
        
                        Friedrich Wilhelm von Hackländer
                           Europäisches Sklavenleben
                                   Erster Band
                                 Erstes Kapitel.
                               Der Teaterwagen.
Es ist eigentümlich, teurer und geneigter Leser, dass man beim Beginn einer
Geschichte so gern Betrachtungen über das Wetter anstellt, - eigentümlich, aber
durchaus notwendig. Was wollte man zum Beispiel von einem Gemälde halten, wo
sich die Figuren - und wären sie auch noch so interessant - in einer Staffage
bewegten, von der man nicht sagen könnte, von welcher der vier Jahreszeiten sie
gerade beherrscht werde. Es bringt den Leser nichts so in eine angenehme
Stimmung, als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfährt, die Sonne habe mit
voller Glut geschienen, der Wind habe gesaust oder der Regen in schweren
Tropfen an die Fensterscheiben geklatscht. Bei uns findet er aber von diesen
drei ebengenannten Dingen nichts; unsere einfache und dieses Mal vorzugsweise
sehr wahrhaftige Geschichte beginnt im Winter, - jener Jahreszeit, wo man die
Natur als erstorben betrachtet, ihr als unschön so gern den Rücken kehrt, um in
glänzende, durchwärmte Säle einzutreten und sich an künstlichen Blumen und
Freuden zu ergötzen, da man lebendige und natürliche so wenige gefunden.
    Aber man tut Unrecht, geneigter Leser; es gibt Wintertage, deren
eigentümliche Schönheit wir nicht vertauschen möchten für den blütenreichsten
Frühlingsmorgen, für den glänzendsten Sommerabend. Wir meinen nämlich einen
Wintertag, wo die Erde nach einem Tauwetter oder nach einem gelinden Regen mit
schweren Nebeln bedeckt war, wo alsdann diese Nebel durch eine plötzliche Kälte
zu dichtem Reif erstarrten, wo sich der Boden mit einem Male weiss bezog, ohne
aber verhüllt zu sein durch eine langweilige einförmige Schneedecke, die in
ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Tal zudeckt und ohne Unterschied
begräbt und verbirgt endlose Wiesen und Moorgründe, stille Täler, kleine Seen
und allerliebste Gärten. - Gewiss, jener so plötzlich angesetzte Reif ist
wunderbar schön; jene Verhüllung, wo doch Alles in seiner ursprünglichen Gestalt
erscheint, nur mit weissem, feinem Pelze bedeckt. Die dunkle Erde schimmert
leicht durch den Flaum, es ist kein Tal, keine Schlucht verdeckt: Alles behält
die ihm eigene Gestalt. Dort auf der Wiese scheint weisses Gras zu wachsen; die
kleinen Sträucher sind mit den feinsten Kristallen bedeckt; wenn man einen Baum
ansieht, so möchte man darauf schwören, seine Zweige seien von Zucker und er
erwarte nur, wie er da ist, auf irgend eine Weihnachtstafel gesetzt zu werden.
    dabei ist die Luft klar und scharf, und wenn du einen Berg hinansteigst, so
zieht dein Atem in einer bläulichen Wolke dir voraus; während du aber durch den
Hohlweg gehst, um zu dem Plateau zu gelangen, wo die alte Strasse mit der neuen
Chaussee zusammentrifft, und wo du die weite, grosse Stadt übersehen kannst,
versäume es ja nicht, rechts und links zu blicken und dir genau zu betrachten
einen Stein, einen Strauch, ja jeden Gegenstand, den du willst; denn wenn du am
heutigen glückseligen Tage irgend etwas genau untersuchst, so entdeckst du
Zaubereien ohne Ende, ganze Eiswelten in jedem Massstabe. Hier von der Wand des
Hohlwegs herab hingen gestern noch die kahlen erstorbenen Zweige einer
Brombeerstaude, nass, fast triefend von dem angesetzten Nebel, heute ist daraus
ein Brillantschmuck geworden, würdig, den Hut einer Fürstin zu zieren, ein
Schmuck von Tausenden von Diamantblumen in der phantastischsten Gestalt, und
jetzt, wo ein Strahl der Sonne darüber hingleitet, glänzend wie eine ganze
Million von Lichtbergen. Ja, so ein Tag verschönert mehr als Frühlingsluft und
Sommerhitze; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen, gestern noch
kahl, mit einigen mageren Grashalmen und zerstreutem Stroh, der heute mit einem
Mal eine ganze Eisresidenz geworden! Weisse Steine bilden eine förmliche Stadt,
die rings von Zaubergärten eingeschlossen ist; man muss nur genau hinsehen und
das Ding nicht oberflächlich betrachten. Es sind da Strassen und Plätze mit den
regelmässigsten Alleen von weissbereiften Grashalmen, auch imposante Waldungen;
nur Alles, was im Sommer grün erscheint, ist jetzt weiss und hat eine fabelhafte
Form. - Ah! es ist schade, dass unsere Illusion durch einen Sperling gestört
wird, der jetzt plötzlich in die Stadt hineinfliegt und den grössten Platz mit
seinen beiden Füssen bedeckt. Aber auch er gehört zur Zauberwelt, denn wie er
jetzt nach einem Regenwurme pickt, den Kopf in den Reif steckt, ihn wieder empor
hebt, und ihn dann mit der Beute hin und her schlenkert, stieben von allen
Seiten funkelnde Brillanten davon. Doch gehen wir weiter.
    Wenn wir uns auch nicht mehr so in's Detail einlassen wollen, so erblicken
wir doch Sachen, die nicht minder merkwürdig sind. Auf der Spitze des Berges
steht eine kleine Laube, vom Ende eines Gehölzes blickt sie in's Tal; ihre
Mauern haben eine rötliche Farbe, zwei Fenster funkeln wie Augen. Ueber das
Dach schlingen sich wilde Reben, vielleicht auch Geisblatt, und hängen an den
Seiten herab, Alles mit Reif überzogen; sie verleihen der Front des Häuschens,
das in der Entfernung wie ein colossales Riesenhaupt aussieht, schneeweisses Haar
und silberfarbenen Bart. Es ist täuschend, dies Riesenhaupt, und wenn man es so
über den Berg herüberlugen sieht, so wendet man unwillkürlich seinen Blick, um
zu sehen, was es da unten Merkwürdiges gebe.
    Ah! es ist die grosse Stadt, die vor uns weit ausgestreckt im Tale liegt; in
allen Farben zeigen sich die Häuser, ein wahres Chaos von Grau, Grün, Rot,
Blau, Schwarz mit ebenso vielen Schattirungen und unbeschreiblichen Tönen.
Dazwischen heben sich die riesenhaften Türme zahlreicher Kirchen hervor, sind
aber trotz ihrer ausgezeichneten Gestalt nicht deutlich zu erkennen, denn der
Nebel von gestern und vorgestern erscheint plötzlich wieder und zieht graue
Schleier über die Stadt; dazu dampfen Tausende von Schornsteinen und Alles das
bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch
welche man nur noch in einzelnen Umrissen die Häusermassen ahnet. Doch wird der
Nebel nicht oben bleiben: er sinkt zusehends tiefer und tiefer und gibt uns
jetzt einen neuen unbeschreiblich schönen Anblick. Gänzlich verschwunden ist die
Stadt und es ist gerade, als ständen wir am Rande eines ungeheuren See's - jenes
verzauberten See's, dessen wir uns aus unserer Kindheit erinnern, in welchem die
versunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir sie auch nicht sehen, doch hören. An
unser Ohr schlägt dumpfes Murmeln und Rasseln, zuweilen rollt es deutlich auf
dem Pflaster, und wenn wir noch nicht überzeugt waren, so sind wir es im
nächsten Augenblicke, denn viele Uhren schlagen hell und deutlich die vierte
Nachmittagsstunde.
    Da nun aber die vierte Nachmittagsstunde an einem Tage im Monat Dezember
nicht weit von der Nacht entfernt ist, so wollen wir unsere Zauberlandschaft
verlassen und uns zur Stadt hinab begeben. Fürchte sich der geneigte Leser nicht
vor dem Nebel: er scheint artig gegen uns zu sein und sinkt schneller hinab als
wir gehen. Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der scheinbaren
Wasserflut empor, und jetzt, da wir das Tor erreichen, sind die grauen
Schleier mit Hülfe eines leichten Abendwindes zerrissen und wehen nur noch in
einzelnen Stücken um unser Gesicht, während sie eilig gen Süden fliehen. Auch
die Sonne berührt uns mit einem letzten Blick und färbt die Landschaft rosig und
violett.
    Das Ende einer langen Strasse, in der wir wandeln, führt in's Freie und
zeigt, wie holdselig die Sonne der Erde gute Nacht sagt. In unnennbar süsse
beruhigende Farben hüllt sich die Landschaft ein, bevor sie in Schlummer sinkt,
und wie ein liebendes »Gute Nacht!« zittert der letzte Strahl der sinkenden
Sonne über sie dahin. - Die stattlichen Gebäude zu unserer Rechten empfangen
diesen letzten Gruss schon kälter und gesetzter; es fallen tiefe, scharf
ausgeprägte Schatten der gegenüberliegenden Häuser schon auf ihre oberen
Stockwerke; nur Fries und Dach ist noch hell beleuchtet. Diese Schatten steigen
langsam empor, wie eine Schlafdecke; denn wenn sie das ganze Haus eingehüllt
haben, kommt die Nacht, und es schliesst seine müden Augen. - - Dass die Sonne nun
endlich hinter den Bergen niedersinkt, bemerkt man an einer Gaslaterne, die
draussen einsam vor dem Tore steht, denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor
wenig Augenblicken ein helles Licht, ein Licht, das darauf tief rötlich
niederstrahlte und plötzlich ganz verschwand.
    Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas später sind um diese Jahreszeit
die Strassen einer grossen Stadt ziemlich belebt; man besorgt noch seine Gänge vor
der einbrechenden Nacht, man schliesst viele Gewölbe und Läden, und dann haben
auch alle Schulen ihre Tore geöffnet und ausgespieen eine Legion kleiner
Vagabunden, die nun in gewisser Beziehung Strassen und Plätze ziemlich unsicher
machen. Da werden Trottoirs benützt zu Schleifbahnen, die kleinen Bursche fassen
Posto hinter einander, ihre Tornister auf dem Rücken, und wer zufällig mitten
zwischen sie hinein und auf das glatte Eis gerät, wird ohne alle Barmherzigkeit
niedergerannt. Was die Schneeballen anbelangt, so hat der Himmel bis jetzt ein
Einsehen gehabt und gönnte der Jugend noch nicht dieses Vergnügen zum Schaden
ihrer Nebenmenschen. In der Nähe der Schule, wenn auch nicht unmittelbar vor dem
Hause selbst, ist der Lärmen nun eine Zeit lang am stärksten. Wenn so der ganze
Strom aus dem Tore stürzt, so scheint jeden nur die Lust zu treiben, endlich
in's Freie zu kommen; sind sie aber draussen, so finden sie sich gleich wieder in
einzelnen Gruppen zusammen, einer der Schlimmsten gibt den Ton an, und dann
ziehen sie, wie es heisst, nach Hause, in Wahrheit aber auf so grossen Umwegen,
dass die Glocken schon alle Fünf geschlagen haben, bis die letzten und wildesten
mit blauen Nasen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten, wo
Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat.
    Auf den Strassen und Plätzen ist es nunmehr wieder ruhiger geworden; wer
draussen nichts zu tun hat, bleibt im geheizten Zimmer; zum Spazierengehen und
Fahren ist es zu spät, und die Zeit, wo man Gesellschaften besucht, noch nicht
herangerückt. Es dämmert bereits; der Laternenanzünder mit seinem langen Stocke,
an welchem oben ein kleines Lichtchen sich befindet, läuft eilig durch die
Strassen, und selbst ernstafte Vorübergehende unterbrechen zuweilen einen
Augenblick ihren Gang, um zuzusehen, wie die Flamme so plötzlich emporstrahlt.
Auch die Läden erleuchten sich nach und nach, und helles Licht zeigt die
ausgelegten Stoffe in doppelt schönen Farben und verlockt allenfallsige Käufer.
    Um diese Zeit, geneigter Leser, rollt ein Wagen über die Strassen der Stadt,
meistens durch jene Viertel, wo sonst nicht viele Equipagen zu sehen sind.
Dieser Wagen, eine breite Glascalesche, kommt aus den königlichen
Marstallsgebäuden und ist gewöhnlich bespannt mit zwei Rappen; auf dem Bock
sitzt ein alter Kutscher mit weissen Haaren in einen dicken blauen Mantel gehüllt
und mit ziemlich mürrischem Gesicht. Als dieser Würdige am heutigen Tage die
Zügel in die Hand nahm, fragte er einen Bedienten im blauen Ueberrock, der im
Begriff war, hinten aufzuklettern: »Wird Alles geholt?« worauf dieser erwiderte:
»Alles.« -
    So rollt der Wagen dahin, und der Bediente hintenauf hält sich bequem an den
Riemen desselben fest und schlenkert sanft hin und her; er hat im Gegensatz zum
Kutscher ein freundliches, stets lächelndes Gesicht, und er würde seinem
Collegen gern ein Wort mitteilen, doch weiss er wohl, dass er von dem da vornen
keine Antwort bekommt.
    In den entlegeneren Strassen, wohin der Wagen fährt, hält er meistens vor den
kleinsten, unscheinbarsten Häusern. Dort springt der Bediente vom Tritt herab,
zieht heftig an einer Klingel, die aussen am Hause angebracht ist und wartet
alsdann, während der alte Kutscher seine Zügel nachlässt, noch ein paar Zoll mehr
zusammensinkt und die Peitsche auf den Schenkel aufstützt. Nachdem die Klingel
ertönt, öffnet sich irgendwo im Haus ein Fenster, ein Kopf sieht heraus und es
wird herabgerufen: »Gleich, gleich, Schwindelmann! Ich will nur meinen Kaffee
austrinken;« oder: »Ich packe gerade meinen Korb zusammen.« Darauf brummt der
Kutscher etwas in den Bart, Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hüpft von
einem Fuss auf den andern, um sich warm zu machen. Bald nachher hört man Tritte
auf der Treppe des kleinen Hauses; die Türe öffnet sich und ein junges Mädchen
erscheint in derselben, fest in ein grosses Tuch oder einen Mantel gewickelt,
während hinter ihr eine Schwester oder eine Mutter ein grosses Paket, einen Korb
oder dergleichen im Arme hat, welchen Schwindelmann sogleich übernimmt und in
den Wagen befördert. Dann lässt er den Tritt herunter, und wenn der Wagen dicht
am Hause vorgefahren oder die Strasse gerade trocken ist, so hüpft die junge
Dame, die unter der Haustüre steht, gewöhnlich mit einem einzigen Sprung in den
Wagen. Ist es aber schmutzig oder die Calesche hat nicht recht herangekonnt, so
sagt das Mädchen auf der Hausschwelle: »Schwindelmann, sei artig«, und dann
lacht Schwindelmann, hebt sie so leicht auf, wie vorhin das Paket und befördert
sie mit einer schwingenden Bewegung in den Wagen, schliesst den Schlag und lässt
sogleich weiter fahren.
    Das geschieht so an vier bis fünf Häusern nach einander, und da hiebei der
Wagen durch eben soviel junge Damen angefüllt wird, so tritt Schwindelmann an
den Schlag und fragt: »Haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei, oder müssen wir
heimfahren?« Er jetzt auch wohl hinzu: »Es wird kalt heute Abend und der alte
Andreas möchte früh nach Haus! Ihr könnt wohl ein Bischen zusammenrücken.« Und
dann lachen die drinnen meistens laut auf, es kreischt auch hie und da Eine, die
ein wenig an ihre Füsse gestossen wurde; da aber die Calesche breit ist und die
Mädchen den alten Andreas gut leiden können, so drücken sie sich zusammen und
machen noch Platz für Zwei, Drei, so dass der Wagen oft mit Acht dahinrollt,
nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder, die unterwegs ebenfalls noch
mitgenommen werden, die sich aber sehr dünn machen und rechts und links am
Schlage stehen bleiben müssen. Die Pakete und Körbe allein verursachen dem
ehrlichen Schwindelmann einige Verlegenheiten. Wenn es gutes Wetter ist, weiss er
sich zu helfen; er bepackt alsdann die ganze Decke der Calesche, schiebt dem
brummenden Andreas auch zuweilen eines der Passagierstücke auf den Sitz, er
selbst nimmt nicht selten einen grossen Korb auf den Kopf, das heisst, wenn es
unterdessen dunkel geworden ist, und so rollt der Wagen dahin, die Pferde
langsam trabend, Andreas mürrisch und verdriesslich, und die junge weibliche Welt
im Innern meistens lustig und heiter und tausend gute und schlechte Witze
machend.
    Diese Equipage aber, geneigter Leser, die du in der Residenz wöchentlich
mehrere Male zwischen vier und fünf Uhr Nachmittags bei dir vorüberrollen
siehst, ist der Teaterwagen, von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch
der Tespiskarren genannt, seiner Abstammung nach eine geborene Hofcalesche, die
so lange für die Ehrendamen und Ehrenfräulein benützt wurde, bis diese kostbaren
Wesen behaupteten, nicht länger mit Ehren darin fahren zu können.
    An dem Nachmittage nun, wo unsere Geschichte beginnt, fuhr der Teaterwagen
abermals und ziemlich früh durch die Strassen. Es wurde an diesem Abend ein neues
Ballet gegeben, und das ganze grosse tanzende Personal musste zusammengeholt
werden. Der Wagen war schon ziemlich besetzt und Schwindelmann trat an den
Schlag, um sich zu überzeugen, dass noch für Jemand Platz da sei, oder genugsam
guter Wille, um zusammenzurücken.
    »Wen holen wir noch?« fragte eine Stimme aus dem Wagen.
    »Mamsell Clara,« antwortete der Teaterdiener.
    »Ah! die Prinzessin!« lachte eine andere Tänzerin aus dem Wagen. »Die
vornehmen Plätze sind besetzt; sie wird sich mit einem Rücksitz bequemen
müssen.«
    Und eine Dritte fügte hinzu: »Ich fürchte, Mamsell Clara wird es übel
nehmen, wenn wir sie einladen, als Sechste bei uns zu sitzen.«
    Schwindelmann konnte unter Umständen grob werden, bevor aber dies geschah,
zupfte er sich selbst an einem seiner Ohren, als wenn er sagen wollte: »Mässige
dich.« Heute tat er auch also, mässigte sich aber nicht, sondern entgegnete mit
ziemlich lauter Stimme: »Spart doch euer Geschwätz; wenn Jede von euch auch nur
halb so zufrieden wäre wie die Clara, so brauchte man in der Garderobe ein paar
Ankleiderinnen weniger, und wir würden in der halben Zeit fertig. Pfui Teufel!
so ein Aufheben zu machen! - Wollt ihr oder wollt ihr nicht?«
    »Ich habe im Grunde nichts dagegen,« sagte lachend eine Stimme aus dem
Wagen.
    Zwei Andere erwiderten: »Ich auch nicht, wenn sie sich behelfen will.«
    Und eine Vierte rief: »Ich weiss was Neues: die Clara hat ein Verhältnis mit
dem Schwindelmann; die wird protegirt,« - ein schlechter Witz, über den aber
alle Fünf in Ermangelung eines bessern laut hinaus lachten.
    Unterdessen schlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu, und der
Wagen rollte durch ein paar Strassen, um endlich vor einem alten, aber ziemlich
grossen Hause zu halten. Dies Gebäude mit hohem, spitzem und ausgezacktem
Giebeldach hatte vier Stockwerke, rechnete man aber die Wohnungen in benanntem
hohem Giebel dazu, sechs Etagen, in welchen jedoch wenigstens fünfzehn Familien
wohnten. Abends, wenn die Fenster beleuchtet waren, sah dies Haus aus wie eine
Kaserne oder eine Fabrik, hatte auch sonst mit diesen beiden einige
Aehnlichkeit, denn hier hörte man ein ewiges Summen und Rauschen, und den ganzen
Tag lief Gross und Klein geschäftig die alten, ausgetretenen Treppen auf und ab.
    Schwindelmann sprang von seinem Tritt herab, zog an einer Glocke, die aussen
angebracht war, und kaum ertönte der Klang, als sich auch schon oben hoch im
Giebelfelde ein Fenster öffnete und eine schwache, zitternde Stimme herabrief:
»Gleich, gleich - sie kommt schon.«
    »Sie wird sich wieder recht abhetzen,« sagte nachdenkend Schwindelmann,
worauf die Fünf in dem Wagen ein abermaliges Gelächter erhoben, welches ihnen
aber von dem Teaterdiener die Bemerkung eintrug, dass sie sammt und sonders
keine Schwäne seien.
    Jetzt öffnete sich die Haustüre und zwei Gestalten wurden sichtbar, eine
grössere und eine kleinere. Die grössere war Clara, die kleinere ihre sechsjährige
Schwester, die ein Paketchen unter dem Arm hatte, während die Tänzerin selbst
ein grösseres trug, das auch Schwindelmann sogleich mit ausserordentlicher
Sorgfalt abnahm.
    »Hast du die Näherei?« fragte Clara darauf ihre kleine Schwester. »Gib sie
her, mein Herz, und geh' hinauf, es ist kalt.« Darauf beugte sie sich zu dem
Kinde nieder, nahm das Paketchen aus ihrer kleinen Hand und strich ihr leicht
über das Haar, ehe sie in den Wagen stieg.
    Schwindelmann drückte den Schlag zu und sagte zu dem Kutscher: »In's
Teater!« worauf der Wagen davonrasselte.
    Clara hatte sich leicht in eine Ecke gedrückt und sprach mit einer ruhigen
und sanften Stimme: »Ich kann in der Dunkelheit nicht sehen, wer von euch da
ist, ich sage euch aber insgesammt guten Abend, und es tut mir wahrhaftig leid,
dass ihr meinetwegen so eng zusammenrücken müsst.«
    »O, wir sind das schon gewöhnt,« entgegnete die Tänzerin ihr gegenüber. Und
eine Andere versetzte: »Wenn du nur nicht immer so furchtbar viel Gepäck
mitbrächtest. Was tust du denn heute wieder mit den zwei Paketen?«
    »In dem grossen sind meine Tanzröcke,« erwiderte schüchtern das Mädchen, »und
in dem kleinen - - ja, darin habe ich eine Arbeit.«
    »Eine Arbeit?« lachte eine Stimme aus der andern Ecke. »Bei deinem Fleisse
musst du am Ende noch reich werden.«
    Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, und da der Wagen, der bis
jetzt auf einer chaussirten Strasse gefahren war, das Pflaster erreichte, so
wurde die Conversation plötzlich abgeschnitten. Wenige Minuten nachher fuhr
Andreas bei einem grossen Gebäude vor und hielt dicht an einer erleuchteten
Treppe.
    Das Aussteigen ging wie das Einsteigen vor sich, nur in umgekehrter Ordnung;
zuerst empfing Schwindelmann die Pakete und Körbe, dann half er den
Eigentümerinnen aussteigen. Clara, die zuletzt kam, wurde auch hier von dem
Teaterdiener wieder einigermassen begünstigt. »Da Sie zwei Pakete haben,« sprach
Schwindelmann, »so will ich Ihnen eins hinauftragen.« Hierauf schloss er den
Wagen, sagte dem Kutscher, er müsse um neun Uhr wieder kommen und erstieg hinter
den Tänzerinnen die Treppen.
 
                                Zweites Kapitel.
                         Schwarze und rote Schleifen.
Wenige unserer geneigten Leserinnen werden schon in einer Teatergarderobe
gewesen sein. Von den Lesern gar nicht zu reden; denn für sie sind die
Ankleidezimmer, namentlich die des Ballets, vor, während und nach einer
Vorstellung vollkommen verschlossene und unzugängliche Orte, wir wollen nicht
sagen ein verbotenes Paradies, obgleich sich auch hier wie dort ein Hüter
befindet: vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte, wohl
aber mit grossem Stock, angehörend einem alten invaliden Portier von ziemlich
mürrischem Gemüte, und auf die Privilegien der Teaterankleidezimmer
eifersüchtig wachend wie ein alter Türke. An ihm scheitert alle Bestechung, und
nur wir vermögen es vermittelst der Macht, die uns verliehen, den geneigten
Leser unsichtbar einzuschwärzen.
    Diese Balletgarderobe besteht aus drei ineinandergehenden grossen Zimmern; in
jedem befinden sich mehrere Ankleidespiegel, rechts und links mit Armleuchtern
versehen, die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen.
Diese Armleuchter sind zum Drehen eingerichtet, um dem Spiegelglas eine grössere
oder kleinere Helle zu verleihen; an den Wänden dieser Zimmer befinden sich
kleine, weiss angestrichene Kästen, die wie eben soviele Kommoden aussehen, nur
dass sie statt der Schubladen Doppeltüren haben. Jedes dieser Schränkchen ist
mit dem Namen der Tänzerin versehen, der es angehört, und hier verwahrt sie die
notwendigen Gegenstände zum täglichen Gebrauch, die sie nicht jedesmal mit nach
Hause nehmen will. Es ist das wie der feldkriegsmässig verpackte Tornister eines
guten Soldaten, und entält alle Mittel für unvorhergesehene Fälle. Da befinden
sich neuere und ältere, engere und weitere Tanzschuhe, sowie Vorratsbänder zu
denselben, ein paar Tricots zum Auswechseln, falls irgend ein Unglück geschähe,
kleine Lappen und Flecken von verschiedenen Sorten, Nadeln und Faden von allen
möglichen Grössen und Farben. Auch die Teatertoilettegegenstände sind hier
verwahrt: rote und weisse Schminke, Pomade, Kämme, Haarnadeln, eine Schachtel
voll Magnesia zum Pudern und die notwendige Pfote eines verstorbenen Hasen, um
die weisse Schminke auf dem Gesicht gleichmässig zu verteilen.
    Es mag ungefähr fünf Uhr sein, und der letzte Wagen, den wir begleitet, hat
mit seinem Inhalte das weibliche Balletpersonal vollständig zusammengebracht. In
den drei Zimmern befinden sich vielleicht vierundzwanzig junge Mädchen, die
lachend und plaudernd durcheinander rennen, sich ihrer Mäntel und Halstücher
entledigen, ihre verschiedenen Anzüge ordnen und nun mit Hülfe der
Ankleiderinnen daran gehen, sich von unten herauf anzuziehen. Sonderbar ist es,
dass die Gespräche, namentlich aber Scherzen und Lachen, so lange nicht zum
rechten Durchbruch kommen wollen, bis die Kleider und Unterröcke den Tricots und
enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben. Ist aber erst die ganze
leichtfüssige Schaar unten vollständig gerüstet und bis zur Taille mit den
enganliegenden Tricots versehen, so scheint ein anderer Geist in sie gefahren zu
sein, und Spässe, eigentümliche Attitüden und unaussprechliche Pas wechseln so
drollig ab und werden mit so schallendem Gelächter begleitet, dass sich oftmals
die Oberanzieherin veranlasst sieht, die Hauptschuldigen durch ihre Brille fest
anzusehen und ernstlich um Aufhören des Spektakels zu ersuchen. Hierauf wird
aber das leise Gekicher und die anscheinend harmlosen Spässe doppelt eifrig
fortgesetzt. Ein lauter Schrei erhebt sich dazwischen, denn es wurde heftig an
eine der Türen geklopft; es ist Monsieur Fritz, der Teaterfriseur, der sich
von aussen erkundigt, ob er eintreten dürfe. Alsbald setzen sich die Damen des
ersten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tücher, sowie durch Tanzröcke,
die provisorisch über den Schoss gelegt werden, in gehörige Verfassung, um den
eintretenden jungen unglücklichen Mann gehörig empfangen zu können, was übrigens
nicht ohne einiges Gekreisch abgeht. Wir sagen: unglücklichen jungen Mann, und
zwar aus doppelten Gründen, denn einmal ist es keine Kleinigkeit, vierundzwanzig
junge Mädchen zur Zufriedenheit zu frisiren, und anderenteils hat Monsieur
Fritz den Versuch gemacht, gegen die eine oder die andere der hübschen
Tänzerinnen gelegentlich zu avanciren, was ihm nun bei jeder Veranlassung auf's
Schonungsloseste vorgehalten wird.
    Der Teaterfriseur und Schneider werden seltsamer Weise von den Tänzerinnen
meistens für Wesen gehalten, welche der Liebe unfähig sind, für geschlechtslose
Geschöpfe, und es ist eigentlich sehr gut, dass diese Ansicht besteht, denn sonst
wäre des Zierens und Genirens kein Ende.
    Monsieur Fritz ist also eingetreten; die Türe zum zweiten Zimmer wird
geschlossen, weil man dort noch nicht so weit angezogen ist, und das Frisiren
nimmt unter Scherzen und Lachen seinen Anfang.
    Aber man muss nicht glauben, dass Alle in diesen lustigen Ton mit einstimmen,
dass es Allen gleichgültig ist, wenn die umgeworfene Mantille zufällig von den
Schultern herabrutscht, wenn der Friseur das Haar lockt oder ein Diadem
aufsetzt. Nein, diese Stunde des Anziehens und später des Heraustretens vor die
Lampen, vor das versammelte Publikum, sind für manche dieser armen Mädchen
Stunden der bittersten Qual, ja tiefen Herzeleids. Man wird sagen: warum
brauchen sie Tänzerinnen zu bleiben? Sie sind es ja aus freiem Willen geworden.
- Doch ist diese Ansicht eine vollkommen falsche; ihr Wille wurde und wird nicht
gefragt. Da ist eine Mutter in dürftigen Verhältnissen, die hat zwei kleine
hübsche Mädchen; da sie aber für das tägliche Brod zu Haus arbeiten muss und
keine Magd anschaffen kann, um ihre armen Kinder, wie so viele Reiche und
Glückliche, zu beaufsichtigen und zu verpflegen, so betrachtet sie die
Balletschule als eine gute Gelegenheit, die Kinder zu versorgen und bedenkt
nicht, wie teuer dieselben dieser erste Schritt meistens zu stehen kommt Die
kleinen Mädchen werden untersucht, ob sie gerade Glieder haben, auch hübsche
Augen und gesunde Zähne, und dann werden sie eingeschrieben zu einem äusserlich
oft glänzenden, aber innerlich meistens erbärmlichen Leben. Anfangs betrachtet
man Alles mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend; die kleinen Wesen freuen
sich, wenn sie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen, und
ahnen nicht, dass all' dieses glänzende Schmuckwerk goldene Ketten sind, die sie
zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben fesseln. Dies
Bewusstsein kommt erst nach einigen Jahren und meistens wenn es zu spät ist, wenn
die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletsaal und die
Bühne angewiesen ist, um von der geringen Gage sich und oft noch Eltern und
Geschwister zu erhalten.
    Es ist dies ein Leben, in vielen Fällen schlimmer als das einer wirklichen
Sclavin; ist diese traurig, ist ihr Herz von Kummer und Schmerz zerrissen, so
ist es doch ihrem Herrn gleichgültig, ob sie die Lippen zusammenbeisst, ob eine
Träne über ihre Wange herabträufelt; aber die Tänzerin muss lachen, muss vor den
Lampen eine Glückseligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte.
- Es ist wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare untersucht, ihre Gestalt, ihr
Wuchs, ihre Augen, ihre Zähne, aber das geschieht nur einige Mal in ihrem Leben;
die Tänzerin dagegen muss sich allabendlich von dem gesammten Publikum
untersuchen lassen: jedes Glas richtet sich scharf auf sie und jedes Auge prüft
genau die Formen ihres Körpers, um dem Nachbar sagen zu können: »Sie ist schöner
geworden, sie blüht auf,« oder: »Sie nimmt ab, es geht zu Ende mit ihr.« -
    Und das setzt sich auch hinter den Coulissen fort und spielt in's
gewöhnliche Leben hinüber. Wem es nur irgend möglich ist und wer hiezu ein Recht
zu haben glaubt, macht sich ein Vergnügen daraus, zu untersuchen, ob eine
Tänzerin fest geschnürt sei, und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben,
diesem armen Mädchen nachzulaufen, eben weil es eine Tänzerin ist. - - Und da
bei hat sie nicht einmal das Mitleid ihres Geschlechtes für sich. Was ist eine
Tänzerin? - Ein Geschöpf, über welches die Nase zu rümpfen man berechtigt ist,
der es ja ein Vergnügen macht, sich so und so vor dem Publikum zu präsentiren. -
Nein, ihr Damen vom ersten und zweiten Rang, es macht ihnen in den meisten
Fällen kein Vergnügen und es ist nur ein Beweis, dass es auch bei uns Sclaven und
freie Menschen gibt, ein Beweis, auf welch' traurige Weise auch bei uns die
Glücksgüter verteilt sind; denn wenn immer nach der Reinheit der Gesinnung und
den Gefühlen des Anstandes die Stellen des gesellschaftlichen Lebens verteilt
wären, so sässe manche Tänzerin in eurer Loge, nachlässig zurückgelehnt mit
verächtlich zugedrücktem Auge, und Manche von euch zeigte sich da unten dem
lachenden Publikum. Das heisst, wenn an ihr irgend etwas zu zeigen ist. - - - -
    Im dritten Zimmer ist dasselbe Treiben, dieselbe Geschäftigkeit wie in den
beiden anderen. Hieher entlud sich der Inhalt des letzten Wagens, den wir
begleitet, und da diese Tänzerinnen später kamen als ihre Colleginnen, so ist
man hier auch noch weiter im Anzuge zurück. Doch ist jede Tänzerin eifrig
beschäftigt; die Ankleiderinnen helfen ihnen angelegentlichst und bald schält
sich aus dem Chaos von Tricots, Weisszeug, gestickten Kleidern, falschen Blumen
und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus, und das stellt sich nun
vor die Spiegel, probirt vorläufig die neue Frisur, schminkt sich nach der
Lancaster'schen Metode, oder lässt sich von einer der Schneiderinnen noch hie
und da etwas am Anzuge ändern.
    Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete
Tänzerin; fleischfarbene Tricots sind oben mit einem äusserst kurzen Rock
bedeckt, der Oberkörper steckt in einem Leibchen von hellgrünem Atlas, das bei
jeder Bewegung des Körpers kracht und sich dehnt. Neben ihr auf einem Stuhl
sitzt eine andere Tänzerin, die Arme über einander geschlagen, die Füsse weit,
von sich abgestreckt, so dass der Tanzrock mehr als eine Spanne über dem Knie
bleibt. Beide sind sehr schöne Mädchen, die vor dem Spiegel hat dunkle Haare,
blitzende Augen und ist tadellos gewachsen. Die Andere, eine Blondine, hat ein
sanftes Gesicht und ruhige, weniger leidenschaftliche Bewegungen.
    »Hast du bemerkt,« sagte Letztere, »dass die Marie dort in der Ecke wieder
eine Träne um die andere fallen lässt? Warum nimmt das Mädchen auch keine
Vernunft an!«
    »Wird schon kommen,« erwiderte die vor dem Spiegel, indem sie sich übermässig
stark zurückbog, um zu sehen, ob die Verbindung zwischen Rock und Leibchen
nichts zu wünschen übrig liesse. »Wem ist es am Ende nicht so ergangen? Wer von
uns hat ein Verhältnis ganz vollkommen nach seiner Neigung anfangen können?«
    »Ich,« versetzte die Blonde; »und deshalb dauert mich die Marie.«
    »Nun, du hast was Rechtes,« entgegnete die Andere lachend und hob mit einem
gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Oberlippe, während sie mit den Händen ihre
Hüfte umspannte und sich selbstzufrieden in dem Spiegel besah.
    »Aber er wird mich heiraten,« fuhr die Blonde fort.
    »Und dann bist du fertig! Nein, nein, Elise, da macht's unsereins ganz
anders. Und wenn die Marie nun einmal nicht will, wer kann sie zwingen?«
    »Du weisst, dass sie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tanze wohnt.«
    »Bei dem Drachen am Kanal! Oeffentlich hat sie Aepfel feil und verkauft
Singvögel; was sie aber im Geheimen treibt, wissen wir. - Pfui Teufel! Nun,
zwingen soll sie sich nicht lassen; man muss mit ihr sprechen.«
    »Tu' das, Terese,« sagte die Blondine. »Du weisst, die Marie ist ein gutes
Geschöpf, ruhig und sanft, sie ist keines grossen Widerstandes fähig und eine
intime Freundin hat sie auch nicht.«
    »Man muss mit ihr sprechen,« wiederholte stolz Terese. »Lass mich nur
machen.« Mit diesen Worten trat sie noch einmal fest vor den Spiegel hin, hob
den Kopf hochmütig in die Höhe, besah sich rechts und links, griff nochmals
sich lang streckend um ihre Taille und wandte sich dann höchlich zufrieden mit
einer halben Pirouette vom Spiegel, worauf sie stolz wie eine Kaiserin nach der
vorhin angedeuteten Ecke schritt.
    Hier war der unvorteilhafteste Platz des ganzen Gemaches; er war neben
einem Fenster, wo wenig Licht hinfiel und sich nur ein kleiner Wandschrank
befand. Hier mussten sich die Jüngsten begnügen, bis sie endlich älter und
erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine
Protektion an einen bessern Platz vorrückten.
    Die zwei Mädchen, die sich hier angezogen, waren beide jung, beide schön,
sie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen und waren doch unendlich von
einander verschieden.
    Wir kennen Beide bereits; von der Einen sprachen eben die beiden Tänzerinnen
an dem grossen Spiegel; die andere war Mamsell Clara, welche zuletzt in den Wagen
gestiegen.
    Die Erstere war ein Bild der Frische und Ueppigkeit, dabei hatte sie eine
gute Taille, starke Arme, ein rundes, blühendes Gesicht, und die Röte ihrer
Wangen drang so stark hervor, dass sie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen
war; von Notauflegen war gar keine Rede, und schon nach den ersten Schritten
des Tanzes glühte sie so, dass man ihr vorwarf, sie sei ungeschickt und übermässig
geschminkt. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, der Gesichtsausdruck aber
nicht sehr geistvoll; Hände und Füsse liessen auch etwas zu wünschen übrig, woher
es denn auch wohl kam, dass es ihr schwer wurde, eine graziöse Stellung
anzunehmen, und sie, obgleich wie gesagt ein sehr schönes Mädchen, doch nie in
die ersten Reihen gestellt wurde.
    Clara war von einer mittleren Grösse und mit einer Zierlichkeit und Eleganz
gewachsen, die Jedermann in Erstaunen setzte. dabei hatte sie den kleinsten Fuss,
die kleinste Hand, und ihre Taille, nicht unverhältnissmässig schmal, stand zu dem
langen und vollen Oberkörper in so richtigem Verhältnis, dass das schärfste
Kennerauge in diesem Körper nur die vollkommenste Harmonie entdecken musste. Auch
Hals und Kopf passten vortrefflich zu dem Ganzen; ihr Gesicht war lang, doch
nicht schmal, die Farbe desselben etwas blass; dabei hatte sie grosse Augen und
zwischen frischen Lippen glänzend weisse Zähne. Ihr fast schwarzes Haar war wegen
seiner Fülle der Kummer des Friseurs, denn Monsieur Fritz war, wie er sagte,
nicht im Stande, irgend eine correcte Frisur damit herzustellen. Wenn wir dabei
versichern, dass dieses Mädchen mit einer ausserordentlichen natürlichen Grazie
begabt war, dass keine ihrer Bewegungen etwas Eckiges hatte, dass ihr Körper und
ihre Füsse schmiegsam und biegsam wie bei keiner Anderen waren, dass sie den
grössten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem ersten Jahr vor allen ihren
Colleginnen während des Tanzes auffallend hervortrat, so wird man sich wundern,
wesshalb sie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotänzerin ausgebildet
wurde. Doch hatte das seine guten Gründe, und Clara, die, wie wir später sehen
werden, fast schutzlos in der Welt stand, dagegen viel Schutz zu verleihen
hatte, fand nicht die Zeit, täglich die langwierigen Exercitien zu machen, die
notwendig sind, wenn man es in der Tanzkunst zu Etwas bringen will. dabei
fürchtete sie sich auch vor dem ersten Tänzer, der sich ihr anfänglich
auffallend genähert hatte, dem sie aber mit ihrem richtigen Gefühl schaudernd
auswich. Ueberhaupt konnte sie sich nie mit dem wilden Treiben vieler der
anderen Tänzerinnen befreunden und nahm deshalb eine isolirte Stellung ein, die
häufig Veranlassung war, dass sie Spott und Neckereien aller Art ertragen musste.
Mamsell Marie war die Einzige, welche mit grosser Anhänglichkeit an Clara hing,
sie wahrhaft verehrte und fast untertänig gegen sie war, wie gegen eine
Gebieterin.
    Die beiden Mädchen waren stillschweigend übereingekommen, Monsieur Fritz so
wenig als möglich in Anspruch zu nehmen, und da sie sich schon seit längerer
Zeit so gegenseitig bedienten und, namentlich Clara, eine grosse Fertigkeit
erlangt hatten, so wurde es ihnen nicht schwer, sich gegenseitig die
kunstvollsten und schwierigsten Frisuren zu machen. Dadurch waren sie meistens
vor allen Uebrigen fertig, so auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen
Schränken noch grosse Bewegung herrschte, hatten sie ihre gewöhnlichen Kleider
schon aufgeräumt und beschäftigten sich, völlig angezogen, mit etwas Anderem.
    Diese Beschäftigung war aber sehr verschiedener Art: Clara hatte sich vor
ihr Schränkchen gesetzt, das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an
zu arbeiten, während Marie an dem Fenster lehnte und mit gefalteten Händen in
die dunkle Nacht hinaussah. Uebereinstimmend aber waren die Gesichtszüge beider
Mädchen; auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas geröteten Augen
zeigten Spuren von häufigem Weinen. Clara hatte stark rot auftragen müssen, um
die durchdringende Blässe ihres Gesichts zu bewältigen. Wesshalb die am Fenster
geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der
Anderen werfen, sind wir auch hier über die Ursache des Schmerzes nicht mehr im
Zweifel: Clara nähte an einem Kinderkleidchen und war eben im Begriff, dasselbe
mit schwarzen Schleifen zu besetzen.
    In diesem Augenblick kam Mamsell Terese von ihrem Spiegel und trat mit
erhobenem Kopfe vor die Beiden hin. »So, ihr seid schon fertig?« sagte sie. »Und
Clara ist schon wieder am Arbeiten? - Was machst du denn da?«
    »Mir ist heute Nacht meine kleine Schwester gestorben,« antwortete das
Mädchen. Und als sie ihren Kopf aufhob, um die Tänzerin anzuschauen, standen
ihre grossen Augen voll Tränen.
    »So, so,« entgegnete Terese mitleidig, »deine arme kleine Schwester ist
gestorben? Ei, ich habe nichts davon gewusst. Und da machst du ihr das letzte
Kleidchen?«
    Clara nickte stillschweigend mit dem Kopfe.
    »Wie alt war denn das Kind?«
    »Sie war zwei Jahre - aber so lieb - so lieb -«
    »Nun ihr ist wohl,« versetzte die Andere; »aber es tut mir leid für dich,
du hast das Kind gewiss sehr gern gehabt.«
    »Wie ihr eigenes,« sagte Marie am Fenster, und unter dem Dunkel des
Vorhanges glänzten ihre feuchten Augen hervor.
    Einige andere Tänzerinnen in der Nähe, namentlich die blonde Elise, welche
ihrer Freundin gefolgt war, hatten diese Unterredung teilweise gehört und
traten nun mitleidsvoll näher. Bald war Clara von allen Damen umringt, die sich
im Zimmer befanden, und es war ein eigener Anblick, wie die vorhin noch so
lachenden Gesichter der jungen lustigen Tänzerinnen auf das dürftige
Todtenhemdchen niederschauten. Um dasselbe herum stand nun so plötzlich ein
lautloser Kreis, glänzend in Spitzen, Atlas, Silberstoffen und falschen
Brillanten. dabei contrastirte die Stille hier im Zimmer auffallend mit dem
Lärmen in den andern; dort wurde geplaudert, gelacht, auch wohl ein lustiges
Lied gesungen und zwischen hinein blätterten die Castagnetten und hörte man hin
und wieder das taktmässige Auftreten der Füsse, wenn die Eine oder die Andere
irgend einen Pas versuchte.
    »Aber warum nähst du schwarze Schleifen auf das Kleid?« fragte nach einer
längeren Pause Terese, indem sie sich niederbeugte und das Kleidchen mit der
Hand berührte. »Man nimmt ja gewöhnlich Rosaband; auch sind die hier von
Baumwollenzeug.«
    Clara blickte in die Höhe und versuchte zu lächeln, aber es wollte ihr nicht
recht gelingen. »Schwarz ist ja die Farbe der Trauer,« sagte sie, »und dann
hatte ich diese Bänder schon; Rot ist so teuer.«
    »Du hast sie von einem Kleid heruntergetrennt,« fuhr die Andere fort,
nachdem sie genauer hingesehen. - - »Ich will das nicht leiden.« dabei richtete
sie sich stolz in die Höhe. »Dein Schwesterchen soll nichts Schlechteres haben,
als die anderen Kinder. - Allons!« wandte sie sich an die Andern, »sucht rotes
Atlasband zusammen, aber eilt euch. - Wie viel Schleifen brauchst du ungefähr?«
    »Lass nur gut sein, Terese,« bat Clara, »meine Liebe zu dem armen Kind ist
nicht geringer, wenn ich auch schwarze Schleifen hinnähe.«
    »Aber es muss einmal so sein,« entgegnete Terese eigensinnig, »du hast ja
kaum mit deinem schwarzen Band angefangen. Macht, dass wir rote Schleifen
bekommen!«
    Schon auf den ersten Ruf hin waren mehrere der Tänzerinnen zu ihren
Schränken geeilt, und eine brachte das Verlangte herbei.
    Terese durchschritt alle Zimmer und rief nach rotem Atlasband.
    »Wozu?« fragten mehrere Stimmen. »Zu welchem Zweck?«
    Und kaum hatte die Tänzerin erklärt, um was es sich handle, so wurden
bereitwillig Schränke und Schachteln geöffnet und jede der glänzenden Nymphen,
der strahlenden Göttinnen und edlen Ritterfräuleins beeilte sich, ihre rote
Schleife zu bringen, so dass Clara kaum mit dem Annähen fertig werden konnte.
    Wie wohl tat ihr übrigens diese Teilnahme und wie erfreut war sie, als nun
das Kleidchen fertig war und nicht mehr so düster in Schwarz und Weiss aussah,
sondern freundlich und rosig, wie es für das liebliche Gesichtchen des
verstorbenen Kindes passte.
    »Wann wird dein Schwesterchen begraben?« fragte die blonde Tänzerin, die
jetzt in den Kreis trat, in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von
künstlichen Orangenblüten, fast ihr einziges und bestes Eigentum, das sie aber
gerne hingab, um das Köpfchen der Verstorbenen damit zu zieren. »Wann wird es
begraben?« wiederholte sie. »Denn es versteht sich von selbst, dass wir Alle
mitgehen.«
    »Natürlich,« sagte Terese, »da wird gewiss keine fehlen. Und an Blumen
bringen wir mit, was wir auftreiben können; die jetzt gewachsenen und blühenden
sind freilich teuer, aber es tut nichts, sollte es auch ein gemachter Strauss
sein. Es hat die gleiche Wirkung, wenn es nur vom Herzen kommt.«
    »Es soll mich freuen,« erwiderte Clara, »wenn ihr auf den Kirchhof kommen
wollt; das Begräbnis ist übermorgen um zehn Uhr.«
    »Verlass' dich darauf, es fehlt keine,« versetzte Terese bestimmt. Und damit
nahm sie das fertig gewordene Kleidchen in die Höhe und Alle betrachteten die
wohlgelungene Arbeit.
    In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel dreimal und heftig; es war das
Zeichen für die Tänzerinnen, auf die Bühne zu kommen, wesshalb die Schränke
eilfertig zugeschlossen wurden. Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel,
streckte den Oberkörper so weit als möglich in die Höhe, zog den Tanzrock herab,
betrachtete prüfend die Schuhe, ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken sei, und
darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauschte auf die
Bühne, wie ein anderes wildes Heer.
 
                                Drittes Kapitel.
                                  Sclavinnen.
Wie meistens vor einem grösseren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird, so
auch am heutigen Abend. Es geschieht das, um den ersten Hunger des Publikums zu
stillen, um den Zuspätkommenden genügende Zeit zu lassen, ihre Plätze
einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfänglicher zu
machen für den nun folgenden Spektakel, für Decorationen, Costüme, Tänzer und
Tänzerinnen. Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewählt, an dem man
nicht viel verliert, wenn man auch erst in der Mitte desselben in's Teater
kommt; es hat gewöhnlich eine einfache Decoration, damit man hinten genugsam
Platz hat für die Zurüstungen, sowie eine Stelle, wo sich das Corps de Ballet
aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen,
damit ihre Glieder nachher im höchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen.
    Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen, zwölf Tableaux, mit viel
Tyrannei, viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefühl. Eine Scene, wo viel des
Letzteren vorkommt, muss als sehr schwierig noch probirt werden. Der Herzog, ein
gutmütiger Kerl, - so scheint er wenigstens im ersten Aufzug, obgleich der
emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche
Vorzeichen sind, dass später einiges Zähneknirschen und Augenverdrehen
stattfinden wird, - der Herzog also kommt, wie es in Balleten meistens der Fall
ist, unglücklicher Weise in dem Augenblick zu seiner Braut, wo deren
eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Astolfo, ebenfalls bei ihr ist. Das
gibt eine furchtbare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet
dann mit einem fürchterlichen Blick, fast ohne die Füsse zu bewegen, bis auf die
andere Seite der Bühne. Ritter Astolfo zieht sein Schwert; einige zwanzig
Tänzerinnen, die Begleitung der Braut, schaudern im Chor, die Cavaliere des
Herzogs schlagen ein Pantomimisches Hohngelächter auf, und die Braut reisst sich
endlich aus ihrer Erstarrung in die Höhe, fasst ihren verzweifelnden Liebhaber an
der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux, worin
sie ihm deutlich zu verstehen gibt, hier, Astolfo, sei ihr Jugendfreund und
schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden, sie könne und werde ihn nie
verlassen, sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich, und
werde eher sterben, als ihm angehören.
    Diese Scene wurde, wie gesagt, nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht,
worauf der erste Tänzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Corps de Ballet
eine kleine Revue passiren liess. Er schaute nach, ob die Frisuren
übereinstimmend mit der Vorschrift waren, ob die Schuhe in gutem Zustande, ob
die Tricots fest und sorgfältig angezogen seien. Die meisten der jungen Damen
liessen sich diese Untersuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tänzer, ein
hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen, gerade nicht in's Detail einging.
Andere, um geschwind fertig zu sein, drehten sich vor seinen Augen lachend mit
einer Pirouette, um sich von allen Seiten zu präsentiren und machten darauf ein
übermässiges Battiment, um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und
sprangen dann in die Coulisse zurück. Einige der Tänzerinnen beantworteten die
Aufforderung ihres Collegen, näher zu treten, mit einem unbeschreiblichen Blick,
drehten ihm ganz einfach den Rücken oder liessen sich auch, die Hände auf den
Hüften, nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stören.
    »Wo ist Mamsell Clara?« rief der Tänzer, nachdem er das Mädchen vergebens
gesucht, obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand. -
»Wo ist Demoiselle Clara?« wiederholte er mit lauter Stimme. »Ich muss sie
bitten, augenblicklich vorzutreten.«
    Diesem zweiten Ruf musste Folge geleistet werden, und das Mädchen trat,
obgleich widerstrebend, aus die halbdunkle Bühne, in deren Mitte der lange
Tänzer allein stand.
    »Es ist doch sonderbar,« sagte er mit einem hässlichen Lächeln, »dass man Sie
immer zweimal rufen muss. - Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen besser,« setzte
er leise hinzu, »wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehör
gäben.«
    »Was wollen Sie von mir?« fragte die Tänzerin mit unsicherer Stimme.
    »O, für jetzt nicht viel,« entgegnete ihr College. »Sie tanzen in der
vordersten Reihe, Sie tanzen zu sechs mit mir, ich möchte nach Ihrem Anzuge
sehen; dann könnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren.«
    »Mein Anzug ist in Ordnung,« versetzte das Mädchen, indem es einen Schritt
zurücktrat.
    »Ihre Schuhe nicht zu weit?«
    »Ein wenig, aber ich habe sie eingenäht.«
    »Ihre Tricots fest angezogen? Ich will keine Falten bemerken. - Lassen Sie
sehen.«
    Das Mädchen rührte sich nicht. Doch wenn es auf der Bühne nicht so dunkel
gewesen wäre, hätte man deutlich bemerken können, wie selbst unter der Schminke
eine glühende Röte ihr Gesicht überfuhr.
    »Seien Sie nicht kindisch,« sagte der Tänzer, »und lassen Sie sehen. Sie
wissen, Clara, dass ich mit mir nicht spassen lasse und dass Sie auf eine Zulage
nächsten Monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwährend wegen
Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen muss. - Nun!«
    Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu
tausend Falten zusammen, dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch, so dass ihr Knie
sichtbar wurde.
    Der Tänzer wollte sich genauer überzeugen, doch trat Demoiselle Clara
abermals einen Schritt zurück.
    »Sie sind ein kindisches Mädchen,« sprach der Vorgesetzte: »Sie werden noch
viel lernen müssen oder Sie bringen es zu gar nichts. - Sind Sie nicht zu fest
geschnürt?«
    »Ich schnüre mich nie fest,« entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte
sich entfernen.
    Der erste Tänzer aber fasste ihren Arm und hielt sie fest. »Ich glaube,«
sagte er mit leiser Stimme, »die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner
Aufmerksamkeit; für Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts
Passendes in der Garderobe; man müsste Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen.
Und wenn Sie wollen, Clara -«
    Das Mädchen versuchte ihre Hand zwischen den feuchten Fingern des dürren
Tänzers hervorzuziehen; es durchschauerte sie eisig. Doch hielt er sie fest.
    »Es scheint mir,« fuhr er stockend fort, während er sich auf sie
herabbeugte, »die Garderobière will Ihnen nicht wohl; sie gibt Ihnen immer alte
zu stark wattirte Leibchen. - Ah! ich muss das untersuchen! - -«
    Doch wurde dem diensteifrigen Collegen zum Glücke des jungen Mädchens für
jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen, denn als er sie beginnen
wollte, kamen aus der Seitencoulisse zwei der Tänzerinnen in einem so rasenden
Walzer dahergeflogen, dass sie kein Hindernis beachten konnten und mit solcher
Gewalt gegen den ersten Tänzer anprallten, dass dieser weitin auf die Bühne flog
und nur durch eine Säule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gänzlichen Falle
errettet wurde.
    Clara, die hocherfreut aber erstaunt war, sich so plötzlich befreit zu
sehen, fühlte sich von den beiden Colleginnen ergriffen und musste den tollen
Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen über die Bühne ging und nicht eher
endigte, bis alle Drei wieder hinter den Coulissen angekommen waren. Dort hielt
die Eine, die Kräftigste von Allen, - es war Demoiselle Terese, - das Terzett
mit einem plötzlichen Rucke fest, löste ihre Arme aus denen der beiden Anderen
und liess sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen. Clara
schöpfte einen Augenblick tief Atem, dann sagte sie: »Wie danke ich dir,
Terese; du hast mir da aus einer sehr unangenehmen und schmerzlichen Scene
weggeholfen.«
    »Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz,« lachte die Andere.
    »O mein Gott, ich weiss das; aber was kann ich dagegen tun? Ich, ohne
Schutz, hülflos und allein dastehend!«
    »Dagegen kannst du zweierlei tun,« entgegnete Demoiselle Terese, indem sie
ihren rechten Fuss auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzusehen, ob er
bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen. »Wie ich gesagt habe, zweierlei,
entweder du lässt dir die Narrheiten gefallen, du lässt dem lächerlichen Kerl
seine Grille -«
    »Nie! nie!« rief Clara entrüstet.
    »Nun wohl,« sagte gleichmütig die Andere, so schaffst du dir einen
Liebhaber an, der unserm ersten und zweiten Tänzer und allen Denen, die das
Recht zu haben glauben, deine Taille untersuchen zu dürfen, an einem schönen
Morgen zwei Worte sagt, ungefähr des Inhalts: »Mein lieber Freund! Wenn Sie sich
nochmals unterstehen, der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe
zu kommen, so mache ich mir dagegen das Privatvergnügen, Sie dreimal
nacheinander auszischen zu lassen.«
    »Oder,« setzte die blonde Tänzerin, welche die Dritte im Bunde gewesen war,
hinzu, »dein Liebhaber macht sich das Vergnügen, Abends in einer dunklen Strasse
dem ersten Tänzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen.«
    »Darnach der Liebhaber ist,« antwortete Terese mit etwas verächtlichem
Tone, »kann das auch geschehen; doch ist es nicht sehr nobel.«
    »Aber ich will keinen Liebhaber,« versetzte schüchtern das junge Mädchen,
dem diese Ratschläge gegeben wurden. »O mein Gott, ich bin eine Tänzerin, das
ist wahr, aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft.«
    »Aber verkauft hast du dich,« entgegnete Demoiselle Terese, und umspannte
mit ihren beiden Händen ihre schlanke Taille. »Verkauft haben wir uns Alle mit
Leib und Seele.«
    »Das wäre ja schrecklich!« meinte die blonde Tänzerin. »Nein, Terese, du
übertreibst; ich habe mich nicht verkauft.«
    »Du hast dich nicht verkauft?« fragte Terese hochmütig, indem sie sich
stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Collegin richtete,
dass diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug. »Wir sind hier unter uns, und
ich für meine Person will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin.
Erinnerst du dich noch - es sind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals
Sechszehn alt - weisst du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage versprochen und
wie dich der Balletmeister da hinten in's blaue Zimmer bestellte, in das blaue
Zimmer mit dem gelben Sopha? - Ja, mein Kind, du bekamst eine Zulage, das heisst,
du erhieltest sie später, aber - sprechen wir nicht mehr davon. - Hat man dir
noch keine Zulage versprochen, meine schöne Clara?«
    »Nein, nein,« entgegnete diese finster, »wenn man mir sie auch verspricht,
so gehe ich doch nicht in's blaue Zimmer.«
    »Das wird man dir schon sagen, mein Lieb,« erwiderte finster lachend
Terese. »Man bestellt dich und du kommst. Damit ist die Sache abgemacht.«
    »Ich bin keine Sclavin,« versetzte stolz die junge Tänzerin. Und dabei warf
sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte.
    Terese lächelte still vor sich hin, dann blickte sie in die Höhe zu einem
gemalten Palmbaume, der seine riesige Blätterkrone über die drei Mädchen
ausstreckte und sagte: »wir stehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinst,
wir seien keine Sclavinnen, das heisst Sclavinnen, was die Leute so darunter
verstehen. Sclavinnen, die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich
lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schönen Früchten, die
nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sclavinnen sind wir
nicht. - Aber unsere Sklaverei ist viel härter, viel dauernder, viel grausamer.
Diejenigen, welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen, wissen ganz
genau, dass einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weissen Schwestern
besteht; warum hat Gott die beiden Racen geschaffen? Er hat wohl seine Gründe
dazu gehabt. Aber wir, Sclavinnen durch Geburt und Verhältnisse, obgleich unser
Gesicht nicht eine Idee dunkler ist, als das der Anderen, die mit Verachtung auf
uns herabschauen - übrigens bin ich mit meinem Gesichte wohl zufrieden, - wir
haben das volle Recht, unseren Zustand bitterer zu empfinden, als jene Anderen.
Und welch Herzeleid tut man ihnen, das uns nicht doppelt geschieht?«
    »Weil wir Tänzerinnen sind,« seufzte Clara mit gefalteten Händen.
    »Nicht bloss weil wir Tänzerinnen sind,« fuhr die Andere fort. Und bei jedem
Worte, das sie sprach, blitzten ihre weissen Zähne. »Seht unter all' euren
Bekannten nach der ganzen Classe, der wir angehören, alle wir, die wir keine
Schuld daran haben, dass wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle sind
Sclavinnen und haben ein härteres Loos als Jene, die wirklich so heissen.«
    »Da ist ein neues Buch geschrieben worden,« sagte Clara; »habt Ihr davon
gelesen? Mein Vater übersetzt es zu Hause für einen Buchhändler und ich lese die
Correcturbogen.«
    »Freilich habe ich es gelesen,« erwiderte die andere Tänzerin. »Und die
Absicht der Verfasserin ist gewiss lobenswert; aber lächerrlich ist es, wie man
bei uns dafür schwärmt, wie man sich an fremdem, vielfach eingebildetem und
übertriebenem Elend wollüstig erlabt, während man dicht vor der Nase dasselbe in
noch viel grösserem Massstabe hat.«
    »Terese spricht wie ein Buch,« versetzte die Blondine. »Aber es ist
begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu lesen und
dich über Alles belehren zu lassen.«
    »Das kommt daher,« bemerkte Terese mit ruhigem Tone, »weil ich nur mit
gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe. An mir
ist mindestens eine ganze Gräfin verloren gegangen.«
    »Man sagt sogar, du seist eine halbe Prinzessin,« meinte lachend die blonde
Tänzerin.
    Terese zuckte mit den Achseln, dann fuhr sie fort: »und seht nur die
Meisten von Denen an, welche für die Leiden jener unglücklichen Geschöpfe
scheinbar so warm fühlen und Alles tun zur Verbreitung des Buches, um der Welt
zu sagen, wie schrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe, wie es so
christlich und notwendig sei, jenen Leuten ein paar stille Tränen zu weihen,
seht sie euch doch an! ich kenne ein Paar, die nach der Sklaverei so viele
tausend Meilen von sich ausschauen und die zu Hause darüber stolpern; die das
Elend jener unglücklichen Menschen täglich und stündlich beklagen, und die in
ihrem Hauswesen und für ihre Mitmenschen selbst die scheusslichsten
Sclavenhändler sind. - Ah! ich rede mich in eine wahre Wut hinein.«
    »Und du übertreibst,« sagte Elise.
    »Worin übertreibe ich? Bist du nicht verkauft - bin ich nicht verkauft, sind
es nicht all die tausend armen Mädchen, die für ihr tägliches Brod arbeiten?
Vorausgesetzt, dass sie hübsch sind. - Und an wen sind sie verkauft? Vielleicht
wie jene Schwarzen an einen Herrn, der sein Interesse dabei hat, sie gut zu
behandeln, damit er sie erhält? - Nein! tausendmal nein! Was kümmert sich Dieser
oder Jener bei uns um ein armes Mädchen, das ihm heute gefallen? Er lässt sie
durch die Finger gleiten, lässt sie so tief sinken als ihm beliebt; er fragt
nicht, ob sie Hunger und Kälte ausstehen muss, und wenn er ihr nach Jahren
begegnet, dem Mädchen, jetzt abgehärmt und elend, das er früher jung und schön
in seine Arme gedrückt, so zuckt er verächtlich die Achseln oder er lacht über
sie.«
    »Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen,« sprach nachsinnend die
blonde Tänzerin.
    »Leider! leider!« rief heftig die Andere. »Wo könnte man die armen Dinger
verkaufen, dass sie in Hände kämen, die sie ordentlich nährten und verpflegten,
statt dass Tausende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen! Und
wozu soll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geschäft, das sie selbst treibt? -
Ah! das muss ich sagen, da sieht sie ein glückliches Loos vor Augen und blickt in
eine schöne Zukunft, wenn sie ihrem armen kleinen Kinde den roten Mund küsst!«
    »Ja, es ist für Manche besser, wenn sie sterben,« sagte Clara mit leisem,
traurigem Tone.
    »Aber wir leben,« erwiderte Terese, dies energische und schöne Mädchen.
»Und ich meines Teils will Allem trotzig die Stirn bieten, was über mich
hereinbrechen will. - Denen da draussen,« - damit streckte sie ihre rechte Hand
gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hörte, - »denen habe ich
einen ewigen Krieg geschworen, und ich führe ihn auf meine eigene Art. Es sollte
mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht für meine vielen glücklichen
Siege noch einmal General würde.« Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken
und verschwand in dem Dunkel der Coulissen.
    Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen, dann sagte sie still
für sich: »Sie hat nicht ganz Unrecht. Habe ich doch gestern in dem Buche
gelesen, dass die Sclavinnen, ehe man sie verkauft, wie eine Waare untersucht
werden. - Ah! etwas Aehnliches schien der da hinten auf der Bühne auch mit mir
vorzuhaben. - Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen. - Fürchterlich!
Fürchterlich!« seufzte das junge Mädchen, und ein tiefer Schauder durchbebte
ihren Körper.
 
                                Viertes Kapitel.
                             Ein Loch im Vorhange.
Das kleine Lustspiel war zu Ende, der Vorhang sank herab, und das Publikum,
nachdem es einigen wenigen Applaus gespendet, lehnte sich bequem auf seine
Sitze, lachte, scherzte, sprach rechts und links, mit dem Hinter- und dem
Vordermann; und so entstand ein artiges kleines Summen in dem weiten Hause.
Dazwischen hörte man Logentüren auf- und zuschlagen, Sperrsitze niederklappen,
kurz das Geräusch der Eintretenden, welche das ihnen langweilige Lustspiel
vorbeigehen liessen, um sich jetzt mit frischem Sinn an dem Ballet zu ergötzen.
Im Parterre unterhielt man sich von den Schönheiten und den Mängeln des eben
vorübergegangenen Stückchens, man sprach von dem neuen Ballet, namentlich aber
von der Besetzung desselben, die nun natürlicher Weise, wie immer von diesen
Kunstrichtern etwas zu wünschen übrig liess. Da hätte der diese Rolle übernehmen
müssen, und jene Tänzerin die Rolle der Anderen. Von den Dekorationen versprach
man sich ohnehin nicht viel; und was die Maschinerie anbelangt, was war da von
einem Maschinisten zu erwarten, dem jeden Augenblick die Flugwerke in der Luft
hängen blieben, bei dem die Vorhänge auf halbem Wege nachdenkend wurden, und
nicht herab wollten, und durch dessen Schuld die Leute, die nicht versinken
sollten, versanken, dagegen Geister, Gespenster und Hexen, die unter die Erde
gehörten, hartnäckig und trotz alles Stampfens auf der Oberfläche blieben! -
    Auf der Scene bewegte sich ein noch regeres Leben durcheinander. Die
Dekorationen des Lustspiels waren weggeräumt; das Teater stellte einen grossen
Festsaal vor mit weissen und vergoldeten Säulen; Kronleuchter wurden
herabgelassen und angezündet; die Tänzerinnen des Balletcorps schwärmten ab und
zu und hielten sich viel in der Nähe des Vorhanges auf, wo an den beiden
Löchern, durch welche man auf das Publikum schauen kann, immer wenigstens ein
halbes Dutzend stand, die sehnlich auf eine Ablösung harrten, um nach irgend
Jemand sehen zu können.
    Geneigter Leser, wenn du dich im Teater befindest und der Vorhang
niedergefallen ist, so erscheint dir an demselben alles so einfach und
unschuldig. Der langweilige rote oder blaue Faltenwurf, die Masken oder Köpfe,
die darauf gemalt sind, das Alles kommt dir ausserordentlich harmlos vor; für
dich ist die Hauptgardine nichts weiteres als ein Vorhang, der das Publikum von
der Bühne vollkommen scheidet. Du bemerkst keine Bewegung an demselben, durchaus
nichts Auffallendes, wenn du nämlich kein Eingeweihter bist. Wir sehen das Ding
schon mit ganz anderen Augen an, heften unseren Blick fest auf den grossen
Vorhang und sehen, dass derselbe in Zeichen spricht wie der beste Telegraph. In
jeder anständigen Gardine befinden sich wie gesagt zwei Löcher mit einigen
schwarzen Flecken umgeben, die von Weitem einem Gesichte nicht unähnlich sind,
wie man sie denn auch fast den Abdruck eines Gesichts nennen könnte, denn die
dicken pomadisirten Augbrauen, die sich beständig dagegen drücken, dunkeln nach
und nach durch, ebenso die Schnurr- und Kinnbärte, und treten so allmählig an
der anderen Seite hervor. Durch diese beiden Löcher nun wird eine fortwährende
und umständliche Conversation mit Diesem oder Jenem aus dem Publikum
unterhalten; natürlich hat jeder seine Zeichen, die er versteht. Eine neue
Person, die hinter den Vorhang an jene Stelle tritt, ist dadurch bemerkbar, dass
sich derselbe sanft bewegt, was so viel heisst, als: gebt Achtung! Nun wird ein
Finger durchgesteckt, mit oder ohne Handschuh, denn das hat Beides seine
Bedeutung: der Finger bewegt sich nach rechts, nach links, nach oben oder nach
unten, vier neue Zeichen, die wichtige Dinge telegraphiren. Der Finger bewegt
sich auf und ab und erzählt so eine ganze Geschichte; der Finger verschwindet
mehrere Male und kommt mehrere Male wieder, und erklärt damit, wenn und was nach
dem Teater geschehen könnte. Oft erscheint die Öffnung schwarz, dann wird sie
plötzlich weiss; man hält ein Sacktuch daran, ein Zeichen von ausserordentlicher
Bedeutung. Spricht das Loch im Vorhang nicht, so spricht sie selbst, die sonst
so langweilige Gardine; man bemerkt an irgend einer Stelle, wie sie ein Finger
berührt, der sich längs eines Teils der Bühne fortbewegt, oder hinter der
Leinwand allerlei Figuren macht; man entdeckt ein paar Füsschen, die den Versuch
machen, sich unter der Bordure einzubohren; man sieht endlich, wie der Vorhang
an den beiden Seiten zuweilen, anscheinend ohne alle Absicht, eine kleine
Bewegung macht. Alles das hat seinen Grund, lieber Leser und wenn du dir einmal
zufällig die Mühe geben willst, diese Zeichen und damit die strahlenden Blicke
deiner Nachbarn und Nachbarinnen, sowie auch andere Zeichen zu beobachten,
welche diese gegen den Vorhang machen, so hast du im Zwischenakt viel Vergnügen
und du amusirst dich während desselben oft weit besser als in manchen
langweiligen Stücken.
    Die Solotänzerinnen sind jetzt auch auf der Bühne erschienen. Doch ist es im
gegenwärtigen Augenblicke nicht der Mühe wert, viel von ihnen zu sagen. Sie
dienen dem Teater schon seit einer ziemlichen Reihe von Jahren und sind dadurch
wohl grössere Künstlerinnen, aber weder jünger noch hübscher geworden. Es ist das
fast bei jedem Teater anders: dort ist das Balletcorps verbraucht und
unansehnlich und die Solotänzerinnen jung und frisch, anderswo umgekehrt. Und
gerade so war es auch hier der Fall. Dafür ergab sich aber für die jungen
hübschen Mädchen vom Chor auch nicht die geringste Aussicht, einen Solotanz zu
erhalten; die alte Garde hielt hartnäckig an ihrem Privilegium und nahm keine
jungen Rekruten in ihre Reihen auf.
    Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture; endlich flog der
Vorhang empor, das Publikum beklatschte den Glanz und die Pracht der Dekoration,
und die Geschichte nahm mit einem strahlenden Ballfeste ihren Anfang. Die Musik
erklang lustig und herausfordernd, Tänzer und Tänzerinnen wogten lebhaft
durcheinander, jetzt in scheinbarer Unordnung, aus welcher sich aber die
schönsten Figuren entwickelten. Die ganze Bühne war angefüllt mit buntfarbenen
seidenen Gewändern, mit Gold- und Silberstickerei, mit fliegenden Schärpen,
blitzenden Brillanten und wallenden Federn. Vollkommen geblendet war das Auge
der Zuschauer und kam erst wieder zur Ruhe nach der ersten Scene, nachdem das
Balletcorps auf allen Seiten verschwunden war, nachdem die Klingel ertönt, die
Dekorationen gewechselt und das Teater einen Garten bei Mondscheinbeleuchtung
darstellte, wo er und sie sich fanden und verstanden.
    Nach so einem grossen anstrengenden Tanze kommen die armen Tänzerinnen
gewöhnlich in einer Verfassung hinter den Coulissen an, welche Aehnlichkeit mit
der von jungen Rennpferden hat, welche trainirt werden. Die Stärksten und
Ausdauerndsten unter ihnen tanzen von der Bühne ab, um hinter derselben schwer
atmend stehen zu bleiben; Andere erreichen zur Not wohl eine Bank oder einen
Stuhl, wo sie sich niederlassen können. Die Schwachen und Unbehülflichen haben
aber nicht sobald die schützende Coulisse erreicht, als sie krampfhaft irgend
einen Pfahl oder eine Latte fassen, die Hand an das Herz pressen, die Stirne
irgendwo anstützen und in Schweiss gebadet allmählig und keuchend ihren Atem an
sich ziehen. Alle aber sind erschöpft, und wenn Manche sogar in diesem
Augenblicke lachen und plaudern, so geschieht es doch mit grosser Anstrengung und
mit auf- und abwogender Brust. dabei wird aber der Anzug und die Frisur nicht
ausser Acht gelassen und die Eine beschäftigt sich mit der Anderen, hier eine
Locke wieder aufzustecken, dort eine Schleife zu befestigen, oder einen
Schleier, der sich gelöst hat, wieder anzubinden.
    »Das muss ich schon sagen,« meinte Demoiselle Terese, eine der Ersten, die
wieder vollständig zu Atem kam. »Der Kapellmeister ist heute wieder einmal ganz
von Sinnen. Hat man je ein so rasendes Tempo gesehen? Mir ward mein Leibchen zu
eng, und das will doch viel sagen«. - »Armer Schatz,« wandte sie sich an eine
schmächtige Collegin, welche, die heisse Stirne an einen Balken gedrückt,
vergeblich darauf zu warten schien, dass sich ihr Herzschlag beruhige, »dich habe
ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten; ich werd's aber dem da drunten
stecken, wenn er im Zwischenakt heraufkommt. - - Fühlst du dich unwohl?« wandte
sie sich abermals an die erschöpfte Collegin.
    Diese schüttelte mit dem Kopfe und versetzte nach einer längeren Pause:
»unwohl gerade nicht, aber es hat mich furchtbar angegriffen; wenn du mich nicht
aufrecht gehalten hättest, so wäre ich am Soufleurkasten niedergestürzt. Ich
danke dir, Terese.«
    »Keine Ursache,« entgegnete diese, »aber ich will dir was sagen: du bist zu
fest geschnürt, lass dich ein Bischen loser machen.«
    »Ich kann nicht,« sagte die Andere mit leiser Stimme, »mein Kleid ist mir so
eng genug; ich würde mich gerne krank melden, aber wenn ich das jetzt schon
tue, so muss ich fürchten, entlassen zu werden, und wovon soll ich alsdann
leben?«
    Demoiselle Terese zuckte die Achseln und wandte sich hinweg. »Armes
Geschöpf!« murmelte sie zwischen den Zähnen. Dann winkte sie jener Tänzerin, die
sich in der Garderobe neben Clara angezogen, und die mit verweinten Augen in der
Fensternische gestanden. Die Beiden gingen etwas abseits und stellten sich
hinter eine Felspartie, die im dritten Akte vorkommen sollte.
    »Du hast mir etwas mitzuteilen,« sprach Demoiselle Terese hier zu ihrer
Collegin. »Elise hat es mir gesagt.«
    »Es ist mir recht lieb, dass ich mit dir sprechen darf,« antwortete die
andere Tänzerin. - »Aber haben wir auch Zeit?«
    »Ueber eine Viertelstunde; die langweilige Gartenscene dauert Wenigstens
zehn Minuten, dann kommt der Chor der Ritter und Burgfräulein, bei dem wir ja
nichts zu tun haben. - Nun, fängt deine Tante endlich an, dich zu plagen?«
    Das junge Mädchen nickte mit dem Kopfe und sah einen Augenblick stumm vor
sich nieder. Dann sagte sie: »du kennst meine Tante?«
    »Leider kenne ich sie. Der Teufel soll sie holen! - Aber weiter; ich habe
immer geglaubt, du erfahrest nichts von ihrem heimlichen Geschäfte.«
    »Lange erfuhr ich auch nichts davon,« versetzte Marie. »Gott! wenn man
sechszehn Jahre alt ist, hat man ja keine bösen Gedanken. Und dann habe ich im
Hause auch nie was Schlimmeres bemerkt; wir leben wie die ruhigsten
Bürgersleute.«
    »Ja, ja, das glaube ich wohl,« lachte Terese. »Madame vermittelt bloss. -
Nun, und endlich?«
    »Was soll ich sagen, endlich? Schon seit mehreren Wochen spricht sie von der
schweren Zeit, von dem wenigen Verdienst, den ich habe; meine Wäsche allein
koste mehr, sagte sie, und dass es auf längere Zeit nicht so gehen könne. - -
Warum ich mir keinen Geliebten anschaffe? meinte sie neulich.«
    »Ah! zu einem Geliebten wird sie schon Einen in Aussicht haben. Tritt dir
Jemand häufig in den Weg, auf den du Verdacht hast, oder kommt irgend wer in's
Haus, dem sie dich verkaufen will?«
    »Nein, nein,« sagte das junge Mädchen, »in meine Nähe kommt Niemand. Und
doch hat sie Jemand in Aussicht für mich.«
    »Also ein kalter Handel!« sprach verächtlich die schöne Tänzerin. »Pfui
Teufel! das ist sehr unangenehm.«
    »Nicht wahr, es ist schrecklich, Terese? O gib mir einen Rat! Ich habe ja
Niemand auf der Welt, dem ich mich anvertrauen könnte, Niemand, der mir die
geringste Hülfe leiht, wenn ich mich weigere.«
    »Es ist eine vollkommene Niederträchtigkeit,« entgegnete Demoiselle Terese
nachdenkend. »Aber wenn du nichts Näheres weisst, so ist dir schwer zu helfen. -
Wer ist's denn? Hat man dir keinen Namen genannt?«
    »Den Namen kann ich dir nicht sagen, aber er kam einmal in unser Haus und
zufällig war ich im Nebenzimmer und habe an der Türe gehorcht. Da hat sie
freilich gesagt, sie wolle mich nicht zwingen, aber es wäre ihr recht, wenn sie
sich so aus der Verlegenheit reissen könne.«
    »Du hast ihn also gesehen?«
    »Ja!«
    »Und kennst du ihn nicht?«
    »Nein.«
    »Ist es ein junger Mann?«
    »So ziemlich; in die Dreissig.«
    »Aber liebes Kind,« versetzte halb ärgerlich Terese, »wenn du mir keine
genaueren Kennzeichen anzugeben im Stande bist, so kann ich dir keinen Rat
erteilen. Ich muss vor allen Dingen wissen, um wen es sich handelt; ich muss den
Feind kennen, wenn wir den Krieg beginnen wollen. Erkundige dich also, wenn du
kannst, nach seinem Namen.«
    »Vielleicht kennst du ihn.«
    »Wohl möglich, wenn ich ihn sehe.«
    »Ich will ihn dir zeigen.«
    »So ist er also im Teater?«
    »Ja, ich habe ihn gesehen.«
    »Ah! das ist etwas Anderes,« erwiderte die Tänzerin lachend. »Dann wollen
wir ihn im Zwischenakt beobachten, und wenn ich ihn kenne, will ich dir
aufrichtig sagen, ob da viel oder wenig zu befürchten ist.«
    Hiemit hatte die Unterredung ein Ende, denn der Inspicient rief in diesem
Augenblicke: »Meine Damen, das dritte Tableaux beginnt!« Die Klingel ertönte;
die Dekoration wechselte abermals; das Teater stellte einen weiten Park vor,
die beiden unvorsichtig Liebenden freuen sich ihres Lebens inmitten des
ebenfalls lustigen Hofstaates, da erscheint plötzlich der Herzog, begleitet von
Fackelträgern und jetzt erfolgt die Scene, wie wir sie schon oben beschrieben.
Fürchterlich schön war der Herzog anzusehen, und als er so über die Bühne
dahinglitt, angefüllt mit Wut und Rachedurst, die Fäuste geballt, den Bart
ordentlich emporgesträubt, da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu Teil. Die
unglückliche Braut sinkt nach ihrem grossen Pas de deux in Ohnmacht, der ganze
Chor macht übermässige Anstrengungen, Entsetzen, Schrecken, sowie alle möglichen
Leidenschaften auszudrücken, und - der Vorhang fällt.
    Es war ein Glück, dass die Solotänzer und Tänzerinnen sich im Zwischenakte
umziehen mussten, denn sonst wäre an dem Vorhang nicht so bald eine Öffnung frei
geworden. Auch ohnedies musste Demoiselle Terese ihr ganzes nicht geringes
Ansehen aufwenden, um ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gespenster und
junger Teufel, die im letzten Akt vorkommen, zu verscheuchen, bis sie endlich an
der Gardine einen Platz erobern konnte. Dann stellte sie ihre Collegin vor sich
hin und sagte: »jetzt schau durch und sage mir, wo er sitzt.«
    Die andere Tänzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Öffnung, dann
trat sie zurück und bat Terese, hinauszuschauen und mit dem Blick ihren
Erklärungen zu folgen. »Du siehst,« sagte sie, »die königliche Mittelloge, von
der zähle rechts vier Säulen. - Hast du?«
    »Allerdings,« entgegnete Terese, »doch ich sehe da Niemand als den alten
General von L.«
    »Ja, aus dem ersten Rang,« erwiderte die Andre eifrig. »Ich meine aber den
zweiten Rang.«
    »Ah! du meinst den zweiten Rang!« versetzte Demoiselle Terese in gedehntem
Tone. »Das wird sich kaum der Mühe verlohnen. - Nun, wir wollen nochmals zählen.
Die erste, zweite, dritte, vierte Säule - halt!«
    Hierauf schaute sie einen Augenblick aufmerksam hinaus, dann fuhr sie heftig
zurück und rief aus: »ah! Marie! du musst dich irren; der Herr in der dritten
Loge kann's doch nicht sein! Oder ist der, den du meinst, vielleicht grade
weggegangen; sieh noch einmal hin.«
    Die jüngere Tänzerin sah nach dieser Aufforderung über die Achsel ihrer
Freundin, dann, sagte sie ruhig: »nein, er sitzt noch da; sieh, er scheint sich
zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand.«
    »Ganz richtig. Und du irrst dich nicht?«
    »Wie sollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deutlich gesehen und
gleich erkannt. - Du weisst also, wer er ist? Und die Dame, die neben ihm sitzt?«
-
    »Die Dame, die neben ihm sitzt, ist seine Frau. - Schöne Geschichten!«
    »Das wäre schrecklich!« rief das junge Mädchen aus. »Was ist da zu tun,
Terese? O deute nach; du musst mir helfen!«
    Diese blickte, ohne eine Antwort zu geben, noch eine Zeit lang in das
erleuchtete Haus, dann trat sie einen Schritt zurück und auf ihrem schönen
Gesichte zeigte sich ein finstres Lächeln. Sie presste die Lippen zusammen,
stemmte die rechte Hand in die Hüfte und fuhr mit der Linken über die Stirne,
während sie eifrig nachzudenken schien. - »Ja ja, es wird gehen,« sagte sie nach
einer längeren Pause. »Warte, Heuchler!«
    »Du kennst ihn also?« fragte Marie.
    »O ja, ich kenne ihn, obgleich ich ihn nie gesprochen. Das ist einer von den
scheinheiligen Bösewichtern, welche die Achsel zucken, wenn man nur vom Ballet
spricht; mit dem Haus habe ich überhaupt eine Geschichte abzumachen. Du weisst,
meine Schwester ist eine Näterin; sie suchte die Kundschaft dieses Hauses nach;
Madame war nicht abgeneigt dazu, und meine Schwester glaubte schon so glücklich
zu sein, dort hie und da etwas verdienen zu können. Der Herr aber meinte, eine
Arbeiterin von unbescholtener Familie wäre ihm lieber. - Von unbescholtener
Familie!« setzte die Tänzerin hinzu und biss ihre Zähne übereinander. »Das war
vor vier Jahren, und die Äusserung ging allein auf mich, und war ich doch damals
so unbescholten wie nur eines der jungen Mädchen auf allen Gallerien; aber ich
war eine Tänzerin und somit ein verlorenes, bescholtenes Geschöpf. - Doch wir
wollen uns revanchiren!«
    »Was soll ich aber tun?«
    »Vorderhand sollst du nichts tun, und mir nur genau berichten, wie die
Angelegenheit steht,« antwortete Terese. »Aha!« fuhr sie spöttisch lachend fort
und machte einen tiefen Knix gegen den Vorhang, »man will sich mit dem Ballete
einlassen - gut denn! ich erkläre dir da oben den Krieg; du sollst einen
heftigen Kampf haben und keine Schonung.«
 
                                Fünftes Kapitel.
                                     Clara.
Wie alles in dieser Welt ging auch das Ballet zu Ende; der Liebhaber der Braut
wurde auf die eine oder andere Art tanzgemäss weggeschafft, der Herzog verzieh,
und im letzten Akt fand eine ungeheuer glänzende Vermählung statt, wozu der
magere Tänzer mit der ersten Tänzerin einen Pas de deux nach allen Regeln der
Kunst tanzte. Eines bemühte sich, seinen Körper noch unschöner zu verdrehen als
das Andere, und beide zusammen strebten darnach, dem Publikum zu beweisen, zu
welch erstaunlich unzweckmässigen Wendungen und fürchterlichen Verzerrungen man
die menschlichen Glieder mit Kunst und Ausdauer zu bringen im Stande sei.
Namentlich der magere Tänzer setzte Alles in Erstaunen, und man hätte darauf
schwören mögen, er habe im Rücken ein besonderes Gelenk und seine Kniee können
sich wie bei einem Nürnberger hölzernen Collegen einwärts und auswärts biegen.
dabei überboten sich beide in übermässigen Pirouetten und wahnsinnigen Sprüngen.
Schnellte die Tänzerin bei einer sanften Melodie einen Schuh vom Boden empor, so
brachte es der Tänzer mit Pauken, Trompeten, mit Tschambidibam und Bumbidibum,
mindestens auf zwei und einen halben. Und hiebei nicht genug, dass er mit Gottes
Hülfe wieder auf seine Füsse niederfiel: er machte auch während des Herabfallens
die schauerlichsten Versuche, schief gegen den Fussboden zu kommen, was
vielleicht ausserordentlich schwierig, jedenfalls aber sehr hässlich war. Dazu
spielte die Musik immer toller, Tänzer und Tänzerin lachten immer krampfhafter
gegen einander und gegen das Publikum; zuletzt hatte die ganze Geschichte etwas
Hexenartiges und man konnte der Befürchtung nicht los werden, es sei für die
Beiden da oben hier auf Erden Alles vorbei, irgend ein gespenstiger Wirbelwind
führe sie fort in unabsehbare Weiten nach öden, unendlichen Haiden, und dort
müssten sie sich ohne Publikum fort drehen, immer fort bei Sonnenschein und
Mondeslicht; oder plötzlich sässen sie à cheval auf ein paar tüchtigen
Besenstielen und führen rechts und links in die Luft auf. Doch ehe es zu diesem
fürchterlichen Ende kam, fiel glücklicher Weise der Vorhang, das: Publikum
applaudirte und verliess alsdann stürmisch das Teater.
    Auf der Bühne wurden die Lampen ausgelöscht und schon nach einer
Viertelstunde lagen die vorhin noch so erhellten und belebten Räume in
nächtlichem Dunkel und tiefem Schweigen da. Wenn einer der alten Zimmerleute,
der über die Bühne hinweg und nach Hause ging, zufällig hustete, so schallte es
gerade in dem weiten leeren Hause, als habe oben auf der vierten Gallerie eine
sehr bekannte Stimme ebenfalls gehustet.
    Die Garderoben allein waren noch voll Leben, Licht und Bewegung. Letztere
aber hatte nichts mehr von der ruhigen Emsigkeit des Anziehens; man sah keine
Tänzerinnen mehr behaglich vor dem Spiegel stehen, wie zu Anfang des Stückes;
jede beeilte sich mit dem Ausziehen, streifte Leibchen und Röcke herunter so
rasch wie möglich und schlüpfte in ihre gewöhnlichen Kleider. Die Tricots
auszuziehen, hätte für jetzt viel zu viel Zeit in Anspruch genommen, wesshalb die
meisten sie anbehielten, Strümpfe und Schuhe darüber zogen und durch diese
kleinen Kunstgriffe in einer unglaublich geschwinden Zeit zum Nachhausefahren
bereit standen.
    Schwindelmann erschien an der Türe und die, welche zuerst fertig waren,
wurden auch zuerst nach Hause geführt; daher auch der Wetteifer, mit welchem das
Auskleiden vor sich ging.
    Demoiselle Clara hatte ihre Toilette mit grösserer Ruhe gemacht, Tricots,
Schuhe und was dazu gehört, ausgezogen und ordentlich hingelegt, alsdann ihre
Sachen sorgfältig zusammengepackt, das Kleidchen mit den roten Schleifen
ebenfalls in ein Tuch gewickelt, und war gerade fertig geworden, als der Wagen
wieder kam und Schwindelmann ihr winkte, mitzufahren.
    Es war ein kalter dunstiger Abend; die Gaslaternen brannten mit einem
rötlichen Lichte, und den Atem der Pferde sah man deutlich wie weissen Dampf
aus ihren Nüstern hervorkommen. Das Rollen der Räder auf dem Pflaster klang
dumpf, und da die Calesche ringsum verschlossen war und fünf der ziemlich
erhitzen Tänzerinnen in sich schloss, so liefen die Scheiben so dicht an, dass
keine derselben ihre Strasse erkennen konnte und es bei jedesmaligem Anhalten
eine kleine Debatte gab, wo man sich eigentlich befinde. Schwindelmann
schlichtete diesen Streit aber augenblicklich, indem er die betreffende junge
Dame bei ihrem Namen rief. Endlich erklang der von Demoiselle Clara, worauf
diese mit ihren beiden Paketen den Wagen verliess, ihren Colleginnen gute Nacht
wünschte und an die Haustüre trat.
    »Soll ich für Sie anläuten?« fragte der freundliche Schwindelmann.
    Doch das Mädchen erwiderte eifrig: »Ich danke recht sehr; ich habe meinen
Hausschlüssel, und wünsche eine gute Nacht.«
    Ehe sich aber Schwindelmann hierauf entfernte, sagte er leise zu der jungen
Tänzerin: »Sie werden mir schon erlauben, Fräulein Clara, dass ich morgen Früh
ein Bouquet für Ihr kleines Schwesterchen bringe; ich habe einen Freund, der
Handelsgärtner ist und der es mir fast umsonst gibt.« Nachdem der Teaterdiener
diese Worte angebracht, wartete er keine Genehmigung oder keinen Dank ab,
sondern trat an seinen Wagen, schloss geräuschlos den Schlag, nannte dem Kutscher
eine Strasse und fuhr davon.
    Clara blieb an ihrer Haustüre stehen, ohne den erwähnten Schlüssel
herauszuziehen. Sie horchte auf den davonrollenden Wagen, und als er ihr weit
genug entfernt schien, verliess sie das Haus wieder und ging die Strasse hinab,
bis sie in der schon völlig dunkeln Häuserreihe den noch spärlich erleuchteten
Laden eines Bäckers erreichte. Hier trat sie ein, zog eine magere Börse hervor,
und nachdem sie ein paar kleine Weissbrode gekauft, ging sie sehr langsam nach
ihrem Hause zurück. Wir sagen sehr langsam; ja mehrere Male blieb sie beinahe
stehen, öfters aber schaute sie hinter sich, und jeden Augenblick horchte sie
auf das entfernte Rollen eines Wagens oder auf schallende Fusstritte, die sich in
irgend einer Nebenstrasse verloren. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte mit
leiser Stimme: »Sonderbar! Es ist heute das erste Mal, dass ich ihn nicht
gesehen; er war nicht im Teater auf seinem Platze, er stand nicht am Wagen, als
wir einstiegen, und auch hier ist nichts von ihm zu sehen.«
    Mit diesen Worten hatte sie ihre Haustüre wieder erreicht, suchte ihren
Schlüssel hervor, drehte das Schloss auf und wollte gerade in den finstern Gang
schlüpfen, als sich eilige Schritte auf der Strasse näherten, die Gestalt eines
Mannes sichtbar wurde und eine leise Stimme rief: »Fräulein Clara - nur einen
Augenblick!«
    Die Tänzerin blieb in der geöffneten Türe stehen und erwartete ruhig die
Ankunft dieses Mannes, der darauf in drei Sprüngen neben ihr in dem dunkeln Flur
stand. Er holte tief Atem und konnte kaum sprechen. »Ich bin so gelaufen,«
sprach er nach einer kleinen Pause, »um Sie noch einen Augenblick zu sehen; wie
froh bin ich, dass ich noch zur rechten Zeit komme.«
    »Sie waren nicht im Teater,« versetzte das Mädchen. »Ich hatte nicht
erwartet, Sie heute Abend noch zu sehen.«
    »Ich konnte nicht, Fräulein Clara, es war mir unmöglich, das Teater zu
besuchen. Ah! hören Sie, wie ich gelaufen bin; ich war in einer grossen, sehr
langweiligen Gesellschaft, und erst vor einer Viertelstunde gelang es mir, mich
wegzuschleichen. Ich bin nur gekommen, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.«
    »Das freut mich in der Tat,« entgegnete das junge Mädchen und sah ihn
treuherzig mit ihren grossen Augen an. »Sie haben mich ganz verwöhnt, und wenn
ich Sie nicht im Teater sehe oder am Wagen oder hier eine Sekunde, so fehlt mir
etwas.«
    »Wie danke ich Ihnen für dieses Wort, und wie bin ich so froh, dass Sie mir
wenigstens erlauben, Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen. Ach,
Fräulein Clara, wenn Sie nicht so hart und unerbittlich wären, so hätte ich
schon lange einen Vorwand gefunden, mich bei Ihrem Vater einzuführen.«
    »Nein, nein,« erwiderte eifrig das Mädchen; »ich will keine Vorwände und
kann Sie auch bei uns nicht sehen. Ist es nicht genug, dass ich Ihnen hier an der
Türe eine freundliche gute Nacht sage? Ich habe so Etwas in meinem ganzen Leben
noch nicht getan. Sind Sie damit nicht zufrieden?«
    »Doch, doch, liebe Clara! ich bin ja damit zufrieden. - Aber Ihre Hand
werden Sie mir heute Abend nicht versagen.«
    »Nun meinetwegen!« entgegnete freundlich lachend die Tänzerin. »Eine Hand
will ich Ihnen reichen, aber dann müssen Sie auch still nach Hause gehen.«
    »Und zufrieden,« sagte ebenfalls lachend der junge Mann.
    Clara nahm nicht ohne einige Mühe die Pakete, den Hausschlüssel und das Brod
in die eine Hand, um die andere ihrem jungen Freunde reichen zu können. Er fasste
sie eifrig mit seinen beiden und drückte in aller Geschwindigkeit mehrere Küsse
auf ihre niedlichen Finger, eine Überschreitung der gegebenen Erlaubnis, welche
Clara dadurch bestrafte, dass sie ihre Hand hastig wegzog, flüchtig gute Nacht
rief und die Türe hinter sich zudrückte und verschloss.
    Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen, blickte
an dem Hause hinauf, ohne irgend etwas ihn Anziehendes zu sehen, als ein matt
erleuchtetes Fenster droben hoch in dem Giebelfelde. Nachdem er dieses eine
Weile betrachtet, und nachdem es ihm geschienen, als bewege sich ein weisser
Vorhang an diesem Fenster, gerade so, als öffne Jemand die Türe und trete in's
Zimmer, verliess er seinen Standort und ging dann in der Tat höchst zufrieden
seiner Wege.
    Clara war unterdessen die dunklen Treppen hinaufgestiegen, hatte ein wahres
Labyrint von finsteren Biegungen und schmalen Gängen hinter sich gelassen und
erreichte nun den vierten Stock, wo sie nach einigem Suchen mit der Hand eine
Türe fand, die sie geräuschlos öffnete. Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer,
doch hatte sie vor sich eine andere Türe, durch deren breite Spalten und Risse
einiges Licht in dies erste Gemach fiel, hier eine zweifelhafte Helle
verbreitend, bei welcher man einen kleinen Tisch entdeckte, auf dem etwas
Bettwerk lag, über welche man ein weisses Tuch gebreitet hatte. Clara ging auf
den Zehen durch dieses Zimmer, öffnete die andere Türe und trat in das
Wohnzimmer der Familie, welches dem geneigten Leser näher zu beschreiben wir
genötigt sind.
    Es war dies ein ziemlich grosses und kahles Gemach mit schiefen Seitenwänden,
welche der Stellung des Daches folgten, und einem einzigen Fenster, das wir
schon von unten beobachtet haben. Das Meublement bestand aus einem grossen
eisernen Ofen, von dem übrigens, der wenigen Wärme im Zimmer nach zu urteilen,
ein sehr bescheidener Gebrauch gemacht wurde; neben demselben stand in einer
Ecke ein Schreibtisch, das heisst, ein grosser Tisch mit Büchern und Papieren
aller Art bedeckt, hinter demselben befand sich ein Stuhl, auf welchem ein
Kissen von rotgestreiftem Zeug lag; in einer anderen Ecke war ein gewöhnliches
Bett und ein Kinderbett. Unter dem einzigen Fenster stand ein Tisch und ein paar
Stühle, daneben eine grosse alte Kommode, über welcher ein Spiegel hing. Sonst
bestanden die Verzierungen sämmtlicher Wände aus einem Kruzifix mit halb
vertrocknetem Zweig über dem grossen Bette, sowie aus dem Portrait einer
berühmten Tänzerin, das dieselbe bei ihrer Anwesenheit einer Jeden vom Ballet
zum Geschenk gemacht hatte.
    In dem Zimmer befanden sich zwei kleine Kinder, ein Mädchen von sechs und
ein Bübchen von vier Jahren, die zusammen in dem kleinen Bette lagen - Clara's
Stiefgeschwister, und ihr und Clara's Vater, ein alter Mann, der an dem
Schreibtische stand und im Begriffe war, sich eine Feder zu schneiden, wobei er
gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief, da sie nicht einschlafen wollten,
sondern sich unruhig hin und her warfen.
    Als Clara in das Zimmer trat, wurde ein Weinen, das aus der Ecke kam, wo die
kleine Bettlade stand, plötzlich unterdrückt.
    Der alte Mann trug einen langen blauen, fadenscheinigen Rock, den er bis zum
Halse zugeknöpft hatte, gelbe Sommerhosen, obgleich es Winter war, und ein paar
grosse, dicke Hauspantoffeln. Trotzdem er auf der Nase eine Brille hatte, musste
er doch die Finger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten, um den Spalt
abknixen zu können.
    »Seid nur ruhig, seid nur ruhig,« sagte er gegen das Bett gewendet; »eure
Leiden sind noch klein, teilweise eingebildet; ihr steigt den Berg aufwärts und
könnt schon einigermassen Mühseligkeiten ertragen, da ihr dereinst Hoffnung auf
eine schöne Aussicht habt. Uebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und
ihr müsst schon warten bis die Clara kommt, unser aller Hort und Stern.«
    Darauf erfolgte das Weinen, von dem wir oben gesprochen, und wurde
unterdrückt beim Eintritt der jungen Tänzerin.
    »Ah! da ist sie ja!« sprach der alte Mann. »Grüss dich Gott, liebe Clara. Du
kannst auch jetzt wieder eine Trostspenderin sein; die beiden kleinen Geschöpfe
da haben allerlei Kummer, den sie dir anvertrauen werden.« Bei diesen Worten
liess er sich auf das Kissen von gestreiftem Zeug nieder, schob das Schreibpapier
zurecht, murmelte: »Seite zweiundvierzig,« und machte sich wieder an seine
Arbeit.
    Die beiden kleinen Kinder hatten sich beim Eintritt der Schwester aufrecht
in ihr Bettchen gesetzt und schauten aufmerksam und mit leuchtenden Augen allen
Bewegungen derselben zu, wie sie ihr grosses Tuch ablegte und ihre Pakete, und
wie sie darauf das Weissbrod auf den Tisch unter dem Fenster legte. Namentlich
das letzte Manöver schien ihren vollen Beifall zu erringen, denn während das
kleine Mädchen bloss ihren Mund spitzte, sagte der Knabe halblaut und mit
lächelndem Gesicht und indem die Tränenflut auf seinen Wangen plötzlich
stockte: »Ein Brod! ein Brod!«
    Clara trat an den Tisch, wo ihr Vater emsig schrieb, und bot ihm einen guten
Abend. »Bist du noch immer am Schreiben?« sagte sie. »Es ist schon spät, Vater;
du solltest deine Augen schonen.«
    »Ei, mein liebes Kind,« entgegnete heiter der alte Mann, »vor Torschluss
oder vor dem Läuten der Abendglocke legt man nicht die Hände in den Schoss, es
kommt ja nächstens doch eine lange, lange Zeit, wo ich meine Augen schonen kann
und muss, deshalb will ich sie jetzt noch ein Bischen gebrauchen. - Aber siehst
du, Clara,« fuhr er sich emporrichtend fort, indem er sie fest anschaute, »in
diesem Moment mache ich von meinen Augen den mir liebsten Gebrauch.«
    »Und welchen?« fragte lachend die Tänzerin.
    »Dich anzusehen, mein Kind; das ist Trost und Licht in meinen Tagen. Heute
Abend sieht dein Kopf aus wie der einer Fürstin, und wenn ich mein Bischen
Phantasie zusammennehme, so könnte ich mir eine Zeit vorstellen, wo du ein
wirkliches Diadem trägst und diese falschen Brillanten in deinem Haar echt und
von grossem Werte sind.«
    »Wenn ich je dergleichen wünschte,« versetzte Clara, während sie eine der
weissen mageren Hände ihres Vaters nahm und sie küsste, »so täte ich es nur um
deinetwillen. Welch' schönes Leben würden wir führen! - Aber warum haben die
Kinder vorhin geweint? Haben sie dich geärgert, muss ich sie zanken?«
    »O nein! o nein!« erwiderte der alte Mann, »sie haben den Abend über recht
artig gespielt; ich habe mich selbst an ihren Kindereien ergötzt,« setzte er mit
einem fast unmerklichen Seufzer hinzu, und lehnte sich in den Stuhl zurück; »es
ist eigentümlich, sie haben sich grosse Gastmahle zubereitet und von herrlichem
Essen und Trinken gesprochen.«
    »Während ihr zu Nacht gespeist?«
    »Das könnte ich eigentlich nicht sagen,« antwortete der Vater.
    »Richtig, jetzt fällt mir etwas ein, was ich fast ganz vergessen hätte.«
    »Doch nicht, das Geld von dem Buchhändler holen zu lassen?« fragte ängstlich
das Mädchen.
    »O nein! den Versuch habe ich wohl gemacht,« entgegnete schmerzlich lächelnd
der alte Mann; »aber der Herr Blasser sei nicht zu Hause, sagte man mir.«
    »Und darauf bekamt ihr kein Geld?«
    »Natürlicher Weise,« antwortete gutmütig der Vater. »Wenn man nicht zu
Hause ist, kann man auch nicht bezahlen.«
    »Und euer Nachtessen? - Ich hatte das so gut angeordnet.«
    »Ja, das hattest du, liebes Kind; aber der Mensch denkt, Gott lenkt, und wo
nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Uebrigens hatte ich mich an den
Phantasien der Kinder gelabt, und während wir gemeinschaftlich ein schwarzes,
sehr gutes Brod assen, träumten wir von Torten und Pasteten und allerlei
köstlichen Leckerbissen.«
    »Halb und halb habe ich mir das gedacht,« sagte Clara, indem sie zu lächeln
versuchte, »und wenigstens einiges Weissbrod mit nach Hause gebracht; ich will
geschwind zur Nachbarin gehen, ich sah noch Licht, als ich die Treppen herauf
kam, und will mir etwas Milch von ihr geben lassen, dann mache ich euch in aller
Geschwindigkeit eine kostbare Suppe.«
    Diese letzten Worte sprach sie mehr gegen das kleine Bettchen gewendet,
worauf die Kinder sie mit strahlenden Blicken ansahen und mit dem Kopfe nickten;
der kleine Bub stand sogar auf, als Clara eilig das Zimmer verliess, und
versuchte es, ihr nachzuschauen, was einen äusserst komischen Anblick gab, da
seine Kehrseite nicht gehörig bekleidet war.
    Der alte Mann hatte sein Buch aufgeschlagen, die Feder eingedunkt und fing
wieder an emsig zu schreiben.
    Clara ging mit einigem Widerstreben zu der Nachbarin, von der sie vorhin
gesprochen. Es war dies eine Wittwe mit zwei Töchtern, von, wenigstens
äusserlich, sehr frommem und gottesfürchtigem Lebenswandel; so versäumte sie für
ihre Person fast keinen Gottesdienst, und wenn ein Buh- und Bettag angesetzt
war, so schlich sie zerknirscht über die Strassen und man hätte darauf schwören
sollen, sie, obgleich frei von eigenen Lastern und groben Fehlern, habe sich aus
Barmherzigkeit eine tüchtige Sündenlast ihrer Mitmenschen aufgeladen und helfe
so aus christlicher Liebe die allgemeine Verderbnis geduldig mittragen. Was ihre
Töchter anbelangte, so gingen diese nur in die Garnisonskirche und nur
Vormittags von Zehn bis halb Zwölf, zur gleichen Zeit, wo auch fromme Soldaten,
von gläubigen Lieutenants geführt, auf hohen und höchsten Befehl zum
wohlgefälligen Wandel angehalten wurden.
    Die Wittwe mit ihrer Familie gehörte in die Klasse der »verschämten
Hausarmen,« und wurde von Glaubensgenossen so reichlich unterstützt, dass sie
alle ihre Zeit der Beschaulichkeit zuwenden konnte und nicht viel zu arbeiten
brauchte.
 
                               Sechstes Kapitel.
                              Die Familie Wundel.
Als Clara auf höfliches Anklopfen in das Zimmer trat, das, obgleich ebenfalls im
vierten Stock, doch recht wohnlich und angenehm eingerichtet war, drang ihr der
angenehme Duft eines guten Nachtessens entgegen, der von gerösteten Kartoffeln
und Bratwürsten herzurühren schien, ein kräftiger Geruch, welcher der müden
Tänzerin einen einzigen und stillen Seufzer abpresste. Die Wittwe hatte sich eben
zu Tische begeben und sass in einem guten Stuhle; die eine, ihrer Töchter hatte
ebenfalls Platz genommen, die andere befand sich noch vor dem Spiegel, um ihre
Frisur wieder in Ordnung zu bringen, die durch Abnahme des Hutes einigermassen
Schaden gelitten. Das Zimmer war von einer lieblichen Wärme erfüllt, denn in dem
Ofen krachte und prasselte ein gutes Holz.
    »Ei, Fräulein Clara,« sagte die Wittwe, indem sie die ergriffene Gabel
wieder niederlegte, »was verschafft uns noch so spät das Vergnügen?«
    »Ich wollte Sie nur freundlichst bitten, Madame Wundel,« entgegnete das
Mädchen, »mir mit ein wenig Milch auszuhelfen; die unsere ist alle geworden und
ich bin so spät aus dem Teater gekommen, dass der Laden im Nachbarhaus bereits
geschlossen war.«
    »So, so, Milch wollen Sie haben? - Du lieber Gott! wenn wir nur selbst noch
etwas haben. Ich fürchte fast, wir haben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht.
- Weisst du nicht, Emilie,« wandte sie sich an ihre Tochter, die am Tische sass,
»ist noch etwas da?«
    Hiebei hätte aber ein mehr argwöhnischer Beobachter als die junge Tänzerin
deutlich bemerken können, wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte.
    Emilie, als gelehrige Tochter, verstand übrigens dies Zeichen vollkommen,
denn während sie die Schüssel mit den Bratwürsten an sich zog, sprach sie mit
dem ruhigsten Tone von der Welt: »Es tut uns wahrhaftig leid, Fräulein Clara,
aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hause.«
    »Richtig, ich besinne mich,« bekräftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel
wieder, »es ist kein Tropfen mehr da.«
    »Und ihr irrt euch alle Beide,« versetzte ruhig die andere Tochter, die vor
dem Spiegel stand und sich nun herumdrehte, »man hat heute Abend zwei Töpfe
gebracht, und wir können der Clara schon bis morgen einen davon geben.«
    Madame Wundel presste krampfhaft ihre Hand, in der sie die Gabel hielt,
zusammen und sandte ihrer jüngern Tochter einen nichts weniger als liebevollen
Blick zu. »Wie die es so genau weiss!« sagte sie alsdann. »So sieh' du nach,
Emilie. Wenn Milch da ist, so steht sie mit Vergnügen zu Diensten.«
    Emilie stiess die Schüssel etwas ärgerlich zurück, und sprang auf, um in die
Nebenkammer zu gehen.
    Die arme Tänzerin stand wie auf Kohlen, denn trotz ihres arglosen Gemütes
fing sie doch an, die fatalen Hin- und Herreden sowie die finstere Miene der
Madame Wundel zu begreifen.
    Die jüngere Tochter hatte sich unterdessen an den Tisch gesetzt und schien
durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeschüchtert zu sein. - »Ich habe
Ihnen auch noch meine Complimente zu machen,« sagte sie ruhig zu Clara. »Sie
haben heute Abend vortrefflich getanzt und sehr schön ausgesehen.«
    Auf diese unvorsichtigen Worte stiess die würdige, aber vorsichtige Mutter
ihre aufrichtige Tochter unter dem Tische so derb mit dem Fusse, dass sie
zusammenzuckte.
    »Sie waren also im Teater,« fragte die Tänzerin, welche diesen Ausspruch
mütterlichen Gefühls nicht bemerkt hatte. »Ja, ich glaube, es ist ein schönes
Ballet; wir können das freilich nie genau sagen, weil wir mitwirken, aber es
wurde viel applaudirt. - Gehen Sie öfters in's Teater?«
    »Sie geht zuweilen hin, natürlich höchst selten,« erwiderte Madame Wundel
mit einem Ausdruck sittlicher Entrüstung auf dem Gesichte. »Was wollen Sie?
Jugend hat nicht Tugend. Ich und meine ältere Tochter betreten nie das
Teatergebäude - niemals; der Herr soll mich bewahren!«
    »Es ist aber doch ein angenehmes Vergnügen,« sagte Clara, um etwas zu
erwidern, mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer, denn sie hörte dort ein
starkes und verdächtiges Plätschern.
    Madame Wundel lehnte sich in ihren Stuhl zurück und zuckte die Achseln,
während sie gen Himmel blickte. »Es wohnt in der Nachbarschaft eine christliche
Familie,« versetzte sie, »die zuweilen Billete geschenkt erhält, und da bietet
man hie und da meiner Tochter eines an. Sie können denken, dass es mir Kummer
verursacht, aber was will ich machen? Es ist traurig, aber wahr, dass trotz der
grössten Ermahnungen bei manchen Menschen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen
will.«
    In diesem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem ersehnten Topfe aus dem
Nebenzimmer, Clara empfing ihn dankend, versprach auf morgen Früh die
Wiedererstattung und verliess das Zimmer.
    Wir können dem geneigten Leser nicht verschweigen, dass das Abendbrod dieser
verschämten Hausarmen, bestehend aus gerösteten Kartoffeln und Bratwurst, wozu
noch etwas Bier getrunken wurde, nicht ohne einige Streitigkeiten vorüberging.
Von der älteren wurde die jüngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt
und Madame Wundel meinte, ihre Letztgeborene sei und bleibe nun einmal eine
kolossale Gans, und es hätte sie wahrhaftig gar nicht gewundert, wenn sie vorhin
noch hinzugesetzt hätte, das Teaterbillet sei nicht geschenkt, sondern gekauft
worden, - was denn auch leider der Wahrheit sehr nahe gekommen wäre.
    Unterdessen hatte im gegenüberliegenden Zimmer der alte Mann fleissig darauf
los geschrieben und der kleine Knabe stand hartnäckig an seinem Bettchen
aufrecht, obgleich ihn sein entblösstes Hinterteil in dem kühlen Zimmer
einigermassen fror. Es war aber auch kein Wunder, dass der kleine Mann seine Nase
beharrlich nach der Gegend hindrehte, wo die Schwester verschwunden war. Es kam
nämlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener angenehme Geruch, von dem wir
vorhin gesprochen, und der, so schwach er herüberdrang, doch von dem Bübchen
gleich entdeckt wurde. Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine
Nase.
    »Du,« sagte der Knabe zu seiner Schwester, »Clara bringt uns was Gutes zum
Essen.«
    »Sie wird nichts mitbringen,« entgegnete das verständigere Mädchen.
    »Aber ich rieche was, und was Gebratenes. Bekomm' ich nichts davon?«
    »Nein, davon kriegst du nichts; das ist für andere Leute, die es gekauft und
gekocht haben.«
    »Ihr seid recht dumm,« antwortete das Bübchen; »warum kauft ihr nicht auch
etwas und kocht es uns? Tann könnten wir es essen; denn wenn ihr etwas kauft und
uns bratet, so gehört es uns und nicht anderen Leuten.«
    Der alte Mann, der ebenfalls durch den Geruch aufmerksam geworden war, erhob
seinen Kopf und sagte lächelnd: »Das Kind spricht sehr logisch; seine
Folgerungen sind ganz richtig; nur ruht seine Tesis auf schwachen Füssen.«
    »Komm herab in's Bett,« sprach das Mädchen, als drüben abermals die Türe
aufging; »du wirst dich erkälten, und wenn dich Clara so bloss dastehen sieht, so
zankt sie mit mir.«
    Jetzt kam die Tänzerin mit ihrem Milchtopf zurück. Die beiden Kinder
schauten vergnügt empor, das Bübchen klatschte in seine kleinen Hände und rief:
»Siehst du, jetzt kommt das Gebratene.«
    »Nein, nein, es ist nichts Gebratenes,« entgegnete lachend die ältere
Schwester, »aber was viel Besseres. Jetzt mache ich eine Milchsuppe mit Brocken
darin, und ihr sollt sehen, wie das schmeckt!«
    »O lass mich zusehen, wie du es machst!« sagte das Bübchen. »Bitte, Clara,
lass mich zusehen!«
    »Aber es wird dich frieren im Zimmer.«
    »O, es tut nichts, wenn es mich friert; ich friere gern, wenn ich nur
zusehen darf.«
    »Aber dann bekommst du einen Husten,« erwiderte Clara, während sie den Topf
mit Milch in die verglimmenden Kohlen stellte, »und wirst krank werden.«
    »Das tut nichts,« entgegnete entschlossen der Knabe, »wenn ich zusehen
darf, bekomme ich gern einen Husten und werde auch gerne krank.«
    »Nun meinetwegen,« versetzte die gutmütige Schwester, »dann könnt ihr
helfen das Brod einschneiden. Aber vorher muss ich dir ein Röckchen anziehen und
Strümpfe.« Und darauf nahm sie den kleinen Bruder aus dem Bette, legte ein
Kissen auf die Kommode und setzte ihn darauf. Das grössere Mädchen zog sich
allein an.
    Wie war das Bübchen so froh, als es die Hoffnung hatte, zusehen zu dürfen,
wie die Milchsuppe eingebrockt wurde. Er schlang seine beiden Aermchen der
Schwester um den Hals, drückte sein rundes Gesicht fest auf ihre schwellenden
Lippen und sagte: »Du bist die allerbeste Clara, und ich habe dich lieb - so
viel und so gross wie - wie - ein ganz grosses Haus.« - Nachdem der Knabe
hinreichend bekleidet war, um die kühle Temperatur in dem Zimmer aushalten zu
können, zu welchem Zwecke ihm die Schwester noch ein grosses wollenes Tuch um
seine Füsse schlang, wurde er auf den Tisch gesetzt, an welchem die jüngere
Schwester bereits auf einem Stuhle stand, nachdem sie eine grosse irdene
Suppenschüssel herbeigeschleppt.
    Die junge Tänzerin nahm die Milch von den Kohlen, und als sie solche in die
Schüssel goss, bemerkte sie an der bläulichen Farbe derselben, dass es nicht
rätlich sei, um eine grössere Menge zu erzielen, noch etwas Wasser zuzusetzen;
dies Geschäft hatte Mamsell Wundel im Nebenzimmer bereits gehörig selbst
versehen.
    »Mir scheint,« sagte der alte Mann an seinem Schreibtisch, indem er seine
Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tische schaute,
»wir bekommen noch ein Nachtessen. Ei, ei! das ist, obgleich Verschwendung, doch
sehr wohltätig. Auch trifft das prächtig mit meiner Arbeit hier zusammen; ich
übersetze auch gerade ein Souper in Onkel Tom's Hütte, und es ist sonderbar,
wenn ich von Essen und Trinken schreibe, da bekomme ich einen stärkeren
Appetit.«
    »Mir geht's auch so, Papa,« antwortete Clara, wobei sie lachend herum
schaute. »Wenn ich zum Beispiele in einem Lustspiele bin und sie fangen auf der
Bühne an zu essen und zu trinken, da könnte Einem das Wasser im Munde
zusammenlaufen; und es geht nicht allein mir so: Alle, die um mich herum sitzen,
haben begehrliche Augen und machen spitze Mäuler, - wie du, du kleiner Fresser.«
Damit patschte sie dem Bübchen mit dem Löffel um den Mund, was dieser aber gar
nicht übel zu nehmen schien, sondern die herabrinnenden Tropfen begierig
ableckte.
    Der Vater hatte seine Feder niedergelegt, die Brille abgelegt und wischte
sich die trübe werdenden Augen.
    »Dieses Innere von Onkel Tom's Hütte,« sagte er nach einer Pause, »ist als
recht komfortable geschildert und kommt Einem gar nicht so unrecht vor; es ist
ein anständiges, festes Gebäude mit einem kleinen Garten davor; auf dem Herde
lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wärme.« - Er
sprach das mit leiser Stimme und mehr zu sich selber.
    Clara schien auch nicht darauf zu achten, denn sie wandte sich in diesem
Augenblick zu ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihr: »Aber warum hast du es
hier in dem Zimmer so kalt werden lassen? So kann der arme Papa ja nicht
schreiben; seine Finger müssen ihm ganz starr werden.«
    »Schon die Idee eines Kamins hat etwas höchst Behagliches,« fuhr der alte
Mann fort, indem er sich die Hände rieb; »man sieht in die spielenden Flammen,
man stellt sich behaglich davor hin und dreht die mächtigen Holzblöcke mit der
Zange herum.«
    »Ich hätte gern Holz nachgelegt,« entgegnete das kleine Mädchen, »aber Papa
hat selbst zugesehen und meinte, wir müssen noch acht Tage lang mit auskommen,
ehe du neues kaufen könntest, und wenn man da zuviel brauche, werde es nicht
langen.«
    »Ich begreife nur nicht,« sprach Clara, »du bist doch schon so ein
erwachsenes und vernünftiges Mädchen, dass du nicht früher zur Madame Wundel
gegangen und sie um etwas Milch gebeten hast; sie hätte es dir auch nicht
abgeschlagen. Da muss man nachdenken, mein Kind; ihr hättet schon um acht Uhr
eure Milchsuppe essen können, und nun habt ihr bis jetzt gehungert.«
    »Es war noch ein Stück Brod in der Schublade,« erwiderte die jüngere
Schwester, »und das haben wir drei gegessen.«
    Der alte Mann schaute träumerisch an die Decke empor und sagte: »Tante Cloe
steht am Küchenfeuer und aus ihrer Bratpfanne hervor dringt der Geruch von was
Gutem; sie hat eben noch ein Stück Speck hineingetan und bemerkt, dass der
Kuchen sich wunderschön färbt, dass er sich zu einem prächtigen Braun anlässt:
darauf hebt sie den Deckel der Backpfanne weg und lässt einen schöngebackenen
Pfundkuchen sehen, dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen
gebraucht hätte. - Ah!« fuhr er mit lauterer Stimme fort, »es ist etwas sehr
Vortreffliches um so einen Kuchen.«
    Bei dem Worte Kuchen wandte das Bübchen rasch den Kopf herum und seine
Teilnahme für die Milchsuppe wurde augenscheinlich geringer.
    »Der Papa spricht von Kuchen,« sagte die kleine Schwester zu Clara; »haben
wir vielleicht welchen?«
    »O nein,« entgegnete die Tänzerin in bitterem Tone. »Papa spricht nur
einiges vor sich hin aus dem Negerleben von Amerika.«
    Das Bübchen aber gab sich nicht so leicht zufrieden, sondern er wandte den
Kopf herum und rief laut: »hast du Kuchen, Papa? Du hast was von Kuchen gesagt?«
    »Ich habe eigentlich nur laut gedacht,« versetzte der alte Mann mit einem
trüben Lächeln; »ich hatte vorhin gelesen von den armen Negersklaven -«
    »Die Kuchen essen?« fragte das Mädchen.
    »Allerdings, mein Kind,« sagte der Vater träumerisch, »die Kuchen essen und
ein warmes behagliches Zimmer haben.« dabei rieb er sich die Hände und zog den
alten fadenscheinigen Ueberrock fester um seine Schultern.
    »Ah!« antwortete das kleine Mädchen, indem sie ihren Kopf auf die Hände
stützte und in die dünne Milchsuppe schaute, »wenn sie Kuchen essen, so sind sie
ja nicht arm. - Wir haben keinen Kuchen zu essen und oft kein warmes Zimmer;
also sind wir auf jeden Fall noch viel schlimmer daran.«
    »Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht,« sprach kummervoll der
alte Mann, indem er seinen Blick umherlaufen liess auf den kahlen Wänden seiner
Wohnung, auf den ärmlichen Möbeln und Betten, und ihn dann auf die kleine
Schüssel voll Milch heftete, in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren, und die
ein vollständiges Abendessen abgeben sollte für vier Personen, die bis Abends
zehn Uhr gefastet. - -
    »So, jetzt ist es angerichtet!« rief die Tänzerin mit lustiger Stimme. Sie
wollte dadurch alle trüben Gedanken verscheuchen. »Jetzt lass deine Schreiberei
sein, Papa, und komm' zu Tisch.«
    »Das reicht ja kaum für euch aus,« entgegnete dieser, »esst nur, esst nur, ich
schreibe noch.«
    Doch blickte er, seinen eigenen Worten widerstreitend, sehnsüchtig nach dem
Tische, und als das kleine Mädchen ihm entgegenlief und ihn bei der Hand
fortzog, brauchte sie gar keine Kraft anzuwenden, um ihn bis an die
Milchschüssel zu bringen.
    Die Familie setzte sich um den Tisch herum; Jedes hatte seinen Löffel
ergriffen, doch ehe das Abendessen eigentlich begann, musste sich das Bübchen
entschliessen, sein gewöhnliches Tischgebet herzusagen. Es faltete die Hände und
sprach:
    »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne was ich bescheeret hab'.«
    Es war dies ein Sprachfehler, den man ihm trotz aller angewandten Mühe nicht
abgewöhnt hatte, und den er sich heute Abend vollends nicht verbessern liess,
denn seine ganze Seele schwamm in der Milchschüssel.
    So ging nun das Nachtessen vor sich, und die kleine Familie beim flackernden
Scheine der Talgkerze wäre in ihrer Zusammenstellung ein kleines, herrliches
Genrebild geworden. Der alte Mann mit dem wohlwollenden freundlichen Gesichte,
der nur mit grossen Zwischenpausen ass, die junge schöne Tänzerin in dem ärmlichen
Kleidchen, das volle schwarze Haar aber frisirt wie eine Fürstin und aus
demselben hervor zahllose falsche Brillanten blitzend. Sie behauptete, fast gar
keinen Hunger zu haben, und schaute mit dem liebenden Blick einer jungen Mutter
den beiden kleinen Geschwistern zu, die eine Wette eingegangen zu haben
schienen, wer von ihnen zuerst auf den Grund der Suppenschüssel gelange. Wir
müssen gestehen, dass sich das Bübchen am Tapfersten hielt, namentlich aber viel
Milch schlürfte und die Brocken mehr oder weniger verschmähte. Doch ist hiebei
nicht zu übersehen, dass es von dem Stück Brod vor ein paar Stunden das grösste
Drittel erhalten.
    »Karl, Karl!« sagte Clara, die ihm lächelnd zusah, »du vergisst wieder ganz
die Geschichte von dem Kinde und der Eidechse. Das musst du ihm erzählen, Marie.«
    Und darauf sprach die kleine verständige Schwester: »das Kind sass vor der
Haustüre und hatte ein Schüsselchen mit Milchsuppe vor sich stehen, da kam die
Eidechse und ass mit, aber die Eidechse trank bloss die Milch und liess die Brocken
liegen, da nahm endlich das Kind sein Löffelchen«, schlug das Tier auf die
Schnauze und rief: »wenn du mitalten willst, so iss auch Brocken, du Ding!«
    »So iss auch Brocken, du Ding!« wiederholte Clara und schlug den kleinen
Bruder zum Scherz abermals mit dem Löffel, auf seinen milchtriefenden Mund,
worüber dieser in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach, so dass er fast an
einem Brocken, den er gehorsam zu sich genommen, erstickt wäre.
    Jetzt war die Milch fast verzehrt und es blieb auf dem Grund der Schüssel
nur eine kleine bläuliche Flut.
    »Seht ihr wohl,« rief plötzlich das Bübchen mit grossem Ernst: »ihr alle habt
wieder nicht an die arme Anna gedacht. Soll sie denn gar nichts zu essen
bekommen?« - Er meinte damit die kleine todte Schwester, die draussen im
Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf schlief.
    »Sie will nichts mehr essen,« sagte Marie; »sie ist ja gestorben und jetzt
im Himmel.«
    Clara, die trotz ihrer Beschäftigung den ganzen Abend an die Verstorbene
gedacht, die aber durch ihre Erwähnung den Schmerz des alten Mannes nicht
verwehren wollte, zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der
Seite an.
    Dieser hatte, wie schon bemerkt, fast gar nichts gegessen und sass schon
lange da mit gefalteten Händen. Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht so
innig an das Kind gedacht, so fiel ihm die Erinnerung an dasselbe jetzt doppelt
schmerzlich auf die Seele, als er nun am Tische den leeren Platz sah, wo sonst
die kleine Anna auf ihrem Stühlchen gesessen. Er stiess einen tiefen Seufzer aus
und seine Augen funkelten auf eine ganz eigentümliche Art.
    »Die Anna ist nicht im Himmel,« sagte entschieden das Bübchen; »wie kann sie
im Himmel sein, da sie draussen auf dem Kissen liegt? Sie kommt erst in den
Himmel, wenn sie begraben ist, und das geschieht morgen.«
    »Schon morgen?« versetzte der alte Mann und sah seine ältere Tochter fragend
an. - »Du hast Alles besorgt, nicht wahr, Clara?«
    »Alles so gut wie möglich,« erwiderte die Tänzerin; »und wenn die beiden
Kinder brav sein wollen, so zeige ich ihnen das Kleidchen, in welchem die Anna
ein Engelein wird.«
    Sie stand auf, um das kleine Paket zu holen, blieb aber an der Kommode
länger als nötig war stehen, um ihre hervorstürzenden Tränen, namentlich vor
den beiden Kindern, zu verbergen. Da aber diese endlich ungeduldig wurden, so
musste sie wieder kommen und ihnen das Kleidchen zeigen. Nachdem sie den Tisch
abgeräumt, schlug sie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus.
    »Das ist schön,« sagte der Knabe; »ich möchte das Kleidchen wohl einmal
anprobiren, mir müsste es recht gut stehen.«
    »Warte nur, Karl,« entgegnete ernst der Vater, indem er mit der Hand über
die Augen fuhr, »einem solchen Kleide entgehst du nicht; wenn du aber recht brav
und folgsam bist, so möge der liebe Gott gnädigst bewilligen, dass du eins
bekommst, das noch viermal so lang ist.«
    »Mir wäre dies schon recht,« antwortete das Bübchen, wobei es die roten
Schleifen durch die Finger gleiten liess, »das ist wirklich schön. - Und du hast
es ganz selbst gemacht?« fragte er die ältere Schwester.
    »So schönes rotes Band!« sagte Marie. »Das sieht doch besser aus als die
schwarzen Schleifen.«
    »Ja, ja, es ist freundlicher,« versetzte der Vater. - »Wo hast du denn das
Band noch aufgefunden?«
    »Die im Teater haben es mir gegeben,« erwiderte Clara, »und es hat mich
recht gefreut, dass sie so viel Anteil nahmen.«
    »Es ist sonderbar,« sprach lächelnd der alte Mann, »wie die Dinge in dieser
Welt so seltsam ihren Platz wechseln. Dies rote Band, das vielleicht noch
gestern in den Haaren einer Tänzerin geflattert, kommt nun morgen in die kühle
Erde. Aber es ist schön, dass sie dir so geholfen, es freut mich; und wenn mein
Kind in den Himmel einschwebt, so werden ihnen diese Schleifen dort oben keine
üble Nachrede machen. - Amen!« -
    »Amen!« wiederholte auch Clara, und dann setzte sie mit gewaltsam
verändertem Tone hinzu: »Aber jetzt, Kinder, zu Bett! Ihr habt gegessen und
getrunken und könnt nun ruhig schlafen.«
    dabei lächelte sie durch ihre Tränen und sagte zu dem Bübchen: »Gaislein
bist du satt?«
    Worauf der Knabe lachend erwiderte:
»Oh! wo sollt' ich satt von sein?
Ich sprang über ein Gräbelein
Und fand kaum ein Blättelein.
    Aber ich bin schläfrig und bitte dich, liebe Clara, mich zu Bett zu legen.«
    Dies geschah denn auch; Clara lockerte zuerst die dünnen Kissen in dem Bett,
dann zog sie die Kinder aus und legte sie hinein. Sie krochen dicht an einander
hin, um sich zu erwärmen und die ältere Schwester deckte zu dem gleichen Zweck
noch einen wollenen Rock über sie hin. Dann sprachen die Kleinen zu ihrem Spasse
den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenseitig und entschliefen bald unter
Lachen und Scherzen.
 
                               Siebentes Kapitel.
                                 Sklavenleben.
Der Vater setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen angefangenen Bogen zu
vollenden, und die Tänzerin zündete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den
Kranz von Orangenblüten und ging in's Vorzimmer. - Hier lag das todte
Schwesterchen auf emem weissen Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als
Clara dieses Tuch wegzog, durchschauerte es sie leicht, und als sie darauf das
Kind betrachtete, rollte eine Träne um die andere aus ihrem Auge. Es lag da so
ruhig als ob es schliefe, die Augen halb geöffnet, die Händchen über der Brust
gefaltet. Dass es wirklich todt war, sah man nur an der gelblichweissen
Gesichtsfarbe, an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug, der um den
zusammengepressten Mund und das spitzige Näschen spielte, und man fühlte das,
wenn man, wie Clara es tat, das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen
Lippen des Kindes drückte und dann jene eisige sonderbare Kälte empfand, jene
Kälte, die mit nichts Anderem zu vergleichen ist; jene Kälte, welche die
unerbittliche Hand des Todes zurücklässt.
    Clara deckte das Kleidchen mit den roten Schleifen über ihre kleine
Schwester hin, legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen
auf die Knie. Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen
gestorben. Vor dem inneren Auqe der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei
kummervollen Jahre vorüber, welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit
ihm geduldet und gelitten. Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der
kleinen Anna. Ihre Mutter, Clara's Stiefmutter, war wenige Tage nach der Geburt
des kleinen Kindes gestorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es
ihr eigenes. Ah! sie liebte das arme kränkliche Geschöpf mehr als Alles in der
Welt. Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm, als an dem Vater und den anderen
Geschwistern; es war ihr Eigentum, sie hatte es sich erobert durch durch die
unermüdlichste Sorgfalt, durch unzählige Nachtwachen. Ein halbes Jahr nach der
Geburt hatte der Hausarzt gesagt: es ist ein Wunder, Fräulein Clara, dass Sie mit
Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben. - Ja, es lebte, es gedieh, und das
junge Mädchen sah mit Entzücken, wie es stärker und kräftiger wurde, wie es
eines Tags zum ersten Mal lächelte, wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt,
aber in unartikulirten Tönen, nur ihr allein verständlich. - - - - Und doch
musste es sterben. Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht! Wie hatte
sie Tag und Nacht über seinem Lager gewacht, am Morgen seinen ersten Blick
empfangen, am Abend seinen letzten! Wie war sie atemlos die vier Treppen
hinaufgerannt, um hineintretend zu fragen: »was macht das Kind?« - Da endlich
überfiel es eine neue Krankheit, und schon nach wenigen Tagen ging sein Atem
schnell und schwer, sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig.
Wenn sich auch Clara überreden wollte, das seien nur vorübergehende Symptome,
und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und
fragte: »nicht wahr, heute geht's mit der Anna besser? ihre Augen sind
lebhafter, ihr Atem leichter,« so schüttelte doch der Hausarzt den Kopf, und
der verzweifelte Blick, mit dem die junge Tänzerin an seinen Lippen hing,
verhinderte ihn mehrere Tage, die Wahrheit zu sagen. Endlich aber musste er doch
eingestehen, dass alle Hoffnung vergebens sei. -
    An dem Tage war gerade ein neues Ballet, und Clara musste tanzen und lustig
sein; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bühne weg und ging an eine
kleine Türe, welche auf die erste Gallerie führte, und dort wartete sie, bis
der Leibarzt des Königs seine Loge verliess. Das war ein alter freundlicher Herr,
und als er vorbeigehen wollte, hatte sie sich ihm beinahe zu Füssen geworfen,
auch konnte sie lange vor ihren Tränen nicht sprechen. Dem Arzte erschien es
natürlich sonderbar, hier von der glänzend gekleideten, aber weinenden Tänzerin
angehalten zu werden, doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte, so war
Clara bald im Stande, ihm ihr Leid mitzuteilen. Er versprach nach dem Kinde zu
sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen sämmtlicher
Hausbewohner, die seinen Wagen anfahren hörten. Doch zuckte er ebensogut die
Achseln wie der Hausarzt, und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut,
auch sich nach den Vorgängen erkundigt, tröstete er das Mädchen so gut er konnte
und sagte richtig voraus, das kleine Kind werde die Nacht nicht überleben. - -
Am andern Morgen war es todt. In Clara's Leben entstand eine grosse Lücke; sie
sah vor sich ein weites, graues Feld, in dessen Mittelpunkte das todte Kind
schwebte, das langsam vor ihren Augen versank. -
    Das Alles überdachte sie in der heutigen Nacht, und all' die Tage, welche
das Kind gelebt, gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorüber. Endlich
erhob sie sich wieder, deckte das Tuch über das weisse Gesicht der Kleinen,
nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Küssen und Tränen bedeckt: dann ging
sie gefasster in das Wohnzimmer zurück.
    Der alte Mann schien eben seine Arbeit für heute Nacht beendigt zu haben, er
klappte das Buch, aus welchem er übersetzte, zu, und legte die Feder darauf hin;
dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah nachdenkend vor sich hin.
    Clara, welche noch keinen Schlaf verspürte, setzte sich ihm gegenüber und
bedeckte ihre rotgeweinten Augen mit der Hand.
    »Das Buch ist ein eigenes Stück Arbeit,« sagte der Vater, »wohl für Amerika
berechnet, namentlich jene Distrikte, wo man Sklaven hält oder für deren
Abschaffung alle möglichen Schritte tut. Wie es aber mit seinem gewiss vielfach
übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so grosses Aufsehen machen konnte,
ist mir nur dadurch erklärlich, wenn ich überhaupt unsere kindische Sucht nach
Fremdem in's Auge fasse, oder eine Art wollüstig kitzelnder Grausamkeit annehme,
mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut, da man nicht den Mut
hat, das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken, um hier eine ungleich
härtere Sklaverei zu entdecken, tieferen Jammer, grösseres Elend.«
    »Glaubst du das wirklich, Vater?« fragte nachdenkend Clara, die an jene
Unterredung auf der Bühne dachte.
    »Ob ich es glaube, mein Kind!« entgegnete finster der alte Mann. »Fragst du
mich das im Ernst? Blicke doch zunächst auf uns Alle, auf dich selbst. Sieh
doch, wie es uns bei angestrengtem Fleisse, bei der grössten Tätigkeit nicht
möglich ist, unsere kümmerliche Lage zu ändern; sieh doch zu, wie ich mich hier
bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe, und ohne deine Hülfe, mein gutes Kind,
doch nicht im Stande wäre, ausreichend für unsern notdürftigen Unterhalt zu
sorgen.«
    »Es ist wahr, Vater, es ist sehr wahr.«
    »Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glücklich gegen mich zu nennen; er ist ein
Sklave geboren, und konnte, ich gebe zu, dass es sehr traurig ist, von einem Tag
auf den anderen gewärtigen, was ihm endlich zugestossen. Und wenn nun diese
Geschichte wirklich wahr, wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere
verübt werden, so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen für
sich; man beklagt ihr Dasein, man bejammert ihr Schicksal, man tut durch Wort
und Schrift, was man kann für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven,
während man dagegen zu Hause wieder Alles tut, um uns recht hinabzudrücken,
recht den Fuss auf den Nacken zu setzen, uns, den weissen Sklaven der Armut und
Geburt. - - Die Verfasserin,« fuhr der alte Mann nach einer Pause fort, eine
Amerikanerin, Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens, hatte gewiss
die schönste und lobenswerteste Absicht. Glaubst du vielleicht, mein Kind, dass
der Gedanke, Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Teiles des
Menschengeschlechtes beizutragen, die zahllosen Buchhändler in unseren damit und
mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat, das Publikum mit
Onkel Tom's Hütten zu überschwemmen, in Wort und Bild, in Gesängen und
Teaterstücken? - Glaubst du das? - Ich nicht! Ich habe von einem gehört, der
seinen Entusiasmus so weit trieb, dass er seine sämmtlichen Zimmer mit
Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmückte, in übermässiger Freude, dass er
endlich etwas gefunden, was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem
Ausdrucke zieht. Tritt doch hin vor diesen - geistigen Sklavenhändler, der dir
die Arbeit ruheloser Tage und schlaflosen Nächte, der dir ein Stück deines
Inneren, das du ihm geschrieben, anbietest, abfeilscht, ja abjaunert, der dir
ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein bestes Herzblut; - tritt doch vor ihn
hin und sage ihm, du habest auch eine Elise gefunden, deren Mann, ein fleissiger
Mann, sich von ihr und ihrem Kinde trennen müsse und weit über's Meer fliehen,
weil er hier kein Brod für sich und die Seinen mehr findet. Der hiesige Georg
ist freilich kein Sklave, und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten
Herrschaft, die sie auf's Freundlichste pflegt, auf's Beste erhält, die ihr
Hülfe verspricht und in guten tief gefühlten Worten Trost spendet. O nein, mein
Kind, die hiesige Elise, obgleich auch einstens schön, jung und blühend, ist nun
nach wenigen Jahren ein armes, verkümmertes Weib geworden und sitzt auf einer
ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern, dem Hunger und
der Kälte; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Risse des Daches; sie
selbst friert gern und muss ja frieren, denn in ihren letzten warmen Rock hat sie
ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust, und wenn es auch
zuweilen stöhnt und sich im Schlafe hin und her wendet, so ist es doch im
Augenblick vor der Kälte geschützt, und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht
gänzlich verlassen hat, so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige
Seele, die ihr mit etwas Suppe aushilft. - Vorderhand aber hungert sie und
hofft, hofft auf ihren Gatten, dass er ihr Hülfe sendet, hofft auf die
Barmherzigkeit des Himmels, dass er ihren kränklichen Körper genesen lässt, um
sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können. - - Und wie sie so sinnt
und denkt, erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im
Dach, und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite
Land und über andere Städte und andere Länder, und endlich sieht sie vor sich
eine weite, graue, hie und da mit Schnee bedeckte Fläche, eine trügliche Ebene,
die auf und nieder wankt. - Sie fühlt auch den Seewind, denn es fröstelt sie
kalt und schaurig an; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzählen
sich von dem grossen Sturm, der gestern stattgefunden und von dem grossen
Auswandererschiff, das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen. - -
    Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen, da schreckt sie zusammen
und ein herzzerreissender Schrei erweckt fast das Kind auf ihrem Schoss, sie
aber zum klaren Bewusstsein. Sie streicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem
Gesichte und redet sich ein, es sei doch lächerrlich, eine solch' traurige,
solch' schlimme Vorahnung zu haben. - -
    »Und sie hat in ihrem Geiste die Wahrheit gesehen,« fuhr der alte Mann
erschüttert fort. Und dabei hatte er die Hände gefaltet und blickte mit einem
seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers. - »Aus der Tiefe auf stiegen
nächtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks
aufwärts gen Himmel. Es waren viele, viele darunter, wie sie hier in dem Buche
beschrieben sind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die
Türen des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr
Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannte T.F. an der Hand, das man im Notfall
ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann, sondern ihnen war
dasselbe auf die Stirne geschrieben, und an den zusammengebissenen Zähnen und
auf den weissen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Dasein
ohne Lust und Freude, dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen.«
    Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden, so heftig ausgestossenen Worten,
ihres sonst gemütlichen und ruhigen Vaters gelauscht. Sie drückte ihre Hand auf
seinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu besänftigen, und es gelang ihr auch;
seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger,
väterlicher Zärtlichkeit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war.
Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Frisur, und
warf sie leicht auseinander, dass ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den
Boden rollten, die er verächtlich mit dem Fusse von sich stiess, dann die junge
Tänzerin auf die Stirne küsste, wobei ein paar Tränen aus seinen Augen auf die
ihrigen herabträufelten.
    »Ich verstehe dich wohl, mein Vater,« sagte Clara nach einer Pause; »auch
ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die
Bösartigkeit der Menschen.«
    »Sei es, mein Kind,« erwiderte ruhiger der alte Mann, »sei es wenigstens
äusserlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewissen,
dass du frei und stolz um dich blicken kannst, dass du das Auge Gottes nicht zu
scheuen hast. Was kümmern dich dann die Reden der Menschen!« -
    Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach, und der Vater blickte
während der kleinen Pause mit ungetrübter Zärtlichkeit auf das junge Mädchen,
dann aber drückte er sie sanft an sich, sein Blick wurde wieder finsterer, und
um seinen Mund spielte abermals ein hartes, ja verächtliches Lächeln. »Da haben
sie,« sagte er, »aus dem Buch ein Lied gemacht.« Es behandelt den Moment, wo die
Sklavin Elise mit ihrem Kinde über die auf- und abschwankenden Eisschollen des
Ohio flieht; allerdings eine entschlossene und schöne Tat. Dieses Lied ist nun
von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von
Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder
dem Geklimper einer Guitarre, sich selbst und den Zuhörern zum unaussprechlichen
Vergnügen, und es ist eine Heldentat, deren Vorbild man Tausende von Meilen
weit herholen musste, weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben
Vaterlande. - So glauben sie - -
    »Ich habe aber eine Mutter gekannt,« fuhr der alte Mann fort, indem er sich
erhob und im Zimmer auf-und abschritt, »die hat für ihr Kind noch unendlich mehr
getan, und man hat sie nicht gepriesen in Büchern und Balladen. Dieses Weib war
ein armes unglückliches Weib, und obgleich sie nicht von Sklavenhändlern gejagt
wurde, so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde: Not und Hunger. Sie
schrak nicht vor der Arbeit zurück, aber sie hatte in ihren guten Tagen nur
gelernt, mit der Nadel kunstvolle Arbeiten zu machen, und nun waren ihre Finger
vor Kälte steif geworden, und da sie zurückgekommen und verarmt war, so wollte
ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen, womit sie sich einen Verdienst machen
und das Leben ihres Kindes fristen konnte. Dieses Weib war keine geborene
Sklavin; sie war von einer guten ehrlichen Familie, und deshalb konnte es ihr in
ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almosen zu betteln; auch
hatte sie nicht das Geschick dazu: glücklichere und erfahrenere Almosensammler
liessen sie nicht aufkommen. - Da irrte sie Abends herum, ihr Kind in ein
ärmliches Tuch gewickelt, - ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da tut
es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor
hellerleuchteten Fenstern stehen muss, um zuzusehen, wie andere glücklichere
Kinder in der Fülle der Gesundheit jubelnd um den glänzenden Weihnachtsbaum
springen; - das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder,
sie wünschte nur ein kleines Brod für das ihrige, und als sie so an einem
Bäckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der
Gedanke, dort etwas für ihr Kind zu stehlen. - - - Anfangs schauderte sie
zurück, denn sie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger
leise wimmerte, als sie so gejagt war von Not und Verzweiflung, da streckte sie
die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht
entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, stand sie vor Schrecken
festgebannt. - Die Sklavin entging nicht ihren Verfolgern, sie wurde jenseits
ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio's nicht von freundlicher Hand
aufgenommen. - Die weisse Sklavin erhielt für sich und ihr Kind kein warmes
Zimmer, kein gutes Bett; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim; sie ist
verschwunden und verschollen, kein Buch beschreibt ihre grössere Tat, keine
Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwörend gen Himmel
und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft
er aber bei dem Stuhle seiner Tochter vorüberkam, berührte diese leicht seine
Hand, worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger, sein Blick sanfter wurde. Endlich
blieb er vor Clara stehen, fasste ihre Hand und sagte, nachdem er ihr eine
Zeitlang in die dunklen Augen gesehen, mit lächelndem Ausdruck im Gesicht: »ja,
ja, es ist leider wahr, mein Kind, wir Alle sind Sklaven; sieh' nur mich, deinen
Vater, an, glaubst du nicht, dass ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten
würde, wenn das meine Kräfte zuliessen, als diese geistigen Frohndienste zu
versehen, die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen, das mir
unangenehm, ja unheimlich ist! - - Aber ich weiss mich zu trösten, liebe Clara,«
fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sein Gesicht wieder den alten
gemütlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, während seine Augen wieder
sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene
Lächeln erschien. »Ja, ja, ich weiss mich zu trösten,« sagte er, »denn siehst du,
mein Kind, wären wir, ich, du und vielleicht noch Tausende von Menschen der
gleichen Klasse allein dazu berufen, die Sklaven aller anderen zu machen, es
wäre entsetzlich, es könnte das nicht lange fortbestehen, und bald müssten sich
die Niedergedrückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die
usurpirte Herrschaft ihrer Unterdrücker auflehnen. Aber es ist nicht so: Alle
sind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche stolz auf uns
herabblicken; und je höher sie stehen, desto herber fühlen sie ihre Sklaverei.«
    Das junge Mädchen sah ihren Vater fragend an, und sagte: »Aber, lieber
Vater, die Reichen, die sich für ihr Geld alle Genüsse dieses Lebens verschaffen
können -?«
    »Sind die Sklaven eben dieses Geldes,« versetzte rasch der alte Mann, »die
Sklaven ihrer Leidenschaften, die Sklaven eines oft kranken und deshalb für
viele Genüsse unbrauchbaren Körpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem,
ruhigem Blick, frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft,
erkundige dich, wer vollkommen glücklich und zufrieden sei; - du wirst Wenige
finden, und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen
Ständen. Dort drückt die unzerreissbare Sklavenkette des sogenannten guten Tons,
des Herkommens am stärksten, wenn sie auch der oberflächliche Beschauer nicht
sieht, da sie unter Gold und Blumen versteckt ist; dort verletzt ein Wort, ein
Blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen
nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüts; sie dienen nur dazu, Verdruss,
Hass, Wut, Neid zu verdecken: ein Händedruck, ein freundliches Wort will dort
nichts sagen, es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber
knirschend in seine Kette beissen möchte, und den nur die Macht, das Ansehen des
Anderen dazu zwingt, ein süsses Gesicht zu machen und den Rücken zu krümmen. -«
    »Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen,
wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des
Reichtums entfallen. - Es ist dies wahrlich in der Welt recht schön und klug
eingerichtet,« fuhr der alte Mann lächelnd fort; »Einer ist wie gesagt der
Sklave des Andern, und so hängen alle Menschen an einer gewaltigen Kette, vom
Bettler bis hinauf zum Könige.«
    »Aber der König ist frei,« sagte lächelnd das Mädchen, »ihn kannst du nicht
zu den Sklaven rechnen.«
    »Gewiss, mein Kind, ihn auch,« antwortete der alte Mann und starrte
nachdenkend, doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin. »Er ist auch Sklave
der Verhältnisse, seines Schicksals, ja teilweise seiner Umgebung; sein Wille
vermag nicht immer durchzudringen; und glaube mir, er in seiner Höhe fühlt es
doppelt hart, wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenüberstellt, wenn
sein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten,
die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade
weil er sonst herrscht und gebietet, fühlt er hier um so schmerzhafter, dass er
gefesselt ist. - Ja, Alle, Alle sind Sklaven!«
    Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen, liess sie einige Minuten
auf dem schönen Gesichte seiner Tochter ruhen, dann wandte er sie sinnend gegen
die Mauer, welche das Gemach umgrenzte, die aber seinen Blick nicht aufhielt;
sie schien sich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen, in andere
Verhältnisse, in fremdes Leben zu schauen. Seinen Mund umspielte ein
freundliches Lächeln; er sah in Gestalten und Bildern vor sich, was er vorhin in
Worten ausgesprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die
nachfolgenden Kapitel dieses Buches.
 
                                Achtes Kapitel.
                                    Artur.
Es mochte etwas über zehn Uhr an dem Abend gewesen sein, als der junge Mann,
welcher der Tänzerin, Mamsell Clara, so unverhofft, wenn auch vielleicht nicht
unerwartet, einen guten Abend gewünscht, das Haus verliess, nachdem sie die Türe
sanft hinter ihm zugemacht. Als er hierauf durch die Strasse ging, konnte er sich
nicht entalten, noch öfters nach dem Hause mit dem hohen Giebeldache
zurückzuschauen, und da bemerkte er nur noch ein einziges kleines Fenster
erhellt; das übrige Haus lag schon in tiefer nächtlicher Ruhe und Dunkelheit. An
dem Lichte aber, das noch so freundlich hinaus schien, sass sie wahrscheinlich;
sie blickte vielleicht in die Flamme, die auch er jetzt von Weitem sah - sie
mochte vielleicht sogar an ihn denken.
    Unter diesen angenehmen Träumereien setzte der junge Mann seinen Weg fort
wie Jemand, der durchaus keine Eile hat. Er befand sich, wie wir bereits wissen,
in einem entlegenen Stadtteile, wo die Strassen krumm und winkelig liefen, bald
mit Häusern besetzt waren, bald nur mit einfachen Gartenmauern, hinter denen
Bäume ihre nackten Aeste emporstreckten, und die seltsam angestrahlt waren von
dem Schein einer Gaslaterne, die auf der Höhe der Mauer brannte und sowohl
diesseits als jenseits das Terrain beleuchtete.
    Zuweilen wurde in dieser Gegend der Stadt die Strasse von Kanälen
durchschnitten, und dann passirte man kleine hölzerne Brücken, auf denen der
Fusstritt in der nächtlichen Stille so seltsam klang. Allerlei unregelmässige
Gebäude, Kirchen, grosse Fruchtspeicher, alte Türme stellten sich dem Wanderer
trotzig und verziert mit weissen Schneekappen in den Weg und man musste genau
seine Richtung kennen, um sich in diesem Labyrinte nicht zu verirren. Es gab
auch freilich noch einen andern Weg, um von dem erwähnten Hause mit dem
Giebeldach in die besseren und vornehmeren Stadtviertel zu gelangen, doch suchte
der junge Mann, den wir eben begleiten, deshalb diese andere Strasse zwischen den
alten Häusern hindurch, weil ihn die seltsamen Formen dieser Gebäude anzogen und
er sich ergötzte an dem sonderbaren Lichteffekt, der dadurch hervorgebracht
wurde, dass die Strassen immerfort in einer Schlangenlinie liefen, wesshalb oft
jener Teil grell beleuchtet ward, während die vorspringende Ecke im tiefsten
Schatten lag.
    Bald befand sich der einsame Spaziergänger in der Nähe des grossen
Fruchtmarktes, dem ältesten Teile der Stadt, wo es noch mehrere Häuser gab, die
durch ihren Aus- und Eingang ein paar Strassen mit einander in Verbindung
setzten. Einer dieser Passagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen,
weder bei Tage noch bei Nacht, und er erfreute sich jedesmal an der förmlichen
Tunnelgestalt, welche der Hauptdurchgang zwischen den Gebäuden bildete.
    Das waren zwei alte, massive Häuser mit grossen Toren und mehreren Höfen;
zwischen jenen lag die Passage, von der wir oben gesprochen. Es war das eine Art
gewölbter Gang, der unter dem einen Hause durchlief und mit der Strasse in
Verbindung stand. In diesem Gange selbst befand sich eine einzige Türe, welche
durch ein eisernes Gitter verschlossen wurde und vermittelst einer steinernen
Treppe in den ersten Stock des grossen Gebäudes führte, wo sich eine sonderbare
Restauration und Gastwirtschaft befand. Hier war nämlich der Aufentalt
sämmtlicher Bänkelsänger, Orgelmänner, Besitzer von Raritätenkasten, Poeten,
welche den Leuten Mordgeschichten erklärten, Harfenmädchen und ähnlichem Volk.
Alle fanden hier für billiges Geld ein Unterkommen; man nahm es hier mit den
Pässen und Papieren nicht sehr genau, und der Wirt dieser mildtätigen Anstalt,
Herr Scharffer, galt nicht bloss als sehr entschlossen, wenn es darauf ankam,
eine unschuldige Harfenistin vor den Krallen der Polizei zu beschützen, sondern
man munkelte auch, er habe schon zum öfteren Male sehr gefährliche Mitglieder
der menschlichen Gesellschaft längere Zeit vor den Augen der Justiz zu verbergen
gewusst.
    Dem sei nun wie ihm wolle, dieser Gastof - er hiess der Fuchsbau - war, wie
gesagt, sehr malerisch gelegen, und schon zum Oefteren von armen Künstlern
benützt worden, um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem interessanten
Gegenstand zu bereichern. Man fand hier Kloster- und andere Höfe, Teile irgend
einer Burg, und wenn man dazu eins der Harfenmädchen nahm, die man zuweilen am
Fenster sah, so war ein artiges Bildchen fertig.
    Der junge Mann, dem wir folgen, durchschritt träumend den äusseren finsteren
Hof und blieb, als er jenen Durchgang erreicht, still betrachtend vor dem
herrlichen Lichteffekt stehen, der sich seinem Auge darbot. Der ganze Schein
einer Laterne war förmlich in diesen Durchgang gepresst und strahlte nur in
einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus, hier die schönen Sculpturen eines
Torbogens erleuchtend, dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fensters
abstrahlend. Nachdem er sich dies einige Augenblicke betrachtet, wollte er
seinen Weg fortsetzen, als er hörte, wie das eiserne Tor in dem Durchgange
geöffnet wurde; er vernahm deutlich das Klirren der Schlüssel und hörte
Fusstritte, welche die Treppe herab kamen. Da man nicht wissen konnte, mit
welcher Gesellschaft man hier zusammentraf, so blieb der junge Mann noch einen
Augenblick stehen, um die Anderen vorangehen zu lassen und ihnen alsdann zu
folgen. Doch musste er sich eine Weile gedulden, denn zwei Männer, welche aus dem
Hause traten, blieben vor der Gittertüre plaudernd stehen. Der Eine war der
Wirt, Herr Scharffer selbst, ein grosser Mann in einer grauen Jacke, einer
einfachen Hausmütze, unter der ein sehr entschlossenes und markirtes Gesicht
hervorschaute; es war eine Physiognomie, die man, wenn man sie einmal gesehen,
nicht so bald wieder vergisst und die man mit ein paar Bleistiftstrichen treffend
hinzeichnen kann. Er hatte eine grosse und lange Nase, einen breiten, stets
lächelnden Mund und einen kohlschwarzen, struppig abstechenden Backenbart. Der
andere Mann, der neben ihm stand, hatte einen grossen Radmantel über die
Schultern geschlagen, der ihm bis über die Nase reichte und so sein Gesicht
schwer erkennen liess. Er trug einen gewöhnlichen runden Hut und in der Hand
unter dem Mantel ein Spazierstöckchen, mit dem er heftig auf seine Stiefel
schlug.
    Dem Zuschauer im Hofe waren diese beiden Männer vollkommen gleichgiltig, ja
er hatte schon die Absicht, bei ihnen vorbei zu gehen, als der Unbekannte mit
dem Mantel einige Worte lauter sprach, worauf der Klang dieser Stimme den jungen
Mann plötzlich aufmerksam machte.
    »Aber sie soll von hier fort,« sagte er mit klarem und bestimmtem Tone. »Sie
soll unter allen Umständen und schon morgen fort. Teufel auch! Man hat ihr noch
vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und sie mobil gemacht. Ich
kann mich nicht so überlaufen lassen.«
    »Sie hat so fest darauf gerechnet,« entgegnete der Wirt, »Sie werden ihr
nochmals helfen. Desshalb erlaubte ich mir auch, Sie hieher zu bitten; übrigens
ist sie nicht unbrauchbar; es ist ein Teufelsmädchen.«
    »Ja, ja,« meinte der Andere nachsinnend, setzte aber mit lauterer Stimme
hinzu: »aber zu bekannt, hier viel zu bekannt.«
    »Bah!« versetzte der Wirt, »dafür haben wir Mittel, und die ist mit allen
Hunden gehetzt. Was gilt die Wette, sie stellt sich Ihnen irgendwo als
französische Gouvernante vor, und Sie sollen sie nicht wieder erkennen. Mein
Rat wäre wahrhaftig, sie da zu behalten; seit die Lisette verschwunden ist,
fehlt uns Jemand derartiges. Du lieber Gott! bei dem ersten grösseren Unternehmen
befinden wir uns in Verlegenheit.«
    »Aber es kann nicht sein, es kann wahrhaftig nicht sein!« erwiderte der
Andere, wie es schien, ärgerlich; »wir wollen ihr Empfehlungen geben, sie soll
nach B. gehen, aber hier kann ich sie nicht gebrauchen; das wäre
compromittirend.«
    »Nur ein paar Tage,« bat der Wirt, »sprechen Sie ein kluges Wort mit ihm.«
    »Mit wem?«
    »Nun, mit ihm,« sagte der Wirt mit leiserer Stimme, indem er sich scheu
umblickte.
    »Ah! mit ihm ist schlecht Kirschen essen,« entgegnete der Andere. »Und so
Kleinigkeiten! Ich habe wichtigere Sachen für ihn!«
    »Aber ich bitte herzlich darum,« fuhr der Wirt dringender fort. »Man kann
ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweisen.«
    »Ihr seid wahrhaftig ein eigensinniger Kerl, Scharffer,« sprach der im
Mantel, indem er ungeduldig mit den Achseln zuckte. »Lasst sie laufen; glaubt
mir, es ist besser.«
    »Ich habe es ihr so gut wie versprochen.«
    »Nun denn, in's Teufels Namen! Ich will ihn darum fragen; aber wenn er
befiehlt, sie solle abreisen, dann macht mir keine Geschichten, und versteckt
sie nicht heimlich bei euch.«
    »Gegen seinen Befehl? - Gott soll mich in Gnaden bewahren!« sagte der Wirt,
indem er erschreckt zurücktrat. »Nein, nein, durch Schaden wird man klug, und
ich verlange in meinem Leben nicht mehr, mit ihm auf unfreundliche Art
zusammenzukommen.«
    »Ja, er kann hart sein,« erwiderte der Andere lachend, während er seinen
Mantel, der herabgerutscht war, wieder über die Schultern warf. - »Nun, gute
Nacht! Vergesst mir nicht Zeichen und Adresse für die nächste Woche; sichtbar bin
ich für keinen Menschen.«
    »Will's schon behalten!« versetzte der Wirt. »Schneegässchen Nummer
vierundachtzig.«
    »Schön,« sprach der Unbekannte im Mantel, und ging mit hallenden Tritten den
Durchgang hinab.
    Der junge Mann, der dieser Unterredung, ohne es zu wollen, gelauscht, wäre
gerne gefolgt. - Diese Stimme war ihm nicht unbekannt; doch wenn er daran
dachte, der, dem diese Stimme gehörte, solle hier eine solch' vertrauliche
Conversation mit dem verrufenen Wirt zum Fuchsbau halten, so musste er lächeln.
Das war ja gar nicht möglich! Und doch - wie gern hätte er sich überzeugt! Aber
es war unmöglich, denn Meister Scharffer blieb, sobald der Andere fortgegangen
war, aufmerksam lauschend stehen und schaute bald auf die Strasse, bald auf den
Hof. Erst als die Tritte des Mannes im Mantel gänzlich verklungen waren, trat
der Wirt in das Haus zurück, schloss die Gittertüre hinter sich und stieg
langsam die schmale, steinerne Treppe hinaus.
    So schnell als möglich eilte jetzt der junge Mann auf die Strasse und bis zur
nächsten Ecke, wo er horchend stehen blieb. Doch war es für dies Viertel schon
Schlafenszeit, und man hörte nirgendwo auf der Strasse ein Geräusch; Alles war
todtenstill, so sehr er sich auch anstrengte, vernahm er doch keinen Ton von
Fusstritten. Kopfschüttelnd schritt er durch mehrere enge Strassen über den grossen
Fruchtmarkt und kam nach einer Viertelstunde in einen belebteren Stadtteil und
in die Nähe des Schlosses. Dort blieb er vor dem hohen steinernen Portal einen
Augenblick stehen, denn hier schieden sich drei Wege, die er alle drei verfolgen
konnte, den ersten nach Haus, den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den
dritten zu einem Bekannten, dem jungen Grafen Fohrbach, der vielleicht schon in
seiner Wohnung anzutreffen war, und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach
Mitternacht gerne sah, wenn man eine Tasse Tee bei ihm nahm und eine Cigarre
rauchte. Er entschied sich für das Letztere; er liess das Schloss rechts liegen,
beging die weitläufigen Nebengebäude desselben und gelangte nach kurzer Zeit in
jene lange Strasse, in welcher der geneigte Leser zu Anfang dieser wahrhaftigen
Geschichte bei Sonnenuntergang einen flüchtigen Blick geworfen.
    Da wir nun aber im Begriffe sind, dem in der breiten Strasse vor uns
Wandelnden in eine kleine auserlesene Gesellschaft zu folgen, so halten wir es
für unsere Schuldigkeit, dem geneigten Leser zu sagen, dass der junge Mann, dem
wir heute Abend gefolgt, der Sohn eines reichen Banquiers der Residenz ist, dass
er in einer Akademie zugleich mit den Söhnen der ersten Familien des Landes
erzogen wurde, dass er durch sein gebildetes, feines und liebenswürdiges Betragen
in allen Kreisen gern gesehen ward, dass er seines Zeichens ein Maler war und mit
seinem Vornamen Artur hiess; - den hiezu gehörigen Familiennamen werden wir
später noch kennen lernen.
    Graf Fohrbach war der einzige Sohn seines Vaters, des alten Generals und
jetzigen Kriegsministers, und wohnte, seit er mündig geworden, in einem kleinen
reizenden Hinterhause des väterlichen Palastes. Der nachsichtige alte Herr hatte
ihm in der Mauer, die Hof und Garten umgab, einen neuen Eingang herstellen
lassen, an dem sich eine Klingel befand, die mit dem kleinen Hause in Verbindung
stand. Eigentlich befanden sich hier zwei Schellenzüge, jede für die
Dienerschaft des Grafen von besonderer Bedeutung. Die eine war für die
Vertrauten und Freunde, und wenn sie erklang, so sprang die kleine Türe in der
Mauer wie von sich selbst auf, um dann hinter den Eingetretenen sogleich durch
eine unsichtbare Macht wieder zugedrückt zu werden.
    Auf diese Art trat auch Artur in den winterlichen Garten, dessen Bäume in
weissem Reif prangten; die Blumenbeete waren mit Tannenreisern zugedeckt;
Spaliere und Statuen unter starrenden Strohdecken gaben so recht das Bild des
tiefen Winterschlafs, in den die Natur versunken war. Aus dem Schornstein eines
kleinen Gewächshauses zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke, und das war das
einzige Zeichen von Leben, das man im Hof und Garten sah; ein Weg, der bei dem
grossen Hause vorbeiführte, war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in
wenig Augenblicken in die Türe des Pavillons, in welchem Graf Fohrbach
residirte. Auch hier öffneten sich Haus- und Vortüre wie von selbst und erst,
als man die letztere hinter sich hatte, trat man in ein hell erleuchtetes und
sanft erwärmtes Vestibül. Ein Diener in Livrée hob schweigend einen schweren
Teppichvorhang auf und liess den Ankommenden in ein Vorzimmer treten, Wo sich der
Kammerdiener des Grafen befand.
    Dieser war ein alter Mann mit weissen sorgfältig gebürsteten Haaren, und
schien derselbe im schwarzen Frack und weisser Halsbinde auf die Welt gekommen zu
sein; wenigstens erinnerte sich von der jetzigen Generation Niemand, ihn je
anders als in diesem Anzuge gesehen zu haben. Er las gerade in einem Buche,
erhob sich aber aus seinem bequemen Fanteuil, als der Türvorhang rauschte und
ging dem Eintretenden freundlich entgegen.
    »Ah! Herr Artur kommen früh,« sagte der alte Mann, der sich diesen
vertraulichen Ton seit den Zeiten der Schule, wohin er seinen Herrn begleitet,
nicht mehr abgewöhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde
desselben ausdehnte. Doch war es eine Auszeichnung, also von ihm angeredet zu
werden; entfernteren Bekannten oder Leuten, über deren Charakter er nicht genau
in's Klare kommen konnte, gab er ihre vollständigen Titel. - »Der Herr Graf ist
vor einer halben Stunde aus dem Teater gekommen.«
    »Und ist schon Besuch da?« fragte der Maler.
    »O ja,« entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher Stimme, »Herr Eduard,
Herr Eugen sind da, sowie auch,« setzte er mit plötzlich ernster werdendem Tone
und feierlichem Wesen hinzu, »der Herr Baron von Brand.« Darauf nahm er
halbverstohlen eine Prise - die goldene Dose liess er fast nie aus der Hand -
nickte ernstaft mit dem Kopfe, als wollte er ausdrücken: es ist gewiss so, wie
ich gesagt, und ging sodann auf die Türe des Nebenzimmers zu, diese zu öffnen.
    »Ist der Herr Baron schon längere Zeit im Salon?« fragte Artur.
    »Er kam vor einer kleinen Viertelstunde,« entgegnete der Kammerdiener.
    »Zu Wagen oder zu Fuss?«
    »Zu Fuss, - wie die Lakaien sagen, von dem Hauptause her; er schien drüben
einen Besuch gemacht zu haben.«
    »So, so,« erwiderte nachdenkend und mit leiser Stimme der Maler, fuhr aber
laut fort, als er den aufmerksamen Blick sah, mit dem ihn der Kammerdiener
betrachtete: »ja, das habe ich mir gedacht; ich glaubte schon, ich hätte ihn
anderswo gesehen, aber ich habe mich geirrt.« Nach diesen Worten grüsste er den
alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon, der mit ein paar Lampen
erhellt war, in dem sich aber Niemand befand. Dicke Teppiche, die den Boden
bedeckten, dämpften seinen Schritt und so konnte er einzelne Worte einer
Conversation im Nebenzimmer hören, ohne dass man dort seine Annäherung bemerkte.
    Artur hob den Türvorhang auf und kam in ein achteckiges Gemach, von
welchem noch nach drei anderen Seiten Türen ausliefen: nach dem Esszimmer, dem
Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorsaal, der an ein Glashaus stiess,
durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Hauptauses in Verbindung
stand. Zu diesem Eingang besass nur Graf Fohrbach die Schlüssel, die er selten,
fast nie Jemand anvertraute.
    Das achteckige Gemach war mit einem ausserordentlichen Comfort ausgestattet,
und erschien namentlich bei Nacht äusserst wohnlich; silbergraue Tapeten
widerstrahlten das Licht eines kleinen Kronleuchters mit Lampen auf die
freigebigste Art; die Fensteröffnungen sah man nicht, da Vorhänge von rot
gestreifter Seide davor zusammengezogen waren. Von dem gleichen Stoff waren die
meisten Möbel hergestellt, und alle von einer wahrhaft raffinirten
Bequemlichkeit. Der Salon war ziemlich gross und hatte Platz für eine Menge
Divans, Fauteuils, Chaiselongues, die aber alle ziemlich auffallend
durcheinander geschoben waren und von denen drei und vier immer einen kleinen
Plauderwinkel bildeten. Ein Smyrnateppich bedeckte den Boden und überall, wo es
möglich war, sah man obendrein noch kleine persische Vorlagen. Etwas
Eigentümliches hatte übrigens dieser Salon oder vielmehr die Einrichtung
desselben. Ueberall, wohin man blickte, herrschte eine malerische Unordnung,
ohne dass übrigens irgend etwas verwahrlost gewesen wäre. So lagen zum Beispiel
Handschuhe, Bücher, ein Blumenbouquet zusammen auf einem rotseidenen Fauteuil,
ein schwerer Kavalleriesäbel stand mitten in einer Gruppe von Blumen und
Sträuchern aufgepflanzt, und über den Schultern eines marmornen Amors hing als
Schärpe ein reicher persischer Stoff, den der Graf Gott weiss zu welchem Zwecke
gekauft.
    Obgleich das ganze Haus frei lag und der Wind nach Belieben um dasselbe her
sausen konnte, so bemerkte man doch in dem Salon nichts hievon, denn er stiess
nur mit der Fensterecke an das Freie; die übrigen Teile waren, wie bereits
erwähnt, von anderen Gemächern umgeben, woher es denn auch kam, dass das Zimmer
so behaglich, warm und angenehm war. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und vor
demselben standen einige Fauteuils, in welchen die jungen Leute, von denen der
Kammerdiener vorhin gesprochen, so bequem wie möglich ausgestreckt lagen.
 
                                Neuntes Kapitel.
                                 Coeur de Rose.
In dem Augenblick, als Artur eintrat, wurde die Unterhaltung nicht gerade
besonders lebendig geführt; irgend Einer hatte eine Bemerkung hingeworfen,
welche den Anderen vielleicht nicht Wichtig genug erschien, um viel darauf zu
antworten. Genug, man hörte einige beistimmende Ja, ein Ah! dann rauchten Alle
ruhig ihre Cigarren fort. Graf Fohrbach, der mit dem Rücken gegen den Kamin sass,
winkte dem Eintretenden freundlich mit der Hand und sagte: »Es freut mich, dass
Sie noch kommen, Artur; rollen Sie einen Stuhl herbei. Wo das kleine
Rauchmaterial ist, wissen Sie; wenn Sie aber eine lange Pfeife wollen, so
klopfen Sie nach gutem türkischen Gebrauch dreimal in die Hände.«
    Der Maler dankte und nickte den drei anderen Herren zu, welche sich im
Zimmer befanden. Zwei von ihnen, welche der Kammerdiener mit Herr Eugen und Herr
Eduard bezeichnet hatte, sassen vor dem lodernden Feuer, der Dritte, der Baron
von Brand, lehnte dem Hausherrn gegenüber nachlässig an dem Kamingesims, auf
welches er den rechten Arm gestützt hatte, während er die linke Hand zwischen
dem zugeknöpften schwarzen Fracke verbarg.
    Artur langte nach einer Cigarre und zündete sie an; nachdem er die
einfachen Fragen, als: ob er im Teater gewesen, ob es nicht heute Nacht
verflucht kalt werde, mit Ja oder Nein beantwortet hatte, lehnte er sich in den
Fauteuil zurück und konnte nicht unterlassen, seine Augen mehreremal über das
Gesicht und die Gestalt des Baron Brand hingleiten zu lassen, was uns wir im
Interesse des geneigten Lesers ebenfalls zu tun erlauben wollen.
    Der Baron Brand mochte einige Jahre über Dreissig zählen; er war von
mittlerer Grösse, schlanker Taille und, obgleich ziemlich mager, sah man an ihm
doch eine hochgewölbte Brust und sehr breite Schultern. Nebenbei, dass die
Körperformen dieses Mannes etwas sehr Elegantes, ja Graziöses hatten, entnahm
man noch an Allem, was er tat, eine ausserordentliche Gelenkigkeit, welche auf
eine grosse Körperkraft hindeutete, welche er auch in der Tat besass und von der
er gerne scherzweise Proben ablegte. Seine Kopfform war eher länglich als rund,
sein Teint weiss und frisch, die grauen Augen sehr lebhaft, das Haar von sehr
hellem Blond, oder wenn man wollte streifte es, aber kaum merklich, in's
Rötliche. Er trug es aus dem Gesichte gestrichen, kurz geschnitten und
emporstehend, was zugleich mit dem aufgedrehten Schnurrbart seinem Gesichte
etwas Keckes, ja Unternehmendes gab.
    Von den zwei anderen jungen Herrn war Eugen von S. der Aelteste dieser
Gesellschaft - er mochte vielleicht nahe an die Vierzig sein - eine feste,
gedrungene Gestalt mit schwarzem Haar und grossem Schnurrbart gleicher Farbe, und
trug als Major die Königliche Adjutantenuniform. Der Andere, Eduard von B., war
ein junger Assessor, der sehnsüchtig nach dem Ratstitel verlangte und sich
schon darauf hin ein äusserst bedächtiges Reden und Benehmen angewöhnt hatte.
    Graf Fohrbach endlich, der Hausherr, ebenfalls Adjutant des Königs, hatte
höchstens achtundzwanzig Jahre und war ein hübscher, lustiger Offizier von
gutem, treuem Gemüte, aber etwas zu fröhlicher Natur und namentlich, wenn er
Waffenrock und Säbel abgelegt hatte, zu allerlei kecken, zuweilen unüberlegten
Handlungen aufgelegt.
    Es trat eine längere Pause ein, während welcher alle Vier rauchten und sich
der Hausherr mit dem Kopf an das Kamin lehnte, um mit grosser Aufmerksamkeit dem
blauen Dampfe zuzuschauen, wie er in kunstreichen Ringeln an die Decke
emporstieg.
    »Was meinen Sie, Baron?« sagte er endlich. »Ich hätte wohl Lust, die Wette
von voriger Woche nochmals mit Ihnen durchzumachen.«
    »Was ist das für eine Wette?« fragte der Major.
    »Wir sassen neulich beim Kaffee,« erzählte der Hausherr, »als der Baron Brand
auf seinem neuen Rappen vorüber kam. Du weisst, wie er mit der Flüchtigkeit
dieses Pferdes renommirt.«
    »Und da man deine Leidenschaft für Wetten kennt,« sagte der Assessor, »so
trugst du ihm natürlicher Weise gleich eine an?«
    »Das versteht sich von selbst,« erwiderte lachend der Graf. »Ich schlug ihm
also die bekannte Geschichte vor, er solle nach dem eine Stunde weit entfernten
A. hin und zurück reiten, und ich wolle unterdessen ein halbes Pfund kleiner
Bisquite auf einem Sitze essen. Wer zuerst mit seinem Geschäft zu Ende sei, ich
mit dem Essen oder er mit dem Hin- und Herreiten, habe begreiflicher Weise
gewonnen.«
    »Und ebenso begreiflich verlorst du,« versetzte der Major. »Ich habe diese
Wette schon oft machen und verlieren sehen.«
    »Freilich verlor ich,« entgegnete der Hausherr, »aber es fehlten keine sechs
Bisquit mehr, und ich hätte unfehlbar gewonnen, wenn ich nicht mit meinem
verfluchten Husten wenigstens zwei Minuten eingebüsst hätte. Aber wie gesagt, ich
proponire die Wette nochmals, ich kann mich nicht so schlagen lassen.«
    Der Baron, dem diese Worte galten, blickte auf den Sprecher nieder und
lächelte dabei. Aber dieses Lächeln passte so gar nicht zu der hohen Stirne, zu
dem ganzen kecken Kopfe; es war etwas Süsses und Geziertes darin, ebenso wie in
seiner Sprache, ja wie in den Worten, die er sprach. Es war eine wirkliche
Enttäuschung, ihn, nachdem man ihn gesehen, auch reden zu hören. dabei war der
Klang seiner Stimme frisch und kräftig, aber die Manier, wie er seine Worte
aussprach, weichlich, ja läppisch - eine böse Angewohnheit oder der Beweis von
einem schwachen, verzärtelten Gemüte.
    »Nein, nein,« sagte er lachend, »die kleine Wette hat mir zu wohl getan;
ich versichere Sie auf Ehre, es ist etwas Deliciöses, eine Wette zu gewinnen.
Und bei Ihnen kommt man selten dazu, lieber Graf. Aber wenn Sie dieselbe
vielleicht umgekehrt annehmen würden, so könnten Sie versichert sein, ich mache
mir das unendlichste Vergnügen daraus.«
    »Dass der Baron den Bisquit verschluckte?« fragte der Major mit seiner tiefen
Stimme, »das wäre ein Anblick für Götter! Da beteilige ich mich bei der Wette,
wenn ich zuschauen darf; ich sehe ihn schon vor mir, wie er mit dem Daumen und
dem Zeigefinger jedes Bisquit auf die zierlichste Weise herumdreht, um es mit
Anstand in den Mund zu schieben. - Nein, da würden Sie nicht weit kommen.«
    Der Baron lächelte wohlgefällig, wobei er zwei Reihen schneeweisser Zähne
zeigte, dann fuhr er mit der Hand durch das dichte Haar, zupfte seinen
Hemdkragen in die Höhe und entgegnete: »Sie haben Recht, Major, ich könnte meine
Wette verlieren, bloss durch den Gedanken, vor den Augen Anderer hastig und
ungeschickt zu essen. Ich halte das für fürchterlich; wenn ich überhaupt im
Stande wäre, eine neue gesellschaftliche Ordnung einzuführen, so gäbe es keine
Diners, keine Soupers mehr. Es ist doch in der Tat nichts unangenehmer und alle
Illusion zerstörender, als wenn man um sich herum eine ganze Menge essender
Lippen und kauender Zähne sieht. - Coeur de rose! ich verabscheue das, und wenn
ich namentlich an einer Dame Anteil nehme, so bin ich völlig unglücklich, wenn
ich mich neben sie zu Tische setzen muss. Ich verbleibe alsdann das ganze Diner
mit niedergeschlagenen Augen.«
    »Unglücklicher Baron!« versetzte Graf Fohrbach. »Man kennt Ihre
niedergeschlagenen Augen. Das ist eines von Ihren unwiderstehlichen Mitteln; Sie
schauen nur auf Ihren Teller, um dann plötzlich das neben Ihnen sitzende arme
Schlachtopfer mit einem einzigen Blicke niederzuschmettern.«
    Der Baron lächelte wie ein vollendeter Geck, worauf er vergnügt seine
Fingerspitzen besah, dann den aufrecht stehenden Enden seines Schnurrbarts eine
noch drohendere Stellung gab, nachdem er seine Cigarre auf das Kamingesims
niedergelegt. »Sie tun mir Unrecht,« sprach er; »ich versichere Sie, wenn ich
zuweilen meine Augen auch aufschlage, so habe ich gewiss niemals die Idee,
indiscrete Blicke umherzuwerfen. Sagen Sie selbst, meine Herren,« wandte er sich
an die Uebrigen, »kann man überhaupt zurückgezogener leben, kann man weniger aus
sich selbst machen, als ich tue?« Bei diesen Worten und einem Lächeln, das
augenscheinlich dazu bestimmt war, seine eigenen Worte Lügen zu strafen, zog er
sein Tuch aus der Tasche und fuhr zierlich damit an seinem Bart und seinen
Lippen umher. Das Wehen des Tuches verbreitete einen eigentümlichen, sehr
angenehmen Geruch.
    »Da hat er wieder ein neues Odeur entdeckt,« sagte Graf Fohrbach, indem er
mit der Hand die Luft gegen sich fächelte und dann den Geruch eifrig einsog.
»Was Teufel ist das wieder?«
    »Das sind seine Geheimnisse,« versetzte lächelnd der Major. »Aber es riecht
in der Tat nicht unangenehm. Wo bekommen Sie das her, Baron? Wie heisst dieses
höchst angenehme Parfum?«
    Der also Gefragte wedelte mit seinem Schnupftuche hin und her, dann steckte
er es in die Tasche und antwortete mit grosser Wichtigkeit: »Sehen Sie, meine
Herren, das sind meine Geheimnisse. Jeder Mensch hat die seinigen; der Major,
als zweiter Chef der Adjutantur, kennt alle geheimen Ordonnanzen Sr. Majestät;
unser teurer angehender Rat blickt in die Entstehung der Gesetze hinein; Sie,
Graf Fohrbach, beschäftigen sich mit den Geheimnissen verschiedener Anzüge und
unser junger Maler untersucht fast dieselben Geheimnisse, nur dass er sich gang
an's Äussere hält. - Aber mein Departement ist das der feinen Odeurs; meine
Forschungen sind emsig darauf gerichtet, und meine Arbeiter und Gesandten darauf
hingewiesen, mich im Fach des Wohlriechenden beständig an kalt zu halten.«
    »Teufel auch!« rief der Major laut lachend, »das war eine schöne Rede. -
Aber jetzt wissen wir gerade so viel wie vorher. Nun, seien Sie ehrlich, wie
heisst dieser kostbare Wohlgeruch und wo ist er zu haben?«
    »Hier ist er vorderhand nicht zu haben,« entgegnete sehr ernst der Baron.
»Ich bekomme ihn von einem Freunde aus Konstantinopel, wo fast das ganze
Fabrikat in's Serail geht. Er wird nur von einem einzigen Künstler, einem
Armenier, gemacht und heisst coeur de rose.«
    »Aha! Daher kommt denn auch Ihr neuer Schwur!« erwiderte der Hausherr. -
»Ihr werdet doch bemerkt haben, dass der gute Baron seit einiger Zeit nur bei
coeur de rose schwört? - Aber ich kenne ihn,« setzte er mit einer Handbewegung
hinzu, »morgen Früh erhalten wir Alle einen Flacon coeur de Rose.«
    »Das wäre in der Tat zu viel verlangt,« sagte bedächtig der Assessor, »denn
der gute Baron, der im Punkte des Geruchs ein Monopol haben will, müsste sich
augenblicklich ein anderes Odeur anschaffen.«
    »Aber halten Sie es nicht für gefährlich, Baron,« meinte lachend der Graf,
»so ausschliesslich ein Odeur für sich zu besitzen? Das könnte doch bei Ihren
vielen Eroberungen zu unangenehmen Verwicklungen führen. So ein armer Ehemann
kommt in das Boudoir seiner Frau und merkt gleich, dass Sie da gewesen sind.«
    »Das ist gewiss schon oft passirt,« sagte der Major. »Und wenn man das recht
in's Auge fasst, so kann man sich eine Verstimmung, die man hie und da bemerkt,
erklären. - Apropos! um von Verstimmungen zu reden, so muss dem alten Baron von
W. auch wieder was in die Quere gelaufen sein.«
    »Ei der Teufel!« versetzte Graf Fohrbach aufmerksam, »erzähl' uns das,
Major.«
    »Es war eigentlich nur ein Spass,« entgegnete dieser, »denn wenn wirklich
etwas daran wäre, so müsstest du an: Ersten davon wissen.«
    »Von dem alten Baron weiss ich verflucht wenig,« erwiderte der Hausherr. »Es
ist dir bekannt, dass ich gar nicht in seinem Vertrauen stehe.«
    »Aber die Baronin kommt doch häufig in euer Hans.«
    »Ah! die schöne junge Frau!« sprach melancholisch der Baron Brand, indem er
seufzend in die Höhe blickte.
    »In unser Haus?« sagte der Graf. »Du weisst doch, dass ich mit Papa kein
gemeinschaftliches habe, und was drüben geschieht, davon erfahre ich nicht
besonders viel.«
    »Aber zu deiner Mutter kommt die Baronin häufig,« erwiderte der Major.
    »Das ist wohl wahr,« versetzte Graf Fohrbach; »aber leider nie in den
Stunden, wo ich drüben bin.«
    »Er hat leider gesagt, dieser vortreffliche Graf!« mischte sich der Baron
mit einem süssen Lächeln in das Gespräch. »Das Leider klingt mir ungeheuer
verdächtig.«
    »Diesmal hat Sie Ihr gewöhnlicher Scharfsinn getäuscht,« entgegnete trocken
der Hausherr. - »Aber was meintest du mit einem Auftritt?« wandte er sich an den
Major.
    »Oh, es ist eigentlich unbedeutend. Du weisst wohl, dass man von unserem
Dienstzimmer in den gegenüberliegenden Flügel des Schlosses sieht, wo Seine
Excellenz, der Generaladjutant des hochseligen Königs, der Baron W., wohnt; und
du weisst auch, dass ich sehr gute Augen habe. Da stand ich nun vorgestern am
Fenster, halb hinter dem Vorhang verborgen, und betrachtete mir die gegenüber
liegenden Fensterreihen von oben bis unten. An einem dieser Fenster steht Seine
Excellenz mit dem gewöhnlichen finstern Blick, aber nicht mit der gewöhnlichen
Ruhe. Jetzt fängt er auf einmal an, auf den Fensterscheiben zu trommeln; es
schien mir irgend ein Sturmmarsch zu sein, aber er trommelte nur einige Takte.«
    »Wahrscheinlich zum Loslassen der Plänkler,« meinte der Assessor.
    »Vielleicht wohl. Es muhte etwas vom Loslassen darin vorkommen, denn gleich
darauf liess er sich selbst los. Sein nicht gerade schönes Gesicht wurde
dunkelbraun, sein eines Auge blickte eine Zeit lang stier in den Hof hinaus,
dann wandte er sich mit einer raschen Bewegung um und gesticulirte und
telegraphirte in's Zimmer hinein, was ich mir ungefähr mit den Worten
übersetzte: Madame, ich kann und will Ihren Worten nicht glauben, hol' der
Teufel die ganze Geschichte! Aber wenn ich noch einmal sehe, Madame, dass Sie die
Vorhänge Ihres immer verschlossenen Wagens hinaufziehen oder dass Sie Jemand
Anders anblicken wie mich, so scheue ich einen öffentlichen Eclat ganz und gar
nicht und schicke Sie nach Schloss Werdenberg, wo Sie mit undurchdringlichen
Waldungen und den alten Portraits meiner Familie kokettiren können!«
    »Ich möchte den Major mir nicht gegenüber wohnen haben,« sagte der Baron;
wobei er sich indessen Mühe gab, ein starkes Gähnen zu unterdrücken. Offenbar
war ihm die Erzählung langweilig.
    »Aber woher vermutest du, dass diese ganze Geschichte sich auf die arme Frau
bezog?«
    »Ich vermute nie,« sprach ernst der Major, »sondern ich urteile nur nach
Vorfällen und Tatsachen. Nachdem also Seine Excellenz den wahrscheinlichen
Sturmmarsch mehrmals auf die Fensterscheibe getrommelt und öfters wie ein
Kreisel in das Zimmer hineingeflogen war, verschwand er plötzlich vor dem
Fenster. Ich blieb an dem meinigen stehen und dachte: du willst doch sehen, ob
da nichts weiter vorfällt. Nun dauerte es aber nicht lange, so fuhr drüben ein
Wagen vor, Seine Excellenz kamen die Treppen herab, setzten sich ein und fuhren
davon. Eine lange Weile nachher wurde drüben an den Fenstern nichts sichtbar,
und man bemerkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf- und abgehen.
Endlich erschien die Baronin zwischen den Vorhängen, sie hatte ein weisses Tuch
in der Hand, und ich sah deutlich, wie sie ihre vom heftigen Weinen geröteten
Augen an die Scheiben drückte. So blieb sie einen Augenblick stehen, dann zog
sie sich in's Zimmer zurück und die Geschichte war zu Ende.«
    »Ist denn der Baron so ausserordentlich eifersüchtig und gibt ihm seine Frau
Ursache dazu?« fragte der Assessor.
    »Das erste ja, das zweite gewiss nicht,« erwiderte der Major. »Sie ist ein
armes, kleines, gedrücktes Weib, das bei dem alten Währwolf ein rechtes
Sklavenleben führt. Wie hätte die Frau so glücklich sein können, wenn sie in die
rechten Hände gefallen wäre! Ich kenne in der Tat kein freundlicheres, besseres
und reicheres Gemüt. Dass sie schön ist, wisst ihr selbst am Besten zu
beurteilen.«
    »Sehr schön,« sagte der Baron nun wirklich gähnend; »Figur, Gesicht, Alles.
Es wäre eine vollendete Schönheit, nur will mir das Haar nicht gefallen.«
    »Das Haar? - Ah! da muss ich bitten,« entgegnete eifrig der junge Maler, der
hier eine Veranlassung hatte, sich in das Gespräch zu mischen. »Es gibt kein
glänzenderes Haar, kein schöneres Blond.«
    »Baron, geben Sie das zu!« rief Graf Fohrbach lustig. »Und Sie werden das
Haar gewiss schön finden, wenn ich Ihnen sage, dass es mit dem Ihrigen einige
Ähnlichkeit hat.«
    Alles lachte, doch Artur sagte sehr ernst: »Der Graf hat recht; es ist da
nichts zu lachen; das Haar der Baronin W. hat in der Tat mit dem unseres
Freundes hier eine grosse Aehnlichkeit; ja, ich möchte noch weiter gehen und
behaupten, dass ich sogar in der Gesichtsbildung der beiden Genannten eine
gewisse Harmonie finde.«
    »Baron, das schmeichelt,« meinte der Hausherr. »Und der Teufel soll mich
holen, Artur hat nicht ganz Unrecht. Forschen Sie einmal in Ihren
Geschlechsregistern nach, am Ende sind die Familien Brand und die der Baronin
mit einander verwandt.«
    Auf das hin flog ein düsterer Schatten über das lachende Gesicht des Barons,
er presste eine Sekunde lang die Lippen auf einander, worauf aber sogleich wieder
seine Züge von dem bekannten süssen und unwiderstehlichen Lächeln erheitert
wurden. Er stellte sich breit vor den Spiegel, der über dem Kamine hing,
betrachtete sich lange und forschend, sowie mit grosser Selbstzufriedenheit, und
sagte endlich mit entschiedenem Tone: »Nein, meine Herren, ihr irrt euch, die
Baronin, so schön sie ist, kann keine Ansprüche machen, mir ähnlich zu sehen.«
    Es sollte das natürlicher Weise nur ein Scherz von dem jungen Manne sein,
doch alle Anwesenden, da sie mit seinen Schwächen bekannt waren, konnten sich
eines schallenden Gelächters nicht erwehren.
    »Wir wollen die Sache nicht weiter untersuchen,« meinte der Major; »nur so
viel ist jetzt gewiss, dass die Baronin eine sehr schöne Frau ist.«
    »Und der Baron ein schöner Mann,« sagte galant der Hausherr. - »Aber,«
setzte er ungeduldig hinzu, »ich begreife nicht, wo unser Tee bleibt. Es muss
doch eilf Uhr vorüber sein. - Klingeln wir.«
    dabei hob er seinen Arm empor und zog an der über seinem Haupte befindlichen
Glockenschnur.
 
                                Zehntes Kapitel.
                               Herr von Dankwart.
Fast zu gleicher Zeit öffnete sich die Türe und der alte Kammerdiener trat
herein, gefolgt von einem Lakaien, der auf einem grossen Präsentirteller das
Teeservice hereinbrachte, einen Tisch in die Nähe des Kamins stellte und auf
demselben Geschirr und Tassen zu ordnen begann, dazu Butter und Brod, etwas
kaltes Geflügel und eine einzige Flasche Champagner. Er war mit diesem
Arrangement noch nicht zu Ende, als der Bediente, der das Service gebracht und
sich wieder entfernt hatte, abermals in das Zimmer schlich und dem alten Manne
einige Worte in das Ohr flüsterte.
    Dieser richtete sich in die Höhe, dachte einen Augenblick nach, schüttelte
leicht mit dem Kopfe und ging zu dem Grafen hin, dem er meldete: »Herr Baron von
Dankwart sind draussen und lassen fragen, ob der Herr Graf zu Hause seien.«
    »Nein,« antwortete dieser ganz ruhig, indem er die Achseln zuckte. »Ich bin
für den Herrn von Dankwart selbst am Tage nicht zu Haus; er soll mich in der
Nacht ungeschoren lassen!«
    Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten, dieser zog mit einem sehr
verlegenen Gesicht die Achseln in die Höhe, worauf der alte Mann seinem Herrn
sagte: »Er hat die zweite Klingel gezogen, wesshalb ihm der Portier sogleich
geöffnet.«
    »Woher weiss er, beim Teufel! dass an meinem Hause zwei Klingeln sind? Für ihn
ist nur die einzige da!«
    In diesem Augenblicke schien der Vorhang, der im äusseren Zimmer hing, sich
leicht zu bewegen. Der Bediente hustete verlegen, näherte sich seinem Herrn auf
einige Schritte, und sagte mit vorgestrecktem Halse zu ihm: »Euer Erlaucht
wollen gnädigst verzeihen, aber der Herr Baron von Dankwart sind bereits draussen
im Salon.«
    Graf Fohrbach, der ebenfalls ganz genau gesehen, dass bei der Türe sich
etwas bewege, blickte scheinbar nachsinnend zur Decke empor und rief dann mit so
lauter Stimme, dass man ihn notwendig draussen hören musste: »Ah! das kann nur ein
Irrtum sein; Baron von Dankwart kenne ich gar nicht: es gibt keinen Baron
dieses Namens hier. - Nicht wahr?« wandte er sich an den Assessor.
    »Ich kenne auch keinen Baron dieses Namens,« entgegnete der Gefragte mit
vollen Backen, denn er hatte eben angefangen, dem kleinen Goutté zuzusprechen.
    »Ah! welch' vortreffliche Spässe!« liess sich eine laute Stimme im Hinterhalt
vernehmen, während ein kleiner Mann zwischen den Vorhängen der Türe sichtbar
wurde, der sich die Gesellschaft schalkhaft lachend betrachtete und sich mit
ausserordentlicher Beweglichkeit und etwas gespreiztem Wesen derselben näherte.
Ein paar Mal schaute der kleine Mann mit vieler Wichtigkeit rechts und links,
und seine Hände zuckten beständig, als wolle er sie einer Menge unsichtbaren
Bekannten zum Schütteln darreichen, - ein Manöver, das er nun am Kamin
angekommen, dort ebenfalls genau auszuführen trachtete, ohne aber grossen Anklang
zu finden.
    Der Graf hatte sich einer Tasse Tee bemächtigt, die er mit einer Hand
hielt, während er in der andern die Cigarre hatte. - »Ah! Sie sind's, bester
Herr von Dankwart?« sprach er scheinbar erstaunt. »Die Bedienten sprechen alle
Namen so furchtbar ungeschickt aus; aber Sie werden verzeihen, dass ich Ihnen
meine Hand nicht reichen kann, ich mühte sonst die Tasse oder Cigarre fallen
lassen.«
    Der kleine Mann, der seine gelben Glacéhandschuhe schon zu dem erwähnten
Zwecke emporgehoben hatte, kam durchaus nicht aus dem Gleichgewicht; er hob
seine Finger etwas höher, um dem Grafen sanft auf die Schulter zu klopfen, wobei
er lachend sagte: »wie dieser gute Graf so ungeheuer bequem ist! Nun, unter
Bekannten nimmt man's nicht so genau.« Hierauf sah er forschend im Zimmer umher,
rief dem Major einen guten Abend zu, grüsste den Assessor vertraulich, und stiess
den Baron von Brand, der am Tische beschäftigt war und ihm deshalb den Rücken
drehte, sanft mit dem Finger in die Seite.
    Worauf dieser ohne umzuschauen, einfach mit dem Kopfe nickte, und dabei
sagte: »Ah! Herr von Dankwart, so spät noch? - Es freut mich, Sie zu sehen.«
    »Das ist in der Tat ein possirlicher Herr!« erwiderte laut lachend der
kleine Mann; »dieser teure Baron von Brand behauptet, mich zu sehen und dreht
mir den Rücken; das ist ausserordentlich komisch!« Alsdann legte er seinen Hut
auf eine Chaise longue, sah sehr freundlich aber nicht ohne Wichtigkeit nochmals
im Kreise umher, natürlicher Weise, ohne aber den Maler zu bemerken, der ihm am
nächsten sass, und liess sich dann mit einem leichten Seufzer in den neben ihm
stehenden Fauteuil hineinfallen.
    Der Graf konnte nicht umhin, Artur dem eben Angekommenen vorzustellen.
»Herr Artur, ein junger talentvoller Maler,« sagte er - »Herr von Dankwart,
Geschäftsmann Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin.«
    Artur verbeugte sich, und der kleine Mann drehte mit grosser Lebendigkeit
seinen Kopf herum, indem er versetzte: »Habe noch nie die Ehre gehabt, in der
Tat noch niemals die Ehre, von Ihnen zu hören, was mir eigentlich sehr
befremdend ist, denn die Herren alle hier werden mir bezeugen, dass sich jeder
Künstler um meine Bekanntschaft bemüht, dass - wie soll ich mich genau
ausdrücken? - es für jeden Künstler von Wichtigkeit ist, von mir gekannt zu
sein.«
    »In dem Falle,« entgegnete Artur lächelnd, »muss ich dem heutigen Abend
besonders dankbar sein, dass er mir das Glück verschafft, Ihre Bekanntschaft zu
machen, und mir gestattet, so viel Versäumtes nachzuholen.«
    Herr von Dankwart schaute einen Augenblick aufmerksam in das Kamin; er
schien die Antwort des Malers vollkommen überhört zu haben; wie es überhaupt
eine Gewohnheit von ihm zu sein schien, nur zu sprechen und zu fragen, ohne eine
genügende Antwort zu erwarten. - »Sollten Sie es glauben, bester Graf,« sagte er
nach einer Pause, »dass die jungen Künstler völlig auf eigenen Füssen stehen
wollen und die Protection tüchtiger Männer für gar nichts achten, keine gute
Lehre, keinen Rat mehr annehmen wollen? Ich versichere Sie - nun, ich brauche
es eigentlich nicht zu beteuern; die Welt weiss, wie ich mich auf Anordnung und
Colorit verstehe, - aber die Herren wollen Alles besser wissen. - Haben Sie das
Portrait Ihrer Hoheit gesehen, seit es fertig ist - früher etwas mangelhaft,
etwas leer in der Staffage, aber jetzt superb, herrlich! gemalt von Herrn Wiesel
-?«
    »Ein sehr gutes Portrait!« versetzte Artur.
    »Jetzt freilich,« erwiderte Herr von Dankwart mit scharfer Betonung des
ersten Wortes. »Ihre Hoheit steht vor dem Portal Höchst Ihres Landhauses und
schaut hinaus in die Gegend. Das war Alles recht schön und gilt, die
Allerhöchste Figur kann man sehr gelungen nennen, aber sie schaute in eine
Gegend, ohne dass sich etwas Interessantes begibt; also blickte Ihre Hoheit, wenn
ich mich so ausdrücken darf, aufmerksam in ein Nichts, denn die bekannte Gegend
dürfte doch nicht im Stande sein, die gespannte Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit zu
fesseln. Darin lag der Fehler, ich fühlte das gleich, obgleich ich mich lange
vergebens bemühte, dem Maler Wiesel dies ebenfalls begreiflich zu machen; aber
es wäre Schade, wenn man es nicht geändert hätte. Ich weiss nicht, ob Sie mich
verstehen, aber es war eine Leere da, die dem verständigen Beschauer drückend
erschien.«
    »Und dieser Leere halfen Sie?« fragte trocken der Major.
    »Allerdings,« entgegnete wichtig Herr von Dankwart.
    »Was aber nicht schwer sein musste,« warf der Baron von Brand dazwischen,
indem er sich mit dein Battisttuch den Schnurrbart wischte. »Man brauchte ja nur
ein zierliches Rosengebüsch anzubringen.«
    »Diesmal hatte ich eine bessere Idee,« sagte lächelnd der kleine Mann mit
Selbstzufriedenheit. »Wiesel war erstaunt darüber; unter uns gesagt, er äusserte
sich, es schmerze ihn tief, dass ihm das nicht selbst eingefallen. Ich liess
also,« - fuhr Herr von Dankwart mit gehobener Stimme fort, wobei er Daumen und
Zeigefinger der linken Hand vereinigte und sie bestimmt auf und ab richtete,
während er diese Worte sprach, - »ich liess also hinten aus dem Gebüsche den
kleinen Hund der Frau Herzogin heraustreten, wodurch die ganze Scene belebt
wurde und ein Gegenstand da war, auf welchen sich der fragende Blick der hohen
Frau im nächsten Augenblicke richten würde.«
    »Vortrefflich!« meinte der Major, indem er grosse Wolken aus seiner Cigarre
blies.
    »Und malte Wiesel den Hund?« fragte Artur.
    »Ob er ihn malte!« entgegnete Herr von Dankwart im wegwerfenden Tone, »auf
allerhöchsten Befehl -«
    »Ich dachte, Sie hätten es befohlen,« sagte bedenklich der Assessor.
    »Ich - nun ja, ich,« erwiderte der kleine Mann mit vieler Würde. »Natürlich
ich, aber wie es sich von selbst versteht, im hohen Auftrage, im Namen Ihrer
Hoheit, der Frau Herzogin. - Aber wissen Sie auch,« fuhr er nach einer Pause in
natürlicherem Tone fort, »wesshalb ich eigentlich hieher gekommen.«
    »Nein,« versetzte bestimmt der Graf, »ich habe keine Idee davon.«
    »Man hat mich versichert, Sie hätten eine Sendung des vorzüglichsten Latakia
erhalten, und nun bin ich da, um zu untersuchen, ob er wirklich von so guter
Qualität ist. Sie werden mir zugestehen, dass man bis jetzt die beste Pfeife bei
mir rauchte; ist aber die Ihrige vorzüglicher, lieber Herr Graf Fohrbach, so
kann ich Ihnen in der Tat nicht helfen; in dem Falle müssen Sie mir einen Teil
erlassen. - Soll ich in die Hände klatschen?« - Nach diesen Worten und einem
vergeblichen Versuche, mit den kurzen Füsschen den Fussboden zu erreichen, warf
sich Herr von Dankwart graziös in dem Fauteuil hin und her und stützte die
Ellenbogen auf die Kniee, die Handflächen ausgebreitet, um sie leicht
zusammenschlagen zu können.
    »Lassen Sie das Klatschen nur sein,« sprach ruhig Graf Fohrbach, »wissen
Sie, mein teurer Herr von Dankwart, man ist hier im Hause nur an meine Befehle
gewöhnt und Ihr Klatschen könnte missverstanden werden. Aber ich will für Sie die
Klingel ziehen; mit Vergnügen sollen Sie eine Pfeife haben.« Damit hob der
Hausherr seinen Arm in die Höhe, schellte zweimal, worauf sich in der Türe des
anstossenden Schlafzimmers der Jäger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl
eine angezündete lange Pfeife brachte, die er dem kleinen Mann in den Mund
steckte.
    Während demselben auf diese Art das Maul gestopft wurde und endlich einmal
stille stand, und während er sich mit Behaglichkeit in dem Fauteuil ausstreckte,
haben wir Musse, ihn dem geneigten Leser näher zu beschreiben.
    Herr von Dankwart war von sehr kleiner Gestalt, die, an sich in recht guten
Verhältnissen, nur zu dem ziemlich dicken und unförmlichen Kopfe durchaus nicht
Passen wollte, welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh. Der eben
erwähnte Kopf bildete ein vollkommenes Dreieck von dem spitzen Kinn an bis zu
der breiten Stirne, die nach oben an eine ausserordentlich dünne Haarlichtung
stiess und sich solchergestalt fast bis zum Hinterkopf fortzusetzen schien. Das
Gesicht hatte einen ganz eigentümlichen Ausdruck; es lag etwas Verschmjetztes
und zugleich sehr Hochmütiges darin. Die Wangen waren sehr eingefallen und
selbst das Gesträuch des dort wuchernden Bartes war nicht im Stande, diese
tiefen Täler auszufüllen. Der Mund war ziemlich klein, die Augen aber weit
geöffnet und von einer unangenehmen bläulichen Farbe und geistlosem Ausdruck.
Obgleich Haar und Bart so sorgfältig als möglich gepflegt waren, so machte doch
der ganze Kopf den Eindruck, als sei er vernachlässigt worden, habe lange Zeit
vergessen in einem Winkel gelegen und sei dort von den Ratten abgenagt worden. -
Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln
an bis zu den steifen und hohen Halskrägen; er befand sich im schwarzen Frack
und schien aus einer Soirée zu kommen.
    Hier, beim Grafen Fohrbach, hatte sein Erscheinen indes nicht zur Belebung
der Unterhaltung beigetragen. Der Hausherr lehnte ziemlich verdriesslich an dem
Kamin und liess grosse Rauchwolken aus seiner Cigarre aufsteigen; der Major war
still und einsylbig geworden, und während sich der Assessor bei einer soliden
Restauration mit Champagner und kaltem Geflügel beschäftigte, tauchte der Baron
von Brand verschiedene Bisquits in Zuckerwasser - au fleur d'orange.
    Der kleine Mann rauchte seinen Tabak prüfend aus der langen Pfeife, sog den
Dampf ein, verschluckte ihn unter verschiedenen Grimassen, trank eine Tasse Tee
darauf und liess eine Weile nachher den Tabaksrauch nach ächter orientalischer
Manier wieder dem Magen herauf steigen, um ihn hierauf von sich zu blasen.
    »Der Latakia ist gut,« sagte er nach einer Pause, »ich möchte sagen, fast so
gut wie der meinige, und wenn es Ihnen recht wäre, mein lieber Graf, so machten
wir einen kleinen Tausch. - Apropos,« fuhr er nach einem abermaligen tiefen Zuge
fort, ohne vorher eine Antwort abzuwarten, »um vom Tauschen zu reden, so kennen
Sie, lieber Major, gewiss den kleinen Fuchsen des Prinzen A. Halten Sie ihn von
einer guten Zucht, von einer unverfälschten Race, würden Sie zum Beispiel zu
einem Tausche zwischen jenem Pferde und meinem Schimmel raten?«
    Der Major blickte einigermassen erstaunt empor und entgegnete: »Der Fuchs ist
ein vortreffliches Pferd, und bei allem Respekt vor Ihrem Schimmel begreife ich
doch nicht, wie einem Kenner hiebei ein Tausch einfallen könnte.«
    »Es ist vielleicht dem Prinzen darum zu tun,« meinte der Baron von Brand
mit einem süssen Lächeln, »etwas zu bekommen, was dem Herrn von Dankwart gehörte;
wie man auch sonst wohl die unbedeutendsten Sachen, wenn sie grossen Männern
angehören, in hohem Werte hält.«
    Der Graf Fohrbach lächelte in sich hinein, und Herr von Dankwart blickte
verwundert auf den Sprecher; doch da er dessen gleichmütiges, unbewegliches
Gesicht sah und sich gnädigst erinnerte, man müsse dessen beschränktem Verstande
schon etwas zu gute halten, so begnügte er sich damit, die Achseln zu zucken,
die Backen aufzublasen und alsdann aus seinem Pfeifenkopfe eine Menge Rauch zu
stossen.
    »Es wird spät,« sagte der Major, »ich gehe nach Hause. - Du kannst morgen
nicht auf die Jagd?« wandte er sich an den Grafen.
    »Herrendienst!« erwiderte dieser; »ich bin morgen in das Vorzimmer
gefesselt. Wenn du Nachmittags zurück kommst, kannst du mir erzählen, wie es
draussen ausgesehen.«
    »Ich komme gegen Abend und werde dich besuchen,« versetzte der Major, indem
er sich erhob. »Nun, Assessor, du fährst doch mit mir?«
    »Ich hatte auf einen Platz bei Ihnen gerechnet, lieber Major,« sagte Herr
von Dankwart, »und schickte deshalb meinen Wagen nach Hause.«
    »Daran haben Sie bei diesem Wetter sehr unrecht getan,« entgegnete der also
Angeredete. »Den Teufel auch, man muss im Winter nicht so unvorsichtig sein! -
Ich könnte Ihnen nur ein kleines Bänkchen in meinem Coupé anbieten, aber es ist
voll Pelzfusssäcke und dergleichen.«
    »Lassen Sie sich eine Droschke holen, Herr von Dankwart,« meinte der Baron
von Brand. »Sie können sich denken, dass ich Ihnen mit grossem Vergnügen einen
Platz bei mir anbieten würde, aber erstens habe ich da den Maler aufgeladen, und
zweitens fahren wir nicht ganz direkt nach Hause. - Sie waren auch einmal ein
fröhlicher Garçon und werden mich schon verstehen.« Bei diesen Worten hatte er
seinen Hut genommen und Artur leicht angestossen, als er bei diesem vorüber kam.
    Unter dem allgemeinen Aufbruch, der nun erfolgte, schien das ziemlich lange
Gesicht des kleinen Mannes, mit dem er diese Abweisungen erhalten, nur von dem
Hausherrn bemerkt zu werden. Dieser führte den Major wie absichtslos in eine
Ecke, und sagte dort leise zu ihm: »Rückt in Gottesnamen zusammen und nimmt mir
den Kerl mit fort, sonst sitzt er mir dahin, langweilt mich noch eine Stunde,
und ich muss ihn am Ende nach Hause fahren lassen.«
    »Recht!« erwiderte der Andere, indem er den Mund zum Lachen verzog, »wir
wollen ihn in die Mitte nehmen.« Dann wandte er sich an Herrn von Dankwart und
sagte ihm: »Sie werden hoffentlich so gut von unserer Galanterie denken, dass wir
Sie nicht bei Nacht und Nebel allein und zu Fuss nach Hause gehen lassen. Wenn
Sie den Mittelplatz zwischen diesen respektabeln Körpern einnehmen wollen« -
dabei zeigte er auf den Assessor und sich selbst - »so wird's uns freuen.«
    »Das ist mir wahrhaftig angenehm,« entgegnete hierauf Herr von Dankwart mit
grosser Lebhaftigkeit; »und ich versichere Sie, den Weg zu Fuss zu machen, wäre
mir eine Kleinigkeit, da ich bedingungsweise die kühle Nachtluft liebe; aber ich
habe Ihnen einiges nicht Unwichtiges mitzuteilen. Ihre Hoheit nannte beim
Frühstück Ihren Namen und - doch davon später! Bringen wir also diesen guten
Assessor nach Hause, er wohnt nicht weit von hier, und dann fahren wir äusserst
angenehm zu mir.« - Bei diesen Worten erhob sich Herr von Dankwart stolz und
beruhigt, zog seinen schwarzen Frack in die Taille hinein, warf den Kopf mehr
als gerade nötig war, in die Höhe und reichte seine Finger mit vieler Grazie
rechts und links zum Abschiede. Da aber zufälliger Weise Niemand besonders
darauf achtete, so gingen mehrere schöne Händedrücke für diese undankbare Welt
verloren.
    An der Türe sagte der Baron von Brand zu dem Hausherrn: »Ich hätte bald
vergessen, Sie zu fragen, lieber Graf, wie Sie es morgen bei dem Begräbnis der
Fräulein von M. halten?«
    »O, ich schicke einfach einen geschlossenen Wagen hin.«
    »Kutscher und Bedienten?«
    »Natürlicher Weise; je grösser die Pracht, desto mehr bezeugt man sein
Beileid. - Gute Nacht! - Gute Nacht!« -
    Der Wagen des Majors fuhr zuerst ab, er selbst darin mit dem Assessor und
dem Herrn von Dankwart; doch muss man durchaus nicht glauben, es habe der
Letztere sich des angebotenen Mittelplatzes bedient; im Gegenteil, er setzte
sich unter vielen wichtig ausgesprochenen, im Grunde aber sehr unwichtigen
Redensarten in die rechte Ecke des Coupé's und versicherte, man könne sagen was
man wolle, die in hiesiger Residenz gebauten Wagen seien alle unerträglich, ein
Uebelstand, dem er aber abhelfen werde, indem er gerade im Begriffe sei, einen
neuen Unterwagen zu construiren, so vortrefflich, ja sinnreich erdacht, dass er
notwendiger Weise bei der Ausführung die allgemeine Bewunderung erregen müsse.
    Als Artur im zweiten Wagen mit dem Baron durch die Strassen fuhr, und dieser
über gleichgültige Dinge sprach, fiel dem Maler abermals die Aehnlichkeit mit
der Stimme auf, die er heute Abend an jenem Durchgange gehört.
    »Es ist sonderbar,« sagte er, »wie sich zwei Organe gleichen können; heute
Abend zog ich in den Strassen der Stadt umher und hätte unter anderen
Verhältnissen darauf schwören wollen, Sie, Baron, da gehört zu haben.«
    »Ei der Tausend,« entgegnete Herr von Brand, »und wo war das, wenn ich
fragen darf?« dabei zog er ein Sacktuch hervor, und der ganze Wagen füllte sich
mit dem eigentümlichen Parfum des schon erwähnten coeur de rose.
    »Natürlich ist es eine Täuschung,« fuhr der Maler fort, »es war in der
Gegend des Marktplatzes, wo die alten merkwürdigen Häuser stehen, für uns
Künstler ein interessanter Platz. Es ist dort ein Durchgang.«
    »So, ein Durchgang? - Ich erinnere mich nicht.«
    »Das glaube ich wohl,« sagte Artur lachend. »Dieser Durchgang führt
namentlich zu einer sonderbaren Kneipe, wo sich herumziehende Musikanten,
Gaukler von der Messe, und allerhand Leute von noch weniger ausgesprochenem,
aber doch einträglichem Gewerbe zusammen finden.«
    »Ah! das muss nicht uninteressant sein!« meinte der Baron. »Waren Sie schon
da?«
    »In dem Hause selbst nie.«
    »Das ist schade, sonst könnten Sie mich einmal hin führen; man sieht da
lustige und pikante - - Scenen; ich liebe dergleichen. - Wie heisst die Kneipe?«
    »Zum Fuchsbau,« entgegnete Artur.
    »Habe den Namen nie gehört,« versetzte lachend der Baron, »will mir ihn aber
merken.«
    Damit war der Wagen an dem Hause Artur's angekommen; der Kutscher hielt die
Pferde an, der junge Maler öffnete den Schlag, sprang heraus und wünschte
dankend eine gute Nacht.
    Als der Baron seine Wohnung ebenfalls erreicht, verliess er das Coupé,
welches nach den Stallungen fuhr, während er in den Torweg seines Hauses trat.
Hier war er eben im Begriff, die Klingel zu ziehen, als er bemerkte, dass ihm
Jemand von der Strasse nachgefolgt war, der, dicht in einen Mantel gehüllt, ganz
nahe vor ihn hintrat.
    Der Herr von Brand wich bei dieser plötzlichen Begegnung einen Schritt
zurück und griff mit der Hand in seine Brusttasche, vielleicht absichtslos,
vielleicht aber hatte er auch dort eine Waffe verborgen.
    Der Andere, welcher diese Bewegung sah, rief laut lachend: »Gut Freund!
Baron; lassen Sie nur stecken! - Teufel auch! ich glaube, Sie hätten nicht übel
Lust, eine Pistole gegen mich zu wenden.«
    Der Baron, welcher augenblicklich diese Stimme zu erkennen schien, sprach im
Tone der höchsten Ueberraschung: »Wie? Sie sind es, gnädigster Herr? - Ich muss
gestehen, ich hätte Euer Durchlaucht nicht zu der Zeit hier erwartet.«
    »Daran sind Sie selbst Schuld; man findet Sie ja nie, und wo Sie oft sind,
habe ich nicht immer Lust hinzugehen.«
    »Ah! zum Grafen Fohrbach!«
    »Ganz recht! ganz recht! - Haben Sie Zeit für mich zu zwei Worten?«
    »Die ganze Nacht. - Aber wollen Euer Durchlaucht nicht zu mir hinauf
spazieren?«
    »Nein, nein, ich will nach Hause. - Kommen Sie einen Augenblick in die
Strasse, es ist gleich abgemacht.« - Damit fasste er den Baron unter dem Arm, und
Beide traten aus dem Torwege hinaus, um bei der Häuserreihe in langsamem
Schritt auf und ab zu gehen.
    »Sie wissen,« sagte der Unbekannte, »ich habe es mit vieler Mühe
durchgesetzt, dass Eugenie von S. zum Ehrenfräulein ernannt wurde.«
    »Schön,« entgegnete der Baron, indem er mit dem Kopfe nickte; »sie wird im
Schloss wohnen. - Euer Durchlaucht haben da die beste Gelegenheit, sich ihr zu
nähern.«
    »Teufel auch! wenn mich das nur was nützt! - Sie soll sehr streng sein und
wird hier bald einen Anhang von Leuten haben, die mir gerade nicht besonders
gewogen sind; ihre Mutter war eine genaue Bekannte des Grafen Fohrbach, sie
selbst ist eine Nichte des Major von S. - Und dann ist Eugenie zu schön, sie muss
Aufsehen erregen; man wird sich um sie bewerben. - Ich fürchte wahrhaftig den
jungen Grafen Fohrbach.«
    »Pah!« lachte der Baron, »wen hätten Sie zu fürchten, gnädiger Herr?«
    »Na, lassen wir alle Schmeicheleien,« entgegnete der Andere mit einer
ungeduldigen Kopfbewegung; »ich stehe schon für mich ein, aber die Partie ist
ungleich: Sie wissen, ich bin weder bei den Fohrbach's noch bei Major S. sehr
gelitten, habe also keine Verbündeten.«
    »Mit Ausnahme des Vaters,« erwiderte der Baron mit seltsamem Lächeln, das
aber der Andere nicht sehen konnte, denn er fuhr ungeduldig fort:
    »Was nützt mich der Vater? Ich muss hier auf dem Platze auf sie einwirken
können.«
    »So muss man Ihnen Verbündete schaffen.«
    »Desshalb wende ich mich an Sie. - Glauben Sie, dass das möglich ist?«
    »Auf die grossen Familien kann ich begreiflicher Weise nicht einwirken, aber
ich sehe wohl ein, es ist notwendig, dass wir vorderhand von allen ihren
Schritten unterrichtet werden, dass wir erfahren, wohin sie geht, wen sie
empfängt, mit einem Wort, was sie tut und treibt.«
    »Und ist das möglich? - Es wird schwierig sein.«
    »Nicht so sehr,« meinte der Baron nach einigem Nachdenken. »Was ich
verspreche, das Pflege ich zu halten. - Aber auch Graf Fohrbach muss beobachtet
werden.«
    »Das ist auch meine Ansicht, bester Baron,« sprach eifrig der Andere; »ich
wäre Ihnen zu tausend Dank verpflichtet, wenn Sie im Stande sind, so Etwas für
mich anzurichten.«
    »Verlassen sich Euer Durchlaucht ganz auf mich; ich mache mich anheischig,
Ihnen in kurzer Zeit täglich, ja stündlich die gründlichsten und getreusten
Berichte sowohl über Fräulein von S., als auch über den Grafen zu machen. -
Dagegen aber, gnädigster Herr, hoffe ich, auch vorkommenden Falls vielleicht auf
Sie rechnen zu können.«
    »Sie wissen, bester Baron, dass Ihnen mein ganzer Einfluss zu Befehl steht -«
    »Und ich werde mir erlauben,« unterbrach ihn Herr von Brand, »Euer
Durchlaucht - einstens daran zu erinnern.«
    »Das hoffe ich, und - die Sache wäre abgemacht.«
    »Vollkommen.«
    »Ich erhalte meine Berichte -«
    »Sobald das Fräulein da ist.«
    »Nun denn, vorderhand meinen besten Dank! - Gute Nacht, Baron!«
    »Gute Nacht, gnädigster Herr!«
 
                                Eilftes Kapitel.
                               Zwei Begräbnisse.
Es ist seltsam, wie man erst nach und nach dazu kommt, Kirchhöfe zu besuchen und
ohne Scheu zwischen den kleinen Hügeln umherzuwandeln. Man geht zuweilen hin bei
gewissen Veranlassungen, dem grossen Schwarm folgend und irgend eine Person zu
ihrer letzten Ruhestätte begleitend, die einem im Grunde ziemlich gleichgültig
gewesen ist. Zu der Zeit ist für uns hinter den Mauern des Kirchhofes noch ein
fremdes, ja fast gänzlich unbekanntes Land. Vorübergehend schauten wir wohl
durch das Gittertor, und sahen Steine, Kreuze, blühende Rosen und wehende
Trauerweidenzweige, und wir liebten es, nicht mehr davon zu wissen, denn der
ganze Garten war ein Rätsel, dessen Lösung uns frühe genug klar werden würde. -
Wir schritten also im Zuge zwischen den Gräbern dahin, lasen hie und da einen
bekannten Namen, traten an ein offenes Grab, sahen Den hinabsenken, den wir
begleitet, und kehrten dann wieder zurück, froh darüber, eine oftmals lästige
Pflicht erfüllt zu haben. - Da trat der Tod näher in den Kreis der Freunde und
zum ersten Mal schritten wir im Zuge, mit wirklichen Tränen im Auge. Wir
begleiten Jemand in sein frühes Grab, dessen Augen noch vor Kurzem in das
unsrige geblickt, dessen Hand die unsrige gedrückt. Und während wir dahin
schreiten auf dem breiten Wege, schauen wir uns schon sorgfältiger um, denn es
ist uns schon von grösserem Interesse, die Umgebung kennen zu lernen, zwischen
der unser Freund ruhen, vielleicht träumen wird. Sie schauen uns nicht mehr so
fremd an, die verschiedenartig geformten Steine, die kleinen Gärtchen, von
Gitterwerk eingefasst, die verschiedenen Kreuze in ihrer einfachen Gestalt, nur
in der Ausführung so verschieden, vom künstlich gebildeten Marmor bis zum
ärmlichen Holz, alle Schichten der menschlichen Gesellschaft darstellend; nein,
sie tauschen geheime Zeichen mit uns aus, sie wissen es wohl, dass wir sie auf
dem heutigen Gange mit Interesse betrachten. Kommt aber erst die Stunde, wo wir
der feuchten Erde draussen etwas anvertrauen, das uns noch näher liegt als
Bekannte oder Freunde, kommt jener Augenblick, wo man etwas von unserem warmen
Herzen losreisst, um es von den kalten Schollen zudecken zu lassen, so haben wir
auf diese Art ein Plätzchen erhalten, ein Eigentum, an dem wir Stunden lang
sitzen können, um träumerisch an vergangene Tage zu denken, während wir auf die
sprossenden Pflanzen und Gräser blicken. Und dann hat der Kirchhof nichts
Fremdes mehr für uns; wir haben alle Scheu vor seinem stillen Raume verloren,
wir machen gerne Bekanntschaft mit seinen Wegen, seinen Bäumen, seinen
verschiedenen Monumenten; denn Alles das bildet ja für uns die Umgebung für
einen einzigen, sei es auch noch so bescheidenen Platz, für einen Mittelpunkt,
der unser Alles ausmacht, für ein kleines Fleckchen Erde, in dem unser Liebstes
ruht.
    Von da an interessirt man sich auch für die anderen Gräber; - Alles, was
sich auf dem Friedhofe befindet, scheint einer einzigen, grossen Familie zu
gehören, der Verwandtschaft der Todten. - - Man freut sich über bunte Blüten,
die hier und dort entstehen, über einen neuen Stein, der aufgerichtet wird, über
ein kleines ärmliches Gipsfigürchen, das einen betenden Engel vorstellt, und das
herzliche Liebe auf ein stilles, lange verwildertes Grab gesetzt.
    Es gibt Leute, welche sich am Liebsten auf dem Kirchhofe ergehen bei einem
düsteren, melancholischen Wetter, wenn ein leiser Wind durch die Bäume rauscht,
wenn einzelne schwere Regentropfen melancholisch herabrieseln, oder wenn an den
umliegenden Bergen dichte Nebel hangen, die wie graue Schleier tief in das Tal
herab hängen, und Monumente, Bäume, und Sträucher nur in undeutlichen Umrissen
ahnen lassen: stilles, verdriessliches Wetter, wo die Natur mit trauert, wo die
Kapelle des Friedhofes wie ein nebelhaftes Gespenst aussieht, wo an den
Brettern, Hauen und Schaufeln ein Tropfen nach dem andern hinabläuft, wo das
offene Grab recht freundlich aussieht, wie ein trockener Zufluchtsort gegen die
nasse und kalte Witterung draussen. - Wie gesagt, es gibt Leute, die dieser
Ansicht sind. Wir aber können uns damit nicht einverstanden erklären; wir lieben
den Kirchhof an einem klaren, heitern Tage, wie der des gegenwärtigen Kapitels
ist, wo die Sonne mit aller Pracht aufsteigt. - - Auf dem Kreuze der Kapelle und
dem Metalldache derselben funkeln Blitze, mit den Bergen rings umher
liebäugelnd, die wie im rosigen Licht freundlich lächelnd in's Tal herab
blicken.
    Im hellen Glänze liegt die ganze Gegend, wie an einem Tag allgemeiner
Freude. Obgleich es Winter ist, haben doch die Sonnenstrahlen seit einigen Tagen
eine eigene Kraft; halbverwelkte Blätter scheinen ein neues Leben zu empfinden,
ein paar frühzeitige Blumen haben unbesonnener Weise ihre Kelche geöffnet, um
heute Nacht eines frühzeitigen Todes zu sterben; der Reif an den Bäumen löst
sich auf und tropft als Wasser herab; von dem weissen Schnee ist fast nichts mehr
zu sehen, und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb, da
unterbricht das nicht unangenehm den einförmigen, blätterlosen Kirchhof. Und
doch ist hier Alles lebhafter, festlicher geschmückt, als in jedem anderen
Garten, denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Blätter und
Blumen zu warten, sie stehen da, immer fertig, immer geputzt, von der Sonne
bestrahlt und von ihr mit tiefen, scharf ausgezackten Schatten geschmückt. - -
Ja, die Immortellenkränze, die hier hängen, sind so warm und schön beleuchtet,
dass man glauben könnte, die todten Strohblumen hätten sich eben jetzt geöffnet.
    So liegt der Kirchhof da im hellen Morgensonnenscheine; die hohe Mauer,
welche mit aus- und einspringenden Winkeln in einer ununterbrochen glänzenden
Linie, hie und da tiefe Schatten werfend, ihn umgibt, scheint darauf stolz zu
sein, und von ihrem Rande glänzen glatte Kieselsteine, helle Glasscherben und
dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne. - Und Alles ist hier so still und
aufmerksam; die Arbeiter haben zwei Gräber beendigt, ein grosses auf dem
schönsten und freiesten Platze des Kirchhofs, ein kleines zwischen alten
hölzernen und vermoderten Kreuzen und eingesunkenen Hügeln in einem entfernten
Teile, wo man viele Gräber und wenig Wege sieht, wo die Besuchenden sparsam,
der blühenden Blumen wenige sind.
    Die subalternen Kirchhofbeamten sitzen auf der Treppe der Kapelle, sie haben
fadenscheinige schwärze Fräcke an, und Einer lässt eine zinnerne
Schnupftabaksdose herumgehen, welche mit den Emblemen seines Handwerks, einem
Todtenkopf und zwei Knochen, geziert ist.
    Jetzt schlagen die Glocken auf dem Kirchturme in der Stadt an, und der
Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herüber. Einige Augenblicke
scheinen selbst die Kreuze und Steine diesen bekannten Klängen zu lauschen; man
könnte glauben, hie und da strecke sich eines von ihnen, um auf den Weg zu
schauen und früher zu erfahren, wer denn dort schon wieder gebracht werde.
    Der geneigte Leser weiss es bereits, wenn er jetzt aus den Toren der Stadt
zwei Züge hervorkommen sieht, an der Spitze des einen den grossen Trauerwagen mit
den reich geschirrten Pferden, an der Spitze des anderen aber einen
Kirchhofdiener, der unter seinem langen breiten Mantel Etwas trägt; er wird mit
uns den ersteren Zug vorbei lassen: eine lange Reihe von reichen Equipagen mit
bunten Wappenschildern am Schlag, Kutscher und Bediente in grosser Livree, und er
will sich dem zweiten Zug anschliessen, welcher von dem Hauptwege, den jener
andere stolz betritt, bescheiden abweicht und sich in den nämlichen Regionen des
Kirchhofs verliert, von denen wir oben gesprochen. Bei beiden Zügen sieht man
unter den Sacktüchern Tränen fliessen; wenn es aber von der tiefen Trauer der
Anzüge abhinge, so müsste dort grösserer Schmerz zu finden sein als hier.
    Hinter dem Manne mit dem Mantel schreiten die beiden kleinen Geschwister,
und die gute ältere Schwester hat das Mögliche getan, um sie der traurigen
Handlung gemäss herauszuputzen. Das kleine Mädchen trägt ein schwarzes
Merinokleid, das aber auf allen Nähten und den Aermeln schon stark in's
Rötliche schimmert; dem hellbraunen Röckchen des Bübchens eine andere Farbe zu
geben, war nicht wohl möglich, wesshalb sich Clara begnügt hatte, an seiner Mütze
eine ziemlich lange Florschleife anzubringen, die an der Seite herunter hing und
von dem kleinen Leidtragenden mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde.
    Die junge Tänzerin selbst ging mit ihrem Vater; hinter ihnen folgten die
Colleginnen, die, sowie ein Paar Tänzer des Teaters mit dem würdigen
Schwindelmann, es sich nicht hatten nehmen lassen, die kleine Leiche zu
begleiten. Natürlicher Weise schritt Mademoiselle Terese in erster Reihe; sie
trug ein schwarzes Atlaskleid, sehr zierliche Schuhe, einen violetten Sammtut,
und das Gesicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In ähnlicher Toilette,
soviel wie möglich Trauer ausdrückend, befanden sich die übrigen Tänzerinnen;
alle hatten in ihren Händen Blumenbouquets, teils wirklich blühende, teils
künstlich gemachte.
    Die beiden Züge kamen fast zu gleicher Zeit an den betreffenden Stellen an,
und von dem Glanz und der Pracht, mit der die verstorbene Stiftsdame zur Erde
bestattet wurde, ging ein guter Teil auf das Begräbnis der kleinen Anna über. -
»Und ohne dass es nur einen Kreuzer kostete,« - meinte Schwindelmann.
    Drüben am Grabe stand einer der ersten Geistlichen, und ein Musikchor
unterstützte seine Bemühungen, die Umstehenden in eine recht traurige Stimmung
zu versetzen; sie bliesen einen Choral, und einzelne Akkorde derselben hörte man
deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs. Ja, die Musik klang dort viel
sanfter und angenehmer, und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das hässliche
Echo der Kirchhofmauer, welche jeden lauten Ton hart und ohne Rücksicht auf den
Takt zurückwarf.
    Als die Musik geendigt, wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre
Ruhestätte hinabgelassen, und jetzt müssen wir gestehen, dass hier bei der
kleinen Anna weit mehr tränende Augen der in dem dunkeln Schoss der Erde
Verschwindenden nachschauten, und dass hier alle die kleinen Hände der
Tänzerinnen zitterten, als sie eine Hand voll Erde hinab warfen, ja sich
dieselben weit bewegter fühlten, als es drüben bei den Herrschaften der Fall
war, wo Einer nach dem Anderen, aber Alle in der Reihenfolge ihres Ranges,
hervortrat, sich offiziell die Augen wischte, und mit tiefer Trauer die Schaufel
ergriff, um der Dahingeschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen; dann betete der
Pfarrer dort leise das herkömmliche Gebet, hier aber Clara mit lauter Stimme,
was ihr gerade ihr Herz eingab, und als sie sagte: »Leb wohl, mein
Schwesterchen, es lag nicht in unserer Macht, dich zu retten, obgleich wir Alles
an dir nach unseren Kräften getan. Auch du musstest sterben, so klein, so lieb
und so unschuldig; doch ist es weit besser so: du hättest ein elendes Leben
geführt voll Kummer, Not und Entbehrungen!« - als sie das gesagt und ihre
Tränen flossen, da weinte ihr Vater, der alte Mann, ebenfalls vor sich hin, und
das Bübchen, welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit sah, dass nun die kleine
Schwester völlig mit Erde bedeckt war, fing an ganz trostlos zu werden und erhob
ein gewaltiges Klagegeschrei. Die umstehenden Tänzerinnen, die bei den Worten
Clara's Manches denken mochten, blickten dem Arbeiter aufmerksam zu, wie er nun
das kleine Grab ebnete, und Manche hatte, in tiefe Gedanken versunken und her
Tränen nicht achtend, die von ihren Wangen herab flossen, die Hände auf einem
nebenstehenden nassen Grabstein gefaltet und schien nicht daran zu denken, dass
sie ihre neuen Glacéhandschuhe verderbe.
    Drüben, wo der Pfarrer eben seine Rede begonnen, war Alles stille wie in
einer Kirche; nur hie und da hörte man ein unterdrücktes Husten und Räuspern. -
- Da auch fast kein Windhauch die Luft des unermesslichen glänzenden
Himmelsgewölbes bewegte, ertönten die Worte des Geistlichen laut und klar, und
drangen weit in die Ferne.
    Hier bei dem anderen Grabe hörte man wohl die einzelnen Töne, doch ohne den
Zusammenhang zu verstehen, man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen, die
aber trotzdem recht gut für die kleine Leiche passten. Es klang herüber von der
Liebe Gottes für alle seine Geschöpfe, reich und arm, von einem freudigen
Wiedersehen, von einer Vergeltung jenseits nach den guten Taten hier auf Erden,
und nach dem, was man hier geduldet und gelitten. - - Amen! Dieses letzte Wort
klang lauter als alle übrigen, und dann vernahm man das Geräusch einer Menge,
die sich zum Weggehen anschickte, lautes Husten, Stimmengemurmel, Fusstritte auf
dem breiten harten Wege, endlich das Rollen von Wagen, in denen sich Jeder
eilfertig nach Hause begab. - Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes
- es waren ihrer auch viel weniger - reichten der armen Clara die Hand, sagten
ihr ein paar freundliche Worte und schlichen darauf, nachdem sie ihre Blumen in
das frische Grab gesteckt, leise davon. Von den Männern blieb Schwindelmann
allein zurück, um die Blumen zu ordnen, die man ihm darreichte; es war eine
recht hübsche Menge, und die künstlich gemachten, die am längsten aushielten,
rangirte er an dem Kopfende. Endlich war auch dieses Geschäft besorgt, und
schickten sich die Letzten an, miteinander fortzugehen. Das war Clara, ihr alter
Vater, die beiden kleinen Kinder und Terese. Letztere hatte draussen einen Wagen
und liess es sich nicht nehmen, ihre Freundin nach Hause zu begleiten.
    Der alte Mann verliess die Kinder am Tor des Kirchhofes, denn er musste in
der schon gestern besprochenen Angelegenheit einen Gang zu seinem Buchhändler
tun. Schwindelmann hatte Dienstgeschäfte und empfahl sich mit einem Händedruck
von Clara, worauf er in seinem gewöhnlichen kurzen Trabe in die Stadt
zurückkehrte.
    Demoiselle Terese hob die Kinder in den Wagen, liess Clara einsteigen und
setzte sich an ihre Seite. Bei dem Bübchen war dies Nachhausefahren das beste
Linderungsmittel für den Schmerz um die kleine Schwester; er schaukelte sich in
den weichen Kissen, lief mit den Pferden Trab, das heisst, in seinen Phantasten,
und indem er seine Beine so schnell als möglich auf und ab bewegte, trommelte er
zur Abwechslung auf die Fensterscheiben und verfiel endlich in ein langes und
tiefes Nachsinnen, als dessen endliches Resultat er Terese fragte, wo sie den
Wagen eigentlich her habe und ob sie seiner Schwester Clara nicht auch einen
ähnlichen verschaffen könne.
    Clara selbst hatte diese Frage überhört, denn sie dachte an allerlei, an
verschiedene Leute, die auf dem Kirchhof waren, sowie an Andere, die sie nicht
dagesehen, und als jetzt der Wagen bei einem gewissen grossen Hause vorbei rollte
- es war ein sehr stattliches Gebäude, welches an der Spitze gotische Fenster
und mehrere Balkons hatte - da blickte sie errötend auf die Seite und seufzte
tief auf.
    Clara's Vater war inzwischen auf einem anderen Wege zur Stadt zurückgekehrt,
und wenn er auch, je näher er an die Häuser kam, um so langsamer ging, so
erreichte er dieselben doch am Ende, sowie auch das Ziel seines Ganges, obgleich
er recht kleine Schritte, ja sogar wohl absichtlich einen Umweg gemacht; auch
rechnete er unterwegs viel zusammen, wenigstens spreizte er im Dahingehen die
Finger seiner linken Hand oftmals weiter von einander und fuhr mit dem
Zeigefinger der rechten daran herum, worauf er nachdenkend zum Himmel
aufblickte. Wir glauben aber nicht, dass das Resultat dieser Berechnungen für den
alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel, denn so oft es beendigt zu sein
schien, liess er seinen Kopf ein paar Linien tiefer zwischen die Schultern sinken
und zog auch wohl ein rotgelbes Sacktuch aus der Tasche, um damit über das
Gesicht zu fahren.
    Endlich bog er aus der engen in eine breitere Strasse ein und blieb vor einem
Hause stehen, neben dessen Türe ein kleiner schwarzer Schild angebracht war,
auf dem mit goldenen Buchstaben geschrieben stand: »Johann Christian Blaffer und
Comp.«
    Da es uns, geneigter Leser, kraft einer gewissen Zaubermacht, verliehen ist,
mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu versetzen, ohne Treppen, Wege
und dergleichen benützen zu müssen, ja sogar ganz verschlossene Türen für uns
kein Hindernis sind, so wollen wir uns in den ersten Stock des gedachten Hauses
begeben, und unsichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten, wo wir den Herrn
des Hauses und des schwarzen Schildes, Johann Christian Blaffer,
Verlagsbuchhändler, antreffen.
 
                               Zwölftes Kapitel.
                       Johann Christian Blaffer und Comp.
Der würdige Mann, der diese Firma repräsentirte, sass bei seinem Frühstückstisch
und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art: Zeitungen, Broschüren,
Correcturbogen und dergleichen neben sich liegen; er stöberte emsig darin herum,
hatte aber die Gewohnheit, alle paar Minuten über das Blatt, das er gerade in
der Hand hatte, hinwegzusehen und einen Blick in das Nebenzimmer, zu werfen,
dessen Türe halb geöffnet war; meistens blieb es aber nicht bei diesem Sehen,
denn sehr häufig räusperte sich Herr Blaffer sehr laut, oder er spuckte auf die
Seite und rief alsdann mit heiserem, schnarrendem Tone: »Herr Beil! - Herr Beil!
- ich glaube nicht, dass ich Sie auf meinem Comptoir angestellt habe, um Decke
und Wände zu betrachtet: Sie täten weit besser, Herr, wenn Sie sich um Ihr Buch
bekümmerten, oder die Bestellzettel sortirten. Was Teufel haben Sie denn immer
an die Decke zu schauen?«
    »Es ist eine Art Naturwunder, Herr Blaffer, was meine Aufmerksamkeit
zufällig in Anspruch nimmt,« antwortete eine tiefe Bassstimme.
    »Ich huste in Ihr Naturwunder!« rief entrüstet der Prinzipal, und führte das
auch wirklich aus; nur bediente er sich des Spucknapfes dazu.
    »Eine Fliege, Herr Blaffer,« fuhr die Bassstimme fort, »im Monat Dezember
eine lustige Fliege; sie spazierte soeben an den Wänden und an der Decke umher.
Es wäre mir von Wichtigkeit, zu ergründen, ob diese Fliege ein übrig gebliebener
Familienvater vom vorigen Jahre oder ob sie ein zufällig neu geschaffenes
Geschöpf ist. Ich möchte eine Abhandlung darüber schreiben, vielleicht könnten
wir sie selbst verlegen.«
    »Sie sind ein Narr!« entgegnete ärgerlich der Prinzipal, indem er emsig in
einer Zeitung blätterte; in Wahrheit blickte er aber schärfer als je in das
Nebenzimmer.
    Es war dies das eigentliche Comptoir, ein Zimmer wie viele der Art, mit weiss
getünchten Wänden, an welchen ein Posttarif und ein paar Landkarten hingen, mit
einem eisernen Ofen, einem grossen doppelten, zweisitzigen Schreibpult und einem
Bücherschrank, worin sich die Werke befanden, die Herr Blaffer verlegt oder von
seinen Freunden zum Geschenk erhalten.
    An dem Ende des Schreibpultes sass Herr Beil, ein Mann von einer merkwürdigen
Persönlichkeit. Er war klein, engbrüstig, und sah bis zum Halse, von unten an
gerechnet, etwas verwahrlost aus; aber auf diesem Halse, der ziemlich lang war,
befand sich ein Kopf, der wohl zu dem tiefen Basse der Stimme, aber durchaus
nicht zum Körper des Mannes passte. Dieses lange Gesicht, die breite Stirne,
dieses schwarze Hauptaar und der wohlgepflegte Husarenbart hätte einem
sechsfüssigen Untergestell alle Ehre gemacht, während das Alles zusammen hier
ziemlich lächerrlich aussah. Herr Beil war dabei ärmlich gekleidet und schien
durchaus keine Vorliebe für weisse Wäsche zu haben; unter dem alten blauen
Ueberrocke sah man eine graue Weste, welche so fest an die hohe schwarze
Merinohalsbinde anschloss, dass man auf die Vermutung kam, sie sei oben angenäht,
was wohl auch der Fall sein mochte. Dieses unvorteilhafte Äussere war ihm,
obgleich er kein schlechter Arbeiter war, schon oftmals bei Erlangung guter
Stellen hinderlich gewesen, und er musste sich daher mit sehr mittelmässigen
begnügen, was einer der Gründe war, wesshalb er sich denn auch jetzt hier auf dem
Comptoir des Herrn Blaffer befand. Da ihm aber die Beibehaltung seiner Condition
nicht besonders am Herzen lag, er auch wohl wusste, dass der Prinzipal für das
wenige Geld, was er ihm gab, nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme, so
nahm er sich, wie wir bereits vorhin gesehen, hie und da einige Freiheiten
heraus, wofür er ein dankbares Publikum an dem Lehrling des Geschäftes hatte,
der, den Prinzipal sehr fürchtend, sich ausserordentlich darüber freute, wenn der
Andere demselben ein paar passende Worte sagte.
    Besagter Lehrling war ein blasser blonder Mensch mit einem immerwährenden,
halb blödsinnigen Lächeln auf den Lippen, der, wie wir später genauer erfahren
werden, bei dem Herrn Blaffer im Hause wohnte und in seinen Freistünden Dienste
verrichten musste, die gerade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur
zusammenhängen.
    Herr Beil warf einen durchdringenden Blick auf den Lehrling und zeigte ihm
die bewusste Fliege, die in der Tat, aber ziemlich matt, an der Decke umher
spazierte, rückte hierauf das grosse Buch vor sich hin und fing an einzutragen.
    Der Prinzipal trat in diesem Augenblicke in das Comptoir.
    Dieser war ein magerer, ziemlich grosser Mann in die Vierzig; er ging etwas
vorn übergebeugt und liebte es, die Hände auf dem Rücken zu halten. Seine
Kleidung, ziemlich alt, abgeschaben und nicht gewählt, bestand aus einem blauen
Frack, dessen spitze Schösse hinten über einander gingen, aus einer grauen Hose,
die, eng anliegend, die Mode der weiten Beinkleider glücklich überdauert hatte,
und nun wieder elegant geworden wäre, wenn sich nicht die Schwächen des Alters
an den Knieen sehr bemerkbar gemacht hätten. Herr Blaffer trug ziemlich grosse
Schlappschuhe, und um dieselben nicht von den Füssen zu verlieren, hatte er sich
einen Schlittschuhgang angewöhnt, vermittelst dessen er nun, die lange dürre
Nase und das spitze Kinn emporgehoben, die gebogenen Kniee vorgestreckt, in dem
Zimmer auf und ab fuhr. dabei hatte sich dieser Mann ein unangenehmes
Gesichterschneiden angewöhnt, indem er das linke Auge zukniff und den Mund
höhnisch verzog. Dies tat er namentlich, wenn er sich in einer Gemütsaufregung
befand, was bei seinem giftigen reizbaren Temperament häufig genug vorkam.
    Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und abgefahren war, blieb
er mit einer plötzlichen Wendung vor dem Lehrling stehen, schlug ihn leicht an
den Kopf und sagte »Sie sind ein junger verschwenderischer Taugenichts. Meinen
Sie denn, das Makulatur hätte kein Geld gekostet, dass Sie mit Ihren Füssen darauf
herum trampeln?«
    »Da haben Sie Recht, Herr Blaffer,« versetzte der Commis, indem er
geräuschvoll ein Blatt umwandte, »Makulatur ist eine teure Geschichte,
namentlich die, womit er gerade einpackt.«
    »Ich habe Sie nicht um Ihre Ansichten gefragt,« antwortete entrüstet der
Prinzipal, während er sein Gesicht auf die oben beschriebene Art verzog.
    »Es ist die Geschichte des türkischen Reiches,« fuhr der Andere mit lauter
Stimme fort, »die vor vier Jahren gedruckt wurde, und von welcher von der ersten
Ostermesse ein Exemplar mehr zurückkehrte, als fortgeschickt worden. - Ja, ja,
so ist's, und Sie machten mir von diesem merkwürdigen Buch ein Exemplar zum
Geschenk, das dient mir von da ab jede Nacht zum Einschlafen. - Ein schönes
Werk! - Pagina sechsunddreissig - Rostbraten und Comp. - sechs Exemplare: keine
Hühneraugen mehr! - 1850, bei Johann Christian Blaffer.« -
    Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit grosser Gemütlichkeit, während er
dabei das eben Bemerkte eintrug.
    Der Prinzipal hatte anfangs Lust, sich ernstlich zu ärgern; da er aber
seinen Untergebenen kannte, so begnügte er sich damit, die Arme über einander zu
schlagen, seinen Commis mit einem festen Blick anzusehen und zu sagen: »Herr
Beil, werden Sie denn eigentlich nie vernünftig werden? - Es ist wahrhaftig
schade, dass ein Mensch von wirklich einigen guten Anlagen durch seine ewigen
Faseleien nie auf einen grünen Zweig kommt.«
    »Da haben Sie wieder einmal Recht,« antwortete der Commis scheinbar mit
grossem Ernste. »Ich bin fürchterlich herunter gekommen, wie gesagt - 1850, bei
Johann Christian Blaffer. - Es ist ganz entsetzlich!«
    Der Prinzipal hatte keine Antwort erwartet, sondern sich in das Postpaket
vertieft, das am frühen Morgen gekommen war, dann sah er nochmals die
Bestellzettel durch, bald mit einem Lächeln auf den Lippen, bald mit einem
finsteren Stirnerunzeln.
    Letzteres trat aber häufiger ein als ersteres, denn da Herr Blaffer zugleich
ein Commissionsgeschäft hatte, so gehörten die dickleibigen Postpakete, welche
jeden Montag und Donnerstag kamen, dem grössten Teile seiner glücklicheren
Collegen, und ihm selbst blieb nur äusserst wenig, und noch dazu meistens
Artikel, die sich schlecht ausnahmen gegen die schweren Zahlen, die hinter
andern Werken prangten.
    »Bah! bah!« machte der Buchhändler zuweilen und warf irgend einen Zettel mit
geringschätzender Miene auf den Tisch. - »Was das deutsche Publikum nach und
nach verwildert!« sagte er dann seufzend, »es ist fabelhaft. Nichts als Schund,
Schund und wieder Schund! - Das zieht! - Die schönsten Uebersetzungen gehen
nicht mehr und die besten deutschen Originalwerke, für die der Verleger Zeit und
Kosten aufgewendet, bleiben schmachvoll liegen. Pfui Teufel! - Die besten,
besten Werke!«
    »Vierhundert Mittel gegen die Engbrüstigkeit und den Husten,« sprach Herr
Beil, indem er seine Feder tiefer als gewöhnlich in's Tintenfass tauchte. -
»Gestatten Sie davon Disponenda?« fragte er den Prinzipal, indem er sein linkes
Auge, welches Herr Blaffer nicht sehen konnte, gegen den Lehrling auf eine
bedeutungsvolle Art zukniff, so dass dieser harmlose junge Mensch beinahe laut
aufgelacht hätte.
    Herr Blaffer legte nach einer kleinen Weile das Postpaket seufzend nieder
und versetzte: »Wenn Onkel Tom nicht wäre, oder ein paar gangbare Dumas'sche
Romane, so sollte mich der Teufel holen, wenn ich noch länger deutscher
Buchhändler bliebe. Da haben wir vierzig anständige Bestellungen auf die Hütte;
nehmen Sie und lassen Sie solche gut versenden.« - Damit reichte er ein Paket
über den Pult hinüber. - »Ich hätte, weiss Gott, nie gedacht,« fuhr er nach einer
Pause mit einem grinsenden Lachen fort, »dass der Sklavenhandel so ergiebig wäre.
Es ist doch was Schönes darum, wenn man so jeden Posttag seine vierzig Schwarze
verhandelt.«
    »Ja, ja,« entgegnete der Commis wie tiefsinnig, »dazu haben Sie auch alles
Zeug, Herr Blaffer; Sie haben eigentlich Ihre Bestimmung verfehlt.«
    »Und welche Bestimmung, Herr Beil, wenn ich fragen darf?«
    »Sie hätten Ihren Papa seliger bitten sollen, dass er Sie in irgend einem
Sklavenlande geboren werden liess, da würden Sie mit der Zeit ganz artige
Beiträge zu einer zweiten Ausgabe irgend einer Onkel Tom's Hütte geliefert
haben.«
    Der Principal begnügte sich, die Achseln zu zucken und dann mit der Hand an
seine Stirne zu fahren, als wollte er auf solche Art pantomimisch anzeigen, wo
die schwache Seite seines Commis eigentlich zu finden sei.
    Herr Beil stöberte unterdessen eifrig in den Bestellzetteln und sortirte
unter den vierzig, die ihm übergeben, mit sichtlichem Wohlbehagen einige Zehn
heraus, die er lächelnd über den Pult zurück schob, indem er sagte: »Sie haben
sich ein wenig geirrt, Herr Blaffer; auf diesen Zetteln werden allerdings Onkel
Tom's Hütten verlangt, aber von anderen Firmen.«
    Der Buchhändler, der unterdessen das Bestellbuch eifrig durchgesehen,
würdigte diese Einwendung gar keiner Antwort, sondern schob die Zettel mit der
Hand wieder zurück und versetzte anscheinend ruhig und bestimmt: »Wenn ich Ihnen
Zettel zur Auslieferung übergebe, so liefern Sie aus und machen mir weiter keine
unnützen Bemerkungen, denn - -«
    Da der Principal seinen Satz nicht beendigte, so hielt sich der Commis hiezu
für verpflichtet und sagte: »Ich bin der Herr und ihr seid die Sklaven. - Also
vierzig Onkel Tom's Hütte, erster Teil. - Gut!«
    In diesem Augenblicke wurde leise und bescheiden an die Türe geklopft.
    Der Buchhändler, der dies wohl hörte, tat übrigens nicht, als ob ihn das
Klopfen im Geringsten anginge, Herr Beil ebensowenig, obgleich er einen
Augenblick in die Höhe schaute. Nur der harmlose Lehrling, der sich am nächsten
bei der Türe befand, wandte das Gesicht herum und rief von »Herein!« die erste
Sylbe, die zweite aber blieb ihm in der Kehle stecken, denn er erinnerte sich
augenblicklich eines Verbots des Principals, nicht »Herein!« zu rufen, bis ein
zwei- oder dreimaliges Klopfen erfolgt sei.
    Herr Blaffer hatte dafür seine guten Gründe und er pflegte zu sagen: wer
zwei- oder dreimal klopft, der verlangt selten was von uns, wer aber einmal und
so bescheiden anpocht, ist grösstenteils ein Bettler oder unbekannter
Schriftsteller.
    »Habe ich Ihnen nicht schon hundertmal gesagt,« lispelte der Principal mit
gedämpfter Stimme, aber trotzdem sehr eindrucksvoll, »dass Sie Ihr Maul halten
sollen, wenn angeklopft wird! Wie können Sie überhaupt Herein! rufen? - Wer will
zu Ihnen? - Niemand! Sie -«
    »Junger Sklave!« ergänzte Herr Beil, wobei er aufmerksam eine Illustration
zum bewussten Buche anschaute, als gälte dieser der besagte Ausruf.
    Indessen klopfte es zum zweiten Male und etwas lauter.
    Auch diesmal gab der Buchhändler keine Antwort; doch wurde der erste Commis
von einem gewaltigen Husten überfallen, der ihm einen bösen Blick des Chefs
eintrug und worauf sich dieser denn nun veranlasst sah, sein gastliches »Herein!«
erschallen zu lassen.
    Die Türe öffnete sich und der alte Mann trat herein, den wir vom Kirchhofe,
vom Grabe seiner Tochter, hieher begleiteten und dem wir vorausgeeilt sind.
    Begreiflicher Weise hatte er seinen Hut schon draussen abgenommen, und als er
nun so demütig an der Türe stehen blieb, strich er verlegen sein weisses Haar
von der Stirne zurück, begrüsste den Principal, den Commis und sogar den
Lehrling.
    »Ah! Herr Staiger!« sagte der Principal, indem er ihn mit einer Handbewegung
begrüsste. »Setzen Sie sich einen Augenblick dort auf die Kiste, ich muss hier
eben einen wichtigen Artikel in der Buchhändlerzeitung durchlesen, der auch auf
Sie einige Beziehung hat.«
    Bei diesen Worten warf Herr Blaffer einen schnellen Blick auf seinen Commis,
doch war Herr Beil anscheinend gänzlich vertieft in die Beschauung seiner
Zettel.
    Der alte Mann liess sich auf die Kiste nieder, nahm seinen Hut zwischen die
Kniee und richtete die hellen, klaren Augen auf den Buchhändler, welcher
übrigens nicht geneigt schien, diesen offenen Blick zu erwidern.
    »Ja,« fuhr Herr Blaffer fort, indem er mit seinem knöchernen Zeigefinger der
rechten Hand über die Zeitung fuhr und etwas zu suchen schien; »hier steht's. -
Richtig! Onkel Tom's Hütte bei Johann Christian Blaffer. - Geben Sie Achtung,
ich muss es Ihnen vorlesen, obgleich es nicht gerade sehr angenehm klingt. - Von
dieser unten Uebersetzung, der vierundvierzigsten in hiesiger Stadt und, wenn
wir nicht, irren, der sechshundertsten im gesammten Deutschland, tritt uns als
Uebersetzer ein ganz obscurer Name entgegen. - Wer ist dieser Herr Staiger, der
u.s.w. u.s.w. Man muss indessen nicht zu viel auf Recensionen geben,« sagte Herr
Blaffer, indem sein Blick das Zeitungsblatt verliess. »Wissen Sie, der
Beurteiler macht eigentlich mir allein den Vorwurf; ich hätte mir sollen einen
bekannten Namen erwerben, um ihn auf den Titel zu setzen, wissen Sie, einen
Doktor so und so. Es hat ja deren genug, vollkommen genug, die ausserordentlich
zufrieden sind, wenn man ihnen Veranlassung gibt, ein anständiges Honorar zu
erwerben.«
    Bei diesen Worten sah der alte Mann schmerzlich in die Höhe.
    »Dann spricht der Artikel ferner,« fuhr Herr Blaffer fort, »von mangelhaften
Stellen in der Uebersetzung, und vor allen Dingen beklagt er sich über die
Langsamkeit, mit der die einzelnen Lieferungen bei mir erscheinen. - Und das muss
wahr sein, Herr Staiger, langsam geht die Geschichte vorwärts. An dem
wievielsten Hefte sind wir eigentlich?«
    »Am vierten,« entgegnete ruhig Herr Beil, »während vierundzwanzig andere
Buchhandlungen hiesiger Stadt das zweite kaum ausgegeben haben.«
    »Die zweite Lieferung!« rief Blaffer mit einem wahren Giftblick auf seinen
Gehülfen. »Den zweiten Band wollen Sie sagen. - Doch das ist gleich viel. Sie
müssen sich wahrhaftig beeilen, mein lieber Herr Staiger, sonst kommen uns die
anderen weit zuvor.«
    »Ich arbeite Tag und Nacht,« erwiderte der alte Mann, »denn es ist mir
selbst darum zu tun, etwas für mich und die Kinder zu verdienen. Hier ist
Manuscript zur fünften Lieferung; sie wäre schon ganz fertig, doch habe ich in
den letzten Tagen einiges Herzeleid zu Haus gehabt, was mich am Arbeiten
verhindert. Wenn man ein sterbendes Kind vor sich sieht, Herr Blaffer, so will
es einmal so gar nicht recht vor sich gehen mit der Uebersetzung des
Sklavenlebens eines anderen Weltteils.«
    »Es ist Ihnen ein Kind gestorben?« fragte teilnehmend der Commis. »Doch
nicht Mamsell Clara?«
    »Nein, nein!« entgegnete eifrig der alte Mann; »das hat der liebe Gott denn
doch nicht gewollt. Mein kleinstes Mädchen starb, ein armes Kind, das immer
kränklich war.«
    »Nun, so danken Sie dem Schöpfer, dass er es zu sich genommen. Kinder sind
ein Segen, aber auch eine Last. - Nun geben Sie ihr Manuscript her. - Aber da
fehlen noch zwei Bogen, bis die Lieferung fertig ist. Ah! ich wollte, wir hätten
sie ganz!«
    »Das wollte ich auch,« sprach Herr Staiger mit einem verlegenen Lächeln,
indem er den Hut zwischen den Händen herum drehte und von der Kiste aufstand. -
»Das wollte ich in der Tat auch, mein verehrter Herr Blaffer, denn sehen Sie,
ich hatte darauf gerechnet, die fünfte Lieferung heute Früh noch zu beendigen, -
es ist Mitte des Monats, das Bischen Einkommen meiner Tochter Clara ist längst
verbraucht, die kleine Leiche hat meine Kasse in Anspruch genommen, und so wäre
ich denn ausserordentlich glücklich und zufrieden, wenn die fünfte Lieferung
fertig wäre, um - um - das Geld dafür - -«
    »Auch ich wäre sehr zufrieden, wenn die fünfte Lieferung fertig wäre,«
unterbrach ihn rasch der Buchhändler. Es ist sehr traurig, dass sie nicht fertig
ist. Da wartet das Publikum, da wird man hinausgeschoben, da kommt man mit dem
Buch in's neue Jahr hinein, und da muss man mit der Heimbezahlung warten, dass
Einem Hören und Sehen vergeht. - Ah! ihr Schriftsteller seid glücklich gegen uns
zu nennen: hier das Manuscript, hier das Geld. Aber wissen Sie, wie lange ich
warten muss, wie lange sich der Buchhändler überhaupt gedulden muss?
    »Nein, ich weiss es nicht,« sagte geduldig der alte Mann.
    »Oft zwei Jahre,« fuhr der Buchhändler mit lauter Stimme fort und betonte
die »zwei Jahre« ausserordentlich stark. »Zwei volle Jahre! Ja, das ist
entsetzlich!«
    »Alsdann nehmen Sie aber auch grosse Summen ein,« entgegnete Herr Staiger.
»Aber hier handelt es sich nur um ein paar Gulden, die ich in zwei, höchstens
drei Tagen wieder abgearbeitet habe, nur eine Kleinigkeit als - - - Vorschuss.«
    »Kommen Sie einem Buchhändler nicht mit Vorschüssen!« rief entrüstet Herr
Blaffer. »Diese Vorschüsse bringen doppelten Schaden. Erstens kosten sie uns
Geld, das man noch nicht einmal schuldig ist, also verlieren wir Zins, und
zweitens entfremdet es den Autor dem Verleger. Nur um Gotteswillen keine
Vorschüsse!«
    »Aber bei dem wirklich kleinen Honorar, welches Sie mir zahlen,« erlaubte
sich der alte Mann mit grosser Aengstlichkeit zu sagen, »könnten Sie mir wohl für
einmal diesen Gefallen tun. Ich brauche nur vier Gulden.«
    »Kleines Honorar!« rief entrüstet der Buchhändler. »Ich bitte Sie um
Gotteswillen, Herr Staiger, Sie erhalten für den Druckbogen, glaube ich, einen
Gulden und dreissig Kreuzer, und das nennen Sie ein kleines Honorar! - Wer
schrieb uns doch gestern,« wandte sich Herr Blaffer an den Commis, und bot uns
eine Nebersetzung zu einem Gulden und zwölf Kreuzern per Bogen an? - Es war
sogar ein bekannter Name. - War es nicht Doctor Hintermaier? - Soll ich Ihnen
den Brief zeigen? fragte er rasch den alten Mann. - »Beil, sehen Sie in H. nach
und suchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doctor Hintermaier.«
    »Da werde ich vergebens suchen,« erwiderte ruhig der Commis, »das ist einer
von den Briefen, die Sie angeblich in Ihrer Privatsammlung aufzuheben pflegen.«
    »Möglich! möglich!« unterbrach ihn rasch der Principal, denn er fürchtete,
noch Unangenehmeres zu hören. »Ich werde ihn wohl in der Tasche meines
Ueberrocks haben. - Nun, es ist ja gleichviel! Aber ich versichere Sie: den
Bogen zu einem Gulden und zwölf Kreuzern.«
    Herr Staiger schüttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll: »Das kann
nicht mit redlichen Dingen zugehen; da müsste man von anderen Uebersetzungen
abschreiben.«
    »Ja, das ist auch eine Kunst,« versetzte der Buchhändler, indem er mit dem
Daumen und Zeigefinger seine lange Nase zwickte. »Das ist nicht so ganz
schlecht, aus drei Uebersetzungen eine vierte machen. Wenn man es geschickt
anfängt, merkt's das Publikum nicht und der Verleger erspart sein teures Geld.
- Aber das kann ich Sie versichern, mein lieber Herr Staiger: von Vorschüssen
müssen Sie mir nicht sprechen. Vorschüsse bewillige ich selten, und nie bei
Artikeln, an denen man so wenig verdient, wie bei diesem unglückseligen Buche.«
    Der Buchhändler hatte sich ordentlich in die Hitze hineingesprochen und
seine Rede klang um so überzeugter, als er auf dem Gesichte seines ersten Commis
zu lesen glaubte, dass dieser mit ihm übereinstimme, was äusserst selten geschah.
    Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen, den Kopf nachdenkend
auf die Seite geneigt und sagte nach einer Pause mit der grössten Ruhe und
Ueberzeugung: »Sehen Sie, mein verehrter Herr Staiger, diesmal ist der Herr
Blaffer vollkommen in seinem Recht. Sie wünschen einen Vorschuss - zu welchem
Zwecke? Wahrscheinlich um Holz zu kaufen, weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu
Hause friert. Ferner um Brod zu kaufen, weil es Ihre Familie hungert; dann
endlich, um die Kosten des kleinen Begräbnisses zu bezahlen, weil dies,
namentlich für arme Leute, ein teurer Spass ist - - Ernst wollte ich eigentlich
sagen. Dazu also wollen Sie Vorschuss? - Habe ich nicht Recht?«
    Der alte Mann nickte traurig lächelnd mit dem Kopfe.
    »Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen diesen Vorschuss, obgleich es nur ein
paar armselige, lumpige Gulden sind. Und der Herr Blaffer, obgleich ein sehr
ehrenwerter Mann wie der selige Brutus, kann nicht anders handeln. Sie sollen
für ihn ein Buch übersetzen, das von allerlei grossen und kleinen Leiden einer
Menschenklasse handelt, die man Sclaven nennt. Darin kommen Hunger, Durst,
frierende, auch sterbende Kinder und dergleichen schöne Sachen mehr vor. Das
aber mit dem richtigen Tone wieder zu erzählen, würde Ihnen schwer fallen, wenn
Ihnen nicht die grosse Güte des Herrn Blaffer Veranlassung gäbe, all' diese
schönen Dinge bei sich selbst zu erleben. Sehen Sie, nur aus dem Grund
verweigert er Ihnen den Vorschuss. - Sie frieren zu Hans, Sie hungern auch ein
klein wenig, Ihre Kinder ebenfalls, und Alles das macht Sie geschickt, die
vortrefflichste Uebersetzung zu liefern für das bekannte Haus Johann Christian
Blaffer und Compagnie.«
    Damit schlug Herr Beil dröhnend sein Buch zu, rutschte von dem Comptoirstuhl
herab und verliess das Zimmer, nachdem er zuvor vor einem armseligen Spiegel in
der Ecke seinen grossen schwarzen Schnurrbart so horizontal als möglich nach
beiden Seiten hinaus gestrichen.
    Der Buchhändler hatte anfangs nicht gewusst, was die Rede seines Commis
bedeuten solle. Ja, sie war ihm zuerst sehr gutmeinend vorgekommen, und er hatte
sie mit einem beistimmenden Kopfnicken begleitet. Bald aber hörte dieses
Kopfnicken auf, die Nase hob sich drohend und immer drohender, sein aschgraues
Auge blitzte und die zuckenden Finger suchten nach irgend etwas Schwerem, um es
seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen. Doch bezwang er sich männlich, tat
einen tiefen Atemzug, und indem er mit der einen Hand verächtlich auf Herrn
Beil zeigte, wie er noch vor dem Spiegel stand, wiederholte er mit der anderen
die Pantomime von vorhin nach der Stirne.
    Während jener Rede hatte der alte Mann auf seinen Hut geblickt und den
Commis nur ein einziges Mal angesehen. Aber dieser Blick, den er ihm zuwarf, war
freundlich, ja dankend. Er schien auch jetzt vollkommen resignirt zu sein und
zog sich nach der Türe zurück, um das Zimmer zu verlassen, als dieselbe nach
einem kurzen aber heftigen Anklopfen von aussen so rasch geöffnet wurde, dass sie
Herrn Staiger beinahe auf die Seite drückte.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                         Uebesetzungs-Angelegenheiten.
Der junge Mann, der unter die Türe des Zimmers trat und sich in diesem einen
Augenblick umschaute, ehe er näher kam, war der Maler Artur, der dem geneigten
Leser bereits bekannt ist. Er überzeugte sich durch einen Blick, dass sich Herr
Blaffer auf seinem Comptoirstuhl befand, dann nahm er seinen Hut ab und trat in
das Gemach.
    »Ah! Sie sind's, mein vortrefflicher junger Freund!« rief der Principal,
indem er von seinem Sitz herab hüpfte und mit vor gestreckten Händen und Knieen
auf den Eingetretenen zurutschte »Ah! Sie sind pünktlich, wie ich es liebe und
wie ich es selbst in allen Geschäften bin. Schlag eilf Uhr. Wollen wir nicht in
mein Wohnzimmer spazieren?«
    »Ich meines Teils befinde mich ganz gut hier,« sagte der Maler, nachdem er
für die freundliche Begrüssung mit einem Kopfnicken gedankt, ohne jedoch den
doppelten Händedruck besonders stark erwidert zu haben. - »Geschäfte macht man
am besten im Geschäftslokal ab, und Anderes führt mich nicht daher.« Bei diesen
Worten trat er an den Pult, um Hut und Stock abzulegen; und als er sich darauf
umwandte, entdeckte er erst den alten Mann, der den Griff der Türe erfasst hatte
und sich eben Hinausschleichen wollte.
    Herr Blaffer sah sich genötigt, die beiden Herren mit einander bekannt zu
machen. - »Herr Staiger,« sprach er, »einer meiner Uebersetzer, - Herr Artur
Erichsen, einer unserer talentvollsten, geachtetsten jungen Maler, ein Talent,
welches so Grosses verspricht, und sich dennoch herablassen will, unser geringes
Werk zu illustriren.«
    Artur schüttelte unmutig den Kopf über diese Worte des Buchhändlers; doch
konnte einem aufmerksamen Beschauer nicht entgehen, dass er dies eigentlich nur
tat, um eine augenblickliche Verlegenheit, ja eine gelinde Röte, die sich über
sein Gesicht verbreitete, zu verbergen. Er kannte ganz genau den alten Mann, der
vor ihm stand, und er hatte eigentlich gehofft, ihn hier zu treffen. Dass ihn der
Vater der schönen Tänzerin, die er so sehr liebte, noch mit keinem Auge gesehen,
machte er sich gewissermassen zum Vorwurf und ging deshalb auf den alten Mann mit
einiger Befangenheit zu, wobei er ihm aber freundlich seine Hand entgegen
reichte.
    »Ich freue mich in der Tat, Sie zu sehen,« sagte Artur; »recht sehr freue
ich mich, und obgleich Sie wohl im Begriff zu sein scheinen, wieder hinweg zu
gehen, so bitte ich Sie doch, da zu bleiben, indem mir Ihre Ansicht bei der
Unterhandlung mit Herrn Blaffer von Wichtigkeit ist.«
    Herr Staiger blickte einigermassen überrascht in das freundliche Gesicht des
unbekannten jungen Mannes, der, seinem Äusseren nach, offenbar den besten
Ständen angehörend, sich nicht an sein abgeschabtes Röckchen zu kehren schien
und ihm so freundlich entgegen kam.
    Der Buchhändler zuckte leicht die Achseln, bat den Maler, ihm gegenüber den
Platz des Herrn Beil einzunehmen, und kletterte dann ebenfalls wieder auf seinen
Schreibbock hinauf.
    Artur blickte fragend auf den alten Mann, der hinter der Türe neben der
Kiste stehen geblieben war, dann wandte er sich an den Lehrling und sagte ihm
ruhig und bestimmt: »Bringen Sie doch dem Herrn einen Stuhl; Sie sehen ja, dass
wir sitzen und Herr Staiger uns zu Liebe da bleibt.«
    Der Buchhändler nickte verdriesslich mit dem Kopfe, und der junge blonde
Mensch eilte nicht ohne ein kaum bemerkbares Lächeln in's Nebenzimmer, von wo er
alsbald mit einem der besten Stühle seines Principals zurück kam.
    In diesem Augenblicke trat Herr Beil in das Zimmer, wollte sich aber wieder
zurückziehen, da er seinen Platz besetzt fand.
    Artur blickte in die Höhe und als er den Commis sah, der ihm wohl bekannt
war, nickte er ihm freundlich entgegen und sagte: »Sie werden entschuldigen,
lieber Herr Beil, dass ich einen Augenblick Ihren Stuhl eingenommen, ich werde
übrigens nicht lange Gebrauch davon machen, da wir bald im Reinen sein werden.«
    Bei diesen Worten flog an diesem Morgen das erste freundliche Lächeln über
das Gesicht des Buchhändler-Commis. »Ah! Sie sind es!« versetzte er; »freut mich
recht, Sie zu sehen. Warten Sie, ich will Ihnen gleich einen Bogen Papier
unterbreiten, denn ich sehe, Sie haben schon den Bleistift in der Hand; sonst
zeichnen Sie mir wieder allerlei Ungeheuer in mein Hauptbuch.«
    »Seien Sie unbesorgt,« entgegnete Artur lächelnd, »ich habe mir Ihre
Lektion von neulich gemerkt.«
    »Nun endlich zur Sache!« rief ungeduldig der Buchhändler. »Lassen Sie uns in
Frieden, Herr Beil! Schauen Sie lieber diesem jungen faulen Schlingel da zu, der
mit einer Langsamkeit einpackt, dass es wahrhaftig zum Erbarmen ist. - Also, Herr
Staiger,« wandte er sich an den alten Mann, »da Sie nun einmal da sind, ist es
mir lieb, wenn Sie zuhören, auch vielleicht Ihren Rat geben. Herr Erichsen will
also die Freundlichkeit haben, zu unserer Ausgabe von Onkel Tom's Hütte
vortreffliche Illustrationen zu machen. Es ist mir ein Bedürfnis,
Originalzeichnungen zu erhalten, denn ich hasse den Nachdruck, selbst wenn er
vollkommen erlaubt ist wie hier, wo es sich nur darum handelt, englische
Originale zu benutzen.«
    Während dieser Rede sah Herr Blaffer so salbungsvoll an die Decke des
Zimmers empor, und machte ein so merkwürdig ehrlich sein sollendes Gesicht, dass
sich Artur nicht entalten konnte, diese herausfordernden Züge mit einigen
kecken Umrissen auf das Blatt Papier zu skizziren.
    »Was meinen Sie nun,« fuhr der Buchhändler fort, »sollen wir zu jeder
Lieferung eine Illustration geben, was allerdings acht für den Band machen
würde, oder wollen wir uns damit begnügen, für zwei Lieferungen eine
herzustellen? - Was meinen Sie dazu, Herr Staiger?«
    »Wenn man zu jeder Lieferung eine Illustration machte,« sagte schüchtern
dieser, »so würde das wohl die Kosten bedeutend erhöhen.«
    »Auf die Kosten kommt es Herrn Blaffer nicht an,« versetzte der junge Mann,
während er ruhig fortzeichnete, wenn die Arbeit nur gut wird.
    »Allerdings,« meinte kleinlaut der Principal; »nur ist das Holzschneiden
eine sehr teure Geschichte.«
    »Dafür kosten Sie ja aber die Zeichnungen fast gar nichts,« warf der Maler
leicht hin. »Sie haben mich gebeten sie zu machen, und da ich mich gerade einmal
in dem Genre versuchen möchte, so zeichne ich Ihnen die Illustrationen für eine
Kleinigkeit.«
    »Ja, ja,« sprach mühsam lachend der Buchhändler, »was ihr Herren
Kleinigkeiten nennt. - Nun, es kommt mir ja nicht darauf an. Also machen wir zu
jeder Lieferung ein Illustration, und Sie werden sie mir gleich auf's Holz
zeichnen.«
    Artur nickte mit dem Kopfe.
    »So wären wir vorderhand im Reinen,« fuhr Herr Blaffer fort, und sagte,
indem er sich an den alten Mann wandte: »Jetzt hätten wir für heute nichts mehr
mit einander abzumachen; besorgen Sie mir also das Manuscript zur fünften
Lieferung und Sie sollen alsbald haben, was Sie gewünscht. - Guten Morgen, Herr
Staiger!«
    »Noch einen Augenblick!« bat der Maler, ohne aber von seinem Papier in die
Höhe zu sehen. »Im Interesse der Illustrationen wäre es mir sehr erwünscht, mich
zuweilen mit dem Herrn Staiger besprechen zu können. Wir wollen doch nicht
gerade die gleichen Scenen wie in der englischen Ausgabe illustriren; der
Ansicht werden Sie doch auch sein, Herr Blaffer?«
    »Jedenfalls etwas ganz Neues,« antwortete der Buchhändler. »Herr Staiger
wird gewiss gern zuweilen in Ihre Wohnung kommen.«
    »Gewiss,« sagte der alte Mann, »wenn Herr Erichsen mir nur sagen will, wenn
ich ihn zu Hause treffe.«
    »Gott bewahre!« entgegnete eifrig der Maler, indem er sich aber noch tiefer
auf das Blatt Papier niederbeugte. »Das werde ich nimmermehr zugeben, dass Sie
Ihre kostbare Zeit in Gängen nach meiner Wohnung verschleudern. Ein Künstler wie
ich, der bald hier bald da ein Stück von der Aussenwelt gebraucht, schlendert
viel in den Strassen umher, und wenn Sie mir - - Ihre Wohnung angeben wollen und
mir sagen, wenn ich Sie am besten treffe, so mache ich mit dem grössten
Vergnügen, - gewiss mit dem grössten Vergnügen hie und da einen Sprung zu Ihnen.«
    »Es wird mir eine grosse Ehre sein,« antwortete Herr Staiger, »wenn Sie meine
Dachkammern aufsuchen wollen; aber sie sind etwas entlegen - Balkengasse Nummer
vierzig über vier Stiegen. - Was die Zeit anbetrifft, wo Sie mich zu Hause
finden, so bin ich gemeiniglich den ganzen Tag da; wenn ich je einmal ausgehe,
so geschieht das zwischen zwölf und ein Uhr nach meinem Mittagessen.«
    »Balkengasse Nummer vierzig,« sprach der Maler mit leiser Stimme, während er
eifrig fortzeichnete. »Ich will mir's gewiss merken.«
    Unterdessen war Herr Beil an den Pult getreten, und während er tat, als
betrachte er sich die Zeichnung, welche Artur auf das Blatt Papier hinwarf,
schob er diesem unbemerkt ein kleines Zettelchen zwischen die Finger, worauf die
Worte standen: »Erkundigen Sie sich unbefangen nach dem Honorar, was für eine
Uebersetzung bezahlt wird.«
    Herr Staiger hatte bereits den Drücker der Türe in der Hand und wollte sich
entfernen.
    »Apropos!« sagte Artur ganz gleichgültig, »das Uebersetzen muss doch
eigentlich ein gutes Geschäft sein. Man braucht keine Vorstudien zu machen, man
schreibt eigentlich nur ab, man bezahlt gute Honorare; es muss doch etwas dabei
zu verdienen sein. Nicht wahr, Herr Staiger?«
    »O gewiss, wenn man fleissig ist,« entgegnete statt des Gefragten der
Buchhändler, »wenn es Einem rasch von der Hand geht.«
    »Wäre es indiscret von mir,« fuhr der Maler fort, »wenn ich Sie fragte, wie
viel zum Beispiel für einen solchen gedruckten Bogen dieser Onkel Tom's Hütte
bezahlt wird?«
    Diese Frage musste allerdings an gegenwärtigem Orte sehr indiscret
erscheinen, denn Herr Blaffer zog seine Augenbrauen finster zusammen, Herr
Staiger blickte zur Erde, und während Herr Beil eine ungemein freundliche
Grimasse zog, sperrte der blonde Lehrling seinen Mund vor Verwunderung und
Freude weit auf.
    »Das ist eigentlich schwer zu sagen,« nahm der Buchhändler nach einer
längeren Pause das Wort; »ich bemerkte schon, wer fleissig ist, wem's von der
Hand geht, der kann es schon zu was bringen.«
    »Da wäre also die erste Frage,« fuhr der Maler unerschütterlich fort,
während er die Gesichtszüge des Principals in einer erschreckenden Ähnlichkeit
auf das Papier feststellte, »wie lange schreibt man an so einem Druckbogen? -
Nun, Herr Staiger, Sie sind doch gewiss ein recht fleissiger Mann, was bringen Sie
also an einem Tage vor sich?«
    Der Gefragte wusste nicht recht, ob und was für eine Antwort er geben sollte.
Er blickte auf den Buchhändler, der ein Lineal heftig zwischen den Fingern
drehte, dann sah er den Herrn Beil an, der ihm auf eine so heftige und
eindringliche Art zunickte, dass er sich eines kleinen Lächelns nicht erwehren
konnte.
    »Nun?« fragte der Maler.
    »Ja - a, ja - a - a, es ist eigentlich so, wie Herr Blaffer sagt,« meinte
der alte Mann, »wenn man viel arbeitet, so kann man Etwas verdienen; ich zum
Beispiel -«
    »Aber was kann Sie das interessiren!« warf der Buchhändler dazwischen.
»Kommen Sie einen Augenblick in meine Wohnstube, wir wollen unsere Conditionen
wegen der Zeichnungen festsetzen, und dann will ich Ihnen auch wohl gern Einiges
über die Uebersetzungsgeschichten sagen.«
    »Lassen Sie doch den Herrn Staiger sprechen,« entgegnete Artur
gleichgültig. »Gott! mein verehrter Herr Blaffer, wir kennen ja einander. Wenn
Sie zu Papa auf die Kasse kommen, so weiss ich, dass man Sie dort gern über alles
Mögliche belehrt.« - Dies war eigentlich ein Stich auf den Buchhändler, denn
wenn er Geldgeschäfte hatte, Wechsel umsetzte, oder fremde Papiere einhandelte,
so studirte Niemand genauer die Kurszettel als der Herr Blaffer, der oftmals
unbescheiden genug gewesen war, wegen einiger Gulden die Einsicht in
Correspondenzen zu verlangen.
    »Nun also -?«
    »Gewöhnlich stehe ich des Morgens um vier Uhr auf,« sagte der alte Mann,
»mache mir ein kleines Feuer an, rücke meinen Tisch an den Ofen, und wenn meine
Finger, die während der ebengenannten häuslichen Geschäfte etwas einfrieren,
wieder warm geworden sind, so nehme ich meine Feder und fange an zu arbeiten.
Allemal aber habe ich schon eine Stunde vorher in meinem Bette einige Kapitel
durchlesen müssen, damit mir die Arbeit nicht ganz fremd ist. So arbeite ich
fort bis um sieben Uhr, wo die Kinder aufstehen und - nach ihrem Frühstück
verlangen.« - Dies sagte Herr Staiger mit einem trüben Lächeln. - »Darum habe
ich mich aber nichts zu bekümmern,« fuhr er fort, »denn meine älteste Tochter
Clara sorgt dafür, wesshalb es mir auch keine Zeit wegnimmt. Diese fünf Stunden
nun, von Vier bis Neun, sind mir aber die kostbarsten, denn da Clara um neun Uhr
fortgeht, so befinde ich mich von der Zeit an mit den kleinen Kindern allein und
werde alle Augenblicke von ihnen gestört, besonders von meinem Buben, der noch
nicht in die Schule geht. Bald muss ich ihn vom Fenster wegholen, bald ihm irgend
ein Spielzeug machen, damit er ruhig sitzt, und wenn es eilf Uhr geworden ist,
so muss ich auch sehen, dass das Feuer wieder besser brennt, damit Clara, welche
um Mittag kommt, in sehr kurzer Zeit unser Essen fertig bringt. Von Zwölf bis
Eins nun ist meine Erholung; nach dieser Zeit fange ich wieder an zu arbeiten,
und schreibe dann so fort bis neun, zehn, auch Wohl eilf Uhr.«
    »Und was haben Sie dann vor sich gebracht,« fragte eifrig der Maler, »in der
Zeit eines solchen langen Tages?«
    »Wenn es mir gut von der Hand geht, einen ganzen Bogen,« antwortete Herr
Staiger. »Wissen Sie, mein lieber Herr, sechszehn enggedruckte Seiten, wie das
hier ist keine Kleinigkeit.«
    »Das kann ich mir denken,« sagte Artur seufzend. »Gott! wenn ich mir das
vorstelle, unsereins, so an Luft und Freiheit gewöhnt, sollte so hinsitzen über
das Papier gebeugt, Stunde um Stunde arbeiten, mit dem Geiste und mit der Hand,
immer in zwei Sprachen denken; ah! ich bin überzeugt, ich meines Teils würfe
die Feder nach der ersten Stunde weg! - Nun aber haben Sie einen ganzen Bogen
beendigt. Jetzt hoffe ich doch, Sie wissen warum? Sie werden nun doch ein
Anständiges verdient haben, so dass Sie zum Beispiel nach dreitägiger
angestrengter Arbeit in der Woche die übrige Zeit Ihrer Erholung widmen können
oder etwas zurücklegen für Ihre Kinder.«
    Dem Herrn Blaffer war diese Unterredung offenbar peinlich und unangenehm; er
rückte missmutig hin und her, er schnappte nach rechts und nach links, er zog an
seiner ohnedies sehr langen Nase, und sagte endlich, indem er es, aber nicht
ganz logisch, versuchte, ein anderes Tema anzuschlagen: »O, was wollen Sie,
bester Freund! arbeiten muss ein Jeder, ich, Sie, der grosse Teil der Menschen,
die da leben, und wenn auch Manche von uns angestrengter arbeiten, als die
anderen schaffen müssen, so leben sie dafür in einem wohlgeordneten civilisirten
Staate, der ihr Eigentum schützt, ihren Herd, Weib und Kind beschirmt vor roher
Gewalt. - Das muss man einsehen; man muss mit seinem Schicksal zufrieden sein, man
muss bedenken, wie viele Tausende von Menschen viel schlimmer daran sind als wir,
wie Unzählige in einer Sklaverei leben, gegen deren Leiden unsere Mühe und Not
wahrhaftes Labsal zu nennen ist, - wahrhaftig, aus dem Gesichtspunkte kann man
dies vortreffliche Buch der amerikanischen Dame nicht genugsam preisen und
loben. Freilich, materielle Entbehrungen haben jene unglücklichen Sklaven im
Allgemeinen nicht zu ertragen; sie wohnen gut, sie essen und trinken nicht
schlecht, sie sollen sich auch, wie aufmerksame Beobachter versichern, bei der
Arbeit nicht übermässig anstrengen, und überhaupt nur da arbeiten, wo sie durch
Drohungen hiezu angehalten werden - eine Erscheinung, die aber rein aus ihrem
geknechteten Zustand herzuleiten ist. Sie dürfen Sonn- und Festtage halten, sie
haben freilich ihre Tanz- und anderen Vergnügungen; der grösste Teil der Herren
pflegt seine Sklaven, wenn sie krank werden, hält meistens einen eigenen Arzt
hiezu auf seiner Pflanzung, füttert sie aus der Vorratskammer, wenn zufällig
einmal Misswachs eintritt; - und gerade in dieser guten Behandlung liegt das
Empörende. Denn glauben Sie nicht, dass der Pflanzer mit seinen Sklaven aus
Mitleid so umgeht! Nein, er tut es nur, weil sie ihm als blosse Waare gelten; er
nährt, kleidet, pflegt sie, sorgt auch, wie gesagt, für ihr Vergnügen, aber er
tut das nur, um sie, als Waare betrachtet, nicht unter ihren Wert herab zu
bringen.«
    »Aber er tut es,« versetzte ruhig Herr Beil, »und da er es nun einmal tut,
sind die Schwarzen jenseits des Oceans wahrhaftig nicht so schlimm daran, wie
ihre weissen Brüder diesseits.«
    »Das ist ihr materielles Wohl, das tierische, gemeine Leben. Sehen wir aber
die andere, die Schattenseite dieses Bildes, wie sie uns die geistreiche
Amerikanerin in diesen vortrefflichen Heften schildert.«
    »Bei Johann Christian Blaffer und Compagnie,« murmelte der Commis. »Halten
Sie gefälligst Ihr Maul, Herr Beil,« entgegnete der Buchhändler-Principal, der
für sein Buch die Lanze eingelegt hatte, und nun, ein zweiter Don Quixote, gegen
etwelche Windmühlen loszurennen im Begriff war. - »Also die andere Seite, die
eigentliche Knechtschaft! Man achtet nicht das Heiligste, was der Mensch
besitzt, die Familienbande; man reisst sie gewaltsam aus einander, damit der
Vater hier untergehe in Not und Jammer, die Mutter dort, die Kinder verkümmern
unter der Peitsche ihrer Peiniger.«
    »Das kommt auch bei uns vor,« sagte gedankenvoll der alte Mann, »nur dass es
nicht gerade öffentlich geschieht auf dem Sklavenmarkt unter dem Hammer des
Auctionärs, aber dafür desto mehr im Geheimen. Auch sind es nicht wohlbeleibte
Pflanzer, die hier so die Familien zerreissen und Mutter von Kind trennen,
sondern viel schlimmere Gebieter: Hunger, Not und Laster aller Art, und ich
möchte in der Tat wissen, ob jene schwarze Mutter, deren Kind man verkauft, das
also den Herrn wechselt, ohne aber deshalb schlechter gehalten zu werden,
schlimmer daran ist, als eine weisse, die gezwungen ist, ihr Kind zum Vetteln
herzugeben, und die sehen muss, wie es siech und elend wird, langsam dahin stirbt
oder sich durchreisst, um später jedem Laster in die Hände zu fallen.«
    »Auch kauft man bei uns Kinder genug,« sagte gleichmütig Herr Beil,
»namentlich Kinder weiblichen Geschlechts, wenn sie über sechszehn Jahre alt
sind.«
    Der Blick des Principals, welchen er für diese Bemerkung seinem Commis
zuschleuderte, war ein entsetzlicher Blick, und die Bewegung, die er
hervorgerufen, brachte den würdigen Buchhändler ganz aus seinem Vortrag heraus.
Er fuhr mit der Hand über die Stirne, schnappte nach Luft und bemerkte nach
einem augenblicklichen Stillschweigen mit erzwungenem Lächeln: »Es ist
eigentlich sonderbar, wie so ein gewaltiger Stoff einem die Nerven aufregt.«
    »Ja, ja,« erwiderte Artur, der unterdessen die Gestalt des Buchhändlers,
den er als Sklavenhändler skizzirt, mit ein paar Strichen vollendete, »wir sind
dadurch ganz von unserem Tema abgekommen.«
    »O es ist nicht der Mühe wert,« meinte Herr Blaffer.
    Worauf der Commis halblaut sagte: »Es ist freilich nicht der Mühe wert, das
Honorar nämlich; - aber er muss es Ihnen aussprechen; dringen Sie nur darauf.«
    »Nun, Herr Staiger,« fuhr der Maler fort, »was bringt Ihnen so ein
mühevolles Tagewerk? Was verdienen Sie bei der Uebersetzung eines Bogens?«
    »Das Honorar ist ein Gulden und dreissig Kreuzer,« sagte der alte Mann.
    Welche Worte Artur mit einem Tone wiederholte, als habe er nicht recht
gehört. - »Ein Gulden und dreissig Kreuzer für vierzehnstündige mühevolle Arbeit
des Geistes und des Körpers! Ein Gulden dreissig Kreuzer, die Ihnen nur so lange
bezahlt werden, bis Ihr Verstand die Marter nicht mehr erträgt, Tage, Wochen
lang die Punkte und Striche hinzumalen, die man Buchstaben nennt! Die Sie sogar
nicht erhalten, wenn es Ihnen einmal nicht gelingt, einen Tag Ihrer
Frohnarbeiten zu vollenden, die Sie an Sonn- und Festtagen nicht haben, wenn Sie
auch diese Tage, die doch zur Ruhe bestimmt sind, nicht ebenfalls mit Ihrer
schweren, schweren Arbeit ausfüllen!«
    »Aber, mein lieber Herr,« entgegnete der alte Mann mit einem sanften Tone,
»ich teile da das Schicksal von Tausenden und aber Tausenden meiner
Mitmenschen, von allen Denen, die um Taglohn arbeiten, und bin am Ende weit
besser daran als diese. Mich hindert doch keine Witterung an meiner Arbeit, ich
kann an meinem Schreibtisch sitzen, mag die Sonne scheinen oder mag es regnen
oder schneien.«
    »Ja, das ist wahr,« versetzte der Maler; »was das anbelangt, leben Millionen
unserer Arbeiter in traurigeren Verhältnissen als Sie, verehrtester Herr, aber
auch als jene Schwarzen, deren Jammer uns so nachdrücklich vor Augen geführt
wird, den Sie übersetzen, den ich illustrire. Mag ihnen dort die Sonne scheinen
oder mag Sturm und Regen den Himmel verfinstern, das ist jenen Sklaven
gleichgültig: ihr Herr sorgt für sie und ihre Kinder, und ihnen ist es ganz
recht, wenn sie wochenlang im angenehmen Nichtstun vor ihren Hütten sitzen
können; ihnen schmilzt nicht jeder fallende Regentropfen das Brod im Schranke
wie unserem Taglöhner. - Ah! es wären wahrhaftig für unsere deutschen Leser
keine Uebersetzungen und keine Illustrationen notwendig; sie sollten nur
verstehen, auf Strasse und Feld zu lesen und zu schauen; aber das Elend, das wir
täglich vor uns erblicken, hat für die empfindsamen Leser und Leserinnen jenes
Romans nicht das Pikante, das Appetitliche, nicht das wollüstig die Nerven
Kitzelnde, wie die Geschichte der jungen schönen Mulattin, die von ihrem Herrn
verfolgt wird und bereit ist, eher ihr Leben herzugeben als ihre Ehre. - Ah! das
liest sich vortrefflich und sieht sich ausserordentlich schön an. Aber wie schon
gesagt, um auch das lebendiger und wahrer zu haben, dazu braucht man nicht nach
Onkel Tom's Hütte zu gehen; das haben wir Alles bei uns ebenso schön in der
lieben Heimat.«
    »Sehr wahr,« meinte Herr Beil, wobei er es nicht unterlassen konnte, einen
festen Blick auf seinen Principal zu werfen, der unterdessen von seinem Stuhl
herabgerutscht war, und nun der ernsten Conversation durch ein ziemlich
misstöniges Lachen eine heitere Wendung zu geben versuchte.
    »Eigentlich haben Sie mit Ihrem Lachen Recht, Herr Blaffer,« fuhr Artur
fort. »Warum auch trübselige Gedanken! Kurz ist das Leben, treten wir so viel
wie möglich auf die Sommerseite desselben, und wenn wir ja einmal durch schwarze
Schatten hindurch müssen, nun, so wollen wir uns bemühen, auch daraus etwas zu
lernen. - Jetzt ersuche ich Sie aber, einen Augenblick mit in's Nebenzimmer zu
kommen, ich will Ihnen da in der Geschwindigkeit meine Bedingungen wegen der
Illustrationen mitteilen. - Herr Staiger,« wandte er sich an diesen, »Sie bitte
ich, noch einen Augenblick zu bleiben; wir gehen zusammen fort, wenn es Ihnen
recht ist.«
    Was nun der Künstler im Nebenzimmer mit dem Buchhändler verkehrte, halten
wir nicht für unsere Pflicht, dem geneigten Leser genau anzugeben: nur das
Resultat der Unterredung soll er erfahren, weil es für den alten Mann draussen
ein angenehmes war. Der Buchhändler nämlich, als er in's Comptoir zurück kam,
schritt mit einem gerade nicht zu sauren Gesichte gegen seinen Pult, öffnete die
Kasse und händigte dem überraschten Herrn Staiger den gewünschten Vorschuss von
vier Gulden ein, wobei er lächelnd sagte: »Sehen Sie, mein Verehrtester, ich
mache mir eigentlich ein Vergnügen daraus, Ihren Wunsch zu erfüllen: es ist nur
meine Gewohnheit, jede Sache reiflich vorher zu überlegen. Wahrhaftig, ich bin
nicht unerkenntlich für Ihre an sich gar nicht so schlechte Uebersetzung, und
sowie sich die Zahl der Abnehmer unseres Romans auf zweitausend steigert, mache
ich es mir zur Pflicht, Ihr Honorar auf drei Gulden zu erhöhen, ja, sobald sich
die Abnehmer vermehren, was voraussichtlich in den nächsten Monaten geschehen
kann - - wollte sagen in den nächsten Wochen,« verbesserte sich Herr Blaffer,
denn er fing einen bedeutsamen Blick des Malers auf, »ja vielleicht mit dem
nächsten Posttage; wir wollen sehen, wir wollen sehen!«
    Herr Blaffer hatte durch all' das Vorgegangene einen anstrengenden Morgen
gehabt, und als sich nun der alte Mann mit Artur unter vielen Danksagungen
entfernt, zog der Principal einen dicken Paletot an, verschloss seinen Pult
sorgfältig, nahm Hut und Stock und entfernte sich, um, wie er sagte, noch einen
wichtigen Geschäftsgang zu machen. Dergleichen wichtigen Geschäftsgänge kamen
übrigens um die Essensstunde einige Mal in der Woche vor; Herr Blaffer war
nämlich Junggeselle, also liess er nicht die zarte Hälfte seines Ich's zu Hause
zurück und konnte sich beruhigt in das Wirtshaus begeben, um dort etwas
Besseres zu verzehren, als dem Herrn Beil, der ebenfalls im Hause beköstigt
wurde, und dem Lehrling vorgesetzt zu werden pflegte.
    Der Buchhändler verliess also sein Haus, und der blasse Lehrling, der bis
jetzt Bücher eingepackt, eilte an ein Fenster, das auf die Strasse ging, und
wartete da, bis der Principal um die nächste Ecke verschwunden war.
    Herr Beil hatte sich wieder auf seinen Comptoirstuhl gesetzt und nahm mit
triumphirendem Lachen das Blatt in die Hand, welches Artur zurückgelassen.
»Sehen Sie,« rief er seinem schmächtigen Untergebenen zu, »da steht er, wie er
leibt und lebt, der Sklavenhändler Blaffer, und auch wir sind nicht vergessen,
mich hat er auf Ehre als Onkel Tom dahin conterfeit, und da unten das miserable
Ding mit den auffallend gekrümmten Schienbeinen und dem verwahrlosten Kopfe
gleicht Ihnen wie ein faules Ei dem andern.«
    Der Lehrling schien aber keine besondere Lust zu haben, auf diese Spässe
einzugehen. Er setzte sich auf die Kiste hinter der Türe, liess den Kopf
melancholisch auf die Brust sinken und stiess einen tiefen Seufzer aus.
    »Nun,« sagte Herr Beil, indem er über den Bogen Papier hinweg sah, »wo
fehlt's Ihnen, junger Buchhändler? Sehen Sie nicht wahrhaftig aus wie unser
würdiger Chef, wenn er einen Retourzettel erhält, auf dem geschrieben steht:
Wird nur gegen Baar expedirt. - - Hat Sie die Unterredung von heute Morgen
angegriffen?«
    Der Lehrling schüttelte betrübt den Kopf.
    »Oder ist Ihr Hunger stärker als gewöhnlich? - Auch das nicht? - Nun, dann
weiss ich nicht, was Ihnen fehlt. Bitte, sprechen Sie sich deutlicher aus,
teuerster Anton!«
    »Sie wissen wohl, dass ich nicht Anton, sondern August heisse,« entgegnete
betrübt der Lehrling. - »Haben Sie den Herrn Erichsen gesehen?«
    »Sonderbare Frage!« meinte Herr Beil, indem er den Bogen Papier weit von
sich abhielt, um den Totaleindruck der Zeichnung besser zu geniessen.
    »Ach! ist das nicht ein angenehmer junger Mann!« fuhr August fort, »so
elegant gekleidet, feine helle Handschuhe, so ein schönes und freies Benehmen,
und hat was gelernt. Wenn ich dagegen unsereins ansehe -«
    »Unsereins!« entgegnete der Commis scheinbar entrüstet, indem er die eine
Spitze seines gewaltigen Schnurrbarts in die Höhe drehte. - »Unsereins! Nun ich
denke, meine Repräsentation ist auch nicht ganz Ohne, und wenn Sie fleissig
Brochuren verpacken, pünktlich Ihre Pakete austragen, und wenn dann einstens
Herr Blaffer stirbt und Sie zum Erben einsetzt, so können Sie auch gute Paletots
tragen und seine Handschuhe.«
    »Ach, machen Sie doch nicht immer Ihre Spässe, mit denen es Ihnen doch nicht
Ernst ist!«
    »Das ist mein blutiger Ernst, Sie junger Wortklauber; ich halte was auf
mich, und wenn ich einmal zufälliger Weise in die rechte Carrière hinein
gerate, so sollen Sie ihr blaues Wunder sehen. - Der Buchhandel,« setzte er mit
anderem Tone hinzu, »ist freilich auch nicht das, was mir in meinen süssen
Träumen vorschwebt.«
    »Ach, Herr Beil,« fuhr der Lehrling fort, ohne seinen Blick vom Boden zu
erheben, »hätte man mich nur was Rechtes lernen lassen, glauben Sie mir, ich
habe den Kopf dazu. Wollte ich doch auch ein Zeichner und Maler werden, und als
ich noch in die Schule ging, da sagten die Lehrer, ich hätte ein schönes Talent
und es könnte auch einmal etwas Gutes aus mir werden.«
    »Immer die alte Jeremiade!« antwortete Herr Beil, indem er das Papier sinken
liess und den Lehrling nicht ohne Interesse betrachtete. - »Sie sind aber ein
junges Ungeheuer,« fuhr er nach einer Weile im früheren Tone fort; »lehrt Sie
der Herr Blaffer nicht täglich und stündlich etwas Gutes und Neues, Sie und Ihre
Schwester Maria?«
    »Ich kann eigentlich nicht verlangen, dass er mich hätte sollen viel lernen
lassen,« entgegnete der Andere, »aber so ein paar Privatstunden hätte ich wohl
noch haben sollen.«
    »Wie nahe ist Ihnen der Herr Blaffer verwandt?« fragte nachdenkend der
Commis, der die vorige Rede überhört zu haben schien.
    »Eine eigentliche Verwandtschaft existirt gar nicht zwischen uns, nur war er
mit meinem Vater sehr befreundet.«
    »Und als Ihre Mutter starb, hatte unser ehrbedürftiger Principal, den Gott
erhalten möge, diverse Forderungen an sie zu machen. Sie aber hatten keine
lebende Seele, wesshalb Sie in's Blaffer'sche Haus kamen!«
    »Mit meiner Schwester Marie.«
    »Und Ihrem Vermögen, was schon lange darauf gegangen sein soll für Ihren
Lebensunterhalt. - So sagt man nämlich, und damit ihr Beide auch als nützliche
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft heran gebildet würdet, avancirten Sie
zum zehnjährigen Lehrling, und sie - Maria nämlich - versieht die Stelle unseres
Dienstmädchens.« - Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit einer merkwürdigen
Weichheit, während er nachdenkend an die Ecke des Zimmers blickte. - Einige
Augenblicke darauf aber kehrte er wie gewaltsam zu seinem früheren Humor zurück,
indem er laut lachend nochmals auf die Zeichnung schaute, sie alsdann zusammen
faltete und in die Tasche steckte. »Meiner Seel'!« sagte er, »es ist zwölf Uhr
vorüber, jetzt will ich einmal Hausinspection halten und nach Küche und Köchin
sehen.«
    Ehe Herr Beil hierauf das Comptoir verliess, zog er einen bessern Rock an,
der hinter der Türe hing, brachte Haar und Bart in Ordnung und ging in's
Nebenzimmer, von wo man unterdessen Tellergeklapper vernahm.
    Hier befand sich die Schwester des Lehrlings, welche wir dem Leser mit
einigen Worten vorzustellen uns veranlasst sehen. Es ist das ein junges Mädchen
von vielleicht achtzehn Jahren, von feiner Gestalt, kleinen Händen und Füssen,
einem runden, frischen Gesicht, welches dunkelblondes Haar umgibt, kurz von
einem Äusseren, das eigentlich gar nicht zu der groben Kleidung passt, die es
bedeckt. Noch weniger harmonirt damit ihr eleganter, schlanker Oberkörper, der
an der Taille zu umspannen ist, und der gegen oben zu einer wahrhaft
bewunderungswürdigen Breite und Fülle aus einander geht. Wenn man die Schwester
neben dem Bruder, dem Lehrling nämlich, sah, so hätte man ihrem Wesen nach
glauben können, er sei das Mädchen und sie der Knabe. August war zärtlich,
erschrocken, mit weichem, biegsamen Gemüt, sie dagegen keck, lustig, ja trotzig
und widerstrebend.
    Herr Blaffer hatte mit dem Mädchen eine gar eigentümliche Erziehungs- und
Behandlungsweise eingeschlagen, welche übrigens nicht dazu beitrug, ihren
Charakter weicher zu machen. Bald schien er in ihr die Tochter eines Freundes zu
sehen, und redete ihr lieblich, ja schmeichelnd zu, ja auffallend schmeichelnd,
wie Herr Beil behauptete; bald aber behandelte er sie mit der grössten Härte,
liess sie alle niedrigen Dienste verrichten und strafte sie unnachsichtlich für
die kleinsten Vergehungen. Er behauptete, sie habe ein etwas leichtsinniges
Temperament und ein sehr undankbares Gemüt, was sie namentlich darin bewies,
dass sie die Freundlichkeit, mit der sie meistens die Männer behandelte, die mit
ihr in einige Berührung kamen, durchaus nicht auf ihren Umgang mit ihrem Herrn
und Meister ausdehnen wollte; sie war eine widerspenstige Sklavin, wie sich der
Buchhändler schon hatte vernehmen lassen, wenn er nämlich nicht daran gedacht,
dass sich Herr Beil in seiner Gehörweite befand. Der Commis aber befand sich oft
in dieser Gehörweite, ohne dass es der Principal wusste, und wir können dieses an
sich tadelnswerte Betragen nur dadurch entschuldigen, dass sich Herr Beil auf's
Heftigste in das Mädchen verliebt hatte und in beständiger Angst lebte, die
Zwistigkeiten zwischen Herr und Dienerin, die oftmals ausbrachen, könnten einmal
für das Mädchen auf sehr unangenehme Art endigen.
    Das musste schon wahr sein, Maria gab sich häufig nicht einmal die Mühe, ihre
Scheu, ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen, namentlich in jenen
Tagen nicht, wo er es versuchte, sie durch Liebe und Sanftmut zu erziehen. Dann
war ihre Laune unerträglich, wogegen sie ordentlich aufzuleben schien, und sich
auf ihrem schönen Gesichte Frohsinn und Heiterkeit abspiegelte, wenn sie
Scheltworte und die schlechteste Behandlung mit oder ohne Veranlassung zu
ertragen hatte.
    Seit einigen Tagen war in dem Hause vollkommen ruhiges Wetter gewesen, ja
Herr Blaffer hatte sich auffallend sanft benommen und sogar einmal die Äusserung
getan, er sehe ein, das passe sich eigentlich nicht, dass Maria in seinem Hause
alle die niedrigen Dienste versehe, und er finde es angemessen, nächstens ein
wirkliches Dienstmädchen anzustellen. Diese Äusserung hatte dem Herrn Beil einen
Stich in's Herz gegeben, und er setzte seine Beobachtungen um so eifriger und
genauer fort, als Maria ihm sichtlich auswich, oft in tiefen Gedanken vor sich
hinstarrte und sich durch keinen lustigen Einfall aufheitern liess.
    Obgleich der Commis, wie schon gesagt, das Mädchen liebte, so sind wir doch
durchaus nicht berechtigt, an eine Gegenliebe zu glauben. Sie benahm sich gegen
ihn nicht freundlicher und zuvorkommender als gegen jeden Anderen, und Herr Beil
warf während vieler schlimmen Stunden in seinem Kopfe die schreckliche
Vermutung umher, irgend ein unternehmender junger Mann habe sich vielleicht in
ihr Herz geschlichen und mache es unempfänglich für all' die Beweise von
Zuneigung und Liebe, die er ihr schon gegeben.
    Unterdessen hatte sie den Tisch gedeckt, das mehr als bescheidene Essen
aufgetragen, und die Drei setzten sich dazu hin, ziemlich stumm und einsylbig;
der Lehrling liess den Kopf hängen, der Commis hatte keine guten Einfälle, und
wenn er einen höchstens halbwegs ordentlich zu Tage brachte, so hatte dieser nur
die Wirkung, dass das Mädchen, das, ohne einen Bissen anzurühren, auf ihren
Teller hinstarrte, erschrocken in die Höhe fuhr und mit einem sehr erkünstelten
Lächeln um sich schaute.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                               Häusliche Scenen.
Auf dem Kirchhofe der Stadt, den wir in einem der vorigen Kapitel verliessen,
fanden, wie der geneigte Leser bereits weiss, an jenem Morgen zwei Begräbnisse
Statt. Das erste, das vornehmere, war das einer sehr alten und sehr adeligen
Stiftsdame, die es ihren nun lachenden Erben recht sauer gemacht hatte. Es war
eins von jenen kränklichen Wesen, von denen man achselzuckend spricht: »und sie
lebt immer noch?« - eine Frage, die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem
»Ja!« beantwortet wird. Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige
Wappen nicht länger geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand
gereicht, was ihr gerade in diesem Augenblicke sehr unangenehm und unerwartet
kam, denn es kreuzte einige Entwürfe, die sie nächstens auszuführen beschlossen
hatte. Aber da wir Alle des Todes allerleibeigenste Sklaven sind, so genügte,
wie schon gesagt, ein Wink von diesem Tyrannen, und sie, die gestern noch in dem
Hofcercle so ausserordentlich recherchirt war, und so angenehm mit den hohen und
höchsten Herrschaften geplaudert hatte, liess nun Fächer und Blumen plötzlich den
steifen Fingern entgleiten und streckte sich lang aus, jenen gewissen
eigentümlichen Zug im Gesichte, den alle glücklichen, zufriedenen Menschen, wie
zum Beispiel ihre gestrige Gesellschaft, nicht ohne einen unerklärlichen
Schauder anzusehen vermögen.
    Die Stiftsdame war sehr vornehm und sehr stolz gewesen; doch hatte sie sich
in allen Ständen der Gesellschaft einen freundlichen Namen erworben, denn sie
gab den Armen und sonstigen Hilfsbedürftigen nicht ungern, namentlich aber da,
wo die öffentlichen Blätter ihre Gabe, Grösse und Zweck derselben, in mehreren
dankerfüllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorsamst ersterbend
hinstammelten.
    Sie war zur selben Stunde gestorben, wie das kleine Schwesterchen der
Tänzerin, nächtlicher Weile, als noch tiefe Schatten über Wald und Flur lagen.
Vielleicht hatten die beiden aufschwebenden Seelen einen und denselben Weg, und
zogen, nachdem alle Standesunterschiede abgestreift, Hand in Hand dahin. Sollte
aber auch sogar der Tod dieses Gleichheitsprinzip nicht durchzusetzen vermögen,
so könnten wir auch vielleicht annehmen, der arme kleine Engel sei gerade zur
rechten Zeit mit der alten Stiftsdame gestorben, um, hinter ihr drein gleitend,
die lange weisse Schleppe zu tragen. Wenn sich aber zufällig ihre Wege teilten,
und die kleine unschuldige Seele, an Freuden und Erlebnissen leicht, lustig
aufwärts flatterte, während die andere, an Taten und an Ehren reich, nicht im
Stande war, sich so weit empor zu schwingen, so blickte sie vielleicht zum
ersten Male sehnsüchtig nach dem armen Kinde und sprach ein leises Gebet, es
möge droben ein stilles Fürwort für sie einlegen, oder es möge die kleinen
Händchen niederstrecken und sie mit sich empor ziehen.
    Das sind übrigens Ansichten und Phantasieen, und das Wahre all der Sache
ist, dass das Kind, wie wir bereits wissen, in einem Winkel beerdigt wurde,
während der Leichenconduct der Stiftsdame sich über den schönsten Teil des
Kirchhofes verbreitete, und dort bei der Begierde, die vortreffliche Rede zu
hören, von manchem stillen, bescheidenen Grab Immergrün und Epheu schonungslos
niedertrat.
    Der Zug war in jeder Hinsicht imposant zu nennen. Da waren alle Schichten
der Gesellschaft vertreten, da fuhren glänzende Wagen in der königlichen Livree,
denen der Prinzen, der hohen Würdeträger bei Hof, der Minister, des niederen
Adels, der reichen Bürgerschaft, der Beamtenwelt, kurz, wer eine Equipage hatte,
die sich anständiger Weise hinter die lange Reihe anschliessen konnte. Da sassen
die Kutscher der höchsten Herrschaften gravitätisch auf ihrer Bockdecke, die
Peitsche hoch, das wettergebräunte Gesicht und die roten Nasen mit einem
leichten künstlichen Anflug von Schwermut schattirt; da kamen ihre minder
vornehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung, aber in ihren reichsten
Anzügen; ihnen folgten endlich die Kutscher der Anverwandten in der schwarzen
Trauerlivree, Florepaulettes auf den Schultern, ganz in schwarzes Tuch gekleidet
und mit ziemlich zerknirschter Miene. Dass die meisten Wagen leer fuhren,
versteht sich von selbst; ihnen schloss sich erst eine unendliche Reihe Fussgänger
aller Stände an, würdevoll einher schreitend, den Blick zu Boden, die eine Hand
vielleicht in die Brust des Paletots vergraben, und in leisem Gespräch,
natürlicher Weise handelnd von den Tugenden der Verblichenen. Wenn man aber auch
über andere Dinge sprach, so gab man sich doch das Ansehen, als sei man mit Leib
und Seele bei dem traurigen Geschäfte, und es wurde vielleicht über einen
Prozess, ein Avancement, über die Fünfprocentigen oder die Preise von Baumwolle
und Käse nur mit hoch emporgezogenen Augenbrauen gesprochen, begleitet von
ernstem, würdigem Kopfnicken und salbungsvoll herabhängender Unterlippe.
    Die Gefühle der meisten Leidtragenden, wenn sie nicht gerade den nächsten
Verwandten angehören, treten in ihren Contrasten während des Hin- und Herweges
am schärfsten bei einem militärischen Begräbnisse hervor. Wie dumpf und
schauerlich wirbeln die Trommeln, wie klagen die Hörner in einzelnen
schwermütigen Accorden auf dem Hinwege, wie abgemessen und langsam ist der
Schritt der Colonne, die mit dem Kameraden geht, und wie ernst und düster die
Haltung, mit der sie um das Grab stehen, bis es zugeschaufelt ist. Sobald dies
aber geschehen, hebt der kleine Tambour seine Trommel in die Höhe, schraubt das
Kalbfell schraffer und spuckt auch gelegentlich und verstohlen in die Hände, um
seine Schlegel recht behend und flink rühren zu können, denn kaum haben sie dem
Kirchhof den Rücken gekehrt, so schwingt der Tambour-Major schon mit einer ganz
anderen Miene seinen Stock, und die Trommeln, auf denen es vorhin klang: drum -
drrum - drrrrrum - drrum - drum - drrrrum! schallen jetzt Rataplan - rataplan -
rataplan - plan - plan, und darauf fällt die Musik ein, aber lustig, heiter und
schmetternd; der Choral ist vergessen und irgend ein klingender Marsch führt die
Truppen, nun um einen stillen Mann weniger, nach der Kaserne zurück.
    Bei bürgerlichen Begräbnissen ist das, wenn auch mit weniger Geräusch und
weniger auffallend, die gleiche Geschichte. Die würdigen Kutscher wenden ihre
Wagen nach der Ceremonie um und suchen einer an dem andern vorbei in vollem
Trabe nach Hause zu kommen, wobei es denn nicht selten eine Bemerkung, ein Wort
setzt, das durchaus nicht passen will zu der ernsten Haltung von so eben. Von
den Fussgängern sind manche draussen vor dem Tore geblieben, denn der Nasen ist
feucht, Erkältungen in dieser Jahreszeit sehr gefährlich, und der Anblick der
stillen Hügel mahnt auf so unangenehme Art an die Vergänglichkeit alles
Irdischen. Was nun aber, erbaut von der Predigt, wieder heraus kommt, löst sich
in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd, guter Dinge, auch wohl lachend nach
Hause; Mancher schlägt für sich sein Rataplan und denkt: es ist gut, dass ich
diesmal noch zu den Begleitern gehöre.
    Unter den Haufen, die sich an diesem Morgen nun nach allen Seiten hin
zerstreuen, bemerken wir einen dicken Herrn, mit stattlichem, umfangreichem
Oberkörper, aber etwas gekrümmten Beinen, die wahrscheinlich der Last, die sie
Jahre lang tragen mussten, am Ende erlagen, nachgaben und etwas Sichelförmiges
annahmen. Der schon ziemlich alte Herr hat ein volles, wohlwollendes Gesicht und
gibt sich offenbar die Mühe, namentlich wenn er grüsst, sehr würdevoll und
gravitätisch auszusehen. Zu diesem Zweck zieht er alsdann seine Augenbrauen
finster zusammen, ist aber nicht im Stande, einen lachenden Zug um den
gutmütigen Mund zu vertilgen, wesshalb sein Gesicht bei diesen Veranlassungen
meistens in einer lustigen Composition von Ernst und Scherz erscheint. Zu beiden
Seiten desselben gehen zwei junge Männer von einigen dreissig Jahren, der Eine
blond, mit einem offenen, gutmütigen Gesicht, nachdenkenden Augen, in welchen
man hie und da Zerstreuteit liest, der Andere mit dunklem Haar und Backenbart,
mit einer Brille auf der Nase, hinter der sich ein paar stechende Augen
befinden.
    »Ich sage euch,« bemerkte der alte Herr, indem er ruhig eine Prise nahm,
»die verstorbene Stiftsdame war eine respektable Frau. Was hat sie nicht Alles
den Armenanstalten unserer Stadt getan, und wie herablassend war sie nicht
gegen Jeden, der mit ihr umging! - - Herablassend sage ich und wiederhole es;
sie, eine Baronesse von einem der besten Häuser! Hat sie nicht meine Frau, so
oft sie uns besuchte, mit - mit - wie soll ich sagen? - ja, mit wahrer
Freundschaft behandelt!«
    »So oft sie zu uns kam!« versetzte spöttisch der Herr mit der Brille. »Aber
welches waren die Veranlassungen zu diesen Besuchen?«
    »Nun,« entgegnete der alte Herr, indem er die Hände von sich streckte, »die
Veranlassungen waren die edelsten und besten; sie veranstaltete Sammlungen zur
Ausstattung armer Mädchen und zur Unterstützung hülfsbedürftiger alter -«
    »Schnappstrinker.«
    »Wa-s?« fragte der alte Herr, der dies Wort nicht recht verstanden hatte. -
»Und abgesehen von diesen Besuchen begegneten wir ihr nie am dritten Orte, ohne
dass sie ein charmantes Lächeln, eine freundliche Begrüssung für uns hatte.«
    »Und für unsere Kasse,« warf der Andere ein. »Sonst aber liess sie uns, wie
ich es auch begreiflich finde, auf der Stufe stehen, zu der wir gehören, und
wenn sie auch gnädiger Weise zu uns herabstieg, so konnten wir doch
verschlossene Türen finden, wenn wir es uns einfallen liessen, einmal eine
Treppe höher anzuklopfen.«
    Der alte Herr zuckte die Achseln und sagte: »Das finde ich ganz in der
Ordnung; streng geschiedener Rang und Stand ist durchaus notwendig, und dass das
auch in meinem Hause so gehalten wird, darein setze ich meinen Stolz.«
    »Namentlich Mama,« sagte träumerisch der andere junge Mann mit dem blonden
Haar.
    »Allerdings; deine Mutter ist von strengen Grundsätzen, und das ist ein
Segen, der im ganzen Hauswesen sichtbar wird.«
    »Nur bei Einem dieses Hauswesens,« bemerkte lachend der mit der Brille, »ist
von diesem Segen nicht viel zu sehen. Artur hat von den Grundsätzen Mama's nie
viel profitirt.«
    »Artur ist leider ein Künstler,« entgegnete der alte Herr, »und kommt
hiedurch in Kreise und Berührungen, die freilich nicht besonders gut auf ihn
einwirken, aber -«
    »Lasst doch die Geschichten gehen!« meinte der mit dem blonden Haar. »Ich
weiss nicht, Alfons, dass du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhören
kannst; wahrhaftig, das wird am Ende unerträglich, und du kannst keine Stunde
damit still sein. Ich möchte nicht deine Frau sein.«
    »Und ich nicht der Mann deiner Frau,« entgegnete Alfons mit einem
unangenehmen Lächeln.
    Bei welchen Worten über das Gesicht des andern jungen Mannes etwas wie ein
leichter Schmerz zuckte. Er biss sich auf die Lippen, reichte dem dicken Herrn
die Hand und sagte: »Ich muss einen Augenblick nach Hause, komme aber später.
Adieu Papa!«
    Das Zwiegespräch der beiden jungen Leute war ziemlich leise geführt worden,
und der alte Herr, der einen Schritt voraus war, hatte es nicht so recht
verstanden. Er reichte dem Abschiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach:
»Vergiss nicht zu Tische zu kommen, Eduard; du weisst, Mama hat euch eingeladen.«
    Darauf ging er mit dem Herrn, welcher die Brille trug und der sein
Schwiegersohn war, die gerade Strasse hinab, der Andere dagegen, sein wirklicher
Sohn, bog links ein und schritt langsam einem grossen Hause zu, in dessen erstem
Stock er wohnte.
    Es war, wie wir wissen, Winter, und ein ziemlich kalter und rauher Morgen.
Auf der Treppe des Hauses sass ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, in
einem eleganten feinwollenen Kleidchen, aber es sass auf dem kalten Steine und
seine Aermchen und Nacken waren ganz rot vor Kälte.
    Der junge Mann trat erschrocken näher, hob das Kind auf und fragte: »Was
tust du hier, Anna? Warum bist du nicht droben im warmen Zimmer? - Wer hat dich
so allein auf die Strasse gelassen? - Ist Oscar droben oder wo ist er?«
    Das kleine Mädchen, ein hübsches Kind mit klaren braunen Augen, lächelte
über die hastigen Fragen des Papa's. »Ich bin herunter gegangen,« entgegnete es,
»die Türe war offen, Oscar ist freilich auch mit gegangen, aber er ist um die
Ecke gelaufen, und will sich um einen Sechser Bindfaden kaufen.«
    »Und Mama ist oben?«
    »Ich glaube wohl,« erwiderte das Kind gleichgültig, »habe sie aber schon
lange nicht mehr gesehen.«
    Der junge Mann biss die Zähne über einander, nahm seine Tochter auf den Arm
und stieg hastig in den ersten Stock des Hauses, vor dem dies kleine
Zwiegespräch geführt wurde. Eine breite und hohe Glastüre, die von der Treppe
auf den Gang führte, stand offen; links befand sich Küche und Kinderzimmer, und
aus dem letzteren erscholl ein lautes und lustiges Lachen. Der Hausherr setzte
das Kind auf den Boden und schritt rasch auf die Türe zu, hinter welcher es so
fröhlich zuging. Er öffnete sie heftig und sah, was er auch nicht anders
erwartet, seine sämmtliche Dienerschaft, Köchin, Stubenmädchen und Kindsfrau in
heiterer Unterhaltung begriffen, während draussen die Türe offen stand und
während eines seiner lieben Kinder fast unangezogen in der Kälte vor der
Haustüre sass, und das andere, ein Bübchen von vier Jahren, ohne Aufsicht in der
Nachbarschaft herum lief. Man hätte es dem Vater nicht verdenken können, wenn er
in diesem Augenblicke seinen Spazierstock zu einem andern Zwecke benutzt hätte;
doch bezwang er sich und fragte mit ernster und fester Stimme: »Wo sind die
Kinder?«
    In dem Augenblicke, wo der Hausherr erschien, hatte jede der drei dienenden
Damen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Geistesgegenwart irgend ein
Stück Arbeit ergriffen; die Köchin tat, als habe sie sich ein Haushaltungsbuch
geholt, das Stubenmädchen fuhr mit der Schürze leicht über den Tisch, und die
gewissenhafte Hüterin der Kinder nahm etwas Wäsche aus einem neben ihr stehenden
Korbe.
    »Die Kinder waren im Augenblicke da,« sagte die Letztere mit ziemlich
gleichgültigem Tone, »sie werden im Salon oder Schlafzimmer sein.«
    »Sie werden sein!« entgegnete heftig der junge Mann. »Ist das auch eine
Antwort: sie werden sein? Sind Sie vielleicht dazu da, um mir so unbestimmte
Antwort über das Ihnen Anvertraute zu geben?«
    Die also Angesprochene zuckte die Achseln; die Köchin sah ihren Herrn mit
einem unfreundlichen Blick an, und das Stubenmädchen eilte naserümpfend hinweg,
und man hörte sie draussen auf dem Gange sagen: »Es ist doch in dem Hause keine
Ruhe, jetzt haben wir schon wieder Aerger und Lärmen!«
    »Anna sass vor der Türe auf der kalten Treppe,« sprach der Vater des kleinen
Mädchens, indem er sich gewaltsam bezwang, »und mein Bube läuft ohne Aufsicht in
der Nachbarschaft herum. Heisst das vielleicht Ihre Pflicht erfüllen?«
    »Die Kinder sind erst vor ein paar Sekunden fort gegangen. Anna kann sich
kaum niedergesetzt haben und Oscar muss da unten vor dem Hause sein.«
    »So gehen Sie augenblicklich und holen ihn; schliessen Sie die Glastüre zu
und behalten hier die Kinder bei sich im warmen Zimmer. Ich sage Ihnen, Frau
Bendel, nehmen Sie sich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine sehr
unangenehme Art auseinander.«
    »Ich tue was ich kann,« entgegnete die Person weinerlich; »aber ich weiss,
Sie mögen mich nicht leiden, und wenn Madame nicht so mit mir zufrieden wäre, so
hätte ich schon lang dieses Hans verlassen.«
    Der Hausherr gab weiter keine Antwort, doch ballte er die rechte Faust
heftig zusammen, seufzte tief auf und trat anscheinend ruhig in das Zimmer
seiner Frau.
    Obgleich es bereits eilf Uhr war, hatte Madame doch eben erst ihren Kaffee
getrunken. Sie war eine junge und hübsche Frau mit stark blondem Haar, welches
noch vollkommen unfrisirt unter einer zerzausten, aber mit Blumen besetzten
Haube stak. Der übrige Anzug passte hiezu: sie trug einen wohl feinen und
eleganten Morgenrock, doch hatte sie ihn weder um ihre schlanke Taille zusammen
gezogen, noch oben gehörig befestigt, und hatte, um die hierdurch entstandenen
Blössen zu bedecken, darüber eine Sammtmantille geworfen, die, nur für die Strasse
bestimmt, jetzt an der Rücklehne und auf dem Sitz grausam zerknittert wurde.
    Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls, ja sie gab dem
kleinen Fauteuil, in welchem sie sass, durch einen heftigen Ruck eine solche
Richtung, dass sie dem Eintretenden den grössten Teil ihres Rückens zuwendete.
    »Ich bin es, mein Kind,« sagte der junge Mann mit ziemlich sanfter Stimme.
    Er erhielt keine Antwort.
    »Ich bin so eben von dem Begräbnis der Fräulein von M. zurückgekehrt; du
warst noch nicht auf, als ich ging. Wie befindest du dich, hast du gut
geschlafen?«
    Madame zuckte statt aller Antwort die Achseln und öffnete phlegmatisch ein
Buch, das in ihrem Schoss lag.
    »Ich möchte wissen, wie du geschlafen hast,« fuhr der junge Mann mit etwas
stärkerer Stimme fort.
    Worauf sie abermals die Achseln zuckte, den Kopf halb herum warf und mit
moquantem Tone entgegnete: »Was kümmert dich meine Nachtruhe, überhaupt meine
Ruhe? Man hat ja vor dir doch keinen Frieden, nicht bei Tag, nicht bei Nacht.«
    »Wie, du hast vor mir keinen Frieden?«
    »Oh!« entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe, »es war recht ruhig, so
lange du fort warst, aber kaum betrittst du das Haus, so beginnt gleich wieder
dein Schelten mit den armen Dienstboten.«
    »Mit den armen Dienstboten!« erwiderte er, indem sein sonst so sanftes Auge
anfing aufzuflammen. »Ah! mit den armen Dienstboten! Hat Jungfer Babett wieder
rapportirt? es ist übrigens gar nicht einmal der Fall, dass ich besonders heftig
geworden bin, obgleich ich, bei Gott im Himmel! die gegründetste Ursache gehabt
hätte.«
    Es erfolgte keine Antwort, vielmehr schien sich Madame eifrig in die Lectüre
ihres Buches zu vertiefen.
    »Du weisst natürlicher Weise nicht, wo die beiden Kinder sind?«
    »In sehr guten Händen, hoffe ich; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen.«
    »Nun denn, als ich eben nach Hause komme - es hat beiläufig gesagt zwölf
Grad Kälte - sitzt Anna in einem dünnen Kleidchen vor der Haustüre, und Oscar
läuft in der Nachbarschaft herum, die drei Frauenspersonen aber sitzen drüben in
dem Zimmer, plaudern auf's Eifrigste und tun nicht, als ob überhaupt Kinder für
sie in der Welt wären.«
    »Und das wundert dich?« sagte Madame nach einer peinlichen Pause.
    »Wie verstehe ich deine Frage?«
    »Anna wird an die Treppe gelaufen sein, ihren lieben Papa zu empfangen, ihm
ihren guten Morgen zu bringen, ihm zu schmeicheln. Es könnte das eigentlich
komisch erscheinen; die Kinder werden ja förmlich dressirt, dich als erste, ja
ich möchte sagen, als einzige Person im Hause zu betrachten.«
    »Und wer dressirt die Kinder so, um mich deines Ausdrucks zu bedienen?«
    »Nun, wahrscheinlich du.«
    »Und wenn dir nun meine Dressur zuwider ist, warum übernimmst du nicht
einmal diese Mühe? Es wäre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter, die Kinder
zu unterweisen. - Aber,« setzte er achselzuckend hinzu, »dann müsstest du sie
freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben, und das wäre zu viel
verlangt.«
    »Ich sehe die Kinder, so oft es notwendig ist,« entgegnete Madame gereizt.
    »Heute Morgen schien es dir also noch nicht notwendig, denn wie mir Anna
sagte, hast du noch nicht ein einziges Wörtchen zu ihr gesprochen. - O Berta!
Berta!« setzte er mit weicherer Stimme hinzu, »es ist fast schon die Hälfte des
Tages vorüber und du hast deine Kinder noch gar nicht gesehen. Ich muss dir
gestehen, ich begreife das nicht, mir ist es am Morgen der süsseste und liebste
Anblick, wenn ich die lieben und unschuldigen Gesichtchen sehe.«
    »Ha! ha! ha!« lachte Madame überlaut, »natürlicher Weise dein süssester
Augenblick, du hast mich ja vorher gesehen, und darauf brauchst du begreiflich
eine Erholung. - Aber der kleinen Katze,« fuhr sie fort und nickte heftig mit
dem Kopfe, »werde ich's doch noch ernstlich und fühlbar vertreiben, beständig
meine Angeberin zu machen. - Ein anderer Mann freilich würde auf das Gerede der
Kinder nichts geben, aber du bist glückselig, sobald es dir gelungen ist, eine
Gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen.«
    »Hat das Kind Unwahrheit gesprochen, hast du ihm vielleicht schon heute
Morgen ein freundliches Wort gesagt?«
    Es erfolgte wieder einmal keine Antwort, vielmehr schlug Madame eifrig ein
paar Blätter des Buches um.
    Der junge Mann wiederholte gelassen seine Frage zwei bis dreimal, dann
schwoll aber die Ader seiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwischen die
Zähne. »Du wirfst mir immer vor,« sagte er endlich mit gepresster Stimme, »ich
bräche die Gelegenheit, mit dir zu zanken vom Zaune. Dass es Zank und Streit in
diesem Hause genug gibt, es ist nur zu wahr; der Friede ist leider aus diesen
Gemächern und hier aus diesem Herzen gewichen, aber freilich nicht meine
Anhänglichkeit an dich, meine innige Liebe zu den Kindern.«
    Madame zuckte verächtlich mit den Achseln.
    »Diese Anhänglichkeit und Liebe,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »halten
mich wie Ketten an dich, an dies Haus, das mir schon oft zur Hölle, zu einem
Orte der fürchterlichsten Marter geworden ist. Dafür sind es aber auch wirkliche
Ketten, die ich tragen muss; ich bin leider nicht Mann genug, sie zu brechen, und
sie machen mich zum Sklaven deiner Laune, die fürchterlich unerträglich ist.«
    Madame blickte finster in die Höhe.
    »Ich habe gesagt, deiner Laune, denn ich will dir zu meiner eigenen
Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuschreiben, sondern es sollen
meinetwegen nur Launen sein, die dich veranlassen, deine Kinder den Dienstboten
zu überlassen, und wenn ich, dein Mann, mich über die Nachlässigkeit deiner
Dienstboten beklage, ihnen noch Recht zu geben. - Es soll Laune sein, Berta,
wenn deine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen Alles, was mir, den Kindern im
Hause geschieht, mich zur Verzweiflung bringt. Es soll Laune sein, wenn aus
deinem Munde Tage, Wochen lang kein angenehmes, liebreiches Wort kommt, wenn du
Alles mit verdriesslichem, moquantem Blick betrachtest, wenn dich im reichsten
Sonnenscheine des Lebens jener Glanz nicht freut, der dich umgibt, sondern dich
jede Fliege ärgert, die um dich summt, wenn du das tausendfach Gute und Schöne,
was dir Gott verliehen, nicht sehen willst, und du dagegen emsig nach einer
kleinen Wolke spähst, damit du einen Vorwand hast, mir ein verdriessliches
Gesicht zu machen.«
    »Phrasen! Phrasen! unausstehliche Phrasen!« entgegnete achselzuckend Madame,
»Reden? die ich schon zum Uederdruss gehört.«
    »Und ich nenne ferner Laune,« fuhr unerschütterlich der Gemahl fort, »wenn
du - ja, ich will sagen - eine junge schöne Frau, die in der Nettigkeit ihres
Anzugs dem ganzen Hause ein Muster geben sollte, um eilf Uhr Morgens so
erscheinst - - - wie du hier vor mir sitzest.«
    Einen Augenblick schien Madame über diese letzte Rede, wie sie es schon
einige Mal vorher getan, mitleidig lächeln zu wollen. Doch warf sie verstohlen
einen Blick in den Spiegel, und da sie vielleicht finden mochte, dass ihr Gemahl
nicht so ganz Unrecht, ja vielmehr vollkommen Recht habe, so flog eine tiefe
Röte über ihr Gesicht, sie presste die Lippen heftig auf einander und öffnete
sie alsdann wieder, als wolle sie etwas zornig erwidern, doch siegte ihr
angebornes Phlegma, jene Gleichgültigkeit, von der ihr Mann sagte, dass sie ihn
zur Verzweiflung brächte, über diese Aufwallung. Sie warf ihm einen finsteren,
verdriesslichen Blick zu, dann senkte sie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub
sich tief in den Fauteuil.
    Der junge Mann war, wie er vorhin sagte, in der Tat der Sklave seiner Frau;
und seine Sklaverei war von der härtesten Art. Hätte er ihr Gemüt besessen,
hätte er Gleichgültigkeit mit Gleichgültigkeit erwiedern können, so würden die
Beiden eine Ehe geführt haben, wie leider so viele andere. Ja, oder wäre sie bei
seinen Reden ebenfalls heftig geworden, hätte ihr volles Herz ausgesprochen,
hätte ihre Ansichten, ihre Ideen, ihre Gründe für dies und das mitgeteilt, so
wäre nach einem kleinen, oft wohltätigen Sturme Alles wieder im gleichen
Geleise gegangen. Da sie aber das nicht tat, da sie bei jeder Veranlassung die
Gekränkte und Misshandelte spielte, wenn er, ein offener, ehrlicher Charakter,
ein rasches Wort dazwischen warf, und da sie dies Spiel mit ausserordentlicher
Gewandteit fortsetzte - es war auch wohl ihr wirkliches Gefühl - so glaubte er
am Ende fast beständig, er sei zu weit gegangen, und hot also wieder die Hand
zur Versöhnung.
    Auch heute ging er, die Hände auf den Rücken gelegt, eine Zeit lang unmutig
auf und ab, wobei er es aber nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit einen
Blick nach seiner Frau zu werfen und dann jedesmal zusammen zuckte, wenn sie so
ruhig und teilnahmlos in ihrem Buche weiter las.
    »Ah! Berta,« sagte er endlich nach einem längeren Stillschweigen, »es kann
wahrhaftig nicht so fortdauern, das musst du einsehen. Glaube mir, unser ganzes
Hauswesen geht dabei zu Grunde.«
    Es erfolgte natürlicher Weise keine Antwort.
    »Unsere Kinder, die armen, kleinen, lieben Kinder leiden sehr darunter Not,
wenn du, ihre Mutter, dich nicht um sie bekümmerst.«
    Keine Antwort.
    »Es sollte dir ja ein Vergnügen sein,« fuhr er zitternd vor Aufregung und
doch mit erzwungener Ruhe fort, »ihre kleinen Spiele zu überwachen, sie zu
beaufsichtigen, oder wenn du das nicht willst, nur deinen Dienstboten
einzuschärfen, dass sie ihre Pflicht tun. Es ist das ja eine Kleinigkeit.«
    Madame schien eifrig und mit grosser Aufmerksamkeit zu lesen.
    »Ueberhaupt,« fuhr er wärmer fort, »wäre es deine Pflicht und Schuldigkeit,
nach deinem Hauswesen, deinen Dienstboten zu sehen; ich will dir ja gewiss nicht
verwehren, zu tun, was jede Frau deines Standes tun darf: Besuche zu machen,
zu lesen; aber es muss doch auch eine Zeit geben, wo du begreifst, dass du nicht
bloss dazu auf der Welt bist.«
    Madame zog ihre Augenbrauen in die Höhe, als interessire sie eine Stelle in
dem Buche ausserordentlich.
    »Dann kann ich dich auch versichern, Berta, dass du eine grosse Beruhigung in
der Erfüllung deiner Pflichten finden wirst, dass das dein an sich etwas
trauriges Gemüt erheitern wird, und dich der Wahn verlässt, als seist du eine
unglückliche Frau. - - Ja ein Wahn, ein schrecklicher Wahn, mein Kind,« setzte
er etwas heftiger hinzu; »du bist von Gott begünstigt wie wenige, du lebst nicht
nur behaglich, sondern sogar glänzend; dein Mann, deine Kinder sind gesund -
sage, was willst du mehr? Hast du kein beneidenswertes Loos, hast du keine
glückliche Existenz getroffen? - Und doch beständig traurig, beständig
verdriesslich! - Oh! das ist unerträglich!« rief er ausbrechend, »ganz
unerträglich, und wenn ich es auch schon lange in Geduld ertragen, so wird
dieselbe doch bald zu Ende sein, denn ein solches Leben führe ich länger nicht
mehr!«
    Nachdem der junge Mann an der Türe, wohin er geeilt, noch einen Augenblick
gewartet, ob sie nicht vielleicht doch noch ein versöhnendes Wort von sich hören
liesse, ein einziges kleines Wort, ja nur einen sanften oder freundlichen Blick,
der ihm - wir sagen leider! - Veranlassung gegeben hätte, wieder gegen die Frau
einzulenken, nachdem er so eine Zeit lang vergebens gewartet, ging er in
erneuertem Zorne durch die Türe und stiess sie hinter sich ziemlich unsanft in's
Schloss.
    Auf seinem Arbeitszimmer angekommen, warf er sich in seinen Schreibstuhl und
blickte, tiefes Weh im Herzen, rings in dem elegant, ja reich möblirten Gemache
umher. Hier war für jede Bequemlichkeit des Lebens gesorgt, hier standen
Luxusgegenstände aller Art, und die ganze Einrichtung verkündigte einen reichen
Besitzer. Er stützte die Arme auf die beiden Lehnen des Sessels und liess den
Kopf tief auf die Brust herab sinken. Wie hatte er seine Frau geliebt! Wie hatte
er sich ein häusliches Glück so schön und zart ausgemalt, einen Familienkreis
mit lieben Kindern, eine behagliche Existenz in seinen vier Pfählen, unberührt
vom Sturme des Lebens. Ach! und wie war die Wirklichkeit geworden! Hier in
seinem Innern sauste der Sturm und riss die schönsten Blüten ab, und wenn er ja
einmal Frieden haben wollte, musste er sein Hans verlassen, um unnatürlicher
Weise Ruhe und Frieden im Gewühl der Welt zu suchen und zu finden. Wie hatte er
sich jene Abende so freundlich und schön ausgemalt, an dem grossen runden Tische
sitzend, beim hellen Schein der Lampe, mit ihr so vergnügt und freundlich zu
plaudern, Beide traulich in die Ecke des Sopha's geschmiegt, während draussen die
Feinde aller Geselligkeit, Wind und Regen, an die Fenster schlugen. - Ach! auch
das hatte er nicht gefunden, und wenn zu Hause die Lampe angezündet wurde, so
verliess er meistens seine Wohnung und suchte in einem Kreis von Bekannten, was
er zu Haus nicht fand. -
    Lange sass er so vor seinem Pulte in tiefe Träumereien versunken, um endlich
achselzuckend in die Höhe zu fahren und sich selbst zu versichern, dass er vor
der Hand kein Mittel wisse, diesen Zustand zu ändern. Er sah sein Leben dahin
ziehen in einer Abhängigkeit, in einer Sklaverei, ärger als die, welche mit
hochgeschwungener Peitsche zur angestrengtesten Arbeit treibt.
    Madame ihrerseits hatte nicht so bald die Türe sich schliessen gesehen, als
sie das Buch, welches sie in der Hand hielt, heftig auf den Boden warf und mit
den Füssen weit von sich stiess. Sie legte ihren Kopf in dem Fauteuil zurück,
kaute heftig an den Nägeln und murmelte endlich, während sich ihre Brust heftig
hob: »Nein, diese ewigen Quälereien sind nicht mehr zu ertragen! Ist es nicht
bald so weit mit mir gekommen, dass ich auf Commando bald lachen, bald weinen
soll? Auf welch empörende Art bin ich von ihm überwacht! Nicht bloss, was ich
sage, was ich tue, nein! nein! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt, es
brauche nichts mehr als seinen Befehl, um mich heiter und glücklich zu stimmen.
- Ah! das ist ein unerträgliches Leben, ein Leben voll Elend und Knechtschaft!
Was nützt mich der Reichtum, der mich umgibt, bin ich nicht in all' dieser
Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin?«
    Der geneigte Leser kann sich denken, dass nach dieser häuslichen Scene der
junge Mann allein zum Diner in's elterliche Haus ging, Madame schützte Kopfweh
vor und blieb zu Hause.
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
                                Lebende Bilder.
Das Haus des Commerzienrates Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste
und Comfortabelste eingerichtet. Die Familie bewohnte den ersten Stock; unten
waren Comptoir und Kassen.
    Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt, ebenso seinen
Schwiegersohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille. Er
hatte Marianne, die einzige Tochter des Banquiers, geheiratet, und die Mutter,
die sich eher entschliessen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem Hause zu
lassen, räumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein, was um so
weniger auffiel, da Herr Alfons Teilhaber des Banquiergeschäfts war, und in
geschäftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrates.
    Dieser würdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber
schwang die Commerzienrätin ein eisernes Scepter und regierte fast völlig
unumschränkt. Wir sagen fast völlig unumschränkt, denn der Einzige im ganzen
Hause, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch
zuweilen ihr gegenüber Recht behielt, war ihr Schwiegersohn.
    
