
        
                                Gottfried Keller
                               Der grüne Heinrich
                                        
                                [Erste Fassung]
                                     Vorwort
Von diesem Buche liegt der erste Band schon seit zwei Jahren, der zweite seit
einem Jahre fertig gedruckt, während die Beendigung des dritten und vierten
Bandes durch verschiedenes Ungeschick bis vor kurzem verzögert wurde. Absicht
und Motive blieben dabei unverändert dieselben wie am ersten Tage der
Konzeption, während in der Ausführung während mehrerer Jahre der Geschmack des
Verfassers sich notwendig ändern musste, oder ehrlich herausgesagt: ich lernte
über der Arbeit besser schreiben. Die ersten Bogen dieses Romanes datieren noch
aus dem Jahr 1847, die letzten entstanden in diesen Tagen, und die
Entstehungsweise des Ganzen gleicht derjenigen eines ausführlichen und langen
Briefes, welchen man über eine vertrauliche Angelegenheit schreibt, oft
unterbrochen durch den Wechsel und Drang des Lebens. Man lässt den Brief ganze
Zeiträume hindurch liegen, man wird vielfältig ein anderer; aber wenn man das
Geschriebene wieder zur Hand nimmt, fährt man genau da fort, wo man aufgehört
hatte, und wenn sich auch in dem, was man betont oder verschweigt, der Wechsel
des Lebens kundtut, findet sich doch, dass man gegen den, an welchen der Brief
gerichtet, und in dieser Sache der alte geblieben ist. Man hat den Brief mit
einer gewissen redseligen Breite begonnen, welche eher von Bescheidenheit zeugt,
indem man sich kaum Stoffes genug zutraute, um den ganzen schönen Bogen zu
füllen. Bald aber wird die Sache ernster; das Mitzuteilende macht sich geltend
und verdrängt die gemütlich ausgeschmückte Gesprächigkeit, und endlich zwingt
sich von selbst, und noch gedrängt durch die äusseren Ereignisse und Schicksale,
nicht eine teoretische, sondern im Augenblick praktische Ökonomie in die in der
Eile besonnene Feder, so dass nur das Wesentliche sich lösen darf aus dem Fluge
der Gedanken, um sich gegen den Schluss des Briefes hin wenigstens soviel Raum zu
erkämpfen, als nötig ist, mit der warmen Liebe des Anfanges zu endigen. So
entsteht freilich nicht ein streng gegliedertes Kunstwerk, aber vielleicht ein
um so treuerer Ausdruck dessen, was man war und wollte mit dem Briefe. Eine
andere Frage aber ist es nun, ob das Gleichnis hinreiche, eine gewisse
Unförmlichkeit vorliegenden Romanes zu entschuldigen oder zu beschönigen. Ich
bin weit entfernt, dies versuchen zu wollen; einzig und allein möchte ich durch
das Gleichnis die Hoffnung andeuten, der geneigte Leser werde wenigstens, wenn
auch nicht den Genuss eines reinen und meisterhaften Kunstwerkes, so doch den
Eindruck einer wahr empfundenen und mannigfach bewegten Mitteilung davontragen.
- Besagte Unförmlichkeit hat ihren Grund hauptsächlich in der Art, wie der Roman
in zwei verschiedene Bestandteile auseinanderfällt, nämlich in eine
Selbstbiographie des Helden, nachdem er eingeführt ist, und in den eigentlichen
Roman, worin sein weiteres Schicksal erzählt und die in der Selbstbiographie
gestellte Frage gewissermassen gelöst wird. Der eine dieser Teile ist viel zu
breit, um als Episode des andern zu gelten, und so bleibt nur zu wünschen, dass
die Einheit des Inhaltes beide genugsam möge verbinden und die getrennte Form
vergessen lassen. Über den eigentlichen Inhalt weiss ich hier nichts zu sagen,
als dass man das Buch leider als ein Tendenzbuch wird ansehen können, während es
in der Tat nur insofern ein solches ist, als es mit Absicht nichts verschweigt,
was in den notwendigen Kreis seines Stoffes gehört. Stoff und Form aber will ich
hiemit bescheidenst dem ungewissen Stern jedes ersten Versuches anheimstellen.
Berlin 1853
                                                                   Der Verfasser
 
                                  Erster Band
                                  Erstes Kapitel
Zu den schönsten vor allen in der Schweiz gehören diejenigen Städte, welche an
einem See und an einem Flusse zugleich liegen, so dass sie wie ein weites Tor am
Ende des Sees unmittelbar den Fluss aufnehmen, welcher mitten durch sie hin in
das Land hinauszieht. So Zürich, Luzern, Genf; auch Konstanz gehört
gewissermassen noch zu ihnen. Man kann sich nichts Angenehmeres denken als die
Fahrt auf einem dieser Seen, z.B. auf demjenigen von Zürich. Man besteige das
Schiff zu Rapperswyl, dem alten Städtchen unter der Vorhalle des Urgebirges, wo
sich Kloster und Burg im Wasser spiegeln, fahre, Huttens Grabinsel vorüber,
zwischen den Ufern des länglichen Sees, wo die Enden der reichschimmernden
Dörfer in einem zusammenhängenden Kranze sich verschlingen, gegen Zürich hin,
bis, nachdem die Landhäuser der Züricher Kaufleute immer zahlreicher wurden,
zuletzt die Stadt selbst wie ein Traum aus den blauen Wassern steigt und man
sich unvermerkt mit erhöhter Bewegung auf der grünen Limmat unter den Brücken
hinwegfahren sieht. Das ganze Treiben einer geistig bedeutsamen und schönen
Stadt drängt sich an den leicht dahinschwebenden Kahn. Soeben versammelt sich
der gesetzgebende Rat der Republik. Trommelschlag ertönt. In einfachen schwarzen
Kleidern, selten vom neuesten Schnitte, ziehen die Vertreter des Volkes auf den
Ufern dahin. Auch die Gesichter dieser Männer sind nicht immer nach dem neusten
Schnitte und verraten durchschnittlich weder elegante Beredsamkeit noch grosse
Belesenheit; aber aus gewissen Strahlen der lebhaften Augen leuchtet
Besonnenheit, Erfahrung und das glückliche Geschick, mit einfachem Sinn das
Rechte zu treffen. Von allen Seiten wandeln diese Gruppen, je nach den
Tagesfragen und der verschiedenen Richtung begrüsst oder unbegrüsst vom
zahlreichen emsigen Volke, nach dem dunklen schweren Ratause, das aus dem
Flusse emporsteigt. Stolz neben diesen Gestalten hin rasseln diplomatische
Fremdlinge über die Brücken in wunderlichem Aufputze, und ihre komischen Livreen
ergötzen, wie billig, einen Augenblick lang das einfache Volk. Zwischendurch
steuert der deutsche Gelehrte mit gedankenschwerer Stirne nach seinem Hörsaal;
sein Herz ist nicht hier, es weilt im Norden, wo seine tiefsinnigen Brüder, in
zerrissenen Pergamenten lesend, finstere Dämonen beschwörend, sich ein Vaterland
und ein Gesetz zu gründen trachten. Ausgeworfen von der Gärung dieses grossen
Experimentes, begegnet ihm der Flüchtling mit unsichern, zweifelhaften Augen und
kummervollen Mienen und vermehrt die Mannigfaltigkeit und Bedeutung dieses
Treibens. Jetzt ertönt das Getöse des Marktes von einer breiten Brücke über
unserm Kopfe; Gewerk und Gewerb summt längs des Flusses und trübt ihn teilweise,
bis die rauchende Häusermasse einer der grössten industriellen Werkstätten voll
Hammergetönes und Essensprühen das Bild schliesst. Aus dem pfeilschnell
vorübergeflossenen Gemälde haben sich jedoch zwei Bilder der Vergangenheit am
deutlichsten dem Sinne eingeprägt rechts schaute vom Münsterturme das sitzende
riesige Steinbild Karls des Grossen, eine goldene Krone auf dem Lockenhaupt, das
goldene Schwert auf den Knien, über Strom und See hin; links ragte auf steilem
Hügel, turmhoch über dem Flusse, ein uralter Lindenhain, wie ein schwebender
Garten und in den schönsten Formen, grün in den Himmel. Kinder sah man in der
Höhe unter seinen Lautgewölben spielen und über die Brustwehr herabschauen. Aber
schon fährt man wieder zwischen reizenden Landhäusern und Gewerben, zwischen
Dörfern und Weinbergen dahin, die Obstbäume hangen ins Wasser, zwischen ihren
Stämmen sind Fischernetze ausgespannt. Voll und schnell fliesst der Strom, und
indem man unversehens noch einmal zurückschaut, erblickt man im Süden die weite
schneereine Alpenkette wie einen Lilienkranz auf einem grünen Teppich liegen.
Jetzt lauscht ein stilles Frauenkloster hinter Uferweiden hervor, und da nun gar
eine mächtige Abtei aus dem Wasser steigt, so befürchtet man die schöne Fahrt
wieder mittelalterlich zu schliessen; aber aus den hellgewaschenen Fenstern des
durchlüfteten Gotteshauses schauen statt der vertriebenen Mönche blühende
Jünglinge herab, die Zöglinge einer Volkslehrerschule. So landet man endlich zu
Baden, in einer ganz veränderten Gegend. Wieder liegt ein altes Städtchen mit
mannigfachen Türmen und einer mächtigen Burgruine da, doch zwischen grünen
Hügeln und Gestein, wie man sie auf den Bildern der altdeutschen Maler sieht.
Auf der gebrochenen Veste hat ein deutscher Kaiser das letzte Mahl eingenommen,
eh er erschlagen wurde; jetzt hat sich der Schienenweg durch ihre Grundfelsen
gebohrt.
    Denkt man sich eine persönliche Schutzgöttin des Landes, so kann die
durchmessene Wasserbahn allegorischerweise als ihr kristallener Gürtel gelten,
dessen Schlusshaken die beiden alten Städtchen sind und dessen Mittelzier Zürich
ist, als grössere edle Rosette.
    So haben Luzern oder Genf ähnliche und doch wieder ganz eigene Reize ihrer
Lage an See und Fluss. Die Zahl dieser Städte aber um eine eingebildete zu
vermehren, um in diese, wie in einen Blumenscherben, das grüne Reis einer
Dichtung zu pflanzen, möchte tunlich sein indem man durch das angeführte,
bestehende Beispiel das Gefühl der Wirklichkeit gewonnen hat, bleibt hinwieder
dem Bedürfnisse der Phantasie grösserer Spielraum, und alles Missdeuten wird
verhütet.
    Unser See bildet scheinbar ein weites ovales Becken, welches aus den
bläulichen Farbenabstufungen des umgebenden Gebirges nur ahnen lässt, dass in der
Ferne da und dort das Wasser in Buchten ausläuft und in den verschiedenen
Seitentälern neue Seen bildet. Aus dem Hintergrunde der klaren Gewässer steigt
die mächtige Gletscherwelt empor, senkt sich dann, im Kranze um den See herum,
zum flachern Gebirge herab, bis sich dieses in zwei schönen Bergen schliesst,
welche den mässigen Strom zwischen sich durchtreten lassen, in das ebene Land
hinaus. Am jenseitigen Berge, der seinen sonnigen runden Abhang, dem Süden
zugewendet, aus dem See erhebt, liegt die Stadt hingegossen, fast von seinem
Scheitel bis in das Wasser herunter, dass ihr steinerner Fuss sich noch in die
spülende Flut hineintaucht. Vom diesseitigen Berge aber, welcher aus schroffen
waldbewachsenen Felsen besteht, kann man in die Stadt hinein und hinüber
schauen, wie in einen offenen Raritätenschrein, so dass die kleinen fernen
Menschen, die in den steilen alten Gassen herumklimmen, sich kaum vor unserm
Auge verbergen können, indem sie sich in ein Quergässchen flüchten oder in einem
Hause verschwinden. Es ist eine seltsame Stadt, mit einem altergrauen Haupte und
neuen glänzenden Füssen. Denn der Verkehr und das tätige Leben haben unten am
Ufer, wo die befrachteten Schiffe ab- und zugehen, nichts Altes und Unbequemes
gelassen und die Steinmasse fortwährend erneuert, während das Alter sich am
Berge hinaufflüchtete, mitten an demselben, auf einem platten Vorsprunge in der
kühlen byzantinischen Stadtkirche ausruhte und oben zuletzt auf der
halbzerfallenen Burg stehenblieb. Seinen innigen Zusammenhang mit dem
gegenwärtigen Leben beweist es jedoch in den riesenhaften Burglinden, welche
ewig grün ihre Aste zu einem mächtigen Kranze verschlingen hoch über der Stadt,
unmittelbar unter dem Himmel. Wo der Fluss sich schon merklich verengt und seine
eigene Strömung annimmt, steht noch ein malerisches festes Brückentor und sendet
eine lange hölzerne Brücke herüber, bedeckt von einem altertümlichen Dache,
dessen Gebälke mit Schnitzwerk und verblichenen Schildereien überladen ist.
Diesseits empfängt sie wieder ein grauer Turm, und aus diesem hervor führen
mehrere Wege, teils dem Flusse entlang nach der Fläche hinaus, teils auf jähen
Steigen auf den Felsenberg. An dessen Mitte ragt ebenfalls ein beträchtliches
Plateau hinaus; es trägt, wie es oft bei Flussstädten vorkommt, eine Art
Anhängsel oder kleinern Teil der Stadt, bestehend aus einem Kastell und
ehemaligen Kloster, deren innere Räume und Höfe vollständig mit Gräbern
angefüllt sind, da sie der Stadt schon seit Jahrhunderten zum Kirchhofe dienen.
Die Gebäude aber entalten ein Irrenhaus, ein Armenhaus oder Hospital und
dergleichen mehr. Seltsam und düster haben sich Tod und Elend zwischen dem alten
winklichten Gemäuer eingenistet, aus dessen Dunkelheiten die herrliche
schimmervolle Landschaft das Auge um so mehr blendet. Und über die Gräber hin
führt der Weg dann vollends, sich durch efeubewachsene Nagelflühe emporwindend,
auf den Berg, wo er sich in einem weitgedehnten prächtigen Buchenwalde verliert.
    Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frühsten Ostermorgen ein
junger Mensch; er trug ein grünes Röcklein mit übergeschlagenem schneeweissen
Hemde, braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze, in deren
Falten ein feines weiss und blaues Federchen von einem Nusshäher steckte. Diese
Dinge, nebst Ort und Tageszeit, kündigten den zwanzigjährigen Gefühlsmenschen
an. Es war Heinrich Lee, der heute von der bisher nie verlassenen Heimat
scheiden und in die Fremde nach Deutschland ziehen wollte; hier heraufgekommen,
um den letzten Blick über sein schönes Heimatland zu werfen, beging er zugleich
den Akt eines Naturkultus, wie es häufig bei hoffnungsreichen und
entusiastischen Jünglingen geschieht.
    Sowenig, ausser dem tiefen ruhigen Strömen des Flusses, ein Ton in dieser
Frühe hörbar wurde, ebensowenig war an der weiten tiefen himmlischen
Kristallglocke der leiseste Hauch eines Wölkleins zu sehen. Der weite See
verschmolz mit den Füssen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung; die
Schneekuppen und Hörner standen milchblass in der Frühe. Als Heinrich an den Rand
des Waldes trat, überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die
geisterhaften Gebilde; über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der
Morgenstern.
    Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah, tat er einen jener stummen,
flüchtigen Gebetseufzer, die, wenn sie in Worte zu fassen wären, ungefähr so
lauten würden Das ist sehr schön, o Gott ich danke dir dafür, ich gelobe, das
Meinige auch zu tun! Wo und wer du auch seist, habe Nachsicht mit mir, du weisst,
wie alles kommt in deiner Welt, übrigens mache mit mir, was du willst!
    Die Brust des jungen Menschen hob und senkte sich sehr stark; aber seine
Seele war so keusch, dass er vor allem patetischen Verweilen, vor aller
Selbstgefälligkeit solcher Augenblicke floh, ehe sich obige wenigen Sätze in
seinem Sinne deutlich entwickeln konnten. Also drehte er sich wie der Blitz auf
seinem Absatze herum und eilte, nach Norden und Westen zu schauen. Die Sonne war
aufgegangen; während im Süden die Alpenkette nun im fröhlichsten hellsten Golde
glänzte, hatte das westliche und nördliche flache Land, gegen das Rheingebiet
hin, die Rosenfarbe des Morgens angenommen, besonders wo sich die laublosen, für
diese Farbe empfänglichen Waldungen und violetten Brachfelder dehnten; was
junggrünes Saatland war, schimmerte mehr silbergrau in der Ferne. Von Schnee war
ausser dem Gebirge keine Spur mehr zu finden; aber das wenige Grün war noch
trocken und taulos.
    Die Tiefe des Himmels und mit ihr das Gewässer waren jetzt blau und das Land
sonnig geworden. Nur der untere Teil der Stadt und der Fluss lagen noch im
Schatten, und letzterer ging tief grün, und bloss die länglich ziehenden Spiegel
seiner Wellen warfen von ihren glattesten Stellen etwas Blau zurück.
    Heinrich Lee sah in seine Vaterstadt hinüber. Die alte Kirche badete im
Morgenschein, hie und da blitzte auch ein geöffnetes Fenster, ein Kind schaute
heraus und sang, und man konnte aus der Tiefe der Stube die Mutter sprechen
hören, die es zum Waschen rief. Die vielen Gässchen, durch mannigfaltiges
steinernes Treppenwerk unterbrochen und verbunden, lagen noch alle im Schatten,
und nur wenige freiere Kinderspielplätze leuchteten bestreift aus dem Dunkel.
Auf allen diesen Stufen und Geländern hatte Heinrich gesessen und gesprungen,
und die Kinderzeit dünkte ihm noch vor der Türe des gestrigen Abends zu liegen.
Schnell liess er seine Augen treppauf und - ab in allen Winkeln der Stadt
herumspringen, die traulichen Kinderplätze waren alle still und leer wie
Kirchenstühle am Werktag. Das einzige Geräusch kam noch vom grossen Stadtbrunnen,
dessen vier Röhren man durch den Flussgang hindurch glaubte rauschen zu hören;
die vier Strahlen glänzten hell, ebenso was an dem steinernen Brunnenritter
vergoldet war, sein Schwertknauf und sein Brustarnisch, welch letzterer die
Morgensonne recht eigentlich auffing, zusammenfasste und sein funkelndes Gold
wunderbar aus der dunkelgrünen Tiefe des Stromes herauf widerscheinen liess.
Dieser reiche Brunnen stand auf dem hohen Platze vor dem noch reichern
Kirchenportale, und sein Wasser entsprang auf dem Berge diesseits des Flusses,
auf welchem Heinrich jetzt stand. Es war früher sein liebstes Knabenspiel
gewesen, hier oben ein Blatt oder eine Blume in die verborgene Quelle zu
stecken, dann neben den hölzernen Röhren hinab, über die lange Brücke, die Stadt
hinauf zu dem Brunnen zu laufen und sich zu freuen, wenn zu gleicher Zeit oben
das Zeichen aus der Röhre in das Becken sprang; manchmal kam es auch nicht
wieder zum Vorschein. Er pflückte eine eben aufgehende Primel und eilte nach der
Brunnenstube, deren Deckel er zu heben wusste; dann eilte er die unzähligen
Stufen zwischen wucherndem Efeugewebe hinunter, über den Kirchhof, wieder
hinunter, durch das Tor über die Brücke, unter welcher die Wasserleitung auch
mit hinüberging. Doch auf der Mitte der Brücke, von wo man unter den dunklen
Bogen des Gebälkes die schönste Aussicht über den glänzenden See hin geniesst,
selbst über dem Wasser schwebend, vergass er seinen Beruf und liess das arme
Schlüsselblümchen allein den Berg wieder hinaufgehen. Als er sich endlich
erinnerte und zum Brunnen hinanstieg, drehte es sich schon emsig in dem Wirbel
unter dem Wasserstrahle herum und konnte nicht hinauskommen. Er steckte es zu
dem Federchen auf seiner Mütze und schlenderte endlich seiner Wohnung zu durch
alle die Gassen, in welche überall die Alpen blau und silbern hineinleuchteten.
Jedes Bild, klein oder gross, war mit diesem bedeutenden Grunde versehen vor der
niedrigen Wohnung armer Leute stand Heinrich still und guckte durch die
Fensterlein, die, einander entsprechend, an zwei Wänden angebracht waren, quer
durch das braune Gerümpel in die blendende Ferne, welche durch das jenseitige
Fenster der Stube glänzte. Er sah bei dieser Gelegenheit den grauen Kopf einer
Matrone nebst einer kupfernen Kaffeekanne sich dunkel auf die Silberfläche einer
zehn Meilen fernen Gletscherfirne zeichnen und erinnerte sich, dass er dieses
Bild unverändert gesehen, seit er sich denken mochte.
    So spielte dieser Jüngling wie ein Kind mit der Natur und schien seine
bevorstehende, für seine kleinen Verhältnisse bedeutungsvolle Abreise ganz zu
vergessen. Allein plötzlich fiel es ihm schwer aufs Herz, als er nun vor seinem
düstern Vaterhause stand und die Mutter ihm ungeduldig aus dem Fenster winkte.
Schnell eilte er die engen Treppen hinauf, den Wohngemächern der Haushaltungen
vorbei, die alle im Hause wohnten.
    »Wo bleibst du denn so lang?« empfing ihn die Frau Lee, eine geringe Frau
von etwa fünfundvierzig Jahren, an welcher weiter nichts auffiel, als dass sie
noch kohlschwarze schwere Haare hatte, was ihr ein ziemlich junges Ansehen gab;
auch war sie um einen Kopf kleiner als ihr Sohn.
    »Da habe ich schon angefangen, deinen Koffer zu packen, weil du sonst vor
Abgang der Post nicht mehr fertig würdest.«
    Heinrich guckte in den Koffer; mit richtigem Sinn hatte die gute Frau Mappen
und Bücher auf den Boden gebreitet; nur hatte sie mit weniger Zarteit
verschiedene Bogen und Papiere nicht genugsam zusammengeschichtet, so dass einige
derselben an den Wänden des Koffers gekrümmt wurden, was der Sohn eifrig
verbesserte. Für Papier haben die meisten Hausfrauen überhaupt nicht viel
Gefühl, weil es nicht in ihren Bereich gehört. Die weisse Leinwand ist ihr
Papier, die muss in grossen, wohlgeordneten Schichten vorhanden sein, da schreiben
sie ihre ganze Lebensphilosophie, ihre Leiden und ihre Freuden darauf. Wenn sie
aber einmal ein wirkliches Briefchen schreiben wollen, so findet sich kaum ein
veraltetes Blatt dazu, und man kann sich alsdann mit einem hübschen Bogen
Postpapier und einer wohlgeschnittenen Feder sehr beliebt bei ihnen machen.
    Auch hier erwies es sich, dass die Mutter eigentlich die schweren Gegenstände
zuunterst gepackt hatte, um die zwölf schönen neuen Hemden zu schonen, welche
sie jetzt hineinlegte.
    »Trage doch recht Sorge für deine Hemden«, sagte sie, »ich habe das Tuch
selbst gesponnen; siehst du, diese sechs sind fein und schön, sie stammen aus
meinen jüngeren Jahren, diese sechs hingegen sind schon gröber, meine Augen sind
eben nicht mehr so scharf. Alle aber sind schneeweiss, und wenn du auch, während
sie noch gut sind, feinere Kleider anschaffen könntest, so darfst du doch meine
Wäsche dazu tragen, weil es anständige und ehrbare Leinwand ist. Wechsle recht
gleichmässig ab, wenn du sie der Wäscherin gibst, damit nicht ein Teil zuviel
gebraucht wird, und verfasse immer einen genauen Waschzettel. Und dass du mir nur
das Weisszeug und dergleichen mehr estimierst als bisher und nichts verzettelst!
Denn bedenke, dass du von nun an für jedes Fetzchen, das dir abgeht, bares Geld
in die Hand nehmen musst und es doch nicht so gut bekömmst, als ich es verfertigt
habe. Wenigstens untersteh dich nicht mehr und wische deine kotigen Schuhe auf
Spaziergängen mit neuen Taschentüchern ab, welche du nachher wegwirfst, wie du
neulich getan hast! Halte auch deine zwei Röcklein gut und ordentlich und hänge
sie immer in den Schrank, anstatt sie zu Hause anzubehalten und halbe Tage lang
so zu lesen, wie ich dich schon oft ertappt habe. Besonders wenn du sie
ausbürstest, fahre nicht mit der Bürste darauf herum wie der Teufel im Buch
Hiob, dass du alle Wolle abschabst!«
    »Das verwünschte Kleiderputzen«, entgegnete hierauf der Sohn, welcher
unterdessen beim Ausbreiten der Kleidungsstücke seine Hände auch immer
unnützerweise im Koffer hatte, »das verwünschte Kleiderputzen wird überhaupt nun
ein Ende nehmen; denn wenn man in der Fremde ist und sich eine ordentliche
Wohnung mieten muss, so bekommt man die Bedienung mit in den Kauf. Es reut mich
jeder Augenblick, den ich mit dem widerlichen Geschäft zugebracht habe.«
    »Das ist wieder der Hans Obenhinaus!« rief etwas heftig die Mutter,
»Bedienung! ich sage dir, lasse dich lieber nicht bedienen, wenn du dich dadurch
billiger einrichten kannst. Ich sehe nicht ein, warum du nicht selbst deine
Sachen in Ordnung halten solltest, während du sonst stundenlang in die Berge
hineinstarrst!«
    »Das verstehst du halt nicht!« hätte Heinrich fast gesagt, fand es aber für
gut, die Worte zu verschlucken und sich dafür mit dem festen Vorsatze zu
wappnen, hinfüro keine Schuhbürste mehr anrühren zu wollen. Das undankbare Kind
vergass hiebei gänzlich, wie rührend ihn die Mutter oft überrascht hatte, wenn er
beim Antritt irgendeiner kleinen Reise, oder wenn Fremde im Hause waren, seine
Schuhe glänzend gewichst fand, just wenn er mit Seufzen und falscher Scham vor
dem Besuche an das verhasste Geschäft gehen wollte.
    Indessen war Frau Lee besorgt, noch eine Menge Kleinigkeiten auf die
geschickteste Weise in dem Koffer unterzubringen. Dann brachte sie ein mächtiges
Stück feine Seife, wohl eingewickelt, eine zierliche Nadelbüchse, Faden und
Knöpfe aller Art in einem artigen Schächtelchen, eine Schere, eine gute neue
Kleiderbürste, unterschiedliche Tuchabschnitzel, welche seinen Kleidungsstücken
entsprachen, zusammengerollt und mit einem Bindfaden vielfach umwunden, und die
sie ihm ja nicht zu verlieren empfahl, indem ein gewandter Schneider die
Existenz eines Rockes mit dergleichen manchmal um ein volles Jahr zu fristen
vermöge. Sie geriet hiebei wieder in einigen Konflikt mit dem Sohne, welcher
alle vorhandenen Lücken für die verschiedenen Bruchstücke einer alten Flöte, für
ein Lineal, eine Farbenschachtel, einen baufälligen Operngucker usw. in Beschlag
nehmen wollte. Ja, er machte, obgleich er kein Mediziner war, doch einen
vergeblichen Versuch, einen defekten Totenschädel, mit welchem er seinem
Kämmerchen ein gelehrtes Ansehen zu geben gewusst hatte, noch unter den Deckel zu
zwängen. Die Mutter jagte ihn aber mit widerstandsloser Energie von dannen, und
man behauptet, dass das greuliche Möbel nicht lange nachher einem ehrlichen
Totengräber bei Nacht und Nebel nebst einem Trinkgelde übergeben worden sei.
    Sie schlossen mit Mühe den vollgepfropften Koffer; denn auch das Kind der
unbemitteltsten Eltern, wenn es aus den Armen einer treuen Mutter scheidet,
nimmt immer noch etwas weniges über seine Bedürfnisse hinaus mit und ist in
einem gewissen Sinne wohlausgestattet. Die Tage sind traurig, wo diese
Ausstattung, diese warme Hülle sich nach und nach auflöst und verliert und mit
bitteren, oft reuevollen Erfahrungen durch wildfremdes Zeug ersetzt werden muss.
    Während Heinrich noch eine grosse, schwere Mappe einwickelte, die ganz mit
Zeichnungen, Kupferstichen und altem Papierwerk angefüllt war, sein wanderndes
Museum, besorgte seine Mutter das Frühstück und ermahnte ihn, unterdessen noch
bei den Hausgenossen Abschied zu nehmen. Das Haus gehörte ihr und war ein hohes
altes bürgerliches Gebäude, dessen unterstes Geschoss noch in romanischen
Rundbogen, die Fenster der mittleren im altdeutschen Stil und erst die zwei
obersten Stockwerke modern, doch regellos gebaut waren. Alles war düster und
geschwärzt. Drei oder vier Handwerkerfamilien bewohnten seit langen Jahren in
guter Eintracht mit der Frau Hausmeisterin das Haus. Bei ihnen trat Heinrich
nacheinander ein und sagte sein Lebewohl. Die braven Leute wünschten ihm mit
herzlicher Teilnahme alles Glück und ermahnten ihn, nicht zu lange in der Welt
herumzufahren, sondern bald wieder zu ihnen und zu der Mutter zurückzukehren.
Die glückliche Festtagsruhe, in welcher er die zufriedenen und nach nichts
weiter verlangenden Menschen antraf, trat ihm ans Herz, und er bat sie, seiner
Mutter, die nun ganz allein sei, mit Rat und Tat beizustehen. Die ernstaften
Hausväter, den sonntäglichen Seifenschaum um Mund und Kinn, versicherten, dass
seine Bitte unnötig sei, holten bedächtig aus ihren bescheidenen Pulten einen
harten Taler hervor und drückten denselben dem Scheidenden mit diplomatischer
Würde verdeckt in die Hand. Obgleich er, nach der Behauptung seiner Mutter, ein
Obenhinaus war, so durfte er doch durch diese bürgerliche schöne Sitte sich
nicht beleidigt finden. Auch lag ein rechter Segen in diesem sauer erworbenen
und mit ernstem Entschlusse geschenkten Gelde; es schien Heinrich die ersten
Tage seiner Reise hindurch, wo er es zuerst gebrauchte, um seine Hauptkasse zu
schonen, als ob es gar nicht ausgehen wollte.
    Endlich sass er seiner Mutter beim Frühstück gegenüber, auf dem Stuhle, auf
welchem der dreijährige Knabe schon geschaukelt hatte. Es war nun alles getan
und vorbereitet; ein Mann hatte den Koffer nach der Post geholt - es war eine
Totenstille in der Stube. Die Morgensonne umzirkelte die altertümlichen,
ererbten Porzellantassen, welche Heinrich schon zwanzig Jahre lang durch die
Hände seiner Mutter gehen sah, ohne dass je eine zerbrochen wäre. Es war ein
feierlicher Moment gewesen, als er für würdig erfunden ward, sein
Kinderschüsselchen mit einer dieser bunten und vergoldeten Tassen versuchsweise
zu vertauschen.
    Frau Lee hätte ihrem Sohne noch gern allerlei gesagt; aber sie konnte mit
ihm gar nicht sentimental sprechen, sowenig als er mit ihr. Endlich sagte sie
schüchtern und abgebrochen:
    »Werde nur nicht leichtsinnig und vergiss nicht, dass wir eine Vorsehung
haben! Denke an den lieben Gott, so wird er auch an dich denken, und mach, dass
du bald etwas lernst und endlich selbständig werdest; denn du weisst genau,
wieviel du noch zu verbrauchen hast und dass ich dir nachher nichts mehr werde
schicken können, das heisst, wenn es dir übel ergehen sollte, so schreibe mir ja,
solange du weisst, dass ich selbst noch einen Pfennig besitze, ich könnte es doch
nicht ertragen, dich im Elend zu wissen.«
    Der Sohn schaute während dieser Anrede stumm in seine Tasse und schien nicht
sehr gerührt zu sein. Die Mutter erwartete aber keine andern Gebärden, sie wusste
schon, woran sie war, und fühlte sich etwas erleichtert. Ach, du lieber Himmel!
dachte sie, eine Witwe muss doch alles auf sich nehmen; diese Ermahnungen zu
erteilen, dazu gehört eigentlich ein Vater, eine Frau kann solche Dinge nicht
auf die rechte Weise sagen; wenn das arme Kind nicht zurechtkommt, wie werde ich
die Sorge mit dem gehörigen klugen Ernste vereinigen können?
    Heinrich aber war jetzt mit seinen Gedanken schon weit in der Ferne; die
Neugierde, die Hoffnung, Lebens- und Wanderlust hatten ihn mächtig angewandelt,
und die Ungeduld übernahm ihn. Er sprang auf und sagte »Jetzt muss ich gehen, leb
wohl, Mutter!« Die Tränen stürzten ihr in die Augen, als sie ihm die Hand gab,
und er fühlte, als er vor ihr her die vier Treppen hinabeilte, dass sein Gesicht
ganz heiss wurde, aber er bezwang sich. Die Hausgenossen kamen auch noch unter
die Haustüre, wo Heinrich allen zumal noch die Hand gab, ohne seine Mutter dabei
stark auszuzeichnen, wenn man einen letzten flüchtigen und wehmütigen Blick, den
er auf sie warf, ausnehmen will. Das Volk, das mit der äusseren Sorge sein Leben
lang zu kämpfen hat, erweist sich selbst wenig sichtbare Zärtlichkeit. Von
verwandtschaftlichen Umarmungen und Küssen ist wenig zu finden; niemand küsst
sich als die Kinder und die Liebenden und selbst diese mit mehr Dezenz als die
gebildete und sich bewusste Gesellschaft. Dass Männer einander küssten, wäre
unerhört und überschwenglich lächerrlich. Nur grosse Ereignisse und Schicksale
können hierin eine Ausnahme bewirken.
    Als Heinrich Lee mit schnellen Schritten nach dem Postause hinlief und
einige Minuten darauf, oben auf dem schwerfälligen Wagen sitzend, über die
Brücke und neben dem Flusse das enge Tal entlangfuhr, mit begeisterten Augen das
offene Land erwartend, die Primel noch auf seiner Mütze da konnte dieser
sonderbare Bursche für die Hälfte der Zuschauer etwas vorteilhaft Anregendes,
aber gewiss auch für die andere Hälfte etwas ungemein Lächerliches haben.
Feingefühlig und klug sah er darein, jedoch sein Äusseres war zugleich seltsam
und unbeholfen. Was er eigentlich war und wollte, das müssen wir mit ihm selbst
zuerst erfahren und erleben; dass man es in jenem Augenblick nicht recht wissen
konnte, machte seiner Mutter genugsamen Kummer.
    Sie war auf ihre Stube zurückgekehrt. Ein tiefes Gefühl der Verlassenheit
und der Einsamkeit überkam sie, und sie weinte und schluchzte, die Stirn auf den
Tisch gelehnt. Der frühe Tod ihres Mannes, die Zukunft ihres sorglosen Kindes,
ihre Ratlosigkeit, alles kam zumal über ihr einsames Herz. Ein mächtiges
Ostermorgengeläute weckte und mahnte sie, Trost in der Gemeinschaft der vollen
Kirche zu suchen. Schwarz und feierlich gekleidet ging sie hin; es ward ihr wohl
etwas leichter in der Mitte einer Menge Frauen gleichen Standes; allein da der
Prediger ausschliesslich das Wunder der Auferstehung sowie der vorhergehenden
Höllenfahrt dogmatisierend verhandelte, ohne die mindesten Beziehungen zu einem
erregten Menschenherzen, so genoss die gute Frau vom ganzen Gottesdienste nichts
als das Vaterunser, welches sie recht inbrünstig mitbetete, dessen innerste
Wahrheit sie aufrichtete.
    Die Erinnerung an empfangene Liebe, als ein Zeugnis, dass man einmal im Leben
liebenswürdig und wert war, ist es vorzüglich, welche die Sehnsucht nach der
früheren Jugend nie ersterben lässt. Wer nicht das Glück hatte, eine aufknospende
zarte und heilige Jugendliebe zu geniessen, der hat dagegen gewiss eine treue und
liebevolle Mutter gehabt, und in den spätern Tagen bringen beide Erinnerungen
ungefähr den gleichen Eindruck auf das Gemüt hervor, eine Art reuiger Sehnsucht.
Wer aber in jeder Weise verwaist und einsam aufgewachsen ist, der kann wohl
sagen, dass er um einen Teil des Lebens zu kurz gekommen sei.
 
                                Zweites Kapitel
Indem eine Grundlinie der Landschaft nach der anderen sich verschob und
veränderte und aus dem heitern Ziehen und Weben ein ganz neuer Gesichtskreis
hervorging, welcher allmählich wieder in einen neuen sich auflöste, war
Heinrich, mit hellen Jugendaugen aufmerkend, seinem eigenen Wesen zurückgegeben.
Die verlassene Mutter und Heimat bildeten wohl eine zarte und weiche Grundlage
in seinem Gemüte; doch auf ihr spielten mit ungebrochenen Farben alle Bilder der
neuen Welt, welche ihm aufging. Denn obgleich schon ziemlich die weite Welt in
leicht erfassten Bildern seinem innern Sinne vorbeigezogen war und besonders sein
Künstlergedächtnis die Formen und Gestalten der fernsten Zonen bewahrte, so war
ihm doch jetzt die kleinste Neuheit, welche durch jede weitere Stunde Wegs
gebracht wurde, das Nächste und Wichtigste. Eine neue Art von bemalten
Fensterladen oder Wirtshausschildern, eine eigentümliche Gattung von
Brunnensäulen oder Dachgiebeln in diesem oder jenem Dorfe, besonders aber die
bald vor-, bald seitwärts, bald fern, bald nah, immer frisch auftauchenden
Bergzüge und Erdwellen machten ihm die grösste Freude. Es war ein windstiller,
lieblicher Frühlingstag. Lange Zeit sah er eine milde weisse Wolke über dem
Horizonte stehen, zu seiner Rechten oder auch zur Linken, wie der Wagen eben
fuhr; die sanften, bald fern blauen, bald nah grünen oder braunen Wogen der Erde
flossen still darunter hin, sie aber blieb immer dieselbe, bis sie endlich, als
er sie eine Weile vergessen hatte und wieder suchte, auch verschwunden war. Am
meisten freute ihn jedoch, wenn er, immer mehr sich von der Geburtsstadt
entfernend, stets noch an einem ihm unbekannten Orte ein bekanntes Gesicht
vorübergleiten sah, das er sonst an Wochenmärkten oder Festtagen in der
beschränkten Stadt bemerkt hatte; wohl zehn Stunden von zu Hause weg, sah er
sogar an einem Brunnen noch ein schönes falbes Pferd trinken, welches ihm zu
Hause schon öfters aufgefallen war, als vor ein buntes Wägelchen gespannt, auf
welchem ein dicker Müller sass. Richtig liess sich auch der Müller im
Sonntagsstaate sehen, und Heinrich wusste nun, wo das falbe Pferd zu Hause war.
Dieses waren alles noch Zeichen der Heimat, freundliche Begleiter und sozusagen
die letzten Türsteher, welche ihn wohlwollend entliessen.
    Aber nicht nur in der äusseren Umgebung, auch an sich selbst empfand er den
Reiz eines neuen Lebens. Dann und wann begegnete ein reisender Handwerksbursch,
ein alter zitternder Mann, ein verlaufenes bleiches Bettlerkind dem
dahinrollenden Wagen. Während keiner der andern Reisenden sich regte, wenn die
demütig Flehenden mühsam eine Weile neben dem schnellen Fuhrwerke hertrabten,
suchte Heinrich immer mit eifriger Hast seine Münze hervor und beeilte sich, sie
zu befriedigen. dabei fiel es ihm nicht schwer, es mit einer Miene zu tun,
welche den Bettler gewissermassen zu ihm heraufhob, statt noch mehr abwärts zu
drücken, und je nach dem besondern Erscheinen des Bittenden leuchtete aus
Heinrichs Augen ein Strahl des Verständnisses, der unbefangenen Teilnahme, eines
sinnigen Humores oder auch ein Anflug mürrischen, lakonischen Vorwurfes; immer
aber gab er, und die von ihm Beschenkten blieben oft überrascht und nachdenklich
stehen. Weil Gewohnheit und Sitte nur eine kleine Gabe, ein Unmerkliches
verlangen, so hielt er es um so mehr für würdelos, je einen Armen erfolglos
bitten zu lassen, möge nun geholfen werden oder nicht, möge Erleichterung oder
Liederlichkeit gepflanzt werden; ein gewisser menschlicher Anstand schien ihm
unbedingt zu gebieten, dass mit einer Art Zuvorkommenheit diese kleinen
Angelegenheiten abgetan würden. Er hatte noch nicht die Kenntnis erworben, dass
bei dem faulen und haltlosen Teile der Armen durch wiederholtes Abweisen jenes
Gekränktsein und dadurch jener Stolz geweckt werden müssen, welche endlich
Selbstvertrauen hervorbringen.
    Allein bisher war es ihm nur spärlich vergönnt, dem Zuge seines Herzens zu
folgen. Indem er als einziges Kind bei seiner vorsichtigen und haushälterischen
Mutter lebte, welche, während er seinen Träumen nachhing, ihm sozusagen den
Löffel in die Hand gab, geschah es selten, dass er mit etwelcher Münze versehen,
und wenn er es war, so brannte sie ihm in der Hand, bis er sie ausgegeben hatte.
So kam es, dass ihn immer ein Schrecken überfiel, sobald er von fern einen
Bettler ahnte und ihm auszuweichen suchte. Konnte dies nicht geschehen, so ging
er rasch abweisend vorbei, und wenn der Bettler nachlief, hüllte er seine
Verlegenheit in einen rauhen, unwilligen Ton, wobei aber sein weisses Gesicht
eine flammende Röte überlief. Er konnte so rechte Unglückstage haben, wo er
viele und verschiedenste arme Teufel antraf, ohne einem einzigen etwas geben zu
können, und er musste fortwährend ein böses Gesicht machen; denn als er einst
ganz gemütlich und vertraulich einem grossen Schlingel gesagt hatte, er besässe
selbst kein Geld, forderte ihn dieser höhnisch auf, mit ihm betteln zu gehen. In
allem diesen lag nun freilich, wie viele Leute sagen würden, mehr ein unbefugter
Hochmut als eine demütige Barmherzigkeit; vielleicht aber könnte man auch sagen
Es ist die königliche Gesinnung eines ursprünglichen und reinen Menschen,
welche, allgemein verbreitet, die Gesellschaft in eine Republik von lauter
liebevollen und wahrhaft adelig gesinnten Königen verwandeln würde; es ist die
immerwährende Erhebung des Herzens, welche nach der Tat trachtet; es ist die
göttliche Einfalt, welche nur ein Ja und ein Nein kennt und letzteres verwahrt
und verbirgt wie ein schneidendes Schwert.
    Wenigstens fahr Heinrich wie ein wahrer König in die helle Welt hinaus. Er
war nun sich selbst überlassen und konnte in den Kreis seines Geschickes
aufnehmen, was sein leichtes Herz begehrte; und indem er gewissenhaft den Armen
seinen Kreuzer mitteilte, rechnete er dieses zu den seinem Leben nötigen
Ausgaben. Er dachte übermütig Zwei Pfennige sind immer genug, um den einen
wegzuschenken! und so trug er wenige Taler in der Tasche, aber ein Herz voll
Hoffnung und blühenden Weltmutes in der Brust. Wäre er ein König dieser Welt
gewesen, so hätte er vermutlich viele Millionen »verschleudert«, so aber konnte
er nichts vergeuden als das wenige, was er besass seines und seiner Mutter Leben.
    Gegen Mittag fuhr der Postwagen durch ein grosses ansehnliches Dorf, wie sie
in der flachern Schweiz häufig sind, wo Fleiss und Betriebsamkeit, im Lichte
fröhlicher Aufklärung und unter oder vielmehr auf den Flügeln der Freiheit, aus
dem schönen Lande nur eine freie und offene Stadt erbauen. Weiss und glänzend
standen die Häuser längs der breiten sauberen Landstrasse, dehnten sich aber auch
in die Runde, mannigfaltig durch Baumgärten schimmernd. Auch vor dem geringsten
war ein Blumengärtchen zu sehen, und im ärmsten derselben blühten eine Hyazinte
oder einige Tulpen hervor, Pflanzen, welche sonst nur von Vermöglicheren gezogen
wurden. Es ist aber auch nichts so erbaulich, als wenn durch einen ganzen
Landstrich eine fromme Blumenliebe herrscht. Ohne dass die Hausväter im
geringsten etwa unnütze Ausgaben zu beklagen hätten, wissen die Frauen und
Töchter durch allerlei liebenswürdigen Verkehr ihren Gärten und Fenstern jede
Zierde zu verschaffen, welche etwa noch fehlen mag, und wenn eine neue Pflanze
in die Gegend kommt, so wird das Mitteilen von Reisern, Samen, Knollen und
Zwiebeln so eifrig und sorgsam betrieben, es herrschen so strenge Gesetze der
Gefälligkeit und des Anstandes darüber, dass in kurzer Zeit jedes Haus im Besitze
des neuen Blumenwunders ist. So sind in neuerer Zeit eine der schönsten
Erscheinungen die Georginen. Vor zehn oder fünfzehn Jahren blühten sie nur noch
in den stattlich umhegten Gärten der Reichen, in der Nähe der Städte oder vor
glänzenden Landhäusern; dann verbreiteten sie sich unter dem Mittelstande, sich
zugleich in hundertfarbigen Arten entfaltend durch die Kunst der Gärtner, und
jetzt steht ein Strauch dieser merkwürdigen Blume, wo nur ein Fleck Erde vor der
Hütte des ländlichen Tagelöhners frei ist. Wie die flüchtig wandernden
Stammväter eines später grossen Weltvolkes sind die ersten einfachen Exemplare
der Georginen aus dem fernen Reiche der Montezumas herübergekommen, und schon
bedecken ihre Enkel zahllos unsere Gärten, aus der Tiefe ihrer Lebenskraft
entwickeln sie eine endlose Farbenpracht, wie sie die Hochebenen Mexikos nie
gesehen haben. Kinder des neuweltlichen Westens, herrschen sie nun neben den
Kindern des alten Ostens, den Rosen, wie sonst keine Blume. Freilich noch immer
geben diese allein den süssen Duft und jenes kühlende Rosenwasser, welches
krankgeweinte Augen erfrischt, und noch immer eignen sie sich am besten dazu,
einen vollen Becher zu schmücken. Aber darin wetteifern die bunten Scharen
Amerikas mit dem glühenden Rosenvolke des Morgenlandes, dass sie mit
unverwüstlicher Lebenslust unser Herz bis an das Ende des Jahres begleiten und
ihre samtenen Brüste öffnen, bis der kalte Schnee in sie fällt.
    Hell und aufgeweckt erschien das Dorf, durch welches die Reisenden fuhren,
in vielen Erdgeschossen erblickte man die Abzeichen von Gewerben Uhrmachern,
Kürschnern, sogar Goldschmieden, und von Krämereien, welche man sonst nur in den
Städten findet; einige Häuser erschienen so herrisch, die Gärten davor so
wohlgepflegt, dass man in den Besitzern mit Recht reiche Dorfmagnaten vermutete.
Doch wenn auch der eine, gleich einem Deputierten der französischen Bourgeoisie,
im eleganten Schlafrock, die Zigarre im Munde, aus dem Fenster schaute, so stand
dafür der andere in blossen weissen Hemdsärmeln auf der Hausflur, und seine
braunen Hände verkündeten, ungeachtet des städtischen Hauses, den rüstigen
Ackersmann, ja, vor einem seiner Fenster hing zum Durchlüften die Uniform eines
gemeinen Soldaten, während aus der Dachluke seines Knechtes diejenige eines
Unteroffiziers in der Frühlingsluft flaggte. Bei all dieser Stattlichkeit war
nun aber das Schulhaus doch das schönste Gebäude im Dorfe, welches in der ganzen
Gegend öfter der Fall war. Auf einem freien geebneten Platze ragte es mit hohen
blinkenden Fenstern empor und verriet heitere geräumige Säle; von seiner Front
schimmerte in kolossalen goldenen Buchstaben das Wort Schulhaus. Hier, auf dem
sonnigen Vorplatze und auf der breiten steinernen Treppe, welche fast
tempelartig den ganzen vordern Sockel bekleidete, mochte der Ort sein, welchen
sonst die alten Dorflinden bezeichnen; denn eine Gruppe älterer und jüngerer
Männer unterhielt sich hier behaglich, sie schienen zu politisieren; aber ihre
Unterredung war um so ruhiger, bewusster und ernster, als sie vielleicht,
dieselbe betätigend, noch am gleichen Tage einer wichtigen öffentlichen
Pflichterfüllung beizuwohnen hatten. Die Physiognomien dieser Männer waren
durchaus nicht national über einen Leisten geschlagen, auch war da nichts
Pittoreskes, weder in Tracht noch in Haar- und Bartwuchs, zu bemerken; es
herrschte jene Verschiedenheit und Individualität, wie sie durch die
unbeschränkte persönliche Freiheit erzeugt wird, jene Freiheit, welche bei einer
unerschütterlichen Strenge der Gesetze jedem sein Schicksal lässt und ihn zum
Schmied seines eigenen Glückes macht. So erschienen hier die einen von rastloser
Arbeit gebräunt und getrocknet, zäh und hart, andere in Energie und Gewandteit
aufblühend, andere wieder von Spekulation gefurcht. Alle aber waren äusserlich
ruhig, ungebeugt und sahen kundig und auch ziemlich prozesserfahren in die Welt.
    So übereinstimmend mit seinen rührigen Bewohnern nun das schöne Dorf
dastand, um so fremdartiger ragte die Kirche aus ihm hervor. Dem Stile oder
besser Nichtstile nach stammte sie aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein ovales
nüchternes Gebäude mit kreisrunden Fenstern, förmlichen Löchern, war nicht alt
und nicht neu, weder der verbrauchte Baustoff noch die mageren geschmacklosen
Verzierungen, sowenig als der gedankenlose Turm, taten die mindeste Wirkung; man
ahnte schon von aussen die langweiligen hölzernen Bankreihen und die kleinliche
Gipsbekleidung des Innern, den unförmlich bauchigen Taufstein, das lächerliche
braune Kanzelfass; ohne Begeisterung gebaut und keine erweckend, verkündete das
Gebäude den untröstlichen Schlendrian, mit welchem es gebraucht wurde. Es sah
aus wie ein unnützes sonderbares Möbel in einem Hause, welches der Besitzer aber
eigensinnig um keinen Preis veräussern will, weil er seit langen Jahren gewohnt
ist, seinen Hut darauf zu stellen, wenn er nach Hause kehrt, oder, wenn man ein
wenig artiger sein will, weil sein Firnis auf eine ihm angenehme Weise den
Sonnenblick auffängt und auf den Stubenboden wirft.
    Aus diesem herzlos unschönen Gebäude nun bewegte sich ein langer Zug
sechszehnjähriger Konfirmandinnen quer über die Strasse, von einem dicken
jovialen Pfarrherrn angeführt, so dass der Postwagen anhalten musste, bis alle
vorbei waren. Schwarz gekleidet, mit gebeugten Häuptern, die tränenden Augen in
weisse Taschentücher gedrückt, wallten die zarten Gestalten paarweise langsam
vorüber, die keuschen Lippen noch feucht von dem Weine, welchen man ihnen als
Blut zu trinken, in der Kehle noch das Brot, welches man ihnen als
Menschenfleisch zu essen gegeben hatte. Diese dunkle Mädchenschar mit dem
rotnasigen Pfarrer an der Spitze kam Heinrich vor wie ein Flug gefangener
Nachtigallen aus dem Morgenlande, welche ein betrunkener Vogelhändler zum
Verkauf umherführt. Der Zug schlängelte sich aber auch traumhaft genug unter dem
klaren Himmel und durch Land und Leute hin.
    Wenn wir solche Dinge in der Weise schildern, wie sie sich dem jungen
Wanderer eindrückten, so wird man in derselben nicht die rücksichtslose Art der
Jugend verkennen, welche mit einer gewissen, übrigens gesunden Unbestechlichkeit
zwischen dem scheinbaren und dem wirklich Anstössigen durchaus keinen Unterschied
zugeben will. Da religiöse Gegenstände vor allem nur Sache des Herzens sind, so
bringt dieses in seiner aufwachenden Blütezeit das Recht zur Geltung, die
Überlieferungen mit seinen angebornen reinen Trieben in Einklang zu setzen. Wer
erinnert sich nicht jener glücklichen Tage, wo man, im geräuschvollen
schwindelnden Kreisen dieses Rundes erwachend, mit den neuen feinen Fühlhörnern
der jungen Seele um sich tastend, von keiner Autorität Notiz nehmen und den
Massstab seines unverdorbenen Gefühles auch an das Ehrwürdigste und Höchste legen
will? Wer will wohl bestreiten, dass vielleicht, wenn das Ursprüngliche und also
auch wohl Göttliche, das in der jungen Menschenseele liegt, nicht in das
hanfene, dürrgeflochtene Netz eines Katechismus, heisse er, wie er wolle,
abgefangen würde, die schneidende blutige Kritik des Mannesalters und die
wildesten Kämpfe verhütet würden? Heinrich hegte eine besondere Pietät gerade
für die Begriffe Brot und Wein, das Brot schien ihm so sehr die ewig
unveränderte unterste Grundlage aller Erden- und Menschheitsgeschichten, der
Wein aber die edelste Gabe der geistdurchdrungenen lebenswarmen Natur zu sein,
dass nichts ihn so geeignet dünkte zur Feier eines gemeinsamen symbolischen
Mahles der Liebe als edles weisses Weizenbrot und reiner goldener Wein. Daher war
es ihm auch anstössig, diese wichtigen, aber einfachen und reinlichen Begriffe
mit einer heidnisch-mystischen und, wie ihm vorkam, widermenschlichen Mischung
zu trüben. Auf das Historische des vorhandenen Sakramentes konnte er nun um so
weniger Rücksicht nehmen, als ihm die teologischen Einsichten und Kenntnisse
abgingen.
    Als die Sonne sich bereits zu neigen anfing, machte der Wagen an einem Dorfe
wieder halt, damit die Pferde gewechselt werden konnten. Heinrich trat mit den
andern Reisenden in das Gastaus, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Der
eine wählte ein Glas Wein, der andere eine Schale Kaffee, der dritte verlangte
schnell etwas Kräftiges zu essen, es ging geräuschvoll zu mit Geniessen,
Geldwechseln und Bezahlen; alle taten wichtig, zerstreut oder nur auf sich
achtsam und liefen stumm aneinander vorbei in der Stube umher. Auch Heinrich,
spreizte sich, liess es sich schmecken und zum Überfluss noch eine schlechte
Zigarre geben, welche er ungeschickt in Brand zu stecken suchte. Da gewahrte er
in einem Winkel der Stube eine ärmliche Frau mit ihrem jungen Sohne, welcher ein
grosses Felleisen neben sich auf der Bank stehen hatte. Beide waren ihm als
Nachbarsleute bekannt. Er grüsste sie und vernahm, dass auch dieser junge Bursche,
welcher das Handwerk eines Malers und Lackierers erlernt hatte, heute die Reise
in die Fremde antrat, dass seine Mutter, die Feiertage benutzend, lange vor
Tagesanbruch sich mit ihm auf den Weg gemacht und sie so, die Fuss- und Feldwege
aufsuchend, bis hierher gekommen seien, wo sie sich nun trennen wollten. Die
gute Frau gedachte dann bis zur völligen Dunkelheit noch ein Stück Weges
zurückzuwandern und bei bekannten Landleuten über Nacht zu bleiben. Sie tranken
einen blassen dünnen Wein und assen Brot und Käse dazu; doch war es eine Freude
zu sehen, wie sorglich die Frau die »Gottesgabe« behandelte, ihrem Sohne zuschob
und für sich fast nur die Krumen zusammenscharrte. Dazwischen schärfte sie ihm
ein, wie er seinen Meistern gehorchen, bescheiden und fleissig sein und keine
Händel suchen sollte. Dann musste er seinen Geldbeutel nochmals hervorziehen;
vier oder fünf neue grosse Geldstücke wurden als bekannte Grössen einstweilen
beiseite gelegt, dagegen eine Handvoll kleineres Geld überzählt, betrachtet und
ausgeschieden. Der Junge steckte seinen Schatz wieder ein, die Mutter aber
entwickelte aus einem Zipfel ihres Schnupftuches etwas Kupfermünze und bezahlte
die Zeche.
    Inzwischen rollte das bewegliche Wanderhaus mit seinen ewig wechselnden
Bewohnern wieder auf der Strasse, eine Anhöhe hinan und der kühlen Nacht
entgegen. Heinrich schaute fortwährend zurück nach Süden; rein, wie seine
schuldlose Jugend, ruhte die Luft auf den Gebirgszügen seiner Heimat, aber diese
waren ihm in ihrer jetzigen Gestalt fast ebenso fremd wie die Schwarzwaldhöhen
im dämmernden Norden, denen er sich allmählich näherte und über welchen rötliche
Wolkengebilde einen rätselhaften Vorhang vor das deutsche Land zogen.
    Fern hinter dem Wagen sah er seinen jungen Nachbar den Hügel hinankeuchen,
noch kaum erkennbar mit seinem schweren Felleisen. Über denselben hinweg
gleiteten Heinrichs Augen noch einmal nach dem südlichen Horizonte; er suchte
diejenige Stelle am Himmel, welche über seiner Stadt, ja über seinem Hause
liegen mochte, und fand sie freilich nicht. Desto deutlicher hingegen sah er
nun, als er, sich in den Wagen zurücklehnend, die Augen schloss, die mütterliche
Wohnstube mit allen ihren Gegenständen, er sah seine Mutter einsam umhergehen,
ihr Abendbrot bereitend, dann aber kummervoll am Tische vor dem Ungenossenen
dasitzen. Er sah sie darauf einen Band eines grossen Andachtswerkes, fast ihre
ganze Bibliotek, nehmen und eine geraume Zeit hineinblicken, ohne zu lesen;
endlich ergriff sie die stille Lampe und ging langsam nach dem Alkoven, hinter
dessen schneeweissen Vorhängen Heinrichs Wiege gestanden hatte. Hier musste er den
Mantel ein wenig vor sein Gesicht drücken, es war ihm, als ob er schon jahrelang
und tausend Stunden weit in der Ferne gelebt hätte, und es befiel ihn eine
plötzliche Angst, dass er die Stube nie mehr betreten dürfe.
    Er konnte sich nicht entalten, jene Familien bitterlich zu beneiden, welche
Vater, Mutter und eine hübsche runde Zahl Geschwister nebst übriger
Verwandtschaft in sich vereinigen, wo, wenn je eines aus ihrem Schosse scheidet,
ein andres dafür zurückkehrt und über jedes ausserordentliche Ereignis ein
behaglicher Familienrat abgehalten wird, und selbst bei einem Todesfalle
verteilt sich der Schmerz in kleinere Lasten auf die zahlreichen Häupter, so dass
oft wenige Wochen hinreichen, denselben in ein fast angenehm-wehmütiges Erinnern
zu verwandeln. Wie verschieden dagegen war seine eigne Lage! Das ganze Gewicht
ruhte auf zwei einzigen Seelen; wurden die auseinandergerissen, so kannte jede
die Einsamkeit der anderen, und der Trennungsschmerz wurde so verdoppelt.
    Haben wohl, dachte er, jene Propheten nicht unrecht, welche die jetzige
Bedeutung der Familie vernichten wollen? Wie kühl, wie ruhig könnten nun meine
Mutter und ich sein, wenn das Einzelleben mehr im Ganzen aufgehen, wenn nach
jeder Trennung man sich gesichert in den Schoss der Gesamteit zurückflüchten
könnte, wohl wissend, dass der andere Teil auch darin seine Wurzeln hat, welche
nie durchschnitten werden können, und wenn endlich demzufolge die
verwandtschaftlichen Leiden beseitigt würden!
    Im Mittelalter wurde der Tod als ein menschliches Skelett abgebildet, und es
hat sich daraus eine ganze Knochenromantik entwickelt; sogar leblose
Gegenstände, wie Meerschiffe, wurden skelettisiert und mussten auf dem Meere als
Totenschiff spuken. Denkt man sich solcherweise das fliegende Gerippe einer
Krähe, so war es der Schatten derselben, welchem der Gedanke glich, der soeben
über Heinrichs Seele lief. Die warme Sonne schien reichlich durch das dürre
Gitter der Knöchlein und Gebeine.
    Nein, rief ihm sein innerstes Gefühl zu, der Zustand, den sich diese
Menschen wünschen, gleicht zu sehr der stabilen gedankenlosen Seligkeit, welche
das höchste Ziel der meisten Christen ist. Man muss wohl unterscheiden zwischen
Leiden und Leiden; das eine ist zu dulden, ja zu ehren, während das andere
unzulässig ist!
    Der beste Massstab, dachte er weiter, ist vielleicht der ästetische. Alle
Leiden lassen sich in schöne und unschöne einteilen, in sittliche und
unsittliche, unsittlich für die, welche sie ansehen und in ihrer Nähe dulden.
Eine Waise, die auf einem Grabhügel in Tränen zerfliesst, ist schön, und ihr
Schmerz wird ihr durch das ganze Leben wohltuend sein; aber ein Kind, welches
verkommen und hungerig im Staube liegt, ist eine Schande für die ganze
Landschaft, und für es selbst erwächst nicht die mindeste erspriessliche Regung
aus diesem Zustande; eine greise Mutter, welche ihre Kinder und Enkel
dahinsterben sieht, wird geheiligt durch ihr Weh, und ihr Lebensabend ist für
sie und andere feierlicher; aber eine alte gebrechliche Frau, welche zitternd um
den Tagelohn arbeitet, eine Bürde auf dem gebeugten Rücken, ist ein peinlicher
Anblick und gereicht ihrer Gemeinde zum brennenden Vorwurf. Der Jüngling, der
mit mächtigen Leidenschaften ringt und seine Grundsätze dem Leben Schritt für
Schritt abstreitet, ist, so unglücklich er sich oft fühlt, bei alledem wohl
daran, während uns der Bauernknecht in den Augen weh tut, der verachtet und
vergessen, unwissend und trotzig vor seiner Stalltüre liegt und nach nichts
verlangt als nach seinem Vesperbrot. Jener Jüngling gewinnt in jedem Sturme, und
seine Energie erfreut den Zuschauer, dieser unglückliche Faulpelz aber wird
durch das langweilige Tröpfeln seiner nasskalten Tage zuletzt ganz verdorben.
Kurz, man soll nur dasjenige Unglück dulden, was seinem Träger zur eigentlichen
Zierde gereicht, alles andere ist in einer anständigen Gesellschaft auszurotten.
    So spekulierte Heinrich in der Finsternis seines Postwagens; er vergass
indessen eine Hauptsache, nämlich dass seine anständigen und unanständigen Leiden
manchmal so durcheinandergemischt und mit Schuld und Unschuld so durchwebt sind,
dass ein eigener Linne nötig wäre, sie einzureihen, und gerade für den Ästetiker
könnten bei unvorsichtigem Aufräumen die seltensten Exemplare verlorengehen.
 
                                Drittes Kapitel
Nicht ohne Herzklopfen vernahm er nun, dass man sich dem Rheine nähere, und bald
sah er den schönen Fluss im Mond lichte glänzend daherwallen. Die Post hielt in
einem kleinen Grenzorte, und als das Nachtquartier besorgt war, ging Heinrich
wieder hinaus; denn die freie Natur, der nächtliche Himmel waren nun seine
einzigen Bekannten. Einen jungen Fischer, der singend in seinem Kahne sass, bewog
er, ein wenig stromaufwärts zu fahren. Die Nacht war schön; das deutsche Ufer
zeichnete sich dunkel mit seinen Wäldern auf den heitern Himmel. Noch eine
Ruderlänge, und Heinrich konnte den Fuss auf dies Land setzen, dessen Namen ihn
mit dunklen lockenden Erwartungen erfüllte. Das badische Ufer war gerade nicht
sehr verschieden vom schweizerischen. Es war finster und still, eine einsame
Zollstätte ruhte unter Bäumen, ein mattes Licht brannte darin. Aber schimmernd
umfasste die Rheinflut den steinigen Strand, und ihre Wellen zogen gleichmässig
kräftig dahin, hell glänzend und spiegelnd in der Nähe, in der Ferne in einem
mildern Scheine verschwimmend. Und über diese Wellen war fast alles gekommen,
was Heinrich in seinen Bergen Herz und Jugend bewegt hatte. Hinter jenen Wäldern
wurde seine Sprache rein und so gesprochen, wie er sie aus seinen liebsten
Büchern kannte, so glaubte er wenigstens, und er freute sich darauf, sie nun
ohne Ziererei auch mitsprechen zu dürfen. Hinter diesen stillen schwarzen
Uferhöhen lagen alle die deutschen Gauen mit ihren schönen Namen, wo die vielen
Dichter geboren sind, von denen jeder seinen eigenen mächtigen Gesang hat, der
sonst keinem gleicht, und die in ihrer Gesamteit den Reichtum und die Tiefe
einer Welt, nicht eines einzelnen Volkes, auszusprechen scheinen. Er liebte sein
helvetisches Vaterland; aber über diesen Strom waren dessen heiligste Sagen, in
unsterblichen Liedern verherrlicht, erst wieder zurückgewandert; fast an jedem
Herde und bei jedem Feste, wo der rüstige Schatten mit Armbrust und Pfeil
heraufbeschworen wurde, trug er das Gewand und sprach die Worte, welche ihm der
deutsche Sänger gegeben hat. Er schwärmte nur für die deutsche Kunst, von
welcher er allerlei Wundersames erzählen hörte, und verachtete alles andere,
Frankreich liebte er, wie man ein schönes liebenswürdiges Mädchen mitliebt, dem
alle Welt den Hof macht, und wenn etwas Gutes in Paris geschah, so freute er
sich höchlich, kam etwas Widerwärtiges vor, so wusste er allerlei galante
Entschuldigungen aufzubringen. Erblickte hingegen in Deutschland etwas Gutes das
Licht, so machte er nicht viel Wesens daraus, als ob sich das von selbst
verstände, und des Schlechten schämte er sich, und es machte ihn zornig. Alles
aber, was er sich unter Deutschland dachte, war von einem romantischen Dufte
umwoben. In seiner Vorstellung lebte das poetische und ideale Deutschland, wie
sich letzteres selbst dafür hielt und träumte. Er hatte nur mit Vorliebe und
empfänglichem Gemüte das Bild in sich aufgenommen, welches Deutschland durch
seine Schriftsteller von sich verfertigen liess und über die Grenzen sandte. Das
nüchterne praktische Treiben seiner eigenen Landsleute hielt er für Erkaltung
und Ausartung des Stammes und hoffte jenseits des Rheines die ursprüngliche Glut
und Tiefe des germanischen Lebens noch zu finden. dabei hatte er alle Richtungen
und Färbungen desselben ineinandergeflochten, ohne Kenntnis und Beurteilung
ihrer natürlichen Stellung unter- und gegeneinander. Dem Rationalismus hing die
romantische Caprice am Arm, das Schillersche Patos und der britische Humor,
Jean Paulsche Religiosität und Heinesche Eulenspiegelei schillerten
durcheinander wie eine Schlangenhaut; die Beschwörungsformeln aller Richtungen
hatte er im Gedächtnis und sah darum begeistert das vor ihm liegende Land als
einen grossen alten Zaubergarten an, in welchem er als ein willkommener Wanderer
mit jenen Stichworten köstliche Schätze heben und wieder in seine Berge
zurücktragen dürfe.
    Neugierig schaute Heinrich, näher hinzufahrend, in die dämmernde Waldnacht
hinein, welche nur spärlich vom Mondlicht durchschienen ward, und als ein Reh
aus dem Busche an das Ufer trat, ein in der Schweiz schon seltenes Tier, da
begrüsste er es freudigen Mutes als einen freundlichen Vorboten. Es war übrigens
gut, dass er keine solidere und gefährlichere Schmuggelware in seinem leichten
Fahrzeuge führte als solche Hoffnungen; denn ein Wächter des deutschen
Zollvereins war dem Schifflein schon geraume Zeit mit gespanntem Hahn
nachgeschlichen, um zu spähen, wo es etwa landen möchte. Sein Rohr blinkte hin
und wieder matt vom Scheine der mondbeglänzten Wellen.
    Der Ostermontag sah den jungen Pilger schon früh den Rhein hinauf und
Hussens Brandstätte vorbei über den weitin leuchtenden Bodensee fahren. Das
schöne Gewässer, welches vom Mai bis zum Weinmonat der paradiesischen Landschaft
zur Folie dient, machte jetzt noch seinen Reiz und seine Klarheit für sich
selbst geltend, und das mehr und mehr im blauen Dufte verschwindende Ufer des
Turgaus schien nun bloss um der schönen Umgrenzung des Sees willen dazusein.
Sanft und rasch trugen die Fluten das Schiff an das fremde Gebiet hinüber, und
erst als eine Schar grämlich-höflicher Bewaffneter den plötzlich Gelandeten
umringte und von allen Seiten musterte, tat es ihm fast weh, dass an der Schwelle
seines Vaterlandes ihn gar niemand um sein Weggehen befragt und besichtigt
hatte.
    Ein Fuhrmann mit einer leer dastehenden alten Reisekutsche trug Heinrich für
wenig Geld die Weiterbeförderung an, und bald kutschierte dieser tief in das
»Land der Zukunft« hinein. Die Sonne schien tapfer, er sass hoch auf dem Bock,
immer noch die verwelkte Primel auf der Mütze, und führte die Zügel der beiden
mageren Gäule, während der Fuhrmann neben ihm sich einem süssen Müssiggange
überliess und mit den befreundeten Stallknechten aller Gastäuser am Wege
geläufige Witz- und Schimpfworte austauschte. Das Land wurde bald flach und
kornreich, doch die Ortschaften lagen unverbunden und einsam da, das Volk war
schweigsam und eintönig in seinem Aussehen. Aber Heinrich besass eine
unverwüstliche Pietät für die Natur; wo keine Gebirge und Ströme waren, da fand
er jedes Gehölz, einen stillen Ackergrund, einen besonnten Hügel reizend um der
»Stimmung« willen, die darauf lag, und seine Verbündeten waren hiebei die
Atmosphäre und die Sonne, welche ihm jeden Busch zu etwas gestalten halfen. Und
schon früh hatte er, ohne teoretische Einpflanzung, unbewusst, die glückliche
Gabe, das wahre Schöne von dem bloss Malerischen, was vielen ihr Leben lang im
Sinne steckt, trennen zu können. Diese Gabe bestand in einem treuen Gedächtnis
für Leben und Bedeutung der Dinge, in der Freude über ihre Gesundheit und volle
Entwicklung, in einer Freude, welche den äussern Formenreichtum vergessen kann,
der oft eigentlich mehr ein Barockes als Schönes ist. So war er imstande, einen
mächtig in den Himmel strebenden Tannenbaum mit frohem Auge zu betrachten,
während ein anderer denselben sogleich auf die Kunst bezog und die störende
steife Linie hinwegwünschte und irgendeinem recht zerrissenen verkrüppelten
Birnbaum nachlief. Das glänzende ungebrochene Grün einer Wiese, eines
Buchenwaldes im Frühling erquickte seinen Blick, indessen jener den »giftigen
Ton« beklagte und ein Stück faulen Sumpf bewunderte. In dieser Weise, die Natur
zu ergreifen, war er über das malerische Verständnis hinaus zum allgemeinen
Dichterischen zurückgelangt, welches vom Anfang an in jedem Menschen liegt, und
dieses zeigte ihm auch noch etwas Schönes, wo der Maler darbte.
    Deswegen liess Heinrich auch jetzt seine Augen schweifen, links und rechts
vom Wege, und guter Laune wurde in einem ansehnlichen Dorfe haltgemacht. Der
arme fahrende Schüler sah sich an den runden Sondertisch des Gastauses versetzt
und begann eben, still auf seinen Teller schauend, an die heimatliche
Mittagstafel zu denken, als ein herrschaftlicher Wagen mit Wappen und Bedienten
heranfuhr und seine Inhaber unter grossem Geräusch der Wirtsleute in die Stabe
traten. Es waren eine schöne Dame von etwa dreissig, ein noch schöneres Mädchen
von funfzehn Jahren und ein grosser feiner Herr im besten Mannesalter, welcher
von dem Wirt untertänigst Herr Graf genannt wurde. Diese Umstände waren
hinreichend, um für den unerfahrenen Heinrich ein kleines Abenteuer zu sein.
Obgleich er sich gegen allen ungebührlichen Respekt gewappnet fühlte, konnte er
doch nicht umhin, einige neugierige Blicke nach diesen überbürgerlichen Wesen
hinzuwerfen, von denen er noch keines in der Nähe gesehen hatte und die jetzt am
gleichen Tische Platz nahmen.
    Das nahe Rauschen und Knistern der seidenen Gewänder machte ihn befangen und
behaglich zugleich, und während er sich mit seinen Händen und seinem Esswerkzeuge
möglichst enge zusammenhielt, hätte er sich doch um keinen Preis ganz von seinem
Plätzchen hinweglocken lassen; denn wie zwei Frühlingssonnen ruhten die offenen
kindlichen Augen des jungen Mädchens auf ihm. Er wagte auch bald das zweite Paar
Blicke auszusenden, welche diesmal auf die ältere Dame trafen, wie sie ihn mit
einem eiskalten, merkwürdigen Gesichte ansah und gar nicht zu bemerken schien,
dass er sie ebenfalls betrachtete. Nachdem sie den rotgewordenen Heinrich eine
Weile angesehen hatte, wandte sie ihre Augen wieder von ihm, wie wenn sie nur
auf einem Krug oder einem Stuhl geruht hätten, ohne irgendeinen jener feinen
Übergänge, welche artigen und rücksichtsvollen Leuten in solchen Fällen schnell
zu Gebote stehen. Diese Augengrobheit bewirkte, dass er von nun an nicht mehr
aufsah und sich bestrebte, so bald als möglich vom Tische zu kommen. In diesem
Bestreben schien ihn ein allerliebstes Bologneserhündchen unterstützen zu
wollen, welches, auf dem Tische umherlaufend, plötzlich vor seinem Teller ein
Männchen machte. »Ach, sieh den kleinen Schelm!« rief die Dame mit kindlicher
Freude; Heinrich hielt dem Tiere unwillkürlich ein Stückchen Kuchen hin, da rief
sie dasselbe sogleich zurück, und als es nicht kam, ergriff sie es unwillig beim
Pelze und setzte es vor sich hin. »Willst du wohl dableiben, du Landstreicher?«
sagte sie, als der Graf hinzutrat und bemerkte »Aber, Emilie, tu doch den Hund
vom Tisch, wir sind ja nicht allein!« Emilie aber entgegnete mit einer
unnachahmlichen Unbefangenheit »Ach Gott, das arme Tierchen wird doch niemanden
genieren?« Jetzt erst merkte Heinrich die neue Ungezogenheit und wollte diese
übermütige Person heimlich mit irgendeinem Schimpfworte bedienen, als die Kleine
das Hündchen auf den Schoss nahm und mit ihren feinen Händchen in festen Banden
hielt. Zugleich trat der Herr zu ihm und redete ihn an:
    »Mein Herr, ich habe soeben von Ihrem Kutscher vernommen, dass wir den
gleichen Weg reisen. Auch ich bin hierhergekommen, um mittelst der Post bis zur
nächsten Eisenbahnstation zu gelangen. Da Sie aber ganz allein sind, so haben
Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen geselle? Denn ich ziehe
die gemütliche Kutsche bei diesem Wetter dem dumpfen Postwagen vor; auch mein
Gepäck, welches nicht beträchtlich ist, dürfte noch neben dem Ihrigen Platz
finden.«
    Heinrich erwiderte etwas unbeholfen, dass er gar nichts zu verfügen hätte,
indem es dem Kutscher freistände, so viel Passagiere aufzunehmen, als er
unterbringen könne. Die grosse Dame hingegen rief »Du wirst dich doch nicht in
den alten Rumpelkasten setzen wollen, mit dem schmutzigen Fuhrmann auf dem Bock?
Nein, da dank ich dafür!«
    »Wenn du ein Herz für mich hast, liebe Schwester«, sagte der Herr, »so
wünschest du mir vielmehr Glück dazu, dass ich einige Stunden lang die freie Luft
und das schöne Wetter geniessen kann!«
    »Gut, dass wir diesmal nicht mitreisen, sonst würdest du uns am Ende noch
zwingen, mit einzusitzen!«
    »Ebensowenig als ich euch zumuten würde, die Post zu gebrauchen!«
    »Zur Strafe werden wir deine glorreiche Abfahrt aber auch nicht abwarten,
sondern sogleich zurückfahren!«
    »Das kann ich auch gern erlauben; denn dieser Herr und ich werden uns
unmittelbar nach euch auf den Weg machen.«
    Während dieses Gespräches hatte sich zwischen Heinrich und dem jungen
Dämchen ein artiger stummer Verkehr entsponnen. Das Hündchen auf ihrem Schosse
blickte beständig nach dem Stückchen Kuchen hin, welches verlassen und
unerreichbar auf dem Tische lag, das Mädchen langte danach, Heinrich anblickend,
wie um Erlaubnis zu bitten, konnte es aber nicht erreichen, so dass er es ihr
näher hinschob. Der Hund musste nun seine Künste machen, ehe er den Kuchen
erhielt, Heinrich legte ein anderes Stück auf die neutrale Mitte des Tisches,
von wo es das freundliche Kind wegholte, und so ging es fort, bis der Vorrat
verzehrt war. dabei hatte sie den Fremden nicht mehr angesehen, jedoch so laut
und fröhlich zu dem Tierchen gesprochen und die Hände so fest und traulich nach
dem Backwerke bewegt, dass er sich wohl als zur Gesellschaft gehörig betrachten
durfte, und er erwiderte auch diese Freundlichkeit durch die grösste Stille und
Bescheidenheit. Als der Graf nun die Damen nach dem Wagen hinausführte, um dort
von ihnen Abschied zu nehmen, grüsste die Kleine unter der Türe Heinrich ganz
allerliebst, und dieser machte dem unerwachsenen Kinde ein so ernstaftes
Kompliment, als wenn er die ehrwürdigste Matrone vor sich gehabt hätte.
    Indessen hatte sich im Gastzimmer eine Gesellschaft von sechs bis sieben
Männern eingefunden, sämtlich mit runden vollen Gesichtern und blonden
Schnurrbärten verschiedensten Schnittes. Sie trugen graue Jagdröcke mit grünen
Aufschlägen, und einige waren mit Sporen versehen. Bald hatte jeder einen
schäumenden Krug Bier vor sich, welches, nebst einer beabsichtigten Kegelpartie,
auch der Hauptinhalt des lauten Gespräches war, aus welchem es sich weiter
ergab, dass sämtliche Gesellschaft aus Gerichtsassessoren, Forstleuten,
Steuerbeamten und dergleichen bestand; auch ein Physikus war dabei. Äusserlich
konnte man sie nicht unterscheiden, weil alle gleich rüstig und forstmässig
aussahen, und Heinrich betrachtete sie mit Wohlgefallen und gestand sich, dass
diese sporenklirrenden Beamten in ihren Jagdtrachten sich keck und malerisch
ausnähmen im Gegensatz zu den nüchternen und friedlichen Würdeträgern in den
Dörfern seines Vaterlandes. Die Männer sprachen viel von Büchsen und Kugeln, und
er schrieb ihnen deswegen auch einen gehörigen Verstand zu, von seiner Heimat
her gewohnt, denselben meistens bei guten Schützen und wehrhaften Leuten zu
finden. Über diesen Betrachtungen hatte er achtlos den Kopf bedeckt, um sich das
Anlegen seines Mantels, das Bezahlen seiner Zeche und dergleichen bequemer zu
machen, und näherte sich schon der Türe, als einer der Herren vor ihn hintrat
und ihm die Mütze vom Kopfe nahm mit den Worten »Wenn Sie nicht wissen, mein
Herr, was hierzulande Sitte ist, so ist man genötigt, es Ihnen deutlich zu
zeigen!« - Heinrich sah ganz verblüfft auf den Redner, dann auf die grossen
Bierkrüge und in der braunen Stube umher; seine Augen glitten aber ab von den
höhnischen Gesichtern, auf welche sie trafen und die darauf hinwiesen, dass diese
Szene das Resultat einer förmlichen, vorhergehenden Beratung war; denn alle
Genossen des Angreifers standen im Kreise um ihn herum. Jetzt erst wurde er
feuerrot und stammelte zornig »Wie können Sie sich unterstehen -«, dabei hob er
seine Mütze vom Boden auf, drehte sie krampfhaft zusammen und hatte nicht übel
Lust, den Mann damit ins Gesicht zu schlagen. Zugleich riefen verschiedene
Stimmen »Sein Sie ruhig, oder man wird Sie hinauswerfen!«
    »Ich ersuche Sie, das bleibenzulassen, meine Herren!« sagte der Graf,
welcher hereinkommend alles mit angesehen hatte, mit entschiedener Stimme und
trat neben Heinrich. »Wenn hier jemand«, fuhr er fort, »keine Lebensart besitzt,
so ist es jedenfalls nicht dieser junge Mann, und insbesondere verwahre ich mich
dagegen, dass es deutscher Sitte gemäss sei, einen harmlosen Reisenden durch
Tätlichkeiten zu belehren!«
    Die Anwesenden hatten sich schon stillschweigend zurückgezogen, und der
dicke Wirt, welcher vorhin keine Miene gemacht hatte, den Fremden in seinem
Hause zu beschützen, war in angstvoller Verlegenheit. Nur der Anführer der
Beamtengesellschaft erwiderte mit unsicherer Stimme »Wenn wir von einem Fremden
die gebührliche Achtung verlangen, so geschieht es in Rücksicht auf des Königs
Majestät, dessen Stellvertreter wir sind.«
    »Es liegt schwerlich im Wunsche des Königs, dass seine Beamten sich hinter
den Bierkrug lagern, um darüber zu wachen, dass jeder Reisende im Lande den Hut
abzieht!« Damit fasste der Graf seinen Schützling unter den Arm und ging mit ihm
hinaus.
    Die Beamten liefen in grosser Verwirrung in der Stube umher und ergriffen
stumm und grimmig ihre Krüge; sie schämten sich nicht voreinander, sondern vor
den Wirtsleuten, welche Zeugen ihrer Demütigung gewesen waren. Nur einer sagte
»Das war wieder einmal Wasser auf seine Mühle, da konnte er seine merkwürdigen
Launen wieder auslassen! Schade, dass er mit seinem Spleen nicht in England zu
Hause ist!«
    »Ich glaube, er würde noch lieber nach Amerika gehören«, versetzte ein
anderer mit pfiffigem Ausdruck. -
    In dem alten Wagen, als derselbe auf der Landstrasse dahinfuhr, sassen die
beiden Neubekannten anfangs schweigend und verstimmt. Heinrich aus guten
Gründen; denn die leiseste Berührung einer fremden männlichen Hand in
feindlicher Absicht jagt das Blut immer in eine heftige Wallung und hat schon
oft genug Mord und Totschlag zur Folge gehabt; sein Begleiter hingegen mochte
etwas ärgerlich darüber sein, dass er in so kurzer Zeit einen unscheinbaren
Fremden wiederholt gegen die Ungezogenheit der eigenen Umgebung hatte schützen
müssen, wozu noch die Ungewissheit kam, ob diese in Beziehung auf den innern Wert
des Schützlings wohl auch notwendig sei? Wie um sich hierin zu versichern,
eröffnete er endlich das Gespräch, indem er Heinrich nach seinem Herkommen
befragte. Als dieser erwiderte, dass er Schweizer sei und zum ersten Mal in
Deutschland reise, versetzte der Graf »Und sind Sie überrascht durch die vorige
Tölpelei, oder finden Sie irgendeine vorgefasste Meinung bestätigt?«
    »Ich soll eigentlich nicht überrascht sein, wenn ich bedenke, dass jedes Volk
seine eigenen Sitten hat, welche kennenzulernen der Fremde wohltut. Ich erinnere
mich jetzt wirklich, dass in meiner Heimat dem Reisenden ähnliche
Unannehmlichkeiten widerfahren, indem dort das Landvolk, wenn es von Begegnenden
nicht gegrüsst oder sein Gruss nicht erwidert wird, dem Fehlenden Schimpf und
Spott nachsendet. dabei herrscht eine so genaue Etikette, dass der Ankommende
oder Vorübergehende denjenigen, der an einer Stelle sitzt oder steht, zuerst
begrüssen muss, wenn er nicht ausgescholten werden will.«
    »Da scheint mir aber doch eine schönere Sitte allgemeiner Freundlichkeit und
Zutraulichkeit zugrunde zu liegen, als die tolle Respektwut unserer Honoratioren
ist. Oder ist es vielleicht die gleiche moralische Triebfeder, indem Ihr
Landvolk sich als republikanischer Souverän respektiert wissen will?«
    »Durchaus nicht! Das Volk bei uns hat nicht nötig, sich seine Bedeutung
durch solche Dinge zu vergegenwärtigen; es atmet seine Lebensluft, ohne daran zu
denken; der Herzschlag seines politischen Lebens gehört ebensowohl zu den
unwillkürlichen Bewegungen als derjenige seines physischen Körpers. Auch sind
Leute, welche eine absolute persönliche Nichtsnutzigkeit und Hohlheit
fortwährend durch ihren überkommenen Anteil an der bürgerlichen Souveränetät
übertünchen wollen, nicht besonders angesehen. So mag es kommen, dass das Volk
auf den Strassen den Postzug eines durchreisenden gekrönten Hauptes mit
kindlicher Verwunderung begafft und, wenn es etwas recht Grosses und Reiches
bezeichnen will, die Worte König und königlich so wohl anwendet wie alle übrige
Welt, oft mit solcher Naivetät, dass der geschulte Demokrat sich darob ärgern
mag.«
    »Wenn Sie hierin noch die glückliche Stimmung Ihres Volkes teilen, werden
Sie sich also nicht unbequem fühlen während Ihres Aufentaltes in einer
Monarchie?«
    »Solange ich die Gewissheit habe, zurückzukehren, sobald ich will, wohl
nicht. Indessen muss ich Ihnen gestehen, mein Herr, dass doch schon eine
sonderbare Stimmung anfängt, sich meiner zu bemächtigen, und der heutige
Auftritt machte dieselbe nur klarer. Es ist mir zu Mute, wie wenn irgendeiner
zarten und bisher unberührten Saite meines Innern plötzlich Gewalt angetan wäre;
jeder Stein, jeder Baum scheint hier einen Stempel zu tragen, noch neben dem der
Gotteit und der Natur. Jedes Postschild scheint mir zuzurufen Du musst dich auch
zeichnen lassen wie ich, hier ist alles das erste und letzte Eigentum eines
einzelnen Menschen! Und je weniger das Wort in Wirklichkeit wahr ist, besonders
in einer gesetzlich eingerichteten Monarchie, desto mehr kommt es mir als ein
unwürdiger Spass, als ein blauer Dunst vor, den man sich mit ernstaftem Gesicht
vormacht; je weniger ich, wenn ich recht tue, nach jemandem zu fragen habe,
desto lästiger ist es mir, wenn ich mich doch so anstellen soll, vor einer
Namenschiffer den Hut abzuziehen und den Nachbar dabei zu versichern, dass dies
mein höchster Ernst sei. Eigentlich regieren überall doch diejenigen, welche die
nötige Einsicht und Überlegenheit im Guten wie im Bösen dazu haben; manchmal ist
es der Fürst, manchmal der letzte Hirtensohn seines Reiches, zuletzt fast immer
die öffentliche Meinung oder die Mehrheit, und angesichts dieser Tatsache wird
wohl nur darum die Republik in der weiten Welt fast unmöglich, weil sie von
ihren Verkündigern anstatt zur Sache der kühlen Vernunft und Lebenspraxis zur
Sache des Gefühls, zum religiösen Ideal gemacht wird, welches wieder der
Heuchelei, der Schwärmerei und einem politischen Pfaffentum Tür und Tor öffnet.«
    »Ei, Sie sprechen ja wie ein Buch, junger Freund! Sie sind wohl ein eifriger
Politiker?«
    »Das gerade nicht mehr, als nötig ist! Ich habe aber als ein
Buchrepublikaner darüber nachgedacht, dass mein Volk so wenig Aufhebens macht mit
seiner Republik, während es sich wahrhaft und nicht vorübergehend unglücklich
fühlte, wenn es, durch irgendeine Übermacht bezwungen, auch von dem besten
Fürsten zu besitzen und zu regieren versucht würde. Und je mehr sich dieses Volk
von uns, die wir Bücher lesen und den weltgeschichtlichen Begriff der Republik
kennen, unterscheidet, desto liebenswürdiger ist es in seiner Duldsamkeit gegen
Andersgläubige, gegen monarchische Untertanen, denen es nicht das brutale car
tel est notre plaisir entgegenzuschreien braucht, welches der bornierte Royalist
hervorkehrt, wenn er über seine Anhänglichkeit an eine Dynastie, von der er in
seinem Leben noch keinen kleinen Finger gesehen hat, keine Rechenschaft weiter
geben kann. Ich für mich aber kann mir bereits vorstellen, wie es einem ist, der
in der Türkei reist, dem Drehtanze eines Derwisches zusehen und sich wohl hüten
muss, den Mund zu verziehen.«
    »Auf dieses wenig schmeichelhafte Gleichnis«, sagte der Graf lächelnd, »kann
ich Ihnen entgegnen, dass ein Royalist vielleicht in ähnlicher Lage ist auf einer
Reise durch die Schweiz und dass demselben die dortigen Zustände sehr barbarisch,
zufällig und roh vorkommen dürften!«
    »Dagegen«, erwiderte Heinrich ebenfalls lachend, »könnte ich nur das alte
Sprichwort halten, welches am Ende der besprochenen Toleranz meiner gemeinen
Landsleute zugrunde liegt über den Geschmack ist nicht zu streiten!«
    »Da haben Sie ganz recht«, sagte Heinrichs Begleiter und gab ihm die Hand,
»auch ich bin vielleicht am wenigsten im Fall, mit Ihnen zu streiten. Und was
führt Sie denn, wenn ich fragen darf, nach unserm monarchischen Deutschland? Dem
Anscheine nach sind Sie entweder Student oder ein junger Künstler?«
    »Beides zusammen, wenn Sie wollen! letzteres im engern Sinne, ersteres
überhaupt, insofern ich mir in der Mitte meines grossen Stammvolkes selbst seine
geistigen Errungenschaften aneignen und diejenigen allgemeinen Grundlagen und
Anschauungen erwerben möchte, welche nur bei grossen Sprachgenossenschaften zu
finden sind und ohne welche es der einzelne zu nichts Ganzem und Höherm bringen
kann.«
    »Wie, eure schweizerische Nationalität genügt euch also doch nicht für den
Hausgebrauch in allen Dingen? Sie gibt euch keine Ideen für ein höheres
Bedürfnis?«
    »Jedes Ding hat zwei Seiten, mein Herr! und, wie ich glaube, auch die
Nationalität, oder was man so nennen mag. Man kann ein sehr guter Hausvater, ein
anhänglicher, pflichtgetreuer Sohn sein und doch das entsprechende Gebiet für
verschiedene Bedürfnisse und Fähigkeiten ausser dem Hause suchen und finden. Und
wie die Familie die sicherste, trostreichste Zuflucht ist nach jeder
Abschweifung und Irrfahrt, so ist das Vaterland, wenn seine Grenzen einen
natürlichen Zusammenhang haben und wenn es zudem noch den sichern Schoss eines
aufgeweckten und vergnüglichen bürgerlichen Lebens bildet, der erste und letzte
Zufluchtsort für alle seine besseren Kinder, und je ungleicher diese sich an
Stamm und Sprache manchmal sind, desto fester ziehen sie sich, nach gewissen
Gesetzen, gegenseitig an, freundlich zusammengehalten durch ein gemeinsam
durchgekämpftes Schicksal und durch die erworbene Einsicht, dass sie zusammen so,
wie und wo sie nun sich eingerichtet haben, am glücklichsten sind. Eine solche
Lage ist die unsrige. Um einen uralten Kern hat sich nach und nach eine
mannigfaltige Genossenschaft angesetzt, welche die Überlieferungen desselben,
soweit sie in ihrer Bedeutung noch lebendig sind, mit aufnahm und sich bestrebt,
sie fortwährend in gangbare Münze umzusetzen. Ähnliche Neigungen in der durchweg
ähnlichen, schönen Landschaft, eine Menge nachbarlicher Berührungen bei der
gemeinsamen Zähigkeit, den Boden unabhängig zu erhalten, haben ein von jedem
andern Nationalleben unterschiedenes Bundesleben hervorgebracht, welches allen
seinen Teilnehmern wieder einen gleichmässigen Charakter bis in die feineren
Schattierungen der Sitten und Sinnesart verliehen hat. Und je mehr wir uns in
diesem Zustande geborgen glauben vor der Verwirrung, die uns überall umgibt, je
mehr wir die träumerische Ohnmacht der altersgrauen grossen Nationalerinnerungen,
welche sich auf Sprache und Farbe der Haare stützen, rings um uns zu erkennen
glauben, desto hartnäckiger halten wir an unserm schweizerischen Sinne fest. So
kann man wohl sagen, nicht die Nationalität gibt uns Ideen, sondern eine
unsichtbare, in diesen Bergen schwebende Idee hat sich diese eigentümliche
Nationalität zu ihrer Verkörperung geschaffen.«
    »Ich kann mich nun«, versetzte der Graf, »allerdings schon leichter in
dieses sonderbare Nationalgefühl hineindenken, muss aber um so eher darauf
bestehen, dass die Schweizer folgerechterweise auch einer ebenso eigentümlichen,
aus ihren Verhältnissen erwachsenden Geisteskultur bedürfen sollten!«
    »Das ist eben die andere Seite! Es gibt zwar viele meiner Landsleute, welche
an eine schweizerische Kunst und Literatur, ja sogar an eine schweizerische
Wissenschaft glauben. Das Alpenglühen und die Alpenrosenpoesie sind aber bald
erschöpft, einige gute Schlachten bald besungen, und zu unserer Beschämung
müssen wir alle Trinksprüche, Mottos und Inschriften bei öffentlichen Festen aus
Schillers Tell nehmen, welcher immer noch das Beste für dieses Bedürfnis
liefert. Und was die Wissenschaft betrifft, so bedarf diese gewiss noch weit mehr
des grossen Weltmarktes und zunächst der in Sprache und Geist verwandten grösseren
Völker, um kein verlorener Posten zu sein. Der französische Schweizer schwört zu
Corneille, Racine und Moliere, zu Voltaire oder Guizot, je nach seiner Partei,
der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit, und der
deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen
Schachten des deutschen Volkes. Alle aber sind bestrebt, alles nur zur grösseren
Ehre ihres Landes zurückzubringen und zu verwenden, und viele geraten sogar über
diesem Bestreben in ein gegen die Quellen undankbares und lächerliches Zopftum
hinein.«
    »Es ist vielleicht«, wandte Heinrichs Begleiter ein, »ein unbescheidener
Missbrauch, welchen ich mit einem wackern Volke treiben möchte, wenn ich auf
meiner alten Behauptung beharre und sogar wünsche, dass ihr es einmal
versuchsweise darauf anlegtet, in allen Dingen ganz selbständig und naturwüchsig
zu sein und ganz auf eurem Boden eine eigene Weisheit zu pflegen. Dem Lande wie
seiner Verfassung eigenst angemessen, müsste gewiss etwas Frisches und für uns
andere Erbauliches zustande kommen. Sie würden vielleicht umkehren, junger Mann,
wenn Sie wüssten, wie sich bei uns grossen Nationen die Bildung im ewigen Kreise
herumdreht, wie einflusslos unsere Heroen, die in jedermanns Munde sind, an
unserm innersten Herzen vorübergehen und wie bis zur dumpfen Verzweiflung sich
Ungeschmack und Unsinn jeden andern Tag wieder so breit macht, als wäre er nie
überwunden worden!«
    Mit diesen Worten stiess der Graf einen ziemlichen Seufzer aus; Heinrich aber
schüttelte den Kopf und sagte:
    »Nein, nein! erstens tun Sie sich selbst unrecht, und zweitens können wir
uns doch nicht abschliessen! Zu einer guten patriotischen Existenz braucht es
jederzeit nicht mehr und nicht weniger Mitglieder, als gerade vorhanden sind.
Mit den Kulturdingen ist es anders; da sind vor allem gute Einfälle, soviel als
immer möglich, notwendig, und dass deren in vierzig Millionen Köpfen mehrere
entstehen als nur in zwei Millionen, ist ausser Zweifel!«
    »Das ist freilich ein praktischer und triftiger Grund!« sagte der Graf mit
herzlichem Lachen, »ich will Ihnen ferner auch nichts einwenden und wünsche
Ihrer Jugend wie Ihren Hoffnungen das beste Gedeihen. Es sollte mich recht
freuen, später einmal zu erfahren, wie Sie Ihre Rechnung befunden haben. Ich
verlasse mich auch darauf; denn wenn man mit so klarem, schönem Willen in die
Welt geht, so wird man gewiss etwas aus sich machen!«
    Da die friedlich wackelnde Kutsche an einem Haltorte der Eisenbahn
angekommen war und in demselben Augenblicke auch ein mächtiger Wagenzug
heranpfiff, so stiegen sie nun aus und nahmen Abschied, indem der Graf, seinen
jungen Gefährten mit fast wehmütiger Teilnahme ansehend, ihm noch ein
freundliches »Aufs Wiedersehen« nachrief. Heinrich drängte sich noch mit seinem
Gepäcke unter den Leuten umher, um seinen Platz in der dritten Klasse
aufzufinden, während der vornehme Herr schon in einem bequemen und prächtigen
Coupe der ersten Klasse sich ganz allein ausstreckte. Er rutschte aber unruhig
hin und her und sagte zu sich selbst »Wunderliches Verhältnis! Da würde ich nun
gern mit diesem muntern Jungen weiterplaudern, aber der Unterschied unserer
Geldbeutel reisst uns auseinander, und ich darf ihm keinen Platz bei mir
anbieten, während ich zu weichlich bin, mich unter das Volk hinauszusetzen! Doch
was hindert mich eigentlich daran?« Und schon wollte er wieder aussteigen, als
der Zug sich mit einem grellen Pfiff in Bewegung setzte und bald über das Feld
hinglitt, die Sonne im Rücken lassend.
    Dieselbe näherte sich bei der Ankunft in der grossen Hauptstadt, dem
Reiseziele Heinrichs, schon ihrem Untergange und vergoldete mit ihren letzten
Strahlen die weite Ebene samt der Stadt mit ihren Steinmassen und Baumwipfeln.
Heinrich hatte kaum seine Sachen in einem Gastofe untergebracht, so lief er
ungeduldig wieder auf die Strasse und stürzte sich unter das Wogen und Treiben
der Stadt.
    Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische
Türme; Säulen der verschiedensten Art tauchten ihre geschmückten Häupter noch in
den Rosenglanz, helle gegossene Bilder, funkelneu, schimmerten aus dem
Helldunkel der Dämmerung, indessen buntbemalte offene Hallen schon durch
Laternenlicht erleuchtet waren und von geschmückten Frauen durchwandelt wurden.
Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die Luft, Königsburgen,
Paläste, Teater, Kirchen bildeten grosse Gruppen zusammen, Gebäude von allen
möglichen Bauarten, alle gleich neu, sah man hier vereinigt, während dort alte
geschwärzte Kuppeln, Rat- und Bürgerhäuser einen schroffen Gegensatz machten. Es
herrschte ein aufgeregtes Leben auf den Strassen und Plätzen. Aus Kirchen und
mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik, Geläute, Orgel- und Harfenspiel; aus mit
allerlei mystischen Symbolen überladenen Kapellentüren drangen Weihrauchwolken
auf die Gasse; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweis
vorüber, Studenten in Schnürröcken und silbergestickten Mützen kamen daher,
gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz über
einen Platz, üppige Kurtisanen mit blanken Schultern zogen nach hellen
Tanzsälen, von denen Pauken und Trompeten herniedertönten; alte dicke Weiber
verbeugten sich vor dünnen schwarzen Mönchen, welche zahlreich umhergingen;
unter offenen Hausfluren sassen wohlgenährte Spiessbürger hinter gebratenen Gänsen
und mächtigen Krügen und genossen den lauen Frühlingsabend; glänzende Wagen mit
Mohren und Jägern fuhren vorbei und wurden aufgehalten durch einen ungeheuern
Knäuel von Soldaten und Handwerksburschen, welche sich die Köpfe zerbleueten. Es
war ein unendliches Gesumme überall und ein seltsamer Übergang der katolischen
Festandacht und der kirchlichen Glockentöne in die laute Lustbarkeit des zweiten
Osterabends.
    Heinrich hatte sich aus dem Lärm verloren in eine lange und weite Strasse,
welche ganz von mächtigen neuen Gebäuden besetzt war. Steinerne Bildsäulen
standen vor ernsten byzantinischen Fronten, die still und hoch in den dunkelnden
Himmel hinaufstiegen, bald dunkelrot gefärbt, bald blendend weiss, alles wie erst
heute und zur Mustersammlung für lernbegierige Schüler aufgestellt. Da und dort
verschmelzten sich die alten Zierarten und Formen zu neuen Erfindungen, die
verschiedensten Gliederungen und Verhältnisse stritten sich und verschwammen
ineinander und lösten sich wieder auf zu neuen Versuchen; es schien, als ob die
tausendjährige Steinwelt, auf ein mächtiges Zauberwort in Fluss geraten, nach
einer neuen Form gerungen hätte und über dem Ringen in einer seltsamen Mischung
wieder erstarrt wäre. Wie zum Spotte ragte tief im Hintergrunde eine kolossale
alte Kirche im Jesuitenstile über alle diese Schöpfungen empor, und die tollen
Schnörkel und Schlangenlinien derselben schienen in dem schwachen Mondlichte auf
und nieder zu tanzen. Das Getöse der inneren Stadt summte nur von ferne in die
einsame, stille Strasse herein, man hörte fast keines Menschen Tritt gehen, nur
ein hoher, magerer Mann kam mit langen Schritten und wunderlichen Bewegungen
durch das ersterbende Zwielicht daher und trat, als Heinrich ihn zerstreut
ansah, plötzlich auf denselben zu und schlug ihm die Mütze vom Kopfe, dass sie
auf den Boden fiel. Es lag aber etwas Schwärmerisches und gutmütig Edles in den
Augen dieses Mannes, so dass Heinrich verlegen dastand, sich hinter den Ohren
kratzte und nicht wusste, was nun wieder zu tun sei. Der Fremde rief ihm aber mit
lauter Stimme zu »Warum gaffen Sie mich an und grüssen nicht? Was ist das für
eine Ungezogenheit?« Heinrich sagte »Ich kenne Sie ja gar nicht, Herr!« - »So?
Wissen Sie, ich bin der König! Artig sein, Respekt haben, junger Mann!« und ohne
eine fernere Rede abzuwarten, schritt er rasch von dannen.
    Heinrich hob seine Mütze vom Boden, schlug den Staub ab und suchte eiligst
seine Herberge auf.
 
