkle
Granatrose, gleich einem schimmernden Blutfleck auf dem grünen Gewand der
Blätter. Herrlich ist ihr Kelch aufgetan, süss der Duft, der ihr entströmt.
    In ehrerbietiger Ferne halten sich die wenigen zufällig Anwesenden, als die
hohe Gesellschaft aus dem grünen Rondeel der prächtigen Villa tretend, den
leeren Rosengarten durchwandelt. Eine Dame, in einen Schleier gehüllt, die
Farben ihrer Robe blau und weiss, wird von einem jungen stattlichen Offizier
geführt; der hohe Mann, den auf der Terrasse der Feldmarschall begrüsste, geht an
ihrer andern Seite, mit einer still freundlichen Dame sich unterhaltend, die
jenen höchsten Ruhm des Frauenhaften selbst auf einem Trone geniesst, dass nur
bei Werken des Segens von ihr gesprochen wird. Ein ältlicher, etwas starker Herr
von etwa 60 Jahren, in einfacher Uniform, promenirt, mit einem jungen reizenden
Mädchen plaudernd, voraus. Seine Stirn ist hoch, das runde offene Gesicht voll
Seelengüte und Würde, die von der Kurzsichtigkeit und dem Bedürfnis, sich eines
Glases zu bedienen, häufig zwinkernden Augen leuchten Humor und Geist. Der Herr
bleibt vor der Rose stehen und betrachtet sie durch das Glas. »Ah magnifique!
Sehen Sie einmal, schöne Nichte, ist das nicht deliciös? Noch so spät und so
süperbe Entfaltung!« Er verweilt einen Augenblick, während der hohe Kreis weiter
schreitet. Sein Auge fällt auf eine Gruppe, die in einem Seitengang des Gartens
steht - ein hoher, alter und ehrwürdig aussehender Mann von feiner
aristokratischer Haltung, an seiner Hand ein junges reizendes Mädchen, und neben
ihnen ein schlichter, einfacher Arbeiter in kräftigen Mannesjahren, mit einer
offenen Blouse und einem grauen Hut bekleidet, den er jetzt in der Hand trägt
und der um einer preussischen Kokarde geschmückt ist, obschon der Mann etwas
Fremdes in seinem Äußern zeigt.
    Die kleine Gesellschaft ist schon früher dem Arzt und Journalisten
aufgefallen, wie sie jetzt dem hohen Herrn am Rosenbaum auffällt. Er winkt ihr,
näher zu treten, und der alte Mann, die Hand des Mädchens fassend, gefolgt von
dem Handwerker, naht sich mit ehrerbietigen, von der feinsten Tournüre zeigenden
Verbeugungen.
    »Wer sind Sie? - Sind Sie fremd hier?«
    »Sire! ich nenne mich Ereuxdeven! und komme aus - aus dem neuen Canton
Neuenburg, Sie noch ein Mal zu sehen, ehe ich mein Haupt niederlege auf die Erde
meiner und Ihrer Väter.«
    Der hohe Herr scheint betroffen von der Auskunft, die er erhalten. Auf
seinem Antlitz zeigt sich eine schmerzliche tiefe Bewegung. Er sucht sie mit
Gewalt zurückzudrängen.
    »Ist dies Ihre Tochter, Herr Graf?«
    »Mein einziges Kind, Sire, ihre Mutter war aus der Familie Gélieu. Hätte
Gott meine Ehe mit Söhnen gesegnet, Sire, so würden diese Sie um eine neue
Heimat gebeten haben. Ich bin zu alt, um die gewohnte noch zu verlassen. Diesen
Mann hier, den Milchbruder meiner Tochter, den Montagnard mit preussischem
Herzen, begleiten wir auf dem Weg nach Schlesien, wo er sich anzusiedeln
gedenkt.«
    Wiederum zuckt es schwer und trübe über das Antlitz des hohen Herrn. Seine
Hand bricht unwillkürlich achtlos, wie krampfend vom innern Schmerz, die Rose
von dem Strauch an seiner Seite. -
    »Sire!« sagt der Greis, »leben Sie wohl! Möge Gott Sie und Ihr hohes Haus
segnen, unser Herz bleibt das Ihre, auch wenn Ihr Premier nicht den preussischen
Friedrichsd'or für den neuenburger Groschen wagen wollte!«
    »Schweigen Sie, Herr Graf!«
    Der Greis beugt sich auf seine Hand und küsst sie. In die Augen des hohen
Herrn steigt es trübe empor - ein Tropfen - ein kostbares heiliges Nass fällt auf
die Rose in seiner Linken; dann reicht er sie dem jungen Mädchen und mit den
Worten: »Nehmen Sie, mein gnädiges Fräulein - zum Andenken, und bewahren Sie
Alle das meine - wie ich -« wendet er sich hastig ab und schreitet sichtlich
bewegt seiner hohen Gesellschaft zu.
    Der majestätische Offizier in der Ulanen-Uniform tritt ihm entgegen mit
einem Blick nach jener Gruppe: »Immer freundlich und huldreich gegen die Damen,
mein Oheim?!«
    Ein schweres trübes Lächeln liegt um den Mund des Herrn, als er den ernsten
Blick zuerst auf der hohen Dame in Weiss und Blau ruhen lässt und ihn dann auf den
Fragenden wendet: »Verzeihung, mon neveu, dass ich Sie warten liess. Ich tauschte
eben die letzte Rose von Charlottenhof für das Vergissmeinnicht von Sebastopol!«
                                     Ende.
 
    