    Der Commerzienrat, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben liess, hatte
sich schon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den Händen winden lassen, indem er
viele Concessionen machen musste, um die Hand der reichen Bürgerstochter zu
erhalten. Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbürtig
betrachtet, denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen, dass sein
Grossvater zwei Brüder gehabt, von denen der eine als Ratsdiener starb, und der
Andere lange Jahre der selbst eigenhändige Betreiber und schaumschlagende
Besitzer einer Barbierstube gewesen. Wenn man dagegen die lange Linie stolzer
Vorfahren der jetzigen Commerzienrätin betrachtete, so konnte man eine
Missheirat nicht läugnen. Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt-, Kanzlei-,
Justiz-, Regierungs-, Hof- und andere Räte, und eine Seitenlinie hatte sich
sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen, während von dem Urahnherrn der
Familie zweifelhaft war, ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann
gewesen sei; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen, während
dagegen boshafte Neider versicherten, diese Emblemen bezögen sich auf die
ehrbare Metzgerei, deren Oberzunftmeister jener erwähnte Ahnherr gewesen.
    Dem sei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Commerzienrätin war in seiner
Sphäre tonangebend, und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde, der konnte
sich überall präsentiren lassen. Familienunglück hatte man freilich auch gehabt,
aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen
bedeckt worden. Man sprach in übelwollenden Kreisen von dem zarten Verhältnis
einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den
man am Ende in die Familie aufnehmen musste, weil es seltsame Umstände ziemlich
gebieterisch verlangten. Nachdem aber die Commerzienrätin hiezu, freilich nach
langen Bitten, einmal ihren Consens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge
Paar gelegt, war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schüchtern zu bewegen
wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen, denen etwas Aehnliches, sehr
Menschliches passirt. - Es ist das so der Welt Lauf und kommt häufig vor.
    Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienrätin eine grosse, hagere
Frau mit einem strengen, magern Gesichte, aus dem die lange spitze Nase wie ein
Zeigefinger hervorsah. Wir gebrauchen dieses Bild, um dadurch die Wirkung
auszudrücken, die es auf Jeden ausübte, gegen den diese Nase gedreht wurde; es
war eine unmittelbare Aufforderung, ein förmliches Hinweisen, eine Erlaubnis,
jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Diese Nase
wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten unterstützt, von
denen es nur eines Blinzelns bedurfte, um genau zu wissen, was die
Commerzienrätin eigentlich wünschte. Hierüber blieb selten Jemand im Zweifel,
und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterstützte, so wusste man
gleich, woran man war; und wie schon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann fast
Alles ohne Widerrede.
    Das Diner war vorüber, der alte Herr, der wie immer sehr gut gespeist hatte,
beschäftigte sich mit seiner Verdauung, indem er, die Hände auf den Rücken
gelegt, in dem weiten Gemach auf und ab spazierte. dabei nickte er zuweilen mit
dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Nase schnüffelnd in die Höhe, als
wolle er erforschen, ob sich nicht bald durch eine Türritze hindurch ein
angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache.
    Die Commerzienrätin sass in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht,
denn sie hielt es nicht für anständig, dass ihr Rücken die weichen Kissen
berühre. In der linken Ecke sass ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn
Alfons, und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war, so lehnte sie
behaglich hinten über, während ihre Füsse einen Stützpunkt auf denen des Tisches
gefunden hatten. Es war ein hübsches kleines Weib, blond wie ihre Brüder, und
wie der ältere, der neben ihr sass, mit Augen, die viel Sanftmut, ja Duldung
verrieten. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und schien ihrem Bruder
zuzulauschen, der ihr eifrig etwas zuflüsterte, wahrscheinlich die Erzählung des
Auftritts von heute Morgen; sie hörte ruhig und aufmerksam zu, und nur zuweilen,
wenn sich seine Stimme etwas laut erheben wollte, drückte sie ihre Hand auf
seinen Arm, wobei sie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf, die
indessen teilnahmlos, mit hoch erhobener Nase, für Niemand Auge und Ohr zu
haben schien, und zuweilen mit ihren Fingern gleichgültig auf dem Tische
trommelte. Wir sagen schien, denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine
Bewegung all' derer, welche sich im Zimmer befanden.
    Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildete übrigens Artur und Herr
Alfons, die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen, auch wohl
lachten. Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gestützt, den
Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu, der, während er hie und da
eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beschäftigt war, mit einem umgekehrten
Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen.
    »- Sehr gut! - sehr gut! - sehr brav!« sagte Alfons, indem er die
vergängliche Arbeit aufmerksam betrachtete; »das wird ein schöner Kopf, und eine
Aehnlichkeit. - - Jetzt keinen Strich weiter, so steht's vor mir. Wahrhaftig,
ich möchte schwören, dass dies Gesicht existirt.«
    »Wie kann man nur so etwas sagen!« antwortete lächelnd der Maler, »eine
Phantasie, eine Idee. Aber schau nur, wie sich die Gesichtszüge ändern, wie der
Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt. Das Gesicht war vordem lachend und
freundlich, jetzt wird es ernst, finster, drohend und jetzt ist es wie von
schmerzlichen Tränen überzogen. - Das ist der Lauf der Welt.«
    »Ja, man erlebt das häufig,« entgegnete der Schwager; »Freude, Glück
verschwinden so schnell, und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von
einer Schmerzenslinie angenommen, so greift er immer weiter um sich, und am Ende
entstellt und verstört er Alles.«
    »Ganz recht,« versetzte Artur, wie es schien, nicht ohne Beziehung, »aber
man muss sich auch hüten, aus einem Gesicht, das uns lieb und freundlich
angelächelt, jenen ersten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen.«
    »O, das kommt ganz von selbst. Du, Glücklicher, hast nur keine Gelegenheit,
das zu bemerken; du flatterst von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis so
ein Schmerzenszug sichtbar wird, suchst du schon nach einer neuen und frischen
Blüte.«
    »Nicht immer,« sagte ernst der Maler.
    »Apropos,« fuhr der Andere leiser fort, indem er sich tiefer hinab beugte,
»du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig. Aus welchem Zweck treibst du dich
denn so viel in der Nähe der Balkengasse umher? Ich habe das neulich zufällig
erfahren. Ist denn da wieder was Besonderes los?«
    »Ich?« fragte scheinbar verwundert Artur. »Dass ich öfter da wäre, als an
anderen interessanteren Orten wüsste ich gerade nicht.«
    »Ah! so gehört die Balkengasse zu den interessanten Orten?«
    »Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da sind die alten pitoresken
Häuser, der Kanal, das beständige Gewühl von Menschen; man kann da die besten
Studien machen.«
    »O, ihr Maler seid in der Tat ein glückseliges Volk, euch ist gar nicht
beizukommen und wenn man euch auf der Tat ertappt. Streift ihr in der
Mitternacht herum, so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht, attrapirt man
euch am allerfrühesten Morgen in irgend einem verdächtigen Viertel, so habt ihr
die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet, und
trifft man euch in Person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten, so
versteht sich das, ganz von selbst, denn ihr waret gezwungen, an ihr äusserst
interessante Studien zu machen. Ja, ja, in der Tat, ihr habt ein
beneidenswertes Gewerbe.«
    »Es ist eigentlich schade, dass du nicht auch ein Maler geworden bist,« sagte
Artur, indem er auf die Fensterscheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den
Kopf eines Satyrs entwarf.
    Der alte Herr, der auf seinem Spaziergange durch's Zimmer zufällig hinter
den Beiden stehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehört und sprach nun
lächelnd: »Nein, nein, Alfons, 's ist besser so; Gott soll uns bewahren! Wir
haben an Einem Künstler genug; nicht wahr, Mama?«
    Die Commerzienrätin wandte ihre spitze Nase ruhig nach dem Fenster,
glättete den Kragen ihres Chemisettes und entgegnete: »Das will ich meinen, mehr
als genug!«
    »Hörst du es, Artur, was Mama gesagt, mehr als genug -?«
    »O, ich habe das schon tausendmal gehört.«
    »Und Mama hat Recht,« fuhr der Commerzienrat fort. »Künstler, - nun ja, es
soll am Ende auch solche Leute geben, und wer einmal angewiesen ist, sein Brod
auf diese Art verdienen zu müssen, der kann es in Gottes Namen tun; aber in
unserer Familie bist du der Erste, der sich - wie soll ich sagen? - veranlasst
sah, keinen - eigentlich soliden Geschäftszweig zu ergreifen.«
    »Der Erste,« sagte bestimmt die Commerzienrätin; »und von der ganzen
Malerei hast du, wie es mir scheint und wie ich mir sagen liess, die unsolideste
Branche erwählt.«
    »Eine unsolide Branche?« fragte Artur verwundert, indem er sein Gesicht vom
Fenster in's Zimmer wandte. »Ah, Mama! das genau zu erfahren wäre ich
neugierig.«
    »Die unsolideste,« entgegnete fest die Commerzienrätin. »Was bringst du
eigentlich zu Stande? - Eine Landschaft, an der man sein Vergnügen haben könnte?
- Nein! - oder ein würdiges Portrait? - Auch das nicht! Da zeichnest und malst
du allerlei Firlefanz, so dass man den Leuten, die für deine Kunstfertigkeit
schwärmen, nichts von deinen Arbeiten zeigen kann, ohne in Verlegenheit zu
geraten.«
    »Das ist schon wahr,« sagte Alfons leise und lachend, »Venus malst du zu
oft, und badende Mädchen, auch Tänzerinnen und dergleichen.«
    »Mama hat Recht,« sprach wichtig der Commerzienrat, indem er den Versuch
machte, seine Weste herab zu ziehen; »das eigentlich Solide fehlt dir. Hast du
nicht vor einem halben Jahr das Portrait unserer Freundin, der
Oberregierungsrätin, ganz vergeblich angefangen? Hast du es nicht trotz ihres
oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelassen?«
    »Einer so würdigen Frau von so gutem Hause,« setzte ernst die
Commerzienrätin hinzu.
    »Allerdings,« sagte Artur, »eine würdige Dame mit rotem Gesichte,
rötlichem Haar, die gemalt zu sein wünschte in einer Haube mit roten Bändern,
in einem roten Kleid und rotem Shawl. Das war nicht auszuhalten. Es hätte
meine Augen ruinirt.«
    »Es wäre aber ein artiges Bild geworden,« meinte Alfons ironisch, »das
vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf hätte verwendet werden können.«
    »Tomas!« rief die alte Frau ihrem Gatten, ohne den Worten ihres Sohnes und
Schwiegersohnes weiter Aufmerksamkeit zu schenken, »wir sind jetzt alle so
ziemlich hier versammelt - nur deine Frau fehlt wie gewöhnlich,« wandte sie sich
mit Beziehung an ihren älteren Sohn, - »und könnten also in einige Ueberlegung
ziehen, wann und auf welche Art wir die grosse Soirée veranstalten wollen, die
ich für unumgänglich notwendig gefunden habe, nächstens den uns befreundeten
Familien zu arrangiren.«
    »Ganz recht, mein Kind,« entgegnete der Commerzienrat, während er sich die
Hände rieb; »wir müssen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen.«
    »Aber in gehörigen Grenzen,« antwortete ernst die alte Dame.
    »Das versteht sich ganz von selbst.«
    »Bis zur sechsten Rangklasse,« sagte Alfons lächelnd, aber leise zu Artur.
    »Soll getanzt werden, Mama?« fragte Marianne.
    »Ueber die Art dieser Soirée bin ich noch nicht mit mir im Reinen,«
entgegnete die Commerzienrätin; »ein Ball, ein einfacher Té dansant ist etwas
Gewöhnliches, ich möchte wieder etwas Neues arrangiren, etwas, von dem man auch
spräche, das uns Veranlassung gäbe, so viel wie möglich der Bekannten und
Freunde einzuladen.«
    »So warten Sie doch bis Carneval, und arrangiren Sie alsdann einen maskirten
Ball.«
    »Ich hasse die Maskeraden. Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht.«
    »Das ist auf jeden Fall vortrefflich,« sagte der alte Herr, wobei er sich
dem Sopha näherte. - »So lass hören!«
    »Ich denke,« fuhr die Frau würdevoll fort, »wir veranstalten lebende Bilder;
der grüne Saal wäre ganz Passend dazu, es liesse sich da sehr gut ein Vorhang
anbringen, und dann hat auch Artur bei dieser Veranlassung die beste
Gelegenheit, den Leuten zu beweisen, dass er auch in seiner Kunst etwas Reelles
zu leisten versteht.«
    »Die Idee, Frau Mama, ist charmant,« sprach der Maler. »Lebende Bilder,
hübsch arrangirt - wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke! Ich werde mich der
Sache mit allem Eifer annehmen.«
    »Der grüne Saal ist ganz passend dazu,« meinte der Commerzienrat.
    »Nicht übel,« sagte Alfons mit einem beistimmenden Kopfnicken.
    Und Marianne flüsterte ihrem Bruder zu: »Ich würde mich gern darauf freuen,
aber du wirst sehen, mein Mann erlaubt mir nicht, dass ich ebenfalls mitmachen
darf.«
    »Und meine Frau,« entgegnete der Bruder verstimmt, »wird an so dummem Zeug,
wie sie sagt, keinen Spass finden - nachdem nämlich ihre Laune ist - und mir
schon zum Voraus den ganzen Abend verderben.«
    »Gewiss, mein Kind,« versetzte der Commerzienrat, »wir sind stolz auf deine
Erfindung.«
    Die alte Dame fühlte sich einigermassen geschmeichelt, dass ihr Vorschlag mit
Akklamation gut geheissen wurde. Wenn sie auch ihren Willen auf alle Fälle
durchgesetzt hätte, so war es ihr doch angenehm, auf keine grossen Widerreden zu
stossen.
    »Darf ich auch mitmachen?« fragte Marianne ihren Gemahl.
    Worauf Alfons, der am Fenster ein ziemlich freundliches Gesicht gemacht
hatte, jetzt die Augenbrauen finster zusammen zog, die Brille empor rückte und
in wegwerfendem Tone entgegnete: »Liebes Kind, das muss man jüngeren Frauen und
Mädchen überlassen. Ueberhaupt kannst du als Tochter des Hauses nur vielleicht
daran denken, einen Platz im Hintergrunde einzunehmen, wenn gerade ein solcher
vorhanden wäre, und ihn Niemand anders ausfüllen will. Da stehe ich für meine
Person in keinem lebenden Bilde, und es würde mir am Ende nicht gerade passend
erscheinen, wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand sonderbare
Stellungen kämest.«
    Die Commerzienrätin hob ihre Nase um einige Zoll empor und antwortete mit
einem scharfen Blick aus ihren grauen Augen: »Die Arrangements sind meine Sache,
Herr Schwiegersohn und wenn ich es vielleicht für gut finde, Marianne irgendwo
zu plaziren, so würden Sie wohl nichts dagegen haben.«
    »Und warum nicht?« fragte Herr Alfons ziemlich hochmütig. »Sie wissen,
Mama, ich achte Ihre Arrangements bis an die Türe meiner Wohnung; was dahinter
zu befehlen ist, besorge ich selbst.«
    »Ruhig! ruhig!« sagte beschwichtigend der Commerzienrat, denn er sah, wie
der Teint seiner Ehehälfte anfing etwas gelblich zu unterlaufen. »Hat man denn
keine Ruhe vor euch? Das wird sich ja Alles finden; Madame wird arrangiren, wie
sich von selbst versteht.«
    Alfons lächelte seltsam in sich hinein.
    »Der sollte deine Frau haben,« sagte die Schwester in der Sophaecke
missmutig zu Eduard.
    »Oder ich etwas von seinem harten und festen Temperament,« entgegnete dieser
seufzend.
    »Also lebende Bilder!« rief Artur freudig. »Vortrefflich, in der Tat,
Mama! - Und Sie überlassen mir die Anordnungen?«
    »Du wirst den Saal unter meiner Aufsicht herrichten,« erwiderte ernst die
Dame, »du wirst über einige Bilder nachsinnen und sie mir zur Auswahl vorlegen.«
    »Schön, schön. - Und welche Arten von Bildern wünschen Sie hauptsächlich,
Mama? Sollen es Genrebilder sein oder sollen wir auch stellen nach bekannten
historischen Gemälden, nach heiligen Bildern und dergleichen?«
    »Von Allem etwas,« meinte die Commerzienrätin. »Ich werde dir eine Liste
anfertigen von den achtbarsten Personen, die ich zur Mitwirkung einladen will.«
    »Nur von den achtbarsten Personen?« fragte der Sohn kleinlaut.
    »Wie so?«
    »Nun, ich dachte, Mama, man sollte eigentlich auf die schönsten Gesichter
und Figuren sehen, und wer am besten hier und dort zu gebrauchen ist.«
    »Auch das, aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz ausser Augen lassen.«
    »O weh, Mama!«
    »Ich weiss, was sich schickt,« fuhr unerschütterlich die alte Frau fort. »Ich
kann doch zum Beispiel in einem Bilde einer Kanzleirätin nicht eine besonders
schöne Figur zuteilen, und von einer Oberregierungsrätin verlangen, dass sie
sich mit Geringerem begnüge!«
    »Dann lassen Sie lieber Beide weg, Mama, und nehmen nur jüngere Personen.«
    »Jüngere Personen?« fragte ernst die Mutter. »Und wer will da eine
Grenzlinie ziehen? In lebenden Bildern zu stehen, fühlt sich jede jung genug,
und mit Costüm und Schminke lässt sich schon viel ausrichten.«
    »Da Sie von Costümen sprechen, Mama,« sagte Artur nach einer längeren
Pause, »wie wollen Sie, dass es damit gehalten wird? Wenn Sie wünschen, so bitte
ich den Intendanten des Hofteaters, uns mit Einigem auszuhelfen.«
    »Costüme des Teaters!« versetzte ernst die Commerzienrätin, indem sie den
Kopf schüttelte. »Das wird nicht wohl angehen. Kleider von Leuten wie
Sängerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und dergleichen Personen in mein
Haus bringen zu lassen, wäre mir nicht angenehm; auch würde mir das manche
Mutter einer unschuldigen Tochter wegen verübeln.«
    »Aber die Kleider können doch ihrer Sittsamkeit nichts schaden!« meinte
Artur halb ärgerlich.
    »Solche Personen,« fuhr ernst die Mutter fort, »Tänzerinnen und dergleichen
können sich etwas darauf einbilden, auf diese Art mit uns in Berührung gekommen
zu sein. Und ich mag das nicht.«
    »Aber der Zweck heiligt die Mittel,« sprach begütigend der Commerzienrat.
»Und ich glaube, wenn man etwas Schönes arrangiren will, so kann man wahrhaftig
nicht ohne die Costüme des Teaters sein.«
    »Sie tun gerade, Mama,« bemerkte Artur, »als würden uns dieselben
angeboten und wir hätten nur so das Recht, sie zu verwerfen. Es ist überhaupt
noch eine grosse Frage, ob man uns Costüme bewilligt. Und dann nehmen Sie mir
nicht übel, wenn auch die meisten der eingeladenen Damen es sich leider für
keine Ehre rechnen, mit Schauspielerinnen und Tänzerinnen in Berührung zu
kommen, so werden sie dagegen, wo es sich um Vergnügen handelt, die Kleider
derselben nicht verschmähen. Es ist gerade so mit dem Teaterbesuch; ich kenne
Herren und Damen genug, die vor einem Ballet auf ihrem Gesicht die
ausserordentlichste Verachtung zeigen, und die es im Gefühl ihrer Würde und
Unschuld nicht begreifen können, wie es einer der Tänzer und namentlich der
Tänzerinnen wagen könne, ein paar Hand breit Tricots zu zeigen, die aber, wenn
einmal der Vorhang aufgezogen ist, ihr Glas nicht mehr vom Auge lassen.«
    »Ah! lieber Freund, das tue ich auch,« sagte salbungsvoll und mit ernstem
Gesichtsausdruck Herr Alfons; »aber du wirst mir glauben, dass ich es nicht tue,
um die unanständigen Bewegungen zu sehen, sondern dass ich bei mir denke: du
willst doch einmal sehen, wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen
Geschlechtes zu gehen im Stande ist.«
    »Ah! mein lieber Schwager,« entgegnete entrüstet der Maler, »dazu brauchst
du weder das Teater noch dein Opernglas; das kannst du viel näher haben.«
    »Artur! Artur!« rief der Commerzienrat. »Muss man denn beständig bei euch
den Vermittler machen! Immer Reibereien und unangenehme Reden! Ich werdet Mama
noch verdriesslich machen.«
    »Das ist möglich; aber auf die Gefahr hin, Mama verdriesslich zu machen,
erkläre ich, dass, wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine
ordentlichen Costüme anschaft, mögt ihr diese her bekommen, woher ihr wollt,
aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hinein
mischen kann.«
    Die Commerzienrätin versicherte, sie würde das Beste in dieser Sache
auszuwählen wissen, und es dann wie immer verstehen, ihren Willen durchzusetzen.
Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit
das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Marianne ging in ihre Wohnung hinauf,
nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht, von dem Gemahl ein
freundliches Wort zu erhalten. Herr Alfons drückte die Brille fester an die
Augen, knöpfte seinen Rock zu und schickte sich an, in das Comptoir
hinabzusteigen, wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem
unbehaglichen Gefühl entgegen sahen. Der Commerzienrat schloss sich in sein
Kabinet ein, um seine Zeitungen zu lesen und über das Fallen und Steigen der
Papiere nachzudenken. Artur aber ging in sein Atelier, das er nur im
Hintergebäude des elterlichen Hauses haben durfte; Mama hatte sich ein für
allemal dahin ausgesprochen: sie wolle ihr Haus rein erhalten.
 
                             Sechszehntes Kapitel.
                           Eine Mutter und ihr Kind.
Es war nun vollkommen Winter geworden, das heisst, die Erde war nicht bloss von
starkem Frost erstarrt, sondern sie hatte auch die bekannte weisse Livree
angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberfläche all' die kleinen Poesieen
und Merkwürdigkeiten, die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser
denkwürdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgeteilt haben. Alle
seinen Nuancirungen draussen hatten aufgehört, Feld und Wiese waren gleichförmig
bezogen; wo sich ein Wald befand, da erschien die Gegend etwas mit Grau
schattirt; einzelne Bäume waren kaum noch sichtbar, der Schnee lag schwer auf
den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche, jedem Baume eine Pelzmütze
aufgestülpt zu haben, worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte.
Isolirt stehende Häuser rings um die Stadt sahen aus dem allgemeinen Weiss recht
langweilig hervor, namentlich solche, die sich an der Landstrasse befanden, denn
hier war es öde und leer. Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art
bemerkte man heute nicht viel; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn,
wesshalb sich auch draussen noch keine Schlitten sehen liessen; nur Holzwagen
fuhren langsam dahin, und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte
der Nachbarschaft, welchem die Eisenbahn zur Seite lag.
    In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des
Winters betrachtet, sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen, und nachdem man
am Morgen notdürftig Bahn gemacht, hörte man auf allen Strassen das Klingeln der
Schellen und lustigen Peitschenknall, und musste sich bei dem allgemeinen Leben
recht in Acht nehmen, dass man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem
Wagen überfahren wurde, wobei namentlich letztere gefährlich waren, da man kaum
das Rollen der Räder vernahm. Heute schienen denn auch die Strassen der Stadt nur
dem Vergnügen geweiht, und wer draussen nichts zu tun hatte, der blieb gerne zu
Haus. In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glänzende Schlitten, das
Gestell vergoldet, die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt, aus denen heitere
Gesichter, sanft gerötet von Frost und eifrigem Gespräch, hervor blickten. Die
Fiaker und Droschkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und
hielten in langen Reihen, die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt, welche
von der lieben Jugend umstanden wurden, die sehnsüchtig Jedem nachblickte, der
sich eines solchen Fuhrwerks bediente.
    Wenn es so aus den breiten Strassen geräuschvoll und lebendig war, so
erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Plätze um so einsamer und
stiller. Schlitten sah man hier keine, Wagen rollten selten vorüber, und wenn
hie und da einer vorbei kam, so hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen
Schellen; das Rollen der Räder selbst war ebenso unhörbar wie der Fusstritt der
Vorüberwandelnden. In den meisten dieser Strassen war nur eine notdürftige Bahn
an den Häusern gekehrt, die noch obendrein selten betreten wurde, und wenn nicht
da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben hätte,
sich gegenseitig bombardirt und Schneemänner gemacht, so hätte man glauben
können, Häuser und Menschen befänden sich alle zusammen in einem seltsamen
Winterschlafe. Nur jene Viertel, durch welche der Kanal floss, von dem wir schon
früher sprachen, sahen einigermassen lebendiger aus. Hier wohnten viele
Handwerker, namentlich Schmiede, vor deren Häusern sich der weisse Schnee bald
russig und schwarz färbte oder ganz weggeschmolzen wurde, wo man eine heisse
Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte. Auch viele Wäscherinnen befanden
sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie
unbrauchbar waren, so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier
hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge, deren bunte Farben: grün,
blau, rot, gelb, recht lebendig von dem weissen Schnee abstachen.
    Wenn uns der geneigte Leser folgen will, so wenden wir uns nach einem dieser
Häuser hier, einem alten finstern Gebäude mit hohem Giebeldach, dessen vordere
Seite, die uns erst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt, zur Fruchtkammer
benützt wird, während sich im hinteren Teile, der auf den Kanal geht,
verschiedene Wohnungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben
genannten Hauses über eine alte Wendeltreppe, deren Stufen ausgetreten sind,
deren Steinwände wie polirt glänzen, und wo ein alter schmieriger Strick sich
dem unsicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finsternis
darbietet.
    In dem ersten Stocke angekommen, betreten wir ein weites mit Steinplatten
belegtes Vestibul, auf das lange Gänge münden, die entweder um den Hof herum
nach der Fruchtkammer führen, oder ein anderes ebenso grosses Nebengebäude mit
dem, welches wir gerade betreten, verbinden. Beides ist übrigens der Fall, und
die zwei Gebäude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in
früheren Zeiten einmal zu einer Kaserne benützt, und durch die eben erwähnten
Gänge verbunden. Später hatte man aber für das Militär bessere und hellere Räume
erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgeteilt und solche
an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermietet. Ueber
einzelnen Türen bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer, bei
anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich übertüncht. Auf
dem Vestibul stand alter Hausrat; hier schliffen ein paar Knaben aus dem
glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelst einigen Schnee's, den der
Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte.
    Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht, was sich durch die Nähe
des Kanals erklären liess, sowie auch dadurch, dass die Haustüren selten oder nie
verschlossen wurden und allem Wetter Einlass gewährten.
    Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun, die wir unsichtbarer Weise
betreten, bestand aus einem ziemlich grossen Gemache, dessen Wände weiss getüncht
waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde. Ein grosser Ofen
erwärmte diesen Raum recht behaglich; zwischen beiden Fenstern an der Wand
befand sich ein grosser Tisch, vor demselben gepolsterte Stühle mit gestreiftem
Kattunüberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wänden ein kleiner Spiegel
und ein paar vergilbte Kupferstiche in nussbraunen Rahmen. Zwei Türen, je eine
an jeder Seite dieses Zimmers, führten in andere Gelasse, die ausser einer Küche
auf der andern Seite des Vestibuls noch zu diesem Appartement gehörten.
    Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr, und wenn auch
dasselbe von grobem Steingute war, so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm,
die Milch sah recht gut aus, und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in
grossen Stücken, während weisses Brod daneben lag. Eine Frau sass an dem Tische und
schien sich eine grosse Tasse Kaffee gemischt zu haben, denn sie rührte langsam
mit einem Löffel darin herum. Diese Frau mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein,
war von mittlerer Figur, einfach gekleidet, und hatte ein ziemlich breites aber
kluges Gesicht, aus dem sich Spuren von früherer Schönheit zeigten; ihr Mund
hatte etwas Gutmütiges, namentlich wenn sie lachte, was sie häufig und wie es
schien absichtlich tat, um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben, denn sobald
sich ihre Gesichtszüge beruhigten, erschienen sie schlaff, ausdruckslos, und
dann trat ein scharfer, unheimlicher und zurückstossender Glanz der Augen hervor.
    Ihr gegenüber an dem Tische befand sich eine junge Person, die ungefähr
zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Äußeres auf höheres Alter deutete.
Es war das ein schmächtiges Mädchen, ziemlich dürftig angezogen, mit
eingefallenen blassen Wangen, aus denen jene leichte Röte spielte, die man im
Munde des Volkes »Kirchhofsrosen« nennt. dabei hatten ihre Augen einen
unheimlichen trockenen Glanz, und die weissen Hände, die sie vor sich auf dem
Tisch gefaltet hielt, zitterten öfters, wenn auch kaum merklich. An dem einen
Fenster sass auf einem Stuhle ein anderes Mädchen, welches in der Frische und dem
Schimmer einer blühenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben
Geschilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiselle
Marie vom Balletcorps. Die Frau am Tische ist ihre Tante, Madame Becker, und die
schwindsüchtige Person ihr gegenüber eine Nähterin aus der Stadt, die vor
einigen Augenblicken eingetreten war, und über deren ziemlich unverhoffte
Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien. Sie hatte ihr ziemlich
mürrisch einen Platz angeboten und rührte nun langsam ihren Kaffee herum,
während sie sagte: »Nun sprech' Sie, Katarine, was führt Sie eigentlich daher?
Wenn ich Ihr helfen kann, so wollen wir sehen, was sich machen lässt. Aber in der
Angelegenheit ist nicht viel zu tun.«
    Die Nähterin war offenbar zu sehr aufgeregt, um augenblicklich mit
vollkommener Ruhe antworten zu können. Sie versuchte es, einen tiefen Atemzug
zu tun, wobei ihre Nasenflügel leicht erzitterten und die Röte auf den Wangen
noch mehr hervortrat.
    »Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen,« sprach sie nach einer Pause.
»Wenn man im Tagelohn arbeitet, so muss man so wenig Zeit als möglich verlieren.
- Ich wäre gerne schon gestern Abend gekommen - aber ich weiss, dass Sie nach acht
Uhr nicht gestört sein wollen, und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch
zu früh.«
    »Sie hätte ja die Agnes schicken können,« warf Madame Becker leicht hin,
»Ihre jüngere Schwester.«
    Ein eigentümliches Lächeln überflog die bleichen Züge der Anderen, während
sie hastig erwiderte: »Nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewiss nicht, gar
keine Zeit. - - Aber ich bin so unruhig, dass ich eigentlich gar nicht sprechen
kann.« Damit wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tänzerin und
sah darauf die Frau an, als ob sie fragen wollte, ob sie vor dem jungen Mädchen
sprechen dürfe.
    Madame Becker nickte mit dem Kopfe und versetzte halblaut: »Nur ungenirt, es
kann nichts schaden, wenn sie weiss, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann
ich mir schon denken, was Sie von mir will, Katarine.«
    »Nicht wahr, das können Sie sich denken?« entgegnete hastig die Nähterin,
und ihr Auge flammte heftiger. »O, das können Sie sich gewiss denken; aber ich
habe keine Ruhe mehr. Sie wissen, die Woche über kann ich nicht fort, nun war
ich aber schon zwei Sonntage draussen bei der Frau, und jedesmal war sie nicht zu
Hause, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das ist hart für mich!«
    Madame Becker zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln. »Das ist
zufällig,« sagte sie; »Sie will doch nicht verlangen, Katarine, dass die Frau
Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gänge zu machen.«
    »Aber es ist hart für mich,« entgegnete die Andere, während sie die Hände
faltete. »Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein?
Was hält mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr? - Nichts,
nichts, als das kleine Kind; das ist meine Freude, mein Glück, das ist die Feier
meines Sonntags, sein liebes Gesichtchen zu sehen, es tausend und tausendmal zu
küssen, seine Haare, seine Stirne, seine Augen, seine Aermchen und Hände. - Ach!
und es kannte mich recht gut! - Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht; -
und das blaue Wollenkleidchen war so hübsch! - - Und nun habe ich es seit
vierzehn Tagen nicht gesehen!« -
    Die arme Person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen; dabei
blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor sich anzusehen, schien sie weit, weit
in die Ferne zu blicken, als sähe sie dort das Lächeln ihres Kindes, als drücke
sie ihm die Küsse aus, wie sie eben beschrieben.
    Madame Becker zuckte die Achseln, trank ihre Kaffeetasse leer, dann sagte
sie: »Katarine, Sie ist immer noch so lebhaft und stürmisch wie früher, immer
oben hinaus, nie eine ruhige Ueberlegung.«
    »Nein, ich bin nicht mehr wie früher,« entgegnete schmerzlich die Nähterin:
»ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens draussen
war und ruhig heim ging, ohne mein Kind gesehen zu haben, da man mir sagte, die
Frau käme wahrscheinlich nicht vor später Nacht nach Hause. - - Das hätte ich
freilich früher nicht getan,« fuhr sie lebhafter fort, während sie ihre Augen
weit öffnete. - »Früher wäre ich auf der Treppe sitzen geblieben, die ganze
Nacht und den andern Tag, und so viel Nächte und so viel Tage, bis sie mit
meinem Kinde nach Hause gekommen wäre. - Aber es tut sich nimmer mehr,« fuhr
sie zusammensinkend fort; »wenn auch der Wille da ist, die Kraft fehlt.«
    »Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen,« versetzte Madame Becker nach
einer längeren Pause, während welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal
freundlich zu lächeln versuchte, doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und
der unheimliche Blick ihres Auges drang überwiegend vor. »Jetzt habe ich Sie
also ruhig ausreden lassen; jetzt sag' Sie mir, was will Sie eigentlich; soll
ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde sehen, oder was mutet Sie mir
sonst zu?«
    Die Tänzerin am Fenster, die beschäftigt war, ein paar fleischfarbene Schuhe
mit neuem Bund zu versehen, hatte die Hände mit dieser Arbeit in den Schoss
sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nähterin. Ja, sie erhob sich
langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung, scheinbar, um auf die Strasse
hinaus zu sehen, in Wahrheit aber, um besser zu hören, was Jene sprächen.
    Die Nähterin hatte ihre beiden weissen Hände auf den Tisch gelegt und beugte
sich so weit wie möglich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau hin, die sie fest
anschaute und mit ihrem Blick zu bannen schien.
    »Sie wissen, Frau Becker,« sagte sie alsdann mit leiser aber eindringlicher
Stimme, »was damals mit ihm ausgemacht wurde. - Sie haben das ja selbst besorgt.
- Als er mich verlassen, habe ich jede Hülfe von ihm zurückgestossen, jede
Unterstützung für mich und mein Kind; - das wissen Sie ganz genau, - denn ich
wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus seiner Hand kam. -
O, ich habe das lange geahnt! Er sollte also gehen, wohin er wollte, und machen
was ihm beliebte, aber dafür musste er mir mein Kind lassen, - mein Kind, für das
zu arbeiten mir eine wahre Lust ist. - O ein Vergnügen, Frau Becker; denn wenn
ich Abends müd' und matt nach Hause komme und küsse die Locken, die ich von ihm
habe, so bin ich wahrhaft frisch und munter und schlafe ohne viel Beschwerden,
weil es mir dann im Traume erscheint und sich an meine Brust drückt, an meine
Brust, die mich oft so seht schmerzt! -«
    Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld.
    »Ich komme schon zu Ende,« fuhr die Andere fort, nachdem sie tief Atem
geholt und einen Augenblick geschwiegen. »Aber wissen Sie, Frau Becker,« sagte
sie matt lächelnd, »Sie müssen mir schon verzeihen, wenn ich das Kind so oft
erwähne, ich habe ja Anderes nichts zu denken. - Nun, also! Er schien sich auch,
Gott sei Dank! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekümmern, ich erfuhr
überhaupt nichts mehr von ihm, bis vor drei oder vier Wochen, da sagte mir die
Babett, die mit mir zusammen nähte: weisst du auch schon, dass er heiraten will?
- Es ist mir gleichgültig, entgegnete ich; habe ich doch mein Kind. - Ja, aber
das Kind möchten sie gern haben. - Wer? rief ich erschrocken. - Nun, sie, seine
Familie; sei doch nicht so dumm, das kannst du dir ja denken, es kann ihnen doch
wahrhaftig nicht gleichgültig sein, dass ein Kind von ihm und dir lebt und
gedeiht.«
    »Das dumme Schwatzmaul!« murmelte die Frau in sich hinein.
    »Bei den Worten,« fuhr die arme Person fort, indem sie sich über die Stirne
wischte, »brach mir der kalte Angstschweiss aus, - wie jetzt, und ich wäre gleich
zu der Frau hinaus gerannt, aber es war mir unmöglich. Auch war es Freitag, und
den Sonntag darauf ging ich ja hin, das war, wie ich Ihnen vorhin sagte: sie war
ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen. - Wie mich das bestürzt machte, Sie
können es sich gar nicht denken, Frau Becker. Ich konnte mich nur etwas wieder
trösten, als ich das kleine Bettchen sah und seine Alltagsschuhe, die daneben
standen. - - Nun, nehmen Sie mir's nicht übel, deshalb bin ich eigentlich hier,
Sie will ich ja nur fragen, auf's Gewissen fragen, wie es mit der Sache steht.
Sie kennen ja die Familie und haben vielleicht sogar mit ihm zu tun. Ob er sich
verheiratet, ist mir ja ganz gleichgültig, aber das Kind ist mein; von dem
Kinde darf er nichts mehr wollen. Nicht wahr, das sehen Sie auch ein? - Und er
hat ja kein Recht an das Kind, hat sich ja auch nie darum bekümmert, und ich
habe auf der weiten, weiten Welt nichts Anderes, was mich an dies Leben
festält!«
    Madame Becker hatte sich bei dieser längeren Rede eine neue Tasse Kaffee
zurecht gemacht und besorgte dies Geschäft absichtlich sehr langsam,
wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen, ihre Antwort zu überlegen. Sie musste von der
Sache wissen, denn während die arme Person ihr gegenüber sprach, räusperte sie
sich ein Paarmal nicht ohne Verlegenheit, schaute auch wohl gegen die Strasse
hinaus und nach ihrer Nichte, der Tänzerin, hin, die sich aber so fest in die
Fensternische hinein gedrückt hatte, dass die Frau nicht wusste, ob das Mädchen da
sei oder ob sie in's Nebenzimmer gegangen.
    »Sieht Sie, Katarine,« sprach sie endlich sehr langsam, um ihre Worte
überlegen zu können, »was ich vorhin sagte ist wahr. Sie handelt immer
vorschnell und oben hinaus und denkt immer das Schlimmste von den Männern. Das
muss man nicht tun. Am Ende freilich ist was Unangenehmes passirt; wer kann für
so ein kleines Kind einstehen?«
    »Nicht wahr? - nicht wahr? - o mein Gott!«
    »Ja, ich sage, es sei möglich, ohne dass ich das weiss. Dass die Frau Bilz
zweimal nach einander nicht zu Haus war, hätte an sich nicht viel zu bedeuten;
das kann vorkommen. Aber neulich ist sie mir begegnet und hat den Kopf
geschüttelt, als ich nach dem Kinde fragte, - ich frage immer darnach,
Katarine, - da sagte sie: ja, es ist recht kränklich, und selbst bei der
sorgfältigsten Pflege weiss man doch nicht, was mit dem armen Wurm geschieht.«
    »Aber mein Kind war nicht kränklich,« sagte ängstlich die Nähterin,
»wenigstens noch nicht vor vierzehn Tagen; da fand ich es frisch und gesund.«
    »Na! frisch und gesund wollen wir gerade nicht behaupten,« entgegnete die
Frau, nachdem sie aus einer kleinen Dose verstohlen eine Prise genommen; »einen
Treff hat das Kind leider schon bei der Geburt gehabt. Denkt nur an den Jammer,
mit dem Ihr es getragen.«
    »Ja, ich habe damals unendlich viel Jammer ausgestanden.«
    »Und das feste Schnüren in der ersten. Zeit! Ihr hattet damals eine
reputirliche Kundschaft, Katarine, lauter feine, solide Häuser, und da lässt man
so was nicht gern merken. Aber die armen Würmer leiden darunter.«
    Die Nähterin schüttelte ungläubig den Kopf und sah gedankenvoll vor sich
hin. »Nein, nein!« sagte sie nach einer Pause, »dem Kinde hat nichts gefehlt,
das hat mich der Arzt versichert. Ich habe ihn ja fast auf den Knieen gebeten,
mir die Wahrheit zu sagen.«
    »So glaubt, was Ihr wollt,« versetzte Madame Becker scheinbar ereifert; »mir
kann es ja recht sein. Aber wie ich Euch schon sagte, die Frau Bilz machte über
den Zustand des Kindes so ein bedenkliches Gesicht, dass ich schon im Begriffe
war, Euch aufzusuchen; doch wusste ich nicht, wo Ihr den Tag über seid und Abends
habe ich keine Zeit.«
    »Dann hätte die Frau aber zu mir kommen sollen, das wäre doch nicht mehr als
recht und billig gewesen.«
    »Ja, ja, sie hätte es gekonnt, aber sie hat auch viel zu tun. Nun, hoffen
wir das Beste!«
    »Was kann ich machen!« seufzte die Nähterin betrübt, indem sie die Hände
faltete. »Und wenn das Kind krank würde und stürbe - du lieber Gott im Himmel!
das war' auch mein Ende; aber ich müsste es über mich ergehen lassen. - Das
Andere aber, Frau Becker,« fuhr sie heftiger fort, indem sie ihre rechte Hand
drohend erhob, »das Andere aber liesse ich nicht ruhig geschehen, so schwach ich
bin, das können Sie mir glauben. - Aber nicht wahr, ich habe nichts zu
befürchten, sie wollen mir das Kind nicht nehmen?«
    »Ei! wo denkt Ihr hin? Es fällt gewiss Niemand ein, das zu tun,« antwortete
die Frau und wandte ihren Kopf der Türe zu, wo sich ein leises Klopfen
vernehmen liess.
    »Wenn Sie nur das denken, so beruhigt es mich,« erwiderte Katarine; »und
nur um ein wenig Trost zu haben, kam ich hieher. Ich habe einen halben Tag
Arbeit versäumen müssen,« fuhr sie schmerzlich lächelnd fort, »und das fällt mir
schwer. - Aber nicht wahr, Frau Becker, noch einmal, es geschieht mir gewiss
nichts Schlimmes?«
    Es klopfte zum zweiten Male an die Türe.
    »Was soll ich wissen?« meinte Frau Becker, die ungeduldig den Kopf herum
wandte und dann ihrer Nichte rief und ihr auftrug, sie solle nachsehen, wer an
der Türe sei.
    Die Nähterin erhob sich langsam, wobei sie ihre eine Hand auf den Tisch
stützte und leise hustete.
 
                             Siebenzehntes Kapitel.
                               Falsches Zeugnis.
Die Tänzerin ging nach der Tür, öffnete sie geräuschlos und sprach einige Worte
mit Jemand, der draussen stand und liess alsdann eine ältliche Bauersfrau in's
Zimmer treten, die ziemlich verlegen an der Türe stehen blieb und die ihre
Blicke fragend nach der Madame Becker richtete, welche ebenfalls aufgestanden
war und etwas erschrocken auf die Eingetretene sah. Katarine wandte gleichfalls
ihren Kopf herum und stiess einen lauten Schrei aus, worauf Madame Becker
ungeduldig mit dem Fuss stampfte und einen leisen Fluch zwischen den Zähnen
murmelte.
    »Da ist die Frau!« sagte das Mädchen, indem sie ihre Augen weit aufriss und
die Blässe ihres Gesichts wahrhaft gespenstig wurde. - »Da ist die Frau! - Jetzt
werde ich doch etwas erfahren über mein Kind!«
    Die Bauersfrau kam ziemlich unbehülflich näher, streckte ihre beiden Hände
aus und verwandte kein Auge von dem Gesicht der Madame Becker; tat sie das nun,
um sich an den Mienen derselben Rats zu erholen, oder scheute sie sich
vielleicht, die unglückliche Mutter des Kindes anzusehen.
    »Nun?« rief ihr Madame Becker ziemlich eifrig entgegen. - »Was will Sie
eigentlich? - Zu mir? - Gewiss zu Katarine. - Da steht sie. Sag' Sie, was Sie
weiss. - Ist vielleicht ein Unglück geschehen?«
    Die Bauersfrau zog ihre Achseln entsetzlich in die Höhe, wobei sie mit
einiger Anstrengung nach dem Himmel hinauf zu schielen versuchte, es aber nur zu
einem hässlichen, verdrehten Blick brachte.
    Madame Becker zuckte hierauf ebenfalls mit den Achseln und warf einen
mitleidig sein sollenden Blick auf die Nähterin, die da stand, ein Bild des
Jammers, mit bleichen Wangen, auf denen jetzt allmählig kleine rote Punkte
sichtbar wurden, - die schon erwähnten Kirchhofsrosen, die nun bald in ihrer
ganzen schrecklichen Pracht auf dem stillen Gesichte wieder aufflammen sollten.
    »So ist dem Kind etwas passirt?« fragte Madame Becker nach einer langen und
schrecklichen Pause. »Was hat's da gegeben?« - -
    »Todt!« entgegnete die Bauersfrau, ohne dass sie es wagte dem flammenden
Blick der Mutter zu begegnen. - »Todt! - todt! - Das Kind ist todt!«- -
    In diesem Augenblicke trat die Tänzerin vor und legte ihre warme Hand sanft
aus die kalte Rechte Katarinens, schlang ihren Arm um sie und drückte sie in
tiefstem Mitgefühl fest an die Brust, die, sein leises Schluchzen unterdrückend,
sich hoch und gewaltsam hob und senkte.
    »Also todt!« sagte Madame Becker. »Und wie ist das gekommen?«
    »Wie kommt das bei so kleinen Kindern!« entgegnete die Bauersfrau, indem sie
den Kopf auf die rechte Seite senkte; »vorige Woche noch ziemlich gesund und
wohl, gestern Nacht mausetodt. - Hier ist der Schein, Alles in Ordnung
ausgestellt. - Ja, es ist traurig aber wahr.«
    Katarina blickte mit trockenen und heissen Augen wie in einem tiefen Traume
um sich her. Lange schaute sie die beiden Weiber vor sich an, bald die Eine,
bald die Andere, und keine konnte diesen Blick ertragen. Dann aber bog sie ihren
Kopf leicht zurück und streifte so die glühende Wange der Tänzerin; und es war,
als ob diese Berührung eines guten, mitfühlenden Wesens eine Beruhigung über
ihre Seele gebracht hätte, denn ein paar Sekunden nachher senkte sie ihren Kopf
auf ihre Brust und brach zwischen den Armen des jungen Mädchens zusammen, die
sie sanft auf einen Stuhl niedergleiten liess und dann neben ihr kniete, um ihr
Haupt zu unterstützen.
    Jetzt erst wagte die Bauersfrau das unglückliche junge Weib anzusehen; doch
tat sie es scheu und verlegen, machte auch gar keine Miene, der
Niedergesunkenen beizuspringen, sondern sagte zu Madame Becker: »Es ist
wahrhaftig ein Jammer; aber was kann man machen? Jetzt übersteht sie es auf
einmal und sonst wäre es doch für ihr Leben eine immerwährende Last und Plage
gewesen.«
    Die Angeredete hatte beide Arme auf den Tisch gestützt und blickte in das
bleiche Gesicht der Ohnmächtigen. »Ob es besser ist,« sprach sie mit scharfem
unangenehmem Tone, »was geht es uns eigentlich an? Geschehen sollt' es und
geschehen ist es; und ich hoffe,« setzte sie leise hinzu, »dass Sie Alles gut
besorgt hat, Frau, denn es ist im Grunde eine kitzliche Geschichte, für welche
Sie den grössten Teil empfangen und für welche Sie auch mit Ihrer Haut einstehen
muss.«
    »Bst! bst!« entgegnete die Bauersfrau, indem sie ihre Augen einen Moment auf
die Tänzerin heftete und sich dann der Frau näherte, zu der sie sagte: »Kommt
doch da weg, wenn Ihr schwätzen wollt, geht mit in's Nebenzimmer! Ich habe Euch
noch allerlei mitzuteilen.«
    Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und liessen die Tänzerin
bei der Unglücklichen allein.
    Marie befand sich in grosser Gemütsbewegung; sie atmete schnell und heftig
und sandte den beiden Weibern einen forschenden Blick nach. Dann lehnte sie
sanft das Haupt Katarinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer, wo
sie vom: Bett ein Kissen, von der ärmlichen Toilette ein kleines Fläschchen mit
kölnischem Wasser nahm. Das Kissen schob sie unter den Kopf der noch immer
bewusstlos Daliegenden, drückte diesen sanft hinein und goss dann einige Tropfen
des wohlriechenden Wassers auf ihr Tuch, worauf sie Schläfe und Stirn des armen
Mädchens leicht damit rieb.
    Das Alles tat sie mit einer seltsamen Hast und warf dabei verstohlen die
Blicke auf die Türe des Nebenzimmers, welche Madame Becker nicht fest hinter
sich zugezogen hatte. Nachdem sie darauf wieder ein paar Sekunden lang
aufmerksam in das bleiche Gesicht der Kranken geblickt, erhob sie sich rasch,
als sie sah, wie sich deren Lippen langsam öffneten und ein leichter Seufzer aus
der Brust emporstieg. Darauf öffnete Katarine matt ihre Augen und sah die
Tänzerin mit einem dankbaren Blicke an.
    Maria lächelte ihr zu, zeigte mit der linken Hand auf 's Nebenzimmer und
legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund, als wollte sie
sagen: Stille! sprich kein Wort; mach' kein Geräusch!
    Katarine schien das vollkommen zu verstehen und auch wohl zu begreifen, dass
dort im Nebenzimmer etwas verhandelt würde, was für sie von grossem Interesse
sei, denn sie schloss ihre Augen und öffnete sie wieder zur Beistimmung, fasste
die Lehne des Stuhls mit ihren Händen und folgte dann mit den Augen der
Tänzerin, welche sich geräuschlos und geschmeidig wie eine Schlange um den Tisch
herum wandte, an die etwas geöffnete Türe des Nebenzimmers gelangte, ohne dass
man nur einen Fusstritt gehört hätte. Dort blieb sie einige Minuten lauschend
stehen und kehrte dann ebenso vorsichtig und leise zu Katarine zurück, kniete
vor sie nieder, legte abermals den Finger auf den Mund und drückte darauf ihre
beiden Hände fest auf die der armen Person, wobei sie ihr bedeutungsvoll in die
Augen sah.
    »Sprich kein Wort!« flüsterte sie, »ja, wenn die Beiden heraus kommen, so
schliesse deine Augen wieder. Kannst du es ertragen, wenn ich dir was sage, das
nicht so schlimm ist, als was du eben gehört?«
    Katarina nickte mit dem Kopfe.
    »Lange nicht so schlimm, aber auch nicht angenehm. - Sei ruhig - im Grunde
doch angenehm. Aber du musst nicht aufschreien!«
    Katarine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen.
    »Bst!« fuhr die Tänzerin fort, indem sie einen ängstlichen Blick nach der
Türe warf; »es ist wahr, was du vorhin sagtest: er wird sich verheiraten.«
    Katarine seufzte.
    »Und das Kind -« fuhr Marie leise fort; -
    »Nun, das Kind? - - Das Kind -?«
    »Es ist nicht todt,« hauchte das Mädchen kaum vernehmlich. - »Es lebt, aber
sie haben es fortgebracht.«
    
    - »Mir gestohlen -!«
    »Wohin sie es gebracht haben, weiss ich nicht, aber ich erfahre es; sei ganz
ruhig. Wir haben auch unsere Freunde!«
    »Sie haben es fortgebracht! O, ich kann mir denken, um es zu verderben - das
arme kleine Kind! Glaubst du nicht auch, Marie?«
    Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem Kopfe.
    »Sie hätten es geschwind umgebracht, aber sie fürchteten sich. O, ich kann
mir denken, wohin sie es gebracht haben. Zu so einem schrecklichen Weib, da
wollte er damals schon, ich sollt' es hintun. Gott! mein Gott! Da brauchen sie
es nicht auf einmal umzubringen, da geht es langsam zu Grunde, da stirbt es
stündlich - täglich - an - Hunger - Kälte - - Elend! -«
    Bei diesen letzten Worten sank das arme Geschöpf abermals in die Kissen
zurück, ihre Augen schlössen sich und fielen tief ein, und zwischen den bleichen
Lippen zeigte sich ein einziger Blutstropfen.
    »Sie stirbt!« rief die Tänzerin. »Sie stirbt!« schrie sie laut hinaus.
    Und auf diesen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus
und traten an den Sessel.
    »Die arme Kreatur!« sagte Madame Becker und stellte ihre Schnupftabaksdose
auf den Tisch, um eine der kalten Hände Katarinens zu ergreisen, die jetzt
schlaff herunter hingen. Der Pulsschlag zitterte nur noch in den Adern und
schien nächstens ganz erlöschen zu wollen.
    Aber das menschliche Herz ist stark und leistet fast das Unmögliche im
Ertragen von Jammer und Elend.
    »Wenn sie sterben würde,« sprach die Bauersfrau, »es war' das wahrhaftig
kein Unglück für sie. Was soll die auch ein wenig länger auf der Welt? Wenn sie
heute nicht erliegt, treibt sie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr.«
    Unterdessen hatte sich die Tänzerin über die Ohnmächtige hingebeugt und ihre
frischen Lippen berührten fast den bleichen Mund der Anderen, während eine
schwere Träne um die andere aus ihren Augen herabrann.
    »Seid doch stille!« bat sie nach einer Pause. »Sprecht nicht so laut, man
sagt, so Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören, was man neben ihnen spricht.
Seht, sie ist gewiss nicht todt, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an sich
zu bewegen.«
    »Ich habe genug von vorhin,« sagte die Bauersfrau, »und habe nicht Lust,
noch einmal dieselbe Geschichte zu hören. Wenn sie wirklich wieder aufwacht, so
gebt ihr den Todtenschein, er ist ächt und richtig.« - Sie warf Madame Becker
einen bedeutsamen Blick zu. - »Auch kann sie die Bettchen und Kleider holen,
wenn sie will.«
    »Ich werde es ihr sagen,« entgegnete Madame Becker mit einem scheinheiligen
Ausdruck im Gesicht; »und was die Begräbnisskosten anbelangt, so kann Sie sich an
mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern so einer armen Kreatur ihren
Kummer lindern.«
    »Sind nicht gross, die Kosten,« versetzte kopfschüttelnd die Bauersfrau;
»meine Schwester hat's heute Früh besorgt in ihrem Dorfe. Es war das ein kleines
Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt schon der Schnee darauf; das wird ihr ein Trost
sein, - denn wenn sie's nächstes Frühjahr aufsuchen kann,« setzte sie mit
bedeutsamem Achselzucken hinzu, »so ist ihr Jammer auch schwächer geworden. -
Adieu, Jungfer Marie!«
    Die Tänzerin nickte stumm mit dem Kopfe, ohne aufzublicken, denn sie war
beschäftigt, das Gesicht der Ohnmächtigen abermals zu waschen.
    Madame Becker steckte ihre Schnupftabaksdose in die Tasche, nahm ein warmes
Tuch vom Nagel, das sie umhing, und schickte sich an, mit der Bauersfrau das
Zimmer zu verlassen. An der Türe warf sie noch einen scheuen Blick auf die
Kranke. - »Es kommt mir doch etwas grauselich vor,« sagte sie dann leise zu
ihrer Begleiterin. »Wenn ich mir das Mädchen so von hier aus betrachte, so meine
ich wahrhaftig, es sei todt und wir trügen davon die Schuld.«
    »Ach was!« entgegnete die Andere, »seid nur nicht so kleinmütig, so was
kommt schon im Leben vor. Todt ist sie auch nicht; seht, sie reisst ihre Augen
auf und schaut nach uns her.«
    »Ja, ja, Frau, Ihr habt Recht, sie blickt nach uns her, aber mit einem
schauerlichen Blick.«
    Damit zog sie die Andere zur Türe hinaus.
    Es brauchte wohl eine Viertelstunde Zeit, ehe sich Katarine so weit erholt,
dass sie die Tänzerin um die näheren Umstände befragen konnte.
    Marie sagte, was sie gehört:
    Das Kind war also nicht gestorben, aber man hatte ein anderes, das gestern
Nacht seinen Leiden erlegen, unterschoben und so wirklich einen Todtenschein
erhalten. Wohin sie das lebende Kind gebracht, hatte keines der Weiber gesagt,
wohl aber, dass es auf den Antrieb seiner Familie geschehen, die damit das letzte
Band zwischen ihm und seiner ehemaligen Geliebten zerreissen wollte.
    »Sei nur ruhig,« sagte die Tänzerin zu der Unglücklichen, deren Hände heftig
zitterten, »sei ruhig, wir wollen schon erfahren, wohin sie das Kind gebracht.«
    »Von deiner Tante glaubst du es zu erfahren?«
    »Nein! nein! die sagt mir nichts; ich habe schon meine Wege.«
    »Aber bald, Marie, nicht wahr? Bald, bald suchst du es zu erfahren, denn
glaube mir, wohin sie auch das Kind gebracht haben, es befindet sich an einem
Orte, wo es nicht lange leben kann; ich kenne solche Anstalten. - Du siehst mich
schaudernd an? - ja, Marie. Gott erhalte deine Unschuld; sie nennen das keinen
Mord, wenn so ein Kind langsam dahin siecht. - Es ist dann gestorben.« -
    Die Tänzerin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und finstere Gedanken
bewegten ihr Herz. Hatte sie in der Umgebung, wo sie sich befand, vielleicht
eine bessere Zukunft zu gewärtigen, als die Unglückliche, die vor ihr sass? Hatte
ihre Tante nicht schon Andeutungen genug fallen lassen über nutzlos
verschwendete Jugend und Zeit, über ein Kapital, das man nicht ruhig könne
liegen lassen und das seine Zinsen tragen müsse! - Grässlich! grässlich! - - Und
das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was sie
besass, sie aber stand in Gefahr, verkauft zu werden, wie die geringste Sklavin!
-
    »Wie dank' ich dir, Marie,« sagte die Nähterin, die sich allmählig wieder
erholt, »wie dank' ich dir für deine Güte, für deine Hülfe! Glaube mir, ich will
für dich beten und es wird dir keinen Unsegen bringen. - Für mich selbst wag'
ich es kaum; du bist so gut, so unschuldig, so frisch und gesund und kannst
einmal recht glücklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewiss lange
todt ist. Und wenn du, liebe, gute Marie,« fuhr sie leiser fort, indem sie ihre
beiden Arme um den Hals der Tänzerin schlang, »wenn du einmal einen braven Mann
hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein
Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt und du es an irgend einer
Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen.«
    Bei diesen Worten stürzte ein erleichternder Tränenstrom aus den Augen
Katarinens, und die beiden Mädchen hielten sich eine Zeit lang umschlungen und
weinten heftig; die Eine, indem sie mit trübem Blick an die Vergangenheit
dachte, die Andere, indem sie finster in die Zukunft schaute. -
    Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenster riss sie aus ihren
Träumereien empor.
    »Ist es denn schon so spät,« fragte die Tänzerin, »dass der Teaterwagen
drunten hält, mich abzuholen? Verzeih', Katarine, da muss ich mich eilen; ich
darf den Schwindelmann nicht warten lassen.«
    »Und ich will auch gehen,« sprach seufzend die Andere, indem sie sich
schwankend erhob. »Aber nicht wahr, Marie, ich sehe dich morgen oder sobald du
etwas weisst?«
    »Gewiss, Katarine, gewiss!« antwortete die Tänzerin, während sie ihren grossen
Korb auf den Tisch stellte, noch einmal flüchtig die Gegenstände darin übersah
und die Tanzschuhe, an denen sie vorhin gearbeitet, dazu legte. »Ich werde heute
Abend noch mit Einigen darüber sprechen. O, die Mädchen bei uns wissen recht gut
Bescheid und Manche kennen die ganze Stadt.«
    »Und du kommst dann zu mir Abends nach acht Uhr? - Mit welcher Ungeduld will
ich dich erwarten!«
    »Verlass dich auf mich; ich tu', was ich kann.«
    Damit band die Tänzerin ein Tuch um ihren Kopf, wickelte sich in einen alten
verblichenen Shawl, noch ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, nahm den grossen
Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katarinen sorgfältig
nach der Türe, die sie abschloss und den Schlüssel im Ofenloch versteckte.
    Es ging etwas langsam die Treppe hinunter und Schwindelmann, der unten an
der Türe stand, trippelte ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Drei bis
vier Colleginnen streckten ihre Gesichter aus dem Wagenfenster hervor und
blickten neugierig auf das bleiche Mädchen, das mit einem Händedruck und
bittenden Blick sich von Marie verabschiedete und nun langsam an den Häusern
dahin schlich.
    »Der Teufel auch!« sagte Schwindelmann, »Mamsell Marie, Sie lassen uns lange
warten. Das sind wir bei Ihnen nicht gewöhnt.«
    »Es tut mir leid,« entgegnete die Tänzerin, »und ist wahrhaftig nicht meine
Schuld.«
    »Wer ist denn das?« fragte Schwindelmann, indem er auf Katarina zeigte, die
schon an den nächsten Häusern erschöpft stehen blieb.
    »Eine unglückliche Person, der es sehr schlecht ergangen,« erwiderte Mamsell
Marie.
    »Und wo wohnt sie?« fragte eine der Tänzerinnen aus dem Wagen.
    »In der Schlossergasse.«
    »Dahin fahren wir gerade auch,« sagte nachdenkend Schwindelmann. Und als ihn
ein bittender Blick des jungen Mädchens traf, rief er in den Wagen hinein: »Was
meint ihr da drinnen, haben wir bis zur Schlossergasse noch Platz für eine arme
kranke Person, die sonst vielleicht im Schnee stecken bleibt? - Es hat nicht
Jedermann einen Wagen, wie ihr Prinzessinnen, und was man seinem Nächsten tut,
das wird Einem im Himmel gut geschrieben.«
    »Gott! der Schwindelmann wird fromm!« lachte eine lustige Stimme aus dem
Wagen. »Mir ist es gleichviel.«
    »Mir auch!« riefen ein paar Andere.
    Und darauf sprang Mamsell Marie in den Wagen, der Schlag blieb offen.
Andreas fuhr fort und Schwindelmann trabte neben der Equipage her, bis zur armen
Katarine, die zu ihrer grossen Verwunderung solchergestalt auf die angenehmste
und bequemste Art nach ihrer Wohnung in der Schlossergasse befördert wurde.
    Schwindelmann aber wurde seit jenem Abend von den Tänzerinnen zum
Hofteater-Samariter ernannt.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                          Hinter der achten Coulisse.
Wenn auch schon in Schrift und Zeichnung so tausenderlei mitgeteilt worden ist
von dem Leben und Treiben hinter den Coulissen, so war das insofern recht
oberflächlich, als es nur jenen Teil derselben behandelte, welcher, ziemlich
hell vom Lampenlicht beschienen, dicht an der Bühne liegt. In die weiter
zurückgezogenen Räume, namentlich in die Tiefen des Teaters hinter dem letzten
Vorhang, sowie in die dunkeln Nischen zwischen Einschlag-, Donner- und
Regen-Apparat, oder jenem stillen Raume, wo die Seile der verschiedenen
Glockengeläute hängen, drangen wenig neugierige Blicke Uneingeweihter; von all'
diesen dunkeln Orten wurde noch wenig Interessantes und Wahres berichtet, und
diese sind doch, wie alle Räume im Himmel und auf Erden, mit Wesen, und zwar mit
geschäftigen und sehr wichtigen Wesen bevölkert.
    Hier haust nämlich seit unvordenklichen Zeiten und sobald die Dekoration
eines jedesmaligen Actes steht, das Geschlecht der Maschinisten und Zimmerleute,
der Feuerwächter und der Aushelfer. Der Glanz und der Lärm der Bühne ist ihnen
verhasst, sie suchen gern ein stilles Plätzchen, wo sie ruhig zusammen plaudern
oder auch einzeln über so Manches nachdenken können. Das sind meistens keine
ganz gewöhnlichen Menschen, und Viele von ihnen haben schon verschiedene
Carrièren versucht, ehe sie endlich hier als die unsichtbaren Lenker der Pracht
und Herrlichkeit des Teaters hängen geblieben sind. Den ganzen Tag hier in
einem ewigen Halbdunkel beschäftigt, haben sie sich allmählig daran gewöhnt und
lieben die stillen Räume mit ihrem sanften, zweifelhaften Lichte mehr wie den
Glanz der Sonne. Ja, wenn sie Mittags nach Hause gehen, so drücken sie ihre
Mützen tief in's Gesicht und scheinen ordentlich scheu auf der Strasse dahin zu
flattern, wie aufgestörte Nachtvögel. Unlieb ist ihnen bei der Arbeit der
neugierige, scharf blitzende Sonnenstrahl, der zuweilen bei einer Tagesprobe
durch eine Öffnung aus die finstere Bühne zuckt und mit einen langen, schmalen
Streifen so reines Gold, so glühendes Licht zwischen die schwarzen Schatten
hinein wirft, dass die gemalten Blumen erbleichen und das abendlich noch so
frische Grün grau und moderig aussieht.
    Sie, diese armen Arbeiter, den ganzen Tag in der Finsternis umhertappend,
lieben überhaupt den Sommer und den Sonnenschein wenig, wenn letzterer draussen
über Berg und Tal scheint und alle Menschen sich an seinem Strahle erfreuen,
sich an der frischen Luft erlaben, welche die duftenden Blumen und Bäume
aushauchen, während sie die knarrenden Seile auf und ab ziehen, bestaubte
Coulissen aufhängen und einen künstlichen Donner und Regen hervorbringen, der
nichts Erquickendes hat und nur Legionen von Motten und einige Fledermäuse
aufjagt.
    Der Winter ist ihnen lieber; da sind die anderen Menschen auch in's Haus
gebannt, und da sitzt es sich gar nicht unbehaglich an dem breiten eisernen Ofen
hinter der achten Coulisse, während draussen der Sturm heult oder der Regen auf
das Zinndach des Teaters niederprasselt.
    Ja, hinter der achten Coulisse ist ein recht heimliches Plätzchen, wie
gemacht zum Versammlungsort der Maschinisten und Zimmerleute. Gleich rechts
daneben ist die Flugmaschine, mit der es auf den Schnürboden hinauf geht und
links die eine Treppe, welche unter das Podium führt; die Zeichen zum Donner und
Regen hängen dicht daneben und zwei Sprachrohre münden hier ebenfalls, durch
welche man Befehle augenblicklich nach allen Teilen der Bühne hinschleudern
kann. Da stehen meistens Fauteuils und sonstige Sitzgelegenheiten, die in den
nächsten Akten gebraucht werden und worauf man es sich bequem macht.
    Auch in anderer Beziehung hat dieses Plätzchen so weit nach hinten seine
guten Eigenschaften. Das unangenehme Volk der Statisten in ihren seltsam
duftenden Anzügen treibt sich mehr vorn am Eingange herum und tritt hier Niemand
in den Weg und auf die Hühneraugen; den Künstlern ersten und zweiten Ranges ist
es da hinten natürlicher Weise viel zu dunkel und einsam und selbst das
leichtfüssige Corps de Ballet hüpft, wenn es ja einmal auf die andere Seite des
Teaters muss, mit einem grossen Sprunge bei der achten Coulisse vorbei, denn es
zieht da manchmal sehr stark, namentlich dringt gewöhnlich eine kalte Luft unten
aus dem Podium hervor.
    Die Dekoration des ersten Aktes steht und es ist eine jener angenehmen
Opern, in denen allaktlich die Scene stehen bleibt, wesshalb die meisten
Maschinisten und Zimmerleute nichts zu tun haben. Hinter der achten Coulisse
ist nun ein artiges Plauderstübchen eingerichtet und wer nicht gerade einen
bestimmten Posten auf der anderen Seite hat, der findet sich hier ein. Da ist
ein königlicher Tron, der nachher gebraucht wird und auf welchem der erste
Maschinist sitzt; doch hat er das Kissen von rotem Sammt herumgedreht und
begnügt sich mit dem ledernen Unterfutter.
    Dieser erste Maschinist war Herr Hammer, ein schon ältlicher Mann, der sehr
stark schnupfte, sehr gern erzählte und dazu beständig mit dem Kopfe nickte,
welches Nicken er vielfach mit dem Ausrufe: »Ja - a! ja - a!« begleitete, was er
wahrscheinlich tat, um seine Zuhörer zu versichern, seine Erzählung sei wahr
und nicht erfunden, welch' Ersteres von dem ganzen Teaterpersonal stark
bezweifelt wurde, denn der erste Maschinist war dafür bekannt, dass er etwas
heftig lüge, besonders wenn er auf die Feldzüge zu sprechen kam, die er
mitgemacht.
    Wir können hier eine andere Persönlichkeit nicht übergehen, die sich
ebenfalls oft hinter der achten Coulisse einfindet, aber dem Range nach
eigentlich später genannt werden müsste. Es ist dies der Schneidergehülfe Herr
Schellinger, eine kleine dürftige Gestalt mit stark gekrümmtem Rücken und etwas
zitternden Händen. Herr Schellinger war an die Sechszig, hatte Zeit seines
Lebens in jeder Beziehung stark gearbeitet und erfreute sich nun dafür ziemlich
dürftiger Umstände und einer mangelhaften Gesundheit. Er war ein denkender
Künstler gewesen, ein Mann von tiefer Phantasie, und da er auf dem
Schneidertische so viele freie Stunden hatte, in denen sein Geist unabhängig von
der Knechtschaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt, so reiste er
beständig, das heisst immer in Gedanken, und hatte dabei die Eigentümlichkeit,
dass er sich nach der Rückkehr von einer so weit ausgesponnenen Tour steif und
fest einbildete, er habe wirklich diese Reisen gemacht, und dass er die
wunderbarsten Dinge davon erzählte. - Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen
fertig war, so stahl er sich auf die Bühne und placirte sich meistens in die
Nähe des ersten Maschinisten, von dem er komischer Weise behauptete, es sei auf
der ganzen Welt Niemand, der so lügen könne wie der Herr Hammer. Desshalb passte
er auch jedem Worte desselben auf und suchte ihm augenblicklich nachzuweisen, wo
er blau färbe.
    Auf der linken Seite des Tronsessels befand sich ein schwarzer Sarg, der
aus der letzten Scene von Romeo und Julie, die gestern Abend auf der Bühne
geliebt und gelitten, stehen geblieben war. Auf dem Kopfende desselben sass der
Garderobegehülfe, die Hände über den Knieen gefaltet, den Kopf etwas nach der
linken Seite geneigt, um besser hören zu können. Neben ihm befanden sich ein
paar Zimmerleute: rechts vom Trone stand eine Gestalt, die des näheren
Betrachtens wert ist.
    Es war dies ein kleines zartes Männchen in einem abgeschabten schwarzen
Frack, mit einem klugen Gesichte, auf welchem das Alter und vielleicht auch ein
lustiges Leben tiefe Furchen gezogen hatten. Aus dem schwarzen Halstuch ragte
ein ziemlich hoher Hemdkragen hervor, aschfarben wie der Teint dieses Mannes,
welchem nur ein paar scharfe dunkelblaue Augen etwas Lebhaftes verliehen; den
Scheitel bedeckte eine kleine fuchsige Perrücke, die aber nirgendwo mehr
festliegen wollte und rings herum struppig und drohend in die Höhe stand. Das
Merkwürdigste an diesem Manne aber war unbedingt eine ziemlich grosse
Wasserspritze, die er geladen und aufgezogen an seinem linken Arm trug. Dies war
Herr Wander, ein Mann, der seltsame Schicksale gehabt. Von guter, vermöglicher
Familie, hätte er in seiner Jugend ein unabhängiges Leben führen können, wenn
ihn nicht eine unüberwindliche Leidenschaft zum Teaterleben an den
Tespiskarren gespannt hätte, wo er übrigens mehr zum eigenen Vergnügen als zur
wirklichen Hülfe mit lief. Das ging Alles so lange gut, als Jugend und Geld
ausreichte; dann aber wollte sich kein Teaterdirektor mehr mit dem Herrn Wander
einlassen, er durfte die geliebten Bretter nicht ferner betreten, und da es ihm
denn doch einmal unmöglich war, von dem für ihn so anziehenden Leben und Treiben
zu lassen, so half er aus, wo man gerade seiner kleinen Dienste bedurfte. So
diente er nach und nach als Inspicient, Requisiteur, Souffleur, ja er frisirte
sogar eine Zeit lang in der Herrengarderobe, und als das Alles nicht mehr ging
und ihn Niemand mehr haben wollte, so kehrte er in seine Heimat, die Residenz,
zurück, wo er das doppelte Glück hatte, eine kleine Erbschaft zu machen, sowie
von dem Intendanten die gnädigste Erlaubnis zu erhalten, bei grossen
Vorstellungen als überzähliger Spritzenmann aushelfen zu dürfen.
    Der Spritzenmann, geneigter Leser, ist eine Person, welche mit dem sehr
grossen Exemplare eines Instrumentes, das dir unter einem unaussprechlichen Namen
bekannt ist, hinter den Coulissen auf und ab wandelt und sorgsam an Lampen und
Decorationen umher späht, um zuzuspritzen, wo sich ein verdächtiger Funke zeigt.
    Vor dem Tronsessel auf einer künstlichen Rasenbank sass Herr Schwindelmann,
der jetzt ebenfalls, sobald sich sämmtliche Künstler und Künstlerinnen im
Teater befanden, nur am Ende eines jeden Aktes zu tun hatte, denn seine
Nebenbeschäftigung war alsdann, den grossen Portalvorhang herab zu lassen.
    An der Coulisse Numero acht, die sehr weit hineingeschoben war, lehnte der
Sohn des Herrn Hammer, ein junger Mensch von einigen zwanzig Jahren, eine
schöne, kräftige Gestalt. Er war ebenfalls Maschinist und sprach gerade mit
einem Kameraden, der neben ihn auf einem hölzernen Blocke sass, und der dem
Äußern nach den vollkommensten Gegensatz zu ihm bildete. War der junge Hammer
mit seiner breiten und muskulösen Gestalt, mit dem frischen gutmütigen Gesichte
ein Bild der Gesundheit und des Lebens, so war der Andere ein leibhaftiges
Conterfei der Krankheit, ja des Todes. Er sass mit gefalteten Händen, an den Fuss
und wenn er so schwer und tief atmete, so bemerkte man auf dem Rücken durch das
dünne Röckchen hindurch, womit er bedeckt war, wie die Schulterblätter zitternd
auf und ab gingen. Sein Gesicht war eingefallen, und er schien, in tiefes
Nachdenken versunken, auf die schwarze, schauerliche Bank zu stieren, auf
welcher Herr Schellinger sass.
    »Ja - a, ja - a,« sagte der erste Maschinist, mit dem Kopfe nickend, indem
er sich an den kranken Mann wandte, »nur nicht den Mut verloren, Albert. Dann
kann und wird Alles gut gehen. Wenn einmal der Winter vorbei ist, mit seinem
ewigen Schnee und Frost - wenn der Frühling kommt -«
    »Und wenn er reisen könnte,« meinte der Garderobegehülfe mit näselnder
Stimme und aufgehobenem Zeigefinger. »Wenn er reisen könnte, da links herüber
nach Italien, wo die meisten Leute über hundert Jahre alt werden. - Als ich
damals dort war -«
    »Wir wissen die Geschichte schon, ja - a, ja - a,« unterbrach ihn Herr
Hammer. »Als Ihr in Italien waret und ebenfalls krank, und als sie Euch mit dem
bewussten Mückenfett kurirt.«
    »Nein, es war Schlangenhaut,« entgegnete ruhig der Schneider, »von der
grossen Schlange, die sich am Baume aufhängt und dann selbst ihren Balg
abstreift. Ich habe ein Stück davon mitgebracht. - Wollt ihr es sehen? - -«
    »Später! später!« sprach ungeduldig Herr Hammer, und fuhr dann zu dem
Anderen gewendet fort: »Wie ich Euch sagte, Albert, lasst Euch nur zuweilen vor
den Regisseuren und dem Obermaschinisten sehen. Fasst nur hie und da ein Tau an
und tut, als wenn Ihr was schaftet. Haltet Euch dabei immer nur an meinen Sohn
Richard, der reisst Euch schon durch. Und im Grunde ist es ja ganz einerlei, man
tut damit der Teaterkasse keinen Abbruch, denn Richard arbeitet für zwei.«
    »Ich bin ihnen sehr dankbar dafür,« erwiderte der Kranke, »denn wie sollte
ich existiren, wenn man mich als untauglich entliesse! Da wäre mein letztes Brod
gebacken und ich müsste gerade Hungers sterben. Sie haben überhaupt schon so viel
an mir getan, dass ich gar nicht weiss, wie ich es wieder gut machen soll. - Ach!
wer würde mich als Taglöhner nehmen!«
    »Ja, es ist eigentlich ein prekäres Geschäft, so von seiner Händearbeit im
Taglohn leben zu müssen,« sagte Herr Wander. »Ich habe das oft mit angesehen,
wenn man sechs Tage schafft, so hat man sechs Tage Lohn; aber nun kommt der
Sonntag, der doch zur Ruhe und zur Freude für Menschen und Vieh geschaffen ist,
und an dem ist nichts da zu beissen und zu nagen, wenn man nicht von den paar
Kreuzern der Wochentage sich etwas aufhebt. Das ist schlecht eingerichtet.«
    »Und wenn man erst krank wird,« versetzte Albert, indem er langsam den Kopf
erhob; »ich sage es noch einmal: wenn ich von euch keine Hülfe hätte, ich wäre
mit Weib und Kindern ein verlorner Mann!«
    »Dafür sollte dem, für den man schafft, auch die Verpflichtung obliegen,
Einen zu unterhalten, wenn man keine Hand mehr regen kann,« meinte der junge
Hammer.
    »Das wäre nicht so übel,« sagte nachdenkend der Schneider. »Und ich will dir
was sagen, Richard, das kannst du haben. Da musst du dich schwarz anstreichen
lassen und zu die Geschlafen gehen; da hast du's, wie es dein Herz begehrt: du
arbeitest da ziemlich hart, das ist wahr -«
    »Bah!« erwiderte der junge Zimmermann, »was das harte Arbeiten anbelangt,
davon kann unsereins auch erzählen. Ich will am Ende nicht einmal vom Teater
sprechen; aber man sollte einmal so ein Dutzend lumpige Neger, die sich in ihrem
Baumwollenfeld bei ihrem Schaffen und ein Bischen Prügel beklagen, man sollt'
die sein tuenden Hallunken auf einmal auf einen Zimmerplatz hinaus tun, so wo
es gilt, mit achtziger Balken zu arbeiten, namentlich im Späterbst, wenn ein
Dach aufzusetzen ist, und wo jeden Morgen das helle Glatteis auf den Balken
sitzt. Da hat man immer sein Todtenhemd an; und was die Prügel anbelangt, da
braucht man nur einen jähzornigen Obergesellen zu haben, der ein Lattenstück gut
anzugreifen versteht; da fliegen die Funken davon, das kann ich euch
versichern.«
    »Aber dafür seid Ihr ein freier Mann,« meinte Herr Wander, indem er seine
Spritze vorsichtig auf den Boden stellte, und eine Prise aus der dargebotenen
Dose des ersten Maschinisten nahm.
    »Ein freier Mann!« lachte der Andere. »Ja, Ihr versteht's! - Jetzt bin ich
frei, dachte auch der Esel eines Tages, an welchem er die Säcke abgeworfen, und
sagte das dem Wolf einen Augenblick vorher, ehe dieser ihn auffrass.«
    »Der Richard hat nicht ganz Unrecht,« sagte leise Herr Schellinger. »So ein
Geschlaf hat's gar nicht schlecht; ich möchte auch eins sein. So ein Kerl sitzt
in seiner Hütte, isst den ganzen Tag die teuersten Früchte, nährt sich von
Reissbrei und jungen Hühnern, und wenn er einmal nicht schaffen will, so gibt er
Bauchschmerzen vor und bleibt zu Hause.«
    »Das kannst du auch tun,« bemerkte Schwindelmann.
    »Ja, aber nicht unter den vorhin angegebenen Bedingungen,« entgegnete der
Schneider. »Wo bleibt dann der Reissbrei und die Früchte?«
    »Pfui, Schellinger!« sagte lachend Herr Wander, »du bist eine knechtisch
gesinnte Natur! Was nutzt dich das Bischen Essen und Trinken, wenn du dafür von
allem Erhabenen und Schönen, was die Freiheit bietet, nichts erreichen kannst?«
    »Was habe denn ich armer Schneider je Erhabenes und Schönes zu erreichen
gehabt?«
    »Wenn du ein Geschlaf bist,« entgegnete lachend Richard, »so kannst du dir
kein eigenes Vermögen erwerben, kein Haus besitzen.«
    »O, das wäre schade!« grinste der Schneider.
    »Ja - a, ja - a!« sprach der erste Maschinist, »und könnte niemals
Abgeordneter oder Stadtrat werden.«
    »Wozu ich als freier Mann freilich hier alle Aussicht habe,« meinte höhnisch
Herr Schellinger.
    »Aber Spass bei Seite!« warf der Schwindelmann dazwischen, indem er seinen
Nachbar verstohlen an die Seite stiess, »über das Geschlafenleben kann uns
Niemand besser aufklären wie der Schellinger. Nicht wahr, du bist ja da hinten
in Südamerika gewesen, und hast den Onkel Tom besucht?«
    »Es ist das schon lange her,« entgegnete kopfnickend und träumerisch der
Schneider; »ich glaube so an die zwanzig Jahre, aber ich erinnere mich seiner
noch recht gut. - Unter uns gesagt, der Onkel Tom« - damit schob er wichtig die
Unterlippe vor, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte mit dem Kopfe -
»der Onkel Tom, na! ihr versteht mich!«
    »War er ein etwas verwegener Bursche?« fragte Richard, indem er sich, um
besser zu hören, fester in die Coulissen hinein drückte.
    »Der Hafer hat ihn gestochen,« fuhr Herr Schellinger fort. »Er hatte es zu
gut; es war so ein Bischen Wühlerei dabei, was Demokratisches, wesshalb er auch
verkauft wurde. Und das Buch,« sagte er geheimnisvoll, indem er den Zeigefinger
erhob, »soll auch eigentlich keine Bibel gewesen sein, sondern eine
Verfassungsurkunde, die er für die Schwarzen entworfen. - Ich habe es in der
Hand gehabt.«
    »Aber das Verkaufen wirst du nicht rechtfertigen wollen? Denke dir, du hast
Weib und Kind, mit denen du schon lange Jahre lebst, nun will man dir deine Frau
verkaufen.«
    »Ja, das hätte er sich schon gefallen lassen,« sagte Herr Wander. »Nicht
wahr, Schellinger, darüber hättest du kein Buch geschrieben?«
    Der Schneider gab über diese schlechten Spässe keine Antwort, er blickte
nachdenkend an den Schnürboden hinauf und erwiderte dann: »Das Verkaufen ist
allerdings sehr hart. Aber als ich da hinten war, da hat mich so ein
amerikanischer Oberamtmann darüber aufgeklärt. Man muss das Ding nicht mit
unserem Massstab messen. Was Teufel! Wenn ich hier bei uns heirate und Kinder
bekomme, so hat kein Mensch ein Wort darein zu sprechen; Frau und Kinder sind
mein, das weiss ich, denn ich lebe in einem Lande, wo man mir alles Andere, nur
nicht die Familie verkaufen kann.«
    »Wenigstens nicht öffentlich,« sagte Richard finster.
    
    »Nun also,« fuhr der Schneider fort, »ich versichere euch, als ich damals da
hinten war - ich kam gerade von Mexico herüber, wo ich mich eine Zeit lang bei
den Schwarzen aufhielt - da hatte ich auch nicht übel Lust, mich zu
verheiraten.«
    »Wenn das deine Alte gewusst hätte!« meinte Schwindelmann. Wir waren so zu
sagen schon einig, da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache
vor. Er dachte eine Zeit lang nach, spuckte - mit Respekt zu vermelden - mehrere
Male gerade aus an die Bäume, und das mit solcher Kraft und Geschicklichkeit,
dass ein Kolibri, den er treffen wollte, todt herunter fiel.
    »Ah! - Schellinger!«
    »Gott straf mich, es ist wahr! - Seht ihr die Honoratioren da hinten herum,
die zu faul sind, ein Gewehr zu tragen, gehen auf solche Art auf die Vögeljagd,
und wenn man so durch den Wald geht, da sieht man sie bald hier und bald da mit
gespjetztem Maule stehen, und auf einmal patsch! - patsch dich! - prrdauz! Da
rappelt's droben und herunter fällt euch so ein Lämmergeier, der mit
ausgesprejetzten Flügeln seine sechsunddreissig Fuss misst.«
    »Lüg' du und der Teufel!« rief Schwindelmann. - »Schellinger, wie kann man
so unverschämt sein!«
    »Es ist leider wahr,« entgegnete traurig der Schneider; »man gewöhnt sich in
Amerika das Spucken auf diese heftige Art so leicht an. Als ich hieher zurück
kam, könnt' ich's nimmer lassen, und eines Tages passirte mir ein grosses
Unglück. Da stand mein ältester Sohn vor mir, ich - patsch dich! und fliegt ihm
die linke Hand fort.«
    »Aber, Schellinger,« sagte ziemlich ernst der erste Maschinist, »du hast ja
nie einen Sohn gehabt!«
    »Das ist leicht möglich - aber gewiss ohne meine Schuld,« versetzte
unerschütterlich der Schneider. »Ich habe es meiner Frau immer gesagt. Nun, dann
war es der älteste Sohn von sonst Jemand. Aber wahr ist die Geschichte, und wenn
Einer die Probe davon machen will, da steh' ich zu Befehl.«
    »Na, wir glauben es ja!« erwiderte Schwindelmann. »Aber jetzt bleib' bei
deinem Oberamtmann. Er riet dir also vom Heiraten ab?«
    »Das versteht sich,« erzählte Schellinger weiter. - »Siehst du, sagte der
Oberamtmann, - er sprach natürlicher Weise amerikanisch - wenn du hier
heiratest, so hast du freilich den Schutz der Gesetze, aber der ist verflucht
gering, und wenn du Kinder kriegst und es gibt so 'ne rare Rasse, wie du selber
bist, da geht dein Herr gleich her, ehe sie noch ausgeflogen sind -«
    »Was, Schellinger, ehe sie noch ausgeflogen sind? - Was soll das heissen?«
    »Habt ihr denn nie gehört, dass es da gewisse Stämme gibt, die sich
ordentliche Vogelnester in die Bäume hinein bauen; es sind eigentlich
Menschennester, und darin führen sie ihre Haushaltung, und wenn die Kleinen
anfangen zu laufen, da müssen sie zuerst den Baum herunter und herauf trappeln,
und das nennt man ausfliegen. Das ist nämlich der Stamm der sogenannten
Vögelneger.«
    »Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweise wohl aufnehmen lassen?« fragte Herr
Hammer.
    »Es war nur ein vorübergehendes Gelüste,« antwortete der Schneider, indem er
die Hände auf seine Kniee legte und den Kopf tief herab sinken liess. - »Aber was
nutzen mich meine schönen Geschichten! Ihr seid wahrhaftig zu dumm, die Moral
davon heraus zu finden.«
    Der erste Maschinist legte den Finger an die Nase, nickte mit dem Kopfe und
sprach: »Ja - a, ja - a, es ist nicht ganz ohne, was der Schellinger meint; er
will nämlich sagen, wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit ist, so einem armen
Geschlafen sein Weib und seine Kinder zu verkaufen, so ist es doch lange nicht
so schlimm, als wenn so was bei uns geschähe. Der Geschlaf weiss vorher, wenn er
sich verheiratet, dass dort so Mode ist, sein Vater ist vielleicht verkauft
worden, seine Mutter, seine Brüder, was weiss ich! Und da kann es ihm mit seiner
Familie auch so gehen; er sieht das immer vor Augen, meint der Schellinger, und
gewöhnt sich am Ende daran, und so wäre es denn lange nicht so schlimm, denkt
der Schellinger, als wenn man unsereins Frau und Kinder verkaufen wollte.«
    Der Schneider nickte stumm mit dem Kopfe, als wollte er sagen, seine Rede
sei vollkommen richtig ausgelegt worden.
    »Ja,« meinte Richard, indem er die Arme über einander schlug, »so Eines weiss
es nicht besser, wie die Köchin von dem Aal sagte, als sie ihm lebendig das Fell
abzog. Und dagegen müsste man schon Schritte tun.«
    »Das muss man aber den Amerikanern überlassen,« mischte sich Herr Wander in's
Gespräch. »Gott! was geht uns die Geschichte eigentlich an, und was können wir
dazu tun? Ich begreife nur eigentlich nicht, wie die Geschichten der
amerikanischen Miss, die das Buch geschrieben, bei uns so viel Spektakel haben
machen können.«
    Der Schneider lächelte kopfschüttelnd vor sich hin, wurde aber nicht
beachtet.
    »Aber da finden sie ein Vergnügen daran, sich Grausamkeiten erzählen zu
lassen, die weit weg von uns geschehen, darüber ein Maul zu machen und zu
jammern. - - Und wesshalb haben die meisten dieser Entusiasten kein Herz, wenn
man ihnen vom Unglück zu Hause erzählt, und schmachten über den Ozean hinüber,
wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon
läuft? - Ich will es euch sagen: den Jammer haben sie wohlfeil, da hat man ihnen
gut sagen: na! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika so ungeheuer
schmerzt, so tut was dafür, - da zucken sie die Achseln und entgegnen: was
können wir tun? Wir haben nur unsere Tränen. - Ja, Tränen sind wohlfeil!«
    »Sie haben aber auch Adressen an die Amerikanerinnen gemacht, die Weiber in
England,« sagte Schwindelmann.
    »Ganz richtig!« lachte Herr Wander; »aber die gescheidten Amerikanerinnen
haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen gesagt: bekümmert euch um die Sklaverei
bei euch, die ist viel härter und grausamer als die unsrige.«
    »Ja - a, ja - a, und haben Recht gehabt. Es gibt bei uns wahrhaftig mehr
Sklavenhalter als in Amerika. - Apropos, es heisst ja, sie soll auch hieher
kommen, die Amerikanerin; sie macht eine Rundreise durch Europa und lässt sich
sehen.«
    »Da wollen wir ihr ein festlich beleuchtetes Haus veranstalten,« meinte
Richard. - »Aber etwas muss man dem Buch doch lassen, man sieht, dass es Jemand
geschrieben hat, der das Leben in Amerika genau kennt.«
    Der Schneider schüttelte abermals und mit ziemlich verächtlichem Lächeln den
Kopf.
    »Nicht, Schellinger? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beschrieben?«
    »Das hat gar keine Amerikanerin geschrieben,« sprach der Schneider mit
schmerzlichem Tone.
    »Was Teufels! ist denn Madame - - Stowe keine Amerikanerin?«
    »O ja,« entgegnete Schellinger, indem er das spitze Kinn in sein rechtes,
mageres Händchen stützte; »die Stowe ist eine Amerikanerin; ich kenne sie ganz
genau, eine recht brave Frau, sie wohnte da links um die Ecke; wenn man nach
Amerika fährt, kommt man dicht am Hause vorbei, gleich nebenan ist das
Wirtshaus zum weissen Ross, wo man einen sehr guten Clevner trinkt. Der Wirt ist
ein Spanier und heisst Schwitzgäbele.« - Das Alles erzählte er mit so
melancholischem Tone und stierte dabei vor sich hin, dass man glauben konnte, ihn
schmerze tief die Erinnerung an jene schöne Reise, und er sehe leibhaftig vor
sich das weisse Ross und den Spanier Don Schwitzgäbele.
    »Und da wohnte die Stowe?«
    »Da wohnte sie gleich nebenan. Ich reiste damals mit einem Preussen, der den
Spleen hatte und überall Berlin vor sich sah, denn als er den Mississippi
erblickte, rief er aus: ganz wie bei uns zu Hause; nur ist die Spree zur
Regenszeit ein wenig grösser und meistens viel klarer. - Die Stowe nahm uns
freundlich auf, wir speisten bei ihr zu Mittag, sehr gut und sein. Alles war von
Bernstein, die Schüsseln, Gabeln und Löffeln, kurz Alles, Alles.«
    »Von Bernstein?« fragte Herr Wander erstaunt. »Hat man in Amerika so viel
Bernstein?«
    »Da wird er gefunden,« entgegnete ruhig Herr Schellinger.
    »Ah! der kommt ja aus der Ostsee, das weiss ich besser!« rief Schwindelmann.
    »Das ist ein grosser Irrtum,« fuhr der Garderobegehülfe fort. »Von den
amerikanischen Pferden kommt der Bernstein her; wenn sie wild aufgefangen
werden, so hebt man ihnen den linken Vorderfuss auf, und da hat jedes ein grosses
Stück Bernstein, das schlägt man los und macht die schönsten Sachen daraus.«
    »Aber, Schellinger!«
    »Als wir bei der Madame Stowe gegessen hatten, liess sie ein paar wild
gefangene Pferde herein kommen, schlug den Bernstein vor unseren Augen los und
gab Jedem von uns ein Stück. - Ich weiss wohl, dass ihr mir nicht glaubt, aber ich
will euch überzeugen. - Seht her.« Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in,
seine Rocktasche und brachte eine unbedeutende Cigarrenspitze von Meerschaum
hervor, an welcher sich ein kaum nennenswertes Stück Bernstein befand. - »Da
schaut her,« fuhr er fort, »das habe ich mir davon machen lassen, und wenn ihr
mir bei allem dem nicht glauben wollt, so schreibt in Gottes Namen an den
Preussen in Berlin, der mit mir gereist ist. Seine Adresse weiss ich freilich
nicht mehr, aber er ist nicht schwer zu finden, denn er heisst Müller.«
    »Was machen sie draussen auf der Bühne?« fragte der erste Maschinist seinen
Sohn. »Haben wir bald Actus?«
    »O nein, es sind noch vier lange Scenen. Der Schellinger kann schon noch
seine Geschichten zu Ende bringen. - Also die Stowe ist nicht die Verfasserin
von dem bekannten Buch?«
    Der Schneider schüttelte mit dem Kopfe, rieb sich die Hände und blickte,
seit längerer Zeit zum ersten Mal, in die Höhe, als er mit grosser Bestimmteit
sagte: »Die Frau denkt nicht daran; das ist ein braves Weib, die ihre Hühner und
Gänse füttert, ihren Kindern die Strümpfe stoppt und ihre Wäsche pünktlich
besorgt, viel zu pünktlich - die schreibt keine Bücher - Stowe, sagt' ich zu
ihr, als wir nach Tische eine Cigarre mit einander rauchten -«
    »Wie? sie rauchte auch?«
    »Alle Amerikanerinnen rauchen zu Hause. Also ich sagte zu ihr: Stowe, hat
Sie das Buch geschrieben oder nicht?«
    »Wenn hast du diese Reise eigentlich gemacht, Schellinger?« fragte Richard
lächelnd.
    »Ich habe euch schon einmal gesagt, dass es ungefähr zwanzig Jahre her sein
mögen,« entgegnete der Garderobegehülfe.
    »So, vor zwanzig Jahren hast du sie gefragt, ob sie das Buch geschrieben
hat? - Na, das hab' ich nur wissen wollen.«
    »Aus ihr Ehrenwort habe ich sie damals gefragt,« versetzte ruhig der
Schneider, indem er aufblickte, »und sie sagte: nein, Schellinger, ich hab' es
nicht geschrieben, Gott straf' mich! Ich kenne aber den Verfasser: es ist von
einem pietistischen Pfarrer in Rheinpreussen.«
    Die Zuhörer hatten lange an sich gehalten, jetzt aber brachen sie in ein so
lautes Gelächter aus, dass der Inspicient, der mit seinem Buche hinter den
Coulissen hin und her ging, erschrocken herum fuhr und eifrigst Ruhe gebot.
    Schellinger zuckte die Achseln und sprach nach einer Pause: »Ihr seid so
verwildert, dass man euch gar nichts Vernünftiges mehr erzählen kann, und ich bin
einmal so ein Narr und kann es nicht lassen, an jene Zeit, welche die
glücklichste meines Lebens war, zurück zu denken. Ich versichere euch, wenn man
hier unsere miserable Kälte annimmt, so ist es eine wahre Wonne, da mit den
Negern so still und friedlich zu leben, unter den Palmenbäumen zu sitzen und
reife Orangen zu verspeisen. So ein Negerdorf hat etwas sehr Angenehmes, und sie
wohnen ganz charmant. Na! ihr habt das ja in der Beschreibung gelesen; auch
essen sie vortreffliche Kuchen, trinken Dattelwein und singen dazu: Noch ist
Polen nicht verloren. Das kann ich euch versichern - Gott straf' mich! - an das
lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht, wenn ich so Abends mit
ihnen vor ihren Hütten auf der seinen Matte lag, neben so einem behaglichen
Schwarzen; die Weiber sassen daneben und vor ihnen im Grase spielten die weissen
Kinder.«
    »Die weissen Kinder, Schellinger?«
    »Die weissen Kinder!« entgegnete nachdrücklich der Schneider. »Wisst ihr denn
nicht, wesshalb die Schwarzen so schwarz sind? - Nun, das will ich euch sagen.
Die Sonne hat eine so furchtbare Kraft, dass sie einen dort in fünf, sechs Jahren
ganz schwarz brennt.«
    »Du bist aber weiss geblieben, Schellinger!«
    »Ja, ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden,« erwiderte der
Garderobegehülfe; »man muss dazu gestimmt sein wie die Neger -«
    »Aber, Schellinger -« wollte Richard fortfahren ihn zu examiniren.
    »Lasst ihn doch,« rief Schwindelmann, »dass wir fertig werden; draussen der
Herzog hat schon seinen Degen gezogen und wird im nächsten Augenblick seinen
Freund erstechen, dann fällt der Vorhang. - Also die Negerkinder kommen weiss aus
die Welt?«
    »Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden?« fragte Richard lachend.
    »So ist es,« entgegnete der Schneider, indem er sich ruhig erhob, denn auch
seine Zeit war gekommen, in die Garderobe zu gehen. »Die Negerkinder kommen weiss
aus die Welt, aber sie haben um den Bauchnabel einen kleinen schwarzen Ring, der
immer grösser und grösser wird, bis sie zuletzt vollkommene Neger sind.«
    Nach diesen Worten legte Herr Schellinger seine beiden Hände auf den Rücken
und ging gesenkten Hauptes ruhig davon, ohne sich weiter um seine Zuhörerschaft
zu bekümmern, die aber auch im nächsten Augenblick aus einander stob; Jeder
eilte an seinen Posten und Schwindelmann liess den grossen Portalvorhang herab.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                               Richard und Marie.
Der Zwischenakt auf einem grossen Teater bietet wieder ein ganz anderes belebtes
und nicht minder interessantes Bild dar, als das Treiben hinter den Coulissen.
Dort befindet sich nun Niemand als die Arbeiter, welche neue Coulissen
aufhängen, Versatzstücke heran tragen, »aus dem Wege!« rufen, dort plötzlich
stehen bleiben, wenn ihnen ein Vorgesetzter des Teaters in den Weg kommt, hier
Einen der niederen Völker, der nicht schnell genug ausweicht, unsanft auf die
Seite stossen. Alles Andere strömt auf der halbdunkeln Bühne zusammen, wo sich
auch gewöhnlich der Intendant einfindet, seine kleinen Audienzen erteilt, sowie
Tadel und Lob spendet. Die ersten Künstlerinnen sind in die Garderoben geeilt,
nachdem ihnen vorher die Sängerin-Mutter vor einer der Coulissen einen warmen
Shawl umgeworfen.
    Lieber Leser, der du vielleicht nicht weisst, wie eine Sängerin-Mutter
beschaffen ist und woran sie zu erkennen, betrachte dir während der Vorstellung
eine Dame, die, ehe der Akt anfängt, hinter der Prima Donna die Bühne betritt,
ihr während des Gehens den Schleier in malerische Falten wirst oder eine Feder
etwas kokett herab biegt, die ihr bei langen Kleidern die Schleppe sorgfältig
nachträgt und meistens eine grosse Tasche am Arm hat, worin sich kölnisches
Wasser, Eibischsaft, etwas Hustenzucker und ein Fläschchen mit Gerstenschleim
befindet, - eine Frau, gewöhnlich nicht sehr gross, aber meistens wohlbeleibt,
gekleidet mit einer halb verblichenen, kümmerlichen Eleganz. Wenn du sie näher
anschaust, erinnerst du dich dunkel, jene Mantille oder diesen Kopfputz früher
einmal auf der Bühne gesehen zu haben. - Sie lobt ihre Tochter in den
Zwischenakten, damit diese den Mut nicht verliert, sie bringt ihr einen Stuhl,
bis eine neue Seine kommt, und dann schickt sie dieselbe mit einer guten
Ermahnung hinaus vor die Lampen. Ist die Sängerin-Mutter früher selbst Sängerin
gewesen, so bleibt sie an der Coulisse stehen und singt die ganze Partie mit,
natürlich leise, wobei sie sich gesteht, dass sie das zu ihrer Zeit Alles viel
besser und schöner gemacht, dass es keine Stimme mehr gäbe, dass die Kunst zu
Grabe gehe und dass sie selbst der letzte Mohikaner gewesen. - Ist die
Sängerin-Mutter aber eins jener harmlosen Wesen, das zu Hause kocht, wascht,
bügelt, auf der Strasse die Sonnen- und Regenschirme trägt, ihre Tochter auf
allen Reisen begleitet, im Vorzimmer schläft, die zudringlichen Courmacher
abweist, sowie die guten Freunde des Hauses unterhält, bis Mademoiselle ihre
Toilette gemacht, die aber dafür keine Vergangenheit hat, und, wenn sie einmal
nach Hause schreibt, nur verstohlener Weise den Namen des kleinen Gässchens auf
die Adresse setzt, wo sie einstens gelebt, - so trippelt sie hinter den
Coulissen aus und ab, folgt seitwärts der Tochter in grosser Angst, bald vor-
bald rückwärts, entsetzt sich über die Todtenstille des Hauses oder atmet tief
auf bei dem kleinsten Applaus, ist in beständiger Furcht, ihre Tochter möchte
irgend ein Unglück haben, einen Fehltritt tun, kurz, ist das rührende Bild
einer jener unglückseligen Hennen, die zufälliger Weise statt Hühnern Enten
ausgebrütet und die nun verzweiflungsvoll am Ufer des Teiches zurück bleiben
müssen, während jene in dem gefährlichen Element lustig umher plätschern.
    Auch die Tänzerinnen erscheinen im Zwischenacte, leicht geschürzt, kurz
geröckt, mit feinen Knöcheln und sehr starken Waden, und drängen sich eifrig um
den grossen Portalvorhang, dessen beide Oeffnungen beständig von einem
neugierigen Auge benützt werden. Man sieht, ob dieser oder jener Platz besetzt
ist; man gibt sich kleine Zeichen und tritt endlich seine Stelle schmollend
einer Anderen ab.
    Nachdem das wichtige Geschäft des Hinaussehens beendigt, umgaukelt die
Sylphidenschaar den Intendanten, der ruhig und gross in dieser Brandung stehen
bleibt, ein unerbittlicher und hier wenigstens unerschütterlicher Fels. Da naht
sich eine von ihnen tänzelnd und schwänzelnd, die Hände auf die Hüften gestützt,
mit hin und her wiegendem Oberkörper, und trägt keck eine Bitte vor um Urlaub,
Zulage, von der sie übrigens zum Voraus weiss, dass sie nicht bewilligt wird. Dort
pirouettirt eine aus der Coulisse in rasendem Umdrehen und steht endlich vor dem
Beherrscher dieser Bretter mit einem grossen Applomb still, indem sie erschreckt
tut, als habe sie ihn jetzt erst gesehen.
    Auch junge Schauspieler treiben sich in dem Zwischenact auf der Bühne umher,
schauen ebenfalls gelegentlich durch den Vorhang, sprechen mit Sängerinnen und
Tänzerinnen, machen dem Intendanten eine tiefe Verbeugung, des Winks gewärtig,
wo er die Gnade haben wird, sich zu erinnern, dass sie ebenfalls auf der Welt
sind. Auch würdige alte Männer stehen da, ruhig und gross; der Regisseur im
dicken Paletot und grossen Filzschuhen, grämlich und verdriesslich, wenn nicht
Alles nach Wunsch gegangen; der Inspicient, der sich entschuldigt; dass die
Pistole nicht zur rechten Zeit los gegangen, oder dass Herr X. einen Augenblick
zu spät aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeister, wischt seine Brille
ab, verteilt eine Prise und meint, der erste Akt sei nicht ganz schlecht
gegangen, nur seien es der Bässe zu wenig, die Violinen zu schwach besetzt, und
wenn dem nicht abgeholfen würde, solle der Henker dirigiren.
    Die Choristen und Choristinnen halten sich in der Nähe der grossen Oefen auf;
Erstere sind gelangweilt, denn sie haben den ganzen Abend draussen zu stehen, und
dann wird die Geschichte voraussichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den
Choristinnen stehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten sich nicht ohne
Neid von den neuen und viel geschmackvolleren Costümen der Tänzerinnen, dass da
nichts gespart werde an Sammt und Seide, dass die Tricots immer schöner und die
Röcke immer kürzer würden. So sprechen die Jüngeren vom Chor, während die alte
Garde daneben auf einigen Bänken von dem langen, ermüdenden Stehen ausruht und
wollene Strümpfe strickt.
    Das dauert hier Alles so lange, bis der Obermaschinist gemeldet, die neue
Decoration stehe, meistens aber, bis der Inspicient aus den Garderoben
zurückkommt und dem Regisseur anzeigt, dass Madame X oder Fräulein Y mit ihrer
Toilette so weit gediehen sei, dass der zweite Akt beginnen könne.
    Das Umkleiden der Damen ist ein schrecklicher Hemmschuh im Teater, und
manches Stück, das durch ein rasches Spiel sich die Gunst des Publikums erwerben
würde, wird zu Grabe getragen, weil der erste Liebhaber oder die erste
Liebhaberin es für nötig findet, sich jeden Akt in einem neuen Costüm zu
zeigen. Von einer Dame kann man sich das schon gefallen lassen, aber bei einem
Manne grenzt solch masslose Eitelkeit schon an's Fabelhafte, und sollte nicht
geduldet werden.
    »Platz vom Teater!« ruft der Regisseur. Und das hat dieselbe Wirkung, wie
der erste Hahnenschrei nach der Walpurgisnacht. Rechts und links stieben sie aus
einander die glänzenden, luftigen Gestalten, verbergen sich vor dem Lichte, das
gleich von den Prosceniumslampen aufsteigen wird und flattern in die dunkeln
Winkel zurück, wo sie angewiesen sind, sich ruhig und still zu verhalten, bis
abermals ihre Zeit gekommen. Wenn sie aber auch nach dem Teaterreglement
angewiesen sind, kein Geräusch zu machen, nicht hörbar zu plaudern und nicht
laut zu lachen, so wird diesem Befehle doch zum Oefteren keine Folge geleistet,
und der Inspicient muss sein: »bssst - bsssst! - seien Sie doch still in's Kukuks
Namen? -« vielmals und meistens ohne grossen Erfolg wiederholen.
    Jetzt zum zweiten Akt ist noch ein Zuwachs auf die Bühne gekommen, der
während des ersten Akts mit dem Ankleiden beschäftigt war, das Ballet nämlich,
welches nun auch gerade nicht zur Vergrösserung der Ruhe beiträgt. Hinter dem
letzten Vorhang arbeitet ein Pas de cinque und macht einen schwierigen Pas
nochmals durch; dazu klopft der erste Tänzer, der ihn arrangirt, so leise wie
möglich in die Hände, um sich vornen nicht bemerkbar zu machen; aber die Prima
Donna auf der Scene hört diesen Lärm doch; namentlich wenn sie an das grosse
Bogenfenster im Hintergrunde tritt, um nach ihrem Geliebten auszuschauen,
bemerkt sie deutlich, wie die vier Tänzerinnen auf die Bretter springen, dass es
jedesmal einen dumpfen Schlag gibt, was gerade nicht zu ihrer Erheiterung
beiträgt, vielmehr sagt sie ein paar spitzige Worte, als sie nach der nächsten
Scene abgeht, welche sich aber die Tänzerinnen nicht sehr zu Herzen nehmen, denn
die Prima Donna ist verhasst, weil sie neulich einmal gesagt, der Tanz sei keine
Kunst, und die Tänzerinnen nur beziehungsweise Künstlerinnen. -
    Mademoiselle Marie hatte sich während des Anziehens fortwährend mit dem
Schicksal der armen Katarine beschäftigt: sie sprach mit ihrer Freundin Clara
darüber, doch hatte diese sie mit ihren grossen klaren Augen so unbefangen und
unschuldig angesehen, und eine so unpraktische Antwort gegeben, dass Marie wohl
einsah, die Andere wisse in dem Falle eben so wenig zu helfen als sie selbst.
    »Weisst du was,« hatte Clara gesagt, »sprich mit Terese darüber, die wird
dir einen guten Rat erteilen können, denn wie sie kennt Niemand die Stadt und
ihre Verhältnisse.«
    Darauf hatte Marie ihre Toilette beendigt, indem sie ein Hütchen mit Blumen
recht keck und verwegen auf der linken Seite des Kopfes befestigte. Unter
demselben wallten die üppigen Haare hervor, und als sie sich im Spiegel besah,
musste sie gestehen, dass sie gar nicht unvorteilhaft aussehe. Und darin hatte
sie Recht; sie war nett und zierlich vom Kopf bis zu den Fussspitzen.
    Mit sich selbst zufrieden, tänzelte sie die Treppen hinab, und als sie auf
die Bühne trat, warf sie einen forschenden Blick rechts und links, vielleicht um
Mademoiselle Terese zu finden, vielleicht auch nicht; und Letzteres erscheint
uns sehr wahrscheinlich, denn Terese lehnte an der ersten Coulisse und schien
gleichgültige Dinge mit einem der Tenoristen zu sprechen. Marie aber wandte sich
nach dem Hintergrunde und schritt, die Füsse sehr auswärts, mit dem Rock hin und
her wedelnd, langsam bei der achten Coulisse vorbei, wo sich wieder Einige aus
der Gesellschaft des ersten Aktes versammelt hatten. Andere aber fehlten, unter
diesen Richard, der ganz hinten beschäftigt war, irgend ein neues Seil über eine
Rolle zu werfen. Dass er dies sehr ungeschickt tat, wollen wir ihm im
gegenwärtigen Augenblicke nicht übel nehmen, denn er sah weder auf das Tau noch
auf die Rolle, vielmehr aufmerksam hinter die Coulisse, wo sich die Tänzerin
vorsichtig näherte.
    Diese bemerkte beim Näherkommen den Zimmermann recht wohl, tat aber nicht
dergleichen, sondern wandelte über die Bühne, scheinbar in der einzigen Absicht,
um auf die andere Seite zu gelangen.
    Richard liess das Seil los, das er in der Hand hatte, welches nun mit
ziemlichem Geräusch auf den Boden niederpolterte, und die natürliche Folge
hievon war, dass die Tänzerin heftig erschrak, stehen blieb und sich umschaute,
wer ihr diesen Schrecken eingejagt.
    »Ah! verzeihen Sie, Marie!« sagte der Zimmermann, »wenn ich Sie ein wenig
erschreckt, aber ich konnte nicht dafür! Als ich Sie kommen sah, glitt mir das
Tau aus der Hand, und da liegt es.«
    »So, so, Sie sind es, Richard?« entgegnete das junge Mädchen unbefangen.
»Ich habe wahrhaftig geglaubt, es fiele mir etwas auf den Kopf. - Man muss sich
sehr in Acht nehmen,« setzte sie altklug hinzu, »denn alle Augenblicke passirt
hier Etwas, wie der Regisseur sagt.«
    »Ei der Tausend!« versetzte schmunzelnd der Zimmermann, »beim Ballet ist
doch lange nichts vorgefallen, denn da geben wir alle doppelt Achtung, das
können Sie mir glauben.«
    »Und wesshalb geben Sie beim Ballet doppelt Achtung, Herr Richard? - Das wird
den meisten von euch ebenso gleichgültig sein, als wenn einmal bei der Oper oder
beim Schauspiel ein Unglück geschieht.«
    »Denn meisten freilich,« erwiderte Richard, indem er die Hände reibend näher
trat, »aber mir ist ganz besonders daran gelegen, das können Sie mir glauben,
Marie. Und wenn Sie auf eine Flugmaschine müssen,« setzte er lächelnd hinzu, »da
schau ich die Drähte ganz besonders an und habe meine Augen überall. Wehe denen
drunten an der Wende, wenn sie mir nicht genau aufpassen! Ja wahrhaftig, ich
würfe ihnen einen Gewichtstein an den Kopf.«
    »Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar,« sagte das Mädchen, das bereitwillig
stehen geblieben war; »es ist immer angenehm, wenn Jemand da ist, der ein klein
wenig Interesse an Einem nimmt, wenn man auf der Bühne ist.«
    »Nun, ein klein wenig brauchen Sie gerade nicht zu sagen,« entgegnete der
Zimmermann, indem er sich durch das volle Haar strich; »sagen Sie nur keck ein
grosses Interesse. Sie wissen doch, Marie, dass es so ist, und auch nicht bloss auf
dem Teater, sondern auch sonst, - wo es nun gerade ist, auf der Strasse, in
Ihrem Hause, wo ich Sie sehe und wo ich Sie nicht sehe.«
    »Ei der Tausend! Sie machen nur ja eine förmliche Liebeserklärung, Richard!«
    »Wenn Sie es so nennen wollen, so tun Sie es, Marie; aber der Name ist
gleichgültig. Die Sache ist jedoch wie ich gesagt - soll mich der - na! - ich
will nicht fluchen! - ich habe es Ihnen schon lange einmal gestehen wollen, aber
ich weiss wohl, ihr vom Ballet seid ganz eigentümliche Frauenzimmer; da mag
jeder Narr kommen und euch schöne Sachen vorschwatzen, das ist euch schon recht
und ihr hört gerne zu; aber wenn es Unsereins mit euch gut meint und euch das
gerade heraus sagt, so lacht ihr ihn aus und lauft nachher zu den Anderen und
sprecht: denkt euch nur, das und das hat mir der Richard gesagt. Aber wenn ich
so etwas erführe, Marie, das wäre mir - hart, recht hart.«
    Nun müssen wir dem geneigten Leser versichern, dass diese Liebeserklärung,
wie die Tänzerin es nannte, ihr eigentlich nicht so unverhofft kam, wie man von
einem Blitz sagt, der aus heiterem Himmel herabfährt. Der junge Zimmermann hatte
ihr schon unterschiedliche Proben seines Wohlwollens gegeben, hatte, wie er
vorhin angedeutet, bei allen vorgekommenen Schwierigkeiten gewissermassen über
sie gewacht, die Versenkungen, wenn es ihm möglich war, selbst geleitet, die
Flugmaschine durch sein eigenes beträchliches Gewicht jedesmal vorher probirt.
Auch waren alle diese kleinen Aufmerksamkeiten nicht unbemerkt an dem Herzen der
Tänzerin abgeglitten; wir müssen das eingestehen, wie wir auch vorhin nicht
verschwiegen, dass Marie vielleicht etwas Anderes gesucht als ihre Collegin
Terese. Bis jetzt hatte sie aber dies Benehmen Richards gegen sie nur für
Scherz gehalten und demselben weiter keine Folge gegeben. Was wollte sie auch?
Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermöglichen Vaters, ein hübscher Mensch,
dem wohlhabende Bürgerstochter nachschauten, und in seinem Handwerke, der
Zimmerei' so wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Teaters so wohl
vertraut, dass ihm hier eine dauernde Anstellung nicht fehlen konnte. - Und nun
sagte er ihr mit einfachen Worten, dass er nur an sie denke, dass er sie liebe. -
    Das Mädchen schrak ordentlich zusammen und in ihrem Geiste tauchten allerlei
seltsame und schöne Phantasieen auf. Sie glaubte dass er wahr spreche; ach! und
dieser Gedanke war doch zu süss, um ihn unbedingt annehmen zu können. Sie, in den
traurigsten und gedrücktesten Verhältnissen geboren und erzogen, bis jetzt von
dem fürchterlichen Willen ihrer Tante abhängig, sollte einstens noch glücklich
werden können, sollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem sie schon lange
gewandelt; denn dass es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal gesagt,
davon war sie fest überzeugt. Er war als sehr solid und arbeitsam selbst bei den
Teaterleuten bekannt, und sogar der Intendant hielt grosse Stücke auf seine
Redlichkeit und gab Alles auf sein Wort, denn bei schwierigen Flugwerken zum
Beispiel musste sich Richard immer zuletzt überzeugen, ob Rollen und Taue auch in
Ordnung seien, und erst wenn er gesagt, es sei Alles richtig, gab sich der Chef
zufrieden.
    Marie hatte nicht bemerkt, dass während sie so träumte, Richard ihre beiden
Hände ergriffen hatte und freundlich lachend den Versuch machte, ihr in die
niedergeschlagenen Augen zu blicken. Sie sah das lange nicht, denn jetzt
plötzlich fielen ihr die Worte der armen Katarine ein, als sie zu ihr gesagt:
wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine
halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch
lebt und du es an einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen. - - Diese Worte
verwandelten sich in ein freundliches Bild, und sie stand mit Richard Hand in
Hand an einem kleinen armseligen Grabe und legte auf Dornen und Disteln, die
dort wucherten, einen frischen Kranz von duftenden Rosen. - Ah, wenn das wahr
würde!
    Da schrak sie empor, denn draussen im Saale applaudirte grade das Publikum
lang und heftig; - etwas von ihren Phantasieen war der Wahrheit gemäss, denn wenn
auch nicht neben einem Grabe, so stand sie doch Hand in Hand mit Richard auf der
halb dunkeln Bühne, und er sagte lachend: »Na, Mädel, lange genug hast du dich
bedacht, ob du Ja oder Nein sagen sollst. - - Nun, was ist's, Marie? Bin ich dir
angenehm oder nicht? Willst du es mit mir wagen oder hast du auch so verfluchte
Liebschaften im Kopf wie die Anderen und willst lieber ein kurzes lustiges Leben
führen?«
    »Nein, nein,« entgegnete eifrig das Mädchen, »gewiss nicht, Richard.«
    »Na, ich glaub's schon,« versetzte er gutmütig. »Ich glaube, dass du ein
braves, ehrliches Mädchen bist; es ist das freilich ein Wunder, wenn man deine
Tante - die Gott verdammen soll! - ansieht. Aber glaub' mir, Marie, ich habe dir
aufgepasst, so genau ich konnte, und namentlich immer auf deine Arme und Hände
gesehen -«
    »Und warum das?« fragte sie lächelnd unter Tränen, die langsam aus ihren
Augen hervor quollen.
    »Ei, das will ich dir sagen,« entgegnete er lustig. »An den Armen und
Fingern sieht man's gewöhnlich bei euch zuerst, weisst du, da lassen sich auf
einmal verdächtige Ringe sehen und eine Armspange; und das sind des Teufels
Ketten, mit denen ihr fest geschlossen werdet. - Neulich hatt' ich dich schwer
im Verdacht.«
    »Ich weiss, ich weiss,« erwiderte sie fröhlich. »Da hatte mir auf der Bühne
Terese eins von ihren Armbändern geliehen. Ich musste doch als Hofdame
geschmückt kommen!«
    »Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelstunde zusammen,« sagte er nun
scheinbar ungeduldig, »und ich weiss noch nicht einmal, woran ich bin. Gleich muss
ich hinüber zum Verwandeln, deshalb sage mir, wie du es meinst, einfach Ja oder
Nein. Wenn du Ja sagst, so ist die Sache abgemacht und ich komme dann nächstens
zu deinem alten Drachen, um mit ihr ein ernstes Wort zu reden. - Nun? - Wenn du
aber Ja gesagt, so habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich, und dann, Marie,
nimm dich in Acht und stelle dich so, dass die bösesten Leute nur Gutes von dir
sagen können; denn wenn mir einmal Einer herkäme und so allerlei schlechtes Zeug
in die Ohren zischelte, da gäb's ein Unglück, das kann ich dich versichern. -
Nun, wie ist's?«
    »Ja - ja!« sagte die Tänzerin, nachdem sie ihre beiden Hände zurückgezogen:
»ich mag dich wohl leiden, Richard; und was das Andere anbelangt, da kannst du
ganz ruhig sein. Du weisst, wie mir das Treiben so vieler junger Mädchen verhasst
ist.«
    »Amen!« sprach er, indem er ihre rechte Hand ergriff und sie schüttelte.
»Wenn es nicht so strenge gegen das Teaterreglement ginge, dann müsstest du mir
einen Kuss geben, aber ich hole mir ihn später nach; wenn du an deinem Kanale
aussteigst, wirst du mich schon sehen. - Adieu, Marie!«
    Damit ging er an sein Tau zurück, während die Tänzerin über die Bühne
hinüber flog und sich an einem einsamen Plätzchen auf eine Rasenbank unter einer
Gruppe von gemalten Palmbäumen niederliess. Warum sie hier ihre Hände faltete und
eine Zeit lang heftig weinte, wusste sie nicht. Aber endlich erschrak sie, dass
sie es getan, denn sie dachte an ihre rote Schminke, und als sie erschrocken
auf ihren Busen sah, bemerkte sie auf dem hellgrünen Atlas grosse dunkle Flecken.
    Bald waren diese Schäden übrigens wieder vertilgt; Clara hatte ihr geholfen,
sich auf's Neue zu schminken und dabei einen Teil des süssen Geheimnisses
erfahren. Clara war hiedurch ebenfalls nachdenkend geworden, und als die Andere
nun abermals hinab hüpfte, um Terese aufzusuchen, blieb sie droben in der
Fensterecke sitzen, stützte den Kopf auf die Hand und versank in tiefe
Träumereien.
    Terese befand sich noch immer hinter der ersten Coulisse: sie hatte ihren
rechten Fuss auf einen kleinen Schemel gestellt und hielt sich mit der einen Hand
an der Ranke einer Waldblume, die über ihrem Kopfe herabhing. »Wo steckst du
denn, mein Schatz?« rief sie der heran kommenden Marie zu. »Ich habe schon nach
dir gesehen, aber du warst verschwunden. - Ich hoffe doch nicht -«
    »Ich suchte dich auf der andern Seite,« entgegnete Marie.
    »Hast du was Neues erfahren? - Von ihm - von dem sauberen Herrn auf der
zweiten Gallerie?«
    »Nein, nein! Meine Tante lässt mich, Gott sei Dank! in Frieden; sie hat in
den letzten Tagen nichts darüber gesprochen: ich hoffe schon, sie hat meinen
inständigen Bitten Gehör gegeben.«
    »So, das hoffst du?« erwiderte Terese. »Da kennst du die Alte schlecht. Ich
will dir gelegentlich einmal erzählen, wie sie es mir gemacht hat. Nimm dich
aber zusammen, das rate ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt hast, lässt
nicht so leicht nach, das ist einer von den stillen Scheinheiligen, die im
Trüben fischen und im Dunkeln langsam aber sicher gehen.«
    »Aber am Ende habe ich doch meinen freien Willen!« sagte ängstlich Marie.
    »Den hast du nicht, arme Sklavin,« entgegnete die Andere, indem sie sich
hoch aufrichtete. »Schau mich an, ich sehe auch gerade nicht aus wie Jemand, der
sich leicht zwingen liesse. Und doch - man wird am Ende müde. - Aber sprechen wir
nicht mehr darüber!« Damit warf sie die Oberlippe trotzig in die Höhe, und liess
die Federn ihres Kopfputzes langsam durch ihre Finger gleiten und setzte mit
ruhigem Tone hinzu: »Du hast mich also gesucht! nun denn, was soll's?«
    Marie erzählte nun ihrer Collegin von der armen Nähterin, von dem Kinde, das
man derselben geraubt, von dem man aber den Todtenschein beigebracht, und das
sich nun wahrscheinlich irgendwo befände, wo es, so befürchte die Mutter,
langsam dahin siechen werde.
    Ueber die Züge Teresens hatte sich während dieser Erzählung ein so
höhnisches, ja böses Lächeln gelagert, dass man ordentlich davor zurückschrecken
konnte. Sie biss ihre Zähne auf einander und schien angelegentlich die Spitze
ihres seidenen Schuhes zu betrachten. In Wahrheit aber schaute sie weit hinaus
durch Gebälk und Fundament, tief in die Erde und musste dort etwas Schreckliches
erblicken, denn plötzlich schrak sie auf, schauderte zurück und presste ihre Hand
mit einem tiefen Atemzuge auf's Herz.
    »Du hast mich nicht angehört,« sagte Marie, während sie ihre Freundin
ängstlich betrachtete. »Du hast mich gewiss nicht verstanden.«
    »Oh! es ist leicht, das zu verstehen,« entgegnete Terese; »ich begreife
dich vollkommen und weiss was du willst. Es gibt solche Orte, wo man kleine
Kinder aufbewahrt, bis der gnädige Gott sie zu sich abruft. Aber dahin zu
kommen, ist sehr schwer; sie sind verschlossen wie das Grab, dessen Vorzimmer
sie ja auch sind. - Lass' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei ist
nichts zu machen, sie hat ja einen Todtenschein erhalten, also existirt das Kind
eigentlich nicht mehr. - Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine
solche Anstalt besteht, glaube mir, man lässt mich eben so wenig eindringen, wie
die Mutter jenes Kindes. O, die sind schlau wie der Teufel!«
    
    »Aber du könntest mir doch eine Adresse geben, damit ich's ihr mitteile.«
    »Die ziehen bald hierhin, bald dortin - aber wart' einmal, - da fällt mir
eben ein, in dem Hause, wo der alte Schellinger wohnt - du kennst ihn doch,
unsern armen Freund, da hinten steht er, - da soll sich so was befinden.«
    »So wollen wir hin und ihn fragen.«
    »Das wäre sehr unklug; bei dir hätte es am Ende nichts zu sagen, aber ich
könnte mich in ein schönes Licht bringen,« entgegnete Terese, sonderbar
lächelnd. »Nein, nein, das müssen wir gescheidter anfangen. Ich traue in dem
Punkt dem alten Fuchsen nicht recht', wir müssen Jemand an ihn abschicken, der
ihn vorsichtig ausholt.«
    »Du hast Recht, Terese,« versetzte das junge Mädchen. »Aber wem sagen wir
es?«
    Die Andere zuckte die Achseln und antwortete nach einigem Nachdenken: »Das
ist für mich eine unangenehme Commission; wenn ich es auch Einem sage, so machen
sie ihre schlechten Witze; und ich hasse das.«
    »Ich weiss schon, was ich tue,« sagte eifrig Marie. »Ich erzähle die ganze
Geschichte dem Zimmermann Richard, der soll mit dem Schellinger sprechen.«
    »So, dem Richard erzählst du es, mein Schätzchen?« entgegnete die andere
Tänzerin lachend. »Ah! das ist dein Vertrauter! Ja, ja, man treibt so allerlei,
wenn man mich sucht und sich dann erst ungeheuer lange hinter dem letzten
Vorhange aufhält. - Nun, erschrick nur nicht: du brauchst dich dessen nicht zu
schämen, und wenn er es gut mit dir meint, was ich hoffe und glaube, so greis'
zu, und wie ich schon früher gesagt, nimm dich zu Hause doppelt in Acht. - Aber
jetzt geh' und sprich mit Richard darüber, erzähle ihm offen die ganze
Geschichte, wie du mir so eben getan.«
    Diesen Rat befolgte denn auch Marie, und man kann sich leicht denken, dass
sich der Zimmermann von der Tänzerin gerne hinter eine Coulisse führen und sie
da unter vielen Neckereien die traurige Geschichte vortragen liess.
    Das Resultat dieser Erzählung war, dass er während des dritten Aktes den
Garderobegehülfen auf die Seite nahm und ein längeres Gespräch mit ihm hielt,
worauf er von ihm zurück hinter die achte Coulisse trat, wo diesmal der erste
Maschinist selbst, der Herr Hammer Vater, die Conversation leitete und von
seinen Kriegstaten erzählte.
    Der alte Schellinger hatte sich indessen auch bald wieder näher geschlichen;
er zuckte oftmals die Achseln, wenn der Andere irgend etwas besonders Seltsames
vorbrachte, schüttelte bedeutsam den Kopf und flüsterte auch wohl dem
Schwindelmann zu: »Ich versichere dich, er lügt fürchterlich!«
    Bald ging die Oper zu Ende, der Vorhang fiel für heute Abend zum letzten
Male, wurde dann langsam wieder empor gezogen, nachdem die Zuschauermenge fast
das Haus verlassen. An den Eingangstüren wogten und drängten noch die letzten
Massen und in den Gängen sah man noch Kopf an Kopf.
    Richard, der heute Abend gar keine Eile zu haben schien, befand sich auf der
halb dunkeln Bühne und neben ihm stand Schellinger, während etwas rückwärts Herr
Hammer einigen der Zimmerleute und Maschinisten noch eine merkwürdige Geschichte
erzählte.
    »Ja-a, ja-a,« sagte er, »das habe, ich noch vergessen, wie es damals in dem
Kriege bei uns zuging. Als mich eines Tags der selige Bernadotte zu sich kommen
liess und mir eine Depesche auftrug, - es handelt sich vom Auswendiglernen und
ich erzähle euch das nur, weil heutigen Tages unsere Schauspieler so viel Wesens
daraus machen, wenn sie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren
müssen, - Hammer, sagte Bernadotte zu mir, hier ist eine Depesche an Napoleon.
Hast du wohl Courage, sie durch die feindliche Armee an den Kaiser zu bringen?
Wenn sie dich aber damit erwischen, so schiessen sie dich todt. - Ist denn der
Inhalt so gefährlich, Excellenz? fragte ich. - Sehr wichtig und gefährlich,
entgegnete er und zeigte sie mir. Das waren sechszehn enggeschriebene Seiten
Französisch. - Wissen Sie was, Excellenz, sagte ich ihm, vertrauen Sie mir die
Depesche eine halbe Stunde an, dann komme ich wieder und Sie sollen mit dem
Hammer zufrieden sein. - Und er gab sie mir und eine halbe Stunde nachher
brachte ich ihm seine Depesche wieder und sprach: Excellenz wollen die Gnade
haben und mich gefälligst überhören zu wollen. - Und das tat er, und ich sagte
ihn die Depesche her, alle sechszehn Seiten und irrte mich nur zweimal, indem
ich Allerhöchstdieselben sagte, wo nur Höchstdieselben stand.«
    »Brrr!« machte Schwindelmann. Die Andern lächelten verstohlen und
Schellinger blickte melancholisch im Kreise umher, als sei er betrübt, dass man
ihm den Rang abgelaufen. Dann schlich er zu dem Teaterdiener hin und sagte ihm
abermals: »Nein, der Hammer übertreibt; was der Mann sich das Lügen angewöhnt
hat!«
    »So, nun sind wir fertig!« rief der erste Maschinist; »das dauert immer
lange, bis das Haus leer ist. Ja-a, ja-a, wenn ich mir denke, dass es hier einmal
brennen könnte, das müsste ein fürchterliches Unglück geben.«
    »Noch schlimmer als in C.,« sagte Schellinger, »denn da hatten sie doch
weite Treppen und Gänge, und Viele konnten entfliehen; die da verbrannten,
blieben sitzen, weil sie vor Schrecken wie erstarrt waren.«
    »Nein, nein,« entgegnete Herr Wander, »so ist es nicht, Schellinger; der
Rauch hat sie gleich betäubt und erstickt.«
    »Vor Schrecken blieben sie sitzen,« sprach hartnäckig der Schneider; »ich
war dabei.«
    »O Schellinger, wie kannst du lügen!« sagte der erste Maschinist. »Haben wir
nicht an dem Abend zusammen hier gestanden, gerade wie heute?«
    »Ja, ja, - es ist möglich,« entgegnete traurig der Garderobegehülfe; - »aber
es ist doch wahr, dass sie vor Schrecken gestorben sind, ich habe die besten
Nachrichten. - Den Tag nach dem Unglück hatte ich Briefe von C. - ganz
ausführliche und unzweifelhafte, denn sie kamen - von Einem, der selbst mit
verbrannt ist.«
    In diesem Augenblick erloschen sämmtliche Lichter am Kronleuchter, Alle
entfernten sich lachend, und die Bühne blieb öde und leer.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                             Toiletten-Geheimnisse.
Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm sich bei Tage, trotzdem, dass es
Winter war, ausserordentlich reizend und elegant aus. Wenn auch die meisten der
Fenster auf den Garten gingen und man dort nichts sah als schneebedeckte Wege,
kahle Aeste, eingehüllte Bäume und hie und da durch die nackten Gesträuche ein
Stück der Gartenmauer, so bildete dagegen der Salon in dem wir uns neulich
Abends befanden, einen höchst angenehmen und wohltuenden Contrast. An diesen
Salon nämlich stiess ein grosses Glashaus, welches den Pavillon des jungen Grafen
mit dem elterlichen Hause verband, und auf Befehl der alten Excellenz als
neutraler Grund betrachtet wurde, das heisst, der junge Graf konnte hier wohl
auch mit einigen Bekannten spazieren gehen, seinen Kaffee da nehmen, eine
Cigarre rauchen; doch war ihm nicht erlaubt, dies allerliebste Gewächshaus
insofern zu seinen Appartements mit heran zu ziehen, um auch hier kleine Feten
und Gesellschafter: zu geben. Dies Recht hatte sich der Papa vorbehalten,
wesshalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen angewiesen war, so oft sich
grössere Gesellschaft bei seinem Herrn befand, diese Eingänge zum Gewächshaus zu
schliessen, damit nicht unwillkürlich gegen den Befehl des Papa und
Kriegsministers gehandelt werde.
    Heute Morgen dagegen - es mochte zehn Uhr vorüber sein - standen die weiten
Flügeltüren, die vom Salon aus in's Gewächshaus führten, offen, und es ist uns
schon erlaubt, einen neugierigen Blick hinein zu werfen.
    Das Glashaus bildete den vierten Teil eines Kreises, sowie oben ein spitzes
Gewölbe in gotischer Form, bestand auf beiden Seiten aus Eisen und Glas, und
entielt einen förmlichen Wintergarten. Von dem Salon des jungen Grafen aus
stieg man ein paar Stufen hinab. Auf den hohen Ruhebänken dieser kleinen Treppe
standen rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blühenden
Pflanzen aller Art, an deren Postament Schlinggewächse empor rankten und sich
oben mit anderen Wucherstauden zusammenschlangen, die an der Decke des
Glashauses emporkrochen und ihre sonderbaren Blüten, tiefblaue und weisse
Glocken, über die Häupter jener Figuren herab hängen liessen. Dunkler Epheu
umschlang die Wände der kleinen Treppe sowie die Ruhebänke, und aus dem tiefen
Grün dieser Blätter glänzte hie und da eine brennend rote, fremdländische
Blume, die jetzt ihren Sommer hatte, wo bei uns Schnee und Eis lag, hervor.
    Die Wege des Glashauses waren mit dem feinsten hellgelben Sande bedeckt und
schlängelten sich in der willkürlichsten, eigensinnigsten Form um Gruppen und
Bosquetten herum, die aus Orangen, Lorbeer, Citronen, fremden Nadelhölzern
bestand und deren Ecken meistens mit Krystallgefässen geschmückt waren, in
welchen Goldfische herum schwammen oder irgend eine seltene Blume sich recht
auffallend präsentirte.
    Die Mitte des ganzen Glashauses bildete eine grosse Kuppel mit hochstämmigen
Bäumen besetzt, die einen marmornen Springbrunnen umstanden, aus dessen oberster
Etage ein Strahl empor sprang, der, sich in der Luft verteilend, von Schaale zu
Schaale mit melodischem Plätschern zurück fiel. An vier Seiten dieser Kuppel
befanden sich Volièren, deren gefiederte Bewohner, arme Sklaven, schon jetzt
freudig ihre muntern Lieder sangen, während draussen ihre freien Kameraden noch
mit allen Mühen des Lebens, mit Hunger und Frost, zu kämpfen hatten.
    Jenseits der Kuppel setzte sich das Glashaus in gleicher Weise wie diesseits
fort; dort befand sich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebänken,
Epheugewinden, mit Blüten, Blumen, Schlingpflanzen und Marmorstatuen; doch
waren die Flügeltüren, welche in das Haus Seiner Excellenz führten, fest
verschlossen, sowie die inwendigen Vorhänge herab gelassen.
    Aus dem diesseits geöffneten Glashause drang in den Salon des jungen Grafen
ein äusserst angenehmer Duft; es strich die duftige Atmosphäre herüber, die in
gut erhaltenen Glashäusern herrscht, jener nicht zu bezeichnende Geruch,
bestehend aus den verschiedensten zarten Dünsten, welche die Pflanzen
aushauchen, wenn nach dem Bespritzen mit frischem Wasser über die erquickten
Blätter so langsam ein Tropfen nach dem andern herab rieselt.
    Im Salon des Grafen war es behaglich warm, ohne heiss zu sein. Aus dem
Glashause strömte auch erwärmte Luft herein, und im Kamin spielte ein lustiges
Feuer. In der Nähe des letzteren stand ein grosser runder Tisch mit Geschirren
verschiedener Art beladen, aus deren Unordnung man ersah, dass dort eben
gefrühstückt worden war; es befanden sich hier zwei Couverts mit darüber
hingeworfener Serviette und leeren Stühlen davor, während ein dritter Sessel
noch besetzt war und zwar durch den Baron Brand, der behaglich in demselben
ausgestreckt war, von Zeit zu Zeit eine neben ihm stehende Chocoladetasse an den
Mund brachte, dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las.
    An diesen Salon stiess, wie wir bereits wissen, das Arbeitszimmer des Grafen,
sowie Garderobe und Schlafgemach. In letzterem befand sich der Hausherr; vor
einem grossen Spiegel stehend war er beschäftigt, sich anzuziehen. Die Türe in's
Arbeitszimmer stand offen, und hier bemerkte man den Maler Artur, der an einem
Fenster sass, vor sich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war, von
demselben eine Copie in Aquarell zu machen.
    Der Eingang in den Salon war verschlossen und es hing diesseits vor
demselben ein dicker persischer Teppich herab.
    Graf Fohrbach hatte seine Toilette ungefähr halb beendigt, und an seinen
Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit roten Streifen bemerken wir, dass
er im Begriffe ist, sich in Uniform zu werfen. Der alte Kammerdiener stand mit
dem ernstesten Gesichte von der Welt neben ihm und reichte ihm die verschiedenen
nötigen und unnötigen Gerätschaften, die das wichtige Geschäft des Ankleidens
erforderte. Jetzt hatte er eine kleine silberne Büchse mit weisser Bartwichse
aufgeschraubt, der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte
mit Hilfe dieser wohlriechenden Masse seinen Schnurrbart keck in die Höhe, wobei
er sich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel besah.
    »Wenn man euch Herren so bei der Toilette sieht,« rief der Maler aus dem
Nebenzimmer, »so begreift man vollkommen, dass euch von der vielen Zeit, die ihr
habt, doch so wenig übrig bleibt. Jetzt sind Sie bereits eine halbe Stunde mit
Ihrem Anzug beschäftigt und, wie ich sehe, noch nicht übermässig vorgerückt.«
    »Der Anzug, mein Lieber, ist eine wichtige Sache,« gab der Graf zur Antwort,
»namentlich wenn man, wie ich heute, den Dienst hat. Ich versichere Sie, da
kommen eine solche Menge Leute in's Vorzimmer, die oft Stunden lang warten,
Fremde, Herren vom Civil, Vorgesetzte und Kameraden, und das fängt zuerst an,
die Wände zu besehen, Plafond und Fussboden, und dann kommen wir an die Reihe.
Ah! ich versichere Sie, das Alles betrachtet uns genauer, als es eine Geliebte
oder junge Frau macht.«
    »Das habe ich nicht gewusst,« entgegnete Artur lachend.
    »Desshalb müssen wir in unserem Anzug so ausserordentlich, ja übermässig
correct sein. Glauben Sie mir, für die Minister und dergleichen, die zum
täglichen Rapport kommen, oder überhaupt für Alle, die Audienz haben, sind wir
Adjutanten ein wahrer Barometer. Aus uns fiel der erste allerhöchste
Sonnenblick, wenn ein solcher da war, oder wir bemerkten die ersten Wolken am
Horizont aufsteigen, und diese Witterung zeigen wir nun an und verheimlichen
sie, je nach Umständen.«
    »Durch den Anzug?«
    »Durch den Anzug, durch den Ausdruck unseres Gesichts, ja durch die Stellung
unseres Bartes.«
    »Ah! das ist ja erstaunlich!« rief Artur. »Und wer versteht sich auf diese
kleinen und seinen Nuancen?«
    »Alle, denen was daran gelegen ist. Ja, ihr meint, das Ding sei so leicht,
man habe da nur im Vorzimmer zu stehen und eine Meldung zu machen. Nein, nein!
Das will Alles durchdacht sein, denn ich versichere Sie, so gut es bei den
Schauspielern denkende Künstler gibt, so gibt es auch bei uns denkende
Adjutanten.«
    »Erstaunlich!« entgegnete lustig der Maler. - »Und wie betrachtet man einen
solchen Barometer, den Sie heute vorzustellen das Glück haben; das heisst, wie
liest und versteht man seine Zeichen?«
    »Das ist nicht leicht zu sagen,« erwiderte der Graf, indem er seinen
Waffenrock zuknöpfte, den ihm der Kammerdiener zu gleicher Zeit fest in die
Taille hinein zog. »Sehen Sie, zum Beispiel man hat seine Freunde, die man gerne
avertirt, wie es drinnen aussieht, ohne ein Wort zu sprechen, denn Sie wissen,
in dem Vorzimmer halten sich oft die Kammerdiener auf, die immens seine Ohren
haben. Ist es ein schönes klares Wetter, so geht man vergnügt auf und ab, summt
auch, natürlicher Weise pianissimo, eine kleine Arie oder steht in ruhiger
Beschaulichkeit an einem der Fenster. Gibt es dagegen Wolken, so macht man ein
ernstes Compliment, dreht den Schnurrbart ein klein wenig in die Höhe, oder
rückt häufig an Säbel und Schärpe, um ja Alles in bester Ordnung zu haben.«
    »Und wenn nun der Barometer Sturm anzeigen soll?«
    »Dann lehnt man sich gedankenvoll an eine Tischecke,« erwiderte der Graf,
indem er seinen Säbel festakte, »und hält vor allen Dingen den Federhut unter
dem Arm. Es zeigt das an, dass man jeden Augenblick gewärtig sein kann, zu irgend
einer unangenehmen Commission hinaus gesprengt zu werden.«
    Jetzt war die Toilette beendigt; der Kammerdiener steckte seinem Herrn ein
parfumirtes Sacktuch in die linke Tasche des Waffenrocks, reichte ihm Federhut
und Handschuhe, und verliess darauf mit unhörbaren Schritten das Zimmer. Der Graf
trat in das Nebengemach, stellte sich hinter den Stuhl des Künstlers, indem er
das bald fertige Aquarell mit Wohlgefallen betrachtete.
    Es war das Portrait einer schönen Frau, deren Jugend in die letzte Hälfte
des vorigen Jahrhunderts fiel; das sah man an dem gepuderten Haar, und dem
eigentümlichen Schnitt des Kleides, - das Bild der Grossmutter des Grafen, von
welchem Artur seinem Freunde gerne eine schöne Copie machte.
    »Ich bin Ihnen für Ihre gelungene Arbeit sehr dankbar,« sagte der Hausherr;
»ich habe schon lange gewünscht, dies Bild zu besitzen.«
    »Von Dank kann keine Rede sein,« entgegnete der Maler. »Ich bin noch stark
in Ihrer Schuld; die beiden alten köstlichen Reiterpistolen, die Sie mir neulich
verehrten, sind wahre Meisterwerke und machen den schönsten Teil meiner
Sammlung aus.«
    »Kleinigkeiten!« versetzte der Graf, indem er sich auf die Lehne des Stuhles
stützte. »Wenn das Aquarell fertig ist, so werde ich noch eine Büchse dazu
auftreiben. Es ist schade, dass ich Ihre Liebhaberei für alte Waffen nicht früher
kannte, ich habe schon so manches wertvolle Stück verschleudert. - Doch indem
ich hier plaudere, fällt mir ein, dass draussen der Baron sitzt und wahrscheinlich
ungeduldig meine Rückkunft erwartet.«
    »Das glaube ich nicht; er sitzt ruhig am Tische, trinkt seine Chocolade und
liest die Zeitung. - Eigentlich ein seltsamer Herr.«
    »Allerdings ist er in manchen Beziehungen ein sonderbarer Mensch, aber ein
guter Kerl und ich mag ihn wohl leiden.«
    Der Maler schaute sich nach dem Salon um; als er aber sah, dass der Teppich
vor der Türe hing, blickte er wieder auf seine Arbeit.
    »Unbesorgt!« lachte Graf Fohrbach, der diese Bewegung gesehen; »das ist
Alles bei mir wohlweislich eingerichtet. Ich mag es nicht leiden, wenn die
Bedienten zu viel hören; ich muss doch irgend ein Asyl haben, wo ich vollkommen
allein sein kann. - Beide Türen, die zum Schlafzimmer und die zum Salon, haben
geheime Federn und bleiben nie offen stehen. Sie fallen geräuschlos in's Schloss
und sind so sorgfältig gearbeitet, dass nicht das lauteste Wort durchdringen
kann.«
    »Kennen Sie den Baron schon lange?« fragte anscheinend gleichgültig der
junge Maler.
    »Seit ungefähr einem halben Jahre; ich gehe sonst nicht leicht neue
Bekanntschaften ein, aber er brachte mir von W., woher er kam, ganz
ausserordentliche Empfehlungen von guten Freunden. Auch amusirt mich zuweilen
sein geziertes Wesen; er ist dabei gutmütig, sehr gebildet, hat viel gesehen,
und, wenn er will, erzählt er vortrefflich. Eine innige Freundschaft möchte ich
gerade nicht mit ihm eingehen, aber zum gewöhnlichen Umgang gefällt mir die Art,
wie er sich gehen lässt und wie man ihn ebenfalls gehen lassen kann. Jetzt sitzt
er zum Beispiel draussen; wenn ich ihn ruhig da lasse und mich durch die
Hintertüre entferne, um meinen Geschäften nachzugehen, so findet er das ganz
natürlich und kommt Abends zum Tee mit demselben freundlichen und unbefangenen
Gesicht.«
    »Ich brachte das Gespräch nicht ohne Absicht auf den Baron,« sagte Artur.
    »Wie so?«
    »Ich will Ihnen das gelegentlich einmal erzählen, es ist ein höchst
eigentümlicher Vorfall und doch vielleicht wieder ganz unbedeutend! ich weiss
selbst nicht, was ich davon denken soll. - Aber Sie sind eilig, und ich will Sie
heute Morgen nicht aufhalten.«
    »Aufrichtig gesagt, ja, lieber Artur,« erwiderte Graf Fohrbach. »Aber
vergessen Sie Ihre Geschichte nicht, ich gestehe wohl, dass ich mich für den
Baron interessire.«
    »Hat er Vermögen?«
    »Für das was er ausgibt, muss er reich sein. Ich traf ihn neulich bei Ihrem
liebenswürdigen Papa - meinem Banquier, der ihm auf die freundlichste Art von
der Welt ein Paket Banknoten einhändigte. Der Kassier verbeugte sich tief vor
ihm, und das ist ein guter Barometer - wie Sie wohl am besten wissen -«
    »Wie Sie im Vorzimmer Seiner Majestät!«
    »Allerdings, junger Spötter! - Doch - - Teufel! wie vergesslich ich bin! Da
habe ich Sie um etwas bitten wollen - was war es doch? - Richtig, jetzt fällt
mir's ein. - Wie viel Uhr ist es wohl?« unterbrach er sich. - »Lassen Sie nur
stecken, ich will im Salon nachsehen, da ist eine Standuhr, die täglich nach der
im Schloss gerichtet wird.«
    Damit hob er den Türvorhang auf und ging in's Nebenzimmer.
    Der Baron sass noch ruhig bei seiner Chocolade und las aufmerksam seine
Zeitungen. Doch studierte er besonders die hinteren Seiten derselben, wo sich
die Annoncen befanden. Als der Graf eintrat, wandte er kaum den Kopf herum,
nickte vielmehr nur leicht, als ihm dieser sagte: »Verzeihen Sie, Baron, dass ich
Sie sitzen liess, aber Sie wissen, Herrendienst geht vor allem Anderen. Ich muss
um elf Uhr in's Schloss, und es ist wahrscheinlich schon halb vorbei; da muss ich
mich ungeheuer beeilen.«
    »Ei, mein lieber Graf,« entgegnete der Baron mit sanfter Stimme, indem er
seine Tasse niedersetzte und sich auf die zierlichste Art von der Welt den
Schnurrbart strich, »da haben Sie Zeit genug. Ihr vortrefflicher Kutscher bringt
Sie ja in zwei Minuten an die Türe der Freitreppe.«
    »Da haben Sie Recht, mein Bester,« versetzte der Graf, der aus einer reich
mit Gold und Steinen incrustirten Mappe eine Lage Postpapier heraus nahm. »Aber
ich bin Geschäftsmann und muss vorher noch einen wichtigen Brief schreiben. Doch
um Sie nicht in Ihrer Lectüre zu stören, will ich mich in's Nebenzimmer
begeben.«
    »Ich lese Anzeigen,« sprach gähnend der Baron, »fand aber da etwas, was mich
erschreckte. Da ist ein Kerl, der kündigt einen Odeur an, von dem er sagt, es
sei das feinste Oel, was man den Rosen entziehen könne und habe den sanften
Geruch dieser Blume, ohne jedoch an das Scharfe, Unangenehme des gemeinen
Rosenöls zu erinnern.«
    »Das wäre Ihr coeur de rose!« entgegnete Graf Fohrbach. »Ei, ei! Baron, am
Ende hat Sie Ihr Armenier verraten und Ihr Geheimnis ist in Jedermanns Munde.«
    »Unbesorgt!« sagte der Baron, indem er sein Battisttuch hervorzog und es
unter die Nase presste; »diese Feinheit bringt nur er hervor, und wenn der Kerl
da in der Zeitung wirklich etwas Aehnliches anpreist und verkauft, so wird doch
die gemeinste Nase den Unterschied deutlich riechen.«
    »Das ist ein Trost für Sie,« erwiderte der Graf, der bei diesen Worten in's
Nebenzimmer eilte. Doch rief er noch durch die Türe: »Nur einen Augenblick,
Baron! Ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
    Die Türe fiel zu und man hörte deutlich, wie das Schloss einschnappte.
 
                                  Zweiter Band
                            Einundzwanzigstes Kapitel.
                            Jäger und Kammerjungfer.
Der Baron schaute in diesem Augenblick über seine Zeitung hinweg, dann liess er
die linke Hand, in der er sie hielt, langsam sinken und wandte den Kopf nach
rechts und nach links, während er forschend durch das ganze Zimmer blickte.
dabei war der Ausdruck seines Gesichtes auf einmal ein ganz anderer geworden:
das Auge, das sich gewöhnlich so affektirt und matt hinter den herabfallenden
Augenlidern verbarg, blitzte unter den scharf zusammengezogenen Augenbrauen
hervor; seine Lippen, die meistens halb geöffnet waren und von einem süssen
Lächeln umspielt wurden, erschienen voll Spannkraft und Energie, und liessen, als
sie sich leicht emporzogen, zwei Reihen schneeweisser Zähne sehen. - Er legte die
Zeitung nieder, stützte die rechte Hand leicht auf den Tisch und erhob sich von
seinem Stuhle, ohne das geringste Geräusch zu machen. Dann wandte er sich um,
glitt durch den Salon nach dem Schreibtische des Grafen, wo sich in einer
breiten Schaale von Bronze Bleistifte und alle möglichen Schreibmaterialien
befanden. Dazwischen lag ein kleines Petschaft, dessen Griff aus Gold in
getriebener Arbeit bestand und reich mit Steinen besetzt war. Dieses Petschaft
nahm der Baron geräuschlos aus der Schale fort, betrachtete es einen Augenblick,
steckte es in die Tasche seines Rocks und ging dann ebenso leise wie er
gekommen, zu seinem Stuhle zurück, auf welchen er sich wieder setzte. Nun nahm
er abermals die Zeitung in die Hand, wandte den Kopf, wie vorhin beschrieben,
rechts und links, um alle Ecken des Salons zu besichtigen und dann nahm sein
Gesicht plötzlich wieder jenen weichen und schlaffen Ausdruck an, den wir
bereits kennen.
    Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kammerdiener ging durch
den Salon, kehrte aber gleich wieder dahin zurück, zündete eine Wachskerze an,
nahm Siegellack und wühlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der
Bronzeschaale. Er schien überrascht zu sein, blickte im Zimmer umher und ging
dann in's Nebenzimmer, wo er unter der Türe stehen blieb und seinem Herrn
einige Worte sagte.
    »Mein Petschaft muss da sein,« hörte man den Grafen antworten; »das kleine
mit dem goldenen Griff, es liegt in der Bronzeschale.«
    »Euer Gnaden verzeihen,« entgegnete der Kammerdiener, »es liegt nicht an
seinem gewöhnlichen Platze.«
    »Das müsste mit dem Teufel zugehen,« erwiderte der Graf. »Ich habe es gestern
Abend noch da gesehen.«
    Mit diesen Worten trat er in den Salon, ein Briefchen in der Hand; der
Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte.
    »Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinsichtlich meines Odeurs,« sagte der
Baron mit wichtigem Tone; »jener Fabrikant nennt es Rosensaft. Ich bitte Sie,
Rosensaft! dabei fällt mir gleich so 'ne schmutzige Brühe ein. Ah! coeur de rose
ist eine schöne Erfindung.«
    »Gewiss, gewiss!« entgegnete zerstreut und einigermassen ärgerlich der Graf,
denn er hatte ebenfalls vergeblich in der. Bronze schale und auf dem ganzen
Tische nach dem Petschaft gesucht. Er sah den Kammerdiener an; dieser zuckte die
Achseln.
    »Wer hat das Zimmer heute Früh in Ordnung gebracht?« fragte er mit heftigem
Tone.
    »Der Jäger, Euer Gnaden.«
    »Wieder der Jäger! - Wann soll denn der Geschichte einmal ein Ende gemacht
werden?«
    »Es ist eigentümlich,« sprach der alte Mann, »der Mensch hatte so
vortreffliche Empfehlungen und wie sehr ich beständig aufgepasst, ich habe nie
etwas Unrechtes bemerkt.«
    »Aber Sie werden mir nicht ableugnen können, dass seit einem halben Jahre,
als der Mensch in meinen Diensten ist, jeden Augenblick aus diesem Salon Etwas
verschwindet.«
    »Leider!«
    »Haben Sie sonst auf Jemand von den Leuten Verdacht, auf George vielleicht
oder auf Karl?«
    »Gott soll mich bewahren!«
    »Nun, also bleibt's an dem Jäger hängen, und der Sache soll ein Ende gemacht
werden; ich will's!«
    »Aber, gnädigster Herr, man kann ihm Nichts beweisen.«
    »Das braucht's auch gar nicht; ich will gewiss nicht sein Unglück; man zahlt
ihm einen halbjährigen Lohn, sagt ihm, er habe mir nicht convenirt und gibt ihm
meinetwegen ein erträgliches Zeugnis.«
    Der alte Mann nickte mit dem Kopfe.
    »Wie Sie selbst sagten, kann man ihm Nichts beweisen, also wollen wir auch
seiner Zukunft nicht hinderlich sein. Aber mir ist es unheimlich, dass hier alle
Augenblicke so was vorfällt.«
    Der Graf hatte etwas heftig und laut gesprochen, während er sich an dem
Schreibtische im Salon niedergelassen, um besser in der Bronzeschale suchen zu
können, so dass sich sogar der gleichmütige Baron veranlasst sah, aufzustehen und
näher zu kommen.
    »Ja, was ist denn vorgefallen, mein bester Graf?« fragte er, indem er sich
in dem Spiegel über dem Kamin Haar und Bart zurecht strich und dann an dem Feuer
seine Fussspitzen wärmte. »Sie sind ja wahrhaftig ganz aufgeregt!«
    Der Graf wollte von dem Petschaft sprechen, doch der Kammerdiener sah ihn
bittend an. »Ach!« sagte er mit verdriesslichem Tone, »ich bin mit einem meiner
Leute nicht zufrieden, mit meinem Jäger, ich muss ihn fortschicken, was mir sehr
unangenehm ist. Es ist überhaupt so schwer, ordentliche Leute zu bekommen.«
    »Das weiss Gott!« entgegnete der Baron, indem er sich umwandte und die Hände
auf den Rücken legte. »Aber da fällt mir was ein. Vor ein Paar Tagen wurde mir
Jemand empfohlen, von sehr guter Hand und dringend empfohlen, ein Mensch, der
schon längere Zeit in W. in den besten Häusern diente, und obendrein ein
gelernter Jäger. Für seine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren; wenn Sie's
mit dem versuchen wollten!«
    »Warum nicht, auf Ihre Rekommandation! - Er soll sich bei meinem
Kammerdiener melden, ich nehme ihn an.«
    »Schön,« sagte der Baron mit seinem sanftesten Lächeln; »da haben wir einmal
wieder ein gutes Werk getan.« - Er trat an den Tisch, stützte sich mit der
linken Hand darauf und schlug mit einem Finger der Rechten auf die Bronzeschale,
dass sie einen hellen Klang von sich gab. - »Aecht? - Antik?« fragte er.
    »Ich habe sie von einem Bekannten erhalten, der sie in Pompeji erbeutet. -
Aber Teufel! Es ist schon drei Viertel auf Elf. - Lassen Sie meinen Wagen
vorfahren,« sagte er zu dem Kammerdiener, der sich verdriesslich entfernte.
»Jetzt muss ich siegeln und habe mein Petschaft verloren. Ah, Baron!« rief er
aus, »Sie können mir helfen.« dabei fielen seine Blicke auf die goldene Uhrkette
des Anderen, an welcher sich eine Menge Kleinigkeiten, unter Anderem auch ein
orientalischer Ring mit einem Carniol befand, auf den einige arabische
Buchstaben geschnitten waren. »Leihen Sie mir einen Augenblick Ihren Ring, um
meinen Brief damit zuzusiegeln, es ist ja kein Wappen darauf. - Also kann es Sie
in keiner Weise kompromittiren,« setzte er lachend hinzu.
    Der Baron zuckte mit der Hand nach seiner Uhrkette und sein gleichmütiges,
lächelndes Gesicht war im Begriff, einen ganz anderen Ausdruck anzunehmen. Wie
aber ein geschickter Equilibrist sich noch in dem Momente, wo er fallen will,
kräftig und gewaltsam in's Gleichgewicht hinein schwingt, so auch der Baron.
Seine Finger, welche hastig die Uhrkette, wie um sie zu verbergen, ergreifen
wollten, glitten jetzt leicht daran herunter und blieben an dem bewussten Ringe
hängen. »Ah! Sie wollen mit meinem Talisman siegeln, bester Graf!« sagte er
alsdann mit seinem gewöhnlichen freundlichen Lächeln. »Nehmen Sie sich in Acht!
Sie wissen doch, dass diese mysteriös geschnittenen Steine nur für den
heilbringend sind, der sie besitzt, und dass, wenn sich ein Anderer derselben
bedient, zum Beispiel wie Sie, lieber Graf, jetzt zum Siegeln, dies für den
Empfänger von unangenehmen Folgen sein kann!«
    »Sind Sie denn wirklich abergläubisch, Baron?« fragte der Graf und hob eine
Stange Siegellack an das brennende Licht, während er den Brief vor sich
hinlegte. - »Uebrigens,« fuhr er lächelnd fort, »ist mir am Wohl und Wehe des
Empfängers oder der Empfängerin nicht viel gelegen, und wenn also Ihre
Befürchtungen wirklich wahr wären, so könnte es derjenigen, welche diesen Brief
erhält, am Ende Nichts schaden, wenn dieser Brief einige Dornen auf ihren Pfad
streute.«
    »Coeur de rose!« sagte der Baron, indem er sich höchst verwundert stellte,
»da führen Sie ja eigentümliche Korrespondenzen. Ich will nicht hoffen, dass der
Brief an Jemand aus der Gesellschaft geht!«
    »Seien Sie ganz unbesorgt, Baron! Glauben Sie denn, ich würde mich in dem
Fall eines Ihrer Siegel bedienen? Ah! das wäre indiscret! Dieses Schreiben geht
an ein ganz obscures Wesen, von dessen Existenz Sie gar keine Ahnung haben; eine
stille Wittwe, die hie und da meine gewissen kleinen Privatangelegenheiten
arrangirt. - Aber jetzt geben Sie Ihren Ring her, mein Siegellack ist flüssig.«
    »Armer Talisman!« sagte der Baron mit affektirter Wehmut, während er die
Kette loshakte und den Ring seinem Bekannten darbot; »ein Abdruck von dir
scheint mir da in schöne Hände zu kommen. - Coeur de rose! das hätte sich die
reizende Griechin, die ihn mir verehrt, gewiss nicht träumen lassen.«
    Der Graf siegelte rasch und sorgfältig das Villet, dann betrachtete er
aufmerksam die sonderbaren für ihn unleserlichen Schriftzeichen und versetzte:
»So, der Abdruck ist schön gelungen; meinen herzlichen Dank! - Jetzt muss ich
aber eilen, sonst komme ich zu spät in's Schloss und das wäre entsetzlich. - Kann
ich Sie mitnehmen?«
    Der Baron sann eine Sekunde nach. »Besuch auf dem Kastellplatz,« murmelte
er, »dann in der Königsstrasse, in der hohen und breiten Strasse, - ja, ja, bester
Graf, ich nehme einen Sitz in Ihrem Wagen an! Sie lassen mich an der Ecke des
Kastellplatzes entspringen.«
    »Schön,« erwiderte Graf Fohrbach; »gehen Sie nur voraus; ich folge in der
Sekunde.«
    Während nun der Baron in das Vorzimmer ging, sich dort den Paletot anziehen
liess, einen dicken Cachemir um den Hals schlang, den Hut aufsetzte und nach dem
Wagen schritt, eilte der Graf in sein Arbeitskabinet, wo der Maler sass und sagte
diesem: »Adieu, lieber Artur, ich muss in den Dienst. Bleiben Sie hier, so lange
Sie wollen; Sie wissen, wo Cigarren und Pfeifen sind. Aber wenn Sie fortgehen,
erzeigen Sie mir, dem Freunde, eine Gefälligkeit. Werfen Sie diesen Brief auf
die Stadtpost, aber heute Morgen noch; es liegt mir Alles daran, dass er im Laufe
des Tages an seine Adresse gelangt, besonders aber, dass meine Dienerschaft die
Adresse nicht sieht. Ich stehe zu allen Gegendiensten bereit.«
    »Mit grossem Vergnügen,« entgegnete Artur, indem er das Billet neben sich
legte. »Wenn ich für meine Person die Adresse lesen darf und es mir nicht zu
sehr aus meiner Route liegt, so werde ich ihn selbst besorgen, wenn es Ihnen
recht ist.«
    »Natürlicher Weise!« entgegnete der Graf lachend, während er fort eilte; und
er sagte noch unter der Türe: »aber wenn Sie ihn selbst überbringen, so nehmen
Sie sich in Acht; Sie könnten da in ein Kreuzfeuer von schönen Augen
hineinkommen, das selbst einem Maler gefährlich werden dürfte. - Adieu!«
    Damit eilte er fort, liess sich im Fluge den Mantel umwerfen und traf den
Baron schon an der Gartentüre neben dem kleinen Coupé stehend. Beide setzten
sich ein und der Wagen schoss mit einer ausserordentlichen Geschwindigkeit davon.
    »Da fällt mir eben ein,« sagte der Baron, der sich jetzt in seine Ecke
geschmiegt hatte, »Sie könnten mir einen kleinen Dienst erzeigen, Graf Fohrbach,
und ich bin überzeugt, keine Fehlbitte zu tun, da heute Ihr Herz gegen mich von
Dankbarkeit erfüllt sein muss. Bedenken Sie, dass ich Ihnen einen vortrefflichen
Jäger verschafft, und dass ich Sie mit meinem Talisman siegeln liess. Coeur de
rose! Das sind keine Kleinigkeiten!«
    »Sie wissen, bester Baron, dass ich mir auch ohne das ein Vergnügen daraus
machen würde, Ihnen nützlich sein zu können. Wovon handelt es sich?«
    »Ich komme mir ordentlich als Dienerschafts-Kommissionär vor,« entgegnete
gutmütig lachend Herr von Brand. »Ich habe, wie gesagt, den Jäger plazirt,
jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben, für die ich
eine gute Stelle suche, wo möglich im Schloss. Es ist ein sehr braves und
empfehlenswertes Geschöpf.«
    »Ist sie jung und hübsch?«
    »Ah! mein lieber Graf, Ihre Frage könnte mich beleidigen! Ich versichere
Sie, ich sehe bloss auf die inneren Eigenschaften dieses Mädchens. Aber um
tugendhafte Bedenken Ihrerseits zu beschwichtigen, versichere ich Sie, dass die
erwähnte Person gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hübsch ist, so -
so wie ich glaube; aber sie kann einer Toilette assistiren wie keine und spricht
französisch.«
    »Das wird sich machen lassen,« meinte Graf Fohrbach, »und wenn Ihnen
wirklich ein Gefallen damit geschieht, Baron, so können Sie Ihrer Empfohlenen
sagen, sie sei schon so gut wie plazirt. Und Sie wünschen, dass sie in's Schloss
kommt?«
    »Gerade daran wäre mir etwas gelegen; - sie soll eine sehr brave Person
sein.«
    »Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon sprechen. Aber hier ist
der Kastellplatz, wo ich Sie absetzen soll.« - Er zog bei diesen Worten heftig
an der Schnur, die zum Kutscher draussen führte, worauf der kleine Wagen fast
augenblicklich stille hielt.
    »Meinen doppelten Dank!« rief der Baron lachend, nachdem er ausgestiegen;
»für die Kammerjungfer und die Fahrt.«
    »Und meinen gleichfalls,« entgegnete der Graf, »für den Jäger und den
Talisman.«
    Und der Wagen rollte davon.
    Der Herr von Brand blieb an der Ecke des grossen Kastellplatzes stehen; es
war dies, wie schon der Name besagt, ein weiter Raum in der Nähe eines alten
Schlosses, in welchem sich Archive und Möbelmagazine befanden. Dies alte düstere
Gebäude war mit Türmen flankirt, und hatte eine Menge ein- und ausspringender
finsterer Winkel, von denen einige dazu dienten, das herabstürzende Regenwasser
aufzufangen, wesshalb sich auf dem Boden derselben grosse zusammengekittete
Steinplatten mit einer vergitterten Öffnung versehen befanden, durch welche
alle Feuchtigkeit ablief.
    Heute Morgen, wo der Frost der letzten Tage von einem starken Tauwetter
verdrängt worden war, wo es ziemlich heftig regnete und der Schnee auf den
Dächern mit ausserordentlicher Geschwindigkeit schmolz, stürzte das Wasser in
kleinen Fällen aus den seltsam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab,
um alsdann durch die erwähnte Öffnung sprudelnd und schäumend unter der Erde zu
verschwinden.
    Der Baron schritt um das alte Kastell herum bis zur hinteren Seite, wo sich
zwischen einem Turme und einem riesenhaften Kamin der dunkelste dieser Winkel
befand. Hier öffnete er behutsam Paletot und Rock, nahm das uns bekannte
Petschaft aus letzterem heraus und liess es auf den Steinboden niederfallen, so
dass es alsbald von der Flut des Regen- und Schneewassers in den Schoss der Erde
hinabgeschwemmt wurde. Darauf lächelte er eigentümlich, knöpfte Rock und
Paletot wieder zu, schob die Hände in die Taschen und verschwand in einer engen
Strasse, die auf den Kastellplatz mündete.
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
                           Auf der Polizeidirektion.
Der Baron hatte sich eine seltsame Tournure angewöhnt; er ging nämlich, wenn er
allein über die Strassen schritt, scheinbar in Gedanken vertieft, den Kopf etwas
vornüber gebeugt, die Augen vor sich auf die Fussspitzen geheftet. Wir sagen, er
sah nur scheinbar so achtungslos aus, denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles,
was ihm begegnete, und wenn er hie und da sein Auge leicht aufschlug und um sich
schaute, so fasste er in einer Sekunde die Häuser der beiden Seiten auf und wusste
ganz genau, ob Jemand im zweiten, dritten oder vierten Stock am Fenster gewesen.
    Seine Freunde spotteten darüber und sagten ihm lachend, er kokettire mit
seinem tiefen Nachdenken, mit seinem gänzlichen Unbeachtetlassen der ganzen
übrigen Welt, - wenn aber an einer Strassenecke, sei es auch auf Tausend Schritte
Entfernung, der lumpigste Junge seine Mütze schwenke, so sehe er das
augenblicklich, halte es für eine Begrüssung und lüpfe respektvollst den Hut.
    Dass der Baron gerne grüsste, das leugnete er selbst nicht. - - »Was wollt
ihr!« sagte er, »ich bin einmal ein Mensch, der, das weiss ich ganz genau, keine
glänzenden Eigenschaften, keine überraschenden Talente entwickeln kann; um aber
nun Etwas zu haben, das mich vielleicht vor vielen andern Menschen auszeichnet,
so befleissige ich mich einer musterhaften Höflichkeit und besitze eine
ausserordentliche Artigkeit.« - »Und ein eigens für Sie erfundenes Parfum,«
hatten die Freunde lachend hinzugesetzt. - Worauf der Baron sehr wichtig
erwiderte: »Das ist wahr - coeur de rose.«
    So ging er denn auch am heutigen Tage sinnend dahin, liess den Kastellplatz
hinter sich, sah fast immer auf den Boden und warf nur hie und da einen Blick
auf die Vorübergehenden und auf die Häuser zu beiden Seiten. Er durchschritt
mehrere Strassen, wandte sich rechts, dann links und kam an einen andern Platz
der Residenz, wo nämlich die eleganten und reichen Stadtviertel anfingen, deren
zwei Hauptstrassen hier zu beiden Seiten in eines der grössten Kaffeehäuser
mündeten. Diesem Café gegenüber lag ein stattliches Gebäude - die
Polizeidirektion.
    Mit einem einzigen Blick überschaute der Baron den ziemlich grossen Platz,
als er in der Nähe des Café's wie immer scheinbar gedankenlos schlendernd, aus
einer der Seitenstrassen heraustrat. Ihm gegenüber musste aber plötzlich Etwas
erscheinen, was seine ganze Aufmerksamkeit fesselte, denn er blieb mit einem
Male stehen, wandte sich und, um den ihm Begegnenden nicht aufzufallen, nach
einem Bilderladen, wo er angelegentlichst ein paar Kupferstiche zu betrachten
schien, in der Tat aber seine Augen fest auf die andere Seite des Platzes
gerichtet hielt.
    Dort befand sich ebenfalls ein eleganter Laden, und ein Strom von Menschen
trieb bei ihm vorbei; es war das eine ziemlich wirre Masse von Fussgängern aller
Art: Herren in Paletots, Damen in Mänteln, viele Regenschirme und viele
Equipagen, die ab und zu fuhren und bald vor diesem, bald vor jenem Gewölbe
hielten.
    Während der Baron da stand und schaute, änderten sich seine Gesichtszüge in
der gleichen Art wie vorhin im Salon des Grafen Fohrbach, nur mit dem
Unterschiede, dass jetzt Entschlossenheit weniger vortrat, dagegen eine gespannte
Aufmerksamkeit alle Muskeln seines Gesichtes zusammenzog.
    Ohne unsere Hilfe wird der geneigte Leser unmöglich erraten, was der Baron
so aufmerksam betrachtete, wesshalb wir es für unsere Schuldigkeit halten, diesen
Gegenstand näher zu bezeichnen.
    Zwischen dem Gewühl der Wagen und Fussgänger bemerken wir einen Bedienten in
anständiger Livrée, ohne Regenschirm, den himmlischen Wassern trotzend, der
anscheinend vollkommen sorglos und durchaus nicht eilig an den Häusern vorbei
schleicht. Jetzt hatte er beide Hände in die Hosentaschen gesteckt, im nächsten
Momente zog er sie hervor und legte sie auf dem Rücken zusammen. dabei blieb er
zuweilen einen Augenblick stehen, schaute an den Himmel hinauf und schien Etwas
in Ueberlegung zu ziehen, worauf ihn das Resultat dieses Nachdenkens vorwärts
trieb, denn er machte ein paar schnelle Schritte, um gleich darauf wieder
nachdenkend stehen zu bleiben; endlich pflanzte er sich vor einem der Gewölbe
auf, beschaute aber nicht die ausgelegten Waaren, sondern blinzelte nach der
Polizeidirektion, die nur noch wenige Schritte vor ihm lag.
    Das Alles bemerkte der Baron vor dem Bilderladen und sprach leise zu sich
selber: »Wenn der Kerl da einen Auftrag hätte, so würde er sich bei dem
scheusslichen Wetter wahrscheinlich beeilen, da er aber auf Etwas zu spekuliren
scheint und auf alle Fälle über Etwas nachdenkt, so will mir sein
Herumschlendern dort bei dem verdächtigen Gebäude durchaus nicht gefallen. -
Passen wir auf.«
    Jetzt hatte der Lakai wieder einige Schritte getan und befand sich an dem
grossen Eingang der Polizeidirektion. Er blieb hier abermals stehen, betrachtete
das Haus von oben bis unten, blickte verstohlen in das Vestibul, las hierauf
eifrig die an der Mauer aufgeklebten Anzeigen, dann setzte er einen Fuss auf die
unterste Treppenstufe, zog ihn aber wieder zurück und schlich an dem Hause
vorüber.
    Der Baron atmete tief auf. - Jetzt aber ballte er krampfhaft die rechte
Hand, streckte sich hoch empor und sein Auge blitzte; drüben war der Bediente
wieder umgekehrt und nach abermaligem Zaudern nun in der Türe des
Polizeidirektions-Gebäudes verschwunden.
    Einen Augenblick verharrte der Baron in der eben beschriebenen Stellung,
dann biss er die Zähne über einander, nickte mit dem Kopfe und murmelte: »Das war
ein glücklicher Zufall!« worauf er in das Kaffeehaus trat, eine Cigarre
verlangte, eine Zeitung nahm und sich an die Türe stellte; anscheinend in das
Journal vertieft, blickte er fast jede Sekunde auf den Platz hinaus.
    Er musste nun eine gute halbe Stunde warten, bis der Lakai drüben wieder aus
dem Gebäude heraustrat. - »Ich will nun sehen, wie er davon geht,« dachte der
Baron, »schleicht er unentschlossen zurück, wie er gekommen, so ist vielleicht
Nichts verloren; - wenn nicht - - ah! der Hallunke!« - Dieser Ausruf entfuhr ihm
etwas lauter als er es gerade gewollt, da er bemerkte, wie der Bediente drüben
förmlich die Treppe hinabstürzte und als werde er gejagt über die Strasse dahin
flog.
    Ein Paar harmlose Zeitungsleser in dem Kaffeehause, die das laute Wort des
Barons vernommen, blickten erstaunt in die Höhe, schrieben es aber wohl einem
Artikel zu, den der Baron in seinem Journal gelesen, denn dieser bezwang sich
augenblicklich und schaute so harmlos in die Spalten, als interessire ihn sonst
Nichts auf der ganzen weiten Welt; auch blieb er noch eine gute Viertelstunde an
der Türe stehen, worauf er ruhig von dannen ging und ebenso über den Platz
schritt bis zum nächsten Fiakerstand. Dort setzte er sich in einen Wagen, gab
dem Kutscher eine Adresse, forderte ihn auf, schnell zu fahren und befand sich
kurze Zeit darauf an der Türe seiner Wohnung.
    Da wir später und zu gelegenerer Zeit dem Baron einen Besuch zu machen
gedenken, so wollen wir uns jetzt nicht mit einer Beschreibung dieser Wohnung
aufhalten, um so weniger, da der Herr des Hauses selbst ausserordentlich eilig zu
haben scheint. Schon auf der Treppe pfiff er auf eine eigentümliche Art, worauf
ein Bedienter herbeisprang und die Glastüre aufriss, die in den ersten Stock
führte. »Sogleich meinen Wagen!« befahl der Baron, indem er vorüberschritt und
sich in sein Ankleidezimmer begab, wo ihn der Kammerdiener erwartete. Kurze Zeit
nachher hörte man einen Wagen vorfahren, und als der Bediente die Meldung davon
brachte, hatte sich der Baron bereits umgekleidet. Er trug einen eleganten
einfachen Morgenanzug, liess von dem Kammerdiener ein rotes Band in das
Knopfloch befestigen, zog einen leichten Paletot an, und eilte ebenso geschwind
die Treppen hinab, wie er hinaufgestiegen war.
    »Nach der Polizeidirektion!« rief er dem Kutscher zu; das leichte Coupé flog
davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebäude.
    Von dem Gesicht des Barons war unterdessen jede Wolke verschwunden, und ein
heiterer Sonnenschein lächelte aus allen seinen Zügen. Er schritt leicht und
gewandt die breite Treppe hinauf, die sich oben teilte und links zu den
Kanzleien, rechts zu der Wohnung des Präsidenten führte. Die letztere Richtung
nahm der Baron, und bei der grossen Glastüre angekommen, zog er ziemlich stark
an der Klingel. Ein Bedienter, welcher öffnete, machte eine tiefe Verbeugung und
führte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein liess, er
werde der gnädigen Frau augenblicklich den Besuch des Herrn Baron melden, und er
zweifle auch nicht, dass die gnädige Frau sichtbar sei.
    Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die
er dazu anwandte, sich vor das Bild einer ziemlich hübschen und sehr
wohlbeleibten Frau zu stellen, und dort wie in Entzücken versunken stehen zu
bleiben. Endlich hörte er eine Türe öffnen und fuhr mit einem halberschreckten:
»Ah!« herum, als er das Original dieses Bildes erblickte, welches sanft
lächelte, da es seine Verwirrung bemerkte.
    Dieses Original, die Gemahlin des Polizei-Präsidenten, war nicht mehr ganz
so hübsch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte
ihr sanftes Lächeln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden
Händen haltend, verbindlichst näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde, bei
dessen Anschauung man ihn ertappt hatte, ausrief: »Ah! gnädigste Frau, so oft
ich eben das Bild betrachte, hasse ich unsern Künstler immer mehr; - was hätte
er daraus machen können! - Ein so lohnendes Werk! - Doch schweigen wir von der
Copie, da ich so glücklich bin, dem schönen Original die Hand küssen zu dürfen.«
Darauf führte er die dicken Finger der Präsidentin an seinen zierlich
zusammengezogenen Mund und liess sich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die
gnädige Frau dankbarlichst winkte.
    »Sie werden gewiss erstaunt sein, dass ich Ihnen schon wieder lästig falle,«
sagte der Baron, nachdem er sich auf's Zierlichste gesetzt, mit einem süssen
Lächeln; »aber es müssen schon vier Wochen sein, dass Sie die Gnade hatten, mich
letztmals zu empfangen.«
    »Ei, Baron,« entgegnete lächelnd die Präsidentin, »es sind noch nicht acht
Tage.«
    »Unmöglich!« entgegnete er erstaunt. »Ich versichere Sie: volle vier
Wochen.«
    »Es war vergangenen Donnerstag,« beharrte sie freundlich lächelnd, »und
heute haben wir Mittwoch, Da Sie meinen Worten nicht zu glauben scheinen, bester
Baron, so will ich Auguste rufen lassen, die Ihnen gewiss genau sagen wird, wann
Sie da waren.«
    Der Baron verstand die zarte Anspielung der Mutter, doch schien ihm offenbar
dieses Glück zu gross. Er atmete tief auf, schlug die Augen nieder und
betrachtete angelegentlich seine lederfarbenen Handschuhe.
    Die Präsidentin klingelte, und da ihre Tochter Auguste ganz zufälligerweise
selbst kam, um sich nach ihren Befehlen zu erkundigen, so konnte sie gleich da
bleiben, was sie denn auch nicht ohne einige sehr gut an den Tag gelegte
Verwirrung tat.
    Auguste war ein hübsches blondes Mädchen von einigen zwanzig Jahren. - Als
Mama ihre Entscheidung über den streitigen Fall von vorhin verlangte, schlug sie
sanft die Augen nieder und sagte errötend: »Sie waren in der Tat am
vergangenen Donnerstag hier, Herr Baron.«
    »Und ich dachte, es seien volle vier Wochen,« entgegnete er. - »Wie ist mir
die Zeit so lange geworden!« setzte er leiser hinzu, indem er der Mutter eine
Sekunde in die Augen sah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die
Tochter warf.
    Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hübschen blauen Augen
und wandte sich darauf scheinbar in Verlegenheit ab, doch manöverirte sie wie
ein gut geführtes Kriegsschiff und lud nach dieser Bewegung ihre Geschütze zu
einem neuen Angriff.
    »So muss ich also doppelt um Verzeihung bitten,« sagte eifrig der Baron, »dass
ich Sie heute schon wieder belästige.«
    »Ihre Besuche sind uns jeder Zeit angenehm,« versetzte die Mutter.
    »Ah!« seufzte der Baron, indem er die Augen öffnete und schloss wie ein
vollkommener Geck, »das ist in Ihrem Munde nur ein freundliches Kompliment; aber
ich zähle Stunden und Tage, bis mir wieder das Glück zu Teil werden darf, mich
nach Ihrer kostbaren Gesundheit erkundigen zu dürfen.«
    »Und verzählen sich?« sprach lächelnd Auguste.
    »Doch ohne meine Schuld,« antwortete der Baron und machte eine Bewegung, als
wolle er die rechte Hand zierlich auf sein Herz legen und mit einem Blick, der
deutlich sagte: Kann ich dafür, dass entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen
werden? -
    Es entstand hier eine kleine liebliche Pause. Der Baron schien in tiefes
Nachdenken versunken, aus dem er jetzt aber empor fuhr und hastig sagte: »Aber
mein jetziger Besuch, gnädige Frau, ist nicht ganz ohne Grund. Denken Sie sich,
wir waren gestern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte
Soirée. Natürlicherweise sprachen wir über elegante Toiletten, und darauf
behauptete ich, Sie, gnädigste Frau, seien damals in einer veilchenblauen
Atlasrobe mit weissen Camelien im Haar erschienen; Graf Fohrbach stritt für eine
von Rosafarbe, und ich muss gestehen,« setzte er fast beschämt hinzu, »dass wir
darüber eine kleine Wette eingingen. - Nun war ich vorhin drüben in dem
Kaffeehause -«
    »Gegenüber unserem Hause?« fragte Auguste lächelnd, und wir glauben, dass sie
ein wenig errötete.
    »Ja, mein Fräulein,« erwiderte der Baron, indem er abermals die Augen
niederschlug, »Ihren - Fenstern gegenüber.«
    Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf.
    Nachdem sich der Baron einigermassen erholt, nahm er seine Rede wieder auf
und lispelte: »Ich war also in dem Kaffeehause. - Ich bin oft dort. - Heute aber
erwartete ich mit Ungeduld die schickliche Stunde, um Ihnen meine Aufwartung
machen zu können und Ihr Urteil, unsere Wette betreffend, zu vernehmen. Da sah
ich denn, dass mir Graf Fohrbach leider schon zuvorgekommen.«
    »Graf Fohrbach?« fragte verwundert die Präsidentin. »Ich weiss Nichts von
ihm; du auch wohl nicht, Auguste?« wandte sie sich an ihre Tochter.
    »Er war nicht hier,« versicherte diese bestimmt.
    »Nicht in Person,« sagte der Baron, setzte aber mit einem fast schmerzlichen
Lächeln hinzu: »doch ich bin vielleicht indiskret. - Nein, nein, ich kann mich
nicht irren, ich erkannte deutlich die Livrée des Grafen, der wahrscheinlich
schriftlich um Ihre Entscheidung bat.«
    »Teuerster Baron, da haben Sie falsch gesehen,« lachte die Präsidentin.
»Wir Beide wissen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach,« setzte sie hinzu,
nachdem sie ihre Tochter mit einem Blicke befragt.
    »Es gibt allerdings Momente, wo man trüber als gewöhnlich sieht, zum
Beispiel, wenn man zu lange in ein helles Licht geschaut,« versetzte der Baron
mit Beziehung und in einem schwärmerischen Tone, »aber diesmal irre ich mich
nicht: es war einer der Leute des Grafen, der ungefähr vor einer halben Stunde
in Ihr Haus trat. Oh! ich habe die Türe genau beobachtet.«
    »Vielleicht hat der Graf an Papa geschrieben,« meinte Auguste mit einem
kalten Blick auf das Nebenzimmer.
    »Ich glaube nicht,« sagte die Präsidentin; »und wenn auch, doch gewiss nicht
in Ihrer Angelegenheit.«
    »Es wäre mir aber sehr interessant,« erwiderte der Baron, »das genau zu
erfahren. Sie wissen, gnädigste Frau, wenn man einmal eine Wette eingegangen
hat, so überwacht man gern alle Schritte seines Gegners, selbst die
unschuldigsten.«
    »Leichtsinnige junge Leute!« rief die Präsidentin, indem sie schalkhaft mit
dem Finger drohte. - »Wetten da auf die Camelien, die ich im Haar trage,« setzte
sie sehr geschmeichelt hinzu.
    »Wenn Sie wünschen, will ich Papa fragen,« sagte Auguste.
    »Ja, ja,« meinte auch die Präsidentin, »das kann ja gleich geschehen. Lass
dem Präsidenten sagen, der Herr Baron von Brand sei da; er wird sich gewiss ein
grosses Vergnügen daraus machen, auf einen Augenblick herüber zu kommen.«
    »Aber wir stören ihn in seinen wichtigsten Amtsgeschäften,« sprach der
Baron.
    Worauf die Präsidentin sich verbeugend erwiderte: »Für einen Freund des
Hauses hat mein Mann immer eine Viertelstunde übrig.«
    Auguste ging hinaus, um den Papa zu benachrichtigen, und der
Polizei-Präsident machte dem Worte seiner Gemahlin alle Ehre, denn er erschien
fast augenblicklich, rieb sich vergnügt die Hände, und freute sich auf's
Ausserordentlichste, den angenehmen Besuch begrüssen zu dürfen.
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
                               Räubergeschichten.
Der Polizei-Präsident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernsten, dürren
Gesichte, grauen stechenden Augen und einer langen Nase, mit welcher er sich
übrigens viel zu tun machte. Er fasste sie häufig, zog sie bald rechts und bald
links, und boshafte Spötter behaupteten, er steure damit seinen ganzen Körper,
indem er zuerst immer die Nase gewaltsam in die Richtung brächte, welche er
einschlagen wollte. So viel war übrigens gewiss, dass er seine Richtung oft
veränderte; stand dieser würdige Beamte aber einmal stille, so drückte er sanft
an seiner Nase herum, als wolle er sie sich für künftige Dienste freundlichst
geneigt erhalten.
    Der Baron war aufgesprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes,
ehrerbietiges Kompliment, dann folgte ein freundschaftlicher Händedruck, dann
die Bitte, sich gnädigst niederlassen zu wollen, mit dem Versprechen, es ebenso
zu machen, worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurücksanken, der Präsident
steif, in aufrechter Haltung, nachdem er zuvor seine Nase sanft befühlt, der
Baron elegant, graziös, dabei schlaff und zusammengesunken: jeder Zoll ein
vollkommener Roué.
    »Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen,« sagte er mit
niedergeschlagenen Augen, »den Sie, Herr Präsident, allein im Stande sind zu
schlichten.«
    »Der Baron behauptet nämlich,« ergriff die Präsidentin lachend das Wort,
»der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geschrieben; es betrifft eine
Wette, die dich übrigens nicht interessirt. Wir versicherten den Baron, keinen
der Leute des Grafen gesehen zu haben, er aber beharrte auf dem Gegenteil und
behauptete am Ende, wenn wir Nichts davon wüssten, so habest du ein Schreiben des
Grafen Fohrbach erhalten.«
    »Von Seiner Excellenz dem Kriegsminister?« sagte nachdenkend der Präsident,
indem er seine Nase tief herabzog. - »Habe Nichts von ihm erhalten.«
    »Ach Gott! nein,« entgegnete seine Gemahlin, »von dem jungen Grafen, dem
Adjutanten Seiner Majestät.«
    »Von dem noch viel weniger,« erwiderte der Chef der Polizei. »Worauf gründen
Sie Ihre Behauptung, bester Baron?« wandte er sich an diesen, wobei er seine
Nase losliess, die nun ein paar Zoll in die Höhe schnellte.
    »Auf meine beiden Augen,« erwiderte der Baron; »vor einer halben Stunde sah
ich die Livrée des Grafen in dieses Haus treten.«
    »Ah! mein Bester, da haben Sie sich gewaltig geirrt,« sagte der Präsident;
»es kam in der Tat ein Bedienter in Livrée in dieses Haus, aber er trug einen
dunkelgrünen Rock, während die Leute des Grafen Fohrbach dunkelbraun, fast
schwarz tragen.«
    »Ah! - ah!« machte der Baron mit verblüfftem Tone, »dann habe ich mich
gewaltig geirrt und ich bitte die Damen tausendmal um Verzeihung; dem Grafen
Fohrbach habe ich in der Tat Unrecht getan. Sprechen wir von was Anderem; wie
gesagt, ich bitte inständigst um Verzeihung.«
    »Und wer war denn eigentlich bei dir?« fragte die Präsidentin, deren
Neugierde erregt war, ihren Mann, der in Nachdenken versunken schien und seine
Nase auf der linken Seite kratzte.
    »Das ist eine ganz eigentümliche Geschichte,« antwortete er nach einer
Pause, »eine ganz sonderbare Geschichte. - Lässt sich ein Bedienter bei meinem
Sekretär melden und dieser bringt ihn zu mir. Wie gesagt, dunkelgrüne Livrée -
amarant aufgeputzt und gelbe Knöpfe.«
    Der Baron schüttelte nachdenkend und nachsinnend den Kopf. »Dunkelgrüne
Livrée,« sagte er, »amarant und goldene Knöpfe. Wissen Sie auch bestimmt, Herr
Präsident, dass es dunkelgrün und nicht dunkelbraun war, wie die Leute des Grafen
Fohrbach?«
    »O pfui, Baron! schämen Sie sich,« versetzte lachend die Präsidentin. »Sind
Sie immer noch nicht überzeugt?«
    »Vollkommen, meine Gnädigste; aber ich dachte eben darüber nach, welches
Haus dunkelgrün mit Amarant und Gold hat, und ich kann nicht darüber in's Klare
kommen. - Der Oberstofmeister hat dunkelgrün mit Gelb; der Herzog Alfred
dunkelgrün mit Blau; die Herzogin Schwester die gleiche Farbe mit Violett, und
das ist Alles. - Es muss das ein ganz obscures Haus sein.«
    »Das ist es auch,« erwiderte der Präsident und setzte seine Nase in
Freiheit, da er mit der rechten Hand in die Rocktasche griff und daraus ein
Papier hervorzog. »Die Livrée,« fuhr er fort, »die auch mir ganz unbekannt war -
und das will viel sagen, denn auf der Polizei sind wir so ziemlich von allem Dem
unterrichtet - gehört einem Herrn A., einem Privatmann, Rentier - was weiss ich?
- kurz einem alten Herrn, der in seinem Hause vor dem E'schen Tore wohnt.«
    »Richtig!« rief der Baron, indem er sich an die Stirne klopfte, »wie kann
man so vergesslich sein? Dem alten A. gehört die Livrée, - ganz recht! ganz
recht! Nun, mein lieber Herr Präsident,« setzte er mit einem vergnügten Lachen
hinzu, »wenn Sie mit dem in Verbindung treten, - denn ich entnehme Ihren Worten,
dass Sie ihn noch nicht kennen - so werden Sie die Bekanntschaft eines ganz
närrischen und sonderbaren Kautzes machen.«
    »Ei, ei!« machte der Chef des Polizeidepartements, indem er ziemlich
bedächtig drein schaute.
    »Ein ganz eigentümlicher und sonderbarer Kautz,« fuhr Baron Brand fort;
»ein Original.«
    »So, ein Original?« fragte lebhaft die Präsidentin. »Das ist mir
interessant. Wir sind wohl nie mit ihm in Berührung gekommen?«
    »Gewiss nicht, meine Gnädigste,« bemerkte der Baron, nachdem er vorher mit
grosser Aufmerksamkeit die Glieder seiner goldenen Uhrkette geordnet, die sich
etwas verdreht hatten. »Gewiss nicht; es ist das ein Mann hoch in den Sechzigen,
der selten aus dem Hause geht, Gesellschaften nie besucht, auch fast gar keinen
Umgang hat. Sie werden bei seiner kleinen Villa vor dem E'schen Tor zuweilen
vorbei gekommen sein; es ist das ein Gebäude ganz von dem Aussehen einer Festung
en miniature, rings herum Gräben, dahinter Mauern, mit Eisen beschlagene Tore,
kurz alle Apparate, um sich einen gewaltigen Feind vom Leibe zu halten.«
    »Ah! Das ist in der Tat merkwürdig,« sagte der Präsident. »Und was fürchtet
der Mann in einem wohlgeordneten Polizeistaate, bei einer Gesetzgebung, die mit
unnachsichtlicher Strenge die Verbrechen aufsucht und bestraft? - Ja, Herr
Baron, ich kann Sie versichern: aufsucht und findet. Wollen Sie mir wohl
glauben, dass von zwanzig Morden im vergangenen Jahre die betreffenden Täter
eingefangen wurden?«
    »Mit dem grössten Vergnügen glaube ich das,« erwiderte der Baron mit sanfter
Stimme. »Aber als sie die Täter einfingen, waren die Mordtaten alle
geschehen.«
    »Allerdings,« sprach der Chef der Polizei mit einiger Entrüstung, »es
versteht sich von selbst, dass die Freveltaten geschehen waren; und das war an
sich sehr gut, denn die Polizei muss doch, was das Einfangen anbelangt, in der
Uebung bleiben.« Und bei diesen Worten ergriff er abermals seine unglückliche
Nase und zog sie tief herab, wobei seine Augen so vergnüglich glänzten, als habe
er eben einen Kapitalverbrecher eingefangen. »Ich denke darin wie jener berühmte
englische Staatsmann, der, wie Sie wissen, sagte: wenn es im Parlament keine
Opposition gäbe, so würde ich mir eine kaufen. - Und wenn es bei uns keine Diebe
und Mörder gäbe, so würde ich mir à tout prix welche anschaffen, denn sie sind
der Schleifstein, auf welchem der Eifer der Beamten, um mich richterlich
auszudrücken, stets scharf und blank erhalten wird.«
    »Ah, Papa, das sind ja schreckliche Grundsätze!« meinte Auguste, während sie
den Baron von der Seite anblickte.
    Dieser erwiderte lächelnd: »O, seien Sie unbesorgt, mein Fräulein,
vorderhand braucht Papa dergleichen nicht zu kaufen, es gibt noch genug davon im
Lande, und ist auch noch nicht Alles entdeckt, das kann ich Sie versichern; die
Polizei hat immer und vollauf zu tun; nicht wahr, Herr Präsident?«
    Dieser nickte ernst und bedeutsam mit dem Kopfe, worauf seine Gemahlin
sagte: »Aber mit euren Räuber- und Mordgeschichten erfahren wir nimmermehr,
welche Art von Original der Herr A. ist! - Baron, seien Sie so artig und
erzählen Sie uns das.«
    Der Herr von Brand hatte unterdessen durch verschiedene brennende Blicke mit
der Tochter des Hauses scharf geplänkelt, und sein Feuer war lebhaft erwidert
worden, ja er hatte schon eine kleine Pantomime riskirt, indem er seine rechte
Hand sanft auf die Stelle des Herzens legte, worauf sie die Augen niederschlug,
fast ein klein wenig errötete und einen stillen Seufzer mühsam unterdrückte.
Man sah das an der heftigen und dann plötzlich unterbrochenen Hebung ihres
Busens.
    »Ja so!« erwiderte der Baron auf die Frage der Präsidentin, indem er
plötzlich aus einem tiefen Traume aufzuwachen schien, »ja so, - richtig - vom
Herrn A., Räubergeschichten glaube ich. - Ah! Das hätte ich beinahe rein
vergessen.«
    »Nein, keine Räubergeschichten, bester Baron,« sagte die Präsidentin mit
einem zweifelhaften Lächeln, »Sie wollten von den Seltenheiten dieses Herrn
erzählen.«
    »Ja, darin kommen auch Räubergeschichten vor,« erwiderte der Baron mit einer
graziösen Verbeugung.
    »Ei der Tausend!« sprach aufmerksam der Präsident und liess seine Nase wieder
so hastig los, dass sie augenblicklich empor schnellte und zu schnüffeln anfing,
als wittere sie arme Sünder.
    »Räuber und Mörder,« fuhr Herr von Brand fort, »aber - nur in der Phantasie.
Stellen Sie sich nämlich vor, meine Damen, dieser Herr A., ein reicher
Kapitalist, kann nun einmal von der Idee nicht loskommen, man laure ihm den
ganzen Tag auf, man wolle ihn um's Leben bringen, man wolle sein Geld rauben.
Auf jedem Schritte fürchtet er Räuber und Mörder; deshalb ist sein Haus mit
Graben und Mauer umgeben und deshalb hat dieser arme Mann bei Tag und Nacht
keine ruhige Minute, er vertraut Niemand den Schlüssel zum Hof- und Haustor an;
so oft es klingelt, öffnet er selbst, und sowie es anfängt dunkel zu werden,
bewaffnet er sich und seine Bedienten und macht drei-bis viermal des Nachts eine
förmliche Patrouille durch das ganze Gebäude. Er hat alsdann einen Säbel
umgeschnallt, ein paar Pistolen im Gürtel stecken; sein Bedienter trägt ein
Gewehr sowie eine Laterne an einer langen Stange, und so ziehen sie denn vom
Keller bis hinauf auf den Söller und untersuchen jeden finsteren Winkel, jeden
Riegel, jedes Schloss.«
    »Ja, ja, - so, so,« machte lächelnd der Präsident; »ich glaube, mir geht ein
Licht auf.«
    »Es ist auffallend,« fuhr der Baron in gleichmütigem Tone fort, »wie eine
solche Furcht vor Räubern und Mördern ansteckt.«
    »Doch Sie nicht?« fragte die Präsidentin.
    »O meine gnädige Frau, ich für meine Person wäre beinahe zur Furchtsamkeit
geneigt, aber ich kenne das Schalten und Treiben unserer vortrefflichen Polizei
und bin deshalb äusserst ruhig. - Aber nein, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ein
solches Beispiel der Furchtsamkeit auf sehr merkwürdige Art schwache Charaktere
mit ergreifen kann. Als ich nämlich vor zwei Jahren hier war, bekam ich zufällig
einen Bedienten, den jener Herr A. entlassen; es war dies ein ganz brauchbarer
und tüchtiger Mensch, bis auf seine Furcht vor Räubern und Mördern. Darin hatte
ihn das Beispiel seines früheren Herrn so verdorben, dass ich fast einen andern
Burschen gebraucht hätte, um jenem bei Tag und Nacht Gesellschaft leisten zu
lassen. Sobald es dunkel wurde, scheute er sich, allein über Korridore und
Treppen zu gehen. Da er aber, wie gesagt, sonst ein ordentlicher Mensch war, so
nahm ich ihn über diese Lächerrlichkeiten vor und versuchte es, sie ihm
auszureden. - Umsonst! Sein früherer Herr hatte die Phantasie des Burschen
systematisch mit Räubergeschichten vollgepfropft, wie man einen Kettenhund, um
ihn schärfer zu machen, dadurch reizt, dass man von aussen an's Hoftor oder an
seine Hütte schlägt.«
    »Und er glaubte an diese Räubergeschichten?« fragte sehr aufmerksam der
Präsident.
    »Vollkommen; in seiner Phantasie existirte eine ganze wohlorganisirte
Räuberbande, die sollte ihren Sitz - ich weiss nicht mehr wo - haben, und von der
fabelte er mir ein Langes und Breites vor.«
    »Ganz dieselbe Geschichte,« sagte der Präsident, wobei er seinem
Riechwerkzeuge mehrere zärtliche Nasenstieber gab.
    »Ich musste ihn entlassen,« fuhr Herr von Brand fort, ohne, wie es schien,
auf jene Worte zu achten. »Er hätte mir die ganze Dienerschaft angesteckt, ja es
war das ganz eigentümlich, bei diesem Menschen complet zur fixen Idee geworden.
Wenn er mit dem Wagen vor irgend einem Laden hielt, so konnte er mir sagen,
während er den Schlag öffnete: Sehen Sie, Herr Baron, hier oder dort das
schlechte Gesicht; der gehört auch mit dazu.«
    »Und liessen Sie sich von ihm nie einen Ort nennen, von dem er glaubte, dort
könne die Räuberbande ihren Sitz haben?«
    »O ja! - Und darin hatte er eine lebhafte Phantasie; da nannte er mir
scheinbar verdächtig aussehende Orte und Winkel, irgend ein einsames Haus in
einem stillen Stadtviertel, oder eine halb verfallene Schenke vor den Toren.
Ich weiss das nicht mehr so genau; ich habe die Details vergessen.«
    Der Polizeipräsident streckte sich würdevoll in die Höhe, schaute einen
Augenblick an die Decke, dann sagte er: »Ja, es ist kein Zweifel: ganz dieselbe
confuse Geschichte. - Aber es ist doch höchst merkwürdig.«
    Der Baron schien die Worte des Papa's gar nicht zu beachten, sondern
beschäftigte sich häufig mit der Tochter, deren Sitz er durch allerhand kleine
Manöver mit seinem Fauteuil Zoll um Zoll näher rückte. Bald liess er einen
Handschuh fallen, und um ihn zu erreichen, musste er seinen kleinen Lehnstuhl ein
wenig vorrollen, bald suchte er während des Sprechens ein Gemälde an der Wand
aufmerksam zu betrachten, und um das tun zu können, brauchte er nur eine für
seine Zwecke entschieden günstige Bewegung zu machen.
    »Es scheint wohl heute einmal der Tag der Geschichten zu sein,« sagte
neugierig die Präsidentin zu ihrem Gemahl. »Was ist denn das, worauf du
anspielst?«
    »Dasselbe, was der Baron soeben erzählte,« erwiderte der Beamte, indem er
das Papier, welches er vorhin aus der Rocktasche genommen, langsam entfaltete.
»Wie schon gesagt, da kommt heute Morgen ein Bedienter zu meinem Sekretär auf
die Kanzlei -«
    »Ah! der in der Livrée: dunkelgrün, amarant ausgeputzt mit gelben Knöpfen! -
Ich vergesse so was nicht: aber Sie müssen mir zu meiner Entschuldigung
eingestehen, dass sie der des Grafen Fohrbach auffallend ähnlich sieht. - - Doch
verzeihen Sie, Herr Präsident,« unterbrach der Baron sich selbst, »tausendmal
bitte ich um Entschuldigung; - Sie wollten eine Mitteilung machen?«
    »Allerdings; dieser Bediente also lässt sich bei meinem Sekretär melden, tut
anfänglich sehr verlegen und spricht endlich von einer weitverzweigten
Räuberbande in hiesiger Stadt.«
    »Der Bediente des Herrn A.?« rief lachend der Baron. »Sehen Sie, meine
Damen, das ist also in dem Hause noch immer dieselbe Wirtschaft, - eine wahre
Manie.«
    »Ich muss gestehen«, fuhr der Präsident fort, »dass sowohl mir wie meinem
Sekretär diese Angabe eigentlich komisch erschien. - In hiesiger Residenz, wo
wir die Zügel des Gesetzes mit Kraft und Umsicht führen, sollte sich eine Bande
wohl organisirt und fast unsichtbar aufhalten können! - Lächerlich! - Aber
dieser Mensch beharrte so fest und entschieden auf seiner Angabe, wollte uns so
genaue Beweise vorlegen, ja machte sich anheischig, uns das Haupt jener
Spitzbubenbande in die Hände zu spielen, dass es uns ordentlich stutzig machte.«
    »Sehen Sie diese Phantasien!« rief lachend der Baron. »Ja wahrhaftig, man
sollte diesem Herrn A. alle Dienerschaft verbieten; er macht aus den armen
Teufeln complette Narren.«
    »Ja, ich glaube auch, dass es diesem Kerl nicht recht im Kopfe war; er
verlangte zweitausend Gulden und dann wollte er uns den Ort, die Zeit der
Zusammenkünfte, Alles auf's Bestimmteste angeben; natürlich habe ich darüber
nicht zu verfügen, und müsste zuerst an die vorgesetzte Behörde berichten.«
    »Was du aber jetzt nicht tun wirst,« sprach ziemlich entrüstet die
Präsidentin; »man könnte ja in die Gefahr kommen, sich vollkommen ridicul zu
machen.«
    Der Präsident zuckte mit den Achseln. »Es wäre wahrhaftig geschehen,« sagte
er, »ohne die interessanten Mitteilungen des vortrefflichen Barons; ich war
eigentlich von Anfang nicht dafür; die Sache zu beachten, aber mein Sekretär
meinte das Gegenteil.«
    »Ueberflüssiger Diensteifer der Subalternen!« sprach wegwerfend die
Präsidentin.
    Der Baron zuckte beistimmend mit den Achseln.
    »Er wollte ihn sogar da behalten,« fuhr der Chef der Polizei fort, »ich
aber, der die Lächerlichkeit dieser Angabe halb und halb durchschaute, begnügte
mich damit, ihn seinen Namen und Wohnort auf dies Papier schreiben zu lassen und
schickte ihn seiner Wege, wobei ich ihm anbefahl, er solle morgen wieder
kommen.«
    »Ohne mich im Geringsten in den Gang Ihrer Geschäfte mischen zu wollen,«
sagte der Baron mit einer ehrerbietigen Handbewegung, »muss ich mir doch
erlauben, Ihrer Handlungsweise vollkommen beizupflichten. Es würde den alten
Mann draussen unsäglich alterirt haben, wenn sein Bedienter so plötzlich
verschwunden wäre; es hätte seiner traurigen Phantasie von Räubern und Mördern
neue Nahrung gegeben.«
    »Das war auch meine Idee,« erwiderte der Präsident, »wesshalb ich glaube,
Alles auf's Beste arrangirt zu haben. Hier ist das Papier, lesen Sie, Baron!
Kommt der Bursche morgen wieder, so wollen wir ihm allerdings etwas genauer auf
den Zahn fühlen, und sollten wir darauf hin uns weiter mit ihm einlassen, so
wäre es nur, dass er neue und glaubwürdige Angaben machte.«
    »Woran ich sehr zweifle,« antwortete der Baron, während er mit
gleichgiltiger Miene das Papier in die Hand nahm. Doch zuckten seine Finger fast
unmerklich, als er es nun öffnete. - »Ja, ja,« sagte er, »das ist die
ungebildete Handschrift eines Bedienten, und die Adresse auf's Genaueste
angegeben, auch beigefügt, auf welche Art man ihn benachrichtigen könne, ohne
dass sein Herr Etwas merkt. In der Tat, ich fürchte auch, der Verstand dieses
Burschen hat einigermassen not gelitten.«
    »Lassen Sie das Papier sehen«, sagte die Präsidentin und streckte die Hand
darnach aus.
    Der Baron reichte es ihr auf die graziöseste Art, doch folgte sein
blitzendes Auge scharf beobachtend allen ihren Bewegungen und seine Zähne
pressten sich unwillkürlich aufeinander, als sie das Papier, nachdem sie es
gelesen, zusammen knitterte und Miene machte, es in den lodernden Kamin zu
werfen.
    Der geneigte Leser muss schon unseren Worten glauben, dass dies ein qualvoller
Moment für den Herrn von Brand war. Obgleich sein Gesicht die grösste
Gleichgiltigkeit affektirte, so wagte er doch kaum zu atmen und fühlte sich in
die grösste Spannung versetzt; glücklicherweise aber hielt Auguste die Hand ihrer
Mutter auf, entnahm ihr das Papier und faltete es langsam auseinander, um es
ebenfalls zu lesen. Hiebei durfte der Baron ungezwungen ihre kleinen weissen
Hände betrachten, die das unglückselige Blatt hielten, sowie dem Lauf ihrer
Augen folgen, welche die harten Schriftzüge durchliefen. Nachdem sie gelesen,
knitterte sie das Papier ebenfalls zusammen, warf es aber nicht in den Kamin,
sondern liess es achtungslos neben sich auf den Teppich fallen.
    Der Baron blickte mit gierigem Auge darauf hin, indem er mit Sehnsucht auf
eine glückliche Gelegenheit lauerte, den kleinen Knäuel an sich zu bringen. Doch
liess sich dies nicht leicht ohne Aufsehen tun, er hätte zwischen Vater und
Mutter hindurch schlüpfen oder es sich noch einmal zur Ansicht reichen lassen
müssen; und dies gab seine Klugheit nicht zu.
    Unterdessen hatte sich auch sein Besuch über die gewöhnliche Zeit ausgedehnt
und er musste fürchten, dem Präsidenten beschwerlich zu fallen. Indessen half ihm
sein gutes Glück über diese Klippe hinweg.
    »Sie werden mir verzeihen,« sagte nämlich der alte Herr, »dass ich Sie
verlassen muss, aber meine Geschäfte rufen mich in die Kanzlei. Es ist meine
Stunde, wo ich den Rapport der verschiedenen Polizei-Kommissäre empfange;
bleiben Sie aber ruhig bei den Damen. Ich glaube nicht, dass ihr etwas Besonderes
vorhabt.« - dabei sah der Chef der Polizei seine Frau an, und der Baron warf auf
Auguste einen der glühendsten Blicke, den er aufwenden konnte, worauf Beide wie
aus einem Munde sagten, dass sie sich ausserordentlich geschmeichelt fühlten, wenn
der liebenswürdige Freund des Hauses sie noch einige Zeit so vortrefflich
unterhalten wolle wie bisher.
    Der Präsident erhob sich ernst und würdevoll, seine Finger glitten von der
Nase herab, als er seine Hand dem Baron zum Abschied reichte.
    Dieser sprang elastisch in die Höhe, versicherte, er verdanke dem
Präsidenten eine angenehme Morgenstunde, werde aber nächstens um dieselbe Zeit
wieder kommen, - »wenn es mir nämlich,« setzte er hinzu, »einmal erlaubt wäre,
höchst indiskret zu sein.«
    Der Präsident sah ihn fragend an.
    »Es ist kindisch, was ich da sage,« fuhr der Baron lachend fort. »Aber es
würde mich auf's Höchste interessiren, wenn es mir vergönnt wäre, einmal so
einem Polizeirapporte beizuwohnen. Da müssen doch ganz merkwürdige und seltsame
Dinge zu Tage kommen.«
    »Gewiss,« versetzte der Chef der Polizei, »dieser Rapport ist zuweilen sehr
interessant; man könnte ganze Romane daraus zusammen stellen. Wenn Sie in der
Tat einmal anwohnen wollen, so soll es mir ein grosses Vergnügen machen. - Ich
werde Sie alsdann den Beamten,« setzte er lächelnd hinzu, »als einen neuen
geheimen Sekretär vorstellen.«
    »Zu viel Ehre und Glück für mich, Herr Präsident,« erwiderte der Baron. Doch
wenn er auch die Worte an den Papa richtete, so sah er doch dabei die Tochter
mit einem innigen Blicke an. - »Aber ich halte Sie beim Wort; nächstens wird
sich Ihr geheimer Sekretär bei Ihnen melden.«
    »Abgemacht!« sprach der Präsident mit freundlicher Geberde, aber einem
ziemlich steifen Kopfnicken und verliess dann den Salon.
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
                             Papier und Schlüssel.
Der Baron war eine kleine Weile neben seinem Fauteuil stehen geblieben, nun aber
wandte er sich geschickt gegen die Kaminecke, wobei er zur Präsidentin gewendet
sagte: »Ich weiss wahrhaftig nicht, gnädige Frau, wie es kommt, aber wenn ich
einmal in Ihrem Hause bin, so wird es mir schwer, dasselbe zu verlassen; es ist
hier Alles so zutunlich, so heimlich, - gewiss, ich darf nur selten kommen, denn
sonst müsste ich befürchten, Ihnen überlästig zu werden.«
    Bei diesen Worten hatte er sich mit dem Rücken gegen das Kamin gestellt; vor
ihm sass Auguste, zu deren Füssen der kleine Papierknäuel lag. Er hätte ihn mit
der Spitze seines Stocks erreichen können.
    In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und meldete eine Frau von B.,
welche der Präsidentin aufzuwarten wünsche.
    »Ah! jetzt muss doch geschieden sein,« sagte seufzend Herr von Brand und
schlug die Augen nieder, um sie gleich darauf mit einem unaussprechlichen
Ausdruck zu Auguste zu erheben. - Er musste jenes Papier mit sich fortnehmen,
mochte es kosten was es wolle, ja er war schon im Begriff, als letztes Mittel
sich ohne Weiteres darnach zu bücken und es aufzuheben, als Auguste bei einer
kleinen Wendung des Fauteuils ihren zierlichen Fuss darauf setzte.
    Die Präsidentin war rasch aufgestanden, um den neuen Besuch zu empfangen,
und sagte zu ihrem Gaste: »Bleiben Sie ja, Baron, bleiben Sie ohne Umstände, ich
kann die Damen im Nebenzimmer empfangen, wenn du es nicht vielleicht vorziehst,
Auguste, unserem Freunde im Kabinete deine Zeichnungen und Blumen zu zeigen.«
    Nun würde der Baron zu jeder andern Zeit sich Nichts daraus gemacht haben,
die Zeichnungen und Blumen anzuschauen; aber wenn er in diesem Augenblicke den
Salon verliess, so war jenes Papier, jetzt unter dem Fusse des jungen Mädchens,
für ihn verloren, wesshalb er um jeden Preis bleiben musste. - »Wenn mir Fräulein
Auguste erlaubt,« sagte er so herzlich und verbindlich als möglich, »und mich
für würdig hält, ihre herrlichen Zeichnungen und Blumen zu sehen, so werde ich
mir dafür morgen eine eigene Stunde ausbitten. - Sie sehen, wie unbescheiden ich
bin, doppelt unbescheiden, da ich, trotzdem sich Ihnen ein neuer Besuch ansagt,
doch noch zaudere, Ihren freundlichen Salon zu verlassen. - Aber ich muss wohl.«
Dies letzte Wort begleitete er mit einem tiefen Seufzer und warf dabei einen
solch schwermütigen Blick auf das junge Mädchen, dass dieses ordentlich zusammen
schrak und ihre Augen auf den Boden herabsenkte.
    Die Präsidentin dagegen lächelte äusserst freundlich bei diesen Worten und
verliess den Salon, indem sie eifrig sprach: »Ich versichere Sie, Baron, Sie
erzeigen mir eine wahre Freundschaft, wenn Sie noch einige Zeit bei uns
verweilen; der Besuch daneben wird mich nicht lange aufhalten, ich werde gleich
wieder da sein.«
    Nachdem sich die Türe hinter der Präsidentin geschlossen, warf Herr von
Brand einen forschenden Blick im Zimmer umher; und er tat das auf so
auffallende Weise, damit Auguste sehe, er schaue nur um sich, um zu erfahren, ob
sie auch wirklich recht allein seien. dabei dachte er: »Ich habe vielleicht zehn
Minuten Zeit, bis Madame zurückkehrt, während derselben muss ich ohne Aufsehen
das Papier erobern, koste es mich selbst eine Liebeserklärung.« - Er verliess
seinen Platz, setzte sich in den Fauteuil des Papa's und brachte denselben durch
eine geschickte Wendung in die Nähe des Kamins, dem Augustens dicht gegenüber.
    In dem Gespräch entstand eine kleine verlegene Pause, welche übrigens der
Baron dazu benützte, dem jungen Mädchen schwärmerisch in die Augen zu blicken.
    Sie errötete leicht und griff ein Gespräch gewaltsam wieder auf.
    »Sie erwähnten vorhin einer Wette,« sagte sie, »ich glaube, es betraf die
Farbe der Camelie, welche Mama bei der letzten Soirée in ihrem Haare trug. Sie
haben auf Weiss gewettet, Graf Fohrbach auf Rosa; er hat gewonnen: Mama trug
allerdings eine Rosacamelie.«
    »O ich wusste das, Fräulein Auguste,« erwiderte er und spielte befangen mit
dem Knopfe seines Stockes; »ich wusste ganz genau, wer in dem schönen blonden
Haar eine weisse Camelie trug. - Ich muss es Ihnen gestehen - es war in dem
Augenblick nur der Wunsch, ja das Bedürfnis meines Herzens, von Ihrem Hause, von
Ihrer Mutter, von - Ihnen ohne Verdächtigung reden zu können, was mich
veranlasst, jene Wette einzugehen. - Sie, Fräulein Auguste, trugen eine weisse
Camelie. Wie könnte ich so etwas vergessen!«
    »Es ist wahr,« entgegnete das Mädchen, indem sie die Augen niederschlug,
»ich trug eine solche Blume.«
    »Und während der letzten Française entfiel derselben ein einziges kleines
Blättchen,« fuhr der Baron inniger fort, »das ich - niederfallen sah,«
verbesserte er seine Rede, welche dem Blicke nach, von welchem sie begleitet
war, hätte heissen müssen: »das ich aufhob und nun, obgleich verwelkt, auf meinem
Herzen verwahre.«
    Auguste hatte übrigens diesen Blick verstanden und seine Rede richtig
ergänzt, denn als sie nun scheu und errötend zu ihm aufblickte, wurde ihre
Brust offenbar von einem kleinen, aber süssen Seufzer geschwellt.
    »So angenehm jener Ball Anfangs für mich war,« sagte der Baron nach einer
kleinen Pause, »so fühlte ich mich doch im Verlauf desselben - ich kann es nicht
läugnen - auf's Schmerzlichste berührt. War es mir doch nur möglich, von Ihnen,
teuerstes Fräulein, zwei Walzer, eine Française und eine Mazurka zu erhalten;
ach! und ich hatte gehofft, so den ganzen Abend mit Ihnen dahinzufliegen! -
Gewiss, Auguste, ich habe da schreckliche Stunden verlebt, und Sie fühlten das
nicht einmal. Sie sahen es nicht, wie ich in einer Ecke des Salons stand, wie
Ihnen meine Augen folgten, während Sie so froh dahin flogen, Sie ahnten nicht,
dass ich etwas Ungeheures darum gegeben hätte, wenn Sie nur ein einziges Mal den
Kopf gewandt, wenn Sie mir, dem ferne Stehenden, nur einen einzigen Ihrer süssen
Blicke geschenkt hätten.«
    Während der Baron diese Worte sprach, beugte er sich vorn über, so dass der
Hauch seines Mundes ihre Stirne berührte. Auch fasste er bei den letzten Worten
eine ihrer Hände, hob sie sanft empor und drückte sie fest, innig und zu
wiederholten Malen an seine Lippen.
    Das Mädchen schrak zusammen, ihr Körper zuckte sichtlich, und dabei zog sie
den linken Fuss, der bis jetzt auf dem Papier gestanden, zurück, während sie zu
gleicher Zeit das errötende Gesicht gegen den Boden wandte. - Vielleicht um
ihre Verlegenheit zu verbergen, vielleicht auch um ihre Hand auf schickliche Art
denen des Barons entziehen zu können, beugte sie sich hastig vorn über, ihre
Blicke suchten irgend einen Gegenstand, und da sie zufällig vor sich das bewusste
Papier erblickte, so bückte sie sich schnell darnach, hob es auf, glättete es
auf ihrem Knie und legte es alsdann zu einem langen Streifen zusammen, den sie
sich langsam um den Finger wand.
    Während dieser bedeutungsvollen Pause hatte indessen Herr von Brand seine
Zeit nicht verloren. Er rückte seinen Fauteuil noch etwas näher zu dem Mädchen
hin und legte seinen Arm geschickt auf die Lehne des Stuhles, von wo er nur
langsam herabzusinken brauchte, um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu
treffen. dabei blickte er ihr von unten herauf sanft lächelnd in die Augen, und
während er natürlicherweise für seine Kühnheit von vorhin - ihr nämlich die Hand
geküsst zu haben - um Verzeihung bat, beging er eine noch weit grössere, da sie
nicht sogleich eine Antwort gab, indem er seine Hand ihrem Kinne näherte und
ihren Kopf ganz leise hob und aufwärts wandte; und er tat das mit einem Blicke
voll Innigkeit und Liebe. - - Dem konnte das Mädchen nicht widerstehen, weil sie
hiezu nicht den festen Willen hatte, doch schlug eine tiefe Röte auf ihrem
Gesicht empor, als sie ihm, doch nur eine Sekunde lang, fest in die glühenden
Augen schaute. Aber sein Blick war so feurig, dass er unmöglich zu ertragen war,
wesshalb denn auch das Mädchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen schloss in
der festen Ueberzeugung, es schliesse nun auch ihr Leben mit einem süssen Ende
oder es geschehe ihr sonst etwas Schreckliches. - Und so war es auch; denn kaum
schlossen sich ihre Augen, so fühlte sie den weichen Druck zweier fremden Lippen
auf den ihrigen und ein unnennbares Gefühl durchzuckte sie so heiss und
stürmisch, dass sie in der Tat einer halben Ohnmacht nahe war.
    Wie schon oben angedeutet, hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne
des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlassen, hatte sich um ihren schlanken Körper
gelegt und drückte sie leicht auf die Seite, während seine linke Hand langsam
ihre rechte erhob, - dieselbe rechte Hand, um deren Zeigefinger sie das bewusste
Papier geschlungen hatte. Als der Baron so diese Hand erhob, tat er es gewiss
nur in der Absicht, um zuerst die kleinen niedlichen Fingerspitzen zu küssen,
und darauf das gleiche Geschäft bei den seinen Grübchen auf den Knöcheln zu
versehen. Begreiflicherweise musste er zu diesem Zwecke den Papierstreifen
abwickeln, was er denn auch mutwillig, scherzend tat. Auguste, die nun das A
des Liebesalphabets glücklich hinter sich hatte, ging, wenn auch mit feuchten
Augen gerne durch diesen Scherz auf das B über, ja sie lächelte recht
freundlich, als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger
wickelte, diesen darauf küsste und es dann wieder entfernte. Das war ein recht
harmloses Spiel, das auch ziemlich lange fortgesetzt wurde; bald aber verschwand
der Streifen gänzlich von der Hand und alsdann begnügte sich der junge Mann
nicht mehr damit, dass er die Hand küsste, sondern er wandte sich nun an den Arm
und avancirte dort über glattes Gold und kalte Steine hinweg und so weit hinauf,
bis undurchdringliches Spitzengewebe und ein anschliessender seidener Aermel
seinen weiteren Forschungen für diesmal ein Ziel setzten.
    Es ist wunderbar, wie ein erster gelungener Kuss im Stande ist, so viele bis
dahin unübersteigliche Schranken zu Boden zu werfen, wie er weite Klüfte
ausfüllt, die uns bis dahin trennten, wie er eine Vertraulichkeit
hervorzuzaubern vermag, an die man bis dahin in seinen kühnsten Träumen nicht
gedacht. Das geht im Allgemeinen so und man sah es auch in diesem speziellen
Falle; Auguste zog ihre Hand nicht mehr zurück, sondern liess sie in der des
Barons ruhen, auch schloss sie ihre Augen nicht wieder, sondern sah den jungen
Mann, der an ihrer Seite sass, zuweilen recht forschend und fest an, warf auch
wohl zuweilen einen Blick auf die Türe des Nebenzimmers, durch welche die Mama
verschwunden war.
    »Wir haben nun zusammen ein kleines, teures und liebenswürdiges Geheimnis,«
sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand an seine nun wirklich brennende
Stirne legte. »Bewahren wir es noch für eine kurze Zeit, Auguste, lassen wir es
noch eine Weile verborgen vor den Augen der übrigen Welt, uns freuend, dass wir
Beide Etwas gemeinschaftlich besitzen, von dem die Uebrigen keine Ahnung haben.
O, eine solche Heimlichkeit ist so süss, mein Mädchen; es gibt nichts Seligeres,
als so im Gewühle der Welt scheinbar fremd an einander vorbei zu streifen, wo
doch ein Blick, ein leiser Druck der Hand, ein verstandenes Wort deutlich
spricht und vollständige kleine, liebe, heimliche Geschichten erzählt, während
wir öffentlich einem langweiligen Gespräch zu lauschen scheinen.«
    »Gewiss, gewiss,« versetzte Auguste, »ich freue mich darauf.«
    »Und jetzt brauche ich nicht mehr mit tiefem Weh im Herzen von ferne zu
stehen, wenn du im Arme anderer Tänzer an mir vorüberfliegst, mein süsses Kind.
Ja, ich werde sogar glücklich sein, wenn sie dir schön tun, wenn ich sehe, dass
sie in deiner Gunst Fortschritte zu machen scheinen, während ich doch weiss, dass
die - mir Glücklichem ganz allein gehört. - Und dann wirst du auch zuweilen den
Kopf nach mir wenden, wirst mir einen kleinen, kleinen Blick schenken. Nicht
wahr, meine liebe, süsse Auguste?«
    »Ja, ich werde das tun und werde es gern tun,« entgegnete das Mädchen. Und
dabei senkte sie ihren Kopf etwas auf die Seite, wodurch es ihm möglich gemacht
wurde, sie leicht auf die Stirne zu küssen.
    Der Baron hatte noch immer ihre Hand mit der seinen gefasst, und beide ruhten
auf ihrem Schoss auf der kühlen Fläche des glatten Atlass, womit sie bekleidet
war. An dem Gürtel trug das Mädchen eine Chateleine von polirtem Eisen, deren
Ende mit den vielen bekannten Kleinigkeiten versehen auf ihrem Knie ruhte.
Zuweilen liess der Baron ihre Hand los und fasste die glänzenden Kettchen an, die
er leicht aufhob, um dann ein paar Sekunden lang mit dem Fingerhut, der Scheere,
dem kleinen Büchlein und anderen Sachen, die daran hingen, zu spielen.
    Nach Augenblicken, wie der vorhergegangene, ist es angenehm, sinnend und
betrachtend stillschweigen zu dürfen, oder Fragen über gleichgiltige Dinge zu
stellen, die aber, in einem gewissen unbeschreiblichen Tone gestellt,
liebenswürdig neckend und mit zärtlichem Ausdrucke der Stimme beantwortet
werden.
    »Ah!« sagte der Baron nach einer Pause, »was ist das für ein Schlüssel? -
Aber gestehen Sie mir die Wahrheit, Auguste; er ist zu gross, als dass er zu
irgend einem Necessaire oder Kästchen einer jungen Dame gehören könnte.«
    »Das ist mein Geheimnis,« entgegnete sie schalkhaft, »und ich werde es Ihnen
unter keiner Bedingung anvertrauen.«
    »Jetzt gerade verlange ich es zu wissen. Sie haben meine Neugierde erregt
und die muss befriedigt werden. - Nehmen Sie sich in Acht, Auguste,« setzte er
sie zärtlich anblickend hinzu, »ich bin eifersüchtig wie Otello. Und bei diesem
aussergewöhnlichen Schlüssel erwacht begreiflicherweise mein Argwohn.«
    »O Tyrann, der Sie sind! Vorhin haben Sie kaum gewagt, zu bitten, jetzt
wollen Sie schon verlangen. - Nein, nein! Die Bestimmung dieses Schlüssels sage
ich Ihnen nicht, denn ich will Ihnen nur gestehen, das könnte wahrhaftig Ihren
Argwohn erregen.«
    »Ah! kleine Verräterin!« entgegnete der Baron neckend. »Sie sind noch so
jung und tragen schon verdächtige Schlüssel bei sich. Aber es ist meine Pflicht,
für Ihr Bestes zu wachen, und somit lege ich feierlich auf diesen Schlüssel
Beschlag und nehme ihn an mich; denn das ist eine Waffe, die in Ihrer
unerfahrenen Hand gefährlich werden könnte.«
    »Aber er hält fest an mir,« erwiderte lachend das Mädchen, als sie sah, dass
er vergebliche Bemühungen machte, den Schlüssel von dem Stahlringe zu trennen.
Es war dies übrigens ein gefährliches Spiel auf ihrem Knie und der junge Mann
beeilte sich auch nicht, an der ihm wohl bekannten verborgenen Feder zu drücken,
welche den Ring öffnete. Endlich tat er dies doch und der Schlüssel fiel in
seine Hand.
    »Sehen Sie,« sprach er, indem er denselben triumphirend in die Höhe hob,
»hier wäre das Instrument, das ich, wie schon gesagt, verpflichtet bin, zu mir
zu nehmen. Seien Sie aber jetzt ein artiges Kind und sagen Sie mir, welche Türe
dieser Schlüssel aufmacht.«
    »Ich sage es nicht,« entgegnete sie kopfschüttelnd; »gewiss nicht. Den Raub
kann ich nicht hindern, doch soll er ein Rätsel in Ihrer Hand bleiben.«
    »Aber wenn ich dich herzlich um die Auflösung bitte, mein süsses, süsses
Mädchen?« sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand ergriff und sie
abermals an seine Lippen führte. - »Vertrau es mir an, es ist das ein kleines,
angenehmes Geheimnis mehr.«
    »Nein, nein!« versetzte Auguste eifrig. Und dabei suchte sie den Schlüssel
zu fangen, den er neckisch in die Höhe hielt. »Nein, nein, ich werde es nicht
sagen; deshalb geben Sie mir ihn nur wieder, denn was nützt er Sie, da Sie seine
Bestimmung doch nicht wissen?«
    »O ich werde sie erfahren,« entgegnete er heiter und vergnügt, »ich werde
mich nächtlicher Weise einschleichen wie ein Dieb, ich werde sämmtliche
Schlösser deines Hauses untersuchen, bis ich weiss, wo das rechte ist.«
    »Dazu wären Sie wahrhaftig im Stande,« sagte das junge Mädchen mit einem
seltsamen Blicke; »weiss Gott, ich traue Ihnen so Etwas zu. Und das wäre ja ein
wahres Unglück.«
    »So beuge diesem Unglücke vor und sage die Wahrheit, - die kleine, süsse,
angenehme Wahrheit.«
    »Und wenn ich es tue, erhalte ich meinen Schlüssel wieder?«
    »Wir wollen sehen.«
    »Nein, nein, von: Wir wollen sehen, darf keine Rede sein; ein einfaches Ja
oder Nein! - Bekomme ich alsdann meinen Schlüssel wieder?«
    »Wenn er nichts Gefährliches verschliesst, ja.«
    »Keine Bedingungen; darauf lasse ich mich gar nicht ein. Ich sage Ihnen, zu
welcher Türe der Schlüssel passt, und Sie geben ihn mir zurück. Gehen Sie das
ein?«
    Der Baron zuckte lächelnd die Achseln, dann sagte er: »Sie sind grausam,
Auguste; aber was kann ich machen? Sie haben mich in der Hand. - Doch ich will
Ihnen noch einen andern Vorschlag machen: Sie sagen mir die Bestimmung dieses
Schlüssels, darauf gebe ich Ihnen denselben zurück und dann erlauben Sie mir,
Sie nach Umständen wieder darum zu bitten.«
    Das Mädchen zauderte, eine Antwort zu geben, endlich aber sprach sie: »Das
ist eine gefährliche Bedingung; wenn Sie sich auf's Bitten legen, da weiss ich am
Ende nicht, was ich machen soll. Nein, nein, es ist mir zu gefährlich.«
    »Aber Sie können mir ja meine Bitten abschlagen,« erwiderte er so innig und
zärtlich als möglich.
    »Und wenn ich nun nicht im Stande wäre, Ihnen diese Bitte abzuschlagen?«
sagte das Mädchen nach einer kleinen Pause mit unsicherer Stimme.
    »O, dann wäre ich ja doppelt glücklich!« rief der Baron, indem er sie
leidenschaftlich an sich drückte und ihre Lippen suchte, deren Auffinden sie ihm
gerade nicht besonders schwer machte. - »Doppeltes, seliges Glück! - - Hier ist
der Schlüssel,« sagte er nach einer längeren Pause; »darf ich nun wissen, was er
verschliesst?«
    »Gewiss, obgleich wir eigentlich viel Lärmen um Nichts gespielt haben. Sie
kennen ja unseren Garten hinter dem Hause; am Ende desselben befindet sich ein
kleiner Pavillon, von dem eine Türe auf die Strasse führt. Diese Türe nun -«
    »Oeffnet dieser Schlüssel!« rief der Baron hastig. »Ah! meine geliebte
Auguste, jetzt bitte ich Sie doppelt, zehnmal, tausendmal darum. - Nicht wahr,
Sie sagten ja vorhin, Sie können mir Nichts abschlagen?«
    Das Mädchen nickte mit dem Kopfe und reichte stillschweigend den Schlüssel
wieder zurück, den er eifrig ergriff, zu gleicher Zeit aber fasste er auch ihre
Hand, die er, sowie den vollen weissen Arm, mit unzähligen heissen Küssen
bedeckte.
    In diesem Augenblicke musste der Besuch im Nebenzimmer entlassen worden sein.
Die Präsidentin, eine kluge, verständige Frau und gewiss auf's Innigste besorgt
für das Wohl ihrer einzigen und heiratsfähigen Tochter, hustete laut und
vernehmlich, ehe sie die Türe zum Salon öffnete. Gewandt rückte der Baron
seinen Fauteuil zurück, ehe die Mutter eintrat, und gewandt griff das junge
Mädchen ein plötzlich hingeworfenes Gesprächstema auf, in das nun die Beiden so
vertieft schienen, dass sie den Eintritt der Präsidentin gar nicht bemerkten und
laut hinaus lachten über die köstliche Geschichte der Frau von A., die neulich
Abends nach dem Teater zufälligerweise in ein ganz fremdes Coupé gestiegen sei.
    Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter, sprang nun leicht und graziös
in die Höhe, indem er versicherte, jetzt müsse alle Geduld erschöpft sein und er
habe die Damen mehr gelangweilt, als bei der grössten Freundlichkeit zu
verantworten sei.
    Umsonst versicherte die Präsidentin, die Unterhaltung des werten Gastes
werde ihr eine wahre Erholung sein nach der Fatigue des eben gehabten Besuches.
Der Baron war nicht zu halten, obgleich ein langer und schmerzlicher Blick auf
Auguste dieser deutlich zu verstehen gab, wie schwer es ihm sei, sich jetzt
loszureissen. Darauf küsste er die Hand der Mutter flüchtig, die der Tochter mit
einer wahren Inbrunst und verschwand leicht und gewandt aus dem Salon.
    Auf der Treppe atmete der Baron tief auf, schaute einen Augenblick wie
forschend um sich her, sprang dann flüchtig die Stufen hinab und warf sich in
seinen Wagen, nachdem er dem Kutscher zugerufen: »Nach Hause!«
    Die Pferde zogen an, das leichte Coupé flog dahin, und der junge Mann griff
mit einem seltsamen Blicke des Triumphes in seine Brusttasche, wo er das bewusste
Papier und den Schlüssel verwahrte. »Das ist viel auf einmal,« sprach er laut zu
sich selbst, während sein Auge blitzte, »dieses für mich so kostbare Blatt,
unbezahlbar nach dem, was ich über den Schreiber desselben erfahren, und dann
ein Schlüssel, um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des
Polizeipräsidenten gelangen zu können. - Glück, du warst mir günstig! - Aber das
arme Mädchen droben! - Ah! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck. Sie
ist schön und gut, auch noch ziemlich unerfahren. - Arme - arme Auguste!« - An
diese letzten Worte, die der junge Mann noch ziemlich heiter aussprach, mussten
sich plötzlich ernste, finstere Gedanken reihen, Gedanken, die ihm in kurzer
Zeit furchtbar wurden, denn das Auge verlor fast mit einem Male seinen Glanz und
stierte matt mit schrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens, und der Kopf
sank auf die Brust herab, während er die Unterlippe heftig zwischen die Zähne
klemmte. Darauf wurde sein Gesicht aschfarben und fahl, und nach und nach trat
ihm ein kalter Schweiss auf die Stirne. Man hätte glauben sollen, es habe ihn ein
heftiger Krampf befallen, der sein Herz stille stehen liess und seine Glieder
löste; willenlos sank er in sich zusammen, und wenn er sich nicht zuweilen
aufgerafft hätte und tief seufzend mit der Hand über die Stirne gefahren wäre,
um einen Augenblick auf die Strasse zu schauen, hätte man meinen können, auf dem
weichen Kissen liege ein schwer Erkrankter - ein Sterbender. Ja, wer ihn vor
einigen Minuten am Hause des Präsidenten so leicht und gewandt in den Wagen
springen und dann bei seiner Wohnung hätte aussteigen sehen, würde darauf
geschworen haben, das sei nicht derselbe Mensch: dieser hier, welcher langsam
die Treppen hinauf schlich, sei mindestens um zehn Jahre älter als jener, der
dort die Stufen so flüchtig hinabgesprungen.
    Wir können aber dem geneigten Leser nicht verschweigen, dass der Baron Brand
zuweilen solche fürchterliche Augenblicke hatte, wo ihn ein entsetzliches
Seelenleiden befiel und dahin warf, wie Jemand, den eine tödtliche Krankheit
erfasst. Sein alter Kammerdiener kannte diesen Zustand, und er führte alsdann
seinen Herrn langsam zu einem weichen Fauteuil, mischte ihm ein
niederschlagendes Pulver, verdüsterte das Zimmer, indem er die Vorhänge zuzog,
und überliess ihn dann seinen finsteren Träumereien.
    So geschah auch heute, und dann schlich der Kammerdiener leise auf den Zehen
gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anstossende Gemach, wo er einen grossen
Schrank von geschnitztem Eichenholze sorgfältig abschloss und den Schlüssel zu
sich steckte.
    In diesem Schranke aber befanden sich die Pistolen und sonstigen Waffen des
Barons.
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
                        Das Siegel des Herrn von Brand.
Der Maler Artur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen
Fohrbach das Aquarell beendigt, von dem Zeichenbrette herabgeschnitten, auf
einen grossen weissen Carton befestigt, und dann neben dem Original im günstigsten
Lichte aufgestellt. Hierauf nahm er das Billet, welches neben ihm lag,
betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse:
    »An Madame Becker, Kanalstrasse Nr. 8.«
    »Kanalstrasse Nr. 8,« sagte Artur, »das muss in einem der sehr alten Häuser
sein mit den langen unheimlichen Gängen. Nun, es bringt mich nicht gerade
übermässig weit von meinem Wege ab, und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein
scheint, dass der Brief bald besorgt wird, so will ich den Gang selbst
unternehmen. Ich treibe mich überdies gern in so einem alten Gebäude herum.«
    Artur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in's
Vorzimmer, wo er seinen Ueberrock fand, und wo der alte Kammerdiener neben einem
Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte. Dieser
schien sich mit Mühe aufrecht zu halten, während seine Finger krampfhaft mit den
glänzenden Knöpfen seiner Uniform spielten, und während sein Gesicht erschrocken
und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete.
    »Das ist hart, Herr Kammerdiener,« hörte ihn Artur sagen, »wenn man so
plötzlich fortgeschickt wird. Sie haben gut reden von einem Zeugnisse; alle Welt
kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiss, dass er nicht leicht Jemand wegschicke.
Da werden alle Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen, was ich
begangen hätte. - Und was habe ich denn begangen? - Ich weiss es nicht und Sie
sagen es ja nicht.«
    »Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen,« antwortete der alte
Mann, indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose, die er in der Hand hielt,
heftete. »Der Herr ist einmal der Herr, und wenn ihm unsere Nase nicht mehr
gefällt, so hat er das Recht, uns aus dem Dienst zu schicken.«
    »Und vielleicht für Zeit Lebens unglücklich zu machen! - O! das ist ja
entsetzlich! Ich habe meinen Dienst getan, wie Jeder, das müssen Sie mir
bezeugen; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze, denn ich hoffte hier
ein dauerndes Brod zu finden. - Haben Sie mir je ein böses Wort gesagt, Herr
Kammerdiener? - Gewiss nicht! Ich nahm mich zusammen, denn ich dachte an Weib und
Kind. Bei Unsereinem geht es bitter zu, wenn man eine Zeit lang keine Condition
hat. - Was werden sie daheim sagen, wenn ich so plötzlich fortgeschickt bin!«
    Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete: »Ich kann darin Nichts
machen; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr
erwähnen. Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rat geben; dass er hilft,
glaube ich kaum: Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn, dass er ein
gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt.«
    Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der
verabschiedete Jäger aufzunehmen. Er seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand
über die Augen und ging in sein Zimmer. Dort legte er wahrscheinlich seine
glänzende Uniform ab, zog einen ärmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung,
wo er der Frau und vier Kindern, die um eine Schüssel mit Kartoffeln sassen, die
Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte.
    Artur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an der nächsten Ecke
eine Droschke, die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstrasse brachte.
    Hier stieg er aus und schritt über den öden Hof, den wir dem geneigten Leser
in einem der vorigen Kapitel geschildert, nach dem Hintergebäude mit der
steinernen Wendeltreppe; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der
langen Gänge, wo er ungewiss war, an welche Türe er klopfen sollte. Der Zufall
führte ihn übrigens ziemlich glücklich, denn nachdem er zwei Türen vergeblich
geöffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme
Atmosphäre entgegen drang, wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem
Boden sitzen und scheltende, schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah, welche
ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen, kam er endlich an die Wohnung, die er
suchte. Es war die dritte Türe, an welche er klopfte; von innen rief man
»Herein!« und als Artur in das Gemach trat, sah er am Fenster eine Frau stehen,
die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge seines
feinen und eleganten Anzugs, einen tiefen Knix machte.
    »Ich suche Madame Becker.«
    »Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen,« entgegnete die
Frau mit ihrem besten Lächeln, worauf sie abermals knixte und den jungen Mann
mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen.
    Artur lehnte das aber ab, indem er entgegnete: »Ich danke Ihnen recht sehr;
unser Geschäft ist bald abgemacht.«
    »Sie sind an mich empfohlen?« fragte verschmitzt lächelnd die Frau.
    »Das eigentlich nicht,« versetzte Artur. »Ich komme nur im Auftrage eines
Bekannten, des Grafen Fohrbach.«
    »Ah! des Herrn Grafen!« sagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog sie
gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Höhe,
schüttelte bedächtig den Kopf und meinte »der Name des Herrn Grafen ist eine der
besten Empfehlungen, - ein charmanter junger Herr! liebenswürdig und gutmütig;
aber schwer, schwer im Umgang, das kann ich Sie versichern. Und doch war er nie
unzufrieden mit mir. - Nun, wir wollen schon sehen. Bitte recht sehr, gefälligst
einen Augenblick Platz zu nehmen.«
    Den Maler interessirte das Gesicht der Frau; er schaute sie mit einem
prüfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zügen, die
Verschlagenheit, Gutmütigkeit, List neben anderen gewiss recht schlimmen
Leidenschaften ausdrückten. - Er zog das Billet aus der Tasche hervor, um es
Madame Becker darzureichen.
    »Ah! noch eine schriftliche Empfehlung!« sagte diese; »das wäre vollkommen
unnötig gewesen, der Herr empfehlen sich schon hinlänglich durch Ihr angenehmes
Äussere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin, auf alle
Verschwiegenheit rechnen zu können, so bitte ich nur frei heraus zu sagen, womit
ich dienen soll.«
    »Und womit können Sie mir eigentlich dienen?« fragte lächelnd Artur, den
diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann.
    »Ah! das ist eine seltsame Frage,« entgegnete Madame Becker, während sie
ihren Mund spitzte und den Versuch machte, schelmisch auszusehen. »Ich erwarte
nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird.
Anbieten kann ich Ihnen Nichts, das werden Sie natürlicherweise bei mir
voraussetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Tasche, und wenn Sie mir
einen Namen nennen, Strasse, Haus und Nummer, so erfahren Sie in wenig Tagen, ob
ein Besuch möglich oder unmöglich ist.«
    »Ah so!« versetzte Artur laut lachend. »Vorderhand ist es mir nicht
möglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich selbst darüber noch im
Unklaren bin.«
    »Das tut auch Nichts,« antwortete wichtig die Frau, indem sie die rechte
Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger der linken den jungen Mann
vertraulich auf den Arm stiess. »Wir kennen unser Geschäft. Eine Beschreibung der
Person, eine Strasse, wo sie meistens gesehen wird, ein Haus, in das sie häufig
geht, das ist Alles, und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker; es müsste mit
dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wüssten, woran wir sind.«
    »Nun, ich will mir das merken,« sprach immer noch lachend der Maler; »aber
vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um diesen Brief zu übergeben.«
    »Richtig, den Brief!« entgegnete die Frau. »Das hätten wir bald vergessen.
Nehmen Sie einstweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne sehe ich
natürlicherweise wie ein Falke, aber mit dem Geschriebenen geht's nicht mehr so
leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leserliche Hand wie ein
Frauenzimmer.«
    Mit diesen Worten eilte sie in's Nebenzimmer und Artur liess sich auf dem
Sopha nieder.
    Gleich darauf kam Madame Becker zurück, setzte sich neben den Maler und nahm
aus einem Futteral eine Brille, die sie mit grosser Bedächtigkeit auf ihrer Nase
befestigte. Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte: »Gewiss, gewiss, lieber
Herr, mit Seiner Gnaden, dem Grafen Fohrbach, ist es eigentlich schwer Geschäfte
zu machen. Das werden Sie wohl einsehen; es ist nicht Alles möglich auf dieser
Welt, und meistens ist er auf das Unmögliche versessen. - Nun, wir wollen
sehen!«
    Damit brachte sie das Billet dicht an die Augengläser, las die Adresse,
nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um
als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte sie einen
Blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen, so fuhr sie erschrocken
zurück, liess Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr
sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchsten Ueberraschung, ja eines
unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten.
    »Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach?« fragte sie nach einer Pause.
    »Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handschrift,« entgegnete
Artur, dem das plötzliche ängstliche Wesen der Frau auffiel.
    »Die Handschrift wohl - aber das Siegel? Haben der Herr Graf diesen Brief
wohl selbst gesiegelt?«
    »Ohne Zweifel; ich glaube nicht, dass er ähnliche Schreiben von Anderen
siegeln lässt.«
    »Sehen wir, sehen wir!« sprach eifrig Madame Becker, indem sie das Couvert
hastig abriss. »Wenn er nur was Mögliches verlangt! Heiliger Pancratius! wenn er
nur was Mögliches verlangt!«
    Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Höhe, und während
sie las, liess sie ihre Unterlippe schlaff herabhängen. Nachdem sie geendigt,
schüttelte sie bedeutsam den Kopf und stiess einen tiefen Seufzer aus. - »Sie
sind natürlich der Vertraute des Herrn Grafen,« sagte sie und blickte den jungen
Mann lauernd an; »Sie wissen wahrscheinlich, was in dem Brief steht?«
    »Nein, nein, ich weiss es nicht!« entgegnete Artur hastig, dem das
sonderbare Wesen der Frau im höchsten Grade auffiel. - »Ich weiss es nicht und
verlange es auch nicht zu wissen. Meinen Auftrag habe ich erfüllt: der Brief ist
in Ihrer Hand und ich bin fertig.« Damit stand er auf.
    Gegen alle Regeln der Höflichkeit, die Madame Becker sonst gewissenhaft
gegen ihre Kunden, wozu sie auch im Geiste schon den jungen Mann rechnete,
beobachtete, blieb sie nachdenkend auf dem Sopha sitzen, legte die Hände in den
Schoss und starrte träumerisch vor sich hin. »Das wird rein unmöglich sein,«
murmelte sie. - »Aber das Siegel! - Wie kommt das Siegel dahin? Das scheint mir
ein gemessener Befehl zu sein. - Nun, ich muss Alles versuchen, helf' was helfen
mag!« Sie seufzte abermals tief auf, schien dann plötzlich aus ihrem Nachsinnen
zu erwachen und sprang eilig vom Sopha in die Höhe, als sie sah, dass sich der
junge Mann der Türe bereits genähert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre
Züge nahmen das uns bekannte Lächeln an, dann rieb sie sich die Hände und sagte:
»Wenn Sie den Herrn Grafen sehen und etwas sagen wollen, so bitte ich ihm zu
vermerken -«
    »Geben Sie mir keine Kommissionen, Madame,« antwortete Artur. »Verstehen
Sie mich gar nicht falsch: ich sollte nichts als Ihnen diesen Brief übergeben,
kann daher auch durchaus keine Antwort übernehmen. - - Ich wünsche recht guten
Morgen!«
    »So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen,« erwiderte die
Frau mit einem tiefen Knix. »Bitte, vergessen Sie vorkommenden Falls meine
Wohnung nicht und wenden sich alsdann an Ihre untertänigste Dienerin!«
    Die Türe schloss sich hinter dem Maler, Madame Becker öffnete sie nochmals,
um Höflichkeits halber auf den Gang hinaus zu grinsen, dann zog sie sich in ihr
Zimmer zurück, nahm hastig das Couvert von dem Sopha und eilte an's Fenster, wo
sie wiederholt das Siegel genau betrachtete. - »Es ist kein Zweifel,« murmelte
sie, »es ist sein Petschaft, er muss ihn kennen. - Oh je! oh je! Das wirkt
freilich mehr, als wenn er mir fünfhundert Gulden versprochen hätte. Also er
schreibt: Sie wohnt Balkenstrasse Nr. 40 über vier Treppen, ihr Vater ist, wie
ich höre, ein armer Schriftsteller, und das Mädchen müssen Sie kennen, sie heisst
Clara Staiger und ist Tänzerin am Hofteater. Tun Sie alle Ihre Schritte, beste
Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glänzendste Belohnung an. - -
Der braucht mir da wohl Name und Wohnung anzugeben! kenne sie wohl mit ihrem
Trotz und Hochmut, kenn' die ganze Bagage, den alten Simpel, ihren Vater, und
weiss wohl, was ich da zu erwarten habe. - Ei, Herr Graf, da haben wir schon
mehrere Mal angebohrt und schöne Antworten bekommen. Der Teufel auch! Das ist
eine saubere Kommission! - Wenn nur das Siegel nicht auf dem Briefe stände! -
Aber da muss schon ein Uebriges geschehen. Wir wollen das überlegen; ich darf gar
nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht' einen Höllenlärm und
hetzt mir sämmtliche Mietsleute auf den Hals. - Wir wollen doch einmal sehen,
ob da Niemand aus- und eingezogen ist. Ich habe mich um den Fratz lange nicht
mehr bekümmert.«
    Bei diesen Worten holte sie aus einem alten Schreibtische ein Buch hervor -
es war ein Wegweiser der Residenz und - blätterte eifrig darin. - »Balkenstrasse
Nr. 36 - 38 - 40. Da ist's! - Ah! ah! Unten wie früher, Belletage und zweiter
Stock ebenfalls; dritter Stock: Steuerinspektor Weiss - kenne ich nicht! -
vierter Stock: Schriftsteller Staiger, Clara Staiger, Tänzerin. - Aha!« fuhr sie
lächelnd fort, »da hat's eine Aenderung gegeben. - Schön! schön! die Frau Wundel
ist eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt. - Und wohnt Tür an Tür mit
dem hochnasigen Balletmädchen. Die Wundel gehört zu meiner Bekanntschaft, und
wenn man der ein paar Kronentaler verspricht, so läuft sie für einen durch's
Feuer.«
    Hierauf schlug Madame Becker das Buch zu und nahm bedächtlich und sichtlich
erheitert eine Prise. -
    Kopfschüttelnd verliess Artur das alte Haus, stieg nachdenkend die
Wendeltreppe wieder hinab und suchte seine Droschke auf, die er in einer
Nebenstrasse wartend fand; er stieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger
Mann von grossem Vermögen, als lustiger Gesellschafter seiner vornehmen Freunde,
sowie als Maler in mancherlei Verhältnisse des geheimnisvollen Lebens der grossen
Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, so hatte er doch bis jetzt von der
Existenz der Madame Becker, sowie von deren eigentlichem Geschäftsbetrieb noch
gar keine Ahnung gehabt. Das war ja förmlicher, wohl organisirter Sklavenhandel,
nur dass sich das arme Schlachtopfer, welches hier ausersehen und verkauft ward,
diesem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wusste ja nicht,
dass man es verfolgte. Leise und vorsichtig wurden ihm Fallen gestellt, wurden
ihm unsichtbare Schlingen um die Füsse gelegt, und auf einmal stürzte es hin,
verraten, verkauft, in die Arme seiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu
fallen, hinab in den schmutzigsten Schlamm des menschlichen Lebens, der, zäh und
gewaltig, seine Beute nicht wieder fahren lässt.
    Diese Gedanken hatten den jungen Mann einigermassen unmutig gestimmt, und es
war ihm leid, den Brief an seine Adresse überbracht zu haben. »Wer weiss,« sagte
er sich selbst, »ich bin vielleicht somit die Ursache, dass jenes Weib ihre
Kreaturen auf irgend ein armes Mädchen loslässt! - Aber,« tröstete er sich, »was
ich nicht getan, hätte morgen der Postbote besorgt, gewiss nicht harmloser und
unwissender als ich heute.«
    Arturs Selbstgespräch wurde hier unterbrochen, als er an einer vorher
bezeichneten Stelle hielt; er sprang aus dem Wagen, sah sich flüchtig um und
eilte nun von den höheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu
und durchkreuzte mehrere schmale Gassen mit hohen Häusern, deren spitze Giebel
vor Alter etwas gegen einander geneigt waren, was im Sommer diese Wege angenehm
kühl, im Winter aber frühzeitig dunkel und unendlich schmutzig machte. Auch über
kleine Plätze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nächsten Kanal, wie an
jenem Abend, wo wir ihn zum ersten Male gesehen, überschritt einige glatte
schlüpfrige Brücken und befand sich jetzt am Eingang der Balkenstrasse.
    Der geneigte Leser wird vielleicht das Ziel seiner Wanderung erraten. Waren
doch schon mehrere Tage verflossen, seit er den alten Herrn Staiger bei seinem
Buchhändler getroffen, seit er ihm einen Besuch versprochen, einen Besuch, den
er zu machen gedachte, natürlicher Weise nur in der Absicht, um sich Rats zu
erholen behufs der Illustrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur
Mittagsstunde hinging, diese Frage könnten wir dahin beantworten, dass es jetzt
überhaupt zu Besuchen die schicklichste Zeit war, denn wir sind weit entfernt,
zu glauben, es habe Artur gewusst, dass der Balletsaal um Mittag geschlossen
würde und die Tänzerinnen alsdann nach Hause gingen.
    So oft auch schon der Maler, das müssen wir gestehen, Clara bis an die
Haustüre begleitet hatte, so war er doch nur Einmal weiter als zwei bis drei
Schritte in den Flur hinein gelangt, und das bei einem fruchtlosen Versuch, ihre
Hand noch länger festzuhalten, nachdem sie einige Minuten mit ihm geplaudert
hatte. In Fällen wie der vorliegende aber haben sich gewiss viele unserer
geneigten Leser schon zurecht gefunden, und Artur tat dies ebenfalls ohne
grosse Schwierigkeit. Er passirte den ersten, zweiten und dritten Stock, und nur
auf dem vierten geschah es ihm, dass er an eine falsche Türe klopfte. Man rief
»Herein!« und er sah eine ältliche Frau vor sich, recht anständig gekleidet, die
eine weisse Schürze umgebunden hatte und einen Kochlöffel in der linken Hand
hielt. Sie kam augenscheinlich von ihrem Herde und beschäftigte sich mit
Bereitung ihres Mittagessens, denn ein angenehmer Duft von Zwiebeln und
gebratenem Fleische drang auf den Gang heraus.
    Der junge Mann sah gleich, dass er falsch gegangen war, denn er wusste, dass
Clara's Mutter schon vor mehreren Jahren gestorben war.
    »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich suche Herrn Staiger.«
    
    Worauf Madame Wundel, die es in eigener Person war, ihm freundlich
erwiderte, gleich nebenan sei die gesuchte Türe, er möge aber nur ohne
anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem sich dort gewöhnlich Niemand
aufhalte.
    Artur dankte auf's Freundlichste, was die Wittwe sehr huldreich und
herablassend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlgefallen an dem hübschen jungen
Manne, und da sie eine brave Frau war, die möglicherweise mit ihren Töchtern
Alles gemeinschaftlich genoss, so rief sie diese durch ein leises Räuspern herbei
und zeigte ihnen durch die Türschwelle den Besuch, der zu Staigers gehe.
    »Die Clara ist aber nicht daheim,« sagte die ältere Tochter Emilie, indem
sie ihren Kopf so weit als möglich zur Türe hinaus streckte.
    »Ach was, Clara!« entgegnete die Mutter; »der war von guter und stiller
Familie. Der läuft keinen Tänzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat
den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen. - Passt mir auf, Emilie,
der kommt bald wieder zurück.«
    »Ich will ein paar Bücher und Noten draussen auf dem Gange abstäuben,«
versetzte die ältere und sehr gelehrige Tochter.
    »Tu' das, mein Kind,« erwiderte die Mutter. »Aber streich' die Haare
zurecht, du siehst ein wenig zerzaust aus.«
    Damit ging sie an ihren Kochherd zurück, während Artur zu gleicher Zeit
durch das fast dunkle Vorzimmer schritt und nun an die Türe des Wohnzimmers
klopfte.
    »Herein!« klang es ihm entgegen: und eine feine Kinderstimme setzte hinzu:
»Wenn's kein Schneider ist!«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.
                                Illustrationen.
Artur hatte sich vorgenommen, die Wohnung des Mädchens, das er still und wahr
liebte, behaglich und angenehm zu finden, wenn auch gerade nicht viel von dem,
was zum Comfort des Lebens gehört. Das Vorzimmer erschien ihm aber etwas zu
ärmlich; er bemerkte Nichts als in einer Ecke ein Bett und in der anderen einen
alten Stuhl. Das Wohnzimmer kennt der geneigte Leser bereits; wenn er es auch
nur bei Nacht gesehen, so müssen wir ihm doch leider die Versicherung geben, dass
es heute beim trüben Tageslicht - einem falben Lichte, das sich kaum notdürftig
durch die hohen, finsteren Dächer und den Schnee und Regen, der draussen fiel,
herein stehlen konnte, - nicht viel wohnlicher aussah.
    Herr Staiger in seinem unvermeidlichen blauen Ueberrock sass am Fenster und
schrieb wie immer eifrig darauf los. Wärmer war es heute freilich in dem Zimmer,
als an jenem Abend, und das kam daher, weil das kleine Mädchen gerade im Begriff
war, einen Topf Kartoffeln in dem Ofen sieden zu lassen. Die Türe desselben
stand halb offen, und es drang ein leichter Wasserdampf daraus hervor, der von
dem Bübchen, das neben seiner Schwester stand, begierig aufgesogen wurde.
    Der alte Mann an dem Fenster richtete seinen Blick von der Arbeit auf und
sah den Eingetretenen scharf an. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er ihn
erkannte, dann aber steckte er die Feder hinter das Ohr, erhob sich freundlich
und eilte seinem Bekannten entgegen, um ihm herzlich die Hand zu schütteln.
    Das Bübchen schaute aufmerksam zu; es hatte auf seinem Kopfe einen Hut von
Papier in militärischer Form und in der Hand ein sehr kunstlos gearbeitetes
hölzernes Schwert. Es hatte vorhin von dem Schneider gesprochen, und als der
Fremde eintrat, den Griff seines Schwertes erfasst. Jetzt aber, als es sah, dass
der fremde Mann in friedlicher Absicht zu kommen schien, fuhr es mit der Hand an
seinen papierenen Hut und grüsste militärisch.
    »Sehen Sie, ich halte Wort,« sagte Artur, »und wäre schon früher gekommen,
aber ich wollte Ihnen Zeit lassen, um wegen unseres Geschäftes zu überlegen.«
    »Ah! was die Illustrationen anbelangt! Ja, ich habe mich auch schon damit
beschäftigt und Einiges aufgeschrieben. Kommen Sie an meinen Arbeitstisch und
nehmen Sie Platz.«
    Artur setzte sich dem alten Manne gegenüber an's Fenster und blickte
nachdenkend hinaus. Es war dies dasselbe Fenster, durch welches er so oft Licht
schimmern sah, wenn es ihm erlaubt war, die Tänzerin bis an's Haus zu begleiten.
Jetzt war er ohne ihr Vorwissen in ihr Asyl gedrungen und hatte damit
gewissermassen ihren dringenden Wunsch, ihren Befehl übertreten. Doch
entschuldigte er sich mit den Umständen, welche ihn hieher geführt, und redete
sich ein, er würde ja im Auftrage des Buchhändlers den alten Herrn auch besucht
haben, selbst wenn er nicht gerade Clara's Vater wäre, was auch so halb und halb
seine Richtigkeit hatte.
    »Haben Sie schon an unsere Sache gedacht?« fragte Herr Staiger. »Wird es
Ihnen nicht schwer werden, hier in unserem stillen Leben Physiognomien zu Ihren
Gebilden zu finden, oder wollen Sie sich ganz Ihrer Phantasie überlassen?«
    »Nein, nein!« entgegnete Artur, »ich werde mich so viel als möglich an
Personen halten, die mir gerade aufstossen, natürlicherweise, ohne gerade
Porträts zu liefern. O, es gibt hier Köpfe, genug, die ganz prächtig für Sklaven
und ihre Käufer und Verkäufer passen.«
    »Glauben Sie?« sagte der alte Mann und sah ihn mit einem leuchtenden Blicke
an. »Das habe ich mir auch schon gedacht; und meinen Sie nicht auch, dass es hier
bei uns nicht nur Menschen gibt, die den in diesem Buche beschriebenen gleichen,
sondern dass sich auch für manche unserer Verhältnisse darin grosse Aehnlichkeiten
finden?«
    »Gewiss!« erwiderte Artur lächelnd, und dachte an Madame Becker und Herrn
Blaffer. Dem Gedanken an den letzteren lieh er auch Worte, indem er sagte: »ich
würde mir gar gern das Vergnügen machen, unseren gemeinschaftlichen Buchhändler
und Freund als Sklavenhändler darzustellen. Aber er wird es nicht zugeben, dass
man ihn auf solche Art in Holz schneidet und verewigt.«
    »Nein, gewiss nicht!« versetzte Herr Staiger. »So Etwas wollen wir auch gar
nicht unternehmen; Gott soll mich bewahren! Das müsste mich ohne Weiteres um
seine Kundschaft bringen.«
    Das Bübchen war unterdessen näher geschlichen, steckte den Kopf unter den
Arm seines Vaters und sah den fremden Mann mit seinen grossen treuherzigen Augen
an.
    Notwendigerweise musste jetzt Artur fragen: »Das sind Ihre Kinder, Herr
Staiger?«
    Und eben so sicher war es, dass der alte Mann darauf antwortete: »Es sind
meine beiden jüngsten; meine älteste Tochter wird bald nach Hause kommen. Die
haben Sie gewiss schon oft gesehen?«
    So unbefangen nun diese Frage an und für sich war, so verursachte sie doch
dem Maler einiges Herzklopfen, denn er wusste nicht, ob der Vater das öftere
Sehen auf das Hofteater bezog, oder ob er am Ende Kunde hatte, dass der vor ihm
sitzende junge Mann seine Clara schon zum öfteren Male nach der Balkenstrasse
begleitet habe.
    Doch fuhr der alte Herr gleich darauf arglos fort: »Meine Tochter ist bei
dem Ballet angestellt, und da wäre es doch möglich, dass Sie vielleicht schon
ihren Namen gelesen und sie gesehen haben.«
    »Clara tanzt sehr schön,« sagte das Bübchen mit Bestimmteit; worauf es sich
aber augenblicklich dieser Worte schämte und seinen Kopf unter den Arm des
Vaters verbarg.
    »Woher weisst du das, kleiner Mann?« fragte Artur lachend. »Du gehst doch
gewiss noch nicht in's Teater.«
    »Sie haben bei der Schwester so lange gebettelt,« antwortete Herr Staiger
statt des Gefragten, »bis Clara sie einstens in eine Generalprobe nahm. Auch übt
sie sich zuweilen hier zu Hause.«
    »Dort an der Stange,« setzte der Knabe hinzu; »und dann hat sie ein kurzes
Röckchen an und einen schwarzen Spenser. Wenn du es einmal sehen willst, so musst
du morgen früh kommen; jetzt ist es dazu zu spät, denn wir werden gleich essen.«
    »Das ist wahr; daran habe ich nicht gedacht,« entgegnete Artur, »und ich
bin zu einer ganz ungelegenen Zeit gekommen.«
    »Clara wird gleich nach Hause kommen,« sprach das Bübchen, »dann kannst du
sie sehen. Aber tanzen tut sie nicht.«
    »Ich wäre auch zu einer schicklicheren Stunde gekommen,« fuhr Artur fort,
anscheinend ohne auf das Geplauder des Kleinen zu achten, »aber Sie sagten mir
selbst, von Zwölf bis Eins sei die Stunde Ihrer Ruhe.«
    Es ist für alle Fälle des Lebens gut, wenn der Mensch mit Verstand und
Ueberlegung zu lügen versteht.
    »Die Kinder plaudern immer von dem, was sie am liebsten tun,« erwiderte
Herr Staiger; »und dazu gehört namentlich das Essen.«
    »Wir haben heute Kartoffeln mit Gänsefett,« sagte Karl mit dem grössten
Ernst; »und das mag ich; vielleicht bringt auch Clara eine Wurst mit. Willst du
mitessen?«
    Die vorsichtigere und einige Jahre ältere Schwester hatte sich in diesem
Augenblicke hinter den Stuhl ihres Vaters geschlichen und zog den kleinen
Indiskreten ein paar Schritte zurück: erstens, um ihm die Nase zu putzen, und
zweitens, um ihm artiges Betragen einzuschärfen. Doch war er nicht so leicht von
dem Gaste - ein solcher war nämlich in der Familie etwas Seltenes -
wegzubringen, und Artur ermunterte ihn, da ihm die unbefangenen Reden des
Kleinen Spass machten.
    Herr Staiger zog unter seinen Papieren einen beschriebenen Bogen hervor und
sagte: »Sie haben mich neulich gebeten, einige Momente aufzuschreiben, die ich
zu Illustrationen für besonders geeignet hielte. Ich habe es mit Schüchternheit
getan, und hier sind nun ein paar verzeichnet. Man muss natürlich die grassesten
Episoden hervor heben, und daran fehlt es in dem Buche nicht. Es ist da zusammen
getragen, was ein Menschenherz nur erschüttern und zerschmettern kann.«
    »Und lässt sich leicht zeichnen,« versetzte Artur, »da dort Alles ohne Scheu
und öffentlich vor sich geht. - Aber gerade diese Oeffentlichkeit,« fuhr er
fort, »mit der jene Sachen in den Sklavenstaaten betrieben werden, gewährt für
die armen Schlachtopfer eine Art Trost. Man bringt sie auf den Markt, sie
wissen, dass sie verkauft werden, es geht das Alles nach bestimmten, wenn auch
harten Gesetzen, nicht wie bei uns, wo dieselben schauderhaften Geschichten im
Geheimen und mit raffinirter Grausamkeit betrieben werden. Hier wäre es
schwieriger, eine Onkel Tom's Hütte zu illustriren, denn man kann dem hiesigen
Sklavenhändler nicht das Zeichen seiner Würde, die grosse Peitsche anhängen. Der
ist hier gekleidet, wie jeder andere ehrliche Mensch auch, und verschwindet
förmlich unter der Menge ohne besondere Kennzeichen.«
    
    »Ein Merkmal haben sie doch öfters an sich,« sagte der alte Mann
nachdenkend, indem ein leichtes Lächeln über seine Züge flog; »sie schlagen gern
die Augen nieder, befleissigen sich eines scheinheiligen und äusserlich sehr
frommen Lebens.«
    »Ah ja! von denen, die keine Betstunde versäumen und dagegen ihren sündigen
Nebenmenschen mit so leichtem Gewicht messen!«
    »Und Zehn vom Hundert nehmen.«
    »Und Rechnungen zum zweiten Male schicken, wenn sie vielleicht voraussetzen,
man habe die Quittung von der ersten verloren.«
    »Ah! wir kommen da in's Zeug hinein,« sprach lachend der alte Mann, »wie ein
paar böse Klatschschwestern bei ihrem Kaffee. Ich ertappe mich in jüngster Zeit
leider oftmals über so menschenfeindlichen Gedanken, die mir früher gänzlich
fremd waren. Ich weiss nicht, was daran schuld ist.«
    »Vielleicht die Uebersetzung Ihres Buches; man stellt da Vergleichungen an
über Menschen und Zustände, die gerade nicht zur Erheiterung und zum Erhalten
der guten Laune beitragen.«
    »Darin haben Sie nicht ganz Unrecht,« meinte der alte Mann. »Aber wenn ich
lange übersetzt habe, so nehme ich gewöhnlich ein angenehmes Gegengift; hier
habe ich es in diesen Büchern.«
    »Ah! Charles Sealsfield!« erwiderte Artur freudig, indem er eins der
dargereichten Bücher aufschlug und den Titel las. »Das sind herrliche,
liebenswürdige Schilderungen desselben Lebens, welches uns die Verfasserin von
Onkel Toms Hütte gibt. Ginge es dem Rechten nach, so müssten diese Lichtstrahlen
weit mehr Auflagen, weit grössere Verbreitung finden, als diese tiefen Schatten.
Aber leider gibt es so viele Menschen, denen es nur im Trüben wohl ist.«
    »Und die das Licht scheuen,« entgegnete Herr Staiger ernst und feierlich und
sah wie träumend an die Decke des Zimmers. - - »Aber sie sind mächtig in ihrem
Schatten,« sprach er nach einer längeren Pause, »und sie beschwören ihn von
allen Seiten herauf durch heuchlerische Gebete und Zuschautragen von falscher
Busse. Wie dichter Nebel steigt es langsam empor und kämpft mit den heiteren
Sonnenstrahlen; aber glauben Sie mir, diese Nacht wird das Licht überwältigen;
langsam aber sicher wird der heitere Glanz eines lustigen und darum doch nicht
sündenhafteren Erdenlebens verschwinden. Der Gesang fröhlicher Vögel verstummt,
denn diese lieben das Sonnenlicht, und nur Geschöpfe der Nacht werden sich
künftig gütlich tun in den dichten grauen, stinkenden Nebeln, die sich langsam
aber sicher um uns schlingen; - der Gesang der Freude verstummt nach und nach,
und der einzige Klang, der noch an unser Ohr schlägt, ruft uns melancholisch und
traurig zu: tut Busse, geht in euch; ihr habt kein Recht auf das freundliche
Sonnenlicht, das ein gütiger Schöpfer ausströmen lässt durch das ganze Firmament;
ihr habt kein Recht an den Genuss dieser Erdengüter, an Lust und Freude; denn ihr
seid allesammt geborne Sünder und unwert der Gnade! - Doch ich predige Ihnen da
schreckliche Sachen vor,« unterbrach sich der alte Mann plötzlich, indem er mit
der Hand über die Augen fuhr. »Sie sind ja jung, gewiss auch glücklich, und sehen
mir gerade aus wie Jemand, der die Kraft in sich fühlt, des Lebens Güter im
rechten Masse zu geniessen. Tun Sie also und es wird Sie nicht gereuen! - Aber
wovon sprachen wir doch, ehe ich ein so finsterer Seher ward? - Ah! richtig, von
den Werken Sealfields! - Ja, das ist wahr, an diesen frischen kräftigen
Schilderungen, an diesem Buche, dem die Wahrheit aus den Augen spricht, erfreut
sich mein Herz. Das ist ein Leben, wie es wirklich ist; das sind Geschöpfe, wie
sie existiren, keine krankhaften Gestalten, die unter allen Verhältnissen die
rechte Backe hinhalten, nachdem die Linke ihren Schlag empfangen. - Sehen Sie,
wenn ich müd und matt vom Arbeiten bin, da habe ich so meine Stellen, die ich
durchlese, wie diese hier, wo das Zeichen ist.«
    Das Bübchen, das sich bei diesen für ihn unverständlichen Reden offenbar
gelangweilt hatte, war unterdessen dem Maler näher und näher gerückt, hatte
zuerst sanft seinen Rock berührt, dann seinen Hut von einem benachbarten Stuhle
genommen und probirte ihn nun statt der früheren militärischen Kopfbedeckung.
    »So einen Hut möchte ich auch,« sagte es plötzlich und stellte sich vor
Artur hin, so dass dieser laut auflachte über den komischen Anblick des kleinen
Mannes.
    »Da musst du erst gross werden,« erwiderte er, »da wird es dir hoffentlich
nicht an einem solchen Hute fehlen.«
    »Vor allen Dingen musst du aber erst etwas Tüchtiges lernen,« meinte der
Vater. »Aber jetzt lege den Hut wieder dahin; es ist nicht schicklich, Sachen
anzugreifen, die einem nicht gehören. Wenn das Clara sähe, würde sie böse
werden.«
    Auf diese Mahnung hin legte Karl den Hut wieder auf den Stuhl und wandte
sich dann mit der naiven Frage an Artur: »Hast du denn auch Etwas gelernt?«
    »O ja,« entgegnete dieser lächelnd; »und Etwas, das dir gewiss grosse Freude
machen wird, wenn ich es dir zeige.«
    »Was ist denn das?«
    »Ich habe Zeichnen und Malen gelernt. Wenn ich wieder komme und du hast ein
klein Blatt Papier und ein Bleistift, so will ich dir zeigen, was ich kann.«
    »Eine Tafel habe ich,« entgegnete das Bübchen, »und darauf malt Clara
allerlei schöne Sachen.«
    »So lass mich sehen, was dir Clara malt,« sagte eifrig der junge Mann.
    »Jetzt habe ich es ausgewischt,« erwiderte der Kleine; »aber sie kann mir
die schönsten Schlangen malen, auch Krokodile, Soldaten und Offiziere.«
    »So, auch Offiziere?«
    »Ja freilich; die haben Alle einen grossen Schnurrbart, einen dünnen Leib und
gerade Beine.«
    In diesem Augenblicke wandte das Bübchen hastig seinen Kopf herum, dann
brach es plötzlich alle Unterhaltung ab, indem es jubelnd rief: »Clara kommt!«
und zur Türe hinaus in's Vorzimmer eilte.
    Die Schwester musste ebenfalls Tritte auf der Treppe gehört haben, denn auch
sie war hinausgegangen, kluger Weise, um Clara auf den unbekannten Besuch
vorzubereiten.
    Artur erhob sich von seinem Stuhle; ihm klopfte das Herz und er fühlte sich
ungemein befangen. Wie wird sie diesen plötzlichen Besuch aufnehmen? dachte er.
Wird sie nicht zürnen, da sie dir ausdrücklich verboten, das Haus ihres Vaters
zu besuchen? - Daran war aber jetzt nichts mehr zu ändern, und der Maler hoffte,
dass sich schon Gelegenheit geben würde, eine kleine Verstimmung des geliebten
Mädchens in die Erlaubnis umzuwandeln, von jetzt ab ferner kommen zu dürfen.
    »Und wer ist es denn?« vernahm er jetzt die Stimme Clara's im Vorzimmer,
worauf das kleine Mädchen Etwas zischelte, was man nicht verstand, das Bübchen
aber laut erwiderte: »Ein Mann mit einem schwarzen Hute, und er hat mir gesagt,
er könne allerhand schöne Dinge malen, Schlangen und Krokodile, besser als du,
und wenn er künftig wieder kommt, wird er mir auch Soldaten und Offiziere
machen. - Hast du eine Wurst mitgebracht?«
    »Pfui, Karl! sei stille! - Ein Maler also? - Ah!«
    Damit öffnete die Tänzerin die Türe, blieb aber überrascht auf der Schwelle
stehen, und ihr Gesicht, Hals und Nacken überzog sich mit tiefer Röte. Sie
erkannte ihn augenblicklich; obgleich es eine Wirkung der Freude war, welche das
Blut gewaltsam nach ihren Wangen trieb, so war es doch auch wohl die Erwartung,
was er hier bei dem Vater zu tun habe, und daneben auch ein klein wenig
Verdruss, als sie aus seiner Anwesenheit ersah, dass er ihrem strengen Befehl
nicht Folge geleistet habe.
    »Meine Tochter Clara,« sagte Herr Staiger, der aber glücklicherweise gerade
sein Manuscript zusammen schob und das Buch von Sealfield darauf legte. - »Meine
Aelteste, der Stolz der Familie!«
    »Ah Papa!« versetzte das Mädchen in grosser Verlegenheit. Und da hiedurch ihr
liebes Gesicht das Recht erhielt, einige Verwirrung zu zeigen, so brauchte sie
diese nicht zu verbergen, als nun der alte Mann lachend sagte:
    »Ei mein Kind, du darfst nicht erröten: wer so mütterlich für uns Alle
sorgt, der darf in Wahrheit der Stolz der Familie genannt werden. Habe ich nicht
Recht, Karl?«
    Das Bübchen hatte sich an ihren Arm gehängt und ergriff statt aller Antwort
ihre Hand, die er nun bald hier bald da an sein Gesichtchen drückte; die kleine
Schwester dagegen nahm Hut und Tuch in Empfang, die Clara eilig ablegte. Dann
warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel und näherte sich nun leicht,
graziös und unbefangen dem Fenster, an welchem Artur stand.
 
                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.
                           Ein einfaches Mittagessen.
Wie war das Mädchen, erhitzt von dem Tanze und der Aufregung, so wunderbar
schön! Wie glänzten ihre dunklen Augen, wie leicht und elegant schritt sie
daher! Artur sah mit der innigsten Liebe auf sie, und er musste sich gestehen,
lange kein so liebliches Bild gesehen zu haben. Er senkte seinen Blick in ihr
Auge, tief, innig und bittend, und namentlich der letztere Ausdruck schien ihren
Unmut zu verscheuchen.
    »Das ist Herr Artur Erichsen, ein junger Maler und ein neuer freundlicher
Bekannter, den ich mir erworben. Wir trafen uns neulich beim Buchhändler
Blaffer, von dem er den Auftrag hatte, Onkel Toms Hütte zu illustriren, und er
kam nun hieher, um sich mit mir über diese Illustrationen zu besprechen.«
    »Gewiss, mein Fräulein,« nahm Artur eifrig das Wort, »ich besuchte Ihren
Papa in der Absicht, um mir seinen Rat zu erbitten, auf welche Art diese
schwierige Arbeit am besten anzugreifen sei.«
    Clara lächelte ein wenig, aber so unmerklich, dass nur Artur es sah. Ein
Liebender bemerkt ja Alles, und auch für ihn nur war deshalb der momentane Blitz
in ihren Augen verständlich, sowie ein unbedeutendes Zucken der Mundwinkel, -
dieser kleinen, reizenden Mundwinkel.
    Die Röte von vorhin war von ihrem Gesichte gewichen, ja hatte einer
leichten Blässe Platz gemacht, als sie vor Artur stand, die Hand auf den Tisch
gestützt, und ihm sagte: »Es freut mich sehr, dass Sie Papa besucht haben und dass
Sie so gütig waren, mit ihm über Ihre Arbeit zu plaudern. - Ach!« setzte sie
hinzu, »es kommt so selten Jemand zu ihm, der mit ihm zu sprechen versteht,
gegen den er seine Ideen und Ansichten austauschen kann, dass es ihm gewiss, gewiss
recht lieb war, dass Sie ihn besuchten.«
    Wir müssen gestehen, dass Artur atemlos auf ihre Worte gelauscht; und als
sie ihn so treuherzig und lieb ansah und ihm sagte, es sei dem Papa gewiss -
gewiss recht lieb, dass er gekommen, da durchzuckte ihn ein unnennbar süsses
Gefühl, sein Herz schien einen Augenblick die Pulsschläge auszusetzen und still
zu stehen vor übergrosser Freude und Seligkeit. Er gestand sich oft, dies sei
einer der süssesten Momente seines Lebens gewesen, und es tue ihm nur leid, dass
er gewaltsam seine Tränen zurückgehalten habe, die im Begriffe waren, ihm in
die Augen zu treten.
    Auch Clara fühlte Aehnliches, denn nachdem sie gesprochen, wie wir soeben
hier niedergeschrieben, blieb sie noch eine Sekunde ruhig vor ihm stehen,
schaute ihn so herzlich an, wie er sie, und Beide hatten den gleichen Gedanken:
sie waren froh, dass sie sich jetzt endlich einmal im hellen Licht des Tages
sahen, und so nahe, - nicht wie früher immer im Halbdunkel der Strasse, wenn sie
aus dem Wagen sprang, oder beim falschen Glanz der Lichter.
    Wie lange dieses gegenseitige Beschauen wohl gedauert hätte, weiss der liebe
Gott. Glücklicherweise aber legte sich das Bübchen in's Mittel und zog die
beiden hochfliegenden Seelen in den Bereich der Wirklichkeit zurück.
    »Die Kartoffeln sind fertig,« sprach es mit bestimmtem Tone, »sie platzen
schon auf.«
    »Dann ist es Zeit!« rief Artur, indem er wie aus einem tiefen Traum
erwachte; »und ich muss mich entfernen, um Sie nicht in Ihrem Mittagessen zu
stören.«
    Bei diesen Worten sah der alte Mann seine Tochter bedeutsam an, und als
Clara sanft lächelte, sagte er: »O, lassen Sie sich gar nicht stören, lieber
Herr Erichsen, bleiben Sie noch eine Weile da; wir plaudern vielleicht noch ein
wenig. Ich kann Ihnen leider von unserer einfachen Kost Nichts anbieten, - nun -
eben - weil sie gar zu einfach ist. - Aber draussen,« setzte er hinzu, indem er
durch's Fenster sah, »schneit und stürmt es so gewaltig, dass Sie unmöglich in
diesem Augenblicke fort können; auch speisen Sie gewiss später.«
    Wenn man Etwas gerne tut, so lässt man sich leicht dazu überreden. Artur
blickte fragend auf Clara, die lächelnd ihre Augen niederschlug. Doch schien ihm
dies Augenniederschlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu sein, wesshalb
er sich denn eifrigst und gern bereit erklärte, noch eine halbe Stunde da zu
bleiben.
    Die jüngere Schwester hatte unterdessen den Tisch gedeckt, Clara ging in das
Vorzimmer, und ihr folgte das Bübchen, welches eine richtige Ahnung hatte, dass
sie sich vor dem Gaste geniren würde, die bewusste Wurst aus der Tasche zu
ziehen, dass dies aber draussen unverzüglich geschehen müsse. - Und so war es denn
auch. Die Tänzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein, auf dem der
erwähnte Leckerbissen lag. Dann setzte sich Alles um den Tisch herum; er war
ärmlich aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weissen Tischtuch und
glänzenden Zinntellern.
    Der Maler, der eine Aufforderung zum Mitessen ablehnte, setzte sich einen
halben Schritt rückwärts neben Clara. Er konnte so seinen Arm auf die Lehne
ihres Stuhles stützen, und wenn er nun den Kopf vorn über lehnte, und sie ihm
plötzlich Etwas sagen wollte, so berührte ihr kühles, volles, duftiges Haar
seine heisse Stirne.
    »Karl, du musst beten,« sagte die jüngere Schwester zu ihrem Bruder, der an
seinem Platze sass und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tisches gerichtet
hatte. Das dort auf dem Zinnteller nahm seine ganze Aufmerksamkeit so sehr in
Anspruch, dass er mechanisch seine Hände faltete und gedankenlos sein Morgengebet
anfing:
»Engelein komm',
Mach' mich fromm!«
Doch wurde ihm diese Nachlässigkeit nicht gestattet und er brachte nun den uns
schon bekannten Tischspruch vor, natürlicherweise mit unverbesserlichem Fehler,
setzte auch hinter dem »Amen!« rasch hinzu: »Jetzt bekomme ich auch Wurst.«
    Nun nahm das Mahl seinen Anfang, der Vater und die jüngeren Kinder griffen
herzhaft zu; nur Clara spielte mit ihrem Essen, und es schien ihr fast
unmöglich, einen Bissen hinunter zu bringen.
    Artur munterte sie lächelnd auf, sich selbst nicht zu vergessen, und er
tat dies, indem er das ausserordentlich schöne Aussehen der Kartoffeln lobte;
darauf erfolgte nun natürlicherweise die Einladung des alten Herrn, auch eine zu
versuchen, und er forderte Clara zu diesem Zweck alsbald auf, einen Teller zu
bringen.
    Dies lehnte aber Artur eifrigst ab, und nach einigem Hin- und Herreden,
Nötigen und Weigern entschloss er sich endlich, einen Bissen von dem Teller der
Tänzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen. Hiebei bewährte sich nun aber das
Sprichwort, dass der Appetit während des Essens kommt, denn dem ersten Bissen
folgte ein zweiter, ein dritter und ein vierter, zwischen welchen aber jedes Mal
die Gabel gewechselt wurde, das heisst, einmal nahm sie Clara, und dann erhielt
sie der Maler wieder. Da sich hiebei auch ihre Hände berührten, ihre Blicke viel
Schönes zu einander sprachen, und das Haar der Tänzerin häufig sein Gesicht
streifte, so hielt Artur ein Mittagsmahl, wie es kein König besser und
köstlicher haben konnte.
    Leider war das Diner bald zu Ende; aber als sich nun Artur endlich alles
Ernstes entfernen wollte, denn sein Herz war übervoll, meinte das Bübchen, nach
dem Essen ginge man nicht gleich fort, wie es schon gehört habe, und bat den
Maler, er möge nun so artig sein, ihm eine Schlange oder ein Krokodil zu machen.
Er brachte deshalb seine Tafel herbei, zerrte den Künstler an das Fenster und
zwang ihn, dort wieder Platz zu nehmen.
    Der alte Mann stellte sich einen Augenblick daneben, und nachdem er seinen
Sohn vergeblich ersucht, den Herrn nicht zu plagen, verlor er sich in's
Vorzimmer, wo er sich auf einen Stuhl setzte, ein Taschentuch über sein Gesicht
hing und ein kleines Mittagsschläfchen machte.
    Die jüngere Schwester und Clara räumten den Tisch ab, dann setzte sich
letztere an die andere Seite desselben. Artur hatte die Tafel ergriffen und
entwarf eine solch' riesenhafte Schlange, dass die berühmte des Kapitän Boa
dagegen nur ein Regenwurm war. Während des Zeichnens aber warf er einen Blick im
Zimmer umher, und als er bemerkte, dass das kleine Mädchen in einer Ecke neben
dem Ofen mit dem Spülen des Geschirrs beschäftigt und die Türe des Vorzimmers
fest zugezogen war, sagte er zu Clara: »Sind Sie mir böse, dass ich hergekommen?«
worauf diese nach einer Pause erwiderte: »Ich hatte mir wohl gedacht, dass dies
am Ende geschehen würde.«
    »Aber erst viel später,« entgegnete Artur, »denn ich hätte Ihren Befehl
gewiss respektirt; aber es ist so, wie Ihr Vater gesagt: wir trafen uns bei dem
Buchhändler, und wenn auch hier nicht Ihre Wohnung gewesen wäre, so hätte ich
doch den Uebersetzer von Onkel Tom's Hütte aufsuchen müssen. - Nicht wahr, Sie
zürnen mir nicht?«
    Clara schüttelte den Kopf und antwortete: »Ich weiss nicht, was icj davon
halten soll; ich kenne Sie schone seit einiger Zeit, aber ich kannte Sie bis
jetzt nur wie Etwas, das kommt und verschwindet wie ein Traum - wie der Schein
der Sonne; oder auch,« setzte sie lächeldn hinzu, »wie Regen und Sturm.«
    »Und wie Etwas,« bemerkte Artur, indem er den Griffel sinken liess, »was uns
eigentlich nicht viel kümmert, was uns gleichgiltig ist, wenn es auf einmal ganz
ausbleibt, an das wir nicht mehr denken, wenn es nicht wieder erscheint.«
    »O nein!« erwiderte die Tänzerin, »nicht so ganz. Sagen wir lieber, wie
etwas - Angenehmes, das uns widerfährt, und das wir dankbar hinnehmen, dem wir
vielleicht betrübt nachblicken, weil es uns plötzlich ganz verschwindet, das wir
aber kein Recht haben, zurückzurufen, weil - weil - wir nun einmal kein Recht
dazu haben.«
    »Aber die Schlange hat noch keine Zähne,« sprach das Bübchen. »Mach' ihr
grosse! Und dann will ich auch ein Krokodil haben.«
    »Soll ich dir nicht lieber deine Schwester Clara zeichnen?« fragte der
Maler.
    »Mir wäre ein Krokodil lieber,« entgegnete das Kind; »Clara sehe ich den
ganzen Tag. Wenn du sie aber nachher zeichnen willst, ist es mir auch recht.«
    Artur tat wie ihm befohlen, dann aber nahm er das Gespräch von vorhin
wieder auf.
    »Und wesshalb,« fragte er, »hätten Sie kein Recht, - mich zurückzurufen?«
    »Und auf welche Art sollte ich es tun, wenn Sie plötzlich ausgebliebe
wären? - Wenn ich auch vielleicht gewollt hättem ich sah Sie ja nur auf
Augenblicke, bald hier, bald da, ich wusste ja kaum Ihren Namen. Und dann hatten
Sie mir auch nie gesagt:
    morgen sehe ich Sie wieder, oder übermorgen, - ein solches Versprechen hätte
mich auch ängstlich gemacht.«
    »Weil Sie mir wohl hätten antworten müssen: ja, es ist mir recht, ich will
Sie morgen oder übermorgen wieder sehen, - und weil Ihnen das wie eine
Verpflichtung vorgekommen wäre, und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich
übernehmen wollen.«
    »Es ist vielleicht so,« sagte Clara, indem sie ihn lächelnd anblickte, »ich
habe mich immer davor gefürchtet. Und deshalb bat ich Sie auch, nicht in unser
Haus zu kommen.«
    »Sehen Sie, Clara,« versetzte der Maler halb und halb betrübt, »es ist doch,
wie ich mir dachte: Sie spielten mit mir, und wenn Sie mir einmal nicht mehr
erlauben wollten, Ihnen an der Treppe des Teaters oder am Wagen gute Nacht zu
sagen, so wären Sie vielleicht rasch an mir vorübergeeilt und hätten mich gar
nicht mehr angesehen.«
    »Das hätte ich gewiss nie getan, so lange Sie sich mir so ruhig und still
gezeigt, wie Sie taten. Glauben Sie mir, die anderen Tänzerinnen schelten mich
kalt, gefühllos, ja hochmütig, weil ich es nun einmal nicht machen kann wie
sie; aber ich bin es nicht. Von Hochmut kann ja auch keine Rede sein; doch habe
ich immer davor zurückgebebt, mit irgend Jemand in nähere Berührung zu kommen.
Ich weiss ja wohl, dass ich eine arme Tänzerin bin, dass ich mich hinausstellen muss
vor die Lampen, dass mich Jedes ansieht wie es mag, und dass nun Jeder das Recht
zu haben glaubt, mit dem Mädchen so geradehin zu sprechen, wie es ihm in den
Mund kommt. Das fürchtete ich auch von Ihnen, und deshalb schrak ich zurück, als
Sie das erste Mal mit mir sprachen.«
    »Aber Ihre Furcht war überflüssig.«
    »Gewiss, und ich danke Ihnen herzlich dafür,« erwiderte Clara. - »Aber wissen
Sie wohl,« fuhr sie nach einem kleinen Stillschweigen fort, in der Absicht, das
Gespräch zu ändern, »wissen Sie wohl, dass ein paar von den anderen Tänzerinnen
es wohl gemerkt haben, dass ich mit Ihnen hie und da gesprochen?«
    »Sie hatten mich schon auf der Bühne gesehen?«
    »Nein, da nicht, aber neulich Abends, als Sie am Wagen standen, wie wir
einstiegen. Da sind Alle mit Reden über mich gefallen. Ich hätte mich so lange
verstellt und immer Alles abgeleugnet, und nun käme es auf einmal heraus und ich
sei furchtbar versteckt, aber jetzt könne ich nicht mehr leugnen.«
    »Und was sollten Sie nicht läugnen können?«
    »Dass ich Sie Abends am Wagen gesehen.«
    »Und ist das so schlimm?«
    »Ah!« sagte Clara lachend, »nehmen Sie mir nicht übel! wenn man so plötzlich
aus dem Dunkel daher schiesst und einer Tänzerin sagt: o wie vortrefflich haben
Sie heute getanzt! O wie schön sahen Sie aus!« -
    »Ja, das habe ich gesagt,« unterbrach sie Artur träumerisch.
    »Und wenn man einen obendrein bei der Hand fasst, das ist doch schlimm genug.
Und an dem Abend habe ich mich auch eigentlich vor Ihnen gefürchtet.«
    »Aber ich musste Ihnen damals ein Wort sagen, Clara. Ich konnte nicht nach
Hause gehen, ohne Ihre Hand berührt zu haben; mein Herz war zu voll. Waren Sie
wirklich böse auf mich?«
    »Nur eine Weile,« entgegnete das Mädchen, indem sie ihn mit ihren grossen
Augen anschaute, »und eigentlich auch nur, weil mich die Anderen so neckten.«
    »Was sagten sie denn?«
    »Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen sei oder ein regierender Herr, den ich
für würdig genug befunden, dass er mir den Hof machen dürfe. - Aber ich erzähle
Ihnen da lauter dummes Zeug, worüber Sie lachen werden,« setzte sie schmollend
hinzu.
    »Gewiss nicht, Clara, es interessirt mich auf's Höchste.«
    »Und der Schwindelmann hatte es sogar bemerkt.«
    »Wer ist Schwindelmann?«
    »Schwindelmann,« entgegnete sie einigermassen erstaunt, »ist der
Teaterdiener, der uns zu den Vorstellungen abholt und im Wagen wieder nach
Hause bringt.«
    »Ein junger Mann?« fragte Artur mit einer eifersüchtigen Regung.
    »O, Sie müssen Schwindelmann kennen!« fuhr sie fort, ohne den Sinn seiner
Frage zu verstehen. »Er lässt den grossen Portalvorhang herab und kennt namentlich
mich genau. Er und mein Vater sind zusammen in die Schule gegangen.«
    »Ah so!« sagte Artur sichtlich erheitert. »Und der Schwindelmann hat es
gesehen, dass ich Ihnen die Hand gab?«
    »Das will ich meinen, und er war sehr mürrisch. Sonst trägt er mir immer
meinen Korb und nimmt ihn hinten zu sich auf den Wagen; aber an dem Abend schob
er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart.«
    »Das scheint mir ein braver Mann zu sein, der Teaterdiener,« sagte Artur.
    »Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerst nach Haus wie sonst, sondern
zuletzt. Und dann liess er den alten Andreas, den Kutscher, nach Hause, blieb bei
mir an der Treppe stehen und hielt mir eine starke Predigt.«
    »Und das Alles, weil ich Ihnen die Hand gereicht?«
    »Allerdings; natürlicherweise bildete er sich noch viel mehr ein. Es sei
schade um mich, sagte er, ich hätte mich so gut gehalten, Alle hätten die grösste
Achtung vor mir, man könne mir nicht das geringste Ueble nachsagen, und nun
finge ich auf einmal so dumme Streiche an!«
    »Schwindelmann scheint mir bösartig zu sein,« versetzte Artur einigermassen
ärgerlich.
    »Nein, er ist sehr gut,« versetzte die Tänzerin. »Wissen Sie, er hat beim
Teater schon sehr viel erlebt,« sprach sie mit sehr ernster Stimme; »er hat
gesehen, wie schon manches Mädchen unglücklich wurde, und da er mich, wie
gesagt, gern hat, so warnte er mich auf's Allerernstlichste.«
    »Vor einem Händedruck?«
    »Nicht nur ganz davor,« entgegnete sie heimlich lachend, »aber er sagte, das
wäre der Anfang, und er hatte nicht Unrecht darin. Es ist bis jetzt Alles
gekommen, wie der Schwindelmann mir vorher gesagt,« sprach sie auf einmal sehr
ernst werdend, indem sie vor sich niedersah. - »Zuerst würden Sie sich mir
Abends in den Weg stellen, mit mir zu sprechen; und das haben Sie auch getan, -
anfänglich weniger und dann häufiger. - Dann aber« - hier stockte sie einen
Augenblick, und fuhr erst fort, als sie Artur aufmerksam und fragend anblickte
- »dann aber würden Sie unter irgend einem Vorwand in unser Haus kommen; und
dann - - wäre ich auf dem Wege des Verderbens - o mein Gott!« -
    Diese letzten Worte sprach das Mädchen mit gepresster Stimme und in
sichtlicher Angst, und als sie ausrief: »O mein Gott!« presste sie ihre beiden
Hände vor das Gesicht, sprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schwester, der sie
emsig half, Teller und Gläser zu ordnen, ohne sich im Augenblick weiter um ihren
Gast zu bekümmern.
    Artur war überrascht sitzen geblieben und hatte die Tafel in den Händen des
Bübchens gelassen, welches sie eifrig an sich nahm und mit zu den Schwestern hin
sprang, um ihnen das Krokodil und die schöne Schlange zu zeigen.
    Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in's
Zimmer und musste ebenfalls die seltsamen Tiergestalten bewundern.
    Obgleich der Maler dem aufgeregten Mädchen gerne noch einige begütigende
Worte gesagt hätte, so war dies doch nicht möglich. Sie kam nicht an das Fenster
zurück, sie liess ihn ruhig seinen Hut nehmen und wandte sich erst nach ihm um,
als er dem Vater die Hand reichte, dem Bübchen auf den Kopf pätschelte und der
jüngeren Schwester freundlich zunickte. Dann bot auch sie ihm einen freundlichen
guten Tag, wobei er allein bemerkte, wie sie durch Tränen lächelte.
    Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging, schüttelte er den Kopf
und sagte: »Tränen bei meinem ersten Besuch, und Schlangen, die ich zeichnen
musste; wenn das nur keine bösen Vorzeichen sind!«
    Eine lange Zeit hatte, während Artur bei Herrn Staiger war, draussen auf dem
Gange Mademoiselle Emilie Wundel Bücher und Noten ausgeklopft, auch hie und da
einen Vers aus irgend einer Arie getrillert, ohne dass der angenehme junge Mann
zurück gekommen wäre. Endlich war Clara erschienen, und als er auch jetzt noch
nicht kam, ging die Ausklopferin achselzuckend in ihr Zimmer zurück. - »Da hätte
ich schön warten können,« sagte sie hohnlachend, »das ist ja eine abgekartete
Geschichte! Wie man auch so dumm sein kann!« - Damit meinte sie die vorsorgliche
Mutter. - »O die Clara! Ich für meine Person habe ihr nie was Gutes zugetraut,
das kann ich euch versichern; die hat's lange heimlich getrieben; jetzt wirft
sie alle Scham bei Seite und lässt ihre Liebhaber am hellen Tage in's Haus
kommen. Ihr werdet schon sehen: Einen nach dem Andern. - Pfui Teufel über dies
Volk vom Ballet!« -
 
                          Achtundzwanzigstes Kapitel.
                                 Betrachtungen.
Wir wissen nicht, teurer und geneigter Leser, ob du in deinem Leben schon in
den Fall gekommen bist, in lebenden Bildern mitzuwirken. Dass du öfter welche
gesehen, nehmen wir unbedingt an. - Es ist das Stellen lebender Bilder in
Familiencirkeln eine Krankheit, die hie und da einreisst, die oftmals sporadisch
auftritt, dann aber auch für gewisse Winter ganze Städte epidemisch beherrscht.
Das sind Zeiten der forcirten Bewunderung, wo man oftmals nach ausgestandenem
Jammer den Lenker aller Dinge anklagen möchte, dass es überhaupt Bilder gibt, und
dass Jemand auf die - schöne Idee kam, lebende Bilder zu arrangiren.
    Wie schon bemerkt, so erfasst die Lust nach diesem Vergnügen oftmals ganze
Städte, und alsdann entgeht keiner seinem Schicksale; wer nicht zum Mitstehen
gepresst wird, der muss zusehen; und welche Art von Schlachtopferei menschlicher
Grausamkeit die schlimmere sei, soll der Beurteilung einer zweiten Miss Stowe
vorbehalten bleiben.
    Man hat alle Arten von Vergnügen erschöpft, man hat grosse
Kaffeegesellschaften arrangirt, in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken
verzehrt, eine Anzahl guter Namen zerrissen, ja eine Masse von Zukunften
vernichtet wurde. Was das Letztere anbelangt, - die harmlosen Zutaten zum
Kaffee nämlich, - so müssen wir den geneigten Leser versichern, dass die
Vieruhr-, überhaupt die Nachmittagskaffeegesellschaften die schlimmsten, die
blutdürstigsten sind. Das Mittagessen ist vorüber gegangen, und der Gemahl, der
vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgesetzten bedeutend geärgert wurde, kam
verdriesslich zu Tische und findet, dass die Suppe versalzen, die lange Sauce des
Gemüses zu mehlig und die Räucherung des Schweinefleisches nicht vollkommen
gelungen sei. Es gab das eine kleine häusliche Scene, die Kanzleirätin erlebte
einige scharfe Bemerkungen, welche in viel kräftigerer Tonart, aus allen
Registern klingend, in der Küche wiedergeorgelt wurden. Darauf ist das Bäbele
verdriesslich geworden; »es ist überhaupt keine Freude in dem Hause;« denkt sie,
und statt dass sie mit dem Spülen um halb Drei fertig wäre, zieht sie dies
Geschäft bis halb Vier hinaus, wo sie dann erst langsam die Hände mit Seife
wascht, um darauf der ängstlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen.
Diese, geärgert, echauffirt, kann mit dem übrigen Anzug kaum fertig werden, und
erscheint nun statt um vier Uhr eine Viertelstunde später - der geneigte Leser
mag selbst beurteilen in welcher Laune - zum Kaffee.
    Wie schon angedeutet, diese Nachmittagsgesellschaften sind entsetzlich, und
der Geist der Verleumdung muss sie einstmals in höchsteigener Person erfunden und
dazu geladen haben den gelben Neid, die grüne Bosheit, gräuliche Heuchelei, und
alle andern Schwestern und Brüder dieser Geschlechter. Hier wird Alles, was in
den Bereich der giftigen Zungen kommt, zerstückelt, zerrissen, verdammt ohne
alle Gnade und Barmherzigkeit. - Abends bei einem harmlosen Tee geht es schon
einige Grade sanfter und gemütlicher zu. Am Ende des Tages ist man überhaupt
versöhnlicher gestimmt, ist zu Liebe und Duldung geneigter jeder Mensch, ja
sogar die Zunge der schlimmsten Frau. Da geht es denn oftmals ohne bedeutendes
Blutvergiessen ab; es herrscht hier - mit Ausnahmen natürlich - ein Geist der
Sanftmut; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt, ein bis dahin guter Ruf
vernichtet.
    Aber im Laufe des Winters werden sie langweilig diese Gesellschaften, man
hat sich schon zum Oefteren auf gleiche Weise beisammen gesehen, man hat schon
unzählige Mal die neu plattirte Teemaschine bewundert oder das
Porzellanservice, das voriges Jahr angeschafte; auch weiss man, dass der
Silbervorrat aus achtzehn Löffeln besteht; die neuen Ueberzüge des Sopha's und
der Stühle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung, ja sogar die
eigenen Zungen sind abgenutzt und die Zähne haben sich stumpf gebissen an dem
Wohl und Wehe des lieben Nächsten. Was das Schlimmste ist, es ist vielleicht
keiner der glühenden Wünsche erfüllt worden, mit denen man die Wintersaison
eröffnet, - es kamen die Wasser all', die gebeten wurden, aber die Einladungen
dagegen fielen spärlich aus. Madame konnte sich trotz des grossen Aufwands von
Zucker, Tee und Backwerk nicht aus der siebenten Rangklasse erheben und
hineinschmuggeln in höhere Regionen.
    Man vergrössert nun die Teegesellschaften; statt dass man, wie bis jetzt, die
Magd oder einen entlehnten Bedienten herum schickt und auf eine Tasse mit
Zutaten einladen lässt, werden nun Karten geschrieben, auf denen es heisst: Herr
und Madame Backstein bitten Frau Regierungsrätin Hintenüber mit vier Töchtern
zu einem Té dansant auf morgen Abend etc. Unten links in der Ecke steht das
bekannte: U.A.w.g. - Um Antwort wird gebeten; die jüngeren Damen übersetzen es
sich aber: Und Abends wird getanzt.
    Zur gewöhnlichen Teegesellschaft war doch nur eine kleinere Anzahl von
Gästen versammelt, die der Salon ohne viele Schwierigkeiten in sich aufnehmen
konnte, eine Anzahl Auserwählter, ein Elitencorps, ein Cadre der Armee; zum
tanzenden Tee dagegen ist nun die sämmtliche Mannschaft einberufen worden:
Kriegsreserve, Landwehr ersten und zweiten Aufgebots, ja längst schon nicht mehr
dienstfähige und sehr strapazirte Invaliden. Da rüstet sich nun Alles, diesem
Rufe Folge zu leisten, und erscheint zu Fuss und zu Wagen. Einige Zeit nach der
angegebenen Stunde sind dann die hinteren Zimmer auch glücklich mit Menschen
vollgepropft, und die vorderen füllen sich nach und nach ebenso an. Man
becomplimentirt sich, man stösst einander, man tritt sich auf die Hühneraugen,
man kann nicht zu einer hübschen Frau gelangen, denn sie ist von einem Kreis von
Vaterlandsverteidigern umgeben, und wenn man endlich glaubt, durchbrechen zu
können, wird man von einem langweiligen Kerl zurückgehalten, der durch die
hinten Stehenden fast auf uns hinaufgeschoben wird, der mit stets offenem Munde
spricht, uns beständig in gelinder Anfeuchtung erhält, und der, ehe er sich in
eine Unterhaltung mit Jemand einlässt, auf alle Fälle vorher ein stärkeres Parfüm
sich hätte aufgiessen sollen.
    In einem der hinteren Zimmer sitzt die corpulente Hauswirtin in
schwitzender Selbstwonne, zählt unruhig die Häupter ihrer Lieben und denkt mit
Wallenstein:
- - - - - - - - - - - - - - - So Vielen
Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
Und setzen, wie auf eine grosse Nummer,
Ihr Alles auf dein einzig Haupt, und sind
In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
Doch kommen wird der Tag, wo diese Alle
Das Schicksal wieder aus einander streut;
Nur Wen'ge werden treu bei dir verharren.
Den möcht' ich wissen, der der Treuste mir
Von Allen ist, die dieses Lager einschliesst.
Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen.
    Während dem steht der dürre Gemahl im altmodischen schwarzen Fräckchen an
der äussern Zimmertüre und freut sich, wie ein Kind auf die
Weihnachtsbescheerung, über jeden Neuangekommenen. Rechts und links streckt er
die Hände zum sanften Drucke aus, während er einem Dritten zuwinkt und zu einem
Vierten sagt: »Ei, Sie kommen sehr spät, Herr Hofkapellmeister.«
    Letzterer ist aber offenbar der Klügste, denn zu einem solchen Té dansant
in einem stillen Bürgershause früh zu kommen und spät zu gehen, dazu gehört mehr
Heldenmut als mancher Mensch besitzt. Hat man erst einmal seine Pflicht getan,
der Frau vom Hause ein Compliment gemacht, hat sich darauf wieder wie ein Krebs
zurückgezogen - eigentlich ein schlechter Vergleich, denn ein Krebs braucht
nicht rückwärts zu schauen und läuft behaglich im kühlen Wasser, während an dir
sehr unbehaglich das Wasser herunter läuft und du jeden Augenblick hinter dich
sehen musst, um nicht die Perle irgend einer Rangklasse umzurennen - so kann man
sich ja das Uebrige am andern Morgen von einem Freunde, der bis zum Ende
geduldet und gelitten, der Morgens früh um drei Uhr, an allen Gliedern wie
gerädert, der Hausfrau zum Abschied die Hand geküsst und ihr versichert hat, dass
er lange keinen so charmanten Abend verlebt, erzählen lassen, kann da behaglich
den Bericht anhören, wie der Andere die Tanzmusik noch von ferne gehört, den
Tee und manches Andere von Nahem gerochen, das Backwerk gesehen und das Souper
geahnet habe.
    Aber auch die Gastgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache, keine
Belohnung für die aufgewendeten grossen Kosten: ihr Sohn, der angehende
Referendär, hat umsonst der Tochter des Präsidenten den Hof gemacht; ihre beiden
Töchter waren vergeblich in der glänzendsten Toilette erschienen, in ganz neuen
blauen und rosa Barègekleidern; einige junge Leute, für welche man diese Fallen
gestellt, waren nur tändelnd um dieselben herum geflogen, keiner hatte sich die
Flügel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt, - und Friederike war doch schon
seit vier Jahren beinahe Zwanzig vorüber und ihre Schwester Louise ein paar
Monate älter. Auch schien der Hausherr verdriesslich über die grossen
aufgewendeten Kosten und legte den Fascikel »Té dansant vom vierten,« seufzend
zu seinen Haushaltungsrechnungen. Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht
die gehörige Aufmerksamkeit erwiesen, und die Frau des Ministers war nur einen
Augenblick da gewesen, hatte sogar zwei und ein halbes Mal gegähnt und über
ungeheure Fatigue geklagt, als sie sagte, sie müsse heute Abend noch in eine
andere Soirée fahren, zur Baronin Schnabilinsky. - -
    Das hat man nun Alles hinter sich; man will keinen Té dansant mehr
veranstalten, man will auch nicht zurückgreifen zu den langweiligen
Teegesellschaften, und da taucht einem erfindungsreichen Kopfe die Idee auf,
lebende Bilder zu stellen; es ist das eine schöne Abwechslung und ein
vielversprechendes Vergnügen. - Aber wie es dem armen Menschenkinde so oft geht:
er sieht nur die Aussenseite, ohne sich um die Schattenpartien zu bekümmern.
    Wir können ein Wort darüber mitsprechen, geneigter Leser, denn wir kennen
das Kapitel lebender Bilder, wir haben dieses Vergnügen durchgekostet und
genossen in allen seinen betrübenden Einzelheiten. Wir haben in lebenden Bildern
mitgewirkt in der unschuldigsten und angenehmsten Art derselben, wo sie harmlos
improvisirt waren, wo eine einfache Stubentüre das Proscenium bildete, wo
vorhandene Shawls, Tücher, Hüte, Hauben, Mäntel und Mantillen die ganze
Garderobe ausmachten.
    Wir haben das ferner mitgemacht, wo in grossen reichen Häusern appart eine
Bühne aufgeschlagen wurde und Costüme eigens für diesen Abend gemacht waren, wo
renommirte Künstler die Tableaux arrangirten und wo nichts gespart war an
Dekorationen und Gewändern.
    Wir haben endlich mitgewirkt an der Aufführung lebender Bilder in grossen
öffentlichen Lokalen, wo keine Einladungen stattfanden, wo die Zuschauer sich
Billete kauften und wo die Einnahme für einen guten Zweck bestimmt war; wir
haben dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht, haben dabei gesehen, welch'
unendliche Schwächen das Menschengeschlecht hat, wie Wenige unter ihnen wirklich
einer guten Sache zulieb, die man vorschiebt, etwas tun, wie das eigene Ich
überall selbstsüchtig hervorbricht, wie ein armer Unternehmer von dergleichen
Geschichten beständig am Rande des tiefen Abgrundes hintaumelt, in welchen er
hinein stürzen und sich auf's Allerhöchste blamiren kann, weil Madame oder
Fräulein A. am Tage vor der Aufführung absagen lässt, da ihr die Rollen nicht
brillant genug sind, den andern Abend aber dafür in ihrer Loge sitzt und die
schärfste Kritik übt; weil ferner die Madame B. die Madame C., D. und F. dir
abwendig macht, da auch Mamsell Y. und Z. mitwirken sollen, die, Beide einer
anderen Rangklasse angehörend, nicht würdig genug befunden worden sind, neben
den Reichern und Vornehmern für die leidende Menschheit zu wirken. Man kann es
Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen, dass sie sich zurückziehen, denn es
könnte da ja der traurige Fall eintreten, dass eine der Rangklasse nach
geringere, in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei
den lebenden Bildern einen Tag nach der Aufführung es wagen würde, die andere
eines freundlichen Grusses zu würdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit
schadete bei Vettern, Nichten, Basen und Muhmen, ja bei der ganzen
hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft. -
    Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht entalten,
denn es wird gewiss auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Lieblosigkeit verfahren,
einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere, die in
ihren Äusserungen so sehr nachhaltig und verletzend, ja die im Stande sein kann,
Zukunft und Lebensglück zu untergraben, die sich nicht in einer einzelnen
Misshandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht, sondern die ein schwaches
Gemüt, wie es deren ja viele gibt, durch fortgesetzte Quälereien und
Nadelstiche zu Tode martert. Es ist das ein Kapitel, welches in keiner
Sklavengeschichte fehlen darf, und das auch in Onkel Tom's Hütte vorkommen
würde, wenn es dort bürgerliche Rang- und Klassenunterschiede gäbe, und wenn
sich in Amerika eine schwarze Kommerzienrätin zieren würde, mit einer
Gleichgefärbten am nämlichen Tische ihren Tee zu nehmen, weil sie selbst
vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist, während der Vater dieser
vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift. - Darin sind
die Schwarzen glücklicher, denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben,
wenn auch gleiche Leiden, doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden, wogegen
bei uns freien Weissen neben der grossen Peitsche, die das allgemeine Schicksal
über uns schwingt, noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen, deren Schlag,
heimtückisch und aus dem Dunkel nach uns geführt, viel schmerzlicher ist als der
Schlag der grossen Zuchtrute. Diese Schläge aber, geliebter Leser, sind
unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen, und es wäre gar zu komisch,
wenn es auf einmal möglich gemacht würde, all' die kleinen Geisseln zu sehen, die
ein Mensch gegen den andern schwingt. Das wäre erstaunlich amusant, wenn du zum
Beispiel bemerken könntest, wie jener Mann, der dir so teilnehmend erzählt, man
habe von dir ausgesagt, du hättest neulich diese oder jene Schlechtigkeit
begangen, aber es sei eine niederträchtige Verleumdung, und er selbst wisse das
ganz genau, - wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich
recht absichtlich tief in's Herz trifft. - Ja, in der Tat, wir wüssten nicht,
was wir um den Anblick geben würden, unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal
zu sehen bei Spaziergängen, in Gesellschaften, im Teater, bei
freundschaftlichen Mittagessen, Alle in gegenseitiger Prügelbeschäftigung, Alle
mit langen und scharfen Geisseln in der Hand. Aber es ist doch besser, wenn sie
unsichtbar bleiben, denn es würde der geneigte Leser auch wahrnehmen, wie wir,
seine harmlosen und ganz untertänigsten Erzähler, zuweilen eine tüchtige Schnur
an unsere Feder binden, um rechts und links um uns zu hauen, zur Belustigung der
Unparteiischen, aber auch zur Strafe unserer Weissen Sklavenbesitzer.
 