                                Viertes Kapitel
Am andern Tage hantierte Heinrich Lee bereits in einem ge mieteten Zimmer umher
und war bemüht, seine Siebensachen in den verschiedenen Hausgeräten
unterzubringen. Sein gewaltiger altväterlicher Holzkoffer stand mitten auf dem
Boden und schien sich nicht erschöpfen zu wollen; denn ausser dem reichlichen
Vielerlei, womit ihn die Mutter für des Leibes Bedürfnis versorgt hatte, führte
er auch einen ziemlichen Vorrat an sonstigen Dingen mit, von denen er sich nicht
hatte trennen können, obschon ein guter Teil keinen andern Wert hatte, als dass
Heinrich bisher die Sachen täglich vor Augen und in Händen sah. Er kannte den
Zustand noch nicht, wo man jedes entbehrliche Buch, jedes Kästchen oder
Schächtelchen aus alter Zeit, Briefschaften, sogar musikalische Instrumente, die
einem fast an die Hand gewachsen sind, über Bord wirft und, starr und ängstlich
seine Zukunft suchend, welche immer zurückzuweichen scheint, während sie
fortwährend um uns herumschleicht und hinter unserm Rücken unbemerkt zur
Vergangenheit wird, mit dem zusammengepressten Gepäcke eines Kuriers jahrelang
dahinlebt, in Wohnungen, die ebenso knapp eingerichtet sind, ein Bett, ein
Tisch, ein Sofa, vier Stühle, und das alles in der jämmerlichen Eleganz, wie sie
der Laden eines Trödlers oder Möbelverleihers darbietet und der Geschmack einer
hungrigen Witwe zusammenstellt. Da ist keine trauliche Uhr an der Wand, ja kein
überzähliges Tischchen am Fenster, kein Blumenstock vor demselben; statt dass
klare weisse Vorhänge schlicht darüberhangen, schlingt sich tollgewordener roter
und gelber Kattun um einen trübselig vergoldeten Spiess, welcher schon zwölfmal
verkauft und wieder gekauft wurde. Und trotz dieser Armseligkeit hat die einzige
Kommode im Nu das Mitgebrachte des fahrenden Bewohners verschlungen, wie ein
Haifisch eine Katze, und lässt nichts zu sehen übrig als hier einen Bogen
Briefpapier, dort eine Haarbürste. Es ist ein unerquickliches Leben in dieser
baumwollenen Pracht der Mietzimmer, immer den Reisekoffer neben dem Ofen!
    Die Wohnung jedoch, welche Heinrich gefunden hatte, entsprach mehr seinen
mitgebrachten mannigfaltigen Habseligkeiten. Sie war einfach, aber bequem und
hatte in ihrer Einrichtung das Ansehen einer seit lange so bestandenen
ordentlichen Wohnstube. Die Fenster gingen auf einen stillen Hof, die Sessel an
denselben standen noch auf besonderen Erhöhungen, und noch ein anderer
behaglicher Sitz zum träumerischen Ausruhen versprach die endlich geleerte Arche
Noä Heinrichs zu werden, welche er zwischen den Ofen und das Bett hineinschob.
    Er sass auch schon auf dem soliden Deckel, ausruhend und nachdenklich wie
einer, der für den Augenblick nicht weiss, was eigentlich zunächst nun zu
beginnen ist. Ohne Empfehlungen und Bekanntschaften in dieser Stadt angekommen,
musste er sich ganz allein zu helfen und nach eigenem Überblick und Urteil seine
Tätigkeit zu ordnen suchen. In der Hand hielt er ein eingebundenes Manuskript
und blätterte darin umher, als ob er eine Richtschnur oder wenigstens die
Anknüpfungspunkte für eine solche herausfinden wollte. Es war die Geschichte
seiner bisherigen Jugend, welche er in jugendlicher Subjektivität und
Schreibseligkeit während der letzten Zeit vor seiner Abreise niedergeschrieben
hatte, um sich eine Art Abschluss und Übersicht zu bilden.
    Bis seine neuen Verhältnisse eine bestimmte Gestalt angenommen haben, wollen
wir das mässige Büchlein durchlesen, um ihn selbst wie sein ferneres Geschick
desto klarer beurteilen zu können. Schon dass er dasselbe geschrieben, ist so
bezeichnend, dass auch der Inhalt denjenigen weiter anregen muss, der überhaupt an
unserm Helden teilnehmen mag.
                             Eine Jugendgeschichte
Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von
einer seit vielen Jahrhunderten verschollenen Familie hat. Niemand weiss mehr, wo
einst das Schloss gestanden, von dem man in den Chroniken noch schwache Spuren
findet; ebensowenig weiss man, wann der letzte »Edle« dieses Namens gestorben
ist; aber das Dorf steht noch da, seelenreich und belebter als je, während das
halbe Dutzend Familiennamen unverändert geblieben ist und für die zahlreichen,
weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen muss. Der kleine Gottesacker,
welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer schneeweiss geputzte Kirche
schmiegt und niemals erweitert worden ist, besteht in seiner Erde buchstäblich
aus den aufgelösten Gebeinen der vorübergegangenen Geschlechter; es ist
unmöglich, dass bis zur Tiefe von zehn Fuss ein Körnlein sei, welches nicht seine
Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die übrige Erde
mit umgraben geholfen hat. Doch ich übertreibe und vergesse die vier
Tannenbretter, welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten
Riesengeschlechtern auf den grünen Bergen rings entstammen; ich vergesse ferner
die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden, welche auf diesen Fluren wachs,
gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehört wie jene
Tannenbretter und nicht hindert, dass die Erde unseres Kirchhofes so schön kühl
und schwarz sei als irgend eine. Es wächst auch das grünste Gras darauf, und die
Rosen nebst dem Jasmin wuchern in göttlicher Unordnung und Überfülle, so dass
nicht einzelne Stäudlein auf ein frisches Grab gesetzt, sondern das Grab muss in
den Blumenwald hineingehauen werden, und nur der Totengräber kennt genau die
Grenze in diesem Wirrsal, wo das frisch umzugrabende Gebiet anfängt.
    Das Dorf zählt etwa zweitausend Bewohner, von welchen je etwa dreihundert
den gleichen Namen führen; aber höchstens zwanzig bis dreissig von diesen pflegen
sich Vetter zu nennen, weil die Familienerinnerungen selten bis zum Urgrossvater
hinaufsteigen. Aus der unergründlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht
gestiegen, sonnen sich diese Menschen darin, so gut es gehen will, rühren sich
und wehren sich ihrer Haut, um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu
verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie ihre Nasen in die Hand
nehmen, so sind sie sattsam überzeugt, dass sie eine ununterbrochene Reihe von
zweiunddreissig Ahnen besitzen müssen, und anstatt dem natürlichen Zusammenhange
derselben nachzuspüren, sind sie vielmehr bemüht, die Kette ihrerseits nicht
ausgehen zu lassen. So kommt es, dass sie alle möglichen Sagen und wunderlichen
Geschichten ihrer Gegend mit der grössten Genauigkeit erzählen können, ohne zu
wissen, wie es zugegangen ist, dass der Grossvater die Grossmutter nahm. Alle
Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach
seiner Lebensweise für ihn wirkliche Tugenden sind, und was die Missetaten
betrifft, so hat der Bauer so gut Ursache wie der Vornehme, die seiner Väter in
Vergessenheit begraben zu wünschen; denn er ist zuweilen eine so wüste und wilde
Bestie wie manches andere Menschenkind.
    Ein grosses rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches
unverwüstliches Vermögen der Bewohner; doch ist es eigentlich nicht ganz rund,
indem mancher mächtige Acker, manche Zelle Laub- und Nadelholz jenseits der
Hügel hinunter kühn und naseweis in das Gebiet anderer Gemeinden eingreift,
während jene sich gelegentlich durch die glückliche und listige Erwerbung eines
diesseitigen Grenzstückes rächen und daher das Ganze einen so zerfetzten Rand
hat wie ein Bettlermantel. Dieser Reichtum blieb sich von jeher so ziemlich
gleich; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt, so unternehmen
die jungen Bursche dafür häufige Raubzüge bis auf acht Stunden weit und sorgen
für hinlänglichen Ersatz sowie dafür, dass die Gemütsanlagen und körperlichen
Physiognomien der Gemeinde die gehörige Mannigfaltigkeit bewahren, und sie
entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht für ein frisches
Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die
europäischen Fürstengeschlechter.
    Die Einteilung dieses Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr
teilweise und mit jedem halben Jahrhundert ganz bis zur Unkenntlichkeit. Die
Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen
dieser treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu
verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.
    Mein Vater starb so früh, dass ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte
erzählen hören, ich weiss daher so gut wie nichts von diesem Manne; nur so viel
ist gewiss, dass damals die Reihe einer ehrbaren Unvermöglichkeit an seiner
engeren Familie war. Da ich nicht annehmen mag, dass der ganz unbekannte
Urgrossvater ein liederlicher Kauz gewesen sei, so halte ich es für
wahrscheinlich, dass sein Vermögen durch eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft
zersplittert wurde; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern, welche
ich kaum noch zu unterscheiden weiss, die, wie die Ameisen krabbelnd, bereits
wieder im Schwunge sind, ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten
Grundstücke an sich zu bringen. Ia, einige Alte unter denselben sind in der Zeit
schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden.
    Dazumal war es nicht ganz mehr jene erbärmliche Schweiz, wie sie Goete im
Werterschen Nachlasse geschildert hat, und wenn auch die junge Saat der
französischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall östreichischer, russischer
und selbst französischer Quartierbilletts bedeckt worden war, so gestattete doch
die kluge Mediationsverfassung einen gelinden Nachsommer und verhinderte meinen
Vater nicht, die Kühe, die er weidete, eines Morgens stehenzulassen und, einem
höhern Triebe folgend, nach der Stadt zu gehen, um ein gutes Handwerk zu
erlernen. Von da an verscholl er so ziemlich für seine Mitbürger; denn nach
langen und harten, aber meisterlich bestandenen Lehrjahren führte ihn sein
Trieb, einen immer kühnern Schwung nehmend, in die Ferne, und er durchschweifte
als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche. Indessen aber hatte der
sanftknisternde Papierblumenfrühling, welcher nach der Schlacht bei Waterloo
aufging, wie überallhin, so auch in die geheimsten Winkel der Schweiz sein
bläuliches Kerzenlicht verbreitet, und der grosse Dichter hätte sich jetzt eher
wieder zurechtfinden können, wenn nicht unterdessen auch sein wackerer Lavater
gestorben und mit demselben das letzte Restchen Phantasie aus dem städtischen
Zopftume der Schweizer entflohen wäre. Auch in meines Vaters Geburtsdorf, dessen
Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten, dass sie seit
undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten, war die ehrwürdige und
zugleich muntere Dame Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons
feierlich eingezogen und richtete sich in dem Neste so gut ein, als sie konnte.
Schattige Wälder, Höhen und Täler mit den angenehmsten Freudenplätzen, ein
fischreicher, klarer Fluss und die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer
weiten, belebten Nachbarschaft, welche sogar noch mit einigen bewohnten
Schlössern gespickt war, zogen den einwohnenden Herrschaften jahraus und - ein
eine Menge jagender, fischender, tanzender, singender, essender und trinkender
Gäste aus der Stadt zu. Man bewegte sich um so leichter, als man den Reifrock
und die Perücke weislich da liegenliess, wohin sie die Revolution geworfen hatte,
und das griechische Kostüm der Kaiserzeit, wenn auch in diesen Gegenden etwas
nachträglich, angetan hatte. Die Bauern sahen mit Verwunderung die weissumflorten
Göttergestalten ihrer vornehmen Mitbürgerinnen, ihre sonderbaren Hüte und noch
merkwürdigeren Taillen, welche dicht unter den Armen gegürtet waren. Die
Herrlichkeit des aristokratischen Regimentes entfaltete sich am höchsten im
Pfarrhause. Die reformierten Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen,
demütigen Schlucker wie ihre Amtsbrüder im protestantischen Norden. Da alle
Pfründen im Lande ausschliesslich den Bürgern der herrschenden Städte
offenstanden, so bildeten sie zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergänzung im
Systeme der Herrschaft, und die Pfarrer, deren Brüder das Schwert und die Waage
handhabten, nahmen teil an der Glorie, wirkten und regierten auf ihre Weise im
Sinne des Ganzen kräftig mit oder überliessen sich einem sorgenfreien,
vergnüglichen Dasein, gleich den vornehmen Geistlichen der katolischen Kirche.
Sehr oft waren sie von Haus aus reich, und die ländlichen Pfarrhäuser glichen
eher den Landsitzen grosser Herren; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten,
welche die Bauern Junker Pfarrer nennen mussten. Ein solcher war nun zwar der
Pfarrer meines Heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher Mann;
doch sonst einer sehr alten Bürgerfamilie angehörend, vereinigte er in seiner
Person und in seinem Hauswesen allen Stolz, Kastengeist und Lustbarkeit eines
warmgesessenen Städtetumes. Er tat sich etwas darauf zu gut, ein Aristokrat zu
heissen, und vermischte seine geistliche Würde ungezwungen mit einem derben,
militärischjunkerhaften Anstriche; denn man wusste dazumal noch nichts, weder von
dem Namen noch von dem Wesen des modernen, weinerlichen und heuchlerischen
Konservatismus. Es ging in seinem Hause geräuschvoll und lustig her, die
Pfarrkinder steuerten reichlich, was Feld und Stall abwarf, die Gäste holten
sich selbst aus dem Forste Hasen, Schnepfen und Rebhühner, und da Treibjagden
doch nicht landesüblich waren, so wurden die Bauern dafür zu grossen Fischzügen
freundschaftlich angehalten, welches jedesmal ein Fest gab, und so war das
Pfarrhaus nie ohne Freude und Lärm. Man durchzog das Land ringsumher, stattete
Besuche ab in Masse und empfing solche, schlug Zelte auf und tanzte darunter
oder spannte sie über die lauteren Bäche, und die Griechinnen badeten darunter;
man überfiel in hellen Haufen eine einsame kühle Mühle oder fuhr in
vollgepfropften Nachen auf Seen und Flüssen, der Pfarrer immer voran mit einer
Entenflinte über dem Rücken oder ein mächtiges spanisches Rohr in der Hand.
    Geistige Bedürfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden; die
weltliche Bibliotek des Pfarrers bestand, wie ich sie noch gesehen habe, aus
einigen altfranzösischen Schäferromanen, Gessners Idyllen, Gellerts Lustspielen
und einem stark zerlesenen Exemplar des Münchhausen. Zwei oder drei einzelne
Bände von Wieland schienen aus der Stadt geliehen und nicht mehr zurückgeschickt
worden zu sein. Man sang Höltys Lieder, und nur die lugend führte etwa einen
Mattisson mit sich. Der Pfarrer selbst, wenn einmal von dergleichen Dingen die
Rede war, pflegte seit dreissig Jahren regelmässig zu fragen »Haben Sie Klopstocks
Messias gelesen?« und wenn das, wie natürlich, bejaht wurde, schwieg er
vorsichtig. Ein steinalter Herr, welcher sich in seiner Jugend einige Zeit in
Berlin umhergetrieben hatte und in der Gesellschaft des Pfarrhauses allerlei
schlechte Spässe über den ehrwürdigen Beruf des Hausherrn zum besten gab, sprach
viel von Voltaire und mischte ein pikantes Grauen in den unbefangenen Frohsinn
der Damen. Im übrigen gehörten die Gäste nicht zu jenen feinsten Kreisen, welche
die Kultur der herrschenden Interessen durch erhöhte Geistestätigkeit pflegen
und durch eine edle Bildung zu befestigen suchen, sondern zu der gemütlichen
Klasse, welche sich darauf beschränkt, die Früchte jener Bemühungen zu geniessen
und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen lustig zu machen, solange es Kirchweih
ist.
    Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich
selbst. Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter, welche beide in ihren
Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen. Während der Sohn, ebenfalls
ein Geistlicher und dazu bestimmt, seinem Vater im Amte zu folgen, vielfache
Verbindungen mit jungen Bauern anknüpfte, mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag
oder auf Viehmärkte fuhr und mit Kennerblick die jungen Kühe betastete, hing die
Tochter, sooft sie mir immer konnte, die griechischen Gewänder an den Nagel und
zog sich in Küche und Garten zurück, dafür sorgend, dass die unruhige
Gesellschaft etwas Ordentliches zu beissen fand, wenn sie von ihren Fahrten
zurückkehrte. Auch war diese Küche nicht der schwächste Anziehungspunkt für die
genäschigen Städtebewohner, und der grosse gutbebaute Garten zeugte für einen
ausdauernden Fleiss und treffliche Ordnungsliebe.
    Der Sohn endigte sein Treiben damit, dass er eine begüterte rüstige
Bauerntochter heiratete, in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre
Äcker und ihr Vieh bestellte. In Anwartschaft seines höheren Amtes übte er sich,
als Säemann den göttlichen Samen in wohlberechneten Würfen auszustreuen und das
Böse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujäten. Der Schrecken und der Zorn
hierüber waren gross im Pfarrhause, zumal wenn man bedachte, dass die junge
Bäuerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte, sie, welche
weder mit der gehörigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgemäss
zu braten und aufzutragen wusste. Deshalb war es der allgemeine Wunsch, dass die
Tochter, welche allmählich schon über ihre erste Jugend hinausgeblüht hatte,
entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst
noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben möchte. Aber auch diese
Hoffnungen schlugen fehl.
    Denn eines Tages geschah es, dass das ganze Dorf in grosse Bewegung gesetzt
wurde durch die Ankunft eines schönen, schlanken Mannes, der einen feinen grünen
Frack trug nach dem neusten Schnitte, enganliegende weisse Beinkleider und
glänzende Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen. Wenn es regnerisch aussah, so
führte er einen rotseidenen Schirm mit sich, und eine grosse goldene Uhr von
feiner Arbeit gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich.
Dieser Mann bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher
und trat freundlich und leutselig in die niederen Türen, verschiedene alte
Mütterchen und Gevattern aufsuchend, und war niemand anders als der weitgereiste
Steinmetzgeselle Lee, welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte.
Man kann wohl sagen ruhmvoll, wenn man bedenkt, dass er vor zwölf Jahren, als ein
vierzehnjähriger Knabe, arm und bloss das Dorf verlassen hatte, hierauf bei
seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen musste, mit einem
dürftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als
ein förmlicher Herr, wie ihn die Landleute nannten, zurückkehrte. Denn unter dem
niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mächtige Kisten, von denen die eine
ganz mit Kleidern und feiner Wäsche, die andere mit Modellen, Zeichnungen und
Büchern angefüllt war. Es war etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa
sechsundzwanzig Jahre alten Mannes, seine Augen glühten wie von einem
anhaltenden Glanze innerer Wärme und Begeisterung, er sprach immer hochdeutsch
und suchte das Unbedeutendste von seiner schönsten und besten Seite zu fassen.
Fr hatte ganz Deutschland vom Süden bis zum Norden durchreist und in allen
grossen Städten gearbeitet; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange
fiel mit seinen Wanderjahren zusammen, und er hatte die Bildung und den Ton
jener Tage in sich aufgenommen, insofern sie ihm verständlich und zugänglich
waren; vorzüglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der gebildeten
Mittelklassen auf eine bessere, schönere Zeit der Wirklichkeit, ohne von den
geistigen Überfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen, welche in
manchen romantischen Elementen dazumal als deutsches Wesen durch die höhere
Gesellschaft wucherten.
    Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen, welche die ersten,
seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklärung,
so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre später durchdrang, und welche
einen Stolz darauf setzten, die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein, und
dadurch, verbunden mit erhöhtem Fleisse und Mässigkeit, die Mittel erlangten, auch
ihren Geist zu bilden und äusserlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren
als achtungswerte, tüchtige Männer dazustehen. Überdies war dem Steinhauer in
den grossen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen, welches seinen
Pfad noch mehr erleuchtete, indem es ihn mit heiteren Künstlerahnungen erfüllte
und den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien, welcher ihn von der
grünen Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Städte zugeführt hatte. Er lernte
zeichnen mit eisernem Fleisse, brachte ganze Nächte und Feiertage damit zu, Werke
und Muster aller Art durchzupausen, und nachdem er den Meissel zu den
kunstreichsten Gebilden und Verzierungen führen gelernt und ein vollkommener
Handarbeiter geworden war, ruhte er nicht, sondern studierte den Steinschnitt
und sogar solche Wissenschaften, welche andern Zweigen des Bauwesens angehören.
Er suchte überall an grossen öffentlichen Bauten unterzukommen, wo es viel zu
sehen und zu lernen gab, und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin,
dass ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder
Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze. Dass er dort nicht feierte,
sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte, alles mögliche durchzuzeichnen und
alle Berechnungen zu kopieren, welche er erhaschen konnte, versteht sich von
selbst. So wurde er zwar kein akademischer Künstler mit einer allseitigen
Durchbildung, aber doch ein Mann, welcher wohl den kühnen Vorsatz fassen durfte,
in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer städtischer Bau- und Maurermeister
zu werden. Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe auf zur
grossen Bewunderung seiner Sippschaft, und das Erstaunen wurde noch grösser, als
er, mit einem feinen Manschettenhemd bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch
sprechend, sich mitten unter die französisch-griechischen Gestalten des
Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb. Der ländlich gesinnte
Bruder mochte hiezu eine Vermittlung, wenigstens ein aufmunterndes Beispiel
darbieten; die Jungfrau schenkte dem blühenden Freier bald ihr Herz, und die
Verwirrung, welche dadurch zu entstehen drohte, löste sich schnell, als die
Eltern der Braut kurz hintereinander starben.
    Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt, sich weiter
nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend, in welches
alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen, Sicheln, Dreschflegeln,
Rechen, Heugabeln, mit gewaltigen Himmelbetten, Spinnrädern und Flachshecheln
und mit seiner kecken, frischen Frau einzog, welche mit ihrem geräucherten Speck
und mit ihren derben Mehlklössen schnell sämtliche Musselingewänder, Fächer und
Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte. Nur eine Wand voll
vortrefflicher Jagdgewehre, die auch der Nachfolger zu führen wusste, lockte im
Herbst einzelne Jäger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermassen
von einem Bauernhause.
    In der Stadt fing der junge Baumeister damit an, dass er einen oder zwei
Arbeiter anstellte und, selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend, ganz kleine
Aufträge aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlässigkeit zeigte,
dass noch vor Ablauf eines Jahres sein Geschäft sich erweiterte und sein Kredit
sich begründete. Er war so erfinderisch und einsichtsvoll, gewandt und schnell
beraten, dass bald viele Bürger seinen Rat und seine Arbeit suchten, wenn sie im
Zweifel waren, wie sie etwas verändern oder neu bauen lassen sollten. dabei war
er immer bestrebt, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden, und war froh,
wenn ihn seine Kunden nur gewähren liessen, so dass sie manche Zierde, manches
Fenster und Gesims von reineren Verhältnissen erhielten, ohne dass sie deswegen
den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen mussten.
    Seine junge Frau indessen führte mit wahrem Fanatismus das Hauswesen,
welches durch verschiedene Arbeiter und Dienstboten schnell erweitert wurde. Sie
beherrschte mit Kraft und Meisterschaft das Füllen und Leeren einer Anzahl
grosser Speisekörbe und war der Schrecken der Marktweiber und die Verzweiflung
der Schlächter, welche alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten mussten, einen
Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen, wenn das Fleisch für die Frau Lee
gewogen wurde. Obgleich Meister Lee fast keine persönlichen Bedürfnisse hatte
und unter seinen zahlreichen Grundsätzen derjenige der Sparsamkeit in der ersten
Reihe stand, so war er doch so gemeinnützig und grossherzig, dass das Geld für ihn
nur Wert hatte, wenn etwas damit ausgerichtet oder geholfen wurde, sei es durch
ihn oder durch andere; daher verdankte er es nur seiner Frau, welche keinen
Pfennig unnütz ausgab und den grössten Ruhm darein setzte, jedermann weder um ein
Haar zuwenig noch zuviel zukommen zu lassen, dass er nach Verfluss von zwei oder
drei Jahren schon solche Ersparnisse vorfand, welche seinem unternehmenden
Geiste nebst dem Kredite, den er bereits genoss, eine reichlichere Nahrung
darboten. Er kaufte alte Häuser an für eigene Rechnung, riss sie nieder und baute
an der Stelle stattliche Bürgerhäuser, in welchen er eine Menge Einrichtungen
fremder oder eigener Erfindung anbrachte. Diese verkaufte er mehr oder weniger
vorteilhaft, sogleich zu neuen Unternehmungen schreitend, und alle seine Gebäude
trugen das Gepräge eines beständigen Strebens noch Formen- und Gedankenreichtum.
Wenn ein gelehrter Architekt auch oft nicht wusste, wohin er alle angebrachten
Ideen zählen sollte und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen musste, so
gestand er doch immer, dass es Gedanken seien, und belobte, wenn er unbefangen
war, den schönen Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nüchternen
Zeit des Bauwesens, wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des
Kunstgebietes bestand.
    Dies tätige Leben versetzte den unermüdlichen Mann in den Mittelpunkt eines
weiten Kreises von Bürgern, welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten, und
unter diesen bildete sich ein engerer Ausschuss gleichgesinnter und empfänglicher
Männer, denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schönen mitteilte. Es
war nun um die Mitte der zwanziger Jahre, wo in der Schweiz eine grosse Anzahl
hochgebildeter Männer aus dem innersten Schosse der herrschenden Klassen selbst,
die abgeklärten Ideen der grossen Revolution wiederaufnehmend, einen frucht- und
dankbaren Boden für die Julitage vorbereiteten und die edlen Güter der Bildung
und Menschenwürde sorgsam pflegten. Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen,
an seinem Orte, eine tüchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande, um so
bedeutender, als viele Mitglieder in der Tiefe des Volkes auf den Landschaften
umher ihre Wurzeln hatten. Während jene Vornehmen und Gelehrten die künftige
Form des Staates, philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im
allgemeinen die Fragen schönerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten,
wirkten die rührigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin, indem sie
einstweilen ganz praktisch so gut als möglich sich einzurichten suchten. Eine
Menge Vereine, öfter die ersten in ihrer Art, wurden gestiftet, welche meistens
irgendeine Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehörigen zum
Zwecke hatten. Schulen wurden gesellschaftsweise gegründet, um den Kindern des
gemeinen Mannes eine bessere Erziehung zu sichern, da die damaligen, sehr gut
eingerichteten Stadtschulen nur den wohlhabenden Altbürgerkindern zugänglich und
die Volksschulen in einem elenden Zustande waren; kurz, eine Menge
Unternehmungen dieser Art, zu jener Zeit noch neu und verdienstlich, gab den
braven Leuten zu schaffen und Gelegenheit, sich daran emporzubilden. Denn in
zahlreichen Zusammenkünften mussten Statuten und Verfassungen aller Art
entworfen, beraten! durchgesehen und angenommen, Vorsteher gewählt und nach
aussen wie nach innen Rechte und Formen erklärt und gewahrt werden.
    Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berührte sie gemeinschaftlich der
griechische Freiheitskampf, welcher auch hier, wie überall, zum ersten Mal in
der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte und erinnerte, dass die
Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei. Die Teilnahme an den
hellenischen Betätigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu
ihrer übrigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den
hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spiess- und Pfahlbürgertum.
Lee war überall der Erste, ein zuverlässiger, hingebender Freund für alle,
seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein
geachtet, ja geehrt. Er war glücklich zu nennen, um so mehr, als er von
keinerlei Art Eitelkeiten befangen war, und erst jetzt fing er von neuem an zu
lernen und nachzuholen, was ihm immer erreichbar war. Er trieb auch seine
Freunde dazu an, und es war bald keiner derselben mehr, der nicht eine kleine
Sammlung geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte. Da
fast allen in ihrer Jugend die gleiche dürftige Erziehung zuteil geworden, so
ging ihnen nun besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und
ergiebiges Feld auf, welches sie mit immer grösserer Freude durchwandelten. Ganze
Stuben voll waren sie an Sonntagsmorgen beisammen, disputierten und teilten sich
die immer neuen Entdeckungen mit, wie allezeit die gleichen Ursachen die
gleichen Wirkungen hervorgebracht hätten und dergleichen. Wenn sie auch Schiller
auf die Höhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten, so
erbauten sie sich um so mehr an seinen geschichtlichen Werken, und von diesem
Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen, welche sie auf diese Weise
ganz praktisch nachfühlten und genossen, ohne auf die künstlerische
Rechenschaft, die der grosse Schriftsteller sich selber gab, weiter eingehen zu
können. Sie hatten die grösste Freude an seinen Gestalten und wussten nichts
Ähnliches aufzufinden, das sie so befriedigt hätte. Seine gleichmässige Glut und
Reinheit des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck für ihr schlichtes,
bescheidenes Treiben als für das Wesen mancher Schillerverehrer der vornehmen
heutigen Welt. Aber einfach und durchaus praktisch, wie sie waren, fanden sie
nicht volles Genügen an oder dramatischen Lektüre im Schlafrock; sie wünschten
diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen, und
weil von einem stehenden Teater in den damaligen Schweizerstädten nicht die
Rede war, so entschlossen sie sich, wiederum angefeuert von Lee, kurz und
spielten selbst Komödie, so gut sie konnten. Die Bühne und die Maschinen waren
freilich schneller und gründlicher hergestellt, als die Rollen erlernt wurden,
und mancher suchte sich über den Umfang seiner Aufgabe selbst zu täuschen, indem
er mit vergrösserter Wut Nägel einschlug und Latten entzweisägte; doch ist es
nicht zu leugnen, dass ein grosser Teil der Gewandteit im Ausdruck und des äussern
Anstandes, welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist, auf Rechnung
solcher Übungen gesetzt werden darf. Wie sie älter wurden, liessen sie
dergleichen Dinge wieder bleiben, aber sie behielten den Sinn für das Erbauliche
in jeder Beziehung getreulich bei. Würde man heutzutage fragen, wo sie denn die
Zeit zu alledem hergenommen haben, ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu
vernachlässigen: so wäre zu antworten, dass es erstens noch gesunde und naive
Männer und keine Grübler waren, welche zu jeder Tat und jeder ausserordentlichen
Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden mussten, indem sie alles zerfaserten
und breitquetschten, ehe es geniessbar war, und dass zweitens die täglichen
Stunden von sieben bis zehn Uhr abends, gleichmässig benutzt, eine viel
ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen, als der Bürger heute glaubt, welcher
dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrütet. Man war damals noch
nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig, sondern zog es vor, im
Herbste das edle Gewächs selbst einzukellern, und es war keiner dieser
Handwerker, vermöglich oder arm, der sich nicht geschämt hätte, am Schlusse der
abendlichen Zusammenkünfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder
denselben aus der Schenke holen zu müssen. Während des Tages sah man keinen,
oder höchstens flüchtig und heimlich, vor den Gesellen es verbergend, ein Buch
oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen, und sie sahen
alsdann aus wie Schulknaben, welche unter dem Tische einen Roman lesen, und
versäumten wohl auch ebensowenig ihr zeitliches Wohl dabei.
    Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen. Lee hatte
sich, bei seinen gehäuften Arbeiten in steter Anstrengung, eines Tages stark
erhitzt und achtlos nachher erkältet, was den Keim gefährlicher Krankheit in ihn
legte. Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen, konnte
er es nicht lassen, sein Treiben fortzusetzen und überall mit Hand anzulegen, wo
etwas zu tun war. Schon seine vielfältigen Berufsgeschäfte nahmen seine volle
Tätigkeit in Anspruch, welche er nicht plötzlich schwächen zu dürfen glaubte. Er
rechnete, spekulierte, schloss Verträge, ging weit über Land, um Einkäufe zu
besorgen, war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gerüsten und zuunterst in
den Gewölben, riss einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige
gewichtige Würfe damit, ergriff ungeduldig den Hebebaum, um eine mächtige
Steinlast herumwälzen zu helfen, hob, wenn es ihm zu lange ging, bis Leute
herbeikamen, selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort
und Stelle, und statt dann zu ruhen, hielt er am Abend in irgendeinem Verein
einen lebhaften Vortrag oder war in später Nacht ganz umgewandelt auf den
Brettern, leidenschaftlich erregt, mit hohen Idealen in einem mühsamen Ringen
begriffen, welches ihn noch weit mehr anstrengen musste als die Tagesarbeit. Das
Ende war, dass er plötzlich dahinstarb als ein junger, blühender Mann, in einem
Alter, wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen, mitten in seinen Entwürfen und
Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen, welcher er mit seinen
Freunden zuversichtlich entgegenblickte. Er liess seine Frau mit einem
fünfjährigen Kinde allein zurück, und dies Kind bin ich.
    Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch
an als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die langen Erzählungen
der Mutter immer mehr mit Sehnsucht und Heimweh nach meinem Vater erfüllt,
welchen ich nicht mehr gekannt habe. Meine deutlichste Erinnerung an ihn fällt
sonderbarerweise um ein volles Jahr vor seinem Tode zurück, auf einen einzelnen
schönen Augenblick, wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen
trug, eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen
zeigte, schon bestrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu
erwecken. Ich sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimmernden Metallknöpfe
zunächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen, in welche ich verwundert sah
von der grünen Staude weg, die er hoch in die Luft hielt. Meine Mutter rühmte
mir nachher oft, wie sehr sie und die begleitenden Mägde erbaut gewesen seien
von seinen schönen Reden. Aus noch früheren Tagen ist mir seine Erscheinung
ebenfalls geblieben durch die befremdliche Überraschung des vollen
Waffenschmuckes, in welchem er eines Morgens Abschied nahm, um mehrtägigen
Übungen beizuwohnen; da er ein Schütze war, so ist auch dies Bild mit der lieben
grünen Farbe und mit heiterm Metallglanze für mich ein und dasselbe geworden.
Aus seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck
behalten, und besonders seine Gesichtszüge sind mir nicht mehr erinnerlich.
    Wenn ich bedenke, wie heiss treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern
hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen können, so finde ich es
höchst unnatürlich, wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und
preisgeben, weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben, und ich
preise die Liebe eines Kindes, welches einen zerlumpten und verachteten Vater
nicht verlässt und verleugnet, und begreife das unendliche, aber erhabene Weh
einer Tochter, welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte
beisteht. Ich weiss daher nicht, ob es aristokratisch genannt werden kann, wenn
ich mich doppelt glücklich fühle, von ehrenvollen und geachteten Eltern
abzustammen, und wenn ich vor Freude errötete, als ich, herangewachsen, zum
ersten Male meine bürgerlichen Rechte ausübte in bewegter Zeit und in
Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat, mir die Hand schüttelte
und sagte, er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich, mich auch
auf dem Platze erscheinen zu sehen; als dann noch mehrere kamen und jeder den
»Mann« gekannt haben und hoffen wollte, ich werde ihm würdig nachfolgen. Ich
kann mich nicht entalten, sosehr ich die Torheit einsehe, oft Luftschlösser zu
bauen und zu berechnen, wie es mit mir gekommen wäre, wenn mein Vater gelebt
hätte, und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an
zugänglich gewesen wäre; jeden Tag hätte mich der treffliche Mann weitergeführt
und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben. Wie mir das Zusammenleben
zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife, wie
solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft ausserwärts suchen, so
erscheint mir auch, ungeachtet ich es täglich sehe, das Verhältnis zwischen
einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer, unbegreiflicher und
glückseliger, als ich Mühe habe, mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu
vergegenwärtigen.
    So aber muss ich mich darauf beschränken, je mehr ich zum Manne werde und
meinem Schicksale entgegenschreite, mich zusammenzufassen und in der Tiefe
meiner Seele still zu bedenken Wie würde er nun an deiner Stelle handeln, oder
was würde er von deinem Tun urteilen, wenn er lebte? Er ist vor der Mittagshöhe
seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene
goldene Lebensschnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen schwachen Händen
zurückgelassen, und es bleibt mir nur übrig, sie mit Ehren an die dunkle Zukunft
zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreissen, wenn auch ich sterben werde.
- Nach vielen Jahren hat meine Mutter, nach langen Zwischenräumen, wiederholt
geträumt, der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne, Glück
und Freude bringend, zurückgekehrt, und sie erzählte es jedesmal am Morgen, um
darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken, während ich, von
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit welchen Blicken
mich der teuere Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde, wenn er
wirklich eines Tages so erschiene.
    Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner äusseren Erscheinung in mir
trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir
aufgebaut, und dies edle Bild ist für mich ein Teil des grossen Unendlichen
geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen
Obhut ich zu wandeln glaube.
 
                                Fünftes Kapitel
Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit
der Trauer und Sorge. Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des
vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen, um sie ins reine zu
bringen. Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen,
Unternehmungen gehemmt, grosse laufende Rechnungen zu bezahlen und solche
einzuziehen an allen Ecken und Enden, Vorräte von Baustoffen mussten mit Verlust
verkauft werden, und es war zweifelhaft, ob bei der augenblicklichen Lage der
Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde, wovon die bekümmerte Frau
leben sollte. Ge-richtsmänner kamen, legten Siegel an und lösten sie wieder; die
Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu, halfen
und ordneten; es wurde durchgesehen, ge rechnet, abgesondert, gesteigert. Käufer
und neue Unternehmer meldeten sich, suchten die Summen herunterzudrücken oder
mehr in Beschlag zu nehmen, als ihnen gebührte, es war ein Geräusch und eine
Spannung, dass meine Mutter, welche immer mit wachsamen Augen dabeistand, zuletzt
nicht mehr wusste, wie sie sich helfen sollte. Allmählich klärte sich die
Verwirrung auf, ein Geschäft um das andere war abgetan, alle Verbindlichkeiten
gelöst und die Forderungen gesichert, und es zeigte sich nun, dass das Haus, in
welchem wir zuletzt wohnten, als einziges Vermögen übrigblieb. Es war ein altes
hohes Gebäude, mit vielen Räumen und von unten bis oben bewohnt wie ein
Bienenkorb. Der Vater hatte es gekauft in der Absicht, ein neues an dessen
Stelle zu setzen; da es aber von altertümlicher Bauart war und an Türen und
Fenstern viele schöne Überbleibsel künstlicher Arbeit trug, so konnte er sich
schwer entschliessen, es einzureissen, und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl
von Mietsleuten. Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien
ruhen, jedoch hatte es der rührige Mann in der Schnelligkeit so gut eingerichtet
und vermietet, dass ein jährlicher Überschuss an Mietgeldern meiner Mutter ein
bescheidenes Auskommen sicherte. Die alte Wohnung ist seiter unverändert
geblieben, wie er sie verlassen hat, und wir haben darin gelebt bis auf diesen
Tag, und eine einzige Geschäftsidee des früh Verstorbenen hat hingereicht,
seinen Hinterlassenen das Brot zu verschaffen, dessen sie bis jetzt bedurften.
    Das erste, was meine Mutter begann, war eine gänzliche Einschränkung und
Abschaffung alles Überflüssigen, wozu voraus jede Art von dienstbaren Händen
gehörte. In der Stille dieses Witwentumes fand ich me n erstes deutliches
Bewusstsein, welches seinen Inhaber zur Übung treppauf und - ab im Innern des
Hauses umherführte. Die untern Stockwerke sind dunkel, sowohl in den Gemächern
wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenräumen und Fluren, weil alle
Fenster für die Zimmer benutzt wurden. Einige Vertiefungen und Seitengänge gaben
dem Raume ein düsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende
Geheimnisse für mich; je höher man aber steigt, desto freundlicher und heller
wird es, indem der oberste Stock, den wir bewohnen, die Nachbarhäuser überragt.
Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen
Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs, welcher einen
heitern Gegensatz zu den kühlen Finsternissen der Tiefe bildet. Die Fenster
unserer Wohnstube gehen auf eine Menge kleiner Höfe hinaus, wie sie oft von
einem Häuserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme
entalten, welches man auf der Strasse nicht ahnt. Den Tag über betrachtete ich
stundenlang das innere häusliche Leben in diesen Höfen; die grünen Gärtchen in
denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein, wenn die Nachmittagssonne sie
beleuchtete und die weisse Wäsche in denselben wehte, und wunderfremd und doch
bekannt kamen mir die Leute vor, welche ich darin gesehen hatte, wenn sie
plötzlich einmal in unsrer Stabe standen und mit der Mutter plauderten. Unser
eigenes Höfchen entält zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stückchen Rasen
mit zwei Vogelbeerbäumchen; ein nimmermüdes Brünnchen ergiesst sich mit ewigem
Geplätscher in ein ganz grün gewordenes Sandsteinbecken, und der ganze Winkel
ist kühl und fast schauerlich, ausgenommen im Sommer, wo die Sonne gegen Abend
einige Stunden lang darin ruht. Alsdann schimmert das verborgene Grün durch den
dunklen Hausgang so kokett auf die Gasse, wenn die Haustür aufgeht, dass den
Vorübergehenden immer eine Sehnsucht nach dem Freien befällt. Im Herbste werden
diese Sonnenblicke immer kürzer und milder, und wenn dann die Blätter an den
zwei Bäumchen gelb und die Beeren brennend rot werden, die alten Mauern so
wehmütig vergoldet sind und das Wässerchen einigen Silberglanz dazugibt, so hat
dieser kleine abgeschiedene Raum einen so wunderbar melancholischen Reiz, dass
ich später noch oft aus der schönsten offenen Landschaft nach Hause gelaufen
bin, wenn ich wusste, dass die Sonne jetzt in den Hof schien. Gegen
Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit an den Häusern in die Höhe und
immer höher, je mehr sich das Meer von Dächern, das ich von unserm Fenster aus
übersah, rötete und vom schönsten Farbenglanze belebt wurde. Hinter diesen
Dächern war für einmal meine Welt zu Ende; denn den duftigen Kranz von
Schneegebirgen, welcher hinter den letzten Dachfirsten halb sichtbar ist, hielt
ich, da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah, lange Zeit für eins mit
den Wolken. Als ich später zum ersten Male rittlings auf dem obersten Grate
unseres hohen, ungeheuerlichen Daches sass und die ganze ausgebreitete Pracht des
Sees übersah, aus welchem die Berge in festen Gestalten, mit grünen Füssen
aufstiegen, da kannte ich freilich ihre Natur schon von ausgedehnteren
Streifzügen im Freien; für jetzt aber konnte mir die Mutter lange sagen, das
seien grosse Berge und mächtige Zeugen von Gottes Allmacht, ich konnte und mochte
sie darum nicht von den Wolken unterscheiden, deren Ziehen und Wechseln mich am
Abend fast ausschliesslich beschäftigte, deren Name aber ebenso ein leerer Schall
für mich war wie das Wort Berg. Da die fernen Schneekuppen bald verhüllt, bald
heller oder dunkler, weiss oder rot sichtbar waren, so hielt ich sie wohl für
etwas Lebendiges, Wunderbares und Mächtiges wie die Wolken und pflegte auch
andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu belegen, wenn sie mir Achtung und
Neugierde einflössten. So nannte ich, ich höre das Wort noch schwach in meinen
Ohren klingen, und man hat es mir nachher oft erzählt, die erste weibliche
Gestalt, welche mir wohlgefiel und ein Mädchen aus der Nachbarschaft war, die
weisse Wolke, von dem ersten Eindrucke, den sie in einem weissen Kleide auf mich
gemacht hatte. Mit mehr Richtigkeit nannte ich vorzugsweise ein langes hohes
Kirchendach, das mächtig über alle Giebel emporragte, den Berg. Seine gegen
Westen gekehrte grosse Fläche war für meine Augen ein unermessliches Feld, auf
welchem sie mit immer neuer Lust ruhten, wenn die letzten Strahlen der Sonne es
beschienen, und diese schiefe, rotglühende Ebene über der dunklen Stadt war für
mich recht eigentlich das, was die Phantasie sonst unter seligen Auen oder
Gefilden versteht. Auf diesem Dache stand ein schlankes, nadelspitzes Türmchen,
in welchem eine kleine Glocke hing und auf dessen Spitze sich ein glänzender
goldener Hahn drehte. Wenn in der Dämmerung das Glöckchen läutete, so sprach
meine Mutter von Gott und lehrte mich beten; ich fragte »Was ist Gott? ist es
ein Mann?« und sie antwortete »Nein, Gott ist ein Geist!« Das Kirchendach
versank nach und nach in grauen Schatten, das Licht klomm an dem Türmchen
hinauf, bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen Wetterhahne funkelte, und eines
Abends fand ich mich plötzlich des bestimmten Glaubens, dass dieser Hahn Gott
sei. Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der Anwesenheit in den kleinen
Kindergebeten, welche ich mit vielem Vergnügen herzusagen wusste. Als ich aber
einst ein Bilderbuch bekam, in dem ein prächtig gefärbter Tiger ansehnlich
dasitzend abgebildet war, ging meine Vorstellung von Gott allmählich auf diesen
über, ohne dass ich jedoch, sowenig wie vom Hahne, je eine Meinung darüber
äusserte. Es waren ganz innerliche Anschauungen, und nur wenn der Name Gottes
genannt wurde, so schwebte mir erst der glänzende Vogel und nachher der schöne
Tiger vor. Allmählich mischte sich zwar nicht ein klareres Bild, aber ein
edlerer Begriff in meine Gedanken. Ich betete mein Vaterunser, dessen vollendet
schöne Einteilung und Abrundung mir das Einprägen leicht und das Wiederholen zu
einer angenehmen Übung gemacht hatte, mit grosser Meisterschaft und vielen
Variationen, indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach
oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und
laut betonte und dann rückwärts betete und mit den Anfangsworten Vater unser
schloss. Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen, dass
Gott ein Wesen sein müsse, mit welchem sich allenfalls ein vernünftiges Wort
sprechen liesse, eher als mit jenen Tiergestalten.
    So lebte ich in einem unschuldig vergnüglichen Verhältnisse mit dem höchsten
Wesen, ich kannte keine Bedürfnisse und keine Dankbarkeit, kein Recht und kein
Unrecht und liess Gott einen herzlich guten Mann sein, wenn meine Aufmerksamkeit
von ihm abgezogen wurde.
    Ich fand aber bald Veranlassung, in ein bewussteres Verhältnis zu ihm zu
treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprüche zu ihm zu erheben, als
ich, sechs Jahre alt, mich eines schönen Morgens in einen grossen,
melancholischen Saal versetzt sah, in welchem etwa fünfzig bis sechzig kleine
Knaben und Mädchen unterrichtet wurden. In einem Halbkreise mit sieben andern
Kindern um eine Tafel herum stehend, auf welcher riesige Buchstaben gemalt
waren, war ich sehr still und gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Da
wir sämtlich Neulinge waren, so hatte der Oberschulmeister, ein ältlicher Mann
mit einem grossen groben Kopfe, die erste Leitung selbst übernommen für eine
Stunde und forderte uns auf, abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen.
Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört, und es
gefiel mir ungemein, nur wusste ich durchaus keine leibliche Form dafür zu
finden, und niemand konnte mir eine Auskunft geben, weil die Sache, welche
diesen Namen führt, einige hundert Stunden weit zu Hause war. Nun sollte ich
plötzlich das grosse P benennen, welches mir in seinem ganzen Wesen äusserst
wunderlich und humoristisch vorkam, und es ward in meiner Seele klar, und ich
sprach mit Entschiedenheit »Dieses ist der Pumpernickel!« Ich hegte keinen
Zweifel, weder an der Welt noch an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in
meinem Herzen; aber je ernstafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem
Augenblicke war, desto mehr hielt mich der Schulmeister für einen durchtriebenen
und frechen Schalk, dessen Bosheit sofort gebrochen werden müsste, und er fiel
über mich her und schüttelte mich an den Haaren eine Minute lang so wild hin und
her, dass mir Hören und Sehen verging. Dieser Überfall kam mir seiner Fremdheit
und Neuheit wegen wie ein böser Traum vor, und ich machte augenblicklich nichts
daraus, als dass ich, stumm und tränenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann
ansah. Die Kinder haben mich von jeher geärgert, welche, wenn sie gefehlt haben
oder sonst in Konflikt geraten, bei der leisesten Berührung oder schon bei deren
Annäherung in ein abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen, das einem die Ohren
zerreisst; und wenn solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte
Schläge bekommen, so litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte
meine Händel stets dadurch, dass ich nicht imstande war, eine einzige Träne zu
vergiessen vor meinen Richtern. Als daher der Schulmeister sah, dass ich nur
erstaunt nach meinem Kopfe langte, ohne zu weinen, fiel er noch einmal über mich
her, um mir den vermeintlichen Trotz und die Verstockteit gründlich
auszutreiben. Ich litt nun wirklich; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen,
ward es zum zweiten Male in mir klar, und ich rief flehentlich in meiner Angst
»Sondern erlöse uns von dem Bösen!« und hatte dabei Gott vor Augen, von dem man
mir so oft gesagt hatte, dass er dem Bedrängten ein hilfreicher Vater sei. Für
den guten Lehrer aber war dies zu stark, der Fall war nun zum ausserordentlichen
Ereignisse gediehen, und er liess mich daher stracks los, mit aufrichtiger
Bekümmernis darüber nachdenkend, welche Behandlungsart hier angemessen sei. Wir
wurden für den Vormittag entlassen, der Mann brachte mich selbst nach Hause.
Erst dort brach ich heimlich in Tränen aus, indem ich abgewandt am Fenster stand
und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte, während ich anhörte, wie der
Mann, der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt fremd und feindlich erschien,
eine ernstafte Unterredung mit der Mutter führte und versichern wollte, dass ich
schon durch irgendein böses Element verdorben sein müsste. Sie war nicht minder
erstaunt als wir beiden andern, indem ich, wie sie sagte, ein durchaus stilles
Kind wäre, welches bisher noch nie aus ihren Augen gekommen sei und keine groben
Unarten gezeigt hätte. Allerlei seltsame Einfälle hätte ich allerdings
bisweilen; aber sie schienen nicht aus einem schlimmen Gemüte zu kommen, und,
meinte sie ganz vernünftig, ich müsste mich wohl erst ein wenig an die Schule und
ihre Bedeutung gewöhnen. Der Lehrer gab sich zufrieden, doch mit Kopfschütteln,
und war innerlich überzeugt, wie sich aus wiederholten Fällen ergab, dass ich
gefährliche Anlagen zeige. Er sagte auch sehr bedeutsam beim Abschiede, dass
stille Wasser gewöhnlich tief wären. Dieses Wort habe ich seiter in meinem
Leben öfter hören müssen, und es hat mich immer gekränkt, weil es keinen grössern
Plauderer gibt als mich, wenn ich mit jemand zutraulich bin. Ich habe aber
bemerkt, dass viele Menschen, welche immer das grosse Wort führen, aus denen nie
klug werden, welche ihretwegen nie zu Worte kommen. Sie pflegen dann plötzlich
einmal sich über das Schweigen zu verwundern und zur Teilnahme aufzufordern; ehe
aber diese laut werden kann, haben sie schon wieder das Wort genommen und auf
ein anderes Gebiet geführt, und wenn sie einmal einer Antwort Raum geben, so
verstehen sie die einfache und kurze Logik nicht, an welche sich der Schweigende
bei seinem Zuhören gewöhnt hat. Die meisten Gesellschaften lassen in ihrem
Gespräche nicht so viel Raum für ein einzuschaltendes Wort, dass man mit einer
Nähnadel dazwischenstechen könnte. Es gibt keinen Menschen, welcher nicht das
Bedürfnis der Mitteilung empfände; nur muss man sich soweit entäussern können,
zuweilen in seine Weise einzugehen und ihm die Fesseln zu lösen. Unter den
Erwachsenen ist der Mangel dieser Kunst kein so grosser Übelstand, und die ans
Schweigen Gewiesenen befinden sich manchmal nur um so gemütlicher dabei. Im
Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres Unglück werden, wenn die
grossen Schwätzer sich nicht anders zu helfen wissen als mit dem elenden
Gemeinplatze Stille Wasser sind tief!
    Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt, und ich trat mit
grossem Misstrauen in die gefährlichen Hallen, welche die Verwirklichung seltsamer
und beängstigender Träume zu sein schienen. Ich bekam aber den bösen Schulmann
nicht zu Gesicht; er hielt sich in einem Verschlage auf, welcher eine Art Bureau
vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente. An der Türe
dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen, durch welches der Tyrann
öfter den Kopf zu stecken pflegte, wenn draussen ein Geräusch entstand. Die
Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit, so dass er durch den
leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken konnte zur
sattsamen Umsicht. An diesem verhängnisvollen Tage nun hatte der Hausmeister
gerade während der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen, und ich
schielte eben ängstlich nach derselben, als sie mit hellem Klirren zersprang und
der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr. Die erste Bewegung in
mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude, und erst als ich sah, dass er
übel zugerichtet war und blutete, da wurde ich betreten, und es ward zum dritten
Male klar in meiner Seele, und ich verstand die Worte Und vergib uns unsere
Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! So hatte ich an diesem
ersten Tage schon viel gelernt; zwar nicht, was der Pumpernickel sei, wohl aber,
dass man in der Not einen Gott anrufen müsse, dass derselbe gerecht sei und uns zu
gleicher Zeit lehre, keinen Hass und keine Rache in uns zu tragen. Aus dem
Gebote, seinen Beleidigern zu vergeben, entsteht, wenn es befolgt wird, von
selbst die Kraft, auch seine Feinde zu lieben; denn für die Mühe, welche uns
jene Überwindung kostet, fordern wir einen Lohn, und dieser liegt zunächst und
am natürlichsten in dem Wohlwollen, welches wir dem Feinde schenken, da er uns
einmal nicht gleichgültig bleiben kann. Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt
werden, ohne den Träger selbst zu veredeln, und sie tun dieses am glänzendsten,
wenn sie dem gelten, was man einen Feind oder Widersacher nennt. Diese
eigentümlichste Hauptlehre des Christentums fand eine grosse Empfänglichkeit in
mir vor, da ich, leicht verletzt und aufgebracht, immer ebenso schnell bereit
war zu vergessen und zu vergeben, und es hat mich später, als mein Sinn sich der
Offenbarungslehre zu verschliessen anfing, lebhaft beschäftigt zu ermitteln,
inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit
vorhandenen und erkannten Bedürfnisses sei; denn ich sah, dass es nur von einem
bestimmten Teile der Menschen rein und uneigennützig befolgt wurde, von
denjenigen nämlich, welche ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben. Die
andern, welche ihr ursprüngliches Rachegefühl überwanden und auf das
Vergeltungsrecht mit Mühe verzichteten, schienen mir oft dadurch mehr Vorteil
über ihren Feind zu gewinnen, als sich mit dem Begriffe der reinen
Selbstentäusserung vertrug; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit, die
zugleich im Verzeihen liegt, der Widersacher allein es ist, welcher sich in
seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet. Dies Verzeihen ist es auch,
was in grossen geschichtlichen Kämpfen die Überlegenheit des Siegers, nachdem er
einen Handel männlich ausgefochten hat, vermehrt und beurkundet, dass dieselbe
auch moralisch eine reifgewordene ist. So ist das Schonen und Aufrichten des
gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit und vor der Einführung
des Christentums wohl so oft zur Geltung gekommen als nach derselben verleugnet
worden; das eigentliche Lieben aber des Feindes, in voller Blüte und solange er
uns Schaden zufügt, habe ich nirgends gesehen, weil ich auch bei einigen armen
und ungebildeten Sektierern, welche in ihrem heissen Bestreben, das Evangelium
ganz wörtlich zu nehmen, neben andern verpöntern Dingen auch diese Tugend übten,
das aufrichtige Wesen nicht sattsam von dem ängstlichen Scheine unterscheiden
konnte.
    Im Verlaufe meiner ersten Schuljahre fand ich nun häufige Gelegenheit,
meinen Verkehr mit Gott zu erweitern, da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten.
Ich hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat, wie die andern Kinder, was
ich nicht lassen konnte. Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in
Bedrängnis, wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlässigung meiner Pflichten
nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten. In jeder üblen Lage aber
rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten,
wenn die Krisis zu reifen begann, um eine günstige Entscheidung und um Rettung
aus der Gefahr, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich immer entweder
das Unmögliche oder das Ungerechte verlangte. Oft war es der Fall, dass meine
Sünden übersehen wurden; und alsdann liess ich es nicht an herzlichen Dankgebeten
aus dem Stegreife fehlen, welche um so vergnüglicher waren, als mir der Sinn für
die Verdienteit der Strafe so lange verschlossen blieb, bis ich bewusste Fehler
beging. So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung;
das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechnenexempels
oder dass der Vorgesetzte für einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit
geschlagen werde, das andere Mal, ein zweiter Josua, um Stillstand der Sonne,
wenn ich mich zu verspäten drohte, oder auch um Erlangung eines fremden
reizenden Backwerkes. Als die Jungfrau, welche ich die weisse Wolke nannte, einst
für lange Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm, während ich
schon in meinem Bettchen lag, jedoch alles hörte, bat ich meinen himmlischen
Vater in sehnlichen Ausdrücken, er möchte bewirken, dass sie mich hinter meinen
Vorhängen nicht vergesse und noch einmal tüchtig küsse. Ich schlief über der
steten Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und weiss zur Stunde
noch nicht, ob meine Bitte in Erfüllung gegangen ist.
    Eines Tages wurde ich zur Strafe über die Mittagszeit in der Schule
zurückbehalten und eingeschlossen, so dass ich erst auf den Abend etwas zu essen
bekam. Das war das erste Mal, wo ich den Hunger kennen und zugleich die
Ermahnungen meiner Mutter verstehen lernte, welche mir Gott vorzüglich als den
Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unsers
schmackhaften Hausbrotes darstellte, der Bitte gemäss Gib uns heut unser
tägliches Brot! welches nie fehlen dürfe, wenn die Sache nicht schiefgehen
sollte. Überhaupt gewann ich für Essen und Trinken ein grosses Interesse und
manche Einsicht in die Beschaffenheit derselben, indem ich fast ausschliesslich
den Verkehr von Frauen mit ansah, dessen Hauptinhalt der Erwerb und die
Besprechung von Lebensmitteln war, und die Wichtigkeit, welche ich diesem
Verkehre beilegen sah, trug sich mir auch auf meine Bitte um das tägliche Brot
über. Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmählich tiefer in den
Haushalt der Mitbewohner ein und liess mich oft aus ihren Schüsseln bewirten, und
undankbarerweise schmeckten mir die Speisen überall besser als bei meiner
Mutter. Jede Hausfrau verleiht, auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind,
doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack, welcher
ihrem Charakter entspricht. Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewürzes oder
eines Krautes, durch grössere Fettigkeit oder Trockenheit, Weichheit oder Härte,
bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter, welcher das genäschige
oder nüchterne, weichliche oder spröde, hitzige oder kalte, das
verschwenderische oder geizige Wesen der Köchin ausspricht, und man erkennt
sicher die Hausfrau aus den wichtigsten Speisen des Bürgerstandes, nämlich dem
Rindfleisch und dem Gemüse, dem Braten und dem Salate; ich meinerseits, als ein
junger frühzeitiger Kenner, habe aus einer blossen Fleischbrühe den Instinkt
geschöpft, wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe. Die
Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten, sozusagen, aller und jeder
Individualität. Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager, der Kaffee nicht
stark und nicht schwach, sie verwendete kein Salzkorn zuviel, und keines hat je
gefehlt, sie kochte schlecht und recht, ohne Manierierteit, wie die Künstler
sagen, in den reinsten Verhältnissen; man konnte von ihren Speisen eine grosse
Menge geniessen, ohne sich den Magen zu verderben. Sie schien mit ihrer weisen
und massvollen Hand, am Herde stehend, täglich das Sprichwort zu verkörpern Der
Mensch isst, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen! Nie und in keiner Weise
war ein Überfluss zu bemerken und ebensowenig ein Mangel. Diese nüchterne
Mittelstrasse langweilte mich, der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo
bedeutend reizte, und ich begann, über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu
üben, sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war. Da ich mit meiner
Mutter immer allein bei Tische sass und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung
dachte als auf ein genaues Erziehungssystem, so wies sie mich nicht kurz und
strafend zur Ruhe, sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir
hauptsächlich vor, auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend, wie ich
vielleicht eines Tages froh sein würde, an ihrem Tische zu sitzen und zu essen;
dann werde sie aber nicht mehr dasein. Obgleich ich dazumal nicht recht einsah,
wie das zugehen sollte, so wurde ich doch jedesmal gerührt und von einem
geheimen Grauen ergriffen und so für einmal geschlagen. Machte sie alsdann auch
noch auf die Undankbarkeit aufmerksam, welche ich gegen Gott beging, indem ich
seine guten Gaben tadelte, so hütete ich mich mit einer heiligen Scheu, den
allmächtigen Geber ferner zu beleidigen, und versank in Nachdenken über seine
trefflichen und wunderbaren Eigenschaften.
    Nun geschah es aber, dass in dem Masse, als ich ihn deutlicher erfasste und
sein Wesen mir unentbehrlicher und erspriesslicher wurde, mein Umgang mit Gott
sich verschämt zu verschleiern begann und, als meine Gebete einen vernünftigen
Sinn erhielten, mich eine wachsende Scheu beschlich, sie laut herzusagen. Meine
Mutter ist eines einfachen und nüchternen Gemütes und nichts weniger als das,
was man eine warm andächtige Frau nennt, sondern schlechtin gottesfürchtig. Ihr
Gott war dazumal schon nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler
und drangvoller Herzensbedürfnisse, sondern klar und einfach der versorgende und
erhaltende Vater, die Vorsehung. Ihr gewöhnliches Wort war Wer Gott vergisst, den
vergisst er auch; von der inbrünstigen Gottesliebe dagegen hörte ich sie nie
reden, und ich selbst habe eine Stimmung dieser Art erst später empfunden, als
das Wesen Gottes mir endlich meiner reiferen Empfänglichkeit und Erkenntnis
entsprechend sich ausgebildet hatte. Desto eifriger aber hielt sie darauf, und
es ward ihr in unserer Verlassenheit für die lange und dunkle Zukunft eine
Hauptsache, dass Gott der Ernährer und Beschützer mir immer vor Augen sei, und
sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem unwandelbaren Gottvertrauen
in mich. Infolge dieses rührenden Bestrebens wollte sie eines Sonntags, als wir
uns eben zu Tische gesetzt hatten, das Tischgebet einfahren, welches bis dahin
nicht üblich gewesen in unserm Hause, und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines
altes Volksgebet vor, mit der Aufforderung, es jetzt und in Zukunft nachzubeten.
Aber wie erstaunte sie, als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und
dann plötzlich verstummte und nicht weiterkonnte! - Das Essen dampfte auf dem
Tische, es war ganz still in der Stube, die Mutter wartete, aber ich brachte
keinen Laut hervor. Sie wiederholte ihr Verlangen, aber ohne Erfolg; ich blieb
stumm und niedergeschlagen, und sie liess es für diesmal bewenden, da sie mein
Benehmen für eine gewöhnliche Kinderlaune hielt. Am folgenden Tage wiederholte
sich der Auftritt, und sie wurde nun ernstlich bekümmert und sagte »Warum willst
du nicht beten? Schämst du dich?« Das war nun zwar der Fall, ich vermochte es
aber nicht zu bejahen, weil, wenn ich es getan, es doch nicht wahr gewesen wäre
in dem Sinne, wie sie es verstand. Der gedeckte Tisch kam mir vor wie ein
Opfermahl, obgleich ich von einem solchen noch nichts wusste, und das Händefalten
nebst dem feierlichen Beten vor den duftenden Schüsseln wurde zu einer
Zeremonie, welche mir alsobald unbesieglich widerstand. Es war nicht Scham vor
der Welt, wie es der Priester zu nennen pflegt; denn wie sollte ich mich vor der
einzigen Mutter schämen, vor welcher ich bei ihrer Milde nichts zu verbergen
gewohnt war? Es war Scham vor mir selber; ich konnte mich selbst nicht sprechen
hören und habe es auch nie mehr dazu gebracht, in der tiefsten Einsamkeit und
Verborgenheit laut zu beten.
    »Nun sollst du nicht essen, bis du gebetet hast!« sagte die Mutter, und ich
stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke, wo ich in grosse Traurigkeit
verfiel, mit einigem Trotze vermischt. Meine Mutter aber blieb sitzen und tat
so, als ob sie essen würde, obgleich sie es nicht konnte, und es trat eine Art
düstrer Spannung zwischen uns ein, wie ich sie noch nie gefühlt hatte und die
mir das Herz beklemmte. Sie ging schweigend ab und zu und räumte den Tisch ab;
als jedoch die Stunde nahte, wo ich wieder zur Schule gehen sollte, brachte sie
mein Essen, indem sie sich die Augen wischte, als ob ein Stäubchen darin wäre,
wieder herein und sagte »Da kannst du essen, du eigensinniges Kind!« worauf ich
meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Tränen mich hinsetzte und
es mir tapfer schmecken liess, sobald die heftige Bewegung nachliess. Auf dem Wege
zur Schule liess ich es nicht an einem vergnügten Dankseufzer fehlen für die
glückliche Befreiung und Versöhnung.
    Als ich in späteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war, wurde ich an das
Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte, welche sich vor mehr als
hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck
auf mich machte. In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel
eingelassen, welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713
trug. Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten
allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben, wie es ein
vornehmes Kind aus der Stadt, aber in das Pfarrhaus, in welchem dazumal ein
gottesfürchtiger und strenger Mann wohnte, verbannt gewesen sei, um von seiner
Gottlosigkeit und unbegreiflich frühzeitigen Hexerei geheilt zu werden. Dieses
sei aber nicht gelungen; vorzüglich habe es nie dazu gebracht werden können, die
drei Namen der höchsten Dreieinigkeit auszusprechen, und sei in dieser gottlosen
Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben. Es sei ein
ausserordentlich feines und kluges Mädchen in dem zarten Alter von sieben Jahren
und dessenungeachtet die allerärgste Hexe gewesen. Besonders hätte es erwachsene
Mannspersonen verführt und es ihnen angetan, wenn es sie nur angeblickt, dass
selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt und seinetwegen böse Händel
angefangen hätten. Sodann hätte es seinen Unfug mit dem Geflügel getrieben und
insbesondere alle Tauben des Dorfes auf den Pfarrhof gelockt und selbst den
frommen Herrn verhext, dass er dieselben öfter inbehalten, gebraten und zu seinem
Schaden gespeist habe. Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt, indem es
tagelang am Ufer sass und die alten klugen Forellen verblendete, dass sie bei ihm
verweilten und in grosser Eitelkeit vor ihm herumschwänzelten, sich in der Sonne
spiegelnd. Die alten Frauen pflegten diese Sage als Schreckmännchen für die
Kinder zu gebrauchen, wenn sie nicht fromm waren, und fügten noch viele seltsame
und phantastische Züge hinzu. Im Pfarrhause hingegen hing wirklich ein altes
dunkles Ölgemälde, das Bildnis dieses merkwürdigen Kindes entaltend. Es war ein
ausserordentlich zart gebautes Mädchen in einem blassgrünen Damastkleide, dessen
Saum in einem weiten Kreise starrte und die Füsschen nicht sehen liess. Um den
schlanken feinen Leib war eine goldene Kette geschlungen und hing vorn bis auf
den Boden herab. Auf dem Haupte trug es einen kronenartigen Kopfputz aus
flimmernden Gold- und Silberblättchen, von seidenen Schnüren und Perlen
durchflochten. In seinen Händen hielt das Kind den Totenschädel eines andern
Kindes und eine weisse Rose. Noch nie habe ich aber ein so schönes, liebliches
und geistreiches Kinderantlitz gesehen wie das blasse Gesicht dieses Mädchens;
es war eher schmal als rund, eine tiefe Trauer lag darin, die glänzenden dunklen
Augen sahen voll Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Beschauer, während
um den geschlossenen Mund eine leise Spur von Schalkheit oder lächelnder
Bitterkeit schwebte. Ein schweres Leiden schien dem ganzen Gesichte etwas
Frühreifes und Frauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Beschauenden eine
unwillkürliche Sehnsucht, das lebendige Kind zu sehen, ihm schmeicheln und es
küssen zu dürfen. Es war auch der Erinnerung des alten Dorfes unbewusst lieb und
wert, und in den Erzählungen und Sagen von ihm war ebensoviel unwillkürliche
Teilnahme als Abscheu zu bemerken.
    Die eigentliche Geschichte war nun die, dass das kleine Mädchen, einer
adeligen, stolzen und höchst ortodoxen Familie angehörig, eine hartnäckige
Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte, die Gebetbücher zerriss,
welche man ihm gab, im Bette den Kopf in die Decke hüllte, wenn man ihm
vorbetete, und kläglich zu schreien anfing, wenn man es in die düstere, kalte
Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu fürchten
vorgab. Es war ein Kind aus einer unglücklichen ersten Ehe und mochte sonst
schon ein Stein des Anstosses sein. So beschloss man, als es durch keine Mittel
von der unerklärlichen Unart abgebracht werden konnte, das Kind jenem wegen
seiner Frömmigkeit und Strenggläubigkeit berühmten Pfarrherrn versuchsweise in
Pflege zu geben. Wenn schon die Familie die Sache als ein befremdliches und
ihrem Rufe Unehre bringendes Unglück auffasste, so betrachtete der dumpfe, harte
Mann dieselbe vollends als eine unheilvolle infernalische Erscheinung, welcher
mit aller Kraft entgegenzutreten sei. Demgemäss nahm er seine Massregeln, und ein
altes vergilbtes »diarium«, von ihm herrührend und im Pfarrhause aufbewahrt,
entält einige Notizen, welche über sein Verfahren sowie das weitere Schicksal
des unglücklichen Geschöpfes hinreichenden Aufschluss geben. Folgende Stellen
habe ich mir ihres seltsamen Inhaltes wegen abgeschrieben und will sie diesen
Blättern einverleiben und so die Erinnerung an jenes Kind in meinen eigenen
Erinnerungen aufbewahren, da sie sonst verlorengehen würde.
»Heute habe ich von der hochgebornen und gottesfürchtigen Frau von M. das
schuldende Kostgeld für das erste Quartal richtig erhalten, alsogleich quittiret
und Bericht erstattet. Ferner der kleinen Meret (Emerentia) ihre wöchentlich
zukommende Correction erteilt und verscherpft, indeme sie nackent auf die Bank
legte und mit einer neuen Ruten züchtigte, nicht ohne Lamentiren und Seufzen
zum Herren, dass Er das traurige Werk zu einem guten Ende führen möge. Hat die
Kleine zwaren jämmerlich geschrieen und de- und wehmütig um Pardon gebeten,
aber nichts desto weniger nachher in ihrer Verstockteit verharret und das
Liederbuch verschmähet, so ich ihr zum Lernen vorgehalten. Habe sie derowegen
kürzlich verschnauffen lassen und dann in Arrest gebracht in die dunkle
Speckkammer, allwo sie gewimmert und geklaget, dann aber still geworden ist, bis
sie urplötzlich zu singen und jubiliren angefangen, nicht anders wie die drei
seligen Männer im Feuerofen, und habe ich zugehöret und erkennt, dass sie die
nämliche versificirten Psalmen gesungen, so sie sonsten zu lernen refusirete,
aber in so unnützlicher und weltlicher Weise, wie die törichten und einfältigen
Ammen- und Kindslieder haben; so dass ich solches Gebahren für ein neue
Schalkheit und Missbrauch des Teufels zu nemen gezwungen ward.«
    Ferner:
    »Ist ein höchst lamentables Schreiben arriviret von Madame, welche in
Wahrheit eine fürtreffliche und rechtgläubige Person ist. Sie hat besagten Brief
mit ihren Tränen benetzet und mir auch die grosse Bekümmernis des Herren Gemahls
vermeldet, dass es mit der kleinen Meret nicht besser gehen will. Und ist dieses
gewisslich eine grosse Calamität, so diesem hochansehnlichen und berühmten
Geschlecht passiret und möchte man der Meinung sein, mit Respect zu sagen, dass
sich die Sünden des Herren Grosspapa väterlicher Seits, welches ein gottloser
Wüterich und schlimmer Cavalier ware, an diesem armseligen Geschöpflein
vermerken lassen und rechen. Habe mein Tractament mit der Kleinen changiret und
will nunmehr die Hungerkur probiren. Auch hab ich ein Röcklein von grobem
Sacktuch durch meine Ehefrau selber anfertigen lassen und verboten, der Meret
ein ander Habit anzulegen, sintemal diese Busskleidung ihr am besten conveniret.
Verstockteit auf dem gleichen Puncto.«
    »Sahe mich heute gezwungen, die kleine Demoiselle von allem Verkehr und
Unterhalt mit denen Bauernkindern abzusperren, weill sie mit selbigen in das
Holz gelauffen, allda gebadet im Holzweiher, das Busshemdlein, so ich ihr
ordiniret, an ein Baumast gehenkt hat und nackend davor gesprungen und getanzt
und auch ihre Gespanen zu frechem Spott und Unfug aufgereizet. Beträchtliche
Correction.«
    »Heut ein grosser Spectakel und Verdruss. Kame ein grosser, starker Schlingel,
der junge Müllerhans, und richtete mir Händel an von wegen der Meret, welche er
alltäglich schreien und heulen zu hören vorgegeben, und disputirte ich mit
demselben, als auch der junge Schulmeister, der Tropf, herankam und drohete,
mich zu verklagen, und fiel über die schlimme Kreatur her, herzete und küssete
sie etc. etc. Liess den Schulmeister alsogleich arretiren und zum Landvogt
führen. Dem Müllerhans muss ich auch noch beikommen, obgleich selbiger reich und
gewalttätig ist. Möchte bald selber glauben, was die Bauersleute sagen, dass das
Kind eine Hexe sei, wenn diese Opinion nicht der Vernunft widerspräche. Jeden
Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stück Arbeit
übernommen.«
    »Diese ganze Woche habe ich einen Mahler im Hause tractiret, so mir Madame
übersendet, damit er das Portrait der kleinen Fräulein anfertige. Die bedrängte
Familie will das Geschöpfe nicht mehr zu sich nemen und allein zum traurigen
Angedenken und zur bussfertigen Anschauung, auch von wegen der grossen Schönheit
des Kindes, ein Conterfei behalten. Insbesundere will der Herr nicht von dieser
Idee lassen. Meine Ehefrau verabreicht dem Mahler alltäglich zwei Schoppen Wein,
woran er nicht genug zu haben scheinet, da er allabendlich in den roten Löwen
geht und dorten mit dem Chirurgo spielet. Ist ein hochfahrendes Subject und
setze ihm daher öfter ein Schnepfen oder ein Hechtlein vor, welches in dem
Quartal Conto der Madame zu vermerken ist. Wollte anfenglich mit der Kleinen
sein Wesen und Freundlichkeit treiben und hat sie sich sogleich an ihn
attachiret, daher ich ihme bedeutet habe, mir in meinem Prozess nicht zu
interveniren. Wie man der Kleinen ihr verwahrte Habit und Sonntagsstaat
herfürgehohlt und angelegt benebst der Schapell und der Gürtlen, so hat sie
grossen Plaisir gezeiget und zu tanzen begonnen. Diese ihre Freude ist aber bald
verbittert worden, als ich nach dem Befelch der Frau Mama 1 Todtenschedel hohlen
liesse und in die Hand zu tragen gab, welchen sie partout nicht nemen wollen und
hernachmalen weinend und zitternd in der Hand gehalten, wie wenn es ein feurig
Eisen wär. Zwaren hat der Mahler behauptet, er könne den Schedel ausswendig
malen, weill solcher zu denen allerersten Elementen seiner Kunst gehöre, habe es
aber nicht zugegeben, sintemal Madame geschrieben hat: Was das Kind leidet, das
leiden auch wir, und ist uns in seinem Leiden selbst Gelegenheit zur Busse
gegeben, so wir für ihn's tun können; derohalb brechen Ew. Wohlehrwürden in
Nichts ab, Euere Fürsorge und Education betreffend. Wenn das Töchterlein
dereinst, wie ich zum allmächtigen und barmherzigen Gott verhoffe, hier oder
dort erleuchtet und gerettet sein wird, so wird es ohnzweifelhaft sich höchlich
erfreuen, ein gutes Teil seiner Busse schon mit seiner Verstockteit abgetan zu
haben, welche über ihn's zu verhängen der unerforschliche Meister beliebt hat!
Diese tapferen Worte vor Augen, habe ich auch diese Gelegenheit für dienlich
erachtet, der Kleinen mit dem Schedel eine ernstafte Busse anzutun. Man hat
übrigens einen kleinen leichten Kindsschedel gebrauchet, dieweill der Mahler
sich beschwehret, dass der grosse Mannsschedel zu unförmlich sei für die kleinen
Händlein, in Betracht seiner Kunst-Regula und hat sie denselben nachher lieber
gehalten; auch hat ihr der Mahler ein weisses Röslein dazugesteckt, was ich wohl
leiden mochte, weil es als ein gutes Symbolum gelten kann.«
    »Habe heut plötzlich ein Contreordre erhalten in Betreff des Tableau und
soll nun selbiges nicht nach der Stadt spediren, sondern hier behalten. Es ist
Schad um die brave Arbeit, so der Mahler gemacht hat, weil er ganz charmiret war
von der Anmut des Kinds. Hätt' ich es früher gewusst, so hätt' der Mann für
diesen Kostenaufwand mein eigen Conterfei auf das Tuch mahlen können, wenn die
schönen Victualien nebst Lohn einmal drauff gehen sollen.
    Es ist mir fernerer Befelch zu Handen gekommen, mit aller weltlichen
Instruction abzubrechen, besonders mit dem Französischen, da solches nicht mehr
nötig erachtet werde, so wie auch meine Gemahlin mit dem Unterricht auf dem
Spinett aufhören solle, was der Kleinen leid zu tun scheinet. Vielmehr soll ich
sie fortan als ein einfaches Pflegekind tractiren und allein fürsorgen, dass sie
kein öffentlich Ärgerniss gebe.«
    »Vorgestern ist uns die kleine Meret desertiret und haben wir grosse Angst
empfunden, bis dass sie heute Mittag um 12 Uhr zu obrist auf dem Buchberge
ausgespüret wurde, wo sie entkleidet auf ihrem Busshabit an der Sonne sass und
sich bass wärmete. Sie hat' ihr Haar ganz aufgeflochten und ein Kränzlein von
Buchenlaub darauff gesetzet, so wie ein dito Scherpen um den Leib gehenkt, auch
ein Quantum schöner Erdteeren vor sich liegen gehabt, von denen sie ganz voll
und rundlich gegessen war. Als sie unser ansichtig ward, wollte sie wiederum
Reissaus nemen, schämete sich aber ihrer Blösse und wollte ihr Habitlein
überziehen, dahero wir sie glücklich attrapiret. Sie ist nun krank und scheinet
confuse zu sein, da sie keine vernünftige Antwort gibt.«
    »Mit dem Meretlein geht es wiederum besser, jedoch ist sie mehr und mehr
verändert und wird des Gänzlichen dumm und stumm. Die Consultation des
herbeigeruffenen Medicus verlautet dahin, dass sie irr- oder blödsinnig werde und
nunmehr der medicinischen Behandlung anheim zu stellen sei; er offerirte sich
auch zu derselbigen und hat verheissen, das Kind wieder auf die Beine zu bringen,
wenn es in seinem Hause placiret würde. Ich merke aber schon, dass es dem
Monsieur Chirurgo nur um die gute Pension benebst denen Präsenten von Madame zu
tun sei, und berichtete derohalb, was ich für gut befunden, nämlich dass der
Herr seinen Plan nunmehr an ein Ende zu führen scheine mit seiner Kreatur und
dass Menschenhände hieran Nichts changiren möchten und dürften, wie es in
Wirklichkeit auch ist.«
    Nach Überschlagung von fünf bis sechs Monaten heisst es weiter:
    »Es scheinet dieses Kind in seinem blöden Zustande einer trefflichen
Gesundheit zu geniessen und hat ganz muntere rote Backen bekommen. Hält sich nun
den ganzen Tag in den Bohnen auf, wo man sie nicht sieht und weiter nicht um
sie bekümbert, zumalen sie weiter kein Ärgernuss giebet.«
    »Das Meretlein hat sich in Mitten des Bohnenplätz ein kleinen Salon
arrangiret, so man entdecket, und hat dorten artliche Visites acceptiret von
denen Bauernkindern, welche ihme Obst und andere Victualia zugeschleppet, so sie
gar zierlich vergraben und in Vorrat gehalten hat. Daselbst hat man auch jenen
kleinen Kindsschedel begraben gefunden, welcher längst abhanden gekommen und
dahero dem Custos nicht restituiret werden konnte. Dergleichen auch die Spatzen
und andere Vögel herbeigezogen und zahm gemacht, dass die den Bohnen viel Abbruch
getan und ich jedoch nicht mehr in die Bohnenstauden schiessen können, von wegen
der kleinen Insass. Item hat sie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt,
welche durch den Hag gebrochen und sich bei ihr eingenistet; in summa, man hat
sie wieder ins Haus nemen und inne behalten müssen.«
    »Die roten Backen sind wiederum von ihr gewichen und behauptete der
Chirurgus, sie werde es nicht mehr lang prästiren. Habe auch schon an die Eltern
geschrieben.«
    »Heut vor Tag schon muss das arme Meretlein aus seinem Bettlein entkommen, in
die Bohnen hinaus geschlichen und dort verschieden sein; denn wir haben sie
alldort für todt gefunden in einem Grüblein, so sie in den Erdboden hinein
gewühlet, als ob sie hineinschlüpfen wollte. Sie ist ganz gestabet gewesen und
ihr Haar so wie ihr Hemdlein feucht und schwer vom Tau, als welcher auch in
lauteren Tropfen auf ihren fast rötlichen Wänglein gelegen, nicht anders denn
auf einem Apfelblust. Und haben wir einen heftigen Schrecken bekommen und bin
ich in grosse Verlegenheit und Confusion geraten den heutigen Tag, dieweill die
Herrschaft aus der Stadt angelanget, just wie meine Ehefrau verreiset ist nach
K., um allda einiges Confect und Provision einzukaufen, damit die Herrschaften
höflichst zu regaliren. Wusste derohalb nicht, wo mir der Kopf gestanden, und war
ein grosses Rennen und Laufen, und sollten die Mägde das Leichlein waschen und
ankleiden, und zugleich für ein guten Imbiss sorgen. Endlich habe ich den grünen
Schinken braten lassen, so meine Frau vor acht Tagen in Essig geleget, und hat
der Jakob drei Stück von denen zahmen Forellen gefangen, welche noch hin und
wieder an den Garten kommen, obgleich man die selige (?!) Meret nicht mehren zum
Wasser hinaus gelassen. Habe zum Glück mit diesen Speissen noch ziemliche Ehre
eingeleget und haben dieselbigen der Madame wohl geschmecket. Ist eine grosse
Traurigkeit gewesen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebet und
Todesbetrachtungen verbracht, desgleichen in melankolischen Reden von der
unglückseligen Krankhaftigkeit des verstorbenen Mägdleins, da wir nun annemen
müssen zu unserem vermehrten Trost, dass selbe in einer fatalen Disposition des
Bluts und Gehirns ihren Ursprung gehabt. Daneben haben wir auch von den
sonstigen grossen Gaben des Kinds geredet und von seinen oftmaligen klugen und
anmutigen Einfällen und Impromptus und Alles nicht zusammenreimen können in
unserer irdischen Kurzsichtigkeit. Morgens am Vormittag wird man dem Kind ein
Christlich Begräbnis geben und ist die Präsenz der fürnehmen Eltern dazu
kommlich, ansonsten die Pauren sich widersatzen mögten.«
    »Dieses ist der allerwunderbarste und schreckhafteste Tag gewesen, nicht nur
allein, seit wir mit dieser unseligen Kreatur zu schaffen, sondern der mir
überhaupt in meiner ruhsamen Existenz aufgestossen ist. Denn als die Stunde
gekommen und es zehn Uhr geschlagen, haben wir uns hinter dem Leichlein her in
Bewegung gesetzet und nach dem Gottesacker begeben, indessen der Sigrist die
kleine Glocken geläutet, was er aber nicht mit sehrem Fleisse getan, dieweil es
fast erbärmlich geklungen und das Geläute zur Halbpart vom starken Winde
verschlungen worden, der unwirsch gewehet hat. Und war auch der Himmel ganz
dunkel und schwül, sowie der Kirchhof von Menschen entblösset ausser unserer
kleinen Compagnie, hergegen ausserhalb denen Mauren die ganze Baursame versammelt
und hat neugierig die Köpfe herüber gerecket. Wie man aber so eben das
Todtenbäumlein (Todtenbaum = Sarg) in das Grab hinunter senken wollen, hat man
ein seltsamen Schrei gehört aus dem Todtenbäumlein hervor, so dass Wir auf das
Heftigste erschrocken sind und der Todtengräber auf und davon gesprungen ist.
Der Chirurgus aber, welcher sich auch herzugemachet, hat schleunigst den Deckel
losgemacht und abgehebt, und hat sich das Tödlein als lebendig aufgerichtet und
ist ganz behende aus dem Gräblein gekrochen und hat uns angeblicket. Und wie im
selbigen Moment die Sonne seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so
hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krönlein ausgesehen
wie ein Feien- oder Koboltskind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke
Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet. Ich selbst
habe mich vor Verwunderung und Schrecken nicht gerühret und in diesem Moment
steif an ein Hexentum geglaubt. Das Mägdlein aber hat sich bald ermannt und ist
über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gesprungen, wie eine Katz, dass alle
Leute voll Entsetzen heimgelaufen sind und ihre Türen verriegelt haben. Zu
selbiger Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf
die Gasse gekommen, und als das kleine Zeugs die Sache gesehen, hat man die
Kinder nicht halten können, sondern ist eine grosse Schar dem Leichlein
nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit
dem Bakel gesprungen. Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und
nicht eher Halt gemacht, als bis es auf dem Buchberg angekommen und leblos
umgefallen ist, worauf die Kinder um dasselbe herumgekrabbelt und es vergeblich
gestreichelt und caressiret haben. Dieses Alles haben wir nach der Hand
erfahren, weil wir mit grosser Not in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer
Desolation verharret sind, bis man das Leichlein wiederum gebracht hat. Man hat
es auf ein Matraz gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit
Hinterlassung einer kleinen Steintafell, worein Nichts als das Familienwappen
und Jahrzahl gehauen ist. Nunmehr liegt das Kind wieder für todt und getrauen
wir uns nicht, zu Bett zu gehen aus Furcht. Der Medicus sitzet aber bei ihm und
meint nun, es sei endlich zur Ruh gekommen.«
    »Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklärt, dass das
Kind wirklich todt sei und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und
nichts Weiteres arriviret« usf.
 