                          Neunundzwanzigstes Kapitel.
                          Eine Probe lebender Bilder.
Der Kommerzienrat Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die
notwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der
Residenz freundlichst gebeten, sich zu einer ersten vorbereitenden Probe
lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu
wollen. Das Gerücht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen
keine kleine Aufregung hervorgebracht. Manche Dame, die wohl erwarten konnte,
zur Aufführung eingeladen zu werden, hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf
ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der
Klingel zusammen, ob der ersehnte Bediente nicht erscheine. Manch' schüchterne
Frage an das Schicksal, das heisst in diesen Fällen an die Mutter und den
Spiegel, wurde getan, ob es denn wohl möglich sei, da ausgeschlossen zu werden,
wo die Erwählten sich in schönen Stellungen und noch schöneren Costümen vor der
ganzen Gesellschaft zeigen werden.
    Der Kommerzienrat war der Erste, der seit langen Jahren wieder die Tableaux
in Aufnahme zu bringen versuchte, und man bemerkte deutlich an so Vielem, dass
diese Idee eine zeitgemässe sei. Man hofirte dem alten Herrn, noch mehr aber der
finsteren Rätin auf die auffallendste Art von der Welt; es kamen Besuche über
Besuche und deshalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha, der Bediente
nicht von der Haustüre hinweg. Im Teater schmachtete man im ganzen zweiten
Range nach der Loge des Banquiers, wie es der gesammte Adel im ersten Range bei
festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestät zu machen pflegt. Der
Kommerzienrat war in diesem Augenblicke nicht bloss der König der Börse, er war
auch der König seiner Gesellschaft, und wenn er in seine Loge trat, so zuckte es
rechts und links von den Stühlen empor; mancher lange Hals von der Weisse eines
Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gans tat das Uebermögliche, um sich um
einen neidischen Pfeiler herum biegen zu können. Unternehmende Beamtentöchter
der Kommerzienrätin gegenüber bemühten sich auf's Auffallendste, ihre
körperlichen Reize in's beste Licht zu setzen; sanfte Blondinen stützten sich
schüchtern und melancholisch auf den Arm und schlugen in unnachahmlicher
Weichheit zuweilen die Augen auf, um ihre Qualifikation zu irgend einer Heiligen
oder gar zur Himmelskönigin darzutun. Andere mit blitzenden Augen und vollen
schwarzen Haaren sahen verwegen über die linke Schulter irgend einen
zusammengehockten Rechnungsrat an, als fühlten sie die Kraft einer Judit in
sich und sähen sich vielleicht veranlasst, nächstens ihrem stillen Nachbar den
Kopf abzuschlagen.
    Artur hatte übrigens während dieser Zeit zu Hause mit Mama bedeutende
Kämpfe zu bestehen. Die Costümfrage war glücklicher Weise zu Gunsten des
Teaters entschieden worden, und sogar mit Beihilfe einer alten geizigen
Oberregierungsrätin, die von Adel war, wenn gleich etwas zweifelhaftem, dabei
drei eingeladene erwachsene Töchter besass, und die förmlich vor dem Gedanken
zurückschauderte, denselben Costüme machen zu lassen.
    Was aber die Einladungen betraf, so konnte der Maler zu seiner grossen
Verzweiflung hierin nicht den Sinn der Mutter ändern. Er hatte natürlicher Weise
die schönsten Frauen und Mädchen aufgeschrieben, sowie Männer von guten
Gestalten und interessanten Köpfen; die unbeugsame Mutter aber verfuhr streng
nach dem Gesetz: sie fing oben bei ihrer Rangliste an, und da die gelben Töchter
des Kanzleidirektors begreiflicher Weise vor der schönen, jungen Sekretärsfrau
und vor den reizenden Töchtern des Postmeisters kamen, so wurden jene zur
Aufführung eingeladen, diese aber zum Zusehen verdammt.
    Der verhängnisvolle Tag der ersten Probe kam so heran; Artur hatte den
grössten Saal des väterlichen Hauses dazu eingerichtet, indem er vorn auf
verschiedenen Staffeleien die auserwählten Bilder aufstellte, im Hintergrunde
aber eine kleine Estrade errichtet hatte, worauf probirt werden sollte. Der
Kommerzienrat hatte sich von dieser Probe zu entschuldigen gewusst - er war auch
in Wahrheit gänzlich überflüssig, und die alte Dame verstand, wie wir wissen,
auch ohne ihn das häusliche Scepter zu schwingen. Sie sass steif in ihrer
Sophaecke; ihr hartes Gesicht war noch ernster als sonst, und wenn man die
finster herabgezogenen Augenbrauen betrachtete, so bemerkte man, dass sich die
Dame in keiner freundlichen Gemütsstimmung befand.
    Ausser dem alten Herrn war so ziemlich die ganze Familie versammelt; Marianne
sass wie damals neben ihrer Mutter in der anderen Ecke des Sopha's; Alfons, der
Schwiegersohn, ging mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab, und die
beiden Söhne des Hauses, Artur und Eduard, standen neben einander am Fenster.
Ueber Alle aber schien sich ein verdriesslicher Geist niedergelassen zu haben.
    Die Kommerzienrätin hatte in den letzten Tagen mancherlei Aerger erlebt,
ihre Schwiegertochter war mürrischer und unaufmerksamer gegen Mann und Kinder
als je gewesen, und Alfons hatte ebenfalls mit seiner Frau einige heftige
Scenen, die lebenden Bilder betreffend, gehabt. Er erklärte es nämlich für
unpassend, dass sie selbst mitwirke, hatte auch unter Anderem gesagt, er finde
diese Tableauxgeschichte durchaus nicht anständig und begreife nicht, wie Mama
dergleichen arrangiren möge; er für seine Person werde sich wohl hüten, in
irgend einem Bilde mitzuwirken; - wofür ihm Artur übrigens sehr dankbar war; -
auch halte er es für unschicklich, hatte er ferner gemeint, mit jungen Männern
oder auch mit jungen Damen in so vertrauliche Gruppen zusammen zu treten, wie es
so häufig die Bilder erforderten. Die Kommerzienrätin hatte darauf ziemlich
heftig zu Gunsten ihrer Soirée gesprochen, doch war immer von diesem
ausgestreuten Samen ein Körnchen bei ihr aufgegangen, welches von einem dem
Hause befreundeten Geistlichen genährt wurde, der unter Anderem mit
niedergeschlagenen aber dabei verdrehten Augen nur ganz ergebenst darum gebeten
hatte, keine Heiligenbilder oder Darstellungen aus der heiligen Schrift zu
wählen.
    Artur stand, wie gesagt, bei seinem älteren Bruder am Fenster, und wenn
auch letzterer angelegentlich auf die Strasse zu blicken schien, so warf er doch
zuweilen verstohlener Weise einen Blick in die hinterste Ecke des Zimmers, wo
seine Frau in einem Fauteuil lag, die Fingerspitzen beider Hände an einander
hielt und sehr beruhigt an den winterlichen Himmel hinauf blickte. Eduard schien
dagegen wie oft sehr aufgeregt.
    »Du kannst dir nicht denken,« sagte er leise zu seinem Bruder, »wie diese
Frau es versteht, mich zu plagen und zu quälen. Ich will nichts davon sagen, dass
sie mir täglich ein finsteres, mürrisches Gesicht macht, so dass ich es im ganzen
Jahre ohne Anstrengung behalten kann, wenn sie mich einmal heiter anblickt, -
aber ihre Gleichgiltigkeit gegen mein Haus, gegen ihre Geschäfte als Frau, ja
gegen meine Kinder ist oft wahrhaft empörend!«
    Artur zuckte die Achseln. »Euch Beiden ist schwer zu helfen,« sagte er.
    »Das sehe ich leider Gottes ein. Aber soll ich denn diese Geschichten ewig
ertragen? - Ich mag nach Hause kommen, wenn ich will, so finde ich Ursache zum
Klagen und zum Streit.«
    »Du nimmst auch Alles zu genau.«
    »Ich nähme Alles zu genau!« erwiderte Eduard vorwurfsvoll; »ich möchte dich
sehen, wenn du an meiner Stelle wärest! Du weisst zum Beispiel, wie sehr ich auf
Ordnung in meinem Schreibzimmer sehe.«
    »Ja, ja; darin hat ja deine Frau nichts zu tun und kann also nichts in
Unordnung bringen.«
    »Sie geht selbst auch nicht hinein; aber sie lässt meine Papiere, meine so
zierlich aufgestellten Sachen den Kindern zum willkommenen Spielzeug.«
    »Das ist freilich arg.«
    »So komme ich denn gestern nach Hause; sie ist in ihrem Salon, unsere Mägde
halten Kaffeegesellschaft im Hinterzimmer, mein Herr Sohn und meine Fräulein
Tochter beschäftigen sich gerade damit, aus ganz wichtigen medizinischen
Gutachten, die ich da liegen habe, Düten zu schneiden, in welchen sie meinen
feinen Tabak und Streusand unter einander mischen, um sich einen Laden zu
arrangiren. Dazu haben sie meine Pfeifen von den Gestellen herabgenommen, ein
paar sind schon zerbrochen, und ich komme noch gerade recht, um grösseres Unheil
zu verhüten.«
    »Da würde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abschliessen und den Schlüssel
beständig bei mir tragen.«
    »Allerdings hätte ich vielleicht dort Ruhe, aber um nicht den ganzen Tag
Ursache zum Aerger vor mir zu sehen, müsste ich schon das ganze Haus abschliessen
und Niemand darinnen lassen als mich und meine Kinder. Du hast gar keine Idee
davon, Artur, was diese Frau für ein Talent zur Unordnung besitzt; es ist dies
ein wahres Talent zu nennen und wäre unter anderen Bedingungen erstaunenswert.
Sie schliesst keine Türe und kein Fenster, sie legt keinen einzigen Gegenstand
an den gehörigen Platz; lässt sie sich einmal herab, dem Hund sein Futter zu
geben, so bekommt er dasselbe in irgend einer meiner kostbaren japanischen
Tassen; zieht sie eine Uhr auf, so sprengt sie entweder die Feder oder
verwickelt die Ketten in einander. - Nun, von ihrer Toilette will ich gar nicht
sprechen, das hast du ja vor Augen und wirst es mir deshalb glauben. Betrachte
sie ein einziges Mal, ob der Anzug, den sie trägt, vollkommen zu einander passt!
Ich wette hundert gegen eins, dass dir eine ganze Menge Unordnungen beim ersten
Anblick in die Augen springen werden. - Siehst du, Artur, und das macht mich
unaussprechlich elend; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften
Aufregung.«
    »Wodurch du aber die Sache nicht besser machst,« entgegnete der Maler. »Eben
diese krankhafte Aufregung ist schuld, dass du wie ein Falke nach Allem spähst
und gewissermassen froh bist, wenn du etwas findest, was dir gestattet, diese
Aufregung explodiren zu lassen.«
    »Nein, gewiss nicht.«
    »Was du mir da Alles erzählt hast, sind an sich nur Kleinigkeiten; aber
obgleich ich mir wohl denken kann, dass sie dich auf's Tiefste verstimmen, wenn
sie beständig vorkommen, so solltest du dir doch einmal fest vornehmen, dich
dadurch nicht zum Zorn hinreissen zu lassen, sondern ruhig und bestimmt das zu
sagen, was du sagen willst, dann dich auf dem Absatz umzudrehen und deiner Wege
zu gehen.«
    »Du hast Recht, lieber Artur,« versetzte seufzend der Bruder. »Wenn ich das
nur könnte! Aber ich bin es nicht im Stande; wenn ich zu Hause nur einen
einzigen Menschen hätte, der es mit mir hielte, der mich unterstützte! Aber ich
versichere dich, bis auf die Kinder hinab komplottiren sie gegen mich. - Und
erst unsere Dienerschaft! Die handelt vollkommen nach dem Beispiel von Madame. -
Unordnung und Gleichgiltigkeit vornen und hinten.«
    »Aber denen kannst du doch befehlen.«
    »Ich befehle auch, um von ganz gewöhnlichen Dingen zu reden, dass zum
Beispiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Morgen ihren Kaffee haben sollen, und
zwar an einem bestimmten Tische; ich setze es nicht durch, Gott bewahre! Eins
wird im Bett gefüttert, das andere verzehrt sein Frühstück auf dem Waschtisch,
und ich bin schon dazu gekommen, dass Oskar in aller Gemütlichkeit sein Brod in
das Seifenwasser tunkte und dann aufass. Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge
stehen?«
    Artur zuckte beistimmend die Achseln.
    »Du weisst, ich will immer um ein Uhr zu Mittag speisen,« fuhr Eduard fort;
»aber ich bringe es nicht dahin. Bald will sie Nachmittags etwas vorhaben, und
es steht dann die Suppe schon nach zwölf Uhr auf dem Tisch, bald ist es Zwei und
ich mag klingeln wie ich will, es erscheint Niemand. - Das sind freilich Alles
keine grossen Sachen, aber es ist viel schlimmer als ein schweres Unglück, das
uns betrifft und mit einem Mal zu Boden schlägt, - es martert uns mit
beständigen Nadelstichen zu Tode.«
    »So wird also deinen Befehlen nicht Folge geleistet, und wenn du hie und da
eine Scene aufführst, was nicht selten bei dir vorkommt -?«
    »So habe ich selbst den Schaden davon. Madame zieht bei dem leisesten Wort
ein Gesicht und sagt mir während vier Wochen nicht die Tageszeit, ich bin in
meinem eigenen Hause wie die reine Gottesluft, ich existire als Gegenstand für
Niemand - man sieht mich gar nicht an. Und das zu ertragen bin ich einmal nicht
im Stande!«
    »Und deshalb bist du der Erste, der wieder gute Worte gibt!« sagte Artur
mit leisem Tone.
    »Was soll ich machen? - Ich kann solch' ein Leben zu Haus nun einmal nicht
ertragen. Du hast gar keine Idee davon, was es heisst, so ein finsteres Gesicht
vor sich zu sehen. Morgens vom Aufstehen, bis Abends, wo man zu Bette geht, kein
Zorn, kein Aerger, der sich dem meinen entgegensetzt, nein - nein, eine
unheimliche Gleichgiltigkeit, die Schwüle eines Gewitters, das nicht zum
Ausbruch kommt, das keine wohltätigen Blitze herabsendet, welche die Luft
reinigen, und bei dem man nur in der Ferne ein gelindes Donnern hört. -
Letzteres besorgen an solchen Tagen meine freundlichen Dienstboten, die im
Verein mit Madame mich zu bestrafen trachten, indem sie meine Befehle schlecht
und mürrisch ausführen, jeden Augenblick Gläser und Schüsseln hinfallen lassen
und die Türen zuschlagen, dass Einem Hören und Sehen vergeht.«
    Obgleich Eduard diese Schilderung seiner häuslichen Sklaverei dem Bruder im
Tone des tiefsten Schmerzes machte, so konnte sich doch dieser eines kleinen
Lächelns nicht erwehren. - »Es sind das allerdings Nadelstiche,« sagte er, »aber
du musst sie zu pariren wissen. Waffne deine Haut mit Geduld, tritt fest auf,
zeige deinen Frauenzimmern den Herrn, und wenn sie anfangen mit dir zu boudiren,
so zwinge dich, darüber zu lachen und nimm die Sache ebenfalls gleichgiltig.«
    »Wie oft habe ich mir das schon vorgenommen!« versetzte Eduard mit betrübtem
Tone; »aber ich kann nicht. Ach! wie könnten wir so glücklich sein, wenn meine
Frau anders wäre! Ich liebe sie immer noch wie damals, und wenn hie und da ihr
Gemüt freudig ist und sich in ihrem Auge ein Sonnenstrahl zeigt, so bin ich der
glücklichste Mensch von der Welt, vergesse und vergebe Alles, trage sie auf den
Händen und -«
    »Verderbe damit Alles,« warf Artur ein. - »Aber ich habe gut predigen, wir
haben vom Vater das weiche Gemüt, vielleicht ginge es mir gerade so. Du musst
dich in Geduld fassen.«
    »Ja,« seufzte der Andere, »ich muss mich in Geduld fassen. Aber wenn die
Geduld einmal bei mir zu Ende ist, wenn mein trostloses Hauswesen von keinem
Strahl der Freude mehr erhellt und wenn es rings um mich immer finsterer wird,
dann - - gibt es doch noch einmal ein grässliches Unglück,« setzte er mit ganz
leiser Stimme hinzu.
    Während dieser Unterredung, die am Fenster und natürlicher Weise nicht laut
geführt wurde, schien für die Uebrigen ein Engel oder ein Polizeidiener, wie man
zu sagen pflegt, durch das Zimmer zu schweben, denn es sprach weiter Niemand;
nur die alte Dame machte hie und da einiges Geräusch, indem sie mit den Fingern
leicht auf dem Tische trommelte, was bei ihr jedoch immer als ein Zeichen
ziemlich übler Laune anzusehen war.
 
                              Dreissigstes Kapitel.
                       Gesellschaftliche Correspondenzen.
Um drei Uhr sollte die Probe beginnen, und man hatte bis dahin noch ungefähr
eine halbe Stunde Zeit.
    Der Bediente trat in das Zimmer und überreichte der Kommerzienrätin zwei
Briefe. Sie öffnete dieselben, las sie durch und reichte sie dann ihrem Sohne
Artur.
    »Hochverehrteste Frau Rätin,« hiess es in dem einen; »Sie werden
wahrscheinlich überzeugt sein, wie ausserordentlich schätzenswert und höchst
angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladungen ist. Desshalb kämpfte ich auch
bis heute, ja bis um diese Stunde, ehe ich den Entschluss fassen konnte, Ihnen
vorliegende Zeilen zu übersenden, mit denen ich Ihnen, hochgeschätzte Frau,
unter tiefstem Bedauern anzeigen muss, dass es mir unmöglich ist, in den lebenden
Bildern mitzuwirken. Natürlicher Weise können Sie verlangen, den Grund dieses
meines harten Kampfes und späten Schreibens zu erfahren; aber nehmen Sie es mir
nicht übel, wertgeschätzte Frau, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage. Es wurde
gestern nämlich gerüchtsweise bei Obertribunalrats erzählt, es sei durch Ihren
Herrn Sohn Artur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F.
mit seiner Frau gelangt! - Wenn diese Leute auch hie und da in grösseren
Gesellschaften gesehen werden, so bin ich fest überzeugt, dass Sie,
wertgeschätzte Frau, doch Anstand nehmen, sie zur Aufführung lebender Bilder
einzuladen. In einer Soirée kann man sich ausweichen, aber in einem Tableau -
meine Töchter befinden sich in unbeschreiblicher Aufregung und Angst. Denken
Sie, wenn es Ihrem Herrn Sohn, dem Herrn Maler Artur, am Ende einfiele, die
Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu plaziren!
Ich bin fest überzeugt, die Frau würde darauf hin eine nähere Bekanntschaft
versuchen, und dafür müsste ich - doch ganz besonders danken. Uebrigens bin ich
wie immer mit aller Freundschaft
                                      Ihre
                                                               Albertine Wasser,
                                                    verwittwete Tutelar-Rätin.«
    Die Kommerzimrätin hatte, während ihr jüngster Sohn las, jede Miene
desselben mit Ruhe aber grosser Bestimmteit betrachtet, ja, sie war mit ihrer
langen spitzen Nase seinen Augen gefolgt, wie sie auf dem Papier hin und her
liefen, und als bei Erwähnung des Doktors F. und Frau ein verächtliches Lächeln
über seine Züge flog, drückte die alte Dame ihre Augenbrauen finster herab und
trommelte drohend und in einer unbeschreiblichen Taktart auf dem Tische.
    »Nun?« fragte sie streng, nachdem Artur den Brief durchlesen und nun
lächelnd aufschaute. »Was ist an dieser Geschichte?«
    »Sie kennen ja den Doktor F. und seine liebenswürdige Frau,« erwiderte
Artur, - »einen meiner besten Freunde; sie wurden Ihnen durch mich
vorgestellt.«
    »Das weiss ich; - aber die andere Geschichte!«
    »Sie machten mit Papa auch einen Gegenbesuch.«
    »Schicklichkeitshalber. Aber -«
    »Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem grossen Té dansant ein,«
fuhr der Sohn ruhig fort.
    »Das tat ich,« entgegnete sehr ernst die Mama, »erstens, weil ich auf deine
Bitten die Vorstellung geduldet, zweitens, weil sich die Leute, so lange sie
hier sind, nicht unanständig aufgeführt, und drittens, weil, wie die verwittwete
Tutelar-Rätin ganz richtig bemerkt - das bei einer grossen Soirée in der Menge
verschwindet.«
    »Aber F.'s waren auch später noch einmal da,« sagte Artur, indem er den
Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen stützte -
eine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernstesten Widerstand entschlossen
ist.
    Die Nase der Kommerzienrätin erhob sich einen halben Zoll höher. Sie hörte
auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das sie leise hinein hustete.
- »Allerdings hast du Recht,« fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als
ihr Sohn; »das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz
kleine Gesellschaft, die ich mit grosser Umsicht für die F.'s ausgesucht. dabei
war unter Anderem der Buchhalter deines Papa's nebst seiner Frau, dein - Freund
und Kollege, der Professor C. und ähnliche Leute. - Aber die Geschichte, die in
dem Briefe angedeutet ist, wie ist es damit?«
    »Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen, ist also
doch einmal von der Gesellschaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr
gut brauchen kann,« fuhr Artur in sehr entschiedenem Tone fort, »so bat ich ihn
ebenfalls zur Probe. - So ist die Geschichte, und also hat die verwittwete
Tutelar-Rätin Recht.«
    »Ah!« machte die alte Dame, und ihre Augen schossen ein paar Blitze auf den
ungeratenen Sohn. Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete
stärker hinein als früher. Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den
Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkennbar der
Rhytmus eines Sturmmarsches.
    Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher, als wollte sie
jeden Einzelnen auffordern, über diese unerhörte Tat einige missbilligende Worte
zu sagen.
    Aber Alle schwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lächelte
fatal und sagte: »Das hättest du nicht tun sollen, Artur.«
    »Und warum nicht?« fuhr dieser auf.
    »Weil die F.'s nun einmal nicht zu unserer - Gesellschaft gehören.«
    »Sie sind uns vorgestellt, sie kommen in unser Haus!«
    »Aber sie haben nicht das Recht, eine Einladung zu prätendiren; sie sind nur
geduldet,« meinte Alfons, während er seine Brille näher an die Nase drückte.
    »Und wesshalb sind sie bloss geduldet?« brauste der Maler stärker auf. »Wer
hat das Recht, den Doktor F., dessen Name, ja dessen kleiner Finger mehr wert
als zwei Dutzend Rätinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann sich
unterstehen, dieser braven Frau gegenüber von Duldung zu sprechen? - einer
ehrbaren, verständigen, musterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der
Gesellschaft.«
    »Und eine schöne Frau,« sagte Alfons höhnisch.
    »Ja wohl, eine schöne Frau, Alfons!« rief der Maler. »Das wirst du, wie ich
mich erinnere, ganz genau wissen, und ebenso kannst du mir am besten beistimmen:
eine brave und tugendhafte Frau. - Nicht wahr, Alfons, davon -«
    Er wollte sagen: »davon hast du einstens Beweise erhalten,« aber er
bemeisterte sich glücklicherweise, doch wohl nur, weil er einem bittenden Blick
seiner Schwester Marianne begegnete.
    »Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau?« fragte die Schwiegertochter
der Kommerzienrätin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber ihre Lage dabei im
Geringsten zu verändern.
    »Das will ich dir sagen, Berta,« fuhr der Maler fort. »Wir sind ja hier
unter uns.«
    »Stille!« rief die Kommerzienrätin. »Nach deinen heftigen Reden von vorhin
zu schliessen, bitte ich mir aus, dass du es unterlässt, diesen Punkt vor den
beiden Frauen zu erörtern. Ueberhaupt gehört das nicht hierher, und ich möchte
mir fast erlauben, den Papa herauf rufen zu lassen, um mich mit ihm zu
besprechen, was in diesem eigentümlichen Falle zu tun wäre.«
    »O, dazu brauchen Sie nicht den Papa,« erwiderte Artur nicht ohne
Beziehung; »Sie werden schon selbst einen Entschluss fassen, Mama. Aber Sie
wissen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal
eingeladen, er wird in einer Viertelstunde da sein. Haben Sie nun vor, etwas
gegen ihn zu tun und mich so zu compromittiren, so verlassen Sie sich darauf,
dass ich mich nicht scheuen werde, die Sache Jedermann zu erzählen, der sie hören
will!«
    Während die Kommerzienrätin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten,
mit sich zu Rate ging, was hier zu beschliessen sei, näherte sich der arme
Eduard seiner Frau; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht, einen
freundlichen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie schien heute nun einmal für
nichts Anderes Sinn zu haben, als für den grauen winterlichen Himmel, den sie
mit der grössten Aufmerksamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo sie auf ihre Frage
von vorhin keine Antwort erhalten, schien es dem unglücklichen zuvorkommenden
Ehemann die passendste Gelegenheit, seiner missstimmten Frau einige
Aufmerksamkeit zu widmen.
    Er näherte sich dem Fauteuil und sagte leise: »Du hast vorhin wissen wollen,
was es mit den F.'s für eine Bewandtnis habe, und wesshalb man sie nicht gern in
die Gesellschaften ziehe?«
    »O, es ist mir ganz gleichgiltig, wenn ich es auch nicht weiss,« entgegnete
Madame.
    »Aber du fragtest ja darnach!« sprach Eduard eifriger.
    »Ja, wie man so fragt.«
    »So will ich es dir sagen,« flüsterte er. »Den Doktor F. kennst du ja - er
ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten Aerzte, noch sehr jung, hat
aber schon eine sehr grosse Praxis.«
    »Allerdings grösser als die deinige,« entgegnete die liebenswürdige Frau.
    Eduard biss sich auf die Lippen, bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort:
»Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter - eine arme aber
brave Familie. Doch ist ein Fehltritt vorgekommen, - - mit ihrem jetzigen Manne
natürlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr ältestes Kind
kam etwas frühzeitig auf die Welt.«
    »Das ist die ganze Geschichte?«
    »Das ist Alles, was man der Frau nachsagen kann, denn sonst ist sie ein
Muster von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf's
Sorgfältigste.«
    »Unbegreiflich!« entgegnete hierauf Madame, und im Gegensatz zu dem soeben
geführten Gespräch mit so lauter Stimme, dass man es deutlich im ganzen Zimmer
hören konnte. - »Das kommt ja zuweilen vor; ist denn nicht eurer Cousine Emma,
der jetzigen Hauptmännin S., ganz die gleiche Geschichte passirt?«
    »Nun ja; sprich doch leise!«
    »Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor
in alle Gesellschaften,« sagte Madame noch lauter.
    Die Kommerzienrätin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt, sie
hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe, ihrer
Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern, doch fragte Artur in
diesem Augenblicke ziemlich gelassen:
    »Nun, Mama, was beschliessen Sie wegen - dieser Geschichte? Die Zeit drängt;
wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin überzeugt, dass Doktor F.
sehr pünktlich sein wird.«
    »Das glaube ich auch,« versetzte Alfons höhnisch lachend. »Solch eine
Gelegenheit kommt nicht sobald wieder.«
    Die Kommerzienrätin hatte ihren Entschluss gefasst. Sie trommelte noch leise
auf den Tisch, dass es klang wie ein dumpfer entfernter Donner. Dann sagte sie:
»Die Sache ist nun einmal geschehen, und kann ich, ohne den Anstand des Hauses
zu verletzen, nichts mehr daran ändern; ich will dich also vor den Leuten nicht
blossstellen, dagegen sei es deine Aufgabe, die F. äusserst wenig in den Bildern
zu beschäftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich selbst mit Sorgfalt die
anderen Personen aussuchen werde. Und dieses Bild, worin sie plazirt werden
soll, wird alsdann in der Aufführung begreiflicherweise nicht gestellt; du hast
das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen, bei der
Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen. Wie du es anfängst, ist
deine Sache; möge es dir recht schwer werden, denn die Voreiligkeit, die du
begangen, verdient ihre Strafe!«
    Artur kannte seine Mutter und wusste, dass vorderhand eine Erwiderung zu
nichts führen würde. Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll
mit seinem Nagel eine fürchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe.
    »Hast du was mit - der Wasser gehabt?« fragte Eduard.
    »Nein,« entgegnete Artur, »aber ich mag die Familie nicht, das wissen sie
wohl. Ihre Töchter, die aufdringlichen Schneegänse, hassen mich ganz besonders;
ich hätte sie einmal zeichnen sollen, habe mich jedoch für diese Ehre bedankt.«
    »Wesshalb hasst denn die Tutelar-Rätin die Doktorin F. so grimmig?«
    »Das ist sehr einfach; es hat der Wasser selbst die grösste Mühe gemacht, in
den Kreisen der Gesellschaft, wo sie jetzt gelitten ist, durchzudringen. Und das
mit einigem Recht, weil über ihre Familie ein sehr rätselhaftes Dunkel schwebt
und weil sie eine boshafte, gallsüchtige kleine Person ist. Hauptsächlich aber
dringt sie auf Ausschliessung der F., weil sie doch gar zu schlecht neben ihr
aussehen würde. Denke dir die schöne Doktorin und die kleine, halbverwachsene
Frau ohne alle Taille, mit ihrem gelben Teint und dem bösartigen Blick!«
    »Pfui, Artur!« sagte Eduard lächelnd, »man sollte ja glauben, du seist in
einer Kaffeegesellschaft. Wie kann man sich so ereifern! - Sei jetzt stille,
Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons übergeben. Er soll ihn
vorlesen, sagte sie; geben wir Achtung!«
    Alfons nahm in der Tat das zweite Billet aus den Händen seiner
Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben
las er:
    »Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es ist mir aber
wahrhaftig unmöglich, davon Gebrauch zu machen. Wie sich wohl von selbst
versteht, wird dein Schwiegersohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich
meinem Sohn doch nicht zumuten, mit von der für uns so angenehmen Partie zu
sein. Du weisst, dass sie einige heftige Worte zusammen hatten, und obgleich sich
dein Schwiegersohn im grössten Unrecht befand, so sah er sich doch bis heute
nicht veranlasst, meinem Karl einige versöhnliche Worte zu schreiben.
                    Sonst wie immer
                                                            deine treue Freundin
                                                                        Louise.«
    Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen,
Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln. »Ich kann da nichts
sagen und tun,« meinte er. »Wenn Madame glaubt, ihr Herr Sohn habe Recht, so
kann ich mir das ruhig gefallen lassen; ich aber behaupte, er hat Unrecht, und
ich habe mir nun einmal vorgenommen, diese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten
fühlen zu lassen.«
    »Und was hat denn der, von dem es sich handelt, so Schlimmes begangen?«
fragte ernst die alte Dame.
    »Auf dem letzten Balle,« sagte Alfons sehr wichtig und ruhig, »tanzte er mit
Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er sie nun aber gar zum dritten
Male auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er sich einige
unpassende Bemerkungen, die ich ihm aber sehr passend zurückgab. Ich halte sehr
auf den Anstand, Mama, wie Sie wissen, und will nicht, dass meiner Frau gegenüber
etwas geschieht, worüber die Leute die Nase rümpfen können.«
    »So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht tun, Herr Schwiegersohn,«
erwiderte die Kommerzienrätin. »Uebrigens sehe ich gar nicht ein, wie ein
dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren
Hauses unanständig sein könnte.«
    »Ich sehe das auch nicht ein, Mama,« sagte die Tochter mit leiser Stimme.
    »Das mag sein,« entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die
rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte. »Es mag sein,« wiederholte
er bestimmt, »dass meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und
scharf ausgeprägt sind, aber ich halte sie einmal fest, wie ich sie fühle; und
man tut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig.«
    »Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zusammen,«
flüsterte Eduard dem Maler zu, worauf Artur beistimmend mit dem Kopfe nickte.
    »Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein,« fuhr der Andere
fort, »die sich mit seinen scharf ausgeprägten Begriffen von Anstand und
Schicklichkeit nicht gut vereinigen liessen.«
    »Ich war nicht da,« entgegnete Artur zerstreut.
    »Nun,« sagte Eduard, »der junge Mann liess ein paar Worte fallen, die
Marianne tief verletzen müssten, wenn sie dieselben erfahren hätte. Es war das
bekannte Tema, dass man Niemand hinter dem Busch suche, wenn man nicht selbst
stark seinen Aufentalt daselbst genommen.«
    Man kann sich denken, dass nach dem, was soeben in der Familie vorgefallen
und was wir dem geneigten Leser erzählt, die Gesichter der sämmtlichen
Anwesenden durchaus nicht, wie man zu sagen pflegt, mit einem rosigen Schimmer
übergossen waren, vielmehr schien Eines noch düsterer und verstimmter als das
Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, den Anfang der Probe nämlich und
das Erscheinen der ersten Gäste.
    Es ist wahrhaft erstaunlich, was der Mensch Alles kann, wenn er will, und
wie sich hier, sobald man Schritte auf der Treppe hörte, die Züge Aller
aufheiterten, die Augen einen anderen Ausdruck erhielten, und die Gesichter mit
einem freundlichen Lächeln überstrahlt wurden. Bei Manchem gelang diese
Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung, aber sie gelang doch. Die
Kommerzienrätin trommelte und hustete nicht mehr, Marianne sass sanft gegen sie
hingebeugt, als habe sie ihr irgend eine zärtliche Bemerkung in's Ohr
geflüstert; ja Alfons, der eben noch so verstimmte Alfons, stützte die rechte
Hand auf den Tisch, während die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau
herabgeglitten zu sein schien. Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe.
    Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und
flüsterte ihr zu: »Es kommen Leute, wie du weist, Berta, mach doch ein
freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und
traurige Verstimmung!«
    Artur zuckte verstohlen die Achseln und dachte: »Lasst den Doktor F. und
seine Frau nur einmal bei der Probe gewesen sein, so wird das Andere sich schon
machen« - worauf auch er eine heitere Miene annahm.
    Kurz es war erstaunlich, wie das ganze kommerzienrätliche Haus nun auf
einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit bot; Alle sahen aus wie das
personifizirte Wohlwollen gegen einander und gegen die äussere Welt, und hätte
die Kommerzienrätin ihren stechenden Blick und ihre lange spitze Nase verbergen
können, so würde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel.
                           Winterhalter's Decamerone.
Da öffnete sich die Türe und es erschien zuerst die Familie des
Oberregierungsrats von D., für heute aus drei erwachsenen Töchtern bestehend,
die von einem emporgeschossenen, noch ziemlich grün aussehenden Bruder, der die
gegründetste Hoffnung hatte nächstens zum Justizreferendär zu avanciren, in
Abwesenheit von Mama chaponirt wurden. Mama, eine gute, aber etwas dicke und
alte Frau, hatte nur eine Einladung zum Zusehen erhalten, wogegen der Vater
wegen seiner Amtsgeschäfte unmöglich erscheinen konnte.
    Wenn wir sagen, dass Artur die Töchter zur Ausfütterung irgend eines dunkeln
Hintergrundes bestimmt hatte, so ist ihr Äußeres sattsam beschrieben. Was den
Bruder anbelangt, so war es schade, dass keine Tierstücke gestellt wurden: er
hätte in seinen unbeholfenen, schweren Bewegungen die Stelle eines jungen
Jagdhundes vortrefflich ausgefüllt.
    Ihnen folgte in majestätischem Aufzuge die Familie des
Obertribunal-Präsidenten. Er, ein grosser korpulenter Mann mit einem breiten
roten Gesichte von etwas blutdürstigem Ausdruck, sie, scharf und schneidend im
Äußern, in Reden und Bewegungen, konnte an seinem Arme sehr wohl als Symbol des
Schwertes der Gerechtigkeit dienen. Beider Sohn schritt hinter ihnen drein, eine
noch nicht vollkommen erklärte Grösse, die sich ebenfalls dem Criminalistischen
zugewendet hatte, dem Äußern nach eine schlechte Copie des Vaters und bei allen
jungen Damen sehr gefürchtet war, denn da er nichts Besseres zu reden wusste, so
unterhielt er sich von seinen Gerichtssitzungen und erzählte gern die
schauderhaftesten Mordgeschichten. - Die ganze Familie schritt äusserst würdevoll
daher, aufrechten Hauptes, steif und grossartig, als eröffneten sie den Zug
irgend eines zum Tode Verurteilten.
    Glücklicherweise aber erschien hinter ihnen das wohlgenährte freundliche
Gesicht eines jovialen Steuerrats mit Gemahlin, drei Töchtern und zwei Söhnen,
und verwischte so das angedeutete traurige Bild. Der Steuerrat begnügte sich
nicht mit einem stummen Kopfnicken, sondern er versicherte, dass er sich schon
den ganzen Morgen ungeheuer auf die Probe gefreut habe, dass er mitwirken werde,
es aber unter einem Adonis oder Apollo schon gar nicht tue, und dass er ferner
hoffe, es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor, wo er sich als
Fiedler auf dem Fasse auf's Prächtigste ausnehmen würde.
    Er würde noch mehr dergleichen vergnügtes Zeug geschwatzt haben, doch
erschien jetzt sein Chef, der Obersteuerdirektor, ein noch nicht alter,
vornehmer Herr mit mehreren Ordensbändern und zwei blühenden Töchtern, bei deren
Anblick der Maler, der wieder ziemlich verdrossen nach seiner Fensterecke
zurückgekehrt war, ein freundlicheres Gesicht machte. Diesen beiden Mädchen
waren natürlicherweise Hauptrollen zugedacht, und sie wussten wohl, dass sie hiezu
berechtigt waren. Sie begrüssten die Kommerzienrätin herablassend, Marianne
freundlich, die andern jungen Damen sehr oben hinüber, und der junge Jagdhund,
sowie der blutdürstige Criminalist, die ein freundliches Wort anbringen wollten,
wurden gar nicht beachtet.
    Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen, unter Anderem auch
der Bankpräsident, ein bleicher, dicker Mann mit ausserordentlich spärlichem
Haarwuchs, das heisst auf dem Kopfe. Auf den Zähnen hatte er aber desto mehr, und
er war mehr wegen seiner ausserordentlichen Grobheit als seiner Umsicht bei den
Geschäften der Bank berühmt. Als vornehmerer Kollege des Kommerzienrats wurde
er von der Dame des Hauses durch ein Aufstehen vom Sopha geehrt und ihm gleich
ein Fauteuil untergeschoben, auf dem er sich auch niederliess, ohne in seinem
durch Nichts berechtigten unergründlichen Hochmute die übrige Gesellschaft
weiter eines Blickes zu würdigen.
    Als die Kommerzienrätin vorhin aufstand, verband sie als kluge Frau dabei
das Angenehme mit dem Nützlichen; denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab
sie sich in das anstossende eigentliche Vorzimmer, um dort jene Klasse von Gästen
zu empfangen, die es nicht so recht wagten, in das Gemach vorzudringen, wo sich
die höchsten und allerhöchsten Herrschaften des Honoratiorenstandes befanden.
    Auch Artur folgte seiner Mutter in dieses Nebenzimmer, denn er wusste, dass
dort eine grössere und angenehmere Auswahl für die lebenden Bilder sein werde.
    Hier fand sich denn auch bald eine zahlreiche Gesellschaft zusammen, und
wuchsen auf dieser Schichte der menschlichen Gesellschaft, die um einige Grade
tiefer stand, schon anmutigere Blumen als droben auf der Höhe bei der dürren
Vegetation. Hier waren jüngere Kaufleute mit ihren Frauen, versprechende
Beamtentöchter, jüngere Räte und Rätinnen, und Alle lachten, plauderten und
summten vergnügt durcheinander, während drinnen nur hie und da ein ernstes und
gemessenes Wort fiel.
    Dort füllte es sich aber auch nach und nach, denn es wanden sich immer noch
dürre Tannen in Gestalt von Regierungs- und Oberregierungsrätinnen, und
kümmerliche Fichten, sowie mageres Gestrüpp aller Art, ältliche Gemahlinnen von
Finanzdirektoren, geheimen Hofräten und dergleichen mehr durch das frische und
noch grün belaubte Unterholz des Vorzimmers, um die Höhe des Lebens zu
erreichen, wo sie eigentlich hingehörten.
    Artur spähte nach seinem Freunde, dem Doktor F., der noch immer nicht
erschienen war; aber er hatte als Arzt viel zu tun und musste vorerst seine
Geschäfte besorgen, ehe er an das Vergnügen denken konnte.
    Da es übrigens drei Uhr geworden war, so liess die Kommerzienrätin die
Flügeltüre zu dem besprochenen grünen Salon öffnen und die Menge strömte dort
hinein. Das jüngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die
aufgestellten Bilder, wobei sich beinahe Jedes eine Rolle aussuchte, die, so
sagte man, für seine Persönlichkeit wie gemacht sei. Einige waren dabei
bescheiden und meinten, sie würden sich mit Diesem und Jenem begnügen, Andere
aber hielten sich für jede Rolle passend; und leider befanden sich Letztere in
der Mehrzahl.
    Artur wurde von allen Seiten bestürmt, geschwinde anzugeben, auf welche Art
er die Figuren verteilt habe; doch er war klug genug, dies nicht zu tun und
versicherte, er müsse nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem
andern die betreffenden Namen aufrufen.
    Das ging nun ziemlich gut von statten, doch nicht ohne leise Reklamationen
der Kommerzienrätin und sehr laute Einreden der betreffenden Damen.
    Der Maler musste schon in einen sauern Apfel beissen, und manche gelbe und
magere Rätin als jugendliche Erscheinung vorschieben, während frische
Mädchengesichter hinten zu stehen kamen. dabei überliess sich Artur auch
zuweilen einer lustigen Laune; so übergab er zum Beispiel die Rolle des
Holofernes dem Obertribunal-Präsidenten mit dem wilden Gesichtsausdruck, stellte
den Bankdirektor als Judas Ischariot und bildete aus drei der vornehmsten und
stolzesten Damen eine Gruppe, die er als Nymphen bezeichnete, die aber in
Wahrheit Furien vorstellten, was ihm dieselben ausserordentlich übel nahmen, als
sie es später erfuhren.
    Jetzt wurde das Decamerone von Winterhalter vorgeschoben, das duftige,
schöne Bild, welches dem geneigten Leser gewiss bekannt ist. Es ist jener
herrliche Garten bei Florenz, wo an einem Springbrunnen die sieben schönen Paare
junger Mädchen und Männer in anmutigen Gruppen ruhen und der erwählten Königin
zulauschen, die erhaben zwischen ihnen sitzt, das schöne Haupt mit Blumen
bekränzt.
    »Ah!« machten sämmtliche Damen, umringten in einem weiten Kreise das Bild,
und auch viele der jungen Herren streckten die Hälse vor, um sich einen
passenden Platz auszusuchen. Wenn es allen Wünschen der Anwesenden gemäss
gegangen wäre, so hätte man das Bild wenigstens achtmal besetzen können, denn da
war fast Keine, die sich nicht für berechtigt hielt, mindestens als Königin da
zu sitzen. Einige Ausnahmen fanden wohl statt, das waren aber schon Solche, die
mehrmals vorteilhaft beschäftigt waren, oder sehr ältliche Damen, in deren
Herzen aber jener angedeutete Wunsch zu Gunsten ihrer verschiedenen Töchter laut
wurde.
    Da Artur bei mehreren Tableaux schon bewiesen hatte, dass er nicht zu
bestimmen war, von seiner Liste abzugehen, so wandten sich mehrere vorsorgliche
Mütter an die Kommerzienrätin, um eine Einsprache zu Gunsten ihrer Angehörigen
zu erwirken, wodurch die alte Dame in augenscheinliche Verlegenheit kam, denn es
waren zu wenig Figuren in dem Bilde, um allen diesen Privateinsprüchen genügen
zu können. Sogar der Obertribunal-Präsident liess sich herbei, eine Figur als
äusserst passend für seine Emilie zu bezeichnen. Der junge Jagdhund verwandte
sich auf's Lebhafteste für seine Schwestern, so dass am Ende die Kommerzienrätin
in Folge aller dieser Bestürmungen ihren Sohn auf die Seite nahm und ihn in
ernsten und dürren Worten anwies, den billigen Wünschen einiger der vornehmsten
Damen, die sie ihm namentlich bezeichnete, nachzukommen und das Decamerone,
welches Tableaux den Glanzpunkt des Abends bilden sollte, nach ihrer Angabe zu
besetzen. Vergebens waren die Einwendungen Artur's: Mama hob ihre Nase so hoch
als möglich in die Höhe und sagte kurz und bestimmt, sie habe schon während der
früheren Bilder sich manche Abänderungen seitens ihres Sohnes gefallen lassen,
diesmal aber beharre sie auf ihrem Wunsche, nötigenfalls Befehle, und wolle von
keiner Widerrede etwas wissen.
    Artur dachte einen Augenblick nach, dann flog ein eigentümliches Lächeln
über seine Züge; er nahm seine Liste, änderte Einiges darin ab und bat die
zusammengedrängte Schaar der Damen und Herren um etwas Platz, damit er im Stande
sei, das Bild stellen zu können.
    Erwartungsvoll wich Alles aus einander, der junge Maler arrangirte die Sitze
auf der kleinen Estrade im Hintergrunde des Saales und sagte dann, nachdem er
einige Worte mit der Kommerzienrätin gesprochen, mit lauter Stimme: »Das
Decamerone ist ein Lieblingsbild von Mama, und hat sie die meisten Damen und
Herren, die darin vorkommen, selbst bezeichnet.«
    »Vortrefflich! - Sehr schön! - Ah! das muss ein superbes Bild werden!«
murmelte es vergnüglich durch einander, wobei namentlich die Bittsteller und
Bittstellerinnen, die vorhin mit der alten Dame unterhandelt, heitere Gesichter
zeigten. Andere aber, die dies wohl bemerkt, stiessen sich leicht an, schüttelten
die Köpfe und man konnte verschiedene Reden hören: wie man wohl denken könne,
was dabei beschäftigt sei, dass man sich an dergleichen Zurücksetzungen gewöhnen
müsse, dass bei der Aufführung das Publikum wohl ein richtiges Urteil haben
werde, und dergleichen mehr.
    Artur fing an, die Namen der Damen und Herren abzulesen, und der geneigte
Leser wird unserer Versicherung glauben, dass das Decamerone in dieser
Zusammenstellung wenn auch kein reizendes Bild doch ein vornehmes wurde.
    Was die Männer anbetraf, so konnte man schon zufrieden sein und wurden dabei
auch wenig Bemerkungen laut, obgleich sich der junge Jagdhund eine Rolle
herausgeschlagen hatte und sich hinstellte wie ein unglücklich ausgestopfter
Storch, der durch Selbstmord in's Jenseits gewandert und deshalb ein
melancholisches Air behalten. - Die Damen aber, die nun erschienen und meistens
stolz und sicher ihre Plätze einnahmen, mussten schon ein gelindes
Spiessrutenlaufen aushalten.
    »Zwei Töchter des Herrn Oberregierungsrats von D. -«
    »Gott!« sagte eine dicke Kanlzeiratstochter, »die Emilie und Auguste! da
wird viel weisse Schminke verbraucht werden.«
    »Es ist nur ein Glück,« setzte eine ziemlich junge Kaufmannsfrau hinzu, »dass
die Emilie sitzt und man ihren Rücken nicht sehen wird.«
    »Sie ist wirklich ein bisschen ausgewachsen,« meinte eine Andere.
    »Das nennst du ein bisschen?« sprach eine Vierte. »Mich hat die
Corsettmacherin versichert, sie sei ganz in Eisen eingeschnürt, und wenn das
nicht der Fall wäre, so müsste sie zusammenknicken wie ein Taschenmesser.«
    »Fräulein Pauline von W.,« sagte Artur.
    »Ah! die hässliche Nichte des Ministers!«
    »Und in dem schönen Decamerone!«
    »Florenz hatte damals eine betrübte Zeit,« sagte boshaft eine andere Stimme;
- »Hungersnot und Krankheit - Pauline wird das recht natürlich darstellen.«
    »Aber nehme mir kein Mensch übel, das wird ja ein schreckliches Bild!«
bemerkte entrüstet die Kanzleiratstochter. »Ich mache ja durchaus keine
Ansprüche, da mitzustehen - denn ich weiss, dass ich nicht schön bin,« setzte sie
kokett hinzu; »aber wenn ich so aussähe, wie Pauline, so würde ich mich
bedanken, wenn man mich so zur Schau stellte.«
    Pauline hatte nun auch wirklich nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit
einer dieser hübschen Gestalten Winterhaler's, aber sie war die Nichte des
Finanzministers, und ihre Mutter die stolz und breit vor dem Bilde sass und
wohlgefällig auf ihre Tochter blickte, hatte Connexionen bei Hofe.
    Eine Vierte, die der Maler nun aufrief, gefiel eben so wenig als die
vorbenannten Drei, und die Vier bildeten auch, um die Wahrheit zu sagen, einen
gar betrübten Anblick, der durchaus nicht vermindert wurde, als nun Artur die
beiden schönen Töchter des Steuerdirektors dazu plazirte, die in Jugendfrische
und Schönheit strahlten.
    Der Platz der Königin war allein noch unbesetzt.
    Artur hatte sich schon mehrmal im Saale umgesehen und endlich gefunden, was
er suchte. Es war das eine junge schöne Blondine, ein herrliches, prachtvolles
Weib, die bescheiden zurückgezogen neben ihrem Manne, dem Doktor F., stand, der
mit dem Steuerdirektor im eifrigen Gespräch an einer Fensternische lehnte. Das
Umherschauen des Malers war von verschiedenen jungen Damen falsch gedeutet
worden, und Manche, die sich woh berufen fühlte, eine Königin darzustellen,
drängte sich auffallend hervor, ja die dicke Kanzleiratstochter, ein
unternehmendes Wesen, lehnte sich, um einen Contrast hervorzubringen,
schmachtend an eine dürre Hofrätin und sagte zu dem Maler im Gegensatz zu ihren
früheren Äusserungen: »Ah! das wird ein schönes Bild; wie prächtig verlehnen
schien, wozu sie leicht die Achseln zuckte und den Knopf neigte, als wollte sie
sagen: ich gehöre nicht in den vornehmen Kreis.
    »Nun, die Königin!« sprach freundlich die Kommerzienrätin, die sehr
geschmeichelt war über die vielen Komplimente, die man ihrem Talente, Tableaux
zu arrangiren, von allen Seiten machte.
    »Ach ja, die Königin!« wiederholten sehnsüchtig mehrere Damen und blickten
erwartungsvoll auf Artur, der nun durch die Reihen schritt und die
widerstrebende Doktorin F. auf den erhöhten Sitz führte.
    Hätten aber mehrere Blitze vor der Herrin des Hauses, vor der Frau von W.
und den meisten der alten Rätinnen dicht eingeschlagen, die Gesichter hätten
nicht länger, die Mienen nicht bestürzter sein können, als nun, da die schöne
Königin sich elegant auf ihrem Sitz niederliess und - jeder Zoll eine Herrscherin
- ihre Untergebenen betrachtete.
    Die Gruppe des Decamerone glich nun einem Strauche, dessen eine Seite voll
duftender Blüten hängt, während über die andere ein eisiger Nordwind fuhr, der
nicht nur keine Blume aufkeimen liess, sondern sogar das Laub verwelkte und
verdorrte.
    Frau von W., die sich zuerst zu fassen schien, warf der Kommerzienrätin
einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu, dann zuckte sie die
Achseln und fragte hierauf ihre Tochter: »Nicht wahr, mein Kind, du sitzest sehr
schlecht?«
    »Ja, Mama,« erwiderte diese, »es ist sehr anstrengend, und ich werde es an
dem Abend kaum aushalten können.«
    »Dann bitte ich, sich nicht zu geniren,« versetzte Artur, indem er sich auf
die Lippen biss. »Wenn es Ihnen wirklich zu anstrengend ist, so können wir die
Sache anders einrichten.«
    Da erhob sich Fräulein von W., trat zu ihrer Mutter zurück, und sagte so
laut, dass es die Dame des Hauses hören könnte: »Das kann man doch nicht von mir
verlangen, neben der - - Frau Doktorin F. zu stehen!«
    »Unter ihr zu sitzen!« sprach entrüstet die Mutter. »Die Probe ist doch bald
zu Ende,« wandte sie sich kalt an die Kommerzienrätin, »Sie werden erlauben,
dass ich mich leise empfehle.« Damit stand sie auf, machte ein förmliches
Kompliment und rauschte mit ihrer Tochter nicht ohne einiges Aufsehen zum Saale
hinaus.
    Die Schwestern des jungen Jagdhundes sahen sich bedeutsam an und fingen an
unruhig auf ihren Sitzen hin und her zu rücken; er selbst, der
Justizreferendär-Aspirant, hob die Nase in die Höhe und sagte geringschätzig:
»Ihr habt doch eigentlich da einen schlechten Platz bekommen.«
    »O ja, das fühlen wir auch,« entgegneten die Beiden einstimmig; und die eine
setzte boshaft hinzu: »Wir scheinen doch nicht recht in dieses Bild zu passen,«
worauf sie sich langsam erhoben, um sachte auf die Seite und von der Estrade
hinab zu rutschen.
    Artur hatte alles Dies vorher gesehen, und um in seine Schlachtordnung
keine auffallende Lücke zu bringen, das zuerst ausgetretene Fräulein von W.
durch die dicke Kanzleiratstochter ersetzt, was ihn allerdings einen süssen
Blick und einen Händedruck kostete, als er sie auf ihren Platz führte.
    Der Doktor F. war unterdessen mit dem Obersteuerdirektor näher getreten, und
Beide hatten wohl bemerkt, um was es sich handle. Der Doktor biss sich gelind auf
die Lippen und warf seiner Frau aus der Entfernung einen Blick zu, den sie mit
einem unbefangenen Lächeln erwiderte.
    Der Obersteuerdirektor trat dicht an die Estrade heran und sagte seinen
beiden Töchtern: »Ihr habt da einen vortrefflichen Platz; sitzt nur recht ruhig
und macht dem schönen Tableau alle Ehre!« - eine Bemerkung, wofür ihm die schöne
Königin einen Blick des innigsten Dankes zuwarf, denn wir brauchen dem geneigten
Leser nicht wohl erst zu sagen, dass diese Frau mit ihrem zarten Gefühl
augenblicklich die niedrige Unverschämteit begriffen hatte, welche die schlecht
erzogenen Töchter gebildet sein wollender Stände gegen sie begangen.
    Auch das vierte von der Kommerzienrätin octroyirte verwelkte Blatt entfiel
dem Strausse und säuselte den Töchtern des Ober regierungsrats nach, um sich in
einer Ecke des Saales über die erlittene Kränkung zu besprechen.
    Natürlich wurden sie von Artur augenblicklich durch drei frische Mädchen
ersetzt, und als bald der junge Jagdhund, der sich wiederholt eines sonderbaren
Hüstelns beflissen, von dem Maler scheinbar ruhig, aber mit einem gewissen
festen Blick, gegen einen grösseren Herrn umgetauscht worden war, stand das Bild
so vortrefflich und schön, dass die Unbefangenen aus der Gesellschaft, als nun
probirt wurde, einhellig in die Hände klatschten.
    Den Gemütszustand der alten Rätin bei dieser für sie so empörenden Scene
brauchen wir wohl dem geneigten Leser nicht zu schildern; ihre Finger umspannten
krampfhaft das Taschentuch, und da sie keinen Tisch vor sich zum Trommeln hatte,
so machte sie ihrem Zorn auf andere Art Luft und schien von einem wahren
Krampfhusten befallen zu sein.
    Die Probe ging nun zu Ende, die Eingeladenen verschwanden, nachdem sie der
Herrin des Hauses versichert, die Aufführung der lebenden Bilder werde einen
köstlichen Abend geben und sie freuten sich ungemein darauf.
    Artur war mit dem Doktor F. weggegangen und die Rätin schloss sich in ihr
Boudoir ein, um ruhig zu überlegen, was auf diese scandalöse Geschichte zu tun
sei.
 
                          Zweiunddreissigstes Kapitel.
                                  Im Fuchsbau.
Der geneigte Leser wird sich vielleicht erinnern, dass wir ihn in einem früheren
Kapitel in einen entlegenen Teil der Stadt führten, wo sich in der Nähe des
grossen Fruchtmarktes, in dem ältesten Teile der Stadt, ein Zusammenbau von
alten massiven Häusern befand, die mit zahlreichen Gin- und Ausgängen auf
verschiedene Strassen ziemlich sichere Schlupfwinkel waren für allerlei Leute,
welche Ursache hatten, die Oeffentlichkeit zu scheuen und der spähenden Polizei
nicht unter die Augen zu kommen.
    Diese Gebäude, in früheren Zeiten einzeln stehend, waren nach und nach durch
Anbaue der verschiedensten Art vereinigt worden. Nach Bedürfnis hatte man Gänge
angebracht, Mauern durchschlagen, Höfe überbaut und solchergestalt die Wohnungen
unter einander verbunden, so dass aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrint
wurde, durch welches den Ein- und Ausgang zu finden für einen Uneingeweihten
sehr schwierig, ja in gewissen Teilen ganz unmöglich wurde. Hier befanden sich
Ausgänge, die auf irgend einen finstern Hof mit vielen Türen führten, wo ein
des Weges Kundiger, wenn er gerade verfolgt wurde und nur wenige Schritte
Vorsprung hatte, plötzlich verschwand, um durch einen andern Eingang des
Gebäudes wieder zurückzukehren, ehe der Verfolger ihn zu Gesicht bekam.
    Der wirklichen Ausgänge auf die Strassen waren es ausserordentlich viele, und
obgleich man sie alle kannte, und es nicht schwer gewesen wäre, sie im Falle
einer Durchsuchung zu besetzen, was übrigens schon häufig genug geschehen war,
so zuckten doch die erfahrensten Polizei-Offizianten bei solchen Veranlassungen
die Achseln und nannten das ein vergebliches Bemühen; denn sie seien überzeugt,
so sagten sie, es befänden sich da geheime Ein- und Ausgänge durch benachbarte
Keller oder Gott weiss wo sonst, von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe.
    Natürlicherweise war aber der Sicherheitsbehörde der Eintritt in diese
Gebäude durchaus nicht verwehrt und konnte sie hier ihren Amtsgeschäften
nachgehen, so oft sie es für nötig erachtete.
    Es wohnten hier eine Menge Familien von den verschiedenartigsten Gewerben,
ja in einem Teile befanden sich sogar ein paar elegante Läden, sowie
Werkstätten von Schmieden, Wagnern, Sattlern und dergleichen mehr. Von dem
Ganzen besass die hohe Polizei einen sauber gearbeiteten und sehr korrekten
Grundriss, den man einstens durch den Stadtbaumeister aufnehmen zu lassen für
notwendig besunden hatte, und darin waren auch die Familien verzeichnet, wo sie
wohnten, wie viele Zimmer sie inne hatten, und es wurde strenge darauf gehalten,
dass die verschiedenen Aus- und Einzüge der Behörde augenblicklich gemeldet
wurden.
    Obgleich nun so das ganze Anwesen scheinbar klar und durchsichtig vorlag, so
war der Fuchsbau dennoch, wie wir schon oben angedeutet, eine wahre Räuberhöhle
und wimmelte von Dieben, Betrügern und allem möglichen Gesindel mit seinem so
notwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft hatte man auf
dringenden Verdacht plötzliche Haussuchungen angestellt, ohne je etwas gefunden
zu haben; der gegründetste Verdacht war nie gerechtfertigt worden, und so fand
denn auch die Gerechtigkeit keinen triftigen Grund, den Fuchsbau, wie man schon
mehrmals in Vorschlag gebracht hatte, entweder ganz niederzureissen, oder in
seiner ehemaligen Gestalt wieder herzustellen durch Entfernung der verschiedenen
Anbaue mit ihren labyrintischen Treppen und Gängen, - ein Vorschlag, dessen
Ausführung übrigens auch noch wegen des Kostenpunkts und der Gefährlichkeit in
baulicher Beziehung seine Schwierigkeiten gehabt hätte.
    Wir haben schon vorhin gesagt, dass das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte;
ein besonderer Teil hiess aber der Gastof zum Fuchsbau, und in diese stillen
Gemächer wollen wir den geneigten Leser unsichtbar einzuführen uns erlauben, was
so ohne Gefahr geschehen kann, wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock
bekleidet ein sehr unwillkommener Gast sein würde.
    Es ist draussen ein unheimliches nasskaltes Wetter; Schnee, Regen und Wind
jagen einander in den engen Durchgang hinein, von dem wir schon früher sprachen,
und da bei dieser Hetze die erstgenannten leichten Gesellen verschmolzen und
verflogen sind, ehe sie der Sturm recht erfassen kann, so lässt er nun seine Wut
an einer alten Laterne aus, die an rostigen Ketten von dem Gewölbe niederhängt
und ächzend hin und her weht.
    In dem Durchgang befindet sich jene uns schon bekannte kleine eiserne
Gittertüre, von schweren Stangen gemacht, mit einem sehr soliden und
künstlichen Schloss, sowie oben und unten mit Riegeln versehen, die, wenn sie
vorgeschoben sind, ungreifbar in das Eisen zurückfallen und nur durch eine
künstliche Vorrichtung wieder zurückgezogen werden können.
    Hinter dieser Türe beginnt eine schmale steinerne Wendeltreppe, die oben
auf eine einzige, wieder verschliessbare Türe führt; dann kommt ein gewölbter
Gang, spärlich von einem stark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet, auf welchen
mehrere Türen münden.
    Durch eine derselben treten wir geräuschlos ein und befinden uns nun in
einem grossen Gemache mit braunen Holzwänden, eben solcher Decke und einem
mächtigen Kachelofen. Das Mobiliar desselben besteht aus langen, schweren,
eichenen Tischen und Bänken; in einem hohen Eckschranke sind Gläser und Flaschen
aller Art verwahrt. Neben diesem Buffet befindet sich ein einzelner Stuhl, ein
alter Lehnsessel, in welchem ein kleines vertrocknetes Weib sitzt, welches die
Hände in den Schoss gelegt hat und das eine Kellnerin vorstellt. Sie scheint
unachtsam vor sich hinzustarren, doch sieht ein aufmerksamer Beobachter, dass sie
unter ihren grauen buschigen Augenbrauen die glänzenden kleinen Augen unruhig
hin und her laufen lässt. Vor ihr liegt ein grosser Hund, dessen zottiges Fell ihr
als Fussschemel dient; neben ihr, zwischen dem Eckschranke und der Wand, befinden
sich, an starken Dräten von der Decke herabhängend, mehrere Handgriffe, die wie
Klingelzüge aussehen; es sind dies aber nicht so ganz harmlose Gegenstände und
aus ihnen beruht teilweise die Sicherheit des Hauses. Der Zug an einem
derselben gibt dem Hausknecht ein Zeichen, die Türen zu öffnen und zu
schliessen, ein anderer ist eine Art Telegraph, der durch gewisse Zeichen mit den
Nebenzimmern kommuniziren kann, ein dritter steht mit einer Allarmglocke für das
ganze Haus in Verbindung, und der vierte endlich beherrscht die Gasleitung des
Gebäudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteste Finsternis
versetzen.
    Das Zimmer, in dem wir uns befinden, ist also, obgleich das allgemeine
Schenkzimmer des Gastofes zum Fuchsbau, zugleich auch die Portierstube für
sämmtliche Gebäude, und das alte Weib, ein hartes, verschlagenes, listiges
Wesen, wurde mit grosser Sorgfalt zur Pförtnerin auserwählt. Und man hätte keine
bessere finden können: sie hatte alle Abstufungen des Diebslebens durchgemacht
und wer sie bei Verteilung von Beute oder beim Verkauf gestohlener Gegenstände
überlisten wollte, der musste sich zusammen nehmen.
    An einer der langen Tafeln befanden sich vier Männer, von denen drei in
eifrigem Gespräch begriffen waren, der vierte aber mit dem Kopf an die Wand
lehnte und zu schlafen schien. Dies war ein schlank gewachsener grosser Mann in
den Dreissigen, der regelmässige Züge, schwarzes Haar und einen gut gepflegten
dichten schwarzen Bart hatte. Seine Kleidung dagegen wahr sehr unordentlich und
abgerissen; er trug einen fadenscheinigen grauen Jagdrock, an dem sich vorn auf
der Brust nur ein einziger Knopf befand, schwarze, zerlumpte Hosen, und wenn man
den einen Fuss genau betrachtete, den er vor sich auf die Bank gelegt, so sah
man, dass der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen fast gänzlich zerrissen waren.
    Die drei Anderen sassen etwas entfernter; einer mit krausem, rötlichem Haar
hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Fäuste
gelegt. Er hatte ein plumpes, obgleich nicht unangenehmes Gesicht, das aber,
besonders die Nase, stark gerötet war. Dieser war einfach, aber gut gekleidet;
er trug Lederhosen, hohe Stiefel und ein Wamms von dickem, dunkelblauem
Wollenstoff.
    Der Zweite lehnte hinten über an die Bank, war mit schäbiger Eleganz
gekleidet, hatte ein hiezu passendes mageres Gesicht mit abgefeimten Zügen.
Derselbe rauchte eine Cigarre, deren Dampf er empor blies, um ihm behaglich
nachzuschauen.
    Der Dritte endlich beugte sich über den Tisch, liess kleine Brodkugeln aus
seinen Fingern fallen und schien irgend etwas erzählt zu haben. Dieser, obgleich
am besten gekleidet, - er trug eine gutgemachte und saubere herrschaftliche
Livrée, - hatte das unangenehmste, ein wahrhaft widerliches Gesicht. Sein vorn
fast nackter Schädel wurde von wenigen Haaren umflattert, die er von hinten
hervorzukämmen versuchte, und an denen er beständig mit der Hand strich, um die
widerspenstigen nach seinem Willen zu gewöhnen. Er schielte ein klein wenig und
machte beständig ein spitzes Maul, um welches fast immer ein fades Lächeln
spielte.
    Diesen Männern gegenüber, fast hinter dem Ofen, befanden sich zwei
Frauenzimmer, deren Gewerbe nicht zu verkennen war, denn neben der einen lehnte
eine Harfe an der Wand, während auf der Bank zwischen Beiden eine Guitarre mit
einem Band von verblichener Farbe war. Zwei Bündel befanden sich auf dem Tische
neben einer Schüssel, woraus sie eine Suppe gegessen zu haben schienen; der
Löffel der einen lehnte am Rande des Gefässes, während die andere den ihrigen
vor sich niedergelegt hatte. Sie waren von verschiedenem Alter und sehr
ungleichem Äußern; die erste mochte wohl an die Dreissig sein, während die
andere das zwanzigste Jahr kaum zurückgelegt hatte. Die ältere erschien als
eines jener leichtfertigen Wesen, welche Musik treiben, so lange Jemand da ist,
der ihnen zuhört, dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren
Unterhaltung teilnehmen. Sie hatte ein rotkarrirtes Wollenkleid an, und da es
ziemlich tief ausgeschnitten war, so bemerkte man ihre vollen Formen, die sie
auch durchaus nicht zu verbergen strebte, denn ein kleines Halstuch hatte sie
neben sich auf die Bank gelegt. Ihr Gesicht war wettergebräunt, hatte einen
kecken, verwegenen Ausdruck, dicke, etwas aufgeworfene Lippen und dunkle,
lebhafte Augen. Das Haar trug sie in zwei schwarzen Flechten, die um die Ohren
herum an den Hinterkopf liefen, dabei hatte sie einen sogenannten schiefen
Scheitel, und war das offenbar ein Mittel, um einige sehr dünne Stellen ihres
Haarwuchses zu verdecken.
    Die andere, die, welche den Löffel neben sich gelegt hatte, war ein
schlankes, schmächtiges Mädchen mit einem schmalen, bleichen Gesichte und
blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man selten sehen, da sie meistens vor
sich niedersah; ihre Züge drückten Bescheidenheit, Furcht und Scham aus; auch
schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen, denn wenn sie,
was bisweilen geschah, einen schnellen Blick rings durch das Zimmer und über die
nebensitzenden Männer laufen liess, so überflog ihre blassen Wangen eine leichte
Röte, und wenn je einer vom anderen Tische herüber sah, so schrak sie
ordentlich zusammen.
    Der in der Livrée hob sein fast leeres Glas in die Höhe, schlürfte den
letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu, die in
ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien.
    »He da! Wein!« rief er, indem er seine leere Flasche auf den Tisch stiess.
    »Zuerst Geld,« entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verändern.
    »Geld?« sagte der Andere, gezwungen lachend. »Ich habe keins mehr; du kannst
ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren. Es wäre nicht mehr als
billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten.«
    »Gebt ihr Geld, so bekommt ihr Wein,« erwiderte ruhig die Alte.
    »Ich sage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr.«
    »Und Durst für viele Gulden,« meinte der mit dem roten Haar.
    »Es ist mein Ernst,« fuhr der in der Livrée fort, »dass du es aufschreiben
sollst, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hause noch Kredit
haben?«
    »Ihr aber habt in dem verfluchten Hause nicht den geringsten Kredit mehr,«
erwiderte das Weib. »Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und könnt nach Hause
gehen.«
    »Du willst uns heimschicken?« entgegnete der Andere höhnisch. »Ich habe nun
einmal Lust, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die
Harfenmädel sollen aufspielen. Nachher bitte ich mir ein Zimmer aus; - was
meinst du, Nanett?« - dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das
linke Auge zu.
    Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr.
    »Na, ich gebe dir noch einen Schluck,« sagte der im schwarzen Frack, indem
er seine Cigarre aus dem Munde nahm und seine etwas gelben Vatermörder in die
Höhe zupfte. »Du bist trotz deiner glänzenden Livrée doch ein armes Luder. Ich
möchte nicht in deinem Rocke stecken.«
    »Bah! Und warum nicht? - Wegen des elenden Messerstichs?«
    »Ja, ja, wegen des elenden Messerstichs!« lachte der mit dem roten Haar,
indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff,
das er austrank.
    »Wie war doch die Geschichte eigentlich?« fragte der elegant Aussehende.
    Der Gefragte warf ihm einen prüfenden Blick zu, der sagen wollte: kann ich
dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne, die Geschichte irgendwo zu
berichten? - doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich
selber: »Teufel! es ist ja ziemlich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein,
es zu leugnen. - Wir brachen in der Vorstadt ein, wie ihr Alle wisst, Tomas, der
schwarze Johann und ich.«
    »Bei deinem Herrn?« sagte lachend der Eine.
    »Aber nicht in seiner Livrée!« meinte der Andere.
    »Lasst doch eure schlechten Spässe! - Genug, wir brachen ein, - es ist
eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel
zurückgeschoben; auch ging Alles glücklich von statten, - wir nahmen eine
hübsche Summe und Silbergeschirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und
kamen glücklich in's Freie.«
    »dabei hättest du es auch belassen sollen,« sagte der mit dem roten Haar.
»Wesshalb gingst du wieder zurück?«
    »Eigentlich nur in der Absicht, um nachzusehen, ob wir ihn auch recht fest
gebunden. Und meine Vorsicht war nicht unnötig, denn er hatte die rechte Hand
frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen; deshalb gab
ich ihm einen tüchtigen Messerstich.«
    »Falsch! falsch!« versetzte der im schwarzen Frack, indem er den Dampf der
Cigarre weit von sich blies. »Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und
geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein grosses Geschrei wegen der
Unmenschlichkeit der Räuber. Wie hiess es doch? - Eine solche Tat muss um Rache
schreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, dass die
eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieser Bösewichte
kehrte auch zurück und versetzte ihm aus teuflischem Mutwillen mehrere
Messerstiche.«
    »Hörst du?« sagte der Rothaarige. »Aus teuflischem Mutwillen! Und das soll
der Herr gewaltig übel genommen haben.«
    »Welcher Herr?« fragte der andere in naseweisem Tone und warf verächtlich
die Lippen auf.
    »O Bürschlein, Bürschlein!« lachte der im schwarzen Frack; »nimm dich
zusammen; hier haben die Wände Ohren.«
    »Was geht das mich an? - Bin ich deshalb ein Dieb geworden, um mich
schulmeistern zu lassen? Das sollte mir fehlen!«
    »Er hat zu viel getrunken. - Ich will dir einen guten Rat geben: mach' dass
du nach Hause kommst, und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst, so lass'
dich in den nächsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen.«
    »Das wird ihn wenig helfen, wenn er ihn suchen lässt; und ich glaube fast, er
hat ein Auge auf dich geworfen.«
    »Gleichviel; jetzt will ich trinken!« erwiderte der Andere, indem er mit der
Faust auf den Tisch schlug. »Wein her! - Und wenn du mir nicht auf mein
ehrliches Gesicht borgen willst, alte Canaille, so nimm' hier meine Uhr; ich
löse sie morgen wieder ein.« Damit stand er auf, um zu dem Weibe zu gehen, die
noch immer keine Silbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens
kam, wo die beiden Mädchen sassen, blieb er lächelnd stehen, stützte beide Arme
auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren: »Ich
versetze die Uhr nur um deinetwillen, Schatz, denn ich weiss, dass du eine
kostbare Geliebte bist.«
    Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achseln, schlug alsdann die Arme über
einander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an.
    »Nun, nun,« sagte er, halb zurückfahrend; »beiss mich nur nicht! Willst du
denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?«
    »O ja!« entgegnete das Mädchen laut lachend; »gegen Jeden, der mir gefällt,
aber nie gegen dich - dich, unseres Herrgotts miserabelsten Knecht.«
    »Ich will dir was sagen,« versetzte der Lakai; »was soll man sich mit dem
dürren Holze abplagen, wenn grünes daneben wächst! Mach' mir Platz, ich will
mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen. - Gott verdamm' mich! mach
Platz, sag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her bist, Harfenmensch
erbärmliches!«
    Die Aeltere von den beiden Mädchen, die wohl wusste, dass hier eine kleine an
ihr verübte Misshandlung nicht sehr beachtet würde, besonders da augenblicklich
keiner ihrer Freunde und Beschützer da war, duckte sich auf die Seite, um dem
Kerl zwischen sich und dem andern Mädchen Platz zu machen. Diese aber fasste
verzweiflungsvoll ihren Arm, drückte sich fest an sie und flehte mit leiser
Stimme, sie möge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen
lassen.
    »Das pipst auch schon gegen mich,« sagte er hohnlachend; »die hast du
wahrscheinlich dressirt: es ist mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder
unfreiwillig mit mir gehst. Wer einmal hierher kommt, der bietet sich an; das
ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ändern wollen.«
    Das junge Mädchen schaute ihre Gefährtin mit einem verzweiflungsvollen
fragenden Blicke an, als wenn sie sagen wollte: ist das so, spricht er die
Wahrheit? - bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der seine Hand nach
mir ausstreckt? - Es war das ein entsetzlicher Blick, ein Blick voll Jammer und
unaussprechlichem Elend, den sie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete. dabei
öffnete sie erschrocken den Mund, und zwei Tränen rollten langsam über ihre
blassen Wangen hinab.
    Der Lakai bemühte sich gerade, zwischen dem Tisch und der Bank herum zu
kommen und sich neben seine Beute zu setzen, als er sich auf einmal auf die
Schulter getupft fühlte. Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack
hinter sich stehen; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den
Fingern ab, dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt: »Lass deine Finger
davon, Jakob, ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon
Alles in's Reine gebracht. - Nicht wahr, mein Schatz?«
    Das blonde Mädchen, dem sein Beschützer in diesem Augenblick nicht minder
schrecklich erschien wie sein Verfolger, blickte in die Höhe und wusste nicht,
was es antworten sollte.
    »Sage nur ja,« flüsterte ihr Nanette zu, »das ist doch Zeit gewonnen.«
    »Nicht wahr, mein Kind?« fuhr der Elegante fort, indem er sich unternehmend
durch sein Haar strich; »wir kennen uns schon; sage nur ungenirt diesem Herrn,
dass du mir unbedingt den Vorzug einräumen wirst. Ich denke, da wird keinem
vernünftigen Mädchen die Wahl schwer werden.«
    Als ihre Begleiterin sie nochmals anstiess, hauchte das arme Geschöpf ein
leises Ja, worauf eine tiefe Röte ihr Gesicht überflog, und sie den Kopf weit
herab auf die Brust sinken liess.
    »Ich bitte, sich also nicht weiter zu bemühen,« sagte der neue Beschützer zu
dem Lakaien. »Komm hinter dem Tische vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich
auch weiss, dass man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht, so soll es mir doch
gar nicht darauf ankommen, dir nötigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu
zerschlagen. - Aber darum keine Feindschaft.«
    »Nein, um solche Waare gewiss keine Feindschaft,« entgegnete der Lakai, der
sich schnell fasste, die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig
lachend hinter dem Tische vorkam, worauf Beide zusammen sich wieder an ihren
alten Platz zurückbegaben.
    Die Mädchen blieben stumm neben einander sitzen; Nanette hatte ihre beiden
Hände vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an
ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber schaute sie darüber hinweg und war
in tiefes Nachdenken versunken.
    Nach einiger Zeit stiess die Jüngere sie an und sagte leise: »Können wir
nicht irgend wohin zu Bette gehen? ich bin so furchtbar müde.«
    Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor, liess sich die Frage
nochmals wiederholen und entgegnete alsdann: »Hast du Geld?«
    »Noch zwei Gulden,« versetzte die Blonde, »und ich will sie gern opfern, um
mit Ihnen allein sein zu können.«
    »Nun, es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank,« antwortete
Nanette; »wir können noch ein wenig plaudern.« Dann stand sie auf, ging zu der
Alten hin und sagte ihr leise einige Worte.
    Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlüssel und einen zinnernen Leuchter
mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein, jedoch nicht eher, als
bis sie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang
genommen hatte.
    Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel, die andere ihre Guitarre, und darauf
verliessen Beide das Zimmer.
    Der mit dem schwarzen Frack wandte den Kopf herum. - »Welche Nummer?« fragte
er das Weib.
    »Vierundzwanzig,« entgegnete diese; worauf derselbe beruhigt mit dem Kopfe
nickte.
 
                          Dreiunddreissigstes Kapitel.
                              Sklavengeschichten.
Die beiden Mädchen schritten unterdessen durch den langen Gang bis an eine
Türe, hinter welcher sich eine Wendeltreppe befand.
    Nanette, die hier genau Bescheid zu wissen schien, stieg voran, und ihre
Gefährtin folgte ihr bei dem flackernden Scheine der Talgkerze abermals über
einen langen Gang, dann wieder ein paar Stufen hinab, und so gelangten sie in
Nummer vierundzwanzig.
    Dies war ein ziemlich grosses und kahles Gemach mit einem schlechtem Tische
und ein paar wackeligen Stühlen, einem Feldbett mit Strohsack und
Wollenmatratze, über welche eine alte schwere Decke lag. Von Leintüchern war
nichts zu sehen. Das Zimmer hatte zwei Fenster; in einem derselben fehlten
mehrere Scheiben, der Wind sauste zuweilen herein, und Regen und Schnee hatten
auf dem Boden eine artige Wasserlache gebildet.
    »So, hier wären wir in unserm Appartement,« sagte Nanette; »sehr wohnlich
sieht es gerade nicht aus, aber ich habe schon schlechter geschlafen. Du
vielleicht auch?«
    »Ich - - nicht,« entgegnete die Andere, indem sie ihre Guitarre auf den
Boden niedergleiten liess und einen trostlosen Blick in dem öden Gemach umher
warf; »ich gewiss nicht. Doch wie Gott will!«
    »Schätzchen!« lachte Nanette, »ich glaube fast, du bist eine verwunschene
Prinzess. Ich habe das gleich heute Abend gedacht, als du in der Scheune zu mir
kamst. Es war mir das recht auffallend; aber du musst gestehen: naseweis bin ich
nicht, denn ich habe dich eigentlich noch gar nicht gefragt, woher du so
plötzlich kamst, wesshalb du so ängstlich und erschrocken tatest?«
    »Das ist wahr,« entgegnete das blonde Mädchen, »und ich danke Ihnen recht
sehr dafür. Sie haben mich gerettet; - aber bin ich hier in diesem Hause in
Sicherheit? - dabei schüttelte sie den Kopf und warf einen trostlosen Blick
umher.«
    »Ehe ich sagen kann, ob du hier in Sicherheit bist,« versetzte Nanette, »muss
ich zuerst wissen, was du zu fürchten hast. Als du heute zu mir kamst, da tat
mir dein Jammern weh, und glücklicherweise konnte ich dir helfen. Die blonde
Agnes war mir mit der ganzen Barschaft davon gelaufen, hatte mir aber ihre
Guitarre und, was wichtiger ist, unsere Legitimationspapiere hier gelassen,
unter deren Schutz wir vorderhand sicher reisen können. - Dass du nichts von
Musik verstehst, habe ich schon gemerkt; dein Kleidchen da schaut auch nicht
nach langem Herumreisen aus; also denke ich, du bist irgendwo davon gelaufen.«
    Die Andere nickte stumm mit dem Kopfe und ein Schauder überflog sie,
vielleicht, weil sie an die Vergangenheit dachte, vielleicht auch, weil in
diesem Augenblicke gerade der Wind wieder heftig durch das Fenster herein
sauste.
    »Dich friert,« sagte Nanette. »Weisst du was: lege dich in's Bett unter die
Decke und wenn du warm geworden bist, so erzähle mir von deiner Sache, was du
magst; ich höre gern allerlei Unglück; - und Gutes wirst du mir nicht viel zu
berichten haben.«
    »Können wir nicht die Türe verschliessen?« fragte ängstlich das junge
Mädchen. »Ich sehe ja keinen Riegel.«
    »Die gibt's hier nicht,« erwiderte Nanette achselzuckend; »das Verschliessen
ist gegen die Hausordnung und wird namentlich auf den Zimmern, die wir bekommen,
nicht geduldet.«
    Die Andere faltete die Hände und sah ihre Gefährtin mit einem trostlosen
Blicke an. Dann ging sie seufzend nach dem Bette und legte sich, da sie wirklich
heftig fror, mit den Kleidern auf die Matraze und unter die Decke.
    Nanette nahm einen der Stühle, rückte ihn an das ärmliche Lager und setzte
sich so, dass sie sich mit dem Oberkörper und dem Kopfe ebenfalls auf das Bett
legen konnte, worauf sie einen Teil der Decke über ihren entblössten Busen zog.
- »Also,« sagte sie, »wo kamst du her, das heisst, wenn du mir dein Geheimnis
anvertrauen willst?«
    »Es ist nur ein schreckliches Unglück, aber kein Geheimnis,« versetzte das
junge Mädchen. »Ich kam aus dem Städtchen N., wo ich geboren und aufgezogen
wurde.«
    »Von deinen Eltern?«
    »Nur bis zum zehnten Jahre, dann waren beide todt. Eine entfernte Verwandte
nahm sich meiner an; sie hatte keine Kinder und ich durfte bei ihr bleiben; sie
lehrte mich stricken, nähen und dergleichen, und brachte mich so weit, dass ich
mit sechszehn Jahren einen Dienst annehmen konnte.«
    »Du nahmst also einen Dienst an?«
    »Ja, bei einem jungen Kaufmanne, der eine ältliche Frau und ein einziges
Kind hatte.«
    »Das war von deiner Verwandten nicht klug gewählt.«
    »O doch! Er stand in dem Ruf eines christlichen und frommen Mannes, es
sprach Keiner so schön und gut wie er, und Niemand besuchte häufiger die
Kirche.«
    »Das sind oft die Schlimmsten!« sagte Nanette.
    »Ja, ja, er war schlimm,« fuhr das junge Mädchen fort; »aber ich hatte ja
keine Ahnung davon, ich wusste ja lange nicht, was er von mir wollte. Ach! sein
Kind, das kleine Mädchen, hatte ich sehr lieb und es mich gleichfalls, und er
schien es gern zu sehen, wenn ich mich so recht freundlich mit dem Kinde abgab.
Die Frau war kränklich und reiste jeden Sommer in's Bad.«
    »Dann warst du mit ihm allein im Hause?«
    »Ja,« erwiderte die Andere mit leiser Stimme. Dann fuhr sie fort:
»Anfänglich fiel mir nichts Böses dabei ein, dass er häufig lange dabei stand,
wenn ich mit dem Kinde spielte oder es aus- und anzog, dass er auch wohl seine
Hand auf die meinige legte, ja dass er mich zuweilen scherzend um den Leib fasste.
Ich nahm das Alles ganz unbefangen auf, und umsomehr, da er gleich darauf wieder
ernste und belehrende Worte zu mir sprach, von der Verdorbenheit der sündigen
Welt, dass die Menschen im Allgemeinen so schlecht seien, voll Trug und Arglist,
und dass sich namentlich ein junges Mädchen glücklich schätzen müsse, das in
einem guten Hause ein Asyl gefunden und dem treue Freunde zur Seite ständen. -
Auch - - - auch,« sagte sie mit stockender Stimme, »auch betete er oft mit mir
und nahm mich alsdann bei der Hand und schien so ergriffen zu sein, dass er mich
am Ende zuweilen auf die Stirne küsste.«
    »Schön gemacht!« rief lachend Nanette; »den möcht' ich kennen!«
    »Ich lernte ihn kennen,« fuhr das junge Mädchen fort, indem ein Schauder
über ihren Körper flog. »Aber erst, nachdem ich ein Jahr im Hause war und vor
ein paar Tagen. Die Frau war auf kurze Zeit zu ihren Verwandten gereist, und da
eines Abends, als ich in mein Zimmer gegangen war und -«
    »Das Uebrige kann ich mir denken,« sagte Nanette, während sie mit einer Hand
ein Stück von der Decke zusammen ballte; »du bist ein schwaches Geschöpf, du
hattest nicht den Mut zu widerstehen, auch nicht die Kraft dazu -«
    »O ja,« entgegnete die Andere, »ich hatte Kraft und Mut zum Widerstand. -
Und das war vielleicht gerade mein Unglück. Gott im Himmel! als er mich mit
geballten Fäusten verliess, da sagte er es mir vorher, gab mir auch noch eine
halbe Stunde Bedenkzeit, mich seinem Willen zu fügen, sonst wolle er mich
zertreten wie einen Wurm. Er sei der Herr und ich ein armes, wehrloses Geschöpf,
- seine Sklavin, ich müsse mich glücklich schätzen, wenn er ein Wohlgefallen an
mir fände. - Eine halbe Stunde gäbe er mir Bedenkzeit, und wenn ich ferner ein
angenehmes und vergnügtes Leben führen wolle, so solle ich meine Zimmertüre,
die er offen stehen liess, hörbar schliessen und wieder öffnen. - Aber ich tat es
nicht; ich warf die Türe in's Schloss und schob den Riegel vor.«
    »Du hattest einen Geliebten?« fragte Nanette, indem sie lächelnd den Kopf
herum wandte; »gewiss, du hattest einen!«
    »Woher können Sie das wissen?« fragte erschreckt das junge Mädchen. Dann
verbarg sie verzweiflungsvoll ihr Gesicht in das grobe Kissen und versetzte:
»Ja, ich hatte einen; aber ich habe ihn verloren, wie Alles auf dieser Welt.«
    »Das habe ich mir gedacht. - Aber nun weiter! obgleich ich mir denken kann,
was erfolgte.«
    Das Mädchen wischte ein paar Tränen aus ihren Augen, richtete sich in dem
Bette empor und sagte mit leiser Stimme: »Nein, Sie können sich das Schreckliche
nicht denken, was nun erfolgte. Ich wurde am andern Morgen aus dem Hause gejagt;
- ich hätte gestohlen, sagte er. Was weiss ich, wie er es gemacht, aber als ich
mit dem kleinen Kinde von der Strasse herein kam, war er mit der Köchin auf
meinem Zimmer; ich musste meinen Koffer öffnen und da fanden sich allerlei
Sachen, von denen nur der barmherzige Gott wissen kann, wie die hinein
gekommen.«
    Bei diesen Worten drehte sich die andere langsam herum und schaute ihre
Gefährtin mit einem langen und prüfenden Blicke an. Dann warf sie die Oberlippe
in die Höhe, schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Das war sehr dumm. - Und die
Polizei -? Doch was brauche ich da zu fragen! Ich kenn' das ja; was sind wir
arme niedergetretene Wesen, wenn so eine fromme, christliche Seele Böses gegen
uns aussagt, und wenn überdies noch der Schein gegen uns spricht! - O,« fuhr sie
fort und ihre Augen schossen Blitze, »ich hatte eine Schwester, der es gerade so
erging, eigentlich noch viel schlimmer, denn auch sie, ein junges unschuldiges
Mädchen, sollte sich ihrem Herrn ergeben, und als sie sich weigerte,
beschuldigte man sie allerhand schlimmer Sachen, worauf mein Vater Jenem volle
Macht verlieh, die Widerspenstige zur Ordnung und Zucht zurück zu bringen. - Das
wurde denn auch mit Hunger und Schlägen probirt, und nachdem sie das eine
Zeitlang ertragen, kehrte sie denn freilich zur Ordnung zurück, aber die Zucht -
war von der Stunde an beim Teufel. - Doch weiter! - Sie steckten dich ein?«
    »Sie wollten es tun,« fuhr das junge Mädchen unter nieder strömenden
Tränen fort, »aber er hatte einen Buchhalter, der bat für mich.«
    »Ah! der Buchhalter? -«
    »Und darauf jagten sie mich einfach aus dem Hause mit der Weisung, nicht
wieder zu kommen. O, das war von Allem der entsetzlichste Moment; ich musste mir
ein Bündel mit dem Notwendigsten zusammen packen, und da ich vorn zur Haustüre
nicht hinaus wollte, - es waren da böse Leute, die von der Geschichte gehört
hatten und auf mich warteten, - so öffnete mir der Buchhalter die Türe des
Gartens, die auf das freie Feld führte. Ich fasste in meiner Verzweiflung mit der
Hand so heftig in die Dornenhecke, dass mein Blut heraussprang und auf den Schnee
tropfte; dann sah ich hinauf an den grauen Winterhimmel und auf den weissen,
weissen, einförmigen Schnee, der sich so weit und unabsehhar vor mir ausbreitete.
Da war nichts Lebendes zu sehen als eine Schaar Raben, die schreiend über das
Feld wegflogen. - Sehen Sie, Henriette, sagte der Buchhalter, da hinaus wenden
Sie Ihren Weg, und wenn Sie auch schwer gefehlt haben, er, der die Raben auf dem
Felde nährt und die Lilien kleidet, wird sich auch Ihrer erbarmen.«
    »Er war fromm wie der Herr,« sagte höhnisch Nanette.
    »Darauf wollte er durch den Garten zurück, aber ich schrie laut auf und
versuchte, freilich etwas verworren und unklar, ihm den Verlauf des Ganzen zu
erzählen. Aber er schüttelte den Kopf und sprach: Henriette, fügen Sie nicht zu
dem, was Sie getan, auch noch Verläumdung und Lüge. Ich kenne den Herrn, - das
ehrbarste und beste Gemüt, und so gut, so gut, er könnte einem Kinde nichts zu
Leide tun. - Da raffte ich mich zusammen, erhob die Hand und sagte: die Schande
überlebe ich nicht, ich tue mir ein Leides an und mein Blut komme über ihn.
Damit sprang ich in das Feld hinaus und erst, als ich schon ziemlich weit
gelaufen war, blickte ich nochmals um. Da stand er noch immer an der
schneebedeckten Hecke und blickte auf die roten Blutstropfen, die dort von
meinen Fingern niedergefallen waren.«
    »Das war eine Strafe für ihn!« rief Nanette. »Denn als er das Blut sah,
fürchtete er sich und dachte an deine letzten Worte.«
    »Ich tat mir aber kein Leides an,« fuhr bitter lächelnd das arme Mädchen
fort; »ich hatte nicht den Mut dazu, und als ich an einen Fluss kam, wo die
Eisschollen neben und über einander hin schliffen, da schauderte mich und ich
eilte wieder von dem Ufer hinweg. Ich lief, bis es Abend wurde, und dann kam ich
an die offen stehende Scheune, wo ich Sie fand.«
    »Das ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Sklavengeschichte, wie sie zu
Dutzenden vorkommen,« sagte das Harfenmädchen. - »Und wenn es dich interessirt,
etwas von mir zu erfahren, so will ich dir gerne damit aufwarten. Eine Ehre ist
der andern wert. Doch ist meine Geschichte ein Bischen anders. - Schau mich
an,« fuhr sie fort, indem sie sich aufrichtete, »ich sehe nicht aus wie Jemand,
der gern duldet und leidet, und damit habe ich mich auch in meinem Leben sehr
wenig abgegeben. Wir waren unserer vier Geschwister, die, als der Vater starb
und uns als Waisen zurück liess, sich noch im Hause befanden, das heisst in zwei
elenden Dachkammern, wo kein Nagel unser war. Die Schwester, von der ich vorhin
sprach, rechne ich gar nicht mit, denn die war damals versorgt; später ist sie
freilich im Spital gestorben. - Nun, wir vier, das kann ich dir versichern, wir
waren gut aussehende hübsche Mädchen; ich kann das schon sagen, ohne mir zu
schmeicheln, denn es ist ja schon ziemlich lange her. Nun hielten wir einen
Familienrat, dem eine alte Tante beiwohnte, welche uns versicherte, es könne
uns nicht fehlen, wenn wir arbeiten wollten und Lust hätten, uns ehrlich
durchzuschlagen. dabei sprach sie achselzuckend von der fünften Schwester und
ermahnte uns, an der ein Exempel zu nehmen und meinte, wir sollen recht
tugendhaft bleiben. Aber die Alte hatte gut reden! Die Tugend ist eine schöne
Sache für vornehme und reiche Mädchen; da leuchtet sie und glänzt, und wenn sie
auch schon Schaden gelitten hat, das tut nichts, da wird sie doch als
vollkommen unverletzt dargestellt und es wagt Niemand, öffentlich daran zu
rühren. - Aber bei uns armen Geschöpfen, da glaubt Jeder, in dessen Klauen wir
gerade fallen, wir seien für ein mageres Brod sein mit Leib und Seele, als hätte
er uns auf dem Sklavenmarkte gekauft. - Ich versichere dich, anders sehen es die
Meisten, bei denen wir um's Taglohn arbeiten, gar nicht an.«
    »Ich kam denn auch gleich in die Hände eines solchen Herrn, eines
Fabrikanten, der seine Arbeiterinnen ansah wie der Türke seinen Harem, und der
uns mit einem Draufgeld, welches wir erhielten, förmlich von seinen
Unterhändlern kaufte. Ich hatte Wind davon erhalten und wollte nicht zu ihm;
aber ein altes Weib, das er zu mir schickte, und die er ausserordentlich
bezahlte, wusste mir die Sache recht lockend darzustellen. Ich ging also in die
Fabrik, aber nicht in die Falle; und als nicht lange darauf der entscheidende
Moment kam, erhielt mein Herr ein paar tüchtige Ohrfeigen, was meine sämmtlichen
Kolleginnen in's höchste Erstaunen setzte, denn die und - Gott verzeih' es ihnen
- auch viele ihrer Eltern, hatten sich oder die eigenen Kinder zu allen Diensten
förmlich verkauft, und wenn so ein unglückliches Geschöpf sich wohl bisweilen
gewaltig wehrte und um Schonung und Erbarmen flehte, so wurde sie meistens von
den Anverwandten zur Pflicht zurück geführt. - Ha! ha! ha!« unterbrach sich das
Mädchen mit einem lauten Gelächter, »ich versichere dich, es gibt keine grössere
Sklaverei, als die der tausend armen Mädchen, worunter auch wir gehören, mögen
sie nun sein, was sie wollen. - Sklaverei in jeder Richtung; harte Arbeit, kaum
das tägliche Brod, um nicht Hungers zu sterben, Misshandlung aller Art, geistige
und körperliche; - und zuletzt wirft man sie weg, nachdem nichts mehr an ihnen
zu verderben ist. Und wenn man von Menschenhandel sprechen will, so lasse man
nur Einige von uns ihre Geschichte erzählen, das gebe ein artiges Buch zusammen,
dass Jedem, der es lesen würde, die Haare zu Berge stehen könnten.«
    »Natürlicherweise verliess ich am gleichen Tage, wo ich mich mit dem Herrn
entzweit, die Fabrik. Ein junger Musiklehrer, den ich kennen lernte, fand, dass
ich eine gute Stimme, auch hinreichendes Taktgefühl; er unterwies mich eine Zeit
lang, und dann suchte und fand ich eine Anstellung als Choristin bei unserm
Stadtteater.«
    »Das war aber dieselbe Sklavenanstalt wie die Fabrik, das kann ich dich
versichern, ja insofern noch viel schlimmer, weil es dort nur einen, hier aber
viele Herren gab. Auch versteht es sich ja von selbst, dass so eine junge
anfangende Choristin in nichts widersprechen darf, wenn sie nur die geringste
Aussicht haben will, zu Etwas zu kommen, um gerade vom Hungertode bewahrt zu
sein. Der Direktor selbst warf mir freundliche Blicke zu; sein Bruder, Regisseur
und erster Tenorist, trug sich mir zum Lehrer an; er wolle meine Stimme
ausbilden, sagte er, und nebenbei ein kleines Verhältnis mit mir eingehen. Ich
wies das Alles anfänglich zurück und dachte, wenn ich recht fleissig sei, meine
Schuldigkeit im Gesang tue, nie zu spät komme und dergleichen mehr, so könne
man nichts weiter von mir verlangen. Ich wollte damals trotz der gemachten
Erfahrungen noch nicht einsehen, dass wir eine Klasse von Geschöpfen sind, die
sich einmal verkaufen müssen, um ihr tägliches Brod zu erwerben.«
    »Da war aber auf jenem Teater eine alte würdige Frau, - sie spielte
Anstandsdamen und souflirte zuweilen, - ein sehr praktisches Weib, ich sehe sie
heute noch vor mir mit ihrem dicken rotkarrirten Shawl, einem grossen Beutel am
Arm, worin sie Bücher und Obst hatte, eine Brille auf der Nase und mit der
Schnupftabaksdose, die sie beständig in der Hand hatte. Sie mochte mich wohl
leiden, und eines Tags, als ich dem Bruder des Direktors eine recht schnippische
Antwort gegeben und ihm geradezu den Rücken gekehrt hatte, nahm sie mich in den
dunkelsten Winkel hinter die Koulissen und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme:
Mein liebes Kind, mit der Sprödigkeit geht's nun leider einmal nicht in so
vielen abhängigen Verhältnissen, namentlich nicht beim Teater, und je mehr man
sich dagegen wehrt, um so grösseres Herzeleid macht man sich selber. Tugendhaft
sein, ist eine schöne Sache, aber es gehört Geld dazu, dann ist es sehr angenehm
und leicht. Was sollen aber wir arme Geschöpfe machen? So ein Vorgesetzter, mag
er nun heissen wie er will, peinigt dich bis auf's Blut, und wenn er dich am Ende
fortschickt, so treibt dich der Hunger zu noch viel Schlimmerem. - Aber das ist
ja mehr als Sklaverei! fuhr ich damals auf. Ich habe doch das Recht, zu tun und
zu lassen was ich will; wer will mich zwingen? - Mit Gewalt Niemand, antwortete
darauf die Alte, das geschieht nur höchst selten, und dann bist du ein armes
Schlachtopfer. Aber nein! nein! du musst Alles freiwillig hergeben und doch
gezwungen; das ist die härteste Nuss bei der ganzen Geschichte. - Ich fühlte
wohl, dass sie Recht hatte, aber da ich es so recht deutlich fühlte, ballte ich
meine Hände zusammen und biss mir die Lippen blutig. Doch wollte ich lange, lange
dieser Ermahnung nicht folgen. Aber sie plagten und misshandelten mich auf alle
Weise, sie quälten mich, dass es einen Stein hätte erbarmen sollen. Ich stand
allein da, verlassen, und fühlte, dass ich so gar kein Recht gegen diese
Behandlungen erlangen konnte, ich fühlte es, dass ich nichts sei als eine arme
Sklavin, und wunderte mich nur über mich selbst, dass ich nicht schon gleich
Anfangs dem Befehl des Direktors nachgekommen sei, als er mir sagte, ich solle
in seine Wohnung kommen, er wolle mir eine kleine Solopartie übertragen und mit
mir einstudiren. - Ein ganzes Jahr lang hatte ich ertragen, was ein Mädchen zu
ertragen im Stande ist, wurde von meinen Kolleginnen verspottet, von den Männern
beim Teater auf alle Weise geneckt und geplagt. - Ja, ein ganzes Jahr hatte ich
es ausgehalten, da - nahm ich die mir dargebotene Rolle an und sang eine kleine
Solopartie.« -
    »Warum blieben sie aber nicht beim Teater,« fragte die Andere; »namentlich
wenn Sie Talent dazu hatten?«
    »Ich hatte aber kein Talent,« entgegnete das Harfenmädchen finster; »Alle,
die mir das gesagt, hatten mich belogen: ich hatte nichts als ein hübsches
Gesicht und einen Körper in der Frische der ersten Jugend. Das verlor sich aber
schnell, ich sang keine Solopartien mehr, und da die Truppe, bei der ich mich
befand, bald aufgelöst wurde, so stand ich mit vielen Andern, die sich um mich
so wenig bekümmerten wie ich mich um sie, auf der Strasse. Glücklicherweise hatte
ich von einem der Orchestermitglieder etwas Harfenspielen gelernt, mein altes
Instrument, welches ich jetzt hier habe, wurde mit allem Uebrigen versteigert
und ich erhielt es als Bezahlung, da ich einige Gegenansprüche zu machen hatte.
- So bin ich jetzt reisende Virtuosin geworden,« setzte sie lachend hinzu, »und
wenn ich in der ersten Zeit meiner Laufbahn Manches hinunter schlucken musste, so
habe ich mich jetzt an Vieles gewöhnt und lebe lustig und vergnügt in den Tag
hinein, bis ich einstens - hinter einer Hecke sterbe.« -
    Diese letzten Worte sprach sie so leise, dass sie ihre Gefährtin nicht
verstehen konnte. Auch war diese in ein tiefes Nachdenken versunken, und schrak
jetzt, als Nanette schwieg, aus ihren Träumereien auf.
    »Aber was soll mit mir werden?« sagte sie und faltete ihre Hände. »Was bin
ich schon geworden? - in welches Haus bin ich geraten?«
    »Das sind drei Fragen auf einmal,« entgegnete Nanette, »die schwer oder
leicht zu beantworten sind, wie man will. - Was aus dir werden soll? - Nun,
bleibe vorderhand was du bist, das heisst, behalte die Guitarre und singe mit mir
herum. Du dauerst mich und wenn ich dich jetzt fahren lasse, so bin ich
überzeugt, dass du bald in schlechte Gesellschaft gerätst.«
    Das junge Mädchen sah bei diesen Worten ihre Gefährtin mit einem sonderbaren
Blicke an.
    Darauf erwiderte diese lachend: »Ich weiss wohl, wesshalb du mich so komisch
betrachtest; du meinst, die Gesellschaft, in der du dich gerade befindest, sei
auch eben nicht die respektabelste. Doch glaube das nicht; ich bin reisende
Künstlerin, und wenn ich will, kann ich mein Brod auf ganz ehrliche und
unbescholtene Art verdienen. - Aber,« setzte sie leiser hinzu, »die Verführung
ist so gross. - Deine andere Frage, was aus dir schon geworden sei, kannst du dir
am besten selbst beantworten; und drittens endlich, was die Beschaffenheit des
Hauses, in dem wir uns gerade befinden, betrifft, so heisst dasselbe der
Fuchsbau, macht billige Zechen und gewährt hinlänglichen Schutz vor der Polizei
mit ihrem Anhang. - Für tugendhafte Frauenzimmer,« fügte sie bei, indem sie
ihren Kopf und Oberkörper auf die Decke zurückwarf und sich lange ausstreckte,
»für tugendhafte Frauenzimmer ist das Haus freilich ein wenig gefährlich, denn
es sind hier an den Türen keine Riegel zum Verschliessen. - Und du scheinst mir
noch recht tugendhaft zu sein?«
    »Ach mein Gott!« seufzte das Mädchen und verbarg eine Zeit lang ihr Gesicht,
das auf's Neue von Tränen überströmt wurde, in beide Hände. - Welch'
unsägliches Elend war nicht seit so kurzer Zeit über dies arme Geschöpf herein
gebrochen! Vor ein paar Tagen noch war sie in einem vor der Welt anständigen
Hause, in einer guten Stellung, freundlich behandelt, ja zu freundlich, mit der
Aussicht auf eine ruhige und behagliche Zukunft. - Und nun aus Allem dem
herausgerissen, in diese unheimliche Welt hinein geschleudert, sah sich das
junge, bis jetzt noch unverdorbene Mädchen an die Gefährtin, die vor ihr sass,
gewiesen, und musste sich glücklich schätzen, dass das Harfenmädchen sich ihrer
annahm und ihr Schutz gewährte. Aus ihrem netten Stübchen, wo das Bett des
kleinen Kindes stand, das sie so sehr liebte, befand sie sich jetzt mit einem
Mal in dem öden Gemache des verrufenen Hauses, wo Wind und Schnee zu dem offenen
Fenster herein jagte, und wo einmal über das andere Mal ein Schauder ihren
Körper überflog und die Kälte ihre Glieder erschütterte. Auf Augenblicke hielt
sie alles Das für einen Traum, sank in sich zusammen und schloss die Augen fest,
um vielleicht freundliche Bilder, die sie umgaukelten, festzuhalten. - Jetzt
aber fuhr sie wieder empor, warf ihre Blicke auf die Gefährtin, die neben ihr
ruhte, und fühlte alsdann, wie sich ihr Herz in tiefem Schmerz krampfhaft
zusammen zog.
    »Nun, antworte mir,« sagte Nanette; »du hast lange genug überlegt. Du
behältst Guitarre und Papier der fortgelaufenen Agnes, ich bringe dir morgen ein
paar Akkorde bei, lehre dich einige Lieder, und mit deinem Gesichte, mit den
verschämt niedergeschlagenen Augen, können wir in den Gastöfen gute Ernte
machen. - Aber,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »ich fürchte, du wirst zu
vornehm tun, und was das anbetrifft, da muss ich wahrhaftig zu dir sprechen, wie
seiner Zeit die alte Teaterprinzess zu mir. - Reisende Musikantin zu sein ist an
sich nicht so übel, aber du verkaufst dich dadurch der ganzen Welt: der Sechser,
der in meinen Teller fällt, ist ja nicht für unser Spiel und Gesang, - er gilt
meinem vollen Busen oder deinen sanften schmachtenden Augen, deinem schlanken
Wuchse. Und darauf glaubt der, der ihn gespendet, sich ein Anrecht erworben zu
haben.«
    »O Gott! mein Gott!« jammerte das Mädchen.
    »Aber man gewöhnt sich daran,« fuhr finster die Andere fort. »Es gibt
freilich Leute, die das nicht glauben und die nicht begreifen wollen, warum so
ein armes Harfenmädchen, das sich auf's Unverschämteste muss begaffen lassen, das
jede freche Hand berühren darf, nicht lieber in's Wasser springt, um so seiner
Schande und seinem Dasein ein Ende zu machen. Aber die das nicht begreifen,
kennen unsere Lage nicht, obgleich sie so gern aus ihrem warmen Zimmer, von
ihrem guten Mittagessen hinweg achselzuckend über uns und unseres Gleichen
urteilen. - Aber entschliesse dich! Es ist das Beste, was du ergreifen kannst;
denke nicht, dass du nach Hause zurückkehren kannst: dein Herr ist gezwungen, die
Klage gegen dich aufrecht zu erhalten. In den Augen der Leute dort bist und
bleibst du eine Diebin.«
    »O stille! stille!« bat das arme Mädchen, die sich in den heftigsten
Seelenleiden auf dem Bette krümmte wie ein zertretener Wurm.
    In diesem Augenblicke hörte man Etwas auf dem Gange schleichen und eine
Hand, welche an der Türe vorbei rutschend die Klinke suchte.
 
                          Vierunddreissigstes Kapitel.
                                     Er! -
»Was ist das?« fragte entsetzt das junge Mädchen, indem sie sich erhob und
ängstlich lauschte.
    »Es wird der im schwarzen Fracke sein, dem du vorhin seine Frage bejahtest.
Er kommt nun, wie er mit dir ausgemacht.«
    »Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht!« schrie das Mädchen im Tone der
Verzweiflung. »Nichts! nichts! Gott erbarme sich meiner! - O helfen Sie mir! was
soll ich tun?«
    »Mit mir ziehen, dich unter meinen Schutz begeben,« entgegnete ruhig das
Harfenmädchen, ohne den Kopf zu erheben, - »aber warum sich auch so gewaltig
sperren? - Oder ihm folgen!«
    »Eher den Tod! - ich stürze mich dort zu dem Fenster hinaus.«
    »Bist du so tugendhaft?« fragte Nanette mit einem zweifelhaften Lächeln.
    Die Andere gab keine Antwort, sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen
nach der Türe.
    »Gewiss und vollkommen tugendhaft?« fuhr das Harfenmädchen dringender fort zu
fragen, und richtete sich halb empor, um die Antwort ihrer Gefährtin besser
vernehmen zu können.
    Doch schien diese den Sinn der Frage nicht gleich zu verstehen, und als sie
ihn endlich begriffen, zuckte sie zusammen, blickte empor und sagte mit
aufgehobener Hand: »Ja, ja! bei Gott im Himmel! ja!«
    »Ah! wenn das ist,« sprach lustig Nanette, »so wollen wir diesen Tölpel
ablaufen lassen; das wären Perlen vor die Säue geworfen!«
    Jetzt öffnete sich langsam die Türe; der Mann, von dem das Harfenmädchen
vorhin gesprochen, und der sich drunten zum Beschützer der Andern aufgeworfen,
erschien wirklich und blickte vorsichtig in das Gemach. In der Hand trug er ein
ausgelöschtes Licht. - »Das ist heute ein furchtbarer Sturm,« sagte er lächelnd;
»wo der Wind die geringste Öffnung findet, da fährt er herein.«
    »He, was soll's?« rief Nanette, indem sie sich halb erhob und dabei eine
Faust unternehmend in die Seite stemmte. »Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei
uns anzünden? - Nun, darauf soll es mir meinetwegen nicht ankommen.«
    »Das weniger,« entgegnete grinsend der Eingetretene; ich hätte wohl die
Absicht, euer Licht ebenfalls auszulöschen.
    »Nun, ich will Euch was sagen, Sträuber,« erwiderte das Mädchen mit
bestimmtem Tone, »für Eure schlechten Spässe sucht Euch ein anderes Zimmer. Wir
haben das unsrige bezahlt und wollen Ruhe haben.«
    »Man will auch von dir nichts, du böses Maul!« sagte der im schwarzen Frack.
»Nimm dich in Acht, sonst sollst du es büssen.«
    Trotz dieser Drohung blieb er aber ruhig an der Türe stehen.
    »Von wem willst du denn sonst etwas?« fuhr das Harfenmädchen fort, indem sie
sich von ihrem Stuhle erhob. »Vielleicht von meiner Schwester? - Willst du sie
vielleicht verkaufen, Sklavenhändler, Seelenverkäufer!«
    »Von deiner Schwester? -hahaha!- du würdest dich freuen. Das ist aber eine
ganz andere feinere Race als die eurige.«
    »Mag es nun eine Race sein, welche es will, so sage ich dir, sie ist für
dich nicht gewachsen, und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machst,
so komme ich dir entgegen; und ich glaube, du kennst mich.«
    »Du bist eine wilde Katze,« versetzte giftig der Andere. »Und wenn du
meinst, ich hätte Lust, mich mit dir herumzuschlagen, so irrst du dich gewaltig.
Ich will nur den Lakaien herauf holen, der soll dich halten und dann kannst du
zusehen.«
    »O, ich habe vor euch Beiden keine Angst, ihr Jauner, ihr miserable! - Nicht
wahr, bei ein paar armen Mädchen habt ihr grosse Mäuler. Soll ich den Matias
bitten, herauf zu kommen? Warte nur, Sträuber; aber ich sage dir im Guten, nimm
dich in Acht!« dabei ging sie einige Schritte vor, und während sie ihm eine
ihrer geballten Fäuste entgegen warf, blitzten ihre Augen. »Dieser Abend ist
noch nicht vorüber, und es müsste mich Alles trügen, wenn der Johann nicht noch
käme. Da will ich dann sehen, was du für ein Gesicht machst, du Vieh, wenn ich
mich über dich beklage.«
    Diese Drohung, so versteckt sie auch war, machte doch auf den Herrn Sträuber
einen sichtlichen Eindruck. Er versuchte zu lächeln und sagte: »Du bist doch in
Wahrheit eines der verwegensten Weibsbilder, die ich je gesehen. Von dir will ja
eigentlich Niemand etwas, ich halte mich an die Andere; und bin ich nicht in
meinem vollkommenen Rechte, wenn ich herauf komme, hat sie drunten nicht Ja
gesagt?«
    »Ja hat sie allerdings gesagt,« erwiderte das Harfenmädchen, indem sie jetzt
ihre beiden Arme in die Seiten stemmte. »Aber wesshalb hat sie es gesagt? - Du
wirst dir doch wohl nicht einbilden, dass es ihr Ernst war? - Sie hat Ja gesagt,
weil sie sich vor dem Schuft, dem Lakaien, fürchtete. Das wirst du wohl
begreifen; für so dumm halte ich dich doch nicht.«
    Jetzt hörte man drunten im Hause eine helle Glocke mehrmals anschlagen, und
der eigentümliche Ton derselben klang scharf durch die gewölbten Gänge.
    Herr Sträuber zog plötzlich die Augenbrauen in die Höhe, liess die Unterlippe
herab hängen und lauschte aufmerksam.
    »Das wird an der kleinen Hintertüre sein,« sprach Nanette; »Johann kann
nach Hause kommen.«
    »Nein, nein,« entgegnete der im schwarzen Frack eifrig, indem er die
Türklinke wieder in die Hand nahm, »das ist ganz was Anderes - horch! ich kenne
die Glocke.« dabei erbebte er sichtlich, gerade wie Jemand, den ein plötzlicher
Frost überweht oder ein grosses Entsetzen anwandelt.
    »Was gibt es denn?« fragte jetzt auf einmal das junge Mädchen, welches die
Veränderung an dem vorhin noch so kecken Herrn Sträuber bemerkte.
    »Ich weiss nicht,« entgegnete dieser mit leiser Stimme; »aber es gibt was. -
Horch!« dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus. - Aber, sagte er plötzlich,
»löscht euer Licht aus, es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen.«
    »Ist das nicht eine neue Finte von dir?« fragte argwöhnisch Nanette.
    »Nein! nein! sei verdammt!« erwiderte er unruhig, - »aber halte dein Maul!
Wenn du das Licht nicht auslöschen willst, so komm mit vor die Türe, oder bleib
drinnen, wie du willst, aber lass sie mich in's Schloss ziehen. - So - leise!«
    Das Harfenmädchen hatte dem Mann einige Augenblicke forschend in's Gesicht
gesehen, als sie aber da nichts von Hinterlist und Falschheit entdecken konnte,
vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens sah, so siegte die weibliche Neugierde
und sie trat mit ihm auf den finstern Gang hinaus.
    Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem weiten Gebäude, dann aber
hörte man den Klang der kleinen Glocke wieder, und darauf hin wurde in einem
Stockwerke tiefer eine Türe geöffnet, man vernahm schwere Männerschritte auf
den Steinplatten des Korridors und es wurde eine Stimme laut, welche ängstlich
fragte: »Nun was soll's denn eigentlich? - Treibt doch keinen schlechten Spass
mit mir!«
    »Der Lakai!« sagte das Mädchen.
    »Ja, der Lakai,« antwortete schaudernd Herr Sträuber.
    Jetzt verwandelte sich drunten die Stimme desselben aus einem scherzhaften
und bittenden Tone in einen trotzigen und widerspenstigen. - »Nun ja,« hörte man
ihn sprechen, »was soll's denn? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen. Wenn
ich nach Hause will, so kann ich das tun. - Wer hat ein Recht, mich zu halten?«
    Hierauf vernahm man die Schritte wieder, doch statt dass sie wie vorhin in
gleichmässigem Tempo klangen, trampelten sie jetzt eine kleine Weile unordentlich
durch einander. Dann hörte man ein Aechzen aus tiefer Brust und hierauf ein
Schleifen, als schleppe man eine schwere Last mit sich fort.
    »Alle Heiligen!« sagte das Mädchen, »steht uns in Gnaden bei! - da hat's ein
Unglück gegeben.«
    »Noch nicht,« entgegnete schaudernd Herr Sträuber, »aber es gibt
wahrscheinlich eins.« - dabei horchte er mit erneuter Aufmerksamkeit.
    Nachdem das Schleifen da drunten ein paar Sekunden gedauert, hörte man eine
andere tiefe Stimme sagen: »Nun, wenn du lieber auf den Füssen gehen willst, ist
es mir auch recht; aber lass allen Widerstand, der ist hier vergebens.«
    Darauf stiess der Lakai einen tiefen Seufzer aus und entgegnete: »Ich will ja
tun, was man verlangt.«
    Endlich verklangen die Schritte in die Ferne, es schloss sich wieder eine
Türe und Alles war todtenstill wie vorher.
    Die Beiden oben an der Türe lauschten noch eine Weile, dann trat der Herr
Sträuber langsam in das Zimmer zurück. Nanette folgte ihm. - »So sprecht denn!«
sagte sie, »was kann es denn da unten geben?«
    »Weiss ich's!« entgegnete er verlegen, indem er die Achseln zuckte.
    »Ihr wisst mehr, als Ihr sagen wollt. Kanntet Ihr den Klang jener Glocke?«
    »Bst! - bst!« machte Herr Sträuber und zog das Mädchen weiter mit sich in's
Zimmer hinein. - »Er ist im Hause -«
    »Er?« fragte das Mädchen erschreckt.
    »Ja, ja, er,« erwiderte der Andere. »Und ich mache, dass ich fort komme, -
wenn die Türe überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird,« setzte er nachdenkend
hinzu. »Schlaft ruhig! was gehen euch die Geschichten da unten an! Gute Nacht!«
    Damit schlich Herr Sträuber zur Türe hinaus und schritt leise durch den
Gang und die Treppen hinab.
    Das junge Mädchen im Bette hatte sich halb erhoben und sass da, ein Bild der
Angst und des Jammers. Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und hing über ihr
bleiches Gesicht herab, ohne dass sie den Versuch machte, es wegzustreichen. Auch
sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört, hatte das
natürlicherweise für eine Gefahr gehalten, die sie bedrohe, und zitterte am
ganzen Körper. Erst nachdem Herr Sträuber wieder das Zimmer verlassen, atmete
sie tief auf und beruhigte sich etwas.
    Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte: »Leg' dich nur ruhig hin;
an uns denkt heute Niemand mehr. Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite
rücken, ich will mich auch niederlegen, wir haben Platz genug. Vorher aber will
ich das Licht auslöschen.«
    »Lassen Sie es lieber brennen,« bat das junge Mädchen.
    »Nein, das ist gegen die Hausordnung,« entgegnete eifrig die Andere, »man
sähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster, und ich möchte um Alles in der
Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben. - Nein, gewiss nicht!« Damit tat
sie, wie gesagt, drehte die Talgkerze in dem Leuchter um, um sie auszulöschen,
warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefährtin auf das schmale
Feldbett, das unter der doppelten Last bedenklich krachte, auch kaum Platz für
die beiden bot. Die Mädchen aber behalfen sich so gut wie möglich, teilten sich
in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmässigen Atemzüge des
Harfenmädchens an, dass sie ruhig entschlummert sei.
    Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen;
wohl presste sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz, wohl schloss sie die
Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen,
und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein
durchsichtiger Nebel über sie hin. Doch entrückte er sie nicht der Wirklichkeit:
er flog über sie hin, ein leichter, durchsichtiger Hauch, hinter dem
schreckliche, hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben, und den
ein tieferer Atemzug, ein lauterer Herzschlag plötzlich durchriss, um wieder auf
sie einströmen zu lassen, die schreckliche, fürchterliche Wirklichkeit. - Dann
fuhr das Mädchen empor, strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und
blickte um sich; doch konnte sie nichts erkennen: die dichteste Finsternis
herrschte in dem Gemach, und nur ein leichter unbestimmter Schein liess die
Stelle ahnen, wo sich die Fenster befanden. Nach wie vor sauste der Wind durch
die zerbrochenen Scheiben, er heulte um die Ecke des Gebäudes und durch die
winkeligen Höfe. Der einzige freundliche Ton, der an das Ohr des armen Mädchens
schlug, war eine mitleidige Glocke, welche die zehnte Abendstunde anzeigte.
    »O Gott! noch so früh!« seufzte sie. Und dann legte sie sich wieder neben
ihre Gefährtin hin, bemühte sich, ruhig zu sein, und derselbe schreckliche
Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder über sie. - Sie hatte jenen
Diebstahl in der Tat begangen, sie floh, man verfolgte sie. Jetzt stand sie an
der Dornenhecke, die den kleinen Garten umschloss, wo sie schon so glücklich
gewesen; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weissen Schnee und flog mit den
Raben über das Feld hinweg; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und
hackten auf sie los, so dass sie zur Erde niederstürzte und, an allen Gliedern
gelähmt, langsam fortkroch. - So bewegte sie sich mühsam dahin, immer ihre
Verfolger dicht hinter sich, immer eine Faust in ihrem Nacken, die nach ihr
fasste und die mit jedem Pulsschlage näher kam; und es schien Jahre zu dauern,
bis sie die schützenden Mauern erreichte, hinter denen sie sich jetzt befand. -
Ah! endlich einen Augenblick Ruhe! - Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und
dichter, die Gestalten verschwammen im einfachen Grau; sie schienen von unten
herauf zu zerschmelzen: Füsse, Körper und Arme all' der phantastischen Gestalten
schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher, nur die schrecklichen
Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen, die Köpfe mit den seltsam lachenden
und grinsenden Gesichtern, und vor Allem die unzähligen starren Augen, die sie
leuchtend und unverwandt anblickten. - Lange, lange noch sah sie diese Augen
durch den Nebel durchschimmern, als die Gesichter schon längst verschwommen
waren, zuerst als wirkliche Augen, dann als glänzende Punkte, die langsam
zurückwichen, und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe, die zuletzt
ebenfalls in Nichts zerflossen. -
 
                          Fünfunddreissigstes Kapitel.
                             Ein geheimes Gericht.
So mochte das Mädchen eine Zeit lang ruhiger geschlummert haben, da fühlte sie
im Schlafe, dass Jemand ihre Hand ergriff und daran zog. Augenblicklich erwachte
sie, griff um sich, fasste den Arm ihrer Gefährtin; und als sie an demselben
aufwärts tastete, um sich zu überzeugen, dass es auch das Harfenmädchen sei,
welches ihr Handgelenk festielt, bemerkte sie, dass diese es wirklich war, aber
dass sie aufrecht neben ihr im Bette sass. - »Was ist's?« flüsterte das junge
Mädchen angstvoll.
    »Stille!« antwortete Nanette mit leiser Stimme; »ich muss erwacht sein an dem
Schlag der Uhren; es ist elf Uhr. Doch jetzt soeben, als ich wieder einschlafen
wollte, hörte ich leises Schleichen auf den Treppen; - hoch! und jetzt auf dem
Gange.«
    »Was kann das sein?«
    »Vielleicht noch ein später Gast, der nach seinem Zimmer geht. - Aber nein,
das ist der Schritt eines Weibes. O, ich habe ein feines Gehör. Weisst du, das
wird geschärft bei unserem Leben.«
    Und das Mädchen hatte Recht; es waren in der Tat leise schlürfende Tritte,
die langsam näher kamen.
    Die beiden Mädchen lauschten mit zurückgehaltenem Atem.
    Jetzt fasste eine Hand die Türklinke, drückte langsam das Schloss auf, die
Tür öffnete sich und ein Lichtstrahl fiel herein. Doch konnten die Mädchen
augenblicklich nicht erkennen, wer der Träger dieses Lichtes war, denn dieser
hielt die Hand vor das Gesicht und liess den vollen Schein des Lichtes in das
Zimmer fallen.
    »Was soll's?« fragte Nanette scheinbar mit entschlossenem Tone, doch
zitterte ihre Stimme ein wenig. Dann rutschte sie mit voller Geistesgegenwart
vom Lager herab, um stehenden Fusses erwarten zu können, was es gebe.
    Das junge Mädchen hielt ihren Arm umklammert und drückte sich fest an sie.
    »Ja, ich bin recht,« sprach eine Stimme an der Türe; »ich hatte die Nummer
vergessen. Richtig, es ist doch vierundzwanzig.«
    »Ah! seid Ihr es, Frau?« sagte Nanette nach einem tiefen Atemzuge, denn sie
erkannte die Stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke. »Ich hatte Angst,
als Ihr so langsam die Türe öffnetet.«
    »Ei, ei!« entgegnete grämlich das Weib, »du bist doch sonst nicht so
furchtsamer Natur.«
    »Das ist richtig, aber es war heute Abend so unruhig im Hause. - Doch was
soll's, Frau, wollt Ihr zu uns?«
    Die Alte drückte sorgfältig die Türe hinter sich in's Schloss, dann stellte
sie das Licht auf den Tisch und näherte sich dem Bette.
    »Schläft die Andere?« fragte sie.
    »Nein, nein, ich schlafe nicht!« entgegnete eifrig das junge Mädchen.
    »Nun, das ist gut, mein Schatz, dann brauche ich dich nicht zu wecken.«
    »Mich zu wecken? - Barmherziger Gott! Wollt Ihr etwas von mir?«
    »Ich eigentlich nicht, mein Kind, aber -«
    »O Frau, lasst das arme Geschöpf in Frieden!« bat das Harfenmädchen. »Der
Sträuber war da, wir haben Mühe gehabt, ihn hinaus zu bringen. Seht Ihr nicht,
wie das unglückliche Ding vor Angst zittert!«
    »Was Sträuber!« sprach die Frau verächtlich. »Meinst du, ich kümmere mich um
solche Lumpen? - Da ist schon was ganz Anderes im Spiel. - Er ist im Hause,«
setzte sie leiser hinzu.
    »Ich habe es gehört,« erwiderte Nanette. »Aber das kann uns doch nicht
betreffen; er weiss kaum, dass wir in der Welt sind.«
    »Er weiss Alles,« sagte ernst die Frau. »Und der beste Beweis ist, dass ich
hier bei euch bin. Ich habe den Befehl, die da zu holen.«
    »Die da? - das junge Mädchen?« rief entsetzt die Harfenspielerin und sprang
vom Bette, auf welchem sie bis jetzt sass, als habe sie eine Schlange gestochen.
»Alle Heiligen! er lässt sie holen?«
    Die Alte nickte mit dem Kopfe.
    »So hast du wahrscheinlich Schlimmeres begangen, als du mir gesagt,« fuhr
Nanette zu dem Mädchen gewendet fort. »Wozu kann er dich sonst holen lassen! Um
Gotteswillen! Wer bist du? - Ah! du hast mir von Blut an deinen Händen erzählt!
- Grässlich! - Sollte das nicht so zufällig an deine Finger gekommen sein?«
    Das junge Mädchen blickte um sich, als sei es noch immer in einem schweren,
schrecklichen Traume befangen. - »Man will mich holen?« brachte sie endlich
mühsam hervor. Und als die Alte ihr entgegnete: »Ja, ja, drum stehe geschwind
auf!« setzte sie händeringend hinzu: »Wohin will man mich holen? - O, habt
Erbarmen! lasst mich da, ich habe Euch ja nichts zu Leide getan!«
    »Da ist keine Zeit zu verlieren,« sagte kalt die Alte. »Steh auf und bring
deinen Anzug etwas in Ordnung.«
    »O, Sie waren so gut gegen mich!« flehte das arme Geschöpf, indem sie sich
an das Harfenmädchen wandte, das drei Schritte von dem Bette stehen blieb und
mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens auf ihre bisherige Gefährtin blickte.
»Sie wollten mich ja beschützen, lassen Sie mich nicht von hier fort! - Wer kann
etwas von mir wollen? Das muss ein Missverständnis sein; kenne ich doch ausser
Ihnen keine Seele in dem Hause. Nicht wahr, Sie lassen mich nicht fort von
hier?«
    »Er hat's befohlen,« versetzte ernst die Alte, »und da hilft kein
Widerstreben.«
    Das arme Geschöpf blickte fragend zu dem Harfenmädchen hin.
    »Nein, da hilft kein Widerstreben,« sagte auch dieses, »gewiss nicht. Komm,
steh auf und - helfe dir Gott!« setzte sie leiser hinzu.
    Darauf hin liess das junge Mädchen willenlos geschehen, dass ihr die Alte vom
Bett in die Höhe half und dass sich auf einen Wink derselben das Harfenmädchen
näherte, ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm, sie etwas
glättete und dann sorgfältig über ihrem Kopf befestigte.
    Das alte Weib hakte ihr das Kleid zu und bat sie, ihre Schuhe wieder
anzuziehen und sich überhaupt zu beeilen. Dann nahm sie vom Stuhle das Tuch des
Mädchens, hing es ihr um die Schultern und zog sie an der Hand mit sich fort.
    Nanette begleitete sie bis an die Türe, und als das Mädchen dieser dort die
Hand reichte und ihr dankte für die Freundlichkeit, mit welcher sie sie
behandelt, blitzten die dunkeln Augen Nanettens stärker als gewöhnlich, und als
sich nun die Türe hinter den Beiden schloss, rollten ihr ein paar schwere
Tränen über das Gesicht herab.
    Das junge Mädchen liess sich von der Frau führen; alle ihre Kraft war dahin
und ihre Kniee wankten so, dass sie sich mehrmals an die Wand stützen musste, um
nicht niederzufallen, wesshalb sich das Weib veranlasst sah, sie mit einigen
Worten zu trösten. »Habe nur keine Angst,« sagte sie, »es geschieht dir gewiss
nichts. - Nicht wahr, du bist zum ersten Mal hier im Hause?«
    »Ja gewiss,« hauchte das Mädchen.
    »Und du kennst keinen von den Gesellen, die du heute Abend drunten im Zimmer
gesehen? Du hast noch nie mit einem was zu tun gehabt?«
    »O mein Gott, nein, nein!« erwiderte schaudernd die Gefragte.
    »Nun, so weiss ich nicht, was er von dir will, und da kannst du dich auch
ziemlich beruhigen, es wird nichts so Schlimmes sein. Aber jetzt lass' uns eilen,
wir haben schon Zeit genug verloren.« - Damit schritt sie rasch voran, Treppen
auf, Treppen ab, über lange Gänge hinweg, die sich bald rechts, bald links
bogen, dann kamen sie sogar quer durch einen Hof, wieder eine Treppe hinauf, und
hielten endlich an einer Türe stille.
    Die Alte klopfte dreimal an; es wurde augenblicklich geöffnet, und das
Mädchen fühlte sich plötzlich in ein erleuchtetes Zimmer geschoben. Hinter ihr
fiel die Türe wieder in's Schloss, und als sie sich auf dieses Geräusch hin
umwandte, bemerkte sie, dass ihr das alte Weib nicht gefolgt war.
    Das Zimmer war gross, geräumig, mit anständigen Tischen und Stühlen versehen,
und ein mächtiger Ofen verbreitete eine behagliche Wärme. Ein grosser Mann, der
in der Mitte des Gemachs auf und ab ging, wies das Mädchen an, sich auf einen
der Sitze niederzulassen, dann legte er wie vorhin die Hände auf den Rücken und
schritt wieder gleichmütig hin und her.
    Der geneigte Leser, der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt, wolle sich
auch unserem ferneren Schutz überlassen und mit uns in ein anderes Zimmer
treten, das von dem, in welchem sich das junge Mädchen befand, durch ein
kleines, dunkles Kabinet getrennt ist.
    Es war dies ein Gemach, höher und weiter als selbst das Schenkzimmer, doch
auch wie dieses mit eichenem Holz ausgetäfert. Wände und Decke aber waren besser
erhalten, und an letzterer bemerkte man ein ziemlich dunkel gewordenes Gemälde,
sowie gut erhaltene Vergoldungen. Wo hier Fenster und Türen waren, konnte man
nicht gut bestimmen, denn beide waren gleichmässig mit grossen dunklen Vorhängen
versehen, die von dem Fries bis auf den Boden herab hingen. In einer Ecke dieses
Zimmers befand sich ein grosses Kamin, in dem mächtige Holzblöcke stammten;
daneben stand ein alter geschnitzter Tisch, mit einer grünen Decke behängt, und
neben diesem ein Stuhl mit hoher Lehne. Dem Tisch und Stuhl gegenüber in der
anderen Ecke des Zimmers befanden sich mehrere Männer von starkem, kräftigem
Körperbau und verwegenen Gesichtern, aus denen unternehmende Augen hervor
blitzten; Einige von ihnen hatten Bärte, andere waren glatt rasirt. In ihrer
Mitte war jener Mann in der Livrée, den wir in der Schenkstube gesehen und
dessen Stimme wir auf dem Gange gehört. Er stand aber nicht so aufrecht da wie
die Andern, seine Kniee schlotterten, sein Rücken war gekrümmt und seine
bleichen Züge vor Angst verzerrt und entstellt.
    Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers,
und wir ersuchen den geneigten Leser, gleichfalls dahin zu sehen. Dort an dem
Sessel mit der langen Lehne stand ein junger Mann, ziemlich gross, dabei aber
schlank und von den angenehmsten gefälligsten Körperformen und Bewegungen, die
Leichtigkeit und grosse Kraft ausdrückten. Er trug ein sehr eng anliegendes
Beinkleid und hohe glänzende Reitstiefel, die aber bis zu den langen, schweren
Sporen hinunter, wie nach einem starken Ritt, dicht mit Kot bespritzt waren.
Den Oberkörper bedeckte eine Art Blouse von einem dunkelblauen wollenen Stoffe;
die Aermel derselben waren sehr weit, und wenn er die seine, jedoch etwas
gebräunte Hand zufällig empor hob, so fielen sie zurück und zeigten weisse,
glänzende Wäsche. Um den Leib trug er einen ledernen Gürtel, und an der linken
Seite desselben hing ein Tscherkessendolch, eine jener furchtbaren Waffen, die
ungefähr andertalb Schuh lang, oben handbreit sind, und nach unten spitzig
zulaufen. Die Scheide war von dunklem Leder, mit Stahl und eingelegtem Golde
verziert, und der Griff bestand aus weissem Elfenbein, hatte aber an der Spitze
einen gewaltigen Eisenknopf, der offenbar dazu diente, im Handgemenge einen
Gegner von oben herab niederzuschlagen.
    Der Kopf dieses Mannes war von ebenso gefälligen und angenehmen Formen wie
der Körper, nur war sein Teint dunkel gefärbt wie der eines Zigeuners, und dazu
passte auch das kohlschwarze Haar, sowie der Bart von derselben Farbe, den er
lang herabhängend trug. Seltsam kontrastirten hiemit die blauen Augen.
    In dem Momente, wo wir unsichtbar eintreten, hatte er den rechten Arm auf
die Lehne des Stuhles gestützt, und die Finger des linken spielten mit dem
Stahlknopfe des Dolchgriffs.
    »So stehen also die Sachen,« sprach er mit einer kräftigen, angenehmen
Stimme, »und da ich nicht gern Jemand ungehört verdamme, so kannst du sagen, was
du noch zu deiner Entschuldigung vorzubringen hast; oder auch sonst Jemand, der
für ihn sprechen will, kann vortreten.«
    Der Lakai schluckte mehrere Male heftig und blickte scheu und zitternd die
Männer an, welche um ihn standen, die ihn aber keines Blickes würdigten und noch
viel weniger eine Silbe laut werden liessen.
    »So sprich denn selbst!«
    »Ach Herr! ich weiss nicht, was ich sagen soll!« jammerte der Gefragte. »Und
wenn es denn gar so arg ist, dass ich jenen freilich überflüssigen Messerstich
getan, so bestrafen Sie mich; aber ich flehe Sie an, machen Sie es nicht so
streng mit mir!«
    »So sei,« antwortete der junge Mann, - »vielleicht zum ersten Mal in deinem
Leben - ehrlich und offenherzig. Jener schändliche, niederträchtige Messerstich
ist freilich schlimm genug, aber ich will ihn dir verzeihen, wenn du mir
gestehen willst, was du sonst noch gegen uns begangen.«
    »Ich sonst noch gegen Sie begangen?« entgegnete bestürzt der Lakai und liess
seine Augen im Kreise umherlaufen; »will ich doch verkrummen und verderben, wenn
ich etwas gegen Sie getan habe.«
    »Sei ehrlich!« sagte ernst der Frager. »Ich rate dir, sei ehrlich oder es
nimmt mit dir ein fürchterliches Ende.«
    »Worin soll ich ehrlich sein? - Ich weiss nichts.«
    »Du weisst nichts?«
    »Nein, nein!« jammerte der Lakai. »Blickt mich nicht so entsetzlich an - ich
- weiss nichts.«
    »Nun, so will ich für dich sprechen,« fuhr der junge Mann fort, indem er vor
den Stuhl trat, sich ein paar Zoll höher streckte und die rechte Hand in die
Seite stemmte, ohne dass aber die linke den Griff des Dolches fahren liess. -
»Passt mir auf, ihr Männer, und erinnert euch, was ich euch schon vor längerer
Zeit von diesem Menschen sagte! Denkt daran, wie ihr für ihn gebeten, als ich
ihn schon vor einem halben Jahre wollte verschwinden lassen, denkt daran!« Diese
Worte sprach er langsam, bestimmt, aber mit solch schauerlicher Kraft und Kälte,
dass jedes derselben wie ein Keulenschlag auf das Haupt des Lakaien niederfiel.
Dann setzte er in gefälligerem Tone hinzu: »Weisst du noch nichts, hast du mir
noch nichts zu sagen?«
    »Nein,« entgegnete der Andere, während er die Zähne über einander biss.
    »Nun wohlan, so will ich für dich sprechen. Ich erfuhr vor ein paar Tagen
zufällig, dass er, dort jener Mensch, sich - zum Polizeidirektor begeben.«
    Dieses Wort wirkte wie ein Donnerschlag sowohl auf den Betreffenden, als auf
die umstehenden Männer. Wie auf ein Kommando fassten ihn zwei derselben an den
Schultern, als scheine es ihnen, er habe die Absicht, zu entfliehen, woran der
Elende jedoch nicht dachte; vielmehr schienen die Kniee unter ihm zusammen zu
knicken, und er wäre vielleicht auf den Boden gestürzt, wenn ihn die Männer
nicht gehalten hätten.
    »Er war also beim Polizeidirektor, sprach dort von einer Verbindung
gefährlicher Menschen, die ihm bekannt sei, und machte sich anheischig, deren
Aufentalt, Schlupfwinkel, kurz Alles, was nötig sei um sich ihrer zu
bemächtigen, anzugeben, wenn ihm dafür eine grosse Summe Geld ausbezahlt würde. -
Er verlangte zweitausend Gulden; der Polizeidirektor aber, ein kluger Mann, der
überzeugt war, es sei unmöglich, dass sich im Gebiete seines Bezirks eine solche
Bande aufhalten könne, glaubte diesen Worten nur halb, und statt den Angeber,
wie ich getan hätte, festzuhalten, liess er ihn laufen, sagte ihm, er solle
wieder kommen, einige Beweise liefern, und machte ihm sogar darauf hin einige
Hoffnung aus die gewünschte Belohnung. - Seht, ihr Männer, ich wache über euch,
denn ich erfuhr diesen Anschlag noch am selben Tage; eure Freiheit und euer
Leben hingen an einem Haare; vergesst das nicht: nur die eure, ich bin ja ein
Wesen, das nicht existirt, das euch beschützt und nur zuweilen hervortritt, um
zu bestrafen, um zu belohnen, - eure Vorsehung, wenn ihr wollt, und wie auch
dieser Fall wieder beweisen wird! - Denn,« fuhr er kälter fort, »der Sekretär
des Direktors war nicht so arglos, wie dieser selbst; er beauftragte einen
sichern Polizeidiener, euren Genossen da zu beobachten, ihn auf Schritt und
Tritt zu bespähen. Aber habt keine Angst,« setzte er hinzu, als er sah, dass die
Männer sich unruhig bewegten, »ich lenkte ihn auf eine andere Fährte und er
verfolgt in diesem Augenblicke einen vollkommen harmlosen Menschen. - Sprich du
nun, habe ich die Wahrheit gesagt? - Verhält sich die Sache so?«
    »Es ist ein Irrtum, Herr!« heulte der Angeklagte; »gewiss, gewiss ein
entsetzlicher Irrtum! O wie käme ich dazu!«
    Statt aller Antwort steckte der junge Mann die rechte Hand unter seine
Blouse, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus derselben ein Blatt Papier, das er
entfaltete und fragte ihn dann ruhig: »Wie heissest du?«
    Der Lakai liess den Kopf auf die Brust niedersinken und gab keine Antwort.
    »Nun, ihr Andern wisst doch, wie er heisst. So lest dieses Blatt, das er dem
Polizeidirektor gab, als ihn dieser um seine Adresse fragte. Vielleicht kennt
Jemand von euch die Handschrift; den Namen aber werdet ihr auf alle Fälle
kennen.«
    Auf einen Wink trat einer der Männer vor, nahm das Blatt, blickte hin,
übergab es dem Nebenstehenden, und so machte es die Runde bei sämmtlichen
Anwesenden. Der Letzte, der sich die Schriftzüge betrachtete, überreichte es dem
jungen Manne wieder, indem er sagte: »Ja, Herr, es ist so, wir sind vollkommen
überzeugt.«
    »Nun denn, so wisst ihr auch, wie ihr einen Verräter bestraft. Nehmt ihn
hinweg! Fort mit ihm!«
    Umsonst versuchte der Verurteilte, das Herz seiner Richter zu erweichen; er
brachte auch keinen zusammenhängenden Satz zu Stande und stotterte nur
unverständliche Worte, dazwischen schluchzte er, schluckte krampfhaft und wand
sich in Todesangst unter den Händen der zwei Männer, die ihn fest bei den Armen
und Schultern hielten. »Gnade! Gnade!« flehte er und wollte vorwärts stürzen zu
den Füssen des jungen Mannes. Dieser wandte verächtlich den Kopf ab und blickte
in die Glut des Kaminfeuers; dabei streckte er die Hand gegen die Männer aus
und sagte: »Es bleibt dabei, lasst ihn ohne Aussehen verschwinden!«
    Während zwei derselben den Verurteilten zu einer Türe hinaus zogen, welche
in entgegengesetzter Richtung von derjenigen lag, die zu dem Zimmer führte, wo
sich das Mädchen befand, trat einer in jenes Gemach zu dem Manne, welcher bis
jetzt ruhig auf und ab geschritten war, nun aber plötzlich stehen blieb und sich
an den Eintretenden mit der Frage wandte: »Wie ist's? - Hat er gestanden?«.
    »Nichts, aber der Herr hat ihn vollkommen überführt.«
    »So wird er verschwinden?«
    »Ja, ich soll es dir sagen. - Aber ohne alles Aufsehen.«
    »Das versteht sich von selbst,« sprach der Andere mit einem unangenehmen
Lächeln. »Es ist spät am Abend, die Strassen einsam, führt ihn hinaus. - Er kann
zufrieden sein, denn er erhält sicherlich einen Nachruf; morgen wird man in den
Blättern lesen, es habe sich ein bedauerliches Unglück zugetragen, der Lakai
eines guten Hauses, so und so mit Namen, sei wahrscheinlich etwas berauscht aus
dem Wirtshaus gekommen und in den Kanal gefallen.«
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel.
                            Jäger und Kammerjungfer.
Nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten, in dem sich der junge Mann
befand, machte dieser ein paar rasche Gänge durch dasselbe, dann trat er vor das
hohe Kamin, stützte seinen Arm auf das Gesims und versank in tiefes Nachdenken.
- »Bah!« sagte er nach einer längeren Pause, indem er sich erhob und um sich
schaute, »lass die Sache gehen, wie sie eben geht. Einer ist einmal der Sklave
des Andern, und der Stärkere hat Recht. Die Idee von einer Wiedervergeltung kann
und will ich nicht leugnen; was heute dem Einen geschieht, kann morgen dem
Andern begegnen, und ich - heute noch Herr dieser ungeachtet alles Trotzes und
aller Wildheit doch sklavischen Naturen - könnte vielleicht morgen vor ihnen
stehen und mein Urteil erwarten. - Ah! es ist doch etwas Schönes darum,« fuhr
er fort und erfasste den Griff seines Dolches, »so Herr zu sein über die ganze
Welt, der Gebieter des Geringsten und des Höchsten, des alten reichen
Podagristen, der uns mit Entsetzen kommen hört, und des jungen, reizenden
Mädchens, das von uns erzählt und vielleicht verstohlen und erschrocken ihrer
Vertrauten sagt, indem sie dabei auf die andere Seite schaut: Ach! es war eine
schreckliche Nacht, und der Letzte, der das Zimmer verliess, trat noch einmal an
mein Bett und hob die Lampe hoch empor. O, ich würde ihn wieder erkennen, denn
ich tat ja nur als ob ich schliefe. - Und das haben mir solch' schöne Lippen
schon selbst erzählt. O, dies Leben ist zu beneidenswert, als dass - es ewig
dauern könnte!«
    Nach diesem Selbstgespräch war er wieder in tiefe Träumereien versunken;
doch raffte er sich rasch empor, schritt durch das Zimmer und zog an einer
Klingelschnur, die sich in der Ecke befand.
    Gleich darauf trat einer der Männer herein. Auf ein leises Wort zog sich
dieser wieder zurück und nach einer kleinen Weile öffnete sich die Türe
abermals, durch welche jetzt der Mann mit dem schwarzen Haar und Bart, den wir
in der Schenkstube schlafend gefunden, herein trat.
    Dieser hielt sich schüchtern in der Ecke, erhob nur ein paar Mal den Blick
verstohlen, um den jungen Mann zu betrachten, der wieder neben dem Lehnstuhle
stand, ihn langsam und forschend ansah und dann zu ihm sprach: »Es ist dir
schlecht ergangen, wie mir scheint, Josef?«
    »Sehr schlecht, Herr,« entgegnete der Gefragte.
    »Es ist seltsam aber wahr: was der Teufel einmal gefasst hat, lässt er nicht
sobald wieder fahren. Wenn wir auch unseren Nebenmenschen gegenüber ziemlich
freie Geschöpfe sind, so sind wir andernteils doch wieder erbärmliche Sklaven -
Sklaven unserer Taten, Sklaven unseres Gewissens.«
    »Keines von diesen hat mich wieder hergebracht, obgleich Beide mich oft sehr
gequält,« entgegnete Josef.
    »Ich habe erfahren, dass du kommen werdest.«
    »Ich glaube es, Herr; so was bleibt nicht lange verschwiegen.«
    »Es tut mir eigentlich leid um dich, Josef, denn ich bin überzeugt, dass du
nicht freiwillig zu uns zurückkehrst.«
    »Gewiss nicht, Herr. Aber da ich Sie als gut und grossmütig kenne, da Sie
mich damals bereitwillig ziehen liessen, als ich Ihnen sagte, ich könne es nicht
mehr unter den Genossen hier aushalten und es dränge mich, wieder ein anderer
besserer Mensch zu werden -«
    »Ein besserer Josef?« fragte lächelnd der junge Mann.
    »Verzeiht, Herr, ein anderer denn! - Als Sie mich also ziehen liessen und
mich so freundlich und gütig unterstützten mit Empfehlungen, dass ich alsbald
eine gute Stelle fand und wieder frei atmend unter meines Gleichen treten
konnte, da dachte ich immer an Sie und segnete Ihr Andenken, und als das Unglück
geschehen war, als ich nach dem traurigen Schusse nun wieder ausgestossen aus der
Menschheit dastand, war wieder mein erster Gedanke an Sie und es drängte mich,
zu Ihnen zurückzukehren.«
    »Und zu den Genossen -«
    »Wenn es nicht anders sein kann, was will ich tun?«
    »Du weisst, Josef, dass ich von jeher grosse Stücke auf dich gehalten; ich
hätte dich in meine eigenen Dienste genommen, aber Jemand, der wie ich, wenn ich
mich so ausdrücken kann, nur hie und da erscheint, bedient sich am besten
selbst. Doch scheint mir, du hast deinen grössten Fehler, die Heftigkeit, immer
noch nicht abgelegt. Teufel auch! man schiesst nicht gleich auf seinen
Vorgesetzten.«
    »Wenn er uns aber als sein Vieh, als seine Sklaven behandelt? O Herr, ich
hätte Sie sehen mögen!«
    »Ja, ich stehe für mich gar nicht ein! - Du hast dich verheiratet?«
    »Ja, Herr, es war ein schönes junges Weib.«
    »Das war unklug, Josef, siehst du, die Welt liegt im Argen. Wenn man
Jägerbursche ist und in einem kleinen einsamen Hause im Walde wohnt, da bleibt
man für sich allein und lässt seine ganze Familie aus ein paar guten Jagdhunden
bestehen.«
    »Wenn er mich in meinem Revier gelassen hätte,« sprach der Andere mit einem
trüben Lächeln, »so hätte das gar nichts gemacht. Mein Häuschen lag mitten darin
und ich konnte Alles mit Musse beaufsichtigen.«
    »Und er schickte dich in andere Waldungen?«
    »Meilenweit, so dass ich Tage und Nächte von Hause sein musste. O Herr, es war
nicht klug von ihm getan, dass er mich so auf die einsamen Waldplätze
hinaussandte. Wenn ich da stand, so Stunden lang an irgend eine alte Eiche
gelehnt, und an mein Haus und das Alles dachte, und wenn nun der Abend aufstieg
und ich musste bleiben, wo ich war und ich stellte mir vor, dass sich vielleicht
ein Anderer nach meinem Hause schlich, - Herr, ich versichere Sie, da stand ich
Qualen aus, die kein Menschenherz auf lange zu ertragen im Stande ist. Das Blut
stieg mir siedend zu Kopf, es war mir oft, als hörte ich weit entfernten
Hilferuf; doch war es Täuschung, denn der Hund lag ruhig neben mir und spitzte
nicht einmal die Ohren. Auch wäre es zu weit gewesen.«
    »Und eines Tages verliessest du deinen Posten und gingst nach Haus?«
    »Ja, Herr.«
    »Und fandest Unrechtes?«
    »Ich weiss es nicht genau, Herr; aber es musste wohl so sein. Er kam aus
meinem Hause, und da nahm ich, meiner selbst nicht mehr mächtig, die Büchse -«
    »Genug! genug!« sagte der junge Mann, indem er sich gegen das Feuer
umwandte. »Das Andere wissen wir bereits, auch dachte ich, dass du kommen
würdest, und da ich dir, wie schon früher gesagt, wohl will, sorgte ich für
dich. Der Waldschütze, von dem du so eben erzähltest, hat den Seehafen erreicht
und ist über's Meer -«
    »Ich, Herr?«
    »Her Waldschütze; so stand es in allen unseren Journalen. Auch war seine
Tat für ihn so vorteilhaft beleuchtet, dass Mancher mitleidig an ihn dachte. -
Du bist also ein ganz neuer Mensch und heissest von heute an Franz Karner. Hier
sind die Papiere, mit denen du dich legitimiren kannst.«
    Mit diesen Worten hatte der junge Mann die Brieftasche wieder hervorgezogen
und nachdem er dem Andern ein Zeichen gegeben, näher zu kommen, überreichte er
ihm ein zusammengefaltetes Blatt.
    »Dann ist ferner hier ein Brief,« fuhr er fort, »den bringst du morgen an
seine Adresse. - Lies die Aufschrift!«
    »Herrn Baron von Brand.«
    »Richtig! Dieser Herr wird dir Anweisung erteilen, wohin du dich zu begeben
hast, und soviel ich vernommen, sollst du in einem sehr guten und vornehmen
Hause die Stelle als Jäger erhalten.«
    »O wie danke ich Ihnen, Herr!« erwiderte der Andere gerührt, während er die
Hand des jungen Mannes ergriff und sie an seinen schwarzen Bart drückte. »Möge
Gott mich vergessen, wenn ich Ihrer je vergesse! Aber,« sprach er auf einmal mit
ernstem Tone, »wie kann ich meinem neuen Herrn und zugleich Ihnen dienen?«
    »Auf die einfachste Art; du hast deine Berichte zu machen über Alles, was in
dem Hause geschieht, vornehmlich aber hast du in einem anderen Hause, in welchem
der Vater deines neuen Herrn wohnt, irgend eine solide Verbindung anzuknüpfen,
wenn dies geschehen, es zu melden und darauf meine Befehle in Empfang zu
nehmen.«
    Der junge Mann zog sofort abermals die Klingel und sagte als er die Türe
öffnen hörte, in's Vorzimmer hinaus: »Der Jäger wird anständig gekleidet, du
hast dafür zu sorgen, dass er morgen auf unverfängliche Art das Haus verlässt. -
Lass das Mädchen kommen!« - Dann winkte er Josef freundlich mit der Hand und
dieser zog sich zurück.
    Gleich darauf wurde die Türe zum kleinen Vorzimmer langsam geöffnet und das
Mädchen, welches unter derselben erschien, sanft hineingeschoben. Sie hatte ihre
Tränen getrocknet, doch war ihr Gesicht mit einer erschreckenden Blässe
bedeckt; dabei irrten ihre Augen ängstlich in dem Gemache umher, blieben eine
kleine Weile auf dem lodernden Kaminfeuer haften und erblickten erst dann den
jungen Mann, der sich wie absichtlich hinter die Lehne des Stuhles zurückgezogen
hatte. Sie zuckte erschreckt zusammen; er trat einen Schritt vor.
    »Komm näher, mein Kind!« sagte er. »Nur näher, fürchte dich nicht, - ganz
nah.«
    Das zitternde Mädchen tat wie ihr befohlen wurde, doch machte es so kleine
Schritte, dass es trotz vieler derselben kaum die Mitte des Zimmers erreichte.
    »Hör' auf meine Worte und antworte mir deutlich auf meine Fragen! - Willst
du?«
    »Ja,« brachte sie mühsam hervor.
    »Du kamst heute Abend hier an in Gesellschaft einer Harfenspielerin. - Ich
will dir etwas sagen,« unterbrach er sich, indem er das erschreckte Gesicht des
armen Geschöpfes bemerkte und ihre in diesem Momente fast glanzlosen, weit
aufgerissenen Augen sah, »wenn ich dich etwas frage und es ist so, so brauchst
du meinetwegen nichts zu antworten, wenn es dir schwer wird; dein Schweigen ist
mir Bejahung. - Du trafst also mit dem Harfenmädchen heute Abend in A. zusammen?
Du kamst von N., wo du einem anständigen, frommen Hause entlaufen bist, nachdem
du gestohlen.«
    »Nein, Herr! nein!« erwiderte jammervoll das Mädchen, »bei Gott im Himmel!
das ist nicht so.«
    »Man klagte dich aber an, du habest gestohlen, man jagte dich deshalb fort,
alle Menschen, welche die Sache erfuhren, glaubten deinem Herrn und hielten dich
für eine Diebin.«
    »Aber bei Gott dem Allmächtigen, ich bin's nicht, gewiss, ich bin's nicht!«
    »Möglich,« versetzte der junge Mann, »aber bringe Beweise dafür; gegen dich
liegen deren genug vor. Du bist ausgestossen von der Welt, Jedermann wendet sich
mit Abscheu von dir, was bleibt dir übrig? - Du musstest Schutz bei jenem Mädchen
suchen. Und worin besteht der Schutz derselben? Das will ich dir sagen: sie wird
dich einige Accorde auf der Guitarre lehren, dann ein paar Schelmenlieder; sie
zieht mit dir herum in Gastöfen und Kneipen, und wenn du heute noch keine
Diebin bist, so kannst du es doch in ganz kurzer Zeit werden.«
    Das Mädchen faltete ihre Hände und blickte mit einem Ausdruck des tiefsten
Jammers zu dem Manne auf, der allwissend schien und der ihre Vergangenheit und
Zukunft so schonungslos entüllte.
    »Ich weiss nun nicht,« fuhr dieser fort, »ob du nicht im Grunde eine
leichtfertige Dirne bist, ob dir das Leben, welches ich dir so eben bezeichnet,
nicht vielleicht sehr gut gefällt, ob dir das Herumtreiben nicht lieber ist, als
wenn man es dir möglich machte, auf anständige Art dein Brod zu verdienen.«
    »Nein! nein!« rief das Mädchen aus, und zum ersten Male drückte der Ton
ihrer Stimme nicht Furcht und Entsetzen aus; es war ein Ton der Hoffnung, die
das Wort des Fremden in ihrer Brust geweckt, der ihr Herz plötzlich erfüllte,
und der sich auch in den zitternden Lauten kund gab, mit denen sie »Nein! nein!«
rief.
    »Nun denn,« sprach der junge Mann, »man hat Mitleiden mit dir, man will dich
vom Abgrund zurück reissen, in den du unfehlbar gefallen wärest. Du sollst eine
anständige sichere Existenz haben; du sollst in ein gutes Haus kommen, und es
wird von dir abhängen, ob deine Zukunft gut oder schlecht ist.«
    Das Mädchen erhob bei diesen Worten die Hände, doch zitterten dieselben so
heftig, dass sie kaum im Stande war, sie zusammen zu legen; dann hielt sie
dieselben an ihre Stirne, bedeckte ihre Augen und schien eine Sekunde
nachzusinnen, ob sie vielleicht nur träume und ob sie nicht etwa in irgend einer
Scheune oder wie vorhin in dem Bette neben ihrer Gefährtin erwachen würde. Als
sie aber ihre Hände wieder langsam sinken liess und bemerkte, dass sie sich noch
in dem Gemache befand, in das sie vorhin eingetreten, als sie das Kaminfeuer
noch immer lodern sah und den Blick des jungen Mannes wahrnahm, der teilnehmend
auf ihr ruhte, da war es ihr, als sei dieser ein Engel, vom Himmel zu ihrer
Rettung gesandt. Ihren Augen entfielen die Tränen in grossen Tropfen und sie
sank mit einem lauten Aufschrei zu den Füssen des Fremden nieder, der sie
lächelnd aufhob.
    »Diesen Zeichen glaube ich,« sprach er.
    Das Mädchen erwiderte: »Gott lohne es Ihnen, wenn Sie nichts Uebles von mir
denken. Gewiss! ich habe nicht gestohlen, ich bin nicht schlecht; ich bin nur ein
armes, unglückliches Geschöpf.«
    »Nun gut denn,« erwiderte der junge Mann, der wieder an den Kamin
zurückgetreten war, »man hat sich vorgenommen, für dich zu sorgen. Du sollst in
die Garderobe einer vornehmen Dame kommen, natürlicherweise als ihre letzte
Dienerin, denn ich kann mir denken, dass du nicht viel gelernt hast. Was man im
Allgemeinen von einem Frauenzimmer verlangen kann, wirst du zu leisten vermögen;
das Andere lernt sich bald, wenn man Lust und Liebe zu seinen Geschäften hat. -
Hast du zufällig eine Sprache gelernt?«
    »Etwas französisch,« sagte das Mädchen, »in früher Jugend von meiner Mutter,
die mit ihren Eltern von Frankreich eingewandert ist.«
    »Gut. - Man wird dich nachher in ein ordentliches Zimmer führen, du wirst
dort anständige Kleider finden und morgen früh erhältst du neben der Adresse, an
welche du dich zu wenden hast, einen Pass und eine Instruktion. Letztere wirst du
eifrig studiren, auch dir genau merken, wie du von heute an heissest, denn du
erhältst einen andern Namen, ferner, wo du früher gewesen bist, woher du gerade
kommst, wer deine Eltern sind und dergleichen mehr. Lerne dies genau, denn man
wird dich gewiss darüber examiniren. Verwisch deinen Namen und deine
Vergangenheit aus deinem Gedächtnisse, es ist das für deine eigene Sicherheit
notwendig. - Hast du mich genau verstanden?«
    »Gewiss, gewiss!« entgegnete das Mädchen. »Aber womit kann ich meinen Dank
ausdrücken, womit kann ich Ihnen, meinem Wohltäter, beweisen, wie sehr ich die
unendliche Gnade anerkenne, die mich von einem fürchterlichen Leben zurück
reisst, die mir erlaubt, anderen Menschen wieder frei in die Augen sehen zu
dürfen?«
    »Womit du mir danken kannst? - Das soll dir nicht verborgen bleiben,«
versetzte der junge Mann mit ruhigem Tone. »In deiner Instruktion wirst du eine
andere Adresse finden, eine Hausnummer, den Namen eines Mannes, zu welchem du
dich anfänglich in der Woche einmal zu begeben und dem du alle Fragen, die er
dir stellt, mit der vollsten Wahrheit zu beantworten hast. Er wird zum Beispiel
wissen wollen, wann deine neue Herrin ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt,
was sie zu Hause macht, an wen sie schreibt und dergleichen mehr. Auch wird dir
jener Mann zuweilen einen Auftrag geben, den du pünktlich zu erfüllen hast.«
    Die Rede machte auf das Gemüt des Mädchens sichtlich einen
niederschlagenden Eindruck; sie atmete tief auf, schaute dann zu dem Gesichte
des vor ihr Stehenden empor, und als sie auf demselben keine Spur von Scherz,
sondern den tiefsten Ernst erblickte, liess sie ihren Kopf auf die Brust herab
sinken.
    »Mein Wunsch mag dir hart erscheinen,« fuhr er fort, »aber ein Dienst ist
des andern wert, und was ich dir gebe ist mehr, als was ich von dir verlange.
Du hast aber noch die Wahl, sage Nein und du sollst ungehindert zurückkehren in
das Zimmer, wo du gewesen, zu der Gesellschaft, die du soeben verlassen.«
    Er erwartete eine Antwort, da diese aber nicht erfolgte, sondern das Mädchen
eifrig mit dem Kopfe schüttelte, so sprach er mit erhobener Stimme und
feierlichem Tone, indem er dicht vor sie hintrat: »Wohlan denn! Willst du die
Bedingungen eingehen, die ich dir vorgeschlagen, so reiche mir die Hand und
sage: ich schwöre bei Gott, der mich strafen soll, wenn ich meinen Schwur
breche.«
    Das arme Geschöpf zuckte zusammen, blickte zweifelnd um sich und darauf in
das Gesicht des ernsten Fragers. Als sie aber sah, wie trotz der finstern Worte
seine Züge freundlich waren und sein Auge sie mit Teilnahme betrachtete, als
sie sich die Schilderung zurückrief, die er ihr von dem Leben gemacht, welches
sie mit dem Harfenmädchen führen würde, und als sie an die vergangenen Tage
dachte, an das Haus, aus welchem man sie als Diebin verstossen, da schrak sie
zusammen, blickte scheu hinter sich, als verfolge sie Jemand, und indem sie sich
dem jungen Manne hastig entgegen warf, reichte sie ihm die Hand und sagte: »Ich
schwöre es!« -
    Doch war in den letzten Tagen, namentlich aber an dem heutigen Abend zu viel
Entsetzliches auf das Herz des bis jetzt so unerfahrenen Mädchens eingestürmt;
ihre Kraft verliess sie, sie sah das Feuer des Kamins vor ihren Augen hoch
emporlodern, dann fühlte sie, wie sie in die Kniee sank, worauf sich dichte
Schleier um ihr Haupt zu ziehen schienen, diesmal aber ohne Traum, ohne
schreckliche Gestalten.
    Als der junge Mann sah, dass sie ohnmächtig wurde, umschlang er mit seinem
linken Arm ihren Leib und hielt sie sanft aufrecht, während er mit seiner
Rechten aus der Blouse ein Taschentuch hervorzog und ihr damit über das Gesicht
fächelte. Sie lag da wie schlafend in seinen Armen, und als er sich über sie
niederbeugte, um den wiederkehrenden Atem zu erspähen, bemerkte er erst das
liebliche Gesicht des jungen Geschöpfes, die schönen, regelmässigen Züge, die
seinen, jetzt schmerzhaft zusammen gepressten Lippen. Es war nichts Derbes,
nichts Ungraziöses an ihrer Gestalt, und er hielt es leicht in seinem Arm, das
kleine, warme, eben erst aufgeblühte Mädchen.
    
    »Wenn ich nun ein gewöhnlicher Sklavenhändler wäre, wie so viele meiner
geringen und vornehmen Kollegen,« sagte er, »so könnte ich mir leicht für meine
Wohltaten einen süsseren Dank nehmen. Doch begnüge ich mich mit einem einfachen
Kusse auf diese gewiss unentweihten Lippen, mit einem Kusse, der ihren
Seelenfrieden nicht stören wird, da sie ihn unbewusst empfängt.«
    Damit beugte er sich auf sie nieder, küsste sie leicht auf den kleinen Mund,
und als er nun sah, wie ihre Brust von stärkerem Atem geschwellt, sich wieder
höher hob, hielt er ihr abermals das Taschentuch vor das Gesicht und bald schlug
sie die Augen auf.
    »Das ist mir nie geschehen,« sagte das Mädchen nach einer längeren Pause,
indem sie leicht errötend einen Schritt von dem Manne zurück trat. »Ich bin in
den letzten Tagen recht schwach geworden.«
    »Das ungewohnte Leben,« versetzte er; »nun, du wirst dich schon wieder
erholen! - Jetzt aber verlass mich, geh' zurück in das Gemach hier nebenan, da
wirst du die alte Frau finden, die dich hergeleitet. Sie zeigt dir ein Zimmer
und ein gutes Bett; lege dich ohne Furcht hinein, du könntest im Himmel nicht
mit grösserer Sicherheit ruhen, als jetzt hier in diesem Hause.«
    Das Mädchen, im Begriffe diesem Befehle Folge zu leisten, blieb einen
Augenblick schüchtern an der Türe stehen und sagte mit niedergeschlagenen
Augen: »Und Ihnen darf ich später nicht mehr danken, wenn ich in dem Hause
aufgenommen bin?«
    »Nein, nein!« entgegnete eifrig der junge Mann, »ich glaube und hoffe nicht.
Wir Beide werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen.«
    »So will ich denn für Sie beten,« erwiderte sie, »recht innig und inbrünstig
für Sie beten, indem ich Ihnen oftmals und herzlich danke für das, was Sie an
mir getan. Und so oft ich diesen Dank ausspreche, werde ich gerne an Sie
denken.«
    »Amen!« sprach er mit lauter Stimme, nachdem die Türe hinter ihr
geschlossen war und der Vorhang wieder herab fiel. »Hätte ich in meiner ersten
Jugend,« sagte er nachsinnend, »vielleicht ein solches Mädchen gefunden, es wäre
Manches anders gekommen. Aber so geht es, wenn man immer aufwärts blickt und
deshalb mit den Füssen so Vieles zertritt. Dies Geschöpf, gut erzogen, in Sammet
und Seide gekleidet, könnte eine Herzogin vorstellen. - Wir wollen sie nicht aus
den Augen verlieren.«
    Nachdem er diese Worte laut vor sich hin gesprochen, hob er rasch den Kopf
empor, ging abermals an das Vorzimmer und sagte dem Manne, der draussen war,
einige Worte; dann kehrte er zurück, nahm von einem Tische einen breitkrämpigen
Hut, trat wiederholt hinter den grossen Lehnstuhl und war plötzlich aus dem
Zimmer verschwunden, ohne dass eine Türe nur im Geringsten geknarrt, ohne dass
einer der Vorhänge sich nur im Mindesten bewegt hätte.
    Da wir aber in einem aufgeklärten Zeitalter, das nicht an Hexerei glaubt,
leben, und wir auch nicht die Absicht haben, ein Märchen zu schreiben, so
versichern wir den geneigten Leser, dass Alles auf die natürlichste Art von der
Welt zuging. Neben dem Kamine befand sich eine verborgene Türe, durch einen
Druck an einer gewissen Stelle spielte eine Feder, und die Türe drehte und
schloss sich vollkommen geräuschlos.
    Der junge Mann aber stieg eine Wendeltreppe hinab, schritt durch ein paar
lange dunkle Gänge und trat durch eine gleiche Türe, wie die neben dem Kamin
war, in's Freie. Ehe er aber dieses betrat, nahm er aus einer Nische im eben
erwähnten Gange einen Mantel, den er leicht über sich warf, so Blouse und Dolch
verdeckend. Hierauf schritt er eilig durch die Strassen dahin, in welchen noch
immer Wind, Regen und Schnee ihr tolles Wesen trieben, und verschwand bald in
der Dunkelheit.
    Dem Mädchen geschah droben, wie er vorausgesagt: die Alte führte sie auf's
Freundlichste in ein kleines, behagliches, warmes Zimmer, sie half ihr beim
Entkleiden, legte sie sorgsam zu Bette, indem sie ihr freundliche Worte sagte
und sie schmunzelnd pätschelte, wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem Kinde zu
machen pflegt. - Bald schloss sie ihre Augen, doch konnte sie nicht begreifen,
dass sie ohnmächtig geworden, und nicht vergessen, wie sie darauf so plötzlich in
den Armen des jungen Mannes erwacht sei. Und vorher hatte sie ein
eigentümlicher Duft umweht, so merkwürdig sein, als wenn sie in Rosen gelegen,
oder als hätte Jemand eine der prachtvollsten Centifolien recht nahe an ihr
Gesicht gedrückt.
 
                         Siebenunddreissigstes Kapitel.
                           Ueber das Husten bei Hofe.
Der junge Graf Fohrbach hatte wieder einmal Dienst im Vorzimmer Seiner Majestät.
Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren, so kam die Reihe ziemlich häufig
an ihn. Ehe er sich in das Schloss begab, war zu Hause nichts Wichtiges
vorgefallen; er hatte keinen Besuch wie damals, deshalb frühstückte er auch in
aller Stille allein und zündete sich darauf eine Cigarre an, die heute mit
besonderem Genuss geraucht wurde, denn sie war für diesen Tag, wenigstens bis zum
späten Abend, die einzige und letzte. Dazu waren die Türen in's Ankleidezimmer
wie immer fest verschlossen, damit nicht die leiseste Ahnung eines Tabakgeruchs
sich in der Uniform festsetzen könne und so eingeschwärzt werde in das
königliche Residenzschloss, Seiner Excellenz dem Herrn Oberstofmeister zum
grössten Entsetzen, zu einem wahren Horreur aber für sämmtliche Hofdamen, mochten
die letzteren auch in ihren respektiven, oft sehr beschränkten
Familienappartements von Papa, Bruder oder sonst Jemand seit frühester Jugend
gehörig eingeräuchert worden sein. - Das tut die Hofluft. Sie ist so rein, so
äterisch, und Lungen und Herzen werden in derselben so zart und gefühlvoll, dass
der geringste befremdende Duft und oft das kleinste Wort ein sehr bemerkbares
Hüsteln zur Folge hat.
    Ueberhaupt liesse sich über das Husten bei Hof ein ganzes Buch schreiben. Da
ist die Art, der Ton, die Stärke und Schwäche desselben von der allergrössten
Bedeutung. Einer der Prinzen des allerhöchsten Hofes zum Beispiel stellt sich
herablassend zu irgend einer Gruppe Kammerherren, Offiziere und höherer
Hofbeamten; er tritt anscheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hüsteln
macht ihn bemerkbar und will andeuten, er wünsche nicht, dass man sich
seinetwegen genire. Augenblicklich erweitert sich der bis jetzt kleine Kreis und
will damit symbolisch das grosse und weite Vergnügen ausdrücken, welches Alle
empfinden, dass Seine Königliche Hoheit die ausserordentliche Gnade hat, sich so
freundlich zu nähern. Die Kecksten oder Erfahrensten bringen dieses Gefühl der
Treue und Anhänglichkeit durch einige tiefgefühlte Worte zu Tage, die Anderen
aber begnügen sich mit einem respektvollen Räuspern, worauf der Prinz, wenn er
zufälligerweise nichts Anderes zu sagen weiss, was zuweilen vorkommen soll,
stärker hustet und laut versichert, das nasskalte Wetter sei unausstehlich, und
wenn es sich nicht bald ändere, so würde es keinem Menschen möglich sein, den
Katarrh los zu bringen. Natürlich stimmt Alles bei mit Worten und mit Husten; es
zeigen sich auf einmal sehr viele Schnupfenanfälle, und ein junger Kammerherr,
der begierig ist, seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, blickt
verstohlener Weise zum Fenster hinaus und liebäugelt mit einem einsamen
Sonnenstrahl so lange, bis ihn ein heftiges Niesen befällt, wodurch er so
glücklich ist, auf's Allerdeutlichste die Bemerkung Seiner Königlichen Hoheit zu
bewahrheiten.
    Darauf ersucht vielleicht der Prinz, die angefangene Conversation fortsetzen
zu wollen. - »Hm! hm!« macht er, »wie es scheint, wurde soeben eine pikante
Geschichte erzählt. Darf ich daran teilnehmen?«
    Der ganze Kreis lächelt verstohlen, und nur ein Einziger hustet auffallend
und verlegen. Es ist das ein so bedeutungsvoller Husten, dass sich Seine
Königliche Hoheit veranlasst sieht, ihn in der gleichen Tonart zu beantworten,
wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich sagt, er bitte,
dennoch fortzufahren, er liebe zuweilen eine recht pikante Geschichte.
    Die Geschichte wird nun erzählt, nicht ohne viel hm! hm! hm! hm! von allen
Seiten, und wenn nun die Pointe kommt, die einigermassen saftig zu nennen ist, so
ergeht sich Seine Königliche Hoheit in einem auffallenden Gehuste, vielleicht
der Erzählung beistimmend, worauf sich Alle bemühen, einen ähnlichen Ton von
sich zu geben, bis zu dem Erzähler, der nun vor Freude einem völligen
Erstickungsanfall fast zu erliegen scheint. Ist dagegen die Geschichte höchsten
Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden, so werden die Augenbrauen in
die Höhe gezogen, der Husten ist bei Seiner Königlichen Hoheit ein ziemlich
trockener, bei den Andern ein missbilligender, der Erzähler aber, um seine
Verlegenheit zu verbergen, zieht sein Tuch aus der Tasche und hustet lange und
anhaltend da hinein.
    Wie verschieden aber von diesem ist der Ton des Hustens, den vielleicht in
der Mitte der Geschichte plötzlich der Kammerherr von sich gibt, als er mit
scharfem Auge erspäht, dass sich ein paar unschuldige Hofdamen zufällig dem
Kreise nähern. Es ist das wie der Pfiff einer auf Vorposten ausgestellten Gemse;
die Geschichte wird plötzlich unterbrochen, und der ganze Kreis spitzt die
Ohren. - Wir ersuchen den geneigten Leser, dies jedoch natürlicherweise nur
bildlich verstehen zu wollen.
    Sind nun die unschuldigen Hofdamen, die sich nähern, wirklich unschuldige
Damen, so husten sie mit einer kleinen Verlegenheit, dass sie so plötzlich an
einem Kreis tangiren, in welchem sich Seine Königliche Hoheit befindet. Sind sie
aber schon vollkommen erfahren in der Sitte des Hofes und lesen an dem Ausdruck
der Gesichter, an der Stellung und Haltung einer Gruppe, um was es sich gerade
handelt, so wird der erzählende Kreis in einem grossen Bogen umgangen, die
älteste der Hofdamen blickt hinter ihrem Fächer auf den Kreis, hustet sehr laut
und auf eigentümliche Art und gibt die Uebersetzung dieses Hustens ihrer
Gefährtin, indem sie ihr zuflüstert: »Da werden wieder schöne Geschichten
abgemacht!«
    Um einige Stufen tiefer hinabzusteigen, so wissen namentlich alte gediente
Lakaien, Tafeldecker und Kammerdiener ihre verschiedenen Husten auf's Feinste zu
nuanciren. Der Lakai, der den Schlag des Wagens schliesst, räuspert sich gelinde,
wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken versunken nicht angibt, wohin
sie fahren will, wonach er sich hintenauf schwingt und nun oftmals den Kutscher
mit lautem Gehuste dirigirt.
    Der Kammerdiener im Zimmer des Herrn blickt hustend auf die Uhr, wenn irgend
eine bestimmte Stunde herangekommen ist, und erweckt mit einem lauten Gehuste
den Türsteher aus seinen Träumereien, der fast vergessen hätte, voraus zu
springen und den Wagen vorfahren zu lassen.
    Endlich bei Tafel dirigirt der Hoffourier mit einer wahren Verschwendung von
dem feinsten und leisesten Husten das ganze Diner, der Tafeldecker macht den
Lakaien auf gleiche Art mit vielsagendem Räuspern auf seine Dummheit aufmerksam,
die er begangen, auf einen zerbrochenen Teller oder ein leeres Glas, und ein
junger Hofbedienter prallt erschreckt und gelinde hustend vor dem fürchterlichen
Abgrund zurück, in den er fast gestürzt wäre, da er im Begriffe war, dem ersten
Kammerherrn einen wilden Schweinskopf von der rechten Seite zu präsentiren.
    Um nicht zu ausführlich zu werden, wollen wir nur noch des vielsagenden
Hustens gedenken, in welchem sich zwei vornehme Staatsbeamte, die sich durchaus
nicht leiden können und die nun plötzlich im Vorzimmer zusammenstossen, steif und
gemessen begrüssen. Jeder hat geglaubt, er komme dem Andern zuvor und könne
Allerhöchsten Ortes seinem Kollegen eine unangenehme Suppe einbrocken. Dieser
Husten klingt wahrhaft nervenerregend, und wir sind überzeugt, dass sich in
gleicher Weise zwei Tigerkatzen begrüssen würden, die nur durch ein breites
Wasser verhindert sind, sich ihrem glühendsten Wunsche gemäss die Augen
auszukratzen.
    Ein Husten der furchtbarsten Art aber stört oft den Minister in seinem
Vortrage, wenn er zum Beispiel irgend eine Auszeichnung, einen Orden, ein
Geschenk für einen armen Künstler verlangt und er mit eindringlichen Worten
spricht, wie aufmunternd ein solcher Sonnenstrahl der Allerhöchsten Huld sei,
wie das Talent nur wachsen und gedeihen könne im warmen Schein der Königlichen
Gnade: ein Husten Seiner Majestät nämlich, wobei sie sich an das Fenster wendet
und die Excellenz versichert, es werde doch jetzt endlich ein beständigeres
Wetter eintreten. -
    Doch kehren wir in die Wohnung des Grafen Fohrbach zurück, der unterdessen
Cigarre und Toilette beendigt hat, und nun, im Begriff an den Wagen zu gehen,
durch den Kammerdiener einen Augenblick aufgehalten wird, der sich erlaubt, ihm
den neuen Jäger vorzustellen.
    Das war, wie wir bereits wissen, ein grosser, schlank gewachsener Mann, der
sich jetzt in der glänzenden Livrée, mit dem schwarzen, wohl gekämmten und
frisirten Barte ungemein stattlich ausnahm. dabei hatte sein Gesicht ein
angenehmes Aussehen und sein Auge hielt den festen Blick des Grafen, der ihm
einige Fragen stellte, sehr gut aus.
    Um drei Viertel auf elf Uhr fuhr Graf Fohrbach am Schloss vor und stieg die
breiten Treppen hinauf bei zahlreichen Wachen, Türstehern und Lakaien vorbei.
Ein verschmitzt aussehender Kammerdiener legte die Hand an den Drücker, um die
Türe zu öffnen und hustete in diesem Augenblicke ziemlich bedeutungsvoll. Es
war dies wieder einer jener Husten, von denen wir vorhin gesprochen.
    Der Adjutant wandte augenblicklich den Kopf herum und der Kammerdiener
lächelte.
    »Gibt es was Neues?« fragte Graf Fohrbach leicht hin.
    »Nicht viel Besonderes,« entgegnete der Kammerdiener, indem er die
Augenbrauen in die Höhe zog. »Die Herren und Damen vom Dienste frühstücken in
der gelben Gallerie und es erscheint heute zum ersten Mal das neue Ehrenfräulein
Ihrer Majestät.«
    Nach diesen Worten öffnete der Kammerdiener leise die Türe, und sobald der
Adjutant eingetreten war, zog er sie geräuschlos wieder in's Schloss, zupfte
seine weisse Halsbinde in die Höhe und rieb sich alsdann still lächelnd die
Hände.
    Graf Fohrbach schritt durch mehrere Vorzimmer, die, wie in den Königlichen
Schlössern gewöhnlich, einander ziemlich ähnlich sahen, nur dass Farben der
Tapeten und Möbelstoffe in jedem verschieden waren, dass in diesem Alabaster- und
Marmor-Vasen, dort welche aus China und Japan standen. Um diese kleine
Verschiedenheit aber wieder auszugleichen und eine gewisse Harmonie
herzustellen, waren die Gemälde an den Wänden meistens Protektionskäufe, gleich
unbedeutend, gleich langweilig.
    In der gelben Gallerie, wo der Frühstückstisch servirt war, befand sich
ausser einigen Lakaien, die emsig und wichtig, geräuschlos und schnell auf einem
Nebentische Porzellan und Silber ordneten, vorderhand nur ein alter einsilbiger
Kammerherr, der damit beschäftigt war, nachdem er den Barometer prüfend
betrachtet, die grauen am Himmel hinziehenden Schneewolken zu beobachten, und
unser Bekannter, der Major S., den Graf Fohrbach heute ablöste. Der Major stand
in einer Fenstervertiefung, und als er bemerkte, dass ihn der Graf mit den Augen
suche, hustete er leicht.
    »Wie gehts?« sagte der neue Adjutant, während er zu seinem Freunde in die
Ecke trat.
    »So, so! - Das Wetter ist nicht ganz klar, es scheinen mir trübe Wolken
umher zu ziehen; auch haben wir noch keine Rapporte gehabt, was kein gutes
Zeichen ist. Ferner wurde der Intendant des Hofteaters auf ein Uhr bestellt.«
    »Da wird man aufpassen müssen.«
    »Für dich gibt's eigentlich nicht viel zu tun. Nach dem Rapport sind einige
Audienzen, deren Namen du im Vorzimmer aufgeschrieben findest; das Papier liegt
im Pult.«
    »Schön. - Wirst du mit uns frühstücken?«
    »Ich habe nicht Lust, muss auch nach Hause. - Apropos! du wirst eine
Bekanntschaft machen: das neue Ehrenfräulein Ihrer Majestät hat heute den ersten
Dienst und kommt zum Frühstück.«
    »Ist sie schön?«
    Der Major erhob den Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe und entgegnete:
»Ob sie schön ist! - ein glänzender Stern am dunkeln Nachtimmel.«
    »Nun, wir können dergleichen Sterne brauchen, es war zuweilen recht finster
bei uns. - Wie heisst sie? - Nicht wahr, es ist ein Fräulein von S.? Ihr seid ja
wohl weitläufig verwandt.«
    »Ziemlich entfernt. Sie heisst Eugenie von S. - eine vornehme, aber nicht
reiche Familie. Das Mädchen ist kaum Neunzehn, aber gross und majestätisch
gewachsen, eine Figur wie Ihre Majestät; dabei dunkles Haar, ein glänzendes Auge
und die herrlichsten Zähne von der Welt, ah! ich sage dir, Zähne, glänzend weiss;
man ist glücklich, wenn sie den Mund öffnet.«
    »Nur wegen der Zähne?« fragte lachend der Graf.
    »O nein, sie ist zugleich eines der gebildetsten und gescheidtesten jungen
Mädchen, die ich seit längerer Zeit kennen lernte.«
    »Natürlicherweise wird sie häufig in euer Haus kommen?«
    »Ich hoffe so; weisst du - eine Verwandte -«
    »So werde ich mich bemühen, deine Frau zu warnen.«
    »Damit du einen Vorwand hast, öfters zu kommen,« erwiderte lachend der
Major. »Nimm dich in Acht, junger Mann, wenn sie dich anbljetzt und du hast
gerade einen erregbaren Moment, so ist's um deine Ruhe geschehen. - Aber,« fuhr
er lebhafter fort, während er einen Schritt vortrat, »sage mir offenherzig, hast
du sie schon irgendwo gesehen - kennst du sie?«
    »Ich gewiss nicht.«
    »Du wusstest nicht, dass sie so ausserordentlich schön und liebenswürdig ist?«
    »Auf mein Wort, nein. Ich habe nur im Allgemeinen von ihr sprechen gehört. -
Aber wozu diese Fragen?«
    »Nun, ich glaube dir. Vorhin unterhielt ich mich mit der Frau von B. -«
    »Mit der Oberstofmeisterin?«
    Der Major nickte mit dem Kopfe. »Wir sprachen über die Einrichtung der
jungen Dame, über ihre Wohnung und dergleichen -«
    »So, über ihre Wohnung! Wird die im Schloss selbst sein?«
    »Natürlicherweise; sie ist aber sehr gut ausgewählt, das kleine Appartement
Numero sechzehn, die Fenster der Zimmer gehen auf den geschlossenen Hof, wo es
euch nicht vergönnt ist, mit euren armen Pferden halsbrechende Courbetten zu
machen. - Aber jetzt höre! Wir sprachen auch von ihrer Dienerschaft: eine ältere
Kammerfrau brachte sie mit, ein jüngeres Kammermädchen bekommt sie hier.«
    »Ja, was geht das mich an?«
    »Ein jüngeres Kammermädchen, das - du empfohlen.«
    »Ich empfohlen? - Und an wen?«
    »Besinne dich. Du hast der Frau von B. neulich von einem Kammermädchen
gesprochen, das eine Stelle suche.«
    »Ah richtig!« sagte sich erinnernd der Adjutant. »Ich kenne sie aber nicht;
der Baron Brand hat mich darum gebeten.«
    »So, so, Baron Brand,« erwiderte der Major nachdenkend. »Das ist ein
gefährlicher Mensch bei den Damen; sogar die alte Oberstofmeisterin schwärmt
für ihn, und das will viel sagen. Er war gestern Abend bei ihr zum Tee,
zugleich mit Fräulein Eugenie von S.; da kam die Rede auf deine Empfohlene und
ob sie vielleicht passend sei für das neue Ehrenfräulein. Die Oberstofmeisterin
schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie wisse doch nicht recht, ob deine
Rekommandationen in dieser Richtung zu beachten seien; aber Baron Brand
erinnerte sich zufällig desselben Mädchens, - was weiss ich! sie habe bei einer
seiner Cousinen gedient und besitze die glänzendsten Zeugnisse. - Was glaubst du
wohl? Darauf änderte sich mit einem Mal die Ansicht Ihrer Excellenz und deine
Empfohlene ist angestellt.«
    »Das sind schöne Geschichten!« sprach lachend Graf Fohrbach, indem er seine
Säbelkuppel herabzog. »Nun ich hoffe, die Person wird vorkommenden Falles
einiges Dankbarkeitsgefühl besitzen.«
    »Gegen dich oder gegen den Baron?«
    »Ich denke gegen mich, denn ich bin doch der unmittelbare Empfehler.«
    »Aber nimm dich in Acht, coeur de rose ist ein verfluchter Kerl. Es sollte
mich gar nicht wundern, wenn er der schönen Eugenie nächstens ein Parfum
aufschwätzt.«
    »Nein, dazu ist er zu klug; das könnte sie in einen üblen Geruch bringen. -
Aber stille! der Kammerdiener an der Türe hat sich schon dreimal geräuspert -
man kommt.«
    Die Flügeltüren des anstossenden Saales wurden jetzt in der Tat geöffnet
und die Damen vom Dienste erschienen. Es waren das meistenteils gereifte
Schönheiten, künstlich erhaltene Blumen, aber ohne erquickenden Duft, gerade so
wie ihre Schwestern von Papier und Seide, und ebenso wie diese rauschend und
klappernd.
    Eugenie von S., die bescheiden als die Letzte kam, hätte nicht so wunderbar
schön zu sein gebraucht, als sie wirklich war, um zwischen ihren Kolleginnen wie
eine Sonne aus grauem Gewölk hervorzustrahlen.
    Graf Fohrbach war in der Tat überrascht von der lieblichen Erscheinung der
jungen Dame und einigermassen befangen, als er ihr von seinem Freunde, dem Major,
vorgestellt wurde. Sie verneigte sich auf's Freundlichste und versicherte im
Laufe des Gespräches, sie wisse ganz genau, dass sie von ihrer Mutter Sr.
Excellenz dem Herrn Kriegsminister empfohlen sei, sie hoffe, diese Empfehlung
werde freundlich aufgenommen worden sein und ihr so recht bald Gelegenheit
werden, einen Mann kennen zu lernen, den sie sehr schätze und verehre.
    Natürlicherweise erwiderte der Graf etwas auf diese Worte Passendes, dann
setzte man sich zum Frühstück, der Major empfahl sich, Messer und Gabeln fingen
an zu klappern, die Bedienten schossen hin und her wie emsige Schwalben, und bald
war das Frühstück beendigt, worauf sich die Damen dahin zurückzogen, woher sie
gekommen. Der einsilbige Kammerherr und der Adjutant begleiteten sie bis an die
Türe, und hier hoffte der Letztere noch einen Blick der schönen Eugenie
aufzufangen. Sie verneigte sich auch freundlich gegen die beiden Herren, doch
galt ihnen Gruss und Blick zu gleichen Teilen, worüber der Graf eben nicht
besonders erfreut war.
 
                          Achtunddreissigstes Kapitel.
                                Goldene Fesseln.
Den von seinem Freunde erhaltenen Instruktionen gemäss, das heutige Wetter
betreffend, nahm nun der neue Adjutant, nachdem er das Vorzimmer zur Wohnung
Seiner Majestät betreten, seiner Stellung als Barometer gemäss, eine sehr ernste
und würdevolle Haltung an. Der Säbel hing korrekt eingehakt an der Kuppel, die
Uniform war fast hermetisch verschlossen, der Federhut wurde mit beiden Händen
auf dem Rücken gehalten und darauf ging der Adjutant mit gemessenen Schritten
auf und ab, hie und da den Kammerdiener betrachtend, der sich zwischen der Türe
und einer grossen Standuhr befand, die er beide zugleich im Auge behielt.
    Bald nachher hörte man draussen Equipagen vorfahren, die Tritte fielen herab,
die Schläge wieder zu, dann schlürften leise Schritte auf den Steinplatten des
Korridors, die Türen öffneten sich und die obersten Staatsbeamten traten ein.
    Graf Fohrbach ging ihnen entgegen und empfing Jeden ernst, würdevoll, aber
alle auf verschiedene Art. Die Minister erhielten ein sehr tiefes Compliment,
begleitet von einem vollkommen gleichgiltigen Gesichte; nur bei dem des
Königlichen Hauses - er war ein genauerer Bekannter des Grafen - zog dieser auf
einen fragenden Blick die Augenbrauen etwas in die Höhe und zuckte leicht mit
den Achseln.
    Die Excellenz nahm den Adjutanten beim Arm und zog ihn in eine
Fenstervertiefung, wohin bald nachher noch einige der Vertrauten, nachdem sie
den Grössen des Staats einige verbindliche Worte gesagt, folgten.
    Diese, die Minister, gingen zu Zwei und Zwei auf der anderen Seite des
Zimmers mit leisen Schritten und fast unhörbarem Geflüster auf und nieder oder
blieben auch an dem Marmorkamine stehen, Hut und Papier in der Hand, mit langen
Gesichtern, ernsten Blicken und dem allerwürdevollsten Aussehen. Sie führten
eigentlich keine zusammenhängende Konversation; sie sprachen nur Vermutungen
aus und räusperten sich häufig mit vorgehaltener Hand, nickten zuweilen
taktmässig mit dem Kopfe und warfen jede Sekunde die sehnsüchtigsten Blicke nach
der gewissen Türe, nach dem Kammerdiener und nach der Uhr.
    Die Gruppe an der Fensternische war schon etwas lebendiger und gesprächiger;
man handelte das innere und äussere Wetter ab und brachte Beides mit einander in
Verbindung.
    »Wird Seine Majestät heute ausreiten?« fragte der Minister des Hauses den
Oberststallmeister, welcher diese Frage mit einem bedeutsamen Achselzucken
beantwortete, und darauf versetzte:
    »Ich weiss nicht, ob es rätlich ist.«
    »Es ist auf drei Uhr ein Pferd bestellt,« flüsterte der Kammerdiener aus
seiner Ecke in der demütigsten Haltung und mit einem ganz untertänigen Spitzen
des Mundes, begab sich aber hierauf augenblicklich an die andere Seite der
Türe, nachdem ihm der Hofmarschall für diese Einmischung einen sehr strengen
Blick zugeworfen.
    »Man kann Seine Majestät bei diesem Wetter unmöglich ausreiten lassen,«
sagte der Minister des Innern. »Der König ist ohnedies etwas erkaltet, und das
Wetter ist, wie mich der Leibarzt versichert, seiner Constitution durchaus nicht
zuträglich.«
    »Aber wenn Seine Majestät befohlen hat,« bemerkte schüchtern der
Hofmarschall, »so sind Allerhöchstdieselben nicht wohl anders zu bestimmen.«
    Der Minister des Hauses warf dem Oberststallmeister einen bedeutsamen Blick
zu, worauf sich der letztere durch sein spärliches Haar fuhr und, nachdem er
diesen Blick zurückgegeben, ruhig sagte: »Seine Majestät kann unmöglich bei
diesem Wetter ausreiten, Seine Majestät wissen nicht, welch' kalter Wind draussen
geht.«
    »O ja,« warf der Hofmarschall ein, »Sie machten vor dem Frühstück einen
kleinen Spaziergang.«
    Die Exzellenzen wandten sich hierauf gleichmässig dem Fenster zu, und die
beiden Anderen verstanden diese Bewegung und zogen sich diskreter Weise etwas
zurück.
    »Seine Majestät soll heute nicht reiten,« sagte der Minister; »ich werde mir
auf drei Uhr eine Audienz erbitten, ich habe da etwas Wichtiges vorzutragen und
will ihn schon eine halbe Stunde beschäftigen.«
    Mittlerweile waren die Minister einzeln in das königliche Kabinet getreten
und kamen wieder zurück: einer an der Tür noch mit einem ziemlich
verdriesslichen Gesicht, das er aber gewaltsam aufzuklären bemüht war, sobald er
in's Vorzimmer zurückkam, um dem Kollegen eine Niederlage, die er erlitten,
nicht anmerken zu lassen; ein anderer aber kehrte äusserst strahlend wieder und
befolgte das umgekehrte Manöver, weil ihm Alles daran gelegen war, dass die
Uebrigen nicht erfahren sollten, es sei ihm ein wichtiger Vorschlag
durchgegangen.
    Zu denen am Fenster war noch der Intendant des Hofteaters getreten, der ein
sehr verdriessliches und unbehagliches Gesicht machte. »Ich bin da in grosser
Verlegenheit,« sagte er. »Seine Majestät haben auf heute Abend den schwarzen
Domino zu befehlen geruht und das wirft mir mein ganzes Repertoir
durcheinander.«
    »Wie so, bester Baron?« meinte der Oberststallmeister. »Das sind
Kleinigkeiten! Es kann ihnen ja gleichviel sein, was Sie heute Abend geben. -
Und dann verlangt seine Majestät durchaus nichts Unmögliches: der schwarze
Domino ist vollkommen montirt, war in den letzten Wochen glaube ich fünfmal und
macht deshalb durchaus keine Schwierigkeiten.«
    »Excellenz halten mir zu Gnaden, das ist in Wahrheit schwieriger, als es
sich ansieht. Allerdings war diese Oper fünfmal in den letzten Wochen; aber
gerade das ist mein Kummer: ich wollte sie für den nächsten Sonntag aufheben.«
    »Um eine bessere Einnahme zu machen?« fragte lachend der Minister des
Hauses.
    »Nicht so ganz, Excellenz; vielmehr um der ersten Sängerin ihren Willen zu
tun.«
    »Wie so?« -
    »Wie sie wissen, Excellenz, war die Oper fünfmal an Wochentagen bei mässig
besetztem Hause, also natürlicherweise auch ohne viel Spektakel, ohne grossen
Applaus, wesshalb Frau Wiesengrün-Spitzkopfin, meine Coloratursängerin, erklärte,
sie werde den schwarzen Domino das nächste Mal nur an einem Sonntage singen.«
    »Wer hat denn beim Teater eigentlich zu befehlen?«
    »Dem Namen nach ich, Excellenz, in Wirklichkeit dagegen sämmtliche Künstler
und Künstlerinnen, die Regisseure, der Inspizient, die Maschinisten, die
Schneider und dann die Zimmerleute.«
    »Ja, ja es ist ein eigentümliches Verhältnis,« meinte der
Oberststallmeister, indem er still vor sich hin lächelte. »Wir kennen das;
namentlich die ersten Damen der singenden und der tanzenden Kunst haben mir vor
der Zeit graue Haare gemacht.«
    »Das ist ja die umgekehrte Welt,« sagte der Minister des Hauses; »da wären
Sie ja der Sklave ihrer Untergebenen.«
    »Und welcher Sklave!« versetzte wehmütig der Intendant, der nachdenkend zum
Fenster hinaus blickte. »Von welchen Launen bin ich abhängig, von welchen
Kleinigkeiten! Ich will nicht sprechen von grossen Ereignissen, die überall
vorkommen können, von einem Unwohlsein, das ohne alle Verschuldung eintritt, von
der Krankheit, welche sich eine Sängerin geholt, weil sie die Laune hatte, am
ersten feuchten, kalten Frühlingstage den Kaffee im Freien trinken zu wollen.
Ich klage nicht über Störungen, die oftmals beim Teater entstehen, wenn sich
ein zartes Verhältnis knüpft oder löst, oder über eine heftige Migräne, die
gewöhnlich eintritt, weil eine Kollegin besser gefallen oder mehr applaudirt
wurde. Gott der Gerechte! davon will ich nicht sprechen; nein! nein! aber ich
werde auf dem Bureau in meinem Hause, zu jeder Tagesstunde geärgert, geplagt,
geschunden wegen einer nichtswürdigen Grille, einer Laune, wegen einem neuen
Kleide, oder einem Besatz auf ein altes, wegen einer Schleife, wegen eines
Wortes, das der Regisseur oder der Kapellmeister einer dieser Prinzessinnen zu
viel sagte, wegen eines Zeitungsartikels, und Gott weiss, wegen was Allem sonst
noch.«
    »Sie sind wirklich ein beklagenswerter Mann,« antwortete lächelnd der
Oberststallmeister. »Aber, mein lieber Baron, keine Rose ohne Dornen; - und das
müssen Sie schon zugeben«: Rosen wachsen genug in Ihrem Garten.
    »Euer Excellenz haben gut reden,« entgegnete der Intendant des Hofteaters,
indem er sich verbeugte; »aber ich versichere Sie nochmals, die Sklaverei, in
der ich lebe, ist oft unerträglich. Ich sitze zitternd an meinem Kaffee, - es
klingelt. Der Teaterdiener. - Das Stück kann heute Abend nicht sein, Herr H.
ist unwohl und kann nicht spielen; das heisst in Wahrheit, er hat sich ein paar
neue himmelblaue Tricots von Paris verschrieben und die sind noch nicht
angenommen, oder seine Frau hat ihm gesagt, er plage sich in der letzten Zeit
übermässig und solle nun auch einmal einen Anderen für sich arbeiten lassen. -
Bei meinem Mittagessen dieselbe Geschichte: mein Ohr hört oft nicht auf das, was
meine Frau spricht, nicht auf das Geplauder der Kinder, es erwartet nur den
fatalen Ton der Klingel. Das quält mich so fort den ganzen Tag, beunruhigt
Nachts meine Träume; ja, da erscheint mir der Teaterdiener mit der Meldung, das
ganze Personal sei plötzlich davon gelaufen oder gestorben und ich müsse heute
Abend Robert den Teufel ganz allein spielen.«
    »Das mag allerdings hart sein, mein bester Baron,« sagte die Excellenz vom
Stalle. »Aber glauben Sie mir, auch ich muss Meldungen der unangenehmsten Art
anhören.«
    »O, Excellenz können Ihr Departement nicht mit dem meinigen vergleichen!«
entgegnete eifrig der Intendant. »Sie haben es mit ruhigen, sanften, ja man kann
sagen mit vernünftigen Tieren zu zu tun. - Ich aber -«
    »Stille! stille!« bat der Minister des Hauses. »Lieber Baron, wenn das ihre
Primadonna hörte, wir hätten wahrhaftig in dem nächsten halben Jahr keine Oper.
- Aber um wieder auf besagten schwarzen Domino zurückzukommen -«
    »Euer Excellenz scheinen sich gern mit dem schwarzen Domino zu befassen?«
    »O lieber Freund,« lächelte einigermassen geschmeichelt der Minister, »ein
ältlicher Mann wie ich!« - wobei er aber doch einen verstohlenen Blick in den
Spiegel warf und dort bemerkte, dass die neue sanft melirte Perücke eine
vortreffliche Wirkung hervorbringe. - »Was ich also bemerken wollte,« fuhr er
fort, »so hat der Herr für heute Abend ausdrücklich den schwarzen Domino
befohlen. Sie wissen, er war die letzten drei Mal verhindert, die Oper zu
besuchen.«
    »Ich kann Seiner Majestät diesmal wahrhaftig nicht helfen,« sprach
achselzuckend der Intendant. »Gott der Gerechte! ich habe es ja bei Madame
Wiesengrün-Spitzkopfin auf's Allerdringlichste versucht, aber schon bei der
leisen Andeutung fuhr sie mit der Hand über die Stirne und versicherte mich, es
werde ihr jetzt schon ganz dunkel vor den Augen.«
    Während dieses Gesprächs war der Hofmarschall ebenfalls leise wieder näher
getreten, wurde aber in seiner Aufmerksamkeit durch einen der Oberhoffouriere
gestört, der ihm ein Blatt Papier überreichte und ihm ein paar Worte
zuflüsterte.
    »Das ist ja ganz unmöglich!« rief der Hofmarschall, während Jener sich
wieder entfernte. - »Vollkommen unmöglich! - gar nicht zu machen?«
    »Was haben Sie, bester Freund?«
    »Seine Majestät lässt mir soeben sagen,« antwortete er, »Sie wünschen Ihr
Diner im kleinen blauen Saale zu halten. Ich bitte Sie, meine Herren, bei der
jetzigen Jahreszeit!«
    »O! das wird ganz gut gehen,« bemerkte der Minister des Hauses.
    »Im kleinen blauen Saale?« fragte mit einem wahren Schrecken der
Hofmarschall. »Ich versichere Sie - ganz unmöglich.«
    »Aber wenn der Herr befiehlt,« sagte lachend der Oberststallmeister, indem
er sich der Worte des Andern von vorhin bediente.
    »Der blaue Saal ist zu klein und zu gross,« versetzte wichtig der
Hofmarschall. »Lasse ich einheizen, so haben wir dort gleich eine unerträgliche
Hitze; lasse ich nicht einheizen, so klappern die Zähne vor Kälte. Das ist ein
Lokal für den Sommer, man muss die Hausordnung nicht so unterbrechen wollen.«
    Der Minister das Hauses war unterdessen in das innere Zimmer getreten,
kehrte aber bald still lächelnd wieder zurück und sagte dann: »Ich habe um drei
Uhr meine Audienz.«
    Ihm folgte der Oberststallmeister zum Rapport. Doch blieben Seine Excellenz
auch nicht lange im kleinen Kabinet, und als er zurückkam, sagte er zu dem
Minister, indem er sanft die Augen zufallen liess und dabei schmatzte, als
genösse er etwas sehr Angenehmes: »Seine Majestät werden nicht ausreiten, Sie
haben nach drei Uhr einen ihrer kleinen Wagen befohlen und dabei ausdrücklich
gewünscht, die neuen Rappen zu probiren.«
    »Ist das möglich?« fragte die andere Excellenz.
    »Es wird sich tun lassen,« entgegnete der Oberststallmeister;
»natürlicherweise hänge ich auch von meinen Untergebenen ab, namentlich von
meinem ersten Stallmeister, denn er muss mir die Versicherung geben, dass die
beiden Rappen vollkommen eingefahren sind, und das wird er auch schon tun, wenn
er bei guter Laune ist.«
    Jetzt kehrte auch der Intendant von dem Rapport zurück und stellte sich
wieder achselzuckend zu der Gruppe am Fenster. »Der schwarze Domino!« seufzte er
kläglich. »Ich weiss in der Tat nicht, wesshalb Seine Majestät auf diese an sich
langweilige Musik so versessen ist.«
    »Sie werden aber doch den allerhöchsten Befehl befolgen müssen?«
    »Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern; hier befiehlt Seine Majestät,
dort will die erste Sängerin nicht.«
    »Ich fürchte, wir haben den schwarzen Domino nicht,« sagte der
Oberststallmeister, »denn Madame Wiesengrün-Spitzkopfin wird sich nicht
erweichen lassen.«
    »Ich glaube es auch nicht,« meinte der Intendant des Hofteaters. »Ich muss
auf die Nachsicht Seiner Majestät bauen; um mit Schiller zu sprechen: - der See
kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.«
    »Aber diesmal wird es schwer halten,« versetzte der Hofmarschall. »Seine
Majestät sagten mir, Sie freuen sich auf die heutige Vorstellung
ausserordentlich.«
    
    »Und zu mir sprach der Herr,« entgegnete einigermassen pikirt der Intendant,
»es speise sich im blauen Salon vortrefflich, und er liebe es ebenfalls
ausserordentlich, da zu diniren.«
    »Jeder so gut er kann!« antwortete der Hofmarschall. »Was geschehen kann,
geschieht ja gerne. Aber Seine Majestät haben sicherlich nicht an die
Beschaffenheit des blauen Saales gedacht.«
    »Es tut freilich Jeder, was ihm möglich ist,« meinte wichtig der
Oberststallmeister; »es ist ja unsere Pflicht, für das Wohl und die Gesundheit
des Herrn zu sorgen. Aber bei solchem Wetter auszureiten, ist gewiss untunlich.«
    Damit entfernten sich die beiden Excellenzen Arm in Arm, nachdem sie den
Grafen Fohrbach freundlichst gegrüsst. Der Intendant ging ebenfalls seufzend
seiner Wege.
    Der Hofmarschall gab, ehe er sich entfernte, einem der Hoffouriere noch
einige geheime Befehle, und da wir auf die Diskretion des geneigten Lesers
bauen, so wollen wir demselben in's Ohr flüstern, dass der Hofmarschall
anordnete, in dem blauen Salon die Vorhänge und Portièren behufs notwendiger
Ausbesserung herunter zu nehmen, auch die Kette des grossen Kronleuchters zu
untersuchen, die so schadhaft sein müsse, dass es dringend notwendig sei, sie
noch heute durch eine neue zu ersetzen.
    Das Vorzimmer blieb einen Augenblick leer und der Adjutant ging nachdenkend
auf und ab, hie und da lustig in sich hinein lachend, über Alles, was er während
des Rapports vernommen. Es dauerte indessen nicht lange, so fuhr draussen
abermals ein Wagen an; es näherten sich Schritte, doch waren sie nicht leise wie
die der Minister und Hofbeamten, sondern man vernahm Sporengeklirr und hie und
da ein leichtes Aufstossen eines Kavalleriesäbels: auch hörte man, wie die Wachen
ihr Gewehr präsentirten, worauf der Kammerdiener beide Türen aufriss, um Seine
Excellenz den Herrn Kriegsminister einzulassen, der nun in das Zimmer trat im
eifrigen Gespräche mit dem Generalstabsarzte der Armee, welcher zugleich als
zweiter Leibarzt fungirte.
    Der Adjutant nahm seine schönste Haltung an, um den hohen Chef und Vater
bestens zu begrüssen.
    Der Kriegsminister war ein grosser, stattlicher Mann mit stark ergrautem Haar
und Bart, ein schöner alter Herr, der in der Generalsuniform vortrefflich aussah
und dessen zahlreiche Orden ebensoviele Gefechte und Schlachten zu bedeuten
hatten.
    Der Generalstabsarzt dagegen war klein, wohlbeleibt, von beweglichem Wesen.
Wenn er eifrig sprach, so fuhren seine Augen lebhaft hin und her und sein Arm
arbeitete wie ein Telegraph.
    Seine Excellenz begrüsste den Sohn freundlich mit der Hand, wobei sie ihm
zurief: »Bon jour, mon garçon!« Dann wandte sie sich wieder zu dem Arzte, der
sein Gespräch einen Augenblick unterbrochen hatte, und nun zu dem Adjutanten
hinlief, mit seiner Rechten dessen Hand freundlich schüttelte und zu gleicher
Zeit die Linke auf die breite gewölbte Brust des jungen Offiziers legte. Dann
wandte er den Kopf pfiffig lächelnd gegen den Kriegsminister, indem er sagte:
»Sehen Euer Excellenz, hier in ihrem Sohne kann ich meine Behauptung ad oculos
demonstriren; das ist eine Kavallerie-, überhaupt eine Militärgestalt, das kann
was im Sattel aushalten. Bemerken Sie wohl die gut geformte Taille, die
aufschwellende Brust und die breiten Schultern?«
    Der alte General sah zufrieden lächelnd auf seinen Sohn und schien dem Arzte
Recht zu geben.
    »Hier kann man die Schultern zusammendrücken, wie man will, da zeigt sich
keine Spur von Husten, und wenn man vornen hinklopft, da ist es gerade als höre
man ein entferntes Glockengeläute. Und das Untergestell, - solches Zeug braucht
man zum Dienst, wenn man es zu Etwas bringen will. - Aber gehen Sie mir nur mit
Ihrem Herzog!« schloss er achselzuckend.
    »Aber, lieber Freund,« entgegnete ruhig der Kriegsminister, »Sie verkennen
offenbar den Standpunkt der Sache. Seine Majestät der König, vielleicht von
Bitten bestürmt, haben einmal nachgegeben, haben erlaubt, - nein, haben
befohlen, dass der Herzog die Universität und mitin auch die Civilcarrière
verlassen soll, um in das Gardedragonerregiment einzutreten.«
    »In das Gardedragonerregiment!« rief der Arzt mit einem wahren Aufschrei,
indem er beide Hände auf dem hervortretenden Bäuchlein zusammenlegte. »In das
Gardedragonerregiment!« wiederholte er und blickte kopfschüttelnd in die Höhe.
    »So ist es,« versetzte die Excellenz. »Sie wissen, wie sehr sich Ihre
Majestät die Königin dafür interessirt, den Sohn Ihrer Schwester -«
    »Statt im schwarzen Frack in der glänzenden Uniform zu sehen,« sagte der
Arzt krampfhaft lachend.
    »Meinetwegen soll es so sein; aber wie bemerkt, Ihre Majestät baten mich
sogar darum, ersuchten mich auf's Freundlichste, mich bei dem König für die
Sache zu verwenden.«
    »Und Seine Majestät?« - entgegnete der Arzt mit einem pfiffigen
Gesichtsausdruck.
    »Seine Majestät verlangt natürlich Ihr Gutachten,« erwiderte der
Kriegsminister.
    »Weil Seine Majestät,« versetzte der Doktor mit erhobenem und wichtigem Tone
der Stimme, indem er zu gleicher Zeit mit der rechten Hand zu jedem Wort den
Takt in der Luft schlug, »ein Herr von der grössten Ueberlegung sind, ein Herr,
der selbst genau weiss, was zum Militär nötig ist, wie man zu einem
Gardedragoneroffizier aussehen muss, ein Herr, der mit einem Worte - selbst ein
vollkommener Soldat ist.«
    »Aber, lieber Doktor, sind Sie nicht kindisch!« sagte fast bittend der alte
General. »Mir kann es ja am Ende gleichgiltig sein; aber ich versichere Sie,
Ihre Majestät hat sich einmal auf dieses Projekt capricirt; es ist in der Tat
ein Wunsch von ihr, und es würde sie schmerzen, wenn der Herzog nicht unter das
Gardedragonerregimet käme.«
    »So soll man ihn nehmen! - nehmen! - nehmen! - aber man soll mich nicht
fragen. Dann können Sie ihn meinetwegen zum Dragoner, zum Artilleristen, ja zum
Kürassier machen; - oder,« sprach der Arzt plötzlich in einem andern Tone,
während er die Hände auf den Rücken legte, »sagen doch Euer Excellenz: der
Generalstabsarzt hat diesmal total Unrecht; garantiren Sie für seine Gesundheit,
Sie, ein langgedienter Kavalleriegeneral, - und ich will Ihnen in keinem
Titelchen widersprechen.«
    Bei diesen Worten hustete der Kammerdiener an der Türe bedeutungsvoll,
öffnete dann die Flügeltüre, und die beiden Herren, welche wussten, was es zu
bedeuten habe, beeilten sich, in das Kabinet zu treten.
    Sie blieben nicht sehr lange darin, und als sie wieder heraustraten, sagte
der Kriegsminister, indem er den Arzt scheinbar ärgerlich am Arme schüttelte:
»Sie sind ein alter harterziger Kerl; nächstens halte ich eine grosse
Kavallerieparade und lasse Sie in der Suite mitreiten, bis sie schwarz werden.«
    »O Excellenz,« entgegnete pfiffig lachend der Doktor, »warum desavouirten
Sie mich nicht soeben? Der Herr schien das fast zu erwarten, aber Sie sind ein -
Ihnen ist der Herzog auch lieber auf der Universität als unter dem
Gardedragonerregiment. Sprechen Sie über mich bei Ihrer Majestät was Sie wollen
und mögen: ich halte still, - denn Recht habe ich. - Sie, Graf Fohrbach,« wandte
er sich an den Adjutanten, »müssen mir beistimmen, Sie kennen den Herzog. - Ist
das ein Kavallerist? - Nie! nie! ebensowenig als ich selber, und wenn mir Einer
das Gegenteil beweist, so will ich alles Praktiziren bleiben lassen und Bärte
scheeren.«
    »Was vielleicht ein grosser Vorteil wäre für die leidende Menschheit,« sagte
lachend der Kriegsminister, während er seinem Sohne vertraulich die Hand
schüttelte und dann mit dem Arzte das Zimmer verliess.
    Damit war der Rapport beendigt, und der geneigte Leser, den wir nun einmal
in die Geheimnisse eingeführt, kann auch von uns verlangen, dass wir ihm ferner
mitteilen, wie der heutige Tag bei Hofe zu Ende ging. Wir tun dies um so
lieber, als wir ihm dadurch der Tendenz unserer wahrhaftigen Geschichten gemäss
beweisen, dass kein Mensch auf dieser Welt der Sklaverei entgeht und im Stande
ist, beständig seinen Willen durchzusetzen, nicht die Bettler, nicht die
Höchsten dieser Erde.
    Seine Majestät der König ritten nicht spazieren wie Sie gewünscht. Dieselben
fuhren auch nicht mit zwei Rappen, wie Sie befohlen, und das aus einem ganz
eigentümlichen Grunde. Der diensttuende Stallmeister nämlich hatte sich
herausgenommen, die Pferde vor dem kleinen bekannten Wagen zu verschiedenartigen
telegrafischen Depeschen zu benützen, vermittelst deren er mit einer Dame zu
korrespondiren pflegte. Fuhr Seine Majestät mit Braunen, so hiess das Ja, hatten
dagegen Höchstdieselben Rappen vor dem Wagen, so bedeutete das Nein. Weil nun
aber am heutigen Tage dieser diensttuende Stallmeister aus den angegebenen
Gründen für notwendig hielt, zwei Braunen einspannen zu lassen, so waren die
Rappen noch nicht vollkommen sicher und vertraut, wesshalb Seine Majestät auf den
gewiss sehr billigen Wunsch, mit ihnen zu fahren, verzichten musste.
    Ferner war auch das Diner nicht in dem kleinen blauen Saale, sondern in dem
grossen roten. Dasselbe ging auch ziemlich einsilbig und unerfreulich vorüber,
denn Ihre Majestät die Königin hatte rotgeweinte Augen, und liess sich deshalb
entschuldigen. Sie speiste auf dem Zimmer mit ihrer Schwester, der Frau
Herzogin, das heisst, sie speisten vielmehr nicht, sondern ergingen sich in
verschiedenen Klagen über verfehlte Wünsche im Einzelnen und über den Druck
dieses Lebens im Allgemeinen.
    Dafür endete aber auch dieser Tag wie er angefangen, und als seine Majestät
in's Teater trat, wurde gemeldet, dass Madame Wiesengrün-Spitzkopfin erkrankt
sei und dass dafür Fräulein Topf die - - Norma singen werde, was an sich auch
eine sehr schöne Gegend ist.
 
                          Neununddreissigstes Kapitel.
                                Unter dem Dache.
In dem Hause des Buchhändlers Blaffer, Firma Johann Christian Blaffer und
Kompagnie, befanden sich unter dem Dache einige Kammern, von denen ein paar, um
den Kunstausdruck zu gebrauchen, gegipst waren, die Wände anderer dagegen die
ganz gewöhnliche Holzvertäfelung zeigten, mit welcher auch das Dach unterhalb
beschlagen war.
    Eine dieser gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil, welche durch
einige höchst merkwürdige Litographien, durch ein paar alte zerrissene
Vorhänge, sowie durch ein Stück Teppich vor dem Bette so comfortable als möglich
gemacht war. Da zufälliger Weise durch diese Kammer das grosse Kamin des Hauses
lief, so befand sich hier ein kleiner Ofen, was eigentlich polizeiwidrig war.
Doch wusste Herr Beil die Behörde hinter's Licht zu führen, denn so oft eine
Bauschau oder ein Schornsteinfeger in's Haus kam, so brach er die Röhre dieses
unbedeutenden Ofens ab und stellte diesen selbst in eine Ecke wie ein altes
Rumpelwerk.
    An Möbeln war in diesem Zimmer nicht viel vorhanden: ein altes Bett, ein
paar Stühle, und in einer Ecke eine Kiste, welche der erfinderische Eigentümer
dadurch, dass er einen kleinen Strohsack darauf gelegt und darüber ein Stück
carrirten Zeug gebreitet, solchergestalt zu einem Sopha eingerichtet hatte.
    Auf diesem Sopha nun sassen Herr Beil und August, der Lehrling,
stillschweigend neben einander. Es mochte vielleicht sieben Uhr Abends sein; auf
einem kleinen wackeligen Tische, den wir seiner Unbedeutendheit wegen beinahe
anzuführen vergessen hätten, stand ein sogenanntes Sparlicht in einem
abgenutzten blechernen Leuchter, und die trübe, rote Flamme desselben
verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer. Hiezu kamen noch verschiedene
Luftströmungen, die sich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin
und her wehten, auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag taten, indem nun lange
dunkle Schatten bald hierhin bald dortin flogen.
    Herr Beil hatte seinen Kopf gegen die Wand gelegt, die Nase erhoben und
schaute an das Dach empor, während er die Füsse weit von sich abgestreckt hatte,
und die gefalteten Hände auf seinen Knieen ruhen liess.
    Der Lehrling dagegen sass vornüber gebeugt, hatte seine Ellbogen auf die
Beine aufgestützt, betrachtete aufmerksam den Fussboden und stiess hie und da
einen tiefen Seufzer aus.
    Herr Beil rauchte eine Papiercigarre, in deren Bereitung er sehr kunstfertig
war. - »Aecht spanisch,« pflegte er zu sagen, »ich glaube wahrhaftig, ich habe
etwas von dem Blute irgend eines Don Jose di Mendoza ben Calatravera Bajazzo in
mir.«
    Heute Abend aber war er nicht zu Spässen aufgelegt, denn wenn der Lehrling
häufig laut seufzte, so tat der Commis nicht selten dergleichen leise.
    In dem Zimmer befand sich in dem Augenblick noch eine dritte Person; das war
eine alte Magd, die eben im Begriffe war, die wenigen Reste eines sehr
spärlichen Abendessens abzuräumen. Bald war sie damit fertig, wünschte gute
Nacht und verliess dann die Kammer, worauf es hier ganz still wurde. Man hörte
nichts als zuweilen das Picken der silbernen Taschenuhr des Lehrlings, die auf
dem Tische lag, und dann wieder das Sausen eines Windstosses, der gegen die
Dachziegel strich und ihnen durch diese unsanfte Bewegung einen eigentümlichen
Ton des Missbehagens entlockte.
    »So ist denn Alles aus!« ergriff nach einer längeren Pause der Lehrling das
Wort, während er kummervoll sein Gesicht in die Höhe wandte, »Alles! - Alles!«
    »Für Sie nicht, junger Anfänger!« entgegnete Herr Beil. »Was tut's auch,
wenn ich morgen dies Haus verlasse; Sie werden schon einen anderen Commis an die
Seite bekommen, der Sie sogar wahrscheinlich viel weniger schuhriegeln wird als
ich, der viel behaglicher und freundlicher ist.«
    »Möglich, möglich!«
    »Sehen Sie, undankbares Krokodil, Sie finden das selbst schon möglich. O,
ich werde bald gänzlich vergessen sein.«
    Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit solch schneidendem Tone des
tiefsten Weh's, dass der junge Mensch an seiner Seite sanft die Hand auf seinen
Arm legte und hastig entgegnete:
    »Ich habe gesagt, es sei möglich, dass nach Ihnen Jemand zu uns käme, der
weniger - wie soll ich sagen? - ja, der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir
wäre, der mich aber gewiss nicht so lieb hat wie Sie.«
    »Hm! diese Möglichkeit will ich zugeben; aber sprechen wir nicht weiter
davon. Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe höre, so möchte ich vor
Vergnügen aus der Haut fahren.«
    »Was haben Sie denn eigentlich mit Herrn Blaffer gehabt?« fragte August nach
einer Pause.
    »Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen,« entgegnete der Commis, wobei er
tüchtige Rauchwolken aus seiner Cigarre blies. - »Und doch sollte ich es Ihnen
eigentlich sagen; ich will sehen, ob ich eine Handhabe finde, mit der ich die
Sache ergreifen kann. - Aber ist es hier nicht unerträglich heiss?« sagte er nach
einem augenblicklichen Stillschweigen, während er seinen Rock aufknöpfte; »man
merkt wahrhaftig, dass der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte,
so ein bisschen elendes Holz erwärmt das kleine Zimmer übermässig.«
    »Ja, ich finde es angenehm warm hier; doch wenn es Ihnen zu heiss ist, können
wir die Türe öffnen.«
    »Gut, öffnen Sie die Türe,« erwiderte der Commis, »oder noch besser,
verlassen wir einen Augenblick diese Kammer und gehen wir in die andere da
gegenüber! Es ist das eine gute Abkühlung für mich.«
    »In die meinige?« fragte der Lehrling.
    »Nein, in die andere da neben an.«
    »Also in die, wo Marie gewohnt hat?«
    »In dieselbe, teuerster Bruder,« sagte Herr Beil. Darauf erhob er sich
langsam von seinem Sitze und trat an den Tisch, um den langen Docht des Lichtes
mit einer alten Scheere zu putzen. Nachdem er dies getan und die Flamme wieder
hell brannte und sein Gesicht, das über dieselbe hingebeugt war, vollkommen
beleuchtete, konnte man deutlich sehen, wie blass er war, wie abgespannt seine
Züge erschienen. Sein Haar, sonst gut gepflegt und geordnet, hing wild und wüst
an seinem Kopfe herunter; nur seine Augen glänzten, doch war der Glanz mehr ein
unheimliches, fieberhaftes Brennen.
    »Gehen wir also,« sagte er.
    Und damit verliessen die Beiden die Kammer, um in eine gegenüber liegende
einzutreten.
    Diese hatte ebenfalls weisse Wände, war aber noch unbehaglicher als die
andere, indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettstelle bestand, in
welcher ein Strohsack lag, der in der Mitte auseinander klaffte und seine
Eingeweide sehen liess. Ferner war hier eine grosse Bücherkiste, die zu Häupten
des Bettes stand, und auf welche sich Herr Beil niederliess.
    Der Lehrling trat an das Fussende und blickte betrübt zu seinem Freunde
hinüber.
    »Da ist ein gewisser Goete,« sagte der Commis nach einem längeren
Stillschweigen, »der lässt einen sicheren Faust bei einer ähnlichen Veranlassung
sehr schöne Worte sagen«; ungefähr so:
Mich fasst ein wahrer Wonnegraus;
Hier möcht ich volle Stunden träumen!
    »Und ich möchte gerade so sprechen, nur dass mich statt der Wonne ein tiefer,
tiefer Schmerz ergreift, ein Schmerz, den zu ertragen ich nicht im Stande bin,
der mein Herz brechen wird. - O Gott! wie kann ein vernünftiger Mensch ein
solches Vieh sein! So sein Alles, sein ganzes Denken und Fühlen, sein Leben und
seine Zukunft an ein Mädchen zu hängen! - Es ist wahr, aber unbegreiflich.«
    »O nein,« entgegnete August schüchtern, »ich begreife es.«
    »Was begreifen Sie, junger angehender Weltbürger, was begreifen Sie von
allem Dem, was im Stande ist, mich rasend zu machen?«
    »Ich begreife, dass Sie meine Schwester Marie lieben,« erwiderte der junge
Mensch.
    »Das wäre an sich gerade kein Unglück,« sagte der Andere, indem er seinen
Kopf auf das hölzerne Gestell stützte und in das leere Bett schaute. - »Lieben
ist eine schöne Sache, aber hoffnungslos lieben ist die Hölle. - Hoffnungslos,
weil ich ein armer Teufel bin, weil es dem reichen Manne gefällt, die schöne
Frucht zu pflücken, da er gerade Appetit darnach verspürt. - Es ist das wieder
eine schöne Sklavengeschichte: der Herr befiehlt, dieses schöne und reizende
Mädchen solle ihre Mitsklaven verlassen und aus der elenden Dachkammer
hinabsteigen in die schönsten Gemächer des Hauses, damit sie - glücklich werde.
Ein anderer Mitsklave, dem das harte Leben, das er Jahre lang geführt, nur
dadurch erträglich wurde, dass sie hie und da über seinen Weg schritt, dass sie
ihn zuweilen freundlich ansah, dass es ihm dann und wann erlaubt war, ihre Hand
zu streifen oder mit schauerndem Vergnügen ihren Arm, ihre Schulter zu berühren,
wagt es, darüber Vorstellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitschen
kann, so öffnet man ihm die Türe und stösst ihn wie einen Hund hinaus. - Mich -
mich, mich stösst man hinaus in das kalte nasse Wetter, in den Winter der
Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens, während er mit ihr im warmen
behaglichen Zimmer bleibt, und lächelnd von ihrem Lager hinweg an die dunstigen
Fensterscheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwischt, das vielleicht von
ihren Tränen feucht ist, und hinaus sieht auf die finstere Strasse, wo ein
bleiches Gespenst vorüber schreitet, das im Grabe keine Ruhe finden kann, weil
es die Sehnsucht empor zieht und an jenes Haus zwingt, dass es dort hinstehen muss
und hinauf schauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie
ein Mensch nach und nach wahnsinnig werden kann und dabei deutlich fühlt, wie
die Narrheit über ihn herfällt.«
    Der junge Mensch hatte seine Hände gefaltet und schaute auf den Anderen mit
ängstlichen Blicken. »Aber lieber Herr Beil,« sagte er, »was führen Sie für
grässliche und verworrene Reden? - Reden, die mich auf's Tiefste ängstigen, wenn
ich sie auch nicht ganz verstehe.«
    Der Commis schien ruhiger geworden zu sein und hatte sich wieder auf die
Kiste gesetzt, die er vorhin verlassen. »Ja, ja,« sprach er, tief Atem
schöpfend, »das sind Narrheiten, aber es ist doch ein Körnchen Verstand darin.
Und dies Körnchen Verstand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen
mitteilen, soweit es ihnen dienlich ist und soweit Sie es begreifen können. -
Hören Sie mich an!«
    »Sie kennen sattsam unseren grossen Sklavenhändler Blaffer; er hatte der
Sklaven nicht viele, aber einige; er hat sie auch nicht gekauft, denn das ist
bei uns unmöglich, aber sie waren an ihn gekettet durch drückende Verhältnisse -
Verhältnisse, die ihnen nicht erlaubten zu tun wie unsere glücklichen Brüder in
Amerika, nämlich davon zu laufen. Wissen Sie, mein lieber junger Sklave, darin
haben wir es nämlich sehr schlimm; wenn es die drüben nicht mehr aushalten
können und davon laufen, so finden sie überall Unterstützung und Hilfe und man
nimmt sich ihrer an, man sorgt für sie, man hilft ihnen zu ihrem Fortkommen, man
unterstützt sie mit Rat und Tat, und verschafft ihnen, wenn es irgendwie
möglich ist, eine angenehme sorgenfreie Existenz. Wir aber, wenn wir einmal
nicht mehr im Stande sind, die schlechte Behandlung, die wir erfahren müssen,
die wirklichen und moralischen Fusstritte zu ertragen, die uns ein tyrannischer
Diensterr versetzt, wir können nicht davonlaufen, denn wir werden nicht weit
kommen; wir sind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerspenstige Buben
oder, ich spreche auch für das andere Geschlecht - liederliche Mädchen, für die
sich anzunehmen eine Schande wäre, die nirgendwo Hilfe und Unterstützung finden,
und die, wenn sie eine mitleidige Polizei in's Loch steckt, zurückkommen müssen
und die Rute küssen und sie bitten, dass man sie wieder gnädig aufnimmt.
    So stehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Christian Blaffer und
Compagnie, namentlich seine beiden Leibsklaven, das sind Sie und Ihre Schwester
Marie. - Neulich kam ich zufälligerweise dazu, wie Sie, junger Mensch, in einer
der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Hütte lasen, und ich erwischte Sie
gerade an einer pikanten Stelle, so dass ich mich nicht entalten konnte, Ihnen
einen kleinen Katzenkopf zu appliziren. Ich bin fest überzeugt, dass Sie, sobald
ich Ihnen den Rücken gekehrt hatte, jene Stelle mehrmals lasen und sie Ihrem
sonst sehr schlechten Gedächtnisse vollkommen einprägten. - Ist es wahr oder ist
es nicht wahr? Seien Sie ehrlich.«
    »Ich weiss nicht, welche Stelle Sie meinen,« stotterte der Lehrling doch
merkte man ihm deutlich an, dass er eine Lüge sprach.
    »Denken Sie an den Katzenkopf,« sagte ernst Herr Beil, »und erinnern Sie
sich jener Stelle: es war, wo der Pflanzer das Mädchen nötigen wollte, sein -
Zimmer zu teilen, wo er sie mit Hunger und Schlägen traktirte, um sie
willfährig zu machen.«
    »Ach ja, ich erinnere mich! - und dann entsprang sie.«
    »Richtig, sie entsprang und kam glücklich zu zwei reichen und vornehmen
Damen, die ausserordentlich erfreut waren, eine entsprungene Sklavin unterstützen
zu dürfen.«
    »Sie nahmen sie mit sich.«
    »Und lobten sie, dass sie standhaft Hunger und Schläge ausgehalten und doch
unschuldig geblieben sei.«
    »Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten.«
    »Sie nahmen sie dann mit sich in ihren Wagen, gaben ihr schöne Kleider,
machten sie zu einer Art Kammerjungfer, sie befand sich darauf froh und munter
wie Gott in Frankreich -«
    »Ja, es ging ihr sehr gut.«
    »Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch, wie es in den alten
Mährchen heisst.« - Damit fuhr sich Herr Beil durch sein struppiges Haar und der
Lehrling setzte lächelnd hinzu:
    »Das war eine recht schöne und angenehme Geschichte, und ich habe den
gewissen Katzenkopf gern dafür in Empfang genommen.«
    »Und doch nichts dabei gelernt,« sagte fast wehmütig Herr Beil. - »Denken
Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn zwischen jener Sklavengeschichte und
Manchem, was hier im Hause geschehen ist, nicht eine gewisse Aehnlichkeit?«
    »Nicht sogleich,« entgegnete August.
    »Na, besinnen Sie sich einmal, ist Ihnen nie was von Hunger und Schlägen
passirt?«
    »O ja doch, dessen erinnere ich mich wohl.«
    »Und Ihre Schwester? -«
    »Auch sie hat mir manchmal geklagt, er habe sie gestossen und dergleichen.«
    »Und dann sie wieder gehätschelt und ihr gute Worte gegeben -?«
    »Ja, und jetzt fällt mir noch eine Aehnlichkeit ein.«
    »Nun, Gott sei Dank! dass Ihnen endlich ein Licht aufgeht.«
    »Meine Schwester ist auch einmal heimlicher Weise fortgegangen.«
    »Sehen Sie wohl,« sagte Herr Beil, indem er die Zähne auf einander biss. -
»Und da fanden sich auch zwei vornehme und reiche Damen, die ihr halfen?«
    »Nein,« erwiderte traurig der junge Mensch, »sie ging zu ihrer Patin, einer
wohlhabenden und sehr frommen Frau. Die hat sie aber schön empfangen. Wie kannst
du dich unterstehen, sprach sie, von einem so braven Herrn wegzulaufen, wie der
Herr Blaffer ist! Glaubst du, ich werde dich in deinem Ungehorsam unterstützen?
Nicht eine Stunde darfst du hier in meinem Hause bleiben, darfst mich überhaupt
nie mehr besuchen, bis du mir schriftlich von deinem Herrn bringst, dass er dir
deine Unart verziehen und wieder vollkommen mit dir zufrieden ist.«
    »Das Zeugnis wird er ihr jetzt geben können,« sagte düster und wie zu sich
selbst sprechend Herr Beil. Dann wandte er sich wieder an den Lehrling. - »Und
Marie hat der Alten nicht gesagt, wesshalb sie das Haus verlassen?«
    »O ja, das tat sie; aber da hob die Patin die Hände zum Himmel auf,
verdrehte andächtig ihre Augen und erwiderte: Gott sei uns Sünder gnädig! der
Mensch ist schwach und wenn dein Herr je so etwas gesagt hat, so hast du ihn
gewiss durch ein leichtfertiges Betragen hiezu aufgemuntert.«
    »Amen!« sprach laut lachend der Commis.
    »Darauf schickte die Patin meine Schwester aus dem Hause, und Marie kam
wieder hieher zurück.«
    »O ich weiss, ich weiss das!« rief gewaltsam ausbrechend der Andere. »Sie
blieb einen Tag auf ihrem Zimmer; hier in dieser Kammer, auf diesem Bette sass
sie, ein Bild des Jammers; und ich schlich mich zu ihr herauf, nahm ihre Hand
und versuchte sie zu trösten.«
    »Ich weiss, ich weiss.«
    »Da kam jener schreckliche Auftritt! Der Sklavenhändler kam hier herauf, und
da er mich sah, übermannte ihn eine eifersüchtige Wut und er schlug mir mit dem
Stocke, den er in der Hand trug, über den Kopf; die Narbe wird nie vergehen.
Aber nur Marie ist schuld, dass ich ihn damals nicht umgebracht. Ja, ich hätte
ihn doch niedergeworfen, obgleich er fester auf seinen Füssen steht als ich. -
Darauf musste sie hinunterziehen in den ersten Stock, und dort blieb sie ein paar
Tage eingeschlossen; wir haben sie Beide nicht mehr gesehen. Es wurde eine Magd
angeschafft, wir beide speisten Mittags und Abends allein, und ich - bekam
meinen Abschied. - Hurrah: das vergnügte Leben fängt an!«
    »Aber nach allem dem, was Sie hier erduldet, muss es Ihnen doch im Ganzen
angenehm sein, wenn Sie dieses Haus verlassen können,« meinte der Lehrling.
    »Lieber Freund, Sie sprechen wie Sie es verstehen. Glauben Sie denn, dass ich
es ohne die gewichtigsten Gründe überhaupt länger als ein paar Tage bei dem
Herrn Blaffer ausgehalten hätte? Ach! durch gewisse Sachen, deren Mitteilung
Ihnen nichts nützen würde, hatte er mich von Anfang an in der Hand; dann
erschien auch Ihre Schwester, und das war ein starkes Band, welches mich an
dieses Haus kettete; ja, das würde mich an die Hölle festschliessen, wenn ich am
Ende aller Qualen nur den kleinsten Hoffnungsstrahl glänzen sähe. - Aber so ist
Alles Nacht, - tiefe, dunkle Nacht.«
    »Aber wenn Sie meine Schwester wirklich so gerne haben, wie Sie sagen, so
müsste es Sie doch eigentlich freuen, dass sie nicht mehr die Magd hier im Hause
zu machen braucht und dass sie nicht mehr nötig hat, hier oben in der kalten
Kammer zu schlafen. Ich versichere Sie, es geht ihr jetzt recht gut, sie bewohnt
drunten ein angenehmes Zimmer und näht und stickt den ganzen Tag.«
    Der Commis schaute bei diesen Worten den jungen Menschen achselzuckend an,
dann murmelte er zwischen den Zähnen: »Da helfen keine Katzenköpfe, um den zur
Erkenntnis zu bringen. - Also sie näht und stickt?« fuhr er lauter fort; »und
was treibt sie nebenbei? lacht sie oder weint sie?«
    »Singen habe ich sie freilich lange nicht gehört, auch schaut sie ziemlich
betrübt aus; aber Sie wissen, dass sie schon seit langer Zeit nicht recht heiter
war.«
    »Ja, ich weiss das,« entgegnete Herr Beil, »und ich kann mir auch die
Ursachen davon erklären. Aber jetzt will ich Ihnen etwas sagen: gehen Sie in
mein Zimmer zurück, ich folge Ihnen sogleich: Sie können auch das Licht
mitnehmen, ich brauche es nicht, denn ich will nur ein wenig da zum Fenster
hinaus sehen; es ist hier die Wetterseite, und ich möchte wissen, ob es schneien
oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich.«
    August nahm das dünne Talglicht und verliess das Gemach, worauf er nach der
gegenüberliegenden Kammer ging.
 
                              Vierzigstes Kapitel.
                                 Ein Abschied.
Der Commis liess sich auf das Bett nieder, stützte Hände und Kopf auf das
hölzerne Gestell und versank in tiefes, finsteres Hinbrüten. Es waren
schreckliche, wilde Gedanken, die in seinem Kopfe erschienen, und die gleich
drohenden Gespenstern all' sein besseres Denken und Fühlen fast erstickten. -
Wie hatte er dieses Mädchen geliebt, wie hatte er sich im Dienste seines Herrn
geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es würde möglich sein, dass ihm doch
noch einmal das Glück lächle und dass er im Stande sei, ihren Besitz zu erringen.
Bei solchen Gedanken hatte er vor Wonne geschaudert. Wenn er sich recht heitere
Stunden machen wollte, so träumte er glänzende Träume, wie er endlich vor sie
hintreten würde und ihr Alles anbieten, was er habe - eine kleine aber
sorgenfreie Existenz. Freilich würde sie ihm vielleicht sagen: sehen Sie, Herr
Beil, ich fühle gerade keine übermenschliche Liebe zu Ihnen, aber das wird sich
vielleicht später finden; vorderhand achte ich Sie, schätze ich Sie hoch und
nehme Ihren höchst achtbaren Antrag an. - Das wäre Alles ganz im Geheimen
abgemacht, und der Herr Blaffer damit fürchterlich überrascht worden, -
fürchterlich, indem man ihm eine so sicher geglaubte Beute entriss. - Aber das
hatte das Schicksal nicht gewollt, es sandte keine Lichtblicke hernieder in sein
Leben, es streute nicht irgend eine kleine Gabe auf seinen Pfad, es schien nicht
zwei Wesen vor dem Verderben retten zu wollen, - es rauschte finster, gewaltig
und unaufhaltsam über sie dahin, und schmetterte sie zu Boden, sie, die
vielleicht unter anderen Verhältnissen ein bescheidenes, glückliches Loos hätte
finden können.
    Er mochte ziemlich lange so gesessen haben auf dem Rande des Bettes, und
allmälig lösten sich die wilden Schmerzen seiner Brust in tiefe Wehmut auf, er
fühlte erquickende Tränen in seinen Augen aufsteigen und dann über die Finger,
die er davor gepresst hielt, herabrieseln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr,
der stechende, wilde Schmerz seiner Seele war verschwunden, und nur ein
allgemeineres, aber sanfteres Weh erfüllte ihn vollständig.
    Endlich stand er auf, doch wie er sich dabei mit der Hand auf das Lager
stützte, raschelte das Stroh unter seinen Fingern, er zog ein paar zerknitterte
Halme her, zerdrückte sie in der Hand und schob sie in die Tasche. Dann kehrte
er in sein Zimmer zurück, wo August an dem Tische sass, den Kopf auf die Hände
gelegt und finster in das flackernde Licht starrend.
    »Ich will Ihnen Etwas sagen,« sprach der Commis nach einer Pause, während
welcher er ein paar Mal durch das Zimmer geschritten war, »ich hatte mir
anfänglich vorgenommen, dieses Haus morgen zu verlassen; aber ich kann es
unmöglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demselben Dache aushalten und
bin deshalb entschlossen, noch heute Abend fortzugehen.«
    »Aber es ist ja finstere Nacht,« versetzte erschrocken der Lehrling. »Und wo
wollen Sie denn eigentlich hin?«
    »O, ich finde wohl noch einen stillen Ort, der mich freundlich aufnimmt,«
entgegnete wehmütig lächelnd der Andere. »Sorgen Sie nicht für mich, machen Sie
überhaupt keine so trübe Miene; wenn es einmal geschieden sein muss - und dieser
grosse Moment ist unwiderruflich da - so wollen wir das in guter Laune und mit
bestem Humor tun.«
    »Sie sehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt ist,«
sagte August, indem er bedenklich in das verstörte Gesicht seines Freundes sah,
in dessen Augen und auf den eingefallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der
eben vergossenen Tronen zu bemerken waren.
    »Da irren Sie sich sehr,« erwiderte Herr Beil, der gewaltsam Atem holte;
»ich sehe nur von aussen ein wenig griesgrämig aus, bin aber dafür innerlich um
so vergnügter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikäfern.«
    
    »Wenn es wirklich wahr wäre, so sollte es mich freuen, denn Sie haben mir
mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern förmlich Angst gemacht.«
    »Das ist möglich; aber in der Tat, Sie können mir glauben, die schwarze
Stunde ist vorüber; was jetzt noch hinten drein folgt, ist Alles Kinderspiel.«
    »Und ist es Ihr fester Entschluss, heute Abend noch dies Haus zu verlassen?«
    »Dazu bin ich entschlossen ohne Widerrede; und da ich ziemlich leicht reisen
möchte, so will ich mich auch nicht mit viel Gepäck behängen. Sie sollen mein
Haupterbe sein, und wenn Sie etwas von meinen Habseligkeiten benutzen können, so
tun Sie es ja. Dass mein Inventarium leider nicht gross ist, dafür hat schon der
Herr Blaffer seiner Zeit gesorgt; wahrhaftig, das allein könnte mich traurig
machen, wenn ich nämlich bedenke, dass die Früchte meiner langjährigen Arbeit in
ein paar alten Anzügen und etwas defekter Leibwäsche bestehen. Nun, es ist
einmal meine Bestimmung gewesen und ich will mich nicht dagegen auflehnen. -
Kürzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich versetzte sie vor einiger Zeit
bei einer gewissen Gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber
den Schein des Leihhauses da lassen, und wenn Sie sie je einlösen sollten, so
zeigen Sie solche Ihrer Schwester Marie - die Uhr ist damals stehen geblieben -
- und sagen ihr dazu, das sei die gewisse Stunde. - Hier ist ferner noch ein
kleiner Ring, den bitte ich Marien so bald als möglich einzuhändigen; bemerken
Sie ihr hiebei, es habe unser Leben viel Unglück betroffen, aber es werde
wahrscheinlich eine Zeit kommen, wo wir Beide in eine gewisse Klarheit kämen,
und in einen Zustand, den man ein schöneres Wiedersehen nennt. Wenn das, wie ich
nicht anders glaube, körperlich vor sich geht, so werde ich sogleich nach ihrer
Hand schielen und nach jenem Ringe, und es sollte mich innig, innig freuen, wenn
ich ihn an einem ihrer Finger bemerken, das heisst, wenn ich ahnen würde, dass sie
ihn mir zum Andenken so lange getragen.«
    August schüttelte den Kopf und sah seinen Freund verwundert an. - »Sie
sprechen da Worte,« sagte er, »die ich nicht völlig verstehe, und tun Dinge,
die ich nicht begreife. - Warum wollen Sie alle Ihre Sachen hier lassen, da Sie
doch nicht mehr in dies Haus zurückkehren werden, und da Sie keine anderen
haben, wie ich wohl weiss?«
    »Das Letzte ist vollkommen richtig,« entgegnete lächelnd Herr Beil; »aber
unter uns gesagt, ich bin eben im Begriff, in eine neue Carrière zu treten, und
einen ganz anderen Menschen anzuziehen. Und daran würden mich diese Fetzen
hindern; sprechen wir also nicht weiter darüber, tun Sie, was ich Ihnen gesagt
und lassen Sie mich ohne Sang und Klang meiner Wege ziehen.«
    »O, es kann Ihr Ernst nicht sein, heute Nacht dies Haus zu verlassen! Es ist
schon spät, Sie werden kaum noch sonst irgendwie eine Türe offen finden.«
    »O ja, ich finde schon noch ein Haus offen,« versetzte der Andere mit einem
leichten Schauder, »und wenn ich da einmal eingetreten bin, so wird meine
Ankunft einiges Geräusch verursachen. Es werden sich um mich Leute bemühen, die
mich bis jetzt gar nicht gekannt, man wird mich aufs Feinste bedienen und ich
werde mehrere Kammerdiener haben, die für meinen Anzug und meine Frisur sorgen;
darauf wird man sich auch bemühen, mir ein eigenes Haus zu bauen, und wenn ich
dort eingezogen sein werde, so könnte es mir am Ende auch wie einem hohen Herrn
ergehen, der von seiner Grafschaft Besitz nimmt, bei dessen Ankunft die Glocken
zusammen läuten und das Volk herbeiströmt.«
    »Ach! Sie machen wieder Ihre Spässe,« entgegnete der Lehrling. »Wenn Sie ein
solches Haus haben könnten, so würden Sie schon lange dahin gegangen sein und
hätten nicht Jahre lang dieses Leben geführt.«
    »Da haben Sie wieder einmal Recht,« sagte tief bewegt Herr Beil, während er
seine Hand auf die Schulter des jungen Menschen legte. »Kinder und Narren
sprechen die Wahrheit. Ich hätte allerdings meinem Herzen Manches erspart, wenn
ich früher heimgegangen wäre, vielleicht ganz früh, als ich noch ein kleines
Kind war und nichts von Sklavengeschichten wusste. Damals hätte es meine Eltern
gefreut, wenn ich ihnen gefolgt wäre.«
    »Aber Sie werden mir doch Nachrichten von sich geben,« meinte August. »Tun
Sie das doch ja, und wenn Sie nicht gar zu weit weg wohnen, so werde ich Sie,
sobald ich kann besuchen.«
    »Ihnen Nachrichten zu geben wird etwas schwer sein; von dort hieher sind die
Posteinrichtungen noch ziemlich mangelhaft; aber was einen Besuch betrifft, so
können Sie darüber ganz ruhig sein, ich bin überzeugt, dass es über kurz oder
lang dazu kommen wird und wir alsdann ein freudiges Wiedersehen feiern.«
    August schüttelte den Kopf und meinte nach einer Pause: »Sie sprechen immer
in so unbestimmten Ausdrücken, und ich begreife nicht, wesshalb Sie vor mir all'
die Heimlichkeiten haben. Sie könnten mir wenigstens eine Adresse da lassen,
damit ich im Stande wäre, Ihnen nächstens einmal Nachrichten von uns zu geben;
es wird Sie doch gewiss interessiren, zu erfahren, wie es mir und Marie
eigentlich geht.«
    »Seien Sie unbesorgt,« erwiderte der Commis, »ich werde das seiner Zeit
gewiss schon erfahren. - Wissen Sie,« setzte er eigentümlich lächelnd hinzu,
»wenn auch das Haus, in das man mich dringend eingeladen hat, ziemlich abgelegen
ist, so bin ich doch überzeugt, dass es in mannigfaltigem Rapport mit der äusseren
Welt steht, namentlich Sommers, wo die Nachtigallen schlagen, wo die Rosen
blühen und verschiedenartige Blumen ihre kleinen Wurzeln tief, tief hinab in die
Erde treiben. - - Es ist das ein ganz merkwürdiges Haus,« fuhr er nach einem
längeren Stillschweigen fort, »und es hat Aehnlichkeit mit den Palästen und
hängenden Gärten der Semiramis, denn man wohnt dort parterre und hat über sich
die schönsten Terrassen, bedeckt mit Grün und blühenden Blumen. - Aber jetzt
genug der Faseleien: die Zeit verrinnt; leben Sie wohl, teurer Antonius!«
    Der junge Mensch nahm mit seinen beiden Händen traurig die dargebotene
Rechte und sagte mit wehmütiger Stimme: »Leider weiss ich wohl, dass, wenn Sie
einmal einen Entschluss gefasst haben, es ganz unmöglich ist, Sie davon
abzubringen. Aber Sie hätten wohl das Haus morgen Früh verlassen können; wer
weiss, es hätte sich doch vielleicht noch Manches besser gemacht.«
    »Das ist Alles vorbei, vorbei!« rief der Andere aus, während er seine Rechte
an sich zog und darauf beide Hände auf die Schultern des jungen Menschen legte.
»Es ist vorbei, August, vollkommen vorbei; machen Sie mir doch eine Rose wieder,
die der Sturm zerblättert, oder ein Spiegelglas, das zerschlagen; jene wird Sie
nie mehr durch ihren Geruch entzücken, die Stücke des letzteren werden Ihnen nur
verzerrte Bilder entgegen werfen. - Ja, es muss geschieden sein!«
    Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an sich, hob ihm das Gesicht
empor, und wie er in die blassen und noch so ganz kindlichen Züge sah, füllten
sich seine Augen abermals mit Tränen. - »Du siehst ihr doch sehr ähnlich,
August,« sagte er nach einer kleinen Pause; »erschrecklich ähnlich, nur dass sie
dunklere Augen hat und einen kleineren Mund. - O, diese Augen und dieser Mund!
Wenn ich daran denke, so sehe ich auf allen Seiten die wahnsinnigsten Bilder
auftauchen. - Bei Gott im Himmel!« sprach er mit tiefem, klagendem Tone, während
er seine Hände schlaff herabsinken liess, »ich kann nicht mehr da bleiben, und
wenn du selbst einen Engel herabsenden würdest, um mich zu trösten. Was wäre mir
ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schönheit in Laster und Sünde! -
Fort! - fort!«
    Damit riss er nochmals den Knaben an sich, drückte leidenschaftlich einen Kuss
auf seine Stirne und eilte zu der Kammer hinaus.
    An der Treppe blieb er tief atmend und lauschend stehen, und schlich
alsdann Stufe um Stufe hinab.
    Das Haus lag ruhig und still da; man hörte keinen Laut, als von oben herab
das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Küche.
    So kam er langsam in den zweiten Stock, und war schon die halbe Treppe zum
ersten hinabgestiegen, als er auf einmal den vorgestreckten Fuss wieder zurückzog
und sich fest an die Wand drückte, um nicht gesehen zu werden; denn es öffnete
sich unten in diesem Augenblick eine Türe und Jemand kam mit einem Lichte
heraus und schritt über den Gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche
hinten nach dem Hofe hinaus lagen, wo der Prinzipal wohnte. - Er war es selbst,
er kehrte aus den vorderen Zimmern zurück, und da er die rechte Hand vor das
Licht hielt, so warf dasselbe glücklicherweise keinen Schein auf die Treppe zum
zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es seine Züge auf's hellste und liess sie
deutlich erkennen.
    Das Gesicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unangenehme und hagere;
nur hatte er jetzt seinen Mund lächelnd geöffnet, seine Augen strahlten heiter
und zufrieden, und in allen seinen Mienen sprach sich eine gewisse Befriedigung
aus. Seine Haltung und sein Gang dagegen waren ebenso schlaff wie früher; er
hatte die Kniee gebogen und schlürfte auf seinen weiten Pantoffeln über den
Gang, beinahe ohne die Füsse aufzuheben. Als er an die Türe seines Schlafzimmers
kam, nahm er langsam einen Schlüssel aus der Tasche seines langen Rockes, schloss
auf, trat in das Zimmer und machte die Türe wieder hinter sich zu.
    Der Andere stand während dieser Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er
sich auch im tiefen Schatten befand, so war es doch ein Glück, dass Herr Blaffer
nicht zufällig aufblickte, denn er hätte sonst das Leuchten der beiden Augen
sehen müssen, die fest und mit schrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren;
es war ein Glück, sagen wir, denn auf eine solche Entdeckung wäre vielleicht ein
grässlicher Auftritt gefolgt.
    Noch einige Sekunden verharrte der Commis in seiner Stellung, dann schritt
er noch behutsamer als früher die weiteren Treppen hinab bis auf den ersten
Stock, und dort stand er eine Weile unschlüssig, tief aufatmend, in eifriger
Ueberlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab führte, gerade vor ihm
befand sich eine Türe, die ihn mächtig anzog. Doch hatte er sich schon der
Treppe zugewandt, um aus dem Hause zu entfliehen, als er einen kleinen
Lichtschein bemerkte, der nicht breiter als ein Messerrücken von diesem Zimmer
auf den Gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hörte er jetzt den
Prinzipal laut husten, und bei diesem Geräusche machte er einen Schritt gegen
die leuchtende Spalte, er tat auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und
endlich stand er dicht vor der Türe, die, wie er sah, nicht verschlossen war.
Sie gab dem Drucke seiner Hand nach, und er trat in ein kleines Zimmer, welches
in ein anderes führte, aus dem auch der Lichtstrahl kam, den er vorhin auf dem
Gange bemerkt hatte.
    Leise näherte er sich dem letzteren, dessen Türe geöffnet war, und als er
jetzt auf der Schwelle stand, sah er in das Schlafzimmer des Mädchens und
bemerkte sie selbst, die halb entkleidet auf ihrem Bette sass und die Hand auf
dem Schoss gefaltet hatte; und obgleich sie den Kopf tief auf die Brust
herabgesenkt, bemerkte er doch, dass sie weinte, denn dicke Tropfen fielen
glänzend in dem Strahl des Lichtes auf ihre Kniee herab.
    Das Geräusch, das er machte, als er unter die Türe trat, hörte sie
augenblicklich, denn sie erhob den Kopf, erschrak auch wohl ein wenig, doch
fasste sie sich gleich wieder, als sie sah, dass es Herr Beil war, der nun langsam
in ihr Zimmer trat.
    Wenn auch zwischen diesen beiden Leuten nie ein Verhältnis geherrscht, das
mit gegenseitiger Liebe etwas zu tun hatte, - obgleich wir wohl wissen, wie er
das Mädchen anbetete - so bestand doch zwischen ihnen jener Grad von
Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimnisse einander anzuvertrauen und
ohne Scheu über die seltsamsten Dinge sprechen zu können.
    Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erschrak sie mehr als
bei seinem ersten Anblick, denn sein Aussehen war fürchterlich, seine sonst so
ruhigen Züge entstellt, seine Augen rot unterlaufen, seine Blicke glühend. Sie
machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen, doch
als er sich hierauf langsam in eine Ecke zurückzog und ihr die Hände wie
beschwörend entgegenstreckte, auch sie bittend, ja stehend ansah, da sank sie
wieder auf das Bett zurück, presste die Hände vor das Gesicht und weinte laut und
bitterlich.
    »Ja, ja,« sagte er nach einer schrecklichen Pause, »es musste am Ende so
kommen.«
    »Ja, es musste so kommen,« erwiderte das Mädchen mit tonloser Stimme.
    »Und es kam so?«
    »Ja, es kam so.«
    »Und sonst keine Hilfe und Rettung?«
    »Keine! - keine!«
    »Aber ich hätte doch noch ein wenig widerstrebt,« sprach er mit einem
schrecklichen Lächeln und einem eisigen Tone. »Man muss nicht sogleich
nachgeben.«
    Statt aller Antwort entblösste das Mädchen ruhig und schweigend, in diesem
Moment, wie es schien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem sie das
weisse Nachtkleid vorher auf der Brust geöffnet. Und auf dieser weissen vollen
Schulter sah man verdächtige dunkle blaue Flecken. - »Das war die letzte
Unterredung,« sagte sie mit einem matten Lächeln.
    »Sehr triftig und überzeugend,« erwiderte er, »aber ehe es so weit kam,
hätte man noch etwas Anderes tun können.«
    »Und was denn?« fragte sie, wobei ihr Auge aufflammte.
    »Man hätte zum Beispiel in's Wasser springen können.«
    »Ach ja!« entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute. - »Ach ja,
ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Munz dazu.«
    »Das ist freilich etwas Anderes,« versetzte er scheinbar ganz ruhig. »Sie
hatten Angst, Marie, weil Sie sich fürchteten, diesen unbekannten Weg allein zu
machen. - Aber ich wäre mit Ihnen gegangen, o, so gerne wäre ich mit Ihnen
gegangen.«
    »Mit mir in den Tod?«
    »Mit Ihnen in den Tod! - Und wenn wir zusammen in das Wasser gesprungen
wären, so hätte ich nur eine Bitte gehabt; Sie hätten mich dann nur bei der Hand
festalten müssen und sagen: Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich nicht allein
liessen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter. - Ein so inniger Dank von
Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, hätte mich glücklich gemacht. - Und dann
schon die Wonne, mit Ihnen sterben zu dürfen! - Wissen Sie wohl,« fügte er
seltsam lächelnd hinzu, »dass ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die
ausschweifendsten Hoffnungen knüpfte? - Dass ich in meiner jetzigen Gestalt wohl
nicht geliebt werden kann,« sprach er, indem er an seinem seltsam geformten
Körper hinab sah, »weiss ich selbst wohl am besten; aber man lässt ja alles Das
hier zurück, und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wären, wer weiss,
Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen hätten und ob Sie
nicht vielleicht auf die Frage: Willst du mit dieser Seele vereint bleiben? ein
lautes und freudiges Ja geantwortet hätten. - Doch genug der Worte, - ich komme,
um Abschied zu nehmen.«
    »So verlassen Sie wirklich dieses Haus?« fragte erschrocken das Mädchen.
    »Heute freiwillig,« entgegnete er; »morgen würde mich der Herr Blaffer vor
die Türe werfen.«
    »Und mein Bruder, der so sehr an Ihnen hing -?«
    »Hat jetzt den Schutz der Schwester, die allmächtig im Hause ist,«
entgegnete er mit Bitterkeit. »Doch will ich an alles Das nicht mehr denken,«
fuhr er gleich darauf fort, indem er sich mit der Hand über die Augen wischte;
»ich will Sie nur sehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer
himmlischen Erscheinung, aufgeblickt, will es nicht wissen, dass dies herrliche
Bild von schmutziger Hand zerstört wurde, will nur einmal und zum ersten Mal vor
sie hinknieen, Ihre beiden Hände ergreifen und sie an meine Lippen drücken.«
    Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Füssen niedergeworfen, hatte
wirklich ihre beiden Hände ergriffen, und während er sie in seinen schwarzen
Bart drückte, träufelten seine heissen Tränen darauf hin. - »So leben Sie wohl,
Marie,« sagte er, »möge es Ihnen besser gehen, als bisher; gedenken Sie meiner
zuweilen, und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten können, so nennen Sie auch
meinen Namen, wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden!«
    Damit wollte er sich erheben, doch fasste das Mädchen mit ihren beiden Händen
krampfhaft seine Arme und versuchte es, ihn festzuhalten; er dagegen wandte alle
Kraft an, sich los zu machen, und wie sie so mit einander rangen, zog er sie
empor, da er der Stärkere war; doch liess sie ihn darum nicht los, sie schlang
ihre Arme um seine Schultern, indem sie ausrief: »Gehen Sie nicht so fort,
verlassen Sie nicht dieses Haus, Ihr Blick ist schrecklich, Sie haben
Entsetzliches vor!«
    »Ganz und gar nicht,« entgegnete er, nachdem er sanft ihre Hände los
gemacht, sie aber fest in den seinigen hielt, »ich habe nichts Schlimmes vor. -
Aber Sie sehen ja wohl,« setzte er hinzu, indem er die Zähne Zusammenbiss, »dass
hier meines Bleibens nicht ist, jetzt nicht mehr, und könnte ich damit Millionen
verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren
süsser Duft mich glücklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte;
und nun - ist ja Alles dahin, mein Tempel ist zertrümmert, meine Altäre sind
umgestürzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten
Welt. - Darum will ich mir Besseres suchen und gewiss, ich werde es finden.« - -
    Er liess ihre Hände los, sie sank laut weinend auf das Bett zurück; nachdem
er sie noch mit einem schmerzlichen Blick betrachtet hatte, eilte er geräuschlos
durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab.
    Vielleicht wäre sie ihm gefolgt, um noch einen Versuch zu machen, ihn
festzuhalten, aber sie fürchtete, es möchte Jemand im Hause erwachen, und weil
sie das fürchtete, liess sie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn
seine Schritte führen würden.
 
                           Einundvierzigstes Kapitel.
                                   Am Kanal.
Herr Beil eilte durch eine Hintertüre auf den Hof, und da er hier mit der
Oertlichkeit wohl vertraut war, so überstieg er ein paar Zäune und befand sich
in kurzer Zeit auf der offenen Strasse.
    Es mochte nahe an Mitternacht sein, als er so einsam zwischen den Häusern
langsamen Schrittes dahin ging; er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und war
so in tiefe Gedanken versunken, dass er es nicht einmal bemerkte, wie der scharfe
Nachtwind, da er ohne Hut war, sein Haar empor lüpfte und von der Stirne wehte.
Auf den Weg, den er machte, achtete er nicht, wenigstens blickte er nicht in die
Höhe und schien sogar nach einiger Zeit verwundert, als er sich auf einmal durch
eine Barrière aufgehalten fühlte, gegen die er hingeschlendert war, ohne gerade
heftig daran zu stossen.
    Diese Barrière befand sich ziemlich weit ausserhalb des Mittelpunkts der
Stadt, in einer öden und verlassenen Gegend, wo nur noch hie und da einige
Häuser standen; sie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck, Jemand, der
vielleicht sorglos umherspazierte, vor dem Hineinfallen in das Wasser zu
bewahren, denn der Kanal war sehr tief und auch ziemlich reissend, da er ein paar
hundert Schritte abwärts von dieser Stelle in den Fluss mündete, der eine Seite
der Stadt in einem weiten Bogen umschloss.
    Unser Nachtwandler lehnte sich mit beiden Armen auf das Geländer und schaute
gedankenvoll in das dunkle Wasser hinab. Man musste das Auge zuerst an die
Finsternis da unten gewöhnen, ehe man bemerken konnte, wie sich der Wasserstrom
zwischen den engen Ufern dahin bewegte, oder man musste abwarten, bis droben am
Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stück des Mondes oder ein paar Sterne
entschleierten, deren Licht alsdann auf das trübe Wasser fiel und es auf
Augenblicke erhellte. Das Ohr vernahm schon deutlicher das feindselige Element
drunten, denn wie dieses bei den Ufermauern vorbeifloss, schliff es in allerhand
Tönen gegen die Steine derselben, rauschte in einer unfernen Ecke, und gluckste
dort, Wirbel bildend, als lechze es nach irgend einer Beute.
    Lange schaute Herr Beil so hinab auf den Kanal, und immer folgten seine
Blicke dem Laufe des Wassers. Es war ihm gerade, als winke es ihm zu folgen, und
nachdem er so eine Zeit lang träumend gestanden, hatte er alle Schauer vor einem
kalten nassen Tode überwunden und fühlte eine wahre Sehnsucht, den flüsternden
Wassern zu folgen. Anfangs rauschte das eintönig an seinem Ohr vorüber; nach und
nach kam aber ein gewisser Takt und eine Melodie hinein, eine einfache,
kindliche Melodie, welche die Fluten mit leisem Tone immer und immer fort zu
singen schienen. Er hatte sie schon oft gehört, diese Weise, und wie er nun die
Hand vor die Stirne legte und darüber nachdachte, so fiel es ihm ein, es sei ja
nichts Anderes, als das Wiegenlied, mit welchem ihn die früh verstorbene Mutter
so oft in den Schlaf gesungen.
    Richtig! das war es; es waren dieselben weichen, schläfrigen Töne, und als
er wieder eine Zeit lang hinab gelauscht, da meinte er auch Worte zu vernehmen;
nur waren sie anders, als die, welche damals zum Wiegenlied gesungen wurden. Die
hier erzählten von einem hellen lichten Tage, dem sie aus der finsteren Nacht
entgegen fliessen, und von lachenden Gefilden, mit Blüten und Früchten bedeckt,
so unendlich verschieden von dem kalten, schmutzigen Lande, das jetzt ihre Ufer
bildete. - Und Ruhe, Ruhe gibt's da unten, flüsterten sie, - angenehme
behagliche Ruhe; - komm und folge uns! -
    Er beugte sich tief auf das Wasser hinab und dachte auf einmal klar und hell
an seine Jugendzeit, wo er sich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle, die
besonders reissend war, wo tückische Wirbel Alles in die Tiefe zogen, was er
damals als rüstiger Schwimmer nicht beachtet. Aber eines Tags, als er auch
wieder so keck hinein sprang, schien sich der Flussgott über diese Verwegenheit
zu erzürnen und hielt ihn drunten beim Fusse fest, - das war in der Tat seine
erste schreckliche Idee, als er sich unten gehalten fühlte: in Wahrheit aber war
er mit dem Fusse in eine Faschine geraten und konnte nicht wieder los kommen.
Die Sekunden, welche er sich da unten bemüht hatte, den Fuss loszureissen,
schienen ihm lange, lange Jahre zu sein; als er aber fühlte, dass es nicht ging,
ergab er sich ruhig in sein Schicksal, öffnete weit die Augen und sah tief unten
im grünen Wasser mit Verwunderung, wie so seltsam das Sonnenlicht auf der
Oberfläche sich spiegelte und strahlte, wie der ganze Fluss einem hellgrünen
Kristallgewölbe glich, auf dem sich tausendfache Strahlen brachen, - einem
Feenpalast mit unsichtbarer, seltsam klingender Musik, denn auch hier summten
und rauschten ihm die Wasser in den Ohren und tönten jenes bekannte Lied; nur
ward es schwächer und immer schwächer, endlich wurde die Melodie zerrissen und
unverständlich, obgleich die unsichtbaren Sänger immer näher zu kommen schienen,
bis sie zuletzt dicht sein Haupt umringten und ihn betäubten mit wilden Tönen,
mit Sausen, Rauschen und Klingen, in ganz leiser Weise und doch so eindringlich
und verständlich. - Und darauf war er todt, gestorben ohne Schmerz und Klage, -
so glaubte er wenigstens damals, in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmächtigen
ein tüchtiger Taucher an die Oberfläche und somit in's Leben zurück. -
    Daran dachte er jetzt, und wie der Wassertod so gar nichts Unbehagliches
oder Schreckliches habe. Heute war es freilich dunkel; kein Sonnenstrahl
erhellte das Wasser, aber das erschien ihm um so besser; er sah da nichts mehr,
was ihn an das freundliche Leben draussen gemahnt hätte, er konnte die Augen
getrost schliessen, um abzuwarten, bis jener geheimnisvolle Gesang näher und
immer näher komme.
    Schlafen, schlafen - Ruhe! flüsterte es drunten; und eine andere Stimme
sagte etwas dazwischen, was ihm schrecklich war, aber doch wieder Trost verlieh.
Er hatte nämlich den Blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da
einen klaren glänzenden Stern, der strahlend im blauen Lichte die Wolkenmasse
durchbrechen zu wollen schien. dabei hatte er plötzlich an sie gedacht, wie ein
Blitz hatte ihr Bild seine ganze Seele erfüllt und darauf grauste es ihm eine
Sekunde lang vor dem finsteren Wasser, um ihn gleich darauf wieder mächtiger
hinzutreiben. Der Stern verschwand, das Licht in seinem Herzen erlosch, und es
war dort wieder nächtlich finster. Er beugte sich abermals über das Wasser herab
und sogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende, verständliche Melodie;
schlafen, schlafen - Ruhe! sangen einige, und andere, die vielleicht wussten, dass
er ein paar Augenblicke vorher an das Mädchen gedacht, rauschten dazwischen und
murmelten: sie wird dir folgen, - sie wird dir gewiss nachfolgen, - o sie kommt
auch noch zu dieser Stelle, und wenn sie vor uns zurückschaudert, so singen wir
ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied, und wollen ihr
getreulich erzählen, dass du voran gegangen und drüben auf sie warten werdest. -
Gewiss, sie kommt, glaube uns, wir sind mitleidig und gut, und wir wollen ihre
Seele rein waschen, dass sie es vermag, in herrlicher Klarheit vor dich
hinzutreten. - -
    Ach! jede Wasserfläche hat für ein tief betrübtes und zerbrochenes Herz
etwas so unendlich Beruhigendes und zugleich Verführerisches. Es ist gefährlich,
an stillen Wassern vorüber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz
beladen ist; anfänglich beugt man sich ohne Absicht auf die Fluten nieder,
tiefer und immer tiefer, und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der
geheimnisvollen Fläche. Ist doch da unten ein ewiges Vergessen zu finden für
Alles, was uns hier im Leben geängstigt und bedrückt.
    Er, der einsam hier an der Barriere stand, hatte dieselben Gedanken, und
sein Auge erweiterte sich, als er nun mit sich im Reinen war und so tief sinnend
auf das dunkle Wasser sah. Er vermochte es nicht, den Blick abzuwenden, während
er hastig die letzte Scheidewand überkletterte, die zwischen ihm und dem Tode
stand. Erst, als er tief atmend sich jenseits derselben befand, brachte er es
über sich, noch einen Blick rückwärts zu werfen auf die Stadt, deren Häuser
still und finster da lagen. - -
    Doch wie er so um sich schaute, fasste er unwillkürlich wieder die Schranke
hinter sich fester mit den Händen, denn mit einem unerklärlichen Entsetzen
bemerkte er, nicht zwei Schritte von sich, in unbestimmten Umrissen eine
Gestalt, die gerade so an der Barrière lehnte, wie er einen Augenblick vorher.
Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende
desselben um den Kopf geschlungen oder ihn mit einer Kaputze verhüllt, denn man
bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unförmliche schwarze
Masse, die aber ein Gesicht hatte, denn Herr Beil sah deutlich zwei Augen
glänzen, die ihn forschend zu betrachten schienen.
    Dass sich seine Nerven in diesem Augenblick in höchster Aufregung befanden,
wird uns Jeder glauben, und ebenso, dass er mehr als überrascht war, hier in der
stillen Nacht in tiefer Einsamkeit, wo er sich fern von jedem menschlichen Wesen
glaubte, so plötzlich und unverhofft beobachtet zu werden. Seine Seele war noch
wenige Momente vorher trotz seines schrecklichen Vorhabens so ruhig gewesen, und
jetzt fühlte er mit einem Male sein Herz heftiger schlagen; eine unerklärliche
Furcht bemächtigte sich seiner, bannte ihn fest und zwang ihn sogar, fortwährend
die beiden leuchtenden Augen zu betrachten, die ihn bewegungslos anstarrten.
    Wusste die unheimliche Gestalt, was ihn hieher getrieben, hatte sie sein
Inneres ergründet, - konnte es wohl ein menschliches Wesen sein, was so
unbeweglich da lehnte, und, wie es schien, auf den Moment begierig war, wo er
als Selbstmörder enden würde?
    Er wich unwillkürlich einen Schritt auf die Seite, hielt aber das Geländer
mit beiden Händen fest, und er vermochte es nicht, den Blick von dem Wesen neben
ihm abzuwenden. Seine unerklärliche Angst vor dieser Gesellschaft vergrösserte
sich immer mehr, und es ist unbegreiflich aber wahr: er, der einen Augenblick
vorher den Tod gesucht, fürchtete sich jetzt, diesem Wesen den Rücken zu kehren,
indem er dachte, es könnte vielleicht unvermutet über ihn herfallen und ihn in
den Kanal hinabstürzen.
    Aber es blieb ruhig an seiner Stelle; nichts regte sich an ihm; nur blickten
die gespenstigen Augen immer herüber.
    Was sollte er tun? Er hatte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut
gemacht, doch wollte er endigen in stiller, verschwiegener Nacht, aber nicht
indem er einen so sonderbaren Zuschauer hinter seinem Rücken liess, der Gott weiss
was beginnen konnte, sobald er in den Kanal gesprungen.
    Und das konnte ihm am Ende doch gleichgültig sein! - - Aber es war ihm nicht
gleichgültig; er hätte nicht ruhig sterben können bei dem Gedanken, diese
seltsamen Augen würden jetzt nach ihm schauen, während er untersinke, und das
Wesen selbst eine laute Lache aufschlagen, sobald ihn die Fluten verschlungen.
    Es trat eine peinliche Pause ein, während welcher die Augen immerfort
herüber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich.
    Endlich machte die Gestalt eine kleine Bewegung, sie richtete sich etwas in
die Höhe, man bemerkte, wie sie mit grosser Ruhe unter dem Mantel die Arme über
einander schlug. Dann sprach sie mit einer tiefen klangvollen Stimme ein
einziges Wort, aber dies Wort, an sich unbedeutend, durchzuckte den Körper des
Anderen auf eine sehr unangenehme Art.
    Die Gestalt sagte nämlich wie Jemand, der lange vergeblich gewartet, mit
fragendem Tone: »Nun -?«
    »Nun,« wiederholte Herr Beil, indem er scheu auf die Seite blickte. - »Nun?
- Was nun?«
    »Ich meine, ob es bald vor sich geht,« erwiderte das seltsame Wesen; »ich
habe jetzt schon lange genug darauf gewartet.«
    »Und was soll vor sich gehen?« fragte schaudernd der Andere mit kleinlauter
Stimme. »Ich glaube nicht, dass ich Jemand hieher gerufen, um zuzuschauen, was
hier vielleicht geschehen könnte.«
    »Gewiss nicht,« sagte die Gestalt, »ich bin nicht mit Worten gerufen worden,
aber es zog mich auf eigentümliche Weise daher, und da ich nun einmal da bin,
möchte ich nicht lange mehr vergeblich warten; die Sache könnte wohl vor sich
gehen, das Vorspiel war lange genug.«
    »Und wer bist du?« fragte Herr Beil mit gesteigertem Entsetzen, »dass es dir
ein teuflisches Vergnügen macht, zuzuschauen, wie ein unglücklicher Mensch, dem
das Dasein zur Last wurde, seinem traurigen Leben ein Ende macht?«
    »Wer ich bin, tut nichts zur Sache,« entgegnete die Gestalt, »vielleicht
bin ich der Schutzengel der Selbstmörder und habe die Macht, ihnen ein sanftes
Ende zu geben, vielleicht bin ich auch sonst ein Wesen, das besonderen Geschmack
an den Narrheiten der Menschen findet.«
    »An den Narrheiten der Menschen!« wiederholte der Andere; »kann man wohl
eine Tat Narrheit nennen, deren Beweggründe man nicht kennt und begreift?«
    »Jeder Selbstmord ist Narrheit und Feigheit,« antwortete das Phantom, indem
es sich abermals behaglich an die Brüstung lehnte. »Nur ein Narr und ein Feiger
verlässt freiwillig diese Welt: der Erstere, weil er seine Verhältnisse Herr über
sich werden liess, der Andere, weil er nicht den Mut hat, ein vielleicht
trauriges Leben bis an sein natürliches Ende zu tragen.«
    »Ah! du fühlst es nicht, wie schwer es ist, von dem Licht der Sonne, von
einem Dasein, selbst dem ärmlichsten, Abschied zu nehmen, sonst würdest du eine
solche Tat nicht feige nennen.«
    »Der Mut, der vor den Augen der gewöhnlichen Welt vielleicht dazu gehört,
eine Pistole vor seiner eigenen Stirne abzubrennen, oder in's Wasser zu
springen, ist kein wirklicher Mut; es ist das mehr ein Ausbruch der
Verzweiflung, unterstützt von Nervenaufregungen, der so mit einem Schlage ein
ganzes Leben hinter sich wirst, weil der Selbstmörder, wie schon gesagt, zu
schwach war, um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben.«
    »Und du glaubst, es sei kein Fall denkbar, wo der Selbstmord zu
entschuldigen sei?« meinte Herr Beil mit bitterem Lachen.
    »Zu entschuldigen nie,« entgegnete die Gestalt, »zu verzeihen nur in einem
einzigen.«
    »Und dieser einzige Fall -?«
    »Es ist nicht der deinige.«
    »Aber nenne ihn mir.«
    »Du wirst ihn vielleicht nicht einmal begreifen, ja du kannst ihn unmöglich
verstehen.«
    »Wer weiss! Nach den harten Worten, die du vorhin zu mir gesprochen, möchte
ich wohl wissen, unter welchen Bedingungen du den Selbstmord entschuldigen
würdest.«
    »Nun meinetwegen,« sagte die Gestalt, indem sie sich wieder etwas empor
richtete; »man solle einem Sterbenden keine Bitte abschlagen, und da du ein
solcher bist, so will ich dir meine Ansicht mitteilen. - Das Verbrechen, von
dem wir eben sprachen, könnte ich, wie gesagt, nur in einem einzigen Falle
entschuldigen, das wäre nämlich, wenn ein Selbstmörder wieder in's Leben
zurückgerufen würde und er dann von neuem Hand an sich legte, um so dem
Schlimmsten, was einen Menschen treffen kann, dem allgemeinen Hohne, der
allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen.«
    »Dem Hohne und der Verachtung!« versetzte der Andere, und seine Zähne
klapperten auf einander. - »Aber nein, nein!« rief er nach einer Pause
leidenschaftlich, »ich weiss, wer du bist, du bist der Teufel! Du willst mich von
meinem Glücke zurückhalten, um die Lust zu haben, mich noch Jahre lang quälen zu
können.«
    Nach diesen Worten lachte das Phantom laut auf, aber es war ein gellendes,
unheimliches Gelächter. - »Nein, nein,« sagte es, »ich bin nicht der Teufel, -
vielleicht mit ihm verwandt; die trüben Leidenschaften, die sich deines Gehirns
bemeistert haben, lassen dich völlig unklar denken; wenn ich der Teufel nach
euren Begriffen wäre, so müsste ich an deinem Schritt meine Freude haben, denn
deine Seele wäre mir gewiss und ich bekäme sie bald. - Aber beruhige dich: für
euch Selbstmörder gibt es weder Teufel noch Engel, weder Belohnung noch Strafe,
und das ist gerade eure Strafe; mit dem Sprung in's Wasser lasst ihr all' eure
Hoffnung hinter euch. Diesseits könnt ihr nicht mehr Busse tun, um ein ewiges
Leben, an das wir ja Alle glauben wollen, zu erringen; denn ein ewiges Leben,
wenn auch voll Not und Qual, aber doch mit einem Schimmer von Hoffnung, ist
nicht für euch: ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen.«
    »Ah!« machte der Andere, »das ist eine seltsame Ansicht. Ich hoffe sehr auf
eine bessere Zukunft.«
    »Aber vergeblich; was du diesseits verachtungsvoll wegwirfst, wird man dir
nicht jenseits entgegenbringen. - Aber nun lass uns den unnützen Wortstreit
enden. Mache dein Geschäft ab; ich möchte gern nach Hause.«
    »So geh' deiner Wege!« rief Herr Beil mit schmerzlichem Tone. »O, wärst du
nie gekommen, um mich zu belauschen, Alles wäre nun vorüber, während so -«
    »Dein Entschluss wankend geworden ist?« fragte die Gestalt.
    »Deine Augen, die so starr auf mich geheftet sind, beunruhigen mich. Ich
glaube, während ich in's Wasser spränge, würden sie schrecklich, entsetzlich
immer näher auf mich eindringen.«
    »Da hast du Recht; das wird auch der Fall sein, denn ich habe mir einmal
fest vorgenommen, deinem Ende beizuwohnen, ich interessire mich dafür und werde
nicht von der Stelle weichen.«
    »Das will ich erwarten,« sprach Herr Beil zähneklappernd, indem er sich an
das Geländer lehnte, und, wie es vorhin die Gestalt gemacht, ebenfalls seine
Arme, die aber heftig zitterten, über einander schlug.
    Es entstand eine längere Pause; endlich sagte der im Mantel mit einem Anflug
von Heiterkeit in seiner Stimme: »Mir scheint, wir haben hier Beide vor, eine
seltsame Soirée zu begehen. Du bist der Wirt, ich bin zur Komödie eingeladen
oder meinetwegen auch unberufen erschienen. Nehmen wir also an, ich sei der
Gast, so finde ich es doch nicht mehr als billig, dass du für meine Unterhaltung
Sorge trägst. Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorschlagen: erzähle mir
deine Geschichte so kurz oder so lang du magst, erzähle mir vor allen Dingen,
was dich hieher getrieben, und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung
sagen, wie gross deine Narrheit eigentlich ist.«
    »Und wenn du meine Narrheit, wie du es nennst, alsdann nicht übermässig gross
findest,« entgegnete Herr Beil, »willst du dann ruhig deiner Wege gehen und mich
meinem Schicksal überlassen?«
    »Das ist eine Bedingung,« versetzte nun wirklich lachend das Gespenst, »und
wenn ich sie eingehe, so kann ich das nur tun, indem ich dir ebenfalls eine
stelle.«
    »So lass hören!«
    »Wenn ich zugebe, dass deine Narrheit klein ist, so will ich mir also das
Vergnügen versagen, dich in den Kanal springen zu sehen; ist aber deine Narrheit
gross, so schiebst du dein Vorhaben auf, bis - wir uns wieder gesehen.«
    »Es gilt,« sprach Herr Beil nach längerem Ueberlegen.
    Und darauf wandte er sich, obwohl zögernd, gegen die sonderbare Gestalt, die
wieder unbeweglich wie vorher an dem Geländer lehnte, und erzählte mit
geflügelten Worten seinen traurigen Lebenslauf, wie er schon als Kind mit seiner
schwächlichen halbverwachsenen Gestalt der Spielball aller Launen seiner
Kameraden gewesen, wie seine Eltern ihn nicht geliebt, sondern gegen die andern
Geschwister zurückgesetzt, und wie bei all' den Kränkungen, die er erduldet, das
Schlimmste gewesen sei, dass er ein weiches, fühlendes Herz erhalten, das alle
Menschen mit inniger Liebe umfasst, und das nun doppelt schmerzlich empfunden,
wie man ihn überall zurückgestossen. - Seine Leiden vermehrten sich mit den
Jahren, man brachte ihn mit grosser Mühe als Lehrling unter, und als er
ausgelernt hatte, fand sich lange keine Stelle für ihn, er musste Jahre lang in
seinem Geschäfte die niedrigsten Arbeiten versehen, und als er endlich die
Stelle erhielt, in der wir ihn kennen gelernt, musste er sich mit einem Gehalt
begnügen, der zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben war; er musste dabei alle
Launen des Prinzipals ertragen und er tat das wohlgemut, bis jene beiden
Kinder in das Haus kamen, bis ihm Marie erschien, bis sein Herz durch die Liebe
zu ihr so namenlos unglücklich wurde.
    Als er in seiner Erzählung an diese letzte Zeit seines Lebens kam, zitterte
seine Stimme und die Tränen tropften ihm langsam aus den Augen. Er schilderte
mit glühenden Farben seine Liebe zu dem Mädchen und die törichten Hoffnungen,
die er genährt, - Hoffnungen, die er aber gern unterdrückt hätte, wenn sie
glücklich geworden wäre. Nun aber kamen jene Vorfälle, und davon sprach er dem
Phantome gegenüber mit fieberhafter Hast; es drängte ihn, über diese
schrecklichen Stunden hinüber zu kommen. Er erzählte von dem vergangenen Abend,
von seiner Unterredung mit ihr, von seinem festen Entschlüsse, das Leben endigen
zu wollen, von seinem Gange durch die dunklen Strassen, von seiner Ankunft hier
am Kanale und sogar von der Melodie, die ihm das Wasser vorgesungen, von dem
alten Wiegenliede - schlafen - schlafen - Ruhe! -
    »Und nun bin ich fertig,« sagte er, als er geendet; »aber die Ruhe, mit der
ich hierher ging, ist aus meinem Herzen verschwunden. Ich war nicht mehr
unglücklich, jetzt bin ich es wieder, o namenlos, namenlos unglücklich! - Und
nun sprecht nach Eurer Ueberzeugung, bin ich töricht oder bin ich es nicht?«
    Bei diesen letzten Worten schlug er die Hände vor's Gesicht und beugte den
Kopf tief hinab auf das Geländer.
    Einige Augenblicke hörte er nichts als das Rauschen des Wassers, dann
vernahm er die Stimme des seltsamen Wesens neben ihm; und diese Stimme, bis
jetzt hart und scharf, klang nun weich und milde. »Ich habe deine Geschichte
angehört,« sagte es »und muss gestehen, dass allerdings viel Unglück darin
vorkommt, aber nicht genug, dass ich dir, wie wir bedungen, mit einem Worte die
Erlaubnis geben dürfte, dein Leben zu endigen. Denk' daran, was du mir
versprochen, lebe, bis wir uns wieder sehen, und glaube mir, wir sehen uns bald
wieder. Sei auch versichert, dass du meinem Blicke nicht entgehst, und wenn du je
dein gegebenes Wort brechen und doch zum Selbstmörder werden wolltest, so schaue
vorher auf die Seite, du wirst meine Augen auf dich gerichtet finden, dich
warnend und zurückziehend, wie ich es in dieser Stunde getan. - Und nun lebe,
und lebe so gut du kannst!« -
    Damit schwieg die Stimme, und als sich der junge Mann ein paar Minuten
nachher empor richtete, um einige Worte zu entgegnen, bemerkte er zu seinem
grösstem Entsetzen, dass die Gestalt neben ihm verschwunden und nirgends mehr zu
sehen war. Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauschen des Mantels
vernommen. Er war wieder ganz allein in der Nacht, Alles um ihn her in tiefe
Finsternis gehüllt, nur der Himmel über ihm sah etwas lichter aus, und der
glänzende Stern mit dem bläulichen Lichte strahlte in heller Pracht auf ihn
hernieder.
    Zu gleicher Zeit schlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach
Mitternacht.
 
                          Zweiundvierzigstes Kapitel.
                        Spaziergänge des Herrn Sträuber.
Noch in der letzten Hälfte der Nacht, von der wir im vorigen Kapitel erzählten,
änderte sich das Wetter; der Wind war nach Osten herumgesprungen, hatte die
trüben Wolken vor sich hergejagt und Alles frisch und blank gefegt für eine
blitzende Wintersonne, die wenn auch in diesem Monat spät, doch klar und
freundlich aufging. - Wie sah in ihrem Lichte Alles ganz anders aus, als gestern
im Schatten der Nacht! Da war der Kanal, da die Barrièren, an welchen Herr Beil
jene Gestalt gesehen, die ihn glücklicherweise von seinem traurigen Vorhaben
abgebracht; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches, und
wenn jetzt auch noch so viele Wesen in schwarzen Mänteln und mit noch
blitzenderen Augen dort gelehnt hätten, es würde sich Niemand weiter um sie
bekümmert haben.
    Auf dem Wasser des Kanals lag ein heller, freundlicher Schein; seine Ufer
hatten sich mit Reif bedeckt, auf welchem die Sonnenstrahlen zahllose Brillanten
hervorzauberten. Die kahlen Aeste der Bäume waren auf einer Seite wie vergoldet,
während die andere eine bläulich unbestimmte Farbe hatte. Auch die Barrière war
hell angestrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg, der an ihr
vorüber führte. Die einzelnen Häuser, die in der gestrigen Nacht so sehr
entfernt zu stehen schienen, - denn man sah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre
Umrisse, - waren jetzt im hellen Lichte näher gekommen und standen frisch und
wohlgemut da mit ihren glänzenden Fensterscheiben, mit den hohen roten
Dächern, die wie eine Morgenmütze aussahen, und aus deren Spitze der hellblaue
Rauch empor wirbelte, - eine lustig aufgesteckte Feder.
    Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht: kleine Buben sprangen sich
scheu umsehend und eilfertig dem Wasser zu, um nachzuschauen, ob nicht bald für
eine solide Eisdecke Hoffnung sei; Hunde aller Rassen machten ihren
Morgenspaziergang und trieben sich namentlich in der Nähe der Barrière herum, an
der sie jeden Pfuhl beschnüffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen
zurückliessen; Weiber mit grossen Körben voll Wäsche auf dem Kopfe drängten sich
an die Treppen, die zum Kanal hinab führten, und hatten einander, ehe sie ihre
Arbeit begannen, wichtige Begebenheiten mitzuteilen. Von draussen herein kamen
Bäuerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt, sie hatten meistens schon
einen weiten Weg zurückgelegt, sahen etwas übernächtig und verschlafen aus, und
wenn sie zuweilen tiefaufatmend einen Augenblick stehen blieben, so kam der
Hauch aus ihrem Munde wie eine blaue Wolke hervor. - Das ging aber Alles an
einander vorüber und Keines bekümmerte sich viel um die Begegnenden; die Buben
liefen in das Haus zurück oder auf ihre Spielplätze, die Hunde suchten den
warmen Ofen wieder auf und die Wäscherinnen begannen, immerfort plaudernd, ihr
Geschäft.
    So mochte es vielleicht neun Uhr geworden sein, als von draussen herein gegen
die Stadt zwei Leute kamen, die in eifrigem Gespräch neben einander gingen. Es
war ein Mann und eine Frau, letztere in der Tracht der Bauernweiber, und dass wir
es dem geneigten Leser nur gestehen, Beide gehören bereits zu unserer
Bekanntschaft: sie war jene Bauersfrau, welche wir bei Madame Becker gesehen, wo
sie der unglücklichen Nähterin den Tod ihres Kindes angezeigt; und wenn wir von
dem Manne, der neben ihr ging, sagen, dass er trotz der Kälte des Morgens einen
ziemlich dünnen, abgeschabten schwarzen Frack trug, hohe, etwas gelbe Hemdkragen
hatte, dazu einen fuchsigen Hut, und dass er mit grossem Anstande daher schritt,
so wird Niemand mehr im Zweifel sein, dass es der sehr ehrenwerte Herr Sträuber
war, den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergnügen hatten.
    Herr Sträuber trug heute zur Vervollständigung seiner Toilette graue
baumwollene Handschuhe, auch dampfte in seinem Munde eine Cigarre. Er ging mit
grosser Würde neben der Frau her, und wenn er so zuweilen im Gespräche steif und
wichtig mit dem Kopfe nickte, so gab er sich das Ansehen eines vornehmen Herrn,
der zufällig mit einer ganz geringen Person spazieren geht und sich vorgenommen
hat, dabei sehr herablassend zu tun. Zuweilen blieb er auch stehen, stemmte
beide Arme in die Seite und hob seine Nase gewaltig hoch empor, und dann stellte
sich die Frau vor ihn hin, sprach eifrig mit ihm, und je ärger sie mit den
Händen gestikulirte, desto ruhiger und würdevoller sah er auf sie herab; dann
erfolgte ein abermaliges ernstes Kopfnicken und sie zogen weiter.
    Als sie so an die Barrière kamen, wo gestern Nacht der Herr Beil gestanden
und wo jetzt die Wäscherinnen lachten und plätscherten, versuchte es Herr
Sträuber, einen grossen Bogen zu machen, um nicht zu nah bei diesen Damen vorbei
zu müssen. Die Bauersfrau achtete aber nicht darauf, dass sie in diesem
Augenblicke besonders lebhaft erzählte, sondern sie ging so hart an der Schranke
vorbei, dass sie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieselbe legte
und den darauf gefallenen Reisen herab wischte, der sprühend auf die Erde fiel.
    »Bst! bst!« machte eines der Waschweiber, als die Beiden näher kamen, mit
leiser Stimme zu den andern, »schaut euch den an, der da kommt, das ist ein
Seelenverkäufer, ein Sklavenhändler.«
    »Ei der Tausend!« meinte eine andere, die sehr stämmig aussah, »sollen wir
ihn nicht ein wenig unter die schmutzige Wäsche tauchen und sauber waschen?«
    »Das wäre vergebliche Mühe,« entgegnete die erste; »wenn man den hundert
Jahre in den Kanal versenkte, so käm' er doch wieder schwarz wie eine Kohle an
Leib und Seele heraus.«
    Die Bauersfrau, die diese Worte gehört, ging absichtlich langsam und zuckte
verächtlich mit den Achseln. Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte,
eilte ihr voraus, und als sie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt,
spuckte er grimmig aus und sagte: »Diese Bestien!«
    »Es weiss aber auch der Teufel,« meinte die Bauersfrau, »woher es kommt, dass
Ihr in ein so schlechtes Renommée geraten seid, und dass Euch alle Welt kennt
wie einen bunten Hund.«
    »Ich weiss es wohl,« entgegnete er mit zorniger Stimme; »ich kann mich nun
einmal mit dem Pack nicht gemein machen; es ist eine Leidenschaft von mir, auf
mein Äußeres was zu halten. Ginge ich in einer schmierigen Jacke einher wie die
Anderen, so wäre es freilich besser; aber dazu kann ich mich nun eben nicht
entschliessen.«
    »Ja, ja,« erwiderte die Bauersfrau, indem sie ihn lächelnd von der Seite
ansah, »Euer Äußeres ist schon von dem unsrigen verschieden; aber ich möchte
aus Eitelkeit nicht so frieren wie Ihr.«
    Herr Sträuber zuckte mit den Achseln, während er entgegnete: »Das versteht
Ihr nicht. Leider Gottes! kann ich wohl sagen, bin ich auf einer anderen Stufe
als Ihr geboren, und kann das nun einmal nicht verleugnen. Und dann glaubt mir
auch, es ist für uns Alle besser, dass auch Jemand, wie ich bin, da ist, mit dem
honette Leute ein vertrauliches Wort sprechen können.« - Damit strich er sanft
seinen Hemdkragen, zupfte darauf an den Handschuhen und drückte den Hut etwas
näher an's rechte Ohr, ehe er fortfuhr: »Desshalb halte ich es auch für Pflicht,
etwas auf meine Reputation zu sehen, und darum wäre besser, Frau Bilz, wenn wir
uns hier, wo die Strassen anfangen, für kurze Zeit trennten; in einer kleinen
halben Stunde komme ich zu Meister Schwemmer und da sehen wir uns wieder.«
    »Mir ist das auch schon recht,« sprach die Frau lachend; »aber haltet Euch
nicht zu lange bei Euren vornehmen Bekanntschaften auf und kommt pünktlich.«
    Herr Sträuber nickte statt aller Antwort nur, steckte die rechte Hand unter
den zugeknöpften Frack und lenkte mit erhobenem Kopfe in eine der breiteren
Strassen ein, die hier anfingen; die Frau dagegen verlor sich in eine
Seitengasse.
    Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter, schaute rechts und links an die
Häuser, blieb hier vor einem Laden stehen, betrachtete dort einen Augenblick die
Leute, welche in's Kaffeehaus gingen oder heraus kamen, und gewann darauf immer
wieder die Mitte der Strasse, namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten. Da
blieb er auch wohl einen Augenblick stehen, sa sich forschend nach allen Seiten
um und veränderte hierauf nicht selten seine Richtung.
    So tat er auch jetzt wieder und schoss mit grosser Geschwindigkeit in eine
Seitenstrasse, wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster
verwandte. Als er sie erreicht, schaute er um sich her, bückte sich und griff
Etwas vom Boden auf, das er hierauf lächelnd in seine Tasche steckte. Es war ein
kleines Portemonnaie, das Jemand da verloren haben musste. Und so war es auch,
denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter getan, so stürzte aus
einem Hause ein junges Mädchen heraus, das sich überall auf dem Boden umsah, und
dann auch den im schwarzen Frack im Vorübergehen fragte, ob er nicht Etwas
gefunden, worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd
verneinte.
    »Das ist kein schlechter Anfang,« sprach er zu sich selber, als er wieder in
eine belebtere Strasse eingebogen war, »und da uns der Zufall so günstig ist, so
könnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein.«
    So denkend, stellte sich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen
grossen Bilderladen, vor dem sich schon eine Menge Personen befanden, und schien
sich angelegentlich die Kupferstiche und Litographen zu betrachten, in Wahrheit
aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft, und mochte
endlich seinen Mann gefunden haben, denn er schob sich leise hinter einen jungen
Herrn, der eine Dame am Arme hatte und eifrig bemüht war, derselben die
Schönheit irgend eines grossen Blattes zu erklären. Die Dame trug einen mit Pelz
besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff, aus welchem ein zierlich
gesticktes Sacktuch hervor sah.
    Herr Sträuber, der voll Entusiasmus für eine büssende Magdalena zu sein
schien, die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand, drängte sich,
dabei sehr um Entschuldigung bittend, zwischen die junge Dame und einen dicken
Herrn, der auf der andern Seite stand, worauf denn auch geschah, was er sich
gedacht: die Dame in ihrer Artigkeit, wahrscheinlich befürchtend, mit ihrem
vorgehaltenen Muff zu viel Platz für sich wegzunehmen, zog die rechte Hand
heraus und nahm ihn leicht in die linke, worauf sich Herr Sträuber
augenblicklich tief herabbückte, um am Kupferstich der büssenden Magdalena den
Namen des Künstlers, der das Blatt gestochen, lesen zu können, zu gleicher Zeit
aber auch, um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an
sich zu bringen, worauf er nichts Eiligeres zu tun hatte, als, sich
zurückziehend, dem Gedränge zu entschlüpfen und mit möglichster Schnelligkeit in
einen benachbarten Laden zu treten, wo er sich von dem gefundenen Gelde eine
neue Cigarre kaufte.
    Er zündete diese mit äusserster Langsamkeit an, dann fragte er nach dem
Preise verschiedener Artikel, liess sich auch einige Sorten feinen Tabak
vorlegen, sprach über dies und das mit dem einfältig aussehenden Ladendiener,
und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verliess und wieder auf die
Strasse trat, er hatte natürlicherweise vorher auf's Sorgfältigste nach dem
Bilderladen hinüber gespäht, - fand er zu seinem grössten Erstaunen, dass sich ein
ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schösse seines Fracks verirrt hatte und
nun freiwillig mitgegangen war. Er hielt aber die Sache für zu geringfügig, um
deshalb nochmals in den Laden zurückzukehren.
    Hierauf verliess Herr Sträuber die Hauptstrassen und wandte sich den stilleren
und entlegeren Stadtvierteln zu. Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse,
die auf einen freien Platz müngete, wo sich eine Kirche befand. Es war dies ein
altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern, zwischen denen man kleine Kramladen
eingebaut hatte. Die Kirche stiess mit dem Chor an ein altes Kloster, das den
Platz absperrte, und in welchem sich nur ein langer und finsterer Torweg
befand, der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden
Strassen war. Diesem Eingänge schlenderte Herr Sträuber zu, mit ausserordentlich
langsamen Schritten und zwar so langsam, dass er ein kleines Mädchen von acht bis
zehn Jahren, welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal
überholte; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit
der Kleinen das einsame halbdunkle Gewölbe. Dann blickte er scharf ausspähend
vorwärts und rückwärts, und als er kein menschliches Wesen weder auf dem Platze
noch in der anderen Strasse gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mädchen
erreicht, fasste es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte: »Sobald du
schreist, bring' ich dich um!« - Das arme Geschöpf war wie vom Schlage gerührt,
und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft öffnete, so brachte sie doch keinen Laut
hervor, fing aber an leise zu weinen, als er sie nun bis in die Mitte des
Torwegs schleppte, ihr dort mit grosser Geschicklichkeit die kleinen goldenen
Ohrringe entriss, und dann, ihr nochmals mit der Faust drohend, in raschen
Sprüngen entschwand. Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gasse, dann
links in eine andere, und beeilte sich soviel als möglich, in ein anderes
Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertelstunde
ungefährdet gelang.
    Hier ging er langsamer, zog ruhig seinen Frack in die Taille herab, der ihm
bei dem raschen Laufe etwas in die Höhe gerutscht war, richtete auch seine
Vatermörder auf und schob den Hut wieder auf die Mitte des Kopfes. Als dies
geschehen, betrachtete er die Strasse, in der er sich befand, und schlug dann
eine neue Richtung ein, die ihn bald in die Nähe des Fuchsbaues brachte. Doch
ging er hier vorüber, durchschritt noch einige kleine Gässchen und kam so in die
Nähe der alten Stadtmauer, wo die Häuser lichter wurden und hie und da kleine
Gärten zwischen ihnen zerstreut lagen. Auf einen der letzteren schritt er zu;
dieser war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Tor,
das nur angelehnt war. Er öffnete es und ging zwischen den kahlen Gartenbeeten
einem kleinen und baufällig aussehenden Hause zu, welches eigentlich das Ansehen
hatte, als sei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbesitzer als Scheune
benutzt. Die Fundamente dieses Hauses mussten auf einer Seite gewichen sein, denn
es stand vollständig schief und sah deswegen sowie auch, weil sämmtliche
Fensterladen verschlossen waren, recht trostlos aus. Wenn man es betrachtete, so
drängte sich Einem unwillkürlich die Idee auf, es habe sich dort einmal ein
Selbstmörder aufgeknüpft, und sei da lange, lange Jahre vergessen hängen
geblieben.
    Dies Haus wurde in seinen unteren Teilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh
und alten Gerätschaften benützt, oben schien nur noch ein einziges Zimmer
praktikabel zu sein, und das war die Wohnung unseres Bekannten, des
Teaterschneider-Gehilfen-Schellinger. Von der Treppe existirten nur noch einige
halbmorsche Balken und Bretter, die in ihrer traurigen Gestalt nur sehr
undeutlich anzeigten, wo es für einen Wagehals möglich sei, hinauf zu steigen.
    Herr Sträuber öffnete dieses Haus, trat hinein und schloss die Türe wieder
sorgfältig hinter sich zu, dann schritt er durch den öden Gang und zu einer
hinterm Türe wieder hinaus auf einen kleinen Hof, an dessen Ende sich ein
anderes und besser erhaltenes Gebäude befand.
    Augenscheinlich bildete das verlassene Haus vorn eine Art von Schutz und
Schirm für das hintere, denn dieses, in einem Winkel der Stadtmauer gelegen, und
vorne gedeckt, verbarg sich so vollkommen vor den Blicken aller Unberufenen.
 
                          Dreiundvierzigstes Kapitel.
                                   Hehlerei.
Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geschritten war, klopfte er leise an die
Türe des anderen Hauses; diese wurde augenblicklich geöffnet und er trat in
einen Gang und von da in ein Zimmer, in welchem eine sehr unangenehme warme
Atmosphäre herrschte. Der Ofen schien übermässig geheizt zu sein, und es roch
hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau
zu nehmen pflegt.
    Frau Bilz sass am Fenster, sie hatte ihren Kopf in die Hand gestützt und
sprach mit einem Manne, der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen
Lehnsessel ruhte. Dieser Mann war nicht über vierzig Jahre, sah aber aus wie ein
kranker Sechziger; er war angetan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr
zu erkennender Farbe, und seine Füsse, die in dicken Filzschuhen staken, lagen
über einander auf einen kleinen Fussschemel; auf seinen Knieen hatte er ein
rotkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet, mit dem er sich häufig die Nase putzte
und das er oft vor seinen Mund hielt, wenn er nämlich anfing zu husten, was alle
Augenblicke geschah. Es war ein schlimmer Husten, der ihn sehr zu plagen schien;
er brachte ihn ganz ausser Atem und rötete dann auf Sekunden seine tief
eingefallenen bleichen Wangen.
    Auf diesen Mann ging Herr Sträuber zu, reichte ihm nachlässig seine Hand und
begrüsste ihn, wobei er aber seinen Hut auf dem Kopfe behielt. Jener dagegen
nickte ihm lächelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdose, die neben ihm auf
dem Tische stand, öffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise. Herr
Sträuber nahm einige Körner und tat nur so, als schnupfe er, indem er seine
Finger leicht hinauf an die Nase warf, in Wahrheit aber liess er den Tabak auf
den Boden fallen und schnüffelte dazu auf eine unangenehme Art.
    »Aber es ist hier verdammt heiss,« sagte er hierauf, während er sich auf
einen Sitz am Fenster niederliess, seinen Hut abnahm und mit dem bewussten feinen
Spitzentuch, das er aus der Brusttasche gezogen, seine Stirne abtrocknete.
    Die Frau neben ihm sah diese Bewegung, und da sie wohl wissen mochte,
welcher Art Taschentücher sich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte,
so lächelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren
Spitzengewebe aus, indem sie sagte: »Was soll der Lappen kosten?«
    »Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten,« entgegnete der Andere,
während er Miene machte, das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken. »Ihr
seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch
verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt, sonst müsste
offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen, die Euch durchaus nichts angehen,
mit einem stolzen Stillschweigen beantwortet werden. - Im Uebrigen kostet das
Tuch zwei Gulden, nicht einen Kreuzer weniger.«
    »Zwei Gulden!« lachte die Frau mit geringschätzender Miene, erfasste aber
eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenstandes, um ihn näher zu betrachten.
    »Halt da!« sprach Herr Sträuber mit grosser Gelassenheit, »zwei Gulden und
dann das Tuch.«
    »Aber ich darf es doch vorher ansehen?«
    »Nicht die Idee einer Tertie vorher; das Tuch hat zehnmal so viel wirklichen
Wert. - Dann kommt es auch,« setzte er seufzend hinzu, »von einer schönen
Herzogin, die -«
    Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen, brachte es aber nur zu einem
grässlichen Hustenanfall; worauf sich der Andere geringschätzend nach ihm
umwandte und verächtlich die Achseln zuckte.
    »Nun, ich will Euch was sagen,« meinte Frau Bilz, »für das Tuch gebe ich
Euch einen Gulden, und lege noch dreissig Kreuzer darauf für das Andenken an die
schöne Herzogin. - Hier ist klingendes Geld, nehmt es, denn ich weiss, dass Ihr
sehr auf dem Trockenen seid.«
    »Da irrt Ihr Euch,« entgegnete gelassen Herr Sträuber und zog das gefundene
Portemonnai heraus. »Seht her, wie ich bei Kasse bin, - das Honorar eines
Clienten, für den ich einen schwierigen Prozess gewonnen; es handelte sich dabei
um nichts Geringeres, als die ersten Advokaten des Gerichtshofes total hinter
das Licht zu führen. - Ich tat es.«
    »O weh! er hat Geld,« rief die Frau; »da kostet mich das lumpige Tuch zwei
Gulden.«
    »Und vierundzwanzig Kreuzer,« sagte gravitätisch Herr Sträuber; »sein Wert
steigt mit jedem Zaudern.«
    »Nun denn, in's Teufels Namen, gebt her!« versetzte ärgerlich das Weib, warf
einen Fünffrankentaler auf den Tisch und zog dann das Tuch hastig an sich. -
»Das sind vier Kreuzer weniger, das hält uns an einander.«
    Bei diesen Worten breitete sie das Tuch gegen das Licht aus, und als sie
sah, dass es vollkommen unversehrt war, steckte sie es schmunzelnd ein.
    »Braucht Ihr auch Ohrringe?« fragte Herr Sträuber nach einer kleinen Pause,
während welcher er aus seiner Cigarre mächtige Züge getan. - »Fast neue goldene
Ohrringe.«
    »Auch von einer Herzogin?«
    »Nein, Herzoginnen tragen nur Brillanten. Doch wie solltet Ihr das wissen?
Diese Ohrringe liess ich für ein Patchen von mir machen, sie waren aber etwas zu
gross ausgefallen, und nun will der Spitzbub von Juwelier sie nur für den
Goldwert zurücknehmen. - Da sind sie.«
    »Ei!« rief der Mann am Ofen, »Goldsachen! - Das ist mein Geschäft; lasst die
Finger davon, Frau Bilz, und begnügt Euch mit Euren Lumpen. - Gebt mir die
Ohrringe einmal her!«
    »Hier sind sie,« sagte die Frau; worauf sie dem Meister Schwemmer die Ringe
gab. »Aber Euer Patchen,« wandte sie sich hierauf an Herrn Sträuber, »muss ein
recht ungewaschenes Ding sein: von einmaligem Anprobiren sind die Ohrringe schon
ganz angelaufen! - Da ist auch ein Blutflecken.«
    »Lasst mich aus mit Euren Dummheiten!« schnaubte sie Herr Sträuber an. - -
»Blut, Blut! Mit Eurem miserablen Gewäsch! Ihr wisst wohl, dass ich das nicht
leiden kann.«
    »Richtig,« sprach der Mann am Ofen, »er kann das nicht leiden, kann's auch
weder sehen noch riechen, das hat er bei vielen Veranlassungen bewiesen. - Nun,
ihr braucht Euch nicht zu ärgern, es ist einmal Eure Art so, Ihr habt Sympatien
für schöne Herzoginnen, aber nicht für das Dreinschlagen.«
    Meister Schwemmer hustete hierauf gewaltig, dann erhob er seinen Knotenstock
und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen, worauf eine Weiberstimme aus
dem Nebenzimmer sogleich fragte: »Was gibt's denn?«
    »Bring' mir den Probirstein und die Goldwage.«
    Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Sträuber erschrocken zusammen
gefahren. Wahrscheinlich hatte das Gespräch von Blut seine Nerven irritirt, denn
er warf hastig seinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk, von
Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglück eines honetten Menschen, der
durch Ungunst der Verhältnisse gezwungen sei, unter solcher Canaille zu leben.
    »Das Gold ist gut,« sagte Meister Schwemmer, »sechzehnkarätig; ich zahle
Euch dafür einen Gulden und dreissig Kreuzer; und wahrhaftig nur so viel, weil
der Blutflecken daran ist; seit ich meinen Blutusten habe, macht es mir
doppeltes Vergnügen, dergleichen auch von Anderen zu sehen. - Wollt Ihr einen
Gulden und dreissig Kreuzer?«
    »Meinetwegen! meinetwegen!« versetzte hastig Herr Sträuber, »obgleich ich
den bittersten Schaden daran habe, denn mich kosten sie sechs Gulden.«
    Beide Teile schienen indessen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu
sein. Herr Sträuber strich sein Geld ein und Meister Schwemmer polirte mit dem
rotkarrirten Taschentuch eifrigst an den Ohrringen, bis sie wieder in hellem
Glanze strahlten.
    Es trat hier eine Pause ein, nur zuweilen unterbrochen von einem leisen
Husten des Mannes am Ofen, oder von einem Geklapper im Nebenzimmer, wo das Weib,
welches vorhin die Goldwage gebracht, mit allerlei Kesseln und Eisenwaaren
herumhantirte; dazwischen hindurch vernahm man zuweilen, aber aus weiterer
Entfernung, das halb unterdrückte Geschrei von kleinen Kindern, bald ein lautes
Aufkreischen, bald leises Wimmern derselben.
    »Ich bin auf neun Uhr herbestellt,« sagte endlich Herr Sträuber »jetzt ist
es wenigstens halb Zehn. Was soll ich eigentlich und warum muss ich unnütz
warten? Ihr wisst, dass meine Zeit kostbar ist.«
    »Wir wissen das,« entgegnete ruhig Meister Schwemmer, »und da Ihr nichts
umsonst tut, so braucht Ihr auch nicht aufzubegehren.«
    »Aber was soll ich denn?«
    »Der Matias wird gleich herkommen; es ist wieder ein artiger Transport bei
einander, und den soll er in den nächsten Tagen fortführen. Ihr wisst, dass wir
immer was Schriftliches mit einander machen, und da wir Eure geübte Feder
kennen, so sollt Ihr das Nötige aufsetzen und nebenbei wieder einige Briefe
schreiben über die Gesundheit und das Wohlergehen der Kostkinder.«
    »Das Erstere meinetwegen,« versetzte finster Herr Sträuber, »aber die Briefe
zu schreiben ist mir unangenehm; ich lüge nicht gern. - Auch muss ich sagen, dass
ich mit jedem Anderen gerner zu tun habe als mit dem Matias; wir passen nicht
zu einander.«
    »Das ist wahr,« lachte Frau Bilz, »Ihr lebt immer wie Hunde und Katzen mit
einander.«
    »Sagen wir lieber, wie Katze und Maus,« meinte Meister Schwemmer hustend,
»denn wenn Ihr den Matias erblickt, so seht Ihr Euch gleich nach einem
Schlupfwinkel um.«
    Herr Sträuber wollte etwas Heftiges erwidern, doch hielt er sich im nächsten
Augenblick die Ohren zu, zuckte zusammen und verzog das Gesicht auf eine höchst
unangenehme Art. Seine zarten Nerven waren durch das erneuerte Kindergeschrei
unangenehm berührt worden, das sich jetzt in den verschiedensten Tönen und
wahrhaft ohrenzerreissend vernehmen liess.
    Meister Schwemmer klopfte wieder auf das Blech und rief hinüber: »Was ist
denn das heute Morgen für ein niederträchtiges Geheul? Schaff' doch in's Teufels
Namen einmal Ruhe! - Wo ist denn die Katarine, das schlampige Weibsbild?«
    »Ich habe sie ausgeschickt,« entgegnete die Stimme im Nebenzimmer. »Kann ich
doch den Bestien da draussen nicht beständig eine eigene Magd hinstellen; ich
möchte wissen, wo das herein kommen sollte!«
    »Geh' Sie einen Augenblick hinaus, Frau Bilz,« sagte Meister Schwemmer,
»bring' Sie die Rangen zur Ruhe!«
    Die Frau am Fenster erhob sich und trat in das Nebenzimmer, wo sich Madame
Schwemmer befand, ein altes, schmutzig aussehendes Weib; sie hatte einen
abgeschossenen Rock an, eine gelb gewordene Schlafjacke, ihre blossen Füsse staken
in niedergetretenen Schuhen, und auf dem Kopfe hatte sie eine alte Haube, unter
der nach allen Richtungen das graue, zerzauste Haar hervorstand. Das Gesicht der
Dame passte vollkommen zur ganzen Erscheinung, das einzige Lebhafte in demselben
waren ihre unheimlich glänzenden Augen, die aber in einigem Rapport zu der stark
geröteten Nase zu stehen schienen, - einer Röte, die erklärbar war, wenn man
die Schnapsflasche betrachtete, die vor der Frau stand, und wenn man die Düfte
roch, die ihrem Munde entströmten, wenn sie sprach.
    Madame Schwemmer stand in diesem Augenblicke vor einer Falltüre, die sich
im Boden befand und die in irgend einen Keller oder sonstiges Gelass führte, und
war beschäftigt, dort hinunter allerlei alte Gerätschaften, namentlich Eisen-
und Kupferwaaren, zu werfen.
    »Geh' Sie einen Augenblick in den Stall!« rief sie der eintretenden Frau
Bilz entgegen, »nehm' Sie aber die Peitsche mit, dort hängt sie am Nagel; hau
Sie drunter wie unter altes Eisen, da verdient Jedes seine Schläge; - kann das
Volk nicht einmal eine halbe Stunde allein und ruhig sein!«
    »Aber die kleinsten Kinder schreien auch,« entgegnete die Frau, »und da
hilft das Prügeln nicht viel.«
    »So schaut einmal dort auf dem Herde nach, da muss die Katarine ihren
Mohnblumentee stehen haben. Giesst ihnen davon etwas in's Maul, damit sie wieder
einduseln.«
    »Aber wenn sie heute Morgen schon bekommen haben, so könnte es ihnen doch zu
viel werden.«
    »Ach! denen wird's nicht zu viel,« entgegnete Madame Schwemmer; »ich sage
Euch, Frau, je weniger man sich aus dem Zeug macht, und je schlechter man es
behandelt, um so besser gedeiht's. Nehmt nur die Peitsche und den Tee!«
    »Na, was das Gedeihen anbelangt, da wollen wir lieber still schweigen.«
    »Gedeihen?« erwiderte Madame Schwemmer verwundert. »Allerdings gedeiht's,
das heisst, wie es für uns gedeihen muss, so langsam in den Himmel hinein. Man
wird die Geschöpfe doch nicht aufziehen sollen bis sie gross sind? Da käme man
weit mit seinem Geschäft; da muss eins dem andern Platz machen, das gibt neues
Eintrittsgeld; und an den Begräbnisskosten ist auch was zu verdienen.«
    Frau Bilz ging achselzuckend nach der Türe, drehte sich aber unter
derselben herum und sagte: »Und das Eine ist auch drüben? - das, welches ich vor
acht Tagen hergeliefert?«
    »Allerdings,« versetzte Madame Schwemmer, indem sie ihre Schnapsflasche
hastig verbarg, die sie an den Mund führen wollte, sobald ihr Jene den Rücken
gewendet. - »Das ist zäh wie Eisen, sieht auch nicht viel schlechter aus wie
damals, als Ihr es hergebracht; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten. Ich weiss
wohl, Ihr könnt nicht anders, deshalb taugt Ihr auch zu dem Geschäft gar nicht.«
    »Ich habe es auch gänzlich aufgegeben,« sagte Frau Bilz mit einem seltsamen
Blick. Und damit ging sie zur Türe hinaus, in der einen Hand die Peitsche, in
der andern den gewissen Tee, der auf arme kleine Kinder betäubend wirkt und mit
welchem gewissenlose Wärterinnen dieselben in einen unruhigen und
nervenzerstörenden Schlaf versenken.
    Die Frau ging durch den halbdunkeln Gang, wobei sie die Haustüre in ihrem
Rücken liess und am Ende desselben rechts an eine Türe kam, an der von aussen ein
grosser Riegel vorgeschoben war.
    Dies war der Stall, wie sich Madame Schwemmer ausdrückte. Und gewiss, er
verdiente diese Benennung.
    Es war ein viereckiges, ziemlich niederes Gemach mit einst weiss gewesenen
Kalkwänden, die aber nach und nach von all' dem Duft, der hier herrschte, eine
gelblich graue Farbe angenommen hatten. Da nur ein einziges Fenster in diesem
Zimmer war, dessen wenige Scheiben noch obendrein trüb angelaufen hie und da in
gelbem und grünem Schimmer spielten, so war das Gemach verhältnissmässig ziemlich
dunkel, aber hell genug, um all' das Elend übersehen zu können, welches sich
hier dem Blicke darbot.
 
                                  Dritter Band
                           Vierundvierzigstes Kapitel.
                         Eine Kleinkinderbewahranstalt.
In diesem Zimmer waren sechs Kinder, von denen drei kleine im Alter von nahe an
einem Jahr auf elenden, zerrissenen und durchfeuchteten Strohsäckchen lagen, die
sich im Hintergrunde auf einem Schragen befanden. Eine einzige geflickte Decke
war über alle drei ausgebreitet und zu beiden Seiten mit Bindfaden festgebunden,
was verhindern sollte, dass die Kinder, die sehr, sehr oft allein waren, ihre
Bedeckung nicht von sich strampelten. Das war ihnen denn auf diese Art
allerdings unmöglich, dafür aber hatten sich die zwei aussenliegenden, vielleicht
von Schmerzen geplagt und ohne Hilfe allein gelassen, nach allen Richtungen
herum geworfen, und so war es denn gekommen, dass sie auf beiden Seiten so weit
heruntergerutscht waren, dass ihre nackten, entsetzlich mageren Füsse und Beine
über den Strohsack herabhingen und der Kopf unter der Decke stak, wodurch die
armen Geschöpfe Gefahr liefen, erstickt zu werden.
    Das mittlere dieser unglücklichen Kinder lag aber um so ruhiger, und zwar so
regungs- und bewegungslos, dass die eingetretene Frau, nachdem sie die beiden
anderen etwas zurecht gelegt, sich eifrig um dieses beschäftigte. Es durchzuckte
sie seltsam, als sie ihre Hand auf die Stirne des Kindes legte und darauf unter
das zerrissene Hemdchen fuhr, um nach dem Herzschlag zu forschen. Die Stirne war
feucht und kalt, und das Herz schlug wohl noch, aber oftmals machte es lange
Pausen, und dann öffnete das Kind die bläulichen Lippen und zog gurgelnd eine
Idee von Atem in die kleine Brust.
    »Da ist nichts mehr zu machen,« sprach die Frau zu sich selbst, indem sie
die Hände übereinander schlug und das arme Wesen einige Sekunden lang
betrachtete. »Du hast nächstens ausgelitten.«
    Bei ihrem Eintritte in das Zimmer hörte das Geschrei der drei grösseren
Kinder plötzlich auf. - Es waren dies zwei Buben und ein Mädchen. Der älteste
der Buben, vielleicht sechs Jahre alt, hatte im Verein mit dem anderen, der fünf
zählen mochte, den vergeblichen Versuch gemacht, die beiden Kinder auf den
Seiten aus ihrer erstickenden Lage zu befreien, und da dies nicht gelungen war,
hatten sie beide ein grosses Geschrei erhoben.
    Das Mädchen war vielleicht etwas über zwei Jahre alt und gekleidet in ein
blaues, verschossenes und zerrissenes Wollenkleidchen; es sass neben der Türe am
Boden, hatte den Kopf auf die fast unkenntlichen Ueberbleibsel eines hölzernen
Pferdes gelegt, dessen Hals es mit seinen Aermchen umklammerte. Es zitterte,
wahrscheinlich zugleich vor Angst und Kälte, und duckte sich tief herab, als es
die Frau mit der Peitsche hereintreten sah. Im nächsten Augenblicke aber musste
das Kind wohl bemerkt haben, dass es nicht das rote Gesicht der Madame Schwemmer
war, welches sie anblickte, sondern ein ihr bekanntes, ja befreundetes. Es
erkannte wohl die Frau Bilz, welche es bisher gepflegt, ehe es in diesen
schrecklichen Aufentaltsort gekommen, und nun zuckte in seinen matten Augen ein
seltsamer Blitz empor; vielleicht war es die Erinnerung an bessere Tage,
vielleicht war es die Hoffnung, es werde wieder von hier fort genommen werden,
genug, - das Kind hob seinen Kopf empor, öffnete die Augen so weit als möglich
und fing dann an bitterlich zu weinen.
    »Ja, ja, ich bin es,« sprach Frau Bilz, deren Herz eine augenblickliche
Rührung durchzuckte, indem sie sich zu dem Kinde niederbeugte. »Sei ruhig, ich
bin's ja, es soll dir auch nichts zu Leide geschehen.«
    »Aber du hast doch die Peitsche mitgebracht,« sagte der ältere Knabe,
während er sich trotzig vor die Frau hinstellte und sie keck ansah.
    »Vielleicht für dich,« entgegnete diese, »denn du bist wohl nicht anders zu
zwingen.«
    »Hier nicht,« versetzte trotzig das Kind. »Früher tat ich Alles, was man
von mir haben wollte.«
    »Aber du siehst, wie es dir alsdann geht,« fuhr Frau Bilz fort; »sie haben
dir zur Strafe deine guten Kleider genommen, und jetzt musst du in den Lumpen da
einher gehen.«
    »Das ist wahr,« entgegnete der Knabe, indem eine augenblickliche Bewegung
seine Züge überflog, »meine Kleider haben sie mir gestohlen, geschlagen werde
ich ebenfalls, auch friert's mich und ich habe Hunger, aber das wird Alles noch
einmal aufhören, wenn ich gross bin, und dann wartet nur!«
    »Und was geschieht dann?« fragte die Frau und erhob ein klein wenig ihre
Peitsche, aber nur zum Drohen, nicht zum Schlagen.
    »Was dann geschieht? - Das will ich dir sagen: dann gehe ich hinaus auf die
Strasse und suche meinen Vater und dann wehe euch Allen!«
    »Ja, das würde ich auch tun,« entgegnete die Frau achselzuckend; »aber bis
die Zeit kommt, rate ich dir, dich ruhig zu verhalten, sonst wirst du noch viel
mehr Schläge kriegen.«
    »Dann wehre ich mich,« sagte trotzig der Knabe.
    »Und womit?«
    »Ich beisse,« erwiderte er. Und damit öffnete er den Mund und zeigte seine
kleinen weissen Zähne, die vor Zorn zusammen klapperten.
    Der andere Knabe hatte sich scheu in eine Ecke gedrückt. Es war das eine
wahre Jammergestalt mit dem Aussehen eines alten Zwerges. Spärliches Haar
bedeckte seinen spitzen Schädel, seine Augen waren tief eingesunken, und die
Unterlippe seines grossen Mundes hing schlaff herab. Er blickte ängstlich auf die
Peitsche und kroch, ohne ein Auge davon abzuwenden, langsam rückwärts, bis er
unter dem Schragen verschwand, auf dem die kleinen Strohsäcke lagen.
    Frau Bilz hatte sich zu dem Mädchen niedergekauert und zuerst das Kleidchen
betrachtet, das noch vor kurzer Zeit gut und frisch gewesen war, dann hatte sie
kopfschüttelnd weiter untersucht, seine Haare, sein Hälschen, in dem sich tiefe
rote und wunde Streifen zeigten, und dann seine Füsse, die aufgeschwollen zu
sein schienen.
    »Zieht man dich Abends nicht aus?« fragte sie zögernd nach einer Pause.
    Das Kind blickte sie überrascht an und schien ihre Frage nicht zu verstehen.
    »Mich hat man nur ein einziges Mal ausgezogen,« sagte der Bube, indem er
näher trat und die Hände und Arme heftig über einander schlug, um sich zu
erwärmen, »nur ein einziges Mal, als man meine Kleider gestohlen. Die aber haben
sie noch gar nicht ausgezogen; ich habe wohl versucht, ihr die Stiefel
aufzuschnüren, aber es ging nicht, die Knoten an den Riemen sind mir zu fest.
Die Frau da drinnen mit der roten Nase hat's auch einmal probirt, aber sie liess
es ebenfalls bleiben, denn sie sagte: es ist nicht der Mühe wert, man bekommt
doch nichts für das schlechte Schuhwerk.«
    »Das hätte ich gesagt, du Galgenstrick?« rief in diesem Augenblick Madame
Schwemmer, die leise eingetreten war. Darauf stemmte sie ihre Arme in die Seiten
und fuhr fort, indem sie sich an Frau Bilz wandte: »Habt Ihr je ein so böses
kleines Tier gesehen? Ein völlig wildes Tier, - er beisst!«
    »Ja, er beisst,« entgegnete der Knabe, »aber nur Euch.«
    »Wart, ich will dir's vertreiben!« schrie das halb betrunkene Weib und
ergriff die Peitsche, welche Frau Bilz neben sich gelegt hatte. Doch fasste sie
unglücklicherweise den Riemen statt des Griffs, und da sie nun in blinder Wut
auf das Kind losschlug, so traf sie es mit dem ersten Streiche so heftig auf den
Kopf, dass ihm das Blut augenblicklich über eine Seite des Gesichts herab lief.
    Der Knabe stand einige Sekunden wie angedonnert, vielleicht auch von dem
Hiebe etwas betäubt, dann aber zuckte er auf einmal zusammen, sprang in die Höhe
und schoss wie eine wilde Katze auf das Weib los, ergriff plötzlich deren Hand,
hielt sie fest und biss so stark hinein, dass sogleich das Blut heftig floss.
    Jetzt erhob Madame Schwemmer ein mörderisches Geschrei und tobte in ihrer
Wut um so ärger, als sie sich mit Hilfe der Frau Bilz vergeblich bemühte, den
wütenden Knaben von sich abzuschütteln. Dieser liess ihren Arm nicht los,
sondern er hatte sich mit seinen Fingern und Nägeln fest daran geklammert und
bleckte immerfort die Zähne, während er mit dem Kopfe bald hierhin bald dortin
fuhr. dabei flammten seine Augen, sein Mund schäumte, und es war zu gleicher
Zeit schrecklich anzusehen, wie das Blut aus seiner Kopfwunde langsam über sein
zerrissenes graues Wamms herabrieselte.
    Auf das Zetergeschrei der Weiber liessen sich bald im Gange, der zu der
vordern Stube führte, schwere Tritte vernehmen, die eilig näher kamen, und im
nächsten Augenblicke trat ein grosser breitschultriger Mann unter die Türe, der
kaum gesehen, um was es sich handelte, als er mit einem lauten: »Hollah,
Bursche, was gibt's denn da?« den Knaben am Nacken fasste und in die Höhe hob.
    Dieser, die mächtige Faust fühlend, liess augenblicklich seine Hände los und
schaute scheu auf die Seite, um seinen Angreifer zu erkennen.
    »Nun,« fuhr dieser fort, »was ist denn hier wieder für eine
Teufelswirtschaft? - Zwei erwachsene Weibsbilder, und können nicht einmal mit
einem einzigen Knaben fertig werden! - Ah! der Kopf des Buben da sieht gut
zugerichtet aus. - Was hat's wieder gegeben? - He, Hexe!« Damit wandte er sich
an Madame Schwemmer, nachdem er vorher den Knaben ruhig auf den Boden
niedergesetzt.
    »Was wird's gegeben haben!« entgegnete die Hauswirtin und hielt ihre
verwundete Hand empor. »Das Tier da hat mich gebissen.«
    »Nachdem Ihr ihn vorher so über den Kopf gehauen?« sagte der Mann, indem er
die Arme über einander schlug und das Weib mit einem finsteren Blick fest ansah.
»Ihr bringt's doch noch so weit, dass es wahr wird, was die Leute von diesem
verfluchten Hause sagen: es sei dies eine Mördergrube. - Pfui Teufel!« fuhr er
mit leiser Stimme fort, während er dicht an sie hintrat, »Ihr miserables,
betrunkenes Weibsbild!«
    Die Finger der Madame Schwemmer krallten sich vor Wut zusammen, und sie
zuckte mit der Hand, als wollte sie dem Mann in das Gesicht fahren.
    Doch hob dieser verächtlich die Achseln und sprach nach einer Pause: »Nun
möchte ich aber doch wissen, was es denn eigentlich wieder gegeben hat? -
Sprecht Ihr, Frau Bilz!«
    »Na, was wird's gegeben haben!« versetzte diese in einiger Verlegenheit,
»der Bube sagte allerlei garstige Dinge über die Frau.«
    »Und was hast du gesagt, Bube? - Ich rate dir, sprich die Wahrheit!«
    »Das tu' ich immer,« erwiderte trotzig der Knabe. »Und auch vorhin habe ich
es getan, als ich erzählte, man habe mir meine Kleider gestohlen und man würde
dem kleinen Mädchen da am Boden auch seine Schuhe genommen haben, wenn es der
Mühe wert gewesen wäre. Und das hat das Weib mit der roten Nase selbst
gesagt.«
    Madame Schwemmer wollte bei dieser ungebührlichen Schilderung ihrer Person
abermals mit der Peitsche auf das Kind losfahren.
    Doch streckte der Mann seinen Arm dazwischen und sprach: »Seid jetzt ruhig,«
worauf er sich wieder an den Knaben wandte: »das sind hässliche Reden; wenn du
dergleichen aussagst, so wird man dich prügeln, bis du kein Glied mehr rühren
kannst.«
    »Und wenn man mich so arg schlägt, werde ich abermals beissen,« entgegnete
der Knabe.
    »Mich auch?« fragte der Mann, indem er einen Schritt näher auf ihn zutrat.
    »Euch nicht, aber das Weib; denn das Weib mit der roten Nase schlägt auch
auf uns los, wenn wir Alle nichts getan haben, und nicht bloss auf mich, sondern
auch auf die andern Kinder, die nie ein Wort sprechen. - Seht mich nur so an und
hebt Eure Peitsche, es ist doch wahr und ich sag' es auch. - Wenn sie herein
kommt und hat eine rote Nase, so schlägt sie gleich auf uns los, und wenn wir
ganz ruhig in einer Ecke bei einander sitzen und ganz stille sind. - Wir dürfen
nicht sagen, dass wir Hunger haben, und auch nicht, dass uns friert.«
    »Ja, ich glaub's,« murmelte der Mann zwischen den Zähnen.
    »Und dann,« fuhr der Knabe fort, indem sich seine kleinen Finger vor Wut
öffneten und schlossen, und seine Stimme wie vor dem Ausbruch eines heftigen
Weinens zitterte, »was habe ich getan, dass man mich hier einsperrt? Habe ich
nicht in der Schule gelernt wie die andern Kinder auch, und bin ich unartiger
gewesen als diese? - Nein! nein! nein! Der Lehrer hat mich belobt und hat
gesagt, ich sei fleissig und könne meine Sache mit am besten machen. - Nun bin
ich schon vier Wochen hier eingesperrt, habe keinen von meinen Kameraden gesehen
und kein Lesebuch, keine Rechentafel und nichts. - Aber ich weiss schon, was ich
hier soll: sie will mich todt machen, wie - wie -«
    »Wie was?« schrie Madame Schwemmer, welche einen neuen vergeblichen Versuch
machte, auf den Knaben loszustürzen. »Wie was? - du Tier!«
    »Ja, todt machen will man mich,« sagte der Knabe ermutigter, denn er sah,
dass ihn der Mann schützte. »Todt machen will man mich, wie dort das kleine
Kind.«
    Das Weib warf einen schrecklichen Blick um sich, und Frau Bilz schlug die
Augen zu Boden.
    »Wie - was?« fragte der Mann im höchsten Erstaunen, indem er sich dem
Holzschragen näherte, wo allerdings das Kind in der Mitte in den letzten Zügen
zu liegen schien. - »Das sieht jammervoll aus,« sagte er zu Frau Bilz, die ihm
gefolgt war. - »Teufel auch! Ihr hättet doch wohl ein besseres Gelass finden
können als dies Loch hier, es ist ja nicht einmal ein Ofen da. - Und dann der
Geruch! Ich bin doch mein Lebtag schon in viel Spelunken gewesen, aber so was
habe ich doch noch nicht erlebt. - Nehmt Euch in Acht! nehmt Euch in Acht!
Erfährt er von der Geschichte einmal ein Wort, so ist es um Euch geschehen,
darauf könnt Ihr Gift nehmen. - Hier muss freilich Alles zu Grunde gehen; und
dazu Euer elendes Essen und Trinken, da braucht kein Mensch nachzuhelfen und den
armen Würmern sonst etwas tun.«
    »Aber sie tut's doch,« flüsterte der Knabe dem Manne zu, als er sah, dass
ihn Madame Schwemmer nicht beachtete, sondern das verscheidende Kind anblickte.
»Gestern, wie es fortfuhr zu schreien und nicht stille sein wollte, hat sie es
mit der Peitsche in die Seite gestossen.«
    »Bst!« machte ebenso leise der Mann, indem er mit der Hand herum fuhr und
dem Knaben den Mund zuhielt. - - »Dort ist nichts mehr zu helfen,« sagte er
achselzuckend mit lauter Stimme. »Aber lasst jetzt das Schlagen sein und gebt
wenigstens für heute Ruhe.«
    Er wandte sich nach der Tür, um fortzugehen.
    »Und ich muss hier bleiben?« rief der Knabe mit einem herzzerreissenden Tone
der Verzweiflung; »ich werde wieder eingeschlossen und soll nicht wieder nach
Haus dürfen zu der alten Frau Fischer, die ich so lieb gehabt?«
    »Wir wollen sehen, was sich machen lässt,« entgegnete der Mann. »Heute kann
ich nichts für dich tun, aber sei ruhig und verständig, so will ich an dich
denken, das verspreche ich dir.« - Damit winkte er der Frau Schwemmer, ihm zu
folgen, und verliess das Gemach.
    Draussen auf dem Gange blieb er stehen und sprach zur Hauswirtin, die
gefolgt war: »Ich will Euch nur sagen, dass ich öfters hier Inspektion halten
werde; das ist ja eine wahre Schande, wie Ihr Eure Sachen betreibt. Habt Ihr
denn keine Furcht, dass Euch einmal der leibhaftige Teufel holt? - Weib! Weib! so
was ist mir noch nie vorgekommen. Nehmt Euch in Acht! - Und jetzt lasst die Bilz
da bei dem Kinde und sorgt ihr Beide für den armen Wurm, was zu sorgen ist;
nehmt Euch aber in Acht, dass ich von dem Zimmer kein lautes Wort mehr vernehme,
keinen Schrei oder dergleichen. Glaubt mir, ich habe feine Ohren und will sie
offen halten.«
    Damit ging er in die vordere Stube.
    Das Weib blickte ihm einen Moment mit unsicherem Blicke nach, dann schwankte
sie zurück in den Stall und sagte dort zu der Frau Bilz, die sich über das Kind
niedergebeugt hatte: »Ihr solltet eine Stunde da bleiben und nach ihm sehen.
Wenn Ihr was braucht, so könnt Ihr's meinetwegen haben. Aber macht mir keine
unnötigen Kosten, da ist doch nichts mehr zu helfen, das müsst Ihr selbst
einsehen.«
    Mit diesen Worten verliess sie das Zimmer wieder und taumelte in ihre Küche.
    Die Frau Bilz, die zurück blieb, schüttelte den Kopf und sagte still für
sich, indem sie das Kind betrachtete: »Nein, nein, da ist mit allen Schätzen der
Welt nicht mehr zu helfen.« Doch sah sie umher, und als sie am Ende des
Schragens ein altes wollenes Tuch erblickte, nahm sie es auf, faltete es
zusammen und schob es dem Kinde unter das Köpfchen, das noch einmal seine Augen
aufschlug und die Frau mit einem seltsamen Blicke anstarrte. Das kleine Kind
hatte schöne blaue Augen, und als es so in die Höhe sah, waren sie von einem
eigentümlichen Ausdrucke beseelt; es war das letzte Aufflackern der
Lebensgeister, welche noch einmal in den bis jetzt so matten Blicken glänzten
und unendlich viel sagen zu wollen schienen. Es war wie eine schmerzliche
Anklage über sein elendes, armes Leben, oder auch wie ein Dank für die Hilfe,
welche ihm die Frau in diesem letzten Augenblicke geleistet. - Das dachte diese
sich auch, als sie es betrachtete und diesen ersterbenden Blick bemerkte. Er
drang in ihr Herz und presste es krampfhaft zusammen. Sie seufzte tief und
schmerzlich auf, als nun das Kind zum letzten Male den Atem von sich blies und
darauf die Augen gläsern wurden und aussahen, als habe die Hand des Todes
plötzlich einen weissen Staub darauf gestreut; da beugte sie sich tief herab auf
die kalte Stirne, und nachdem sie lange so gelegen, glaubte sie, es erwärme sich
wieder. Aber es waren nur ihre eigenen heissen Tränen, die über die kalten
Wangen und blauen Lippen der kleinen Gestorbenen herab rannen. - - - -
    Sie kannte dieses Kind wohl, aber bis zu dem jetzigen Moment war ihr das
kleine Geschöpf gänzlich bedeutungslos gewesen, wie so viele dieser armen
Kinder, die schon durch ihre Hände gegangen waren. Nun aber trat vor ihr inneres
Auge der Anfang und das Ende dieses kleinen armseligen Lebens. Und der Kontrast
desselben war fürchterlich. - Ja, sie hatte dieses Kind gekannt, sie hatte es
gesehen, hatte es in ihren Armen gewiegt, nachdem es erst wenige Tage alt war. -
Es war das eine eigentümliche Geschichte, die, obgleich sie nicht neu ist, doch
Jedem, der sie hört, das Herz erbeben macht, - namentlich Anfang und Ende. Die
Mutter dieses Kindes war ein reizendes, frisches, blühendes Mädchen, die Tochter
bemittelter Eltern; der Vater war ein reicher und vornehmer junger Mann. Beide
sahen sich zufällig, er zeichnete sie aus, er ritt auf prächtigen Pferden bei
ihrem Fenster vorbei, und sie, ohne auf die Ermahnung ihrer Eltern zu hören,
lächelte ihn an, blickte ihm nach und gewährte ihm endlich heimliche
Zusammenkünfte, wie das in der Welt so der Brauch ist, und wie man es anfänglich
als nichts Schlimmes betrachtet. - Da kam eines Tages der Fasching mit seiner
tollen Lust und Freude, mit seinen Bällen, Maskeraden und sonstigen
Vergnügungen, welche das Herz betäuben und die Sinne aufregen, und in einer
Nacht besuchte das Mädchen im reizenden Maskenanzug einen jener Bälle, wohl
unter der Aufsicht einer befreundeten Familie, aber sehr entschlossen, sich
dieser Aufsicht so bald als möglich zu entziehen. - Und das tat sie denn auch;
er hatte für ein heimliches Winkelchen in der Nähe gesorgt, wo sie unbemerkt
zusammen sitzen, wo sie über Liebe plaudern und feurige Küsse austauschen
konnten. - Sie befanden sich in einem reichen Kabinete und sassen neben einander
auf schwellenden Kissen von schwerem krachendem Seidenstoffe; des Mädchens Augen
blitzten, ihre Wangen waren sanft gerötet von einem Trunke feurigen Weines, den
sie aus seinem Glase nehmen musste; Spiegel und Vergoldungen bedeckten die Wände,
- es war das ein Moment der Herrlichkeit und der höchsten Lust, während in dem
nicht weit davon entfernten Tanzsaale die tolle, begeisternde Musik ertönte,
während man das Lachen der Tanzenden vernahm und laute Rufe des wildesten
Vergnügens. - - Da begann dieses arme kleine Leben, da begann es in Glanz und
Pracht auf seidenen Kissen, um hier zu endigen unter Not und Elend, um hier
auszulöschen auf einem hölzernen Schragen, auf einem halb verfaulten und
vermoderten Lager von Stroh. - Die unglückliche Mutter hatte das freilich nicht
erlebt: sie war zur rechten Zeit gestorben, und er hatte die Stadt verlassen,
achselzuckend, aber bald getröstet über das kleine Unglück, das er angerichtet;
er hatte allerdings seinen Geschäftsmann beauftragt, für die gute Unterkunft des
Kindes zu sorgen, ohne sich aber weiter um dieses zu bekümmern, - und nun war
es, so vortrefflich untergebracht - elend gestorben. Gewiss aber dachte er noch
zuweilen an jenen Maskenball und an das unglückliche, unschuldige Mädchen, das
ihm Alles und sich selbst geopfert. Gewiss tönte noch zuweilen in seinen Ohren
jene rauschende Musik, die ihm zur höchsten Lust aufgespielt. - Gewiss aber drang
auch manchmal ein seltsamer, schrecklicher Ton durch diese Melodieen; gewiss sah
er zuweilen, wenn er an jene Nacht dachte, einen kleinen Schatten langsam vor
sich aufsteigen, ein kleines, bleiches, verkümmertes Wesen, das mit
geschlossenen Augen bis dicht vor ihn hinschwebte und ihn dann plötzlich mit
seinem starren, glänzenden Blicke gespensterhaft anschaute. - - - -
 
                          Fünfundvierzigstes Kapitel.
                                 Sklavenhandel.
Herr Sträuber hatte unterdessen im vorderen Zimmer einige Korrespondenzen
besorgt, deren Inhalt ihm Meister Schwemmer oft nur mit wenigen Worten, manchmal
aber sehr ausführlich vorgesagt. Der Letztere zog bei diesem Geschäfte häufig
einige vergilbte Papiere zu Rat, die auf seinen Knieen und dem rotkarrirten
Sacktuch ausgebreitet lagen. Diese Schreiben waren meistens an Angehörige und
Bevollmächtigte, welche der Madame Schwemmer für Rechnung Anderer Kostkinder
anvertraut hatten, gerichtet, und sehr verschiedener Art, der Zweck sämmtlicher
aber, für den Unterhalt der armen Geschöpfe so viel Geld als nur immer möglich
herauszupressen. Bald musste eine neue nahrhafte Kost angewendet werden, bald
sogar eine eigene Amme oder Wärterin; und da man genau wusste, was die Empfänger
der Schreiben am liebsten hörten, so hiess es darnach auch: »Die Gesundheit des
Kindes bessert sich mit jedem Tage,« oder: »Es siecht langsam dahin und scheint
uns trotz der sorgfältigsten und kostbarsten Pflege rettungslos verloren.« - Es
ist traurig, das sagen zu müssen: aber die meisten Schreiben waren in letzterem
Sinne abgefasst.
    Während diese Korrespondenz geführt wurde, stand jener Mann, der vorhin im
Kinderzimmer Ruhe gestiftet, mit gespreizten Beinen an einer Seite des Ofens und
pfiff zuweilen eine Melodie leise vor sich hin, horchte auch wohl hie und da,
wenn Herr Sträuber las, ohne aber bei dieser Veranlassung dem Leser selbst einen
Blick zu schenken. Dies war Matias, den man, wie sich der geneigte Leser
erinnern wird, vorhin erwartet.
    »Jetzt kommt das wichtigste Schreiben,« sagte Meister Schwemmer, »und es ist
am besten, wenn ich das Wort für Wort in die Feder diktire. Es betrifft das
Mädchen, welches, wie mir heute Morgen meine Frau sagte, recht schlecht sein
soll.«
    »O, der ist in diesem Augenblick gewiss sehr wohl,« meinte Matias.
    »Wie so?«
    »Weil sie wahrscheinlich jetzt ausgelitten hat. - Schade, da entgeht Euch
ein gutes Kostgeld.«
    Meister Schwemmer machte eine Bewegung der Ungeduld und schaute den Anderen
von der Seite an, als wenn er sagen wollte: was bekümmerst du dich darum? Dann
entgegnete er mit mürrischem Tone: glaubt das nur nicht, die kleine Kreatur ist
seit einem halben Jahre so; alle Augenblicke glaubt man, sie werde sterben, und
auf einmal ist sie wieder fidel wie ein Wiesel, hat sie doch schon einmal
vierzehn Tage wie todt gelegen.
    Matias zuckte stillschweigend die Achseln und pfiff einige Takte des
Jungfernkranzes.
    »Die hat uns Alle zum Besten,« fuhr Meister Schwemmer fort, »das kann ich
Euch versichern; gebt Acht, die reisst sich noch durch.«
    »Oder Ihr sorgt dafür, dass Ihre Stelle bald besetzt wird.«
    »Pfui, Matias!« versetzte Meister Schwemmer, indem er lachte und dann in
einen mächtigen Husten geriet. - »Geschäfts-Geheimnisse! Wer wird darüber
sprechen; über die schweigt man.«
    »Nur Eins begreife ich nicht,« fuhr Matias fort, ohne auf diese Bemerkung
zu achten, »wie es Euch immer so gelingt, andere Kinder unterzuschieben. - Wie
macht Ihr das eigentlich? - Na, geht mit der Sprache heraus!«
    Meister Schwemmer rückte auf seinem Stuhle ungeduldig hin und her, dann
sagte er: »Das ist Sache der Weiber; was geht das mich an!«
    »Nun, mich geht's im Grunde auch nichts an,« erwiderte Matias; »es war nur
so eine Frage.«
    »So gebt denn Achtung, Sträuber,« unterbrach Meister Schwemmer hastig diese
unanegnehmen Erörterungen. - »Schreibt also: verehrtester Herr Doktor! - Das
Geld für den letzten Monat habe ich richtig empfangen und danke Ihnen noch
besonders für die Zulage, - im Namen des armen Kindes -«
    »Im Namen des armen Kindes,« wiederholte Herr Sträuber, indem er sein linkes
Auge zukniff.
    »Der Gesundheitszustand desselben,« fuhr Meister Schwemmer fort, »ist immer
noch derselbe: das Kind ist ein kränkliches und sehr schwaches Wesen, dessen
Dasein nur gefristet werden kann durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung.«
    »Durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung,« sagte Herr Sträuber.
    »Sie können sich gar nicht denken, welche Mühe und Sorgfalt meine brave Frau
darauf verwendet. - Aber trotz allem Dem muss ich Ihnen mit schwerem Herzen
gestehen, dass dem Kinde ein langes Leben unmöglich prophezeit werden kann; es
sei zu schwächlich auf die Welt gekommen, behauptet unser Arzt, der mehrere Mal
in der Woche kommt.«
    »Der mehrere Mal in der Woche kommt, - Punkt,« sprach lachend Herr Sträuber.
    »Ganz richtig: Punkt,« fuhr der Andere fort. »Wir wissen ja,
hochverehrtester Herr Doktor, dass Ihnen Alles daran gelegen ist, dem Kinde eine
gute Existenz zu verschaffen, und dass hiezu nach Ihren öfteren Schreiben keine
Kosten gespart werden sollen. Desshalb sah sich denn meine Frau veranlasst, dem
Kinde ein eigenes Zimmer zu geben -«
    »Ein eigenes Zimmer.«
    »Und eine Wärterin,« fuhr Meister Schwemmer ärgerlich fort, denn er
bemerkte, wie sonderbar Matias lächelte.
    »Und eine Wärterin,« wiederholte Herr Sträuber.
    Matias lachte laut auf und wandte sich nach dem Mann um, der neben ihm sass,
wobei er demselben auf eine recht unverschämte Art in's Gesicht sah.
    »Zu allem Dem nun,« diktirte Meister Schwemmer weiter, »reicht das
gewöhnliche Kostgeld lange nicht hin, und müssten wir schon ganz gehorsamst
bitten, uns die Zulage, die wir schon seit zwei Monaten erhalten, auch fernerhin
zukommen zu lassen. Sich damit ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen.«
    »Ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen,« sagte Herr Sträuber, indem er
mit einem grossen Schnörkel schloss und sich alsdann weit in seinen Stuhl
zurücklehnte, um die Wirkung der ganzen Schrift aus der Entfernung beurteilen
zu können. Darauf reichte er den Brief ohne aufzustehen nach dem Ofen hinüber,
und da ihn der Mann auf seinem Stuhle nicht gut erreichen konnte, so machte
Matias die Mittelsperson, indem er ihn dem Herrn Sträuber abnahm und dem
Anderen einhändigte.
    »Aber Eins erklärt mir doch,« sprach er kopfschüttelnd. »Es muss doch hie und
da vorkommen, dass irgend Einer, dem Ihr solche Wische schreibt, nun auf einmal
absichtlich herkommt, um zu sehen, wie so ein Kind gehalten ist. Wie redet Ihr
Euch nun da heraus? - Schaut mich nur nicht so misstrauisch an, Ihr kennt mich ja
und ich Euch; wir verraten uns nicht, wollen auch nichts von einander
erpressen, und noch viel weniger wird es mir je in den Sinn kommen, selbst ein
Kostaus für kleine Kinder anzulegen. Ich habe an dem Transport meiner
halbgewachsenen vollauf genug, obgleich das Volk bei mir immer lustig und guter
Dinge ist, denn sie bekommen zu fressen, was in sie hinein geht. - Aber wie
gesagt, lasst mich hören, wie bringt Ihr das hinaus?«
    Meister Schwemmer kannte seinen Mann und wusste wohl, dass da keine Ausreden
helfen und er mit der Sprache heraus müsse. Desshalb sagte er: »Nun ja, was wird
da zu machen sein! Solche Nachforschungen finden wohl zuweilen statt, aber
meistens gehen sie in die dritte und vierte Hand, und da hilft man sich so
durch.« - Er machte die Bewegung des Geldzählens. - »Kommt aber irgend Jemand,
der Einem geradezu auf den Leib geht, so hat man seine Leute in der
Nachbarschaft, die für ein Billiges recht gern erlauben, ein anständiges Zimmer
und ein gut aussehendes kleines Kind zu zeigen. - Ja, ich versichere Euch, die
kommen oft mit Vorurteilen zu uns, denn sie haben allerhand munkeln gehört von
schlechter Behandlung unserer Kostkinder, und führt man sie dann in ein solides
Haus, da sind sie gleich vor den Kopf geschlagen.«
    »Diese Kniffe sind nicht schlecht,« entgegnete der Andere. - »Aber wenn
zufälligerweise eine Mutter kommt, um sich nach ihrem Kinde umzusehen? Der
werdet Ihr doch in aller Ewigkeit nicht ein fremdes Kind für ihr eigenes
unterschieben wollen.«
    »O mein lieber Matias,« erwiderte der Mann am Ofen, nachdem er sich mit dem
Sacktuch langsam den Mund abgewischt, »das kommt bei den Kindern selten oder nie
vor, dass sich die Mutter nach ihnen erkundigt. Entweder ist die schon längst
gestorben, ist in schlechten Verhältnissen, wo unsere Behandlungsweise
vollkommen genug für das geringe Kostgeld ist, oder sie befindet sich in einem
glänzenden Leben, und da ist sie froh, wenn sie von der Vergangenheit nichts zu
hören und zu sehen bekommt.«
    Matias hatte nachdenkend die Hände auf den Rücken gelegt und wiegte seinen
Oberkörper hin und her.
    »Ei, sagt mir doch,« begann er nach einer längeren Pause, während welcher
Herr Sträuber den Brief zusammen gefaltet und Meister Schwemmer die Adresse
geschrieben hatte, da war ich vorhin hinten in Eurer - Kinderstube und sah da
ein recht flottes Bürschlein - einen netten trotzigen Kerl; er hatte gerade Euer
Weib in die Finger gebissen, weil sie ihn mit dem Peitschenstiel über den Kopf
gehauen. Und das Blut schien ihn gar nicht zu geniren -
    »Es floss Blut?« unterbrach ihn erschrocken Herr Sträuber.
    »Blut genug, mein Schatz,« entgegnete der Andere trocken. - »Aber trotz
seines unbändigen Betragens gefiel mir das Kerlchen. - Hat's mit dem eine eigene
Bewandtnis, oder ist er auch da wie die anderen, zum Fortschicken? - Das
Letztere sollte mich freuen, und da käme es mir auf ein paar Taler nicht an.«
    Meister Schwemmer zuckte die Achseln und versetzte: »Den gäbe ich Euch gern
umsonst, das ist ein unbändiges Geschöpf. Ich fürchte immer, er zündet uns noch
einmal das Haus über dem Kopfe an. - Aber ich darf nicht, ich muss ihn behalten!«
    »Wie so?« fragte Matias. »Was hat's da für einen Haken?«
    »Das lässt sich nicht gut sagen, und ist das eine ganz eigentümliche
Geschichte, über die ich selbst noch nicht recht im Klaren bin. Der Bube da
hinten hat, so viel ich merke, eine sehr vornehme Mutter; Ihr könnt das auch
wohl dem ganzen Gestell des Kindes ansehen; sein kleiner geschmeidiger Körper
ist allerliebst gewachsen, sein Gesicht hat eine schöne Form und seine Hände und
Füsse sind zart und klein.«
    »Das ist wahr,« sagte Matias nachdenkend. »Und dabei hat die Kröte schon
eine erstaunliche Kraft; ich habe das vorhin gemerkt.«
    »Wisst Ihr, unsereins,« fuhr Meister Schwemmer fort, »dem so viel dergleichen
Bälge durch die Hand gehen, merkt gleich am Ganzen, ob etwas dahinter ist oder
nicht. Man sieht's an der Figur, am Gesicht, ja an der Art des Schreiens. Das
Meiste nun, was zu uns kommt, ist Halbblut, wisst Ihr: vornehmer Vater oder
vornehme Mutter. Der Bube aber ist Vollblut, darauf könnt Ihr schwören.«
    »Wenn aber beide Eltern vornehm und reich wären, warum nehmen sie sich des
Kindes nicht an und wollen es hier bei Euch elend verkümmern lassen? - Nehmt mir
nicht übel, aber das ist doch das Ende von all' den armen Teufeln hier.«
    »Die Mutter dieses Kindes,« versetzte Meister Schwemmer, »war, wie Ihr Euch
wohl denken könnt, noch ein Mädchen, als es auf die Welt kam. Der Vater konnte
sie vielleicht nicht heiraten, - was weiss ich? - genug, sie beschlossen auch,
den Buben sehr gut und anständig erziehen zu lassen, setzten ihm, glaube ich,
ein kleines Vermögen aus, endlich aber heiratete die Mutter dieses Knaben einen
anderen, aber sehr vornehmen Herrn.«
    »Aha!« machte Matias.
    »Das sind aber schon einige Jahre her, und anfänglich ging Alles gut. Weiss
aber der Teufel, zuletzt muss der Gemahl dieser Dame etwas über die Geschichte
erfahren haben, legte sich auf Nachforschungen, liess wahrscheinlich viel Geld
springen und kam der Sache so ziemlich auf die Spur. Das erfuhr die Mutter, sie
tat ihrerseits ebenfalls Schritte, nahm den Buben aus dem Hause weg, wo er
bisher verwahrt war, und da wurde er nun, um mich meines früheren Ausdrucks zu
bedienen, durch die dritte und vierte Hand hieher zu uns gebracht.«
    »Aber man zahlt doch ordentlich für ihn?«
    »O ja, recht ordentlich; aber man knüpfte daran die Bedingung, ihn fest
verwahrt zu halten und -« schloss Meister Schwemmer hustend und lachend - »das
tun wir redlich, wie Ihr gesehen habt.«
    »Hol' Euch der Teufel!« erwiderte der Andere, »das tut Ihr freilich. Aber
wie schon gesagt: nehmt Euch mit dem Knaben in Acht! Der bricht Euch einmal aus,
rennt in die Stadt und plaudert die ganze Wirtschaft aus.«
    »Seid unbesorgt,« meinte der Hausherr, »wir wollen ihn schon mit Hunger und
Schlägen mürb machen, und wenn es nicht anders geht, so lege ich ihn an die
Kette wie einen tollen Hund. Oh! solchen Burschen sind wir noch gewachsen!«
    Herr Sträuber hatte während dieser Unterredung anscheinend teilnahmlos zum
Fenster hinaus geschaut, doch war ihm nicht ein Wort entgangen. - »Eine reiche
und vornehme Frau,« dachte er, »die den Buben zu verbergen trachtet, und ein
ebenfalls vornehmer und reicher Mann, der ihn finden möchte, - das sind ein paar
Kunden, die für eine tätige Hilfe gewiss tüchtig bezahlen werden. Da wäre nur
noch zu überlegen, wer am meisten springen lässt; - und dann täte man dabei ein
gutes Werk,« tröstete er sich selber, »denn es ist doch unverantwortlich, ein
Kind, das bisher gut erzogen wurde, bei solchem Schandvolke zu lassen. - Pfui
Teufel!«
    In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und die Frau Bilz trat herein.
Sie sah blass und niedergeschlagen aus, und ein aufmerksamer Beobachter hätte auf
ihrem Gesichte Spuren von Tronen bemerken können und vielleicht darnach
geforscht. Aber da hier Niemand war, der sich um solche Kleinigkeiten
bekümmerte, so setzte sie sich stillschweigend auf ihren alten Platz an das
Fenster hin, blickte gedankenvoll in die Stube und legte die Hände in den
Schoss.
    »Jetzt können wir auch an unser Geschäft gehen,« sprach Matias. »Ich habe
nur warten wollen, bis die Frau kam, denn sie muss mich dieses Mal eine Strecke
Wegs begleiten.«
    »Richtig! richtig!« versetzte Meister Schwemmer; »wir haben Mädchen bei dem
Transport, so ein Stück vier. - Also lasst hören, Matias, was braucht Ihr noch?«
    »Der von C. schrieb mir vor einigen Tagen, es sei eine passende Gelegenheit
da, eine grössere Anzahl hinüber zu bringen, auch könnte er sehr gut im Ganzen
ein Stück zwanzig plaziren, natürlicherweise über die Hälfte Buben; sechs,
höchstens acht Mädchen dürfen darunter sein.«
    »Doch nur Mädchen unter zehn Jahren,« sagte Herr Sträuber, der unterdessen
ein Papier aus der Tasche gezogen hatte.
    »Versteht sich,« entgegnete der Hausherr, »die über sechzehn gehören in ein
ganz anderes Register und können viel vorteilhafter in der Nähe untergebracht
werden.«
    »Davon nachher!« versetzte Matias. - - »Um nun den Transport vollzählig zu
machen, fehlen mir noch ungefähr zehn Buben, aber es müssen ansehnliche Kerle
sein. - Was habt Ihr nun für mich im Auge, und welche Preise wollt Ihr machen?
Seid aber billig, denn wir leiden doch alles Risiko: wenn wir abgefasst werden,
ist nicht nur alles Geld hin, sondern es könnte uns auch leicht an den Kragen
gehen.«
    Meister Schwemmer nahm ruhig eine Prise, dann nickte er mit dem Kopfe und
sagte pfiffig lächelnd: »Ja, ja, die Gefahr ist gross, aber nicht so sehr für
Euch, wie für mich. Ihr seid gedungen worden, mit den Kindern zu reisen, - was
wisst Ihr mehr von der Sache? Ihr tatet nur, was man Euch befohlen, aber an
Unsereinem bleibt's hängen. Ihr, Matias, seid ein rüstiger Mann, ohne Anhang:
Ihr schlagt Euch im Notfalle durch ein halbes Dutzend Polizeidiener durch,
gewinnt das Freie, haltet Euch ein halbes Jahr versteckt und seid ein Mann bei
der Stadt wie vorher. - Aber seht mich an: ich bin ein armer kranker Kerl, der
sich kaum vom Stuhle rühren kann, habe auch noch eine grosse Wirtschaft am Hals,
eine Wirtschaft, bei der es mir sehr unangenehm wäre, wenn die da droben einmal
ihre Spürnase hinein steckten.«
    »Wozu das Gefasel!« erwiderte Matias ärgerlich. »Sagt, was Ihr habt und
Eure Preise, ich brauch' es ja nicht zu nehmen, wenn es mir nicht ansteht. Und
dass Ihr mich schindet, wo Ihr könnt, weiss ich ohne Eure Vorrede. Also heraus mit
der Sprache! Könnt Ihr mir ein Stück zehn Buben verschaffen?«
    »Seid nur nicht immer so stürmisch!« sagte der Andere. Und dabei zog er
unter seinem Sitze ein Papier hervor. »Man meint immer, wir wollen uns am Halse
fassen, und scheiden doch meistens als die besten Freunde. - Hier ist eine
artige Liste'« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, während welcher er in das
Papier geblickt, »aber da nicht viele Kinder dabei sind, die keine Eltern mehr
haben, so kommt die Sache etwas höher zu stehen.«
    »Gebt her,« sprach rasch Matias, indem er das Papier in die Hand nahm und
durchflog. - »Die vier Ohren hier kosten nicht viel, aber für die andern sechs
finde ich den Preis unverschämt gestellt. - Da Einer mit vierzig Talern.«
    »Dessen Stiefmutter ein tüchtiges Geschenk verlangt hat.«
    »Da Einer sogar mit sechzig Talern.«
    »Ist schon zehn Jahre alt und hat eine Schwester, die an ihm den Narren
gefressen hat. Kostet mich an zwanzig Taler für Briefe und Zeugnisse, um zu
beweisen, dass der Bube in eine gute Lehre kommt.«
    »Wird sich wundern,« brummte Matias, während er an den Fingern rechnete.
Dann liess er die Hand mit dem Papiere sinken und sagte: »Aber dass sie Alle
gerade gewachsen sind, dafür steht Ihr mir natürlich ein.«
    »Versteht sich von selbst,« erwiderte Meister Schwemmer. »Ihr zahlt
überhaupt nicht eher, als bis der ganze Transport bei einander ist und Ihr Alles
durchgemustert habt. - Na, macht kein so finsteres Gesicht; es ist und bleibt
doch ein gutes Geschäftchen.«
    Matias hatte die Hände auf den Rücken gelegt und blickte gedankenvoll durch
das Fenster in den kleinen Hof.
    Frau Bilz, welche gerade vor ihm sass, schaute aufmerksam in seine düsteren
Züge, und ihre Hände, die bis jetzt über einander lagen, falteten sich langsam
zusammen.
    »Ich muss überhaupt schon gestehen,« sagte Matias nach einer Pause, »dass mir
dieses Geschäft vollkommen entleidet ist; es ist doch das Niederträchtigste, was
ich kenne, - ein förmlicher Sklavenhandel, und ein Sklavenhandel, weit schlimmer
wie der, den sie drüben in Amerika betreiben. Dort wechselt so ein armer Teufel
von Schwarzem oder so ein Kind nur seinen Herrn; der eine ist ein bisschen
besser, der andere ein bisschen schlimmer, aber ihr Leben bleibt sich im
Allgemeinen gleich; sie müssen freilich arbeiten, sie bekommen auch wohl ihre
Schläge, doch an Leib und Seele werden sie darum nicht schlechter, und wenn sie
auch durch ein Dutzend der verschiedenartigsten Hände gegangen wären. Aber bei
dem Sklavenhandel, den wir betreiben, ist es ganz, ganz anders.«
    »Ja, ja,« sprach die Frau beistimmend.
    »Was wird aus den Geschöpfen, die wir in ein fremdes Land hinüber führen?
Bekommen sie vielleicht einen Herrn, der für sie sorgt, der sie zur Arbeit
anhält, der sie lehrt und im Notfalle auch nährt? - Nein! nein! gewiss nicht!
Die Buben werden nach und nach Bettler von Profession, Halunken, Spitzbuben,
Räuber und Mörder, und die Mädchen - na! Denen geht's noch viel schlimmer. - Das
versichere ich Euch, Meister Schwemmer, alle Taten unseres Lebens, die wir im
Dunkeln verübt, alle die zusammen genommen werden einmal nicht so schwer wiegen,
wie der Jammer eines einzigen dieser unglücklichen Geschöpfe, wenn es am Ende
eines elenden, sündhaften Lebens verkommen und jammervoll hinter irgend einer
Hecke zum Teufel fährt.«
    Die Frau nickte stumm mit dem Kopfe, und Herr Sträuber, der, so lange
Matias in der Nähe war, ausserordentlich wenig sprach, schien ihn trösten zu
wollen, indem er sagte: »Man muss das nicht so genau nehmen bei dem Matias; er
hat seine schwachen Augenblicke, nachher hat er doch wieder Alles vergessen.«
    Für diese Worte warf ihm Matias einen nichts weniger als freundschaftlichen
Blick zu, dann steckte er die Hand auf die Brust unter seinen Rock und
erwiderte: »Leider ist es wahr, dass mir solche Gedanken nur auf Augenblicke
kommen, aber auch das ist schon was wert, und ich bin mir gerade recht wie ich
bin. Wenn ich auch zuweilen im Schmutz wate, tief bis an die Kniee, so ist es
mir doch auch wieder einmal behaglich, trockenen Fusses über einen hohen Berg zu
marschiren und ein bisschen schöne Aussicht nach vorwärts zu geniessen. Das nennt
Ihr freilich hie und da solche Gedanken haben, aber es ist doch, beim Teufel!
besser, auch nur bisweilen solche Gedanken zu haben, als immer und ewig im
feuchten Dreck daher zu schlampen, der Euch freilich nie recht beschmutzt, aber
auch nie nur eine Sekunde lang reinlich erscheinen lässt. - Doch was werfe ich
Perlen vor die Säue, wie es in dem Sprichwort heisst!« - Damit schlug er das
Papier zusammen, griff nach seinem Hute und ging, ohne ein Wort weiter zu
verlieren, zum Zimmer und zum Hause hinaus.
    Herr Sträuber blickte ihm nach, bis er über den Hof verschwunden war, dann
gewann er mit einem Male seine ganze Redseligkeit wieder. - »Es ist hart,« sagte
er, während er seinen Hemdkragen hervor zog, »mit solchen Menschen umgehen zu
müssen, für einen Mann von Erziehung, wie ich, mit einem Kerl wie dieser
Matias. Würde sich vielleicht kein Gewissen daraus machen, Jemand für ein paar
Gulden niederzustechen, und nimmt sich da heraus, vor uns von besseren Gefühlen
zu reden. - Das käme mir vielleicht zu, wenn ich an meine Jugend und früheren
Tage denke.«
    »Er spricht nicht nur zuweilen etwas Gutes,« sagte die Frau, »sondern er
tut es auch.«
    »Da wäre ich neugierig,« meinte Herr Sträuber.
    »Draussen in der Vorstadt, wo wir wohnen, wurde vorgestern ein armer Weber
mit sechs lebendigen Kindern und wenigem armseligem Hausrat bei dem
scheusslichsten Wetter auf die Strasse gesetzt. Ihr könnt Euch den Jammer gar
nicht denken.«
    »Ja, ich weiss es,« bemerkte lächelnd Meister Schwemmer.
    »Das Weib,« fuhr Frau Bilz fort, »hatte ein kleines Kind an der Brust, und
Beide waren blau vor Kälte. Da kam Matias und verschafte ihnen in einem
Hinterhause ein ganz ordentliches Unterkommen.«
    »Aber er stellte Bedingungen dabei?« fragte besorgt der Hausherr.
    »Nein,« entgegnete die Frau, »davon weiss ich nichts. - Im Gegenteil: er
riet dem Manne, Bedingungen, die ihm ein Anderer gestellt haben musste, um
keinen Preis einzugehen.«
    »Soll ihn der Teufel holen!« rief Meister Schwemmer.
    »Und was waren das für Bedingungen?« fragte Herr Sträuber.
    »Wieder ein Menschenhandel,« sagte achselzuckend die Frau.
    »Und also der Matias riet im wirklich davon ab?« fragte der Mann am Ofen,
der sein Taschentuch zusammen knitterte und es dann schnell an seinen Mund
drückte, um einem Hustenanfall zuvor zu kommen, den augenscheinlich der Zorn bei
ihm erregt. - »Ja, - ja,« sagte er nach einer Weile, als er wieder etwas zu
Atem kam, - »soll - ihn - lotweis - der Teufel - holen! - Verdirbt Einem - den
saubersten - Handel.«
    »Seht Ihr wohl,« sprach Herr Sträuber, »ist das kameradschaftlich? Das nenne
ich unter Freunden Verrat. Und passt nur einmal auf, wir können uns noch Alle
vor dem Kerl in Acht nehmen; auf einmal wird man unsere Schliche kennen, wir
sind gefasst und er spaziert hohnlachend umher.«
    »Davon ist kein Gedanke,« versetzte Meister Schwemmer, »Matias ist treu und
redlich wie Gold. - Sträuber, wie könnt Ihr so Etwas denken!«
    »Nehmt Euch ja in Acht,« sagte ruhig die Frau, indem sie ihm einen
verächtlichen Blick zuwarf, »dass Eure Gedanken nicht ausser diesem Hause laut
werden und ihm zufällig zu Ohren kommen. Das wäre eine scharfe Ecke für Euch; an
der könntet Ihr Euch blutig stossen.«
    »Und Blut ist nicht seine Leidenschaft,« sprach achselzuckend Meister
Schwemmer. - »Doch gehen wir an unser weiteres Geschäft. - Was wir sprechen,
bleibt ja unter uns,« fuhr er lächelnd fort, als er sah, dass sich das Gesicht
des Herrn Sträuber bedeutend verlängerte. »Da habe ich zwei Aufträge von unserer
Freundin, der Madame Becker.«
    »Aha! die in der alten Kaserne!« sagte Frau Bilz.
    »Dieselbe. - Das ist ein verfluchtes Weibsbild und verdient Geld wie Heu;
sie hat, wie sie mir sagte, in D. und F., vier Stunden von hier, zwei junge
Mädchen aufgespürt, zwischen sechzehn und achtzehn Jahren, frische, schöne,
saftige Landpomeranzen, die gern einen Dienst in einer grossen Stadt haben
möchten. Hier ist es nun zu nah; deshalb will ich sie an einen Geschäftsfreund
nach B. senden, wo eine starke Nachfrage nach solch' unberührter Waare ist. Die
Becker hat den beiden Mädchen vorgeschwindelt, sie kämen dort in ein ganz
anständiges Haus, erhielten einen bedeutenden Lohn und brauchten sich nur mit
seiner Arbeit zu beschäftigen. - Und das ist ja Alles wahr,« fuhr der alte
Sünder kichernd fort, indem er sich die Hände rieb. - »Sie fürchtet aber nun,
wenn die beiden Mädchen auf der Eisenbahn hieher fahren, so könnten sie am Ende
zu Leuten zu sitzen kommen, die ihnen die ganze Geschichte verdächtigen und
ihnen - es könnten ja sogar welche von B. sein - geradezu sagen würden, die
Adressen seien falsch und die Häuser existiren dort gar nicht. - Versteht Ihr
mich?«
    »Vollkommen,« entgegnete Herr Sträuber.
    Und die Frau nickte stillschweigend mit dem Kopfe.
    »So, nun passt auf!« fuhr der Hausherr fort. »In circa acht Tagen werden die
beiden Mädchen von D. und F. abreisen. Man wird Euch Alles das noch genau
mitteilen; dann fahrt Tags vorher Ihr, Frau Bilz, nach D. und der Sträuber nach
F. Ihr, Frau, bekommt ein genaues Signalement des einen Mädchens, setzt Euch zu
ihr hin und plaudert mit ihr; in F. nun kommt zugleich mit dem andern Mädchen
dort Euer Bruder auf die Bahn.«
    »Welcher Bruder?« fragte misstrauisch Herr Sträuber.
    »Nun, Ihr stellt den Bruder vor. O ich weiss schon, was Ihr sagen wollt, Frau
Bilz zieht sich ein bisschen städtisch an, darauf könnt Ihr Euch verlassen. -
Also Ihr steigt mit dem anderen Mädchen in F. ein, habt wo möglich schon im
Warsaal ein paar Worte mit ihr gewechselt, findet Eure Schwester, und setzt Euch
nun, wenn es geht, alle vier zusammen. - Verstanden?«
    »Natürlicherweise,« entgegnete Herr Sträuber. »Wir lassen uns dann von den
beiden Mädchen erzählen, wohin sie wollen.«
    »Richtig, richtig! Ihr erfahrt, dass sie nach B. gehen, Ihr, Beide seid auch
daher, und könnt Ihnen nun über die Häuser, wohin sie adressirt, die allerbeste
Auskunft geben. - Sobald Ihr mit den Beiden hier ankommt, so seid Ihr ihnen
augenblicklich behilflich, dass sie Plätze nach B. nehmen. Ihr, Sträuber, habt
nun hier Geschäfte und bleibt da, die Frau aber begleitet die Mädchen und bringt
sie in B. nach einem gewissen Hause, das man ihr bezeichnen wird. - So, das wäre
im Reinen. Ihr habt doch keinen Zweifel mehr?«
    Frau Bilz zuckte mit den Achseln und sagte: »Ich wusste schon um die
Geschichte; ich war gestern bei der Becker, die mit mir davon sprach.«
    »Nun, da werdet Ihr auch gehört haben, dass ich Euch sogleich vorschlug,«
erwiderte der Hausherr, nachdem er eine starke Prise genommen. »Ja, Ihr seht,
Frau Bilz, dass ich immer an Euch denke, wo es Etwas zu verdienen gibt.«
    Die Frau gab hierauf keine Antwort, sondern liess den Kopf auf die Brust
sinken und spielte mit den Bändern ihrer Schürze.
    Herr Sträuber erhob sich von seinem Stuhle, strich sein Haar zurück, setzte
den Hut auf und zog seine baumwollenen Handschuhe an.
    »Und werden wir Geld zu dieser Fahrt von Euch bekommen?« fragte er, während
er die Briefe, die er vorhin geschrieben, in die Tasche steckte.
    »Allerdings,« antwortete vergnügt der Hausherr, der heute gute Geschäfte
gemacht hatte, »kommt nur am Samstag, da sollt Ihr Alles haben: Geld, Adresse
und die genaue Beschreibung von einem Paar sehr hübscher Mädchen.«
 
                          Sechsundvierzigstes Kapitel.
                               Weihnachtsfreuden.
So war denn auch wieder einmal Weihnachten gekommen, diese frohe und glückselige
Zeit für Alt und Jung, - für erstere zum Geben, für letztere zum Empfangen; und
wer dabei die grösste Freude hat, ist noch unentschieden. Wie bemühen sich die
Kleinen vor diesem festlichen Abend, alles Unangenehme, das sie den Eltern
zugefügt, vergessen zu machen und sich nur darzustellen in ihren guten und
schönen Eigenschaften. Ja, schon vier Wochen vor Weihnachten geht es in den
Schulen und zu Haus ungleich stiller her als das ganze Jahr; man hört nicht das
verdächtige Klopfen des Lineals, man vernimmt wenig Scheltworte, und wozu früher
eine ganze lange Ermahnungspredigt notwendig war, das tut jetzt ein einfaches
Achselzucken und die hingeworfene Bemerkung: »Nun ja, es ist ja nächstens
Weihnachten, da wird sich alles Das schon finden.«
    Aber nicht bloss die Kinder freuen sich unbeschreiblich auf diesen Abend,
auch für Manchen der Erwachsenen ist das eine Zeit, wo man gegenseitig auf so
ungenirte Art anonyme Geschenke empfangen und machen kann, wo sich so plötzlich
auf dem Teller dieser oder jener jungen Dame, oder mit einer zierlichen
Aufschrift am Baume hängend, ein kleines elegantes Etui findet, und wenn man es
öffnet, darin ein Ring, ein Armband oder dergleichen. - Freilich wird Mama
selbst an diesem heiligen Abend die Augenbrauen etwas in die Höhe ziehen, und
die jüngeren Schwestern, die noch keine Armbänder bekommen, oder auch die
ältere, die keine mehr erhält, verächtlich die Naschen rümpfen und mit Absicht
leicht darüber hinweg zu blicken versuchen. - Das tut Alles nichts; wie schon
bemerkt, an dem Abend wird Manches verziehen oder Manches geglaubt.
    »Ach! dies schöne Geschenk wird von Onkel Karl sein!« sagt die Betreffende,
indem sie mit ausserordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Papierchen
verschwinden lässt, das unter dem Armband gelegen. »Ach! Onkel Karl, das ist zu
viel! Nein, das ist zu viel!«
    Onkel Karl, ein alter geiziger Hagestolz, steht daneben mit einem höchst
dummen und verblüfften Gesicht; und befindet er sich augenblicklich unter dem
Einfluss von einiger Geistesgegenwart, die ihm aber gewöhnlich mangelt, so macht
er grinsend ein breites Maul, lächelt ziemlich blödsinnig und ist unverschämt
genug, die warmen Küsse seiner lieblichen Nichte für Rechnung eines Anderen in
Empfang zu nehmen.
    Du erinnerst dich gewiss, teurer und geneigter Leser, so lebhaft wie wir
dieser herrlichen schönen Weihnachtszeit. Du kannst das nicht vergessen, nicht
einmal in dem schlimmen Falle, wenn du selbst lange, lange Zeit hindurch Niemand
etwas Gutes mehr bescheert hast, oder wenn dir ein böses Schicksal während
vieler Jahre nur Fusstritte oder Ohrfeigen gab. Ja, auch dann wirst du dich, wenn
auch wehmütig, jener Zeit erinnern, wo du zum letzten Male etwas Angenehmes
bescheertest oder wo dir etwas Angenehmes bescheert wurde. -
    Ach! es ist etwas so Köstliches um die Erinnerung, um eine angenehme
Erinnerung, und wenn wirklich deine Seele schon lange mit dickem Staube bedeckt
ist oder sich dein getäuschtes und verratenes Herz mit einer festen Schale
umzogen - an diesem Abend steigt jener auf, zerschmilzt diese, und du fühlst,
wie dich ein süsser Schauer durchzieht - wenn du das nämlich fühlen willst -
seltsame Töne, bunte, glänzende Bilder, und alles Das eingehüllt in den
wohlbekannten Duft der Tannennadeln und des herabträufelnden Wachses.
    Dann eile hinaus auf die Strasse, um dich unter den Glücklicheren
umzuschauen, selbst wenn es nebelt oder sogar einzelne Schneeflocken vom dunkeln
Himmel herab dich in grossen Kreisen umflattern und zuletzt auf deiner Nase oder
deiner Wange zerschmelzen. Das gehört mit zum heiligen Christtag, und ist das
wilde Wetter zuweilen liebend den Tausenden von Tannenbäumen nachgezogen, die
man aus dem finstern Wald hieher versetzt.
    Wer achtet aber dieses Wetters? - Niemand. Selten siehst du einen
Regenschirm aufgespannt, und die Damen behelfen sich sogar, indem sie dichte
Kaputzen über den Kopf ziehen und von unten mit soliden Ueberschuhen verwahrt
sind. Man hat auch keine Zeit, nach dem Wetter zu sehen oder den Regenschirm zu
balanciren; man muss nur dafür sorgen, dass man nicht an die Begegnenden anstosst
und dass man seine kostbaren Waaren unversehrt nach Hause bringt.
    Die schönste Stunde an diesem Abend ist gleich nach der Dämmerung, wenn die
Ladendiener eilfertig die Gaslampen angezündet haben, und wenn es nun wie ein
Aufschrei höchster Lust durch die Glasschränke zieht, wenn Alles heller wird als
am Tage; denn die Sonne vermag nicht in den dunkeln Winkel zu dringen, wo die
Schaukelpferde stehen, oder dort hinten in die Ecke neben dem Ofen, wo sich die
hölzernen Gewehre, die Säbel, Schwerter und Peitschen befinden.
    Jetzt aber strahlt Alles von Licht und Glanz.
    Es glänzt das Gold auf den Helmen und Harnischen der Rittersmänner, man
sieht die Mähnen der Rosse flattern, und hell strahlen die Fenster dieses
Schlosses oder jener Burg.
    Wie galoppiren die Pferde dort vor der reichen, bunten Karosse, wie anmutig
lächelt die Dame in derselben, und wie greulich verzieht der edle Nussknacker
sein hässliches Gesicht! Sollte man doch glauben, er schiele ordentlich links
hinüber nach jener grossen schönen Puppe in weissem gesticktem Atlaskleide mit
wirklichen Schuhen an den Füssen und ächtem Haar auf dem Kopfe. Dieses Gesicht
ist aber auch der Mühe wert, betrachtet zu werden: die runden, schneeweissen
Wangen, angetupft mit einem zarten Rot, der zusammengezogene Mund, so klein,
dass er gar nicht in Betracht kommt, die unbedeutende Nase und hauptsächlich die
grossen blauen Augen von unaussprechlichem Glanze und einem Ausdruck, der über
alle Beschreibung geht. Sie blickt verwundert vor sich in das Gewölbe und, wie
in tiefe Gedanken versunken, schaut sie keine Menschenseele an, sondern starrt
weit, weit hinaus in die unmessbare Ferne. -
    Jeder aber ist wie gesagt an diesem Abend eilig und hat für den besten
Freund keine Zeit; Der hat dies, Jener das vergessen, und da heute Abend Mägde
und Knechte alle Hände voll zu tun haben, so muss er selbst rennen und laufen,
um das Versäumte herbei zu holen.
    »Da wäre ich schön angekommen,« sagt ein dicker Herr im Laden zu einem sehr
dürren, der Wachslichter aufsucht, »meine Frau hat sich ein Portemonnaie
gewünscht, wie sie es vor acht Tagen bei der Staatsrätin gesehen. Wissen Sie,
von dänischem Leder mit Stahlschloss; ich versichere Sie, bester Freund, es ist
gut, dass es mir jetzt noch einfiel, ich hätte böse Feiertage gehabt.«
    »So kann man Unglück haben!« ruft ein anderer Herr, der eilig in den Laden
tritt. - »Bitte um neue Glaskugeln,« sagt er zu dem Ladendiener, der mit offenem
Munde herbeieilt. »Da sehen Sie die Bescheerung!« wendet er sich an den dicken
Herrn, »gehe ich noch von hier aus zur Putzmacherin - sie hat die Sammetmantille
für Madame noch nicht geschickt - und da ich warten soll, setze ich mich nieder
auf einen Stuhl und auf die Glaskugeln. Es ist nur ein Wunder, dass mir kein
Scherben irgendwo eingedrungen ist. - So. - Wie viel macht's?«
    »Einen Gulden und zwölf Kreuzer.«
    »Hier sind sie. - Gute Nacht, ihr Herren, vergnügte Weihnachten!«
    Wer aber auch nicht im Stande ist, Glaskugeln, Sammetmantillen oder
Portemonnaies zu kaufen, wie sie die Staatsrätin hat, ja wer es kaum zu einem
verkrüppelten Tannenbaume und zu einigen vergoldeten Nüssen zu bringen vermag,
freut sich des Lebens und ist mit den Seinigen heiter und guter Dinge. Das
hölzerne Pferd, das der Vater geschenkt erhielt, wird auf's Künstlichste wieder
hergerichtet, die Mutter macht einen neuen Zaum, der Vater einen superben
Schweif von Baumwolle, der aus der Dintenflasche schwarz gefärbt wird. Am Baume
hängen ein paar Brezeln oder einige Wecken an Schnüren, auf dem Tische liegen
die neuen Höschen und das neue Wamms mit glänzenden Knöpfen besetzt, und mit
weit aufgerissenen Augen wird alles Das betrachtet, bis auf die Rute, die am
Baume schwebt, und die verstohlene, ehrerbietige Blicke auf sich zieht.
    Selbst die Armen, denen zu Haus kein Weihnachtsbaum glänzt, denen Vater und
Mutter nichts zu bescheeren im Stande sind, erfreuen sich am heutigen Abend der
allgemeinen Pracht und Herrlichkeit und es muss schon ein besonderer Segen in der
heutigen Nacht über alle Menschenkinder ausströmen, der Neid und Missgunst nicht
aufkommen lässt; denn die Kleinen da draussen vor dem Fenster, die soeben noch
frierend durch die Strassen zogen, bleiben jetzt plötzlich stehen, wenn sie den
herrlichen Lichterglanz erblicken, klettern an das Fenster des Erdgeschosses
empor und blicken mit leuchtenden Augen so lange in die hellbestrahlte Stube auf
den Tannenbaum mit den vielen Lichtern, auf all' die seltsamen Spielsachen, bis
der Hauch ihres eigenen Mundes die Scheibe trübt und Alles in einen dichten
Nebel verschwimmt.
    Wenn aber ein gutes Kind drinnen im Zimmer sieht, dass vor dem Fenster so
arme kleine Geschöpfe stehen, denen der heilige Christ am heutigen Abend nichts
bescheert als Hunger und Kälte, so erbittet es sich von den Eltern etwas
Spielzeug und Backwerk, öffnet leise das Fenster und reicht es den armen Kindern
hinaus. Die nehmen es, und geblendet von dem Lichterglanz glauben sie
vielleicht, es sei am Ende das Christkind selbst gewesen, das ihnen bescheert,
und eilen mit dieser frohen Botschaft nach Hause, indem sie das, was sie
erhalten, freudestrahlend vorzeigen.
    Dazu läuten die Glocken der Kirche, die tiefen Töne der Orgel dringen aus
den geöffneten Türen hervor, und die Menge strömt ab und zu, um die Krippe mit
dem heiligen Christus zu sehen, die am Hochaltar entüllt wird. Der Boden der
Kirche ist feucht und die Fusstritte hallen wider auf dem Steinpflaster; die
Regenschirme und nassen Mäntel verbreiten einen sonderbaren Geruch, und dazu
duftet der Weihrauch so bekannt und angenehm. Man verrichtet sein Gebet, eilt
wieder hinaus, und vor der Kirchentüre blickt man aufwärts, ob der Himmel ein
freundliches Gesicht mache und gute Feiertage verheisse. - Ah! es sind da viele
schwarze Wolken: doch wird es über uns an einer kleinen Stelle heller und es
erscheint ein schöner blauer, sanft strahlender Stern. Der ist vielleicht ein
Prophet für gutes Wetter, oder es ist auch jener Stern, der sich immer über der
Krippe des kleinen Christkindes zeigt und dem die heiligen drei Könige
nachgegangen. - Ja, der muss es sein, - geschwind nach Hause, das muss man den
Kindern erzählen! -
    Wenn an einem solchen Christabende die Menge der Käufer und Käuferinnen
anfängt, in den Gewölben nachzulassen, - das geschieht nun nach sechs Uhr, - so
werden die meisten der Läden geschlossen, damit auch die den ganzen Tag so
beschäftigten Leute jetzt schon ihren Feiertag beginnen können; oder man lässt
vielleicht noch zur Beaufsichtigung des Ganzen eine der Ladenjungfern zurück,
die sich alsdann verdriesslich an den Tisch setzt, den Kopf auf die Hand stützt
und wohl an ihre Heimat denkt, wo jetzt Alles heiter und vergnügt um den
Christbaum steht, während sie hier noch ein paar Stunden allein sitzen muss. Das
Geschäft darf noch nicht geschlossen werden: es könnte vielleicht noch ein
verspäteter Kunde etwas brauchen.
    Diese Vorsicht war denn auch in einem der grössten Läden der Hauptstadt nicht
unnötig, und die junge Dame, welche hier sass, hatte sehr Unrecht, als sie
soeben einen kleinen Monolog hielt, worin sie von hartem Dienste sprach und von
überflüssigen Quälereien, die darin beständen, noch hier sitzen zu müssen,
nachdem schon Alles längst auf seine Zimmer gegangen; - denn kaum hatte sie ihn
beendigt, so fuhr ein Wagen dicht vor die Ladentüre, und ein Herr, der darin
sass, öffnete den Schlag selbst, sprang heraus und trat in das Gewölbe.
    »Schon dachte ich, es wäre auch hier geschlossen,« sagte er laut und lustig,
»und das wäre mir äusserst unangenehm gewesen, denn ich muss Sie noch bei spätem
Abend bemühen und Sie um das Neueste bitten, was es in kleinen seidenen
Halstüchern für Damen gibt.«
    »Ah! Herr Doktor!« versetzte das Mädchen, das eifrig aufgesprungen war. »Wir
werden nur heute Abend bei Licht die Farben nicht recht unterscheiden können,
das nimmt sich Alles bei Tage anders aus.«
    »Sie haben vollkommen Recht, mein Kind,« entgegnete der Herr; »aber meine
Zeit am Tage ist ausserordentlich kostbar, namentlich im Winter, wo es so viele
Kranke gibt. - Und dann verlasse ich mich auf Ihren Geschmack. - Bringen Sie
auch sogleich einen Carton mit Damenhandschuhen, davon kann ich auch etwas
brauchen,« rief er dem Mädchen nach, das nach dem Hintergrunde gegangen war, um
das Verlangte zu holen. - »Gott! ich hätte beinahe den ganzen Weihnachtsabend
vergessen!«
    »Das würde der Frau Doktorin nicht lieb gewesen sein,« sprach lächelnd die
Ladenjungfer, indem sie die beiden Schachteln auf den Tisch stellte. - »Aber das
ist Ihr Scherz, und Sie haben gewiss schon seit mehreren Tagen prächtige Sachen
für die lieben kleinen Kinder bereit liegen.«
    »Ah! das will ich meinen!« erwiderte der Herr; »den Kindern eine Freude zu
machen ist leicht; man findet da immer Geschichten, die ihnen gefallen. Aber bei
den Erwachsenen - ist das oft unendlich schwer,« setzte er leise hinzu.
    »Sehen Sie, Herr Doktor, diese kleinen Shawls sind das Neueste, was wir
haben - und sehr elegant.«
    »Ja, - nicht übel. Nehmen wir zwei: einen roten und einen blauen, ich weiss
nicht, welche Farbe meine Frau am liebsten hat. - Nun zu den Handschuhen!«
    Während das Mädchen den Carton öffnete, der das Verlangte entielt, und die
zierlichen Pakete heraus legte, trat ein anderer Herr in den Laden, nahm unter
der Türe seinen Hut ab und schlenkerte ihn hin und her, um einige Schneeflocken
zu entfernen, die darauf gefallen waren, da er keinen Regenschirm bei sich
hatte. Dann bedeckte er sich wieder und trat an den Ladentisch.
    Dieser Herr trug eine Brille, und da ihm die Gläser derselben plötzlich
anliefen, als er in das erwärmte Gewölbe trat, so zog er sein Sacktuch heraus,
nahm die Brille herunter und putzte sie sorgfältig rein, wobei er mit dem
eigentümlichen Blick, den die Kurzsichtigen gewöhnlich haben, vor sich
hinstarrte.
    Das Mädchen bot ihm freundlich einen guten Abend.
    »Wählen Sie für mich,« sagte der Doktor, der über die Handschuhpakete
gebeugt stand, »nehmen wir meinetwegen zwei Dutzend, Numero sieben hat meine
Frau; die Farbe will ich Ihnen überlassen.«
    Der andere Herr hatte seine Brille schnell wieder aufgesetzt, blickte den,
der eben sprach, von der Seite an, und dann klopfte er ihm leicht auf die
Schulter.
    Der Doktor richtete sich in die Höhe.
    »Ah! du bist es, Alfons,« sagte er. »Was treibt denn dich so spät hier in
den Laden?«
    »Oh!« erwiderte dieser, »wahrscheinlich dasselbe, was dich hieher führt. Ich
brauche ebenfalls noch ein paar Kleinigkeiten für heute Abend. - Ihr kommt doch
auch zu uns?«
    »Zur allgemeinen Bescheerung; das versteht sich von selbst. Ah! da haben wir
noch nie gefehlt.«
    »Diese Farben sind schön,« meinte das Ladenmädchen, indem sie die
ausgesuchten Handschuhe vor den Doktor niederlegte, »es ist die gleiche
Qualität, die Ihr Herr Schwager vorhin gekauft, nur habe ich andere Farben
ausgesucht.«
    »So, du hast auch Handschuhe für deine Frau gekauft?« versetzte der Doktor
mit gleichgiltigem Tone. Da er aber hiebei den Blick auf die seinigen warf, so
bemerkte er nicht, dass Alfons in diesem Augenblicke auf höchst unangenehme Art
sein Gesicht verzog.
    »Ja, ich habe auch Handschuhe gekauft,« erwiderte dieser nach einer Pause,
»natürlich für Mariannen, aber - - nicht zum heutigen Abend; dafür habe ich
schon andere Sachen. Ich werde ihr die Handschuhe gelegentlich nächster Tage
geben. - Hast du denn schon zu Hause den Kindern bescheert?« fragte er darauf,
um von etwas Anderem zu sprechen.
    »Nein, nein,« antwortete der Doktor lustig, »das kommt noch und ich freue
mich darauf, als wenn ich selbst ein Kind wäre. Wenn man so den ganzen Abend wie
ich, in den verschiedensten Wohnungen herumkommt, und bald hier bald dort
jubelnde Kinderstimmen hört, oder den Lichterglanz sieht, wenn sich in irgend
einem dunkeln Gange plötzlich eine Tür öffnet, und wenn man das Alles so aus
der Ferne und eigentlich teilnahmlos mit ansehen muss, so ist man ordentlich
begierig darauf, dies Fest auch bei den Seinigen zu feiern.«
    »Aber der Herr Doktor haben doch heute Abend schon bescheert,« sagte
lächelnd das Ladenmädchen; »als Sie Nachmittags vorbei fuhren, reichte man dem
Kutscher von dem Hause gegenüber eine ganze Menge Sachen in den Wagen hinein.«
    »Ei, ei! der Herr Doktor!« sprach Alfons, indem er unangenehm lächelnd seine
Augenbrauen in die Höhe zog.
    »Es war nur Kinderspielzeug,« fuhr das Ladenmädchen fort.
    »Ei der Tausend! auch Kinderspielzeug?« meinte Alfons forschend. »Doch nicht
für deine eigenen!«
    »O nein,« entgegnete unbefangen der Doktor, während er den listig
aussehenden Schwager mit seinem offenen, ehrlichen Gesichte ruhig anblickte.
»Ich habe so arme Kinder in meiner Kundschaft, die von keinem Menschen etwas
erhalten, und da habe ich's mir angewöhnt, dieselben am heiligen Christabend ein
wenig zu bescheeren; es schmerzt mich ordentlich, wenn ich so arme Geschöpfe bei
ihrem Brod und ihren Kartoffeln, oftmals im kalten Zimmer sitzen sehe und dabei
an mein Haus denke, wo Oskar und Anna sich in der behaglichsten Umgebung
befinden und wenn sie kaum einen vernünftigen Wunsch ausgesprochen haben, dieser
auch schon erfüllt ist.«
    »Aber, mein lieber Freund,« antwortete Alfons, »diese Ungleichheiten im
menschlichen Leben kann man unmöglich ebnen und es muss so sein.«
    »Es muss allerdings so sein,« sagte der Doktor, »doch ist es an uns, so viel
wir im Stande sind, dem Armen seine Armut leicht zu machen.«
    »Amen!« setzte Alfons spöttisch hinzu. - Dann nahm er noch ein kleines
Halstuch, diesmal für seine Frau, wie er sagte, - er schien das vorhin bei dem
Handschuhkauf ganz vergessen zu haben, dann wandte er sich an seinen Schwager
und sprach: »Du kannst mich wohl an mein Haus führen, es ist für dich kein
grosser Umweg und draussen regnet und schneit es durcheinander.«
    »Das versteht sich von selbst,« erwiderte dieser und bezahlte seine
Rechnung. - »Steigen wir ein!«
    Die beiden Schwäger verliessen den Laden, bestiegen die Droschke des Arztes,
und die müden Pferde, die den ganzen Tag auf dem Pflaster herum gelaufen waren,
gingen in einem ziemlich kurzen Trabe davon.
    Bei dem Hause des Kommerzienrats setzte der Doktor seinen Schwager ab und
rief ihm dann zu: »Also bis nachher!«
    Jetzt schimmerten erst recht in allen Häusern die Weihnachtsbäume, jetzt
konnte man erst recht das Jubeln der Kinder vernehmen; jetzt war Freude an allen
Ecken.
    Der Arzt blickte gern aus seinem Wagen heraus und freute sich jedesmal, wenn
er bei einem so hellerleuchteten Fenster vorüber kam, wenn so die vielen
brennenden Kerzchen wie kleine Blitze in seine Augen fuhren, um gleich darauf
wieder zu verschwinden. Er kam am Weihnachtsabend selten so spät wie diesmal
nach Hause, doch hatten ihn einige wichtige Krankheitsfälle zurückgehalten;
sonst war er es immer, der den Weihnachtsbaum arrangirte, anzündete und dann die
Kinder herbei rief. Das Letztere mochte er sich auch heute nicht nehmen lassen,
wesshalb er befohlen hatte, mit dem Anzünden zu warten, bis er käme; auch war es
noch nicht so spät - erst sieben Uhr - und die Hoffnung auf bevorstehende
Bescheerung ist schon im Stande, die kleinen Kinderaugen offen zu halten.
 
                         Siebenundvierzigstes Kapitel.
                               Weihnachtsleiden.
Endlich hatte der Doktor seine Wohnung erreicht; er sprang aus dem Wagen in's
Haus und eilte die Treppe hinauf. Heute war es ihm lieb, dass die Glastüre,
obgleich gegen seinen Befehl, offen stand: brauchte er doch nicht lange zu
klingeln und konnte gleich auf den Korridor gehen, wo ihn dann die Kinder am
Tritte erkannten, und ihm, wie namentlich bei solchen Veranlassungen gewöhnlich,
entgegen stürzen würden.
    Aber diesmal kam Niemand, - er hustete, er stiess mit seinem Stock auf die
Steinplatten, - umsonst! Weder Oskar noch Anna liessen sich sehen.
    Kopfschüttelnd öffnete er die Türe zum Speisezimmer, wo in der Regel der
Christbaum aufgestellt wurde; da war Alles finster, aber es drang ihm ein Geruch
entgegen von verbranntem Wachslicht und Tannennadeln, aber viel schärfer, als er
gewöhnlich vom Anzünden des Weihnachtsbaums entsteht.
    Eilig wandte er sich hierauf nach dem Kinderzimmer, öffnete hastig die Türe
und wollte mit seinem gewöhnlichen Schritte eintreten, doch kam ihm das
Stubenmädchen entgegen, legte den Finger auf den Mund und sagte: »Bitte, Herr
Doktor, etwas leise, sie schlafen.«
    »Wer schläft?« fragte er überrascht.
    »Nun, die Kinder, wenigstens liegen sie ganz ruhig.«
    »Und schon so frühe, ehe ich den Weihnachtsbaum anzündete und ihnen
bescheerte?«
    »Ja, - ja - Herr Doktor -« erwiderte das Mädchen ziemlich verlegen, »es ist
uns heute Abend ein kleines Unglück geschehen.«
    »Wem ist ein Unglück geschehen?«
    »Eigentlich nicht uns, sondern der Frau Doktorin.«
    »So, ist meine Frau krank?« fragte der Doktor und wollte eilig das Zimmer
verlassen.
    »Nein, die Frau Doktorin sind ganz wohl, aber ich wollte nur sagen: ihr ist
eigentlich das Unglück geschehen mit den Kindern.«
    »Um Gotteswillen! was ist's mit den Kindern?« rief erschreckt der Vater. Und
dabei drückte er das Mädchen auf die Seite und eilte wieder hinaus in's Zimmer.
- »Wo ist Frau Bendel?«
    Die Aufgerufene kam zwischen den Betten hervor, in welchen die Kinder lagen
und ging ihrem Herrn mit einem mehr verdriesslichen als verlegenen Gesichte
entgegen.
    »Mach' Sie doch keinen solchen Lärmen!« sagte sie zum Stubenmädchen; »man
sollte ja glauben, hier läge Alles in den letzten Zügen. - O, es ist nicht so
schlimm,« wandte sie sich an den Doktor, »Oskar und Anna haben ein kleines
Unglück gehabt, wie das bei Kindern häufig vorkommt. Wir wussten nicht, wo der
Herr Doktor augenblicklich sei, sonst hätten wir Sie gleich rufen lassen; auch
fuhr gerade der Herr Obermedizinalrat vorbei, als ich an der Haustüre stand,
um mich nach Ihnen umzusehen, und da rief ich diesen herauf.«
    Jetzt schien die grosse Geduld des Arztes vollkommen erschöpft zu sein. Er
schwenkte seinen Stock heftig in der Hand und sagte mit leiser, aber vor Zorn
zitternder Stimme: »Wollen Sie nun endlich die Güte haben, Frau Bendel, mir
gehörig der Reihe nach zu erzählen, was wieder in diesem Hause für Dummheiten
und Unglücke vorgefallen sind?«
    Bei diesen Worten warf das Stubenmädchen den Kopf in die Höhe und ging,
heftig mit den Achseln zuckend, an den Tisch zurück, wo ihre Näherei lag.
    »Nun?« sprach der Hausherr ungeduldiger.
    »So Fürchterliches ist gerade nicht geschehen,« antwortete finster Frau
Bendel. »Und dann kann ich eigentlich nichts dafür, ich habe keine Dummheiten
gemacht und man braucht nicht immer die Schuhe an mir abzuputzen. - Nun ja, der
Christbaum stand im Esszimmer fertig, alle Spielsachen darunter und sobald es
dunkel wurde, wollte Madame die Bescheerung vor sich gehen lassen.«
    »Ich hatte aber befohlen, damit zu warten, bis ich nach Hause käme!«
    »Dafür kann ich nichts; Madame befahl mir, wie schon gesagt, sobald es
dunkel würde, die Lichter anzuzünden.«
    »Und Madame tat das nicht selbst?« fragte verwundert der Hausherr.
    »Nein, Madame wollten später kommen, wenn die Kinder ihre Sachen erhalten
hätten und der erste Lärm vorbei sei.«
    Gerechter Gott! dachte der Doktor, und schlug die Hände über einander, das
nennt die Frau einen Lärmen und will nicht sehen, wie die Kinder mit den weit
offenen, glänzenden Augen in das Zimmer treten, wie sie überhaupt auf der
Schwelle stehen bleiben, dann entzückt auf den leuchtenden Baum zustürzen, und
nun nach und nach mit immer grösserem Jubelgeschrei ein Geschenk um das andere
entdecken! - Es macht der Frau kein Vergnügen, zu sehen, wie sie nun bei jedem
neuen Stücke den Eltern dankbar in die Arme fliegen, sie herzlich küssen und
darauf mit an den Tisch hinziehen, um ihnen dies oder das zu zeigen! - - »Also
Madame liess den Baum anzünden?« fuhr er nach einer Pause und zwar mit grosser
Ruhe fort, denn sein Herz durchzog ein eisiges Gefühl. »Nun, das Uebrige kann
ich mir allenfalls denken. - Aber erzählen Sie, Frau Bendel, erzählen Sie es
ganz genau!«
    »Also wir zündeten den Baum an, und ich muss schon sagen, die Kinder hatten
eine grosse Freude über Alles, namentlich Oskar sprang in Einem fort herum und
war wie ausgelassen.«
    »Das kann ich mir denken.«
    »Nun ging ich einen Augenblick hinaus,« fuhr Frau Bendel zögernd fort, »und
dort die Nanette blieb bei den Kindern.«
    »Nein, nein, Frau Bendel, das ist falsch,« entgegnete eifrig das
Stubenmädchen, »mir hatte Madame schon vorher geklingelt, ich musste ihr ja
helfen anziehen.«
    »Ich weiss ganz genau, dass Sie im Zimmer war,« sagte hartnäckig die
Kindsfrau, »sonst wär' ich gewiss nicht hinausgegangen.«
    »Bei Ihrem Diensteifer gewiss nicht,« versetzte der Doktor mit einer
erstaunenswerten Ruhe; doch zitterte seine Hand mit dem Stocke und die Krempe
seines Hutes drückte er ganz zusammen. - »O ich kenne das ganz genau. Gebt euch
deshalb keine Mühe, die Schuld auf das Andere zu schieben, ich will nur einfach
das Faktum wissen; - - die Tatsache, Frau Bendel, wie es auf deutsch heisst,
oder, um mich noch deutlicher auszudrücken, was geschehen ist, nachdem die
Kinder allein geblieben bei dem brennenden Baum. Denn dass sie allein geblieben,
ist mir schon klar geworden.«
    »Das ist freilich nicht zu leugnen; aber gewiss ohne meine Schuld.«
    »Und ohne die meinige,« sagte schnippisch das Stubenmädchen.
    »Was geschah?« rief nun der Doktor ziemlich laut, indem er nach den Armen
der Kindsfrau griff, die er wahrscheinlich fest gefasst hätte, wenn sie nicht
zurückgewichen wäre.
    »Wir waren also noch nicht lange zur Türe hinaus,« erzählte diese weiter,
und versuchte es, einen weinerlichen Ton anzunehmen, »da hörten wir ein grosses
Geschrei, und als wir nun augenblicklich in's Zimmer zurückstürzten, sahen wir,
dass der Baum vom Tische herabgefallen war. Oskar hatte gewiss daran gezerrt -«
    »Der brennende Baum war vom Tische gefallen?« rief erschrocken der Doktor. -
»Und auf die Kinder?«
    »Nur mit der Spitze auf Oskar; aber, bei Gott im Himmel! Herr Doktor, nicht
bedeutend, er hat nur das Haar etwas versengt und das rechte Ohr -«
    »Er hätte verbrennen können!« warf entsetzt der Vater dazwischen. - »Und
Anna?«
    »Sie wollte auf die Seite springen, stolperte über einen Schemel und ritzte
sich im Fallen die Haut über dem einen Auge blutig.«
    »Jetzt wüssten wir die Tatsachen,« meinte wieder mit auffallend ruhigem und
stillem Wesen der Doktor. - »Nun wollen wir nachsehen, wie viel ihr verschwiegen
habt.«
    Er legte Hut und Stock auf eine nahestehende Kommode und ging in das
anstossende Zimmer, wo sich die beiden Kinder in ihren Bettchen befanden.
    Sie hatten sich Beide so sehr auf den heutigen Abend gefreut, sie hatten
immer darauf gewartet, der Vater werde kommen, den Weihnachtsbaum anzünden und
sie nun wie gewöhnlich in das Zimmer führen. - Und der Vater blieb so lange aus,
wesshalb Beide dachten, er hätte sie am heutigen Abend vergessen, denn sie wussten
nicht, dass er befohlen, man sollte warten, bis er heim käme. - Und darauf hätten
sie so gerne gewartet! Doch Mama liess ihnen den Baum anzünden, ohne selbst dabei
zu sein, und sie freuten sich auch wohl recht, aber nicht so, wie sonst. - Da
wollte Oskar einen Reiter herab nehmen, der an dem Baume hing, und da er ein
wenig zu heftig zog, so bekam der Baum, schwer an Zuckerwerk, Nüssen und
Lichtern, das Uebergewicht, und statt der Freude musste Oskar sowie Anna zu Bette
gehen und dort viele Schmerzen aushalten; beide schliefen nicht, sondern
warteten auf den Vater. Endlich hörten sie seinen Wagen anfahren, hörten ihn die
Treppen herauf springen, dann in's Zimmer kommen, und vernahmen, wie Frau Bendel
die ganze Geschichte erzählte. - Nun fürchteten sie sich, wagten nicht ein Wort
zu sprechen, ja sie schlossen die Augen und so konnte man glauben, sie
schliefen.
    Als sich aber der Vater leise den Bettchen näherte, sich darüber hinbeugte
und tief betrübt sagte: »Ihr armen, armen Kinder!« da fingen sie Beide an heftig
zu weinen, streckten ihre Aermchen in die Höhe und riefen wie aus einem Munde:
»Oh Papa, Papa, es ist gut, dass du endlich gekommen bist.«
    »Wir haben so lange auf dich gewartet,« setzte Oskar hinzu.
    »Und hätten gerne noch länger gewartet mit dem Anzünden des Baumes,« meinte
das kleine Mädchen - -
    »Bis du nach Hause gekommen wärest, lieber Papa,« unterbrach sie der Bruder.
»Weisst du, wie gewöhnlich, wenn wir uns unter der Türe beide Augen zuhalten
mussten und du nun zähltest: eins - zwei - drei. Ah! das war immer so arg schön!«
    »So wollen wir es auch wieder machen,« versetzte beruhigend der Vater.
»Jetzt müsst ihr aber recht ruhig sein.«
    »Wann wollen wir es wieder so machen, lieber Papa?« fragte Oskar.
    »Vielleicht morgen Abend, mein Kind. Wenn du recht ruhig bist, bringt dir
das Christkindlein wohl heute Nacht einen neuen Baum.«
    »O, das wäre prächtig!« entgegnete Oskar, und liess sich nun recht gern in
seinem Bettchen aufsetzen, vom Vater den Verband abnehmen und nach seiner
Verwundung sehen.
    Die war nun wohl schmerzhaft gewesen, aber glücklicherweise nicht
gefährlich. Der Obermedizinalrat hatte Umschläge von cullatischem Wasser
befohlen, und die wurden fortgesetzt. Bei Anna, deren Schramme über dem Auge
nicht tief war, legte man einfach kleine Kompresschen auf, die mit kaltem Wasser
angefeuchtet waren.
    Der Doktor setzte sich zwischen die Betten seiner Kinder und liess sich
erzählen, welche Herrlichkeiten ihnen das Christkind bescheert. Das Meiste aber
hatten sie in dem Schrecken und der Verwirrung wieder vergessen und der Vater
freute sich darauf, ihnen morgen mit einem anderen Baum, der wohl anzuschaffen
sein würde, eine neue Bescheerung zu veranstalten. Und hiezu gab er eine kleine
Hoffnung, was sie mit vieler Freude erfüllte. Sie reichten ihm dann zur guten
Nacht ihren kleinen roten Mund, den er herzlichst und innigst küsste, Anna
schlang dabei ihr Aermchen um seinen Hals und drückte ihn fest an sich. - »Gute
Nacht, lieber, guter Papa,« sagten sie; und hierauf ging dieser mit leisen
Schritten in das Vorzimmer.
    Frau Bendel und das Stubenmädchen sassen da tief gekränkt im Gefühle ihrer
Unschuld; Beide hatten Recht, wie denn überhaupt die weiblichen Dienstboten bei
jeder Veranlassung Recht zu haben pflegen, und Beide machten ihrem Herrn ein
grimmiges, unverschämtes Gesicht, wie das so der Brauch ist in dieser verderbten
Welt.
    Der Doktor schien übrigens die unmutig emporgezogene Nase des
Stubenmädchens, sowie die verdriesslich herabhängende Unterlippe der Frau Bendel
gar nicht zu bemerken, sondern nahm seinen Hut und Stock und sagte in bestimmtem
Tone zu der Kindsfrau: »Feuchten Sie die Umschläge noch einmal an, ehe Oskar und
Anna einschlafen, dann lassen Sie die Kinder ruhen.« Hierauf ging er der Türe
zu, blieb aber vor derselben stehen und fragte: »Wo ist meine Frau?«
    Da er diese Frage an keine der Beiden schwer Beleidigten speziell richtete,
so erhielt er auch keine Antwort, und musste sie wiederholen; und zwar richtete
er sie nun an das Stubenmädchen.
    »Madame sind unten bei Oberjustizrats,« antwortete sie kurzweg, »werden
aber gleich herauf kommen.«
    »Zur Vorsorge, dass sie auch gewiss kommt, können Sie ihr sagen, ich sei da,«
versetzte der Doktor, worauf er das Zimmer verliess und in den Salon hinüber
ging.
    Die Köchin, die draussen vor der Türe, scheinbar um zu leuchten, in Wahrheit
aber, um »den Spektakel« nicht zu versäumen, gewartet hatte, folgte ihm.
    Der Doktor befand sich immer noch in seinem Paletot, den er auf der Strasse
trug, er zog ihn aber, im Zimmer seiner Frau angekommen, sogleich aus; und als
er ihn nun über die Stuhllehne hängte, bemerkte er in der Tasche die beiden
Paketchen mit den Sachen, die er für seine Frau gekauft. Er warf sie auf den
nebenan stehenden Tisch, dann legte er die Hände auf dem Rücken zusammen und
spazierte nachdenkend im Zimmer auf und ab.
    Sein Zorn war verraucht; es war nichts übrig geblieben als ein tiefer
Schmerz, ein wehmütiges Gefühl, dass ihm auch dieser Abend, die Freude, die er
an demselben zu geniessen gehofft, durch die Gleichgültigkeit seiner Frau
verdorben worden. Würde er sie bei seinem Eintritt in das Kinderzimmer gesehen
haben, so hätte es vornherein eine starke Scene gegeben, denn er war im ersten
Augenblicke ausser sich. So aber hatte er sich gefasst, und er wurde kälter und
kälter, je länger er in dem Salon auf und ab spazierte.
    Madame liess ihn ziemlich lange da spazieren, ehe sie erschien.
    »Was hilft's mich,« dachte er in seiner übergrossen Herzensgüte, »wenn ich
ihr jetzt harte oder ernste Worte sage, wenn ich sie frage, warum sie meinen
Befehl nicht befolgt und mit dem Anzünden des Baumes nicht gewartet, bis ich
nach Hause gekommen? - Wird sie ihr Unrecht einsehen? - Gewiss nicht! Am
allerwenigsten, wenn ich es ihr ernstlich vorhalte. Und wenn sie es nicht
einsieht, wird sie sich auch nicht bemühen, ihr Leben in so vielen Dingen zu
ändern.«
    »Nein, nein! sie wird es nicht ändern,« sprach er halblaut vor sich hin,
indem er mit der Hand über die Stirne fuhr, »sie wird es nicht ändern, weil sie
nie ihr Unrecht einsieht. - Auch ist es ja der heilige Christabend, und da ist
es besser, ich lasse Fünfe gerade sein, als dass ich einen Streit mit ihr
anfange. - Hoffentlich wird sie mich heute Abend wenigstens mit einem
freundlichen Gesicht empfangen, denn ihr Herz muss ihr doch sagen, dass sie schwer
gefehlt, wenn sie das auch mir nicht eingestehen will. - Ach ja, sie wird
zuvorkommend, vielleicht herzlich sein. - - Aber sie könnte jetzt ihren Besuch
da drunten abbrechen,« fuhr er nach einer längeren Pause fort, »sie muss doch
lange wissen, dass ich da bin.« -
    Bald darauf hörte man Schritte auf der Treppe, die Glastüre wurde geöffnet,
dann die Salontüre, und Madame trat herein. Ob sie ihren Gemahl mit einem
Kopfnicken begrüsste, sind wir nicht im Stande, genau anzugeben; dass sie aber
sein freundliches »Guten Abend« mit keiner Silbe erwiderte, darauf können wir
schwören. Sie drückte die Türe etwas stark hinter sich in's Schloss, ging
langsam in die Mitte des Zimmers, wo der Tisch stand, stützte ihre Hand darauf
und sagte ziemlich laut: »Da bin ich denn. - Was soll es schon wieder?«
    Wir müssen gestehen, dass der Doktor durch den Anblick seiner Frau sehr
unangenehm überrascht war; von dem freundlichen Gesicht, das er zu sehen
gehofft, war keine Spur zu bemerken, sie stand da, den Kopf ziemlich erhoben,
mit den Augen zwinkend, und nagte an der Unterlippe, was Alles bei ihr ein
Zeichen schlechter Laune war.
    »Das ist eine seltsame Frage von dir,« entgegnete er. - »Was du hier sollst,
wenn dein Mann nach Hause kommt? - In der Tat seltsam für jeden Abend, aber
doppelt seltsam für ein Fest wie das heutige. Da meine ich denn doch, es
verstände sich von selbst, dass du, wenn du nicht auf deinem Zimmer bist und ich
dich rufen lasse, freundlich kommen und mir einen guten Abend bieten könntest.«
    Madame warf den Kopf auf die Seite und gab keine Antwort.
    Der Doktor rieb sich die Stirne, denn er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe
stieg. - »Ich an deiner Stelle,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »hätte
überhaupt am heutigen Abend meine Wohnung nicht verlassen, und das aus zweierlei
Gründen: erstens, um nach meinen Kindern zu sehen, die ja krank zu Bette liegen,
und zweitens, um mir, deinem Manne, sogleich sagen zu können, auf welche Art die
Kinder, die heute Mittag noch so frisch und munter waren, von dem Unfälle
betroffen waren.«
    »Und dabei wohl um Verzeihung bitten?« fragte sie mit einem bittern Lächeln.
    »Wenn du etwas Unrechtes getan hast, allerdings.« versetzte er. »Und wenn
du irgendwie gegen meine Befehle gehandelt, so würde es durchaus für dich keine
Schande sein, wenn du ein Wort der Entschuldigung hören liessest.«
    »Es ist leicht gegen deine Befehle handeln,« antwortete die Frau, »denn du
befiehlst den ganzen Tag, bald dies, bald das, bald rechts, bald links, bald so,
bald so. Und diese Befehle kreuzen sich so hin und her, dass es sehr verzeihlich
ist, wenn man täglich ein halbes Dutzend vergisst.«
    »Gott sei Dank!« dachte der Doktor, »sie antwortet doch wenigstens. Also
wird die Scene nicht so schlimm werden.«
    »Deinen Befehl für den heutigen Abend, auf den du anspielst,« fuhr sie fort,
»hatte ich übrigens keine Lust zu befolgen; ich sehe gar nicht ein, wesshalb ich
immer warten soll, bis es dir einmal gefällt, nach Hause zu kommen.«
    »Bis es mir einmal gefällt, nach Hause zu kommen?« entgegnete schmerzhaft
berührt der Doktor. »Du hast sehr Unrecht, das zu sagen, da du wohl weisst, dass
ich nicht Herr meiner Zeit bin.«
    »Ich will mit dir nicht streiten!« sagte sie wegwerfend, »da komme ich doch
zu kurz. Aber heute machte es mir nun einmal Spass, sobald es dunkel wurde, den
Kindern ihren Weihnachtsbaum anzünden zu lassen, weil es alle vernünftigen Leute
gerade so machten. - Ist das denn ein fürchterliches Unrecht?«
    »Ja,« sprach er fest und ruhig, aber ohne Zorn, während er sich gleichfalls
dem Tische näherte und ihr gegenüber trat. »Und gerade in dem Anzünden lassen
liegt ein doppeltes Unrecht; hätten die armen Kinder dich gebeten, ihnen doch
jetzt schon die Freude zu machen, hätte dein Mutterherz diesen zärtlichen Bitten
nicht mehr widerstehen und du nicht mehr erwarten können, bis die Kinder dir
jubelnd in die Arme sprangen mit herzlichem Danke, so wäre es dir zu verzeihen,
dass du meinen Wunsch, meinen Befehl nicht beachtet. - Aber da es dir, - auf
deinem Fauteuil,« fuhr er heftiger fort, »vollkommen gleichgültig sein konnte,
ob die Kinder jetzt oder später ihren Weihnachtsbaum erhielten, - denn du sahest
nicht ihr Entzücken, ihre kindliche Freude, - so hättest du das, was ich
angeordnet, respektiren sollen und mir dadurch neuen Verdruss und den Kindern den
Unglücksfall ersparen können.« -
    »Ja, ja, es ist schon recht,« entgegnete sie und wandte dabei den Kopf ab;
»es kann in diesem Hause kein Tag ohne Streitigkeiten vergehen, und wenn nichts
mehr da liegt, so suchst du etwas von weiter herbei.«
    »Ich suche was herbei!« sprach er im Tone des Vorwurfs.
    »Was weiss ich, was dir am Tage Unangenehmes passirt ist; aber Alles, worüber
du draussen deinen Zorn nicht auslassen kannst, das müssen wir hier entgelten,
namentlich ich. - Ah, es ist am Ende sehr leicht, verdriesslich nach Hause zu
kommen und alsdann ohne alle Ursache Scenen absichtlich herbeizuführen.«
    »Scenen absichtlich herbeiführen!« versetzte er mit zornigem Lachen; »und
das ohne alle Ursache! - Sage mir, Frau, woher nimmst du die Stirne, um mir nach
Dem, was vorgefallen, solche Dinge in's Gesicht hinein sagen zu können. - Scenen
absichtlich herbeiführen! Ich war ruhig wie ein Engel, als du in's Zimmer herein
tratst, - ich hatte mir auch vorgenommen, es zu bleiben, nicht weil es auf dich
einen Eindruck machen würde, sondern hauptsächlich, weil es der heilige Abend
ist, - einer unserer höchsten Festtage. - Hahaha! ein schöner Festtag für mich!
- Nun also, ich wollte ruhig bleiben, und ich wäre es, bei Gott im Himmel! auch
geblieben, wenn du - du, im Bewusstsein deines Fehlers gegen mich, es nur der
Mühe wert gefunden hättest, ein Wort der Entschuldigung fallen zu lassen. - O
nicht einmal das! - Ein Wort der Entschuldigung? - So viel verlangt man nicht
von dir; nein, nein! nur ein freundliches Gesicht hättest du mich sollen sehen
lassen, mir nur die Hand entgegen strecken und zu mir sagen: ah! da bist du ja;
ich freue mich. - Dann hätte ich dir in meinem Herzen gedankt, und wenn du mir
den Unfall von dahinten erzählt hättest,« - damit streckte er die Hand aus, -
»so hätte ich dir liebreich gesagt: lass uns das eine Lehre sein, mein Kind, dass
Eins des Andern Wünsche, wo es tunlich ist, erfüllt.«
    »Also eine Lehre hätte es doch gegeben! - Nun, das habe ich mir gedacht.«
    »Aber du willst keinen Frieden!« rief der Doktor laut, indem er vor Zorn
zitterte, »du selbst willst nichts von Ruhe, und gönnst auch mir keine. - Nun
wohlan denn, mir kann es recht sein; aber jetzt, da du mich auch wieder aus
meinem stillen Frieden hinaus gejagt hast, so sollst du wenigstens hören, wie
tief du mich verletzt. - Gott da oben weiss es, wie sehr ich mich den ganzen
ermüdenden Tag über auf den heutigen Abend gefreut, auf meine Kinder und ihre
Glückseligkeit, auf ein stilles Beisammensitzen mit euch. - Und nun ist Alles,
Alles wieder dahin!«
    »Im Gegenteil,« erwiderte Madame, indem sie ihrem Manne recht dreist in die
Augen sah, »jetzt erst hast du erreicht, was du gewünscht: du darfst nach
Herzenslust schimpfen und toben.«
    »Ja, und das will ich!« schrie nun der arme Doktor im höchsten Zorne.
    Und so leid es uns tut, können wir bei unserer Wahrheitsliebe dem geneigten
Leser nichts verschweigen: er schlug dabei so heftig auf den Tisch, dass einige
Flaschen und Gläser, die dort standen, in die Höhe fuhren.
    Die Doktorin wich mit einem bösen Blick einen halben Schritt zurück, warf
sich aber drohend in Positur und öffnete ihre Augen so weit als möglich.
    »So höre denn auch mein Toben,« fuhr er fort. »Wenn du eine Frau von
Erziehung und Gefühl wärest, - o Gott! wenn du nur allein ein fühlendes Herz
hättest, so würdest du begreifen, wie sich ein Vater das ganze Jahr darauf
freuen kann, am Weihnachtsabend seinen lieben Kindern die Bescheerung selbst zu
veranstalten; da würdest du fühlen, dass die ganze Seligkeit dieses Gebens in dem
Momente liegt, wo die armen kleinen Kinder dastehen, überrascht und sprachlos
vor Entzücken. - Den Moment hast du mir leichtsinnig ge - - nommen. - Und hast
du vielleicht für dich selbst diesen Raub an meinem Herzen begangen? - O, das
wäre verzeihlich! - Aber nein! - nein! - nein! Du stahlst mir diese kostbare
Stunde, um sie in höchster Gleichgültigkeit fremden Leuten hinzuwerfen, die sie
doch nicht zu würdigen verstehen.«
    
    Madame nagte heftig an ihrer Unterlippe, zwinkerte auch etwas stärker als
gewöhnlich mit den Augen, sonst aber liess sich auf ihrem leidenschaftslosen
Gesichte keine Spur irgend einer Aufregung ersehen, ja sie lächelte sogar, als
sie sagte: »Dein Humor von heute Abend übertrifft sich. Du sprichst von Bildung
und Gefühl, und wirfst deiner Frau vor, sie raube und stehle.«
    Der Doktor zuckte heftig zusammen, denn das war eins ihrer gewöhnlichen
Manöver, dass sie irgend ein Wort aus dem Zusammenhange oder dem Sinn des Ganzen
heraus riss und ihm nun hartnäckig vorwarf.
    »Also ich raube und stehle?« wiederholte sie. »Schön! das habe ich noch
nicht gewusst.«
    »Eine kostbare Stunde hast du mir heute Abend wieder geraubt, wie schon
früher unzählige, habe ich gesagt und sage es wieder,« entgegnete der Doktor,
indem er die geballte Faust auf den Tisch stützte und ihr, sich vorn
überbeugend, fest in die Augen sah. - »Nur in der Beziehung, sprach ich dieses
Wort; ich bitte - Frau - dass du die Gnade haben mögest, mich zu verstehen, mir
nicht den Sinn meiner Worte zu verdrehen und mich jetzt einmal ohne Einwendung
anzuhören, bis ich zu Ende bin.«
    »Wenn die Scene noch lange andauern soll,« erwiderte sie, »so wirst du mir
vielleicht erlauben, dass ich mich einen Augenblick niedersetze, denn ich kann
das sitzend ebenso gut wie stehend geniessen.«
    Damit wollte sie sich vom Tische entfernen, doch fasste der Doktor in
höchster Wut nach ihrem Handgelenke, nahm es fest zwischen seine Finger und
hielt sie auf diese Art zurück.
    »Nein,« sagte er und seine Augen sprühten Blitze, »du sollst mich stehend
anhören, denn meine Rede soll deine Strafe sein, und Strafen empfängt man nicht
im weichen Fauteuil - Madame! - Wenn überhaupt nicht das Sitzen deine
Leidenschaft wäre, so stände es anders um mein Haus, um mich und die Kinder.
Aber was kann man von den Dienstboten verlangen, wo Madame zu - faul ist, - ja,
ich habe es gesagt, - um sich auch nur im Geringsten ihres Hauswesens
anzunehmen! Der Beweis ist der heutige Abend. Ist es nicht Faulheit und
Gleichgiltigkeit, - von mangelndem Gefühl will ich gar nicht mehr reden, - dass
sich Madame am heutigen Abend den Teufel um ihre Kinder bekümmert, sie fremden
Leuten überlässt? - Fremden Leuten, die so wenig überwacht sind, dass sie sich
ihrerseits ebenfalls unterstehen, die armen Geschöpfe ohne Aufsicht zu lassen,
so dass nur der Schutz des guten Gottes daran schuld ist, dass nicht Brandunglück
und Tod in meinem Haus eingekehrt sind.«
    Bei diesen letzten Worten liess er ihre Hand los und faltete seine Arme auf
der Brust, wobei er tief Atem schöpfte und die Frau mit einem festen Blicke
ansah.
    Madame war vorhin ein klein wenig erbleicht, doch fasste sie sich bald
wieder, und als sich von ihrem Handgelenke die umklammernden Finger ihres Gatten
gelöst, blickte sie die Röte, die durch diesen Druck entstanden, einen
Augenblick mit verächtlich aufgeworfenem Munde an, dann sagte sie achselzuckend:
»Natürlicherweise, so muss man mich behandeln! Ich verdiene das, denn was kann
Jemand, der raubt und stiehlt, und der an Brandunglück und Tod im eigenen Hause
schuld ist, anders verlangen? - Aber ich habe diese Scenen satt,« fuhr sie nach
einer Pause fort, »vollkommen satt und ertrage sie nicht länger. - Ich sehe
wohl, dass ich anfange hier überflüssig zu werden, und machen kann, was ich will,
ohne dass ich im Stande bin, Streit, Zank - alles Mögliche zu verhüten. - Auch
bin ich zu stolz, irgendwo geduldet zu sein; meine Rechte als Hausfrau scheint
man hier nicht anerkennen zu wollen, indem man mich wie eine Magd behandelt. Das
will ich ändern und deshalb heute noch zu meiner Mutter hinaus, um mich mit ihr
zu besprechen, wie diese Sache auf die schicklichste Art und zur Zufriedenheit
beider Teile geändert werden kann.« - Sie warf den Kopf in die Höhe und stemmte
die rechte Hand fest auf den Tisch. Dann schloss sie nach einer kleinen Pause:
»Ich werde hoffentlich die Erlaubnis erhalten, über diesen Gegenstand mit meiner
Mutter sprechen zu dürfen?« - Sie wartete einen kleinen Augenblick auf Antwort,
dann wandte sie sich um und eilte zum Zimmer hinaus, wobei ihr Fuss hart auftrat
und ihr Kleid aus schwerem Seidenstoffe heftig rauschte.
    Draussen auf dem Gange stoben die drei dienstbaren Geister, die Köchin, die
Kindsfrau und das Stubenmädchen, eilfertig auseinander und von der Türe weg,
als sie vernahmen, dass diese geöffnet wurde. Sie hatten es in ihrer Diensttreue
für notwendig gehalten, kein Wort von der kostbaren Scene im Salon zu
verlieren, und die Dame der Küche liess aus diesem wichtigen Grunde die Suppe
verbrennen, Nanette vergass ihre Stickerei, und Frau Bendel konnte es nicht
sehen, dass Anna sich in ihrem Bettchen aufgerichtet hatte und sehnsüchtig nach
der Wärterin rief, weil sie die Wunde am Kopfe wieder schmerzte.
    Es ist schade, dass wir in diese wahrhaftige Geschichte keine Spukgestalten
hinein bringen können, denn sonst würden wir, gewiss zum grossen Vergnügen des
geneigten Lesers, hier einen Prügelgeist erfinden, der unsichtbar hinter den
Zuhörern auf dem Gange stände, um im geeigneten Momente eine Legion
unsichtbarer, aber sehr kräftiger Ohrfeigen loszulassen. - O, wenn es nur solche
Prügelgeister gäbe!
    Der Doktor war an dem Tische stehen geblieben und hatte seiner Frau
nachgeblickt, bis sich die Türe hinter ihr geschlossen, dann liess er die Arme
sinken, seufzte aus tiefem Herzensgrunde und sagte: »Sie mag tun, was sie
verantworten kann, ich will sie nicht zurückhalten.«
    Hierauf nahm er die Carcelllampe vom Tisch, doch während er sie in sein
Arbeitszimmer hinüber trug, zitterte seine Hand so heftig, dass Kugeln und Glas
beständig zusammen klirrten.
 
                          Achtundvierzigstes Kapitel.
                           Eine Mutter und ihr Kind.
Zwischen seinen Büchern und alten bekannten Möbeln und Gerätschaften ging der
Doktor längere Zeit auf und ab und gedachte der eben vergangenen Scene. Der
Anblick all' der bekannten und traulichen Gegenstände, die ihn schon seit
langen, langen Jahren umgaben, - Manches stammte ja noch aus seiner Kinder-und
Schulzeit her, - beruhigte allmälig seine Nerven und liess sein Herz langsamer
schlagen. - War er zu heftig gewesen? - Anfänglich gewiss nicht, und am Ende
hatte sie ja mit Gewalt seine Geduld zerrissen. - Nein, nein! Diesmal konnte er
sich nicht selbst anklagen; er hatte ihrem Kommen mit den besten Gedanken
entgegen gesehen; hätte sie ihm nur die Hand gereicht und gesagt: es ist mir
leid, dass das Alles geschehen, lass es gut sein! - o, dann hätte er einen
heiteren Abend erlebt, anstatt dass er sich jetzt so trostlos und unglücklich
fühlte. - Hatte sie doch ruhig auf eine Scheidung angespielt, und den Gedanken
konnte er nicht fassen und ertragen bei allen Fehlern, die sie hatte; auch war
sie ja die Mutter seiner Kinder, und er hatte noch immer gehofft. - Wenn sie
aber an dem ausgesprochenen unglücklichen Gedanken festielt, so war Alles für
ihn verloren, denn er liebte sie immer noch.
    Von diesen finsteren Gedanken überwältigt, warf er sich in seinen Lehnstuhl
und vergrub den Kopf in beide Hände. Er verfiel in jenen Zustand, wo man nicht
mehr denkt, sondern wachend träumt, wo traurige und heitere Bilder mit einander
kämpfen, wo jener wilde Schmerz, der unser Innerstes empört, ruhiger wird, wo
nur tief im Herzen die eben überstandenen Leiden bei jedem Atemzuge
nachzittern.
    Draussen an der Glastüre wurde jetzt die Klingel sanft gezogen; die Köchin
öffnete, eine leise Stimme flüsterte etwas und darauf antwortete Jene: »Der Herr
Doktor sind nur zu sprechen Mittags von Zwei bis Drei, sowie Mittwoch und
Samstag Nachmittag zwischen sechs und sieben Uhr.«
    Die fragende Person schien nichts darauf zu antworten, wenigstens vernahm
man im Zimmer nichts.
    »Auch werden Sie wohl wissen, dass heute der Weihnachtsabend und schon acht
Uhr vorbei ist. - Nein, ich kann dem Herrn Doktor Niemand melden, Sie müssen
schon morgen Früh wieder kommen.«
    »Das kann ich auch,« hörte man die andere Stimme sagen, »das kann ich auch,
und bitte ich sehr zu entschuldigen.«
    Der Doktor fuhr aus seinen Träumereien empor und zog die Klingel, die neben
seinem Schreibtische hing.
    Da draussen war eine Leidende, die man eben abweisen wollte; ihm erschien es
aber in diesem Augenblicke als eine Beruhigung, das Unglück Anderer zu hören, es
vielleicht lindern zu können. Auch zog ihn der Klang der Stimme draussen an: er
war so leise und klagend.
    Die Köchin trat in das Zimmer.
    »Wer war draussen? - Wer hat geschellt?«
    »Eine unbedeutende Person, - ein ärmlich aussehendes Frauenzimmer; ich habe
sie auf morgen früh wieder bestellt.«
    »Lassen Sie sie nur herein kommen.«
    »Ja, sie wird schon fort sein.«
    »So eilen Sie die Treppe hinab und holen sie herauf.«
    Die Köchin ging hinaus, schloss die Glastüre hinter sich, man hörte sie in
den untern Stock hinunter laufen, und wenige Augenblicke darauf kam sie wieder
zurück, öffnete die Türe zum Arbeitszimmer ihres Herrn und liess ein
Frauenzimmer eintreten, das schüchtern auf der Schwelle stehen blieb.
    »Sie haben mich noch heute Abend sprechen wollen?« fragte sanft der Doktor.
    »Ja, und ich bitte sehr um Verzeihung,« entgegnete die Eingetretene; »ich
weiss wohl, dass ich eine ziemlich unpassende Zeit gewählt habe.«
    »Wenn man krank ist, so kann man das nicht so genau nehmen. - Womit kann ich
Ihnen helfen? Sind Sie von Jemand anders zu mir geschickt oder selbst krank?«
    Das Mädchen schwieg einen Augenblick still, dann aber näherte sie sich mit
einigen schüchternen Schritten dem Arzt, faltete ihre Hände und sagte: »Beides
ist nicht der Fall, Herr Doktor: ich bin von Niemanden geschickt und auch nicht
selbst krank.«
    »So wollen Sie auf andere Art meine Hilfe in Anspruch nehmen?« entgegnete
der Arzt, indem er die Hand an eine Schublade seines Schreibtisches legte, da er
dachte: man will ein Almosen von mir haben.
    Mochte nun das Mädchen die Bewegung des Doktors verstanden oder den Blick
begriffen haben, den er zu gleicher Zeit über ihre ganze Gestalt hinlaufen liess,
genug, sie sagte eifrig: »Um Ihre Hilfe bitte ich wohl, Herr Doktor, das heisst,
nur um Ihre Hilfe in Worten - um Ihren Rat.«
    »Aha! - Also doch eine Art ärztlicher Konsultation? - So bitte ich, Platz zu
nehmen.«
    dabei stand er auf, schob ihr einen Stuhl hin und hob alsdann den Schirm von
der Lampe, so dass das volle Licht auf des Mädchens Gesicht fiel. Ein Blick auf
diese Züge belehrte übrigens den Arzt, dass er doch eine Kranke vor sich habe,
und zwar eine schwer Kranke, eine Unheilbare. - Es war Katarine, die Nähterin,
die sich nun vor ihm auf den Stuhl niederliess, und deren Brust sich heftig hob
und senkte, wobei sie den Mund leicht geöffnet hatte und die Nasenflügel
zitternd jedem Atemzuge folgten. Die Wangen waren noch bleicher als vor einiger
Zeit, und die Röte auf den selben dunkler und brennender.
    »Vor allen Dingen,« sprach das Mädchen, »muss ich Sie um Verzeihung bitten,
dass ich es gewagt, Sie am heutigen heiligen Abend zu stören; vielleicht hatte
ich Unrecht, aber ich dachte mir, der Christabend mit seinen Freuden, mit den
angenehmen Stunden, wenn man den Kindern etwas bescheert hat, mache Sie noch
freundlicher gesinnt als Sie sonst wohl sind, und geneigter, etwas für mich zu
tun.«
    »Wenn es in meiner Macht liegt, Ihnen zu helfen, so soll es geschehen,«
entgegnete der Doktor. - »Sprechen Sie!«
    Katarine tat einen tiefen Atemzug, dann zog sie ihr Umschlagtuch mit den
zitternden Fingern etwas von der Schulter herab und sagte, indem sie die
glänzenden Augen niederschlug: »Es wird mir recht schwer, anzufangen, Herr
Doktor; aber dem Arzte kann man ja Alles sagen wie dem Pfarrer, und so will ich
denn auch Ihnen beichten. - Ich hatte ein Kind, ein kleines, liebes Kind -«
    Der Doktor wollte eine Frage tun, doch kam ihm Katarine zuvor, indem sie
fortfuhr:
    »Nein, nein, ich bin nicht verheiratet.«
    »Nun denn, so erzählen Sie weiter,« sprach er mit gutmütigem Tone.
    »Dieses Kind hatte ich zu einer Frau getan, die es recht ordentlich
verpflegte; es gedieh auch, - so schien es mir wenigstens, - denn wenn ich
Sonntags zu ihm ging, so konnte ich schon bemerken, dass seine Bäckchen dicker
wurden, und auch die Aermchen und Hände. - Man sieht so was leicht.«
    »Und das Kostgeld bezahlten Sie aus eigenen Mitteln?« fragte der Doktor. -
Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und betrachtete die Person vor sich
mit aufmerksamen Blicken.
    »Aus eigenen Mitteln,« wiederholte sie. »Ich brauche ja für meine Person
nicht viel, und wenn man für sein Kind arbeitet, so ist es gar nicht mühsam, vom
Morgen bis in die Nacht zu nähen, - gewiss nicht.«
    »Aber der Vater dieses Kindes?« fragte der Doktor zögernd.
    »O ich wollte nichts von ihm,« erwiderte Katarine, indem sie die Hand
ausstreckte, »nicht einen Kreuzer mehr, nachdem er mich verlassen.«
    »Ah so! - ich verstehe.«
    »Ich war so glücklich mit meinem kleinen Kinde, so glücklich, dass ich es gar
nicht sagen kann. Ich muss Ihnen das gestehen, Herr Doktor, damit Sie auch
begreifen, wie sehr mich der fürchterliche Schlag traf, als man mir eines Tages
sagte, das Kind sei plötzlich gestorben.«
    »Und Sie wussten nichts von seiner Krankheit?«
    »Nicht das Geringste.«
    »Und man rief Sie nicht, als das Kind im Sterben war?«
    »Man rief mich nicht; man hatte es sogar schon begraben, als ich seinen Tod
erfuhr und man mir diesen Todtenschein hier einhändigte.«
    »Lassen Sie sehen.«
    Katarine reichte dem Arzte das Papier, das er auseinander faltete und genau
durchsah. »Nach diesem Schein,« sagte er, »ist freilich kein Zweifel, dass bei
einer Frau - Bilz ein Kind, Mädchen, von zwei Jahren in der Nacht von dem auf
den gestorben ist. - Alles ist hier in Ordnung, jede Formalität erfüllt und die
Unterschrift richtig.«
    »Aber das Kind ist darum doch nicht gestorben,« sprach das Mädchen mit einem
seltsamen Lächeln.
    »Wie meinen Sie das?« entgegnete aufmerksam der Doktor. - »Meinen Sie
vielleicht, nicht von selbst gestorben? - Vielleicht gar getödtet worden? - O
seien Sie unbesorgt, die Leichenschau nimmt es, namentlich in diesen Fällen,
sehr genau.«
    »O nein,« antwortete das Mädchen, »es ist da nichts Schlimmeres geschehen,
als dass man mein Kind heimlich fortgenommen und ein anderes untergeschoben hat,
über welches dieser Schein ausgestellt wurde.«
    »Ich verstehe Sie nicht recht,« sagte der Doktor; »es musste doch Jemand
einen Zweck dabei gehabt haben, Ihr Kind verschwinden und Ihnen als todt
erscheinen zu lassen.«
    »O, an einem Zweck fehlt's nicht!« versetzte Katarine, nachdem sie leicht
gehustet; »der Vater des Kindes, - er ist von sehr ordentlicher Familie,« sprach
sie mit einigem Stolze, - »steht im Begriff, sich zu verheiraten. Seine
Verwandtschaft nun, der mein armes Kind schon lange im Wege war, hat endlich die
Mittel gefunden, es auf die angegebene Art auf die Seite zu schaffen.«
    »Das ist ja ein Verbrechen!« rief der Arzt.
    »Gott sei Dank, dass sie kein schlimmeres begingen, dass sie wenigstens das
Kind am Leben liessen! - Sie haben es also fortgeschaft und ein anderes krankes
Kind dafür hingebracht, das nun gestorben ist und über dessen Tod jener Schein
ausgestellt wurde.«
    »Möglich! - möglich!«
    »Nicht nur möglich,« entgegnete das Mädchen, während es sich mit seiner
zitternden Hand über die Stirne fuhr, »es ist gewiss, wir haben Beweise dafür,
die besten, vollgiltigsten Beweise; wir wissen, wo sich das Kind aufhält, können
es aber nur mit grossen Schwierigkeiten wieder erlangen.«
    »Das kann ich mir wohl denken,« versetzte der Doktor. »Doch bitte, erzählen
Sie mir das, wenn es Sie nicht zu sehr anstrengt.«
    »O nein,« erwiderte das Mädchen mit strahlenden Augen. »Diese Erlaubnis
macht mich glücklich; ich kam auch deswegen hieher, und weiss nicht, wie sehr ich
Ihnen danken soll, dass Sie so freundlich sind, die Leidensgeschichte eines armen
unbedeutenden Geschöpfes, wie ich bin, anzuhören.«
    »Das ist ja für uns nichts Neues,« sagte freundlich der Arzt, »wir sind auch
eine Art von Beichtigern, und da wir den Ursprung der äusserlichen menschlichen
Leiden im Verlaufe der Krankheiten meistens erkennen, so ist es uns leicht, aus
einzelnen Ausrufen des Schmerzes und der Verzweiflung eine ganze
Lebensgeschichte zu erfahren. Und da hat ein Wort des Trostes aus unserem Munde
oft schon besser getan als die kräftigste Arznei; darum sprechen Sie ohne
Rückhalt.«
    »Ich stehe ziemlich allein in der Welt,« sprach das Mädchen hierauf mit
einem trüben Lächeln; »es kümmert sich wohl Niemand um mich, und ich mich, seit
das Kind verschwunden ist, leider auch nicht mehr so recht innig um irgend eine
Seele. Früher war das anders und ich hatte die Menschen viel lieber. - Also das
Kind war verschwunden, es sollte todt sein; man gab mir ja den richtig
ausgestellten Schein darüber. Ich muss gestehen, dass ich damals so schwach war,
in eine Ohnmacht zu fallen. Das war im Hause einer gewissen Madame Becker.«
    Der Doktor blickte nachdenkend in die Höhe und zog die Augenbrauen zusammen.
    »Meine Eltern hatten diese Madame Becker gekannt,« fuhr Katarine schüchtern
fort, da sie die sonderbare Miene des Arztes bemerkte. »Ich weiss, man sagt
dieser Frau nicht viel Gutes nach, aber ich kenne besonders ihre Nichte, die ich
auch früher häufig besuchte -«
    »Ah! die Tänzerin! -«
    »Dieselbe; - gewiss in jeder Beziehung ein braves und rechtschaffenes
Mädchen.«
    »Ja, das soll sie sein,« sagte der Dokter mit einem eigentümlichen Lächeln.
»In der Tat eine Tugend, die schon manchen bösen Winken widerstanden. - Ich
habe davon gehört,« setzte er mit dem Kopfe nickend nach einer kleinen Pause
hinzu. - »Aber fahren Sie fort!«
    »Ich verlor also die Besinnung,« erzählte Katarine weiter, »als jene Frau,
der ich mein Kind anvertraut hatte, mir bei Madame Becker so unverhofft die
Todesnachricht brachte.«
    »Wie hiess diese Frau?«
    »Frau Bilz.«
    »A - a - a - h!«
    »Meine Freundin, die Tänzerin, die mein Schicksal ausserordentlich
interessirte, hörte nun ein paar Worte, welche jene beiden Frauen im Nebenzimmer
zusammen sprachen, und glaubte daraus zu entnehmen, dass mein Kind nicht
gestorben, sondern, wie ich schon früher sagte, mit einem anderen vertauscht
worden sei. - Ich wandte mich an einen Polizeidiener, den ich kannte, dieser
versicherte mir aber, wie eben der Herr Doktor, der Todtenschein sei richtig,
und wenn man die Sache anhängig machen könne und das Kind wieder ausgraben
lasse, so werde es mir dagegen schwer, ja unmöglich sein, Beweise dafür
beizubringen, dass das verstorbene Kind nicht das meinige gewesen sei. Eine
gleiche Antwort erhielt ich von einem Advokaten, an den ich mich wandte, welcher
obendrein meinte, ich solle lieber die Sache auf sich beruhen lassen, möglich
sei es ja doch, dass mein Kind wirklich gestorben, und ich sei dadurch bei meiner
augenscheinlichen Armut und Kränklichkeit einer grossen Last überhoben. - Der
Advokat aber hatte keine Kinder, Herr Doktor, und wusste nicht, wie lieb man ein
solches kleines Wesen haben kann, welche Seligkeit es ist, sein Gesicht, seine
Aermchen und seine Hände mit Küssen zu bedecken und zu sehen, wie es täglich
grösser wird und erstarkt, - oder wenn es elend und schwach bleibt, wie wohl es
ihm tut, wenn man es an's Herz drückt, und wenn man es in den Armen
einschläfert. - Aber da schwätze ich wieder,« unterbrach sie sich schmerzlich
lächelnd, indem sie mit der Hand einige Schweisstropfen abwischte, die auf ihrer
kalten Stirne standen. - »Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, aber ich will jetzt
ganz bei der Sache bleiben.«
    Ihr Zuhörer hatte den Kopf in die Hand gestützt, und er hatte die Worte des
armen Mädchens wohl begriffen. »Ah!« dachte er seufzend, »noch ungleicher als
die Glücksgüter sind in diesem Leben die schönen und zarten Gefühle verteilt.
Warum denkt nicht jenes Weib wie dies arme Geschöpf!«
    »Da uns also der gewöhnliche Rechtsbeistand nicht helfen wollte,« fuhr
Katarine fort, »so besprachen wir unter uns mein Schicksal, die Tänzerin Marie,
eine Andere vom Ballet, welche sie genau kennt, und die uns sagte, es gäbe in
der Stadt mehrere Häuser, wo man kleine Kinder für ein Billiges in die Kost
nimmt, und wo sie auch vielleicht mein armes Kind hingetan hätten. - Nicht
wahr, Herr Doktor, es gibt solche Anstalten?«
    »Leider, leider! Und wie sehr man sich auch bemüht, man ist nicht im Stande,
sie aufzuheben, sie zu verbieten oder wenigstens unter Aufsicht zu stellen, denn
ich kann am Ende meinem Nebenmenschen nicht befehlen, für sein Kind nahrhafte
Speisen zu kochen oder ihm sorgfältige Wartung angedeihen zu lassen, wenn ihm
das Geld hiezu mangelt. Zuweilen hebt die Polizei wohl auf Verdacht hin so ein
Nest aus, aber sie sind verflucht schlau und nehmen sich in Acht.«
    »Und die Kinder haben es dort sehr schlecht?« fragte ängstlich das Mädchen.
    »Meistens, ja,« entgegnete der Doktor nach einigem Ueberlegen; »von zehn
sterben sieben bis acht.«
    »Gerechter Gott! - Aber doch wohl nur von ganz kleinen Kindern müssen so
viele sterben?«
    »Ja, wenn sie älter sind, halten sie schon mehr aus. - Wie alt war das
Ihrige?«
    »Zwei Jahre vorbei.«
    Der Arzt schüttelte mit dem Kopfe und zuckte die Achseln, als er bemerkte,
wie das Mädchen mit höchster Aufmerksamkeit, den Atem an sich haltend, ihn mit
ihren unheimlich glänzenden Augen anschaute. - »Aber beruhigen Sie sich, wenn
Ihre Angaben richtig sind und das Kind noch lebt, so kommt ja Alles darauf an,
wo es sich befindet. Es gibt auch unter den Leuten welche, die ordentlich sind
und ihre Pflicht erfüllen.«
    »Die Tänzerin Marie,« fuhr Katarine zu erzählen fort, »kennt einen
Zimmermann des Teaters, und dieser erfuhr, nachdem er sich umgehört, dass ein
anderer Angestellter der Bühne, der Garderobegehilfe Herr Schellinger, draussen
in der Vorstadt in einem Hause wohne, wo solche kleine Kinder aufbewahrt
werden.«
    »Welche Vorstadt ist es und welches Haus?«
    »Es ist, wenn man zum E'schen Tore hinaus geht, sich dann rechts wendet und
zur Vorstadt des Flusses kommt; das Haus liegt zwischen Gärten an der alten
Stadtmauer und ist so versteckt, dass die Nachbarschaft selten etwas von dem
erfährt, was dort vorgeht.«
    »Aha!« machte der Doktor.
    »Der Garderobegehilfe wohnt in einem kleinen, sehr baufälligen Vorderhause,
und hinter demselben ist die Wohnung des Meister Schwemmer, dessen Frau die
kleinen Kinder aufzieht.«
    »Ah! der Meister Schwemmer!« rief der Doktor, indem er sich aufmerksam empor
richtete. »Ei! ei! - Und nun glauben Sie, dass da Ihr Kind sei?«
    »Und ist das eine von den schlimmsten Anstalten?« fragte das Mädchen,
erschreckt von dem Gesichtsausdruck ihres Gegenübers.
    Dieser zögerte einen Augenblick, Antwort zu geben, dann aber sagte er: »Ich
will Ihnen nicht die Wahrheit verbergen: man spricht von diesem Meister
Schwemmer nicht viel Gutes; natürlicherweise bin ich noch nie dortin gekommen;
unsereins lässt man nicht da eindringen. - Aber es soll ein gar böses Hauswesen
sein.«
    »Und wären die wohl im Stande, mein armes Kind umzubringen?«
    »Mit offener Gewalt gewiss nicht, denn die Leichenschau nimmt es dort
ausserordentlich genau. Aber -« er zuckte die Achseln und schwieg.
    »O, ich verstehe!« rief das Mädchen, dessen Augen flammten, während sie ihre
Hände heftig auf die Brust drückte, als wollte sie es dadurch möglich machen,
dass der pfeifende Atem leichter aus- und einzöge. - »O, ich verstehe Sie; nicht
einen schnellen schmerzlosen Tod gönnen sie den armen Geschöpfen, sondern sie
lassen sie langsam verkümmern durch elendes Leben, durch Frost und Hunger. Und
da ist auch mein kleines unglückliches Mädchen!«
    »Seien Sie ruhig! seien Sie ruhig!« bat der Doktor, während er ihre Hände,
die wild umher fuhren, sanft unterdrückte; »das geht nicht so schnell, dass so
ein zweijähriges Kind vor Hunger und Frost umkommt; und wenn Sie wirklich auf
der Spur sind, so muss man schnelle Hilfe zu bringen suchen.«
    »Ja, Sie haben Recht,« erwiderte Katarine, die nach einer Pause der
Ermattung nun wieder ihre Kräfte zusammen nahm. »Herr Schellinger, dem wir also
unser Leid mitteilten, - es ist das ein alter, sehr braver Mann, - versprach,
sich auf Kundschaft zu legen und hat das getan. - Richtig, Herr Doktor, das
Kind lebt und befindet sich dort in dem Hause; er hat es gesehen, obgleich er so
recht nicht mit der Sprache heraus und mir sagen wollte, wie es sich befände. Es
hatte noch sein blaues Wollenkleidchen an, das letzte, welches ich ihm gemacht,
und es sass auf dem Boden und spielte.«
    »Nun, sehen Sie,« sagte gutmütig der Doktor, »es spielte. Da wird's denn
doch nicht so schlimm mit ihm stehen.«
    »Jetzt vielleicht noch nicht,« entgegnete das Mädchen; »aber es ist mein
Kind und ich soll es nicht sehen und küssen dürfen, ich soll es vielleicht nie
mehr wieder haben, denn auf gütlichem Wege geben sie mir es nicht heraus.«
    »Das glaube ich auch,« meinte der Arzt; »denn sonst würden sie ja den Tausch
eingestehen sowie den unterschobenen Todtenschein.«
    »Aber was soll ich machen, wenn ich es nicht in Gutem heraus kriege? - Ich
weiss dann nur ein Mittel, und das ist das gleiche, mit dem sie mir mein Kind
entwendet, die Gewalt. Und so muss ich es auch wieder zu bekommen suchen.«
    »Das wird aber ein schwieriges Unternehmen sein; denn bei den Leuten Gewalt
anzuwenden und mit Gewalt etwas zu erlangen, ist wohl, kaum möglich.«
    »Vor den Schwierigkeiten, die es hat, schrecken wir nicht zurück,«
entgegnete Katarine, »aber vor etwas Anderem, und deshalb bin ich auch
eigentlich hieher gekommen, um darüber Ihren Rat zu hören. - Man hat mir also
mein Kind gestohlen, und in der Absicht, es mir nicht zurückzugeben, hält man es
verborgen und von mir entfernt. Glauben Sie nun, Herr Doktor, dass es von mir
Unrecht oder, wenn Sie wollen, eine Sünde ist, wenn ich den Versuch mache, mein
Kind wieder zu erhalten, sei es durch Güte, sei es durch Gewalt?«
    »Das ist eine eigentümliche Frage, und zur Beantwortung derselben sollten
Sie sich eher an einen Pfarrer als an mich wenden, der kann Ihnen diesen Fall
klarer und besser auseinander setzen.«
    »Ach mein Gott! das habe ich ja schon getan,« erwiderte das Mädchen, indem
es kummervoll seine Hände faltete; »heute tat ich es und trug einem Geistlichen
die ganze Geschichte so vor, wie ich sie Ihnen soeben erzählte.«
    »Und der meinte -?«
    »Ach! wenn ich Ihnen das sage, so sind Sie vielleicht auch derselben
Ansicht.«
    »O nein, gewiss nicht! Ich lasse mich nicht leicht durch anderer Leute
Meinung bestimmen.«
    »Er meinte also,« fuhr Katarine in einem dumpfen Tone fort, nachdem sie mit
der Hand über die Augen gefahren, - »er meinte - fast dasselbe wie der Advokat,
nur mit ganz anderen Worten. Ich soll auf das Heil meiner Seele denken, sagte
er, und mich nicht so viel mehr mit dem Irdischen befassen. - Was das Kind
anbelange, so fuhr er fort, der Herr habe es gegeben, der Herr habe es genommen,
und wenn es sein weiser Ratschluss wäre, es nochmals meinen Händen
anzuvertrauen, so würde das gewiss auch ohne mein Zutun geschehen. - Aber Gewalt
mit Gewalt zu vertreiben sei Unrecht, und sündhaft, unserem Nebenmenschen
Unrecht zu tun, weil er uns welches getan. - Und damit entliess er mich, indem
er versicherte, in diesem speziellen Falle durchaus nichts für mich tun zu
können; er möchte wohl den Versuch machen, das Herz jenes Meister Schwemmer zu
rühren und ihm vielleicht ein Bekenntnis zu entlocken, aber es sei ihm das jetzt
unmöglich, weil er gerade im Begriffe stehen, zum allgemeinen Kirchentag
abzureisen. - Sehen Sie, Herr Doktor, das macht mich zweifelhaft; denn ich will
Ihnen nur gestehen, vor langen Jahren im Leichtsinne der Jugend, wo ich noch
glaubte, die ganze Welt stände mir offen, hätte ich darauf nichts gegeben, jetzt
aber, wo ich wohl fühle, dass meine Tage gezählt sind, hat mich diese Rede
durchschauert und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Wen konnte ich noch um
Rat fragen? - Ich habe ja Niemand in der weiten Welt, der einen innigen Anteil
an mir zu nehmen hätte. - - Da sah ich Sie heute, es war bei einer armen Familie
in der unteren Stadt, wo ich öfters nähe, und wo auch Sie hinkamen am heutigen
heiligen Abend, um nach der kranken Frau zu sehen und den Kindern dabei einige
Weihnachtsgaben zu bringen. - Das hat mich so gerührt, dass ich Ihre Hand hätte
küssen mögen und dass ich nachher noch lange geweint habe. - Und als die Frau
Ihnen klagte, ihre Schwermut nehme so überhand, sie könne sich wohl nimmermehr
aus ihrer Krankheit und ihrem Elend emporraffen, und sie bitte nur Gott um ein
sanftes Sterbestündlein, da sprachen Sie: diese Rede ist nicht recht, Frau; man
muss freilich auf Gott vertrauen, aber dabei nicht die Hände in den Schoss legen,
wer sich selbst verlässt, den verlässt auch er; Wunder geschehen nicht mehr
heutzutage, und wenn man in eine schwierige Lage kommt, so muss man Hand und Fuss
regen, um über dem Wasser zu bleiben. - Also Mut! Mut! - Dieses Mut! Mut!
mit dem Sie das Zimmer verliessen, Herr Doktor, klang auch in meinem Herzen wider
und tönte dort immer fort. Ja, sagte ich zu mir, wer sich selbst verlässt, den
verlässt auch der liebe Gott. Und nun stand auf einmal der Wunsch in mir fest,
Sie um jeden Preis zu sprechen, Ihnen meine Sache vorzutragen und um Ihren Rat
zu bitten. - Und das habe ich nun nach meinen besten Kräften getan.«
    Der Arzt hatte dieser längeren Rede aufmerksam zugehört, zuweilen mit dem
Kopfe genickt und über den Unfall nachgedacht. - »Da wäre freilich zu überlegen,
was zu machen ist,« sagte er nach einer grösseren Pause. »Mit Hilfe der Gerichte,
denke ich mir wohl, ist nichts auszurichten, denn darin bin ich auch
einverstanden, dass Sie nicht zu beweisen im Stande sind, jenes Kind, das Sie
vielleicht finden, sei das Ihrige. Was nun aber List oder Gewalt anbelangt, so
weiss ich nicht, welche Kräfte Sie zu Ihrer Verfügung haben und ob Sie wohl des
Gelingens gewiss sind.«
    »Der Zimmermann, von dem ich mit Ihnen vorhin sprach,« versetzte Katarine,
»hat sich mit Mehreren vereinigt, und die wollen nun in einer Nacht mit Gewalt
in das Haus des Meister Schwemmer dringen, nach dem Kinde sehen, und dieses,
wenn sie es finden, mitnehmen.«
    »Das wäre offenbar Einbruch oder wenigstens Störung des Hausfriedens, und
dazu könnte ich Niemand raten.«
    »Aber sie wollen ja nichts stehlen,« entgegnete unbefangen das Mädchen, »sie
wollen ja nur mein Kind wieder nehmen.«
    Der Doktor schüttelte ernstaft mit dem Kopfe.
    »Oder,« fuhr Katarine fort, »können sie es auch noch auf andere Art, mit
List, versuchen.«
    »Das ginge eher. - Aber auf welche Art?«
    »Der Garderobegehilfe, von dem ich Ihnen früher sprach, und der zuweilen den
Meister Schwemmer besucht, will an einem gewissen Abend hingehen und ihnen von
seinen Geschichten erzählen. Er tut das oft, und der Meister Schwemmer, sowie
die übrigen Gesellen, die wohl da sind, machen sich alsdann über den alten Herrn
Schellinger lustig, und es gibt bisweilen kleine Streitigkeiten, die aber, weil
er als ein alter schwacher Mann natürlicherweise nachgeben muss, bald zu Ende
gehen. An dem Abend aber will er einen ernstlichen Streit herbeiführen, will
nicht nachgeben und sich so lange mit Ihnen herumzanken, bis ihn Einer von den
Leuten anfasst, - dann schreit er um Hilfe, und der Zimmermann und seine Freunde,
die schon lange um das Haus herum versteckt warten, eilen nun herbei, befreien
ihn und halten dann ein klein wenig Haussuchung.«
    »Das ist schon eher etwas, was sich hören lässt,« sagte lächelnd der Doktor.
»Es ist freilich von dem alten Herrn ein gefährliches Unternehmen, in ein
solches Wespennest hinein zu stechen; aber am Ende könnte die Sache auf diese
Art doch gelingen.«
    »Und Sie, Herr Doktor, halten es für kein Unrecht, für keine Sünde, wenn ich
einen solchen Versuch mache, mein Kind wieder zu erhalten? - Sie werden mir
nicht davon abraten?«
    »Zwischen abraten und Ihnen zugeben, dass ich es für kein Unrecht oder keine
Sünde halte, ist ein grosser Unterschied. Was das Letztere betrifft, so sage ich
aus voller Ueberzeugung, dass ich es am Ende sogar für verzeihlich halte, wenn
Sie alle Schritte tun, Ihr Kind wieder zu bekommen. - Aber Ihnen raten zu
einer Tat, die, wenn auch mit List begonnen, doch sehr gewalttätig enden kann,
das mag ich nicht.«
    »Das ist ja auch mein Hauptkummer,« entgegnete Katarine nach einer kleinen
Pause, »dass Andere, die ich eigentlich gar nichts angehe, für mich handeln, ja
vielleicht für mich leiden sollen, denn Sie haben Recht: es könnte da eine
schlimme Geschichte entstehen. Aber wenn ich bedenke, dass mein Kind in Kummer
und Not zu Grunde gehen soll, und dass ich es vielleicht auf diese Art zu retten
vermag, - o Herr Doktor, da kann ich nicht lang überlegen; ich nehme die mir
dargebotene Hilfe an.«
    »Wenn es gelingt,« versetzte er nachdenkend, »so könnte es zu einer hübschen
Strafe für jenes Volk werden. - Und ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr er
lächelnd fort, »da Sie mich nun einmal um Rat gefragt und zum Vertrauten Ihres
Geheimnisses gemacht, so will ich Ihnen dazu helfen, soweit meine Kräfte reichen
und Ihren Plan etwas ändern, wenigstens, so denke ich, verbessern.«
    »O wie danke ich Ihnen für Ihre freundlichen Worte!« rief das Mädchen und
wollte seine Hand ergreisen, um sie zu küssen.
    Doch zog er sie hastig zurück und sagte: »Tun Sie mir den Gefallen und
lassen Sie mich es ein paar Tage vorher wissen, wenn die bewusste Sache vor sich
gehen soll. Ich will dann irgend Jemand veranlassen, in der Nähe zu sein, damit,
wenn Ihr tapferer Schneider und seine Zimmerleute Hilfe gebrauchten, diese zur
rechten Zeit nicht fehlt. Aber sprechen Sie jetzt mit Niemand mehr über diese
Sache, gehen Sie ruhig nach Hause und wie gesagt, versäumen Sie es ja nicht,
mich zur gehörigen Zeit zu benachrichtigen.«
    Damit erhob sich der Doktor, Katarine stand zu gleicher Zeit auf, sprach
noch einige innige Worte des Dankes und versicherte, sie werde gewiss nicht
vergessen, den Tag und die Stunde genau anzugeben. Sie wandte sich hierauf zum
Weggehen, und der Doktor begleitete sie freundlich bis an die Glastüre, die er
öffnete und hinter ihr wieder verschloss. Dann ging er zu seinen Kindern, sah
ihren Verband nach und befühlte ihnen Stirne und Hände; doch schliefen sie
ruhig, alle Aufregung hatte sich gelegt, und nur die weissen Binden um den Kopf
stachen seltsam ab von den frischen blühenden Gesichtern.
    Als der Doktor die beiden Kinder so ruhig vor sich schlafen sah und
bemerkte, wie behaglich sie in ihren warmen Bettchen ausgestreckt lagen, da
dachte er wieder an jene arme Person, die ihn eben verlassen, und er begriff
besser, als es der Geistliche getan, dass eine Mutter, die sich vorstellen muss,
ihr Kind, von fremden Leuten festgehalten, werde jetzt misshandelt und müsse
leiden unter Frost und Hunger, leicht zum Äussersten zu bringen sei und sich
gern zu den gewaltsamsten Massregeln verstehe.
    Nach diesen Betrachtungen schritt er kopfschüttelnd in sein Arbeitszimmer
zurück, zog seinen warmen Paletot wieder an, nahm Hut, Stock und Hausschlüssel
und ging die Treppen hinab, nachdem er vorher die Köchin beauftragt, es Madame,
die noch nicht zurückgekehrt war, zu berichten, dass er den Rest des
Weihnachtsabends bei seinen Eltern zubringen werde.
 
                          Neunundvierzigstes Kapitel.
                             Reiche und arme Leute.
In dem Hause des Kommerzienrates war es seit langen Jahren der Brauch gewesen,
dass sich die ganze Familie am Weihnachtsabend zur Bescheerung dort versammelte.
Als dies eingeführt wurde, hatte man auch an zukünftige Kinder gedacht, und
sollten diese von der ganzen Familie ebenfalls mitgebracht werden. Nun aber
beschränkte sich die Nachkommenschaft auf die beiden Sprösslinge des Doktors,
welche wohl in den ersten Jahren erschienen, dann aber wegbleiben mussten, weil
es, wie Marianne versicherte, ihren Mann, den Herrn Alfons, nie so schmerzlich
berühre, dass er selbst keine Nachkommen habe, wie an diesem Abend, wo er die
Lust und das Vergnügen der anderen mit ansehen müsse. Der Doktorin war es schon
recht, dass sie ihre Kinder nicht mehr mitzubringen brauchte, denn hiedurch hatte
sie nun auch zuweilen einen Vorwand, um zu Hause bleiben zu können.
    Dass durch diese Massregel die Weihnachtsabende im Hause des Kommerzienrats
an grosser Heiterkeit gewonnen, wollen wir gerade nicht behaupten. - Im
Gegenteil! Die lustigen Kinderstimmen hatten anfangs doch einige Abwechslung in
die feierliche und manchmal frostige Unterhaltung gebracht.
    Die alte Rätin, welche die ganze Bescheerung, wie überhaupt fast Alles im
Hause, leitete, liess für jedes ihrer Kinder - darunter war diesmal auch der
Schwiegersohn verstanden - einen sehr hübschen Baum machen, vor welchem ein
Tischchen stand, worauf die Geschenke ausgebreitet waren.
    Diese Bescheerung wurde im Wohnzimmer der Rätin abgehalten, und wenn Alles
bereit war, so setzte sie sich in ihre Sophaecke, läutete nach einiger Zeit mit
der Klingel, der Bediente öffnete die Türe und die Kinder traten herein.
    Der Kommerzienrat zählte sich an solchen Abenden auch mit darunter, und er
war es in der Tat allein, der seine Freude noch mit einem gewissen Anflug von
Kindlichkeit kundgab. Gewöhnlich blieb er wie geblendet unter der Türe stehen,
und rief fast jedesmal aus: »Ah! das übertrifft heute alle früheren Jahre! -
unbedingt alle früheren Jahre! Mama, du hast wahrhaft verschwendet in
vergoldeten Nüssen und Wachskerzen. - Kinder,« fuhr er dann lustig fort, nachdem
er seiner Frau dem Herkommen gemäss zuerst die Hand geküsst, »bedankt euch bei
Mama, denn die Tische scheinen mir sehr schön besetzt zu sein.«
    Jedes wusste, wo sein Platz war, und nachdem alle dort die meistens sehr
schönen Sachen flüchtig übersehen, folgten sie dem Beispiel von Papa und küssten
der Kommerzienrätin ebenfalls die Hand.
    Die Bescheerungen bestanden für die Damen aus schweren seidenen Stoffen zu
Kleidern und Mänteln, oder aus kostbaren Schmucksachen, aus bisher noch
fehlenden Stücken zum Silbergeschirr, aus einem Fussteppich, aus
Bronzegegenständen aller Art oder aus Stickereien. Letzterer Artikel aber wurde
von Jahr zu Jahr seltener.
    Artur, als der Jüngste, erschien natürlicherweise auch zuletzt, um Mama die
Hand zu küssen, doch blickte die Rätin, als er heute vor sie hintrat, wie
unabsichtlich in den leeren Raum hinaus, und mit ihrer Hand, statt sie dem Sohne
darzureichen, fasste sie das Sacktuch und führte es an die Lippen, da sie gerade
leicht hustete.
    Der Maler liess sich aber durch dieses Zeichen einer fortdauernden Ungnade
nicht abschrecken, sondern wartete geduldig eine ziemliche Zeit, bis Hand und
Sacktuch wieder auf dem Tische ankamen, dann ergriff er Beides zugleich und
drückte seine Lippen auf die Hand der Mutter. Die Rätin warf ihm dabei einen
Blick zu, der nicht übermässig freundlich war, aber auch nicht mehr so finster
und zornig, wie er es in den letzten Tagen nach jener unglückseligen Probe der
lebenden Bilder gewohnt war.
    »So ist's recht, Mama,« flüsterte der Kommerzienrat seiner Frau über die
Schultern zu, »lass den Groll fahren; man kann doch nicht immer so fort machen;
und gewiss hat Artur sein Unrecht eingesehen.«
    Die Rätin hob ihren Kopf etwas empor, die spitze Nase und die grauen Augen
wandten sich ziemlich drohend gegen den Gemahl, als sie erwiderte: »Das Letzte
kann ich nicht glauben, denn wenn Jemanden seine Handlungsweise leid ist, so
tut man Schritte, um sein Unrecht wieder gut zu machen. Und das hat Artur
nicht getan.«
    »Aber Mama liessen mich ja seit jenem Tage nie über diese Angelegenheit zu
Worte kommen, so oft ich das auch versuchte,« versetzte der Maler. »Sie wünschen
ja beständig, ich solle darüber schweigen.«
    »Allerdings wünschte ich das,« antwortete die Rätin, »denn alle deine
Reden, die du an mich hieltest, zielten darauf hin, gegen mich den Beweis zu
führen, dass du doch nicht so Unrecht gehabt und dass ich die Sache zu ernst
genommen. - In solchen Fällen aber,« fuhr sie strenger fort, »besonders wo es
den Anstand des Hauses betrifft, den ich nie ungestraft verletzen lasse,
verlange ich, wenn dies doch einmal geschehen, dass man rückhaltslos sein Unrecht
einsehe.«
    »Ja, ja, Artur,« nahm der Kommerzienrat das Wort, »und dass man sich
alsdann auf Gnade und Ungnade ergibt.«
    Die Rätin trommelte leise auf den Tisch, und ihre Blicke schweiften mit
ausserordentlicher Majestät durch das Zimmer.
    »Du aber hast kapituliren wollen und sogar Bedingungen vorgeschrieben,«
bemerkte Herr Alfons lachend. »Mama war so gütig, dich für den begangenen faux
pas nicht sogleich vor der ganzen Gesellschaft blosszustellen, nun aber hättest
du nach der Probe die Angelegenheit mit deiner schönen Doktorin bestens
arrangiren sollen.«
    »Das konnte ich nicht,« sagte Artur bestimmt; »ich mag Niemanden, am
allerwenigsten meine besten Freunde, vor den Kopf stossen. Bin ich voreilig
gewesen, so tut es mir leid; aber wenn Mama die lebenden Bilder zur Ausführung
bringt, so kann das Decamerone von Winterhalter in der gleichen Besetzung wie
bei der Probe nicht fehlen; wenigstens ich für meinen Teil kann nichts dazu
tun.«
    »Wenn man aber mit dem Doktor spräche?« meinte Alfons.
    »Hast du vielleicht Lust dazu?« fragte Artur.
    »Es wäre das nicht meine Sache; aber wenn vielleicht Papa -«
    »Nein; ich muss für solche Kommissionen danken,« entgegnete der
Kommerzienrat. »Der Tausend auch! was ich nicht eingebrockt, das esse ich auch
nicht aus.«
    Die Rätin hatte ihren Mund fest zusammen gezogen und schien das Gespräch
ohne alle Teilnahme anzuhören; doch wer den Blick ihrer Augen kannte, wusste,
dass dies nicht der Fall war.
    »Die Frau hätte aber leicht merken können, wie unangenehm es Manchen der
Mitwirkenden war, als du ihr so unverhofft diesen ausgezeichneten Platz
anwiesest.«
    »Bah!« sagte Artur, »das freut Keine von einer Anderen, und ihr möchtet
hinstellen, welchen Maler ihr wollt, er fände kein passenderes Gesicht für diese
Königin, als gerade das der Doktorin F., umgeben von all' den schönen Mädchen,
die wir zusammengelesen. - Ach, Mama,« wandte er sich schmeichelnd an die
Rätin, »seien Sie diesmal nachsichtig, lassen Sie meinetwegen, um mit Papa zu
reden, Gnade für Recht ergehen. - Denken Sie doch nach, wer hat sich eigentlich
über diese Geschichte beleidigt gefühlt? - Die alte Frau v. W., die es Ihnen,
Mama, nie verzeihen kann, dass Sie so prächtige Soiréen zu arrangiren im Stande
sind. Und dann vielleicht die Töchter des Oberregierungsrats D. mit ihrem
schlackeligen Bruder, - eine hochmütige Familie, die ja schon früher einmal mit
uns im Unfrieden lebte, weil sie sich gegen uns so ausserordentlich
herausfordernd benommen.«
    Artur manövrirte ziemlich klug, und man sah, wie sich die Nase der Rätin
bei der Erwähnung der Familie des Oberregierungsrats D. immer höher erhob. Die
Anspielung auf eine Streitigkeit zwischen beiden Häusern war allerdings
zutreffend und es konnte diesseits niemals vergessen werden, dass die Frau
Oberregierungsrätin vor einigen Jahren in einer Soirée, als von Vorfahren die
Rede war, die Frechheit gehabt hatte, zu behaupten, der Urgrossvater des
Kommerzienrats sei wirklich ausübender Barbiergehilfe gewesen; wogegen derselbe
in Wahrheit als wundärztlicher Gehilfe bei einem renommirten Arzte seiner Zeit
fungirt haben sollte, wie die Ueberlieferungen des Hauses des Kommerzienrates
deutlich besagten.
    »Also ich unterwerfe mich auf Gnade oder Ungnade,« fuhr Artur lachend fort,
»aber dann tun Sie mir für dieses Mal den Gefallen, Mama, belassen Sie die
Sache, wie sie ist und bringen Sie mich nicht in den unangenehmen Fall, gegen
den Doktor und seine Frau Schritte tun zu müssen, die von höchst ernsten Folgen
sein könnten. - Gewiss, Mama, Ihre Soirée muss glänzend werden; man soll davon
noch Jahre lang sprechen, und Sie können mir glauben, alle Bilder müssen superb
gelingen, und das Decamerone wird sich nicht am schlechtesten ausnehmen.«
    »Würde sich vielleicht nicht am schlechtesten ausnehmen, willst du sagen,«
entgegnete streng die Rätin; »von wird kann nicht die Rede sein, da ich
beschlossen habe, dass die ganze Soirée unterbleiben soll.«
    »Ah! das ist etwas Anderes,« erwiderte Artur mit kaltem Tone, indem er sich
von dem Tische zurückzog; »dann habe ich freilich nichts mehr zu bitten.
Verzeihen Sie, Mama!«
    Es entstand jetzt eine unangenehme Pause, und obgleich sich alle Anwesenden
mit dem Beschauen ihrer Sachen zu beschäftigen schienen, so hörte man doch keine
Ausrufe der Freude, kein lautes gegenseitiges Mitteilen: Jedes sah stumm auf
seinen Platz nieder und man vernahm während mehrerer Minuten nichts als das
Picken der Standuhr oder das Knistern der kleinen Wachskerzen an den Bäumen.
    »Wo ist denn deine Frau?« fragte endlich Mama ihren Sohn. - »Heute Abend
hätte ich sie sicher erwartet. Soll ihr Tisch dort wieder unberührt stehen
bleiben?«
    »Ich muss um Verzeihung bitten,« erwiderte der Doktor, während er an das
Sopha trat, »dass ich Berta nicht schon längst entschuldigte. Die Kinder hatten
ein kleines Malheur, - ziemlich unbedeutend: der Tannenbaum geriet in Brand und
versengte etwas Weniges Oskars Haare. - Nun muss doch Jemand bei den Kindern
bleiben, und Berta -«
    »Deine Frau als gute Mutter blieb zu Haus,« warf Alfons mit einem
unangenehmen Lächeln dazwischen. »Ja, das kann ich mir denken; eine Mutter lässt
ihre Kinder nicht gerne allein.«
    Die Kommerzienrätin blickte ihrem Sohne forschend in die Augen und fragte
darauf ziemlich teilnehmend: »Und weiter ist es nichts?«
    Der Doktor schwankte einen Augenblick und war wohl versucht, die Scene, die
er heute Abend mit seiner Frau erlebt, den Eltern zu schildern. Doch bemerkte er
den lauernden Blick seines Schwagers und mochte nun um Alles in der Welt diesem
nicht das Vergnügen bereiten, das er immer empfand, so oft er etwas Unangenehmes
aus des Doktors Haushalt erfuhr.
    »Es ist in der Tat nichts weiter,« versicherte aus diesem Grunde Eduard.
»Morgen springen die Kinder wieder herum und werden schon in aller Frühe kommen,
um ihre Geschenke abzuholen.«
    Nachdem die Bescheerung in dem Hause des Kommerzienrates auf die eben
beschriebene Art stattgefunden, war es der Brauch, dass die Familie
gemeinschaftlich ein kleines Souper einnahm. Das geschah denn auch heute; doch
kalt und frostig, wie der Weihnachtsabend begonnen, endete er auch für diese
reichen und in ihren Kreisen vornehmen Leute.
    Der Kommerzienrat war wohl der Einzige, der sich dies nicht besonders
anfechten liess; er fand das Souper vortrefflich, sprach über die kommenden
Feiertage, und fürchtete Schnee und Regen, wobei er mehrmals das Sprichwort
zitirte, dass grüne Weihnachten weisse Ostern brächten. Hie und da redete er auch
Einiges über Politik, über das mutmassliche Fallen und Steigen der Papiere oder
über irgend eine grossartige Spekulation, die hier oder dort gelungen oder
misslungen sei.
    Alfons allein gab der Mutter zusammenhängende und richtige Antworten, die
Uebrigen schienen alle mehr oder minder zerstreut zu sein.
    Die Rätin sass aufrecht in ihrem Stuhle und nickte jedesmal dankend mit dem
Kopfe, so oft der Bediente eine Schüssel präsentirte. Sie ass nur einige Löffel
Kompott und trank etwas roten Wein mit Wasser dazu, im Uebrigen aber hustete
sie oftmals in ihr Sacktuch hinein, machte auch kleine Trommelversuche, die sie
aber alsbald wieder einstellte, denn das Tischtuch dämpfte jeden schönen Klang.
    Am einsilbigsten war Artur; die Unterredung mit der Mutter hatte ihn
verstimmt und betrübt, das Aufgeben der Soirée musste notwendiger Weise auf das
feine und richtige Gefühl der Doktorin einen peinlichen Eindruck machen. dabei
schien sich der Maler heute Abend im Kreise der Familie auch noch aus andern
Gründen sehr unbehaglich zu fühlen und sich sobald als möglich hinweg zu sehnen.
Er soupirte mit ausserordentlicher Hast, ohne deshalb den Gang des Ganzen auch
nur im Geringsten beschleunigen zu können, und dabei blickte er häufiger als
gerade notwendig war, auf die Standuhr seinem Platz gegenüber, die, so langsam
ihr Zeiger auch fortschritt, doch schon halb Zehn anzeigte. - »Spät! spät!«
murmelte er ungeduldig in sich hinein.
    Selbst Marianne, die oftmals bei ähnlichen Veranlassungen die Kosten der
Unterhaltung allein trug, und bald mit Diesem, bald mit Jenem plaudernd, einiges
Leben hinein brachte, war nachdenkend, blickte häufig starr auf ihren Teller und
fuhr wie erschreckt empor, wenn sie der Papa etwas fragte. Doch war es nicht die
allgemeine Langeweile, die auch sie bedrückte, sie war ja an der Seite ihres
einsilbigen und oft mürrischen Mannes, sowie auch, da sie im Hause wohnte, und
sich viel in Gesellschaft der Mutter befand, dergleichen schon gewöhnt. Heute
Abend war etwas besonders Eigentümliches passirt. Vor ein paar Stunden ging sie
absichtslos mit leisen Schritten bei dem Zimmer ihres Mannes vorbei und sah
durch die ein wenig geöffnete Türe, dass er ein Paket Damenhandschuhe - Frauen
pflegen sich darin nicht zu irren - sauber in weisses Papier einschlug, mit einer
roten Schnur umgab, siegelte und überschrieb. Anfänglich dachte sie, es sei das
eine Ueberraschung für den heutigen Abend. Aber wozu dann siegeln und
überschreiben, wenn man im gleichen Hause wohnt? - Sie konnte das nicht
vergessen, und als sie an den Tisch trat, wo ihre Sachen lagen, war ihr erster
Blick nach den Handschuhen; aber unter all den Sachen war nichts, was jenem
Paketchen ähnlich gesehen hätte. - Sie schüttelte den Kopf und konnte es nicht
vergessen. -
    Wenn uns der geneigte Leser freundlich folgen will, so verlassen wir das
reiche Esszimmer des Kommerzienrats, den kostbar servirten Tisch mit seinem
Silbergeräte, seinem feinen Kristall und Porzellan und seinen verdriesslichen
Gesichtern, - wir verlassen es, schauen uns aber unter der Türe nach Artur um,
der, den Blick auf Mama geheftet, nicht erwarten kann, bis sie ihre Serviette
hinlegen und so das Zeichen zum Aufbruch geben wird. - Wir verlassen das Haus
und wandeln durch die stiller gewordenen Strassen nach der Balkengasse, wir
treten in ein uns schon bekanntes Haus; doch ehe wir die Treppen hinauf steigen,
wollen wir uns erlauben, einen Blick rückwärts zu tun, rückwärts in der Zeit
nämlich, um zu sehen, wie unsere Freunde hier den heiligen Christabend
zugebracht.
    Da Herr Staiger, wie wir bereits wissen, nur zwei Zimmer bewohnte, die noch
obendrein so gelegen waren, dass man durch das eine musste, um in das andere zu
gelangen, so würde es ausserordentlich schwer gewesen sein, im Geheimen die
Vorbereitungen zur Weihnachtsbescheerung zu treffen, wenn sich Clara nicht wie
in allen Dingen, so auch hierin sehr gut zu helfen gewusst hätte. Im Vorzimmer
nämlich traf sie alle ihre Anstalten; dort stand der kleine Tannenbaum, den sie
für weniges Geld gekauft, und dort wurde er mit einigen Aepfeln, mit Flittergold
und ein paar Kerzchen aufgeputzt und besteckt.
    Damit nun diese Vorbereitungen von den Kindern nicht gesehen würden, hatte
die ältere Schwester ihnen eingeschärft, stets die Augen zu schliessen oder nach
der rechten Seite zu sehen, wenn sie durch dieses Zimmer gingen. »Der liebe
Christ,« sagte sie, »wird daran euren Gehorsam erkennen, und da er
augenblicklich erfährt, wenn eines von euch hinter den Ofenschirm gesehen, so
würdet ihr alsdann an Zuckerwerk und Spielsachen gar nichts finden, wohl aber
eine grosse Rute, welche ausserordentlich fähig ist, kleinen Kindern einen
gewissen Teil des Körpers zu bearbeiten.«
    Wir müssen aber auch gestehen, dass Clara für den heutigen Weihnachtsabend
schon ein Uebriges getan hatte, und sie hatte hierzu nicht einmal, wie sonst
immer, ihrer eben erst erhaltenen Monatsgage zuzusprechen gebraucht; denn der
Vater war vor ein paar Tagen mit einem höchst zufriedenen Gesichte von seinem
Verleger, dem Herrn Blaffer, zurückgekehrt, und hatte triumphirend eine Rolle
mit fünfzig Gulden auf den Tisch gelegt. Nicht nur war ihm sein Honorar
bedeutend erhöht worden, sondern der edelmütige Verleger hatte ihm auch noch
von früheren Arbeiten her eine Zulage Zusammengerechnet und baar eingehändigt.
    Woher diese Gelder eigentlich kamen, wissen wir besser als der alte Herr und
seine Tochter. - Genug, sie waren da und wurden auf's Beste verwendet, was
beinahe den ersten kleinen Streit seit langen Jahren zwischen Vater und Tochter
hervorgerufen hätte. Clara behauptete nämlich, ein neuer Winterrock sei für den
Vater unbedingt notwendig, er dagegen meinte, ein Mantel für Clara sei noch
viel notwendiger; doch siegte der Oberrock, indem Clara sagte, sie halte es für
eine Sünde, für die paar Gänge, die sie zu Fuss zu machen habe, das viele Geld
auszugeben. Dass der Winterrock einen Hauptbestandteil der heutigen Bescheerung
bilden sollte, verstand sich von selbst.
    Obgleich Herr Staiger seine Tochter Clara ohne Einschränkung alle
Kassengeschäfte besorgen liess, so hatte er doch diesmal mit pfiffigem Lächeln
einige Gulden aus der Rolle für sich behalten und nach langem Zögern und vielen
Ausflüchten seiner Tochter anvertraut, es sei doch nicht mehr als schicklich,
dass er auch seinem Freunde Artur, der ja am Weihnachtsabend kommen werde, etwas
Weniges unter den Christbaum lege. - Von den Pelzmanschetten, die er für Clara
kaufen wollte, sagte der alte, lügenhafte Mann natürlicherweise nichts und
freute sich wie ein Kind, dass ihm sein Betrug so gut gelungen; denn als er
Artur's Namen genannt, da hatte ihr Auge geglänzt und sie ihm zugestimmt und
versichert, das sei ein ganz glücklicher Gedanke; wenn sie selbst auch - eine
unbedeutende Cigarrentasche für den Bekannten ihres Vaters gestickt, so sei dies
doch nicht der Rede wert und würde auf dem grossen Teller allein gar zu mager,
zu unbedeutend aussehen.
    Als der heilige Abend herangekommen war, da wurden die Kinder zu einer
Nachbarin geschickt und ihnen auf's Strengste eingeschärft, erst nach einer
Stunde und zwar bei völlig eingebrochener Dunkelheit zu erscheinen. Wenn sie
auch nicht zu früh kamen, so hörte man sie doch mit ungeheurer Pünktlichkeit zu
der angegebenen Zeit die Treppen heraufsteigen und nach der Wohnung eilen. Clara
trat ihnen aber im Vorzimmer entgegen und hielt sie auf.
    »Aber wir kommen doch nicht zu früh?« versetzte das kleine Mädchen; »wir
sind so lange ausgeblieben, als du es gesagt, liebe Clara.«
    »Ja, und jetzt möchten wir auch sehen, was das Christkindchen für uns
mitgebracht hat.«
    »Das wird nicht zu viel sein,« sagte die ältere Schwester, indem sie ihrem
Bruder die Mütze abnahm und diese auf eine Stuhllehne hängte. »Das Christkind
hat sich bei uns erkundigt, und wenn wir euch auch nicht gerade sehr verklagten,
so mussten wir ihm doch Einiges sagen, weil es darnach gefragt.«
    »Und was hat es denn von mir wissen wollen?« fragte der kleine Bube mit
ziemlich langem Gesicht.
    »Allerlei Sachen,« entgegnete Clara, »ob du folgsam und in der Schule artig
und aufmerksam seist, ob du auch gleich nachher nach Hause kommest oder ob du
dich mit anderen Buben auch wohl Stunden lang auf den Schleifen herumtreibest
und Schneeballen machest, ob du beim Mittagessen Alles tuest, was man dir sagt,
ob du deine Suppe essest und nichts davon verschüttest und ob du ruhig sitzen
bleibest und nicht zu viel sprechest.«
    »Und was hast du geantwortet?«
    Clara zuckte mit ernstafter Miene die Achseln. »Ja,« sagte sie, »so lieb
ich dich auch habe, Alles konnte ich nicht leugnen; doch habe ich nicht
vergessen, dass du mir gestern noch versprochen, du wollest von jetzt an sehr
artig, sehr lieb und folgsam sein. - Und das hat das Christkindchen gern
gehört.«
    »Und du meinst, es werde mir nicht böse sein, und doch etwas bringen?«
    »O, ich glaube das bestimmt, namentlich wenn du jetzt recht artig bist und
dich mit Marie hier noch eine Zeit lang aufhältst, bis ich euch rufe; denn ihr
wisst, das Christkindchen schickt heute Abend die Sachen, und erst, wenn sie da
sind, kann ich sie euch geben.«
    »Aber wenn es sie heute Abend erst schickt, so kommen sie ja hier durch das
Zimmer und dann sehe ich sie zuerst,« meinte Karl.
    »Da irrst du dich sehr,« bemerkte die kleine Marie, »es kommt drüben an's
Fenster geflogen und reicht da Alles herein.«
    »Aber das möchte ich einmal sehen. Clara, kannst du mich nicht rufen, wenn
es geflogen kommt?«
    »Nein, nein,« entgegnete lachend die Tänzerin; »das wäre noch schöner! Da
dürfen keine kleinen Kinder zusehen, sonst fliegt es vorbei und bringt gar
nichts. - Also wollt ihr recht brav hier auf dem Bänkchen sitzen bleiben, bis
ich euch rufe?«
    »Ja gewiss,« sagte Marie. »Und ich will dem Karl was erzählen, dann wartet er
gerne und schläft auch nicht ein.«
    »O, ich werde nicht schlafen!« versetzte bestimmt das Bübchen.
    Und dann gingen die beiden Kinder mit einander zu einem Fussschemel, und
setzten sich darauf hin. Marie nahm die rechte Hand ihres Bruders, und dieser
strampelte mit den Füssen und sagte: »Wenn das Christkind nur bald kommt!«
    Clara war unterdessen mit leisen Schritten nach dem anderen Zimmer
zurückgekehrt und half ihrem Vater noch ein paar bunte Papierstreifen, sowie
auch ziemlich dünne Talglichtchen an dem kleinen Weihnachtsbaum befestigen. Dann
holte sie all' die prächtigen Sachen hervor, mit denen die Kinder beschenkt
werden sollten. Zuerst kam das Nützliche, und zwar für Marie eine neue Schürze
und ein kleines wollenes Halstuch, für das Bübchen aber eine Schiefertafel, da
die alte im letzten Strassenkampf zu Grunde gegangen war, ein Federrohr und ein
paar von ihm so genannte Herrenstiefel; das waren nämlich Stiefel mit Schäften,
wonach er schon lange geschmachtet und die ihm sein Pate Schuhmachermeister
verehrt. Hierauf folgte das Angenehme: für das Mädchen eine Puppe, welcher die
Tänzerin aus verschiedenen Lappen und Flittern, die sie in der Garderobe
gesammelt, ein prachtvolles Ballkleid verfertigt hatte. Die Puppe hatte eigenes
Haar und war à l'enfant frisirt; wie ihre Legion von Schwestern schaute sie
ungeheuer verwundert in die Welt und hatte dazu die Arme und Füsse etwas Weniges
verdreht; letztere standen ungeheuer auswärts, und die Finger hielt sie nach Art
der preussischen Infanterie: den kleinen Finger an der Hosennaht. - Für Karl
hatte Clara längere Zeit zwischen einer Trommel und einem Schaukelpferd
geschwankt, sich aber auf Zureden des Vaters für das Letztere entschieden. -
»Denn,« meinte Herr Staiger, »er würde mit seiner Trommel ein schönes Gerappel
machen, was meinem Onkel Tom und dem Herrn Blaffer nicht zu gut käme, und ich
muss mich nun doppelt zusammen nehmen, um vortreffliche Arbeit zu machen, denn
ich werde jetzt in der Tat so anständig honorirt, dass ich täglich mit
Bequemlichkeit über zwei Gulden verdienen kann. - Ich hätte nie geglaubt, dass es
mir noch so gut gehen würde.«
    Clara arbeitete emsig an ihrem Baum, stellte die oben genannten Sachen so
prächtig auf und so schön in's Licht, dass sie in der Tat einen grossartigen
Effekt machten.
    »Weiss der Herr,« sagte freundlich Herr Staiger, der, die Hände auf dem
Rücken, behaglich dieser Arbeit zusah; »es geht mir heute Abend wie jenen
Savoyardenknaben bei ihrer Melonenschnitte: ich fühle mich auch glücklicher als
ein König; es ist das wieder ein angenehmes, liebes Weihnachtsfest, wie sie mir
aus meiner Jugend her in Erinnerung sind und wie wir sie einige Male hatten, als
deine selige Mutter noch lebte. - Siehst du, Clara,« fuhr er gerührt fort, »ich
glaube, der liebe Gott hat mein Leben wunderbarlich geführt und gibt mir noch
einen fröhlichen Abend des Lebens. Ich weiss nicht wesshalb, aber es kommt mir nun
einmal so vor. - Meine Jugend war hell und glücklich beschienen, dann kamen
schlimme Jahre und ich musste lange im kalten Schatten dieses Lebens wandeln.
Aber jetzt wenn ich so den kleinen Tannenbaum ansehe, wie seine Nadeln bei jeder
Bewegung spielen, und wie das Gold durch die feinen Zweige glänzt, jetzt ist es
mir gerade, als stände ich auf der Höhe meines Lebens, - das heisst auf der Höhe,
auf welche bald die allgemeine Ruhe folgt, - sähe aber vorher noch hinab in ein
freundliches, von der Abendsonne beschienenes Tal; ich sehe es hinter den
Bäumen stehend, wenn ich aber noch einen kleinen Schritt, noch eine kleine
Spanne Zeit vorwärts schreite, so stehe ich unter den sanft rauschenden Zweigen
und den leise im Abendwind säuselnden Blättern, und der herrliche Glanz einer
niedersinkenden Sonne strahlt prächtig auf meinen Pfad. - - Gewiss, Clara, das
fühle ich; und wenn dem so wäre, so würde es mich glücklich machen um
deinetwillen. - Ja, mein Kind, wenn nur ein frohes Geschick unser Leben
freundlich wenden wollte, so würde ich Gott auf's Herzlichste danken und es als
eine Belohnung ansehen für deine unendliche Liebe und Güte für mich alten Mann
und deine kleinen Geschwister, denen du Alles bist.«
    Während Herr Staiger so sprach, blickte er wie träumend und mit so
glänzenden Augen, als schaue er wirklich all' das Schöne, in den Tannenbaum.
dabei aber zitterte seine Stimme und seine Blicke verdunkelten sich zuweilen
seltsam, um gleich darauf ein doppeltes Licht auszustrahlen, - zwei Lichtpunkte,
die sich langsam über seine Wangen hinab bewegten.
    Clara hielt in ihrer Arbeit inne, als ihr Vater so sprach, und ihr Ohr
lauschte gläubig seinen Worten. Auch ihr Blick erweiterte sich, ihre Brust hob
sich mühsam, von einem unnennbar süssen Gefühl geschwellt, einem Gefühl, das von
der Phantasie des alten Mannes ausgehend, bei ihr eine andere und bestimmtere
Form gewann. Sollte er vielleicht Recht haben, sollte sich der Abend seines
Lebens nochmals verschönern und vielleicht einen noch hellern Glanz auch über
sie ausgiessen? - O nein! nein! das war ja unmöglich; sie mochte und konnte nicht
weiter denken, denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen; sie legte sanft ihre
Arme um den Hals des Vaters, senkte den Kopf auf seine Brust, und während sie
sich darauf bemühte, ihm die Tränen von den Wangen zu küssen, bemerkte sie
nicht, dass auch die ihrigen flossen.
    »Wir sind aber recht kindisch,« sagte der alte Mann nach einer Pause, indem
er das Gesicht seiner Tochter mit beiden Händen umfasste und es sanft in die Höhe
hob, um ihr in die schönen, edeln und reinen Züge zu sehen. »Jetzt geht es uns
wieder einmal etwas gut und wir weinen wie die Kinder.«
    »Aber nicht aus Schmerz, Vater,« versetzte Clara sanft, »gewiss nicht aus
Schmerz. Vielleicht geht dein schöner Traum in Erfüllung, und das war der Anfang
von Freudentränen.«
    »Ah! Freudentränen sind schön! - Doch jetzt wollen wir lustig sein; bring'
deine Arbeit zu Ende, damit die Kinder draussen nicht zu lange zu warten
brauchen. - - Aber wahr ist es: unser Zimmer ist heute Abend so behaglich, so
angenehm, und mir ist dabei so wohl, ich möchte jeder Ecke, jedem Stuhl und
Tisch guten Abend sagen und die Wände mit der Hand pätscheln, - es ist hier so
warm und wohnlich. - Und dann, was für ein kostbares Souper erwartet uns! - Ein
delikater Kalbsbraten und vortreffliche Kartoffeln. Eigentlich eine
Verschwendung; aber nehm' dich ja zusammen, Clara, dass dir Alles gut gerät und
der Braten nicht anbrennt; wir müssen unserem Gast alle Ehre antun, und das
Wenige, was wir geben, muss gut sein.«
    »Meinst du, er werde auch kommen?« fragte Clara schüchtern, indem sie sich
gegen den Tannenbaum wandte, um dort noch ein kleines Netz von Papier zu
befestigen.
    »O unbesorgt!« sprach Herr Staiger mit bestimmtem Tone, »er hat es mir
versprochen, und was er mir verspricht, das hält er auch.«
    »Ja, ja, Papa, wenn er es dir versprochen hat, so wird er auch sicher
kommen,« erwiderte die Tänzerin, während um ihren kleinen Mund, den sie fest
zusammen zog, ein ganz leichtes, leichtes, aber höchst liebenswürdiges Lächeln
spielte.
    »Da ist mir was eingefallen,« sagte Herr Staiger nach einer Pause; »wir
hätten wohl mit der ganzen Bescheerung warten können, bis Herr Artur gekommen
wäre; ich glaube, es würde ihn freuen, das einmal bei uns mit anzusehen.«
    »Glaubst du das in der Tat?« fragte eifrig das Mädchen, indem sie sich
rasch herum wandte. - »Ach nein! das ist zu kleinlich für ihn; auch würden die
Kinder nicht gerne so lange warten.«
    »O, die Kinder warten schon, wenn wir ihnen sagen, Herr Artur komme; sie
haben ihn ausserordentlich lieb.«
    »Das ist wahr,« sagte nachdenkend die Tänzerin mit ganz leiser Stimme. -
»Aber,« fuhr sie lauter fort, »Herr Artur wird wahrscheinlich spät kommen. -
Hat er das nicht gesagt?«
    »Er meinte, es könnte bis acht Uhr reichen; sie haben natürlicherweise zu
Haus auch eine Bescheerung.«
    »Ah! was werden die vergnügt sein bei ihren vielen schönen Sachen!«
    »Davon hängt's nicht ab, mein Kind,« entgegnete Herr Staiger. »Hoffen wir
nicht auch vergnügt zu sein? Und doch sehe ich bei uns gerade nichts von
Kostbarkeiten. - Also Herr Artur versprach mir, um acht Uhr zu kommen; er
meinte sich vom Nachtessen dort dispensiren zu können und freute sich sehr auf
das unsrige.«
    »Tat er das wirklich?« fragte Clara anscheinend unbefangen.
    »Gewiss, gewiss,« antwortete der alte Mann; »das kannst du auch wohl sehen,
dass er gerne hier bei uns ist, denn wegen der Illustrationen braucht er nicht so
oft zu kommen, wie er es tut.«
    »So? - glaubst du wirklich?« versetzte die Tänzerin, wobei sie sich rasch
abwandte, um nach dem Vorzimmer zu gehen. Doch blieb sie wieder stehen und sagte
ohne zurückzuschauen: »Also meinst du wirklich, wir sollen mit der Bescheerung
warten, bis er kommt? - Aber die Kinder werden schläfrig und ich kann sie nicht
hier in's Zimmer herein nehmen, sonst würden sie ja alle meine Anstalten sehen.«
    »Weisst du was,« meinte Herr Staiger, »so setzen wir uns zu ihnen in das
Vorzimmer, es ist da warm genug; unser braver Ofen speit heute Abend eine
ausserordentliche Hitze aus.«
    »Aber du musst die Kinder vorher fragen, ob sie warten wollen; am
Weihnachtsabend haben sie darüber zu bestimmen.«
    »Versteht sich, aber du wirst sehen, wie bereitwillig sie sind.«
    Dies war denn auch der Fall, und als die Kinder hörten, ihr lieber Herr
Artur werde kommen und an der Bescheerung teilnehmen, da waren sie sehr
zufrieden und warteten gern noch länger.
    »Wohl noch eine ganze Viertelstunde,« sagte das Bübchen.
    Clara war in dem Zimmer zurückgeblieben und benutzte die augenblickliche
Abwesenheit ihres Vaters, um auch für diesen die Geschenke aufzustellen.
Sämmtliches für die Familie befand sich auf dem grossen Tische; und über ein
kleines Nähtischchen, das daneben stand, hatte die Tänzerin eine Serviette
gebreitet, darauf lag das bewusste Cigarren-Etui neben einem kleinen, kaum
fusshohen Christbaum, den Klara aus grünem Papier künstlich gearbeitet, und der
mit Miniaturkerzen und Zuckerzeug auf's Freundlichste verziert war. Das Geschenk
ihres Vaters für Artur, ein kleines Feuerzeug, befand sich ebenfalls dort.
Clara hatte es kopfschüttelnd betrachtet, indem sie zu sich selber sprach: »Und
dafür will er über zwei Gulden ausgegeben haben? - Papa versteht aber durchaus
nicht einzukaufen.«
    Draussen im Vorzimmer hatte sich unterdessen Herr Staiger zu den Kindern
gesetzt; das Mädchen sass auf dem Schemel und lehnte ihren Kopf an die Kniee des
Vaters, der Knabe sass auf dessen Schoss und war unersättlich im Anhören der
furchtbarsten Geschichten. Herr Staiger musste die Geschichte von der
schrecklichen Wasserschlange, die das Schiff auf dem Weltmeer verfolgt und jeden
Tag eine neue Beute fordert, zum Gott weiss wie vielsten Male erzählen, wobei es
dem Bübchen besonders aber um den Schluss zu tun war; denn nachdem schon sehr
viele Offiziere und Matrosen verzehrt sind, wirft man ihr die ganze
Schiffsapoteke in den Rachen, worauf es der Schlange hundeübel wird und sie
plötzlich stirbt.
    Da nun aber dergleichen Geschichten am heutigen Abend noch sehr viele
erzählt werden mussten, mit deren Wiederholung wir den geneigten Leser jedoch
verschonen wollen, bitten wir ihn, während dieser Zeit mit uns auf einige
Augenblicke in das Zimmer der Madame Wundel, der Staiger'schen Wohnung
gegenüber, zu treten.
 
                              Fünfzigstes Kapitel.
                              Verschämte Hausarme.
Hier wurde der Weihnachtsabend nicht wie bei den übrigen Mitchristen gefeiert;
Madame Wundel, die verschämte Hausarmen-Wittwe, fand es begreiflicherweise
unpassend, am heutigen Abend mit irgend Etwas Gepränge zu machen. Ihre beiden
Töchter waren erwachsen, wesshalb ihnen ein Christbaum auch weiter keine Freude
gemacht hätte; sich gegenseitig zu beschenken, wäre ebenfalls unnötig gewesen,
daher sie denn das Fest still unter sich und unter andächtigen Betrachtungen
feierten. Das klingt für uns, die wir den Charakter von Mutter und Töchtern
kennen, zwar unglaublich, aber es verhielt sich wirklich so. - Im Ofen brannte
ein spärliches Feuer, so dass das Zimmer nur sehr mässig erwärmt war; der Tisch
war mit einem groben Tuche bedeckt und auf demselben befand sich eine Schüssel
mit Kartoffeln in der Schale neben einem Salzfasse, einem Stücke schwarzen Brode
und einer Flasche voll klaren Wassers.
    Madame Wundel sass an diesem Tische, ihr gegenüber die älteste Tochter
Emilie, und Beide hatten Gebetbücher vor sich, in welchen sie eifrig zu lesen
schienen.
    Wir sagen: zu lesen schienen; denn wenn man aufmerksamer hinsah, so bemerkte
man wohl, dass die würdige Wittfrau die Nägel ihrer Finger besah, auch zuweilen
an die Decke blickte, und dass Emilie den Kopf auf die Seite hielt, offenbar um
auf den Gang und die Treppe zu lauschen, zu welchem Zweck auch die Stubentüre
halb geöffnet war.
    »Jetzt kann er wohl drunten sein,« sprach die Mutter nach einer längeren
Pause.
    »Ja, mir scheint, er schleiche auf der untersten Treppe,« erwiderte die
Tochter. - »Richtig! da höre ich ihn auch husten. - Wenn der nur bald
ausgehustet hätte!«
    »Ein langweiliger, miserabler Kerl!« meinte die Wittwe.
    »Und schleicht wie ein Gespenst in den Häusern umher,« entgegnete Emilie.
»Bin ich doch wirklich erschrocken, als er vorhin fast unhörbar in's Zimmer trat
und sein: Gott sei mit euch, ihr Frauen! krächzte, - der alte Heuchler!«
    »Ich bin gar nicht erschrocken,« lachte Madame Wundel: »ich wusste wohl aus
alter Praxis, dass er diesmal am Weihnachtsabend kommen würde. Vergangenes Jahr
kam er am Christfest selbst; er wechselt immer so ab. - Das kann euch wieder ein
Beispiel sein,« fuhr sie nach einer Pause fort, während welcher sie die Hand in
die Tasche gesteckt und dort mit Geld geklappert hatte; »dass ihr eurer Mutter
unbedingt folgen sollt. Du hattest wieder Lust, zu sieden und zu braten, und
wenn ich deinem Kopfe gefolgt wäre, so hätte uns der Armenpfleger überrascht,
und - eine milde Gabe gereicht für Holz und Brod,« - diese Worte sprach sie mit
demselben nachäffenden Tone wie ihre Tochter, - »während ein schöner Kuchen auf
dem Tische stand und vielleicht eine Flasche Wein daneben.«
    »Leider ist es eine schlechte Welt,« erwiderte Emilie achselzuckend, »und
für die paar miserablen Gulden, die sie uns an den Kopf werfen, leben wir doch
in einer wahren Sklaverei. Gehe ich durch die Strassen, bei gewissen Häusern
vorbei, da muss ich die Augen niederschlagen und darf höchstens nach einem
kleinen Kinde sehen, das zufällig auf's Gesicht gefallen ist, um es aufzuheben
und ihm aus christlichem Mitgefühl die rotzige Nase abzuwischen, - wenn das
nämlich Jemand sieht. - Pfui Teufel! Ihr hättet eigentlich wohl ein anderes
Geschäft ergreifen können, als das einer verschämten Hausarmen. Uns ist dadurch
jede Carrière abgeschnitten; man kann sich nicht einmal mit einem anständigen
Liebhaber einlassen, denn das wäre ja die grösste Versündigung, wenn sie es
erführen.«
    »Aber man lebt gut,« sagte die Wittwe mit einem breiten, behaglichen
Lächeln. »Sei nicht undankbar, Emilie; du weisst noch nicht, wie hart es ist, das
Brod durch seine Händearbeit verdienen zu müssen.«
    »Aber dann bin ich frei und kann tun was ich will.«
    »Geht mir mit eurer Freiheit! Man ist da abhängig von den Launen seiner
Herren oder Herrinnen und erst ein rechter Sklave.«
    »Neulich ging ich in einen Laden,« fuhr Emilie ärgerlich fort, »und wollte
mir zu meinem karrirtseidenen Kleide ein paar Ellen kaufen. Da sehe ich
glücklicherweise noch früh genug den Armenpfleger, der mich lauernd betrachtete.
Vor mir lag ein ganzer Stoss Seidenzeug, und da fragte er auf seine widerliche
Manier: - Sie kaufen doch gewiss nicht von diesen eitlen Geweben? - Was wollte
ich machen? - Ich musste meine Augen niederschlagen und mit einer halben Elle
grauen Futternessel abziehen.«
    »Was übrigens sehr klug von dir war,« erwiderte vergnügt Madame Wundel.
»Glücklicherweise scheuen sich diese Spione, des Abend auszugehen; und an
gewisse Orte, wo wir uns sehr gut amusiren, kommen sie nie hin.«
    »Ja, wenn auch das nicht wäre, sollte es der Henker aushalten!« sagte
Emilie. - »Nun, hat er auch was Rechtes gebracht?«
    »Ich kann nicht darüber klagen,« schmunzelte vergnügt die Mutter. - »Am
Weinachtsabend da kommt so allerlei zusammen, da wollen die verschiedenen
Vereine zur heiligen Zeit noch einen rechten Stein in's Brett bekommen und
deshalb fliessen da die Unterstützungen ordentlich. - Ach, dass doch so viel
Heuchelei in der Welt ist! Die machen sich selbst was weiss und bilden sich ein,
es sei ihnen ein Bedürfnis des Herzens, den Armen mitzuteilen, und bei den
Meisten ist's nichts wie Eitelkeit: sie wollen Alle im Jahresberichte und im
Wochenblättchen stehen. - Nun also, da habe ich sechs Gulden vom Vereine für
verschämte Hausarme, vier Gulden aus der Unterstützungskasse für hilfsbedürftige
Wittwen aus dem Honoratiorenstand. - Und dazu können wir uns ja rechnen, seit
dein Vater gestorben ist, denn meine Familie stand ehedem stolz da in der Stadt;
dass der Mann so traurige Geschichten gemacht hat, ist ein Unglück. Doch will ich
seiner nicht im Bösen gedenken, denn hier ist ja auch ein Gulden und dreissig
Kreuzer aus der Wittwenkasse für in öffentlichen Anstalten des Staats
Verbliebene.« - Sie wollte nämlich nicht sagen: »für die im Zuchtaus
Gestorbenen,« wie es dem seligen Herrn Wundel leider geschehen war, da er
Pflegschaftsgelder auf eine für ihn zu vorteilhafte Weise angelegt hatte.
    »Das sind ja elf Gulden dreissig Kreuzer,« sprach Emilie mit zufriedener
Miene; »das reicht schon über die Feiertage.«
    »O ganz bequem,« entgegnete die Mutter. »Und dazu kommt noch der zweite
Weihnachtstag, wo ich mich im schwarzen Anzug bei dem Prediger des neuen Bundes
präsentire und darauf hin einige Anweisungen erhalte für christliche Häuser, wo
man anständige Wittwen zu behandeln versteht.«
    »O ja, das geht,« sprach die Tochter nach einigem Nachdenken. »Dann kommt
Neujahr, und dabei werden wir wohl so viel herausschlagen, dass man sich am
Carneval ein kleines Vergnügen machen kann.«
    Die Mutter packte ihr Geld zusammen und steckte es sorgfältig wieder in die
Tasche ihres Kleides, - sie hatte es dort hervor geholt, um ihre Tochter mit dem
Glanz des Silbers zu erfreuen. - »Da ist noch eine ganz famose Kasse hier in der
Stadt,« sagte sie nach einer Pause, »an der wir vielleicht auch nächstens einmal
teilnehmen können. - Weisst du, man muss sich nicht geniren, und wenn du
wolltest, so könnte ich dortin bald einmal eine Eingabe versuchen.«
    »Was ist das für eine Kasse?« fragte Emilie.
    »Obendrein ist noch ein Freund von dir dort beschäftigt: der Herr Aktuar
Schwarz ist der Sekretär.«
    »Ah! Mutter,« versetzte Emilie etwas spitzig, »das muss ich mir alles Ernstes
ausbitten!«
    »Wie, dass der Herr Aktuar Schwarz dein Bekannter ist?« fragte Mama mit einer
ausserordentlichen Unbefangenheit.
    
    »Nein, das nicht,« erwiderte entrüstet Emilie, »sondern dass du mir
vorschlagen willst, ich soll mich an den Unterstützungsverein für alte Jungfern
wenden.«
    »Ist denn das so was Schlimmes?«
    »Es ist schlimm genug, wenn man in Verhältnissen lebt, die es Einem
erschweren, eine anständige Verbindung einzugehen.«
    »Und wenn uns dieser Freund unterstützt,« erwiderte Madame Wundel, indem sie
ihre Haube zurecht zog, »bist du deshalb eine alte Jungfer? - Sieh doch mich an,
ich erhalte auch vom Verein für verschämte Hausarme; sind wir denn deshalb
verschämte Hausarme? - Ich wollte Niemand raten, das uns in's Gesicht zu sagen.
- Ah! da bitte ich recht schön! Ihr Mädchen habt eigene Begriffe, wenn man nur
einmal ein Wort von einer alten Jungfer fallen lässt, so seid ihr beleidigt. Das
ist aber an sich ein ganz respektabler Stand, und wenn die Zeit da ist, dass man
eine werden soll, so wird man in Gottes Namen eine. Daran wirst du nichts ändern
wollen. - Jetzt bist du Achtundzwanzig, und wenn dich auch gute Leute für ein
paar Jahre jünger ansehen, so rückst du doch nach und nach in die Dreissig und
musst da hinein, so sehr du dich auch sperren wirst. Gegen den Strom kann man
nicht schwimmen, und einen heissen Ofen nicht kalt blasen. - Larifari!«
    »Aber ich tu's nun einmal nicht,« sagte die Tochter entschlossen. »Ich will
mich zu allen Vereinen melden, mögen Sie einen Namen haben, welchen sie wollen;
und ich habe das schon bewiesen, denn als der Verein für unglückliche, treu los
Verlassene gegründet wurde, da -«
    »Schweigen wir davon,« entgegnete die Mutter, indem sie die Augenbrauen
zusammen zog, »das ärgert mich, wenn du davon sprichst. Damals hast du freilich
keinen Anstand genommen, dich für eine treulos Verlassene auszugeben, obgleich
du dazu gar kein Recht hattest, denn um verlassen zu werden, muss man doch Jemand
haben, der Einen verlässt. Und das war bei dir nur so ein kleines Techtelmechtel,
wornach kein Hahn gekräht hat.«
    Emilie seufzte tief auf, wahrscheinlich in der Erinnerung an dieses
Verhältnis.
    »Ja, wärest du damals klug gewesen und hättest den jungen Menschen
festgehalten; damit wäre was zu machen gewesen. Aber ihr seid nicht pfiffig
genug, nicht gescheidt, nur hochmütig. Das habe ich vorhin wieder so klar und
deutlich gesehen. - Ja, ja, für eine treulos Verlassene möchtest du alle Tage
gelten, aber nicht für eine alte Jungfer. O Welt! o Welt!«
    Madame Wundel hatte sich so in den Eifer hineingesprochen, dass sie unmöglich
auf ihrem Stuhle ruhig sitzen bleiben konnte. Sie stand deshalb auf, machte ein
paar Gänge dutch's Zimmer und sagte dann, als ob sie froh wäre, etwas zu finden,
woran sie ihren Unmut auslassen könnte: »Werft mir die dummen Kartoffeln vom
Tisch und das fade Wasser! Da hast du den Schlüssel, hol' den Kuchen heraus, der
im Schranke steht, und ein paar Gläser.«
    »Und keinen Wein dazu?« fragte mürrisch die Tochter, indem sie sich zum
Abgehen anschickte.
    »Nein, du brauchst keinen Wein zu bringen; aber schüre das Feuer, damit wir
ein behagliches Zimmer bekommen. Ich habe jetzt dem unangenehmen Kerl zulieb
genug gefroren. Dann kannst du auch Wasser zum Kochen aufsetzen; die Madame
Becker wird nachher auf einen Augenblick kommen und Extrakt mitbringen, da
wollen wir uns einen ordentlichen Punsch machen.«
    »So - die kommt?« fragte Emilie mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck.
- »Und wollt ihr allein sein? - Ist man vielleicht im Wege oder kann man da
bleiben?«
    »Wie du so einfältig fragen kannst!« sagte die Mutter; »du kannst freilich
dableiben, aber es wäre mir nicht lieb, wenn unterdessen Louise - damit meinte
sie die jüngere Tochter - nach Hause käme.«
    »Da kannst du unbesorgt sein, die kommt heute nicht vor elf Uhr nach Haus;
die weiss doch noch irgendwo hinzugehen, wo sie sich amusiren kann.« - Damit
schritt sie zur Türe hinaus.
    Man hörte sie mit ihren Schlüsseln draussen rasseln, auch Gläser klirren,
dann schürte sie das Feuer im Ofen, der kurze Zeit darauf eine behagliche Wärme
ausströmte.
    Madame Wundel hatte unterdessen höchst eigenhändig die Kartoffeln in die
Küche hinaus geworfen, das Wasser entfernt und statt des groben Tischtuchs ein
feineres ausgebreitet, kurz dem ganzen Zimmer in weniger Zeit ein behagliches
Ansehen gegeben.
    Als nun vollends Emilie wieder herein kam, einen grossen mürben Kuchen auf
den Tisch stellte, etwas getrocknete Früchte und einige Gläser, da sah das Ganze
recht festlich aus, würdig des Besuchs, der erwartet wurde und den man auch bald
nachher die Treppen herauf kommen hörte.
    Madame Becker - sie war es - ging ziemlich langsam, denn das Treppensteigen
wurde ihr bei vorgerücktem Alter und ankommender Körperfülle etwas sauer. Sie
hustete schon auf dem zweiten Absatz der Treppe, auf dem dritten pustete sie
gewaltig, und als sie endlich vor der Wohnung der Madame Wundel ankam, brachte
sie nur mühsam einen guten Abend hervor und liess sich sogleich auf einen Stuhl
nieder, den man ihr hinstellte.
    »Aber Ihr wohnt recht hoch, Wundel,« sprach sie nach tiefem Atemholen und
nachdem sie sich eine Zeit lang umgeschaut. »Recht hoch, aber anständig -
saubere Zimmer.«
    »So, so,« entgegnete die Wittwe. »Man kann nicht Alles mit einander
verbinden; will man in unsern Verhältnissen im zweiten oder dritten Stock
wohnen, so muss man sich mit ein paar kleinen finstern Löchern ohne Aussicht und
Luft begnügen, und da ist's mir hier oben lieber.«
    »Das finde ich begreiflich,« erwiderte Madame Becker. »Ihr habt kein
Geschäft, es laufen nicht viele Leute zu Euch; aber ich muss nun leider einmal im
ersten Stock wohnen; wisst Ihr, man kann Manchem nicht zumuten, dass er viele
Treppen hinaufsteigt.«
    »Ah! das ist natürlich,« sagte Madame Wundel mit wichtiger Miene; »bei Eurer
ausgebreiteten Bekanntschaft. - Aber kommt, legt Euer Umschlagtuch ab; es muss
Euch ja zu warm werden -«
    »Ich habe nur einen Augenblick ausschnaufen wollen,« entgegnete Madame
Becker, während sie eine dicke Nadel aus ihrem Halstuch herauszog und dasselbe
nun der Fräulein Emilie Wundel überliess, die es sorgfältig auf einen Stuhl
legte. Nachdem diese Hülle gefallen war, erblickte man das freundliche Glänzen
einer Bouteille, welche die Frau in einer Hand trug. Unter dem Arm hatte sie ein
kleines Paketchen, das sie behielt, wogegen sie die Flasche der Wittwe mit einem
angenehmen Lächeln überreichte. »Er ist gut,« sagte sie, »ächter Düsseldorfer;
lasst uns nur nicht zu viel Wasser dazu nehmen; ich liebe einen starken Punsch.«
    Mit diesen Worten hatte sie sich so breit und behaglich wie möglich an den
Tisch gesetzt; sie stützte den Kopf auf die Hände und sah der Madame Wundel, die
sich ihr gegenüber niederliess, freundlich lächelnd in die Augen. Ihr Paketchen
hatte sie vor sich niedergelegt.
    »Wir haben uns lange nicht mehr gesehen,« fuhr sie nach einer Pause fort,
»und ich hatte mir schon oft vorgenommen, Euch einmal heimzusuchen, konnte aber
nie dazu kommen, und so dachte ich denn heute: es ist dies ein ruhiger stiller
Abend und recht geschickt, sich nach einer guten Freundin umzusehen.«
    »Wofür ich Euch sehr dankbar bin,« erwiderte Madame Wundel. »So ein
Weihnachtsabend ist recht langweilig und man weiss nicht, wie man ihn herum
bringen soll.«
    Emilie hatte das warme Wasser gebracht, goss es in die Gläser auf den
Punsch-Extrakt, worauf sich ein angenehmer Geruch in dem Zimmer verbreitete,
dann schnitt sie den Kuchen auf, reichte ihn herum und alle Drei assen, tranken
und waren fröhlich und guter Dinge.
    Nach einiger Zeit lehnte sich Madame Becker behaglich in ihren Stuhl zurück
und spielte, anscheinend absichtslos, mit dem Paketchen, das sie neben sich
hingelegt hatte. Es war dies ländlich, mit weissem Papier umwickelt und mit einer
roten Schnur zusammen geknüpft. Auf demselben stand eine Adresse mit einer
festen, regelmässigen Handschrift.
    »Einkäufe?« fragte die Wittwe, deren Neugierde erregt war.
    »O nein,« entgegnete die Andere, »es ist ein Geschenk für meine Nichte
Marie, die Tänzerin. Die bekommen so was immer anonym zugeschickt. Auf der
Strasse brachte es mir ein Bedienter, und da er mich erkannte, nahm ich es ihm
gleich ab.«
    »Also die Marie hat's noch nicht gesehen?« meinte Emilie.
    Madame Becker schüttelte gleichgiltig mit dem Kopfe. »Die sieht's morgen
Früh noch bald genug,« sagte sie, »wenn sie es überhaupt zu sehen bekommt; und
das hängt ganz von ihrer Aufführung ab.«
    »Und was ist wohl darin?« fragte Madame Wundel.
    Die Frau bog das Päckchen hin und her, und als sein Inhalt sich weich
anfühlte und biegen liess, antwortete sie: »Es werden Handschuhe sein. Doch
können wir das ganz genau erfahren: wir machen es einfach auf und sehen nach.«
    Damit löste sie die rote Schnur, machte das Papier aus einander, und Emilie
erblickte mit leuchtenden Augen wenigstens zwei Dutzend seine Pariser Handschuhe
von den verschiedensten Farben.
    »Ah! die sind schon!« sagte sie. »Die Marie ist doch ein glückliches
Mädchen, dass sie solche Sachen bekommt. - Ja, so eine Tänzerin!«
    »Sie sind wirklich hübsch,« meinte die Becker. »Gefallen sie Ihnen, Mamsell
Emilie?«
    »Wem sollen die nicht gefallen! - Und das ist gerade meine Grösse; siehst du,
Mutter, nicht ein Tüpfelchen länger und breiter könnte ich sie brauchen.«
    »So will ich Ihnen was sagen, tun Sie mir den Gefallen und nehmen ein
halbes Dutzend von diesen Handschuhen von mir zum Weihnachtsgeschenke an.«
    »Ah! das wäre zu viel, Madame Becker!« rief Emilie. »Hast du gehört, Mutter,
ich soll ein halbes Dutzend von diesen prächtigen Handschuhen haben. Wie mich
das glücklich macht! - Aber nein, ich kann's nicht annehmen, gewiss ich kann's
nicht annehmen; ich müsste mich schämen.«
    Madame Wundel, welche befürchtete, es könnte der noch nie da gewesene Fall
wirklich eintreten, dass ihre Tochter Emilie sich einmal schämen würde, etwas
anzunehmen, trat nun mit ihrer Autorität dazwischen und sprach mit Ruhe: »Wenn
die gute Frau Becker dir ein halbes Dutzend Handschuhe zum Geschenk machen will,
so wäre es von dir unschicklich, sie nicht dankbarlichst anzunehmen.«
    »Aber das ist zu viel, Mutter, - ein ganzes halbes Dutzend!«
    »Possen!« versetzte Madame Becker, die, wie der geneigte Leser wohl weiss,
ihre guten Gründe hatte, sich die Familie verbindlich zu machen. - »Possen!
nicht der Rede wert! - Hier sind sechs von allen Farben, und hier ist auch die
Emballage und die Schnur. - Mädchen bleiben immer kleine Kinder; man muss sie zu
Allem zwingen.« Damit wickelte sie lachend die sechs Handschuhe in das weisse
Papier, band noch zum Überfluss die rote Schnur darum und überreichte sie mit
einer graziös sein sollenden Handbewegung, wobei sie sagte: »Der Fräulein Emilie
zum Weihnachtsabend.«
    »Prächtig! prächtig!« lachte Madame Wundel. »Wie das die Frau Becker alles
zu machen versteht! - Ja, ja! man sieht gleich, dass Ihr vornehme Bekanntschaften
habt und viel mit guter Gesellschaft umgeht.«
    Die Andere schloss affektirt ihre Augen, zuckte gewaltig die Achseln und
erwiderte mit einem tiefen Seufzer: »Ach ja, es ist wahr, ich sehe viel vornehme
Herren und es tut Einem wohl, wenn man so von den respektablen reichen Leuten
geachtet wird wie ich. Aber man hat viel mit ihnen durchzumachen, o
erschrecklich viel!«
    Emilie hatte sich entfernt, um ihre Handschuhe aufzuheben, und da sie
vorderhand Punsch und Kuchen genug erhalten, so blieb sie im Nebenzimmer,
vielleicht auch bloss aus Taktgefühl, indem sie sich wohl denken mochte, dass die
beiden Frauen etwas zusammen zu sprechen haben könnten, wobei ihre Gegenwart
überflüssig sei.
    Madame Becker hatte auch diesen Augenblick benutzt, um die eben gehörten
Klagen loszulassen. - »Ja schrecklich viel!« wiederholte sie jetzt.
    »S-o-o?« fragte Madame Wundel. »Aber Ihr seid doch die Frau dazu, allen
Anforderungen zu entsprechen.«
    »O nicht immer, nicht immer. Ich stehe so allein in der Welt und habe
Niemand, dem ich mich so recht anvertrauen kann, was ich zuweilen tun würde.«
    »Seht Ihr, wie Unrecht es von Euch ist,« sagte die Wundel mit einem Anflug
von Rührung, »dass Ihr so wenig zu mir kommt. Haben wir nicht immer vortrefflich
zu einander gepasst, und haben wir uns nicht manchen guten Rat gegenseitig
gegeben?«
    »Ja, das ist wahr, Wundel,« erwiderte die Andere, »und als ich heute so über
Manches nachdachte, und zu mir selber sprach: mit wem könntest du wohl Dieses
oder Jenes überlegen? da standet Ihr auf einmal vor mir, ja ich sah Euch
leibhaftig und es rief ordentlich: du hast ja die Wundel, die alte treue Seele!
- Die Wundel, die immer offen und brav gegen dich war und die du schon als Kind
gekannt. - Wisst Ihr noch, wie wir damals zusammen getanzt? - Ach Gott! wenn ich
an die Zeit denke, so wird es mir ganz traurig zu Mut. - Und darauf kamen wir
so weit auseinander, Ihr heiratetet den seligen Wundel und ich meinen seligen
Becker, und Ihr wisst wohl, dass die Beiden sich nie leiden konnten. - Du lieber
Gott! ich will es euch nur gestehen, der Wundel machte mir einmal ein wenig die
Cour und da wurde der gute Becker eifersüchtig. - Nun, so sind einmal die
Mannsbilder! Aber es waren Beide ein paar brave Narren, und Gott weiss, wie es
mich immer noch betrübt, dass sie dahin sind.«
    Auch Madame Wundel schien dies nachträglich noch sehr zu betrüben, denn als
sie sah, dass die Becker sich ihre Wangen wischte, bemühte auch sie sich unter
Beihilfe des starken Punsches ein paar Tränen ihren trockenen Augen zu
entpressen.
    »Also an Euch dachte ich,« fuhr die Andere fort, nachdem sich die Rührung
gelegt, »und sagte zu mir: noch heute gehst du dahin und fragst bei der
rechtschaffenen Wundel an, ob sie auch noch was von der früheren Freundschaft
gegen dich im Busen fühlt.«
    »Gewiss, Beckere,« entgegnete die Wundel mit einem unverkennbaren Schluchzen.
    »Wirklich, Wundel, nun das freut mich.«
    »Ich habe so oft an Euch gedacht.«
    »Und ich erst!«
    »In alter Freundschaft.«
    dabei erhoben die Weiber ihre frisch aufgefüllten Gläser, stiessen auf ein
gegenseitiges Wohl an und tranken darauf den warmen Punsch mit solcher
Standhaftigkeit, dass ihre Köpfe ganz rot davon wurden.
    »Ja, ja,« sagte die Becker nach einigem Stillschweigen, »es kommen mir oft
Sachen vor, bei denen ich den Rat einer verständigen und gescheidten Frau
brauchen könnte.«
    »So lasst mich zum Beispiel hören,« sprach Madame Wundel mit vieler
Bescheidenheit.
    »Ich habe da gerade eine Sache im Kopfe, die Euch aber nicht interessiren
kann, da Ihr die Personen nicht kennt; aber die Verhältnisse könnte ich Euch
mitteilen.«
    »So lasst hören.«
    »Da ist ein gewisser Staiger, - ich glaube so eine Art von Literat. - Aber
was macht Ihr für ein sonderbares Gesicht?«
    »Ah! den kenne ich ja!«
    »Den kennt Ihr?« rief Madame Becker mit einem erkünstelten, aber gut
gemachten Erstaunen. - »Ihr kennt den Staiger? - Nun, dann hat die Sache
doppeltes Interesse für Euch. - Na, seht, das freut mich!«
    »Er wohnt ja mir gerade gegenüber auf demselben Boden.«
    »Das trifft sich prächtig! - Ist die Möglichkeit! - Da kennt Ihr auch wohl
seine Tochter?«
    »Die Tänzerin? - Puh!«
    »Wie so puh?«
    »Ein Fratz, ein hochmütiger Aff!«
    »Was der Tausend! - Das müsst Ihr mir später näher erzählen. - Hat sie
Liebschaften?«
    »Bis vor Kurzem gar nichts dergleichen.«
    »Und jetzt -?« fragte die Becker besorgt.
    »Seit einiger Zeit,« erwiderte Madame Wundel, »zeigt sich hie und da so was
im Haus, ein junger Mensch, recht gut aussehend, - er hat freilich mit dem Alten
Geschäfte, aber uns macht man nichts weiss; wir kennen das.«
    »Ja, wir kennen das,« sagte die Andere nachdenkend. - »Und wer ist der junge
Mensch?«
    »Seinen Namen weiss ich nicht, aber auf alle Fälle was Reiches oder
Vornehmes.«
    »Wohl ein Offizier?«
    »Das glaube ich nicht; nein, nein! auf alle Fälle Civilist. Oft fährt er in
einer Droschke an.«
    »Und das Mädel?«
    »Ich weiss nicht, wie weit sie was mit ihm hat. Wisst Ihr, ich komme mit den
Leuten selten in Berührung; die Clara kommt wohl zuweilen herüber -«
    »So, sie kommt zuweilen?« fragte die Becker aufmerksam.
    »Freilich; aber ich spreche natürlicherweise nie mit ihr etwas dergleichen,
bekümmere mich auch um die ganze Wirtschaft nicht, meine Emilie aber - für die
Mädchen ist so was interessant - hat ein paarmal scharf aufgepasst und sie an der
Treppe gesehen, wie sie Abschied nahmen.«
    »Nun?«
    »Und dabei bemerkt, dass etwas im Spiele ist.«
    »Und ging das Abschiednehmen recht innig vor sich?«
    »Das nun gerade nicht; ein einziges Mal habe er sie auf die Stirne geküsst,
und da habe sie sich losgerissen und sei hastig in's Zimmer zurückgeeilt.
Gewöhnlich blieb es beim Küssen der Hände.«
    »Ei, sie sind noch am Händeküssen,« sagte bedenklich Madame Becker. »Das ist
mir nicht lieb, da hält sie ihn gewaltig in Respekt und hat tiefe Absichten.«
    »Ja, die hat freilich Absichten. - Wie ich Euch schon sagte, ein
hochmütiger Fratz. Ich glaube, wenn der ein Prinz die Cour machte, so bildete
sie sich ein, er würde sie heiraten.«
    »Das tun die meisten,« versetzte lächelnd Madame Becker. »Ich versichere
Euch, die Hoffnung, mit der so ein Mädchen erfüllt ist, und die
Leichtgläubigkeit, mit der sie in ihrer Einbildung die unüberwindlichsten
Hindernisse wegräumt, das ist ganz erstaunlich. - - Aber Ihr wisst nicht, wer
dieser junge Mensch ist?«
    »Nein, ich kann's nicht sagen; Emilie meint, es sei ein Künstler, wisst Ihr,
kein so armer Schlucker, sondern was Ordentliches.«
    »Das Mädchen ist schön?«
    »Das kann man nicht leugnen.«
    »Und nachsagen kann man ihr eigentlich auch nichts?«
    »Bis jetzt nicht das Geringste.«
    »Schlimm! schlimm!« seufzte Madame Becker und versank in tiefes Nachdenken,
während sie, unhörbar für die Andere, zu sich selber sprach: »Die Kommission
soll der Teufel holen. - Aber ich habe es mir gleich gedacht, bin ja schon ein
paarmal tüchtig bei dem Mädel angelaufen, und jetzt, wo sie eine kleine
Liebschaft angefangen hat, eine Liebschaft, welche die schlaue Teaterprinzess
recht ausbeuten zu wollen scheint, da ist nichts zu machen. - Schlimm! schlimm!
- Würde mir auch wahrhaftig kein graues Haar darüber wachsen lassen, wenn nicht
das verfluchte Siegel auf dem Brief gestanden wäre: vor ihm muss ich mich in Acht
nehmen. - Aber ich sehe da keine Möglichkeit.«
    Während Madame Becker so gedankenvoll dasass, hatte sich die Andere mit einem
neuen Glase Punsch gestärkt und auch das ihres Gastes wieder angefüllt und
diesem hingeschoben. - »Na, Beckere,« sagte sie dabei, »was hat Sie denn auf dem
Herzen? - Warum so verschlossen? - bin denn ich nicht Eure gute Freundin? Wenn
Euch was quält, sagt mir's doch; vielleicht weiss ich irgend eine Hilfe.«
    Madame Becker schüttelte den Kopf und sprach, indem sie nach einem tiefen
Seufzer das Punschglas ausschlürfte: »Sieht Sie, Wundel, das betrifft eine von
meinen geheimnisvollen Geschichten, das ist was aus vornehmer Gesellschaft, eine
der schwierigen Kommissionen, mit denen ich arme Frau immer geplagt bin. Und
dazu gehört Verstand, sehr viel Verstand; und auch der hilft zuweilen nichts.«
    »Ja, wenn der Verstand allein helfen würde,« sprach die Wittwe mit einer
untertänigen und ehrerbietigen Miene, »da würde es Euch niemals fehlen, davon
bin ich überzeugt. Gewiss, ich bewundere Euch oft, wie Ihr alle die Geschichten
so allein ausmachen könnt.«
    »Uebung,« erwiderte Madame Becker, augenscheinlich von diesem Lobe
geschmeichelt - »Uebung und ein wenig Umsicht. Aber hier habe ich eine
Geschichte, bei der hilft alles das nicht.« - Sie seufzte abermals tief auf.
    »Nun, so lasst mich's hören; eine unbedeutende Person, wie ich bin, weiss auch
zuweilen Rat!« schmeichelte die Wundel, welche sehr neugierig auf die
Geschichte war.
    Da nun auch der Punsch die Zunge der anderen würdigen Frau sehr gelöst
hatte, so erzählte sie denn, was der geneigte Leser bereits weiss, von einem
Brief, den sie erhalten von Jemand, der die Bekanntschaft der Tänzerin machen
wollte. Natürlicherweise nannte sie keinen Namen. - »Man ist dergleichen
törichte Wünsche von den jungen Herren schon gewöhnt,« fuhr sie fort, »und wenn
es nicht geht, so schüttelt man kein Ohr darnach. Aber hier ist ein besonderer
Fall, ich habe meine dringenden Gründe, Allem aufzubieten, um jenem Herrn
gefällig sein zu können. - Da habt Ihr die ganze Sache! Ihr kennt nun besser als
ich die Jungfer Klara, und könnt selbst beurteilen, dass da nichts zu machen
ist, und ich wohl Ursache habe, verdriesslich zu sein. - Schade! schade! es wäre
ein so schönes Geschäft geworden.«
    »Wirklich ein schönes Geschäft?« fuhr Madame Wundel, indem sie sich so weit
als möglich über den Tisch hinüber zu ihrer Freundin beugte. »Also wäre was
Tüchtiges dabei zu verdienen gewesen?«
    Madame Becker schnalzte statt aller Antwort mit der Zunge und blickte
nachdenkend an die Zimmerdecke.
    »Ja, ja,« fuhr nun Madame Wundel eifrig fort, »zu überreden ist die da
drüben nicht; ich bin überzeugt, wenn man nur ein Wort von so was spräche, sie
käme ausser sich.«
    »Das weiss ich.«
    »Und jetzt, wo sie die dumme Liebschaft angefangen hat, ist gar nichts zu
machen; wenn man die beiden nur auseinander bringen könnte! Sollte man ihn nicht
vielleicht eifersüchtig machen?«
    Die Andere zuckte mit den Achseln. »Das erfordert viel Zeit,« sagte sie,
»und nutzt am Ende doch nichts. - Schade! schade! da wären für jeden Helfer ein
paar Karolin herausgesprungen.«
    »Für jeden Helfer?« fragte gierig Madame Wundel. »Aber könnte man mit List
nichts anfangen?«
    »Wie so mit List?«
    »Nun, ich spekulirte zum Beispiel einmal aus, wenn drüben Alles fortgegangen
und sie allein zu Hause ist, was zuweilen vorkommt.«
    »Und dann?«
    »Dann benachrichtigt man ihn davon, und er soll sein Glück versuchen. Am
Ende kann man doch mit so einem Mädel fertig werden.«
    »Geht nicht!« erwiderte die Becker kopfschüttelnd. »Dazu ist jener Herr zu
anständig, wisst Ihr, auch zu vornehm. - Und dann, wie könnte man hier so was
riskiren. - Ja, wenn ich sie in meiner Kaserne hätte,« fuhr sie lächelnd fort,
»rechts und links, oben und unten leere Zimmer, und wo man schon gewöhnt ist,
auf ein bisschen Geschrei nicht zu achten, da ginge so was. - Aber hier; wo denkt
Ihr hin?«
    »Und zu Euch lässt sich die nicht hinlocken?«
    »Eher zum Teufel! - Nein, ich gebe die ganze Sache dran; man kann sich da
auch garstig die Finger verbrennen.«
    »Aber der Gewinn!« sagte seufzend Madame Wundel.
    »Ich hätte gern was für Euch herausgeschlagen, und da wäre es, wie schon
gesagt, auf ein paar Karolin nicht angekommen.«
    Madame Wundel versank in tiefes Nachsinnen, während sich die Andere ein
Stück Kuchen herunter schnitt und langsam verzehrte. dabei sahen die Züge der
Hauswirtin nachdenkend und finster aus, und sie fuhr sich zuweilen mit der Hand
über die Stirne, woraus man wohl entnehmen konnte, dass sie ihren Kopf
abmarterte, um einen Weg zu den verheissenen Goldstücken zu finden.
    Nachdem die Weiber so einige Minuten lang stumm einander gegenüber gesessen
hatten, schienen die tiefen Betrachtungen der Wundel von einem Erfolge gekrönt
zu werden; ihre Augenbrauen hoben sich in die Höhe, ihr Mund zog sich in die
Breite, endlich patschte sie mit der Hand schwer auf den Tisch, so dass ihr
Gegenüber erschrocken auffuhr, und sagte mit triumphirendem Tone: »Beckere, ich
hab's! Seht Ihr, es war doch klug, dass Ihr Euch an mich gewendet habt.«
    »Nun, was habt Ihr denn?« fragte erstaunt die Andere.
    »Ich unternehme die Geschichte.«
    »Wie so?«
    »Ich unternehme sie ganz allein; ich liefere Euch das Mädel, wohin Ihr sie
haben wollt.«
    »Ah! geht mir weg, Wundel! Ich glaube, der Punsch war zu stark. - Macht doch
keine Flausen.«
    »Nichts von Flausen; wollt Ihr mir freie Hand lassen und - denn das versteht
sich ganz von selbst, - etwas Ordentliches vom Profit versprechen?«
    »Aber so sagt mir erst -«
    »Sagen kann ich nichts,« entgegnete die Andere, indem sie sich die Hände
rieb; »mir ist auf einmal ein Licht aufgegangen, und so kann es gehen. Wie
gesagt, seid froh, dass Ihr zu mir gekommen. Mir ist der Weg, den wir einschlagen
müssen, jetzt ganz klar. Wisst Ihr, wenn man so lange in einem Hause zusammen
wohnt, wie ich und die Staiger's, da lernt man sich genau kennen; und wenn es
Einem auch nicht gleich einfällt, mit ein bisschen Nachdenken kommt man doch
schon an einen Haken, wo man anbandeln kann. - Aber,« fügte sie mit
emporgezogenen Augenbrauen hinzu, »etwas Geld brauche ich. Ihr sollt zu Eurem
Zweck kommen, müsst aber nicht knickerig sein.«
    »Wenn ich zu meinem Zweck komme,« entgegnete Madame Becker nicht ohne einen
Anflug von Misstrauen, »so kommt es mir auf ein paar Taler mehr oder weniger
nicht an. Aber Ihr solltet mir doch sagen, wie Ihr das anstellen wollt; ich bin
auch in der Praxis ziemlich bewandert, aber im vorliegenden Fall geht mir der
Faden aus.«
    »Ihr traut mir nicht recht,« bemerkte lächelnd Madame Wundel, die den
forschenden Blick ihrer Freundin wohl verstanden. - »Aber was habt Ihr dabei zu
riskiren? Höchstens ein paar lumpige Taler, die ich zur Einleitung des
Geschäfts brauche; die Hauptsache zahlt Ihr mir, wenn Alles vorüber ist.«
    »Das lässt sich allenfalls hören.«
    »Und wie viel bekomme ich alsdann später?«
    »Nun, was meint Ihr zu zwei Karolin, wie ich vorhin sagte?«
    »Und vorher ein paar Taler, die ich notwendig brauche.«
    »Meinetwegen auch. - Und wie viel denn?«
    »Nun, ich denke vier Taler, die ich aber dann sogleich brauche, damit ich
morgen an's Geschäft gehen kann.«
    »Ihr seid ein merkwürdiges Weib,« sprach vergnügt lächelnd Madame Becker;
»wenn Ihr haltet, was Ihr versprecht, so habe ich eine grosse Achtung vor Euch. -
Aber seht Euch vor, dass Ihr in keine Ungelegenheit kommt; und etwas bitte ich
mir aus: mein Name darf nicht genannt werden, denn wisst Ihr, wenn ich eine Sache
nicht selbst in der Hand behalte, so kann ich auch nicht dafür einstehen.«
    »Das versteht sich; seid unbesorgt. Unser Vertrag ist ganz einfach; ich
bekomme heute die vier Taler, ich lasse Euch in einigen Tagen sagen: Alles ist
fertig, Ihr könnt um die und die Stunde den Wagen schicken, Ihr tut so, ich
besorge sie hinein, und dann hat er nach Eurer Anweisung zu fahren, wohin er
soll. Läuft Alles glücklich ab, so erhalte ich am andern Tag meine zwei Karolin.
- Ist's so recht?«
    »Dagegen kann ich nichts einwenden,« erwiderte Madame Becker. »Und damit Ihr
seht, wie bereitwillig ich bin, den Kontrakt einzugehen, so habt ihr hier die
vier Taler.«
    Sie zog bei diesen Worten eine kleine Börse aus der Tasche und legte das
Geld in vier Stücken hin, welche Madame Wundel vorher genau auf beiden Seiten
besah, ehe sie dieselben still lächelnd in ihre Tasche steckte.
    Hiermit nahm die Unterredung ein plötzliches Ende, denn erstens war die
Sache abgemacht, und zweitens kam Emilie, vor welcher Madame Becker überhaupt
nicht gerne mit der Sprache heraus gegangen wäre, wieder aus dem Nebenzimmer
zurück. Da es auch mittlerweile spät geworden war und sie ihren Zweck erreicht
zu haben glaubte, so affektirte sie etwas Müdigkeit und stand nach einigem
vergeblichen Nötigen der Hauswirtin, doch noch dableiben zu wollen, mit einem
unterdrückten Gähnen auf und versicherte, es sei endlich Zeit, dass sie nach
ihrem Hauswesen sehe. - »Marie wird von einer Bekannten, bei der sie den Abend
zugebracht, schon lange nach Haus zurückgekehrt sein und nicht wissen, wo ich
eigentlich bleibe.« - - Da sie nun auf keine Weise zu bestimmen war, noch länger
in der, wie sie sagte, so angenehmen Gesellschaft ihrer guten Freundin zu
verharren, so wickelte sie die noch übrigen Handschuhe in ein Stück Druckpapier
ein, das auf dem Tische lag; Emilie Wundel zündete ein Licht an und begleitete
den Gast bis auf die untere Treppe, wo beide von einander einen recht
freundlichen Abschied nahmen.
    Madame Wundel hatte die vier Geldstücke wieder aus ihrer Tasche heraus
genommen, sie vor sich hingelegt und mit einem triumphirenden Lächeln angesehen.
Sie wollte augenscheinlich ihre Tochter damit überraschen, denn sie war eine
gute Mutter, die mit ihren Kindern so weit als möglich Alles gemeinschaftlich
genoss und namentlich vor ihrer Aeltesten keine Geheimnisse hatte. Desshalb zeigte
sie auch, als Emilie wieder in's Zimmer trat, freundlich lachend auf die vier
Talerstücke, indem sie sagte: »Nun, was meinst du dazu? - Verstehe ich es,
Jemand was auszupressen? - He!«
    »Und das hast du von der Becker?« fragte verwundert die Tochter. »Was der
heute überfahren ist, begreife ich nicht; geht da her und schenkt mir ein halbes
Dutzend neue Handschuhe. Ist dir je so was vorgekommen?«
    »Und mir vier Taler!«
    »Auch geschenkt?«
    »Eigentlich nicht: ich will sie redlich verdienen.«
    Emilie sah ihre Mutter fragend an.
    »Schliess' die Türe,« fuhr diese fort, »und setze dich daher; ich will dir
was mitteilen, aber natürlicherweise halte mir reinen Mund, das ist ein
Geheimnis; sprich auch mit der Louise nicht darüber.«
    »Mit der am allerwenigsten,« antwortete Emilie mit geringschätzender Miene.
Damit schloss sie die Türe und setzte sich zu ihrer Mutter hin, welche sich noch
ein neues Glas Punsch gemacht hatte und als eine ökonomische Frau den, welchen
Madame Becker hatte stehen lassen, in das Glas ihrer Tochter goss.
    »Apropos!« sagte sie darauf, während sie ihre Hände behaglich über einander
legte, »du kennst doch von den Mädchen der Putzmacherin an der Ecke der
Kastellstrasse die hübsche schlanke mit dem dunklen Haar? - Sie ist meistens im
Laden. Weisst du?«
    »Ach ja, ich erinnere mich.«
    »Wenn du die siehst, fällt dir da nichts ein?«
    »Was soll mir da einfallen?« erwiderte Emilie nachdenkend.
    »Nun ich meine, erinnert sie dich mit ihrer Figur und ihrem Gesicht nicht an
Jemand? - Besinne dich, es ist mir das von grosser Wichtigkeit.«
    »O, da brauche ich mich nicht lange zu besinnen,« sagte die Tochter, die
einigermassen verwundert war über die seltsamen Fragen ihrer Mutter; »die gleicht
der Clara Staiger, und das auf merkwürdige Art.«
    »Nicht wahr?« rief Madame Wundel. »Sind die beiden nicht zum Verwechseln?«
    »Gewiss, für Jemand, der sie nicht ganz genau kennt,« erwiderte Emilie. -
»Aber was willst du damit?«
    »Nun, ich will die Beiden auch verwechseln,« entgegnete lachend die Mutter.
Worauf sie ihrer Tochter mit kurzen Worten die Verlegenheit aus einander setzte,
in welcher sich ihre würdige Freundin, die Madame Becker, befand. »Dass nun,«
sagte sie schliesslich, »mit dem hochmütigen Fratz da drüben nichts zu machen
ist, das weisst du so gut wie ich. - Aber zwei Karolin sind auch kein Spass, und
obendrein setze ich mich bei der Becker in grossen Respekt und kann noch öfters
ein Geschäft mit ihr machen.«
    »Vielleicht können wir noch öfters mit ihr Geschäfte machen,« versetzte
nachdenkend die Tochter.
    »Nun, siehst du also,« fuhr Madame Wundel fort, »die Putzmacherin kenne ich;
die ist zu Allem bereit; ich teile ihr so viel mit, als sie zu wissen braucht,
natürlicherweise nicht, dass sie für eine Andere gilt. Man lässt sie an dem
bezeichneten Abend hieher kommen, und von unserer Haustüre fährt sie weg. Wenn
es möglich wäre, dass man unter irgend einem Vorwand von der Clara da drüben ihr
Umschlagtuch für den Abend entlehnen könnte, so wäre es ausserordentlich gut.«
    »Das lässt sich wohl machen; wir müssen die Louise hinüber schicken, der tut
sie schon was zu Gefallen.«
    »Dann schärft man ihr ein, dass sie dicht verschleiert bleibt und ein
ziemlich dunkles Zimmer verlangt, dann kann sie sich entschleiern, soll aber
nicht viel sprechen.«
    »Und du glaubst, dass das gelingen wird?«
    »Gewiss! Er kennt sie wahrscheinlich nicht genau; und dann die Überraschung,
die Freude, was weiss ich Alles? Ich glaube nicht, dass man was merkt. Und wenn er
auch am andern Tage Verdacht schöpft und Nachforschungen hält, so helfen wir uns
durch, so gut wir können und bleiben steif und fest dabei, es sei die Clara
gewesen. Dann soll die Becker sehen, wie sie mit ihm zurecht kommt.«
    »Und mich sollte es obendrein noch freuen,« sprach boshaft die Tochter,
»wenn es der naseweise junge Mensch später erführe, und sie in ein recht
schlechtes Licht bei ihm käme. Das geschähe ihr schon recht, dem hochmütigen
Affen, der aufgeblasenen Teaterprinzess!« -
 
                           Einundfünfzigstes Kapitel.
                               Eine Bescheerung.
Während solchergestalt in der Wohnung der Madame Wundel über Clara Staiger
verhandelt wurde, ging diese zu gleicher Zeit in ihrem Wohnzimmer unruhig auf
und ab. Bald eilte sie in die Nebenstube, wo ihr Vater seinen ganzen Reichtum
an Geschichten den Kindern schon mehrere Male erzählt hatte, und wo nur die
höchst merkwürdigen Schicksale des Däumlings, sowie die Liebe zu Herrn Artur,
auf welchen man immer noch wartete, im Stande waren, die schlaftrunkenen Augen
des Bübchens offen zu halten. Auch Marie wischte sich häufig die Augen, legte
ihr Köpfchen öfters an die Brust des Vaters und fuhr nicht selten aus einem
leichten Schlummer in die Höhe, wenn dieser im Laufe seiner Erzählung stärker
sprach und zum Beispiel sagte: »Seht ihr Kinder, so ist es dem Däumling
ergangen.«
    Die Tänzerin trat häufig an das Fenster, blickte auf die Strasse hinaus und
legte mehrmals ihre heisse Stirne an die kalten Scheiben.
    Draussen jagten Schneeflocken und Regen, vom Winde gepeitscht, vorüber, und
am Himmel schwammen dichte Wolken in wilden phantastischen und zerrissenen
Formen. Man konnte sie nun sehen, da der Mond hinter ihnen aufgestiegen war und
sie mit seinem vollen Lichte beschien. Dies Licht und die schwarzen Wolken
kämpften auf diese Art miteinander; bald war der weisse Schein Sieger und
überstrahlte für Augenblicke freundlich die nassen tropfenden Dächer und glänzte
auf den Wetterfahnen, die jetzt ein paar Sekunden fast ruhig standen und nur
leicht hin und her wankten, um gleich darauf wieder kreischend herum zu fahren,
wenn neue Windstösse daher fuhren und mächtigere, schwärzere Wolken vom Horizont
herauf führten, die das weisse Mondlicht auszulöschen schienen und schwarze
drohende Schatten auf die noch einen Augenblick vorher so klar beschienenen
Strassen warfen.
    Ringsum war Alles stille; nach der Lust des heutigen Abends hatten sich die
meisten Nachbarn frühe zu Bette begeben; nur hie und da war noch ein Fenster
beleuchtet, nur hie und da hörte man noch ein Geräusch, - vielleicht das
entfernte Rollen eines Wagens, den Fusstritt eines einsamen Wanderers oder die
schallenden Hammerschläge eines Schusters in der Mansarde gegenüber, der noch
mit seinen Stiefeln für den morgenden Festtag im Rückstande war.
    In Claras Herzen sah es finster und betrübt aus, wie draussen in der
stürmischen Nacht, und wenn auch zuweilen, wie dort ein hervorbrechender
Mondstrahl die dunkeln Häuser, ein freundlicher Gedanke ihr Inneres erhellte,
wenn sie sich sagte: er kommt gewiss noch, es war ihm unmöglich, früher seine
Gesellschaft zu verlassen, so zerfloss doch gleich darauf wieder dieser schwache
Trost, indem sie dachte: nein, nein, erdenkt nicht an dich; er hätte lange da
sein können, aber es gefällt ihm, wo er ist, und wenn er auch noch auf einen
Augenblick kommt, so tut er es nur, um der armen Tänzerin noch einen
unbedeutenden Brocken seiner Gunst hinzuwerfen, - die ja glückselig sein wird,
dass er überhaupt nicht ganz ausbleibt.
    Und das war ja die Wahrheit; sie konnte sich das nicht verhehlen, und wenn
sie die Hände auch noch so fest auf das schmerzlich klopfende Herz drückte, so
sprach doch hier der einzige Schlag von ihm und wagte es, ihrem weiblichen
Stolze gegenüber zu flüstern: ja, wenn er auch nur noch für einen Augenblick
kommt, und selbst dann erst, wenn er draussen vom Vergnügen gesättigt ist, so
will ich glückselig sein und jubeln über die kleine Minute, die mir ihn zu sehen
noch vergönnt ist. - So innig liebte ihn das Mädchen, dass sie dergleichen
dachte, obgleich es fast ihr Herz brach, dass sie nur in der Welt sein sollte, um
für ihn am Ende aller anderen Dinge zu kommen. Und sie weinte im Stillen heisse
Tränen, dass es ihr nicht einmal erlaubt war, ihn fragen zu dürfen: »Warum
kommst du so spät, warum nicht frühe, wie du es versprochen?«
    
    Der heilige festliche Weihnachtsabend, auf den sie sich so sehr gefreut, und
zu dem sie zum ersten Mal seit Jahren so schöne glänzende Vorbereitungen
getroffen, war dahin geschwunden, traurig und betrübt. Da standen die
Weihnachtsbäume noch unangezündet, die Liebesgaben noch mit weissen Tüchern
bedeckt, und während schon alle anderen Kinder nach gehabter Lust in ihren
Bettchen lagen, während deren Wangen glühten von den süssen Träumen über den
vergangenen festlichen Abend, sahen ihre armen kleinen Geschwister draussen im
halbdunkeln Vorzimmer; sie warteten wohl noch auf die verheissene Freude, aber
sie sehnten sich nicht mehr darnach, denn der Schlaf stumpfte ihre Gefühle ab,
und dazu froren sie auch ein wenig. - Ja sie froren, denn Clara, deren Inneres
glühte, die aufmerksam lauschte auf das Schlagen der Turmuhren, und die jede
neue Viertelstunde mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer begrüsste, Clara, die
sonst so sorgsame Schwester, hatte seit der letzten halben Stunde nicht mehr
nach dem Feuer gesehen; das Holz im Ofen war zusammengefallen, der weisse
Aschenhaufen barg wohl noch in der Tiefe einige glühende Kohlen, aber oben an
etlichen halb verbrannten Holzstücken eilten geschäftige Fünkchen hin und her,
als wollten sie so bald als möglich eine Stelle verlassen, wo sie so schlecht
gepflegt würden.
    Dass unter solchen Umständen das vortreffliche Nachtessen kalt wurde, ist
leicht begreiflich. Wie hatte sich der alte Mann so auf die Kartoffeln und den
Kalbsbraten gefreut! Jetzt dampften jene schon lange nicht mehr, die Sauce zu
letzterem war seit geraumer Zeit geronnen, und Herr Staiger, selbst fröstelnd,
sass noch immer im Nebenzimmer und erzählte ruhig und geduldig die Heldentaten
des Däumlings.
    Clara hatte sich an das Fenster gesetzt, legte die Hände in den Schoss und
blickte tief atmend auf das Licht vor ihr, das unterdessen herab brannte, wobei
der Docht eine grosse schwarze Kohle bildete, um welche die rote Flamme
ängstlich und wie ersterbend flackerte.
    Da erklangen draussen auf dem Pflaster eilfertige Schritte, die sich dem
Hause näherten. - Clara horchte auf, - ja, das konnte er sein, jetzt musste er
die Haustüre erreicht haben. - Richtig! sie vernahm jetzt die Schritte vom
Hausgange her, und sie drangen nun statt von der Strasse durch das Treppenhaus,
aber etwas gedämpfter herauf.
    Es war in der Tat Artur, dem es, wie wir wissen, erst gegen zehn Uhr
möglich geworden war, das elterliche Haus zu verlassen; einen Wagen hatte er
nicht mehr auf der Strasse gefunden, und so brauchte er noch geraume Zeit, bis er
die Balkenstrasse erreicht hatte. Man kann sich denken, dass er eilfertig in's
Haus hinein sprang; doch hatte er hiebei fast das Unglück, eine Frau umzurennen,
die ihm unten entgegen kam. Dies war beinahe unter der Haustüre, und da sich an
der anderen Seite der Strasse eine Gaslaterne befand, deren voller Schein herüber
fiel, so war es dem jungen Manne möglich, das Gesicht der ihm Begegnenden zu
sehen, während das seinige im tiefen Schatten blieb.
    Mit einem höflichen: »Verzeihen Sie!« drückte er sich an die Wand und liess
die Frau vorbei, worauf er etwas langsam die Treppen hinauf stieg. Das Gesicht
der Frau, welche ihm so eben begegnet, hatte er schon irgendwo gesehen. - Aber
wo? - Das Gedächtnis eines guten Malers ist scharf, und bald hatte er sich in
dem Chaos von tausenderlei Zügen, die seiner Phantasie vorschwebten, zurecht
gefunden. - »Richtig!« sprach er zu sich selber, »das war jene Frau in der
Kaserne, welcher ich den Brief des Grafen Fohrbach gebracht. - Wie hiess sie
doch? - Nun, - ah! - Madame - Madame - ah! Madame Becker!«
    Clara hatte droben noch einen Augenblick gelauscht, und sobald sie die
Tritte des jungen Mannes erkannt, wischte sie die Tränen aus den Augen und ging
eilig in's Vorzimmer, um zu verkündigen, Herr Artur komme. Bei Marie brachte
diese Nachricht schon eine gehörige Wirkung hervor, sie rieb sich einige Male
die Augen, gähnte auch gelinde, dann aber schlug sie in die Hände und rief: »So
kriegen wir doch jetzt endlich bescheert!« - Das Bübchen dagegen war nicht so
leicht zum Bewusstsein zu bringen, und als es der Papa auf seine Füsse stellte,
wäre es umgeplumpst, wenn Clara es nicht noch zur rechten Zeit aufgegriffen
hätte.
    In diesem Augenblicke trat Artur in das Zimmer und blieb überrascht an der
Türe stehen, als er die ganze Familie hier im halb dunkeln und fast ganz kalten
Zimmer bei einander fand. Er hatte geglaubt, ja gehofft, Vater und Tochter
würden behaglich in der warmen Stube um den Tisch sitzen, Clara mit freundlichem
Lächeln ihm einen Stuhl näher rücken und er nun mit ihr noch eine kleine Stunde
süss verplaudern können.
    Das Bübchen hatte sich unterdessen ermuntert, und den Einflüsterungen seiner
kleinen Schwester war es gelungen, es daran zu erinnern, dass es Weihnachtsabend
sei, und dass jetzt die Bescheerung vor sich gehen könne, nachdem Herr Artur
gekommen.
    »Aber du bist recht lange ausgeblieben,« sagte hierauf Karl; »wir haben
gewiss fünfzig Stunden auf dich gewartet.«
    »Sie haben auf mich gewartet?« fragte fast erschrocken der Maler. - »Wie?
Herr Staiger, - auf mich mit der Weihnachtsbescheerung?«
    »Ja, wir dachten, es sollte Ihnen Freude machen,« entgegnete gutmütig der
alte Mann.
    »Aber es ist ja schon so spät.«
    »Ja, es ist schon spät,« sagte Clara mit leiser Stimme.
    »Und wir dachten jeden Augenblick, du solltest kommen,« warf das Bübchen
ein.
    »Das schmerzt mich ordentlich!« rief Artur. »Es ist jetzt zehn Uhr, und ihr
habt Alle, auch die armen Kinder, auf mich gewartet?«
    »In der Tat glaubten wir, es wäre Ihnen vielleicht möglich, früher zu
kommen,« meinte der alte Mann.
    »O, ich konnte nicht,« erwiderte Artur. »Gewiss, ich konnte nicht; ich bin
weggegangen, sobald es nur möglich war; ich sagte Ihnen ja auch, bester Herr
Staiger, wenn ich um acht Uhr nicht da sei, so wäre ich gezwungen, bis nach dem
Souper zu Hause zu bleiben.«
    »Ja, ja, ich denke mir jetzt, Sie haben mir das gesagt: es ist so, gewiss, es
ist so. Aber jetzt sind Sie da, und nun wollen wir nachträglich eine prachtvolle
Bescheerung halten. Seht, Kinder, wie gut ihr es habt,« setzte er lächelnd
hinzu, »alle anderen haben ihre Geschenke erhalten und liegen schon in ihren
Bettchen; ihr aber habt das noch vor euch.«
    Clara war in's Nebenzimmer gegangen, um die Lichtchen auf den Bäumen
anzuzünden. Artur, der alle Taschen voll Spielzeug hatte, ging ihr nach,
nachdem er draussen gebeten, sich noch einen Augenblick zu gedulden, bis er auch
mit dem Christkindchen gesprochen. Doch blieb er an der Türe stehen und bat
Clara, die sich am Tische beschäftigte, sanft um Erlaubnis, ihr etwas helfen zu
dürfen.
    Sie nickte schweigend mit dem Kopfe und wies ihm auf seine Bitte die
verschiedenen Stellen auf dem Tische, wo sich die Sachen des alten Herrn und die
der beiden kleinen Geschwister befanden. Dortin legte er verschiedene
Paketchen, wandte aber dabei jede Sekunde den Kopf nach Clara um, die mit
gesenktem Haupte ihre Sachen ordnete. Er fühlte wohl, dass er dem Mädchen wehe
getan, und das schmerzte ihn tief. Mit welcher Liebe hatten all' die guten
Menschen hier an ihn gedacht und hatten ihr Bestes, ihre ganze Freude des
heutigen Abends, für ihn aufgehoben, dass er sie mit ihnen geniessen könne! Und
nun war er so lange nicht gekommen; freilich konnte er sich nicht ganz allein
die Schuld hievon beimessen, doch musste er sich sagen, wenn er gewusst hätte, dass
man ihn so früh hier erwartet, so würde er doch am Ende einen Ausweg gefunden
haben, um sich zu Hause von dem Nachtessen wegzuschleichen. Es war das früher
auch wohl schon geschehen.
    »Es ist Ihnen am Ende nicht recht, dass ich noch gekommen bin, Clara,« sprach
Artur nach einer Pause, während welcher er sich vergeblich bemüht, einen Blick
des geliebten Mädchens zu erhaschen.
    »Das ist nicht Ihr Ernst,« entgegnete sie hierauf mit einem flüchtigen
Blick; »Sie wissen, wie willkommen Sie uns zu jeder Zeit sind, Herr Artur. Aber
Sie sehen, dass ich jetzt dringend zu tun habe. - Nachher,« setzte sie mit einem
tiefen Atemzuge hinzu, »plaudern wir hoffentlich noch - recht vergnügt mit
einander.«
    »Nicht wahr, liebe Clara, das tun wir?« sagte er mit herzlichem Tone, indem
er eine ihrer Hände fasste und sie innig an seine Lippen drückte.
    Sie zog ihre Hand nicht weg, aber sie zuckte so zusammen, dass er sie
unwillkürlich losliess, um in ihre Augen zu blicken; doch wandte sie sich ab und
sprach gleich darauf anscheinend heiter: »So, nun bin ich fertig, Herr Artur.
Jetzt müssen Sie aber an die Türe gehen und sich nicht umsehen, bis ich die
Tücher von dem Tische weggenommen.«
    »Also ich erhalte auch etwas?« fragte er vergnügt.
    »Gewiss, gewiss,« antwortete die Tänzerin.
    Artur ging an die Türe, wie sie es ihn geheissen hatte, öffnete sie leise
und sprach hinaus: »Jetzt Kinder, gebt Achtung! Clara ist fertig, sie wird
sogleich Eins, - Zwei - Drei zählen, und dann öffne ich die Türe. - Nicht wahr,
Clara, Sie zählen so?«
    »Wenn Sie es wünschen, Herr Artur, will ich es gewiss tun. - Also denn!«
    »Jetzt aufgepasst!« rief der Maler und fasste die Türklinke.
    »Eins - zwei - drei!« sagte Clara. Und nun öffnete Artur die Türe des
Nebenzimmers weit, worauf die Kinder eilfertig herein stürzten. Doch blieben sie
ganz erstaunt auf der Schwelle stehen, - ein wahres Lichtmeer, eine für sie
unerhörte Pracht blendete ihre Augen. So einen Christbaum hatten sie noch nie
gesehen. Was waren die bisherigen dagegen? - Wahrhaftig nicht der Rede wert;
dieser hier reichte fast bis an die Decke des Zimmers, und den beiden kleinen
Kindern war es so feierlich zu Mut, dass Vater Staiger sie ordentlich
vorschieben musste. Sie hatten die Augen weit geöffnet, die vielen Lichtchen
strahlten darin wieder und erfüllten sie mit einem hellen Glanze. Das Bübchen
hielt die Hände von sich abgestreckt und war völlig ausser Stande, all' das
Wunderbare zu begreifen. Endlich sagte es tief aufatmend: »Ein Schaukelpferd!«
- »Und eine Puppe!« rief Marie. Worauf Beide vergnügt lächelnd an den Tisch
traten und dann langsam um den Baum herum gingen. Es wagte anfänglich keines,
etwas von den schönen Sachen zu berühren; sie wandelten wie in einem Traum und
glaubten wahrhaftig, sobald sie eine dieser Herrlichkeiten anfassten, würde all'
der Glanz unfehlbar in Nichts zerrinnen.
    Auch der alte Mann trat mit grosser Freude an den Platz, wo seine Sachen
lagen, und betrachtete den warmen Winterrock mit so grossem Erstaunen, als habe
er ihn heute zum ersten Male gesehen. Artur hatte daneben ein Kistchen Cigarren
gestellt und eine Spitze von Bernstein, wofür sich Herr Staiger mit gerührten
Worten und einem herzlichen Händedruck bedankte.
    Clara hatte unterdessen auch von dem anderen Tischchen, auf welchem der
kleine Weihnachtsbaum stand, das Tuch weggenommen, und Artur, der allen ihren
Bewegungen folgte, sah wohl an ihrem Blick, dass dies für ihn sei, wesshalb er
eilig an ihre Seite trat. Auf dem Tischchen lag die Cigarrendose, welche sie für
ihn gestickt, sowie das Feuerzeug des Herrn Staiger. Der junge Mann nahm das
kleine zierliche Geschenk mit wahrer Freude in die Hand, denn als er die
eingestickten Perlen und Goldfäden betrachtete, dachte er an die Zeit, wo sie
das für ihn gearbeitet, und war überzeugt, dass sie während derselben unzählige
Gedanken an ihn und so viel Herzliches und Liebes mit hinein verwebt habe. Er
sah sie mit einem unaussprechlich süssen Blicke an, und Clara stützte sich mit
der Hand auf den Tisch und schlug ihre Augen nieder. Sie wollte lächeln, als er
sich nun freundlich bei ihr bedankte, doch zuckte ihr Mund schmerzlich, sie
presste die Lippen fest auf einander, und da sie sich dennoch bemeistern wollte,
so öffnete sie ihre Augen, um ihn anzusehen, konnte aber nicht verhindern, dass
ihr die hellen Tränen über das Gesicht herab flossen.
    Artur begriff wohl das schmerzliche Gefühl, welches ihr Herz erfüllte; er
wusste ja, dass ihn das Mädchen liebe, innig und treu liebe, und deshalb fühlte er
auch, was ihr Inneres bewegte: sie schämte sich ihrer Liebe nicht, aber sie
fürchtete sich davor; Clara sah deutlich die Kluft, welche sie von ihm schied, -
eine Kluft, die er zuweilen zudeckte mit freundlichen Reden und süssen Worten,
wenn er bei ihr sass, die sich aber wieder schwarz und trostlos vor ihrem Blicke
auftat, sobald er ferne war. Zuweilen hoffte sie, und wenn sie ganz allein war,
baute ihre Phantasie eine glänzende Brücke über jenen Abgrund, eine Brücke, die
sie dann an seiner Hand schauernd betrat, und die sie glücklich in ein wunderbar
prächtiges Land führte. - Aber das waren lächerliche Träume, und sie
zerscheuchte sie gewaltsam wieder, ohne jedoch in gänzliche Hoffnungslosigkeit
zu verfallen. Nur an solchen Abenden wie der heutige, wo sie wusste, er sei bei
seiner vornehmen und stolzen Familie, und müsse den Augenblick, den er hierauf
bei ihr zubringen wolle, vor den Augen seiner Verwandtschaft verheimlichen,
ihnen förmlich abstehlen, wo sie fühlte, dass vielleicht alsdann in seiner
Abwesenheit dort ihrer gedacht werden könne mit geringschätzendem Achselzucken,
dass man von ihrem liebenden und treuen Herzen spräche, wie von einem Spielzeuge,
das nächstens abgenützt und von ihm auf die Seite geworfen würde, in solchen
Stunden fühlte sie sich namenlos elend. - Und so heute. -
    Das las Artur in dem seltsamen Blick ihres Auges, in den langsam
herabträufelnden Tränen. Und sollte das arme Mädchen in seinen finsteren
Träumen und Jene in ihren hochmütigen Ideen Recht behalten, sollte er dies
gute, liebende Geschöpf wegwerfen für eines jener kalten und stolzen Herzen, die
sich wohl eine Ehre daraus machten, von ihm, dem reichen jungen Manne, gewählt
zu werden, ohne ihm deshalb mit zärtlicher Liebe anzuhängen! - Sollte er seine
Clara verlassen, weil sie eine arme Tänzerin war, weil ihre Verwandtschaft nicht
verzeichnet war im goldenen Buche der Stadt, weil ihr nicht offen standen die
geheiligten Schranken irgend einer Rangklasse, weil ihre Tanten und Basen nicht
Sitz und Stimme hatten in den Tee-, Kaffee- und Klatschgesellschaften! - Nein,
nein! so will ich nicht handeln! dachte sein treues Herz, ich will sie an mich
ziehen, fest in meinen Armen halten und mit liebender Sorgfalt über die Klippen
dieses Lebens, über die Klippen unserer gesellschaftlichen Zustände führen. -
Und werden uns viele solcher Klippen bedrohen? fragte er sich, und sein leichter
Sinn antwortete: o gewiss nicht! Man kennt mich, meine Freunde und meine
Bekannten schätzen und ehren meinen Namen, sie werden auch das Mädchen bei sich
aufnehmen und lieb gewinnen, der ich diesen Namen zu geben für gut befunden, -
meiner Frau. - Bei diesem letzten Worte musste er unwillkürlich lächeln, denn es
kam ihm so sonderbar vor. Er dachte mit einem Male an seine
Junggesellenwirtschaft, an die Zimmer, vollgepfropft mit allerlei
Gerätschaften, an die altertümlichen schweren Seidenstoffe, die er zu den
Draperien seiner Gemälde brauchte, und die von der Lehne eines alten
geschnitzten Stuhles herab hingen und weit in das Zimmer hinein reichten. - Und
dazwischen sollte Clara stehen, verwundert all' das Seltsame anstaunend und
behutsam auf den Zehenspitzen hin und her schreitend; - ach, und sie schritt so
wunderbar auf den Zehenspitzen, das Röckchen leicht gehoben - damit sie
glücklich zwischen all' dem Chaos durchkomme, ohne hier eine Vase zu berühren
oder dort an ein frisches Gemälde zu streifen. - Ja, ja, meine Frau soll sie
sein, und ich will sie hegen und pflegen mit liebender Sorgfalt, wie ein Kind,
das anfängt, gehen zu lernen. Fort mit allen Rücksichten! Bin ich nicht ein
Künstler und deshalb ein freier Mensch? Ich will meinem Herzen folgen und meinem
Gemüte alle Ehre machen.
    Während er das dachte, hatte er unverwandt die Stickerei betrachtet, aber so
lange und anhaltend, dass ihm Clara befremdet zuschaute. Sie fürchtete schon,
ihre Tränen haben ihn verletzt und ihm sehr wehe getan, deshalb bezwang sie
sich gewaltsam, trocknete ihre Augen und blickte wieder hell und freundlich auf.
    Artur fuhr aus seinen Träumereien empor und mit einem so glücklichen Gefühl
im Herzen, dass er es unmöglich vollkommen ausdrücken konnte. Etwas davon
spiegelte sich freilich auf seinem Gesichte wieder, und dieser Ausdruck war
schon so heiter und froh, dass er nun der Tänzerin ein wirkliches Lächeln
ablockte.
    »Ah! Sie haben mich zu schön beschenkt,« sagte er; »liebe Clara, wie soll
ich Ihnen dankbar dafür sein! Freilich habe ich Ihnen auch Etwas mitgebracht,
aber es ist so unbedeutend und klein, dass es Ihnen vielleicht gar nicht einmal
gefällt.«
    »Es gefällt mir gewiss,« entgegnete Clara, und liess ihm ihre Hand, die er bei
den letzten Worten ergriffen. Fast hätte sie sie aber wieder zurückgezogen, denn
er genirte sich nicht im Geringsten, sondern küsste vor den Augen des Vaters ihre
Finger, was er früher nur beim Abschiednehmen auf der halbdunkeln Treppe getan.
    Sie errötete stark, fürchtete sich aber, vor ihm zurückzutreten, denn seine
Augen glänzten so selig, er blickte sie so überaus freundlich an, dass sie noch
viel Aergerem entgegen sah, wenn sie sich das nicht geduldig gefallen liess.
    »Aber Sie müssen raten, was ich habe!« rief er und hielt etwas in der
rechten zusammen geballten Hand empor.
    »Wie ist das möglich?« sagte Clara. »Nein, nein, ich will nicht raten; ich
habe Ihnen ja gleich offen und ehrlich gezeigt, was ich für Sie gemacht, und das
Gleiche müssen Sie auch tun.«
    »Sie hatten Ihr Geschenk zuerst mit einem Tuche bedeckt,« entgegnete er
lustig, »und damit Sie auch das meinige nicht gleich sehen, so machen Sie die
Augen zu, bis ich sage, Sie dürfen sie wieder öffnen. - Nicht wahr, lieber Herr
Staiger, das kann Clara schon tun?«
    »Ja, das meine ich auch,« erwiderte der alte Mann; »du kannst in dem Falle
die Augen schon zumachen.«
    »Um so mehr, da Ihr Vater sehen wird, was geschieht,« fuhr Artur nicht ohne
Bedeutung fort.
    »Nun meinetwegen denn,« sprach das liebliche Mädchen, indem sie über ihre
glänzenden Augen die Augenlider sanft herabfallen liess. - dabei sah sie sehr
blass aus, und jetzt noch mehr als wie einen Moment vorher; ihr Herz schlug
gewaltsam und sie konnte sich eines eigentümlichen Gefühls nicht erwehren. Ja,
sie zuckte fast zusammen, als nun Artur ihre Hand wieder ergriff, als er
langsam ihre Finger öffnete, um einen kalten, glatten Ring daran zu stecken. Sie
hob ihre Hand empor, wagte es aber erst ihre Augen zu öffnen, als sie der junge
Mann bat, dies zu tun. - Da fielen ihre Blicke auf einen kleinen goldenen Reif,
den sie am Finger hatte, einen Ring ohne Zierrat und Stein, einen Ring, dessen
Form sie aber wohl kannte.
    Was sollte das Alles bedeuten? Der alte Mann sah fragend auf Artur; Clara
schlug ihren Blick nieder und zitterte so heftig, dass sie sich am Tische
festalten musste.
    Auch Artur war in diesem Augenblicke erblasst, und auch sein Atem wand sich
mühsam aus der Brust. - »Was das heissen soll?« sprach er mit einem sonderbaren
Lächeln, wobei seine Augen eigentümlich blinzelten, »das soll heissen - dass ich
die Clara unendlich liebe, und dass sie und keine Andere meine Frau werden soll!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der geneigte Leser wird uns verzeihen, dass wir hier dieses Kapitel
schliessen, aber ein Moment, wie der, welchen nun die drei glücklichen Menschen
verlebten, lässt sich unmöglich der Wahrheit gemäss schildern. Wir wollen nur noch
sagen, dass Herr Staiger, so glücklich er sich fühlte, doch den Kopf schüttelte
und von einer Einwilligung seitens der Eltern Arturs als von einer fast
unmöglichen Sache sprach, und dass Clara, die anfangs wie betäubt gestanden, bald
darauf so voll Glück und Freude war, wie selten eine menschliche Seele; sie
küsste tausendmal den Ring an ihrem Finger, denn dieser Ring gab ihr ein Recht
auf die Liebe Arturs; sie brauchte jetzt nicht mehr sich selbst und ihm zu
verheimlichen, wie unaussprechlich sie ihn liebe, sie war vollkommen glücklich,
sie kannte weiter keine Wünsche und Hoffnungen. - Wenn sie in dem Augenblicke
gestorben wäre, so wäre sie hingegangen im glücklichsten Moment ihres Lebens -
ein reiner, unschuldsvoller Engel. -
 
                          Zweiundfünfzigstes Kapitel.
                             Ein nächtlicher Gast.
Wenn man nach einem Abende, wie ihn Artur im vergangenen Kapitel verlebt, nach
Hause geht, das Herz voll Seligkeit, die Augen strahlend, wenn man zum ersten
Male von dem Mädchen, welches man liebt, öffentlich einen zärtlichen Abschied
genommen und sie fest an's Herz gedrückt, unbekümmert um Vater und Mutter, Tante
und ältere Schwestern, die vielleicht in grosser Verlegenheit, dass ihnen das
selbst noch nicht begegnet, den Kopf auf die Seite wenden und bedeutsam husten,
so betritt man die Strasse mit einem sonderbaren Gefühle. Man lacht in sich
hinein, man reibt sich die Hände, man betrachtet die Häuser, ob es in Wahrheit
noch dieselben seien, die da standen, während man heute Abend schon einmal hier
vorbei kam; man freut sich über den klaren Himmel und über den finsteren, über
Mondschein, Schnee und Regen; man findet es, wenn der letztere herabrieselt, von
ihm eine überflüssige Mühe, dass er den Versuch macht, uns verdriesslich zu
stimmen. - Wir lachen über ihn, auch über den Wind, der unsern Regenschirm empor
kehrt und unsern Hut zu entführen droht. Blase nur, blase! Wir wandeln dahin, im
Herzen ein schönes, strahlendes Bild, das uns warm und trocken erhält, das uns
leuchtet in finsterer Nacht, und das uns wärmt trotz Kälte und Wind. Alle
unangenehmen Zufälligkeiten, die sonst wohl uns zu erzürnen im Stande sind,
existiren für uns heute Abend gar nicht. Was kümmert es uns, ob das Wasser in
den Rinnen dahin schiesst, oder ob der Boden so glatt geworden ist, dass man nur
fortkommen kann, indem man sich an den Mauern der Häuser hält. - Gleichviel man
springt hinüber, oder man glitscht zuweilen aus, fällt auch wohl hin, um dann
lachend wieder aufzustehen.
    Dieses Gefühl trug Artur mit sich nach Hause, und wenn ihm auch von den
eben erwähnten Unfällen keiner begegnete, so schien er dagegen auch nicht zu
bemerken, dass ihm Schnee und Regen in's Gesicht schlugen, und dass er, um sich
abzukühlen, den Hut in der Hand hatte. Er betrachtete sinnend den finsteren
Himmel, der sich mehr und mehr überzogen, und blinzelte vergnügt nach den
Strassenlaternen hin, als wollte er sagen: wüsstet ihr, was ich weiss. Zuweilen
blieb er auch stehen, und schaute lange in die Nacht hinaus. - Alsdann teilten
sich vor seinem innern Auge Finsternis und Mauern, er sah hinein in ihr Stübchen
und war entzückt, wie schön sie da ruhte. Den rechten Arm hatte sie unter den
Kopf gelegt, so dass ihr Gesicht fast aufwärts zum Himmel sah; sie atmete bald
leicht und bald schwer, ihre Wangen waren sanft gerötet, und ihre frischen,
leicht geöffneten Lippen flüsterten leise: »Artur, mein Artur!«
    Nachdem er das im Geiste gesehen, fuhr er sich mit der Hand über die Augen
und verwischte gewaltsam dies reizende Bild wieder; auch wandte er sich um,
setzte sogar seinen Hut auf und schritt eiliger nach Hause, nicht, um aus der
kalten Nacht zu kommen - die tat seinen brennenden Wangen wohl - sondern um in
seiner Wohnung Papier und Bleistift zu ergreifen und ihre Züge in der
Geschwindigkeit noch ein Halbdutzendmal hinzuzeichnen.
    Es mochte fast Mitternacht sein, als er in der Nähe des elterlichen Hauses
ankam. Er ging bei der Haustüre vorbei, denn sein Weg führte ihn, wenn er
Abends spät nach Hause kam, durch eine enge Gasse an den hinteren Teil des
Gebäudes, wo er durch eine kleine Türe eintreten konnte und sich dann gleich in
der Nähe seiner Zimmer befand.
    Vor dieser kleineren Tür war eine Gaslaterne, welche sie mit hellem Scheine
beleuchtete. Als Artur unweit des letzteren angekommen war und schon die Hand
in die Tasche gesteckt hatte, um seinen Schlüssel heraus zu ziehen, hielt er auf
einmal mit dieser Bewegung inne, blieb stehen und schaute nach dem
Gascandelaber, denn es war ihm, als sähe er eine menschliche Gestalt, die an
demselben angelehnt stand.
    »Das ist seltsam,« dachte der Maler und blickte schärfer hin. Richtig! da
war ein Mensch, der auf etwas zu warten schien.
    Artur musste, um seine Türe zu erreichen, ziemlich dicht bei diesem
Candelaber vorbei gehen; ehe er dies aber tat, zog er seinen gewichtigen
Hausschlüssel aus der Tasche, fasste seinen Stock fester und schritt langsam
vorwärts.
    Sobald er näher kam, löste sich die Gestalt von dem Candelaber ab und trat
ihm einen Schritt entgegen. Sie waren sich jetzt Beide so nahe gekommen, dass an
ein Ausweichen nicht mehr zu denken war; auch hatte sich der Unbekannte so
aufgestellt, dass er fast vor der kleinen Haustüre stand, wesshalb es der Maler
für das Beste hielt, denselben anzurufen und ihn bestimmt aber höflich zu
fragen, ob er vielleicht irgend eine Absicht verfolge, dass er ihm so auffallend
in den Weg trete.
    Bei dieser Frage griff die Gestalt an ihren Kopf und bückte sich leicht. Wir
vermuten fast, dass sie den Hut abnehmen wollte, was aber nicht wohl ausführbar
war, da sie keinen auf dem Haupte trug. dabei öffnete sie ihren Mund, und sie
sprach mit einem leisen und schüchternen Tone: »Ach, Herr Erichsen, Sie werden
mich wahrscheinlich nicht erkennen.«
    »Da haben Sie Recht!« rief lachend der Maler. »Ich möchte wissen, wie es
möglich ist, Jemand zu erkennen, der dicht unter einer Gaslaterne steht und den
Kopf abwärts gesenkt hält wie Sie. - Aber was wollen Sie von mir? Wenn Sie etwas
Gutes hierher führt, so zeigen Sie frei und offen Ihr Gesicht.«
    »Das ist auch das Klügste,« erwiderte die Gestalt, »und ich hätte das gleich
tun sollen.« Damit fuhr sie an die Stirne, strich ihre langen, schwarzen Haare
zurück und liess das Licht der Laterne auf ihr Gesicht fallen, während sie aus
dem Schatten heraustrat.
    »Herr Beil!« rief Artur überrascht. »Sind Sie es wirklich, und wie kommen
Sie daher, bester Beil?«
    »Es ist Beil,« sprach der Andere mit tiefer Stimme, »aber ein sehr trauriges
Beil, fast ohne Schneide und Stiel, nur noch der Schatten des früheren.«
    »Aber sagen Sie mir in aller Geschwindigkeit, was treibt Sie bei so später
Nachtzeit hier in diese Gegend. Kommen Sie zufällig hier vorbei oder haben Sie
mich hier erwartet?«
    »Ich habe Sie hier erwartet,« erwiderte der ehemalige Commis des Herrn
Blaffer. »Schon zwei Abende, und immer bin ich wieder davon geschlichen, sobald
ich Ihre Schritte hörte; auch heute Abend hätte ich es beinahe so gemacht, doch
kamen Sie mit so festem, ich möchte sagen vergnügtem Schritt daher, auch pfiffen
Sie eine so heitere Melodie, dass ich mir ein Herz fasste und Sie erwartete.«
    »O, lieber Beil, was machen Sie für Geschichten!« rief Artur lachend. »Sie
wollen mich also sprechen?«
    Der Andere nickte mit dem Kopfe.
    »Vielleicht kann ich Ihnen sogar einen Dienst erzeigen?«
    Herr Beil zuckte die Achseln.
    »Aber warum kommen Sie denn nicht frischweg am Tage, oder laufen des Nachts
weg, wenn Sie mich kommen hören?« fragte der Maler.
    »Das Erste wird Ihnen selbst klar werden,« entgegnete der Andere schüchtern,
»wenn Sie nämlich die Güte haben wollen, mich in Ihr Zimmer eintreten zu lassen
und dort bei Lichte zu besehen.«
    »Was sogleich geschehen soll,« sprach Artur lustig. »Kommen Sie geschwind,
denn ich fühle jetzt auf einmal, dass es hier aussen kalt und frostig ist.«
    »Ja, sehr kalt und frostig!« seufzte Herr Beil.
    Hierauf öffnete Artur die Türe, und als Beide eingetreten waren, schloss er
sie wieder hinter sich zu. Sie befanden sich in einem kleinen Vestibul, von
welchem eine Wendeltreppe in den ersten Stock des Hintergebäudes führte. Auf den
untersten Stufen dieser Treppe stand ein kleiner silberner Handleuchter mit
einem Wachslichte, das schon tief herabgebrannt war.
    Artur leuchtete und Beide stiegen hinauf in seine Wohnung. Diese bestand
aus vier Zimmern, war sehr elegant eingerichtet, doch herrschte, namentlich im
Atelier, eine für einen Maler sehr verzeihliche Unordnung. Die Waffen, Stoffe,
Statuetten, Vasen, von denen er vorhin bei Clara geträumt, lagen und standen
hier in der Tat überall herum und waren in manchen Ecken so dicht zusammen
gestellt, dass es wirklich Mühe kostete, sich dort frei zu bewegen.
    Obgleich Artur keine eigene Dienerschaft hatte, so wurde er doch von der
sämmtlichen des elterlichen Hauses ausserordentlich verwöhnt, und sein kleines
Interieur so besorgt, dass er Niemand Eigenes brauchte. Auch heute Nacht,
obgleich es schon ziemlich spät war, befanden sich in dem Kamine, den Artur aus
besonderer Vorliebe in seinem Wohnzimmer hatte einrichten lassen, noch glühende
Kohlen genug, so dass es nur einer kleinen Anwendung des Blasbalges bedurfte, um
einige Stücke Holz, die er auflegte, sogleich in helle Flammen zu versetzen.
Dann zündete er ein paar Kerzen an, und als diese das Zimmer hell erleuchteten,
blickte er sich nach seinem Gefährten um, der händereibend an dem lodernden
Feuer stand.
    »In der Tat,« rief Artur nach einem kleinen peinlichen Stillschweigen, »in
der Tat, lieber Herr Beil, nehmen Sie mir es nicht übel, aber ich begreife
jetzt vollkommen, warum Sie mich nicht am Tage besucht haben.«
    »Nicht wahr, das ist zu begreifen?« entgegnete dieser, indem er einen
trostlosen Blick an sich hinunter laufen lief. »Wenn Sie mich auch nie sehr
geputzt und geschniegelt sahen, so habe ich mich bis jetzt auch nicht als Lump
präsentirt - als vollständiger Lump, wie heute Abend.«
    Und Herr Beil sprach die Wahrheit, denn sein Äußeres sah wirklich im
höchsten Grade verwahrlost aus. Haar und Bart hingen ihm zerzaust um den Kopf,
und er schien alle Ursache zu haben, seine Wäsche sorgfältig zu verstecken, denn
er hatte nicht bloss den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, sondern auch noch
den Kragen etwas in die Höhe geschlagen. Seine Beinkleider waren fast bis zu den
Knieen beschmutzt, und seine Stiefel gaben einen seltsam seufzenden Ton von
sich, wenn er auftrat, und liessen sehr verdächtige nasse Spuren zurück, wenn er
seinen Standort wechselte.
    Er wollte sprechen, doch fiel ihm Artur in's Wort: »Lassen Sie für diesen
Augenblick alle Explikationen; ich sehe schon, dass Ihnen was Ausserordentliches
passirt ist, was Sie mir wohl später mitteilen werden. Jetzt aber will ich vor
allen Dingen uns Beide in ein trockenes Gehäuse bringen; denn auch mich hat der
Regen von heute Nacht ziemlich scharf mitgenommen. Folgen Sie mir in's
Schlafzimmer, und ich will schon etwas finden, was für Sie passt.«
    Herr Beil wollte einige bescheidene Einwendungen machen, doch legte ihm der
Maler sanft die Hand auf seine Schulter, indem er fortfuhr: »Lassen Sie das gut
sein; ich versichere Sie, es würde mir zu jeder Zeit ein grosses Vergnügen
gemacht haben, Ihnen aus irgend einer Verlegenheit zu helfen, umsomehr aber am
heutigen Abend, wo mir selbst ein so grosses Glück widerfahren ist, dass es mich
drängt, den Kummer eines meiner Bekannten zu lindern. - Ich fühle mich als ein
zweiter Polykrates: die Götter haben mich so mit Gnaden überhäuft, dass ich gern
einen kostbaren Ring in's Meer schleudern würde, wenn im Augenblicke Ring und
Meer bei der Hand wären. In Ermanglung des letzteren seien Sie nun so
freundlich, dasselbe vorzustellen, und erlauben mir, die bescheidenen
Kleinigkeiten eines Anzuges, soweit er Ihnen passend ist, in Ihren Schoos zu
werfen.«
    Auf diese freundliche Anrede hin senkte der ehemalige Commis sein Haupt,
ergriff, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand Arturs und drückte sie innig. Dann
folgte er ihm in sein Schlafzimmer.
    Eine förmliche Verwandlung war bald bewerkstelligt, und nach einer kleinen
Viertelstunde liessen sich die Beiden vor dem Kamine nieder, nachdem Artur aus
dem Magazine seiner Junggesellenwirtschaft etwas kalte Küche und eine Flasche
herbeigebracht, welchen von Herrn Beil eifrig zugesprochen wurde.
    Der Maler sah lächelnd auf sein Gegenüber, denn dieser hatte sich wirklich
vorteilhaft verändert. So viel es in der Geschwindigkeit tunlich gewesen, ward
Haar und Bart geordnet und sein ganzer übriger Mensch damit in Einklang
gebracht; er war mit allem Notwendigsten versehen worden, wovon wir aber nicht
weiter sprechen wollen; nur müssen wir erwähnen, dass er an den Füssen
buntgestickte Pantoffeln trug, auf welche rote Morgenhosen herabfielen, und dass
der carrirte Schlafrock, in den er gehüllt war, etwas sehr lang auf dem Boden
nachschleifte.
    Nachdem er sich mit Speise und Trank restaurirt, reichte ihm Artur eine
Cigarre, die Friedenspfeife, wie er sagte, womit er ihn, den Heimatlosen, nun
gänzlich unter seinen Schutz, unter Dach und Fach nehme.
    Der ehemalige Commis des Herrn Blaffer zündete sich die feine Havanna an,
und sog mit äusserstem Wohlbehagen den wohlriechenden Dampf in sich, um ihn dann
langsam wieder von sich zu blasen. Er streckte sich im weichen Fauteuil lang und
bequem vor dem Feuer aus, und es war dabei erklärlich, dass ihn ein Schauder
überfuhr, wenn er an die vergangenen drei Tage dachte, namentlich an jenen
schrecklichen Abend, wo ihm das Gespenst erschienen. - O wäre er doch lieber
gleich zu Artur gegangen, nachdem er das Haus seines Prinzipals verlassen! Aber
damals rannte er gerade aus, nicht rechts noch links blickend, seinem Verderben
entgegen, das ihm aber als kein Verderben erschien, sondern als die Einlasspforte
in ein stilles, friedliches Tal, wo er sich in einem dunkeln, aber nicht
unheimlichen Winkel ruhig zum Schlafen werde niederlegen können. -
    »Das Leben ist doch schön! sagt der unsterbliche Schiller. - Und er hat
Recht,« fuhr Herr Beil dann seufzend fort: »sie ist schwer von sich zu werfen
die süsse Gewohnheit des Daseins. Jetzt begreife ich nicht mehr, wie es einem
Menschen einfallen kann, seinem Dasein freiwillig ein Ende machen zu wollen.«
    Artur hatte aus seiner Kaminecke zugeschaut, wie ein inniges wonniges
Gefühl freundliche Strahlen auf dem Gesichte seines Gegenüber hervorzauberte.
Als derselbe aber hierauf jene Worte ausrief, entgegnete er: »Sie sprechen ja
wie ein halber Selbstmörder. Ich habe Sie überhaupt so verändert gefunden, dass
Sie mir es nicht übel nehmen können, wenn mich eine kleine Neugierde
beschleicht.«
    »Die zu befriedigen mir eine Erleichterung sein wird,« sagte Herr Beil. Und
dann erzählte er mit grosser Gewissenhaftigkeit die Vorfälle der letzten Tage bis
zu dem Augenblicke, wo ihm jene Gestalt erschienen und ihm das Versprechen
abgenommen, den törichten, verbrecherischen Schritt nicht zu tun.
    »Das kann unmöglich der Teufel gewesen sein,« versetzte Artur, der
aufmerksam zugelauscht, und den, während der Andere sprach, zuweilen ein
leichter Schauder überflog; denn Herr Beil erzählte das Alles so umständlich,
schilderte so natürlich die Qualen seines Herzens und die Zerrissenheit seiner
Gedanken. - »Nein, das war gewiss kein böser Geist, denn sonst hätte er Sie ruhig
Ihr Vorhaben ausführen lassen.«
    »Aber ich hörte ihn nicht verschwinden,« fuhr Herr Beil fort; »ich blickte
auf, es schlug Ein Uhr und er war nicht mehr da.«
    »Das ist allerdings seltsam, - und Sie erfuhren nichts mehr von ihm?«
    »Bis jetzt nicht das Geringste, obgleich ich immer geglaubt, ja gehofft, er
werde mir wieder in den Weg treten, umsomehr, als ich seit jener Mitternacht
wohl gesehen oder gefühlt, dass ich beständig von Jemand beobachtet werde.«
    »Das ist eine Ausgeburt Ihrer Phantasie, die Nachwirkung jener Stunde,«
meinte Artur. »Wenn Sie Jemand beobachtet hätte, so müssten Sie es doch wissen,
Sie müssten Jemand gesehen haben.«
    »Das habe ich auch,« erwiderte der Andere mit leiser Stimme. »Schon als ich
in jener Nacht vom Kanal zurückkehrte und die Strasse wieder betrat, glaubte ich
oftmals den Klang von Tritten hinter mir zu hören.«
    »Das Echo der Ihrigen.«
    »Das dachte ich anfangs auch, denn wenn ich zögerte, so zögerten die
Schritte ebenfalls, wenn ich hielt, so hielten sie auch. Doch um genau zu
untersuchen, ob es wirklich der Klang meiner Schritte sei, blieb ich ein paarmal
ganz plötzlich und unerwartet stehen, und da hörte ich wohl, dass es kein Echo
sei, sondern dass mir wirklich Jemand folge.«
    »Nun, dass das wenigstens kein Geist war, darüber können Sie sich beruhigen,
denn die Phantome gleiten, wie Sie wissen, geräuschlos dahin.«
    »Ganz richtig, es war weder ein Gespenst, noch war es jene Gestalt, die ich
am Kanäle gesehen. In der Nacht verlebte ich einige miserable Stunden: ich
kauerte mich in einem Winkel zusammen, bis der Tag kam; ach! es war empfindlich
kalt geworden und fror; ich habe schon angenehmere Sonnenaufgänge erlebt. Aber
am Ende geht Alles vorüber, und so verschwanden auch jene Stunden der
Morgendämmerung, wobei mir das Mark in den Knochen zu erfrieren drohte. - Ich
sagte vorhin, der, welcher mir gefolgt, sei nicht die Gestalt vom Kanale
gewesen; das sah ich, sobald es Tag wurde, denn nun bemerkte ich in dem
gegenüber liegenden Strassenwinkel eine Figur, die mich offenbar beobachtete,
obgleich sie unruhig auf- und abschritt, und tat, als erwarte sie sonst Etwas.
- Das war mir unheimlich, und ich beschloss, zu untersuchen, ob ich mich nicht
irre. Ich erhob mich und schlich an den Häusern dahin; der Andere folgte mir
nicht, wenigstens nicht sogleich. Ich ging einige Strassen weiter, absichtlich
ohne mich umzuschauen, und verlor mich endlich in ein Labyrint von kleinen
finsteren Gassen, wo einer meiner Landsleute wohnte, ein armer Teufel von
Buchbinder, dem ich viele Gefälligkeiten erzeigt, und von welchem ich mit Recht
voraussetzte, er werde mir gerne eine Unterkunft bewilligen, für ein paar Tage
nur, bis ich etwas Anderes gefunden.«
    »Und Ihr Verfolger?« fragte Artur.
    »Ganz richtig! - warten Sie nur. - Als ich, beim Hause des Buchbinders
angekommen, mich plötzlich umwandte, bemerkte ich ihn am Ende der Strasse, die
er, anscheinend ohne sich weiter um mich zu bekümmern, überschritt.«
    »Aber ich begreife immer noch nicht,« sagte der Maler, »dass Sie nicht noch
in derselben Nacht auf den gesunden Einfall gekommen sind, mich aufzusuchen. Sie
wissen, ich habe Sie immer sehr gern gehabt und mich für Sie interessirt,
obgleich Sie meine angebotene Hilfe jedesmal hartnäckig zurückwiesen.«
    »Ich hatte Unrecht,« entgegnete Herr Beil gerührt. »Aber wissen Sie, lieber
Herr Erichsen, wir armen Teufel werden euch reichen Leuten gegenüber gar leicht
misstrauisch. Wenn ihr uns auch mit dem besten Herzen eure Hilfe anbietet, so
zucken wir doch schmerzlich zusammen; - es ist ein Almosen, denn wir sind ja
nicht im Stande, euch dafür etwas wiederzugeben. - Aber - beim Blaffer! - ich
hatte Unrecht!«
    »Ein seltsamer Schwur,« sagte Artur lachend.
    »Ich habe mir ihn angewöhnt« denn man muss selbst dem Teufel kein Unrecht
tun.
    »Aber weiter in Ihrer Geschichte!« sprach Artur. »Sie sind ja jetzt doch
noch unter meine Hände geraten. - Du wolltest fliehen, treuloser Römer! - du
bist gezwungen, du bleibst bei mir. - Das Schicksal hat Sie mir zugeführt.«
    »Ja, das Schicksal,« fuhr der Andere seufzend fort. »Aber ich lobe das
Schicksal darum, denn ich fühle mich bei Ihnen hier so behaglich, Herr Erichsen,
wie seit langen Jahren nicht. Auch ist mein armes dummes Herz ruhiger geworden;
der Schmerz in demselben summt nur noch leise, wenn ich an jene Nacht und an das
Mädchen denke. - Doch weiter! - Beim Buchbinder aber war es fürchterlich, und
obgleich er mich mit der grössten Bereitwilligkeit aufgenommen, konnte ich es
doch nicht lange dort aushalten. Ich half ihm, so gut ich es vermochte; war mir
doch sein Geschäft nicht unbekannt: es geht ja Hand in Hand mit dem unsrigen,
und wenn ich bei Johann Christian Blaffer und Compagnie die ganzen Bücher
verpackte und wegschickte, so faltete ich jetzt jeden einzelnen Bogen und half
brochiren, was mir übrigens nicht schwer wurde. - Nun habe ich Ihnen aber schon
vorher gesagt, dass ich sogleich an Sie gedacht, und während ein paar Abenden den
Versuch machte, Sie an Ihrer Haustüre abzufangen; leider ohne Erfolg: ich hatte
ja nicht den Mut, mich Ihnen anzuvertrauen. Aber wenn ich so durch die Strassen
schlich, und wenn ich oftmals unter der Gaslaterne da unten stand, so brauchte
ich mich nur spähend umzuschauen, und ich bemerkte gewiss irgendwo jenen Mann,
der mir damals gefolgt.«
    »Und Sie irrten sich nicht?«
    »Ich irrte mich gewiss nicht.«
    »Wenn das der Fall ist,« meinte der Maler, »so haben Sie am Ende wohl gar
Jemandens Interesse erregt, der sich Ihrer annehmen will, und der mit mächtiger
Hand über Sie wacht. Geben Sie Achtung, hier wendet sich Ihr Schicksal, und Sie
sind vielleicht noch zu grossen Dingen ausersehen.«
    »Es hat sich heute Abend schon so gut gewendet,« versetzte Herr Beil; »denn
kann es mir besser gehen als im jetzigen Augenblicke, wo Sie mit Ihrer
liebenswürdigen Gastlichkeit mir Ihr Haus geöffnet, mich an Ihren Herd
aufgenommen, mich gespeist und getränkt, auch Schlafrock und Pantoffeln gegeben!
- Ah! der Contrast ist etwas stark,« fuhr er kopfschüttelnd fort. - »Sie hätten
das Leben bei meinem armen Buchbinder kennen sollen; wie diese Leute sich
durchschlagen müssen, davon haben Sie, davon hatte ich bis jetzt kaum eine Idee.
- Zur Wohnung eine einzige Stube und eine finstere und feuchte Kammer, an Betten
ein Ding von morschen Brettern, was die entfernteste Aehnlichkeit mit einem
solchen hatte, und darin ein Strohsack und eine alte mürbe Wollmatratze, die an
allen vier Seiten zu kurz war. Darin lagen die Eltern und zwei Kinder, vier
andere behalfen sich in einer Ecke auf einem zerrissenen Stück Teppich -«
    »Und Sie?« fragte Artur.
    »Ich legte mich zum ersten Mal in meinem Leben fest auf die Literatur, indem
ich mir in der Werkstatt ein Lager von Makulatur machte: übercomplette Bogen
einer Gedichtssammlung rollte ich mir zum Kopfkissen zusammen, und zur Decke
nahm ich meinen Rock, unter welchem ich mich wie ein Igel zusammenkauerte. - In
gewisser Hinsicht war ich eine Hilfe für die Familie, denn ich fand in meiner
Westentasche noch einen Talerschein, von dem wir die zwei Tage lang herrlich
und in Freuden lebten. Vermittelst desselben konnte der Buchbinder ein Säckchen
Kartoffeln erschwingen und sich die sechs Kinder wieder ein paarmal recht satt
essen. Sie haben noch ziemlich viel davon,« setzte er gutmütig lächelnd hinzu,
»denn ich hätte mir ein Gewissen daraus gemacht, ihnen den ganzen Vorrat mit
aufzehren zu helfen.«
    »Die Leute müssen Sie nächstens wieder besuchen, bester Herr Beil,« sagte
Artur, »und ihnen eine kleine Hilfe bringen.«
    Der Andere nickte schweigend mit dem Kopfe, stützte diesen darauf in die
rechte Hand und blickte lange und nachdenkend in das Kaminfeuer.
    Die Standuhr zeigte auf Eins.
    »Aber es ist schon spät geworden!« rief Artur, indem er aufstand. »Jetzt
wollen wir Ihnen ein Lager besorgen und morgen Früh sehen, was weiter zu tun
ist.«
    »Haben Sie kein Makulatur?« fragte mit komischem Ernste der ehemalige
Commis.
    »Nein,« erwiderte Artur lachend; »aber wenn Sie es einmal mit der Malerei
versuchen wollen, so können Sie es sich bei jenen Nymphen bequem machen.«
    »Gott soll mich bewahren!« versetzte Herr Beil. »Das wäre mir eine
gefährliche Nachbarschaft. Da unterwerfe ich mich lieber getrost Ihren sonstigen
Anordnungen.«
    Und daran tat er sehr recht, denn der Maler hatte in kurzer Zeit auf seinem
Sopha im Wohnzimmer ein vollkommen üppiges Lager hergerichtet, worauf er seinem
Schützling eine gute Nacht wünschte und sich in sein Schlafzimmer zurückzog.
    Herr Beil schlief den Schlaf des Gerechten, und obgleich ihm allerlei
Seltsames träumte von dem finster dahin fliessenden Kanal mit der bekannten
Melodie, von den Augen jener Gestalt, die ihn so seltsam anstarrten, auch vom
Buchbinder und dem Makulatur, so erwachte er doch erst am andern Morgen, als der
Tag bereits das Zimmer erhellte. Er blickte verwundert um sich und schien im
ersten Augenblicke nicht recht zu wissen, wo er sich befinde; er lag gegenüber
dem Kamin, in welchem schon wieder die freundlichen Flammen spielten; es war,
als seien diese heute Nacht gar nicht erloschen. Vor demselben befand sich eine
ältliche Dienerin des kommerzienrätlichen Hauses, welche beschäftigt war, auf
einem kleinen Tisch allerlei Service von sehr freundlichem Äußern aufzustellen,
dazu auch Teller mit weissem Brod und Butter. Während sie aber dies Geschäft
versah, blickte sie häufig nach dem Schläfer auf dem Sopha um, und schien
jedesmal zu erschrecken, wenn sie dort zwischen den weissen Leintüchern die
Unmasse von schwarzen Kopf- und Bartaaren erblickte. Diese in ihrem
verwilderten Zustande hatten auch durchaus nichts Angenehmes für das Auge, und
man hätte glauben können, es habe sich dort irgend ein Ungeheuer, ein Alp oder
sonst dergleichen eingenistet. Aus Diskretion hatte Herr Beil die Decke bis
unter das Kinn hinaufgezogen, wodurch sein Aussehen noch eigentümlicher und
komischer wurde.
    Auch Artur musste laut auflachen, als er nun aus seinem Zimmer trat und den
sonderbaren Kopf seines Schützlings sah. - »Bleiben Sie ruhig so liegen,« rief
er ihm zu, »das muss ich zeichnen!«
    Die alte Dienerin gab ihrem Herrn einen Wink, führte ihn behutsam in eine
Ecke des Zimmers, richtete dann die Augen auffallend gegen den im Bette
Liegenden und fragte mit schüchterner Stimme: »Was ist denn das, Herr Artur?«
    »Das ist ein Gespenst,« entgegnete dieser, »ich habe es heute Nacht auf der
Strasse gefunden und mitgenommen. - Wissen Sie wohl, Sophie,« setzte er mit
Betonung hinzu, »das bleibt aber ganz unter uns; es braucht's Niemand im Hause
zu erfahren; Mama, wie Sie wohl wissen, kann die Gespenster nicht leiden. Wenn
Sie aber jetzt hinunter gehen, so seien Sie so gut und schicken nach dem Barbier
und dem Friseur; sie sollen zu mir kommen.«
    Die Dienerin verliess das Zimmer, nicht ohne noch einen besorgten Blick nach
dem Sopha geworfen zu haben.
    Worauf Herr Beil sein Lager verliess und sich alsdann schleunigst in das
Schlafzimmer von Artur zurück zog, wo er seine Toilette machte.
    Als die Beiden später das Frühstück verzehrt hatten, dem natürlicherweise
die unentbehrliche Cigarre folgte, sagte der Maler: »Ich konnte gestern Abend
nicht gut einschlafen; ein angenehmes Ereignis, was mich betroffen, und Ihre
Geschichte hielten mich wach. Ich dachte viel an Sie und überlegte, was jetzt
wohl zu beginnen sei. - Wenn ich von jetzt spreche, so versteht sich von selbst,
dass ich jene Zeit meine, wo Sie sich von Ihren Strapatzen wieder vollkommen
erholt haben, überhaupt wenn es Ihnen gefällt, an die Zukunft zu denken. Im
Augenblick sind Sie bei mir hier vortrefflich aufgehoben.«
    »Gewiss, auch ich dachte daran,« entgegnete Herr Beil; »doch habe ich dort am
Kanal einen ganz andern Menschen angezogen; mir graust vor dem Buchhandel.«
    »Das begreife ich,« erwiderte Artur. »Aber Sie führen eine gute Feder, wie
ich mich erinnere, Sie sind in Ihren Arbeiten pünktlich und umsichtlich; das
erkannte ja sogar Herr Blaffer, und umsomehr muss es wahr sein. Ich habe nun die
Idee, gelegentlich mit Papa und meinem Schwager zu sprechen, vielleicht wäre es
möglich, dass man Ihnen eine Stelle in unserem Hause geben könnte. - Ich habe Sie
ja,« setzte er lachend hinzu, »nun einmal an Kindesstatt angenommen, und auf
diese Art behalte ich Sie ganz unter meinen Augen.«
    »Und würden mich unendlich glücklich machen,« sagte Herr Beil gerührt. »Ich
sehe, dass Sie sich meiner ernstlich annehmen wollen, dass Sie es gut mit mir
meinen, und das ist für Jemand, der wie ich so lange in der Welt herumgestossen
wurde, der bisher Jedem eine Last war, ein wahrhaft süsses Gefühl.« - Er kämpfte
bei diesen Worten gewaltsam seine Bewegung nieder und setzte dann mit heiterem
Tone hinzu: »Ich sehe mich im Geiste schon als angehender Bankier oder als
junger Kassier, wie ich den Leuten Zahlungen mache und Wechsel diskontire.«
    »Denken Sie nur an das köstliche Gesicht des Herrn Blaffer, wenn er zu uns
kommt, - was ja häufig geschieht, - und Sie ihm plötzlich entgegen treten. -
Vorderhand aber denken wir noch nicht daran,« fuhr Artur nach einer Pause fort;
»wir lassen erst seit Ihrem Verschwinden aus dem Hause des Herrn Blaffer einige
Zeit vergehen, damit Sie dort etwas in Vergessenheit kommen. Zuerst müssen wir
daran gehen, - Sie werden meine Worte nicht übel deuten? - Ihren äusseren
Menschen zu restauriren, und gleich heute Morgen, und zwar mit dem Kopfe
anfangen. Ich kenne freilich Ihre Leidenschaft für Ihr starkes Haupt- und
Bartaar, aber da muss ich Ihnen wahrhaftig etwas wegsprechen.«
    Herr Beil fuhr bei diesen Worten mit einem komischen Schrecken durch seine
schwarzen Haare, worauf er aber lachend sagte: »Seien Sie unbesorgt, ich gebe
diesen Lieblingen gern den Abschied! Ich sprach Ihnen ja vorhin schon von einem
andern Menschen, den ich angezogen, und zu ihm passen diese Zeichen einer
früheren Zeit nicht mehr. Auch kann ich nie mehr die fatale Feuchtigkeit
vergessen, die sich am Kanale hier hinein gesetzt, sowie die schauerlichen
Eiszapfen, die an meinem Barte hingen, als ich Morgens in dem Winkel kauerte. -
Ah! das sind schreckliche Erinnerungen! - Machen Sie deshalb mit mir, was Sie
wollen.«
    »Ich werde es künstlerisch behandeln,« erwiderte der Maler, »und werde der
Sitzung des Barbiers und des Friseurs mit voller Teilnahme anwohnen. - Schon
höre ich draussen anklopfen; es wird einer der Herren sein, die ich für Sie
bestellt.«
    Und so war es auch; zuerst kam der Barbier und dann der Friseur. Herr Beil
wurde nach den Anordnungen Arturs von Beiden bedient, wobei sich die Scheere
des Haarkünstlers mit einem wahren Appetit in dem dichten Lockenwald seines
Opfers zu verbeissen schien. Man hatte gewiss dies Instrument lange Zeit nicht so
vergnügt klappern hören; rechts und links fielen die dichten schwarzen Büsche,
und als das Werk vollendet war, machte es dem Künstler alle Ehre, und die
Versicherung desselben, aus dem Kopfe sei etwas zu machen, stellte sich als
völlige Wahrheit heraus.
    Nun war das Haar gekürzt, frisirt, der Kinnbart glatt weggeschoren, der
Schnurrbart gestutzt, und als sich Herr Beil hierauf im Spiegel erblickte,
nickte er wohlgefällig mit dem Kopfe und versicherte, er sei vollkommen mit sich
zufrieden. Er sah auch in dem schönen Schlafrock, wie er nun dasass in dem
kleinen Fauteuil, mehr als anständig, ja fast elegant aus.
    Artur hatte sich an seine Staffelei gesetzt und einen grossen Rahmen mit
weisser Leinwand vor sich aufgestellt. »Es ist heute ein Festtag,« sagte er, »und
an solchen mache ich mir das Vergnügen, irgend ein Bild zu ebauchiren, lieber
zwei, drei hinter einander, denn es ist eine wahre Wonne für mich, wenn ich
meiner Phantasie die Zügel schiessen lassen, und einen Entwurf um den andern auf
die Leinwand hinwerfen kann. Heute aber bleibt es bei diesem einzigen, und ich
will sehen, ob meine Erinnerung frisch und gut ist.«
    »Gibt es ein Porträt?« fragte Herr Beil.
    »Ja und nein,« entgegnete Artur, indem er anfing mit schwarzer Kreide einen
Frauenkopf zu skizziren; »es soll eine ideale Gestalt werden, doch für mich mit
bekannten Zügen. - Aber wie es mir immer geht,« fuhr er nach einer Pause fort,
während welcher er einige Striche gemacht hatte, »so werde ich immer im besten
Arbeiten gestört. Wenn ich mich nicht irre, so rollt eben ein Wagen durch die
enge Gasse neben dem Hause, und das wird wahrscheinlich mir gelten, denn hier
herum ist eigentlich kein Weg für Equipagen. - Tun Sie mir den Gefallen, lieber
Freund, treten Sie einen Augenblick an's Fenster und sehen Sie, ob wirklich ein
Wagen da heraus kommt und wo er hingeht.«
 
                          Dreiundfünfzigstes Kapitel.
                                  Im Atelier.
Herr Beil sprang eilfertig an's Fenster, sah eine Weile durch die Scheiben, dann
sagte er: »Es ist ein kleiner geschlossener Wagen; jetzt biegt er um die Ecke
und will wahrscheinlich zu Ihnen. - Richtig; er fährt bei der Türe vor.«
    Wirklich hörte man ihn in diesem Augenblick an der Türe halten.
    »Ich will aber jetzt nicht gestört sein!« rief der Maler unmutig. »Tun Sie
mir den Gefallen, springen Sie in's Vorzimmer und schliessen Sie die Türe zu.
Sie sollen mich in Frieden lassen.«
    »Es sind zwei Herren,« rief Herr Beil hastig. Und dann sprang er davon, um
den Wunsch seines Freundes zu erfüllen.
    Doch kam er zu spät, denn die Beiden waren schon auf der Treppe und hätten
das Umdrehen des Schlüssels hören müssen, wesshalb Herr Beil dies unterliess,
indem er es für unschicklich hielt, Jemand die Türe dicht vor der Nase
zuzusperren. Er machte das dem Maler durch ein Zeichen mit der Hand begreiflich,
der achselzuckend fortfuhr, auf die Leinwand zu zeichnen.
    Die beiden Herren auf der Treppe waren in eifriger Unterhaltung begriffen;
wenigstens sprach der Eine, ein kleiner und magerer Mann, sehr laut und lebhaft,
während der Andere sich begnügte, zuweilen mit dem Kopfe zu nicken oder: ja! ja!
zu sagen.
    Der kleine Mann sprang lebhaft die Treppen hinauf, wandte sich aber fast auf
jeder Stufe um, um sein Gespräch dem Andern in's Gesicht hinein mit mehr Erfolg
fortsetzen zu können. - »Bester Baron!« rief er, »Sie mögen sagen, was Sie
wollen, - und ich weiss wohl, Sie nehmen Partei für die königlichen Stallmeister,
aber das ist gleichviel, ich will meine Behauptung der ganzen Welt gegenüber
durchführen; ich habe hier wahrhaftig nicht die Zeit, viele Stunden auf die
Dressur meiner Reitpferde zu verwenden, während Jene den ganzen Tag im Sattel
sitzen; aber das versichere ich Sie, und Sie können die kompetentesten Richter
aufstellen, ich behaupte: es ist im ganzen Marstall nicht ein einziges Pferd so
sein geritten, so sorgfältig dressirt, und dadurch - beachten Sie das wohl - nur
dadurch von so angenehmen und gefälligen Bewegungen.«
    Bei diesen letzten Worten war er oben auf der Treppe angekommen und schlug
mit dem Knopfe seines Stockes taktmässig in die rechte Handfläche, während er
seine Stimme erhoben hatte und jede Silbe scharf betonte, sowie mit dem Ausdruck
der grössten Ueberzeugung sprach.
    »Nicht ein einziges Pferd im ganzen Marstall. - Natürlicherweise nehme ich
die aus, welche vor einigen Tagen zum Geschenk für die Frau Herzogin angekommen
sind. Die kommen von uns, und da, bester Baron, versteht man zu reiten.«
    »Hier sind wir am Ziel unserer Fahrt,« erwiderte der andere Herr, der die
Rede des kleinen Mannes zu unterbrechen versuchte. »Herr Erichsen ist zu Hause?«
fragte er den Herrn Beil, welcher die Türe geöffnet hielt.
    Der kleine Mann trat lebhaft in das Gemach, schaute Herrn Beil einen
Augenblick forschend in's Gesicht, schien einen Moment nachzudenken, und sagte
dann: »Wenn ich nicht ganz irre, so sahen wir uns neulich Abends bei meinem
Freund, dem Grafen Fohrbach; Sie ersuchten mich, Ihr Atelier zu besuchen. Nun
sehen Sie, ich bin da; ich habe eine Stunde für Sie gefunden und versichere Sie,
bei meinen vielen zahlreichen Geschäften will das viel heissen. Aber der Baron
Brand sagte mir, ich werde nicht umsonst kommen und einiges recht Gutes sehen.«
    Herr Beil hatte diesen Redestrom geduldig über sich ergehen lassen, es wäre
aber auch vergebliche Mühe gewesen, den kleinen Mann zu unterbrechen, denn nach
seiner Gewohnheit sprach er nur Worte, ohne sich viel darum zu bekümmern, ob sie
Jemand anhöre. Auch blickte er dabei bald hierhin, bald dortin, und im Zimmer
umher, am allerwenigsten aber sah er auf die Person, zu der er eben redete. Er
schien überhaupt einen festen menschlichen Blick nicht gut ertragen zu können.
    Der andere Herr liess ihn ebenfalls gewähren, und erst, als er geendigt hatte
und nach Luft schnappte, sagte Jener: »Sie irren sich, bester Herr von Dankwart,
dies ist nicht Herr Erichsen, - wahrscheinlich einer der Freunde desselben,«
setzte er mit einem verbindlichen Lächeln hinzu, indem er sich verbeugte.
    Herr Beil verbeugte sich ebenfalls und bat die beiden Herren, sich in das
dritte Zimmer zu bemühen, wo der Maler immer noch vor seiner Staffelei sass.
    Während Herr von Dankwart durch die Zimmer schwebte - man muss diese Bewegung
schweben nennen, denn er tänzelte mit seinen kleinen Beinen nur so dahin,
blickte dabei bald rechts, bald links, ging nie gerade aus, und zu gleicher Zeit
machte sein für den zarten Körper etwas zu schwerer Kopf allerlei selbstständige
Bewegungen - blieb er jetzt hier, jetzt dort vor einem Bild, irgend einem
seltsamen Möbel, einer Waffe oder sonst etwas stehen, wobei er in Einem fort
fragte, ohne aber, gleich vielen der Grössen dieser Erde, eine Antwort
abzuwarten, denn wenn er jetzt von einer Landschaft behauptete, sie sei etwas
dunkel im Kolorit, oder der Rahmen zu breit und zu schwer für die Leinwand, und
alsdann fragte: »Ist sie hier gemalt? - von wem ist sie? - ein Original oder
eine Kopie?« so sprang er gleich darauf zu irgend einem interessanten Dolche
über, um sich zu erkundigen, ob er ächt montirt oder ob die Klinge in Wahrheit
ein Damascener oder vielleicht aus Khorassan sei.
    Trotz allem dem hätte er sich wahrscheinlich nicht weiter in den beiden
vorderen Zimmern aufgehalten, um diese für ihn so notwendigen Bemerkungen zu
machen, wenn er nicht von ungefähr in die Nähe des Fensters geraten wäre, von
wo aus er einen Blick auf die unten stehenden Pferde und Wagen werfen konnte.
Diese fesselten seine ganze Aufmerksamkeit, und er schien das Zimmer, wo er sich
befand, den Künstler, dessen Werke er anschauen wollte, kurz alles Andere auf
der ganzen weiten Welt für den Augenblick rein vergessen zu haben.
    »Ein magnifikes Ensemble!« rief er dem Baron zu, der soeben mit Artur einen
freundlichen Händedruck gewechselt. »In der Tat vollendet! Bitte Sie, sehen Sie
doch, wie ausserordentlich schön die beiden Pferde stehen; dazu die einfachen
Geschirre, schön in ihrer Anspruchslosigkeit. Ah! ich muss mir für diese
Zusammenstellung selbst ein Kompliment machen. - Und Joseph auf dem Bocke hat
das wahre Air eines Kutschers aus gutem Hause - aus sehr gutem Hause. - Baron,
ich begreife in der Tat nicht, wie man es bei Hofe verantworten mag, dass die
Kutscher beim Stillstehen die Peitschen nach links hinüber geneigt halten. Ich
kann mir nun einmal nicht helfen; das gibt der ganzen Tournure eine Schattirung
von Nachlässigkeit. - Bei uns wagt das kein Kutscher. Sehen Sie Joseph an; Joseph
hat die Peitsche, wie es sich gehört, auf dem rechten Schenkel aufgestützt. -
Nur so hält der Kutscher eines vornehmen Hauses. - Aber Sie müssen das
betrachten, Baron.«
    »O, ich habe es schon oft gesehen,« entgegnete dieser lächelnd. - »Aber
bester Herr von Dankwart, wollen Sie nicht erlauben, dass ich Sie an den Zweck
unseres Besuches erinnere und Sie mit Herrn Erichsen bekannt mache?«
    »Gleich! gleich!« erwiderte der kleine Mann, indem er sich mit beiden Händen
auf die Fensterbrüstung stützte und sich auf den Zehen erhob, denn die kurzen
Beinchen erlaubten ihm sonst nicht, auf die Strasse zu sehen. - »Gleich, bester
Baron, ich verfolge soeben eine ausserordentlich schöne Idee: wenn ich mir so die
elegante Figur des Handpferdes da unten betrachte, so kommt mir immer wieder der
Gedanke, es sei doch eigentlich schade, dass man ein solches Pferd einspannt. -
Glauben Sie mir, bester Baron, es würde unter dem Sattel Furore machen.« - Damit
warf er noch einen letzten, halb schmerzlichen Blick auf die Strasse hinab,
worauf er sich nun endlich umwandte und in das Nebenzimmer zu den Anderen eilte.
    An der Tür desselben geschah es ihm nun abermals, dass er in seiner
Zerstreuteit den Herrn Beil für Artur nahm, denn er klopfte dem Ersteren, der
sich bescheiden am Eingange hielt, sanft auf die Schultern, während er mit einer
Protektionsmiene sagte: »Da sind wir, in der Tat, da sind wir. Freue mich sehr,
Ihre Sachen zu sehen. Man ist Allerhöchsten Orts auf Sie aufmerksam geworden;
die Frau Herzogin lobt über alle Massen ihre wunderbare Ansicht von Carrara.«
    Herr Beil verbeugte sich verlegen, denn er wusste nicht, ob es an ihm sei,
jetzt selbst eine Aufklärung über seine Person zu wagen, nachdem dies vorhin der
Baron so erfolglos getan.
    Dieser lächelte sanft in sein Schnupftuch und Artur zuckte die Achseln.
    Herr von Dankwart hatte es sich unterdessen in einem Fauteuil bequem gemacht
und blickte an den Wänden umher, wo einige Skizzen und Studien hingen. - »In der
Tat,« sprach er nach einer kleinen Pause, »diese Ansicht von Carrara hat
einiges Aufsehen gemacht; ich gratulire Ihnen. Die Frau Herzogin geruhten, das
Gemälde schön zu nennen; ich glaube versprechen zu können, dass wenn Sie so
fortfahren, Sie nächstens von uns einige Bestellungen erhalten werden.«
    »Aber Sie irren sich, Herr von Dankwart,« sagte Artur sehr ruhig und ohne
dass er aufhörte, zu zeichnen, »die Ansicht von Carrara ist nicht von mir; ich
male überhaupt keine Landschaften.«
    »Allerdings nicht von Ihnen,« entgegnete einigermassen pikirt der kleine
Mann, »aber sie ist von Herrn Erichsen dort. Freilich nicht von Ihnen.«
    Bei diesen Worten deutete er mit einer leichten Biegung des Kopfes auf Herrn
Beil.
    »Bester Herr von Dankwart,« lachte nun der Baron laut hinaus, »Sie sind
heute unsäglich zerstreut. Dort jener Herr an der Staffelei ist der Künstler,
den wir besuchen wollten, Herr Erichsen. Er malt aber keine Landschaften, wie
Sie sich erinnern wollen; die Ansicht von Carrara ist von Herrn Becker.«
    Der kleine Mann schaute einen Augenblick befremdet um sich, dann legte er
die Hand an die Stirne, schloss für ein paar Sekunden die Augen und sagte
hierauf: »Ja sehen Sie, meine Herren, wie man mit den Gedanken abwesend sein
kann! Das passirt mir leider sehr häufig. - Ich habe zu viel in meinem Kopfe,«
setzte er seufzend hinzu; »es geht nicht auf die Länge der Zeit. Aber
entschuldigen Sie mich, Herr Erichsen; es ist mir wirklich recht angenehm, Ihre
Bekanntschaft zu erneuern - zu erneuern, denn wie Sie wissen, sahen wir uns bei
meinem Freund, dem Grafen Fohrbach.« - dabei neigte er sein Haupt sanft gegen
den Künstler und machte mit der rechten Hand eine Bewegung, die einen
freundlichen Gruss ausdrücken sollte.
    Der Baron hatte sich unterdessen ebenfalls in einem Stuhl niedergelassen,
und Artur reichte ihm eine Cigarre. Auch bot er Herrn von Dankwart eine an, der
sie aber refusirte, eine eigene hervorzog und anzündete.
    »Mit Cigarren,« sagte der kleine Mann, »bin ich difficil; ich halte mir ein
grosses Lager und rauche nur sechsjährige.«
    »Womit ich leider nicht dienen kann,« entgegnete Artur. »Wissen Sie, wir
Künstler leben so von einem Tag in den anderen, kaufen uns heute die Cigarren,
die wir morgen rauchen, und legen uns keinen Vorrat an.«
    »Aber Sie könnten das, Herr Erichsen,« versetzte Herr von Dankwart. »Sie
sind ein reicher Mann, wie man mir sagt, der sich keinen schönen Genuss des
Lebens zu versagen braucht.« dabei zog er den Mund zusammen wie ein Karpfen und
blies den Dampf der Cigarre horizontal von sich. - »Wir sind doch hier in Ihrem
elterlichen Hause?« fuhr er darauf fort. »Kenne den Papa wohl; mache zuweilen
mit ihm Geschäfte. - Apropos! hat er noch immer den kleinen Schimmel? Im
vergangenen Herbst wurde er noch von dem Kommerzienrate geritten. - Baron,«
wandte er sich an diesen, »Sie kennen das Pferd nicht? - ein kapitales Tier,
aber alt. Nicht wahr, es ist alt, Herr Erichsen.«
    »Ja, es ist sehr alt,« erwiderte dieser. »Desshalb wird es auch von Papa
nicht mehr geritten; es steht drunten im Stalle und soll da in Nutze seine
letzten Tage verleben.«
    »Schön! schön!« rief der kleine Mann. »Aber jetzt müssen Sie mir erlauben,
dass ich einmal in meiner Brieftasche nachsehe, - ich habe eine Notiz für Sie
gemacht, eine Notiz von Wichtigkeit, kann mich aber nicht mehr darauf besinnen.
- Sie verzeihen schon einen Augenblick!«
    Artur nickte höflich mit dem Kopfe und dann legte er die Kohle, mit der er
gezeichnet, auf die Staffelei, wischte sich die Hände ab und wandte sich gegen
den Baron von Brand, der ein kleines Bildchen ergriffen hatte, welches in der
Ecke lehnte, und es aufmerksam betrachtete.
    Herr von Dankwart hatte sein Taschenbuch heraus gezogen und blätterte
langsam darin.
    Unterdessen war Herr Beil in's Nebenzimmer gegangen.
    »Sie hatten mir auch versprochen, mich zu besuchen,« sagte der Baron zu
Artur. »Erinnern Sie sich, als wir neulich zusammen nach Hause fuhren.«
    »Und das habe ich nicht vergessen,« antwortete der Maler. »Wir Künstler sind
aber ein eigenes Volk: oft haben wir Tage und Wochen lang nichts zu tun und
schlendern umher, und dann verschliessen wir uns wieder für längere Zeit in unser
Atelier und kommen zu gar nichts.«
    »Und in diesem Stadium befinden Sie sich gerade?«
    »Beinahe,« entgegnete Artur lächelnd. »Doch bin ich im jetzigen Augenblick
weniger vor der Staffelei als sonstwo beschäftigt.«
    »Ah! ich habe gehört. Man bereitet in Ihrem Hause ein hübsches Fest vor, ich
glaube, Sie wollen lebende Bilder arrangiren. Das ist eine ganz köstliche Idee!
Ich liebe dergleichen unendlich, das heisst, sehe gerne zu; denn sollten Sie es
wohl glauben, mein lieber Herr Artur, ich bin nicht im Stande, in irgend einem
Bilde mitzustehen. Meine Nerven sind zu schwach dazu. - Sie schütteln ungläubig
den Kopf, aber dem ist in Wahrheit so; ich habe es mehrere Male versucht, doch
so bald der Vorhang auseinander geht und ich die Lichter sehe, da fängt Alles
an, mir vor den Augen herum zu tanzen. - Sehen Sie, jetzt schon, wenn ich nur
daran denke, wird es mir heiss und eng.«
    Bei diesen Worten zog er sein duftendes Taschentuch hervor und fächelte sich
kokett die Stirne damit.
    Herr von Dankwart liess die Hand mit dem Taschenbuche herabsinken und meinte:
»Sie sprachen da eben von lebenden Bildern? - Man weiss das hier nicht zu
arrangiren; Sie sollten das an unserem Hofe sehen! Ah! das macht einen
wunderbaren Effekt. Ich versichere Sie, wenn man dort die Auswahl der Bilder
betrachtet, die sorgfältig ausgesuchten Darsteller, die trefflich gewählten
Kostüme, das unnachahmliche Arrangement des Lichtes, - das ist superb! Man
glaubt in der Tat vor einem wirklichen Bilde zu sitzen.« - Hiemit erhob er sein
Taschenbuch wieder und suchte abermals emsig darin, ohne sich weiter darum zu
bekümmern, ob einer der Anwesenden seine Meinung bekämpfen werde oder nicht.
    Dies tat übrigens auch Niemand; der Baron wischte mit dem feinen
Battisttuche ruhig seinen Schnurrbart, worauf er die Cigarre wieder zwischen
seine Lippen nahm. Artur betrachtete die Leinwand auf der Staffelei und schien
sich zu freuen, dass die Züge, die dort hervortraten, wenigstens für ihn schon
kennbar waren.
    »Wer ist der junge Mensch, der eben hier im Zimmer war?« fragte nachlässig
Herr von Brand. »Ich sah ihn bisher noch nie in Ihrer Gesellschaft.«
    Artur, so plötzlich gefragt, wusste nicht gleich, was er antworten sollte.
Er half sich aber, indem er, um Zeit zu gewinnen, entgegnete: »Sie meinen den,
welcher eben in's Nebenzimmer gegangen ist? - im roten Schlafrock?«
    »Richtig, den im sehr langen roten Schlafrock,« gab der Baron lächelnd zur
Antwort. »Ein merkwürdig gescheidtes Gesicht, kluge Augen.« - dabei schlug er
sanft mit der rechten Hand auf die Lehne des Sessels, in welchem er sass. - »Ein
Gesicht, welches Zutrauen erweckt,« fuhr er alsdann fort; »schade, dass dieser
Kopf auf einem so unscheinbaren Körper steht.«
    »Es ist allerdings schade,« erwiderte Artur, »dass das Äussere meines
Freundes nicht sehr empfehlend; sein Inneres dagegen ist vortrefflich; Herr Beil
ist ein Mensch voll Herz und Gemüt, dem ich mein ganzes unbedingtes Vertrauen
schenken würde.«
    »So, er heisst Beil?« antwortete der Baron. »Ja, ja, das Gesicht hat einen
guten Ausdruck. - Was ist er eigentlich?«
    »Er ist - er sucht,« sagte Artur zögernd, »er wünscht - eine Stelle zu
erhalten, ist augenblicklich ausser Dienst.«
    »Also Herr Beil ist Geschäftsmann?«
    »Ein sehr solider und pünktlicher Mensch in allen seinen Arbeiten.«
    »Führt er eine gewandte Feder? - Spricht er fremde Sprachen?« fragte der
Andere.
    »Ich glaube, dass ich hierauf mit Ja antworten kann, und was namentlich das
Letztere anbelangt, so weiss ich, dass er geläufig französisch spricht und
englisch versteht.«
    »Das wäre nicht so übel,« meinte Herr von Brand, indem er einen Augenblick
nachdachte. »Würden Sie ihn empfehlen? - das heisst, für seine Rechtlichkeit und
gute Aufführung garantiren?«
    »Gewiss,« entgegnete Artur und schaute den Andern einigermassen erstaunt an.
»Hätten Sie vielleicht eine Verwendung für ihn?«
    »Ja,« versetzte Herr von Brand; »Sie wissen, bester Herr Artur, ich arbeite
nicht gern; es ist ein grosser Fehler, ich weiss das wohl, aber man kann sich
nicht anders machen, als wie man ist. Nun aber leiden darunter meine Papiere,
meine Korrespondenzen. Fände ich nun Jemand, auf den ich mich bei diesen
Geschäften verlassen könnte, so wäre ich sehr froh darüber.«
    »Das trifft sich prächtig!« rief der Maler, der entzückt war, eine so
glänzende Unterkunft für seinen Freund zu finden. »Ich garantire für ihn nach
allen Richtungen, und obendrein tun Sie wirklich ein gutes Werk, wenn Sie sich
seiner annehmen; er steht allein in der Welt.«
    »Das wäre mir um so lieber,« entgegnete der Andere, »denn ich gestehe
offenherzig, ich mag es gern leiden, wenn meine vertrauten Diener keinen grossen
Anhang haben, namentlich nicht in der Stadt, wo ich bin. - Sie wissen,« setzte
er lächelnd hinzu, »wir jungen Leute treiben so allerlei; man empfängt bald
dies, bald das Billet, man muss bald da, bald dortin schicken, namentlich bei
einem sehr bewegten Leben, wie ich es führe, und da ist denn die vollkommenste
Diskretion eine Eigenschaft, die ich an meinen Dienern besonders schätze, und
wenn ich sie einmal gefunden, immense bezahle.«
    »Was das anbelangt,« versetzte Artur, »so glaube ich, dass ich darin für
meinen Freund einstehen kann wie für mich selbst. Es ist das eine kernige,
ruhige Natur, voll Anhänglichkeit gegen Jemand, der ihr Gutes erzeigt,
schweigsam, wo er nicht sprechen soll, und voll Humor, wenn er sieht, dass man
wünscht, unterhalten zu sein.«
    »Bei all' den guten Eigenschaften,« erwiderte Herr von Brand, »und bei einer
so vortrefflichen Garantie, wie Sie, bester Herr Artur, für mich sind, zaudere
ich nicht länger, den jungen Mann in meine Dienste zu nehmen. Ich werde ihn sehr
anständig stellen; er sei mein Geschäftsmann, nach Befund mein Vertrauter, und
ich hoffe, wir werden mit einander zufrieden sein. - Abgemacht! Sagen Sie ihm,
er soll sich von heute in drei Tagen Abends um sieben Uhr bei mir einfinden, und
sprechen wir jetzt nicht weiter darüber; ich hasse alle Nervenaufregungen, wozu
ich namentlich rechne, wenn mir Jemand danken will.«
    »Aber ich darf Ihnen doch so ganz im Stillen danken,« flüsterte Artur,
indem er seine Hand ergriff.
    »Nun meinetwegen denn,« sagte gleichgiltig der Baron, indem er affektirt und
matt seine Rechte erhob, die der junge Mann herzlich drückte. - »Jetzt aber
hätten Sie lange genug gesucht, bester Herr von Dankwart,« fuhr er nach einer
Pause laut gähnend fort und wandte seinen Kopf auf die Seite, um den also
Angeredeten beschauen zu können. »Die Zeit vergeht, und die halbe Stunde, die
ich für Sie übrig hatte, muss längst verflossen sein. - Sehen wir.« - Er zog
seine Uhr heraus, betrachtete das Zifferblatt und rief dann mit grosser
Wichtigkeit: »Schon elf Uhr! - Coeur de rose! Herr von Dankwart, Sie bringen
mich um meine beste Zeit. - Haben Sie denn noch nicht Ihre Notiz gefunden?«
    »Schon längst,« entgegnete wichtig der kleine Mann; »aber während ich
darnach sah, fand ich hier eine andere Bemerkung, welche mir interessant schien
und Sie betrifft, die ich aber während des Vortrags bei Allerhöchst der Frau
Herzogin so flüchtig hingeworfen, dass ich aus den paar Worten den Sinn nicht
mehr enträtseln kann.«
    »So lassen Sie die paar Worte hören,« sagte offenbar gelangweilt der Baron.
    »Frage an den Baron von Brand,« las der kleine Mann und zog die Augenbrauen
hoch empor. »Und dahinter steht: Polizei.«
    »Wa-as?« rief lachend der Andere. »Fragen Sie mich was und so viel Sie
wollen, aber bleiben Sie mir mit der Polizei vom Leibe.«
    »Ich kann das auch nicht zusammen reimen: Sie, bester Baron, und die
Polizei. Jetzt zerbreche ich mir seit einer Viertelstunde den Kopf und ich muss
doch am Ende heraus bringen, was es heissen soll, denn daneben habe ich noch ein:
F.d.n.N. - heisst: für den nächsten Rapport. - Der Baron Brand und die Polizei!«
sagte er mehrmals leise vor sich hin, wobei er mit seinem Bleistift vor die
Stirne schlug.
    »Soll Sie der Teufel holen mit Ihrer Polizei!« rief der Andere. »Ich werde
mich wahrhaftig bei der Frau Herzogin bedanken, dass sie mich damit in
Zusammenhang bringt.«
    »In der besten Absicht, lieber Baron, in der allerbesten Absicht. Ich war es
sogar, der das Gespräch auf Sie lenkte; ich tue das gern für meine Freunde. -
Warten Sie, - unterbrechen Sie mich nicht! - ich komme darauf. Ich sagte
nämlich, es wäre schade, wenn Ihr Aufentalt hier nur ein vorübergehender wäre;
man sollte Sie zu fesseln suchen.«
    »Coeur de rose! - Auf der Polizei? - Ich danke Ihnen.«
    »Ja, richtig auf der Polizei, so ist's. - Ich hab's! ich hab's! - Gott sei
gedankt! Die Frau Herzogin sagte nämlich, es sei ihr ein kleines Gerücht zu
Ohren gekommen, von einer Liaison, welche der Baron Brand auf der
Polizeidirektion angeknüpft. - Jetzt erinnere ich mich ganz genau; wie kann man
so vergesslich sein! - Fräulein Auguste ist eine liebenswürdige junge Dame. -
Darf man gratuliren?«
    »Ach, bleiben Sie mir mit so etwas vom Leibe!« rief fast entrüstet Herr von
Brand. »Das ist mein ewiges Unglück, ja das jedes Junggesellen, sowie er ein
Haus betritt, wo heiratsfähige Mädchen sind. - Ist's nicht wahr, Herr Artur?
Ihnen wird's auch so gehen? - Und von Ihnen gar nicht zu reden, bester Herr von
Dankwart! Denken Sie nur an sich selber; wie oft sagt man Ihnen eine Brautschaft
nach!«
    »Ja, ja, das ist wahr,« entgegnete dieser einigermassen geschmeichelt. -
»Also diese Sache ist wieder leeres Geklatsch?«
    »Vollkommen grundlos. - Ich bitte, das der Frau Herzogin in meinem Namen zu
sagen.«
    »Werde nicht ermangeln,« antwortete Herr von Dankwart; »es hat
Allerhöchstdieselben wirklich interessirt. - Werde nicht ermangeln.« - Damit
schloss er sein Taschenbuch, ohne sich weiter zu erinnern, dass er eigentlich
etwas Anderes habe suchen wollen, ja, er erhob sich aus seinem Fauteuil, nachdem
er einen Blick auf die Standuhr über dem Kamin geworfen, schaute einen
Augenblick mit recht nichtssagender Miene an den Wänden umher, wobei er jetzt
mit dem Kopfe nickte, dann denselben auf die Seite neigte, die Augen halb
schloss, wieder öffnete, und sich darauf vernehmen liess: »Ganz gut! - ganz gut! -
superb! - In der Tat fast vortrefflich! Werde Ihren Namen bestens behalten und
der Frau Herzogin melden, dass Sie es verdienen, wenn man etwas für Ihr Renommée
tut.« - Damit streckte er seine beiden Hände aus, als wollte er sie Jemand
darreichen, besann sich aber glücklicherweise noch, dass es nur ein Künstler sei,
der vor ihm stehe, wesshalb er die linke wieder sinken liess, mit der rechten
dagegen den Hut ergriff und darauf mit einer steifen Kopfverneigung durch die
Zimmer zur Türe hinaus tänzelte.
    »Vergessen Sie mir den Herrn Beil nicht,« sagte lächelnd der Baron zu
Artur. Er hatte den seltsamen Blick wohl verstanden, mit dem der Künstler dem
Allerhöchsten Geschäftsmann achselzuckend nachgeblickt. - »Durch solche Herren,«
setzte er flüsternd hinzu, »wird die Kunst oft bei den Grossen der Erde protegirt
und gepflegt.« - Damit drückte er dem Maler herzlich die Hand und folgte dem
vorangegangenen Gefährten, der auf den ersten Stufen der Treppe schon wieder ein
Pferdegespräch begann und dieses fortsetzte, bis er an seinem Coupé angekommen
war, worauf er zum Wagenbau überging und hierüber manch' Schönes und Lehrreiches
zum Besten gab.
    Sobald der Baron von Brand die Türe hinter sich zugezogen, kam Herr Beil
aus dem Nebenzimmer hervor, sah seinen Freund mit einem launigen Blicke an,
worauf Beide in ein lautes Gelächter ausbrachen.
    »Eigentlich ist das nicht zum Lachen,« sagte Artur nach einer kleinen
Pause, indem er abermals seine Kohle ergriff; »das kommt her, bringt uns um die
besten Morgenstunden, sieht unsere Sachen gar nicht an, und geht dann später in
seine vornehmen Cirkel, um über uns und unsere Leistungen ein Urteil zu fällen.
- Hole sie Alle mit einander der Teufel! - Es ist doch weiss Gott traurig, dass
wir Künstler nicht einmal unsere Freiheit haben, dass wir mehr oder minder von
ihnen abhängen - ihre Sklaven sind. - - Doch warum fährt der Wagen drunten nicht
weg,« fuhr er fort, nachdem er einige Striche auf der Leinwand getan. - »Höre
ich nicht meinen Namen rufen! - Die doppelten Fenster dämpfen allen Schall;
seien Sie doch so gut, lieber Beil, und schauen ein wenig nach. - Ja, ja, man
ruft mich.«
    Und es war in der Tat so. Kaum hatte Herr Beil den Kopf in's Freie
hinausgestreckt, so zog er ihn hastig wieder zurück und sprach lachend: »Da
unten beugt sich der Herr von Dankwart oder wie er heisst, zum Halsverdrehen aus
seinem Coupé heraus und ruft nach Ihnen.«
    »Er soll rufen!« entgegnete Artur unmutig. »Hat mich hier fast eine Stunde
mit seinen nichtssagenden Reden aufgehalten, und jetzt soll ich noch da hinunter
und demütig an ihn hintreten - was befehlen Euer Gnaden?«
    »Aber er hat mich gesehen,« versetzte begütigend Herr Beil, der noch immer
am geöffneten Fenster stand; »er hat sich an mich gewandt, als er zum letzten
Mal Ihren Namen rief.«
    »Aber was mag er wollen?«
    »Vielleicht ist ihm jetzt endlich eingefallen, nach was er in seiner
Schreibtafel gesucht, und das er, als er es gefunden, wieder vergessen.«
    »Meinetwegen; er soll zum Teufel gehen! Ich steige nicht die Treppen
hinunter.«
    »Tun Sie es doch,« bat Herr Beil. »Bedenken Sie, dass Sie einmal Künstler
sind, und wenn Sie auch nicht nötig haben, für Geld zu arbeiten, so arbeiten
Sie doch für Beifall. Und der kann Ihnen ja nicht zu Teil werden, wenn man
Ihnen keine Bestellungen gibt. Auch hat er schon eine ziemliche Zeit gewartet
und nach Ihnen gerufen.«
    »Ja, Sie haben Recht,« entgegnete Artur ärgerlich. »Ich sehe ein, ich muss
mich wohl draussen im Regen an den Wagen hinstellen und freundlich meinen Kopf
neigen. - Wer will gegen den Strom schwimmen, ohne am Ende unterzugehen? Ja, ich
fühle meine Fesseln, ich fühle es, dass ich so gut wie jeder Andere ein Sklave
der Verhältnisse bin.«
    Nach diesen Worten schritt der Maler die Treppen hinab, ohne sich jedoch
gerade sehr zu beeilen, und trat an den Wagen, aus welchem heraus Herr von
Dankwart mit seinen kleinen Armen gegen ihn gestikulirte, während er ihm zurief:
»Verzeihen Sie meine Vergesslichkeit; aber, du lieber Gott! wenn man den Kopf so
voll hat wie ich, so kann einem das schon arriviren. Dieser köstliche Baron mit
seiner Brautschaft ist schuld daran, dass ich ganz und gar meinen Auftrag
vergessen. Sehen Sie, hier steht es deutlich geschrieben.«
    Damit nahm er sein Taschenbuch vom Schoss, wo er es hingelegt, um es Artur
zu zeigen, der sich aber stumm und abwehrend verbeugte.
    »Die Frau Herzogin haben nämlich erfahren,« fuhr der kleine Mann fort, »dass
Sie ein paar vorzügliche Porträts gearbeitet; eins haben wir sogar gesehen: den
jungen Grafen Fohrbach, - ausserordentlich schön! - Man hätte das bei uns zu
Hause nicht besser gemacht. Ich versichere Sie, es ist ein liebenswürdiges
Bild.«
    »Daran ist wohl nur die Persönlichkeit des Grafen schuld, gewiss nicht meine
Kunst,« erwiderte Artur mit sehr kühlem Tone.
    »Sie sind zu bescheiden, mein lieber junger Freund,« sagte Herr von
Dankwart, wobei er den Versuch machte, den Künstler auf die Schultern zu
pätscheln. Da aber seine Aermchen zu kurz waren, auch Artur etwas zurück wich,
so blieb es einfach bei dem Versuche. - »Es handelt sich nämlich,« fuhr er dann
fort, »um das Porträt Seiner Durchlaucht des Herzogs Alfred, des Sohnes der Frau
Herzogin; - ein recht angenehmes Äussere. Seine Durchlaucht wünscht sich nämlich
von Ihnen gemalt zu sehen, und wenn Sie geneigt wären, das Porträt sehr bald
anzufangen -«
    Artur verbeugte sich stumm.
    »So würde der Herr Herzog auf unser Zureden wohl die Gnade haben, Sie in
nächster Zeit zu den vorbereitenden Sitzungen befehlen zu lassen.«
    »Ich hoffe nur, dass es mir möglich sein wird,« sagte Artur, indem er sich
aufrichtete, »meine Zeit mit den Befehlen Seiner Durchlaucht in Einklang zu
bringen. Ich habe im Augenblicke sehr viel zu tun.«
    »Aber wenn der Herr Herzog es wünscht, mein Lieber?« versetzte Herr von
Dankwart mit einem einigermassen verwunderten Tone, indem er den Zeigefinger
leicht erhob und auf das »wünscht« einen starken Nachdruck legte.
    »Ja, wenn Seine Durchlaucht es wünscht!« lachte Baron Brand ironisch aus der
anderen Wagenecke. - »Coeur de rose! Das will schon etwas heissen!«
    »Ich erwarte also Ihre Befehle,« sprach Artur mit ruhigem Tone und wollte
in das Haus zurücktreten.
    Doch hielt ihn der kleine Geschäftsmann mit einer hastigen Handbewegung
zurück. - »Halt! halt!« rief er; »noch eins, mein lieber Herr Erichsen. Hätte
ich doch bald wieder etwas vergessen! Die Frau Herzogin, so sehr sie überzeugt
ist von Ihrer grossen Kunst, was die Aehnlichkeit anbelangt, wünschen doch - aber
nehmen Sie mir es nicht übel - noch ein bekanntes Gesicht von Ihnen gezeichnet
zu sehen, ehe Sie das Porträt Seiner Durchlaucht anfangen. Wissen Sie, mein
Lieber, nur gezeichnet, oder ein kleines Aquarell, durchaus kein Oelbild.«
    »Ich verstehe,« erwiderte Artur mit einer bewundernswerten Ruhe; »Ihre
Hoheit wollen nur sehen, ob es mir auch leicht gelingt, Jemanden zu treffen.«
    »So ist's, so ist's, mein Freund! Die Frau Herzogin wünscht es sehr; und
obgleich meine Zeit ausserordentlich in Anspruch genommen ist, so biete ich mich
doch zu dem Versuche an, und will für Sie zu Haus sein, wenn Sie es wünschen.«
    »Sie wollen für mich zu Haus sein?« fragte lächelnd der Maler.
    »Gewiss, wenn es meine Zeit erlaubt.«
    »Um versuchsweise Ihr Porträt zu machen?«
    »Ja, ja, mein Freund. - Halten Sie es für sehr schwierig?«
    »Nein, gewiss nicht!« lachte Artur mit einem sehr bitteren Tone. »Ich könnte
das sogar machen, ohne dass Sie mir eine Sitzung bewilligten, denn von den beiden
Malen, wo ich die Ehre hatte Sie zu sehen, hat sich Ihr Bild unauslöschlich in
mein Inneres geprägt.«
    »Coeur de rose! - Nehmen Sie sich in Acht, Herr von Dankwart; er macht eine
Karrikatur von Ihnen.«
    »Das wäre unmöglich,« erwiderte ruhig der Maler.
    Für welches Wort ihn der kleine Mann einigermassen misstrauisch anblickte,
worauf er sich in die Wagenkissen zurückwarf und ziemlich vornehm sagte: »Also
es bleibt dabei, mein lieber Herr! Zuerst eine kleine Skizze von mir und dann
nach Befund das Porträt Seiner Durchlaucht. - Nach Hause, Josef!«
    Die Pferde zogen an; doch ehe der Wagen davon fuhr, beugte sich Herr von
Brand noch einmal so weit er konnte vor, und lächelte dem Maler auf eine
eigentümliche Art zu.
    Der Abschied des Herrn von Dankwart bestand darin, dass er mit zwei Fingern
zum Wagenschlag hinaus winkte.
    Artur blieb trotz des strömenden Regens noch einen Augenblick an der Türe
stehen und sah dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann schlug
er eine laute Lache auf und sprach zu sich selbst: »Nun, heute habe ich gezeigt,
dass ich bereitwillig den linken Backen hinhalte, wenn man mich auf den rechten
geschlagen. - Sogar Onkel Tom müsste mit mir zufrieden sein.«
    Oben in seinem Atelier angekommen, zog er seinen leichten Morgenrock aus (es
war dies ein kostbares Gewand, aus einem seinen Shawl gemacht), der jetzt von
dem Regen draussen ganz durchnässt war. Er warf ihn verächtlich in eine Ecke und
nahm sich alsdann eine frische Cigarre, die er ruhig anzündete.
    »Sie sind ärgerlich?« sagte freundlich Herr Beil; »haben auch alle Ursache
dazu. Es ist das von diesen vornehmen Herren eine eigene Art, mit renommirten
Künstlern umzugehen.«
    Der Maler betrachtete, ohne augenblicklich eine Antwort zu geben, die holden
Züge, die ihm von der Leinwand auf der Staffelei entgegen lachten. Nach einer
längeren Pause sagte er erst: »Ah! da kann von vornehmen Herren eigentlich gar
nicht die Rede sein! Der Herr von Brand hat allerdings eine anständige Tournure;
mit wirklich vornehmen Herren ist es angenehm umzugehen. - Aber der Andere! -
Wissen Sie, lieber Herr Beil, solches Volk, das sich aus dem Staube und dem
Dreck herauf geschmeichelt, das, wenn es auch jetzt einen seinen Frack und gute
Handschuhe trägt, doch die freche Bedientenseele nie verleugnen kann, das es
wagt, im ekelhaftesten Hochmut auf uns herum zu tappen, weil es begnadigt ist,
sich als moralischer Spucknapf seines Herrn gebrauchen zu lassen, - das sind ja
oft leider die Geschöpfe, an die wir arme Künstler gewiesen sind, das sind die
Zwischenträger zwischen der reinen heiligen Kunst und den Grossen der Erde, denen
persönlich zu nahen so Wenige von uns gewürdigt werden. - Was ich vorhin von der
Sklaverei sagte, ist ganz richtig: all' diese armen Maler und Bildhauer, die mit
Herrn von Dankwart und ähnlichem Gelichter zu tun haben, sind arme unglückliche
Sklaven, welche die Arbeit ihrer Tage, die Träume ihrer Nächte für ein elendes
Honorar verkaufen. Und da das Bild bezahlt ist, soll der Künstler zufrieden
sein; jene hohen Herrschaften aber fühlen nicht, dass ihm, so notwendig er auch
die paar Taler gebrauchen kann, doch ein freundliches anerkennendes Wort ein
schönerer Lohn wäre und ihn anspornen müsste zu noch besseren Werken. - Nein, sie
fühlen das nicht, sonst würden sie nicht solche Dankwarte schicken und uns die
Schmach antun, dass wir aus solchem Munde vernehmen müssen: Seine Hoheit sind
mit Ihnen zufrieden, Seine Hoheit haben Ihr Bild für etwas Vortreffliches
erklärt.« - Damit schwieg er und wischte auf der Leinwand herum.
    »Doch, Gott sei Dank!« fuhr er nach einer Pause fort, »es hat mich
ordentlich beruhigt, dass ich mich gegen Sie ein wenig aussprechen konnte. Ich
versichere Sie, mich hatte da unten eine unbeschreibliche Wut erfasst: Herr von
Dankwart schwang da eine artige Geissel gegen mich armen Künstlersklaven; er
verlangte nämlich, ich solle zeigen, ob ich auch in der Tat etwas verstände,
und als Probe soll ich sein Gesicht abconterfeien.«
    »Brrr!« machte Herr Beil, der unterdessen den nassen Morgenrock Arturs aus
der Ecke des Zimmers hervorgeholt. - »Und für alles das haben Sie Ihr
allerliebstes Kleid hier total verdorben?«
    »Das geht zum Uebrigen in den Kauf, wenn man eine vornehme Kundschaft hat,«
entgegnete lachend der Maler. »Aber wissen Sie, was mich im Umgange mit solchen
Menschen, wie der Herr von Dankwart ist, am meisten ärgert? - Das sind die
Anreden, mit denen sie uns begnadigen: Mein lieber Herr! Mein Freund! und
dergleichen. Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen, aber das kann mich zur Wut
bringen; es soll das herablassend sein, freundlich und gnädig. - Mein lieber
Freund! - Es ist aber wie das Du, mit dem ich meinen Bedienten anrede. Und wehe
diesem, wenn er sich unterstände, ebenso zu antworten! und wehe uns, wenn wir
auf eine solche Anrede ebenfalls antworten würden: Mein lieber Freund! - Diese
Dankwarte müssen sich absolut etwas Apartes gegen uns heraus nehmen. Würden sie
einfach unsern Namen nennen, so ständen wir ihnen ja gleich, indem wir auch den
ihren aussprechen; aber nein! Da reichen sie ihre Hand tief hinab in den Staub
und sagen, indem sie weit - weit über uns hinweg sehen: mein lieber Freund!«
 
                          Vierundfünfzigstes Kapitel.
                                Am Neujahrstage.
Wie immer, so lange wir nach unserem christlichen Kalender rechnen, war das alte
Jahr acht Tage, nachdem die Weihnachtsbäume gebrannt, zu Ende gegangen. - Es ist
das für die Menschen eine angenehme Periode: viel Festtage, Geschenke, Lust und
Freude aller Art, namentlich in der Sylvesternacht, wo Jeder so viel als möglich
sich bemüht, vom alten Jahre fröhlich Abschied zu nehmen und das neue jubelnd zu
empfangen.
    Trotz den erneuerten Verordnungen einer hochpreislichen Polizei hatte es
auch dieses Mal wieder an allen Ecken der Stadt geknallt, ja selbst in der Nähe
der Polizeidirektion, wo sich einige Mordschläge mit unerhörtem Spektakel
entladen, so dass der Präsident erschrocken aus seinem Bette aufgefahren war und
sogleich nach seiner Nase gegriffen hatte, weniger, um sich zu überzeugen, ob
sie ihm nicht weggeschossen worden, als vielmehr, um, während er diese treue
Freundin sanft befühlte, mit sich zu Rate zu gehen, wie dem heillosen Unfuge
ein- für allemal gründlich zu steuern wäre.
    Nach der geräuschvollen Sylvesternacht folgte nun ein heiterer Neujahrstag,
heiter insofern, und auch freundlich und gefällig, als er in starkem Froste und
blauem Himmel erschien, die nasse Erde trocknete und sich auf diese Art der
vielen lackirten Stiefel und Stiefelchen, auch schwarzer Fräcke und weisser
Strümpfe erbarmte, die namentlich am heutigen Vormittag in der Stadt
umherschwärmten. Das lief und rannte, behend und eilfertig, durch einander mit
vergnügten Gesichtern, bald hier einem Freunde zurufend, dort einem Bekannten
winkend, jetzt plötzlich stehen bleibend, um mit herabgerissenem Hute einen
Vorgesetzten zu grüssen, dann wieder davon springend, um in irgend ein
ansehnliches Haus zu verschwinden, wo die schwarzen Fräcke und weissen Handschuhe
in langer Reihe auf einander folgten.
    Auch vielerlei ward von den Gratulanten in der Hand und unter dem Arme
getragen, als: zierliche Paketchen von weissem Papier mit roten und blauen
Schnüren, Düten mit Zuckerwerk, Blumenbouquets; und alles das wurde sorgfältig
gehütet, dass man es nicht in dem Menschengewühl zerdrückte oder zerstiess, und
damit es wohlbehalten an den Ort seiner Bestimmung gelange. Dort angekommen,
blinzelte man an dem Hause in die Höhe, nötigte die schüchternen Hemdkragen ein
Weniges aus dem schwarzen Halstuche heraus, besah die Handschuhe und schlüpfte
dann in den Hausflur.
    Dazwischen rollten Wagen in grosser Anzahl durch die Hauptstrassen der Stadt,
die Pferde mit den besten Geschirren bedeckt, die Kutscher en grand tenue, die
Lakaien hinten auf, ordentlich triefend von Wichtigkeit.
    Wenn man zufällig in die Gegend kam, wo sich die Ministerien befanden, so
war man ordentlich betäubt von all' dem Gerassel, von dem Rufen der Bedienten,
von dem Zuschlagen der Wagentüren. Am allergrössten war das Gedränge der
Equipagen an den Einfahrten des königlichen Residenzschlosses, und obgleich die
allerhöchsten und höchsten Herrschaften die förmliche Gratulationscour abgesagt
hatten, so entleerte doch ein Wagen nach dem andern seinen Inhalt in
reichgestickter Uniform mit Hut und Degen an der grossen Freitreppe, die
vermittelst des Marmorvestibuls zu einem Vorzimmer führte, wo ein grosses Buch
aufgeschlagen lag, in welchem alle ihre Namen und Titel einschrieben.
    Der gewöhnliche Rapport war natürlicherweise heute ebenfalls in grosser
Uniform erschienen, wo Jeder, der das Glück hatte, vor Seine Majestät zu
gelangen, durch ein unbeschreibliches Achselzucken, durch eine aussergewöhnliche
Neigung des Kopfes, ja durch ein paar sanft gelispelte Worte kund und zu wissen
tat, wie doppelt glücklich er sich schätze, am heutigen Tage, wo alle
Gratulationen verboten seien, dieselben doch wenigstens pantomimisch anbringen
zu können.
    Die Rapporte dauerten übrigens am Neujahrstage nie lange, und sobald sie
beendigt, beeilte sich Jeder aus dem Schloss und aus der engen Uniform zu
kommen, um zu Hause im Kreise der Seinigen frei und behaglich aufzuatmen.
    Das Gefolge frühstückte alsdann allein, natürlicherweise, weil es die
höchsten Herrschaften ebenso machten, und weil man sich doch ein wenig
vorbereiten musste auf das grosse Hofdiner des heutigen Tages, bei dem ein paar
kleine Toaste fielen, und wo man doch seinem Nachbar und seiner Nachbarin etwas
Angenehmes sagen musste.
    Wie überhaupt an Sonn- und Feiertagen, so besonders am Neujahrstage,
namentlich wenn das Wetter so schön wie heute war, lag das Schloss ziemlich öde
und leer. Die Herrschaften waren alsdann spazieren gefahren, das grosse und
kleine Gefolge befand sich zu Hause, von den Kammerdienern und Lakaien hatte
sich hinweg gestohlen, wer dies nur mit seiner Dienstpflicht zu vereinbaren
wusste, so dass sich oft im Vorzimmer, wo zu anderer Zeit drei, vier an den Wänden
zusammen standen, oder in den Ecken mit einander flüsterten, sich jetzt
höchstens eine einzelne Livrée zeigte, aus der ein melancholisches Gesicht
verdriesslich auf den mit Menschen bedeckten Kastellplatz blickte. Ueber allen
Gängen und Treppen lag eine tiefe Stille; nur zuweilen hörte man in der Ferne
eine Tür öffnen, einen Lakaien niesen oder draussen eine Schildwache husten.
    Wahrhaft traurig und schwermütig war an solchen Tagen, wo auf Häusern und
Strassen ein heller Sonnenschein glänzte, das Zimmer der Adjutanten. Es lag gegen
die Nordseite und ging, wie wir bereits wissen, auf einen kleinen finsteren Hof
hinaus, eigentlich auf einen von drei Gebäuden gebildeten Winkel, durch den man
nicht reiten und nicht fahren durfte, durch den nur sehr wenige Menschen gingen,
und den, namentlich an Wintertagen, beständig kalte und frostige Schatten
ausfüllten. Die vorderen und Hauptgebäude liessen dortin kein Licht, und das
Einzige, was man von diesem sah, waren die hoch oben auf einer vergoldeten
Windfahne recht wie zum Hohne glänzenden und blitzenden Sonnenstrahlen.
    Es wird den geneigten Leser einigermassen befremden, dass, so oft wir ihn in
dieses Adjutantenzimmer führen, jedesmal Graf Fohrbach den Dienst hatte; doch
erstens traf dieser ihn sehr häufig, alle vier bis fünf Tage einmal, und
zweitens ist es angenehmer, sich diesen wichtigen Räumen nur dann zu nahen, wenn
man einen Bekannten dort zu finden weiss.
    Der Graf hatte also, wie bemerkt, den Dienst, und sass in einer der tiefen
Fensternischen auf einem kleinen Lehnstuhle, von dem schweren dunklen Vorhange
nach aussen zu fast verdeckt und ganz wie auf der Lauer. Er betrachtete nämlich
angelegentlich aus seinem Verstecke hervor einige Fenster des zweiten Stocks,
die in den vorhin erwähnten Hof hinaus gingen, und da diese Fenster sich fast in
derselben Flucht mit denen des Adjutantenzimmers befanden, so hatte er trotz
verschiedener Grade Kälte eine Fensterscheibe geöffnet und seinen Kopf
hinausgestreckt, um besser nach dem bezeichneten Orte sehen zu können.
    Da war aber vorderhand nichts zu bemerken: Alles war gleich öde und still,
nirgends eine menschliche Seele zu sehen, und wenn man nicht an den Fenstern,
die hier hinaus gingen, da irgend einen farbigen Vorhang, dort die grünen
Blätter einiger Blumen bemerkt hätte, so wäre dieser Hof wahrhaft trostlos
gewesen.
    Auch dort, wohin der Graf Fohrbach blickte, liessen sich hinter einem
Doppelfenster Blätter und Blüten sehen. Zuweilen schien es dem Grafen auch, als
komme aus dem Innern des Zimmers eine weisse Hand und mache sich dort irgend
etwas zu schaffen. Sowie er aber in diesem Falle in grösster Geschwindigkeit sein
ungeheures Teaterglas ergriff und hinauf sah, so liess er es doch seufzend
wieder herab sinken, denn entweder hatte er sich geirrt oder war die Hand droben
zurückgezogen worden.
    Wenn er alsdann eine Zeit lang vergebens hinauf geschaut, so schloss er wohl
auf Augenblicke die Fensterscheibe, nahm ziemlich verdriesslich ein Buch, das vor
ihm lag, und sah hinein, ohne jedoch auch nur eine einzige Zeile zu lesen.
    Das war Alles heute Nachmittag entsetzlich langweilig, und die Uhr, die er
zu Rate zog, sagte ihm, es sei erst Zwei. - Also noch volle vier Stunden bis
zur Tafel!
    Graf Fohrbach hatte abermals die Glasscheibe neben sich geöffnet, das
Teaterglas ergriffen und vergebens nach den bewussten Fenstern hinauf geblickt
und wollte sich eben wieder zurückziehen, als er von dem Hofe herauf, und zwar
dicht unter seinem Fenster, von einem lauten und kräftigen Lachen begrüsst wurde.
    Aergerlich wandte er den Kopf abwärts; - wer konnte es wagen, ihn auf so
auffallende Art hier in der Ausübung des königlichen Dienstes zu stören? - Doch
hatte er nicht sogleich den, der vor dem Fenster stand, erkannt, als er, selbst
lustig lachend, hinabrief: »He, Major, wo kommst du her? - Hast du am Ende die
vortreffliche Idee, mir an diesem wunderbaren Feiertag-Nachmittag etwas
Gesellschaft zu leisten, so vergelte es dir Gott, und ich will zu allen
Gegendiensten bereit stehen.«
    »Eigentlich war das nicht meine Absicht,« entgegnete der Andere; »ich wollte
bei dem schönen kalten Wetter eine Promenade machen. Doch wenn es dich besonders
freut, so halte ich gerne eine halbe Stunde bei dir an.«
    Damit ging er dem Eingange zu, verschwand dort, stieg die paar Stufen bis
in's Erdgeschoss hinauf und trat gleich darauf in das Zimmer.
    Graf Fohrbach hatte unterdessen einen Fauteuil an die andere Seite des
Fensters gerückt, auf welchem sich der Major niederliess, die Beine über einander
schlug und seinen Freund lächelnd anschaute.
    »Es scheint mir, du bist heute guter Laune, Major,« sagte der Graf; »und es
ist gut; du kannst mich dann ein wenig aufheitern.«
    »Also bist du verdriesslich?«
    »Gott verzeih' dir diese Frage! Man sieht, dass du schon lange am Sonntag
keinen Dienst getan hast und nicht mehr weisst, wie unbeschreiblich leer und öde
es hier ist; kein Rappport, keine Audienz für den Herrn, selten ein Besuch für
uns, und da draussen Alles bis zum Erschrecken verlassen. Diese Seite des
Schlosses ist wie verwünscht: es zeigt sich nicht einmal ein miserabler
Fussgänger.«
    »Dafür aber hast du Musse, die gründlichsten Fensterbeobachtungen zu machen,«
erwiderte pfiffig lächelnd der Major. »Und das tust du auch, wie ich sehe,
vermittelst dieses unfehlbaren Glases und einer geöffneten Fensterscheibe, bei
dieser Kälte den ungeheuersten Schnupfen riskirend.«
    »O, was die offene Scheibe anbelangt,« versetzte der Adjutant, indem er sie
jetzt erst wieder fest zuzog, »so bist du im Irrtum: ich blickte nur nach dir.«
    »Nach mir?« fragte der Major. »Und ich musste dich erst mit einem wahrhaft
homerischen Gelächter aus deinen Träumereien aufwecken! - Nein, nein, lieber
Freund! gib der Wahrheit die Ehre: du hast da oben hinauf geschmachtet? - Und
ich halte das auch verzeihlich und begreiflich.«
    »Und wenn dem wirklich so wäre,« entgegnete zerstreut der Graf und schraubte
sein Glas langsam ein, »so hast du eigentlich Recht, mich darüber auszulachen,
denn die Fenster da oben sind den ganzen Tag verschlossen, obendrein dicht mit
Blumen besetzt; da dringt kein Blick hinein. Und wie das Zimmer so auch die
Bewohnerin; das ist nach Goete wie ein eherner Turm, zu dem die Besatzung
Flügel haben müsste.«
    »Ja, ja,« erwiderte der Major, und recitirte darauf mit Patos:
»Schön wie der Mond, der einsam wallt,
So schön bist du, doch auch so kalt,
wie ein anderer Dichter sagt, der übrigens noch kein Goete geworden ist.«
    »Es ist eigentlich Unrecht,« fuhr der diensttuende Adjutant mit einem
komischen Ernste fort, »mit einer so wunderbaren Figur, einem solch' schönen
Kopfe und so viel Verstand an den Hof zu kommen, ohne ein Herz mitzubringen.«
    »Lass das gut sein,« versetzte der Andere bedächtig, indem er seinen
schwarzen Schnurrbart strich, »da ist ein Herz, und ich wette, ein sehr gutes
und edles. Aber es hat sich mit einem festen Panzer umgeben. - Vielleicht,«
setzte er in gefälligem Tone hinzu, »weil es geahnet, dass es sich in die Nähe
solcher Eroberer, wie du bist, wagen müsse.«
    Der Graf legte den Kopf in die Hand und entgegnete mit ernster Stimme:
»Nein, nein, lass die Spöttereien! Ich versichere dich - dir im allergrössten
Vertrauen zugegeben, was du aber wahrscheinlich schon entdeckt - es geht mir
diesmal über den Spass. Ich stehe an dem Wendepunkt, und du wirst wissen, wohin
der eine Weg zielt, wenn ich dir sage, dass Eugenie von S. einen mächtigen,
unvertilgbarm Eindruck auf mich gemacht.«
    »Sagst du das dem Freunde oder dem Anverwandten dieses glücklichen
Ehrenfräuleins?«
    »Du kannst nun einmal die Scherze nicht lassen!« erwiderte Graf Fohrbach.
»Aber man muss sich vor dir in Acht nehmen; nur zum Freunde sprach ich eben.«
    »Daran tust du sehr Unrecht; du solltest dich dem Verwandten dieses
liebenswürdigen Mädchens in die Arme werfen. Du weisst, da liesse sich was
arrangiren: meine Frau wäre glückselig, eine solche Partie zu Stande bringen zu
dürfen. Und nehme mir nicht übel, wenn ein Graf Fohrbach anklopft, so öffnet man
bereitwillig die Türe und setzt keinen Korb davor.«
    »Das will ich aber eben nicht, du prosaischer Mensch. Hätte ich deshalb
mancher Dame den Hof gemacht, und mit einigem Erfolge, um zuletzt eine Ehe
einzugehen unter dem Wappen meines Hauses? - Nein, wahrhaftig nicht! Wenn ich
mich einmal glücklich verheiraten werde, so müsste das Mädchen, das ich mir
erwählt, ihr Alles daran setzen und im Notfalle Alles zu verlassen im Stande
sein, um mir zu folgen.«
    »Du hast dich wahrhaftig sehr verändert,« bemerkte der Major, »denn es ist
das erste Mal, dass ich dich eine Bibelstelle citiren höre. - Also der Herr Graf
haben wirklich seine Herrin gefunden? - haben in der Tat sein erlauchtes Herz
verloren?«
    »Total!« seufzte dieser; »total! - und ich glaube, ich finde es niemals
wieder.«
    Der Major schaute einige Augenblicke nachdenkend zum Fenster hinaus, sah
hierauf sein Gegenüber lange und forschend an, und dann sagte er: »Ja, ich habe
so was gemerkt. Du bist nicht mehr der Alte, namentlich wenn sie in der Nähe
ist. Meine Frau hat mich eigentlich darauf aufmerksam gemacht; du benimmst dich
in Eugeniens Gegenwart, um wenig zu sagen, schüchtern. Du hast deine ganze
Routine verloren und scheinst mir sogar oftmals um eine pikante Antwort
verlegen, woran es dir doch sonst wahrhaftig nicht gefehlt hat.«
    »Ich fühle das wohl,« entgegnete der Graf, »und ärgere mich genug darüber.
Aber wenn ich in ihre Nähe komme, wenn sie mich mit ihren grossen Augen so ruhig
anblickt, wenn sie mit ihrer tiefen Stimme zu mir spricht, so schnürt sie mir
das Herz zusammen, ich kann kaum atmen, und wenn mir auch etwas nicht gerade
Ungescheidtes einfällt, so bin ich oft nicht im Stande, es gehörig in Worte zu
fassen und ihr zu sagen.«
    »Wir kennen das. Aber du musst diese Aengstlichkeit zu überwinden trachten.
Ein solches Mädchen wie Eugenie, verlangt von Jemand, den sie lieben soll, volle
Gewandteit des Geistes; da tut's alle Eleganz und alle Geschicklichkeit des
Körpers nicht allein, und wenn du mit deinem Pferde noch halsbrechendere Sprünge
auf dem glatten Pflaster machst als vorgestern, da du ihrem Wagen begegnetest.«
    »Sprach sie mit dir darüber?« fragte hastig der Graf.
    »Gerade nicht zu mir,« erwiderte der Andere, »auch sie nicht selbst; sondern
die Oberhofmeisterin, die mit ihr fuhr, erzählte es dem Herzog Alfred, der
gerade dabei stand und meinte, du seist beinahe hingestürzt.«
    »Das ist nicht wahr!« rief der Adjutant entrüstet.
    »Und der Herzog lachte auf seine sonderbare Weise, und meinte dann, nachdem
er die dünnen Lippen zusammen gepresst, es sei eigentlich eine Art Tierquälerei,
so mit diesen edlen Pferden umzugehen.«
    »Eine Tierquälerei, die er freilich nie versucht, weder auf dem Pflaster
noch sonstwo.«
    »Nun ja, da hast du schon Recht,« antwortete nachdenkend der Major, nachdem
er sich mit der Hand über die Augen gefahren, den Bart gestrichen und dann ruhig
in's Zimmer hinein gesehen. - »Mit seinem Reiten ist's nicht weit her - aber,« -
setzte er mit Betonung hinzu, »er braucht das auch nicht, dafür ist er Herzog,
und was ihm an Körpergewandteit abgeht, das ersetzt vollkommen seine
unglaubliche Zungenfertigkeit.«
    Bei diesen Worten, die der Major sehr ruhig sprach, zuckte der Graf
augenscheinlich zusammen, und dann schaute er seinen Freund fest und mit grossen
Augen an, welchen Blick der Major mit einem Lächeln zurückgab.
    Graf Fohrbach sah forschend im Zimmer umher, dann beugte er sich zu seinem
Freunde hinüber und sprach mit leiser Stimme: »Das hast du nicht ohne Absicht
gesagt!«
    »Und was denn?«
    »Du weisst schon, was ich meine; es ist das ein Lied ohne Melodie, das ich in
kurzer Zeit öfters gehört. - Ja, er hat eine scharfe und gewandte Zunge; aber
sage mir, Eugen - sage mir die Wahrheit, wir sind ja unter uns - glaubst du, dass
sie auch Geschmack an seinen Worten findet und sie gerne anhört?«
    »Lieber Freund,« erwiderte ruhig der Major, »das ist eine Frage, die nicht
gut zu beantworten ist. Ich kann nur meine Worte von vorhin wiederholen: er ist
Herzog und spricht schön und gewandt.«
    »Da hast du Recht!« rief unmutig Graf Fohrbach. Worauf er die
Teaterlorgnette, mit der er bisher gespielt, etwas heftig auf den Tisch setzte
und von seinem Stuhle aufstand. Dann machte er einige hastige Schritte durch das
Zimmer, so dass sein Säbel, den er nicht fest eingehakt hatte, mit dem Ende der
Scheide klirrend auf den Boden fiel, was in dem grossen, stillen Gemache einen
gewaltigen Widerhall gab, worauf der Adjutant seine Waffe fest in die Hand nahm,
ohne aber seinen Spaziergang zu unterbrechen, dem der Major kopfschüttelnd
zuschaute.
    Nachdem er das Zimmer mehrere Male durchschritten, trat er endlich dicht
neben seinen Freund hin, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit
sanfter Stimme: »Sei ehrlich gegen mich, Eugen; du sagst nie etwas ohne Absicht,
und deine Worte von vorhin haben einen verborgenen Sinn. Ich weiss wohl, was sie
bedeuten sollen; hier in meinem Herzen fühle ich es; aber ich möchte wissen, ob
du dem grossen Haufen nachsprichst, denn auch da hörte ich ähnliche Äusserungen,
die ich jedoch verachtete. - Aber nein, nein! du sagst nie eine fremde Ansicht,
du sprichst nur nach Ueberzeugung, und ich bitte dich herzlich, teile mir diese
mit, sage mir, was du weisst; das kann ja auf alle Fälle nur zu meinem Glücke
sein.«
    Der Major hatte den viel jüngeren Freund, der vor ihm stand und dessen
ganzes Wesen bei den Worten, die er sprach, gewaltsam erzitterte, mit wahrer
Teilnahme angeblickt. Ja er nahm sanft die Hand, welche er auf seine Schulter
gelegt, und sagte: »Höre mich ruhig an. Du wirst hoffentlich überzeugt sein, dass
ich Alles tue, was dir nützlich ist, was dir zu deinem Glücke, wie du sagst,
verhelfen kann, und wenn ich über die Sache von vorhin etwas Genaueres wüsste,
hätte ich es dir schon lange mitgeteilt. Du behauptest, ich forme mir meine
eigene Ansicht; das ist ganz richtig, und ich spreche nur dann, wie vorhin, die
des grossen Haufens aus, wenn sie mit meinen eigenen zusammen stimmt.«
    »Und das tut sie in diesem Falle?« fragte der Graf erschrocken.
    Der Major nickte mit dem Kopfe. - »Meine und auch die meiner Frau,« sagte
er.
    »O! das ist sehr schlimm!« rief schmerzlich der junge Mann. »Und ihr habt
eure Beweise, dass er sich Eugenien nähert? - Vielleicht auch solche, dass sie
seine Annäherung duldet, dass sie ihr sogar lieb ist?«
    »Nein, nein, nein!« sprach bestimmt der Major. »Nur nicht gleich wieder
fertig zum Durchgehen! Wenn ich auf deine Frage mit Ja antwortete, so müsste ich
ja zugeben, die Beiden seien schon im vollkommensten Einverständnis.«
    »Ja, das ist wahr,« erwiderte der Adjutant nach einer Pause wie aus tiefen
Träumen erwachend. »Dann wären sie freilich im Einverständnis; und das sind sie
wohl noch nicht! - Nicht wahr, Eugen?« fragte er dringend. - »Ah! wenn ich nur
an ein solches Einverständnis denke, so steigt mir das Blut in den Kopf und ich
sehe nichts mehr. - Ein Einverständnis! - Was könnte zwischen den Beiden für ein
Einverständnis sein?«
    »Sei nur nicht so exaltirt!« bat der Major. »Setz' dich ruhig dahin. Es
sollte mich gar nicht wundern, wenn einer der Kammerdiener seine wissbegierigen
Ohren an die Türe legte, um dich schreien zu hören.«
    Der Graf Fohrbach drückte gewaltsam Schärpe und Säbelkuppel herunter; das
schien ihn Beides im freien Atmen zu hindern. Dann warf er sich, dem Wunsche
des Freundes gehorsam, in seinen Stuhl, der wie wir wissen, so nahe am Fenster
stand, dass es ihm leicht wurde, seine brennende Stirne gegen die kalten Scheiben
zu drücken.
    »Ich möchte etwas sagen,« begann er nach längerem Stillschweigen wieder;
»aber nimm es mir nicht übel: es ist ein fürchterlicher Gedanke, der auch dich
schmerzen muss; aber mir zerreisst er das Herz, und so vergib denn, wenn ich ihn
ausspreche.«
    »Nur zu,« erwiderte der Andere lächelnd; »ich kann mir fast denken, was da
heraus kommen wird. Lass deinen Phantasieen vollen Lauf; - genire dich gar
nicht.«
    »O Eugen, das sind nicht bloss Phantasieen; ich fürchte, es ist etwas Wahres
dahinter. - Eugeniens Vater - es ist leider einmal ein Anverwandter von dir -«
    »Sehr, sehr entfernt,« versetzte der Major.
    »Ja, ja; aber dieser Herr von S. steht, wie du weisst, in keinem guten
Renommée.«
    »Er ist etwas Spieler und Aventurier; aber eigentlich Schlimmes kann man ihm
nicht nachsagen.«
    »Bis jetzt nicht, aber -«
    Der Graf stockte, weil ihn ein eigentümlicher Blick seines Freundes traf.
    »Aber -« fuhr er nach einer Pause fort - »er ist derangirt; würde er sich
etwas daraus machen, wenn ihm zum Beispiel der Herzog, der sehr reich ist, auf
die eine oder die andere Art wieder emporhelfen wollte? - Doch verzeih' mir, dass
ich das sage; ich weiss wohl, ich bin ausser mir, vielleicht sinnlos. Mir scheint,
ich spreche ohne allen Verstand.«
    »Nein, du sprichst ganz verständig,« erwiderte der Major mit grosser Ruhe,
während er mit vieler Sorgfalt ein grosses E auf die angehauchte Fensterscheibe
zeichnete. »Deine Worte sind nicht sinnlos, und ganz im Vertrauen gesagt, halte
ich den Herrn von S. zu allerlei fähig, Seine Durchlaucht den Herrn Herzog nicht
minder. - Denn haben wir junge Leute zu unserer Zeit Besseres getrieben?«
    »Aha! doch dergleichen nicht!« rief Graf Fohrbach entrüstet. »Ich wenigstens
habe um einer vergnügten Stunde willen nie das ganze Lebensglück eines Mädchens
und desjenigen, der sie liebt, auf das Spiel gesetzt.«
    »Du nicht?« fragte lachend der Major. »In deiner Gesellschaft hast du
allerdings dergleichen nicht versucht; aber blicke tiefer hinab, da taucht dir
doch vielleicht irgend eine Erinnerung auf, welche mit dieser Geschichte
Aehnlichkeit hat.«
    »Du könntest Recht haben,« antwortete Graf Fohrbach, nachdem er einige
Augenblicke nachgedacht.
    »Aber das gehört eigentlich nicht hieher,« fuhr der Andere fort. »Genug, ich
gebe dir zu, der Vater wäre vielleicht im Stande, sich die Tochter abkaufen zu
lassen. - Wie kannst du aber nun glauben, dass Eugenie, dies unschuldige
Geschöpf, dies reine Herz, wie du sie selbst oft genannt, in dergleichen
willigen könne! - Schon der Gedanke müsste ein solches Mädchen vor Abscheu
wahnsinnig machen.«
    »Du bist älter als ich und erfahrener,« erwiderte kopfschüttelnd der junge
Mann, »und es scheint mir, ich muss dich belehren. Man wird es freilich nicht
wagen, ihr einen solchen Antrag zu machen, aber man hilft dem anderen Teile,
indem man ihm die Annäherung erleichtert; und die wird uns nicht schwer,« fügte
er mit Betonung bei, »wenn man Herzog ist und eine gewandte Zunge hat.«
    »Die dir auch nicht fehlt!« rief halb entrüstet der Major. - »Aber jetzt
habe ich die Geschichte vollkommen satt. Weiss der Teufel, dass ich mich immer für
Eugenie herum zanken muss! Kaum bin ich von Hause fort, wo mir meine Frau die
Ohren voll geplaudert, so komme ich vom Regen in die Traufe, und hier an einen
wütenden Liebhaber.«
    »Siehst du, Verräter!« sagte der Graf mit halbem Ernste; »deine
vortreffliche Frau denkt und fühlt gewiss wie ich. Oh! die Weiber haben darin
einen unbeschreiblichen Takt! Auch sie wird es merken, dass hier nicht Alles in
Richtigkeit ist. Nicht wahr? - Sprich! ich habe Recht.«
    »Was wird sie merken!« erwiderte eifrig der Major mit komischem Zorne, da er
sich in die Enge getrieben fühlte. »Nichts merkt sie; das ist wieder wie in so
manchen Dingen, viel Lärmen um nichts; Alles, was die Leute sagen und was meine
Frau schwätzt und was du fürchtest, läuft am Ende auf nichts mehr und nichts
weniger hinaus, als auf eine vielleicht unschuldige Courmacherei.«
    »Die du also doch am Ende zugibst!«
    »Ja, die ich am Ende zugebe,« entgegnete der Major nach einem tiefen
Atemzuge. - »Aber jetzt lass mich zufrieden. Da wäre mir ein Spaziergang in
frischer Luft auf alle Fälle viel besser bekommen.«
    »Nun, es ist nur gut, dass deine Frau wie ich denkt,« sprach der Adjutant
nach einigem Nachsinnen. »Das ist ein vortreffliches Weib; ich werde mich an sie
halten.«
    »Um gemeinschaftlich über mich zu raisonniren?« lachte der Major, der sich
von seinem Stuhle erhob. - »Nun, das kannst du noch heute Abend tun, freilich
werde ich dabei sein und - Eugenie, aber ihr braucht euch gar nicht zu geniren:
euch zuliebe will ich mich mit dem schönen Ehrenfräulein in irgend einer dunkeln
Ecke festsetzen, und dann kannst du meiner Frau sagen, was du willst.«
    »Ich verstehe dich nicht recht,« erwiderte aufmerksam der Graf, indem er
sich ebenfalls erhob und seinem Freunde, welcher das Zimmer zu verlassen sich
anschickte, folgte. »Was faselst du eigentlich von deiner Frau und Eugenie?«
    »Nun ja, undankbarer Mensch!« sagte lachend der Major, dafür, dass du meine
Anverwandten verdächtigst, will ich feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln; du
darfst heute Abend zu uns kommen.
    »Und Eugenie ist auch da?« fragte der Andere jubelnd.
    »Eugenie ist auch da, und - verstehe mich wohl - sonst Niemand: du, sie,
meine Frau und ich, - die vollständigste Partie quarré.«
    »Major, du bist göttlich!« rief freudig der junge Mann; »es ist ein Unglück,
dass Seine Majestät eine Aversion gegen alle Gnadenbezeugungen am Neujahrstage
hat; ich würde für dich um den Oberstentitel bitten. - Also wir vier ganz
allein?«
    »Ganz allein; komm so um acht Uhr, da ist ja die Hoftafel und dein Dienst
vorbei; wir trinken Tee, wir machen einen kleinen Whist, wir plaudern, und da
es Neujahrstag ist, so soll es dir unbenommen sein, meiner Frau und also auch
Eugenie ein kleines Cadeau mitzubringen. Du siehst, ich bin uneigennützig.«
    »So uneigennützig, dass mir ordentlich vor dir graut. Du hast alle Anlage zu
einem vortrefflichen Kuppler. Gott stehe dir bei, oder dem armen Menschen, gegen
den du agirst.«
    »Nun also bis acht Uhr!« sagte lachend der Andere; worauf er dem Freunde die
Hand schüttelte und sich empfahl.
    Graf Fohrbach begleitete ihn bis in den Vorsaal, wo die Wachen langweilig
auf und ab schritten, und wo der einzige Lakai, der keinen Vorwand gefunden,
sich zu entfernen, hinter dem Ofen sass und sanft den Schlaf des Gerechten
schnarchte.
 