                                Sechstes Kapitel
Ich kann nicht sagen, dass, nachdem Gott einmal die bestimmte und nüchterne
Gestalt eines Ernährers und Aushelfers für mich gewonnen hatte, er mein Herz in
jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder höheren Gemütsfreuden erfüllt habe,
zumal er aus dem glänzenden Gewande des Abendrotes sich verloren, um in viel
späterer Zeit es wieder umzunehmen. Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen
Dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzüglich im Alten Testamente zu verweilen,
bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wüste oder bei den Kornhändeln
Josephs und seiner Brüder, bei der Witwe Ölkrug, der Ährenleserin Rut und
dergleichen oder ausnahmsweise bei der Speisung der fünftausend Männer im Neuen
Testamente. Alle diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl, und sie trug mir
dieselben mit warmer Beredsamkeit vor, während diese mehr einem unparteiischen
und pflichtgemäss frommen Erzählen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama
von Christi Leidensgeschichte entwickelt wurde. Sosehr ich daher den lieben Gott
respektierte und in allen Fällen bedachte, so blieben mir doch die Phantasie und
das Gemüt leer, solange ich keine neue Nahrung schöpfte ausser den bisherigen
Erfahrungen, und wenn ich keine Veranlassung hatte, irgendeinen angelegentlichen
Gebetvortrag abzufassen, so war mir Gott nachgerade eine farblose und
langweilige Person, die mich zu allerlei Grübeleien und Sonderbarkeiten reizte,
zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor. So
gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, dass ich eine krankhafte
Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzuhängen, wie
ich sie etwa auf der Strasse gehört hatte. Mit einer Art behaglicher und
mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung, bis ich nach
langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewusstsein der
Blasphemie eines jener Worte hastig ausstiess, mit der unmittelbaren
Versicherung, dass es nicht gelten solle, und mit der Bitte um Verzeihung; dann
konnte ich nicht umhin, es noch einmal zu wiederholen, wie auch die reuevolle
Genugtuung, und so fort, bis die seltsame Aufregung vorüber war. Vorzüglich vor
dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu quälen, obgleich sie nachher
keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurückliess. Ich habe später gedacht, dass es
wohl ein unbewusstes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei, welche
ebenfalls anfing, mich zu beschäftigen, und dass schon damals das dunkle Gefühl
in mir lebendig gewesen sei Vor Gott könne keine Minute unseres innern Lebens
verborgen und wirklich strafbar sein, sofern er das lebendige Wesen für uns sei,
für das wir ihn halten.
    Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen, welche meiner suchenden
Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Quälereien erlöste,
indem sie, bei der Einfachheit und Nüchternheit meiner Mutter, für mich das
wurde, was sonst sagenreiche Grossmütter und Ammen für die stoffbedürftigen
Kinder sind. In dem Hause gegenüber befand sich eine offene dunkle Halle, welche
ganz mit altem und neuem Trödelkram angefüllt war. Die Wände waren mit alten
Seidengewändern, gewirkten Stoffen und Teppichen aller Art behangen. Rostige
Waffen und Gerätschaften, schwarze zerrissene Ölgemälde bekleideten die
Eingangspfosten und verbreiteten sich zu beiden Seiten an der Aussenseite des
Hauses; auf einer Menge altmodischer Tische und Geräte stand wunderliches
Glasgeschirr und Porzellan aufgetürmt, mit allerhand hölzernen und irdenen
Figuren vermischt In den tieferen Räumen waren Berge von Betten und Hausgeräten
übereinandergeschichtet und auf den Hochebenen und Absätzen derselben, manchmal
auf einem gefährlichen einsamen Grate, stand überall noch eine schnörkelhafte
Uhr, ein Kruzifix oder ein wächserner Engel und dergleichen mehr. Im tiefsten
Hintergrunde aber sass jederzeit eine bejahrte, dicke Frau in altertümlicher
Tracht in einem trüben Helldunkel, während ein noch älteres, spitziges,
eisgraues Männchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der Halle herumhantierte
und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte, welche fortwährend ab und zu ging.
Die Seele des Geschäftes war aber die Frau, und von ihr aus gingen alle Befehle
und Anordnungen, ungeachtet sie sich nie von ihrem Platze bewegte und man sie
noch weniger je auf einer Strasse gesehen hatte. Sie trug immer blosse Arme und
hatte schneeweisse Hemdsärmel, auf eine künstliche Weise gefältelt, wie man es
sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor hundert Jahren schon so getragen
wurde. Es war die originellste Frau von der Welt, welche schon vor dreissig
Jahren mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die Stadt gezogen, um da ihr
Brot zu suchen. Nachdem sie mit Tagelohn und saurer Arbeit eine Reihe von
mühseligen Jahren durchgekämpft hatte, gelang es ihr, einen kleinen Trödelkram
zu errichten, und erwarb sich mit der Zeit durch Glück und Gewandteit in ihren
Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand, welchen sie auf die eigentümlichste
Weise beherrschte. Sie konnte nur gebrochen Gedrucktes lesen, hingegen weder
schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen, welche letzteren es ihr nie zu
kennen gelang; sondern ihre ganze Rechnenkunst bestand in einer römischen Eins,
einer Fünf, einer Zehn und einer Hundert. Wie sie diese vier Ziffern in ihrer
frühen Jugend, in einer entlegenen und vergessenen Landesgegend, überkommen
hatte, überliefert durch einen jahrtausendalten Gebrauch, so handhabte sie
dieselben mit einer merkwürdigen Gewandteit. Sie führte kein Buch und besass
nichts Geschriebenes, war aber jeden Augenblick imstande, ihren ganzen Verkehr,
der sich oft auf mehrere Tausende in lauter kleinen Posten belief, zu übersehen,
indem sie mit grosser Schnelligkeit das Tischblatt mittelst einer Kreide, deren
sie immer einige Endchen in der Tasche führte, mit mächtigen Säulen jener vier
Ziffern bedeckte. Hatte sie aus ihrem Gedächtnisse alle Summen solchergestalt
aufgesetzt, so erreichte sie ihren Zweck einfach dadurch, dass sie mit dem nassen
Finger eine Reihe um die andere ebenso flink wieder auslöschte, als sie
dieselben aufgesetzt hatte, und dabei zählend die Resultate zur Seite
aufzeichnete. So entstanden neue kleinere Zahlengruppen, deren Bedeutung und
Benennung niemand kannte als sie, da es immer nur die gleichen vier nackten
Ziffern waren und für andere aussahen wie eine alteidnische Zauberschrift. Dazu
kam noch, dass es ihr nie gelingen wollte, mit Bleistift oder Feder oder auch nur
mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das gleiche Verfahren vorzunehmen,
indem sie nicht nur räumlich einer ganzen Tischplatte bedurfte, sondern auch nur
mittelst der weichen Kreide ihre markigen Zeichen zu bilden imstande war. Sie
beklagte oft, dass sie sich gar nichts Fixiertes aufbewahren könne, war aber
gerade dadurch zu ihrem ausserordentlichen Gedächtnisse gelangt, aus welchem jene
wimmelnden Zahlenmassen plötzlich gestalt- und lebenvoll erschienen, um ebenso
rasch wieder zu verschwinden. Das Verhältnis zwischen Einnahme und Ausgabe
machte ihr nicht viel zu schaffen; sie bestritt alle häuslichen Bedürfnisse und
sonstige Ausgaben vorweg aus dem gleichen Seckel, welcher auch den
Geschäftsverkehr begründete, und wenn eine überflüssige Summe Geldes beieinander
war, so wechselte sie dieses sogleich in Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer
Schatztruhe, wo es für immer liegenblieb, wenn nicht ein Teil davon für eine
besondere Unternehmung oder für ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen
wurde, da sie sonst auf Zinsen kein Geld auslieh. Sie hatte besonders mit
Landleuten von allen Seiten her Verkehr, welche sich ihre gerätschaftlichen
Bedürfnisse bei ihr holten, und gab ihre Waren jedermann auf Borg, gewann oft
viel dabei und verlor auch oft. So kam es, dass eine Menge von Leuten von ihr
abhängig waren oder in einem verbindlichen oder feindlichen Verhältnisse zu ihr
standen und dass sie beständig von Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert
war, welche ihr, zur Beherzigung oder als Dank, die mannigfaltigsten Gaben
darbrachten, nicht anders als einem alten Landpfleger oder einer reichen
Äbtissin. Feld- und Baumfrüchte jeder Art, Milch, Honig, Trauben, Schinken und
Würste wurden ihr in gewichtigen Körben zugetragen, und diese reichlichen
Vorräte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben, welches alsobald
begann, wenn das geräuschvolle Gewölbe geschlossen war und in der noch
seltsameren Wohnstube das häusliche Abendleben zur Geltung kam. Dort hatte Frau
Margret diejenigen Gegenstände zusammengehäuft und als Zierat angebracht, welche
ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen hatten, und sie nahm keinen
Anstand, etwas für sich aufzubewahren, wenn es ihr Interesse erweckte. An den
Wänden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den Fenstern gemalte
Scheiben, und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine merkwürdige Geschichte
oder sogar geheime Kräfte zu, was ihr dieselben heilig und unveräusserlich
machte, sosehr auch Kenner sich manchmal bemühten, die wirklich wertvollen
Denkmäler ihrer Unwissenheit zu entreissen. In einer Truhe von Ebenholz bewahrte
sie goldene Schaumünzen, Ketten, Becher, silberne Filigranarbeiten und andere
köstliche Spielereien, für welche sie eine grosse Vorliebe trug und dieselben nur
wieder veräusserte, wenn ein besonderer Gewinn sich damit verband, was öfters der
Fall war. Endlich war auf einem Wandgestelle eine beträchtliche Zahl
unförmlicher alter Bücher aufgespeichert, welche sie mit grossem Eifer
zusammenzusuchen pflegte. Es waren verschiedene Bibeln, alte Kosmographien mit
zahllosen Holzschnitten, fabelgespickte Reisebeschreibungen, vorzüglich
nordische, indische und griechische Mytologien aus dem vorigen Jahrhundert mit
grossen zusammengefalteten Kupferstichen, welche vielfach zerknittert und
zerrissen waren; sie nannte diese naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden-
oder auch Götzenbücher. Ferner hielt sie eine reiche Sammlung solcher
Volksschriften, welche Nachricht gaben von einem fünften Evangelisten, von den
Jugendjahren Jesu, noch unbekannten Abenteuern desselben in der Wüste, von einer
Auffindung seines wohlerhaltenen Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung
und den Bekenntnissen eines in der Hölle leidenden Freigeistes; einige
Chroniken, Kräuterbücher und Prophezeiungen vervollständigten diese Sammlung.
Für Frau Margret hatte ohne Unterschied alles, was gedruckt war sowohl wie die
mündlichen Überlieferungen des Volkes, eine gewisse Wahrheit, und die ganze Welt
in allen ihren Spiegelungen, das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben, waren ihr
gleich wunderbar und bedeutungsvoll; sie trug noch den lebendigen ungebrochenen
Aberglauben vergangener kräftiger Zeiten an sich ohne Verfeinerung und Schliff.
Mit neugieriger Liebe erfasste sie alles und nahm es als bare Münze, was ihrer
wogenden Phantasie dargeboten wurde, und sie bekleidete es alsbald mit den
sinnlich greifbaren Formen der Volkstümlichkeit, welche massiven metallenen
Gefässen gleichen, die trotz ihres hohen Alters durch den steten Gebrauch immer
glänzend geblieben sind. Alle die Götter und Götzen der alten und jetzigen
heidnischen Völker beschäftigten sie durch ihre Geschichte sowohl als durch ihr
äusseres Aussehen in den Abbildungen, hauptsächlich auch daher, dass sie dieselben
für wirkliche lebendige Wesen hielt, welche durch den wahren Gott bekämpft und
ausgerottet würden; das Spuken und Umgehen solcher halb überwundenen schlimmen
Käuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das grauenvolle Treiben eines
Ateisten, unter welchem sie nichts anderes verstand und verstehen konnte als
einen Menschen, welcher seiner Überzeugung von dem Dasein Gottes zum Trotz
dasselbe hartnäckig und mutwillig leugne. Die grossen Affen und Waldteufel der
südlichen Zonen, von denen sie in ihren alten Reisebüchern las, die fabelhaften
Meermänner und Meerweibchen waren nichts anderes als ganze gottlose, nun
vertierte Völker oder solche einzelne Gottesleugner, welche in diesem
jammervollen Zustande, halb reuevoll, halb trotzig, Zeugnis gaben von dem Zorne
Gottes und sich zugleich allerlei mutwillige Neckereien mit den Menschen
erlaubten.
    Wenn nun am Abend das Feuer prasselte, die Töpfe dampften, der Tisch mit den
soliden volkstümlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und
ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle sass, so begann sich nach und
nach eine ganz andere Anhängerschaft und Gesellschaft einzufinden, als die den
Tag über in dem Gewölbe zu sehen waren. Es waren dies arme Frauen und Männer,
welche, teils durch den Duft des wohlbesetzten Tisches, teils durch die belebte
Unterhaltung von höheren Dingen angezogen, hier mannigfache Erholung von den
Mühen des Tages suchten und fanden. Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer
Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedürfnis, sich durch Gespräche
und Belehrungen über das, was ihnen nicht alltäglich war, zu erwärmen und
besonders in betreff des Religiösen und Wunderbaren eine kräftigere Nahrung zu
suchen, als die öffentlichen Kulturzustände ihnen darboten. Nichtbefriedigung
des Gemütes, ungelöschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, erlebte
Schicksale, hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen
Triebe in der sinnlichen Welt, trieben diese Leute hier zusammen und überdies
noch in mancherlei seltsame Sekten hinein, von deren innerm Leben und Treiben
sich Frau Margret fleissig Bericht erstatten liess; denn sie selbst war zu
weltlich und zu derb, als dass sie so weit gegangen wäre, dergleichen
mitzumachen. Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhänger und wurde
sarkastisch und bitter, wenn sie allzu mystischen Unrat merkte. Sie bedurfte das
Wunderbare und Geheimnisvolle, aber in der Sinnenwelt, in Leben und Schicksal,
in der äusseren wechselvollen Erscheinung; von innern Seelenwundern, bevorzugten
Stimmungen, Auserwählten und dergleichen wollte sie nichts hören und kanzelte
ihre Gäste tüchtig herunter, wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten.
Ausser dass Gott als der kunst- und sinnreiche Schöpfer all der wunderbaren Dinge
und Vorkommnisse für sie existierte, war er ihr vorzüglich in einer Richtung
noch merk- und preiswürdig nämlich als der treue Beiständer der klugen und
rührigen Leute, welche, mit nichts und weniger als nichts anfangend, ihr Glück
in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen. Deshalb hatte
sie ihre grösste Freude an jungen Leuten, welche sich aus einer dunklen dürftigen
Abkunft heraus durch Talent, Fleiss, Sparsamkeit, Klugheit usf. in eine gute
Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen. Das
Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schützlinge war ihr wie eine eigene Sache
angelegen, und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren, einen behaglichen
Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen, so fühlte sie selbst die grösste
Genugtuung, ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen.
Sie war von Grund aus wohltätig und gab immer mit offenen Händen, den Armen und
arm Bleibenden im gewöhnlichen abgeteilten Masse, denjenigen aber, bei welchen
Hab und Gut anschlug, mit wahrer Verschwendung für ihre Verhältnisse. Es lag
meistens ganz in der Natur solcher Emporkömmlinge, neben ihren anderweitigen
grössern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen,
bis sie durch einen jüngern Nachwuchs endlich verdrängt wurden, und so fand man
nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann
unter den armen Gläubigen, der durch sein gemessenes Betragen dieselben
verschüchterte und unbehaglich machte. Auch nahmen sie wohl, wenn er abwesend
war, Veranlassung, der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit
vorzuwerfen, was dann jedesmal lebhafte Erörterungen und Streitreden hervorrief.
    Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Tätigkeit mochte es auch
kommen, dass mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen
waren. Die Unermüdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen, welche
öfter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten, volle Geldbeutel
aus unscheinbarer Hülle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten, ohne
irgendein Wort oder eine Schrift zu wechseln, ihre kindliche Gutmütigkeit und
neugierige Bescheidenheit neben der unberückbaren Pfiffigkeit im Handeln, ihre
strengen Religionsgebräuche und biblische Abstammung, sogar ihre feindliche
Stellung zum Christentume und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten
diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau höchst interessant und
gern gesehen, wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenkünften vorfanden, am
Herde der Frau Margret koschern Kaffee kochten oder sich einen billig
erstandenen Fisch buken. Wenn die fromm christlichen Frauen ihnen schonend
vorhielten, wie es noch nicht gar zu lange her sei, seit die Juden doch schlimme
Käuze gewesen, Christenkinder geraubt und getötet und Brunnen vergiftet hätten,
oder wenn Margret behauptete, der Ewige Jude Ahasverus hätte vor zwölf Jahren
einmal im »Roten Bären« übernachtet und sie hätte selbst zwei Stunden vor dem
Hause gepasst, um ihn abreisen zu sehen, jedoch vergeblich, da er schon vor
Tagesanbruch weitergewandert sei, dann lächelten die Juden gar gutmütig und fein
und liessen sich nicht aus ihrer guten Laune bringen. Da sie jedoch ebenfalls
Gott fürchteten und eine scharf ausgeprägte Religion hatten, so gehörten sie
noch eher in diesen Kreis, als man zwei weitere Personen darin vermutet hätte,
welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als gerade hier; und doch
schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes für die wunderliche Mischung zu
sein. Es waren dies zwei erklärte Ateisten. Der eine, ein schlichter,
einsilbiger Schreinersmann, welcher schon manches Hundert Särge gefertigt und
zugenagelt hatte, war ein braver Mann und erklärte dann und wann einmal mit
dürren Worten, er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben, als man von Gott etwas
wissen könne. Im übrigen hörte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von
ihm; er rauchte gemütlich sein Pfeifchen und liess es über sich ergehen, wenn die
Weiber mit fliessenden Bekehrungsreden über ihn herfuhren. Der andere war ein
bejahrter Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem, unnützem Herzen, der
schon mehr als einen schlimmen Streich verübt haben mochte. Während jener sich
still und leidend verhielt und nur selten mit seinem dürren Glaubensbekenntnisse
hervortrat, verfahr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergnügen daraus,
die gläubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen, rohe Spässe und
Profanationen zu verletzen und zu erschrecken, als ein rechter Eulenspiegel das
einfältige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen
Leuten eine sündhafte Lachlust zu reizen. Er besass weder grossen Verstand noch
Pietät für irgend etwas, selbst für die Natur nicht, und schien einzig ein
persönliches Bedürfnis zu haben das Dasein Gottes zu leugnen oder wegzuwünschen,
indessen der Schreiner sich bloss nicht viel daraus machte, hingegen auf seinen
Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte, sich fortwährend noch
unterrichtete und von allerlei merkwürdigen Dingen mit Liebe zu sprechen wusste,
wenn er auftaute. Der Schneider fand nur Gefallen an Ränken und Schwänken und
lärmenden Zänkereien mit den begeisterten Weibern; auch sein Verhalten zu den
Juden, gegenüber demjenigen des Sargmachers, war bezeichnend. Während jener
wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit seinesgleichen, neckte und
quälte sie der Schneider, wo er nur konnte, und verfolgte sie mit echt
christlichem Übermute mit allen trivialen Judenspässen, die ihm zu Gebote
standen, so dass die armen Teufel manchmal wirklich böse wurden und die
Gesellschaft verliessen. Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu werden
und verwies den Dämon aus dem Hause; aber er fand sich bald wieder ein und wurde
immer wieder gelitten, wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und glatten
Worten wieder begann. Es war, als wenn die viel redenden und disputierenden
Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Ateismus bedurften, wie sie
ihn verstanden; denn dies war er am Ende auch, indem es sich nicht undeutlich
erwies, dass er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr zu unterdrücken
suchte, weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben beschränkte und
belästigte, und als er späterhin starb, tat er dies so verzagt und zerknirscht,
heulend und zähneklappend und nach Gebet verlangend, dass die guten Leute einen
glänzenden Triumph feierten, indessen der Schreiner ebenso ruhig und
unangefochten seinen letzten Sarg hobelte, welchen er sich selbst bestimmte, wie
einst seinen ersten.
    Dieser Art war die Versammlung, welche an vielen Abenden, zumal im Winter,
bei Frau Margret zu treffen war, und ich weiss nicht, wie es kam, dass ich mich
plötzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewölbe mitten unter den Geschäftigen
und am Abend zu den Füssen der Frau sitzen fand, welche mich in grosse Gunst
genommen hatte. Ich zeichnete mich durch meine grosse Aufmerksamkeit aus, wenn
die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen. Die teologischen und
moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch
nicht, obschon sie oft kindlich genug waren; jedoch nahmen sie auch schon damals
nicht zu viele Zeit in Anspruch, da sich die Gesellschaft immer bald genug auf
das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art
von naturphilosophischem Feld hinüberverfügte, wo ich ebenfalls zu Hause war.
Man suchte vorzüglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen,
Träume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem
Sinne in die geheimnisvollen Lokalitäten des gestirnten Himmels, in die Tiefe
des Meers und der feuerspeienden Berge, von denen man hörte, und alles wurde
zuletzt auf die religiösen Meinungen zurückgeführt. Es wurden Bücher von
Hellsehenden, Berichte über merkwürdige Reisen durch verschiedene Himmelskörper
und andere ähnliche Aufschlüsse gelesen, nachdem sie der Frau Margret zur
Anschaffung empfohlen worden, und alsdann darüber gesprochen und die Phantasie
mit den kühnsten Gedanken angefüllt. Der eine oder andere fügte dann noch
aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu, wie er von dem Bedienten
eines Sternguckers gehört hatte, dass man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen
im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen könne. Frau Margret hatte immer
die lebendigste Einbildungskraft, und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut
über. Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu
schauen, um nachzusehen, was in der stillen dunklen Welt vorging, und immer
entdeckte sie einen verdächtigen Stern, der nicht wie gewöhnlich aussah, ein
Meteor oder einen roten Schein, welch allem sie gleich einen Namen zu geben
wusste. Alles war ihr von Bedeutung und belebt; wenn die Sonne in ein Glas Wasser
schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch, so waren die sieben
spielenden Farben für sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten, welche
in der Sonne selbst sein sollten. Sie sagte: »Seht ihr denn nicht die schönen
Blumen und Kränze, die grünen Geländer und die roten Seidentücher? diese
goldenen Glöcklein und diese silbernen Brunnen?« und sooft die Sonne in die
Stube schien, machte sie das Experiment, um ein wenig in den Himmel zu sehen,
wie sie meinte. Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus, und der erste
nannte sie eine phantastische Kuh. Jedoch auf einem festern Boden stand sie,
wenn von Geistererscheinungen die Rede war, denn hier hatte sie feste und
unleugbare Erfahrungen die Menge, welche sie schon Schweiss genug gekostet
hatten, und fast alle andern wussten auch davon zu erzählen. Seit sie nicht mehr
aus dem Hause kam, waren freilich ihre Erlebnisse auf ein häufiges Pochen und
Rumoren in alten Wandschränken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen
Schafes in der nächtlichen Strasse beschränkt, wenn sie um Mitternacht oder gegen
Morgen ihre Inspektionen aus dem Fenster hielt. Ausnahmsweise begegnete es ihr
noch einmal, dass sie ein kleines Männchen vor der Haustür entdeckte, welches,
während sie mit scharfen kritischen Augen dasselbe beobachtete, plötzlich in die
Höhe wuchs bis unter ihr Fenster, dass sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich
ins Bett flüchten konnte. Hingegen in ihrer Jugend war es lebhafter hergegangen,
als sie, besonders noch auf dem Lande, bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu
gehen hatte. Da waren kopflose Männer stundenweit ihr zur Seite gegangen und
näher gerückt, je eifriger sie betete, umgehende Bauern standen auf ihren
ehemaligen Grundstücken und streckten flehend die Hand nach ihr aus, Gehenkte
rauschten von hohen Tannen hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr
nach, um in den heilsamen Bereich einer guten Christin zu kommen, und sie
schilderte mit ergreifenden Worten den peinlichen Zustand, in dem sie sich
befand, wenn sie nicht unterlassen konnte, die unheimlichen Gesellen von der
Seite anzuschielen, während sie doch wusste, dass dieses höchst schädlich sei.
Einige Male war sie auch ganz aufgeschwollen auf der Seite, wo die Gespenster
gelaufen waren, und musste den Doktor herbeirufen. Ferner erzählte sie von den
Zaubereien und bösen Künsten, welche zur Zeit ihrer Jugend, gegen das Ende des
vorigen Jahrhunderts, noch gang und gäbe waren unter den Bauern. Da waren in
ihrer Heimat reiche gewaltige Bauernfamilien, welche alte Heidenbücher besassen,
mittelst deren sie den schlimmsten Unfug trieben. Dass sie mit offener Flamme
Löcher durch Strohbunde brennen konnten, ohne diese zu zerstören, oder auf dem
Wasser gehen oder den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung
aufsteigen und possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden, gehörte nur zu
den unschuldigen Scherzen. Aber greulich war es, wenn sie ihre Feinde langsam
töteten, indem sie für dieselben drei Nägel in einen Weidenbaum schlugen unter
den gehörigen Sprüchen (Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser
freundschaftlichen Manipulation, bis sie entdeckt und er durch Kapuziner
gerettet wurde), oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der Ähre
verbrannten, um sich nachher zu verhöhnen, wenn sie hungerten und Not litten.
Man hatte zwar die Genugtuung, dass der Teufel den einen oder andern mit grossem
Aufwand abholte, wenn er reif war; allein das geriet den gerechten Leuten selbst
wieder zum Schrecken, und es war eben nicht angenehm, den blutigen Schnee und
die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen, wie es der Erzählerin selbst
begegnet war. Solche Bauern hatten Geld genug und massen es bei Hochzeiten und
Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu. Die Hochzeiten waren dazumal
noch sehr grossartig. Sie hatte selbst noch eine solche gesehen, wo sämtliche
Gäste, Männer und Weiber, beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen.
Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei- bis
vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten; aber der Teufel ritt
unsichtbar mit, und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu. Diese
Bauern hatten während einer grossen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren
Hauptspass daran, mit zwölf Dreschern in weitgeöffneten Scheunen zu dreschen,
dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen, welcher auf einem grossen Brote
sitzen musste, und nachher, wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune
versammelt waren, die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen.
Bemerkenswert war es, dass der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach
die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein liess, unter welchen man
alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Türme verstand, die im Lande
zerstreut waren. Ein anderes ergiebiges Feld für abenteuerliche Kunden war der
Katolizismus mit seinen hinterlassenen leeren Klosterräumen und den noch
lebendigen Klöstern, welche etwa in der katolisch gebliebenen Nachbarschaft
sich befanden. Dazu trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei,
besonders die Kapuziner, welche sich heute noch mit den Scharfrichtern
freundschaftlich in die Arbeit teilen, bei den abergläubischen reformierten
Bauern Teufelsbannerei und Sympatiekünste zu treiben. In den abgelegenen
Landesgegenden herrschte damals ein bewusstloser verkommener Protestantismus; die
Landleute standen nicht etwa über den katolischen, als hinwegsehend über
verdummte Menschen, sondern sie glaubten alle Märchen derselben getreulich mit,
nur hielten sie den Inhalt für übel und verwerflich, und sie lachten nicht über
den Katolizismus, sondern sie fürchteten sich vor demselben als vor einer
unheimlichen heidnischen Sache. Ebensowenig als es ihnen möglich war, sich unter
einem Freigeiste einen Menschen vorzustellen, welcher wirklich in seinem Innern
nichts glaube, sowenig waren sie imstande, von jemandem anzunehmen, dass er zu
vieles glaube; ihr Mass bestand einzig darin, sich nur zu denjenigen geglaubten
Dingen zu bekennen, welche vom Guten und nicht vom Bösen seien.
    Der Mann der Frau Margret, Vater Jakoblein genannt, von ihr schlechtin
Vater, war funfzehn Jahre älter als sie und näherte sich den Achtzigen. Er besass
eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau, dabei reichten seine
Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurück; doch fasste
er alles von einer spasshaften Seite auf, da er von jeher ein spasshaftes und
ziemlich unnützes Männlein gewesen war, und so wusste er ebensoviel lächerlichen
Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzählen als seine Frau ernstafte und
schreckliche. In seine frühste lugend waren noch die letzten Hexenprozesse
gefallen, und er beschrieb mit Humor aus der mündlichen Überlieferung geschöpfte
Hexensabbate und Bankette ganz genauso, wie man sie noch in den aktenmässigen
Geschichten jener Prozesse, in den weitläufigen Anklagen und erzwungenen
Geständnissen liest. Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu, und er versicherte
feierlich von einigen seltsamen Personen, dass sie sehr wohl auf dem Besenstiele
zu reiten verständen, versprach auch von einem Tage zum andern, solange er
lebte, von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen,
mit welcher die Besen bestrichen würden, um darauf aus dem Schornsteine fahren
zu können. Dieses gedieh mir immer zum grössten Jubel, besonders wenn er mir die
projektierte Fahrt bei schönem Wetter, wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen
sollte, von ihm festgehalten, mit lustigen Aussichten ausmalte. Er nannte mir
manchen schönen Kirschbaum auf einer Höhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum
aus seiner Bekanntschaft, bei welchem haltgemacht und genascht, oder einen
delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde, wo tapfer geschmaust werden
solle, indessen der Besen an eine Tanne gebunden würde. Auch benachbarte
Jahrmärkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden, ohne
Eintrittsgeld, durch das Dach eindringen. Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf
einem Dorfe müssten wir freilich, wenn wir anders von seinen berühmten Würsten
etwas zu beissen bekommen wollten, den Besen im Holze verstecken und vorgeben,
wir seien zu Fuss gekommen, um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein
bisschen heimzusuchen; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern
Dorfe müssten wir keck zum Schornstein hineinfahren, damit sie, in der törichten
Meinung, ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen, uns mit
ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rückhalt
bewirte. Dass unterwegs auf hohen Bäumen und Felsen Einsicht in die seltensten
Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vögeln ausgesucht würde,
verstand sich von selbst. Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei, dafür hatte
er bereits eine Auskunft und kannte die Formel, mit welcher der Teufel, nach
beendigtem Vergnügen, um seinen Teil gebracht würde.
    Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren; doch auch hier verdrehte
sich ihm alles zum Lustigen. Die Angst, welche er bei seinen Abenteuern
empfunden, war immer eine höchst komische und endete öfter mit einem pfiffigen
Streiche, welchen er den Quälgeistern spielte.
    Auf diese Weise ergänzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau,
und ich hatte so die Gelegenheit, unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen, was
man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Märchenbüchern zurechtmacht.
Wenn der Stoff auch nicht so rein und zierlich unbefangen war wie in diesen und
nicht für eine so unschuldige kindliche Moral berechnet, so entielt er
nichtsdestoweniger immer eine menschliche Wahrheit und machte, besonders da in
dem vielfältigen Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die
sinnliche Anschauung vervollständigte, meine Einbildungskraft freilich etwas
frühreif und für starke Eindrücke empfänglich, etwa wie die Kinder des Volkes
früh an die kräftigen Getränke der Erwachsenen gewöhnt werden, ohne zu
verderben. Denn was ich hörte, beschränkte sich nicht allein auf diese
übersinnliche Fabelwelt; sondern die Leute besprachen auch auf die
leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale, und hauptsächlich
das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an ernsten und
heitern Geschichten, an Beispielen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, der
Gefahr, Not, Verwicklung und Befreiung; Hunger, Krieg, Aufruhr und Pestilenz
hatten sie gesehen; jedoch ihr eigenes Verhältnis zueinander war so sonderbar
von Leidenschaften bewegt, und es traten so ursprünglich dämonische Gewalten der
Menschennatur darin zutage, dass ich mit kindlich erstauntem Auge in die wilde
Flamme sah und für ein späteres Verständnis schon tiefe Eindrücke empfing.
    Während nämlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem
Haushalte war, den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das
Heft in den Händen hielt, war ihr Mann einer von denjenigen, welche nichts
Erkleckliches gelernt haben noch sonst tun können und daher darauf angewiesen
sind, mehr den Handlanger einer tatkräftigen Frau zu machen und auf eine müssige
Weise unter dem Schilde ihres Regimentes ein weichliches ruhmloses Dasein zu
führen. Als die Frau, besonders in frühern Jahren, durch kecke Benutzung der
Zeitläufe und durch wahrhaft geistvolle Unternehmungen und originelle
Handstreiche in wörtlichem Sinne Gold zusammenhäufte, spielte er nur die Rolle
eines dienstbaren Hauskoboldes, welcher, wenn er seine Handleistungen getan
hatte, mit dem, was ihm die Frau gab, sich gütlich tat und dazu allerhand Spässe
trieb, welche männiglich ergötzten. Seine unmännliche Ratlosigkeit und
Unzuverlässigkeit, die Erfahrung, dass sie in kritischen Fällen nie einen
kräftigen Schutz in ihm fand, liessen Frau Margret auch seine sonstige
Nützlichkeit übersehen und erklärten die Rücksichtslosigkeit, mit welcher sie
ihn ohne weiteres von der Miterrschaft über die Geldtruhe ausschloss. Es hatte
auch lange Zeit keines von beiden ein Arges dabei, bis einige Ohrenbläser,
worunter auch jener ränkesüchtige Schneider, dem Manne das Demütigende seiner
Lage vorhielten und ihn aufhetzten, endlich eine gesetzliche Teilung des
Erworbenen und vollständige Miterrschaft zu verlangen.
    Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig, und er drohte, die schlimmen
Ratgeber hinter sich, der bestürzten Frau mit den Gerichten, wenn sie nicht
seinen Anteil an dem »gemeinschaftlich erworbenen« Gute herausgäbe. Sie fühlte
wohl, dass es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Mitwirken zu
tun sei, und sträubte sich mit aller Kraft dagegen, zumal sie wohl wusste, dass
sie nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein würde. Sie hatte aber
die Gesetze gegen sich, da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden
Kräfte eingehen konnten, und zudem gab der Mann vor, sich allerlei mutwilliger
Anklagen bedienend, sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen, so
dass sie betäubt und überführt wurde und, krank und halb bewusstlos, die Hälfte
von allem Besitze herausgab. Er nähete sogleich seine schimmernden Goldstücke,
je nach der Art, in lange, seltsame Beutel, legte dieselben in einen Koffer, den
er am Boden festnagelte, setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern,
welche auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten, ein Schnippchen. Im
übrigen blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr, indem
er nur dann zu seinem Schatze griff, wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen
wollte. Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren
eigenen Schatz wieder vervollständigt und mit den Jahren verdoppelt; aber ihr
einziger Gedanke war seit jenem Tage der Teilung, mit der Zeit wieder in den
Besitz des Entrissenen zu gelangen, und das war nur möglich durch den Tod ihres
Mannes. Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz, wenn er ein Goldstück
umwechselte, und sie harrte unverwandt auf seinen Tod. Er hingegen wartete
ebenso sehnlich auf den ihrigen, um Herr und Meister des ganzen Vermögens zu
werden und in voller Unabhängigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen.
Dieses grauenhafte Verhältnis hätte man freilich, auf den ersten Blick nicht
geahnt; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich
nur Vater und Mutter. Insbesondere war die Margret in allem einzelnen auch gegen
ihn die gute und verschwenderische Frau, die sie sonst war, und sie hätte
vielleicht ohne den vierzigjährigen Lebensgenossen und sein spasshaftes
Umhertreiben nicht einen Tag leben können; auch ihm war es mittlerweile wohl
genug, und er besorgte mit humoristischer Geschäftigkeit die Küche, während sie
im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte.
Doch in jeder Jahreszeit einmal, wenn in der Natur die grossen Veränderungen
geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens
erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden, erwachte, meistens
in dunklen schlaflosen Nächten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, dass sie
aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette sassen, unter dem einen
buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geöffneten Fenstern, sich die
tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, dass die stillen Gassen
davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden,
sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus,
welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen,
wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren
Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren. Dann stellten sie sich
darüber zur Rede, welchen Grund das eine denn zu haben glaube, das andere
überleben zu können? und verfielen in einen elenden Wettstreit, welches von
ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde, das andere tot vor sich zu sehen.
Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, so wurde der greuliche Streit vor jedem
Eintretenden, ob fremd oder bekannt, fortgeführt, bis die Frau erschöpft war und
in Weinen und Beten verfiel, indes der Mann anscheinend munterer wurde, lustige
Weisen pfiff, sich einen Pfannkuchen backte und fortwährend irgendeine Flause
dazu herumreite. Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts
sagen als immer: »Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig!« oder zur
Abwechslung einmal: »Ich weiss nicht, ich glaube immer, die alte Kunzin da drüben
ist heute früh spazierengeritten! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft! ich
habe so was in der Luft flattern sehen, das sah ungefähr aus wie ihr roter
Unterrock; sonderbar! hm! einundfunfzig« usf. dabei hatte er Gift und Tod im
Herzen und wusste, dass seine Frau durch das Betragen doppelt litt; denn sie hatte
keine Bosheit noch Mutwillen, um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen. Was
aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten, bestand dann gewöhnlich in
einer verschwenderischen Freigebigkeit, womit sie alles beschenkten, was ihnen
nahekam, gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren,
nach dem ein jedes trachtete.
    Der Mann war gerade kein gottloser Mensch, sondern liess, indem er in der
gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen, so auch an Gott und
seinen Himmel glaubte, denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im
mindesten daran, sich auch um die moralischen Lehren zu bekümmern, welche aus
diesem Glauben entspringen mussten; er ass und trank, lachte und fluchte und
machte seine Schnurren, ohne je zu trachten, sein Leben mit einem ernsteren
Grundsatze in Einklang zu bringen. Aber auch der Frau fiel es niemals ein, dass
ihre Leidenschaften mit dem religiösen Gebaren im Widerspruche sein könnten, und
sie zeichnete sich vor ihren Glaubensschwestern darin aus, dass sie niemals dem
Ausdrucke dessen, was sie bewegte, einen Zügel anlegte. Sie liebte und hasste,
segnete und verwünschte und gab sich unverhüllt und ungehemmt allen Regungen
ihres Gemütes hin, ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken und sich
unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mächtigen Einfluss berufend.
    Jede der Ehehälften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute,
welche im Lande zerstreut wohnten. Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das
gewichtige Erbe um so mehr, als Frau Margret, zufolge ihrer hartnäckigen
Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende, ihnen nur spärliche Gaben von
ihrem Überflusse zukommen liess und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und
tränkte. Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen,
Schwestern und Schwäger mit ausgehungerten langnasigen Töchtern und bleichen
Söhnen und trugen Säcklein und Körbe herbei, welche die kümmerlichen Gaben ihrer
Armut entielten, um die alten launenhaften Leute für sich zu gewinnen, und
worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften. Diese Sippschaft
war schroff in zwei Lager geschieden, welche sich nach dem Streite, der zwischen
den Hauptpersonen herrschte, ebenfalls den Hoffnungen auf den frühern Tod des
Gegners hingaben, um einst ein vergrössertes Erbe zu erhalten. Sie hassten und
befeindeten sich ebenso stark untereinander, als die Leidenschaften Margrets und
ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben, und es entstand jedesmal, nachdem die
zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten Überflusse gesättigt und gewärmt
hatte und der Übermut den anfänglichen Zwang auflöste, ein mächtiger Zank
zwischen beiden Parteien, dass sich die Männer die übriggebliebenen Schinken, ehe
sie dieselben in ihre Quersäcke steckten, um die Köpfe schlugen und die armen
Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und über
dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und Ärger auf den Heimweg trugen. Ihre
Augen funkelten stechend unter den dürftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor,
wenn sie mit langen Schritten, die vollgepfropften Bündel unter dem Arme, aus
dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten, um den
entlegenen Hütten zuzueilen.
    Solcherweise ging es viele Jahre, bis die alte Frau Margret mit dem Sterben
den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster
selber hinüberging. Sie hinterliess unerwarteterweise ein Testament, welches
einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte; es war der letzte
und jüngste jener Günstlinge, an deren Gewandteit und Wohlergehen sie ihre
Freude gehabt hatte, und sie war mit der Überzeugung gestorben, dass ihr gutes
Gold nicht in ungeweihte Hände übergehe, sondern die Kraft und die Lust
tüchtiger Leute sein werde. Bei ihrem Leichenbegängnisse fanden sich sämtliche
Verwandte beider Ehegatten ein, und es war ein grosses Geheul und Gelärm, als sie
sich also getäuscht fanden. Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den
glücklichen Erben, welcher ganz ruhig seine Habe einpackte, was irgend von
Nutzen war, und auf einen ungeheuerlichen Wagen lud. Er überliess den armen
Leuten nichts als die vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln und die gesammelten
Seltsamkeiten und Bücher der Seligen, insofern sie nicht von Gold, Silber oder
sonstigem Gehalte waren. Drei Tage und drei Nächte blieb der wehklagende Schwarm
in dem Trauerhause, bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem
letzten Bissen Brot aufgetunkt war. Sodann zerstreuten sie sich allmählich, ein
jeder mit dem Andenken, das er noch erbeutet hatte. Der eine trug eine Partie
Heiden- und Götzenbücher auf der Schulter, mit einem tüchtigen Stricke
zusammengebunden und mit einem Scheite geknebelt, und unter dem Arme ein
Säcklein getrockneter Pflaumen; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem
Stabe über den Rücken und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade,
sehr geschickt mit Kartoffeln angefüllt in allen ihren Fächern. Hagere lange
Jungfrauen trugen zierliche altmodische Weidenkörbe und buntbemalte Schachteln,
angefüllt mit künstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram, Kinder schleppten
wächserne Engel in den Armen oder trugen chinesische Krüge in den Händen, es
war, als sähe man eine Schar Bilderstürmer aus einer geplünderten Kirche kommen.
Doch gedachte ein jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene
aufzubewahren, sich schliesslich an das genossene Gute erinnernd, und zog mit
Wehmut seine Strasse, indessen der Haupterbe, neben seinem Wagen
einherschreitend, plötzlich haltmachte, sich besann, darauf die ganze Ladung
einem Trödler verkaufte und auch nicht einen Nagel aufbewahrte. Dann ging er zu
einem Goldschmied und verkaufte demselben die Schaumünzen, Kelche und Ketten und
zog endlich mit rüstigen Schritten aus dem Tore, ohne sich umzusehen, mit seiner
dicken Geldkatze und seinem Stabe. Er schien froh zu sein, eine verdriessliche
und langwierige Angelegenheit endlich erledigt zu sehen.
    In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurück mit dem
zusammengeschmolzenen Reste jener früheren Teilung. Er lebte noch drei Jahre und
starb gerade an dem Tage, wo das letzte Goldstück gewechselt werden musste. Bis
dahin vertrieb er sich die Zeit damit, dass er sich vornahm und ausmalte, wie er
im Jenseits seine Frau haranguieren wolle, wenn sie da »mit ihren verrückten
Ideen herumschlampe«, und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und
Propheten spielen würde, dass die alten Gesellen was zu lachen bekämen. Auch an
manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die
Wiederbelebung verjährten Unfuges beim Wiedersehen. Ich hörte ihn immer nur in
solch lustiger Art vom zukünftigen Leben sprechen. Er war nun blind und bald
neunzig Jahre alt, und wenn er, von Schmerzen, Trübsal und Schwäche heimgesucht,
traurig und klagend wurde, so sprach er nichts von diesen Dingen, sondern rief
immer, man sollte die Menschen totschlagen, ehe sie so alt und elend würden.
    Endlich ging er aus wie ein Licht, dessen letzter Tropfen Öl aufgezehrt ist,
schon vergessen von der Welt, und ich, als ein herangewachsener Mensch, war
vielleicht der einzige Bekannte früherer Tage, welcher dem zusammengefallenen
Restchen Asche zu Grabe folgte.
    Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner
frühsten lugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause
betrachtet und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer. Ich ging ab und zu, ass
und trank, was mir wohlgefiel, setzte mich in eine Ecke oder stand mitten unter
den Handelnden und Lärmenden, wenn etwas vorfiel. Ich holte die Bücher hervor
und verlangte, wessen ich von den Sehenswürdigkeiten bedurfte, oder spielte mit
den Schmucksachen der Frau Margret. Alle die mannigfaltigen Personen, welche in
das Haus kamen, kannten mich, und jeder war freundlich gegen mich, weil dieses
meiner Beschützerin so behagte. Ich aber machte nicht viele Worte, sondern gab
acht, dass nichts von den geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging. Mit
all diesen Eindrücken beladen, zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause und
spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu grossen träumerischen Geweben aus,
wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab. In der Tat muss ich auf diese erste
Kinderzeit meinen Hang und ein gewisses Geschick zurückführen, an die
Vorkommnisse des Lebens erfundene Schicksale und verwickelte Geschichten
anzuknüpfen und so im Fluge heitere und traurige Romane zu entwerfen, deren
Mittelpunkt ich selbst oder die mir Nahestehenden waren, die mich viele Tage
lang beschäftigten und bewegten, bis sie sich in neue Handlungen auflösten, je
nach der Stimmung und dem äussern Ergehen. In jener ersten Zeit waren es kurze
und wechselnde Bilder, welche sich rasch und unbewusst formierten und
vorbeigingen, wie die befreiten Erinnerungen und Traumvorräte eines Schlafenden.
Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben, dass ich sie kaum von
denselben unterscheiden konnte.
    Daraus nur kann ich mir unter anderm eine Geschichte erklären, welche ich
ungefähr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich gar nicht begreifen
könnte, da die schlimme Art derselben sonst nicht in meinem Wesen liegt und sich
zeiter auch in keiner Weise wiederholt hat. Ich sass einst hinter dem Tische,
mit irgendeinem Spielzeuge beschäftigt, und sprach dazu einige unanständige,
höchst rohe Worte vor mich hin, deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich
auf der Strasse gehört haben mochte. Eine Frau sass bei meiner Mutter und
plauderte mit ihr, als sie die Worte hörte und meine Mutter aufmerksam darauf
machte. Sie fragten mich mit ernster Miene, wer mich diese Sachen gelehrt hätte,
insbesondere die fremde Frau drang in mich, worüber ich mich verwunderte, einen
Augenblick nachsinnend, und dann den Namen eines Knaben nannte, den ich in der
Schule gesehen hatte. Sogleich fügte ich noch zwei oder drei andere hinzu,
sämtlich Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren und einer vorgerückteren Klasse
meiner Schule angehörig, mit denen ich aber kaum noch ein Wort gesprochen hatte.
Einige Tage darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der
Schule zurück sowie jene vier angegebenen Knaben, welche mir wie halbe Männer
vorkamen, da sie an Alter und Grösse mir weit vorgeschritten waren. Ein
geistlicher Herr erschien, welcher gewöhnlich den Religionsunterricht gab und
sonst der Schule vorstand, setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hiess
mich neben ihn sitzen. Die Knaben hingegen mussten sich vor dem Tische in eine
Reihe stellen und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Sie wurden nun mit
feierlicher Stimme gefragt, ob sie gewisse Worte in meiner Gegenwart
ausgesprochen hätten; sie wussten nichts zu antworten und waren ganz erstaunt.
Hierauf sagte der Geistliche zu mir: »Wo hast du die bewussten Dinge gehört von
diesen Buben?« Ich war sogleich wieder im Zuge und antwortete unverweilt mit
trockener Bestimmteit: »Im Brüderleinsholze!« Dieses ist ein Gehölz, eine
Stunde von der Stadt entfernt, wo ich in meinem Leben nie gewesen war, das ich
aber oft nennen hörte. »Wie ist es dabei zugegangen, wie seid ihr dahin
gekommen?« fragte man weiter. Ich erzählte, wie mich die Knaben eines Tages zu
einem Spaziergange überredet und in den Wald hinaus mitgenommen hätten, und ich
beschrieb mit merkwürdiger Wahrheit die Art, wie etwa grössere Knaben einen
kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen. Die Angeklagten gerieten
ausser sich und beteuerten mit Tränen, dass sie teils seit langer Zeit, teils gar
nie in jenem Gehölze gewesen seien, am wenigsten mit mir! dabei sahen sie mit
erschrecktem Hasse auf mich, wie auf eine böse Schlange, und wollten mich mit
Vorwürfen und Fragen bestürmen, wurden aber zur Ruhe gewiesen und ich
aufgefordert, den Weg anzugeben, welchen wir gegangen. Sogleich lag derselbe
deutlich vor meinen Augen, und angefeuert durch den Widerspruch und das Leugnen
eines Märchens, an welches ich nun selbst glaubte, da ich mir sonst auf keine
Weise den wirklichen Bestand der gegenwärtigen Szene erklären konnte, gab ich
nun Weg und Stege an, die an den Ort führen, und nannte hier ein Dorf, dort eine
Brücke oder eine Wiese. Ich kannte dieselben nur vom flüchtigen Hörensagen, und
obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte, stellte sich nun jedes Wort zur rechten
Zeit ein. Ferner erzählte ich, wie wir unterwegs Nüsse heruntergeschlagen, Feuer
gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten, auch einen Bauernjungen jämmerlich
durchgebleut hätten, welcher uns hindern wollte. Im Walde angekommen, kletterten
meine Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in der Höhe, den Geistlichen und
den Lehrer mit lächerlichen Spitznamen benennend. Diese Spitznamen hatte ich,
über das Äussere der beiden Männer nachsinnend, längst im eigenen Herzen
ausgeheckt, aber nie verlautbart; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie
zugleich an den Mann, und der Zorn der Herren war ebenso gross als das Erstaunen
der vorgeschobenen Knaben. Nachdem sie wieder von den Bäumen heruntergekommen,
schnitten sie grosse Ruten und forderten mich auf, auch auf ein Bäumchen zu
klettern und oben die Spottnamen auszurufen. Als ich mich weigerte, banden sie
mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten, bis ich alles
aussprach, was sie verlangten, auch jene unanständigen Worte. Indessen ich rief,
schlichen sie sich hinter meinem Rücken davon, ein Bauer kam in demselben
Augenblicke heran, hörte meine unsittlichen Reden und packte mich bei den Ohren.
»Wart, ihr bösen Buben!« rief er, »diesen hab ich!« und hieb mir einige
Streiche. Dann ging er ebenfalls weg und liess mich stehen, während es schon
dunkelte. Mit vieler Mühe riss ich mich los und suchte den Heimweg in dem dunklen
Wald. Allein ich verirrte mich, fiel in einen tiefen Bach, in welchem ich bis
zum Ausgange des Waldes teils schwamm, teils watete, und so, nach Bestehung
mancher Gefährde, den rechten Weg fand. Doch wurde ich noch von einem grossen
Ziegenbocke angegriffen, bekämpfte denselben mit einem rasch ausgerissenen
Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht.
    Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie
bei dieser Erzählung. Es kam niemand in den Sinn, etwa bei meiner Mutter
anfragen zu lassen, ob ich eines Tages durchnässt und nächtlich nach Hause
gekommen sei? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang, dass der
eine und andere der Knaben nachgewiesenermassen die Schule geschwänzt hatte,
gerade um die Zeit, welche ich angab. Man glaubte meiner grossen Jugend sowohl
wie meiner Erzählung; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen
Himmel meines sonstigen Schweigens. Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt
als verwilderte bösartige junge Leute, da ihr hartnäckiges und einstimmiges
Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch
verschlimmerten; sie erhielten die härtesten Schulstrafen, wurden einige Wochen
lang auf die Schandbank gesetzt und überdies noch von ihren Eltern geschlagen
und eingesperrt.
    Soviel ich mich dunkel erinnere, war mir das angerichtete Unheil nicht nur
gleichgültig, sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung in mir, dass die
poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich abrundete, dass
etwas Auffallendes geschah, gehandelt und gelitten wurde, und das infolge meines
schöpferischen Wortes. Ich begriff gar nicht, wie die misshandelten Jungen so
lamentieren und erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf der
Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ändern konnte
als die alten Götter am Fatum.
    Die Betroffenen waren sämtlich, was man schon in der Kinderwelt rechtliche
Leute nennen könnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche bisher keinen Anlass zu
grobem Tadel gegeben und aus denen seiter stille und arbeitsame junge Bürger
geworden. Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und
das erlittene Unrecht, und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten,
erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte, und fast
jedes Wort ward wieder lebendig. Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit
verdoppelter nachhaltiger Wut, und sooft ich daran denke, steigt mir das Blut zu
Kopfe, und ich möchte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen
Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau anklagen, welche auf die
verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte, bis ein bestimmter Ursprung
derselben nachgewiesen war. Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und
lachten, als sie sahen, wie mich die Sache nachträglich beunruhigte, und sie
freuten sich, dass ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl
erinnerte. Nur der vierte, ein etwas beschränkter Mensch, der viele Mühe mit dem
Leben hat, konnte niemals einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und
dem spätern Alter und trug mir die angetane Unbilde so nach, als ob ich sie erst
heute, mit dem Verstande eines Erwachsenen, begangen hätte. Mit dem tiefsten
Hasse geht er an mir vorüber, und wenn er mir beleidigende Blicke zuwirft, so
vermag ich sie nicht zu erwidern, weil das Unrecht doch auf mir ruht und keiner
von uns es vergessen kann.
 