                          Fünfundfünfzigstes Kapitel.
                              Einladungen zu Hofe.
In sein Zimmer wieder zurückgekehrt, ging der diensttuende Adjutant mit
leichten, gefälligen Schritten eine Zeit lang auf und ab, von einer Türe zur
andern, bei dem grossen Spiegel vorbei, in welchen hie und da einen nicht ganz
unzufriedenen Blick zu werfen er sich nicht entalten konnte. Er träumte von dem
Abend, der vor ihm lag, und sein Herz schlug sehr vergnügt; nur zuweilen blieb
er an einem der Fenster stehen, schaute nachdenkend hinaus und zog die
Augenbrauen düster zusammen. In solchen Momenten dachte er an die
Nebenbuhlerschaft des Herzogs und an alle möglichen Folgen derselben; er wusste
ganz genau, was bei vielen Frauenherzen die Durchlaucht vor einem Namen zu sagen
hat. Und dann war auch der Herzog in anderer Richtung ein nicht zu verachtender
Gegner. Hübsch war er allerdings nicht, weder am Körper noch am Gesichte, aber
er tanzte gut und unermüdlich, und was seine Zunge anbelangte, so war sie glatt
und behende wie ein Aal.
    Wenn Graf Fohrbach das alles überlegte, namentlich aber die Leichtigkeit in
Betracht zog, mit der der Herzog fast zu jeder Stunde des Tages die in den
Gemächern seiner Mutter oder Ihrer Majestät befindlichen Damen sprechen konnte,
so überlief es ihn fröstelnd, er fasste krampfhaft den Griff seines Säbels und
bohrte die Scheide so heftig in das Parkett ein, dass ihn der Hofmarschall, wenn
er es gesehen hätte, unfehlbar wegen freventlichen Verderbens des königlichen
Eigentums verklagt haben würde.
    Im anderen Augenblicke dachte er dagegen an die Stunden, die er schon mit
Eugenien zugebracht, sei es bei den Hoffesten, sei es im Hause seines Freundes,
und wenn er sich diese in's Gedächtnis zurückrief, so baute er sich aus Blicken,
aus Worten, besonders aber aus einem leisen Drucke ihrer Hand auf seinen Arm,
den er einstens zu fühlen geglaubt, die wunderbarsten Luftschlösser und richtete
daran seine Hoffnungen wieder empor. - »Heute Abend,« sprach er zu sich selber,
»ist in der Tat ein günstiger Moment, wir sind ganz allein, ich bin überzeugt,
Eugen wird diskret sein, und dann will ich doch versuchen, ihr irgend ein Wort
zuzuflüstern, was mich weiter bringen soll. - Auf jeden Fall weiter, vielleicht
zu einer Entscheidung, sei es nun zu meinem Glücke oder zu meinem Unglücke.«
    Damit nahm er seinen Säbel wieder in die Hand und begann seinen Spaziergang
durch das Zimmer auf's Neue, hatte aber dasselbe noch nicht einmal
durchschritten, als sich die Türe des Vorsaals öffnete und der Hofmarschall
herein trat, jetzt schon - es war noch nicht vier Uhr, also noch zwei Stunden
bis zur Tafel - in grosser Uniform, den Hut unter dem Arm, das Gesicht wie
gewöhnlich mit äusserster Wichtigkeit hoch empor haltend.
    Die beiden Herren begrüssten sich, indem der Graf seine ganze Hand hinhielt,
in welche Seine Excellenz, wie er es in der Regel zu machen pflegte, nur zwei
Finger legte, die aber von dem Adjutanten freundlichst und kräftigst geschüttelt
wurden.
    »Euer Excellenz sind früh bei der Hand,« sagte er hierauf. »Wir haben ja
noch zwei volle Stunden bis zur Tafel. Nein, das mache ich mir bequemer;
höchstens eine halbe Stunde vorher wird sich angezogen, eine Viertelstunde
darauf steige ich in den Wagen und komme an mit Glockenschlag.«
    »Dafür sind Sie auch ein freier Mann, mein lieber Graf,« erwiderte seufzend
die Excellenz, »haben hie und da, wie heute zum Beispiel, eine kleine Funktion,
die aber nach einigen Stunden endet, und an die Sie nicht mehr zu denken
brauchen, sobald Sie den Säbel abgeschnallt und den Federhut weggelegt haben. -
Aber ich! - Dienst! - Dienst! - Dienst! von Morgens früh, wenn ich meine Augen
öffne, bis Nachts, wenn ich sie wieder schliesse; und auch dann noch oft keine
Ruhe, denn ich träume davon. - Eine wahre Sklaverei!«
    »Aber Euer Excellenz nehmen alle Dinge zu schwer; ich glaube, ich würde es
mir viel bequemer machen.«
    »Das glaube ich selbst,« erwiderte der Hofmarschall mit einem wichtigen
Lächeln, »aber nehmen Sie mir nicht übel, da würde auch Manches drunter und
drüber gehen.«
    »Das ist möglich: was nicht zu halten wäre, liess ich eben fallen.«
    »O ihr jungen Leute habt gut sprechen! Man muss den ganzen Tag mit
Anstrengung aller seiner Kräfte die Zügel halten, denn wie man ein bisschen
nachlässt, so gibt's rechts und links Konfusionen.«
    »Aber heute zum Beispiel könnte es sich Euer Excellenz doch bequemer machen.
Da gibt's doch bis zur Tafel nichts mehr zu tun: die Einladungen sind gemacht,
das Diner ist seiner Vollendung nahe und die Säle in der besten Ordnung.«
    Der Hofmarschall war mit einer wehmütigen Miene an's Fenster getreten und
blickte jetzt achselzuckend nach dem Adjutanten um, der hinter ihm stand. - »Ich
will Ihnen einen Beweis geben, wie kurzsichtig ihr jungen Leute seid, mein
lieber Graf,« bemerkte er nach einer Pause. »Sie sagen, die Einladungen seien
gemacht. Allerdings sind sie gemacht, auch angenommen; aber ist es meine Schuld,
dass sich zwei, drei Personen heute Nachmittag unwohl fühlen und mir absagen
lassen? - Zwei, drei Personen, sage ich Ihnen, und eine darunter, die Seine
Majestät sogleich vermissen werden. - Was nun tun?«
    »Nun,« entgegnete der Adjutant, »die Tafel um so viel kleiner machen.«
    »Eine Tafel von hundertundzwanzig Couverts nur so im Handumdrehen kleiner
machen!« lachte krampfhaft der Hofmarschall. »O Graf Fohrbach! Sie sind ein
vortrefflicher Reiteroffizier und Adjutant, aber - nun, man kann das nicht
anders von Ihnen verlangen.«
    »So machen Sie ein paar andere Einladungen!«
    »Als wenn Hofeinladungen zu einem Neujahrsdiner nur so leicht gemacht wären!
Die heutige Gesellschaft wurde gebeten auf den speziellen Befehl Seiner
Majestät. Alles, was ich noch dazu tue, geschieht auf eigene Verantwortung, und
für drei, die ich selbstständig einlade, bekomme ich dreissig Feinde über den
Hals, die Alle glauben, an Ihnen wäre viel eher die Reihe gewesen. - Ah! ich
habe ein hartes Brod.«
    »Da würde ich es machen wie beim Militär, und mir immer eine Reserve
halten.«
    »Das habe ich auch,« erwiderte wichtig die Excellenz. »Aber wenn uns die
Reserve ebenfalls im Stich lässt! Sehen Sie« - damit erhob er den Arm und zeigte
auf eine Fensterreihe im grossen Hofe - »da hinten wohnt, wie Sie wissen, der
alte pensionirte General- der, wie sich von selbst versteht, ein- für allemal
zur Hoftafel eingeladen ist, aber sich fast jedesmal hartnäckig entschuldigen
lässt. Bei dem war ich nun vor einer halben Stunde in Person, um ihn zu bitten,
diesmal doch zu kommen. - Keine Rede davon! Ich vernahm auch schon im Vorzimmer,
dass ich vergeblich komme, denn er brüllte wieder einmal so laut, dass man es
durch drei Zimmer hören konnte.«
    »Hat er Schmerzen?« fragte anscheinend ganz unbefangen der Adjutant.
    Der Hofmarschall wandte den Kopf rückwärts und sah ihn mit einem sonderbaren
Blicke an. »Ah! was Schmerzen!« versetzte er, »Sie kennen den doch lange genug,
um zu wissen, dass der keine Schmerzen hat.«
    »Also vielleicht wieder eine Familienscene?«
    »Natürlich; das hört da niemals auf.«
    »Die arme kleine Frau!«
    »Na, na!« sagte die Excellenz, indem sie leicht mit der Hand an dem
gestickten Uniformskragen herum griff, »das nimmt Alles freilich Partei für die
hübsche Baronin, aber -«
    »Euer Excellenz sagten: aber -« versetzte der Adjutant nach einer längeren
Pause.
    »Allerdings könnte man da auch ein Aber vermuten,« fuhr der Hofmarschall
fort. »Ich versichere Sie, lieber Graf, Unsereins, das so lange hier aus und ein
geht, wirft zuweilen einen scharfen Blick hinter die Coulissen.«
    »Dafür ist Euer Excellenz bekannt,« antwortete der Graf im Tone der grössten
Ueberzeugung. - »Aber die Baronin nimmt sich so in Acht, sie vermeidet völlig
ein Gespräch mit jungen Leuten; sie tanzt auf den Bällen nur mit alten Generalen
und obersten Hofchargen, die dem Gemahl doch unmöglich Argwohn einflössen
können.«
    »Wie? Weil sie nur mit obersten Hofchargen tanzt?« fragte Seine Excellenz
leicht pikirt. Doch fuhr sie gleich darauf in anderem Tone fort: »Ja, das ist
Alles wahr; man spricht auch nicht von der Gegenwart, sondern« - hier hustete
der Hofmarschall wieder bedeutend, als habe er schon zu viel gesagt.
    »Allerdings von der Vergangenheit,« nahm der Adjutant leichtin das Wort. -
»Wissen Sie, Excellenz, die böse Welt macht sich kein Gewissen daraus, einer
schönen Frau was Uebles nachzusagen. - Und am Ende, was spricht man von der
Baronin?«
    »Ich nichts; Gott soll mich bewahren!«
    »Ja, ich auch nichts. Aber ihre Herkunft ist doch wohl sattsam bekannt.«
    Der Hofmarschall schüttelte leicht mit dem Kopfe.
    »Nicht? - Ich habe wenigstens geglaubt, sie sei aus einer bekannten alten
schottischen Familie.«
    »On dit,« erwiderte der Hofmarschall, nachdem er einige Augenblicke vor sich
niedergesehen.
    »Nun, dem mag sein, wie ihm wolle!« fuhr lebhaft Graf Fohrbach fort. »Jetzt
führt sie einmal einen guten Namen, und ich setze wirklich den Fall, es sei
etwas in ihrem früheren Leben nicht ganz korrekt, so hat sie das jetzt in ihrer
freudlosen Ehe tausendmal abgebüsst. Nehmen Sie mir nicht übel, es ist keine
Kleinigkeit, mit dem alten General auszukommen. Er hält sie wie seine Sklavin,
aber nicht wie seine Frau.«
    Die letzten Worte hatte der junge Mann etwas lauter gesprochen, wesshalb sich
der Hofmarschall sorgfältig im Zimmer umschaute, ob sie sonst Niemand gehört.
Dann, als scheine ihm dies Gesprächstema für den Ort, wo sie sich befanden, zu
gefährlich, änderte er es offenbar absichtlich, indem er einen tiefen Seufzer
ausstiess und hierauf sagte: »Ich hatte geglaubt, Seine Majestät sei schon
zurück; so muss ich mir denn selbst zu helfen suchen.«
    »Soll ich Ihnen ein paar Einladungen vorschlagen?« fragte der Adjutant
lächelnd, nachdem er seiner Excellenz bis zur Türe des Vorsaals gefolgt war.
    »Natürlich einige von euch jungen Leuten,« entgegnete der Hofmarschall mit
emporgezogenen Augenbrauen.
    »Nun, wenigstens welche, von denen man weiss, dass sie kommen, die in der Nähe
zu finden sind.«
    »Zum Beispiel?«
    »Da ist Eduard v. B., unser bisheriger Assessor, der gestern Regierungsrat
geworden ist; er könnte bei dieser Gelegenheit seinen zierlichen Dank anbringen.
- Ich weiss, wo er ist.«
    »Das kann ich ohne Befehl nicht tun.«
    »Oder den Baron von Brand. - Ich bin gewiss, Sie finden die Beiden auf dem
Cavalier-Casino bei einer Partie Piquet.«
    »Den Baron von Brand?« sagte die Excellenz und machte dazu ein Gesicht, als
habe sie plötzlich auf ein Sandkorn gebissen. »Nein, nein, nehmen Sie mir nicht
übel, das ist nicht meine Leidenschaft; es tut mir jedesmal leid - aber im
tiefsten Vertrauen gesagt - wenn ich den Herrn auf unserem Silber speisen sehe.
Ich meine immer, es komme ihm das ungewohnt vor.«
    »Ah! Excellenz haben einen zu scharfen Witz!« erwiderte lachend der
Adjutant. »Und jetzt fällt mir ein, dass ich taktlos war. Richtig, Sie mögen den
Baron Brand nicht leiden.«
    »Das leugne ich auch gar nicht, und ich behaupte - natürlich Freunden
gegenüber - er gehört nicht an den Hof, nicht einmal in die Gesellschaft.«
    »Da tun Sie ihm wahrhaftig Unrecht; der Baron ist ein vollkommener Cavalier
und benimmt sich gewiss als solcher.«
    »Äusserlich! äusserlich!« entgegnete der Andere mit einigermassen gereiztem
Tone. »Sie werden das auch noch erfahren.«
    »Aber er geht mit den anständigsten Leuten um! Sie können zum Beispiel nicht
leugnen, dass er mit dem Herrn Herzog sehr liirt ist.«
    »Leider! leider! Ich wollte, dem wäre nicht so, denn was der Eine nicht
weiss, das lernt er vom Andern. Unter uns gesagt, ist Seine Durchlaucht seit
seiner genauen Bekanntschaft mit dem Herrn Baron nicht solider geworden, das
können Sie mir glauben.«
    »Meinen Sie wirklich?« fragte der Graf mit dem grössten Interesse, das er
aber zu verbergen suchte. - »Sind da Geschichten vorgefallen? - O Euer Excellenz
weiss doch Alles!« Diese letzteren Worte rief er im Tone der grössten
Verwunderung.
    »Saubere Geschichten,« erwiderte wichtig der Hofmarschall; »Sie erinnern
sich doch noch des Refus, den der Herzog erhielt, als es ihm neulich plötzlich
einfiel, zum Militär überzugehen und als Offizier in das Gardedragoner-Regiment
einzutreten?«
    »Gewiss - ganz genau; ich hatte damals zufällig den Dienst. Doch glaube ich,
fand man ihn höheren Orts nicht stark genug zum Kavalleriedienst.«
    »Ah bah!« machte der Hofmarschall und sah den Anderen mit einem
eigentümlichen Blick von der Seite an. - »Geschichten, lieber Freund! -
Geschichten, die einigen Eklat gemacht. - Was weiss ich, oder was will ich davon!
Es war da begreiflicher Weise ein junges Weibchen im Spiel, aber von einer
anständigen Bürger-Familie; die Sache muss einen sehr unangenehmen Haken gehabt
haben, und man fürchtete wohl nicht mit Unrecht, irgend einer der alten
Offiziere des Regiments, die überhaupt diesen Einschiebungen sehr unhold sind,
möchte dadurch Veranlassung finden, diese fatale Angelegenheit zur Sprache zu
bringen. Verstehen Sie mich?«
    »Wie kann man denn überhaupt Euer Excellenz missverstehen!« sagte Graf
Fohrbach mit einer tiefen Verbeugung. »Ja, wenn die Geschichten nicht wären!«
    »Meinetwegen mögen sie ausserhalb des Schlosses treiben, was sie wollen,«
sprach würdevoll der Hofmarschall; »aber so lange ich den Stab führe, soll mir
der Burgfriede gehalten werden in jeder Richtung. Diese jungen Herren denken
aber nicht anders, als Alles, was Schönes und Reizendes bei Hof erscheint, sei
nur zu ihrem Vergnügen da. Aber das kann ich Sie versichern, Graf Fohrbach: ich
bin auch da. Ordnung muss sein, sogar in diesen Dingen bei Hof, und es gibt eine
Stelle, wo ich als Oberstofmeister Seiner Majestät ebenso kitzlich bin, wie der
hochselige König von Spanien. - Es heisst doch kitzlich?«
    »Sterblich bin,« verbesserte der Adjutant.
    »Nun ja, sterblich bin. Und sehr sterblich bin; das kann ich all' diesen
jungen Herren versichern. Man weiss es aber auch.«
    »Ja, man weiss es!« rief der Adjutant, indem er eine tiefe Rührung
affektirte. »Und es ist ein wahres Glück, dass mit solchen Grundsätzen, wie sie
Euer Excellenz aussprechen, die Verwaltung des Hofes geleitet wird.«
    Er war innerlich hoch entzückt darüber, dass er an dem Hofmarschall gegen den
Herzog einen so guten und wichtigen Bundesgenossen erhalten. Der Excellenz blieb
selten etwas verborgen von dem, was im Schloss vorging, und wenn er also gegen
die angedeuteten Geschichten sei, so arbeite er nur für sein, des Grafen
Interesse. In der Freude seines Herzens schüttelte er die beiden, ihm abermals
dargereichten Finger des Anderen mit ausserordentlicher Feierlichkeit, und konnte
sich nicht entalten, dem Hofmarschall bezüglich der Einladungen nachzurufen:
    »Wissen Euer Excellenz wohl, womit Sie Seiner Majestät heute bei der
Neujahrstafel ein ungemeines Vergnügen bereiten könnten? - Laden Sie doch den
Herrn von Dankwart ein, der refusirt nicht, darauf können Sie sich verlassen.«
    »Oh! oh!« machte der Hofmarschall, »das könnte allenfalls am jüngsten
Hoftage geschehen, wenn es sich darum handelte, mir eine ewige allerhöchste
Ungnade zuzuziehen.«
    Der Adjutant wollte lachend in sein Zimmer zurücktreten, als er durch die
geöffnete Türe des Vorsaales bemerkte, dass auf dem Gange sein Jäger stehe und
augenscheinlich nur auf das Weggehen des Hofmarschalls warte, um sich bei ihm
melden zu lassen. Er winkte ihm hereinzukommen, und fragte ihn dann, ob zu Hause
etwas vorgefallen sei.
    Franz zog einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn seinem Herrn, wobei
er sagte, er sei vom Kammerdiener geschickt worden.
    Nachdem Graf Fohrbach das Couvert abgerissen hatte, fand er einen Zettel, in
welchem ein zweiter kleinerer Brief lag und auf diesem Zettel von der Hand
seines Kammerdieners die Worte: »Soeben wurde inliegender Brief für den Herrn
Grafen gebracht und als sehr eilig bezeichnet. Ich erlaube mir deshalb, ihn
hiermit durch den Jäger zu übergeben; Franz soll warten, bis ihn Euer Erlaucht
gelesen und Ihre weiteren Befehle gegeben haben.«
    Graf Fohrbach trat an das Fenster und betrachtete sich das Äussere des
Schreibens, das er hin- und herwandte. Die Aufschrift, offenbar eine
Frauenzimmerhand, war ihm gänzlich unbekannt, ebenso das Siegel des Briefs,
zeugend von einem plumpen Petschaft, ein grosses E und B in grobes Siegellack
ausgedrückt. - »Was brauche ich da lange zu überlegen?« sprach er zu sich
selber; »der Brief ist an mich; sehen wir nach, von wem er ist, und was er
entält.«
    Er setzte sich in einen Stuhl, doch ehe er das Schreiben öffnete, warf er
abermals einen Blick nach dem bewussten Fenster empor. Aber es liess sich dort
jetzt eben so wenig sehen wie früher. Er entfaltete seufzend den Brief und
betrachtete die Unterschrift. - »Emilie Becker. - Was ist das? - Ah Teufel! ich
erinnere mich.«
    »Ew. Erlaucht!« lautete der Brief. »So grosse Mühe es mich auch gemacht hat,
so ist das Geschäft, mit dem Sie die Gnade hatten, Ihre gehorsamste Dienerin zu
beehren, um nach vieler Schwierigkeiten von Seite mir und ausserordentliche
Ausdauer glücklich zu Stande gebracht. Es hat mich übermässig viele Zeit und
Auslagen gekostet, doch davon sage ich nichts, nur von das Glück, das es mich
gelungen, Ew. Erlaucht wahrscheinlich zufrieden gestellt habe sowie auch ihren
hohen Freund.
    Da am heute Abend das Ballet im Achte aus ist, dagegen das Teater bis Zehne
spielen wird, so ist von Seitens der Eltern gar keine Besorgnis zu erfahren, wo
sie denn so lange bleiben könnte, bitte auch Ew. Erlaucht deshalb, an der Ecke
von die Prinzenstrasse einen Wagen hinbesorgen zu wollen, aber genau im Achte,
bitte auch gnädigst selbst zu wollen oder eine vertrauliche Person zu schicken,
damit sie sich nicht erschrickt.
    Auch halte ich mir bestens empfohlen und bitte ihrem hohen Freund zu sagen,
wie viel Mühe ich mir gegeben habe
                                      als
                                                   ihre ganz ergebenste Dienerin
                                                                 Emilie Becker.«
    Der Adjutant liess den Brief auf den Tisch niederfallen und fuhr sich mit der
Hand über die Augen, worauf er in tiefes Nachdenken versank.
    »Wie schnell sich die Zeiten ändern!« sagte er mit einem Blicke auf das
bewusste Fenster. »Ja, ich hatte einmal diese Grille und hätte viel daran
gesetzt. - Aber jetzt - nie! nie! Gott soll mich bewahren!« - Gleichsam als
wollte er seine guten Vorsätze bestärken, öffnete er die Scheibe neben sich,
liess den kalten Luftstrom über sein Gesicht wehen und schaute alsdann wieder
aufwärts zu den Blumen. - »Wie man sich ändern kann!« - fuhr er nach einer Pause
in sich hinein lächelnd fort. - »Wie uns das Bild eines wirklich geliebten
Mädchens so ganz auszufüllen vermag! - O meine Eugenie! - Schon diese beiden
Gedanken zu gleicher Zeit ist eine Entweihung; aber gewiss, ich fühle es, du bist
vom Himmel dazu bestimmt, ganz mein zu sein, mir ein freudenvolles Leben zu
bereiten. - Weg mit allen Anderen! - Es ist aber so wahr: man soll sich vom
Teufel nicht bei einem Haar fassen lassen; jetzt habe ich diese Geschichte
entrirt und kann sie doch unmöglich so mir nichts dir nichts fallen lassen. - So
ein armes Mädchen! - Wenn auch - aber doch einiger Teilnahme wert, denn sie
ist jung, schön und reizend. Hat ihr auch viele Mühe gemacht, wie die Person
hier schreibt. - Nun, das kann auch eine Spekulation auf meine Kasse sein.« - Er
überlas den Brief nochmals. - »Aber was soll denn das hier heissen,« fuhr er nach
einer Pause in seinem Selbstgespräch fort, dass sie da von einem hohen Freunde
spricht? - Habe keine Idee, was sie damit meint.
    Währenddem stand der Jäger hoch aufgerichtet an der Türe des Zimmers und
schien unausgesetzt das lebensgrosse Bild Seiner Majestät zu betrachten, welches
ihm gegenüber hing. Doch wenn man ihn schärfer beobachtet hätte, so würde man
wohl bemerkt haben, dass er die blitzenden Augen von Zeit zu Zeit auf seinen
Herrn richtete, und dann auf das abgerissene Couvert schaute, das unbeachtet auf
dem Boden lag.
    »Wann, sagst du, dass dieser Brief gekommen sei?« fragte nun der Graf den
Jäger.
    »Vor einer kleinen halben Stunde, Erlaucht. Der Kammerdiener nahm ihn selbst
in Empfang, siegelte ihn ein und ich eilte augenblicklich damit hierher.«
    Graf Fohrbach hatte das Billet leicht in die linke Hand genommen und schlug
damit auf die rechte, während er nachdenkend bald an die Zimmerdecke schaute,
bald vor sich auf den Fussboden. - »Wenn es eine ganz gewöhnliche Geschichte
wäre,« dachte er, »so würde man einfach weder hingehen, noch Jemand hinschicken.
Selbst hinzugehen ist mir auf alle Fälle unmöglich; wahrhaftig, es widerstrebt
mir, mich in solche Geschichten zu mischen. - Und wen soll ich hinschicken? -
Einen Bedienten; vielleicht meinen Jäger dort, der mir nicht auf den Kopf
gefallen zu sein scheint. - Nein, nein, das wäre undelikat. - Einen Bekannten
also? - Aber wen finde ich gleich? Alle Welt macht jetzt Vorbereitungen zum
Diner. - Wenn ich es bei der Hoftafel Jemand sagte! Ich habe so Manchem ähnliche
Gefälligkeiten erwiesen; ich würde schon Jemand finden, der vielleicht meine
ganze Rolle übernimmt. - Ah! es ist doch bei Gott ein leichtfertiges Geschlecht,
diese Mädchen! Die da« - er schlug in diesem Augenblick mit der Hand auf das
Papier - »galt als ein Ausbund von Tugend; und was vermochte hier nicht eine
Handvoll Goldstücke! - Aber man sagte mir später, sie unterstütze einen alten
Vater und kleine Geschwister; das habe ich damals nicht bedacht, und es fällt
mir jetzt schwer auf's Herz. Ah! um so besser, dass die Sache so gekommen ist,
denn es wäre doch am Ende ein schändlicher Kauf gewesen, den ich da gemacht. -
Aber die Summe soll sie haben, - voll, voll! - Ich danke dem Himmel, dass ich
jetzt so denke.« - Er warf noch einen Blick zum Fenster hinaus nach der uns
bekannten Richtung, dann erhob er sich und schritt langsam durch das Zimmer auf
seinen Diener zu. Halb Weges blieb er aber wieder stehen, indem er zu sich
selber sagte: »Ja, ich werde doch Jemand finden, der für mich hingeht. - Wenn
ich nur wüsste, wen sie mit dem hohen Freunde gemeint hat! - Halt! da fällt mir
was ein! - Richtig! Artur versprach mir, den Brief auf die Post zu werfen oder
selbst zu besorgen er wird das Letztere getan haben. Vornehm genug sieht er aus
- ja, es muss so sein: die Alte hat eine neue saubere Kundschaft gewittert. -
Aber warum auch nicht? - Ja wahrhaftig, das wäre der beste Mensch, der für mich
dort hingehen könnte. Und er tut's, ich habe ihm auch schon Gefälligkeiten
genug erzeigt, und am Ende sieht er das eher für eine Annehmlichkeit an, als für
eine Arbeit.«
    Damit drehte sich der Graf rasch wieder um, ging zu dem Tische zurück, wo
Schreibmaterialien lagen, steckte den Brief, den er soeben erhalten, in ein
kleines Couvert, siegelte es zu und überschrieb es an Artur. - »Diesen Brief,«
sagte er alsdann zu seinem Jäger, »wirst du augenblicklich besorgen. Du kennst
die Adresse? - Geh' sogleich in das Haus dieses Herrn, wenn er nicht da ist,
frage, wo er sein könne und suche ihn mir auf. Es ist mir viel daran gelegen,
dass er diesen Brief erhält. - Verstehst du?« Franz nickte mit dem Kopfe.
    »Im Falle du ihn also findest, und ihm den Brief selbst in die Hand gibst -
was unbedingt geschehen muss, denn auf Zwischenträgereien darfst du dich gar
nicht einlassen - so wirst du fragen, ob du mir Ja oder Nein sagen sollst. Heisst
es Ja, so kannst du ruhig nach Hause gehen, und die Sache ist für dich
abgemacht; heisst es aber Nein, so lässt du den Brief wieder einsiegeln, stellst
dich damit an den grossen Saal, wo heute die Tafel ist, und lässt mir durch einen
Lakaien sagen, du seist da. - Hast du mich wohl verstanden?«
    »Vollkommen, Erlaucht: mit Ja ist Alles besorgt, mit Nein komme ich, mir
neue Anweisungen zu holen.«
    »Sehr gut,« sagte lächelnd der Graf; »ich sehe, Franz, du bist zu
gebrauchen.«
    »Wenn Euer Erlaucht das wirklich glauben,« erwiderte der Jäger mit einem
seltsam leuchtenden Blick, »so soll mich das in der Tat glücklich machen. Aber
dann bitte ich Euer Erlaucht, mir die Freiheit zu entschuldigen, wenn ich Sie
auf das abgerissene Briefcouvert am Boden aufmerksam mache, welches man
vielleicht völlig zerreissen oder wegwerfen könnte.«
    »Da hast du Recht,« versetzte Graf Fohrbach; »man braucht dergleichen hier
nicht zu finden. Du bist umsichtig, Franz, das gefällt mir. Ich hoffe, wir
werden zusammen auskommen.«
    »Das ist mein sehnlichster Wunsch, Erlaucht,« erwiderte der Jäger mit einer
tiefen, etwas unsicheren Stimme, und es zuckte seine Hand, als wolle er die
seines Herrn ergreifen, um sie zu küssen.
    Doch blieb es bei diesem Gedanken, denn der Adjutant machte eine halbe
Wendung gegen das Kamin, wo die Uhr stand, legte die Hand leicht auf den
Säbelgriff und sagte: »Halb Sechs - es ist Zeit. Johann wird wohl mit meinem
Anzüge draussen sein.«
    »Zu befehlen, Euer Erlaucht, er kam mit mir.«
    »Nun gut, ich gehe, mich umzukleiden. Besorge du jetzt deinen Auftrag, und
nimm dir einen Wagen, damit du keine Zeit verlierst.«
    Der Graf schritt gegen die Türe zu, welche der Jäger ehrerbietigst öffnete,
und dann verschwanden Beide aus dem königlichen Vorzimmer.
 
                          Sechsundfünfzigstes Kapitel.
                      Vor, während und nach dem Hofdiner.
Das grosse Hofdiner am heutigen Neujahrstage ging, wie alle dergleichen
Festlichkeiten, feierlich und sehr langweilig vor sich. Es war in den Sälen eine
ausserordentliche Pracht zu sehen an reich gestickten Uniformen, an Sternen,
Ordensbändern, an rauschenden Seide- und Sammetroben, an goldgestickten Stoffen
aller Art, an Brillanten und sonstigem glänzendem Schmucke.
    Ehe die Tafel anfing, stand Alles nach Rang und Stand neben einander an den
Wänden aufgestellt, und Alles blickte auf die höchsten und allerhöchsten
Herrschaften, die soeben zur gegenüber liegenden Türe hereingetreten waren und
mit freundlichem Kopfnicken die tiefen Knixe und feierlichen Verbeugungen
entgegen genommen hatten.
    Hierauf hielten die Majestäten ihre kleinen Cercle, was aus der Hofsprache
für dich, geliebter Leser, in ganz gewöhnliches Deutsch übersetzt, so viel sagen
will, als sie gingen bei den Umherstehenden vorbei, sprachen mit den
Begünstigten einige gnädige Worte, nickten den minder Glücklichen huldreich zu,
sahen Andere wenigstens mit einem freundlichen Blicke an und liessen die
Unbedeutenden oder gerade nicht in der Gnade Stehenden so vollkommen links
liegen, als ob diese gar nicht in der Welt existirten.
    Es ist in solchen Augenblicken sehr amusant, anzuschauen, wie sich die
Physiognomien verändern, sobald eine der allerhöchsten Herrschaften langsam
vorschreitet. Es ist das gerade, als wenn der Mond aufsteigt und so nach und
nach mit seinem sanften Lichte hier eine frische Wiese, eine freundlich
murmelnde Quelle, eine alte Ruine, dort eine finstere Schlucht, eine kahle
Felspartie und viele steife, langweilige Tannenwälder bestrahlt und milde
beleuchtet. Gerade wie diese Gegenstände klären sich auch hier die Gesichter
auf; die Augen blicken starr nach dem aufsteigenden Gestirne, der Mund spitzt
sich zierlich oder legt sich in wichtige Falten. Die frische Wiese kokettirt
vielleicht mit ein paar hübschen Armen, indem sie zierlich den Fächer sinken
lässt; die Quelle hört auf zu rauschen, sammelt ihre Wasser, um gleich darauf
eine mächtige Redeschleuse aufziehen zu können. Die Ruine denkt vergangener
Tage, wo auch sie in erster Linie stand und blickt sehnsüchtig nach dem Monde,
der sich aber jetzt zufällig hinter einer Wolke verbirgt, ohne ihr einen süssen
Blick geschenkt zu haben. Die finsteren Schluchten und kahlen Felspartieen -
ach! und deren gibt es hier eine grosse Anzahl! - zucken die mageren Achseln,
neigen spöttisch zusammen flüsternd ihre brillantenbedeckten Köpfe und
versichern einander gegenseitig, dass es auf der Welt nichts Langweiligeres gäbe,
als diese ewigen Cercles vor der Tafel. Ach! für sie sind diese wirklich
langweilig; dort hinein dringt kein erleuchtender Strahl; diese düstern,
erstorbenen Gegenden werden von keinem freundlichen Scheine mehr belebt. - Aber
die Tannenwälder, sie stehen da in geschlossener Phalanx und trotzig, mit
herausforderndem, wenn auch grämlichem Lächeln. Das sind starke Bäume mit
spitzigen Nadeln, und wenn der Mond sie nicht besonders freundlich bescheint, so
sagen sie, »er wird vergesslich dieser gute Mond, wie wäre es ihm sonst möglich,
uns zu übersehen, uns in unserer unergründlichen Langweiligkeit und Steifheit!«
-
    Hinter den höchsten Herrschaften, das heisst, sobald sie vorüber gegangen
sind, fällt Alles wieder in's frühere trostlose Dunkel zurück; man sieht da
seltsame Blicke, verstecktes aber sehr bedeutungsvolles Achselzucken, und hört
auch wohl ein spitziges Wort, und, geneigter Leser, die gewissen Husten - von
denen dir zu erzählen wir schon die Ehre hatten - hier aber so mannigfaltig und
bedeutungsvoll, dass man Bände darüber anfüllen könnte.
    Aber wie gesagt: der lichte Glanz ist nun vorbei gezogen, verschwunden
gerade wie beim Schattenspiele an der Wand der runde glänzende Kreis, nachdem
die Gläser weggezogen und die Lampe ausgelöscht ist. Nur hie und da strahlt noch
ein erhelltes Gesicht aus dem allgemeinen Grau hervor; das gehört vielleicht
einem jungen Ehrenfräulein oder einem neugebackenen Kammerherrn, die zum ersten
Mal bei der Hoftafel erscheinen und die zum ersten Mal mit einem freundlichen
Worte beglückt worden.
    Graf Fohrbach hatte sich mit jüngeren Offizieren und anderen Herren vom Hofe
bescheiden in eine Ecke zurückgezogen; sie standen hinter der Person des
Hofmarschalls, der, den Hut unter dem Arm, den Stab in der Hand, in grösster
Wichtigkeit verharrte, mit einem Auge die Kammerdiener an der Türe des
Speisesaales, mit dem anderen die Majestäten betrachtete.
    »Lieber Doktor,« sagte der diensttuende Adjutant zu dem Generalstabsarzte,
der wie immer das ganze Getreibe mit einem eigentümlichen Grinsen betrachtete,
»treten Sie ein bisschen vor, neben den Hofmarschall; ich sehe, die Frau Herzogin
brennt vor Begierde, Ihnen ein freundliches Wort zu sagen.«
    »Ja, ja,« entgegnete dieser, »ihr hättet jetzt wohl wieder einmal Lust zu
sehen, wie eine arme Fliege gegen das Licht hinschnurrt und sich die Flügel
verbrennt. Seit ich Seine Durchlaucht nicht für tauglich zum Gardedragoner
erklärte, bin ich für einen Teil der höchsten Herrschaften gar nicht mehr in
der Welt.«
    »Das wird Sie ungeheuer kränken?«
    »Ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie es mich betrübt,« erwiderte der Arzt
in komischem Tone. »Habe ich doch dadurch einen wichtigen Teil meiner Praxis
verloren. Denken Sie sich, Graf, die Kammerfrauen lassen mich des Nachts nicht
mehr holen, wenn sie Abends zu stark soupirt haben.«
    »Bssst!« machte der Hofmarschall leise, ohne übrigens Stellung und Miene im
Geringsten zu verändern; denn er hatte Alles wohl verstanden und fürchtete die
freche Zunge des Doktors und dessen schrille Stimme.
    »Uebrigens soll es mich gar nicht wundern,« fuhr dieser fort, »wenn mir
nicht heute auf's Eklatanteste gezeigt wird, welch' niederträchtiger Sünder ich
eigentlich bin.«
    Und der Doktor hatte diesmal wahrhaftig Recht, denn ein paar Sekunden darauf
machte der Hofmarschall vor der Front eine scharfe Wendung nach links, begleitet
von einer ausserordentlich tiefen Verbeugung, welche Ihrer Hoheit, der
ebengenannten Frau Herzogin galt, die rauschend und majestätisch wie ein
prächtiges Gewitter einherzog, gegen den Kreis der jungen Leute, dort anhielt,
um mit einem Major von der Kavallerie einige sehr freundliche Worte zu sprechen.
dabei aber wandte sie sich so dicht vor dem unglücklichen Leibarzte um, dass
dieser kaum Zeit hatte, sich durch einen grossen Schritt in die Ecke zu retten,
sonst würde er unfehlbar mit Ihrer Hoheit zusammen gestossen sein. - Und dann,
welcher Eklat! Da hätte man deutlich wieder einmal gesehen, wie diese Leute von
bürgerlicher Herkunft doch so entsetzlich ungeschickt sind und sich so gar nicht
in den Hofcirkeln zu benehmen wissen.
    Ihre Hoheiten sprachen fast mit Jedem der ganzen Gruppe, den Doktor
natürlicherweise ausgenommen, der für sie, wie er vorhin vollkommen richtig
bemerkt hatte, gar nicht mehr in der Welt war.
    Endlich schritt Seine Majestät auf die Türe des Speisesaales zu; die
Flügeltüren wurden geöffnet, der Hofmarschall schaute auffordernd rings im
Kreise umher, und hinter ihm drein rauschte nun Alles in den anstossenden Saal,
um sich dort an der Tafel und zum Speisen niederzulassen.
    Dies ging nun vor sich fast wie bei einem anderen Diner, nur dass am heutigen
Tage die steifen Uniformskrägen und die fest zusammen geschnürten Taillen der
Eingeladenen nicht erlaubten, viel zu sich zu nehmen. Doch - »die Ehre macht
satt«, meinte der Doktor am unteren Ende der Tafel. Er sass neben dem
diensttuenden Adjutanten und nicht weit vom Hofmarschall, der aber nur mit hoch
empor gezogenen Augenbrauen und sehr ernstem Gesichte zu ihm sprach.
    Glücklicherweise ging Alles schnell vorüber; nachher wurde freilich noch ein
kleiner Cercle gehalten, aber ungezwungener, freier als vor der Tafel.
    Der Adjutant, dessen Dienst nun bald zu Ende ging, erkundigte sich an der
Türe des Saales, ob sein Jäger nicht zurückgekommen sei, worauf er sich, als
ihm diese Frage verneint wurde, über den gegebenen Auftrag beruhigt, an eine
Fensternische zurückzog, teils um auf den Kastellplatz sehen zu können, teils
aber auch, um, selbst ungesehen, einige der Anwesenden zu beobachten.
    Wir wissen wohl, wohin seine Blicke gingen, und nicht bloss er allein,
sondern die meisten der jungen Leute schauten nach jener prachtvollen Gestalt,
der sich aber, da sie sich unmittelbar bei der Person Ihrer Majestät halten
musste, Niemand ohne höhere Aufforderung so recht nahen durfte; der arme Graf
Fohrbach in seiner dienstlichen Stellung am allerwenigsten.
    Eugenie verdunkelte den ganzen Kreis, in dem sie stand, sowohl durch die
Schönheit ihres Kopfes und ihrer Gestalt, als durch die Einfachheit ihres
Äusseren. Sie trug ein weisses, anliegendes Kleid von matter Seide, fast ohne
Schmuck; nur an dem seinen Handgelenk hatte sie ein schwermassives Armband - ein
Erbteil ihrer Mutter. Ihr schwarzes Haar war glatt gescheitelt, die überaus
dicken Flechten hatte sie einfach um den Kopf geschlungen, und es war das, wie
die Oberstofmeisterin gegen die Hofmarschallin bemerkte, eigentlich keine
Frisur zu nennen - »und kann auch nur der Fräulein von S. gestattet werden, weil
sie einmal die Fräulein von S. ist, ein so schönes und in der Tat sehr
liebenswürdiges Mädchen.«
    Dieses Wort der alten Dame hörte Graf Fohrbach hinter seinem Vorhang und
ebenso wie die Hofmarschallin antwortete:
    »Es ist in der Tat ein einziges Geschöpf; man muss sie lieben, denn sie hat
wahrhaftig keinen Fehler.«
    »Ja, man muss sie lieben!« seufzte er in sich hinein. »Ah! wenn das sogar
diese beiden alten Excellenzen von Eugenie sagen, welche Worte soll dann ich
gebrauchen?«
    Der junge Herr Herzog hatte allein das Recht, sich seiner Mutter und also
auch dem Ehrenfräulein zu nähern. Und er machte von diesem Rechte, wie immer, so
auch heute, einen solch' umfassenden Gebrauch, dass sich der arme Graf in der
Fensternische fast die Lippen blutig biss und den Griff seines Säbels fasste, als
habe er nicht übel Lust, diesen gegen einen sehr gefährlichen Feind zu ziehen.
    Bis jetzt hatte der Herzog dort hinten bei der Gruppe, wie es schien, nur
allgemeine Redensarten an die Damen, die um ihn standen, gerichtet; jetzt aber -
»der Teufel soll ihn holen!« dachte der Adjutant - wusste er sich so geschickt zu
drehen, und so schön zwischen den ehrerbietigst ausweichenden Hoffräuleins zu
manövriren, dass er Eugenie von den Uebrigen trennte, und nun auf einmal abseits
mit ihr stand. - »Verdammt! was hat er da zu sagen?«
    Der Herzog tat eine Frage - Eugenie von S. schlug leicht die Augen nieder
und gab ihm eine kurze, doch wie es schien, nicht unfreundliche Antwort. Darauf
zuckte er die Achseln und machte ein betrübtes Gesicht, schien aber gleich
darauf über etwas nachzudenken, in Folge dessen sich sein Gesicht aufklärte. Er
tat noch einen halben Schritt näher zu dem schönen Mädchen hin und flüsterte
ihr etwas auf sehr verbindliche Weise zu. Sie machte eine leichte Verbeugung,
vermittelst welcher sie aber um einen ganzen Schritt zurückwich. Der Herzog
entfernte sich und der Graf atmete tief auf.
    »Und doch ist die Sache nicht ohne allen Grund,« sprach er nach einer Pause
ergrimmt zu sich selber. »Wenigstens von seiner Seite nicht. Teufel! da gilt es,
aufzupassen! Wenn man sich nur wenigstens der Gruppe auch nähern dürfte! Aber
Ihre Majestät und die Frau Herzogin scheinen wahrhaftig gerade auf diese Stelle
des Saales wie verpicht zu sein. - Ah! jetzt machen sie ihre Komplimente! - Die
Damen verneigen sich; Gott sei Dank! - Aber auch Eugenie muss folgen. Weiss Gott
im Himmel, ich habe heute kein Glück; war es mir doch nicht möglich, auch nur
eine einzige Silbe vor oder nach der Tafel an sie zu richten. - Doch halt! - sie
bleibt an der Türe stehen. Ah! wenn sie sich umschaut! - Vielleicht nach dem
Herzog; doch wenn sie es tut, so werde ich es augenblicklich sehen.«
    Der Herzog stand auf der andern Seite des Saales, und also war es in der
Tat nicht zu verkennen, wohin sich ihre Blicke richten würden. -
    Jetzt trat sie unter die Türe, in der langen, glänzenden Reihe die Letzte
und Schönste. - Ah! sie blieb wirklich einen Augenblick unter der Türe stehen,
sie wandte wirklich den schönen Kopf rückwärts und blickte nach der Seite hin,
wo der Herzog stand, aber dieser Blick war flüchtig wie ein Blitz, und sie
wandte ihn alsbald wieder fort und liess ihn unverkennbar durch den ganzen Saal
gleiten. Suchte sie etwas mit ihren Augen? O, wenn sie ihn suchte! - Wie schlug
sein Herz! Er konnte unmöglich ruhig in seinem Verstecke hinter dem Vorhange
stehen bleiben, er musste aus demselben heraustreten, und als er das rasch tat,
glitt ihm der Säbel aus der Hand und stiess klirrend auf den Parketboden. - Gott
im Himmel! flog nicht in diesem Augenblicke ein leichtes Lächeln über ihre Züge?
- O Glück! o Seligkeit! Neigte sie nicht leicht das Haupt gegen ihn, ehe sie
durch die Türe verschwand? - Er hätte darauf schwören können, dass sie es
getan. Doch dies Glück wäre zu gross gewesen; er durfte nicht leichtsinniger
Weise daran glauben. - Aber etwas Anderes war nicht wegzustreiten, was in diesem
Augenblicke geschah: Eugenie liess nämlich, auf jeden Fall ganz absichtslos, ihr
Battistsacktuch auf der Türschwelle fallen, wobei es in der Tat komisch
anzusehen war, wie im gleichen Moment sämmtliche noch anwesende Offiziere und
Herren vom Hofe sich mit einer wahren Wut darauf stürzten.
    Wir brauchen wohl dem geneigten Leser nicht zu versichern, dass Graf Fohrbach
eher sein Leben als das Taschentuch in andern Händen gelassen hätte; er hob es
im gleichen Augenblicke auf, als der Herzog neben ihm ankam.
    Dieser streckte die Hand gegen den Adjutanten aus, als wünschte er das
Taschentuch ausgeliefert zu erhalten.
    »Es gehört wohl nicht Euer Durchlaucht?« fragte Graf Fohrbach. - »Ich werde
mir schon erlauben dürfen, es dem Fräulein nachzubringen.«
    »Versteht sich von selbst!« entgegnete höhnisch lachend der Herzog, indem er
einen Schritt zurücktrat. »Dem Sieger gehört der Dank, und den will ich Ihnen
nicht streitig machen.«
    Wäre der arme Graf nur Hofmann gewesen, so würde er das Tuch respektvollst
dem Herzog zugestellt und sich mit dessen Erkenntlichkeit begnügt haben. - So
aber war er verliebt und - eifersüchtig, wesshalb er denn auch nur eine flüchtige
Verbeugung machte und eilig durch die Zimmerreihe davon schoss.
    Das Ehrenfräulein hatte schon mehrere Türen hinter sich, und war gerade im
Begriff, das Vestibül zu betreten, wo die Treppe zu ihren Apartements mündete,
als sie vernahm, dass Jemand mit klirrenden Schritten ihr eiligen Laufes folge.
Sie wandte den Kopf zurück, und als sie sah, dass es Graf Fohrbach sei, der ein
weisses Tuch in der Hand hielt, schien sie erst ihren Verlust zu bemerken und
machte ein paar Schritte gegen den glücklichen Finder.
    Dieser, so nahe am Ziele, wo er den für ihn so köstlichen Fund wieder
abgeben musste, konnte sich nicht entalten, ehe er das tat, das seine Tuch
sanft an seine Lippen zu drücken, worauf er eine Verneigung machte, die mit
einer halben Kniebeugung sehr viel Ähnlichkeit hatte.
    »Ah! ich danke Ihnen, Herr Graf!« sagte das schöne Mädchen, während sie das
Tuch in Empfang nahm. »Ich habe meinen Verlust jetzt erst bemerkt, und freue
mich in der Tat, dass gerade Sie der Finder sind.«
    »Gewiss, ein glücklicher Zufall für mich, Fräulein Eugenie,« erwiderte er;
»denn er verschafft mir das bis jetzt schmerzlich entbehrte Glück, mich Ihnen
einen Augenblick nähern, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen.«
    »Richtig, Sie sind im Dienst,« sprach sie lächelnd.
    »Wesshalb es mir um so weniger erlaubt ist, mich unaufgefordert dem hohen
Kreise zu nähern, wo Sie als Königin glänzen.«
    »Ei, ei! Herr Graf!« antwortete sie mit einem Lächeln, das gleich darauf
wieder verschwand, als sie rings um sich schaute; »solche Unwahrheiten darf man
hier nicht hören.«
    »Leider! leider!« versetzte er hastig. »Sie haben Recht, Eugenie; man muss
sich hier in diesen Mauern mit seinen Worten sehr in Acht nehmen; man darf nur
denken. Und das erlauben auch Sie mir, gestrengste aller Damen?«
    »Da müsste ich vor allen Dingen erst wissen, was Sie denken.«
    »O, ich denke nur« - an Sie! wollte er leidenschaftlich ausrufen, doch
schloss er diesen Satz anders, indem er sagte: »Ich dachte, ob Sie vielleicht
vorhin im Saale meine ehrerbietige Begrüssung bemerkten?«
    »Als Sie so plötzlich aus der Fensternische hervortraten?« -
    »Also Sie haben mich bemerkt, mein Fräulein?« sprach er entzückt, denn er
dachte, wenn sie mich gesehen, so galt mir auch jener leichte Gruss, - o Gott!
vielleicht sogar die kleine Verwirrung, die ich auf ihrem schönen Gesichte
bemerkt.
    »Diese Fensternische ist ein artiger Winkel zum Beobachten,« antwortete sie,
seiner Frage ausweichend.
    »O, ich habe auch dort beobachtet!«
    »Das müssen Sie mir ein andermal erzählen,« sagte sie mit einem
liebenswürdigen Lächeln. - »Recht bald, vielleicht heute Abend noch. - Sie
kommen doch zu S.?«
    »Gewiss werde ich kommen, Fräulein Eugenie, gewiss! O ich freue mich wie ein
Kind darauf! - Und Sie?« - Er betrachtete sie mit flammendem Blick und erwartete
angstvoll ihre Antwort.
    »Auch ich gehe gerne zu S.,« erwiderte das schöne Mädchen und schlug
absichtslos die Augen nieder. Gewiss ohne weitere Absicht, als um ihr Bracelett
zu betrachten, dass sie an ihrem runden weissen Arm ein klein wenig drehte.
»Namentlich heute Abend gehe ich gerne hin, weil wir, wie ich höre, ganz unter
uns sind.«
    In diesem Augenblick vernahm man Tritte im Nebensaal, wesshalb Eugenie dem
Grafen einen flüchtigen Gruss sagte, in das Vestibül hinaus trat und dort
zwischen den Säulen verschwand.
    Es war gut, dass sie ging, denn der entzückte und glückliche junge Mann war
nahe daran, vollkommen den Kopf zu verlieren und dem Ehrenfräulein Ihrer
Majestät hier bei offener Türe eine Liebeserklärung zu machen, wozu er auch in
der Tat den Zeitpunkt nicht hätte schlechter wählen können. Denn kaum war
Eugenie verschwunden, so kam der Herzog, gefolgt von einigen Offizieren, lachend
und plaudernd daher.
    »Aha! unser Ritter!« sagte er. - »Haben Sie Ihre Dame noch erreicht? -
Gewiss, Sie haben, denn ich sehe das Siegespfand nicht mehr in Ihrer Hand!«
    Der Adjutant war zu glücklich, um diese sonderbare Anrede in deren
höhnischem Ton das Verletzende lag, gebührend zu erwidern. Auch war es ja ein
Prinz des Hauses, der sich einen gnädigen Scherz mit ihm erlaubte, wesshalb er
sich begnügte, Seiner Durchlaucht mit einer höflichen Verbeugung zu antworten:
»Ich hatte in der Tat das Vergnügen, Fräulein von S. das verlorene Tuch zu
übergeben.«
    »Diese Adjutanten Seiner Majestät sind doch in Wahrheit bevorzugte Leute,«
mischte sich ein Dragoner-Offizier in das Gespräch, augenscheinlich in der
Absicht, um dem Herrn Herzog Stoff zur Fortsetzung eines so pikanten Gesprächs
zu geben.
    Wogegen Graf Fohrbach trotz seiner guten Stimmung durchaus nicht geneigt
schien, einem Anderen auch nur die leiseste Idee eines Scherzes über sich zu
erlauben, denn er sagte ziemlich ernst und mit festem Blick: »Dürfte ich wohl um
eine kleine Erläuterung Ihrer nicht ganz klaren Äusserung bitten, Herr von
Werten?«
    »Nun das liegt doch auf der Hand,« nahm der Herzog das Wort. »Werten meint,
es sei doch eine recht angenehme Beschäftigung für einen Adjutanten Seiner
Majestät, den Ehrenfräuleins die Schnupftücher nachzutragen.«
    »Meint Herr von Werten das wirklich?« fragte der Graf mit einer seltsam
klingenden Stimme.
    »Nein, nein, nicht so ganz!« antwortete der Dragoner-Offizier mit einem
verlegenen Lachen. »Seine Durchlaucht haben den Sinn meiner Worte nicht
vollkommen richtig ausgelegt.«
    »Ja, sehen Sie, Herr von Werten,« sagte der Adjutant nun ebenfalls lachend,
wobei jedoch seine Mundwinkel leicht zuckten, »das kann Einem schon widerfahren,
wenn man sich unberufen in anderer Leute Gespräch mischt. - Würden Sie dann
jetzt wohl selbst die Freundlichkeit haben, mir den Sinn Ihrer Worte zu
erklären?«
    »Ah! lassen Sie es gut sein, Werten!« rief der Herzog. »Das sieht ja aus
wie eine kleine Neckerei. Auch dürfen wir die Zeit des Herrn Grafen nicht so
sehr in Anspruch nehmen: der Herr Graf sind ja im Dienst. Sie sehen - Schärpe
und Cartouche.«
    »Euer Durchlaucht verzeihen,« erwiderte ruhig der Graf, während er sich hoch
aufrichtete und jedem Einzelnen, den Herzog nicht ausgenommen, fest in die Augen
blickte, »mein Dienst ist nach der Tafel zu Ende und ich habe die vollkommenste
Zeit für jeden dieser Herren.« - Die letzten Worte sprach er mit scharfer
Betonung. Dann fuhr er mit einer gefälligen Handbewegung fort: »Ich bitte also,
Herr von Werten!«
    »Nun ja, bester Graf Fohrbach,« entgegnete dieser, indem er sich,
einigermasser in Verwirrung gebracht, hin und her wandte und drehte; »ich wollte
in der Tat nur so viel sagen, als es sei doch recht angenehm, - und es sei
wirklich ein bevorzugter Dienst, der Einem zugleich gestatte, einer so
hochverehrten jungen Dame, wie Fräulein Eugenie von S. ist, das Schnupftuch
aufheben zu dürfen.«
    »Ah so!« erwiderte nach einem tiefen Atemzuge lächelnd der Adjutant, dem
der höhnische Blick des Herzogs, mit welchem ihn dieser fortwährend beschaute,
das Blut gewaltsam nach dem Kopfe trieb, ohne ihn jedoch glücklicher Weise
vergessen zu lassen, wen er vor sich habe und wo er sich befinde. - »Ah so! also
Sie betrachten das Schnupftuchaufheben nur als eine angenehme Nebenzugabe? Das
kann ich mir schon gefallen lassen. Und dass das mit dem Dienst eigentlich nichts
zu tun hat; - sonst wäre es ja sehr leicht, Adjutant Seiner Majestät zu werden,
denn Schnupftücher aufheben können Viele, Herr von Werten. Aber in die Umgebung
Seiner Majestät werden nur Wenige gezogen. - Nein, nein!« setzte er lachend
hinzu, indem er die Hand des einigermassen erstaunten Offiziers ergriff und sie
freundlich schüttelte, »ich hatte Sie missverstanden, Herr von Werten. Stellen
Sie sich aber in meine Lage, oder nehmen Sie an, man sagte zu Ihnen: ein
Schnupftuch graziös aufheben zu können sei genug, um zum Beispiel in das
Gardedragoner-Regiment eintreten zu können; das würden Sie ja auch übel nehmen,
mein lieber Herr von Werten, da Sie doch fest überzeugt sind, dass auch noch
andere Sachen dazu gehören, um Adjutant Seiner Majestät oder um Offizier in
einem Gardedragoner-Regiment zu werden.«
    Wir wollen gerade nicht behaupten, dass diese Äusserung des Grafen vor den
Umstehenden, namentlich vor dem Herzoge, sehr klug gewesen sei, und sie war
vielleicht nur insofern verzeihlich, als er in Letzterem einen, wenn auch nicht
gefährlichen, doch zudringlichen und kecken Nebenbuhler sah.
    Seine Durchlaucht biss sich denn auch heftig auf die Lippen und erblasste
etwas Weniges, fasste sich aber im nächsten Moment wieder, und versuchte ein
Lächeln, welches man aber als sehr misslungen betrachten konnte. Besser gelang
ihm eine ziemlich hochmütige Verbeugung, als er im Weggehen sagte: »Nun sind
Sie also Wohl ebenso zufrieden gestellt, Werten, wie der Herr Graf Fohrbach? -
Wenn dem so ist, so können wir für heute diese Unterredung abbrechen; ein
andermal vielleicht findet sich eine bessere Gelegenheit, dieselbe
fortzusetzen.«
    Damit eilte er hinweg und seine Begleitung folgte ihm.
    Der Adjutant blickte ihnen eine Weile nach, dann nahm er seinen Säbel unter
den Arm und ging durch die noch immer glänzend erleuchteten Zimmer zurück nach
dem Speisesaal, während er vor sich hin murmelte: »Es tut auf die Länge der
Zeit nicht gut, dass man diesem hohen Herrn in einigermassen abhängiger Stellung
wie ich heute hier im Schloss zu begegnen gezwungen ist. Wäre er mir so an
drittem Orte gekommen, ich hätte ihm einige passende Worte weiter gesagt, und
bin überzeugt, Seine Majestät hätte mir das gar nicht übel genommen. - Doch
denken wir nicht mehr daran! Mein Wagen wird unten auf mich warten; für heute
gute Nacht, Herrendienst! Wenn ich dann in der Ecke meines Coupé's sitze, so bin
ich wieder, Gott sei Dank! ein freier Mann. - Und dann wird Eugenie heute Abend
hoffentlich das Gespräch mit mir fortsetzen, um auf meine Fragen von vorhin zu
antworten. - Die Majorin ist eine kluge Frau, wer weiss, im Laufe dieses Abends
werde ich vielleicht noch unsäglich glücklich werden.«
    So dachte der diensttuende Adjutant Seiner Majestät und schritt mit
wahrhaft seligen Gefühlen im Herzen durch den Speisesaal, wo die Lakaien
eifrigst beschäftigt waren, das Tafelgeräte hinweg zu räumen.
    Die Lampen an den grossen Lustres waren schon ausgelöscht, und nur auf einem
Nebentische, der mit Kristall und Silber bedeckt war, brannten noch die Kerzen
in einigen Armleuchtern; die Türen standen offen und die flackernden Lichter
strahlten auf dem glänzenden Metall, und dem feingeschliffenen Service in einer
Menge buntfarbiger Blitze und feuriger Punkte wieder.
    Als der Graf vorüber ging, hustete einer der Lakaien bedeutungsvoll und
sagte zu dem Tafeldecker: »Dort kommt Seine Erlaucht.«
    Worauf dieser sich umwandte, dem Adjutanten ehrerbietigst sich näherte und
ihm leise zuflüsterte: »Seine Excellenz, der Herr Hofmarschall, haben schon
einige Mal nach Euer Erlaucht gefragt und werden im Augenblick wieder hieher
zurückkommen.«
    »Was gibt's denn?« fragte Graf Fohrbach ärgerlich. »Was will man von mir? Es
ist doch heute Abend hier nichts mehr zu tun, denn Seine Majestät sind
wahrscheinlich in's Teater.«
    »So ist es,« entgegnete händereibend der Tafeldecker.
    »Nun denn?«
    »Ihre Majestät und die Frau Herzogin befahlen eine Whistpartie.«
    »dabei habe ich doch nichts zu tun?« fragte er so erschrocken, dass der
gewandte Hofbediente unwillkürlich lächeln musste, und entgegnete:
    »Ich glaube nicht, Euer Erlaucht, denn Seine Excellenz, der Herr
Hofmarschall, sowie der Herr Herzog werden von der Partie sein. - Doch da kommt
seine Excellenz.«
    Wirklich erschien auch der Hofmarschall in diesem Augenblicke unter der
Türe des Speisesaals, blickte mit vorgehaltener Hand in diesen hinein, und als
er den Offizier entdeckte, rief er vergnügt aus: »Ah! da sind Sie ja! Ich habe
Sie lange gesucht.« - Bei diesen Worten nahm er ihn unter den Arm und zog ihn
mit sich fort in den Korridor.
    Dem Grafen, der den Hof genau kannte, ahnte nichts Gutes, denn er wusste
wohl, dass Seine Excellenz nicht so ohne weitere Ursache nach ihm fragen würde. -
Vielleicht ein Auftrag Seiner Majestät, dachte er sich selbst beruhigend, denn
eine andere Idee, die ihn durchfuhr, wäre doch gar zu schrecklich gewesen.
    Die beiden Herren machten einige Schritte in dem halbdunklen Gange, ehe die
Excellenz etwas sprach, und ehe der junge Mann den Mut hatte, eine Frage zu
stellen.
    »Es ist mir in der Tat lieb, dass ich Sie gefunden habe,« sagte endlich der
Hofmarschall sehr wichtig. »Sie wissen, ich protegire Sie, wo ich kann, und habe
das auch heute Abend getan. Sie sind im Glücke, Graf Fohrbach; ich versichere
Sie, Sie sind im Glück.«
    »Dass ich noch nicht wüsste, Excellenz!« entgegnete der Andere mit beklommener
Stimme. »Und ich wäre wahrhaftig begierig, das zu erfahren.«
    »Sogleich - sogleich! - Ihre Majestät haben eine Partie Whist befohlen -«
    »Das weiss ich,« unterbrach ihn hastig der Adjutant. - »Die Frau Herzogin,
Sie und der Herzog.«
    »So war es bestimmt,« versetzte lächelnd die Excellenz. »Doch hat sich der
Herzog bei seiner Mutter entschuldigt.«
    »Grosser Gott!« dachte der Graf.
    »Nun hätte man allerdings den Oberstofmeister Ihrer Majestät zur Partie
nehmen müssen, - aber sehen Sie, Graf Fohrbach, wie sehr ich Ihr Freund bin: ich
habe Sie vorgeschlagen.«
    »Mich?« rief der unglückliche junge Mann mit fast tonloser Stimme.
    »Sie,« wiederholte die Excellenz, indem sie stehen blieb und den Adjutanten
vertraulich mit dem Finger auf die Brust stiess. »Sie, junger Mann! Lernen Sie
mich schätzen.«
    »Als meinen grössten Feind,« dachte der Andere, »als meinen Verderber! -
Gerechter Himmel! womit habe ich diese schreckliche Gnade verdient?«
    »Jetzt kommen Sie aber,« fuhr der Hofmarschall eilig fort. »Es ist das keine
Kleinigkeit, mein lieber Freund, zum intimen Spiel Ihrer Majestät gezogen zu
werden. Ich bitte, das morgen Früh dem Papa zu sagen. Wissen Sie: manus manum
lavat, sagt der Lateiner, und mein leichtsinniger Sprössling macht gerade sein
Offizier-Examen.«
    »Dass er durchfiele!« sprach der Adjutant grimmig zu sich selber, indem er
die Zähne fest übereinanderbiss. »Dass er durchfiele, zehntausend Klaster tief in
den Erdboden hinein, und die ganze Whistpartie ihm nach! - Gott verzeih mir
diesen schrecklichen Gedanken, aber das ist zu fürchterlich!« - »Und wie lange
wird die Partie dauern?« fragte er nach einer längeren Pause ängstlich den
Hofmarschall.
    Dieser nahm den Hut fest unter den Arm und erwiderte: »Was weiss ich?
Vielleicht bis Zehn, halb Elf, und dann haben wir ein ganz kleines, kleines
Souper; es wäre auch möglich, dass Seine Majestät noch auf einen Augenblick
kommt. - Nun, freuen Sie sich doch!«
    »O ich freue mich über alle Massen!« rief der tiefbetrübte Adjutant, dem
allerlei schreckliche Gedanken im Kopfe umher liefen. - »Und wo ist denn der
Herzog?« fragte er ängstlich nach einer Pause.
    »Wo wird der sein!« entgegnete die Excellenz, »wichtige Geschäfte, irgend
eine verliebte Zusammenkunft oder so was. Der denkt ja an nichts Anderes; macht
vielleicht irgendwo eine Partie quarré. - Nun, unter uns gesagt, wäre mir das an
seiner Stelle auch lieber, als mit Mama und Tante eine Partie Whist zu spielen.
- Verstehen Sie: für ihn; aber für uns ist das etwas ganz Anderes. Wissen Sie,
Graf, morgen wird Sie der ganze Hof beneiden. - Aber hier ist das
Adjutantenzimmer; legen Sie Ihre Schärpe und Geschichten hinein und kommen
gleich hinauf. - Keinen Dank weiter: ich habe das gern für Sie getan.«
    »O ich danke Ihnen herzlich!« seufzte der junge Mann, indem er die Hand des
Andern ergriff und sie krampfhaft schüttelte. »Sie verschaffen mir einen
wunderbar genussreichen Abend.« - Hol' Sie der Teufel!
    Das Letztere dachte er bloss, oder wünschte vielmehr, dass dies schon vor
einer halben Stunde geschehen wäre.
    In dem Adjutantenzimmer brannte ein einsames Licht, das in den Ecken des
weitläufigen Gemachs tiefe Schatten liegen liess. Der Graf schritt ingrimmig auf
und ab, wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig; und gerade so war es ihm auch
zu Mute. - »Freiheit! Freiheit!« seufzte er. »Bin ich nicht gerade so, als
hätten sie mir eine Kette an den Fuss geschlossen oder ein Gitter vor mir
herabgelassen, und zeigten mir prächtige, entzückende Gegenden, die ich nicht zu
erreichen vermag, weil ich hier eingesperrt bin wie ein wildes Tier oder wie
ein elender Sklave! - Ja, Sklaverei ist das rechte Wort; und wenn die Ketten
auch von Gold oder Silber sind, Ketten sind und bleiben sie doch einmal. - Und
Sklaverei und Ketten in der schlimmsten Art! Darf ich denn wohl daran rütteln? -
Darf ich wohl den Versuch machen, sie zu brechen? - Darf ich auch nur eine
betrübte Miene zeigen, dass ich diese Fesseln wirklich für Fesseln halte? - Nein!
nein! nein! und zehntausendmal nein! Ich muss ja lächeln unter diesem Hieb, den
mir das harte Schicksal versetzt. - Ja, das ist ein grimmiger Hieb, und in
meiner Lage habe ich wohl das Recht, vom harten Schicksal zu sprechen: dort ein
geliebtes Mädchen, die - o Gott! ich mag nicht daran denken! - mit ihren schönen
Augen vielleicht oftmals nach der Türe blickt, durch welche ich nicht herein
treten werde, dabei ein angefangenes, so süsses Gespräch im Herzen, das ich heute
nicht fortsetzen kann. - Und die Frage, ob sie wirklich nach mir gesehen, ob sie
mich gegrüsst! Heute hätte ich um eine Antwort in sie dringen können. - Ach! und
es ist so süss, von der Geliebten eine Antwort zu erstehen, ihr eine Bejahung zu
erschmeicheln. - Wenn ich aber morgen oder in einigen Tagen davon wieder
anfangen will, so kann ich mich lächerrlich machen. - Das Alles steht für mich
auf dem Spiel. - Ah! und noch viel mehr! - Vielleicht das ganze Glück meines
Lebens, denn wer weiss, ob ich sobald wieder eine ähnliche günstige Gelegenheit
finde, mich gegen sie aussprechen zu können. - Verdammt! - Nein, sage noch
Jemand, irgend ein Mensch auf dieser Erde habe seinen freien Willen! Das ist
eine Lüge, kein Mensch ist frei! Der Wille von Niemanden reicht über die nächste
Minute hinaus, Jeder hat die Kette am Fuss, er fühlt sie nur zuweilen weniger,
wenn nämlich das Schicksal nicht gerade Lust hat, dieselbe schärfer anzuziehen.«
-
    Unter diesen anmutigen Betrachtungen war der Graf an das uns bekannte
Fenster getreten, stützte sich mit der Hand auf die Stuhllehne und starrte in
den kleinen Hof hinaus. Dieser war jetzt bei Nacht wo möglich noch trostloser
als bei Tage; ein paar einsame Gaslaternen in den Ecken warfen einen zitternden
und ungewissen Schein in einem kleinen Kreise um sich her, einen Schein, der
sich ordentlich vor der Dunkelheit zu fürchten schien, denn dort draussen, wo er
mit ihr in Berührung kam, zuckte er jeden Augenblick zaghaft zusammen, und wenn
er sich auch zuweilen etwas weiter ausdehnte, so flog er doch gleich darauf
wieder erschrocken zurück und räumte der finsteren Nacht das Feld. - Und diese
finstere Nacht hatte sich so behaglich in dem Hofe niedergelassen: die hohen
Mauern der angrenzenden Gebäude lagen fast ganz finster da; nur hie und da sah
man ein schwach beleuchtetes Fenster, oder es schimmerte ein Lichtstrahl durch
die Ritze irgend eines Ladens.
    »Und ihre Fenster!« dachte traurig der junge Mann, indem er die Scheibe
neben dem Tisch, an welchem er stand, öffnete und sich hinaus lehnte, um sie zu
betrachten. Man sah gar nichts von ihnen: Alles war eine einzige schwarzgraue
Fläche; - Alles, Alles war verschwunden, was er heute Nachmittag so liebend
angeblickt; verschwunden die Blumen dort oben, verschwunden auch die goldene
Fahne auf dem Dach mit ihrem kleinen Sonnenstrahl, der ihm entgegen geglänzt wie
eine süsse Hoffnung. - »Und der Herzog!« dachte er plötzlich und richtete sich
hoch auf; »was mag er vorhaben, dass er sich bei dem Spiel seiner Mutter
entschuldigt? - Auf jeden Fall etwas Wichtiges, sonst hätte er es nicht getan.
- Bah! wer weiss, wo er herumschwärmt! - Nein, nein,« sprach er ängstlich nach
einer Pause zu sich selbst, »das ist nicht möglich; das wäre ja schrecklich! -
Aber er sagte Eugenie einige leise Worte, er fragte sie etwas - sie antwortete
ihm, und dann sah er wie verklärt aus. - Ah, Teufel! - wenn da etwas dahinter
steckte! Wenn sie absichtlich mit mir so freundlich gewesen wäre, um allen
Verdacht zu entfernen! - Wenn man ein abgekartetes Spiel mit mir getrieben! -
Wenn der Herzog statt meiner hinginge! - Aber nein, nein! der Major wird und
kann so etwas nicht dulden. - Dulden!« wiederholte er darauf grimmig lachend;
»dulde ich nicht auch? - Und ist er nicht eben so gut Sklave seiner Verhältnisse
wie ich? - Ich werde hier zum Spiel kommandiert, ihm wird dort befohlen, den
Herzog freundlich zu empfangen. - Wenn ich alles das wirklich glauben könnte,«
sagte er nach einer Weile mit ruhigerem Tone, »so stände ich wahrhaftig nicht
für einige Unannehmlichkeiten, die mir heute Abend bei der allerhöchsten
Whistpartei geschehen dürften. - Desshalb nein, nein! - nein! - aller Welt zum
Trotz!«
    Da hörte er die Stimme eines Lakaien, der unten im Hofe laut und deutlich
rief: »Der Wagen des Herrn Herzogs!« - Darauf rollte eine Equipage mit dumpfem
Tone unter das gewölbte Tor, der Schlag wurde geöffnet, der Tritt fiel herab;
es musste Jemand eingestiegen sein, - jetzt dasselbe Geräusch beim Schliessen des
Wagens. Worauf die Stimme von vorhin abermals rief: »Nach dem Hause des Herrn
Major v. S.« -
    Im gleichen Augenblicke öffnete einer der Kammerdiener die Türe zum
Adjutantenzimmer und sagte mit leisem angenehmem Flüstern: »Euer Erlaucht werden
verzeihen - es schlagt soeben acht Uhr; die allerhöchsten Herrschaften begeben
sich in's Spielzimmer.«
 
                         Siebenundfünfzigstes Kapitel.
                          Die Spielmarken des Herzogs.
Man spielte in den Apartements der Frau Herzogin. Das waren zierliche, elegant
eingerichtete Gemächer, nicht von den übergrossen Dimensionen derer Ihrer
Majestät, und deshalb für eine kleine Gesellschaft angenehmer und behaglicher.
    Die Frau Herzogin liebte den Komfort und eine freundliche Umgebung. Desshalb
hatte sie aus ihren Zimmern die unvermeidlichen steifen Sopha's mit den dazu
gehörigen zwölf Sesseln, ein gewöhnliches Ameublement der Schlösser, das an
einer furchtbaren Familienähnlichkeit leidet, sowie die zopfigen Vasen, die
allzu derben Tabourets und die Tische von Holz, Messing und Marmor entfernen
lassen und dagegen ihre Einrichtung mehr dem heutigen Geschmacke angepasst.
    Der junge Herzog hatte viel dazu beigetragen, denn er liebte die dicken
Teppiche, welche den Schritt so unhörbar machen, sowie die weichen Fauteuils und
die tiefen Fensternischen mit Blumenpartien, Sitzgelegenheiten mit den dies
Alles verdeckenden Vorhängen.
    Dieses Apartement der Frau Herzogin, worin sie ihre kleinen Gesellschaften
empfing, bestand aus drei Gemächern, das Vorzimmer natürlicherweise nicht mit
eingerechnet.
    Im ersten, mit grauseidener Tapete sowie Fenstervorhängen und Portièren von
Rosa mit Weiss, wurde geplaudert; man konnte nicht leicht in der ganzen Welt
heimlichere, lauschigere Winkel finden als hier. Da war Alles benutzt: die Ecken
und Winkel des Zimmers, die Fensternischen, grosse Epheuwände, um es der
Gesellschaft möglich zu machen, sich in kleinen Partien zu zersplittern und frei
von allen lästigen Fesseln zu Drei oder auch zu Zwei ein animirtes Gespräch
führen zu können. Ueber diesen Gruppen von leise Plaudernden hing ein
Kronleuchter, dessen Lampen durch kunstreiche Porzellanschirme bedeckt und das
Licht so gedämpft wurde, dass, wenn man von einem vollkommen hellen Gemach hier
herein trat, einem die Beleuchtung nicht anders erschien, wie das sanfte Licht
des Vollmondes. Die Frau Herzogin litt zuweilen an den Augen, und dann liebte
sie es, sich hier in dieses Halbdunkel zurückziehen zu können.
    Das zweite Zimmer, in welchem gespielt wurde, war dagegen glänzend und
strahlend. Seine Wände, mit gelber Seide bedeckt, warfen jeden Lichtstrahl hell
zurück, die Vorhänge waren blau, und das Ameublement sehr einfach; das heisst, es
bestand aus zwei Spieltischen, an denen je vier Sessel standen, einige Fauteuils
daneben für die Zuschauer, und zwei Eckdivans, vor welchen sich runde Tische
befanden.
    Das dritte Zimmer endlich, das letzte der ganzen Reihe, welches heute Abend
geöffnet war, hatte grüne Wände, dunkelbraune Vorhänge, und hier befanden sich
grosse, reich incrustirte Tische, auf welchen die prachtvollsten Albums lagen. An
einer Wand war eine riesenhafte Etagère von geschnitztem Palissanderholz in der
angenehmen dunklen Farbe, fast ganz gleich mit der der Sammetvorhänge, welche
man davor hinziehen konnte. Auf dieser Etagère lagen in den kostbarsten
Einbänden die seltensten illustrirten Werke fast aller Nationen - die Bibliotek
der Frau Herzogin.
    So sah dieses kleine Apartement aus, und wenn es, wie heute Abend, durch den
hellen Schein der Kerzen und Lampen freundlich beleuchtet war, so angenehm und
sanft durchwärmt, so durchduftet von Blumen und anderen Wohlgerüchen, wenn der
Fuss des Eingetretenen so weich auf die dicken Teppiche trat, ja fast hinein
sank, so musste dieser sich gestehen, es sei das eine höchst behagliche, ja
entzückende Wohnung; namentlich aber, wenn er dann zufällig an ein Fenster trat
und den Vorhang aufhob, um in die dunkle Nacht hinaus zu blicken, in die
Strassen, durch welche ein eisiger Wind fegte.
    Es hatte eben acht Uhr geschlagen, als Graf Fohrbach, nachdem er drunten auf
die Ermahnung des Kammerdieners hastig seine Schärpe abgeworfen, die Treppe
hinauf eilte und in das graue Vorzimmer trat. Es waren, wie der Hofmarschall
gesagt hatte, nur wenige Personen da: der Oberstofmeister, die
Oberstofmeisterin, ein paar ältere Kammerherren, zwei Damen vom Dienst und
einige pensionirte Excellenzen, deren Leidenschaft es war, dem Spiel Ihrer
Majestät zuzuschauen und leise dafür oder dagegen zu wetten.
    Der diensttuende Adjutant kam in der Tat schon etwas spät, denn Ihre
Majestät war bereits eingetreten und die Frau Herzogin hatte bereits die
Anwesenden begrüsst und sich darauf zu ihrer Schwester in's Spielzimmer
zurückgezogen, wohin sich denn auch Graf Fohrbach auf einen bedeutungsvollen
Blick des Hofmarschalls augenblicklich begab, um mit einer sehr tiefen
Verbeugung gehorsamst einen guten Abend zu sagen und um Entschuldigung zu
bitten, dass er so spät komme.
    Die Frau Herzogin geruhten aber gnädigst zu bemerken, der Graf habe heute
den Dienst gehabt, und es habe ihn nur dieser einige wenige Augenblicke
zurückgehalten. - »Denn,« fügte sie lächelnd bei, »Sie sind ja sonst ein wahres
Muster von Pünktlichkeit.«
    Ihre Majestät begaben sich hierauf an den Spieltisch und bezeichneten den
Hofmarschall als ihren Partner.
    Graf Fohrbach spielte also mit der Frau Herzogin.
    In dem Augenblicke, wo er sich auf seinen Stuhl niederlassen wollte, glitt
der Kammerdiener Ihrer Hoheit wie ein Aal an seine Seite, tat, als rücke er
etwas an dem silbernen Leuchter des Spieltisches zurecht, und flüsterte mit
einer tiefen Verbeugung und ganz ergebenst die Frage: »Seine Durchlaucht, der
Herr Herzog, werden nicht spielen?«
    Die Herzogin hatte aber diese Frage ebenfalls vernommen und versetzte, indem
sie die Karten in die Hand nahm: »Mein Sohn wird wahrscheinlich erst zum Souper
kommen; ich vergass, Ihnen das zu sagen.«
    Der Kammerdiener antwortete mit einer tiefen Verbeugung, wodurch er sich zu
bedanken schien, dass er aus dem Munde der hohen Gebieterin selbst eine Auskunft
erhalten. Dann aber schnellte er förmlich in die Höhe, hob seine lange bleiche
Nase einige Zoll über das ihr gebührende Niveau, nahm eine sehr wichtige Miene
an und spitzte zierlich seinen Mund.
    Graf Fohrbach hatte sich unterdessen niedergelassen und war eben
beschäftigt, die Spielmarken an seiner Seite auf einander zu schichten, als er
mit Verwunderung die dünne weisse Hand des Kammerdieners bemerkte, der sich mit
einem süssen Lächeln bemühte, eben diese Marken an sich zu nehmen. Er sah ihn
fragend an, worauf derselbe mit ganz leiser Stimme entgegnete: »Es sind die
Marken Seiner Durchlaucht; ich legte sie dahin, weil ich geglaubt, der Herr
Herzog würden selbst spielen.«
    »So lassen Sie sie auch jetzt ruhig liegen,« sagte lachend die Herzogin.
»Ich weiss wohl, mein Sohn gibt sie jedesmal nach dem Spiele in Ihre Hand, aber
ich denke, sie werden hier ganz gut aufgehoben sein.«
    Die dünnen Finger zuckten zurück, die Gestalt des Kammerdieners krümmte sich
und er schlich rückwärts auf dem Teppich zurück und in das Nebenzimmer. Seine
blassen Wangen aber hatten sich sanft gerötet, und sein Auge, scharf und
glänzend wie das eines Falken, blickte gierig nach den goldenen Marken.
    »Ist etwas Besonderes an ihnen,« fragte Ihre Majestät, »dass der Herzog sie
sorgfältig aufbewahren lässt?«
    »Es ist wahrscheinlich ein Cadeau,« entgegnete achselzuckend die Herzogin;
»sie sind allerdings von einer netten Arbeit; das Ganze aber ist wohl nichts
mehr und nichts weniger als eine von Alfreds Eigenheiten.«
    »Lassen Sie doch sehen.«
    Der Graf erhob sich schnell und brachte die vier Marken an die Seite Ihrer
Majestät, welche sie in die Hand nahm und betrachtete. »Sie scheinen hohl zu
sein,« sagte sie; »wahrscheinlich kann man sie öffnen; ich kenne dergleichen
Spielereien. - Erinnerst du dich, Hedwig, Papa's Oberstofmeister hatte
ebenfalls dergleichen Marken, er schrieb dann kleine Zettelchen, die er hinein
steckte und den Damen zuschob. - Ein alter, wunderlicher Herr. Ich sah das
häufig, tat aber nicht, als ob ich es bemerkte. Die Marken waren gerade gemacht
wie diese, alle vier schraubten sich auf, aber nur eine hatte einen doppelten
Boden. Wenn man aber oben auf die Emaille drückte, welche die Kartenfarbe
darstellt, so sprang eine andere Cuivette auf und darunter verbarg er seine
kleinen Angelegenheiten.«
    »Das hier gehört vielleicht dem gleichen Zwecke an,« meinte die Herzogin.
»Gott! wer kann sich um dergleichen bekümmern! - Ist dir's gefällig, das Spiel
anzufangen?«
    Ihre Majestät nickten mit dem Kopfe.
    »Coeur ist à tout,« sagte ganz ergebenst der Hofmarschall.
    Geneigter Leser, du wirst gewiss schon sehr häufig in deinem Leben Whist
gespielt haben. Es ist das an sich ein harmloses Spiel, ausserordentlich leicht
und angenehm, wenn man es mit sehr gutmütigen Leuten spielt, die es gerade so
machen, wie du, das heisst, ihre dreizehn Karten eine nach der andern auf den
Tisch werfen, die froh sind, wenn sie einen Trique machen, denen es auch nicht
darauf ankommt, dass du soeben ihren Piquekönig gestochen, während du doch den
Zweier, Dreier und Vierer von dieser schönen Farbe in der Hand behieltest, die
es am Ende auch nicht besonders übel nehmen, wenn zum Schluss vielleicht eine
Karte übrig bleibt, oder wenn du quatre d'honneur ansagst, während sie doch
selbst Ass, König und Dame besassen.
    Nicht so angenehm ist dagegen dieses Spiel, wenn du es mit Leuten zu tun
hast, die sich einbilden, darin grosse Meister zu sein, und die nicht sehr
duldsamer und liebenswürdiger Natur sind, die gerne aufbrausen und in allen
Dingen Recht haben wollen. Du kannst es machen, wie du es willst: du hast
beständig gefehlt; befolgst du die Regeln des Spiels und es gefällt deinem
Partner nicht, so zuckt er heftig die Achseln, rückt unmutig auf seinem Stuhle
hin und her, wirft dir einen zornigen Blick zu. Ist es eine Dame, so ergelbt sie
auch wohl ganz gelinde, und man sagt zu dir in gereiztem Tone: »Lieber Gott! Man
muss doch zuweilen Ausnahmen zu machen verstehen!« - Machst du nun das nächste
Mal eine Ausnahme, so hättest du diesmal um Alles in der Welt bei der Regel
bleiben sollen. - Spielst du Coeur, so lacht man dir krampfhaft in das Gesicht,
denn Pique war ja die angezeigte Farbe; Pique hätte ein Kind begreifen können;
um hier bei dieser Veranlassung nicht Pique zu spielen, muss man doch offenbar
der schlechteste Spieler sein, der je eine Karte in die Hand genommen. Spielst
du nun das nächste Mal bei der ganz gleichen Veranlassung ein unschuldiges
Piqueblättchen aus und hast zufällig die richtige Farbe getroffen, wesshalb du
deinen Partner triumphirend anblickst, so erwidert derselbe doch diesen Blick
mit wahrhaftem Entsetzen. Er wiegt den Kopf hin und her, als wollte er sagen:
Bei dieser Ungeschicklichkeit kann man nichts tun, als sich in Geduld fassen.
Und fragst du endlich: »War denn Pique diesesmal wieder nicht recht?« so lächelt
man vielleicht mitleidig und entgegnet dir: »Mein bester Herr, Pique an sich
wäre schon nicht ganz unrecht gewesen, aber wie können Sie um Gotteswillen den
Zehner ausspielen, wenn Sie den Buben in der Hand haben? Das heisst ja mutwillig
Alles auf's Spiel setzen! Ah! Das ist doch ein bisschen zu stark!«
    Wahrhaft peinlich ist es aber nun, Whist mit hohen Herrschaften zu spielen,
wo du auf alle Fälle Unrecht hast, wo du keine Gegenrede wagen darfst, wo du
beim Unglück, durch schlechte Karten herbeigeführt, dasselbe verschuldet, wo
dich dagegen beim Glücke dein Partner oder Partnerin durch ihr glänzendes Spiel
mit durchgerissen. Hier erhältst du natürlich selten oder nie einen lauten
Vorwurf, aber dafür trifft dich ein sonderbar fragender Blick; ein leichter
Husten ist dir ausserordentlich verständlich; ein kaum bemerkbares Achselzucken
oder ein gelinder Seufzer schmettert dich gänzlich zu Boden. - So ergeht es dem
vortrefflichen Spieler, der mit aller Anstrengung seiner Verstandeskräfte bei
der Sache ist und sich durch nichts zerstreuen lässt.
    Welche Qualen dagegen ein Unglücklicher, ein Liebender, ein Eifersüchtiger
am Spieltische der höchsten Herrschaften ausstehen muss, davon, geneigter Leser,
bist du vielleicht glücklicherweise nicht im Stande, dir einen Begriff zu
machen.
    Und der arme Graf Fohrbach befand sich in diesem Falle; doch machte er
übermenschliche Anstrengungen, sich vor den strengen Augen der Frau Herzogin
keine Blösse zu geben, und das Glück, das ihm heute Abend in der Liebe manquirte,
war ihm denn auch, gemäss dem Sprichwort, im Spiele günstig, und er bekam, wie
der Hofmarschall bei jedem Ausgeben seufzend versicherte, immense Karten. Die
Frau Herzogin lächelte holdselig und freundlich, denn Ihre Majestät und Seine
Excellenz waren gross Schlemm geworden und hatten einen sehr starken Rubber
eingebüsst.
    Und nicht allein die verlorene kleine liebenswürdige Soirée bei dem Major v.
S. beschäftigte die Phantasie des unglücklichen Grafen, nicht nur der Herzog,
der statt seiner dortin gefahren, nein, auch die Marken Seiner Durchlaucht, die
vor ihm auf dem Tische lagen, fesselten Seine Aufmerksamkeit, und er musste sie
immer und immer wieder nachdenkend betrachten, als verbärgen sie ihm irgend ein
wichtiges Geheimnis. - Warum wollte sie der Kammerdiener so schleunig
fortnehmen? - Sie waren hohl, wie Ihre Majestät meinten, und Ihre Majestät
hatten ferner einer Geschichte gedacht, wo irgend ein seliger Oberstofmeister
in ähnlichen Marken den Damen Billete zuzustecken gewusst.
    Wie gesagt, der Rubber war zu Ende und Ihre Majestät schienen nicht darauf
zu dringen, augenblicklich einen neuen zu beginnen, sie lehnten sich vielmehr in
ihren Stuhl zurück und sprachen leise mit der Frau Herzogin.
    Auf den Marken befanden sich, wie Ihre Majestät vorhin bemerkt, in Emaille
die vier Kartenfarben. Der Graf spielte mit Treff, nahm die Marke leicht in die
Hand, liess sie, wie ganz absichtslos, unter dem Tische verschwinden, und drehte
daran. - Ihre Majestät hatte Recht: die Marke öffnete sich und bot ein kleines
Gehäuse dar, welches aber leer war und auch nichts Weiteres zeigte, als er auf
die Emaille drückte. Ganz geschickt wusste er Treff, nachdem er wieder
zugeschraubt hatte, auf den Tisch zu bringen und nahm dafür Caro. - Auch Caro
war und blieb leer, ebenso Pique; - aber Coeur. - Scheu blickte er umher, um zu
sehen, ob Niemand auf ihn achte. Doch die Herrschaften sprachen noch immer leise
zusammen, und der Hofmarschall hatte die Rechnung über den verlorenen Rubber in
der Hand und überlegte, wie viele Dukaten ihn das Spiel heute Abend kosten
würde. - Richtig! - Coeur war nicht leer; bei einem Drucke auf die Emaille
sprang die Cuivette auf, und unter derselben lag ein kleines, zusammen
gefaltetes Papier. - War es Unrecht, dies an sich zu nehmen? - Es zu behalten -
gewiss! - aber nicht, es nur zu lesen und dann wieder hinein zu legen. - Mit
diesen Gedanken beschwichtigte der junge Mann sein Gewissen. - »Es das eine
Kriegslist,« sprach er zu sich selber, »ich recognoscire nur feindliches
Terrain; denn der Herzog ist in diesem Punkte mein Feind, und ich fürchte, wir
werden einen erbitterten Krieg mit einander führen. - Nein, nein! - Da gilt
keine Schonung. - Wer weiss, ob er selbst mich nicht statt seiner hierher
gebracht hat!«
    Unter diesen Gedanken hatte er auch schon die Marke geleert, sie wieder
zugeschraubt und auf den Tisch gestellt.
    Wie aber nun das Papier lesen? - Und das musste schnell geschehen, denn
sobald Ihre Majestät zufällig das Spiel aufhob, so hatte er nicht mehr Zeit, den
Zettel in die Marke zu stecken, und der schlaue Kammerdiener musste
augenblicklich den Verlust desselben entdecken.
    Glücklicherweise half ihm der Hofmarschall über diese Klippe hinweg, indem
er ihm die Whistrechnung sowie den Bleistift darreichte und ihm sagte: »Sehen
Sie doch 'mal nach, Graf Fohrbach, da muss irgendwo ein Fehler stecken, Plus und
Minus stimmt mir nicht überein.«
    »Lassen Sie sehen,« versetzte der Graf entzückt, während er das Papier
ergriff, seinen Zettel, den er in der hohlen Hand verbarg, geschickt darauf
legte und statt sich um die Zahlen zu bekümmern, die Worte las:
    »Bericht - wie gewöhnlich um elf Uhr. Vierte Türe neben der blauen
Gallerie,« - welche er sich fest in's Gedächtnis einprägte.
    »Nicht wahr, es ist ein Fehler darin?« fragte die Excellenz. »Sehen Sie,
hier plus zwanzig und dort minus fünfzehn.«
    »Lassen Sie mich rechnen,« erwiderte der Adjutant, der jetzt erst das andere
Papier betrachtete. - »Ach ja! hier steckt der Irrtum; die fünf Points minus
gehören dortin. Sehen Sie, so gleicht sich die Rechnung völlig aus.«
    »Ja, Sie haben Recht,« sagte die Excellenz, »es macht freilich fünf Points
mehr Verlust für mich, aber man muss auch in kleinen Dingen ehrlich sein.«
    Es war ein Glück, dass es dem Grafen so schnell gelungen war, das Papier ohne
Aufsehen zu lesen und ebenso in die Marke zurückzustecken, denn Ihre Majestät
schienen jetzt schon alle Lust am Spiele verloren zu haben, liessen Ihre Schulden
durch Ihren Kammerherrn berichtigen und erhoben sich darauf mit der Frau
Herzogin vom Tische.
    Der Hofmarschall und der Adjutant machten eine tiefe Verbeugung; Ersterer
ging in das Bibliotekzimmer, der Andere schritt langsam nach dem grauen
Kabinete, doch blieb er unter der Türe desselben hinter dem Vorhange einen
Augenblick stehen.
    Kaum waren die Herrschaften vom Spieltische aufgestanden, so erschien
alsbald der Kammerdiener und packte die vier Marken seines Herrn zusammen, warf
einen schnellen Blick auf jede einzelne, dann einen andern durch das Zimmer, um
sich zu überzeugen, ob Niemand die Hast bemerkt habe, mit welcher er die Marken
in Sicherheit gebracht.
    Doch hatte ihn der Graf wohl beobachtet, und nachdem dieser das Zimmer
verlassen und notgedrungen mit einigen Herren und Damen, die ihm gerade in den
Weg traten, ein paar gleichgiltige Worte gewechselt hatte, zog er sich hinter
eine grosse Epheuwand zurück und liess sich dort auf ein Sopha nieder.
    »Vor allen Dingen muss ich mir klar machen,« dachte er, »für wen der Zettel
bestimmt ist. - Ohne Zweifel für den Herzog. - Aber warum alsdann diese
Heimlichkeiten mit den Marken? Hätte ihm der Kammerdiener nicht ebenso gut
dieses Papier in die Hand geben können? - Halt! da gibt's was zu überlegen.
Dieser Zettel kam vielleicht während der Tafel und wurde an den bewussten Ort
gelegt, damit ihn Seine Durchlaucht ohne Aufsehen an sich nehmen könne. - Der
Herzog will es wahrscheinlich vermeiden, dass man ihn geheimnisvolle Worte mit
dem Kammerdiener seiner Mutter wechseln sieht. - Oder - nein, nein! - So muss es
sein! - Der Kammerdiener selbst ist nicht eingeweiht, wie man diese Marken
öffnet, er weiss nur, dass sie für den Herzog kostbar sind, deshalb wollte er sie
zu sich nehmen. - Ein Anderer aber, ja ein Anderer, der nicht in diesen Kreis
kommt, kennt das Geheimnis der Marke und legte den Zettel hinein, um Seine
Durchlaucht zu benachrichtigen. - - Bericht wie gewöhnlich,« murmelte er vor
sich hin, »um elf Uhr. - Das ist sehr unbestimmt, wird aber um elf Uhr heute
Abend heissen sollen, denn sonst hätte jener Andere ja Zeit gehabt, dem Herzog zu
schreiben. - Die vierte Türe neben der blauen Gallerie. - Das klingt schon
begreiflicher: die blaue Gallerie kenne ich sehr genau, und die vierte Türe
wird nicht schwer zu finden sein. - Aber was an dieser vierten Türe tun? -
Soll der, welcher hinkommt, einen Bericht erhalten oder einen geben? - Das
Letztere wäre für mich sehr unangenehm. - Bah! wie kann ich da zweifeln? Man
kann einen Herzog nicht nur so zum Bericht auffordern. - - Nein, nein! man will
ihm irgend etwas Interessantes anvertrauen. - Und da das Ganze auf hundert
Meilen nach einer Liebesgeschichte riecht, und da Seine Durchlaucht der Herr
Herzog die ausserordentliche Gnade haben, Seine leichtfertige Cour einer jungen
Dame zu machen, die ich unbeschreiblich und aufrichtig liebe, - da er ferner
heute Abend meinen Platz eingenommen, so werde ich mir auch wahrhaftig kein
Gewissen daraus machen, als Revanche ein wenig für ihn zu gelten. - Ja, ich
werde hingehen, denn es ist mir gerade, als müsste dort etwas verhandelt werden,
was für mich am Ende noch von grösserem Interesse ist als für ihn.«
    Damit war sein Enschluss gefasst; er erhob sich beruhigt aus seiner Ecke und
mischte sich wieder unter die Gesellschaft.
    Die kleine Soirée nahm übrigens recht langweilig ihren Fortgang, wie es wohl
meistens bei einer höchsten Spielpartie der Fall ist, wo nicht gespielt wird.
Die Herrschaften hatten sich am Kamine niedergelassen und zogen nur hie und da
eine der alten Excellenzen in den Bereich ihrer Unterhaltung, wobei übrigens
Ihre Majestät häufig auf die Uhr blickte und sich entweder nach dem Fortgehen
oder dem Souper zu sehnen schienen.
    Das Letztere kam nun gegen halb Elf, und brachte wieder einiges Leben in die
Gesellschaft. Die Damen und Herren in den Ecken des Zimmers hörten auf,
verstohlener Weise gähnen, die Fächer wurden nicht mehr unaufhörlich auf- und
zugeklappt, die Hüte nicht mehr in den weissen Handschuhen hin und her gedreht.
Es war, als fliege ein allgemeines Ah! durch das Zimmer, und nicht bloss die
Bedienten rannten geschäftig hin und her, um die gedeckten Tische im Spielzimmer
mit einer Menge Platten voll kalter Küche, mit Früchten und allerlei Weinen zu
bedecken, auch die Herren bewiesen sich liebenswürdig gegen die Damen. Die Hüte
wurden in einem Winkel plazirt, die Damen setzten sich nieder, und liessen sich
mit dem, was gerade nach ihrem Geschmacke war, bedienen, worauf man dann bald
nichts mehr hörte, als das Klappern der Teller, Messer und Gabeln, oder das
leise Klingen eines Glases.
    Aber in der Art, wie die Leute ihr Souper einnahmen, lag eigentlich so gar
nichts Behagliches. Die Herren verzehrten ihr Bischen meistens stehend, die
Damen, indem sie abwechselnd einen Blick auf den Teller und dann wieder einen
auf die allerhöchsten Herrschaften warfen. Es war keine Ruhe bei diesem Essen:
man konnte sich doch nicht am Ende der Gefahr aussetzen, einen gnädigen Wink
oder ein freundliches Lächeln zu übersehen; deshalb die ewige Aufmerksamkeit auf
den allerhöchsten Teller und den allerhöchsten Mund, und erst als man sicher
war, dass Letzterer gerade selbst beschäftigt war, zwang man heftig und
unnachsichtlich schluckend irgend einen tüchtigen Bissen hinab, um gleich darauf
wieder kampfgerüstet zu sein.
    Den Herren erging es zuweilen noch schlimmer, und eine unzeitige Frage Ihrer
Majestät konnte im Stande sein, sie in die furchtbarste Verlegenheit zu setzen.
- Antworte einmal Einer korrekt und deutlich, wenn er vom Viertel eines ziemlich
grossen Kapauns im Munde hat; das schluckt sich nicht nur so augenblicklich
hinunter. - Aber auf eine Antwort warten lassen! - Lieber riskirt man im
Verschlingen das Unmögliche.
    Der geneigte Leser wird hieraus ersehen, dass das Essen und Trinken bei Hofe
auch seine grossen Unannehmlichkeiten hat und dass die Herren und Damen desselben
darum gerade nicht zu beneiden sind. Man kann von ihnen in Wahrheit sagen, sie
essen meistens ihr Brod im Schweisse ihres Angesichts; und es ist das oftmals ein
hartes Brod, nicht gewürzt durch wahre Freude. Die Meisten von denen, welche der
Spielpartie heute Abend anwohnen mussten - wir sagen nicht ohne Absicht mussten -
gingen fast mit den gleichen Gefühlen hin, wie der arme Graf Fohrbach. Sie
schleppten am Fuss ihre unsichtbare Kette und fühlten sich wohl unglücklicher,
wenigstens gelangweilter, als Tausende von anderen Menschen, die im mässig
erwärmten Zimmer um eine Schüssel Kartoffeln sitzen, ein Stück Brod in der Hand
und einen freien Willen im Herzen. - Hier betritt man den glänzenden und reich
erleuchteten Salon, nachdem man vor der Türe sich vielleicht heftig auf die
Lippen gebissen und einen letzten tiefen Seufzer getan, da man an andere
Freuden gedacht, die heute Abend zu geniessen wären. Darauf legt sich das Gesicht
in freundliche Falten, das Auge glänzt schalkhaft und liebenswürdig, und diese
Maske muss den ganzen Abend festgehalten werden, obgleich manche dieser scheinbar
so glücklichen Damen sich lieber mit gerungenen Händen in eine Ecke setzen
würde, um heisse, bittere Tränen zu weinen. Ja, der Ausdruck der Freude und des
Glückes muss beibehalten werden, bis Ihre Majestät zweimal leicht den Mund
verzieht und dann bemerkt: »Es ist sogleich elf Uhr,« bis ihr eines der
Ehrenfräuleins den weissen Burnus umhängt, bis sie die Frau Herzogin auf die
Stirn geküsst hat und mit einem »adieu ma chère!« Abschied genommen. - Dann folgt
noch ein tiefer Knix rings umher, ein zweiter, wenn sich endlich auch die Frau
Herzogin zurückzieht; die Türen zu den Vorzimmern werden geöffnet, die
Bedienten reichen Mäntel und Shawls, die Herren sagen flüchtig eine gute Nacht,
die Damen suchen ihre Wagen oder eilen durch die nun sehr öden und halb dunkeln
Gänge des Schlosses nach ihren Zimmern, - und dann erst fällt die Maske, dann
erst trübt sich der bis jetzt so heitere Blick, und Manche denkt an einen
verlorenen Abend, Manche presst die Hand auf das Herz und schaudert leicht
zusammen, wenn sie an so viele dergleichen Abende denkt, die schon hinter ihr
liegen, und an unzählige, die wahrscheinlicherweise noch auf sie warten. - Und
so ist das auch eine Art Sklavenleben, geliebter und sehr geneigter Leser.
    In der beschriebenen Art ging auch die heutige Soirée zu Ende, und wenige
Augenblicke, nachdem sich die Herrschaften zurückgezogen, war das kleine schöne
Apartement gänzlich verlassen.
    Was nun den Herrn Herzog anbelangte, so hatte er sich auch nicht beim Souper
sehen lassen, wodurch sich der Graf veranlasst sah, mehrere tiefe Seufzer zu
unterdrücken, zuweilen die rechte Hand krampfhaft zu ballen und auf seinem
einmal gefassten Entschlüsse, den Bericht selbst anzuhören, fest zu beharren.
    Nachdem er den Herren und Damen, die an ihm vorüber geeilt, eine gute Nacht
gewünscht, liess er sich von seinem Jäger, der im Vorzimmer auf ihn wartete, den
Mantel umhängen.
    »Du hast den Herrn Erichsen getroffen?« fragte er ihn.
    Worauf Franz erwiderte: »Ich habe den Brief Euer Erlaucht in seine Hände
gegeben.«
    »Er las ihn durch?«
    »Herr Erichsen las ihn durch, lächelte und sagte: ich will es bestens
besorgen.«
    »Schön; ich danke. Du kannst mit dem Wagen nach Hause zurückkehren, ich
brauche ihn nicht und komme vielleicht in einer Stunde zu Fuss. - Gehe aber
vorher drunten in's Adjutantenzimmer und nimm die Schärpe mit, die dort liegen
geblieben.«
 
                          Achtundfünfzigstes Kapitel.
                                  Ein Bericht.
Es war unterdessen elf Uhr geworden; Graf Fohrbach zog seinen Mantel fester um
sich und schritt über das Vestibül und die grosse Treppe hinab, die nur noch
spärlich erleuchtet war. Die blaue Gallerie lag im anderen Teile des Schlosses,
und um dortin zu kommen, musste er über einen langen Korridor, der beinahe
gänzlich dunkel war, denn nur an beiden Enden desselben flackerten um diese
Stunde noch ein paar trübe Lampen. Doch kannte er den Weg genau, und wenn er
sehr behutsam dahin schlich, so geschah dies nur, damit seine Sporen auf dem
Steinpflaster nicht klirren und irgend einen der sich unten aufhaltenden
Bedienten oder die Wache beunruhigen möchten.
    Es ist aber eigentümlich, wie sich in der Stille der Nacht jeder Ton
verdoppelt und hörbar ist, den man am Tage gar nicht beachtet. So vernahm auch
Graf Fohrbach jetzt deutlich seinen leisen, fast geräuschlosen Schritt, und wenn
sich zufällig sein Säbel bewegte, so klirrte es gerade so, als rassele Jemand
mit einer Kette.
    Der Adjutant erreichte bald das Ende des Korridors und stieg dort eine
Wendeltreppe hinauf, die ihn auf einen Vorplatz führte, den er quer
durchschreiten musste, um zum Eingang der blauen Gallerie zu gelangen. Hier war
es schon schwieriger, sich zurecht zu finden, denn nirgendwo brannte ein Licht,
und die Nacht war so finster, dass man kaum die hohen Fenster von der Wand
unterscheiden konnte.
    Hier war die blaue Gallerie; jetzt galt es, die vierte Türe zu finden.
Sehen konnte er nicht eine einzige, er musste also an der Wand hintappen und sich
seinem Gefühle überlassen.
    »In dieser greifbaren Finsternis,« dachte er, »geht mir auf einmal über
etwas ein Licht auf; ich erkläre es mir jetzt vollkommen, zu welchem Zwecke sich
neulich der Herzog drüben in dem Laden die kleine elegante Blendlaterne kaufte.
So ein Ding könnte ich auch jetzt hier ganz gut gebrauchen. - Das war die zweite
Türe. - Nun kommt die dritte. - Da ist sie! - Aber nun halt! - Wahrscheinlich
werde ich an der vierten und richtigen ein Zeichen brauchen, um eingelassen zu
werden. Das wäre unangenehm, da ich bis hieher so ohne allen Anstand gekommen
und weiter nichts weiss. - Vielleicht auch, dass ich meine Anwesenheit durch einen
lauten Schritt anzeigen muss. Hier wohnt eigentlich Niemand, wie ich glaube, und
wir können schon ein wenig hörbarer auftreten.«
    So tat er auch, und dies Mannöver brachte augenblicklich eine Wirkung
hervor. Es erschien nämlich rechts neben ihm, wo die vierte Türe sein musste,
ein kleiner leuchtender Punkt, wie wenn sich Jemand mit einem Lichte dieser
Türe näherte und der Schein desselben durch das Schlüsselloch fiele. - Mit zwei
weiteren Schritten hatte er die Türe erreicht und nun vernahm er zu seinem
grossen Vergnügen, dass dieselbe langsam geöffnet werde. Er ergriff mit der Hand
die Klinke, drückte sie ganz auf, trat eilig über die Schwelle und befand sich
in einem ziemlich kleinen Zimmer, einem jungen Mädchen gegenüber, das bei seinem
Anblick so heftig zusammenfuhr, dass ihr die Wachskerze, welche sie in der Hand
trug, fast entfallen wäre. Einen lauten Aufschrei, der wahrscheinlicherweise
erfolgt wäre, verhinderte der Graf, indem er den Finger erhob und dem Mädchen
leise aber eindringlich: »stille!« zurief. - Darauf verschloss er die Türe,
schob einen Riegel, vor und liess einen schweren Vorhang darüber fallen, bei
dessen Anblick er begriff, wesshalb er früher keine Spur des Lichtstrahles
gesehen.
    Nachdem dies geschehen, machte er ein paar Schritte weiter in das Zimmer
hinein gegen das Mädchen hin, die mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens gegen
das ebenfalls dicht verhängte Fenster zurückwich.
    »Das ist ein sonderbares Abenteuer,« dachte er. »Sollte es sich hier um ein
einfaches Rendezvous handeln? - - Ich glaube nicht; und wenn dem so wäre, müsste
ich mich eilig zurückziehen, denn das ginge alsdann über Indiskretion. - Doch
nein, nein! die Kleine da hat mir ein ganz anderes Aussehen. - Suchen wir auf
eine gescheidte Art zu unserem Berichte zu kommen.«
    Das Mädchen hatte den Leuchter auf den Tisch gestellt, ohne ihn aus der Hand
zu lassen, die noch immer heftig zitterte. Sie hatte eine schlanke, schmächtige
Figur, ein schmales, bleiches Gesicht und blondes Haar, welches in zwei dicken,
sehr zierlichen Flechten um ihren Kopf gewickelt lag. Ihr einfacher und sauberer
Anzug war, wie ihn die Kammerjungfer einer anständigen Dame zu tragen pflegt. -
Sie vermochte es nicht, ein Wort hervor zu bringen und starrte den Eingetretenen
mit ihren grossen blauen Augen an, wobei sich ihre feinen Lippen krampfhaft
bewegten.
    »Beruhigen Sie sich doch, mein Kind!« sagte der Graf so sanft als möglich,
»ich werde Ihnen gewiss nichts zu Leide tun. Gewiss nicht! - auf mein Wort!
Lassen Sie Ihren Leuchter ruhig auf dem Tische stehen und setzen Sie sich
meinetwegen in jene Ecke, während ich hier sehr entfernt von Ihnen, auf dem
Tabouret Platz nehmen will. - So tun Sie es doch! - Ich komme, bei Gott! in
keiner schlechten Absicht.«
    Nach längerem Zögern tat das Mädchen endlich, wie er ihr geheissen. Sie liess
die Hand von dem Tische herabgleiten, ging rückwärts zu dem bezeichneten Stuhl,
blieb aber dort aufrecht stehen und schien sich an der Lehne festzuhalten.
    »Sie haben mich nicht hier erwartet?« sagte der Graf, nachdem er sie eine
Zeit lang betrachtet.
    »Nein, nein, nein! gewiss nicht!« brachte das Mädchen mühsam hervor.
    »Aber Jemand anders sollte kommen? Schütteln Sie nicht den Kopf: ich weiss
Alles. - Jemand anders wurde von Ihnen hier um elf Uhr erwartet. Da hilft ja
kein Leugnen. - Sie hatten ihm etwas mitzuteilen. Sehen Sie, Sie schlagen die
Augen nieder. - Nun also, ich komme an seiner Stelle; lassen Sie mich hören, was
Sie zu sagen haben.«
    Das Mädchen schüttelte mit dem Kopfe, schlug die Hände zusammen und drückte
sie alsdann heftig an ihre Augen.
    »Sie trauen mir nicht,« fuhr der junge Mann nach einer Pause fort. »Nun, ich
finde das begreiflich. - Sie erwarten Jemand, den Sie schon länger kennen, nun
erscheint plötzlich ein Unbekannter, - das muss Sie natürlicherweise überraschen.
Wenn ich Ihnen aber sage,« - diese letzten Worte sprach er in bestimmtem Tone
und sehr langsam - »dass Seine Durchlaucht der Herzog Alfred hieher kommen
sollte, dass er aber augenblicklich nicht im Schloss ist und dass ich statt
seiner hier bin, ist das alles nicht wahr?«
    Das Mädchen liess ihre Hände herab sinken, schaute ihn mit einem festen
Blicke an und entgegnete alsdann: »Was hilft mein Leugnen, Sie haben mich ja in
Ihrer Gewalt.«
    »Ach was Gewalt!« entgegnete er unmutig. »Davon kann gar keine Rede sein.
Schenken Sie mir Ihr Vertrauen; Sie haben es mit keinem Undankbaren zu tun.«
    Ein schmerzliches Lächeln flog bei diesen Worten über ihre Züge, dann
seufzte sie tief auf und flüsterte: »Es ist etwas Schönes um die Dankbarkeit; o,
wenn auch ich dankbar sein dürfte!«
    »Also Sie erwarteten den Herrn Herzog?«
    »Ja,« sprach das Mädchen nach einer Pause mit festerer Stimme.
    »Schön. - Nun bin ich aber da. - Sprechen Sie ohne Rückhalt. Was haben Sie
mir zu sagen?«
    »Ich brauche nicht zu sprechen,« erwiderte das Mädchen mit sanfter Stimme,
»ich brauche nur auf Fragen, die an mich gestellt werden, zu antworten. Also
fragen Sie in Gottes Namen.«
    Auf diese Worte hustete der Graf gelinde und sah sein Gegenüber erstaunt an.
»Das ist ein schönes Labyrint,« dachte er. »Finde mir da Jemand einen Ausweg!
Ich komme da her, um einen Bericht zu hören, und jetzt soll ich diesen Bericht
mit Fragen heraus locken. - Was soll ich fragen, ohne mir eine Blösse zu geben?
Denn ich weiss nicht einmal, wer das Mädchen ist, und also auch nicht, worüber
sie mir Auskunft zu geben vermag. - Helfen wir uns, so gut wir können. Sie muss
doch bei irgend einer Herrschaft sein, nach der wollen wir uns ein wenig
erkundigen; vielleicht gibt sich das Andere von selbst.« - »Also,« begann der
Graf nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich mit der Hand über
das Gesicht gefahren, auch seinen Schnurrbart gedreht und den Mantel etwas von
der Schulter herab genommen, »also Sie erwarten meine Fragen?«
    »Ja,« erwiderte das Mädchen.
    »Nun denn! - Teufel!« dachte er, »wer ihre Herrschaft ist, darf ich nicht
fragen, - aber wo sie sich im Augenblicke aufhält. Das geht!« - »Nun denn, ist
Ihre Herrschaft zu Hause?«
    »Das gnädige Fräulein kamen vor einer halben Stunde.«
    »Ah! ein Fräulein! - Das ist schon etwas!« sprach er für sich. - »Und - hm!
- sie - sie blieb zu Hause?«
    »Sie begab sich zu Bette.«
    »Natürlich! - es ist schon spät. - Und wo war denn das gnädige Fräulein,
wenn ich fragen darf?«
    »Sie fragen nur für den Abend? - Oder meinen Sie den ganzen Tag?«
    »Vorderhand ist es mir nur um den Abend zu tun,« erwiderte Graf Fohrbach,
der wohl fühlte, dass er bald mit seinen Fragen am Ende sei. »Dann aber wünsche
ich auch Einiges über den Tag zu erfahren.«
    »Das gnädige Fräulein waren von Sechs bis halb Acht bei der Tafel und fuhren
darauf in Gesellschaft.«
    »Wohin?«
    »Zu dem Herrn Major von S.«
    »Was?« rief der Graf im höchsten Erstaunen, indem er heftig zusammenfuhr und
dicht vor das Mädchen hintrat, »zu Major von S.? - Träume ich denn? - Zu Major
von S.?«
    »Um Gotteswillen! - ja. Ich sage gewiss die Wahrheit,« versetzte sie
erschrocken.
    »So ist Ihr Fräulein - Eugenie von S.?«
    »Allerdings!« rief das Mädchen, nun ihres Teils überrascht. »Das wussten Sie
nicht?«
    »Nein, beim Teufel! ich wusste es nicht. - Ah! das ist ein bisschen zu stark!«
    »So hat Sie auch der Herzog nicht geschickt?« fuhr ängstlich das Mädchen
fort.
    »Nein, nein, er hat mich gewiss nicht geschickt; aber ich danke Gott, dass ich
gekommen bin. - Sie also betrifft dieser Bericht? - Eugenie? - O das ist über
alle Beschreibung! Sprich, Mädchen,« fuhr er ernster fort, indem er ihr
Handgelenk fasste; »jetzt werde ich wirklich Fragen stellen, bitte aber um
richtige und pünktliche Antworten. - Sie haben also den Herrn Herzog hier
erwartet?«
    »Ja, ich sagte es schon.«
    »Und er kam schon öfter hierher in dieses Zimmer?«
    »Zuweilen hier, zuweilen anderswo, wie es mir befohlen war.«
    »Wie es Ihnen befohlen war? - doch davon nachher! - Also Sie trafen hier
oder anderswo mit dem Herrn Herzog zusammen, um ihm - Bericht über Ihre Herrin
zu geben, über ihr Leben und Treiben, was sie tut und spricht, zu wem sie geht,
wer zu ihr kommt? - Ah! Verrat ohne Gleichen! - Schändlichkeiten, wie noch
keine da gewesen! Und das fühlen Sie nicht? Ein solches Verbrechen liegt nicht
schwer auf Ihrer Seele? - Pfui der Schande!«
    Anfänglich hatte das Mädchen den jungen Mann mit weit aufgerissenen Augen
angestarrt, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und ein tiefer,
schmerzlicher Seufzer wand sich aus ihrer Brust; zuletzt aber, als sein Auge
flammte und er mit Entrüstung des schändlichen Verrats gegen ihre Herrin
erwähnte, liess sie langsam die Hände von ihrem Gesicht herab sinken, atmete
tief auf und blickte in die Höhe, aber nicht mehr ängstlich oder niedergedrückt,
sondern als wollte sie sagen: Gott sei gedankt! Eine Träne, die in ihrem Auge
zitterte, bekräftigte diesen Gedanken.
    »So sind Sie der Herr Graf Fohrbach?« brachte sie darauf mühsam hervor.
    »Der bin ich. - Woher kennen Sie meinen Namen?«
    »O, er wird oft bei uns genannt,« entgegnete schüchtern das Mädchen.
    Zu jeder andern Zeit hätte ihn dies Wort glücklich und vergnügt gemacht,
aber in diesem Augenblicke, wo er einer so ausgedachten Verräterei auf die Spur
gekommen war, einer Verräterei gegen sie, gegen das Mädchen, das er so innig
liebte, brachte es keine grosse Wirkung auf ihn hervor. - Und es war ja nicht nur
eine Verräterei gegen Eugenie; wer weiss, welchen Zweck man hatte, ihre
Handlungen und Worte zu belauschen, ihre Schritte mit Schlingen und Fallen zu
umgeben! - Wohl durchzuckte es ihn seltsam, als das Mädchen sagte, sein Name
werde oft genannt, doch machte er eine ablehnende Handbewegung gegen sie.
    »So oft genannt,« fuhr sie eifriger fort, »dass er mir leicht im Gedächtnisse
blieb und dass ich immer auf die Stunde hoffte, wo es mir vielleicht vergönnt
sein würde, Sie zu sprechen, zu Ihren Füssen zu fallen, Ihren Schutz anzuflehen.«
    Bei diesen Worten tat das Mädchen, wie es sagte: es sank neben dem Stuhle
nieder, und als der Graf erstaunt einen Schritt zurücktreten wollte, fasste es
nach seinem Mantel.
    »Das ist eine sonderbare Kommödie,« sagte er. »Was Teufel brauche ich Sie zu
schützen? - Sie scheinen mir selbstständig genug zu sein, stehen ja auch unter
weit mächtigerem Schutze, als der meinige ist. Uebrigens bitte ich recht sehr,
stehen Sie auf; ich mag Sie nicht da liegen sehen, selbst wenn dies am Ende eine
Stellung ist, die Sie wohl verdienen nach dem, was Sie einer gewiss so guten und
sanften Herrin getan.«
    »O mein Gott! ja, sie ist so gut und sanft,« versetzte jammernd das Mädchen.
dabei liess sie den Mantel los, stützte sich mit der einen Hand auf den Boden und
schien mit der anderen ihre herabstürzenden Tränen zurückhalten zu wollen.
    »Die Ihnen gewiss nie Veranlassung zu diesem Schritte gab,« fuhr er entrüstet
fort.
    »Nie,« sagte das Mädchen. - »Nie! nie! Man fühlt bei Fräulein Eugenie nicht,
dass man Dienerin ist; man arbeitet zu seinem Vergnügen, indem man ihre
freundlichen Bitten erfüllt; man wird belohnt durch Gutmütigkeit und Vertrauen.
- Nie kommt ein hartes Wort über ihre Lippen, nie hat man bei ihr eine Laune zu
ertragen.«
    »Und doch,« rief der junge Mann, mehr und mehr überrascht, während er einen
Blick des Abscheu's auf die Knieende warf, »und doch die Verräterei? - So also
belohnen Sie die Liebe und Güte Ihrer Herrin?«
    »Ich muss ja wohl!« klagte das Mädchen und rang wie verzweifelnd die Hände.
»Bei Gott dem Allmächtigen! ich muss, man zwingt mich dazu!«
    »Wer kann Sie zwingen? - Sind Sie nicht die Herrin Ihrer Handlungen, sind
Sie nicht in dem Punkte vollkommen frei?«
    »O nein! o nein! ich bin nicht frei; ich musste diesen Befehlen Folge
leisten.«
    »Den Befehlen Ihrer Herrin?«
    Sie schüttelte mit dem Kopfe.
    »Hat denn sonst irgend Jemand eine Macht über Sie?«
    »Ja.«
    »Eine Macht, die Sie zwingen kann, gegen Ihre Herrin zu handeln wie Sie
getan?«
    »Ja.«
    »Also ein Wesen,« sprach er, mehr und mehr erstaunt, »das Sie zwingt, Ihre
Herrin zu verraten?«
    »Ja, ja!«
    »Das Ihnen befiehlt, Eugeniens Tun und Lassen genau zu beobachten und
darüber Bericht zu machen?«
    »O mein Gott, ja!«
    »Berichte an den Herzog?«
    »Ja, Herr Graf - Berichte an den Herzog, oder an wen man mir befiehlt.«
    Nach diesen Worten faltete sie, immer noch auf den Knieen liegend, die Hände
und liess den Kopf tief auf die Brust herab sinken.
    »Und wer ist dieses Wesen, das eine solche Macht über Sie ausübt?«
    »Ich weiss es nicht,« sagte sie nach einer Pause, indem sie ihren Kopf erhob
und dem jungen Manne mit einem Blick voll Offenheit, ja mit einem Ausdruck
vollkommener Ehrlichkeit in die Augen schaute. - »Ich weiss nicht, wer es ist,
ich kenne seinen Namen nicht, ich erinnere mich nur noch jenes schrecklichen
Orts, wo ich ihn sah, ihn, der mir den Befehl erteilte, also zu tun wie ich
getan.«
    »Und wo ist dieser Ort?«
    »Er ist,« sprach das Mädchen - doch hielt sie plötzlich inne, öffnete starr
die Augen und lauschte nach dem Gange hin, wobei sie wie beschwörend ihre Hände
aufhob.
    Auch der Graf wandte leicht den Kopf herum und vernahm, obgleich sehr
gedämpft, feste männliche Schritte, die sich von der blauen Gallerie her zu
nähern schienen.
    »Der Herzog!« flüsterte das Mädchen mit fast lautloser Stimme.
    »Ja, er wird es sein,« sagte der Graf ruhig, aber gleichfalls sehr leise.
»Verhalten Sie sich ganz stille; nur stellen Sie das Licht zur doppelten
Vorsicht noch in die Fensternische; durch die Vorhänge wird sein Schein nicht
durchdringen.«
    Sie erhob sich vorsichtig von ihren Knieen und tat wie ihr geheissen; dann
blickte sie angstvoll auf den Grafen, dem ein leichtes Lächeln um den Mund
spielte.
    Die Schritte kamen näher - ganz nahe; jetzt hielt Jemand vor der Türe.
Zuerst hustete es draussen leise, dann wurde sachte an die Türe geklopft, und da
auf alle diese Zeichen keine Antwort erfolgte, so vernahm man deutlich, dass eine
Hand die Klinke ergriff und die Türe zu öffnen versuchte, was ihr aber
natürlicherweise nicht gelang. Dasselbe Manöver wurde von draussen mehrere Male
probirt, und als es immer gleich erfolglos blieb, vernahm man einige leicht
gemurmelte Worte, worauf sich die Person wieder langsam entfernte. Einmal schien
dieselbe umkehren zu wollen; man vernahm ein Anhalten, dann eine halbe Wendung
auf dem Steinboden des Ganges, doch besann sie sich eines Bessern: gleich darauf
klangen die Schritte wieder regelmässig und fest und verloren sich in der tiefen
Stille, die über dem ganzen Schloss lag.
    »Der gute Herzog sucht, obgleich spät, doch noch zu seinem Rendezvous zu
kommen,« dachte der Graf. - Und dann wandte er sich wieder an das Mädchen, das,
ein Bild der Angst, bleich und zitternd an dem Fenstervorhange stand.
    »Beruhigen Sie sich,« sagte er, »diese Gefahr ist gänzlich vorüber, denn wie
ich den Herzog kenne, wird er heute Nacht nicht mehr zurückkehren. - Sie können
ihm dann vielleicht morgen Ihren Bericht machen.«
    Diese letzten Worte sprach er in einem schneidenden Tone.
    Das Mädchen seufzte tief auf und entgegnete: »Wie Gott will!«
    »O nein,« erwiderte er heftig, »nicht wie Gott will, vielleicht wie der
Teufel will! Denn nur der hat eine Macht über Menschen, wie die sind, von
welchen Sie soeben gesprochen.«
    »O, Sie glauben mir nicht, Herr Graf!« sagte sie tief bekümmert. - »Und es
wäre doch für Alles gut, wenn Sie mir glauben wollten.«
    »So bringen Sie was Glaubwürdiges vor und ich will mir Mühe geben, Ihren
Worten zu vertrauen.«
    Sie blickte sich scheu um, als fürchte sie, belauscht zu werden, namentlich
nach dem Fenstervorhang hin, als sei es möglich, dass plötzlich Jemand vortrete.
- »Ich musste einen fürchterlichen Schwur nachsprechen,« sagte sie zitternd.
    »Einen Schwur, nichts von dem Orte zu verraten, von dem Sie vorhin
sprachen, und von dem, was man Ihnen dort gesagt?«
    »Warten Sie einen Augenblick,« entgegnete sie nach einer Pause nachdenkend,
indem sie die Hand an ihre Stirne legte. - »Nein, nein, das liess er mich gerade
nicht schwören, denn, dass das je geschehen könnte, mochte er sich wohl nicht
denken, da er mir Gutes erzeigt. - Aber ich musste schwören, meine neue Herrin zu
beobachten, um, so oft es von mir verlangt würde, einen Bericht zu machen, wenn
sie ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt, was sie zu Hause macht, an wen
sie schreibt, - ja, das musste ich schwören bei dem allmächtigen Gott, der mich
strafen sollte, wenn ich je meinen Schwur bräche.« - Nachdem sie das gesagt,
schauerte sie leicht zusammen.
    In allem dem, was das Mädchen sprach, war trotz des Rätselhaften so viel
Glaubwürdiges, auch trugen ihre Worte so den Stempel des Wahren und
Aufrichtigen, dass sie der junge Mann mehr und mehr mit Interesse betrachtete und
sein Zorn vor ihrem sanften und klaren Blick zu verschwinden begann.
    »Das ist äusserst seltsam,« sagte er, »und ich will Ihren Worten trauen. Wenn
Sie aber wollen, dass ich Ihnen vollkommen glauben, mich Ihrer vielleicht
annehmen soll, so lösen Sie mir die Rätsel, die in dieser Geschichte liegen,
und erzählen mir die Wahrheit, meinetwegen, so weit es Ihnen der geleistete
Schwur erlaubt.«
    »Ja, das will ich!« versetzte sie eifrig. »Ihnen will ich alles das sagen,
Herr Graf, - denn ich weiss ja,« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, »wie
sehr Sie meiner Herrin zugetan sind, und wie Sie gewiss Alles, was ich Ihnen
anvertraue, nur zu deren Besten anwenden werden. Ah! und ich wünsche ja meiner
Herrin alles Gute, alles Glück und alles Heil.«
    »Und das wären Sie vom Herrn Herzog nicht gerade überzeugt?« fragte er
forschend.
    »Nein, nein!« entgegnete sie eifrig; »er meint es schlimm und unredlich. O
glauben Sie mir, Herr Graf, ich habe ihm gewiss nur Sachen berichtet, die meiner
Herrin nicht schaden können; ich habe seinen sonderbaren Zumutungen nie Gehör
gegeben, ich war gewiss keine so schlimme Verräterin, wie ich wohl scheine.«
    »Ei, ei! er machte Ihnen Zumutungen?« sagte aufmerksam Graf Fohrbach. - »In
Betreff Ihrer Herrin?«
    »Sehr häufig.«
    »Und worin bestanden diese Zumutungen?«
    »Bald sollte ich ihm dies oder das von ihr verschaffen - ein Band, eine
Haarlocke oder ein Blatt ihres Albums, in welches sie zuweilen kleine Gedichte
schreibt. Auch verlangte er, ich sollte ihn Abends einmal, wenn Fräulein Eugenie
ausgegangen, in deren Zimmer führen.«
    »Was der Teufel! - Und Sie?«
    »Bei Gott! ich wies alles das zurück. - Auch wünschte er, ich solle zuweilen
beim Ankleiden auf eine unverfängliche Art die Rede auf ihn bringen, um zu
hören, was das gnädige Fräulein sagen würde. - Aber gewiss, ich tat es nie.«
    »Sehr gut!«
    »Was mir befohlen war und wozu mich mein Schwur zwang, habe ich getan, aber
gewiss nur auf die schonendste Art für Fräulein Eugenie. - Wenn Sie, Herr Graf,«
fuhr sie nach einer kleinen Pause stockend fort, - »geneigt wären, den Worten
eines armen Mädchens Glauben zu schenken, so würde ich Ihnen bei Allem, was mir
heilig ist, die Versicherung geben, dass der Herzog von meiner Dame nie ein
anderes Wort erfuhr, als was die ganze Welt wissen kann.«
    »Und mir würden Sie auch nicht mehr sagen?« fragte er lächelnd.
    »Gewiss nicht, Herr Graf,« entgegnete sie mit einem festen, offenen Blick.
»Sie würden das auch nicht verlangen, denn -« Hier schwieg sie plötzlich.
    »Sprechen Sie weiter!« sagte er; »denn -«
    »Denn,« fuhr sie mit einem kaum bemerkbaren Lächeln fort, »denn meine Herrin
würde Ihnen vielleicht selbst mehr sagen, als ich dem Herzog zu berichten im
Stande bin.«
    »Ah! Sie glauben?« rief er erfreut. »Nun, da wir Beide hier einmal auf so
eigentümliche Art zum Austausche von Geheimnissen kommen, so kann ich Sie
versichern, ein jedes Wort von Fräulein Eugenie zu mir gesprochen, ist mir
unaussprechlich kostbar. - Doch wir kommen ganz von unserer Sache ab,«
unterbrach er mit einem viel ernsteren Tone sich selbst und seine freundliche
Rede von vorhin. - »Wollen Sie mir Ihr Vertrauen schenken? Wohlan! ich will Sie
anhören, ich will Ihnen raten, wo ich kann.«
    »Das ist aber eine ziemlich lange und traurige Geschichte,« entgegnete das
Mädchen, »und ich fürchte Sie damit zu ermüden, will mich aber so kurz zu fassen
suchen, wie nur möglich.«
    Darauf nun erzählte sie dem Grafen ganz ehrlich und aufrichtig die
Geschichte, welche der geneigte Leser bereits weiss, genau so, wie sie solche im
Fuchsbau dem Harfenmädchen anvertraut, wie man sie eines Diebstahls beschuldigt
und fortgejagt, wie sie darauf mit der Harfenspielerin in jenes Wirtshaus
gekommen und wie sie zu Bette gegangen seien. - »Dann wurden wir in der Nacht
geweckt,« sprach sie weiter: »eine alte Frau hiess mich aufstehen, meinen Anzug
zurecht machen und brachte mich hinunter in ein Zimmer, wo ich eine Zeit lang
warten musste, - dann führten sie mich vor ihn.«
    »Vor ihn? - Wer war denn das?«
    »Das weiss ich in der Tat nicht; das schien auch Niemand im Hause zu wissen,
es hiess nur immer: er ist gekommen, er ist da. Aber Jeder, der dies sagte,
selbst die rohesten und verwegensten Leute, wie mir schien, sprachen von ihm mit
grosser Ehrfurcht, ja mit Angst und Zittern. Die Harfenspielerin sagte zu mir,
als man mich aus dem Schlafzimmer abholte: ja, wenn er dich holen lässt, da hilft
kein Widerstreben.«
    »Das ist sehr seltsam,« erwiderte der Graf. - »Also Alle schienen ihm zu
gehorchen?«
    »Unbedingt.«
    »Sie wurden also vor ihn gebracht. Tun Sie mir jetzt den Gefallen und
nehmen Sie Ihr ganzes Gedächtnis zusammen. Wie sah er aus? Wie ein wilder,
verwegener Kerl?«
    »Nein, nein!« entgegnete sie eifrig, »so sah er nicht aus; im Gegenteil. Es
war ein noch junger Mann von, ich möchte sagen, angenehmem Äusseren, in Ihrer
Grösse, Herr Graf, schlank, von leichten Bewegungen; sein Gesicht hatte eine
ziemlich dunkle Farbe, sein Haar war schwarz, seine Augen aber blau, und sein
gleichfalls schwarzer Bart hing an beiden Seiten des Mundes herab. - Ich
erinnere mich, bei uns Zigeuner gesehen zu haben,« fuhr sie nach einem kleinen
Nachdenken fort, »gerade so sah er aus, nur dass seine Kleidung nicht zerlumpt
war, sondern einfach, aber sehr anständig.«
    »Und womit war er ungefähr bekleidet?« fragte der Graf mit grosser
Aufmerksamkeit.
    »Das kann ich nicht sagen,« entgegnete das Mädchen; »ich war so bestürzt und
überrascht, und in so grosser Angst, dass ich nur auf das Gesicht blickte.«
    »Ja, das haben Sie behalten, wie mir scheint,« versetzte lächelnd der Graf.
»Sie haben mir es wenigstens zum Malen beschrieben. Dunkle Gesichtsfarbe,
schwarzes Haar und Bart und dazu blaue Augen - das Bild eines schönen
Zigeuners.«
    »Eines noch fällt mir ein,« sagte das Mädchen. »Ich war an dem Tage von
Kummer, Elend und Müdigkeit so erschöpft, dass ich vor ihm ohnmächtig wurde. Er
fing mich in seinen Armen auf, vorher aber glitt ich auf den Boden nieder, und
da berührten meine Wangen etwas Kaltes und Glänzendes an ihm.«
    »Vielleicht ein Säbel?«
    »Nein, nein! Ich bemerkte nachher, dass es hohe Stiefel waren, die ihm bis an
die Kniee reichten.«
    »Hatte er überhaupt keine Waffen?« fragte der Graf. »Sahen Sie keine an
ihm?«
    »O doch; ich erinnere mich, etwas wie eine Art Dolch gesehen zu haben, mit
weissem Griff, das er an seinem Gürtel trug; er hatte es mit der linken Hand
erfasst.«
    »Das klingt ja ganz romantisch,« meinte Graf Fohrbach, nachdem er einen
Augenblick sinnend vor sich niedergeschaut. »Wenn man mir das von Rom oder
Neapel erzählte, so würde ich es unbedingt glauben und begreiflich finden.«
    »O, glauben Sie mir, Herr Graf!« bat das Mädchen. »Glauben Sie meinen
Worten: ich habe Ihnen die reinste Wahrheit gesagt.«
    »Gewiss glaube ich Ihnen; aber Sie müssen mir noch einige Fragen ebenso wahr
beantworten. - Als er Sie entliess, was geschah da weiter mit Ihnen?«
    »Ich wurde in ein anständiges Zimmer gebracht, und am andern Tage gab man
mir gute Kleider, einen Pass und eine Instruktion, die ich auswendig lernen
musste. Darin stand, wie ich mich fortan zu nennen, sowie Vorschriften in Betreff
der Berichte, die ich über meine Herrin zu erstatten habe.«
    »Und wem mussten Sie anfänglich diese Berichte machen?«
    »Das weiss ich nicht; an einer mir bezeichneten Strassenecke fand ich einen
dicht verschlossenen Wagen, der mich in ein Haus brachte, wo man mich in eine
dunkle Stube führte, und wo Jemand aus dem Nebenzimmer mit mir sprach.«
    »Keine schlechten Vorsichtsmassregeln! - Und dort erhielten Sie auch den
Befehl, hier in diesem Zimmer den Herzog zu erwarten?«
    »Ja, Herr Graf.«
    »Aber ich vergass das Wichtigste zu fragen. Wie wurden Sie in Ihren jetzigen
Dienst eingeführt? - Der war doch, wenn ich mich recht erinnere, einer Anderen
zugedacht. Ich selbst empfahl ja den Schützling eines Freundes.«
    »Das geschah auf eine eigene Art,« entgegnete das Mädchen; »ich fand bei der
Instruktion einen versiegelten Empfehlungsbrief an einen vornehmen Herrn, den
ich persönlich abgeben musste, worauf ich ein anderes Schreiben erhielt, das mich
nachher zu Fräulein Eugenie von S. wies, die mich in ihren Dienst genommen.«
    »Und wer war jener vornehme Herr?« fragte der Graf in grosser Spannung.
»Kennen Sie ihn vielleicht?«
    »O ja, sehr gut; ich sehe ihn öfters. Er besucht auch zuweilen das gnädige
Fräulein.«
    »Sein Name?«
    »Es ist der Herr Baron von Brand. In seinem Hause erhielt ich, wie gesagt,
einen Empfehlungsbrief an meine Herrin.«
    »Das ist seltsam!« rief einigermassen bestürzt Graf Fohrbach. »Ganz richtig,
der Baron bat mich, Ihnen eine Stelle zu verschaffen, und ich sprach für Sie, -
auch er. - Das ist eine ganz sonderbare Geschichte. - Und von wem der Brief war,
den Sie dem Baron brachten, wissen Sie nicht?«
    »Nein; aber soviel erinnere ich mich, dass er mit einem grossen Wappen
gesiegelt war.«
    Der Graf dachte längere Zeit nach, wobei er, wie in grosser Unruhe, im Zimmer
auf und ab schritt. Endlich aber wandte er sich wieder zum Fenster hin und
stellte sich abermals dicht vor das Mädchen. - »Die Sache ist sehr ernst und
wichtig,« sagte er zu ihr; »tun Sie mir den einzigen Gefallen und nehmen Sie
die ganze Kraft Ihres Gedächtnisses zusammen, gehen Sie in Gedanken nochmals
jenen Abend durch, den Sie im sogenannten Fuchsbau verlebten, namentlich aber
jene Augenblicke, wo Sie vor ihm im Zimmer standen. - Ueberlegen Sie sich genau,
ob Sie nicht irgend einen kleinen Umstand vergessen, zum Beispiel irgend ein
Wort, das er sagte, irgend eine Bewegung, die er machte. - Ueberhaupt haben Sie
mir noch nicht erzählt, wie er zu sprechen pflegte, ob er laut oder leise, ob
kräftig und energisch, oder was man bei uns geziert nennt. Es ist mir das sehr
wichtig.«
    »Nein, er sprach nicht geziert,« entgegnete sie, »sondern laut und deutlich,
dabei kräftig wie Jemand, der gewohnt ist, zu befehlen.«
    »Und sonst fällt Ihnen nichts mehr bei?«
    »Warten Sie einmal,« erwiderte das Mädchen, indem sie die Augen mit der Hand
bedeckte und dann hinauf an die Decke schaute. »Ich besinne mich da auf etwas,
aber es ist zu unbedeutend.«
    »Bei diesem Vorfall ist nichts unbedeutend.«
    »Ich habe Ihnen schon gesagt, wie ich glaube, dass ich vor ihm ohnmächtig
niedersank. Er hob mich in die Höhe, und als ich wieder zu mir selbst kam,
umwehte mich ein eigentümlicher Duft.«
    »Ein eigentümlicher Duft!« rief der Graf in der höchsten Spannung. »Wie war
es? - Sprechen Sie! - sprechen Sie!«
    »Es war ein scharfer Duft,« sagte das Mädchen, das etwas erschreckt schien
von der Heftigkeit des Grafen. »Es war ein Duft wie von lauter Rosen.«
    »Ah!« schrie Graf Fohrbach, indem er in die Höhe fuhr, als habe er etwas
ganz Erschreckliches gehört. - »Ah! - - Coeur de rose.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Nun wissen Sie Alles,« sprach ängstlich das Mädchen nach einer kleinen
Pause. - »Was soll ich nun weiter tun? - Ich bin jetzt gänzlich in Ihre Hand
gegeben, Herr Graf,« setzte sie schmerzlich hinzu. »Sie können mich nach beiden
Seiten hin verderben: durch eine Anklage bei meiner Herrin, und dadurch, dass Sie
von dieser rätselhaften Geschichte etwas laut werden lassen. Dort steht meine
Ehre, meine Zukunft, hier mein Leben auf dem Spiel.«
    Während sie so sprach, war der Graf abermals heftig im Zimmer auf und ab
geschritten. Doch als sie geendet, wandte er sich rasch zu ihr hin und sagte
feierlich: »Gott soll mich bewahren, dass eins von Beiden geschehe! Nein, nein!
gewiss nicht! Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.«
    »Aber was soll ich ferner tun?«
    »Machen Sie Ihre Berichte nach wie vor, aber seien Sie klug und lassen Sie
von Ihrer Herrin nichts erfahren, was derselben schaden könnte; ich will sehen,
was ich für Sie tun kann. - Das schleicht sehr versteckt einher; man muss ihm
ebenso begegnen, um es sicher zu treffen.«
    »Aber wenn man mir neue Befehle zukommen liesse! Zum Beispiel dies oder das
zu tun; - was weiss ich? - Etwas, das wir jetzt nicht vorhersehen können?«
    »Wenn es Ihnen unschuldig erscheint und - verzeihen Sie mir - Ihnen als
kleine Plaudertzaftigkeit oder Nachlässigkeit angerechnet werden könnte, so tun
Sie es in Gottes Namen, suchen mich aber von dem Vorgefallenen gleich in
Kenntnis zu setzen. Man muss vorderhand allen Eklat vermeiden. - Sonst,« fuhr er
lächelnd fort, »verlange ich keinen Bericht von Ihnen. - Aber, bei Gott! es ist
spät! - Ich danke Ihnen, mein Kind. Bleiben Sie Ihrer Herrin getreu; gewiss, sie
verdient es.«
    »Ob sie es verdient!« entgegnete fast schwärmerisch das Mädchen.
    »Wenn Ihnen diese Sache auch noch Ungelegenheiten machen kann, so hoffen Sie
doch auf die Zukunft und auf mich. Ich werde mich Ihrer fortan erinnern.«
    Damit reichte er ihr die Hand, worauf sie das Licht aus der Fensternische
nahm, um ihm ein paar Schritte zu leuchten.
    »Gehen Sie nicht zu weit mit mir,« sagte der Graf, »vielleicht nur bis an
die Wendeltreppe; von da finde ich den Weg schon allein.«
    So tat sie dann auch, und während er behutsam und so geräuschlos als
möglich hinab stieg, beugte sie sich oben über das Geländer und streckte den
Leuchter von sich, um das dunkle Treppenhaus zu erhellen.
    Es wäre übrigens besser gewesen, wenn sie das nicht getan hätte, denn
obgleich Mitternacht längst vorüber war und Alles im Schloss fest zu schlafen
schien, so war dies in Wirklichkeit doch nicht der Fall. Einer der Portiers,
welcher seine Wohnung an eben dieser Wendeltreppe hatte, hörte mit seinem Ohr
die Tritte und öffnete geräuschlos ein Fensterchen, welches auf dieselbe
hinausging, und da sah er denn deutlich das Kammermädchen droben stehen, und
einen Offizier, in einen Mantel gehüllt, sich sachte hinab schleichen. - Die
meisten Schlossbedienten sind auf dergleichen pikante Neuigkeiten begierig und
setzen gerne ihren ganzen Scharfsinn daran, sie zu ergründen. Desshalb bemühte
sich denn auch der Portier, an einzelnen Kleinigkeiten des Offiziers zu
entdecken, welche Uniform er wohl tragen könnte. Unglücklicherweise liess Graf
Fohrbach unten an der Treppe seinen Mantel etwas von der Schulter herabgleiten,
so dass man Epaulettes und Fangschnüre sehen konnte.
    »Aha!« dachte der Portier, »einer der Adjutanten. - Wer hatte den Dienst? -
Graf Fohrbach. - Richtig! das ist seine Figur und sein Gang.« Damit verschloss er
sein Fensterchen wieder und schlief nach einigen Augenblicken beruhigt weiter.
    Der Graf kam indessen durch das Labyrint von Gängen, Treppen und Vorplätzen
glücklich in's Freie.
    Es war eine finstere, kalte Nacht, wesshalb er seinen Mantel dicht zusammen
zog, als er auf den Kastellplatz hinaus trat. Um von hier nach Hause zu
gelangen, hatte er zwei Wege; der eine führte durch die höher gelegenen
vornehmeren Stadtteile, durch breite Strassen und über bequeme Brücken, war aber
bedeutend weiter als der andere, der mitten durch die alte Stadt ging. Doch
hatte der Letztere den Nachteil, dass er meistens durch enge Strassen führte,
einigemal durch finstere Durchgänge, auch beim Kanal vorbei und über dessen enge
und schlechte Brücken.
    Doch war es hart gefroren, die Strassen auch reinlich und ohne Nässe, wesshalb
der Graf den Weg durch die alte Stadt wählte. Er hatte auch nach allem dem, was
er heute Abend gehört, eine leicht begreifliche Lust, sich die finstere
Häusermasse, den Fuchsbau, obgleich er ihn recht wohl kannte, genau anzusehen.
    Er schlenderte deshalb langsam über den Kastellplatz und kam jenseits
desselben in die engen und winkeligen Strassen, welche nach der unteren Stadt
führten. Rings war Niemand zu sehen noch zu hören; die Schildwachen hielten sich
in ihren Häusern; von den Nachtwächtern bemerkte man nirgendwo eine Spur. Dazu
war, wie wir wissen, der Mond nicht am Himmel, und die Nacht hüllte Alles in
dichte Finsternis.
    Wie er so langsam dahin schritt, liess er in seinem Geiste nochmals die
Erlebnisse des heutigen Abends vorüber gehen und schüttelte nachdenkend den
Kopf, als er wieder an die Erzählung des Mädchens kam. - »Sollte es denn möglich
sein,« dachte er, »dass der Baron wirklich hier im Spiele ist, dass das
anscheinend so harmlose, leichtfertige, ja beschränkte Wesen desselben nur eine
Maske wäre, hinter welcher sich eine so rätselhafte, ja unheimliche Gestalt
verbärge, wie mir das Mädchen geschildert! - Wenn dem so wäre, welche Zwecke
verfolgt er? Aus welchem Grunde belauscht er die Schritte Eugeniens? - Ah! das
liesse sich am Ende erklären; er ist mit dem Herzoge sehr liirt und macht
vielleicht einen angenehmen Zwischenträger. - Aber nein! - Worauf gründet sich
meine Vermutung, dass der Baron hier im Zusammenhange? Auf jenen Odeur, von dem
das Mädchen sprach, den scharfen Rosenduft? - Bah! das ist am Ende ein wenig zu
weit gegangen. Die seinen Unterschiede Zwischen Coeur de rose und gewöhnlichem
Rosenöl wäre ja wohl allein der Baron zu machen im Stande. - Und doch,« fuhr er
in seinen Betrachtungen fort, indem er noch langsamer ging, »es gibt da so viele
Menschen, die in dem Wesen des Barons etwas Rätselhaftes finden wollen. So
heute noch der Hofmarschall. - Und dann erinnere ich mich auch noch einer
Geschichte, die man mir einstens erzählen wollte. Ich weiss nicht, war es der
Major oder der Assessor, - nein, nein! ich glaube Artur war es, - richtig! der
sprach mir von einem höchst sonderbaren Vorfalle, worin er den Herrn von Brand
verflochten glaube. Aber ich war damals eilig und hatte keine Zeit, es mir
erzählen zu lassen. Das wollen wir gleich morgen nachholen. - Ist aber dieses so
natürlich scheinende Wesen des Barons in der Tat nur eine vortrefflich
durchgeführte Maske, so muss man sich mit ihm in Acht nehmen, und er wird schwer
zu fassen sein.«
    Unter diesen Gedanken war der junge Mann in die Nähe des uns bekannten
Gebäudes gekommen, das wie eine dunkle Masse etwas von den übrigen Häusern
abgesondert mit finsterer, geheimnisvoller Miene, ja wir möchten sagen, trotzig
da lag. Von den spärlichen schmalen Fenstern, die nach aussen gingen, war keines
erhellt, und die riesenhaften Mauern schienen eine einzige breite Fläche zu
bilden, vom Grunde hinauf bis in die Höhe der spitzen Dächer, die aber von den
breiten und hohen Schornsteinen so deutlich überragt wurden. Nur ein einziger
Lichtschein machte sich im Fuchsbau bemerklich, und der kam von der Gaslaterne
in dem uns bekannten Durchgänge, wo die eiserne Türe mündete, die zur
Wirtschaft hinauf führte.
    Diesem Durchgange gegenüber auf der anderen Seite der Strasse blieb der Graf
einen Augenblick stehen und betrachtete sinnend diese Passage. Dort war das
Mädchen, wie sie erzählt, eingetreten und von da über eine steinerne
Wendeltreppe in die Schenkstube gelangt. Was aber hinter derselben läge, sei ein
solches Labyrint von Treppen, Gängen, Zimmern und Höfen, dass sie nicht angeben
konnte, nach welcher Richtung man sie ungefähr geführt, und wo jenes Zimmer
gelegen, in dem sie ihn, den Namenlosen, gesehen. -
    »Halt!« unterbrach Graf Fohrbach mit einem fast hörbaren Ausruf seine
Gedanken, »es kommt Jemand. Drücken wir uns fester an die Mauer; wer weiss, in
wiefern mir heute Abend das Glück günstig ist.«
    Richtig! von seiner linken Seite her klangen Schritte, und die vernahm er so
plötzlich auf dem Pflaster und in der Nähe, dass der, von dem sie herrührten,
soeben aus einem der anliegenden Häuser herausgetreten sein musste. - Vielleicht
aus dem Fuchsbau selbst.
    Graf Fohrbach warf leicht den Mantelkragen über seine Feldmütze, damit das
Silber derselben nicht durch die Dunkelheit glänze und blieb darauf regungslos
stehen, in höchster Spannung, ja Aufregung.
    Jetzt näherte sich ihm in der Tat von der linken Seite ein Mann, und er
bemerkte anfänglich nur eine dunkle Gestalt, dann aber sah er, dass es Jemand
sei, der in einen sogenannten Radmantel gehüllt war, dessen eines Ende er über
die rechte Schulter geworfen hatte. Seine Figur war hoch und schlank; auf dem
Kopfe trug er einen ganz gewöhnlichen Hut.
    Dieser Mann trat fest und klingend auf. Ja, es waren Sporen, die auf dem
Pflaster klirrten, und als der Graf seine Blicke herabsenkte - der Fremde war
unterdessen zwischen ihm und dem Durchgange angekommen - so bemerkte er
vielleicht eine Sekunde lang, wie sich der Strahl der Laterne auf etwas Blankem
abspiegelte - glänzende Reitstiefel.
    Der Unbekannte schien aber gar keine Ahnung zu haben, dass er belauscht
werde, denn er ging ruhig mit gleichförmigen Schritten dahin, sogar ohne rechts
oder links zu schauen. Bald war er im Dunkel der Nacht verschwunden.
    »Was soll ich tun?« sprach der Graf zu sich selber, während er in die
Strasse hinaus trat. - »Ihm folgen, um zu sehen, wo er bleibt? Da mache ich mir
eine undankbare Mühe, denn ist Jener dort wirklich eine verdächtige Person, so
wird er Verstecke genug in der Nähe haben, wo er mir entwischt, und ich mache
ihn auf mich aufmerksam, was alsdann viel schlimmer ist. - Soll ich ihm
nacheilen, ihm gerade auf den Leib gehen und ihn dann zu Rede stellen? - Ich
habe kein Recht dazu, und vielleicht ist er ein ebenso unschuldiger
Spaziergänger wie ich selber. Und gesetzt auch, er wäre das nicht, so spiele ich
eine verflucht ungleiche Partie; immer würde ich als Angreifer gelten und mich
auf diese Art in Sachen mischen, die sich mit dem Rocke, den ich trage, nicht
vereinbaren lassen. Auch weiss ich ja vorderhand genug, und habe eine Spur, der
mit Klugheit zu folgen man wohl im Stande sein wird.«
    Er verliess den Fuchsbau und schritt die gleiche Strasse hinauf, die der
Unbekannte vor ihm gegangen. Ein paar Mal blieb er stehen, und dann glaubte er
wohl hie und da noch die Schritte auf dem Pflaster zu vernehmen, was ihn
eigentlich willenlos jedesmal zu stärkerem Gehen anspornte.
    So erreichte er in Kurzem die obere Stadt und trat in eine der breiteren
Strassen, wo er abermals anhielt, um zu lauschen. Tiefe Stille herrschte rings
umher; auch nicht das kleinste Geräusch liess sich vernehmen. Doch jetzt - ja, er
irrte sich nicht - vernahm er aus ziemlich weiter Entfernung den leichten Trab
eines Pferdes.
 
                                  Vierter Band
                           Neunundfünfzigstes Kapitel.
                          Vorbereitungen zum Gefecht.
Unter den vielen Häusern, vor welchen der Baron Brand am Neujahrstage seine
Karte abgab, oder in welchen er durch allerlei Gegenreden und verfängliche
Fragen, trotz der Versicherung des Bedienten, es sei Niemand zu Hause, einen
schwachen Versuch machte, seinen Glückwunsch persönlich anzubringen, liess er
sich nun bei der Wohnung des Polizei-Präsidenten gar nicht abweisen und tänzelte
lächelnd die Treppen hinauf, um, wie er sagte, wenigstens droben seine Karte
abzugeben. Das tat er denn auch mit auffallendem Geräusche, bat den Bedienten
mit sehr lauter Stimme, doch ja der Herrschaft seine besten Empfehlungen zu
melden, wie unendlich er es bedaure, nicht vorgelassen worden zu sein - und
erreichte damit vollkommen seinen Zweck. Denn als er schon die Türe in der Hand
hatte, um sich wieder fort zu begeben, wurde ihm gegenüber der Salon geöffnet,
und Fräulein Auguste erschien, aber wir können versichern, vollkommen
absichtslos; denn als sie den Baron bemerkte, wollte sie sich mit einem kleinen
Aufschrei sogleich wieder zurückziehen. Dass ihr aber dies nicht gelang, daran
war nur die Geschwindigkeit des Barons schuld, der sich augenblicklich näherte,
leicht und gewandt ihre Hand ergriff und sie feierlich küsste, während ein tief
gefühlter Glückwunsch, das neue Jahr betreffend, seinen Lippen entströmte. »Ah!«
sagte er hierauf, »so grausam zu sein, Fräulein Auguste, und dem, den Sie Ihren
Hausfreund nennen, die Türe zu verschliessen!«
    »Ohne alle Gnade!« erwiderte lächelnd das Mädchen. »Hoher Befehl von Papa
und Mama. - Und leider ohne Ausnahme,« setzte sie leise hinzu.
    »Und Sie hatten vor, eine Ausnahme zu machen?« fragte entzückt der Baron.
    »Ah! jetzt fangen Sie schon wieder an, mich zu examiniren. Man kann sich vor
Ihnen nicht genug in Acht nehmen; aber wie gesagt, keine Ausnahme. - Mama
meint,« fügte sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen bei, »es sei noch
nicht an der Zeit - irgend Jemand Begünstigungen zu erweisen.«
    »Aber bald, bald! Auguste,« versetzte er stürmisch, und wandte sich bei
diesen Worten so geschickt auf der Türschwelle, dass er dem Bedienten alle
Aussicht versperrte und es wagen konnte, das leicht zurückweichende Mädchen auf
die Stirne zu küssen. - »Und keine Hoffnung,« fuhr er nach einer Pause hastig
fort, »Sie heute Morgen noch einen kleinen, lieben Moment zu sprechen? - Wird
mich Papa nicht vorlassen?«
    »Er hat dringende Geschäfte und lässt heute nur die Beamten vom Dienst vor
sich.«
    »Die Herren Kommissäre?«
    »Ja, sie machen ihren Bericht.«
    »Coeur de Rose!« rief der Baron, »da bin ich ja ganz in meinem Recht;
erinnern Sie sich, Auguste, Papa war so gnädig, mir neulich die Erlaubnis zu
erteilen, so einem Berichte anwohnen zu dürfen. - Ich lasse mich bei ihm
melden, es gilt nur den Versuch, - und einen Versuch,« setzte er zärtlich hinzu,
»der, wenn er gelingt, mir das hohe Glück verschafft, Sie - später sehen und
sprechen zu dürfen; denn wenn der Herr Präsident mich einmal in's Zimmer lässt,
so muss er mich auch nachher zu Ihnen hinüber führen.«
    »Ja, ja, tun Sie so,« entgegnete sie eilig. »Aber jetzt fort! - ich höre
Mama.« Damit sprang sie in's Zimmer und schloss die Türe hinter sich zu.
    Der Baron nahm eine wichtige Miene an und bat den Bedienten mit ernster
Stimme, ihn dem Herrn Präsidenten in Geschäften zu melden.
    Worauf er denn auch wenige Augenblicke nachher in das Kabinet des
Polizei-Präsidenten geführt wurde.
    Dieser war eben im Begriffe, seine Nase spazieren zu führen, denn er hatte
sie mit der rechten Hand sanft erfasst, während er, die Linke auf dem Rücken
haltend, auf und ab schritt. Beim Anblick des Barons liess er sie aber los,
worauf sie augenblicklich ein paar Zoll höher schnellte, als er sie gewöhnlich
zu tragen pflegte. - Der Präsident wollte hiedurch einigermassen sein Erstaunen,
ja Befremden ausdrücken, sich so in einer wichtigen Stunde gestört zu sehen.
    Doch war Herr von Brand der Mann nicht, der sich so leicht einschüchtern
liess; er näherte sich dem Chef der Polizei mit einer tiefen Verbeugung, wobei er
sagte: »Euer Excellenz wollen mir verzeihen, ich komme allerdings in Geschäften.
Der Herr Präsident hatten neulich die ausserordentliche Gewogenheit, mir zu
erlauben, einem der Rapporte beizuwohnen, und da ich mich unterstehe, heute von
dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, so wird mir zu gleicher Zeit das Glück zu
Teil, Ihnen meinen tiefgefühlten und herzlichsten Glückwunsch zu Füssen legen zu
dürfen.« dabei hatte er die Hand des Präsidenten ergriffen, und drückte sie so
herzlich und gerührt, dass der alte Herr augenblicklich anfing, seine Nase mit
der einen noch freien Hand zu streicheln, was als ein Zeichen einer guten Laune
bei ihm angesehen werden konnte.
    Und so war es denn auch; er vergass, dass der Baron gegen seinen Willen
eingedrungen, und erwiderte dessen Wunsch zum Beginn des neuen Jahres so
verbindlich als möglich.
    »Was aber den Rapport anbelangt,« sagte er, »so kommen Sie diesmal etwas
spät und auch zu einem ganz interesselosen Zeitpunkt; ich habe nur noch einen
Bericht zu empfangen, und wenn Sie den mit anhören wollen, so habe ich nichts
dagegen. Später aber hoffe ich, sollen Sie Gelegenheit haben, einen besseren
Blick in die von mir organisirte Maschine des Polizeiwesens werfen zu können.«
    Bei diesen Worten fing er mit einem gewandten Griffe seine Nase wieder, die
in der Luft umherschnüffelte, und indem er sie tief hinab zog, blickte er dem
jungen Mann väterlich und wohlmeinend von unten herauf in die Augen.
    Die Türe öffnete sich und der erwartete Kommissär trat ein, nach einer
tiefen Verbeugung brachte er dem hohen Chef seinen Glückwunsch dar, fing aber
hierauf seinen Bericht nicht sogleich an, sondern blickte bald auf den
Präsidenten, bald auf den Baron von Brand.
    »Ich bin ja der geheime Sekretär Euer Excellenz,« flüsterte der Baron dem
Chef der Polizei zu.
    Worauf dieser seine Nase heftig zwinkte, ihr einen leichten Klapps gab, so
dass sie sich zugleich mit dem ganzen Gesichte gegen den Beamten drehte. -
»Sprechen Sie nur,« sagte er alsdann, »dieser Herr ist einer meiner
Vertrautesten, vor welchem ich keine Geheimnisse habe.«
    Nun war aber der Bericht des Polizei-Kommissärs für den Präsidenten in der
Tat ziemlich unbedeutend, nicht so ganz aber für den Herrn von Brand. Er
handelte nämlich von dem Hause eines gewissen Meister Schwemmer, welches, so
sagte der Beamte, zuweilen der Aufentaltsort allerlei Gesindels, das man
gewöhnlich in dem berüchtigten Fuchsbau anzutreffen pflege, sei. »Mir ist
gemeldet worden,« berichtete er, »dass in den nächsten Tagen dort irgend eine
Streitigkeit, ein Zank ausbrechen werde, wesshalb ich es für meine Pflicht halte,
diesen ohnedies sehr abgelegenen Ort beobachten zu lassen.«
    Dagegen wusste der Polizei-Präsident durchaus nichts zu erinnern, und da der
Andere nichts weiter vorzubringen hatte, so wurde er in Gnaden entlassen und zog
sich rückwärts zur Türe hinaus, nicht ohne sich vorher die Gestalt des Barons -
derselbe hatte sein Gesicht abgewandt - mit einem langen prüfenden Blick in's
Gedächtnis zu prägen.
    Der Präsident hatte für heute Morgen seine Arbeitsstunden beendigt, und der
Baron mehrere seiner Zwecke erreicht. Wir sagen mehrere, denn es geschah, was er
vorhin der jungen Dame vorausgesagt: der Papa nahm ihn, ohne mit dem Gang und
dem Bedienten in Berührung zu kommen, durch eine Reihe der hintern Zimmer mit
sich in den Salon, und dort verplauderte er mit den Damen des Hauses eine höchst
angenehme Stunde.
    Da aber bei dieser Unterredung nichts vorkam, was für unsere Geschichte von
Interesse wäre, so überlassen wir ihn seinem Schicksale, das heisst, der scharfen
redseligen Zunge der Präsidentin und den sehr gefährlichen Augen ihrer Tochter.
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    Einige Tage später in demselben Monat Januar, an einem frischen und klaren
Nachmittage - es mochte an fünf Uhr sein - gingen zwei Männer neben einander
nach der äusseren Stadt, wo die regelmässigen Strassen aufhörten und wo nur hie und
da einzelne Häuser zwischen Gärten lagen.
    Der eine dieser Männer, eine grosse kräftige Gestalt, schritt aufrechten
Hauptes einher und hatte im Gehen die Gewohnheit, dass er etwas mit dem
Oberkörper hin- und herwankte.
    Der Andere, ein kleines, mageres Männchen, hatte die Hände auf den Rücken
gelegt, und bei jedem Schritte, den er machte, folgte sein Kopf, wohl
unwillkürlich, dieser Bewegung und war deshalb in einem unaufhörlichen Nicken
begriffen.
    Ersterer war der junge Hammer, Sohn des ersten Teatermaschinisten, der
Andere Herr Schellinger, der Teaterschneider.
    Beide gingen eine Zeitlang stillschweigend ihres Weges dahin; nur zuweilen
räusperte sich Herr Hammer, indem er einen Seitenblick auf seinen kleinen
Gefährten warf, oder Herr Schellinger hob den Kopf in die Höhe, zog seine Nase
empor, schnüffelte in der Luft und sagte mit seiner dünnen Stimme: »Heute wird's
malitiös kalt.«
    Bald liessen sie die letzten Häuser hinter sich und kamen in die Nähe der
Stadtmauer, wo der Garten lag, durch welchen uns zu begleiten der geneigte Leser
schon einmal so freundlich war, als wir uns nämlich in die Wohnung und in die
Kleinkinderbewahranstalt des Meister Schwemmer begaben.
    Herr Hammer und Herr Schellinger traten ebenfalls in diesen Garten, doch
gingen sie nur bis zum kleinen baufälligen Hause, in welchem, wie wir bereits
wissen, der Garderobegehilfe seine armselige Wohnung hatte.
    Der junge Zimmermann blieb vor der Türe stehen, stemmte die Arme in die
Seite und sagte, während er an dem Hause hinauf blickte: »Nimm mir nicht übel,
Schellinger, das ist in der Tat eine scheussliche Baracke. Wenn es Einer von
unserem Handwerk sieht, so muss ihm völlig übel werden. Es ist mir immer, als
sollte ich mit der Schulter auf die eine Seite drücken, dass dies Gestell wieder
in's Blei käme. Aber ich fürchte, es könnte umfallen. Sind dir die schiefen
Fussböden nicht selbst unangenehm?«
    »Mir gewiss nicht,« entgegnete ruhig der Schneider, »ich bin das so gewohnt;
es erweckt in mir auch eine höchst angenehme Erinnerung, denn von allen Tagen,
die ich auf meinen weiten Reisen zubrachte, waren es die glücklichsten, wo ich
in einem Dorfe lebte, in welchem alle Häuser noch weit schiefer standen als
dieses hier.«
    »Und wo war denn das, Schellinger?«
    »Das war da vornen,« versetzte der Garderobegehilfe, indem er mit dem
Zeigefinger seiner linken Hand vor sich hinwies, »in der Wallachei, weisst du, wo
alle Männer, die nicht heiraten, zu Wallachen gemacht werden.«
    »Teufel auch!« sagte lachend der Zimmermann. »Wie bist denn du da glücklich
durchgekommen?«
    »Ah! das ist sehr einfach. Ich habe mich in jedem Orte, wohin ich kam,
provisorisch verheiratet; das geht da vornen herum sehr leicht.«
    »Ah so!«
    »Ja wohl, lieber Richard - Aber siehst du, mit dem Dorfe war es so: das lag
nämlich am Fusse eines starken Geberges, von welchem im Herbst, wenn der Schnee
schmolz -«
    »Schellinger, du meinst im Frühjahr.«
    »Nein, auf Ehre! dort schmilzt er im Herbst. - Und dann kamen dir also die
grausamsten Wasserbäche von den Felsen herabgestürzt, und Alles auf das Dach
los, und da die Häuser sehr tief lagen, so schoss es zu den Fenstern herein; und
deshalb standen alle Gebäude schief. - Verstehst du, Richard - damit das
Schneewasser drüben ablaufen konnte.«
    »Ah! das muss ich mir merken; das ist eine schöne Einrichtung.«
    »Ja, sehr schön,« sprach melancholisch der Garderobegehilfe, während er
seinen Schlüssel aus der Tasche zog und anfing, die baufällige Treppe hinauf zu
klettern. Auf der Mitte derselben angekommen, sah er sich aber nach seinem
Gefährten um, der drunten stehen geblieben war und ihm lachend zurief:
    »Geh nur voran, Schellinger! Mich soll der Teufel holen, wenn das Ding da
uns Beide trägt. Wenn dein Hausherr nicht so ein niederträchtiger Hund wäre, da
käme ich aus reiner Menschenliebe her und nagelte es mit ein paar Brettern
zusammen. Das wankt ja, dass Einem angst und bange wird.«
    »Ich mache mir nichts daraus,« entgegnete der Schneider, indem er vollends
hinaufstieg. »Wenn man zum Beispiel in Amerika reist, da wird man solche Stege,
die immer auf- und abgehen, sehr leicht gewöhnt. Weisst du, Richard, in den
Sümpfen; so ein Sumpf ist seine viertausend Schuh tief, und da muss man hinüber,
hat aber weder Damm noch Brücke.«
    »Da geht man wohl auf Stelzen,« bemerkte Herr Hammer, der nun ebenfalls
vorsichtig die Treppe hinauf geklettert war.
    »O nein,« sagte sehr ernst der Andere, »das müssten ja Stelzen von
viertausend Fuss Länge sein, und wenn ich mich je unterstehen wollte, euch so
etwas zu erzählen, da würde es gleich wieder heissen: wie der Schellinger lügt! -
Nein, nein! aber die amerikanische Regierung hat unzählige Alligatore
angestellt. - Weisst du, was ein Alligator ist?«
    »Ja, ich glaube eine Art Krokodil.«
    »An die achtzig Schuh lang und zehn Schuh breit. Aus ihrem Fette macht man
die Stearinkerzen. - Verstehst du: die ächten; aber das kommt nicht hieher. -
Nun also, die Krokodile werden auf Kosten der Regierung gefüttert und sind famos
abgerichtet. Wenn nun ein Reisender kommt (er muss aber einen Schein gelöst haben
für die Krokodilenpost), da ruft er nur: Giv Achtong! und da reihen sich die
Bestien an einander, wobei eins das andere immer in den Schwanz beisst. - Und das
ist eine vortreffliche Brücke; aber sie schwankt ein bisschen.«
    »Das kann ich mir denken, Schellinger.«
    »Aber sonst ist sie vollkommen sicher; man muss sich nur in Acht nehmen, dass
man so einem Krokodil nicht gerade auf die Nase tritt, denn sonst fängt es an zu
niesen, und wenn es niest, da hilft dir aller Schutz der amerikanischen
Regierung nicht mehr, da fällst du in den Sumpf, wie es schon manch' Einem
geschehen ist.«
    Bei diesen Worten hatte Herr Schellinger seine Stubentüre geöffnet, und
Beide traten in das mehr als dürftig möblirte Zimmer. Da befand sich nur ein
alter Tisch, eigentlich nur ein Brett, das an der Wand stand, von einem einzigen
Fusse unterstützt, ferner zwei sehr wackelige Stühle, und in der Ecke ein
Geräte, welches die Frechheit hatte, sich für ein Bett auszugeben, in Wahrheit
aber nichts war, als ein hölzerner Schragen mit einer alten Wollenmatratze,
einem Kopfkissen, auf welchem als Decke ein Stück Teppich lag, sowie ein
langgedienter Reitermantel. Leintücher hatte sich Herr Schellinger längst
abgewöhnt; in Indien nämlich hatte er einen unüberwindlichen Abscheu dagegen
gefasst wegen der vielen Tausendfüsse und Schlangen, die sich nach frischer Wäsche
sehnen und deshalb zu einem in's Bett kriechen. - Was einen Ofen anbelangt, so
war davon nirgend eine Spur zu sehen, Herr Schellinger behauptete auch, Frieren
und Schwitzen seien Fehler, die man sich abgewöhnen könne, und er habe es darin
sehr weit gebracht. Er behandelte dies Kapitel auch heute wieder, als nämlich
Richard sagte: »Puh! Schellinger, bei dir ist es kalt!« und dabei in seine Hände
blies.
    »Ich zehre immer noch an meinen Reise-Erinnerungen in Brasilien,« versetzte
er gleichmütig. »Wir haben da eine übermenschliche Hitze ausgestanden. Hier
schwitzt man auch, aber das ist gar nicht der Rede wert. Ich habe einstmals in
Rio bei einem Maler gearbeitet, das heisst, ich musste ihm Modell sitzen, denn er
behauptete, mein Kopf sähe dem des Kaisers Napoleon auf eine wahrhaft
erschreckliche Weise ähnlich. Da sass ich nun auf meinem Stuhl und hatte die
Beine um die Füsse desselben herum geschlungen; es waren, glaube ich, an dem Tag
hundertundvierzig Grad Hitze. - Nein, es waren hunderteinundvierzig, weil bei
hundertundvierzig noch Schule gehalten wird, aber bei hunderteinundvierzig haben
die Kinder Hitzvakanz. - Da sass ich also, und lief der Schweiss so an mir
herunter, dass von den beiden Stuhlfüssen, wo Alles zusammen kam, ein paar
ordentliche Bäche bis nach der Stubentüre hinliefen. - Auf Ehre! Richard, ich
bekam für die Stunde Modellsitzen einen preussischen Taler.«
    »Ei Schellinger!« rief lachend der Zimmermann, »dabei hättest du die
schiefen Häuser aus der Wallachei brauchen können. - Aber wenn es dir nun recht
ist, so wollen wir ein bisschen von unserer Angelegenheit reden.«
    dabei hatte er sich einen Stuhl genommen, ihn vorher sorgfältig geprüft und
sich dann darauf niedergelassen. Herr Schellinger machte es seufzend und mit
empor gezogenen Augenbrauen ebenso, nur schlug er die Hände über einander, die
Jener fröstelnd in seine Hosentaschen gesteckt hatte.
    »Du weisst also,« begann Richard, »worum es sich eigentlich handelt; wir
wollen, wenn es möglich ist, der Katarine, der armen Weibsperson, wieder zu
ihrem Kinde verhelfen, das, wie du selber meinst, da drüben in dem Hause ist.«
    »Der Beschreibung nach vermute ich das wohl,« erwiderte der Schneider; »sie
liessen mich freilich nur einen kleinen Blick in den Affenstall hinein werfen,
aber da sah ich so ein Ding, wie man es mir beschrieben, auch hatte es ein
blaues wollenes Kleid an.«
    »Und es sah in dem Stalle so jämmerlich aus.«
    »O,« erwiderte kopfschüttelnd Herr Schellinger, »über alle Massen. Ich habe
auch da hinten herum mancherlei Elend gesehen, namentlich bei den
Frosch-Indianern; die wohnen nämlich in Sümpfen und quacken wie die Frösche.
Beiläufig gesagt, behauptet man, von ihnen stammen die amerikanischen Quäcker
her; ich habe aber hierüber nicht in's Klare kommen können. - Die
Frosch-Indianer nun haben die sehr schlechte Gewohnheit, sich gegenseitig ihre
Kinder aufzuessen, und da das doch die Regierung der Vereinigten Staaten, wo sie
naturalisirt sind, nun einmal nicht leiden kann, so hat sie grosse
Kleinindianerkinderbewahranstalten errichten lassen, wo es aber, unter uns
gesagt, arg genug hergeht.«
    »Ich will dir das recht gern glauben,« sagte einigermassen ungeduldig der
Zimmermann. »Aber jetzt handelt es sich nicht von Frosch-Indianern, sondern von
Meister Schwemmer und der Katarine ihrem Kind. - Du weisst also genau, was du
bei der Geschichte zu tun hast?«
    »Ja, ich weiss es,« antwortete der Garderobe-Gehilfe; worauf er in tiefem
Nachsinnen seine Hände auf den Knieen faltete und den Kopf auf die Brust sinken
liess. »Ich weiss es ganz genau. - Aber da war dazumal bei den Frosch-Indianern -
nein, nein! ich irre mich: es war bei den Vögelnegern! - ein ganz verfluchter
Kerl, eigentlich ein Verbrecher. - Richard, hast du je Schillers Verbrecher aus
verlorener Ehre gelesen?«
    »Ich glaube wohl; aber bleibe bei der Sache, Schellinger?«
    »Gleich, gleich, lieber Richard,« erwiderte jener sanftmütig. - »Also
dieser Kerl - ich glaube ein Preusse - war also auch ein Verbrecher geworden,
nicht aus verlorener Ehre, sondern weil es ihm unmöglich war, irgendwo eine
Schraube festsitzen zu lassen.«
    »Ach dummes Zeug!«
    »Nein, auf meine Ehre! Richard. Schon als ganz kleines Kind fing er damit
an, wo es sich nur tun liess, eine Schraube heraus zu ziehen; ich sage dir, wenn
er eine sah, so zitterte er ordentlich drauf hinein. Da halfen keine Schläge und
gar nichts; und das ward immer ärger, je mehr er heran wuchs.«
    »Nun, so lass ihn in's Teufels Namen heranwachsen, und gib mir einmal eine
vernünftige Antwort, denn wenn du so hartnäckig zerstreut bist und immerzu auf
Reisen, da kann ja kein Mensch ein vernünftiges Wort mit dir reden.«
    »Ja, du hast Recht, lieber Richard,« sagte melancholisch der Schneider,
indem er sich mit der Hand über die Stirne fuhr und tief aufseufzte; »es ist das
allerdings eine schlechte Angewohnheit und plagt mich sehr. Es ist ein Unglück,
dass ich diese weiten Reisen gemacht habe und es nun einmal nicht lassen kann,
die Menschen aus meiner Erinnerung zu belehren. - Was habe ich davon? - Nichts
als Undank! Ich weiss ja wohl, was die Leute sagen, wenn ich weggegangen bin. -
Wie der Schellinger gelogen hat! lachen sie. Und siehst du, Richard, die
Reputation eines Lügners zu haben, ich, der nur die Wahrheit spricht, das bringt
mich noch unter den Boden.«
    »Das sagt ja auch kein Mensch,« entgegnete begütigend der Zimmermann; »ich
am allerwenigsten. Nur meinte ich eben, du solltest deine Phantasie ein bisschen
bemeistern und auch hie und da einmal von anderen Dingen sprechen, als von
deinen schönen Reisen.«
    »Ach, die Phantasie!« versetzte traurig Herr Schellinger, »die ist stärker
als unser Wille; ich habe davon die schrecklichsten Beispiele. Glaubst du wohl,
Richard, dass ich neulich des Nachts mich so in meinen Phantasieen verlor, dass
ich deutlich die Brücke in Hinterindien vor mir sah, wo ich auf meinem Zebra in
den Fluss hinabsprang, als mich der Oberst der leichten Braminen-Kavallerie
verfolgte. Es war eigentlich ein Halbtraum, aber so schrecklich und deutlich,
dass ich, als ich aufwachte, nachdem ich geträumt, ich sei im Wasser gelegen, nun
über und über nass war. - Glaubst du das, Richard?«
    »Ja, ja, ich glaube es dir, Schellinger. Aber jetzt ruf' deine Phantasieen
zurück und lass uns einmal ein anderes Gespräch anfangen. - Du wirst also beim
Dunkelwerden hinübergehen?«
    »In einer halben Stunde.«
    »Bei Meister Schwemmer setzst du dich wie oft an den Ofen und erzählst deine
Geschichten, musst aber solche Dinge vortragen, das sie dir nicht glauben.«
    »Das wird schwer angehen,« meinte Herr Schellinger.
    »Na, versuch' es nur. - Wenn sie dir also nicht glauben wollen, und das
sagen, so ereiferst du dich und machst ihnen einige Grobheiten. - Das kannst du
doch? - So gibt denn ein Wort das andere; am Ende bedrohen sie dich vielleicht,
du lässt dir nichts gefallen, ihr kommt aneinander, und dann machst du von deiner
Waffe Gebrauch. - Du hast doch deine Pistole bei dir?«
    »Hier ist sie,« entgegnete der Schneider und zog ein rostiges
Teater-Terzerol aus der Tasche. »Der Inspizient hat es mir geliehen und auch
mit einem schwachen Schusse geladen.«
    »Es ist aber doch kein Schrot darin?«
    »Gott bewahre! nur ein leichter Pfropfen. Auch werde ich damit an die Decke
hinauf halten.«
    »So ist's recht. - Zu gleicher Zeit schreist du um Hilfe, und dann sind wir
wie ein Donnerwetter bei der Hand.«
    »Was meinst du, Richard,« sagte Herr Schellinger nach einer Pause, »wenn sie
mir zu hart auf den Leib gehen, soll ich nicht vielleicht den Einen oder Anderen
zu Boden schlagen?«
    »Nein!« entgegnete der Zimmermann, indem er lächelnd die miserable Figur des
Schneiders betrachtete. »Lass das nur bleiben.«
    »Das ist eigentlich schade,« fuhr dieser fort; »ich könnte dabei so gut den
Handgriff anbringen, den mich die Tscherkessen gelehrt. Man bewegt nur die Faust
ein wenig, lässt sie ganz sanft niederfallen, und wenn man dabei die richtige
Stelle trifft, so stürzt dir ein Ochs zusammen. - Aber wenn du meinst, so tue
ich es nicht.«
    »Ich meine wirklich, es werde besser sein, wenn du es bleiben lässt,
Schellinger; du hast überhaupt in dem Augenblick viel zu beobachten. Wenn du um
Hilfe schreist, so musst du im gleichen Augenblicke das Fenster oder die Türe
aufreissen. - Jetzt aber noch Eins. Was du hier an Habseligkeiten hast, das
packen wir gleich zusammen, denn dableiben kannst du begreiflicherweise nach der
Geschichte nicht mehr; wir wollen schon ein Quartier für dich besorgen.
Vorderhand kannst du zu mir ziehen, wir haben eine Kammer und ein Bett, besser
als dieses hier. Es wäre gut, wenn du mit dem Einpacken gleich anfingest; ich
lege dann die Geschichten irgendwo hin, von wo wir sie nachher mitnehmen
können.«
    »Das Zusammenpacken ist schnell besorgt,« erwiderte trübe lächelnd der
Garderobe-Gehilfe. »Wenn ich bedenke, wo all' die schönen Sachen hingekommen
sind - ich kam damals aus Indien zurück mit vierundsechzig Kisten - wo sind sie
geblieben? - Gott weiss es! Aber das machte mir keinen Kummer, ich habe mir
vorgenommen, nächstens einmal wieder eine Tour zu machen, und da werde ich schon
wieder was Besonderes finden. - Wenn es dir Spass macht, Richard, so bringe ich
dir einen wahnsinnigen Affen in Lebensgrösse mit.«
    »Und warum gerade einen wahnsinnigen, Schellinger?«
    »Ja siehst du, Richard, die gewöhnlichen sind zu toll und unanständig und
man kann nichts mit ihnen anfangen. Haben sie aber einmal ihren Affenverstand
verloren, so werden sie gelehrig und vernünftig wie ein Mensch. Sie sind
freilich sehr teuer, aber das kommt mir bei dir nicht darauf an.«
    Während er das sprach, war er aufgestanden, hatte eine alte Kiste unter dem
Bettschragen hervorgezogen, und fing nun an, sie auf den Boden auszuleeren, zu
welchem Zwecke er ein nicht mehr ganz neues Hemd ausbreitete und darauf allerlei
unbedeutende Gegenstände, als: Knochen, Glas, kleine Stücke Holz, vergilbte
Papiere, Haarbüschel, auch abgerutschte Tressen, schmierige Rockaufschläge und
Kragen und dergleichen mehr niederlegte.
    »Ich hatte einmal solch einen wahnsinnigen Affen,« sagte er währenddem, »und
er war mir lange Jahre ein treuer und redlicher Bedienter. Er war ohne alle
Unarten; nur konnte er es nicht ertragen, wenn man ihm von seinem früheren
Stande sprach. Da wurde er grob und sagte mir oft die bittersten Wahrheiten. -
Siehst du, Richard,« unterbrach er sich selbst, indem er ein kleines Papier
hervorzog, es aufmachte und dem Zimmermann eine Wurstaut darreichte, »sieh, das
kannst du mitnehmen, es ist ein Stück Brillenschlangenhaut, davon brauchst du
dir nur ein klein wenig um die Finger zu wickeln, und alle Schlangen, die dir
begegnen, ergreifen augenblicklich die Flucht. Es beisst dich alsdann keine; auf
Ehre! du kannst es mir glauben. - Da nimm es und tu' mir nur den Gefallen, es
gleich zu probiren. - Ich will ein Lügner sein und ein schlechter Mensch, wenn
du mir morgen nach dem Teater sagen kannst, es habe dich eine einzige
Klapperschlange oder dergleichen Zeug gebissen.«
    »Hilft es auch gegen die Flöhe!« fragte lachend der Zimmermann, während er
die vertrocknete Wurstaut in die Tasche steckte.
    »Lass einmal sehen. - Gegen die Flöhe?« erwiderte Herr Schellinger,
streichelte gedankenvoll sein spitzes Kinn und sah zum Fenster hinaus. »Lass doch
einmal sehen,« wiederholte er alsdann. - »Nein, gegen die Flöhe hilft es nicht;
aber hier habe ich was Anderes für diesen Zweck, was mir in Arabien gute Dienste
geleistet.«
    Bei diesen Worten griff er in den Kasten und händigte seinem Freunde etwas
ein, was dieser laut lachend betrachtete.
    »Das ist ja ein Stiefelzieher,« sagte er.
    »Nein, nein, gewiss nicht! Man braucht das in Arabien, um den Flöhen die
Zähne auszubrechen.«
    »Da müssen sie ungeheuer gross sein, Schellinger.«
    »O, es geht so an,« entgegnete der Schneider. »Die grössten, die ich gesehen
habe, waren wie hier zu Lande ein kleiner Pudel. Doch soll's hinter Palmyra, wie
glaubwürdige Reisebeschreibungen versichern, noch viel grössere geben. Ich kam
aber nicht dahin, sie wollten mir in Damaskus meinen Pass nicht weiter visiren,
indem der dortige Oberamtmann behauptete, ich sei von meiner Regierung als
militärpflichtig reklamirt worden.«
    Unter diesen Erzählungen hatte der Schneider sein Bündel gepackt und übergab
es Richard, der ebenfalls aufgestanden war und es unter den Arm nahm. -
    Die Sonne war untergegangen, klar und rein, wie sie den ganzen Tag
geschienen, und hinterliess noch lange nachher eine Röte am Horizont im Westen,
so tief und glühend, dass die Nebel, welche sich im nächsten Augenblick über die
Stadt lagerten, sie nicht zu bewältigen vermochten, sondern von ihr dunkelrot
gefärbt wurden.
    Der Zimmermann trat an's Fenster und sagte, während er hinausblickte: »Das
wird eine kalte Nacht werden; ich bin froh, dass ich mich warm angezogen habe;
denn wir werden doch eine Zeit lang draussen auf dich warten müssen.«
    »Ja, kalt wird es werden,« meinte auch der Schneider. »Schau, wie blutig der
Nebel aussieht. Wenn man an Vorbedeutungen glauben wollte, so könnte man
vielleicht denken, unser Unternehmen möchte nicht ganz gut ablaufen.«
    »Denkst du etwas dergleichen?« fragte Richard. »Schellinger! Schellinger! du
hast dich so bereitwillig zu deinem Posten angeboten; noch ist es Zeit,
zurückzutreten, wenn du etwa Furcht haben solltest. - Aber das will ich nicht
glauben, du hast dich immer als mutig bewährt.«
    »Furcht?« sprach geringschätzend der Garderobe- »Ich meine, ich hätte in
meinem Leben Mut genug gezeigt; von meinen Reisen will ich diesmal nichts
reden, denn sie sind weltbekannt. Aber du wirst dich wohl erinnern, dass ich ein
ganzes Jahr lang Teaterdiener war, als der alte Stütz gestorben.«
    »Das weiss ich freilich. - Aber zu dem Geschäft gehört doch kein besonderer
Mut.«
    »Mut und Entschlossenheit. Geh' du einmal zu einer ersten Sängerin hinein,
wenn sie ohnehin schlechter Laune ist, wenn sie sich einbildet, heiser zu sein,
weil sie nicht singen mag. Tritt du vor sie hin und fordere ihr irgend eine
Rolle ab. - Lieber Freund, ich habe mancher Löwin ihre Jungen weggenommen - das
taten wir in Indien zur Bewegung vor dem Frühstück - und habe nie dabei
gezittert. - Aber hier! - Oder bring' einem ersten Künstler den Befehl der
Intendanz, eine, wie er glaubt, untergeordnete Rolle zu spielen, oder auch die
Verweigerung eines neuen Kostüms! - Da heisst es Courage haben und fest
hinstehen. Aber da drüben der Schwemmer, das ist mir ein Kinderspiel.«
    »Es ist aber nicht nur der Schwemmer allein,« erwiderte der Zimmermann,
»sondern die Kneipe hinten im Hofe soll eine Auflage alles möglichen Gesindels
sein.«
    »Das ist schon wahr,« fuhr der Schneider nachdenkend fort. »Aber ich kenne
sie Alle; wie schon gesagt, der Schwemmer kann kaum von seinem Stuhle aufstehen,
sonst bringt ihn der Husten um. Da ist nun ferner ein Monsieur Sträuber, ein
hochnasiger Schuft, der aber nicht für einen Pfennig Mut im Leibe hat. Der
einzige tüchtige Kerl, der da sein könnte, ist ein gewisser Matias. - Doch,«
setzte er mit ungewohnter Aufrichtigkeit hinzu, »tut er einem armen Schneider,
wie ich bin, nichts zu Leide.«
    »Für alle Fälle,« versetzte Richard nach einer Pause, »haben wir auch gute
Freunde, die uns unterstützen werden.« - Er lehnte sich bei diesen Worten
abermals an das Fenster und blickte auf die langsam dunkler werdende Stadt, wo
sich schon hie und da einzelne Lichter zeigten. »Die Katarina war neulich bei
einem Doktor, dem hat sie ihre Sache anvertraut und erzählt, dass sie
hauptsächlich durch deine Hilfe ihr Kind wieder zu erlangen hofft. Es soll das
ein braver Herr sein, und er hat mit dem Polizei-Kommissär dieses Viertels
gesprochen, damit irgend Jemand in der Nähe ist, wenn wir allenfalls Hilfe
brauchten.«
    »Ich habe mit der Polizei nicht gerne zu tun,« sagte Herr Schellinger; »es
ist das für anständige Leute immer eine unangenehme Geschichte. Das tappt nur so
zu, namentlich im Dunkeln, und wenn sie selbst einmal den Unrechten beim Kragen
nehmen, so lassen sie ihn so bald nicht wieder fahren.« - Er schlug die Arme
über einander und blickte, wie es schien, mit allerlei Gedanken beschäftigt,
in's Freie hinaus, an den Himmel empor, wo sich trotz des Nebels einige Sterne
mit blassem Lichte zeigten. - »Und wo ist die Katarine?« fragte er nach einer
Pause.
    »Ganz in der Nähe,« entgegnete Richard; »in der Verwirrung, wo wir dir zu
Hilfe springen, wird sie in das Haus eilen, nach dem Affenstall, wie du die
Kinderstube nennst, und dort ihr Mädchen holen.«
    »Schön, schön; das ist nicht schlecht arrangirt. So wollen wir denn jetzt an
die Ausführung gehen.«
    »Ist es nicht noch zu früh.«
    »Nein, später lassen sie mich gar nicht mehr in's Haus.«
    »Und wie lange glaubst du, dass es dauern wird, bis wir zu tun bekommen?«
    »Ich denke, so eine halbe Stunde bis drei Viertel; wenn sie nicht gar zu
sanftmütig gelaunt sind, so ist es Zeit genug, um einen Streit mit ihnen
anzufangen.«
    »So geh' denn hinunter, Schellinger,« sagte der Zimmermann, während er ihm
mit komischem Ernste beide Hände auf die Schultern legte. »Denk, du seist in
Hinterindien oder in Vorderasien und gehest zur Attaque auf irgend einen wilden
Indianerstamm. Halte dich tapfer und schreie zur gehörigen Zeit und recht laut
um Hilfe.«
    »Daran soll's nicht fehlen,« erwiderte der Schneider, der noch einen Blick
rings durch die Stube laufen liess, während er sich anschickte, sie zu verlassen.
Plötzlich blieb er stehen, schlug sich vor die Stirne und sagte: »Wie kann man
auch so vergesslich sein! Hätte ich doch bald etwas ganz Notwendiges übersehen!
- Richard, du musst mir die Liebe tun, da ich selbst keine Zeit mehr dazu habe,
an meine Stubentüre ein Papier zu kleben und darauf zu schreiben: Schellinger
wohnt nicht mehr hier, ist aber zu erfragen auf einem hochpreislichen
Hofteater-Intendanz-Bureau. - Es ist das für mich von grosser Wichtigkeit, denn
von Tag zu Tag erwarte ich den Besuch eines meiner besten Freunde, eines
russischen Fürsten, mit dem ich in Kairo beim Vizekönig zu Gast war. Er
versprach mir, mich in Deutschland zu besuchen, und sagte noch beim Abschied mit
Tränen in den Augen zu mir: Paschol Durak - Schellinger! was so viel heissen
will, als: Schellinger, ich werde dich niemals vergessen. - Nicht wahr, Richard,
das besorgst du mir? - Es war ein guter Kerl, dieser Russe, und er würde mir
niemals vergeben, wenn er hier vor meine verschlossene Stubentüre käme.«
    Der Schneider reichte hierauf seinem Freunde die Hand, bezeichnete auf der
Stubentüre die Stelle, wo er das Plakat angebracht zu haben wünschte, und stieg
hierauf vorsichtig die Treppe hinab. Als er aber unten angekommen war, blieb er
stehen und rief einige Male Richards Namen.
    »Was soll's?« antwortete dieser in das dunkle Haus hinab, wo er die Gestalt
des Schneiders nicht mehr erkennen konnte.
    »Nur noch eine Kleinigkeit,« versetzte der Garderobe-Gehilfe. »Du musst auf
das Plakat über die Notiz, wo ich zu finden bin, statt meines einfachen Namens
schreiben: der berühmte Reisende von Schellinger, denn nur so kennt mich mein
Freund, der russische Fürst. - Jetzt aber gehab' dich wohl und fall' mir nicht
die Treppen hinunter.«
    Richard hörte nun für den Augenblick nichts weiter, als die tappenden
Schritte, mit welchen Herr Schellinger sich entfernte, sowie das Knarren der
Türe, als derselbe das Haus verliess.
 
                              Sechzigstes Kapitel.
                                      Er!
Meister Schwemmer sass, wie fast immer, so auch am heutigen Abend auf seinem
gewöhnlichen Platz am Ofen, die angeschwollenen Füsse in Filzschuhen, auf den
Knieen das unvermeidliche rotkarrirte Tuch, dessen eigentliche Bestimmung es
war, den vielen von den Fingern herabfallenden Schnupftabak wieder aufzufangen.
Hierauf hielt die Frau, und sie vergass nie, dieses Tuch mehrmals des Tags in ein
Papier auszuschütteln.
    Vor dem Hausherrn sass rittlings auf einem Stuhle Herr Sträuber; er hatte die
Hände auf die Lehne desselben gelegt und rieb sein spitzes Kinn auf ihnen hin
und her. Madame Schwemmer befand sich in einer Ecke des Zimmers und schälte
Kartoffeln, ging aber häufig in die Küche hinaus, um, wie sie sagte, nach dem
Kindsbrei zu sehen, der auf dem Herde schmorte, in Wahrheit aber, um regelmässig
eine kleine Herzstärkung zu sich zu nehmen.
    Herr Sträuber musste etwas erzählt haben, was den Anderen einigermassen
überrascht, denn dieser schüttelte mit dem Kopfe, machte grosse Augen und ein
schiefes Maul und meinte alsdann: »So, so! - Ei, ei! - und spurlos
verschwunden?«
    »Spurlos!« entgegnete Herr Sträuber, indem er seinen Kragen in die Höhe zog;
»das heisst, wohlverstanden, spurlos als Lebender. Freilich todt genug zog man
ihn am andern Morgen aus dem Kanal hervor.«
    »Ah! das ist doch was Anderes! da wusste man also doch, wo er geblieben war!
- Und wer besorgt dergleichen Geschichten?«
    »Bssst! Meister Schwemmer! darüber spricht man nicht gern; es weiss es auch
eigentlich Niemand genau, wer da den Scharfrichter spielt. Genug, es ist schon
einige Male vorgekommen, so viel ich weiss.«
    »Und da spricht er ganz einfach einen Urteilsspruch?«
    »Nachdem er drei, vier der Andern gehört hat, und sie seiner Meinung sind.«
    »Na, da ist doch eigentlich eine Art von Gericht, und dagegen kann man
nichts haben.«
    »Ganz richtig: dabei wäre am Ende auch nichts zu erinnern. Aber er übt auch
sonst - unter uns gesagt - eine zu wahnsinnige Tyrannei aus. Kann Einer von uns
wohl tun, was er mag? - Hat irgend Einer einen freien Willen? - Nein! nein!
beim Teufel! nein! Ich versichere Euch, Meister Schwemmer, ich gehe stark mit
der Absicht um, wieder ehrlich zu werden und mein Brod auf anständige Weise zu
verdienen. Ich absonderlich tauge nicht in diese Gesellschaft; man hat eine
Erziehung genossen, man hat eine Vergangenheit, und dann - gibt es ein paar zu
schöne Augen, die mich oftmals mit heissen Tränen bitten, aus dem Dunkel
hervorzutreten, in das mich unsere Lebensweise hüllt. - Schöne Augen!«
    »Nun, wenn die schönen Augen Geld haben, so heiratet sie in Gottes Namen
und lebt Eurer Erziehung und Eurem Stande gemäss.«
    »Findet Ihr das nicht auch, Meister: ich bin zu nobel, zu vornehm für dies
Gewerbe?«
    »Das wollte ich gerade nicht sagen,« meinte hustend der Hausherr. »Wisst Ihr,
Sträuber, Euch fehlt der rechte Mut zu unserem Geschäft, Ihr habt Angst vor
einem Handgemenge, Ihr seid zu weich.«
    »Richtig, richtig, Meister Schwemmer!« erwiderte schwärmerisch der Andere,
wobei er den Hut, den er auf dem Kopf hatte, fest in die Augen drückte. »Das
sagt meine Gräfin mit den schönen Augen auch. Was mich dieses Weib liebt, davon
habt Ihr gar keine Vorstellung. - Es frisst mir das Herz ab, wenn ich sie so
vornehm und stolz vorüber fahren sehe, und dabei bedenke, was ich für ein
miserabler Sklave bin. - Und Sklaven sind wir, das ist nicht zu leugnen.«
    Als Herr Sträuber von der schönen Gräfin sprach, nahm der Hausherr eine
gewaltige Prise und kniff sein linkes Auge zu gegen das Weib hin, das darauf
verächtlich lächelnd die Achseln zuckte.
    »Glaubt Ihr nicht, dass wir Sklaven sind?« fuhr Herr Sträuber fort, da er
diese Grimasse, welche seiner angeblich vornehmen Bekanntschaft galt,
missverstanden.
    »O ja doch,« entgegnete Meister Schwemmer; »namentlich Ihr vom Fuchsbau.
Mich hier lässt er so ziemlich im Frieden.«
    »Wartet nur; ich sehe es auch noch kommen, dass er Euch irgend was am Zeuge
flickt. Er soll neulich zu Matias gesagt haben: was wisst Ihr von der
Wirtschaft bei dem Schwemmer? Da sollen zuweilen saubere Geschichten vor sich
gehen; sagt ihm mein Kompliment und er soll sich in Acht nehmen.«
    »Hat er das wirklich gesagt?« fragte der Meister, der einen plötzlichen
Schrecken mühsam hinter einem leichten Hüsteln zu verbergen suchte, wogegen das
Weib Kartoffeln und Messer in den Schoss fallen liess und mit weit offenem Munde
drein schaute.
    »Ja, das hat er gesagt?« fuhr Herr Sträuber fort, offenbar sehr befriedigt
durch die Wirkung, welche diese Worte hervorgebracht. - »Von mir sprach er
ebenfalls, und nicht gerade besonders schmeichelhaft; er nennt mein unschuldiges
Vergnügen, den kleinen Kindern die Ohrringe wegzunehmen, ein gemeines
Verbrechen, eine Schande; er wolle ein Wort mit mir reden, wenn er sich einmal
von der Wahrheit überzeugt. - Nun, ist das keine Sklaverei? Müssen wir uns eine
solche Herrschaft gefallen lassen?«
    Der Andere winkte mit der Hand, als wollte er sagen: stille, stille! Und
dann fragte er mit leiser Stimme: »Woher erfährt er denn alle diese
Geschichten?«
    »Das weiss der Teufel!« sagte Herr Sträuber; »aber ihm bleibt nicht leicht
etwas verborgen. - Ich habe immer schon gedacht, der Matias mache zuweilen den
Spion gegen uns.«
    »Nein, gewiss nicht!« erwiderte Meister Schwemmer im Tone der Ueberzeugung.
»Der Matias ist ein rauher Kerl, aber verraten tut der Niemand. - Es ist das
überhaupt ein rätselhafter Herr,« fuhr er nach einer Pause fort.
    »Wer? - der Matias?«
    »Ach nein! er! - Habt Ihr ihn kürzlich gesehen?«
    »Gott sei Dank! nein; nur neulich zufällig erfahren, dass er im Hause sei,
wie die Geschichte mit dem Lakaien spielte.«
    »Aber Ihr spracht ihn früher schon?«
    »Ein einziges Mal. Und ich muss gestehen, da machte er auf mich einen
gewaltigen Eindruck. Er ist nicht übermässig gross, aber seine Stimme geht Einem
durch Mark und Bein, und wenn er eine Bewegung macht, auf und ab geht oder etwas
tut, so meint man, seine Glieder seien von Stahl und Eisen.«
    »Ja, ja, so ist es,« entgegnete der Hausherr, während er langsam den Kopf in
die Hand sinken liess. - »Aber glaubt Ihr wohl,« fuhr er nach einer Pause fort,
»dass ihn Jemand von den Anderen genau kennt?«
    Herr Sträuber schüttelte den Kopf und versetzte: »Sehr genau kennt ihn gewiss
Niemand, am besten wohl der Matias, und dann der Josef, dessen Ihr Euch wohl
noch erinnern werdet.«
    »Richtig, der Josef! - Wo ist der wohl geblieben?«
    »Hm! hm!« machte der Andere. Dann hob er den Kopf in die Höhe und blickte
seinem Gegenüber forschend in die Augen, so dass dieser fortfuhr:
    »Vor mir braucht Ihr Euch nicht zu geniren, denn wir kennen uns lange und
genau genug.«
    »Das ist schon wahr,« meinte Herr Sträuber und blinzelte mit den Augen. »Ich
habe eigentlich auch schon lange mit Euch darüber sprechen wollen; jedoch -« er
warf einen Blick auf das Weib in der Ecke, welchen der Hausherr vollkommen
verstand, denn er sagte augenblicklich mit seiner heiseren Stimme:
    »Geh' hinaus und schaue einmal nach den Kindern; ich meine, ich hör' da ein
Geschrei.«
    Worauf sie sich mit einer unmutigen Bewegung erhob und das Zimmer verliess.
    »Nun -?«
    »Der Josef verschwand also plötzlich spurlos und blieb wenigstens ein ganzes
Jahr weg. Eines Abends erschien er nun wieder einmal im Fuchsbau, ganz zerlumpt
und abgerissen.«
    »Er hatte wohl eine Kunstreise gemacht?«
    »Wie ich Euch sage: er schaute zum Erbarmen aus. Es war gerade an jenem
Abend, wo er auch im Fuchsbau war. Er muss auch den Josef gesprochen haben, denn
der Matias führte ihn auf ein Zeichen der Alten aus der Schenkstube hinweg, und
Beide kamen nicht wieder. Matias freilich nur für den Abend, der Josef aber
auch am anderen und die folgenden Tage nicht.«
    »Da wird er wieder auf Reisen gegangen sein?«
    Herr Sträuber lehnte sich mit seinem Stuhle so weit als möglich vorn über,
worauf er mit den Augen blinzelte und leise flüsternd sagte: »Unter uns, Meister
Schwemmer, er blieb in der Stadt; ich möchte wenigstens hundert Gulden gegen
einen faulen Apfel wetten, dass ich ihn kürzlich wieder gesehen.«
    »Zerlumpt?« -
    »Im Gegenteil: er stand auf einer herrschaftlichen Kutsche, auf's Schönste
als Jäger angezogen.«
    »Nun, das ist was Rechtes. Da wird er eine Stelle haben, wie der selige
Lakai.«
    »O nein; mit dem blieben wir beständig im Rapport, der kannte uns genau und
nickte uns auf der Strasse, so oft er nur konnte, verstohlen zu. - Aber Herr
Josef sind stolz und vornehm geworden, ein ganz Anderer, kennt uns nicht mehr
und wenden den Kopf ab, wenn wir ihn ein bisschen scharf anblicken.«
    Meister Schwemmer schaute an die Decke empor, nahm eine starke Prise und
hielt darauf seine Nase eine Zeit lang mit den Fingern fest, während er eifrig
nachdachte. - »Das ist allerdings sonderbar,« sagte er alsdann. »Aber ich will
Euch einen Rat geben, bester Sträuber; wenn sich die Sache so verhält, so tut
Euch selbst den Gefallen, und blickt den Joseph nicht so scharf an, denn sonst
könnte er Euch auf kuriose Art zwingen, die Augen niederzuschlagen.«
    »Immer wieder er!« entgegnete der Andere und setzte mit prahlerischem Tone
hinzu: »Was will er denn eigentlich? Ich werde doch, beim Blitz! auf der Strasse
die Menschen ansehen dürfen! - Ihr habt eine gewaltige Angst vor ihm.«
    »O lieber Freund,« antwortete lächelnd der Hausherr, »wir wissen wohl, wer
die meiste Angst hat, aber auch das grösste Maul. Wollte Euch nur sehen, was Ihr
für ein Gesicht machen würdet, wenn er jetzt zufällig zum Fenster herein
schaute.«
    Bei diesen Worten blickte der Sprecher, um den Anderen zu necken, etwas
scharf auf die dunkeln Scheiben, worauf Herr Sträuber erschrocken herumfuhr, und
dann, als Jener laut auflachte, verdriesslich sagte: »Ah! lasst doch die
schlechten Witze! Damit treibt man keinen Spass.«
    »Na, setzt Euch nur ruhig wieder hin,« fuhr Meister Schwemmer nach einem
heftigen Hustenanfall fort. »Daher kommt er nicht: wir stehen nicht in seiner
Gnade; er bekümmert sich auch nicht um uns, was mir übrigens sehr angenehm ist.
- Aber sagt mir über Eins Eure Meinung - ich weiss, Ihr denkt viel und habt in
manchen Sachen einen ausserordentlichen Scharfblick - wofür haltet Ihr ihn
eigentlich?«
    Herr Sträuber zuckte bei diesen Worten hoch und lange die Achseln, dann
schob er seine Unterlippe vor und entgegnete: »Das mag der Teufel wissen.«
    »Na, gebt was los!« meinte der Hausherr, da Jener zu zaudern schien. »Ihr
habt gewiss viel darüber nachgedacht und auch Manches in Erfahrung gebracht.«
    »Erfahren habe ich eigentlich über ihn nie etwas,« erwiderte Herr Sträuber.
»Aber meine Idee steht so ziemlich fest.«
    »Nun denn?« -
    »Dass er keiner unseres Gleichen ist, das liegt am Tage, ebenso, dass die
Gestalt, unter der er bei uns erscheint, nicht seine wahre ist. - Ich halte ihn
mit einem Wort für einen vornehmen und reichen Herrn, dem es nun einmal Spass
macht, eine solche Rolle zu spielen.«
    »Ja, ja, das denke ich auch.«
    »Der eine Freude daran findet, so eine unsichtbare und mächtige Hand über
die Menschen auszustrecken, und hier und dort Einen zu schütteln und zu kneifen;
dessen Laune es ist, manchmal Jemand, der sich vielleicht seinen Zorn zugezogen,
gewaltig zu treffen. - Denn aus Eigennutz oder des Verdienstes halber hat er
sich nicht mit uns eingelassen, das liegt am Tage.«
    »Gewiss nicht; ich wüsste mich wenigstens nicht zu erinnern, dass er je auch
nur Nadelknopfs wert von dem Erworbenen für sich in Anspruch genommen.«
    »Ihr müsst aber da etwas unterscheiden,« fuhr Herr Sträuber mit einem
pfiffigen Gesichte fort; »er verlangte freilich nie etwas, was für uns Wert
hat, aber die Sachen, die er sich vorbehielt, und die wir hie und da mitnahmen,
mussten doch wohl für ihn wichtig sein, denn er hat sie uns meistens reich
bezahlt.«
    »Und was waren das für Sachen?«
    »Papiere, lieber Freund! - Dokumente; was weiss ich! Oftmals Briefschaften,
ja nur ein einfaches Porträt, das er haben wollte. Und wie genau wusste er immer,
wo das zu finden sei. In solchen Fällen gab er das Zimmer an, den Tisch oder den
Schrank, wo sich die und die Kassette befände; ja er wusste oft, wo der Schlüssel
war, oder sagte, man müsse sie aufsprengen oder ganz mitnehmen.«
    »Aber Papiere von Geldwert nahm er nicht?«
    »Davon habe ich niemals etwas gehört. - Als ich ihn damals sah - er gab uns
in der Nacht über einen verwickelten Fall eine sehr genaue Instruktion - sprach
er etwas, das ich nicht vergessen werde. - Einer ist auf dieser Erde der Sklave
des Anderen, sagte er; mir macht es nun einmal Vergnügen, so eine recht scharfe
Peitsche über Alle schwingen zu können, nachdem sie mich lange und schwer
gegeisselt. - Zu derselben Zeit bekam der Matias noch einen ganz sonderbaren
Auftrag, den er auch mit einer unglaublichen Gewandteit ausführte. - Was meint
Ihr wohl, Meister? - Er musste sich mit grosser Gefahr in ein Haus schleichen,
mehrere Türen öffnen, und das alles nicht um etwas zu nehmen, sondern um etwas
zu bringen.«
    »Ah! Sträuber, Ihr bindet mir Eins auf.«
    »Gewiss nicht; mich soll der Teufel holen! Er bekam von ihm ein Paketchen mit
Briefen, und die musste der Matias dort in einem Schreibtisch in ein ihm genau
bezeichnetes Fach legen.«
    »Das begreife ein Mensch.«
    »Ich hab's begriffen,« sprach Herr Sträuber schmunzelnd, indem er die linke
Hand mit ausgespreizten Fingern von sich abstreckte; »das war eine Mine, die er
in dem Hause legte, die artig aufplatzte und dort mehr Verwirrung anrichtete,
als wenn wir hunderttausend Taler gestohlen hätten.«
    In diesem Augenblicke vernahm man ein leises Klopfen an der Haustüre.
    »Wer kann das sein?« fragte Meister Schwemmer.
    »Vielleicht der Matias.«
    »Nein; der klopft nicht so leise,« sagte der Hausherr. »Geh an die Türe!«
rief er seiner Frau, die eben wieder eintrat, zu, »und schau, wer da ist. Wir
brauchen keinen Besuch.«
    »Dem Klopfen nach,« meinte sie, »ist es der Schneider von drüben.«
    »Ah! mein Freund Schellinger!« rief lustig Herr Sträuber. »Den müsst Ihr auf
einen Augenblick herein lassen, das ist ein gar zu amüsanter Kerl; er soll uns
von seinen Reisen erzählen. - Nicht, Meister?«
    »Meinetwegen!« entgegnete der Hausherr. »Ich habe eigentlich nichts dagegen;
eine halbe Stunde kann er schon da bleiben. Aber dann kommt der Matias, und der
ist, wie ihr wisst, kein Freund von solchen Schnurrpfeifereien.«
    Die Frau öffnete die Türe und Herr Schellinger trat ein. Er rieb sich
fröstelnd die Hände, bewegte seine Schultern hin und her, und sagte dann: »Guten
Abend bei einander; heute Nacht wird's kalt, ich wollte mir nur noch eine
Handvoll Wärme mitnehmen, ehe ich in mein Bett gehe.«
    »Ja, Ihr bringt einen wahren Frost mit herein,« versetzte Meister Schwemmer
stark hustend. »Setzt Euch da auf die Bank und taut ein bisschen auf.«
    Der Schneider tat wie ihm geheissen und liess sich auf einen Schemel an der
Seite des Ofens nieder, wo sich die Stubentüre befand.
    »Habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Freund Schellinger,« sprach Herr
Sträuber. »Ihr besucht Eure Freunde so selten.«
    »Wer zu oft kommt, der wird überlästig,« sagte Schellinger lächelnd. Dann
wandte er sich an den Hausherrn und meinte: »So ein warmer Ofen tut doch gut;
Ihr solltet mir nächstens auch einen in die Stube setzen lassen.«
    »Das erträgt's Gebälk nicht,« warf lachend Herr Sträuber ein. »Ich fürchte
immer, dass Ihr's einmal durchbrecht und dass ich Euch eines Tags im untern Stock
von der Decke herabhängend finde.«
    Der Schneider legte seine Arme auf die Kniee, wie er gern zu tun pflegte,
und liess den Kopf tief sinken, den er nur zuweilen seitwärts erhob, um alsdann
Dem, mit welchem er gerade sprach, mit einem eigentümlichen Gesichtsausdrucke
von unten herauf in die Augen zu blicken. - »Das wäre möglich,« sagte er, »dass
ich mich noch einmal selbst da aufhänge; aber vorher warte ich noch auf etwas.«
    »Und das wäre?« lachte Herr Sträuber.
    »Dass Andere zuerst Euch aufhängen,« entgegnete ruhig der Garderobe-Gehilfe.
»Ich möchte sehen, wie sich dabei ein Mann von Lebensart und guter Erziehung wie
Ihr ausnimmt.«
    »Pfui, Schellinger!« erwiderte der Andere. »Wer kann von so etwas nur
reden!«
    »Ja Ihr brachtet mich darauf,« lächelte der Schneider. »Nicht wahr, Meister,
ich fing nicht an?«
    »Nein, Ihr fingt nicht an,« antwortete der Hausherr, während er Herrn
Schellinger seine Dose darbot.
    »Danke schön. - Bin so frei. - Und wie geht's mit der Gesundheit?«
    »Ich kann's gerade nicht rühmen,« entgegnete Meister Schwemmer. »Der Winter
greift mich an; das ist für Unsereins eine garstige Jahreszeit?«
    »Ja, das Frühjahr ist besser,« mischte sich Herr Sträuber in's Gespräch, und
nickte dabei dem Schneider bedeutsam zu.
    »Es ist etwas Seltsames,« sprach dieser kopfschüttelnd nach einer Pause und
sah starr vor sich auf den Boden, »um so einen starken Schnupfen, wie Ihr habt.
Das kommt in der Geschwindigkeit angeflogen und geht langsam wieder.«
    »Aber bei mir ist es doch etwas mehr als Schnupfen,« meinte trübe lächelnd
der Hausherr.
    »Nichts als Schnupfen,« entgegnete Herr Schellinger in bestimmtem Tone. »Ich
habe ihn einmal in Russland vier Jahre gehabt, unaufhörlich fort. Und da ich
damals in sehr feine Gesellschaft ging, so brauchte ich täglich vierundzwanzig
Schnupftücher, gerade zwei Dutzend; daran habe ich die Zahl behalten.«
    »Aber meinen Husten - den hattet Ihr nicht. Seht, das ist oft so arg, ich
könnte wahrhaftig vom Stuhle herunterfallen.«
    »Der meine war dazumal noch schlimmer;« fuhr der Schneider unerschütterlich
fort; »ich musste mich oft durch sechs Kosaken halten lassen, nur um nicht
hinzustürzen.«
    »Und wie wurdet Ihr Euren Schnupfen los?« fragte Herr Sträuber.
    »Allein durch Luftveränderung. In der Verzweiflung schloss ich mich an eine
Gesellschaft an, die hinauf an den Nordpol reiste, um dort das grosse Loch zu
untersuchen, welches die Erdaxe in's Eis gebohrt hat.«
    »Aber um einen solchen Husten und Schnupfen los zu werden, meine ich, man
ginge nach dem Süden, dahin, wo es recht warm ist,« sagte der Hausherr.
    »Das hatte bei mir nicht geholfen,« erwiderte Herr Schellinger. »Die Aerzte
zuckten bei meinem Anblick die Achseln und behaupteten, mir könne nur die
Frierkur helfen.«
    »Und wie ist die?«
    »Man reist also ganz einfach nach dem Nordpol hinauf, dort ist die Anstalt,
wo man die Frierkur durchmacht; man kann auch da Molken trinken, aber sie
schmecken von dem vielen Schneewasser ein bisschen salzig. - Nun also werde ich
in dicke Pelze eingehüllt, Alles: Körper, Gesicht, Mund und Nase. Dann bohrte
man mir unter der Letzteren zwei Löcher, da hinein steckte man Röhren, durch
welche der Frost auf mich einwirken sollte. Und so wurde ich vier Tage lang
gerade mitten auf die Erdaxe gesetzt, bis der Schnupfen in meinem Kopf erfroren
war, dann nahm man ihn heraus, setzte ihn in Spiritus, und ich habe ihn lange
bei mir verwahrt, verkaufte ihn aber zuletzt auf vieles Zureden an die
Universität nach Berlin für zwanzigtausend preussische Taler.«
    »Da wurdet Ihr ja auf einmal ein reicher Mann,« sprach laut lachend Herr
Sträuber.
    »Hätte es sein können,« entgegnete wehmütig der Schneider. »Aber ich
erhielt mein Geld in lauter Papierscheinen zu jener Zeit, als es dort so
ungeheuer viel falsche gab. Das war ein grosses Unglück, denn, als ich mir mit
meinen zwanzigtausend Talern in der Tasche ein Milchbrod kaufen wollte, so
musste ich noch sechs Pfennige darauf legen.«
    »Das ist allerdings ein hartes Schicksal,« meinte der Hausherr. »Und das hat
Euch gewiss ein- für allemal Preussen entleidet?«
    »Ich will das nicht geradezu behaupten,« antwortete Herr Schellinger.
»Allerdings schmerzte mich der Verlust dieses Geldes; doch Gold lässt sich nicht
erwerben. Aber ich verliess dazumal Berlin, - es war im Monat August und es
wimmelte auf den Strassen von tollen Hunden -«
    »Und das machte Euch Angst?«
    »Es war mir wenigstens nicht besonders angenehm; und da mir die Welt offen
stand, so reiste ich direkt nach Persien. - Aber da fällt mir noch eine
schauerliche Geschichte ein, die damals mit solch' einem wütenden Hunde in
Berlin passirte. Dieser Hund - ich glaube, er hiess Sultan - wurde, Gott weiss,
aus welcher Ursache, rasend, er biss ein Pferd, das nach gehöriger Zeit ebenfalls
wütend wurde, und zwar gerade, als man im Begriff war, es einzuspannen. Dieser
Gaul schlägt wie toll um sich und endlich beisst er zu wiederholten Malen in die
Deichsel. - Das hat nun weiter nichts zu sagen, meint ihr; aber ich gebe euch
mein Ehrenwort, dass die Sache einen fürchterlichen Verlauf nahm. Diese Deichsel
nämlich, ja der ganze Wagen war am anderen Tage angesteckt, und rannte wie toll
durch alle Strassen, und in einer Geschwindigkeit, dass zwölf Mann Gensdarmerie zu
Pferde kaum im Stande waren ihn einzuholen.«
    »Aber er hat doch Niemand gebissen?« fragte pfiffig blinzelnd Herr Sträuber.
    »Das gerade nicht; aber ich habe Leute gekannt, die bei diesem Anblick in
Ohnmacht fielen, und die, als sie wieder zu sich kamen, ihr ganzes Leben
hindurch behaupteten, sie hätten ein herumlaufendes Rad im Kopfe. - Und das ist
keine Kleinigkeit.«
    »Schellinger ist immer noch der Alte,« sagte der Hausherr, nachdem er zuerst
gelacht, dann gehustet und sich darauf in einem wahren Erstickungsanfall die
Seiten zusammengepresst hatte.
    »Ja, ja, wir bleiben die Alten,« entgegnete kopfnickend der Schneider, -
»bis an unser seliges Ende.«
    Herr Sträuber verzog bei diesen Worten auf unangenehme Art den Mund und
schnalzte mit der Zunge, als koste er etwas sehr Scharfes und Bitteres. -
»Sprechen wir nicht davon,« sagte er; »ich mag das nicht leiden; es kommt früh
genug.«
    »So solltet Ihr nicht sprechen,« erwiderte der Garderobe-Gehilfe und sah den
Anderen fest an. »Unsereins hat bei seinem Tode nichts zu erwarten; wir gehen
abwärts, sieben bis acht Schuh abwärts, und liegen da ruhig, bis uns die
Graswurzeln in's Gesicht wachsen. Aber Ihr, Sträuber, Ihr geht bei Eurem seligen
Ende ein paar Klafter aufwärts, darauf möchte ich schwören, und erhaltet da
vornehme Gesellschaft, die Euch laut schwätzend umkreisen und sehr vielen
Geschmack an Euch finden wird.«
    Wir können nicht verschweigen, dass Herr Sträuber bei diesen Worten leicht
zusammenschauerte und sich einigermassen entfärbte.
    Auch Meister Schwemmer bewegte sich unmutig auf seinem Stuhle, während er
sagte: »Lasst doch diese scheusslichen Reden; das greift mir wahrhaftig die Nerven
an.«
    »Man muss immer an sein Ende denken,« versetzte unerschütterlich der
Schneider. »Und Ihr werdet doch keine Angst vor dem Tode haben? das ist Euch ja
ein alter lieber Gast, der oft genug hier im Hause einkehrt.«
    Der Hausherr war bei diesen Worten erschreckt zusammen gefahren, dann aber
raffte er sich empor und blickte den Schneider mit seinen weit aufgerissenen,
unheimlich glänzenden Augen an, wobei er den Mund öffnete, so dass seine dünnen
Backen tief einsanken. Doch versuchte er es gleich darauf wieder, zu lächeln,
während er hüstelnd sagte: »Alter Spassvogel, der Schellinger! - Gott sei es
gedankt, mit uns ist der Tod bis jetzt recht säuberlich verfahren.«
    Der Schneider tat gar nicht, als habe er nur das Geringste von der
Aufregung der Andern gesehen; er klopfte sich mit den Händen auf seine dünnen
Schenkel und schaute an die Decke, als er sprach: »Wisst Ihr, Meister, die Leute
sagen so; mir kann es ja im Grunde gleichgiltig sein.«
    »Was sagen die Leute?«
    »Nun, was werden sie sagen! Dass Ihr hinten in Eurem Hause einen Stall habet,
wo die armen kleinen Kinder, die von Gott und den Menschen verlassen sind und
deshalb in Eure Hände fallen, zu Tode gefüttert werden.«
    »Ah!«
    »Ja, das sagen sie. Und sie halten das Ganze hier nur für eine
Seelenverkäuferei; und deshalb bin ich auch eigentlich gekommen, um mein
Quartier bei Euch aufzukündigen, denn wenn ich noch ferner wohnen bliebe, so
könnte meine Reputation darunter leiden.«
    Herr Sträuber hatte sich bei diesen seltsamen Worten zoll- und ruckweise von
seinem Stuhle erhoben und den Schneider mit einem wahrhaft gläsernen Blicke
betrachtet. Seine rechte Hand tappte dabei hinter sich an die Stuhllehne, als
glaube er dort irgend ein Instrument zum Dreinschlagen finden oder fassen zu
können. Zu gleicher Zeit blickte er aber auch auf die Stubentüre und schien in
Erwägung zu ziehen, ob es nicht besser wäre, dies Haus, von dem man so
schreckliche Dinge sagte, zu verlassen.
    »Ich begreife übrigens gar nicht,« fuhr der Schneider mit grosser
Kaltblütigkeit fort, »wie Ihr mich so verwundert anstaunen mögt? Habt Ihr denn
nicht gewusst, dass die Leute so was sagen?«
    »Nein, nein!« stiess der Hausherr mühsam hervor. »Das sagt auch Niemand als
Ihr allein.«
    »Ich?« - »was geht's mich eigentlich an? Meint Ihr denn, dass Jemand, der
Abends hinter der Stadtmauer spazieren geht, nicht zuweilen das Lachen und
Singen Eurer Pflegekinder hört? - Lachen und Singen, dass einem ehrlichen Manne
die Haut schaudern muss.«
    »Nein, nein, man kann es nicht hören!« schrie Meister Schwemmer. Doch da er
augenblicklich heiser war, so setzte er flüsternd und kaum hörbar hinzu:
»Niemand als ein Spion kann das hören! und ein solcher Spion seid Ihr! - Ihr!
Ihr!« Er warf sich bei diesen Worten gewaltsam vorn über, so dass sich seine
spitzige Nase wenige Zoll von der Brust des Schneiders befand, und bei jedem
»Ihr!« das er mühsam herausbrachte, stiess er damit vorwärts, als wollte er
seinem Gegner jedesmal einen Dolchstoss versetzen.
    Das Weib war unterdessen wieder in die Stube getreten und hatte sich mit
wankenden Schritten genähert. Ihre Nase war stark gerötet, und aus den Augen
flammte die Trunkenheit; sie hatte die Kartoffeln fallen lassen, das
Küchenmesser dagegen in der Hand behalten.
    Herr Schellinger besass wirklichen Mut; denn Angesichts dieser drohenden
Geberden, die ihn rings umgaben, zuckte er leicht die Achseln und sagte mit
bewundernswürdiger Ruhe, indem er sich langsam erhob: »Ich habe das schon lange
gewusst: wer die Wahrheit spricht, den beherbergt man nicht; und deshalb halte
ich es für das Beste, wenn ich nach Hause gehe.«
    Bei diesen Worten war er ganz aufgestanden und hatte vorsichtiger Weise den
schweren hölzernen Schemel, auf dem er gesessen, wie einen Schild vor sich
genommen, während er sich mit dem Rücken an die Wand lehnte. Er gebrauchte diese
Vorsichtsmassregeln nur wegen des betrunkenen Weibes, deren wilde Leidenschaft er
wohl kannte, und da er ganz richtig überlegte: »Wenn ich auch wirklich um Hilfe
schreie, so kann die mir ein paar Zoll ihres Messers in den Leib stossen, ehe
Jemand Amen sagt.«
    »Nein - nein - er - soll - nicht - von - hier - fort, - jetzt!« - rief
Meister Schwemmer. Und dabei machte er den Versuch, sich zu erheben; doch
versagten ihm die kraftlosen Beine den Dienst, so dass er in seinen Stuhl zurück
sank. - »Er soll - dableiben - bis - der Matias - kommt. - - Und - der wird -
gleich - hier sein. - Sträuber - stellt Euch - an die - Türe - und lasst - ihn -
nicht - - hinaus!«
    Dieser tat zögernd wie ihm geheissen; er war auffallend erblasst, und
obgleich wenigstens einen Kopf grösser als Herr Schellinger, schien es doch, er
würde diesem viel lieber die Türe öffnen und ihn laufen lassen, als dass er
genötigt sei, ihn am Fortgehen zu verhindern.
    Kaum aber hatte sich Herr Sträuber mit dem Rücken dagegen gelehnt, so fuhr
er mit einem Ausruf des Schreckens und wie von einer Feder geschnellt wieder in
das Zimmer hinein, denn hinter ihm wurde eben diese Türe plötzlich geöffnet und
der erwartete Matias trat eilfertig herein.
    »Da ist - er schon!« schrie Meister Schwemmer eifrig. - »Da ist er schon! -
Habt Ihr - die Haustüre geschlossen, Matias? - So, jetzt - stellt - Euch
wieder vor die Stubentüre-Sträuber. - Warte - warte, Schneider!« - Er hätte
wahrscheinlich noch mehr hinzugefügt, doch überfiel ihn ein so furchtbarer
Husten, dass es ihn gewaltsam vorn über und dann wieder zurück an die Stuhllehne
warf, und er längere Zeit brauchte, ehe selbst Jemand anders zu Wort kommen
konnte.
    Herr Sträuber, als er sah, dass es nur eine neue kräftige Hilfe war, die ihn
vorhin so in Schrecken gesetzt, zog hastig seinen schwarzen Frack etwas herab,
drückte mit einem gelinden Klaps den Hut auf dem Kopfe fest und stellte sich
hierauf an die Türe, trotzig und augenscheinlich voll Kampflust.
    Matias war in die Mitte der Stube getreten und schaute Jeden der Anwesenden
der Reihe nach ruhig an. - »Was geht denn hier vor?« fragte er dann nach einer
Pause. »Sollte man doch wirklich meinen, der Teufel sei auch hier los.«
    Der Hausherr, der noch immer nicht sprechen konnte, verzog heftig sein
Gesicht und deutete auf den Schneider.
    »Was ist's denn mit ihm?« fragte Matias. Und da Meister Schwemmer nicht
antwortete, so fuhr er zu Sträuber gewendet fort: »So schwätzt Ihr! Das Maul zu
gebrauchen wird Euch doch wohl nicht schwer werden.«
    »Der Schneider führte hier so eben ganz absonderliche Reden,« antwortete der
an der Türe. »Es ist das ein gefährlicher Kerl geworden -«
    »Ein Spion!« rief nun der Hausherr mit einer verzweifelten Anstrengung. -
»Man muss ihn festalten, Matias.«
    »Teufel auch!« entgegnete dieser sehr ernst. »Ich gebe sonst nie viel auf
Euer dummes Gerede, aber diesmal mögt Ihr wahrhaftig Recht haben; es ist draussen
nicht richtig.«
    »Wo?« fragte erschrocken Herr Sträuber.
    »Als ich eben zum Garten herein will,« fuhr der Andere fort, »blickte ich,
wie das meine Gewohnheit ist, scharf nach allen Seiten, und sehe da mehrere
Kerle, die sich links von hier am Zaune aufhalten. Ich mochte natürlicherweise
nicht tun, als ginge das mich etwas an, und schielte nur so herüber, bemerkte
aber gleich, dass die Sache sehr verdächtig ist, denn ich sah deutlich etwas
glänzen, wie Uniformsknöpfe, und vernahm auch das Klirren eines Säbels.«
    »Das Klirren eines Säbels?« sprach angstvoll Herr Sträuber.
    »Fragen wir den da!« schrie Meister Schwemmer. »Der weiss darum.«
    »Ich weiss von nichts,« entgegnete der Schneider, indem er zu gleicher Zeit
mit der rechten Hand unter den Rock fuhr, wo er auf der Brust das Teaterpistol
verwahrt hatte. »Lasst mich ruhig meiner Wege gehen, ich will nichts von Euch.«
    »Aber wir wollen was von Euch,« sagte Matias sehr ernst und trat einen
Schritt näher. »Schellinger! Schellinger! Macht Euch keine Ungelegenheit! Mit
mir ist nicht zu spassen.«
    »Ich verlange auch nicht nach einem Spasse mit Euch,« versetzte der
Schneider. »Drum lasst mich ruhig meiner Wege gehen. - Sonst,« setzte er
unvorsichtigerweise hinzu, »schreie ich um Hilfe.«
    »Ah!« rief Matias, einen halben Schritt zurückfahrend, »er will um Hilfe
schreien! - Also muss eine Hilfe in der Nähe sein. - So wollen wir dich lieber
vorher zu Boden schlagen, und dann kannst du nach deinen Helfershelfern
schreien, so lange du magst.« - Bei diesen Worten, und noch ehe er sie beendigt,
ergriff er einen der schweren Stühle, die hinter ihm standen, schwang ihn mit
Blitzesschnelle um seinen Kopf und liess ihn auf den Garderobe-Gehilfen
niederfallen.
    Dieser aber zog im gleichen Augenblicke sein Pistol aus der Tasche und erhob
ein lautes Geschrei. Der Schuss krachte los, und Herr Sträuber, der offenbar
meinte, er sei tödtlich getroffen, riss die Stubentüre auf und floh behende auf
den Gang hinaus. Ihm folgte nicht minder behende und gänzlich unversehrt Herr
Schellinger, denn der Schlag, den Matias mit Riesenkraft nach ihm geführt,
hatte glücklicherweise nicht ihn, sondern den Ofen getroffen, und die in ihren
Fugen morschen Eisenplatten desselben so auseinander geschmettert, dass das
brennende und rauchende Holz in der Stube herumfuhr und einen Qualm verursachte,
in dem Meister Schwemmer zu ersticken drohte.
    Es war eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung; die Lampe stürzte von dem
Tische herunter, und Matias, den seine rasche Tat gereute, stand lauschend
inmitten der Dunkelheit und des Qualms, und hörte, wie draussen ein paar Stimmen
riefen: »Wir kommen schon - wir kommen, Schellinger!« - Rasch eilte er an das
Fenster, warf einen Blick auf den Hof und dann sprang er zurück und rief dem
Hausherrn zu: »Ich kann Euch hier zu nichts helfen, und vielleicht nur Schaden
bringen; ich finde schon meinen Weg in's Freie.« Damit eilte er durch die Küche
und verschwand hinter dem Hause.
    Schellinger, der einen Augenblick erwartungsvoll im Gange gestanden, hatte
ebenfalls die Stimmen seiner Freunde vernommen und schob den Riegel der
Haustüre zurück.
    Es war Richard, der eintrat, eine schwere Axt in der Hand; ihm folgten ein
paar andere Zimmerleute, von denen Einer eine Laterne trug. Eine weibliche
Gestalt huschte ebenfalls zum Hause herein, wurde aber, als sie rasch vordringen
wollte, von Richard am Arme zurückgehalten, der ihr sagte: »Ruhig, Katarine;
gemach, gemach! - Lass uns nur voran gehen; Schellinger kennt die Gelegenheit.«
    Und Schellinger wusste in der Tat ganz genau, wo sich die Kinderstube
befand. Er nahm seinem Kameraden die Laterne ab und eilte an das Ende des
Ganges.
    »Die Türe ist offen!« rief er. »Es muss schon Jemand da hinein sein. - Jetzt
aufgepasst, Leute, und vorsichtig.«
    »Wie viel Mann sind im Hause?« fragte entschlossen Richard.
    »Nur ein einziger,« entgegnete der Schneider; »zwei andere, die noch da
sind, zählen für gar nichts. Und auch dieser einzige, der mich, beiläufig
gesagt, fast todtgeschlagen hätte, wird seine guten Gründe gehabt haben, das
Haus zu verlassen; denn sonst hätte er euch, wie ich ihn kenne, den Eintritt
ziemlich sauer gemacht.«
    »Da ist mein Kind!« schrie nun Katarine mit lauter Stimme. - Sie war den
Männern voraus und, die Warnung Schellingers nicht beachtend, in das Zimmer
gestürzt. - »Es lebt! es lebt! - Gott sei gedankt! es lebt!« - Damit sank sie zu
dem kleinen Mädchen auf den Boden nieder, presste es heftig in ihre Arme, und
lachte und schluchzte abwechselnd, während sie ihm Kopf, Hände und die
geschwollenen Füsse küsste, wobei ihre Tränen reichlich flossen. - »Seht ihr, dass
es nicht todt ist!« rief sie triumphirend; »ja, ja, seht nur her, es lebt! - Und
der Schein war falsch; die gute Marie hat Recht gehabt. - O wie danke ich euch!
Es sieht wohl ein wenig elend aus, auch ist sein blaues Kleidchen ganz
zerdrückt, aber das tut nichts - du bekommst schon ein neues. - O gewiss, ein
neues! - Und wieder ein blaues, denn du bist ja nicht todt. - Ha! ha! ha!«
lachte sie krampfhaft hinaus, »ja, es lebt, es -«
    Diese Aufregung, die Angst und alsdann die Freude war zu viel für ihren
schwachen Körper. So auf den Knieen liegend und sprechend, knickte sie zusammen,
ihr Kopf sank tief herab, und ohnmächtig, wie sie war, wäre sie auf den Boden
niedergestürzt, wenn sie nicht einer der Zimmerleute gehalten hätte.
    »Das ist gescheidt,« - sagte Richard, der sie mitleidig betrachtete und
seltsam mit den Augen blinzelte. - »Bravo! Da fällt sie um und das in einem
recht geschickten Augenblick. - Schellinger, du weisst mit den Frauenzimmern
umzugehen, bück' dich ein bisschen zu ihr herab und schau nach, was da zu machen
ist.«
    Der Schneider tat wie ihm geheissen, richtete ihren Kopf auf und blickte um
sich her, während er gerührt sprach: »Das arme Geschöpf! Man hätte sich das
denken können! - Wenn nur etwas Wasser da wäre!«
    »Hier ist welches,« sagte eine frische Kinderstimme hinter Richard.
    Und als dieser sich umwandte, sah er einen kleinen Knaben, der sich
anfänglich hinter den Bettschragen verkrochen hatte, jetzt aber ruhigen Muts
zum Vorschein kam. Seine Kleidung sah ziemlich zerlumpt und abgerissen aus, und
er hatte den Kopf mit einem blutigen Tuche verbunden. Doch waren seine Züge
keck, ja fast heiter, und seine dunklen Augen blitzten mit sichtlichem Behagen.
    »Hier ist Wasser,« wiederholte er und zeigte auf einen grossen Krug, der in
der Ecke stand.
    Der Garderobe-Gehilfe tauchte ein Tuch hinein und bespritzte alsdann die
Schläfe der Ohnmächtigen.
    »Und wer bist denn du?« fragte Richard den Kleinen, der aber statt aller
Antwort pfiffig lächelnd den Kopf schüttelte und mit dem Finger unter den
Bettschragen wies.
    »Was willst du? - Was ist denn da?« fragte der Zimmermann leise, indem er
seine Axt etwas in die Höhe hob.
    »Einer,« entgegnete das Kind, »Einer von Ihnen.«
    Auf diese Nachricht bückte sich Richard alsbald nieder, um unter das Gerüst
zu schauen, und entdeckte da in der Ecke einen Mann, der augenscheinlich dahin
gekrochen war, um sich zu verbergen.
    »He da, mein guter Freund!« rief er ihm zu. »Kommt einen Augenblick hervor;
ich möchte doch gar gern Jemanden vom Hause zu Gesicht bekommen, dem ich
mitteilen könnte, was wir hier in der Kinderstube zu tun haben. - Kommt nur
hervor, es soll Euch kein Leid geschehen; wir wollen Euch auch ruhig hier
lassen, wenn Ihr nicht vielleicht auch ein gestohlenes Kind seid. - Kommt nur,
kommt, sonst muss ich ein bisschen helfen.«
    Eine kleine Weile schien sich der unter dem Schragen zu besinnen, dann aber
seufzte er tief auf und schob sich rückwärts hervor. Zuerst kamen ein paar
ziemlich lange Beine zum Vorschein, dann ein schwarzer Frack, der in die Höhe
gerutscht war und so oberhalb der Hose sehr gelbe Wäsche sehen liess. Dann
richtete sich die Gestalt in die Höhe, und Herr Sträuber in ganzer Figur, den
Hut in der Hand, mit einem aschfahlen und verstörten Gesicht, stellte sich der
Gruppe dar.
    »Ein gutes Gewissen scheint der mir auch nicht zu haben,« sagte Richard zu
den Anderen. - »Wer ist das, Schellinger? - Du kennst ja dieses Volk so
ziemlich.«
    Der Schneider, dem es unterdessen gelungen war, vermittelst des kalten
Wassers Katarine wieder zu sich zu bringen, schaute in die Höhe und erwiderte:
»Das ist Herr Sträuber, von dem ich dir heute Abend schon Einiges gesagt.«
    »Ja, Sträuber ist es in eigener unglückseliger Person,« sagte der Schuft mit
einer demütigen Verbeugung. - »Erlauben vielleicht die Herren, dass ich mich
entferne?« setzte er nach einer Pause mit einem falschen Blick hinzu.
    »Nein, nein!« entgegnete eifrig der Schneider, »es ist besser, er bleibt da,
bis wir uns entfernt haben; er könnte uns sonst noch allerlei Unheil bereiten;
weisst du, uns aus einem dunkeln Winkel hervor etwas anhängen. Halte ihn an
deiner Seite, bis wir in die obere Stadt kommen, und dann kannst du ihn springen
lassen.«
    Der Herr Sträuber dachte an die Polizei, und hoffte aus der Gesellschaft des
Schneiders und der Zimmerleute unbemerkt entschlüpfen zu können, wesshalb er mit
grosser Freundlichkeit erwiderte: »Meine Herren, Ihr Vorschlag ist mir sehr
angenehm, und ich mache mir eine Ehre daraus, Sie zu begleiten.« Darauf schlug
er zierlich die Hände auf dem Rücken zusammen, setzte den rechten Fuss vor und
schien es tiefgerührt mit anzusehen, wie die Mutter des armen kleinen Mädchens
durch die Bemühungen des Herrn Schellinger allmählig wieder zu sich kam und sich
dann mit Richards Hilfe aufrichtete, ohne jedoch ihr Kind aus den Armen zu
lassen. -
    - - Unterdessen hatte sich Meister Schwemmer vorn in der Wohnstube eher von
seiner Ueberraschung und seinem Schrecken erholt, als von dem Erstickungsanfall,
der ihn in Folge des Rauches überfallen. Er hatte sich mühsam erhoben und in die
Küche geflüchtet, während seine Frau kaltes Wasser auf die brennenden
Holzscheitchen goss. Nachdem so das Feuer gelöscht war, riss sie das Fenster auf,
um frische Luft einzulassen, dann kehrte sie zitternd vor Zorn und Schrecken zu
ihrem Manne zurück, der lauschend an der Tür stand, die von der Küche auf den
Gang und in das Kinderzimmer führte. Er winkte seiner Frau mit der Hand, näher
zu kommen, und als sie neben ihm stand, flüsterte er ihr zu: »Das war eine
abgekartete Geschichte; aber man will nicht an uns, wie es scheint, nur an die
Kinder.«
    »Wem mag es gelten?« fragte das Weib, das nun vollkommen nüchtern geworden
war.
    »Vielleicht dem Buben. Ich habe dir immer gesagt, der bringt uns noch in
Ungelegenheiten.«
    »Horch!« rief die Frau. »Das ist keines Mannes Stimme. - Auch habe ich ein
Weib mit ihnen kommen sehen; gib du nur Achtung: von dem Buben will Niemand was;
es wird die verrückte Nähterin sein, deren Kind die Bilz gebracht.«
    »Und wofür wir den Todtenschein des andern gaben,« versetzte Meister
Schwemmer, dessen Gesicht sich etwas verlängerte.
    Die Frau nickte stumm mit dem Kopfe. »Hörst du,« sagte sie nach einer Pause,
während welcher sie aufmerksam nach dem Nebenzimmer gehorcht, »das ist der
Sträuber, der spricht.«
    »Der feige Schuft! - Gott soll ihn verdammen! Er ist zuerst ausgerissen.«
    »Nun, von dem wundert's mich doch nicht,« flüsterte giftig das Weib. - »Aber
der Matias! Von dem hätte ich nimmer gedacht, dass er sich fürchtete und seine
Freunde im Stich lasse.«
    »Der fürchtet sich auch nicht; der hat seine Ursachen gehabt. Sprach er
nicht von der Polizei, die das Haus umstellt habe? - Was kann man da machen?«
    »Und wir sollen sie also ruhig ziehen lassen?«
    »Soll ich sie vielleicht aufhalten?« fragte Meister Schwemmer mit einem
jammervollen Blick auf seine wankende Gestalt. - »Ja, vor zwanzig Jahren,«
setzte er zähneknirschend hinzu, »mit einer gesunden Faust und keinen trüben
Erinnerungen, da hätte mir Einer so kommen sollen. - Aber jetzt! - Doch ruhig,
Weib; komm' vor in die Wohnstube, da ist's dunkel und wir können unbeachtet zum
Fenster hinaus schauen, um zu sehen, wer geht und was sie mitnehmen. - Merk' dir
die Figuren so genau du kannst - das kann später von grossem Nutzen sein. - Der
verfluchte Husten!« -
    Bei diesen Worten schlich er aus der Küche in die Wohnstube und näherte sich
leise der Türe, die in den Gang hinaus führte. dabei machte er dem Weibe mit
der Hand ein Zeichen, sie solle geräuschlos die Fenster schliessen, denn die
kalte Nachtluft sei ihm im Atmen beschwerlich.
    Die draussen hatten nun das Kinderzimmer verlassen, Katarine drückte ihr
Mädchen fest an die Brust, der Bube schlich hinter den Zimmerleuten drein, ohne
von ihnen gesehen zu werden, und die zurückgebliebenen beiden kleinen Kinder auf
dem Schragen schrieen jämmerlich, da man sie aus ihrem Schlafe geweckt.
    Richard war voran und hatte fast die Haustüre erreicht, als er plötzlich
stehen blieb, denn er bemerkte, dass diese weit offen stand und von mehreren
Gestalten besetzt war.
    Eine löste sich rasch aus dem Haufen los, trat in den Gang und rief den
Ankommenden ein »Halt!« entgegen. Diese Stimme klang nicht gerade übermässig
stark, aber der Ton, mit welchem sie ihr »Halt!« rief, brachte auf den
Zimmermann, der seine Axt schon erhoben hatte, eine eigentümliche Wirkung
hervor. Es war ihm gerade, als gäbe ihm ein Vorgesetzter einen Befehl.
    »Schliesst die Türe!« fuhr die Stimme fort. »Ich meine, man hätte von dem
verfluchten Lärm draussen genug gehört.«
    Herr Schellinger, der zuletzt kam, trug die Blendlaterne, welche einer der
Zimmerleute mitgebracht hatte. Bei dieser unerwarteten Störung hob er sie hoch
empor, um das Hindernis, welches sich ihnen entgegengestellt, zu beleuchten,
wodurch es Richard möglich wurde, den Mann zu betrachten, der ihn so unerwartet
und befehlend angesprochen.
    Es war das eine ziemlich hohe Figur, in einen weiten Mantel gewickelt,
dessen eines Ende so hoch um Hals und Schultern geschlungen war, dass es das Kinn
bedeckte und man so von dem dunkeln Gesichte nichts sah als den langen schwarzen
Bart und die glänzenden Augen, die unter einem gewöhnlichen runden Hute
hervorbljetzten.
    »Ihr macht da ein sauberes Stück Arbeit,« fuhr die Gestalt mit grosser Ruhe
fort, »brecht in anderer Leute Häuser ein und geht auf den Kinderraub aus. -
He!«
    Richard, der genug persönlichen Mut besass, versicherte später oftmals, es
sei ihm in diesem Augenblick nicht möglich gewesen, ein unheimliches Gefühl zu
unterdrücken. Die Ruhe und Kälte, mit der dieser einzelne Mann - denn die
Haustüre hatte man sogleich hinter ihm geschlossen - nun in dem engen Gange
ihnen gegenüber getreten, habe ihm mächtig imponirt; wesshalb es denn auch
erklärlich war, dass der Zimmermann Schritt vor Schritt zurückwich, während Jener
langsam vorwärts schritt.
    An der Stubentüre blieb er stehen, öffnete sie und sprach: »Trete Einer von
euch da hinein, auch das Weib mit dem Kinde; die Uebrigen mögen draussen
bleiben.«
    Diesem Befehle leistete Richard Folge, indem er Katarine am Arme nach sich
zog.
    Meister Schwemmer war zurückgetreten, als sich die Türe geöffnet hatte, und
zog sich langsam nach der Küche hin, um dort zu erwarten, wie sich dieser neue
Vorfall entwickeln werde.
    »He! ein Licht!« sagte die Stimme von vorhin.
    »Soll ich eines bringen?« flüsterte das Weib ihrem Manne zu. - Und als
dieser versetzte: »Gegen die Gewalt ist nichts zu machen,« ging sie an den Herd,
zündete eine Lampe an und trug sie mit zögernden Schritten in die Stube.
    Dort stand der fremde Mann im Mantel und wandte langsam den Kopf herum,
wodurch der volle Schein des Lichtes auf sein Gesicht fiel.
    Wäre aber in diesem Augenblicke die ganze Polizei erschienen, ja das ganze
Gerichtspersonal inklusive Kerkermeister, es hätte auf den Meister Schwemmer
unmöglich einen schrecklicheren Eindruck hervorbringen können, als der Anblick
des fremden Mannes, der so ruhig mitten in seiner Stube stand. Er fühlte, dass
ihm die Kniee den Dienst versagen wollten und hielt sich deshalb mit aller Kraft
an einem Türpfosten.
    »Verzeihen Sie,« sagte er alsdann nach einem tiefen Atemzuge, »dass ich
nicht vorkomme, um Sie bestens zu begrüssen; aber ich bin ein armer kranker Mann,
den seine Füsse nicht mehr recht zu tragen vermögen.«
    »Der aber trotz seiner Schwachheit beständig die Hand zu Geschichten bietet,
die doch am Ende notwendigerweise Aufsehen erregen und ihm Strafe auf den Hals
laden müssen. - Nicht wahr?«
    »Wie so, Herr?« fragte Schwemmer erschrocken, während er scheu an dem
Fremden hinaufblinzelte, sogleich aber die Augen wieder niederschlug, als er
einem jener flammenden Blicke begegnete.
    »Wenn Ihr Euch nur das Fragen abgewöhnen könntet!« entgegnete der im Mantel
ungeduldig. »Gebt mir lieber gute Antworten auf die meinigen, das ist besser!«
    Meister Schwemmer fuhr nun wieder zusammen und blieb mit ziemlich gekrümmtem
Rücken stehen.
    »Von wem habt Ihr dieses Kind?« fragte nun der Fremde nach einer Pause und
zeigte auf das kleine Mädchen.
    »Dies Kind ist uns von seiner Mutter anvertraut worden,« entgegnete der
Gefragte mit ganz leiser Stimme.
    »Nehmt Euch in Acht! - ich will die Wahrheit - die ich weiss - aus Eurem
Munde hören. - Wer brachte Euch das Kind?«
    »Nun denn - die Frau Bilz.«
    Der Mann im Mantel nickte mit dem Kopfe, dann warf er einen fragenden Blick
auf das Mädchen, das freudig ausrief:
    »Ja, ja, Frau Bilz - so hiess sie, der ich mein Kind anvertraute und die mir
in Gegenwart der Madame Becker sagte, es sei gestorben, und mir auch den
Todtenschein einhändigte.«
    Der Fremde zuckte verächtlich mit den Achseln und warf auf den Hausherrn
einen Blick, der diesen erbeben machte. Man sah deutlich, wie er zusammenschrak.
Dann aber nickte der Andere mehrmals mit dem Kopfe und fuhr strenge fort: »Ja es
wird schon so sein, ich kenne diese Geschichten. - Aber noch einmal dergleichen,
Meister Schwemmer, und alle Schonung hört auf. - Ihr da,« wandte er sich an
Richard, »geht ruhig Eurer Wege, das Mädchen kann ihr Kind mitnehmen. - Doch
bitte ich mir eins dafür aus,« fügte er in ganz anderem, weit gefälligerem Tone
hinzu, »sie soll diesem würdigen Mann da den Todtenschein gelegentlich
zurückschicken und sich auch künftig besser vorsehen, ehe sie das arme Ding da
einer Frau Bilz anvertraut.«
    Hätte Richard seinen Hut noch auf dem Kopfe gehabt, er würde ihn unfehlbar
ehrfurchtsvoll abgenommen haben; denn die Art, wie der fremde Mann sprach, und
besonders, wie er mit jenem Gauner, dem Meister Schwemmer, umzuspringen wusste,
hatte ihn mit dem allergrössten Respekt erfüllt. - »Bedanke dich, Katarine,«
sagte er leise zu dem Mädchen.
    Doch winkte der fremde Mann leicht mit der Hand, als diese einige Worte
stammeln wollte.
    Dann zogen sie sich rückwärts aus der Stube und verliessen das Haus, gefolgt
von den Kameraden und Schellinger, der die Blendlaterne trug.
    Auf dem kleinen Hofe standen mehrere Männer beisammen, die aber
augenblicklich auseinander waren, als die Anderen aus dem Hause kamen.
    Nur Einer von ihnen trat dicht an den Schneider heran, klopfte ihm leicht
auf die Achseln und sagte: »Hättest gleich sagen können, was du da in dem Hause
wolltest; ich würde dir wahrhaftig geholfen haben, das Kind wegzuholen. Bist
aber sehr unvorsichtig gewesen, denn wenn mein Stuhl einen halben Zoll mehr
links gekommen wäre, dann machtest du keine Stiche mehr, - und auch keine
Reisen, darauf kannst du dich verlassen. - Gute Nacht!«
    »Gute Nacht!« erwiderte Herr Schellinger, indem er eilig den Anderen folgte,
die schon in das baufällige Vorderhaus getreten waren.
    Dort blieb Richard stehen, und als er bemerkte, dass ihm keiner seiner
Getreuen fehle, stemmte er die Arme in die Seite, schaute sich rings um und
sprach: »Nun, was denket ihr davon? - Ist euch so was in eurem ganzen Leben
vorgekommen? Hat Einer von euch die Figur oder das Gesicht schon gesehen? - Ich
gewiss nicht - soll mich der Teufel holen! - Ihr auch wohl nicht? - Und du,
Schellinger?«
    Der Schneider war offenbar sehr nachdenkend geworden; man bemerkte das an
seiner ganzen Haltung. Er stand etwas vorn übergebeugt und hatte sein spitzes
Kind mit der linken Hand erfasst.
    »Nun, Schellinger?«
    »Habt ihr euch die Männer im Hofe genau betrachtet?« versetzte endlich der
Garderobe-Gehilfe nach einer längeren Pause.
    »Ja wohl, ziemlich genau.«
    »Hatten sie keine weiten Hosen an und kurze Jacken, oder Pelzmützen auf dem
Kopfe?«
    »Beim Henker! nein,« lachte einer der Zimmerleute. »Dergleichen habe ich
nicht gesehen, und auch du wohl nicht, Richard.«
    Dieser, welcher sehr froh war, dass das ziemlich gefährliche Abenteuer so
glänzend und gut abgelaufen, lachte lustig und meinte: »Wenn Schellinger Jacken
und Pelzmützen gesehen hat, so wird er dafür seine Gründe haben. - Nun sprich:
was denkst du denn?«
    »Ja, ja, es kann nicht fehlen,« erwiderte der Garderobe-Gehilfe. »Und jetzt
erinnere ich mich ganz genau des Gesichtes wieder. - Siehst du, Richard, welchen
Nutzen es hat, wenn man auf seinen Reisen gute Bekanntschaften macht, - denn,«
setzte er flüsternd hinzu, »ich will ein Lump meines Namens sein, wenn der da
drinnen nicht der russische Fürst war, von dem ich dir erzählt. Er hat uns mit
seinen Kosaken aus dieser verwickelten Geschichte herausgeholfen.«
    Damit schlug Herr Schellinger die Hände auf dem Rücken zusammen, zuckte ein
paarmal mit den Achseln und ging ruhig davon, wobei sein unbedeutendes Köpfchen
auf dem langen und dünnen Halse stärker als je vorn über wankte.
    Die Anderen folgten ihm. -
    Der Fremde in der Wohnstube des Meister Schwemmer hatte ruhig gewartet, bis
Jene das Haus verlassen, dann nahm er das Mantelende von seiner rechten Schulter
herunter, wodurch sein ganzer Kopf frei und auch die Arme sichtbar wurden, von
denen er einen in die Seite stemmte, während er sich mit dem anderen auf den
Tisch stützte.
    »Ich will Euch nun zum Abschied einen guten Rat geben,« sagte er mit seiner
so eigentümlich klingenden Stimme. »Tut Euch selbst den Gefallen und lasst die
Geschäfte von der Art, wie das, worüber wir soeben verhandelt. In welchem Ruf
Ihr in der Stadt und bei den Behörden steht, wisst Ihr selbst am besten; die
letzteren sind nun auf Euch besonders aufmerksam geworden, und die Polizei würde
Euch heute Abend einen sehr unangenehmen Besuch geschenkt haben, wenn ich es
nicht verhindert hätte. - Also nehmt Euch für die Zukunft in Acht; wenn ich das
nächste Mal komme, geschieht es nicht, um Euch zu warnen.«
    Bei diesen Worten wandte er sich nach der Türe um und wollte das Zimmer
verlassen; doch blieb er plötzlich stehen und fragte: »Wer ist denn das?«
    Meister Schwemmer, der mit zerknirschter Miene die Worte des Fremden
angehört, blickte in die Höhe und sah den Buben, der sich hinter Richard
unbemerkt in das Zimmer geschlichen hatte und bis jetzt ruhig an der Türe
stehen geblieben war. Er hielt seinen kleinen Körper gerade und aufrecht,
schaute unbefangen in die Höhe und blickte den Mann im Mantel fest mit seinen
blitzenden Augen an. dabei hatte er ebenso wie dieser den linken Arm in die
Seite gestemmt.
    »Das ist ein auffallendes Gesicht,« murmelte der Fremde und fuhr sich mit
der Hand über die Augen. - »Dieser Blick! Und die ganze Form des Kopfes. - Bei
Gott! seltsam.« - Er wandte sich rasch nach dem Hausherrn um und fragte: »Wem
gehört dieses Kind?«
    Dieser bückte sich demütig und zog furchtsam die Achseln in die Höhe, als
er entgegnete: »Ich weiss es nicht, Herr; gewiss, ich weiss es nicht.«
    »Keine Lüge, Meister Schwemmer!« -
    »Auf meine Seele, nein! - Möge ich verderben, wenn ich nicht die Wahrheit
sage. - Der Knabe wurde mir vor Kurzem durch eine Unterhändlerin gebracht, die
ich nennen kann; doch war auch das schon die zweite Hand, durch welche der Bube
gegangen.«
    »Es ist möglich, dass Ihr diesmal nicht lügt,« erwiderte der Fremde mit einem
sonderbaren Lächeln. »Ich will Euch was sagen, guter Meister Schwemmer: bis
morgen Abend um sechs Uhr wünsche ich auf's Genaueste zu erfahren, wie die erste
Hand heisst, die den Knaben in die zweite geliefert. - Habt Ihr mich verstanden?«
    »Ja, Herr. - Soviel ich indessen weiss -«
    »Für jetzt nichts Weiteres; ich mag keine Vermutungen. - Also morgen Abend
um sechs Uhr etwas, worauf ich mich verlassen kann! - Wer bist du?« wandte er
sich an das Kind.
    »Das weiss ich nicht,« entgegnete der Knabe mit heller Stimme. »Ich kann dir
nur sagen, dass ich Karl heisse, bei der alten Frau Fischer wohne und von hier
fort will.«
    »So, du willst von hier fort? - Also gefällt es dir da nicht?«
    Das Kind blickte scheu um sich, und als es das Weib mit der roten Nase
nicht bemerkte, sagte es: »Ich mag nicht mehr bleiben; sie sind so böse,
namentlich das Weib mit der roten Nase. Wir bekommen fast nichts zu essen, sie
schlagen uns viel, und dann ist es drüben so arg kalt.«
    »Der legt ein gutes Zeugnis von Eurer Wirtschaft ab,« sprach der Fremde mit
einem flammenden Blick. - »Aber es ist wirklich erstaunlich,« fuhr er ganz leise
fort, »welche Aehnlichkeit ich da heraus finde, namentlich in den Augen; ja
sogar, wenn er spricht, die gleichen Bewegungen des Kopfes. - Aber das ist
möglich? - Bei Gott! es könnte sein. Nun, wenn Jemand der Sache auf die Spur
kommen könnte, so wäre ich der Mann dazu. - Du sprachst vorhin von einer Frau
Fischer; getraust du dir vielleicht das Haus, wo sie wohnt, aufzufinden?«
    »Das ist gewiss nur ein falscher Name, den man dem Knaben gesagt, denn -«
wagte Meister Schwemmer sich in das Gespräch zu mischen. Doch machte ihn ein
Blick des Anderen plötzlich verstummen.
    »Von hier werde ich das Haus schwerlich finden, aber wenn man mich auf den
Platz bringt, wo das schöne Schloss steht - ich habe da viel gespielt und die
Soldaten gesehen - da glaube ich wohl, ich würde das Haus finden, wo die gute
Frau Fischer wohnt.« - Dies sagte der Knabe mit einer freudigen Erregung, wobei
seine Augen strahlten.
    »Nun gut,« erwiderte der Fremde, »den Versuch wollen wir morgen machen; und
du siehst mir gerade so aus, als wenn du zu halten im Stande wärest, was du
versprichst. - Willst du mit mir gehen?«
    »Gern! gern!« rief das Kind, und eine tiefe Röte flammte auf seinem
Gesichte auf.
    »Aber doch wohl noch lieber zu deiner Frau Fischer? - Oder bliebst du gern
beständig bei mir?«
    Der Knabe besann sich einige Sekunden, dann warf er einen Blick auf den
Meister Schwemmer und das Weib, das unter der Küchentüre erschienen war, um
sogleich wieder zu verschwinden. Hierauf antwortete er: »Zuerst möchte ich wohl
die Frau Fischer wieder sehen, um ihr zu sagen, dass sie mich hier nicht
todtgeschlagen, dann möchte ich aber zu dir kommen und bei dir bleiben. - Ich
bin gewiss überzeugt, du hast auch Waffen zu Haus - Säbel oder Pistolen oder auch
nur ein Messer.«
    »Und wozu das?«
    »Damit ich mich wehren kann, wenn sie mich wieder fortbringen wollten. - Ja,
hätte ich nur an dem Abend mein kleines Gewehr gehabt, das hat ein ganz spitzes
Bajonnet, oder hätte mir Einer ein Messer gegeben.« - Bei diesen Worten ballte
er seine kleinen Hände und erhob sie drohend gegen das Nebenzimmer.
    Der Fremde betrachtete ihn einen Augenblick lächelnd, und, wie es schien,
mit grossem Wohlgefallen. Dann legte er die Hand vor die Augen und sprach wie zu
sich selber: »Bei dem Anblick dieses Knaben treten blutige Bilder aus meiner
Jugend lebendig hervor. Ganz so stand ich da, nur mit dem Unterschiede, dass ich
wirklich ein Messer in der Hand hielt. - Eigentümlich!« Darauf ging er mit
raschen Schritten an das Fenster, blickte hinaus und murmelte: »Richtig! Matias
ist nicht mehr da. Ich wusste es ja.« - Er wandte sich hierauf an den Meister
Schwemmer und sagte: »Ist Jemand im Hause, der das Kind heute Nacht in den
Fuchsbau bringen kann?«
    »Der Sträuber wird noch da sein,« entgegnete der Hausherr; und dann rief er
in's Nebenzimmer hinein: »Geh', such' den Sträuber, er muss sich noch im Haus
befinden.«
    Darauf vernahm man, wie das Weib die Küche verliess und wie sie kurze Zeit
nachher mit Jemand im Gange flüsterte.
    Der Fremde lehnte sich ruhig wartend an den Tisch, und Meister Schwemmer
blickte mit der demütigsten Miene von der Welt nach der Stubentüre, die sich
jetzt langsam öffnete.
    Herr Sträuber trat ein und blieb, den Hut in der Hand haltend, mit gesenktem
Kopfe am Eingange stehen.
    »Ah ja, Herr Sträuber! - Der Beste der Besten!« sagte der Fremde,
unverkennbar mit tiefer Verachtung. - »Sie sind mir als Begleiter dieses jungen
kleinen Herrn da nicht der Liebste; aber man nimmt, was man hat. - Hören Sie
mich an!«
    Der Andere war auf diese ziemlich laut gesprochenen Worte augenscheinlich
zusammengefahren und wagte es nicht, den Kopf zu erheben; er drehte nur seine
Augen in die Höhe und erwiderte mit leiser Stimme: »Ich höre.«
    »Sie gehen also mit diesem Kinde auf dem geradesten Wege nach dem Fuchsbau;
doch verstehen Sie mich wohl: auf dem geradesten Wege, halten auch nirgendwo an
und sprechen mit Niemand, Sie schauen gerade vor sich hin und lassen mir das
Herumgaffen bleiben; es könnte Aufsehen erregen, und ich kenne Sie. - Nehmen Sie
sich aber ja in Acht, Herr Sträuber,« fuhr er in lauterem Tone fort, »dass Sie
von dieser Instruktion nicht eine Idee abweichen; es könnte Ihnen schlecht
bekommen. - Im Fuchsbau wird Matias sein; ihm übergeben Sie den Knaben, er soll
ihn für heute Nacht anständig unterbringen. Morgen erhält er meine Befehle.«
    »Und mit dem soll ich gehen?« fragte das Kind.
    »Nur eine kleine Strecke,« erwiderte bestimmt der Fremde. - »Also Gott
befohlen! Morgen wirst du zu deiner Frau Fischer kommen oder vielleicht zu einem
Herrn, der es gut mit dir meint.« - Damit reichte er ihm die Hand, und der
Kleine folgte seinem Führer, der bereits in den Gang hinaus getreten war.
    Der Fremde trat an die Türe und schaute ihnen nach, wie sie durch die
Hausflur dahin gingen. - »Ich empfehle Ihnen den geradesten Weg, Herr Sträuber,«
wiederholte er nochmals und setzte lächelnd hinzu: »Mit dem Kinde werden Sie
keinen Versuchungen ausgesetzt sein, denn es ist ja ein Knabe und trägt keine
Ohrringe.«
    Sobald die Tritte der Beiden draussen im Hofe verhallt waren, schlug der
Fremde sein Mantelende wieder über die rechte Schulter, nickte dem Meister
Schwemmer leicht mit dem Kopfe zu und verliess ebenfalls das Haus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am gleichen Abend hielt Graf Fohrbach mit Artur ein Rendezvous in dem
Kaffeehause auf dem Kastellplatze. Beide Freunde hatten sich schon mehreremal in
ihren Wohnungen verfehlt und sich schriftlich diese Zusammenkunft gegeben. Sie
waren längere Zeit in einem hinteren Zimmer allein gewesen und hatten eifrig mit
einander gesprochen.
    Der Gegenstand dieser Unterredung, den der geneigte Leser wohl erraten
wird, war für den Grafen so wichtig, dass er es sogar vergessen hatte, Artur zu
fragen, wie er am Neujahrsabend in jener uns ebenfalls bekannten Angelegenheit
für ihn gehandelt und welches Resultat seine Unterredung mit der jungen Dame
gehabt habe.
    Die Beiden verliessen nun das Kaffeehaus und schritten in fortgesetztem
Gespräch über den Kastellplatz dahin.
    »Also sein Gesicht konnten Sie damals nicht sehen?« fragte der Graf.
    »Nein, das war unmöglich, wie ich Ihnen schon sagte,« erwiderte Artur,
»denn er hatte den Mantel dicht um den unteren Teil des Gesichts geschlungen.«
    »Aber die Stimme glaubten Sie wirklich zu erkennen?«
    »Ich glaube nicht, dass ich mich darin täusche: es war die des Barons. Nur
sprach er die Worte anders aus, als es sonst seine Art ist; er redete kräftig,
energisch, ja befehlend.«
    »Es ist kein Zweifel,« entgegnete Graf Fohrbach nach einer längeren Pause;
»es musste dieselbe Person sein. - Aber haben Sie je eine so furchtbare
Geschichte erlebt? - Was kann und wird Alles daraus entstehen? Denken Sie sich
den Skandal, wenn dieser Mann, der in der Gesellschaft nach allen Richtungen
seine Verbindungen angeknüpft hat, plötzlich von der Hand des Gerichtes erfasst
wird! - Das muss in unseren Kreisen Verletzungen zurücklassen, die schwer zu
heilen oder zu verwischen sind. Aber vor allen Dingen, lieber Artur, denken Sie
ja daran, was Sie mir vorhin versprochen - die tiefste Verschwiegenheit über
Alles, was ich Ihnen mitgeteilt. Wenn wir je zu einem Ziele gelangen können, so
ist das nur möglich, wenn wir mit der grössten Behutsamkeit vorgehen. Man darf
darüber nicht atmen.«
    »Gewiss nicht, Graf Fohrbach; und Sie werden das von mir überzeugt sein.«
    »Das wissen Sie ja, lieber Artur; sonst hätte ich Ihnen nicht das Ganze so
ohne allen Rückhalt anvertraut. - Sie gehen nach Hause?«
    »Ja, ich muss. - Und Sie?«
    »Ich werde noch einen Besuch machen. - Aber lassen Sie sich ja bald bei mir
sehen.«
    »Schon morgen. Wie Sie wissen, hatte Seine Excellenz der Herr Kriegsminister
die Gnade, mich zu Spiel und Tee einladen zu lassen.«
    »Richtig! da sehen wir uns ja. - Also, gute Nacht!«
    »Gute Nacht!«
    Damit trennten sich die beiden Freunde; Artur ging links, der Graf nach
rechts gegen die Polizeidirektion hin, in deren Nähe er seinen Wagen warten
liess.
    Wie wir wissen, war es bereits vollkommen dunkel geworden, doch brannten
überall die Gaslaternen; und namentlich hier, wo es viele Laden und Magazine
gab, war die Strasse fast taghell beleuchtet.
    Graf Fohrbach ging gedankenvoll seines Weges und sah nur zuweilen in die
Höhe, um einen Blick in die hellerleuchteten Gewölbe zu werfen oder um hie und
da Jemand auszuweichen. So kam er in die Nähe der Polizeidirektion, als zu
seiner Rechten aus einer engen Gasse, die an der Seite dieses grossen Hauses bei
den Hintergebäuden und Gärten desselben vorbeilief und in eine andere Strasse
mündete, zwei Männer hervortraten, bei deren Anblick er plötzlich seinen raschen
Schritt mässigte, ja in der nächsten Sekunde wie angefesselt stehen blieb. - Der
Eine dieser beiden Männer war der Baron Brand. Ja, er konnte sich nicht
täuschen: es war sein Gang, seine Haltung, seine ganze Figur. - Und auch die
Stimme; denn jetzt sprach er einige Worte zu dem Anderen, der neben ihm ging.
Dieser war aber ein Polizei-Kommissär in voller Uniform.
    Der Graf war so überzeugt, den Baron zu erkennen, dass er ihn zu jeder
anderen Zeit angerufen hätte. Und jetzt - nein, da war keine Täuschung möglich -
jetzt war er sicher, dass dies auch derselbe Mann sei, den er in jener Nacht aus
dem Fuchsbau hatte heraus kommen sehen.
    Die Beiden gingen unterdessen im gewöhnlichen Schritte dahin und hatten bald
die Türe der Polizeidirektion erreicht. Dort blieben sie stehen; der Mann im
Mantel reichte dem Anderen die Hand, worauf der Kommissär eine tiefe Verbeugung
machte und dann an der Treppe stehen blieb, jenem nachblickend, welcher in eine
Seitenstrasse einbog und verschwand.
    »Heute wäre es eine günstige Gelegenheit, ihm zu folgen,« dachte Graf
Fohrbach, indem er rasch vorwärts eilte. »Es ist noch eine ziemlich frühe
Stunde; ich rufe seinen Namen, und da wollen wir sehen, ob er anhält und mir
Rede steht.« - Doch kam ihm im nächsten Augenblicke ein anderer und, wie er
glaubte, besserer Gedanke. Er hatte mit zwei Schritten die Treppe der
Polizeidirektion erreicht, welche der Kommissär soeben langsam hinauf stieg.
    Graf Fohrbach bot ihm laut einen guten Abend.
    Der Beamte wandte sich plötzlich um, und als er beim hellen Lichte der
Gaslaterne den Adjutanten Seiner Majestät erkannte, machte er schon auf der
obersten Stufe eine tiefe Verbeugung und stieg eilig und mit grosser Höflichkeit
die Treppen herab, da er wohl bemerkte, dass ihn der Graf erwartete.
    »Euer Erlaucht haben irgend einen Befehl für mich?« fragte er verbindlich.
    »Das nicht, Herr Kommissär,« erwiderte der Adjutant. »Würde mir das auch
nicht erlauben; doch wenn Sie mir eine Frage beantworten könnten, wäre ich Ihnen
sehr dankbar dafür.«
    »Mit dem grössten Vergnügen.«
    »Wer war jener Herr, der eben mit Ihnen ging und Sie vor wenigen
Augenblicken verliess?«
    Der Polizei-Kommissär rieb sich die Hände und lächelte pfiffig, worauf er
sagte: »Das ist eigentlich eine Art Dienstgeheimniss, welches aber Euer Erlaucht
mitzuteilen ich mich nicht zu geniren brauche. Jener Herr, der im Mantel, - ich
gebe Euer Erlaucht mein Ehrenwort, dass ich seinen Namen nicht einmal weiss, -
aber unter uns gesagt,« - damit hielt er die rechte Hand an eine Seite des
Mundes und flüsterte dem Grafen in's Ohr: »Er ist einer der Sekretäre Seiner
Excellenz des Herrn Präsidenten, und gehört zur geheimen Polizei.«
    »Zur geheimen Polizei?« sprach der Graf im Tone des höchsten Erstaunens.
    »Es ist so, Euer Erlaucht. - Aber nicht wahr, das bleibt ganz unter uns?«
 
                           Einundsechzigstes Kapitel.
                        Die Soirée des Kriegsministers.
Wenn bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister grosse Soiréen stattfanden, was im
Laufe des Winters mehrmals vorkam, so wurden hiezu die unteren Apartements des
palastähnlichen Hauses, die sonst immer verschlossen waren, geöffnet. Sie
bestanden aus einem grossen Tanzsaal mit Nebenzimmern zu allen möglichen Zwecken;
hier konnten die Tänzer ausruhen, dort konnten Mütter und andere Anverwandte
sich einer angenehmen Konversation hingeben und doch mit einem einzigen Blick
den Ballsaal und somit ihre Töchter und Schutzbefohlenen übersehen. Etwas
entfernter von der rauschenden Musik waren Konversations- und Spielzimmer, sowie
auch ein Gemach, dessen schwere eichene Tische mit Albums aller Art und
illustrirten Werken überladen waren.
    Wie wir bereits wissen, verband der kleine Wintergarten das Hauptaus mit
dem Hintergebäude, wo der junge Graf Fohrbach wohnte. An solchen Abenden aber
wie der heutige war nicht bloss der Blumengarten geöffnet, beleuchtet und zum
Eingang von Gästen eingerichtet, sondern das Apartement des jungen Grafen mit
Ausnahme des Schlafzimmers in die ganze Reihe hinein gezogen, und es wurde hier
gewöhnlich soupirt.
    Wenn man nun vor Beginn der Soirée durch die ganze Zimmerreihe dahin
schritt, wo die hohen Wachskerzen soeben angezündet waren und der Glanz ihrer
Lichter noch durch keinen Staub getrübt wurde, wo die Blumen in den Ecken und
auf den Tischen noch in ihrer ganzen Frische prangten, wo sich die Möbel der
verschiedenen Zimmer und Salons noch in jener gut berechneten Unordnung
befanden, die dem Auge so wohl tut, wenn die reine Atmosphäre noch versüsst war
durch den Duft der Blumen und Gesträuche aus dem geöffneten Wintergarten, - so
musste man sich gestehen, dass dies Apartement, wenn auch wohl in der Grösse und
Ausdehnung manchem andern nachstehend, doch an zierlicher Eleganz, Geschmack und
Lieblichkeit gewiss weit und breit seines Gleichen vergeblich suchte. Namentlich
machte es dem jungen Grafen vieles Vergnügen, seinen ersten grossen Salon, der an
das Gewächshaus stiess, immer wieder auf neue Art zu dekoriren und einzurichten.
    Heute nun schien er eine Fortsetzung des Wintergartens zu sein, und wenn man
hinein trat, so glaubte man in ein grosses Gewächshaus zu kommen. Alle Ecken
waren mit dichten Gebüschpartieen besetzt, von welchen sich nach verschiedenen
Seiten hin Blumen und Sträucher in das Zimmer hinein zogen, so dass sie dasselbe
in eine ganze Menge kleiner Pflanzenkabinete abteilten. Diese nun waren auf das
Mannigfaltigste möblirt; hier bot eins Platz für zehn und zwölf Personen, dort
vielleicht für fünf und sechs, weiterhin aber sah man recht lauschige Plätzchen,
wo nur ein einsamer Sopha oder zwei Fauteuils standen, wie geschaffen zu einem
heimlichen Zwiegespräch. Einen Kronleuchter hatte der Salon nicht; er würde auch
die ganze Wirkung dieses künstlichen Gartens zerstört haben. Zwischen den
Blumenpartieen, namentlich aber am Ende derselben, standen kleine Postamente und
auf diesen Lampen, welche über die Pflanzen emporragten oder zwischen ihnen
durchschimmerten. Die Kugeln dieser Lampen waren mit künstlichen, gemachten und
transparenten Blumen umgeben, die nun aus dem dunkeln Grün magisch
hervorleuchteten, hier ein Bouquet riesenhafter, glühender Rosen darstellend,
dort einen Strauss anderer sanft schimmernder Blüten, oder weiterhin eine Partie
weisser, glänzender Lilien.
    Auch zu Anfang des Balles, wo sich Alles in den vorderen Zimmern befand, war
hier ein recht heimlicher, anmutiger Aufentalt. Da hörte man aus weiter
Entfernung das Murmeln der Stimmen, die Akkorde der Tanzmusik, oder, wenn diese
einen Augenblick schwieg, das sanfte Plätschern der Springbrunnen in dem
anstossenden Wintergarten. Doch liessen sich wenige Gäste hier nieder; man
spazierte nur hindurch, um die schönen Arrangements zu bewundern und zog sich
hierauf wieder nach dem vorderen Teile des Apartements zurück, weil dort Tanz
und Spiel zu finden war, und weil, wie Jedes wusste, der zierliche Salon des
jungen Grafen für die allerhöchsten Herrschaften so zu sagen reservirt war,
wohin sich diese auch häufig mit einzelnen auserwählten Vertrauten zurückzogen.
    Wenige Minuten nach acht Uhr hatte übrigens das ganze Apartement am heutigen
Abend den Reiz der Einsamkeit und auch schon teilweise der Frische verloren und
diente nur noch zu dem Aufentalt eines wahrhaft fabelhaften Glanzes, der sich
in seinen Räumen ausbreitete.
    Vor dem Tanzsaale empfing der Kriegsminister die hohen Herrschaften, wobei
der alte Herr mehrere tiefe Verbeugungen machte, die bald mit vertraulichem Gruss
und einigen freundlichen Worten erwidert wurden, bald auch nur mit einem steifen
und sehr vornehmen Nicken des Kopfes, je nachdem man damit eine grössere oder
kleinere Gnade andeuten wollte.
    Nachdem so der allgemeine Empfang vorüber war, zu welchem sich Alles, was
auf das Recht bemerkt zu werden Anspruch machen konnte, in den Vorzimmern und
dem Eingang des Tanzsaales zusammengedrängt hatte, lösten sich die Anwesenden in
einzelne Gruppen auf, die hohen Personen hielten in den verschiedenen Zimmern
ihre kleinen oder grossen Cercles, die jungen Herren und Damen folgten der
rauschenden Tanzmusik, die alten Excellenzen und sonstigen Würdenträger zogen
sich in die Spielzimmer zurück, und jene Eingeladenen, deren schwarze Fräcke
schon mehreren Moden siegreich widerstanden, deren weisse Westen etwas zu kurz,
die Handschuhe dagegen etwas zu lang waren, tapezierten die Wände, standen, in
der Absicht, auffallend bescheiden und schüchtern zu sein, Jedermann im Wege,
traten sich gegenseitig auf die Füsse, machten vor jedem Stern einen tiefen
Bückling, wobei sie nicht selten von hinten mit einer alten Dame sehr unangenehm
karambolirten, und schwammen im Allgemeinen für sich und Andere sehr
unerquicklich auf der Woge dieses glänzenden Lebens dahin, bis sie endlich von
der gewaltigen Flut in ein entferntes Nebenzimmer geschleudert wurden, um hier
in irgend einer Ecke ruhig zu warten, bis sie mit Anstand verschwinden konnten;
oder um ein paar Stunden lang mit grosser Geduld und Ausdauer verschiedene Albums
zu durchblättern, wobei sie sehnsüchtige Blicke auf die Uhr warfen und
schmerzliche auf ihre Füsse, deren Hühneraugen unter den engen Schuhen von
Glanzleder entsetzlich brannten und schmerzten.
    Im Uebrigen war jetzt der Ball vollkommen en train; man tanzte, man lachte,
man spielte, man unterhielt sich, und dabei rauschten Kleider und Bänder,
glänzten Diamanten, Perlen und Sterne, glühten frische Wangen und funkelten
schöne Augen.
    Der geneigte Leser wird in dem Gewühle hier und in allen Teilen des
Apartements viele seiner Bekannten wieder finden: in dem Spielzimmer die
Excellenzen, denen er im königlichen Vorzimmer begegnete, hier aber ihrer
würdevollen Mienen sowie der Uniform entkleidet, und dagegen angetan mit dem
schwarzen Frack, der weissen Weste, über welcher das breite, farbige Ordensband
glänzt; - sowie auch den Herrn von Dankwart, der sich bemüht in alle Karten zu
schauen, über das Spiel im Allgemeinen zu sprechen, oder hie und da gute
Ratschläge im Einzelnen zu erteilen, die ihm aber höchstens einen erstaunten
Blick eintragen.
    Im Tanzsaale finden wir den Major von S., der, obgleich über die Jahre des
Tanzens schon fast hinüber, sich doch neulich auf heute Abend zu einem Walzer
verpflichtete, ein Leichtsinn, den er nun im Schweisse seines Angesichtes abbüssen
muss; den nunmehrigen Regierungsrat Eduard von B., der es an der Zeit findet,
sich gründlich unter den Töchtern des Landes umzuschauen; - sowie auch abermals
den Herrn von Dankwart, der ohne selbst zu tanzen, über diese Kunst im
Allgemeinen sehr gründlich abspricht und einzelnen jungen Damen Ratschläge
erteilt, die aber bei den Schönen und Gesuchten ein vornehmes Achselzucken, bei
den Bescheidenern und minder Hervorragenden ein leichtes mitleidiges Lächeln
hervorbringen.
    In den entfernteren Zimmern, an den Tischen mit den Albums sehen wir jene
Herren mit den altmodischen Fräcken, Beamte des kriegsministeriellen
Departements, junge, noch schüchterne Offiziere und Künstler; - sowie auch
wieder den Herrn von Dankwart, der hier als Protektor und Kritiker auftritt,
sich so hoch streckt, als es seine kleinen Beine erlauben, die Nase gewaltig
erhebt und mit grosser Bescheidenheit versichert, wenn auch seine Anwesenheit in
hiesiger Stadt im Allgemeinen noch von keinen grossen Folgen gewesen sei, so
müsse er sich doch selbst zugestehen, dass sein Urteil, sein Lob und Tadel auf
dem Gebiete der Kunst schon ausserordentliche Früchte getragen. - »Man fürchtet
sich vor mir,« sagte er, »man weiss, wie ich nur das Gute schätze, aber dem
Mittelmässigen streng entgegen trete; man muss es anerkennen, dass ich die
Aufmerksamkeit der Frau Herzogin auf manches bisher unbekannte Talent gelenkt,
und dass ich so zu sagen Künstler erzogen habe, die es noch zu etwas Grossem
bringen werden, wenn sie wie bisher meinen Winken und Ratschlägen Folge
leisten.«
    Im Wintergarten finden wir einige Hofdamen, die plaudernd auf- und abgehen,
bald vor dieser Blumengruppe, bald vor jener bewundernd stehen bleiben, während
sie häufig ausrufen: »Charmant! - köstlich! - deliciös!« - die dabei ihre
weissseidenen Roben sehr in Acht nehmen, damit sie nicht an irgend ein nasses
Blatt streifen, und die Alle mit dem Fächer wedeln, sobald Eine die Bemerkung
macht, in dem Saale sei es unerträglich heiss; - sowie auch den unvermeidlichen
Herrn von Dankwart, der über Blumenzucht im Allgemeinen spricht, auch recht
anerkennend über den Gärtner des Kriegsministers urteilt, im Einzelnen aber die
bündige Erklärung abgibt, dass, obgleich hier viel für Blumenzucht geschähe, die
hiesigen Gewächshäuser doch keinen Vergleich aushalten könnten mit denen, die er
zu Haus verlassen, und dass, ohne ungerecht zu sein, was Pflanzen und Blumen
anbetreffe, hier sich gegen dort wie Sibirien zu Italien verhalte.
    Im Salon des jungen Grafen ist dieser selbst und nimmt freundlich und
bescheiden die ausschweifenden Lobsprüche einiger alten Hofdamen in Empfang, die
ihn versichern, so etwas Magnifikes und wirklich Graziöses noch nie gesehen zu
haben; - sowie auch der Herr von Dankwart, der lächelnd hinzu tritt, und dem
Grafen vertraulich auf die Schulter klopfen will. Es bleibt jedoch bei dem
Versuche, denn Graf Fohrbach macht eine entschieden rückgängige Bewegung, von
einem sonderbaren Blicke begleitet, was aber den Herrn von Dankwart durchaus
nicht abzuschrecken scheint; denn er nähert sich abermals, reibt seine Hände,
und sagt, indem er sich auf den Fussspitzen wiegt: »Bei Gott! dieser gute Graf
hat etwas gelernt. Gestehen Sie, Ihnen hat der Salon der Fürstin X. bei uns
vorgeschwebt und Sie haben den hiesigen darnach gebildet, aber wirklich mit
vielem Geschmack und Eleganz. Wahrhaftig, Graf Fohrbach, Ihr Geist ist ein
dankbares Feld für Bemerkungen, die man Ihnen gelegentlich macht; Sie haben da
meine Idee mit den transparenten Blumen vortrefflich benützt, - in der Tat,
vortrefflich benützt. Nur wissen Sie, was ich hie und da noch besser gemacht
hätte? - Zwischen dem Grün hindurch ein Bouquet Wachskerzen. Ich versichere Sie,
der Glanz der Lichter zwischen den Blättern macht eine fabelhafte Wirkung. So
war es auch bei der Fürstin X., das allein haben Sie vergessen.«
    So plauderte Herr von Dankwart unermüdlich fort und eilte dabei mit
ausserordentlicher Beweglichkeit, ohne auf seine Reden irgend eine Entgegnung
abzuwarten, zu den verschiedenen Gruppen wo er Wachslichter angebracht zu haben
wünschte, und als er sich endlich wieder zu der Gesellschaft umdrehte, bemerkte
er, dass Alle das Zimmer verlassen hatten bis auf eine alte Gräfin, die ihm mit
wahrer Bewunderung zuzulauschen schien, denn sie war von der Frau Herzogin sehr
abhängig und erhielt durch die Hand des Herrn von Dankwart vertraulicher Weise
manche Unterstützung.
    Im Vorzimmer, um bis an das Ende des Apartements zu gehen, sah man die
Dienerschaft des Hauses die Erfrischungen herrichten, und die Limonaden sowie
das Gefrorene vorher heimlicher Weise versuchen, ob es auch wohl würdig sei, den
Gästen präsentirt zu werden; - sowie auch den Herrn von Dankwart, der eigentlich
hieher gehörte, und der einem Kammerdiener anempfahl, es ihm ja augenblicklich
zu melden, sobald der Wagen der Frau Herzogin vorgefahren sei.
    Einen unserer Bekannten suchten wir bis jetzt überall vergebens, den Herrn
von Brand nämlich, der aber eingeladen und auch erschienen war. Doch fanden wir
ihn nicht, weil er, wie der Herr von Dankwart, bald hier bald dort war, übrigens
eine ganz andere Rolle spielend; denn während dieser sich vordrängte, viel
sprach und also leicht bemerkbar war, zog Jener sich zurück, knüpfte fast gar
keine Unterhaltungen an und schien nur aus der Ferne dies und das zu beobachten.
    Jetzt näherte er sich dem Spielzimmer, trat aber dort sogleich in eine
Fensternische und liess sich auf einem kleinen Fauteuil nieder, der ihn durch den
daneben herabhängenden Vorhang fast ganz verbarg.
    Es waren in diesem Zimmer drei Spieltische aufgestellt, und man arbeitete
fast überall mit dem Strohmann; doch war der Stuhl desselben fast nirgendwo
unbesetzt, und wenn sich ein Zuschauer von demselben erhob, so nahm gleich ein
anderer darauf Platz.
    An dem Tische, der dem Baron zunächst stand, sass Seine Excellenz der
Oberststallmeister, der Hofmarschall, sowie ein kleiner alter, vertrockneter
Herr, dessen Bekanntschaft wir noch nicht gemacht. Er hatte ein spitziges
Gesicht von unangenehmem Ausdruck, tief liegende, trübe Augen, wenig Zähne und
auf dem Kopfe eine Perücke, deren Farbe offenbar zu dunkel abstach gegen seine
fahle, verlebte Gesichtsfarbe. Der alte Herr sass mit ziemlich gekrümmtem Rücken
da und bückte sich bei jeder Karte, die ein Anderer ausspielte, noch tiefer
hinab, wobei er die Augen blinzelnd zusammen kniff. Zuweilen bediente er sich
auch einer Lorgnette, die neben ihm lag, um einen etwas entfernten Stich
betrachten zu können. Seine Finger waren unendlich mager und zitterten oftmals
so heftig, dass er mit der rechten Hand nachhelfen musste, um die in Unordnung
geratenen Karten wieder gehörig aufzurichten.
    Wenn wir dem geneigten Leser sagen, dass er von seinen Mitspielenden mit
»Excellenz« angeredet wurde, dass er über der weissen Atlasweste ein breites Band
trug, sowie auf dem schwarzen modischen Frack einen blitzenden Stern, so wird
derselbe versichert sein, dass wir ihn soeben mit einer sehr vornehmen Person
bekannt gemacht haben.
    Es war dies Seine Excellenz, der in dieser Geschichte schon einige Mal
erwähnte pensionirte General-Adjutant Baron von W., in seiner Jugend ein
gewaltiger Eroberer in mancherlei Beziehungen, jetzt nur noch eine alte,
verdriessliche Ruine, die nur in solchen Augenblicken etwas freundlicher aussah,
wenn sie von der Sonne allerhöchster Huld und Gnade beschienen wurde.
    Neben ihm, auf dem Platze des Strohmanns, sass seine Frau, die Baronin W.,
und man konnte sich keinen grössern Kontrast denken, als dieses Ehepaar
darstellte. Sie war eine schöne Frau in den Zwanzigen, hatte volle, schwellende
Formen, einen unbeschreiblich weissen, aber sehr blassen Teint und die schönsten
hellblonden Haare, die man sehen konnte. Die Baronin war einfach in hellblaue
Seide gekleidet; ihr Schmuck war unbedeutend und bestand nur in Perlen, die sie
am Armband und in den Ohrringen trug. Sie war, wie gesagt, heute noch eine der
reizendsten Erscheinungen, musste aber vor Jahren wunderbar schön gewesen sein,
als sich die Frische der Jugend noch in den Formen ihrer Gestalt ausdrückte und
als ihr jetzt etwas umflortes Auge noch im vollen Glanze strahlte. Sie war etwas
stark geworden und ihre Augenlider hatten eine eigentümliche Färbung; dunkler
als die Stirne lag über ihnen ein Schimmer von Rosa und Braun, welches aber das
Gesicht durchaus nicht entstellte, ja es womöglich noch anziehender und
interessanter machte. Wie schon gesagt, sass sie an der Stelle des Strohmannes
und hatte den vollen weissen Arm so auf die Ecke des Tisches gelegt, dass der
Fächer, der am Handgelenke befestigt war, frei herab hing und hin- und
herschwebte, welches Spiel sie angelegentlich zu betrachten schien. Zuweilen
aber, wenn Seine Excellenz einen Ton des Missfallens oder der Freude hören liess,
hob sie die müden Augenlider empor und schaute über die Karten hin, wobei ein
leichtes Lächeln um ihren Mund spielte, wenn sie den Blicken des Gemahls
begegnete.
    Der Herr von Brand sass so in seiner Ecke, dass ihm Seine Excellenz der
General-Adjutant den Rücken zudrehte, er dagegen der Baronin in's Gesicht sehen
konnte.
    Seine Excellenz bekam vortreffliche Karten und nahm häufig ihre Lorgnette,
um die Stiche zu betrachten. Auch lachte sie zuweilen laut hinaus, was zwar
durchaus nicht angenehm klang, aber die Freude ihres Herzens bekundete.
    Die Baronin schien an dieser Freude offenbar Anteil zu nehmen, denn sie
liess ihr Fächerspiel bleiben, stützte den Kopf auf ihren Arm und begleitete das
triumphirende: »enfin - petit Schlemm!« Seiner Excellenz mit einem freundlichen
Kopfnicken.
    Als sie in diesem Momente das Gesicht erhob, und, gewiss zufälliger Weise,
ihre Blicke durch das Zimmer schweifen liess, begegneten sie denen des Herrn von
Brand, der sie aufmerksam und fest ansah. Es musste für sie etwas Seltsames in
diesem Anschauen liegen, denn ihre Gesichtszüge änderten sich vielleicht während
einer Sekunde, was sie fühlte, denn sie blickte fast erschrocken auf ihren
Gemahl, der aber in seine Karten sah und durchaus nichts bemerkt hatte.
    Hierauf drehte sich die Baronin nach und nach an dem Tische so, dass sie nach
der Fensternische schauen konnte, während die rechte Hand den Spielenden ihr
Gesicht verdeckte. Wir müssen nun eingestehen, dass sie jetzt häufig ihre Blicke
dem Baron zuwandte, dass dieser ebenfalls scharf herüber sah, ja dass er kurze
Zeit nachher ein für uns unverständliches Zeichen machte, welches die schöne
Frau dadurch beantwortete, dass sie langsam ihre Augenlider senkte, was offenbar
Ja bedeutete; denn nun erhob sich der Baron aus seiner Fensternische und
schlich, von den Spielenden ungesehen, zum Zimmer hinaus.
    Die Baronin blieb noch eine Zeit lang; dann legte sie ihre volle weiche Hand
auf den schlotternden Aermel ihres Gemahls und sagte mit ihrer sanften Stimme:
»Ich wünsche dir alles Glück wie bisher,« - worauf der Oberststallmeister galant
erwiderte: »Das wird von ihm verschwinden, sobald Sie, gnädige Frau, ihn
verlassen.«
    »Was übrigens auch nicht mehr als recht und billig ist,« meinte einigermassen
verdriesslich der Hofmarschall. »Denn Seine Excellenz gehen in der Tat zu
grausam mit uns um.«
    »Mais où allez-vous?« fragte mürrisch der Gemahl, indem er der Baronin einen
unfreundlichen Blick zuwarf. »Man sollte wahrhaftig glauben, es tue dir leid,
mich einmal gewinnen zu sehen - contre la rêgle.«
    »Contre la rêgle,« lachte laut der Hofmarschall. »Nein, gnädige Frau,
geniren Sie sich durchaus nicht; verlassen Sie ihn nur, und wenn ihn damit sein
Glück verlässt, so hat er es verdient.«
    Diese Worte schienen ohne alle andere Deutung gesprochen worden zu sein,
doch riefen sie auf dem Gesichte des Oberststallmeisters ein leichtes Lächeln
hervor, und die andere Excellenz biss sich auf ihre dünnen Lippen, zuckte die
mageren Achseln und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme: »Ah! je ne pense pas de
vous retenier. - Beim Spiel,« setzte er mit scharfer Betonung hinzu, »nennt ihr
oft rasendes Glück, was eigentlich doch nur gutes Spiel ist. - Mais dites moi,
où allez-vous?«
    »Ich will einen Gang durch die Apartements machen,« erwiderte die Baronin
mit leiser Stimme. »Graf Fohrbach wollte mich schon vorhin durch den
Wintergarten führen; ich muss doch diese Artigkeit vergelten, indem ich ihn
aufsuche.«
    »Eh bien donc!« sprach verdriesslich der General-Adjutant, »va - t'en, va -
t'en. Du störst ohnehin meine Aufmerksamkeit. - Den Stich,« rief er dem
Hofmarschall zu, »haben Sie allein dieser Unterredung zu danken. - Diable!
quelle distraction.«
    Die blasse Frau legte nochmals ihre Hand auf seinen Arm, was übrigens keinen
weiteren Erfolg hatte, als ein unmutiges Zucken. Dann schwebte sie leicht und
anmutig zum Zimmer hinaus.
    Im Tanzsaal erblickte sie der Kriegsminister, der sich ihr augenblicklich
näherte und artig seine Begleitung durch die Zimmer antrug. Doch sagte sie mit
einem freundlichen Lächeln: »Ich sehe wohl, wie Euer Excellenz hier noch von
aller Welt umringt sind; auch kommt dort soeben die Frau Herzogin, der Sie nicht
aus dem Wege gehen dürfen. Ich will unterdessen schon voraus in den
Wintergarten, und wenn Sie später einen Augenblick Zeit haben, so werde ich sehr
dankbar für Ihren freundlichen Unterricht sein.«
    »Sie haben wirklich Recht,« erwiderte der Kriegsminister, indem er sich
umwandte. »Aber man kann mit Ihnen, schöne Frau, nicht zwei Worte reden, ohne
dass man Ihnen zu Dank verpflichtet sein muss. Wahrhaftig, die Frau Herzogin würde
in ihrer guten Laune gegen mich geglaubt haben, ich suche sie absichtlich zu
vermeiden. - Doch folge ich Ihnen sogleich.«
    Sie grüsste anmutig und schritt durch den Tanzsaal und die übrigen Zimmer in
den Wintergarten hinab, wo sich augenblicklich sehr wenige Gäste befanden.
Entfernt von diesen und anscheinend eine prachtvolle Camelie betrachtend, stand
der Baron von Brand in der Nähe des Einganges zu den Zimmern des jungen Grafen
Fohrbach.
    Die Baronin näherte sich, und als sie so dicht bei ihm war, dass sie seine
Worte verstehen konnte, sagte er: »In den hintern Zimmern ist Niemand; da es
aber auffallen könnte, wenn man uns dort allein träfe, so will ich hier stehen
bleiben, wo ich den ganzen Wintergarten und die Zimmer bis in den Tanzsaal
übersehen kann. Tritt etwas näher zu mir und setze dich hier auf den kleinen
Fauteuil, wo du unbefangen auf Jemand warten kannst, während es mir sehr leicht
möglich ist, dort hinaus zu verschwinden.«
    Die schöne Frau tat, wie ihr der Baron gesagt, und als sie sich auf den
kleinen Stuhl niedergelassen hatte, beugte er sich zu ihr hinab und sprach: »Ich
habe dir viel zu sagen.«
    »Ich dir ebenfalls,« entgegnete sie. »Ich habe heute einen fürchterlichen
Tag verlebt.«
    Er nickte mit dem Kopfe.
    »Ah! wie Recht hattest du,« rief sie mit gefalteten Händen, »als du mir
damals schon anbotest, die Angelegenheit des Kleinen in deine Hände zu nehmen.«
    »Es wäre in der Tat besser gewesen.«
    »Aber ich fürchtete mich. Du hättest das freilich Alles vorsichtiger
behandelt; aber man muss sich doch irgend Jemand anvertrauen, und das Schlimmste,
was für uns Beide geschehen könnte, würde doch wohl sein, wenn man auf einmal
ein Einverständnis zwischen uns ahnete.«
    »Natürlich wäre das jetzt unbegreiflich für die Welt und müsste zu den
tollsten Vermutungen Anlass geben,« versetzte er mit trübem Blicke. »Und damals
ging es nicht an; du wusstest ja nichts von mir, wusstest nicht, welche Stellung
in der Gesellschaft ich einnehme, ob es mir wohl ergehe oder ob ich nicht
vielleicht langsam in Jammer und Elend verkomme. Wir sind nicht schuld daran,
meine arme Lucie: das Schicksal, welches uns so früh aus einander riss, hat es
nicht anders gewollt. - Doch schweigen wir über die Vergangenheit, schweigen wir
darüber, wie man dies oder das hätte anders machen können; die Zeit ist ja
hinter uns gerollt, und mit allen Schätzen der Welt, wenn wir sie hätten, würden
wir doch nicht im Stande sein, eine Sekunde zurück zu erkaufen, geschweige denn
einen Tag, einen Monat, ein Jahr. - Also zur Sache!«
    »Ja, zur Sache!« wiederholte die schöne Frau und legte sich weit in den
Fauteuil zurück, nachdem sie zuerst einen forschenden Blick durch den
Pflanzengarten geworfen.
    »Es kommt Niemand,« sagte er und bückte sich so tief hinter den
Camelienbusch hinab, dass er das leiseste Flüstern ihres Mundes verstehen konnte.
    »Du weisst,« sprach sie, »dass ich das Kind vor einem Jahre hieher kommen
liess.«
    »Leider!«
    »Ich konnte es nicht ertragen, dass es so weit entfernt von mir war: ich
musste es zuweilen an mein Herz drücken, zuweilen seine lieben Augen küssen. - Du
kennst ja mein freudeloses Leben und wirst mir im Ernst nicht darüber zürnen,
dass ich mir unter die vielen Dornen meiner Tage diese einzige Rose flocht. - Ah!
es waren glückselige Stunden, wenn ich das Kind sah.«
    »Arme Schwester! - Ich kann mir denken, dass dies Glück von kurzer Dauer war.
- Aber weiter! - weiter!«
    »Ich hatte Alles auf's Beste eingerichtet; der Kleine war bei einer sehr
braven und verschwiegenen Frau, deren Wohnung in dem Hause einer Freundin lag,
die ich ohne alles Aufsehen häufig besuchen konnte; und wie ich dir schon sagte,
genoss ich auch die Seligkeit, mein Kind hie und da zu sehen, fast ein ganzes
Jahr. - Eines Tages teilte mir aber die Wärterin mit, sie sei verschiedenen ihr
unerklärlichen Nachforschungen ausgesetzt, bei Spaziergängen mit dem Kinde
dränge sich oft ein Mann an sie, knüpfe eine Unterredung über gleichgiltige
Dinge an, frage auch nach dem Knaben und dessen Eltern, kurz, benehme sich
auffallend und ungeschickt.«
    »Und diese Wärterin ist eine alte Frau?«
    »Versteht sich,« erwiderte die Baronin. - »Das Interesse, welches jener Mann
an ihr zu nehmen schien, galt also nur dem Knaben. Schon mehrere Male wünschte
er unter verschiedenen Vorwänden, sie nach Hause zu begleiten; sie verbat es
sich begreiflicherweise, doch musste er ihr neulich gefolgt sein, obgleich sie
auf grossen Umwegen und in einem Wagen heimkehrte. - Genug, er fand ihre Wohnung,
erklärte ihr das selbst lachend und ging eines Tages so weit, dass er ihr
geradezu sagte, hinter dem Knaben stecke ein Geheimnis, das er wohl ergründen
möchte. Er bot ihr eine bedeutende Summe, wenn sie ihm einige Mitteilungen
machen wollte.«
    »Das war ein recht dummer Teufel!« sagte höhnisch der Baron.
    »So standen die Sachen. Da bemerkte ich auf einmal mit dem grössten
Schrecken, dass das Benehmen meines Mannes zu Haus gegen mich härter und
tyrannischer wurde als je. Zuweilen liess er sich, anscheinend ohne alle Absicht,
von mir etwas von meinem früheren Leben erzählen, und konnte dabei oft eine
laute, hässliche Lache aufschlagen, oder er verliess mich scheinbar ruhig, aber
mit zitternden Händen und funkelnden Augen.«
    »Ja, ja, ich kann mir wohl denken, dass diese Nachforschungen von ihm
ausgingen.«
    »Ich weiss es gewiss; und da ich seinen heftigen, gewalt tätigen Charakter
kenne und überzeugt war, er werde das Kind mit List oder durch Gewalt in seine
Hände zu bekommen suchen, um gegen mich einen Anknüpfungspunkt zu erhalten, so
war es notwendig, dass ich es verschwinden liess. - Hatte ich nicht Recht?«
    »Doch; ich will das nicht leugnen. Aber in dem Moment hättest du dich an
mich wenden sollen.«
    »Nein,« entgegnete sie eifrig, »da gerade konnte ich das nicht tun; ich
wusste genau, dass ich von Spähern umgeben war, dass er von allen meinen Schritten
Kenntnis hatte, ja, dass die Briefe, die ich schrieb, in seine Hände gelangten.
Ich konnte nur noch mit jener alten Frau verkehren, die mir unbedingt ergeben
ist.«
    »Mit der Frau Fischer,« sagte er, wie in tiefen Gedanken.
    »Du kennst sie?« fragte erstaunt die Baronin.
    »Ich glaube, du sprachst mir einmal darüber,« versetzte er ruhig und gefasst.
»Ja, es muss so sein. - Aber erzähle weiter!«
    »Die Frau also sagte mir von einer Bekannten, durch deren Vermittlung mein
armes Kind für eine Zeitlang bei guten, braven Leuten untergebracht werden
könne.«
    »Hahaha!« lachte der Baron.
    »Worüber lachst du? - Ich bitte dich, sei ernstaft.«
    »O das bin ich auch im höchsten Grade. Dies Lachen ist eine Art Krampf, der
mich zuweilen befällt.«
    »Ich willigte also ein, dass sie das Kind zu jenen Leuten brachte.«
    »Tat sie das selbst?« forschte er emsig.
    »Nein, das wäre zu gefährlich gewesen. Sie brachte es zu ihrer Bekannten,
von der ich dir sprach, und diese übergab es einer dritten Hand, welche es zu
jenen Leuten tat. - O mein Gott, wer hätte ahnen können, dass er trotz dieser
Vorsichtsmassregeln auf des Kindes Spur komme!« - Die Baronin sprach das mit dem
Tone des tiefsten Schmerzes und drückte ihre Hände einen Augenblick vor das
Gesicht. Darauf fasste sie sich wieder mit gewaltiger Kraft, presste eine Sekunde
ihre Lippe fest auf einander und fuhr fort: »Ich erhielt häufig Nachrichten von
dem Kinde, gute und befriedigende.«
    »Immer durch die dritte Hand?«
    Sie nickte mit dem Kopfe und entgegnete: »Vorgestern die letzte: denn heute
morgen berichtete mir die alte Frau das Entsetzliche, mein Kind sei geraubt, mit
Gewalt jenen guten Leuten entführt worden, bei denen es sich befand. - O Henry,«
sprach sie nach einer Pause mit gefalteten Händen, während Tränen in ihren
Augen glänzten, »ist das möglich? - Kann so Etwas geschehen? - O mein Gott! ich
martere meinen Kopf den ganzen Tag auf's Fürchterlichste ab, ich komme von einer
Vermutung auf die andere. - Hat mich nicht am Ende jene Frau verraten? - Ist
es denn wahrscheinlich, dass das Kind geraubt werden konnte?«
    »O ja, das ist wahrscheinlich und möglich.«
    »Jetzt bin ich am Ende,« fuhr sie mit leiser und klagender Stimme fort,
indem ihre Hände auseinander zuckten und sich ihre Finger krampfhaft schlossen.
»Jetzt kann ich weiter nichts tun als klagen und verzweifeln, und auch das ja
nur, wenn ich allein bin. - O Henry! er beobachtet jede meiner Mienen. Wenn du
wüsstest, welch' unaussprechliche Qualen ich leide, da ich heiter und zufrieden
aussehen soll, während mein Herz zerrissen ist.«
    Der Baron hatte bei diesen Worten, die sie heftig und leidenschaftlich
herausgestossen, sanft ihre Hand erfasst und drückte sie leise. - »Beruhige dich,«
sagte er, »Fassung! Fassung! Schwester. - Denke daran, wo wir uns befinden! Wie
würden von Hunderten, wenn sie dich hier sehen würden, Tränenspuren in deinen
Augen oder auf deinen Wangen gedeutet werden! - Ja, fasse dich und - lächle!«
    »Ich lächeln?« erwiderte sie mit einem trostlosen Blick.
    »Ah! bei eurem Leben solltest du daran gewöhnt sein,« sprach er in bitterem
Tone. - »Aber,« setzte er mit weicher Stimme hinzu, »ich, dein Bruder, verlange
nicht so Entsetzliches von dir: du sollst lächeln, weil ich dir eine angenehmere
Fortsetzung deiner Geschichte erzählen will.«
    »Du?« rief sie fast laut hinaus und erhob sich rasch von ihrem Stuhle. - »O
Henry, spotte meiner nicht!«
    »Ich spotte nie,« sagte er ruhig. »Aber fasse dich und lächle; dort sehe ich
einige Personen kommen, unter Anderem Seine Excellenz den Kriegsminister, der
dich wahrscheinlich aufsucht. - Lächle also!«
    »Ich kann das nicht ohne ein Wort des Trostes. O sage mir: was weisst du von
der fürchterlichen Geschichte?«
    »Dass dein Kind wieder gefunden ist,« versetzte er leise - »das Wie und Wo
kann ich dir hier nicht erzählen - aber dass es nicht von ihm geraubt wurde,
sondern dass es in meinen Händen ist.«
    »Ah!« seufzte sie aus tiefer Brust und presste ihre linke Hand auf das Herz.
- »Ah, Gott, dir danke ich! Jetzt will ich lächeln, möchte aber lieber laut
hinaus rufen und jubeln.«
    Der Baron war verschwunden, und Seine Excellenz der Kriegsminister bot der
schönen Frau, die er hier so ganz allein fand, seinen Arm und führte sie durch
den Wintergarten, wobei er ihr all die vielen seltsamen Pflanzen und Blumen
zeigte. Sie freute sich ausserordentlich darüber, lachte in einem fort und schien
über die Erklärungen Seiner Excellenz so glücklich und zufrieden, dass der alte
Herr sie hocherfreut bis in das Spielzimmer zurückführte und dort dem
General-Adjutanten sagte: »Bester Baron, es ist eine wahre Freude, Ihrer Frau
Etwas zu zeigen; sie scheint eine grosse Liebe für die Blumen zu haben, und ich
fand noch nie eine liebenswürdigere und gelehrigere Schülerin.« -
    Der Pflanzengarten wurde übrigens an diesem Abend häufig zu den
verschiedenartigsten Unterredungen benützt. Kaum hatte ihn der alte Graf
Fohrbach mit der Baronin am Arm verlassen, als ihn der junge Graf betrat.
    Dieser hatte sich längere Zeit spähend in einer Ecke des Tanzsaales
aufgehalten, und obgleich dort viele Françaisen getanzt wurden, so schien er
doch nur für die Tanzenden einer einzigen derselben Sinn zu haben. Das Finale
war zu Ende, die Gruppen lösten sich auf, und mehrere Damen, vom Tanzen erhitzt,
stiegen zu den Blumen hinab, um dort die frische, kühlere Luft einzuatmen. Auf
diesen Moment hatte der Graf gewartet, denn er, der bis jetzt ganz unbeweglich
in seiner Ecke gestanden, schoss plötzlich mit grosser Lebhaftigkeit bei den
Gruppen vorbei, die sich im Saale gebildet hatten, und eilte ebenfalls in den
Wintergarten. Vor ihm schritt Eugenie von S. am Arm einer Freundin, welche sie
mit ihrer hohen Figur aber überragte, wie die stolze Lilie das bescheidene
Veilchen; und diese beiden Damen lachten und plauderten mit einander, blieben
hier vor einer prächtigen Blume, dort vor einem murmelnden Springbrunnen stehen.
    »Bis jetzt war es mir unmöglich,« sagte die Kleinere, »das ganz allerliebste
Apartement zu besehen; Ihre Majestät hatten jeden Augenblick irgend einen Befehl
oder eine Frage. Wenn es Ihnen recht ist, Eugenie, so machen wir eine kleine
Entdeckungsreise und den Versuch, wie weit wir dort drüben in dieses unbekannte
Zauberland eindringen können. Der Salon, der an den Wintergarten stösst, soll
charmant sein. Nachher beim Souper hat man doch keine rechte Zeit, sich alles
Das zu betrachten.«
    Diese Worte hatte Graf Fohrbach, der den Damen folgte, gehört und sagte so
verbindlich als möglich: »Ich würde mich ausserordentlich glücklich schätzen,
wenn es mir erlaubt wäre, den Führer in diese bescheidene Wohnung machen zu
dürfen, welche Sie für ein Zauberland zu erklären so freundlich waren.«
    »Wir könnten uns keinen bessern wünschen,« entgegnete lachend die kleine
Dame.
    Und auch Eugenie, die ein wenig, wenn auch kaum merklich errötete, nahm
dies Anerbieten dankbar an.
    Die Drei schritten mit einander durch den Wintergarten, und als sie drüben
den Salon betraten, sagte der Graf: »Hier sind die Grenzen meines Reichs und ich
heisse die Damen in meiner Behausung feierlichst willkommen.«
    »So dürfen Sie uns diese Zimmer nicht vorstellen!« versetzte neckend die
kleine Hofdame. »Gott steh' mir in Gnaden bei! wir sind durchaus nicht in Ihrer
Behausung; wir befinden uns in einem der Salons Seiner Excellenz des Herrn
Kriegsministers, und zwar in dem Salon, wo später die allerhöchsten Herrschaften
soupiren werden, wesshalb ich eigentlich hinzufügen darf: ich bin hier in meinem
Dienste, denn als getreuester Hofdame Ihrer Majestät kommt es mir zu, dies
Terrain zu rekognosziren. - Nicht wahr, Eugenie?«
    »Allerdings,« entgegnete diese, indem sie wie aus einem Traume zu erwachen
schien; denn während die Andere sprach, hatte es Graf Fohrbach nicht unterlassen
können, Eugenien immerfort und aufmerksam in die schönen Augen zu sehen, -
Blicke, die sie, wenn auch nicht erwidert, doch gern geduldet hatte.
    »Aber hier ist es in Wahrheit deliciös,« sagte die Kleine, »das ist ja ein
wahres Blumenparadies! - Sagen Sie mir die Wahrheit: sind diese Zimmer immer so
wunderbar dekorirt?«
    »O nein,« entgegnete lächelnd der Graf. »Für mich selbst wäre dieser Flor
unpassend; aber für solche Gäste, wie ich sie heute verehre,« setzte er mit
einer Verbeugung hinzu, »kann die Umgebung nicht reizend genug sein.«
    Die kleine Hofdame, die überhaupt eine lebendige Person war, durchschritt
rasch den Salon und freute sich wie ein Kind über jedes neue Etablissement, das
sie entdeckte. - »Es ist da für Alles gesorgt!« rief sie lustig, »eine der
vortrefflichsten Einrichtungen, die ich je gesehen. Man kann hier causiren, deux
à deux, dos à dos, oder zu Drei, zu Vier, Fünf, Sechs, wie man gerade will. -
Auch,« setzte sie gravitätisch hinzu, »sind vortreffliche Schmollwinkel hier
oder heimliche Plätzchen, wo man einen Monolog halten kann. Ich will Beides
versuchen; aber stört mich nicht in meiner Andacht.«
    Damit tauchte sie hinter die Blumengruppen und liess sich auf einem der Sitze
nieder, die sich dort befanden.
    Der Graf war mit Eugenien allein. Sie machte eine Bewegung, der Freundin zu
folgen, doch hielt sie ein bittender Blick zurück.
    »Fräulein Eugenie,« sagte er, »ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig
über mein Ausbleiben neulich Abends bei dem Major von S. Ich kann es eigentlich
keine Erklärung nennen, denn Sie werden es bereits erfahren haben, was mich
zurückhielt.«
    »Ich weiss es,« versetzte das schöne Mädchen mit einem offenen Blick; »Seine
Durchlaucht, der Herr Herzog, welcher an Ihrer Stelle kam, erzählte es lachend
dem Major.«
    »Ah! er erzählte es lachend. Und der Major?«
    »Er meinte, das sei eine ausserordentliche Ehre und Sie würden nicht wenig
darüber erfreut sein.«
    »Aber das war doch nicht Ihre Meinung, Fräulein Eugenie? - Gewiss, das
dachten Sie nicht.«
    »Nein, ich dachte das nicht,« entgegnete sie offenherzig. »Sie hatten mir ja
vorher im Schloss gesagt, wie sehr Sie sich darauf freuten, mit mir - mit uns,
wollt' ich sagen - den Abend bei Ihrem Freunde zuzubringen.«
    »Sagen Sie, mit Ihnen, - gewiss nur mit Ihnen, Eugenie!« sagte Graf Fohrbach
und erhob seine rechte Hand wie beschwörend gegen sie. - »Was kümmert mich die
Gesellschaft, wenn Sie nicht da sind, ja die ganze Welt, wenn ich Sie nicht zu
finden wüsste! - Aber,« fuhr er fort, als er sah, wie das Mädchen bei seinen
heftigen Worten die Augen niederschlug, »ich war an jenem Abend recht
unglücklich; die süssen Stunden in Ihrer Nähe, auf die ich gehofft, musste ich mit
jenem entsetzlich langweiligen Spiel vertauschen. Ich musste den Stellvertreter
des Herzogs machen, der nun statt meiner dortin ging, wo Sie waren, Eugenie, -
der Sie sehen, Sie sprechen durfte, während ich allein blieb mit meinen
quälenden Gedanken. - Ja, gewiss, Eugenie, die Anwesenheit des Herzogs bei meinem
Freunde war mir an jenem Abend sehr, sehr unangenehm.«
    »Und warum das, Graf Fohrbach?« entgegnete sie mit einem reizenden Lächeln.
    »Weil - weil -« sagte er stockend, »weil ich weiss, Eugenie, dass Sie der
Herzog mit Aufmerksamkeiten verfolgt.«
    Sie nickte verschiedene Male mit dem Kopfe und betrachtete das
Blumenbouquet, welches Sie in der Hand trug. - »Ja, ja,« sagte sie alsdann mit
leiser Stimme, »es ist so; er erzeigt mir Aufmerksamkeiten, was mir sehr - sehr
peinlich ist. Und er lässt nicht davon ab, obgleich ich dieselben gewiss nicht
beachte. - - Gewiss nicht, Graf Fohrbach,« fuhr sie nach einer kleinen Pause
fort, und schaute ihn dabei offen und ehrlich mit ihren hellen und glänzenden
Augen an. - »Aber was kann ich tun? Wie will ich mich in der Stellung, in der
ich mich befinde, ein- für allemal dieser Aufmerksamkeiten erwehren? - Die Frau
Herzogin lächelt darüber, und würde es sehr ungnädig aufnehmen, wollte man ihrem
geliebten Sohne diese unschuldige Freude nehmen.«
    »O, es ist das nicht Ihr Ernst, was Sie da sagen, Eugenie!« rief entrüstet
der junge Mann.
    »Ich fühle, dass es bitterer Ernst ist,« erwiderte traurig das Mädchen. -
»Doch,« setzte sie heiterer hinzu, »brechen wir dies Gespräch ab, das für mich
und auch vielleicht für Sie peinlich ist.«
    »Für mich wäre dies Gespräch nur in dem Fall peinlich, aber dann auch
fürchterlich und schrecklich, wenn es unbeendigt bliebe!« rief Graf Fohrbach
entschlossen. »Desshalb erlauben Sie mir Eugenie, es noch einen Augenblick
fortzusetzen. - Freilich könnte es auch wohl mit wenigen Worten beendet sein,«
setzte er mit sanfter Stimme hinzu, und ergriff dabei leicht die Hand des jungen
Mädchens, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen brachte; »und diese wenigen
Worte würden mich zum Glücklichsten aller Sterblichen machen. Wollen Sie sie
nicht gegen mich aussprechen, Eugenie?«
    »Ich weiss sie nicht,« erwiderte sie errötend.
    »Aber Sie müssen sie ahnen, Eugenie,« fuhr er dringender fort. »Sie müssen
sie in meinen Augen gelesen haben, müssen sie in dem Drucke meiner Hand fühlen,
meiner Hand, die jetzt schon schwach und machtlos ist, die bebt und zittert, da
sie die Ihrige berührt. - Ja,« setzte er mit leuchtenden Augen hinzu, »Sie
brauchen nicht einmal selbstständige Worte auszusprechen, Eugenie, Sie sollen
mir nur eine Frage erlauben und mir auf diese Frage mit Ja oder Nein antworten.
- Aber hören Sie mich an! die Beantwortung dieser Frage entscheidet über das
ganze Glück meines Lebens, ja, sie ist so wichtig für meine Zukunft, dass ich Sie
zuerst um Erlaubnis bitten muss, jene Frage stellen zu dürfen. - Darf ich,
Eugenie?«
    »So fragen Sie denn,« versetzte nach einer längeren Pause das Mädchen,
nachdem es scheu und ängstlich um sich geschaut, »so fragen Sie denn in Gottes
Namen!«
    »Darf ich Sie lieben, Eugenie? - - - O, ich will ja nicht mehr als mit einem
kleinen Ja hiezu die süsse Erlaubnis,« setzte er hinzu, als er bemerkte, wie das
Mädchen ängstlich zusammen schauerte. - »Durch die Gewährung meiner Bitte ist ja
noch nicht bedingt, dass Sie mich wieder lieben sollen; freilich hoffe ich auch
auf dieses übergrosse Glück, aber ich bin nicht so unbescheiden, so viel
Seligkeiten auf einmal zu verlangen.« - -
    In diesem Augenblicke tauchte aus der Ecke des Zimmers die kleine Hofdame
wieder hervor und rief lustig: »Jetzt habe ich geschmollt und monologisirt,
gelebt, geliebt und genossen des irdischen Glückes so viel als möglich auf einer
grossen Soirée - Und Sie, Eugenie, haben Sie auch den Salon betrachtet? - Wenn
dem so ist, so wollen wir wieder zur Gesellschaft zurückkehren.«
    Eugenie wandte den Kopf herum, wie es schien, um eines der transparenten
Rosenbouquete zu betrachten, neben welchen sie stand, in Wirklichkeit aber, um
ihr glühendes Gesicht zu verbergen.
    Von den Worten, die sie mit dem Grafen gewechselt, konnte die Andere nichts
verstanden haben: sie waren zu leise gesprochen worden, und diese war zu weit
entfernt gewesen. Darauf baute denn auch der junge Mann, und während sich die
kleine Hofdame näherte, wandte er sich nochmals an Eugenie und wiederholte
dringend seine Frage.
    Ehe diese antworten konnte, eilte die Andere aus ihrem Schmollwinkel herbei,
sie hatte einen Blick in den Wintergarten geworfen, und rief mit komischer
Angst: »Gerechter Gott! Eugenie, wir müssen verschwinden, dort kommt der
allerhöchste Hof. Rückwärts können wir nicht hinaus, also rasch vorwärts, dass
wir nicht von so vielen erstaunten Augen hier im innersten Heiligtum betroffen
werden! - Kommen Sie!«
    Damit sprang sie lebhaft die Treppen hinab, die in den Wintergarten führten,
und Eugenie folgte ihr. Doch blieb diese oben auf der Treppe, gedeckt von dem
uns schon bekannten Camelienstrauche, noch einen Augenblick stehen, wandte sich
rasch um und bot dem jungen Manne, der hinter sie getreten war, ihre Hand, wobei
sie mit leiser Stimme sagte: »Ja, Graf Fohrbach, ich sage Ja aus vollem Herzen.«
    Er blieb oben stehen, sie aber schwebte die Treppen hinab, die schöne,
schlanke, majestätische Gestalt, und als sie nun dem allerhöchsten Hofe, der
wirklich durch den Wintergarten daher kam, begegnete, und sich graziös vor den
Herrschaften verneigte, konnte man nichts Reizenderes und Anmutigeres sehen.
    »Ah! welches Glück!« sprach der Graf tief aufatmend, und drückte seine
Hände fest auf die Brust. »Das ist ein seliger Augenblick, wie ihn ein
Glücklicher nur einmal in diesem Leben geniesst.«
 