                               Siebentes Kapitel
Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in
derselben, da das erste Lernen rasch aufeinanderfolgte und, leicht fasslich,
täglich fortschritt. Auch die Einrichtung derselben hatte viel Kurzweiliges, ich
ging gern und eifrig hinein, sie bildete mein öffentliches Leben und war mir
ungefähr, was dem neugierigen Atenienser die Gerichtsstätte und das Teater. Es
war keine öffentliche Anstalt, sondern das Werk eines gemeinnützigen wohltätigen
Vereins und dazu bestimmt, bei dem damaligen Mangel guter niedriger
Volksschulen, den Kindern dürftiger Leute eine bessere Erziehung zu verschaffen,
und hiess daher Armenschule. Die Pestalozzische Unterrichtsweise wurde
angewendet, und zwar mit einem Eifer und einer Hingebung, welche gewöhnlich nur
Eigenschaften von leidenschaftlichen Privatschulmännern zu sein pflegen. Mein
Vater hatte bei seinen Lebzeiten für die Einrichtung und für die Ergebnisse
dieser Anstalt geschwärmt und oft den Entschluss ausgesprochen, meine ersten
Schuljahre in derselben verfliessen zu lassen, schon darin eine
Erziehungsmassregel suchend, dass ich mit den ärmsten Kindern der Stadt meine
frühsten Jugendjahre zubrächte und aller Kastengeist und Hochmut so im Keime
erstickt würden. Diese Absicht war für meine Mutter ein heiliges Vermächtnis und
erleichterte ihr die Wahl der ersten Schule für mich. In einem grossen Saale
wurden etwa hundert Kinder unterrichtet, zur Hälfte Knaben, zur Hälfte Mädchen,
vom fünften bis zum zwölften Jahre. Sechs lange Schulbänke standen in der Mitte,
von dem einen Geschlechte besetzt, jede bildete eine Altersklasse, und davor
stand ein vorgeschrittener Schüler von elf bis zwölf Jahren und unterrichtete
die ganze Bank, welche ihm anvertraut war, indessen das andere Geschlecht in
Halbkreisen um sechs Pulte herum stand, die längs den Wänden angebracht waren.
Inmitten jedes Kreises sass auf einem Stühlchen ebenfalls ein unterrichtender
Schüler oder eine Schülerin. Der Hauptlehrer tronte auf einem erhöhten Kateder
und übersah das Ganze, zwei Gehülfen, aus ehemaligen Schülern herangezogen,
standen ihm bei, machten die Runde durch den ziemlich düstern Saal, hier und
dort einschreitend, nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend.
Jede halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt, der Oberlehrer gab ein
Zeichen mit einer Klingel, und nun wurde ein treffliches Manöver ausgeführt,
mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung,
immer nach der Klingel, aufstanden, sich kehrten, schwenkten und durch einen
wohlberechneten Contre-Marsch in einer Minute die Stellung wechselten, so dass
die früher funfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt. Es war immer
eine unendlich glückliche Minute, wenn wir, die Hände reglementarisch auf dem
Rücken verschränkt, die Knaben bei den Mädchen vorbeimarschierten und unsern
soldatischen Schritt gegen ihr Gänsegetrippel hervorzuheben suchten. Ich weiss
nicht, war es eine artige herkömmliche Vergessenheit, oder eine Pietät, oder gar
eine Absicht, dass es erlaubt war, Blumen mitzubringen und während des
Unterrichts in den Händen zu halten, wenigstens habe ich diese hübsche Lizenz in
keiner andern Schule mehr gefunden; aber es war immer gut anzusehen während des
lustigen Marsches, wie fast jedes Mädchen eine Rose oder eine Nelke in den
Fingern auf dem Rücken hielt, während die Buben die Blumen im Munde trugen wie
Tabakspfeifen oder dieselben burschikos hinter die Ohren steckten. Es waren
alles Kinder von Holzhackern, Tagelöhnern, armen Schneidern, Schustern und von
almosengenössigen Leuten. Habliche Handwerker durften ihres Ranges und Kredits
wegen die Schule nicht benutzen. Daher war ich der best und reinlichst
gekleidete unter den Buben und galt für halb vornehm, obgleich ich bald sehr
vertraulich war mit den buntscheckig geflickten armen Teufeln, ihren Sitten und
Gewohnheiten, insofern sie mir nicht allzu fremd und unfreundlich waren. Denn
obgleich die Kinder der Armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die
der Reichen oder sonst Geborgenen, im Gegenteil eher unschuldiger und
gutmütiger, so haben sie doch manchmal äusserliche grinsende Derbheiten in ihren
Gebärden, welche mich bei einigen Mitschülern abstiessen.
    Die erste männliche Kleidung, welche ich erhielt, war grün, da meine Mutter
aus der Schützenkleidung des Vaters eine Zwillingstracht für mich schneiden
liess, für den Sonntag einen Anzug und für die Werktage einen. Auch fast alle
nachgelassenen bürgerlichen Gewänder waren von grüner Farbe; bis zu meinem
zwölften Jahre aber reichte der Nachlass zur Herstellung von grünen lacken und
Röcklein aus bei der grossen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter für Schonung
und Reinhaltung der Kleider, so dass ich von der unveränderlichen Farbe schon
früh den Namen »grüner Heinrich« erhielt und in unserm Städtchen bis auf den
heutigen Tag trug. Als solcher machte ich in der Schule und auf der Gasse bald
eine bekannte Figur und benutzte meine grüne Popularität zur steten Fortsetzung
meiner Beobachtungen und chorartiger Teilnahme an allem, was geschah und
gehandelt wurde. Die tatkräftigen und stimmführenden Grössen der Bubenwelt liessen
meine Nähe immer gelten, nahmen mich in Schutz und entdeckten öfter mit
wohlwollender Herablassung, dass ich zu mehrerem zu gebrauchen sei, als es den
Anschein hatte; einzelne schlossen sich an mich an und blieben mir dann längere
Zeit getreu in allerlei Bestrebungen. Ich drang mit den verschiedensten Kindern,
je nach Bedürfnis und Laune, in die elterlichen Häuser und war als ein
vermeintlich stilles gutes Kind gern gesehen, während ich mir genau den Haushalt
und die Gebräuche der armen Leute ansah und dann wieder wegblieb, um mich in
mein Hauptquartier bei der Frau Margret zurückzuziehen, wo es am Ende immer am
meisten zu sehen gab. Sie freute sich, dass ich bald imstande war, nicht nur das
Deutsche geläufig vorlesen, sondern auch die in ihren alten Büchern häufigen
lateinischen Lettern erklären zu können sowie die arabischen Zahlen, die sie nie
verstehen lernte. Ich verfertigte ihr auch allerlei Notizen in Frakturschrift
auf Papierzettel, welche sie aufbewahren und bequem lesen konnte, und ward auf
diese Weise ihr kleiner Geheimschreiber. Schon sah sie, die mich für ein grosses
Genie hielt, einen ihrer zukünftigen, klugen Glückmacher in mir und war im
voraus meiner glänzenden Laufbahn froh. Wirklich machte mir das Lernen weder
Mühe noch Kummer, und ich war, ohne zu wissen wie, zu der Würde herangediehen,
die kleineren Genossen unterrichten zu dürfen. Dieses geriet mir zu einer neuen
Lust, vorzüglich weil ich, ausgerüstet mit der Macht zu lohnen und zu strafen,
kleine Schicksale kombinieren, Lächeln und Tränen, Freund- und Feindschaft
hervorzaubern konnte. Sogar die Frauenliebe spielte ihre ersten schwachen
Morgenwölkchen dazwischen. Wenn ich in einem Halbkreise von neun bis zehn
kleinen Mädchen sass, so war der erste ehrenvollste Platz bald zunächst meiner
Seite, bald war es der letzte, je nach der Gegend in dem grossen Saale. So
geschah es, dass ich die Mädchen, welche ich gern sah, entweder fortwährend oben
hielt in der Region des Ruhmes und der Tugend oder aber sie stets niederdrückte
in die dunkle Sphäre der Sünde und der Vergessenheit, in beiden Fällen immer
zunächst meinem tyrannischen Herzen. Dieses aber ward selbst reichlich
mitbewegt, wenn ich oft von der ohne Verdienst erhobenen Schönen kein Lächeln
des Dankes erhielt, wenn sie die unverdiente Ehre hinnahm, als ob sie ihr
gebührte, und es mir durch mutwillige rücksichtslose Streiche unendlich
erschwerte, sie auf der glatten Höhe zu halten ohne auffallende Ungerechtigkeit.
Wenn ich hingegen eine andere Geliebte, jede kleine Unaufmerksamkeit benutzend,
nach und nach heruntergebracht hatte bis auf den letzten ruhmlosen Platz an
meiner Seite, nicht achtend auf ihre kummervollen Tränen oder vielmehr angenehm
durchschauert durch dieselben, so suchte ich das Leid dann durch verdoppelte
Freundlichkeit aufzuhellen, bis mich die hartnäckige Trauer, welche nichts von
meinen wahren Gefühlen ahnen wollte, langweilte und ich die spröde Unglückliche
jählings wieder hinaufjagte in die heitere kühle Höhe, wo sie wieder fröhlich
wurde, während ich eine kleine unverbesserliche Sünderin ohne Mühe an den ihr
gebührenden Schandenplatz herniederdonnerte, wo dieselbe gar wohl gedieh, meinem
Zorne lächelte und sich im geheimen alle möglichen Neckereien gegen mich
erlaubte, die ich halb murrend, halb verliebt erduldete.
    Nur zwei Dinge waren mir in dieser Schule quälend und unheimlich und sind
eine unliebliche Erinnerung geblieben. Das eine war die düstere kriminalistische
Weise, in welcher die Schuljustiz gehandhabt wurde. Es lag dies teils noch im
Geiste der alten Zeit, an deren Grenze wir standen, teils in einer
Privatliebhaberei der Personen und harmonierte übel mit dem übrigen guten Ton.
Es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende Strafen angewendet auf dies
zarte Lebensalter, und es verging fast kein Monat ohne eine feierliche Exekution
an irgendeinem armen Sünder. Zwar wurden meistens wirkliche frühzeitige
Schlingel betroffen, war aber immerhin verkehrt, indem es die Kinder zu einem
frühen geläufigen Verdammen und Pharisäertum hinführte; so schon ist es eine
seltsame Erscheinung, dass die Kinder, selbst wenn sie das Bewusstsein des
gleichen Fehlers in sich haben, aber verschont geblieben sind, ein bestraftes
und bezeichnetes verachten, verfolgen und verhöhnen, bis die letzten Wirkungen
verklungen oder die Verfolger selbst in das Netz gefallen sind. Solange das
Goldene Zeitalter nicht gekommen, müssen kleine Buben geprügelt werden; ich
fühle die doppelte Wohltat noch jetzt nach, wie mich ein tüchtiger Prügelschauer
wie ein Gewitter von einer drückenden Schwüle befreite und einem frischen
Wohlverhalten wieder Raum verschafte, da ich zu Hause nie gezüchtigt wurde.
Allein einen widerlichen Eindruck machte es, wenn ein böser Junge, nach
gehaltener Standrede, in ein abgelegenes Zimmer geführt, dort ausgezogen, auf
eine Bank gelegt und abgehauen wurde, oder als einmal ein ziemlich grosses
Mädchen mit einer umgehängten Tafel auf einem Schranke stehen musste, einen
ganzen Tag lang. Ich hatte grosses Mitleid mit ihr, obgleich sie etwas Grosses
begangen haben musste. Vielleicht war sie auch unschuldig verurteilt! Ein paar
Jahre später ertränkte sich das gleiche Mädchen während des
Konfirmationsunterrichtes, ich weiss nicht mehr weshalb, erinnere mich aber noch
der trauernden Teilnahme, welche ich für die Tote hegte, als ich sie begraben
sah, gefolgt von einer grossen Schar weissgekleideter Mädchen zwischen fünf- und
sechszehn Jahren, welche Blumen trugen. Man erwies ihr, ungeachtet ihres
unchristlichen Todes, diese Ehre ihrer Jugend wegen, weil man zugleich das
grelle Ereignis damit verhüllen und mässigen konnte.
    Die andere peinliche Erinnerung an jene Schulzeit sind mir der Katechismus
und die Stunden, während deren wir uns damit beschäftigen mussten. Ein kleines
Buch voll hölzerner, blutloser Fragen und Antworten, losgerissen aus dem
frischen Leben der biblischen Schriften, nur geeignet, den dürren Verstand
bejahrter und verstockter Menschen zu beschäftigen, musste während der so
unendlich scheinenden Jugendjahre in ewigem Wiederkäuen auswendig gelernt und in
verständnislosem Dialoge hergesagt werden. Harte Worte und harte Bussen waren die
Aufklärungen, beklemmende Angst, keines der dunklen Worte zu vergessen, die
Anfeuerung zu diesem religiösen Leben. Einzelne Psalmstellen und Liederstrophen,
ebenfalls aus allem Zusammenhange gezerrt und deshalb unlieber einzuprägen als
ein ganzes organisches Gedicht, verwirrten das Gedächtnis, anstatt es zu üben.
Wenn man diese, gegen die verwilderte Sündhaftigkeit ausgewachsener Menschen
gerichteten, vierschrötigen nackten Gebote neben den übersinnlichen und
unfasslichen Glaubenssätzen gereiht sah, so fühlte man nicht den Geist wehen
einer sanften menschlichen Entwicklung, sondern den schwülen Hauch eines rohen
und starren Barbarentums, wo es einzig darauf ankommt, den jungen, zarten
Nachwuchs auf der Schnell- und Zwangbleiche so früh als möglich für den ganzen
Umfang des bestehenden Lebens und Denkens fertig und verantwortlich zu machen.
Die Pein dieser Disziplin erreichte ihren Gipfel, wenn mehrere Male im Jahre die
Reihe an mich kam, am Sonntage in der Kirche, vor der ganzen Gemeinde, mit
lauter vernehmlicher Stimme das wunderliche Zwiegespräch mit dem Geistlichen zu
führen, welcher in weiter Entfernung von mir auf der Kanzel stand und wo jedes
Stocken und Vergessen zu einer Art Kirchenschande gereichte. Viele Kinder
schöpften zwar gerade aus dieser Übung Gelegenheit, mit Salbung und
Zungengeläufigkeit, wohl gar mit ihrer Frechheit zu prunken, und der Tag geriet
ihnen immer zu einem Triumph- und Freudentag. Gerade bei diesen erwies es sich
aber jederzeit, dass alles eitel Schall und Rauch gewesen. Es gibt geborene
Protestanten, und ich möchte mich zu diesen zählen, weil nicht ein Mangel an
religiösem Sinne, sondern, freilich mir unbewusst, ein letztes feines Räuchlein
verschollener Scheiterhaufen, durch die hallende Kirche schwebend, mir den
Aufentalt widerlich machte, wenn die eintönigen Gewaltsätze hin- und
hergeworfen wurden. Nicht als ob ich mir einbilden wollte, ein scharfsinnig
polemisches Wunderkind gewesen zu sein; sondern es war reine Sache des
angeborenen Gefühles.
    So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurückgedrängt, und
ich beharrte auf meiner Sitte, meine Gebete und Verhandlungen selbst zu
verfassen nach meinem Bedürfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann
anzuwenden, wenn ich ihrer bedurfte. Einzig das Vaterunser wurde morgens und
abends regelmässig, aber lautlos, gebetet.
    Aber nicht nur dieses geschah. Auch aus meinem innern und äussern Spiel- und
Lustleben wurde der liebe Gott verdrängt und konnte weder durch die Frau Margret
noch durch meine Mutter darin erhalten werden. Für lange Jahre wurde mir der
Gedanke Gottes zu einem prosaischen nüchternen Gedanken, in dem Sinne, wie die
falschen Poeten das wirkliche Leben für prosaisch halten im Gegensatze zu dem
erfundenen und fabelhaften. Das Leben, die sinnliche Natur waren
merkwürdigerweise mein Märchen, in dem ich meine Freude suchte, während Gott für
mich zu der notwendigen, aber nüchternen und schulmeisterlichen Wirklichkeit
wurde, zu welcher ich nur zurückkehrte wie ein müdgetummelter, hungriger Knabe
zur alltäglichen Haussuppe und mit der ich so schnell fertig zu werden suchte
als möglich. Solches bewirkte die Art und Weise, wie die Religion und meine
Kinderzeit zusammengekuppelt wurden. Wenigstens kann ich mich, trotzdem dass jene
ganze Zeit wie ein heller Spiegel vor mir liegt, nicht entsinnen, dass ich vor
dem Erwachen der Vernunft je einen Andachtschauer, wenn auch noch so kindlich,
empfunden hätte.
    Selbst die biblischen Geschichten, welche wir lasen, verschmolzen sich ganz
mit den weltlichen Unterhaltungen, und ich gewann an der Geschichte Josephs und
seiner Brüder und andern prächtigen Episoden nur einen Stoff mehr für meine
profanen Kompositionen. Aus diesem Grunde waren die biblischen Erzählungen, wie
sie gewöhnlich für Kinder ausgezogen werden, lange Zeit mein Hauptbuch neben der
Bibliotek der Frau Margret, und nur selten führte mich ein Anflug von
Gelehrsamkeit dazu, mich in die Bibel zu vertiefen und ein ergiebiges
Quellenstudium zu betreiben, da der hohe Schwung der Sprache für das Kind
unzugänglich war und nur Stoff zum Lächerrlichmachen dessen gab, was ich nicht
begriff.
    Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten
Jahre, welche deren wohl sieben bis achte andauerte, als eine kalte öde Strecke
und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber. Denn wenn
ich recht scharf in jenen vergangenen dämmerhaften Seelenzustand zurückzudringen
versuche, so entdecke ich noch wohl, dass ich den Gott meiner Kindheit nicht
liebte, sondern nur brauchte und dass damit das lebendige Gefühl der Liebe auch
für alles übrige Leben nicht zum Erwachen kam und nur schwer durch die
unnatürlich übergeworfene Eisdecke dringen konnte. Jetzt erst wird mir der trübe
kalte Schleier ganz deutlich, welcher über jener Zeit liegt und mir dazumal die
Hälfte des Lebens verhüllte, mich blöde und scheu machte, dass ich die Leute
nicht verstand und mich selbst nicht zu erkennen geben konnte in meiner vollen
Natur, so dass die weisen Erzieher vor mir standen als vor einem Rätsel und
sagten Dieses ist ein seltsames Gewächs, man weiss nicht viel damit anzufangen!
    Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst, in der Welt, die ich
mir allein zu bauen gezwungen war. Meine Mutter kaufte mir nur äusserst wenig
Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller für meine Zukunft zu
sparen, und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe für überflüssig, welche nicht
unmittelbar für das Notwendigste geopfert wurde. Sie suchte mich dafür durch
fortwährende mündliche Unterhaltungen zu beschäftigen und erzählte mir tausend
Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute, indem
sie in unserer Einsamkeit selbst eine süsse Gewohnheit darin fand. Aber diese
Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zuletzt
meine Stunden nicht ausfüllen, und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes,
welcher meiner schaffenden Gewalt anheimgegeben war. So war ich bald darauf
angewiesen, mir mein Spielzeug selbst zu schaden. Das Papier, das Holz, die
gewöhnlichen Aushelfer in diesem Falle, waren schnell abgebraucht, besonders da
ich keinen männlichen Mentor hatte, welcher mich mit Handgriffen und Künsten
bekannt machte. Was ich so bei den Menschen nicht fand, das gab mir die stumme
Natur. Ich sah aus der Ferne bei vornehmern Knaben, dass sie artige kleine
Naturaliensammlungen besassen, besonders Steine und Schmetterlinge, und von ihren
Lehrern und Vätern angeleitet wurden, dergleichen selbst auf ihren Ausflügen zu
suchen. Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen
längs der Bach- und Flussbette zu unternehmen, wo ein buntes Geschiebe an der
Sonne lag. Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glänzender und farbiger
Mineralien beisammen, Glimmer, Quarze, bunte Kiesel und solche Steine, welche
mir durch ihre abweichende Form auffielen, wie Schieferstücke, gegenüber einem
seltsam verwaschenen Kiesel usw. Glänzende Schlacken, aus Hüttenwerken in den
Strom geworfen, hielt ich ebenfalls für wertvolle Stücke, Glasperlen für
Edelsteine, und der Trödelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an
polierten Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnörkeln, welche
überdies noch eine antiquarische Glorie durchdrang. Für diese Dinge verfertigte
ich Fächer und Behälter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei. Wenn
die Sonne in unser Höfchen schien, so schleppte ich den ganzen Schatz herunter,
wusch Stück für Stück in dem kleinen Brünnlein und breitete sie nachher an der
Sonne aus, um sie zu trocknen, mich an ihrem Glanze erfreuend. Dann ordnete ich
sie wieder in die Schachteln und hüllte die glänzendsten Dinge sorglich in
Baumwolle, welche ich aus den grossen Ballen am Hafenplatze gezupft hatte. So
trieb ich es lange Zeit; allein es war nur der äussere Schein, der mich erbaute,
und als ich sah, dass jene Knaben für jeden Stein einen bestimmten Namen besassen
und zugleich viel Merkwürdiges, was mir unzugänglich war, wie Kristalle und
Erze, auch ein Verständnis dafür gewannen, welches mir durchaus fremd war, so
starb mir das ganze Spiel ab und betrübte mich. Dazumal konnte ich nichts Totes
und Weggeworfenes um mich liegen sehen; was ich nicht brauchen konnte,
verbrannte ich hastig oder entfernte es weit von mir; so trug ich eines Tages
die sämtliche Last meiner Steine mit vieler Mühe an den Strom hinaus, versenkte
sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause.
    Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Käfern. Meine Mutter
verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus; denn
die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchteten ihr ein. Ich fing
zusammen, wessen ich habhaft werden konnte, und setzte eine Unzahl Raupen in
Gefangenschaft. Allein ich kannte die Speise dieser letzteren nicht und wusste
sie sonst nicht zu behandeln, so dass kein Schmetterling aus meiner Zucht
hervorging. Die lebendigen Schmetterlinge aber, welche ich fing, wie die
glänzenden Käfer machten mir saure Mühe mit dem Töten und dem unversehrten
Erhalten; denn die zarten Tiere behaupteten eine zähe Lebenskraft in meinen
mörderischen Händen, und bis sie endlich leblos waren, fand sich Duft und Farbe
zerstört und verloren, und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte
Gesellschaft erbarmungswürdiger Märtyrer. Schon das Töten an sich selbst
ermüdete mich und regte mich zu sehr auf, indem ich die zierlichen Geschöpfe
nicht leiden sehen konnte. Dieses war keine unkindliche Empfindsamkeit; mir
widerwärtige oder gleichgültige Tiere konnte ich so gut misshandeln wie alle
Kinder; es war vielmehr ein aristokratisches Mitgefühl für diese edleren
Kreaturen, denen ich wohlgewogen war. Jeder der unseligen Reste machte mich um
so melancholischer! als er das Denkmal eines im Freien zugebrachten Tages und
eines Abenteuers war. Die Zeit von seiner Gefangennehmung bis zu seinem
qualvollen Tode war ein Schicksal, welches mich interessierte, und die stummen
Überbleissel redeten eine vorwurfsvolle Sprache zu mir.
    Auch diese Untemehmung scheiterte endlich, als ich zum ersten Male eine
grosse Menagerie sah. Sogleich fasste ich den Entschluss, eine solche anzulegen,
und baute eine Menge Käfige und Zellen. Mit vielem Fleisse wandelte ich dazu
kleine Kästchen um, verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von
Draht oder Faden davor, je nach der Stärke des Tieres, welches dafür bestimmt
war. Der erste Insasse war eine Maus, welche mit eben der Umständlichkeit, mit
welcher ein Bär installiert wird, aus der Mausefalle in ihren Kerker
hinübergeleitet wurde. Dann folgte ein junges Kaninchen; einige Sperlinge, eine
Blindschleiche, eine grössere Schlange, mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und
Grösse, ein mächtiger Hirschkäfer mit vielen andern Käfern schmachteten bald in
den Behältern, welche ordentlich aufeinandergetürmt waren. Mehrere grosse Spinnen
versahn in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger für mich, da ich sie
entsetzlich fürchtete und nur mit grossem Umschweife gefangen hatte. Mit
schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen, bis eines Tages eine
Kreuzspinne aus ihrem Käfige brach und mir rasend über Hand und Kleid lief. Der
Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie, und ich
fütterte sie sehr regelmässig, führte auch andere Kinder herbei und erklärte
ihnen die Bestien mit grossem Patos. Ein junger Weih, welchen ich erwarb, war
der grosse Königsadler, die Eidechsen Krokodile, und die Schlangen wurden sorgsam
aus ihren Tüchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt. Dann sass
ich wieder stundenlang allein vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre
Bewegungen. Die Maus hatte sich längst durchgebissen und war verschwunden, die
Blindschleiche war längst zerbrochen, so wie die Schwänze sämtlicher Krokodile,
das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in
seinem Käfig, alle übrigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch, so
dass ich beschloss, sie sämtlich zu töten und zu begraben. Ich nahm ein dünnes
langes Eisen, machte es glühend und drang mit zitternder Hand damit durch die
Gitter und begann ein greuliches Blutbad anzurichten. Aber die Geschöpfe waren
mir alle lieb geworden, auch erschreckte mich das Zucken des zerstörten
Organismus, und ich musste innehalten. Ich eilte in den Hof hinunter, machte eine
Grube unter den Vogelbeerbäumchen, worin ich die ganze Sammlung, tote, halbtote
und lebende, in ihren Kasten kopfüber warf und eilig verscharrte. Meine Mutter
sagte, als sie es sah, ich hätte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen,
wo ich sie geholt hätte, vielleicht wären sie dort wieder gesund geworden. Ich
sah dies ein und bereute meine Tat; der Rasenplatz war aber lange eine
schauerliche Stätte für mich, und ich wagte nie jener kindlichen Neugierde zu
gehorchen, welche es immer antreibt, etwas Vergrabenes wieder auszugraben und
anzusehen.
    Bei Frau Margret tat sich mir die nächste Spielerei auf. In einer
verrückten, marktschreierischen Teosophie, welche ich unter ihren Büchern fand,
war eine Anweisung entalten, die vier Elemente zu veranschaulichen, nebst
andern kindischen Experimenten und den dazugehörigen Tafeln. Nach diesen
Vorschriften nahm ich eine grosse Phiole, füllte sie zum Vierteile mit Sand, zum
Vierteile mit Wasser, dann mit Öl, und das letzte Vierteil liess ich mit Luft
gefüllt. Die Materien sonderten sich nach ihrer Schwere auseinander und stellten
nun in dem geschlossenen Raume die vier Elemente vor: Erde, Wasser, Feuer (das
Brennöl!) und Luft. Ich schüttelte sie tüchtig durcheinander, daraus entstand
das Chaos, welches sich wieder aufs schönste abklärte, und ich sass sehr vergnügt
vor der höchst gelehrten Erscheinung.
    Dann nahm ich Bogen Papier und zeichnete darauf, nach den Angaben jenes
Buches, grosse Sphären mit Kreisen und Linien kreuz und quer, farbig begrenzt und
mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt. Die vier Weltgegenden, Zonen und
Pole, Himmelsräume, Elemente, Temperamente, Tugenden und Laster, Menschen und
Geister, Erde, Hölle, Zwischenreich, die sieben Himmel, alles war toll und doch
nach einer gewissen Ordnung durcheinandergeworfen und gab ein angestrengtes,
lohnendes Bemühen. Alle Sphären wurden mit entsprechenden Seelen bevölkert,
welche darin gedeihen konnten. Ich bezeichnete sie mit Sternen und diese mit
Namen; der glückseligste war mein Vater, zunächst dem Auge Gottes, noch
innerhalb des Dreieckes, und schien durch dieses allsehende Auge auf die Mutter
und mich herunterzuschauen, welche in den schönsten Gegenden der Erde
spazierten. Meine Widersacher aber schmachteten sämtlich in der Hölle, wo der
Böse mit einem ansehnlichen Schwanze begabt war. Je nach dem Verhalten der
Menschen veränderte ich ihre Stellungen, beförderte sie in reinere Gegenden oder
setzte sie zurück, wo Heulen und Zähnklappen war. Manchen liess ich prüfungsweise
im Unbestimmten schweben, sperrte auch wohl zwei, die sich im Leben nicht
ausstehen mochten, zusammen in eine abgelegene Region, indessen ich zwei andere,
die sich gern hatten, trennte, um sie nach vielen Prüfungen zusammenzubringen an
einem glückseligern Orte. Ich führte so ganz im geheimen eine genaue Übersicht
und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute, jung und alt.
    In der Teosophie war ferner anbefohlen, geschmolzenes Wachs in Wasser zu
giessen, um ich weiss nicht mehr was zu versinnbildlichen. Ich füllte mehrere
Arzneigläser mit Wasser und belustigte mich an den Bildungen, welche durch das
hineingegossene Wachs entstanden, verschloss die Gläser und vermehrte dadurch
meine gelehrte Sammlung. Dieses Gläserwesen sagte mir sehr zu, und ich fand
einen neuen Stoff dafür, als ich einst mit tiefem Grauen durch eine kleine
anatomische Sarmmlung lief, welche dem städtischen Krankenhause beigegeben war.
Einige Reihen von Embryonen und Föten in ihren Gläsern jedoch erwarben sich
meinen lebhaften Beifall und boten einen trefflichen Gegenstand für meine
Sammlung dar, indem ich dergleichen nachzubilden versuchte. In einem Schranke
verwahrte die Mutter die aufgeschichtete Leinwand ihrer Jugendzeit in rohen und
gebleichten Stücken, und daselbst lagen auch, verborgen und vergessen, mehrere
Scheiben reinlichen Wachses, die verjährten Zeugen einer einstigen fleissigen
Bienenzucht. Von diesen brach ich immer ansehnlichere Stücke los und formte nun
im kleinen solche grossköpfige wunderliche Burschen, wie ich sie gesehen, und
bestrebte mich, die Verschiedenheit ihrer phantastischen Bildung noch zu
vergrössern. Ich trieb Gläser auf, soviel ich konnte, von allen Formen und
Grössen, und richtete die Bildwerke darnach ein. In langen schmalen
Kölnischwasserflaschen, denen ich die Hälse abschlug, baumelten ebenso lange
schmächtige Gesellen an ihrem Faden, in kurzen dicken Salbengläsern hausten
knollenartige Gewächse. Statt mit Weingeist füllte ich die Gläser mit Wasser an
und gab jedem Bewohner derselben einen Namen, welcher meinem humoristischen
Interesse entsprach, das über der belustigenden Arbeit aus dem bloss gelehrten
entstanden war. Es waren schon einige dreissig Mitglieder dieses artigen Vereins
beisammen und das Wachs nahezu aufgebraucht, als ich meine Geschöpfe taufte mit
Namen wie Schnurper, Fark, Vogelmann, Säbelbein, Schneider, Schmerbauch,
Nabelhans, Wachsbeisser, Wächserich, Honigteufel und dergleichen, und ich empfand
ein dauerndes Vergnügen, indem ich zugleich für jeden eine kurze
Lebensbeschreibung verfasste, die sich in dem Berge zugetragen hatte, aus welchem
nach unserm Ammenmärchen die kleinen Kinder geholt werden. Ich verfertigte auch
eigene Sphärentafeln für sie, worauf jeder verzeichnet war mit seiner
tugendlichen oder schlimmen Aufführung, und wenn einer mein Missfallen erregte,
so wurde er so gut an einen schlechtern Ort gebracht als die lebendigen Leute.
Ich trieb diese Dinge alle in einer abgelegenen Kammer, wo ich eines Abends in
der Dämmerung alle Gläser auf meinen Lieblingstisch stellte, ein altes braunes
Möbel mit etlichen Auszügen. Ich reihte die Gläser in einen grossen Kreis, die
vier Elemente in der Mitte, und breitete meine bunten Tabellen aus, beleuchtet
von einigen Wachsmännern, denen Dochte aus erhobenen Händen brannten, und
vertiefte mich nun in die Konstellationen auf den Karten, während ich die
betreffenden Schicksalsträger einzeln vortreten liess und musterte, den
Wächserich und den Hürlimann, den Meyer oder den Vogelmann. Von ungefähr stiess
ich an den Tisch, dass alle Gläser erzitterten und die Wachsmännchen schwankten
und zappelten. Dies gefiel mir, so dass ich anfing, nach dem Takte auf den Tisch
zu schlagen, wozu die Gesellen tanzten, ich schlug immer stärker und wilder und
sang dazu, bis die Gläser wie toll aneinanderschlugen und erklangen. Auf einmal
schneuzte es in einer Ecke, ein Paar feurige Augen funkelten hervor. Eine fremde
grosse Katze war in die Kammer gesperrt, hatte sich bisher ruhig verhalten und
wurde nun scheu. Ich wollte sie verscheuchen, da stellte sie sich drohend gegen
mich, sträubte die Haare und pustete gewaltig; ich machte in der Angst ein
Fenster auf und warf ein Glas nach ihr, sie sprang hinauf, konnte aber nicht
weiter gelangen und kehrte sich wieder gegen mich. Nun schleuderte ich einen
Wachsmann um den andern auf sie, sie schüttelte sich furchtbar und rüstete sich
zum Sprunge, und als ich zuletzt die vier Elemente ihr an den Kopf warf, fühlte
ich ihre Krallen an meinem Halse. Ich fiel am Tisch nieder, die Lichter löschten
aus, und ich schrie in der Dunkelheit, obgleich die Katze schon wieder weg war.
Meine Mutter trat herein, während dieselbe hinausschlüpfte, und fand mich halb
bewusstlos und blutend am Boden liegen mitten in den Glasscherben, Wasserbächen
und Kobolden. Sie hatte nie auf mein Treiben in der Kammer geachtet, zufrieden,
dass ich so still und vergnüglich war, und wusste sich nun meine ganze Geschichte
und verwirrte Erzählung um so weniger zu reimen. Inzwischen entdeckte sie die
gewaltige Abnahme ihres Wachses und betrachtete nun mit halbem Zorne und halber
Lachlust die Trümmer der untergegangenen Welt.
    Die Sache machte Aufsehen. Frau Margret liess sich erzählen und die bemalten
Bogen nebst übrigen Trümmern zeigen und fand alles höchst bedenklich. Sie
befürchtete, dass ich am Ende in ihren Büchern gefährliche Geheimnisse geschöpft
hätte, welche bei ihrem mangelhaften Lesen ihr selbst unzugänglich wären, und
verschloss die bedenklichsten Bücher mit höchst bedeutungsvollem Ernste. Jedoch
konnte sie sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren, da es sich zu
bestätigen schien, wie hinter diesen Sachen mehr stecke, als man geglaubt habe.
Sie war der festen Meinung, dass ich auf dem besten Wege gewesen sei, durch ihre
Bücher ein angehender Zaubermann zu werden.
    Über solchen Missgeschicken verleidete mir die einsame Beschäftigung im
Hause, und ich schloss mich nun einigen Knaben an, welche sich gut zu unterhalten
schienen, indem sie in einem grossen alten Fasse Komödie spielten. Sie hatten
einen Vorhang davorgezogen und liessen eine begünstigte Anzahl Kinder respektvoll
harren, bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet. Dann wurde das
Heiligtum geöffnet, einige Ritter in papiernen Rüstungen führten ein gedrängtes
Zwiegespräch tüchtiger Schimpfreden, um sich darauf schleunigst durchzubleuen
und unter dem Fallen des durchlöcherten Teppichs tot hinzustrecken. Ich wurde
bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem aus einen
bestimmtern Stoff in das Fass, indem ich kurze Handlungen aus der biblischen
Geschichte oder den Volksbüchern auszog und die vorkommenden Reden wörtlich
abschrieb und durch einige Wendungen verband. Ich fand auch, dass es wünschbar
wäre, wenn die Helden einen besondern Eingang hätten, um vorher ungesehen
auftreten zu können. Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesägt,
geschnitten und gekratzt, bis ein Wohlgewappneter bescheiden durchkriechen
konnte, was sehr possierlich aussah, wenn er mit seinen donnernden Reden begann,
ehe er sich völlig aufgerichtet hatte. Sodann wurden grüne Zweige geholt, um das
Innere des Fasses in einen Wald umzuwandeln; ich nagelte sie ringsherum fest und
liess nur oben das Spundloch frei, durch welches überirdische Stimmen
herniederzuschallen hatten. Ein Junge brachte eine ansehnliche Düte Teatermehl
und hiemit ein neues prächtiges Element in unsere Bestrebungen.
    Eines Tages wurde David und Goliat gegeben. Die Philister standen auf dem
Plane, führten sich heidnisch auf und traten vor das Fass hinaus in das
Proszenium. Dann krochen die Kinder Israel herein, lamentierten und waren
verzagt und traten auf die andere Seite des Einganges, als Goliat, ein grosser
Bengel, erschien und übermütige Possen machte zum grossen Gelächter beider Heere
und des Publikums, bis David, ein unterwachsener bissiger Junge, plötzlich dem
Unfug ein Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder, die er trefflich
führte, eine grosse Rosskastanie an die Stirne schleuderte. Darüber wurde dieser
wütend und hieb dem David ebenso derb auf den Kopf, und sogleich waren beide im
heftigsten Raufen ineinander verknäuelt. Die Zuschauer und die beiden Chöre
klatschten Beifall und nahmen Partei; ich selbst sass rittlings oben auf dem
Fasse, ein Lichtstümpfchen in der einen und eine tönerne Pfeife mit Kolophonium
in der andern Hand, und blies als Zeus Donnerer gewaltige, ununterbrochene
Blitze durch das Spundloch hinein, dass die Flammen durch das grüne Laub
züngelten und das Silberpapier auf Goliats Helm magisch erglänzte. Dann und
wann guckte ich schnell durch das Loch hinunter, um dann die tapfer Kämpfenden
ferner wieder mit Blitzen anzufeuern, und hatte kein Arges, als die Welt, welche
ich zu beherrschen wähnte, plötzlich auf ihrem Lager wankte, überschlug und mich
aus meinem Himmel schleuderte; denn Goliat hatte endlich den David überwunden
und mit Gewalt an die Wand geworfen. Es gab ein grosses Geschrei, der Eigentümer
des Fasses kam heran und schloss kraft höhern Machtspruches das rollende Haus,
nicht ohne Schelten und ausgeteilte Püffe, als er die willkürlichen
Veränderungen entdeckte, welche angebracht waren. Insbesondere missfiel ihm die
Art, wie wir ein umgekehrtes Fass des Regulus hergestellt hatten, indem eine
Anzahl Nägel mit den Spitzen nach aussen ragten, gleich den Borsten eines
Stachelschweines, und hingegen die Köpfe gemütlich nach innen streckten.
    Jedoch vermissten wir dies verbotene Paradies nicht allzusehr, da bald darauf
eine deutsche Schauspielergesellschaft in unsere Stadt kam, um mit
obrigkeitlicher Bewilligung vor den Bewohnern die Bretter, welche die Welt
bedeuten, in einem vollkommenern Masse aufzubauen, als bisher von Liebhabern und
Kindern geschehen war. Der wandernde Künstlerverein schlug seinen Sitz im
grössten Gastause der Stadt auf, wandelte den geräumigen Tanzsaal in ein Teater
um und füllte zugleich alle bescheideneren Zimmer und Räume mit seinem
häuslichen Leben. Nur der Direktor bewohnte vornehm ein glänzenderes Gemach.
    Überdies zog uns das belebte Haus nicht nur während der abendlichen
Vorstellungen an, sondern wir hatten auch während des Tages genug vor demselben
zu stehen und zu beobachten, teils um die bewunderten Helden und Königinnen in
ihrer verwegenen und anmutigen Tracht und Haltung aus- und eingehen zu sehen,
teils um keine Maschine, keinen Korb mit roten Mänteln und Degen, kein Requisit
aus den Augen zu verlieren, welches hineingetragen wurde. Vorzüglich hielten wir
uns auch vor einem offenen Hintergebäude auf, wo ein kühner Maler inmitten einer
Anzahl auf Kohlen stehender Töpfe, aufrechtstehend und die eine Hand in der
Hosentasche, mit einem unendlich verlängerten Pinsel Wunder auf das
ausgebreitete Papier warf. Ich erinnere mich deutlich des tiefen Eindruckes,
welchen die einfache und sichere Art auf mich machte, mit welcher er duftige und
durchsichtige weisse Vorhänge um die Fenster eines roten Zimmers zauberte; mit
den wenigen weissen, wohlangebrachten Strichen und Tupfen auf dem roten Grunde
ging ein erwärmendes Licht in meiner Seele auf, welche vor solchen Dingen, wenn
sie in der nächtlichen Beleuchtung vor mir standen, begriffslos gestaunt hatte.
Es entstand in mir die erste ahnende Einsicht in den Geist der Malerei; das
freie Auftragen von dichten deckenden Farben auf durchsichtige Unterlagen machte
mir vieles klar, und ich begann nachher der Grenze dieser zwei Gebiete
nachzuspüren, wo ich ein Gemälde zu sehen bekam, und meine Entdeckungen hoben
mich über den wehrlosen Wunderglauben hinaus, welcher es aufgibt, jemals
dergleichen selbst zu verstehen. Diese Befangenheit ist allgemein in den untern
Kreisen des Volkes, wo selten, vermöge der beschränkten Erziehung, ein früher
Einblick in das Technische der Künste vergönnt wird, sondern nur die fertigen
Früchte in ehrerbietiger Entfernung und unnahbarer Vollendung vor dem staunenden
Auge stehen.
    An den Abenden, wo gespielt wurde, waren wir vollzählig und unfehlbar auf
unserm Platze und schlichen wie die Katzen um das Gebäude herum. Da ich bei der
Sparsamkeit meiner Mutter keine Möglichkeit sah, auf legalem Wege in das Innere
des Kunsttempels zu gelangen, so befand ich mich doppelt wohl bei meinen
Genossen der Armenschule, welche ebenfalls darauf gewiesen waren, entweder durch
kleine Dienstleistungen oder durch verwegene Schlauheit durchzuschlüpfen. Es
gelang mir auch mehrere Male, mich mit klopfendem Herzen in den angefüllten Saal
zu schleichen, und überflog mit befriedigten Blicken die Dekorationen, wenn der
Vorhang aufging, dann die Kostüme und Trachten der Spieler, um endlich, nachdem
schon Erkleckliches gesprochen war, mich in das Studium der Fabel zu vertiefen.
Dieses machte mir am meisten Vergnügen bei den Opern, weil es dort am
schwierigsten war; bei den Schauspielen war es zu leicht und riss mich zu schnell
hin, indem es mir alle Objektivität sowie die gehörige Musse benahm, welche jene
durch die unverstandene Musik darboten. Ich war bald ein grosser Kenner und
disputierte reichlich, unter angenommener Kaltblütigkeit, mit meinen Freunden.
Dieser Zwiespalt, die angenommene kennerhafte Ruhe und das unausbleiblich
leidenschaftliche Hingeben auch an das verworfenste Stück fing an mich zu
ärgern, und ich sehnte mich auch sonst, mit einem Schlage hinter die Kulissen zu
kommen und das berückende Spiel und seine Spieler, wie ihre Mittel, in der Nähe
zu besehen; denn es bedünkte mich, dass es dort besser zu leben sein musse als
irgendwo in der Welt, leidenschaftslos und überlegen. Doch dachte ich nicht so
leicht an eine Erfüllung meines Wunsches, als ein günstiger Stern dieselbe
unverhofft darbrachte.
    Wir standen eines Abends ziemlich mutlos vor einer Seitentür, als eben der
Faust gegeben wurde. Wir hatten gehört, dass man den famosen Doktor Faust, den
wir genugsam kannten, nebst dem Teufel und allen seinen Herrlichkeiten sehen
würde, fanden aber heute alle Hindernisse unübersteiglich, welche auf unsern
gewohnten Schlupfwegen sich entgegenstellten. So hörten wir betrübt die Klänge
der Ouvertüre, welche von den vornehmen Liebhabern der Stadt aufgeführt wurde,
und zerbrachen die Köpfe über einem noch möglichen Eindringen. Es war ein
dunkler Herbstabend und regnete kühl und anhaltend. Es fror mich, und ich dachte
ans Nachhausegehen, zumal sich die Mutter über das abendliche Umhertreiben
beklagt hatte, als die dunkle Tür sich öffnete, ein dienstbarer Geist
heraussprang und rief: »Heda, ihr Buben! Drei oder vier von euch mögen
hereinkommen, die sollen einmal mitspielen!« Auf dieses Zauberwort drängten sich
sogleich die Stärksten in das Haus; denn dies war ein Fall, wo ein jeder nur an
sich selbst denken durfte. Er wies sie aber zurück, indem er sie für zu gross und
dick erklärte und mich, der ich ohne sonderliche Hoffnungen im Hintergrunde
stand, heranrief und sagte: »Der da ist recht, der wird eine gute Meerkatze
sein!« Dazu ergriff er noch zwei andere, schmächtig gewachsene Jungen, schloss
die Tür hinter uns und marschierte an unserer Spitze nach einem kleinen Saale,
welcher als Garderobe diente. Dort hatten wir nicht Zeit, die aufgehäuften
Gewänder, Waffen und Rüstungen zu betrachten; denn wir wurden schnell unserer
Kleider entledigt und in abenteuerliche Pelze gesteckt, welche vom Kopf bis zum
Fusse eine Hülle bildeten.
    Das Meerkatzengesicht konnte wie eine Kapuze zurückgeschlagen werden, und
als wir solchergestalt verwandelt dastanden, die langen Schwänze in der Hand
haltend, lächelten wir ganz vergnügt und beglückwünschten uns nun erst zu unserm
unverhofften Glücke. Nun wurden wir auf die Bühne geführt, wo wir von zwei
grossen Meerkatzen lustig begrüsst und in aller Eile für unsere bevorstehende
Aufgabe unterrichtet wurden. Wir begriffen dieselbe bald und leisteten eine
gelungene Probe verschiedener Purzelbäume und Affensprünge, spielten auch
zierlich mit einer Kugel, so dass wir bis zu unserm Auftreten entlassen wurden.
Wir spazierten gravitätisch unter dem Gedränge herum, das sich auf dem schmalen
Raume zwischen den vier wirklichen und den gemalten Wänden schob und mischte;
ich schaute unverwandt bald auf die Bühne, bald hinter die Kulissen und
beobachtete mit hoher Freude, wie aus dem unkenntlichen, unterdrückt lärmenden
und streitenden Chaos sich still und un merklich geordnete Bilder und Handlungen
ausschieden und auf dem freien, hellen Raume erschienen wie in einer jenseitigen
Welt, um wieder ebenso unbegreiflich in das dunkle Gebiet zurückzutauchen. Die
Schauspieler lachten, scherzten, koseten und zankten, hier und da ging einer
plötzlich von seiner Gruppe weg und stand in einem Augenblicke einsam und
feierlich mitten auf dem Zauberbanne und machte ein so frommes Gesicht gegen die
mir unsichtbare Zuschauerwelt hinaus, als ob er vor den versammelten Göttern
stände. Ehe ich mich dessen versah, war er wieder mit einem Sprunge unter uns
und setzte die unterbrochenen Schimpf- oder Schmeichelreden fort, indessen schon
irgendein anderer sich ausgeschieden hatte, um es ebenso zu machen. Die Menschen
führten ein doppeltes Leben, wovon das eine ein Traum sein mochte; aber ich
wurde nicht klug daraus, welches davon der Traum und welches für sie die
Wirklichkeit war. Lust und Leid schien mir in beiden Teilen gleich gemischt
vorhanden zu sein; doch im innern Raume der Bühne, wenn der Vorhang geöffnet
war, schien Vernunft und Würde und ein heller Tag zu herrschen und somit das
wirkliche Leben zu bilden, während, sobald der Vorhang sank, mit ihm alles in
trübe, traumhafte Verwirrung zu sinken schien. Auch dünkte es mich, dass
diejenigen, welche sich in diesem wüsten Traume am heftigsten und
leidenschaftlichsten gebärdeten, dort in dem bessern Stück Leben, wenn die Sonne
des Kronleuchters hereinschien, die edelsten und ausdruckvollsten Gestalten
waren; diejenigen aber, welche in der Nähe ruhig, kalt und friedfertig
herumstanden, in jenem Glanze eine ziemlich traurige Rolle spielten. Der Text
des Stückes war die Musik, welche das Leben in Schwung brachte. Sobald sie
schwieg, stand der Tanz still, wie eine abgelaufene Uhr. Die Verse des Faust,
welche jeden Deutschen, sobald er einen davon hört, elektrisieren, diese
wunderbar gelungene und gesättigte Sprache klang fortwährend wie eine edle
Musik, mache mich froh und setzte mich mit in Schwung, obgleich ich nicht viel
mehr davon verstand als mancher Professor, der zum zwölften Male über Faust
liest.
    Indessen fühlte ich mich plötzlich beim Schwanze gefasst und rücklings in die
Hexenküche gezogen, wo bereits sämtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und
Gefunkel unzähliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte. Ich
hatte bisher über meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der
Hexenküche übersehen und daher vieles nachzuholen; denn die phantastischen Dinge
um mich her, die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben
Mephistos, der Hexe und der andern Meerkatzen. Als ob ich nicht selbst eine
Meerkatze wäre und meine Aufgabe zu erfüllen hätte, vergass ich ganz die
eingelernten Sprünge und Possen und sah ruhig und selbstvergessen den anderen
zu. Nun schaute Faust voll Entzücken in den Zauberspiegel, und es nahm mich
höchlich wunder, was es dort zu sehen gebe? Indem ich in der gleichen Richtung
nachahmend hinsah, gingen meine Blicke dem leeren, gemalten Spiegel vorbei
hinter die Kulisse und entdeckten dort in der Wirrnis des jenseitigen Lebens das
Bild, welches Faust zu sehen vorgab. Gretchen war unterdessen auf die Bühne
gekommen und legte sich, einige tiefbewegte Worte nach rückwärts rufend, eben
die letzte Schminke auf, nachdem sie sich Augen und Wangen mit einem weissen
Tuche sorglich und fest getrocknet hatte, als ob sie geweint hätte. Es war eine
sehr schöne Frau, von welcher ich kein Auge mehr abwandte, ungeachtet der
heimlichen Püffe und Schelten, welche ich von meinen fleissigen Mitmeerkatzen
erhielt. So verlangte ich, der ich mich vorher nach dieser höheren Sphäre
gesehnt hatte, nun nichts weiter, als dortin zurückzukehren, wo die volle
schöne Frauengestalt wandelte.
    Die Zeit unseres Wirkens ging endlich vorüber, und ich machte meinen ersten
und einzigen guten Sprung, als ich leidenschaftlich vom Schauplatze abtrat oder
sprang und mich möglichst in die Nähe des gesehenen Bildes zu bringen suchte.
Aber in demselben Augenblicke befand sie sich ihrerseits einsam in der Handlung,
und ich konnte sie nur wieder von ferne sehen.
    Sie schien irgendeinen tiefen Verdruss in sich zu tragen, und daher war ihr
Spiel halb aus Anmut und halb aus sichtbarem Zorne gemischt. Diese Mischung
brachte zwar kein gutes Gretchen hervor, aber sie verlieh der Spielerin einen
eigentümlichen Reiz, ich nahm Partei für sie gegen ihre unbekannten Feinde und
dachte mir sogleich den Roman aus, in welchen sie etwa verwickelt sein möchte.
Doch löste sich dieses flüchtige Gespinste bald auf und verschmolz sich mit der
dargestellten Dichtung, als Gretchens Schicksal tragisch wurde. Als sie im
Kerker auf dem Stroh lag und nachher irreredete, spielte sie so meisterhaft, dass
ich furchtbar erschüttert ward und doch in durstig heisser Aufregung das Bild des
im grenzenlosesten Unglücke versunkenen Weibes in mich hineintrank; denn ich
hielt das Unglück für wirklich und war ebenso erstaunt als gesättigt durch die
Szene, welche an Stärke alles übertraf, was ich bisher gesehen, gehört oder
selbst kombiniert hatte.
    Der Vorhang war gefallen, und alles lief auf dem Teater bunt durcheinander,
während ich einigen Papieren nachschlich, welche ich in den Händen des Direktors
und der Künstler gesehen hatte und in einem Winkel hinter einer gemalten Mauer
fand. Ich war begierig, Einsicht zu nehmen von dem Geschriebenen, welches so
grosse Wirkung hervorgebracht; daher war ich bald in das Lesen der Rollen
versenkt. Aber obgleich ich die körperlichen Erscheinungen gefasst und empfunden
hatte, so waren doch nun die geschriebenen Worte, als die Zeichensprache eines
gereiften und grossen männlichen Geistes, dem unwissenden Kinde vollkommen
unverständlich; der kleine Eindringling fand sich bescheidentlich wieder vor die
verschlossene Türe einer höheren Welt gestellt, und ich schlief über meinen
Forschungen schnell und fest ein.
    Als ich wieder erwachte, war das Teater leer und still, die Lampen
ausgelöscht, und der Vollmond goss sein Licht zwischen den Kulissen über die
seltsame Unordnung herein. Ich wusste nicht, wie mir geschah noch wo ich mich
befand; doch als ich meine Lage erkannte, ward ich voll Furcht und suchte einen
Ausgang, fand aber die Türen verschlossen, durch welche ich hereingekommen war.
Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem, alle Seltsamkeiten
dieser Räume zu untersuchen. Ich betastete die raschelnden, papiernen
Herrlichkeiten und legte das Mäntelchen und den Degen des Mephistopheles, welche
auf einem Stuhle lagen, über meinen Meerkatzenhabit um. So spazierte ich in dem
hellen Mondscheine auf und nieder, zog den Degen und fing an zu gestikulieren.
Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges, und es gelang mir, denselben
aufzuziehen. Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir, wie ein
erblindetes Auge; ich stieg in das Orchester hinab, wo die Instrumente
umherlagen und nur die Violinen sorgfältig in Kästchen verschlossen waren. Auf
den Pauken lagen die schlanken Hämmer, welche ich ergriff und zagend gegen das
Fell schlug, dass es einen dumpf grollenden Ton gab. Jetzt wurde ich kühner und
schlug stärker, bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren,
mitternächtlichen Saal hallte. Ich liess den Donner anschwellen und wieder
abnehmen, und wenn er verklang, so dünkten mich die unheimlichen Pausen noch
schöner als das Geräusch selbst. Endlich erschrak ich über meinem Tun, warf die
Schlegel hin und getraute mir kaum, über die Bänke des Parterre hinwegzusteigen
und mich zuhinterst an der Wand hinzusetzen. Ich war kalt und wünschte zu Hause
zu sein, auch ward es mir bange in meiner Einsamkeit. Die Fenster in diesem
Teile des Saales waren dicht verschlossen, so dass nur die Bühne, welche immer
noch den Kerker vorstellte, durch das Mondlicht magisch beleuchtet war. Im
Hintergrunde stand das Pförtchen noch offen, hinter welchem Gretchen gelegen
hatte, ein bleicher Strahl fiel auf das Strohlager, ich dachte an das schöne
Gretchen, welches nun hingerichtet sein werde, und der stille mondhelle Kerker
kam mir zauberhafter und heiliger vor als dem Faust einst Gretchens Kammer. Ich
stützte meinen Kopf auf beide Hände und sah mit sehnenden Blicken hinüber,
besonders in die vom Lichte halb bestreifte Vertiefung, wo das Stroh lag. Da
regte es sich im Dunkel, atemlos sah ich hin, und jetzt stand eine weisse Gestalt
in jenem Winkel; es war Gretchen, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Mich
schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe, meine Zähne schlugen zusammen, während
doch ein mächtiges Gefühl glücklicher Überraschung mich durchzuckte und
erwärmte. Ja, es war Gretchen, es war ihr Geist, obgleich ich in der Entfernung
ihre Züge nicht unterscheiden konnte, was die Erscheinung noch geisterhafter
machte. Sie schien mit dunklen Blicken in dem Raume umherzusuchen, ich richtete
mich empor, es zog mich vorwärts, wie mit gewaltigen, unsichtbaren Händen, und
während mein Herz hörbar klopfte, schritt ich über die Bänke gegen das
Proszenium hin, jeden Schritt einen Augenblick anhaltend. Die Pelzumhüllung
machte meine Füsse unhörbar, so dass mich die Gestalt nicht bemerkte, bis ich, an
dem Souffleurkasten hinaufklimmend, in meiner befremdlichen Tracht vom ersten
Mondstrahle bestreift wurde. Ich sah, wie sie entsetzt ihr glühendes Auge auf
mich richtete und, doch lautlos, zusammenfuhr. Einen leisen Schritt trat ich
näher und hielt wieder ein; meine Augen waren weit geöffnet, ich hielt die Hände
zitternd erhoben, indes ich, von einem frohen Feuer des Mutes durchströmt, auf
das Phantom losging. Da rief es mit gebieterischer Stimme: »Halt! kleines Ding!
was bist du?« und streckte drohend den Arm gegen mich, aus, dass ich fest auf der
Stelle gebannt blieb. Wir sahen uns unverwandt an; ich erkannte jetzt ihre Züge
wohl, sie hatte ein weisses Nachtkleid umgeschlagen, Hals und Schultern waren
entblösst und gaben einen milden Schein, wie nächtlicher Schnee. Ich witterte
alsogleich das warme Leben, und der abenteuerliche Mut, den ich dem Gespenste
gegenüber empfunden hatte, verwandelte sich in die natürliche Blödigkeit vor dem
lebendigen Weibe. Sie hingegen war immer noch zweifelhaft über meine dämonische
Erscheinung, und sie rief daher noch einmal: »Wer seid Ihr, kleiner Bursch?«
Kleinlaut antwortete ich: »Ich heisse Heinrich Lee und bin eine von den
Meerkatzen; man hat mich hier eingeschlossen!«
    Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurück, fasste mein Gesicht
zwischen ihre Hände und rief, indem sie laut lachte: »Herr Gott! das ist die
aufmerksame Meerkatze! Ei, du kleiner Schalk! bist du es, der den Lärm gemacht
hat, als ob ein Gewitter im Hause wäre?« - »Ja!« sagte ich, indem meine Augen
fortwährend auf dem weissen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten
Male wieder so andächtig erfreut war wie einst, wenn ich in das glänzende Feld
des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete
ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süssen
Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und
ernstaft an, dann sprach sie: »Mich dünkt, du bist ein feiner Junge; doch wenn
du einst gross sein wirst, so wirst du ein Lümmel sein, wie alle!« Und hiemit
schloss sie mich an sich und küsste mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur
dadurch leise bewegt wurde, dass ich heimlich, von ihren Küssen unterbrochen, ein
herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer.
    Hierauf sagte sie: »Es ist nun am besten, du bleibest bei mir, bis es Tag
ist; denn Mitternacht ist längst vorüber!« und sie nahm mich bei der Hand und
führte mich durch mehrere Türen in ihr Zimmer, wo sie vorher schon geschlafen
hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am
Fussende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hüllte sie
sich dicht in einen sammetnen Königsmantel, legte sich der Länge nach auf das
Bett und stützte ihre leichten Füsse gegen meine Brust, dass mein Herz ganz
vergnüglich unter denselben klopfte. Somit entschliefen wir und glichen in
unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern, auf welchen ein steinerner
Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füssen. Nur lag hier anstatt
des starren Ritters ein lebendiges, leicht atmendes Weib und an der Stelle des
Hundes ein Knabe, dem in Kopf und Herz das frühe Leben zu rumoren begann.
 
                                 Achtes Kapitel
Infolge der Angst, welche die Mutter über mein nächtliches Wegbleiben empfunden
hatte, war mir das abendliche Umher treiben und der Besuch des Teaters
strengstens untersagt worden; auch am Tage wurde ich sorgfältiger beaufsichtigt
und in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschränkt, welchen man
fälschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb. So
hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen, ohne dass ich jene Frau, der
mein Herz nun ganz gehörte, wiedergesehen, ausgenommen einmal von ferne, wo sie
mich zu sich winkte, ich aber scheu vor ihr floh, um mich in den stillen Räumen
unserer Wohnung um so leidenschaftlicher mit ihrem Bilde zu beschäftigen. Als
ich hörte, dass die Gesellschaft fortgereist sei, bemächtigte sich meiner eine
tiefe Traurigkeit, welche längere Zeit anhielt. Je unbekannter mir die Gegend
war, wo sie hingezogen sein mochte, desto mehr war mir alles Land, welches
jenseits der Berge lag, ein Land unbestimmter Wünsche und dunklen Verlangens,
und diesen Zug empfinde ich seiter immer, wenn jemand, den ich gern habe, die
Gegend verlässt, wo ich lebe.
    Um diese Zeit schloss ich mich enger an einen Knaben, dessen erwachsene,
lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten.
Verlorengegangene Bände aus Leihbiblioteken, niedriger Abfall aus vornehmen
Häusern oder von Trödlern um wenige Pfennige erstanden, lagen in der Wohnung
dieser Leute auf Gesimsen, Bänken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man
nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter, und wer
sonst noch da war, in die Lektüre dieser schmutzig aussehenden Bücher vertieft
finden. Die Alten waren törichte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu
törichten Gesprächen suchten; die Jungen hingegen erhitzen ihre gemeine
Phantasie an den gemeinen unpoetischen Machwerken, oder vielmehr sie suchten
hier die bessere Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane
zerfielen hauptsächlich in zwei Arten. Die eine entielt den Ausdruck der üblen
Sitten des vorigen Jahrhunderts in jämmerlichen Briefwechseln und
Verführungsgeschichten, die andere bestand aus derben Ritterromanen. Die Mädchen
hielten sich mit grossem Interesse an die erste Art und liessen sich dazu von
ihren teilnehmenden Liebhabern sattsam küssen und liebkosen; uns Knaben waren
aber diese prosaischen und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen
Sinnlichkeit glücklicherweise noch ungeniessbar, und wir begnügten uns damit,
irgendeine Rittergeschichte zu ergreifen und uns mit derselben zurückzuziehen.
Die unzweideutige Genugtuung, welche in diesen groben Dichtungen waltete, war
meinen angeregten Gefühlen wohltätig und gab ihnen Gestalt und Namen. Wir wussten
die schönsten Geschichten bald auswendig und spielten sie, wo wir gingen und
standen, mit immer neuer Lust ab, auf Estrichen und Höfen, in Wald und Berg, und
ergänzten das Personal vorweg aus willfährigen Jungen, die in der Eile
abgerichtet wurden. Aus diesen Spielen gingen nach und nach selbsterfundene,
fortlaufende Geschichten und Abenteuer hervor, welche zuletzt dahin ausarteten,
dass jeder seine grosse Herzens- und Rittergeschichte besass, deren Verlauf er den
andern mit allem Ernste berichtete, so dass wir uns in ein ungeheures Lügennetz
verwoben und verstrickt sahen; denn wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse
gegenseitig einander so vor, als ob wir unbedingten Glauben forderten, und
gewährten uns denselben auch, in eigennütziger Absicht, scheinbar. Mir ward
diese trügliche Wahrhaftigkeit leicht, weil der Hauptgegenstand unserer
Geschichten beiderseits immer eine glänzende und ausgezeichnete Dame unserer
Stadt war und ich diejenige, welche ich für meine Lügen auserwählt, bald mit
meiner wirklichen Neigung und Verehrung bekleidete. Daneben hatten wir mächtige
Feinde und Nebenbuhler, als welche wir angesehene, ritterliche Offiziere
bezeichneten, die wir oft zu Pferde sitzen sahen. Verborgene Reichtümer waren in
unserer Gewalt, und wir bauten aus denselben wunderbare Schlösser an entlegenen
Punkten, welche wir mit wichtiger Geschäftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben.
Jedoch beschäftigte sich die Einbildungskraft meines Genossen überdies mit
allerhand Kniffen und Ränken und war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein
gerichtet, in welcher Beziehung er die sonderbarsten Dinge erfand, während ich
alle Erfindungsgabe auf meine erwählte Geliebte verwandte und seine kleinlichen
und mühsamen Geldverhältnisse, welche er unablässig zusammenträumte, mit einer
kolossalen Lüge von einem gehobenen unermesslichen Schatze überbot und kurz
abfertigte. Dieses mochte ihn ärgern, und während ich, zufrieden in meiner
ersonnenen Welt, mich wenig um die Wahrheit seiner Prahlereien bekümmerte, fing
er an, mich mit Zweifeln an der Wahrheit der meinigen zu quälen und auf Beweise
zu dringen. Als ich einst flüchtig von einer mit Gold und Silber gefüllten Kiste
erzählte, welche ich in unserm Kellergewölbe stehen hätte, drang er auf das
heftigste darauf, dieselbe zu sehen. Ich gab ihm eine Stunde an, zu welcher dies
möglich wäre, und er fand sich pünktlich ein und versetzte mich in eine
Verlegenheit, an welche ich im mindesten bisher noch nie gedacht hatte. Aber
schnell hiess ich ihn eine Weile warten vor dem Hause und eilte in die Stube
zurück, wo in dem Sekretär meiner Mutter ein altertümliches hölzernes Kästchen
stand, welches einen kleinen Schatz an alten und neuen Silbermünzen und einige
Dukaten entielt. Dieser Schatz umfasste einesteils die Patengeschenke aus der
Kinderzeit meiner Mutter, andersteils meine eigenen und war sämtlich mein
erklärtes Eigentum. Die Hauptzierde aber war eine mächtige goldene Schaumünze
von der Grösse eines Talers und bedeutendem Werte, welche Frau Margret in einer
guten Stunde mir geschenkt und der Mutter zum sichern Verwahrsam eingehändigt
hatte zum treuen Angedenken, wenn ich einst erwachsen, sie hingegen nicht mehr
sein werde. Ich durfte das Kästchen hervornehmen und den glänzenden Schatz
beschauen, sooft ich wollte, auch hatte ich denselben schon in allen Gegenden
des Hauses herumgetragen. Ich nahm ihn also jetzt und trug ihn in das Gewölbe
hinunter und legte das Kästchen in eine Kiste, welche mit Stroh gefüllt war.
Dann hiess ich den Zweifler mit geheimnisvoller Gebärde hereinkommen, lüftete den
Deckel der Kiste ein wenig und zog das Kästchen hervor. Als ich es öffnete,
blinkten ihm die blanken Silberstücke gar hell entgegen, als ich aber die
Dukaten und zuletzt die grosse Münze hervornahm, dass sie im Zwielichte seltsam
funkelte und der alte Schweizer mit dem Banner, der darauf geprägt war, sowie
der Kranz von Wappenschilden zutage traten, da machte er grosse Augen und wollte
mit allen fünf Fingern in das Kästchen fahren. Ich schlug es aber zu, legte es
wieder in die Kiste und sagte: »Siehst du, solcher Dinge ist die Kiste voll!«
Damit schob ich ihn aus dem Keller und zog den Schüssel ab. Er war nun für
einmal geschlagen, denn obgleich er von der Unwirklichkeit unserer Märchen
überzeugt war, so gestattete ihm doch der bisher festgehaltene Ton unseres
Verkehrs nicht, weiterzudringen, da es auch hier die rücksichtsvolle Höflichkeit
des Lebens erforderte, den mit guter Manier vorgetragenen blauen Dunst bestehen
zu lassen. Vielmehr gab meinem Freunde diese vorläufige Toleranz Gelegenheit,
mich zu weiteren Lügen zu reizen und auf immer bedenklichere Proben zu stellen.
    Wir trafen bald darauf, als es gerade Messzeit war, am Seeufer zusammen, vor
den Krambuden flanierend, welche dort in langen Reihen aufgeschlagen waren, und
begrüssten uns wie Macbets Hexen mit: »Was hast du geschafft?« Wir standen vor
dem Magazine eines Italieners, welcher neben südlichen Esswaren auch glänzende
Bijouterien und Spielereien feilbot. Feigen, Mandeln und Datteln, Kisten voll
reinlich weisser Makkaroni, besonders aber Berge ungeheurer Salamiwürste reizten
den Sinn meines Gesellen zu kühnen Phantasien, indessen ich zierliche
Frauenkämme, Ölfläschchen und Schalen voll schwarzer Räucherkerzchen betrachtete
und ungefähr dachte, wo diese Dinge gebraucht würden, da wäre es gut sein. »Ich
habe soeben«, begann mein Lügengefährte, »solch eine Salamiwurst gekauft, zur
Probe, ob ich für mein nächstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll. Ich
habe sie angebissen, fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See
hinaus; die Wurst muss noch dort schwimmen, ich sah sie den Augenblick noch.« Wir
blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus, wo zwischen den
Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb, aber keine
Salami zu sehen war. »Ei, es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben!« sagte
ich gutmütig, und er gab diese Möglichkeit zu und fragte mich, ob ich nicht auch
Einkäufe machen wolle? »Freilich«, erwiderte ich, »ich möchte wohl diese Kette
haben für meine Geliebte!« und wies auf eine unechte, aber schön vergoldete
Halskette. Jetzt liess er mich nicht mehr los, sondern umwickelte mich mit einem
moralischen Zwangsnetze, indem ihm die Neugierde, ob ich wirklich über meinen
geheimnisvollen Schatz zu verfügen hätte, die Worte dazu lieh. So hatte ich
keinen andern Ausweg, als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparkästchen
zu schaffen zu machen. Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon, einige
glänzende Silberstücke in der festverschlossenen Hand, mit klopfender Brust dem
Markte zu, wo mein lauernder Dämon mich empfing. Wir handelten um die Kette oder
gaben vielmehr, was der Italiener forderte, ich wählte noch ein Armband von
Achatschildern und einen Ring mit einer roten Glaspaste; der Kaufmann besah mich
und die schönen Gulden mit wunderlichen Blicken, steckte sie aber
nichtsdestoweniger ein; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause
fortgedrängt, wo meine Dame wohnte. Auf einem abgelegenen Platze standen etwa
sechs Patrizierhäuser, deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Höhe
früherer Vornehmheit erhielten. Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes
Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend, welche still und einsam in ihrer
Reinlichkeit ruhte; das Pflaster war weisser und besser als in anderen
Stadtteilen, und kostbare eiserne Gartengeländer begrenzten dasselbe. In dem
grössten und vornehmsten dieser Paläste wohnte der Gegenstand meiner Lügen, eine
jener jungen, anmutigen Damen, welche, schön und elegant gewachsen, mit rosiger
Gesichtsfarbe, grossen, lachenden Augen und freundlichen Lippen, mit reichen
Locken, wehenden Schleiern und seidenen Gewändern die Unerfahrenheit berücken
und selbst gefurchte Stirnen aufheitern, solange sie durch Unschuld
liebenswürdig sind. Wir standen schon vor dem prächtigen Portale, und mein
Begleiter schloss seine Überredungen, dass ich jetzt oder nie meiner Gebieterin
die Geschenke überbringen müsste, endlich dadurch, dass er frech den goldenen
Griff der Hausglocke packte und anzog. Aber trotz seiner Frechheit, würde ein
Aristokrat sagen, reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus, ein
kräftiges Geklingel hervorzubringen; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton,
welcher im Innern des grossen Hauses verhallte. Nach einigen Sekunden ruckte der
eine Torflügel um ein Unmerkliches, und mein Begleiter schob mich hinein, was
ich, aus Furcht vor allem Geräusche, willenlos geschehen liess. Da stand ich in
unsäglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe, welche sich oben
zwischen geräumigen Galerien verlor. Ich hielt Armband und Ring in die Hand
gepresst, und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor; in der Höhe
ertönten Tritte, welche von allen Seiten widerhallten, und jemand rief herunter,
wer da sei? Doch hielt ich mich still, man konnte mich nicht sehen und ging
wieder, Türen hinter sich zuschlagend. Nun stieg ich langsam die Treppe hinan,
mich vorsichtig umsehend; an allen Wänden hingen grosse Ölgemälde, entweder
wunderliche Landschaften oder Ahnenbilder entaltend; die Decken waren in
weisser, reicher Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen, und in
abgemessenen Entfernungen standen hohe dunkelbraune Türen von Nussbaumholz,
eingefasst von Säulen und Giebeln von der gleichen Art, alles glänzend poliert.
Jeder meiner Schritte erweckte Geräusch in den Wölbungen, ich wagte kaum zu
gehen und dachte doch nicht daran, was ich sagen wollte, wenn ich überrascht
würde. Vor jeder Tür lag eine Strohmatte, aber vor einer allein lag eine
besonders reich und zierlich geflochtene von farbigem Stroh; daneben stand ein
altes, vergoldetes Tischchen und auf diesem ein Arbeitskörbchen mit Strickzeug,
einigen Äpfeln und einem hübschen, silbernen Messerchen zuäusserst am Rande, als
ob es soeben hingestellt wäre. Ich vermutete, dass hier der Aufentalt der Dame
sei, und im Augenblicke nur an sie denkend, legte ich meine Kleinodien mitten
auf die Matte, nur den Ring zuunterst in das Körbchen auf einen feinen
Handschuh. Dann aber eilte ich trepphinunter aus dem Hause, wo ich meinen
Quälgeist ungeduldig meiner wartend fand. »Hast du es getan?« rief er mir
entgegen. »Ja freilich«, erwiderte ich mit leichterem Herzen. »Das ist nicht
wahr«, sagte er wieder, »sie sitzt ja die ganze Zeit an jenem Fenster dort und
hat sich nicht gerührt.« Wirklich war die schöne Frau hinter dem glänzenden
Fenster sichtbar und gerade in der Gegend des Hauses, wo jene Zimmertür sein
mochte. Ich erschrak heftig, sagte aber »Ich schwöre dir, ich habe die Kette und
das Armband zu ihren Füssen gelegt und den Rind an ihren Finger gesteckt!« - »Bei
Gott?« - »Ja, bei Gott!« rief ich. »Nun musst du ihr aber noch eine Kusshand
zuwerfen, und wenn du es nicht tust, so hast du falsch geschworen; sieh, sie
schaut gerade herunter!« Wirklich ruhten ihre glänzenden frohen Augen auf uns;
aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer; denn lieber hätte ich dem
Teufel selbst ins Gesicht gespieen, als diese Zumutung erfüllt. Durch meinen
jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme geraten, es war kein
Ausweg. Rasch küsste ich meine Hand und bewegte sie gegen das Fenster hinauf. Das
Mädchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun ganz unbändig, indem es
freundlich herunternickte; doch ich lief, so schnell ich konnte, davon. Das Mass
war gefüllt, und als mein Gefährte mich in der nächsten Strasse wieder erreichte,
trat ich bleich vor ihn hin und sagte: »Wie ist's eigentlich mit deiner
Salamiwurst? meinst du, dieselbe sei hinreichend, dergleichen Sachen, wie ich
bestehe, das Gegengewicht zu halten?« Damit warf ich ihn unversehens nieder und
schlug ihn mit der Faust ins Gesicht, bis mich ein Mann weghob und rief: »Die
Teufelsjungen müssen sich doch immer raufen!«
    Das war das allererste Mal in meinem Leben, dass ich einen Schul- und
Jugendgenossen schlug; ich konnte denselben nicht mehr ansehen, und zugleich war
ich vom Lügen für einmal gründlich geheilt.
    In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten
Büchern und die Torheit immer grösser. Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu,
wie die armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wesen
hineingerieten, Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem
heimgeführt wurden, so dass sie mitten in der übelriechenden Bibliotek
sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder, welche mit den zerlesenen Büchern
spielten und dieselben zerrissen. Die Lesewut wuchs nichtsdestominder
fortwährend, weil sie nun Zank, Not und Sorge vergessen liess, so dass man in der
Behausung nichts sah als Bücher, aufgehängte Windeln und die vielfältigen
Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter, als gemalte Blumenkränze
mit Sprüchen, Stammbücher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel,
künstliche Ostereier, in welchen ein kleiner Amor verborgen lag, und
dergleichen. Alles in allem genommen will es mir scheinen, dass auch dieses Elend
sowohl wie das entgegengesetzte Extrem, die religiöse Sektiererei und das
fanatische Bibelauslegen armer Leute, wie ich es im Hause der Frau Margret fand,
nur die verwischte Spur eines edlern Herzensbedürfnisses und das heisse Suchen
nach einer schöneren Wirklichkeit sei.
    Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich, als er grösser wurde, die vielgeübte
Phantasie auf andere, nicht minder bedenkliche Weise geltend. Er wurde sehr
genusssüchtig, lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger
Spieler und war bei allen öffentlichen Vergnügen zu sehen. Dazu brauchte er viel
Geld, und um sich dieses zu verschaffen, verfiel er auf die sonderbarsten
Erfindungen, Lügen und Ränke, welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren
Romantik waren. Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor,
vielmehr sah er sich bald darauf Verwiesen, zuzugreifen, wo er konnte. Denn er
gehörte zu jenen Menschen, welche nicht gesonnen sind, sich in ihren Begierden
im mindesten zu beschränken, und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten
mit List oder Gewalt das entreissen, was er gutwillig nicht lassen will. Diese
niedere Gesinnung ist gleichmässig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener
Erscheinungen. Sie beseelt den ungeliebten Herrscher, welcher, in seinem Dasein
jedem Kinde im Lande ein Überdruss, doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht
zu stolz ist, sich vom Herzblute des verachteten und gehassten Volkes zu nähren;
sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten, welcher, nachdem er
einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat, sich nicht
sogleich bescheidet und in den edlen Schmerz der Entsagung hüllt, sondern mit
gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert; wie in allen diesen
Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrügers und Diebes
jeglicher Art, gross und klein, überall ist sie ein unverschämtes Zugreifen, zu
welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine Zuflucht nahm. Ich hatte ihn im
Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren, während er schon mehrere Male im
Gefängnisse gesessen hatte, und dachte vor ungefähr einem Jahre an nichts
weniger als an ihn, da ich einen verkommenen Menschen durch die Häscher dem
Zuchtause zuführen sah. In demselben ist er seiter gestorben.
    Ich war nun zwölf Jahre alt, so dass meine Mutter auf meine weitere
Schulbildung denken musste. Der Plan des Vaters, dass ich der Reihe nach die von
freisinnigen Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte, war nun
zerschnitten, indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche
Schulen überflüssig geworden; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte
zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet. Der alte Gelehrten- und
Lehrerstand der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich
erweitert und in den meisten Kantonen an eine grosse Zwillingsschule verteilt,
welche aus einem Gymnasium und einer Gewerbsschule bestand. Bei der letzteren
brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter,
und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule, aus welcher ich halb
wehmütig und halb fröhlich schied, erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so
vorzüglich, dass ich neben den Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen
bestand. Denn diese wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen
Einrichtungen angewiesen. So fand ich mich plötzlich in eine ganz neue Umgebung
versetzt. Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler
zu sein, war ich in meinen grünen Jäckchen, welche ich aufs äusserste ausnutzen
musste, nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten, und das nicht nur in
Ansehung der Kleidung, sondern auch des Benehmens. Die Mehrzahl der Knaben
gehörte dem alterkömmlichen bewusstvollen Burgerstande an, einige waren vornehme
feine Herrenkinder, und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten, alle
aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren, entschiedene Manieren und einen
fixen Jargon im Sprechen und Spielen, vor welchem ich blöde und unsicher
dastand. Wenn sie sich stritten, so schlugen sie sich gleich mit raschen
Bewegungen ins Gesicht, dass es klatschte, und mehr Mühe als das neue Lernen
machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise, wenn ich nicht zuviel
Unbilden erleiden wollte. Ich erkannte nun erst, wie mild und gutmütig die
Gesellschaft der armen Kinder gewesen war, und schlüpfte noch oft zu ihnen, die
mich mit wehmütigem Neide von meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten.
    In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meiner bisherigen
Lebensweise. Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt
worden, vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des
Jünglingsalters; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens
gewesen, und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen, war nicht
gezwungen. Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige
Jugend gesetzlich geboten, dass jede Kantonsschule zugleich: ein soldatisches
Korps bildete. Wir wurden in grüne Uniform gesteckt, ich glaubte schon mit
meiner besonderen Grünheit in der allgemeinen aufgehen zu können und von meinem
Spitznamen erlöst zu sein; aber weit gefehlt, meine Mutter liess es sich nicht
nehmen, die grünen Röcke meines Vaters, welche kein Ende nehmen zu wollen
schienen, dem Schneider unterzuschieben, und so ermangelte meine Uniform
niemals, um einen Grad dunkler oder heller zu sein als alle übrigen und mich
fortwährend auszuzeichnen. Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen
verwandt, zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden, so dass einen Abend
exerziert und den andern gesprungen, geklettert und geschwommen wurde. Ich war
bisher aufgewachsen wie ein Gras, mich biegend und schmiegend, wie jedes
Lüftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte; niemand hatte mir gesagt,
mich grad zu halten, kein Mann mich an See und Fluss geführt und da
hineingeworfen, wo es am tiefsten war, nur in der Aufregung hatte ich ein und
andern Sprung getan, den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte. Mein
Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben, wie etwa die Söhne anderer
Witwen, da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war. Meine
jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie
die Fische im See herum, sprangen und kletterten wie Katzen, und es war
hauptsächlich ihr Spott, welcher mich zwang, mir einige Haltung und Gewandteit
zu erwerben, da sonst wohl mein Eifer bald erkaltet wäre. Denn es ist nicht zu
leugnen, dass das allzu pedantische Betreiben solcher Dinge nicht nur
gedankenreichen Erwachsenen, sondern auch einem Kinde, dessen Phantasie öfters
spazierengeht, unbequem werden kann.
    Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden.
Ich war nun in eine Umgebung geraten, welche sämtlich mit einem mehr oder minder
genugsamen Taschengelde versehen war, teils infolge häuslicher Wohlhabenheit,
teils auch nur infolge herkömmlichen städtischen Wohllebens und sorgloser
Prahlerei der Eltern. An reichlicher Gelegenheit, Ausgaben zu machen, fehlte es
noch weniger, da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den
entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war, sondern auch bei
grösseren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für
männlich galt, sich in den entfernten Dörfern hinter Wurst und Wein zu setzen.
Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien, welche in der Schule
abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung, ferner der
lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten, von welchem allem sich
regelmässig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von
Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh. Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem
Eifer alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel, Instrumente und Material und
gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum. Mit den feinen Zirkeln
des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse; jede Gelegenheit
nahm ich wahr, ein neues Heft zu errichten, und meine Bücher waren immer am
elegantesten gebunden. Allein für alles andere, was im geringsten des
Überflusses verdächtig schien, beharrte sie unerbittlich auf dem Grundsatze, dass
kein Pfennig unnütz dürfe ausgegeben werden und dass ich dies frühzeitig lernen
müsse. Nur für die allgemeinsten Ausflüge und Unternehmungen, von denen
zurückzubleiben ein zu grosser Schmerz für mich gewesen wäre, gab sie mir ein
kärgliches Geld, welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt
war. dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der
Abgeschiedenheit zurück, wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt
hätte, sondern liess mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen
zubringen, mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des
grossen, angesehenen Lehrerpersonales wähnend, während gerade dadurch das
Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten
und schiefe Stellungen geriet. In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemütes und
ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute,
welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten Tagen des männlichen
Lebens um so mehr zu wuchern beginnt, als es von der Insolenz der alten Menschen
eher gehätschelt und gepflegt als unterschieden und ausgereutet wird. Unter
tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es
vielleicht keine zwölf, welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das
Abc des kindlichen Gemütes besinnen und wissen, wie sich daraus die
verhängnisvollen Worte bilden, und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf
aufmerksam machen, sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und
errichten darüber ein Statut.
    Auf Pfingsten ward einst ein grosser jugendlicher Feldzug verabredet;
sämtliche kleine Mannschaft, einige Hundert an der Zahl, sollte mit klingendem
Spiel ausrücken und, über Berg und Tal marschierend, die bewaffnete Jugend einer
benachbarten Stadt besuchen, um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und
Übungen abzuhalten. Es herrschte eine allgemeine Aufregung, gemischt aus der
Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung. Kleine Tornister wurden
vorschriftsmässig bepackt, Patronen wurden so viele als möglich über die
bestimmte Zahl angefertigt, unsere Zweipfünderkanonen sowie die Fahnen bekränzt,
und überdies ging unterderhand das Gerede, wie unsere Nachbaren nicht nur
propere und gedrillte Soldaten, sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und
Kameraden wären, dass es also nicht nur gelte, sich möglichst blank und strack zu
halten, sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen hätte, um den
berühmten Nachbaren auf jede Weise die Stange zu halten. Dazu wussten wir, dass
dort die weibliche Jugend ebenfalls teilnehmen, festlich gekleidet und bekränzt
uns beim Einmarsche begrüssen und dass nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt
würde. Auch in dieser Hinsicht ware wir nicht gesonnen, uns etwas zu vergeben;
es hiess, jeder solle sich weisse Handschuhe verschaffen, um beim Balle ebenso
galant als militärisch zu erscheinen, und alle diese Dinge wurden hinter dem
Rücken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt, dass es mir angst und
bange ward, allem zu genügen. Zwar war ich einer der ersten, welcher Handschuhe
aufzuweisen hatte, indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen
Vorräten ihrer Jugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weissem Leder
hervorzog und unbedenklich die Hände vorn abschnitt, welche mir vortrefflich
passten. Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrübten Aussicht,
jedenfalls eine gedrückte und entaltsame Rolle spielen zu müssen. In solchen
Betrachtungen sass ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel, als mir
plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr, ich das Hinausgehen der Mutter
abwartete und dann zu dem Schranke eilte, in welchem mein Schatzkästchen lag.
Ich öffnete es zur Hälfte und nahm unbesehen ein grosses Geldstück heraus, das
zuoberst lag; die anderen rückten alle ein klein wenig von der Stelle und
machten ein leises Silbergeräusch, in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine
gewisse Gewalt lag, die mich schauern machte. Schnell brachte ich meine Beute
zur Seite, befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung, die mich scheu
und wortkarg gegen meine Mutter machte. Denn wenn der frühere Eingriff mehr die
Folge eines vereinzelten äussern Zwanges gewesen und mir kein böses Gewissen
hinterlassen hatte, so war das jetzige Unterfangen freiwillig und vorsätzlich;
ich tat etwas, wovon ich wusste, dass es die Mutter nimmer zugeben würde, auch die
Schönheit und der Glanz der Münze schienen von der profanen Verausgabung
abzumahnen. Jedoch verhinderte der Umstand, dass ich mich selbst bestahl zum
Zwecke der Notilfe in einem kritischen Falle, ein eigentliches Diebsgefühl; es
war mehr etwas von dem Bewusstsein, welches im verlornen Sohne dämmern mochte,
als er eines schönen Morgens mit seinem väterlichen Erbteil auszog, es zu
verschwenden.
    Am Pfingsttage war ich schon früh auf den Füssen; unsere Trommler, als die
allerkleinsten auch die muntersten Bursche, durchzogen in ansehnlichem Haufen
die Stadt, umschwärmt von marschbereiten Schülern, und ich beeilte mich, zu
ihnen zu stossen. Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen; sie füllte
meinen Tornister mit Esswaren, hing mir ein artiges Reisefläschchen um, mit süssem
Wein gefüllt, steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute
Verhaltungsregeln. Ich hatte längst mein Gewehr auf der Schulter und die
Patrontasche umgehängt, worin unter den Patronen mein grosser Taler steckte, und
wollte mich endlich ihren Händen entreissen, als sie ganz verwundert sagte, ich
werde doch etwas Geld mitnehmen wollen? Hierauf nahm sie das bereits Abgezählte
hervor und unterwies mich, wie ich es einzuteilen hätte. Es war zwar nicht
überreichlich, doch höchst anständig und vollkommen hinreichend und selbst für
unvorhergesehene Fälle berechnet. In einem Papiere war noch ein besonderes Stück
eingewickelt, welches ich in dem gastfreundlichen Hause, wo ich einquartiert
würde, den Dienstboten zu geben hätte. Wenn ich die Sache recht betrachtete, so
war dies auch die erste Gelegenheit, wo eine gute Ausstattung eigentlich
notwendig schien, und die Mutter liess es also nicht an dem Ihrigen fehlen. Aber
nichtsdestominder war ich überrascht, ich geriet in die grösste Verlegenheit und
Aufregung, und indem ich die Treppen hinunterstieg, drangen mir seltenerweise
Tränen aus den Augen, dass ich sie hinter der Haustür abtrocknen musste, ehe ich
auf die Strasse trat und zu dem fröhlichen Haufen stiess. Der allgemeine Jubel
hätte in meinem Gemüte, welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt
war, einen um so empfänglichern Grund gefunden, wenn nicht der Taler in meiner
Giberne wie ein Stein auf meinem Herzen gelegen hätte. Jedoch als sich die ganze
Schar zusammenfand, das Kommando erklang und wir uns ordneten und abzogen,
wurden meine düstern Gedanken gewaltsam unterdrückt, und als ich, zur Vorhut
eingeteilt, schon auf den freien Höhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und
der lange Zug, schimmernd und singend, mit wehenden Fahnen, sich zu unsern Füssen
heranbewegte, da vergass ich alles und lebte nur dem Augenblicke, welcher, Perle
für Perle, von der glänzenden Schnur der nächsten Erwartung fiel. Wir führten
ein lustiges Vorhutleben, ein alter Kriegsmann, in fremden Diensten ergraut und
nun dazu verwendet, uns kleinen Nestüpfern das Handwerk beizubringen, leitete
uns an zu allerlei Schabernack und liess sich unablässig bestürmen, aus unsern
Feldflaschen zu trinken, was er mit scharfer Kritik des Inhalts tat. Wir waren
stolz, keinen der Schulmänner bei uns zu haben, welche die grosse Kolonne
begleiteten, und hörten andächtig die Kriegsabenteuer, so uns der alte Soldat
erzählte.
    Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt;
der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt, um welche sich das
junge Kriegsvolk lagerte. Wir Leute der Vorhut aber standen auf einem Berge und
schauten zufrieden auf das ferne fröhliche Gewühl hinunter. Wir waren still
geworden und schlürften den stillen glanzvollen Tag ein; der alte Feldwebel lag
froh an der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus, über blaue
Ströme und Seen hin. Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu
sagen wussten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fühlten wir
alle doch ganz die Natur, und das um so mehr, weil wir mit unserm Freudenzuge
eine würdige Staffage in der Landschaft bildeten, weil wir handelnd darin
auftraten und daher der peinlichen Sehnsucht der untätigen bedeutungslosen
Naturbewunderer entoben waren. Denn ich habe erst später erfahren und
eingesehen, dass das untätige und einsame Geniessen der gewaltigen Natur das Gemüt
verweichlicht und verzehrt, ohne dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und
Schönheit es stärkt und nährt, wenn wir selbst auch in unserm äussern Erscheinen
etwas sind und bedeuten ihr gegenüber. Und selbst dann ist sie in ihrer Stille
uns manchmal noch zu gewaltig; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine
Wolken ziehen, da macht man gern ein Feuer, um sie zur Bewegung zu reizen und
sie nur ein bisschen atmen zu sehen. So trugen wir einiges Reisig zusammen und
fachten es an, die roten Kohlen knisterten so leis und angenehm, dass auch unser
graue und rauhe Führer vergnügt hineinsah, während der blaue Rauch dem
Heerhaufen im Tale ein Zeichen unseres Aufentaltes war; trotz der mittäglichen
Sonnenhitze schien uns die erhöhte Glut des Feuers lieblich, wir verlöschten es
ungern, als wir abzogen. Gar zu gern hätten wir einige Schüsse in die stille
Luft gesandt, wenn es nicht streng untersagt gewesen wäre; ein Knabe hatte schon
geladen und musste den Schuss kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen, was ihm
so peinlich war als einem Schwätzer das Unterdrücken eines Geheimnisses.
    Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich die befreundete Stadt vor uns,
aus deren mit Blumen und grünen Zweigen bekleidetem, altertümlichem Tor die so
wie wir gerüstete Jugend uns entgegentrat, umgeben von den schaulustigen und
freundlichen Eltern und Geschwistern. Ihre Artillerie löste uns zu Ehren eine
Anzahl von Schüssen, wir betrachteten mit kritischem Auge, wie die kleinen
Kanoniere neben der Mündung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurückbogen,
wenn die Lunte sich dem Brander näherte, um mit einer ebenso verächtlichen
Schwenkung wieder zur Erde gewandt zu werden, wie das alles bei uns üblich war.
Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hübschen Perkussionsgewehre,
womit unsere Kameraden versehen waren, da wir selbst nur alte Steinschlosse
hatten, welche sich dann und wann erlaubten zu versagen. Die Regierung dieses
Standes war ein wenig im Geruche, in ihrem aufgeweckten Sinne für alles Gute und
Schöne manchmal mehr Aufwand zu machen, als sich mit haushälterischer
Bedächtigkeit vertrüge, und hatte demgemäss für ihre Schuljugend solche neue
Waffen beschafft zu einer Zeit, wo dergleichen erst bei grösseren Militärstaaten
in der Einführung begriffen waren. So hörten wir denn, während unsere Freunde
uns wohlgefällig erklärten, wie bei ihnen während der Ladung die Bewegung des
Patronbeissens nun wegfiele, unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen
bedächtigen Tadel über solchen Aufwand aussprechen. Doch waren wir endlich
ermüdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin, welche sich so
eifrig um unsere Beherbergung stritten, dass unsere ganze Schar in ihren offenen
Armen so schnell verschwand, wie ein flüchtiger Regenschauer im heissen durstigen
Erdreiche versiegt. Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte häuslicher
Wirtlichkeit versetzt als Gegenstand des festlichsten Wohlwollens und belohnten
diese Gastfreundschaft dadurch, dass wir, als ob wir in Feindesland wären, beim
Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die grossen Gastbetten
stellten, welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerkünste aufbieten mussten.
    Das Fest des andern Tages erfüllte alle Erwartungen. Der Wetteifer liess
beide Parteien bei den Übungen gleich wohl bestehen; gegen die
Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf
auszuspielen. Indem ihre Artillerie nämlich nur blind zu schiessen gewohnt war
und keine Kugeln kannte, schoss die unserige so geschickt nach dem Ziele, dass das
bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort: »Die Kleinen machten es wahrlich
besser denn die Grossen!« diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem
ernstaften Richten der Geschütze verwundert zuschauten.
    Ein grosses Festmahl, welches einige tausend junge und alte Menschen
vereinigte, wurde auf einer blühenden Wiese eingenommen. Beliebte Jugendfreunde
hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte, indem sie, anstatt uns in
hohlem, frühreifem Ernste zu halten, in reinem Humor den Ton unschuldiger
Fröhlichkeit anstimmten, ihr Alter vergassen, ohne kindisch zu tun, und uns
dadurch; desto leichter lehrten, die Freude nicht ohne Witz zu geniessen. Darauf
zog eine lange Reihe feiner Mädchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen
geebneten Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tänzen ein. Sie waren
alle weiss und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blüte vom
kindlichen Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau, hinter dem weiten Kranze
ragte manch weibliches Haupt in reifer Schönheit, um die zarten Pflänzlinge zu
überwachen und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bisschen jugendlicher über
den Rasen zu schlüpfen, als in sonstigen Tagen erlaubt war. Hatten doch die
Männer ihrerseits die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits
zu ihrer eigenen Sache erklärt und schon mit mancher Flasche besiegelt! Unsere
tapfere Schar näherte sich in dichtem Haufen dem flüsternden Kreise der Schönen,
keiner wollte recht der vorderste sein, unsere Sprödigkeit liess uns fast
feindlich und düster aussehen, während das Anziehen der weissen Handschuhe ein
weitgedehntes Flimmern und Schimmern verursachte. Doch es zeigte sich nun, dass
die Hälfte der Handschuhe überflüssig war, indem wir in zwei verschiedene Teile
zerfielen, in solche Knaben nämlich, welche grössere Schwestern zu Hause hatten,
und in solche, welche dieses angenehme Glück nicht kannten. Die ersteren zeigten
sich alle als zierliche Tänzer und Kavaliere, welche bald gesucht und
ausgezeichnet wurden, indessen die letzteren wie ungeleckte Bären über den Rasen
stolperten und nach einigen misslungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen
und bei den Trinktischen zusammenfanden, wo wir mit energischem Gesang ein
wildes Soldatenleben führten, als rauhe Krieger und Weiberfeinde, und uns
gegenseitig einzubilden suchten, dass die Mädchen doch häufig nach unserm
tüchtigen Treiben herüberschielten. Unser Zechen bestand zwar mehr in einer
bescheidenen Nachahmung der Alten und überwand den natürlichen Widerwillen gegen
Unmässigkeit nicht, der noch in jenem Lebensalter liegt; doch bot es
hinlänglichen Spielraum für unsere kleinen Leidenschaften. Der Weinbau dieser
Landschaft war bedeutender und edler als bei uns, daher hatten unsere jungen
Nachbaren schon eine entschiedenere Färbung in ihrer Fröhlichkeit und vertrugen
ein stärkeres Glas Wein als wir, so dass sie ihren Ruf vollkommen rechtfertigten.
Da galt es nun, sich hervorzutun; ich gab mich diesem Bestreben ohne Rückhalt
hin, meine wohlversehene Kasse verlieh mir die nötige Sicherheit und Freiheit,
und dieser folgte alsobald eine gewisse Achtung meiner Umgebung. Wir durchzogen
Arm in Arm die Stadt und die Lustplätze vor derselben, das schöne Wetter, die
Freude, der Wein regten mich auf und machten mich beredsam und ausgelassen, keck
und gewandt; aus einem stillen und blöden Fernesteher war ich urplötzlich ein
lauter Tonangeber geworden, der sich in übermütigen Bemerkungen, Witzworten und
Erfindung von Schwänken erging und welchen die übrigen Wortführer, die sich
bisher wenig aus mir gemacht, sogleich anerkannten und hätschelten. Die
Eigenschaft als Fremder, der neue Schauplatz erhöhte noch die Stimmung; es ist
schwer zu entscheiden, was grösser war, ob meine Redseligkeit, mein Freudenrausch
oder meine erwachte Eitelkeit, kurz, ich schwamm in einem ganz neuen Glücke,
welches am dritten Tage womöglich noch zunahm, als wir heimwärts zogen und die
allseitige Zufriedenheit sowie die freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe
fröhlicher Auftritte veranlassten.
    Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat, bestaubt und
sonnverbrannt, die Mütze mit einem Tannenreise geschmückt, die Mündung des
Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwärzt, da war ich
nicht mehr der gleiche, wie ich ausgezogen, sondern einer, der sich mit den
kecksten Führern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen
eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones, mittelst welcher wir
auch in unserer Stadt eine Rolle zu spielen gedachten. Hauptsächlich sollten die
tanzkundigen Feintuer oder Weichlinge, wie wir sie nannten, verhindert werden,
uns bei der einheimischen Schönheit etwa in den Schatten zu stellen; wir wollten
daher ihren zierlichen Künsten ein derbes militärisches Wesen, kühne Taten und
allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begründung eines
bedenklichen Ruhmes. Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten Freude,
die ich sowenig erschöpft hatte als sie mich, fühlte ich mich in der besten
Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzählungen und prahlerischem,
barschem Wesen, bis ich durch einige magische Witzkörner, die meine Mutter in
die unbescheidene Brandung warf, für einmal zu Ruhe und Schlaf gebracht wurde.
    Meine neuen Freunde liessen mir nicht Zeit, aus meiner Verirrung zu kommen;
schon der nächste Tag, an dem ich, selbst eine Art von Grösse, in der
renommiertesten Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war, weckte alle neuen
Erinnerungen wieder, die Nachklänge des Festes gaben Gelegenheit, den Rest
meiner Barschaft anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen. Für
einen der nächsten Sonntage wurde ein grosser Spaziergang verabredet, welches
wieder eine Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte. In meinem
Leichtsinn hatte ich nicht bedacht, woher ich die nötigen Mittel nehmen solle,
also auch keinen Vorsatz gefasst; als aber der Augenblick da war, griff ich
wieder in den Schrein, ohne etwas anderes zu fühlen als das zwingende Bedürfnis
und eine Art dunklen Entschlusses, dass es das letzte Mal sein solle.
    So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch. Die veranlassende Laune war
längst verflogen, die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge
wieder gefügt, auch über mich hätten Mass und Bescheidenheit ihre Herrschaft
wiedergewonnen, wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen
wäre, nämlich die des unbeschränkten Geldausgebens, der Verschwendung an sich.
Es reizte mich, jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten, wonach jenes Alter
gelüstet, kaufen zu können; immer hatte ich die Hand in der Tasche, um mit
Münzen hervorzufahren; Gegenstände, welche Knaben sonst vertauschen, kaufte ich
nur mit barem Gelde, gab solches an Kinder, Bettler und beschenkte einige
Gesellen, die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten, solange
es ging Denn es war eine wirkliche Verblendung. Ich bedachte im mindesten nicht,
dass die Sache doch ein Ende nehmen müsse, nie mehr öffnete ich das Kästchen ganz
und übersah das Geld, sondern schob nur die Hand unter den Deckel, um ein Stück
herauszunehmen, und überdachte auch nie, wieviel ich schon verschleudert haben
müsse. Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung, in der Schule und bei
meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als früher, eher besser, weil
keine unbefriedigten Wünsche mich zu träumerischem Müssiggange verleiteten und
die vollkommene Freiheit des Handelns, welche ich beim Geldausgeben empfand,
sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und Entschlossenheit äusserte.
Zudem fühlte ich das dunkle Bedürfnis, das unsichtbare Unheil, welches über mir
sich sammelte, durch sonstige Pflichterfüllung einigermassen aufzuwiegen.
    Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem
unheimlichen und peinvollen Zustande, dessen Erinnerung, verbunden mit
derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein, an die stillen grünen
Waldschenken, in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen, eine seltsame
Empfindung wachruft. Meine Genossen mussten längst gemerkt haben, dass es mit
meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe, aber sie hüteten sich sorgfältig,
einen Verdacht zu äussern oder die leiseste Frage an mich zu tun; vielmehr
stellten sie sich, als ob sich alles von selbst verstünde, waren mir
stillschweigend behilflich, die auffälligen blanken Silberstücke umzuwechseln,
ohne in Erörterungen einzugehen, und als die Herrlichkeit ein Ende nahm, wandten
sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir, ganz wie erwachsene brave
Geschäftsleute, welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an
sich bringen, ohne über den Ursprung desselben Forschungen anzustellen. Dies
vorausgeahnte Benehmen drückte mich um so mehr, als ich bald bemerkte, dass sie
sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wärmer wurden, wenn ich
wieder ein Geldstück auf die Strasse brachte, daneben aber sich anderweitig über
mich zu besprechen schienen. Während jedoch die kleinliche und gewöhnliche Art
der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte, sollte mir
die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Hass
Kummer und Leiden bereiten, wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen.
Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmässigen Gesichtszügen, welche
von Sommersprossen bedeckt waren. Er besass einen frühreifen Verstand, lernte
fleissig und genau, bestrebte sich gegen ältere Leute, besonders gegen Frauen, in
wohlgesetzten, altklugen Worten auszudrücken und galt daher für einen
ordentlichen erspriesslichen Jungen. Er war fast in allen Übungen geschickt,
durch Aufmerksamkeit und Ausdauer, und brachte alles, was er unternahm, auf eine
zierliche Weise zustande. Meierlein, so hiess er, besass aber kein tieferes
Talent; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder
Eigenes sichtbar, sondern er brachte nur das gut zuwege, was er sich vorgemacht
sah, und ihn beseelte nur ein unablässiges Bedürfnis, sich alles Erdenkliche
anzueignen. Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche
Papparbeit hervorbringen als über einen breiten Graben setzen oder Ball schlagen
oder mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen, alles
durch langsame und anhaltende Übung; seine Schulhefte waren korrekt und in
bester Ordnung, seine Schrift klein und zierlich, besonders seine Zahlen wusste
er ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen. Seine vorzüglichste
Gabe aber war eine gewisse Fähigkeit, mit verständiger Besprechung alles zu
überspinnen, Verhältnisse auszuklügeln und mit vielsagender Miene Aufschlüsse
und Vermutungen aufzustellen, welche über unser Alter hinausgingen. dabei war er
ein zuverlässiger und kurzweiliger Gesell, gesucht und nützlich, fing wenig
Streit an, aber focht einen solchen höchst hartnäckig aus und war daher um so
respektierter, als er immer wohlbedächtig auf der Seite stand, wo das wirkliche
oder scheinbare Recht ersichtlich war.
    Er war andertalb Jahre älter als ich, hatte sich indessen enger an mich
geschlossen als alle übrigen, so dass wir eine besondere Freundschaft bildeten
und jeden freien Augenblick beisammen waren. Er ergänzte mich vortrefflich und
sagte mir daher sehr zu. Meine Unternehmungen gingen immer auf das
Phantastische, Bunte und Wirksame aus, während er durch Genauigkeit und
Dauerhaftigkeit der mechanischen Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen
Nutzen und Ordnung verlieh. Meierlein liess mein Geheimnis ebenso vorsichtig
bestehen wie die anderen, obwohl es für seine verständige Aufmerksamkeit noch
weniger eines sein konnte; doch liess er nicht ebenso zwischendurch seine
Einsicht ahnen, sondern bestrebte sich vielmehr, mich von den zu leichtsinnigen
Ausgaben abzuhalten und meine Wünsche auf scheinbar nützliche und gute Dinge zu
richten mit gesetzten Worten, was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich
verlieh. Nur für sich selbst war er mit noch grösserm Eifer bedacht als die
übrigen, und sich nicht begnügend mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit,
errichtete er mit grosser Einsicht ein Schuldverhältnis zwischen mir und ihm,
indem er sich haushälterisch aus meinem Gelde eine kleine Kasse ansammelte, aus
welcher er mir, wenn ich augenblicklich nicht über mein Kästchen konnte, mässige
Vorschüsse machte, die wir gemeinsam verbrauchten und die er in ein zierlich
angefertigtes Büchelchen eintrug, dessen Seiten mit Soll und Haben ansehnlich
überschrieben waren. Überdies wusste er mir eine Menge kindischer Gegenstände zu
verkaufen, deren Betrag er durchaus nicht in bar annehmen wollte, sondern in
sein Buch setzte. Seine Gewandteit in den verschiedensten Übungen verwertete er
ebenfalls, er war mein dienstbarer Dämon, der alles konnte und alles in Angriff
nahm, was wir wünschten, aber jede Dienstleistung durch kleine Münzsorten in
meinem Schuldregister bezeichnete. Auf Spaziergängen reizte er mich stets, seine
Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen. »Soll ich mit diesem Steinchen jenes
dürre Blatt treffen?« sagte er, und ich erwiderte: »Das kannst du nicht!« -
»Willst du mir einen Kreuzer schuldig sein, wenn ich es tue?« - »Ja«, und er
traf es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal
zwölfmal hintereinander, ohne sie je zu verfehlen. Dann schrieb er den Betrag
genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen, was mir solches
Vergnügen gewährte, dass ich laut auflachte. Er aber sagte ernstaft, da sei gar
nichts zu lachen, ich sollte bedenken, dass ich alles einmal berichtigen müsste
und dass sein Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem
Geschäftsmann! Dann veranlasste er mich wieder zu zahlreichen Wetten, ob z.B. ein
Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen, ob ein vom Winde bewegter Baum
sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen, ob am Gestade des Sees mit
dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine grosse Welle ankommen würde. Wenn
bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen liess, so setzte er in seinem
Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zählchen, welches
sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum
Lachen, ihm hingegen zu ernstaften Redensarten gab. Er suchte mich eifrigst zu
überzeugen, dass Schulden eine wichtige Ehrensache seien, und eines Tages, als
der Sommer sich seinem Ende nahte, überraschte mich Meierlein mit der Nachricht,
dass er nun »abgerechnet« habe, und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren
Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei, dass es nun
tunlich wäre, wenn ich darauf dächte, ihm den Betrag einzuhändigen, indem er
wünsche, aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen. Doch erwähnte
er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue
Rechnung an, welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames
Betragen äusserte. Er wurde nicht unfreundlich, aber die alte Fröhlichkeit und
Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden. Eine grosse Traurigkeit
beschlich mich, welche Meierlein durchaus nicht zu stören schien; vielmehr nahm
er selber einen elegischen Ton an, ungefähr wie er Abraham überkommen haben
mochte, als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat. Nach
einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung, diesmal mit Entschiedenheit, doch
nicht unfreundlich, sondern mit einer gewissen Wehmut und väterlichem Ernste.
Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung, indessen ich versprach, die
Sache abzumachen. Jedoch konnte ich mich nicht ermannen, die Summe zu entnehmen,
und verlor selbst den Mut, meine gewöhnlichen Eingriffe fortzusetzen. Das Gefühl
meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet, ich schlich trübselig umher und
wagte nicht zu denken, was nun kommen sollte. Ich fühlte eine beängstigende
Abhängigkeit gegen meinen Freund, seine Gegenwart war mir drückend, seine
Abwesenheit aber peinlich, da es mich immer zu ihm hintrieb, um nicht allein zu
sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden, ihm alles zu gestehen und bei
seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden. Aber er hütete sich wohl,
mir diese Gelegenheit zu bieten, wurde immer gemessener im Umgange und zog sich
zuletzt ganz zurück, mich nur aufsuchend, um seine Forderung nun mit kurzen,
fast feindlichen Worten zu wiederholen. Er mochte ahnen, dass eine Krisis für
mich nahe bevorstehe; daher war er besorgt, noch vor dem Ausbruche derselben
sein so lang und sorglich gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen. Und so
war es auch. Um diese Zeit war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung
eines Bekannten aufmerksam gemacht worden, sie erfuhr endlich mein bisheriges
Treiben ausser dem Hause, woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein
mochten, die sich schon früher von mir gewendet hatten, als meine
Niedergeschlagenheit begonnen.
    Eines Tages, als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten
Dächern, im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube
hinter mir zu vergessen suchte, rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim
Namen; ich wandte mich um, da stand sie neben dem Tische und auf demselben das
geöffnete Kästchen, auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen.
    Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann:
»Schau einmal in dies Kästchen!« Ich tat es mit einem halben Blicke, der mich
seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der
geplünderten Lade sehen liess. Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen. »Es ist also
wahr«, fuhr die Mutter fort, »was ich habe hören müssen und was sich nun
bestätigt, dass sich mein guter und sorgloser Glaube, ein braves und gutartiges
Kind zu besitzen, so grausam getäuscht sieht?« Ich stand sprachlos da und sah in
eine Ecke, das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern
so stark und gewaltig, als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben
vorkommen kann; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke
der Versöhnung und Befreiung. Der offene Blick meiner Mutter auf meine
unverhüllte Lage fing an, den Alp zu bannen, der mich bisher gedrückt hatte, ihr
strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual, und ich fühlte in diesem
Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr, welche meine Zerknirschung
durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte, während meine
Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte. Denn die Art meines
Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite, sozusagen ihren Lebensnerv getroffen
einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit,
andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage. Sie
hatte keine Freude beim Anblick des Geldes, nie übersah sie unnötigerweise ihre
Barschaft, aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des
Schicksals, wenn sie es in die Hand nahm, um es gegen Lebensbedürfnisse
auszutauschen. Desnahen war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt, als wenn
ich irgend etwas anderes begangen hätte. Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu
überzeugen, hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann
wiederholt: »Ist es denn wirklich wahr? Gestehe!« Worauf ich ein kurzes Ja
hervorbrachte und mich meinen Tränen überliess, ohne indessen viel Geräusch zu
machen; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt. Sie ging tiefbewegt
auf und nieder und sprach »So weiss ich nun nicht, was werden soll, wenn du dich
nicht fest und für immer bessern willst!« Damit legte sie das Kästchen wieder in
ihren Schreibtisch und liess den Schlüssel desselben an dem gewohnten Ort.
»Sieh«, sagte sie, »ich weiss nicht, ob du, wenn du deine paar Geldstücke noch
verbraucht hättest, alsdann auch nach meinem Gelde, welches ich so sparen muss,
gegriffen haben würdest; es wäre nicht unmöglich gewesen; aber mir ist es
unmöglich, dasselbe vor dir zu verschliessen. Ich lasse daher den Schlüssel
stecken, wie bisher, und muss es darauf ankommen lassen, ob du freiwillig dich
zum Bessern wendest; denn sonst würde doch alles nichts helfen, und es wäre
gleichgültig, ob wir beide ein bisschen früher oder später unglücklich würden!«
    Es waren gerade etwa acht Tage Ferien, ich blieb von selbst im Hause und
suchte alle Winkel auf, in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage
wiederfand. Ich war gründlich still und traurig, zumal die Mutter ihren Ernst
beibehielt, ab- und zuging, ohne vertraulich mit mir zu sprechen. Am traurigsten
war das Essen, wenn wir an unserm kleinen Esstischchen sassen und ich nichts zu
sagen wagte oder wünschte, weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte
und mir sogar darin gefiel, während meine Mutter in tiefen Gedanken sass und
manchmal einen Seufzer unterdrückte.
    So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu
meinen Genossen zurück. Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster, was
auf der Strasse vorfiel, und zog mich sogleich wieder zurück, als ob die
unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege. Unter den Trümmern und
Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein grosser Farbenkasten,
welcher gute Farbentafeln entielt, statt der harten Steinchen, die man sonst
den Knaben für Farben gibt, die aber auch den heissesten Bemühungen nicht eine
wohlwollende Tinte preisgeben. Ich hatte schon durch, Meierlein erfahren, dass
man nicht unmittelbar mit dem Pinsel diese Täfelchen aushöhlen, sondern
dieselben in Schalen mit Wasser anreiben müsse. Sie gaben reichliche, gesättigte
Tinten, ich fing an, mit selben Versuche anzustellen, und lernte sie mischen.
Besonders entdeckte ich, dass Gelb und Blau das verschiedenste Grün herstellten,
was mich sehr freute, daneben fand ich die violetten und braunen Töne. Ich hatte
schon längst mit Verwunderung eine alte in Öl gemalte Landschaft betrachtet,
welche an unserer Wand hing; es war ein Abend, der Himmel, besonders der
unbegreifliche Übergang des Roten ins Blaue, die Gleichmässigkeit und Sanfteit
desselben reizte mich ungemein, ebensosehr der Baumschlag, welcher mich
unvergleichlich dünkte. Obgleich das Bild unter dem Mittelmässigen steht, schien
es mir ein bewundernswertes Werk zu sein, denn ich sah die mir bekannte Natur um
ihrer selbst willen mit einer gewissen Technik nachgeahmt. Stundenlang stand ich
auf einem Stuhle davor und versenkte den Blick in die anhaltlose Fläche des
Himmels und in das unendliche Blattgewirre der Bäume, und es zeugte eben nicht
von grösster Bescheidenheit, dass ich plötzlich unternahm, das Bild mit meinen
Wasserfarben zu kopieren. Ich stellte es auf den Tisch, spannte einen Bogen
Papier auf ein Brett und umgab mich mit alten Untertassen und Tellern; denn
Scherben waren bei uns nicht zu finden. So rang ich mehrere Tage lang auf das
mühseligste mit meiner Aufgabe; aber ich fühlte mich glücklich, eine so wichtige
und andauernde Arbeit vor mir zu haben, vom frühen Morgen bis zur Dämmerung sass!
ich daran und nahm mir kaum Zeit zum Essen. Der Frieden, welcher in dem
gutgemeinten Bilde atmete, stieg auch in meine Seele und mochte von meinem
Gesichte auf die Mutter hinüberscheinen, welche am Fenster sass und nähte. Noch
weniger, als ich den Abstand des Originales von der Natur fühlte, störte mich
die unendliche Kluft zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde. Es war ein
formloses, wolliges Geflecksel, in welchem der gänzliche Mangel jeder Zeichnung
sich innig mit dem unbeherrschten Materiale vermählte; wenn man jedoch das Ganze
aus einer tüchtigen Entfernung mit dem Ölbilde vergleicht, so kann man noch
heute darin einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden. Kurz, ich
wurde zufrieden über meinem Tun, vergass mich und fing manchmal an zu singen, wie
früher, erschrak jedoch darüber und verstummte wieder. Doch vergass ich mich
immer mehr und summte anhaltender vor mich hin, wie Schneeglöckchen im Frühjahr
tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor, und als die
Landschaft fertig war, fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen
der Mutter hergestellt. Als ich eben den Bogen vom Brette löste, klopfte es an
die Tür, und Meierlein trat feierlich herein, legte seine Mütze auf einen Stuhl,
zog sein Büchlein hervor, räusperte sich und hielt einen förmlichen Vortrag an
meine Mutter, indem er in höflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die
Frau Lee wollte gebeten haben, meine Verbindlichkeiten zu erfüllen; denn es
würde ihm leid tun, wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte! Damit
überreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat, gefällige
Einsicht zu nehmen. Meine Mutter sah ihn mit grossen Augen an, dann auf mich,
dann in das Büchelchen und sagte: »Was ist das nun wieder?« Sie durchging die
reinlichen Rechnungen und sagte: »Also auch noch Schulden? Immer besser, ihr
habt das Ding wenigstens grossartig betrieben!« während Meierlein immer rief: »Es
ist alles in bester Ordnung, Frau Lee! Diesen letzten Posten nach der
Hauptrechnung bin ich jedoch erbötig nachzulassen, wenn Sie mir jene berichtigen
wollten.« Sie lachte ärgerlich und rief: »Ei, ei! So, so? Wir wollen die Sache
einmal mit deinen Eltern besprechen, Herr Schuldenvogt! Wie sind denn diese
artigen Schulden eigentlich entstanden?« Da reckte sich der Bursche empor und
sagte: »Ich muss mir ausbitten, ganz in der Ordnung!« Die Mutter aber fragte mich
streng, da ich ganz verblüfft und in neuer Beklemmung dagestanden: »Bist du dem
Jungen dieses schuldig und auf welche Weise? Sprich!« Ich stotterte verlegen ja
und einige Tatsachen über die Natur der Schulden. Da hatte sie schon genug und
jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube, dass er sich mit frechen
Gebärden davonmachte, nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen.
Nachher befragte sie mich weitläufig über den ganzen Hergang und geriet in
grossen Zorn; denn es war vorzüglich das ehrbare Ansehen dieses Knaben gewesen,
welches sie über meine Vergehungen keine Ahnung empfinden liess. Sodann nahm sie
Gelegenheit, gründlicher auf alles Geschehene einzugehen und mir eindringliche
Vorstellungen zu machen, aber nicht mehr im Tone der strengen und strafenden
Richterin, sondern der mütterlichen Freundin, die bereits verziehen hat. Und nun
war alles gut.
    Allein doch nicht alles. Denn als ich nun wieder in die Schule trat,
bemerkte ich, dass mehrere Schüler, um Meierlein versammelt, die Köpfe
zusammensteckten und mich höhnisch ansahen. Ich ahnte nichts Gutes, und als die
erste Stunde zu Ende war, welche der Rektor der Schule selbst gegeben, trat mein
Gläubiger respektvoll vor ihn hin, sein Büchlein in der Hand, und erhob in
geläufiger Rede seine Anklage wider mich. Alles war gespannt und horchte auf,
ich sass wie auf Kohlen. Der Rektor stutzte, durchsah das Heft und begann das
Verhör, welches Meierlein zu beherrschen suchte. Aber der Vorsteher gebot ihm
Stille und forderte mich zum Sprechen auf. Ich gab einige kümmerliche Nachricht
und hätte gern alles verschwiegen; doch der Mann rief plötzlich: »Genug, ihr
seid beide Taugenichtse und werdet bestraft!« Damit trat er zu den aufliegenden
Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note. Meierlein sagte
betreten: »Aber, Herr Professor -« - »Still«, rief dieser und nahm das
verhängnisvolle Buch, welches er in tausend Stücke zerriss, »wenn noch ein Wort
darüber verlautet oder sich dergleichen wiederholt, so werdet ihr eingesperrt
und als ein Paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft! Pack dich!«
    Während der übrigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem
Widersacher, worin ich ihm versicherte, dass ich ihm nach und nach meine Schuld
abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle, den ich von nun an ersparen
könnte. Ich rollte das Papier zusammen, liess es unter den Tischen zu ihm hin
befördern und erhielt die Antwort zurück Sogleich alles oder nichts! Nach
Beendigung der Schule, als der Lehrer fort war, stellte sich der Dämon an der
Tür auf, umgeben von einer schaulustigen Menge, und wie ich hinausgehen wollte,
vertrat er mir den Weg und rief: »Seht den Schelm! Er hat den ganzen Sommer
hindurch Geld gestohlen und mich um fünf Gulden dreissig Kreuzer betrogen! Wisst
es alle und seht ihn an!« - »Ein artiger Schelm, der grüne Heinrich!« ertönte es
nun von mehreren Seiten, ich rief ganz glühend: »Du bist selbst ein Schelm und
Lügner!« Allein ich wurde überschrieen, fünf oder sechs boshafte Burschen,
welche stets einen Gegenstand der Misshandlung suchten, scharten sich um
Meierlein, folgten mir nach und liessen Schimpfworte ertönen, bis ich in meinem
Hause war. Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgänge beinahe täglich;
Meierlein warb sich eine förmliche Verbindung zusammen, und wo ich ging, hörte
ich irgendeinen Ruf hinter mir. Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon
verloren und war wieder ungeschickt und blöde geworden; das reizte den Mutwillen
und die Spottsucht meiner Verfolger, bis sie endlich müde wurden. Es waren alles
solche Kumpane, welche selbst schon irgendeinen Streich verübt oder nur auf
Gelegenheit warteten, Werg an die Kunkel zu bekommen. Es war auffallend, dass
Meierlein trotz seines altklugen und fleissigen Wesens sich nicht zu ähnlich
beschaffenen Naturen hielt, sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen,
der Mutwilligen und Törichten zu sehen war, wie mit mir und den übrigen. Dagegen
nahmen nun die Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das
verfolgungssüchtige Wesen jener, beschützten mich zu wiederholten Malen vor
ihren Anfällen und liessen mich überhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit
fühlen, so dass ich mehr als einem herzlich zugetan wurde, den ich vorher kaum
beachtet hatte. Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle, der
aber dadurch nur heftiger und wilder wurde, so wie auch in mir jedes Vorgefühl
einer Versöhnung erstarb. Wenn wir uns begegneten, so suchte ich wegzublicken
und ging stumm vorüber; er aber rief mir laut ein giftiges und tödliches Wort
zu, wenn wir allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen; waren wir
aber nicht allein, so murmelte er dasselbe leise vor sich hin, dass nur ich es
hören konnte. Ich hasste ihn nun wohl so bitter, als er mich hassen konnte; aber
ich wich ihm aus und fürchtete den Augenblick, wo es einmal zur Abrechnung käme.
So ging es ein volles Jahr lang, und der Herbst war wieder gekommen, wo eine
grosse militärische Schlussübung stattfinden sollte. Wir freuten uns immer auf
diesen Tag, weil wir da nach Herzenslust schiessen durften. Aber für mich waren
alle gemeinsamen Freuden trüb und kalt geworden, da mein Feind zugleich teilnahm
und öfter in meine Nähe geriet. Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hälften
geteilt, von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel eine Anhöhe
besetzen, die andere aber den Fluss überschreiten, den Hügel umgehen und
einnehmen sollte. Ich gehörte zu dieser, mein Feind zu jener Abteilung. Wir
hatten schon die ganze Woche vorher mit köstlicher Freude einen leichten,
spielzeugartigen Brückenkopf gebaut und kleine Palisaden zugespitzt und
eingerammelt, während einige Zimmerleute eine Brücke über das seichte Wasser
geschlagen. Nun erzwangen wir mit unserm Geschütze höherer Verabredung gemäss den
Übergang und trieben rüstig den Feind berghinan. Die Hauptmasse zog auf einem
schneckenförmigen Fahrweg aufwärts, indessen eine weitgedehnte Plänklerkette das
Gebüsch säuberte und über Stock und Stein vorwärtsdrang. Bei dieser war das
grösste Vergnügen und auch die stärkste Aufregung; die einzelnen Leute rückten
sich auf den Leib, die zum Rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen,
man brannte sich die Schüsse fast ins Gesicht, einige wurden ertappt, wie sie
Steinchen in den Lauf steckten, und mehr als ein Ladstock schwirrte, im Eifer
vergessen, durch die Bäume, und nur das Glück der Jugend verhütete ernstliche
Unfälle; auch war der alte Feldwebel, welcher die Plänkler beaufsichtigte,
genötigt, mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich zu fluchen, um
die Disziplin einigermassen zu wahren. Ich befand mich auf einem äussersten Flügel
dieser Kette, teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht, sondern ging
gedankenlos vorwärts, ruhig und melancholisch meine Schüsse abgebend und mein
Gewehr wieder ladend. Bald hatte ich mich von den übrigen verloren und befand
mich mitten am Abhange einer wilden, mir unbekannten Schlucht, in deren Tiefe
ein Bächlein rieselte und die mit altem Tannenwalde erfüllt war. Der Himmel
hatte sich bedeckt, es ruhte eine düstere und doch weiche Stimmung auf der
Landschaft, das Schiessen und Trommeln aus der Ferne hob noch die tiefe Stille
der unmittelbaren Nähe, ich stand still und lehnte mich ausruhend auf das
Gewehr, indem ich einer halb weinerlichen, halb trotzigen Laune anheimfiel,
welche mich öfter beschlichen hat gegenüber der grossen Natur und welche der
Bedrängten Frage nach Glück ist. Da hörte ich Schritte in der Nähe, und auf dem
schmalen Felspfade, in der tiefen Einsamkeit, kam mein Feind daher, das Herz
klopfte mir heftig, er sah mich stechend an und sandte mir gleich darauf einen
Schuss entgegen, so nah, dass mir einige Pulverkörner ins Gesicht fuhren. Ich
stand unbeweglich und starrte ihn an; hastig lud er sein Gewehr wieder, ich sah
ihm immer zu, dies verwirrte ihn und machte ihn wütend, und in unsäglicher
Verblendung der Gescheiteit, der vermeintlichen Dummheit und Gutmütigkeit
mitten ins Gesicht zu schiessen, wollte er in dichter Nähe eben wieder anlegen,
als ich, meine Waffe wegwerfend, auf ihn losfuhr und ihm die seinige entwand.
Sogleich waren wir ineinander verschlungen, und nun rangen wir eine volle halbe
Stunde miteinander, stumm und erbittert, mit abwechselndem Glücke. Er war behend
wie eine Katze, wandte hundert Mittel an, um mich zu Falle zu bringen, stellte
mir das Bein, drückte mich mit dem Dom hinter den Ohren, schlug mir an die
Schläfe und biss mich in die Hand, und ich wäre zehnmal unterlegen, wenn mich
nicht eine stille Wut beseelt hätte, dass ich aushielt. Mit tödlicher Ruhe
klammerte ich mich an ihn, schlug ihm gelegentlich die Faust ins Gesicht, Tränen
in den Augen, und empfand dabei ein wildes Weh, welches ich sicher bin, niemals
tiefer zu empfinden, ich mag noch so alt werden und das Schlimmste erleben.
Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln, welche den Boden bedeckten, er
fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermassen wider eine Fichtenwurzel,
dass er für einen Augenblick gelähmt wurde und seine Hände sich öffneten.
Sogleich sprang ich unwillkürlich auf, er tat das gleiche; ohne uns anzusehen,
ergriff jeder sein Gewehr und verliess den unheimlichen Ort. Ich fühlte mich an
allen Gliedern erschöpft, erniedrigt und meinen Leib entweiht durch dieses
feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde. Die künstliche Verlängerung des
menschlichen Armes durch eiserne Waffen ist gewiss die Hauptursache der
unaustilgbaren Streitsucht; denn wenn die Männer sich von Hand zu Hand angreifen
müssten, so würden sie ohne Zweifel die wilde Bestialität, nicht maskiert durch
den kalten Stahl, eher innewerden und das öftere Zusammentreffen scheuen.
    Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen; er mochte aus meiner
verzweifelten Entschlossenheit herausgefühlt haben, dass er im ganzen doch an den
Unrechten gerate, und vermied jetzt jede Reibung. Aber der Streit war
unentschieden geblieben, und unsere Feindschaft dauerte fort, ja sie nahm zu an
innerer Kraft, während wir uns in den Jahren, die vergingen, nur selten sahen.
Jedes Mal aber reichte hin, den begrabenen Hass aufs neue zu wecken. Wenn ich ihn
sah, so war mir seine Erscheinung, abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung,
an sich selbst unerträglich, vertilgungswürdig; ich empfand keine Spur von der
milden Wehmut, welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit
dem Unwillen vermischt; ich fühlte den reinen Hass und dass, wie sonst
Jugendfreunde für das ganze Leben, auch bei getrennten Verhältnissen, eine
Zuneigung bewahren, dieser im gleichen Sinne der Dauer mein Jugendfeind sein
würde. Ganz die gleichen Empfindungen mochte er bei meinem Anblicke erfahren,
wozu noch der Umstand kam, dass die engere Veranlassung unserer Feindschaft, die
Geschichte des Schuldbuches, für ihn an sich selbst unvergesslich sein musste. Er
war unterdessen in ein Comptoir getreten, hatte seine eigentümlichen Fähigkeiten
fort und fort ausgebildet, bewies sich als sehr brauchbar, klug und
vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines Vorgesetzten, eines schlauen
und gewandten Geschäftsmannes; kurz, er fühlte sich glücklich und sah voll
Hoffnung auf sein zukünftiges Selbstwirken. So kann ich mir gar wohl denken, dass
die arge Enttäuschung, welche sein erster jugendlicher Versuch, ein Geschäft zu
machen, erfuhr, für ihn ebenso nachhaltig schmerzlich sein musste als einer
kindlichen Dichter- oder Künstlernatur der erste verneinende Hohn, welcher ihren
naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird.
    Wir waren schon konfirmiert, er etwa achtzehn, ich siebzehn Jahre alt, wir
begannen uns selbständiger zu bewegen und lernten nun Verhältnisse und Menschen
kennen. Wenn wir an öffentlichen Orten zusammentrafen, so vermieden wir, uns
anzusehen, aber jeder weihte seine Freunde in seinen Hass ein, welcher manchmal
um so gefährlicher zu wirken und auszubrechen drohte, als nun ein jeder mit
solchen jungen Leuten umging, die seiner Beschäftigung und seinem Wesen
entsprachen und also einen empfänglichen Boden für eine weiterzündende
Feindschaft bildeten. Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das
denn nun das ganze Leben hindurch in der kleinen beschränkten Stadt gehen
sollte? Allein, diese Sorge war unnütz, indem ein trauriger Fall ein frühes Ende
herbeiführte. Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebäude
gekauft, welches früher eine städtische Ritterwohnung gewesen und mit einem
starken Turme versehen war. Dies Gebäude wurde nun wohnlich eingerichtet und in
allen Winkeln mit Veränderungen heimgesucht. Für den Sohn war dies eine goldene
Zeit, da nicht nur das Unternehmen überhaupt eine Spekulation war, sondern es
auch eine Menge Geschicklichkeiten und Selbstilfe an den Tag zu legen gab. Jede
Minute, die er frei hatte, steckte er unter den Bauleuten, ging ihnen an die
Hand und übernahm viele Arbeiten ganz, um sie zu ersetzen und zu sparen. Mein
Weg zur Arbeit führte mich jeden Tag an diesem Hause vorüber, und immer sah ich
ihn zwischen zwölf und ein Uhr, wenn alle Arbeiter ruhten, und am Abend wieder,
mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten
stehen. Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in
seiner Emsigkeit, an den ungeheuerlichen Mauern hängend, höchst seltsam aus; ich
musste unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum
gegeben, da er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien, wenn er
nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen hätte, einen ansehnlichen Pinsel voll
Kalkwasser auf mich herunterzuspritzen.
    Eines Tages, als ich des Hauses bereits ansichtig war, führte mich mein
milder Stern durch eine Seitenstrasse einen andern Weg; als ich einige Minuten
später wieder in die Hauptstrasse einbog, sah ich viele erschreckte Leute aus der
Gegend jenes Hauses herkommen, welche eifrig sprachen und lamentierten. Um die
Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen, hatten die
Bauleute erklärt, ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen. Der Unglückliche,
der sich alles zutraute, wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde
die Fahne in aller Stille abnehmen, hatte sich auf das steile hohe Dach
hinausbegeben, stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot
auf dem Pflaster.
    Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges
weiterging, wohl ein Grauen, verursacht durch, den Fall, wie er war; aber ich
mag mich durchwühlen, wie ich will, ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen
oder Reue entsinnen, die mich durchzuckt hätte. Meine Gedanken waren und blieben
ernst und dunkel, aber das innerste Herz, das sich nicht gebieten lässt, lachte
auf und war froh. Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut, so
glaube ich zuversichtlich, dass mich Mitleid und Reue ergriffen hätten; doch das
unsichtbare Wort, mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr, gab mir nur
Versöhnung, aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der
Rache und nicht der Liebe. Ich konstruierte zwar, als ich mich besonnen, rasch
ein künstliches und verworrenes Gebet, worin ich Gott um Verzeihung, um Mitleid,
um Vergessenheit bat; mein Inneres lächelte dazu, und noch heute, nachdem wieder
Jahre vorübergegangen, fürchte ich, dass meine nachträgliche Teilnahme an jenem
Unglücke mehr eine Blute des Verstandes als des Herzens sei, so tief hatte der
Hass gewurzelt!
 
                                Neuntes Kapitel
Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren, so kann ich nicht bekennen, dass
dieselbe hell und glücklich gewesen sei. Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich
nun erweitert, die Ansprüche waren ernster geworden, ich hatte ein dunkles
Gefühl, dass es sich um Wichtiges und Schönes handle, und auch einen gewissen
Drang, diesem Gefühle zu genügen. Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen
waren mir nie klar und gingen mir immer verloren. Das einzige Element, in dem
ich sicher lebte wie in der Lebensluft, war die Sprache. Meine Schulabteilung
war für solche bestimmt, welche sich später dem Gewerb- oder Handelsstande
widmen wollten; daher wurde in den niederen Klassen, durch welche ich gelangte,
ausser dem Deutschen nur Französisch und Italienisch gelehrt. Letztere beiden
bestritt ich ohne Mühe, indem ich, über die grammatikalischen und
Vokabelnaufgaben flüchtiger hinwegeilend, durch die Geläufigkeit in der
Muttersprache unterstützt, leicht erriet und daher gut ins Deutsche übersetzte.
Sollte ich dagegen von diesem in die fremden Sprachen übersetzen, so kam mir
eine grosse Geschicklichkeit im augenblicklichen Nachschlagen zustatten, da ich
einmal sogleich fühlte, was tauglich und wo es zu suchen sei. Dies täuschte die
Lehrer, dass sie mich überall für gut beschlagen hielten, mich zu denen zählten,
welchen man weniger aufmerken müsse, und zufrieden waren, wenn ich die
Übersetzungen und Stilübungen pünktlich und erträglich einlieferte. Mein
deutsches Lernen hingegen konnte gar keine Arbeit, sondern nur ein Vergnügen
genannt werden. Schon vor Jahren in der ersten Schule hatte ich Ortographie und
Interpunktion mir vollkommen angeeignet und wie man sprechen lernt. Nachher
hielt meine kleine Schreibkunst mit meiner Erfahrung Schritt, und was ich sagen
wollte, konnte ich richtig niederschreiben und wunderte mich, wie gerade dies so
viele Schüler in Verzweiflung setzte. Stilkünste und Wendungen merkte ich aus
den gelesenen Büchern; was mir, nach meinem jeweiligen Geschmacke, auffiel, das
wandte ich aus Nachahmungstrieb an, bis ich besser unterscheiden lernte. Daher
fielen meine Aufsätze umfangreich und überschwenglich aus, ich schriftstellerte
förmlich darin mit grosser Liebhaberei und erschöpfte jedesmal den Stoff nach
allen Seiten, soweit der Verstand reichte. Während meines Besuches der Schule
waren sich zwei verschiedene deutsche Lehrer gefolgt. Der erste war ein
patriotischer Mann, welcher uns mit Begeisterung die Schweizergeschichte
vorerzählte und stückweise als Stoff zu schriftlichen Arbeiten aufgab. Dieser
Stoff war mir zu knapp, da er jedesmal nur für zwei oder drei Seiten berechnet
war und ich hier füglich nicht viel hinzutun konnte. Ich half mir mit allerlei
Schilderungen der Lokalitäten und Personen, welche etwas seltsam und unnütz
ausfielen und den Lehrer aufmerksam machten. Als wir zur Geschichte des Tell
kamen, hatte ich das Schillersche Drama schon gelesen und glaubte mich im
Besitze besonderer Quellen. Mein Aufsatz war eine prosaische Wiedererzählung des
Gedichtes und besonders die Liebesgeschichte weitläufig ausgemalt. Als der
Lehrer mit den durchgesehenen Heften in die Stunde und die Reihe des Beurteilens
an mich kam, fragte er mich freundlich, wo ich diese und jene Umstände
hergenommen hätte. Ich fürchtete unrecht getan zu haben und schwieg auf sein
wiederholtes Andringen hartnäckig still. Beim Nachhausegehen forderte er mich
auf, nächstens zu ihm in sein Haus zu kommen. Ich war ihm sehr zugetan und ahnte
wohl, dass mir Gutes geschehen sollte; aber ich war zu schüchtern und ging nicht
hin. Der Mann starb, und ein anderer folgte auf ihn, welcher die Aufgaben aus
dem Leben griff und uns anwies, die verschiedenen Vorkommnisse desselben zu
beschreiben. So mussten wir einmal unsere Ferienreise aufzeichnen; ich hatte
keine gemacht, sondern die ganze Zeit über bei der Mutter hinter dem Ofen
gesessen, erfand aber ein ganzes Heft voll mutwilliger Abenteuer, welche in dem
witzelnden Jargon irgendeines satirischen Buches, das ich gelesen, gehalten
waren. Ein andermal sollten wir einen vom Gewitter überfallenen Jahrmarkt
schildern; auch dieser Aufsatz spann sich mir sehr lang aus, steckte aber so
voller Possen, dass ich ihn sowenig eingab wie jene Ferienreise. Der Lehrer
fragte aber gar nicht darnach, weil er wusste, dass ich alles konnte, was er von
dieser Klasse verlangte, und da ich mich sonst still hielt, liess er mich
gänzlich in Ruhe und tat, als ob ich nicht da wäre, so dass ich während seiner
Stunden immer las. Gelegentlich wurde ich etwa aufgerufen, um irgendeinen
lateinischen Ausdruck der Grammatik zu sagen; diese hatte ich aber längst
vergessen und kenne sie auch jetzt nicht, weil ich ohne sie oder vielmehr neben
ihr vorbei schreiben gelernt hatte. Doch der Lehrer hielt mein Schweigen für
Vorsätzlichkeit und war froh, mich gelinde bestrafen zu können, um mich nicht zu
stolz werden zu lassen.
    Er war ein Schöngeist und diktierte uns dann und wann als Leckerbissen eine
Stelle aus einem deutschen Klassiker, welche für uns zugänglich war. Solche
Bruchstücke liessen mich das Untaugliche alles übrigen Treibens lebhaft fühlen;
ich schrieb sie sorglich ins reine, las sie wieder und arbeitete sogleich in dem
betreffendern Stile. In der Schule sah ich voll Sehnsucht auf die
schöngebundenen Bücher, die der kühle Mann mitbrachte, und nahm mir fest vor,
diesmal zu ihm zu gehen, wenn er mich etwa einladen würde wie der Verstorbene.
Er starb indessen auch, ohne es je getan zu haben; entweder liebte er
dergleichen nicht oder war überzeugt, dass ich für einmal genug Deutsch
verstände.
    Nicht so gut erging es mir mit dem übrigen Lernen. In allen Schulen, wo kein
Latein getrieben wird, betrachtet man den Unterricht als einen Dampf, der
möglichst rasch durch das Gehirn der Jugend gejagt werden müsse, um wieder zu
verfliegen. Dies einmal und nie wieder Hören der Gegenstände, dies regelmässige
und vollkommene Vergessen dessen, was die einzelnen Naturen in den Jahren des
Unverstandes nicht ansprach und was sie später doch so gerne wissen möchten, hat
etwas Grauenhaftes in sich; es ist, als ob dies Unkraut nur da wäre, um auch das
zu beeinträchtigen und zu schmälern, was man wirklich versteht und gerne lernt.
Es sind vielleicht nicht die schlechteren Gewächse der Schule, welche für das,
dessen Zweck sie einstweilen nicht einsehen, böswilligst keinen Sinn zeigen und
beharrlich darin nichts tun, und es fragt sich, ob manche Lehre nicht erst dann
begonnen werden sollte, auch in ihren Anfängen, wenn man imstande ist, den
grossen und erhabenen Endzweck klar und eindringlich zu machen. Die meisten
Schulmänner haben ihr Leben lang nichts getrieben als das Fach, in welchem sie
vierzehnjährige Knaben unterweisen sollen. Von frühster Jugend an haben sie
besondere Neigung dafür gezeigt, dann studierten sie, hörten das gleiche Tema
drei-, viermal bei verschiedenen Lehrern, reisten und hörten es wieder, lasen
nichts anderes! als was davon handelte, und nun treten sie vor die Jugend und
verlangen von ihr, dass sie aus einigen trockenen, grämlichen Einleitungsworten
die ganze Einsicht und Begeisterung für eine lange Reihe von Unterrichtsstunden
schöpfe und ebenso überzeugt sei von der Klarheit und Notwendigkeit jedes
Punktes als sie selbst von ihrer Weisheit. Die Kinder des Latein und des
Griechisch, der Student, werden freilich gehätschelt und gepflegt, damit die
Kaste nicht ausgehe; aber alle Lehrer, welche in den geheiligten Mauern nicht
unterkommen können, betrachten sich auf den Profanschulen als unglückliche
Verbannte, welche Perlen vor die Säue zu werfen haben. Ich habe auch Schulmänner
gesehen, deren Lebensaufgabe darin bestand, die Volkserziehung zu verbessern.
Tag und Nacht arbeiteten sie daran, reisten herum auf Kongressen, schrieben
Bücher und führten Polemik; ein inneres Feuer verzehrte sie. Was Wunder, wenn
sie verdriesslich und einsilbig in die Stunde kamen und ängstlich darüber
wegeilten, um nur wieder an die Lösung ihres einen Rätsels gehen zu können?
    Man begann uns Weltgeschichte zu diktieren, und unzählige Namen
orientalischer Urvölker schwirrten an uns vorüber, während wir gleichzeitig die
Geographie von Europa betrieben, von dessen Bewohnern wir nichts vernahmen zu
selber Zeit, und als die Sache umgekehrt wurde, hatten die meisten die
entsprechende Kenntnis schon gründlich vergessen oder wussten sie nicht
anzuwenden; denn eben diese Einsicht kommt erst mit der reiferen Jugend, welcher
die Welt anfängt deutlich und wichtig zu werden.
    Die Lehrer der verschiedenen matematischen Übungen begannen ihren Kursus,
mit wenigen Ausnahmen, durch einige magere Worte über den Sinn des Titels und
begannen dann unaufhaltsam die Sache selbst, vorwärtsschreitend, ohne umzusehen,
ob einer mit dem Verständnis zurückbleibe oder nicht. Daher gab es unter vierzig
Schülern vielleicht höchstens drei, welche von dem Gegenstande am Schlusse eine
wirkliche Rechenschaft geben konnten, solche, deren Neigungen und Fähigkeiten er
entsprach. Die übrigen schleppten sich entweder mit mühseliger Aufmerksamkeit
und angstvollem Fleisse von Stunde zu Stunde, ohne je recht klar zu sein, oder
sie liessen gleich im Anfange die Hoffnung sinken und sich regelmässig bestrafen.
Was ich selbst tat, weiss ich kaum mehr zu sagen; ich lebte fortwährend wie in
einem quälenden Traume. Manchmal hatte ich den Faden einige Tage hindurch wieder
erwischt, dann verlor ich ihn plötzlich wieder, freilich durch eigene Schuld;
aber die Schuld der Alten war eben, dass ein Moment der Unaufmerksamkeit für
dieses Alter unwiederbringlich und zu einer Todsünde werden konnte.
    Einst wurde uns ein edler stiller Mann vorgeführt, welcher uns die
Pflanzenkunde lehren sollte. Er begann mit langsamen, fassbaren Worten ganz von
vorne, wir hatten ganz reinen Tisch, und er fuhr so fort, dass nur die wirklich
stumpfen Geister zurückblieben. Nachdem er uns die äusserliche Stellung der
Pflanzen in der Natur klargemacht und uns für sie eingenommen hatte, ging er auf
ihre allgemeinen Eigenschaften und auf die Erklärung ihres Organismus über,
wobei wir die ersten Blicke in die Bedeutung dieses Wortes erhielten, welche wir
von nun an nicht vergassen. Schon freuten wir uns der nahen Aussicht, einige
Kenntnis im Bestimmen der einzelnen Gewächse zu erhalten, und mehr als einer war
vielleicht in der Klasse, bei welchem eine einflussreiche Anhänglichkeit an die
Natur und ihre Kenntnis geweckt worden wäre, als der von uns trotz seiner
Einsilbigkeit hochgehaltene Lehrer erkrankte und den Unterricht aufgeben musste.
Statt dass nun ein anderer Botanikbeflissener gesandt worden wäre, welcher auf
Grund unserer sämtlich musterhaften Hefte fortzufahren versucht hätte, wurde das
Ganze unverhofft abgebrochen, und ein geistlicher Herr, welcher als Dilettant
etwas Naturwissenschaft trieb, überfiel uns mit einem Heere wilder Bestien,
indem er uns etwas aphoristische Zoologie vortrug. Während wir so mit jener
liebgewonnenen Botanik ein organisches Ganzes verloren, erhielten wir dafür nur
einige Tiergestalten; denn die Zoologie, welche man vierzehnjährigen Knaben
lehrt, nährt nicht ihren Geist, weil sie ohne vergleichend anatomische
Kenntnisse, mit einem Worte ohne wissenschaftliche Anknüpfungen blosses Futter
für die Neugierde ist.
    Solches blindes Einwirken des Zufalles in unser Fortschreiten kam mehr als
einmal vor, und es verletzt das ohnehin zarte Gewebe des zusammenhängenden
Verständnisses rauher, als man denkt.
    Ich hatte ein sehr gutes Gehör und war ein eifriger Sänger. Wir hatten für
die erste Schulzeit eine einfache Notenlehre gekannt, welche nun eines Morgens
mit der eigentlichen verwickelteren Teorie verwechselt wurde. Die erste Stunde,
in welcher der Musikus etwas über die Bedeutung und allgemeine Einrichtung
derselben gesagt haben mochte, war ich abwesend, und als ich wieder eintraf,
fand ich meine Mitschüler im ängstlichen Lesen der verschiedenen Skalen und
Tonarten begriffen. Ich war nun ein für allemal vor die Tür gesetzt; wenn wir
sangen, nachdem der Lehrer auf seiner Geige den Ton angegeben, krähete ich mit
heller Stimme, traf immer sicher und wurde öfter gebraucht, die Höhe des Tones
zu halten. Sollte ich aber das Lied lesen, so stockte ich bald und wurde als
böswillig bezeichnet.
    Überall war dieser unselige Zwiespalt zwischen klarem Zweck und scheinbarer
Zwecklosigkeit, zwischen vorausgenommener Fertigkeit in diesem Ganzen und
nachschleppendem Unverständnis jenes Einzelnen. Und doch war die Anstalt gut und
besser als viele andere; denn das Übel liegt oder lag in der ganzen
Erziehungsweise, in den verwendeten Menschen. Der Staat gibt die rechte Parole
und bringt die grössten Opfer, mit denen er seiner Ehre genügt; aber ehe sie
Früchte tragen, muss die ganze alte Generation der Pädagogen aussterben und ein
neues Geschlecht entstehen, welches ein ganz anderes Fühlen, Sehen und Hören
mitbringt als das alte.
    Doch als ich mich ungefähr dem funfzehnten Jahre näherte und die Stimme sich
zu verändern begann, brach durch alle Verwirrung hindurch ein helleres Licht; in
dem Masse als man uns Heranwachsende ernster, aber auch rücksichtsvoller
behandelte, fing an die eigentliche Lernbegierde aufzutauen, und wie ich ahnte,
dass alle Kenntnisse wohl ineinander münden und sich zu einem lichten Zwecke
verflechten würden, lernte ich die wirkliche und gewissenhafte Mühe kennen,
welche nicht nur mit dem Talente spielen, sondern auch mit Lust arbeiten kann.
Ich freute mich mit andern auf die höheren Klassen, welche wir bald antreten
sollten, und wir warfen hoffnungsvolle Blicke in die wohlbestellten und
geordneten Sammlungen, auf die mannigfaltigen Mittel, die jenen zu Gebote
standen, auf das gesetzte und selbständigere Wesen, das dann seinen Anfang
nehmen sollte. Ich fühlte die Wichtigkeit und nötige Fruchtbarkeit der nächsten
Jahre; zu welchem Lebensberufe ich mich dann entscheiden würde, darüber konnte
ich mir noch keine Rechenschaft geben. Denn auch insofern war die Anstalt
vortrefflich geschaffen, dass gegen das Ende ihrer Studien, mitten aus ihr
heraus, mit vollem Überblicke man sich einen Entschluss fassen konnte, ja musste,
wer nicht durch früh ausgesprochene Neigung schon bestimmt war. Nur zwei
Richtungen drängten sich deutlicher vor meine Augen und spielten unbestimmt
ineinander. Es war der grosse Zeichnungssaal mit seinen vielen Gipsabgüssen,
schönen Kunstvorlagen und dem ganzen künstlerischen Treiben darin, und
anderseits die tiefere und ausführlichere Behandlung der Sprache, das Lesen und
Erklären von Schriftstellern verschiedener Zungen, worauf ich mich freute und
welche ich ganz zu benutzen mir vornahm. Allein zwischen der Zukunft und der
Gegenwart lag noch eine tiefe und breite Kluft.
    Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit wahrer Herzensgüte und
ehrlichem Sinne eine grosse Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein
schwächliches und seltsames Äusseres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher den
Umschwung der Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeiführte, tapfer
mitgewirkt und war in der konservativen Stadt als ein leidenschaftlicher
Liberaler verschrieen. Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten, mit Ausnahme
derer, die vom Lande kamen. Auch ich, obgleich meines Ursprunges halber auch ein
Landmann, aber in der alten Stadt geboren, heulte mit den Wölfen und dünkte mich
in kindischem Unverstande glücklich, auch ein städtischer Aristokrat zu heissen.
Meine Mutter politisierte nicht, und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild,
welches meine unmassgeblichen Meinungen hätte bestimmen können. Ich wusste nur,
dass die neue radikale Regierung einige alte Türme und Mauerlöcher vertilgt
hatte, welche Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen, und dass sie aus
verhassten Landleuten und Emporkömmlingen bestand.
    Gleich beim Beginne der neuen Schulen, als der ungeschickte Lehrer seine
Tätigkeit mit vieler Gemütlichkeit antrat, brachte ein Schüler, der Sohn eines
fanatischen Stadtbürgers, mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns, wie der
Lehrer geschworen hätte, uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bändigen.
Er war nämlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, wie er es
teilweise mit einer durch altes Herkommen übermütigen und ausgelassenen
Stadtjugend zu tun haben würde, worauf er antwortete, er werde mit den
Bürschlein schon fertig zu werden wissen. Auf obige Weise dargestellt, wurde
diese Rede nun, wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten, unter unsere
verstandlose Masse geworfen, und sie begann sogleich zu wirken. Wir nahmen den
Handschuh auf, die Verwegensten eröffneten einen geordneten Widerstand und ein
leichtes Geplänkel des Unfuges. Schon dies verwirrte ihn, und anstatt mit
Sarkasmen und ruhiger, überlegener Entschiedenheit die Angreifer zurückzuwerfen,
rückte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschütze vor, indem
er jeden kleinen Mutwillen, auch jede unabsichtliche Tat blindlings mit den
schwersten und einflussreichsten Strafen belegte, die ihm zu Gebote standen und
welche sonst nur in seltenen Fällen angewendet wurden. Dadurch entzog er sich in
unsern Augen den guten Rechtsboden, da wir in der Abschätzung des Verhältnisses
zwischen Strafe und Vergehen eine grosse Gewandteit besassen. Seine Strafen
wurden bald wertlos und zuletzt eine Ehrensache, ein Martyrium. Es entstand
offener Skandal in den Stunden, welcher sich auch in die anderen Säle
verbreitete, wo der Gehetzte zu erscheinen hatte. Nun beging er einen neuen
Fehlgriff; statt die Bewegung in sich selbst zerfallen zu lassen und eine
Zeitlang ihr zu stehen, fing er an, jeden Schüler aus der Stube zu jagen, der
das Geringste verübte. Eine unschuldig gestellte Frage an ihn, das absichtliche
oder unabsichtliche Fallenlassen eines Gegenstandes reichte hin, ins Freie
befördert zu werden. Wir merkten uns dies, und bald hielt er regelmässig nur mit
zwei oder drei Frommen seinen Unterricht, während der helle Haufen vor der Tür
sich auf seine Kosten belustigte. Das Einschreiten oberer Behörden oder auch
seine eigene Energie, wenn er, trotz des Verbotes, die Schüler zu schlagen,
einige ein einziges Mal bei den Köpfen genommen und tüchtig durchgebleut hätte,
würden hingereicht haben, die Ruhe herzustellen. Zu letzterm besass er nicht die
geeignete Persönlichkeit, das erstere unterblieb, da die unmittelbar folgende
Instanz aus Schulmännern bestand, welche dem Verfolgten abgeneigt waren und so
lang als möglich die Vorfälle nicht zu bemerken schienen. Die Schüler erzählten
in ihren Familien mit Ruhmredigkeit ihre Taten, wobei sie nicht unterliessen, den
Lehrer als den schreckbarsten Popanz darzustellen. Die behäbigen Bürger, sich
mit Wohlgefallen ihrer eigenen Knabenstreiche erinnernd und in der Erfahrung der
alten Zeit aufgewachsen, dass die Schule nur eine Art Unterkommen bilde, bis das
würdige Bürgerkind, ohne sich den Kopf zerbrechen zu müssen, in das behagliche
Privilegien- und Zunftwesen der guten alten Stadt aufgenommen würde, bestärkten
ihre Söhnlein durch unverhohlenes Lächeln, wo nicht durch direkte Aufreizung, in
ihrem Treiben. Obgleich die Sache längst Aufsehen gemacht hatte, wurde sie nach
oben hin stets so geschildert, als ob alle Schuld an dem Verfolgten läge; es kam
etwa ein Herr in die Stunde, um selbst zu sehen, dann hüteten wir uns aber wohl,
etwas zu beginnen, so wie wir auch in den Stunden der übrigen Lehrer uns doppelt
ruhig verhielten. Der Unglückliche war ein Ableiter für allen bösen Stoff,
welcher in der Schule steckte. So schleppte er sich beinahe ein Jahr lang hin,
bis er endlich für eine Zeitlang suspendiert wurde. Er wäre so gerne ganz
weggeblieben, indem er Schaden an seiner Gesundheit litt und ganz abmagerte;
aber eine zahlreiche Familie schrie nach Brot, und er war auf diesen Beruf
angewiesen. So trat er eines Tages seinen Leidensweg wieder an, so versöhnlich
und bescheiden als möglich; allein er fand keine Barmherzigkeit, ein wilder
Jubel brach los, das alte Unwesen wiederholte sich, und er musste nach wenigen
Tagen gänzlich entlassen werden.
    Ich hatte mich lange Zeit ziemlich ruhig verhalten und nur den zahlreichen
Auftritten behaglich zugesehen. Gegen den Mann selbst verging ich mich nicht ein
einziges Mal, da es mir widerstand, einem Erwachsenen gegenüber aufzutreten.
Erst als das Hinausschieben der ganzen Klasse begann, suchte ich auch
teilzunehmen und bewerkstelligte dies durch kleine schüchterne Streiche oder
wischte auch so mit hinaus; denn erstens ging es sehr lustig her draussen, und
zweitens hätte ich um keinen Preis bei den wenigen verpönten Gerechten bleiben
mögen, welche in der Stube sassen. Desto lauter wurde ich, wenn ich einmal
draussen war, half Aufzüge und Umgänge anordnen und überliess mich, nach langer
Zurückgezogenheit, einer so wilden Freude, dass mir das Herz heftig klopfte und
mein Blut ganz in Wallung war, wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an
unseren Plätzen sassen. Ich kann mir fest gestehen, dass ich mich damals über die
Freude selbst freute und keinerlei Bosheit in mir trug. Vielmehr empfand ich ein
heimliches Mitleid mit dem Armen, welches ich zu äussern aber unterliess, um nicht
lächerrlich zu werden. Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege; er
schien einen Erholungsgang zu machen; unwillkürlich zog ich ehrerbietig meine
Mütze, was ihn so freute, dass er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so
märterlich ansah, als ob er um Barmherzigkeit flehte. Ich wurde gerührt und
dachte fest, dass es anders werden müsse. Gleich am nächsten Tage trat ich zu
einer Gruppe der wildesten Mitschüler, um geradezu am rechten Flecke anzugreifen
und ein Wort des Mitgefühls, des Nachdenkens unter sie zu werfen; ich hatte den
richtigen Instinkt, dass dieses gewiss, wenn auch nicht augenblicklich,
weiterwirken und die Laune der Menge anziehen würde. Sie sprachen eben von dem
Lehrer, hatten eben einen neuen Spitznamen erfunden, der so komisch klang, dass
alles bester Laune war und auflachte; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir
auf der Zunge, und anstatt meine Pflicht zu tun, verriet ich ihn und mein
besseres Selbst, indem ich das gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug, die
der gegenwärtigen Stimmung vollkommen entsprach und dieselbe erhöhte!
    Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns; die Lärmbedürftigen und
Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her, zehrten von der
Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden. Eines Abends, nach dem Schlusse
des Unterrichts, ging ich ruhig meiner Wege und hatte bald meine Wohnung
erreicht, als ich rufen hörte: »Grüner Heinrich! hierher!« Ich wandte mich um
und erblickte in einer anderen Strasse einen ansehnlichen Haufen Schüler, welche
durcheinandertrieben wie ein Ameisenhaufen und sehr geschäftig schienen. Ich
erreichte sie, man teilte mir mit, dass man in Gesamteit dem verabschiedeten
Lehrer noch einen Besuch abstatten und ein rechtes Schlussvergnügen veranstalten
wolle, und forderte mich auf teilzunehmen. Der Plan wollte mir gar nicht
einleuchten, ich lehnte kurz ab und ging weg. Jedoch die Neugier wandte mich,
dass ich von ferne nachzog und sehen wollte, wie es abliefe. Der Haufen bewegte
sich vorwärts, andere Schulen, deren Bestandteile um diese Zeit alle in den
Gassen wimmelten, wurden angeworben, dass bald ein Zug von hundert Jungen aller
Art sich fortwälzte. Die Bürger standen unter den Türen und betrachteten mit
Verwunderung das Tun, ich hörte einen sagen: »Was mögen die Teufelsbuben nur
wieder vorhaben? Die sind bei Gott fast so munter, als wir gewesen sind!« Diese
Worte klangen in meinen Ohren wie Kriegsdrometen, meine Füsse wurden lebendiger,
und schon trat ich dem letzten Manne des Zuges auf die Fersen. Es war ein
unsägliches Vergnügen in der Menge, hervorgerufen durch das improvisierte
Beisammensein aus eigener Machtvollkommenheit. Ich ward immer wärmer, schob mich
vorwärts und sah mich plötzlich bei der Spitze angelangt, wo die hohen Häupter
gingen und mich mit Jubel begrüssten. »Der grüne Heinrich ist doch noch
gekommen!« hiess es, der Name erschallte längs des ganzen Zuges und vermehrte den
Stoff zu Geräusch und gegenstandloser Freude. Mir schwebten sogleich gelesene
Volksbewegungen und Revolutionsszenen vor. »Wir müssen uns in gleichmässigere
Glieder abteilen«, sagte ich zu den Rädelsführern, »und in ernstem Zuge ein
Vaterlandslied singen!« Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgeführt;
so durchzogen wir mehrere Strassen, die Leute sahen uns mit Staunen nach, ich
schlug vor, noch einen Umweg zu machen und dies Vergnügen so lange als möglich
andauern zu lassen. Auch dies geschah, allein zuletzt langten wir doch am Ziele
an. »Was wollen wir nun eigentlich beginnen?«, fragte ich, »ich dächte, wir
sängen hier ein Lied und zögen dann wieder mit einem Hurra davon!« - »Ins Haus!
ins Haus!« tönte es zur Antwort, »wir wollen ihm eine Dankrede für sein Wirken
abstatten!« - »So sollen wenigstens alle für einen stehen und keiner
davonlaufen, damit alle die gleiche Strafe tragen, wenn es etwas absetzt!« rief
ich, worauf der ganze Schwarm in das kleine enge Haus einströmte und die Treppen
hinantobte. Ich blieb an der Haustür stehen, teils um nicht dem Manne vor das
Angesicht treten zu müssen, weil ich keinerlei Trieb dazu fühlte, teils um
keinen Mitschuldigen sich einzeln entfernen zu lassen. Es war ein furchtbarer
Lärm im Innern, die Knaben waren ganz berauscht von ihrer eigenen Aufregung; der
Gesuchte lag krank in einem verschlossenen Zimmer, die Frauen waren bemüht, die
übrigen Türen zu verschliessen, und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um.
Doch schämten sie sich zu rufen, die Nachbaren wussten nicht, was alles zu
bedeuten hätte, und sahen höchst verwundert zu; ich blieb mit nichts weniger als
heiteren Gedanken auf meinem Posten. Das Haus war von unten bis oben angefüllt,
die Lärmenden erschienen unter den Dachluken, warfen alte Körbe heraus und
stiegen sogar auf das Dach, die Luft mit ihrem Geschrei erfüllend. Ein altes
Weib drang endlich beherzt aus einem Kämmerchen und trieb, geschützt durch Alter
und Geschlecht, den ganzen Schwarm mit einem Besen allmählich aus dem Hause.
    Dies Attentat war denn doch zu auffällig gewesen, als dass die oberen
Behörden nicht endlich aufmerksam wurden. Sie verlangten eine strenge
Untersuchung. Wir wurden in einem Saale versammelt und einzeln aufgerufen, um
vor ein Tribunal zu treten, welches in einer Nebenstube sass. Das Verhör dauerte
einige Stunden, die Zurückkehrenden gingen sogleich weg, ohne Bericht zu geben;
zwei Dritteile der Versammelten waren schon fort, und noch wurde ich nicht
aufgerufen; dagegen bemerkte ich, dass zuletzt alle, welche aus der Verhörstube
kamen, mich ansahen, ehe sie weggingen. Zuletzt hiess es, der ganze Rest solle
hereinkommen mit Ausnahme des grünen Heinrich.
    Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass die Kindheit schon ein Vorspiel des
ganzen Lebens ist und bis zu ihrem Abschlusse schon die Hauptzüge der
menschlichen Zerwürfnisse im kleinen abspiegele, so dass später nur wenige
Erlebnisse vorkommen mögen, deren Umriss nicht wie ein Traum schon in unserm
Wissen vorhanden, wie ein Schema, welches, wenn es Gutes bedeutet, froh zu
erfüllen ist, wenn aber übles, als frühe Warnung gelten kann, so würde ich mich
nicht so weitläufig mit den kleinen Dingen jener Zeit beschäftigen.
    Endlich kam die Reihe an mich; der letzte Trupp erschien wieder und hiess
mich hineingehen. Ich wollte fragen, was denn vorginge, erhielt aber keine
Antwort, vielmehr sputeten sie sich ängstlich von hinnen. So trat ich in die
Nebenstube, halb von Neugierde vorwärtsgedrängt, halb von jener beklemmenden
Furcht zurückgehalten, welche die Jugend vor den Alten empfindet, wenn sie in
ihnen an Verstand überlegene und allmächtige Wesen voraussetzt. Es sassen zwei
Herren am obern Ende eines langen Tisches, zu dessen Fuss ich stand, einige
Stücke Papier und ein Bleistift vor sich. Der eine war der nächste Vorsteher der
Schule, der auch selbst Unterricht erteilte und mich kannte, der andere ein
höherer gelehrter Herr, welcher wenig sagte. Zu jenem stand ich in einem
eigentümlichen Verhältnisse; er war ein gemütlicher Poltron, gern viele Worte
machend und froh, wenn ein Schüler durch bescheidene Widerrede ihm Gelegenheit
gab, sich gründlich über ein Faktum zu verbreiten. Im Anfange hatte er mir
wohlgewollt, da ich gerade bei ihm mich sehr ordentlich aufführte; aber meine
Eigenschaft, den Vorwürfen, Ermahnungen und Strafen bei vorkommenden Fällen ein
unwandelbares Schweigen entgegenzusetzen, hatte mir seine Abneigung zugezogen.
Das ängstliche Leugnen, die Zungengeläufigkeit, Strafe von sich abzuwenden, das
hartnäckige Feilschen um dieselbe waren mir unmöglich; glaubte ich eine solche
verdient zu haben, so nahm ich sie schweigend hin, schien sie mir zu ungerecht,
so schwieg ich ebenfalls, und nicht aus Trotz, sondern ich lachte innerlich ganz
frohmütig darüber und dachte, der Richter hätte das Pulver auch nicht erfunden.
Darum hielt mich der Herr für einen unbrauchbaren, bedenklichen Burschen und
fuhr mich nun mit drohender Miene an: »Hast du an dem Skandale teilgenommen?
Schweig! leugne nicht, es wird nichts helfen!« Ich brachte ein leises Ja hervor,
der weiteren Dinge gewärtig. Doch wie um mich in seinen Augen, da ihm einmal zur
Weckung guter Laune durchaus ein gründlicher Wortwechsel nötig war, noch zu
retten, tat er, als ob er ein Nein vernommen hätte, und schrie: »Wie, was?
Heraus mit der Wahrheit!« - »Ja!« wiederholte ich etwas lauter. »Gut, gut, gut!«
sagte er, »du wirst gewiss noch einen finden, der dir gewachsen ist, einen Stein,
der eine Beule in deine eiserne Stirne schlägt!« Diese Worte beleidigten mich
und taten mir weh; denn sie schienen nicht nur eine arge Verkennung meines
Wesens zu entalten, sondern auch eine ungehörige Voraussagung der Zukunft, eine
persönliche Bitterkeit zu sein. Er fuhr fort »Hast du auf dem Wege
vorgeschlagen, einen förmlichen Zug zu ordnen und ein Lied zu singen?« Diese
Frage machte mich stutzen, meine Genossen hatten also mich verraten und deshalb
ohne Zweifel sich reingewaschen; ich schwankte, ob ich nicht leugnen sollte,
aber es kam wieder ein Ja hervor, zumal ich unmöglicherweise denken konnte, dass
alles auf mich gewälzt werde. »Hast du am Hause des Herrn... erklärt, dass keiner
sich zurückziehen dürfe, und dieser Erklärung durch Bewachung der Tür Folge
gegeben?« Das bejahte ich unbedenklich, da es mir weder eine Schande noch ein
besonderes Vergehen zu sein schien. Diese beiden Momente, aus den ersten Fragen
an die Mitschuldigen schon zutage getreten, schienen dem Herrn auf den
Haupturheber hinzudeuten; sie ragten auch wohl am fassbarsten aus all dem wirren
Treiben hervor, und er hatte allein auf sie hin verhört. Jeder bejahte
regelmässig die Frage darnach und war froh, nicht über sich selbst sprechen zu
müssen.
    Ich wurde entlassen und ging etwas bewegt, doch gemächlich nach Hause; das
Ganze schien mir nicht sehr würdig zu verlaufen. Zwar fühlte ich eine tiefe
Reue, aber nur gegen den misshandelten Lehrer. Zu Hause erzählte ich der Mutter
den ganzen Vorgang, worauf sie mir eben eine Strafrede halten wollte, als ein
Schuldiener hereintrat mit einem grossen Briefe. Dieser entielt die Nachricht,
dass ich von Stund an und für immer von dem Besuche der Schule ausgeschlossen
sei. Das Gefühl des Unwillens und erlittener Ungerechtigkeit, welches sich
sogleich in mir äusserte, war so überzeugend, dass meine Mutter nicht länger bei
meiner Schuld verweilte, sondern sich ihren eigenen bekümmerten Gefühlen
überliess, da der grosse und allmächtige Staat einer hilflosen Witwe das einzige
Kind vor die Türe gestellt hatte mit den Worten: Es ist nicht zu brauchen!
    Wenn über die Rechtmässigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender
Streit obwaltet, so kann man füglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein
Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobsüchtig sind, von seinem
Erziehungssysteme auszuschliessen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gemäss jenem
Vorgange wird man mir, wenn ich im spätern Leben in eine ähnliche ernstere
Verwicklung gerate, bei gleichen Verhältnissen und Richtern, wahrscheinlich den
Kopf abschlagen; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschliessen heisst
nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen. Der
Staat hat nicht darnach zu fragen, ob die Bedingungen zu einer weiteren
Privatausbildung vorhanden seien oder ob trotz seines Aufgebens das Leben den
Aufgegebenen doch nicht fallenlasse, sondern manchmal noch etwas Rechtes aus ihm
mache er hat sich nur an seine Pflicht zu erinnern, die Erziehung jedes seiner
Kinder zu überwachen und zu Ende zu führen. Auch ist am Ende diese Erscheinung
weniger wichtig in bezug auf das Schicksal solcher Ausgeschlossenen, als dass sie
den wunden Fleck auch der besten unserer Einrichtungen bezeichnet, die
moralische Faulheit nämlich, die Trägheit und Bequemlichkeit der mit diesen
Dingen Beauftragten, derer, welche sich als Erzieher par excellence geben. Das
Ausstossen auch des nichtsnutzigsten Schülers ist nichts als ein Armutszeugnis,
welches eine Schule sich gibt.
    Der Kummer und die Niedergeschlagenheit meinerseits waren nicht allzu gross;
ich hatte dem Lehrer des Französischen einige Bücher zurückzustellen, da er mir
mit Wohlwollen ehrwürdige Franzbände französischer Klassiker zu leihen pflegte
Auch führte er mich einige Male in einer grossen Bibliotek umher, mir
respektvolle Vorbegriffe vom Bücherwesen beibringend. Als ich zu ihm kam,
drückte er mir sein Bedauern über das Geschehene aus und gab mir zu verstehen,
wie ich es nicht allzu hoch aufzunehmen hätte, da seines Wissens die Mehrzahl
der Lehrer, gleich ihm, nicht unzufrieden mit mir wären. Ferner lud er mich ein,
ihn zu besuchen und seinen Rat zu holen, wenn ich Lust hätte, das Französische
weiter zu betreiben. Ich sah ihn zwar nicht wieder im Wechsel der Zeit, aber
seine Worte gaben mir eine gewisse Genugtuung, dass ich mich nun frei fühlte wie
der Vogel in der Luft, zumal ich die Bedeutung des Augenblickes und die
Wichtigkeit der Zukunft nicht zu übersehen vermochte.
    Meine Mutter hingegen befand sich in grosser Bedrängnis; sie konnte bestimmt
annehmen, dass der Vater meine Schulbildung jetzt noch nicht abgeschlossen haben
würde, wenn er noch lebte, und doch sah sie bei ihren beschränkten Mitteln keine
Möglichkeit, mir Privatlehrer zu halten oder mich auf eine auswärtige Schule zu
schicken, noch konnte sie sich den Beruf denken, welchen ich nun am besten
ergriffe, da gerade für eine einsichtvollere Selbstbestimmung der erweiterte
Gesichtskreis der nun verschlossenen höheren Klassen hätte Gelegenheit bieten
sollen. Meine häusliche Beschäftigung hatte in letzter Zeit beinahe
ausschliesslich in Zeichnen und Malen bestanden, und auch in dieser Hinsicht
befand ich mich in einem sonderbaren Verhältnis zur Schule. Dort galt ich für
nichts weniger als für einen talentvollen Zeichner. Monatelang klebte der
gleiche Bogen auf meinem Reissbrette, ich quälte mich verdrossen ab, einen
kolossalen Kopf oder ein Ornament mit dem magern Bleistifte zu kopieren,
Dutzende von Linien wurden ausgelöscht und blieben halb sichtbar, bis die
richtige stehenblieb, das Papier wurde beschmutzt und durchgerieben und
verkündete einen faulen und verdriesslichen Zeichner. Sobald ich aber nach Hause
kam, warf ich diese Schulkunst beiseite und machte mich mit eifrigem Fleisse
hinter meine Hauskunst. Nach jenem ersten Versuche, eine gemalte Landschaft zu
kopieren, hatte ich fortgefahren, dergleichen Gebilde in Wasserfarben
hervorzubringen; da ich nun aber weiter keine Vorbilder besass, musste ich sie auf
eigene Faust ins Leben rufen und tat dieses mit anhaltendem und dankbarem
Fleisse. Der gemalte Ofen unserer Stube entielt eine Menge ganz naiv poetischer
kleiner Landschaftsmotive, eine Burg, eine Brücke, einige Säulen an einem See
und solches mehr; ein altes Stammbuch der Mutter sowie eine kleine Bibliotek
verjährter Damenkalender aus ihrer Jugend bargen einen Schatz sentimentaler
Landschaftsbilder, dem lyrischen Texte entsprechend, mit Tempeln, Altären und
Schwänen auf Teichen, mit Liebespaaren, in Kähnen sitzend, und dunklen Hainen,
deren Bäume mir unvergleichlich gestochen schienen. Aus allem diesem zusammen
bildete sich eine höchst unschuldige und sozusagen elementare Poesie, welche
meinem eifrigen Machen zugrunde lag und mich während desselben beglückte. Ich
erfand eigene Landschaften, worin ich alle poetischen Motive reichlich
zusammenhäufte, und ging von diesen auf solche über, in denen ein einzelnes
vorherrschte, zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung brachte,
unter dem ich, halb unbewusst, mein eigenes Wesen ausdrückte. Denn nach dem
immerwährenden Misslingen meines Zusammentreffens mit der übrigen Welt hatte eine
ungebührliche Selbstbeschauung und Eigenliebe angefangen mich zu beschleichen,
ich fühlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es, meine
symbolische Person in die interessanten Szenen zu versetzen, welche ich erfand.
Diese Figur, in einem grünen, romantisch geschnittenen Kleide, eine Reisetasche
auf dem Rücken, starrte in Abendröten und Regenbogen, ging auf Kirchhöfen oder
im Walde oder wandelte auch wohl in glückseligen Gärten voll Blumen und bunter
Vögel. Das Machwerk an der beträchtlichen Sammlung solcher Bilder, welche sich
bereits angehäuft hatte, blieb immer auf dem nämlichen Standpunkte gänzlicher
Erfahrungs- und Unterrichtslosigkeit; nur eine gewisse Keckheit und Fertigkeit
im Auftragen der grellen Farben, welche ich durch die unablässige Übung erwarb,
verbunden mit der kühnen Absicht meiner Unternehmungen überhaupt, unterschied
mein Treiben einigermassen von sonstigen knabenhaften Spielen mit Bleistift und
Farbe und mochte meinen vorläufigen Ausspruch, dass ich ein Maler werden wolle,
veranlassen. Doch wurde jetzt nicht näher darauf eingegangen, sondern bestimmt,
dass ich einige Zeit in dem ländlichen Pfarrhause bei meinem mütterlichen Oheime
zubringen sollte, um über die nächsten Monate meines Ungemaches auf gute Weise
hinwegzukommen, indessen eine taugliche Zukunft für mich ermittelt würde. Das
Heimatdorf lag in einem äussersten Winkel des Ländchens, ich war noch nie dort
gewesen, so wie auch meine Mutter seit meinem Gedenken es nie mehr besucht hatte
und die dortigen Verwandten, mit seltenen Ausnahmen, nie in der Stadt
erschienen. Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper
geritten, um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen, und schied immer mit
jovialen Einladungen, endlich einmal hinauszuwandern. Er erfreute sich eines
halben Dutzends Söhne und Töchter, welche mir noch so unbekannt waren wie ihre
Mutter, meine rüstige Muhme und geistliche Bäuerin. Ausserdem lebten dort
zahlreiche Verwandte des Vaters, vor allen auch seine leibliche Mutter, eine
hochbejahrte Frau, welche, schon längst an einen zweiten, reichen und finstern
Mann verheiratet, unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurückgezogenheit
lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres früh gestorbenen Sohnes einen
sehnsüchtigen Gruss aus der Ferne wechselte. Das Volk lebte noch in der stillen
Einschränkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte, wo besonders die Frauen,
wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren, einander nicht wieder oder
nur bei seltenen, hochwichtigen Ereignissen sahen, bei welchen es alsdann
wahrhaft episch herging und Tränen der Rührung und schmerzlicher oder froher
Erinnerung ihren Augen entflossen, während die Männer wohl sich vom Orte
bewegten, aber in ernstem Geschäftssinne an den Türen halbverschollener
Verwandter vorübergingen, wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten.
Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden; durch die erleichterten
Verkehrsmittel, durch das wiedererstandene öffentliche Leben und zahlreiche
Volksfeste veranlasst, bewegt es sich fröhlich von der Stelle und macht damit
zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar, und nur beschränkte Eiferer
predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer, die den Pflug führen, und
ihrer Kinder.
    Meine Mutter befahl mir, insbesondere der einsamen überlebenden Grossmutter
so viele Zeit als möglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr
auszuharren, solange es ihr gefiele, mich um sich zu haben und von meinem Vater,
ihrem Sohne, zu reden.
    So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Füsse und trat den
weitesten Weg an, den ich bis dahin unternommen hatte. Ich genoss zum ersten Male
das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne über nachtfeuchten Waldkämmen
aufgehen. Ich wanderte den ganzen Tag, ohne müde zu werden, kam durch viele
Dörfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien
heissen Höhen, mich oft verirrend, aber die verlorne Zeit nicht bereuend, weil
ich fortwährend in meinen Gedanken beschäftigt war und zum ersten Mal, durch
mein stilles Wandern bewegt, von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der
Zukunft erfüllt wurde. Kornblumen und roter Mohn und in den Wäldern bunte Pilze
begleiteten mich längs der ganzen Strasse, wunderschöne Wolken bildeten sich
unablässig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin, ich ging immerzu, indessen
mich das selbstgefällige Mitleid mit mir selbst, welches mir die Welt
aufgedrängt hatte, wieder überkam, bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich
weinte. Ich wusste mich vor Betrübnis nicht zu lassen und sass an einer schattigen
Quelle nieder, immer schluchzend, bis ich mich schämte, mein Gesicht wusch und
über mich selbst lächelnd den Rest des Weges zurücklegte. Endlich sah ich das
Dorf zu meinen Füssen liegen in einem grünen Wiesentale, welches von den
Krümmungen eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen
umgeben war. Die Abendsonne lag warm auf dem Tale, die Kamine rauchten
freundlich, einzelne Rufe klangen herüber. Bald befand ich mich bei den ersten
Häusern, ich fragte nach dem Pfarrhause, und die Leute, welche an meinen Augen
und meiner Nase erkannten, dass ich zu dem Geschlechte der Lee gehöre, fragten
mich, ob ich vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei?
    So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims, welche von dem rauschenden
Flüsschen bespült und mit grossen Nussbäumen und einigen hohen Eschen umgeben war;
die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor, und unter
einem derselben stand mein dicker Oheim in grüner Jacke, ein silbernes
Waldhörnchen, in welchem eine Zigarre rauchte, im Munde und eine Doppelflinte in
der Hand. Ein Flug Tauben flatterte ängstlich über dem Hause und drängte sich um
den Schlag, mein Oheim sah mich und rief sogleich: »Haha, sakerment, Herr Neveu!
das ist gut, dass du da bist, schnell heraufspaziert!« Dann sah er plötzlich in
die Höhe, schoss in die Luft, und ein schöner Raubvogel, welcher über den Tauben
gekreist hatte, fiel tot zu meinen Füssen. Ich hob ihn auf und trug ihn, durch
diesen tüchtigen Empfang angenehm begrüsst, meinem Oheim entgegen.
    In der Stube fand ich ihm allein neben einer langen Tafel, die für viele
Personen gedeckt war. »Eben kommst du recht!« rief er, »wir halten heute das
Erntefest, gleich wird das Volk dasein!« Dann schrie er nach seiner Frau, sie
erschien mit zwei mächtigen Weingefässen, stellte sie ab und rief: »Ei, ei, was
ist das für ein Bleichschnabel, für ein Milchgesicht? Warte, du sollst nicht
mehr fort, bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater! Wie geht's der
Mutter, was ist das, warum kommt sie nicht mit?« Sogleich richtete sie mir an
der Tafel ein vorläufiges Mahl zu und trug mich, als ich zögerte, ohne weiteres
wie ein Kind auf den Stuhl und befahl mir, stracks zu essen und zu trinken.
Indessen näherte sich Geräusch dem Hause, der hohe Garbenwagen schwankte unter
den Nussbäumen heran, dass er die untersten Äste streifte, die Söhne und Töchter
mit einer Menge anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter
Gelächter und Gesang, der Oheim, seine Flinte reinigend, schrie ihnen zu, ich
wäre da, und bald fand ich mich mitten im fröhlichen Getümmel. Erst spät in der
Nacht legte ich mich zu Bette bei offenem Fenster; das Wasser rauschte dicht
unter demselben, jenseits klapperte eine Mühle, ein majestätisches Gewitter zog
durch das Tal, der Regen klang wie Musik und der Wind in den Forsten der nahen
Berge wie Gesang, und die kühle erfrischende Luft atmend, schlief ich sozusagen
an der Brust der gewaltigen Natur ein.
 