                          Zweiundsechzigstes Kapitel.
                           Eine einfache Geschichte.
Die Soirée, von der wir im vorhergehenden Kapitel dem geneigten Leser Einiges
mitgeteilt, machte nun alle Stadien durch, wie überhaupt sämmtliche Feste
dieser Art. Man tanzte, man spielte, man plauderte, man soupirte, die Lichter
brannten herab, die Pflanzen bedeckten sich mit feinem Staube, die Carcelllampen
auf den Kronleuchtern und in den Gruppen fingen an trübe zu brennen und zu
glucksen, die Konversation wurde matter, Eins ertappte das Andere auf einem
unterdrückten Gähnen, und endlich hörte man auf der Treppe Bedienten rufen,
drunten Wagen rasseln; eine Menge Gäste drängte sich an den Ausgang des
Tanzsaales und in die Vorzimmer, um, noch ehe sich der allerhöchste Hof fort
begab, einen freundlichen Blick zu erhaschen. Man sah ganze Gruppen sich
verneigen, ganze Reihen tief knixen; zum letzten Mal wurde noch mit möglichster
Anstrengung gelacht, geflüstert, dann klirrte und rauschte es die Treppen hinab;
die Wagen fuhren davon, von dunkelrotem Licht umgeben, - dem Schein der Fackeln
in den Händen der Vorreiter und Lakaien, der an den Fenstern der Häuser
vorbeizitterte und manchem erschreckten Schläfer, den das Wagengerassel
erweckte, seltsam und unheimlich an den Augen vorbeistrich.
    Jetzt nahm die Gesellschaft droben in den Sälen einen ganz anderen Charakter
an; verschwunden schien alle Ruhe und Behaglichkeit, und das Ganze hatte das
Aussehen eines Ameisenhaufens, den ein mutwilliger Knabe aufgestört. So rannte
Alles durch einander, aus den hinteren Zimmern in die vorderen, aus dem
Wintergarten in den Tanzsaal, hier einen Händedruck wechselnd, dort einem
Bekannten noch einen freundlichen Gruss zurufend, rechts und links Abschied
nehmend und sich darauf beeilend, dem Wirte ein Kompliment zu machen, dann in
die Mäntel und Shawls zu schlüpfen, um so schnell als möglich Treppen und Wagen
zu erreichen.
    Kurze Zeit nachher lag das ganze weite Apartement öde und leer. Seine
Excellenz stiegen ziemlich fatiguirt die Treppen zu Ihrer Wohnung hinauf, worauf
der Haushofmeister mit sämmtlichen Bedienten erschien, um sorgfältig alle
Lichter auslöschen und das Silberzeug wegräumen zu lassen, auch Fenster und
Türen zu schliessen und darauf die Zimmer im halb verblichenen Glanz sich selbst
und ihren Träumereien zu überlassen.
    Doch hatten um diese Stunde noch nicht sämmtliche Gäste das Haus verlassen;
der junge Graf sah es gern, wenn sich nach beendigter derartiger grosser Soirée
noch einige Bekannte en petit comité in seiner Wohnung versammelten, um sich von
den gehabten Fatiguen bei einem Glase heissen Punsches und einer guten Cigarre zu
restauriren.
    Da der grosse Salon, wie wir schon wissen, mit zum Feste gedient hatte und
jetzt ebenfalls ziemlich derangirt und trostlos aussah, so hatte der Graf sein
kleineres Arbeits-Kabinet neben dem Schlafzimmer für seine Gäste öffnen lassen,
und der Kammerdiener hatte es so behaglich als möglich eingerichtet.
    Eine halbe Stunde nach Beendigung des Balles fand sich denn auch hier fast
die gleiche Gesellschaft zusammen, die wir schon einmal in diesen Räumen und
zwar zu Anfang unserer Geschichte hier beisammen gefunden. Das einzige
fremdartige Element, welches man unmöglich ausschliessen konnte, war der Herzog
Alfred, der es sich nun einmal nicht nehmen liess, ein Glas der Versöhnung, wie
er es auf jenen Wortwechsel im Schloss anspielend nannte, mit dem Grafen zu
trinken, welcher sich für diese höchste Gnade ausserordentlich dankbar zeigen
musste.
    Wenn auch die Anwesenheit des Herzogs nicht das Wünschenswerteste war, was
der Gesellschaft dieser jungen Männer begegnen konnte, so hatte sie doch ein
Gutes, dass sie wenigstens vor dem Dableiben des Herrn von Dankwart schützte, der
sich Seiner Durchlaucht zu wiederholten Malen so untertänig und vertraulich als
nur irgend möglich mit der Versicherung genähert hatte, er für seine Person
kenne nichts Angenehmeres, als nach einer grossen Soirée noch eine Stunde ruhig
eine Cigarre beisammen rauchen zu können. Er hoffte, der Herzog werde ihn zum
Dableiben nötigen; doch schien dieser etwas an Schwerhörigkeit zu leiden, denn
er versicherte den Herrn von Dankwart, er fände es vollkommen begreiflich, dass
er, ein kleiner, schwacher Mann, sich bei seiner Lebhaftigkeit von einer solchen
Soirée höchst angegriffen fühle, und er nehme es ihm durchaus nicht übel, wenn
er sich augenblicklich zurückziehe.
    So musste er denn das Zimmer verlassen und sich zu seinem Wagen begeben.
Umsonst versuchte er es, mit dem Hausherrn ein interessantes Pferdegespräch
anzuknüpfen: der Graf achtete nicht darauf; umsonst streckte er seine Hände
rechts und links aus: es war Niemand da, der Lust hatte, sie zu drücken; und so
schlich er sich denn hinaus, liess sich den Mantel umgeben, wobei er dachte, es
sei doch für einen feinfühlenden Mann sehr unangenehm, in eine Gesellschaft zu
geraten, die im Punkte der guten Lebensart so sehr weit zurück sei.
    Im kleinen Arbeits-Kabinet etablirten sich unterdessen die Herren auf eine
bequeme und angenehme Art. Um das lodernde Kaminfeuer hatte der Kammerdiener
alle möglichen Fauteuils gestellt, auch kleine Divans, und darauf machte es sich
Jeder so bequem, wie nur irgend möglich. Dem Herzog hatte man die rechte Ecke
eingeräumt, und er lag lang ausgestreckt in einer Chaiselongue, mit grosser
Behaglichkeit ein Glas Punsch schlürfend und den Dampf aus seiner Cigarre
ziehend. Hinter ihm lehnte aufrecht in der Ecke Baron von Brand, dessen Anzug
noch so korrekt und untadelhaft war, als habe er soeben erst das Ankleidezimmer
verlassen, was man von den übrigen Herren nicht sagen konnte; hier bemerkte man
eine gelockerte Halsbinde, dort einen über der Weste schief zugeknöpften Frack;
ja, der Herzog hatte sein grosses Ordensband über die Schulter geworfen und es
hing solchergestalt über die Lehne herab. Der Major von S. sass in der anderen
Ecke ebenso bequem, wie Seine Durchlaucht in dieser; der neue Rat, Eduard von
B., hatte tausendmal um Entschuldigung gebeten, dass er eine Stellung annehmen
müsse, die sich eigentlich nicht mit der Etikette vereinbaren lasse, aber es sei
ihm unmöglich, den rechten Fuss mit einem etwas zu engen Stiefel auf den Boden
niederhängen zu lassen. Artur sass gerade vor dem Kamine auf einem niedrigen
Sessel und betrachtete aufmerksam die Züge des Herzogs, die er vor ein paar
Tagen auf die Leinwand zu skizziren angefangen.
    So sass die Gesellschaft rauchend und trinkend und unterhielt sich von der
vergangenen Soirée, wobei mancherlei sehr Pikantes vorkam; namentlich waren die
Erzählungen des Herzogs mit den sonderbarsten Einfällen und Bemerkungen gewürzt.
    »Ich habe mich übermässig angestrengt,« sagte er unter Anderem, »und mit
einer wahren Aufopferung getanzt. - Steh' mir Einer in Gnaden bei! - aber es ist
wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' Das aushalten zu müssen. - Sie, Baron Brand,«
wandte er sich an diesen, »habe ich recht vermisst. - Wo zum Teufel staken Sie
denn fast den ganzen Abend? - Schau mir Einer seine Toilette an und sage mir, ob
der Mann nur einen einzigen Schritt getanzt haben kann?«
    »Da sind Euer Durchlaucht sehr im Irrtum,« erwiderte der Angeredete und
warf einen wohlgefälligen Blick in den Spiegel. »Im Gegenteil: ich habe sehr
tüchtig getanzt; aber man hat seine Bewegungen in der Gewalt; man echauffirt
sich nie; man behält immer noch etwas übrig und gibt sich nie ganz aus.«
    »Das ist ein schönes Kompliment für uns!« lachte der Herzog. - »Also wir
haben uns vollkommen ausgegeben, sind fertig - ganz hallale? - Aber Scherz bei
Seite, Baron, ich habe mehrmals scharf nach Ihnen ausgeschaut und hätte gern von
Ihnen profitiren mögen; ein paarmal wäre mir Ihr coeur de rose recht erwünscht
gekommen. Aber wenn man Sie braucht, sind Sie nicht da.«
    »Er war anderweitig sehr beschäftigt,« sagte wichtig der Rat.
    »Ja, Baron,« meinte der Major, »wenn man aus der Schule schwätzen wollte!« -
    »Allons, meine Herren! keine Geheimnisse!« rief der Herzog. »Wir sind ja
ganz unter uns. - Welchem Ehemann ist er gefährlich geworden?«
    »Ich sah ihn mit der Baronin von W. eifrig conversiren,« versetzte der Rat.
    »Und ich kann schwören, dass er der Oberstofmeisterin bedeutend die Cour
machte.«
    Der Baron lächelte wohlgefällig und drückte so kokett als möglich sein
duftendes Battisttuch an die Lippen. »Nur zu, meine Herren,« sagte er, »nur zu,
ich halte stille. Ah! ich sehe, dort unser Maler will auch über mich herfallen,
und ich muss gestehen, der hat mich wenigstens nicht hinterlistig belauscht,
sondern trat mir offen entgegen, als ich in einer sehr angenehmen und eifrigen
Konversation begriffen war. - Aber - Stillschweigen,« setzte er mit einem sehr
süssen Lächeln hinzu, indem er den Finger auf den Mund legte.
    »Und an mich denken Sie nicht?« fragte Graf Fohrbach. »Nehmen Sie sich
zusammen! Ich könnte Ihrer Sünden schlimmste aufdecken.«
    »Sie? Da wär' ich begierig.«
    Der Graf wandte den Kopf herum und blickte den Baron einige Sekunden fest
an; dann nahm er die Cigarre, aus welcher er sehr bedächtig einen langen Zug
getan, leicht in die Hand und sagte: »Baron, denken Sie an die Polizei.« - Er
hoffte bei diesen Worten irgend eine Aenderung auf dem offenen und freundlich
lächelnden Gesichte des Herrn von Brand zu entdecken, hatte sich aber vollkommen
geirrt, da zuckte keine Miene, da verriet nicht der mindeste Schatten eine
Ueberraschung oder Bewegung.
    »An die Polizei soll ich denken? - Wie so?« fragte er ganz ruhig. »Coeur de
rose! was hat die mit schönen Mädchen zu tun?«
    »O Sie Undankbarer!« erwiderte der Hausherr. »Soll ich wirklich Ihre Sünden
offenbaren? Habe ich denn nicht gesehen, wie Sie der schönen Auguste im
Wintergarten eifrig die Hand geküsst!«
    »Hätte ich das wirklich getan?« fragte Herr von Brand, sich affektirt
besinnend. - »Ja es ist möglich. Gott! in dem Gewühl passirt Einem so Manches!«
    »Er ist ein Don Juan,« sagte entschieden der Herzog. »Aber er mag sich
stellen wie er will, mit der Tochter des Polizei-Präsidenten hat es noch einen
anderen Haken; ich habe allerlei darüber munkeln gehört.«
    »Die alte Geschichte!« entgegnete achselzuckend der Baron. »Weiss Gott im
Himmel, ich werde noch ein Einsiedler werden müssen, um allem Gerede zu
entgehen.«
    In diesem Augenblicke erhob sich im Vorzimmer ein so lautes und anhaltendes
Lachen, dass sämmtliche Herren erstaunt aufhorchten. Es war das ein so lustiges
Gelächter, dass es unmöglich von einem der Bedienten herkommen konnte. - Es musste
ein Fremder und doch Bekannter sein.
    Gleich darauf vernahm man auch die Stimme des Kammerdieners, der mit
Entrüstung sagte: »Aber mein Herr, es ist keine Zeit, dem Herrn Grafen einen
Besuch zu machen; überhaupt dringt man unangemeldet nicht da hinein.« - »Lassen
Sie mich nur,« erwiderte die Stimme; »Sie werden sich einen Dank verdienen, wenn
Sie mir helfen, den Grafen zu überraschen.«
    dabei wurde die Tür geöffnet und es trat leicht und gewandt ein junger Mann
in das Zimmer, der aber in seinem sonderbaren Anzuge durchaus nicht zu den
schwarzen Fräcken, den weissen Hals- und Ordensbändern hier passte.
    Es mochte das ein Mann von vielleicht dreissig Jahren sein, hoch und schlank
gewachsen, aber dabei breitschulterig und von energischem, kräftigen Wesen. Man
sah das an der Art, wie er in das Zimmer schritt, wie er seinen Kopf trug und an
der abweisenden und gebieterischen Handbewegung, die er gegen die Bedienten
machte, welche ihm folgen zu wollen schienen. Er trug einen kurzen und dicken
Reiserock, hatte um den Hals einen Shawl gewickelt und an den Füssen Pelzstiefel,
die ihm bis zum Knie reichten; eine Mütze hielt er in der Hand, doch war diese
Hand klein und zierlich und mit feinen lederfarbenen Glacéhandschuhen bedeckt.
    Der junge Mann schritt lächelnd auf den erstaunten Kreis der Herren zu, die
am Kamine sassen, und wusste dabei so zu manövriren, dass man sein Gesicht nicht
eher deutlich sah, bis er sich mitten in der Gruppe befand, und es von dem Feuer
und den Wachskerzen hell beschienen wurde.
    Ein Ausruf der Ueberraschung und der Freude entfuhr nun aber dem Munde fast
aller Anwesenden.
    »Ist denn das ein Gespenst!« schrie der Herzog. - »Hol' Sie der Teufel! Wo
kommen Sie her?«
    »Bist du es wirklich, Hugo?« rief Graf Fohrbach, der aufgesprungen war und
dem Angekommenen herzlich die Hand schüttelte. - »Wo kommst du her?«
    »Dass ich kein Gespenst bin, gnädiger Herr,« entgegnete der im Reiseanzug
lachend, »können Sie erfahren, wenn Sie die Gnade haben wollen, mir Ihre Hand zu
reichen. - So! - Dass ich direkt von einer Reise komme, werdet ihr übrigens
meinem Äußern anmerken.«
    »Er ist immer noch der Alte,« versetzte der Herzog, während er seine Finger
rieb, die ihm Jener etwas heftig gedrückt hatte. - »Aber jetzt lassen Sie sich
nieder, unsteter Mensch, und berichten Sie ordentlich, in welchem Weltteil Sie
zuletzt waren!«
    Ehe der Angekommene diesem Befehle Folge leistete, blickte er sich rings im
Kreise um, reichte dem Rat freundlich die Hand und machte eine stumme
Verbeugung gegen Artur und den Baron Brand, die er beide noch nicht kannte. Der
Letztere stand ihm aufrecht gegenüber, und als sich diese beiden Männer nun
plötzlich anblickten, wichen sie, obgleich kaum bemerkbar, vor einander zurück.
- Der Baron fasste sich übrigens augenblicklich wieder und lächelte so unbefangen
wie vorher. Der Andere fuhr mit der Hand über das Gesicht bis zum vollen blonden
Barte hinab und verbeugte sich leicht, als Graf Fohrbach sagte: »Baron von Brand
- Hugo von Steinfeld - Artur Erichsen - Beide gute Bekannte und Freunde.«
    »Ehe ich mich niedersetzen kann,« sprach Herr von Steinfeld, »muss ich Sie
vorher um Erlaubnis bitten, gnädiger Herr, eine kleine Toilette machen zu
dürfen. - Du gibst mir wohl einen leichten Rock,« wandte er sich an den Grafen,
»und erlaubst, dass ich mir in deinem Schlafzimmer die schweren Stiefel ausziehen
lasse. - Apropos! deine Dienerschaft hätte mich bald zur Türe hinaus geworfen.«
    »Sie hätten Ihren Namen sagen sollen!« lachte der Herzog. »Durch das viele
Bartwerk in Ihrem Gesicht sind Sie sogar für Ihre besten Freunde unkenntlich
geworden.«
    
    »Dazu rechnen Euer Durchlaucht doch wohl nicht die Bedienten?«
    »Du bleibst heute Nacht bei mir?« fragte Graf Fohrbach.
    »Ja, heute Nacht, und wenn du erlaubst, noch ein paar Tage, bis ich mir eine
passende Wohnung gesucht. - Aber nun komm' in dein Schlafzimmer; es ist mir in
meinem Anzuge viel zu warm; ich muss ein bisschen andere Toilette machen.«
    Diese war bald beendigt, und wenige Minuten nachher sass der eben Angekommene
mit in der Reihe am Kaminfeuer, während Graf Fohrbach seinem Kammerdiener einige
Befehle erteilte in Betreff eines Zimmers, das eingerichtet werden musste, sowie
auch des Reisewagens des Fremden, den man in einer der Remisen unterbrachte.
    »Ich hätte schon vor zwei Stunden hier sein können,« sagte Herr von
Steinfeld, »doch erfuhr ich zufällig auf der letzten Station von einer grossen
Soirée. Da ich nun begreiflicherweise keine Lust hatte, mich heute Abend noch
anzuziehen, so wartete ich und komme nun gerade rechtzeitig zur angenehmen
Nachlese. - Darf ich mich jetzt wohl unterstehen,« wandte er sich gegen den
Herzog, »Euer Durchlaucht die feierliche Versicherung zu geben, wie
ausserordentlich glücklich ich bin, Hochdieselben alsogleich begrüssen zu können?
- Doch hatte ich nicht geglaubt, Sie im schwarzen Frack wiederzusehen.«
    »O schweigen wir davon!« erwiderte der Herzog mit einer Handbewegung. »Man
glaubt höheren Orts, ich könnte dem Staate besser mit Geist und Feder als mit
Faust und Schwert dienen.«
    »Woran man höheren Orts wohl nicht Unrecht hat,« meinte sich verbeugend der
Andere, »denn Euer Durchlaucht grosser Verstand wurde mir von allen schönen
Frauen gerühmt, mit denen ich das Glück hatte über Sie sprechen zu dürfen.«
    »Gehen Sie zum Henker mit Ihrem Verstand! Es ist traurig, wenn die schönen
Frauen nichts Anderes an mir zu rühmen wussten. - Doch wo kommen Sie eigentlich
her? Nur eine hübsche Erzählung Ihrer Fahrten und Abenteuer kann Sie wieder
einigermassen in meiner Gunst herstellen.«
    »Ich stehe gleich zu Befehl. Aber Sie werden mir erlauben, gnädiger Herr,
dass ich mich vorher nach dem Befinden meines lieben Freundes hier erkundige. -
Von dir,« wandte er sich an den Grafen, »hatte ich die letzten Nachrichten, als
du in die Reihe der Adjutanten aufgenommen wurdest. - Und du bist auch
avancirt,« sagte er zum Major v. S. »Ich sehe das natürlicherweise an deinen
Epauletten und gratulire bestens. - Wie steht's aber mit unserm teuren
Assessor?«
    »Vortragender Rat, wenn ich bitten darf!« erwiderte Eduard v. B. mit grosser
Wichtigkeit.
    »Alle Teufel!« versetzte der Andere laut lachend. »Ihr könnt euch nicht
beklagen; ihr seid von der Sonne königlicher Gnade ausgebrütet worden, während
ich zurückkomme als taubes Ei Gott weiss welchen Departements.«
    »Und ganz nach Verdienst,« schaltete der Herzog ein. »Weiss der Himmel,
lieber Steinfeld, dass Sie des Herumschwärmens niemals satt werden. Soll auch
diesmal Ihr Aufentalt wie gewöhnlich nur einige Wochen dauern, oder gedenken
Sie uns auf längere Zeit zu beglücken?«
    Der Andere zuckte die Achseln und entgegnete: »Das hängt von vielerlei
Umständen ab; vorderhand habe ich hier Anker geworfen und will abwarten, ob ich
liegen bleiben muss auf stürmischer Rhede oder ob ich hinein bugsirt werde in den
sicheren Hafen.«
    »Und jetzt kommen Sie von Russland?«
    »Ja, gnädigster Herr. - Oder auch nein; denn ich war zuletzt im Kaukasus.«
    »Horreur!« rief der Herzog. »Doch nicht am Ende gar bei den Tscherkessen?«
    »Eigentlich focht ich gegen sie,« erwiderte Herr von Steinfeld. »Doch unter
uns gesagt, liess ich mich eines schönen Tags gefangen nehmen und verbrachte
darauf bei den wilden Söhnen des Gebirges ein angenehmes Jahr.«
    »Davon musst du erzählen,« sagte der Hausherr.
    »Halt!« rief der Herzog. »Ich habe auf seine Mitteilungen ein näheres
Recht; er ist mir in W. desertirt, und das in Folge einer rätselhaften
Geschichte; - ja, meine Herren, in Folge einer Begebenheit, bei der, vielleicht
zum ersten Male, sein Herz mächtig ergriffen war.«
    »Ist das möglich?« sprach erstaunt der Major. »Du Umherschweifender,
Wankelmütiger, hättest dir wirklich Fesseln anlegen lassen? - Unglaublich! -
Ja, wenn das erzählbar ist, so stimme ich auch dafür, denn das ist gewiss noch
interessanter als deine Tscherkessen-Abenteuer.«
    »Lasst mich lieber von den letzteren erzählen,« bat Herr von Steinfeld mit
viel ernsterer Stimme, nachdem er einen Augenblick träumend in das Kaminfeuer
geschaut. »Der Herzog übertreibt: die Sache ist nicht so interessant; ihr Alle
habt dergleichen schon erlebt.«
    »Lieber Freund, dein Weigern ist uns verdächtig,« bemerkte Graf Fohrbach.
»Jetzt trete ich auf Seite der Anderen und verlange die Geschichte aus W.«
    »Eine Geschichte, meine Herren,« fuhr der Herzog fort, »über die ich Einiges
habe munkeln hören, und in die auch ich halb verwickelt sein soll. Ich wollte
sie damals schon erfahren, doch wich er mir anfänglich aus, und wenige Tage
nachher war er verschwunden. - Das sind jetzt sechs Jahre; urteilen Sie selbst,
ob ich lange genug gewartet habe. Sehen Sie, lieber Steinfeld, hätten Sie damals
mir allein gebeichtet, so wäre Ihnen das heute vor einer grösseren Versammlung
erspart geblieben.«
    »Es hätte mich damals keine Macht der Erde bewegen können, eine Silbe über
diese Geschichte zu sprechen,« entgegnete der Andere sehr ernst. - Doch jetzt
ist ja Alles vorüber!« setzte er mit einem leisen Seufzer hinzu.
    »Also die Begebenheit!« rief munter Graf Fohrbach. - »Wir sind ja unter
lauter guten Freunden,« fuhr er fort und betrachtete die vor dem Kamine
Sitzenden der Reihe nach. - Den Baron Brand hatte er in diesem Augenblicke
vergessen, denn dieser entging seinen Blicken, da er sich wenige Sekunden vorher
auf einen ganz niedrigen Sessel hinter den Herzog gesetzt hatte, und so durch
Seine Durchlaucht vollkommen gedeckt wurde.
    »Es mögen also jetzt sechs Jahre sein, da waren wir zusammen in W., Seine
Durchlaucht der Herr Herzog in Begleitung anderer höchster Personen, und ich
wiederum in Begleitung des Herrn Herzogs.«
    »Aber ohne offiziellen Charakter,« sagte dieser lachend.
    »Ganz richtig,« fuhr der Erzähler fort. »Ich hatte das unschätzbare Glück,
Seine Durchlaucht unterhalten zu dürfen, wenn Niemand Besseres da war, mit ihr
dejeuniren und diniren zu müssen, Sie auf Spaziergängen, Fahrten und Ritten zu
begleiten; wobei es mir aber nie erlaubt war, meine wunderbare Dragoner-Uniform
anzuziehen.«
    »Pfui, Steinfeld!« rief der Herzog. »Wie sind Sie bei den Tscherkssen
verwildert!«
    »Aber damals war ich es noch nicht, gnädiger Herr, das müssen Sie mir
zugestehen; denn wenn Sie mir auch nicht gern etwas Erfreuliches nachsagen, so
können Sie doch nicht leugnen, dass ich überall gut gelitten war.«
    »Er war damals ein vollkommener Beau; aber sonst nichts.«
    »Und deshalb passten wir trefflich zu einander: Euer Durchlaucht hatten den
Verstand, das innere Departement, und ich beschäftigte mich stark mit dem
äusseren. - Darf ich nun fortfahren?« -
    »Eines Tages nun wurde auf den Wunsch hoher Personen,« erzählte Herr von
Steinfeld weiter, »in einem der Teater ein längst vergessenes Lustspiel wieder
aufgeführt, in welchem eins der Hauptmitglieder von jeher excellirt hatte. Seine
Durchlaucht nahmen wie gewöhnlich eine Loge und ich hatte die Ehre, Sie
begleiten zu dürfen. - Doch damit ich bei der Wahrheit bleibe, so muss ich sagen,
dass der Herr Herzog an dem Tage bei Hof speiste und wir uns also in der Loge
treffen sollten. Natürlicherweise war mein Diner bälder beendigt als das
seinige, und obgleich ich sehr langsam zu Fuss dem Schauspielhause zuschlenderte
- es war im heissen Sommer - so kam ich doch wohl eine halbe Stunde vor Beginn
der Vorstellung hin, fand aber das Haus schon dicht besetzt; nur die Logen des
halben ersten Ranges waren noch leer, denn ausser der des Herrn Herzogs waren die
anderen ebenfalls für hohe Personen reservirt worden.
    »Ich stieg, durchaus an nichts Arges denkend, langsam die Treppen hinauf,
trat in unsere Loge und ging an die Brüstung vor, um mich im Hause umzuschauen.
Hier aber - Gott weiss, für wen man mich gehalten - ward ich augenblicklich das
Ziel der Aufmerksamkeit des sämmtlichen Publikums. Alle Augen richteten sich zu
mir empor; ja ich kann wohl sagen, alle Teatergläser und Lorgnetten nahmen die
Richtung nach meiner Loge; von unten im Parterre vernahm man - ich kann es nicht
leugnen - ein höchst beifälliges Gemurmel, und wenn ich mich nicht schleunigst
zurückgezogen hätte, so würde ich einem allgemeinen Vivat nicht entgangen sein.«
    »Da ward es ihm bange in seiner Löwenhaut und er warf sie ab,« sagte
einigermassen hämisch der Herzog.
    »Natürlicherweise,« fuhr ruhig der Erzähler fort, »denn ich wusste, dass Sie,
gnädiger Herr, dieselbe später mit viel grösserem Anstande tragen würden. - Im
nächsten Augenblick füllten sich denn auch die Logen; die Akklamation des
Publikums ward einem Würdigeren zu Teil; endlich kam auch der Herzog. Der
Vorhang flog auf und das Stück begann.«
    »Gleich da bemerkte ich schon, wie unaufhörlich und hartnäckig Sie in das
Parterre hinab kokettirten, konnte aber nicht entdecken, wem es galt, denn für
mich waren drunten lauter alltägliche Gesichter.«
    »Ich leugne es nicht, dass ich häufig hinab sah, doch anfänglich nur aus
einem reinen Gefühle der Dankbarkeit, denn von all' den tausend Gesichtern, die
mich vorhin so neugierig angestarrt, blieb mir nur ein einziges insofern treu,
als es mir hie und da noch einen Blick schenkte, während sich alle anderen den
aufgegangenen glänzenderen Sonnen neben mir zuwandten. - Aber die beiden Augen,
die mich zuweilen ansahen, wogen tausend andere auf; sie gehörten einem Mädchen,
das drunten in einem Sperrsitz neben einer älteren Frau sass, einem Mädchen von
so unbegreiflicher und wunderbarer Schönheit, dass ich mir mit Erstaunen gestand,
lange, ja noch nie so etwas gesehen zu haben. Eine Beschreibung ist eigentlich
überflüssig; ich kann nur sagen, dass es ein blasses, aber sehr edles Gesicht
war, von sanftem würdevollem Ausdruck, mit glänzenden blauen Augen und dem
üppigsten blonden Haar, welches ich in meinem ganzen Leben gesehen. - Ich muss
Euer Durchlaucht hiebei zum Zeugen aufrufen, denn Sie werden sich erinnern, dass
Sie später diesem Mädchen einmal durch Zufall begegneten. - Habe ich übertrieben
oder sprach ich die Wahrheit?«
    »Ja, ja,« erwiderte der Herzog nachdenkend; »es war das eine auffallend
reizende Erscheinung.«
    »Ah himmlisch! unvergesslich!« fuhr der Andere entusiastisch fort. »Doch
bleiben wir ruhig bei unserer Erzählung. - In meiner übergrossen Bescheidenheit
dachte ich anfänglich, die Blicke, die sie zuweilen herauf sandte, können mir
unmöglich gelten; ich wollte deshalb eine Probe machen, verliess die Loge und
stellte mich im Parterre so auf, dass jenes Mädchen, wenn sie nach rechts
schaute, mich sehen konnte. Hier geriet ich aber in eine Gruppe junger Leute
meiner Bekanntschaft, Kavaliere der reichsten Häuser, Offiziere, die sich alle
mit mir in der gleichen Absicht da versammelt hatten.« - »Dass Sie daher kommen,«
rief mir Einer zu, »finde ich vollkommen begreiflich; Ihrem Blick entgeht
dergleichen nicht.« - Sie meinen jene Dame mit dem schwarzen Haar in der
Parterreloge? fragte ich. - »Ah! gehen Sie weg, Sie Heuchler!« lachte ein
Anderer, »wer wird nach dem schwarzen Haar sehen, wenn man ein so wundervolles
Blond vor sich hat?« - Kennen Sie das Mädchen? - »Ich nicht.« Und Sie? - »Keiner
von uns Allen kennt sie; und das will viel sagen,« so sprach ein Dritter. »Sie
kann noch nicht lange hier sein.« - »Und das ist wohl Ihre Mutter, die neben ihr
sitzt?« - Es scheint so. - »Aber haben Sie je etwas Schöneres gesehen als das
Mädchen?« - »Nein, nein,« sagten die Anderen. Und so ging es eine Weile fort.
    »Hatte das Mädchen nun bemerkt, dass sie der Gegenstand dieser Aufmerksamkeit
war, genug, sie blickte längere Zeit nur auf die Bühne oder sprach mit ihrer
Nachbarin. Endlich aber erhob sie ihre Augen wieder und sah nach unserer Loge
hinauf. Ich muss gestehen, mir schlug das Herz, denn wahrhaftig, es kam mir vor,
als suche sie dort Etwas. - Ich hatte mich in die vordere Reihe meiner Bekannten
gedrängt und schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach ihr hin. -
Richtig! sie senkte jetzt langsam den Blick; ihre Augen fanden die meinigen, und
dass sie gerade mich gesucht und gefunden, das sagte mir ein süsses Gefühl in
meinem Herzen.«
    »Glückseliger Hugo!« sprach zerstreut Graf Fohrbach.
    »Dass ich an meinem Platze stehen blieb, könnt ihr euch denken.«
    »Und mich liess er allein in der Loge, der Undankbare! - Aber nur weiter; ich
bin überzeugt, wir werden in dem Punkte noch schrecklichere Dinge zu hören
bekommen.«
    »Von dem Stücke sah ich begreiflicherweise gar nichts,« fuhr Herr von
Steinfeld fort; »auch war es wahrhaftig zu rasch für mich zu Ende. Während des
letzten Aktes aber ging ich hinaus und suchte unsern vortrefflichen
Lohnbedienten. Der kannte sämmtliche gewisse junge Damen der ganzen Stadt; doch
es wäre mir schrecklich gewesen, wenn er auch diese gekannt hätte. Aber ohne
seine Hilfe konnte ich nichts unternehmen, konnte ich nicht erfahren, wer die
Damen seien oder wo sie wohnten. Auch war ich überzeugt, dass sich meine
sämmtlichen Bekannten in ihren Weg drängen und den Versuch machen würden, ein
Wort anzubringen. Und das wollte ich für meine Person gerade vermeiden. Ich
begab mich deshalb mit Baptist an die Ausgangstüre, um zu warten, bis sie
heraus käme. dabei geschah nun, was ich vorhin andeutete: alle die jungen Leute,
die sie während der Vorstellung angestaunt, schwärmten um sie herum; ja die
Kecksten wagten es, die ältere Dame oder sogar sie selbst anzusprechen. Doch
hatten Beide ihre Schleier herabgelassen und würdigten keine Frage einer
Antwort; sie schritten so rasch durch die Menge dahin, dass Baptist kaum Zeit
hatte, sie in Augenschein zu nehmen; doch genügte ihm ein einziger Blick, um
mich versichern zu können, dass das Mädchen sowie die ältere Frau ihm gänzlich
unbekannt seien. - Aber ich muss um jeden Preis erfahren, entgegnete ich ihm,
wenigstens wo sie wohnen. Baptist, Ihre Belohnung für diese Nachricht soll
glänzend sein.«
    »Er nickte mit dem Kopfe und folgte den Damen so schnell, als es das Gewühl
erlaubte. Diese hatten das Haus bereits verlassen und schritten über die Strasse,
einem Fiaker zu, der auf sie zu warten schien. Ohne sich aufzuhalten, stiegen
sie in den Wagen, zogen den Schlag hinter sich zu, und der Kutscher fuhr davon -
aber nicht ohne den vortrefflichen Baptist. Dieser hatte sich hinten
aufgeschwungen, und während er sich auf dem Trittbrette als Lakai einrichtete
und die Quasten des Wagens ergriff, nickte er mir zu, als wollte er sagen: seien
Sie vollkommen ruhig; die Sache ist bestens eingefädelt.«
    »Und so verlor ich für den Abend meinen Begleiter und meinen Lohnlakaien,«
sagte der Herzog. »Ich musste eine Viertelstunde warten, ehe es unserem
vortrefflichen Freunde hier einfiel, nach mir und meinem Wagen zu sehen.«
    »Bedenken Sie aber das Gedränge, gnädigster Herr,« entgegnete lachend der
Erzähler, »diese Foule von Menschen und Wagen; Sie hätten ja doch nicht nach
Hause gekonnt. - Wahrhaftig, auf mich brauchten Sie keine Sekunde zu warten.«
    »Aber auf den Lohnbedienten wartete ich den ganzen Abend vergebens.«
    »Das kann ich Eurer Durchlaucht nicht leugnen. Er liess sich erst am andern
Morgen wieder im Hotel sehen, um - mir Bericht zu erstatten.«
    »Als Bedienter hinten auf dem Wagen war er vom Schauspielhause weg durch
einige Strassen glücklich mitgefahren, dann aber mussten ihn die Damen entdeckt
haben; genug, sie liessen den Wagen halten und die Alte rief dem Kutscher zu, er
solle nachsehen, wer hinten aufstände, sie hätten keinen Bedienten und brauchten
auch keinen, und er solle sie augenblicklich verlassen. - Was war zu machen?
Baptist kletterte hinab und musste sich bequemen, hinter dem Wagen, der im
scharfen Trabe fuhr, zu laufen. So ging es durch die ganze Stadt, zum
entgegengesetzten Tore hinaus und nach einer der entlegensten Vorstädte.
Baptist aber blieb ausdauernd bei dem Wagen, bis dieser endlich vor einem Hause
hielt, und dort hatte er obendrein die Kühnheit, den Schlag zu öffnen, um den
Damen beim Aussteigen behilflich zu sein. Doch stiess die jüngere verächtlich
seine Hand zurück, und die ältere hielt ihm eine Strafpredigt und sagte, sie
hätte wohl nicht übel Lust, die Polizei herbeirufen zu lassen, damit sie
geschützt sei vor Unberufenen und Spionen. Baptist entschuldigte sich mit dem
Befehl seines Herrn, der ihn beauftragt habe, um jeden Preis zu erfahren, wo die
beiden Damen wohnen, worauf dieser Herr auch nicht ohne einige kräftige
Bemerkungen davon kam. Dann gingen sie in's Haus, riegelten hinter sich zu und
liessen Baptist einigermassen verdutzt auf der Strasse stehen. Doch merkte er sich
genau die Hausnummer, und da es für Nachforschungen zu spät war, so stellte er
sie den andern Morgen in aller Frühe an und erfuhr, die ältere Dame sei eine
Wittwe, Frau von Z., das Mädchen ihre Tochter Elise, und Beide erst seit
ungefähr einem halben Jahre in der Stadt. Woher sie gekommen, konnte man ihm
nicht sagen.«
    »Das war eigentlich eine kräftige Abweisung,« sagte der Rat. - »Ich hätte
mich darnach um keinen Preis mehr in der Strasse sehen lassen. - Und die Sache
war aus?« fragte er.
    »Nein, mein Lieber,« erwiderte Herr von Steinfeld; »sie fing hierauf erst
recht an. Ich hatte nun begreiflicherweise nichts Eiligeres zu tun, als mich
hinzusetzen und ungefähr folgenden Brief zu schreiben: Gnädige Frau! - Ich bin
in Verzweiflung. - Durch die ungeschickte Zudringlichkeit meines Bedienten ist
Ihnen gestern Abend, wie ich soeben zu meinem grössten Schrecken erfuhr, ein
unangenehmer Moment bereitet worden, was mir um so schmerzlicher ist, da mein
Bedienter, wie ich vernommen, einen Auftrag von mir vorschützte, der ihn
veranlasste, Sie auf so rücksichtslose Weise vom Teater bis in Ihre Wohnung zu
verfolgen. - Leider muss ich bekennen, dass ich nicht ganz ohne Schuld bin; doch
als ich, ich gestehe es, überrascht von dem Anblick Ihrer Fräulein Tochter, mich
erkundigte, welcher Familie sie angehöre, geschah dies gewiss nicht in der
Absicht, Ihnen durch Nachforschungen irgend welcher Art lästig zu fallen, wie in
der Tat geschehen. Da ich es nun aber für eine dringende Pflicht halte, Sie,
gnädige Frau, wegen der Ungeschicklichkeit meines Dieners um Verzeihung zu
bitten, würde ich es als die grösste Gunst ansehen, wenn Sie mir eine Stunde
bestimmen wollten, in welcher es mir vergönnt wäre, Ihnen zu sagen, wie
unendlich ich den gestrigen Vorfall bedaure etc.«
    »Brrr!« machte der Major. »Damit zogst du eigentlich ärger an der Klingel
als dein Bedienter.«
    »Nein, nein!« lachte der Herzog. »Er sprach durch die Blume per Besenstiel.«
    »Es war allerdings ein gewagter Schritt,« fuhr der Erzähler fort, »so mit
der Türe in's Haus zu fallen. Aber was konnte daraus erfolgen? - Gab sie mir
keine Antwort, so musste ich einen andern Weg einschlagen oder von der ganzen
Geschichte abstehen. An das Mädchen hätte ich auf diese Weise nicht geschrieben,
aber der pfiffige Baptist, der in der ganzen Stadt seine Verbindungen hatte,
versicherte mich, Mutter und Tochter seien zwei ganz verschiedene Naturen. Mit
der Alten sei es, wie man ihm gesagt, nicht ganz richtig, aber das Mädchen sei
in jeder Hinsicht ein wahrer Engel. - Genug, ich schrieb; schickte aber den
Brief durch meinen eigenen Bedienten, und erhielt am andern Tage die Antwort,
Frau von Z. sei geneigt, meine Entschuldigung anzunehmen. - Dass ich mich zur
bezeichneten Stunde hin begab, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.«
    »Aber ich muss beifügen, dass dies in meinem Wagen geschah,« sagte der Herzog.
»Gütiger Himmel! wozu habe ich damals nicht dienen müssen.«
    »Ich gestehe, gnädiger Herr, dass ich allerdings Ihren Wagen nahm, muss aber
dabei bemerken, dass er mir von der Mutter sogleich bei meiner Ankunft die
Bemerkung eintrug, es sei durchaus nicht artig von mir, die erhaltene Erlaubnis
zu missbrauchen, indem ich in ihrer kleinen bescheidenen Strasse mit der
glänzenden Equipage ein solches Aufsehen hervorrufe. Ich nahm auch geduldig
diese Zurechtweisung hin und bat demütig für meine beiden Vergehen um
Verzeihung. Madame empfing mich allein in ihrem Zimmer; es war das eine Wohnung,
bescheiden aber anständig möblirt. Ich zog mich aus der Geschichte des gestrigen
Abends so gut als es eben gehen wollte, indem ich versicherte, der Anblick ihrer
Tochter habe auf mein Herz einen unauslöschlichen Eindruck gemacht.«
    »Und das hörte sie geduldig an?« fragte der Major.
    »Sie lächelte dazu,« fuhr Steinfeld fort, »und ich sah, dass Baptist in dem
einen Teile seines Berichtes vollkommen Recht hatte. Doch wurde mir nicht bloss
dies Lächeln zu Teil, sondern sie verzog gleich darauf ihr Gesicht wieder in
ernste Falten, als sie mich versicherte, sie müsse mir offenherzig gestehen, dass
sie nur mein dringendes Schreiben veranlasst habe, mir die Erlaubnis zu diesem
Besuche zu erteilen. Sie sei eine Wittwe mit wenigem Vermögen, fuhr sie fort,
der Alles daran gelegen sein müsse, sich ohne Aufsehen, namentlich aber ohne
irgend welche schlimme Nachreden durch die Welt zu schlagen, weil sie nur so im
Stande sei, für das Glück ihrer einzigen geliebten Tochter dauernd sorgen zu
können.«
    »Und diese einzige und geliebte Tochter sahen Sie nicht alsogleich?« fragte
der Herzog.
    »Auf mein dringendes Bitten wurde mir später die Erlaubnis zu Teil, auch
deren Verzeihung für meinen unüberlegten Schritt erbitten zu dürfen. - Und auch
in Betreff dieses Mädchens hatte Baptist vollkommen Recht,« fuhr der Erzähler
mit einem Seufzer fort. »Wir wollen darüber nicht viele Worte machen, es würde
das lächerrlich vorkommen; aber sie war wirklich in jeder Beziehung ein Engel,
ein vollkommenes Geschöpf: schön, unschuldig, rein. - Ja, unschuldig und rein,«
wiederholte er, als er die spöttische Miene des Herzogs bemerkte. »Ich
versichere Sie, gnädigster Herr, die Seele dieses Mädchens hatte noch kein Hauch
irgend einer Leidenschaft, irgend eines Lasters getrübt; es war das ein
fleckenloser, glänzender Spiegel, der ungetrübt alle äusseren Eindrücke heiter
und lustig empfing und sie ebenso zurückstrahlte.«
    »Das muss etwas Ausserordentliches gewesen sein!« sagte spöttisch der Herzog.
»Bedenken Sie doch, meine Herren, noch nach sechs Jahren diese feurige
Schilderung!«
    »Und die würde ich mit demselben Feuer ebenso noch nach sechzig machen, wenn
das möglich wäre,« versetzte sehr ernst Herr von Steinfeld. »Doch wenn das
Innere dieses Mädchens ausserordentlich war, so war es ihr Äußeres nicht minder;
ich habe nie mehr eine so vollkommen schön gewachsene Gestalt gesehen, so kleine
Hände und Füsse, solche elastische und edle Bewegungen. Mir war übrigens die
ganze Erscheinung von Anfang an ein Rätsel; wenn Frau von Z. ihre Mutter war,
so musste der Vater etwas Vorzügliches gewesen sein; denn von der Mutter konnte
sie weder die Schönheit, weder die Frische des Geistes, noch diese Erziehung
haben. Elise sprach Französisch mit sehr gutem Accent, und Englisch wie eine
geborene Engländerin, überhaupt hatte sie in ihrem Gesichte viel von dem Typus
dieser Nation, namentlich ihren klaren, durchsichtigen weissen Teint, das schöne
blonde Haar und die frischen Zähne und Lippen.«
    In diesem Augenblick wandte sich der Herzog heftig auf die Seite, blickte
hinter seinen Stuhl und sagte: »Ah! Sie sind's, Baron Brand? Zum Teufel! ich
hatte Sie ganz vergessen, und als ich da auf einmal Ihren tiefen Seufzer hörte,
so war mir das ganz unheimlich. - Fehlt Ihnen etwas?«
    Der Baron Brand hatte wirklich vorhin aus tiefster Brust geseufzt; doch als
er jetzt gefragt wurde, nahm er sich zusammen und entgegnete mit etwas
erzwungenem Lächeln: »Euer Durchlaucht wissen, dass ich ein gefühlvolles Herz
habe, und da Herr von Steinfeld so ausserordentlich lebendig und schön erzählt,
so hat mich seine Schilderung in der Tat etwas angegriffen.«
    »Sie sehen wirklich blass aus,« nahm Graf Fohrbach, der sich jetzt erst zu
erinnern schien, dass Herr von Brand ebenfalls in der Gesellschaft sei, erstaunt
das Wort. Er hätte gern seinem Freund ein Zeichen gegeben, die Erzählung zu
unterbrechen, doch war dies, ohne Aufsehen zu erregen, nicht möglich.
    »Schon die erste Unterredung, die ich an jenem Tage mit dem Mädchen hatte,«
fuhr Herr von Steinfeld fort, »entschied über mich und ich fühlte, dass ich eine
wirkliche Liebe für sie zu fassen im Begriffe sei. Es war das mehr denn eine
vorübergehende Leidenschaft; und als ich sie nach einer höchst angenehmen Stunde
verlassen und zu Hause angekommen war, ging ich lange mit mir zu Rat, ob es
nicht besser sei, jenes Haus nie mehr zu betreten, ja Elisen weder dort noch
anderswo in ihre schönen, gefährlichen Augen zu schauen. Mein Verstand
pflichtete diesem Entschlusse bei, aber mein Herz überredete mich leicht, von
der Erlaubnis der Frau von Z., zuweilen ihr Haus besuchen zu dürfen, den
umfassendsten Gebrauch zu machen.
    Ich ging also häufig hin, blieb so lange wie nur möglich, und Elise wurde
mir mit jedem Tage teurer. Ohne mir zu schmeicheln, kann ich auch wohl sagen,
dass sie mich gerne kommen sah, ja, dass ich ihr nicht gleichgiltig war. Wenn man
wirklich liebt, so merkt man das ja so leicht an einem Worte, einem Blicke,
einer scheinbar vollkommen bedeutungslosen Berührung der Hand und dergleichen.
Es sind das nur Kleinigkeiten, aber mit ihnen durchlebt man die süssesten
Stunden. Ich genoss das Alles wie im Traume; oft sah ich sie in Gesellschaft
ihrer Mutter, öfter allein. Frau von Z. schien uns vollkommene Freiheit lassen
zu wollen. Und wir benutzten diese Freiheit auf's Beste, denn schon nach
vierzehn Tagen wusste ich, dass mich Elise eben so innig liebe wie ich sie.«
    »Und weiter - wie Oktavio in Don Juan sagt!« lachte der Herzog.
    »Weiter nichts, gnädiger Herr,« sprach Herr von Steinfeld sehr, ernst. »Ich
versichere Sie wiederholt: es war das ein so edles und reines Geschöpf, dabei so
unschuldig und wohlerzogen, dass ich es für ein grosses Glück ansah, wenn ich nur
ihre Hand ergreifen und sie leise küssen durfte. - Aber,« fuhr er nach einer
Pause fort, »solche Liebesgeschichten sind für Dritte höchst langweilig; ich
musste jedoch der Tatsache erwähnen. Doch gehen wir darüber hinweg, und bitte
ich Sie nur noch, meinem Worte Glauben schenken zu wollen, wenn ich Ihnen sage,
dass ich es mit einem vollkommen unverdorbenen Wesen zu tun hatte. -
    In all' der Zeit hatte mich die Mutter nie mit irgend einer Frage belästigt,
welche mein Herkommen, meinen Stand, mein Vermögen oder dergleichen betraf,
Elise noch viel weniger; ja sie wich jedem Gespräch aus, das auf dieses Tema
führen konnte, und pflegte mir oft, nicht ohne Anflug von Schmerz, zu sagen,
wenn ich über Vergangenheit oder Zukunft sprechen wollte: lassen Sie das; mir
ist das Alles wie ein schöner Traum, - träumen wir ihn fort bis zum Erwachen;
Gott allein mag wissen, ob dies Erwachen für mich schön oder traurig sein wird.«
-
    »Nun, deine Reden über die Zukunft,« unterbrach ihn Graf Fohrbach, »werden
doch für das arme Mädchen nicht gerade sehr angenehm gewesen sein, denn du
dachtest doch gewiss nie an eine Heirat.«
    »Offenherzig gestanden, es gab Momente, wo ich wohl daran dachte, bis mir
alsdann wieder die immer etwas rätselhafte Mutter vor Augen trat. Das kann ich
euch versichern: hätte ich dieses Mädchen in irgend einer noch so bescheidenen,
aber anständigen und geachteten Bürgerfamilie gefunden, ich würde Alles daran
gesetzt haben, sie zu meiner Frau zu machen; und ich bin überzeugt, dass ich mit
ihr vollkommen glücklich geworden wäre. - Aber die Verhältnisse hier waren
anders.«
    Bei diesen Worten fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und blickte ein
paar Sekunden in das lodernde Kaminfeuer, zog seine Augenbrauen dichter zusammen
und fuhr dann fort:
    »Eines Tages ging ich wie gewöhnlich nach ihrem Hause und fand Frau von Z.
allein; ihre Tochter sei ausgegangen, sagte sie. Das war nun schon öfter
vorgekommen, befremdete mich auch deswegen nicht, und ich setzte mich in eine
Ecke des Sopha's, um sie zu erwarten. Auf meine Frage aber, ob Elise bald kommen
werde, erwiderte sie: nein; ich habe sie zu einer Bekannten geschickt, um mit
Ihnen einige Worte sprechen zu können. - Sie kommen jetzt, sagte Frau von Z.,
einige Wochen in mein Haus, Sie erweisen meiner Tochter alle möglichen
Aufmerksamkeiten, ja Sie werden mir nicht leugnen können, dass Sie mit derselben
bereits ein kleines Verhältnis angeknüpft haben. - Ich zuckte beistimmend die
Achseln. - Alles Ding in dieser Welt aber, fuhr sie fort, muss doch am Ende ein
Ziel haben, und ich möchte Sie nun fragen, welches Sie sich in dieser
Angelegenheit eigentlich vorgesteckt haben. - Darauf war nun schwer zu
antworten; ich gab ihr allerdings zu, dass mich Elise ausserordentlich
interessire, dass ich gern in ihrer Gesellschaft sei, ja, dass ich eine Neigung
für sie habe. - Doch werden Sie unmöglich an eine Heirat denken können,
entgegnete sie lächelnd. Ich kenne Ihre Verhältnisse ganz genau, obgleich wir,
wie Sie selbst wissen, nie darüber sprachen. Sie sind der und der; Sie haben
kein bedeutendes Vermögen, und begleiten in diesem Augenblicke Seine
Durchlaucht, den Herrn Herzog Alfred von D., dessen Vertrauter und Freund Sie
sind.«
    »Alle Teufel!« machte der Herzog. »Die Geschichte fängt an, mich zu
interessiren.«
    »Das Alles konnte ich nicht leugnen,« erzählte Herr von Steinfeld weiter. -
»Seien Sie offenherzig«, fuhr Frau von Z. fort; »glauben Sie mir, ich kenne die
Welt und also auch die jungen Kavaliere. - Sie machen meiner Tochter den Hof,
Sie bringen ihr Blumen, Sie küssen ihr die Hand, aber dabei werden Sie nicht
stehen bleiben wollen. - Ich muss gestehen, dass mich diese Worte auf's Höchste
überraschten, denn sie sagte das ohne alle Erregung in einem unheimlich kalten
Geschäftstone; und obgleich mich ihre Reden eigentlich empörten, so konnte ich
es doch nicht unterlassen, ihr auf ihre wiederholte Frage ganz in der gleichen
Art zu antworten. - Nun gut, sagte ich, da Sie also die Welt und die jungen
Kavaliere so genau kennen, so will ich Ihnen recht gern eingestehen, dass ich wie
diese denke und fühle, und in der Tat einem schönen jungen Mädchen nicht den
Hof mache, um bei einem Handkuss stehen zu bleiben. - Schön, versetzte sie, Ihre
Offenherzigkeit gefällt mir. Wir werden uns leicht vereinigen. - Ich nehme an,
fuhr sie nach einer Pause fort, dass Sie eigentlich im Auftrage des Herrn Herzogs
zu uns kommen. - Ihr könnt euch denken, dass ich bei diesen Worten entrüstet in
die Höhe sprang, und schon im Begriffe war, ihr eine heftige Erwiderung zu
geben; doch dachte ich: du hast sie falsch verstanden, und bat sie in einem
strengen Tone um eine Erklärung ihrer Worte. Sie sah mich verwundert an und
entgegnete mir mit der grössten Ruhe: Sie müssen mich nicht missverstehen;
allerdings weiss ich, dass Sie Elisen, wenn ich mich so ausdrücken darf, für
eigene Rechnung den Hof machen, aber ebenso weiss ich, dass sich der Herzog für
meine Tochter interessirt, dass er Alles daran wenden wird, ihre Bekanntschaft zu
machen. Und Beides, setzte sie mit einem leichten Lächeln hinzu, lässt sich ja
ganz gut vereinigen.«
    »Alle Wetter! Steinfeld,« rief der Herzog, »mir scheint, Sie haben auf
meinen Namen gesündigt. Das muss ich mir wahrhaftig ausbitten; habe ich doch das
Mädchen nur ein einziges Mal und ganz zufällig gesehen.«
    »Ich stand erstarrt da,« fuhr der Erzähler fort, ohne erst auf diese
Einwendung des Herzogs etwas zu erwidern. »Was ich ihr für harte Worte sagte,
bin ich nicht im Stande euch anzugeben; es ist auch ganz gleichgültig. Nur muss
ich leider gestehen, dass nichts vermochte, die freche Stirne dieser Frau
erröten zu machen. Sie setzte mir mit klaren Worten auseinander, die
sorgfältige Erziehung ihrer Tochter habe ihr kleines Vermögen verschlungen, sie
befinde sich dem Nichts gegenüber, wenn es ihr nicht gelinge, einen derartigen
glänzenden Sort für Elisen zu finden.«
    »Steinfeld ist ein Verräter!« rief der Herzog halb im Ernste, halb im
Scherze. »Gesteht, meine Herren, wenn er als Freund handeln wollte, so musste er
mir augenblicklich sagen: das habe ich erlebt, das bietet man Ihnen; was denken
Sie davon?«
    Der Erzähler warf einen eigentümlichen Blick auf Seine Durchlaucht und
entgegnete mit kaltem, ironischem Tone: »Abgesehen davon, gnädiger Herr, dass
sich in diesem Falle Frau von Z. wirklich nicht in mir geirrt hätte, und ich in
dieser - delikaten Angelegenheit fähig gewesen wäre, einen Unterhändler
abzugeben, so wollte ich hauptsächlich Ihre Kasse schonen, welcher es gerade in
dem Augenblicke sehr wehe getan hätte, so zehntausend Gulden wegzuwerfen.«
    »Zehntausend Gulden!« sagte nachdenkend der Major. »Das ist allerdings eine
schöne Summe.«
    »Welche mir die Mutter mit der grössten Ruhe als Kaufpreis für ihre Tochter
vorschlug.«
    »Das ist ja völliger Sklavenhandel,« mischte sich der Rat kopfschüttelnd in
das Gespräch.
    »Aber ein sehr erlaubter,« entgegnete Herr von Steinfeld mit bitterem Tone.
»Um solche Kleinigkeiten bekümmern sich unsere Philantrophen nicht. - Doch
bleiben wir bei unserer Geschichte. Ich nahm meinen Hut, verliess Zimmer und Haus
auf eine etwas stürmische Art, und irrte stundenlang in den Strassen umher, ehe
es mir gelang, meiner tiefen und schmerzlichen Bewegung Herr zu werden. Als ich
nach Hause zurückkehrte, fand ich einen Brief der Frau von Z., den ich
begreiflicherweise sogleich vernichtete. Den andern Tag kam ein zweiter, ein
dritter, die ich alle nicht las, also auch nicht beantworten konnte, worauf denn
am darauf folgenden Morgen sie selbst in mein Zimmer trat und mich beschwor,
unsere Unterredung zu vergessen. Sie sei allerdings zu weit gegangen, sagte sie,
und bedaure das unendlich, bitte mich aber dringend, heute noch ihre Tochter zu
besuchen, da Elise - das versicherte sie mich mit einem feierlichen Schwure -
nicht eine Silbe von allem Dem wisse und nicht begreifen könne, wesshalb ich
mehrere Tage nicht gekommen sei. - Der Mensch ist schwach; ich liess mich also
erbitten und ging den andern Tag wieder hin. Das Mädchen war allein, machte mir
zärtliche Vorwürfe über mein Ausbleiben, war aber sonst unbefangen und natürlich
wie immer. War ich ja doch schon vorher vollkommen überzeugt, dass sie nicht das
Geringste wusste von dem Verkauf, den ihre eigene Mutter mit ihr beabsichtigte!
Mich aber hatte diese Geschichte einigermassen erkältet, nicht sowohl gegen Elise
selbst, als gegen ein Verhältnis, das auf so trauriger Unterlage zu ruhen
schien. Wie gesagt, ich war überzeugt, dass sie keine Ahnung von dem Vorhaben
ihrer Mutter hatte; aber ich war nicht mehr im Stande, ihr frei und offen wie
früher in die Augen zu sehen. Mir schien der Duft von ihrem Leben
hinweggewischt, und in meinen Träumereien sah ich immer eine fremde kalte Hand,
die gewaltsam diese Blüte entblättern, dies gute, reine Herz zerstören werde. -
    Glücklicherweise hatte ich schon vor dieser Begebenheit von einer Reise
gesprochen, die mich einige Zeit von W. fern halten werde. Ich sagte also in den
nächsten Tagen, dass mich meine Geschäfte hinweg riefen, und reiste ab. Elise
warf sich mir, ehe ich sie verliess, laut weinend in die Arme und drang so lange
in mich, bis ich ihr feierlich versprach, sobald als möglich zurückzukehren. Nun
hoffte ich aber, die Zerstreuung auf dieser Reise würde mich das Mädchen so weit
vergessen machen, um, wenn ich je wieder nach W. käme, im Stande zu sein, dies
Verhältnis nach und nach aufzulösen. - Aber dem war leider nicht so: je mehr
Tage und Meilen mich von ihr trennten, desto frischer und lebendiger trat ihr
Bild im Wachen und Träumen vor mich; nichts war im Stande, es zu verwischen,
nicht die fremden Städte und Länder, die ich sah, nicht die Zerstreuungen, in
welche ich mich gewaltsam stürzte, und ich eilte in einer wirklich fieberhaften
Hast immer weiter und weiter, um mir selbst die Möglichkeit abzuschneiden,
früher als ich gewollt nach W. zurückzukehren.«
    »Ah! das waren die dringenden Geschäfte in England, von denen ich damals so
viel hören musste,« bemerkte der Herzog. »Nun, lange genug blieben Sie aus.«
    »Musste aber doch endlich zurückkehren,« fuhr der Erzähler achselzuckend
fort, »und fand bei meinem Bankier unter einer Menge anderer Schreiben
wenigstens ein halbes Dutzend Briefe der Frau von Z., worin sie mich dringend,
ja flehentlich bat, sie doch gleich nach meiner Ankunft zu besuchen. - Ich liess
aber einige Tage vergehen, ehe ich zu ihr ging; und als ich darauf in die
bekannte Strasse kam, schnürte mir ein unerklärlicher Schmerz das Herz zusammen,
und meine Hand zitterte, als ich die Stubentüre öffnete.
    Frau von Z. war wie damals allein zu Hause und dankte mir, dass ich gekommen,
obgleich sie sich über meine lange Abwesenheit beklagte, namentlich aber
darüber, dass ich Elisen nicht ein einziges Mal geschrieben. Ich machte keinen
Versuch, mich der Mutter gegenüber zu entschuldigen und fragte nach dem Mädchen.
Sie sei ausgegangen, hiess es, werde aber in kurzer Zeit zurückkehren.«
    Hier tat Herr von Steinfeld einen tiefen Atemzug, heftete den Blick auf
den Boden und sagte mit seltsam bewegter Stimme: »Sie sprach darauf zu mir; und
was sie mir mitteilte, das hatte ich während der Zeit meiner Abwesenheit in
schlaflosen Nächten oder in wilden Träumen schon vorhergesehen.« - Es hatte sich
ein Anderer gefunden, der sich bereit erklärt, die geforderte Summe zu bezahlen.
Die Mutter hatte mit Elisen die fürchterlichsten Scenen gehabt, und erst nach
langem verzweifeltem Kampf, und Gott weiss durch welche Mittel bezwungen, hatte
das unglückliche Mädchen endlich eingewilligt, ihre Ehre zu verkaufen, um die
Mutter vom Bettelstabe zu erretten. - Das Alles hörte ich wie im Traum, wie ein
fernes Sausen, und ich weiss nur unbestimmt, dass ich mit den Zähnen knirschte und
krampfhaft meine Hände zusammen ballte. So viel allein ist mir genau
erinnerlich, dass ich mich zu einem Lächeln zwang, um Madame zu ihrem guten
Geschäft zu gratuliren. - Wann ist diese schreckliche Geschichte vor sich
gegangen? fragte ich endlich mit tonloser Stimme. Und erst als sie darauf
erwiderte: Die Sache ist nur projektirt und Elise stellte die einzige Bedingung,
zuerst Ihre Ankunft abzuwarten, - da erwachte ich aus meinem Hinbrüten, sprang
in voller Wut empor und schleuderte der Mutter Verwünschungen und Flüche
entgegen.
    Sie liess mich ruhig austoben, indem sie die Hände in den Schoss legte, mich
mit einer unbegreiflichen Ruhe ansah und nur zuweilen leicht die Achseln zuckte.
Sie versuchte gar keine Widerrede, keine Entschuldigung; und erst, als ich
wieder insoweit ruhig war, um mit zitternden Händen meinen Hut ergreifen zu
können, fasste sie meinen Arm und sagte mit leicht bewegter Stimme: »Hören Sie
mich noch einen Augenblick an, ehe Sie wieder davon eilen wie neulich. Was ich
Ihnen jetzt sage, sage ich im Auftrag meiner Tochter Elise; es sind ihre
Gedanken, aber die Worte konnte das Mädchen nicht selbst gegen Sie aussprechen;
es ist eine Bedingung, die sie mir gestellt, unter welcher allein sie sich
meinem Wunsche fügen wird.« -
    - »Und dann sagte sie mir, Elise sei freilich zu jenem Schritt entschlossen,
aber vorher wolle sie mir, den sie unaussprechlich und innig liebe, angehören, -
ganz angehören.« -
    »Ah! die Alte war nicht ihre Mutter,« sagte kopfschüttelnd der Major. »Nicht
wahr, Hugo, das war auch deine Meinung?«
    Der Erzähler nickte mit dem Kopfe und entgegnete: »Ich bin davon überzeugt,
obgleich ich nie darüber etwas Gewisses erfuhr. - Und hier ist eigentlich meine
Geschichte zu Ende.«
    »Aber Steinfeld!« bat der Herzog, »das wäre grausam und des guten Erzählers
nicht würdig, wenn er so rücksichtslos im letzten Kapitel bei einem der
interessantesten Momente abbrechen wollte.«
    Herr von Steinfeld verbeugte sich leicht vor dem Herzog und sagte: »Wenn es
Sie interessirt, gnädigster Herr, so kann ich Ihnen also noch die Versicherung
geben, dass ich auf das Geständnis der sogenannten Frau von Z. ein paar
fürchterliche Tage verlebte; ich wusste mir nicht zu raten und nicht zu helfen.
Wenn ich auch meine sämmtlichen für den Augenblick disponibeln Mittel zusammen
nahm, so erreichten sie doch bei Weitem nicht die geforderte Summe. - Ja, ich
war schon im Begriff, mich an Euer Durchlaucht zu wenden, aber -« hier
unterbrach er seine Worte durch ein trübes Lächeln.
    »Sie trauten mir nicht, Steinfeld.«
    »Ich will das gerade nicht sagen; aber ich vergass vorhin in meiner
Erzählung, dass ich der Frau von Z. mein Ehrenwort geben musste, über die
Mitteilung, die sie mir zu machen hatte, vor Ablauf einiger Jahre nicht zu
sprechen; also war ich gebunden und konnte selbst nicht einmal zu Ihnen sagen:
verschaffen Sie mir zehntausend Gulden zu dem und dem Zweck. - Und dann auch,«
fuhr er nach einer Pause achselzuckend fort, »was konnte mich und Elisen ein
solches Opfer nützen? Wie ich den Charakter ihrer angeblichen Mutter kannte, so
war Elise doch nicht vor späterer Verfolgung geschützt. - Also -«
    »Willigten Sie endlich in die Bedingung?« fragte der Herzog mit einem
seltsamen Lächeln.
    Und als hierauf Herr von Steinfeld einen Augenblick die Antwort schuldig
blieb, bemerkte der Major: »Genire dich nicht, Hugo, und sage aus vollem Herzen
Ja. Ich möchte von Einem unter uns wissen, der es anders gemacht hätte.«
    - »Es war das eine schaurig süsse Nacht,« sprach Herr von Steinfeld mit
gesenktem Kopfe, wie in tiefem Traume. »Lest Göte's Braut von Korint und ihr
habt zu meiner einfachen Geschichte einen hochpoetischen Vorgang. - So war es
ihr und mir zu Mut. - Und auch gestorben war sie für mich am andern Morgen,
denn ich musste mit einem feierlichen Eide geloben, sie in Zukunft nicht mehr zu
kennen, möge sie mir begegnen, wo sie wolle und unter welchen Verhältnissen es
auch sei.«
    »Und Sie sahen sie nie wieder?« fragte der Herzog.
    »Schon die bejahende Beantwortung dieser Frage, gnädiger Herr, wäre eine
Verletzung meines Gelöbnisses, eine Indiskretion. Doch darf ich Ihnen sagen, dass
ich Elisen seit jener Stunde nie wieder gesehen.«
    »Eine seltsame Geschichte!« meinte der Major.
    »Der man eigentlich hätte genauer nachspüren sollen,« bemerkte der Rat.
»Denn dass Frau von Z. nicht die Mutter jenes Mädchens war, liegt wohl am Tage.
Es wäre das ein Feld für mich gewesen, wer weiss, wohin uns die Fäden geführt
hätten! vielleicht zu einem Mädchenraube, vielleicht zum Schlüssel eines
Geheimnisses, vornehme Häuser betreffend.«
    »Das ist die Frage,« versetzte der Hausherr. »Dies Mädchen konnte auch eine
arme, vater- und mutterlose Waise sein, bei der man gute Anlagen entdeckte und
die man zu dem erzog, was sie später wurde.«
    »Dem mag sein, wie ihm will,« nahm der Rat wieder das Wort, »es bleibt
immer ein abscheulicher Menschenhandel.«
    »Was meint denn unser Baron dazu?« fragte der Herzog und wandte den Kopf
rückwärts. - »Sie halten sich da so stille hinter mir, dass wir in der Tat nicht
wissen, ob Sie noch existiren.«
    »Ich habe alles Das gehört,« erwiderte Herr von Brand mit einer stark
vibrirenden Stimme. »Was soll ich darüber sagen? Ich kann nur mit Mephisto
sprechen: sie ist die Erste nicht.«
    Bei diesen Worten hatte er sich hinter dem Fauteuil des Herzogs erhoben, und
wenn er sich auch zu einem Lächeln zwang, so sah man es doch an seinen
verstörten Zügen, an der auffallenden Blässe, die sein Gesicht bedeckte, und an
seinen starren Augen, dass es ihm nicht aus dem Herzen komme.
    »Baron, Sie sehen sehr angegriffen aus!« rief Graf Fohrbach, der ihn, wie
auch die Uebrigen, erstaunt anschaute.
    Herr von Brand fuhr sich mit seinem duftenden Taschentuche über das Gesicht
und erwiderte: »Ich kann das nicht läugnen; ich fühlte mich schon zu Anfang des
ganzen Abends nicht ganz wohl, mochte aber um keinen Preis eine Einladung zur
Soirée Seiner Excellenz versäumen. - Doch ist es sehr spät,« fuhr er fort,
nachdem er auf die Uhr gesehen, »und wenn die Herren noch bei ihrer Sitzung
bleiben, so muss ich mich allein zurückziehen.«
    »Nein, nein!« rief der Herzog, indem er von seinem Sessel aufsprang. »Alle
Teufel! schon zwei Uhr! Ich gehe mit; mag bleiben, wer noch will.«
    Doch erhoben sich auch die Anderen von ihren Sitzen, reichten dem Hausherrn
die Hand und fuhren davon.
    Nur der Baron Brand schickte seinen Wagen leer nach Hause.
 
                          Dreiundsechzigstes Kapitel.
                                  Sklavenloos.
Während des Restes der Nacht, mit der unser voriges Kapitel schliesst, ging der
Baron Brand einsam durch die Strassen der Residenz. Er schien sich durchaus
keinen Weg vorgezeichnet zu haben, sondern schritt gerade aus, und wenn die
Strasse sich auf der Seite, wo er gerade wandelte, bog, so folgte er dieser
Krümmung unbekümmert darum, dass er vielleicht eine halbe Stunde später wieder
auf demselben Platze anlangte, von dem er ausgegangen war. Sein Anzug passte
nicht für die kalte Nacht; er trug nichts als seinen leichten schwarzen Frack,
durch welchen der Wind unbarmherzig pfiff, während in dem tiefen Schnee seine
feinen lackirten Stiefel beständig einsanken. Dazu hatte er den Kopf so tief auf
die Brust gesenkt und ging so schwankend und ungewiss, dass die Schildwachen ihn
für einen betrunkenen nächtlichen Schwärmer hielten und ihm lachend
nachblickten. Nur zuweilen erhob er den Kopf und blickte verstört um sich,
worauf er auch wohl mit der Hand über die Stirne fuhr, mit den Zähnen knirschte
oder die Hände zusammen ballte.
    Ganz ohne Absicht gelangte er so in die Nähe des Fuchsbau's; hier blieb er
dann aber mit einem Male stehen, blickte in die Höhe und murmelte etwas vor sich
hin. - »Es sind ihrer zu viele, die das gehört,« sprach er nach einer Pause mit
lauterer Stimme; »ja, beim Teufel! wenn ich gewusst hätte, dass dieser Herr von
Steinfeld so sorglos in seiner Postchaise heute durch den dunkeln Abend gefahren
wäre, ich hätte wohl Mittel gewusst, dem Vorwitzigen ein Schloss vor den Mund zu
legen, um ihn zu verhindern, seine leichtsinnigen Geschichten vor der ganzen
Welt Preis zu geben. - Teufel! Teufel! ich kann da gar nichts machen, ich bin
wehrlos wie ein Kind. Wenn er sie in den nächsten Tagen plötzlich wieder sieht,
so muss er sie erkennen, denn sie hat sich nicht viel verändert. - Und wenn er
auch wirklich sein gegebenes Versprechen hält und sie nicht wieder erkennen will
- oh! da ist ein Wort genug, ein Blick, um den Verdacht des alten eifersüchtigen
Mannes zu erregen. - Die Aermste!« -
    Während dieses Selbstgesprächs hatte er sich dem uns bekannten Durchgange
genähert und trat hinein, um sich vor dem heftigen und kalten Winde zu schützen,
der durch die Strassen fegte, denn jetzt, wo er aus dem dumpfen Hinbrüten erwacht
war, und wieder anfing nachzudenken und zu überlegen, fühlte er wohl, wie
frostig es sei.
    »Da bekam ich auch, ehe ich zu dieser verfluchten Soirée fuhr, einen Zettel,
den ich noch flüchtig lesen konnte. Lasst mich ihn doch noch einmal schauen!« Er
griff in die Brusttasche seines Frackes und zog ein Papier hervor. Auf demselben
stand: »Nach dem Kinde wurden Nachforschungen gehalten, die mir verdächtig
erschienen; man wusste bestimmt, dass es dort gewesen sei, und man versprach eine
grosse Belohnung, wenn man seinen jetzigen Aufentalt erfahren könne, eine noch
grössere, wenn es möglich sei, den Buben nur ein einziges Mal und auch nur ein
paar Augenblicke zu sehen.« -
    »Schön, schön!« murmelte der Baron mit einem bittern Lächeln; »wir wollen
Sorge tragen, dass das vorderhand nicht geschieht. - Armes Kind. - Ja, ja, ich
will zu ihm, das wird meine Nerven beruhigen, und wenn ich seinen festen,
ungestörten Schlaf sehe, seine regelmässigen Atemzüge höre, so werden meine
Gedanken stiller, geordneter und klarer werden. - Pfui! wie kann man sich
überhaupt so leicht aus der Bahn werfen lassen.«
    Er nahm seinen Hut ab, fuhr mit der Hand über die Stirne und durch das
dichte Haar, trat, nachdem er sich wieder bedeckt, auf die Strasse zurück und
ging mit eiligen Schritten dem obern Teile der Stadt zu.
    In einer der bessern Strassen hielt er vor einem kleinen, aber ziemlich
ansehnlichen Hause und blickte in die Höhe, ob sich nicht irgendwo Licht sehen
lasse. Aber es war erst vier Uhr, ein Wintermorgen, wer sollte da schon aus dem
Bette sein! Das dachte auch der Baron; er zog einen zierlichen kleinen Schlüssel
aus der Tasche und öffnete mit demselben das grosse, aber, wie es schien, äusserst
kunstreich gemachte Schloss. Geräuschlos drückte er die Türe hinter sich zu und
stieg mit leisen Schritten die Treppen hinauf.
    Das Haus hatte nur zwei Stockwerke; auf dem ersten hielt er, öffnete eine
hier befindliche Glastüre, und zwar abermals vermittelst seines Schlüssels,
ging hindurch und trat in ein Zimmer, wo er, ohne lange umherzutappen, einen
Feuerzeug fand und ein Licht anzündete.
    Bis hieher hätte man glauben können, das Haus sei unbewohnt; doch kaum
erfüllte sich das Gemach mit dem hellen Schein des Lichtes und drang durch eine
halbgeöffnete Türe in das Nebenzimmer, als von dort einige Töne gehört wurden,
wie von Jemanden ausgehend, der aus tiefem und festem Schlafe geweckt wird.
    »Oho!« sagte eine kräftige Stimme; »beim Blasser! sind wir schon so spät
daran? - Sind Sie es, Frau Fischer? - Nach meiner Idee könnte es höchstens Drei
oder Vier sein; ich habe darin einen merkwürdigen Treff und irre mich selten. -
A - a ah! - Nun, Frau?«
    Der Baron nahm aber, ohne zu antworten, das Licht von dem Tische, schritt an
das Nebenzimmer und leuchtete hinein.
    »Alle Teufel!« rief nun plötzlich die Stimme; zu gleicher Zeit krachte das
Bett und man hörte, wie Jemand eilfertig heraussprang. - »Sie sind es, gnädiger
Herr? Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Bitte nur um zwei Sekunden Zeit,
damit ich im Stande bin, meinen äusseren Menschen mit meinen Gefühlen von
Hochachtung und Ergebenheit in Einklang zu bringen.«
    »Tun Sie das, lieber Beil!« erwiderte der Baron lachend, indem er das Licht
auf den Tisch zurücktrug und sich in die Ecke des Sopha's setzte.
    »Unverhofft kommt oft,« sagte die Stimme im Nebenzimmer, »aber diesmal hat
das Sprüchwort nicht recht, denn Sie kommen mir gar nicht unverhofft, gnädiger
Herr.«
    »Wie so?«
    »Nun, ich träumte vorhin von Ihnen, aber - bei Blaffer und Compagnie! - es
war ein garstiger Traum.«
    »So, so, Herr Beil. Lassen Sie hören.«
    »Ein böser Traum; ich kann ihn wahrhaftig nicht erzählen: es wäre wider den
Respekt.«
    »Wir sind ja unter uns. Nur heraus damit!«
    »Nein, bei allen Blaffern der ganzen Welt! er ist unästetisch.«
    »Jetzt haben Sie meine Neugierde rege gemacht, und die müssen Sie nun auch
befriedigen.«
    »Aber es war ein zu garstiger Traum. Das heisst, wie man es nimmt; für mich
war er unangenehm, weil ich ihn mit ansehen musste. Da aber die Träume immer das
Umgekehrte bedeuten, Steine: Geld, Tränen: Freude, so wird er auch Ihnen ein
Glück prophezeien. Mir träumte nämlich, Sie wären aufgehenkt worden. Ist das
nicht eine grosse Lächerlichkeit?«
    »Allerdings,« meinte der Baron. Obgleich aber dabei der Ton seiner Stimme
ein heiterer war, so zog er doch die Augenbrauen düster zusammen und sein Mund
zuckte ein klein wenig. »Seien Sie ganz ruhig,« sagte er nach einer Pause, »der
Traum bedeutet auf jeden Fall etwas Anderes, denn gehenkt werde ich niemals,
darauf können Sie sich verlassen.«
    In diesem Augenblicke erschien Herr Beil unter der Türe des Nebenzimmers,
sein Nachtlicht in der Hand. Ehe er aber heraustrat, sprach er mit komischem
Ernste: »Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern, wenn ich eine gewählte
Toilette mache, wie es sich gehört, so muss ich Sie warten lassen, lasse ich Sie
aber nicht warten, so muss ich erscheinen wie ich eben bin.«
    »Vortrefflich!« entgegnete lachend der Baron. »Setzen Sie sich dahin, wenn
es Ihnen nämlich nicht zu kühl ist; sonst können Sie auch auf- und abspazieren.«
    »Ich werde mich setzen,« erwiderte Herr Beil. Darauf zog er seinen
Schlafrock vorn so züchtig als möglich über einander, und liess sich mit einer
ziemlich steifen Kopfneigung nieder, was in der Tat so komisch aussah, dass der
Baron laut lachte.
    »Ich war heute Abend recht verdriesslich,« sagte dieser darauf. »Sie müssen
mir verzeihen, lieber Beil, wenn ich dachte, eine kleine Unterredung mit Ihnen
würde mich freundlicher stimmen. Und ich bin überzeugt, dass ich Recht hatte, ich
fühle mich schon viel leichter und angenehmer. Wenn Sie mir ferner eine gute
Auskunft über den Kleinen geben, so werde ich Ihre Wohnung heiter verlassen.«
    »Der Kleine befindet sich vollkommen wohl,« gab Herr Beil zur Antwort. »Das
ist ein merkwürdiger und gescheidter Bube, etwas eigensinnig, etwas
gewalttätig, aber ich liebe das und hasse die Duckmäuser.«
    »Er schläft?«
    »Ob? Seine zehn Stunden, dass es kracht.«
    »Und waren Sie gestern mit ihm aus?«
    »Versteht sich; wie alle Tage, Ihrem Befehle gemäss.«
    »Aber mit der gehörigen Vorsicht?«
    »Wir fahren vor die Stadt, jeden Tag anderswohin, dort spazieren wir umher,
bis es dunkelt. Es kommt Niemand Unberufenes in unsere Nähe; ich würde es aber
auch Keinem raten.«
    »Das freut mich,« sagte der Baron. »Also Sie bemerkten bis jetzt Niemand,
der sich Ihnen zudringlich genähert hätte?«
    »Ein einziges Mal etwas der Art vor ein paar Tagen. Ein schäbig gekleideter
Kerl, - er trug trotz des kalten Wetters einen dünnen schwarzen Frack, -
begegnete uns, wie es schien, ganz zufällig.«
    »Er war lang und mager?« fragte aufmerksam der Baron.
    »Ganz recht, und grüsste uns, als er vorbei ging. Aber der Kleine benahm sich
musterhaft; obgleich er jenen Gruss sah, tat er doch nicht dergleichen, und
erst, als wir weit von einander entfernt waren, zupfte er mich am Arme und
sprach: Den habe ich gekannt. Er war es, der mich aus dem garstigen Hause fort
brachte zu dir und der lieben Frau Fischer.«
    »Und jener Mensch - wo ging er hin?«
    »Er schlenderte eine Zeit lang hinter uns drein, ich aber nahm auf dem
nächsten Fiakerstand einen Wagen und liess mich an's entgegengesetzte Ende der
Stadt bringen, von wo ich mich vollends zu Fuss nach Hause begab.«
    »Bravo, Herr Beil!« lächelte der Baron. »O, ich verstehe mich auf das
menschliche Gesicht, ich wusste, dass ich in Ihnen den rechten Mann fand;
wahrhaftig den rechten,« setzte er nach einer Pause wie zerstreut hinzu, und
wiederholte mit halblauter Stimme: »ja, den rechten, - Jemand, der Vertrauen
verdient, vollkommenes Vertrauen; und den zu finden war schon lange mein
sehnlichster Wunsch.«
    »Sie sind zu freundlich gegen mich,« erwiderte Herr Beil. »Aber was kann
Ihnen meine unbedeutende Persönlichkeit sein, Ihnen mit Ihren grossen und
mächtigen Verbindungen. Ich bin ein Nichts, dessen Sie sich gnädigst annahmen,
und um nur Ihre Wohltaten noch mehr zu versüssen, wiederholen Sie mir beständig,
sie seien mit meinen geringen Diensten zufrieden, Sie setzen Ihr Vertrauen in
mich.«
    Wir wissen nicht, ob der Baron diese schöne Rede seines Gegenübers gehört;
er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und als er jetzt nach einem tiefen
Seufzer empor fuhr und aufstand, sagte er: »Ich will einen Augenblick den
Kleinen sehen; wenn es Sie nicht friert, bleiben Sie hier, ich komme gleich
wieder.« -
    »Wenn es mich nicht friert,« dachte Herr Beil, als Jener das Zimmer
verlassen; »allerdings ist es nicht überflüssig warm, aber dem Manne kann
geholfen werden; die gute alte Frau wird den Ofen schon geladen haben, wie sie
es immer des Abends zu machen pflegt; ich will das Licht darunter halten, und da
werden wir bald im Warmen sitzen.« Er tat so, zündete das Feuer an, und bald
krachte und prasselte es in dem Ofen; und als der Baron nach einer Viertelstunde
zurück kam, entströmte demselben schon eine behagliche Wärme.
    »Es ist doch besser so,« meinte lächelnd Herr Beil; »namentlich für Sie,
gnädiger Herr,« setzte er forschend hinzu, »denn Ihr Anzug kann den kalten
Morgen nicht so gut ertragen als ich. Warum haben Sie Ihren Paletot draussen
gelassen? - Soll ich ihn holen?«
    »Sie werden ihn nicht finden,« entgegnete der Baron; »ich brachte ihn nicht
mit, sondern schickte ihn in meinem Wagen nach Hause.«
    »A-a-h! - So!«
    Baron Brand hatte sich in einen Lehnstuhl nahe beim Ofen niedergelassen, er
legte seine Arme auf die Lehne desselben, so dass seine Hände schlaff
herabfielen, ebenso der Kopf, der so tief niedersank bis sein Kinn die Brust
berührte. So blieb er vielleicht zehn Minuten lang in tiefes Nachsinnen
verloren, sein Gesicht war bleich, seine Augen gerötet, als habe er vor dem
Lager des Kindes geweint. - Jetzt verbarg er seine rechte Hand auf der Brust,
sein ganzer Körper schüttelte sich wie im Fieberfrost, er seufzte tief, worauf
er seinen Kopf langsam erhob und Herrn Beil, der ihn forschend betrachtete, mit
einem erzwungenen Lächeln ansah.
    »Jetzt habe auch ich geträumt,« sagte er nach einer Pause, »fast ebenso
finster wie Sie, wachend geträumt, und das ist viel schlimmer. Apropos! erinnern
Sie sich auch noch zuweilen jener Nacht, von der Sie mir erzählt, wissen Sie, am
Kanale, wo Ihnen das Gespenst erschienen?«
    »Ich werde das nie vergessen,« sagte plötzlich sehr ernst werdend Herr Beil.
    »Sie waren damals in einer traurigen, gedrückten Stimmung und erzählten dem
Phantom ihre Lebensgeschichte.«
    »Ach ja, und ich muss sagen, für ein Gespenst war die Gestalt von damals
teilnehmend genug und sprach recht vernünftig.«
    »Und als Sie erzählt, fühlten Sie sich sehr erleichtert, und auch auf andere
Gedanken gebracht? - - Nun wohlan, auch ich bin heute in einer solchen Stimmung
wie Sie damals. Wollen Sie mein Gespenst vorstellen und mich eine halbe Stunde
lang geduldig anhören, so hoffe ich, es soll auch mir eine Erleichterung sein.«
    »Ich werde mich dadurch geehrt fühlen,« entgegnete Herr Beil, indem er die
Hand auf's Herz legte.
    »Aber Sie wissen, dass die Gespenster ein unverbrüchliches Stillschweigen
bewahren über das, was man ihnen anvertraut, dass sie schweigsam sind wie das
Grab.«
    »Aus welchem sie kommen,« sagte schaudernd Herr Beil. »Ich höre und werde
ebenso schweigsam sein, stumm wie das Grab, - ganz Gespenst.«
    Der Baron lehnte sich in seinen Sessel zurück, blickte an die Decke empor
und drückte die Fingerspitzen beider Hände fest gegen einander. »Sie haben noch
nie Deutschland verlassen,« sagte er, »Sie gingen noch nie südlich, überstiegen
noch nie die schneebedeckten Alpen, um von ihnen herabsteigend Italien zu
erreichen.« Ah! das ist ein schönes, herrliches Land, ein angenehmer Himmel,
prächtige Gegenden, schöne Menschen; glücklich, wer dort hindurch fliegen kann
mit einem leichten, fröhlichen Herzen, sich bald hier aufhaltend, bald dort, wie
es ihm gerade gefällt, bald in grossen, lebhaften Städten, bald in der
malerischen Einsamkeit des Landes; jetzt an des Meeres prächtigen Felsgestaden,
bewundernd dem Tosen der Wellen zulauschend, jetzt in die Berge hineinfliehend,
wo man nichts mehr vernimmt als das Rauschen der Lorbeer- und Orangenzweige und
den Gesang eines Vogels. -
    »Wenn man einmal dort war und man ist zurückgekehrt nach dem kalten Norden,
so zieht es Einen beständig wieder dortin, man vergisst, dass das schöne Land
auch seine Plagen, seine Unannehmlichkeiten hat; man denkt nur an den blauen
Himmel und den blitzenden Sonnenschein, der das reichste Gold auf die Landschaft
ausgiesst, der hervorzaubert all' die göttlichen Tinten, die wir mit keinem Namen
bezeichnen können. Man träumt nur von jenen wunderbar klaren, duftreichen
Nächten, wo die Mondsichel in einer unbegreiflichen Klarheit am Himmel steht, wo
Leuchtwürmer hin- und herschwärmen, wo aus dem dunkeln Laub der Orangen die
weissen Blüten sichtbar sind im geheimnisvollen und reizenden Schimmer. - Ah!
eine solche Nacht ist herrlich; dazu das Leuchten des Meeres, wenn dein Boot nun
vom Ruder zurückgehalten, an die Ballustrade des prächtigen Gartens rauscht, wo
herüberhängende Lorbeerzweige eine sichere Bucht bilden, wo man auf die Gefahr
hin, zu stranden, unaufhörlich nach den dunkeln Gebüschen blickt, unter denen
ein flatterndes Gewand hervorleuchtet. - Ah! - Doch weiter! - Dem Süden zu,
gleich den Zugvögeln! Vorbei an dem heitern Florenz, dem ernsten Rom, dem
lustigen Neapel. Lasst hinter uns liegen den mächtigen Vesuv mit seiner ewigen
Rauchwolke, die, einer riesigen Pinie gleich, in der klaren Luft fast
unbeweglich über ihm steht; vorbei an dem tiefblauen Golfe, den die malerischen
Gestade umgeben, aus dem die seltsam geformten Inseln hervortreten, der übersät
ist mit weissen kleinen Segeln. - Vorbei an allem Dem, über das Meer hinüber, den
Gestaden entlang, welche dir der Steuermann in der Dunkelheit zeigt und die sich
fast grauenhaft bemerkbar machen in der Nacht auf dem finstern Wasser. Funken
und Flammen steigen donnernd aus ihnen empor, und wie glühend übergossen, zeigt
sich blitzartig der Krater, um gleich darauf wieder zu verschwinden - Stromboli.
Noch einige Stunden und Palermo liegt vor dir.
    O Palermo, reizende Stadt! mit deinem prächtigen Hafen, mit dem Monte
Pellegrino, deinem Wahrzeichen und riesenhaften Leuchtturme; denn glänzt er
nicht weit in die See hinaus, namentlich Abends und Morgens in immer
wechselnden, brennenden Farben! Ja, bis zum späten Abend, wo die violetten
Schatten seiner Schluchten immer grösser und bedeutender werden, langsam die
Glut seiner Lichter auslöschen, und ihn endlich mit dem nächtlichen Schleier
überziehen. O Monte Pellegrino, wie oft hing mein Auge an deinen seltsamen,
zackigen Formen, wie oft verfolgte es den Weg, der dich in den eigensinnigsten
Wendungen erklimmt; - und ruhig blickst du auf Palermo, die prächtige glänzende
Stadt mit ihren gelben Kuppeln und strahlenden Zinnen, rings umgeben von den
zahllosen Orangen- und Citronengärten, die mit ihrem tiefdunkeln Laube einen
Kranz um dich bilden, so dass es aussieht, als läge sie ganz von Bergen eingefasst
- eine kostbare goldglänzende Frucht, mitten in einer ungeheuren Felsenschaale,
sanft gebettet auf dem saftigen Grün. -
    Lasst uns still die Stadt durchschreiten, ich will nicht sehen und gesehen
sein, gehen wir hinaus zu einem der Landtore, dem Wege folgend, dessen hohe
Ränder mit uralten Aloen bewachsen sind, teils im frischen Safte prangend, auch
wohl mit verwelkten Blättern, denn sie trieben einen Blütenstengel, der,
dreissig Fuss hoch, nach allen Seiten seine zahlreichen Kronen hinaus streckt, und
nun, als er seine Bestimmung erfüllt, vergehen musste. - Ueber eine Brücke führt
uns der Weg, unten rauscht über die glatten Kiesel ein klares Wasser still und
behaglich dahin; es fliesst im Schatten grosser Oleanderbüsche, deren prächtige
Blumen sich kokett in seinen Wellen spiegeln. An einfachen gelben Häusern kommen
wir vorüber, meistens uralten Gebäuden von eigentümlicher malerischer Bauart;
man glaubt hinter den vergitterten Fenstern müsste noch heute Turban und Kaftan
erscheinen. Schmucklose aber kunstreiche Wasserleitungen lehnen sich an ihre
Ecken oder laufen auch wohl auf schlanken Bögen von einem zum andern;
Schlingpflanzen umranken sie, schauen aber neugierig in die offene Rinne und das
rieselnde Wasser, und die tiefer hängenden Blätter schaukeln sich auf der Flut,
aufwärts gekehrt und ihre Blüten blicken zu den schlanken Palmen empor, welche
die spitzigen Blätter wie schützend über das alte Gemäuer ausstrecken. - Alles
hier ist Glut und Glanz, strahlende Lichter und die tiefsten Schatten neben
einander, keine nebelhaften, matten Uebergänge wie im kalten Norden. -
    So immer weiter wandelnd sind wir langsam aus der Ebene emporgestiegen, und
sehen, rückwärts blickend, die Stadt, die sie umgebenden Gärten, den wunderbaren
Berg der heiligen Rosalie, zu seinen Füssen die ruhige, dunkle Bucht, und weiter
hinaus das gewaltige Meer, tiefblau und nur an einem Streifen am Horizont
bedeckt von Sonnenglanz und Flimmer.
    Hier sind wir auch am Ziele. Wir stehen vor einem grossen Tor, das halb von
überhängenden Bäumen verdeckt ist, einem Tor mit Eisengittern und tadellosen
Wappenschildern. Hinter dem Tore beginnt ein weitläufiger Park, in dem Parke
liegt ein grosses Schloss und in dessen prachtvollsten Zimmern ward ich seiner
Zeit geboren.
    »Ah!« machte Herr Beil, aber so leise, dass es nur wie ein Seufzer klang. Er
war mit halb geschlossenen Augen träumend der lebendigen Schilderung gefolgt, er
hatte Palermo mit gesehen, er war aus der heissen Sonne in den schattigen Park
getreten und sah das Schloss, ja selbst das bezeichnete Zimmer.
    Der Baron fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte lächelnd, wie aus
einem Traume erwachend: »Ach ja, wir sind Beide noch hier. - War mir doch, als
zeigte ich Ihnen die Herrlichkeiten meiner Heimat, knirschte doch ordentlich
der Sand unter meinen Füssen; hörte ich doch den Wind durch die Zweige rauschen
wie damals.«
    »Mir war auch so,« meinte Herr Beil; »doch ist es das Holz im Ofen, das
knirscht und stöhnt, und wenn es auch mit dem Sausen des Winds seine Richtigkeit
hat, so streicht er doch leider nicht durch blütenreiche Zweige, sondern spielt
mit den ächzenden Windfahnen und den wackeligen Schornsteinen.«
    »Und mir ist diese wilde Scenerie lieber,« fuhr der Baron fort: »ich mag
nicht weich gestimmt sein. - Dass ich also geboren wurde, wissen Sie, vorher aber
folgten einige für mich nicht unwichtige Ereignisse. Meine Mutter war die
Tochter einer der mächtigsten Familien Palermo's, mein Vater aber ein Engländer,
der auf einer grossen Vergnügungsreise eines Tages mit seiner Yacht in der Bucht
ankerte, an's Land stieg, sich durch gute Empfehlungsbriefe in den besten
Häusern einführte, meine Mutter sah, sich in sie verliebte und nicht eher ruhte,
bis ihr Vater, der Marchese von B., zu einer Heirat mit dem Fremden willigte.
Die Geburt meines Vaters stand übrigens der meiner Mutter nicht nach; er war der
älteste Sohn des Lord K., einer reichen schottischen Familie, deren Einwilligung
zu der Verbindung mit meiner Mutter zu erhalten er als sehr leicht darstellte.
Der alte Marchese, dessen Gunst er sich zu erringen gewusst hatte, gab die
Heirat zu und etablirte das junge Paar auf dem Schloss, von dem ich Ihnen
sprach.
    Wenn auch mein Vater von seinem Vermögen noch nichts erhalten hatte, so
besass er doch Gelder genug, um bis zur erlangten Einwilligung seiner Eltern
glänzend leben zu können. Diese Einwilligung aber blieb aus, ja, auf viele
Briefe, welche sowohl der Marchese als mein Vater nach Schottland schrieben,
erfolgte keine Antwort, und als man sich endlich eines Geschäftsmannes bediente,
berichtete dieser, Lord K. habe sich in Folge dieser Heirat von seinem ältesten
Sohne losgesagt, ihn enterbt und er existire für ihn gar nicht mehr in der Welt.
    Das muss ein harter Schlag für meine Eltern gewesen sein; die Schwestern und
Brüder meiner Mutter, in ihrem Stolze gekränkt, zogen sich von ihr zurück, der
Marchese von B. starb bald darauf, und da nur ein geringer Teil seines
Vermögens meiner Mutter zufiel, auch die Gelder meines Vaters ziemlich
aufgezehrt waren, so musste man sich einschränken. Uebrigens schien das dem
jungen Paar keinen Kummer zu verursachen, sie liebten sich herzlich; ihre Kinder
- das war ich und eine Schwester - wuchsen zu ihrer Freude gesund und kräftig
heran, kurz, es war immer noch eine glückliche Familie.
    Ob und welche Schritte nun während dieser Zeit mein Vater in Schottland
getan, weiss ich nicht; genug aber, plötzlich kam die Nachricht, Lord K. wolle
sich mit seinem Sohne aussöhnen, er sandte Gelder und Briefe, er schrieb, das
Geschehene soll vergessen sein, nur stellte er die Bedingung, meine Eltern
sollten Sicilien verlassen und nach der Heimat meines Vaters zurückkehren. So
sehr meine Mutter auch ihre schöne Insel liebte, so hatte sie doch in der
letzten Zeit so viele Kränkungen erfahren, dass sie ihre Vaterstadt, ihre
Familie, nicht ungern verliess.
    Wir schifften uns also ein; ich zählte damals zehn Jahre, meine Schwester
vier. Unser Beider einziger Kummer war, dass wir die alte bekannte Dienerschaft
unseres Hauses zurücklassen mussten; so hatte es Lord K. gewünscht. Die Abreise
aus Sicilien schmerzte uns Kinder nicht besonders; uns freute das schöne Schiff,
welches wir bestiegen, die bevorstehende Reise, - und als wir Neapel gesehen,
Rom und die hohen schneebedeckten Berge der Schweiz, dachten wir nicht mehr an
unsern Monte Pellegrino, nicht mehr an die schöne Bucht Palermo's und noch viel
weniger an die tränenerfüllten Augen der alten Diener unseres Hauses.
    Die Erinnerung an Sicilien trat auch nicht eher wieder lebendig vor uns, als
bis wir uns der Küste Schottlands näherten. Es war ein frostiger und
unheimlicher Herbstabend, das Meer bewegt, die grauen Wellen schwankten hin und
her, und wo sie zusammen stiessen, bildeten sich weisse Schaumkronen auf dem
schmutzigen Wasser. Vor uns wurde das Land sichtbar, die hellen, zerklüfteten
Felsen blickten unbestimmt und geisterhaft aus dichtem Nebel hervor. Schwer
zerrissene Wolkenmassen hingen am Himmel, und dort am Lande hatten sie sich tief
herabgesenkt, dass die aufsteigenden Dünste sichtbar mit ihnen in Verbindung
traten. Weisse Möven mit ängstlich gellendem Schrei umflatterten in Schaaren
unser Schiff, flohen vor den Windstössen dem Lande zu oder schaukelten einige
Augenblicke vor und neben uns auf den Wellen. Mein Vater war unten in der Kajüte
beschäftigt, die Mutter und wir auf dem Verdeck. Ich vergesse diesen Augenblick
nie, in meinem ganzen Leben nicht: wie schon gesagt, wir dachten so lebhaft an
unsere heimatliche Bucht, die namentlich Abends bei untergehender Sonne so
prächtig glüht und glänzt - unser neues Vaterland wollte uns gar nicht gefallen.
Die Mutter war traurig und bewegt, wie ich sie nie gesehen, sie hielt uns Beide
in ihren Armen, sie drückte unsere Köpfchen an sich, und wenn sie sich zu uns
herab beugte, um uns zu küssen, so fühlte ich deutlich, wie ihre heissen Tränen
auf meine kalten Wangen fielen. Ich werde das nie vergessen.
    Bald wurden die Segel eingezogen, die Matrosen eilten auf's Verdeck, das
Schiff legte bei und wir schwammen langsam in das Innere einer kleinen Bucht,
die rings von drohenden Felsen umgeben war. Es war schon so dunkel, dass wir auch
diese nur in schwarzen Umrissen an dem helleren Nachtimmel bemerken konnten. Am
Ufer sahen wir ein paar Lichter, welche einsam durch die Nacht leuchteten. Die
Brandung toste, der Wind sauste, es war ein recht unheimlicher Abend. Bald
darauf kamen Boote heran; wir wurden mit Vater und Mutter hinein gebracht, und
in kurzer Zeit erreichten wir das Ufer. Dort standen Wagen bereit; sie waren mit
Reitern umgeben, die Fackeln trugen. Ein alter Mann - ich sehe sein widriges
Gesicht heute noch vor mir - hielt eine solche, stand neben seinem Pferde und
grüsste meinen Vater ehrerbietig.
    Wir stiegen ein und fort ging's im vollen Galopp, einen Berg hinauf, lange,
lange über eine öde Haide. - Du findest wohl Schottland nicht so schön wie
Italien, sagte mein Vater zur Mutter, die hinaus in das Dunkel starrte und ihre
Hand auf die seinige gelegt hatte. - Ich weiss nicht, mein Herz friert, versetzte
sie; es ist aber ein zu hässlicher Abend; auch die Kinder scheinen ängstlich. -
Nur Geduld, entgegnete der Vater, morgen bei Sonnenlicht und an Ort und Stelle
wird es euch schon gefallen. O Schottland ist berühmt wegen seiner prachtvollen
Gegenden.
    Wir fuhren vielleicht zwei Stunden beständig sehr schnell durch die Nacht
dahin; endlich hielt der Wagen. Ein eisernes Tor knarrte und seufzte in seinen
Riegeln; wir fuhren hindurch, die Räder rollten sanft auf einem Sandwege. Wir
befanden uns in einem grossen und, wie es schien, sehr schön angelegten Parke.
Gebüsche standen am Wege, und hohe Bäume, deren Zweige vom Wind hin und her
gejagt wurden, hingen über unserm Wagen. Zuweilen öffnete sich auch die Aussicht
auf Wiesengründe, und auf denselben sah man glänzende Linien und Punkte: kleine
Bäche, Teiche und Seen. -«
    »Verzeihen Sie mir, bester Beil,« unterbrach hier der Baron lächelnd seine
Erzählung, »dass ich etwas zu umständlich bin; ich könnte Ihnen das alles mit
wenigen Worten berichten, aber es ist so wichtig für mich, dass ich meinen
Zuhörer in eine passende Stimmung bringe.«
    »Was Ihnen gelungen ist,« antwortete der Andere mit leiser Stimme; »ich
fühle mich bewegt und erwartungsvoll.«
    »Endlich hielt der Wagen,« fuhr der Baron ruhig fort, »wir standen vor einem
grossen Schloss; der alte Mann, den ich schon drunten am Ufer bemerkt, näherte
sich meinem Vater und überreichte ihm ein Schreiben. Dieser riss den Umschlag ab,
durchflog den Inhalt und rief aus: Ah! das ist mir unangenehm. Darauf wandte er
sich zu meiner Mutter und sagte: mein Vater, der uns hier empfangen wollte,
wurde plötzlich unpässlich und musste in dem Städtchen C., einige Meilen von hier,
die Nacht zubringen. Er wünscht mich aber sogleich zu sprechen, und du wirst
einsehen, dass es meine Pflicht ist, zu ihm hinzueilen.«
    »Das sah meine Mutter allerdings ein, bat aber schüchtern, ihn begleiten zu
dürfen. Es sei ihr ängstlich hier allein in dem fremden Schloss, setzte sie mit
leiser Stimme hinzu. - Wo denkst du hin? entgegnete der Vater. Es ist dunkel und
nach C. ein schlechter Weg. Und dann, liebes Kind, was fabelst du von einem
fremden Schloss, es ist ja dein eigenes; hier werden wir künftig wohnen. Morgen
mit dem Frühesten bin ich wieder bei dir.
    Nach diesen Worten traten wir in das grosse Gebäude und wurden von
zahlreicher Dienerschaft empfangen. Lakaien mit silbernen Leuchtern trugen mich
und die Schwester die breiten Steintreppen hinauf, zwei Kammerfrauen küssten
ehrerbietig den Saum des Mantels meiner Mutter und folgten ihr, welche, vom
Vater geführt, vor uns ging.
    Die Gemächer oben waren wohl prächtig und schön, aber gross und ernst. Wände
und Decke waren dunkel, mit Schnitzwerk bedeckt, und die Vergoldung an denselben
blickte uns im Glanz der Lichter wie verstohlener Weise mit glühenden Augen an.
Wir speisten zu Nacht, der Vater zeigte uns unsere Zimmer, dann drückte er,
Abschied nehmend, die Mutter herzlich an sich, küsste mich und die Schwester und
entfernte sich.
    Die Mutter sank auf einen Fauteuil nieder und nahm meine Schwester in ihre
Arme. Ich schlich mich an das Fenster, schlüpfte hinter den schweren Vorhang,
der es bedeckte, und blickte in die Nacht hinaus. Drunten im Hofe war es
lebendig; ich sah den Qualm der Fackeln, und zuweilen, wenn ihn ein Windstoss auf
die Seite jagte, flackerten die dunkelroten Flammen hoch empor und erleuchteten
das finstere Schloss mit seinen vielen Fenstern. Der Vater stieg zu Pferde und
gleich darauf sah man ihn wegreiten; der alte Mann ihm zur Seite, die Reiter mit
den Fackeln vor und hinter ihm. Ich weiss nicht, wie sie so dahin galoppirten
durch die grünen Gebüsche über den geschlungenen Weg, jetzt verschwanden, so dass
man nichts mehr sah als die überhängenden Zweige von der roten Glut der
Fackeln angestrahlt, jetzt wieder zum Vorschein kamen, da schnürte eine
unerklärliche Angst mein Herz zusammen. Sie sahen so unheimlich aus, die
finstern Gestalten auf den dahinjagenden Pferden; mir war gerade so, als
entführten sie gewaltsam meinen Vater, als gehe er einem Unglück entgegen und
wisse es selbst nicht. Ich wollte ihn zurückhalten, - er musste gerade den Park
verlassen haben; man sah nur noch einen unbestimmten Schein zwischen den Bäumen,
der aber plötzlich erlosch. Ich klopfte an die Scheiben, ich wollte das schwere
Fenster öffnen, indem ich ausrief: Vater! Vater! reite nicht hinweg, verlasse
uns nicht, o du kommst nicht zu uns zurück!«
    »Bei diesen letzten Worten war der Baron, von der Erinnerung überwältigt,
empor gesprungen, streckte die Hände von sich ab und hatte die Augen starr und
weit geöffnet. - Ah! sagte er nach einer Pause, während welcher sich seine Züge
wieder belebt hatten, ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen, zu lebhaft zu
denken. Ich bin ein schlechter Erzähler. Jetzt will ich mich aber zusammen
nehmen.
    Es war das für uns alle Drei ein trauriger Abend. Die Mutter sass in ihrem
Lehnstuhle, hielt uns Beide in den Armen und starrte nachdenkend vor sich hin,
fuhr aber bei dem geringsten Geräusch, das sich im Schloss hören liess,
erschreckt in die Höhe und drückte uns ängstlich an sich, als wolle sie uns vor
irgend einer Gefahr beschützen. Endlich gingen wir zur Ruhe, - wir schliefen in
zwei Zimmern neben einander, ich und meine Schwester in dem einen, die Mutter in
dem anstossenden; die Türe blieb natürlicherweise offen. Ich weiss nicht, um
welche Stunde es war, als ich erwachte; ich glaubte Stimmen im Nebenzimmer zu
vernehmen, und als ich mich in meinem Bette aufrichtete, hörte ich wohl, dass ich
mich nicht getäuscht hatte.
    Der Morgen dämmerte, aber da es spät im Herbst war, drang auch nur ein
schwaches, trübes Licht durch die zugezogenen Fenstervorhänge. Ich blickte nach
meiner Schwester, die ebenfalls aufrecht in ihrem Bette sass. - Was ist das?
fragte ich sie. - Ich weiss nicht, gab sie mir zur Antwort. Die Mutter weint und
bittet. - Ich will zu ihr! rief ich aus; ich will ihr helfen. - O ich war damals
ein energisches Kind; Furcht kannte ich nicht. - Die Türen haben sie
zugeschlossen, sagte meine Schwester. Und so war es in der Tat. Ich glitt von
meinem Lager herab, um sie wieder zu öffnen; doch kaum hatte ich mich auf einige
Schritte dem Nebenzimmer genähert, als eine starke Hand meinen Arm fasste. Ich
zuckte zusammen, blickte empor und sah neben mir jenen alten Mann mit den
finstern, unangenehmen Zügen, der uns am Ufer der See empfangen hatte und später
mit meinem Vater fortgeritten war. -
    Was willst du? fragte er mit strenger Stimme. - Ich will zu meiner Mutter,
sagte ich ihm; hörst du nicht, dass sie weint? Wer hat es gewagt, ihr etwas zu
Leide zu tun? - Gewagt! lachte er höhnisch; geh' in dein Bett, Knabe, und
bekümmere dich nicht um Sachen, die dich nichts angehen. Damit liess mich seine
Hand los und stiess mich mit der Faust an die Schulter, dass ich ein paar Schritte
in das Zimmer hinein taumelte und gefallen wäre, wenn ich mich nicht an meinem
Bette gehalten hätte. - Ich war gestossen worden, zum ersten Male in meinem Leben
und von der Hand eines Dieners; ich ballte meine Fäuste, ich biss meine Lippen
blutig; was sollte ich machen? Das da war ein starker, wohl bewaffneter Mann,
ich ein kleiner, fast unbekleideter Knabe; ich zitterte vor Zorn und Kälte,
setzte mich auf mein Bett und strengte Ohren und Augen an, um zu sehen und zu
hören. - Ja, es war die Stimme meiner Mutter, die ich nun im Nebenzimmer wieder
vernahm; sie bat, sie weinte, sie rief nach uns; - so gebt mir wenigstens meine
Kinder! sprach sie; ich will ja weiter nichts, o Gott! o Gott! nur meine Kinder,
meine armen kleinen Kinder! - Ich weinte mit ihr und rief so laut ich konnte:
Mutter! Mutter! hier sind wir, lass uns nicht allein! - Der alte Mann, der an's
Fenster getreten war, er, der mich gestossen, streckte mir drohend die Faust
entgegen und sagte hohnlachend: schrei nur, kleine Schlange; man wird dich dafür
züchtigen.
    Im Nebenzimmer war es stille geworden; der Mann wandte sich gegen die
Scheiben und öffnete einen Flügel des Fensters. Unten im Hofe rollten Räder auf
dem Sande, Fusstritte erschallten auf der Freitreppe vor dem Hause, und ich
glaubte die Seufzer meiner Mutter zu vernehmen. Mit weit aufgerissenen Augen
blickte ich um mich her, ich suchte eine Waffe; ich wollte Mutter und Schwester,
ich wollte mich verteidigen. Ah! neben meinem Bette befand sich eine Trophäe
von Dolchen und Messern aller Art; er hatte mich gestossen, er hatte mich eine
Schlange genannt, ich wollte es sein, - ich wollte ihn stechen. Ich kroch auf
mein Lager zurück, ich fasste nach einer der Waffen - es war ein schuhlanges
Messer, zweischneidig, oben breit, unten spitz, das mir am nächsten hing, es
ging leicht aus der Scheide, ich hielt es in meiner Hand, und verbarg es hinter
dem Rücken. - Ah! da vernahm ich abermals die Stimme meiner Mutter; in
herzzerreissendem Tone rief sie vom Hofe zu den Fenstern hinauf: Meine Kinder!
lasst mir meine Kinder!
    Der alte Mann beugte sich hinaus und rief hinab: Nur fort! Nur fort! werft
sie in den Wagen und macht, dass ihr von dannen kommt. - Darauf hörte ich noch
einen einzigen Schrei drunten, aber einen Schrei, dessen grässlichen Ton ich nie
vergessen werde. Man hörte den Wagen schliessen, Peitschen knallen, dann
knirrschten die Räder auf dem Sande. -
    Ich fasste das Messer fest in die Rechte, er am Fenster verschloss die
Scheiben wieder und trat in das Zimmer zurück. Jetzt zu dir, Bürschlein, sagte
er, und ging direkt auf mein Lager zu. In dem Augenblick war ich kein Kind mehr,
ich fühlte nichts Menschliches in mir, ich war ein reissendes Tier, eine
Schlange, eine wilde Katze. - Komm nur! rief ich ihm entgegen, ich bin keine
wehrlose Frau; komm nur, ich will mich verteidigen. Damit sprang ich in die
Höhe, so dass ich auf meinem Bette stand. Die rechte Hand mit dem Messer hielt
ich hinter meinem Rücken verborgen; er ahnete davon nichts, sondern sprach
lachend: die Peitsche wird dich geschmeidig machen. -
    - Das waren auf dieser Welt seine letzten Worte; er war mir ganz nah, ich
streckte plötzlich meine rechte Hand vor, und klug berechnend, dass mir zu einem
Stosse die nötige Kraft fehle, hielt ich den Arm steif und warf mich vom Bette
herab ihm entgegen. Die Wucht meines kleinen aber doch schon schweren Körpers
trieb ihm das zweischneidige Messer in die Brust, - ja in die Brust, und zwar
tief hinein bis an's Heft.«
    »Gott, im Himmel!« rief Herr Beil entsetzt, »das war ja ein Mord.«
    Der Baron hatte das Letzte mit steigender Heftigkeit erzählt; sein Arm
zuckte, seine Augen flammten, er warf sich mit dem Oberkörper vorwärts wie
damals, als er jenen Stoss getan; dann flogen seine Finger weit aus einander,
als lasse er das Heft des zweischneidigen Messers fahren; doch versuchte er
hierauf zu lächeln, strich sich mit der Hand über das Gesicht und sagte nach
einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich wieder vollkommen gesammelt:
»Eigentlich war es kein Mord, es war eine Notwehr; auch rächte ich meine
Mutter. - Ich versichere Sie, bester Beil, eine höhere Macht hatte die Hand des
Knaben gelenkt; jener alte Mann war der Vertraute und schlechte Ratgeber des
Lord K., er hatte zu allem Dem beigetragen, was gegen die Mutter und uns
unternommen wurde.« -
    Hier schwieg der Erzähler, ein finsteres Lächeln flog über seine Züge,
während er die Glieder seiner goldenen Uhrkette langsam durch die Finger gleiten
liess.
 
                          Vierundsechzigstes Kapitel.
                               Ein wildes Leben.
»Ah!« fuhr nach einer Weile der Baron fort, »es ist ein eigentümliches Gefühl,
eines Menschen Blut zu vergiessen. Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen?«
    »Gott soll mich in Gnaden bewahren!« erwiderte entsetzt der Andere.
    »Und wollten sich doch das Leben nehmen! - Sehen Sie, wie vernünftig das
Gespenst für Sie dachte.«
    »Meines Nächsten Blut! Mich schaudert's, wenn ich daran denke.«
    »Ja, ja,« erwiderte nachsinnend der Baron, »den Nächsten trifft es meistens,
denn bis weitin reicht die Schneide eines Dolches nicht. - Aber keine
Wortklaubereien; - in einem ähnlichen Falle wie dem eben erzählten kann man in
späteren Jahren Alles vergessen, den Anblick dessen, der von unserer Hand fiel,
sein Blut, das wir sahen; nur etwas nicht, das ist das schreckliche Gefühl des
Eindringens der Waffe. Ah! das ist unvergesslich!«
    »Nun, es muss Sie trösten,« meinte gutmütig Herr Beil, »dass Sie damals
eigentlich noch unzurechnungsfähig waren - ein Kind.«
    »O sagen Sie das nicht, ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren,
und war nachher so bedacht und entschlossen, dass man mir jetzt die Mutter nicht
mehr geraubt hätte. - Doch das war vorbei. - Genug also, er fiel nieder, ich
liess natürlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett
zurück. Die Türen wurden hastig geöffnet, die Dienerschaft lief zusammen, ich
hoffte immer, mein Vater werde auch erscheinen. Aber statt seiner erschien ein
ältlicher Herr, mühsam am Stocke gehend, - mein Grossvater; ich sah das an der
Ähnlichkeit mit meinem Vater, ich habe sein Bild nie vergessen. - Das da hat
gute Geschichten gemacht, rief er zornig, nur fort damit! Seht, ob man Hilfe
bringen kann. - Das Letztere war nun nicht möglich; man bemühte sich eifrig um
den Todten - vergeblich. Dann stiess man mich aus dem Zimmer, mich und meine
arme, arme Schwester. Dass sie furchtbar gelitten bei der eben beschriebenen
Scene, können Sie sich wohl denken; sie fühlte, so klein sie war, dass ihr Bruder
etwas Schreckliches begangen. - Man brachte uns fort, nachdem man uns vorher
schlechte Kleider angezogen; wir fuhren mehrere Tage und Nächte; anfänglich
wandte ich alle Kraft auf, um den Schlaf von meinen Augen zu verscheuchen, und
ich bemühte mich, wo möglich einzelne Schlösser, Ortschaften, Flüsse und
dergleichen meinem Gedächtnisse einzuprägen, um vielleicht später den Rückweg
nach jenem Schloss finden zu können. Unbegreiflich wird es Ihnen sein, wenn ich
Ihnen sage, dass ich den Namen meines Grossvaters und Vaters nicht wusste; in
Palermo wurde der Letztere von der Mutter und der Dienerschaft nur Sir Robert
genannt. - Wissen Sie wohl, was ich gar zu gern von dort mitgenommen hätte? Es
war jenes zweischneidige Messer - eine schöne Waffe. Aber merkwürdig genug,
viele Jahre nachher kam es zufällig in meinen Besitz. - Doch weiter!
    Meine Natur unterlag also; obgleich kräftig mit dem Schlafe kämpfend,
überwältigte er mich doch, ich vergass Alles, und als ich endlich erwachte, war
es durch das Anhalten des Wagens. Doch denken Sie sich meinen Schrecken, als ich
aufwachte und meine Schwester nicht mehr sah. Wo und wie man uns getrennt hatte,
war mir unerklärlich. Ich erinnerte mich deutlich, dass ich, ehe ich einschlief,
meinen Arm um ihren Hals geschlungen hatte, und dass sie mich fest an sich
drückte, wie es früher die Mutter getan. O! dieser Verlust traf mich hart,
hatten wir uns doch gegenseitig getröstet.
    Ich wurde in ein Haus gebracht zu einem widerwärtig aussehenden Manne; - es
war ein scheinheiliger Hallunke, der das Gebetbuch nie vom Tische brachte, aber
seinen Nebenmenschen betrog, wo er konnte. - Man zahlte für mich ein ärmliches
Jahrgeld; er sollte sehen, ob etwas aus mir zu machen sei, er sollte mich jedes
Geschäft, jedes Handwerk ergreifen lassen, wozu ich Lust in mir verspürte. So
sagte er mir; ich aber, wie Sie begreifen werden, früh gereift, klug, umsichtig,
merkte bald, dass dieser Mann den Befehl hatte, mich tun zu lassen, was mir gut
däuchte, das heisst, nur in Lastern und Ausschweifungen. Darin liess man mir allen
Willen, darin konnte ich tun, was ich wollte. Ich trieb mich also den ganzen
Tag herum, ich trank, wo ich etwas bekam, ich spielte, zuerst ehrlich, dann
falsch, und da ich ein hübscher Bube war, mochten mich alle Nachbarn leiden; ich
ritt ihre Pferde, ich suchte mit grossem Geschick verloren gegangenes Vieh wieder
auf, ich wurde kräftig und gewandt, kein Pferd war mir zu wild, kein Fenster,
kein Baum zu hoch; ich stählte meinen Körper so, dass ich Alles ertragen konnte,
mir war es gleich, ob ich in meinem Bette war, oder die Nacht im Freien
zubrachte unter Sturm und Regen. Bei meinem Erzieher lernte ich aber das
Wichtigste: Verstellung; zuweilen ignorirte er mein wildes Treiben, zuweilen
peitschte er mich wütend dafür aus, und das namentlich, so lange ich ihm offen
und ehrlich meine Streiche bekannte; als ich aber anfing, Alles zu leugnen, die
Augen niederzuschlagen und seufzend im Hause umherzuschleichen, da ging es
besser, und das merkte ich mir bald. -
    Sie können sich denken, dass ich meine Vergangenheit, Vater, Mutter und
Schwester nicht vergass und werden sich wundern, dass ich nicht einen
Fluchtversuch unternahm, da man mir die Freiheit liess, in der Nachbarschaft
unseres Dorfes umherzustreichen; aber ich war klug genug, einzusehen, dass ich
als Kind, ohne Mittel nichts zu unternehmen im Stande sei. Glauben Sie deshalb
nicht, dass ich jene schreckliche Scene vergessen, dass ich nicht ganze Nächte an
die furchtbaren Rätsel gedacht, die mich beim Eintritt in dieses Land umgaben.
O ich nährte meine Rache heimlich aber eifrig, und je älter ich wurde, desto
glorreicher erschien mir jene blutige Tat. Auch hoffte ich beständig, von
meiner Mutter, meiner Schwester irgend ein Lebenszeichen zu erhalten, aber
vergeblich. Ach! wie ich diese Letztere liebte, kann ich Ihnen nicht
beschreiben; sie war seit ihrer frühesten Kindheit meine einzige Gespielin
gewesen und ihr weiches Gemüt fand sich so leicht in meine wilden Launen, mein
hastiges, heftiges Treiben. Auch sie liebte mich so innig - wir waren ein paar
glückliche Kinder!
    In der Nähe unseres Dorfes lagerten häufig Zigeuner, mit denen ich öfters
Verkehr hatte; ich war bei ihnen wohl gelitten, ich begleitete sie bei ihren
kleinen Streifereien, und eines Tags machte mir ihr Hauptmann den Vorschlag, sie
auf einer längeren Tour zu begleiten. Sie hatten Pferde aus dem schottischen
Gebirg nach England zu bringen: er versprach mir einen guten Anteil am Gewinn;
ich willigte natürlicherweise ein und verliess ohne Bedauern, ohne Kummer das
Haus, in dem ich bis jetzt gelebt. Mein Haar, blond wie das meines Vaters, ward
schwarz gefärbt, und so zogen wir dahin, tagelang in kleinen Märschen durch das
Land. Wie spähte ich umher, um vielleicht eines der Merkzeichen wieder zu
finden, die ich mir damals eingeprägt - immer vergeblich, obgleich ich häufig
glaubte, irgend etwas wieder zu erkennen. Oefters geschah es mir, dass ich
meinte, dies oder das Parktor sei es, durch welches ich ein- und ausgefahren;
ja, und hinter ihnen sah ich oftmals Teiche und Bäche, jenen ähnlich, grosse
Rasenplätze, alte Schlösser, ganz wie das, wo ich jene Nacht zugebracht. Doch
fand ich bei näherer Besichtigung beständig irgend eine Verschiedenheit: bald
fehlte die Steintreppe vor dem Portal, bald die Fenster auf den Hof hinaus,
deren Form ich nicht vergessen. - Endlich aber, durch einen sonderbaren Zufall
fand ich, was ich suchte; ich hatte lange einen Park mit hohen Mauern
sehnsüchtig umkreist, der Pförtner wollte dem Zigeuner keinen Einlass gestatten,
da kam ich an eine Stelle, wo ich lustige Kinderstimmen vernahm; die Federbälle
flogen in die Höhe, endlich einer zu mir herüber. - O schade! er ist fort, rief
es drinnen; ich aber eilte mit meinem Fund zu dem Pförtner, und übergab ihm
denselben. Er wollte mich beschenken, doch bat ich ihn nur um die Vergünstigung,
die Gärten sehen zu dürfen; sein Knabe begleitete mich.
    Ja, dies war das hohe Steintor von Bäumen überschattet, die geschlungenen
Wege, die dichten Gebüsche, zwischen welchen ich in jener Nacht den Fackelschein
gesehen, als mein Vater wegritt. Wie klopfte mir das Herz, ich wäre gern nach
dem Schloss geeilt, aber ich musste meinem kleinen Führer folgen, der zuerst den
Federball abgeben sollte. Wir kamen auf einen schönen Rasenplatz mit Blumen
umgeben, dort spielten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen von fünf bis sechs
Jahren, die Eltern standen dabei; eine Dame in tiefer Trauer schaute den Spielen
ihrer Kinder zu. Sie dankte mir, und während sie mit mir sprach, betrachtete ich
die kleinen schönen Kinder. Ich weiss nicht, es war mir so eigen zu Mut, eine
unaussprechliche Wehmut überwältigte mich, ich hätte laut aufweinen, vor die
Kinder hinknieen, ihre feinen Hände, ihre blonden Haare küssen mögen. Waren es
doch die Bilder meiner Vergangenheit und der meiner Schwester - oh! dies musste
der Park meines Vaters sein. Wie hätte auch ich spielen können, froh und heiter,
einer glücklichen Zukunft entgegen! und obendrein sah das kleine Mädchen meiner
armen Schwester ähnlich. -
    Jetzt rief die Dame die Kinder zu sich, wir schlichen uns fort, ich nicht,
ohne vielmal rückwärts zu schauen. - Aber nun zum Schloss hin! - Ja, es war
dasselbe, die Steintreppen, die Fenster, ich erkannte es wieder an dem Schlagen
meines Herzens. Was hätte ich darum gegeben, sein Inneres betreten zu dürfen!
Aber dies wurde mir nicht gestattet; ich fragte den Kleinen aus, ob droben
schöne Zimmer seien. - Ja, sagte er. - Mit dunkeln Holzdecken? fuhr ich fort,
und eines, in welchem sich viele schöne Messer und Degen befinden? - Ja, ja,
entgegnete er mir; der Vater hat es mir schon oft gezeigt, wenn die Herrschaft
abwesend war. - Und die Herrschaft? fragte ich zögernd, ist sie im jetzigen
Augenblicke hier? - Ei, meinte er, wir haben die Lady ja drunten gesehen, und
auch die Kinder, die Dame in Trauer, denn der Lord K., unser Herr - Sprich!
sprich! rief ich. - Der Herr des Hauses also - er verunglückte vor einem Jahr
auf der Jagd, er starb nach einem heftigen Sturz mit dem Pferde. - Das war mein
Vater.
    Ohne ein Wort weiter zu sprechen, ging ich durch den Park zurück, grüsste den
Pförtner und trat in's Freie. Welch schreckliche Rätsel umgaben mein Leben! Ich
hatte die Frau meines Vaters gesehen, die doch nicht meine Mutter war - seine
Kinder - meine Geschwister und mir doch fremd. - Wir blieben die Nacht in einem
benachbarten Dorfe, und da erfuhr ich die Geschichte des Schlosses und meine
eigene. Vor acht Jahren, erzählte man mir, sei der junge Lord auf eine höchst
liebreiche Einladung seines Vaters aus Italien zurückgekehrt, mit seiner jungen
Frau und zwei Kindern. Gleich nach seiner Ankunft war indes durch seines Vaters
Einfluss seine Ehe für ungiltig erklärt und cassirt, die Mutter nach Hause
geschickt und über die Kinder als uneheliche disponirt. Der Sohn schien sich,
wider Erwarten, ohne viele Mühe den Ansichten seines Vaters gefügt zu haben,
denn nicht lange darauf heiratete er eine reiche Erbin.
    So war ich also ausgestossen, ohne Namen, ohne Familie. Meine Mutter, hiess
es, sei nach Italien zurückgegangen; wo aber war meine Schwester? Mir schien es
am geratensten, um eine Spur der Verlorenen zu finden, meine Schritte nach
Sicilien zu wenden. Doch - lachen Sie über mich - ich konnte mich nicht so
schnell entschliessen, meine bisherigen Freunde zu verlassen; ich gestehe es
Ihnen: ich hatte Geschmack an dem wilden Leben gefunden; auch fehlten mir die
Mittel, um mich von ihnen trennen zu können. Dass mein Herz zerrissen war,
brauche ich Ihnen nicht zu sagen, auch nicht, dass ich den ganzen Leichtsinn
meiner Jugend zusammen nehmen musste, um mich zu betäuben; ich durfte nicht zu
mir selbst kommen, ich durfte nicht ruhig überlegen, was ich hätte werden
können, werden müssen, und was ich geworden war. - Ah!« rief er nach einer Pause
mit schmerzlicher Stimme, »wenn diese Gedanken kamen, so riss ich in meinen
Haaren, so rannte ich mit dem Kopfe gegen die Mauer, so zog ich mein Messer aus
der Scheide. -
    Richtig,« fuhr er gleich darauf mit dem ihm eigenen Lächeln fort, »von dem
Messer muss ich Ihnen noch sagen, dass es dasselbe war; ich hatte es in jenem
Dorfe, wohin es, wer weiss durch welchen Zufall, gekommen, an mich gebracht.«
    Hier schwieg der Erzähler, zog sein duftendes Taschentuch hervor, wischte
sich damit sorgfältig den blonden Schnurrbart und drückte es alsdann vor die
Augen. Als er die Hand wieder niedersinken liess, war der Ausdruck seines Blickes
unaussprechlich weich, ja traurig. Er streckte seine Rechte dem Zuhörer
entgegen, der sie mit beiden Händen umfasste und innig drückte. - »Wenn Sie
wüssten,« sagte er darauf mit weicher Stimme, »wie wohl es mir tut, wie es mein
Herz erleichtert, endlich Jemand gefunden zu haben, zu dem ich ohne Rückhalt
sprechen kann! Aber hören Sie mich, mein Freund, - wenn ich meine Vergangenheit
in Ihr Herz niederlege,« dies sprach er mit festerem Tone, »so muss es sich
darüber schliessen, wie das Grab über dem Todten, wie die Woge des Meeres über
dem Versunkenen. Geloben Sie mir dies und ich werde fortfahren. Aber ehe Sie es
tun, glauben Sie meiner Versicherung, dass Sie das Aergste aus meinem Leben noch
nicht gehört! - - Sind Sie stark genug,« sagte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen mit gefälligerem Ausdruck der Stimme, »meine kleinen Geheimnisse
bewahren zu können, so reichen Sie mir Ihre Hand, - Worte bedarf es weiter
nicht.«
    Mit tiefer Bewegung ergriff Herr Beil abermals die dargebotene Rechte,
drückte sie innig und der Baron fuhr fort:
    »Von da an wurde ich der Tollste der ganzen Zigeunerbande; ich muss Ihnen
sagen, dass man mich bis jetzt von gewissen Geschäften und Vorfällen beständig
fern gehalten. Ich hatte meinen Unterhalt auf anständige und ehrliche Weise
verdient, jetzt aber liess ich den Hauptmann merken, dass ich nicht abgeneigt sei,
auch an andern interessanten Unternehmungen Teil zu nehmen. Dass er bei dieser
Erklärung vor Freuden ausser sich war, schmeichelte meiner Eitelkeit; er hatte
aber auch alle Ursache dazu, denn trotz meiner damals noch feineren und
schlankeren Gestalt nahm ich es, was Kraft anbelangt, mit Vieren auf, und wo
mich Gewandteit und List unterstützen konnten, fürchtete ich mich nicht vor
einem Dutzend. Natürlich mit kleineren Geschichten wollte ich mich nicht
abgeben; ich sehnte mich nach etwas Grossem, wo es Mut galt und Gefahr zu finden
war.
    Wir zogen weiter, und wenige Tage nachher nahm mich der Hauptmann bei Seite
und sagte: Wenn du etwas wagen willst, so können wir über vierundzwanzig Stunden
reiche Leute sein. Natürlich willigte ich mit Freuden in Alles. - Heute Nacht,
sprach er, geht einer der reichsten Gutsbesitzer des Landes nach der Hauptstadt;
er wird einige Bedienten bei sich haben, aber auch eine grosse Menge Geld; wollen
wir von den Andern mitnehmen oder wollen wir Beide es allein wagen? - Wir Beide
allein, entgegnete ich ihm. Er war damit einverstanden. Die Nacht kam, wir
nahmen die besten Pferde und ritten gut bewaffnet aus; es ging über eine Haide
hinweg, das Wetter war stürmisch, der Wind pfiff über die Ebene, wir konnten
kaum unsere Hüte halten. In einer kleinen Niederung, die mit Gebüsch bewachsen
war, hielten wir. Es mochte Mitternacht sein, als wir von fern her das Rollen
eines Wagens vernahmen; er kam näher, vierspännig mit zwei Postillonen und zwei
Bedienten auf dem Aussensitz. Ich sprengte an die vordern Pferde und riss den
einen Postillon vom Sattel, der Hauptmann an den Schlag, indem er Halt! rief.
Obgleich der Wagen augenblicklich hielt, knallten doch von allen Seiten Schüsse,
die wir übrigens nicht beantworteten. Während der Hauptmann den Wagen bewachte,
glitt ich zur Erde, zog auch den andern Postillon herab, ohne ihm ein Leides zu
tun, und zwang die Beiden mit vorgehaltener Pistole, die unruhigen und
schlagenden Tiere auszuspannen, die nun augenblicklich das Weite suchten. Dass
ihnen ihre Reiter in grösster Angst zu Fuss folgten, hinderte ich durchaus nicht,
ja es erschien mir so komisch, dass ich ihnen ein lautes Gelächter nachsandte.
    Der Hauptmann hatte unterdessen gute Arbeit gemacht; er zwang die beiden
Bedienten ruhig auf ihrem Sitz zu bleiben, und ich trat nun an den Schlag des
Wagens, hatte aber dabei die Vorsicht, im nächsten Augenblicke, nachdem ich mich
gezeigt, auf die Seite zu springen, was sehr notwendig war, denn der
entschlossene Besitzer des Wagens schoss zweimal nach mir; die Kugeln pfiffen an
meinem Kopfe vorüber. Natürlich bat ich ihn jetzt sehr ernst und dringend,
dergleichen zu unterlassen, und zog ihn aus dem Wagen hervor. Es war ein alter
Herr, und da er ein lahmes Bein hatte und sein Krückstock im Wagen geblieben
war, so musste ich ihn auf einen Stein an der Strasse niederlassen, was ich auch
behutsam tat, denn ich hatte mein kaltes Blut durchaus nicht verloren, die
Expedition kam mir sehr ungefährlich vor. - Denken Sie sich aber, wie mir zu
Mute ward, als ich nun die Wagenlaterne herunter nahm, als der Schein derselben
auf das Gesicht des alten Mannes fiel und ich trotz der langen Jahre und des
einmaligen Sehens jene harten, starren Züge wohl erkannte. - Das Geschäft des
Wagendurchsuchens, das Herausnehmen der Cassetten und Brieftaschen überliess ich
dem Andern; ich stand neben dem alten Manne und dachte an jene Nacht, wo wir uns
zum ersten Male gesehen. Ja, wir konnten so nicht scheiden; er musste mich wieder
erkennen, er musste erfahren, dass das Schicksal zuweilen strenge Gerechtigkeit
übt. Ich zog langsam ein breites Messer hervor, und als er das sah, zuckte er
zusammen; doch hielt ich es ihm nur leicht vor die Augen und bat ihn, in seinem
Gedächtnisse um acht Jahre zurück zu gehen. Erinnern Sie sich, sagte ich mit
ruhiger Stimme, jener Nacht in dem Schloss, das Sie vor nicht vielen Stunden
verlassen, jener Nacht, wo Ihr Wille eine ganze Familie aus einander riss, wo Sie
den Vater zu einem Verbrechen zwangen, die Mutter in's Elend verstiessen, die
Kinder, Ihre eigenen Enkel, des ehrlichen Namens, des Vermögens, des Fortkommens
beraubten, in das Elend hinaus jagten, dem Laster in die Arme warfen. - Ja, dem
Laster; denn ich, der jetzt an Ihrer Seite in dem Wagen fahren sollte, um Sie -
setzte ich zähneknirschend hinzu - bei einem ähnlichen Vorfalle wie der heutige
zu verteidigen, ich, damals jener Knabe, den Sie dieses selbe Messer handhaben
sahen, stehe jetzt vor Ihnen als Strassenräuber und könnte vielleicht Ihr Mörder
sein, wenn mir das Schicksal Ihr Herz gegeben hätte.« -
    »Schrecklich, schrecklich!«
    »Das ist allerdings schrecklich,« fuhr der Erzähler ruhig fort, »Der Andere
hatte unterdessen die Cassetten auf den Boden niedergestellt und leerte sie mit
grosser Behendigkeit in einen Sack, den er zu diesem Zwecke mitgenommen. Wir
sehen uns wohl niemals wieder, sprach ich zu dem alten Herrn, es sei denn, dass
es Ihnen einfallen sollte, die Gerichte dafür gegen mich aufzurufen, dass ich mir
mein rechtmässiges Erbteil genommen; - in dem Falle freilich und wenn Sie
versuchen sollten, mich noch tiefer zu stürzen, würde ich Ihnen wieder und dann
auch meine Mutter rächend vor Augen treten. Er gab begreiflicherweise keine
Antwort, doch liess er den Kopf tief auf die Brust herab hängen. Dachte er
vielleicht über das Unrecht nach, welches er mir zugefügt, oder zürnte er über
seine eigene Ohnmacht, mich in diesem Augenblicke nicht vernichten zu können?
    Die Pferde waren beladen, ich steckte mein Messer langsam in die Scheide,
wir schwangen uns auf, und obgleich mein Begleiter in vollem Galopp davon
wollte, nötigte ich ihn doch zu seiner Verwunderung, im Schritt zu reiten; und
so zogen wir langsam querfeldein zum grossen Erstaunen der Bedienten, denen gewiss
noch nie dergleichen vorgekommen war. Wir ritten noch eine Stunde durch die
Nacht bis zu den Ruinen einer alten Abtei, die dem Zigeuner wohl bekannt war.
Dort sassen wir ab und untersuchten unsern Raub. Er war über alle Massen
beträchtlich; zu gleichen Hälften geteilt, bildete er für Jeden ein
ansehnliches Vermögen. Wir nahmen diese Teilung rasch vor, und das Einzige, was
ich für mich allein in Anspruch nahm, war, dass ich nur Papiere und Banknoten
nahm und meinem Begleiter dafür den Goldwert liess. - Ich kann Sie versichern,
der arme Kerl, der sich doch ein wenig vor dem Galgen fürchtete, war
überglücklich, nachdem ich ihm mein Verhältnis zu jenem alten Herrn aus einander
gesetzt und ihm dabei die Versicherung gegeben hatte, er könne das heute Nacht
Eroberte ruhig geniessen und sei nun für die Zukunft ein gemachter Mann; er war
überglücklich, keinen Raub begangen zu haben, und Sophist genug, um sich zu
überreden, dass wir nur meinen rechtmässigen Erbanteil vom Vermögen meines
Grossvaters geteilt.
    Natürlicherweise trennten wir uns darauf auf Nimmerwiedersehen; er ging zu
den Seinigen zurück, mich aber trieb es aus England fort, und nachdem ich mein
Vermögen geordnet, schiffte ich mich nach dem Continent über, um so schnell als
möglich nach Sicilien zu gehen. In Paris aber hatte ich den klugen Einfall, nach
Palermo schreiben zu lassen, und erhielt nach einiger Zeit sehr untröstliche
Nachrichten von da. Von meiner armen Mutter und meiner unglücklichen Schwester
hatte man keine Spur. Das Unglück, welches uns betroffen, war dort nicht einmal
in seinem vollen Umfange bekannt; es hiess, mein Vater habe sich von der Mutter
scheiden lassen, worauf sie mit einem grossen Teil ihres Vermögens England
verlassen und nach Deutschland gegangen sei. Unsere Verwandten in Palermo, so
schrieb mein Sachwalter, liebten es übrigens sehr, uns förmlich zu ignoriren,
und wenn uns nicht dringende Veranlassungen dazu trieben, riete er uns, nicht
nach Palermo zurückzukehren.
    So war mir also auch meine eigentliche Heimat verschlossen; ich hatte
Niemand mehr, dem ich mich anvertrauen, dem ich mein Schicksal erzählen, von dem
ich Trost und Hülfe erwarten konnte. O, ich fühlte mich einsam und elend; ich
war auf dem Punkte, den gleichen Schritt zu tun, wie Sie; aber auch mich hielt
ein Geist zurück, doch war es mein eigener, der mir, als ich mich über das
Brückengeländer hinüber lehnte, wie höhnend zurief: also feige willst du die
Welt, deine Feinde, die Menschen verlassen, willst keine Vergeltung üben für all
das Unrecht, welches man dir getan! - Trotze deinem Schicksal, trete ihm
entgegen, setze ihnen die Ferse auf den Nacken, wie sie es dir getan, lebe als
freier und unabhängiger Mensch; denke an jene Zeit, wo du ein solcher warst, wo
du auf flüchtigem Pferde über die Haide jagtest, wo deiner Hand jede Blüte,
jedes unschätzbare Gut, das eine Menschenseele vergeben kann, erreichbar war,
denn du hattest den Mut, darnach zu greifen! - So sprach es in mir, so klang es
fort und fort in meinem Herzen und ich folgte der verlockenden Stimme. Reich,
wie ich war, warf ich mich in das Leben der grossen Hauptstadt, lernte mich
bewegen in den höchsten Kreisen und knüpfte dort Verbindungen an; aber ich griff
auch tiefer hinab in die Schichten der Gesellschaft und erwarb mir auf den
untersten Stufen derselben Bekannte, ja Freunde. - Sie sehen mich mit grossen
Augen an, aber ich sage Ihnen die reine Wahrheit; wenn ich Nachts, von einer
glänzenden Soirée kommend, aus meinem Wagen stieg, meine reiche Toilette von mir
warf, die Blouse anzog, mein Haar auf eigentümliche Art ordnete, so hätte mir
jede der vornehmen Damen, mit denen ich vorhin getanzt, gerne ein Almosen
geschenkt, ohne mich zu erkennen.«
    »Ah!« machte Herr Beil.
    »Und glauben Sie ja nicht, dass ich mich ungern in diesen untern Kreisen
bewegte! Da sieht man die Menschen in ihrer natürlichen Herzensgüte, wie auch in
ihrer natürlichen Schlechtigkeit, ohne Schminke, ohne Verstellung; aber man muss
ihren Kreis nicht als fremdes Element tangiren, man muss zu ihnen gehören, dann
genügt ein Wort, ein Handschlag, und dem, welcher Aufopferung für sie zeigt,
gehören sie mit Leib und Seele. - O, das war für mich ein entzückendes Leben,
unsichtbar wie ein Geist durch alle Stufen der Gesellschaft zu schweben,
aufwärts und abwärts; ich war allwissend und allmächtig, keine geheime Polizei
erfuhr und konnte leisten, was ich vermochte. Ich sah die Fäden von tausend
Intriguen vor mir spielen, ich knüpfte sie an, wo es mir gefiel, und zerriss sie,
wenn es mir beliebte; die geheimsten Geschichten lagen offen vor mir da, ich
beförderte ihren Lauf oder hemmte ihn, je nachdem es mir einfiel; ich war Herr
und Gebieter über Tausende von Sklaven.«
    - »Und das waren Sie oder sind es noch?« fragte der Andere mit gepresster
Stimme.
    »Ich bin es noch,« entgegnete der Erzähler, indem er sich stolz aufrichtete
und seinem Gegenüber fest in die Augen sah. »Ja, ich bin es noch und läugne es
Ihnen, dem ich eine offene Beichte über mein ganzes Leben abgelegt, nicht.«
    »Also doch! also doch! - Verzeihen Sie, gnädiger Herr, meine Ueberraschung,
mein Erstaunen, ja meinen Schrecken, denn Sie erscheinen mir so plötzlich als
ein rätselhaftes Wesen, das in finstern Schatten bei uns vorbeischwebte und
jetzt auf einmal an's Licht tritt, - fast ein Gespenst. - Ja, ein Gespenst,«
fuhr er entsetzt fort, indem er sich langsam empor richtete und starr in die
glänzenden Augen sah, welche der Andere fest auf ihn gerichtet hielt. - »Gewiss
ein Gespenst und dasselbe, welches mir damals am Kanal erschienen. - Aber ich
bin kindisch,« fuhr er nach einer Pause mühsam lächelnd fort, wobei er sich über
die feuchte Stirne strich, »Sie sitzen ja körperhaft vor mir, und jenes Phantom
- war ja auch kein Phantom, - Sie waren es.«
    »Ja, ich war es, mein Freund,« entgegnete der Erzähler; »ich war es, der Ihr
Leben rettete, der Ihren Leib und Seele erhielt; und wenn ich sage, dass ich Sie
für mich erhielt, so geschah es ja nur, um einen Freund zu gewinnen, der fern
von meinem wilden Treiben steht, dem ich mein Inneres eröffnen konnte, der mir
in vorkommenden Fällen seinen guten Rat nicht vorentalten wird. - O seien Sie
ganz ruhig, ich werde Sie nie in den finsteren Kreis ziehen; dies Haus, dieses
Zimmer sollen rein bleiben wie die Seele des Kindes, das dort drinnen so ruhig
schläft.«
    »Und dieses Kind - es ist das Ihrige?«
    »O nein,« sagte der Baron mit trübem Lächeln, »so glücklich bin ich nicht.
Hören Sie mich noch einen Augenblick an; bald bin ich mit meiner Geschichte zu
Ende. - Anfänglich glaubte ich, ich könnte von dem seltsamen Leben, das ich
angefangen, ebenso leicht wieder lassen, wie man ein Kleid wechselt, wie man
einen Handschuh auszieht. Das wollte ich auch, ich verliess Paris und ging nach
Deutschland. Aber obgleich ich mich in der ersten Zeit fern von Allem hielt, was
mich früher so sehr belustigte, so dauerte das doch nicht lange; wie ich Ihnen
schon gesagt, ich konnte es nun einmal nicht lassen, unsichtbar lohnend und
strafend in die Geschicke der Menschen, die mich interessirten, einzugreifen.
Das Erstere tat ich übrigens häufiger und ich konnte es. Sie werden mir
glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich von meinem Treiben und meinen Verbindungen
nie den geringsten Vorteil zog, nie - nie, obgleich dem Unsichtbaren ungeheure
Summen geboten wurden, obgleich grosse Vermögen zu meinen Füssen rollten. Ein
Verschwender war ich nie; was ich besass, mehrte sich auf rechtliche Weise, statt
abzunehmen, obgleich ich dem Elend mit vollen Händen half, wo ich konnte. Da
befand ich mich in W. und unter vielen scandalösen Geschichten, welche die
reichen jungen Leute, mit denen ich verkehrte, erzählten, interessirte mich eine
ganz besonders: es war das ein förmlicher Sklavenhandel. Eine Mutter, so hiess
es, hatte ihre eigene Tochter um eine beträchtliche Summe verkauft, das Mädchen
aber habe eine andere Neigung und sei in Verzweiflung. Das war ein Fall, für den
ich da war; meine erste Idee war, das arme Geschöpf entführen zu lassen, ihr
eine Existenz zu gründen, sie, wenn möglich mit ihrem Geliebten zu vereinigen. -
Unmöglich! Denn leider stand dieser Freund durch Rand und Stand so weit über
ihr, dass an eine Verbindung nicht zu denken war. Ich beschloss, mich also bei ihr
einzuführen, und das tat ich auch.« - Bei diesen Worten atmete der Erzähler
tief und schwer, und als er darauf mit der Hand über seinen Bart strich,
zitterte diese leicht; auch hatte er die vorigen Worte nur mühsam
hervorgebracht.
    - »Ich ging also dortin. Um einen Vorwand war ich bei dergleichen nie
verlegen, ich betrat ohne lange zu fragen ihr Zimmer, ich fand das Mädchen
allein, ein Schauer durchflog meinen Körper, meine Zähne schlugen in Fieberfrost
zusammen, - ja, es konnte nicht anders sein, ich fand die Züge des Kindes in der
Erwachsenen wieder - ich stand vor meiner Schwester, - gerechter Gott! vor
meiner Schwester, die von ihrer, von meiner Mutter der Schande verkauft war. -
Aber nein, nein! so fürchterlich sollte es nicht kommen, gehen wir mit wenigen
Worten darüber hinweg. Ja, meine Schwester war es; aber meine arme Mutter war
längst gestorben; sie hatte ihr Kind aufgesucht und es auch glücklich in
Schottland gefunden; sie hatten ein kümmerliches Leben geführt, meine Mutter
hatte mit ihren zarten Händen Tag und Nacht gearbeitet, um sich und ihr Kind auf
ehrliche Art zu erhalten; aber alle die schrecklichen Verluste, die sie
erlitten, das Andenken an meinen Vater, der sie so entsetzlich misshandelt, - an
mich, den sie todt geglaubt, hatten ihre Gesundheit zerstört. - Nach ihrem Tode
stand meine Schwester ratlos da, irgend ein Zufall brachte sie zu jener Frau,
die sich heute ihre Mutter nannte, die sie sorgfältig erzog, aber damals schon
berechnete, das schöne geistreiche Mädchen werde sich einstens selbst bezahlt
machen.
    Dass ich mit dieser Dame eine starke Unterredung hatte, können Sie sich
denken; die für meine Schwester verlangte Summe gab ich ihr und nahm das arme
Geschöpf mit mir, - ja, das arme Geschöpf, - denn es waren Sachen vorgefallen,
die mich nötigten, ein Jahr lang mit ihr in tiefster Verborgenheit zu leben.
Sie wurde Mutter eines Kindes, eines Knaben - und was soll ich's verschweigen? -
desselben, der jetzt unter Ihrer Aufsicht lebt und den Sie deshalb nicht weniger
lieben werden, weil seine Geburt keine legitime ist.«
    Die Versicherung des Herrn Beil, dass er das Kind vielleicht noch mehr lieben
werde, weil es ohne rechtmässige Ansprüche an einen väterlichen Schutz so allein
in der Welt stehe, schien der Baron gar nicht zu hören. Er hielt beide Hände vor
das Gesicht und sass so eine Zeit lang in sich versunken da. Als er wieder empor
schaute, seufzte er tief auf und sagte: »Glauben Sie mir, ich hätte lieber das
Grab meiner Schwester gefunden, als sie selbst auf diese Art. Ich erzählte Ihnen
schon, wie ich sie als ein kleines Mädchen geliebt. Und diese Liebe hat mit den
Jahren zugenommen; in meinen Träumen sah ich sie vor mir, wachsend, grösser und
schöner werdend, liebenswürdig und verständig, wozu sie schon als Kind so schöne
Hoffnungen gab. Ach! ihr Kind hat mich vor Vielem bewahrt, namentlich vor einem
wilden Leben und vor manchen unüberlegten Handlungen. Ich will es Ihnen
offenherzig gestehen: obgleich ich viele Abenteuer hatte, habe ich doch nie
geliebt; denn so oft ich mein Herz einem weiblichen Wesen zuwenden wollte, trat
mir das Bild meiner Schwester vor die Seele und daneben erblasste alles Andere.
Es war wohl mit das schreckliche Unglück unserer Jugend, was mich so fest an sie
hinzog. Einmal,« fuhr er nach einer Pause lächelnd fort, »und es ist noch gar
nicht lange her, da traf ich mit einem armen Geschöpfe zusammen, mit einem
Mädchen, das blonde Haare hatte, wie meine Schwester und auch einen Zug in ihrem
Gesichte, der mich an diese erinnerte. Das durchzuckte mich wunderbar, und wenn
ich dem Mädchen früher begegnet wäre - aber das sind nur Phantasieen! - gehen
wir weiter!
    Nachdem das vorüber, reiste ich mit meiner Schwester nach Sicilien und
machte dort eine Klage gegen meinen Grossvater in England anhängig; ich wusste
wohl, dass dabei nichts zu gewinnen war, doch prozessirte ich nur in der Absicht,
um einen Namen für meine Schwester zu erhalten. Dies gelang mir auch; man
erklärte sie für berechtigt, den Familien-Namen unseres Vaters zu führen: ich
für meinen Teil verzichtete darauf: der Enkel des Lord K. war todt und
verschollen; auch meiner Schwester konnte ich nützlicher sein, wenn ich ihr, sie
unsichtbar schützend, zur Seite stand. Wer wusste auch, wenn wir den gleichen
Namen führten, ob sie nicht vielleicht dadurch in Sachen verwickelt werden
konnte, die ihr fern zu halten meine heiligste Pflicht war. Dass ich mein
Vermögen redlich mit ihr teilte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. - Und
nun bin ich zu Ende, aber gerne bereit, Ihnen irgend welche Fragen zu
beantworten, die Sie an mich zu richten für gut finden. Fragen Sie mich ohne
Scheu!«
    »Wenn ich das tue,« sprach Herr Beil nach einigem Zögern, »so ist es nicht
Neugierde, die mich treibt; doch möchte ich erfahren, ob die Mutter des Knaben
seinen Aufentalt weiss, ob es ihr erlaubt ist, ihn zu sehen.«
    »Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen, - meine Schwester
verheiratete sich, sie machte, was die Welt eine glänzende Partie nennt; doch
lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hängt ihr ganzes Herz an
dem Knaben.«
    »Und wie habe ich mich zu benehmen, wenn sie einen Versuch machen wollte,
das Kind zu sehen? - Sie sagten mir selbst, man forsche demselben von andern
Seiten nach.«
    »Ganz recht, dass Sie daran denken; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und
das Kind zu sehen verlangen, so fragen Sie, ob sie schon länger in hiesiger
Stadt sei; gibt man Ihnen zur Antwort, sie komme soeben von einer Reise nach
England zurück, so können Sie ihr das Kind getrost in die Arme führen.«
    »Doch nun ist es Zeit, dass ich mich entferne,« sagte der Baron nach einer
Pause, indem er sich erhob - »meine Pferde schaudern, der Morgen dämmert auf,
kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen; ich habe Sie einen wilden Traum
durchträumen lassen; ich führte Sie auch über öde Haiden und selbst ein wenig am
Rabenstein vorüber. - Adieu, mein Freund, denken Sie, dass ich ganz der Ihrige
bin. Gebieten Sie über mich: soll ich etwas für Sie erlangen in der niedrigsten
Hütte oder am Trone des Königs, ich werde es tun. - Leben Sie wohl! Sobald es
mir möglich ist, suche ich Sie wieder auf. Sollten Sie etwas dringendes für mich
haben, so wissen Sie ja meine Wohnung.« - Hierauf drückte er dem Herrn Beil
herzlich die Hand, verliess das Zimmer und gleich darauf das Haus.
    Dieser trat an's Fenster und blickte dem Baron lange nach, wie er leicht und
gewandt über die Strasse dahin schritt und bald um die nächste Ecke verschwunden
war. Ja, der Morgen dämmerte auf, ein trüber, kalter Wintermorgen; am Himmel
jagte der Wind graue Wolken, welche, über die Stadt hinwegfliehend, zuweilen
einzelne Schneeflocken hernieder flattern liessen. Die Windfahnen drehten sich
kreischend, zwischen den entfernteren Häusern lag ein feiner frostiger Duft, und
an einem Brunnen, der sich gerade dem Hause gegenüber befand, hatten sich seit
einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet. Draussen war es unbehaglich, aber
im Zimmer strömte der Ofen eine angenehme Wärme aus. Herr Beil löschte die Kerze
aus, die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr
widerstehen und brannte mit dunkelroter Glut. Nachher fuhr er sich mit der
Hand über das Gesicht und es war ihm zu Mut, als habe er wirklich einen wilden
Traum geträumt oder als habe er während der Nacht ein seltsames Buch gelesen,
eine Räubergeschichte, wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt. Er versank in
tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh, als bald darauf eine helle
Kinderstimme an sein Ohr schlug, die laut und lustig rief: »Onkel Beil, ich bin
erwacht und möchte gern aufstehen!«
 
                          Fünfundsechzigstes Kapitel.
                            Ein gefährliches Papier.
Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten
ledernen Lehnstuhl, den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifuss zu nennen
pflegte. Es war ein ehrwürdiges Möbel, das er, von jeher ein geordneter Mann,
sich schon auf der Universität angeschafft hatte, und von dem sich zu trennen
ihm unmöglich war. Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch, mit einem Leder
überzogen, dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war, und glänzte an verschiedenen
Stellen wie polirt. Ach! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die alten Arme
geöffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz; wie viele Gedanken hatten,
hier ruhend, schon des Doktors Kopf durchzogen. Bei gewöhnlichen Veranlassungen
brauchte er ihn selten, aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte, sei
es über einen schwierigen Krankheitsfall, sei es über irgend eine
Familienangelegenheit, so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen.
Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln müssen; als sein Besitzer
einstens krank und wieder auf dem Wege der Besserung war, stand er so, dass die
ersten Strahlen der Morgensonne über ihn und den Genesenden hinspielten; auch in
dem Schlafzimmer war er früher häufig, der Doctor hatte ihn gleich zu Anfang
seiner Ehe neben das Bett seiner Frau gerollt, und das waren damals seine
seligsten Augenblicke gewesen, wenn er aus Geschäften oder von Gesellschaften
spät heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte. Ja,
damals hatte der Stuhl eine grosse Rolle gespielt: auf ihm hatte der glückliche
Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt, auf ihm hatte
die junge schöne Mutter zum ersten Mal nach jener verhängnisvollen Zeit
ausgeruht, und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrückt. Aber
auch die kleinen Leiden seines Besitzers, die nachher so gross, ja endlich
unheilbar werden sollten, waren auf eben diesem Stuhle überdacht worden, und es
war, als ob das alte Möbel in der Tat eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn
ausübte: denn wenn dieser sich auch in der grössten Erregung darauf
niedergelassen hatte, so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken, er wurde
nachgiebiger, auch trauriger, wie das gerade eben kam. -
    An alles Das dachte der Doktor, als er wieder einmal und sehr tief vergraben
in den Lederkissen ruhte. Er hatte den Kopf auf die Brust herabgesenkt, die
Augenlider halb geschlossen, die Hände gefaltet, und man hätte glauben können,
er schlafe, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer seine Brust geschwellt und
seinen Kopf gewaltsam emporgehoben hätte.
    Es mochte zehn Uhr Morgens sein, und im Haus des Doktors, in welchem sich
sonst um diese Zeit ein reges Leben bewegte, wo die Köchin in ihrer Küche
hantirte, wo Kindsfrau und Stubenmädchen plaudernd oder singend ihre Arbeit
taten, wie die Türe auf und zu ging, war es heute still wie auf einem
Kirchhofe. In der Kinderstube befanden sich allerdings beide eben erwähnten
Dienstboten, doch sass die Eine an diesem, die Andere an jenem Fenster, Beide
machten lange Gesichter, schauten zwar verstohlen gegen einander hin, sprachen
aber kein Wort. Selbst die Köchin machte nicht den geringsten Lärmen; sie stand
an ihrem Herde vor einem Kessel, in welchem das Suppenfleisch kochte, statt es
aber abzuschäumen, wie wohl ihre Schuldigkeit gewesen wäre, hatte sie
gedankenvoll den Schaumlöffel auf den Herd gestützt, blickte vor sich nieder und
liess die dampfende Brühe überlaufen.
    Auf dem Gange zwischen den Zimmern sah es ganz fremdartig aus; da standen
grosse und schwere lederne Kisten, auch Koffer und Hutschachteln, es war gerade,
als wolle sich die ganze Familie auf Reisen begeben.
    Kehren wir nun in das Zimmer des Arztes zurück, so finden wir ihn wie früher
unbeweglich im Lehnstuhle ruhend und selbst nicht einmal Achtung gebend auf das
Spielen der Kinder, die bei ihm im Zimmer waren. Und das Spiel, welches sie
trieben, war doch der Mühe wert, mit angesehen zu werden. Oskar und Anna sassen
am Boden und hatten zwischen sich einen Fussschemel, auf dem sich ein drittes
Kind befand, ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mädchen, das die erstaunten
Blicke beständig im ganzen Zimmer umherlaufen liess. Seinen Anzug hätte man
komisch nennen können; es hatte ein einfaches, etwas ärmliches Wollenkleid an,
darüber einen kleinen Sammetmantel, den ihm Oskar umgehängt, und auf dem Kopf
einen zierlichen Spitzenhut, von Anna ziemlich schief darauf befestigt. Letztere
hatte in der Hand eine grosse Tasse mit Kaffee, in welche Brod eingebrockt war,
das sie dem Kind löffelweis in den Mund gab. Zuweilen nahm dieses davon,
zuweilen aber schloss es die Lippen und wandte den Kopf so heftig auf die Seite,
dass der Kaffee über das Kleid herabfloss und auch wohl über den schönen
Sammetmantel; und dann rief Oskar und Anna wie aus einem Munde: »Papa! das
fremde Kind isst wieder nicht!«
    Das fremde Kind schien sich übrigens bei dieser Abfütterung und der ihm
bewiesenen allzu grossen Aufmerksamkeit gar nicht heimlich zu fühlen; es blickte
öfters erschreckt auf den Sammetmantel, schielte besorgt nach dem Spitzenhute,
zuckte unruhig mit den Füssen, als wolle es durch einen verzweifelten Sprung den
Versuch machen, seine Freiheit wieder zu gewinnen, kurz es benahm sich wie ein
kleiner Affe, den man eben eingefangen und bei welchem die erste Dressur probirt
wird.
    Jetzt hörte man, dass draussen die Glastüre geöffnet wurde; rasche Tritte
näherten sich, ihr Klang hörte aber auf Augenblicke auf, als betrachte sich der
Ankommende die Koffer und Kisten im Gange, dann wurden sie eiliger wieder
fortgesetzt, und nun öffnete sich hastig die Türe, ohne dass vorher angeklopft
worden wäre.
    Artur erschien auf der Schwelle und blieb kopfschüttelnd stehen, als er in
das Zimmer blickte. - »Schöne Geschichten das!« rief er nach einer Pause,
während welcher er die Türe hinter sich zugedrückt und sich dem Lehnstuhl
genähert hatte. - »Aber um's Himmels willen, Eduard, ist denn die Geschichte
wahr? und du sagtest mir gestern nichts davon! Muss ich das heute Morgen von
Alfons erfahren, der es beim Frühstück auf seine gewohnte Art mit Mama
besprach.«
    Der Doktor richtete den Kopf in die Höhe, ohne aber sonst seine Stellung zu
verändern. - »Ich wollte gerade zu dir hin, Artur,« entgegnete er mit weicher
Stimme, »mein Wagen steht unten schon eingespannt; aber ich geriet hier an
meinen alten Freund, und der hielt mich fest durch Träumereien und
Erinnerungen.« -
    »Aber sage,« fuhr der Andere dringender fort, »will sie wirklich nicht
zurückkehren? Mama hatte ihr doch den Kopf zurecht gesetzt und sie schien ihr
Unrecht einzusehen.«
    »Sie schien,« erwiderte Eduard traurig lächelnd, »das heisst sie gab der
Mutter nach ihrer gewöhnlichen Art keine Antworten, als sie aber euer Haus
verlassen, schrieb sie mir, es sei für uns besser, wenn sie auf ihrem Entschluss
beharre. Da lies dies merkwürdige Schreiben; ich weiss nicht, ob Herr Alfons auch
davon Kenntnis hat.«
    Der Maler durchflog das ihm dargereichte Papier und warf während des Lesens
mehrmals einen Blick auf die Kindergruppe. Dann faltete er das Schreiben
zusammen, gab es seinem Bruder zurück und versetzte achselzuckend: »Was weiss der
nicht? auch darüber sprach er spottend und höhnend. Aber wie hing denn die ganze
Sache eigentlich zusammen? - Ist dies das Kind?«
    Der Doktor nickte mit dem Kopfe, wobei er sagte: »Auf die einfachste Weise
von der Welt. Du weisst von unserer grossen Scene am Weihnachtsabend; den andern
Tag fuhr sie zu ihrer Mutter, und die würdige Dame, statt ihre Tochter
zurückzuschicken, oder selbst zu kommen, sandte ihren Sachwalter, denn sie fand
sich in ihrer Tochter höchlich beleidigt. Darauf nun schrieb ich ihr einen
Brief, - ich sage dir, einen Brief, der einen Stein hätte erweichen müssen. Nun,
die Folge war denn auch die Unterredung mit der Mutter.«
    »Richtig! richtig! Wie ist aber die Geschichte mit jenem Kind? Denn, so viel
ich erfahren, fiel die nun dazwischen und warf Alles wieder auseinander.«
    »Die ist an sich sehr einfach; aber weisst du, Artur, wenn man einen Vorwand
zu Verdächtigungen und Streitigkeiten sucht, so ist er sehr leicht gefunden. Auf
seltsame Art machte ich an demselben denkwürdigen Weihnachtsabend die
Bekanntschaft einer unglücklichen Person, die im höchsten Grade schwindsüchtig
war, der böse Menschen ihr Kind geraubt, das sie aber wieder erhielt, und die
ich, da sie wie gesagt, kränklich und von aller Hilfe entblösst war, regelmässig
besuchte und sie unterstützte so gut ich konnte.«
    »Das ist an und für sich nichts Schlimmes.«
    »Sie wurde aber täglich kränker, das Kind verkam ordentlich und als die
Mutter vor ein paar Tagen starb, sah ich denn nichts Arges darin, die Kleine
mitzunehmen und sie so lange hier zu behalten, bis ich eine passende Unterkunft
für dieselbe gefunden. - Ist daran etwas Unrechtes?«
    »Für uns und alle rechtlich denkende Menschen nicht,« erwiderte Artur und
legte seine Rechte sanft auf die Schulter des Bruders. »Aber dass du damit
willkommenen Anlass zu neuen Anklagen gabst, das hättest du dir doch, bei Gott!
vorstellen können. - Nicht wahr, anonyme Briefe wurden deiner Frau gesandt?«
    »Versteht sich von selbst; und welches gemeinen und boshaften Inhalts, das
kannst du dir gar nicht denken. Das war ein Verhältnis, das ich schon lange
Jahre unterhalten, das natürlicherweise der Welt bekannt war, das man aber bis
jetzt aus Schonung verschwiegen.«
    »O schändlich! schändlich!«
    »Endlich konnte aber der redliche Freund, der sich leider nicht nennen
durfte, es nicht mehr über sich gewinnen, stillschweigend zuzusehen, wie eine
unglückliche Frau so unverantwortlich von ihrem Manne betrogen werde.«
    »Und die unglückliche Frau glaubte wohl selbst diese Geschichte nicht?«
    »O sie glaubt sie wohl nicht, aber sie tut, als ob sie sie glaube. Ich
machte gestern einen Besuch bei Mama's liebenswürdiger Freundin, der
Tutelarrätin Wasser; sie war natürlicherweise zurückhaltend, so zu sagen mit
Anstand gepolstert, und wehmütig zum Ueberlaufen. Sie hatte meine Frau
gesprochen und aus deren eigenem Munde jenes infame Gerücht vernommen.«
    »Deine Frau hat es ihr gesagt!« rief Artur entrüstet.
    »Als Gerücht; aber meine Schwiegermutter hatte hinzu gesetzt: das fehle noch
zu der schlechten Behandlung, der Madame bei mir ausgesetzt gewesen sei.«
    »O, dann ist alles verloren!«
    »Ja, das fühle ich auch. Du ersiehst ja aus dem Briefe, dass meine Frau die
einleitenden Schritte zu einer Scheidung bereits getan hat. O mein guter Name,
meine armen, armen Kinder!«
    »Bah!« rief der Maler entrüstet, »über deinen Namen beruhige dich; an dem
bleibt kein Makel hängen. Man kann dir kein Unrecht geben.«
    »Den Frauen gegenüber haben wir in solchen Fällen immer Unrecht; alle Weiber
nehmen für sie Partei, und man wird mich verarbeiten und zerreissen, dass kein
gutes Haar an mir bleibt.«
    »Aber was soll mit dem Kinde geschehen?«
    »Ich weiss es nicht; hier kann ich es nicht behalten. Denke dir, Artur, dass
meine sämmtliche Dienerschaft mir in sittlicher Entrüstung den Dienst
aufgekündigt hat.«
    »Die Canaillen!«
    »Die Kindsfrau meinte, sie habe sich bei anständigen und ehrlichen Kindern
verdingt, sei aber nicht dazu gemacht, uneheliche Bälge aufzuziehen.«
    »Das sagte sie dir in's Gesicht?«
    »O nein; Franz, der Kutscher, hat es mir erzählt.«
    »Und der?«
    »Er bat mich zu gleicher Zeit um Erlaubnis, die drei Weibsbilder zum Hause
hinaus werfen zu dürfen.«
    »Die hätte ich ihm erteilt.«
    »Um noch mehr Skandal zu haben! Du wirst schon sehen, was die drei
Weiberzungen von mir aussagen werden.«
    »Ja, ja.«
    »Die haben mein Verhältnis zu jener unglücklichen Person schon lange gewusst,
oh! ganz genau gekannt. Glaube mir, Artur, die werden mir einen schönen Namen
machen. Und dagegen vermag kein ehrlicher Mann, keine Macht dieser Welt etwas.«
    »Onkel Artur!« rief Anna, »schau dir unser Kind an. Papa hat es für uns zum
Spielen mitgebracht; wenn es einmal schöne Kleider bekommt und brav ist, so wird
es unser Schwesterchen; nicht wahr, Papa?«
    »In deinem Hut und Mantel,« sagte Oskar mit Kennermiene, »sieht es gerade
aus, wie du, Anna.«
    »Verlangen die Kinder zuweilen nach ihrer Mutter?« fragte Artur leise.
    »Selten, eigentlich nie,« erwiderte traurig der Bruder. »Es ist ihnen etwas
ganz Gewöhnliches, dass sie sie nicht sehen.«
    »Hast du draussen die Kisten gesehen und die Koffer, Onkel Artur? Wir
verreisen; ich weiss es ganz gewiss.«
    »Ja, wir gehen,« setzte Anna hinzu, »weit, weit fort.«
    »Und haben heute Morgen schon eine Reise gemacht,« sprach der Knabe. »Anna
gehört die grosse Kiste, mir der Koffer; das sind zwei Kutschen, in denen wir
schon weit weg gefahren sind. Ich war der Fuhrmann; wo hast du meine Peitsche
gelassen?« wandte er sich an die Schwester.
    »Das geht nun seit gestern so fort,« sagte leise und traurig der Vater; »die
armen, armen Dinger! Schon als eingepackt wurde, brachten sie auch von ihren
Kleidern und Wäsche herbei und wollten nicht begreifen, warum die Sachen von
Mama allein in die Koffer gelegt würden.«
    »Quäle dich doch nicht selbst mit diesen Gedanken,« entgegnete Artur. »Du
bist weicher als die Kinder. Vor allen Dingen lass uns ruhig überlegen, was zu
tun ist. Mama hat dir neue Dienstboten besorgt, nicht wahr?«
    »Ja, sie kommen schon heute.«
    »Nun denn, was denkst du mit dem Kinde da anzufangen?«
    Der Doktor zuckte mit den Achseln. »Ich werde es in irgend eine ordentliche
Anstalt tun,« sagte er.
    »Das ist nichts,« erwiderte Artur. »Hättest du es von seiner gestorbenen
Mutter weg gleich in eine solche bringen lassen, so wäre es ganz gut gewesen.
Aber jetzt, wo nun einmal die fatalen Gerede über dich in der Stadt gehen, würde
das nur zu neuen Klatschereien Stoff geben. - Das Kind muss verschwinden, man muss
es zu stillen, verlässlichen Leuten tun, die es vertrauensvoll aufnehmen, die es
gut behandeln und weiter nicht darüber sprechen.«
    »Solche Leute sind selten,« meinte trübe lächelnd der Doktor.
    »Wüsstest du Jemand?«
    »Allerdings sind sie selten,« entgegnete der Maler und blickte nachdenkend
zum Fenster hinaus; »sehr selten, aber es gibt noch gute, edle Herzen, die nach
Kräften Gutes tun, ohne darüber zu sprechen, - edle Menschen, die ihren
Nächsten lieben, namentlich wenn er in Not ist.«
    »Die sind schwer zu finden und zu erkennen.«
    »Zu erkennen leicht, wenn man sie gefunden,« sprach Artur mit Wärme. »O,
der Glanz ihres Auges sagt dir, dass das Herz gut und edel ist; ein offenes
ehrliches Lächeln lässt dich auf den Grund ihrer Seele blicken, ein einziges
Wort, mit dem süssen Klang ihrer Stimme gesprochen, lässt dich fühlen, dass es wahr
und aufrichtig gemeint ist; an dem Hauch, der von einem solchen Wesen ausgeht,
erkennst du, dass du es mit einem edlen reinen Geschöpfe zu tun hast.«
    »Artur! Artur!« sagte erstaunt der Bruder. »Du redest dich ordentlich in's
Feuer, du schwärmst. Kennst du vielleicht ein solches Wesen?« - Er stützte den
Kopf in die Hand und blickte fragend in die Höhe. - »Ja,« fuhr er nach einer
Pause lächelnd fort, »du hast soeben ein Porträt skizzirt, und wenn es dem
Originale wirklich ähnlich sieht, so möchte ich es wohl kennen.«
    »Du sollst es kennen,« entgegnete Artur mit weicher Stimme. »Das Original,
das ich dir mit voller Wahrheit nicht zu schildern vermag, ist ein Mädchen, das
ich liebe, und wie liebe, Eduard! das mein werden muss, und sollte ich Alles
daran setzen, viel, viel darüber verlieren. - O, das wäre ein Verlust, bei dem
ich tausendfach gewinnen müsste.«
    »Ja, verlierend zu gewinnen, sagte, glaube ich, ein gewisser Romeo bei einer
ähnlichen Veranlassung,« meinte der Doktor und betrachtete aufmerksam seinen
Bruder.
    Dieser tat einen tiefen Atemzug, legte seine Hände auf die Schultern
Eduard's und sprach: »Gott sei Dank, die Schale, die mein Herz umgibt,
zerspringt, dein Unglück, mein guter Bruder, hat mir den Mut gegeben, mit dir
darüber zu sprechen.«
    »Ist es denn etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?«
    
    »Schlimm allerdings vor den Augen unserer Familie, und es wird der Welt auch
sehr unbegreiflich erscheinen. Ich liebe ein Mädchen, jung, schön, reizend, wie
man sich die Engel vorstellt, und dieses Mädchen will ich heiraten, obgleich
sie keiner bekannten Familie angehört, obgleich ihr Vater ein armer
Schriftsteller ist, sie selbst eine Tänzerin.«
    »Also ist die Geschichte doch wahr?« erwiderte der Doktor kopfnickend; »ich
warf sie weit hinweg, als man mir davon sagte. Alfons zielte schon mehrmals
darauf hin.«
    »Aber jetzt möchte ich dich fragen, lieber Eduard, ist denn das etwas so
Schlimmes und Unbegreifliches?«
    »Versteh' mich wohl, Artur, ich werde ja mit tausend Freuden das Mädchen,
das du dir auserwählt, als Schwägerin begrüssen; weiss ich doch leider am Besten,
dass es keine Versicherung für häusliches Glück ist, eine Tochter aus sogenannter
untadelhafter, unbescholtener Bürgerfamilie zu heiraten. Habe ich das doch
traurig erlebt! - Wenn das Mädchen nur keine Tänzerin wäre!«
    »Man wird sich allerdings vor Allem daran stossen; aber mir ist es vollkommen
gleichgiltig.«
    »Du - das gibt fürchterliche Szenen mit Mama; wahrhaftig, Artur, ich
fürchte, das wird die alte Frau schwerlich überleben. Hast du dir auch die Sache
gründlich überlegt?«
    »Wenn ich ein ehrlicher Mensch bleiben will, kann ich nicht mehr zurück.«
    »Denk an unsere Verwandtschaft, an unsere hochnasigen Bekannten in hiesiger
Stadt; sie werden deiner Frau ihre Türe nicht öffnen.«
    »Die Hochmütigen und Dummen allerdings nicht; aber was ist an denen
gelegen? Man lernt auf solche Art seine Freunde kennen; - ich versichere dich,
Eduard, das wäre mir eben interessant. Ich weiss wohl, dass sich manche Türe vor
uns verschliessen wird, aber das ist mir gerade recht. Leute von wirklich gutem
Hause, an deren Namen nicht der geringste Makel klebt, - vorausgesetzt, dass sie
gescheidt sind und nicht an dünkelhaftem Hochmut leiden, - werden es mich nicht
fühlen lassen, dass ich bei der Wahl meiner Gattin nach ihren Begriffen ein paar
Stufen zu tief hinab stieg. Aber solches Volk von dunkler, zweifelhafter
Herkunft, deren früheres Leben wie ein Sumpf ist, dessen schmutzige Fläche
mächtige nachbarliche Schlingpflanzen mitleidig verdecken, - Menschen, die sich
durch allerlei Kunstgriffe, durch rastlose Bemühungen selbst empor
geschmeichelt, die kein gutes Gewissen haben und die es ungeheuer scheuen, von
Herkunft und dergleichen zu reden, ja selbst daran erinnert zu werden, - die
allerdings werden mit einer heiligen Scheu vor uns zurückprallen, werden mich
aber zum grössten Dank verpflichten, indem sie mir ihr Haus verschliessen, und
werden mir das Vergnügen machen, nie ihren unsaubern Fuss über meine reine
Schwelle zu setzen.«
    »Brr!« machte der Doktor; »wenn das Mama's Busenfreundin, die Rätin Wasser,
hörte. An die dachtest du doch?«
    »Allerdings dachte ich an die kleine halbverwachsene, boshafte Person, aber
solche Wasser gibt's noch viele; man könnte ein ganzes Meer daraus machen, einen
Ocean der Dummheit und des Hochmutes. - Aber Eduard, kann ich in der
Angelegenheit auf dich rechnen?«
    »Gern, wenn du mir nur sagst, auf welche Art ich dir dienen kann. Und jetzt
mit Mama zu verhandeln, wäre für mich misslich. Aber bei dem allgemeinen Sturme,
der notwendig erfolgen muss, will ich treu und fest an deiner Seite stehen.«
    »Schön! nur ist es mir unmöglich, gegen die Mama das erste Wort
auszusprechen, und darin kannst du mir auf Umwegen einen Gefallen tun. Erzähle
Alfons die ganze Geschichte, als habest du irgendwo gehört, ich hätte ein
derartiges Verhältnis, ich hätte einer Tänzerin versprochen, sie zu heiraten,
mache es so schlimm wie du willst, Alfons wird das Seinige noch dazu tun, und
mir ist es dann leichter, die Sache in besserem Licht darzustellen als er.«
    »Recht gern; das wird mich wenig Mühe kosten. Da aber das vorderhand im
Reinen ist, so sage mir, ob du für das arme Kind da in der Tat ein Unterkommen
bei guten Leuten weisst.«
    »Versteht sich,« entgegnete Artur, indem ein frohes Lächeln über seine Züge
fuhr. »Clara wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Kleine bei sich
aufzunehmen.«
    »Clara?«
    »Ja, Clara, meine Braut. Und du könntest mir den Gefallen tun, mich und das
Kind in deinem Wagen dahin zu begleiten, dann kannst du zu gleicher Zeit die
Bekanntschaft des Mädchens machen.«
    »Das will ich,« erwiderte der Doktor. Er erhob sich aus seinem Lehnstuhl,
ordnete seine Haare vor dem Spiegel und griff nach seinem Paletot und Hute,
welche neben dem Fenster auf einem Stuhle lagen. - »Da habe ich aber ganz
vergessen,« sagte er verdriesslich, »dass ich eigentlich gar nicht von hier fort
kann; oder glaubst du, ich könne meine beiden Kinder bei den rebellischen
Weibsleuten hier im Hause allein lassen? Ich fürchte, sie gehen auf und davon
oder bekümmern sich wenigstens nicht um die armen Kinder.«
    »Du hast nicht ganz Unrecht,« meinte Artur. »Doch will ich dir sagen: wir
fahren nach unserem Hause und bitten Marianne, dass sie sogleich hieher gehe. Sie
hatte sich ohnedies schon entschlossen, das Amt der Hausfrau zu übernehmen, bis
deine neuen Leute da sind; vielleicht begegnen wir ihr unterwegs.«
    »So gehen wir. Doch will ich meine gnädige Frau von Bendel bestens und
höflichst ersuchen, auf die Kinder Achtung zu geben.«
    »Ersuche sie bestens, aber nicht höflichst,« ermahnte Artur.
    Der Doktor ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Kindsfrau zurück.
Diese würdige Dame hatte die Nase sehr hoch erhoben und ein sehr moquanter Zug
machte sich auf ihrem alten Gesichte bemerkbar; die Flügel und Spitzen ihrer
Haube waren drohend emporgekehrt, und sie zog einher wie ein finsteres Gewitter,
das jeden Augenblick bereit ist, sich mit Donner und Blitz zu entladen. Artur
sah sie fest an und lächelte so sanft als möglich, was sie einigermassen aus der
Fassung zu bringen schien.
    »Sie werden auf meine Kinder Achtung geben, bis ich zurück komme,« sagte der
Doktor, »und werden nicht dulden, dass Köchin oder Stubenmädchen das Haus
verlassen.« Auch - hier hustete er gelinde, - »wollen Sie dem kleinen Kinde da
seinen Hut aufsetzen und das Tuch umbinden; dort liegt es.«
    Die Kindsfrau blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, ohne dem gegebenen
Befehl Folge zu leisten.
    »Mir scheint,« sagte Artur, in dessen Gesichte die Röte des Zorns
aufstieg, »Madame Bendel leidet an Schwerhörigkeit. - Haben Sie meinen Bruder
verstanden oder nicht?« sprach er darauf mit heftiger Stimme und trat dicht vor
die Frau hin, die bei dem Tone, den sie nicht gewohnt war zu hören, zusammen
schrak. - »Mein Bruder hat Ihnen befohlen, dieses Kind dort anzuziehen,« fuhr
der junge Mann fort, während er sie fest ansah. »Da wir nun Beide nicht Lust
haben, lange zu warten, so leisten Sie diesem Befehle Folge, und das
augenblicklich.« - Er zeigte mit der Hand gebieterisch auf Hut und Tuch, und die
erschreckte Frau nahm Beides und beeilte sich, das Kind fertig zu machen. Darauf
nahm es der Maler bei der Hand.
    Der Doktor ermahnte seine eigenen Kinder, artig zu sein, küsste sie heftig
auf den Mund und stieg mit seinem Bruder kopfschüttelnd und lächelnd die Treppen
hinab. Als sie in dem Wagen sassen, sagte er mit seiner sanften Stimme: »Höre,
Artur, du kannst heiraten, du hast eine gute Art, mit den Weibern umzugehen;
ich glaube, du liessest dir von keiner etwas gefallen.«
    »Nicht einmal von meiner Frau,« entgegnete ernst der Bruder. »Das ist das
Kapitel, worüber wir schon oft zusammen sprachen, aber leider, leider! immer
vergeblich; ohne Festigkeit geht's nun einmal nicht, namentlich bei dem
herrschsüchtigen Charakter deiner Frau. Da du nicht im Stande warst, deinen
Willen durchzusetzen, so hat sie dich zum Sklaven gemacht. - Aber jetzt bist du
frei.«
    »Ach Gott, ja! - leider!« seufzte der Andere.
    Artur liess den Wagen durch die enge Gasse nach dem elterlichen Hause
fahren, und ihn hinten an der Türe seiner Wohnung halten. Alfons controlirte
von seinem Comptoirpulte aus die vordere Haustüre und alle Eintretenden, er
wäre ihnen auch augenblicklich in seine Wohnung gefolgt; doch wollten beide
Brüder ihre Schwester allein finden. Sie liessen das Kind im Wagen, stiegen auf
der uns bekannten Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf und kamen dann über
einen Corridor vor die Glastüre an der Wohnung Mariannens.
    Es war eben Besuch da gewesen; zwei Frauenzimmer stiegen die Haupttreppe
hinab, und Artur, der ihnen nachblickte, sah, dass sie freundlich zusammen
sprachen und kicherten. Es war eine ältere Frau in sehr einfachem Anzuge, sie
trug ein graues, wollenes Tuch und eine gewöhnliche Haube mit Lilabändern, etwas
Halbtrauer; die andere war jünger und schien die Tochter zu sein; sie trug ein
braunes Merinokleid und einen abgeschossenen Hut von schwarzer Seide; auch waren
Beide, wie schon gesagt, heiteren Humors, und hatten keine Ahnung davon, dass sie
beobachtet würden. Die Alte blieb auf der Ruhebank der Treppe stehen und sprach
mit lustiger Stimme: »Das da oben ist eine brave, charmante Frau. Gott! wie dumm
war ich, dass ich dies Haus nicht schon früher besucht; das müssen wir ausbeuten.
Denk dir, Emilie, sie hat mir einen Dukaten gegeben, - einen ganzen Dukaten.«
    »Aber dafür war auch die alte Commerzienrätin drunten desto knauseriger -
einen halben Gulden! Pfui Teufel! die sollte sich schämen! Dreissig Kreuzer auf
so schöne Empfehlungsbriefe von zwei Pfarrern und dem brillanten Zeugnisse vom
verschämten Hausarmen-Verein. - Da hast du die Papiere, steck sie wieder ein!«
    »Gib her!« sagte die würdige Mutter; »wo ist denn das Papier, worein ich sie
gewickelt hatte? - Ah! ich liess es droben auf dem Tische liegen; es ist nichts
daran gelegen.«
    »Weisst du das auch genau?« fragte die vorsichtigere Tochter; »was war es für
ein Papier?«
    »Nun, es war das Papier, worin die Becker ihre Handschuhe gewickelt brachte,
reines, weisses Papier.«
    »Nichts darauf geschrieben?«
    »Ich glaube nicht. Und wenn auch, höchstens eine unschuldige Adresse.«
    Nach diesen Worten stiegen die Beiden die Treppen vollends hinab.
    Artur hatte das Gesicht der Jüngeren genau beobachten können; er musste das
schon irgendwo gesehen haben, und wenn ihm recht war, im Hause in der
Balkengasse.
    »So komm' doch!« rief jetzt der Doktor beinahe ungeduldig; er hatte schon
die Glastüre geöffnet; Artur folgte ihm.
    Sie traten in das Zimmer der Schwester und fanden Marianne am Fenster
stehend; sie war vollständig angekleidet, in Hut und Shawl, zum Ausgehen fertig.
Doch wandte sie den Kopf nicht herum, als die Brüder eintraten, ja nicht einmal,
als Artur sagte: »Wir sind es, Marianne.«
    Der Doktor trat zu ihr an's Fenster, fasste ihre herabhängende linke Hand und
fragte: »Was hast du Schwester? Beim Himmel! du weinst ja. Geht dir denn mein
Unglück so zu Herzen?«
    »Gewiss, gewiss, Eduard!« rief die junge Frau, indem sie sich rasch umwandte,
und, auf die Gefahr hin, ihren feinen Sammetut zu zerdrücken, den Kopf heftig
auf die Schultern des Bruders legte. »Gewiss, gewiss, wir sind recht unglücklich.«
    Artur trat kopfschüttelnd näher, ihm war das unbegreiflich; er war noch vor
einer Stunde bei Marianne gewesen und da hatte sie ganz ruhig und gefasst über
Eduard mit ihm gesprochen; ja, sie hatte sogar gemeint, es sei doch am Ende ein
rechtes Glück, dass diese ewigen Quälereien einmal aufhörten. Woher denn jetzt
auf einmal diese Tränen? - »Marianne,« sagte er nach einer längeren Pause,
während welcher sie heftig weinte, »ich begreife dich in der Tat nicht. Sei
offenherzig gegen uns; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet. Gewiss, du bist
ja ganz ausser dir; sei ruhig, setze dich nieder und teile uns mit, was dich
quält. Du lieber Gott, wir sind ja von der Natur angewiesen, uns gegenseitig zu
vertrauen und zu trösten.«
    »Ja, ja,« sprach seufzend der Doktor. Dann machte er die Hände der Schwester
sanft von seinem Halse los und führte sie zu dem Sopha, wo sie sich niederliess
und ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte. dabei entfiel ihrer Hand ein weisses
Papier, welches auf den Boden niederflatterte. Artur blickte darauf hin, und
unwillkürlich kam ihm das Gespräch in den Sinn, welches die beiden Weiber auf
der Treppe zusammen geführt. Er bückte sich, um das Papier aufzuheben, doch als
er sah, dass Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte, zog er sich discret
zurück.
    »Nehm' es nur,« sagte hierauf die junge Frau; »ich will gewiss vor euch keine
Geheimnisse haben. Sieh die Aufschrift und betrachte sie genau; auch du, Eduard.
- Wer hat das geschrieben?«
    Ueber Artur's Züge flog ein eigentümliches Lächeln, als er das Papier
einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte; doch reichte er es
stillschweigend seinem Bruder, der augenblicklich ausrief: »Ah! das hat Alfons
geschrieben; das ist die schöne, feste und sehr leserliche Schrift deines
Mannes.«
    »Sie ist es,« rief Marianne empört. »Lies laut, was er schreibt.«
    »Fräulein Marie U. Adresse Frau Wittwe Becker, am Kanal Nro. 20 hier,« las
Eduard mit grosser Gewissenhaftigkeit laut und deutlich.
    »Und wisst ihr auch, wer das ist: Fräulein Marie U.?«
    »Nein,« sagte der Doktor; wogegen Artur stillschwieg.
    »O, man soll mich nicht betrügen; hier ist das neue Adressbuch; ich habe den
Namen sogleich nachgeschlagen - seht ihr, da steht's. U. - Schreiner U. -
Kaufmann U. - Metzger U. - Marie U., Ballettänzerin. - Eine Tänzerin!
Schändlich! schändlich! eine Tänzerin!«
    Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Artur hin,
zuckte alsdann mit den Achseln und dachte: so ein Adressbuch ist doch eigentlich
eine gefährliche Erfindung. Dann sagte er: »Nun ja, aber was soll das bedeuten?«
    »Was das bedeuten soll?« rief heftig die junge Frau, - sie war aus dem
Stadium der Wehmut in das des Zornes übergegangen, und zerknitterte zitternd
ihr Taschentuch in der Hand, - »ich will es euch sagen, ich, eine betrogene,
vernachlässigte Frau, ich, die er beständig hofmeisterte, ich, die nichts von
ihm hörte, als was der Anstand erheische, was die Schicklichkeit verlange, -
ich, die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte, weil das nicht passend
sei, ich, die beständig gehütet wurde, wie ein kleines Kind, ich, die auf dem
Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte, ich! - ich! -
ich! von der man seinen Reden nach hätte glauben können, ich trachte darnach,
ein freies Leben zu führen, ja, eine leichtsinnige Frau zu sein, - ich - ich« -
hier holte sie nach dem gewaltigen Zorneserguss tief Atem und fuhr dann
schluchzend fort: - »ja, ich will es euch sagen: am Weihnachtsabend kaufte er
Handschuhe.« -
    »Das ist wahr,« bemerkte der Doktor, »ich war dabei.«
    »Du warst dabei?« fragte Marianne misstrauisch.
    »Nun ja, wir trafen uns zufällig im Laden; ich kaufte Einiges für meine
Frau, und er, glaube ich, sprach von Handschuhen, die er gekauft für -«
    »Für wen?« rief heftig die junge Frau.
    »Nun, für dich,« entgegnete ruhig der Doktor; »so sagte er wenigstens.«
    »Ah! für mich!« lachte Marianne krampfhaft hinaus. »Der Verräter! - Er kam
also an jenem Abend nach Haus, die Taschen voll; ich liess ihn natürlicher Weise
auf seinem Zimmer machen, was er wollte, als ich aber zufällig an der Türe
vorbei ging, siegelte er ein Packetchen, welches in dieses Papier gepackt war. -
Handschuhe für die Tänzerin Fräulein Marie U. - Oh! das ist himmelschreiend! -
Für eine Tänzerin!«
    »Nun, ob es eine Tänzerin war oder sonst Jemand,« meinte begütigend der
Doktor, »das ist am Ende gleichviel; das Faktum ist es, woran wir uns halten
wollen.«
    »Und ich werde mich daran halten!« rief Marianne empört. »Jetzt gleich gehe
ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere Geschichte.«
    »Das wäre sehr unklug von dir,« sprach Artur. »Ueberhaupt was willst du?«
    »Einen Heuchler entlarven.«
    »Zugestanden; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung; da musst du der
Sache genau auf den Grund gehen.«
    »Aber wie kann ich das, eine arme, wehrlose Frau?«
    »Du nicht, aber wir; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter
kommen.«
    »Ah! so eine Tänzerin!«
    »Ach! lass die armen Tänzerinnen aus dem Spiel,« entgegnete Artur mit
ernster Stimme; »wer weiss, ob das Mädchen den Herrn Alfons bis jetzt kennt und
ob er überhaupt nicht vergebliche Versuche gemacht hat.«
    »Vergebliche Versuche bei einer Tänzerin!«
    »Nicht wahr, du wärest beruhigter, wenn er die Handschuhe irgend einem
hübschen Mädchen deiner Bekanntschaft geschickt hätte.«
    »Beruhigter nicht, aber es wäre doch nicht so sehr gegen allen Anstand.«
    »O weh!« seufzte der Doktor in sich hinein.
    »Da könnte man freilich mit dem vornehmen Titel des Vaters die Geschichte
zudecken,« meinte Artur trocken. »Wir kennen das. O Welt! o Welt!«
    »Sei ruhig, Schwester!« sagte der Doktor; »nur keinen weiteren Skandal! Wir
haben vorderhand genug in unserer Familie; lass uns Beide die Sache überlegen und
im Notfalle für dich handeln. Aber ein Dienst ist des andern wert; nicht wahr,
du tust mir die Liebe und gehst zu meinen armen Kindern? Sie sind so verlassen
bei meinen frechen Dienstboten.«
    »Mit tausend Freuden!« rief eifrig die junge Frau und zog ihren Shawl fest
um die Schultern; »ich war auf dem Wege dahin, und jetzt könnte mir nichts
Erwünschteres kommen; - ich bleibe vorderhand in deinem Hause,« setzte sie nach
einer Pause im Tone grosser Entschlossenheit hinzu, »bei dir und deinen Kindern.
Du kannst mir ein Zimmer geben; ich richte mich dort häuslich ein.«
    »Aber dein eigenes Hauswesen!« meinte der Doktor.
    »Oh!« versetzte Marianne mit neu ausbrechenden Tränen: »Ich habe ja keine
Kinder, die nach mir weinen.«
    »Und Alfons?« sagte Artur.
    »Er wird das freilich im höchsten Grade unanständig finden,« rief Marianne
heftig, »aber er soll mir kommen! ich will ihm schon sagen, was anständig und
unanständig ist.«
    Damit war die Unterredung beendigt und alle Drei verliessen das Zimmer. -
Marianne stieg die Haupttreppe hinab; sie hatte alle Tränenspuren von ihrem
Gesichte vertilgt und ging aufrechten Hauptes wie nie vorher.
    »Du,« sprach der Doktor zu seinem Bruder, als sie ihren Wagen wieder
erreicht hatten, »da oben wird es changements des decorations geben. Es beginnt
da ein lustiges Trauerspiel.«
    »Vielleicht kann's auch ein trauriges Lustspiel werden,« meinte Artur
nachdenkend.
    Und damit fuhren Beide nach der Valkengasse, um dort das Kind abzuliefern.
 
                          Sechsundsechzigstes Kapitel.
                               Unter dem Podium.
Wenn bei einer Teatervorstellung das Ballet nicht selbstständig wirkt, sondern
nur durch Tänze und Gruppirungen eine grosse Oper ausschmücken hilft, so geht es
in den Garderoben viel ruhiger her, auch hat in diesem Falle der Teaterwagen
und Schwindelmann nicht so viel zu tun als sonst. Die meisten Tänzerinnen, die
vielleicht erst im dritten oder vierten Akt kommen, gehen zu Fuss nach dem
Teater und tragen gewöhnlich selbst ihr Päckchen Wäsche, das heute, wo sie
keine idealen Figuren darzustellen, sondern im Schleppkleide eine Menuette zu
tanzen haben, nicht besonders gross ist. Andere, die einen complicirteren Anzug
haben, vielleicht am Schlusse, wenn es gerade eine Zauberoper ist, irgend etwas
Feenhaftes hoch in den Wolken darstellen müssen, kommen freilich schon früher,
aber da ihrer wenige sind, so bringen sie kein rechtes Leben in die weitläufigen
Balletgarderobe-Zimmer.
    Hier brennt denn auch nur spärliches Licht vor diesem oder jenem Tischchen;
die Ankleiderinnen, die mit dem Wenigen bald fertig sind, fühlen sich
gelangweilt und legen ihre Hände in den Schoss. Monsieur Fritz, der Friseur,
lehnt gähnend an einem Spiegel und erzählt schreckliche Mord- oder
Gespenstergeschichten, von denen er ein besonderer Freund ist.
    Heute Abend wirkt das Ballet nur auf die eben angedeutete Art; es ist eine
Feenoper, im ersten Akte erscheinen einige Elfen und Geister, im dritten kommen
einige Bauerntänze und am Ende des fünften ein Schlusstableau, wo die Fee
Amorosa, die Beschützerin wahrer Liebe, in den Wolken erscheint, um das nach
vielen Schwierigkeiten vereinigte Paar zu segnen.
    In der Garderobe waren Mamsell Terese, Mamsell Clara, Mamsell Marie, noch
drei Andere von der gleichen Altersklasse, sowie ein halbes Dutzend Ratten,
welche Engel und dergleichen zu machen hatten. Die letzten, in sehr safrangelben
Tricots, mit weissen Florkleidern, goldenen Gürteln und himmelblauen Flügeln,
versuchten ziemlich ungeschickt ihre Gruppirungen, purzelten dabei oft über
einander hin, und hatten in ihrer Ungelenkigkeit viel mehr das Ansehen kleiner
Kobolde, als Angehöriger der himmlischen Heerschaaren.
    Terese stand vor ihrem Spiegel, - eine junge Fee; das schöne Mädchen mit
dem vollen Wuchs sah prächtig aus. Sie gefiel sich auch selbst, das sah man an
der Art, wie sie ihre Hüften umspannte, den Kopf kokett zurückwarf und sich mit
den blitzenden Augen fest ansah. Eine ihrer Colleginnen, ein blasses
schmächtiges Wesen im Costüm einer Hofdame, sass vor ihr, fächelte sich mit ihrem
Fächer und betrachtete hinter demselben hervor nicht ohne einen Anflug von Neid
die schöne Tänzerin.
    »Aber, Terese,« sagte sie nach einer Pause, »wenn man dich so sieht,
reizend, strahlend, da kann man es schwer glauben, dass du dies glänzende Leben
verlassen willst, um dich als Hausfrau in eine stille Wohnung zurückzuziehen.«
    »Und doch ist es so, mein Schatz,« erwiderte Terese; »ich bin fest
entschlossen, mich zurückzuziehen, ich bin um meinen Abschied eingekommen.«
    »Bei der Intendanz?« fragte boshaft die Andere.
    »Bei der Intendanz!« versetzte Terese, indem sie ihren Kopf noch stolzer in
den Nacken warf. »Ich verstehe dich wohl, mein Kind,« fuhr sie mitleidig fort;
»was das Andere anbelangt, da gebe nur ich Abschiede, lass mich aber selbst nie
verabschieden. So musst du es auch machen, wenn du einen guten Rat von mir
annehmen willst. Ich habe dies Leben satt, ich will mich verändern.«
    »So ist es also wirklich wahr?« fragte lachend der Teaterfriseur, der heran
geschlichen war. »Die schönen Tage von Aranjuez sind also wirklich vorüber? Ich
hatte immer noch gehofft, Terese.«
    »Auf was denn, Sie - Affe! Ich versichere Sie, Fritz, Sie allein können
Einem das Leben hier unleidlich machen.«
    »Ach, der glückliche Berger!« erwiderte Friz seufzend.
    »Haben Sie vielleicht die Ehre von ihm gekannt zu sein?« fragte trotzig die
Tänzerin.
    »Ich kaufe meine Cigarren bei ihm, auch zuweilen Kaffee und Zucker.«
    »So erhalten Sie uns auch ferner Ihre Kundschaft!« lachte die Tänzerin
spöttisch; und damit rauschte sie trällernd in das Nebenzimmer.
    Hier befanden sich Clara und Marie in ihrer Ecke, und die erstere sprach mit
ihrer guten und lieben Stimme, wie es schien, Worte des Trostes zu ihrer
Collegin. Wenn man aber das andere Mädchen sah, wie es heute da sass, ein Bild
des Jammers und der Verzweiflung, so hätte das härteste Gemüt nicht umhin
gekonnt, sich teilnehmend zu erkundigen, was ihr fehle. Ihr dunkles Haar hing
aufgelöst über ihren Nacken und ihre Schultern bis auf ihren Schoss herab, so
tief hatte sie den Kopf gesenkt. dabei hielt sie die Hände gefaltet, und nur
zuweilen zuckten diese zusammen, wenn nämlich von den heissen, schweren
Tränentropfen, die unablässig ihren Augen entquollen, auf ihre Finger
niederfielen. Diesem Zucken folgte ein schwerer Seufzer, ein Stöhnen, und dann
sank sie noch tiefer in sich zusammen.
    »Es ist Zeit, liebe Marie,« sagte Clara mit sanfter Stimme, »dass du dir dein
Haar machen lässt. Richte den Kopf ein wenig auf, dass ich deinen Scheitel gerade
herstelle. - O, hör' auf zu weinen; das tut mir in der Seele weh. - Oder sprich
wenigstens zu mir. - Setzest du denn gar kein Vertrauen mehr in mich?«
    »O doch! - o doch!« brachte Marie mühsam hervor; »aber du würdest mich doch
nicht verstehen. Gewiss, gute - gute Clara, du kannst mich nicht verstehen. Danke
Gott, dass es dir unmöglich ist!«
    »Ja, das begreife ich in der Tat nicht,« erwiderte die Andere, »denn wenn
ich Kummer habe, so ist es mir eine Wohltat, mein Herz gegen irgend Jemand
ausschütten zu können.«
    »Mir auch, mir auch,« hauchte Marie. »Du weisst, Clara, dass ich bis jetzt
kein Geheimnis vor dir hatte. Aber das kann ich dir nicht sagen.«
    »So sprich mit Terese,« erwiderte Clara zögernd; »da kommt sie eben. Du
hast etwas auf dem Herzen, das du los werden musst. Sie wird dir auch dein Haar
gern machen; ich gehe in's andere Zimmer.«
    Marie gab keine Antwort, doch nickte sie mit dem Kopfe, hob ihn dann rasch
empor, und als sie Terese bemerkte, die in die Türe trat, presste sie, heftiger
weinend, ihre Hände vor das Gesicht.
    - »So - so - so sieht's hier aus?« sagte die Eingetretene, indem sie ihre
rechte Hand in die Seite stemmte und mehrmals mit dem Kopfe nickte. »Ist endlich
da was vorgefallen? Nun ja, es wundert mich nicht.«
    Die Angeredete blickte scheu um sich, und als sie bemerkte, dass Clara fort
gegangen war, sprang sie hastig in die Höhe, ergriff die Hand der andern
Tänzerin und sagte: »Terese, ich bin verloren!«
    »Nun, so schlimm wird's gerade noch nicht sein,« entgegnete diese. »Fasse
dich nur um Gotteswillen, höre auf zu weinen! da drüben die Garderobière und der
naseweise Fritz haben schon aus der Ecke herübergeschielt. Muss denn alle Welt
wissen, dass dir ein Unglück passirt ist? Setz' dich ruhig hin und lasse dir dein
Haar aufstecken; während dem kannst du mir erzählen, was du auf dem Herzen hast.
Aber ohne Vorreden, bitte ich; ich kann mir ja doch denken, um was es sich
handelt.«
    »Ja, du weisst es,« erwiderte Marie, nachdem sie sich auf ihren Stuhl wieder
niedergelassen, »die grässliche Geschichte, von der ich dir schon gesprochen.«
    »Halte deinen Kopf still und dann lass mich hören.«
    »Meine Tante sprach mir also mehrmal und immer dringender von ihm.«
    »Von dem Heuchler auf der zweiten Gallerie?«
    »Natürlicherweise wollte ich sie nicht verstehen, bis sie endlich zornig
wurde und sich ganz deutlich erklärte. Ich sollte verkauft werden oder war es
schon; wie flehte ich sie an, mich in Frieden zu lassen, wie stellte ich ihr das
Unglück vor, das über mich hereinbrechen würde! - Sie lachte mich aus, als ich
ihr von Richard und von meiner Liebe zu ihm sprach. Das wären Kindereien, sagte
sie, und ich solle mir nicht einbilden, dass sie mich als hilfloses Kind
aufgenommen, dass sie mich erzogen und gebildet habe, um am Ende die Frau eines
Zimmermanns zu werden. Das sei schwarzer Undank, und wenn ich so dumm sei, mich
zu meinem Glücke zwingen zu lassen, so wolle sie das gern tun; sie müsse
ernten, wo sie gesät. Ein paar Mal kam er auch, versteht sich verstohlen in der
Dämmerung, er brachte bald Dies, bald Das, er sagte mir alle möglichen
Artigkeiten, und ich musste ruhig sitzen und Das mit anhören. Meine Tante ging ab
und zu, blieb auch eine Zeit lang absichtlich fort, doch merkte er alsdann so
gut meinen Abscheu gegen ihn, dass er es nicht wagte, mir nahe zu kommen, ja, er
empfahl sich meistens bald und ging fort. - Am Weihnachtsabend wollte er mir
bescheeren, doch setzte ich es durch, dass er nicht kommen durfte; Handschuhe
aber, die er geschickt, musste ich annehmen.«
    »Weiter! weiter!« sagte Terese. »Erzähle kürzer. Du lieber Himmel! Diese
Einzelheiten kennen wir ja.«
    »Gestern Nachmittag,« fuhr Marie mit leiser Stimme fort, »ging meine Tante
aus, wie sie es oft zu machen pflegt; ich war ganz allein in der Stube, fast
allein in dem grossen Gebäude, denn du weisst, dass da bloss Leute wohnen, die bei
Tage ihren Geschäften nachgehen und nur Abends nach Hause kommen. - Da kam er. -
O mein Gott! Terese.« Von Neuem begrub sie ihr Gesicht in den Händen und weinte
so heftig, dass die andere Tänzerin achselzuckend die schwere Flechte losliess,
welche sie ihr eben um das Haupt schlingen wollte.
    »Nun ja,« sagte diese hierauf, »er kam, er war zudringlich, du wehrtest
dich?«
    »Gewiss, gewiss, lange - lange.«
    »Und -?«
    »Und -? O ich hatte Kraft wie ein Mann, ich machte mich los, so oft er mich
an sich riss. - Aber -«
    »Riefst du um Hilfe?«
    »Was konnte es mich nützen? Ich dachte, es könne mich Niemand hören. - -
Endlich aber kam doch Hilfe, aber die Hilfe wird mich in's Verderben bringen.«
    »Richard kam?« rief Terese erschrocken.
    »Nein - Schwindelmann. Er wollte die Vorstellung für heute anfagen.«
    »Und da warst du gerettet. - Nicht!«
    »Ich weiss es nicht,« sagte das arme Mädchen, indem sie den Kopf abermals
tief auf die Brust herabsinken liess. - »Verloren bin ich so wie so. Freilich
liess er augenblicklich von mir, als Schwindelmann eintrat, und empfahl sich mit
abgewandtem Gesicht; er wollte nicht erkannt sein.«
    »Der Schuft!«
    »Schwindelmann aber blieb ganz entsetzt an der Türe stehen, stotterte
seinen Auftrag her und sagte dann mit betrübter Stimme: O Mamsell Marie, das
hätte ich nimmer geglaubt!«
    »Weiss er vielleicht um dein Verhältnis zu Richard?« fragte eifrig Terese.
    »O nein, gewiss nicht; aber - verzeih mir, Terese, dass ich das sage, - du
weisst, Schwindelmann hat mich immer ausgezeichnet, Clara und mich, weil - weil -
aber du nimmst es nicht übel, Terese, weil wir Beide brav wären und keine
Verhältnisse hätten. Uns müsse es gut gehen, meinte er.«
    »Nun ja, da musst du ihn über die Geschichte aufklären, und das bald.«
    »Er sieht mich gar nicht mehr an,« erwiderte das weinende Mädchen; »er zuckt
die Achseln und geht mir aus dem Wege. Denk dir, Terese, wie schrecklich! Das
werden die Anderen merken; sie werden die Köpfe zusammenstecken und über mich
lachen; Richard wird's erfahren - o du mein Gott! Und er hat mir tausendmal
gesagt: weisst du, Marie, so lange du unbescholten dastehst und kein ehrlicher
Mann dir was nachsagen kann, bist du mein und ich dein mit Leib und Seele; aber
nimm du dich doppelt in Acht.«
    »Du hättest ihm von der Geschichte sagen sollen,« meinte Terese; »das ist
eigentlich schlimm.«
    »Nicht wahr, o wie oft wollte ich es tun, aber ich fürchtete mich vor
meiner Tante und vor Richard. Hilf mir, liebe Terese, rate mir!«
    »Das will ich gerne tun, doch vor allen Dingen muss ich mir den
Schwindelmann vornehmen. Aber ich kenne ihn wohl: wenn er gegen Eine was
Besonderes hat, so lässt er sich den ganzen Abend nicht sehen. Doch wenn wir
fertig sind, entgeht er mir nicht; ich lasse mich zuletzt nach Haus fahren und
da will ich ihm schon Vernunft predigen.«
    Unterdessen war Clara wieder in das Zimmer getreten, sie wollte Marie
ermahnen, dass es Zeit sei, sich anzuziehen, auch dachte sie wohl, die
Unterredung könnte zu Ende sein. Terese hatte gerade die Frisur beendigt,
befestigte rechts und links in dem dunkeln Haar eine brennend rote Granatblüte
und sagte: »So, nun zieh dein Kleid an, dann bist du fertig.«
    »Das ist sehr schön geworden,« meinte Clara, die nun näher trat. - »Ich habe
dich vorhin nur flüchtig gesehen,« wandte sie sich an Terese; »darf ich
gratuliren? du wirst ja nächstens heiraten?«
    »So ist es, mein Kind,« entgegnete das schöne Mädchen; »nur weiss ich nicht,
ob das gerade eine Gratulation verdient. Vielleicht komme ich aus dem Regen in
die Traufe.«
    »Du machst aber eine gute Partie, was mich herzlich freut. Herr Berger ist
wohlhabend und hat ein schönes Geschäft.«
    Eine blasse Tänzerin, die auch hinzugetreten war, warf etwas spöttisch
dazwischen: »Herr Berger gilt für einen bedeutenden Mann, er ist sogar
Armenpfleger.«
    Terese wandte sich bei diesen Worten rasch herum, betrachtete die Kollegin
von oben bis unten und antwortete: »Ja, er ist auch Armenpfleger; das kann dir
vielleicht später noch einmal zu gut kommen, mein Schatz.«
    »Gewiss, ich gratulire herzlich,« wiederholte Clara begütigend; »das ist
schnell gekommen.«
    »Schnell und langsam, wie man will,« erwiderte Terese, indem sie ihre
rechte Fussspitze weit ausstreckte und damit allerlei Figuren auf dem Boden
beschrieb. »Er macht mir schon seit mehreren Jahren die Cour und liess nicht von
mir ab, obgleich ich ihm offenherzig erklärte, ich habe andere Verbindungen und
keine Lust, diese sogleich fallen zu lassen; er wollte mich trotz allem Dem
schon früher heiraten, aber ich mochte nicht.«
    »So denken gewiss Wenige,« sagte Clara einigermassen zerstreut.
    »O gewiss, sehr, sehr Wenige,« meinte seufzend Marie.
    »Ich habe ihm immer davon abgeraten, mich zu heiraten,« fuhr leichtsinnig
die andere Tänzerin fort; »er ist um Vieles älter als ich, ich habe meine Launen
und ich glaube nicht, dass er wohl daran tut, mich zur Frau zu nehmen.«
    »Aber warum hast du jetzt deinen Entschluss geändert?« fragte Clara.
    »Das will ich dir sagen, mein Schatz. Ich habe mich lange genug und oft den
Launen Anderer gefügt, und mich namentlich hier in diesem Hause kommandiren und
hudeln lassen - ein wahres Sklavenleben geführt. Jetzt will ich 'mal befehlen
und will sehen, wie es schmeckt, wenn man mir gehorchen muss; ich will das
Regiment im Hause führen; wenn ich sage: Augen rechts, so soll er rechts sehen,
wenn ich sage: Augen links, so soll er nach links schauen und nicht zucken, bis
ich ihm wieder erlaube, geradeaus zu blicken; das muss recht angenehm sein, und
darauf freue ich mich, das ist Alles, und deshalb will ich mich denn gnädigst
herablassen, den Herrn Berger zu meinem Leibsklaven zu ernennen.«
    »Und die hält Wort,« flüsterte die Hofdame von vorhin hinter ihrem Fächer
Clara zu.
    Marie war unterdessen vollständig angezogen, und als die bewusste Klingel
ertönte, schritt Terese stolz zur Garderobe hinaus, gefolgt von ihren
bescheidenen Kolleginnen.
    Die Ouverture sollte anfangen und die Tänzerin ging über die halb dunkle
Bühne nach dem Hintergrunde, wo in der ersten Scene in der Oper ihr Platz war.
Doch blickte sie scharf nach allen Seiten, um Schwindelmann zu sehen. Aber
Schwindelmann liess sich nicht erblicken; er stand wahrscheinlich am grossen
Portal-Vorhang.
    Nachdem die Ouverture und die erste Scene glücklich vorüber war, wobei der
Himmel in unbeschreiblicher Klarheit gestrahlt, wobei die Gruppe von den
Tänzerinnen sehr schön ausgeführt worden war, wobei aber leider die himmelblaue
Brillantbeleuchtung dem Teint der Seligen einigermassen Schaden tat und sie
sämmtlich sehr bleichsüchtig aussehen liess, wechselte unter majestätischem
Donner, der übrigens etwas zu lange andauerte, die Dekoration. Da diese nun den
ganzen Akt durch stehen blieb, so wurde es bald wieder hinter der achten
Coulisse lebendig, und die Beteiligten des Lever, welches Herr Hammer dort zu
halten pflegte, schlichen von allen Seiten herbei.
    Herr Hammer sass auf einem hölzernen Felsstück und drehte nachdenkend seine
Schnupftabaksdose in der Hand herum; Herr Wander stand vor ihm, aber diesmal
ohne Spritze, auch hatte er den Hut auf dem Kopfe und hielt beide Hände auf dem
Rücken.
    »Ja-a- ja-a,« sagte der erste Maschinist; »ich versichere Euch, Wander, Ihr
habt Euch vorgestern nicht schlecht gemacht - Anstand; ich sage es immer: die
alte Schule verläugnet sich nicht.«
    Herr Wander lächelte geschmeichelt.
    »Dass ich das versäumt habe,« mischte sich Schwindelmann in's Gespräch, »das
kann ich mir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen. Aber wie kam es denn
eigentlich, dass Ihr hier auf der königlichen Bühne aufgetreten seid? Das hättet
Ihr Euch niemals träumen lassen.«
    »Nein!« lachte Wander mit ganz breitem Maul. »Nun, wie kam es? Fra Diavalo
sollte im ersten Akte herauskommen, da fehlt auf einmal der Chorist, der ihm den
Mantel nachtragen soll. Alle Teufel! die Verlegenheit! Der Herr Intendant stand
zufällig dabei und sagten: wen nehmen wir gleich? Sein Blick fiel auf mich, -
Wander, sagte er da, Sie sind ein alter, routinirter Schauspieler, setzen Sie
einen dreieckigen Hut auf und tragen Sie dem Fra Diavalo seinen Mantel nach. Sie
werden das ohne Probe können. - Und ob ich es ohne Probe konnte! Man hat unten
im Hause gezischelt, o, ich vernahm es wohl, es war gerade, als hörte ich meinen
Namen aussprechen. - Das ist Wander! - Wander tritt wieder auf. - Aber nein, ihr
Herren da unten, das ist Täuschung: Wander tritt nicht mehr auf. Aber es freut
mich doch, dass ich meine letzte Rolle auf dem königlichen Hofteater spielen
durfte. Wer könnte es mir verwehren, wenn ich zum Beispiel von mir sagen wollte:
- nahm auf der königlichen Hofbühne zu Z. in Fra Diavalo von dem Publikum
Abschied.«
    »Niemand!« lachte Richard, der hinzugetreten war, »Ihr kämt dann höchstens
in den Verdacht, als habt Ihr den Fra Diavalo gesungen.«
    »Wer war denn vorhin an der Donnermaschine?« fragte der Inspizient, der mit
seinem Buch aus dem Hintergrunde hervortrat, in sehr ernstem Tone. »Habe ich
denn nicht gestern die Geschichte bis zum Ekel einstudirt? Und der letzte schlug
sogar vor dem Blitze ein; das ist doch unerhört. Wer war's?«
    »Ich,« sagte Schwindelmann, »und begreife das nicht, ich donnere fast das
ganze Jahr und nehme mich ungeheuer in Acht.«
    »Ich pfeife Ihnen in Ihre Donner vom ganzen Jahr,« entgegnete würdevoll der
Inspizient, »den heutigen hätten Sie mir gut machen sollen. Auf den Blitz hätten
Sie mir Achtung geben sollen; wer hat denn je gesehen, dass es zuerst donnert und
dann blitzt.«
    »Das habe ich oft gesehen,« erscholl die sanfte Stimme Schellingers, der
zusammengekauert hinter dem ersten Maschinisten sass. »Im Himmel, wo man nahe
dabei ist, tut's gar nicht anders.«
    »Und Sie waren wohl schon oft im Himmel,« fragte der Beamte in wegwerfendem
Tone.
    »Nicht oft,« entgegnete ruhig der Schneider, »aber einmal doch, als ich mit
dem grossen Luftballon aufstieg.«
    »Ah was! dumme Possen!« meinte der Beamte, indem er hinweg ging.
    »Das ist doch so klar wie Tinte,« fuhr der Garderobe-Gehilfe fort; »hier
sind wir unter dem Gewitter, da leuchtet's und dann kracht's, wenn wir uns aber
darüber befinden, hören wir es natürlicherweise umgekehrt, zuerst Donner und
dann Blitz. Dazu braucht man nicht Inspizient zu sein, um das zu begreifen.«
    »Und stiegst du damals hoch hinauf, Schellinger?« fragte Richard.
    »Wir haben es nicht ganz genau messen können, denn die Schnur, die wir mit
hinauf nahmen, reichte lange nicht aus.«
    »Aber wie hoch kamt Ihr denn eigentlich?«
    »Ich glaube, wir kamen bis in den vierten Himmel,« sagte der Schneider. »Ihr
wisst doch, dass es deren sieben gibt.«
    »Ja, ja,« sprach Schwindelmann nachdenkend, »man sagt zuweilen, man sei bis
in den siebenten Himmel verzückt.«
    »Bis dahin kamen wir nicht,« fuhr Herr Schellinger fort.
    »Und wie waren die Himmel beschaffen?« fragte Richard lachend.
    »In dem untersten war es feucht und kalt, das ist der Regen- und
Schneehimmel, im zweiten wurde es schwül, da hält sich der Donner und Blitz auf;
im dritten dagegen ist es heiss, das ist der Sonnenhimmel; und im vierten fangen
die Engel an.«
    »Hast du welche gesehen, Schellinger?«
    »Nicht deutlich, es schimmerte nur gelb, grün, blau und rot, auch waren wir
nur in der untersten Kammer, wo die Regenbogen aufbewahrt liegen. - Aber pfeifen
habe ich die Engel gehört.«
    »O, das hörte ich auch schon,« meinte Richard lachend, »als ich noch beim
Militär war und im Arrest sass.«
    »Apropos, Schellinger,« sprach Herr Hammer nach einer Pause, »werden die
Kostüme zum neuen Stück fertig? Ihr habt viel daran zu tun.«
    »Ich sage Euch,« nahm Schwindelmann das Wort, »das gibt eine Pracht. Die
Offiziers-Uniformen strotzen von goldenen und silbernen Tressen. Das ist doch
überladen.«
    »Nein, es ist nicht überladen,« sagte Schellinger in bestimmtem Tone. »Jetzt
macht man freilich keinen Aufwand mehr mit so etwas; aber als ich noch
Regimentsschneider in Berlin war unter dem alten Fritz, da hättet ihr andere
Dinge sehen können. Ist doch eines Tages der Tambour-Major von den Grenadieren
desertirt, der hatte für zwanzigtausend Taler silberne Tressen an sich!«
    »Schellinger! Schellinger!« sagte ernst Herr Hammer, »dass Ihr Euch das Lügen
nicht abgewöhnen könnt. - Die Tambour-Majors sind allerdings sehr reich
angezogen, aber sie zeichnen sich hauptsächlich durch ihre Grösse aus; da war
keiner, welcher nicht seine acht Fuss mass.«
    »O Herr Hammer!« erwiderte der Garderobe-Gehilfe; »so gross habe ich noch
keinen gesehen!«
    »Nicht einmal unter dem alten Fritz!« lachte Richard.
    »Na, lass nur gut sein,« fuhr Herr Hammer fort, indem er eine Prise nahm,
»wenn wir uns mit dem Schellinger abgeben, so werden wir in alle Ewigkeit nicht
fertig. Und heute gilt's Aufpassen. Der erste Akt tut sich noch, aber in den
andern kommt eine Verwandlung über die andere. Ist die Flugmaschine zum Schluss
recht in Ordnung, Richard?«
    »Das will ich meinen,« entgegnete dieser schmunzelnd. »Die habe ich heute
Nachmittag ein paar Stunden lang probirt; das geht wie geschmiert.«
    »Und wer nimmt das grosse Tau in die Hand, welches die oberste Geschichte
hält? Daran ist viel gelegen; denn wenn man das einen Zoll fahren liesse, so
schlägt uns die ganze Geschichte zusammen; und dann gute Nacht, wer darauf
steht.«
    »Seid unbesorgt,« erwiderte der junge Zimmermann, »das nehm' ich selbst in
die Hand, und wenn ich es einmal gepackt habe, da könnt ihr meinetwegen das
ganze Ballet darauf stellen.«
    »Die armen Tänzerinnen müssen doch rechten Mut haben,« sagte Herr Wander;
»es ist kein Spass, an so ein paar elenden Drähten zu hängen oder an einem
einzigen Tau, und da hinab zu sehen ein paar Stockwerke tief unter das Podium.«
    »Die Gewohnheit tut's,« versetzte der erste Maschinist.
    »Ja, die Gewohnheit tut viel,« meinte Herr Schellinger; »ich weiss das von
der Zeit her, wo ich noch öfters auf die Gemsenjagd ging. Da sind wir Tage lang
an Felsen herumgeklettert, die so scharfkantig waren, dass sie einem die
Schuhsohlen durchschnitten, rechts ein Abgrund von tausend Fuss und links einer
von zweitausend!«
    »Dann konntet Ihr ja gar nicht mehr gehen, Schellinger!«
    »O doch! diese Schnitte waren gerade unser Glück, denn sie hielten uns an
dem Felsen fest. Habt Ihr nie gehört, dass sich die Gemsjäger in die Füsse
schneiden, wenn sie nicht mehr vorwärts können, und dass das Blut dann am Felsen
festklebt und sie hält? Das war auch unser Glück.«
    »Ja-a, ja-a, Schellinger,« sprach Herr Hammer ruhig, indem er aufstand, »Ihr
habt in Eurem Leben gewiss manchen Bock geschossen. - Aber geht an eure Plätze,
sie sind draussen an der letzten Scene; wir werden gleich Aktus haben.«
    Beim zweiten und dritten Akt war der Platz hinter der achten Coulisse von
Niemand besucht; es war, wie der erste Maschinist vorhin gesagt, draussen eine
Verwandlung um die andere, viel Donner und Blitz, Wasserfälle, die beständig
gedreht werden mussten, und wogende Meere, wo Alles, was disponibel war, unter
der grossen, gleich Wasser gemalten Leinwand sass, und wie Frösche auf- und
abhüpfte, um die wogende See schön und täuschend darzustellen.
    Terese hatte oft nach Schwindelmann gesehen, aber sie wusste nicht, ging er
ihr aus dem Wege oder war es Zufall, dass er, so oft sie ihn traf, bei den
Zimmerleuten stand, oder so beschäftigt war, dass sie ihn nichts fragen konnte.
    »Marie sass trotz dem Vorgefallenen in unerklärlicher Angst in der Garderobe
und scheute sich, Richard unter die Augen zu treten, sie wusste selbst nicht,
warum. Nur einmal am heutigen Abend hatte sie ihm gezwungen zugelächelt, und das
war nach dem ersten Akt, als er ihr mit einem herzlichen Händedruck von der
Flugmaschine herunter geholfen und dabei gesagt hatte: aber Marie, heute Abend
hast du prächtig ausgesehen; wenn wir einmal verheiratet sind, so musst du mir
zu Liebe das Haar auch einmal so machen. Für die Granatblüten will ich schon
sorgen!«
    Der letzte Akt kam; die ersten Scenen spielten in einer kurzen Dekoration,
um hinten Platz für das grosse Flugwerk zu gewinnen; die Ratten wurden dort eben
aufgestellt und streckten krampfhaft ihre kleinen dünnen Beine heraus, um ihre
Engelsfiguren recht graziös zu machen; die Tänzerinnen standen in den Coulissen;
hier plauderten ein paar zusammen, dort wurde noch eine Schleife aufgesteckt,
und im Hintergrunde probirte der dürre erste Tänzer mit einigen ein paar
Battements.
    Auch das Podium war geöffnet, um die grosse Flugmaschine hinauf zu lassen und
wir ersuchen den geneigten Leser, einen Blick dort hinab zu werfen. Es ist dies
ein spärlich erhellter Raum unter der Bühne, voller Schnüre, Seile, Leitern,
Treppen, Coulissenfüssen, Verfenkungs-Apparaten und sonstigen Gegenständen. Hier
ist für alle Schauerstücke und Feenopern ein wichtiger Platz, denn von hier aus
erschallen die unterirdischen und Geisterstimmen, heulen die Winde aus den
tiefen Schluchten hervor; von hier züngeln die Flammen aus dem Erdboden, wenn
irgend ein finsteres Gespenst über die Oberfläche dahin schreitet, und von hier
steigen Engel und Teufel auf.
    Bei gewöhnlichen Vorstellungen ist es da sehr dunkel, nur ein paar trübe
Laternen leuchten spärlich in dem weiten Raume; bei der heutigen Oper aber, wo
alle Freuden des Himmels, alle Schrecknisse der Hölle losgelassen waren, brannte
so viel Licht, um die Gegenstände rings herum notdürftig erkennen zu können;
auch war die grösste Versenkung oben offen, und eine starke Helle fiel von da
herein.
    Richard stand drunten mit seinem Tau, und Schwindelmann, der gerade nichts
zu tun hatte, sass neben ihm auf einer der Treppen. Das Teater verwandelte sich
in die Schlussdekoration, und droben, von vier Mann getrieben, setzte sich die
grosse Flugmaschine in Bewegung. Sie brachte den ganzen Himmel an's Tageslicht,
aus dem nun am Ende Fee Amorosa, die Beschützerin der wahren Liebe, auf einer
Wolke noch einige zwanzig Fuss höher stieg. Vorher aber kamen noch ein paar lange
Scenen, und als droben zur Einleitung in diese eine sanfte Sphären-Musik
erklang, zog Schwindelmann drunten seine Schnupftabaksdose hervor, und bot auch
Richard eine Prise an, der sie lachend nahm und sagte: »Jetzt kann ich noch
meine Hand zu etwas gebrauchen, wenn ich aber nachher die Fee in ihrem Himmel
droben festalten muss, da brauche ich beide Hände und einen Teil meiner ganzen
Kraft. - Hier aus dem dunklen Raume hinauf gesehen,« fuhr er nach einer Pause
fort, »schauen die Mädchen wahrhaftig wunderschön aus. Sieh' dir die Terese an,
wie sich die prächtig ausnimmt!«
    
    »Gott! das haben wir ja schon tausendmal gesehen,« entgegnete Schwindelmann
mürrisch. »Und dann steckt ja nichts dahinter; wer sie so wie ich von Hause
abholen muss oder nachher in den Wagen hineinschieben, für den geht alle
Täuschung verloren.«
    »Na, Schwindelmann,« meinte Richard, »du bist ein alter, leichtsinniger
Kerl; für dich ist das doch angenehm.«
    »Weiss Gott im Himmel,« entgegnete ernst der Teaterdiener, »die meisten
waren mir von jeher gleichgiltig und werden es immer mehr. Weisst du, wer sie so
wie ich auch in ihrem Leben zu Haus genau kennt, dem tut es weh, wenn er so
sehen muss, wie jetzt bald die, bald jene dumme Streiche macht. Anfänglich kommen
sie mit den besten Vorsätzen hieher; sie sind brav und wollen es bleiben, sie
wehren sich auch, so lange sie können, aber du lieber Himmel! die Verführung ist
zu gross. Ich habe ja gewiss Mitleiden mit den armen Geschöpfen. Weisst du,
Richard: hier in Sammet und Seide, Pracht und Glanz, - zu Haus Elend und Not;
hier stehen sie von den reichen Gastereien hungrig auf, um zu Haus auch nicht
viel mehr zu finden, als Kartoffeln und trockenes Brod. Da kommen dann Anträge
und Versprechungen für eine glänzende Zukunft, da wird dann endlich Leib und
Seele verkauft - 's ist ein Jammer.«
    Richard blickte nachdenkend in die Höhe, und der Glanz droben, die Seide,
das Gold, die falschen Brillanten, die roten Wangen und blitzenden Augen
erschienen ihm minder blendend.
    »Ja, es ist ein Jammer,« fuhr Schwindelmann fort, indem er heftig auf den
Deckel seiner Dose klopfte. »Und man kann es ihnen nicht einmal übel nehmen;
wenn angesehene Bürgerstöchter, überhaupt wohlhabende Mädchen tugendhaft
bleiben, das sollte sich am Ende von selbst verstehen. Darnach drehe ich keine
Hand herum, aber die da oben - nun, Richard, wehe tut es mir doch, wenn ich es
so erlebe, wie eine nach der andern abfällt.«
    »Na, Schwindelmann, du übertreibst,« sagte Richard, »du könntest mir ganz
Angst machen. Es sind doch Manche darunter, die sehr ordentlich sind.«
    »Ja, es hat noch welche; sonst wäre es aber auch zu schlimm.«
    »Denk nur an deine beiden Schätze,« fuhr Richard lachend fort, »die Clara
und die Marie, - gelt, alter Kerl, für die Beiden gehst du durch's Feuer.«
    Schwindelmann machte ein Gesicht, als habe er eine saure Pflaume gegessen.
    »Richard!« rief Herr Hammer durch das Sprachrohr hinab, »die obere
Flugmaschine wird gleich in Bewegung gesetzt. Fasse das Tau an; wenn ich dir
zurufe, so wickelst du es um und hältst es fest! Die an der Winde verlassen sich
auf dich. Lass mir keinen Achtelszoll fahren!«
    »Kein Haar breit!« rief Richard lustig. »Jetzt pass' auf, Schwindelmann!
Siehst du deinen Schatz, schau, wie die Marie schön aussieht!«
    »Auch die mag ich gar nicht mehr ansehen,« erwiderte der Teaterdiener
verdriesslich, indem er den Kopf wegwandte.
    »Was hast du gesagt?« meinte Richard und fuhr erschreckt herum. - »Hast du
von der Marie nicht gesagt, auch die möchtest du gar nicht mehr ansehen?«
    »Ja, das habe ich gesagt,« versetzte Schwindelmann. »Aber was kümmerst du
dich darum? Dich interessirt's ja doch wohl nicht, was die Mädel zu Haus
treiben.«
    Der junge Hammer war in diesem Augenblicke schlau genug, diese Frage des
Teaterdieners eifrig zu verneinen. Er dachte sich: da ist vielleicht etwas
vorgefallen; sage ich aber, dass mich die Marie interessirt, so schweigt der
vorsichtige Kerl, der Schwindelmann. »Eigentlich geht's mich nichts an,«
versetzte er deshalb, »und ich habe nur gefragt, weil man der Marie durchaus
nichts Schlimmes nachsagen konnte, auch nicht das Geringste; das musst du
zugeben, Schwindelmann.«
    »Ich habe das bis jetzt nicht nur immer zugegeben,« erwiderte der
Teaterdiener, »sondern auch eifrig verfochten.«
    Diese Worte: bis jetzt - drangen wie ein Dolchstich in die Brust des jungen
Zimmermanns; er zitterte heftig, ja, es wurde ihm schwarz vor den Augen. Mühsam
Atem holend sagte er: »Bis jetzt, Schwindelmann - was soll das heissen: bis
jetzt?«
    »Ich weiss nicht,« erwiderte dieser trotzig.
    »Ist das auch recht,« meinte mühsam lachend Richard; »ein alter Freund wie
du macht einen da neugierig und will dann 's Maul halten? - Pfui, Schwindelmann!
Das tun nur die alten Weiber. - Also, was wolltest du sagen mit dem bis jetzt?
Ich verstehe es nicht.«
    »Nun denn, bis gestern, wenn dir das deutlicher ist,« sprach erbost
Schwindelmann, und nachdem er einen Augenblick hinauf geschaut in die schönen
Züge der Tänzerin, fuhr er fort: »Sieht das Mädel unschuldig aus!«
    »Ah! - Bis gestern, Schwindelmann!«
    »Nichts, nichts! Es ist unrecht von mir, dass ich hier ein solches Gewäsch
halte. Was geht's mich, was geht's dich an?«
    Dem Zimmermann war es kaum möglich, den Atem in seine Brust zu ziehen. Er
fuhr mit der rechten Hand an die Stirne, und in seiner heftigen Art überlegte
er, ob es nicht vielleicht besser sei, seinen alten Freund Schwindelmann am
Halse zu nehmen und ihn so lange zu schütteln, bis er ihm sage, was er wisse. -
Wer weiss auch was geschehen wäre, wenn nicht in diesem Augenblicke die Stimme
des ersten Maschinisten herabgerufen hätte: »Aufgepasst da unten und angefasst!
Und so wie ich wieder rufe - das Seil fest umgeschlungen!«
    Droben flammten zugleich die bengalischen Feuer in roter Glut und warfen
einen glänzenden Schein auch unter das Podium. Durch alle die Fugen und Dielen
der Versenkungen strahlte es hindurch und es sah hier unten aus, als brenne oben
das ganze Teater. dabei erklangen Flöten und Harfen, und eine sanfte Musik
begleitete das Aufschweben der Beschützerin der wahren Liebe. - »Ah!« machte das
Publikum, und man hörte das wie ein entferntes Sausen und Rauschen.
    »Aufgepasst!« tönte es jetzt durch das Sprachrohr herab, und Richard schlang
mit zitternden Händen das Tau um den eisernen Träger und hielt es fest. Doch war
seine Seele nicht dabei, ja sie schwebte nicht einmal mit der Fee Amorosa in die
Höhe, sondern all' sein Denken, all' seine Fassungskraft konzentrirte sich auf
Schwindelmann, der ruhig eine Prise genommen hatte und nun erzählte, wie er
gestern in die Wohnung der Mamsell Marie gegangen, um die heutige Vorstellung
anzusagen, wie er schon vor dem Zimmer geglaubt, er höre flüstern, wie er dann
aber wieder gemeint, er habe sich geirrt, und darauf leise angeklopft habe. -
Keine Antwort!
    »Keine Antwort!« wiederholte Richard, dem der Schweiss von der Stirne
herabfloss.
    »Darauf öffnete ich die Türe und - aber gib auf dein Tau Achtung, Richard,«
unterbrach sich Schwindelmann, »der eiserne Haken ist glatt; es könnte
abrutschen, wenn du dich so stark zu mir herumdrehst.«
    »Du - öffnetest - also - die Türe - und,« - sagte Richard.
    »Nun ja, da sah ich die Bescheerung; die Marie war allein, das heisst ohne
ihre Tante, und ein Herr war bei ihr, sehr wohl gekleidet, der hielt sie fest in
den Armen.«
    »O nein, Schwindelmann, das tat er nicht!« schrie entsetzt der junge
Zimmermann.
    »Er tat's, Richard; würde ich es sonst sagen? - Aber natürlich nur einen
Augenblick, denn als ich so unberufen in's Zimmer trat, sprangen Beide vom Sopha
auf.«
    »Vom Sopha auf!« schrie Richard wie wahnsinnig in höchster Aufregung. »Auf -
vom Sopha, Schwindelmann? ah - verflucht!«
    Bei diesen Worten hatte er seinen Oberkörper heftig nach dem Teaterdiener
herum geworfen, um von dessen Lippen nochmals die Bestätigung zu hören. Doch war
dieser wie von einer Feder in die Höhe geschnellt, streckte die Hände weit von
sich und stiess einen grässlichen Schrei aus.
    Diesem folgte droben ein anderer, furchtbar und schmerzensvoll. Dumpf tönte
dazwischen die Stimme des ersten Maschinisten durch das Sprachrohr hinab:
»Richard! Richard!« Die Musik brach ab, das Geschrei auf der Bühne pflanzte sich
im Publikum fort, dort kreischten hundert Stimmen laut auf. Oben auf der Bühne
krachte es zusammen, als breche das Podium ein; eine schwere Masse polterte zu
den Füssen des jungen Zimmermanns, eine Masse von Brettern und Balken, und
dazwischen - der Körper eines armen, jungen Mädchens, das noch eine Sekunde
früher droben in Schönheit und Jugend gestrahlt, jetzt regungslos wie todt hier
unten lag.
    »Marie! Marie!« schrie Schwindelmann. dabei stürzte er sich auf die
Tänzerin, riss die Taue und Balken um sie her fort, nahm sie sanft in seine Arme
und indem er neben sie kniete, legte er ihren Kopf behutsam in seinen Schoss.
    »Das hat der Himmel getan, nicht ich,« murmelte Richard mit dumpfer Stimme.
- Er schwankte auf seinen Füssen und musste sich an dem eisernen Träger neben sich
halten, um nicht hinzustürzen.
    Ueber alle Treppen und Leitern hinab stürzte jetzt das Teaterpersonal, die
Beamten, kurz was sich auf der Bühne befand, herbei, um sich von der Grösse des
Unglücks zu überzeugen. Terese war übrigens die Erste, die herbei kam, sie
schauderte einen Augenblick wie vor der Todtenblässe des eben noch so frischen
Mädchens, dann fasste sie Richards Arm und sagte, während ihre Zähne hörbar
zusammenklapperten: »Das hast du absichtlich getan. Du bist ihr Mörder.« - Sie
hatte Schwindelmann sogleich gesehen, sie hatte es sich gedacht, welche
Unterredung hier stattgefunden.
    »Nein, nein!« sagte Richard kaum hörbar, »da tun Sie mir Unrecht; ich weiss
nicht, wie mir das Seil entschlüpft.«
    »Und hat dir Schwindelmann nichts erzählt?«
    »O ja, ich tat es,« sprach der Teaterdiener mit bekümmerter Stimme.
    »O grässlich! grässlich!« rief nun Terese laut weinend und warf sich auf die
Kniee neben Marie hin. »Du armes, armes Geschöpf! - Aber es ist vielleicht
besser so.« Sie wischte ihr leicht über die Stirne und trocknete ein paar
Tropfen Blut ab, die zwischen den bleichen Lippen langsam hervorgequollen waren.
    In wenigen Augenblicken umstand ein Kreis entsetzter Gesichter und ratloser
Menschen die Unglückliche; viele Stimmen riefen nach einem Arzte, doch dauerte
es lange, bis man einen gefunden. Der Teaterarzt war, wie das zuweilen zu
geschehen pflegt, gerade nicht im Teater, aber einer von denen, die man in die
Stadt gesandt hatte, traf nicht weit vom Teatergebäude zufälligerweise auf den
Doktor Erichsen, der mit seinem Bruder im Begriffe war nach Hause zu gehen.
    Der Kreis teilte sich, als der Arzt die Stufen hinabstieg, und Todtenstille
herrschte rings umher, als er den Kopf des leblosen Mädchens langsam
aufrichtete, Hände und Arme befühlte und ihr in das halbgebrochene Auge schaute.
Kein Laut wurde ringsum hörbar, ja alle hielten den Atem an und jedes Auge
blickte auf den Arzt. - Als dieser nun leicht den Kopf schüttelte, die Achseln
zuckte und mit ernster Miene dem Intendanten, der hinter ihm stand, einige Worte
zuflüsterte, sahen wohl Alle, dass wenig oder gar keine Hoffnung sei. Die
Tänzerinnen, die sich bis jetzt zurückgehalten, stürzten nun von allen Seiten
laut weinend neben Marie nieder, küssten ihr die Hände, die aufgegangenen
schwarzen Haarflechten, und ein paar steckten eifrig die Granatblüten zu sich,
die ihrem Haar entfallen waren.
    »Aber wie ist denn das Unglück gekommen?« rief der Intendant, indem er
bewegt seine Hände zusammen presste. »Wer war unten bei dem Tau?«
    Die ihn Umgebenden traten bei diesen Worten scheu vor dem jungen Zimmermann
auf die Seite und Richard stand einen Augenblick allein, das Gesicht mit
Todtesblässe bedeckt, die bläulichen Lippen halb geöffnet, die Augen starr
aufgerissen.
    »Ich bin es, der das getan,« sagte er nach einer Pause mit tiefem
Atemzuge. - Darauf wurde sein Blick plötzlich unsicher, gläsern, seine Hände
griffen um sich, als wollten sie irgend etwas erfassen; seine Kniee knickten
ein, und wenn nicht einige der Zimmerleute ihm beigesprungen wären und ihn
gehalten hätten, so wäre er zu Boden gestürzt. So aber liessen ihn seine
Kameraden langsam niedersinken, und legten ihm seinen Kopf auf eine der
Treppenstufen.
    Doktor Erichsen verordnete nun, man solle das unglückliche Mädchen aufheben,
und dann in einem Tragkorb in ihre Wohnung bringen. Er schrieb sich Nummer und
Strasse derselben auf und entfernte sich mit Artur. Dass Letzterer Gelegenheit
fand, der erschreckten Clara ein freundlich tröstendes Wort zuzuflüstern,
brauchen wir dem geneigten Leser eigentlich nicht zu sagen.
    Man hob Marie auf, brachte sie sorgfältig auf die Bühne, und vier der
Zimmerleute trugen den Körper des unglücklichen Mädchens in ihre Wohnung.
Terese, entschlossen, wie sie immer war, hatte sich in der Eile notdürftig
angekleidet, einen warmen Mantel über das leichte Nymphenkleid geworfen und
begleitete die arme Marie. Unterwegs hatte sie ihre herabhängenden Hände gefasst,
und wenn sie dieselben küsste, was oft geschah, so fielen ihre Tränen auf die
erkalteten Finger. Das sah aber Niemand, als die Tausende von Sternen, die an
dem klaren Himmel glänzten.
    Richard hatte sich langsam wieder erholt, Schwindelmann war bei ihm
geblieben, hatte ihm seine Jacke aufgeknöpft und kaltes Wasser in das Gesicht
gesprjetzt. - »Ist sie fort?« fragte er, als er die Augen aufschlug; »aber nicht
wahr, Schwindelmann, sie lebt noch?«
    Der Teaterdiener nickte mit dem Kopfe und dazu zuckten seine Augenlider.
Seine alten Augen waren es seit lange nicht mehr gewohnt, von Tränen
angefeuchtet zu werden. - »Ja,« antwortete er, »sie lebt noch; aber sage mir,
Richard, -«
    »Was denn?«
    »Aber weisst du, Richard, du musst dich nicht scheuen, es uns zu gestehen, -
nicht wahr, die Marie war dein Schatz?«
    »Sie war es,« sagte der junge Zimmermann mit bebenden Lippen, »und sollte
sie sterben, dann bleibt sie es auch, dann lebt sie für mich fort; sollte sie
aber wieder frisch und gesund werden und leben bleiben, dann ist sie für mich
gestorben.« -
    »Amen!« sagte der Teaterdiener mit unsicherer Stimme.
    Darauf stiegen Beide langsam die Treppe hinauf, die zur Bühne führt, und
nach all' dem, was vorgefallen, war es unheimlich still unter dem Podium.
 
                         Siebenundsechzigstes Kapitel.
                                  Im Fuchsbau.
Im Fuchsbau war es in letzter Zeit ziemlich still und geräuschlos hergegangen;
Fremde gab es gar keine, und die Stammgäste waren auswärts so beschäftigt
gewesen, dass sie nicht Zeit oder Lust hatten, sich hier häufig zusammen zu
finden. Ueberhaupt war die Schenkstube nur belebt, wenn es nicht viel zu tun
gab, mit andern Worten, wenn nicht viel Geld vorrätig war; dann wurde hier in
Erwartung besserer Zeiten auf Kredit gelebt. Klimperte aber Silber und Gold in
den Taschen, so zog man es vor, andere Kneipen aufzusuchen, nicht weil dort der
Wein besser war, sondern weil man unbeobachtet sein konnte, was im Fuchsbau
nicht so ganz der Fall war. Da hatten die Wände der Schenkstube Ohren und die
alte Pförtnerin scharfe Augen; es schwebte selbst für diese harten Gemüter
etwas Drückendes, durch die Räume, und wenn der Klang einer gewissen Klingel
erscholl, so waren Wenige, die ihr Glas an die Lippen brachten, selbst wenn sie
die Hand dazu schon erhoben hatten.
    Auch heute Abend war die Klingel ertönt; da aber ausser der Kellnerin sonst
keine menschliche Seele im Zimmer war, so hatte sie nur auf diese ihre Wirkung
ausgeübt. So hurtig es ihr die alten Beine erlaubten, war sie aufgesprungen,
hatte nachgeschaut, ob die Drähte der Klingelzüge auch wirklich unverwirrt neben
einander hingen, sie war auf einen Stuhl gestiegen und hatte ein kleines
Kästchen betrachtet, welches ungefähr acht Schuh vom Boden an der Wand hing. In
dieses Kästchen führte von oben eine kleine feine Kette, welche durch die Decke
kam und irgendwo im Hause gezogen werden konnte. Auch diesen Zug untersuchte
sie, ob er in Ordnung sei und nicht stocken werde; sie zog das kleine Kettchen
vorsichtig in die Höhe, worauf eine Feder anschlug und hell und schrill der
Klang einer Glocke ertönte. Zu gleicher Zeit öffnete sich der Boden des
Kästchens nach unten. Die Alte nickte selbstzufrieden mit dem Kopfe, als sie
sah, dass die ganze Maschinerie in Ordnung sei, und drückte den Boden wieder
vorsichtig in die Höhe, dessen Schloss mit einem kleinen Geräusch wieder
zusprang.
    Dies Kästchen hatte eine sehr wichtige Bestimmung; denn wenn die Glocke
anschlug und sich der Boden öffnete, so hatte das alte Weib die Verpflichtung,
augenblicklich den Hauptahnen der Gasbeleuchtungsröhren zuzudrehen und so das
ganze Haus in tiefste Finsternis zu versetzen. So lange nun die Alte als
Pförtnerin sich hier befand, war das nur ein einziges Mal geschehen und zwar in
einer fürchterlichen Nacht, an die sie nur mit Schrecken dachte.
    So öde und leer wie das Schenkzimmer waren auch die Treppen und Korridore,
obgleich hell beleuchtet; nur in einem Winkel der letzteren ging ein Mann ruhig
auf und ab, nach Art einer Schildwache. Und diesen Dienst versah er auch. Von
der Stelle aus, wo er sich befand, hatte er zwei lange Gänge, sowie die
Haupttreppe im Auge, und wenn er ruhig stand und horchte, so war es ihm möglich,
den leisesten Tritt, selbst vom entferntesten Teil des Gebäudes zu vernehmen.
Die Türe, neben welcher er stand, ist uns nicht unbekannt; sie führt in ein
kleines Vorzimmer, und von da in das hohe Gemach mit der dunklen Holzbekleidung.
    Wie an jenem Abend, dessen sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern
wird, waren die dunkeln Vorhänge vor dem Fenster herabgelassen und im Kamine
brannten grosse Stücke Holz. Auf dem alten Tische mit der grünen Decke standen
zwei brennende Leuchter, und auf dem Stuhle mit der hohen Lehne, der neben dem
Tische stand, sass er im gleichen Anzuge wie damals. Er hatte die Beine über
einander geschlagen und die rechte Hand unter sein Kinn gestützt, während seine
Linke nachlässig herabhing und den tscherkessischen Dolch, den er am Gürtel
trug, zu wiegen schien. Vor ihm stand Matias in ehrfurchtsvoller Haltung.
    »Du meinst also,« sagte er, »dass sich die Polizei um den Vorfall da draussen
bei dem Schwemmer weiter nicht bekümmert hat?«
    »Ich weiss das sogar genau,« erwiderte Matias; »es trieben sich allerdings
einige von ihnen an dem Abend dort herum - aber,« setzte er lächelnd hinzu, »es
muss da ein guter Freund von uns dabei gewesen sein, denn sie zogen sich leise
zurück, als wir das Haus verliessen, und Einen hörte ich sagen: Ach was! wer wird
sich da hineinmischen! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!«
    »Und doch hätten sie damals einen guten Fang machen können; aber das Eisen
zu deinen Banden, Matias, liegt noch in tiefer Erde, wird vielleicht niemals
gefunden.«
    »Das hoffe ich,« entgegnete der Andere mit tiefer Stimme. »Ich möchte doch
nicht - - so enden.«
    »Gewiss nicht, Matias; es wäre schade um dich. Was meinst du, wenn wir nach
und nach daran dächten, das Geschäft abzuwickeln, wie die Kaufleute zu sagen
pflegen.«
    Ein leichter Blitz flammte in dem Auge des Mannes auf; doch sprach er gleich
darauf: »Sie wissen, Herr, mir gilt nur Ihr Befehl, und wenn Sie verlangen, ich
soll mich morgen selbst angeben, so tue ich es.«
    »Gewiss, Matias, ich weiss das. Aber lassen wir diese Reden! ich hoffe, du
sollst noch einmal Zeit genug bekommen, ein ruhiges Leben zu führen, meinetwegen
auch zu bereuen und wieder gut zu machen, was du verbrochen. - Also die
Schwemmer'sche Wirtschaft hat aufgehört? Wann starb er?«
    »Acht Tage nach jenem Vorfalle, Herr. Vielleicht hat er sich zu sehr
alterirt; viel aushalten konnte er ohnedies nicht - vielleicht auch -«
    »Nun was? - Warum stockst du?«
    »Nun, ich meine, vielleicht half ihm auch Jemand über seine letzten
Lebenstage schnell hinweg kommen.«
    »Teufel! ich will nicht hoffen.«
    »Ich weiss nichts genau, aber es wollte mir nicht gefallen, dass sich seit
jenem Abend der Sträuber beständig dort aufhielt. Früher war dem in seinem
lächerlichen Hochmut das Haus dort viel zu schlecht; wie gesagt, von da an
hielt er es mit der alten versoffenen Schwemmer, und wenige Tage nachher lud sie
uns zum Begräbnis ihres Gemahls ein.«
    »Ich fürchte, der Sträuber wird nächstens ein klägliches Ende nehmen,« sagte
er nach einigem Nachdenken, und seine Hand fuhr langsam von der Scheide des
Dolches nach dem Hefte hinauf. »Wird er genau beobachtet?«
    »Allerdings, so genau als es möglich ist; aber er ist schlau wie der Teufel,
hat grosse Angst und nimmt sich sehr in Acht.«
    »Besucht er Häuser, in denen er nachweislich nichts zu schaffen hat?«
    »Das wohl, aber wenn man sich bei ihm erkundigt, so hat er immer die
triftigsten Ausreden.«
    »Zum Beispiel?«
    »So treibt er sich gern in der Nähe des Schlosses herum. Ich habe ihn schon
ein paar Mal aus dieser oder jener Türe heraus kommen sehen.«
    »Immer im schwarzen Frack?«
    »Und baumwollenen Handschuhen - das versteht sich. Als er mir das erste Mal
da aufstiess, folgte ich ihm durch mehrere Strassen, und an einer passenden
einsamen Stelle, wo ich tat, als träfe ich ihn jetzt erst zufällig, sagte ich
zu ihm: ei, Sträuber, woher des Wegs? - Ich dachte, er sollte mir irgend eine
Lüge aufbinden, und dann wollte ich ihn examiniren; - aber Gott bewahre! er
erzählte mir ganz ruhig, er komme vom Schloss, wo er seine kleinen Geschäfte
habe.«
    »Und welche? Gab er vielleicht vor, er handle mit alten Kleidern?«
    »O nein, dazu ist er zu hochmütig; er sei Agent geworden, sagte er, und
dabei zog er seine schmutzigen Vatermörder stolz in die Höhe. - Agent oder
Kommissionär für eine privilegirte Leichenkasse.«
    »Was ist das, Matias?«
    »Das sind Anstalten, wo man irgend Jemand versichern lässt, um nach dessen
Tod ein gewisses Geld zu bekommen; es passt für den Sträuber, und es ist viel
scheues, heimliches Wesen dabei. Man versichert zum Beispiel so einen armen
Teufel in einem Dutzend dergleichen Anstalten, dann stirbt er oder sie lassen
ihn sterben und bekommen eine recht hübsche Summe. Ich weiss genau, dass der
Sträuber und die Schwemmer ihren Mann auf diese Art versicherten, und als er
bald darauf an vieler Freundschaft starb, wurde ihnen wacker ausbezahlt.«
    »Aber was hat er im Schloss zu schaffen?«
    »Da macht er mit den Bedienten, so sagt er, die oben erwähnten Geschäfte.
Aber ich glaube ihm doch nicht; ich sah ihn zu oft in der Gegend herum flaniren,
und Sie können sich denken, Herr, dass ich ihm eifrig nachspüre. Er geht meistens
in den östlichen Seitenflügel: dort wohnt ein alter General, ich glaube Baron
von W.«
    »Ah! dahin geht er!« sprach der Andere, plötzlich sehr aufmerksam werdend,
wobei er hastig seine Stellung veränderte und seinen Oberkörper aufrichtete.
»Das interessirt mich auf's Höchste. Sei so gut, Matias, und nehm' dich der
Sache an; spare keine Mühe, keine Kosten, stelle einen oder zwei Vertraute zur
Beobachtung auf; er soll keinen Schritt mehr tun, den wir nicht erfahren.
Berichte mir täglich darüber und so umständlich als möglich.«
    »Daran soll's nicht fehlen,« erwiderte Matias lächelnd.
    
    »Dann noch eins, Matias,« fuhr der Andere mit ernster Stimme fort. »Ich
habe da unter der Hand etwas von einem Kinderhandel, der schwunghaft betrieben
werden soll, gehört. Pfui Teufel! Das ist 'ne Schande, und ich will das nicht
leiden. Du weisst, lieber Matias, ich spreche nicht gern zweimal von einer
Sache, und wenn ich meine Hand ausstrecke, so zerdrücke ich die Schuldigen,
mögen sie sein wer sie wollen.«
    Matias war bei diesen Worten ein wenig erbleicht und sogar zurückgewichen,
als der Andere die Hand nun wirklich ausstreckte.
    »Es ist das eine Schande,« fuhr dieser fort, »so ein armes Wesen in die Welt
hinaus zu stossen, es zu verkaufen zu den gemeinsten Lastern und Verbrechen, es
eltern- und heimatlos zu machen. - O, ich kenne das! und möchte um Alles in der
Welt damit nichts zu tun haben. Lasst die armen, unschuldigen Geschöpfe! - Ist
denn die Welt so arm geworden an guten Freunden, die keine Ehre aber viel Geld
haben? Wendet euch dahin, aber lasst mir jenen niederträchtigen Handel; ich weiss
wohl, der Schwemmer war die Haupttriebfeder. Nun, er ist dahin, also lasst's
bleiben!«
    »Es soll unterbleiben,« erwiderte Matias mit fester Stimme, »verlassen Sie
sich darauf, Herr.«
    »Schön. - Wie ist mir doch,« fuhr er nach einer Pause in leichtem,
gefälligem Tone fort, während er mit der Hand über die Stirne strich, »da habe
ich einen guten Bekannten, dem könnte ein Besuch nichts schaden, er ist ein
Buchhändler und ein sehr schlechter Kerl, er heisst Johann Christian Blaffer. -
Hast du den Namen zufällig gehört?«
    »Sie sprachen neulich mit mir darüber und gaben mir Befehl, mich nach den
Verhältnissen des Hauses zu erkundigen.«
    »Richtig! ich hatte das vergessen. - Wird da für euch was zu holen sein?«
    »In einigen Tagen eine artige Summe; Herr Blaffer beabsichtigt sein Haus zu
verkaufen und will baar bezahlt sein.«
    »Ah! Meister Matias, deshalb hast du wahrscheinlich meinen Befehl so genau
befolgt! - Nun, wer ist in dem Hause?«
    »Zuerst der Prinzipal, Herr Blaffer, dann ein sehr dummer Lehrling -«
    »An den ich dir eine Rekommandation verschaffen will,« warf der Andere
leicht ein.
    »Ferner eine alte Magd,« fuhr Matias mit einer Verbeugung fort, »und ein
recht schönes Mädchen.«
    »Aha, Meister! du nennst das Mädchen zuletzt; das muss einen Haken haben.«
    »Und einen tüchtigen, Herr. Der alte Buchhändler wandte ihr seine Liebe zu,
und dafür betrügt sie ihn so tüchtig als möglich.«
    »Teufel! das musst du mir erzählen,« sagte der Andere aufmerksam und setzte
dann mit leiser Stimme hinzu: »Armer Beil! Das soll ihn vollends kuriren.«
    »Es ist da ein junger, hübscher Kerl, - ich kenne ihn ziemlich -«
    »Also ein leichter Patron, ein Taugenichts?«
    »So etwas der Art, aber zum Sterben in das Mädchen verliebt. Er wohnt im
Nebenhause, hat sie scharf angesehen, sie ihn auch, er spielt den grossen Herrn
und das hat ihr gefallen.«
    »So, so, also ziemlich leichte Waare!«
    »Wohl möglich, Herr; ich muss aber zu ihrer Entschuldigung sagen, dass sie
gezwungen den ersten Schritt tat und sich deshalb zum zweiten und zu den
folgenden leicht überreden liess.«
    »Der junge Mensch kommt in's Haus?«
    »Ja, Herr; über das Dach des Nebenhauses; er klettert und schleicht wie 'ne
Katze. Ich glaube nicht, dass ihn der Buchhändler so leicht erwischen wird.«
    Der Andere machte nachdenkend ein paar rasche Gänge durch's Zimmer. -
»Schön, schön,« sagte er alsdann; »sieh dir das Haus genau an, namentlich
erforsche, wo der Buchhändler wohnt und wo das Mädchen wohnt. Melde mir, wenn
die Gelder eingelaufen sind, und dann lass dich sehen und hole deine
Instruktionen. Aber, Matias, befolge sie auf's Wort!«
    »Wenn aber Zwischenfälle eintreten, die man nicht vorher sehen kann?«
    »So zieht ihr euch unverrichteter Sache zurück. Wenn an der Ausführung
meines Planes ein Jota fehlt, so ist die ganze Geschichte nichts wert. - Hast
du mich verstanden? - Weiter habe ich nichts. Josef wird draussen sein; er soll
herein kommen.«
    Matias, der die erhaltenen Befehle nur mit einem Kopfnicken beantwortet
hatte, verliess das Zimmer, und gleich darauf trat Josef, der Jäger des Grafen
Fohrbach, herein. Er trug einen grauen, unscheinbaren Jagdrock, doch war sein
voller, schwarzer Bart sorgfältig geordnet.
    »Ah! du bist da, Josef - Franz Karner? Du machst dich rar; in eurem Hause
muss wenig Besonderes vorfallen, dass du keinen Stoff zu berichten findest. Wie
ist's damit, Herr Josef - Franz Karner?«
    Der Jäger erschien einigermassen befangen, doch richtete er sein Auge fest
auf den jungen Mann, der, während er sprach, ruhig sitzen blieb und mit den
Fingerspitzen auf dem Tische trommelte. - »Gewiss, Herr,« sagte er darauf, »es
gibt dort in der Tat wenig zu berichten, sonst wäre ich häufiger gekommen. Wenn
Sie auch den Franz Karner noch nicht genau kennen, so wissen Sie doch, dass Ihnen
Josef mit Leib und Seele ergeben ist und dass er hält, was er verspricht.«
    
    »Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte?« sprach der Andere mit Betonung.
    »Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte,« wiederholte der Jäger
achselzuckend, aber mit unterwürfigem Tone.
    »Davon nachher,« erwiderte der junge Mann leichtin. »Was hast du mir zu
melden, Josef?«
    »Wir hatten neulich eine grosse Soirée bei Seiner Excellenz dem Herrn
Kriegsminister.«
    »Ich weiss das, Josef, du nahmst dich in deiner neuen Uniform sehr gut aus.
Nur hast du es verlernt, dich in der Gesellschaft zu bewegen.«
    »Ah!« machte der Jäger fast sprachlos vor Erstaunen, »Sie haben mich
gesehen, Herr?«
    »Du lässt mich nicht ausreden; das ist ein Beweis für meine Behauptung. Der
Wald hat dich etwas verwildert; man nimmt sich in Acht und reisst nicht nur so
mit seinem Wehrgehäng einen ganzen Orangenzweig voll Blüten und Früchten
herunter.«
    »Bei Gott! das geschah mir,« sagte der Jäger, tief Atem holend.
    »Aber weiter! - In dieser Soirée -«
    »- Traf mein Herr, der Herr Graf, mit jener Dame zusammen und allein im
Zimmer neben dem Glashause.«
    »Und wo warst du?«
    »Hinter dem Vorhange, der in's Neben-Kabinet führt.«
    »Bravo, Franz Karner, du übertriffst den Josef.«
    »Ich kann das Lob nicht annehmen,« sagte mit festem Tone der Jäger. »Bei
Gott im Himmel! ich wollte meinen Herrn nicht belauschen; ich war ganz zufällig
da.«
    »Nun, das Resultat wird das Gleiche sein,« versetzte der Andere in
nachlässigem Tone. »Die Beiden waren also allein, und -«
    »Es erfolgte eine Liebeserklärung.«
    »Und sie nahm sie an?«
    »Gern, Herr,« sagte der Jäger mit froher Stimme. »Und ich begreife das.«
    »Ei der Tausend!«
    »Ja, Herr, es gibt wenig Kavaliere wie Seine Erlaucht der Graf Fohrbach,
wenig Herren, denen Jedermann, der sie kennen lernt, so zugetan sein muss.«
    »Wenige!« lachte der Andere laut hinaus. »Also steht der Graf doch nicht
einzig da? Wen würdest du zum Beispiel neben ihn setzen? Sei aufrichtig, Josef.«
    »Sie, Herr,« erwiderte der Jäger nach kurzer Ueberlegung, wobei er den
jungen Mann mit seinem festen Blicke ansah. - »Sie, Herr,« wiederholte er, »wenn
-«
    »Nun! weiter! weiter! Gerade heraus, Josef, wie wir es immer gegen einander
hielten.«
    »Wenn - wenn - Manches anders wäre,« sagte der Jäger mit ganz leiser Stimme.
    Dies Wort musste den Andern ziemlich schwer betroffen haben, denn obgleich er
ein Lächeln versuchte, wurde es doch gleich darauf von einem wehmütigen Zuge
verdrängt. Er liess den Kopf in die Hand sinken und verharrte so einige Sekunden.
»Allons!« rief er alsdann nach einer Pause in seinem gewöhnlichen heiteren Tone,
»du hast mir gewiss noch mehr zu sagen, Josef, denn wegen einer Bagatelle, wie
diese, lässt du dich nicht bei mir sehen.«
    »Sie haben Recht, Herr,« erwiderte der Jäger; »es trieb mich, aufrichtig
gesagt, nach langem Kampfe, hieher - nicht aus Furcht vor Ihrem Zorn, Herr,
obgleich ich wohl weiss, dass mich derselbe in einem Nu zermalmen könnte, obgleich
ich weiss, dass es Sie nur einen Zug an jener Klingel kostet und ich sehe das
Tageslicht nie wieder. Aber ich komme aus Dankbarkeit, für Alles, was Sie an mir
getan. Und dies Gefühl ist es auch, welches mich zwingt, Ihnen - diesen Brief
zu übergeben. - Es ist ein Verrat an meinem Herrn, aber ich kann nicht anders.«
    »Ei, ei, ein zierliches Briefchen!« lachte der Andere, indem er das
Schreiben entgegen nahm. »Die Aufschrift kann ich mir denken. - Fräulein Eugenie
von S. - Dergleichen wirst du viele zu überbringen haben, Josef?«
    »Es ist der Erste, Herr,« versetzte der Jäger sehr ernst; »und deshalb
dachte ich mir, Sie werden einen Wert darauf legen.«
    »Vielleicht,« sagte der Andere achselzuckend; »doch wird nicht viel
Interessantes darin stehen - einige Liebesbeteuerungen, Versprechen ewiger
Treue, so was dergleichen. Wann schrieb es der Graf?«
    »Seine Erlaucht kamen vor einer Stunde mit dem Herrn von Steinfeld von einer
Whistpartie, ich glaube bei dem Herrn Major von S. Der Herr Graf waren
verdriesslich und erregt, und sprachen, während sie sich umkleideten, viel mit
dem Herrn von Steinfeld.«
    »So, so! Und was zum Beispiel?«
    »Seine Erlaucht sagten: der Herzog wird wahrhaft unerträglich; hast du je so
etwas erlebt? Bietet mir da - freilich unter vier Augen - eine so unsinnige
Wette an - eine Wette, die, wenn er vielleicht mein Verhältnis zu Eugenie ahnt,
an's Unverschämte grenzt.«
    »Brav, Josef! Du hast gut behalten. - Und die Wette?«
    »Sie betraf Fräulein von S. Der Herr Herzog wollte es nämlich von heute bis
über acht Tagen dahin bringen, dass bei dem grossen Maskenballe, der am Hofe
stattfindet, das Fräulein in ihrem Anzuge Bänder von den Farben des Herrn
Herzogs tragen solle.«
    »Ah! Seine Durchlaucht sind leichtsinnig im Wetten, aber geniren sich nicht
um den Teufel; das muss biegen oder brechen. Er ist ein gefährlicher Mensch.« -
Diese Worte murmelte er vor sich hin, so dass der Jäger nicht im Stande war, sie
zu verstehen. - »Nun zu dem Briefe!« sagte er nach einigen Augenblicken mit
lauter Stimme. - »Na, Josef,« fuhr er lächelnd fort, »du wirst nicht Alles
verlernt haben. Oeffne den Brief geschickt und vorsichtig. Du weisst, dort im
Wandschrank befindet sich das Nötige dazu.«
    Der Jäger zauderte.
    Der Andere betrachtete das Siegel und schien dieses Zaudern nicht zu
bemerken. »Er hat sich ein neues ganz gleiches machen lassen,« sprach er
lächelnd vor sich hin. Dann fuhr er lauter fort: »Es ist fein, aber dick; der
Abdruck ist schwierig; du kannst es hinweg schneiden. - Da.«
    Der Jäger kämpfte einen schweren Kampf; sein Auge blitzte, seine Brust hob
sich gewaltsam von tiefen Atemzügen. - »Verzeihen Sie mir, Herr,« sagte er nach
einer längeren Pause, »das kann ich nicht.«
    »Was kannst du nicht?«
    »Der Brief ist von meinem Herrn,« fuhr er mit weicher, bittender Stimme
fort, »von einem gütigen Herrn. O, es ist schon des Verrats genug - aber selbst
öffnen - meine Hand zittert.«
    »Ah, mein Freund,« rief der Andere, und wie es schien gewissermassen lustig,
aus, »aber deine Hand zittert nicht, wenn sie auf eigene Rechnung die Büchse
führt.«
    Josef senkte sein Haupt und entgegnete: »Wenn ich Ihnen mit meinem Leben
nützen kann, Herr, so werde ich nicht einen Augenblick zaudern, es hinzugeben,
aber - es ist ja Ihre Schuld,« fuhr er mit einem trüben Lächeln fort, »warum
brachten Sie mich zu einem solchen Herrn?«
    »Nun meinetwegen, sei es darum; das soll uns nicht entzweien!« Er stand
ruhig von seinem Stuhle auf, ehe er aber den Tisch verliess, blickte er den Jäger
fest an, und als er das ein paar Sekunden getan, wurden seine energischen Züge
weicher; etwas Wehmütiges erschien auf denselben. Dann ging er rasch zur Türe,
die sich, sowie er die Hand auf die Klinke legte, wie von selbst öffnete; er
reichte den Brief hinaus und sagte: »Das Siegel behutsam ablösen!«
    Unsichtbare Hände schienen ihn in Empfang zu nehmen, den Befehl
augenblicklich zu vollziehen und ihm das geöffnete Schreiben zwischen den
Vorhängen der Türe wieder zu überreichen.
    Er trat an den Tisch zurück und überflog den Brief. In demselben stand:
»Verzeihe mir, Eugenie« - ah! das Sie wäre glücklich übersprungen, murmelte er,
- »dass ich durch dieses Schreiben mit einer Bitte belästige. Heute Abend wird
bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin die Zusammenkunft stattfinden, wo man über
die Kostüme zu dem bevorstehenden Maskenball beratet. Wenn es dir möglich ist,
die Farbe des deinigen so zu wünschen, dass du ein weisses Band darauf anbringen
kannst, so wird mich das unendlich glücklich machen. Morgen will ich dir sagen,
wesshalb ich diese sonderbare Bitte stelle.« - Teufel! dachte der Leser, er geht
gerade darauf los. Da wird der Herzog einen schweren Stand haben. - Nun, ich
wünsche es dem Grafen, wenn er baldigst die Braut heimführt; es ist das eine
noble Seele, sie nicht minder - es ist ein Paar, das Gott in der allerbesten
Laune just für einander geschaffen zu haben scheint. - Er faltete den Brief
zusammen; die unsichtbare Hand hinter dem Vorhang musste ihn schliessen, und dann
gab er ihn dem Jäger zurück, wobei er sagte: »Ich danke dir, Josef, für deinen
Eifer, obgleich der Brief nichts Wichtiges entält. - Apropos! Du hast von
deiner Frau nichts mehr gehört?«
    Einen Augenblick blieb der Jäger die Antwort schuldig, dann sprach er:
»Doch, Herr, sie ist mir gefolgt, sie hat mich gefunden.«
    »Ah! das ist schlimm! Da werde ich helfen müssen; sie wird dich verraten.«
    »O nein, Herr!« rief der Andere eifrig. »Glauben Sie mir, sie ist
überglücklich, mich wieder gefunden zu haben.«
    »Und du?«
    »Weiss Gott, ich nicht minder, Herr! Sie hat mir die ganze unglückselige
Geschichte erzählt; sie ist unschuldig - der Andere aber nicht; er hat sein
Schicksal verdient.«
    »Und wo ist sie? Nehm' dich in Acht: Franz Karner ist nicht verheiratet.«
    »Aber er wird es sein, sobald Sie wollen, Herr,« sagte Josef mit leiser
Stimme, indem er seine Hände wie bittend zusammenfaltete. »Lassen Sie mir dieses
Glück; ich liebe das arme Weib mehr als je.«
    »Seltsame Menschen!« erwiderte der Andere; doch schaute er nicht ohne
Teilnahme in die glänzenden Augen des Jägers. - »Nun ja, du sollst die Papiere
haben, aber ein reger Eifer für mich sei mein Lohn. Du hast mich verstanden? Ich
wünsche dich öfter zu sehen als bisher.«
    »O tausend, tausend herzlichen Dank für Ihre Güte!« rief Josef freudig. »Und
wenn das Andere sein muss, so will ich mich bestreben, pünktlich zu sein.« - Das
sagte er mit einem Seufzer.
    »Es wird dir schwer; du hast dich schon sehr in die Ehrlichkeit hinein
gelebt, Josef. Nun, ich habe heute meine gute Laune; wie wäre es, wenn ich dich
von jetzt ab ganz frei liesse?«
    »O mein Gott! Das würden Sie tun?«
    »Natürlich würden wir uns in dem Falle niemals wieder sehen.«
    »Niemals, Herr?«
    »Oder nur dann, wenn es dir wieder 'mal schlecht ginge. In dem Falle würde
ich dir erlauben, mich nochmals hier aufzusuchen.«
    »Sie überhäufen mich mit Grossmut; und ich soll nicht im Stande sein, etwas
- Anderes für Sie tun zu können, Herr?«
    »Ich glaube nicht. - Doch halt! Vielleicht wäre es dir möglich, später
einmal einem meiner Freunde einen Dienst zu erzeigen, ohne dass es dich im
Geringsten kompromittirt. Das wirst du tun!«
    »O gewiss, Herr!« rief der Jäger freudig aus und fasste mit seinen beiden
Händen die Rechte des jungen Mannes, der sie ihm auch ruhig liess und dabei
sagte:
    »Sollte also später Jemand irgend einen vielleicht auffallenden Dienst von
dir verlangen und sagen zu dir, dem Franz Karner, es geschieht für mich, Josef,
so wirst du tun, was er wünscht.«
    »So wahr mir Gott helfe!« erwiderte der Jäger mit leuchtenden Augen; »und
sollte es mich meinen Dienst, ja mein Leben kosten.« Er zog hastig die Hand des
jungen Mannes an seine Lippen und küsste sie innig. Dieser entwand sie ihm aber
sanft, und als er Josef darauf anblickte, schüttelte er traurig lächelnd das
Haupt, da er Tränen in den Augen des Jägers bemerkte.
    »So gehe denn,« sagte er mit weicher, fast zitternder Stimme; »drunten vor
der Türe schüttle den Staub von deinen Füssen und wenn du kannst, so vergiss es,
dass du je diese Mauern betreten! Für deine Papiere werde ich sorgen, - sowie
auch dafür,« setzte er leise hinzu, »dass es dir nicht zu schwer wird, dir und
deiner Frau einen neuen Hausstand zu gründen. - Jetzt verlass mich!«
    Er streckte die Hand gebietend gegen die Türe aus und der Jäger befolgte
diesen Befehl mit zögernden Schritten. Doch ehe er hinaus ging, wandte er sich
nochmals um, stürzte dem jungen Manne zu Füssen und sprach, indem er seine beiden
Hände ergriff: »O verzeihen Sie mir, Herr, so konnte ich nicht scheiden; wenn
man sich Jahre lang gekannt, wie wir, so wird es Einem hart, unendlich hart,
sich zu trennen. Gott möge Sie behüten und möge es gnädig fügen, dass wir uns
einstens freudig wieder sehen!« - Damit sprang er auf und war verschwunden.
    »Amen!« sagte der junge Mann nach einer Pause, während er sich langsam mit
der Hand über das Gesicht fuhr. Darauf blieb er noch einen Augenblick
nachdenkend an dem Tische stehen und verliess alsdann das Zimmer auf die früher
dem geneigten Leser schon beschriebene Art.
 
                          Achtundsechzigstes Kapitel.
                         Achselbänder und Karrikaturen.
Am gleichen Abend, in dem unser voriges Kapitel schliesst, vielleicht eine starke
Stunde später, verliess der Baron von Brand seine Wohnung; er trug einen sehr
eleganten Paletot von dunklem Tuch, den er fest zugeknöpft hatte; sein blonder
Bart war wie immer sorgfältig zugespitzt und parfümirt; er schritt lustig
trällernd die Treppe hinab, wobei er seine Handschuhe zuknöpfte, und als er
hierauf vor die Haustüre trat, warf er einen Blick an den Himmel hinauf,
welcher ruhig und klar war und, wie oft im Winter, in glänzender Sternenpracht
funkelte. Es lag kein Schnee auf dem Boden, auch war dieser hart gefroren,
wesshalb Herr von Brand keinen Wagen befohlen hatte.
    Kaum aber wollte er den Fuss auf das Pflaster setzen, so fuhr eine Equipage,
die in vollem Trabe aus der Mitte der Strasse abgelenkt war, dicht an das Haus
hin, wo die Pferde augenblicklich still standen. Der Baron zog seinen Fuss
zurück, und tat wohl daran, denn der Wagen war so nah bei der Türschwelle
vorgefahren, dass er den Heraustretenden beinahe in Gefahr gebracht hätte.
    »Zum Teufel!« rief dieser dem Kutscher zu, »ist das auch eine Manier,
harmlose Fussgänger jählings zu überfallen! Heh! mein Freund! Weiss Er wohl, dass
er mich um ein Haar überfahren hätte?«
    »Ah! Sie sind es selbst, bester Herr von Brand!« hörte er nun eine laut
lachende Stimme aus dem Wagen. »Wenden Sie Ihren Zorn von dem Unschuldigen
draussen auf mich. Es drängte mich, Sie zu sehen, und deshalb befahl ich, so
schnell zu fahren.«
    »Coeur de rose!« entgegnete der Baron, indem er an den Schlag trat. »Aber,
gnädiger Herr, ich versichere Sie, mein kostbares Leben schwebte in
augenscheinlicher Gefahr, oder, was fast noch schlimmer ist, meine geraden
Gliedmassen. - Wollen Euer Durchlaucht vielleicht aussteigen?«
    »Nein, nein,« versetzte lachend der Herzog; »Sie wollten eben ausgehen, und
da kann ich mich nicht unterstehen, Ihre besetzte Zeit so sehr in Anspruch zu
nehmen. Auch bin ich selbst eilig wie immer.«
    »Wie Sie befehlen, gnädiger Herr. Aber da Sie zu mir wollten, so muss ich mir
schon erlauben, Sie zu fragen, womit ich Ihnen dienen kann.«
    »Ich habe zwei Worte mit Ihnen zu sprechen,« sagte der Herzog, indem er den
Schlag von innen öffnete, »und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie für wenige
Augenblicke in meinen Brougham steigen wollten. - Aber Sie müssen mir im Voraus
verzeihen, bester Baron, dass ich Sie zu so ungewohnter Stunde überfalle und
meinen Besuch nur halb mache; doch wissen Sie, ich bin immer so ungeheuer
beschäftigt, und wenn ich mir auch oft vornehme, nach Ihnen zu sehen -«
    »So kommen Euer Durchlaucht doch nur, wenn Sie Ihre wichtigen Gründe haben,«
schloss der Baron von Brand mit dem ihm eigenen süssen Lächeln den Satz. Bei
diesen Worten war er in den Wagen gestiegen und liess sich neben dem Herzog auf
die weichen Kissen nieder.
    »Ich war heute wieder bei dem Major von S.,« sagte Seine Durchlaucht.
    »Da wurde Whist gespielt,« warf der Baron leicht hin.
    »Nachher rauchten wir unsere Cigarre, der Major zeigte Steinfeld einige
Waffen, ich und Graf Fohrbach wir traten an's Fenster.«
    »Da proponirten Sie ihm eine Wette.«
    »Woher wissen Sie das?« fragte erstaunt der Herzog.
    »Nun, ich weiss es eben, gnädiger Herr; ich erfahre so Manches.«
    »Teufel auch! so habe Sie den Grafen Fohrbach gesehen!«
    »Coeur de rose! - seit mehreren Tagen nicht.«
    »Oder den Herrn von Steinfeld, oder den Major, denen Graf Fohrbach
vielleicht getratscht.«
    »Ebenso wenig.«
    »Unbegreiflich!« sagte der Herzog; »nun wenn Sie allwissend sind, so brauche
ich Ihnen auch nicht zu sagen, wesshalb wir gewettet.«
    »Gewiss nicht, gnädiger Herr, denn ich weiss das ganz genau. Die Konversation
betraf Fräulein von S., und Sie vermassen sich - nehmen mir Euer Durchlaucht
nicht übel - leichtsinniger Weise, das Fräulein zu bestimmen, Ihre Farben zu
tragen. Ah! Durchlaucht, das ist stark!«
    »Alle Teufel! Baron, woher wissen Sie das?« rief der Herzog in höchstem
Erstaunen. »Es ist so, wie Sie sagen: ich sehe in ungeheurer Achtung zu Ihnen
empor. Wahrhaftig, Baron, ich bin glücklich, dass ich Sie Freund nennen darf.«
    »Weil Sie wahrscheinlich einen Wunsch auf der Seele haben, gnädigster Herr,«
entgegnete Herr von Brand. Und wenn es in dem Wagen nicht so dunkel gewesen
wäre, so hätte der Herzog notwendig sehen müssen, von welch' verächtlichem
Lächeln diese Worte begleitet waren.
    »Bei Gott! den habe ich auch, Sie Allwissender; und einen ziemlich grossen
Wunsch.«
    »Den ich mir denken kann. Ich soll Ihnen helfen Ihre Wette gewinnen.«
    »Ja und Nein,« sagte Seine Durchlaucht. »Die Wette ist nicht zu gewinnen,
denn der Graf nahm sie gar nicht an: aber meinen Willen durchzusetzen, das wäre
mein höchster Wunsch.«
    »Dass das Fräulein bei dem Hofball Ihre Farben trägt?«
    »Ja, das muss ich durchsetzen,« sprach der Herzog eifrig. Dann fuhr er auf
vertrauliche Art und sehr leise fort: »dabei müssen Sie mir helfen; ich
versichere Sie, Baron, ich gewinne nicht einen halben Pas bei dem starrköpfigen
Mädchen. Was nützt mich das Fürwort des Vaters? - was nützt es mich, dass wir sie
von allen Seiten umgarnt haben? - was helfen mich Ihre sonst so vortrefflichen
Berichte? Ueber Alles, was ich erfahre, muss ich mich ärgern! - Wo geht sie hin?
- Zum Kriegsminister oder zum Major von S. - Wer ist da täglicher Gast? - Graf
Fohrbach! - Baron, wir müssen einen Hauptcoup ausführen; ich muss mit einem Mal
das verlorene Terrain wieder gewinnen. Sie muss auf dem Hofball meine Farben
tragen und sich so kompromittiren.«
    »Das Letztere kann nicht ausbleiben, wenn wir sie zu dem Ersteren vermögen.
Das wird aber sehr, sehr schwer sein.«
    »Schwer, haben Sie gesagt, bester Baron!« jubelte der Herzog, »also doch
nicht unmöglich. O, meine Dankbarkeit wäre unbegrenzt. Sprechen Sie, ist was zu
machen?«
    »Das will sehr überlegt sein. Und wie lange haben wir Zeit?«
    »Noch acht bis zehn Tage, dann ist der grosse Maskenball bei Hof. - Sprechen
Sie, Baron, machen Sie mich zu Ihrem ewigen Schuldner!«
    »Ich fürchte, gnädiger Herr,« erwiderte Herr von Brand lachend, »Ihre
Ewigkeiten sind sehr kurz und vergänglich. - Doch will ich's darauf hin wagen.
Aber erschrecken Sie nicht, wenn auch ich nächstens anfange, meine Forderungen
zu stellen.«
    »Verlangen Sie!« erwiderte der Herzog bestimmt. »So lieb es mir ist, Ihr
Schuldner zu sein, so sollen Sie mich doch jederzeit bereit finden, für Sie zu
tun, was in meinen Kräften steht.«
    »Das höre ich jetzt schon zum zweiten Male, und es wird nächstens die Zeit
kommen, wo ich Euer Durchlaucht fest beim Worte nehme.«
    »Ich hoffe es; aber meine Angelegenheit - sprechen Sie, bester Baron!«
    »Soll - besorgt werden.«
    »Bei meiner Ehre! Baron,« rief erfreut der Herzog, »versprechen Sie nicht zu
viel?«
    »Das tue ich nie,« erwiderte ruhig Herr von Brand. »Es ist das freilich
keine leichte Kommission, aber ich tu' Alles, um Sie mir zu verpflichten. Doch
bedarf ich ein klein wenig Ihrer Hilfe; - heute Abend ist bei der Frau Herzogin
eine Zusammenkunft, der Sie wahrscheinlich anwohnen werden.«
    »Ich habe von Mama die gnädige Erlaubnis erhalten,« lachte der Herzog; »ich
als einziger Mann zwischen ein paar Dutzend Hofdamen und Ehrenfräuleins.«
    »Sie Glücklicher! - Nun also, da werden Sie erfahren, welches Kostüm dem
Fräulein von S. zugedacht ist. Sorgen Sie darnach für die bewussten Bänder in den
Farben, die Sie wollen, sei es als Haar- oder Busenschleife, wenn sie irgend ein
vollkommenes Damenkostüm wählt, sei es als Achselbänder, wenn man sie vielleicht
zu einer der Ecuyèren Ihrer Majestät bestimmt. Und das bin ich überzeugt bei der
prachtvollen Gestalt des jungen Mädchens!«
    »Ach ja, bei ihrer prachtvollen Gestalt!« seufzte der Herzog.
    »Aber die Schleifen und Achselbänder müssen mir in der von Ihnen bestimmten
Farbe vollkommen fertig, auf's Zierlichste gemacht, in drei Tagen, von heute ab,
übergeben werden.«
    »Das werde ich selbst besorgen, bester Baron, und zugleich meinen herzlichen
Dank überbringen.«
    »Mit Letzterem wollen wir warten bis nach dem Hofballe,« entgegnete Herr von
Brand, »denn ich bin nicht allmächtig; auch mir kann etwas misslingen.«
    »Nein, nein,« rief triumphirend der Herzog, »Ihnen nicht. Glauben Sie mir,
ich staune Sie an. Ich bin doch auch mit den Hofintriguen ziemlich bekannt, aber
welche Wege Sie gehen, ist mir unerklärlich; über welch' immense Kräfte und
Mittel müssen Sie zu verfügen haben!«
    »Sie irren, gnädiger Herr,« erwiderte der Baron leicht, »die Kräfte, die ich
anwende, sind klein und unbedeutend wie ich selbst; es trifft sich nur zufällig,
dass ich Ihnen dienen kann.«
    »Sie sind wahrhaftig zu bescheiden. Doch will ich jetzt Ihre Zeit nicht
länger in Anspruch nehmen,« versetzte der Herzog; »ich würde Sie einladen, mit
mir zu kommen, aber ich muss, wie Sie wissen, bei jener wichtigen Zusammenkunst
erscheinen. - Sie waren zu Fuss, wie ich sehe, kann ich Sie irgendwo absetzen?«
    »Ich gehe zu Ihrem Rivalen,« sagte lachend der Baron von Brand; »Sie sehen,
wie ich offenherzig bin. Wenn Sie mich dahin bringen wollen, ist es mir
angenehm.«
    »Und genirt es Sie nicht, wenn Sie in meinem Wagen anfahren?«
    »Ganz und gar nicht, gnädiger Herr,« versetzte der Baron in sehr harmlosem
Tone. - »Coeur de rose! der Graf Fohrbach wird gar kein Gewicht darauf legen, ob
ich von Euer Durchlaucht oder von Hause komme.«
    »So fahren wir also!« sprach der Herzog. Er liess die Scheibe des Schlages
herab und rief seinem Kutscher zu: »Zum Adjutanten, Graf Fohrbach!«
    Dumpf rollte der Wagen dahin, durch erhellte und belebte Strassen, und bog
bald rechts, bald links. Zuweilen fielen Lichtstrahlen aus einem der glänzenden
Magazine in den Wagen hinein, und dann hätte man sehen können, wie der Herzog
zuweilen aber kaum merklich forschend den Baron Brand anblickte, dieser dagegen
zum Wagenschlage hinaussah und die erhellten Läden sowie die vorüberhuschenden
Spaziergänger angelegentlich zu betrachten schien.
    Jetzt hielten die Pferde; Herr von Brand sagte: »Ah! da sind wir schon!« und
während er leicht und gewandt auf die Erde stieg, fasste er die dargereichte Hand
des Herzogs, welche ihm dieser mit Empressement nachstreckte. Auf einen Zug an
der uns bekannten Klingel öffnete sich die kleine Türe, der Baron ging durch
den Garten in das Haus, wurde von dem alten Diener mit einer steifen,
feierlichen Verbeugung empfangen, und trat in den Salon, wo sich der Hausherr
befand, auch der Major von S., Artur Erichsen und Herr von Steinfeld.
    Sämmtliche Herren blickten auf, als er eintrat, Artur und Graf Fohrbach
wechselten einen bedeutungsvollen Blick mit einander; doch als hätten sie sich
wohl verstanden, winkte der Maler dem Eintretenden freundlich mit der Hand, und
Graf Fohrbach, sich gewaltsam von einer kleinen Befangenheit losmachend, rief
laut lachend: »Da kommt der Baron! das ist unser Mann, der kann uns au fait
setzen.«
    Der Baron grüsste verbindlich der Reihe nach, wobei er den Kopf senkte und
mit den Augen nach aufwärts schielte. Er zog bedächtig sein Sacktuch heraus,
wischte seinen Bart und wedelte sich hüstelnd einige Wohlgerüche zu. Man konnte
ihm das nicht übel nehmen, denn der Dampf der Cigarren in dem Gemach war
wahrhaft schrecklich; er konnte auch nichts Gescheidteres tun, als sich selbst
eine anzuzünden, was auch sogleich geschah, und dann erst, nach einigen starken
Zügen, versicherte er, in der Verfassung zu sein, Rede und Antwort stehen zu
können.
    »Baron Brand ist mir schon recht,« meinte Artur, »und ich unterwerfe mich
seinem Urteilsspruch.«
    »Um was handelt es sich?« fragte jener geziert.
    »Sie waren neulich bei mir,« fuhr der Maler fort, »oder Sie kamen vielmehr
mit Herrn von Dankwart. Sie erinnern sich, dass dieser Protektor aller schönen
Künste vorläufig ein Porträt des Herrn Herzogs bei mir bestellte.«
    »Vorher aber sollten Sie an seinem eigenen Kopfe beweisen, ob Sie auch fähig
seien, ein gutes Porträt zu liefern. - Ganz recht,« entgegnete der Baron.
    »Und dies Porträt hat er gemacht!« jubelte der Hausherr. »Vortrefflich!
Artur, lassen Sie es sehen.«
    »Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit, Graf Fohrbach,« sagte lachend
der Maler; »ich habe Ihnen eine Zeichnung präsentirt, aber sie nicht als das
Bildnis des Herrn von Dankwart ausgegeben. Gott soll mich bewahren! das ginge
wider allen Respekt.«
    »So lassen Sie sehen,« sprach gravitätisch der Baron, und zupfte seinen
Halskragen sanft in die Höhe; »wir wollen unparteiisch entscheiden.«
    »Meinetwegen!« entgegnete der Maler. »Aber ich ersuche die Herren, meine
Verwahrung zu Protokoll zu nehmen.« Er erhob sich und nahm aus seiner Mappe, die
in einer Ecke lehnte, ein Blatt, welches er dem Herrn von Brand übergab.
    Dieser legte seine Cigarre auf das Kamin, wandte den Rücken gegen die Lampe,
die auf dem Gesims stand, und als nun das volle Licht derselben auf jenes Bild
fiel, fuhr ein höchst angenehmes Lächeln über seine Züge. Seine Oberlippe erhob
sich kokett und zeigte die blendend weissen Zähne. - »In der Tat vortrefflich!«
sagte er nach längerem Betrachten; »superb! - göttlich! Das ist das Bild eines
Schimpanse, und hat zugleich grosse Aehnlichkeit mit Herrn von Dankwart.«
    »Zeigen Sie auch die anderen!« rief Graf Fohrbach.
    Und der Maler brachte noch fünf andere Blätter zum Vorschein, worin der
Schimpanse und Herr von Dankwart nach der bekannten Spielerei behandelt waren,
mittelst welcher man in hundert Abbildungen mit ganz unmerklichen Aenderungen,
wodurch zwei Blätter immer vollkommen ähnlich sind, dennoch den grossen Sprung
von einem ausgespannten Frosch bis zum Apoll von Belvedere zurücklegen kann.
Hier aber genügten vollkommen sechs Blätter, um aus einem gerechten und
untadelhaften Schimpanse zur vollständigen Figur des Herrn von Dankwart
überzugehen.
    »Die Blätter sind kostbar,« sagte Herr von Brand nach einer Pause; »ich gäbe
was darum, wenn ich sie meinem Album einverleiben könnte. Lieber Herr Erichsen,
könnte sie ein armer Mann, wie ich bin, bezahlen?«
    »Wenn es eine präsentable Arbeit wäre,« erwiderte der Maler, indem er seine
Blätter wieder zusammen packte, »so würde ich, mich aller Ihrer Gefälligkeiten
erinnernd, mir ein Vergnügen daraus machen, sie in Ihr Album zu stiften. Aber
verzeihen Sie mir, in diesem Falle wäre das vielleicht für uns Beide ein
gefährliches Wagstück.«
    »Was geht uns Herr von Dankwart an?« meinte der Baron.
    »Aber seine Herrin desto mehr,« warf der Major dazwischen, »er steht in der
allerhöchsten Gnade; Sie können morgen bei ihm vorfahren und ihm gratuliren; er
hat wieder einen neuen Orden bekommen.«
    »Das würde ich wahrhaftig tun,« sagte lachend der Baron, »wenn ich jene
sechs kostbaren Blätter hätte, um sie nachher zur Abkühlung präsentiren zu
können.«
    »Das würden Sie nicht tun,« versetzte aufmerksam Graf Fohrbach. »Ich kenne
und bewundere Ihren Mut in jeder Hinsicht, aber das würden Sie bleiben lassen.«
    »Das käme auf eine Wette an,« entgegnete Herr von Brand in gefälliger Weise.
    »Die ich annehmen würde; Zehn gegen Eins!«
    »Halt! halt! ihr Herren!« sprach der Major. »Das wär' eine Wette, die uns
Alle, wie wir hier versammelt sind, teuer zu stehen kommen könnte.«
    »Die auch nie stattfinden kann,« sagte Artur, »denn ich würde die Blätter
nie, namentlich aber nicht zu einem solchen Zwecke, hergeben.«
    »Genug! genug!« mischte sich Herr von Steinfeld, der bisher in einem Buch
geblättert hatte, in das Gespräch, »man muss nicht so in ein Wespennest schlagen
wollen. Aber sage mir, vortrefflicher Hausherr, darf ich dich um eine Tasse Tee
bitten?«
    »Ich weiss nicht, wo er so lange bleibt,« erwiderte Graf Fohrbach. Doch hatte
er kaum die Klingel gezogen, als auch schon der Kammerdiener, fast unhörbar, in
das Zimmer glitt, den Tee in der uns bekannten Art aufstellte, und darauf mit
den Bedienten wieder verschwand.
    Jeder nahm sich eine Tasse, dann sagte Herr von Steinfeld mit Beziehung auf
das Gespräch von vorhin: »Unsereins, der lang in der Fremde war und fast
unbekannt geworden ist, könnte sich durch so etwas empfehlen. - Alle Wetter! Wer
hat die Wette gemacht? würde es freilich heissen. - Graf Fohrbach, bei sich zu
Hause in einer kleinen Gesellschaft. - Wer war da? - Nun, Erichsen, der die
Blätter gezeichnet, Major von S., Herr von Steinfeld -«
    »Ja, ja,« sagte der Major, »das könnte uns Allen ein paar verdriessliche
Gesichter eintragen.«
    Der Hausherr hatte achselzuckend zugehört und bedächtig seine Tasse
ausgetrunken, dann sagte er: »Ja, wir werden alt, es ist kein Spass mehr da und
kein Humor. - Apropos!« fuhr er nach einer Pause fort, »du bist mit deinen
Besuchen ziemlich fertig. Man hat dich doch überall gnädig aufgenommen?«
    »Darüber kann ich nicht klagen. - Doch da fällt mir etwas ein, worüber ihr
mich vielleicht aufklären könnt. - Als ich bei deinem Papa war,« wandte er sich
an den Hausherrn, - »Seine Excellenz empfingen mich sehr zuvorkommend - traf ich
den alten General-Adjutanten Baron von W. mit seiner Frau.«
    Herr von Brand zuckte, aber fast unmerklich, zusammen.
    »Wenn ich sage traf, so meine ich damit, ich begegnete ihm an der Türe des
Salons; er ging, ich kam. Es war so auf der Schwelle, dass ich nicht präsentirt
werden konnte. Der Bediente meldete mich, und da war es mir, als wenn sich die
Baronin von W. bei Nennung meines Namens plötzlich und auffallend von mir
abwende.«
    »Wer weiss, wilder Mensch,« sagte der Major, »ob du sie nicht vielleicht
früher einmal gekannt, ihr die Cour gemacht oder sie auffallend vernachlässigt
hast?«
    »Unmöglich!« erwiderte Herr von Steinfeld. »Als ich damals noch hier war,
war der alte Baron auf weiten Reisen und heiratete in meiner Abwesenheit. Ich
machte natürlich auch in seinem Hause meinen Besuch, er empfing mich; Madame,
hiess es, sei unpässlich.«
    »Das ist so seine Art,« meinte gleichgiltig Graf Fohrbach, »er ist ein
alter, eigensinniger Herr, der sein Haus Niemanden öffnet, und nur genaue
Bekannte seiner Frau vorstellt.«
    »Ihr könnt euch denken,« fuhr Herr von Steinfeld fort, »dass das meine
Neugierde erregt, und dass ich Alles daran setzen werde, ihre Bekanntschaft zu
machen. - Ist sie schön?« -
    »O nicht übel, wie soll ich sie dir beschreiben?« sprach der Hausherr, und
fuhr gleich darauf lachend fort: »Richtig! betrachte dir dort den Baron Brand.«
    Dieser war in tiefe Gedanken versunken und starrte in die Teetasse, die er
vor sich hin hielt. Als er nun so plötzlich seinen Namen nennen hörte, wäre ihm
diese fast aus der Hand gefallen, so schrak er zusammen. Doch fasste er sich
augenblicklich wieder, lächelte und sagte: »Was beliebt, Graf Fohrbach?«
    Herr von Steinfeld hatte übrigens, der an ihn ergangenen Aufforderung gemäss,
seinen Blick auf den Baron geworfen und musste in dessen Gesicht etwas gefunden
haben, was ihn fesselte, denn er betrachtete ihn eine Zeit lang mit grosser
Aufmerksamkeit, dann aber starrte er vor sich hin, augenscheinlich in tiefe
Gedanken versunken. - »Wirklich,« sagte er darauf, indem er mit der Hand über
die Augen fuhr; »also Herr von Brand sähe der Frau von W. ähnlich?«
    »Die alte Geschichte,« entgegnete dieser achselzuckend und süsslich lächelnd,
wobei er sich aber nicht entalten zu können schien, einen Blick in den Spiegel
an seiner Seite zu werfen. - »Das ist die alte Geschichte dieses guten Grafen
Fohrbach. Das belustigt ihn: man lasse ihm diese Grille.«
    »Nein, nein, es ist was daran,« meinte auch der Major. »Wir haben schon
früher darüber gesprochen; haben Sie noch nicht in Ihren Geschlechtsregistern
nachgesehen?«
    »Spässe! Nehmen Sie nur unsere beiderseitigen Namen.«
    »Aus welcher Familie ist die Baronin?« fragte Herr von Steinfeld.
    »Aus einem grossen sicilianischen Hause, auf icci endigend; wer kann das
behalten?«
    »Aber das blonde Haar für eine Italienerin?«
    »Der Vater war ein Engländer oder Schotte. Es liegt noch ein gewisses Düster
über ihrer Herkunft.«
    »Ich muss sie sehen,« sagte bestimmt Herr von Steinfeld.
    »Lieber Baron Brand,« lachte der Hausherr, »ich lasse mir die Aehnlichkeit
doch nicht abstreiten. Wer weiss, wie das zusammenhängt!«
    »O, mir wäre ein solcher Zusammenhang gar nicht unlieb,« sagte der Baron.
Dann trank er seine Tasse leer, und stellte sie, Müdigkeit affektirend, auf den
Tisch.
    Der Major hatte sich erhoben und machte Anstalten zum Fortgehen. - »Ich habe
Dienst,« bemerkte er lächelnd auf die Frage des Grafen, und setzte hinzu, als
ihn dieser ungläubig ansah: »Ich versprach meiner Frau, sie im Schloss
abzuholen.«
    »Ah! sie ist auch bei der grossen Beratung! Du Glücklicher, da erfährst du
heute Abend schon, welche Kostüme befohlen werden.«
    »Was mich im Grunde gar wenig interessirt, denn ich liebe die Maskerade
nicht,« erwiderte der Major und setzte, sich umschauend, hinzu: »Wer von den
Herren geht mit?«
    Der Baron von Brand und Herr von Steinfeld nahmen darauf hin ebenfalls von
dem Hausherrn Abschied, Artur wollte ihnen folgen, doch bat ihn Graf Fohrbach,
zu bleiben und noch eine Stunde mit ihm zu verplaudern.
    An der Türe wandte sich Herr von Brand um und rief dem Maler mit einem
etwas erzwungenen Lächeln zu: »Bester Herr Erichsen, bitte, überlegen Sie es
sich ernstlich, ob und zu welchen Bedingungen ich die sechs Blätter bekommen
kann.«
    »Der Teufel auch,« sagte der Hausherr, nachdem er gehört, dass die Türen
draussen geschlossen worden; »was mag ihm so an dem Porträt des Herrn von
Dankwart gelegen sein! Da wären Ihre Blätter in guten Händen. Nehmen Sie sich in
Acht! - Ich glaube wohl,« setzte er nach kurzem Besinnen hinzu, »dass er einen
guten Gebrauch davon machen würde, und ich möchte schon Dankwärtchen einen
kleinen Aerger wünschen; aber Sie werden sich um's Himmelswillen nicht mit dem
Baron einlassen.«
    »Aber Sie proponirten ihm doch selbst eine Wette!«
    »Weil ich gewiss war, dass Sie die Blätter nicht hergeben würden. - Apropos,
Artur, Sie erinnern sich der paar Worte, die wir neulich auf dem Balle zusammen
sprachen; ich muss Ihnen wiederholen: nur durch die grösste Behutsamkeit, dem
Baron gegenüber, können wir im Stande sein, seine Aufmerksamkeit, ja seinen
Verdacht nicht zu erregen. Sie werden deshalb auch in meinem Betragen gegen ihn
durchaus keine Aenderung merken.«
    »Ich hoffe, dass Sie über diesen Punkt auch mit mir zufrieden sein werden,«
meinte Artur.
    »Vollkommen. - Ich hielt Sie nicht ohne Absicht hier zurück; neulich machte
ich einen Besuch bei unserem Polizeidirektor; ich gehe da zuweilen hin, es ist
das ein sehr anständiges Haus, doch will ich Ihnen gestehen, dass ich diesmal
meinen besonderen Zweck dabei hatte. Ich brachte das Gespräch auf die Zustände
unserer Residenz, namentlich was das Departement des Polizeidirektors anbelangt,
und erzählte dann leicht hingeworfen die Geschichte meines Petschafts, das
neulich so rätselhaft verschwand. Der alte Herr riss nach seiner Gewohnheit
heftig an der Nase und legte der Sache eine grössere Wichtigkeit bei, als ich
gedacht; ja, er erliess mir ein förmliches Verhör nicht und ich musste ihm zu dem
Ende auf sein Arbeitszimmer folgen, wohin er auch seinen ersten Sekretär
beschied, - unter uns gesagt, ist dieser ein junger, sehr gescheidter Mann, der
in seinem kleinen Finger mehr Verstand hat, als Seine Excellenz im ganzen
Körper. - Nun gut! Ich muss das Petschaft beschreiben, wo es gelegen, wann ich es
vermisst und noch mehr dergleichen für die Polizei so wichtige Kleinigkeiten. -
Es sei sonderbar, sagte mir der Sekretär, dass ähnliche Diebstähle so häufig
vorkämen, und oft Sachen beträfen, die an und für sich gar keinen Wert hätten,
Briefe, ganze Korrespondenzen, Dokumente und dergleichen; auch würden sie mit
einer Sicherheit begangen, die an's Fabelhafte streife. Ja, es sei vorgekommen,
dass Diesem oder Jenem, namentlich in der höheren Gesellschaft, ein Blatt, ein
Brief plötzlich gefehlt habe, irgend eines Inhaltes, aber geeignet, ihn vor
einer anderen Person schwer zu kompromittiren, und es sei unglaublich, aber
wahr, dass man kurze Zeit darauf eben jener andern Person das betreffende Papier
in die Hände gespielt und so wie mutwillig die erbittertsten Feindschaften
hervorgerufen habe.«
    »Unerklärlich.«
    »Dazwischen hindurch zögen sich, so erzählte der Polizeidirektor, nun eine
ganze Menge wirklicher und schwerer Diebstähle, mit einer Sicherheit und einem
Mute ausgeführt, wie sie nur durch die wohlorganisirteste Bande geschehen
könnten, durch eine Bande, die mit ebenso viel Umsicht als Energie geleitet
würde.«
    »Also endlich glaubt man an die Existenz einer solchen?« sagte Artur. »Es
ist gut, dass ihnen droben einmal ein Licht aufgeht. Wir geringeren Leute drunten
haben schon lange nicht mehr daran gezweifelt; mein Vater, der viel mit den
Vätern der Stadt zu verkehren hat, machte oft darüber Andeutungen und sprach von
dem Hause, das zwischen uns Beiden neulich auch genannt wurde, dem sogenannten
Fuchsbaue, als dem Herde aller dieser Geschichten. - Aber mir scheint, die Türe
ihres Schlafzimmers wurde geöffnet,« unterbrach er sich; »die Vorhänge haben
sich soeben bewegt.«
    »O, es wird mein Jäger sein,« entgegnete der Graf und fuhr dann fort:
»Dasselbe vermutete man auch auf der Polizeidirektion; doch haben die
schärfsten Hausaussuchungen noch nie etwas ergeben; das soll freilich eine
solche Verwirrung, ein solcher Knäul von Treppen, Stuben und Gängen sein, dass
sich ein Uneingeweihter dort selbst am hellen Tage nicht ausfinden könne. Der
Sekretär des Polizeidirektors meinte, man könne da nur durch eine Radikalkur
helfen, indem man von Staatswegen die ganzen Gebäulichkeiten ankaufe und
niederreisse.«
    »Das wäre schade für uns Maler,« versetzte Artur lächelnd, »denn es hat
dort wahrhaft prachtvolle Ansichten, finstere, melancholische Winkel, wie sie
die kühnste Phantasie nicht ersinnen kann.«
    »Richtig!« sagte ebenfalls lachend der Graf; »und diese Winkel und engen
Gassen lieben Sie absonderlich. Warten Sie, man kommt hinter Ihre Schliche.«
    »Wie so?« fragte der Maler.
    »Wenn man sich nicht weit vom Fuchsbau am Kanale hin verliert, so kommt man
in kleine Strassen, wo Sie, teuerster Artur, eigentlich nichts zu schaffen
hätten, und wo man Sie doch häufig herumwandeln sieht.«
    »Das leugne ich auch ganz und gar nicht.«
    »Also in der Tat ein kleines Verhältnis?«
    »Sagen Sie lieber ein grosses Verhältnis, Graf Fohrbach. Ich gestehe Ihnen,
dem Freunde, dass mich mehr als eine müssige Laune dortin zieht. Ja, warum sollte
ich es leugnen! Ich habe dort ein Mädchen gefunden, das ich unendlich liebe, -
das ich Ihnen in vielleicht nicht zu langer Zeit als meine Frau vorzustellen
habe.«
    »Aus jenen engen Gässchen?« sagte der Graf im höchsten Erstaunen. »Was wird
Papa Erichsen dazu sagen, und vor Allem, Mama, die sehr strenge
Kommerzienrätin?«
    »Das ist freilich noch eine schroffe Klippe, die ich umschiffen muss und
will. - Gewiss, Graf Fohrbach, ich scherze nicht, ich bin dazu fest
entschlossen.«
    »Und ihr liebt einander, wie es sein soll?« erwiderte der Graf mit wahrer
Teilnahme. - »Und wenn das Mädchen gut und anständig ist, woran ich übrigens
eben so wenig zweifle, als an ihrer Schönheit, denn Ihr guter Geschmack ist mir
bekannt, so haben Sie Recht, sich über unsere kleinlichen Verhältnisse
hinwegzusetzen. Sie sind ja ein freier Mann, ein Künstler, - Sie können am Ende
handeln wie Sie wollen,« setzte er mit einem kleinen Seufzer hinzu.
    »Ich wusste wohl,« erwiderte Artur mit Wärme, »dass Sie meinen Entschluss
billigen würden, und sollten Sie das Mädchen kennen lernen, so würden Sie mir
noch unbedingter Recht geben.«
    »Ach, lieber Artur,« versetzte der Graf nach einer Pause, »diesmal kann
meine Zustimmung für Sie eigentlich wenig Wert haben, denn ich befinde mich
fast in gleicher Lage und fühle deshalb parteiisch für Sie.«
    »Sie - Graf Fohrbach?« fragte Artur erstaunt.
    »Ja, bester Freund, auch ich liebe; eigentlich zum ersten Mal in meinem
Leben, und auch mir treten die Verhältnisse hemmend entgegen. Doch auch ich bin
fest entschlossen, dieselben niederzuwerfen, denn ich liebe, Artur, und vor
allen Dingen, werde ebenso wieder geliebt.«
    »Dann wollen wir uns gegenseitig gratuliren,« sprach lachend der Maler,
indem er seine beiden Hände ausstreckte, welche Graf Fohrbach herzlich
schüttelte, und darauf erwiderte:
    »Verlassen Sie sich auf mich, Sie werden jederzeit, unter allen
Verhältnissen und Lagen einen treuen und ergebenen Freund an mir finden. Haben
Sie mir doch beständig die besten Beweise Ihrer Zuneigung gegeben, sogar in
Geschichten, an welche nur zu denken ich mich jetzt fast schäme, und wo ich am
Ende Ihr Verführer geworden bin, wenn Ihre Liebe Sie nicht geschützt hat, wie
mich die meinige.«
    »O ja, sie schützte mich vollkommen,« entgegnete lächelnd der junge Mann.
»Richtig! wir sprachen noch nicht darüber, und damit hängt doch auch etwas
zusammen, was wieder auf unsern rätselhaften Baron zurückführt.«
    »Ah! lassen Sie hören; darauf bin ich begierig.«
    »Sie baten mich damals, Ihnen den Brief zu besorgen an eine gewisse Madame
Becker, Kanalstrasse, glaube ich. Das war an jenem Tage, wo Ihr Petschaft
verschwand.«
    »Richtig! richtig! und ich benützte das Siegel des Herrn von Brand.«
    »Also habe ich doch Recht!« rief überrascht der Maler. »Ich bemerkte wohl
arabische Schriftzüge auf demselben, doch fiel es mir erst später ein, dass Ihnen
vielleicht der Baron damit aus der Verlegenheit geholfen.«
    »Und was hat es mit diesem Siegel für ein Bewandtnis?«
    »Die bewusste Madame Becker erschrak, als sie es bemerkte; und doch schien
sie es wieder anzutreiben, Ihren Wunsch zu erfüllen. Das beschäftigte mich,
sobald ich das Haus in der Kanalstrasse verslassen; Ihr Siegel - ich kannte es ja
- ein einfaches F., sogar ohne Wappen und Krone, konnte unmöglich einen solchen
Eindruck auf die Frau machen.«
    »Sie haben wahrhaftig Recht,« sprach der Graf nach einigem Besinnen. »Als
ich in jenem Brief von der Frau das Bewusste verlangte, dachte ich selbst nicht,
dass es möglich sei, und war in der Tat überrascht, als sie mir einige Zeit
nachher anzeigte, die Angelegenheit habe sich arrangirt. dabei schrieb sie auch
von einem hohen Freunde, dem ich sagen solle, wie viel Mühe sie sich gegeben.
Damit war offenbar der Baron gemeint, dessen Siegel sie also erkannt; und wenn
sie dies erkannt, so muss sie schon in häufige Berührung mit ihm gekommen sein.«
    »Und nicht bloss in Berührungen, wie die andern vornehmen Herren,« meinte
Artur lächelnd, »sondern ihr Schreck zeigte mir deutlich, dass sie ihn fürchte.«
    »Wie ein für sie mächtiges Wesen,« sagte der Graf rasch einfallend. - »Bei
Gott! Artur, es ist so: ich scheue mich fast, es auszusprechen; aber wenn ich
meine Begegnung mit ihm in der Nacht am Fuchsbaue, namentlich den Bericht jenes
unglücklichen Geschöpfs im Schloss und so all die verschiedenen Sachen
zusammenstelle so drängt sich mir die feste Ueberzeugung auf, der sogenannte
Baron von Brand stehe an der Spitze einer weit verbreiteten Bande von Fälschern,
Dieben, vielleicht Mördern.«
    »Entsetzlich!« rief Artur ergriffen. »Und wenn dem so wäre, würden Sie zu
seiner Entdeckung, zu seiner Bestrafung etwas beizutragen im Stande sein? Würden
Sie es über sich vermögen, den Mann, der hier unzählige Mal in Ihrem Zimmer
gewesen, der von Ihrem Tee getrunken, von Ihren Cigarren geraucht, den
vielleicht verdienten Ketten und Banden zu übergeben?«
    »Nein, nein, dazu wäre ich nicht im Stande, obgleich ich es gewiss nicht
ungern sehen würde, wenn wir von diesem wirklich gefährlichen Menschen befreit
würden. Ja, ich würde vielleicht meinen kleinen Einfluss aufbieten, um ihm die
freie Entfernung von hier zu erleichtern. Aber wie sich mit ihm darüber
verständigen? Dass sich langsam ein Garn um seine Füsse zieht, bin ich fest
überzeugt, und darum tut es mir leid, wenn ich, wie heute Abend, sehen muss, dass
er so unbewusst, sicher, aber unaufhaltsam der Gefahr entgegen geht.«
    »Und letzteres ist doch noch die Frage,« entgegnete Artur. »Ist Baron Brand
wirklich der, für den wir ihn halten, so ist er ein aussergewöhnlicher Mensch,
dem ich meine Bewunderung nicht versagen kann, und der nicht so unklug sein
wird, auf seinem gefährlichen Pfade blindlings dahin zu gehen. Glauben Sie mir,
der hat die Augen offen so gut wie wir; und ich bin überzeugt, dass die erste
Hand, die sich nach ihm ausstreckt, ihn spurlos verschwinden macht.«
    »Gewiss, lieber Artur; aber da wir einmal dieses Kapitel begonnen, so ist es
vielleicht nicht indiskret, wenn ich Sie frage, wie jenes Rendezvous am
Neujahrsabend eigentlich abgelaufen ist; ich muss darauf dringen, da Sie auch in
dieser Angelegenheit Auslagen für mich gehabt haben.«
    »Diese sind so unbedeutend, dass es gar nicht der Rede wert ist. Auch ist
Ihr Verlangen durchaus nicht indiskret, denn ich kann Sie versichern, was ich
mit dem Mädchen verhandelt, hätte die ganze Welt sehen können. Ich erhielt also
Ihren Brief und ging um acht Uhr, wie derselbe von mir oder vielmehr von Ihnen
verlangte, an die Ecke der Prinzenstrasse; einen Wagen liess ich mir folgen und im
Schatten der Häuser halten. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, so sah ich
ein Frauenzimmer, obgleich mit ziemlich unsichern Schritten, auf mich zugehen.
Sie war in einen langen, dunkeln Shawl gewickelt, so dass man von ihrer Figur so
gut wie gar nichts entdecken konnte; um den Kopf trug sie eine schwarzseidene
Kapuze mit sehr langen Spitzen, die so dicht auf ihr Gesicht niederfielen, dass
es unmöglich war, die Gesichtszüge des Mädchens zu erkennen.«
    »Das glaube ich wohl, denn es war eine dunkle Nacht.«
    »Ich hatte mich so aufgestellt, dass sie sehen konnte, wie ich an der
Strassenecke auf Jemand zu warten schien.«
    »Welchen Weg kam sie?«
    »Sie schien vom Teater zu kommen.«
    »Ah!«
    »Als ich nahe bei ihr war und sie mir in's Gesicht sah, welches ich mir
auch, im Gegensatz zu ihr, gar keine Mühe gab, zu verbergen, stutzte sie und
schien sich abwenden zu wollen. Ich sagte ihr: Sie erwarten jemand Anderes als
mich zu finden; Graf F. aber ist verhindert und bittet vielmal um
Entschuldigung. - Man muss doch höflich sein. - Er wird vielleicht das Vergnügen
haben, fuhr ich fort, Sie ein anderes Mal zu sehen; für heute war es ihm gewiss
unmöglich.«
    »Und sie gab keine Antwort?«
    »Nicht eine Silbe; ja sie wandte mir fast den Rücken zu und nickte ein paar
Mal mit dem Kopfe, namentlich als ich sie fragte ob sie sich des Wagens bedienen
wolle, um nach Hause zu fahren.«
    »Das nahm sie an? - Aber sagte Ihnen keine Adresse?«
    »Das war unnötig, wusste ich doch selbst die Wohnung der Madame Becker; ich
fragte sie, ob sie in die Kanalstrasse fahren wolle, da nickte sie abermals mit
dem Kopfe. Ich hob sie alsdann in den Wagen, sagte dem Kutscher, wohin er fahren
solle, und empfahl mich auf's Höflichste.«
    »Artur,« rief der Graf lachend, »ich glaube in der Tat, dass Ihre Liebe
aufrichtig und wahr ist. Aber Sie können doch froh sein, dass eben dies Mädchen
sich so dicht verschleiert und verhüllt hielt, und in kalter, dunkler Nacht vor
Sie hintrat; denn, nehmen Sie mir es nicht übel, ich wollte doch für nichts
stehen, wenn es Ihnen mit aller seiner Schönheit im warmen Zimmer beim Schein
der Lichter unter den angegebenen Verhältnissen erschienen wäre.«
    »Also war es ein gutes Abenteuer?«
    »Das will ich meinen! Es betraf ein Mädchen, nach der Tausende vergeblich
gesehen, die bis jetzt unbescholten dastand.«
    »Ah! eine Verführung!«
    »Nur durch die Macht des Goldes; sonst würde ich mir noch grössere Vorwürfe
gemacht haben, als ich damals schon tat, namentlich da sie einer armen Familie
angehört und durch ihren Erwerb Vater und Geschwister unterstützen muss.«
    »Ein sauberer Erwerb!« sagte kopfschüttelnd der Maler.
    »Ich meine das nicht, wie Sie es nehmen,« entgegnete der Graf. »Ihr Erwerb
ist sehr anständig, kann es wenigstens sein; sie ist sogar eine Kollegin von
Ihnen, Artur - eine Künstlerin.«
    »Ah! wenn ich das gewusst hätte, so würde ich ein Gespräch mit ihr angeknüpft
haben. - Aber ihre Kunst besteht wohl im Gebrauch der Nadel.«
    »Gefehlt, Artur! Höher hinauf, oder wenn Sie wollen, tiefer hinab, denn die
Kunst dieser jungen Dame besteht im Gebrauch ihrer Füsse; sie ist eine -
Tänzerin.«
    Artur wusste nicht, warum ihn dieses Wort so schmerzlich berührte. War es
die leichtfertige Betonung, mit der sein Freund dies Wort aussprach, war es,
weil auch sie eine Tänzerin, und weil es also wieder eine ihrer Kolleginnen war,
die hier so zweideutig aufgetreten. Ja, es presste ihm das Herz zusammen, und er
hätte viel darum gegeben, wenn Graf Fohrbach dies nicht gesagt hätte.
    Dieser aber hatte keine Ahnung davon, wie wehe er Artur damit getan. »Ja,«
fuhr er fort, »wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, hatte mich der Erfolg meiner
Bemühungen selbst überrascht; ich glaubte nicht daran, und wunderte mich sehr,
als jener Brief der Madame Becker an mich kam. Wenige Tage nachher schickte sie
mir ihre Rechnung, sie war ziemlich stark, aber ich sandte ihr noch mehr, als
sie verlangte; es wird jenem armen Geschöpf auch zu gut kommen, und - wenn auch
in allen Ehren, so interessire ich mich immer noch für die schöne Clara.«
    »Für die schöne Clara?« sagte der Maler, und trotzdem er diese Worte ganz
leise, fast unhörbar sprach, so schien er doch kaum genug Atem gehabt zu haben,
um sie heraus zu stossen.
    Der Graf hatte bei den letzten Worten seine Cigarre weggeworfen und den
Fauteuil gegen das Kamin gedreht, wo er sich damit beschäftigte, die glühenden
Kohlen zusammen zu scharren und einen angebrannten Holzblock darauf zu legen. Er
konnte deshalb nicht sehen, wie Artur plötzlich so bleich wurde, wie er seine
Hand krampfhaft auf das Herz presste, dann über die Augen fuhr und hierauf
gezwungen lächelnd mit dem Kopfe schüttelte. - »O! nein! - nein!« dachte der
Maler, »so eine Idee ist ja lächerrlich. - Aber eine Tänzerin war es, hat er
gesagt. - Die schöne Clara. - Wer trägt sonst noch diesen Namen? - Mein ganzes
Vermögen, Alles, was ich habe und kann, für eine gute Auskunft!«
    »Man darf so ein Kaminfeuer nie ausgehen lassen,« meinte Gras Fohrbach.
»Finden Sie nicht, dass es hier schon kalt geworden ist?«
    »Nein, gewiss nicht - gewiss nicht!« brachte Artur mühsam hervor. »Mir ist es
heiss, sehr heiss.«
    Der Andere hatte den kleinen, zierlichen Blasbalg ergriffen, der am Kamine
hing, und fachte damit die Glut von Neuem an.
    Artur sass da mit den Gefühlen eines Unglücklichen, über den das
Richtschwert gezückt wird. Der blanke Stahl flimmerte ihm schon vor den Augen,
er brauchte nur eine Frage zu tun und dann fiel vielleicht der tödtliche
Streich, sein Lebensglück für ewig zerstörend. - Sollte er diese Frage tun?
sollte er die beiden Hände seines Freundes ergreifen, ihm flehend in die Augen
blicken und um Gottes und aller Liebe willen um den vollständigen Namen jenes
Mädchens bitten? - Dann musste er ihm auch sein ganzes Unglück offenbaren. - Oder
sollte er ihn in gleichgiltigem Tone darum ersuchen? - Gewiss! er musste das
Letztere wählen. Und er tat es unter den tiefsten Schmerzen, mit der
fürchterlichsten Anstrengung. - Ja, er lachte dazu, aber sein Lachen klang
heiser, fast wie ein Geheul, und wenn der Graf nicht so sehr mit seinem Feuer
beschäftigt gewesen wäre, hätte er aufmerksam werden müssen.
    »Die - schöne - Clara, sagten Sie,« sprach der unglückliche junge Mann. »Ah!
- damit haben Sie mir Ihr Geheimnis verraten.«
    »Oh! es soll für Sie gar keines sein,« erwiderte der Graf. »Wir kennen uns
zu genau, und ich bin fest überzeugt, dass Sie den Namen dieses armen Mädchens
Niemanden sagen werden, der vielleicht Interesse an ihr nimmt.«
    »Nein, das tue ich gewiss nicht.«
    »Sie haben ihn ja auch schon erraten; und ist sie nicht in der Tat
reizend, ja liebenswürdig, die schöne Clara? - Clara Staiger, eine unserer
graziösesten Täuzerinnen.«
    Da war es heraus, und Artur sank momentan in sich zusammen, wobei er
übrigens so viel Geistesgegenwart besass, beide Hände vor die Augen zu drücken,
damit der Andere seine hervorstürzenden Tränen nicht sehen möge. Doch hielt es
ihn nicht länger in dem Zimmer; es schien sich mit ihm zu drehen, die Mauern
schienen ihm zu wanken; es lag ihm centnerschwer auf der Brust, er musste hinaus
in's Freie, in die kalte Nachtluft, um wieder atmen zu können. Und doch durfte
er nicht so davon stürzen, das war seine Qual. Obgleich wie im Fieber zitternd,
musste er sich langsam und förmlich erheben; obgleich sein Blut in den Adern
raste, musste er Ruhe und Müdigkeit affektiren, und musste mit dem Grafen noch
einige gleichgiltige Worte wechseln. Glücklicherweise war es ziemlich spät
geworden, wesshalb ihn dieser nicht lange zurückhielt. Und doch däuchte es dem
Unglücklichen eine Ewigkeit, bis er seinen Hut ergriffen und die Türe erreicht
hatte. Ja, dort musste er noch einen Augenblick warten, denn Graf Fohrbach machte
ihn auf die Mappe aufmerksam, die er vergessen. - Endlich - endlich - öffnete
sich ihm die Haustüre, endlich trat er auf die Strasse hinaus, und erst da
schöpfte er tief Atem, als ihm die kalte Nachtluft seine brennende Stirne
kühlte.
 
                          Neunundsechzigstes Kapitel.
                        Das Siegel des Herrn von Brand.
Wie lange Artur in jener Nacht auf den Strassen umhergeirrt, bald mit den Zähnen
knirschend und die Fäuste geballt, bald wieder leise weinend und ihren Namen
ausrufend, zuerst mit weichem, liebendem Tone, dann immer heftiger und heftiger,
bis ihn wieder die frühere Wut erfasste, das wäre er selbst nicht im Stande
gewesen anzugeben. Ja, von dem Abend und der Nacht blieb ihm nur der Klang ihres
Namens vollkommen gegenwärtig; es war, als wandelte eine Schaar Teufel mit ihm,
die: »Clara Staiger - Clara Staiger!« hohnlachend in seine Ohren schrieen. Alles
Andere erschien ihm wie ein wüster Traum, - ein wacher Traum, denn er hätte die
Personen willkürlich hervorrufen können, mit denen er gesprochen, ja, er
erinnerte sich, dass er leibhaftig an den Orten gewesen war, wo er jene Leute
hätte finden können, - mit jenem Weib, jener schändlichen Kupplerin hatte er
zuerst und lange zu tun gehabt; er wusste, dass er vor ihrem Hause am Kanal
gewesen, er hatte ihre Fenster gesehen und einen schwachen, ihm unheimlich
dünkenden Lichtschimmer: ja unheimlich, denn er zuckte über ein bleiches
Gesicht, welches gestern noch in Fülle der Gesundheit geprangt. Er hatte in
Gedanken mit jenem Weibe gesprochen, er hatte sie um Auskunft gebeten, welcher
Dämon ihr die Macht verliehen über das bisher so reine und unschuldige Geschöpf.
Sie hatte gleichgiltig die Achseln gezuckt, und hatte ihm gesagt: ja, wenn Sie
mir keinen Brief bringen mit dem bewussten Siegel, so brauche ich Ihnen keine
Antwort zu geben. Darauf war er vor dem Hause des Baron von Brand gewesen und
hatte lange an die dunklen Fenster hinauf geblickt, und darauf war es ihm, als
habe er ihn um das Siegel bitten wollen, doch war Jener abwesend und er musste
ihn im Fuchsbau aufsuchen. Und das tat er auch: hastig, eilig.
    Da lagen vor ihm die finsteren Gebäudemassen, da war der Durchgang, wo das
einsame Licht brannte, und die eiserne Gittertüre, wo er damals jenen Mann im
Mantel gesehen, der dem Baron von Brand so ähnlich sah. - Aber auch hier ward
ihm kein Einlass, und es trieb ihn immer wieder fort, wie in einem Rundlauf, an
dem stillen Wasser des Kanals vorbei, vor das Haus jenes rätselhaften Mannes,
abermals an den Fuchsbau, und erst als der Morgen anfing zu grauen, hie und da
an den Häusern Lichter blitzten, sich Haustüren öffneten und Menschen
erschienen, und er also nicht mehr, gefolgt von seinen wilden Phantasieen,
allein und ungesehen durch die Strassen schweifen konnte, da schwankte er seinem
Hause zu, und als er es erreicht, lehnte er lange die immer noch heisse Stirn an
den kalten Stein, ehe er aufschloss und in sein Zimmer hinauf ging. Ach! das
schienen ihm gar nicht mehr die traulichen Gemächer zu sein, in denen er bis
jetzt so gern verweilt; bei seiner Gemütsstimmung und dem falben Lichte des
Wintermorgens erschien ihm Alles hier unheimlich und gespensterhaft. Seine
Waffen funkelten ihn so verstohlen an, die weissen Statuen schienen verlegen auf
den Boden zu blicken, der schwere Seidenstoff, der nachlässig über seinem Divan
hing, schien ihm ein Grabtuch zu sein, und erst ihr Porträt, das auf der
Staffelei stand, hatte gar keine lebendige Färbung mehr, sondern däuchte ihm wie
das Bild einer Leiche, die nichts mehr hier oben auf der freundlichen Welt zu
schaffen hat, die tief hinabgesenkt werden muss, damit man sie nie mehr sehe, und
sich bei ihrem Anblick entsetze. - Ah! ihm schauderte vor ihren Zügen; sie waren
so bleich und leblos. - »Und du konntest so an mir handeln!« sagte er, vom
tiefsten Schmerz ergriffen, »du, an die ich mein Alles gesetzt!« -
    Als er so dachte, kam es ihm vor, als flamme eine leichte Röte, das
Bewusstsein ihrer Schuld, über das schöne Gesicht. - Doch nein! er hatte sich nur
geirrt; es war das letzte Aufflackern des tief herabgebrannten Lichtes, das die
ganze Nacht vergeblich auf seine Rückkunft gewartet hatte. - Er nahm ruhig den
Seidenstoff und deckte ihn über Bild und Staffelei. Dann versank er abermals in
Träumereien, aber er schlief nicht, und hörte nur wie fernes Rauschen, als es so
nach und nach auf der Strasse und im Hause lebendig wurde. Erst als die Sonne
einen freundlichen Strahl in's Zimmer sandte, erhob er sich und brachte ruhig
seinen Anzug in Ordnung, ohne dabei vor der Blässe zu erschrecken, die auf
seinen verstörten Zügen lag.
    Was er während des Umherschweifens heute Nacht gedacht, beschloss er nun
auszuführen; vor allen Dingen wollte er sich Gewissheit verschaffen, welche
Mittel Clara vermocht, so entsetzlich tief zu fallen. »Oh!« sprach er zu sich
selber, »das kann kein Anfang sein, das ist nur eine Fortsetzung.« Er zwang sich
ruhig zu werden, er kühlte sein Gesicht mit kaltem Wasser, er ordnete sein Haar,
und sobald es ihm die Stunde erlaubte, ging er nach der Wohnung des Baron von
Brand. Vorher aber hatte er aus der Mappe die bewussten sechs Blätter genommen,
sie zusammen gerollt und zu sich gesteckt.
    Der Baron hatte sich, wie sein Kammerdiener sagte, eben erhoben; doch liess
er den Maler augenblicklich in sein Zimmer und schien erfreut, ihn zu sehen. Er
lag in einem kleinen Fauteuil, trug einen seidenen Schlafrock, und sein Kopf war
über und über mit Papilloten bedeckt, ein Zustand seiner Toilette, wegen welchem
er in der bekannten süsslichen Manier tausendmal um Verzeihung bat. Neben ihm
befand sich ein sehr niedriger runder Tisch, auf welchem sein Frühstück stand;
er nötigte Artur, eine Tasse Kaffee zu nehmen und bot ihm eine Cigarre an,
welche dieser aber ablehnte.
    »Sie werden sich wundern, Herr Baron,« sagte der Maler, »dass ich Sie schon
früh belästige, aber ich komme nur, um Ihnen einen Beweis meiner Ergebenheit
darzubringen. Gestern Abend schienen Sie grossen Wert darauf zu legen, die sechs
Blätter - eines gewissen Porträts zu besitzen; hier sind sie.«
    »Wirklich?« erwiderte der Baron erstaunt; »das hätte ich mir nicht träumen
lassen. Doch will ich Ihnen in der Tat unendlich dankbar dafür sein; ich freue
mich, in den Besitz dieser Blätter zu kommen; aber alle Freundschaft bei Seite -
die Zeichnungen sind kostbar und ich nehme sie nur an, wenn Sie mir Ihre
Bedingungen nennen, die ich übrigens im Voraus acceptire.«
    »Versprechen Sie nicht zu viel, Herr Baron,« sagte Artur sehr ernst. »Die
Blätter sind allerdings sehr kostbar, nicht wegen ihres künstlerischen Wertes,
wohl aber wegen der Folgen, die eine solche Arbeit für mich haben kann. -
Dagegen,« fuhr er mit einer Handbewegung fort, als er sah, dass der Baron etwas
erwidern wollte, »sind auch meine Forderungen vielleicht sehr hoch - vielleicht
aber auch sehr gering.«
    »Ich verstehe Sie wahrhaftig nicht, bester Herr Erichsen: erklären Sie sich
deutlicher, nennen Sie diese Forderungen!«
    »Dazu muss ich Einiges vorausschicken,« sagte der Maler. - »Ich habe
Geschäfte mit einer gewissen Frau Becker, die Sie vielleicht nicht kennen.«
    »Nein,« sagte der Baron mit völlig unbeweglichem Gesicht.
    »Die aber Sie kennt,« fuhr Artur fort.
    »Coeur de rose!« lachte der Baron; »ob das für mich schmeichelhaft ist, weiss
ich nicht. Aber gleichviel - gehen wir weiter!«
    »Diese Frau muss mir über irgend etwas eine Auskunft geben, eine bestimmte
und wahre Auskunft. Und dazu bedarf ich Ihres Fürwortes.«
    »Meines Fürwortes, bester Herr Erichsen? Wie gesagt, ich kenne die Frau ja
nicht.«
    »Aber sie kennt Sie desto besser.«
    »Bah! gehen Sie! Sie sprechen in Rätseln. Aber ich will Sie geduldig
anhören: worin besteht denn dieses Fürwort?«
    »Sie müssten mir auf ein Blatt Papier schreiben,« fuhr der junge Mann tief
Atem holend fort, »ungefähr so: Der Ueberbringer ist mein Freund - wenn ich mir
damit schmeicheln darf? - und ich wünsche, dass Sie ihn als solchen betrachten.«
    »Das ist ja eine ganz rätselhafte Geschichte, eine komische Grille!« lachte
überlaut der Herr von Brand. Und sein Lachen war so natürlich und ungezwungen,
dass man darauf hätte schwören sollen, er sehe wirklich in der Forderung Artur's
nur eine komische Grille desselben.
    »Die Sie erfüllen werden?« fragte ängstlich der Maler.
    »Coeur de rose! das kommt darauf an. Und das Blatt muss ich unterschreiben?«
    »Nicht einmal; aber - Ihr Siegel beifügen.«
    »Mein Siegel! Das wird immer geheimnisvoller.«
    »Und zwar das Siegel, welches dort neben dem Uhrenschlüssel an der Kette
befestigt ist.«
    »Mein Talisman, bester Herr Erichsen?« rief der Baron lustig. »Das wird
wahrhaftig nicht angehen. Nehmen wir meinetwegen ein anderes Siegel.«
    »Nein, es muss der Talisman sein,« bat Artur. »Er soll es auch mir sein, um
einen Mund zu öffnen, der wahrscheinlich sonst für mich verschlossen bliebe. -
Finden Sie meine Forderung gegenüber meiner Arbeit vielleicht zu hoch?«
    »O nein, die ist mir unschätzbar; aber ich verstehe, beim Himmel! nicht, wie
mein armer Talisman auf jene Madame - wie haben Sie doch gesagt?« -
    »Madame Becker.«
    »Richtig! - Madame Becker wirken soll. Erklären Sie mir doch den
Zusammenhang!«
    »Ich weiss ihn nicht,« entgegnete Artur. Doch sah er den Baron scharf an,
als er fortfuhr: »Vielleicht glaubt jene Frau, das Siegel gehöre Jemand, den sie
fürchten muss; - den Herrn Baron von Brand kennt sie wahrscheinlich nicht.«
    »Und woher vermuten Sie das?«
    »Erinnern Sie sich, Herr Baron, dass Graf Fohrbach mit demselben Talisman vor
einiger Zeit siegelte; es war ein Brief an eben jene Frau, den ich aus
Gefälligkeit dort abgab. Was der Graf verlangte - weiss ich nicht, - aber so viel
weiss ich,« fuhr er mit zitternder Stimme fort, »dass die Frau nur durch den
Anblick jenes Siegels bewogen wurde, seinen Wunsch zu erfüllen. - Ah! und sie
erfüllte ihn meisterhaft.«
    Auf dem Gesicht des Barons war nicht die geringste Bewegung zu lesen; sein
Lächeln drückte Aufmerksamkeit, Neugierde aus, und als er sagte: »Das ist
wirklich seltsam!« klang das, wie im Tone der unschuldigsten Ueberraschung
gesprochen.
    »Bewilligen Sie meine Bitte,« fuhr Artur dringend fort. »Ein Blatt ohne
Ihren Namen, was kann es Ihnen schaden? Und obendrein verspreche ich Ihnen
feierlich, dass Sie es noch am heutigen Tage zurückerhalten sollen. Was dagegen
meine Blätter anbelangt, so bleiben sie in Ihrer Hand und mit ihnen ein Teil
meiner Zukunft, wenn ich diese je in hiesiger Stadt suchen sollte.«
    Der Baron schlürfte kopfschüttelnd seinen Kaffee, stiess bedächtig die Asche
von seiner Cigarre und sagte alsdann: »Sie sind einer von den Menschen, lieber
Erichsen, für welche ich Sympatieen fühle, und deshalb will ich Ihren komischen
Wunsch erfüllen. Wenn Sie mir das Blatt zurückbringen, ist mir's recht, ich bin
aber auch zufrieden, wenn es nur in Ihrer Hand bleibt.« Hierauf erhob er sich
langsam, und als er seinem Schreibtische zuging, warf er einen Blick in den
Spiegel und sprach affektirt: »Wahrhaftig, Sie haben, wenn ich so sagen darf,
einen grossen Stein bei mir im Brette, denn Sie durften mich im tiefsten Negligé
sehen - mit Papilloten in den Haaren. Coeur de rose! wenn Sie mich je verraten
würden! Wissen Sie wohl, dass alle Damen darauf schwören, mein Haar sei natürlich
gelockt; ich gebe mich ganz in Ihre Hand.« Bei diesen Worten hatte er das
Verlangte geschrieben, gesiegelt und überreichte es Artur.
    »Von Ihnen gilt der Ausspruch Napoleons nicht,« entgegnete der Maler
lächelnd; »Sie bleiben ein grosser Mann selbst im tiefsten Negligé, ja in jeder
Verkleidung.« Er hatte das ohne Absicht gesagt, als er gerade sein Papier
zusammen faltete, wesshalb er auch nicht sehen konnte, welch seltsamer Strahl aus
den Augen des Barons auf ihn fiel. »Meinen herzlichen Dank,« sprach Artur,
»hier sind die Blätter; machen Sie einen mässigen Gebrauch davon.« Er schüttelte
dem Baron die Hand, welche ihm dieser mit dem bekannten matten Lächeln
darreichte, und verliess eilig das Zimmer.
    Kaum hatte sich die Türe hinter ihm geschlossen, so schien Herr von Brand
ein ganz Anderer zu sein. Sein Auge glänzte entschlossen und feurig, alle seine
Muskeln schienen sich heftig anzuspannen, er schlug die Arme über einander und
rief aus, indem er hart mit dem Fusse auftrat: »Teufel! was ist das? - Mein
Talisman! Ah! ich liess damals den Grafen ungern damit siegeln. - Und was wollte
er mit seinen Verkleidungen sagen? - Zum Henker! Das will bedacht und überlegt
sein.«
    Artur hatte unterdessen seine eiligen Schritte nach der Kanalstrasse
gelenkt. Bald hatte er die alte Kaserne erreicht, und sein guter Ortssinn liess
ihn in Kurzem die richtige Treppe finden. Doch als er gerade im Begriffe war,
hinauf zu steigen, hörte er droben eine Türe öffnen, dann Tritte, und vernahm,
dass es zwei Personen waren, die sich, ziemlich leise zusammen sprechend, der
Treppe näherten. Es war dies eine Wendeltreppe mit festen, glatten Wänden, oben
gewölbt, woher es denn auch kam, dass Artur jedes Wort, das droben, obgleich
ziemlich leise, gesprochen wurde, unten ziemlich deutlich vernahm. Es war sonst
wahrhaftig nicht seine Art, zu lauschen, aber hier, wo er sich einem feindlichen
Lager näherte, glaubte er sich das als eine Vorsichtsmassregel schuldig zu sein,
umsomehr, da er eine der Stimmen, die einer Frau, zu erkennen meinte. -
    »Wenn es sich also leicht tun lässt,« sagte diese, »so sehe ich gar nicht
ein, warum wir den Profit nicht mitnehmen wollen. Hat mir doch das ungeratene
Geschöpf allen Verdienst, den ich durch sie zu machen dachte, mit in den Himmel
genommen! Und ich sage Euch, Sträuber, glaubt mir, die ganze Geschichte schadet
meinem Erwerb, denn das wird ruchbar und die Herren werden sich vor mir
geniren.«
    »Bah!« versetzte der Andere. »Ihr seht zu schwarz, Frau. Das macht die
Trauergeschichte hier im Hause; das ist in acht Tagen vergessen, und dann habt
Ihr Freunde - gute Freunde; schaut auf mich! - Also die Sache werde ich
besorgen; keine Einrede; ich nehme Alles auf mich. Es ist doch wunderbar, dass
mir vorgestern gerade wie etwas von einem Unglück in den Gliedern lag, und dass
ich eine Person, die nicht genannt sein wollte, in sechs Leichenkassen
versicherte. Das kostet freilich doppelte Prämien und ihr müsst im Notfalle
beschwören können, dass Eure Marie damit gemeint war. Das macht sechsmal fünfzig
Gulden gleich Dreihundert. - Nun, bin ich ein Geschäftsmann?«
    »Gewiss,« sprach die Frau, »daran zweifelt Niemand; und wenn Ihr Euch ein
wenig zurückzieht - Ihr versteht mich wohl - so kann es Euch nicht fehlen.«
    »Und das werde ich tun, seid ruhig. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis
er bricht, und die ganze Geschichte bald aus dem Leim. Denkt an mich: den
Fuchsbau heben sie nächstens auf!«
    »Gott im Himmel! Das gibt viel Unglück. - Und er?«
    »Er,« flüsterte der Andere; »was ist er? - Alles und gar nichts, leider ein
Phantom, das nicht zu fassen ist. Gebt nur Achtung: wenn sie alle Andern
zusammen erwischen, so fliegt er zum Schornstein hinaus oder verschwindet
irgendwo durch die Mauer. - Wisst Ihr, ich habe mich schon halb und halb
losgesagt.«
    »Aber um Gotteswillen! seid klug. Es sollte mir leid um Euch tun; sie
spassen nicht da unten; es sind da schreckliche Sachen vorgefallen.«
    »Nur keine so trüben Erinnerungen, Frau, keine momenti moris! Ihr sprecht ja
wie ein Todtenkopf.«
    »Ach! und dazu hätte ich alle Ursache; ich versichere Euch, es ist mir ganz
schwarz vor den Augen. Ihr könntet wohl heute Abend kommen und mir ein bisschen
Gesellschaft leisten.«
    »Nein, das kann ich nicht versprechen,« sagte entschieden der Andere; »ich
habe nun einmal eine Abneigung vor allen Häusern, wo Todte liegen; da gruselt es
mir beständig, ich muss mich rechts und links umschauen, und dabei ist mir, als
zupfe mich etwas Unsichtbares bald hier und bald dort am Rock.«
    »Aber morgen!«
    »Morgen - versteht sich von selbst! Ich werde wohl das Geld bringen. -
Adieu, Frau!«
    »Adieu denn!«
    Bei den letzten Worten war Artur dem Eingange wieder zugeschritten; er
mochte nicht von dem Manne, der nun herunter kam, in Hörweite angetroffen
werden.
    An der Türe begegneten sich denn auch Beide, und Artur blickte dem Andern
überrascht nach; es war das eine dürre Gestalt in schwarzem, abgeschabtem Frack,
mit gelblichem, zerknittertem Hemdkragen und schmierigen, baumwollenen
Handschuhen; dazu hatte er den Hut keck auf das rechte Ohr gesetzt, schwang
einen abgebrochenen Spazierstock, trug die Nase hoch und hatte das Maul
gespitzt, als pfeife er sich selbst etwas vor.
    Sobald der Maler droben kein Geräusch mehr vernahm, stieg er die Treppen
hinauf.
    Das alte Haus war unheimlich und finster wie immer; nur hatte sich die
Atmosphäre, sonst moderig und feucht, etwas geändert; es roch dazwischen wie
nach halb verwelkten Blumen und Weihrauch oder Wachskerzen; es war ein Odeur,
der unwillkürlich trübe stimmt. Dazu war es in dem Hause todtenstill, und als
Artur leise an die Türe klopfte, warf das Echo in dem langen Gange drei dumpfe
Schläge zurück. - »Herein!« klang es von innen, und auch hier war derselbe
unangenehme Geruch, nur starker Blumenduft vorherrschend.
    Madame Becker sass wie damals an dem Tische, doch hatte sich ihr Äußeres und
ihre Haltung sehr verändert; sie war ganz schwarz gekleidet und liess den Kopf
hängen; ihre Augen waren matt und glanzlos, und da ihre Unterlippe ziemlich
schlaff herab hing, so hatten ihre Gesichtszüge etwas Verlebtes, Ausdrucksloses.
Sie belebten sich ein klein wenig, als sie des jungen, eleganten Mannes
ansichtig wurde, auch stand sie eilig auf und nickte ihm zu, schritt aber
alsdann gegen das Nebenzimmer, dessen halb offen stehende Türe sie langsam in's
Schloss zog.
    Arturs Kehle war wie zugeschnürt, er konnte kaum ein Wort hervorbringen,
und er liess sich schweigend auf den Stuhl nieder, den ihm die Frau an den Tisch
gerückt hatte. - »Sie erinnern sich meiner?« sagte er nach einer Pause.
    »Kaum, kaum,« entgegnete die Frau und fuhr mit der Hand über die Augen. -
»Es war was dabei von einem Brief und einer Bestellung.«
    »Ganz richtig: ein Brief des Grafen Fohrbach.«
    »Richtig! jetzt habe ich die Sache wieder,« sprach lebhafter die Frau, wobei
sie sich vornüber beugte und so dem jungen Manne näherte. »Jetzt kenne ich den
Herrn, aber ich meine, Sie hatten damals einen grösseren Bart; heute sehen Sie
etwas anders aus, etwas kahler.«
    »Vielleicht blässer.«
    »Auch möglich. - Richtig! vom Herrn Grafen Fohrbach - ein vornehmer und sehr
braver Herr. Er war zufrieden?«
    »Ausserordentlich.«
    Jetzt legte die Frau die Finger auf den Mund, wobei sie sich einen
Augenblick nach dem Nebenzimmer umsah. Dann sagte sie flüsternd: »War er nicht
überrascht?«
    »O er war sehr überrascht,« brachte Artur mühsam hervor.
    »Das will ich wohl glauben,« erwiderte Frau Becker. »Und ich kann Sie
versichern, Herr - Baron, dass keine Andere als ich das zu Stande gebracht hätte.
- Keine Andere,« wiederholte sie und berührte mit ihren Fingern den Arm des
jungen Mannes.
    Artur zuckte zusammen, doch fasste er sich gewaltsam.
    »Also doch!« dachte er. - »Sei ruhig, Herz; wenigstens hat es ihr Mühe
gekostet.« - Er zwang sich sogar zu einem Lächeln, doch brauchte er dazu einige
Sekunden, dann fuhr er fort: »Ich komme nochmals in derselben Angelegenheit.«
    »Wollen Sie sie auch kennen lernen?«
    »Nein, nein, nein!« rief er hastig. »Ich habe nur eine Bitte an Sie, einige
Fragen, die Sie vielleicht so freundlich sind, mir wahr zu beantworten. - Aber
wahr, Frau Becker! Es soll mir auf eine gute Belohnung nicht ankommen.«
    Die Frau sah ihn einigermassen misstrauisch an. Dann sagte sie: »Vor allen
Dingen bitte ich den Herrn Baron, leise zu sprechen. - Was wollen Sie denn
eigentlich wissen?«
    »Sie kannten die Clara - - Staiger schon länger?«
    »O ja, ich kannte sie, so - so!«
    »Und sie war Ihnen bis dahin als ein braves und tugendhaftes Mädchen
bekannt? - Ja, ja, das musste doch wohl sein,« fuhr Artur fort, als die Frau
keine Antwort gab, »denn sonst hätte es Ihnen ja keine Mühe gemacht, sie zu
ver-kuppeln.«
    Wer konnte es dem jungen Manne übel nehmen, dass ihm in seinem tiefen
Schmerze dies Wort entfuhr. Unbedachtsam aber war es auf jeden Fall, denn die
Frau fuhr davor zurück, als sei sie von einer Schlange gestochen worden; auch
mochte sie in den seltsam glänzenden Augen Arturs etwas entdecken, was ihr
nicht gefiel. Vor allem aber war sie eine kluge Frau, die verdächtige Blicke und
Worte schnell ihren Verhältnissen anzupassen wusste. - »Halt,« dachte sie, »wer
weiss, wen ich vor mir habe, und was geschehen könnte, wenn ich dumm genug wäre,
ihm zu gestehen, dass wir eine Unschuld geliefert!« Dies überlegend, machte sie
eine steife Verbeugung und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Baron, ich bin heute
nicht in der Verfassung, Geschäfte abzumachen; ich bin in Trauer, wie Sie wohl
sehen, und muss ein anderes Mal um die Ehre bitten.« - Sie dachte: Zeit bringt
Rat.
    Artur brachte mühsam ein Lächeln zu Stande. »Ah! Sie trauen mir nicht,«
sagte er. »Eigentlich haben Sie Recht, ich stellte da indiskrete Fragen, ohne
mich bei Ihnen gehörig legitimirt zu haben. Doch soll das sogleich geschehen.« -
Er zog das bewusste Papier hervor und reichte es der Frau, die es hastig
durchlas, das Siegel betrachtete, und dann schweigend in Ihren Stuhl zurücksank.
Ihre Hand und das Papier zitterten ein wenig.
    »Sind Sie damit zufrieden?« fragte der junge Mann.
    »Bei allen Heiligen, ja!« rief die Frau, nachdem sie heftig geschluckt.
»Aber, Herr Baron, sagen Sie einer armen Wittwe die Wahrheit: soll noch mehr
Unglück über mich herein brechen? Will er mir ein Leides tun?«
    Artur war zu sehr mit seiner eigenen Sache beschäftigt, um augenblicklich
an ihn, an den Baron zu denken, um sich bewusst zu werden, dass zwischen dem
Siegel und jenem rätselhaften Er ein Zusammenhang stattfände. - »Ihnen soll
gewiss nichts zu Leid geschehen,« entgegnete er der Frau auf ihre Frage, »wenn
Sie mir die Wahrheit sagen; aber die volle Wahrheit.«
    »Das will ich ja; gewiss, ich will es.«
    »Nun gut. - Hatten Sie früher über das bewusste Mädchen, über deren
Aufführung etwas Nachteiliges vernommen? - Scheuen Sie sich gar nicht, die
Wahrheit zu sagen.«
    »Nein, das hatte ich nie,« erwiderte eifrig die Frau; »im Gegenteil, mir
hat man sie immer als die Tugend selbst geschildert, und so kannte ich sie auch.
Das müssen der Herr Baron mir selbst bezeugen!«
    »Ich?« fragte Artur erstaunt.
    »Ja, Sie. - Erinnern Sie sich, was ich Ihnen damals sagte, als Sie den Brief
brachten, worin der Herr Graf das verlangte? - Das wird schwer angehen, sagte
ich, das ist fast unmöglich, sagte ich, das kann ich nicht unternehmen, sagte
ich. Nun sehen Sie, es war auch in der Tat schwer.«
    »Und doch gelang es!« seufzte Artur.
    Frau Becker hatte während dieser Zeit immer scheu nach dem Nebenzimmer
geblickt, auch flüsterte sie ihre Worte ganz leise. Ja, wenn der junge Mann
etwas lauter sprach, so hob sie ihre Hand auf und machte: s - s - st! dabei
wandte sie sich hin und her, drehte ihren Kopf vielmals um, zupfte an ihren
Haubenbändern, schluckte häufig und sagte dazwischen: »Ja, sehen Sie, das ging
so - Gott soll mich bewahren, der Clara etwas Schlimmes nachzusagen - nein, sie
war vollkommen brav.« - Während dieser Redensarten hatte sie sich einen
Feldzugsplan entworfen, und dabei ihrer Freundin Wundel gedacht. - »Richtig,«
sprach sie zu sich selber, »die soll es ausbaden; was brauche ich die Wundel zu
schonen. Und wenn er ihr auf den Leib geht, da soll sie sehen, wie sie sich
herauslügt. - Ich wusste gleich,« wandte sie sich an Artur, »dass das eine
delikate Sache sei, glauben Sie mir, Herr Baron,« - dabei faltete sie ihre Hände
und blickte gen Himmel - »Unsereins hat auch Gewissen; und ich hatte immer das
Vergnügen, die Familie Staiger als eine anständige Familie zu kennen. - Gott!
die Clara, der arme Aff, wie musste sich abplagen, damit ihre Geschwister nur
etwas zu beissen hatten.«
    »Weiter!« sprach Artur finster.
    »Sie kam oft daher.«
    »Zu Ihnen?«
    »Eigentlich zu der unglücklichen Marie. Ach Gott! Herr Baron, Sie kennen ja
wohl das Unglück, das uns betroffen, heute rot - morgen todt! - Da liegt sie im
Nebenzimmer und sie erweisen ihr die letzte Ehre.« - Hier holte sie ihr
Schnupftuch hervor und fing auffallend heftig an zu weinen. - »O du lieber Gott
im Himmel!« schluchzte sie, »dass ich das erleben musste! Meine arme Marie! mein
Stolz, meine Stütze! - Aber mich soll der Himmel bewahren, Herr Baron, dass ich
Sie mit meinen Klagen aufhalten will. Gewiss nicht; ich bezwinge meinen Schmerz.«
Dies schien auch der Frau Becker leicht zu werden, denn ein paar Sekunden nach
diesem Erguss waren ihre Augen wieder vollkommen trocken, ihr Gesicht gänzlich
beruhigt. - »Also ich hatte zu viel Gewissen,« fuhr sie fort, »die Sache mit dem
Mädchen auf eigene Hand zu unternehmen.«
    »Und wer half Ihnen?« fragte Artur dringend.
    »Von Helfen ist eigentlich nicht die Rede,« erwiderte listig das schlaue
Weib; »sondern ich übergab die ganze Sache einer Bekannten.«
    »Und darf ich Sie um den Namen dieser Bekannten ersuchen?«
    »O gewiss! warum nicht! Nur bitte ich, Herr Baron, dass ihr nichts geschieht.«
    »Nein, nein - wer ist's?«
    »Es ist die Frau Wundel; sie wohnt in der Balkenstrasse Numero vierzig.«
    »Ah! im gleichen Hause.«
    »Ganz richtig, wo auch Clara wohnt.«
    »Und die hat das Geschäft geleitet?«
    »Sie konnte es am besten, da sie sich auf gleichem Boden mit der Familie
Staiger befindet.«
    »Richtig! o du mein Gott! Das war gut überlegt. Da konnte man Stunde um
Stunde arbeiten. Wenn ich es auch nicht begreife, so fange ich doch an, die
Fäden dieses Gewebes zu verstehen.«
    »S - s - st!« machte Frau Becker; »man kommt.«
    Die Türe des Nebenzimmers öffnete sich langsam und - Clara trat herein.
 
                             Siebenzigstes Kapitel.
                                Marie und Clara.
Ob das Erschrecken Arturs bei ihrem Anblick oder das Erstaunen des jungen
Mädchens grösser gewesen, als Beide sich nun so auf einmal hier Auge gegen Auge
gegenüber standen, ist wohl schwer anzugeben. Aus Beider Herzen stiegen seltsame
Gedanken, aus dem seinen bittere, traurige, und auch ihre Ueberraschung war
keine frohe zu nennen. - »Was macht er hier,« dachte sie, »in dem Hause, das ich
nur scheu und zitternd betreten, einzig und allein in der edlen Absicht, der
dahin geschiedenen Freundin den letzten Liebesdienst zu erzeigen?« Er biss heftig
auf seine Lippen, indem er zu sich sagte: »Ah! es ist Alles so, wie ich
erfahren; sie geht hier ein und aus.«
    Obgleich Madame Becker aus dem vorhergehenden Gespräch wohl entnommen, dass
er ein Interesse an dem Mädchen nahm, so hatte sie doch keine Ahnung davon, wie
genau Beide mit einander bekannt seien, und hielt es auf alle Fälle für
schicklich, »den Herrn Baron - einen ihrer Bekannten« der Tänzerin vorzustellen.
    Zuerst wollte Artur gegen den Titel eines Bekannten protestiren und hätte
es vor ein paar Tagen noch lachend und eifrig getan, jetzt aber, von der
Untreue und Schlechtigkeit Clara's überzeugt, dachte er: »Ei, das wird mich in
ihren Augen nicht heruntersetzen, und es soll mir ganz gleichgiltig sein, ob ich
auf diese Art vor ihr kompromittirt werde.«
    Die Vorstellung der Madame Becker und der plötzliche Anblick Arturs hier in
diesem Hause hatten aber auf das junge Mädchen erschreckend gewirkt; sie war,
jedoch unmerklich, zusammen gezuckt, ein tiefes, unerklärliches Weh durchzog ihr
Herz, und ihr Gesicht, ohnedies heute nicht frisch und rosig wie sonst, sah
bleich und erschreckt aus.
    Ihm waren das Beweise ihrer Schuld, und wenn sich auch seine Hand unter dem
Tische krampfhaft zusammenballte, so bezwang er sich doch, stand lächelnd auf
und sagte, indem er eine leichte Verbeugung machte, es freue ihn sehr, die
schöne Tänzerin, Fräulein Clara Staiger - hier so unverhofft zu sehen.
    Dem Mädchen war dieser Ton und der kalte Blick, womit er begleitet war,
freilich rätselhaft; dass er unter diesem Besuche hier im Hause etwas Anderes
vermuten könnte, fiel ihr gar nicht ein; sie begriff nicht, dass Artur im
Stande wäre, ihr reines Herz, das sie ihm so offen hingelegt, zu verkennen. Und
da sie sich rein wusste, frei von jeder Schuld, so bezog sie ihrerseits wieder
sein verändertes Benehmen auf seine Verlegenheit, dass sie ihn hier bei der
Madame Becker gesehen; denn er hatte ihr ja nie gesagt, dass er diese Frau kenne.
Viel weiter dachte dieses reine, arglose Herz natürlich nicht.
    Uebrigens war es für alle Drei ein peinlicher Moment; sogar Madame Becker
hatte ihre gewohnte Sicherheit verloren und meinte ziemlich linkisch, der Herr
Baron möchten doch nur Platz behalten und sich vor der Fräulein Clara gar nicht
geniren. - »Ach!« seufzte sie und machte dazu einen neuen, aber gänzlich
vergeblichen Versuch, ihren trockenen Augen einige Tränen zu entpressen, »sie
war mit meiner armen Marie wie ein Leib und eine Seele.«
    Artur, der es nicht über sich vermochte, wie er es im ersten Augenblicke
gewollt, das Zimmer schnell und stürmisch zu verlassen, wollte auch etwas sagen
und erkundigte sich nach dem schrecklichen Vorfalle im Teater, von dem er ja
selbst Zeuge gewesen und über welchen er von seinem Bruder die beste Auskunft
erhalten hatte. Es war ihm auch ganz recht, als ihm Madame Becker ein Langes und
Breites darüber erzählte, und wenn er dabei, scheinbar mit gespannter
Aufmerksamkeit, an ihren Lippen hing, so zeigte doch sein mühsames, ungestümes
Atemholen, sowie das Umherirren seiner Augen, dass sein Geist mit ganz anderen
Sachen beschäftigt sei.
    Clara fühlte das wohl und sie folgte angstvoll seinen wilden Blicken, und
wenn hie und da einer derselben sie traf, so zuckte sie wiederholt zusammen und
schlug ihre Augen nieder.
    »Ja, Herr Baron,« sagte die Becker schluchzend, »so traf mich dieses
entsetzliche Unglück. Hier aus dieser Stube ging das arme Mädchen heiter und
wohl, in voller Gesundheit, und ein paar Stunden nachher brachten sie sie
sterbend zurück. Du Gott im Himmel! womit habe ich das verdient!«
    Artur zuckte die Achseln und bat die Frau in der höflichsten Art, ihre
Tränen gefälligst trocknen zu wollen und ihren Schmerz zu mässigen. Er brachte
auch allerlei Gemeinplätze vor, als: das Schicksal nehme nun einmal seinen
traurigen Lauf, was beschlossen, sei nicht zu ändern, Alles in der Welt, selbst
das Entsetzlichste, sei am Ende doch zu etwas gut - und bei diesen letzten
Worten blickte er nach Clara, die ihre Hände gefaltet hielt und leicht mit dem
Kopfe schüttelte; denn so kalt hatte sie ihn nie sprechen gehört.
    »Haben Sie die Marie gekannt?« fragte Madame Becker nach einer Pause,
während welcher sie ihre Tränen getrocknet hatte.
    »O ja, ich erinnere mich ihrer, ich sah sie häufig; es war ein schönes,
blühendes Mädchen.«
    »Das war sie,« sagte eifrig die Frau, »und jetzt, da sie todt daliegt, ach!
ganz todt, ganz todt, sollte man das nicht glauben; man meint, sie schlafe nur.
Wenn es Ihnen keinen Schauder macht, Herr Baron, etwas Todtes zu sehen, so
sollten Sie wirklich hinein gehen und sich das arme Kind betrachten.«
    »Warum sollte mir der Anblick von unser aller Ende unangenehm sein!«
erwiderte der junge Mann mit leiser Stimme. »Wenn es Ihren Schmerz nicht zu sehr
wieder aufregt, so würde ich Sie bitten, mich hinein zu führen.«
    »Ach ja, es wird meinen Schmerz sehr aufregen,« versetzte die Frau mit
affektirter Bewegung. »Ach! der Anblick des armen bleichen Gesichtes bringt mich
noch unter den Boden!«
    »Wenn es dem Herrn - - gleichgiltig wäre,« meinte schüchtern die Tänzerin,
»so würde ich ihn zu Marie hinein führen.«
    »Ah! das wollten Sie?« sagte Artur mit einem schrecklichen, fast lustigen
Tone. »Gewiss, ich nehme Ihre Begleitung an. Der Himmel soll mich bewahren, den
Schmerz dieser unglücklichen Frau zu vergrössern!«
    Clara neigte still ihr Haupt und schritt ohne ein Wort zu sprechen in das
Nebenzimmer.
    Artur folgte ihr.
    Es war dasselbe, aus dessen Fenstern in der gestrigen Nacht der schwache
Lichtschimmer auf die Strasse hinaus gezittert hatte; der Docht in der kleinen
Lampe, welche ihn erzeugt, brannte auch heute noch; man hatte vielleicht
vergessen, das Licht auszulöschen oder man hatte sein mattes Aufflackern und
ersterbendes Zusammensinken hier im Zimmer der Todten für passend erachtet. Auf
einer Erhöhung am Boden lag die Leiche des jungen Mädchens, weiss gekleidet, die
wachsbleichen Hände gefaltet; um den Kopf hatte sie einen Kranz von weissen
Blüten und rings um sie her lagen Blumen, bald einzeln, bald in Bouquets
zusammen gebunden. Man hatte die arme Marie noch nicht in ihr letztes trauriges
Haus gelegt, und wenn man sie so betrachtete, wie sie auf den weissen Kissen
dalag, so hätte man auch der Frau draussen wirklich Recht geben können, als sie
sagte, man glaube, das Mädchen schlafe nur. Obgleich ihr bleiches Gesicht schon
jenen eigentümlichen aschfarbenen Ton angenommen hatte, so war doch von der
Röte ihrer Wangen etwas übrig geblieben, ungefähr wie der leichte Schimmer
inmitten einer weissen verwelkten Rosenknospe. Auch die Lippen sahen noch frisch
und rot aus, und die Augenlider hatten nichts Eingefallenes und Starres; sie
schienen leicht herabgesunken und zeichneten sich nur scharf ab durch die langen
schwarzen, seidenartigen Haare der Wimpern.
    Wenn auch Artur durchaus von keinem Gefühl des Schauders ergriffen war, so
zog sich doch sein Herz wie krampfhaft zusammen, als er neben der Mädchenleiche
stand; ja, als er sah, wie sich Clara über sie niederbeugte und ihre kalte Stirn
küsste, atmete er kürzer und immer kürzer, ein leichtes Frösteln überflog seinen
Körper und demselben folgten wohltätige heisse Tränen. Ja, heute waren sie für
ihn wohltätig und beruhigend, es waren ja nicht mehr die Tränen des Hasses und
der Wut, die er gestern Nacht geweint, auflösende Wehmut und Trauer hatten
sich seines Herzens bemächtigt, und wenn er auch ebenso tief fühlte, was er
verloren, so dachte er weniger an seinen eigenen Verlust, als an das Verderben
jener armen Seele.
    Clara blickte zu ihm empor und sagte nach längerem Stillschweigen: »Ach! sie
war sehr unglücklich geworden, die arme Marie! er liebte sie so innig und sie
sollte ihm nicht angehören dürfen.«
    »Das ist allerdings sehr, sehr traurig,« versetzte Artur kaum hörbar. »Aber
warum durfte sie ihm nicht angehören.«
    »Ich weiss das nicht so genau; aber ich glaube, ihre Tante wollte sie
zwingen, gegen einen Andern freundlich zu sein.«
    »Und sie liess sich zwingen?«
    »Ach! die Ueberredung.«
    »Ja - richtig, die Ueberredung! - Und er hat es erfahren, dass sie ihm
treulos geworden?«
    »Ja, er hat es erfahren. Schwindelmann sagte es ihm; und der tat sehr
Unrecht, denn Marie dachte nicht daran, treulos zu werden. Wissen Sie aber wohl,
Herr Erichsen, aller Schein war gegen sie und das ist sehr schlimm!«
    »Herr Erichsen hat sie mich lange nicht mehr genannt,« dachte Artur. -
»Sehr schlimm,« versetzte er darauf.
    »Es ist für ihn ein noch grösseres Unglück, als für sie,« fuhr das Mädchen
mit gefalteten Händen fort, indem sie einen Blick auf die Leiche warf; »sie ist
ja todt und es kann sie Niemand mehr kränken oder foltern. Aber ihm geht das
nach wie ein Gespenst; sie sagen auch, der Richard sei ganz tiefsinnig geworden,
denn was man beim Teater munkelt, er habe das Tau absichtlich ausgleiten
lassen, ist ihm zu Ohren gekommen.«
    »Und was glauben Sie? Hat er es absichtlich getan?«
    »O gewiss nicht, Herr Erichsen; er war nur erschreckt, als ihm der
Schwindelmann von ihrer Untreue erzählte. Ich glaube wohl, dass er da nicht mehr
wusste, was er tat, denn das muss ja schrecklich sein.«
    »Meinen Sie das wirklich, Fräulein Clara?« fragte Artur tief aufatmend.
    »Warum nennt er mich Fräulein Clara?« dachte das junge Mädchen.
    »Sehen Sie,« fuhr er mit zitternder Stimme, aber deutlich betonend fort, »so
etwas kommt im Leben häufig genug vor. - O um Gottes Barmherzigkeit willen,
Clara, schauen Sie mich nicht so zweifelhaft an!« unterbrach er sich heftig -
»häufig genug,« sprach er ruhiger; »Untreue bald von der, bald von der Seite.
Aber nicht immer nimmt es ein so klägliches Ende wie hier. - Hören Sie mich
deutlich an, Clara, denn ich spreche jetzt von Ihnen und nicht von der Todten;
ich habe Ihnen absonderliche Dinge zu sagen.«
    »Das habe ich Ihnen angesehen,« versetzte erschrocken das Mädchen.
    »Ich kann mir denken, dass Sie es erwartet; aber es ist besser, wenn ich es
Ihnen hier sage. Der Anblick des unglücklichen Geschöpfes da zwischen uns stimmt
mich wehmütiger und ruhiger; - sonst,« sprach er mit heftigem Tone, »müsste ich
das, was ich Ihnen zu sagen habe, hinaus schreien mit lauter Stimme; wenn es in
Ihres Vaters Hause geschähe, Clara - und geschehen muss es doch einmal - so müsste
ich Ihren Vater bei der Hand fassen und ihn vielleicht mit verantwortlich
machen, dass Sie mich - betrogen.«
    »Herr Gott im Himmel!« schrie entsetzt die Tänzerin.
    »Hier aber,« fuhr er mit weit aufgerissenen Augen fort, während seine Hände,
die er gegen die Leiche ausstreckte, heftig erzitterten, »hier vor dieser da,
muss ich mich bezwingen und darf nur flüstern. Aber Sie werden auch dieses
Flüstern verstehen, Clara. - Ja,« sagte er nach einem tiefen Atemzuge, wobei er
schmerzlich nach ihr hinblickte, »ja, Clara, du hast mich betrogen, entsetzlich
betrogen. Wesshalb du es getan - ich weiss es nicht. War es, weil dein Herz
falsch ist, weil du mich nicht geliebt, war es eine Laune - Gott weiss es! Mir
soll es, hoff' ich, ewig ein Geheimnis bleiben!«
    Clara war neben der todten Marie auf die Kniee gesunken, blickte einen
Augenblick entsetzt in die Höhe und verbarg ihr Gesicht in beide Hände.
    »Es ist,« fuhr er sanfter fort, »fast die gleiche Geschichte, wie mit dem
armen Mädchen da, nur dass sie unschuldig ist. Aber als er von ihrer Untreue
hörte, er, der sie gewiss nicht inniger liebte, als ich dich, er, der ihr kein
besseres und glänzenderes Schicksal bereiten wollte, als ich dir - liess er sie
niederstürzen, wirklich niederstürzen, und sie zerschmetterte vor seinen Füssen.
- Ich aber,« sagte er mit leiser, jedoch schrecklicher Stimme, »ich kann und
will das Gleiche nicht tun, ich will dich nicht leiblich zu meinen Füssen
niederstürzen sehen, kein Haar soll dir gekrümmt werden, nicht dein schönes
Gesicht verunstaltet, kein Glied deines prächtigen Körpers beschädigt werden,
obgleich du auch an mir hingst, von mir abhingst. - Aber auch ich zerreisse dies
Band, auch ich lasse dich, wenn gleich im Geiste, zu meinen Füssen niederstürzen,
und wenn ich mich von dir lossage, was hier feierlich vor dieser Todten
geschieht« - dabei streckte er beide Hände weit von sich ab - »so wirst du
vielleicht deinen Gott anflehen, er möge dir ein gleiches Schicksal zu Teil
werden lassen, wie dieser da.«
    Clara war unter der furchtbaren Last dieser Vorwürfe und entsetzlichen Reden
mit dem Kopf auf die Leiche niedergesunken, und da es ihr unmöglich war, etwas
zu antworten, so hatte sie nur flehend und wie schützend die Hände über ihr
Haupt erhoben, als wolle sie dadurch den Fluch abwehren, den er auf dasselbe
herabschleuderte. Als sie sich endlich wieder fasste, als sie rief: »Artur! um
Gotteswillen, Artur!« und aufsprang, da war er verschwunden. Sie blickte
zweifelnd in dem Zimmer umher, fuhr mit der Hand über die Augen und wollte sich
einreden, sie habe hier bei der todten Marie einen schrecklichen Traum gehabt,
und er sei in Wahrheit gar nicht da gewesen. - Oh! wenn dem so gewesen wäre!
    Aber dem war nicht so. Madame Becker, die heftig erregt herein trat, sagte:
»Hat sich die Leiche nicht bewegt, als Jener im Zimmer war? Das sollte so sein,
wenn Gerechtigkeit wäre, sie hätte drohend die Hand gegen ihn aufheben sollen. O
dass ich ihn nicht früher gekannt, dass ich seinen Namen nicht gewusst! ich erfuhr
ihn erst vorhin, als er wie toll zur Türe hinausstürzen wollte. - Clara,
Clara!« wandte sie sich an diese, »nimm dich in Acht vor der Familie! Einer von
ihnen ist schuld an dem Tode meiner Marie.«
    »Und der Andere - wird schuld an dem meinigen sein!« seufzte das
unglückliche Mädchen und legte ihr Gesicht auf die Hand der Todten, als suche
sie hier Schutz und Trost.
 
                          Einundsiebenzigstes Kapitel.
                                Alles verloren.
In dem Hause des Herrn Staiger hatte sich, seitdem Herr Blaffer das Honorar so
bedeutend erhöht, allerlei auf's Vorteilhafteste verändert. Um das einzige
Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun, unter dem Schreibtisch lag
ein altes Rehfell; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein, und die
einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen. Aber es tat seine
Dienste, indem es die Füsse des alten Herrn wärmte. Auch dem Ofen war etwas vom
besseren Verdienste zu gute gekommen, man gab ihm reichlicheres und härteres
Holz, und er, dafür dankbar, verbreitete um sich her eine angenehme Wärme. Und
dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich; es war beinahe Mittagszeit,
und Clara, die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu
besuchen gebraucht, hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt, und war
unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen, wie wir bereits wissen. Die
Sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger übertragen
worden, der sich hiezu, als seines Adjutanten, des Bübchens bediente, das er vor
den Ofen gestellt und beauftragt hatte, Lärm zu schlagen, sobald Suppe oder
Kartoffeln irgend eine aussergewöhnliche Bewegung zu machen anfingen. Zuerst
hatte Karl einige Einwendungen gemacht, denn er war an dem heutigen Morgen
ausserordentlich beschäftigt; die Familie Staiger hatte nämlich, wie wir bereits
wissen, einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken,
dass das kleine Mädchen, welches Artur gebracht, mit herzlicher Liebe
aufgenommen worden war. Natürlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei
gestellt, dass die Bedürfnisse des armen Wesens ausschliesslich ihm zur Last
fallen müssten, und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich
gebessert; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ängstlich, denn ihr Herz
schlug freudiger, sobald es die Wärme gespürt hatte, mit der sie von diesen
guten Menschen behandelt wurde. Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz
genommen, lehrte sie all' die sinnreichen Spiele, die er zu treiben pflegte,
wobei sie ihm bald als Pferd, bald als Armee dienen musste. Heute war sie sogar
seine Prinzessin; er hatte das Fussbänkchen Clara's umgekehrt, das Mädchen hinein
gesetzt, die Trümmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine
Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt. Doch musste dem Befehl des
Vaters Folge geleistet werden, wesshalb das Bübchen den Fussschemel wieder
umkehrte, das fremde Kind darauf setzte, ihm ein Bilderbuch in die Hand gab, und
sich darauf, als er das Pferd ausgespannt hatte, an den Ofen begab.
    Das Geschäft, welches ihm der Vater übertragen, besorgte übrigens nun der
Kleine mit einer so übergrossen Pünktlichkeit, dass er dadurch die Arbeit des
Vaters weit öfter unterbrach, als notwendig gewesen wäre. Jeden Augenblick
glaubte er, der grosse Moment sei gekommen, wo die Suppe Neigung zeige,
überzukochen, und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurück, wobei es
bereits zweimal vorgekommen war, dass er über sein kleines kopfloses Pferd
stolperte, welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte. Das gab
dann begreiflicherweise eine grosse Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger
mehrere wertvolle Minuten, bis Bübchen, Pferd und Bindfaden wieder aus einander
gewickelt waren, bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der
Lauerposten wieder aufgestellt worden war.
    Dem Bübchen war übrigens auch etwas von dem Glanze der Familie zu gute
gekommen; er hatte ein neues und warmes Röckchen an, seine kleinen Schuhe waren
untadelhaft, und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhändig
eine Bettdecke genäht, welche der Stolz der beiden Kinder war.
    Es war seltsam, aber nicht zu leugnen, dass auf den Herrn Staiger allein sein
grösserer Verdienst eine andere Wirkung ausübte, als man sich wohl hätte denken
sollen. Er, der sonst Alles hergab, was er einnahm, er, der seine Tochter Clara
früher zur Verschwendung angetrieben, wie sie oftmals lachend sagte, war geizig
geworden, ja recht geizig, und Clara musste es zu ihrem grossen Erstaunen erleben,
dass er anfing, seine Kasse selbst zu verwalten, indem er ihr nur das nötige
Geld für die Haushaltung abgab und alles Uebrige in seinem Schreibtisch
verschloss. Dass er nicht die Absicht hatte, von diesem Gelde etwas für sich zu
verwenden, lag klar am Tage, denn sogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara
oktroyiren müssen, und als sie auf einen neuen Anzug zum Ausgehen für ihn drang,
hatte er sich bestimmt dagegen erklärt, indem er vorgab, er fühle doch, es sei
seiner Gesundheit viel zuträglicher, wenn er während der Winterszeit wenig
ausgehe; im Sommer werde man dann schon sehen.
    Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld: Onkel Tom war so gut wie
beendigt, aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitläufige Arbeiten besprochen
und sein Honorar wunderbarer Weise abermals erhöht.
    Seit ihn das Bübchen zum letzten Mal gestört, hatte er die Feder nicht
wieder aufgenommen, sich vielmehr in seinen Sessel zurückgelehnt und schaute,
die Arme über einander geschlagen, an die Zimmerdecke empor. Es mussten keine
unangenehmen Gedanken sein, die ihn beschäftigten, denn er machte ein
freundliches Gesicht, spitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen, wie in
wichtiger Betrachtung, die Augenbrauen hoch empor. - »Das Ganze ist mir immer
noch zu schön und traumartig,« sprach er zu sich selber, »die Abendröte, die am
Ende meines Leben leuchtet, kann dem neuen jungen Tage wohl schönes Wetter
bringen, aber ebenso leicht Sturm und Regen. Nun auf alle Fälle tu' ich das
Meinige; was der Himmel über uns verhängt, das wollen wir jederzeit geduldig und
gern hinnehmen, - obgleich,« meinte er schmunzelnd, »das Bessere immer
angenehmer ist; und ich muss schon gestehen, wenn man seine Kinder liebt wie ich,
so kann es einen hoch entzücken, wenn man Aussichten hat, dass es ihnen gut gehen
soll. - An meinem Leben würde ich freilich nichts ändern, ich würde fleissig
arbeiten, so lange es geht, und nur Sonntags mir ein kleines Vergnügen machen
und wohlgekämmt nach meinen Kindern sehen, nach meinem Schwiegersohn - Herrn
Artur Erichsen. - Gott! wie man in seinem Alter noch so kindisch sein kann!«
unterbrach der alte Mann seine Betrachtungen, die er aber doch nicht unterlassen
konnte, still denkend fortzusetzen. Ja, der alte eitle Mann sah sich schon im
saubern Anzuge, er hatte sogar Handschuhe an und trat in das Haus seiner
Tochter, wo man ihn an einem gewissen Sonntag zum Mittagessen erwartete. Clara
machte die Honneurs wie eine Prinzessin; mit ihrem stillen, ruhigen und
liebevollen Wesen entzückte sie ihren Mann, leitete die Dienstboten und hielt
ihre kleinen Kinder in Ordnung, - ja, wir können es nicht leugnen, Herr Staiger
hatte sogar die Verwegenheit, an Enkel zu denken. Diese Ideenverbindung leitete
sich übrigens wohl aus dem Anblick seines eigenen Bübchens her, welches, um sich
die Zeit zu vertreiben, bis zu dem grossen Moment, wo es der Suppe gefällig wäre,
überzukochen, allerlei sonderbare Zählübungen anstellte. Clara hatte ihm in den
Abendstunden das Zählen von Eins bis Zehn beigebracht, auch, dass Eins und Eins -
Zwei, Zwei und Eins - Drei sei, und das mischte er nun Alles auf die
abenteuerlichste Weise durch einander.
    »Eins und Eins ist Vier, Fünf, Sechs und Eins ist Zehn,« sagte er und rief
alsdann mit lauter Stimme: »aber jetzt, Papa, kocht sie über. Geschwind,
geschwind, sonst zankt Clara!«
    Damit sprang er abermals rückwärts, erinnerte sich aber glücklicherweise des
hinter ihm stehenden Gaules, wesshalb sich der Zusammenstoss zwischen Beiden so
gestaltete, dass das Pferd ein paar Schritte rückwärts flog zwischen die Füsse des
Herrn Staiger, der eilig näher kam und nun fast das Schicksal seines Sprösslings
erlitten hätte.
    »Aber potz Tausend, Karl!« sagte der alte Herr, »man muss auch hinter sich
sehen können. Jetzt wirfst du mir dein Pferd auf die Füsse und ich bin überzeugt,
du machst wieder viel Lärmen um gar nichts.«
    »Aber es läuft schon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein,« erwiderte das
Bübchen, »und das stinkt und Clara wird es riechen, wenn sie nach Haus kommt,
und da werden wir Beide gezankt.«
    »Ja, da hast du Recht,« versetzte lachend der Vater, »und es tut weh, wenn
Clara Jemand zankt. Nicht wahr, davor fürchtest du dich mehr, als wenn ich dich
zanke.«
    »Ja wohl,« sagte der Kleine bestimmt. »Denn wenn Clara zankt, so habe ich
etwas getan.«
    »Und wenn ich zanke?«
    »Oh!« erwiderte das Bübchen, indem es die Hände auf dem Rücken zusammen
legte, »das geschieht ja niemals; du kannst gar nicht zanken.«
    »Sieh Einer den kleinen Bösewicht!« sprach lachend Herr Staiger; und dabei
zog er die Suppenschüssel etwas nach vorn, damit der Inhalt, von der Glut des
Feuers entfernt, nicht mehr so heftig sprudle. - »So, so, du meinst, ich könnte
nicht zanken!«
    »Nein, denn du sagst ja immer: wartet nur, Clara wird euch recht zanken.«
    »Nun, da werde ich es nächstens selbst lernen müssen,« meinte gutmütig der
alte Mann. »Denn wenn Clara einmal fort geht -«
    »Ah! sie geht ja immer fort.«
    »Ganz richtig, Karl,« sagte der Vater; »aber nächstens geht sie ganz fort
und kommt gar nicht wieder.«
    »Wie, Papa?« fragte erschrocken das Kind. »Clara käme nächstens einmal nicht
wieder? - aber doch zum Essen?«
    »Nein, mein Sohn.«
    »Aber doch zum Schlafen?«
    »Auch das nicht.«
    Dies gab dem Bübchen zu denken; er schaute vor sich auf den Boden nieder,
doch mussten seine Gedanken sehr unerfreulicher Art sein, und ohne weiter viel
Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmütig um seinen Mund gezuckt,
brach er plötzlich in ein so lautes und anhaltendes Weinen aus, dass Herr Staiger
alle Mühe hatte, ihn zu trösten, und ihm zuletzt gutmütig, wie er war,
versprechen musste, dass, wenn er recht brav sei, Clara dableiben würde; im andern
Falle aber stehe er für gar nichts.
    Es war ein Glück, dass in diesem Augenblicke die kleine Schwester, aus der
Schule kommend, hereintrat, um den Vater im Geschäft des Tröstens abzulösen;
denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in
solchen Augenblicken gern allerlei zu versprechen, was ihm später, bei dem guten
Gedächtnis des Bübchens für dergleichen Dinge, viel zu schaffen machte.
    Die kleine Marie war recht gut und sauber angezogen, ihre langen Zöpfe
untadelhaft geflochten, und für Tafel und Bücher hatte sie von Clara eine Tasche
erhalten, in welcher diese früher Schuhe und Weisszeug mit in die Tanzschule zu
nehmen pflegte. Dieser neue und bessere Anzug hatte recht erhebend auf das
Gemüt des kleinen Mädchens eingewirkt, sie trug ihr Köpfchen so hoch als
möglich, sprach gern altklug und nahm sich mit einer gewissen Ostentation der
Haushaltungsgeschäfte an. So auch heute sah sie bei ihrem Eintritte, nachdem sie
ihren Büchersack abgelegt, sogleich nach, ob im Zimmer nicht etwas zu finden
sei, was nicht in Ordnung wäre. Da nun das fremde Mädchen statt zu lesen, was
sie auch nicht gekonnt hätte, aufmerksam bald Herrn Staiger, bald den Ofen
betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute, so verwies ihr das Marie, nahm
ihr die Lektüre, wischte ihr die Nase und brachte ihr eine Puppe, mit welchem
Tausch übrigens das Kind sehr zufrieden zu sein schien. Darauf ging sie nach dem
Ofen, betrachtete die Kocherei, wobei die Versuche des Herrn Staiger in dieser
Richtung von ihr ziemlich geringschätzend angesehen wurden.
    »Du hättest die Suppe nicht vom Kochen wegziehen sollen, Papa,« sagte sie,
»sondern lieber mit dem grossen Löffel den Schaum herunter nehmen, wie es Clara
macht.«
    »Nun, wenn du es besser weisst, kleiner Hofmeister, so tu' also,« bemerkte
geduldig Herr Staiger, ohne von seiner Arbeit, die er wieder begonnen,
aufzusehen.
    Um das Gesicht des Bübchens wetterleuchtete immer noch unverkennbar etwas
Wehmütiges, das sich steigerte, sobald die kleine Schwester an den Ofen trat;
denn er liebte es in dergleichen Fällen, gefragt zu werden, warum er weine. Dies
geschah denn auch bald und Marie sagte: »Du hast wieder einmal geheult.«
    »Das habe ich auch,« entgegnete er.
    »Und warum denn?«
    »Weil Papa gesagt hat, die Clara gehe fort und komme nicht mehr nach Haus
zum Essen und auch nicht zum Schlafen.«
    »Und deshalb weinst du so arg?« fragte das Mädchen mit sehr ernstem Tone.
»Wenn Clara wirklich fort geht, so ist es gut für sie und für uns Alle. Und
darüber sollen wir nicht weinen.«
    »Aber dann habe ich ja Niemand mehr!« heulte das Bübchen, worauf Marie mit
sehr wichtigem Tone entgegnete: »So bin ich immer noch da, und auch ich kann
bald kochen und dich zu Bett legen.«
    Von dem Bübchen aber wurde dieses Versprechen durchaus nicht als Trost
aufgenommen, vielmehr schluchzte es stärker und sagte mit sehr kläglichem Tone:
»Aber die Clara soll nicht fort - und dann hätten wir Niemand mehr - denn du
bist gar nichts.«
    Herr Staiger sah sich abermals veranlasst, mit Tröstungen und Versprechungen
den Wortwechsel, der sich zwischen den beiden Geschwistern zu entspinnen schien,
zu Ende zu bringen, und wollte dabei versuchen, dem Bübchen begreiflich zu
machen, wie man auf dieser Welt nicht immer beisammen bleiben könne, wie er
vielleicht nächstens nach dem Himmel abgehe, das Bübchen selbst in die Schule
und Clara auch irgendwo hin, wo sie es gut hätte. Doch war er mit seiner Rede
noch nicht weit gekommen, als sich die Türe öffnete und Clara eintrat. Der alte
Mann, zufrieden, nun nicht weiter sprechen zu müssen, sagte: »Es ist wie immer
ein wahrer Segen, dass du kommst; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben.«
Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte deshalb
nicht sogleich das verstörte, bleiche Gesicht seiner ältern Tochter.
    Clara ging schwankend wie im Schlafe; sie hatte die Augen auf den Boden
geheftet, und erst, als sie in das Zimmer getreten war, erhob sie sie wieder und
blickte die alten bekannten Gegenstände ringsum an, dann zuckte ein trübes
Lächeln um ihren blassen Mund, sie schaute alsdann lange gen Himmel, und da sie
zu gleicher Zeit die Hände faltete, so konnte sie ihren Tränen nicht verwehren,
langsam über ihre Wangen hinab zu rollen.
    »Clara, meine gute Clara!« rief das Bübchen, wobei es auf sie zusprang und
ihre Kniee umfasste; »ich habe auch soeben geweint und um dich arg, arg geweint -
so arg. Aber ich bin nicht unartig gewesen, gewiss nicht.«
    Clara zuckte zusammen, als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht, und
beugte sich auf das Kind nieder, hob sein liebes, unschuldvolles Gesichtchen zu
sich empor und küsste es heftig und wiederholt.
    »Ja, er hat geweint,« sagte der alte Mann, wobei er aber fortfuhr zu
schreiben; »doch war sein Kummer wie gewöhnlich nicht weit her; auch vermagst du
ihn gleich zu lindern, meine gute Clara, wie du denn überhaupt nicht bloss die
Segenbringende der Familie, sondern auch unser Aller Trösterin - ein kostbarer
Schatz bist, den wir gewiss Alle ungern verlieren werden. Aber, wie Gott will!«
    »Amen!« entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tiefsten Wehes, und darauf
blickte sie abermals gen Himmel.
    - »Und ich koche, liebe Schwester Clara,« sprach das kleine Mädchen wichtig
tuend, »Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub' hat gar
nichts gesagt.«
    »O ja, ich habe geschrieen,« erwiderte dieser trotzig.
    
    »Das kann ich bezeugen,« meinte Herr Staiger lächelnd. »Er hat geschrieen
und ist dabei in vollem Eifer über sein Pferd gepurzelt. - Aber warum bleibst du
an der Türe stehen, liebe Clara, und legst deinen Hut nicht ab?«
    »Ja - ja - so!« versetzte die Tänzerin tief atmend.
    »Du bist bekümmert, mein Kind,« sagte der Vater, der seine Brille fester an
die Augen drückte und nun seine Tochter erst recht betrachtete. »Du siehst blass
aus und hast geweint. - Nun ja, ich begreife das; du kommst von einer armen,
gestorbenen Freundin, und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt. Nun was
macht denn die Madame - die Frau Tante? - Gott verzeihe mir, aber das ist ein
schlimmes Weib. Die arme Marie, da die Sache nun einmal geschehen, ist
wahrhaftig besser daran, als hier auf der Welt. Aber beruhige dich, mein Kind.
Komm', setz dich zu mir her. So alterirt warst du ja nie. Hast du vielleicht bis
jetzt noch keinen Todten gesehen? - Doch! doch! was red' ich für Unsinn, und
denke nicht mehr an unsere eigene arme, kleine Leiche! Siehst du, so leicht ist
man vergessen.«
    »Ja, man ist leicht vergessen,« erwiderte Clara mit leiser Stimme. Und als
sie sich dem Tische näherte, an dem ihr Vater sass, legte sie Hut und Tuch ab,
welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht
unterlassen konnte, einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und
tragen zu helfen, während er mit der andern sein hölzernes Pferd hinter sich
drein schleifte.
    Clara stellte sich hinter ihren Vater, legte ihre beiden Arme auf seine
Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf - eine Stellung, die sie häufig
annahm, wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte, was er
gern zu tun pflegte. Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so, denn sie
konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, die jetzt, wo die allgemeine Liebe ihrer
Familie ihr Herz erweichte und erwärmte, unaufhaltsam flossen.
    »Was sagte ich doch eben?« fuhr Herr Staiger fort, indem er mit seinem
Papiermesser hin und her fuhr. - »Richtig! ich meinte, es sei am Ende für die
arme Marie ein Glück, so unschuldig in den Himmel zu kommen. Gott verzeihe es
ihrer Tante, aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen
Marie einen kleinen Schaden erlitten. Ach! die Menschen sind so schlecht und
bösartig; glaube mir, Clara, ein Wort, eine Anspielung, ein seltsamer Blick, von
Einem mit Beziehung gesagt oder getan, wird von den Andern begierig
aufgegriffen und vergrössert weiter erzählt. Und das unschuldigste Gemüt, einmal
vom Gifte der Verleumdung angesprjetzt, erhält gewöhnlich Verwundungen, die ein
ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind.«
    »O gewiss, o gewiss - gewiss,« sagte Clara.
    »Desshalb aber auch hasse ich alle Verleumder, ärger als den Teufel, ärger
als die Sünde. Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere, und eine
reine Seele, die von schändlichen Klatschereien mit scheusslichem Gift und Geifer
bespritzt wurde, fiel schon oftmals eben dadurch der Sünde anheim. Der Glaube an
ihre Reinheit war verloren, die Liebe zu den Nebenmenschen erschüttert und die
Stützen gebrochen, welche sie aufrecht erhielten, und da sank so ein
unglückliches Geschöpf immer tiefer und tiefer. - Fluch über solche, die mit dem
guten Namen ihres Nebenmenschen spielen und so oft ein ganzes Lebensglück
zerstören!«
    »Ja, ja, ein Lebensglück zerstören,« hauchte Clara.
    »Aber warum weinst du so heftig, liebe Clara?« sprach der alte Mann, indem
er sich halb umwandte. »Ich fühle deine heissen Tränen auf meinen Kopf fallen,
dich haben doch meine Worte nicht betrübt? - Wie wäre das möglich? Dein
Lebensglück fängt erst an aufzublühen; gewiss, mein Kind, du stehst rein da, dein
Ruf ist unbefleckt. Wer sollte sich an ihn wagen?«
    »Vater! Vater!« entgegnete die Tänzerin mit leiser Stimme »und sie haben das
doch getan.«
    »Was? - Gott im Himmel!« erwiderte erschrocken der alte Mann. »Dir hätte man
Uebles nachgesagt - dir, Clara? - O nein, das ist unmöglich!«
    »Es ist so, Vater; ich komme soeben von der Marie, ich habe zum letzten Mal
ihr Haar gemacht und den Kranz darin befestigt, den sie nie mehr ablegen wird. -
O Gott! o Gott!« rief sie in lautes Weinen ausbrechend; »warum bin ich nicht an
ihrer Stelle, Warum hat sie mir nicht diesen Liebesdienst erzeigt?«
    »Stille! stille!« sagte Herr Staiger; »stille, Clara! Die kleinen Kinder
dort geben Achtung und wissen nicht, was das bedeuten soll.« Er fasste ihre
beiden Hände und zog seine Tochter sanft hinter seinem Stuhle vor, damit er ihr
in's Auge sehen konnte. »Du hast gelitten, arme Clara,« sprach er nach einer
Pause kopfschüttelnd, »sehr, sehr gelitten. Das ist nicht mehr dein gutes,
unbefangenes Gesicht; sage deinem Vater, was es gegeben hat, ich kann dir raten
und vielleicht auch helfen.«
    »Helfen gewiss nicht,« erwiderte sie mit traurigem Lächeln; »es ist Alles,
Alles aus. O Vater! es war aber auch zu schön; es konnte nicht so kommen, wie
ich es mir in entzückenden Träumen ausgedacht.«
    Herr Staiger nickte mit dem Kopfe, als wollte er sagen: ich verstehe. Dann
fragte er: »Du hast Artur gesehen?«
    »Ja, Vater.«
    »Doch nicht bei jener Frau Becker?«
    »Doch, Vater, er war da, und die Frau sagte, er sei ein Bekannter von ihr.«
    »Hm! hm! Das will mir nicht besonders gefallen. - Und dann?«
    Clara schlug in Erinnerung des Schrecklichen, was sie gehört und das sie nun
wiederholen sollte, ihre Hände vor das Gesicht und brachte alsdann mühsam nach
einer kleinen Weile hervor: »Artur sagte mir, zwischen uns sei Alles zu Ende,
er lasse mich fallen, tief, tief hinab fallen. Ach! und er hat Recht: bei seinen
Worten stürzte ich so tief darnieder, dass Alles um mich her schwarz und traurig
ist, - so tief hinab, dass ich nicht einmal mehr weiss, ob es noch einen Himmel
gibt.«
    »Kind! Kind!« erwiderte der alte Mann, »das sind ja schreckliche Reden! -
Aber was sagte er dir eigentlich?«
    »Er sprach viele, viele Worte, aber ich hörte nur immer und immer fort, dass
es mit uns Beiden aus sei, und sah, wie er die Hände gegen mich ausstreckte, als
wollte er mich weit von sich stossen. - Ah!« seufzte sie und ein Schauder
durchflog ihren Körper.
    Das Bübchen hatte sich unterdessen näher geschlichen, hatte Clara's Knie
umfasst und schon einige Zeit, ohne dass es Jemand bemerkt, ebenfalls heftig
geweint. Jetzt schluchzte es aber so laut, dass der alte Mann aufmerksam werden
musste und das Kind sanft von seiner Schwester wegzog. »Du musst nicht so weinen,
Karl,« sagte er; »was hast du denn?«
    »Die Clara weint ja auch,« entgegnete das Bübchen, »und es ist doch wahr,
was du vorhin gesagt; sie weint, weil sie fortgehen soll. Nicht wahr, Clara, du
willst fortgehen?«
    »Nein, mein Kind!« rief das Mädchen, wobei sie ihre Arme um den Hals des
kleinen Bruders schlang; »ich gehe nicht fort, gewiss nicht, ich bleibe bei euch;
will auch nicht mehr weinen, denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden.
Ihr liebt mich ja Alle, unveränderlich und treu, und wisst es, dass ich eure gute,
gute Clara bin.«
    Während dem war an die Türe geklopft worden, ohne dass es die Gruppe am
Tische des Vaters gehört hatte. Nur das kleine Mädchen, das in grosser
Wichtigkeit mit ihrem Kochlöffel am Suppentopfe stand, hatte es vernommen und
keck »herein!« gerufen.
    Die Türe öffnete sich und Mademoiselle Terese trat in das Zimmer. Sie war
wie immer sehr elegant gekleidet; doch lag in der Art, wie sie heute ihren
langen Shawl um sich herum gezogen, ja man hätte sogar glauben können, in der
Weise, wie sie ihren Hut aufgesetzt hatte, noch etwas Herausfordernderes als
gewöhnlich. Sie trug ihren Kopf so hoch als möglich, blieb aber überrascht auf
der Schwelle stehen, als sie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn
sehr ernst vor sich niederblicken sah.
    Sobald Clara die Eingetretene bemerkte, versuchte sie ihre Augen zu
trocknen, ja sie lächelte, als sie der schönen Tänzerin entgegen trat und als
sie sagte, sie freue sich über ihren Besuch.
    Terese machte dem Herrn Staiger eine freundliche Verbeugung, nickte den
Kindern zu und zog dann, ohne weitere Umstände zu machen, Clara mit sich in die
Fensternische, wo sie zu ihr mit gedämpfter Stimme sprach: »Du weisst, mein Kind,
ich bekümmere mich sonst nur um anderer Leute Sachen, wenn man mich dazu
auffordert. Diesmal aber gehe ich von dieser Regel ab und du wirst mir eine
Frage erlauben. - Du warst vorhin bei der Becker?«
    »Ja,« sagte Clara.
    »Da sahest du Herrn Artur Erichsen? - Er hat dich schlecht behandelt, wie
die Becker sagte, denn er stürzte wie ein Wahnsinniger fort und du bliebst in
Tränen zurück. Ja, in Tränen,« sprach sie heftiger, als Clara das verleugnen
zu wollen schien; »sie fliessen noch, gestehe es mir, er hat dich schlecht
behandelt. - Herr Gott im Himmel! soll denn diesen Leuten Alles ungestraft
hingehen?« Damit schlug sie ihre feinen Handschuhe heftig zusammen. »Armes
Mädchen! Was kann man von dir Uebles denken? - Du, die Beste von uns Allen! -
Nun,« fuhr sie sonderbar lachend fort, »das wäre gerade nicht zu viel gesagt,
aber du, so gut und brav, dass sich sämmtliche Mädchen der Residenz ein Muster
daran nehmen könnten! - Sage mir um's Himmels Willen, Kind, was ist denn
vorgefallen? Gib mir Erlaubnis und ich setze ihm seinen Kopf zurecht. Ich will
mit ihm reden.«
    »O nein, nein! um Gotteswillen nicht!« bat Clara. »Was es gab, das kann für
jetzt nur in meinem Herzen verschlossen bleiben; später will ich es dir
vielleicht sagen.«
    »Später, wenn wohl Alles verloren ist,« entgegnete Terese wegwerfend.
»Clara, du bist zu gut und zu eigensinnig; es wäre mir eine Freude gewesen,
einmal mit den Herren anzubinden, - denn,« fuhr sie mit entschlossenem Tone
fort, »mit einem Andern aus der Familie habe ich ein sehr ernstes Wort zu
reden.«
    »Ich bitte dich, liebe Terese,« versetzte Clara, »lass das gut sein. Glaube
mir, ich danke dir für deine Teilnahme. Aber - über das, was er mit mir sprach,
lässt sich kein Wort weiter verlieren.«
    Die Andere zuckte heftig mit den Achseln, warf den Kopf empor und sagte: »Du
hast meinen guten Willen gesehen, und ich nehme dir auch gar nicht übel, dass du
mich abweisest. Das magst daraus entnehmen, wenn ich dich versichere, dass ich zu
jeder Zeit bereit sein werde, für dich einzutreten, - denn,« setzte sie mit
sanfter, fast weicher Stimme hinzu, »ich habe dich sehr lieb, meine gute Clara.
Wenn ich dich so ansehe, so denke ich mir immer: so hätte ich auch werden mögen.
- Bah! 's hat anders kommen sollen, und ich halte mich noch immer viel zu gut
für diese miserable Welt.«
    Damit legte sie ihre beiden Hände auf Clara's Haar, drückte einen langen Kuss
auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenso plötzlich verschwunden, wie
sie gekommen war.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Marie hatte unterdessen den Tisch gedeckt, den Bruder und das fremde Kind
daran gesetzt, Beiden einen weissen Lappen umgebunden, damit sie sich beim Essen
nicht schmutzig machen möchten, und sagte nun mit sehr wichtigem Tone: »Jetzt
ist die Suppe fertig! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu tun, denn ich habe
zwei grosse Löffel voll hinein geworfen.«
 
                                  Fünfter Band
                          Zweiundsiebenzigstes Kapitel.
                             Mademoiselle Terese.
Sobald es im Hause des Kommerzienrats Erichsen auf der grossen Schwarzwälder Uhr
Zwei schlug, erschien der alte Bediente mit dem Kaffee, und es war der Mann
darin so pünktlich, dass ihn Artur einmal antraf, Kaffeebrett und Tasse in der
Hand, mit den Augen geduldig dem Lauf des Zeigers folgend, der noch circa eine
halbe Minute bis zu der angegebenen Stunde zu laufen hatte. - Es hatte also
heute zwei Uhr geschlagen, zu gleicher Zeit waren auch Bedienter und Kaffee
erschienen, doch war es bereits halb Drei und Niemand von der Familie, selbst
nicht einmal der Kommerzienrat, der sonst diesem Augenblicke sehnsüchtig
entgegen sah, hatte daran gedacht, das Aufgestellte zu berühren.
    Die Kommerzienrätin sass in ihrer Sophaecke wie gewöhnlich, aber noch
aufrechter und unbeweglicher als sonst. Mit den grauen und harten Zügen ihres
Gesichts, aus denen die lange, spitze Nase drohender als je hervortrat, mit
ihrem einfachen Kleide von einer Farbe, die ebenfalls in's Gräuliche spielte,
hatte sie sehr viel Aehnlichkeit mit einer Versteinerung. Ja sogar ihre Augen
hafteten fest auf einem Fleck in der andern Ecke des Zimmers, und ihre knöcherne
Hand, die auf dem Tische lag, obgleich offenbar bereit zum Trommeln, hielt sich
doch noch ruhig und hatte nur die Finger weit ausgespreizt. Marianne sass neben
ihr in der anderen Ecke; die Arme über die Lehne gelegt und die Hände gefaltet,
den Kopf tief gesenkt, schien sie in ernste Betrachtungen versunken und sich gar
nicht um die Anwesenden zu bekümmern.
    In einem Fauteuil am Fenster lag der Kommerzienrat, aber sein Äußeres
zeigte nicht wie sonst um diese Stunde Ruhe und Behaglichkeit. Sein Gesicht war
etwas aufgedunsen und mehr als gewöhnlich gerötet, seine Unterlippe hing
schlaff herab, und zu gleicher Zeit hatte er die Augenbrauen hoch empor gezogen,
was seinem gutmütigen Gesichte einen ganz eigentümlichen Ausdruck gab. Hinter
ihm stand der Doktor, die Arme fest verschlungen und blickte so finster, als es
sein offenes und freundliches Gesicht nur erlaubte, auf seinen Schwager Alfons,
der, beide Hände auf den Rücken gelegt, in dem weiten Zimmer auf- und
abspazierte, und sich dabei offenbar in weit behaglicherer Gemütsstimmung
befand als alle Uebrigen. Er sprach, während er so einher schritt, wobei er die
Augen auf den Boden heftete und nur erhob, so oft er sich umwandte, um alsdann
Eines der Anwesenden eine Sekunde lang anzuschauen.
    »Eine Scheidung,« sagte er, »hat immer etwas Unangenehmes für die Familie,
in welcher dergleichen vorkommt; und ich würde schon aus dem Grunde Alles
anwenden, um die Geschichte zu verhindern. - Ich weiss wohl,« wandte er sich an
Eduard, »dass bei Madame bis jetzt alle Mühe vergeblich war; aber man muss ihr
begreiflich machen und deutlich sagen, dass bei einer Scheidung vor den Augen der
Welt immer einiger Makel auf beiden Teilen haften bleibt.«
    »Deine Reden wären recht schön,« erwiderte der Doktor, »wenn du es nur
einmal lassen könntest, sie mit den ewigen Gehässigkeiten zu untermischen; dass
die Scheidung für mich und meine armen Kinder allerdings ein Unglück ist, weiss
ich wohl, aber was dadurch für ein Makel auf meinen Namen fallen soll, begreife
ich nicht.«
    »Aber ich begreife es,« sprach streng die Kommerzienrätin, und ihre Finger
zuckten leise; »von dem Mann wird man sagen: er war ein unordentlicher Mann,
vielleicht ein unsolider Mann; und über die ganze Familie zuckt man die Achseln
und spricht: es ist doch nichts Rechtes dahinter.«
    »O Mama,« entgegnete der Doktor, »Sie sehen zu finster; in der Welt kommt so
Manches vor, wovon man heute vielleicht spricht, morgen aber denkt Niemand mehr
daran.«
    Die Rätin hustete leise, dann versetzte sie: »Das ist darnach, wem so etwas
passirt. Bei einer Familie, die Schimpf und Schande gewohnt ist, da tut
freilich ein bisschen mehr auch nicht viel. Aber bei einer Familie, wie die
unsrige« - dabei erhob sie ihre Stimme und ihre Hand bewegte sich - »einer
Familie, die in ihrem Tun und Lassen klar wie der Tag dastand, die noch nie
Gelegenheit gab, gehässig über sich sprechen zu machen, da schimpfirt so etwas,
wie wenn man die Augen verliert oder die Nase aus dem Gesicht.«
    »Nun, eine kleine Schmarre haben wir schon auf die Backen bekommen,« sagte
hämisch Herr Alfons.
    Die Rätin wandte mit einer steifen Bewegung den Kopf nach ihm herum; ihre
scharfen, grauen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen und die erhobene Nase
drückte deutlich aus: sprich weiter!
    Das tat denn auch der Schwiegersohn und bemerkte: »Nun, ich dachte nur an
den Skandal bei der Probe lebender Bilder. Das war nur eine kleine Ouverture,
der vielleicht noch Manches nachfolgt.«
    »O ja,« meinte der Doktor, »der vielleicht noch Manches nachfolgt.«
    Marianne erhob ihren Kopf und wechselte einen Blick mit ihrem Bruder. Darauf
seufzte das arme Weib tief auf und versank wieder in ihre Betrachtungen.
    »Und du kannst dich wahrhaftig nicht arrangiren, Eduard?« fragte der
Kommerzienrat mit verdriesslichem Ton und matter Stimme. »Ich versichere dich,
das Fragen und Schwätzen über diese leidige Angelegenheit ist nicht zu ertragen.
Sogar auf der Börse muss ich davon hören.«
    »Sogar auf der Börse!« wiederholte würdevoll die Rätin. »Das kann dem
Kredit des Hauses schaden.« Sie trommelte leicht auf dem Tische, aber nur wenige
Takte; dann sass sie wieder so steif und unbeweglich da wie vorhin.
    Alfons spazierte einige Male im Zimmer auf und ab, wobei ihn übrigens nichts
besonders Unangenehmes zu beschäftigen schien, seine Mundwinkel zuckten und
seine Hände rieben sich behaglich an einander. - »Was nun die andere Sache
anbelangt,« meinte er nach einer Pause, »so befahlen Mama, sie ebenfalls zur
Sprache zu bringen.«
    Die Rätin nickte mit dem Kopfe, und der Doktor schaute so plötzlich und
fragend auf Alfons, dass dieser genötigt war, ihm sagen: »Es betrifft Artur's
höchst kuriose Geschichte. Er macht ja kein Geheimnis mehr daraus, und wie ich
aus seinen Reden zu entnehmen glaubte, ist es ihm sogar nicht unangenehm, wenn
man darüber verhandelt.«
    »Ihn soll der Teufel holen!« seufzte der Kommerzienrat mit ziemlich
erzwungenem Zorn, wofür ihm aber ein strenger Blick seiner Gemahlin zu Teil
wurde. - »Es ist aber auch nicht zu sagen,« fuhr der geplagte Bankier fort, »was
man nicht Alles erleben muss. Ich hab' das satt und will meinem Herrn Sohn
zeigen, wo er her ist. Alle Wetter! das ging mir ab. Eine - eine - Tänzerin! -
Wie heisst die Person doch?«
    Die Rätin wandte ihm majestätisch das Gesicht zu und sprach: »Ich hoffe, du
bist weit genug gegangen in deinen Reden; du wärest freilich im Stande, sogar
den Namen jener Mademoiselle vor uns zu nennen. Pfui!«
    »Dass Einem die Galle überläuft ist kein Wunder,« fuhr der alte Herr Erichsen
fort; »kommt nicht einmal mehr zu Tisch, der saubere Herr! Also da keine Ruhe,
weil man sich ärgern muss, und nachher wieder keine,« dabei schielte er mit
schmerzlichem Gesichtsausdrucke nach dem unberührten Kaffee. »Ja, es ist eine
Schande,« fügte er nach einer Pause bei, als Niemand sprach, »für einen jungen
Menschen von Talent, der etwas Rechtes gelernt hat.«
    »Da liegt eben der Fehler,« entgegnete etwas lebhafter die Kommerzienrätin:
»Hättest du ihn was Rechtes lernen lassen, so hätte er kein Künstler zu werden
gebraucht, und wäre vielleicht mit - dergleichen Volk nie in Berührung
gekommen.«
    »Aber was will er denn eigentlich?« fragte Marianne, die sich für ihren
Bruder lebhaft interessirte.
    »Nun, er will sie hei -« erwiderte der Kommerzienrat; doch liess ihn ein
wahrhaft furchtbarer Blick seiner Gemahlin dies Wort nicht beendigen. Sie
hustete heftig und bedeutsam und sagte:
    »Dergleichen soll vor meinen Ohren nicht genannt werden. So etwas will ich
nicht hören; wenn man über diese - Geschichte sprechen will, so soll man sich
passender Ausdrücke bedienen.«
    »Aber, Mama, Sie sind in der Tat komisch,« bemerkte Alfons. »Er denkt sehr
stark an eine Heirat, wie ich gehört.«
    »Ich bin nie komisch, Herr Schwiegersohn,« entgegnete die Rätin, »am
allerwenigsten in einem Falle wie der vorliegende. Und von einem Zusammenlaufen
meines Sohnes mit jener Person kann durchaus keine Rede sein.«
    »Sie scheinen Artur nicht zu kennen, denn was er sich einmal vorgesetzt
hat, das tut er,« meinte Alfons.
    »Was in dem Falle Herr Artur zu tun gesonnen ist, kann mir gleichgiltig
sein; von meinem Sohne ist alsdann nicht mehr die Rede.« Dies sprach die Rätin
und machte dazu eine entschiedene horizontale Bewegung mit der Hand, worauf sie
ihre Finger wieder auf den Tisch niederfallen liess und einen wahren Siegesmarsch
trommelte, als wollte sie damit anzeigen, dass die Regeln des Anstandes über
jedes andere Gefühl den Sieg davon getragen haben.
    Der Kommerzienrat wagte es, leicht mit dem Kopfe zu schütteln, ja sogar
einen missbilligenden Blick seiner Ehehälfte zuzusenden.
    Doch bemerkte diese es nicht, denn sie schaute gerade vor sich hin und sagte
unter einzelnen bedeutsamen Schlägen auf den Tisch: »Die Scheidung, von der wir
vorhin sprachen, wird, ich sehe das wohl ein, nicht wohl zu hindern sein. Mein
Herr Schwiegersohn hat Recht, wenn er meint, es könne das einen Makel auf die
Familie werfen, und daher kommt mir eben die andere Geschichte, ich möchte fast
sagen, erwünscht. Man muss der Welt zeigen, welche - Opfer man bringt, um den
Namen des Hauses fleckenlos zu erhalten; man muss ihr zeigen, dass man ungeratene
Glieder der Familie wegwirft; man muss der Welt deutlich zu verstehen geben: ich
habe so gewollt und getan. Dann werden die Menschen vielleicht so gerecht sein
und, jene Scheidung betreffend, sagen: eine Frau, die den einen ihrer
ungeratenen Söhne verstiess, würde auch den andern nicht geschont haben, wenn
sie in seinem Tun und Lassen etwas Unrechtes entdeckt hätte. - Und so wird es
auch geschehen; lieber will ich allein und verlassen, aber mit Ehren, sterben,
als von Kindern umgeben, deren guter Name befleckt ist.«
    Nach diesen Worten zog sie ihr Taschentuch hervor, hielt es vor den Mund und
hustete leise hinein. Auch schaute sie ihre beiden Kinder an und als sie den
traurigen Blick Eduards bemerkte, sowie dass die Augen ihrer Tochter voll Tränen
standen, zuckte es ein klein wenig in ihrem harten, finstern Gesicht, wie ein
leuchtender Blitz, der bei Nacht durch eine Ruine fährt.
    In diesem Augenblicke hörte man Tritte auf dem Gange, die Türe öffnete sich
und Artur trat herein. Wenn er in gewöhnlicher Gemütsverfassung gewesen wäre,
so hätte er wohl gemerkt, dass man soeben von ihm gesprochen, und würde sich,
unbefangen und freimütig wie er war, darnach erkundigt haben. So aber schien er
das plötzliche und auffallende Verstummen des Gesprächs, sowie die seltsamen
Blicke, welche der Vater, seine Geschwister und sein Schwager zusammen
wechselten, nicht zu verstehen. Er ging gegen seine sonstige Gewohnheit gebückt
und schwankend, seine Züge waren bleich und zerstört, und überhaupt war sein
Benehmen vollkommen rätselhaft; er grüsste kaum die Anwesenden, er entschuldigte
sich nicht einmal, dass er nicht zu Tische gekommen, er setzte sich ohne
Aufforderung neben seine Mutter hin, die mit einem strengen, fragenden Blick
etwas von ihm wegrückte; ja, er nahm, was selten vorkam, fast mit Gewalt die
eine Hand seiner Mutter und drückte sie an seine Lippen.
    Die Rätin schien das Alles für Bitten anzusehen, und es schauerte sie
leicht. Sie hob ihren Kopf noch höher, sie war im Begriff, ihre Hand kräftig
zurückzuziehen, als der Ausdruck ihres Gesichts mit einem Mal an seiner Härte
verlor, ja ihre Züge augenscheinlich milder wurden, worauf sie ihr Haupt ein
wenig zu ihrem Sohne neigte und ihn mit einem fast mütterlichen Tone fragte:
»Was hast du, mein Kind?«
    Wir wollen dem geneigten Leser nicht vorentalten, dass die Rätin auf ihrer
kalten Hand, als Artur dieselbe geküsst, heisse Tropfen fühlte, Tränen aus den
Augen ihres Sohnes, von welchem dies so ungewohnt und seltsam war, und etwas so
Trauriges, das damit in Verbindung stehen musste, anzeigte, dass sich sogar das so
fest umpanzerte Mutterherz der Kommerzienrätin davon ergriffen fühlte.
    »Gott sei Dank!« dachte Herr Erichsen, der besorgt einem Sturme
entgegengesehen, »das Wetter scheint sich aufzuklären; vielleicht kommen wir
noch Alle zu einer guten Versöhnung, und ich, wenn gleich zu einem halbkalten
Kaffee.« Bei Veranlassungen wie die gegenwärtige, bei Erörterungen ernster Art
nahm es nämlich die Rätin gewaltig übel, wenn man dazwischen gleichgiltige
Dinge trieb, wie zum Beispiel Kaffeetrinken oder auch Essen, hauptsächlich wenn
eine brennende Tagesfrage zufällig beim Diner verhandelt wurde.
    »Nun, was hast du, Artur?« wiederholte die Rätin.
    »Nichts Besonderes,« entgegnete der junge Mann, ohne aufzublicken, doch mit
so lauter Stimme, dass es alle im Zimmer deutlich vernahmen. »Ich kam nur, Ihnen
zu sagen, dass ich fühle, wie sehr Sie Recht hatten, wenn Sie bemüht waren, die
Schranke aufrecht zu erhalten, die einen Stand der Gesellschaft vom andern
trennt. Ich wollte Ihnen nur zugestehen, Mama, dass Sie vollkommen die Welt
kennen, und dass, wie Sie so oft sagten, sich Niemand ungestraft über die
Meinungen seiner Mitmenschen wegzusetzen vermag.«
    Die Kommerzienrätin sah einigermassen triumphirend rings im Kreise umher.
Der Doktor zuckte die Achseln, selbst Alfons war überrascht, und Marianne
betrachtete mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen ihren jüngeren Bruder.
Sie wusste um Artur's Liebe, sie wusste, welch' schöne Hoffnungen er sich
gemacht, und sie mit ihrem weichen Frauenherzen fühlte wohl, dass ihm etwas
Entsetzliches begegnet sein musste, denn nur etwas der Art war im Stande, seine
bisher so freien und widerstrebenden Ideen den schroffen Ansichten der Mutter zu
unterwerfen.
    Wahrscheinlich wäre es auch hierüber noch zu Erörterungen gekommen, wenn
nicht in diesem Augenblicke der alte Diener eingetreten wäre und der
Kommerzienrätin eine Dame gemeldet hätte, welche sie in einer dringenden
Angelegenheit zu sprechen wünsche.
    Es war dies nicht die Zeit, in welcher Besuche zu der Kommerzienrätin
kamen, wesshalb sie auch ziemlich befremdet fragte: »Wer ist die Dame? Hat sie
meinen Namen deutlich genannt? - Will sie mich allein sprechen?«
    »Den Namen der Frau Rätin hat sie deutlich ausgesprochen,« entgegnete der
Diener; »doch glaube ich nicht, dass sie darauf bestehen wird, Sie allein zu
sprechen.«
    »So soll sie ihren Namen nennen,« meinte die Rätin nach einigem Besinnen.
    »Sie wünschte das nicht zu tun.«
    »So bin ich begreiflicher Weise für sie nicht zu Hause,« sprach die Rätin
mit grosser Würde. »Sagen Sie ihr das!«
    »Den Fall hat die Dame vorgesehen,« erwiderte achselzuckend der Diener,
»denn sie sagte mir, sie wünsche überhaupt nur Jemand von der Familie zu
sprechen, sei es nun die Frau Rätin oder der Herr Rat, oder auch Madame
Marianne.«
    »Rätselhaft!« meinte der Kommerzienrat; »ich denke, man lässt sie herein
kommen, das wird nicht gegen den Anstand verstossen.«
    »Ich glaube, man ist's der Dame jetzt schuldig,« bemerkte Alfons lachend,
»denn Friedrich blieb so lange aus, dass die draussen wohl merken kann, es sei
Jemand zu Hause, und man beratschlage, ob sie anzunehmen sei oder nicht.«
    »Das wäre für mich kein Grund, Herr Schwiegersohn,« antwortete hochmütig
die Rätin. »Aber meinetwegen kann sie sich sehen lassen.« - Sie nickte dem
Bedienten zu, der augenblicklich hinaus ging, und gleich darauf die Türe von
aussen langsam öffnete.
    Jedes Auge richtete sich dortin, und für fast Alle - für fast Alle, sagen
wir, nur nicht für Artur - war es eine völlige fremde Person, die auf sehr
anständige, ja elegante Weise herein trat, den beiden Damen eine zierliche
Verbeugung machte, gegen die Herren den Kopf neigte und dann leicht und gewandt
gegen das Sopha vorschritt, auf welchem die Rätin sass. - »Was kann das
bedeuten? - Mademoiselle Terese!« dachte Artur fast erschrocken.
    Der Kommerzienrat, der sich damit schmeichelte, eine wirklich vornehme Frau
stets an ihrer Tournure zu erkennen, und der nicht daran zweifelte, eine Dame
aus höhern Ständen vor sich zu haben, erhob sich, indem er den Gruss derselben
tief erwiderte, und rollte einen kleinen Fauteuil in die Nähe des Sopha's, auf
welchem sich Mademoiselle Terese - denn sie war es in der Tat - höchst
unbefangen niederliess.
    Obgleich die Rätin im Äußern und im Benehmen der Fremden durchaus nichts
Verdächtiges witterte, war sie doch behutsamer als ihr Gemahl; sie erwiderte den
Gruss derselben förmlich und kalt, hustete leicht und sass dann wieder so steif
und aufrecht da, als habe sie eine beträchtliche Anzahl Bleistifte verschluckt.
Marianne hatte mit einem Blicke die Toilette der Fremden gemustert, fand aber
weder an dem weissen Atlashute, von welchem eine einzige Feder herabhing, noch an
der Art, wie sie ihren Shawl trug, noch an der Farbe der Handschuhe und der
Façon der kleinen eleganten Stiefel das Geringste auszusetzen.
    Mademoiselle Terese schien eine Frage zu erwarten und recognoscirte
unterdessen mit einem schnellen Blick das Terrain. - »Ah!« dachte sie, »das ist
der alte Herr Erichsen, das sein Sohn, der Arzt, dies die arme kleine Frau, und
der Herr dort mit der Brille mein Freund.« Ein kaum bemerkbares schalkhaftes
Lächeln spielte um ihren Mund, verlor sich aber sogleich wieder, als sie Artur
erkannte, der sehr erstaunt neben seiner Mutter sass.
    »Sie haben mich zu sprechen gewünscht,« sagte endlich die Rätin. - »Mit wem
habe ich das Vergnügen.«
    »Das tut eigentlich nichts zur Sache, gnädige Frau,« erwiderte Terese.
    »Doch - ich muss bitten.«
    Die Brust der schönen Tänzerin hob sich etwas stärker, denn sie wusste ganz
genau, dass die Nennung ihres Namens ein Allarmschuss wäre, mit dem sie einen
heftigen, aber sehr ungleichen Kampf beginnen würde. Doch war sie genugsam mit
sicher treffender Munition versehen und scheute sich gar nicht, das Gefecht zu
eröffnen.
    »Obgleich mein Name gewiss nichts zur Sache tut, gnädige Frau,« wiederholte
sie, »und er Ihnen wahrscheinlich völlig unbekannt ist, so mache ich mir doch
ein Vergnügen daraus, ihn zu nennen. Ich heisse Terese Selbing und bin Tänzerin
bei der königlichen Hofbühne.«
    Die Wirkung, welche die letzten Worte in dem stillen Familienkreise
hervorbrachten, war komisch und doch schrecklich. Das Gesicht der Rätin
verlängerte sich zusehends, doch schien sie ein Lächeln zu unterdrücken und
wischte sich über die Augen, wie man es nur nach einem schweren Traume zu tun
pflegt, um den hässlichen Kobold, der einem erschienen, zu verscheuchen. Aber der
hübsche, der hier in den Kreis getreten, war durch keine solche Pantomime zu
verjagen, und betrachtete sich sogar sehr anmutig die höchst überraschten
Gesichter rings umher.
    Marianne schrak am auffallendsten zusammen; vielleicht ahnete ihr mit Recht,
was daraus erfolgen könne, und obgleich noch vor Kurzem entschlossen, einen
Familien-Skandal nicht zu scheuen, bebte sie doch jetzt davor zurück. Sie warf
einen schnellen Blick auf ihren Mann, der hinter seinen Brillengläsern mit den
Augen zwinkerte, und, obgleich er sich das Ansehen gab, den Auftritt
einigermassen komisch zu finden, nicht ganz unbefangen erschien.
    Der Kommerzienrat, der sich anfänglich ärgerte, den Fauteuil so bereit
willig an den Tisch gerollt zu haben, betrachtete sich einige Sekunden nachher
das elegante und schöne Mädchen etwas genauer und war so frei, bei sich zu
denken: »Nun, anständig genug sieht sie aus, und Manche könnte sich wünschen,
eine solche Tournure zu besitzen.«
    Unterdessen hatte die Rätin bei sich überlegt, was zu tun sei. Am liebsten
hätte sie sich erhoben, und wäre mit steifem Nacken aus dem Gemach gerauscht.
Doch wäre das unklug gewesen, denn es leuchtete ihr wohl ein, dass die
»Mademoiselle« eine triftige Ursache haben müsse, um mit solcher Frechheit in
ein anständiges Bürgerhaus einzudringen. Sie warf einen Blick auf ihren Sohn
Artur, der indessen ganz ruhig und unbefangen dasass, worauf sie mit einem
leichten Kopfnicken sprach: »Mademoiselle, so bitte ich, mir zu sagen, was Sie
hergeführt; der Name Selbing ist mir gänzlich unbekannt.«
    Terese betrachtete lächelnd die Spitzen ihrer Füsse, dann hob sie den Kopf
empor und erwiderte: »Ich glaube wohl, gnädige Frau, dass Ihnen der Name gänzlich
unbekannt ist. Und doch wurde er - es sind einige Jahre her - vor Ihnen genannt,
oder vielmehr vor Ihrer Frau Tochter dort. Ich habe eine Schwester, ein armes
Mädchen, aber ehrlich und anständig, obgleich nur eine Nähterin. Sie suchte um
eine Stelle nach, die damals in Ihrem Hause offen war; sie war nicht schlecht
empfohlen, ihr Äußeres gefiel auch Ihrer Frau Tochter.«
    »Ach ja, ich erinnere mich,« sagte Marianne.
    »Dann werden auch Madame nicht vergessen haben,« fuhr die Tänzerin fort,
»dass Ihr Herr Gemahl, ich glaube jener Herr mit der Brille dort, meiner armen
Schwester die Stelle abschlug, nicht, weil man ihr irgend etwas Uebles nachsagen
konnte, ebensowenig, weil sie ihre Arbeiten nicht verstanden hätte, sondern aus
dem einfachen Grunde, weil sie eine Schwester habe, die Tänzerin sei, mit der
man ja vielleicht zufällig später einmal in Berührung kommen könnte, was für ein
so achtbares Haus, wie das Ihrige, doch keine grosse Ehre sei. Jene Schwester
aber, von der die Rede war, bin ich. Ich war indes damals zu jung und
unerfahren, um die Beleidigung, die man mir und meinen armen Eltern angetan, zu
verstehen.«
    »Mademoiselle!« sagte streng die Rätin.
    »Als ich sie endlich verstehen lernte, trug sie wahrhaftig nicht dazu bei,
mich auf dem Wege der Tugend zu erhalten, denn ich dachte bei mir: man sieht
dich deines Standes halber über die Achseln an, man rümpft die Nase über dich,
weil du arm und schön bist und dich gut kleidest; du bist ein verlorenes Wesen,
weil deine Mutter und gute Freunde nicht im Stande sind, bei so und so viel
vornehmen Bekannten mit deiner Tugend und vortrefflichen Aufführung zu prahlen.
- Sei es darum, dachte ich, und liess Alles den Weg gehen, den es gerade gehen
wollte!«
    »Aber ich verstehe nicht, Mademoiselle,« sagte nun der Kommerzienrat, »wie
diese Einleitung auf ein Tema führen kann, das uns zu interessiren im Stande
wäre.«
    »Sie werden mich nicht für so töricht halten,« versetzte Terese mit
einiger Röte auf den Wangen, denn die Worte, welche sie eben gesprochen, hatten
ihr Blut erregt, »dass ich über Sachen zu sprechen anfange, die mit Ihnen in
keinem Zusammenhange stehen.«
    »Doch möchte ich in der Tat wissen,« meinte Herr Alfons spitzig, »auf
welche Weise wir die Ehre gehabt hätten, mit Ihrer Person und der Ihrer
Schwester in Berührung gekommen zu sein.«
    »Es handelt sich vorderhand nicht um Personen, sondern um Meinungen,«
entgegnete die Tänzerin mit einem kalten Lächeln. »Und namentlich um eine
seiter sehr geänderte Meinung.« Mit diesen Worten wandte sie sich direkt an
Herrn Alfons und zwar mit so festem und sicherem Blicke, dass dieser
achselzuckend seine Augen zu Boden schlug.
    Die Kommerzienrätin sass da, trommelnd und hustend, und rötlich angestrahlt
von einem aufsteigenden Zorne. So etwas war ihr in ihrem ganzen Leben noch nicht
vorgekommen. Diese - fremde Person war in ihr Haus gedrungen und wagte es, mit
einem ihrer Angehörigen über veränderte Meinungen zu sprechen, und zwar mit
ihrem Schwiegersohn, dessen Meinungen, er mochte sonst sein wie er wollte, doch
beständig fest und gleich geblieben waren in Anstand und guten Sitten.
    »Mademoiselle,« sagte sie in sehr strengem Tone, »ich glaube, wir haben das
Vergnügen, zu wenig mit einander bekannt zu sein, um uns gegenseitig über unsere
Meinungen aufzuklären. Ich muss also bitten, zum wahren Zweck Ihres Besuches
überzugehen, oder mir zu erlauben« - damit erhob sie sich einige Zoll vom Sopha,
so ihre Rede pantomimisch beschliessend.
    Der Doktor hatte mit Artur einige Blicke gewechselt, und Marianne war bei
den letzten Worten der Tänzerin über und über rot geworden. - »Ich dächte
Mama,« meinte Eduard nach einer augenblicklichen Pause, »statt Demoiselle
Selbing von dem uns interessanten Tema wegzudrängen, sollten Sie ihr erlauben,
sich näher auszudrücken, was sie unter diesen veränderten Meinungen versteht.
Ich glaube, Alfons muss darauf dringen.«
    »Ja, ja,« stotterte dieser. »Aber vor allen Dingen begreife ich diese
Keckheit nicht.«
    »S - s - s - t!« machte der Kommerzienrat, indem er langsam seine Hand
erhob.
    »Für diese Aufforderung bin ich Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor Erichsen,«
wandte sich Terese an diesen. »Allerdings haben Sie das Recht, Aufklärungen
über meine etwas kühnen Worte zu verlangen. Ich wollte damit nur so viel sagen,«
fuhr sie mit sehr langsamem Tone fort, wobei sie ihren Fauteuil so weit drehte,
dass sie Herrn Alfons im Auge behielt, »Ihr Herr Schwiegersohn, der damals der
Meinung war, es passe sich für eine Dienerin seines Hauses nicht, eine Schwester
zu haben, die Tänzerin sei, habe seine Meinung so weit verändert, dass er - nicht
jenen Schritt wieder gut machte, sondern noch viel weiter ging und der - Freund
einer Tänzerin selbst werden wollte; ein Versuch, der jedoch für die arme
Betreffende sehr unglücklich ausfiel.«
    »Ah!« machte Artur erschrocken, denn er fing an, einen schauerlichen
Zusammenhang zwischen seinem Schwager und jenem unglücklichen Mädchen zu ahnen,
dessen Leiche er heute Morgen gesehen.
    Man hätte in diesem Augenblicke glauben können, die Rätin habe ein Gespenst
gesehen oder sonst etwas Entsetzliches. Sie sass da, die Augen weit aufgerissen,
den Mund geöffnet, das Gesicht mit einer Todtenblässe überzogen, während ihre
Hand zitternd auf dem Tische lag. Ihre Augen hatten starr an den Lippen des
Mädchens gehangen, jetzt erhob sie dieselben und schaute ihren Schwiegersohn an,
der mit einem Male seine Fassung gänzlich verloren hatte. Seine Augen irrten hin
und her, er wurde bald bleich, bald rot; er zuckte mit den Achseln, versuchte
zu lächeln und machte jetzt ein paar Schritte gegen den Doktor, und darauf ein
paar gegen seine Frau, welche weinend mit dem Kopfe in die Kissen des Sopha's
gesunken war.
    Bei all' ihren Fehlern war die Kommerzienrätin eine sehr verständige Frau,
welche namentlich die Gewalt über sich selbst höchst selten und dann nur auf
Momente verlor. Auch jetzt, nachdem sie das Terrain überschaut, schien sie bald
im Reinen zu sein und fasste sich augenblicklich wieder. Sie sass straffer da als
vorhin, ihr Husten klang wie ein ferner Donner, und ihre, obgleich zuckenden
Finger trommelten mit aller Energie einen Sturmmarsch. - »Fahren Sie fort -
Mademoiselle,« sprach sie gelassen zu Terese.
    Alfons wischte sich den Schweiss von der Stirne und näherte sich, wenn gleich
mit wankenden Schritten, dem Tische. Er stützte die rechte Hand darauf und
sagte, nachdem er heftig geschluckt: »Frau Schwiegermama - Sie geben jener
Person die Erlaubnis, in den ehrenrührigsten Reden gegen mich fortzufahren.
Gestatten Sie mir aber dann - dass ich mich entferne.«
    »Nein, du bleibst!« schrie Marianne plötzlich laut auf und sprang von ihrem
Sitze in die Höhe. »Nein, du bleibst - Heuchler! und lässt dir von fremden Leuten
sagen, was deine arme Frau leider nicht den Mut hatte, gegen dich
auszusprechen.«
    »Marianne!« sagte die Kommerzienrätin, ohne aber eine Miene zu verziehen.
    Wie wir vorhin schon angedeutet, war die Periode ihrer Emotion vorüber und
jetzt hätte noch Schlimmeres über sie hereinbrechen können, nichts wäre im
Stande gewesen, eine Miene ihres unbeweglichen Gesichts zu verändern.
    »Aber um Christi willen!« sprach jammernd der alte Herr, indem er die Hände
zusammen schlug; »was sind das für furchtbare Geschichten? Wache ich denn oder
träume ich?« Er erhob sich etwas schwerfällig und ging dann so eilig als möglich
an die Türe, um zu sehen, ob sie auch fest verschlossen sei.
    Marianne war in diesem Augenblicke nicht mehr zu kennen. Dies sanfte,
furchtsame Weib, welches sich durch einen gebietenden Blick ihres Mannes in
jeden beliebigen Winkel scheuchen liess, trat ihm nun fest entgegen, stützte die
Hand ebenfalls auf den Tisch und sagte mit flammenden Augen: »Diese Dame spricht
die Wahrheit. Du, dessen zweites Wort Sitte und Anstand war, du, der du die
unschuldigste Sache so lange zu drehen wusstest, bis du ihr eine gehässige Seite
abgewinnen konntest, du, der du jeden Blick auf's Schlimmste deutetest, du, der
hochmütig über die verderbte Welt und die Laster der Menschen absprach, du -
bist selbst einer jener Sünder, und um so schlimmer, da du ein heuchlerischer
Sünder bist. - Mademoiselle hat Recht, und wie schon Mama Sie bat, so bitte auch
ich Sie, in Ihrer Rede fortzufahren. - Für mich ist das ja gleichviel,« setzte
sie laut weinend hinzu, »denn ich weiss Alles.«
    Alfons machte einen letzten Versuch, die total verlorene Schlacht wieder zu
gewinnen; er fuhr das schwere Geschütz der Unverschämteit und Frechheit auf, er
verbarg seine Hand auf der Brust, hob seine Nase hoch empor und sagte in dem
entschiedenen Tone, durch welchen er schon öfters Recht behalten: »Madame, über
Ihre Taktlosigkeit, dergleichen gehässigen Dinge über Ihren eigenen Mann - vor
einer fremden - zudringlichen - und lügenhaften Person auszusprechen, werde ich
Sie später zur Rechenschaft ziehen. Was die Sache aber an sich anbelangt, so
erkläre ich sie für eine infame Verleumdung, und bin bereit, gegen Jeden
aufzutreten, der es wagen sollte, nur durch eine Miene seinen Glauben daran zu
verraten.«
    dabei schaute er herausfordernd im Kreise umher, und wollte einen
vernichtenden Blick auf Terese fallen lassen; doch erhob sich diese langsam aus
ihrem Fauteuil, trat ihm fest entgegen und wollte ihm gerade eine gehörige
Antwort geben, als Madame abermals emporsprang, sich zwischen Beide drängte und
vor die Augen ihres Mannes ein Papier hielt, bei dessen Anblick seine
angespannten Gesichtszüge schlaffer wurden und er unwillkürlich einen Schritt
zurück trat.
    »Kennen Sie,« wandte sich die arme Frau an Terese, »kennen Sie eine
Tänzerin Marie U.?«
    »Ich kannte sie. - Sie ist todt.«
    Ohne eigentlich zu wissen warum, durchzuckte dies Wort widrig die
Kommerzienrätin; sie seufzte tief auf und hustete darauf lange und anhaltend in
ihr Taschentuch.
    »Todt?« fragte Marianne zurückfahrend.
    »Todt!« sagte auch Alfons mit allen Zeichen des Schreckens auf seinem
Gesicht.
    »Sprechen Sie!« rief der Doktor, der eilig näher trat; »ist es das arme
Mädchen, das den fürchterlichen Fall im Teater getan?«
    Terese nickte mit dem Kopfe.
    »Ah! sie ist gefallen!« murmelte Alfons aufatmend. »Was geht das mich an?«
    »Sie kennen also dies Papier und den Namen der Tänzerin?« fragte die Rätin
mit einem Tone, der eines Inquisitors würdig gewesen wäre.
    »O, er kennt ihn!« rief Marianne. »Er wagt es nicht, seine Handschrift zu
verleugnen.«
    »Und wenn ich diese Schrift anerkenne, was folgt daraus?«
    »Dass du dich um jenes arme Mädchen bemüht,« entgegnete Marianne, »dass du sie
durch Geschenke bestechen wolltest, du, der von dergleichen Personen nur
achselzuckend und mit wegwerfendem Tone sprach. Es beweist, dass du ein
schlechter Heuchler bist.«
    »Marianne -!« rief abermals die Rätin.
    »Ach ja, Mama,« erwiderte die kleine Frau, indem sie die Hand an ihre Stirne
drückte und tief aufatmete; »ich vergass mich.«
    »So ersuche ich um Ruhe,« fuhr die Rätin in einem majestätischen Tone fort.
»Mademoiselle,« wandte sie sich an die Tänzerin, »reden Sie.«
    »Es ist ja nicht viel mehr zu reden,« erwiderte Terese, die auch nicht
einen Augenblick ihre Fassung verloren hatte, sondern ruhig dastand, in bester
Haltung, ihren Shawl fest um sich gezogen, den Kopf erhoben. - »Sie starb, das
Nähere darüber kann Ihnen der Herr Doktor Erichsen mitteilen, der in's Teater
gerufen wurde. Sie starb in Folge jenes schrecklichen Falles, und die Sache ist
um so trauriger, da dies Unglück von einem jungen Manne verschuldet wurde, der
die arme Marie auf's Innigste liebte, sie in der nächsten Zeit heiraten wollte,
und der in jenem Augenblicke erfuhr, sie sei ihm untreu geworden.«
    Marianne zuckte schmerzlich zusammen.
    »Ich war bei ihr und verliess sie keinen Augenblick bis zu ihrem Tode. Mir
teilte sie die ganze traurige Geschichte mit, mir nahm sie das feierliche
Versprechen ab, jenen Mann, der sie verfolgt, der sie unglücklich gemacht, der
sie - ja, ich sage es frei - gemordet, von den schrecklichen Umständen ihres
Todes in Kenntnis zu setzen, ihm hoffentlich zur ewigen Strafe. - Und ich nahm
den Auftrag gerne an,« fügte sie mit blitzenden Augen nach einer kurzen Pause
bei, »ich nahm ihn gerne an, beschloss aber ihn nicht unter vier Augen zu
erfüllen, sondern offen und frei, vor so vielen ihm unangenehmen Zeugen als nur
möglich. - Und so tat ich.« Damit machte sie eine Handbewegung gegen Alfons,
welcher noch einen Augenblick am Tische wie erstarrt stehen blieb, dann fast in
sich zusammenbrach, sich aber aufraffte, mit der rechten Hand durch sein Haar
fuhr, und dann plötzlich zur Türe hinausstürzte.
    »Ich bin fertig,« wandte sich die Tänzerin gegen die alte Dame »und wenn ich
Sie verletzt, so will ich Sie um Entschuldigung bitten.« Sie machte darauf
sämmtlichen Anwesenden eine tiefe Verbeugung und wandte sich zum Weggehen.
    Die Kommerzienrätin hatte einen Augenblick überlegt, worauf sie sagte: »Ich
danke Ihnen, Mademoiselle; Sie haben Ihre Schuldigkeit getan.« Bei diesen
Worten erhob sie sich und begleitete die Tänzerin bis zur Zimmertüre in
ruhiger, würdevoller Haltung. Sobald sich übrigens die Türe hinter der Fremden
geschlossen, blieb die alte Frau einen Augenblick wie betäubt stehen und presste
die Hand vor die Stirne. Dann aber sprach sie: »Komm Marianne, ich habe mit dir
zu reden.« Und beide Damen verliessen das Zimmer. Die Herren machten es gleich
darauf ebenso, nicht ohne viele oh! und ach! von Seiten des Kommerzienrates,
der über alle Massen verdriesslich war, denn er sah nun eine lange Reihe
unangenehmer Auftritte vor sich, von denen er ein grosser Feind war, und
überlegte auch, dass die Geschichte noch einmal schlimm endigen könne. Doch
müssen wir leider gestehen, dass er dabei weniger an seine arme Tochter dachte,
als an sein Bankiergeschäft, welchem Herr Alfons eine Hauptstütze war.
 
                         Dreiundsiebenzigstes Kapitel.
                    Johann Christian Blaffer und Compagnie.
Seit dem Abgange des Herrn Beil hatte sich der Chef der Firma Johann Christian
Blaffer und Compagnie keinen neuen Commis mehr angeschafft. August, der
Lehrling, wurde an dessen Stelle befördert, ohne durch diese Beförderung das
Geringste zu profitiren, im Gegenteil hatte er mehr zu arbeiten; denn seine
bisherigen Geschäfte, das Einpacken und auch wohl das Austragen der Pakete
sollte er nach wie vor noch nebenbei besorgen, und eine Folge davon war, dass
jetzt gar nichts mehr geschah, wie es hätte geschehen sollen.
    Herr Blaffer schien sich überhaupt mit den beiden Geschwistern etwas
verrechnet zu haben; so auch, was August's Schwester anbelangt. Hier hatte er
das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollen, und dem Mädchen eines Tags
auf die süsseste Art vorgeschlagen, sie möge einen Versuch machen, ihm in den
Geschäften des Comptoirs zu helfen. »Das wäre für mich doch wohl angenehm,«
hatte er gesagt, »denn du würdest an dem Tische im Nebenzimmer arbeiten, ich
käme zuweilen herein, sähe nach dir und erfreute mich an deinem Fleiss und deinem
lieben Gesichte.« - - Der Prinzipal hatte dabei gehofft, das kluge Mädchen würde
alsdann bald die Geschäfte erlernen und ihm dadurch für beständig ein Commis
entbehrlich werden. Er hatte sich aber, wie gesagt, auch hierin wie in vielem
Anderen gewaltig verrechnet.
    Den Tag nach jener denkwürdigen Nacht, in welcher Herr Beil das Haus
verlassen, war Marie auf ihrem Zimmer geblieben und hatte lange Stunden in tiefe
Gedanken versunken auf einem Stuhle gesessen. Es mussten mitunter schreckliche
Gedanken gewesen sein, die sie beschäftigt, denn zuweilen griff sie in ihr
dichtes Haar oder liess den Kopf in beide Hände sinken, um ein Zeitlang
bitterlich zu weinen. Ja, ein paar Mal nahm sie hastig ihr Tuch und ihren Hut,
um das Haus zu verlassen. Vielleicht wollte sie dem dunklen Wege folgen, den ihr
Herr Beil vorgezeichnet; aber dann blieb sie schaudernd stehen und sagte: »Nein,
nein, ich kann nicht; mir fehlt der Mut, und das Leben ist doch so schön!« Mit
dem letzteren Gedanken schien sie sich dann auch schon im Laufe des Tages und
Abends mehr zu befreunden; sie erhob sich langsam aus ihrem Nachdenken, sie
atmete tief auf, fuhr dann mit der Hand über die Augen und lächelte
schmerzlich. Aber sie lächelte doch. Ja, noch ehe es Abend wurde, vermochte sie
es über sich, einen flüchtigen Blick in den Spiegel zu werfen, und darauf fing
sie an, ihr Haar zu ordnen und eine einfache, aber hübsche Toilette zu machen.
    Herr Blaffer hatte es wohl im Laufe des Tags einige Mal gewagt, an ihre
Türe zu klopfen, auch dieselbe sogar zu öffnen, doch hatte sie sich alsdann mit
einem solchen Ausdruck des Hasses oder vielmehr des Zornes erhoben, dass er, der
Tyrann, schüchtern zurückgetreten war und erst Abends es wieder wagte, sich ihr
zu nähern: das heisst, der alte Buchhändler liess sich so weit herab, August
hinaufzuschicken und bei der Schwester anfragen zu lassen, ob sie zum Nachtessen
herabkommen wolle, oder ob sie wünsche, dass man bei ihr droben erscheine. August
hatte kopfschüttelnd diese Botschaft und einigermassen zaghaft die Antwort des
Mädchens hinterbracht, welche dahin lautete, Herr Blaffer möge machen, was er
wolle, nur solle er sie in Ruhe und auf ihrem Zimmer lassen. Und er, der hierauf
einen Zornausbruch des Prinzipals gefürchtet, sah zu seinem Erstaunen, dass er
sich getäuscht hatte. Freilich war über die Stirne des Herrn Blaffer eine Wolke
gefahren und er hatte mit den Achseln gezuckt; doch war darauf das Unerhörte
geschehen, dass er seinem Lehrling einen Gulden schenkte, ihm die Erlaubnis gab,
damit in's Wirtshaus zu gehen und, was noch nie geschehen war, sogar die
Freiheit erteilte, nach zehn Uhr vermittelst Hausschlüssels nach Hause kommen
zu dürfen. Der Lehrling hatte hievon einen umfassenden Gebrauch gemacht und
seine Dachkammer aufgesucht, nachdem von dem Gulden nichts mehr übrig war und
der Nachtwächter die zwölfte Stunde abgerufen.
    Am andern Morgen war er etwas zaghaft beim Frühstück erschienen, weil er
fürchtete, für seine nächtlichen Ausschweifungen derb ausgescholten zu werden.
Auch hatte ihn Herr Blaffer mit finsterem Stirnrunzeln empfangen und schon
angefangen, ein ernstes Wort zu sprechen, als sich Marie, die wieder erschienen
war, dergleichen auf's Bestimmteste verbat, indem sie sagte, ihr Bruder sei kein
Kind mehr und einem jungen Menschen in seinem Alter könne man es nicht übel
nehmen, wenn er zuweilen etwas lange ausbleibe. Darauf hatte Herr Blaffer
geschwiegen, zum grenzenlosen Erstaunen Augusts; ja, der Prinzipal hatte sogar
gelächelt, als das Mädchen hinzusetzte, bei den alten Leuten sei ja keine Tugend
zu finden, was man denn eigentlich von den jungen erwarten wolle.
    Dass sich in dem Getriebe des Hauses überhaupt Vieles von Tag zu Tag
veränderte, sah der Lehrling wohl, doch hatte er glücklicherweise nicht Verstand
genug, um die Kraft zu entdecken, welche hier im Geheimen wirkte. Er dachte auch
weiter nicht darüber nach, da das Resultat für ihn so angenehm war. Herr Blaffer
behandelte ihn besser, ja, er setzte ihm sogar, obgleich mit sichtlichem
Widerstreben, ein kleines Taschengeld aus; Marie sorgte für seine Garderobe und
als der Herr Blaffer bei einer vorgelegten Rechnung die Hände über dem Kopfe
zusammenschlug, schlug das Mädchen dem würdigen Prinzipal die Türe vor der Nase
zu und meinte, wegen solcher Kleinigkeiten habe sie keine Lust, dessen
verdriessliche Gesichter anzusehen.
    Da nun August sah, dass er unter dem mächtigen Schutze seiner Schwester
stehe, so überarbeitete er sich auch durchaus nicht, sondern vertrödelte seine
Zeit, so gut es eben gehen mochte. Und wenn die Geschäfte des Hauses Johann
Christian Blaffer und Compagnie nicht total vernachlässigt werden sollten, so
musste sich der Prinzipal entschliessen, Abends noch eine Stunde zuzugeben, was er
denn auch seufzend tat.
    Das Alles war freilich nicht das Resultat eines Tages oder einer Woche, aber
ein paar Monate hatten hingereicht, aus dem Alleinherrscher Blaffer, aus dem
Sklavenhändler, wie ihn Herr Beil genannt, der unerbittlich seine Peitsche
schwang, selbst einen demütigen Sklaven zu machen, der schwieg und sich duckte,
sobald das trotzige, energische, schöne Mädchen fest gegen ihn auftrat.
    Hätte der ehemalige Commis nur hie und da eine Stunde unsichtbar auf dem
Comptoir zubringen können, er würde sich vollkommen gerächt gefühlt haben. Marie
und ihr Bruder, der Lehrling mit dem blödsinnigen Lächeln, wie er ihn
bezeichnet, die beiden herrschten in dem Hause und Herr Blaffer duldete und
schwieg.
    Doch schien er sich anfänglich in dieser Sklaverei glücklich zu fühlen, und
wenn das junge Mädchen einen kostspieligen Wunsch aussprach, so sträubte er sich
mit verhaltenem Lächeln dagegen, und es schien ihm Spass zu machen, wenn sie nun
den Kopf in die Höhe warf, mit dem Fusse auftrat und zornig das Zimmer verliess;
dann eilte er ihr nach, billigte gern, was sie verlangt, und begab sich
händereibend an seine Arbeit. Auf einmal aber schien dieses stille Vergnügen des
Herrn Blaffer gänzlich verschwunden zu sein; er wurde nachdenklich, bald starrte
er stundenlang auf seine Arbeit, ohne die Feder zu bewegen, in tiefes Nachsinnen
versunken, bald wieder hatte er keinen Augenblick Ruhe und verliess häufig sein
Pult, um durch das Haus zu gehen, zu irgend einem Fenster hinaus zu schauen und
heimlich an Marien's Türe zu lauschen und durch das Schlüsselloch in's Innere
zu sehen. Es musste ihn etwas ausserordentlich Unangenehmes in Bewegung setzen,
die früheren finstern Gedanken traten wieder hervor, und er versuchte abermals,
sich in allerlei Gehässigkeiten gegen den Lehrling und selbst gegen Marie Luft
zu machen; es musste Etwas vorgefallen sein, das ihn seine eigene Schwäche
verwünschen liess; er versuchte es, den Prinzipal von ehedem wieder zu spielen.
Aber die Zügel waren seiner Hand entschlüpft und er sah mit Schrecken ein, dass
er alles Terrain verloren. August gab ihm trotzige Antworten oder lachte ihn aus
und das Mädchen zuckte verächtlich die Achsel. Suchte Herr Blaffer nun den
Streit mit ihr weiter fortzusetzen, so nahm sie ruhig ihren Hut und Shawl und
verliess das Haus, um erst spät Abends zurückzukehren, worauf dann Herr Blaffer
wie ein Besessener durch alle Zimmer rannte, auch wohl schrie und tobte, um sie
bei ihrer Zurückkunft dann freundlicher als je zu empfangen.
    Dass er bei diesen Gemütszuständen körperlich nicht gedeihen konnte, war
wohl natürlich; magerer als er war, konnte er füglich nicht wohl werden, doch
fiel sein Gesicht mehr und mehr ein, seine Augen verloren allen Glanz, seine
Gestalt knickte förmlich zusammen, sein Gang wurde noch schwankender und
schlürfender, kurz, er war nur noch der Schatten des ehemaligen Blaffer.
    Vielleicht brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu sagen, dass es die
Eifersucht war, welche den Buchhändler auf so traurige Art verändert hatte, ja,
die glühendste wildeste Eifersucht, und eine Eifersucht, die gewiss nicht ohne
Grund war, aber deren Gegenstand zu ergründen ihm nicht gelingen wollte. Er
fühlte es wohl, dass sie ihn betrogen, dass sie ihn nicht liebte und ihn nie
geliebt. Hatte sie sich doch stets sichtbar bezwingen müssen, ihren Abscheu vor
ihm zu verbergen, hatte ihn doch immer die Kälte ihres Herzens zurückgeschreckt.
Ach! und worum er fast zu ihren Füssen gebettelt, wofür er so viel geopfert, das
gab sie vielleicht einem Anderen aus vollem warmem Herzen, freiwillig mit
überströmendem Gefühl. Wie glühend musste dies Mädchen lieben können! Wie selig
musste der sein, dem sie bereitwillig ihre Arme öffnete, den sie heiss an die
Brust drückte! - Und es lebte Jemand, dem ein weicher, duftiger Nachtwind die
Früchte neckend zuwarf, nach denen er sich mühsam emporstreckte. Ja, das fühlte
er, und dabei drückte er krampfhaft seine Hände zusammen, knirschte mit den
Zähnen und war unsäglich unglücklich. Am Tage liess es ihm bei seinen Arbeiten
keine Ruhe, Nachts schreckte es ihn aus seinen Träumen auf; ihm ahnte wohl, dass
in seinem Hause irgend Jemand ungehindert aus- und einging, aber es war wie ein
Gespenst, unsichtbar, nicht zu fassen. Zuweilen glaubte er eine Türe knarren zu
hören, ja ein leises Gelächter zu vernehmen, aber wenn er angstvoll
emporlauschte, so war alles wieder still, und einzig und allein machte sich der
Wind bemerkbar, der durch den Schornstein heulte. Vergebens hatte er dem Bruder
geschmeichelt; entweder wusste dieser nichts von dem Treiben der Schwester, oder
war er schlau genug, nichts zu verraten. Wenigstens halfen weder Geschenke noch
Versprechungen bei ihm.
    Herr Blaffer hätte das Mädchen fortschicken können, aber dazu fehlte ihm die
Kraft: er konnte nicht ohne sie leben. Endlich, nach langem Nachsinnen entschloss
er sich, seine Buchhandlung um eine runde Summe zu verkaufen, mit Marie die
Stadt zu verlassen und irgendwo an einem stillen Orte mit ihr zu leben. Er hätte
sie alsdann geheiratet, wenn sie gewollt; doch hatte sie schon einige Mal seine
Hand ausgeschlagen, und das war es, was ihm den ersten Argwohn gegen sie
eingeflösst hatte. Herr Blaffer aber hoffte von der Zukunft, und da ihm mit einem
Male in Betreff seiner Buchhandlung gute Anträge gemacht wurden, so nahm er sie
an, bedingte baare Zahlung und verlangte von dem neuen Eigentümer, er solle für
sehr geringen Gehalt einen Gehilfen annehmen, den ihm Herr Blaffer empfehlen
werde. Auf solche Weise hoffte er sich Augusts zu entledigen.
    Um die Unterhandlungen zu beschleunigen und den Verkauf abzuschliessen, hatte
der Prinzipal das Haus verlassen und August befand sich allein auf dem Comptoir.
Er sass an seinem Pulte und machte sich das unschuldige Vergnügen, einzelne
Buchstaben einer Buchhändler-Zeitung, welche vor ihm lag, gehörig mit Speichel
zu durchnässen und dann nach einem starken Druck mit dem Daumen wegzunehmen.
Diese klebte er alsdann an einer andern unpassenden Stelle wieder auf und
brachte so die sonderbarsten Worte zu Tage - ein Spiel, welches ihm Herr Blaffer
oft verwiesen, denn der Prinzipal stutzte jedesmal und ärgerte sich, wenn er
eine so präparate Zeitung in die Hand bekam und nun selbst gezwungen war, alle
möglichen Confusionen abzulesen. August hatte eben den Satz, der Buchhandel sei
ungewöhnlich flau, in einem Aufsatz aus der Feder des Herrn Blaffer dahin
abgeändert, dass der Buchhandel ungewöhnlich faul sei, als es an der Türe
klopfte. Er rief sehr laut und deutlich: Herein! - Die Schüchternheit, mit der
er das früher getan, hatte er sich schon lange abgewöhnt.
    Es trat ein Mann in das Zimmer, den der Lehrling noch nie gesehen - eine
grosse, stämmige Gestalt mit einem breiten, etwas aufgeschwollenen Gesichte,
welches durch freundliches Lächeln gutmütig aussehen sollte, eigentlich aber
schlau und energisch erschien; dichtes rötliches, empor gestrichenes Haar
bedeckte seinen Kopf. Der Eingetretene war einfach aber anständig gekleidet; er
hatte einen dunkeln Ueberrock an, einen runden Hut auf dem Kopfe und einen
gewichtigen Stock in der Hand. - »Verzeihen Sie,« sagte er, »wenn ich Sie in
Ihren Arbeiten störe, aber ich möchte gern mit dem Gehilfen des Herrn Blaffer
einige Worte im Geheimen sprechen.«
    August schwang sich von dem Comptoirstuhle herab und stellte sich als erster
Gehilfe der Handlung vor.
    »Das ist wohl möglich und Sie sehen allerdings so aus,« meinte der Fremde,
»aber da mein Auftrag an eben diesen Gehilfen von besonderer Wichtigkeit ist, so
verzeihen Sie mir, dass ich mich vorher überzeuge, ob Sie auch der rechte sind.«
    »Wenn das beliebt,« entgegnete August einigermassen gekränkt, »so müssen Sie
warten, bis Herr Blaffer nach Hause kommt, damit er Bürgschaft für mich stellt.
- Im Uebrigen,« setzte er etwas hochmütig hinzu, »habe ich Sie ja gar nicht
gerufen und ich bin auch nicht zu Ihnen gekommen, sondern Sie zu mir.«
    »Na, na,« machte lächelnd der Fremde, »wir können uns leicht verständigen.
Bitte, seien Sie so gütig und nennen Sie mir den Namen des besten Freundes, den
Sie je gehabt.«
    Der Lehrling schaute den Andern verwundert an, doch erinnerte er sich
augenblicklich seines ehemaligen Vorgesetzten und rief mit Lebhaftigkeit: »Ach!
mein einziger und bester Freund ist Herr Beil. Bringen Sie mir Nachricht von
ihm?«
    »Herr Beil; - ganz recht!« erwiderte der Fremde. »Direkte Nachrichten bringe
ich gerade nicht.«
    »Und wo ist Herr Beil? Ist er in der Stadt? - Gewiss nicht, denn sonst hätte
er mich aufgesucht.«
    »Daran zweifle ich auch nicht,« sagte der Andere, »und deshalb ist Ihre
Vermutung die richtige; Herr Beil ist nicht in der Stadt, aber er lässt Sie
durch mich freundlich grüssen.«
    »Wie mich das freut!« rief August. »In der Tat, recht sehr freut es mich.
Ach! mein lieber Herr Beil! Es geht ihm hoffentlich gut?«
    »Vortrefflich; und er wünscht das Gleiche von Ihnen zu erfahren.«
    »Ich habe seine Stelle angetreten,« entgegnete der Lehrling, indem er sich
in die Brust warf, »ja, ich führe eigentlich das ganze Geschäft, da der Herr
Blaffer häufig abwesend ist.«
    »Das kann ich mir denken,« sprach der fremde Mann mit einem lächelnden
Gesichtsausdruck. »Herr Beil hat auch nie daran gezweifelt, und wenn ich ihm das
bestätige, so wird's ihn freuen. - Aber wenn Sie erlauben, sage ich Ihnen nun
den Auftrag, den ich an Sie habe. Darf ich vielleicht bitten, mit mir in's
Nebenzimmer zu treten? Mein Auftrag ist ziemlich geheimnisvoll und ich möchte
nicht, dass man mich vom Gange aus hörte.«
    »O unbesorgt,« entgegnete August, der sehr geschmeichelt war, einen geheimen
Auftrag zu vernehmen; »es wird uns Niemand hier belauschen. Aber wenn es Ihnen
gefällig ist, so gehen wir in's Nebenzimmer!«
    »Ich bitte darum.«
    Damit traten die Beiden in das Arbeitszimmer des Herrn Blaffer, der fremde
Mann betrachtete es, indem er sich auf seinen Stock stützte und sagte: »Sie
haben hier eine vortreffliche Comptoirgelegenheit. Dies ist wohl das
Arbeitszimmer des Herrn Prinzipals? - Sehr geschickt, sehr geschickt. Ja, diese
Herren verstehen sich ihr Leben einzurichten. - Die Türe dort« - er zeigte auf
eine andere, als durch welche sie eingetreten waren - »führt wohl in die
Wohnzimmer? - Sehr geschickt, sehr geschickt!«
    »Nein,« erwiderte August, »diese führt auf die Treppe und zu einer
Hintertüre, durch welche man in den Hof geht.«
    »Ah!« machte der Fremde und streichelte sein Kinn mit der Hand. »Aber jetzt
meinen Auftrag! Herr Beil wohnte mit Ihnen längere Zeit zusammen in diesem
Hause, oben unter dem Dach; Herr Beil verliess dies Haus in einer stürmischen
Nacht mit etwas verwirrtem Kopfe.«
    »Ach ja, das ist wahr.«
    »Sehen Sie, wie genau ich unterrichtet bin! Er verliess also das Haus eilig
und vergass, etwas mitzunehmen.«
    »Davon hat er mir nichts gesagt.«
    »Natürlicherweise; da er es vergass, konnte er Ihnen nichts davon sagen. Aber
jetzt werden Sie es von mir hören. Herr Beil liess nämlich unter dem Dache in
einem Winkel, den er mir genau bezeichnet, eine Börse mit Geld liegen.«
    »Eine Börse mit Geld? - Das hätte ich nimmermehr vermutet!«
    »Ganz gewiss, es waren langjährige Ersparnisse. Mich hat er nun ersucht,
diese Börse für ihn zu holen. Er wäre selbst gekommen, aber erstens ist er nicht
in der Stadt und zweitens, wie Sie am besten wissen, würden ihm die unangenehmen
Verhältnisse zu seinem bisherigen Prinzipal einen solchen Besuch etwas peinlich
machen. - Sie haben mich doch vollkommen verstanden?«
    Nach dem verblüfften Gesichtsausdruck des Lehrlings zu schliessen, schien
dies nicht der Fall zu sein. Er schaute den Fremden mit aufgesperrtem Munde an
und sein Kopf schien sich mit dem Gedanken, Herr Beil habe hier Geld
zurückgelassen, nicht recht befreunden zu können. Aber der Fremde behauptete es,
wollte ihm das Faktum beweisen und so musste er am Ende wohl glauben.
    »Haben Sie einen Augenblick Zeit, mit mir in die Dachkammer zu steigen?«
sagte dieser nach einer Pause. »Das heisst, wenn es im jetzigen Augenblick
angeht. Ich möchte aber nicht gerne dem Herrn Blaffer begegnen: Sie verstehen
mich wohl. Er stand mit seinem Commis nicht gut und da könnte auch ich schief
angesehen werden.«
    »Unbesorgt!« erwiderte August. »Herr Blaffer hat Geschäfte; er kommt
schwerlich vor Mittag nach Hause.« Der Lehrling war sicher, dass dem so sei, denn
auch Marie hatte unter einem Vorwand das Haus verlassen und er wusste bestimmt,
dass der würdige Prinzipal in solchen Fällen nicht früher heimkehrte. Das Mädchen
aber kam, einmal ausgegangen, selten vor Essenszeit zurück.
    »Wenn es Ihnen also gefällig ist,« meinte der fremde Mann mit einer vornehm
sein sollenden Verbeugung, die August imponiren sollte und auch ihren Zweck
nicht verfehlte, »so wollen wir hinauf gehen!«
    »Gehen wir!«
    »Apropos, junger Herr,« sagte der Andere unter der Türe mit einem
väterlichen Tone, »nehmen Sie es mir nicht übel, doch Sie sind ein wenig
unvorsichtig; Sie lassen da die Kasse offen stehen. O, in jetziger Zeit muss man
vorsichtig sein.« Er drückte sanft die Augen zu, schmatzte dabei leicht mit den
Lippen und zeigte auf einen eisernen Kasten in der Ecke, der früher freilich zum
Kassenbehälter gedient hatte, jetzt aber zum Papierkorb heruntergekommen war.
    »Darin können sich Diebe amüsiren,« antwortete der Lehrling lachend, indem
er die Türe des Comptoirs hinter sich zuzog. »O, Herr Blaffer ist viel zu
ängstlich, als dass er seine Gelder hier unten im Hause, wo Niemand schläft,
aufbewahrt. Die Kasse hat er im Schlafzimmer hinter seinem Bette stehen.«
    Der Fremde blieb bei diesen Worten stehen, legte die Hände auf seinen Stock
und sagte mit Salbung: »Herr Blaffer ist ein kluger Mann, - ein würdiger Mann,
das kann ich Sie versichern. Aber steigen wir hinauf, meine Zeit ist etwas
gemessen.«
    Beide betraten nun die Treppen und der Fremde schien sich in das Haus des
Herrn Blaffer gänzlich verliebt zu haben. »Das ist ein schönes Gebäude, eine
behagliche Wohnung,« sprach er einmal um's andere Mal. »Alles ist so zweckmässig
eingerichtet - vortrefflich. - Da ist die Küche, natürlich da geht es auf die
Strasse, hier Comptoir und Nebenzimmer, rechts wahrscheinlich Büchermagazine -
habe ich's erraten, junger Herr?«
    »So ist's; es sind das zwei grosse Zimmer - das Lager der Handlung.«
    »Freut mich, dass ich das erraten. Doch jetzt will ich Ihnen einmal einen
Begriff davon geben, wie ich die Neigungen Ihres würdigen Prinzipals verstehe.
Er liebt die Ruhe - namentlich bei Nacht - das Büchermagazin geht wahrscheinlich
auf den Hof hinaus, und über demselben, um durch nichts im Schlafe oder in
seinen Betrachtungen gestört zu werden, befindet sich das Schlafzimmer des Herrn
Blaffer. - He?«
    »Darin haben Sie Recht,« versetzte August halb und halb verwundert. Und da
sie nun auf dem ersten Stock angekommen waren, so zeigte er auf eine Türe und
sagte: »Dort ist das Schlafzimmer. Wollen Sie einen Blick hinein werfen?«
    »O ich bin nicht so unbescheiden. Gehen wir lieber hinauf in die bewusste
Dachkammer. Ich versichere Sie, wertgeschätzter junger Herr, meine Zeit ist mir
heute kostbar.«
    Hierauf gingen sie weiter und erreichten die Wohnung des Herrn Beil.
    »Ja, das ist das Zimmer!« rief der Fremde aus, »wie er es mir beschrieben.
Ach, mein guter Herr Beil! Also hier wohnte er? Das könnte mich ganz traurig
machen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, ihn in ein paar Tagen wieder zu
sehen.«
    »Ach, das möchte ich auch,« sagte August. »Nicht wahr, Sie werden mir seine
Adresse geben?«
    »Mit dem grössten Vergnügen würde ich es tun, aber das hat er mir
ausdrücklich verboten. Gewisse Umstände nötigen ihn dazu, doch wird er Ihnen
nächstens schreiben. - Sie können sich fest darauf verlassen! Doch jetzt bleiben
Sie an der Türe stehen und geben genau Achtung; Sie werden sehen, wie schnell
ich das Versteckte finde.«
    Darauf war nun August sehr begierig, denn er setzte einigen Zweifel in das
zurückgelassene Vermögen seines Freundes; er war daher nicht wenig erstaunt, als
sich der Fremde, nachdem er kurze Zeit hinter einer Vertäfelung der Dachfenster
herum gegriffen, nun plötzlich herumwandte und triumphirend einen kleinen Beutel
in die Höhe hielt. Er schüttelte den Inhalt in die Hand, und vor des Lehrlings
erstaunten Augen funkelte ein kleiner Haufen Dukaten.
    »Ich hätte nimmer geglaubt,« sagte dieser, »dass Herr Beil solche Schätze
besitze. Er sprach mir immer von seiner Armut und wie er ohne alle Hilfe in die
Welt hinaus gehe.«
    »Unerklärlich,« murmelte der Fremde; »aber da das Gold einmal da ist, so
lässt es sich nicht wegleugnen. Mein Auftrag ist erfüllt, und wenn ich Ihnen
herzlich für Ihre Gefälligkeit danke, so wage ich ganz schüchtern, einen Wunsch
des Herrn Beil auszusprechen. Die Verhältnisse desselben haben sich gebessert,
auf das Ueberraschendste gestaltet, und er bittet Sie durch mich, die Hälfte
dieser Summe als einen Beweis seiner Freundschaft annehmen zu wollen.«
    »O nein, nein!« rief August, während er begierig auf das Gold schaute, »das
ist ja eine grosse Summe, wie kann ich so etwas annehmen! Und durch Sie, mein
Herr, einen Fremden, den ich gar nicht kenne! Wenn er selbst da wäre, so wäre es
etwas ganz Anderes.«
    »Herr Beil kennt Ihr Zartgefühl und hatte diesen Fall vorgesehen, doch sagte
er: Herr Brander - ich heisse Brander - bitten Sie meinen lieben August dringend
darum, er möge mir die Freundschaft erzeigen, und diese Kleinigkeit -
Kleinigkeit in meinen jetzigen Verhältnissen - mit mir teilen. Will er mir
danken, so werde ich ihm Gelegenheit geben, dies in den nächsten Tagen
persönlich gegen mich tun zu können.«
    »So kommt er hieher?« rief höchlich erfreut der Lehrling.
    »Er kommt,« sprach gerührt Herr Brander.
    »Bald?«
    »Sehr bald; - jetzt, da ich Ihre aufrichtige Freude sehe, Ihr Entzücken, den
vermissten Freund wieder zu umarmen, darf ich es Ihnen anvertrauen. Herr Beil ist
in der Stadt und wartet nur auf einen günstigen Augenblick, um Sie an sein Herz
zu drücken.«
    »Sprechen Sie! sprechen Sie!« rief August. »Herr Beil ist in der Stadt?«
    Der Fremde fuhr sich gerührt mit der Hand über die Augen, dann blickte er
den jungen Mann einen Augenblick mit grosser Wärme an und entgegnete: »Ja, Herr
Beil ist in der Stadt, und vielleicht morgen schon wird es Ihnen vergönnt sein,
ihn zu sehen.«
    »So käme ich zu ihm?«
    »Das verbieten ihm seine Verhältnisse. Aber er kommt zu Ihnen - hieher. Nur
möchte er um Alles in der Welt dem Herrn Blaffer nicht begegnen. Aber da es ihn
sehr drängt, Sie wieder zu sehen und auch seine ehemalige Behausung, so erbittet
er sich einen Rat, wie das anzufangen sei.«
    »Nichts einfacher als das!« rief August erfreut; »ich öffne ihm Abends die
Haustüre, die Herr Blaffer sorgfältig verriegelt. Er kennt ja den Weg hier
herauf ganz genau, er wird ihn im Dunkeln finden.«
    Herr Brander schien sich einige Tränen der Rührung aus den Augen zu
wischen; ja sein Gefühl überwältigte ihn und er drückte den Lehrling sanft an
sein Herz. »Bei Gott!« sprach er, »mein Freund, Herr Beil, hat sich nicht
getäuscht. Sie sind ihm zugetan, wie ehedem. Aber er wusste das und zweifelte
nicht daran. Sagte er mir doch: alle meine Ersparnisse hier in diesem Beutel
waren für August bestimmt - für August, den ich schätze und liebe. Geben Sie
ihm, bat er mich dringend, nicht die Hälfte, nein, das Ganze, wenn er sich
seines ehemaligen Gefährten warm und aufrichtig erinnert. Keine Worte weiter,
keine falsche Scham! Nehmen Sie, junger edler Mann, ich schwöre Ihnen, dass ich
dieses Gold nie mehr anrühren werde.«
    Bei diesen Worten drückte er dem Lehrling die kleine Börse mit solcher
Energie in die Hand und schritt dabei so hastig der Treppe zu, dass August
einsah, es sei überflüssige Mühe, hier noch länger zu wiederstreben. Er folgte
also dem Herrn Brander, der mit seinem Gefühl nun absichtlich das Gespräch auf
einen anderen Gegenstand brachte, und abermals die zweckmässige Bauart des Hauses
bewunderte.
    »Vortrefflich!« sagte er; »und sämmtliche Zimmer hier im ersten Stock gehen
wohl durcheinander?«
    »Verzeihen Sie,« entgegnete August; »die zwei Zimmer, welche Herr Blaffer
bewohnt, haben ihren eigenen Ausgang, ebenso die meiner Schwester.«
    »Also Herr Blaffer wohnt nach der Strasse,« versetzte der Fremde in einem
leicht begreiflichen Irrtum, den aber August alsbald berichtigte, indem er die
Türe zum Schlafzimmer des Prinzipals öffnete, um zu zeigen, wie er früher schon
gesagt, dass die Fenster auf den Hof gingen; worauf Herr Brander einen einzigen
Blick in das Schlafzimmer warf und dann in's untere Stockwerk hinabstieg.
    An der Haustüre angekommen, schüttelte er dem jungen Manne herzlich die
Hand und ging auf die Strasse. Doch kehrte er gleich darauf wieder zurück und
sagte: »Apropos! fast hätten wir vergessen, ein Zeichen abzureden, wenn Sie
Herrn Beil erwarten dürfen. Wie machen wir das gleich? - Richtig, sehen Sie hier
neben dem Hause die Gaslaterne; ihr Licht brennt doch jeden Abend?«
    »Jeden Abend, sobald es dunkel wird, zündet man sie an.«
    »Schön, schön! Betrachten Sie sich also die Laterne. Brennt in ihr das Licht
wie gewöhnlich, so ist nichts zu erwarten, bemerken Sie aber, dass es ausgelöscht
ist, so kommt Herr Beil. - Haben Sie mich verstanden?«
    »Vollkommen! Dann öffne ich langsam die Haustüre.«
    »Und ziehen sich in Ihr Zimmer zurück. Sie werden mich verstehen: die Freude
des Wiedersehens auf der Treppe könnte einigen Spektakel verursachen und den
Herrn Blaffer beunruhigen.«
    »Verlassen Sie sich ganz auf mich.«
    »Das werde ich, vortrefflicher junger Mann,« sagte Herr Brander, worauf er
das Haus eilig verliess und dicht an den Häusern vorbei die Strasse hinab schritt.
    August kehrte in das Comptoir zurück und überzählte dort seinen Schatz - die
Ersparnisse des guten Herrn Beil.
 
                         Vierundsiebenzigstes Kapitel.
                        Johann Christian Blaffer allein.
Am Tage nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen, an sich gewiss sehr
unbedeutenden Vorfalle, befand sich Herr Blaffer allein in seinem Comptoir und
sass gedankenvoll an seinem Pulte. Er hatte die Füsse auf die höchsten Sprossen
des Stuhles gesetzt, wesshalb seine spitzigen Kniee so hoch empor ragten, dass er
die Ellbogen darauf stützen konnte, auf welchen, oder vielmehr seinen Händen,
nun der Kopf ruhte, was seiner ganzen Figur ein höchst sonderbares, nicht gerade
angenehmes Aussehen gab. Dazu hatte sein Gesicht einen finstern, unheimlichen
Ausdruck, den ein höhnisches Lächeln zuweilen überflog, ohne seine Züge zu
verschönern. Vielmehr lag in dem Lächeln etwas so Tückisches, dass vielleicht
selbst Herr Beil davor erschrocken wäre, wenn er sich seinem würdigen Prinzipal
noch gegenüber befunden hätte. Herr Blaffer war offenbar in sehr trüber
Gemütsstimmung und hatte in den letzten Tagen um eben so viele Jahre gealtert.
Er hatte auch traurige Erfahrungen gemacht: er hatte beim Verkauf seines
Geschäftes gefunden, dass dasselbe in den Augen der Welt ziemlich herunter
gekommen erschien, denn er hatte um mehrere tausend Gulden wohlfeiler verkaufen
müssen, als er noch vor Kurzem geglaubt. Mit seinem Hause, das er ebenfalls zu
Geld gemacht, war es ihm nicht besser gegangen; man hatte demselben alle
möglichen Fehler nachgewiesen, und da Herr Blaffer obendrein auf baarer
Bezahlung bestand, musste er sich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer
entschliessen. Auch Schulden hafteten noch darauf; doch, nachdem Alles abbezahlt
war, blieb dem Verkäufer für Geschäft und Haus immer noch die schöne runde Summe
von zwanzigtausend Gulden übrig, die er in Wertpapieren und Gold droben in
seiner Kasse eingeschlossen hatte.
    Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer gemacht, und wenn er
daran dachte, so überflog kein, wenn auch noch so finsteres Lächeln seine Züge;
wenn ihm das einfiel, so knirschte er mit den Zähnen, so biss er auf die dünnen,
blassen Lippen, so fuhr er sich durch den spärlichen Haarwuchs, und dann warf er
einen scheuen Seitenblick in den Spiegel, und grinste sich selbst an, indem er
ausrief: »Ja, das hat so kommen müssen, aber - hier - hier -« fuhr er auf sein
Herz schlagend grimmig fort, »hier tut das weh, o über alle Beschreibung weh!«
    Eine Folge dieser momentanen Aufregung war es nun, dass er darauf wieder in
sein trübes Nachsinnen verfiel, dass sein Gesicht dabei wohl finster und gehässig
blieb, aber dass einige Zeit darnach das höhnische Lächeln wieder wie grelle
Blitze darüber hinflog. In dem Augenblicke dachte er an die zwanzigtausend
Gulden in seiner Kasse, dass er damit in den nächsten Tagen die Stadt verlassen,
Marie mitnehmen, sich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen und sie
dort auf den Händen tragen wolle, wenn es ihm gelänge, ihre Liebe zu erwerben;
dass er sie im andern Fall aber quälen wolle, wie nie eine Menschenseele gequält
worden sei. - »Ah! und ich werde sie quälen müssen,« sagte er mit bebender
Stimme und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne, »denn es wird nur zu wahr
sein, was ich in der Stadt gehört, was mir die Magd unseres Hauses endlich
eingestanden hat. Sie liebt, sie wird wieder geliebt, es schwelgt Jemand in
meinem Eigentume - und ich bin betrogen.«
    dabei sank er wieder tiefer in sich zusammen und ruhte längere Zeit so. Ein
Unbefangener hätte glauben mögen, er schlafe. Doch ging hierzu sein Atem zu
unregelmässig; bald stiess er ihn leis, aber schnell wie im Fieber, heraus, bald
zog er ihn aus tiefer Brust an sich, und dann waren es schwere, schmerzliche
Seufzer.
    Nur der Anblick eines Papieres, welches vor ihm lag, riss ihn zeitweise aus
seinen Träumereien etwas empor. Es war der Verkaufs-Contrakt der Buchhandlung;
er hatte sich darin, wie wir wissen, die Anstellung eines Commis vorbehalten,
ohne August vorderhand zu nennen, hatte diesem Commis ein sehr kärgliches
Einkommen auswerfen lassen und allerlei für denselben bestimmt, was den Zweck
hatte, ihm das Leben ziemlich sauer zu machen. So hatte er für den Bruder des
Mädchens gesorgt, das er liebte, und er lächelte abermals, indem er an die
unangenehme Ueberraschung seines ehemaligen Lehrlings dachte, wenn dieser seine
neue Anstellung erführe.
    In diese Gedanken versunken mochte Herr Blaffer schon mehrere Stunden
gesessen haben, und er war so menschenfreundlich gesinnt, dass er schon zu
wiederholten Malen auf öfteres Klopfen an die Comptoirtüre keine Antwort gab.
Die bescheidenen Besucher waren dann meistens wieder fortgegangen, zu furchtsam
oder zu diskret, um heftig an die Türe zu pochen oder dieselbe gar zu öffnen.
Endlich aber musste Jemand davor stehen, der nicht so dachte, denn einem
einmaligen Klopfen folgte ein stärkeres und dann drei so kräftige Schläge, dass
der Buchhändler empor fuhr und mit wilder Stimme: »Herein denn in's Teufels
Namen!« rief. dabei machte er ein Gesicht wie ein reissendes Tier, das auf seine
Beute losspringen will. Auch seine zusammengekauerte Stellung schien dies
Vorhaben unterstützen zu wollen, wesshalb denn auch wohl der junge Mann, der nun
in die Türe trat, überrascht auf der Schwelle stehen blieb.
    »Bei allen Göttern!« sagte der Eintretende mit einem leichten Lächeln auf
den Lippen, »Sie blicken mich an, Herr Blaffer, als sei es Ihnen sehr
unangenehm, mich hier zu sehen.«
    »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« entgegnete dieser nach einem tiefen
Atemzuge; »bitte sehr zu entschuldigen, Herr Erichsen; ich hatte da meine
tiefen Gedanken.«
    »So störe ich Sie; das tut mir leid!« versetzte der Maler.
    »O, Ihr Besuch stört nie; er erfreut nur!« gab der Buchhändler zur Antwort;
wobei er von seinem Comptoirstuhl herunter kletternd seine langen Gliedmassen
wahrhaft spinnenartig aus einander streckte. »Bitte, Platz zu nehmen. Sie machen
sich selten, Herr Erichsen, sehr selten.«
    »Es ist wahr,« erwiderte Artur, indem er sich niederliess, »ich war lange
nicht auf dem Comptoir; wir verkehrten brieflich. Aber unsere Arbeiten wurden
deshalb nicht vernachlässigt.«
    »Gewiss nicht; Ihre Illustrationen kamen immer zur Zeit. Da gab's nie eine
Stockung.«
    »Aber jetzt könnte es eine geben, Herr Blaffer,« erwiderte Artur, und sah
dabei auf den Boden nieder und zeichnete mit seinem Spazierstocke allerlei
Linien in den Staub, »eine Stockung, die mich betrifft, nicht Ihr Geschäft.«
    »Wie verstehe ich das, bester Herr Erichsen?«
    »Ich habe eine grosse Reise vor,« antwortete der Maler gedankenvoll, »in die
Schweiz, vielleicht nach Italien, wesshalb ich nicht mehr im Stande bin, die mir
übergebenen Illustrationen auszuführen. Doch wie schon gesagt: Das Geschäft soll
nicht darunter leiden, ich habe einen Stellvertreter gefunden, einen
talentvollen jungen Mann, der es mindestens ebenso schön macht wie ich.«
    »Na, na, Herr Erichsen,« sagte der Buchhändler höflichst, »das ist
unmöglich. Aber ich begreife vollkommen, dass Sie sich wegen solcher Bagatelle
nicht binden werden.« - Ihm war es ja vollkommen gleichgiltig, wer künftig die
Illustrationen für das verkaufte Geschäft mache, ja es war ihm lieb, wenn sein
Nachfolger einen guten Arbeiter verlor. Herr Blaffer nahm sein Lineal zwischen
die Zähne, nickte mit dem Kopfe und sprach gedankenvoll: »So, so, Sie reisen? -
Sie glücklicher Mensch! Das entschliesst sich von heute auf morgen, packt ein,
lässt sich Kreditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab.«
    Artur seufzte ein wenig und entgegnete: »Wenn man reist, bricht man
freilich seine Verbindungen für einige Zeit ab, aber es ist noch die Frage, ob
einem das leicht wird.«
    »Ah! Ich verstehe!« rief Herr Blaffer mit einem pfiffig sein sollenden
Lächeln, das aber nur ein Grinsen war. »Verzeihen Sie meine Indiscretion, aber
in der Balkengasse wird der Abschied sehr schwer fallen.«
    Der Maler zuckte mit den Achseln und erwiderte, ohne Herrn Blaffer
anzusehen: »Da sind Sie im Irrtum. - In - der - Balkengasse - ich weiss wohl,
worauf Sie anspielen - ist nichts, was meinen Abschied erschweren könnte.«
    »Nichts?« fragte lauernd der Buchhändler.
    »Nichts,« wiederholte Artur.
    »Aber doch etwas Vorübergehendes?«
    »Sehr vorübergehend,« meinte Artur gedankenvoll.
    Der Buchhändler klopfte mit dem Lineal auf seinen magern Schenkel und sagte:
»Schaut, wie ihr jungen Leute eigentlich seid. Da fasst ihr eine Grille auf, da
seht ihr ein schönes Gesicht, und da muss nun alle Welt helfen, damit sich so ein
Geschöpfchen leichter verführen lässt.«
    »Bitte recht sehr, Herr Blaffer,« sprach ernst der Maler.
    »Nun, Sie werden mir das nicht übel nehmen,« fuhr der Andere lächelnd fort.
»Ich meine es ja nicht böse; und so ganz Unrecht habe ich auch nicht; ich will
Ihnen das beweisen. Musste da nicht die arme Handlung Johann Christian Blaffer
und Compagnie mehr als zu viel tun an Honorar für den armen Staiger! Ich
versichere Sie: Viel mehr als zu viel, denn das ursprüngliche Honorar war für
seine Leistungen genügend.«
    »Möglich,« versetzte Artur träumerisch.
    »Ich habe es auch nur Ihretwillen getan. Nun, das hat er auch wohl gemerkt,
und die Tochter wird nicht undankbar gewesen sein.« - Er sprach das mit einem
sehr widrigen Lächeln, welches aber der junge Mann nicht sah, da er zu Boden
blickte, denn sonst würde der Ton, mit welchem er antwortete: »Ich bitte darüber
nicht mehr zu reden,« gewiss ein noch viel schärferer gewesen sein. Doch setzte
Artur gleich darauf hinzu: »Ich kann Sie versichern, der alte Mann hat keine
Ahnung davon, dass er mir die Erhöhung seines Honorars zu verdanken hat.«
    »Das kann ich nicht glauben,« erwiderte Herr Blaffer mit künstlichem
Erstaunen. »So wird er sich nicht überschätzen. Sechs Gulden für den kleinen
Bogen!« sagte er mit fast heulendem Tone. »Wenn er da nicht einsieht, dass ihm
eine starke Hand geholfen, so ist es mehr als undankbar. Ueberhaupt -«
    »Was überhaupt? Fahren Sie nur fort, Herr Blaffer.«
    »Nehmen Sie guten Rat an, mein lieber Herr Erichsen; ich kenne die Welt.
Man muss sich mit solchen Leuten nicht so tief einlassen; das benutzt einen, so
lange als möglich, kommt dann ein Anderer, vornehmer, reicher - oder jünger,«
setzte er leise und zähneknirschend hinzu - »so wird der gut Denkende auf die
Seite geschoben - verlassen.«
    »Ja verlassen,« sagte kaum hörbar der Maler.
    Doch verstand ihn Herr Blaffer vollkommen; ja nicht allein das Wort, sondern
auch die zerstreute und traurige Miene, mit der es Artur sprach.
    Dieser fuhr nach einer kleinen Pause trübe lächelnd fort: »Wir wollen
darüber nicht weiter reden; es war ein Geschäft und ist abgemacht. Apropos!
Haben Sie nichts mehr von Herrn Beil gehört?«
    »Der Schuft!« entgegnete Herr Blaffer und stiess das Lineal heftig auf den
Stuhl. »Nein, nein! Gott sei Dank! Ich weiss nicht, wo er crepirt ist. Ich sage
Ihnen, Herr Erichsen, das war eine niederträchtige Seele.«
    »Sie standen nie gut mit ihm; aber für schlecht hätte ich ihn nicht
gehalten: für etwas unüberlegt - ja zu lustigen Streichen stets bereit.«
    »Boshaft, Herr Erichsen, boshaft wie ein Affe. Und wie konnte sich der Kerl
verstellen! Zum Beispiel, haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt?«
    »Nichts Auffallendes der Art.«
    »Ich früher auch nicht. Aber denken Sie, als er fort war, visitire ich
seinen Pult und finde da ein Paketchen zugebunden, gesiegelt und mit der
Ueberschrift: Meinem lieben Prinzipal, Herrn Blaffer. Hätte ich nur meiner
ersten Idee nachgegeben und es in's Feuer geworfen! Aber so plagt mich der
Teufel der Neugierde und ich finde eine ganze Menge der scheusslichsten
Karrikaturen.«
    »Ah!« machte fast lächelnd der Maler, denn ihm kam plötzlich die Idee, Herr
Blaffer spreche von den Zeichnungen, die er, Artur selbst, auf dem Pulte des
Herrn Beil hie und da verfertigt.
    »Karrikaturen der schändlichsten Art, und mit Beziehung auf unsern Roman:
Onkel Tom's Hütte. Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen, mich, seinen
Prinzipal und Wohltäter.«
    »Das ist unerhört!« entgegnete Artur, indem er mühsam ein ernstes Gesicht,
machte. »Das hätte ich hinter Herrn Beil nicht gesucht.« - Doch schien er das
Gespräch und überhaupt seinen Besuch abbrechen zu wollen, denn er stand auf,
reichte dem Buchhändler die Hand und sagte: »So halten Sie mich im besten
Andenken, Herr Blaffer, und wenn ich von meiner Reise mit vollen Mappen
zurückkehre, so können wir vielleicht eine Art Reisebeschreibung daraus machen.«
    Herr Blaffer war hierauf schon im Begriff, über den Verkauf des Geschäftes
zu sprechen, doch dachte er: »Es ist besser, ich schweige darüber.« Er
schüttelte deshalb die dargebotene Hand, affektirte einige Rührung und
begleitete den Maler bis an die Haustüre, worauf dieser sich entfernte.
    Der Buchhändler trat in sein Comptoir zurück und ging mit grossen Schritten
auf und ab, wobei er das Lineal auf dem Rücken hielt und sich zuweilen damit auf
die Schulterblätter klopfte. - »Auch der hat bittere Erfahrungen,« sagte er nach
einiger Zeit in einem höhnischen Tone, »und ist doch hübsch und jung. Ja, trau'
Einer dem verfluchten Weibergeschlecht! Wenn mich nur die dumme Grille dieses
Herrn Erichsen nicht ein paar hundert Gulden gekostet hätte, die ich an das
Bettelpack weggeworfen. Aber ich will mich noch dafür revanchiren! Ein recht
artiger Brief an den Herrn Staiger soll mein letztes Geschäft als Chef der
Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie sein.« Damit trat er an den Pult
und schrieb mit sichtlichem Wohlbehagen:
                »P.P.
    Die schlechten Zeiten, unter denen gegenwärtig der Buchhandel seufzt,
veranlassen uns, Sie zu ersuchen, Ihre Arbeiten für unsere Handlung einstellen
zu wollen. Onkel Tom ist beendigt, und wir sind ausser Stande, das neue
Unternehmen, für welches ja ohnedies noch kein Kontrakt zwischen uns
abgeschlossen ist, in's Leben treten zu lassen.
    Genehmigen Sie indessen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung,
mit der wir sind
                                             Johann Christian Blaffer und Comp.«
    Wohlgefällig betrachtete der Buchhändler den säubern Schnörkel unter seinem
Namen, setzte vorsichtig das Datum von gestern bei und siegelte den Brief. Dann
rieb er sich die Hände, als habe er ein gutes Werk getan, verschloss das
Comptoir und ging in sein Schlafzimmer hinauf.
    Als es einige Stunden darauf dunkel wurde, sass August an dem Fenster seiner
Kammer, den Blick auf die Strasse gerichtet, wo man nach und nach alle Gaslampen
angezündet hatte; auch die bewusste vor dem Hause brannte hell und lustig, und so
sehr der Lehrling auch umher spähte, nirgendwo liess sich Jemand sehen, der Lust
zu haben schien, diese einzige Flamme wieder auszulöschen und so den sehnlichst
erwarteten Besuch des Herrn Beil anzuzeigen.
    Endlich wurde August zum Nachtessen gerufen, und das ging trübselig vorüber,
wie die meisten in der letzten Zeit. Herr Blaffer sprach nichts und warf nur
zuweilen finstere Blicke über den Tisch hinüber nach Marie, welche in tiefe
Gedanken versunken zu sein schien, und wohl aus diesem Grunde häufig etwas
Unpassendes sagte oder da lachte, wo es gerade nicht notwendig war - ein
Benehmen, welches die gute Laune des Buchhändlers durchaus nicht erhöhte, ja ihm
einige beissende Bemerkungen ablockte, welche von dem jungen Mädchen nicht gerade
auf die ehrerbietigste Art beantwortet wurden. Dann wurde der Prinzipal heftig,
grob und kränkend, was zur Folge hatte, dass sie ihm einen verächtlichen Blick
zuwarf, den Teller hastig zurückstiess, sich vom Tische erhob und auf ihr Zimmer
ging.
    Glücklicherweise liess sich August durch diese Scene gar nicht anfechten,
sondern speiste mit grosser Gemütsruhe, wornach auch er seine Dachkammer
aufsuchte. Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit besser in dem Hause
gegangen, so erschien ihm doch Manches dafür so unheimlich und widerwärtig, dass
er sich nach der früheren Zeit zurücksehnte, und namentlich nach Herrn Beil, mit
dem er so manche Stunde angenehm verplaudert, und der es so vortrefflich
verstanden, seine guten Lehren humoristisch in artige Gleichnisse einzukleiden,
und der selbst Püffe und Katzenköpfe auf ungezwungene und fast angenehme Art zu
geben wusste, so dass man ihm gar nicht einmal darüber böse sein konnte. Ach!
sogar dieser Püffe erinnerte sich August sehnsüchtig, und er hätte gern
dergleichen wieder ausgehalten, dann wäre ja der gute Herr Beil wieder bei ihm
gewesen. - Aber er hatte seinen Besuch noch nicht angezeigt, denn drunten die
Gasflamme brannte hell wie immer, bestrahlte den eisernen Kandelaber und warf
einen weiten Lichtkreis vor sich auf den Boden. - Doch halt! was war das?
Plötzlich war das Licht verlöscht, und August hatte doch Niemand gesehen, der
sich demselben genähert. Wie schlug ihm sein Herz! Er eilte an die Kammertüre
und horchte in's Haus hinab. Drunten war Alles stille; der Buchhändler hatte
sich zur Ruhe begeben, und als August aufmerksamer lauschte, hörte er ihn aus
seinem Schlafzimmer leise husten. Er wartete noch eine lange, lange halbe
Stunde, dann liess er sich an dem Treppengeländer hinab gleiten. Er hatte dieses
Manöver oft ausgeführt, wenn er sich verschlafen hatte und von dem Prinzipal
nicht gehört sein wollte. Unten angekommen, schlich er leise zur Haustüre,
drehte den Schlüssel zweimal, schob die schweren Riegel zurück und kehrte nun,
gehorsam dem erhaltenen Befehl, mit verhaltenem Atem in seine Dachkammer
zurück.
    Jede Minute, die er hier oben zubringen musste, däuchte ihm eine Ewigkeit. Er
hielt das Ohr an die Türe und lauschte angestrengt in's Haus hinunter. - Alles
ruhig und still, sogar Herr Blaffer hüstelte nicht mehr; wahrscheinlich war
derselbe eingeschlafen. Doch jetzt vernahm August ein Geräusch - aber nein, es
kam nicht unten vom Hause herauf, es kam vom Dache her. Was konnte das sein? Ja,
in der Nebenkammer, wo ehedem die Schwester geschlafen, vernahm er es jetzt.
Dort schlich etwas auf dem Boden, dort tappte es an der Wand fort und suchte die
Türe zu finden. Das konnte doch nicht Herr Beil sein, der sollte ja, was
natürlich war, unten zur Haustüre herein kommen. Und doch - es war keine
Täuschung möglich - ihm gegenüber an der anderen Kammertüre bewegte sich etwas.
Vorsichtig wurde auf die Klinke gedrückt, und sie hob sich ganz geräuschlos.
Doch ehe die Türe geöffnet wurde, hatte August die Geistesgegenwart, sein Licht
auszulöschen. Darauf lugte er wieder auf den Gang hinaus, während sein Herz so
heftig klopfte, dass er fürchtete, die Schläge müssen seine Gegenwart verraten;
dabei hatte er ein eigenes Gefühl in den Haarwurzeln; es war ihm, als drehe sich
jedes einzelne Haar langsam herum. Er dachte an Räuber, Mörder und Gespenster.
An die letzteren zumeist; denn das, was ihm gegenüber jetzt die Türe geöffnet
hatte und über den Gang dahin schwebte, konnte unmöglich ein menschliches Wesen
sein. Er hörte keinen Tritt, er sah nur einen Schatten gegen die Treppe schweben
und dann auf dem tieferen Dunkel derselben verschwinden. - Was war das? Hätte er
nicht den Herrn Beil erwartet und sich also gefürchtet, Lärmen zu machen, so
würde er unfehlbar durch sein Geschrei das Haus erweckt haben. So aber eilte er
an das Fenster zurück, betrachtete sich nochmals die finstere Gaslaterne und sah
dann auf die Strasse, ob sich nicht eine Spur von dem erwarteten Freunde
entdecken liesse. Wer aber beschreibt seine Ueberraschung, als er sich wieder
umwandte und unter der Türe der Kammer ein helles Licht gewahrte, welches ihm
so blendend in die Augen fiel, dass er nicht im Stande war, den Träger desselben
zu erkennen. Sollte das vielleicht Herr Beil sein? - Aber warum dann so still
und stumm in das Zimmer treten? Die Nerven des armen Lehrlings waren so
aufgeregt, dass er, anstatt eine Frage zu tun, die Hände vor das Gesicht presste
und auf einen Stuhl niedersank.
    Die Laterne an der Türe oder vielmehr der Träger derselben bewegte sich
in's Zimmer herein und eine Stimme, die nicht wie die des Herrn Beil klang, aber
auch keine ganz fremde für den Lehrling war, sagte ihm: »Sie haben Ihr Wort
gehalten; ich danke Ihnen dafür.«
    »Gott sei Dank!« dachte August, indem er die Hände langsam herabsinken liess,
»das spricht doch jetzt und schleicht nicht mehr so gespensterhaft im Hause
umher.« Er wagte es auch aufzublicken, und da nun der Eingetretene die kleine
Blendlaterne, welche er in der Hand trug, von sich abhielt, so erkannte August
mit Erstaunen die Züge des Herrn Brander, welcher ihm den Besuch des Freundes
angezeigt hatte.
    »Sie wundern sich, mich hier zu sehen,« sagte dieser. »Das kann ich mir
denken. Aber es anders zu machen war unmöglich. Herr Beil ist verhindert und ich
komme, Ihnen das zu sagen.«
    »Dafür bin ich Ihnen sehr verbunden,« erwiderte kleinlaut der Lehrling.
»Doch erlauben Sie mir eine Frage. Warum kamen Sie nicht zur Haustüre herein
und die Treppen herauf und zogen es lieber vor, über das Dach in's Haus zu
klettern?«
    »Hörten Sie Jemand über das Dach in's Haus klettern?« fragte aufmerksam der
Andere.
    »So leise Sie auch gingen, so hörte ich Sie doch und sah auch, wie Sie die
Treppe hinab schwebten.«
    »Ah! er ist schon da,« murmelte Herr Brander. »Nun, er hat den Weg oft genug
gemacht und die Liebe treibt ihn. - Sie irren,« wandte er sich laut an den
Lehrling, »ich stieg die Treppen herauf.«
    »Und der Andere?« fragte angstvoll der Lehrling, dem es anfing bei der Sache
unheimlich zu werden.
    »Der Andere ist ein guter Freund von mir und Herrn Beil, der hier einige
kleine Geschäfte zu besorgen hat.«
    »Zu dieser Stunde?« versetzte August, der endlich, obgleich spät genug
ahnte, er habe einen dummen Streich gemacht, fremden Leuten bei Nacht die Türe
zu öffnen.
    »Ja, zu dieser Stunde, mein lieber junger Mann,« entgegnete freundlich Herr
Brander. »Er besorgt seine kleinen Geschäfte, hat aber dabei immer noch Zeit,
aus irgend einem Winkel hervor seine Augen auf Sie zu richten.«
    »Wo?« fragte angstvoll der junge Mensch, indem er sich erschreckt umschaute.
    »Das ist gleichgiltig; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklärungen. Hören
Sie mich aber gefälligst einen Augenblick aufmerksam an! Sie erwarten Herrn
Beil, Herr Beil aber ist verhindert zu kommen, heute, morgen, die übrigen Tage.
Aber er wünscht sehnlich Sie zu sehen und wird nicht verfehlen, Ihnen in den
nächsten Tagen einen Weg zu diesem Zwecke anzeigen zu lassen. Doch verlange ich
Eins von Ihnen: Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer, schliessen Ihre Türe ab und
bekümmern sich nicht um das, was Sie allenfalls von drunten im Hause hören
sollten.«
    »O mein Gott!« rief August in kläglichem Tone. »Sie haben Schlimmes vor.
Aber ich will mich nicht daran beteiligen, ich werde nach Hilfe schreien und
den Prinzipal wecken.«
    »Versuchen Sie das,« sagte der Andere mit drohender Stimme. »Rufen Sie um
Hilfe, rufen Sie meinetwegen die Polizei! Ich werde mich ruhig hieher setzen und
mich mit Ihnen fangen lassen, denn der Hehler ist wie der Stehler; ich bezahlte
Sie reichlich dafür, dass Sie mir die Haustüre öffneten und will das vor aller
Welt beschwören. - Seien Sie kein Kind,« fuhr er nach einer Pause fort, als er
sah, dass der Lehrling seinen Kopf abermals in die Hände vergrub und darauf mit
einer Jammermiene empor blickte. »Glauben Sie mir, es soll Niemand ein Leides
geschehen. Sollten Sie aber, sobald ich diese Kammer verlasse, dennoch Geräusch
machen, um Hilfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben, so vergessen Sie ja
nicht, dass Jener, der vorhin über den Gang schlich, in Ihrer Nähe ist und dass
Sie beim ersten Laut ein Kind des Todes sind.«
    August konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen; er blickte scheu um
sich, denn plötzlich war das Licht der Blendlaterne nicht mehr sichtbar, doch
fühlte er die Hand des fremden Mannes, welcher ihn an der Schulter rüttelte und
ihm in's Ohr raunte: »Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lärm!« -
    Bevor sich an diesem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte, war er noch
längere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf- und abspaziert. Seine Sachen
waren geordnet, die Papiere über den Kauf ausgewechselt, das Geld lag im Kasten,
er war im Begriff, in ein ganz neues Verhältnis einzutreten, wesshalb es denn
auch leicht begreiflich war, dass er den vergangenen Tagen einen kleinen
Rückblick schenkte. Herr Blaffer hatte von seiner frühesten Jugend an tüchtig
gearbeitet, seine Zeit, sein Geld zu Rat gehalten, was ihm übrigens leicht war,
da er nicht von den gewöhnlichen Leidenschaften der Menschen berührt wurde. Er
trank nicht, er spielte nicht, er war gegen das schöne Geschlecht vollkommen
gleichgiltig. So musste es denn auch kommen, dass er etwas vor sich gebracht: ja,
Herr Blaffer war auf dem Punkte, ein recht wohlhabender Mann zu werden, als ihm
einige Unternehmungen fehlschlugen und ihn eine bedeutende Summe kosteten. Das
entmutigte ihn und von dem Augenblicke an trachtete er mehr darnach, sein
Vermögen zu erhalten, als zu vermehren.
    Da kam jenes Mädchen in sein Haus, und die Flamme, die sein Herz plötzlich
ergriff, brannte um so gefrässiger, als dieses Herz alt, dürr und trocken war.
Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen diese Leidenschaft angekämpft: sie war
stärker als sein Wille, er unterlag, und jedes Opfer, welches er gezwungen war,
derselben zu bringen, däuchte ihm leicht zu sein. Desshalb hatte es ihm auch
wenig Kummer gemacht, dass die Firma, die er gegründet, in fremde Hände überging,
dass das Haus, in welchem er geboren, jetzt von Andern bewohnt werden sollte.
Alles Das beschäftigte seinen Geist wenig, aber eine andere Frage lag auf seiner
Seele und verursachte ihm ein Gefühl, als tropfe von Sekunde auf Sekunde
flüssiges Metall auf sein Herz, die Frage: ist sie dir wirklich untreu geworden?
- eine Frage, die tausend Teufel in seiner Brust mit jubelndem Ja beantworteten.
Dann ballte er krampfhaft die Hände, fuhr in sein spärliches Haar und stöhnte:
»O nur Gewissheit darüber, nur Gewissheit, dass ich ein Recht hätte, sie zu fassen
und langsam zu verderben.«
    Endlich begab er sich zur Ruhe, und nachdem er sich lange umhergeworfen, kam
der Schlaf auf seine Augen, ohne ihn zu beglücken. Denn die wilden Gedanken, die
ihn wachend beschäftigt, hatten sich schon in schlimmere Träume verwandelt, die
ihm alles, Das, was er fürchtete, in den schrecklichsten, üppigsten Bildern
vormalten. Ihm träumte wieder, es schleiche Jemand durch das Haus und komme an
ihre Zimmertüre. Diese wurde langsam geöffnet und von Licht und Glanz
überflossen empfing sie den Geliebten, den wirklich und einzig Geliebten. Das
sah man an dem innigen Blick ihres feuchten Auges, an dem Lächeln um ihren
leicht geöffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte
und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in's Zimmer zog. - Ah! -
    Es gibt einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem man sich emporreissen kann,
erwachen durch die Kraft des Willens: so auch der Schläfer hier, als ihm dies
geträumt. Er tat einen tiefen Atemzug, er öffnete gewaltsam die Augen, er
erwachte, er horchte, wie er oft in der Nacht tat. Spielten denn seine Träume
in die Wirklichkeit über, wie sich vorher seine Gedanken in Träume verwandelt?
Konnte er sich diesmal täuschen? - Schlich nicht Jemand draussen auf dem Gange?
    Im Nu war Herr Blaffer aus dem Bette und stand mit verhaltenem Atem an der
Stubentüre. Oh! der Buchhändler war nicht so leicht zu überlisten! Schon lange
schloss er seine Türe nicht mehr fest, damit das Geräusch des Schlosses ihn
nicht verrate, wenn er auf den Gang blicken wollte. Allabendlich löschte er
sein Licht aus und dann zog er den Türflügel so viel zurück, dass er durch die
entstandene Spalte hinaus schauen konnte.
    So war es auch heute Abend geschehen, und als er zitternd vor Erwartung
davor stand, sah er genau dasselbe, was ihm wenige Augenblicke vorher geträumt.
Sie stand an ihrer Stubentüre und von Licht und Glanz übergossen empfing sie
den Geliebten - den wirklich und einzig Geliebten. Das sah man an dem innigen
Blick ihres Auges, an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund, an dem
Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann
hastig zu sich in's Zimmer zog. Darauf schloss sich die Türe wieder - und der
Riegel wurde vorgeschoben. - Nein, er auf dem dunkeln Gange träumte nicht mehr,
wie er wohl gehofft, wie er glaubte, denn er schlug sich so lange vor die Stirn,
bis sie ihn schmerzte, er presste die Hand krampfhaft auf die Brust und fühlte
sein Herz schlagen. Er wollte vorwärts stürzen und die Türe mit einem Fussstoss
eintreten. Aber er besann sich eines Bessern; der da drinnen war vielleicht
stärker als er, und da er Rache nehmen wollte, blutige Rache, so musste er sich
eine Waffe suchen. Wo war etwas der Art im Hause? Er dachte eine Sekunde nach,
dann trat er in's Zimmer zurück, warf sich mit fiebrischer Hast in die Kleider
und schlich auf den blossen Füssen die Treppen hinab nach dem Magazine, dessen
Türe er geräuschlos öffnete. Dort in einer Ecke neben der Wage lag das grosse
Packmesser. Als er das kalte Heft desselben ergriff, durchschauerte es ihn
unheimlich; er fuhr mit der andern Hand an die glühende Stirn und wischte sich
die Schweisstropfen davon ab. Auch bedeckte er einen Moment lang seine Augen,
denn trotz der tiefen Finsternis, die ihn umgab, gaukelten allerlei formlose
Gestalten um ihn her. Das war sein empörtes Blut, welches ihn auch Funken und
Blitze sehen liess, die seinen Augen zu entspringen schienen. dabei hatte er das
Gefühl, als wanke der Boden unter ihm, und als er nun doch vorwärts strebte, dem
Ausgang und der Treppe zu, schwankte er hin und her, und musste sich an den
Wänden halten und zuweilen einen Augenblick ausruhen, um nicht niederzustürzen.
Von seinen verwirrten Sinnen blieb nur ein einziger klar und tätig - das Gehör.
In seinen wildesten Gedanken, mitten in den qualvollsten Anstrengungen des
kraftvollen Vorwärtsstrebens lauschte er angestrengt - und jetzt - hörte er
abermals schleichende Tritte. Ja, das war er, dem das Mädchen die Türe
geöffnet; er musste es sein. - Und doch! Er sammelte einen Augenblick seine
zerstörten Gedanken, um sich zu erinnern, wo er sich befinde, und als ihm klar
wurde, dass er im Magazine sei, wusste er auch sogleich, dass die Tritte, die er
hörte, aus seinem eigenen Schlafzimmer herunter tönten und nicht aus dem
ihrigen. Er horchte angestrengter. Er vernahm ein leises Klirren; - ja, er irrte
sich nicht: droben wurde ein schweres Schloss geöffnet. - Herr des Himmels! das
seiner Kasse. Er zuckte aus seiner horchenden Stellung empor, er strebte die
Türe zu erreichen, und als er gerade auf den Gang hinaus wollte, vernahm er,
dass droben ein Fenster geöffnet wurde. Unwillkürlich wandte er den Kopf und
blickte auf die untern Fenster, die von dem Magazin auf den Hof gingen und mit
denen seines Schlafzimmers correspondirten. Da sah er, wie sich von oben ein
Körper langsam herab bewegte: es war ein Mann, der sich an einem Stricke
herunter liess. - »Räuber! Räuber!« schrie Herr Blaffer, so laut er konnte. dabei
stürzte er gegen das Fenster, riss es auf und da in diesem Augenblicke der Körper
eines Menschen, eines Diebes, gerade vor demselben schwebte, so stiess er
demselben mit aller Kraft das grosse Packmesser in den Leib, so dass er
augenblicklich den Strick losliess und dröhnend zu Boden fiel.
    Leider liess sich Herr Blaffer darauf verleiten, dem Fallenden nachzublicken,
aber nur eine Sekunde lang streckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus. Dann
taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denselben getroffen in das Zimmer
zurück, wo er regungslos liegen blieb. -
    Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel seiner Dachkammer
gesessen. Mehrmals war er aufgesprungen und im Begriff, herunter zu eilen, doch
jedesmal hielt ihn eine grosse Angst zurück. Er war sicher, sobald er auf den
Gang hinaus träte, augenblicklich zu Boden geschlagen zu werden. Wohl hatte er
vernommen, das Jemand das Schlafzimmer des Prinzipals verlasse, - wahrscheinlich
Herr Blaffer selbst, der sich in das Magazin hinunter begab. Später hörte er
andere Tritte, die sich in dem Schlafzimmer verloren; vielleicht war der
Buchhändler wieder herauf gekommen. Ein Fenster wurde geöffnet und kurze Zeit
darauf war es die Stimme des Prinzipals, welche »Räuber! Räuber!« rief.
    Jetzt eilte August auf den Gang hinaus und wollte die Treppen hinab, als er
unten im Hause flüsternde Stimmen vernahm: die seiner Schwester und die eines
Mannes. Was war das? Von all' diesem Rätselhaften überrascht, blieb er oben an
dem Geländer stehen und horchte. Zwei Personen schlichen die Treppen hinab,
durch den Gang nach der Haustüre, und darauf vernahm er deutlich, wie diese
letztere zugezogen wurde. Er hörte das Schloss zuschnappen, dann war Alles
todtenstill im Hause. - Langsam, auf jeder Stufe stehen bleibend, stieg nun der
Lehrling die Treppe hinab. Die Stille in dem Hause war ihm fürchterlich. Endlich
gelangte er in die Küche, neben welcher die alte Magd in einem Verschlage
schlief. Sie hatte von dem Lärmen nichts gehört und war schwer zu erwecken.
August hatte die Türe vorsichtig hinter sich geschlossen, und erst als er Licht
angezündet und die Magd bereit war, ihm zu folgen, wagte er sich wieder in den
Gang hinaus.
    Die Türe des Magazins stand offen und in demselben lag Herr Blaffer am
Boden, schwer atmend, doch ohne äussere Verletzung. Der Schlag auf den Kopf
hatte ihn betäubt, doch kam er bald wieder zu sich; und als er sich des
Geschehenen erinnerte, als ihm all' das Schreckliche einfiel, welches geschehen,
presste er beide Hände gegen seine Schläfe und eilte zähneknirschend in das Haus
hinauf, um über die Grösse des angerichteten Unglücks in's Klare zu kommen.
    Dies konnte nun nicht grösser sein und war für ihn niederschmetternd. Die
Türe zu Mariens Schlafzimmer stand offen, sie selbst war verschwunden. Mit
wankenden Schritten kehrte er in sein Zimmer zurück und wagte es kaum, seine
geöffnete Kasse mit scheuem Blick zu betrachten: sie war leer - er war ein
ruinirter Mann, und man hatte ihm Alles, Alles gestohlen.
    Als am andern Morgen die Polizei, von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt, sich
an Ort und Stelle begab, hatte es der Chef derselben für wichtig genug gefunden,
sich selbst dortin zu verfügen, um in seinem Besein die Lokal-Inspektion
vornehmen zu lassen. Herr Blaffer, den die schrecklichen Vorfälle auf das Bett
geworfen hatten, sagte ohne Rückhalt, was er wusste. August dagegen hatte sich
vorgenommen, Einiges, wie zum Beispiel den Besuch des Herrn Brander, die
Geschichte mit den Dukaten, sowie das Oeffnen der Haustüre, als unwichtig zu
übergehen. Doch waren der Polizeidirektor, namentlich aber sein erster Sekretär,
nicht die Leute, denen eine Persönlichkeit, wie der blonde Lehrling, im Stande
gewesen wäre, etwas zu verschweigen. August wurde in die Enge getrieben, und als
ihm der Präsident mit angefasster Nase, die er zornig bald rechts bald links zog
und alsdann drohend in die Höhe schnellen liess, auseinandersetzte, dass es ein
wahres Verbrechen sei, der Polizei etwas zu verheimlichen, berichtete er die
ganze Geschichte, ja er wurde gezwungen, am Schlusse weinend den Namen des Herrn
Beil anzugeben, als des Freundes, den er erwartet.
    Man kann sich denken, dass Herr Blaffer über seinen ehemaligen Commis das
Schlimmste aussagte, was namentlich den Polizeipräsidenten veranlasste, ein
genaues Signalement des Herrn Beil aufzunehmen, eine Sache, die bei der
auffallenden Körperbeschaffenheit desselben nicht schwer war.
    Dass bei dieser Lokalinspektion die Fenster, durch welche sich der Dieb
herabgelassen, sowie der Hof auf's Genaueste untersucht wurden, brauchen wir
wohl nicht zu sagen. Auf dem weichen Boden des letztern fand man übrigens genaue
Spuren von dem, was hier vorgefallen. Man sah, dass hier ein menschlicher Körper
niedergestürzt war, man bemerkte Blutspuren und rings herum Fusstritte, welche
deutlich anzeigten, dass mehrere Personen da gewesen, den Gefallenen aufgehoben
und über die niedrige Mauer auf die Strasse geschafft hatten. Der ganze Boden war
mit schweren Stiefelabsätzen zertreten, und als sich einer der Polizeibeamten in
seinem Geschäftseifer das Vergnügen machte, mehrere dieser Fussspuren der Länge
und Breite nach zu messen, entdeckte er zufällig ein Papier, welches fast ganz
in die feuchte Erde hinein getreten war. Da bei dergleichen Geschichten Alles
von Wichtigkeit ist, so zog er es säuberlich hervor und händigte es dem Sekretär
Seiner Excellenz ein. Dieser entfaltete es behutsam, warf einen Blick hinein und
sein trockenes Amtsgesicht strahlte darauf vor Freude und Ueberraschung. »Euer
Excellenz,« sagte er, als er das Papier dem Präsidenten überreichte, »hier ist
der deutliche Beweis für meine Behauptung, die ich schon lange Zeit aufzustellen
wagte, dass nämlich in hiesiger Stadt eine wohlorganisirte Bande besteht, welche
von mächtiger Hand und, man kann es nicht leugnen, bis jetzt mit grosser Umsicht
geführt wurde. Dieses Papier entält eine Instruktion über den hier verübten
Einbruch, in der Alles auf das Genaueste vorgesehen ist. Wenn es nicht eine so
schlechte Sache beträfe, so würde ich es ausserordentlich nennen.«
    Die Nase Seiner Excellenz hatte sich gerade nach dem oberen Fenster
gerichtet, doch fing er sie mit einem gewandten Griffe ein und zog sie auf das
zerknitterte und beschmutzte Papier herab. Auf diesem stand mit sehr
undeutlichen und verwischten Schriftzügen Folgendes: »Zwei, Sechs, Acht und Zehn
sollen sich dabei beteiligen, sie umstellen das Haus, während Eins durch die
geöffnete Türe eintritt. Der Bewusste ist bereit, das Mädchen zu entführen; er
erhielt Gelder und Papiere und wird nicht eingeholt werden. Geräusch an ihrer
Zimmertüre muss den Andern hervorlocken. Forcirt er die Türe, so muss ihn der
junge Mensch auf sich nehmen, bis das Geschäft drüben beendigt ist. Es soll
keine Gewalt angewandt, vielmehr wenn sich Hindernisse finden, die ganze Sache
verschoben werden!«
    »Da ist kein Zweifel mehr,« sagte der Präsident mit grosser Wichtigkeit, als
er gelesen, und fügte hinzu, nachdem er sich rings umgeschaut: »Vor allen Dingen
gilt es nun, über die ganze Geschichte ein unverbrüchliches Stillschweigen zu
beobachten. Unsere Leute sind durch ihren Eid gebunden; der Buchhändler wird
ohnedies nicht darüber sprechen, und was den jungen, angehenden Taugenichts
anbelangt, so wollen wir den ein wenig in Gewahrsam nehmen. Das ist eine Sache,«
wandte er sich mit leiser Stimme an seinen Sekretär, »die reiflich überlegt sein
will und klug eingefädelt. Hauptsächlich muss uns Alles daran gelegen sein, den
Aufentalt des gewissen Beil zu erfahren, damit wir den fassen können.« Der
Präsident unterstützte bei diesen Worten seine Rede pantomimisch dadurch, dass er
mit seinen fünf Fingern die eigene Nase umspielte und sie dann plötzlich und
unversehens ergriff. Der Sekretär aber spitzte wohlgefällig seinen Mund, schloss
dabei die Augen und sein angenehmes Lächeln schien sagen zu wollen: o der ist
uns sicher!
 
                         Fünfundsiebenzigstes Kapitel.
                             General und Präsident.
Vielleicht hat der geneigte Leser noch nicht vergessen, dass man von dem
königlichen Adjutantenzimmer gerade vor sich einen Flügel des Schlossbaues sah,
denselben, nach dessen Fenstern Graf Fohrbach, sowie seine jungen Kameraden
zuweilen ihre Beobachtungen anzustellen pflegten. Der erste Stock dieses Baues
war, wie wir ebenfalls wissen, von seiner Excellenz, dem General-Adjutanten
Baron von W., bewohnt, einem alten Herrn, dessen Bekanntschaft wir auf der Soiré
e des Kriegsministers Excellenz gemacht.
    Der Baron hatte seine grossen Eigentümlichkeiten, und eine für die
königlichen Adjutanten gerade nicht angenehme bestand darin, dass er stundenlang
an einem Fenster seiner Wohnung sass und mit einer Lorgnette die Umgebung des
Schlosses, die An- und Abfahrenden, Fussgänger und Reiter beobachtete. Es war
gerade, als führte der alte Herr darüber ein Journal, denn wenn er zufällig
etwas entdeckte, was nicht jeden Tag vorkam, so vergass er das niemals und wusste
es später bei einer Hoftafel, einem Ball oder dergleichen immer so anzubringen,
dass irgend Jemand darüber in Verlegenheit kam, oder doch in den Fall sich
entschuldigen zu müssen. Viele suchten die Ursache dieser bösartigen
Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter desselben oder in der
Einsamkeit, in der er seine meisten Stunden verbrachte, denn Kinder hatte er
keine, und mit der Baronin, seiner Frau, so munkelte die böse Welt, lebte er auf
gar keinem vertraulichen und mitteilsamen Fusse. Die älteren Herren bei Hofe
aber, die ihn noch von der Zeit her kannten, wo er als Adjutant des hochseligen
Königs fungirte, nannten ihn, wenn sie allein waren, einen boshaften Affen,
dessen einziges Vergnügen es von jeher gewesen sei, die Leute unter einander zu
verhetzen, überall Zwietracht zu säen und sich dann händereibend an den
unangenehmen Scenen zu erfreuen, die er angestiftet.
    Wenn man übrigens die alte Excellenz sah, wie sie so mit gekrümmtem Rücken
dahin schlich, die Hände hinter sich haltend, in der Rechten eine goldene Tabati
ère, die sie mit zitternden Fingern beständig drehte, leise und vorsichtig dahin
gleitend, um kein Aufsehen zu erregen, von einem Salon in den andern, und dazu
das spitze, gelbe vertrocknete Gesicht, die lebhaften, listigen Augen und die
schwarze Perücke, so musste man, nach dem Äußern urteilend, unbedingt der
Ansicht Derer sein, welche den General für einen Schleicher hielten und ihm
nichts Gutes zutrauten.
    Bei den jüngern Adjutanten und Ordonnanz-Offizieren galt er überdies für
einen Hofwetter-Propheten, und alle behaupteten steif und fest, wer von ihnen
den Baron drüben des Morgens vor dem Rapporte in seiner weissen Nachtmütze am
Fenster erscheinen sehe, der habe unbedingt im Laufe des Tages irgend eine
Unannehmlichkeit zu erwarten. Und diese böse Vorbedeutung konnte nur paralisirt
werden, wenn sich zufälligerweise auch die Baronin sehen liess. Denn dass die arme
Frau der gute Geist des Hauses sei, die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Grazie
in Person, darüber waren nicht bloss die jüngeren und älteren Herren, sondern,
was viel sagen will, selbst die alten Hofdamen einig.
    Die arme Frau führte aber bei ihrem Tyrannen ein beklagenswertes Leben.
Fast täglich berichteten die Adjutanten einander über Scenen, die es drüben
gegeben, und wenn man gerade nichts sah, so hörte man öfters die schrille Stimme
des Barons, oder entnahm einen vorübergegangenen Sturm aus allerhand kleinen
Anzeichen. Man bemerkte dann die schöne Frau mit verweinten Augen, man sah sie
in ihrem Coupé ausfahren, in welchem auf seinen Befehl die grünen Vorhänge fest
herabgezogen waren.
    Der General wusste übrigens ganz genau, dass man ihn vom Schloss aus
beobachte, und deshalb hatte er schon öfters wochenlang seine Fensterläden fest
verschlossen gehalten. Doch konnte er sich nicht entschliessen, die andere Seite
seiner Wohnung zu beziehen, denn es war ihm, wie schon früher bemerkt, ein
Bedürfnis geworden, die Ein- und Ausgänge des Schlosses vor Augen zu haben.
    Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S. hatte den Dienst in
dem königlichen Vorzimmer. Er stand vor dem schon oft erwähnten Fenster, neben
ihm Graf Fohrbach, und das Gespräch war unter Anderem auf die Bewohner des
Schlossbaues gekommen, und beide Herren ergingen sich in ähnlichen Betrachtungen,
wie wir sie eingangs dieses Kapitels unseren Lesern mitgeteilt haben.
    »Es muss da drüben in der letzten Seit etwas vorgefallen sein,« meinte der
Major. »Du hast wohl auch davon gehört?«
    »O ja. Aber im Hause selbst ist nichts passirt; du meinst die Geschichte auf
dem neulichen Hofkonzerte.«
    »Ja, aber ich weiss sie nicht genau. Ich hatte an dem Tag den Dienst und war
sehr dankbar dafür, dass es uns freigestellt wurde, zu bleiben oder zu gehen. Ich
zog begreiflicherweise das Letztere vor.«
    »Ich dagegen war glücklich, dass man mich eingeladen,« lachte der Graf.
    »Das glaube ich. Du durftest schmachtend die Augen niederschlagen und sie
wieder öffnen; du durftest dir mit vielsagendem Blick durch das Haar fahren und
deinen Schnurrbart kräuseln, du durftest hüsteln durch alle Nuancen.«
    »Allerdings. Aber trotzdem sah ich, was bei Hofe vorging und bin geneigt,
dir darüber zu rapportiren. Du weisst, ich fuhr mit Steinfeld hieher. Der arme
Kerl, viele Jahre abwesend, war aus allen Bekanntschaften heraus und musste sich
vorstellen lassen wie ein neuer, eben erst bei Hof erscheinender Kammerherr.
Nun, ich sorgte für ihn und machte ihm die Honneurs bei Hofe.«
    »Da fingst du bei dem jüngsten Ehrenfräulein an; ich kann mir das denken.«
    »Im Gegenteil. Ich sparte Eugenie fast bis zuletzt auf, aber du hättest
seine grossen Augen sehen sollen, als wir nun zurücktraten und ich ihm zuraunte:
Das ist die künftige Gräfin Fohrbach.«
    »Hm!« machte der Major. »Aber die Geschichte.«
    Der Graf sah ihn einen Augenblick fragend an, doch kannte er ihn zu genau,
um sich die vergebliche Mühe zu machen, ihn wegen des »hm!« zu befragen.
»Endlich also,« fuhr er fort, »suchte ich Hugo auch der Baronin v. W. zu
präsentiren. Ich hatte sie zu Anfang des Konzerts gesehen, dann aber war sie mir
aus den Augen verschwunden. Nun, ich präsentirte Steinfeld ihrem Manne, dem
alten General, und bat ihn um die Erlaubnis, meinen Freund der Baronin
vorstellen zu dürfen. - ,Meine Frau,' sagte er, ,klagt über Kopfweh und zog sich
in die hinteren Zimmer zurück.' Wir suchten sie also auf.«
    »Das hättest du nicht tun sollen. Eine so kluge Frau wie die hat immer ihre
guten Gründe, wenn sie sich aus dem Cercle zurückzieht. Sie wollte vielleicht
von Jemanden nicht gesehen sein.«
    »Du könntest Recht haben; aber ich bin noch nicht alt genug, um alle Nuancen
des Hoflebens zu verstehen. Nun also, wir fanden sie, ich stellte Hugo vor -«
    »Und die Baronin erschrak vielleicht?«
    »Nein, die Baronin erbleichte nur, wenn man das bei ihrem ohnedies bleichen
Teint sagen kann. Aber Steinfeld erschrak, fuhr zusammen, drückte krampfhaft
meinen Arm und kam so aus aller Contenance, dass ich mich mit meiner bekannten
Geistesgegenwart - die auch du kennst,« setzte er lächelnd hinzu - »in das
Gefecht werfen musste, um mit meinem Vorgestellten nicht eine totale Niederlage
zu erleben.«
    »Und sein Erschrecken war auffallend?«
    »Ungeheuer. Die kleine U., die daneben stand, machte ein langes,
überraschtes Gesicht.«
    »Und der alte General war in der Nähe?«
    »Der Teufel führte ihn gerade daher, oder vielmehr der Herr Herzog, denn
dieser brachte ihn gerade in dem ungeschickten Moment in die hinteren Zimmer.«
    »Das ist eine rätselhafte Geschichte,« meinte der Major, indem er den
rechten Arm gegen das Fenster lehnte und den Kopf darauf stützte. »Und hast du
auch gehört, wie man behaupten will, dass der General harte Worte zu seiner Frau
sagte?«
    »Etwas davon vernahm ich schon; begreiflicherweise zogen wir uns aber
zurück, deshalb konnte ich an der Türe nur verstehen, dass der General zu seiner
Frau sagte: Madame, wir fahren nach Hause!«
    »Vielleicht hat er überhaupt weiter nichts gesagt, denn du Weisst, wie in der
Welt jedes Wort auseinander gezerrt wird. Die kleine U. war bei meiner Frau und
wollte allerlei gehört haben, von Einverständnissen, die die ganze Welt merken
müsse und die er, der General, schon entdecken wolle.«
    »Unter uns gesagt, Steinfeld erschien mir höchst merkwürdig. Er war wie
verwandelt, wollte Niemand mehr sehen, sprach nicht mehr, und kurze Zeit nachher
war er verschwunden. - Aber jetzt habe ich dir diese interessante Geschichte
erzählt, dafür bezeige dich dankbar und sage mir, warum hast du vorhin hm!
gemacht, als ich von der zukünftigen Gräfin Fohrbach sprach?«
    Der Major lachte laut auf. »Man kann sich bei dir nicht genug in Acht
nehmen,« sprach er; »ich glaube, du controlirst sogar meine Mienen.«
    »Weil die immer etwas zu bedeuten haben, und weil du obendrein hm! machtest,
und hinter deinen Hms steckt immer etwas.«
    »Es steckt eigentlich nichts dahinter,« entgegnete der Andere mit ernsterem
Tone. »Aber wenn man so seine Brautschaften Freunden proklamirt, da muss auch
Alles in Ordnung sein, glatt und eben und der Altar in Sicht.«
    »Nun, bei Gott!« erwiderte einigermassen verdriesslich der Graf, »ich sehe
auch keine grossen Steine mehr im Wege. Eugenie und ich -«
    »Ihr seid einig, das wissen wir,« sagte der Major mit einer Handbewegung
gegen seinen Freund. »Mama werden auch über den mangelnden Reichtum der Braut
hinweg sehen, auch sind der Herr Kriegsminister ein guter Vater; aber vergiss
nicht, dass deine Heirat in hohen Kreisen etwas missliebig angesehen wird, und
wenn Seine Excellenz einen tüchtigen Wink erhält, so könnte es kommen, dass man
dich avancirte, zum Major machte und als Anhängsel zu irgend einer Gesandtschaft
schickte.«
    »Zum Henker! Du siehst immer schwarz!« rief der Graf. »Ich weiss wohl, du
meinst, der Herzog machinire gegen mich. Nun, ich glaube wohl, dass er trotz
allen fehlgeschlagenen Versuchen noch nicht den Mut verloren hat.«
    »Ich sehe nicht schwarz, lieber Freund,« erwiderte der Major. »Aber ich
kenne mein Terrain, und leugnen wirst du mir nicht, dass der Herzog auf Tod und
Leben in das schöne Mädchen verliebt ist. Sie ist arm, aber von sehr gutem
Hause; ihn selbst verheiratet sehen, ist der sehnlichste Wunsch der Herzogin.
Meinst du, es sei am Ende nicht möglich, dass sich der Herzog seiner Mutter
declarirte und Eugenie zu seiner Frau machte, da sie ihm nichts Anderes sein
will?«
    Graf Fohrbach blickte mit dem Ausdruck eines grossen Schreckens auf das
Gesicht seines Freundes, ob dort nicht ein lächelnder Zug den Scherz verrate.
Aber die Züge des Letzteren blieben vollkommen gleich und ernst.
    »Ich habe keine bestimmte Idee,« sagte er, »dass dies so kommen könnte, aber
wie die Verhältnisse nun einmal liegen, sollst du als Verliebter die Sache nicht
so leicht nehmen, sondern alle Schrauben anziehen, um baldigst zu einem Ziele zu
gelangen. - Mich hat,« fuhr der Major nach einer Pause fort, während der Graf
Fohrbach nachdenkend zum Fenster hinausgeblickt, »die Wette, welche dir der
Herzog neulich proponirt, verletzt, ja erschreckt. Mach' mir keine Einreden in
Betreff Eugeniens. Ich kenne die grosse und auch feste Seele dieses Mädchens;
aber sie steht auf glattem Boden. Ja, ich sage es offen, nur ein Narr proponirt
dergleichen Wetten ohne irgend welche Aussicht auf Erfolg. Und ein Narr ist der
Herzog gerade nicht.«
    »Nun, diese Aussichten sind gering,« versetzte nach einem tiefen Atemzuge
lächelnd der Graf. »Da lies dies Billet; ich erhielt es gestern von Eugenien.«
    Der Major nahm das dargereichte zierliche Briefchen, entfaltete es und las:
»Wie leid tut es mir, dass ich deinen Wunsch so ohne alle Schwierigkeiten
erfüllen kann! Ich bin für den Maskenball zu einer der Ecuyèren Ihrer Majestät
ernannt, und da ich mit den beiden andern Damen Achselbänder in einer der Farben
des angenommenen Wappens tragen soll, weiss, grün und Gold, so ward es mir
leicht, die erste Farbe für mich zu wählen. O, wie sie mir lieb ist, da ich
weiss, dass du sie gerne siehst!« - »Ja, das ist recht schön und es freut mich,«
sprach der Major, nachdem er gelesen.
    »Und das ist noch nicht Alles,« entgegnete der Graf, indem er sich dem
Freunde näherte und die Stimme dämpfte, als fürchte er unsichtbare Ohren in dem
leeren Zimmer. »Eugenie will mit der Frau Herzogin sprechen, und, im Falle diese
uns gnädig gesinnt ist, ebenfalls an ihrem Hute eine weisse Schleife tragen.«
    »Nun, Gott gebe seinen Segen dazu,« sagte der Major. Dann zog er seine Uhr
hervor und fuhr fort: »Nimm mir nicht übel, Eugen, ich habe einen Fremden
anzumelden. Wenn du noch ein bisschen verziehen willst, so setz' dich nieder und
nimm ein Buch, es dauert nicht lange.«
    Der Graf hatte sein Billet sorgfältig wieder eingesteckt und erwiderte
lachend: »Ich danke dir herzlich; nur die Lust, mit dir ein paar Worte zu
sprechen, hielt mich hier zurück. Ohnedies habe ich ja morgen wieder die Ehre,
ein Sklave dieser Räume zu sein. Desshalb will ich mich heute meiner Freiheit
freuen. Leb' wohl!«
    »Heute Abend sehen wir dich?« fragte der Major.
    »Natürlich, deine Frage veranlasst mich, das Schloss schleunigst, zu
verlassen. Gott der Gerechte! Man könnte mich am Ende wieder zu einer
Whistpartie da behalten wollen!«
    Mit diesen Worten ging er fort, der Major blieb allein zurück, nahm eine
sehr wichtige Miene an, rückte Schärpe und Säbelkuppel zurecht, und erwartete
auf-und abschreitend die lispelnde Meldung des Kammerdieners.
    Als der Graf das Schloss verlassen hatte und über den Hof dahin schritt, ging
er sehr langsam und schaute lange rückwärts zu einem Fenster hinauf, an welchem
sich Blumen befanden. Dort war leider heute nichts sichtbar als eben nur diese,
und das hartnäckige Hinaufschauen hätte den Grafen beinahe in Schaden gebracht,
denn da er nicht auf seinen Weg blickte, geriet er fast zwischen die Pferde
einer Equipage, die ziemlich rasch um die Ecke des Schlosses herumkam. Erst auf
das Hoje! des Kutschers prallte er auf die Seite, und erblickte das Coupé des
Polizeipräsidenten, der ihm lächelnd mit dem Finger drohte und zurief: »Welches
Unglück, Graf Fohrbach, wenn ich Sie überfahren hätte!«
    »Ein Unglück für uns Beide,« erwiderte lustig der Graf, »denn wie hätten das
Euer Excellenz, verantwortlich für die Sicherheit der Einwohner, rechtfertigen
können!«
    Damit ging er seiner Wege, und der kleine Wagen des Andern beschrieb einen
Bogen auf dem weichen Sande des hintern Schlosshofes und hielt vor der Türe des
General-Adjutanten Baron v. W.
    Da nun wir, geneigter Leser, Flaneurs vergleichbar sind, die sich nur da
aufhalten und beobachten, wo sie etwas Interessantes zu entdecken glauben, und
es so unsere Art ist, Diesen zu verlassen und Jenem nachzugehen, so wollen wir
den Grafen Fohrbach ruhig seiner Wohnung zuschreiten lassen und der Equipage
Seiner Excellenz folgen.
    Der Polizeipräsident schien in dem Hause, in welches er eintrat, erwartet
worden zu sein. Ein alter Bedienter in einer maulbeerfarbenen Livrée öffnete
nach einer tiefen Verbeugung den Schlag, und zog dann eine Glocke, die im ersten
Stock klingelte, sobald der Präsident die Treppen hinanstieg. Oben öffnete ihm
ein schwarzgekleideter Kammerdiener die Glastüre und führte ihn durch mehrere
Zimmer in das Kabinet des Generals, rollte einen Fauteuil vor das lodernde
Kaminfeuer und bat ihn, einige Sekunden zu verziehen, indem Seine Excellenz
gleich erscheinen würde. Der Präsident liess sich nieder, rieb sich die Hände vor
dem Feuer, befühlte darauf tastend seine Nase und blickte schmunzelnd in die
lodernden Flammen.
    Alle Kammern seines Gehirns waren mit Räubern und Mördern angefüllt, und
sein Geist beschäftigte sich seit mehreren Tagen nur noch mit dem uns bekannten
Einbruch, den er hin und her beleuchtete, um Fäden zu finden, durch deren Hilfe
er in allerlei schauerliche Schlupfwinkel dringen könne und mit denen er die
gefürchtete Räuberbande, die also doch wirklich existirte, zu umgarnen hoffte.
    Während dieser Betrachtungen blickte Seine Excellenz zuweilen an der linken
Seite seines Frackes herunter, wo sich noch eine leere Fläche befand, wogegen
das Knopfloch mit mehreren buntfarbigen Bändchen besetzt war. »Man wird so grosse
Dienste zu belohnen wissen,« dachte er bei sich, »und ich werde nach dieser
glorreichen Geschichte nicht länger des Sterns zu entbehren haben, der mir schon
lange gehört.«
    In diesem Augenblicke erschien der alte General, und beeilte sich so viel
als möglich, den Polizei-Präsidenten auf seinem Fauteuil festzuhalten, denn
dieser schickte sich an, mit einem Anfluge von Respektsgefühl in die Höhe zu
fahren. - »Aber, alter Freund, welche Geschichten!« rief kopfschüttelnd die
militärische Excellenz. »Sitzenbleiben. -Parbleu! Gerade tun, als wenn man zu
Hause wäre. Alle Hagel! Wenn man sich auch nicht so viel sieht, so bleiben doch
die freundschaftlichen Gefühle zwischen uns dieselben, he!«
    Was nun die Bemerkung des Generals, dass sie sich selten sehen, anbelangte,
so hatte der letztere vollkommen Recht, war aber selbst die Ursache, dass er sich
mit seinem früher sehr intimen Freunde, damaligen geheimen Rate, jetzt
Polizei-Präsidenten, etwas brouillirt hatte. Er hatte ihm auch einstens eine
seiner kleinen Bosheiten zugefügt, sich eine giftige, aber sehr komische
Bemerkung bei Hofe über ihn erlaubt, freilich dadurch die Lacher auf seine Seite
gebracht, aber den Freund von sich zurückgestossen. Das war nun allerdings nach
und nach wieder so weit verglichen worden, dass sich Beide in Gesellschaften
freundlich begegneten, auch wohl einen Rubber zusammen spielten, aber eine
eigentliche Vertraulichkeit hatte nie mehr stattgefunden. Desshalb wunderte sich
denn auch der Polizei-Präsident, als er am heutigen Morgen ein höchst amicables
Billet des Generals erhielt, mit: »Mein lieber Freund!« anfangend und mit:
»stets Ihr Getreuester!« schliessend, worin derselbe um den Besuch des
Polizei-Präsidenten bat, weil ihn leider ein Unwohlsein verhindere, selbst
auszugehen.
    Nach dem Aussehen des Generals war Letzteres sehr glaubwürdig; seine Wangen
waren, wenn möglich, noch eingefallener als sonst, sein Gang gebückter, und
nachdem er dem Präsidenten beide Hände geschüttelt, liess er sich wie erschöpft
auf einem gegenüberstehenden Fauteuil nieder. »Ma foi!« sagte er, »man wird alt;
doch Sie scheinen nichts davon zu spüren, sehen in der Tat vortrefflich aus,
wie vor zwanzig Jahren, als ich ebenfalls noch im Dienste war. Vraiment,
Präsident, die Ruhe ist ein Unglück. Sie bleiben geschmeidig wie polirt, während
ich einroste. Enfin, was will man machen? Das ist der Lauf der Welt.«
    »Euer Excellenz sollten nicht so sprechen,« erwiderte der Andere seufzend.
»Ich will über meine Gesundheit nicht klagen, aber das kann ich Sie versichern:
Mein gutes Aussehen ist eigentlich nur Echauffement, Erregteit. Glauben Sie
mir, dieses beständige Arbeiten, die Last, die auf mir liegt, drückt mich
langsam zu Boden. Ich kann kaum aufatmen. Jetzt ruft man rechts, jetzt ruft man
links. Nein, nein, Sie führen ein glücklicheres Leben, beschäftigen sich nur mit
angenehmen Erinnerungen, promeniren, reiten, kurz Sie tun, was Ihnen beliebt.«
    »Was an Ihrer Behauptung Wahres ist, mon cher, das wollen wir sehen. Ich
habe mir nämlich vorgenommen, Ihnen einige Konfidenzen zu machen.«
    »Dem alten Freunde!« erwiderte der Präsident halb gerührt, wobei er seine
Nase tief herab zog und aufwärts blinzelte.
    »Dem alten Freunde - ja!« sagte der General, und fuhr dann mit sehr scharfem
Tone fort: »Eigentlich mehr noch dem Polizei-Präsidenten.«
    Der Andere liess erstaunt seine Nase los, welche sich frei fühlend,
augenblicklich in die Höhe schnellte. Seine Augen drückten grosses Erstaunen aus,
wesshalb der General hinzusetzte:
    »Comprenez, mon enfant, dem Polizei-Präsidenten - par ce qu'il est mon ami.«
Hierauf hüstelte er in sich hinein, polirte dann den Deckel seiner goldenen
Schnupftabaksdose und bot seinem Gegenüber ein Prise an.
    Doch bedankte sich der Präsident, denn er hatte einen wahren Abscheu vor dem
Schnupfen, ja, seine Nasenflügel zitterten scheinbar entrüstet ob dieser
Zumutung.
    Dagegen aber schnupfte der General für Zwei, und nachdem er sich den Tabak
aus dem dünnen Schnurrbart gewischt, Cravatte und Morgenrock gesäubert, sagte
er: »Eh bien, ich bin ein alter Soldat und gehe gerade darauf los. Nur bitte
ich, mon cher, dass Sie mir einige Aufmerksamkeit schenken mögen. - Sie wissen,
es gibt in jeder Familie einen Haken, den man nicht gern anschaut, an dem man
sich stosst, den man nicht wegbringen kann, und der unsern guten lieben
Nebenmenschen Veranlassung gibt, alles Böse daran aufzuhängen.«
    Der Präsident nickte schweigend mit dem Kopfe.
    »Meistens,« fuhr die alte Excellenz fort, »sind es Anverwandte, die einem
Kummer bereiten, oder gottlose Kinder, falsche Freunde, Ungnaden von ober
herunter, aber alles das habe ich nicht. Ueberhaupt kann ich in meiner Carrière
von Unglück nicht sprechen, j'ai fait rapidement mon chemin, mein Vermögen liess
mich alles mitmachen, ich lebte glücklich und zufrieden, bis mich der Teufel
plagte und ich eine Frau nahm.«
    »Oh!« machte der Präsident. »Sie spassen, General.«
    »Soll mich - wenn ich spasse! D'honneur! Es ist das mein blutiger Ernst.
Sehen Sie, Präsident, damals hätten wir Beide nicht so weit von einander stehen
sollen. Ich weiss, dass Sie es immer gut mit mir meinten; Sie wären aufrichtig
gewesen und hätten mir gesagt: Mon vieux, crois-mois, lass das Heiraten bleiben.
Nun, man hat mir wohl dergleichen unter die Nase gerieben, aber Mademoiselle war
sehr schön, ich ein verblendeter alter Narr - enfin! Darüber lässt sich nichts
mehr sagen, ich habe meinen Willen durchgesetzt, voilà tout.«
    Der Präsident wusste nicht, was er bei dieser Erklärung für eine Miene machen
sollte. Er fühlte wohl, dass der General in manchen Dingen Recht habe, aber wenn
Jemand sich selbst Grobheiten sagt, so kann man ihm doch unmöglich darin
beistehen. Der Chef der Polizei fühlte ein Jucken oben an seiner Nase, und um
diesen Kitzel zu befriedigen, senkte er sie tief herab, - das Beste, was er tun
konnte, denn dies gab ihm ein Aussehen von Nachdenken, von gerührter Teilnahme,
wesshalb ihm denn auch der General die Hand auf den Arm legte und fortfuhr:
    »Lassen Sie sich das gar nicht anfechten, teuerster Freund. Wie gesagt: Wir
sind darüber hinaus. Nichts von Leidenschaften, nichts von Klagen, nur eine
ruhige Besprechung.«
    »So sei es,« entgegnete der Präsident, und dabei streckte er dem General mit
einer ziemlich wehmütigen Geberde seine Hand entgegen. »Also eine Besprechung.«
    »Zum Freunde, aber auch zum Chef der Polizei.«
    »Beide hören.«
    »Sie kennen meine Frau, - eine schöne Frau, vraiment, die Welt sagt auch,
eine geistreiche, liebenswürdige, charmante Frau, kurz, die Welt, die sonst gern
Böses spricht, macht mit meiner Gemahlin eine seltene Ausnahme.«
    »Und diesmal, glaube ich, hat die Welt Recht,« wagte der Präsident zu sagen.
    Ein bitteres Lächeln flog über die Züge des Generals; nichtsdestoweniger
aber fuhr er ruhig fort: »Da aber von eben dieser bösen Welt eine Familie, ein
Haus nie ungerupft davon kommt, so ist auch in dem meinigen ein böses Prinzip,
ein finsterer Geist, Schatten neben Licht - und dieser Schatten bin ich.«
    »Wie kann man nur so etwas denken!« sprach scheinbar entrüstet der
Präsident, und knipste dann seine Nase, so dass sich dieselbe wie erschrocken
abwandte. »Nur nicht dergleichen Grillen, lieber Freund! Die Welt kennt Sie,
achtet und liebt Sie.«
    »Amen!« sagte hämisch der General. »Das ist mir auch von der Welt sehr
gleichgiltig. Doch gehen wir weiter. Meine Frau also, dieser Engel der
Sanftmut, Aufrichtigkeit, Ehrbarkeit und was man Alles will, hat mir von jeher
Veranlassung zu - nun, wie soll ich sagen? - zu Misstrauen gegeben. Anfänglich
kämpfte ich es nieder: Ich schämte mich vor mir selber. Was mir Alles verdächtig
erschien, kann ich nicht sagen - ein Blick, ein Wort, ein Brief, eine seltsame
Bekanntschaft, Vieles war vielleicht folie et pure imagination de ma part, mais
- mir ward immer klarer, in dem Leben meiner Frau sei etwas Ungehöriges, sie sei
sich einer Schuld gegen mich bewusst, sie habe mir etwas zu verbergen.«
    »Aber lieber Freund,« entgegnete der Polizei-Präsident mit sanfter Stimme,
»nehmen Sie mir nicht übel: Da ist freilich viel Phantasie im Spiel. Das Leben
der Baronin hier in diesem Hause liegt so klar und offen da, ihr ganzes Betragen
ist durchsichtig wie Kristall. Alle Wetter!« fuhr er mit einem scheinbaren
Anfluge von Humor fort, »wir von der Polizei wissen mehr, als man glaubt. Wir
sehen in viele Intriguen hinein. Uns sollte ein Ehemann fragen, wenn er seiner
Frau misstraut.«
    »In diesem Fall,« erwiderte spöttisch der General, »würde er viel erfahren!
Wir sind ja unter uns, mon cher. Gehen Sie mir mit der Allwissenheit Ihrer
Polizei. Ihr seht nur das, was auf der Oberfläche schwimmt; tief hinein wagt ihr
eure Nase nicht zu stecken. - Au nom de Dieu, je vous prie, was Sie vom jetzigen
Leben meiner Frau sagen, mag sehr wahr sein, aber ich denke ja an die
Vergangenheit! Von da her zieht sich durch ihr Wesen ein finsterer Ton, ein
schwarzer Faden, den sie nicht abbrechen kann, den sie beständig mit Geist und
Liebenswürdigkeit zuzudecken sucht, dem ich aber auf die Spur gekommen bin.«
    »Sie erschrecken mich.«
    »Ich habe meine Frau eigentlich nie daran gehindert, auszugehen,
auszufahren, kurz, zu tun, was ihr beliebt. Wohl ist es wahr, dass ich ein
auffallendes Umhertreiben nie leiden konnte, und mich deshalb zuweilen veranlasst
sah, der beständigen Lust meiner Frau, Besuche zu machen, einen Zügel anzulegen.
Ich gestehe es, ich bestand zuweilen, namentlich nach kleinen Scenen unter uns,
darauf, dass sie das Haus nicht verlasse, und dass sie gerade dann oft ausfuhr,
machte mich aufmerksam. Je l'épiais.«
    »Das war sehr gefährlich, bester General.«
    »So besuchte sie eines Tags eins unserer grossen Magazine, liess ihren Wagen
draussen halten, ging zur vorderen Türe hinein, zur hinteren aber wieder hinaus,
so dass meine Leute glauben mussten, sie sei stundenlang mit ihren Einkäufen
beschäftigt.«
    »Und das war sie nicht?«
    »Que Diable! Sie hören ja, dass sie den Laden verliess. Sie bediente sich
eines Fiakers und fuhr in eine kleine Strasse. Sie stieg an einem unscheinbaren
Hause ab, ging in den ersten Stock und sah dort -«
    »O General!«
    »Sah dort - einen Knaben von circa sechs Jahren, mit dem sie sich auf's
Zärtlichste unterhielt.«
    »Einen Knaben!« -
    »Einen Knaben, den sie in ihre Arme presste, dessen Gesicht sie mit Küssen
und Tränen bedeckte, den sie mit der Liebe einer Mutter an sich drückte.«
    »Mit der Liebe einer Mutter?«
    »So ist es Präsident.«
    »Teufel! Teufel! Aber, General, Sie erzählen mir da eine Geschichte, die
mich ganz confus macht. - Ein Knabe; - was soll es mit dem Knaben? Wer ist der
Knabe?«
    »Es ist der schwarze Faden im Leben meiner Frau, von dem ich vorhin sprach,
voilà l'affaire! Woher der Knabe mit seiner Wärterin so plötzlich erschienen, je
l'ignore complètement, sowie Sie, lieber Freund, der Chef der Polizei. Damals
aber schon war ich im Begriff, mich an Sie zu wenden, ich wollte mich mit Ihrer
Hilfe des Knaben bemächtigen.«
    »Das war auch der richtigste Weg, um etwas zu erfahren,« entgegnete der
Präsident, der in diesem Augenblicke ganz Polizeimann war.
    »Aber die Andern dachten Aehnliches,« fuhr der General mit einem trockenen
Lachen fort, »und plötzlich war Kind und Wärterin verschwunden.«
    »Sehen Sie, General, sehen Sie,« sprach ernst der Andere, indem er den
Zeigefinger drohend erhob und ihn dann an die linke Seite seiner Nase drückte.
»Hätten Sie Ihrer ersten Eingebung gefolgt und uns von der Sache benachrichtigt,
so wäre uns Wärterin und Kind nicht entwischt. Ah! wir hätten ein Wort mit ihr
gesprochen; man hält sich nicht so unbefugter Weise und ohne Erlaubnis in
hiesiger Residenz auf; ich muss mir das ausbitten, ich, der Chef der Polizei.«
    Ein leichtes Lächeln überflog bei diesen Worten das vertrocknete Gesicht des
alten Generals. »Die Sache lässt sich wieder gut machen,« meinte er nach einer
kleinen Pause. »Wir haben die Spur des Knaben wieder gefunden.«
    »Das ist mir sehr lieb,« sagte aufatmend der Präsident. »Es ist ja für mich
komplett unheimlich, von dergleichen Geschichten zu hören, die unbemerkt von der
Polizei getrieben werden. - Nun also?«
    »Offen gestanden, sie hatte den Knaben so gut versteckt, dass wir ihn nimmer
gefunden hätten, wenn sich nicht glücklicherweise bei mir Jemand gemeldet hätte,
der sich anheischig machte, mich für eine ziemliche Summe auf die Spur zu
leiten.«
    »Und -«
    »Dieser Jemand, natürlicherweise ein mauvais sujet, ist im Hause. Ich habe
ihn auf heute bestellt, er kam und steht zu Ihrer Verfügung. Sie sehen, bester
Präsident, dass Ihr Gang zu mir sich vielleicht belohnen könnte. Man könnte dabei
noch allerlei Anderem auf die Spur kommen.!«
    »Und weiss dies Subjekt, dass es vor mir, dem Polizei-Präsidenten, zu
erscheinen hat?«
    »Man hat ihm begreiflicherweise nichts davon gesagt. Dieu nous en garde!«
    »Schön,« sprach der Andere mit grosser Wichtigkeit, wobei er seine Nase fest
zwischen die Finger einklemmte. »Lassen Sie ihn erscheinen, bester General, ich
werde auf den ersten Blick sehen, wen wir vor uns haben. - Apropos! hat die
Baronin von diesen Schritten Kenntnis? Das heisst, verstehen Sie mich wohl, kann
sie eine Ahnung davon haben, dass der Aufentalt ihres - des Knaben,« verbesserte
er sich, »abermals entdeckt ist?«
    »Une belle affaire, ma foi!« meinte der General, »da würden wir abermals das
Nachsehen haben. Davon ahnt sie nichts. Vor kurzer Zeit noch aufgeregt, fast
fieberhaft, ist sie jetzt ruhig und sicher geworden. Sie sieht sich ungestört im
Besitz des geliebten Knaben.« Bei diesen letzten Worten presste der General die
Lippen aufeinander, dann öffnete er die Türe des Nebenzimmers, und sagte dem
Kammerdiener, welcher unter derselben erschien, einige Worte.
    Der Polizei-Präsident war aufgestanden, machte ein paar Gänge durch's Zimmer
und dann stellte er sich so in die Vertiefung des Fensters, dass der dunkle
Vorhang sein Gesicht beschattete.
    Jetzt öffnete sich die Türe des Nebenzimmers wieder, und ein Mann trat
herein, der, den Hut in der Hand, schüchtern und befangen auf der Schwelle
stehen blieb. Es war eine schmächtige Gestalt, und wenn wir dem geneigten Leser
zum Ueberflusse sagen, dass er einen schwarzen Frack trug, scheu und ängstlich um
sich blickte, und eine Fassung dadurch erheuchelte, dass er seinen gelben
Hemdkragen in die Höhe zog, so wird Niemand mehr im Zweifel sein, dass es Herr
Sträuber ist, den wir vor uns haben.
    »Treten Sie näher,« sagte der General. »Ich liess Sie zu mir bitten, um Ihnen
zu sagen, dass ich die verlangte Summe bewilligen will, Sie aber dabei
auffordere, mir Ihre Aussagen im Beisein eines meiner Freunde zu machen. -
Wollen Sie?«
    Herr Sträuber warf einen schnellen Blick auf das Fenster, an welchem der
Präsident stand, doch deckte jetzt der Vorhang auch vollkommen die Gestalt
desselben.
    »Warum nicht!« sagte der Schuft nach einer kleinen Pause. »Doch was mir Eure
Erlaucht, der Herr Graf, versprach: meinen Namen geheim zu halten, diese
Bedingung wird der andere Herr wohl auch eingehen?«
    »Natürlich,« versetzte der General. »So sprechen Sie. Sie wissen also, wo
das bewusste Kind ist?«
    »Ich weiss es.«
    »Begreiflicherweise verlangen Sie zuerst Ihr Geld und werden mir dann erst
den Aufentalt nennen. Ich finde das in Ihrer Stellung nicht mehr als billig,
und habe darauf gerechnet. Hier zählen Sie diese Papiere durch.«
    Herr Sträuber wollte einige höfliche Einwendungen machen, doch warf der
General verächtlich seinen Kopf empor und sagte in bestimmtem Tone: »Sie werden
das Geld zählen und dann sprechen.«
    »Halt!« mischte sich der Präsident aus seinem Versteck heraus in's Gespräch,
»die Partie ist zu ungleich. Wenn Sie diesen - Herrn auch im Voraus bezahlen
wollen, so wäre doch zu verlangen, dass er sich über die Glaubwürdigkeit seiner
Angaben einigermassen legitimirt. Den Teufel auch! er könnte Ihnen da für ächtes
Geld eine falsche Adresse geben.«
    Für Leute, wie Herr Sträuber, die mit einem schlechten Gewissen behaftet,
begreiflicherweise in einer fortwährenden Angst leben, ist es immer unheimlich,
eine Stimme zu hören, wenn man das dazu gehörige Gesicht nicht sehen kann.
Umsonst versuchte er es, hinter den Vorhang zu schielen, er musste sich endlich
zu einer Antwort bequemen, da nun auch der General der Ansicht des Andern
beitrat.
    »Und wie soll ich mich vor den Herren legitimiren?« fragte zaghaft Herr
Sträuber.
    »Auf die einfachste Art von der Welt. Wenn Sie wirklich dem Aufentalt des
Kindes nachgespürt haben, so beschäftigen Sie sich schon längere Zeit damit und
werden also ersucht, uns zu sagen, wo das Kind in hiesiger Stadt sich früher
befand, und wie es an seinen jetzigen Aufentaltsort kam.«
    Herr Sträuber schluckte einige Mal und blickte verlegen zu Boden. Er drehte
seinen abgerissenen Hut zwischen den Fingern, und wenn ihm auch die angebotene
Summe recht hübsch vorkam, und bereits sehr erreichbar schien, so war ihm doch
die auferlegte Verbindlichkeit nicht angenehm. Den jetzigen Aufentalt des
Knaben anzugeben, darin hätte er nichts Arges gesehen, namentlich keine
Verräterei, vor der er sich über alle Massen scheute, aber wenn er von den
früheren Vorfällen, jenen Knaben betreffend, sprach, so musste er auch die
Wohnung des seligen Schwemmer nennen, ja er musste eine gewisse Person auftreten
lassen, eine Person, bei der ihn ein tiefer Schauder überflog, wenn er nur an
sie dachte. Herr Sträuber beschloss, klug zu Werk zu gehen, deshalb erhob er
seine Augen, blickte den General so treuherzig an, als ihm nur möglich war, und
sagte: »Verzeihen mir Euer Erlaucht, Herr Graf, so war eigentlich die Bedingung
nicht, unter welcher ich mich verpflichtete, aber da es dem andern Herrn
wünschenswert erscheint, so stehe ich gern zu Befehl. Der Knabe, um den es sich
handelt, wohnte in der E.'schen Strasse, im Haus Numero zehn bei einer gewissen
Frau Fischer, die seine Wärterin war.«
    »Ist das nicht vielleicht seine Mutter?« fragte scheinbar unbefangen der
General.
    Herr Sträuber lächelte eigentümlich, als er antwortete: »Darüber habe ich
keine Gewissheit; so viel ich erfuhr, war Frau Fischer die Wärterin.«
    »Weiter!«
    »Die Angehörigen des Knaben, die ich übrigens nicht kenne,« fuhr Herr
Sträuber fort, »fanden es nun mit einem Male angemessen, denselben verschwinden
zu lassen.«
    »Aus welchem Grunde?« fragte der General.
    »Euer Erlaucht, ich weiss das nicht. Die Wärterin blieb in dem Hause Numero
zehn wohnen, der Knabe kam durch die Vermittlung einiger Personen, die ich nicht
kenne, in eine Privat-Erziehungsanstalt hiesiger Stadt, wo er es, wie ich
vermute, sehr gut hatte.«
    »Richtig, c'est cela même,« sagte nachdenkend der General. »Und aus dieser
Privaterziehungsanstalt verschwand clandestinement das Kind eines Tags auf
geheimnisvolle Weise, wie Sie mir selbst sagten.«
    »Wo war diese Privaterziehungsanstalt?« fragte der Polizei-Präsident.
    Herr Sträuber hustete verlegen, zupfte an seinen Vatermördern und entgegnete
nach einem kleinen Stillschweigen: »Die gnädigen Herren werden mir vielleicht
den Namen dieser Anstalt erlassen; dieselbe war auf gegenseitige
Verschwiegenheit gegründet, auch kann der Name hier nichts zur Sache tun, da
der Eigentümer dieser an sich vortrefflichen Anstalt vor kurzer Zeit starb,
tief betrauert von seinen Pfleglingen.«
    Bei diesen Worten trat der Polizei-Präsident rasch aus der Fensternische
hervor, und als er sich dem Herrn Sträuber genähert, ihm fest in das Gesicht
gesehen, schien diesen alle Geistesgegenwart zu verlassen, seine Kniee knickten
zusammen, und seine ohnedies ungesunde Gesichtsfarbe wurde fahl und bleich. Er
hatte augenblicklich den Chef der Polizei erkannt, und ihn überschlich plötzlich
die Idee, er selbst stehe hier an einem sonderbaren Lebensabschnitte.
    Der Präsident wechselte einen Blick mit dem General, dann, wandte er sich an
den so auffallend Erschreckten und sagte mit ruhiger, aber sehr ernster Stimme:
»Der würdige, vor kurzer Zeit verstorbene Vorsteher jener
Privaterziehungsanstalt hiess Schwemmer und war« - das Folgende sprach er zum
General - »einer der abgefeimtesten Spitzbuben, die je in hiesiger Stadt gelebt.
dabei schlau wie der Teufel, wusste er beständig durchzuschlüpfen, und gewährte
nie eine Handhabe, woran man ihn fassen konnte. Er hilt allerdings eine
Kleinkinderbewahranstalt, doch war dies Geschäft nur der Deckmantel für andere,
und wir sind fest überzeugt, dass in jenem Hause die gleichen Zusammenkünfte
gehalten wurden, wie in dem bekannten Fuchsbau -«
    Herr Sträuber zuckte.
    »- Und dass eben dieser Schwemmer und sein Weib Hehlerei, Betrug, Kuppelei im
Grossen betrieben. Ah! wahrhaftig, wir sind auf der richtigen Fährte, alle Fäden
in meiner Hand!« dabei fasste der Präsident sanft seine Nase und zog sie abwärts,
so dass seine Augen bequem die Stelle auf dem Frack erblicken konnten, wo noch
immer der gewisse Stern fehlte.
    Herr Sträuber hatte sich ziemlich rasch wieder von seinem Schrecken erholt.
Er heuchelte ein grosses Erstaunen, presste beide Hände unter seinem Hute
zusammen, und sagte mit grosser Schlauheit, während er die Achseln zuckte: »Das
hätte ich nimmer gedacht. Mir wurde das Haus als ganz respektabel geschildert,
sonst hätte ich meinen Fuss nie hinein gesetzt. Beim Himmel! in welche
Verlegenheiten kann man unschuldigerweise kommen! Ich ging nur dortin, um mich
nach dem Knaben zu erkundigen. Wenn ich bedenke, mein ehrlicher Name hätte
Schaden leiden können!«
    Der Präsident hustete bedeutungsvoll und zwinkerte dem General aus den
Augenwinkeln so schnell zu, dass der Andere, der gerade zerknirscht zu Boden
schaute, es nicht sah. »Von dem, was Sie sagen, sind wir vollkommen überzeugt,«
sprach der Chef der Polizei. »Wer sieht den Leuten in's Herz! Beruhigen sie
sich, was wir verhandeln, bleibt streng unter uns; fahren Sie aber in Ihrem
Berichte fort, ich habe wahrhaftig nicht mehr viel Zeit zu verlieren.«
    Einen Augenblick zauderte der Angeredete, doch hielt der General wie
absichtslos das Papier mit den Banknoten in die Höhe, und es war das wie eine
Angel mit trefflichem Köder, auf welche Herr Sträuber zuschnappte und sich daran
verbiss. - »Der Knabe also war bei diesem verruchten Schwemmer, und ich erfuhr,
dass es dem Kinde dort nicht gerade besonders gefalle, dass es gewaltsam
zurückgehalten werde, konnte aber nichts Böses dabei ahnen, denn ich hielt den
Knaben für ein unartiges Bürschlein, Herrn Schwemmer aber für einen Biedermann.
So kann man sich irren, meine gnädige Herren. - Ja, sogar als ich erfuhr, dass
dem Knaben nachgeforscht würde, vermutete ich noch nichts Böses, und ich
gestehe offenherzig, nur die Hoffnung auf einen grossen Gewinn bewog mich, mit
den Leuten, die jenem Kinde nachforschten, in Unterhandlung zu treten. Und so
kam ich vor seine Erlaucht den Herrn Grafen.«
    »Fast ist es so, doch eine andere Lesart. Wodurch dieser Herr erfuhr, ich
lasse die Spur jenes Kindes suchen, vraiment, ich weiss es nicht - genug, er bot
sich mir an, und ich trug kein Bedenken, seine Hilfe anzunehmen.«
    »Das ist an sich auch gleichgiltig,« sagte der Präsident, »Jetzt haben sie
nichts weiter zu tun, als mit wenigen Worten Ihr Geld zu verdienen.«
    »Und dann lässt man mich ruhig meiner Wege ziehen?« fragte Sträuber
vorsichtig.
    »Wer wird Sie halten?« versetzte der General trotz des bedeutsamen Hustens
seines Freundes. »Sie geben die Adresse, hier ist das Geld und Sie verlassen
ungekränkt das Haus. Je vous en donne ma parole.«
    Der Präsident zuckte mit den Achseln und riss ungeduldig an seiner Nase.
    »Euer Erlaucht,« sprach Herr Sträuber offenbar befriedigt, »wissen Sie die
Schilderstrasse? Am Ende derselben, fast wo sie in die Wallstrasse mündet,
befindet sich ein grosser Brunnen mit Einem Rohr. Dies Rohr zeigt gerade auf ein
kleines Haus Numero sechsunddreissig. Dort ist der Knabe.«
    »Und wem gehört das Haus?«
    »Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nur so viel, dass er dort bei seiner
ehemaligen Wärterin, der Frau Fischer, wohnt und sich unter der Aufsicht eines
Mannes befindet, der ihn unterrichtet, und eine Art Hofmeister ist.«
    »Ich muss gestehen,« sagte ingrimmig der General, »man sorgt für den Buben
wie für einen kleinen Prinzen. Er muss par Dieu eine vornehme Herkunft und reiche
Beschützer haben. Und etwas Näheres über den Mann, seinen Hofmeister wissen Sie
nicht?«
    »Ich sah ihn einmal mit dem Knaben spazieren gehen: es ist das eine
sonderbare Persönlichkeit, sehr klein mit vollkommen ausgewachsenem Oberkörper
und Kopf, aber mit ziemlich verwahrlosten Beinen.«
    Der Polizei-Präsident stand da wie vom Schlage getroffen. Genau so hatte
Herr Blaffer das Signalement seines ehemaligen Commis angegeben. Sollte ihm
vielleicht von dieser unbekannten Seite auf die Spur desselben geholfen werden?
- »Fassung! Fassung!« sprach er zu sich selber, wobei er sich, um sein
überraschtes Gesicht zu verbergen, wieder angelegentlich mit seiner Nase
beschäftigte, die er auf allen Seiten streichelte. »Das muss ja ein Zwerg sein,«
brachte er endlich ziemlich unbefangen hervor.
    »Fast so,« entgegnete Herr Sträuber. »Auf jeden Fall komisch genug, wenn man
den martialischen Gesichtsausdruck des kleinen Mannes betrachtet.«
    »Was kümmert uns der!« sprach ungeduldig der General. »Hier ist Ihr Geld.«
Er reichte ihm das Packetchen, doch als Herr Sträuber gierig darnach langte, zog
es der General einen Zoll zurück, wobei er sagte:
    »Wenn es Ihnen genehm wäre, könnten Sie noch eine kleine Zulage von circa
fünfzig Gulden verdienen, oui, certes, cinquante florins. Ich bin nämlich
überzeugt, seit Sie jenes Haus, den Aufentalt des Knaben entdeckt, haben Sie
dasselbe öfters umschlichen und wissen genau, ob und wer sonst noch da aus- und
eingeht. - Fünfzig Gulden, Herr, für eine freundliche Mitteilung - pour un mot,
Monsieur.«
    Der Chef der Polizei stand da wie auf Kohlen, es prickelte ihn in allen
Gliedern. Vielleicht wusste dieser Mensch auch den Namen des sogenannten
Hofmeisters!
    Herr Sträuber schien eine Weile unschlüssig, doch wollen wir dem geneigten
Leser gestehen, dass er bedeutende Reiseprojekte hegte und bei sich dachte:
»Fünfzig Gulden bringen mich schon einige Meilen weiter. Und im Uebrigen, was
habe ich für Verpflichtungen gegen Leute, die ich gar nicht kenne? -
Allerdings,« sprach er laut, sich gegen den General wendend, »umschlich ich das
Haus häufig, um mir Gewissheit zu verschaffen.«
    »Und es kamen Besuche?«
    »Zuweilen ein junger Mann, eine ziemlich hohe Figur, schlank, in einen
weiten Mantel gewickelt.«
    »Que Diable! Was geht mich ein Mann an!« rief ungeduldig der General. - »Und
vielleicht doch! Wer kam sonst noch?«
    »Auch eine Dame kam zuweilen in einem Wagen.«
    »Ah!«
    »Eine schöne junge Dame mit blondem Haar und einer weichen, angenehmen
Stimme. Ich vernahm das, wie sie dem Kutscher sagte, er solle in einer Stunde
wieder kommen.«
    Die Augen des Generals glühten wie die einer wilden Katze. Der Präsident biss
sich auf die Lippen und zuckte bedeutsam die Achseln.
    »Also die Dame hätten wir,« sprach der General mit zitternder Stimme. »Jetzt
interessirt mich auch der Mann.«
    »Nicht wahr?« rief eifrig der Präsident - »der kleine zwergartige
Hofmeister?«
    »Zum Teufel mit Ihrem Hofmeister! Ich meine den Andern, den im Mantel. Er
war hoch und schlank? - dunkles Haar?«
    »Erlaucht werden mir verzeihen, es war gewiss blond.«
    »Meinetwegen auch blond. Und um welche Zeit ging er gewöhnlich hin? - je
vous prie.«
    »Sehr unbestimmt - meistens spät in der Nacht.«
    »Aber dann war sie nicht da!«
    »Nur einmal, da kamen sie mit einander in einem kleinen eleganten Wagen. Da
war sie sehr reich gekleidet, ich glaube in weisser Seide mit Spitzen und
Brillanten; ich werde das nicht vergessen, denn da der Wagen nicht dicht an's
Haus fahren konnte, und es ziemlich schmutzig war, so trug sie der Mann in die
Haustüre.«
    Die Züge des Generals überflog bei diesen Worten eine tiefe Röte, die aber
sein graues Gesicht gelblich färbte. Seine Augen starrten vor sich hin, und mit
den Händen suchte er in den Taschen seines Rockes umher, wobei er eine Handvoll
zusammen geknitterter Papiere hervorbrachte, welche er dem Berichterstatter
einhändigte.
    Besorgt trat ihm der Chef der Polizei näher, legte ihm die Hand auf die
Schulter und sagte: »Ruhig, mein Freund! Lassen Sie das gut sein, wir wollen
unsere Schritte schon tun. Erlauben Sie mir nur einen Augenblick, diesen Mann
noch über den Hofmeister auszufragen. Das ist eine Sache, die mich von meinem
Standpunkte aus höchlich interessirt.«
    Der General seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen, und als
er mit dem Kopfe genickt, liess er sich auf einen Fauteuil niedergleiten, wo er
in tiefem Nachsinnen zusammensank.
    Eilfertig hatte Herr Sträuber sein Geld eingeschoben und wandte sich mit
einer tiefen Verbeugung nach der Türe. »Noch einen Augenblick!« rief ihm der
Polizei-Präsident nach. Was Sie von dem Hofmeister sagen, interessirt mich.
Wissen Sie vielleicht den Namen desselben?
    »O ja,« entgegnete Herr Sträuber. »Es ist ein sonderbarer Name; ich hörte
ihn, aber ich habe ihn wohl vergessen. Warten Euer Gnaden einen Augenblick -
Herr Axt - nein! - Herr Messer - auch nicht - aber es ist etwas Schneidiges
dabei.«
    »Herr Beil?« sprach erwartungsvoll der Präsident.
    »Richtig - Beil, so heisst er. Ja wohl, Herr Beil, darauf können Sie sich
fest verlassen.«
    Bei diesen Worten drückte sich Herr Sträuber rückwärts zur Türe hinaus und
eilte, so schnell er konnte, die Treppen hinab. Erst als er auf der Strasse
angekommen war, atmete er tief auf, drückte mit der Hand an das Geldpaket, das
er auf der Brust verwahrt hatte, und wandte seine hastigen Schritte gegen den
Eisenbahnhof. Er dachte an eine angenehme Fahrt, an frische Winterluft,
vorüberfliegende Bäume und Häuser und ein gutes Nachtquartier, wo er in der
warmen Stube bei einem gewählten Nachtessen sitzen wolle, der Stadt, dem
Fuchsbau, der Polizei, sogar ihm ein Schnippchen schlagen, und bei einem guten
Glase Wein überlegen, was weiter zu tun sei.
    So dachte Herr Sträuber, und ihm ahnte nicht, dass derweilen ein finsteres
Verhängnis hinter ihm drein schreite, die ewige Gerechtigkeit, - diesmal in
blauer Uniform mit einem dreieckigen Hut, unter welchem eine rote spitze Nase
drohend hervorsah.
    Der Polizei-Präsident war an den Fauteuil seines Freundes getreten und hatte
mit wirklichem Mitgefühl gesagt: »Bester General, das ist in der Tat eine
verwickelte Geschichte. Sie wollten mich vorhin nicht zu Worte kommen lassen,
als ich mich nach jenem Hofmeister erkundigte. Wie Sie hörten, tat ich dies
aber doch, und die Auskunft, die ich erhielt, macht mich schaudern. So wehe es
mir tut, kann ich es Ihnen doch nicht verschweigen: Jener Hofmeister - Beil
heisst er - ist der Teilnahme an einem kürzlich verübten Einbruch dringend
verdächtig, und ist derselbe jedenfalls Mitglied einer weit verzweigten
Diebesbande, die in hiesiger Stadt ihr Unwesen trieb, der wir aber, Gott sei
Dank! auf der Spur sind, und die wir überraschen und schonungslos aufgreifen
müssen. Schonungslos sage ich, und wir müssen, so leid es mir tut, mit dem
Hofmeister jenes Knaben anfangen.«
    Hier schwieg der Präsident einen Augenblick, und erst als der General
achselzuckend mit dumpfer Stimme entgegnete: »Tun Sie so, Sie haben Recht,«
fuhr er fort:
    »dabei aber, bester Freund, könnte vielleicht der Fall eintreten, dass man
auch jenen jungen Mann, der dort zuweilen hingehen soll, in dem Hause anträfe.«
    »Sie wollen sagen: jene Frau,« entgegnete zähneknirschend der General.
    »Auch das wäre möglich, und es sollte mir wahrhaftig leid tun,« setzte der
Präsident wie sich entschuldigend hinzu. »Doch könnte man dafür sorgen, dass jene
Dame nicht dort getroffen würde.«
    »Im Gegenteil!« rief der General mit funkelnden Augen, wobei er von seinem
Stuhl in die Höhe sprang. »Man soll sie finden, au nom de Dieu! Man soll sie
finden, et je m'en charge, président. Bereiten Sie Alles vor, das Haus zu
durchsuchen, aber warten Sie, bis Sie von mir zwei Zeilen erhalten. Das wird
gewiss heute noch geschehen. Dann aber greift, was ihr findet, ohne Schonung, und
haltet fest, was da ist. In demselben Augenblicke werde ich mir allerhöchsten
Ortes eine Audienz ausbitten - point de menagéments, je vous prie!«
    Er reichte dem Polizei-Präsidenten schweigend die Hand, und dieser, die
Gemütsstimmung des Generals verstehend, entfernte sich schweigend.
 
                         Sechsundsiebenzigstes Kapitel.
                                 Achselbänder.
Gewöhnlich wurden jedes Jahr bei Hof zwei grosse Maskenbälle gegeben. Es war das
so herkömmlich, und wenn sich vielleicht auch Niemand besonders dabei amusirte,
so sah man diesen Festen doch mit einigem Interesse und Neugierde entgegen; es
war eine Unterbrechung in dem beständigen Einerlei der Diners und Frühstücke,
der Hofkonzerte und gewöhnlichen kleineren und grösseren Bälle. Es fiel da
meistens allerlei vor, worüber man ein paar Wochen lang sprechen konnte, es gab
da Kostüme zu bewundern und zu bekriteln. Selbst das Hofmarschallamt, das bei
diesen Festen Arbeit und Sorge genug hatte, liebte dergleichen ein paar Mal im
Jahr; es war das, wie wenn das Militär in neuen Anzügen, Waffen und Fahnen
paradirt - so glänzte dann der Hofmarschall mit den besten Livréen, den
schönsten Sälen, prächtiger Beleuchtung und dem grossen Silberzeug. Desshalb glich
auch schon mehrere Tage vor diesen grossen Bällen ein Teil des Schlosses,
namentlich der, wo sich die Küchen befanden, einem Bienenschwarme, und wie in
einem solchen summte es auch hier aus und ein. Die Küchenjungen glühten vor
Eifer und Maulschellen, die Schlossknechte liefen in einem beständigen Hundetrab
hin und her, die gesetzteren Lakaien nahmen in den Gängen und Zimmern des
Schlosses noch verstohlener als sonst ihre Prise, und erinnerten sich an
Carnevalbälle aus diesem oder jenem Jahrgang, wo dies und jenes geschehen war,
meistens an und für sich etwas sehr Unbedeutendes, aber unvergesslich für das
Gemüt eines Hofbedienten, als zum Beispiel eine abgetretene Schleppe, eine
verschüttete Sauce, eine allerhöchste Nase dem Hofmarschallamt gespendet, oder
dergleichen mehr. Gefährlich war es übrigens an diesen Tagen in den Küchen
selbst und zwar an den Plätzen, wo der regierende Koch Hochselbst zu komponiren
und zu arbeiten pflegte. Diesen Ort umschlichen die Küchenjungen mit wahrem
Grausen und schätzten sich glücklich, wenn sie eine Kasserole überbracht, ohne
dafür einen Fusstritt oder eine Kopfnuss eingehandelt zu haben.
    In den Sälen wurden die Kronleuchter nachgesehen, in den Nebenzimmern
Buffets und Tische aufgeschlagen, die Treppen mit Teppichen bedeckt, und das
alles von den höheren Hofbediensteten auf's Sorgfältigste überwacht. Sogar der
Hofmarschall war an diesen Tagen ernster als gewöhnlich, seufzte zuweilen, zog
die Augenbrauen in die Höhe und dachte gern an jenen Moment, wo Alles glücklich
vorüber sein werde und wo sich die höchsten Herrschaften nach genug ertragener
Langeweile müde, aber zufrieden in ihre Gemächer zurückziehen würden.
    Wenn auch in den übrigen Teilen des Schlosses, die mit den festlichen
Räumen in gar keiner Verbindung standen, äusserlich an diesen Tagen keine
Veränderung wahrzunehmen war, so beschäftigte man sich doch auch hier mehr oder
minder mit dem bevorstehenden Feste. Selbst im Adjutantenzimmer wurde die
Dominofrage verhandelt: ob Seine Majestät dieses Jahr Höchstselbst vermummt
erscheinen werde und welche Farben man zu Ihrem Anzuge bestimmen würde? Solche
Gespräche hörte der Leibkammerdiener mit einem unaussprechlichen Lächeln an,
denn er allein wäre im Stande gewesen, die Herren über die Sache au fait zu
setzen.
    Dass die eingeladene jüngere Generation sich auf's Eifrigste mit ihren
Kostümen beschäftigte, brauchen wir wohl nicht erst zu bemerken. Und da man an
diesem Tage grosse Geheimnisse vor einander hatte und sich gerne Ueberraschungen
bereitete, so waren die Garderoben der Herren und Damen, wo Schneider, Nähterin
und Kammerjungfer arbeiteten, für Uneingeweihte fast hermetisch verschlossen.
    Am Tage des Balles selbst klärte sich nun das wilde Getreibe in den unteren
Räumen des Schlosses so ziemlich ab und es begann dort Stille und Ruhe zu
herrschen - die drückende Stille vor einem Sturm. Selbst die Küchentyrannen
waren umgänglicher geworden: man musste nun eben Alles gehen lassen, wie es ging.
An der fertigen Arbeit war nichts mehr zu ändern, selbst die gewaltigste Hand
konnte nicht mehr die Speichen des Rades regieren, das unaufhaltsam den Berg
hinab rollte. Nur in den oberen Räumen des Schlosses wurde fast noch emsiger
gearbeitet, als an den vorhergehenden Tagen, namentlich in den Garderoben der
Hofdamen und Ehrenfräuleins der Frau Herzogin. Dieselbe hatte sich, wie sie gern
zu tun pflegte, eine kleine Ueberraschung ausgesonnen. Dem Fest-Programme nach
sollte sie mit ihren Damen erst auf dem Balle zum Gefolge Ihrer Majestät stossen.
Daran änderte sie nun freilich nichts, doch wollte sie vorher maskirt erscheinen
und sich selbst mit den höchsten Herrschaften einige unschuldige Spässe
erlauben. Sie hatte sich das Kostüm einer Zauberin gewählt und ihre Damen
sollten sie als phantastisch gekleidete Gehilfinnen oder vielmehr dienende
Geister umgeben. Den Damen war dieses Projekt erst zwei Tage vor dem Ball und
zwar mit dem allerhöchsten Wunsche der strengsten Geheimhaltung anvertraut und
ihnen dabei befohlen worden, nach mitgeteilter Figurine schleunigst für ihre
Kostüme zu sorgen.
    Daran wurde nun auf's Emsigste gearbeitet, und da es ein trüber nebeliger
Tag war, so hatte man in der Garderobe der Fräulein Eugenie von S. schon in
früher Nachmittagsstunde die Fenstervorhänge herabgelassen und Lichter
angezündet. Tische und Stühle waren mit seidenen und durchsichtigen Stoffen
bedeckt; geöffnete Kartons standen auf dem Fussboden und zeigten ihren bunten
Inhalt: künstliche Blumen, Bänder, Federn. An einem Arbeitstische in der Ecke
des Zimmers sassen zwei Mädchen, die einen langen Schleier von grauer Seidengaze
vor sich ausgebreitet hatten und beschäftigt waren, denselben mit kleinen
silbernen Sternen zu bedecken. Eins dieser Mädchen war schlank und schmächtig,
und sein schmales, seines, etwas blasses Gesicht wurde von starkem blondem Haar
beschattet. Die Andere, die um mehrere Jahre älter erschien, war eine kräftige,
derbe Person, ihr Gesicht hatte eine gesunde Farbe und dunkle, lebhafte Augen,
sowie etwas stark aufgeworfene Lippen gaben ihm einen lustigen, ja beinahe
kecken Ausdruck.
    Die Blonde nähte eifrig darauf los, während sich die Andere in den Stuhl
zurücklehnte, den einen Fuss auf einen Schemel setzte und sich die Arbeit
wohlgefällig betrachtete. Sie hielt eine eingefädelte Nadel in der einen Hand,
sowie einen der silbernen Sterne in der andern, und meinte lachend, sie möchte
auch wohl eine vornehme Dame sein und sich einmal in solch prachtvollem Anzuge
in einem glänzend erleuchteten Saale bewegen. »Eigentlich wäre ein solch' langer
Schleier bei einem Balle doch nichts für mich,« fuhr sie nach einer Pause fort,
»denn weisst du, Henriette, ich tanze gern und daran hindert einen doch die
Schleppe des Schleiers.«
    »So ist der Geschmack verschieden; ich mache mir aus dem Tanze gar nichts.
Aber das kann ich schon sagen, einmal so einen glänzenden Ball zu sehen, schön
vermummt, würde mir auch vielen Spass machen.«
    Die Andere begann ihren Stern aufzuheften und sagte zwischen der Arbeit,
wobei sie einen Augenblick mit pfiffigem Gesichtausdruck aufwärts schielte:
»Weisst du wohl, dass es gar nicht so schwer wäre, so einen Ball anzusehen? Wir
brauchten uns nur ein paar Dominos zu verschaffen, was hier im Schloss nicht
schwer wäre und keck zur Türe hinein zu gehen. Es würde uns Niemand kennen.«
    »Du bist in der Tat unverbesserlich, Nanett,« erwiderte die Blonde mit
leichtem Kopfschütteln. »Ich glaube, du wärest im Stande, so etwas auszuführen!«
    »Und warum denn nicht? Man muss das Leben geniessen, so lange man kann. Aber
du bist auch zu gar nichts zu gebrauchen.«
    »Ich tue meine Pflicht nach meinen Kräften.«
    »Das muss dir der Neid lassen. Und dein Fräulein könnte sich keine bessere
Kammerjungfer wünschen, als du bist; immer zu Hause, immer am Arbeiten und
verschlossen wie das Grab. Du bist wirklich ein Muster.«
    »Wenn du das einsiehst, Nanett,« erwiderte die Blonde nach einer Pause, »und
es dein Ernst ist, was du eben sagtest, so hättest du dich wohl ein wenig nach
mir richten und dich auch in mancher Beziehung ändern können.«
    »Ich mich noch mehr ändern!« rief Nanette mit erkünsteltem Erstaunen, wobei
sie aber lustig die Hände zusammenschlug. »Bin ich nicht ganz und gar anders
geworden, seit wir uns zum ersten Mal gesehen? Weisst du noch, an jenem Abend in
dem finstern Hause, dem Fuchsbau!«
    »O davon schweige mir! Wenn ich den Namen höre, so fröstelt es mich.«
    »Ja, es war allerdings zu der Zeit unangenehm, aber es hatte auch wieder
seine schönen Seiten. Ich komme mir jetzt wahrhaftig oft wie ein gefangener
Vogel vor. Und wenn ich so zuweilen in das Land hinaus schaue und dabei zufällig
auf der Strasse eine Orgel höre, so erfasst mich oftmals eine solche Sehnsucht und
Wehmut, dass ich laut hinaus weinen könnte. Wahrhaftig, Henriette, ich weiss
nicht, was ich an dir für einen Narren gefressen habe und wesshalb ich Alles tun
muss, was du von mir verlangst. Aber wenn du nicht da wärest, hätte ich schon
lange meine Harfe wieder genommen und wäre hinausgezogen in die freie Natur.«
    »Das verstehe ich nicht,« entgegnete die Blonde mit einem traurigen Lächeln.
»Hast du hier nicht Alles, was du wünschest? Die Damen, bei denen du arbeitest,
mögen dich leiden, ja, sie lachen über deine lustige Laune, und wenn du oft
singst, statt zu nähen, so beschenken sie dich noch obendrein. dabei hast du ein
gutes Einkommen und kannst etwas zurücklegen für deine Heirat, von der du
zuweilen sprichst.«
    Nanette strich sich die Haare aus dem Gesicht, dehnte sich ein wenig auf
ihrem Stuhle und erwiderte dann: »Das alles hat der gefangene Vogel auch; er
wohnt in einem hübschen Hause, er bekommt gutes Essen und Trinken und darf
singen. Aber nur so lange es seiner Herrin gefällt! Denn wenn er einmal recht
anfängt zu schmettern und zu jubiliren, so hängt man ein Tuch über seinen Käfig,
damit er aufhört. Was nun meine Heirat anbelangt, so ist das eine kuriose
Geschichte. Du weisst, Schatz - ich sagte es dir ja damals - dass ich bei den
Andern eine Verbindung hatte, natürlicherweise liess ich die fahren, als ich ein
neues Leben anfing. Doch tat es mir recht leid und ich kann's immer noch nicht
vergessen. Der Leiblakai will mich allerdings heiraten, aber er ist so
furchtbar zahm und geschniegelt; er kämmt sein bisschen Haar so glatt auf den
Kopf und hat beständig ein so wichtiges Gesicht. - So!« - Bei diesen Worten
machte sie eine so komische Grimasse, dass die Andere eben laut auflachen musste.
»Gewiss, Henriette,« fuhr das ehemalige Harfenmädchen fort, »glaub mir, du bist
es allein, die mich zurückhält, und wenn du dich je einmal verändern würdest, so
könnte ich mich allein damit trösten, dass ich alsdann wieder in das Land hinaus
zöge und laut in Feld und Wald sänge:
Im Dörfchen, nicht weit ist's von hier,
Da lag ich einmal im Quartier.
Tralalalala - a! -
Da lag ich einmal im Quartier.«
    »Um Gotteswillen!« bat die Andere besorgt, »gleich wird das gnädige Fräulein
kommen und sich nach dem Lärmen erkundigen. Mach' fort, mach' fort, wir haben
noch viele Sterne aufzuheften.«
    »Bah! du drohst mir wie den kleinen Kindern. Das gnädige Fräulein ist gar
nicht da, du weisst so gut wie ich, dass sie ausgefahren ist. Ich weiss auch
wohin,« fuhr sie schelmisch lachend fort.
    »Und wohin denn?«
    »Zu der Frau Majorin von S. Es ist dir bekannt, dass ich häufig da arbeite,
und fast jedes Mal, wenn ich da bin, kommt auch dein gnädiges Fräulein. Und
gleich darauf, wie das Amen nach der Predigt -«
    »Nun, was denn? Sprich nur weiter!«
    »Gleicht darauf fährt ein kleiner Wagen vor und der Herr Graf Fohrbach
erscheinen. Oder wenn er nicht herauf kommt, so reitet er wenigstens am Hause
vorbei. Aber das kennst du gerade so gut wie ich. Nicht wahr? - Sage mir doch,«
fuhr sie nach einigem Stillschweigen fort, als die Andere keine Antwort gab,
»weisst du, ob bald die Hochzeit sein wird?«
    »Ich weiss von gar nichts,« erwiderte Henriette bestimmt.
    »Nun, so will ich dir's sagen. Sie werden sich heiraten mit dem frühesten
Frühjahr und eine grosse Reise machen. Siehst du, glückselige Kreatur, da darfst
du auch mit! Und ich - ich sollte hier bleiben in der finstern Stadt? Nein,
liebe Henriette, das wirst du nicht von mir verlangen. Glaube mir,« - dies
sprach sie mit auffallend ernstem Tone - »so wehe es mir in dem Falle tut, dich
zu verlieren, so freue ich mich doch auf den Zeitpunkt, wo ich meine Freiheit
wieder erhalte.«
    »Hat es soeben nicht geklopft?« sagte Henriette aufblickend.
    »Ich habe nichts gehört.«
    »Doch, doch! es klopft wieder.«
    »Richtig! wer kann da kommen? - Herein!«
    »Du bist recht unvorsichtig,« flüsterte die Kammerjungfer. »Du weisst ja, wir
dürfen für Niemand zu Haus sein. Glücklicherweise habe ich den Riegel
vorgeschoben. Sieh, man bemüht sich vergeblich, die Türe aufzumachen.«
    Wirklich wurde von aussen mehrmals an der Klinke gedreht, und als sich das
Schloss nicht öffnete, von Neuem geklopft.
    »Was machen wir?« fragte Nanette. »Man hat uns jedenfalls draussen sprechen
hören.«
    »Glaubst du? Das wäre unangenehm.«
    »Allerdings; deshalb muss man wenigstens nachsehen, wer da ist.«
    »Aber es könnte Jemand sein, der dem gnädigen Fräulein unangenehm wäre.«
    »Wenn ich mich unter die Türe stelle,« entgegnete Nanette mit grosser
Bestimmteit, »so kommt nur herein, wen ich gerade herein lasse. Ich wollte
sehen, wer gegen meinen Willen eindringt.« Damit erhob sie sich, warf den Kopf
trotzig in die Höhe und sprach mit lautem Tone, als sich das Klopfen immer
wiederholte: »Nur Ruhe da draussen; man kommt schon.« Sie hatte die Türe
erreicht, schob den Riegel zurück und öffnete sie ein klein wenig, um hinaus zu
sehen. Doch wurde von aussen so stark daran gedrückt, dass Nanette ihre ganze
Kraft brauchte, um nicht weggedrängt zu werden. »Was soll denn das?« rief sie
zornig. »Wer untersteht sich -«
    Doch kam sie nicht zur Beendigung dieses Satzes. Mit dem Ausdruck des
grössten Schreckens, als habe sie auf dem Gange ein Gespenst gesehen, fuhr das
sonst so mutvolle Mädchen zurück. »Jesus Maria!« rief sie, indem sie die Hände
auf das Gesicht presste, dann schwankte sie erschrocken zurück bis zu ihrem
Stuhle hin, auf den sie lautlos niedersank.
    Die Türe war offen stehen geblieben, und die Kammerjungfer, welche bei dem
sonderbaren Benehmen ihrer Gefährtin ebenfalls erschrocken aufgesprungen war,
sah auf dem halbdunklen Gange draussen eine Gestalt, die in einen grossen Mantel
gehüllt war. Nur der Kopf derselben war frei, und als sie in die leuchtenden
Augen schaute, stürmte eine schreckliche Erinnerung auch auf sie so heftig ein,
dass sie sich am Tische halten musste. - Grosser Gott! ja, sie erkannte den Blick,
die ganze Gestalt war ihr unvergesslich, denn sie hatte sie oft in wilden Träumen
vor sich gesehen. Das waren die Augen, die sie ernst aber nicht unfreundlich
angeschaut, das war der Arm, der sie aufrecht erhalten, das waren die hohen
glänzenden Stiefel, welche ihre heisse Wange berührt hatten und deren Kälte und
Glätte sie wieder zum Bewusstsein erweckt.
    Die Gestalt trat langsam in das Zimmer und wie sie das tat, erhob sich das
ehemalige Harfenmädchen mit dem Ausdruck des tiefsten Schreckens von ihrem
Stuhle und ohne einen Blick von dem Eintretenden wegzuwenden, zog sie sich
langsam zum Fenster zurück.
    
    Der im Mantel trat mit leichten Schritten bis in die Mitte des Zimmers vor
und sagte in gefälligem Tone zu der Kammerjungfer: »Bitte, die Zimmertüre
wieder zu schliessen; ich wünschte ein paar Augenblicke mit dir zu reden.«
    Bei diesen Worten huschte Nanette eilfertig an der Wand des Zimmers hin
gegen die Türe zu, vielleicht um diesem Befehl Folge zu leisten, vielleicht
aber auch, um aus der für sie so entsetzlichen Nähe zu entwischen. Etwas der Art
mochte sich übrigens der Fremde auch denken, denn er wandte sich langsam um,
folgte den Bewegungen des Mädchens mit den Augen, und als sie an der Türe
angekommen war, sagte er mit ruhiger Stimme: »Nur schliessen und den Riegel
vorschieben - so-« Darauf machte er eine Handbewegung, welche Nanette
unwillkürlich zwang, ihren Platz am Fenster wieder einzunehmen. Als sie wieder
da angekommen war und der Schein des Lichts auf ihr Gesicht fiel, sprach der
Fremde lächelnd zu der Kammerjungfer: »So, so, du protegirst und hast die
Gefährtin von damals nachgezogen? Dagegen kann man nichts einwenden, es gefällt
mir sogar, nur hätte ich geglaubt, du würdest mir eine kleine Anzeige davon
machen. Doch bist du überhaupt keine Freundin von Berichten und dieselben werden
von Tag zu Tag mangelhafter.«
    Das Mädchen zuckte bei diesen Worten zusammen und blickte auf den Boden.
    »Es ist auch Zeit, dass ich mich in deinem Gedächtnis wieder einmal
auffrische; ich glaube, du hättest mich sonst ganz vergessen.«
    »Nie! nie!« hauchte das erschrockene Mädchen.
    »Oder deine Verpflichtungen,« fuhr der Andere lächelnd fort. »Ah!« sagte er
nach einer Pause, während welcher er sich rings im Zimmer umgesehen, »du zeigst
wenig Eifer für uns und man hat die doch in eine Position gebracht, die angenehm
zu nennen ist. Es ist das aber so der Welt Lauf, dass man Wohltaten gern
vergisst; aber Eines ersuche ich dich nicht zu vergessen, dass nämlich meine Hand
über dir schwebt, dass ich dich halten kann oder dich tief hinab stürzen,
zermalmen, in Nichts zurücksinken lassen, wie es mir gerade einfällt.« Damit
hatte er seine Rechte langsam ausgestreckt, sie geöffnet, und als er sie nun
wieder zusammenzog, schauerte es den beiden Mädchen und es war ihnen gerade, als
öffne sich zu ihren Füssen ein finsterer Abgrund, mit glattem schlüpfrigen Rande,
wo hinein zu stürzen es für sie nicht mehr als eines Luftauch bedürfe.
    »Doch genug,« sprach der Fremde in gefälligerem Tone, »ich bin eigentlich
nicht gekommen, dir Vorwürfe zu machen oder dir Misstrauen zu bezeigen. Im
Gegenteil, ich will dir mein Vertrauen beweisen und dich sogar um eine kleine
Gefälligkeit bitten, die du mir nicht abschlagen wirst.«
    »Ich stehe in Ihrer Hand,« erwiderte Henriette, ohne aufzublicken. »Das weiss
ich wohl und muss Ihren Befehlen Folge leisten. Sie können mich zwingen.«
    »Ich möchte aber diesmal, dass du es freiwillig tätest. Auch verlangt man
nichts Schlimmes von dir.«
    »O wenn es mich beträfe, so würde ich mit tausend Freuden Ja sagen.«
    Der Mann im Mantel warf fast verächtlich die Lippen auf und versetzte
achselzuckend: »Deine Person betrifft es nicht, nur deinen Dienst.«
    Das arme Mädchen fuhr zusammen und warf einen schüchternen Blick auf ihre
Gefährtin.
    Der Fremde hatte diesen Blick wohl bemerkt, er liess langsam das eine Ende
des Mantels von der Schulter herabgleiten, legte die linke Hand leicht auf den
Griff seiner Waffe, die er heute wie damals trug, und sagte, während er das
ehemalige Harfenmädchen scharf anschaute: »Nur unbesorgt: wir sind ganz unter
uns. - Höre mich an.«
    »Ich höre,« entgegnete Henriette mit gesenktem Kopfe.
    »Heute Abend ist ein Maskenball hier im Schloss. Der Hof wird gegen zehn
Uhr da sein, um welche Zeit ein kleines Maskenspiel beginnt, welches von den
hohen Herrschaften arrangirt wurde. Vorher aber wird sich die Frau Herzogin mit
ihren Damen noch einen kleinen Spass machen und vermummt erscheinen.
Natürlicherweise ist auch deine Herrin dabei. Dort liegt ein Teil ihres
Kostüms.« Er zeigte auf den Schleier mit den silbernen Sternen. »Bei dem
Maskenfeste aber ist Fräulein Eugenie von S., eine der Ecuyèren Ihrer Majestät.
Ich sehe dort ihren Anzug, das dunkelblaue Oberkleid mit den weissen
Achselbändern. - Ist's nicht so?«
    »So ist es,« brachte Henriette mühsam hervor.
    »Nun wohl - höre mich an: So viel ich weiss, wirst du dich gegen zehn Uhr zum
Umkleiden deiner Herrin in eine der Garderoben neben dem grossen Saal begeben.
Gut, daran wird nichts geändert. Ehe du aber den dunkelblauen Anzug dortin
bringst, wirst du die weissen Achselbänder von demselben lostrennen und dafür
diese hier aufnähen.« Bei den Worten zog er ein kleines Paketchen unter dem
Mantel hervor, riss die Papiere ab und reichte dem auf's Höchste überraschten
Mädchen zierlich gemachte Achselbänder, in Blau, Grün mit Silber. - »Das Ganze
ist eine Ueberraschung für Fräulein von S.« fuhr er nach einer Pause lächelnd
fort, »du musst nicht denken, dass hinter meinen Befehlen immer etwas Gefährliches
stecke. Wie gesagt, nur ein Scherz, eine Ueberraschung. Du wirst also wohl
begreifen, dass deine Herrin davon nichts ahnen darf und hast es denn auch so
einzurichten, dass sie die neuen Achselbänder erst dann sieht, wenn sie
vollkommen angezogen ist.«
    »Aber wie ist das möglich?« fragte das Mädchen, während es die Hände
zusammenfaltete. Trotz der Versicherung des Unbekannten glaubte sie doch nicht,
dass die Verwechslung der Farben so gar wenig zu bedeuten habe, und zitterte wenn
sie daran dachte, dass aus diesem Tausch Schlimmes für ihre Herrin entstehen
könnte.
    »Wie es zu machen ist, dass Fräulein von S. die Farben nicht früher
entdeckt?« meinte der im Mantel lächelnd. »Auf die einfachste Art von der Welt.
Um die Achselbänder zu schonen, umnähst du sie mit seinem Papier, welches du nur
loszureissen hast, sobald Fräulein von S. vollständig angezogen ist. Hast du mich
verstanden?«
    »Ja,« sagte das schmerzlich bewegte Mädchen.
    »So höre noch Eins: Wenn du diese Sache gut besorgst, so wird es mich freuen
und ich will dein Schuldner sein. Hüte dich aber, Jemanden, es sei, wer es
wolle, davon zu sprechen, auf welche Art der Tausch der Achselbänder vor sich
gegangen.«
    »Aber man wird mich darüber befragen, auf das Genaueste befragen.«
    »Daran zweifle ich nicht. Und du wirst antworten: diese Achselbänder seien
heute Abend geschickt worden mit dem Befehl deiner eigenen Herrin, sie statt der
weissen an das Kostüm zu heften.«
    Die Kammerjungfer schüttelte betrübt den Kopf. »Wenn dem so wäre,« sprach
sie, »so müsste ich doch mit dem gnädigen Fräulein darüber sprechen, wenn sie
nach Hause käme und müsste ihr die neuen Achselbänder zeigen.«
    »Allerdings,« versetzte der Fremde, »das müsstest du als vorsichtige Dienerin
tun. Aber du wirst heute Abend einmal unvorsichtig sein, vergesslich. Erst wenn
Fräulein von S. kostümirt ist, fällt es dir ein, dass du andere Achselbänder
aufgeheftet. Hast du mich verstanden?«
    »O ich verstehe Alles.«
    »Nun, so verstehe mich auch vollkommen und merke dir: es ist mein Wille,
mein Befehl, dass es so geschieht, wie ich gesagt. Glaube nicht, dass dich diese
Mauern schützen, wenn du meinem Befehl ungehorsam wärest. - Doch,« setzte er mit
weicher Stimme hinzu, »ich will dir keine Furcht einflössen, ich will mich an
deine Dankbarkeit wenden, und von diesem Gefühle in deinem Herzen bin ich
überzeugt, dass es dir helfen wird, meinen Wunsch zu erfüllen.« Er fasste bei
diesen Worten ihre Hand, mit welcher sie sich fast gewaltsam am Tische
festielt, und als sie bei dieser Berührung zusammenfuhr, sprach er mit einem
angenehmen Lächeln: »Der kleine Dienst, den du mir leisten wirst, soll dein
letzter für mich sein. Damals sagte ich dir, es sei unwahrscheinlich, aber doch
möglich, dass ich dich nochmals wiedersähe, heute dagegen versichere ich dich
auf's Bestimmteste, dass wir uns nie mehr begegnen werden, wenn du meinen Wunsch
pünktlich erfüllst. - Etwas Anderes wäre es freilich,« fuhr er mit gänzlich
verändertem Tone fort, »wenn du an mir zur Verräterin werden wolltest. In dem
Momente blicke um dich und schaudernd wirst du mich wiedersehen.«
    »Ah!« machte das geängstigte Mädchen und presste schmerzlich bewegt ihre
beiden Hände vor das Gesicht. Als sie dieselben langsam wieder sinken liess, war
er verschwunden und sie sah an dem erschrockenen Blick ihrer Freundin, welchen
diese auf die nun wieder offene Türe geheftet hielt, dass er das Zimmer
verlassen. Henriette sank auf ihren Stuhl nieder, reichliche Tränen flossen über
ihr Gesicht herab, wobei sie ausrief: »O ich wusste es wohl, dass dies glückliche,
friedliche Leben von nicht langer Dauer sei! Sie wird mich von sich stossen, ich
bin verloren!«
    Draussen auf dem Korridor warf er den Mantel über die Schultern, so dass sein
Gesicht fast von demselben verdeckt wurde, und dann verliess er, die
hellerleuchteten Gänge und Treppen vermeidend, aus einer hinteren Türe das
Schloss. Auf der Strasse angekommen, schien er einen Augenblick unschlüssig, wohin
er sich wenden solle. Er machte ein paar Schritte gegen den Kastellplatz zu,
wandte aber gleich darauf wieder um, trat in eine der kleinen dunklen Strassen,
von denen mehrere in der Nähe des Schlosses mündeten und ging auf dieser fort,
der oberen Stadt zu.
    Bald erreichte er eine Strasse, an deren Ende sich ein Springbrunnen befand,
dortin wandte er seine Schritte, und bei dem Brunnen angekommen, stellte er
sich mit dem Rücken gegen denselben und blickte das gegenüber liegende Haus an;
entweder war in keinem der Zimmer ein Licht oder man hatte dichte Vorhänge
herabgelassen. »Ich weiss nicht, wie mir ist,« sprach er zu sich selber und zog
seine Uhr hervor, »jetzt treibt es mich diesen Abend schon zum dritten Male vor
dies Haus - unerklärlich! Gerne ginge ich einen Augenblick hinauf, doch ist mir
mein Anzug hinderlich. Beil würde mich nicht geniren, aber die alte Frau und das
Kind; und dann könnte auch sie wohl da sein.« Er hielt das Zifferblatt der Uhr
gegen die Gaslaterne. »Erst Sieben; ich könnte mich rasch umkleiden und dann
einen Augenblick hinaufgehen. - Ah bah! Man muss sich von seinen Nerven nicht
zwingen lassen. - Und doch war ich lange nicht so weich gestimmt, wie am
heutigen Abend; ich glaube fast, meine Hand zittert. Ja, ich fühle mich
aufgeregt; hätte das Mädchen im Schloss mich mit Bitten bestürmt, ich hätte die
Achselbänder des Herzogs zu allen Teufeln fahren lassen.«
    Der im Mantel hatte Recht, als er so vor sich sprach, denn wer ihn früher
hätte nächtlich durch die Strassen dahin gehen oder beobachtend vor dem Hause
stehen sehen, würde wohl heute einen grossen Unterschied haben wahrnehmen können.
Er spähte nicht eifrig umher, wie er sonst wohl zu tun pflegte, er hemmte nicht
den Schritt und wandte den Kopf bei dem leisesten Geräusch, sondern er ging ganz
gegen seine Gewohnheit wie träumend einher, den Blick auf den Boden gesenkt,
unachtsam, stolpernd. Sein Geist war offenbar beschäftigt und zerstreut, woher
es denn auch wohl kommen mochte, dass er nicht gewahr wurde, wie sich während der
Zeit, die er am Brunnen zubrachte, die Gestalt eines Menschen, welche im
tiefsten Schatten des gegenüberliegenden Hauses versteckt stand, zuweilen gegen
ihn vorbog und ihn während der ganzen Zeit, die er dort zubrachte, unablässig
und aufmerksam anschaute. Ja, als er sich hinweg begab, folgte ihm die Gestalt,
wobei dieselbe immerfort die Schatten der Häuser benützte, um nicht von ihm
gesehen zu werden. Doch, wie schon bemerkt, sie hätte sich diese Vorsicht sparen
können, denn er ging die Strasse hinab den Kopf gesenkt, nicht auf- noch
rückwärts blickend.
    Er wandte seine Schritte dem Fuchsbau zu und die Gestalt hinter ihm liess ihn
nicht aus den Augen. Sie war ihm gefolgt, den Kopf vorgestreckt, die Augen weit
geöffnet. Auf einmal aber stutzte sie und blieb stehen; sie wandte den Kopf
jetzt halb rechts, jetzt halb links und stürzte darauf mit ein paar raschen
Schritten vorwärts, um hierauf abermals stehen zu bleiben. Als sie so zum
zweiten Male stehen blieb, war das dicht vor der hohen Mauer eines Hauses,
welches mit dem Fuchsbau zusammenhing. An dieser Mauer war der vor ihr Wandelnde
verschwunden; der Teufel mochte wissen, wo er hingekommen war. Da befand sich
weder Türe noch Fenster, ja nicht einmal eine Spalte, wo eine Maus hätte
durchkriechen können, der Verfolgte aber war verschwunden und der Verfolger
stand kopfschüttelnd vor der hohen Mauer, ging erst zwanzig Schritte rechts,
dann ebensoviele links, um vielleicht hier einen Eingang zu erspähen, umkreiste
nach dieser vergeblichen Bemühung den ganzen Häuserkomplex und eilte dann mit
ziemlich raschen Schritten nach der obern Stadt zurück.
 
                        Siebenundsiebenzigstes Kapitel.
                                  Im Fuchsbau.
Der Andere war indessen durch den fast nur ihm allein bekannten sehr kunstreich
versteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt, immer noch ohne
Ahnung, dass ihn Jemand bis an die Mauern desselben verfolgt. Ein schmaler Gang
nahm ihn auf, der spärlich erhellt war von einer einzigen Lampe, die in einer
Nische brannte. Neben sie legte er seinen Mantel hin, stieg langsam eine Treppe
hinauf, und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer. Hier
befand sich Niemand, überhaupt herrschte im ganzen Hause, wenigstens in diesem
Teile desselben, die gewöhnliche tiefe Stille. Auf dem Tische brannten zwei
Lichter, im Kamin loderte ein helles Feuer. Der Eingetretene legte seinen Hut
auf den Tisch, fuhr sich mit der Hand über die Stirne, schränkte darauf die Arme
über der Brust, und ging mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab.
    Ihn beschäftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt, er wusste
selbst nicht warum. Er hätte so gerne Herrn Beil besucht und das Kind, und dass
er es unterlassen, verursachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefühl. Doch konnte
er sich von diesem Gefühl keine Rechenschaft geben. Wie oft war er schon Nachts
bei diesem Hause vorübergegangen, ohne es zu betreten; er hatte die dunkeln
Fenster gesehen wie heute, er hatte gedacht: sie schlafen schon oder befinden
sich in den hinteren Zimmern; er war beruhigt fortgegangen, ja oftmals vor sich
hin lächelnd, wenn er sich den guten Beil vorgestellt, wie er jetzt mit der
wichtigen Miene eines Hofmeisters die Kapitel aus Geographie und Geschichte
seinem Zögling wiederholte, die er selbst am Morgen erst mühsam erlernt. Heute
hatte er sich den Herrn Beil nicht in so behaglichem Zustande denken können. -
»Bei Gott!« sprach er zu sich selber, »ein solches Gefühl hat mich noch selten
getäuscht, es ist da etwas vorgefallen. Ich muss mir Gewissheit verschaffen.« Er
riss heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug, und ein heller Klang
ertönte augenblicklich darauf in dem Wirtszimmer.
    Eine Weile darauf hörte man die eiligen Schritte eines Mannes, die Türe
wurde hastig geöffnet, und Herr Scharffer trat herein, ehrerbietig auf der
Schwelle stehen bleibend. Er war etwas schnell gelaufen, sah echauffirt aus, und
blies hastig den Atem von sich, so dass sein weit abstehender, schwarzer und
struppiger Backenbart eine seltsame Bewegung machte.
    Der Andere trat ihm rasch entgegen und sagte: »Matias soll herkommen.«
    »Matias?« fragte der Wirt erstaunt. »Der wird sobald nicht kommen können.«
    »Ah Teufel, wie konnte ich das vergessen, Meister Scharffer! Gewiss, ich habe
heute Abend meine Gedanken nicht beisammen. Und doch beschäftigte ich mich fast
den ganzen Tag mit Matias. Wie geht es ihm?«
    Der Wirt zuckte die Achseln, verzog seinen breiten Mund und entgegnete:
»Die Wahrheit zu sagen, Herr - schlecht. Gott möge den verdammen, der den Stoss
geführt; er ist tief, sehr tief gegangen. Er drang in die Seite ein und
verletzte, wie der Chirurge sagte, die Lunge so schwer, dass - ja, ich kann's
nicht verschweigen, sein Aufkommen sehr ungewiss ist.«
    Erschreckt trat der Andere einen halben Schritt zurück, fasste den Griff
seines Dolches und biss sich heftig auf die Lippen.
    »Er hat auch viel Blut verloren, ehe sie ihn herbrachten,« fuhr Herr
Scharffer fort. »Viel Blut; und das geht ihm beständig nach, denn er fällt von
einer Ohnmacht in die andere, oder man könnte eher sagen, er kommt selten mehr
zum Bewusstsein, denn er liegt die meiste Zeit schwer atmend da und mit
geschlossenen Augen.«
    »So muss ich nach ihm sehen. Er ist doch gut verpflegt?«
    »Wie können Sie zweifeln, Herr?« versetzte der Wirt im Tone eines leichten
Vorwurfs. »Matias, der uns Allen in's Herz gewachsen ist! Ich versichere Sie,
Alle im Fuchsbau sind voll Jammer und Betrübnis.«
    »Führt mich hinauf. Ich muss ihn sehen.«
    »Sogleich Herr. Aber ich vergass zu melden, dass Josef draussen ist; er suchte
Sie schon seit mehreren Tagen und kam nun vor wenig Augenblicken, sah aber sehr
bleich und erschreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein. Ich bemerkte ihm,
es sei noch kein Zeichen mit der Glocke gegeben worden und Sie auch demnach noch
nicht im Hause. Darauf biss er sich heftig auf die Nägel und lief, allerlei
murmelnd in der Stube auf und ab. Sagen Sie mir doch, Herr,« fuhr er mit einem
lauernden Gesichtsausdruck fort, »trauen Sie dem Josef völlig?«
    »Wie mir selbst. - Aber wozu die Frage?«
    »Nun, er ist zuweilen in der Nähe der Polizeidirektion gesehen worden, und
Sie wissen wohl selbst, Herr, dass wir mit den Lakaien im Allgemeinen Unglück
haben.«
    »Seid unbesorgt, mit dem da nicht. Er soll sogleich herein kommen. Ihr könnt
in der Nähe bleiben; ich habe vielleicht Aufträge für Euch.«
    Der Wirt zog sich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes hinaus; gleich
darauf trat Josef herein. Herr Scharffer hatte übrigens recht, wenn er
behauptete, der Jäger sähe unruhig und zerstört aus. Dem war wirklich so; sein
Gesicht war noch blässer als gewöhnlich, und seine Augen hatten einen seltsamen
Ausdruck.
    Der junge Mann stand mitten im Zimmer, er hatte die eine Hand in die Hüfte
gestemmt, mit der andern winkte er dem Eintretenden lächelnd zu, wobei er sagte:
»Ei, Josef, ich hätte nicht geglaubt, dich so bald wieder hier zu sehen. Du musst
mir Aussergewöhnliches zu melden haben.«
    »So ist es auch,« erwiderte Josef nach einem tiefen Atemzuge. »Ich erlaubte
mir, Sie schon mehrmals aufzusuchen, Herr, aber Sie waren seit mehreren Tagen
nicht mehr hier im Fuchsbau; und auch Matias liess sich niemals sehen.«
    »Ach ja, der arme Matias!« sagte der Andere.
    »So ist es also wahr, Herr, was ich mir gedacht, als ich von jenem Einbruche
und der Verwundung eines der Beteiligten sprechen gehört? Und Matias ist -
todt?«
    »Nein, aber leider schwer verwundet. Doch sprich, was hast du mir zu sagen?
Dein Aussehen gefällt mir nicht, Josef; du hast Schlimmes zu berichten.«
    »Sehr Schlimmes, Herr.«
    »Nur zu, nur zu, man muss auf Alles gefasst sein. Erzähle ohne Vorrede; du
weisst, ich liebe kurze Mitteilungen.«
    Josef verbeugte sich und holte mühsam Atem, als er sprach: »Neulich war
mein Herr mit einem Bekannten spät Abends allein in seinem Kabinet.«
    »Wann war das?«
    »Vergangenen Freitag.«
    »Ah! - und welcher seiner Bekannten blieb bei ihm?«
    »Der Herr Maler Erichsen.«
    »Richtig, richtig!« murmelte der junge Mann. Er blickte auf den Boden und
dachte: das war an jenem Abend, wo Erichsen seine Porträts des Herrn Dankwart
vorzeigte. Den andern Morgen war er bei mir und verlangte die bewusste Schrift
mit einem Abdruck meines Talisman. Hören wir, was dazwischen vorfiel. - Während
er so nachdachte und zu Boden schaute, hatte das dunkle Auge des Jägers
aufmerksamer als je zuvor abwechselnd auf seinen Zügen, namentlich aber auf
seiner Gestalt geruht. Es schien, als stellte er Vergleichungen an, und je
länger er das tat, um so mehr verlängerten sich eine Züge, um so mehr nahmen
sie den Ausdruck des Schreckens an. Er fuhr ordentlich zusammen, als nun der
Andere sagte: »Und was geschah an dem Abend, Josef?«
    »Die beiden Herren,« fuhr der Jäger mit bebender Stimme fort, »sprachen über
- eine rätselhafte Person, die in der Gesellschaft umhergehe, die meisten
vornehmen Häuser besuche, die sich das Ansehen eines unabhängigen, hochstehenden
Mannes gäbe, die aber im Verborgenen - allerlei seltsame und sonderbare
Geschichten treibe.«
    Wäre der junge Mann nicht so vollkommen Meister seiner selbst gewesen, so
hätte man auf seinem Gesicht eine Bewegung wahrnehmen müssen. Denn obgleich ihn
die Worte des Jägers gänzlich unvorbereitet überfielen, wusste er doch sofort,
wen dieser meinte, und deshalb waren die Worte desselben tief einschneidend wie
die Schärfe einer Axt, die, mit sicherer Hand geführt, den Baum trifft. Doch
verzog sich keine Miene; nur eine Sekunde lang zuckten seine Augenlider. Ja,
etwas wie Verwunderung flog über sein Gesicht, als er entgegnete: »Und wer ist
diese rätselhafte Person?«
    »Sie nannten den Herrn Baron von Brand.«
    »Ah! den Baron von Brand! Unser guter Bekannter, durch dessen Vermittlung du
deine Stelle erhieltst.«
    »Derselbe, Herr.«
    »Er kommt öfter zum Grafen Fohrbach?«
    »O - sehr - oft.«
    »Natürlich sahest du ihn zuweilen?«
    »Ja - Herr, häufig. Aber ich ging ihm aus dem Wege, ich wusste nicht, ob es
ihm angenehm sei, mir zu begegnen.«
    »Daran tast du sehr klug. Teufel! man muss das dem Baron mitteilen.«
    »Ich tat es ja schon, Herr,« rief der Jäger in gewaltiger Bewegung. »Ja,
Herr, verzeihen Sie mir; ich kann nicht anders, ich muss Sie warnen, denn es
ginge mir an's Leben, wenn Ihnen ein Unglück zustiesse!« Bei diesen Worten war
der Jäger vor dem Andern auf die Kniee gestürzt, ein Paar Tränen liefen über
seine bleichen Wangen herab, und obgleich der junge Mann einen Schritt
zurückgetreten war, hatte Josef seine Hände ergriffen und hielt sie mit den
seinigen krampfhaft zitternd fest.
    »He, Josef!« entgegnete der junge Mann, indem er seine Hände loszumachen
versuchte, »du spielst eine eigene Komödie. Lass die Narrheiten, steh' auf.« Er
wollte in seinen Ton eine Härte legen, was ihm aber nicht vollkommen gelang. Ja
er brachte diese Worte nur mühsam, gepresst hervor.
    »Stossen Sie mich nicht zurück, Herr,« fuhr der Jäger leidenschaftlicher
fort. »Sie sagten schon mehrmals, Sie schenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen. O
tun Sie es in Wahrheit; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie schleunigst
Ihr Massregeln!«
    »Gewiss, Josef, sei nicht kindisch, - steh auf! Was geht mich dein Baron von
Brand an? Was er angerichtet hat, soll er verantworten. Und so will ich es
gerade machen. - Aber steh' auf. Für deinen Eifer danke ich dir herzlich, danke
ich dir wie ein Freund dem andern dankt.« Bei diesen Worten zitterte seine
Stimme, und als er den Jäger empor hob, fühlte dieser einen festen Händedruck. -
»Doch du bist mit deinen Unglücksbotschaften noch nicht zu Ende. Sprich weiter,
ich bin auf Alles vorbereitet.«
    »O wenn es so wäre!« seufzte Josef. »Soeben kam mein Herr aus dem Schloss;
er hatte den Dienst; Sie wissen, Herr, dass man dort im Vorzimmer zuweilen
Manches erfährt, was eigentlich verschwiegen bleiben sollte.«
    »Ja, ich weiss das,« sagte der Andere aufmerksam.
    »Der Polizei-Direktor war vor der Tafel bei Seiner Majestät.«
    »Nachmittags gegen fünf Uhr? - Eine aussergewöhnliche Stunde.«
    »So kam es dem Herrn Grafen auch vor; und ich glaube, es war Seiner Erlaucht
auffallend genug, um darüber Erkundigungen einzuziehen.«
    »Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei-Präsidenten selbst? O wenn die
Stillschweigen gelernt hätten! - Nun, es wird 'was Unbedeutendes gewesen sein.«
    »Nein, Herr, es war etwas sehr Bedeutendes. - Sie kennen ein kleines Haus in
der Schilderstrasse; gegenüber steht ein Brunnen.«
    »Ich kenne es nicht,« entgegnete der Andere scheinbar unbefangen.
    »Sie gingen oft dahin, Herr.«
    »Ich? - Niemals!«
    »Ah! verzeihen Sie, ich meinte den Herrn Baron von Brand.«
    »Das ist etwas Anderes. - Aber weiter! weiter!« Obgleich die Stimme des
jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war, so atmete er doch fast
hörbar, seine Augen glänzten und seine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches
hin und her.
    »In dem Hause,« fuhr Josef mit festem Blicke fort, »hat die Polizei heute
Nachforschungen gehalten.«
    »Die Polizei! - und wesshalb? - Wer gab ihr das Recht dazu? - Was fand sie?«
    Achselzuckend fuhr der Jäger fort: »Ich weiss Ihnen nur die letzte Frage zu
beantworten, Herr. Sie fanden in dem Hause eine alte Frau, einen kleinen Knaben,
einen jungen Mann - und eine Dame.«
    Bei jedem Worte, welches der Jäger aussprach, war der Andere sichtlich
zusammengefahren, doch hatte er sich gewaltsam bezwungen, wobei er sich die
Lippen fast blutig biss. Als aber Josef sagte: eine Dame, da behielt er seine
mühsame Fassung nicht länger, er erbleichte auf eine furchtbare Art, seine Augen
starrten weit aufgerissen, er fasste die Hand des Jägers mit zitternden Fingern
und sprach fast lautlos: »Du hast gesagt: auch eine Dame -?«
    »Eine Dame, Herr - die Frau Baronin von W., Gemahlin des früheren
General-Adjutanten.«
    Bei diesen Worten war es, als wollte der Andere in die Kniee sinken; sein
Körper schien sich unter dem Eindruck dieser Mitteilung förmlich zu beugen, er
presste die Hände vor das Gesicht und rief in herzzerreissendem Tone: »Meine
Schwester! - o meine arme Schwester!«
    Dieses Wort hatte Josef doch nicht erwartet. Ihn fasste ein jäher Schreck bei
dem Ausrufe des Andern, es war ihm, als hebten sich rings herum schwarze
Schleier, als stiegen wilde unheimliche Geister aus den Ecken des Zimmers. Der
Luftzug, der durch den Kamin herabdrang, machte ihn schaudern. Er fühlte sich
wie von Furchtbarem umgeben; es schien ihm, als bewegten sich die
Fenstervorhänge und es dringe hie und da eine Faust durch die Scheiben und
suchte tappend die schweren Riegel zu erfassen, um die Flügel zu öffnen, und
einer unheilvollen Macht Eingang zu gestatten. Dann aber erfasste ihn wieder eine
tiefe Wehmut, als er die kräftige Gestalt des jungen Mannes vor sich erblickte,
die durch seine Mitteilungen vollständig gebrochen schien; als er bedachte,
welch' gewaltiger Geist, welch' edles Herz und tiefes Gefühl in diesem kräftigen
Körper wohnte, welchen Weg dieser Mann hätte gehen können, und wie er nun vor
ihm stand, vielleicht schon von allen Seiten umgarnt, im nächsten Augenblicke
vor der unerbittlichen Gerechtigkeit - die leider, leider diesmal nur gerecht zu
nennen war! - Josef war kein gewöhnlicher Mensch, sein Eintritt in diese Welt
hatte ihm Hoffnungen eröffnet, die leider nie in Erfüllung gingen. Und an alles
dies denkend, hatte er seine Hände gefaltet und langsam tropfte eine Träne um
die andere aus seinen Augen und verlor sich in dem dichten, schwarzen Barte.
    Der Andere hatte sich unterdessen wieder gefasst, doch als er die Hände
langsam von seinem Gesicht entfernte, fielen seine Arme wie gelähmt herab. -
Aber er lächelte. Doch dieses zuerst traurige und dann erschreckliche Lächeln
schnitt dem Getreuen, der vor ihm stand, noch tiefer in die Seele, als vorhin
der Ausbruch des wilden Schmerzes.
    »Lass es gut sein, Josef,« fuhr der junge Mann fort. »Jeder Mensch hat seine
Schwächen, hat eine Stelle, an der er verwundbar ist. Du hast sie mit deinen
Worten getroffen und tief verletzt. - Aber das ist jetzt vorüber,« setzte er
schwer Atem holend hinzu. »Was hast du mir weiter zu sagen?«
    »Herr Major von S. war bei meinem Herrn und Beide sprachen darüber, dass die
Baronin von W. in dem erwähnten Hause festgehalten würde. Der Gemahl derselben,
der sie lange beargwohnt, habe seine Zustimmung gegeben, und über alles dies
drückten sich beide Herren ziemlich empört aus.«
    »Ah! sie nahmen die Polizei nicht in Schutz?«
    »Der Polizei-Präsident soll von Seiner Majestät eine Bemerkung haben
hinnehmen müssen, die sehr einer Nase ähnlich gesehen habe; er sei ziemlich
zerknirscht in das Vorzimmer gekommen und habe über undankbaren Dienst und
drückende Verhältnisse gesprochen.«
    »Das gibt mir einige Hoffnung,« sagte der Andere mit leiser Stimme. »Du
kannst mir einen Dienst erweisen, Josef. Suche in das Haus in der Schilderstrasse
zu dringen, erkundige dich, was man dort macht, und bringe mir eine Antwort
hieher. Willst du?«
    »Mit tausend Freuden,« antwortete Josef. »Aber ich würde einen vergeblichen
Gang tun, Herr. Ich war schon droben bei dem Hause; ich versuchte es, hinein zu
kommen, ich habe da einen Bekannten, aber man examinirte mich und schickte mich
fort. Als ich eben weggegangen war, sah ich Sie, Herr. Sie stellten sich an den
Brunnen und schauten an dem Hause hinauf.«
    »Das ist wahr. Aber ich habe dich nicht bemerkt.«
    »O Herr, verzeihen Sie mir,« sprach Josef kopfschüttelnd, »Sie sahen
überhaupt nicht so um sich her, wie gewöhnlich auf der Strasse. Sonst hätten Sie
an den gegenüberliegenden Häusern einen Menschen bemerken müssen, der sie
beobachtete.«
    »Der mich beobachtete?«
    »Auf das Genauste. Er hinderte mich, Sie anzureden, und ich konnte Ihnen nur
von weitem folgen, denn der Andere schlich vor mir ziemlich dicht hinter Ihnen.«
    Der junge Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn und entgegnete: »Ja,
ich war in Gedanken. Aber was wollte Jener von mir? Folgte er mir bis hieher an
den Fuchsbau?«
    »Bis an die Mauer, wo Sie verschwanden. Das schien ihn höchlich zu wundern,
denn er betrachtete die Steine aufmerksam, suchte auch rechts und links nach
einer Tür, und als er nichts fand, umschritt er das ganze Gebäude. Jetzt folgte
ich ihm und hätte gern ein ernstes Wort mit ihm gesprochen, aber ich war ohne
Waffen, und er, der Polizeisoldat, hatte seinen Säbel bei sich.«
    »So, er war von der Polizei? Das ist gerade nicht angenehm. Was denkst du,
Josef?«
    »Wenn ich meine Gedanken frei aussprechen darf, so sage ich, dass Ihnen Jener
nicht ohne Absicht gefolgt ist, dass er davon ging um einen Bericht zu machen,
und dass vielleicht in diesem Augenblicke schon der Fuchsbau umstellt ist.«
    »Du könntest vielleicht Recht haben, Josef,« erwiderte der junge Mann ruhig,
indem er die linke Hand auf den Tisch setzte, »und das wäre schlimm für dich,
den man hier nicht finden darf. - Sieh mich nicht so sonderbar an, ich weiss
wohl, dass es dir nicht an Mut fehlt, und kenne auch deine Treue. Aber du kannst
hier, bei Gott! Niemanden helfen, nur dich selbst zu Grunde richten. Also geh',
ich will es.« Er winkte mit der Hand, und als der Jäger dieselbe ergriff und
fest drückte, erwiderte er diesen Druck und sagte dabei: »Gott sei mit dir,
Josef!«
    Sobald dieser das Zimmer verlassen hatte, trat der Wirt ungerufen herein.
Er war aufgeregt, erhitzt und stolperte in seinem Eifer fast über die Schwelle
in das Gemach, so dass ihm der junge Mann entgegenrief: »Hoho! Meister Scharffer,
Ihr stürzt ja daher, als wenn Ihr gejagt würdet.«
    »Das wird auch also kommen,« erwiderte der Wirt in seiner plumpen Manier.
»Wissen Sie, Herr, dass drunten der Teufel los ist?«
    »Ah! Ihr seid der Mann, ihn zu bändigen,« erwiderte der Andere lachend.
    »Ja, da hat sich was zu bändigen!« Es sind da eben sechs Kerle in die
Schenkstube gedrungen, und als wir uns weigerten, ihnen Wein zu geben, meinten
sie, das wollten sie doch einmal sehen, das sei hier ein, Wirtshaus, so gut wie
ein anderes.
    »Da hatten sie vollkommen Recht, Meister. Und statt dass Ihr davon stürztet
und Aufsehen erregt, hättet Ihr bei Euren Gästen bleiben und sie angenehm
unterhalten sollen.«
    »Da unterhalte sich Einer, wenn ihm das Herz vor Schrecken still steht. Drei
von den Sechsen kenn' ich. Wenn die nicht bei der Polizei sind, so will ich auf
meinem Rasirmesser reiten. Einer von ihnen machte sich mit der alten Margaret
zu schaffen und erkundigte sich freundlich, was das für Klingelschnüre seien,
die neben ihrem Sitze herabhängen.«
    »Das ist allerdings verdächtig.«
    Der dicke Wirt hatte so hastig gesprochen, dass er ganz ausser Atem gekommen
war. Während er sich den Schweiss von der Stirn wischte, tat er einen tiefen
Atemzug und fuhr dann fort: »Auch kommt soeben der Johann nach Haus und meint,
er habe drunten auf der Strasse in der Nähe des Fuchsbaues Gesichter gesehen, die
ihm gar nicht gefallen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste, er brachte auch
die Nachricht heim, dass der Sträuber eingesteckt Worden sei.«
    »Der Sträuber?« fragte der Andere, offenbar unangenehm überrascht, und zog
dabei seine Augenbrauen finster zusammen. »Der Sträuber? - das ist fatal.«
    »Auf dem Bahnhof,« fuhr Meister Scharffer fort, »er hatte sich gerade ein
Billet gelöst.«
    »Wohin?«
    »Nach St.«
    »Beim Teufel! Das ist schlimm. Also wollte er über die Grenze. Da hat der
Schuft etwas angestellt, was ihn zwingt, Stadt und Land zu verlassen.« Bei
diesen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raschen Schritten auf und ab
und der Wirt schaute ihm mit einem höchst überraschten Gesichte zu, wobei er
sich in dem schwarzen, buschigen Backenbarte kratzte. Er mochte Wohl denken:
jetzt ist es keine Zeit zum Promeniren, jetzt sollte der da handeln. Doch
tröstete er sich gleich darauf: er wird schon wissen, was zu tun ist. Der
Andere trat wieder an den Tisch zurück und sagte achselzuckend: »Wohl möglich,
dass sie wieder eine Hausaussuchung halten.«
    »Wie schon oft.«
    »Aber heut' ist das schlimmer.«
    »Warum? Wir haben nichts Verdächtiges im Hause.«
    »Vergeht Ihr den Matias?« sagte der junge Mann mit sehr ernster Stimme.
    »Alle Heiligen! das ist wahr!« rief erbleichend der Wirt. »Wenn sie den
finden mit seiner Wunde in der Seite, so sind wir verloren. O, wenn er nur schon
todt wäre.«
    »Hol' Euch der Teufel, Meister! - Und warum das?«
    »Sie wissen wohl, wir hätten dann ein gutes Versteck für ihn. Aber einen
Lebenden kann man nicht da hinein postiren.«
    »Ehe ich das Haus verlasse, muss ich nach ihm sehen. Leuchtet mir hinauf.«
    »Lassen Sie das um Gotteswillen bleiben, Herr,« bat der Wirt. »Nehmen Sie
mir ein Wort nicht übel - wer weiss, ob man es nicht auf Sie selbst abgesehen
hat? Verlassen Sie das Haus, so lange es noch Zeit ist, schonen Sie sich für
uns. - Horch! was war das?«
    Von unten herauf liess sich ein dumpfes Krachen vernehmen. Beide lauschten
und der junge Mann sagte: »Man bricht eine Türe auf. Wahrhaftig, das scheint
ernstlich zu sein. Haben sie Lichter bei sich?«
    »Nein, darnach habe auch ich gleich gesehen.«
    »Wer ist von uns im Hause?«
    »Der Johann, der Schnapper und zwei fremde Gesellen, die heute mit guter
Rekommandation ankamen. Als ich die sechs Andern eintreten sah, hiess ich sie auf
ihr Zimmer gehen.«
    »Wo sind sie?«
    »Auf Numero vier, über uns.«
    »Und Matias?«
    »Auf Numero zwei. Ah! ich vergass, Fritz ist bei dem als Krankenwärter.«
    Der junge Mann stand da hoch aufgerichtet, sein blitzendes Auge blickte
starr in eine Ecke des Zimmers, er zog seinen schwarzen Schnurrbart zu beiden
Seiten des Mundes herunter und dachte nach. - »Das ist ganz einfach,« sagte er
nach einer Pause, »die Hauptsache ist: Matias muss weggeschafft werden, und das
müssen Johann und Fritz besorgen. Beide sind stark, sie können ihn tragen.
Freilich kann es ihn das Leben kosten,« fuhr er fort, nachdem er die Augen einen
Moment mit der Hand bedeckt hatte. »Aber was ist da zu machen? Lieber todt, es
wäre grässlich, wenn er ihnen lebend in die Hände fiele. Und Matias hat eine
starke Natur, er wird's vielleicht ertragen.«
    »Aber wohin mit ihm?« fragte zweifelnd der Wirt. »O, glauben Sie, Herr, die
auf der Polizei sind auch klüger geworden. Sie werden ringsum das Haus besetzt
haben.«
    »Natürlich,« erwiderte der Andere mit einem verächtlichen Lächeln. »Aber wir
lassen uns doch nicht überlisten, und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt, so
kommt der arme Matias glücklich durch.«
    »Und Sie, Herr?«
    »O, ich verschwinde wie gewöhnlich. - Ihr lasst den Matias auf Numero Eins
bringen; dort, wisst Ihr, hängen an der Wand alte Landkarten. Nehmt sie ab und
schlagt durch die ganz dünne Wand, die sich dort befindet, ein Loch, nicht
grösser, als dass Johann und Fritz mit ihrer Last durchkommen.«
    »Aber in dem Hause nebenan haben wir keine Verbindungen, Herr. Das ist ein
Pietist, ein scheinheiliger Satan, der gleich Lärm machen wird.«
    Ohne auf diese Worte zu achten, hatte der Andere seinen Rock aufgeknöpft,
und die Uhr hervorgezogen, von der er ein Petschaft löste. Dann fuhr er ruhig
fort: »Auf das Geräusch des Wanddurchschlagens wird der Eigentümer
augenblicklich erscheinen. Johann soll ihm dies übergeben und er wird für den
Matias sorgen. Vergesst mir aber nicht, dass die grosse Landkarte wieder an ihren
Platz gehängt wird.«
    Meister Scharffer empfing das Petschaft mit einem Blicke der Ehrfurcht, den
er auf den jungen Mann warf. Er hatte den Nachbar immer gefürchtet, ja er hatte
ihn gekannt als Jemand, der im Rufe der grössten Rechtlichkeit stehe, der das
Getreibe im Fuchsbau tief verabscheue und der bei allen Genossen im Verdacht
stand, als habe er die Polizei schon mehrmals zu Haussuchungen veranlasst. Und
nun hatte sein Meister dort ebenfalls Verbindungen angeknüpft!
    »Nur fort,« sprach jetzt der junge Mann ungeduldig. »Sagt dem Johann und
Fritz, was sie zu tun haben, und dann begebt Euch an die Haupttreppe und
schimpft als guter Wirt dort hinab über die Vagabunden, die Eure Türen
erbrechen. Hört nur, sie machen immer weiter. Aber jetzt hinauf, Meister
Scharffer, befolgt auf's Pünktlichste meine Befehle. Ich werde Euch hier
erwarten.«
    Der dicke Wirt schien Lust zu haben, sich ein wenig in seinem Haar zu
raufen, und er hob schon die Hände an den Kopf empor, als er aus dem Zimmer
eilte; doch liess er sie wieder sinken, schüttelte vielmehr sein Haupt, als er
sich auf der Schwelle nochmals umschaute und nun bemerkte, wie der junge Mann
einen Stuhl an den Tisch zog und sich ruhig darauf setzte, als ob gar nichts
vorgefallen wäre.
    Während Meister Scharffer die Treppen hinauf sprang, bekreuzte er sich und
dachte: »Um Ende wäre es doch besser, wenn man sich der Polizei selbst
überlieferte. Der da drunten im Zimmer ist offenbar der leibhaftige Teufel.«
    Die ausserordentliche Ruhe aber, mit welcher der junge Mann handelte, war
teilweise erzwungen, um auch dem Andern Mut einzuflössen, denn als dieser
verschwunden war, sprang er auf und trat unruhig an die Türe, um in das Haus
hinabzulauschen. Obgleich nun das Zimmer, in welchem er sich befand, von der
Schenkstube sehr weit entfernt war, so vernahm er doch einen wüsten Lärm von
dorter und mitunter Töne, als ob man Möbel wegrückte, Kasten niederstellte,
Türen gewaltsam öffnete. - »Sonderbar!« sprach der Horcher zu sich selber, »sie
treiben ihre Sache auf wunderbare Art. Statt sich rasch über das ganze Haus zu
verbreiten, halten sie sich in einem Teile desselben auf, wo sie noch nie 'was
gefunden haben. Ich glaube, wir haben die ganze Geschichte dem Herrn Blaffer zu
verdanken. Wenn nur Matias schon fort wäre! - Ah! sie gehen dran, ihn
wegzuschaffen.« Er lauschte wieder aufmerksam und vernahm von droben das Gehen
von Männern, deren schwerem Auftreten man es wohl anmerkte, dass sie eine
gewichtige Last trugen. Zu gleicher Zeit hörte er, aber sehr gedämpft, ein
Geräusch, wie wenn man Steine losbräche, und dann das leichte Krachen von
Holzwerk. »Gott sei Dank!« sagte der junge Mann, »er wird bald drüben sein. Wenn
er's nur aushält! Das Loch in der Wand kostet mich viel. Ich hatte diesen Ausweg
für mich selbst aufgehoben. Aber was gilt ein Freund nicht! Und ein solcher war
mir Matias hier im Hause. Ich hätte ihm vielleicht folgen sollen, wer weiss, ob
das nur eine Hausaussuchung ist und ob sie nicht vielleicht das Haus so umstellt
haben, dass es mir auf meinem gewöhnlichen Wege schwer wird, zu entkommen. - Bah!
man muss nicht das Schlimmste denken. - Doch - jetzt ist Matias drüben.« In
diesem Augenblicke vernahm er nämlich die scheltende Stimme des Wirtes, der auf
der Treppe stand, die in das untere Stockwerk führte und laut hinabschrie: »Was
für ein Lärmen wird in der Schenkstube getrieben? Glaubt ihr denn, man könne in
dem Hause treiben, was man wolle? He, Marie, ruf' den Hausknecht!« Nachdem er
dies gesagt, kehrte er in das Zimmer zurück, wo der Andere unterdessen die
beiden Lichter auf dem Tische ausgelöscht hatte, so dass es vollkommen finster
gewesen wäre, wenn nicht eine Gaslampe auf dem Gange einige Helle in das Zimmer
geworfen hätte.
    »Matias ist fort, aber jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen, Herr, suchen
Sie sich einen Ausweg. Als ich droben vom Fenster auf die Strasse hinabschaute,
habe ich verdächtige Gestalten bemerkt.«
    »Auf welcher Seite?«
    »Auf der, wo sie gewöhnlich das Haus verlassen.«
    »Das ist ungeschickt. So muss ich den Weg durch den Keller nehmen.«
    »Ich glaube auch, dass der sicherer ist,« sagte angstvoll der Wirt. »Nur
müssen Sie dabei über die Haupttreppe hinab, bei der Schenkstube vorbei.«
    »Ich weiss wohl, doch hat das nichts zu sagen. Margarete wird auf ihrem
Posten sein.«
    »Gewiss; die lässt sich eher in Stücke reissen.«
    »So will ich ihr ein Zeichen geben und dann vorwärts, Meister. Ihr steigt
scheltend die Treppe hinab und ich folge Euch.« Sowie er dies sagte, zog er an
einer Klingelschnur, die neben der Türe hing, und wenige Sekunden darauf
verlöschte die Gaslampe draussen auf dem Gange. Von unten herauf aber erscholl
ein lauter Aufschrei, die klägliche Stimme der alten Kellnerin und darauf
polterte Meister Scharffer die Treppen hinab, fluchend und scheltend mit aller
Kraft seiner Lunge.
    Der Andere ging hinter ihm drein, er setzte die Füsse so leicht auf, dass man
von Beiden jedesmal nur einen einzigen Tritt hörte; sein Auge versuchte es, die
Finsternis, die auf dem ganzen Hause lag, zu durchdringen. dabei blieb er dicht
hinter dem dicken Wirte, der, auf dem untern Treppenabsatz angekommen, gleich
von kräftigen Armen gefasst wurde. Doch ermangelte er nicht, dies durch lautes
Geschrei seinem Hintermanne kund zu tun, der einen Augenblick unbeweglich
stehen blieb, dann das Treppengeländer erfasste, und sich nun mit solcher Gewalt
die Treppe vollends hinab schwang, dass er zwei Männer, die dort Posto gefasst
hatten, so vollkommen unvermutet überfiel, dass diese ihr Gleichgewicht verloren
und schwerfällig die Treppe hinab kollerten, ihm nach, der schon mit leichtem
Fuss die unterste Stufe erreicht hatte. Hier war der Fliehende nicht einen
Augenblick zweifelhaft, welchen Weg er einzuschlagen habe. Eine Türe, die er
suchte, fand er unverzüglich, trat durch dieselbe in ein Gewölbe, glitt hier
abermals einige Stufen hinab und erreichte nun einen weiten Keller, in dem er
fortschritt.
    Dieser hatte nach der Strasse einige halbkreisförmige Oeffnungen, die man
übrigens kaum bemerken konnte, da die Nacht sehr finster war. An einer dieser
Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und so eine
förmliche Leiter gebildet, auf der ein gewandter Mann ohne grosse Mühe
emporsteigen konnte. Ehe er sich aber vollständig dort hinaufschwang, horchte er
aufmerksam, und erst, als sich in der engen Gasse, in welche diese Fenster
mündeten, nicht das geringste Geräusch vernehmen liess, stieg er vorsichtig aus
dem Keller empor.
    Glücklicherweise warfen die nahestehenden Häuser, sowie ein Mauervorsprung
neben dem Fenster einen so tiefen Schatten auf die Stelle, wo er emporgestiegen
war, dass ihn selbst ein Späher hier nicht hätte entdecken können. Auch brauchte
er die Vorsicht, eine Zeitlang unbeweglich stehen zu bleiben, worauf er endlich
mit zwei grossen Schritten die andere Seite der Gasse erreichte. Hier blieb er
abermals stehen und schaute nach dem Hause zurück, doch fasste er im nächsten
Augenblicke unwillkürlich den Griff seines Dolches, denn mit seinem scharfen
Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunklen Mauer des Hauses, von dem er eben
herkam eine Bewegung, gerade als seien dort ein Paar Personen, die sich etwas
von der Mauer entfernten. Sobald er aber regungslos stehen blieb, sah er auch
drüben nichts mehr. - Und doch! er hatte sich nicht getäuscht. Kaum hatte er
einen Schritt gemacht, so bewegten sich auch dort die beiden dunkeln Flecken
wieder - zwei Gestalten mit ihm im gleichen Masse fortschreitend. Das sind
Aufpasser und Verfolger, dachte er sich. Was ist zu tun? Bei einem Ueberfall,
den sie aber wahrscheinlich in der Nähe des Hauses nicht wagen, mich ihrer mit
meinem Dolche entledigen; wenn sie mich aber verfolgen, sie, wenn es möglich
ist, irre führen!
    Das Letztere aber war ein schweres Unternehmen, denn wenn auch die beiden
Gestalten nicht Willens schienen, die Entfernung zwischen sich und dem Andern zu
kürzen, so liessen sie sie auch nicht vergrössern. Denn machte er längere und
raschere Schritte, so taten sie das Gleiche, blieb er stehen, so machten sie es
ebenso. Letzteres tat er mehrmals und überlegte sich dabei, ob es nicht besser
wäre, umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen. Dies zu
tun war er schon im Begriff, doch hatte er mittlerweile die enge Gasse
verlassen und eine breite, lange Strasse erreicht, die von mehreren Gaslampen
hell beschienen war, und sah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige
Gestalten, die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten. -
Vier würden ein zu grosses Aufsehen geben, dachte er bei sich. Also nichts von
Gewalt; hier muss List entscheiden und Schnelligkeit. Behutsam warf er einen
Blick um sich; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte
entfernt, die ersten schlichen auf der andern Seite der Strasse. Er beschleunigte
seinen Gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte, schoss er dort mit
einem gewaltigen Satze hinein. Doch mussten die vordern seiner Verfolger diese
Absicht erraten haben, denn Einer stürzte ihm so rasch nach, dass er ihn in der
nächsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hörte. Die Andern blieben nicht
weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der
sonst menschenleeren Strassen im schnellsten Tempo.
    Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nächsten Verfolgers zu
entledigen, und als er ein Mittel hiezu gefunden, musste er selbst darüber
lächeln. Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Strasse, gegen einen
Gaskandelaber, so zwar, dass sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger
befand. In diesem Augenblicke fasste er die eiserne Stange desselben mit der
Hand, schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht
seines Körpers, dass dieser laut dröhnend zu Boden stürzte. Hierauf änderte er
die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Sätzen über die
dunklen Strassen dahin, einem Stadtteile zu, wo wenig Verkehr war und spärliche
Gasflammen brannten und wo an grosse herrschaftliche Häuser viele Gärten stiessen.
Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er
auch war, so fühlte er doch nach und nach, wie ihm das Atmen schwerer wurde und
wie es ihm grosse Mühe zu verursachen anfing, den beschleunigten Lauf
fortzusetzen. Wohin sollte er sich wenden? Er hatte gehofft, seine Verfolger zu
ermüden und ihnen auf diese Weise zu entgehen. - Vergebens. Wenn er auch
zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte, so strengten sich die Andern desto
mehr an, in seine Nähe zu kommen, und sie hatten dies leichter, da sie sich
teilen, ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben für sich abkürzen
konnten. Glücklicherweise hatte Keiner von ihnen Schiesswaffen bei sich, sie
hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt, davon Gebrauch zu machen, denn der
da vorn, den sie verfolgten, musste doch am Ende lebend in ihre Hände fallen.
Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten, wo die Häscher deutlich
sahen, dass der Flüchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie
bisher. Ja, er schien ungewiss zu sein, welchen Weg er nehmen sollte. Er schaute
um sich, gewiss in der Absicht, den Ort zu erkennen, wo er sich befände. - Stand
er dort nicht stille? Ja, er hatte sich an die Mauer gelehnt, gewiss konnte er
nicht weiter und wollte sich ergeben. Mit erneuerter Kraft, das Ende ihres
Laufes vor sich sehend, stürzten die Polizeibeamten vorwärts. Jetzt hatten sie
die Stelle erreicht, wo sich Jener befand. Schon streckte der Vorderste den Arm
nach ihm aus, als er sah, dass der Flüchtling verschwunden war, an einer Mauer
verschwunden war, viel zu hoch, um darüber hinwegspringen zu können, aber in der
Nähe eines Gartenpavillons, den sie jedoch bei näherer Untersuchung fest
verschlossen fanden, und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräsidenten
gehörte.
 