                                  Zweiter Band
                                  Erstes Kapitel
Am frühen Morgen, als Sonnenglanz durch das viele Laubwerk ins Zimmer drang,
wurde ich auf eigentümliche Weise geweckt. Ein junger Edelmarder mit zartem
Pelze sass auf meiner Brust und beschnüffelte mit den feinen hastigen Atemstössen
seiner spitzen kühlen Schnauze meine Nase und huschte, als ich die Augen
aufschlug, unter die Bettdecke, blinzelte da und dort hervor und versteckte sich
wieder. Als ich aus dieser Erscheinung nicht klug wurde, brachen meine jungen
Vettern aus ihrer Schlafkammer, in welcher sie gelauscht hatten, lachend hervor,
veranlassten das behende Tier zu den anmutigsten und possierlichsten Sprüngen und
erfüllten das Zimmer mit Fröhlichkeit. Dadurch herangelockt, drang eine Meute
schöner Hunde herein, ein zahmes Reh erschien neugierig unter der Tür, eine
prachtvolle graue Katze folgte und schmiegte sich durch das Getümmel, die
spielenden und zutäppischen Hunde würdevoll abweisend, Tauben sassen auf dem
Fenster, Menschen und Tiere, die ersteren kaum halb angezogen, jagten sich
durcheinander; alle aber hielt der kluge Marder zum besten und schien viel eher
mit uns zu spielen als wir mit ihm. Nun erschien auch der Oheim mit dem
rauchenden Waldhörnchen, uns eher noch zu Unfug anspornend als abwehrend; seine
frisch blühenden Töchter folgten ihm, um nach der Ursache des Geräusches zu
sehen und uns zu Frühstück und Ordnung zu rufen, mussten sich aber bald ihrer
Haut wehren, da ein Krieg allgemeiner Neckerei sich gegen sie entspann, an dem
sogar die Hunde teilnahmen, welche sich die Parole der erlaubten Ausgelassenheit
am frühen Morgen nicht zweimal geben liessen, sondern sich tapfer an die starken
Kleidersäume der scheltenden Mädchen hingen. Ich sass an dem offenen Fenster und
atmete die balsamische Morgenluft; die glitzernden Wellen des raschen Flüsschens
flimmerten wider an der weissen Zimmerdecke, und ihr Reflex überstrahlte das
Angesicht jenes seltsamen Kindes, dessen altertümliches Bild an der Wand hing.
Es schien unter dem Wechseln des spielenden Silberscheines zu leben und
vermehrte den Eindruck, den alles auf mich machte. Dicht unter dem Fenster wurde
Vieh getränkt, Kühe, Ochsen, junge Rinder, Pferde und Ziegen gingen in der Mitte
des klaren Wassers, tranken in bedächtigen Zügen und sprangen mutwillig davon;
das ganze Tal war lebendig und glänzte vor Frische, und sein Rauschen vermischte
sich mit dem Gelächter in meinem Zimmer, ich fühlte mich so glücklich wie ein
junger Fürst, bei welchem glänzendes Lever gehalten wird. Endlich erschien die
Muhme und befahl uns ohne Widerstand zum Frühstück.
    Ich sah mich wieder an den langen Tisch versetzt, um welchen die zahlreiche
Familie mit ihren Schützlingen und Arbeitern versammelt war. Letztere kamen
schon von mehrstündiger Arbeit und erholten sich von der ersten leichten Müde,
von der erstarkten Sonne als Morgengruss gesendet. Alles ass kräftige Hafersuppe,
in welche reichlich Milch gegossen wurde; nur am obern Ende, zwischen Vater,
Mutter und der ältesten Tochter, herrschte die Kaffeetasse, und ich, als Gast
diesem vornehmen Anhängsel beigefügt, sah mit Neid in die frische Suppenregion
hinüber, wo fröhliche Witzworte getauscht wurden und die geneckten Mädchen, mit
braunen Wangen und Armen, doch mit schneeweissen Hemden und Halstüchern,
geschützt durch den Anstand des versammelten Tisches, die vorlauten Jungen
glänzend heimschickten. Doch bald brach die Gesellschaft wieder auf, um zur
Arbeit auf dem fernen heissen Felde oder in Scheunen und Stall sich zu
zerstreuen. Die Auszüge des Tisches wurden ineinandergeschoben, dass er, eine
schwere Masse glänzenden Nussbaumholzes, still in der geleerten Stube stand, bis
die Hausfrau einen mächtigen Korb Hülsenfrüchte darauf schüttete, um sie für das
Mittagsmahl vorzubereiten, und dem Oheim kaum für seine Hefte Raum liess, in
welchen er den diesjährigen Ertrag seiner Felder eintrug, mit den früheren
Jahrgängen, und überdies noch das Verhalten der einzelnen Äcker untereinander
verglich. Der jüngste Sohn, etwa in meinem Alter, musste ihm, hinter seinem
Stuhle stehend, Bericht erstatten, und als er seiner Pflicht genügt hatte,
forderte er, selbst noch nicht zu anhaltender Arbeit verbunden, mich auf, mit
ihm hinauszustreifen und etwa mitzuarbeiten, wo es uns am besten gefiele,
vorzüglich aber uns bei dem Zwischenimbiss einzufinden, der auf dem Felde
gehalten würde und wo es an Scherz nicht fehle. Indessen erschien aber ein
Sendbote der Grossmutter, die von meiner Ankunft gehört hatte und mich einlud,
sogleich zu ihr zu kommen. Mein Vetter bot sich mir zur Begleitung an, ich
putzte mich, nicht ohne Affektation, halb einfach ländlich, halb komödiantisch
heraus, und wir gingen auf den Weg, welcher zuerst über den Kirchhof führte, der
auf einer kleinen Höhe gelegen ist. Dort duftete es gewaltig von tausend Blumen,
eine flimmernde, summende Welt von Licht, Käfern und Schmetterlingen, Bienen und
namenlosen Glanztierchen webte über den Gräbern hin und her. Es war ein feines
Konzert bei beleuchtetem Hause, wogte auf und nieder, erlöschte bis auf das
gehaltene Singen eines einzelnen Insektes, belebte sich wieder und schwellte
mutwillig und volltönig an; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurück, welche
die Jasmin- und Holunderbüsche über den Grabzeichen bildeten, bis eine brummende
Hummel den Reigen wieder ans Licht führte, die Blumenkelche nickten im Rhytmus
vom fortwährenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten. Und unter diesem
zarten Gewebe lag das Schweigen der Gräber und der Jahrhunderte, beredt und
vollmächtig, und schwoll hinunter bis in die Tage, wo dieser Zweig alemannischen
Wandervolkes sich hier festgesetzt und die erste Grube gegraben. Ihr Wort,
Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grünen Gau, in den kleinen
grauen Steinstädten, die an den Flüssen hangen oder an Halden lehnen, und ein
heiliges Bewusstsein der Geschichte tat sich auf auf diesem Friedhofe. Daher
empfand ich eine Art von Scheu, vor die ergraute Frau zu treten, die ich noch
nie gesehen und mir eher als eine gestorbene Vorfahrin denn als eine lebendige
Grossmutter erschien. Auf engen Pfaden, unter fruchtbeschwerten Bäumen hin, um
stille Gehöfte herum gelangten wir endlich vor, ihr Haus, welches in tiefgrünem
schweigendem Schatten lag sie stand unter der braunen Tür und schien, die Hand
über den Augen, sich nach mir umzusehen. Sogleich führte sie mich in die Stube
hinein und hiess mich mit sanfter Stimme willkommen, ging zu einem blanken
zinnernen Giessfasse, welches in gebohnter Nussbaumnische über einer schweren
zinnernen Schale hing, drehte den Hahn und liess sich das klare Wasser über die
kleinen gebräunten Hände strömen. Dann setzte sie Wein und Brot auf den Tisch,
stand lächelnd, bis ich getrunken und gegessen hatte, und setzte sich hierauf
ganz nahe zu mir, da ihre Augen schwach waren, betrachtete mich unverwandt,
während sie nach der Mutter und unserm Ergehen fragte und doch zugleich in
Erinnerung früherer Zeit versunken schien. Auch ich sah sie aufmerksam und
ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit kleinen Berichten, welche mir nicht
hieher zu gehören schienen. Sie war schlank und fein gewachsen, trotz ihres
hohen Alters beweglich und aufmerksam, keine Städterin und keine Bäuerin,
sondern eine wohlwollende Frau; jedes Wort, das sie sprach, war voll Güte und
Anstand, Duldung und Liebe, Freude und Leid, von aller Schlacke übler Gewohnheit
gereinigt, gleichmässig und tief. Es war noch ein Weib, von dem man begreifen
konnte, wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten, wenn es
erschlagen oder beschimpft würde. Freilich war sie von ihrem Manne weder
geachtet noch geliebt, sondern geknechtet, soweit dies möglich war; aber da
nicht mehr alle Mannen sind, kann auch das Weib seinen Vollwert nicht mehr
haben.
    Ihr Mann erschien, ein diplomatischer und gemessener Bauer; er begrüsste mich
mit freundlicher Teilnahmlosigkeit, und nachdem er mit einem Blicke gesehen, dass
ich eine ähnliche »phantastische« Natur wie mein Vater und desnahen in der
Zukunft weder Ansprüche noch Streitigkeiten zu befürchten seien, liess er seine
Frau in ihrer Freude gewähren, gab ihr sogar gelassen zu verstehen, dass sie mich
nach Gefallen bewirten dürfe, und ging wieder seine Wege.
    Ich blieb einige Stunden bei ihr, ohne dass wir viel sprachen; sie sass
stillvergnügt neben mir und schlief endlich lächelnd ein. Über ihre
geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges,
hinter welchem etwas vorgeht, man ahnte, dass sich dort Bilder in zartem,
verjährtem Sonnenscheine zeigten, und die freundlichen Lippen verkündeten es in
schwachen Regungen. Als ich mich erhob, um behutsam fortzugehen, erwachte sie
sogleich, hielt mich an und betrachtete mich fremd; wie in ihrer Person das
meinem Dasein Vorhergegangene gross und unvermittelt vor mir stand, mochte ich
als die Fortsetzung ihres Lebens, als ihre Zukunft dunkel und rätselhaft vor ihr
stehen, da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich, in dem sie sich
lebenslang bewegt hatte. Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer, wo sie in
einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte, die sie von
fahrenden Krämern zu kaufen pflegte, um sie gelegentlich an das junge Volk zu
verschenken. Statt eines mächtigen Taschentuches ergriff sie, ihres blöden
Gesichtes wegen, ein kleines rotseidenes Halstuch, wie es Bauermädchen tragen,
und gab mir es, noch in das gleiche Papier gewickelt, in dem sie es gekauft. Ich
musste ihr versprechen, jeden Tag zu kommen und nächstens einmal dort zu speisen.
    Mein Vetter hatte sich längst entfernt, und ich suchte allein meinen
Heimweg, das rote Tüchelchen in der Tasche. Bei einem Hause vorbeigehend,
bemerkte ich einige derbe Kinder, welche wie der Blitz hineinliefen und dort
lärmend etwas riefen. Eine Frau kam heraus, holte mich ein, kündigte sich als
Base an und fragte, ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse? Ich
bejahte die Frage, indem ich mich entschuldigte, sie nicht gekannt zu haben. Sie
nötigte mich nun in das Haus, wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine
lange Treppe von unten bis oben mit grossen viereckigen und runden Kuchen bedeckt
war, auf jeder Staffel einer, um zu verkühlen. Während diese Base, ein rüstiges
Weib in voller Blüte der Arbeitslust und Kraft, schnell ihre Haare zurückstrich
und eine Schürze umband, hockten die Kinder alle hinter dem heissen Ofen und
guckten scheu, doch kichernd hervor, ohne dass ich die Gewandteit besass, sie
zahm zu machen, weil ich selbst noch zu nah an ihrem Alter stand und ihnen
zuwenig überlegen war. Meine neue Gönnerin verkündigte, dass ich gerade zu einer
guten Stunde gekommen sei, da sie heute gebacken hätte, zerschnitt sogleich
einen gewaltigen Kuchen in vier Stücke und setzte Wein dazu, um dann den Tisch
für das Mittagsmahl zu decken. Dieses Haus hatte nicht den patriarchalischen
Anstrich wie dasjenige der Grossmutter; man sah keine Geräte von Nussbaum, sondern
nur von lackiertem Tannenholz, die Wände waren noch von frischer Holzfarbe, die
Ziegel auf dem Dache hellrot wie das zutage tretende Gebälke und vor dem Hause
wenig oder kein Baumschatten; die Sonne überwand spielend die jungen
Obstbäumchen und lag heiss auf dem weiten Gemüsegarten, in welchem nur ein
bescheidenes Blumenrevier verkündete, dass diese Haushaltung einen jungen
Wohlstand zu begründen im Begriffe und vorderhand an den prosaischen Nutzen
gewiesen sei. Nun kam der Mann vom Felde mit dem ältesten Knaben, besorgte,
obgleich er vernahm, dass ich in der Stube sei, erst seine Ochsen und Kühe, wusch
sich am Brunnen gemächlich die Hände und trat dann, dieselben mir reichend, fest
und ruhig herein, sogleich nachsehend, ob seine Frau mich gehörig bewirte. dabei
zeigten die Leute keinerlei Ziererei, als ob ihre Gaben zu gering wären und
dergleichen. Der Bauer ist der einzige, welcher nur sein Brot als das beste
erachtet und es als solches jedermann anbietet. Seine Leckerbissen sind die
Erstlinge jeder Frucht; die neue Kartoffel, die erste Birne, die Kirschen und
die Pflaumen gehen ihm über alles, und er schätzt sie so hoch, dass er wunder
glaubt was zu gewinnen, wenn er von fremden Bäumen im Vorübergehen eine Handvoll
erhaschen kann, während er an den bunten Leckereien der Städte gleichgültig
vorübergeht und seinen Lieben höchstens ein ungeniessbares Bonbon von Stärkemehl
kauft, weil es die Form eines Herzens hat und ein hübscher Spruch darauf steht.
Eine andere Delikatesse, die er aus der Stadt mitbringt, ist einfaches Weissbrot;
hier holt er sich nur wieder zurück, was er selbst hervorgebracht hat, und
deswegen zeichnet er es aus. Diese überzeugung, dass er das Beste und Gesundeste
biete, welche in unverdorbenen und noch nicht servilen Gegenden nicht ohne
Ostentation hervortritt, geht auf den Gast über, welcher sich alsbald einer
kräftigen Esslust hingibt, ohne sie zu bereuen. Darum sass ich schmächtiges
»Vetterlein« wieder tapfer schmausend hinter dem Tische, obgleich ich heute
schon ein Erkleckliches getan hatte. Mit Wohlwollen überhäuften mich die
Verwandten und betrachteten mich, wie jeden Städter, der nicht ein Zinsherr ist,
als einen Hungerschlucker. Sie führten ein lebhaftes Gespräch über unser
Schicksal und befragten mich des genauesten nach allen unseren Umständen. Die
Frau erkundigte sich, ob ihre jährlichen Geschenke an Feldfrüchten immer richtig
ankämen, und versprach, gewiss selbst einmal nach der Stadt zu kommen; der Mann
erzählte von meinem Vater, wie derselbe als kleines Jüngelchen, wenn man ihn
gefragt habe, was er geben wolle, geantwortet Ein'n Herr ab! nämlich abgeben,
was aber lustigerweise geklungen hätte wie Ein Herab! »Nun«, fügte der Vetter
hinzu, »wenn er gelebt haben würde, so wäre er noch ein vollständiger Herr
geworden; eigentlich war er an sich schon mehr als unsereiner! Aber nun müsst
Ihr aufmerken, Vetterlein, dass Ihr es auch zu was bringt und das zu Ende führet,
was er angefangen hat. Allem Anscheine nach werdet Ihr für die Feder gut sein,
sonderlich da Euch die Mutter gut schulen lässt, soviel wir hören, und was
ehrenfest von ihr gehandelt ist. Da müsst Ihr vor allem aus nicht stolz werden
und nicht so ein Fuchsschwanz, sondern Euch immerdar zu uns halten, damit Ihr
ein rechter Volksmann werdet und wir auch was an Euch haben. Denn wir leiden in
unserm Dorfe Not an gelehrten Leuten und müssen unseren Bezirksnachbaren trotz
unserer starken Zahl bei Wahlen immer die Vorhand lassen, weil wir keine
Federhelden aufbringen können. Wenn Ihr, gutes Vetterlein, daher etwas Rechtes
werdet, so brauchet Ihr alsdann die Herren in der Stadt gar nicht, wir wollen
Euch schon zu etwas machen. Obgleich Euer Vater schon lange tot ist und es dann
noch länger sein wird, so hat er doch in dieser Gegend ein solches Andenken
hinterlassen, und Ihr selbst seid so mitten unter uns bürgerlich, dass Ihr weiter
keine Gunst brauchet als Euere Tüchtigkeit!«
    Diese Rede, an sich etwas zu früh an mich gerichtet, betrübte mich, dass ich
ganz stillschwieg; denn erstens war es nun mit der Schule vorbei, was der Mann
noch nicht wusste, und zweitens fühlte ich mich nicht nach dem Geschäftsleben
hingezogen, fühlte vielmehr eine Art von Grauen vor demselben.
    Nachdem ich noch den Stall besehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel
voll Klee hinübergeschoben, verabschiedete ich mich; die Base liess es sich aber
nicht nehmen, mich ein Stück Weges zu begleiten, um mich schnell noch einer
anderen Base vorzustellen, wo ich mich nicht lange aufzuhalten brauche für
dieses Mal. Ich fand eine freundliche Matrone, nicht ganz von dem edlen und
feinen Wesen meiner Grossmutter, aber doch voll Anstand und Wohlwollen. Sie lebte
allein mit einer Tochter, welche früher, einer häufigen Sitte gemäss, zwei Jahre
in der Stadt gedient, dann einen vermöglichen Bauer geheiratet hatte, welcher
bald gestorben, und nun Witwe bleiben wollte, wie sie versicherte, obgleich sie
erst ungefähr dreissig Jahre alt war. Sie war von hohem und festem Wuchse, ihr
Gesicht hatte den ausgeprägten Typus unserer Familie, aber durch eine seltsame
Schönheit verklärt; besonders die grossen braunen Augen und der Mund mit dem
vollen üppigen Kinn machten augenblicklichen Eindruck. Dazu schmückte sie ein
schweres dunkles, fast nicht zu bewältigendes Haar. Sie galt für eine Art
Lorelei, obschon sie Judit hiess, auch niemand etwas Bestimmtes oder
Nachteiliges von ihr wusste. Dies Weib trat nun herein, vom Garten kommend, etwas
zurückgebogen, da sie in der Schürze eine Last frischgepflückter Ernteäpfel und
darüber eine Masse gebrochener Blumen trug. Dies schüttete sie alles auf den
Tisch, wie eine reizende Pomona, dass ein Gewirre von Form, Farbe und Duft sich
auf der blanken Tafel verbreitete. Dann grüsste sie mich mit städtischem Akzente,
indessen sie aus dem Schatten eines breiten Strohhutes neugierig auf mich
herabsah, sagte, sie hätte Durst, holte ein Becken mit Milch herbei, füllte eine
Schale davon und bot sie mir an; ich wollte sie ausschlagen, da ich schon genug
genossen hatte, allein sie sagte lachend »Trinkt doch!« und machte Anstalt, mir
das Gefäss an den Mund zu halten. Daher nahm ich es und schlürfte nun den
marmorweissen und kühlen Trank mit einem Zuge hinunter und mit demselben ein
unbeschreibliches Behagen, wobei ich sie ganz ruhevoll ansah und so ihrer
stolzen Ruhe das Gleichgewicht hielt. Wäre sie ein Mädchen von meinem Alter
gewesen, so hätte ich ohne Zweifel meine Unbefangenheit nicht bewahrt. Doch war
dies alles nur ein Augenblick, und als ich mir darauf mit den Blumen zu schaffen
machte, zwang sie gleich einen grossen betäubenden Strauss von Rosen, Nelken und
stark duftenden Kräutern zusammen und steckte mir denselben wie ein Almosen in
die Hand; das alte Mütterchen füllte meine Taschen mit Äpfeln, dass ich nun, mit
Gaben förmlich beladen, ohne Widerrede gedemütigt, von dannen zog, von
sämtlichen Frauen zu fleissigem Besuche bei ihnen, wie bei den noch übrigen
Verwandten, aufgefordert.
    Es war schon tiefer Nachmittag, als ich endlich das Haus meines Oheims
wiederfand; es war verschlossen, weil alle Bewohner im Freien waren; doch wusste
ich, dass ich durch Scheune und Stall ein Schlupfloch finden würde. In der
Scheune sprang mir das Reh entgegen und schloss sich mir unverweilt an, da es ihm
langweilig sein mochte, im Stalle sahen sich die Kühe, Unterhaltung fordernd,
nach mir um, und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mich zu, sah mich
verwundert an und machte Anstalt, einen vertraulichen Satz gegen mich zu nehmen,
dass ich mich furchtsam in den nächsten Raum salvierte, der ganz mit
Ackergerätschaften und Holzgerümpel angefüllt war. Aus dem dunklen Wirrsal
hervor schoss mit vergnüglichem Murren der Marder, welcher sich hier einsam
amüsiert hatte, und sass mir im Augenblicke auf dem Kopfe, mir mit dem Schwanz um
die Backen schlagend und vor Freude tollen Unsinn treibend, dass ich laut lachen
musste. So gelangte ich mit meiner Gesellschaft in den hellern, bewohnten Teil
des Hauses und fand endlich die Wohnstube, wo ich meine Bürde von Blumen,
Früchten und Tieren abwarf. Auf dem Tische stand mit Kreide geschrieben, wo ich
zu essen finden würde, im Falle ich Lust hätte, nebst allerlei beigefügten
Witzen des jungen Volkes; aber ich zog vor, mir das Geburtshaus meiner Mutter
nun gemächlich anzusehen.
    Mein Oheim hatte schon seit einigen Jahren seiner geistlichen Pfründe
entsagt, um sich ganz seinen Neigungen hinzugeben. Da der Staat ohnehin willens
war, der Gemeinde ein neues Pfarrhaus zu bauen, kaufte der Oheim dazumal das
alte Pfarrhaus von ihm, welches ursprünglich eigentlich der Landsitz eines
Aristokraten gewesen war und daher steinerne Treppen mit Eisengeländern, in Gips
gearbeitete Plafonds, einen Saal mit einem Kamine, viele Zimmer und Räume und
überall eine Unzahl geschwärzter Ölgemälde entielt, Tierstücke, Stilleben,
Landschaften und Perückenbilder. In dieses Wesen hinein hatte der Oheim, unter
das gleiche Dach, seine Landwirtschaft geschoben, indem er einen Teil der
Wohnung herausgebrochen, dass sich beide Elemente, das junkerhafte und das
bäuerliche, verschmolzen und durch wunderliche Türen und Durchgänge verbanden.
Aus einem mit Jagden bemalten und mit alten teologischen Werken versehenen
Zimmer sah man sich, wenn man eine Tapetentür öffnete, plötzlich auf den
Heuboden versetzt, das Parkett und die Decke des Kaminsaales waren mit Falltüren
versehen, welche mit Tenne und Speicher korrespondierten, und ich verwunderte
mich nachher, als ich in dem kühlen und heitern Saale meinen Sitz aufgeschlagen
und an nichts dachte, als plötzlich eine schwere Garbe aus dem Boden stieg, an
einem Seile aufgezogen, und in den Gipsblumen der Decke wieder verschwand, wie
ein Traum von den sieben fetten Jahren. Von der Decke dieses Saales hingen
überdies grosse gläserne Kugeln herab, welche inwendig mit Herren und Damen in
Reifröcken und Perücken, auf Papier gemalt, beklebt waren; dazwischen ein
Kronleuchter, aus Hirschgeweihen zusammengesetzt, und neben der Flügeltür ragte
eine in Holz geschnittene und bemalte Meerfrau aus der Wand, zwischen ihren
Händen eine zierliche Walze haltend, über welche ehemals ein langes Handtuch
gehangen wurde zu allgemeinem Gebrauche. Unter dem Dache fand ich eine kleine
Mansarde, deren Wände mit alten Hirschfängern und Galanteriedegen sowie mit
unbrauchbarem Schiessgewehr bedeckt waren; eine überlange spanische Klinge mit
herrlich gearbeitetem stählernem Griffe war ein seltenes Prachtstück und mochte
schon seltsame Tage gesehen haben. Ein paar Folianten lagen bestäubt in der
Ecke, in der Mitte des Zimmers stand ein mit Leder bezogener zerfetzter
Lehnstuhl, so dass nur der Don Quixote fehlte, um das Ganze zu einem Bilde zu
machen. Übrigens setzte ich mich behaglich hinein und dachte an den guten Herrn,
dessen Geschichte ich, unter der Leitung meines ehemaligen Lehrers, aus dem
Französischen des Mr. Florian übersetzt hatte. Ich hörte ein seltsames Geräusch,
Gurren und Krabbeln an der Wand, schlug einen hölzernen Schieber zurück und
steckte den Kopf hindurch in - den heissen Taubenschlag, welcher alsobald in
solchen Alarm geriet, dass ich mich zurückziehen musste. Ferner entdeckte ich die
Schlafzimmer der Töchter, stille Gelasse mit grünen Fenstergärtchen und überdies
von treuen Baumwipfeln bewacht, mit geretteten Stücken blumiger Tapeten
bekleidet, wo die zahlreichen Rokokospiegel des ehemaligen Herrensitzes eine
ehrenvolle Zurückgezogenheit gefunden hatten; so auch die grosse Kammer der
Söhne, welche mit den Spuren einiger nicht zu tiefen Studien und den Werkzeugen
des ländlichen Müssigganges, mit Angelzeug und Vogelgarnen, verziert war.
    Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal von Obstbäumen und
Dachgiebeln des Dorfes, aus welchem der erhöhte Kirchhof mit der schneeweissen
Kirche wie eine geistliche Festung emporragte, nach der Abendseite schaute die
hohe lange Fensterflucht des Saales über ein sattgrünes Wiesental, durch welches
sich der Fluss in vielen Armen und Windungen buchstäblich silbern schlängelte, da
er höchstens zwei Fuss tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigen
Wellen über weisses Geschiebe floss. Jenseits dieses Wiesengrundes stieg eine
waldige Berghalde oder haldiger Bergwald auf, an welchem alle Laubarten
durcheinanderwogten, von düsteren Felswänden und Kuppen unterbrochen. Die
untergehende Sonne aber hatte einen freien Eingang über fernere Blauberge in das
Tal und übergoss es alle Abend mit Glut, dass man an den Fenstern des Saales im
Roten sass, ja die Röte drang durch diesen hin, wenn seine Türen geöffnet, ins
Innere des Hauses und überzog Gänge und Wände. Gemüse- und Blumengärten,
vernachlässigte Zwischenräume, Holunderbüsche und eingefasste Quellen, alles von
Bäumen überschattet, bildeten eine reizende Wildnis weit herum und dehnten sich
noch mittelst einer kleinen Brücke über das Wasser Hinaus. Die etwas weiter oben
liegende Mühle aber gab sich nur durch das Geräusch und durch das Blitzen und
Stäuben des Rades kund, welches unter den Bäumen durchleuchtete. Das Ganze war
eine Verschmlelzung von Pfarrei, Bauernhof, Villa und Jägerhaus, und mein Herz
jubelte, als ich alle Schönheit und Poesie entdeckte und übersah, umgaukelt von
der geflügelten und vierfüssigen Tierwelt. Hier war überall Farbe und Glanz,
Bewegung, Leben und Glück, reichlich, ungemessen, dazu Freiheit und Überfluss,
Scherz, Witz und Wohlwollen. Der erste Gedanke war eine freie ungebundene
Tätigkeit. Ich eilte auf mein Zimmer, welches auch nach der Abendseite lag, und
begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken, meine Schulbücher und
abgebrochenen Hefte, welche ich so gut möglich noch zu pflegen gedachte,
vorzüglich aber einen ansehnlichen Vorrat von Papier verschiedener Art, Federn,
Bleistifte und Farben, vermittelst deren ich zu schreiben, zu zeichnen, zu malen
gedachte, was weiss ich was alles! In diesem Augenblicke wandelte sich der
bisherige Spieltrieb in eine ganz ernstafte und gravitätische Lust zu Schaffen
und Arbeit, zu bewusstem Gestalten und Hervorbringen um. Mehr als alles
vorhergehende Ungemach weckte dieser eine, so einfache und doch so reiche Tag
den ersten Schein der Klarheit, die Morgendämmerung der reiferen Jugend in mir
auf. Als ich meine bisher übermalten Streifen und Bogen auf dem grossen Bette
ausbreitete, dass es mit wunderlich bunter Decke bezogen war, fühlte ich mich mit
einem Male über diese Dinge hinausgerückt und mit dem Bedürfnis auch den Willen,
sogleich einen Fortschritt aus mir selbst hervorzuzwingen. Es lag in der Luft,
es lag in mir oder weiss Gott wo, dass ich das nächste Blatt mit mehr Energie und
Geschick angegriffen vor mir schweben sah. Zuletzt eigentlich mochte ich nur die
äussere Anregung vorausempfinden, die sich in diesem Augenblicke mir näherte.
    Mein Oheim trat, von einer Aufsichtswanderung zurückgekehrt, zu mir herein
und fasste eine gutmeinende Verwunderung, als er mich von meinem Krame umgeben
sah. Die kindliche Renommisterei und Keckheit meiner Machwerke, die
marktschreierischen Farben imponierten seinem ungeübten Auge, und er rief »Ei,
du bist ja ein ganzer Maler, Herr Neveu! Das ist nun recht; da hast du ja auch
eine Menge Papier und Farben? Gut! Was hast du hier für Sachen, wo hast du sie
hergenommen?« Ich erwiderte, dass ich alles aus dem Kopfe gemacht hätte. »Ich
will dir nun andere Aufgaben stellen«, sagte er, »du sollst nun unser Hofmaler
sein! Gleich morgen sollst du versuchen, unser Haus zu zeichnen mit Gärten und
Bäumen, und alles genau nachbilden! Auch kann ich dir manchen schönen Punkt in
unserer Gegend zeigen, wo du interessante Prospekte aufnehmen magst; das wird
dich üben und dir nützlich sein. Ich wollte selbst, ich hätte dergleichen geübt.
Halt, ich kann dir einige hübsche Sachen zeigen, welche von einem Herrn
herrühren, der vor dreissig Jahren oft bei uns zu Gast war, als wir immer Besuch
aus der Stadt hatten. Er malte zu seinem Vergnügen in Öl, in Wasserfarben und
stach in Kupfer oder radierte, wie er es nannte, und war geschickt, trotz einem
Künstler!«
    Er holte eine uralte Mappe herbei, welche mit einer ansehnlichen Schnur
umwickelt war, und indem er sie öffnete, sagte er »Ich habe bei Gott diese Dinge
längst vergessen, ich seh sie selbst einmal gern wieder! Der gute Junker Felix
liegt in Rom begraben, schon manches lange Jahr; er war ein alter Junggesell,
trug gepuderte Haare und ein Zöpfchen noch anfangs der zwanziger Jahre; er malte
und radierte den ganzen Tag, ausgenommen im Herbste, wo er mit uns jagte.
Damals, zu Anfang der zwanziger Jahre, kamen ein paar junge Herren aus Italien
zurück, worunter ein Malergenie. Diese Bursche machten einen Teufelslärm und
behaupteten, die ganze alte Kunst sei verkommen und würde eben jetzt in Rom
wiedergeboren von deutschen Männern. Alles, was vom Ende des vorigen
Jahrhunderts her datiere, das Geschwätz des sogenannten Goete von Hackert,
Tischbein und dergleichen, das sei alles Lumperei, eine neue Zeit sei
angebrochen. Diese Redensarten störten meinen armen Felix urplötzlich in seinem
bisherigen Lebensfrieden; umsonst suchten ihn seine alten Künstlerfreunde, mit
denen er schon manchen Zentner Tabak verraucht hatte, gelassen zur Ruhe zu
bringen, indem sie sagten, er möge doch die jungen Fänte schreien lassen, die
Zeit werde so gut über sie hinweggehen wie über uns! Alles umsonst! Eines
Morgens schloss er seinen hagestolzlichen Kunsttempel zu und rannte wie verrückt
nach dem St. Gottard, hinüber und kam nicht wieder. Nachdem ihm die Halunken zu
Rom den Zopf abgeschnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt und alle
Ehrbarkeit und starb in seinen alten Tagen nicht an Altersschwäche, sondern an
dem römischen Wein und an den römischen Weibsbildern. Diese Mappe liess er
zufällig bei uns zurück.«
    Wir durchblätterten nun die vergilbten Papiere; es waren ein Dutzend
Baumstudien in Kreide und Rotstift, nicht sehr körperlich und sicher gezeichnet,
doch von einem tüchtigen dilettantischen Streben zeugend, nebst einigen
verblassten Farbenskizzen und einer grossen in Öl gemalten Eiche. »Dies nannte er
Baumschlag«, sagte mein Oheim, »und machte ein grosses Wesen daraus. Das
Geheimnis desselben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei seinem
verehrten Meister Zink, oder wie er ihn nannte. Es gibt, pflegte er zu sagen,
zwei Klassen von Bäumen, in welche alle zerfallen, in die mit runden und die mit
gezackten Blättern. Daher gibt es zwei Manieren die gezackete Eichenmanier und
die gerundete Lindenmanier! Wenn er bestrebt war, unsern jungen Damen das
geläufige Schreiben dieser Manieren beizubringen, so sagte er, sie müssten sich
vor allem an einen gewissen Takt gewöhnen, z.B. beim Zeichnen dieses oder jenes
Baumschlages zähle Eins, zwei, drei - vier, fünf, sechs! - Das ist ja der
Walzertakt! schrieen die Mädchen und begannen um ihn herumzutanzen, bis er
wütend aufsprang, dass ihm der Zopf wackelte!«
    So gewann ich auf dem seltsamen Wege einer Tradition, deren Träger selbst
der Sache fremd war, den ersten Anhaltspunkt. Ich betrachtete die Blätter stumm
und aufmerksam und bat mir die Mappe zur freien Verfügung aus. Sie entielt
überdies noch eine Anzahl radierter Landschaften, einige Waterloos, einige
idyllische Haine von Gessner mit sehr hübschen Bäumen, deren Poesie mich
frappierte und sogleich einnahm, bis ich eine Radierung von Reinhart entdeckte,
gelb und beschmutzt, knapp am Rande beschnitten, deren Kraft, Schwung und
Gesundheit mächtig zu mir sprach und aus dem verzettelten Stückchen Papier
gewaltig herausleuchtete. Während ich staunend das Blatt in der Hand hielt (ich
hatte bis jetzt nie etwas wahrhaft Künstlerisches gesehen), kam der Oheim wieder
und rief »Komm mit, Neveu Maler! der Herbst wird bald genug dasein, und da
müssen wir sehen, wie es vorläufig um die Häslein und Füchslein, um Hühner und
derlei Volk steht! Es ist ein schöner Abend, wir wollen ohne Gewehr ein bisschen
auf den Anstand gehen, da kann ich dir zugleich hübsche Prospekte zeigen.«
    Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter spanischer Rohre versammelt
war, einen tüchtigen Stock, gab mir auch einen solchen, pustete aus seinem
Waldhörnchen den abgebrannten Zigarrenstumpf heraus, dass er gewaltsam an die
Decke flog, steckte einen frischen Glimmstengel hinein, pfiff aus dem Fenster in
weitin schallenden Tönen, worauf sogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes
wie der Blitz herbeisprangen, und wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren,
dem abendlichen Bergwalde zu.
    Bald war die Meute weit voraus und im Gehölze verschwunden, aber kaum
begannen wir die Höhe hinanzusteigen, so hörten wir sie über uns anschlagen und
in voller Jagd am Berge hinziehen, dass die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim
lachte das Herz, er zog mich vorwärts und behauptete, wir müssten rasch nach
einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte
er auf und änderte die Richtung, indem er rief »Es ist bei Gott ein Fuchs!
dortin müssen wir gehen, schnell, pst!« Kaum hatten wir einen schmalen Pfad
betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei
bewachsenen Abhängen, als er mich plötzlich anhielt und lautlos vorwärts wies,
ein rötlicher Streif schoss still über Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine
Minute nachher heulten die sechs Hunde hintendrein, rasend, toll! »Hast du ihn
gesehen?« sagte der Oheim so vergnügt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit
stände; dann fuhr er fort »Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag müssen
sie notwendig ein Häschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen!« Wir
gelangten auf eine kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne
gerötetes Haferfeld entielt, umsäumt von stillglühenden Föhren. Hier hielten
wir an und stellten uns am Rande auf, in wohligem Schweigen, unfern eines
verwachsenen Weges, der ins Dunkle führte. Wir mochten so eine Viertelstunde
gewartet haben, als das Gebell in grosser Nähe plötzlich wieder begann und mein
Oheim mich anstiess. Zugleich bewegte sich der Hafer vor uns, er flüsterte »Was
Teufel ist denn da los?« und es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche
uns ansah und davonschlich. In grossem Zorne rief der geistliche Herr »Du
vermaledeite Bestie, was hast denn du hier zu schaffen? Da sieht man, wo die
jungen Hasen hinkommen! Wart, ich will dir jagen helfen!« und er schleuderte ihr
einen mächtigen Stein nach. Sie sprang wieder mitten in den Hafer hinein,
indessen die Hunde an uns vorüberbrausten und mein zorniger Oheim ganz verblüfft
sagte »Da! nun haben wir den Hasen nicht gesehen!« Die Hunde waren ebenfalls im
Haferfelde verschwunden, auch war es still geworden, und wir bemerkten nur, dass
fünfzig Schritte von uns eine grosse Bewegung darin herrschte, und zugleich sahen
wir dort sechs vergnügte Hundeschwänze über den Halmen wedeln. »Sie haben
entweder die Katze oder ein armes junges Häschen!« rief mein Führer. Wir begaben
uns nach der Stelle und entdeckten beides. Die Katze hatte das zarte Tierchen
erschnappt, nicht ahnend, dass es sechs Hunde hinter sich habe, und diese
zerrissen sie in selbem Augenblicke samt ihrem Opfer. Wir hatten genug zu tun,
mit unseren Stöcken den Knäuel auseinanderzutreiben. Mein Oheim war verdriesslich
über den Verlust des Hasen, und er tröstete sich nur mit dem Tode der unbefugt
jagdliebenden Katze.
    »Genug für heute«, sagte er und steckte das Häschen in seine weite
Rocktasche, »da wir einmal unwillkürliche Wilddiebe sind, so wollen wir das Ding
morgen braten! Nun lass uns noch da vornenhin gehen, wo du das Hochgebirge sehen
kannst, dem du jetzt ein bisschen ferner gerückt bist.«
    Am entgegengesetzten Rande des hohen Feldes, wo die Föhren sich lichteten,
sah man über zuerst grüne, dann immer blauer werdende Bergrücken hin nach dem
Gebirge im Süden, welches in seiner ganzen Ausdehnung von Ost nach West vor uns
lag, von den Appenzeller Kuppen bis zu den Berner Alpen, aber so fern, dass man
nur den hohen Schnee sah in schwachem Rosenlichte; der Jura lag zu tief, und der
See bei meiner Stadt lag vollends in der Tiefe unsichtbar begraben. Dieser
ferne, weite Kranz kam mir ganz fremd vor, da ich das Gebirge bisher nur in
grösserer Nähe und massenhafter, aber auch vereinzelter gesehen hatte.
    Dadurch wurde ich auch auf den Charakter der mich umgebenden Landschaft
aufmerksamer. Dieselbe war schon mehr in der Art, wie ich mir deutsches Gebirge
vorstelle, grün, felsig und bebaut, in kleinerm Massstabe, aber immer poetisch.
Eine Menge Täler und Einschnitte, von Gewässern durchzogen, versprachen eine
reiche Zuflucht für fortwährende Streifereien, vorzüglich war es ein rechtes
Waldland. Die Formen waren eben nicht malerisch, meistens sogar monoton, und
doch waren die Gegenstände gross und schön durch ihr Dasein, durch ihre
Bedeutung, durch den Kontrast, in welchem sie zueinander standen, und erst in
den Über- und Durchgängen gab es eine Menge malerischer Anblicke, welche gesucht
sein wollten, indessen das reichste Detail an Bäumen und Steinen bei jedem
Schritte entgegensprang. Kurz, es war nicht eine raffinierte schöne Gegend,
deren Hauptzüge in einem Tage erschöpft sind, sondern eine solide Landschaft,
welche bei anscheinender Härte und Schroffheit tief und lebendig war. Dieser und
jener Berg lag gleich einem Walrosse träg und einförmig da, aber wenn man in ihn
hineinging, so bot er alle Wunder der Phantasie so reichlich, dass einem die Wahl
schwer wurde.
    Indessen wir auf einem andern Wege nach Hause kehrten, wechselten die
reizenden Bilder vor meinen Augen bis in die Schatten der Nacht hinein und
schlossen mit dem hellsten Mondscheine, der auf Mühle, Pfarrhaus und auf dem
Wasser flimmerte, als wir anlangten. Die jungen Leute jagten sich auf dem Platze
unter den Eschen umher und drängten einander in das Flüsschen, die Töchter sangen
im Garten, die Muhme rief aus dem Fenster, ich wäre ein Landstreicher, den man
den ganzen Tag nie gesehen hätte, und mein Oheim sagte, wir wollten das Häschen
lieber heute noch braten, es werde ein trefflicher Nachtbissen sein!
 
                                Zweites Kapitel
Der nächste junge Tag liess mich von allen Seiten mit dem Rufe Maler! begrüssen.
Guten Morgen, Maler! Haben der Herr Maler wohl geruht? Maler, zum Frühstück!
hiess es, und das Völklein handhabte diesen Titel mit derjenigen gutmütig
spottenden Freude, welche es immer empfindet, wenn es für einen neuen
Ankömmling, den es nicht recht anzugreifen wusste, endlich eine geläufige
Bezeichnung gefunden hat. Ich liess mir jedoch den angewiesenen Rang trefflich
munden und nahm mir im stillen vor, denselben nie mehr aufzugeben. Ich brachte
aus Pflichtgefühl die erste Morgenstunde noch über meinen Schulbüchern zu, mich
selbst unterrichtend; aber mit dem grauen Löschpapier dieser melancholischen
Werke kam die Ode und die Beklemmung der Vergangenheit wieder heran; jenseits
des Tales lag der Wald in silbergrauem Duft, die Terrassen hoben sich merklich
voneinander los, ihre laubigen Umrisse, von der Morgensonne bestreift, waren
hellgrün, jede bedeutende Baumgruppe zeichnete sich gross und schön in dem
zusammenhaltenden Dufte und schien ein Spielwerk für die nachahmende Hand zu
sein; meine Schulstunde wollte aber nicht vorübergehen, obschon ich längst nicht
mehr aufmerkte.
    Ungeduldig ging ich, ein Lehrbuch der Physik in der Hand, hin und her und
durch mehrere Zimmer, bis ich in einem derselben die weltliche Bibliotek des
Hauses entdeckte; ein breiter alter Strohhut, wie ihn die Mädchen zur Feldarbeit
brauchen, hing darüber und verbarg sie beinahe ganz. Wie ich denselben aber
wegnahm, sah ich eine kleine Schar guter Franzbände mit goldenem Rücken, ich zog
einen Quartband hervor, blies den dichten Staub davon und schlug die Gessnerschen
Werke auf, in dickem Schreibpapier, mit einer Menge Vignetten und Bildern
geschmückt. Überall, wo ich blätterte, war von Natur, Landschaft, Wald und Flur
die Rede, die Radierungen, von Gessners Hand mit Liebe und Begeisterung gemacht,
entsprachen diesem Inhalte, ich sah meine Neigung hier den Hauptinhalt eines
grossen, schönen und ehrwürdigen Buches bilden. Als ich aber auf den Brief über
die Landschaftsmalerei geriet, worin der Verfasser einem jungen Manne guten Rat
erteilt, las ich denselben überrascht vom Anfang bis zum Ende durch. Die
unschuldige Naivetät dieser Abhandlung war mir ganz fasslich; die Stelle, wo
geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- und Bachsteine auf das Zimmer zu
tragen und darnach Felsenstudien zu machen, entsprach meinem noch halbkindischen
Wesen und leuchtete mir ungemein in den Kopf. Ich liebte sogleich diesen Mann
und machte ihn zu meinem Propheten. Nach mehr Büchern von ihm suchend, fand ich
ein kleines Bändchen, nicht von ihm, aber seine Biographie entaltend. Auch
dieses las ich auf der Stelle ganz durch. Er war ebenfalls ein hoffnungsloser
Schüler gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und künstlerischen
Beschäftigungen nachhing. Es war in dem Werklein viel von Genie und eigener Bahn
und solchen Dingen die Rede, von Leichtsinn, Drangsal und endlicher Verklärung,
Ruhm und Glück. Ich schlug es still und gedankenvoll zu, dachte zwar nicht sehr
tief, war jedoch, wenn auch nicht klar bewusst, für die Bande geworben.
    Es ist bei der besten Erziehung nicht zu verhüten, dass dieser folgenreiche
und gefährliche Augenblick nicht über empfängliche junge Häupter komme,
unbemerkt von aller Umgebung, und wohl nur wenigen ist es vergönnt, dass sie erst
das leidige Wort Genie kennenlernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits
ei gesundes Stück Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja, es
ist überhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte
Unterlage von bewussten Vorsätzen und allem Apparate genialer Grübelei gehöre,
und der Unterschied möchte oft nur darin bestehen, dass das wirkliche Genie
diesen Apparat nicht sehen lässt, sondern vorweg verbrennt, während das bloss
vermeintliche ihn mit grossem Aufwande hervorkehrt und um seine mageren
Gestaltungen wirft wie einen Teatermantel.
    Den berückenden Trank schöpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen
und blendenden Zauberbecher, sondern aus einer bescheidenen lieblichen
Hirtenschale; denn bei allen Redensarten war dies Gessnersche Wesen durchaus
einfacher und unschuldiger Natur und führte mich für einmal nur mit etwas mehr
Bewusstsein unter grünen Baumschatten und an stille Waldquellen.
    In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer,
welcher in Berlin des jungen Gessner Gönner gewesen; wie ich nun unter den
Büchern einige stattliche Bände der »Teorie der schönen Künste« wahrnahm, nahm
ich sie als in mein neuentdecktes Gebiet gehörig in Beschlag. Dies Buch muss
seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben, da man es fast in allen
alten Bücherschränken findet und es auf allen Auktionen spukt und für wenig Geld
erstanden werden kann. Wie ich die enzyklopädische Einrichtung desselben
bemerkte, schlug ich flugs den Artikel Landschaftsmalerei nach und, als ich ihn
gelesen, alle möglichen übrigen Begriffe, die ich teils schon gehört, teils aus
eben diesem Artikel abgezogen hatte, über Schulen, Meister, Farbe, Licht,
Perspektive und dergleichen; las dazwischen schnell einen Artikel über ein
anderes Gebiet, der gerade neben einem Malerartikel stand und mir auffiel, und
als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit vollgepfropft, ich
fühlte beinahe selbst den gravitätischen Hochmut in meinen festgeschlossenen
Lippen und aufgespannten Augen und schleppte sämtliche Kunstliteratur in mein
Zimmer hinüber zu der Mappe des Junker Felix.
    Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit, bei der Grossmutter einen kurzen
Besuch abzustatten, ein Glas Wein zu trinken, welchen sie schon seit Vormittag
für mich bereitgehalten, und ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und
silbernem Schlösschen, welches nach ihrer Angabe ein verspätetes Patengeschenk
für meinen schon fortgezogenen Vater gewesen, vergessen worden und lange Jahre
in ihrem Schranke liegengeblieben und welches sie treulich für mich aufgehoben
hatte kaum nahm ich mir Zeit, dies rührende und zierliche Geschenk einzustecken,
und eilte wieder davon. Die Grossmutter sah mir, so weit ihre schwachen Augen
reichten, etwas wehmütig nach; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit
besonderer Liebe und Feierlichkeit einhändigen wollen. Aber ich schwand ihr
eilig aus dem Gesichte, allein begierig, meine angefachte Kunsteinsicht an den
Mann oder vielmehr an die Bäume zu bringen.
    Mit einer Mappe und Zubehör versehen, schritt ich bereits unter den grünen
Hallen des Bergwaldes hin, jeden Baum betrachtend, aber nirgends eigentlich
einen Gegenstand sehend, weil der stolze Wald eng verschlungen, Arm in Arm stand
und mir keinen seiner Söhne einzeln preisgab; die Sträucher und Steine, die
Kräuter und Blumen, die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den
Schutz der Bäume und verbanden sich überall mit dem grossen Ganzen, welches mir
lächelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien. Endlich trat ein
gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prächtigem Mantel und Krone
herausfordernd vor die verschränkten Reihen, wie ein König aus alter Zeit, der
den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder
Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, dass seine Sicherheit
mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können
wähnte. Schon sass ich vor ihm, und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weissen
Papiere, indessen eine geraume Weile verging, ehe ich mich zu dem ersten Strich
entschliessen konnte; denn je mehr ich den Riesen an einer bestimmten Stelle
genauer ansah, desto unnahbarer schien mir dieselbe, und mit jeder Minute verlor
ich mehr meine Unbefangenheit. Endlich wagte ich, von unten anfangend, einige
Striche und suchte den schöngegliederten Fuss des mächtigen Stammes festzuhalten;
aber was ich machte, war leben- und bedeutungslos, die Sonnenstrahlen spielten
durch das Laub auf dem Stamme, beleuchteten die markigen Züge und liessen sie
wieder verschwinden, bald lächelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige
Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes
Zweiglein im Lichte, ein Reflex liess auf der dunkelsten Schattenseite eine neue
mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen
Erscheinungen Raum gab, während der Baum in seiner Grösse immer gleich ruhig
dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flüstern vernehmen liess. Aber
hastig und blindlings zeichnete ich weiter, mich selbst betrügend, baute Lage
auf Lage, mich ängstlich nur an die Partie haltend, welche ich gerade zeichnete,
und gänzlich unfähig, sie in ein Verhältnis zum Ganzen zu bringen, abgesehen von
der Formlosigkeit der einzelnen Striche. Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs
ins Ungeheuerliche, besonders in die Breite, und als ich an die Krone kam, fand
ich keinen Raum mehr für sie und musste sie, breitgezogen und niedrig, wie die
Stirne eines Lumpen, auf den unförmlichen Klumpen zwingen, dass der Rand des
Bogens dicht am letzten Blatte stand, während der Fuss unten im Leeren taumelte.
Wie ich aufsah und endlich das Ganze überflog, grinste ein lächerliches Zerrbild
mich an, wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel, die lebendige Buche aber strahlte
noch einen Augenblick in noch grösserer Majestät als vorher, wie um meine
Ohnmacht zu verspotten; dann trat die Abendsonne hinter den Berg, und mit ihr
verschwand der Baum im Schatten seiner Brüder. Ich sah nichts mehr als eine
grüne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien. Ich zerriss dasselbe, und so
hochmütig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen, so kleinlaut und
gedemütigt war ich nun. Ich fühlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem
Tempel meiner jugendlichen Hoffnung, der tröstende Inhalt des Lebens, den ich
gefunden zu haben wähnte, entschwand meinem innern Blicke, und ich kam mir nun
vor wie ein wirklicher Taugenichts, mit welchem wenig anzufangen sei. Ich brach
verzagt und weinerlich auf, mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande
suchend, welcher sich barmherziger gegen mich erwiese. Allein die Natur, mehr
und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend, liess mir kein Almosen ab; in meiner
Bedrängnis tat sich mir das Wort kund »Aller Anfang ist schwer« und mit
demselben die Einsicht, dass ich ja erst jetzt anfange und diese Mühsal eben den
Unterschied von dem frühern Spielwerke begründe. Aber diese Einsicht stimmte
mich nur trauriger, da mir Mühseligkeit und saurer Fleiss bisher spanische Dörfer
gewesen und keineswegs sehr verlockend, vielmehr der Arbeit die Seele und die
freudige Lust zu nehmen schienen. Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal
zu Gott, der mir im Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende
wieder nahe getreten, und bat ihn flehentlich, mir zu helfen um meiner Mutter
willen, deren sorgenvoller Einsamkeit ich nun auch gedachte.
    Da traf ich auf eine junge Esche, welche mitten in einer Waldlücke auf einem
niedrigen Erdwalle emporwuchs, von einer sickernden Quelle getränkt. Das
Bäumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine
zierliche Laubkrone, deren regelmässig gereihte Blätter zu zählen waren und sich,
so wie der Stamm, einfach, deutlich und anmutig auf das klare Gold des
Abendhimmels zeichneten. Weil das Licht hinter der Pflanze war, sah man nur den
scharfen Umriss des Schattenbildes, es schien wie absichtlich zur Übung eines
Schülers hingestellt.
    Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stämmchen mit
zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen; aber noch einmal wurde ich
gehöhnt, indem der einfache, grünende Stab im selben Augenblicke, wo ich ihn zu
zeichnen und genauer anzusehen begann, eine unendliche Feinheit und
Mannigfaltigkeit der Bewegung annahm. Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten
sich in allen kaum merklichen Biegungen so streng aneinander, sie verjüngten
sich nach oben so fein, und die jungen Äste gingen endlich in so gemessenen
Winkeln daraus hervor, dass um kein Haar abgewichen werden durfte, wenn das
Bäumchen seine schöne Gestalt behalten sollte. Doch nahm ich mich zusammen und
klammerte mich ängstlich und aufmerksam an jede Bewegung meines Vorbildes,
woraus endlich nicht eine sichere und elegante Skizze, sondern ein zaghaftes,
aber ziemlich getreues Gebilde hervorging. Ich fügte, einmal im Zuge, mit
Andacht die nächsten Gräser und Würzelchen des Bodens hinzu und sah nun auf
meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen Stengelbäumchen, welche auf den
Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer heutigen Epigonen den Horizont so
anmutig und naiv durchschneiden. Ich war zufrieden mit meiner bescheidenen
Arbeit und betrachtete sie noch lange abwechselnd mit der schlanken Esche, die
sich im leisen Abendhauche wiegte und mir wie ein freundlicher Himmelstote
erschien. Als ob ich wunder was verrichtet hätte, zog ich hochvergnügt dem Dorfe
zu, wo meine Verwandten begierig waren, die Früchte meiner mit soviel Anspruch
unternommenen Waldfahrt zu sehen. Nachdem ich aber mein Bäumlein mit seinen
höchstens vier Dutzend Blättern hervorgezogen, löste sich die Erwartung in ein
allgemeines Lächeln auf, welches bei den Unbefangensten zum Gelächter wurde; nur
dem Oheim gefiel es, dass man doch gleich ein junges Eschchen erkannte, und er
munterte mich auf, unverdrossen fortzufahren und die Waldbäume recht zu
studieren, wozu er mir als Forstmann behilflich sein wolle. Er besass noch so
viel städtische Erinnerung, dass ihm dergleichen nicht lächerrlich vorkam; auch
mochten leidenschaftliche Jäger von jeher die Malerei wohl leiden, insofern sie
den Schauplatz ihrer Freuden und ihre Taten selbst verherrlicht. Daher begann er
nach dem Abendessen noch sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den
Eigentümlichkeiten der Bäume und von den Stellen, wo ich die lehrreichsten
Exemplare finden würde. Zuvörderst aber empfahl er mir, die Studien des Junkers
Felix zu kopieren, was ich an den folgenden Tagen mit grossem Eifer tat, indessen
wir an den schönen Abenden unsere Rekognoszierungen für die nächste Jagdzeit
fortsetzten und dabei die reizendsten Gründe und Höhen durchstreiften, umgeben
und begleitet von der reichsten Baumwelt.
    So ging die erste Woche meines ländlichen Aufentaltes angenehm zu Ende, und
um diese Zeit wusste ich schon die meisten Bäume voneinander zu unterscheiden und
freute mich, die grünen Gesellen mit ihren Namen begrüssen zu können; nur
hinsichtlich der reichen Kräuterwelt des feuchten oder trockenen Bodens
bedauerte ich erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung jener botanischen
Anfänge in der Schule, da ich wohl fühlte, dass für die Kenntnis dieser kleinen,
aber weit mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht genügten, und doch
hätte ich so gern die Namen und Eigenschaften aller der blühenden Dinge gekannt,
welche den Boden bedeckten.
    Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet
worden, welchen wir jungen Leute hinter dem Walde abstatten wollten. Dort wohnte
auf einem einsamen und abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Muhme mit einer jungen
Tochter, welche mit meinen Basen eine eifrige Mädchenfreundschaft pflag. Ihr
Vater war früher Dorfschulmeister gewesen, hatte aber nach dem Tode seiner Frau
sich in jenen beschaulichen Waldhof zurückgezogen, da er ein hinlängliches
Vermögen besass und das gerade Gegenteil meines Oheims darstellte. Während
dieser, von städtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen,
dieses alles hinter sich geworfen und vergessen hatte, um sich ganz der braunen
Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben, strebte jener, von bäuerischem
Herkommen und dürftiger Bildung, allein nach milden und feinen Sitten, nach dem
Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in beschauliche
geistliche und philosophische Spekulationen, betrachtete die Natur nach
Anleitung allerlei seltsamer Bücher und freute sich, vernünftige Gespräche
anzuknüpfen, sooft sich hiezu die Gelegenheit bot, wobei er eine grosse Artigkeit
zu entfalten bestrebt war. Sein Töchterchen, ungefähr von vierzehn Jahren, lebte
still und fein in dem milden Lichte solcher Gesinnungsweise und stellte nach den
Wünschen ihres Vaters eher ein zartes Pfarrerskind vor denn eine
Landmannstochter, indessen die weibliche Nachkommenschaft meines Oheims, zur
derben Arbeit gehalten, einen starken Anhauch von Regen und Sonnenschein zeigte,
welcher sie aber viel eher zierte als entstellte und dem Glanze ihrer frischen
Augen entsprach.
    Meine drei Basen, von zwanzig, sechszehn und vierzehn Jahren, mit städtisch
verwelschten Namen: Margot, Lisette und Caton, hielten am Sonntagnachmittag
lange Konferenz in ihren Kämmerchen, einander wechselseitig besuchend und die
Türen hinter sich abschliessend. Wir Bursche, deren Toilette längst beendigt war,
harrten ungeduldig und konnten nur durch Schlüssellöcher und Türspalten
bemerken, dass die Kleiderschränke weit geöffnet und die Mädchen mit wichtigen
Gebärden ratschlagend davorstanden. Ein starker Geruch verschiedener Spezereien
verbreitete sich und bildete mit den neuen Stoffen und Siebensächelchen, welche
in den Schränken lagen, jenen behaglichen Duft, der sich aus geöffneten
Frauenschränken oder sonstigen Mobilien entwickelt. Um uns die Zeit zu
vertreiben, begannen wir die andächtigen Töchter zu necken und drangen endlich
mit hellem Haufen in ihre Mitte, über einen mächtigen Schrank herfallend, um die
Nasen in die hundert Schächtelchen, Büchschen und Heimlichkeiten zu stecken.
Aber mit dem Mute wilder Löwinnen, denen man die Jungen rauben will, wurden wir
hinausgeworfen und führten vor den Türen einen vergeblichen Kampf, dieselben
wieder aufzubrechen. Da gingen sie mit einem Male nach einer kurzen Stille von
selber auf, und heraus traten, verschämt und unwillig, und doch siegbewusst, die
drei armen Kinder, bunt und prächtig, nach der vorjährigen Mode gekleidet, mit
vorweltlichen Parasols und wunderbar geformten Ridiküls, der eine einem Sterne
gleich, der andere einem Halbmonde, der dritte ein Mittelding zwischen
Säbeltasche und Lyra.
    Dies alles musste um so grössern Eindruck machen, wenn man bedachte, dass die
guten Mädchen Autodidaktinnen waren und in Sachen des Putzes ganz allein und
ratlos in der Welt dastanden; denn ihre Mutter hatte einen Abscheu vor aller
Stadtkleidung und riss jedesmal, wenn sie aus der Kirche kam, die furchtbare
Horiahaube, welche sie als Pfarrfrau trug, sogleich herunter. Die Damen des
neuen Pfarrers, ausserdem die einzigen im Dorfe, waren stolz, unzugänglich und
bezogen ihren Putz fertig aus der Stadt. So waren meine Basen ganz auf sich
selbst, auf eine intelligente Dorfnähterin und auf einige Traditionen des Hauses
gewiesen, welche sie als eifrige Forscherinnen der dunklen Vergangenheit
entlockten. Deswegen waren ihre Erfolge doppelt achtungswert, und wenn wir sie
mit einem spöttischen Ah! empfingen bei ihrer heutigen Erscheinung, so war
dieser Spott nur ein verstellter und die Maske einer aufrichtigen Bewunderung.
    Indessen entsprach unsere Tracht an kühner und eleganter Mischung vollkommen
derjenigen der Jungfrauen. Die Vettern trugen Jacken von ziemlich grobem Tuche,
welchen aber der Dorfschneider in Betracht ihres Ranges einen kecken, ja höchst
gewagten Zuschnitt gegeben hatte, indem er in die tiefsten Abgründe seiner
Phantasie und Erfahrung hinuntergestiegen. Diese Jacken waren mit einer Unzahl
blanker Knöpfe besetzt, auf welchen die Tiere des Waldes gepresst in
jagdgerechten Sprüngen erschienen und welche der Oheim einst bei guter
Gelegenheit en gros eingehandelt und sich so für Kind und Kindeskind versehen
hatte. Die abgefallenen Stücke dieser Zierat gingen unter der Dorfjugend als
gangbare Münze und wogen beim Spiele sechs Horn- oder Bleiknöpfe auf. Daher
mochte es kommen, dass die Jacken des jüngsten Sohnes, welcher noch in lebhaftem
Verkehre mit den Knopfkapitalisten stand, äusserlich immer dieser Zierde beraubt
waren und sie dagegen im Innern ihrer Taschen verbargen, dass sogar den
Kleidungsstücken der älteren Brüder mehr Knöpfe abgingen, als nach der
Haltbarkeit des derben Zwirnes jenes Jackendichters zu berechnen war. Ich selber
trug zu meinem grünen Soldatenrock mit roten Schnürchen weisse Beinkleider, keine
Weste über dem burschikosen Hemde, hingegen das rote Seidentuch der Grossmutter
malerisch umgeschlungen, und überdies hing die goldene Uhr meines Vaters, die
ich ererbt, aber nie recht in Ordnung zu halten verstand, an einem tüchtigen
blauen Bande mit gestickten Blumen, das ich den Schachteln meiner Mutter
entnommen hatte. Von der Mütze hatte ich längst den philisteriösen Schirm
abgetrennt, dass sie die Stirn frei liess, und ich hätte wie ein vollendeter
Jahrmarktsbursche ausgesehen, wenn nicht die Unschuld und Schüchternheit des
Alters den unbescheidenen Aufzug gemildert hätten. Menschen, welche etwas
Besseres und Tieferes ahnen und wünschen, werden sich, wie ich glaube, mehr und
mehr aller lächerlichen Äusserlichkeiten entalten, je mehr sie dem geahnten
Inhalte durch Erfahrung und Tat nahe treten; je mehr sie aber noch davon
entfernt sind, desto ängstlicher klammern sie sich an solche Schnörkeleien.
Allein gerade diese Äusserlichkeit verhindert oft das Innere, sich rasch zu
entwickeln, wenn nicht ein Mann und Vater vorhanden ist, welcher sie mit
gesundem Spotte beschneidet und unterdrückt, indessen er dem aufstrebenden Sohne
das Wahre mit fester Hand vorzeichnet.
    Man konnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des alten Schulmeisters gelangen
entweder mussten wir einen langgedehnten Berg hinter dem Dorfe ersteigen und,
längs auf demselben fortgehend, endlich jenseits niedersteigen, wo wieder ein
Tal lag, ähnlich dem unserigen, nur kleiner und runder und beinahe ganz mit
einem tiefen dunklen See erfüllt; oder wir konnten längs des Flusses unser Tal
durchwandern und mit dem in Gehölzen sich verlierenden Wasser um den Berg herum
an den See gelangen, in welchen jenes sich ergoss und an welchem das befreundete
Halls lag.
    Wir zogen es vor, mit dem kurzweiligen Flüsschen den Hinweg zurückzulegen und
erst in der Abendkühle über den Berg heimzukehren, und unsere bunte, weitin
glänzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grüne Tal hin, bis wir in
eine reizende Wildnis gelangten, wo der Wald von beiden Seiten an das Gewässer
niederstieg und dasselbe kühl und dunkel überschattete. Bald fasste er es mit
undurchdringlichen Laubwänden ein, dass wir die überhangenden Zweige zurückbiegen
mussten, bald weitete er sich aus und liess eine Schar lichter, hoher Tannen auf
sonnigem Boden vorrücken, dann lagen herabgestürzte Felsblöcke am Rande und im
Wasser und verursachten Wasserfälle, indessen zurückgebliebene Trümmer aus dem
Gebüsche der Abhänge hervorragten; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel, und
Überall entüllten sich die lieblichsten Geheimnisse. Die roten, blauen und
weissen Gewänder der Mädchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grün, die Vettern
sprangen von Stein zu Stein, dass ihre Goldknöpfe aufbljetzten und mit den
Silberkringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier machte sich sichtbar,
hier sahen wir die Federn einer Taube, die unzweifelhaft von einem Raubvogel
zerrissen worden, dort schoss eine Schlange durch die Uferwellen über die glatten
Kiesel hin, und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine schimmernde
Forelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ängstlich an den abschliessenden
Steinen herumtastete, bei unserer Annäherung aber einen Salto mortale machte und
im strömenden Elemente verschwand.
    So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen, die holde Wildnis
erweiterte sich und liess mit einem Male den stillen dunkelblauen, mit Silber
besprengten See sehen, der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze
eines Sonntagnachmittages ruhte. Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um
den See herum, hinter demselben setzte sich überall der ansteigende Wald fort,
welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen musste, da hier und
da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsäule aus dem Dickicht emporstieg. Nur
auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Füssen desselben das
Haus des Schulmeisters, dicht am See, unmittelbar über den höchsten Weinreihen
aber hing der reine tiefe Himmel, und dieser spiegelte sich in dem glatten
Wasser, bis wo er durch den gelben Kornstreifen, die smaragdenen Kleefelder und
den dahinter liegenden Wald, welche alle sich gänzlich unverändert in der Flut
auf den Kopf stellten, begrenzt wurde. Das Haus war weiss getüncht, das Fachwerk
rot angestrichen und die Fensterladen mit grossen Muscheln und Blumen bemalt, aus
den Fenstern wehten weisse Gardinen, und aus der Haustür trat, ein zierliches
Treppchen herunter, das junge Bäschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in
einem weissen Röckchen und mit einem himmelblauen Bande gegürtet, mit goldbraunen
Haaren, blauen Äuglein, einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen
lächelnden Mündchen. Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröten über das andere
hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle
Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns
Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen so zärtlich und feierlich begrüsst hatte,
als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und
Aufgeräumteit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen
Fracke und weisser Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und
zufrieden willkommen hiess. Er hatte den beschaulichen Sonntag über Büchern
zugebracht, welche noch auf dem Tische lagen, und mochte nun froh sein,
unverhofft eine so hübsche Anzahl Zuhörer für seine Beredsamkeit vor sich zu
sehen. Als ich ihm vorgestellt wurde, schien er sich besonders zu freuen, seine
Manieren und gelehrte Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu können, da er
mich mitten aus dem blühendsten höhern Schulwesen herkommend vermutete. Er hatte
auch alle Ursache, sich an mich zu halten; denn schon hatten meine Vettern sich
aus dem Staube gemacht, noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen, und ich
sah, wie sie draussen am Ufer alle drei ihre Köpfe tief in die Öffnung eines
Fischkastens steckten, dass man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs
Beine. Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims, indessen die
Schwestern seinem Töchterchen und einer alten Magd in Küche, Keller und Garten
gefolgt waren.
    Der Schulmeister merkte bald, dass ich ein andächtiger und bescheidener
Zuhörer und auf seine Fragen nicht ohne Geschick einzugehen imstande sei.
Freilich nahm er das stille Dasitzen, welches nicht immer auf die summenden
Worte achtet und sie, etwas heuchlerisch, als angenehmes Wiegenlied zu einem
anderweitigen Träumen benutzt, für bare Münze, um so mehr, als ich in solcher
Lage doch immer wach genug war, auf die Übergänge zu merken. Nachdem er mich
über die neuen Schuleinrichtungen angelegentlich befragt, fuhr er fort »Aber
etwas bunt muss es doch noch zugehen! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen,
dass in einer Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Störungen endlich
dadurch gehoben worden, dass man den unpraktischen Lehrer und den unnützesten
Schüler, einen wahren kleinen Revolutionär, zugleich entfernt und dadurch die
Ruhe gründlich hergestellt habe. Dass man nun den Lehrer entlassen hat, scheint
mir ganz vernünftig, wenn man ihn nur anderweitig versorgt; hingegen mit dem
Schüler will es mir nicht recht einleuchten, es will mich bedünken, als ob man
demselben damit verdeutet habe Du bist nun ausser unsere Gemeinschaft gestellt
und magst zusehen, was du aus dir machst! Dies ist nicht christlich gehandelt,
und unser Herr und Meister würde das verirrte Schaf gewiss zunächst unter die
Falten seines Mantels genommen haben. Kennt Ihr, liebes Vettermännchen, den
verstossenen Knaben?«
    Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre
Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf, und ich antwortete, kleinlaut und
eine Träne im Auge, ich wäre es selbst.
    Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich mit grossen
Augen; es war verlegen, einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe
vor sich zu sehen. Doch hatte ich ihn schon zu sehr für mich eingenommen, als
dass diese Verlegenheit zu lange andauern konnte, und mein eigenes Benehmen
mochte ihn belehren, dass er mit seiner vorher ausgesprochenen milden Ansicht
nicht das Unrechte getroffen.
    »Ich habe mir es doch gleich gedacht«, versetzte er, »dass die Sache ein
Häklein habe; denn ich sehe und will es gern glauben, dass der Vettermann ein
junger Mensch ist, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lässt! Doch erzählt
mir nun den Verlauf dieser schlimmen Geschichte recht getreulich, es nimmt mich
sehr wunder, wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen!«
    Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und
weitläufig, zuletzt etwas leidenschaftlich berichtet, da ich zum ersten Mal
seiter mein Herz leeren konnte, besann er sich eine Weile, indem er
verschiedene Hm! und Soso! hervorstiess, und fuhr dann fort:
    »Das ist ein ganz eigenes Geschick! Zuerst müsst Ihr nun Euch nicht
überheben und etwa einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen, welcher
Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte! Ihr müsst bedenken, dass Ihr
doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt, und Euch hienach
glücklich preisen, dass Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste
Strafe und Belehrung empfangen; denn das, was Euch widerfahren, ist nicht die
Gerechtigkeit der Menschen, sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der
Welt, womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat, dass er mit Euch nicht
zu spassen gedenkt, sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will. Nachdem
Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das
vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen, müsst Ihr allein darauf bedacht
sein, dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben, und gewärtig, dass
jede Abweichung von der Bahn des Rechten und Guten sich an Euch empfindlicher
rächen werde als an anderen, auf dass Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade
fleissiger und stärker werdet als viele, denen nicht solches geschieht. Nur auf
diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes und der Trost über sich
selbst zu sein, ohne dies aber würde es nur eine fatale und ärgerliche
Geschichte bleiben, mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht
und das Vergnügen Gottes sein kann. Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das
Nächste und Wichtigste, und wer weiss, ob nicht Euere Bestimmung ist, gerade
durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu entscheiden, als sonst
geschehen wäre! Gewiss habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besondern Berufe in
Euch verspürt?«
    Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten
moralischen Sinn derselben nicht sonderlich fasste, so ergriff ich doch den
Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte
mich glücklich, mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu
wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden »Ja, ich
möchte ein Maler werden!«
    Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem
frühern Geständnisse, weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der
Kultur am wenigsten an dies Wort gedacht hatte. Doch besann er sich ebenfalls
schnell und sprach:
    »Ein Maler? Ei sieh, das ist seltsam! Doch lasset sehen! Es hat allerdings
eine Zeit gegeben, wo es Maler gegeben hat, welche von göttlichem Geiste erfüllt
waren, welche den dürstenden Völkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in
Ermangelung des lebendigen Wortes, das wir Jetzt haben. Allein so wie schon
dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmütigen Kirche
geworden, so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein blosses
Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein. Ich habe zwar
durchaus keine Kenntnis von den Künsten, wie sie jetzo in der Welt hantiert
werden, kann mir aber desto weniger vorstellen, wie sich ein ernstaftiges und
geistiges Leben dabei führen lässt! Habt Ihr denn so grosse Lust und Geschick,
allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter für
Bezahlung abzubilden?«
    »Zuvörderst will ich ein Landschaftsmaler werden«, erwiderte ich, »und habe
dazu allerdings grosse Lust und hoffe, der liebe Gott werde mir auch das Geschick
geben!«
    »Ein Landschaftsmaler? das heisst, merkwürdige Städte, Gebirge und
Weltgegenden abbilden? Hm! Dieses scheint mir nicht so übel zu sein, da lernt
man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher; Länder, Meere und
allenfalls auch die Menschen dazu; aber dazu gehört besonderer Mut und eigenes
Glück, wie mich dünkt, und vor allem soll, meines Erachtens, ein junger Mensch
darauf denken, wie er im Lande bleiben und sich redlich nähren, auch seinen
Mitbürgern sich nützlich und seinen Eltern dienstbar erweisen kann!«
    »Die Landschaftsmalerei, die ich im Sinne habe, ist nicht sowohl, was Ihr
hiemit darunter versteht, Herr Vetter! als etwas ganz anderes!«
    »Nun, und das wäre?«
    »Sie besteht nicht darin, dass man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und
nachmacht, sondern darin, dass man die stille Herrlichkeit und Schönheit der
Natur betrachtet und abzubilden sucht, manchmal eine ganze Aussicht, wie diesen
See mit den Wäldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein
Stücklein Wasser und Himmel.«
    Da der Vetter hierauf nichts entgegnete, sondern auf eine Fortsetzung zu
warten schien, fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine
Begeisterung und Beredsamkeit, die ich früher nicht gekannt hatte. Der zwischen
Sonnenglanz und Waldesschatten schwebende See ruhte majestätisch vor den klaren
Fenstern, von fernem Bergrücken schienen einige schlanke Eichen, die in die
himmelhohe Sonntagsluft stiegen, mir zuzuwinken, fern, leise, aber eindringlich;
ich blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine höhere Erscheinung, indem ich
sprach:
    »Warum sollte dies nicht ein edler und schöner Beruf sein, immer und allein
vor den Werken Gottes zu sitzen, die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld
und ganzen Schönheit erhalten haben, sie zu erkennen und zu verehren und ihn
dadurch anzubeten, dass man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht? Wenn man
nur ein einfältiges Sträuchlein abzeichnet, so empfindet man eine Ehrfurcht vor
jedem Zweige, weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen
des Schöpfers; wenn man aber erst fähig ist, einen ganzen Wald oder ein weites
Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen, und wenn man endlich dergleichen
aus seinem Innern selbst hervorbringen kann, ohne Vorbild, Wälder, Täler und
Gebirgszüge, oder nur kleine Erdwinkel, frei und neu, und doch nicht anders, als
ob sie irgendwo gewachsen und sichtbar sein müssten, so dünkt mir diese Kunst
eine Art wahren Nachgenusses der Schöpfung zu sein. Da lässet man die Bäume in
den Himmel wachsen und darüber die schönsten Wolken ziehen und beides sich in
klaren Gewässern spiegeln! Man spricht es werde Licht! und streut den
Sonnenschein beliebig über Kräuter und Steine und lässt ihn unter schattigen
Bäumen erlöschen. Man reckt die Hand aus, und es steht ein Unwetter da, welches
die braune Erde beängstigt, und lässt nachher die Sonne in Purpur untergehen! Und
dies alles, ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu müssen; es ist kein
Misston im ganzen Tun!«
    »Gibt es denn eine solche Art der Kunst, und wird sie anerkannt?« fragte der
gute Schulmeister ganz verblüfft.
    »Jawohl«, erwiderte ich, »in den Städten, in den Häusern der Vornehmen, da
hängen schöne glänzende Gemälde, welche meistens stille grüne Wildnisse
vorstellen, so reizend und trefflich gemalt, als sähe man in Gottes freie Natur,
und die eingeschlossenen, gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den
unschuldigen Bildern und nähren diejenigen reichlich, welche sie zustande
bringen!«
    Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas überrascht hinaus.
    »Also dieser kleine See zum Beispiel, diese meine holdselige Einsamkeit
würde ein genugsamer Gegenstand sein für die Kunst, obgleich niemand den Namen
kennte, bloss wegen der Milde und Macht Gottes, die sich auch hier offenbart?«
    »Ja gewiss! ich hoffe noch, Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer, mit
dieser Abendsonne so zu malen, dass Ihr mit Vergnügen diesen Nachmittag darin
erkennen sollt und selbst sagen müsst, es sei weiter hiezu nichts nötig, um
bedeutend zu sein; das heisst, wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes
lerne!« setzte ich hinzu.
    »Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt«, sagte mein Vetter
gerührt, »es ist doch höchst merkwürdig, in wie vielen Weisen der menschliche
Geist sich äussern kann. Mir scheint, Ihr seid auf einem guten und frommen Wege,
und wenn Ihr ein solches Stück zustande bringen könnt, so möchte es leichtlich
so verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frühlings- oder Erntelied. He,
ihr Knaben!« rief er den jungen Fischkennern zu, welche immer noch an ihrem
Geschäfte waren, »holt ein Gefäss und sucht ein tüchtiges Gericht Fische aus,
Aale, Forellen oder Hechte, dass die Weiber sie backen können!«
    Indessen waren die Mädchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise
unser Gespräch angehört, so dass der redselige Mann nicht verlegen war, auf einen
neuen Stoff überzugehen und alle für denselben pflichtig zu machen. Ich selbst
wurde wieder still und ziemlich befangen, da die zierliche Anna ungehört wieder
da war und leise mit einer Base flüsterte. Der Alte sprach nun von der Ernte,
von den Weinhoffnungen, von den Baumfrüchten mit den Mädchen, aber alles in
einer feinen und salbungsvollen Weise, mir nebenbei manche Aufklärung gebend,
wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte. Ich aber sagte für
der nichts, sondern befand mich glücklich und wohlgemut in der Nähe des
lieblichen Mädchens, ohne sie jedoch anzusehen, und nur angenehm berührt, wenn
sie einmal ihr Stimmchen erhob.
    Ein mächtiger Küchenduft verbreitete sich durch das Haus, zog die Knaben
herbei und veranlasste den Schulmeister, auf ein Zeichen der alten Köchin, zum
Aufbruch in das obere Stockwerk aufzufordern. Dort war ein kleiner, heller und
kühler Saal, welcher zwischen seinen ganz geweissten Wänden nichts entielt als
einen länglichen Tisch, Stühle und eine alte Hausorgel. Der Tisch war gedeckt,
wir setzten uns zu einem fröhlichen Abendessen, welches aus den Fischen bestand,
so die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewählt hatten. Ländliches Backwerk
und Früchte und ein milder unschuldiger Wein, an der Höhe hinter dem Hause
gewachsen, schmückten das einfache und in seiner Art doch gewählte und
anständige Mahl, der Alte würzte es mit sinnigen Reden, die Jungen scherzten und
gaben sich naive Rätsel und Wortspiele auf, und dies alles übergoldete ein
gehobener sonntäglicher Ton, anders als ob man zu Hause, und anders als ob man
in einer gewölmlichen Bauernfamilie wäre. Als wir uns genugsam erfrischt,
schritt der Schulmeister zu der Orgel hin und öffnete dieselbe, dass die
glänzende Pfeifenreihe zutage trat und das Innere der beiden Flügeltürchen das
gemalte Paradies zeigte mit Adam und Eva, Blumen und Tieren. Er setzte sich
davor, wir mussten uns in einen Kreis um ihn herumstellen, Anna teilte einige
alte Musikbücher aus, und nachdem ihr Vater gar anmutig präludiert, sangen wir
zu seinem Spiele und Vorsang einige schöne kirchliche Sommerlieder und hernach
einen künstlichen Kanon. Wir sangen in heiterer Freude und aus voller Brust und
doch mit Mass und Haltung, die Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere
Musik hervor als die strengste Schulprobe, und ich selbst liess mein inneres
Glück unbefangen und frei in den Gesang strömen; denn dieser Tag war für mich
wieder neuer und schöner als alle früheren. Wenn wir einen Vers geendigt hatten,
erklang über den See her, von einer Wand im Walde, ein harmonisch verhallendes
Echo, die Orgeltöne und Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren
Tone, und zitterte eben aus, indem wir selbst den Gesang wieder anhoben. An
verschiedenen Stellen, in der Höhe und Tiefe, wurden freudige Menschenstimmen
wach, welche ihre Lust in die still webenden Lüfte sangen und jauchzten, so dass
unser Kanon, mit welchem wir schlossen, sozusagen sich über das ganze Tal
verbreitete.
    Doch nun mussten wir aufbrechen, da die Sonne sich schon den Bergen näherte;
der Schulmeister entliess uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit
entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens. Ich musste ihm versprechen, auf meinen
Streifzügen so oft als möglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen
Sitz aufzuschlagen, als ob er ebenfalls mein Oheim wäre. Anna wollte uns noch
bis auf die Berghöhe begleiten, und so machten wir uns viel aufgeregter und
lauter auf den Weg, als wir gekommen waren. Die Mädchen, so schon durch ein
Nichts, durch die blosse freie Gelegenheit, in die höchste Stimmung reiner
mutwilliger Lust versetzt, sangen fort und fort mit glänzenden Augen und
verlockten uns mitzusingen, indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten.
Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten
unter den Geschwistern geltend, das ganze süsse Geplauder jenes hoffnungsreichen
Alters befreite sich aus den offenen Gemütern und umspann alle mit gern gehörten
Anspielungen, verstelltem Widerstande und schelmischer Rückantwort. Nur Anna
schien vor den Angriffen sicher zu sein, während sie hie und da einen
schüchternen Scherz hinwarf, und ich sagte gar nichts dazu, weil mein Herz voll
war von den Begebnissen des Tages. Wir standen nun auf der Höhe, welche von der
Glut der untergehenden Sonne übergossen war, vor mir schwebte die federleichte,
verklärte Gestalt des jungen Mädchens, und neben ihr glaubte ich den lieben Gott
lächeln zu sehen, den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler, als welchen
ich ihn heute in dem Gespräche mit dem Schulmeister entdeckt hatte; das
scheidende Mädchen errötete noch stärker in die Abendröte hinein, als sie
zuletzt auch mir die Hand bot. Wir berührten uns kaum mit den Fingerspitzen und
nannten uns höflich Sie; aber die Vettern lachten uns aus, und die Basen
verlangten ernstaft, dass wir uns mit Du anreden sollten, da hierzulande nichts
anderes geduldet würde unter jungen Leuten.
    So wechselten wir unsere Taufnamen, verzagt und spröde; aber der meinige
schlüpfte wie ein Flötenton in mein Ohr, und als Anna schnell und ängstlich im
Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen,
hatte ich zwei Dinge erworben einen grossen und mächtigen Kunstgönner, der
unsichtbar über die dämmernde Welt hinschritt, und ein allerliebstes Schätzchen
von meinem Alter im Herzen.
 
                                Drittes Kapitel
Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht länger ertragen, sondern
suchte unter meinen Sachen nach einem feinen Blättchen Papier, um einen Brief an
meine Mutter zu schreiben, den ersten in meinem Leben. Als ich ganz zuoberst am
Rande das »Liebe Mutter!« hinsetzte, schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor,
ich empfand diesen feinen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl, und meine
Schreibgeläufigkeit liess mich anfänglich im Stiche und kaum die ersten Sätze
finden. Doch führten mich die Schilderungen meiner Reise und des Aufentaltes im
Pfarrhause sowie der sonstigen Erlebnisse bald in das Geleise zurück, und meine
Beschreibung fiel nur allzu geschmückt und prahlerisch aus. Ich trug ein grosses
Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben, welches sich nachher
mehrmals wiederholte, auf meine Mutter mit einem glücklichen Befinden und mit
meinen verschiedenen Taten und Abenteuern eine Art Eindruck zu bewirken, eine
förmliche Sucht, auf naive Weise sie zu unterhalten und zugleich da durch mich
geltend zu machen, als ob ich auch ohne den Quell meines Lebens dieses zu finden
und zu bezwingen wüsste. Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens über
und erklärte ihr weitläufig, dass ich nun durchaus glaubte, ein Maler werden zu
müssen, und infolgedessen bat ich sie, sich vorläufig umzusehen und mit den
verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten. Die
Familienberichte und Grüsse sowie einige wichtige Aufträge über kleine
Gegenstände bildeten den Schluss des Briefes, ich faltete ihn eng und künstlich
zusammen und verschloss ihn mit meinem Leibsiegel, einem unbehilflichen Anker,
das Zeichen der Hoffnung, welches ich längst in ein weiches Stückchen Alabaster
selbst gegraben hatte und nun zum ersten Mal zu einem wirklichen Zwecke
gebrauchte. Die Adresse schrieb ich sehr ausführlich und besonders das »An Frau
Lee, née Hartmann« mit ungemeiner Ansehnlichkeit.
    Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre
Staatskleidung, schlicht und einfarbig, bauschte ein frisches Taschentuch
zusammen, das sie in die Hand nahm, und begann feierlich ihren Rundgang bei den
ihr zugänglichen Autoritäten.
    Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor, welcher viel
in vornehmen Häusern verkehrte und Weltkenntnis besass. Als Freund meines seligen
Vaters pflegte er noch Freundschaft und Wohlwollen für uns, so wie er auch die
Bildungsbestrebungen jener Tage eifrig fortsetzte. Nachdem er Vortrag und
Bericht der Mutter ernstlich angehört, erwiderte er kurzweg, das sei nichts und
hiesse so viel, als das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft aussetzen.
Man solle sich umschauen, so viele Maler in unserm Gebiete sich noch hätten
blicken lassen, so viele arme Teufel und verkommene Menschen wären es auch! So
wies er vorzüglich auf einen Porträtmaler hin, welcher jedes Jahr zweimal in
unsere Stadt gekommen, um die inzwischen entstandenen Bräute und solche bejahrte
Herrschaften zu malen, die ihre silberne oder goldene Hochzeit feierten, daneben
auch etwa einen angesehenen Magistraten, welcher sich durch hinlängliches
öffentliches Wirken für die Verewigung auf eindringliches Bitten seiner Verehrer
reif erachtete. Dieser Künstler war ein Habenichts und Branntweinsäufer gewesen,
hatte immer Schulden hinterlassen, trotz dem reichlichen Verdienste, und war
endlich auf der Landstrasse erfroren. Hingegen wusste der Schreiner bessern Rat,
wenn einmal etwas Künstlerisches ergriffen werden müsse. Ein junger Vetter von
ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als Landkartenstecher ausgebildet und
genoss einen reichlichen und anständigen Erwerb, so dass er in den Augen seiner
Sippschaft als etwas Rechtes dastand. Daher erbot sich der Ratgeber, mich aus
besonderer Freundschaft in der Nähe dieses Mannes unterzubringen, wo ich dann,
wenn wirklich etwas Tüchtiges in mir stäke, es nicht nur bis zum Stechen,
sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen könne, indem ich meine Zeit
wohl anwende zur Erwerbung der nötigen Kenntnisse. Dies wäre dann ein feiner,
ehrenvoller und zugleich ein nützlicher und in das grosse Leben passender Beruf.
    Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner
und auch einem Freunde ihres Mannes. Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und
bedruckten Tüchern, welcher sein ursprünglich geringes Geschäft nach und nach
erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute. Er erwiderte den
Bericht meiner Mutter folgendermassen:
    »Dieses Ereignis, dass der junge Heinrich, der Sohn unseres unvergesslichen
Freundes, sich für eine künstlerische Laufbahn erklärt, und die Nachricht, dass
er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschäftigt, kommt sehr
erfreulich einer Idee entgegen, die ich schon einige Zeit in bezug auf den
Knaben hege. Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters, dass er seine
Neigung einer feineren Tätigkeit zuwendet, zu welcher Talente und ein höherer
Schwung erforderlich sind; allein diese Neigung muss auf eine solide und
vernünftige Bahn gelenkt werden. Nun ist Euch, werteste Frau und Freundin, die
Art meines nicht unbedeutenden Geschäftes bekannt; ich fabriziere bunte Stoffe,
und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke, so geschieht es hauptsächlich
dadurch, dass ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und
gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz
Neues und Originelles zu überbieten suche. Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden,
deren Aufgabe es ist, lediglich neue Dessins zu erfinden und, in der behaglichen
Stube sitzend, nach Herzenslust Blumen, Sterne und Linien durcheinanderzuwerfen.
In meiner bescheidenen Anstalt habe ich drei solcher Leute, die gerade keine
grossen Kirchenlichter sind, denen ich aber ein lästerliches Geld bezahlen und
sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln muss. Sie sind, obgleich sie ganz
geschickt den Gang des Geschäftes begreifen und verfolgen, doch nur zufällig zu
diesem Berufe gekommen und durch keinerlei innere Kraft vorherbestimmt. Was
könnte mir nun willkommener sein als ein junger Mensch, der mit solcher Energie
sich für Papier und Farben erklärt, in so frühem Alter, der den ganzen Tag, ohne
weitere Anregung, Bäume und Blumengärtchen malt? Wir wollen ihm schon Blumen
genug verschaffen, in geordneten Reihen soll er sie auf die Tücher zaubern,
unerschöpflich, immer neu; er soll aus der reichen Natur die wunderbarsten und
zierlichsten Gebilde abstrahieren, welche meine Konkurrenten zur Verzweiflung
bringen!« (Und der treffliche Mann erging sich hier, meine Mutter beinahe
vergessend, in den kühnsten Spekulationen.) »Kurz, gebt mir Euren Sohn ins Haus!
Ich werde ihn bald so weit gebracht haben wie die anderen, und wenn er einige
Jahre älter ist, so tun wir ihn nach Paris, wo die Sache ins Grosse betrieben
wird und die ausgezeichnetsten Dessinateurs der verschiedensten Industriezweige
leben wie die Fürsten und von den Geschäftsleuten auf Händen getragen werden.
Hat er dort sich gehörig emporgeschwungen und seine Erfahrung bereichert, so ist
er ein gemachter Mann und kann sein Los selbst bestimmen. Will er alsdann sich
wieder mit mir verbinden, so wird das mir zur Freude und zum Vorteil gereichen,
findet er aber sein Glück anderswo, so habe ich nichtsdestoweniger meine
Zufriedenheit daran. Bedenket Euch, ich glaube mich nicht zu täuschen!«
    Er führte hierauf meine Mutter in seinem Geschäfte herum und zeigte ihr die
bunten Herrlichkeiten, die geschnittenen Holzmödel und vor allem die kühnen
Kompositionen seiner Zeichner. Es leuchtete ihr alles vollkommen ein und
erfüllte sie wieder mit Hoffnung. Abgesehen von dem gesicherten und reichlichen
Erwerbe, welchen ein gewandter Geschäftsmann verbürgte, war ja diese ganze Kunst
dem Dienste der Frauen gewidmet und so reinlich und friedsam, dass ein Sohn in
ihrem Schosse wohl geborgen schien. Auch mochte es vielleicht eine Ader
verzeihlicher Eitelkeit erwecken, wenn sie sich in einen der bescheideneren
Stoffe meiner Erfindung gekleidet dachte. Sie war so mit diesen angenehmen
Gedanken beschäftigt, dass sie für diesmal ihre Wanderung einstellte, um sich
ganz in denselben zu ergehen.
    Der folgende Tag jedoch rief sie wieder zu gänzlichen Erfüllung ihrer
Mutterpflicht auf und führte sie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg. Sie
gelangte zu einem dritten Freunde des Vaters, einem Schuster, der im Geruche
tiefen Verstandes lebte und ein gewaltiger Politiker war. Seit dem Tode meines
Vaters war er durch die Zeitereignisse in eine strenge demokratische und
sozialistische Richtung hineingetreten. Nach misslaunischer Anhörung des
Berichtes und des Erfolges der gestrigen Bemühungen brach er barsch los:
    »Maler, Landkartenmacher, Blümchenzeichner, Stubensitzer, Herrenknecht!
Handlanger der Geldaristokraten, Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung, als
Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens!
Handwerk, ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnöten, gute Frau! Wenn Euer
Mann lebte, so würde er den Jungen so gewiss durch schwere Handarbeit ins Leben
führen, als zwei mal zwei vier sind! Zudem ist der Junge schon ein bisschen
schwächlich und verwöhnt durch Euere Weiberwirtschaft; lasst ihn ein Maurer oder
Steinmetz werden, oder besser, gebt ihn mir, so wird er die gehörige Demut und
damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen, und bis er imstande
ist, einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten, soll er gelernt haben, was
ein Bürger ist, wenn er anders seinem Vater nachfolgt, den wir sehr vermissen,
wir andere Handwerksleute! Besinnt Euch, Frau Lee! von der Pike auf dienen, das
macht den Mann! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng, die ich letztin
schickte?«
    Die Frau Lee ging aber nicht sonderlich erbaut fort und murmelte vor sich
her »Schlag du nur deine Zwecke ein, bei mir erreichst du deinen Zweck nicht,
Herr Schuster, ungehobelter Mann! Bleib nur bei deinem Leisten und warte, bis
mein Kind kommt, dir Gesellschaft zu leisten! Draht ist nicht Rat! Wenn du Gott
furchten würdest, so brauchtest du nicht vor dem Gerber zu fliehen! Wer Pech
angreift, besudelt sich!« Unter solchen Sarkasmen, welche sie nachher
wiederholte, sooft sie auf diese Unterredung zu sprechen kam, zog sie die
Klingel an einem hohen und schönen Hause, welches der Vater einst für einen
vornehmen Herrn gebaut hatte. Es war ein feiner und ernster Mann, der in den
Staatsgeschäften stand, nicht viele Worte machte, jedoch für uns einige
Geneigteit bezeigte und schon mehrmals mit entscheidendem Rat an die Hand
gegangen war. Als er vernommen, worum es sich handelte, erwiderte er mit höflich
ablehnenden Worten:
    »Es tut mir leid, gerade in dieser Angelegenheit nicht dienen zu können! Ich
verstehe soviel wie nichts von der Kunst! Nur weiss ich, dass auch für das
ausgezeichnetste Talent lange Studienjahre und bedeutende Mittel erforderlich
sind. Wir haben wohl grosse Genies, welche sich durch besondere Widerwärtigkeiten
endlich emporgeschwungen; allein um zu beurteilen, ob Ihr Sohn hiezu nur die
geringsten Hoffnungen biete, dazu besitzen wir in unserer Stadt gar keine
berechtigte Person! Was hier an Künstlern und dergleichen lebt, ist ziemlich
entfernt von dem, was ich mir unter wirklicher Kunst vorstelle, und ich könnte
nie raten, einem ähnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen.« Dann besann er
sich eine Weile und fuhr fort »Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sache
als eine kindische Träumerei; kann er sich entschliessen, sich von mir in einer
unserer Kanzleien unterbringen zu lassen, so will ich hiezu gern die Hand bieten
und ihn im Auge behalten. Ich habe gehört, dass er nicht ohne Talent sei,
besonders in schriftlichen Arbeiten. Würde er sich gut halten, so könnte er sich
mit der Zeit ebensogut zu einem tüchtigen Verwaltungsmanne emporarbeiten als
mancher andere wackere Mann, welcher ebenso von unten angefangen und als armer
Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist. Diese Bemerkung mache ich
übrigens nicht, um irgend grosse Hoffnungen zu erregen, sondern nur um Ihnen zu
zeigen, dass der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und
dürftiges Los gebunden ist.«
    Diese Rede, indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht eröffnete, warf
sie gänzlich in Ungewissheit zurück, ob sie nicht ernstlich mich zur Änderung
meines Sinnes bestimmen solle. Denn hier war, noch mehr als beim Fabrikanten,
die Bürgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand,
welcher einen grossen Teil unserer Verhältnisse ebenso klar durchschaute als mit
beherrschte und wohl imstande war, diejenigen über dem Wasser zu halten, die
sich seinem Rate anvertrauten.
    Sie schloss hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem grossen
Briefe sämtlichen Erfolg desselben, jedoch die Vorschläge des Fabrikanten und
des Staatsmannes besonders hervorhebend, und ermahnte mich, meinen bestimmten
Entschluss noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken, auf welche Weise ich
am füglichsten im Lande bleiben, mich redlich nähren, ihr selbst ein Trost und
eine Stütze des Alters und doch meinen natürlichen Anlagen gerecht werden könne;
denn dass sie je dazu helfen würde, mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden
Lebensberufe zu bestimmen, davon sei keine Rede, da sie hierüber die Grundsätze
des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wäre, annähernd so zu
verfahren, wie er getan haben würde.
    Dieser Brief war überschrieben »Mein lieber Sohn!«, und das Wort Sohn, das
ich zum ersten Male hörte von ihr, rührte mich und schmeichelte mir aufs
eindringlichste, dass ich für den übrigen Inhalt sehr empfänglich und dadurch an
mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde. Ich fühlte mich ganz allein und
wehrlos mit meinen grünen Bäumen gegenüber dem ernsten kalten Weltleben und
seinen Lenkern. Aber während ich schon begann, mich mit dem Gedanken, auf immer
vom geliebten Walde zu scheiden, vertraut zu machen (ich wusste von keinem
Dilettantismus und dass man auch als Weltmann seine Mussestunden dergleichen
Neigungen widmen könne), gab ich mich nur um so inniger der Natur hin und
schweifte den ganzen Tag in den Bergen, und die drohende Trennung liess mich
manches angehende Verständnis sicherer ergreifen, als es sonst geschehen wäre.
Ich hatte schon sämtliche Studien des Junker Felix nachgezeichnet und dadurch
einige Ausdrucksweise gewonnen, so dass meine Blätter wenigstens ordentlich weiss
und schwarz wurden von Stift und Tusche.
    Oft, am Morgen oder am Abend, stand ich auf der Höhe über dem tiefen See, wo
unten der Schulmeister mit seinem Töchterchen wohnte, oder ich hielt mich auch
einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf, unter einer Buche oder Eiche,
und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen; aber je
länger ich zauderte, desto weniger konnte ich es über mich gewinnen
hinabzugehen, da mir das Mädchen fortwährend im Sinne lag und ich deshalb
glaubte, man würde mir auf der Stelle ansehen, dass ich seinetwegen käme. Meine
Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas plötzlich so vollständigen
Besitz ergriffen, dass ich alle Unbefangenheit ihr gegenüber im gleichen
Augenblicke verloren und in beschränkter Unerfahrenheit von ihrer Seite sogleich
das gleiche voraussetzte. Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte, war
mir die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und
unerträglich, vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen
Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen. Wenn meine
Basen von ihr sprachen, tat ich, als hörte ich es nicht, indessen ich doch nicht
von der Stelle wich, solange das Gespräch dauerte, und wenn sie mich fragten, ob
es denn nicht ein allerliebstes Kind sei, erwiderte ich ganz trocken »Ja,
gewiss!«
    In diesen Tagen fand ich kaum Zeit, bei meiner Grossmutter den täglichen
kurzen Aufentalt zu nehmen, und vernachlässigte die anderen Verwandten so
ziemlich, wenn ich nicht gerade bestimmt eingeladen war zur Teilnahme an einem
Ausnahmegericht oder sonstigem Schmause, wie solche durch den Wechsel der
Feldfrüchte oder durch Schlachten und Backen hervorgerufen werden.
    Auf diesen Wegen war ich häufig am Hause der schönen Judit vorübergekommen
und, da ich eben deswegen, weil sie ein schönes Weib war, auch einige
Befangenheit fühlte und Anstand nahm einzutreten, von ihr gebieterisch
hereingerufen und festgehalten worden. Nach der Weise der aufopfernden und
nimmermüden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich
ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde, während die kräftige Tochter das
leichtere Teil erwählte und im kühlen Haus und Garten gemächlich und halb müssig
waltete. Deswegen war diese bei gutem Wetter fast immer allein zu Hause und sah
es gern, wenn jemand, den sie leiden mochte, bei ihr vorkehrte und mit ihr
plauderte. Als sie meine Malerkünste entdeckt hatte, trug sie mir sogleich auf,
ihr ein Blumensträusschen zu malen, welches sie mit Zufriedenheit in ihr
Gesangbuch legte. Sie besass ein kleines Stammbüchelchen von der Stadt her, das
nur zwei oder drei Inschriften und eine Menge leerer Blätter mit Goldschnitt
entielt; von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige, dass ich eine Blume
oder ein Kränzchen darauf male (Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr
deponiert, und sie verwahrte dieselben sorgfältig), dann wurde ein Vers oder
verliebter Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen,
die ich in ein paar Minuten anfertigte, angefüllt. Die Verse wurden einer grossen
Sammlung bedruckter Papierstreifchen entnommen, welche sie als Überbleibsel
früher genossener Bonbons aufbewahrte. Durch diesen Verkehr war ich heimisch und
vertraut bei ihr geworden, und indem ich immer an die junge Anna dachte, hielt
ich mich gern bei der schönen Judit auf, weil ich in jener unbewussten Zeit ein
Weib für das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte,
wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die
abwesende zarte Knospe dachte als anderswo, ja als in Gegenwart dieser selbst.
Manchmal traf ich sie am Morgen, wie sie ihr üppiges Haar kämmte, welches
geöffnet bis auf ihre Hüften fiel. Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich
neckend an zu spielen, und Judit pflegte bald, ihre Hände in den Schoss legend,
den meinigen ihr schönes Haupt zu überlassen und lächelnd die Liebkosungen zu
erdulden, in welche das Spiel allmählich überging. Das stille Glück, welches ich
dabei empfand, nicht fragend, wie es entstanden und wohin es führen könne, wurde
mir Gewohnheit und Bedürfnis, dass ich bald täglich in das Haus huschte, um eine
halbe Stunde dort zuzubringen, eine Schale Milch zu trinken und der lachenden
Frau die Haare aufzulösen, selbst wenn sie schon geflochten waren. Dies tat ich
aber nur, wenn sie ganz allein und keine Störung zu befürchten war, so wie sie
auch nur dann es sich gefallen liess, und diese stillschweigende Übereinkunft der
Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen süssen Reiz.
    So war ich eines Abends, vom Berge kommend, bei ihr eingekehrt; sie sass
hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grünen Salat gereinigt,
ich hielt ihre Hände unter den klaren Wasserstrahl, wusch und rieb dieselben wie
einem Kinde, liess ihr kalte Wassertropfen in den Nacken träufeln und spritzte
ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht, bis sie mich beim Kopfe
kriegte und ihn auf ihren Schoss presste, wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete
und walkte, dass mir die Ohren sausten. Obgleich ich diese Strafe halb und halb
bezweckt hatte, wurde sie mir doch zu arg; ich riss mich los und fasste meine
Feindin, nach Rache dürstend, nun meinerseits beim Kopfe. Doch leistete sie,
indem sie immer sitzen blieb, so kräftigen Widerstand, dass wir beide zuletzt
heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich, beide Arme um ihren weissen
Hals geschlungen, ausruhend an ihr hangen blieb; ihre Brust wogte auf und
nieder, indessen sie, die Hände erschöpft auf ihre Knie gelegt, vor sich hinsah.
Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus, dessen Stille uns
umfächelte; Judit sass in tiefen Gedanken versunken und verschloss, die Wallung
ihres aufgejagten Blutes bändigend, in ihrer Brust innere Wünsche und Regungen
fest vor meiner Jugend, während ich, unbewusst des brennenden Abgrundes, an dem
ich ruhte, mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen
Rosenglut des Himmels das feine, schlanke Bild Annas auftauchen sah. Denn nur an
sie dachte ich in diesem Augenblicke, ich ahnte das Leben und Weben der Liebe,
und es war mir, als müsste ich nun das gute Mädchen alsogleich sehen. Plötzlich
riss ich mich los und eilte nach Hause, von wo mir der schrille Ton einer
Dorfgeige entgegenklang. Sämtliche Jugend war in dem geräumigen Saale versammelt
und benutzte den kühlen, müssigen Abend, nach den Klängen des herbeigerufenen
Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu üben; denn die älteren
Mitglieder der Sippschaft befanden für gut, auf die Feste des nahenden Herbstes
den jüngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorläufiges
Tanzvergnügen zu verschaffen. Als ich in den Saal trat, wurde ich aufgefordert,
sogleich teilzunehmen, und indem ich mich fügte und unter die lachenden Reihen
mischte, ersah ich plötzlich die errötende Anna, welche sich hinter denselben
versteckt hatte. Sogleich war ich zufrieden und innerlich hoch vergnügt; aber
obgleich schon zwei Wochen vergangen, seit ich sie zum ersten Male gesehen, liess
ich meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich, nachdem ich sie kurz
begrüsst, wieder von ihr, und als meine Basen mich aufforderten, mit ihr, die
gleichfalls anfing, einen Tanz zu tun, suchte ich ungehobelt und unter tausend
Ausflüchten auszuweichen. Dieses half nichts, widerstrebend fügten wir uns
endlich und tanzten, einander nicht ansehend und uns kaum berührend, etwas
ungeschickt und beschämt einmal durch den Saal. Ungeachtet es mir schien, als ob
ich einen jungen Engel an der Hand führte und im Paradiese herumwalzte, trennten
wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem
Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen. Ich, der ich
kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der grossen und schönen Judit
zwischen meine Hände gepresst, hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose
Gestalt des Kindes zu umfangen, und dieselbe fahrenlassen wie ein glühendes
Eisen. Sie verbarg sich ihrerseits wieder hinter die fröhlichen Mädchen und war
sowenig mehr in die Reihen zu bringen als ich, hingegen bestrebte ich mich,
meine Worte an die Gesamteit zu richten und so zu stellen, dass sie von Anna
auch hingenommen werden mussten, und bildete mir ein, sie meine es mit den
wenigen Wörtchen, die sie hören liess, ebenfalls so.
    Sie war, da sie mit den Töchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr
führte, mit einem Körbchen voll junger Täubchen hergekommen, was hauptsächlich
das Heraufrufen des herumziehenden Geigers veranlasst hatte. Nun wurde
verabredet, dass die Tanzübungen mehrere Male wiederholt werden sollten und Anna
denselben beiwohnen. Für jetzt aber war es notwendig, da es dunkel geworden, dass
jemand sie nach Hause begleite, und dazu wurde ich ausersehen. Diese Kunde klang
mir zwar wie Musik, doch drängte ich mich nicht sonderlich vor und stellte mich
eher, als ob es mir verdriesslich und unbequem wäre; denn es erwachte ein Stolz
in mir, der es mir fast unmöglich machte, gegen das junge Ding freundlich zu
tun, und je lieber ich es in meinem Herzen gewann, desto mürrischer und
unbeholfener wurde mein Äusseres. Das Mädchen aber blieb immer gleich, ruhig,
bescheiden und fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um, auf welchem
einige Kornblumen und eine brennendrote Mohnblüte lagen; der Nachtkühle wegen
brachte die Muhme einen prachtvollen weissen Staatsshawl aus alter Zeit, mit
Astern und Rosen besäet, den man um ihr blaues, halb ländliches Kleid schlug,
dass sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie eine junge
Engländerin aus den neunziger Jahren. So wandte sie sich nun anscheinend ganz
ruhig zum Gehen, gewärtig, wer sie begleiten würde, aber sich deswegen nicht
unentschlossen aufhaltend. Sie lächelte, durch den Mutwillen der Basen belebt
und gedeckt, über meine Ungeschicklichkeit, ohne sich nach mir umzublicken, und
vermehrte so meine Verlegenheit, da ich gegenüber den zusammenhaltenden und
verschworenen Mädchen allein dastand und fast willens war, im Saale
zurückzubleiben. Doch erbarmte sich die älteste Base meiner und rief mich noch
einmal entschieden heran, so dass es mit meiner Ehre verträglich war, mich
wenigstens dem Zuge anzuschliessen, der sich vor das Haus bewegte. Wir gingen
gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes, wo der Berg anhub, über welchen
Anna zu gehen hatte. Dort wurde Abschied genommen; ich stand im Hintergrunde und
sah, wie sie ihr Tuch zusammenfasste und sagte »Ach, wer will nun eigentlich mit
mir kommen?« indessen die Mädchen schalten und sagten »Nun, wenn der Herr Maler
so unartig ist, so muss eben jemand anders dich begleiten!« und ein Bruder rief
»Ei, wenn es sein muss, so gehe ich schon mit, obgleich der Maler ganz recht hat,
dass er nicht den Jungfernknecht spielt, wie ihr es immer gern einführen
möchtet!« Ich trat aber hervor und sagte barsch »Ich habe gar nicht behauptet,
dass ich es nicht tun wolle, und wenn es der Anna recht ist, so begleite ich sie
schon.« - »Warum sollte es mir nicht recht sein?« erwiderte sie, und ich
schickte mich an, neben ihr herzugehen. Allein die übrigen riefen, ich müsste sie
durchaus am Arme führen, da wir so feine Stadtleutchen seien, ich glaubte dies
und schob meinen Arm in den ihrigen, sie zog ihn rasch zurück und fasste mich
unter den Arm, sanft, aber entschieden, indem sie lächelnd nach dem spottenden
Volke zurücksah; ich merkte meinen Fehler und schämte mich dergestalt, dass ich,
ohne zu sprechen, den Berg hinanstürmte und das arme Kind mir beinahe nicht
folgen konnte. Sie liess sich dies nicht ansehen, sondern schritt tapfer aus, und
sobald wir allein waren, fing sie ganz geläufig und sicher an zu plaudern über
die Wege, welche sie mir zeigen musste, über das Feld, über den Wald, wem diese
und jene Parzelle gehöre und wie es hier und dort vor wenigen Jahren noch
gewesen sei. Ich wusste wenig zu erwidern, während ich aufmerksam zuhörte und
jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang; meine Eile hatte schon
nachgelassen, als wir die Höhe des Berges erreichten und auf seiner Ebene
gemächlich dahingingen. Der funkelnde Sternhimmel hing weit gebreitet über dem
Lande, und doch war es dunkel auf dem Berge, und die Dunkelheit band uns näher
zusammen, da wir, unsere Gesichter kaum sehend, einander auch besser zu hören
glaubten, wenn wir uns fest zusammenhielten. Das Wasser rauschte vertraulich im
fernen Tale, hier und da sahen wir ein mattes Licht auf der dunklen Erde
glimmen, welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen Schatten vom Himmel
sonderte, der sie am Rande mit einem blassen Dämmergürtel umgab. Ich beachtete
dieses alles, lauschte den Worten meiner Begleiterin und bedachte zugleich für
mich meine Freude und meinen Stolz, eine Geliebte am Arme zu führen, als welche
ich sie ein für allemal betrachtete. Wir sprachen nun ganz munter und aufgeräumt
von tausend Dingen, von gar nichts, dann wieder mit wichtigen Worten von unseren
gemeinsamen Verwandten und ihren Verhältnissen, wie alte kluge Leute. Je näher
wir ihrer Wohnung kamen, deren Licht bereits in der Tiefe glühte wie ein
Leuchtwurm, desto sicherer und lauter wurde Anna, ihre Stimme bimmelte
unaufhörlich und fein, gleich einem fernen Vesperglöckchen, ich setzte ihren
artigen Einfällen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen, und doch hatten
wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet, und das Du war seit
jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen. Wir hüteten es, wenigstens ich,
im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige, den man auszugeben gar nicht nötig
hat; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler Mitte, nach
welchem sich unsere Reden und Beziehungen richteten und sich dort vereinigten
wie zwei Linien in einem Punkte, ohne sich vorher unzart zu berühren. Erst als
wir in der Stube waren und ihren sie erwartenden Vater begrüsst hatten, nannte
sie, die Ereignisse des Abends froh erzählend, beiläufig ganz unbefangen meinen
Namen, sooft es erforderlich war, und nahm, unter dem Schutze ihres Vaterhauses,
wo sie sich geborgen fühlte wie eine Taube im Neste, unbesehens das Wörtchen Du
hervor und warf es unbekümmert hin, dass ich es nur aufzunehmen und ebenso arglos
zurückzugeben brauchte. Der Schulmeister machte mir Vorwürfe über mein langes
Ausbleiben, und um sicher zu gehen, forderte er mich zu dem Versprechen auf,
gleich am nächsten Morgen früh zu kommen und den ganzen Tag an seinem See
zuzubringen. Anna übergab mir den Shawl, den ich wieder zurücktragen sollte,
dann leuchtete sie mir vor das Haus und sagte adieu mit jenem angenehmen Tone,
der ein anderer ist nach einer stillschweigend geschlossenen Freundschaft als
vorher. Kaum war ich aus dem Bereiche des Hauses, so schlug ich das blumige
weiche Tuch, das mir eine Wolke des Himmels zu sein dünkte, um Kopf und
Schultern und tanzte darin wie ein Besessener über den nächtlichen Berg. Als ich
auf seiner Höhe war unter den Sternen, schlug es unten im Dorfe Mitternacht, die
Stille war nun nah und fern so tief geworden, dass sie in ein geisterhaftes
Getöse überzugehen schien, und nur wenn sich diese Täuschung zerstreute und man
gesammelt horchte, rauschte und zog der Fluss immer vernehmlich, doch leise, wie
ein im Traume klagendes Kind. Ein seliger Schauer schien, als ich einen
Augenblick stand wie festgebannt, rings vom Gesichtskreise heranzuzittern an den
Berg, in immer engeren Zirkeln bis an mein Herz heran. Das Glück des Lebens
schien seinen Rundgang über die schlafende Welt zu machen und, mich auf dem
Berge wachend findend, mich an die Hand und für immer an seine Seite zu nehmen.
Ich entledigte mich andächtig meiner närrischen Umhüllung, legte sie zusammen,
stieg träumend den Abhang hinunter und fand den Weg durch stockfinstere Waldwege
nach Hause, ohne zu wissen wie.
    Am nächsten Morgen legte ich denselben Weg, der von Tau und Sonne funkelte
und blitzte, mit meinem Geräte beladen, zurück und sah bald den See unter dem
Morgendufte hervorleuchten, Haus und Garten waren vom jungen Tag übergoldet und
warfen ein reizendes Farbenbild in die unbewegte Flut, zwischen den Beeten
bewegte sich eine blaue Gestalt, so fern und klein wie in einem Nürnberger
Spielzeuge, das Bild verschwand wieder hinter den Bäumen, um bald desto grösser
und näher hervorzutreten und mich in seinen Rahmen mit aufzunehmen.
Schulmeisters hatten mit dem Frühstücke auf mich gewartet, ich war sehr esslustig
geworden durch den weiten Weg und sah mich daher mit grosser Zufriedenheit hinter
dem Tische, während Anna die Tugenden eines angehenden Hausmütterchens aufs
lieblichste spielen liess und sich endlich neben mich setzte und so zierlich und
mässig an dem Essen nippte wie eine Elfe und als ob sie keine irdischen
Bedürfnisse hätte. Ich sah sie indes kaum eine Stunde nachher mit einem
mächtigen Stück Brot in der Hand und, mir auch ein solches bringend, unbefangen
und tüchtig dreinbeissen mit ihren kleinen weissen Zähnen, und dies begierige
Essen im Gehen und Plaudern stand ihr ebenso wohl an wie vorher der bescheidene
Anstand am Tische und reizte mich, meinen Pferdekopf, wie wir die grossen
Brotstücke nannten, ebenso schnell und lustig zu verzehren, trotz des reichlich
genossenen Frühstückes.
    Nach diesem war der Vater mit der alten Magd in seinen Weinberg gestiegen,
um von den reifenden Trauben das Laub zu brechen, welches den Sonnenstrahlen den
Zugang versperrte. Die Besorgung des Weinberges war, nebst dem Schlagen und
Kleinmachen des Holzes, seine Hauptarbeit in seinem beschaulichen Leben. Ich
hingegen sah mich nach einem Gegenstande meiner Tätigkeit um. Anna hatte eine
mächtige Wanne voll grüner Bohnen der Schwänzchen und Fäden zu entledigen und an
lange Fäden zu reihen, um sie zum Dörren vorzubereiten. Damit ich in ihrer Nähe
bleiben konnte, gab ich vor, ich müsste nun zur Abwechselung einmal Blumen nach
der Natur malen, und bat sie, mir einen Strauss derselben zu brechen. Der
Zusammenstellung wegen begleitete ich sie in den Garten, und nach einer guten
halben Stunde hatten wir endlich ein hübsches Bouquet beisammen und setzten es
in ein altmodisches Prunkglas, dieses auf einen Tisch, der in einer Weinlaube
hinter dem Hause stand; Anna schüttete ihre Bohnen rings darum her, und wir
setzten uns einander gegenüber, bis zur Mittagsstunde arbeitend und von unseren
gegenseitigen Lebensläufen, Eltern und Familien erzählend. Ich war nun ganz
erwärmt und heimisch geworden und begann bald mit der Überlegenheit eines
Bruders dem guten Kinde mit wichtigen Urteilen, eingestreuten Bemerkungen und
Belehrungen zu imponieren, indessen ich meine Blumen mit verwegenen bunten
Farben anlegte und sie mir erstaunt und vergnügt zuschaute, über den Tisch
gebeugt und ein Büschel Bohnen in der einen, das kleine Taschenmesserchen in der
anderen Hand. Ich zeichnete den Strauss in natürlicher Grösse auf einen Bogen und
gedachte damit ein rechtes Prunkstück im Hause zurückzulassen. Inzwischen kam
die Magd vom Berge und forderte meine Gespielin auf, ihr zum Bereiten des Essens
behilflich zu sein. Diese kurze Trennung, dann das Wiedersehen am Tische, die
Ruhestunde nach demselben, das aufrichtige Bewundern meiner vorgeschrittenen
Arbeit von seiten des Schulmeisters, gewürzt mit weisen Sprüchen, und endlich
die Aussicht auf ein abermaliges Zusammensein bis zum Abend in der Laube
veranlassten ebenso viele angenehme Bewegungen und Zwischenspiele. Anna schien
auch meines Sinnes zu sein, da sie eben wieder einen ansehnlichen Haufen Bohnen
auf den Tisch schüttete, welcher bis zum Abend auszureichen schien. Allein die
Haushälterin erschien plötzlich und erklärte, dass Anna mit in den Weinberg
müsste, damit man heute mit demselben noch fertig würde und eines kleinen
Überbleibsels wegen nicht am andern Tage hinzugehen brauche. Diese Erklärung
betrübte mich, und ich ward sehr ärgerlich über die alte Frau, Anna hingegen
brach sogleich willig und freundlich auf und bezeigte weder Freude noch Verdruss
über die Änderung ihres Planes. Die Alte, als sie mich bleiben sah, sagte, ob
ich nicht auch mitkomme, ich werde doch nicht allein hiersein wollen und es sei
recht schön im Weinberge. Allein ich war nun schon zu tief betrübt und unwillig
und erklärte, ich müsste meine Zeichnung zu Ende führen. Demgemäss wurde mir ein
kleines Fläschchen Wein und Brot in der Stube zurechtgesetzt für die Vesperzeit
und der Hausschlüssel übergeben, den ich neben mich legte. Bald war ich allein
in der einsamen Gegend und der Nachmittagsstille und fühlte mich nun doch wieder
zufrieden. Auch kam dies Alleinsein meinem Machwerke zu gut, indem ich mir mehr
Muhe gab, die natürlichen Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu
lernen, während ich am Vormittage mehr nach meiner früheren Kindermanier
drauflosgepinselt hatte. Ich mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher
und aufmerksamer mit den Formen und Schattierungen, und dadurch entstand ein
Bild, welches an der Wand unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte.
    Darüber verfloss die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend, indessen
ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und überall ein
Blatt oder einen Blumenstiel ausbesserte und einen Schatten verstärkte, dort
einen vergessenen Staubfaden hinzufügte. Die Neigung für das Mädchen lehrte mich
dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der Arbeit, welches ich bis dahin
noch nicht gekannt, und als ich gar nichts mehr anzubringen sah, schrieb ich in
eine Ecke des Blattes »Heinrich Lee fecit«, was ich mir anderswo schon gemerkt
hatte, und unter den Strauss mit schöner Schrift den Namen der künftigen
Eigentümerin.
    Der Weinberg musste inzwischen noch ein grosses Stück Arbeit gegeben haben,
denn schon schwebte die Sonne dicht über dem Waldrande und warf ein
feuerfarbenes Band über das dunkelnde Gewässer her, und noch hörte ich nichts
von meinen Gastfreunden. Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause, den Wein
und das Brot neben mir, wie ein Arbeiter, der seines Lohnes wert ist. Die Sonne
ging hinab und liess eine hohe Rosenglut zurück welche auf alles einen sterbenden
Nachglanz warf und die Zeichnung auf meinen Knien samt meinen Händen wunderbar
rötete und etwas Rechtem gleichsehen liess. Da ich sehr früh aufgestanden war und
in diesem Augenblicke auch sonst nichts Besseres zu tun wusste, schlief ich
allmählich ein, und als ich erwachte, standen die Zurückgekehrten in der
vorgerückten Dämmerung vor mir und am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne.
Meine Malerei wurde nun in der Stube bei Licht besehen, die Magd schlug die
Hände über den Kopf zusammen und hatte noch nie etwas Ahnliches erblickt, der
Schulmeister fand mein Werk gut und belobte meine Artigkeit gegen sein
Töchterchen mit schönen Worten und freute sich darüber, Anna lächelte vergnügt
auf das Geschenk, wagte aber nicht, es anzurühren, sondern liess es auf dem
flachen Tische liegen und guckte nur hinter den anderen hervor darüber hin. Wir
nahmen nun das Nachtmahl ein, nach welchem ich aufbrechen wollte; aber der
Schulmeister verhinderte mich daran und gab Befehl, mir ein Lager zu bereiten,
da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar verirren würde. Obgleich ich
einwandte, dass ich den nächtlichen Weg ja schon einmal zurückgelegt hätte, liess
ich mich doch leicht bereden, aus blosser Freundschaft dazubleiben, worauf wir in
den kleinen Saal mit der Orgel gingen. Der Schulmeister spielte, und Anna und
ich sangen dazu einige Abendlieder und, der Magd zu Gefallen, welche gern
mitsang, einen Psalm, den sie mit heller Stimme beherrschte. Dann ging der Alte
zu Bette. Doch jetzt begann erst die Herrschaft der alten Katerine, welche
unten in der Stube einen ungeheuren Vorrat von Bohnen aufgetürmt hatte, welche
heute nacht noch sämtlich bearbeitet werden sollten. Denn da sie nachts nicht
viel schlafen konnte, beharrte sie hartnäckig auf der ländlichen Sitte,
dergleichen Dinge bis tief in die Nacht hinein vorzunehmen. So sassen wir bis um
ein Uhr um den grünen Bohnenberg herum und trugen ihn allmählich ab, indem jedes
einen tiefen Schacht vor sich hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer
Sagen und Schwänke heraufbeschwor und uns beide, die wir wach und munter blieben
wie Wieselchen, so lachen machte, dass uns die Tränen über die Wangen liefen.
Anna, welche mir gegenübersass, baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit
vieler Kunst, eine Bohne nach der anderen herausnehmend, und grub unvermerkt
einen unterirdischen Stollen, so dass plötzlich ihr kleines Händchen in meiner
Höhle zutage trat, als ein Bergmännchen, und von meinen Bohnen wegschleppte in
die grauliche Finsternis hinein. Katerine belehrte mich, dass Anna der Sitte
gemäss verpflichtet sei, mich zu küssen, wenn ich ihre Finger erwischen könne,
jedoch dürfe der Berg darüber nicht zusammenfallen, und ich legte mich deshalb
auf die Lauer. Nun grub sie sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die
listigste Weise zu necken; die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt,
sah sie mich über dasselbe her mit ihren blauen Augen neckisch an, indessen sie
hier eine Fingerspitze hervorgucken liess, dort die Bohnen bewegte, wie ein
unsichtbarer Maulwurf, dann plötzlich mit der ganzen Hand hervorschoss und wieder
zurückschlüpfte, wie ein Mäuschen ins Loch, ohne dass es mir je gelang, sie zu
haschen. Sie trieb es so weit, mir immer auf die Augen sehend, dass sie plötzlich
eine Bohne, die ich eben ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne dass ich
wusste, wo dieselbe hingekommen. Katerine bog sich zu mir herüber und flüsterte
mir ins Ohr: »Lasst sie nur machen, wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht über
den vielen Löchern, so muss sie Euch auf jeden Fall küssen!« Anna wusste jedoch
sogleich, was die Alte zu mir sagte; sie sprang auf, tanzte dreimal um sich
selbst herum, klatschte in die Hände und rief: »Er bricht nicht! er bricht
nicht! er bricht nicht!« Beim dritten Male gab Katerine mit ihrem Fusse dem
Tische schnell einen Stoss, und der unterhöhlte Berg stürzte jammervoll zusammen.
»Gilt nicht, gilt nicht!« rief Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer
umher, wie man es gar nicht hinter ihr vermutet hätte. »Ihr habt an den Tisch
gestossen, ich hab es wohl gesehen!«
    »Es ist nicht wahr«, behauptete Katerine, »Heinrich bekommt einen Kuss von
dir, du Hexe!«
    »Ei, schäme dich doch, so zu lügen, Katerine«, sagte das verlegene Kind,
und die unerbittliche Magd erwiderte »Sei dem, wie ihm wolle, der Berg ist
gefallen, ehe du dich dreimal gedreht hast, und du bist dem Herrn Heinrich einen
Kuss schuldig!«
    »Den will ich auch schuldig bleiben«, rief sie lachend, und ich, selbst
froh, der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem
Vorteile lenkend, sagte »Gut, so versprich mir, dass du mir immer und jederzeit
einen Kuss schuldig sein willst!«
    »Ja, das will ich«, rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine
dargebotene Hand, dass es schallte. Sie war jetzt überhaupt ganz lebendig, laut
und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am
Tage. Die Mitternacht schien sie zu verwandeln, ihr Gesichtchen war ganz
gerötet, und ihre Augen glänzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilfliche
Katerine herum, neckte sie und wurde von ihr verfolgt, es entstand eine Jagd in
der Stube umher, in welche ich auch verwickelt wurde. Die alte Katerine verlor
einen Schuh und zog sich keuchend zurück, aber Anna ward immer wilder und
behender. Endlich haschte ich sie und hielt sie fest, sie legte ohne weiteres
ihre Arme um meinen Hals, näherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise, vom
hastigen Atmen unterbrochen:
»Es wohnt ein weisses Mäuschen
Im grünen Bergeshaus;
Das Häuslein wollte fallen,
Das Mäuslein floh daraus«;
worauf ich in gleicher Weise fortfuhr:
»Man hat es noch gefangen,
Am Füsschen angebunden
Und um die Vordertätzchen
Ein rotes Band gewunden«;
dann sagten wir beide im gleichen Rhytmus und indem wir uns geruhig hin und her
wiegten:
»Es zappelte und schrie
Was hab ich denn verbrochen?
Da hat man ihm ins Herzlein
Ein goldnen Pfeil gestochen.«
Und als das Liedchen zu Ende war, lagen unsere Lippen dicht aufeinander, aber
ohne sich zu regen; wir küssten uns nicht und dachten gar nicht daran, nur unser
Hauch vermischte sich auf der neuen, noch ungebrauchten Brücke, und das Herz
blieb froh und ruhig.
    Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich, still und freundlich; der
Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen, und da ergab es sich,
dass sie von Anna schon in den unzugänglichsten Gelassen ihres Kämmerchens
verwahrt und begraben worden. Sie musste dieselbe aber wieder hervorholen, was
sie ungern tat, der Vater nahm einen Rahmen von der Wand, in welchem eine
vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817 hing, nahm sie
heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas. »Es ist endlich
Zeit, dass wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen« sagte er, »da es selber
nicht länger vorhalten will. Wir wollen es zu anderen verschollenen und
verborgenen Denkzeichen legen und dafür dieses blühende Bild des Lebens
aufpflanzen, das uns unser junge Freund geschaffen. Da er dir die Ehre erwiesen
hat, liebes Ännchen, deinen Namen unter die Blumen zu setzen, so mag die Tafel
zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild, immer
heiter, mit geschmückter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und
ehrbaren Werke Gottes!«
    Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rückkehr; Anna erinnerte sich,
dass heute wieder Tanzübung stattfinde, und erbat sich die Erlaubnis, gleich mit
mir gehen zu dürfen. Zugleich verkündete sie, dass sie bei ihren Basen
übernachten würde, um nicht wieder so spät über den Berg zu müssen. Wir wählten
den Weg längs des Flüsschens, um im Schatten zu gehen, und da dieser Pfad
vielfach feucht war und von tiefen Kräutern und Gesträuchen beengt, schürzte sie
das hellgrüne, mit roten Punkten besetzte Kleid, nahm den Strohhut der
überhängenden Zweige wegen in die Hand und schritt anmutig neben mir her durch
das Helldunkel, durch welches die heimlich leuchtenden Wellen über rosenrote,
weisse und blaue Steine rieselten. Ihre Goldzöpfe hingen tief über den Nacken
hinab, ihr Gesicht war von einer allerliebsten weissen Krause von eigener
Erfindung eingefasst, und dieselbe bedeckte noch die jungen schmalen Schultern.
Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig der vergangenen Nacht zu schämen;
überall, wo ich nichts gewahrte, sah sie verborgene Blüten und brach dieselben,
dass sie bald alle Hände voll zu tragen hatte. An einer Stelle, wo das Wasser
sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und stillestand, warf sie ihre
sämtliche Last zu Boden und sagte »Hier ruht man aus!« Wir setzten uns an den
Rand des Teiches; Anna flocht einen feinen Kranz aus den kleinen vornehmen
Waldblumen und setzte ihn auf. Nun sah sie ganz aus wie ein holdseliges Märchen,
aus der tiefen, dunkelgrünen Flut schaute ihr Bild lächelnd herauf, das weiss und
rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft überschattet. Aus der
gegenüberliegenden Seite des Wassers, nur zwanzig Schritte von uns, stieg eine
Felswand empor, beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gesträuche behangen. Ihre
Steile verkündete, wie tief hier das kleine Gewässer sein müsse, und ihre Höhe
betrug diejenige einer grossen Kirche. An der Mitte derselben war eine Vertiefung
sichtbar, die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang
entdeckte. Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme. Anna
erzählte, dass diese Höhle die Heidenstube genannt würde. »Als das Christentum in
das Land drang«, sagte sie, »da mussten sich die Heiden verbergen, welche nicht
getauft sein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flüchtete sich
in das Loch dort oben, man weiss gar nicht auf welche Weise. Und man konnte nicht
zu ihnen gelangen, aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus. Sie hausten
und kochten eine Zeitlang, und ein Kindlein nach dem andern fiel ihnen über die
Wand herunter ins Wasser hier und ertrank. Zuletzt waren nur noch Vater und
Mutter übrig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten
sich als zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder,
zuletzt fielen sie vor Schwäche auch herunter, und die ganze Familie liegt in
diesem tiefen, tiefen Wasser; denn hier geht es so weit hinunter, als der Stein
hoch ist!«
    Wir schauten, in tiefem Schatten sitzend, in die Höhe, wo der obere Teil des
grauen Felsens im Sonnenscheine glänzte und die seltsame Vertiefung erhellt war.
Wie wir so hinschauten, sahen wir einen blauen glänzenden Rauch aus der
Heidenstube dringen und längs der Wand hinsteigen, und wie wir länger
hinstarrten, sahen wir ein fremdartiges Weib, lang und hager, in der webenden
Rauchwolke stehen, herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden.
Sprachlos sahen wir hin, Anna schmiegte sich dicht an mich, und ich legte meinen
Arm um sie; wir waren erschreckt und doch glücklich, und das Bild der Höhle
schwamm verwirrt und verwischt vor unseren emporgerichteten Augen, und als es
wieder klar wurde, standen ein Mann und ein Weib in der Höhe und schauten auf
uns herab. Eine ganze Orgelpfeifenreihe von Knaben und Mädchen, halb oder ganz
nackt, sass unter dem Loche und hing die Beine über die Wand herunter. Alle Augen
starrten nach uns, sie lächelten schmerzlich und streckten die Hände nach uns
aus, wie wenn sie um etwas flehten. Es war uns bange, wir standen eilig auf,
Anna flüsterte, indem sie perlende Tränen vergoss »Oh, die armen, armen
Heidenleute!« Denn sie glaubte fest, die Geister derselben zu sehen, besonders
da man in der Gegend überzeugt war, dass kein menschlicher Weg zu jener Stelle
führe. »Wir wollen ihnen etwas opfern«, sagte das Mädchen leise zu mir, »damit
sie unser Mitleid gewahr werden!« Sie zog eine Münze aus ihrem Beutelchen, ich
ahmte ihr nach, und wir legten unsere Spende auf einen Stein, der am Ufer lag.
Noch einmal sahen wir hinauf, wo die seltsame Erscheinung uns fortwährend
beobachtete und mit dankenden Gebärden nachschaute.
    Als wir im Dorfe anlangten, hiess es, man habe eine Bande Heimatloser in der
Gegend gesehen und man würde dieselben nächster Tage aufsuchen, um sie über die
Grenze zu bringen. Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklären, es
musste doch ein geheimer Weg dortin führen, welcher nur unter dem unglücklichen
Volke, das solche Schlupfwinkel braucht, bekannt sein mochte. Wir gaben uns in
einem einsamen Winkel feierlich das Wort, den Aufentalt der Armen nicht zu
verraten, und hatten nun ein artiges Geheimnis zusammen.
    So lebten wir, unbefangen und glücklich, manche Tage dahin, bald ging ich
über den Berg, bald kam Anna zu uns, und unsere Freundschaft galt schon für eine
ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der
einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal nach alter
Weise alles sich zum entschiedenen Romane gestaltete.
    Um diese Zeit erkrankte meine Grossmutter, nach und nach, doch immer
ernstlicher, und nach wenigen Wochen sah man, dass sie sterben würde. Sie hatte
genug gelebt und war müde; solange sie noch bei guten Sinnen war, sah sie gern,
wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte, und ich fügte mich
willig dieser Pflicht, obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufentalt in
der dumpfen Krankenstube mir ungewohnt und trübselig waren. Als sie aber in das
eigentliche Sterben kam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir diese Pflicht
zu einer ernsten und strengen Übung. Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen
und sah nun die bewusstlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage
röchelnd im Todeskampfe liegen, denn ihr Lebensfunke mochte fast nicht
erlöschen. Die Sitte verlangte, dass immer mindestens drei Personen in dem
Gemache sich aufhielten, um abwechselnd zu beten und den fremden Besuchern,
welche unablässig eintraten, die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben. Nun
hatten aber die Leute, bei dem goldenen Wetter, gerade viel zu arbeiten, und
ich, der ich nichts zu tun hatte und geläufig las, war ihnen daher willkommen
und wurde den grössten Teil des Tages am Todesbette festgehalten. Die Weiber
hatten zudem insbesondere ein grosses Bedürfnis, die Traurigkeit und den
Schrecken des Todes recht auszubeuten, und da die Männer sich niemals lange in
der Kammer aufhielten, waren sie froh, mich für alle büssen zu lassen, und
erklärten, der Tod meiner Grossmutter müsse sich mir recht einprägen, dies würde
mir für immer nützlich sein. Auf einem Schemel sitzend, ein Buch auf den Knien,
musste ich mit vernehmlicher Stimme Gebete, Psalmen und Sterbelieder lesen,
erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die Gunst der Frauen, wofür ich aber den
schönen Sonnenschein nur von ferne und den Tod beständig in der Nähe betrachten
durfte.
    Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen, obschon sie mein süssester
Trost in meiner asketischen Lage war; da erschien sie, schüchtern und
manierlich, unversehens auf der Schwelle der Krankenstube, um die ihr sehr
entfernt Verwandte zu besuchen. Das junge Mädchen war beliebt und geehrt unter
den Bäuerinnen und daher jetzt willkommen geheissen, und als sie sich, nach
einigem stillen Aufentalte, anbot, mich im Gebete abzulösen, wurde ihr dies
gern gestattet, und so blieb sie die noch übrige Sterbenszeit an meiner Seite
und sah mit mir die ringende Flamme verlöschen. Wir sprachen selten miteinander,
nur wenn wir uns die geistlichen Bücher übergaben, flüsterten wir einige Worte,
oder wenn wir beide frei waren, ruhten wir behaglich nebeneinander aus und
neckten uns im stillen, da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte. Als der
Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten, da zerfloss auch Anna in Tränen
und konnte sich nicht zufriedengeben, da sie doch der Todesfall weniger berührte
als mich, der ich als Enkel der Toten, obgleich ernst und nachdenklich,
trockenen Auges blieb. Ich ward besorgt für das arme Kind, welches immer
heftiger weinte, und fühlte mich sehr niedergeschlagen und unglücklich noch zu
der Trauer über den Tod hinzu; denn ich konnte das zarte Mädchen nicht leiden
sehen. Ich führte sie in den Garten, streichelte ihr die Wangen und bat sie
inständigst, doch nicht so sehr zu weinen. Da erheiterte sich ihr Gesicht, wie
die Sonne durch Regen, sie trocknete die Augen und sah mich urplötzlich lächelnd
an.
    Wir genossen nun wieder freie Tage, und ich begleitete Anna zur Erholung
sogleich nach Hause, um dort zu bleiben bis zum Leichenbegängnisse. Ich blieb
die Zeit über ziemlich ernst, da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir
überdies die Grossmutter sehr lieb und verehrungswürdig gewesen, ungeachtet ich
sie seit kurzem kannte. Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin
unbehaglich, und sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich
hierin den übrigen Frauen, welche alle wieder plaudernd und räsonierend vor
ihren Häusern standen.
    Der Mann der toten Grossmutter tat nun, während er sich bequem fühlte, als ob
er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten hätte. Er ordnete
eine pomphafte Leichenfeier an, woran über sechzig Personen teilnehmen sollten,
und liess es an nichts fehlen, alle alten Gebräuche in ihrem vollen Umfange zu
beobachten.
    Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf
den Weg; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schössen und
eine gestickte weisse Halsbinde, Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und
eine ihrer eigentümlichen Krausen, worin sie aussah wie eine Art Stiftsfräulein.
Den Strohhut hingegen liess sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich
geflochten, dazu durchdrang sie heute eine tiefe Frömmigkeit und Andacht, sie
war still und ihre Bewegungen voll Sitte, und dieses alles liess sie in meinen
Augen in neuem, unendlichem Reize erscheinen. In meine traurige festliche
Stimmung mischte sich ein süsser Stolz, mit diesem liebenswürdigen und seltenen
Wesen so vertraut zu sein, und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige
Verehrung, dass ich meine Bewegungen ebenfalls mass und zurückhielt und mit
eigentlicher Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war, wo es der
unebene Weg erforderte.
    Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt, dessen Familie schon
gerüstet war und sich, als die Totenglocke läutete, uns anschloss. Im Sterbehause
wurde ich von meinen sämtlichen Begleitern getrennt, da meine Stellung als Enkel
die Gegenwart unter den nächsten Leidtragenden mit sich brachte, und als der
jüngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grünen Habit an
der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umständlichen und
langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt. Die nähere Verwandtschaft war in der
aufgeräumten grossen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche
Geschlecht, welches erscheinen sollte, um hier seine Beileidsbezeugungen
abzustatten. Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht längs den Wänden
gestanden, traten nach und nach viele bejahrte Bäuerinnen herein, in schwarzer
Tracht, fingen bei mir an, eine um die andere, indem sie mir die Hand boten,
ihren Spruch sagten und zum nächsten fortschritten auf gleiche Weise. Diese
Matronen gingen grösstenteils gebückt und zitternd und sprachen ihre Worte mit
Rührung als alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche, welche die
Nähe des Todes doppelt empfanden. Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll
an, ich musste jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen, was ich ohnehin
getan hätte, da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprägten Lebens und
Schicksales wegen auffallen musste. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle
alte Frau darunter, welche aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich
sah, dann folgte aber gleich wieder ein gebeugtes Mütterchen, welche an ihrem
eigenen Leiden dasjenige der Geschiedenen zu kennen und zu schätzen schien Doch
wurden die Frauen immer jünger, und in gleichem Verhältnisse mehrte sich die
Zahl; die Stube war nun vollständig mit dunklen Gestalten angefüllt, die sich
herbeidrängten, Weiber von vierzig und dreissig Jahren, voll Beweglichkeit und
Neugierde, die verschiedenen Leidenschaften und Eigentümlichkeiten waren kaum
durch die gleichmachende Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein
Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen
aus der Umgegend waren erschienen, weil die Grossmutter eines grossen Ruhmes unter
ihnen genoss, der, zum Teil verjährt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich
geltend machte. Endlich wurden die Hände glätter und weicher, das jüngste
Geschlecht zog vorüber, und ich war schon ganz mürbe und müde, als meine Basen
herzutraten, mir aufmunternd und freundlich die Hand boten, und gleich hinter
ihnen, wie ein Himmelsbote, die allerliebste Anna, welche, blass und aufgeregt,
mir flüchtig das Händchen reichte und schimmernde Tränen darüber fallen liess.
Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte,
schwebte sie mir jetzt um so überraschender und reizender vorüber, wie ein Bild
aus glücklicheren Räumen.
    Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt, und wir traten vor das Haus, wo
eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte, um mit uns, die wieder eine
Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend
kürzer und rascher als ihre Weiber, Töchter und Schwestern, allein dafür
gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hände wie Schmiedezangen und
Schraubstöcke, und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand
nicht mehr heil zurückzuziehen.
    Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten, und die
Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder, der Geistliche erschien
auch und machte seine Würde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen,
sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann
in die kühle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde. Ich
hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen,
die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Grossmutter von der
Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied,
welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hörte
vor der Kirchentür, drängte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der
einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die
Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich; ich sah
erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde
erschien mir auch fremd, und ich fand keine Tränen. Erst als es mir durch den
Sinn fuhr, dass es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine
Mutter dachte, welche einst auch also in die Erde gelegt werde, da
vergegenwärtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe, und das
harte Wort »Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht!« verlor die
scheinbare Kälte seiner Notwendigkeit.
    Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wieder nach dem
Trauerhause, dessen Räume alle mit den Vorrichtungen des Leichenmahles erfüllt
waren. Als man zu Tische sass, versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des
finstern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten musste, ohne mit jemandem
sprechen zu können, solange die erste herkömmliche Essenszeit mit allen ihren
unvermeidlichen Gerichten dauerte. Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte
den Schulmeister und sein Kind, welche auch anwesend waren; sie mussten aber im
anstossenden Zimmer sein, denn ich fand sie nicht.
    Anfänglich wurde mässig und bedächtig gesprochen und die Speisen in grosser
Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern sassen aufrecht an ihre Stühle oder an die
Wand gelehnt, in beträchtlichem Abstand vom Tische, und stachen die
Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an, die Gabel am äussersten Ende
haltend. So führten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken
den Wein in kleinen, züchtigen, aber häufigen Zügen. Die Aufwärterinnen trugen
die breiten Zinnschüsseln in erhobenen Händen in der Höhe ihres Gesichtes heran,
mit gemessenem Paradeschritt, die Hüften gewaltig hin und her wiegend. Wo sie
die Tracht auf den Tisch setzten, mussten die beiden Zunächstsitzenden einen
Wettstreit beginnen, indem sie ihnen ihre Gläser zum Trinken boten und jeder
wenigstens zwei gute Witze auf den Nebenbuhler losliess; dieser kleine Kampf
wurde dann dadurch geschlichtet, dass die Aufwärterin aus jedem Glase nippte und
mehr oder weniger zufrieden mit der Ausführung dieser Etikette sich zurückzog.
    Nach Verfluss zweier langen Stunden wurden die Gerichte feiner und leckerer,
die Roheren unter den Gästen näherten sich immer mehr dem Tische, legten die
Arme darauf und begannen nun erst, auf dem möglichst kürzesten Wege, ein
ungeheures und heftiges Essen, wozu sie den Wein in tiefen Zügen schluckten. Die
Älteren und Feineren aber wurden lauter im Gespräche, rückten ihre Stühle mehr
zusammen und liessen die Unterhaltung allmählich in eine gehaltene Fröhlichkeit
übergehen. Diese war wohl zu unterscheiden von einer gewöhnlichen lustigen
Stimmung und eine symbolische Absicht, welche eine heitere Ergebung in den Lauf
der Dinge und das Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte.
    Ich fand nun endlich Raum, meinen Platz zu verlassen und umherzugehen. Im
nächsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater sitzen,
welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und fröhliche Ergebung in
das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst übte. Er machte einigen bejahrten
Frauen den Hof und wusste jeder noch zu sagen, was sie vor dreissig Jahren gern
gehört; dafür schmeichelten sie der kleinen Anna, lobten ihre Manieren und
priesen den Alten glücklich. Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben
Anna auf die beschaulichen Reden der Alten. dabei hielten wir zwei, denen nun
erst vergnüglich zu Mute wurde, noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen
Schüssel und tranken zusammen ein Glas Wein.
    Auf einmal fing es über unseren Köpfen an zu brummen und zu quieken. Geige,
Bass und Klarinette wurden angestimmt, und ein Waldhorn erging sich in schwülen,
verliebten Tönen. Während der rüstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem
geräumigen Boden hinaufstieg, sagte der Schulmeister »So muss es also doch
getanzt sein? Ich glaubte, dieser Gebrauch wäre endlich abgeschafft, und gewiss
ist dies Dorf das einzige weit und breit, wo er noch manchmal geübt wird! Ich
ehre das Alte, aber alles, was so heisst, ist doch nicht ehrwürdig und tauglich!
Indessen mögt ihr einmal zusehen, Kinder, damit ihr später noch davon sagen
könnt; denn hoffentlich wird das Tanzen auf Leichenbegängnissen endlich doch
verschwinden!«
    Wir huschten sogleich hinaus, wo auf der Flur und der Treppe, die nach oben
führte, die Menge sich zu einem Zuge ordnete und paarte, denn ungepaart durfte
niemand hinaufgehen. Ich nahm daher Anna bei der Hand und stellte mich in die
Reihe, welche sich, von den Musikanten angeführt, in Bewegung setzte. Man
spielte einen elendiglichen Trauermarsch, zog nach seinem Takte dreimal auf dem
Boden herum, der zum Tanzsaal umgewandelt war, und stellte sich dann in einen
grossen Kreis. Hierauf traten sieben Paare in die Mitte und führten einen
schwerfälligen alten Tanz auf von sieben Figuren mit schwierigen Sprüngen,
Kniefällen und Verschlingungen, wozu schallend in die Hände geklatscht wurde.
Nachdem dieses Schauspiel seine gehörige Zeit gedauert hatte, erschien der Wirt,
ging einmal durch die Reihen, dankte den Gästen für ihre Teilnahme an seinem
Leid und flüsterte hier und dort einem jungen Burschen, dass es alle sahen, in
die Ohren, er möchte sich die Trauer nicht allzusehr zu Herzen gehen und ihn in
seinem Schmerze jetzt nur allein und einsam lassen, er empföhle ihm vielmehr,
sich nun wieder des Lebens zu freuen. Hierauf schritt er wieder gesenkten
Hauptes von dannen und stieg die Treppe hinunter, als ob es direkt in den
Tartarus ginge. Die Musik aber ging plötzlich in einen lustigen Hopser über, die
Älteren zogen sich zurück, und die Jugend brauste jauchzend und stampfend über
den dröhnenden Boden hin. Anna und ich standen, noch immer Hand in Hand,
verwundert an einem Fenster und schauten dem dämonischen Wirbel zu. Auf der
Strasse sahen wir die übrige Jugend des Dorfes dem Geigenklange nachziehen; die
Mädchen stellten sich vor die Haustür, wurden von den Knaben heraufgeholt, und
wenn sie einen Tanz getan, hatten sie das Recht erworben, aus den Fenstern die
Burschen, die noch unten waren, heraufzurufen. Es wurde Wein gebracht und in
allerhand Dachwinkeln kleine Trinkstätten hergestellt, und bald verschmolz alles
in einen rauschenden und tobenden Wirbel der Lust, welche sich in ihrem Lärm um
so sonderbarer ausnahm, als es Werktag war und das Dorf ringsherum in
gewöhnlicher stiller Arbeit begriffen.
    Nachdem wir lange Zeit zugeschaut, fortgegangen und wiedergekommen waren,
sagte Anna errötend, sie möchte einmal probieren, ob sie in der grossen Menge
tanzen könne. Dieses kam mir sehr gelegen, und wir drehten uns im selben
Augenblicke in den Kreisen eines Walzers dahin. Von nun an tanzten wir mehrere
Stunden ununterbrochen, ohne müde zu werden, die Welt und uns selbst vergessend.
Wenn die Musik eine Pause machte, so standen wir nicht still, sondern setzten
unsern Weg durch die Menge fort in raschem Schritte und fingen mit dem ersten
Tone wieder zu tanzen an, wir mochten gerade gehen, wo es war.
    Mit dem ersten Tone der Abendglocke aber stand auf einmal der Tanz still
mitten in einem Walzer, die Paare liessen ihre Hände fahren, die Dirnen wanden
sich aus den Armen der Tänzer, und alles eilte, sich ehrbar begrüssend, die
Treppe hinunter, setzte sich noch einmal hin, um Kaffee mit Kuchen zu geniessen
und dann ruhig nach Hause zu gehen. Anna stand, mit glühendem Gesichte, noch
immer in meinem Arme, und ich schaute verblüfft umher. Sie lächelte und zog mich
fort; wir fanden ihren Vater nicht mehr im Hause und gingen weg, ihn beim Oheim
aufzusuchen. Es war Dämmerung draussen, und die allerschönste Nacht brach an. Als
wir auf den Kirchhof kamen, lag das frische Grab einsam und schweigend, vom
aufgehenden goldfarbenen Monde bestreift. Wir standen vor dem braunen, nach
feuchter Erde duftenden Hügel und hielten uns umfangen, zwei Nachtfalter
flatterten durch die Büsche, die vielen Blüten gaben einen mächtigen Duft, und
Anna atmete erst jetzt schnell und stark. Wir gingen zwischen den Gräbern umher,
für dasjenige der Grossmutter einen Strauss zu sammeln, und gerieten dabei, im
tiefen tauigen Grase wandelnd, in die verworrenen Schatten der üppigen
Grabgesträuche. Da und dort blinkte eine matte goldene Schrift aus dem Dunkel
oder leuchtete ein Busch weisser Rosen wie Schnee hervor, Anna brach, da hier von
abgegrenztem Eigentume nicht die Rede war, ihr aufgeschürztes schwarzes Kleid
ganz voll weisser und roter Rosen, und als sie, damit beladen und beide Hände
beschäftigt, mit dem Köpfchen sich in den Zweigen eines dichten dunklen
Holunderstrauches fing, ich sie befreien wollte und wir beide so in der stark
duftenden Finsternis standen, da flüsterte sie, sie möchte mir jetzt etwas
sagen, aber ich müsste sie nicht auslachen und es verschweigen. Ich fragte »Was?«
und sie sagte, sie wolle mir jetzt den Kuss geben, den sie mir von jenem Abend
her schuldig sei. Ich hatte mich schon zu ihr geneigt, und wir küssten uns zwei
oder drei Mal, aber höchst ungeschickt, wir schämten uns, eilten zum Grabe, Anna
warf die Blumenlast darauf hin, wir fielen uns um den Hals und küssten uns eine
Viertelstunde lang unaufhörlich, zuletzt ganz vollendet und schulgerecht.
 