                         Achtundsiebenzigstes Kapitel.
                           Auf der Polizeidirektion.
Während die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblüfft vor dem
Gartenpavillon standen, befand sich der Flüchtling in demselben in Sicherheit.
Er blieb dicht an der Türe stehen, und hütete sich vor dem geringsten Geräusch,
ja er bezwang so viel als möglich seine keuchende Brust, damit das Atemholen
drüben nicht gehört würde. Ringsum war es stille, und er von seinen Verfolgern
nur durch eine dünne Bretterwand geschieden; er fühlte sich jetzt wie der
Schiffer auf stürmischem Meer. Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem
Verderben nie gewesen. Die Nervenaufregung, das Bewusstsein, handeln zu müssen,
hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen, seine Lage zu übersehen - seine
Lage, und vor Allem die seiner unglücklichen Schwester. Jetzt aber, wo sein
Körper ermattet war, wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien, wo er trotzdem
immer noch wie angefesselt stehen musste, jagten seine Gedanken in tollen und
wilden Bildern durch sein Gehirn. Und was sie ihm Schreckliches zeigten, das
waren leider keine Gebilde der Phantasie, das war Alles wahr, nur zu wahr! Sein
mächtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehörte und Gesehene
vor sich aus, er überlegte, verglich, verwarf und kam zu dem entsetzlichen
Resultat, dass der Boden, auf dem er bisher gelebt, anfange unter seinen Füssen zu
wanken, dass er auf schlüpfrigem Bergrande stehe, schon hinabgleitend, ohne dass
sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt, eine rettende Stütze
gezeigt hätte. - Als er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, dass er seine
Lage klar erkannte, presste ein wilder Schmerz sein Herz zusammen und er musste
gewaltsam einen Schrei der Verzweiflung unterdrücken, der sich nun momentan in
ein schreckliches Gefühl verwandelte, und jede Muskel seines kräftigen Körpers
erzittern machte. Das war der Augenblick, wo er, um Allem mit einem Male ein
rasches Ende zu machen, an die Türe zu klopfen versucht war, um sich seinen
Verfolgern zu übergeben. Doch warf er in der nächsten Sekunde trotzig den Kopf
in die Höhe und sprach zu sich selber: »Verdammt, dass ich mich auf dieser
Feigheit ertappe, ein, wenn gleich verlorenes Spiel wegzuwerfen, da man nicht
den Mut hat, es zu Ende zu führen. - Ah! wie konnte mir eine solche Idee
kommen! Nein, ich werde meine Zügel fest in der Hand behalten, ich werde die
Räder meines Lebenswagens vor dem Sturz in diesen Abgrund zu bewahren wissen,
wenn mir auch drüben ein anderer nicht minder gefährlicher winkt. War es doch
von jeher mein Grundsatz, das Angefangene zu beendigen. Also auch diese Partie
bis zum letzten Stiche, bis zu meinem grossen Schlemm! Dann die Karten fein und
säuberlich geordnet und zusammengelegt, das Conto bezahlt und - gute Nacht!«
    Die Vier draussen hatten sich hinter ihren langen Ohren gekratzt, und Einer
meinte, es sei doch wahr, was man vom Fuchsbau sage, dass dort der Teufel los
sei. »Alles in Allem genommen, so mag der Henker wissen, was wir verfolgt,
vielleicht eine Art Geist oder einen Schatten.« Dagegen nun protestirte ein
Anderer heftig und sagte zu seinen Kameraden: dass das kein Schatten gewesen sei,
habe er bei dem Gaskandelaber drunten wohl gespürt; so sei er in seinem ganzen
Leben noch nicht umgerannt worden. Brummend meinte er, dafür wären sie
eigentlich nicht bezahlt, und wenn das noch einmal vorkäme, so könne
Polizeidiener sein, wer Lust habe. Ein Dritter sprach, er glaube, da helfe Alles
nichts mehr; möge es nun Schatten oder Mensch gewesen sein, er sei nun einmal
unter sehr verdächtigen Umständen verschwunden am Gartenpavillon des
Polizei-Präsidenten, und er halte dafür, die ganze Sache dem Kommissär zu melden
und dessen Urteil zu hören. Der Vierte aber war der Klügste von Allen; er
riet, so lange über die Geschichte reinen Mund zu halten, bis sie den Garten
untersucht hätten. Und zu dem Zweck sollten zwei hier bleiben, und zwei vorn zum
Hause hinein gehen, um, wohlverstanden, in aller Heimlichkeit nach dem
Entflohenen zu fahnden. Fände man nichts, so bliebe die Sache auf sich beruhen
und werde nicht weiter gemeldet. Dieser Vorschlag wurde angenommen und Zwei
machten sich alsbald auf den ziemlich langen Weg nach der Polizeidirektion, zu
welchem Zweck sie ein paar Stadtteile umwandern mussten.
    Dies Gespräch hatte die Gedanken des Verfolgten unterbrochen und zwang ihn,
alsbald auf seine Rettung zu denken. Was sollte er tun? Das einzige Mittel, zu
entkommen, schien ihm, durch den langen Garten in das Haus des
Polizei-Präsidenten zu gehen, denn abgesehen von der hohen Mauer, die zu beiden
Seiten hinlief, war es ihm heute Abend zu gefährlich, sich der Nachbarschaft
anzuvertrauen. Aber wie sollte er aus dem Hause des Polizei-Präsidenten auf die
Strasse gelangen? Er musste da an der Wachtstube vorbei, die sich im Erdgeschoss
befand, und wäre dort einem unangenehmen, gefährlichen Verhöre nicht entgangen.
Der Himmel war wolkenlos, ein heller Streifen, der sich im Osten langsam
ausbreitete, zeigte den Aufgang des Mondes an; die Luft war kalt, ein scharfer
Wind sauste durch die dürren Zweige der Bäume, der Boden war hart gefroren.
Glücklicherweise sprachen die beiden Polizeidiener draussen so laut, dass es dem
Flüchtling möglich war, sich während ihrer Unterredung langsam aus dem Pavillon
zu entfernen. Einmal aus ihrer Hörweite, beschleunigte er seinen Schritt und
erreichte den gepflasterten Hof, welcher an die hintere Seite des Hauses stiess.
Die Wagenremise war geöffnet, beim Schein einer Laterne spannte der Kutscher
seine Pferde ein und unterhielt sich mit einem der Soldaten, welche zur Wache
des Hauses gehörten. »Und so eine Geschichte dauert lang?« fragte der Soldat. -
»Heute Abend wenigstens bis zwei Uhr,« versetzte der Kutscher. »Ich sage dir, so
ein Maskenball bei Hof, der lässt nicht mit sich spassen.«
    Er, der in diesem Augenblicke mit geräuschlosen Schritten über den Hof ging,
hatte bei all' dem Schrecklichen, was er erlebt, die täglichen Angelegenheiten
vollkommen vergessen. Als der Kutscher von dem Maskenballe bei Hof sprach,
erinnerte er sich des heutigen Abends, und eine kecke, wenn gleich gefahrvolle
Idee zu seiner Rettung blitzte in seinem Kopfe auf. Es war das ein Gedanke, den
er seiner Seltsamkeit wegen augenblicklich festielt und auszuführen beschloss.
Er zog seine Uhr, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, murmelte er: »Erst
Acht; die Zeit könnte nicht besser sein.« Jetzt hatte er das Haus erreicht,
jetzt die breite Treppe, die in den ersten Stock führte, zur Wohnung des
Polizei-Präsidenten. Auf derselben war Alles hell erleuchtet, und beim Schein
des glänzenden Gaslichtes untersuchte er mit prüfendem Auge den Zustand seiner
Toilette. Dank dem festgefrornen Boden war an den glänzenden Reitstiefeln kein
Stäubchen zu sehen, ebenso untadelhaft war sein enganliegendes Beinkleid; nur
die Blouse von dunkelblauem Wollenstoffe hatte sich bei dem scharfen Laufen
etwas verschoben. Doch war dem leicht abzuhelfen. Er zog den ledernen Gürtel,
den er um den Leib trug, fester an, das Oberkleid herab, brachte seine
Halsbinde, so gut sich das ohne Spiegel tun liess, in Ordnung, und somit war
sein Anzug bis auf das Haar wieder hergestellt. Das musste schon sorgfältiger
behandelt werden, doch gab es auch hiefür ein leichtes Auskunftsmittel. Der
junge Mann wusste in dem Hause genau Bescheid, er stieg festen Fusses die Treppe
hinauf und trat oben, statt nach dem Empfangszimmer zu gehen, in einen kleinen
Korridor, öffnete dort eine Türe und wollte eintreten.
    Hier befand sich ein junges Mädchen, das bei dem Anblick der fremden
Gestalt, die so plötzlich auf der Schwelle erschien, laut aufschrie und flüchten
wollte. »Bleiben Sie ruhig, Louise,« sagte der Eintretende lachend. »Ah! bei
Gott! meine Maske ist gut, da sogar Sie mich nicht erkennen.«
    Das Wort »Maske« schien die Kammerjungfer, welche in den letzten Tagen viel
von dergleichen gehört, einigermassen zu beruhigen. Doch hielt sie immer noch die
Klinke zur Türe des Nebenzimmers in der Hand, als sie entgegnete: »Ja, die
Maske ist so gut, dass ich den Träger derselben nicht zu erkennen vermag. Und
wenn er sich nicht augenblicklich nennt, so werde ich Lärm machen.«
    »Coeur de rose!« lachte der junge Mann. »Wie sind Sie heute Abend so wild!
So will ich mich denn also nennen, und mich zu gleicher Zeit noch besser in
Ihrem Gedächtnisse auffrischen.« Bei diesen Worten hatte er die Hand unter die
Blouse gesteckt, sie wieder hervorgezogen, und als er darauf dem erstaunten
Mädchen ein paar Dukaten in die Hand gleiten liess, sagte er flüsternd: »Baron
Brand wünscht die Frau Präsidentin zu überraschen, vorher aber einen Augenblick
Ihre schöne Gebieterin zu sehen.«
    Die Kammerjungfer war wie umgewandelt. »Sie sind aber in der Tat ein
gefährlicher Herr,« sprach sie lachend. »Habe ich doch in meinem ganzen Leben
nicht gesehen, dass Jemand eine andere Figur so täuschend darstellen könnte!
Fräulein Auguste ist fertig; ich werde Sie melden.«
    Damit verschwand das Mädchen, um gleich darauf zurückzukehren und dem
Wartenden zu sagen, dass sein Besuch willkommen sei. Ehe der Baron übrigens das
Zimmer verliess, brachte er vor dem kleinen Spiegel desselben seine Haare sowie
seinen Bart in Ordnung, und als er darauf den uns bekannten Salon betrat,
erschien die Tochter des Präsidenten zu gleicher Zeit von der andern Seite, doch
blieb sie beim Anblick der fremdartigen, seltsamen Gestalt zögernd auf der
Schwelle stehen, und erst, als sich ihr der Baron in seiner eleganten und
liebenswürdigen Weise näherte, ihre Hand ergriff, sie feurig küsste und dazu wie
mit einem Anflug von Empfindlichkeit sagte: »Ah! auch Sie erkennen mich nicht
einmal! Auch Ihnen, schöne Auguste, ist mein Bild so wenig gegenwärtig,« lachte
das reizende Mädchen laut auf und rief einmal über das andere Mal: »Prächtig!
suberb! magnifique! - Baron, ich kann Ihnen nicht verschweigen, Sie haben sich
da einen gefährlichen Nebenbuhler erschaffen.«
    »Diese Äusserung könnte mich unglücklich machen, Auguste,« sagte zärtlich
der Baron. »Und darauf können Sie sich verlassen, schöne Unbeständige, dass der
Nebenbuhler nach dem heutigen Abend verschwinden und nie mehr zum Vorschein
kommen soll.«
    »Also eifersüchtig auf sich selbst!« lachte das schöne Mädchen.
    »Ja, auf mich selbst,« entgegnete er feurig. »Auf Jeden, der es wagt, Sie
anzusehen, auf das Licht, das in Ihrem schönen Auge glänzt, auf die Luft, die
Sie einatmen, auf diesen goldenen Reif, der das Glück hat, Ihren reizenden Arm
zu umschliessen.« dabei küsste er ihn vielmal, das heisst den Arm, nicht den Reif.
»Und eifersüchtig bin ich,« fuhr er mit einem leisen Seufzer fort, »auf die
Blume in Ihrem Haar, ach! und auf die Spitzen, jene feinen, neidischen Gewebe,
welche beseligt sind, Ihnen so nahe sein zu dürfen.«
    »Welche Wortverschwendung!« versetzte Auguste heiter und fröhlich. »Aber
jetzt seien Sie vernünftig, Baron. Ja, wenn Sie sich einen Augenblick zu mir
hersetzen und verständig sein wollen, so will ich Ihnen dagegen gestehen, dass es
mich recht - nein, das will ich gerade nicht sagen - aber dass es mich freut, Sie
noch vor dem Balle zu sehen. Aber setzen Sie sich!«
    Der Baron tat wie ihm befohlen, und obgleich die beiden Fauteuils ziemlich
weit von einander standen, so wusste er doch durch eine kühne Schwenkung seinen
dem ihrigen näher zu bringen. »Dass ich ehrlich bin, müssen Sie mir zugestehen,
Auguste. So mein Kostüm preisgeben! Wie hätte ich Sie intriguiren können!« Er
beugte sich zu ihr hinüber, und während er seinen Arm so auf die Lehne des
Fauteuils stützte, dass er mit seinen Fingerspitzen bald den kühlen, glatten
Goldreif, bald ihren warmen, vollen Arm berühren konnte, blickte er ihr von
unten herauf so forschend in die Augen, dass sie die ihrigen niederschlug.
    Nach einer Weile sagte sie: »Ich hätte Sie doch erkannt, Baron. Freilich,
Ihr Kostüm ist schön, Ihr Gesicht gänzlich fremd, aber Ihr Wesen, Ihre Art zu
sprechen, können Sie nicht verleugnen.«
    »Coeur de rose,« erwiderte er lachend, »da irren Sie sich.«
    »Gewiss nicht,« versetzte das schöne Mädchen. »Sie haben etwas Weiches -
etwas Gutes, wenn Sie wollen, in Ihrer Sprache, in Ihrem Auftreten, in Ihrer Art
zu sein, und das ist im Widerspruch mit Ihrem wilden Kostüm, ja mit dem Blitz,
der jetzt aus Ihren Augen flammt.«
    Bei diesen Worten erhob sich der junge Mann langsam aus seinem Stuhl, und
als er aufrecht da stand, schien er gegen früher um ein paar Zoll gewachsen zu
sein. Seine Haltung war eine ganz andere; er legte die linke Hand leicht und
graziös auf den Griff seines Dolches und sagte mit jener ernsten, klingenden
Stimme, die uns bekannt ist, mit jenem Tone, der die wildesten Gesellen
erzittern machte: »So hören Sie mich denn, Auguste. Ich bin in der Verkleidung
nicht ohne Absicht zu Ihnen gekommen - zu dir, deren Herz mir gehört.
Verhältnisse, die ich dir unmöglich jetzt auseinandersetzen kann, erlauben mir
nicht, dich auf dem gewöhnlichen und schicklichen Wege die Meine nennen zu
können. - Auguste,« fuhr er mit wildem und doch zärtlichem Ausdrucke fort,
»meine Auguste, du musst Vater und Mutter verlassen und musst mit mir fliehen,
noch heute Nacht fliehen; ich habe alle Vorbereitungen getroffen, am Schloss
halten Wagen und Pferde, im Gewühl des Balles wird es uns leicht, zu
verschwinden. Willst du, meine Auguste? Willst du? Ein kurzes Wort, Ja oder
Nein!«
    Das auf's Höchste überraschte Mädchen hatte die nun auch in ihrem Wesen so
ganz fremde und verwandelte Gestalt staunend angeschaut und hatte zitternd seine
Worte gehört; aber sie zitterte nicht, weil sie dachte, es sei jetzt der
Augenblick der Vereinigung gekommen mit dem Manne, dem sie gestanden, dass sie
ihn liebe, dem sie feurige Küsse erlaubt, dem sie einen Schlüssel anvertraut,
von dem er einen grossen Missbrauch hätte machen können, sondern sie bebte, weil
sie seinen Worten völlig glaubte, und aus denselben eine Absicht hervortreten
sah, die mit der ihrigen durchaus nicht harmonirte, an die sie nimmermehr
gedacht, zu der sie nie ihre Zustimmung geben würde. Dem Baron Brand hatte sie
erlaubt, dass er sie liebe, aber vor aller Welt liebe; sie wusste, dass er reich
war, dass er schöne Equipagen hatte, in allen Gesellschaften gern gesehen war;
sie wäre hier in der Residenz gerne vor den Altar getreten; wie hätte man sie
beneidet, wie hätte man der Baronin Brand gehuldigt! Dies schöne, glänzende
Gewebe hatte er mit seinen Worten gänzlich zerstört, sie sah die goldenen Fäden
davon flattern, und hatte leider nicht Verstand genug, sie zu erhaschen und ihn
selbst mit kluger Hand damit zu umgarnen.
    Er lauschte gespannt aus ihre Antwort, und als er bemerkte, dass, nachdem er
geendet, ihre Züge kalt, ernst und förmlich wurden, flog fast unmerklich ein
triumphirendes Lächeln über sein Gesicht.
    »Herr Baron,« sagte sie, »wenn es auch möglich wäre, dass Sie vorhin im
Scherze sprachen, so sind das doch Worte, die ich nicht hören darf, und Sie
werden mir erlauben, dass ich Mama rufe.« Bei diesen Worten wandte sie sich gegen
die Mitte des Salons, doch sprang ihr der Baron mit einem zierlichen Schritte
nach, indem er lachend ausrief: »Coeur de rose! schönste Auguste, sehen Sie
wohl, dass es mir gelungen, mein ganzes Wesen zu ändern? Ah! Sie haben meinen
Worten geglaubt. Sehen Sie, wie ich Sie gefangen!«
    Welcher von Beiden ist nun er selbst? dachte sie, mehr und mehr überrascht.
Gewiss, ich tat ihm Unrecht, und ich habe mich in der Tat fangen lassen.
    »Wie ist es so süss,« sagte schwärmerisch der Baron, »den Zorn eines
geliebten Gegenstandes zu erregen! Hat man doch alsdann das Recht, Verzeihung zu
erbitten, was ich hiemit kniefällig tue.« Damit warf er sich ihr zu Füssen,
fasste ihre Hände, doch blieb es nicht allein bei dem Küssen derselben.
                     »Halb zog er sie, halb sank sie hin,«
sagt bei einem nicht ganz unähnlichen Falle der Dichter. Doch können wir nicht
hinzusetzen: »Und ward nicht mehr gesehen,« müssen vielmehr der Wahrheit gemäss
sagen, dass in diesem Augenblick die Präsidentin die Tür öffnete und überrascht
auf der Schwelle stehen blieb, als sie den fremden, wild aussehenden Mann auf so
seltsame Art bei ihrer Tochter traf. Als kluge Frau, die sie immer war, hustete
sie bedeutsam, bei welchem Ton Auguste zusammenschrak, aber, von den Armen des
jungen Mannes festgehalten, sich nicht sogleich befreien konnte.
    Doch wandte sie ihren Kopf, der wieder frei geworden war, der Mutter zu und
rief: »Herr Baron von Brand, für den heutigen Abend als Räuber maskirt, ist in
der Tat so abscheulich, Mama, dass ich bei Ihnen Schutz suchen muss.« Während sie
das aber sagte, fühlte er einen leichten Druck ihrer Hand, die eben gesprochenen
Worte Lüge strafend.
    »Aber das sind schreckliche Geschichten,« versetzte nun überrascht die
Präsidentin, die ebenfalls nicht im Stande war, die so bekannten Züge des Barons
zu entdecken.
    »Coeur de rose!« lachte dieser, »ich bin verraten, gnädige Frau. Ich kann
nicht mehr zurück.«
    Auguste schien zu erröten, und die Präsidentin hustete während eines
sanften Lächelns.
    Es entstand eine kleine Pause, dann sprach das junge Mädchen mit lispelnder
Stimme: »Ach, Mama, er ist wirklich zu abscheulich, der Baron; er hat mich auf
eine so hinterlistige Art auf die Probe gestellt.«
    »Die Sie aber siegreich wie Wenige bestanden,« erwiderte der Baron nicht
ohne einen Anflug von Ironie. - »Aber finden Sie meine Maskerade nicht
vortrefflich?« fuhr er fort, sich an die Präsidentin wendend. »Nicht wahr, ich
bin vollkommen unkenntlich? Doch verzeihen Sie, Gnädigste, vor allen Dingen muss
ich mich entschuldigen, dass ich es gewagt, Sie zu überraschen; meine Gedanken
sind eigentlich zu häufig in Ihrem Hause und schleppen mich zuweilen willenlos
mit.«
    »Nicht wahr,« sagte Auguste etwas schüchtern, »es ist eigentlich lieb von
dem Baron, dass er sich uns vorher zu erkennen gab? Er hätte uns schön in
Verlegenheit bringen können.«
    »Doch jetzt wollen wir Andere intriguiren!« lachte er lustig. »Sie müssen
mir schon erlauben, dass ich mich heute Abend zuweilen an Ihrer Seite sehen
lasse. Ja, ich hätte noch einen kühneren Wunsch, aber ich wage es nicht, ihn
auszusprechen.«
    »Immer zu, Baron,« entgegnete gnädig die Mutter. »Sie sind heute Abend ein
gefährlicher Mensch, dem man nichts abschlagen darf.«
    »Auch nicht einen Platz in Ihrem Wagen?«
    »Ah, Baron, das ist viel. Was wird die Welt sagen? Wie soll ich mich da
heraus reden? Sie wissen ohnedies,« setzte sie mit leiser Stimme gegen ihn
hinzu, »dass man Sie gerne mit dem Departement der Polizei in Berührung bringen
möchte.«
    »O ja, ich weiss das,« sprach er seufzend.
    »Und ich muss doch den Leuten eine Aufklärung geben können, warum ich in
Begleitung eines so furchtbaren Räubers erscheine.«
    »Begreiflicherweise. Aber, wenn es die schöne Auguste erlaubt, so stellen
Sie den furchtbaren Räuber als - den Bräutigam Ihrer Tochter vor.«
    »Ah, Baron, Sie erschrecken mich!« rief das Mädchen aus und schlug die Augen
nieder, doch blitzten dieselben vor Freude und Genugtuung.
    »Und welchen Namen trägt der Räuber?« fragte lächelnd die Mutter.
    »Nun, ich dächte, meinen Namen kennten Sie vollkommen. Doch da kommt soeben
der Herr Präsident; bitte, gnädige Frau, fangen Sie Ihre Vorstellungen an.«
    Wirklich erschien der Präsident in diesem Augenblicke im Salon, blieb aber
ebenfalls auf's Höchste überrascht an der Türe stehen, als er den fremden Mann
bei seinen Damen stehen sah. Seine Nase wollte sich unmutig erheben, doch
dachte er noch zur rechten Zeit an den Karneval und fing sie deshalb sanft
wieder ein. Seine Ueberraschung verminderte sich übrigens nicht, als nun die
Präsidentin den jungen Fremden als Bräutigam der Tochter vorstellte.
Glücklicherweise aber sprach Auguste den Namen aus, worauf ein momentanes
Lächeln die etwas bekümmerten Züge des Präsidenten überflog; er war aber klug
genug, die Sache vorderhand als Scherz zu behandeln, mit dem aufrichtigen
Wunsche im Hintergrunde, dass sie sich recht bald in Ernst verkehren möge, denn
er wünschte sich einen vornehmen und reichen Schwiegersohn. Aufmerksam
betrachtete er den Baron, dann sagte er: »Sie haben da ein eigentümliches
Kostüm; liegt demselben eine Idee zu Grunde?«
    »Eine besondere nicht,« entgegnete scheinbar sehr lustig der junge Mann. »Es
ist eine Phantasie, eine Grille.«
    »Ein eleganter Räuber,« bemerkte stolz die Präsidentin.
    »So etwas schwebte mir auch vor,« erwiderte der Baron laut lachend. »Und ich
dachte dadurch unserem verehrten Herrn Präsidenten eine kleine Aufmerksamkeit zu
erzeigen. Wie man in der Stadt hört, sind Sie ja mitten in Räubergeschichten
darin und soll man merkwürdigen Sachen auf die Spur gekommen sein.«
    Der Präsident klopfte an seine Nase und versetzte mit grosser Wichtigkeit:
»Allerdings; aber wir müssen klug vorgehen, denn wir haben es mit der
Quintessenz von Schelmen und Schlauheit zu tun. Ich leite selbst die ganze
Geschichte.«
    »Die armen Räuber!« sagte der Baron sehr schmeichelhaft für den Chef der
Polizei.
    »Aber, Kinder, es ist Zeit,« sprach der Präsident. »Gleich neun Uhr; der
Wagen ist vorgefahren - Baron, wo haben Sie den Ihrigen?«
    »Ah! Herr Präsident,« entgegnete dieser lachend, »ich wollte Ihre Damen
überraschen und zu solchem Zwecke fährt man nicht im Wagen.«
    »Der Baron hat einen Platz bei uns acceptirt,« sagte bestimmt die Mutter.
Sie hätte um keinen Preis den Räuber, künftigen Schwiegersohn und Baron aus der
Hand gelassen.
    Er selbst hatte keinen andern Ausweg und musste unter mehreren Uebeln das
Kleinste wählen. Seine vier Verfolger trieben sich sicherlich in der Nähe der
Polizeidirektion herum, wahrscheinlich war das ganze Stadtviertel von ihnen
besetzt. Also die einzige Möglichkeit, zu entrinnen, war, wenn er unter dem
mächtigen Schutze des Präsidenten selbst das Haus verliess und so an's andere
Ende der Stadt, in's Schloss, kam. Hier wurde es ihm leicht, im Gedränge zu
verschwinden, den Wagen eines Bekannten zu finden und nach Hause zu fahren, um
sich umzukleiden.
    Der Bediente meldete, dass vorgefahren sei, die Damen hüllten sich in ihre
Mäntel, und der Baron rief mit sehr gut gespielter Ueberraschung: »Ah! jetzt
beginnt schon die Strafe für meinen Leichtsinn. Ich vergass, mir einen Paletot
bringen zu lassen; sehen Sie, gnädige Frau, so muss ich Sie dennoch verlassen und
zuerst nach Hause eilen.« Mit leiser Stimme setzte er, gegen das Mädchen
gewendet hinzu: »Ich fühlte keine Kälte, als ich hieher eilte, meine geliebte
Auguste.«
    »Das ist kein Grund, Baron,« entgegnete die Mutter. »Ich darf Ihnen einen
Mantel meines Mannes anbieten.«
    »Ja, Baron, wenn Sie mit einem Dienstmantel vorlieb nehmen wollen,« sagte
lächelnd der Präsident. »Wir alten Herren sind nicht so mit Ueberflüssigem
versehen, wie ihr jungen Leute.«
    Natürlicherweise bat der Baron noch einige Mal, sich nicht zu derangiren,
liess sich aber doch endlich zu dem Dienstmantel herbei, der ihm denn auch eilig
von dem Bedienten umgehängt wurde. Es war ein langgedientes Kleidungsstück von
braunem Tuch mit hellblauem Kragen - ganz Ordonnanz.
    So stieg man die Treppen hinab, bei der Wachtstube vorbei, an deren Türe
einige Polizeisoldaten standen, welche ziemlich betrübte und verdriessliche
Gesichter machten. Nachdem der Schlag des Wagens geschlossen war, sagte der
Bediente zu dem Kutscher: »Nach dem Schloss!« und als die Pferde anzogen, tat
der Baron von Brand einen tiefen Atemzug.
 
                         Neunundsiebenzigstes Kapitel.
                              Maskenball bei Hof.
An einem Abend wie der heutige glänzte das königliche Schloss innen und aussen von
Lichtern. Da brannten alle Gaskandelaber rings umher und umgaben die gewaltigen
Gebäudemassen mit einem hellen, weissen, blitzenden Kranz; der grosse Platz vor
dem Schloss, ja die angrenzenden Strassen waren mit Pechpfannen besetzt, deren
dunkelrote Glut wild und trotzig gegen die zierlichen Gasflammen erschien. Die
lodernden Flammen warfen einen hellen Schein auf den weiten Platz, wo eine
unzählige Menge von Irrlichtern ihr Wesen zu treiben schienen. Das waren die
Laternen der vielen Wagen, die von allen Richtungen her kamen, sich kreuzten,
hier geradeaus fuhren, dort einen Bogen beschrieben. Eine grosse Menschenmenge
umlagerte den Haupteingang des Schlosses, um von den anfahrenden Masken so viel
zu sehen, als die neidischen Verhüllungen, Mäntel, Shawls, Paletots erlaubten.
Neugierig drängten sich diese Zuschauer vor und wagten sich oftmals so dicht
heran, dass die aufgestellten Posten, Kürassiere hoch zu Ross, kaum im Stande
waren, die Eingänge frei zu halten, denn wenn auch Alles vor dem stampfenden
Pferde oder sobald man nur den strahlenden Kürass und die glänzende
Pallaschklinge erblickte, augenblicklich zurückwich, so drängten doch die
Hinteren immer wieder vor, und es war hier eine fortwährende lebendige Ebbe und
Flut.
    Dies hinderte übrigens die Wagen nicht, wenn gleich im langsamsten Tempo,
anzufahren und sich ihres Inhalts zu entledigen. Freilich war die Reihe sehr
lang; wer daher spät vom Hause weggefahren, sich an's Ende derselben anschliessen
musste - im Falle er nämlich nicht zu den Bevorzugten gehörte - konnte lange
warten, bis er die Treppen erreichte. Zu diesen Bevorzugten gehörte der Wagen
des Polizeipräsidenten, der, von einem der Kürassiere begleitet, sogleich an den
Eingang gelangte. Beide Damen und Herren stiegen aus, und als sie das Vestibul
erreicht hatten, wo sich in der Nähe des Tanzsaals die grossen Garderoben
befanden, drangen ihnen schon die rauschenden Klänge einer Polonaise entgegen.
    »Geschwind, geschwind!« rief die Präsidentin, »die Polonaise beginnt, man
darf das nicht versäumen, wenn man einen Ueberblick über das Ganze erhalten
will.«
    Der Baron, welcher gehofft hatte, sogleich beim Eintritt in den Saal
verschwinden zu können, sah sich genötigt, der Tochter seinen Arm zu geben,
während die Mutter von einem schon lange auf diesen wichtigen Moment harrenden
jüngern Polizeirat gekapert und in die Reihe weggeführt wurde. Der Präsident
fasste ängstlich seine Nase und war schon im nächsten Augenblicke in den Strudel
der Masken hineingerissen.
    Ein gewöhnlicher Maskenball ist von einem solchen bei Hofe wenig
verschieden. Hier sind nur die Räume prächtiger, die Beleuchtung glänzender, der
Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Sälen, wo sich Alles
zusammendrängt, eine unerträgliche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemisch
von Parfums der verschiedensten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem
andern auf's Haar. Hier wie dort sieht man prächtige Kostüme, geschmackvolle
Anzüge, neben andern, die recht übel gewählt, ja mitunter sehr fade erscheinen.
Auch die Konversation bleibt sich im Ganzen ziemlich gleich. Geistreiche
Bemerkungen wechseln ab mit den dummsten Phrasen, und das bekannte: »Maske, ich
kenne dich!« ist ebenso hier wie dort, nur hier gewöhnlich in's Französische
übersetzt, zu Hause.
    Einen Vorzug haben übrigens die gewöhnlichen Bälle, dass sich nämlich
sämmtliche Anwesende gleichförmig über das ganze Lokal verteilen, wogegen hier
die Säle und Zimmer, in denen sich gerade die allerhöchsten Herrschaften
aufhalten, förmlich belagert sind, von einer Menschenmasse besetzt, die Kopf an
Kopf steht, in der Jeder sich vordrängt, um gleich darauf wieder sanft
zurückgedrückt zu werden, wo Jeder den Hals so lang als möglich emporstreckt und
das süsseste Lächeln auf seinem Gesichte hervorruft, um gleich gerüstet zu sein,
sobald ein gnädiger Blick herüberdringt.
    Die Polonaise bewegte sich durch das ganze Apartement in einer fast endlosen
Linie und hatte zuletzt den kleinen Tronsaal zu passiren, wo sich der
allerhöchste Hof befand und auf diese Art alle anwesenden Masken Revue passiren
liess. Die Musik spielte ein so langsames Tempo, dass man nur so dahin zu
schlendern brauchte, wodurch es auch den Herrschaften möglich war, sich jeden
Einzelnen genau zu betrachten, und Diesen oder Jenen mit einem gnädigen Worte zu
beglücken.
    Vergeblich hatte der Baron Brand den Versuch gemacht, die junge Dame, welche
er führte, zu überreden, mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten, um, wie
er sagte, die langweilige Polonaise mit süssem Geplauder zu vertauschen; - es war
ihm unangenehm, ja ihm bangte ordentlich davor, durch den Tronsaal zu gehen.
Auguste dagegen hätte um Vieles ihren Platz nicht verlassen. Sie hörte gern das
Flüstern um sich her und vernahm es mit Stolz, wenn man sich über ihren seltsam,
aber elegant kostümirten Begleiter in allerlei Mutmassungen erging. Der Baron
musste vorwärts und da es nun einmal nicht zu ändern war, so hob er den Kopf
leicht empor und schritt dahin, als sei ihm Alles daran gelegen, die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen.
    Der ganze Hof war versammelt; Ihre Majestät im geschmackvollen Kostüme einer
reichen Burgfrau sass da, von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben. Aus diesem
hervor machten sich besonders vier schöne Stallmeisterinnen bemerkbar, welche
sie zunächst umstanden. Eine derselben war Eugenie v. S., und sobald der Baron
den Saal betrat, konnte er es begreiflicherweise nicht unterlassen, mit seinem
scharfen Auge sogleich dieses reizende Mädchen aufzusuchen. Da stand sie, die
prächtige, schlanke Gestalt, zunächst am Sessel Ihrer Majestät, auf dessen Lehne
sie eine Hand aufgestützt hatte. Sie trug das eng anliegende dunkelblaue
Reitkleid, welches ihre schönen Körperformen wunderbar hervorhob. - Wesshalb es
ihn schmerzlich berührte, wusste der Baron selbst nicht, aber als er von ihrer
Schulter die bekannten Achselbänder in Blau, Grün mit Silber herabflattern sah,
verursachte ihm das ein widriges Gefühl. Dazu war das Gesicht des schönen
Mädchens von einer erschrecklichen Blässe und ihre Augen waren gerötet, als
habe sie geweint; ja zuweilen zuckten ihre bleichen Lippen und es war, als müsse
sie sich alle Gewalt antun, um ihre Tränen zurückzuhalten. - Wo aber war der
Herzog? - Richtig, dort stand er hinter ihr und hatte dieselben Farben, welche
Eugenie trug, an seinem Anzuge nicht gespart. Zuweilen beugte er sich
angelegentlich und auffallend zu ihr hinüber und flüsterte ihr lächelnd einige
Worte zu, welche sie ja nicht unfreundlich erwidern durfte. Doch sah das
Lächeln, welches alsdann über ihr Gesicht flog, so eisig, ja unheimlich aus, dass
es dem Baron ordentlich davor graute. Er verwünschte den Dienst, den er dem
Herzog geleistet, und hätte sich vielleicht noch grössere Vorwürfe darüber
gemacht, wenn seine Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beschäftigt
gewesen wären. - Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienste geleistet? Um ihn
seinerseits ebenfalls gebrauchen zu können und eine innige Verbindung mit ihm
anzuknüpfen, die ihm später vielleicht von Nutzen sein konnte. Und dieses später
- o es kam vielleicht nie, denn der Baron fühlte schmerzlich, dass der Zeiger
seiner Lebensuhr eine Stunde anzeigte, so spät, dass mit dem Schlage derselben
die Uhr gänzlich abgelaufen sein mochte! Und doch - wenn es irgend möglich war,
sollte dem Herzog nichts geschenkt sein. Unter diesen Gedanken durchschritt er
den Saal, stolz, mit hoch erhobenem Kopfe, die erstaunten Blicke zurückgebend,
die sich gegen ihn richteten. Es musste etwas Eigentümliches in seiner
Erscheinung liegen, denn wo er vorbei kam, bewegten sich flüsternd die Lippen
gegen den Nachbar, und selbst Eugenie erhob ihren Blick und heftete die dunkeln,
schwermütigen Augen eine Sekunde lang fest auf ihn. Vor Etwas bangte übrigens
dem Baron: vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach, den er lieb gewonnen und
der auch ihm stets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war.
Wahrhaftig, ihn reute die Geschichte mit den Achselbändern und er hätte Gott
weiss was darum gegeben, wenn er sie hätte ungeschehen machen können. - Ach, wie
so Vieles! - Dort stand der Graf in einem sehr geschmackvollen Anzuge von
violettem Sammet mit Silberstickerei; dort stand er, und als er jetzt den Baron
erblickte, schien etwas Furchtbares in seinem Herzen vorzugehen. Seine Hände
ballten sich zusammen, sein Auge flammte einen Moment, dann aber spiegelte sich
etwas wie Bestürzung und Schrecken in demselben. Dass diese Aufregung des jungen
Mannes ihm gelte, fühlte der Baron wohl, doch war sie ihm unerklärlich, denn
erstens erkannte er ihn gewiss nicht und dann konnte er ja auch keine Ahnung
davon haben, dass er, der Baron Brand, bei jener Geschichte mit Eugenie und dem
Herzog die Hand im Spiele habe. Dass aber Graf Fohrbach bei seinem Anblick auf's
Höchste erschreckt geschienen, ja, dass sein Auge zornig gefunkelt, war nicht zu
leugnen; hatte er doch deutlich dessen Bewegung gesehen, als wenn er vorstürzen
wolle, und hatte bemerkt, dass ihn der alte Leibarzt ironisch lachend bei dem Arm
ergriff und zurückzog. Auch folgte er ihm mit den Blicken, und als der Baron
schon das Ende des Tronsaales erreicht hatte und nochmals rückwärts schaute,
sah er, wie ihm der Graf noch immer mit vorgestrecktem Halse und starren Augen
nachblickte.
    Die Polonaise ging bald darauf zu Ende, der Baron brachte seine Tänzerin
nach mühsamem Umhersuchen endlich glücklich zu ihrer Mutter und wollte sich nun
so schnell als möglich zurückziehen. Doch liess ihn die Präsidentin nicht so
wohlfeilen Kaufes davon; er musste sich den Polizeirat vorstellen lassen und die
kluge Frau benützte hiezu den Augenblick, als er gerade Arm in Arm mit der
Tochter vor sie hintrat. Es war diese Vorstellung gewissermassen eine Lehre für
den Polizeirat, denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verstehen gegeben, dass
eine Verbindung mit dem Hause des Präsidenten, für ihn, der von sehr guter
Familie war, vielleicht nicht unerreichbar sei. Er hatte aber bereits eine
törichte Liebe in seinem Herzen und zu wenig Weltklugheit, um einer künftigen
Carrière selbst ein so kleines Opfer zu bringen.
    Der Baron hatte übrigens nachgerade an der Komödie genug, in die er sich so
leichtsinnig hinein gewagt, und blickte rings auf das Gewühl, um eine Direktion
zu finden, bei welcher er sich am leichtesten zurückziehen könne. Doch sagte ihm
die Präsidentin: »Sehen Sie, wie ich alterirt bin, Baron. Haben Sie denn schon
von der unglückseligen Geschichte mit der Baronin v. W. gehört? Gerechter Gott!
man hat es mir schon von mehreren Seiten gesagt und denkt, ich, als Frau des
Präsidenten, müsse darum wissen; hatte aber keine Ahnung davon. Mein Mann
spricht niemals über so etwas. Haben Sie es denn gewusst?«
    Baron Brand zuckte mit den Achseln und entgegnete: »Ich erfuhr es ebenfalls
vorhin. Das ist freilich eine traurige Geschichte. Und man weiss nichts Näheres?«
    »Man sagt dies und das; Gott, wenn nur der Präsident käme! Wer weiss, wo der
Mann wieder am Spieltische sitzt! Ich sollte doch eigentlich den Leuten
gegenüber etwas Genaueres wissen.«
    Der Polizeirat, der sich vorhin zurückgezogen, näherte sich jetzt eilig
wieder und sagte: »Der Herr Herzog sucht den Herrn Polizeipräsidenten. Dort
kommen Seine Durchlaucht.«
    Nach diesen Worten trat er mit einem tiefen Bückling zurück, um dem Herzoge
Platz zu machen, der nun zu der Gruppe trat, sich vor Mutter und Tochter etwas
verneigte und den ihm Fremden, der neben der Tochter stand, von der Seite
anblickte. Der Baron, der an der Präsentation von vorhin genug hatte, wandte
sich an den Herzog und sagte ihm lächelnd: »Gnädigster Herr, ich erlaube mir,
Ihnen einen guten Abend zu wünschen.«
    »Ah! die Stimme sollte ich kennen,« erwiderte der Herzog, wobei er den
Andern forschend betrachtete. »Wären Sie es wirklich, Baron Brand?«
    »In eigener Person; Coeur de rose! ich muss mir wahrhaftig auf meine
Vermummung etwas einbilden.«
    »Ich mache Ihnen mein Kompliment,« entgegnete Seine Durchlaucht; »suchte Sie
auch schon eine gute Weile, Sie und den Herrn Polizeipräsidenten. Wissen Sie,
ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen. - Gnädige Frau,«
wandte er sich an die Präsidentin, »Sie müssen diesem gefährlichen Menschen den
Zutritt in Ihr Haus nicht so sehr erleichtern.«
    Die Mutter lächelte sanft und erwiderte: »Es gibt Verhältnisse, Euer
Durchlaucht, unter deren Schutz man viel gestatten kann.«
    »Ah! es gibt Verhältnisse!« rief lachend der Herzog. »Was Teufel! Baron, hat
man Sie endlich erwischt, - Sie Heuchler und Verräter! - Fräulein Auguste, darf
ich Ihnen meine Gratulation machen?«
    Das Mädchen knixte und blickte sehr schüchtern zu Boden. Mama erhob ihren
Kopf sehr würdevoll, wobei sie den Fächer spielen liess, und Herr von Brand stand
wie auf Nadeln.
    Glücklicherweise erinnerte sich der Herzog, wesshalb er eigentlich gekommen,
und sprach zur Präsidentin: »Haben Sie keine Idee, wo ich Ihren Herrn Gemahl
treffen kann? Ich muss ihn dringend sprechen.«
    Abermals trat der Polizeirat, und diesmal noch schüchterner, zu der Gruppe
und meldete gehorsamst, sein hoher Chef sei im runden gelben Salon und eben im
Begriff, eine Whistpartie zu finden.
    Zum Glück flüsterte in diesem Augenblicke Auguste ihrer Mutter etwas zu,
wesshalb es dem Baron möglich wurde, dem Herzog zuzuraunen: »Nehmen Sie mich
mit.«
    »Dank Ihnen,« wandte sich dieser an den Rat und sagte dann zu den Damen:
»Sie werden entschuldigen, dass ich Ihnen den Baron auf einige Minuten entführe.
- Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu sprechen.«
    Beide entfernten sich und es gelang ihnen ohne Mühe, durch das Gedränge zu
kommen, denn überall wurde dem Herzog auf das Ehrerbietigste Platz gemacht.
Dieser schob seinen Arm unter den des Herrn von Brand, und als sie in eine
Gallerie kamen, wo sich nur wenige Gäste ergingen, sagte er: »Baron, ich bin
ungeheuer in Ihrer Schuld. Sie haben die Sache mit den Achselbändern
vortrefflich arrangirt. Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, wie Sie das
angefangen? Ich zweifelte daran und war nicht weniger überrascht als Graf
Fohrbach, dessen Gesicht Sie hätten sehen sollen. Ah! das war komisch; haben Sie
ihn nicht zufällig erblickt?«
    »Nein,« erwiderte der Andere mit grosser Ruhe. »Aber ich bemerkte, dass
Fräulein Eugenie sehr blass und angegriffen aussah.«
    »Das ist mir recht,« bemerkte der Herzog eifrig. »Glauben Sie mir, dieser
Farbenwechsel kann gute Früchte tragen.«
    »Meinen Sie?«
    »Oho! es war das auffallend genug. Der ganze Hof erkannte augenblicklich
meine Farben; ich sah viele lächelnde Gesichter. Das hat sie ungeheuer
compromittirt.«
    »Das täte mir wahrhaftig leid.«
    »Teufel auch! - Bei solchem Kriege gelten alle Mittel,« sprach der Herzog,
und fuhr seufzend fort: »ich bin in das Mädchen rasend verliebt, und es ist
nicht bloss façon de parler, wenn ich wiederholt versichere, dass ich Ihnen mit
meinem ganzen Einfluss zu Gebote stehe.«
    »Davon hoffe ich baldigst Gebrauch zu machen,« erwiderte der Baron. »Sie
suchen den Polizeipräsidenten?«
    »Soll ich vielleicht bei dem für Sie sprechen?« fragte lachend Seine
Durchlaucht. »Apropos, ist denn wirklich wahr, was Madame uns vorhin gesagt?«
    Der Baron zuckte die Achseln und warf leicht hin: »Man kann sich nie genug
in Acht nehmen. - Aber wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte: was suchen Sie
bei der Polizei, gnädigster Herr?«
    »Haben Sie denn noch nicht von der skandalösen Geschichte gehört?«
    »Von welcher?« fragte so unbefangen wie möglich der Baron.
    »Nun, mit der Baronin W. Der ganze Hof, die Gesellschaft sind empört
darüber. Ich suche den Präsidenten im Namen Ihrer Majestät.«
    »Sie sehen mich ganz erstaunt; ich weiss von nichts.«
    »Sie wissen so gut wie ich, dass der alte General beständige Differenzen mit
seiner Frau hatte. Der Währwolf! Eine so schöne, liebenswürdige Frau! Weiss der
Teufel, was sie für eine Geschichte gehabt hat, denn unter uns gesagt: in dem
Punkt ist es nicht ganz richtig. Genug, da ist ein Haus in der Schilderstrasse,
das hat sie zuweilen incognito besucht. Nun hat aber auch - wesshalb weiss ich
noch nicht - die Polizei auf eben dies Haus ein Auge. Denken Sie, Baron, man
besetzt das Haus mit dem Befehl, Alles was sich dort befände, festzuhalten und
arretirt zu gleicher Zeit die unglückliche Frau, die sich zufälligerweise in
einem Zimmer des ersten Stocks befindet -«
    »Man arretirt sie?« rief der Andere erschreckt.
    »Das heisst, man verbietet ihr bis auf Weiteres, das Haus zu verlassen. Nun
mag der Teufel wissen, wesshalb zu gleicher Zeit die alte Excellenz von der
Geschichte gehört hat. Genug, der General schlägt einen unerhörten Skandal auf
und bringt die Sache direkt vor Seine Majestät.«
    »Das ist ja eine furchtbare Geschichte! - Und was soll der Polizeipräsident
tun?«
    »Einfach der armen Frau gestatten, dass sie das Haus verlässt.«
    »Und wem gehört das Haus?«
    »Das wissen die Götter. Es soll sehr elegant möblirt sein. Entre nous, die
Sache hat schon ihren Haken. Aber Sie, der hinter Alles kommt, sollten das auch
ergründen. Nicht wahr?«
    »Wenn man mir den Auftrag dazu gäbe,« entgegnete ruhig der Baron.
    »Nun, den gibt man Ihnen mit tausend Freuden,« sagte eifrig Seine
Durchlaucht.
    »Aber wer, gnädigster Herr?«
    »Nun, meinetwegen Ihre Majestät; ich will das verantworten.«
    »Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Majestät,« meinte lächelnd der Baron,
»aber um jetzt da 'was vorzunehmen, müsste man einen Befehl des Präsidenten
haben, mit der Gefangenen verkehren zu dürfen.«
    »Den würde Ihnen der künftige Schwiegerpapa gewiss nicht abschlagen.«
    »Scherz bei Seite, gnädiger Herr! Da kann ich nichts machen. Aber wenn Sie
im Auftrage Ihrer Majestät dem Präsidenten scharf zu Leibe gehen, so wird es
Ihnen leicht, ihm einen Befehl auszupressen, der mir erlaubt, das Haus in der
Schilderstrasse zu besuchen.«
    »Und darf ich Sie ihm nennen.«
    »Versteht sich von selbst; machen Sie von meinem Namen jeden beliebigen
Gebrauch.«
    Diese Unterredung hatten beide Herren im Durchschreiten der langen Gallerie
gehalten, waren aber dabei jeden Augenblick stehen geblieben und hatten jetzt
das Ende derselben erreicht. In dem Moment, als sie dieselbe verlassen wollten,
fast unter der Ausgangstüre, stiessen sie auf den Grafen Fohrbach, der am Arme
des Herrn von Steinfeld eilig eintrat. Beim Anblick des Herzogs und des Barons
trat der Graf mit einem seltsamen Ausdruck im Gesichte auf die Seite und schien
einige Sekunden unschlüssig, ob er näher treten oder sich entfernen solle.
Augenscheinlich hatte der Graf den Herrn von Brand aufgesucht, hielt es aber bei
der Anwesenheit Seiner Durchlaucht nicht für geeignet ihn anzureden. Letzterer
lächelte auf eine eigentümliche Art - es war das ein Lächeln, welches eine
tiefe Röte auf dem Gesichte des Adjutanten hervorrief, was übrigens der Baron,
der sich hastig von dem Arme des Herzogs losgemacht hatte, nicht zu bemerken
schien. Wie von einer plötzlichen, sehr wichtigen Idee getrieben, trat er auf
den Herrn von Steinfeld zu, der aber befremdet einen halben Schritt zurücktrat.
    Es war diese Begegnung übrigens für alle vier ein peinlicher Moment, welchem
der Herzog dadurch entging, dass er eine leichte Verbeugung machte und seinem
Begleiter sagte: »Erwarten Sie mich in der Nähe, Baron, ich hoffe Ihnen das
bewusste Papier sogleich zu überbringen.«
    Graf Fohrbach blickte dem Herzog nach, bis derselbe im Nebenzimmer
verschwunden war. Dann wandte er sich an den Baron, der wohl vorhersehend, was
jetzt kommen würde, ruhig stehen geblieben war.
    »Wir haben Sie aufgesucht, Herr von Brand,« sagte der Adjutant nach einer
Pause in einem Tone, dem man deutlich anhörte, dass sich der Sprecher zwang, ihn
so ruhig als möglich zu halten.
    »Beide Herren haben mich aufgesucht?« erwiderte der Baron auf die
verbindlichste Art von der Welt. »Also führt Sie eine gemeinsame Angelegenheit
zu mir? Und es trifft sich das für mich sehr angenehm, denn ich war ebenfalls im
Begriff, beide Herren aufzusuchen. - Gewiss, Graf Fohrbach; beide Herren.« Die
Haltung, welche der Baron bei den letzten Worten angenommen hatte, sowie die
Art, wie er seine Worte betonte, waren so gänzlich verschieden von seiner
sonstigen Weise, dass sie unmöglich ihren Eindruck auf die Andern verfehlen
konnten.
    »Es ist hier eigentlich nicht der Ort zu Erklärungen,« sagte Herr von
Steinfeld, »und müssen wir Sie bitten, uns in eins der leeren Nebenzimmer zu
folgen.«
    »Auch zu dem, was ich mitzuteilen habe,« erwiderte der Baron beipflichtend,
»sind die Säle eigentlich nicht passend und würde ich den beiden Herren folgen,
wohin es ihnen beliebte, doch vernahmen Sie selbst den Befehl Seiner
Durchlaucht, welcher mich hier an diesen Platz fesselt.«
    »Und die Befehle des Herrn Herzogs werden pünktlich befolgt,« erwiderte Graf
Fohrbach ironisch.
    Doch schien der Baron das nicht verstehen zu wollen, denn er fuhr ruhig
fort: »Sollten Sie es aber vorziehen, in einer spätern Stunde über mich zu
verfügen, so füge ich mich, Wo es immer sei, Ihren Wünschen.«
    »Ich würde es als eine Gefälligkeit ansehen, wenn Sie jetzt einen Augenblick
für uns hätten,« sagte der Graf. »Du bist ebenfalls frei,« wandte er sich an den
Herrn von Steinfeld, »wer weiss, wozu man später commandirt wird! Es ist hier
nebenan ein kleines Kabinet, wo wir von Lauschern sicher sind.«
    Der Baron Brand verbeugte sich und einer Handbewegung des Adjutanten
folgend, die ihn nötigte, voran zu gehen, verliess er die Gallerie und betrat
das bezeichnete Kabinet. Die Andern folgten ihm.
    In diesem Kabinete war man freilich von den Lauschern sicher. Es bildete
eine Ecke des Schlosses und hatte auf diese Art keine Seitenzimmer. Die Wände
desselben waren mit dunkelroten Seidentapeten bedeckt, wodurch es, nur von zwei
Wachskerzen erhellt, ziemlich dunkel erschien. In dem Kamine von polirtem Stahl
brannte ein mächtiger Holzstoss und in kleinen Fauteuils vor demselben liessen
sich der Graf, sowie Herr von Steinfeld nieder. Der Baron dagegen zog es vor,
stehen zu bleiben und lehnte sich mit dem Rücken so gegen das Kamingesims, dass
weder der Schein des Feuers in demselben, noch der der Wachskerzen auf sein
Gesicht fiel. Rings umher war alles so still, dass es der von ferne sehr gedämpft
herüber dringenden Töne der Musik bedurfte, um sich zu erinnern, dass man in der
unmittelbaren Nähe eines Ballfestes sei.
    Es dauerte übrigens längere Zeit, ehe Einer von den Dreien das Wort ergriff.
So sehr es den Grafen gedrängt, den Baron aufzufinden, den er mit Recht im
Verdacht hatte, bei der Geschichte der Achselbänder mitgewirkt zu haben - denn
er erinnerte sich wohl jenes Berichtes, den er damals im Schloss angehört - so
versank er doch jetzt, vor den spielenden Flammen sitzend, momentan in tiefe
Gedanken, aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte, da er mehr Zeuge als
Selbstandelnder war, ebensowenig der Baron, der die Arme über einander
geschlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete, die jetzt fast
schwarz erschien, und gleich darauf, wenn die Flamme aus dem Holzstosse stärker
emporloderte, wie glühend rot angestrahlt wurde. Dieser hatte so seine eigenen
Gedanken, - wilde schreckliche Gedanken, wie vor ein paar Stunden in dem Garten
der Polizeidirektion; nur war jetzt mehr Klarheit hineingekommen, er wusste, was
er wollte, und nachdem er noch eine Weile schwer mit sich gekämpft, sah er es
deutlich vor sich, das Ende seines vielbewegten, seltsamen Lebens. Er fuhr aus
seinen Träumereien empor und wandte sich mit den Worten an die beiden Herren:
»Sie wollten mir Mitteilungen machen? -Erlauben Sie mir, dass ich das Wort
ergreife, und wenn ich zu Ende bin, werden Sie wohl eingestehen, dass ich
vielleicht die meisten Ihrer Fragen ohne sie zu kennen beantwortet.« - -
 
                              Achtzigstes Kapitel.
                               Gnade und Ungnade.
Der Chef des Polizeidepartements - er war wie die meisten alten Herren im
schwarzen Frack, über dessen Rücken etwas wie eine schwarzseidene Schürze
flatterte, einen Domino vorstellend - bedauerte unendlich, dass die berühmte
Geschichte mit der Diebsbande nicht schon vor ein paar Monaten eclatrirt war,
wegen der sehr leeren linken Seite seines Frackes im traurigen Gegensatz zu den
andern Departementschefs, die bei den grossen Gelegenheiten wie ein wandelndes
Stück Firmament aussahen. Er war sich aber seiner Wichtigkeit, namentlich im
gegenwärtigen Augenblicke, vollkommen bewusst, und seine Nase, nachdem er sie
gehätschelt und sanft geklopft, erhielt die Freiheit, hoch über »Veränderlich«
auf »Schön Wetter« zu steigen, um als getreuer Barometer dem Publikum
anzuzeigen, dass ihr Herr ausserordentlich mit sich zufrieden sei.
    So war er durch die Zimmer stolzirt, und wenn es auch sonst nicht gerade zu
seinen Gewohnheiten gehörte, sich vorzudrängen, so tat er doch heute Abend
etwas dergleichen und wandelte zu dem Zweck den innern Appartements zu, wo der
allerhöchste Hof seinen kleinen Cercle hielt, wo man unter einander plauderte
oder mit Vertrauten sprach. Man mochte hier im Allgemeinen den Präsidenten wohl
leiden. Die Herren schätzten ihn, weil selbst der geordnetste Mann wohl einmal
in den Fall kommen konnte, von seiner mächtigen Hilfe Gebrauch machen zu müssen,
und die Damen, weil er ein kleines Original war, pikante Geschichten zu erzählen
wusste und während des Winters ein paar recht hübsche Bälle gab.
    Der Hof war gruppirt, wie es sich von selbst versteht: die glänzenden Sonnen
waren von den leuchtenden Planeten umgeben, diese wieder umtanzt von den Monden,
denen sie ihr Licht verliehen, und umringt von dem zahllosen Heer des gemeinen
Gestirnes. Zuweilen schoss auch ein Komet durch den strahlenden Kranz in Gestalt
eines bescheidenen Assessors oder unternehmenden Lieutenants, ein schüchterner
Komet, der nun aus Alteration, sich in den höchsten Cirkel verirrt zu haben,
ohne sich aufzuhalten, bis an's Ende sämmtlicher Säle sauste und sich erst da,
wo ihn Niemand mehr bemerkte, erschreckt umwandte.
    Der Präsident betrat diesen Salon, gewiss nicht in der Absicht, dort zu
bleiben, sondern nur um hier durch in den gelben Saal zu einer Partie Whist zu
gelangen. Er hätte freilich auch noch einen andern Weg dortin nehmen können,
aber die kleinen Strahlen höchster Gunst, die bei solchen Gelegenheiten selten
verfehlten, ihn zu beglücken, taten seinem alten Herzen so wohl. Die Frau
Herzogin besonders war ihm ziemlich gewogen und ermangelte nie einen huldreichen
Spass mit ihm zu machen; ja, Ihre Majestät hatten, am Whisttische sitzend, schon
die ausserordentliche Gnade gehabt, ihm einen Blick in Höchstihre Karten zu
gestatten, und selbst Seine Majestät bemerkten ihren Chef der Polizei nicht
ungern und hatten immer etwas Angenehmes für ihn in Bereitschaft, war es nur ein
spasshaftes Wort oder eine huldreiche Handbewegung. Der Präsident verliess den
allerhöchsten Kreis nie, ohne solchergestalt reichlich bedacht worden zu sein.
    So empfänglich für alles Gute, betrat er auch heute diesen Saal und zufällig
durch eine Türe, welche ihn vis à vis Ihrer Majestät brachte, die ihn einen
Augenblick fixirten, die Augen zusammen zogen, und sich dann, ohne die tiefe
Verbeugung des Chefs der Polizei zu bemerken, nach der andern Seite wandten,
wobei Ihre Majestät zu der Frau Herzogin sagten, dass sich die neue blaue
Seidentapete doch vortrefflich ausnähme. Der Präsident, etwas erstaunt, tänzelte
zierlich bei den Herrschaften vorbei, und als er in den Gesichtskreis der Frau
Herzogin trat, brachte er auch hier pflichtmässig seine Verbeugung gegen
Hochdieselbe an. Diese wandte sich nun gerade nicht herum, doch dankte sie mit
einer Neigung des Kopfes so kalt, so steif und förmlich, dass der Präsident
unwillkürlich hinter sich schielte, ob sich dort nicht zufällig ein neu
erschaffener Kammerherr zeige oder die Frau eines alten Beamten von sehr jungem
Adel, denen dieser Gruss gegolten. Aber hinter ihm war nichts als ein grosser
Spiegel, der seine eigene Gestalt und sein bestürztes Gesicht wie neckend
zurückwarf.
    Dass der Präsident nicht falsch gesehen, bemerkte er als Mann, der den Hof
kannte, an den Gesichtern der Cavaliere, durch welche er hindurch schritt, und
von denen die meisten sonst für ihn voll Aufmerksamkeit waren. Heute erging es
ihm wie dem Herrn von Dankwart, denn wenn er rechts und links seine Hände
ausgestreckt hätte, wäre Niemand da gewesen, um sie zu ergreifen und zu
schütteln. Wo er selbst ein freundliches Wort sprach, da wich man
augenscheinlich zurück und hatte nur ein verlegenes Grinsen statt aller Antwort.
Die Nase des Präsidenten sank auf »Veränderlich« herab; er spürte schlechtes
Wetter, und an dem Benehmen der Excellenzen in dem gelben Salon, die ihn sonst
gerne zu ihrer Spielpartie zogen, fand er seine Vermutungen bestätigt. Alle
Tische waren bereits besetzt, und wo sich allenfalls noch ein Platz zeigte, da
wurde fast angesichts des Präsidenten ein Nebenstehender gepresst, um den leeren
Platz einzunehmen.
    Es ist wundersam, wie in der Welt oft des Einen Schaden dem Andern zum
Nutzen wird. So ging es bei der eben erwähnten Veranlassung - dem Pressen eines
Mitspielers nämlich - dem Herrn von Dankwart. Vergeblich hatte dieser längere
Zeit in dem Dunstkreis der höchsten Herrschaften herum geschwänzelt, - es wollte
keines, selbst nicht einmal eines der Gestirne dritten Ranges, eine
Anziehungskraft auf ihn ausüben. Seine gefälligsten und geistreichsten
Bemerkungen waren nur für den leeren Raum gesprochen, und als ihm endlich eine
etwas kecke Annäherung an die Frau Herzogin ein pikantes Wort eingetragen hatte,
sah er sich veranlasst, den Kreis der Sonnen und Planeten zu verlassen und als
unglückliche Sternschuppe in's Nebenzimmer abzublitzen. Zum Glück für ihn fiel
er hier an den Tisch Seiner Excellenz des Oberststallmeisters, der mit dem
Hofteater-Intendanten auf den dritten Mann wartete, und nun beim Anblick des
Präsidenten in der Not zum Herrn von Dankwart griff, als kluger Mann denkend,
dass man immer unter zwei Uebeln das kleinste wählen müsse.
    Der Präsident wusste nicht, was er von allem dem zu halten habe; er schien
seine Nase befragen zu wollen, indem er sie fasste und tief herabzog, aber
dieselbe blieb stumm und antwortete nur durch ein stilles Seufzen. Er wandelte
nach und nach bei sämmtlichen Spieltischen vorbei, bald hier bald dort eine
Bemerkung in das Gespräch werfend, doch waren die Antworten, die er erhielt,
ebenfalls kalt und förmlich, ja mancher schaute sich um, ob wohl Jemand bemerke,
dass der arme Präsident neben ihm stehe. So kam er auch an die andre Türe des
gelben Salons, wo er mit Herzog Alfred, der ihm hastig entgegen kam,
zusammentraf. - »Ah!« rief dieser mit lauter Stimme, »Sie habe ich lange
gesucht.«
    Dem Chef der Polizei war es bei diesen Worten zu Mut, als ginge ihm in
finsterer Nacht ein Stern auf. »Gott sei Dank!« seufzte er in sich hinein,
»endlich doch einmal ein Wesen, das menschlich denkt. Unter Larven die einzig
fühlende Brust.« Das Aussehen des Herzogs war leutselig und freundlich wie
immer, und dazu sprach er mit so hörbarer Stimme, dass fast sämmtliche Spielende
ihre Köpfe herumdrehten.
    »Haben Sie einen Augenblick für mich übrig,« fuhr Seine Durchlaucht fort,
»so wäre es mir angenehm, wenn Eure Excellenz einen Gang mit mir durch die
Zimmer machten.«
    Auf's Höchste geschmeichelt, verbeugte sich der Präsident, und Beide traten
in das anstossende Gemach.
    »Aber, Präsident,« sagte der Herzog, als sie allein waren, »was machen Sie
um Gotteswillen für Geschichten!«
    »Dass man mich im Verdacht hat, als mache ich seltsame Geschichten, habe ich
schon bemerkt,« entgegnete der Chef der Polizei in kläglichem Tone. »Aber ich
kann Euer Durchlaucht versichern, dass ich so wenig weiss, wessen man mich
beschuldigt, als wenn ich ein neugeborenes Kind wäre.«
    »Der Teufel auch! Da haben Sie ein schlechtes Gedächtnis oder sind wirklich
wie ein unschuldiges Kind. Meinen Sie, es könnte Ihrer Majestät und der Frau
Herzogin gleichgiltig sein, wenn Sie so mir nichts dir nichts einer Dame
Hausarrest geben, die mit den Herrschaften so häufig en petit comité war?«
    »Ah!« machte verblüfft der Präsident, denn ihm flammte ein kolossales Licht
auf. Doch sagte er schüchtern: »Ich kann Euer Durchlaucht versichern, dass ich
vorher Rücksprache mit dem Gemahl dieser Dame genommen.«
    »In dessen Falle Sie gegangen sind!« sprach ungeduldig der Herzog. »Kennen
Sie den alten Fuchs so wenig? Er hat einen Skandal herbeigesucht, um sich mit
Anstand von seiner Frau trennen zu können; er gab Ihnen freilich seine
Zustimmung, aber eine Viertelstunde nachher verklagte er Sie bei Seiner Majestät
als - roh und gewalttätig.«
    »Welche Immoralität! - Und bei Seiner Majestät sagen Sie?«
    »Bei Seiner Majestät, und Dieselben sollen sich geäussert haben, das sei ein
Akt der Rücksichtslosigkeit, wie ihm selten etwas Aehnliches vorgekommen.«
    »Ich bin verloren,« sprach der Präsident mit schmerzlicher Stimme und
schielte unter seiner Nase hinweg, die betrübt herabgesunken war auf den so
leeren Fleck an der linken Seite seines Frackes.
    »Aber was dachten Sie eigentlich bei der Geschichte? Es heisst, Sie seien
einer Spitzbubenbande auf der Spur; aber ich bitte, wie können Sie dergleichen
mit jener armen Frau zusammen bringen! Ah! Präsident, ich kenne Sie gar nicht
mehr.«
    »Gott soll mich bewahren, dass ich die Baronin verdächtigen wollte! Aber das
Haus ist verdächtig, und da man sie da fand, war man quasi genötigt, sie
festzuhalten.«
    »Ich habe Sie nie als einen so furchtbaren Wüterich gekannt.«
    »Und dann kann ich auch Euer Durchlaucht versichern, dass der alte General
die Verhaftung nicht nur gut geheissen, sondern auch seine Frau im höchsten Grade
mir verdächtigt hat.«
    »Hol' ihn der Teufel! Aber wie gesagt, Präsident, wir müssen einlenken.
Wissen Sie, man wird von Oben herab nie befehlend in Ihre Geschäfte eingreifen,
aber man erwartet dagegen, dass Sie etwas tun, um allerhöchste Wünsche, deren
Ueberbringer ich bin, zu erfüllen.«
    Der Präsident überlegte zaudernd.
    »Ich möchte um Alles in der Welt nicht melden, dass sich Euer Excellenz lange
bedacht,« sprach ernst der Herzog. »Und tun Sie gleich, was Sie tun wollen:
ich möchte gern so bald wie möglich anzeigen, dass Alles in Ordnung sei.«
    »Dass ich den Arrest aufgehoben, der auf den Bewohnern jenes Hauses liegt?«
    »Natürlich vor allen Dingen, dass Sie die Baronin freigegeben. Mit dem andern
Volke können Sie machen, was Sie wollen.«
    Der Präsident schüttelte leicht den Kopf und erwiderte: »So wie Euer
Durchlaucht meinen, geht das nicht. Vielleicht kennen Sie das grosse Wort:
Gleichheit vor dem Gesetze. Ich muss entweder Alle behalten oder Alle freigeben,
und in letzterem Falle erklären, die Polizei habe sich geirrt. - Das wäre
schrecklich.«
    »So tun Sie einmal das Schreckliche; für die unglückliche Frau wird es auch
besser sein, wenn man sagen kann, es sei ein Irrtum vorgefallen. - Ah! dies
schöne Weib!« setzte er leise mit einem Seufzer hinzu, »wie wurde sie zu solch'
unvorsichtigen Geschichten getrieben! Ich wollte nur, ich hätte mich ihrer
angenommen.«
    Der Präsident hatte mit sich selbst gekämpft, endlich aber rief er aus: »In
Gottes Namen! Wenn ich nur einen meiner Räte im Gewühl finde, den ich
hinschicken kann!«
    »Das bedarf's gar nicht,« sagte freudig der Herzog. »Geben Sie mir zwei
Zeilen, der Baron Brand hat sich angeboten, die Sache heute Abend noch zu
arrangiren. Kommen Sie, da ist Papier und Feder.«
    Mit einem unterdrückten Seufzer setzte der Präsident einige Zeilen auf,
unterschrieb und hielt sie dem Herzog hin. Ehe er sich aber das Papier aus
seiner Hand nehmen liess, sagte er: »Bevor der Baron Brand, der mir, natürlich in
einem andern Kostüm, als Unterhändler ganz recht ist, die Geschichte besorgt,
möchte ich demselben noch ein paar Instruktionen geben.«
    »Aber, Präsident, keine Contre-Ordre!« meinte der Herzog lachend.
    »Wo denken Sie hin?« erwiderte der Präsident, und fuhr nach einer kleinen
Pause, während welcher er das Papier in der Hand auf- und abbewegte, fort: »Ein
Dienst ist des andern wert, Euer Durchlaucht. Hier haben Sie den Befehl, aber
dafür führen Sie mich durch das gelbe Spielzimmer und den Salon, wo die
Herrschaften sind, in freundlichem Gespräch.«
    »Arm in Arm mit dir!« sagte laut lachend der Herzog, indem er das Papier
nahm, »so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken.«
    Und dann gingen die Beiden dahin, wirklich Arm in Arm, bei den erstaunten
Spielern vorbei, in den kleinen Salon, wo die Frau Herzogin, ihrem Sohne
freundlich zunickend, meinte: es freue sie recht besonders, endlich auch den
Polzeipräsidenten zu sehen. Ihre Majestät sass am Spieltische und liessen in
diesem Augenblick eine Karte fallen, welche der Chef der Polizei aufzuheben das
Glück hatte, um sich dann berauscht in den gelben Saal zurückzuziehen, wo ihm
alsbald mehrere Stroh- oder todte Männer angeboten wurden.
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    In dem roten Kabinet hatte unterdessen der Baron von Brand, unbeweglich an
dem Kamingesims lehnend, seinen beiden Zuhörern eine furchtbare Geschichte
erzählt - die Geschichte seines Lebens. Er hatte dabei nichts verschwiegen,
nichts beschönigt, er hatte sich selbst gezeichnet mit seinen schönen und
herrlichen Eigenschaften, mit seinen Fehlern und Lastern. Herr von Steinfeld,
der vor dem Feuer sass, hatte seine Arme auf die Kniee gestützt und liess das
Gesicht in beiden Händen ruhen.
    »Jetzt wissen Sie Alles,« schloss Herr von Brand. Und nach einem tiefen
Seufzer, der seiner Brust entstieg, fuhr er sich mit der Rechten über das
Gesicht.
    Graf Fohrbach hatte sich während dessen langsam erhoben, war dem Erzähler
näher getreten, hatte in tiefer Bewegung seine beiden Hände erfasst und
schüttelte sie herzlich.
    »Es ist mir um Vieles leichter,« fuhr dieser fort, »da es mir vergönnt war,
die Geschichte meines Lebens in die Herzen zweier Ehrenmänner niederzulegen, die
nun gewiss Manches klarer sehen und Manches gelinder beurteilen werden. Jetzt
habe ich nur noch die Bitte, meine Lage in's Auge zu fassen, sie ernstlich und
prüfend von allen Seiten zu beschauen und mir ihre Meinung zu sagen.«
    »Schrecklich! schrecklich!« murmelte Herr von Steinfeld.
    »Dass meines Bleibens hier nicht sein kann, versteht sich von selbst. Mich
hält ja auch nichts zurück, als das Schicksal meiner armen unglücklichen
Schwester, das, wie ich hoffe, in gute Hände gelegt sein wird.«
    Hugo von Steinfeld schaute einen Augenblick in die Höhe, nickte stumm mit
dem Kopfe und versank dann wieder in seine Träumereien.
    »Was meine andern Verbindungen anbelangt, so sind dieselben teilweise schon
gelöst. Für einige von Denen, die mir anhänglich waren, habe ich bereits
gesorgt; für die Uebrigen werde ich es noch tun. Dann bin ich fertig mit der
Welt.«
    »Ah! Sie wollen doch nicht -?« rief der Graf erschreckt aus.
    »Dem natürlichen Lauf der Dinge vorgreifen?« versetzte lächelnd der Baron.
»O gewiss nicht; das würde ja einen Schatten auf meinen Namen werfen und den
teuren Freunden, die ich hier zurücklasse, unangenehm sein. - O nein, denken
Sie das nicht; ich will nur ein wenig der Lenker meines eigenen Schicksals sein,
und wenn mich dasselbe zwingt, diese Welt zu verlassen, so wird es auf die
alleranständigste und unbefangenste Weise geschehen.«
    »Baron, Sie sprechen in Rätseln.«
    »Die Ihnen baldigst klar werden sollen, das verspreche ich Ihnen. Doch keine
vorzeitige Trauer, Herr von Steinfeld, nicht dies erschreckte Auge, Graf
Fohrbach! Denken Sie, es habe Ihnen Jemand ein vielleicht nicht uninteressantes
Kapitel eines Romanes vorgelesen. Grübeln Sie nicht weiter darüber nach,
schlagen Sie für heute das Buch zu; Sie sollen in einiger Zeit den Schluss des
Romanes erfahren und er wird Sie nicht unbefriedigt lassen. - Aber, coeur de
rose!« fuhr er nach einer Pause, nachdem er auf die Uhr gesehen, in dem uns
bekannten leichten und gezierten Tone fort, »wir haben hier fast eine Stunde
verplaudert und ich glaube, es ist unsere Pflicht, uns jetzt wieder dem Balle zu
widmen.« Damit trat er von dem Kamine weg, dehnte sich ein wenig und wollte in
den Saal zurück.
    »Noch Eins!« bat Graf Fohrbach, ihn zurückhaltend. »Wäre es von mir
indiskret, zu fragen, ob Sie bei der Geschichte mit den Achselbändern die Hand
im Spiele gehabt? O, wenn es Ihnen möglich ist, so sagen Sie es mir; mein ganzes
Lebensglück hängt daran.«
    »Seien Sie unbesorgt,« erwidert lächelnd der Baron, »noch eine Stunde vor
dem Balle waren die Achselbänder weiss, und ich möchte Zehn gegen Eins wetten,
dass sie wieder so erscheinen, ehe der Ball zu Ende geht.«
    »Darnach will ich schauen!« rief entzückt der junge Mann, drückte dem Andern
die Hand und eilte davon.
    In diesem Augenblicke trat der Herzog von der entgegengesetzten Seite in die
Gallerie und als er den Bekannten erschaute, zeigte er ihm schon von Weitem ein
Papier. Näher kommend sagte er: »Das hat einige Mühe gekostet, aber es ist ganz
so, wie wir es gewollt. Sie können heute noch davon Gebrauch machen. - Aber was
geschieht nachher mit der armen Frau? Sie wird nicht in das Haus ihres Gemahls
zurückkehren wollen. Was meinen Sie: soll ich sie unter meinen Schutz nehmen?«
    »Mir wäre der von der Frau Herzogin schon lieber,« versetzte lächelnd der
Baron. »Wollen sich Euer Durchlaucht erinnern, dass es mir gelang, Ihnen einige
kleine Dienste zu leisten und dass Sie versprachen, mir Gleiches mit Gleichem
vergelten zu wollen.«
    »Allerdings und ich nehme mein Wort nicht zurück.«
    »Nun wohlan, Sie haben jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenden Sie Ihren
Einfluss dazu an, der Baronin v. W. ein anständiges Asyl zu verschaffen - bei der
Frau Herzogin, am liebsten aber bei Ihrer Majestät selbst.«
    »Das wird schwer angehen, bester Baron.«
    »Aber es wird doch gehen, Durchlaucht,« erwiderte der Andere bestimmt.
»Sehen Sie, ich gebe Ihnen Ihre Antworten von früher zurück, und wenn Sie so
sprachen, so tat ich mein Uebermögliches und die Sache ging.«
    »Ja, das wissen wir,« versetzte lachend der Herzog. »Und ich will denn
gerade so tun, auf die Gefahr hin, meinen guten Ruf zu verlieren.«
    »Ihr herzogliches Wort darauf, Durchlaucht?«
    »Mein Wort. - Und gleich will ich die Sache in's Werk zu setzen versuchen;
man muss das Eisen schmieden, so lange es warm ist.« Damit eilte er nach dem
Tanzsaale zurück.
    Der Andere trat wieder in das rote Kabinet, wo Hugo von Steinfeld noch
immer zusammengekauert vor dem Kaminfeuer sass. Der Baron berührte leise seine
Schulter und als er in die Höhe fuhr, zeigte ihm derselbe das erhaltene Papier
und sagte mit sanfter Stimme: »Dies hier gibt mir das Recht, der Frau von W.
noch heute Abend ihre Freiheit anzukündigen.«
    »Und dann?« fragte der Andere, wobei ein lebhafter Blitz seinen Augen
entfuhr.
    »Dann wird Ihre Majestät der Unglücklichen ein Asyl bei sich vergönnen, bis
-«
    »Ah! Baron, ich zittere!« rief Herr von Steinfeld. - »Bis -«
    »Bis ihre Scheidung ausgesprochen ist, was nicht lange dauern kann, da beide
Parteien vollkommen einverstanden sind und ihre Wünsche von Oben herab gewiss
protegirt werden. Und dann -« setzte der Baron mit einem eigentümlichen Blick
hinzu.
    »Dann können wir Alle, Alle vielleicht noch glücklich werden!« rief
stürmisch der junge Mann. »O meine Elise, o mein armes, kleines Kind!«
    Die Augen des Barons funkelten auf eine sonderbare Art, als der Andere so
sprach; er drückte ihm die Hand und sagte: »Wenn es Ihnen recht ist, so
begleiten Sie mich nachher.«
    »Ah, wie danke ich Ihnen, Baron! - Gehen wir sogleich!«
    »In einer Viertelstunde,« erwiderte der Baron mit ruhigem Tone. »Kommen Sie,
ich muss vorher noch einen notwendigen Gang durch die Apartements machen.«
    Im grossen Saal ward unterdessen beharrlich getanzt, im kleinen Salon
anhaltend geplaudert, und im gelben Zimmer ziemlich stark gespielt worden. Herr
von Dankwart, der, wie wir wissen, so glücklich gewesen war, zum Spiel der
beiden Excellenzen gezogen zu werden, hatte sich dort behauptet und würde diesen
Platz, so nahe bei den fürstlichen Personen, um Alles in der Welt nicht
verlassen haben. Doch spielte er dabei ziemlich zerstreut, was ihm schon hie und
da eine kleine Rüge eingetragen hatte.
    »Das ist zu stark!« rief jetzt der Hofmarschall mit einem zornigen Blick auf
den kleinen Mann; »Sie sind wirklich über alle Massen zerstreut, da haben Sie
wahrhaftig meinen Buben gestochen.«
    »Allerdings,« fügte lächelnd der Oberststallmeister, der mit dem Blinden
spielte, bei. »Herr von Dankwart ist in der Tat mit seinen Gedanken anderswo.
Was beschäftigt denn so Ihren Geist?«
    »Er wird in Gedanken bei den vortrefflichen Abbildungen sein, die ein
berühmter Künstler von ihm gemacht,« sagte plötzlich eine klangvolle Stimme
hinter den Schultern des kleinen Herrn.
    Worauf dieser rasch herumfuhr und mit zornigem Blicke einen Mann hinter sich
stehen sah, der ein einfaches, aber auffallendes Kostüm trug, und obgleich nicht
maskirt, ihm doch unbekannt war.
    Der Fremde lächelte, als er diese Worte gesprochen hatte, dann stützte er
die Rechte an die Seite und die Linke auf den weissen Griff eines
Tscherkessendolches, den er am Gürtel trug.
    »Hm! hm!« machte der Hofmarschall ein klein wenig verlegen, und Seine
Excellenz der Oberststallmeister biss sich mit einem halb unterdrückten Lächeln
auf die Lippen.
    »Ein Maskenscherz,« sagte nun Herr von Dankwart mit einem sehr erkünstelten
Lachen.
    »Durchaus kein Maskenscherz,« fuhr der Fremde fort. »Es sind in Wahrheit
sechs Portraits, jedes so sprechend ähnlich, wie ich nie etwas gesehen.«
    »Also Sie haben sie gesehen?« fragte lauernd der kleine Mann.
    »Es kann sie Jedermann sehen, der den Eigentümer besucht.«
    »Und wer ist dieser Eigentümer?« rief Herr von Dankwart mehr und mehr
aufgeregt.
    »Ich habe keine Ursache, das zu verschweigen,« entgegnete der Andere ruhig.
»Baron von Brand macht kein Geheimnis daraus, diese sechs wertvollen
Abbildungen zu besitzen.«
    »Aber was ist denn das mit den sechs Abbildungen?« fragte boshafter Weise
der Hofmarschall.
    »Eine Schändlichkeit, eine Niederträchtigkeit!« brauste endlich Herr von
Dankwart auf, »die man höheren Orts nicht ungeahndet lassen wird. Wissen Sie,
meine Herren, ein elender Maler, ein Sudler, den ich mit mehreren schlechten
Bildern abzuweisen für notwendig hielt, hat sich nun dafür gerächt, indem er
niederträchtige Karrikaturen auf mich gemacht. Nun, ich teile dies Loos mit den
bedeutendsten Männern aller Zeitalter, bin auch nicht kleindenkend genug, jenen
unbedeutenden Pfuscher dafür zu fassen. Aber mit dem Herrn von Brand, der sich,
wie ich schon seit einigen Tagen gehört, ein boshaftes Vergnügen daraus macht,
die schlechten Blätter bald Diesem, bald Jenem zu zeigen, werde ich ein ernstes
Wort reden.«
    »Darauf ist Herr von Brand gefasst und sehr begierig, dies ernste Wort zu
vernehmen.«
    Der kleine Mann mass den ihm zur Seite Stehenden, der übrigens in sehr
ruhigem Tone sprach, von Oben bis Unten, und sagte dann nach einer Weile: »Und
wer sind Sie, der sich hier unberufen eindringt?«
    »Nicht unberufener als mancher Andere,« erwiderte der Fremde. »Uebrigens bin
ich einer Ihrer Verehrer, Herr von Dankwart. Ich staune Sie an, denn Sie haben
Grosses geleistet.«
    Der Angeredete beantwortete dieses zweifelhafte Kompliment mit verächtlicher
Miene und einem Achselzucken.
    »Ja, Sie haben Grosses getan; Sie haben es in der kurzen Zeit Ihres
Hierseins verstanden, sich durch Ihr anmassendes Betragen, durch Ihren
unergründlichen Hochmut, durch Ihre beispiellose Grobheit bei Hoch und Niedrig
verhasst zu machen. Und das ist keine Kleinigkeit bei der allgemeinen Liebe und
Achtung, welche Ihre Herrin geniesst, von deren Glanze, wenn auch unverdienter
Weise, etwas auf Sie überging.«
    Obgleich diese Worte mit grossem Ausdruck gesprochen wurden, so hatte der
Fremde seine Stimme doch dabei gedämpft, so dass sie nur von den Mitspielenden
verstanden wurde. Doch sprang Herr von Dankwart bleich vor Zorn von seinem
Stuhle auf und sagte mit zitternder Stimme: »Ihren Namen, Herr, ich muss Ihren
Namen wissen! Danken Sie es diesem Orte, dass ich nicht anders mit Ihnen
verfahre. Aber wenn Ihre Unverschämteit nicht von Feigheit begleitet ist, so
werden Sie mir Ihren Namen sagen.«
    »Coeur de rose!« lachte nun plötzlich der Fremde mit ganz anderer Stimme,
»Sie und ich haben meinen Namen vorhin schon ausgesprochen, und der Baron von
Brand wird Ihnen gern den Gefallen tun, ihn nochmals vor diesen beiden Herren
zu nennen.«
    Die Excellenzen hoben erstaunt die Augen empor, und wenn sie auch die Stimme
des Barons erkannten, und deshalb wussten, dass er es sei, war es ihnen doch nicht
möglich, auch nur einen Zug des ihnen wohlbekannten Gesichtes zu entdecken.
    »Eine vortreffliche Maske!« rief der Oberststallmeister.
    Und der Hofmarschall setzte argwöhnisch hinzu: »Ja, recht vortrefflich; Herr
von Brand versteht das meisterhaft, zweierlei Gesichter zu zeigen.«
    Herr von Dankwart tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er: »Ah! also Herr
Baron von Brand! - Nun gut, - das Uebrige wird sich finden.« Darauf setzte er
sich wieder zur Spielpartie nieder, doch zitterten die Karten auffallend in
seiner Hand.
    Der Baron zog sich lächelnd zurück, als er aber das Zimmer verlassen hatte,
wurden seine Züge furchtbar ernst und er murmelte: »Das wäre in Ordnung! Eine
grässlichere Strafe kann sich Niemand selbst vorschreiben.« -
    Graf Fohrbach hatte unterdessen nach den bewussten Achselschnüren gespäht,
und - o Wonne! - wie der Baron vorhergesagt, flatterten jetzt weisse von den
Schultern des schönen Mädchens herab. Eugenie hatte den ersten freien Augenblick
benützt, um die verhassten Farben von sich zu werfen. Wie glänzten die Blicke des
jungen Mannes, und wie verschwand bei diesen Blicken die Blässe von ihren
Wangen! Und da er als geschickter Offizier natürlicherweise gut zu manövriren
wusste, so gelang es ihm, die junge Stallmeisterin von dem übrigen Gefolge
abzuschneiden und sie in einem halbdunkeln Durchgange zu treffen, wo er es wagen
durfte, ihr feierlich die Hand zu küssen. Eugenie aber flüsterte ihm mit einem
leichten Erröten zu: »Meine Schleifen haben das grösste Recht, weiss zu sein;
denn ich hoffe, dass unser Leben nun klar vor uns liegt. Mit der Frau Herzogin
sprach ich vor dem Balle, sie hat nichts gegen unsere Verbindung einzuwenden.«
    »Also bist du mein!« jauchzte der überglückliche Adjutant. Und wenn nicht in
diesem Augenblicke ein dicker Hoffourier, gefolgt von mehreren Lakaien, an dem
Durchgange erschienen wäre, so hätte er das erschreckte Mädchen in seine Arme
gedrückt.
    Ehe der Baron von Brand den Saal verliess, zeigte er sich nochmals bei der
Präsidentin und ihrer Tochter, und nahm die zärtlichen Vorwürfe, die er hier
erhielt, ruhig in Empfang; doch besänftigte er die Damen dadurch, dass er sich
noch ein paarmal rechts und links präsentiren liess. Obgleich er aber jede
Gratulation nur mit einer Verbeugung erwiderte, so war für Alle sein Verhältnis
zur Tochter des Präsidenten doch eine ausgemachte Sache, und der Baron von Brand
wurde förmlich als Bräutigam betrachtet.
 
                           Einundachtzigstes Kapitel.
                              Gesellschaftliches.
Wieder einmal war es Nachmittags zwei Uhr längst vorüber, und wieder einmal
stand das Kaffeegeschirr auf dem Tisch, an dem die Kommerzienrätin sass,
gänzlich unberührt. Wenn dies vorkam, so konnte man es als ein untrügliches
Zeichen ansehen, dass irgend eine Störung vorgefallen war. Aus den leblosen
Gegenständen des Hauses liess sich auf diese Art eher etwas erraten, als aus der
lebenden Hauptperson - der Kommerzienrätin selbst. Denn diese sass in ihrer
Sophaecke starr und aufrecht wie immer, mit unbeweglichen Gesichtszügen und für
jeden Uneingeweihten war durchaus keine Aufregung, von welcher Art auch immer,
an ihr zu merken. Wer sie aber genauer kannte, der sah wohl, dass sie die Augen
häufig schloss und öffnete, auch abwechselnd mit ihrem gewöhnlichen Husten
zuweilen heftig schluckte. Mit der rechten Hand hielt sie, wie sie immer zu tun
pflegte, ihr Schnupftuch, die Linke bedeckte einige Papiere, die vor ihr auf dem
Tisch lagen.
    Marianne stand am Fenster, den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet und ihre
Blicke waren auf den Boden geheftet. Der Kommerzienrat zeigte im Gegensatz zu
den Damen mehr Leben. Er hatte die Hände unter seine Frackschösse gesteckt und
brachte die rechte gelegentlich vor, um mit derselben in der Luft umher zu
fahren, seine Reden bekräftigend und begleitend. Ueberhaupt sprach er heute
energischer als sonst, hütete sich aber wohlweislich, dabei seine Frau
anzusehen, denn er wusste wohl, dass einer jener scharfen Blicke aus den grauen
Augen ihn leicht aus der Fassung zu bringen im Stande war; er wandte sich daher
auch nur an Marianne, selbst wenn er etwas sagte, was nur an die
Kommerzienrätin gerichtet sein konnte.
    »Summa Summarum denn,« sprach er mit grosser Entschiedenheit, »versteht ihr
die Sachen nicht und könnt euch nicht denken, wie lähmend es für alle Geschäfte
ist, eine Hand entbehren zu müssen und einen Kopf, der schon seit Jahren Alles
überwachte, und, wenn auch allerdings unter meiner Leitung, fast das Ganze
besorgte. Glaubt mir nur, ein solcher Teilnehmer eines Geschäfts, wie Alfons,
war wie ein Generalhauptbuch, man brauchte nur irgendwo anzuklopfen und man
hatte augenblicklich die Antwort. Das fehlt mir,« fuhr er achselzuckend fort;
»ich werde auch alt, kann mich an so Manches nicht mehr erinnern, wesshalb Vieles
nur so so besorgt wird; mit Einem Wort, darunter leidet der Kredit des Hauses.«
    Die Rätin warf ihrem Mann einen bedeutsam fragenden Blick zu, da er ihn
aber nicht sah, so hustete sie auffallend, was er verstand und deshalb
augenblicklich hinzusetzte:
    »Natürlicherweise meine ich bloss den Kredit, den die Geschäftsführung
bedingt, das pünktliche und augenblickliche Besorgen aller Aufträge, welches
sonst bei uns Mode war und worein wir unsern Stolz setzten. - Mögt ihr es
nehmen, wie ihr es wollt: ich habe schon zweimal an Alfons geschrieben und ihn
ersucht, zurück zu kommen. - Ah! man vernachlässigt eine immense Firma wie die
unsrige nicht wegen solcher Bagatellen.«
    Die Rätin trommelte leise auf dem Papiere unter ihrer Hand und Marianne
fragte schmerzlich: »Bagatellen, Papa? Das sind aber doch eigentlich keine
Bagatellen.«
    »Nun, nun, ich meine in geschäftlicher Beziehung,« verbesserte sich der alte
Herr, »habe ich da Unrecht? Was Teufel genirt es die grossen Banken, ob mein
Schwiegersohn einmal einen dummen Streich der Art gemacht hat! Nicht so viel!«
dabei hatte er den Mut, über seine Handfläche zu blasen. »Und meine Wechsel
sind gesucht wie keine andern.«
    Jetzt endlich sprach die Rätin; zuvor aber hustete sie leicht, dann sagte
sie: »Was dein geschäftliches Leben anbelangt, so magst du vielleicht Recht
haben, in unser gesellschaftliches dagegen hat diese Geschichte einen schweren
Riss getan. Und das kommt daher, weil unser Haus von jeher voranleuchtend war,
was Sitte und Anstand anbelangt, eine glatte, glänzende, polirte Fläche, und
deshalb sieht man auf ihr jedes Stäubchen.«
    »Und dieser Riss in gesellschaftlicher Beziehung,« lachte krampfhaft der alte
Herr, »macht dich so bodenlos unglücklich? Es könnte zum Lachen sein, wenn es
nicht zum Weinen wäre, - einer Gesellschaft, die, um mich deines Bildes zu
bedienen, auf der glatten, polirten Fläche das geringste Stäubchen entdeckt und
nun sich Mühe gibt, dieselbe mit dem Essig der bösen Reden und dem Scheidewasser
der Verleumdung total mit Rost zu überziehen. Und hat man das nicht getan?«
fuhr er hitziger fort. »Ist man bei dem stehen geblieben, was man, leider
Gottes! von den unseligen Geschichten unseres Hauses erfahren? Hat man nicht
versucht, uns Allen etwas aufzubringen? Mit Artur anzufangen, der freilich nur
ein Maler ist und bei dem es schon leicht wurde, einen Haken zu finden; aber
auch über deine arme Tochter Marianne hat man die Achseln gezuckt; in den
Kaffeeklatschgefellschaften ist dies arme sanfte Weib als eine Xantippe
hingestellt worden, die ihrem Manne das Leben verleidet und ihn so zu dem
Skandal getrieben. O diese Gesellschaft!« rief er abermals und fuchtelte mit der
rechten Hand in der Luft umher. »Hat sie vielleicht meinen Dokter geschont,
diesen braven Kerl, der nie ein Wasser getrübt? Haben sie ihm nicht nachgesagt,
er sei eine liederliche Pflanze? - Ja, ja,« fuhr er fort, als er bemerkte, wie
ihn Marianne erstaunt anblickte, »Eduard hat ein paar arme Familien zu seinen
Kunden, deren Kinder er zu Weihnachten mit Spielwaren beschenkt; das hat man
sich achselzuckend und hohnlachend in der gehässigsten Weise mitgeteilt. Aber
weiter! O ich sehe so ein gallsichtiges Gesicht vor mir, so eine Person, wie sie
die Achseln zuckt und sagt: wissen Sie, Frau Hofrätin, natürlich so ein Arzt,
der hat alle Gelegenheit; aber zu bunt soll er es doch getrieben haben, der Herr
Doktor Erichsen. - Hol sie Alle der -! Und haben sie dich,« wandte er sich im
vollsprudelnden Strom seiner Rede an die Rätin, »haben sie dich im Frieden
gelassen, mein Schatz? Gott bewahre! Du warst die Mutter dieser sauberen Familie
und es ist dir lange gelungen, alle diese Unanständigkeiten zuzudecken.« Hier
schöpfte er tief Atem, setzte seine beiden Arme in die Seite und fuhr dann nach
einer Pause fort: »Aber Eins hat mich amusirt, dass sie nämlich über mich gesagt,
ich sei nicht so schlimm, sei von jeher ein lustiger, alter Herr gewesen und
wenigstens kein Heuchler.«
    »Aber um Gotteswillen! Papa, woher weisst du alle diese schrecklichen
Geschichten? Das kann dir doch Niemand in's Gesicht gesagt haben.«
    »Freilich hat man mir's in's Gesicht gesagt, aber weisst du, darin hat man
eine eigene Manier; es kommt so eine schleichende Canaille, nicht um dir zu
sagen: Herr Kommerzienrat, Der und Der hat das über Sie gesagt; fassen Sie ihn!
O nein! sondern er spricht mit niedergeschlagenen Augen von der verderbten Welt,
von der Sucht, Jeden zu verleumden, sieht dich dabei achselzuckend an, seufzt,
kurz, geberdet sich so auffallend, dass du deutlich siehst, er habe was auf dem
Herzen. Du fragst ihn; er lässt dich lange bitten. Endlich misst er dir das Gift
tropfenweise zu, indem er spricht: man sagt so allerlei, man will das und das
wissen, man glaubt dies, man glaubt das, und schlägt dir so eine Ohrfeige nach
der andern hin mit lauter Man's, die ungreifbar sind. - Gott soll mich bewahren,
sagt er auf dein Drängen, dass ich Personen nenne, ich will in keine Geschichten
hinein kommen; aber dass man allgemein spricht, was ich Ihnen vorhin erzählt, das
können Sie mir auf mein Wort glauben. So geht er fort, nachdem er dir einen
Dolch in's Herz gestossen; und an der Ecke schaut er sich um, ob du noch nicht
wankest oder hinfallest. - Und wegen solchem Volke sollen wir uns grämen?«
fragte er schliesslich mit einem Tone so entschieden, wie man ihn eigentlich
nicht an dem alten Herrn gewöhnt war. »Ich nicht!«
    Die Kommerzienrätin hatte aufmerksam zugehört, obgleich sie sich ihrem
Gesichte nach ebenso gut mit etwas ganz Anderem hätte beschäftigen können. Sie
hustete leicht und erwiderte: »Es ist das wahr, was du eben gesprochen.«
    »Nun, Gott sei gelobt, dass du es endlich einsiehst!«
    »Hat mir doch die Wasser,« fuhr die Rätin fort, ohne auf die Worte ihres
Gemahls zu achten, »gerade in Betreff Eduards einen wahrhaft impertinenten Brief
geschrieben.«
    »Du hast da überhaupt schöne Korrespondenzen,« schaltete der alte Herr
händereibend ein.
    Und Marianne setzte mit leiser Stimme hinzu: »Madame Wasser ist ganz auf die
Seite meiner Schwägerin Berta getreten.«
    »Um sie auszuhorchen und viel Böses über uns zu hören, denn -!« rief der
alte Herr. Doch machte ihn ein Blick seiner Frau verstummen.
    Diese hatte ihren Kopf drohend erhoben, als sie sich so unterbrochen sah,
und sagte dann, nachdem sie leise auf die Briefe getrommelt: »Die Wasser
schreibt mir, es sei doch ein bisschen stark von Eduard gewesen, das bewusste Kind
der Person in sein eigenes Haus zu bringen. Was man über dieses Kind denke, habe
er schon daraus entnehmen können, dass sämmtliche Dienstboten des Hauses -
vortreffliche Dienstboten, wie die Wasser sagt - darauf hin augenblicklich
gekündigt hätten.«
    Der Kommerzienrat lachte krampfhaft hinaus, er hatte dazu den Moment
benützt, als die Rätin schwieg und einen der vor ihr liegenden Briefe
entfaltete.
    - »Ich habe es von jeher für meine Pflicht gehalten,« las die Rätin aus
diesem Brief, »Ihnen nur die Wahrheit zu sagen; deshalb erlaube ich mir auch,
Ihnen ein paar Worte zu bemerken, was die Einladung anbelangt, welche Sie für
die nächste Woche an die Meinigen ergehen liessen. Nehmen Sie mir nicht übel,
hochverehrteste Frau Rätin, ich kann Sie für dieses Mal nicht acceptiren, denn
es ist mir zu schmerzlich, dort Leute zu sehen, die hinter Ihrem Rücken die Nase
rümpfen, die Ihnen freundlich in's Gesicht sind und unter sich die gehässigsten
Dinge über Ihr Haus aussagen; ja recht gehässige Dinge. - Und was das Schlimmste
ist, beste Frau Rätin, man kann ihnen noch nicht einmal in Allem widersprechen.
Sie wissen, wie schätzenswert es mir stets war, in Ihrem Hause so gut und
freundlich aufgenommen worden zu sein. Aber - doch erlassen Sie mir das Uebrige;
o könnten Sie sehen, wie sehr es mich angegriffen hat, Ihnen die vorliegenden
Zeilen zu schreiben! Im Uebrigen bin ich wie immer mit alter Freundschaft
                                      Ihre
                                                               Albertine Wasser,
                                                                                
                                                     verwittwete Tutelarrätin.«
    »Ein vortrefflicher Brief das,« meinte der Kommerzienrat. »Aber da du
einmal bei der Korrespondenz bist, so lass uns auch hören, was deine teure
Freundin Louise schreibt.«
    Die Bitte des Gemahls wäre eigentlich überflüssig gewesen, denn Madame
Erichsen hatte schon unaufgefordert das andere Billet eröffnet und las:
    »Liebe Lotte! Du hast uns auf nächste Woche zu einer Soirée eingeladen und,
wie ich höre, sollen viele Leute kommen. Nimm mir nicht übel, aber ich würde das
an deiner Stelle nicht tun. Die traurigen Geschichten deines Hauses sind noch
zu neu und die Leute sagen, das entwickle sich noch immer mehr. Wie ich denke,
liebe Lotte, weisst du, aber wir Beide können nun einmal die Welt nicht anders
machen. Ich schreibe dir eilig, damit du deine Einladungen noch nicht machst.
Wenn die Menschen nur nicht so böse wären! Aber glaube mir, Viele haben die
Probe der lebenden Bilder und die Geschichte mit der Doktorin F. noch lange
nicht vergessen. Dass ich am allerwenigsten auf Stadtgeklatsch etwas gebe,
brauche ich dir wohl nicht zu sagen; auch wundert mich gar nichts mehr, denn die
Menschen sind zu bösartig, und wenn ich auch gewiss nicht dazu beigetragen habe
und beitragen werde, dergleichen Klatschereien zu verbreiten, so kann ich dir
doch nicht verschweigen, dass in der Tat das Gerede geht, du beabsichtigest, um
der ganzen Gesellschaft zu zeigen, dass du dich um ihre Meinung gar nicht
kümmerst, uns deine neue Schwiegertochter zu präsentiren, die sogenannte Braut
des Herrn Artur. Soll ich dir nochmals wiederholen, dass dergleichen
Verleumdungen auf mich nicht den geringsten Eindruck machen? Ich halte das für
überflüssig; denn du weisst, wie sehr ich bin und bleibe
                              deine treue Freundin
                                                                        Louise.«
    Die Hand der alten Dame zitterte leicht, während sie die Briefe
zusammenfaltete und vor sich hinlegte.
    »Und das schreiben deine bewährtesten Freundinnen, Mama?« fragte schmerzlich
Marianne.
    »Es ist doch ein wahres Sprichwort,« bemerkte zornig der alte Herr, »Gott
bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich schon fertig
werden. Und die sogenannten Feinde unseres Hauses, eigentlich nur die Feinde von
Mama,« setzte er mit Nachdruck hinzu, »wie haben sie sich benommen, seit diese
traurigen Geschichten ruchbar wurden! Ich will nur an den Doktor und namentlich
an die Doktorin F. erinnern. - Gesteh' es mir, Charlotte,« wandte er sich an
seine Frau, »die neuliche Unterredung mit der Letzteren, die liebevollen Worte,
die sie zu dir sprach, haben selbst dich ergriffen und gerührt.«
    »Warum selbst mich?« fragte strenge die Rätin, ohne dabei einen Zug ihres
Gesichts zu verändern.
    »Ah! selbst dich, - das kann man in dem Falle doch wohl sagen,« meinte
behutsam der alte Herr. »Du hattest doch ein Vorurteil gegen die Doktorin.«
    »Ja, ich hatte es,« erwiderte nach einer Pause die Rätin. Und als sie nach
diesen Worten in ihr Sacktuch hinein hustete, klang dieser Husten viel weicher,
auflösender als sonst.
    »Nun, wenn ich recht verstanden habe,« entgegnete etwas heiterer Herr
Erichsen, »so war das ein gutes Wort, das Mama eben aussprach.«
    »Und Mama hat so Recht darin,« sagte liebevoll Marianne, indem sie sich dem
Sopha näherte. »Glauben Sie mir, die Doktorin F. ist eine herrliche,
vortreffliche Frau.«
    Die Rätin schaute ihre Tochter mit einem einigermassen argwöhnischen Blicke
an.
    »Und höheren Orts sehr gelitten,« fügte wichtig der Kommerzienrat bei. »Ich
weiss bestimmt, dass sie zuweilen in die kleinen Cirkel der Frau Herzogin kommt.«
    Die Rätin schaute ihren Mann an.
    »Und mir ist das sehr angenehm,« fuhr Marianne fort, »denn ich bin
überzeugt, die Doktorin wird denen die Geschichten unseres Hauses auf wahre und
gute Art auseinandersetzen.«
    Der Blick der Rätin, den sie jetzt auf ihre Tochter warf, war nicht mehr
argwöhnisch, ja man hätte glauben können, sie nicke mit dem Kopfe, doch war
dies, wenn es wirklich geschehen, so undeutlich, dass man es nicht recht
behaupten konnte.
    »Was übrigens die höhere Gesellschaft anbelangt,« sagte der Kommerzienrat,
indem er sich in die Brust warf, »so kennt man dort das Haus Erichsen, und wenn
wir gewollt hätten, würde es uns ein Kleines gewesen sein, uns dort hinein zu
lanciren, zum furchtbaren Aerger deiner Freundin Wasser und deiner treuen
Louise. - Wie steht Artur mit all den Leuten?« fuhr er nach einer Pause
eifriger fort. »Vortrefflich! und selbst wenn er jenen sonderbaren Streich
ausgeführt hätte -«
    Die Rätin schaute ernst auf ihren Mann.
    »Nun ja, ich sage, wenn er ihn ausgeführt hätte, so hätte ihm das bei den
vernünftigen Leuten da oben nicht den geringsten Schaden getan.«
    Der Blick der Rätin wurde fragender.
    »Weisst du, Charlotte, man kann über Alles sprechen. Die Sache ist, wie ich
höre, vorüber. Nun gut, Artur erzählte mir neulich, dass ihm einer seiner
Bekannten, Graf Fohrbach, Adjutant Seiner Majestät und Sohn Seiner Excellenz des
Herrn Kriegsministers, der im Begriff steht, eine der Hofdamen Ihrer Majestät zu
heiraten, das schöne Fräulein von S. - eine alte Familie - gesagt, Artur soll
sich nur auf ihn, den Grafen verlassen - er wolle - im Falle - dass Artur -«
Hier stockte der Kommerzienrat, denn der Blick seiner Frau war ausserordentlich
scharf geworden.
    »Und was denn?« fragte sie ungeduldig.
    »Nun, sich verheiraten mit -«
    »Nun denn, mit -?«
    »Du weisst ja schon, Charlotte, mit jener Tänzerin. Man setzt ja nur den
möglichen Fall, und in dem Falle würde sich die Gräfin Fohrbach ein Vergnügen
daraus machen, die Madame Erichsen bei sich zu sehen.«
    Die Rätin schüttelte den Kopf und sagte in bestimmtem Tone: »Unmöglich!«
    »Natürlich, für deine treuen Freundinnen wäre so etwas unmöglich, namentlich
für solche, die selbst mit einem verdächtigen Herkommen zu kämpfen haben und die
von jeher des weitesten Mantels der christlichen Liebe bedurft, um ihre Blössen
zu bedecken. Aber man spricht ja vergeblich darüber; die Sache ist vorbei.«
    »Der arme Artur!« seufzte Marianne.
    »Artur ist eine noble Seele,« fuhr der alte Herr mit einem Anflug von
Rührung fort, »Artur ist selbstständig. Er konnte sagen: das ist einmal mein
Glück und ich will glücklich sein.«
    »Und ungehorsam gegen seine Eltern,« versetzte streng die Rätin.
    »Allerdings, aber ich bin fest überzeugt, jenes arme Mädchen - sie hätte
nichts gegen unsern Willen getan.«
    Hier lächelte die Rätin zum ersten Mal während der Unterredung, aber es war
ein unangenehmes Lächeln, ein spöttisches Lächeln.
    »Gewiss, Mama,« sagte Marianne in festem Tone, »sie würde das nicht getan
haben. Das Mädchen hat einen festen, herrlichen Charakter.«
    »Und wer hat euch das gesagt?« fragte misstrauisch die Rätin.
    Vater und Tochter wechselten schnell einen Blick, woraus Letztere fortfuhr:
»Eduard sprach mit uns darüber; er kam zufällig als Arzt in das Haus.«
    »Wie so - zufällig?« fragte noch immer argwöhnisch die Rätin.
    »Ganz zufällig!« nahm Herr Erichsen das Wort. »Du erinnerst dich doch der
Geschichte mit dem Kinde, welches Eduard zu sich in's Haus nahm und das zu so
schlimmem Gerede Veranlassung gab. Nun, man kann den armen Wurm doch nicht auf
die Strasse werfen und da erbot sich denn Artur, es in jene Familie zu tun.«
    Die Rätin trommelte leise auf den Tisch und sagte dann: »Das sind saubere
Geschichten. Nun, sie werden Herrn Artur schön empfangen haben!«
    »Sehr schön,« erwiderte ernst Marianne; »liebevoll nahmen sie das verwaiste
Kind auf, obgleich sie selbst nicht viel haben, und Mamsell Clara behandelte es
ganz wie ihre eigenen Geschwister. - So sagte nämlich Eduard,« setzte sie hastig
hinzu, als sie bemerkte, dass ihr die Mutter einer sonderbaren Blick zuwarf.
    »Und Eduard sieht öfters nach dem Kind,« fuhr der Kommerzienrat fort, »aber
in letzter Zeit auch nach ihr selber - nach der Tänzerin nämlich. Und er meint,
das Mädchen leide furchtbar, und er hat mir neulich unwillig gesagt - ja, ich
kann es dir nicht verschweigen, Charlotte, wenn gleich - auch dein Unmut -«
Hier schien sich der Fluss seiner Rede vor dem strengen Angesicht seiner Gattin
abermals im Sand verlaufen zu wollen. Doch munterte ihn ein Blick Mariannens auf
und er fuhr mutig fort: »Eduard sagt also, es sei - eine Schande, dass man ein
so liebliches und gutes Geschöpf so unglücklich und langsam dahin welken sehen
müsse.«
    Die grauen Augen der Rätin schauten bald den alten Herrn, bald Marianne an;
doch war der Blick derselben nicht mehr ganz so scharf und kalt wie bisher. Auch
wurde der Husten immer auflösender, und - wenn man sich so ausdrücken darf -
trommelten ihre Finger nicht mehr in Dur, sondern in Moll. Nach einer Pause
sprach sie jedoch: »Ihr schmiedet da ein artiges Komplott gegen mich; Artur
wird euch sehr dankbar dafür sein.«
    »Ich habe gedacht,« erwiderte Marianne, »dass Sie so sprechen würden, Mama.
Aber bei Allem, was mir und Ihnen heilig ist, schwöre ich Ihnen zu, dass Artur
mit uns nie über diesen Gegenstand geredet, Ja er vermeidet es, die Sache zu
berühren, und gab mir schon einige Mal zur Antwort: Lass das ruhen, es ist
vorüber.«
    »Das ist brav von Artur,« meinte die Rätin mit sanfterer Stimme, »dass er
so den Willen seiner Mutter respektirt. - Aber was will denn Eduard, dass er sich
der Sache so annimmt?«
    »Der handelt auch nicht ganz aus eigenem Antriebe und noch weniger im
Auftrage Artur's. Du weisst, welche grosse Stücke der Leibarzt des Königs auf
deinen Sohn hält; nun, der hat ihn neulich wegen der Geschichte vorgenommen.«
    »Ei sieh doch!« sagte erstaunt die Rätin. »Wenn der mit seinem ewigen Spott
sich jener Demoiselle ernstlich annimmt, da möchte freilich etwas Absonderliches
dahinter sein.«
    »Das habe ich mir auch gedacht,« fuhr der alte Herr trocken fort, »aber ich
kann dir sagen, Charlotte, dass der alte Leibarzt jenes Mädchen schätzt und
liebt. Er hat sie am Todtenbette eines kleinen Schwesterchens von ihr kennen
gelernt und sprach darüber wahrhaft entusiastisch. Das sei ein reiches und
edles Herz, meint er, ein Gefühl, warm und rein, wie er selten welches gefunden,
kurz ein Geschöpf, über das man die Hände wehklagend zum Himmel erheben möchte,
dass die Verhältnisse es hinderten, glücklich zu sein und glücklich zu machen.«
    »Nun,« versetzte die Rätin mit etwas schärferem Tone, »dazu könnte ja bei
dem Leibarzte Rat werden; er hat ja selbst zwei Söhne; vielleicht liesse sich da
'was arrangiren.«
    Marianne warf ihrem Vater einen wahrhaft trostlosen Blick zu und auch dieser
zuckte die Achseln, Beide, wie sie glaubten, ungesehen von der Mama. Doch hatten
deren graue Augen blitzschnell nach rechts und links geguckt, starrten aber
jetzt wieder gerade vor sich hin, als sie sagte: »Es ist bedauerlich, dass meine
Angehörigen, die mich umgeben, so leicht durch den äussern Schein zu bestimmen
sind. Bei dieser Sache ist es wahrhaftig ein Glück, dass Artur so respektabel
ist und sich meinen Wünschen, meinen vernünftigen Gründen ohne Weiteres fügt.«
    »Was mir eigentlich unbegreiflich ist,« fuhr dem alten Herrn heraus, »denn
wer das Mädchen einmal gesehen, versteht nicht, wie man es selbst dem Willen der
Eltern zulieb so leicht aufgeben kann. Mir ist das, namentlich bei dem Charakter
Arturs, gänzlich unverständlich.«
    Die Rätin sah lächelnd vor sich nieder.
    »Aber Artur leidet ebenfalls sehr,« meinte Marianne; »das sieht man ihm
deutlich an. Er hat sich in letzter Zeit sehr verändert; glauben Sie mir, Mama,
wenn er auch Ihren Befehlen folgt, so wird ihm sein Gehorsam Zeitlebens
nachgehen, und wer weiss, ob er nicht später einmal bedauert, gehorsam gewesen zu
sein!«
    Die Rätin hatte leise auf ihre Briefe getrommelt, sich dann mit dem
Schnupftuche die Stirne abgewischt und entgegnete nun nach einem ziemlich langen
Stillschweigen: »Ja, Artur ist recht gehorsam gewesen, und es ist das, wie
schon gesagt, sehr respektabel von ihm. Er vertraut seiner Mutter, von der er
weiss, dass sie fest an ihren Grundsätzen hängt, der Leidenschaft nicht leicht
Gehör gibt und vor allen Dingen selbst prüft, ehe sie einen einmal gefassten
Beschluss zu ändern pflegt.«
    Die letzteren Worte waren mit einem ganz andern Ausdruck gesprochen worden,
fast warm und gefühlvoll, so zwar, dass der Kommerzienrat seine Tochter erstaunt
anblickte, worauf diese einen tiefen Atemzug tat, sich niederbückte und,
während sie sanft die Hand auf den Arm ihrer Mutter legte, diese auf die Stirn
küsste. Die Kommerzienrätin raffte ihre Briefschaften zusammen, erhob sich von
dem Sopha, wobei sie lächelnd sagte: »Die Sitzung ist aufgehoben, aber ich will
euch nicht verschweigen, dass es mir leichter um's Herz ist, als vor einer
Stunde, wo ich mit diesen beiden Briefen in's Zimmer trat. Da war ringsum für
mich Alles schwarz bezogen, jetzt hat sich's etwas aufgeklärt und es ist als
schimmerte ein kleiner Lichtstrahl in mein Herz. - Komm, Marianne.«
    Damit gingen die beiden Damen fort, der Kommerzienrat blieb allein zurück
und verhalf sich nachträglich noch zu einer Tasse wenn gleich schon ziemlich
kalten Kaffees. dabei aber schien er plötzlich guten Humors geworden zu sein und
es war rührend und komisch zugleich, wie er nach genossenem Kaffee zum Zimmer
hinaus tänzelte.
 
                          Zweiundachtzigstes Kapitel.
                              Die Familie Wundel.
Der Brief, den Herr Blaffer an jenem denkwürdigen Abend dem Herrn Staiger
geschrieben hatte, war der Post übergeben worden und glücklich an seine Adresse
gelangt. Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geschüttelt, nachdem er ihn
gelesen, aus tiefster Brust dazu geseufzt und bei sich überlegt, ob er seine
Tochter Clara davon in Kenntnis setzen solle oder nicht. Doch sah er wohl ein,
dass sich ein solch trauriger Umschwung in ihren Verhältnissen vor der Tochter
nicht lange würde verheimlichen lassen, denn leider kannte er für den Augenblick
keine anderen Quellen, welche im Stande gewesen wären, ihm die verkümmerte
Einnahme zu ersetzen. Er lächelte, wenn er an all' die schönen Träume dachte,
denen er sich in den letzten Wochen so leichtsinniger Weise hingegeben.
    Clara las den Brief des Buchhändlers, ohne eine grosse Bewegung zu verraten,
doch zitterte ihre Hand, als sie ihn wieder zusammenfaltete und dem Vater
zurückgab. »Und was meinst du?« fragte sie mit tonloser Stimme. »Sollte das wohl
von ihm kommen?«
    Herr Staiger hätte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet; er
fühlte wohl, dass das ein neuer Dolchstoss für das unglückliche Mädchen gewesen
wäre. Er entgegnete also: »O nein, meine gute Clara; wer weiss, wie das zusammen
hängt! Mich hat Herr Blaffer nie leiden können, und wenn Herr Artur mit uns
nicht zerfallen wäre, so hätte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch
genommen.« - So sagte er, dachte aber anders; er ahnte vielmehr einen
Zusammenhang, ohne sich klar zu werden, worin dieser eigentlich bestehe. Ja, es
gab Augenblicke, wo er Artur für schuldiger hielt, als dieser in der Tat war.
    Leider machte sich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte
Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der armen Leute fühlbar. Obendrein
hatten sich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mädchens noch
vermehrt, und dabei wollte er sich nicht dazu verstehen, für die Unterhaltung
desselben das Geringste anzunehmen, obgleich Doktor Erichsen, der, wie wir
wissen, zuweilen in das Haus gekommen, ihm das dringend angeboten hatte. »Das
war früher nicht ausgemacht,« hatte ihm der alte Mann geanwortet; »ich nahm das
Kind gerne auf, weil es arm und hilflos in der Welt dastand; auch sind die
Kosten für dasselbe ja nicht der Rede wert. Und dann,« hatte er mit sehr
gezwungenem Lächeln hinzugesetzt, »sind wir nicht so arm, als der Herr Doktor
wohl glauben, und es ist uns wahrhaftig ein Vergnügen, auch etwas Gutes zu
tun.«
    Eigentümlich war es, dass Clara das fremde Kind ausserordentlich lieb
gewonnen hatte. Ihr war es wie ein Geschenk Arturs, und wenn sie so neben ihm
sass, ihm sein Kleidchen geordnet oder seine Haare geglättet, so versank sie oft
in Träumereien und dachte: »Ich erziehe mir hiemit einen lebendigen Zeugen
meiner Unschuld. Das Kind wird grösser und älter werden, es wird fühlen und
begreifen, wie ich Artur geliebt und noch liebe, denn ich habe ja keine
Ursache, das hier vor den Meinigen zu verschweigen; es wird auch schon noch
sehen, was hier bei uns geschieht, wie hier so gar nichts Heimliches und
Unrechtes vorfällt, wird erkennen, dass ich ja nie im Stande gewesen bin, treulos
zu werden und wird dann - vielleicht wohl erst nach langen, langen Jahren,«
fügte sie mit trübem Lächeln bei, »im Stande sein, ihm das alles zu sagen und
ihm so die Augen zu öffnen - über das Unrecht, das er an mir begangen.« -
    Wohl hätte ihm Clara das alles selbst sagen können, denn wenn Artur seit
jenem Vorfall auch nicht mehr in das Haus kam, so fühlte sie wohl, dass er ihren
Weg zum Oefteren durchkreuzte. Wenn sie in den Teaterwagen stieg oder denselben
an der Türe ihres Hauses verliess, so begann ihr Herz heftiger zu schlagen, der
Atem stockte ihr zuweilen plötzlich und sie vermied es alsdann, rechts oder
links zu schauen. Sie wusste auch ganz genau, dass es nur des geringsten Zeichens
von ihrer Seite bedürfe, nur ein Stehenbleiben, einen Blick um sich her, um ihn
augenblicklich heran zu ziehen. Doch das wollte sie gerade vermeiden. Sie war zu
stolz, sie fühlte sich zu sehr verletzt, um nach dem, was er ihr Alles gesagt,
eine Erörterung herbeizurufen, wenn sie eine solche auch zuweilen
herbeiwünschte. Aber diesen Wunsch hatte sie nur, wenn sie allein war, wenn sie
trotz des dunkeln Zimmers ihr Gesicht noch hinter ihren Händen verbarg, damit
Niemand sehen möge, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten, wie die Tränen
unaufhaltsam aus ihren Augen herabflossen.
    Die kleine Schwester Clara's war schon verständig genug, um weder diese noch
den Vater zu befragen, warum sie ihr Leben so plötzlich geändert habe. Sie
dachte sich, es müsse eine Ursache haben, dass namentlich die Küche des Hauses
noch unendlich einfacher, als dies früher geschehen, besorgt wurde. Das Bübchen
dagegen konnte dies gar nicht begreifen und verlangte fast jeden Tag
Aufklärungen, warum denn beinahe gar kein Fleisch mehr käme, und immer
Kartoffeln mit Suppe abwechselten. »Ihr seid alle sehr dumm,« sagte es, »dass ihr
es nicht besser haben wollt, und morgen verlange ich einen Kalbsbraten,
übermorgen Kuchen und dann so fort.«
    Vater Staiger konnte seine Klagen in diesen Fällen nur beschwichtigen, wenn
er ihm irgend ein Märchen erzählte. Er hatte jetzt leider auch recht viele Zeit
zum Märchenerzählen, denn wenn er auch durch die Rekommandation eines alten
Bekannten eine kleine Arbeit erhalten hatte, so war diese doch nicht der Art,
dass sie seinen Geist in Anspruch nahm. Es waren nämlich ein paar Abschriften,
die er zu befolgen hatte, und bei deren Anfertigung ihm volle Musse blieb, seinem
kleinen Sohn auf alle möglichen Fragen zu antworten.
    Da die Jahreszeit schon vorgerückt und es nicht mehr so kalt war, so hatte
Herr Staiger seinen Tisch näher an's Fenster gebracht und so konnte er auch
Abends länger schreiben, ohne ein Licht anzünden zu müssen. Ihm gegenüber sass
Clara mit einer Stickerei beschäftigt, eine Stickerei, die sie in besseren Tagen
angefangen, und die sie nicht lassen konnte, langsam zu vollenden. Marie hatte
sich des kleinen Kindes angenommen und zeigte ihm Bilder in einem grossen, halb
zerrissenen Buche - ein Amusement, welches das Bübchen durchaus nicht mehr
befriedigte. »Das ist Alles dummes Zeug,« sagte er mit grosser Bestimmteit, »und
das brauche ich nicht mehr anzusehen, denn ich weiss es genau. Auch ist Alles
nicht wahr, was in dem Buche steht, und es gibt keine Riesen, die kleine Buben
auffressen. Ich habe noch nie einen lebendigen gesehen.«
    »Das glaube ich wohl,« entgegnete lächelnd Herr Staiger, »diese Riesen
lassen sich auch nur sehen, wenn die Kinder über alle Beschreibung unartig sind.
Und ich hoffe, so arg schlimm bist du doch nicht.«
    »O er ist schon schlimm genug,« bemerkte die kleine Schwester, »denn er hat
gestern meiner Puppe das linke Bein ausgerissen und hat ihr auch den Kopf
abgeschlagen.«
    »Das ist aber sehr hässlich von dir, Karl,« sprach Clara, »Jetzt hast du alle
deine eigenen Sachen entzwei gemacht, und nun verdirbst du auch die von Marie!«
    »Die Puppe war nicht mehr schön,« erwiderte der Knabe, und wollte auch nicht
Seiltanzen.«
    »Kannst denn du Seiltanzen?« fragte der Vater.
    »O ja, wenn ich will, - aber ich will nicht. Und es ist auch nicht wahr,
wenn Clara sagt, ich mache meine Spielsachen entzwei; das Schönste habe ich doch
noch.« Bei diesen Worten griff er in die Tasche seiner Höschen und zog den Rest
einer Mundharmonika hervor, auf welcher er auch sogleich zu blasen anfing und
die kläglichsten Töne hervorbrachte. Glücklicherweise liebte er sehr das Piano,
und wenn er einen Ton so lange anhielt, bis fast gar nichts mehr zu hören war,
so blickte er zu gleicher Zeit wie in tiefe Gedanken versunken nachsinnend vor
sich hin, als wolle er den Ton verfolgen, der sich scheinbar in weite, weite
Fernen verlor. Plötzlich aber verstärkte er ihn, brach dann schrillend ab und
sagte: »Clara, ich habe Hunger.«
    »Das ist man bei dir gewohnt,« antwortete die ältere Schwester trübe
lächelnd. »Du bist ein kleiner Fresser, der an nichts Anderes denkt. Jetzt sind
es kaum ein paar Stunden, dass wir zu Mittag gegessen haben; wie kannst du schon
wieder Hunger haben?«
    »Weil ich keinen Kaffee mehr bekomme wie früher,« erwiderte finster das
Bübchen; »da hat man doch auch den Nachmittag was zu tun gehabt.«
    »Ich denke mir,« meinte der Vater, »du hättest gern alle Stunden mit Essen
und Trinken abgewechselt.«
    »Das hätte ich auch,« entgegnete Karl, »und immer was Besseres.«
    »Und wenn du nun das Allerbeste gehabt hättest, was es gibt, dann -?«
    »Dann -« wiederholte der Knabe, ohne zu verstehen, was der Vater eigentlich
sagen wollte, denn von einem Kulminationspunkt hatte er noch keine Idee.
    »Dann wäre es dir ergangen wie den beiden Fischersleuten, die im Wassertopfe
wohnten.«
    »Und den kostbaren Zauberfisch fingen,« rief Marie.
    »Ganz richtig,« versetzte Herr Staiger, indem er seine Feder niederlegte und
gedankenvoll an die Decke blickte. »Die wollten auch immer etwas Besseres,
zuerst Geld, dann ein Haus, dann Fürst werden, dann König, und zuletzt Pabst.
Das erhielten sie und wurden auch Alles nach und nach, als aber die Frau des
Fischers endlich der liebe Gott selbst werden wollte - pumps dich! da hatten sie
nichts mehr und mussten wieder in ihrem Wassertopfe wohnen und trockenes Brod
essen. - Das ist ein verständiges Märchen,« fuhr der alte Mann träumerisch fort,
»und wir Alle haben etwas von den Fischersleuten in uns. Heute begnügen wir uns
mit einer einfachen Mahlzeit, morgen ist uns die bessere nicht mehr gut genug,
denn wir wünschen alsdann dazu auch ein stattliches Zimmer, endlich ein Haus und
obendrein noch gar einen Titel.«
    »Ich glaube nicht, dass ich so wäre,« sagte Clara. »O, ich hätte eine Grenze
gewusst, bei der angekommen ich vollkommen glücklich und zufrieden gewesen wäre!«
    Der alte Mann blickte seine Tochter bewegt an, dann entgegnete er: »Ich
verstehe dich wohl, mein armes Kind, aber wenn auch damit für jetzt der Horizont
deiner Wünsche abgeschlossen wäre, so glaube mir zu deinem Troste, dass, wenn du
alles das erreicht hättest, doch die Zeit gekommen wäre, wo neue Wünsche dein
Herz bewegt hätten.«
    Clara wollte etwas erwidern, doch wandte sie ihren Kopf plötzlich gegen die
Kammer vor dem Wohnzimmer, wo man deutlich vernahm, dass dort die Türe geöffnet
wurde und sich Schritte näherten. Darauf klopfte es ziemlich laut und
vernehmlich, so dass sich die kleine Marie beeilte, »Herein!« zu rufen.
    Die Türe öffnete sich und es erschienen zwei Personen auf der Schwelle,
eine Dame und ein Herr, von denen sich die Erstere lachend der Tänzerin näherte,
und ehe diese aufstehen konnte, freundlich ihre Hände ergriff. Es war
Mademoiselle Terese, die lustig und strahlend hereintrat und sich
augenblicklich auf den Stuhl niederliess, den ihr Herr Staiger hinstellte, ohne
sich dabei viel um ihren Begleiter zu bekümmern, der, den Hut in der Hand,
ziemlich schüchtern an der Türe stehen geblieben war. Es war das ein Mann,
vielleicht in den Vierzigen, ziemlich dürr, mit einem ernsten, eingefallenen
Gesichte, hoch emporgezogenen Augenbrauen und etwas herabhängender Unterlippe.
Sein Haar war einfach zurückgekämmt, und da er hiebei den Kopf etwas geneigt
trug, so gab ihm das ein demütiges Aussehen, welches noch unterstützt wurde
durch die etwas gebeugte Haltung des Körpers und die verlegene Art, mit welcher
er seinen Hut in beiden Händen so hielt, dass sich seine Blicke in denselben
hinein, man möchte fast sagen: verkriechen konnten. Auf Momente erhob er die
Augen und dann fuhr aus ihnen ein eigentümlicher Blitz über die Tänzerin.
Dieser Herr trug einen braunen Ueberrock bis an den Hals zugeknöpft, so dass man
nichts sah als eine weisse Halsbinde, wodurch übrigens die fahle Gesichtsfarbe
ein wenig aufgefrischt wurde.
    Terese hatte sich nach Clara's und ihres Vaters, sowie auch nach dem
Befinden der Kinder erkundigt, auch gesagt, sie habe schrecklich viel zu tun
und wisse nicht, wo ihr der Kopf stehe, während welcher Zeit ihr Begleiter in
der Nähe der Türe verharrte. Erst als sich Clara erhob, um denselben zu
begrüssen und ihn mit einem Blick auf Terese zu bitten, gefälligst näher treten
zu wollen, wandte diese den Kopf herum und sprach leichtin: »Du brauchst dich
hier gar nicht zu geniren, Berger, das ist Herr Staiger und meine gute Freundin
Clara; wir sind hier ganz unter uns. Dort ist ein Stuhl, den kannst du dir
mitbringen. - Mein Bräutigam,« wandte sie sich mit einer Handbewegung an Herrn
Staiger, dann warf sie den Kopf etwas in die Höhe und fuhr ernster fort: »Ich
brauche dir wohl nicht zu sagen, liebe Clara, dass ich meine Brautvisiten mache.
- Gott! es ist das schrecklich langweilig,« setzte sie leiser hinzu.
    »Ah! da gratulire ich,« versetzte herzlich Herr Staiger, indem er dem
Bräutigam die Hand schüttelte und demselben dabei mit einem kleinen Rucke zum
Sitzen verhalf, denn Herr Berger schwebte einige Sekunden lang über dem Stuhle,
und schien es für passend zu halten, auf diese Art die Gratulation in Empfang zu
nehmen.
    »Da hast du viel zu tun,« sagte Clara nach einer Pause, während welcher sie
den Bräutigam und ihre schöne Freundin einen Augenblick forschend betrachtet.
    »Es geht so,« erwiderte Terese in nachlässigem Tone; »ich habe anfänglich
gar keine Besuche machen wollen, aber Berger meint, es sei notwendig, und ich
meines Teils habe mir auch die neue Verwandtschaft ein bisschen ansehen wollen.
- Und das war in der Tat der Mühe wert,« platzte sie nach einigen Sekunden
lachend heraus. »Du hättest die Gesichter sehen sollen! Berger hat eine grosse
und auch, was man so nennt, eine vornehme Verwandtschaft: wohlhabende Kaufleute,
ja Regierungs- und Kanzleiräte. Ich sage dir, Clara, ein Paar von diesen Damen
schnitten mir Gesichter, als müssten sie Rhabarber verschlucken; aber wie du mich
kennst, hat mich das ungeheuer amüsirt. Nicht wahr, Berger, ich habe mich gar
nicht blöde benommen?«
    »O nein,« erwiderte der Bräutigam, wobei er seinen Hut herumdrehte und nun
angelegentlich die obere Fläche betrachtete. - »Du hast ihnen recht gut
gefallen.«
    »Das will ich meinen,« fuhr Terese lachend fort. »Auch ich bin so ziemlich
mit ihnen zufrieden; ich habe sie meiner ganzen Gnade versichert, und wenn sich
deine Verwandtschaft gut aufführt, so soll sie mit mir zufrieden sein.«
    »Und Sie werden bald heiraten?« fragte Herr Staiger, der den Bräutigam
schon eine Zeitlang teilnehmend betrachtet hatte.
    Dieser schielte zu dem alten Herrn hinüber und erwiderte: »O ja, recht bald
- wenn Terese will.«
    »Das versteht sich von selbst. Man muss doch mit der Geschichte einmal ein
Ende machen. Ich hoffe, liebe Clara, du erhältst mich in deiner Freundschaft.
Hast du einen Augenblick für mich übrig?« setzte sie leise hinzu; »ich hätte dir
etwas zu sagen, was nur uns allein angeht.«
    »Du weisst,« entgegnete Clara errötend, »dass wir ausser der Kammer draussen
nur dieses Zimmer haben. Wenn du mit mir dortin gehen willst -«
    »O das ist gar nicht nötig,« versetzte die Andere, indem sie sich erhob,
»komm, treten wir an den Ofen.« Das hatte sie Alles in gedämpftem Tone
gesprochen, und setzte nun mit lauter Stimme hinzu: »Berger, du wirst dich einen
Augenblick mit Herrn Staiger unterhalten; ich habe mit Clara etwas abzumachen.«
Damit nahm sie diese unter dem Arm und trat mit ihr an den Ofen. Herr Berger
begann, dem erhaltenen Winke gemäss, augenblicklich über das Wetter zu sprechen,
und meinte, es sei noch immer recht kalt, doch da jetzt der Winter vorbei sei,
habe man Hoffnung, dass, dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach, nun doch am Ende
das Frühjahr erscheine.
    Terese stützte die rechte Hand auf die kleine Kinderbettlade, die hinter
dem Ofen stand, und sah ihrer Freundin so fest und forschend in die Augen, dass
sie dieselben niederschlug. »Nun wie steht's mit deiner Sache?« fragte sie
darauf.
    Clara erhob den Blick, schüttelte leicht mit dem Kopfe und entgegnete mit
sanftem Tone: »Ich weiss von nichts, will auch von nichts wissen.«
    »Und er hat gar nicht einmal den Versuch gemacht, dich zu sprechen?«
versetzte die Andere, wobei sie den Kopf ärgerlich in die Höhe warf. »Nicht
einmal den Versuch gemacht?«
    »O doch,« sagte Clara nach einem kleinen Stillschweigen, wobei ihre Blicke
abermals den Boden suchten. »Wie es mir scheint, machte er zuweilen den Versuch,
mich zu sehen; aber ich weiche ihm aus und vermeide ihn.«
    »Daran tust du nicht ganz unrecht, aber du musst es nicht zu weit treiben.«
    »Was ist denn da noch weit zu treiben?« sprach Clara schmerzlich. »Wer weiss,
warum er mir in den Weg tritt! Vielleicht, um seine Vorwürfe zu erneuern, wenn
ich dieselben anhören wollte.«
    »Vielleicht auch tut ihm sein Betragen leid und er möchte dich um
Verzeihung bitten.«
    Clara schüttelte den Kopf mit einem trüben Lächeln. »O nein,« sagte sie, »er
kam ja öfters hieher in unsere Wohnung und weiss gewiss, dass ich ihm hier für ein
offenes, ehrliches Wort gerne Rede stehen würde.«
    »Er wird sich scheuen; er weiss nicht, wie du ihn empfangen würdest. Du musst
schon ein bisschen nachgiebiger sein, mein Kind. Weisst du,« fuhr Terese fort,
indem sie ihren Shawl ordnete und denselben fest um ihre schlanke Taille zog,
»es ist leider einmal so in der Welt, und wenn man noch so sehr in seinem Rechte
ist, so muss man sich doch zuweilen beugen und schmiegen, und immer das Ziel im
Auge behalten, das man am Ende erreichen will.«
    Clara presste die Hand auf ihr Herz und erwiderte: »Ach! Terese, glaube mir,
ich habe kein anderes Ziel mehr vor Augen als das, welches uns allen
gemeinschaftlich ist. O er hat mein Herz gebrochen; ich fühle das; und nur die
grösste Wonne, die reinsten Freuden wären vielleicht im Stande, es zu heilen.
Aber dergleichen habe ich ja nicht mehr zu erwarten; hätte er mit mir über
irgend etwas einen kleinen Streit angefangen, hätte er mich heftig wegen Fehler
oder Unarten gezankt, ich wäre ihm dankbar dafür gewesen, aber er hat mir in
kaltem Tone vorgeworfen, ich sei ein treuloses Geschöpf, und dabei hat er mir
Worte gesagt, so fürchterlich, dass ich sie nicht vergessen kann. Es ist mir, als
ob sie irgend ein böser Geist beständig neben mir ausspräche, und Nachts werden
sie zu Träumen und quälen mich entsetzlich. - O das ist unerträglich!« fuhr sie
nach einer Pause fort, während welcher sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt
hatte. »Ich sehe ihn immer und immer vor mir stehen, wie er, mich verwünschend,
die Hände gegen mich ausstreckte und wie er sagte: ich zerreisse dieses Band;
hier vor der todten Marie sage ich mich feierlich von dir los. - Ah!
entsetzlich!«
    Terese hatte ihre Hand ergriffen, das arme Mädchen sanft an sich gezogen
und drückte nun den Kopf derselben auf ihre Schulter nieder. dabei küsste sie ihr
innig das schwarze Haar und liess sie eine Weile so ruhen, ehe sie ihr leicht den
Kopf wieder erhob, und sie alsdann auch herzlich auf die tränenden Augen küsste.
    »O du bist wirklich gut,« sagte Clara, »du hast ein braves, fühlendes Herz.«
    »Ich bin vielleicht nicht so schlimm, als man glaubt,« entgegnete die schöne
Tänzerin, und dabei zuckte ein wehmütiger Zug um ihren Mund. »Aber,« setzte sie
entschlossener bei, »keine Klagen, keinen Schmerz, liebe Clara! Für jetzt bin
ich noch nicht da, um mit dir zu weinen; das kann später geschehen. Jetzt wollen
wir einen Moment deine Angelegenheit ruhig in's Auge fassen, um zu ergründen,
was da vorgefallen sein könnte. - Dass er die Sache nicht vom Zaune gebrochen
hat, ist klar; weisst du, liebes Kind, wenn man sich mit einer Geliebten
entzweien will, ohne Ursachen zu haben, bloss weil sie einem nicht mehr gefällt,
so besorgt man das auf andere Art. Nein hier ist etwas vorgefallen.«
    »Aber ich habe nichts getan,« sprach Clara erschrocken.
    Auf das hin fasste Terese lächelnd ihre beiden Hände, sah ihr in die Augen
und erwiderte: »Das brauchst du mir nicht zu sagen, mein gutes Geschöpf. Herr
Artur ist sehr unerfahren, oder sehr dumm, dass er dich, mein Engel, mit deinem
offenen Gesicht, und deinen klaren, ehrlichen Augen irgend etwas Schlimmen
beschuldigen konnte. Es ist das rein unbegreiflich. Aber weiter Antworte mir ein
bisschen genau auf meine Fragen: Hast du vielleicht in der letzten Zeit oder auch
früher Jemand bemerkt, der sich für dich lebhaft interessirte, der dir
nachgegangen wäre, der es versuchte, dich zu sprechen, dir Briefe oder auch
vielleicht Blumen geschickt? Aber tue mir den Gefallen, liebes Kind, und genire
dich nicht vor mir; ich muss Alles wissen.«
    Clara lächelte einen Augenblick unter ihren Tränen hervor und entgegnete:
»Ach, es ist mir hart, über so etwas zu sprechen, aber ich weiss wohl, dass du es
gut mit mir meinst. - Ja, es hat sich wohl Jemand, wie du es nennst, für mich
interessirt, mir auch Blumen geschickt, sogar einmal ein Billet, doch habe ich
es nicht angenommen.«
    »Das ist gleichviel. Und wer war das?« »Graf Fohrbach.«
    »Ah! der Adjutant Seiner Majestät,« sagte Terese mit einem komischen
Ausdrucke. »Nicht so übel! sieh! sich! Das ist ein Faden, an dem wir uns halten
können. Und Artur kennt den Grafen?«
    »O ja, sehr genau. Sollte der vielleicht über mich gesprochen haben?«
    »Nichts Schlimmes, wenn du, wie du sagst, nichts mit ihm zu tun hattest. O
du brauchst es nicht zu beteuern, ich kenne dich. Graf Fohrbach ist einer der
anständigsten jungen Leute der Stadt. Und die Scene, die du mit Artur hattest,
ging bei der Becker vor sich? Was machte Herr Erichsen da?«
    »Ich weiss es nicht,« versetzte Clara. »Darüber habe ich dich schon fragen
wollen. Was hat er wohl da zu tun gehabt?«
    Terese zuckte die Achseln und erwiderte: »Die Becker ist ein schlimmes Weib
und treibt ein für junge Mädchen sehr gefährliches Handwerk. Doch das verstehst
du nicht ganz. Dass sie auch für den Herrn Grafen Fohrbach kleine Unterhandlungen
zu führen hatte, weiss ich ganz genau. - Es wäre möglich,« sagte sie nachdenkend,
»dass sich der Graf wegen dir - du brauchst nicht zu erschrecken - an die Becker
gewendet. Ja, bei Gott! das wäre möglich, dass die ihm etwas vorgeschwindelt und
Artur das erfahren. Das ist ein kleines Licht. - Und die Becker ist dir nie in
den Weg getreten?« fragte sie nach einer Pause.
    »O nein, bei uns war sie nie. Aber, halt einmal! Hier im Hause ist sie doch
einmal gewesen.« »Und das ist schon lange?«
    »Um Weihnachten, glaube ich. Da war sie hier nebenan bei der Frau Wundel,
die dort mit ihren beiden Töchtern wohnt.«
    Terese blickte einen Augenblick in die Höhe, dann fragte sie: »Frau Wundel
- wer ist das?«
    »Es ist eine sonderbare Familie,« erwiderte Clara achselzuckend. »Was sie
eigentlich treiben, weiss ich nicht, sie ist eine Wittwe, arm, und lebt wie ich
glaube von Unterstützungen.«
    »Ah! da muss mein Bräutigam sie kennen,« versetzte Terese eifrig und rief
alsdann laut: »Berger, kennst du eine Familie Wundel?«
    Der Gefragte wandte den Kopf herum, nickte und entgegnete: »O ja, ich kenne
sie - sehr, sie muss hier in diesem Hause wohnen.«
    »Was sind das für Leute?« forschte die Tänzerin weiter.
    Herr Berger zuckte mit den Achseln, machte ein saures Gesicht und sagte:
»Sogenannte verschämte Hausarme, aber unter uns bemerkt, nicht viel daran, haben
jedoch Konnexionen, denen sie Unterstützungen aller Art zu erpressen wissen.«
    Terese warf ihrer Freundin einen bedeutsamen Blick zu, dann fuhr sie fort:
»Werden wir dieser Familie einen Besuch machen?«
    »Es lag das durchaus nicht in meiner Absicht,« gab der Bräutigam in
bestimmtem Tone zur Antwort. »In dienstlicher Eigenschaft muss ich zuweilen
hingehen, aber es ist mir das unangenehm genug.«
    »So gehe einmal in dienstlicher Eigenschaft hin,« sagte das schöne Mädchen.
Und als sie Herr Berger einigermassen erstaunt und fragend anblickte, fügte sie
mit erhobenem Kopfe bei: »Ich wünsche das, mein Lieber. Nimm dir ein paar Gulden
in die Hand und tue so, als habest du ihnen irgend eine Unterstützung zu
bringen.«
    »Und du?« fragte Herr Berger misstrauisch.
    »Nun, ich begleite dich,« meinte Terese lachend. »Habe ich doch auch meine
Freude am Wohltun.«
    Nach diesen Worten erhob sich der Bräutigam förmlich und steif, doch schien
er ziemlich an Gehorsam gewöhnt zu sein, denn er versuchte keine weitere
Widerrede. Er schüttelte dem Herrn Staiger freundlich die Hand, machte Clara
eine tiefe Verbeugung und schritt zur Türe hinaus, gefolgt von Terese, die
ihre Freundin nochmals auf die Stirne küsste, wobei sie ihr sagte: »Noch ist
vielleicht nicht Alles verloren, gute Clara, ich will deine Angelegenheit in die
Hand nehmen.«
    - - Hätte die Familie Wundel eine Ahnung davon gehabt, mit welch'
ungewöhnlichem Besuch sie die Aussicht hatte erfreut zu werden, so würde sie ihr
Zimmer in andere Verfassung gebracht haben oder hätte ihre Türe fest
verschlossen gehalten, und das würdigste Mitglied derselben, Madame Wundel,
hätte nicht auf so bereitwillige Art »Herein!« gerufen, als von draussen sehr
bescheiden angeklopft wurde. Leider geschah dies zu der unglückseligen Stunde,
als die brave Wittwe im Gefühl ihrer Dankbarkeit gegen Madame Becker diese zu
einer guten Chokolade eingeladen hatte. Auf dem Tische dampfte eine angenehme
Kanne dieses vortrefflichen Getränks rings umher Wohlgeruch verbreitend, daneben
stand ein Teller mit prächtigem Backwerk, sanft gebräunter Gugelhopfen, welcher
von oben durch den darauf gestreuten Zucker wie ein Schneegebirge aussah, auch
freundlich glänzender Zwieback, sowie etwas Kräftigeres: Butterbrod mit einigem
Fleischwerk. Der Ofen verbreitete eine behagliche Wärme, und ein Kesselchen mit
warmem Wasser, welches auf der Kohlenglut stand, und neben demselben am Boden
eine Flasche Punschessenz, zeigten deutlich an, dass Madame Becker ihr
Lieblingsgetränk der sanften Chokolade vorzog. Sie mochte auch schon mehrere
Gläser davon zu sich genommen haben, denn ihre Wange war sanft gerötet, sie
schluckte häufig ohne Ursache und ihr Lachen war mehr ein Grinsen zu nennen,
auch blickte sie still in das Punschglas hinein und summte die Melodie eines
bekannten Liedes. dabei befand sich die Frau in Trauer, doch gab ihr lachendes
Gesicht einen starken Gegensatz zu der schwarzen Farbe ihrer Kleider. Neben ihr
sass Madame Wundel bestens aufgeputzt und strahlte vor Wohlbehagen; sie schien
soeben eine Tasse Chokolade geleert zu haben und schmatzte noch vergnügt mit den
Lippen. Emilie war beschäftigt, den Gugelhopfen zu zerschneiden und nur die
jüngere Tochter Louise schien am wenigsten Anteil an der Gesellschaft zu
nehmen, denn sie sass auf einem Stuhle an der unteren Seite des Tisches und hatte
ihren Arm nachlässig und solchergestalt über die Lehne gelegt, dass sie den
Anderen zur Hälfte den Rücken zudrehte.
    Es klopfte also, Madame Wundel rief: »Herein!« und die Türe öffnete sich. -
    Wären aber in diesem Augenblicke der selige Becker und der selige Wundel
erschienen, mit himmlischen Feierkleidern angetan und bereit, ihre teuren
Hälften in's bessere Jenseits abzuholen, das Entsetzen hätte nicht grösser sein
können, als beim Anblick des Armenpflegers, der seinerseits nicht weniger
erstaunt war, seine Unterlippe noch tiefer herabhängen liess und die Augenbrauen
bis an die Grenzen der Möglichkeit hinauf zog.
    Madame Wundel, gänzlich ausser sich, ohne alle Geistesgegenwart und so
überrascht jeder Verstellung unfähig, liess beide Hände auf den Tisch sinken und
starrte mit einem trostlosen Blicke den Eintretenden an. Emilie behielt mehr
ihre Fassung und machte den vergeblichen Versuch, den Gugelhopfen vom Tisch
verschwinden zu lassen, doch war ihre Bewegung zu heftig und rechts und links
fielen die aufgeschnittenen Stücke über Tassen und Tischtuch dahin. Louise
allein beharrte in ihrer Stellung, ja sie zuckte mit den Achseln und lächelte
höhnisch.
    Madame Becker, die den Armenpfleger wohl kannte und deshalb vollkommen das
Entsetzen ihrer Freundin begriff, fasste, auch wohl von dem starken Getränk
ermutigt, sich am schnellsten wieder, schüttelte ihre Nachbarin am Arme und
sagte mit ihrem breiten, gemeinen Tone und etwas sehr schwerer Zunge: »Ach,
Wundel, erschreck' Sie nur nicht so, der Herr Armenpfleger wird es wahrhaftig
nicht übel nehmen, wenn arme Kreaturen, wie wir sind, sich einmal einen
vergnügten Tag machen. - Was könnt Ihr auch dafür,« setzte sie mit einem
pfiffigen Blinzeln hinzu, »dass es mir nun einmal in den Kopf gekommen ist, Euch
mit Chokolade und was Gutem zu traktiren!«
    »Ja, was kann ich dafür!« sprach die Wundel nach einem tiefen Atemzuge,
indem sie begierig diesen Rettungsanker ergriff. »Die Becker ist eine so gute
Seele, eine so brave Frau und denkt gern an uns arme Leute. Ach Gott?« fuhr sie
fort und schlug ihre Augen scheinheilig auf, »wie käme auch sonst was so Gutes
an uns!«
    »Das missgönnt uns der Herr Armenpfleger gewiss nicht,« sagte auch Emilie
etwas gefasster.
    Die erstaunten Blicke des Herrn Berger fuhren indessen, auf's Höchste
überrascht, auf dem ganzen Tisch umher; ihm war es unfasslich, dass verschämte
Hausarme ein solch' angenehmes Leben zu führen im Stande seien, und wenn es ihm
unbegreiflich war, woher Madame Wundel das Geld zu diesen Ausgaben nahm, so
glaubte er doch nicht den Worten der Becker, namentlich nicht, als er in das
Gesicht seiner Begleiterin blickte, die mit einem unnachahmlichen, höchst
ergötzlichen Lächeln die Gesellschaft am Tische betrachtete.
    »Einen Stuhl! - Zwei Stühle! -« schrie nun plötzlich Madame Wundel, indem
sie hastig aufsprang. »Der Herr Armenpfleger tun uns die Ehre an, sich einen
Augenblick an unsern schlechten Tisch zu setzen.«
    Auch Emilie schnellte auf die Seite und Madame Becker erhob sich
schwerfällig. »Ist es nicht wie ein Fingerzeig von Oben,« sagte diese lallend,
»dass Ihr heute Euer Zimmer in so guter Verfassung habt, wo Ihr so schönen Besuch
bekommt? Ach! und auch Fräulein Terese,« fuhr sie knixend fort; »jetzt weiss
ich, wesshalb Euch der Herr Berger die Ehre antut, - es ist eine Brautvisite, ja
wahrhaftig, eine Brautvisite.«
    Madame Wundel, die noch immer nicht recht ihre Sprache gefunden hatte,
knixte zu wiederholten Malen und Emilie wiederholte mit einem bitterbösen
Lächeln und einem Seufzer das Wort: »Brautvisite.« Louise war unterdessen
ebenfalls aufgestanden und hatte zwei Stühle an den Tisch gestellt.
    Herr Berger liess sich auf einen derselben zögernd nieder, auch liess er sich
erst nieder, als er sah, dass Terese es sich auf ungenirte Art bequem machte,
mit vornehmem Kopfnicken den dargebotenen Platz annahm und darauf die Damen der
Reihe nach musterte.
    »Nein, die Ehre und das Vergnügen!« sagte jetzt auch Madame Wundel, indem
sie die Hände zusammenschlug. »Hätte ich mir das doch nicht träumen lassen! Und
wollen Fräulein Terese die Gnade haben, meinen ganz ergebenen Glückwunsch
anzunehmen, ebenfalls der Herr Armenpfleger nicht weniger, und wollen versichert
sein, dass es mir das grösste Vergnügen macht, Sie auf Ihrer Brautvisite zu sehen.
- Ein schönes Paar,« sagte sie scheinbar leise zur Becker, doch so laut, dass man
es allenfalls im Nebenzimmer gehört hätte.
    Terese tat aber natürlich nicht dergleichen, vielmehr blickte sie die
Wundel so unbefangen wie möglich an und versetzte: »Ja, wir machen unsere
Brautvisiten und da wir zufällig im Hause waren, ja auf demselben Stockwerke, so
fand es mein Bräutigam für angemessen, auch Ihnen, Madame Wundel, die Sie ihm
als eine stille christliche Frau bekannt sind, ebenfalls einen Besuch zu
machen.«
    Der Armenpfleger spitzte seinen Mund wie eine Karpfe, liess die Augen einen
Moment über den Tisch und das darauf befindliche Backwerck hingleiten und senkte
sie dann auf seinen Hut hinab, wo er emsig die Firma des Fabrikanten studirte.
    Madame Wundel hustete leicht und sprach: »Ah! Fräulein Terese waren also
schon im Hause, schon auf demselben Stocke?«
    »Allerdings,« entgegnete diese, »und zwar bei meiner besten Freundin, Clara
Staiger - die Sie ja wahrscheinlich kennen,« fuhr sie nach einer Pause lächelnd
fort.
    »O ja, wir kennen sie vom Aus- und Eingehen,« meinte die würdige Wittwe,
indem sie auf dem Tisch ihre Hände über einander legte. »Wie man sich so kennt,
als Nachbarn, oberflächlich.«
    »So, nur oberflächlich?« erwiderte die Tänzerin, aber obgleich sie das Wort
nur einmal aussprach, so schien es doch an alle Anwesenden gerichtet zu sein und
sie blickte jede derselben der Reihe nach scharf an. »Sie ist ein sehr braves
und geordnetes Mädchen, meine Freundin,« sagte sie darauf wie fragend.
    »Das ist sie,« bekräftigte die Wundel, »das ist sie, bei Gott, der Neid muss
es ihr nachsagen.«
    »Solid, sehr solid,« meinte die Becker; doch lächelte sie dazu auf
eigentümliche Art. Und Emilie setzte etwas boshaft hinzu: »Ein wahres Muster;
man könnte sie allen jungen Mädchen zum Exempel vorstellen.«
    In diesem Augenblicke wechselte die Wittwe mit Madame Becker einen Blick,
der, so schnell das auch vor sich ging, von Terese nicht unbemerkt geblieben
war.
    »O ich weiss, wie gut und lieb sie ist,« fuhr die Tänzerin fort. »Aber,«
setzte sie sehr langsam und mit scharfer Betonung hinzu, »um so auffallender ist
es, dass trotz allem dem Unangenehmes über ihren Lebenswandel verbreitet wurde -
ja, absichtlich verbreitet wurde.«
    »Ah!« machte die Wittwe mit gut gespieltem Erstaunen, »ist das die
Möglichkeit! Habt Ihr was davon gehört, Becker? Oder du, Emilie? Ja, die
Menschen sind schlimm.«
    Natürlicherweise wollte Niemand etwas davon vernommen haben, und um diesen
unangenehmen Gesprächsgegenstand zu unterbrechen, legte Madame Wundel ihren Mund
in recht süsse Falten und fragte, ob sie nicht die Ehre haben könne, dem Herrn
Armenpfleger oder Fräulein Terese mit einer Tasse Chokolade aufzuwarten?
    Herr Berger verneinte das eifrigst, Terese aber nahm es an. Und sie hatte
ihre guten Gründe dafür. Hatte sie dann doch ein paar Augenblicke, in denen sie
nicht zu sprechen, nur zu hören brauchte; und sie bedurfte einige Zeit zum
Nachdenken.
    Louise hatte eine Tasse geholt, sie vor Terese hingestellt und dabei nicht
ermangelt, ihr eigens zu gratuliren, was sie vorhin im allgemeinen Chorus
unterlassen. Dazu sagte sie: »Es wird Clara gewiss gefreut haben, Sie so bei sich
zu sehen, denn Clara ist gut und nimmt den innigsten Anteil daran, wenn es
ihren Bekannten wohl geht.« Madame Wundel unterliess nicht, ihrer Tochter einen
missbilligenden Blick dafür zuzusenden, dass sie ihre Nachbarin wieder erwähnte,
doch kehrte sich diese nicht im Geringsten daran, vielmehr fuhr sie fort: »Es
ist wahr, Fräulein Clara hat in den letzten Tagen Unangenehmes gehabt; ich weiss
nicht, ob sie Ihnen davon sagte.«
    »O ja, sie sprach mir davon,« entgegnete Terese. »Ich glaube, es betraf
einen Vorfall im Hause der Madame Becker dort, an dem Tage, wo Marie begraben
wurde. Wie war doch die Geschichte?«
    »Wie wird das gewesen sein!« erwiderte nach einigem Zögern die Becker, wobei
sie verlegen die Achseln zuckte. »Ich weiss es selbst nicht mehr genau, es betraf
einen jungen Herrn.«
    »Herrn Artur Erichsen,« versetzte Terese. »Er hat, so viel ich weiss, ein
kleines Verhältnis mit Clara und beschuldigte nun das arme Mädchen - gerade in
Ihrem Hause - einer Untreue, glaube ich, die sie gegen ihn begangen.«
    Madame Becker hatte ihren Arm auf den Tisch gestützt, vorher aber einen
starken Zug aus dem Punschglase getan, dann blinzelte sie mit ihren etwas
rötlich unterlaufenen Augen und meinte: »Nun ja, es muss etwas derart gewesen
sein; wild genug hat er sich angestellt, und wenn er mit mir so hart gesprochen
hätte, würde ich ihm anders die Wege gezeigt haben - so einem Naseweis.«
    »Uebermütig ist er schon,« versetzte die schlaue Tänzerin. »Was wird's
gewesen sein! Eine Eifersüchtelei! Hat sich vielleicht die Clara sonstwo ein
wenig den Hof machen lassen?«
    »Versteht sich!« rief die Becker erzürnt und klopfte auf den Tisch. »Da
kommt so ein junger Mensch her, spricht was von guten Absichten und meint nun,
dann dürfe ein anderer rechtschaffener Cavalier so ein Mädchen gar nicht mehr
ansehen.«
    »Aber Fräulein Clara lässt sich auch von sonst Niemand ansehen,« sagte
ängstlich Madame Wundel, mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf ihre Tochter
Emilie, welche die Zähne auf einander biss und die Becker giftig ansah.
    Diese trank ihr Glas vollends leer, schnalzte mit der Zunge und sprach: »Hat
sich was zum Ansehen! Daran stirbt man nicht und das schadet auch Niemand. Die
Clara wäre eine rechte Gans, wenn sie sich von dem Maler da hofmeistern liesse.«
    »Aber sie tut es doch,« bemerkte erzürnt die Wundel. »Clara ist die Tugend
selbst, und einer von den jungen vornehmen Herren würde schön ankommen, wenn er
sich in ihre Nähe wagen wollte.« Bei diesen Worten stiess sie ihre Nachbarin
heftig unter dem Tische mit dem Fusse an, doch hatte sich diese schon zu tief mit
dem Punsche eingelassen, um diese Berührung für mehr als eine zufällige zu
nehmen.
    »Und ich sage, die Clara hatte Recht, den Maler zu verabschieden,« rief sie
mit schwerer Zunge. »Da ist der Herr Graf doch ein anderer Mann, und mich freut
es, dass sie ihn erhört.«
    So schwer diese Worte auch die Tänzerin trafen, so verzog sich doch keine
Miene ihres Gesichtes, ja sie trank lächelnd ihre Chokolade, nicht ohne einen
Blick auf Emilie zu werfen, die ihre Hände zusammenballte und in höchster Wut
die alte Schwätzerin gegenüber mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
    »Aber was faselt Ihr für dummes Zeug!« sagte Madame Wundel, die mühsam an
sich hielt. »Wie könnt Ihr über meine Nachbarin, über Mamsell Clara, über die
genaue Freundin unserer zukünftigen Frau Armenpflegerin so etwas aussagen! Von
was schwätzt Ihr denn eigentlich?«
    Terese hatte ihre Tasse ruhig hingesetzt und warf dann leicht ein: »Wir
wissen wohl, wovon Madame Becker spricht, von dem Verhältnis Clara's mit dem
Grafen Fohrbach.«
    »Das ist's,« sprach die Becker mit lallender Zunge. »Und das ist ein schönes
Verhältnis, ein dauerndes Verhältnis. O Wundel, Ihr solltet euch Eurer Arbeit
nicht schämen; Ihr habt doch grosse Mühe damit gehabt und die Sache geschickt
angefangen. Ehre dem Ehre gebührt!«
    »Dass Euch der -« sprach die würdige Wittwe und wollte hinzusetzen: Ihr
betrunkenes Weibsbild! - »Wie könnt Ihr so garstiges Zeug plappern? Ich bin eine
ruhige Wittfrau; was hätte ich mit Euren Geschichten für Arbeit gehabt! Was
gehen uns Eure schmutzigen Verhältnisse an! Nicht wahr, Emilie? Was hätten wir
für Euch geschafft!«
    »Oho!« rief die Becker und ihr Auge funkelte zornig, »seh' mir Einer die
würdige Wittfrau! Jetzt nennt sie das schmutzige Verhältnisse, womit sie ein so
schweres Sündengeld verdient.«
    Der Armenpfleger hatte seine Augen langsam aus dem Hute erhoben, blickte
achselzuckend gen Himmel und sagte alsdann zu seiner Braut mit leiser Stimme:
»Ich glaube, es wäre besser, wir verliessen diese Wohnung.« dabei begann er sich
von dem Stuhle zu erheben.
    Terese aber zog ihn eifrig wieder nieder, tat als wolle sie ihr Sacktuch
aufheben, das ihr entfallen und flüsterte ihm zu:
    »Es ist ein gutes Werk, Berger, wenn du noch einige Augenblicke bleibst.
Hier gilt es, schlechte Menschen zu entlarven und einem unglücklichen Mädchen zu
helfen.«
    Unterdessen hatten sich Madame Wundel sowie Emilie über den Tisch
hinübergebeugt und blickten Madame Becker an, ganz mit dem zärtlichen Ausdruck
eines Paares wilder Katzen, die begierig sind, einer Freundin die Augen
auszukratzen. Louise hielt sich fern, sie hatte sich an's Fenster gestellt und
blickte hämisch lachend auf die Gruppe am Tische.
    »Pfui!« rief Emilie nach einer Pause, »schämt Euch, Becker, über Euer
ungewaschenes Maul!«
    »Larifari,« entgegnete diese laut lachend; »ich brauche mich nicht zu
schämen, ich wohne am Kanal in der Kaserne, stehe für mein Geschäft ein und
heisse Becker. Ich leugne nicht, was ich treibe; schämt ihr euch selbst, ihr -
verschämte Hausarme,« setzte sie, plötzlich sehr ernst werdend, hinzu; und dann
kreischte sie: »Seh' mir Einer die Wundel an! Hat bei meinem Geschäft schweres
Geld verdient und will sich nun meiner schämen! O du Weibsstück!«
    Die Wundel war mit ihrer Tochter Emilie in die Höhe gesprungen und es schien
einen Augenblick, als wollten sich diese Bekenntnisse edler Seelen in einen
erbitterten Kampf verwandeln. Doch erblickte die Wittwe vor sich das ernste,
missbilligende Gesicht des Armenpflegers, deshalb fasste sie sich mit
übermenschlicher Anstrengung, schluckte einige Mal heftig, stützte beide Fäuste
auf den Tisch und sagte alsdann: »Herr Armenpfleger! - Gott soll mich bewahren,
dass ich Reden, wie das Weib da eben verführt, vor Ihren Ohren auf mir sitzen
liesse. O nein!« rief sie mit einem Anflug erkünstelter Wehmut, »was habe ich
arme Wittfrau sonst als Ihre Meinung, Herr Armenpfleger! Stehe ich ohne Sie
nicht ganz verlassen da in dieser Welt mit meinen beiden armen Würmern, ohne
Hilfe, ohne Verdienst -«
    »Ohne Verdienst!« hohnlachte die Becker. »Hat Sie von mir nicht schweres
Geld für das Geschäft bekommen! Aber bei Ihr bleibt nichts - Sie ist wie ein
Sieb - Sie -« Hier stockte das Weib plötzlich in ihrer Rede, und wir glauben
nicht, aus plötzlich eingetretenem Zartgefühl, vielmehr veranlasst durch die
Faust der Mademoiselle Emilie, welche drohend hinter dem Stuhl der Sprechenden
stand. Auch duckte sich diese scheu zusammen und schien, obgleich zu spät, zu
fühlen, dass sie sich hier zu Eins gegen Drei befand.
    »Hören Sie also,« fuhr Madame Wundel im Tone gekränkter Unschuld fort. »Ja,
es ist wahr, dieses Weib da forderte mich auf, ihr in einer ihrer unsaubern
Geschichten zu helfen.«
    »Sie sollten vermitteln zwischen Clara und dem Grafen Fohrbach?« fragte die
Tänzerin.
    »Ja,« schrie die Becker, indem sie, sich dann nach Emilien umsehend, mit der
Faust kräftig auf den Tisch schlug. »Und sie tat es, sie lieferte mir das
Mädchen.«
    Die würdige Wittfrau warf einen Blick an die Decke des Zimmers, dann sagte
sie achselzuckend und mit grosse Milde: »Herr Armenpfleger, man muss es der Frau
verzeihen, sie geht zu viel mit gemeinem Volke um, sie hat keine Idee davon, dass
es noch rechtliche Menschen gibt, die so viel als möglich Unheil zu verhüten
suchen.«
    »Und Sie verhüteten also das Unheil?« forschte die Tänzerin.
    »Ach ja, Fräulein Terese,« fuhr Madame Wundel fort. »Und ich glaube, es ist
keine meiner schlechtesten Taten. Das Weib wandte sich freilich an uns, wir
aber kannten Fräulein Clara, wie Sie sie selbst kennen, und nur in der Absicht -
gewiss nur in der Absicht, um die Becker von ihrer Spur abzuleiten, unternahmen
wir die unangenehme Kommission -«
    »Ein Rendezvous zu vermitteln,« sagte Emilie, indem sie sich vordrängte.
    »Und kam zu Stande?« fragte Terese.
    »Ja, es kam zu Stande!« rief triumphirend die Becker. »Glauben Sie mir, wenn
dies Weib seine Krallen einmal einschlägt, da hält sie fest.«
    »Es kam allerdings zu Stande,« bemerkte Madame Wundel nach einem abermaligen
Blick an die Zimmerdecke, »aber ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass Clara
gänzlich aus dem Spiele blieb.«
    »Ah, ich verstehe!« sprach Terese freudig. »Ich danke Ihnen für diese
Aufklärung.«
    Madame Becker ihresteils schien das nicht sogleich zu verstehen. Endlich
aber begriff auch sie, dass die Wundel sie geprellt und eine Andere zu dem
bewussten Rendezvous geschickt worden war. Wie sie langsam zu dieser Erkenntnis
kam, verwandelten sich alle ihre Gesichtszüge. Anfänglich war sie hohnlachend
dagesessen, jetzt aber fiel ihre Unterlippe schlaff herab, ihre Augen stierten
ein paar Momente starr vor sich hin; dann aber blitzte das Feuer des Zorns in
ihnen auf, ihre Lippen schlossen und öffneten sich krampfhaft, und schäumend
sagte sie: »Also so wollt Ihr meine noble Kundschaft verderben! - Ihr Pack!«
dabei hatte sie sich langsam erhoben, hatte ihr Gesicht mit einem
unbeschreiblich frechen Ausdruck auf Zollweite dem der Wittwe genähert, welche,
wie das Vögelein vor dem Blicke der Schlange leider nicht im Stande war,
zurückzuweichen. Leider sagen wir, denn in der nächsten Sekunde brannte eine so
ungeheure Maulschelle auf der Wange der Madame Wundel, dass diese laut
aufkreischend in ihren Stuhl zurückfiel. Es war eigentlich komisch anzusehen,
wie im gleichen Augenblicke der Armenpfleger von seinem Sitz emporschnellte,
Terese am Arme ergriff, mit zwei Schritten die Stubentür erreicht hatte und
das Zimmer verliess. Erst hinter der geschlossenen Türe blieb er tief atmend
stehen und setzte bedächtig seinen Hut auf.
    »Gott sei Dank!« jubelte Terese, »dass das so gekommen ist. Glaube mir,
Berger, um keinen Preis der Welt wollte ich das eben nicht gehört haben. War dir
die Scene unangenehm?«
    »Sie hat auch für mich ihr Gutes,« erwiderte bedächtig der Armenpfleger,
indem er seine Schreibtafel herauszog, darin blätterte und durch den Namen der
Wittwe Wundel einen sehr dicken Strich machte.
    Dass übrigens Madame Becker dem rächenden Geschick ebenfalls nicht entging,
brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu versichern. Wenn sich auch Louise
Wundel von dem Kampf, der nun erfolgte, fern hielt, so waren doch die Wittwe und
Emilie kräftig genug, um der Madame Becker einen gehörigen Denkzettel zu geben.
    Die Tänzerin blieb zaudernd auf der Treppe stehen. »Gern möchte ich Clara
sprechen,« sagte sie, »doch ist es besser, ich versuche es, den Herrn Erichsen
zu finden. - Komm, Berger.«
    Beide stiegen nun vollends die Stufen hinunter, setzten sich in den Wagen,
der drunten auf sie wartete, und fuhren davon.
 
                          Dreiundachtzigstes Kapitel.
                                     Clara.
Vielleicht war es zufällig, dass Artur sich an diesem Nachmittage in der Nähe
der Balkenstrasse befand, genug, Terese, die aufmerksam umherspähte, erblickte
ihn wenige Strassen von dem Hause Clara's entfernt; sie klopfte dem Kutscher an
die Fensterscheiben und liess halten.
    Artur, welcher sich bei seinem Namen gerufen hörte, näherte sich dem
zweisitzigen Wagen und war nicht wenig erstaunt, die schöne Tänzerin in
demselben zu sehen. Sie teilte ihm auch gleich lachend den Zweck ihres
Umherfahrens mit, stellte ihm den Herrn Berger vor, nannte auch diesem den Namen
des Malers und fragte dann, ob er nicht Zeit habe, sie einen Augenblick zu
begleiten. Sowohl Artur als Herr Berger sahen bei dieser Aufforderung das
schmale Coupé an und Ersterer sagte zu Terese, so angenehm es ihm auch wäre,
sie zu begleiten, so fürchte er doch sehr, sie in ihrem Platz zu derangiren.
    »Aber ich muss Sie sprechen und zwar auf der Stelle sprechen,« erwiderte
hartnäckig die Tänzerin; »ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen. Und was den
Platz anbelangt, da kann man schon Rat schaffen, Berger ist wohl so gut und
setzt sich für ein paar Minuten draussen zum Kutscher. Du kannst deinen
Regenschirm aufspannen, dann erkennt dich Niemand, man hält dich höchstens für
einen Lohnbedienten.«
    »Aber,« meinte Artur leise, »Sie verlangen zu viel.«
    »Und was soll der Kutscher denken, mein Kind!« versetzte Herr Berger. Doch
hatte er den Schlag schon halb geöffnet, um hinaus zu steigen.
    »Machen Sie nur keine Umstände,« rief die Tänzerin dem Maler zu. »Kommen Sie
geschwind herein. - Und was den Kutscher anbelangt,« wandte sie sich an den
Andern, der schon draussen auf dem Tritte schwebte, »so kannst du ihm meinetwegen
sagen, es sei dir hier im Wagen zu warm gewesen und du wollest draussen ein wenig
frische Luft schöpfen. Weisst du, Berger,« fuhr sie leise fort, indem sie sich
zum Wagen hinausbeugte, »ich mag dem Kutscher nicht laut zurufen, dass er nach
der Balkenstrasse, dem Hause Clara's, zurückfahren soll, das kannst du besorgen.«
    »Das hätte ich tun können und doch wieder in den Wagen hineinsteigen,«
entgegnete der Armenpfleger in kläglichem Tone.
    »Aber es ist besser so,« sagte Terese und zog den Schlag hinter ihm zu.
    Artur war lächelnd in den Wagen gestiegen. Herr Berger hatte den Bock
erklettert, seinen Regenschirm aufgespannt und bot neben dem Kutscher nichts
Auffallendes. Er sah in der Tat aus wie ein Lohnbedienter und schielte auch wie
ein solcher, dessen Geschäft es ist, die Fremden auf alle Merkwürdigkeiten
rechts und links aufmerksam zu machen, zuweilen hinter sich in den Wagen.
    »Ich komme soeben von Clara,« begann Terese in demselben. »O Herr Erichsen,
wenden Sie sich nicht unmutig weg! Glauben Sie mir, Sie haben dieses gute und
edle Mädchen unverantwortlich behandelt. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Sie sind
doch auch schon mit vielen Leuten umgegangen, Sie haben doch auch
Menschenkenntnis. Schauen Sie ihr doch in das klare und unschuldige Auge, kann
der Blick trügen? Glauben Sie wirklich, Clara sei fähig gewesen, Sie zu
hintergehen? - Die gute Clara, mit dem Gemüt eines Kindes, die nicht einmal
weiss, was Betrug ist! O ich möchte fast sagen: Sie verdienen dies Herz nicht,
das Sie so leichtsinnig weggeworfen.« Und nun erzählte sie ihm in aller Eile,
ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, was soeben in der Wohnung der Wittwe Wundel
vorgefallen, und beschwor ihn, jetzt sogleich hinauf zu gehen, er werde die
ganze saubere Gesellschaft noch beisammen finden und es werde ihm nicht schwer
werden, von denselben das Geständnis wiederholt zu erhalten.
    Damit hielt der Wagen vor dem bekannten Hause und als Artur, der mit
klopfendem Herzen den Worten Teresens gelauscht, nun die dunkle Türe mit den
ausgetretenen Stufen vor sich sah, über die er so oft voll Freude und Glück auf-
und abgestiegen war, die er darauf tief betrübt so lange vermieden, für ihn eine
Ewigkeit, obgleich er das Haus selbst vermittelst der umliegenden Strassen
unaufhörlich umkreist, sowohl bei Tag als bei Nacht, als er nun wieder davor
stand, glaubend an die Worte der Tänzerin, da schwand aller Groll, aller Argwohn
aus seinem Herzen, eine unendliche Liebe für Clara erfüllte es mehr als vordem,
und nach herzlichem Dank und Gruss gegen Terese sprang er in den dunklen
Hausflur hinein.
    Die schöne Tänzerin blickte ihm ein paar Sekunden nach, dann fuhr sie mit
der Hand über die Augen und sprach zu sich selber: »Das ist mein schönstes
Hochzeitsgeschenk. Ach! die Versöhnung da oben muss entzückend sein. Wie
glücklich werden sich diese Beiden fühlen, zu einander hingezogen, innig
verbunden durch gleiche herzliche Liebe.« Hierauf legte sie sich seufzend und
nachsinnend in die Ecke des Wagens, doch hatte sie vorher an die Scheiben
geklopft und dem Herrn Berger gesagt: »So, nun kannst du wieder herein kommen.«
    Artur gelangte übrigens nicht so schnell in den oberen Stock; je höher er
stieg, desto mehr Gedanken häuften sich auf sein Herz und hingen sich schwer an
seine Schritte. Er gedachte jenes Abends, wo er an des Grafen Stelle das junge
Mädchen empfangen, er bemühte sich, die Figur derselben auf's Genauste in seiner
Phantasie festzustellen, und nachdem er das zum ersten Mal seit jenem Vorfalle
ruhig getan, begriff er selbst nicht mehr, dass er Jene mit Clara habe
verwechseln können. Dann dachte er auch eifrig darüber nach, wo er sie nach
jenem Abende wieder gesehen und ob er da wohl eine Spur von Befangenheit, irgend
etwas Verlegenes in ihrem Betragen gegen ihn bemerkt. Ach! er erinnerte sich
jetzt genau, dass sie ihm den andern Tag mit offener Stirn und ehrlichem Blick
wie immer entgegen gesprungen war, dass sie ihm freudig beide Hände dargereicht
und dass sie darauf schüchtern wie immer und halb errötend seinen etwas
stürmischen Kuss geduldet. - Ach! und diese süssen Küsse, er hatte sie so lange
entbehren müssen, er hatte so lange nicht mehr in ihr gutes, liebes Auge
geblickt! Jetzt kam ihm sein ganzer Argwohn wie ein Wahnsinn vor, jetzt konnte
er es nicht begreifen, warum er nicht gleich offen und ehrlich mit Clara
gesprochen, ihr seine Unterredung mit dem Grafen Fohrbach mitgeteilt und ihr
gesagt: wie kann das zusammenhängen? Noch viel weniger aber begriff er, dass er
nicht gleich nach jenem schrecklichen Tage, wo er sie zum letzten Mal an der
Leiche der unglücklichen Marie gesehen, zu der Wundel geeilt war, die ihm von
Madame Becker als Unterhändlerin genannt worden war. Kopfschüttelnd und
unzufrieden mit sich selbst stieg er die Stufen hinauf.
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    Clara hatte sich wieder an ihre Arbeit niedergesetzt, sobald Terese vorhin
das Zimmer verlassen. Doch wollte ihr dieselbe nicht mehr so von der Hand gehen
wie vor der Unterredung. Sie war in den letzten Tagen ruhiger geworden, sie
hatte die Erinnerung an jene schreckliche Stunde gewaltsam zurückgedrängt, und
diese trat nun zugleich mit dem stärkeren Klopfen ihres Herzens allmählig wieder
lebendiger und schrecklicher vor sie hin. Warum hatte sie sich von jenem
Augenblick überwältigen lassen, warum hatte sie, statt seinen Vorwürfen
gegenüber zu schweigen, nicht ruhig eine Erklärung verlangt über das, was er
ihre Treulosigkeit genannt? - Sie wusste es selbst nicht. Es war vielleicht eine
richtige Eingebung des Moments gewesen, es war ihr weiblicher Stolz, der sich im
Gefühle gekränkter Unschuld dagegen empört hatte. Ach! und wie hatte sie
gelitten nach jener Unterredung; wie war ihr die ganze Zukunft finster
erschienen, wie alles Glück von ihr gewichen - und nirgends, nirgends ein
Hoffnungsstrahl! Jetzt - sie wusste selbst nicht warum - regte sich in ihrem
Herzen ein Gefühl, als sei vielleicht noch nicht Alles verloren, als würde die
Nacht in ihrem Gemüte nicht ewig währen, als könne auch für sie noch ein neuer
Tag anbrechen, nochmals die Sonne hell und glänzend aufsteigen.
    Herr Staiger, der vor sich seine Tochter in tiefen Träumereien sah, hatte
die Feder wieder ergriffen und schrieb langsam fort, nicht ohne zuweilen einen
Blick auf Clara zu werfen.
    Die Kinder hatten während des Besuchs diesen aufmerksam betrachtet und Marie
hatte zum grossen Ergötzen des Bübchens den Gang und die Haltung der zukünftigen
Madame Berger nachgeahmt, worauf sich Karl veranlasst sah, die Rolle des
Armenpflegers zu übernehmen. Er knöpfte sein Jäckchen bis unter das Kinn zu,
holte sich des Vaters Hut aus der Ecke und schaute unverwandt in denselben
hinein, wobei er so steif als möglich auf und ab ging. Dann nahm er einen
kleinen Fussschemel, trug ihn zwischen Vater und Clara an den Tisch und setzte
sich selbst darauf, wobei er die Haltung des Herrn Berger auf so komische Art
karrikirte, dass der Vater, der zufällig aufblickte, laut und herzlich zu lachen
anfing. Auch Clara, die hierdurch aus ihren Träumen aufgeschreckt wurde, musste
lächeln, als sie die kleine Figur vor sich sitzen sah, die, den Kopf steif in
die Höhe haltend, sie unverwandten Blicks betrachtete.
    »Es ist eigentlich nicht schön von dir, Karl,« sagte der alte Mann, »dass du
Leute nachmachst, die uns besuchen. Man nennt das: Jemand verspotten; und aller
Spott tut weh.«
    »Aber ich will Niemand verspotten,« sagte das Bübchen, »ich habe nur Clara
zum Lachen bringen wollen, denn sie schaut immer so betrübt vor sich hin und
bekümmert sich gar nicht mehr um mich.«
    »Das kannst du gewiss nicht sagen,« erwiderte Clara, indem sie die Arme in
den Schoss sinken liess, »ich bekümmere mich um dich gerade so viel wie sonst.«
    Der Kleine schüttelte mit dem Kopfe.
    »Nicht?« fragte Clara, »und warum glaubst du das?«
    »Du spielst nicht mehr mit mir,« sagte Karl. »Du hast mir schon lange nicht
mehr aus dem Bilderbuche vorgelesen, auch keinen Schlitten mehr gemacht und die
Bilder, die mir Herr Artur geschenkt, willst du gar nicht mehr ansehen.«
    Als Clara hierauf schwieg, sprach Herr Staiger: »Das wird Alles wieder
kommen; Clara wird dir wieder Schlitten machen und auch wieder die Bilder
ansahen.«
    »Aber Herr Artur hat lange keine Bilder mehr gebracht,« meinte Marie, die
hinzugetreten war. »Warum lässt er sich nicht mehr sehen?«
    »O ich hab' ihn gestern gesehen,« sprach eifrig das Bübchen.
    »Du wirst dich irren,« versetzte Clara, indem sie errötend mit dem Kopfe
schüttelte.
    »Nein, ich irre mich nicht! Er stand gestern am Ende unserer Strasse; ich
konnte ihn von der Haustüre aus gut sehen.«
    »Und warum riefst du ihm nicht?« fragte Marie.
    »Als ich das tun wollte, ging er gerade fort,« versetzte Karl. »Er muss mich
nicht gesehen haben.«
    »Gewiss, so ist es,« meinte Clara traurig, »er hat dich nicht gesehen. Er
weiss nicht mehr, dass wir hier wohnen.« So ruhig sie dies anscheinend sagte, so
stockte doch ihr Atem, als sie die Worte aussprach, ihre Augen füllten sich mit
Tränen, und sie war nicht im Stande, den bunten Faden, den sie in der Hand
hielt, einzufädeln. Dienstfertig drängte sich die kleinere Schwester näher, und
als sie ihr Faden und Nadel aus der Hand genommen hatte, was Clara ruhig
geschehen liess, fasste diese mit ihren beiden Händen den Kopf des jungen Mädchens
und drückte ein paar innige Küsse auf das blonde Haar desselben.
    Diesen Moment mochte Karl nicht so vorbei gehen lassen; er sprang von der
andern Seite an den Stuhl der Schwester, fasste sie mit dem Arm sanft um den Leib
und sagte, er wolle auch eine Nadel einfädeln, um einen Kuss zu bekommen.
    Clara hatte sich gerade in herzlicher Liebe zu ihm niedergebeugt, hatte ihn
wiederholt auf die kleinen frischen Lippen geküsst und ihn notgedrungen zu sich
emporgehoben, da er sich an sie hing und seine Arme um ihren Hals geschlungen
hatte, wobei er lauter jubilirte und lachte als gerade notwendig war, als die
junge Tänzerin sah, dass ihr Vater sich mit einer Verbeugung eilig vom Tische
erhob und der Türe zuschritt, welche langsam geöffnet wurde. Auch vernahm sie
eine Stimme, welche sagte: »Bitte um Entschuldigung, aber ich klopfte mehrmals,
was man wahrscheinlich nicht gehört hat.«
    Es war eine ältliche Dame, von der diese Worte ausgingen, in einfacher
Kleidung, der man aber ansah, dass sie den höheren Ständen angehörte. Sie hatte
ein ernstes, würdevolles Gesicht, eine etwas spitze Nase und lebhafte graue
Augen, mit denen sie aufmerksam das Zimmer und namentlich die Gruppe am Tisch zu
betrachten schien.
    Der armen Clara war es zu Mute, als träte das Verhängnis in Person,
Vergangenheit und Zukunft, drohend vor sie hin. Sie hielt das Bübchen fest in
ihren Armen, ja sie drückte es an sich und zwar so, als wollte sie Schutz bei
demselben suchen vor etwas Erschrecklichem, was in der nächsten Sekunde über sie
hereinbrechen müsse. Sie kannte die alte Dame wohl, obgleich sie nie ein Wort
mit ihr gewechselt. Aber mit welchem Interesse hatte sie dieselbe betrachtet in
der Kirche, auf der Strasse, im Teater, wenn die Tänzerin an der uns bekannten
Öffnung im Vorhange stand und nicht davon wegzubringen war, wenn die Dame
droben in ihrer Loge sass! Da war sie wie festgebannt und musste unverwandten
Blickes hinaufsehen. O sie waren so kalt und teilnahmlos, diese Züge, nicht
eine Miene bewegte sich in dem Gesicht, kaum merklich nickte sie rechts oder
links, wenn sie auf einen ganz ergebenen Gruss dankte. Ja, wenn sie gesprochen,
so wischte sie sich mit ihrem Sacktuch die Lippen ab, und wenn sie längere Zeit
stillschwieg, was meistens vorkam, so hielt sie die spitzen Finger der linken
Hand unbeweglich auf die Logenbrüstung. Wie oft hatte sie ihn - Artur - über
diese Frau gefragt, ob sie zu Haus auch so einsilbig und verdriesslich sei, ob
sie denn nie freundlich spreche oder gar lache, und es hatte sie ein kleiner
Schauder überflogen, ja ein Schauder, trotzdem es sie auch glücklich gemacht
hatte, wenn er zu ihr sagte: »Du wirst sie ja noch kennen lernen, Clara. Ihr
Herz ist gut, auch teilnehmend, und sie hat dieses allzuernste und gemessene
Wesen nur so angenommen; gewiss, sie kann auch freundlich sein und sogar lachen.«
Wie oft hatte das junge Mädchen von dieser Dame geträumt! Und dann war sie ihr
immer als böser Engel erschienen, hatte die magere Hand zwischen sie und Artur
gestreckt, hatte mit dem Kopfe geschüttelt, und darauf war Alles, Alles aus
gewesen. Wenn alsdann Clara in diesen Träumen auch flehend ihre Hände nach
Artur ausstreckte, und, verzweiflungsvoll seinen Namen rufend, vorwärts
strebte, ihn wieder zu erreichen, so war es doch, als treibe eine gewaltige
Luftströmung die beiden Liebenden aus einander, immer weiter und weiter, bis
sein Bild undeutlich wurde, ein Schatten, und dann ganz erblasste, obgleich das
Bild der alten Dame gleich lebendig, gleich starr, drohend und ernst in der
Mitte stehen blieb. - Ah! und ihr Blick war dann gerade so wie jetzt, als sie
nun in Wirklichkeit in's Zimmer trat.
    Herr Staiger war ihr entgegen gegangen, hatte der für ihn Unbekannten eine
respektvolle Verbeugung gemacht, und war, als diese mit einem einfachen
Kopfnicken erwidert wurde, händereibend und etwas verlegen an die Seite
getreten, eine Anrede erwartend. Die Dame blickte aber eben so unverwandt auf
Clara, auf das Bübchen und auf Marie, die sich ebenfalls an die ältere Schwester
geschmiegt, als erstere sie unaufhörlich ansah. Mochte sie nun den entsetzten
Blick der Tänzerin bemerken, und ihr die weit aufgerissenen Augen der kleinen
Kinder etwas komisch vorkommen, genug, sie wandte sich mit einem etwas
freundlicheren Gesichtsausdruck zu Herrn Staiger, indem sie ihm sagte: »Ich habe
mir erlaubt, Sie in einer gewissen Angelegenheit zu besuchen, wenn Sie nämlich
ein paar Augenblicke für mich übrig haben.«
    Der alte Mann verbeugte sich abermals, rieb sich wiederholt und noch
verlegener die Hände, denn ihm kam die Idee, als setze die Dame voraus, sie
müsse notwendig von ihm gekannt sein, was denn aber durchaus nicht der Fall
war. dabei murmelte er etwas von grosser Ehre, vielem Vergnügen, und als die Dame
hierauf langsam in das Zimmer hinein dem Tische zuschritt, leerte er rasch einen
Stuhl, indem er Bücher und Papiere mit dem Arm auf den Boden niederstrich.
    In demselben Verhältnis, in dem sich die Dame dem Tische näherte, liess Clara
das Bübchen auf den Boden gleiten und erhob sich langsam von ihrem Stuhle. dabei
sah sie sehr bleich aus und ihre Hand, die sie auf dem Tische aufgestützt hatte,
zitterte heftig, auch holte sie mühsam Atem, und als sie nun der Näherkommenden
eine tiefe Verbeugung machte, schoss ihr das Blut in's Gesicht, und eine
plötzliche Röte überflog ihre vor einer Sekunde noch so blassen Züge.
    Die Dame liess sich ruhig auf dem angebotenen Stuhle nieder, und als Herr
Staiger, der ehrerbietig neben ihr stehen geblieben war, sich nun ein Herz fasste
und sie unverkennbar fragend ansah, sagte sie: »Sie scheinen mich nicht zu
kennen; ich bin die Frau des Kommerzienrats Erichsen.«
    Sobald der alte Herr diesen Namen gehört, trat er unwillkürlich einen
Schritt zurück, blickte die Dame mit einem wahren Erschrecken an und brachte
mühsam die Worte hervor: »Oh! - das ist zu viel Ehre!«
    Die Kommerzienrätin schien übrigens gar keine Antwort zu erwarten und auch
seine Worte nicht zu hören, denn sie sah unverwandt auf Clara, welche vor diesem
ernsten Blick zuerst ihre Augen niederschlug, sie aber dann im Gefühl ihres
redlichen und unschuldsvollen Herzens langsam wieder erhob und die Rätin
ehrfurchtsvoll, aber fest anschaute.
    »Das ist Ihre Familie?« sprach diese nach einer Pause, während welcher sie
alle Anwesenden der Reihe nach betrachtete.
    »Das ist meine Familie, ja wohl, Frau Kommerzienrätin,« entgegnete Herr
Staiger, der nicht im Stande war, sich so rasch von seinem Erstaunen zu erholen,
und der häufig nach Clara hinüber blickte, um vielleicht auf dem Gesichte
derselben lesen zu können, was das wohl zu bedeuten habe. »Es ist meine
Familie,« wiederholte er. »Das ist meine Tochter Clara, das die kleine Marie,
und das ist Karl.«
    »Und dort die Kleine?« fragte die Rätin.
    »Ist eine arme Waise,« versetzte Herr Staiger, »ein verlassenes Kind, das
auch hier so bei uns ist.«
    »Für dessen Unterhaltung Sie sorgen?« fragte Madame Erichsen.
    »O ja,« sagte lächelnd der alte Mann. »Aber es ist nicht der Rede wert; das
kleine Ding macht uns weder Kosten noch Mühe.«
    »Und Ihre Frau?« forschte die Rätin weiter.
    »Ist schon vor einigen Jahren gestorben; es war das hart für mich, doch liess
mir der liebe Gott da meine Clara heranwachsen, und sie vertrat Mutterstelle bei
den kleinen Geschwistern - ja wohl!«
    »Sie sind aber nicht viel zu Hause, Mademoiselle?« wandte sich Madame
Erichsen an die Tänzerin. »Wie ich mir sagen liess, haben Sie den ganzen
Vormittag Ihre Geschäfte ausserhalb demselben, und Abends ist auch Ihre Zeit
meistens beschränkt.«
    Clara zuckte unmerklich zusammen, als die Rätin nun zum ersten Male ihre
Worte direkt an sie richtete; doch waren diese Worte ziemlich weich, ja
freundlich gesprochen, wesshalb sie es auch vermochte, nach einem tiefen
Atemzuge zu antworten. »Unsere Verhältnisse sind klein,« sagte sie, »und da ist
auch die Arbeit gering. Wir haben zwei Zimmer, wenig Bedürfnisse, und dafür
finde ich Zeit genug.«
    »Und haben wohl noch Musse, daneben andere Sachen zu arbeiten?« bemerkte
Madame Erichsen. »Lassen Sie doch sehen. Sie machen da eine superbe Stickerei.«
Bei diesen Worten streckte sie ihre Hand aus, und Clara reichte ihr die
angefangene Arbeit. Doch flammte eine tiefe Röte auf ihrem Gesichte auf, als
die Rätin nun gleichmütig ein paar Nadeln herauszog, welche die halbfertige
Stickerei zusammen hielten, diese auseinander rollte und ein Sophakissen zeigte
von wirklich herrlicher Arbeit, auf's Sauberste ausgeführt. Es war ein
Blumenkranz auf blauem Grunde, in der Mitte prangte deutlich und verräterisch
ein grosses A.
    »In der Tat eine schöne Arbeit,« sprach die Rätin; »das ist wohl der
Anfangsbuchstabe des Namens Ihres Vaters?« sagte sie nach näherem Betrachten,
ohne aufzublicken.
    Die Tänzerin kämpfte gewaltig mit sich selbst, sie unterdrückte einen tiefen
Seufzer und erwiderte mit leiser Stimme: »Ja, gnädige Frau.«
    Jetzt schaute diese in die Höhe; sie schien eine andere Antwort erwartet zu
haben, und blickte deshalb forschend auf das Mädchen. Als aber Clara schweigend
die Augen niederschlug, schüttelte sie lächelnd den Kopf und wandte sich an die
kleine Marie, welche ihre ältere Schwester offenbar verwundert ansah. dabei
deutete die Rätin mit ihrem langen Zeigefinger auf das verhängnisvolle A. und
sagte: »Du, Kleine, was soll der Buchstabe heissen?«
    Einen Augenblick blieb sie die Antwort schuldig und schaute, wie Rat
erholend, bald Clara, bald ihren Vater an. Doch zuckte dieser leicht mit den
Achseln, jene aber schien es zu vermeiden, dem Blicke des Kindes zu begegnen.
    »Nun?« fragte die Rätin abermals, »was heisst das?«
    »Es heisst Herr Artur,« entgegnete das kleine Mädchen.
    »Und wer ist Herr Artur?« forschte die Dame weiter. »Weisst du das nicht?«
    »Aber ich weiss es,« sprach mit einem Male das Bübchen, indem es seinen Kopf
hinter dem Arme Clara's hervorstreckte. »Herr Artur ist mein Freund, der Herr
Erichsen, der mir sehr schöne Drachen macht und Bilderbücher mitbringt. Er ist
aber lange nicht da gewesen; warum, das weiss ich nicht.«
    »So, er ist lange nicht da gewesen?« versetzte die Rätin mit weicherer
Stimme und blickte abermals angelegentlich auf die Stickerei.
    Clara schrak ordentlich zusammen, als das Bübchen jenen Namen genannt; Herr
Staiger rieb sich stärker die Hände, hustete verschiedene Male und sagte:
»Allerdings besuchte uns Herr Erichsen zuweilen, doch in der letzten Zeit gar
nicht mehr; vordem hatten wir eine gemeinschaftliche Arbeit, wenn ich mich so
ausdrücken darf; ich übersetzte Onkel Tom's Hütte und Herr Artur machte die
Illustrationen dazu für die Buchhandlung Johann Christian Blaffer und
Compagnie.«
    Die Kommerzienrätin hatte langsam ihr Tuch vor den Mund genommen und
während sie hinein hustete, blickte sie lange und forschend auf Clara.
    Diese hatte sich gefasst; obgleich ihre Hand noch leicht zitterte und ihre
Gesichtszüge bleicher waren, als vorhin, so hielt sie doch ihre Blicke nicht
mehr niedergeschlagen, sondern schaute die alte Dame offen und ehrlich an. Sie
fühlte ihr Unrecht, dass sie Artur anfänglich verleugnet, sie wollte das nicht
mehr tun, mochte auch daraus erfolgen, was da wolle, und wenn auch ihre Lippe
schwieg, so sprach desto beredter ihr Auge. dabei wollen wir gestehen, dass die
Rätin diese Sprache verstand, ja sie erkannte in dem glänzenden Blicke die
klare und reine Seele des Mädchens, sie las in der Glut, welche aus diesen
schönen Augen aufblitzte, ihre grenzenlose Liebe zu Artur, und die Tränen,
welche dieselben einen Moment nachher verschleierten, diese Tränen des
Schmerzes waren ebenfalls für sie keine Rätsel mehr. Hatte doch das Bübchen
gesagt, Herr Artur sei in der letzten Zeit gar nicht mehr gekommen.
    Es war das ein eigentümlicher Moment, und wir nehmen an, dass die Rätin,
ihrer Gewohnheit gemäss, gern auf den Tisch getrommelt hätte, doch sass sie etwas
zu weit von demselben entfernt. Herr Staiger räusperte sich gelinde, und Marie,
sowie das Bübchen, zogen sich scheu zurück und blickten mit Furcht und Grauen in
das strenge Gesicht der Dame. Doch wurden diese Züge auch allmählig weicher und
weicher, und wir glauben annehmen zu dürfen, dass Clara die Gunst der Rätin
gewonnen. War dieselbe doch mit der Absicht hieher gekommen, versöhnend
aufzutreten, hatte sie ihrem Sohne doch schon die Leidenschaft für die Tänzerin
verziehen, wegen seines Gehorsams, seiner kindlichen Liebe zu ihr, wie sie
meinte, der er seine Liebe geopfert! Sie hatte wohl bemerkt, wie schmerzlich es
seinem Herzen gewesen, dem Mädchen zu entsagen, und sie hatte das nicht recht
begreifen wollen. Jetzt aber, wo sie Clara vor sich sah, wo deren gewinnendes
Äussere seinen Zauber auch auf ihr Herz ausgeübt, verstand sie es vollkommen,
wie Artur schmerzlich gekämpft, welches Opfer er ihr gebracht. Dass auch noch
andere Schatten zwischen diese beiden reinen Seelen getreten waren, wusste sie
freilich nicht; sie schrieb Alles Arturs kindlicher Liebe für sie zu, und da es
ihrem Stolze schmeichelte, dass der Sohn ihr dieses grosse Opfer gebracht, so
hatte sie beschlossen, eben diesen Stolz aus ihrem Herzen zu verbannen und
Artur glücklich zu machen. Auch wollen wir nicht verschweigen, dass zugleich mit
diesen edlen Gefühlen auch die Bitterkeit gegen die Kreise, in denen sie sich
bisher bewegt, mitgeholfen hatte, den Entschluss zu fassen. Daneben hatte auch
Eduard und Marianne, ja selbst der Kommerzienrat mitgewirkt, nicht zu übersehen
der Kommerzienrätin vertrauteste Freundin, die Tutelarrätin Wasser, welche in
allen ihren Kreisen verbreitet hatte, mit dem Hause Erichsen gehe es stark
abwärts, denn sie wisse aus bester Quelle, Artur werde eine Tänzerin heiraten,
- Artur, auf den sich so manche Tochter der verschiedenen Rangklassen Hoffnung
gemacht, Artur, für den die Tutelarrätin selbst eines ihrer Wässerchen
bestimmt!
    Die Pause, die wir hier in unserer Erzählung gemacht, fand auch in
Wirklichkeit in der, obgleich ohnedies vorher schon spärlichen Unterhaltung der
Anwesenden in der Staiger'schen Wohnung statt. Dass ein Augenblick der Erklärung
heranrücke, fühlten Vater und Tochter wohl. Es war eine Pause der peinlichsten
Ungewissheit, es sollte jetzt ein Moment kommen, entscheidend für das Glück oder
Unglück zweier Leben.
    Die Kommerzienrätin hatte die Stickerei wieder zusammengerollt, und selbst
die Nadeln wieder sorgsam eingesteckt, dann sagte sie mit ruhiger Stimme:
»Beendigen Sie Ihre Arbeit so bald als möglich - Clara,« - bei diesem Worte
blickte sie in die Höhe - »und wenn Sie dieselbe beendigt haben, so bringen Sie
sie mir.«
    Das waren an sich unbedeutende Worte, welche die Dame gesprochen, doch war
es Clara gerade, als habe sich der Himmel geöffnet und als habe ein Engel ihr
tausend Worte des Trostes und der Hoffnung zugerufen. Sie presste ihre Hände auf
das wildschlagende Herz, sie blickte innig und dankend in die Höhe, als wolle
sie dort etwas Sichtbares erspähen, die mächtige Hand, welche Segen auf sie
herabgestreut. - Ach! und doch waren diese Worte nur ein vorübergehender
Sonnenblick, und gleich darauf verhüllten wieder schwarze, drohende Wolken ihren
schönen heiteren Himmel. Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglücklichen
Marie, sie hörte seine vernichtenden Worte - es war ja Alles für sie verloren!
Und im Übermass des tiefen Schmerzes drückte sie ihre Hände vor die Augen und
weinte laut hinaus. Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfasst,
und da nun der Letztere die Oberhand behielt, so fühlte sie sich um so tiefer
von der Höhe herabgestürzt, auf welche sie die tröstlichen Worte der Mutter
Arturs erhoben.
    Da fühlte sie mit einem Male, dass zwei Hände die ihrigen erfassten und sanft
von ihrem Gesichte wegzuziehen versuchten, und als sie das fühlte, zitterte sie
heftig, denn aus diesen Händen strömte eine Wärme auf die ihrigen über, eine
Wärme, die sich ihrem Gesichte mitteilte und dieses plötzlich tief erglühen
liess. Fest und innig hatte Jemand ihre Finger erfasst und zog sie ihr langsam vom
Gesichte herab. Aber es durchschauerte sie so dabei, dass sie unwillkürlich die
Augen schliessen musste, doch nur auf einen Moment, eine Sekunde, denn darauf
vernahm sie eine bekannte Stimme, die ihr leise und schmeichelnd sagte: »Meine
gute, gute Clara - mein innig geliebtes Mädchen!«
    Es war ganz sonderbar, als sie nun die Augen öffnete, dass sie Niemand vor
sich sah, ja, sie musste die Blicke herabsenken, um Jemanden wahrzunehmen, der zu
ihren Füssen lag, der abwechselnd ihre Hände küsste, dann wieder flehend zu ihr
aufblickte und dazwischen sprach: »O meine gute, gute Clara, verzeihe mir -
verzeihe mir, mein unschuldiges Mädchen; ich habe Alles erfahren.«
    Wie sich Artur in das Zimmer geschlichen, war Allen unbegreiflich; aber es
unterlag keinem Zweifel, dass er da war, und dass er voller Freuden da war,
glücklich und selig. Jetzt sprang er hastig in die Höhe, ohne Clara's Hand
loszulassen, vielmehr zog er sie hastig zu seiner Mutter hin, die in Ermanglung
eines Tisches sanft auf die zusammengewickelte Stickerei trommelte. »Das ist
meine Clara!« rief er jubilirend, »nicht wahr, eine liebe und schöne Clara, und
nicht wahr, Mama, Sie haben nichts mehr gegen uns Beide?«
    Hierauf hustete die Kommerzienrätin laut und geräuschvoll, aber sie tat es
in diesem Augenblicke nur, um ihre heftige und unschickliche Rührung zu
verbergen. Herr Staiger genirte sich weniger, denn obgleich sein Mund lächelte,
flossen ihm doch die Tränen über die Wangen herab, so dass die kleine Marie ganz
bestürzt darüber war und alle Anwesenden der Reihe nach erstaunt ansah. Das
Bübchen allein schien von der Wiederkunft Arturs nur die praktische Seite zu
bedenken; es schaute äusserst vergnügt auf seinen Freund und sah im Geiste eine
Menge ungeheurer Bilderbücher, sowie Drachen mit den allerlängsten Schwänzen.
    Wir, die wir dies niederschreiben, und der geneigte Leser, der es liest,
befinden uns in dem Falle, als ständen wir gerade vor der geöffneten Türe der
Staiger'schen Wohnung und als sähen wir, selbst unbemerkt, all' diese
Glückseligkeit, all' diese leuchtenden Augen, all' diese Tränen der Freude.
Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird, dass wir mitfühlend einen Augenblick
stehen blieben, die schöne Gruppe betrachtend, Mancher hoffend auf ein ähnliches
Glück, so halten wir es doch für passend, gleich darauf still vorüberzugehen,
nachdem wir leise die Türe vor jedem ferneren neugierigen Blicke verschlossen,
und somit auch dieses Kapitel beendigt haben.
 
                          Vierundachtzigstes Kapitel.
                           Whist mit dem todten Mann.
Vor dem Hause, welches der Baron Brand in dieser Eigenschaft bewohnte, hielt ein
schwerer Reisewagen vollständig bepackt und bespannt; die Laternen waren
angezündet, die beiden Postillone standen neben ihren Pferden, und ein Diener in
einfacher Reiselivrée hatte den Schlag geöffnet und irgend etwas herausgenommen,
welches er einer Kammerfrau einhändigte, die auf dem hohen Hintersitze des
Wagens dicht in einen Mantel mit Kaputze eingewickelt sass. Darauf schloss der
Bediente den Schlag, zog die Ledermütze in's Gesicht und sagte zu dem einen
Postillon: »Jetzt wird's bald losgehen, es kann keine Viertelstunde mehr
dauern.« Nach diesen Worten nahm er zwei Mäntel, die er über den Schlag gelegt
hatte, einen grossen und einen kleinen, auf den Arm, und stieg die Treppen
hinauf.
    Der Baron befand sich in seinem kleinen Salon, er stand hier neben einem
hohen Fauteuil, in welchem die Baronin von W. sass. Obgleich es in dem Zimmer
sehr warm war, so sass diese doch zusammengekauert da, als friere sie, und dabei
hielt sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt. Neben ihr stand ein uns
wohlbekannter kleiner Knabe, der seine Hände um einen ihrer Arme geschlungen
hatte, den Kopf fest an ihre Schulter drückte und zugleich aufwärts schaute in
das Gesicht des Herrn von Brand, der zuweilen mit den Fingern durch das dichte,
krause Haar des Kindes fuhr, wobei sich ein trauriges Lächeln auf seinen Zügen
bemerklich machte.
    »So wären wir also fertig,« sagte der Baron nach einer Pause. »Du gehst nach
Dornhofen, dessen Kauf ich gestern in Richtigkeit brachte. Beil wird mit den
notwendigen Papieren und allem Uebrigen wahrscheinlich schon morgen folgen. Wie
ich heute vom Grafen Fohrbach vernahm, von dem Kriegsminister nämlich, ist deine
Scheidung von dem General schon so gut wie ausgesprochen; in ein paar Wochen,
meine liebe Schwester, bist du frei.«
    Bei diesen Worten fasste die schöne Frau nach ihrem Kinde, drückte ihre
Lippen auf seine Stirn, dann sprach sie mit leiser Stimme: »Aber, Henry, du bist
mir immer noch eine Antwort schuldig. Warum schickst du mich von hier fort?
Oder, wenn du es für besser hältst, dass ich jetzt nicht in der Residenz bleibe,
warum gehst du selbst nicht mit? Steinfeld weiss ja um die traurige Geschichte
unseres Hauses, und dass du mein Bruder bist. Ich weiss nicht, Henry, wie mir ist,
aber ich meine, ich sollte dich nicht aus den Augen lassen, ja ich spreche es
aus, da ich überzeugt bin, dass du nicht abergläubisch bist - es ist mir immer,
als drohe dir ein Unglück. Du hast Feinde.«
    »Aber er hat auch Waffen,« sagte der Knabe, der seinen Kopf aus den Händen
der Mutter losgemacht hatte und mutig in die Höhe schaute. »Du hast recht
scharfe Waffen, nicht wahr? Und wenn man die hat, braucht man sich vor keinen
Feinden zu fürchten.«
    »Waffen habe ich allerdings,« erwiderte der Baron dem Kinde, da er es
vermeiden zu wollen schien, die Fragen seiner Schwester direkt zu beantworten.
»Doch gibt es Feinde,« setzte er hinzu, indem er den Kopf mit einem trüben
Lächeln schüttelte, »gegen die man keine Waffen gebrauchen kann.«
    »Warum nicht?« fragte der Knabe. Und die Baronin seufzte tief.
    »Man ist deshalb doch nicht wehrlos,« fuhr der Baron fort, während er sich
hoch aufrichtete. »Weisst du, mein Sohn, wenn die Feinde mit den Waffen in der
Hand kommen, so geht man ihnen gerade so entgegen; fassen sie uns aber mit List,
Falschheit und Heuchelei, so stellen wir ihnen das Gleiche entgegen; und da
fragt es sich dann immer noch, wer der Klügste ist?«
    »O, du bist der Klügste,« sprach entschieden das Kind und öffnete seine
grossen Augen weit. »Herr Beil hat es immer gesagt.«
    Der Baron nickte mit dem Kopfe, doch antwortete er erst nach einem kleinen
Stillschweigen, wobei er gedankenvoll vor sich hinblickte: »O ja, ich war
zuweilen recht klug, aber dafür auch wieder so unklug, dass oft eine Stunde
zerstörte, was ich in langen Tagen vorher mühsam aufgebaut. - Doch da führen wir
ein Gespräch, welches meine Behauptung rechtfertigt; so etwas ist unklug für
eine Abschiedsstunde.«
    »Ja, für eine Abschiedsstunde,« sagte Frau von W. mit leisem Ton. Dann hob
sie plötzlich den Kopf in die Höhe, fasste mit ihren beiden Händen die Rechte des
Barons und sprach mit einer Stimme, welche das tiefe Weh ihres Herzens verriet:
»Aber ich sehe dich bald wieder, Henry, nicht? - in den nächsten Tagen, das
versprichst du mir?«
    »Ich glaube, dass ich dir das versprechen kann,« erwiderte ruhig der Baron,
»wenn mich nämlich alle meine Entwürfe und Pläne nicht im Stiche lassen und
meine Voraussetzungen nicht trügen.«
    »Aber bald, Henry.«
    »Ich denke wohl, meine gute, gute Lucie. Doch es ist acht Uhr,« sagte er
beinahe unruhig. »Wenn du noch länger zögerst, wirst du sehr spät ankommen.«
    »Warum treibst du mich so von dir?« fragte sie mit weicher Stimme. »O, ich
hätte dir noch so viel zu sagen, was mir im Augenblicke gar nicht in den Kopf
kommen will; aber wenn du mir bis morgen Zeit lässt, so wird mir Alles wieder
einfallen.«
    »Zeit bis Morgen!« versetzte er lächelnd. »Ich kenne das, nein Lucie, für
heute muss es geschieden sein. - Für heute, und für morgen,« setzte er mit
plötzlich veränderter Stimme hinzu. »O mein Gott!« Bei diesen Worten beugte er
seinen Kopf tief herab und drückte seine Lippen fest und innig auf die weisse
Stirne seiner Schwester. - »Ja, meine geliebte Lucie,« sagte er nach einer
längeren Pause, »gehe jetzt, denn sonst ist des Abschiednehmens kein Ende. Und
doch, da du gehst, ist es mir, als sänke meine Lebenssonne unter und liesse mich
in schwarzer Nacht allein.«
    Frau von W. war rasch aus dem Fauteuil aufgestanden und hatte beide Arme um
den Hals ihres Bruders geschlungen. »Henry!« flehte sie, »lass mich nicht
abreisen, lass mich bei dir bleiben! Warum willst du nicht vor der Welt erklären,
dass du mein Bruder bist? O lass uns zusammen ein friedlich stilles Leben führen!«
    »Das ist zu spät!« entgegnete er nach einer Pause. Doch war der Ton, mit dem
er das sagte, so eisig kalt, so schrecklich, und dabei der Blick seiner Augen so
wild und starr, dass die arme Frau ihn erschreckt betrachtete.
    »Nicht dieses Wort, Henry,« bat sie, »nicht diesen Blick! Du versinkst
wieder in deine seltsamen Träumereien. Starre nicht so vor dich hin. Es ist ja
Niemand da, der dich und mich bedroht.«
    »Sagt' ich nicht, es sei zu spät?« fuhr er nach einem längeren
Stillschweigen empor, und setzte darauf in leichterem Tone hinzu, als er in die
bleichen, schreckensvollen Züge seiner Schwester blickte: »Zu spät, sagt' ich?
Ich wollte sagen: spät genug. Und das ist es auch, meine gute Lucie. - Der
Zeiger der Uhr steht auf Acht; so lebe denn wohl, mein Kind, so lebe wohl, meine
Schwester, so lebe wohl, mein Alles, was ich auf dieser Welt habe!«
    Nach diesen Worten, die er leidenschaftlich herausgestossen, machte er sanft
ihre Hände von seinem Nacken los, drückte dieselben schweigend an seine Lippen,
schaute einen Augenblick mit zusammengebissenen Lippen in die Höhe, und dann
beugte er sich schnell zu dem Knaben herab, den er in seine Arme nahm und
unzählige Mal auf die frischen Lippen und die leuchtenden Augen küsste.
    »Adieu, Lucie! adieu, ihr Lieben!« - Und als traue er seiner eigenen Stärke
nicht, klingelte er heftig mit einer Glocke, die auf einem der Tische stand, und
als der Kammerdiener erschien, sagte er: »Den Mantel für die Frau Baronin.« -
Der alte Diener verbeugte sich, ging hinaus und liess die Türe offen, unter
welcher nun der Bediente erschien, den wir vorhin unten am Wagen gesehen.
    Noch einmal wandte sich die Baronin ihrem Bruder zu und reichte ihm beide
Hände, die er an seine Lippen drückte. Noch einmal küsste er den Knaben innig auf
die Stirn, dann schritt er der Türe zu, begleitete die Baronin an die Treppe
und kehrte in sein Zimmer zurück. - Da aber wurde sein Schritt so wankend, dass
er sich mit der einen Hand fest am Tische halten musste, während er sich mit der
andern über die Augen fuhr. Es überfiel ihn ein Schwindel, doch dauerte er nur
ein paar Sekunden, worauf es dem Baron möglich war, an das Fenster zu treten. Er
drückte seine brennende Stirn an die kalten Scheiben und blickte auf den Wagen
nieder, der soeben von dem Bedienten geschlossen wurde. Die Postillone schwangen
sich in die Sättel - er sah noch einmal das Gesicht der Schwester, die aufwärts
schaute, ihn suchte, fand und darauf auch das Kind an das Fenster des Wagens
hob. Dann zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon. - »O haltet! haltet!«
sagte er droben, der einsam zurückgeblieben. »Ich Tor, sie nicht noch eine
halbe Stunde länger gehalten zu haben! - - Und doch, es ist besser so. Leb wohl
- leb wohl auf ewig!« - - -
    »Der Augenblick hätte mir eigentlich erspart werden können,« sprach er nach
einer Pause halblaut zu sich selber, »wie noch mancher andere, der auch nicht
angenehm sein wird, durch eine sicher treffende, mitleidige Kugel, deren so
viele an meinem Kopf vorübersausten. Aber wer kann seiner Bestimmung entgehen?
Nun, das Schwerste wäre überstanden; was jetzt noch kommt, ist Kinderspiel und
nicht der Rede wert.« Er machte einen raschen Gang durch das Zimmer und als er
sich nach einigen Sekunden im Spiegel beschaute, schien er mit seinem Aussehen
zufrieden zu sein. Seine Züge waren wieder gänzlich beruhigt und nachdem er den
Bart etwas emporgekräuselt, bemerkte man nichts mehr von dem Sturme, der wenige
Minuten vorher noch sein Herz erschüttert.
    »Herr von Steinfeld!« sagte der Kammerdiener, der geräuschlos in das Zimmer
getreten war. Worauf der Angemeldete eintrat und von dem Baron freundlichst
empfangen wurde.
    »Sie kommen absichtlich ein paar Minuten zu spät,« sagte er, »ich verstehe
Sie vollkommen. Aber Sie sahen sie doch noch?«
    »O gewiss,« erwiderte der Andere; »sie reichte mir die Hand zum Schlage
heraus.«
    »Es ist ein gutes Weib,« meinte träumerisch der Baron, »und ich hoffe, sie
wird glücklich sein.«
    »Glücklich sein und glücklich machen,« entgegnete Herr von Steinfeld. »O,
ich versichere Sie, es ist gut, dass Alles so kommen musste, das wird das Glück
meines Lebens begründen. - Aber Sie, Henry, wie ist's mit Ihnen? Wenn ich Ihnen
sage, dass ich nicht im Stande bin, weder an Lucie noch an das Kind zu denken,
dass ich mich nur immer mit Ihrem Schicksal beschäftige, so rede ich die
Wahrheit. Seien Sie nicht so verschlossen gegen mich, gewähren Sie mir nur den
geringsten Lichtschein in dieser Finsternis!«
    »Das ist nicht gut möglich,« antwortete lächelnd der Baron. »Sie wissen, dass
mir das Dunkel zuweilen behagt. Verlangen Sie für den Augenblick nichts Anderes;
ich besorge in demselben meine kleinen Geschäfte, und glauben Sie mir, die Zeit
liegt nicht fern, wo Ihnen Alles, Alles klar werden wird.«
    Der Andere wandte unmutig den Kopf.
    »Haben Sie Vertrauen zu mir,« fuhr der Baron fort, »ich kann Ihnen jetzt
kein Licht geben, es würde ihre Blicke nur verwirren und mich hindern; ich kann
Sie nicht in die Karten meines Spiels sehen lassen. Glauben Sie mir aber, ich
überschaue es, und wenn ich auch den letzten Stich verliere, so gewinne ich doch
die Partie.«
    »Ihre Zuversicht und Heiterkeit könnten mich beruhigen, wenn nicht -«
    »Lassen Sie mir die Wenn's,« sagte lachend der Baron; »ich habe für jedes
derselben mein Aber. Beantworten Sie mir lieber eine Frage, die mir wichtig ist!
Spricht man in der Stadt von einem Duell, das nächstens zwischen Herrn von
Dankwart und mir stattfinden soll?«
    »Im Gegenteil,« erwiderte erstaunt der Andere, »Herr von Dankwart selbst
widerspricht diesem Gerücht auf's Eifrigste.«
    »Ah!« machte der Baron und zog eine verdriessliche Miene, worauf er aber
wieder heiter lächelnd sagte: »Natürlich, er will die Sache verheimlichen. Unter
uns gesagt, er hat mich fordern lassen.«
    »Durch wen?«
    »Das ist mein Geheimnis.«
    »Und mir unbegreiflich,« erwiderte Herr von Steinfeld kopfschüttelnd. »Herr
von Dankwart hat öffentlich erklärt, Sie, Baron, seien ein guter Kerl und hätten
niemals die Absicht gehabt, ihn zu beleidigen. Die Äusserungen auf dem Hofballe
lasse er der Maskenfreiheit gelten, und was die bewussten Zeichnungen anbelange,
so werde er sich deshalb an den Maler halten, dem dafür auch höheren Orts ein
sehr ehrenvoller Auftrag, der ihm bereits erteilt gewesen, wieder entzogen
worden.«
    »Und das glauben Sie?« sagte der Baron mit sehr ernstem Blick.
    »Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren.«
    »Das ist sehr ehrenhaft von Herrn von Dankwart; er will von dem vorhabenden
Duell kein Gerede machen. - Auch,« fuhr er nach einigem Nachsinnen fort, »hat
sich seit heute Morgen der Stand der Angelegenheiten verändert; es wurde mir
eine Äusserung des Herrn von Dankwart hinterbracht, die er vielleicht nicht
getan, genug, ich sah mich darauf veranlasst, ihm einen etwas heftigen Brief zu
schreiben. Ich war aufgeregt, missstimmt, enfin! man ist nicht immer Herr seiner
selbst.«
    Herr von Steinfeld hatte ruhig zugehört, dann warf er auf den Baron, der
sich damit beschäftigte, die Nadel seines Halstuches fester zu stecken, einen
vielsagenden Blick und bemerkte darauf mit entschiedenem Tone: »Baron, Sie
suchen ein Duell.«
    »Ich vermeide wenigstens keins,« erwiderte dieser achselzuckend. »Und wenn
Sie mir einen Dienst erzeigen wollen, Hugo, einen wahren Freundschaftsdienst,«
sprach er mit Wärme, »so verbreiten Sie in der Stadt, natürlicherweise unter der
Hand, indem Sie hie und da bei Bekannten ein Wort fallen lassen, ich hätte
morgen ein ernstliches Rencontre.«
    »Mit Herrn von Dankwart?«
    »Sie brauchen meinetwegen keinen Namen zu nennen. Das Faktum ist genügend.
Haben Sie mich verstanden, Hugo?«
    Dieser schaute, ohne eine Antwort zu geben, den Baron lange und mit einem
festen Blicke an, dann sagte er mit leiser Stimme, während er seine Hand ergriff
und drückte: »Ja, ich glaube, Henry, dass ich Sie verstanden habe.«
    »Nun denn - und was weiter?« entgegnete fast lustig der Baron. »Auch Sie
haben sich nicht vor einer Kugel gescheut und vor jedem Duell gedacht: es kann
ausfallen wie es will!«
    »Das habe ich nie gedacht,« versetzte kopfschüttelnd der Andere. »Ich
hoffte, das gestehe ich Ihnen, und Sie hoffen nicht mehr.«
    »Ich hoffe auch, denn ich zweifle nicht -«
    »An dem Ausgang dieses sogenannten Duells. - Sie kennen das blutige Ende
desselben.«
    »Vielleicht. Und wenn dem so wäre?« fuhr Herr von Brand nach einer Pause in
schrecklich ruhigem Tone fort. »Wenn mir nur noch vierundzwanzig Stunden gegeben
wären - eine kurze Frist, in der ich mich zu entscheiden habe, ob ich, was wir
so nennen, mit Ehren von diesem Schauplatz abtreten soll, oder in Schande und
Schmach fortleben? - Keine Einrede, Hugo, hören Sie mich: Ich habe eine
Schwester,« sprach er mit bewegter Stimme; »die Welt weiss das freilich noch
nicht, aber lassen Sie den Baron Brand - Veranlassung geben, dass man sich
eifrigst, aber unerbittlich um sein früheres Leben bekümmert, o so wird man
Fäden finden, glauben Sie mir, die bis zu jener Zeit zurückreichen, wo ich Hand
in Hand mit meiner Schwester ging. Die Welt wird erfahren, dass es der Bruder
ist, den man des sorgfältigen Aufhebens für wert erachtet, das wird ihre
Zukunft vergiften, die ihres Kindes. Und soll ich Ihnen noch weiter sagen, Hugo,
wen es unglücklich machen muss, wenn ich die letzten mir bewilligten
vierundzwanzig Stunden nicht auf's Sorgfältigste anwende? O, Sie müssen das
einsehen. Jener Pistolenschuss - den im Duell meine ich - zerreisst alle Fäden,
und mag dann mein Schwiegervater in spe,« setzte er schrecklich lachend hinzu,
»seine Nase noch so bedächtig herabziehen, er wird auf einen stillen Grund
stossen und auf einen stillen Mann, dem es unmöglich ist, ihm Rede und Antwort zu
stehen.«
    »Schrecklich!« sprach Herr von Steinfeld tief ergriffen. »Entsetzlich,
Henry, so enden zu müssen!«
    »Enden? das ist eben die Frage,« entgegnete der Baron in leichtem,
gefälligem Tone; »ich habe mich heute stark mit dem göttlichen Hamlet
beschäftigt und mir, wie der Dänenprinz selbst gesagt:
- Sterben - schlafen -
Schlafen! Vielleicht auch träumen! - Ja, da liegt's;
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschüttelt,
Das zwingt uns still zu steh'n. - - - -
Wissen Sie, Hugo, wenn man seine Papiere ordnet, kommen einem seltsame Gedanken,
und es ist mir oft wie ein Trost, wenn ich denke, dass doch vielleicht jenseits
Fesseln brechen und andere angelegt werden, dass sich vielleicht das
Sklavenleben, dem wir hier entgehen, drüben in grossartigem Massstabe fortsetzt,
denn mag es sein, wie es will, eine Fortdauer ist doch schön, und was uns allein
vor dem Tode zurückbeben macht, ist der Gedanke gänzlicher Vernichtung, der ja
auch unserer Eitelkeit so ganz unfasslich erscheint. - Aber jetzt genug der
Plaudereien und verzeihen Sie mir, Hugo, wenn ich Sie bitte, mich allein zu
lassen. Bis morgen also!«
    »Gewiss, Henry, bis morgen! Versprechen Sie mir das?«
    »Auf alle Fälle,« entgegnete der Baron mit sehr freundlichem Tone. »Morgen
sollen Sie mich wiedersehen.«
    Noch einmal drückte ihm der Andere herzlich beide Hände, dann verliess er
schweigend das Zimmer.
    Der Baron schaute ihm einige Augenblicke in tiefe Gedanken versunken nach,
dann sprach er zu sich selber: »Es durchschauert mich ein winterliches Gefühl;
es ist mir, als stünde ich auf hohem Berge, ein stolzer Baum, als flatterte ein
Blatt um das andere von meinen Zweigen herab und als hörte ich entfernt das
Sausen des Sturms, dem ich nicht ferner widerstehen kann. - Doch weg mit diesen
finstern Bildern!« Damit ging er an den Tisch, läutete abermals mit der Glocke,
und als der Kammerdiener eintrat, sagte er: »Herr Beil soll kommen.«
    Es dauerte nicht lange, so trat der Gerufene ein; es war mit kleinen
Veränderungen noch immer der alte Beil von früher. Diese Veränderungen bestanden
in einem sehr geordneten Anzuge und einem gewissen Ernst, der sich auf seine
Züge gelagert hatte; er schritt ziemlich würdevoll einher, trug verschiedene
Papiere in der Hand und hatte ganz das Ansehen eines diensttuenden Sekretärs.
Als solcher fungirte er auch in der Tat. Der Baron wünschte ihm freundlich
einen guten Abend, liess sich dann in seinen Fauteuil nieder, worauf ihm der
Andere einige der mitgebrachten Papiere vorlegte. Herr von Brand sah dieselben
bald flüchtig bald aufmerksam durch, blickte jetzt nachsinnend an die Decke
empor und nickte dann mit dem Kopfe.
    »Sie haben das jetzt so ziemlich studirt,« sagte er hierauf, »und wissen so
gut wie ich, was ich auf der Welt mein nenne. Geben Sie meinem Verwaltungstalent
die Ehre und gestehen mir zu, dass ich mich sehr der Ordnung befleissigt.«
    »Musterhaft,« entgegnete Herr Beil. »Obgleich mir die Berechnungen, die hier
zu Grunde liegen, bis jetzt ziemlich unbekannt waren, so ist doch Alles so klar
auseinandergesetzt, dass ich mich leicht hinein fand.«
    »Und nach den gegebenen Schemas,« meinte der Baron, wobei er sich nachlässig
in seinen Sessel zurücklehnte, »wären Sie demnach wohl im Stande, die Verwaltung
eine Zeitlang selbstständig zu führen, wenn ich zum Beispiel, was leicht
geschehen könnte, eine längere Reise machen und Sie zurücklassen müsste?«
    »Es sollte vielleicht gehen,« sprach Herr Beil. »Doch haben Sie wohl nicht
die Absicht, uns in der nächsten Zeit zu verlassen?«
    »Wenn Sie morgen die nächste Zeit nennen, so muss ich Ihnen mit Ja antworten.
Allerdings habe ich morgen einen kleinen Ausflug vor, denke aber jedenfalls
morgen Abend um diese Zeit wieder zurück zu sein. Darnach projektire ich
freilich eine weitere Reise,« warf er leicht hin. - »Apropos,« fuhr er nach
einer Pause fort, indem er den Ton der Stimme und das Gespräch plötzlich
änderte, »Sie haben meinen Auftrag bei Seiner Durchlaucht, dem Herrn Herzog,
ausgerichtet; ich bin begierig, etwas darüber zu vernehmen.«
    »Ich gab Ihren Brief in der Garderobe ab und nach ungefähr fünf Minuten liess
mich Seine Durchlaucht herein kommen.«
    »Natürlich. Und Sie trugen ihm meinen Wunsch vor?«
    »Fast mit den gleichen Worten, mit denen Sie mir ihn aufgetragen. Und darauf
lachte seine Durchlaucht laut auf und meinte, es solle an ihm durchaus nicht
fehlen; er freue sich darauf und werde pünktlich sein.«
    »Das wollen wir sehen,« entgegnete der Baron lächelnd, wobei er auf die
Standuhr blickte, die auf dem Kamin stand. »Wir haben noch eine halbe Stunde
Zeit, aber auch noch Einiges zu besprechen, lieber Beil, deshalb wollen wir
keine Minute verlieren. Meine Schwester ist abgereist,« sagte er mit einem
leichten Seufzer.
    »Ich hatte noch das Glück, die Frau Baronin zu sehen,« entgegnete Herr Beil,
»sowie auch meinen lieben, kleinen Pflegebefohlenen. Es tat mir wahrhaftig weh,
als ich ihn davonfahren sah. Man gewöhnt sich leicht an so eine kräftige und
gute Natur.«
    »Was ich gerne aus Ihrem Munde höre,« antwortete der Andere. »Ich bin in der
Tat glücklich, dass auch das Kind an Sie so anhänglich ist; und ich hoffe, Sie
sollen lange, lange Jahre bei ihm bleiben, und wenn auch nicht sein Lehrer, doch
sein Erzieher sein.«
    »Zum ersten Posten,« erwiderte Herr Beil lachend, »fühle ich mich leider
nicht gewachsen, es müsste denn sein, dass er den Buchhandel studiren sollte.
Darin könnte ich schon was leisten.«
    »Dazu ist wohl keine Aussicht vorhanden,« versetzte der Baron, »aber Sie
bringen mich da auf etwas Anderes, was ich gerne erfahren möchte. Welche
Nachricht haben Sie von unserem Prinzipal, von Johann Christian Blaffer und
Compagnie? In der Zeit, wo Sie für ihn litten, vergass ich ganz darnach zu
fragen.«
    Herr Beil schüttelte sein Haupt und sein Blick war scharf und forschend, als
er sagte: »Von einer gewissen Geschichte haben Sie vielleicht zufällig gehört?«
    »Ganz zufällig, aber doch weiss ich den Hergang ziemlich genau. Nur was
nachher geschah, erfuhr ich nicht.«
    »Herr Blaffer hatte seine Handlung verkauft,« sprach der Andere mit ernster
Stimme, »Firma, Büchervorräte, Verlagsrechte und Haus.«
    »Weiter! weiter!«
    »Er beging die Unklugheit, die ihm ausgezahlte Kaufsumme in baarem Gelde bei
sich zu verwahren. Sie wurde ihm geraubt, er war ein ruinirter Mann.«
    »Worin man einige Gerechtigkeit entdecken könnte,« meinte der Baron.
    »Die ich aber nicht verantworten möchte,« sagte ruhig Herr Beil. »Anfänglich
war er natürlich in Verzweiflung und wie ich vernahm, so soll er sogar in einer
gewissen Nacht am Kanal gesehen worden sein, kehrte aber lebend zurück.«
    »Ohne dass ihn ein Gespenst gewarnt,« bemerkte der Baron in sehr ernstem
Tone. »Nun ja, es war das nicht der Mühe wert, sich das Leben zu nehmen; ich
halte Herrn Blaffer für einen spekulativen Kopf, er wird sich wieder
emporarbeiten.«
    »Nie mehr,« entgegnete Herr Beil, wobei er zu Boden blickte. »Sein Mut ist
gebrochen, seine Lebenskraft vernichtet; er verlor in jener Nacht Alles.«
    »Ein Verlust, der auch Sie betraf, mein armer Beil,« sprach der Baron. »Doch
Sie werden sich zu trösten wissen.«
    »Ich liess alles das am Kanal zurück, oder vielmehr schon in dem Hause
selbst; ich hatte ja gar keine Aussichten, ich wusste, dass sie für mich verloren
war. Doch hören Sie weiter! In dem Verkaufs-Vertrage bedingte sich Herr Blaffer
eine kleine Stelle; es war das eine Stellung mit miserablen Bedingungen, zu
wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Er hatte sie für unsern bisherigen
Lehrling, für den Bruder jenes Mädchens bestimmt. Als er sich aber nach jenem
Vorfalle so gänzlich hilflos fand, sah er sich gezwungen, sie selber anzunehmen,
und Johann Christian Blaffer ist nun jüngster Kommis der Handlung von Johann
Christian Blaffer und Compagnie.«
    »Ah!« machte der Baron erstaunt. »Da wäre ihm vielleicht doch besser
gewesen, wenn ihm jenes Gespenst, aber nicht abratend, erschienen wäre. So sein
Leben zu beschliessen, ist schrecklich.«
    »Ja, das ist schrecklich,« sagte auch Herr Beil, indem er seinen Kopf tiefer
auf die Brust sinken liess. »Für meinen ehemaligen Kollegen, den Lehrling des
Hauses, ihren Bruder, habe ich nach meinen geringen Kräften gesorgt, aber weiter
zu tun war mir unmöglich.«
    Der Andere schaute einen Augenblick stumm vor sich nieder, es schienen ihn
ernste, finstere Gedanken zu bewegen, er presste die Lippen auf einander, dann
seufzte er und zuckte mit den Achseln. »Wer weiss,« murmelte er darauf nach einer
Pause vor sich hin, »ob es am Ende nicht doch noch besser wäre, Johann Christian
Blaffer zu sein! - Aber über diesen Phantasieen vergesse ich unsere Geschäfte.
Noch Eins: Sie werden bei meinen Papieren finden, dass ich eine kleine Summe zur
Unterstützung anwies, zur Unterstützung für arme, zweideutige Gesellen wird sie
die redliche Welt nennen, die sich vielleicht nach längerer oder kürzerer Zeit
bei Ihnen melden werden. Verstehen Sie mich?«
    Herr Beil nickte mit dem Kopfe.
    »Es ist für den Fall, dass ich länger abwesend sein sollte.«
    In diesem Augenblicke öffnete der Kammerdiener leise die Türe, der Baron
wandte den Kopf nach ihm um und bemerkte wohl, dass der alte Mann was
Ausserordentliches zu melden habe, denn sein sonst so ruhiges Gesicht trug den
Ausdruck grosser Bestürzung, auch hatte er die Türe ganz gegen seine Gewohnheit
ziemlich hastig aufgerissen. »Gnädigster Herr!« stotterte er, »ich weiss nicht,
was das bedeuten soll; als ich eben zufällig zum Fenster hinausblickte, bemerkte
ich zwei Männer vor der Haustüre, welche dieselbe angelegentlich zu betrachten
schienen. Beim Schein der Gaslaternen sah ich auch ein verdächtiges Funkeln an
ihrer Kleidung, entweder Waffen oder messigne Knöpfe, welche ja nur das Militär
zu tragen pflegt oder Polizeibeamte. Um mich zu überzeugen, ob ich recht
gesehen, ging ich die Treppen hinab und trat an die Haustüre. Ja, gnädiger
Herr, ich hatte mich nicht geirrt, es sind wirklich Polizeibeamte, welche mir,
Ihrem Kammerdiener, den Austritt aus Ihrem eigenen Hause verwehren wollten.«
    »Schon jetzt?« sagte ruhig Herr von Brand, indem er einen Blick auf die Uhr
warf. »Doch ja, es ist drei Viertel auf Neun. Teufel auch, lieber Beil,« wandte
er sich hastig an diesen, »wir haben zu lange geplaudert. Sehen Sie, wie es
einem gehen kann; ich hatte mir vorgenommen, einen recht schnellen Abschied von
Ihnen zu nehmen, und nun hielt ich Sie hin, weil ich Sie lieb habe, weil es mir
am heutigen Abend schwer fiel, Sie, einen meiner besten Freunde, mit einem
flüchtigen Händedruck zu verabschieden.«
    »Und warum umstellt man das Haus?« fragte Herr Beil auf's Höchste
überrascht. »Wussten Sie darum, gnädiger Herr?«
    »So genau,« entgegnete lächelnd Herr von Brand, »und so mit allen
Nebenumständen, dass ich Ihnen voraussagen kann: punkt neun Uhr wird Seine
Excellenz der Polizeidirektor in höchsteigener Person erscheinen, um mich zu
verhaften.«
    »Herr Gott im Himmel! Und das sagen Sie so ruhig?« rief erschreckt Herr Beil
aus, während der Kammerdiener stumm die Hände rang.
    »Allerdings sage ich Ihnen das sehr ruhig,« entgegnete der Baron. »Wissen
Sie, zwischen Verhaftenwollen und wirklich Verhaften ist immer noch ein kleiner
Unterschied. Und dann bedenken Sie mein gutes Gewissen!« Mit diesen Worten
öffnete der Baron ein kleines Kästchen auf dem Tische, nahm sich eine Cigarre
heraus und bot auch dem Herrn Beil eine an, welcher sie aber kopfschüttelnd und
erstaunt einen Schritt zurückweichend ablehnte. Nachdem sich der Baron die
seinige angezündet, gab er seinem Kammerdiener einen Wink, worauf sich dieser
anschickte, das Zimmer zu verlassen. Ehe derselbe aber zur Türe hinaus ging,
rief er ihm noch nach: »Melde mir jeden Besuch recht frühzeitig.« Darauf machte
er ein paar Gänge durch's Zimmer und stellte sich alsdann vor Herrn Beil hin,
indem er ihm sagte: »Obgleich ich alles das kommen sah, obgleich ich wohl wusste,
dass mein Wagen stark den Abhang hinabrollt, so gestehe ich Ihnen offenherzig,
dass mir allerdings jener Umstand unerwartet kam, der mir, um das eben
angedeutete Bild fortzusetzen, die Zügel aus der Hand schnellte und die Pferde
durchgehen machte. Doch glauben Sie mir, ich habe sie jetzt wieder in meiner
Hand, bin aber nicht mehr im Stande, ihren rasenden Lauf dem Abgrunde zu
aufzuhalten; nur liegt es noch in meiner Macht, mir die Stelle auszusuchen, wo
mein Fahrzeug zerschellen soll und ich untergehen. Und das habe ich bereits
getan - ich sehe sie vor mir. - Um weniger in Bildern zu reden,« fuhr er nach
einer Pause lächelnd fort, »so war es vielleicht noch gestern möglich, der mir
drohenden Verhaftung zu entgehen; aber einmal das Feld heimlich verlassen, gebe
ich allen Verleumdungen, allen Gerüchten das vollkommenste Recht, über mich
herzufallen. Mein Name ist auf ewige Zeiten gebrandmarkt - und das,« setzte er
mit gefälligem Tone hinzu, »möchte ich gar zu gern vermeiden.«
    »Aber der Polizei-Präsident wird gegen Sie keine Schonung kennen. Hat er
nicht die gegründetste Ursache, Sie zu hassen?«
    »Sie meinen schon wegen seiner Tochter, der armen Auguste?« entgegnete Herr
von Brand mit einem Seufzer. »Da haben Sie allerdings Recht. Aber glauben Sie
nicht, dass ich eine Schonung von ihm verlange; ich habe mich selten in meinen
Berechnungen getäuscht und es sollte mich Alles trügen, wenn mir nicht in ein
paar Stunden erlaubt wäre, eine kleine Lustfahrt zu machen, und wenn ich nicht
morgen um diese Zeit,« setzte er mit einem düstern Blicke hinzu, »eine der
freiesten Seelen wäre, die sich je zwischen Himmel und Erde befunden.« Hier
schwieg er ein paar Sekunden, dann sagte er in gewöhnlichem Tone: »Aber ich
danke Ihnen, lieber Beil, Sie haben mich an etwas erinnert, das ich fast
vergessen hätte.« Damit ging er auf seinen Schreibtisch zu, öffnete eine
Schublade und zog ein kleines versiegeltes Paketchen heraus. »Dies,« sagte er,
»behalten Sie ein paar Tage bei sich und bringen es alsdann in meinem Namen an
seine Adresse. Lesen Sie!«
    »Fräulein Auguste!« Herr Beil blickte erstaunt in die Höhe.
    »Es ist so, für die Tochter des Polizei-Präsidenten. Aber,« sagte er,
plötzlich den Kopf herumwendend, »ich höre einen Wagen, es wird Seine
Durchlaucht sein. Tun Sie mir den Gefallen, lieber Beil, treten Sie an die
Türe und nehmen, sobald der Polizei-Präsident erscheint - er wird nicht lange
auf sich warten lassen - eine ziemlich respektvolle Stellung an. So ungefähr,«
sprach er lustig, »wie vielleicht an jenem Tage, als Sie sich dem Herrn Blaffer
vorstellten. Ruhig!«
    »Seine Durchlaucht, der Herr Herzog!« meldete der Kammerdiener mit einem
sehr bleichen Gesicht, dann setzte er leiser hinzu: »Seine Excellenz, der Herr
Polizeidirektor traten auch soeben in das Haus.«
    »Sind mir sehr willkommen,« erwiderte Herr von Brand ruhig. »Aber noch Eins,
Friedrich,« - mit diesen Worten hielt er den Kammerdiener zurück - »leg' in's
Vorzimmer auf einen Stuhl neben der Türe meinen Mantel und Hut und unter
denselben die neuen Pistolen, welche man mir heute Morgen gebracht.«
    »Pistolen?« fragte erschreckt Herr Beil.
    »Duell-Pistolen,« versetzte Herr von Brand, indem er die ersten Silben mit
starker Betonung aussprach. »Ich habe morgen ein kleines Rencontre. Vergiss mir
die Pistolen nicht, dann lass an allen Türen die Portièren herab. An Ihren
Platz, Herr Sekretär!«
    In diesem Augenblick trat der Herzog ein, ziemlich geräuschvoll wie immer
und laut lachend. »Nehmen Sie mir es nicht übel, lieber Baron,« rief er schon im
Vorzimmer, »da unten an Ihrem Hause sehe ich verteufelte Anstalten. Was haben
Sie denn in's Kukuks Namen mit der heiligen Hermandad zu schaffen?«
    »Coeur de rose! ist das nicht unangenehm!« lachte der Baron. »Aber Euer
Durchlaucht sollen die Ursache gleich erfahren. Nicht wegen einer Kleinigkeit
erlaubte ich mir, Sie hieher zu bitten. Sie hatten mehrmals die Gnade, mich
Ihrer Erkenntlichkeit zu versichern und vorkommenden Falls Ihre Hilfe zu
geloben. Ich muss dieselbe für heute Abend in Anspruch nehmen.«
    »Tun Sie das, bester Baron; Sie werden sehen, ob Sie einen Undankbaren an
mir finden. Ich werde Ihre grossen Dienste nie vergessen, obgleich unser letzter
Coup, der mit den Achselbändern, gegen uns selbst explodirt hat. Sie wissen doch
bereits, dass die Verlobung zwischen Eugenie und Graf Fohrbach bestimmt ist und
morgen beim Diner des Kriegsministers deklarirt werden soll, auch dass die
Hochzeit in ganz kurzer Zeit stattfinden wird? O, die Undankbare!«
    »Ja, sie hat ihren Vorteil nicht verstanden,« entgegnete Herr von Brand mit
einem ironischen Lächeln.
    »Aber schnell, bester Baron!« rief der Herzog, »womit kann ich Ihnen dienen?
Sie wissen, dass ich immer pressirt bin, namentlich heute Abend. Unter uns
gesagt, man stellt im kleinen Cercle ein neues Ehrenfräulein vor. Die Stelle der
stolzen Eugenie muss doch besetzt werden und dabei -«
    »Dürfen Sie Glücklicher zugegen sein. Also keine Zeit verloren, schnell zu
unserem Geschäft! Sie haben die Polizei gesehen?«
    »Pfui Teufel! ja.«
    »Haben Euer Durchlaucht gestern oder heute keine Gerüchte über mich in der
Stadt gehört?«
    Der Herzog sann einen Augenblick nach. »Ja, versteht sich!« rief er alsdann,
»Duell mit Herrn von Dankwart. Er widerspricht freilich, aber die Stadt ist voll
davon. - Ah, Teufel! jetzt versteh' ich. Das will man verhindern.«
    »So scheint es.«
    »Sie haben Hausarrest!«
    »Ich vermute fast.«
    »Ah! Das leiden wir nicht. Und wollen Sie nicht mehr als meine Hilfe, um
dieser Polizei unten eine Nase zu drehen?«
    »Nicht bloss der Polizei da drunten allein,« versetzte laut lachend der
Baron, »sondern auch Seiner Excellenz, dem Präsidenten, der jeden Augenblick
erscheinen kann, natürlicherweise, um sich wegen der genommenen Massregeln« -
setzte er in leichtem Tone hinzu - »gegen mich zu entschuldigen.«
    »Vortrefflich. Deuten Sie mir aber nur gefälligst das Wie ein wenig an.«
    »Vor allen Dingen,« erwiderte der Baron, indem er auf Beil wies, »steht dort
der Sekretär Euer Durchlaucht, - ein junger, talentvoller Arzt,« sagte er
flüsternd, »den ich vielleicht morgen notwendig brauche.«
    »Schön, schön,« bemerkte lachend der Herzog, »also mein Sekretär, den ich
natürlicherweise nach Hause schicke, sobald der Präsident da ist. Aber nun die
weitere Instruktion.«
    »Seine Excellenz, der Herr Polizeipräsident!« meldete der Kammerdiener mit
zitternder Stimme.
    »Aeusserst angenehm!« rief der Baron sehr laut, dann sagte er eilig und
flüsternd zum Herzog: »Sie sind indignirt, gnädiger Herr, Polizei auf der Treppe
des Hauses zu finden, das Sie mit Ihrem Besuch beehren, und entfernen sich so
bald als möglich.« Nach diesen Worten wandte er sich rasch herum und eilte dem
Präsidenten mit dem Ausruf entgegen: »Ah! wie glücklich macht es mich, Euer
Excellenz so spät bei mir zu sehen! Doch nicht unerwartet,« setzte er etwas
pikirt scheinend hinzu - »Euer Excellenz haben sich, wie mir mein Kammerdiener
sagte, schon vor mehr als einer Stunde drunten anmelden lassen.«
    Dass der Polizeipräsident die Wohnung des Barons, gestern noch sein
zukünftiger Schwiegersohn, heute - o, es war schrecklich, nur daran zu denken! -
mit einem beklemmenden Gefühl betrat, war gewiss sehr zu entschuldigen. Doch
obgleich sein Herz heftig schlug, obgleich seine Augen etwas zwinkerten und
seine untere Kinnlade ein wenig bebte, ging er doch aufrechten Hauptes, mit hoch
emporgehobener Nase diesem grossen Momente entgegen. Er wusste, wem er im nächsten
Augenblick entgegen treten würde; die vier Polizeibeamten hatten ihre Schande
nicht verschweigen können und wehklagend berichtet von dem Flüchtlinge, den sie
in jener Nacht verfolgt, hatten sein Äußeres beschrieben und dass er bei dem
Garten des Polizeipräsidenten verschwunden sei. Entsetzlich genug für Seine
Excellenz! Denn Jener hatte darauf seine Wohnung betreten und hatte des
Präsidenten eigene Tochter auf den Hofball geführt! Aufgestachelt durch all das,
hatte der Präsident den Wirt des Fuchsbaues einsetzen lassen, der übrigens
Alles hartnäckig leugnete; ebenso Herrn Sträuber, der sich nicht lange bitten
liess, so vollständig zu beichten, als man nur wünschen konnte. Auch hatte
Letzterer Zerknirschung und Reue geheuchelt, hatte jammernd versichert, wie
glücklich er sich fühle, dass jenes elende Leben aufhöre, und dass ihm nun endlich
Gelegenheit gegeben würde, in der stillen Zelle eines Gefängnisses über seine
Vergangenheit nachdenken zu dürfen. Herr Sträuber war ein Mann von Umsicht und
Phantasie, ihm war es nicht unbekannt, dass man bei einem unumwundenen
Geständnisse den Inkulpaten der Gnade zu empfehlen pflege, er wusste ferner, dass
es ihm mit einiger Heuchelei gelingen könne, selbst im Zuchtause nach und nach
zu einer würdigen Stellung zu gelangen, vielleicht Aufseher irgend einer
Werkstätte zu werden. Dann dachte er auch: die Gefangenschaft wird nicht ewig
dauern, und wenn ich heraus komme, werden die kleinen Kapitälchen, bei den Damen
Becker und Schwemmer angelegt, unterdessen auch ihre Zinsen getragen haben. Dies
machte ihn biegsam und nachgiebig, und diese Nachgiebigkeit hatte ihm sogar die
Gunst des Präsidenten verschafft.
    Dieser, der wohl wusste, dass es bei der Gewandteit des Barons gefährlich
sei, und auch für ihn als Vater unangenehm, sich mit demselben in Erörterungen
einzulassen, hatte sich vorgenommen, ihm mit einem kurzen: »Im Namen des
Königs!« entgegenzutreten. Desshalb stierten seine Augen gerade aus, deshalb war
seine Nase so drohend gerichtet, und schon wollte er den Mund öffnen, als er zu
seiner grossen Bestürzung den Herzog erblickte, der sich in einen Fauteuil
geworfen hatte, lachend ein Bein über das andere schlug und Seiner Excellenz
auf's Allerfreundlichste einen guten Abend bot. Der Präsident in seinem
Amtseifer befand sich im Zustande eines Rennpferdes, dem plötzlich die Bahn
versperrt ist und das nun mit den Zügeln gewaltsam zurückgerissen werden muss.
Sein Zügel aber war die Nase, die er beim Anblick des Herzogs hastig ergriff,
ziemlich unsanft herabdrückte, also parirte und zu gleicher Zeit vor dem
Angehörigen des königlichen Hauses eine Verbeugung zu Stande brachte.
    Ja, in der Tat, der Präsident war unangenehm überrascht, den Herrn Herzog
hier zu finden, auch klang das Lachen Hochdesselben etwas herausfordernd, ebenso
der Ton, mit dem er ihm seinen guten Abend bot. Auf die Bemerkung des Barons von
vorhin eingehend, sagte er alsdann: »In der Tat, Euer Excellenz waren
vortrefflich angemeldet. Alle Wetter! so viel Lärmen um Nichts! - Bitt'
tausendmal um Verzeihung!« korrigirte er sich, »ich will damit sagen, es sei
eigentlich Luxus, eine so grosse Macht aufzubieten wegen so geringfügiger
Ursache. Denn wir kennen genau den Zweck Ihres Besuchs; nicht wahr, Baron?«
    »Vollkommen,« entgegnete dieser, wobei er seine Cigarre dem Herzog hinhielt,
der die seinige damit anzündete. »Excellenz rauchen nicht?« wandte er sich
hierauf verbindlich an den Chef der Polizei.
    Dieser war mehr und mehr überrascht; er hatte geglaubt, ja sich damit
geschmeichelt, sein Erscheinen mit bewaffneter Macht werde eine unsägliche
Bestürzung bei dem Baron hervorbringen, und jetzt tat derselbe, als sähe er
durchaus nichts Aussergewöhnliches darin, ja, er und der Herzog nannte diese
Ursache eine ganz geringfügige! Der Präsident befühlte seine Nase, er klapste
leicht mit dem Finger daran, hob sie aber alsdann hoch empor, als ihm der Baron
einen Fauteuil hinrollte, in den er sich, obgleich sehr würdevoll, niederliess.
    Jetzt erinnerte sich Seine Durchlaucht Höchstihres Sekretärs und sagte dem
Herrn Beil, indem er sich lange in dem Fauteuil ausstreckte: »Sie können jetzt
gehen, ich habe nichts mehr für Sie.«
    Dieser hatte sich so aufgestellt, dass ihn der Präsident nicht sehen konnte,
und bei dem Befehl des Herzogs zog er sich augenblicklich hinter die Portièren
in's Vorzimmer. Doch hatte er das Gemach noch nicht lange verlassen, als der
Kammerdiener des Barons hereintretend meldete: »Die auf der Treppe aufgestellten
Polizeibeamten weigerten sich, den Sekretär seiner Durchlaucht passiren zu
lassen.«
    »Wie ist das, Excellenz?« fragte der Herzog scheinbar erzürnt den Chef der
Polizei. »Man will meinen Sekretär nicht passiren lassen? Haben Excellenz,«
fügte er mit schneidendem Tone bei, »vielleicht den Befehl dazu gegeben oder ist
die Sache Missverständnis? Ich denke wohl das Letztere, Herr Präsident, und
bitte, dass dasselbe so bald als möglich aufgeklärt werde.«
    Der Chef der Polizei war einigermassen betreten, beeilte sich aber, dem
Herzog mit einer tiefen Verbeugung zu erklären, dass hier selbstredend ein
Missverständnis obwalte, doch werde er augenblicklich den Befehl geben, dem
Sekretär seiner Durchlaucht den Weg frei zu lassen.
    »Bravo! vortrefflich!« flüsterte leise der Baron.
    »Ueberhaupt muss ich mir erlauben,« fuhr der Herzog fort, »Euer Excellenz zu
bemerken, dass ich es, mildestens gesagt, für etwas stark halte, mit Polizei die
Treppe eines Hauses zu besetzen, wo ich mich gerade befinde. Wenn Sie das nicht
fühlen, Herr Präsident, so erlaube ich mir, es Ihnen zu sagen.«
    »Euer Durchlaucht werden zu Gnaden halten,« entgegnete Seine Excellenz,
»aber ich versichere Sie, ich hatte keine Ahnung davon, den Herrn Herzog hier zu
finden. Gewiss, keine Ahnung,« setzte er mit einem Seitenblick auf den Baron
hinzu; »es hat mich wahrhaftig überrascht. Doch werde ich mich beeilen zu tun,
was ich in der Tat Euer Durchlaucht schuldig zu sein glaube.« Nach einer tiefen
Verbeugung ging er alsdann in das Vorzimmer, und man hörte ihn mit lauter Stimme
befehlen: »Der Sekretär Seiner Durchlaucht passirt, auch sollen sich die Leute
von der Treppe vor das Haus zurückziehen.« Dass er dagegen einem der
Polizeikommissäre zuflüsterte, in das Vorzimmer zu treten und sich in die
Fensternische zu stellen, hörte man nicht.
    »Nun schnell meine Instruktion!« - flüsterte drinnen der Herzog.
    »Ist fast unnötig, bei der mir bekannten hohen Intelligenz Euer
Durchlaucht: Verzeihen Sie mir, aber Entfernung so bald wie möglich!« Bei diesen
Worten rauschten die Türvorhänge, und als der Präsident hierauf eintrat, sagte
der Herzog gähnend und wie gelangweilt: »Es ist heute Abend verdriesslich bei
Ihnen, Baron, ich ziehe mich zurück. Sieht man Sie morgen?«
    »O ja. ich hoffe, Sie werden mich sehen, gnädigster Herr,« versetzte der
Baron und fügte lächelnd bei: »wenn bis dahin mein Hausarrest vorüber ist.«
    »Das versteht sich doch wohl von selbst,« sprach der Herzog. »Nicht wahr,
Herr Präsident? Und auf alle Fälle, wenn man Sie nicht loslässt, so engagire ich
den Major, hieher zu kommen. Vielleicht auch wird uns Seine Excellenz selbst das
Vergnügen machen, einer Partie Whist à trois zu assistiren.«
    Der Baron lächelte so sonderbar, als er darauf entgegnete: »Eine charmante
Idee, Whist à trois - mit dem todten Manne.« Hierauf fuhr er sich mit der Hand
über die Stirn und fuhr in gefälligem Tone fort: »Ehe Euer Durchlaucht gehen,
erlaube ich mir noch eine Bitte auszusprechen: Darf ich zwei Zeilen schreiben
und Sie damit belästigen? Die Adresse ist Ihnen sehr bekannt.«
    »Mit Vergnügen,« erwiderte der Herzog. »Ihr Kammediener soll unterdessen
meinen Wagen vorfahren lassen.«
    Während der Herzog in's Vorzimmer ging, schrieb der Baron einige Zeilen,
doch streckte Seine Durchlaucht gleich darauf den Kopf durch die Portièren
herein und rief lachend: »Ich bedarf eines Befehls Euer Excellenz, um fortfahren
zu können. Teufel, Baron! Sie sind gut bewacht.«
    »Ich selbst fange an das zu glauben,« entgegnete dieser, indem er sein
Billet faltete und es dem Herzog übergab. »Gleich nachher er sein Billet faltete
und es dem Herzog übergab. »Gleich nachher zu übergeben,« sprach er mit scharfer
Betonung.
    Der Präsident hätte gar zu gern die Adresse gesehen, da er vermutete, der
Brief sei an eine allerhöchste Person gerichtet.
    »Ich lasse Sie also allein,« sagte der Herzog, »allein mit unserem grössten
Tyrannen. Allein seien Sie menschlich, Herr Präsident; vergessen sie das
Sprichwort nicht: eine Hand wäscht die andere, das heisst, wenn ich kann, so
helfe ich dem Baron aus der Patsche, denn weswegen er heute Ihre Aufmerksamkeit
erregt, dafür kann ich Ihnen morgen ebenfalls empfohlen werden.«
    »Das wäre erschrecklich,« meinte Seine Excellenz. »Aber es ist,« sprach
bestimmt der Herzog. »Zum Henker! man muss uns jungen Leuten nicht alle Freiheit
nehmen wollen. « Der Präsident machte eine tiefe Verbeugung, und als der Baron
dies ebenfalls tat, ohne von der Stelle zu gehen, sagte der Herzog: »Ich hoffe,
Sie werden mich doch bis an die Grenzen Ihres Reichs begleiten, wenigstens bis
zur Treppe. Ich habe das anzusprechen.«
    Herr von Brand warf achselzuckend und lächelnd einen Blick auf den
Präsidenten, der selbst im Zweifel zu sein schien, was er tun solle. Doch fasste
er sich schnell und bemerkte mit einem freundlichen Grinsen: »Euer Durchlaucht
haben die Gnade, uns an unsere Schuldigkeit zu erinnern. Auch ich werde die Ehre
haben, Sie bis an die Treppe zu begleiten; muss ich doch auch den Befehl geben,
dass man Sie passiren lässt,« setzte er lächelnd hinzu. Damit fasste er
triumphirend seine Nase und ging hinter dem Herzog und vor dem Baron in das
Vorzimmer, nicht aber ohne einen Blick hinter sich zu werfen, ob ihm dieser auch
folge.
    »dabei bitte ich aber,« sprach lustig der Herzog, »dass Sie meinen Namen
nicht hinab rufen. Der Teufel auch, die Leute draussen, die Ihre Polizei sehen,
könnten ja glauben, der Baron und ich seien in Ausübung Gott weiss welchen
Verbrechens hier abgefasst worden!«
    In dem Vorzimmer angekommen, blieb seine Durchlaucht stehen, hustete
einigermassen verlegen, denn ihm fehlte alle Instruktion zur weiteren Hilfe. Doch
fasste er plötzlich einen sehr glücklichen Gedanken, und als der Präsident, der
zur Treppe gegangen war und hinabgerufen hatte: »Man lässt den Herrn, der jetzt
kommt, passiren!« reichte er dem Baron zum Abschied die Hand und dann traten
alle Drei auf den Vorplatz auf die Treppe. In diesem Augenblick hatte auch der
Kommissär seinen Platz am Fenster verlassen und sich der Türe genähert, welche
sich nur einen Schritt von dieser Treppe befand; der Baron dagegen hatte im
Herausgehen einen bedeutungsvollen Blick mit seinem Kammerdiener gewechselt, der
auch vollkommen zu verstehen schien, um was es sich hier handle und, anscheinend
ganz absichtslos, die offenstehende Tür des Vorzimmers gegen die Treppe hin mit
der Hand fasste.
    Der Herzog, der seine Rechte auf das Treppengeländer legte, hob seinen Fuss,
um hinuntersteigend auf die erste Stufe zu treten. Doch zog er ihn wieder
zurück, schlug sich an die Stirn und sagte: »Wie kann man auch so vergesslich
sein? Habe ich doch für Euer Excellenz eine Nachricht von ziemlicher
Wichtigkeit!« Damit fasste er den Rockknopf des alten Herrn und machte einen
Schritt gegen das Vorzimmer zurück. »Heute Abend,« bemerkte er hierauf, indem er
jedes Wort sehr langsam aussprach, »war Familiendiner, - Familiendiner, acht
Couverts.« Der Herzog liess den Rockknopf nicht los und stand jetzt wieder auf
der Schwelle des Vorzimmers. Der Präsident, der diese wichtige Nachricht nicht
verlieren mochte, folgte ihm, liess aber zu gleicher Zeit den Baron nicht aus dem
Auge, der ganz ruhig an dem Treppengeländer lehnte und, wie aus Diskretion,
zurückblieb. - »Acht Couverts,« fuhr der Herzog fort, »und Seine Majestät waren
äusserst gnädig. - Bei dem Dessert sprachen Allerhöchstdieselben von dem bewussten
Vorfalle - Sie erinnern sich doch des Vorfalls, Herr Präsident?« -
    »Ich weiss in der Tat nicht, was Euer Durchlaucht meinen,« versetzte Jener
unaufmerksam, indem er dem Polizeikommissär einen Wink gab und mit den Augen auf
die Treppe deutete.
    »Wie Sie vergesslich sind, bester Präsident!« sagte der Herzog, der nur einen
Schritt von der Türe entfernt stand. »Nun, ich meine den Vorfall mit der
Baronin von W.« Bei diesen Worten hatte er so vortrefflich manövrirt, dass der
Polizeikommissär, der sich unverholen näherte, die Türe nicht erreichen konnte,
er hätte denn den Herzog auf die Seite drücken müssen.
    Der Baron lehnte noch immer ruhig an dem Treppengeländer, und diese
Unbeweglichkeit war wohl schuld daran, dass der Polizeikommissär keinen
gewaltsamen Versuch machte, auf den Vorplatz zu gelangen.
    Der Kammerdiener hielt mit zitternder Hand die Türe, und seine Blicke
bohrten sich in die Augen des Herzogs. Er fühlte es, dass er in diesem wichtigen
Momente von demselben einen Wink erwarten musste.
    »Man ist mit Ihrem Benehmen sehr zufrieden,« flüsterte der Herzog, »sehr
zufrieden.« Damit erhob er seine Augen, mass den Raum zwischen sich und der
Türe, blickte den Kammerdiener eine Sekunde fest an, und dessen Absicht
durchschauend, nickte er leicht mit dem Kopfe.
    Die Türe flog zu, der Präsident schrie laut auf, der Polizeikommissär
rannte an das Fenster, und während der Herzog, wie ein Besessener lachte und
jubilirte, hörte man drunten vor dem Hause das Rollen eines Wagens und den
scharfen Trab zweier ungeduldigen Pferde, die des langen Wartens müde, nun mit
voller Kraft über das Pflaster dahingingen. Man konnte nicht drei Sekunden
zählen, so wurde das Rollen schwächer und verlor sich in der Ferne. In diesen
drei Sekunden aber war die Beschäftigung der Anwesenden im Vorzimmer des Barons
sehr bemerkenswert und bezeichnend.
    Kaum hatte der Kammerdiener die Türe zugeschlagen, so warf er sich mit
seinem Körper gegen dieselbe und mit einem Blicke, als wollte er sagen: nur über
meine Leiche geht der Weg über diese Schwelle, einem Blicke, vor dem der
Präsident, der hinaus wollte, zurückschrak und darauf in seiner Gemütsbewegung
mit beiden Händen an seiner Nase riss, wie es andere Menschen wohl mit ihren
Haaren zu machen pflegen. Der Polizeikommissär hatte versucht, ein Fenster zu
öffnen, doch war dasselbe von Innen mit festschliessenden Läden versehen, und ehe
er die Riegel derselben losbrachte, deutete ihm schon das Rollen des Wagens an,
dass alle seine Bemühungen vergebens seien.
    Der Herzog hatte sich in einen Stuhl geworfen, und je grösser augenblicklich
die Verwirrung im Zimmer war, desto toller lachte er.
    »Wir haben ja einen reitenden Gensdarmen in der Nähe,« sprudelte endlich der
Präsident, zugleich heftig nach Atem schnappend, hervor. »Lassen wir
augenblicklich dem Wagen nachsetzen.«
    »Der Gensdarme müsste ein vortreffliches Pferd haben,« jubelte der Herzog,
»wenn er meine Ungarn einholen wollte. - Ah! der Spass wäre für eine Million
nicht zu teuer.«
    Jetzt erst fielen die umherirrenden Blicke des Präsidenten auf Seine
Durchlaucht, und seine Hände, die sich krampfhaft öffneten und schlossen,
schlugen nun heftig zusammen, indem er verzweiflungsvoll ausrief: »Und Sie
können über diese entsetzliche Geschichte lachen, wie - wie - o Gott! nein,
wissen denn Euer Durchlaucht auch -«
    »O ich weiss Alles,« sagte der Herzog, vor Lachen fast erstickend.
    »Dass der Baron - verhaftet werden sollte -«
    »Von einer halben Kompagnie Polizeisoldaten, geführt von mehreren
Kommissären und befehligt von dem Chef der Polizei in Person. Das ist ja gerade
der Hauptspass. Nehmen Sie mir nicht übel, Excellenz, das ist eine Geschichte für
das morgige Frühstück, die nicht zu bezahlen ist.«
    »Gerechter Gott! bin ich denn ein Narr oder -« hier schien der Präsident
sich wegen dieser wichtigen Frage bei seiner Nase Rats erholen zu wollen. Er
hielt sie ein paar Sekunden fest, dann aber sagte er mit vor Bewegung zitternder
Stimme: »Also Euer Durchlaucht wissen Alles?«
    »Alles, Excellenz.«
    »Dass der Baron verhaftet werden sollte?«
    »Alles - um ein Duell mit dem Herrn von Dankwart zu verhindern.«
    Bei diesen Worten fuhr der Präsident einen Schritt zurück, um darauf wieder
zwei vorwärts zu schnellen, bis dicht vor Seine Durchlaucht, welche ob dieser
heftigen Bewegung mit seinem Lachen plötzlich inne hielt und erstaunt
aufblickte. dabei hob der Präsident die Hände gen Himmel und schrie: »Nein!
nein! nein! O über die Torheit von euch jungen Leuten! - Der Baron - Gott
verdamm' ihn! - O was, Baron! - wegen eines Duells, glauben Sie, hätte ich ihn
verhaften wollen? - Wissen Euer Durchlaucht, wem Sie fortgeholfen haben? - dem
Chef einer Räuberbande, dem gefährlichsten Menschen im ganzen Königreiche. - O
heilige Vorsehung! Ich hatte ihn so gut in meiner Hand - und jetzt!« - Damit
schien ihn alle Kraft verlassen zu haben, er warf noch einen wehmütigen Blick
auf die linke, leere Seite seines Fracks und knickte darauf zusammen wie ein
Taschenmesser. Ja, er wäre unfehlbar auf den Boden niedergesunken, wenn ihn
nicht der Kommissär mit starkem Arme aufgefangen hätte. An dessen blauem Busen -
er trug nämlich eine Uniform von dieser Farbe - erholte er sich langsam wieder,
faltete dann trauernd seine Hände und wandte seinen Kopf herum, indem er sprach:
»Braun, wer uns das vor einer Stunde prophezeit hätte!«
    Der Herzog war übrigens bei den Worten, welche ihm die Excellenz vorhin
zugerufen, wie ein Bild der höchsten Ueberraschung dagesessen. Jedes Lächeln war
von seinem Gesichte verschwunden, und da er an dem Jammer, in dem sich der
Präsident befand, wohl sah, dass sich dieser würdige Staatsbeamte keinen Scherz
mit ihm erlaubte, so biss er sich heftig auf die Lippen und sagte, indem er die
Augenbrauen finster zusammenzog: »Alle Teufel! Herr Präsident, das hätten Sie
mir auch schon vorhin sagen können!«
    »Liessen Sie mich denn zu Worte kommen?« jammerte der Andere. »Zuerst musste
ich die fabelhafte Geschichte von dem Diner hören, an der - ich bitte um
Verzeihung - gewiss kein wahres Wort ist; und dann lachten Sie wie - wie ich in
meinem Leben nichts Aehnliches gehört. Euer Durchlaucht,« fuhr er sich ermannend
fort, »das ist ein schlimmer Handel. Ich hätte natürlicherweise keine
Rücksichten sollen gelten lassen. Aber wie mir Euer Durchlaucht mitgespielt, das
kann ich unmöglich Seiner Majestät verschweigen.«
    Der Herzog zuckte die Achseln, als wolle er sagen: daran ist nichts zu
ändern. Dann aber rief er auf einmal: »Warten Euer Excellenz einen Augenblick.
Da habe ich ein Schreiben des Barons an Sie. Alle Wetter! das hätte ich beinahe
vergessen. Lesen wir, lesen wir, und dann wollen wir Kriegsrat halten.«
    Begierig nahm der Präsident das Billet aus den Händen des Herzogs und
entfaltete es. Der Polizeikommissär hielt das Licht und der Herzog schaute dem
Präsidenten über die Schulter, während er las:
                »Euer Excellenz
werden es einem alten und genauen Bekannten nicht zu ungnädig nehmen, dass er
sich heute Abend der Ehre Ihrer Gesellschaft entzieht. - Sehr dringende
Geschäfte veranlassen mich, heute Nacht und morgen von Hause abwesend zu sein.
    Da ich aber zu gleicher Zeit überzeugt bin, dass Euer Excellenz nicht ohne
die triftigsten Gründe mit so grossem Gefolge in meiner Wohnung erschienen sind,
so werde ich nicht ermangeln, mich morgen um diese Stunde hier einzufinden.
    Indem ich mir erlaube, den Scherz Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs mir
zu eigen zu machen, bin ich so frei, Euer Excellenz demgemäss auf morgen Abend zu
einer Partie Whist einzuladen, und zwar à trois mit einem todten Mann.«
    So las der Präsident, und Alle schauten sich verwundert an; der Kommissär
schüttelte den Kopf und Seine Excellenz meinten: »Glaub' das der Henker!«
    Der Herzog allein nahm die Partei des Verschwundenen, indem er bemerkte:
»Das ist jedenfalls ein Ausweg; ich bitte, ich beschwöre Sie, Herr Präsident,
warten Sie bis morgen Abend. Wie ich den Baron kenne, bin ich überzeugt, er
stellt sich. Desshalb machen Sie um Gotteswillen heute Abend und morgen keinen
Lärm; lassen Sie ihren Leuten drunten sagen, Sie hätten dem Baron wegen eines
Duells einen Hausarrest ankündigen wollen, er sei aber verschwunden. Kehrt er
morgen Abend zurück, so machen Sie, was Sie wollen, kehrt er nicht zurück, so
haben Sie immer noch Zeit, die Sache bekannt werden zu lassen.«
    »Was meinen Sie, Braun?« fragte der Präsident, nachdem er einen Augenblick
überlegt hatte. »Der Karren ist so wie so verfahren, und wenn er wirklich
wiederkäme, so hätten wir in der Tat die ganze blamable Geschichte nicht zu
erzählen.«
    Der Polizeikommissär zuckte die Achseln und pflichtete ebenfalls nach
einiger Ueberlegung Seiner Durchlaucht Meinung bei.
    »So sei es denn also,« sprach bestimmt der Präsident, indem er das Billet
wieder zusammenfaltete. »Aber wir, die wir hier beisammen sind, geloben uns bis
morgen Abend ein feierliches Stillschweigen. Was diesen alten Herrn da
anbelangt,« fuhr er mit einem Wink auf den Kammerdiener fort, »so ist es meine
Ansicht, denselben scharf unter Aufsicht zu halten. Braun, lassen Sie deshalb
ein paar vertraute Leute im Hause. Und nun,« sprach er achselzuckend und mit
einem tiefen Seufzer, »sind wir fertig, und wenn Euer Durchlaucht also befehlen
-«
    »Mir tut die verdriessliche Geschichte wahrhaftig leid,« entgegnete dieser,
während er seinen Hut nahm. »Aber seien Excellenz versichert, dass ich Ihnen mit
meinem ganzen Einfluss zur Seite stehen werde. Tun Sie mir dagegen die Liebe,
bester Präsident, und erzählen mir beim Nachhausefahren, was es denn eigentlich
mit dem Baron für ein Bewandtnis hat. - Horreur! der Chef einer Räuberbande,
haben Sie gesagt?«
    Während Seine Excellenz trübselig mit dem Kopf nickte, gingen die Beiden der
Treppe zu, doch ehe sie hinabstiegen, meinte der Präsident: »Was er nur mit
seiner Einladung hat sagen wollen? Zu einem Whist à trois mit einem todten
Manne. Ich verstehe das nicht.« -
    »Aber ich verstehe es,« sprach tief aufseufzend der alte Kammerdiener
drinnen im Zimmer; dann sank er auf einen Stuhl nieder und verbarg sein Gesicht
in beide Hände.
 
                          Fünfundachtzigstes Kapitel.
                              Des Jägers Bericht.
Während geschah, was wir in den letzten Kapiteln erzählten, war der Winter
ziemlich vorüber gegangen, und das beginnende Frühjahr zeigte sich schon in
einzelnen schönen, heiteren Tagen - Tagen, an welchen das Land von der Sonne
erwärmt, einen erdigen, aber angenehmen Duft ausströmen lässt, wo die Grashalme
sich zu strecken scheinen, und die Zweige den innigsten Trieb zeigen, sich
baldigst mit Knospen zu bedecken. Um diese Zeit werden die Glashäuser und
Frühbeete nach und nach von ihrer Umhüllung befreit, man lockert die Rosen auf,
die während des Winters mit Erde bedeckt, ruhig schlummerten, man gibt auch den
in ihren gläsernen Käfigen eingesperrten Pflanzen Luft, indem man schon auf
längere Zeit die Fenster offen lässt und Sonnenlicht und frische, erquickende
Luft über ihre sehnsüchtig zitternden Blätter dahinströmen lässt.
    So war man auch in dem kleinen Garten beschäftigt, welcher den Pavillon
umgab, in dem Graf Fohrbach wohnte. Obgleich es drei Uhr Nachmittags war,
standen doch die Fenster seines Salons offen, und die hereinströmende, jetzt
schon wieder etwas kühle Luft vermischte sich wehend mit der warmen, die das
lodernde Feuer des Kamins umspielte.
    Der Graf war nicht in seinem Salon, sondern befand sich im Ankleidezimmer,
dessen Türe aber ebenfalls geöffnet war; er lag in einem Fauteuil, hatte diesen
so gedreht, dass die kühlere Luft von draussen, geschwängert mit den oben
erwähnten Frühlingsdüften, über sein Gesicht hinstrich. Neben ihm in der
Sophaecke sass der Major von S. Beide rauchten vortreffliche Cigarren, doch
verscheuchte der Graf den Dampf, den er von sich blies, augenblicklich wieder
mit der Hand, um alsdann wieder einen tiefen Zug Luft zu sich zu nehmen.
    »An einem solchen Tage,« sagte er, »wenn man so recht merkt, dass der Winter
hinter uns liegt, fühlt man sich doch wie dem Gefängnis entsprungen. Hinter uns
finstere, schwarze Mauern, die bisher fest verschlossenen Tore weit geöffnet,
und vor uns Freiheit, sowie herrliche, göttliche Luft.«
    »Das wirst du diesmal ganz besonders finden,« meinte der Major lächelnd,
»bricht doch für dich nächstens ein Frühling an, so süss und berauschend, wie man
ihn in diesem Leben nur ein einziges Mal geniessen kann. Habe ich das doch auch
erlebt!«
    »Wenn ich daran denke,« entgegnete der Andere, indem er einen Moment seine
Augen mit der Hand bedeckte, »so hört mein Herz auf zu schlagen, und ich kann
nur mühsam Atem holen. Ist es dir auch so ergangen?«
    »Gerade so,« erwiderte der Major lachend. »Und ich will nur hoffen, dass sich
deine Erinnerungen an diese Zeit nie trüben mögen. Doch davon bin ich überzeugt,
denn Eugenie ist ein so vortreffliches Wesen, ein so reiches und liebes Herz,
dass du mit ihr glücklich werden musst.«
    »Und mir wirst du hoffentlich ebenfalls einige Vortrefflichkeit und Liebe
nicht absprechen?«
    »Ja, du hast gute Eigenschaften, und bei sorgfältiger Erziehung kann mit der
Zeit noch was Rechtes aus dir werden.«
    Der Graf blickte lächelnd vor sich auf den Boden, stiess die Asche von der
Cigarre und dachte über seine künftige Erziehung nach.
    »Wie ist es denn mit dem heutigen Diner?« fragte der Major nach einer Pause,
»es ist wohl sehr gross und wird eine starke Feierlichkeit absetzen? - Ah! wenn
das schon vorüber wäre! Ich werde wohl einen Toast halten müssen, und das kommt
mich immer entsetzlich sauer an. Sind wir in der Tat sehr zahlreich?«
    »An die vierzig Couverts, glaub' ich. Papa hat's nun einmal nicht anders
getan.«
    »Doch alle unsere genauen Bekannten?«
    »Versteht sich. Nur Steinfeld wird fehlen; er ist plötzlich abgereist. Ah!
ich verstehe das - der arme Kerl!«
    »Warum arm?« meinte der Major. »Er liebt die Baronin noch so
leidenschaftlich wie damals, als er sie zum ersten Male gesehen. Erinnerst du
dich noch des Abends draussen in deinem Salon nach dem Balle drüben, als er uns
jene Geschichte erzählte? Damals waren sechs Jahre vorüber. Und mit welchem
Feuer, welcher Leidenschaft sprach er von der Begebenheit!«
    »Er wird die Baronin heiraten?« fragte der Graf.
    »Versteht sich von selbst. Die Scheidung wird in den nächsten Tagen
ausgesprochen. Ich bin überzeugt, die Beiden werden sehr glücklich mit einander
sein. Natürlich wird er vorderhand nicht hieher kommen können und wollen.«
    »Das begreift sich. Aber der General hat sich so verhasst gemacht, dass Alles
Partei für die arme Frau nimmt.«
    »Und er?« fragte der Major nach längerem Stillschweigen.
    Der Graf zuckte die Achseln, während ein düsterer Schatten über seine vorhin
so freundlichen Züge flog. »Das ist ein rätselhafter Mensch,« sagte er nach
einer Pause.
    »Für dich und Steinfeld wohl nicht so sehr als für uns Andere,« meinte
lächelnd der Major. »Aber ich achte euer Geheimnis. Ich mag den Baron wohl
leiden. Coeur de rose ist nicht so übel.«
    Bei diesen Worten trat der Kammerdiener leise in den Salon, blieb dort
stehen, bis die Blicke des Grafen auf ihn fielen, dann sagte er mit leiser
Stimme: »Soeben ist der Jäger zurückgekommen und wünscht Euer Erlaucht sprechen
zu dürfen.«
    »Darauf bin ich begierig!« rief der Graf, indem er aufsprang. »Er soll
augenblicklich hereinkommen. Bleibe nur,« wandte er sich an den Major, der sich
ebenfalls erheben wollte. »Ich will in dieser Sache keine Geheimnisse vor dir
haben. Was mir der Jäger zu sagen hat, ist für uns Alle sehr ernst und wichtig
und betrifft den, von welchem wir eben sprachen.«
    »Den Baron von Brand?«
    Der Graf nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: »Er hat mich gestern um meinen
Jäger gebeten; ich weiss nicht, wesshalb er zu dem Rencontre von seinen eigenen
Leuten Niemand nehmen wollte.«
    »Zu welchem Rencontre?« fragte überrascht der Major.
    »Mit Herrn von Dankwart. Es scheint, sie haben sich heute geschossen.«
    »Das ist seltsam,« meinte der Major kopfschüttelnd; »ich habe Herrn von
Dankwart gestern Abend noch gesprochen; von der betreffenden Angelegenheit
versicherte er mich gerade das Gegenteil.«
    »Aus Diskretion.«
    »Und sagte, der Baron habe ihm einen versöhnenden Brief geschrieben, den er
im Notfall überall zeigen könne.«
    »So hören wir den Jäger! Ich bin fest überzeugt, die Sache ist anders.«
    Hier trat Franz in den Salon, und sein Herr, der schnell nach ihm
hinblickte, fuhr betroffen zurück. »Ah!« sagte er zu dem Major, »die Sache ist
ernstaft. So verstört sah ich das Gesicht meines Jägers, dieses sonst so
ruhigen Menschen, nie.«
    Und so war es auch in der Tat. Franz Karner, der auf einen Wink des Grafen
langsam näher schritt, ging gegen seine Gewohnheit ziemlich gebeugt. Sein
Gesicht war bleich, seine Augen rot unterlaufen, seine Lippen zuckten, und da
er das wohl fühlen und doch nicht sehen lassen mochte, biss er sie fest über
einander.
    Der Major war ebenfalls aufgestanden und blickte bestürzt bald den Jäger,
bald seinen Freund an.
    »Ah! du bist zurück!« rief dieser. »Nun sprich, was ist geschehen? Ein
Unglück - gewiss ein Unglück!«
    Der Jäger wagte es nicht, zu sprechen, und nickte stumm mit dem Kopfe.
    »Dem Baron ist ein Unglück geschehen?« fuhr Graf Fohrbach hastig fort.
»Sammle dich, Franz, und erzähle uns die Geschichte ruhig dem Verlaufe nach. -
Ah, Teufel! sei ein Mann!« fuhr er nach einer Pause fort, als er bemerkte, dass
der Blick des Andern seltsam flimmernd wurde. »So lass doch hören!«
    Der Jäger öffnete langsam die Lippen, nachdem er mit der Hand über die Augen
gefahren war, dann sagte er mit tiefer, fast tonloser Stimme: »Ehe ich Euer
Erlaucht berichte, was gestern und heute geschehen, will ich zur Rechtfertigung
meines auffallenden Betragens nicht verschweigen, dass ich den Herrn Baron von
Brand früher gekannt und genau gekannt, ehe ich in den Dienst Euer Erlaucht
trat.«
    »Ich weiss das, er hat dich mir ja empfohlen.«
    »Dass er öfters mein Wohltäter wurde, dass ich ihn achtete und liebte. - O,
sehr liebte, denn er war ein guter Herr. Euer Erlaucht werden mir verzeihen,
aber ich muss die Wahrheit sagen, sollte auch für mich daraus erfolgen, was da
wolle! Ich kannte alle seine Verhältnisse.«
    »Das habe ich mir gedacht,« erwiderte der Graf nach einer Pause. »Aber
gleichviel, Franz. Für mich ist der Baron von Brand nur der Baron von Brand, und
was dich betrifft, so gehen mich deine früheren Verhältnisse nichts an.«
    »Das lohne Ihnen Gott,« versetzte der Jäger; »und er wird Sie dafür
belohnen.« Er murmelte diese Worte nur, doch verstand sie der Graf vollkommen.
Dann streckte sich der Jäger lang in die Höhe, unterdrückte einen tiefen Seufzer
und fuhr fort: »Auf die Bitte des Herrn Baron von Brand erlaubten mir Euer
Erlaucht, denselben begleiten zu dürfen. Zu diesem Zweck erwartete ich gestern
Abend den Herrn Baron um neun Uhr vor dem E'schen Tor mit dem Wagen. So hatte
er es mir befohlen.«
    »War es ein Reisewagen?« fragte der Graf.
    »Nein, ein leichtes Coupé, aber mit vier Pferden bespannt. - Es mochte fast
halb zehn Uhr sein, da hörte ich, dass sich ein Wagen dem Tor näherte, und zwar
so schnell, als zwei tüchtige Pferde nur zu laufen im Stande sind. Es war das
die Equipage Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs Alfred. Trotzdem es sehr
dunkel war, erkannte ich den Kutscher, der seine Pferde neben dem Coupé parirte.
Der Herr Baron von Brand sprang heraus, und der Wagen, mit dem er gekommen,
kehrte augenblicklich in die Stadt zurück. Der Herr Baron begrüsste mich
freundlich, befahl, auf der Chaussee nach der ersten Station zu fahren, und
stieg eilig in den Wagen.«
    »Wie war er gekleidet?« fragte aufmerksam der Graf.
    »Ueber dem gewöhnlichen Anzug trug er einen weiten Radmantel und auf dem
Kopfe hatte er einen runden Hut.«
    »Und war bewaffnet?«
    »Ja, Euer Erlaucht, mit zwei Pistolen.«
    Der Graf warf seinem Freunde einen bezeichnenden Blick zu und sagte hierauf:
»Und sonst war Niemand dabei?«
    »Niemand. - Ich stieg auf den Bock und wir fuhren davon. Die Postillone,
denen ein gutes Trinkgeld versprochen war, liessen tüchtig laufen, so dass wir
bald die Station erreichten. Dort wurde umgespannt und wir fuhren weiter.«
    »Aha! nach Königshofen,« sagte kopfschüttelnd der Major. »Es ist das der
gewöhnliche Ort.«
    »In Königshofen,« erzählte der Jäger weiter, »begab sich der Herr Baron in
das dortige Wirtshaus, liess sich ein Zimmer geben, befahl mir darauf zu Bette
zu gehen, ihn aber heute Morgen vor Tagesanbruch zu wecken. Ich verabschiedete
die Postillone, mochte aber nicht schlafen gehen, vielmehr schritt ich Stunden
lang um das Haus herum, und bemerkte wohl, dass in dem Zimmer des Herrn Baron
immerfort ein helles Licht brannte. Er war ebenfalls nicht zu Bette gegangen,
denn als ich, dem Befehle gemäss, vor Tagesanbruch seine Türe öffnete, sass er an
seinem Tische und siegelte Briefschaften zu. Ah! du bist schon da! rief er mir
entgegen; die Zeit ist schnell verstrichen. - Ich habe mich bemüht, Erlaucht,
seine Worte in meinem Gedächtnisse festzuhalten; es schien mir das wichtig,«
sagte der Jäger in bestimmtem Tone. - »Der Tag fing an zu grauen,« fuhr Franz
darauf in gewöhnlichem Tone fort, »und der Herr Baron wollten seine Toilette
machen, doch hatte er Alles mitzunehmen vergessen. Ich sorgte so gut als möglich
dafür, und nachdem ich ihm das Haar einigermassen arrangirt, zog er sein
Schnupftuch hervor und roch daran. Ich wollte, sprach er alsdann, dass ich nicht
vergessen hätte, gestern Abend noch ein paar Tropfen aufzuträufeln. Ich liebe
den Geruch und er hätte mir so manche Erinnerung noch einmal frisch vor die
Seele geführt.«
    »Coeur de rose,« sagte nachdenkend der Graf. »Wer hätte das gedacht, als wir
uns hier vor einigen Monaten über sein Odeur lustig machten! Doch weiter!«
    »Er gab mir einige Briefe, um sie auf die Post zu werfen. Die Pistolen nahm
er selbst unter den Mantel, dann verliessen wir das Haus, gingen durch
Königshofen durch und stiegen hinter dem Dorfe die Anhöhe hinaus.«
    »Der Weg führt nach einer einsamen Waldlichtung, ich kenne ihn wohl,« sprach
nachdenkend der Major.
    »Und was dachtest du von allem dem?« fragte der Graf seinen Jäger.
    »Fast das Gleiche fragte mich der Herr Baron, als wir den Wald hinauf
gingen. Ich antwortete ihm, er könne wohl ein Duell vorhaben, doch sehe ich
weder Gegner noch Sekundanten. - Die kommen Alle von der andern Seite,
entgegnete er mir. Und du bist wohl klug genug, einzusehen, dass hier eine Sache
vor sich geht, die mit grosser Heimlichkeit betrieben werden muss.«
    Der Major wechselte mit seinem Freunde einen bedeutsamen Blick, welch'
Letzterer die Achseln zuckte und sehr ernst nach Oben sah.
    »Ja, ich habe ein Duell vor, so fuhr der Baron fort, und einen gefährlichen
Gegner. Ich weiss wohl, wie der schiesst, sagte er sonderbar lächelnd, fehlt auf
fünfundzwanzig Schritte nie ein Ass und kann auch wohl die Kugeln auf einer
starken Messerklinge teilen. - Da müsste er ja fast so gut schiessen wie Sie,
gnädiger Herr, erlaubte ich mir zu bemerken, worauf er entgegnete: ganz genau
wie ich, deshalb ist die Sache sehr zweifelhaft, da er den ersten Schuss hat, und
befolge daher genau, was ich dir auftrage: Hier müssen wir scheiden, zieh deine
Uhr hervor und richte sie nach der meinigen. - Es war sechs Uhr. - In einer
halben Stunde wird wohl Alles vorüber sein. Dann folgst du dem schmalen Weg, den
ich jetzt hinaufsteige, und findest oben eine Waldlichtung. Da wirst du schon
selbst sehen, was zu tun ist. - Ich bat ihn, mich mitzunehmen, doch er
wiederholte seinen Befehl ernst und strenge. Und er konnte sehr ernst sein, der
Herr Baron,« sagte der Jäger gedankenvoll. - »Er nahm also Abschied von mir,
indem er mir noch vorher seine Brieftasche übergab, um die Rückfahrt für die
Postillone zu bezahlen, sagte er. Dann stieg er zwischen den Bäumen aufwärts und
meine Blicke folgten ihm. Euer Erlaucht werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen
gestehe, dass es mir fast das Herz zerbrach, als ich ihn so leicht und gewandt da
hinaufsteigen sah, ein Herr in den besten Jahren, ja in voller Kraft der
Jugend.«
    »Und warum folgtest du ihm nicht?« fragte fast atemlos und tief bewegt der
Graf.
    »Sein Befehl war gemessen, Erlaucht. Und dann kannte ich auch meinen
ehemaligen Herrn. Er hätte mich niedergeschossen, wenn ich ihm gefolgt wäre,
ohne dass mein Tod,« setzte er trübe lächelnd hinzu, »sein Duell verhindert
hätte. - Mehrmals blieb er stehen und wandte sich rückwärts gegen das Tal. Man
sieht von dort oben weit in der Ferne die Residenz vor sich ausgebreitet liegen.
Dahin schien er mehrmals zu schauen, aber auch auf mich fiel sein Blick, und als
er mich so ruhig da unten warten sah, winkte er mir noch einmal freundlich mit
der Hand zu. - O sehr freundlich! - Und gleich darauf war er zwischen den Bäumen
verschwunden.« - -
    Diese letzten Worte hatte der Jäger mit kaum verständlicher Stimme
gesprochen. Dann aber sagte er: »Verzeihen mir Euer Erlaucht, aber ich kann
nicht anders!« - worauf er seine Hände vor die Augen presste und einige Sekunden
so verblieb.
    Der Graf hatte seine Cigarre weggeworfen, und er sowie der Major blickten in
der grössten Spannung auf den Jäger, der nun die Hände langsam niedersinken liess,
tief aufseufzte und fortfuhr: »Darauf befand ich mich allein in dem Walde. O es
waren das schreckliche Augenblicke! Und ich horchte wohl atemlos auf jedes
Geräusch, wenn weit von mir entfernt irgend ein Wild durch das dürre Laub
raschelte, wenn ein welkes Blatt neben mir zu Boden fiel, so schrak ich
zusammen, indem ich befürchtete, irgend etwas Anderes überhört zu haben. O Herr
Graf, wenn man im dichten Walde auf etwas lauscht, wobei das Herz mit im Spiele
ist, so ist die Stille, die uns umgibt, feierlicher und ernster als die Ruhe
eines Kirchhofes! Ich kenne das,« setzte er mit leiserer Stimme bei. - »Auf
einmal knallte ein Schuss. - Gnädiger Herr, ich habe Schüsse knallen hören unter
schauerlichen Verhältnissen - aber so wie dieser heute Morgen hat mich nie etwas
erschüttert! Gleich darauf fiel ein zweiter. Ich riss meine Uhr heraus und als
ich sah, dass es halb Sieben war, stürzte ich den Waldweg hinan. So eilig ich
auch war, so blieb ich doch zuweilen zitternd stehen und lauschte. Was konnte es
mich auch nützen, dass ich schnell an Ort und Stelle kam, mir ahnete ja doch, was
ich finden würde? Dann spiegelte ich mir auch wohl eine falsche Hoffnung vor und
blieb in der Absicht stehen, um vielleicht die Schritte der andern Partei zu
vernehmen. Aber,« setzte er trübe lächelnd hinzu, »ich hörte nichts dergleichen.
Der Wald war entsetzlich stille, nur das Laub rauschte unter meinen Füssen, hie
und da flatterte ein Vogel und von weit her sang der Kukuk sein melancholisches,
einförmiges Lied.«
    »Endlich fandest du ihn!« rief gespannt der Graf, als der Jäger vor sich
hinstarrend schwieg.
    »In der Waldlichtung - Herr, wie er mir vorausgesagt.«
    »Allein?«
    »Ganz allein.«
    »Und -«
    »- - Todt,« sagte der Jäger nach einem tiefen Atemzuge. »Die Kugel war ihm
durch's Herz gegangen.«
    »Ah! das ist entsetzlich!« rief der Major. »Du sahest Niemand? Du vernahmst
also wirklich keine Schritte, die sich entfernten?«
    »Ich sah nichts als die Sonne, die ihren Strahl über seine bleichen Züge
warf, und ich hörte nichts als die eigenen Worte des Jammers, mit welchen ich
mich neben ihn hinwarf. Denn, Herr Graf, ich hatte ihn sehr geliebt, meinen
ehemaligen Herrn, den Baron von Brand.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Und was denkst du über die ganze Geschichte?« fragte der Graf nach einer
langen, langen Pause.
    »Ich denke nur, was er mir sagte,« erwiderte der Jäger mit feierlicher
Stimme. »Ich will mein Leben dafür lassen, dass er im Duell gefallen. Denn so hat
er ja gewollt, dass man glaube.«
    »Ja, er hat so gewollt,« sprach Graf Fohrbach nachdenkend, »sein Lauf war zu
Ende, wie er mir auf jenem denkwürdigen Maskenballe sagte, und er soll einen
ehrenvollen Tod gestorben sein.«
    »Von der Hand des -« fragte der Major mit bedeutsamem Blick.
    Worauf der Andere entgegnete: »Herr von Dankwart ist bei allen seinen
kleinen Schwächen ein Ehrenmann, das ist nicht zu bestreiten.«
    »Allerdings nicht,« meinte der Major. »Aber er wird die ganze Geschichte
hartnäckig leugnen.«
    »Nehmen wir an, aus Diskretion, wie ich vorhin sagte,« erwiderte Graf
Fohrbach, »die Welt wird doch an das Duell glauben, und so hat es der
Unglückliche gewollt. Er ruhe sanft. - Doch lass uns das Ende deiner Geschichte
hören,« wandte sich der Graf nach einigem Stillschweigen an seinen Jäger.
    »Ich holte Leute aus dem Dorfe,« fuhr dieser fort, »und brachte ihn nach
Königshofen zurück. Ich liess Aerzte kommen, obgleich ich wusste, dass das unnütz
war. Darauf brachte ich ihn in seinen Wagen und kehrte langsam nach der Residenz
zurück.«
    »Und wo ist er jetzt?«
    »In seinem Hause. Ich habe ihn dem alten Kammerdiener übergeben, der darauf
vorbereitet zu sein schien. Denn obgleich er trostlos und verzweifelt tat,
sagte er doch unter Tränen, er habe das wohl vorher gewusst.«
    »Und die Briefschaften, die dir der Baron gab?«
    »Warf ich auf die Post bis auf einen Brief, den er mich beauftragte, Punkt
neun Uhr Seiner Excellenz dem Herrn Polizeipräsidenten eigenhändig zu übergeben,
wozu vielleicht Euer Erlaucht so gnädig sind, mir später Urlaub zu erteilen.«
    Der Graf Fohrbach wechselte mit dem Major einen Blick, dann erwiderte er dem
Jäger: »Allerdings, du sollst überhaupt den heutigen Nachmittag und Abend für
dich haben, und erst morgen früh,« setzte er mit Betonung hinzu, »den Dienst bei
mir wieder in deiner gewohnten Pünktlichkeit und - Treue antreten.«
    »Wie danke ich Ihnen für dies Wort!« sprach der Jäger, tief erschüttert.
Dann verliess er auf einen Wink seines Herrn Kabinet und Salon.
    »Es ist ein trauriges und doch gutes Ende für den Baron,« sagte Graf
Fohrbach nach einer Pause. »Wir müssen übrigens seinen letzten Willen erfüllen
und das Gerücht verbreiten helfen, er sei im Duell gefallen. Herr von Dankwart
wird das heftig leugnen, aber nachher, wenn er sieht, dass man ihm doch nicht
glaubt, wird er am Ende gezwungen, das Rencontre achselzuckend zuzugeben.«
    »Verlass dich auf mich,« entgegnete der Major, »es soll auf ihm hängen
bleiben. Aber sage mir, Eugen, wie verstehe ich das? Hat der Baron wirklich
etwas mit der Polizeidirektion zu schaffen gehabt? Auf dem letzten Hofball
sprach man von einer Brautschaft zwischen ihm und der Tochter des Präsidenten.«
    »Ich hörte auch davon, glaubte aber nicht daran.«
    »Muss man,« meinte der Major, »heute noch den Tod des Barons geheim halten
oder kann man nach Tisch darüber sprechen?«
    »Natürlich wollen wir darüber sprechen, um so mehr, da Herr von Dankwart da
ist. Wir werden überhaupt nicht die Einzigen sein, die die Sache erfahren
haben.«
    »Schön,« versetzte der Andere, indem er sich zum Weggehen anschickte; »ich
verlasse dich jetzt. Es ist vier Uhr und du hast doch etwas Sammlung
notwendig.«
    »Und Toilette!« lachte der Graf, während er seinem Freunde die Hand reichte.
    »Adieu denn bis nachher!«
    »Adieu, Major!«
    Mit kurzen Worten wollen wir dem Leser noch sagen, dass das heutige Diner bei
Seiner Excellenz dem Kriegsminister äusserst glänzend war, dass bei demselben die
Verlobung zwischen Eugenie und dem jungen Grafen proklamirt wurde, und dass der
Major einen hierauf bezüglichen gar schönen Toast ausbrachte. Das unglückliche
Ende des Barons war übrigens schon bekannt geworden und man schrieb dasselbe
allgemein einem Duell mit Herrn von Dankwart zu. Es half auch nichts, dass dieser
auf's Feierlichste das Gegenteil versicherte, ja dass er sich anheischig machte,
ein Alibi beweisen zu wollen. Man zuckte die Achseln, man verbeugte sich
lächelnd, sobald aber Herr von Dankwart den Rücken gewendet und anderswohin
getänzelt war, so sagte man: »Das ist erstaunlich; wer hätte das gedacht!«
    »Und der Baron war ein immenser Pistolenschütze,« meinte ein Anderer, und
ein Dritter setzte hinzu: »Was mich bei Herrn von Dankwart nur wundert, ist
einzig und allein, wie man nach einer so furchtbaren Katastrophe - am gleichen
Tage mit der Ruhe sein Diner einnehmen kann.«
    »Erstaunlich!«
    »Erstaunlich!« wiederholten Alle, und Herr von Dankwart wurde von da an mit
weit grösserer Ehrfurcht betrachtet, als dies bisher geschehen.
    Auch der Präsident war bei dem Diner gewesen, war aber sehr still und
nachdenkend und verkehrte fast nur mit dem Herzog Alfred, mit dem er sich
längere Zeit in einer Ecke des Salons eifrig unterhielt. Gegen acht Uhr verliess
er die Gesellschaft und fuhr nach Hause. Dort hatte er mit seiner Gemahlin eine
heftige Scene, bei welcher endlich auch Fräulein Auguste, aber sehr
niedergeschlagen und mit rotgeweinten Augen erschien. Wer der Gegenstand der
Unterhaltung in der Familie war, werden wir dem Leser nicht zu sagen brauchen,
dagegen wollen wir nicht verschweigen, dass Seine Excellenz, die Nase mit der
Hand festaltend, lange im Salon auf- und abschritt und einer längeren Rede der
Präsidentin lauschte, welche eifrig zu ihm sprach. »Und wenn Alles so wäre, wie
du mir sagtest,« fuhr sie fort, »so können sämmtliche Gerichte des Landes ihn
doch nicht wieder lebendig machen und zur Verantwortung ziehen. Welchen Nutzen
brächte es dir also, die Sache an die grosse Glocke zu hängen, sie stadt- und
landkundig zu machen? - Nutzen, du lieber Gott!« rief sie weinend. »Nur Schande,
o welche Schande! Wird nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns deuten? O der
Skandal!«
    »Und meine Ehre als Chef der Polizei?« sprach stehen bleibend der Präsident,
wobei seine losgelassene Nase hoch empor fuhr.
    »Und meine Ehre?« sagte Auguste weinend. »Bin ich nicht unglücklich genug
durch diese schreckliche Geschichte geworden!«
    Der Präsident setzte abermals schweigend seinen Spaziergang fort und mit
einem tiefen Seufzer blickte er auf die linke, immer noch leere Seite seines
Frackes. »Eine allerhöchste Belohnung,« redete er schwermütig, »hätte mir
diesmal nicht entgehen können. O ich war so nah daran!« - Damit meinte er den
Stern, nach dem er so lange geschmachtet. - »Wer weiss, wenn es wieder einem
Hauptverbrecher gefällt, sich von mir einfangen zu lassen!«
    In diesem Augenblicke meldete der Bediente einen herrschaftlichen Jäger,
welcher Seine Excellenz zu sprechen wünsche. Auf ein Kopfnicken des Letzteren
trat Franz ein und übergab einen Brief, indem er sagte: »Von dem Herrn Baron von
Brand.«
    Man kann sich denken, wie der Präsident bei dieser Meldung zurückfuhr und
dass er mit zitternden Fingern das Couvert abriss. Auch schien ihn die Einlage
desselben nicht zu beruhigen; es war ein einfaches Blatt, auf welchem die Worte
standen: »Der Baron von Brand gibt sich die Ehre, Seine Excellenz den Herrn
Polizeipräsidenten daran zu erinnern, dass er heute Abend erwartet wird und zwar
zu einem Whist à trois mit dem todten Mann.«
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    Im Hause des Kommerzienrates Erichsen hatte man in diesen Tagen ebenfalls
eine Verlobung gefeiert, nicht so geräuschvoll wie bei Seiner Excellenz dem
Kriegsminister, aber darum nicht minder herzlich. Zwar sass die Rätin auch bei
dieser Veranlassung steif wie immer in ihrer Sophaecke, doch lag über ihren
Zügen eine angenehme Weichheit, ihre Augen blickten freundlich und sie wandte
den Kopf häufig nach der rechten Seite, wo Herr Staiger sass, an dem die alte
Dame ihr besonderes Wohlgefallen zu finden schien. Der Mann hatte so ein gutes
warmes Herz und ein ehrliches Gemüt, das sich bei jedem seiner Worte kund gab;
dabei konnte er so angenehm erzählen, und bei dem, was er am heutigen Tage
vorbrachte, kam es denn heraus, dass seine Eltern mit denen der Kommerzienrätin
vor langen Jahren in einem sehr freundschaftlichen Verhältnis gestanden, was zu
vernehmen der Madame Erichsen nicht gerade unlieb war.
    Marianne hatte sich der Verlobten ihres Bruders herzlich und innig
angenommen und liebte sie schon nach den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft wie
eine Schwester. Ja, sie hatte der Kommerzienrätin erklärt, da sie selbst keine
Kinder habe, so wolle sie sich des guten armen Mädchens annehmen und mache sich
ein wahres Vergnügen daraus, derselben eine glänzende Aussteuer zu geben.
    Der Kommerzienrat hatte sich wie immer Diner und Champagner wohl schmecken
lassen und war glückselig, dass die verdriesslichen Geschichten in seinem Hause
sich wieder anfingen aufzuklären und dass er Hoffnung hatte, nächstens wieder ein
stilles und harmloses Leben führen zu können. Wenn auch leider alle Bemühungen
gescheitert waren, um seine Schwiegertochter Berta wieder in das Haus ihres
Mannes zurück zu bringen, obgleich bis jetzt noch keine Scheidung erfolgt war,
so hatte er dagegen einen Brief von seinem Schwiegersohn Herrn Alfons in der
Tasche, worin sich dieser an seine Frau wandte, sein Unrecht vollkommen einsah
und versprach, bei seiner Rückkunft - er hatte nämlich zu seiner Zerstreuung
eine kleine Reise unternommen - so viel in seinen Kräften stände, Alles wieder
gut machen zu wollen.
    Auch bei diesem Diner fielen Toaste, und als das Dessert aufgesetzt wurde,
ergriff sogar die Kommerzienrätin ihr Glas, nachdem sie vorher, diesmal mit
beiden Händen, auf den Tisch getrommelt, und brachte die letzten Tropfen ihres
Champagnerkelches allen denen zu, welche ihre Nebenmenschen ohne Neid und
Missgunst liebten, die statt gehässig die Fehler Anderer aufzudecken, lieber
deren gute Seiten hervorheben, die dabei Freunde der Wahrheit und Feinde
jeglicher Verleumdung seien.
    Ein Trinkspruch, zu welchem aus vollem Herzen Amen zu sagen auch wir uns
gedrängt fühlen und mit uns gewiss der grösste Teil unserer verehrlichen Leser.
 
                          Sechsundachtzigstes Kapitel.
                                    Schluss.
Es ist sehr schwer, von dem Schluss einer Geschichte wie die vorliegende zu
sprechen. Eine solche Geschichte schliesst sich eigentlich nie ab. Die Wenigen
ausgenommen, über deren Lebensende berichten zu müssen wir so unglücklich waren,
befinden sich alle Uebrigen in Fülle der Gesundheit, und wenn es unsere Zeit und
die Geduld des Lesers erlaubten, so könnten wir aus dem ferneren Leben und
Treiben der aufgetretenen Personen noch eine Menge der allerschönsten, zur
Mitteilung geeigneten Sklavengeschichten auffinden. Ein Erzähler darf aber
nicht gegen die Nachsicht seines Publikums sündigen, und es ist seine
Schuldigkeit, so bald er glaubt, er habe sein Mögliches getan, eine hübsche
Gelegenheit zu ergreifen, um sich dem Leser zu empfehlen und sein Buch zu
beschliessen. Wir glauben dies in keinem passenderen Zeitpunkt tun zu können,
als jetzt und wollen nur mit wenigen Worten hinzufügen, was in der nächsten
Zukunft sich mit einigen der Personen zugetragen, die in unserer sehr
wahrhaftigen Geschichte aufgetreten. Wir können dies um so weniger unterlassen,
da hierbei noch ein paar kleine Sklavengeschichten zu Tag kommen, deren Details
sich der Leser, wenn er gleiche Verhältnisse bei sich oder Andern sieht, am
besten selbst auszumalen im Stande sein wird.
    Gewöhnlich folgt auf eine Verlobung die Hochzeit. So war es auch bei dem
Grafen Fohrbach und Artur Erichsen der Fall. Obgleich die Freundschaft dieser
Beiden in gleicher Stärke fortdauerte, so hatten sie sich doch in letzter Zeit
nicht so häufig gesehen wie früher. Zufällig aber war die Hochzeit beider Paare
an demselben Tage, und fast zur gleichen Stunde verliessen sie die Stadt, um eine
längere Reise anzutreten. Graf Fohrbach zog gen Norden, wo seine Familie
weitläufige Güter besass, Artur aber nach Italien, nach dem herrlichen Lande,
das er schon lange zu sehen gewünscht. Der Abschied Clara's von ihrem Vater war
ziemlich schmerzlich gewesen, denn Herr Staiger meinte, bei seinem Alter könne
die Trennung von einem halben Jahre wohl zu einer ewigen werden. Doch bestätigte
sich diesmal die Vermutung des alten Herrn nicht, Clara fand ihn vielmehr als
sie nach der angegebenen Zeit zurückkehrte, frisch und gesund wieder, obgleich
nicht mehr in der Balkengasse, wo sie ihn verlassen. Die Kommerzienrätin hatte
nämlich ihren Schützling dem Gemahl dringend empfohlen, und die Folge davon war,
dass Herr Staiger auf dem Kassenamt des grossen Bankierhauses angestellt wurde, wo
er vermöge seiner Ordnungsliebe und Rechtlichkeit die vortrefflichsten Dienste
leistete.
    Was man so Brautvisiten nennt, hatten Clara und Artur vor ihrer Abreise
nicht gemacht; als sie aber zurückkamen und ihr Haus einrichteten zeigten sie
dies ihren Freunden und Bekannten, sowie auch auf den Wunsch der
Kommerzienrätin denen des Erichsen'schen Hauses pflichtschuldigst an. Wenn sich
aber manche stille Familie mit unversorgten Töchtern, die früher den Herrn
Artur Erichsen sehr hoch gehalten, sowie manche andere, die voll Neid und
Missgunst es der armen Clara nicht verzeihen konnten, dass sie nicht unter dem
Schutze irgend einer Rangklasse geboren, von dem jungen Paare zurückzogen, so
verursachte ihnen das doch durchaus keinen Kummer. Sie lebten in einem
freundlichen und ausgewählten Kreise, und Artur war Philosoph genug, um über
schiefe Blicke und vornehm gerümpfte Nasen herzlich zu lachen.
    Um noch einen Augenblick beim Hause des Kommerzienrats zu verweilen, so
kehrte Herr Alfons wenige Tage nach der Verheiratung Arturs von seiner Reise
zurück. Doch hatte sich das Verhältnis zu seiner Frau gänzlich verwandelt; das
Scepter, welches ihm an jenem Tage entfallen, hatte die kluge Frau ergriffen,
und vom unumschränkten Herrn, auf dessen Winke und Stirnerunzeln sie sonst
ängstlich Achtung gegeben, war er zum Sklaven herabgesunken, welcher sich den,
obgleich nicht unbilligen Wünschen seiner Frau in aller Demut fügte. Machte er
je einmal einen Versuch, seine Ketten zu brechen, so trat die Kommerzienrätin
in's Mittel, und wenn sie ihre spitze Nase erhob, ihn mit den grauen Augen
scharf anblickte und dazu auf dem Tische zu trommeln begann, so räumte er
achselzuckend das Zimmer und begab sich in sein Comptoir, wo ihn dann oftmals
der Kommerzienrat zu trösten suchte, indem er sprach: »Glauben Sie mir, es ist
weit angenehmer für uns, wenn man die Weiber machen lässt; meine Frau hat mich
und die Kinder nun schon an die dreissig Jahre regiert und ich habe mich recht
wohl dabei befunden. Uebrigens sind die Metalliques und die Fünfprozentigen
gestiegen, was eigentlich doch die Hauptsache ist.«
    Die Scheidung des Doktor Erichsen von seiner Frau war unerwartet auf ein
Hindernis gestossen. Dieses Hindernis bestand in der Weigerung der Madame Berta
selbst. Wir wissen, dass sie sich zu ihrer Mutter begeben, um sich, wie sie
sagte, von ihrem Manne nicht länger wie eine Sklavin behandeln lassen zu müssen.
Sie hatte sich ihr elterliches Haus und sich selbst noch ganz so wie früher
gedacht, fand aber in Beiden gewaltig viel verändert. Sie konnte es nicht
vergessen, dass sie ein Hauswesen gehabt und zwei liebe Kinder, und es noch viel
weniger ertragen, dass sie, welche bei sich unbedingt die Erste gewesen, nun bei
ihrer Frau Mama die Dritte sein sollte. Wir sagen die Dritte, denn Mama, alt und
grämlich geworden, hatte sich bei der Verheiratung ihrer Tochter eine
Haushälterin zugelegt, ein grosses, sehr dürres Frauenzimmer mit unbeschreiblich
scharfer Zunge, welche das Hauswesen und ihre Gebieterin nicht nur beherrschte,
sondern sogar tyrannisirte. Madame Berta war noch nicht vier Wochen da, als sie
sich schon unsäglich elend fühlte, denn die Launen der Mutter waren
unerträglich, und die dürre Haushälterin schien es sich zur Aufgabe gemacht zu
haben, beständig von den Freuden des Ehestandes zu phantasiren, wobei sie
versicherte, eine geschiedene Frau sei ein Unding und man wisse gar nicht, zu
welcher Klasse der menschlichen Gesellschaft man sie eigentlich zählen solle.
Hierauf fing Madame Berta an, sich ihrem Hause wieder zu nähern, indem sie ihre
Kinder häufig aber heimlich sah. Das liess der Doktor, der es erfuhr, wohl
geschehen; auch hätte er sich mit seinem weichen Herzen gern seiner Frau wieder
genähert, doch als Artur abreiste, hatte dieser ihm das Versprechen abgenommen,
bis zu dessen Zurückkunft keinen Schritt zu tun, der von der Doktorin als
annähernd betrachtet werden könnte, indem er gesagt: »Wenn du zu bald nachgibst,
so hast du in einem halben Jahre wieder dieselbe Geschichte.« -
    Herr Beil hatte von seinem Freunde Artur den herzlichsten Abschied
genommen, bevor er die Residenz verliess, um dem Auftrag des Herrn von Brand
gemäss nach dem Gute der Baronin von W. zu fahren, deren Vermögen er in Zukunft
zu verwalten hatte. Vorher überbrachte er aber noch das bewusste Paketchen der
Tochter des Präsidenten, die dasselbe im Beisein ihrer Mutter erwartungsvoll
öffnete. Es entielt ein reiches Armband in Brillanten mit der Bitte des Barons,
dieses Andenken von einem Freunde zu nehmen, dem leider traurige Verhältnisse
nicht erlaubt, der schönen Auguste mehr als dies sein zu können. Fräulein
Auguste hatte sich übrigens von dem harten Schlage, der sie betroffen, noch
nicht gänzlich wieder erholt. Bei dem gewissen Hofball war die Mutter leider zu
besorgt gewesen, die Brautschaft ihrer Tochter allzuvielen Menschen zu
verkündigen, und da nun der Präsident, dem Rate seiner Gemahlin folgend, des
Baron Brand nur als solchen gedachte, so sah sich Auguste genötigt,
Kondolationen entgegen zu nehmen, die sich übrigens nicht lange nachher in
Gratulationen verwandelten, als sie eine neue Brautschaft antrat, die diesmal
ein glücklicheres Ende nahm.
    Unmöglich können wir dem geneigten Leser verschweigen, dass es ferner den
Bemühungen des Herrn Beil in seinen jetzigen besseren Verhältnissen gelungen
war, seinem Freunde, dem ehemaligen Lehrling August, eine erträgliche Stelle zu
verschaffen. Obgleich August ein gutes Gemüt hatte und nicht rachgierig war, so
gehörte es doch zu seinen besonderen Vergnügungen und er rechnete es fast zu
seinen Feiertagen, wenn er einen Bestellzettel oder dergleichen der Firma Johann
Christian Blaffer und Compagnie zu überbringen hatte. Dies Geschäft war von zwei
jungen Leuten angekauft worden, welche der eingegangenen Bedingung gemäss den
ehemaligen Chef der Handlung als letzten Commis beibehalten mussten. Die Gefühle,
mit welchen Herr Blaffer an seinem Pulte sass, brauchen wir nicht zu schildern;
beinahe wahnsinnig presste er seine mageren Hände vor die Stirne, wenn August in
das Comptoir trat, und er sich nun um so lebhafter der früheren Zeiten
erinnerte, seines Lehrlings und des verschwundenen Mädchens, von welchem man
übrigens nichts mehr gehört.
    Als Graf Fohrbach am Tage seiner Hochzeit die Stadt verliess, geschah dies in
einem grossen, schweren Reisewagen, auf dessen hinterem Bock der Jäger Franz
Karner sass, sowie Henriette, die Kammerjungfer der jungen Gräfin. Da Diener und
Dienerin sich erst kürzlich kennen gelernt hatten, so fand zwischen ihnen keine
lebhafte Unterhaltung statt. Sie blickte rechts und er links, zuerst auf die
Häuser, an denen sie vorbeifuhren, dann auf die Pappeln der Allee und was ihnen
sonst noch begegnete. Auf der zweiten Station - - der Ort hiess Königshofen -
sprang Graf Fohrbach aus dem Wagen und fragte seinen Jäger, der ihm den Schlag
öffnete: »Nicht wahr, da hinaus ginget ihr?« dabei zeigte er auf den Wald, der
sich hinter dem Dorfe erhob. - »So ist's, Euer Erlaucht,« erwiderte der Jäger
und als er wieder auf seinen hohen Sitz geklettert war, blieb er aufrecht
stehen, und starrte lange, lange nach dem Wald hinüber - er hätte gar zu gern
die Lichtung noch einmal gesehen. Der Wagen rollte aber unaufhaltsam dahin, und
bald legten sich andere Berge und Wälder zwischen ihn und jenen verhängnisvollen
Platz. Derselbe ward aber doch Veranlassung, dass Franz mit der Kammerjungfer ein
Gespräch anknüpfte. Sein Herz war zu voll, es war ihm ein Bedürfnis, von jenem
unglücklichen Morgen sowie von einem gewissen Baron Brand, der hier geendet, mit
dem Mädchen zu sprechen. Wie erstaunte er aber, dass diese die Geschichte fast so
genau wusste wie er selbst, ja dass sie den Baron Brand zu kennen und die
innigste, herzlichste Teilnahme an seinem Schicksal zu nehmen schien! Ein Wort
gab das andere, und da Leute, welche auf einem engen Wagensitze so den ganzen
Tag mit einander fahren, leicht zu Mitteilungen geneigt sind, so erzählten sie
sich Beide noch im Laufe des Nachmittags ihre Schicksale, dass er sowohl
Kammerjungfer als Jäger an ein und demselben Morgen dem Grafen Fohrbach
empfohlen.
    So fuhren sie dahin und es war spät am Nachmittage, als der Wagen vor einem
Wirtshause umgespannt wurde, in dem sich ziemlich viele Gäste befanden, welche
durch ein Harfenmädchen unterhalten wurden, die mit lauter Stimme allerlei
lustige Lieder sang. Als die Künstlerin den Wagen heranrollen hörte, kam sie vor
das Haus, fuhr aber plötzlich wieder zurück, als sie das Gesicht der Dame im
Wagen gesehen hatte. Doch bemerkte man, wie sie ihre Harfe in das Zimmer
hinstellte, und dann dieses sowie das Haus durch eine Hintertüre verliess.
Gleich darauf fühlte Henriette, dass sie Jemand an ihrem Mantel zupfe. Sie wandte
sich um und schaute in das lustige Gesicht ihrer ehemaligen Gefährtin, welche
ihr lachend die Hand reichte. »Siehst du,« sagte dieselbe, »uns Beiden ist es
nach Wunsch gegangen. Du fühlst dich glücklich in den Fesseln deines Dienstes,
und ich mich nicht minder mit meiner Harfe in der prächtigen Freiheit.«
    Der Jäger war nicht wenig überrascht, Nanette, die er wohl kannte, hier
wieder zu sehen, und auch das Mädchen schien sich herzlich über die Begegnung zu
freuen. »Es ist auch sonst noch ein Bekannter von uns hier,« flüsterte sie ihm
zu, »Matias, aber er liegt noch immer krank an seiner Wunde darnieder. Freilich
geht's ihm besser, doch hat ihn die Nachricht, dass man den Wirt zum Fuchsbau
eingesteckt und dass er, den er so sehr geliebt, elend umgekommen sei, wieder
auf's Neue sehr darniedergeworfen.«
    »Sag' ihm meinen Gruss,« antwortete Franz, »und zu gleicher Zeit, dass die
Nachricht von ihm falsch sei. Er ist wohl verschwunden, aber nicht elend
umgekommen.«
    »Das wird ihn erheitern,« versetzte das Harfenmädchen. »Jetzt aber lebt
wohl, eure Pferde sind angespannt.«
    »Leb wohl!« sagten Henriette und der Jäger, und Beide drückten der Andern
herzlich die Hand. Letzterer liess seine Geldbörse darin zurück, indem er sagte:
»Es ist für Matias, er soll sich pflegen, und wenn er das Vergangene vergessen
kann, so wird es mir vielleicht möglich sein, später mehr für ihn zu tun.«
    Dahin flog der Wagen, Jäger und Kammerjungfer sprachen lange nichts mit
einander, aber in dem Wirtshaus ertönte gleich darauf wieder lustig wie früher
Harfe und Gesang. -
    Was nun den Fuchsbau anbelangt, nach dessen finsteren Räumen uns der
geneigte Leser schon öfters freundlich begleitet, so wurde er vom Staate
angekauft und zu einem Arbeitshause für weibliche Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft eingerichtet, welche durch bösen Lebenswandel der wachenden
Gerechtigkeit Veranlassung gaben, sich um ihr Privatleben zu bekümmern. Leider
können wir aber nicht verschweigen, dass sich noch vor Ablauf eines Jahrs, von
dem Zeitpunkt an gerechnet, an welchem unsere wahrhaftige Geschichte schliesst,
einige unserer Bekannten dort ein Rendezvous gaben, und zwar Madame Becker,
Madame Wundel und deren Tochter Emilie, leider jedoch nicht zu Kaffee und
Punsch, wohl aber zu Wasser und Brod und sehr dünner Erbsensuppe. Das uns wohl
bekannte Gemach mit der braunen Decke und den gleichen Holzwänden gehörte zur
Wohnung des Aufsehers, doch liebte dieser das Gemach nicht besonders. Er
behauptete, es sei unheimlich da, und wenn er bei fest verschlossenen Fenstern
und Türen zuweilen am Kamin sitze, so spüre er hinter sich einen Zugwind, von
dem er durchaus nicht ermitteln könne, woher er komme. Desshalb vermied er
endlich die Zimmer, verschloss es am Ende gänzlich und sprach nur achselzuckend
davon.
    Der Wirt zum Fuchsbau war allerdings eingesteckt worden, auch hatte man ihm
für einige Zeit ein wohl verwahrtes Quartier verschafft, ihm aber weiter nichts
anhaben können. Herr Scharffer leugnete hartnäckig, beweisen konnte man ihm nur,
dass er zweideutige Gesellen beherbergte, auch der Diebshehlerei nicht fremd
gewesen, und so kam er mit einem halbjährigen Gefängnis davon. Er verliess
dasselbe mit noch stärkerem Backenbart, im Uebrigen aber sehr abgemagert.
    Nicht so gut erging es dem Herrn Sträuber. Nach und nach kamen die meisten
seiner kleinen Liebhabereien und Phantasien an den Tag. Seine Taschendiebereien
und Gelüste nach den Ohrringen wehrloser Kinder hätten ihn aber wohl nur auf ein
paar Jahre in's Zuchtaus gebracht; doch wie auf dieser Welt Eins dem Andern
folgt, so erschien nach und nach die Korrespondenz, welche er im Auftrag des
Meister Schwemmer für den schwunghaft betriebenen Kinder-und Menschenhandel
geführt. Darauf wurde das Verhältnis dieser beiden würdigen Herren selbst näher
beleuchtet, und Herr Sträuber vermochte es im Laufe der Untersuchung nicht, sich
von der Anschuldigung frei zu machen, als habe er in Gemeinschaft mit der Dame
Schwemmer, dem natürlichen Laufe vorgreifend, den Ehegemahl der Letzteren früher
zu den Freuden und Leiden des Jenseits verholfen. Es war eine Strafanstalt für
schwere Verbrecher, welche eine ihrer stillen Zellen dem Herrn Sträuber öffnete.
Er musste den schwarzen Frack und die baumwollenen Handschuhe für immer ablegen,
sein vornehmer Anstand und seine feine Bildung verschwanden gänzlich unter dem
groben Sträflingsgewand, und da sein hochfliegender Geist sich lange nicht
herablassen wollte, die Handgriffe des Wollspinnens zu erfassen, so war die
verdriessliche Folge hievon, dass er Dunkelarrest, Hunger und Prügel kennen lernte
- sehr unangenehme Zutaten zum Gefängnissleben.
    Mademoiselle Terese hatte bei jener Teatervorstellung, die so traurig für
die unglückliche Marie geendet, zum letzten Mal getanzt. Sie war um ihren
Abschied eingekommen, hatte ihn auch erhalten und reichte nun dem Herrn Berger
ihre Hand. Dass sie den Entschluss, mit ihrem Gemahl ein kleines Stück
Sklavenleben aufzuführen, im weitesten Umfange verwirklichte, kann uns der
geneigte Leser auf's Wort glauben. Doch schien sich Herr Berger nicht übel dabei
zu befinden, wenigstens nahm er körperlich zu und wurde aus einem dürren,
grämlichen Manne, ein wohlbeleibter, freundlicher Herr. Terese dagegen blieb
sich gleich und behielt ihre schöne Taille.
    Die Hochzeit des Paares war wenige Tage, nachdem Artur abgereist, mit
ausserordentlichem Glanze gefeiert worden. Die Tänzerin hatte befohlen, dass eine
Deputation ihrer ehemaligen Kolleginnen dabei sein müsse, vor allen Dingen aber
Schwindelmann, Herr Hammer, Richard und Schellinger. Fritz, der Teaterfriseur,
war nicht so glücklich gewesen, eine Einladung zu bekommen, hatte es aber doch
nicht unterlassen, das Haar der schönen Braut, wohl zum letzten Mal, wie er
seufzend gesagt, an ihrem Hochzeitstage zu ordnen. Dass Terese in ihrem weissen
Atlaskleide den Spitzenschleier im grünen Myrtenkranz, wie eine Fürstin aussah,
versteht sich von selbst. Herr Berger hörte auch mit Wohlgefallen, wie man ihre
prächtige Gestalt bewunderte und ihn glücklich pries. Auch der Hochzeitsschmaus
ging sehr lustig vorüber, und unter allen Anwesenden sah man nur zwei Gesichter
mit trüben Mienen. Das waren Richard und Schwindelmann; Letzterer versicherte
fast weinend, man könne es gar nicht glauben, wie ihm jetzt sein Geschäft
verleidet werde. »Die Clara fort, die arme Marie nicht mehr da, und jetzt auch
noch Mademoiselle Terese, die uns verlässt! Es ist Alles aus,« seufzte er,
»nichts mehr bei dem Ballet; solche, wie diese drei kommen nicht wieder!« dabei
sprach er die Absicht aus, sich nächstens zur Stelle des Anführers der Statisten
zu melden, indem er meinte: »Die wechseln ohnedies jeden Tag und da hängt man
doch sein Herz an gar nichts.« Was Richard anbelangte, so konnte man ihn
eigentlich nicht zu den Hochzeitsgästen rechnen, denn er kam nur auf wenige
Augenblicke, um der Braut zu gratuliren und sich dann, wohl für immer, von ihr
und den andern Freunden zu verabschieden. Er hatte seine Stelle beim Teater
aufgegeben und war im Begriff, nach Amerika auszuwandern. »Hier tut sich's
nicht mehr,« sagte er zu Terese, »und wenn ich das Teater nur von aussen
ansehe, so drückt es mir die Brust zusammen und zerbricht mir fast das Herz.« Es
war mit dem schönen und kräftigen Mann seit jener Zeit eine grosse Veränderung
vorgegangen. Seine glänzenden Augen waren eingefallen, seine sonst so blühenden
Wangen blass geworden, und er, der sonst so rührig war wie Keiner, konnte nun
stundenlang in irgend eine Ecke starren, an seiner Unterlippe nagend. Er drückte
der schönen Braut herzlich die Hand, sprach einige Worte mit dem alten Herrn
Hammer und winkte alsdann Schwindelmann und Schellinger, die sich für eine
kleine halbe Stunde entschuldigten und dann mit ihm fortgingen.
    Es war in später Nachmittagsstunde, und die Drei schritten neben einander
durch die Strassen dahin, Richard aufrecht in der Mitte, zu seiner Rechten
Schwindelmann, der besonders wehmütig gestimmt war und von Zeit zu Zeit heftig
schluckte, zu seiner Linken der Garderobe-Gehilfe, welcher den Oberkörper
vornüber hielt und seiner Gewohnheit gemäss die Hände auf dem Rücken hatte.
Schweigend gingen sie so mit einander fort, durch eine Strasse um die andere,
endlich durch das Tor, bis sie einige hundert Schritte vor demselben an ein
eisernes Gitter kamen, durch welches man allerlei Kreuze und Steine blinken sah.
»Folgt mir nur,« sagte Richard mit leiser Stimme, »ich weiss schon, wo sie
liegt.« Damit schritten sie über die Gräber dahin und kamen endlich an einen
kleinen Hügel, auf welchem ein einfaches Kreuz stand, über das ein frischer
Immergrünkranz hing. Hier blieben alle Drei mit gefalteten Händen stehen, der
alte Schellinger zog die Augenbrauen in die Höhe und bemühte sich, seine Wehmut
zu verbergen, während dem weicheren Schwindelmann die Tränen über die Wangen
herabtropften. Der Himmel war den ganzen Tag mit finstern Wolken bedeckt
gewesen, die sich jetzt eben am Horizont ein wenig erhoben und der glühenden
Abendsonne erlaubten, einen letzten glänzenden Blick auf das einsame Grab zu
werfen. dabei erhob sich ein leichter Wind, der Kranz von Immergrün rauschte. -
- »Amen!« sprach Richard. Dann bückte er sich nieder, brach ein paar Zweige
Immergrün ab und nahm eine Hand voll Erde von dem Grabe. »Das soll man mir
später einmal in das letzte Kopfkissen nähen,« sagte er dann.
    Schwindelmann wischte sich die Augen, und als sich die Drei zum Weggehen
anschickten, zeigte er auf ein eingesunkenes Grab, nicht weit von dem anderen
und sagte: »Dort liegt die arme Nähterin, wisst ihr, dieselbe, der ihr damals
geholfen, ihr Kind wieder zu verschaffen.«
    »Wo?« fragte der Zimmermann.
    »Hier, Richard.«
    Da war kein Kreuz zu sehen, nur ein kaum bemerklicher Erdhügel ohne Blumen,
selbst ohne Gras.
    »Wo ist denn das Kind geblieben?« fragte Richard nach einer Pause.
    »O es ist gut versorgt worden,« entgegnete Schwindelmann. »Herr Artur
Erichsen hat sich seiner angenommen und es geht ihm ganz vortrefflich.«
    Bei diesen Worten zuckte ein gewaltiger Schmerz auf dem Gesichte Richards,
und er sprach mit dumpfer Stimme: »Die Marie hat mir einmal erzählt, dass jene
Nähterin ihr gesagt: Wenn du einmal glücklich verheiratet bist und du siehst
mein armes Kind an einer Ecke stehen, so schenke ihm ein Almosen. - O Gott! und
nun liegen Beide hier!«
    Schweigend, wie sie gekommen, schritten die Drei wieder nach der Stadt
zurück, durch die dunkeln Strassen bis an den Gastof, wo die Hochzeit gehalten
wurde. Hier war es glänzend erleuchtet, und lustige Tanzmusik schallte in die
Nacht hinaus.
    »Ich mag nicht mehr hinauf gehen,« meinte Richard; »sagt meinem Vater, dass
ich ihn zu Haus erwarte. Euch seh' ich auch wohl noch. Um elf Uhr fährt der
Wagen ab, und bis dahin wird die Geschichte oben fertig sein.« Er reichte Beiden
eine Hand, und schritt alsdann, ohne sich umzusehen, nach Hause.
                                      * *
                                       *
     Die freundlichen Leser einer längeren Geschichte wie die vorliegende sind
den Teilnehmern an einer Landpartie zu vergleichen. Beim ersten Grauen des
Morgens, sobald man die Tore der Stadt hinter sich hat, hier beim Anfang des
ersten Kapitels, ist die Schaar der Lustwandelnden dicht geschlossen;
wohlgeordnet und emsig geht es fort über Berg und Tal, Sonnenschein oder Regen
entgegen, und wie dort das lachende, muntere Völkchen über die heisse Chaussee
dahinzieht oder durch den Schatten des Waldes, so laufen hier emsig die
blitzenden Augen über die Blätter des Buchs, durch die Linien frisch und
wohlgemut. Bei manchem der da draussen Wandelnden ebenso wie bei den Lesern ist
indessen der Reiz der Neuheit bald vorbei; sie blicken seufzend auf den Weg, den
sie noch zurückzulegen haben, und die bunten Bilder, die sich vor ihnen
aufrollen, sind ihnen schon entleidet. Diesem ist die Fläche, die er
durchwandern muss, zu einförmig, Jenem zu abwechselnd; dem Einen scheint die
Sonne zu hell, der Andere ärgert sich über die finsteren Wolken, die am Horizont
emporsteigen, auch gefallen ihm nicht die Gesichter, die ihm begegnen, oder die
Kleidung der Leute, denen sie angehören; bald scheinen sie ihm zu geputzt, zu
geziert, bald gar zu sehr bedeckt mit dem Schmutze dieses Lebens. Unmutig
seufzt der Spaziergänger auf der staubigen Strasse und der Leser mit dem Buche in
der Hand. Er findet Kameraden, die wie er denken und die sich stillschweigend
verbinden, langsam zurückzubleiben. Manche werden schon nach den ersten Kapiteln
zu Marodeurs, Andere bei der ersten Rast, hier am Schluss des ersten Bandes. Die
Zurückbleibenden folgen nicht mehr dem Winke des Voranmarschirenden, sie lagern
hier und dort an der Strasse, und da böses Beispiel ansteckend ist, so werden der
Marodeurs immer mehrere, je mehr man sich dem Ziel der Reise nähert. Viele gehen
nicht weiter als bis zum Schluss des zweiten Bandes, Andere schauen noch in den
dritten hinein; da aber der Anfang desselben nicht ganz ihren Erwartungen
entspricht, so schlagen sie ihn ungeduldig zu und wenden sich missmutig ab.
Wenige halten aus bis zum Schluss; diese Wenigen aber sind die Freunde des
Führers, und wenn er sich am Ziele angekommen nun ebenfalls ausruhend niederlässt
und zurückblickt auf den Weg, den er durchlaufen, so belobt er die freundlich,
die fest bei ihm ausgehalten, und entschuldigt den langen Marsch, den er ihnen
zugemutet, indem er ihnen sagt: wenn derselbe auch vielleicht nicht so ganz
nach ihren Wünschen ausgefallen sei, so habe doch gewiss Jeder etwas gefunden,
was sein Herz erfreut, sei es nun ein glänzender Stein, eine bunte Blume, ein
Blick in den düstern Wald oder auf ein offenes, von der Sonne beschienenes Tal.
dabei bedankt er sich für gütige Teilnahme und versichert, wenn er nächstens
wieder einen Spaziergang vorschlage, so wolle er sich nach besten Kräften
bemühen, eine schönere Gegend zu finden, einen angenehmeren Pfad mit noch mehr
Abwechslungen, durch Wärme, Kälte, Sonne, Regen, Staub, Nässe, Licht und
Schatten - eine wahre Musterkarte, auf der jeder sich aussuchen könne, was ihm
gerade am meisten behage oder was am besten für ihn passe. Und das sind auch für
diesmal meine letzten Worte an Dich, freundlicher und wohlgeneigter Leser!
 
    