                                Viertes Kapitel
Als Anna mit ihrem Vater noch spät sich verabschiedete, war ich in dem
Augenblicke nicht zugegen, und sie konnte mir daher nicht adieu sagen. Obgleich
schmerzlich betroffen war, als ich sie nicht mehr zugegen fand, überwog doch
mein junges Seelenglück; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter
dem Fenster und sah die Cestirne ihren fernen Gang tun, und die Wellen unter mir
trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal,
als ob sie es gestohlen hätten, warfen hier und da einige Schimmerstücke ans
Ufer, als ob sie ihnen zu schwer würden, und sangen fort und fort ihr
mutwilliges Wanderlied. Auf meinem Munde lag es unsichtbar, aber süss und warm
und doch frisch und taukühl.
    Als ich schlafen ging, spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen
Lippen, durch Traum und Wachen, welche oft und heftig wechselten; ich sank von
Traum zu Traum, farbig und blitzend, dunkel und schwül, dann wieder sich
erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit, ich träumte
nie von Anna, aber ich küsste Baumblätter, Blumen und die lautere Luft und wurde
überall wiedergeküsst, fremde Frauen gingen über den Kirchhof und wateten durch
den Fluss mit silberglänzenden Füssen, die eine trug Annas schwarzes Gewand, die
andere ihr blaues, die dritte ihr grünes mit den roten Blümchen, die vierte ihre
Halskrause, und wenn mich dies ängstigte und ich ihnen nachlief und darüber
erwachte, war es, als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und
leibhaftig wegschliche, dass ich verwirrt und betäubt auffuhr und sie laut beim
Namen rief, bis mich die stille Glanznacht, welche getreulich im Tale lag, zu
mir selbst brachte und in neue Träume hüllte.
    So ging es in den hellen Morgen hinein, und beim Erwachen war ich wie von
einem heissen Quell der Glückseligkeit durchtränkt und berauscht. Die Nacht in
meinem Bewusstsein war wie ein grosses schönes Ereignis, und alle ihre verwirrten
Träume liessen den Eindruck der schönsten Wirklichkeit zurück ich war wie ein
neuer Mensch, reicher an Wissen und Erfahrung als gestern, und doch wusste ich
nichts und hätte es in keine Worte fassen können.
    Ich ging, noch immer trunken und träumend, unter meine Verwandten und fand
in der Wohnstube den benachbarten Müller vor, welcher mit einem leichten
Fuhrwerke meiner harrte, um mich mit nach der Stadt zu nehmen. Meine Rückkehr
war nämlich, seit einiger Zeit bestimmt, an die Geschäftsreise dieses Mannes
geknüpft und zufällig verabredet worden, da das Fahren mit ihm einige
Bequemlichkeit bot. Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel, der Müller
erschien zudem unerwartet und früher, als man geglaubt, mein Oheim und seine
Sippschaft forderten mich auf, ihn fahren zu lassen und zu bleiben, in meinem
Herzen schrie es nach Anna und nach dem stillen See - aber ich versicherte
ernstaft, dass meine Verhältnisse geböten, diese Gelegenheit zu benutzen,
frühstückte eilig, nahm einige meiner Sachen zusammen und von den verblüfften
und fast unwilligen Verwandten Abschied und setzte mich mit dem Müller auf das
Wägelchen, welches ohne Aufentalt zum Dorfe hinausund bald auf der staubigen
Landstrasse dahinrollte. Dies alles tat ich halb unbewusst in der Verwirrung, zum
Teil weil ich wähnte, man würde mir auf der Stelle ansehen, dass ich wegen Anna
bliebe und dass ich sie wirklich liebe, und endlich auch aus unerklärlicher
Laune.
    Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war, reute mich meine
Abreise, ich wäre gern vom Wagen gesprungen und drehte den Kopf immerwährend
zurück nach den Höhen, welche, um den See lagen, und schaute sie an, ohne zu
gewahren, wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und hinter meinem
Rücken das Hochgebirge aus grössern und tiefern Seen emporstieg.
    Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rückkehr kaum zurechtfinden. Im
Angesichte der grossartigen und schönen Landschaft, welche die Stadt umgibt,
schwebte mir nun die verlassene Gegend wie ein Paradies vor, und ich fühlte erst
jetzt jeden Reiz ihrer einfachen und anspruchlosen, aber so ruhigen und
lieblichen Bestandteile. Wenn ich auf der höchsten Höhe über unserer Stadt in
das Land hinaussah, so war mir der kleine versteckte Strich blauen
Fernegebietes, wo das Dorf und nicht weit davon des Schulmeisters See zu
vermuten waren, die schönste Stelle des Gesichtskreises, die Luft wehte reiner
und glücklicher von dorter, der mir unsichtbare Aufentalt Annas in jener
entlegenen bläulichen Dämmerung wirkte magnetisch über alles dazwischenliegende
Land her; ja wenn ich, in der Tiefe gehend, jenen glücklichen Horizont nicht
sah, so suchte und fühlte ich doch die Himmelsgegend und sah mit Heimweh und
Sehnsucht das dortin gehende Stück Himmel von näheren Bergen begrenzt.
    Indessen erneuerte sich die Frage über meine Berufswahl und machte sich
täglich dringender geltend, da man mich nicht länger halb müssig und planlos
sehen konnte. Ich war einmal an den Türen des Fabrikgebäudes vorbeigestrichen,
wo der eine Gönner hauste. Ein hässlicher Vitriolgeruch drang mir in die Nase,
und bleiche Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Grimassen hervor.
Ich verwarf unbedingt die Hoffnungen, die sich hier darboten, und zog es vor,
lieber ganz von solchen halbkünstlerischen Ansprüchen fernzubleiben und mich dem
Schreibertume entschieden in die Arme zu werfen, wenn einmal entsagt werden
müsse, und ich gab mich diesem Gedanken schon geduldig hin. Denn nicht die
mindeste Aussicht tat sich auf, bei irgendeinem guten Künstler untergebracht zu
werden.
    Da gewahrte ich eines Tages, wie eine Menge der gebildeten Leute der Stadt
in einem öffentlichen Gebäude aus und ein gingen. Ich erkundigte mich nach der
Ursache und erfuhr, dass in dem Hause eine Kunstausstellung stattfinde, welche,
von einem Vereine mehrerer grösserer Schweizerstädte veranlasst, in diesen bereits
ihre Runde gemacht und nun noch durch die kleineren Städte zirkuliere, um auch
hier der Kunst mehr Freunde zu gewinnen. Da ich sah, dass nur feingekleidete
Leute hineingingen, lief ich nach Hause, putzte mich ebenfalls möglichst heraus,
als ob es in die Kirche ginge, und wagte mich alsbald in die geheimnisvollen
Räume. Ich trat in einen hellen Saal, in welchem es von allen Wänden und von
grossen Gestellen in frischen Farben und Gold erglänzte. Der erste Eindruck war
ganz traumhaft, grosse klare Landschaften tauchten von allen Seiten, ohne dass ich
sie vorerst einzeln besah, auf und schwammen vor meinen Blicken mit zauberhaften
Lüften und Baumwipfeln; Abendröten brannten, Kinderköpfe, liebliche Studien
guckten dazwischen hervor, und alles entschwand wieder vor neuen Gebilden, so
dass ich mich ernstlich umsehen musste, wo denn dieser herrliche Lindenhain oder
jenes mächtige Gebirge hingekommen seien, die ich im Augenblicke noch zu sehen
geglaubt? Dazu verbreiteten die frischen Firnisse der Bilder einen sonntäglichen
Duft, der mir angenehmer dünkte als der Weihrauch einer katolischen Kirche,
obschon ich diesen sehr gern roch.
    Es ward mir kaum möglich, endlich vor einem Werke stillzustehen, und als
dies geschah, da vergass ich mich vor demselben und kam nicht mehr weg. Einige
grosse Bilder der Genfer Schule, mächtige Baum-und Wolkenmassen in mir
unbegreiflichem Schmelze gemalt, waren die Zierden der Ausstellung, eine Menge
Genrebildchen und Aquarellen reizten dazwischen als leichtes Plänklervolk, und
ein paar Historien und Heiligenscheine wurden kalt bewundert. Aber immer kehrte
ich zu jenen grossen Landschaften zurück, verfolgte den Sonnenschein, welcher
durch Gras und Laub spielte, und prägte mir voll inniger Sympatie die schönen
Wolkenbilder ein, welche von Glücklichen mit leichter und spielender Hand
hingetürmt schienen.
    Ich stak, solange es dauerte, den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale, wo
es fein und anständig herging, die Leute sich höflich begrüssten und vor den
glänzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen. Nach Hause gekommen,
sass ich nachdenklich umher und beklagte fortwährend mein Schicksal, dass ich auf
das Malen verzichten müsse, dass es meiner Mutter durchs Herz ging und sie
nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze, mir meinen Willen zu tun,
möchte es gehen, wie es wolle.
    So trieb sie endlich einen Mann auf die Beine, welcher in einem alten
Frauenklösterlein vor der Stadt, wenig beachtet, einen wunderlichen Kunstspuk
trieb. Er war ein Maler, Kupferstecher, Litograph und Drucker in einer Person,
indem er, in einer verschollenen Manier, vielbesuchte Schweizerlandschaften
zeichnete, dieselben in Kupfer kratzte, abdruckte und von einigen jungen Leuten
mit Farben überziehen liess. Diese Blätter versandte er in alle Welt und führte
einen dankbaren Handel damit. Dazu machte er, was ihm unter die Finger kam,
sonst noch, riskierte Porträts, fertigte Etiketten und Visitenkarten,
Taufscheine mit Taufstein und Paten und Grabschriften mit Trauerweiden und
weinenden Genien; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wäre und ihm gesagt
hätte »Könnt Ihr mir ein Bild malen, so schön es zu haben ist, das unter Kennern
zehntausend Taler wert ist? ich möchte ein solches!« so würde er die Bestellung
unbedenklich angenommen und sich, nachdem die Hälfte des Preises zum voraus
bezahlt, unverweilt an die Arbeit gemacht haben. Bei diesem Treiben unterstützte
ihn ein tapferes Häuflein Gerechter, und der Schauplatz ihrer Taten war das
ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen. Dessen beide Langseiten waren
jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit runden Scheibchen,
welche wohl Licht ein-, aber bei ihrer wellenförmigen Oberfläche keinen Blick
hinausliessen, was auf den Fleiss der hier waltenden Kunstschule wohltätigen
Einfluss übte. Jedes dieser Fenster war mit einem Kunstbeflissenen besetzt,
welcher, dem Hintermanne den Rücken zukehrend, dem Vordermanne ins Genick sah.
Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis sechs junge Leute, teils Knaben,
welche die Schweizerlandschaften blühend kolorierten; dann kam ein kränklicher,
hustender Bursche, der mit Harz und Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten
herumschmierte und bedenkliche Löcher hineinfressen liess, auch wohl mit der
Radiernadel dazwischenstach und der Kupferstecher genannt wurde. Auf diesen
folgte der Litograph ein froher und unbefangener Geist, der verhältnismässig das
weiteste Gebiet umfasste, nächst dem Meister, da er stets gewärtig und bereit
sein musste, das Bildnis eines Staatsmannes oder eine Wein karte, den Plan einer
Dreschmaschine wie das Titelblatt für eine Erbauungsschrift junger Töchter auf
den Stein zu bringen mit Kreide, Feder, graviert oder getuscht. Im Hintergrunde
des Refektoriums arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwärzliche Gesellen,
der Kupfer- und der Steindruckergehilfe, jeder an seiner Presse, indem sie die
Werke obiger Künstler auf feuchtes Papier abzogen. Endlich, im Rücken der ganzen
Schar und alle übersehend, sass der Meister, Herr Kunstmaler und Kunständler
Habersaat, Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich allen
entsprechenden Aufträgen empfehlend, an seinem Tische mit den feinsten und
schwierigsten Aufgaben, meistens jedoch mit seinem Buche, Briefschreiben und dem
Verpacken der fertigen Sachen beschäftigt.
    Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprüchen und
Hoffnungen des Refektoriums. Der Kupferstecher und der Litograph waren fertige
Leute, die selbständig in die Welt schauten, bei Meister Habersaat um einen
Gulden täglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was
bekümmerten noch grosse Hoffnungen nährten. Mit den jungen Koloristen hingegen
verhielt es sich anders. Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen, leichten
und durchsichtigen Farben um, sie handhabten den Pinsel in Blau, Rot und Gelb,
und das um so fröhlicher, als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu
bekümmern hatten und mit ihrem buntflüssigen Elemente vornehm über die düstern
Schwarzkünste des Kupferstechers wegeilen durften. Sie waren die eigentlichen
Maler in der Versammlung, ihnen stand noch das Leben offen, und jeder hoffte,
wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen, noch ein
grosser Künstler zu werden. In dieser Cruppe erbte sich durch alle Generationen,
welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium geschwunden, die
grosse Künstlertradition von Samtrock und Barett fort; aber nur selten erreichte
einer dies Ziel, indem immer der Flug vorher ermüdete und die Mehrzahl der
Getäuschten nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte. Es waren
immer Söhne blutarmer Leute, welche, in der Wahl eines Unterkommens verlegen,
von dem rührigen Manne in sein Refektorium gelockt wurden unter der Aussicht,
eine Art Maler und Herren zu werden, die ihr Auskommen finden und immer noch
etwas über dem Schneider und Schuster stehen würden. Da sie gewöhnlich keine
Gelder beibringen konnten, so mussten sie sich verbindlich machen, den Unterricht
in der »Malerkunst« abzuverdienen und vier Jahre für den Meister zu arbeiten. Er
richtete sie dann vom ersten Tage an zum Färben seiner Landschaften ab und
brachte sie, ungeachtet ihrer gänzlichen Unberufenheit, durch Strenge so weit,
dass sie ihre Arbeit bald reinlich und klar und nach den überlieferten Gebräuchen
verrichteten. Nebenbei durften sie, wenn sie wollten, an Feiertagen ein
verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung, und sie
wählten meistens solche Gegenstände, welche nichts zu lernen darboten, aber für
den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte,
wenn er nicht allzu beschäftigt war. Er sah es aber nicht einmal gern, wenn sie
diesen Privatfleiss zu weit trieben; denn er hatte schon einigemal erfahren, dass
solche, welche Geschmack daran fanden und eine künstlerische Ader in sich
entdeckten, beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden.
Sie mussten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und
Schwänke, die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten, und erst gegen das
vierte Jahr hin, wenn die schönste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm
verflossen war, wurden sie gebeugt und gedrückt, von den Eltern mit Vorwürfen
geplagt, dass sie immer noch von ihrem Brote ässen, und dachten ernstlich darauf,
während sie noch pinselten, bei guter Zeit noch etwas Einträglicheres zu
ergreifen, und auch solche, die wirklich aus einem innern Antriebe gekommen
waren und aussergewöhnliches Geschick bezeigten, fielen ohne weiteres ab, da sie
in ihrer ganzen Erfahrung zufällig nie gehört, dass man nur durch Entbehren,
Dulden und Ausharren ans Ziel gelange, und dagegen einzig wussten, dass man so
bald als möglich Geld verdienen müsse. Die Jugendjahre von wohl dreissigen
solcher Knaben und Jünglinge hatte Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und
grasgrünen Bäumen auf sein Papier gehaucht, und der hüstelnde Kupferstecher war
sein infernalischer Helfershelfer, indem er mit seinem Scheidewasser die
schwarze Unterlage dazu ätzte, wobei die melancholischen Drucker, an das
knarrende Rad gefesselt, füglich eine Art gedrückter Unterteufel vorstellten,
nimmermüde Dämonen, die unter der Walze ihrer Pressen die zu bemalenden Blätter
unerschöpflich, endlos hervorzogen. So begriff er vollständig das Wesen heutiger
Industrie, deren Erzeugnisse um so wertvoller und begehrenswerter zu sein
scheinen für die Käufer, je mehr schlau entwendetes Kinderleben darin
aufgegangen ist. Es sassen im Refektorium zehnjährige Äffchen in Höschen und
Jäckchen, die ihnen zu kurz waren, und liessen ihre Finger ruhlos tanzen, in
strengster Reinlichkeit die leichteren Anlagen bereitend; die Unglücklichen
waren in dies Paradies geraten, weil sie zu Hause allzu emsig die Titelblätter
und Vignetten ihrer Testamente illuminiert und so ihre Eltern irre und die
Aufmerksamkeit des Herrn Habersaat auf sich geleitet hatten. Er machte auch ganz
ordentliche Geschäfte und galt daher für einen Mann, bei dem sich was lernen
liesse, wenn man nur wolle.
    Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden, sich mit ihm
zu besprechen und sein Geschäft einmal anzusehen, da es wenigstens für den
Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten böte, zumal wenn man mit ihm
übereinkäme, dass er mich nicht zu seinem Nutzen verwende, sondern gegen
genügende Entschädigung nach seinem besten Wissen unterrichte. Er zeigte sich
gern bereit und erfreut, einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Künstler
heranzubilden, und belobte meine Mutter höchlich für ihren kundgegebenen
Entschluss, die nötigen Summen hieran wenden zu wollen; denn jetzt schien ihr der
Zeitpunkt gekommen zu sein, wo die Frucht ihrer unablässigen Sparsamkeit
geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung mit voller Hand gelegt werden
müsse. Es ward also ein Kontrakt geschlossen auf zwei Jahre, welche ich gegen
regelmässige Quartalzahlungen des Honorars im Refektorium zubringen sollte unter
den zweckdienlichsten Übungen. Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben
verfügte ich mich eines Montags Morgen in das alte Kloster und trug meine
sämtlichen bisherigen Versuche und Arbeiten in bunter Mischung bei mir, um sie
auf Verlangen des neuen Meisters vorzuzeigen. Er bezeugte, indem meine
wunderlichen Blätter herumgingen, nachträglich seine Zufriedenheit mit meinem
Eifer und meinen Absichten und stellte mich dem Personale, das sich erhoben
hatte und neugierig herumstand, als einen wahren Bestrebten vor, wie er
beschaffen sein müsse schon vor dem Eintritte in eine Kunstalle. Sodann
erklärte er, dass es ihm recht zum Vergnügen gereichen werde, einmal eine
ordentliche Schule an einem Schüler durchzuführen, und sprach seine Erwartungen
hinsichtlich meines Fleisses und meiner Ausdauer feierlich aus.
    Einer der Koloristen musste nun seinen Platz am Fenster räumen und sich neben
einen andern setzen, indessen ich dort eingerichtet wurde, und hierauf, als ich,
erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten, vor dem leeren Tische stand,
brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor,
den Umriss eines einfachen Motives aus einem litographierten Werke, wie ich es
schon in den Schulen vielfach gesehen hatte. Dies Blatt sollte ich vorerst
aufmerksam und streng kopieren. Doch bevor ich mich hinsetzte, schickte mich der
Meister wieder fort, Papier und Bleistift zu holen, an welche ich nicht gedacht,
da ich überhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt hatte. Er
beschrieb mir das Nötige, und da ich kein Geld bei mir trug, musste ich erst den
weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen, um es gut und neu
einzukaufen, und als ich wieder hinkam, war es eine halbe Stunde vor Mittag.
Dieses alles, dass man mir für diesen Anfang nicht einmal ein Blatt Papier und
einen Stift gab, sondern fortschickte, welche holen, ferner das Herumschlendern
in den Strassen, das Geldfordern bei der Mutter und endlich das Beginnen kurz vor
der Stunde, wo alles zum Essen auseinanderging, erschien mir so nüchtern und
kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben, das ich mir dunkel in einer
Künstlerbehausung vorgestellt hatte, dass es mir das Herz beengte.
    Jedoch ward es bald von diesem Eindrucke abgezogen, als die unscheinbaren
Aufgaben, die mir gestellt wurden, mir mehr zu tun gaben, als ich mir anfänglich
eingebildet; denn Habersaat sah vor allem darauf, dass jeder Zug, den ich machte,
genau die gleiche Grösse des Vorbildes mass und das Ganze weder grösser noch
kleiner erschien. Nun kamen aber meine Nachbildungen immer grösser heraus als das
Original, obgleich in richtigem Verhältnisse, und der Meister nahm hieran
Gelegenheit, seine Genauigkeit und Strenge zu üben, die Schwierigkeit der Kunst
zu entwickeln und mich behaglich fühlen zu lassen, dass es doch nicht so rasch
ginge, als ich wohl geglaubt hätte.
    Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische (die Abwesenheit von
Staffeleien, die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht, empfand
ich freilich) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfänge
hindurch. Ich kopierte getreulich die ländlichen Schweinställe, Holzschuppen und
derlei Dinge, aus welchen, in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk,
meine Vorbilder bestanden und die mir um so mühseliger wurden, je verächtlicher
sie meinen Augen erschienen. Denn mit dem Eintritte in den Saal des Meisters
hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der
Nüchternheit und Leerheit über diese Dinge ergossen für meinen ungebundenen und
willkürlichen Geist. Auch kam es mir fremd vor, den ganzen Tag, an meinen Platz
gebunden, über meinem Papiere zu sitzen, zumal man nicht im Zimmer umhergehen
und unaufgefordert nicht sprechen durfte. Nur der Kupferstecher und der
Litograph führten einen bescheidenen Verkehr mit sich und den betreffenden
Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister, wenn es ihnen gut
dünkte, ein bisschen zu plaudern. Dieser aber, wenn er guter Laune war, erzählte
allerlei Geschichten und geläufige Kunstsagen, auch Schwänke aus seinem frühern
Leben und Züge von der Herrlichkeit der Maler. Sowie er aber bemerkte, dass einer
zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darüber vergass, brach er ab und beobachtete
eine geraume Zeit weise Zurückhaltung.
    Ich genoss das Vorrecht, meine Vorlagen selbst hervorzuholen, und verweilte
dabei immer längere Zeit, die vorhandenen Schätze durchzugehen. Sie bestanden
aus einer grossen Menge zufällig zusammengeraffter Gegenstände, aus guten alten
Kupferstichen, einzelnen Fetzen und Blättern ohne Bedeutung, wie sie die Zeit
anhäuft, Zeichnungen von einer gewissen Routine, ohne Naturwahrheit, und einem
unendlichen übrigen Mischmasch. Was mich zunächst betraf, waren einige Hefte
französischer Landschaftsstudien, mit Eleganz und Bravour auf Stein gezeichnet,
welche mir für das eigentliche Studium in Aussicht gestellt waren.
Handzeichnungen nach der Natur, Blätter, die um ihrer selbst willen da waren und
denen man angesehen hätte, dass sie freie Luft und Sonne getrunken, fanden sich
nicht ein einziges Stück vor, denn der Meister hatte seine Kunst und seinen
Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab sich nur hinaus, um so
schnell als möglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen, wobei alle seine Bäume
einen neutralen Typus erhielten und Erde, Weg und Steine mit den gleichen
Tuschen und Charakteren gebildet wurden, dass sie alle aus dem nämlichen Stoffe
zu bestehen schienen. Indessen zeigten diese Arbeiten alle ein fertiges Geschick
in betreff der Klarheit und Sauberkeit der Tinten; dieselben waren nicht wahr
und bestanden aus sogenannten Phantasiefarben, welche in der Natur nicht
anzutreffen waren, wenigstens nicht an der Stelle, wo sie gerade angewendet
erschienen; allein sie spielten glänzend und ansprechend ineinander für den
unkundigen Beschauer. Diese gewandte, obschon falsche Technik war das
eigentliche Wissen meines Meisters, und er legte alles Gewicht seines
Unterrichtes auf diesen Punkt. Da er, während meiner Übungen mit Stift, Kreide
und Feder, über den Zweck derselben, als da sind die Eigentümlichkeiten in den
Ausladungen, den Silhouetten und Laubmassen der Bäume, sowie ihrer Charaktere,
der Rinden und liste, nicht viel zu sagen wusste, so veranlasste er mich bald, die
litographierten Pariser Blätter, welche grosse effektvolle Baumgruppen
entielten, in Tusche, Sepia und dergleichen zu kopieren. Da diese Sachen nicht
sehr gründlich und gut gezeichnet, hingegen in Ton und Haltung äusserst klar und
kräftig waren, wobei vieles der vollendeten Technik des Steindruckes
zugeschrieben werden konnte, so boten sie meinem Vorgesetzten günstige
Gelegenheit, seine Erfahrung und Strenge hinsichtlich durchsichtiger und reiner
Töne und Halbtone an den Mann zu bringen.
    Anfänglich hielt er mich eine Weile in respektierlicher Abhängigkeit, indem
ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem russigen
stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah; doch
endlich, durch das fortwährende Pinseln, geriet ich hinter das Geheimnis, und
nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge brillanter Tuschzeichnungen
an, ein Blatt ums andere. Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte
meine Freude an der anschwellenden Mappe, kaum dass bei meiner Wahl die
wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme
abgewannen. So war, noch ehe der erste Winter ganz zu Ende, schon meines Lehrers
ganzer Vorrat an Vorlagen von mir durchgemacht, und zwar auf eine Weise, wie er
es selbst ungefähr konnte; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel
einer sorgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt, erstieg ich bald den Grad
geläufiger Pinselei, welchen der Meister selbst innehatte, um so schneller, als
ich in dem wahren Wesen und Verständnis um so mehr und gänzlich zurückblieb.
Habersaat war desnahen schon nach dem ersten halben Jahre in einiger
Verlegenheit, was er mir vorlegen sollte, da er mich aus Sorge für sich selbst
nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte; denn er hatte nun nur noch
seine gewandte Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte, welche, wie er sie
verstand, ebenfalls keine Hexerei war. Weil Nachdenken und geistige
Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles Können
in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äusserlichkeit. Doch fand ich
selbst einen Ausweg, als ich erklärte, eine kleine Sammlung grosser Kupferstiche
mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen. Er besass in derselben etwa sechs
schöne Blätter nach Claude Lorrain, von Haldenwang und anderen gestochen, zwei
grosse Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige hübsche
Stiche nach Ruisdael und Waterloo. Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in
meiner geläufigen frechen Manier. Die Claudes und Rosas gerieten nicht so übel,
da sie, abgesehen davon, dass sie selbst etwas konventionell gestochen waren,
auch sonst mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten; die feinen
und natürlichen Niederländer hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise,
und niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein.
    Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung, und
die schönen und durchdachten Formen, die ich vor mir hatte, hielten dem übrigen
Treiben ein wohltätiges Gegengewicht und liessen die Ahnung des Bessern nie ganz
in mir verlöschen. Auf der anderen Seite aber heftete sich an diese gute Seite
sogleich wieder ein Nachteil, indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte
und ich, durch die einfache Grösse der klassischen Gegenstände verführt, zu Hause
anfing, selber dergleichen heroische Landschaftsbilder zu entwerfen, und diese
Tätigkeit bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte, meine
Entwürfe in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Pinselvirtuosität
ausführend. Herr Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht, sondern sah es
vielmehr gern, da es ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder entob;
er begleitete die ungeheuerlichen und unreifen Gedanken, welche ich zutage
brachte, mit ansehnlichen Redensarten von Komposition, historischer Landschaft
und dergleichen, und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt,
dass ich bald für einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der
Zukunft, Reise nach Italien, Rom, grosse Ölbilder und Kartons, was man mir alles
vormalte, geschmeichelt hinnahm. Doch überhob ich mich nicht in diesen Dingen,
sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft
froh, das ewige Sitzen unterbrechen zu können, indem ich ihnen, die zugleich der
Hausfrau untertänig waren, einen Haufen Brennholz unter Dach bringen oder ihre
sämtlichen Betten auf dasselbe breiten und ausklopfen half. Überhaupt drängte
sich die Frau, eine zungenfertige und streitbare Dame, mit Hauswesen und
Familiengeschichten, Kind und Magd, häufig in das Refektorium und machte es zum
Schauplatze heissentbrannter Kämpfe, in welche nicht selten die ganze Mannschaft
verwickelt wurde. Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm ergebenen Gruppe
der Frau gegenüber, welche mit mächtigem Geräusche vor ihrem Anhange sich
aufstellte und nicht eher abzog, als bis sie alles niedergesprochen hatte, was
sich ihr entgegensetzte; manchmal befand sich auch das Ehepaar zusammen gegen
das ganze übrige Haus im Streite, oft auch, begann der Kupferstecher oder der
Litograph eine drohende Bewegung als Vasall, indessen die gemeinen
Sklavenempörungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden. Ich selbst
kam mehr als einmal in gefährliche Lage, indem mich die heftigen Szenen
belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst eine
solche teatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des Hauses
mit den jungen Malern zur Aufführung brachte. Denn obgleich ich um diese Zeit
empfänglich und geneigt gewesen wäre, ein feines und reinstrebendes Leben zu
führen, da während der schönen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir
erwacht war, so sah ich mich doch, von aller männlichen Stutze und Leitung
entblösst, an das derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug
getreulich und lebhaft mit, weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte
und am wenigsten mich auf weise Zurückhaltung und halbe Teilnahme verstand. Und
es war wohl auch am besten so; indessen der innere edlere Teil des Menschen
unentwickelt blieb, übte sich wenigstens der äussere tüchtig in der Reibung mit
anderen, in Verteidigung und Angriff, und streifte viel Unbebolfenbeit und
weichliches Wesen ab; zugleich lernte ich meine Nebenmenschen und dadurch mich
selbst besser kennen und bereicherte meine Erfahrung sowie meine
Einbildungskraft. Nur das gänzliche Stillestehen und die absolute
Bewegungslosigkeit sind das eigentliche Schlimme und gleichen dem Tode.
    Dass aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden tat, wie ich glaube,
verhütete der freundliche Stern Anna, der immer in meiner Seele aufging, sobald
ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gängen wieder allein war. An
sie knüpfte ich alles, wessen ich über den Tag hinaus bedurfte, und sie war das
stille Licht, welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete, wenn die
rote Sonne niederging, und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch
unser gute Freund, der liebe Gott, sichtbar, der um diese Zeit mit erhöhter
Klarheit begann, seine hochherrlichen und ewigen Rechte auch an mir geltend zu
machen.
    Ich hatte, nach Büchern herumspürend, in der Leihbibliotek unserer Stadt
einen Roman des Jean Paul in die Hände bekommen. In demselben schien mir
plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten, was ich bisher gewollt
und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden gefühlerfülltes und scharf
beobachtetes Kleinleben und feine Spiegelung des nächsten Menschentums mit dem
weiten Himmel des geahnten Unendlichen und Ewigen darüber; heitere, mutwillige
Schrankenlosigkeit und Beweglichkeit des Geistes, die sich jeden Augenblick in
tiefes Sinnen und Träumen der Seele verwandelte; lächelndes Vertrautsein mit Not
und Wehmut, daneben das Ergreifen poetischer Seligkeit, welche mit goldener Flut
alle kleine Qual und Grübelei hinwegspülte und mich in glückliche Vergessenheit
tauchen liess; vor allem aber die Naturschilderung an der Hand der entfesselten
Phantasie, welche berauscht über die blühende Erde schweifte und mit den Sternen
spielte wie ein Kind mit Blumen, je toller, desto besser! Diese Herrlichkeit
machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und Rechte! Und inmitten der
Abendröten und Regenbogen, der Lilienwälder und Sternensaaten, der rauschenden
und plätschernden Gewitter, die der aufgehenden Sonne das Kinderantlitz wuschen,
dass es einen Augenblick sich weinend verzog und verdunkelte, um dann um so
reiner und vergnügter zu strahlen, inmitten all des Feuerwerkes der Höhe und
Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche, gross,
aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes, furchtbar
von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend
aus einem Kindesauge, wie das Osterhäschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr
und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus!
    Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt, die Ohren hatten mir geläutet,
nun ging mir der Morgen auf in den langen Winternächten, welche hindurch ich an
dreimal zwölf Bände des unsterblichen Propheten las. Und als der Frühling kam
und die Nächte kürzer wurden, las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein
und gewöhnte mir darüber an, lange im Bette zu liegen und am hellen Tage, die
Wange auf dem geliebten Buche, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Dazumal
schloss ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul, welcher Vaterstelle
an mir vertrat, und mag diesen die wandelbare Welt in ihrer Vergänglichkeit zu
dem alten Eisen werfen, mag ich selbst dereinst noch meinen und glauben, was es
immer sei ihn werde ich nie verleugnen, solange mein Herz nicht vertrocknet!
Denn dieses ist der Unterschied zwischen ihm und den andern Helden und Königen
des Geistes bei diesen ist man vornehm zu Gaste und geht umher in reichem Saale,
wohlbewirtet, doch immer als Gast, bei ihm aber liegt man an einem Bruderherzen!
Was kümmert uns da der wunderliche Bettlermantel seiner Kunst und Art, der uns
beide so närrisch umhüllt? Er teilt ihn mit uns, noch liebevoller als St.
Martin, denn er gibt uns nicht ein abgeschnittenes Stück, sondern zieht uns
unter dem Ganzen an seine Brust, während jene sich stolz in ihren Purpur hüllen
und im innersten Winkel ihres Herzens sprechen Was willst du von mir?
 
                                Fünftes Kapitel
Als der Frühling kam, welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte, begab ich mich
in den ersten warmen Tagen ins Freie, ausgerüstet mit der erworbenen Fertigkeit,
um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen. Das
sämtliche Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine
umständlichen Zurüstungen; denn es war das erste Mal, dass eines seiner
Mitglieder die Sache so grossartig betrieb, und das Zeichnen »nach der Natur« war
bisher ein wunderbarer Mytus gewesen. Ich selbst ging nicht mehr mit der
unverschämten, aber gutmeinenden Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die
runden, körperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur, sondern mit
einer weit gefährlicheren und selbstgefälligen Bornierteit. Denn was mir nicht
klar war oder zu schwierig erschien, das warf ich, mich selbst betrügend,
durcheinander und verhüllte es mit meiner unseligen Pinselgewandteit, da ich,
anstatt bescheiden mit dem Stifte anzufangen, so gleich mit den angewöhnten
Tuschschalen, Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war, gleich ganze
Blätter in allen vier Ecken bildartig anzufüllen. Die Bäume waren noch
unbelaubt, und ich hätte daher Gelegenheit gefunden, einstweilen den Bau ihrer
Stämme, Äste und Zweige, die Verschiedenheit und Anmut im Verlaufe derselben zu
beobachten und mir einzuprägen; statt dessen aber zog ich es vor, solche
Gegenstände zu wählen, welche jetzt schon ein Ganzes vorstellten, und geriet
deshalb an die schwierigsten und für jetzt zwecklosesten Dinge. Ich ergriff
entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbächen
Dach, wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle fand, welche sich
ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen liessen. Das lebendige, geistige und
zarte Spiel des Wassers im Fallen, Schäumen und eiligen Weiterfliessen, seine
Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung ergötzte mich, aber ich
bannte es in die plumpen und renommistischen Formeln meiner lächerlichen
Virtuosität, dass Leben und Glanz verlorengingen, indessen nicht meine Mittel, ja
nicht einmal die Materialien hinreichten, das bewegliche Wesen wiederzugeben.
Leichter hätte ich die mannigfaltigen und schönen Steine und Felstrümmer der
Bäche, in reicher Unordnung übereinandergeworfen, beherrschen können, wenn nicht
mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre. Wohl regte sich dieses oft
mahnend, wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkürzungen der Steine,
trotzdem dass ich sie sah und fühlte, überging und verhudelte, statt den
bedeutenden Linien nachzugehen, mit der Selbstentschuldigung, dass es auf diese
oder jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja wohl auch so aussehen
könnte, wie ich sie nachbildete; allein die ganze Weise meines Arbeitens liess
solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen, und der Meister, wenn ich ihm
meine Machwerke vorzeigte, war nicht darauf eingerichtet, der fehlenden
Naturwahrheit nachzuspüren, die sich gerade in den vernachlässigten Zügen hätte
zeigen sollen, sondern er beurteilte die Sachen immer von seiner Stubenkunst
aus.
    Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des
Vortrages hegte er, in Beziehung auf innern Gehalt, nur noch eine einzige
Tradition, welche er in seinem Geschäfte zwar nicht selbst anwandte, als zu
luxuriös und unpraktisch, die er aber mir zu überliefern für angemessen hielt,
nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem Poetischen oder
Malerischen und Genialen verwechselt wurde. Er wies mich an, hohle, zerrissene
Weidenstrünke, verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen
mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles, und pries mir solche Dinge
als interessante Gegenstände an. Dies sagte mir sehr zu, indem es meine
Phantasie reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen
Erscheinungen. Doch die Natur bot sie mir nur spärlich, sich einer volleren
Gesundheit erfreuend, als mit meinen Wünschen verträglich war, und was ich an
unglücklichem Gewächse vorfand, das wurde meinen überreizten Augen bald zu blöde
und harmlos, wie einem Trinker, der nach immer stärkerm Schnapse verlangt. Das
blühende Leben in Berg und Wald fing daher an, mir gleichgültig zu werden im
einzelnen, und ich streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher, ohne
etwas zu tun, und überliess mich einem träumerischen Müssiggange. Ich ging immer
schwer bepackt früh hinaus, warf mich an einer einsamen Stelle nieder und
verzehrte zuerst die Esswaren, so mir die Mutter für den ganzen Tag mitgegeben;
alsdann las ich in einem mitgenommenen Buche, schaute in die Wellen der
plaudernden Bäche, machte mit jedem Stein Bekanntschaft und wiederholte wohl gar
längst vergessene kindische Spiele, wie wenn ich dieselben vor Jahren nicht ganz
ausgespielt hätte, indem ich allerlei Wasserbauten aufführte, irrende Insekten
verfolgte und schamhaft um mich spähte, ob mich niemand dabei belausche. Auch
sah ich Tag für Tag das Hervordringen des grünen jungen Laubes und beobachtete
genau, wie ein und derselbe Baum nach und nach voll und rund wurde und die
hervorkeimenden Pflanzen am Boden mit Blumen endigten, deren Art ich neugierig
erwartet hatte. Ich drang immer tiefer in bisher nicht gesehene Winkel und
Gründe; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle, so liess ich
mich dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an, um ein
Produkt nach Hause zu bringen. In derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde
zusammen, die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte, indem ich die bisher
wahrgenommenen Eigentümlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit
verschmolz und so Dinge hervorbrachte, die ich Herrn Habersaat als in der Natur
bestehend vorlegte und aus denen er nicht klug werden konnte. Er gratulierte mir
zu meinen Entdeckungen und fand seine Aussprüche über meinen Eifer und mein
Talent bestätigt, da ich hiemit beweise, dass ich unverkennbar ein scharfes und
glückliches Auge für das Malerische hätte und Dinge auffände, an welchen tausend
andere vorübergingen. Diese gutmütige Täuschung erweckte mir eine üble Lust,
dergleichen fortzusetzen und es förmlich darauf anzulegen, den guten Mann zu
hintergehen. Ich erfand, irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend, immer tollere
und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bäumen und freute mich im voraus, dass
sie mein Lehrer für wahr und in nächster Umgebung vorhanden erachten würde. Doch
mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen, dass ich in alten Kupferblättern,
z.B. von Swanefeldt, die abenteuerlichsten Formationen als löbliche Meisterwerke
vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte, dieses sei das Wahre und
immerhin eine gute Übung. Denn schon waren die edlen und gesunden Formen Claude
Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die Oberfläche getreten.
Während der Winterabende war im Refektorium etwas Figurenzeichnen getrieben
worden, und ich hatte mir, indem ich eine Menge radierter bekleideter
Staffagefiguren kopierte, einige grobe Übung und Kenntnis im Entwerfen solcher
erworben. So erfand ich nun zu meinen wunderlichen Landschaftsstudien noch viel
wunderlichere Menschen, zerlumpte Kerle, welche ich gesehen zu haben vorgab und
welche das ganze Haus des Lehrers oft unmässig zum Lachen brachten. Es war ein
nichtsnutziges und verrücktes Geschlecht, welches in Verbindung mit der
seltsamen Gegend eine Welt bildete, die nur in meinem Gehirne vorhanden war und
endlich doch meinem Vorgesetzten verdächtig und ärgerlich wurde. Doch bemerkte
er nicht viel hierüber, sondern liess mich meine Wege gehen, da ihm einerseits
das frische junge Gemüt mangelte, um dem Gedankengange und den Ränken meines
Treibens nachzuspüren und mich darüber zu ertappen, und anderseits die völlige
Überlegenheit des eigenen Wissens. Diese beiden Vermögen bilden ja das Geheimnis
aller Erziehung unverwischte lebendige Jugendlichkeit und Kindlichkeit, welche
allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere Überlegenheit der
Person in allen Fällen. Eines kann oft das andere zur Notdurft ersetzen, wo aber
beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in der Hand des
Lehrers, die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann. Beide Eigenschaften gehen
aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus unbedingter
Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Bewusstseins.
    Der Sommer war nun auf seine volle Höhe geschritten, als ich, die Zeit
allgemeiner Erholung ersehend, meinem geheimen Verlangen nach der andern Heimat,
dem entlegenen Dorflande, nachgab und mit meinen Siebensachen hinauszog. Die
Mutter blieb wieder zurück in entsagender Unbeweglichkeit und
Selbstbeschränkung, ungeachtet aller freundlichen Aufforderungen, die Wohnung
doch ganz zu schliessen und wieder einmal an den Orten ihrer Jugend sich zu
ergehen. Ich aber führte die umfangreichen Früchte meiner zwischenweiligen
Tätigkeit mit mir, da ich mittelst derselben ein günstiges Aufsehen zu erregen
gedachte.
    Die zahlreichen, kräftig geschwärzten Blätter verursachten im Hause meines
Oheims allerdings einige Verwunderung, und im allgemeinen sah man, mich nun
wirklich für einen Maler haltend, die Sache mit ziemlichem Respekt an; als
jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete, welche ich nach der Natur
gefertigt haben wollte (denn ich glaubte nun wie ein verstockter Lügner beinahe
selbst daran und wusste überdies, da ich die Dinge einmal unter freiem Himmel und
immerhin unter dem Einflusse der Natur zuwege gebracht, keine andere Bezeichnung
dafür aufzufinden), da schüttelte er bedenklich den Kopf und wunderte sich, wo
ich denn meine Augen gehabt hätte. In seinem realistischen Sinne, als tüchtiger
Land- und Forstmann, fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den Fehler
schnell und leicht heraus.
    »Diese Bäume«, sagte er, »sehen ja einer dem andern ähnlich und alle
zusammen gar keinem wirklichen! Diese Felsen und Steine könnten keinen
Augenblick so aufeinanderliegen, ohne zusammenzufallen! Hier ist ein Wasserfall,
dessen Masse einen der grösseren Fälle verkündet, die aber über kleinliche
Bachsteine stürzt, als ob ein Regiment Soldaten über einen Span stolperte; hiezu
wäre eine tüchtige Felswand erforderlich, indessen nimmt es mich eigentlich
wunder, wo zum Teufel in der Nähe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist! Dann
möchte ich auch wissen, was an solchen verfaulten Weidenstöcken Zeichnenswertes
ist, da dünkte mich doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher« usf.
    Die Frauensleute hingegen ärgerten sich über meine Vagabunden, Kesselflicker
und Fratzengesichter und begriffen nicht, warum ich im Felde nicht lieber ein
artiges vorübergehendes Landmädchen oder einen anständigen Ackersmann abgebildet
habe, als mich fortwährend mit solchen Unholden zu beschäftigen; die Söhne
belachten meine ungeheuerlichen Berghöhlen, die unmöglichen und lächerlichen
Brücken, die menschenähnlichen Steinköpfe und Baumkrüppel und gaben jeder
solchen Tollheit einen lustigen Namen, dessen Lächerlichkeit auf mich zu fallen
schien. Ich stand beschämt da als ein Mensch, der voll närrischer und eitler
Dinge ist, und die mitgebrachte künstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der
einfachen Gesundheit dieses Hauses und der ländlichen Luft.
    Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim, um mich
wieder auf eine reale Balm zu leiten, die Aufgabe, seine Besitzung, Haus, Garten
und Bäume, genau und bedächtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu
entwerfen. Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentümlichkeiten und auf das,
was er besonders hervorgehoben wünschte, und wenn seine Andeutungen auch eher
dem Bedürfnisse eines rüstigen Besitzers als denjenigen eines Kunstverständigen
entsprachen, so ward ich doch dadurch genötigt, die Gegenstände wieder einmal
genau anzusehen und in allen ihren eigentümlichen Oberflächen zu verfolgen. Die
allereinfachsten Dinge am Hause selbst, sogar die Ziegel auf dem Dache, gaben
mir nun wieder mehr zu schaffen, als ich je gedacht hatte, und veranlassten mich,
auch die umstehenden Bäume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen; ich
lernte die aufrichtige Arbeit und Mühe wieder kennen, und indem darüber eine
Arbeit entstand, die mich in ihrer anspruchlosen Durchgeführteit selbst
unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jüngsten
Zeit, erwarb ich mir mit saurer Mühe den Sinn des Schlichten, aber Wahren.
    Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen, was ich im
letzten Jahre hier verlassen, beobachtete alle Veränderungen, welche etwa
vorgefallen, und harrte im stillen auf den Augenblick, wo ich Anna wiedersehen
oder wenigstens zuerst ihren Namen hören würde. Aber schon waren einige Tage
verflossen, ohne dass die geringste Erwähnung fiel, und je länger dies andauerte,
desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor. Man schien sie völlig
vergessen zu haben, sie schien nie dagewesen zu sein, und, was mich innerlich
kränkte, niemand schien die geringste Ahnung zu haben, dass ich irgendeine
Veranlassung oder ein Bedürfnis haben könnte, von ihr zu hören. Wohl ging ich
halbwegs über den Berg oder in den Schatten des Flusstales, allein jedesmal
kehrte ich plötzlich um aus unerklärlicher Furcht, ihr zu begegnen. Ich ging auf
den Kirchhof und stand an dem Grabe der Grossmutter, welche nun schon seit einem
Jahre in der Erde lag, aber die Luft war windstill vom Gedächtnisse Annas, die
Gräser schienen nichts von ihr zu wissen, die Blumen flüsterten nicht ihren
Namen, Berg und Tal schwiegen von ihr, nur mein Herz tönte ihn laut hinaus in
die undankbare Stille.
    Endlich wurde ich gefragt, warum ich den Schulmeister nicht besuche? und da
ergab es sich zufällig, dass Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im
Lande sei und dass man meine Kunde hierüber vorausgesetzt habe. Ihr Vater hatte,
in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht,
dass nach seinem Tode sein Kind, das einmal für eine Bäuerin zu zart sei,
verlassen in der rauhen dörflichen Umgebung bleiben würde, sich plötzlich
entschlossen, Anna in eine Bildungsanstalt der französischen Schweiz zu bringen,
wo sie sich feinere Kenntnisse und Selbständigkeit des Geistes erwerben sollte.
Er liess sich, als sie ihre Abneigung dagegen aussprach, durch ihre Tränen nicht
erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht, und begleitete
das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen, vornehm-religiösen Erziehers,
wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte. Diese Nachricht
traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel. Nun wurde das ganze Land wieder
beredt und voll ihres Lobes! Jedes Gras und jedes Blatt am Baume sprach mir von
ihr, der blaue Himmel hier schien mir tausendmal schöner und sehnsüchtiger als
anderswo, die blauen Bergzüge und die weissen Wolken zogen ihr nach, und von
Westen her, wo Anna weilte, dünkte es mir leis, aber selig über die Bergrücken
herzuläuten.
    Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater, begleitete ihn auf seinen Wegen und
hörte von ihr sprechen; oft blieb ich mehrere Tage dort, alsdann wohnte ich in
ihrem Kämmerchen, wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete
die wenigen einfachen Gegenstände, welche es entielt, mit heiliger Scheu. Es
war klein und enge, die Abendsonne und der Mondschein füllten es immer ganz aus,
dass kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes, bei
diesem wie ein silbernes Juwelenkästchen aussah, dessen Kleinod ich nicht
verfehlte mir hineinzudenken.
    Wenn ich nach malerischen Gegenständen umherstreifte, so suchte ich
vorzüglich die Stellen auf, wo ich mit Anna geweilt hatte; so war die
geheimnisvolle Felswand am Wasser, wo ich mit ihr geruhet und jene Erscheinung
gesehen, schon von mir gezeichnet worden, und ich konnte mich nun nicht
entalten, auf der schneeweissen Wand des Kämmerchens ein sauberes Viereck zu
ziehen und das Bild mit der Heidenstube, so gut ich konnte, hineinzumalen. Dies
sollte ein stiller Gruss für sie sein und ihr später bezeugen, wie beständig ich
an sie gedacht.
    Diese fortwährende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich,
insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde; ich begann lange
Liebesbriefe an sie zu schreiben, die ich zuerst verbrannte, dann aufbewahrte,
und zuletzt ward ich so verwegen, alles, was ich für Anna fühlte, auf ein
offenes Blatt zu schreiben, in den heftigsten Ausdrücken, mit Vorsetzung ihres
vollen Namens und Unterschrift des meinigen, und dies Blatt auf das Flüsschen zu
legen, dass es vor aller Welt hinabtrieb, dem Rheine und dem Meere zu, wie ich
kindischerweise dachte. Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze, allein ich
unterlag zuletzt; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis
meines Geheimnisses, wobei ich freilich voraussetzte, dass es in nächster Nähe
niemand finden würde. Ich sah, wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte,
hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde, dann lange an einer Blume
hing, bis es sich nach langem Besinnen losriss; zuletzt kam es in Schuss und
schwamm flott dahin, dass ich es aus den Augen verlor. Allein der Brief musste
sich später doch wieder irgendwo gesäumt haben, denn erst tief in der Nacht
gelangte er zu der Felswand der Heidenstube, an die Brust einer badenden Frau,
welche niemand anders als Judit war, die ihn auffing, las und aufbewahrte.
    Dies erfuhr ich erst später, denn während meines jetzigen Aufentaltes im
Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig. Das
Jahr, um welches ich älter geworden, liess mich mit Beschämung auf das
vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flösste mir eine trotzige
Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt; ich verbarg mich, ohne zu
grüssen, rasch, als sie einmal am Hause vorüberging, und sah ihr doch verlangend
nach, wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah. Meine
Wünsche, wenn sie aus der Weite ruhlos zurückkehrten, flatterten Obdach suchend
hin und her und nisteten sich endlich bei der Judit ein, als ob sie dort ein
gutes Wort und das Geheimnis der Liebe erhaschen könnten.
    Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück, mit einer tiefen Sehnsucht
im Gemüte, welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfasste, was mir
fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte.
    Mein Lehrer führte mich nun auf die letzten Stufen seiner Kunst, indem er
mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu
deren sauberer und flinker Anwendung anhielt. Da jedoch die Natur nicht in Frage
kam, oder doch nur höchst überlieferungsweise, so lernte ich bald, durch das
endlich erreichte Ziel, »mit Farben umzugehen«, zu neuem Fleisse gereizt,
gefärbte Zeichnungen hervorbringen, wie sie ungefähr als das Beste im Hause
verlangt wurden, einzig aufgehalten und behindert, wenn ich gesehene Farben der
Natur, die sich mir während des vielen Zeichnens eingeprägt hatten, anbringen
wollte und dadurch mit den im Refektorium herkömmlichen Mitteln in Widerspruch
geriet. Alsdann wurden meine Arbeiten unrein und ungeschickt, und der Meister
war froh, mich der Unachtsamkeit und des Eigensinnes zu beschuldigen. Noch lange
ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende war, sah ich nicht viel mehr und übte
mich, auf den Rat des Lehrers, in den verschiedensten Fertigkeiten, die dort
sonst getrieben wurden. Ich radierte, laborierte in Scheidewasser, pfuschte auf
Stein herum, fertigte schlecht gezeichnete, aber buntgemalte kleine Porträts an,
half den Genossen die Kupferdrucke färben, lernte solche verpacken und sonst mit
allen den kleinen Geschäften solchen Betriebes umgehen, kurz, ich wuchs den
Winter hindurch zu einer Art Tausendkünstler und Faktotum heran, der nun für
eine Bahn, wie sie Habersaat verfolgte, reif war und eigentlich das wirklich
erreicht hatte, was dieser ihm beizubringen sich verpflichten konnte, der aber
von dem Ziele, das ihm vorschwebte, entfernter als je war. Ich fühlte dunkel,
dass ich eigentlich erst jetzt mit einigem Verstande beginnen sollte, und sah
mich doch mit einer bedenklichen und leeren Fertigkeit ausgerüstet und ohne
etwas Rechtes zu können. Dies gestand ich mir zwar nicht, aber es verursachte
doch einen untröstlichen Widerspruch; ich langweilte mich in dem alten Kloster
und blieb wochenlang zu Hause, um dort zu lesen oder Arbeiten zu beginnen, die
ich vor dem Meister verbarg. Dieser suchte meine Mutter auf, beschwerte sich
über meine Zerstreuteit, rühmte meine Fortschritte und schlug vor, ich sollte
nun in ein anderes Verhältnis zu ihm treten, in seinem Geschäfte für ihn
arbeiten, fleissig und pünktlich, aber gegen reichliche Entschädigung, da ich ihm
gute Dienste zu leisten imstande wäre, zufolge seiner Erziehung. Es sei dies,
erklärte er, das zweite Stadium, wo ich, indessen ich mich vorläufig immer mehr
ausbilde, mich an vorsichtige Arbeit gewöhnen und zugleich Ersparnisse machen
könne, um in einigen Jahren in die Welt zu gehen, wozu es doch noch zu früh sei.
Er versicherte, dass es nicht die Schlechtesten unter den berühmten Künstlern
wären, welche sich durch jahrelange anspruchlosere Arbeit endlich auf die Höhe
der Kunst geschwungen, und eine mühevolle und bescheidene Betriebsamkeit dieser
Art lege manchmal einen tüchtigern Grund zur Ausdauer und Unabhängigkeit als
eine vornehme und ausschliessliche Künstlererziehung. Er habe, sagte er,
talentvolle Söhne reicher Eltern gekannt, die es nur deswegen zu nichts gebracht
hätten, weil sie nie zu Selbstilfe und raschem Erwerb gezwungen gewesen und in
ewiger Selbstverhätschelung, falschem Stolze und Sprödigkeit sich verloren
hätten.
    Diese Worte waren sehr verständig, obgleich sie auf einigem Eigennutze
beruhen mochten; allein sie fanden keinen Anklang bei mir. Ich verabscheute
jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem
geraden Wege ans Ziel gelangen. Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr
als ein Hindernis und eine Beengung; ich sehnte mich darnach, in unserm Hause
mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen, so gut es
ginge, und eines Morgens verabschiedete ich mich, noch vor Beendigung meiner
Lehrzeit, bei Herrn Habersaat und erklärte der Mutter, ich würde nun zu Hause
arbeiten, wenn sie verlange, dass ich etwas verdienen solle, so könne ich dies
auch ohne ihn tun, zu lernen wüsste ich nichts mehr bei ihm.
    Vergnügt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf, in
einer Dachkammer, welche über einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah,
deren Fenster am frühen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick
auffingen. Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit, mir hier eine
eigene Welt zu schaffen, und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der
Kammer zu. Die runden Fensterscheiben wurden klargewaschen, vor dieselben auf
ein breites Blumenbrett, mit der Mutter Beihilfe, ein kleiner Garten gepflanzt
und inwendig die Pfosten sowie die nächste Wand mit Efeu bezogen, zu welchem im
Sommer noch blühende Schlingpflanzen kamen, so dass das helle grosse Fenster von
einem grünen Urwald umgeben war. Die geweissten Wände behing ich teils mit
Kupferstichen und solchen Zeichnungen, welche irgendeinen abenteuerlichen
Knalleffekt entielten, teils zeichnete ich mit Kohle seltsame Larven oder
schrieb Lieblingssprüche und gewaltsame Verse, die mir imponiert hatten, darauf.
Ich stellte die ältesten und ehrwürdigsten unserer Geräte hinein, schleppte
herzu, was nur irgend einem Buche gleichsah, und stellte es auf die gebräunten
Möbeln, die verschiedensten Gegenstände häuften sich nach und nach an und
vermehrten den malerischen Eindruck; in der Mitte aber ward eine mächtige
Staffelei aufgepflanzt, das Ziel meiner langen Wünsche, und auf grosse
Blendrahmen gespanntes Papier darauf gestellt; denn ich sehnte mich nach
tüchtigem Hantieren in weitläufiger, handgreiflicher Materie, und da ich noch
keinen Weg zur Ölmalerei offen sah, so half ich mir dadurch, dass ich einstweilen
auf grobem Papiere mit Kohle, Kreide und kräftigen Farbentönen sattsam
herumfegte. Ich freute mich grosser Baumgruppen und Gebirgsformen, die ich ohne
vieles Grübeln hervorrief, die Einzelnheiten, die sich mir während meines
Herumtreibens in der freien Natur mehr oder minder eingeprägt hatten, harmlos
anwendend, Gestein und Bäume reichlich mit Moos, Wurzel- und Flechtwerk
bekleidend. Das Beste davon waren noch die mannigfaltigen bewegten Lüfte; da ich
von meiner hohen Warte aus ein weites Himmelsfeld beherrschte, so sah ich den
ganzen Tag die Wolken kommen und gehen in allen Farben, und dies erregte in mir
den Gedanken, eigene Luftstudien zu machen. Sooft ich daher eine schöne
Wolkenmasse entdeckte, bildete ich sie schnell mit meinen Wasserfarben nach,
indessen mich die kompakten und doch schmelzvollen Gebilde eine unbestimmte
Sehnsucht nach der Ölpalette empfinden liessen. Doch erreichte ich eine ziemliche
Übung und begann den lebendigen Himmel zu verstehen; ich ging leidenschaftlich
den tausend Reizen der Wolken nach, besonders wandelten meine Blicke friedevoll
durch die tiefen plastischen Täler, über die weissen Höhen und um die sonnigen
Vorsprünge und Abhänge dieser luftigen Gebirge herum, sie schlichen verwegen
unter der schattigen blauen Basis hindurch, die ungeheure Ausdehnung in der
scheinbaren Verkürzung ermessend. Als ich später hörte, dass diese Übung
allerdings ein sehr eifrig gepflegter Weg landschaftlicher Kunst sei, war ich
nicht wenig stolz darauf, in meiner Abgeschiedenheit von selbst darauf verfallen
zu sein, wie ich überhaupt erfuhr, dass das Bedürfnis solche Hilfen immer selbst
erfindet und die allgemeine Wahrheit sich in jedem abgeschiedenen, aber
lebendigen Bestreben Bahn bricht.
    Erst jetzt, als die erste Begierde nach Staffelei und umfangreichen Flächen
gestillt war, gewann es neuen Reiz für mich, daneben kleine saubere und
zierliche Arbeiten auszuführen, und ich hatte immer einen idyllischen Gedanken
in Bereitschaft, welchen ich in kleinem Umfange mit bunten und glänzenden
Farbentönen aufs sorgsamste ausführte, im Gegensatze zu den grösseren verwegenen
Unternehmungen. Diese doppelte Art der Tätigkeit entsprach einem natürlichen
Bedürfnisse und mochte als ein weiterer Beweis gelten, dass sich solches immer
von selbst ausbildet und hilft, wo es nicht durch einseitige Schule gehindert
wird.
    Ich war nun ganz mir selbst überlassen, vollkommen frei und unabhängig, ohne
die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift. Ich knüpfte
abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten, an denen mich ein verwandter Hang
oder ein freundliches Eingehen anzog, am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen,
die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir, mich in meiner Klause
besuchend, getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem,
was in den Schulen vorkam. Diese Gelegenheit benutzte ich, noch ein und andere
Brocken aufzuschnappen, und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen
Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung, erst jetzt recht
fühlend, was ich verloren. Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und
manchen Anknüpfungspunkt kennen, von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden,
und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner
Abgeschiedenheit, gefiel ich mir in einer komischen, höchst unschuldigen
Gelehrsamkeit, welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte.
Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze,
begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf
tiefsinnige Aphorismen, die ich, mit Skizzen und Schnörkeleien vermischt, in
Tagebüchern anbrachte. So glich meine Zelle, in welcher sich gesuchte
Gegenstände und Zieraten immer mehr anhäuften, dem kochenden Herde eines
Hexenmeisters oder Alchimisten, auf welchem ein ringendes Leben gebraut wurde.
Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare, Mass und Willkür
brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken
aus.
    Und ungeachtet meines äusserlich stillen Lebens trat doch manche frühe
Trübung hinzu, welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte. Mein Trieb,
mich zu unterrichten und zu unterhalten, und meine Sammlungslust führten mich
überallhin, wo alte Bücher, Kupferstiche und sonstige Dinge zu kaufen waren;
denn die Bücher meines Vaters, deren Hauptzierde Schiller war, hatte ich längst,
soweit sie mir verständlich, durchgelesen und zu eigen gemacht, und selbst das
Unverständliche übersetzte ich in eine eigens erfundene fabelhafte Wissenschaft,
mit Worten spielend; Kupferstiche aber, wenn ich sie sah, reizten mich zum
Besitz und bildeten überdies fast die einzige äussere Hilfsquelle für mich, so
dass ihre Erwerbung mir Pflicht schien. Unsere Stadt zeugte in einer Menge alter
guter Sammlungen von Büchern und Kupferstichen, welche für wenig Geld fast
unerschöpflich in Winkeln und Magazinen zu finden waren, dass in den guten
Häusern, aus welchen sie herrührten, in der vergangenen Zeit grosse Bildung
gepflegt worden sei. Je mehr ich in Büchern und Bildwerken mich zurechtfand und
mir was zugute tat, in Namen und Zeit bewandert zu sein, desto eifriger wurde
meine Besitzlust; ich kaufte anfänglich manches für meine wenige Barschaft, dann
entdeckte ich den verführerischen Ausweg schon früh, zu wählen und zu bestellen
und sich, von der Bereitwilligkeit der Handelsleute unterstützt, reichliche
Sendungen zuschicken und grössere Rechnungen anlegen zu lassen. Diese waren nun
bei alledem nie sehr bedenklich, und der Name meiner sparsamen Mutter gab mir
einen guten Kredit. Allein da ich für mich allein handelte und meine Einkäufe
selbst bezahlen wollte durch verkaufte Arbeiten, diesen Verkauf aber nicht
einmal versuchte und vor dem Augenblicke scheu zurückwich, wo ich jemanden etwas
antragen sollte, ohne was doch kein Anfang denkbar war, blieben meine Rechnungen
so lange unbezahlt, bis es den Antiquaren und wunderlichen Trödelleuten endlich
auffiel und sie mich durch höfliche Briefe mahnten. Dadurch geriet ich in
tausend Ängsten, dachte aber nur unbestimmt auf Abhilfe, bis diese Mahnungen mir
nicht mehr schrecklich waren. Dann erschienen meine Gläubiger mit feierlich
langgezogenen Gesichtern unversehens im Hause, meine Mutter erschreckend und mir
selbst nun streng und unheimlich vorkommend, die mich sonst so freundliche
bejahrte Leutchen gedünkt hatten. Diese Umwandlung der sonst so harmlosen
Persönlichkeiten durch ein Schuldverhältnis, aus einem unscheinbaren
Trödelmännchen zum Beispiel in einen gefürchteten Verfolger, beunruhigte mich
und liess mich das Peinliche des Schuldenmachens empfinden, bis die Mutter,
nachdem sie mich eine gute Weile hatte zappeln lassen, endlich unter ernsten
Ermahnungen mich erlöste. Diese Weise sagte ihr gar nicht zu und war bisher
unbekannt gewesen in ihrem Hause. Daher gedachte sie solche Frühlingsschwalben,
die mit dem neuen Künstlerleben so zeitig einzogen, am besten zu vertreiben,
wenn sie mich die Unbequemlichkeit eine Zeitlang fühlen liesse.
    Ferner hatte ich um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher
meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir
zeichnete und poetisch schwärmte und, da er noch die Schulen besuchte,
reichlichen Stoff von da in meine Kammer brachte. Doch war unser Verkehr mehr
ein prahlerisches Feuerwerk und glänzende Übung genialer und origineller Formen,
die wir nachahmend aus Gelesenem erhaschten. Zugleich war er lebenslustig und
trieb sich ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshäusern herum, von deren
Herrlichkeiten und energischen Gelagen er mir dann erzählte. Ich blieb meistens
wehmütig zu Hause, da mich meine Mutter in dieser Beziehung äusserst knapp hielt
und keine Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe dieser Art einsah. Deswegen sah
ich dem froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der
Höhe fliegenden und träumte von der Freiheit einer glänzenden Zukunft, wo ich
eine Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm. Inzwischen aber missbilligte
ich, wie der Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind, öfter die Wildheit meines
Freundes und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln. Dies
verursachte manche Missstimmung zwischen uns, und ich freute mich endlich
innerlich seiner Abreise in die Ferne, welche zu einem feurigen Briefwechsel die
willkommene Gelegenheit gab. Wir erhoben nun unser Verhältnis zu einer idealen
Freundschaft, nicht getrübt von dem persönlichen Zusammensein, und boten in
regelmässigen Briefen die ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf. Nicht
ohne Selbstgefälligkeit und Absicht suchte ich meine Episteln so schön und
schwungreich als immer möglich zu schreiben, und es kostete mich viele Übung im
Nachdenken, meine unerfahrene Philosophie einigermassen in Form und Zusammenhang
zu bringen, weil die bisher erworbene Gestaltungskraft beim Zeichnen und damit
verbundene Einsicht in meine Schreibübungen überging und mich auch ohne Logik
ein Bedürfnis von Harmonie empfinden liess. Leichter wurde es, den ernsten Teil
der Briefe in ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hüllen und mit dem bei
meinem Jean Paul gelernten Humor zu verbrämen; allein wie sehr ich mich auch
erhitzte und allen meinen Eifer aufbot, so übertrafen die Antworten des Freundes
dieses alles jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an feinerm
und gewähltem Witze, der mir beschämend das Schreiende und Unruhige meiner
Ergüsse hervorhob. Ich bewunderte meinen Freund, war stolz auf ihn und nahm mich
doppelt zusammen, indem ich mich an seinen Briefen bildete, derselben würdige
und ebenbürtige Sendungen aufzubringen. Doch je mehr ich mich erhob, um so höher
und unerreichbarer wich er zurück, wie ein glänzendes Luftbild, nach welchem ich
fruchtlos zu schlagen strebte, ich rang gleichsam mit einem neckischen
Heldenschatten. Dazu trugen seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem
ewigen Meere, ebenso reizend launenhaft und überraschend und ebenso reich an
Quellen, die aus der Tiefe, von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu
strömen schienen; ich staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle
grossartige Erscheinung, deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tag Grösseres
versprach, und rüstete mich allen Ernstes, an ihrer Seite ins Leben hinaus
möglichst Schritt zu halten.
    Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch über die Einsamkeit in die Hände,
von welchem ich schon viel gehört und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde
las, bis ich auf die Stelle traf, welche anfängt »Auf deiner Studierstube möchte
ich dich festalten, o Jüngling!« Jedes Wort ward mir bekannter, und endlich
fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu abgeschrieben.
Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots unmassgeblichen Gedanken
über die Zeichnung, welche ich bei einem Antiquar erworben, und fand so die
Quelle jener Schärfe und Klarheit, die mir so imponiert hatten. Und wie lange
getrennte Ereignisse und Zufälle plötzlich haufenweise zutage treten und sich
ein verabredetes Rendezvous zu geben scheinen, so trat nun rasch eine Entdeckung
nach der anderen hervor und entüllten eine seltsame Mystifikation. Auch spürte
ich den Büchern nach, von denen er in seinen Briefen beiläufig erwähnte. Ich
fand Stellen aus Rousseau wie aus dem Werter, aus Sterne und Hippel sowohl wie
aus Lessing, glänzende Gedichte aus Byron und Heine in briefliche Prosa
umgewandelt, sogar Aussprüche tiefsinniger Philosophen, die, unverstanden, mich
mit Achtung vor dem Freunde erfüllt hatten. Mit solchen hellen Sternen hatte ich
ohnmächtig gerungen; ich war wie vom Blitz getroffen, ich sah im Geiste meinen
Freund über mich lachend und konnte mir seine Handlungsweise nur durch eigenen
Unwert erklären. Doch fühlte ich mich schmerzlich beleidigt und schrieb nach
einigem Schweigen einen spöttischen und anzüglichen Brief, mittelst dessen ich
seine angemasste geistige Herrschaft abzuwerfen, doch nicht unsere Freundschaft
aufzuheben, vielmehr ihn zu treuer Wahrheit zurückzuführen gedachte. Allein mein
verletzter Ehrgeiz liess mich zu heftige und spitzige Ausdrücke wählen, mein
Gegner hatte sich nicht über mich lustig machen, sondern nur mit wenig Mühe
meinem Eifer die Waage halten wollen, wie er sich auch nachher, in ernsteren
Dingen, immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte, obgleich er die Talente zu
wirklichem Streben in vollem Masse und daher auch Selbstgefühl besass so kam es,
dass er, um seine Verlegenheit zu bedecken und ärgerlich über meine Auflehnung,
noch gereizter und beleidigter antwortete. Es stieg ein mächtiges Zorngewitter
zwischen uns auf, wir schalten uns rücksichtslos, und je mehr wir uns zugetan
gewesen, mit desto mehr Aufwand und tragischen, feindlichen Worten kündeten wir
uns plötzlich die Freundschaft auf und bestrebten uns blindlings, jeder der
erste zu sein, der den andern aus seinem Gedächtnis verbanne!
    Aber nicht nur seine, sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir
ins Herz, ich trauerte mehrere Tage lang tief und schmerzvoll, indessen ich den
Geschiedenen zu gleicher Zeit noch achtete, liebte und hasste; ich empfand nun
zum zweiten Male, in vorgerückterm Alter, das Weh beim Brechen einer engen
Freundschaft, aber um so edler und feiner und daher schmerzvoller, als die
Verhältnisse edler waren. Die innere Grundlosigkeit eines solchen Bruches lässt
denselben um so dämonischer und einschneidender fahlen, da er durch ein
feindliches unvermeidliches Schicksal herbeigeführt scheint.
    In diese Bewegungen herein spielten abwechselnd das gepflegte Andenken an
Anna und die Hoffnung auf ihr Wiedersehen sowie die Angst vor meinen gemütlichen
Gläubigern, wenn sie mit Rechnungen kamen für allerhand alte Schwarten,
Kupferstiche und verstümmelte Gipsfiguren, so dass ich komischerweise früh den
Spruch auf mich anwenden konnte:
Widersacher, Weiber, Schulden -
Ach, kein Ritter wird sie los!
 
                                Sechstes Kapitel
Der Frühling war gekommen; schon lagen viele Frühpflanzen, nachdem sie flüchtige
schöne Tage hindurch mit ihren Blüten der Menschen Augen vergnügt, nun in
stiller Vergessenheit dem stillen Berufe ihres Reifens, der verborgenen
Vorbereitung zu ihrer Fortpflanzung ob. Schlüsselblümchen und Veilchen waren
spurlos unter dem erstarkten Grase verschwunden, niemand beachtete ihre kleinen
Früchtchen. Hingegen breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrün
zahllos aus um die lichten Stämme junger Birken, am Eingange der Gehölze, die
Lenzsonne durchschaute und überschien die Räumlichkeiten zwischen den Bäumen,
vergoldete den bunten Waldboden; denn noch sah es hell und geräumig aus, wie in
dem Hause eines Gelehrten, dessen Liebste dasselbe in Ordnung gebracht und auf
geputzt hat, ehe er von einer Reise zurückkommt und bald alles in die alte tolle
Verwirrung versetzt. Bescheiden und abgemessen nahm das zartgrüne Laubwerk
seinen Platz und liess kaum ahnen, welche Gewalt und Herrlichkeit in ihm harrte.
Die Blättchen sassen symmetrisch und zierlich an den Zweigen, zählbar, ein wenig
steif, wie von der Putzmacherin angeordnet, die Einkerbungen und Fältchen noch
höchst exakt und sauber, wie in Papier geschnitten und gepresst, die Stiele und
Zweigelchen rötlich lackiert, alles äusserst aufgedonnert. Frohe Lüfte wehten, am
Himmel kräuselten sich glänzende Wolken, es kräuselte sich das junge Gras an den
Rainen, die Wolle auf dem Rücken der Lämmer, überall bewegte es sich leise
mutwillig, die losen Flocken im Genicke der jungen Mädchen kräuselten sich, wenn
sie in der Frühlingsluft gingen, es kräuselte sich in meinem Herzen. Ich lief
über alle Höhen und blies an einsamen, schön gelegenen Stellen stundenlang auf
einer alten grossen Flöte, welche ich seit einem Jahre besass. Nachdem ich die
ersten Griffe einem musikalischen Schuhmachergesellen abgelernt, war an weitern
Unterricht nicht zu denken, und die ehemaligen Schulübungen waren längst in ein
tiefes Meer der dunkelsten Vergessenheit geraten. Darum bildete sich, da ich
doch bis zum Übermass anhaltend spielte, eine wildgewachsene Fertigkeit aus,
welche sich in den wunderlichsten Trillern, Läufen und Kadenzen erging. Ich
konnte ebenso fertig blasen, was ich mit dem Munde pfeifen oder aus dem Kopfe
singen konnte, aber nur in der härteren Tonart, die weichere hatte ich
allerdings empfunden und wusste sie auch hervorzubringen, aber dann musste ich
langsam und vorsichtiger spielen, so dass diese Stellen gar melancholisch und
vielfach gebrochen sich zwischen den übrigen Lärm verflochten. Musikkundige,
welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hörten, hielten dasselbe für
etwas Rechtes, belobten mich und luden mich ein, an ihren Unterhaltungen
teilzunehmen. Als ich mich aber mit meiner mächtigen braunen Röhre einfand,
deren Klappe einer messingenen Türklinke glich, und verlegen und mit bösem
Gewissen die Ebenholzinstrumente mit einer Unzahl silberner Schlüssel, die
stattlichen Notenblätter sah, bedeckt von Hieroglyphen, da stellte es sich
heraus, dass ich rein zu gar nichts zu gebrauchen, und die Nachbaren schüttelten
verwundert die Köpfe. Desto eifriger erfüllte ich nun die freie Luft mit meinem
Flötenspiele, welches dem schmetternden und doch monotonen Gesange eines grossen
Vogels gleichen mochte, und empfand, unter stillen Waldsäumen liegend, innig das
schäferliche Vergnügen des siebzehnten Jahrhunderts, und zwar ohne Absicht und
Gemachteit.
    Um diese Zeit hörte ich ein flüchtiges Wort, Anna sei in ihre Heimat
zurückgekehrt. Ich hatte sie nun seit zwei Jahren Nicht gesehen, wir beide
gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen. Sogleich rüstete ich mich zur
Übersiedelung nah dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die
geliebten Wege. Meine Stimme war gebrochen, und Ich sang, dieselbe missbrauchend,
mich müd durch die hallenden Wälder. Dann hielt ich inne, und die seit kurzem
gekommene Tiefe meiner Töne bedenkend, dachte ich an Annas Stimme und suchte mir
einzubilden, welchen Klang sie nun haben möge. Darauf bedachte Ich ihre Grösse,
und da ich selbst in der Zeit rasch gewachsen, so konnte ich mich eines kleinen
Schauers nicht erwehren, wenn ich mir die Gestalt sechszehnjähriger Mädchen
unserer Stadt vorstellte. Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild
am See oder auf jenem Grabe vor, mit seiner Halskrause, seinen Goldzöpfen und
freundlich unschuldigen Augen. Dies Bild verscheuchte einigermassen die
Unsicherheit und Zaghaftigkeit, welche sich meiner bemächtigen wollten, dass Ich
getrost fürbass schritt und am Abend das Haus meines Oheims in alter Ordnung und
lauter Fröhlichkeit fand.
    Doch nur die älteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben,
das junge Volk liess einen etwas veränderten Ton in Scherz und Reden merklich
werden. Als nach dem Nachtessen sieh die Ältern zurückgezogen und einige junge
ledige Dorfbewohner beiderlei Geschlechtes dafür ankamen, um noch einige Stunden
zu plaudern, bemerkte ich, dass die Gegenstände der Liebe und der
geschlechtlichen Verhältnisse nun ausschliesslicher und ausgeprägter der Stoff
der neckischen Gespräche geworden, aber so, dass die Jünglinge mit gleichgültig
verwegener und etwas spöttischer Galanterie eine grosse Sprödigkeit,
Männerverachtung und jungfräuliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen
bemüht schienen, und an der Art und Weise, wie die sich kreuzenden Scherze und
Angriffe hier reizten, dort scheinbar verletzten, war nicht zu verkennen, dass
hier die Kristallelemente zusammenzuschiessen auf dem Punkte waren.
    Ich war anfangs still und suchte mich in den wort-und witzreichen
Scharmützeln zurechtzufinden; die Mädchen betrachteten mich als einen
anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an
mir gewinnen zu wollen. Doch unversehens nahm ich, das Scheingefecht für vollen
Ernst haltend, die Partei meines Geschlechts. Die vermeintliche
Bedürfnislosigkeit und stolze Selbstverklärung der Schönen schien mir gefährlich
und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefühlen. Aber leider
setzte ich, anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner
Genossen zu bedienen, knabenhafter- und ungalanterweise den Mädchen ihre eigene
Kriegführung entgegen. Der trotzige Stoizismus, welchen ich gegen das
jungfräuliche Selbstgenügen aufwandte, warf mich um so schneller in eine
isolierte und gefährliche Stellung, als ich in meiner Einfalt augenblicklich
selber daran glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr. Ich vereinigte sogleich
alle Pfeile des Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrührer; die
männlichen Teilnehmer liessen mich auch im Stich oder hetzten mich
fälschlicherweise auf, um bei den erzürnten Mädchen desto besser ihre Rechnung
zu finden, worüber ich wieder verdriesslich und eifersüchtig ward, und es ärgerte
mich gewaltig, wenn ich bemerkte, wie mitten im Kriege die verständnisvollen
Blicke häufiger fielen und der schone Feind seine Hände den Burschen immer
anhaltender und williger überliess. Kurz, als die Gesellschaft auseinanderging
und ich die Treppe hinanstieg als ein erklärter Weiberfeind, verfolgten mich die
drei Basen, jede ihr Nachtlämpchen tragend, spottend bis vor die Tür meines
Schlafzimmers. Dort wandte ich mich um und rief »Geht, ihr törichten Jungfrauen
mit euren Lampen! Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Bräutigam haben
wird, fürchte ich doch, das Öl eurer Geduld reiche nicht aus für die kürzeste
Frist; löscht eure Lichter und schämt euch im Dunklen, so spart ihr das bisschen
Öl, ihr verliebten Dinger!«
    Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein; sie tauchten ihre Finger
in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht, während sie mit ihren
brennenden Lämpchen mir um Haar und Nase herumzündeten und mich hart bedrängten.
»Mit Feuer und Wasser«, sagten sie, »taufen wir dich zu ewigem Frauenhasse! Nie
soll eine wünschen, diesen Hass schwinden zu sehen, und das Licht der Liebe soll
dir für immerdar erloschen! Schlafen Sie recht wohl, gestrenger Herr, und
träumen Sie von keinem Mädchen!« Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten
auseinander, dass ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im
Finstern stand. Ich tappte in das Zimmer, stiess an alle Gegenstände und streute
in der Dunkelheit missmutig meine Kleider auf dem Boden umher. Und als ich
endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke
schwingen wollte, fuhr ich mit den Füssen in einen verwünschten Sack, dass ich sie
nicht ausstrecken konnte, sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das
unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde. Die Leintücher waren, infolge
einer ländlich-sittlichen Neckerei, so künstlich ineinandergeschürzt und -
gefaltet, dass es allen meinen ungeduldigen Bemühungen nicht gelang, sie zu
entwirren, und ich musste mich in der unbequemsten und lächerlichsten Lage von
der Welt zum Schlafe zusammenkauern. Allein dieser wollte trotz meiner Müdigkeit
sich nicht einfinden; ein ärgerliches und beschämendes Gefühl, dass ich mich in
eine schiefe Stellung geworfen, die Besorgnis, wie Anna sich Zu all diesem
verhalten wurde, und das verhexte Bett liessen mich die Augen nur auf Augenblicke
schliessen, wo dann die unruhigsten Traumbilder mich verfolgten. Die Nacht im
Tale war unruhig und geräuschvoll, denn es war diejenige des Sonnabends auf den
Sonntag, in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwärmen und ihren
Liebeswegen nachzugehen pflegen. Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend
und jauchzend die nächtliche Gegend, bald fern, bald nah laut werdend; ein
anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her, mit verhaltner Stimme
Mädchennamen rufend, Leitern anlegend, Steinchen an Fensterladen werfend. Ich
stand auf und öffnete das Fenster; balsamische Mailuft strömte mir entgegen, die
Sterne zwinkerten verliebt hernieder, ein Kätzchen duckte sich um die eine
Hausecke, um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und
lehnte sie an das Haus, drei oder vier Fenster von mir. Rüstig klomm er die
Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ältesten Base, worauf das
Fenster leise aufging und ein trauliches Geflüster begann, von einem Geräusche
unterbrochen, welches von demjenigen feuriger Küsse nicht im mindesten zu
unterscheiden war. Oho! dachte ich, das sind feine Geschichten! und indem ich so
dachte, sah ich einen andern Schatten aus dem Fenster der mittleren Base, welche
eine Treppe tiefer schlief, sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und
flink zur Erde gleiten; kaum war er aber fünfzig Schritte entfernt, so brach er,
den fernen Nachtschwärmern antwortend, in ein mörderliches Jauchzen aus, welches
weitin widerhallte.
    Mit sehr gemischten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und
suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrint Mädchen, Liebe, Mainacht und
Verdruss zu vergessen.
    Noch gemischten Gefühle jedoch kehrten zurück, als ich am Morgen meine
gemachten Erfahrungen bedachte. Zuerst machte sich eine Art von Zorn geltend
gegen meine Basen und ihre Liebhaber, oder vielmehr eine gewisse
Unbehaglichkeit, mir bekannte und nahstehende Mädchen in einem engen Verhältnis
zu fremden Personen zu sehen. Es machte mir den Eindruck, wie wenn in einem
heimlichen verschlossenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben würde und ich
als ein Verhöhnter vor dem Tore stände. Dann stellte sich aber sogleich das
Bewusstsein heraus, mich im Besitze eines Geheimnisses zu finden, welches die
Mädchen stark berührte, und mit diesem Bewusstsein noch schneller eine vorläufige
Beratschlagung, in welcher Weise das Geheimnis am vorteilhaftesten für meine
Stellung zu dem schönen Geschlechte zu verwenden sei? Hier muss ich zu meiner
Schande aufrichtig gestehen, dass ich sehr unbefangen die Wahl zwischen
Verschwiegenheit und Verrat ganz in der Ordnung fand, ja nicht einmal darüber
dachte und allein meinen Nutzen ins Auge fasste. Es fragte sich, ob ich mich
durch offene Mitteilung mit einem Schlage in das erzwungene Vertrauen der
Mädchen setzen oder durch ein schonendes allmähliches Merkenlassen ihre Gunst
besser erwerben könne; denn wenn auch das, was ich wusste, nicht für sie
gefährlich oder schädlich war und man ohnehin von jeder herangewachsenen Schönen
bestimmt voraussetzen konnte, dass sie mit ihrem Erwählten in der Sitte keine
Ausnahme machen werde, wo dann der Grad der Hingabe immer noch von dem
persönlichen Charakter abhing, wie andere Dinge mehr im Leben so war doch das
Bekanntwerden des einzelnen Falles verpönt und vielmehr das Gesetz beliebt Du
sollst dich nicht erwischen lassen! wie bei anderen Dingen mehr, und ich
entschloss mich, gelegentlich und mit guter Manier die eine und andere meiner
Basen in meine Mitwissenschaft blicken zu lassen und durch ein vertrautes
Verhältnis meine Ungeschicklichkeit aufzuwiegen, zumal ich nun schon merkte, dass
ich dem gewohnten Krieg und Verkehr nicht gewachsen war. Ich dachte mir nun
nicht anders, als die Liebe wäre das Geheimnis eines gemeinschaftlichen Ordens,
in welchem voraus alle Frauen und Mädchen inbegriffen, der aber jedem Neuling,
welcher sich ungeschickt anstelle, den Eintritt erschwere, und doch glaubte ich
seiner schon vollkommen würdig und fähig zu sein.
    Indessen beschloss ich, als es darauf ankam, in die grosse Wohnstube zu gehen
und mein nächstes Benehmen zu bedenken, welches mir keineswegs klar war,
vorderhand gänzliche Verschwiegenheit zu üben, und dieser Entschluss kam mir so
edel und grossmütig vor, dass ich, ganz aufgebläht davon, wähnte, die Mädchen
müssten mir meine Grossmut auf der Stelle ansehen, als ich in die Stube trat. Ich
erregte jedoch nicht die mindeste Aufmerksamkeit; wohl aber sah ich an einem der
Fenster eine schlank aufgewachsene jungfräuliche Gestalt stehen, umgeben von
meinen drei Basen. An ihren eigentümlichen Zügen und der veränderten und doch
gleich lieblich gebliebenen Stimme erkannte ich sogleich Anna; sie sah fein und
nobel aus, und ich blieb ganz ratlos und verblüfft stehen. Fein und bescheiden
schaute sie in die Landschaft hinaus, und die Basen sprachen gedämpft, zierlich
und vertraulich mit ihr, wie es die Weiber zu tun pflegen, wenn sie einen Besuch
haben, der ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht. Es ging so freundlich
andächtig zu, als ob die vier hübschen Kinder geraden Weges aus einer
Klosterschule kämen, und besonders die Töchter des Hauses schienen nicht die
leiseste Erinnerung an den Ton des gestrigen Abends zu hegen. Unbefangen grüssten
sie mich, als ich endlich bemerkt wurde, und stellten mich der Anna vor. Wir
sahen auf den Boden und boten uns die Fingerspitzen, die sich kaum berührten,
wobei sie, wie ich glaube, einen kleinen höflichen Knicks machte. Ich sagte ganz
verlegen »Sie sind also wieder zurückgekehrt?« worauf sie erwiderte »Ja« - mit
dem Tone eines Glöckchens, welches nicht recht weiss, ob es anfangen soll, Mittag
oder Vesper zu läuten. Hierauf sah ich mich wieder aus dem Mädchenkreise
herausversetzt, ohne zu wissen auf welche Weise, und machte mir eifrig mit einer
Katze zu schaffen, indessen ich Anna verstohlen betrachtete. Sie war eine ganz
andere Gestalt geworden, schmal und hoch, von einem schwarzen Seidenkleide
umwallt, ihr Goldhaar lag schlicht und vornehm gebunden und liess eine
sorgfältige Toilette ahnen, während früher manche Löckchen sich auf eigne Hand
gekräuselt und zwischen den Flechten hervorgeguckt hatten. Die Gesichtszüge
waren in ihrer Eigentümlichkeit ganz gleichgeblieben, nur hielten sie sich nun
viel ruhiger, und die armen, schönen blauen Augen hatten ihre Freiheit verloren
und lagen in den Banden vornehm bewusster Sitte. Dies alles unterschied ich im
Augenblick nicht genau, allein es machte zusammen einen solchen Eindruck auf
mich, dass ich erschrak, als ich mich zum Frühstück, welches inzwischen
aufgetragen war, neben sie setzen musste; denn der Oheim hatte, da Anna aus
Welschland kam, seine französischen Künste aus der eleganten Zeit des
Pfarrhauses wieder zusammengelesen und zu mir gesagt: »Eh bien! monsieur le
neveu! prenez place auprès de Mademoiselle votre cousine, s'il vous plaît, hé,
parbleu! est-ce que vous n'avez pas bien dormi? vous faites une triste figure,
il me paraît!« und zu Anna, mit einem komischen Kratzfusse, indem er mit seinem
Waldhörnchen salutierte: »Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune
homme de la triste figure, Mademoiselle! souffrez, s'il vous plaît, qu'il fasse
votre galant, pour que notre illustre maison revisse les beaux jours
d'autrefois! allons parler français toute la compagnie!« Nun begann eine
drollige Unterhaltung in französischen Brocken, welche sich auf die lustigste
Weise kreuzten, indem niemand sich schämte, seine Schwerfälligkeit und Unkunde
zu verraten, und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben
sollte, ihre erworbene feine Bildung zu zeigen. Auch nahm sie bescheiden, aber
sicher an dem seltsamen Gespräche teil und brachte ihre Reden mit artigem
Akzente vor, geziert mit den Wendungen welscher Konversation als: En vérité!
voilà qui est curieux! ah que c'est joliment dit! extrèmement, je vous dis!
tenez! voyez! usf., wozwischen der Oheim, seine Geistlichkeit vergessend, einige
diables! einfügte. Mir waren diese Formen keineswegs geläufig, und ich konnte
meine Meinungen nur in strikter und nackter Übertragung vorbringen, dazu nicht
in dem lieblichsten Akzente; daher sagte ich nur dann und wann oui und non oder
je ne sais pas! Die einzige Redensart, welche mir zu Gebote stand, war Que
voulez-vous que je fasse! und ich brachte diese Blüte mehrere Male an, ohne dass
sie gerade passte. Als hierüber gelacht wurde, machte mich dies trübselig und
verstimmt, denn mit jedem Augenblicke, seit ich an das seidene Kleid Annas
streifte, wurde es mir bänger, dass ich als gänzlich wertlos und unbedeutend zum
Vorschein käme, während ich doch bisher überzeugt war, das Beste und Höchste
schätzen und erstreben zu wollen und gerade dadurch selber einen nicht
unerheblichen Wert in mir zu tragen. In der Teorie hatte ich schon die Welt
erobert und auch verdient und besonders über Anna durchaus verfügt; da nun aber
die Praxis begann, so beschlich mich gleich im Anfange eine verzagte Demut,
welche ich ungefähr in folgende trotzige und gewaltige Rede zusammenfasste: »Moi,
j'aime assez la bonne et vénérable langue de mon pays, qui est heureusement la
langue allemande, pour ne pas plaindre mon ignorance du français. Mais comme
Mademoiselle ma cousine a le goût français et comme elle doit visiter l'église
de notre village, c'est beaucoup a plaindre, qu'elle n'y trouvera point de ses
orateurs vaudois, qui sont si élevés, élégants et savants. Aussi, que son
déplaisir ne soit trop grand, je vous propose, Monsieur mon oncle, de remonter
en chaire, nous ferons un petit mais élégant auditoire et vous nous ferez de
beaux sermons français! Que voulez- que je fasse«, fügte ich etwas verlegen
hinzu, als ich diese Rede so hastig und fliessend als möglich gehalten hatte. Die
Gesellschaft war sehr verwundert über diese langatmige Phrase und betrachtete
mich als einen unvermuteten Teufelskerl von Franzosen, besonders da sie wegen
der Schnelligkeit, mit der ich sprach, nichts davon verstanden hatten, ausser dem
Oheim, welcher vergnüglich lachte. Man ahnte freilich nicht, dass ich die Rede im
stillen förmlich ausgedacht und dass ich keineswegs mit dieser Geläufigkeit
fortzufahren imstande wäre. Anna war die einzige Person, welche alles
verstanden, und sie sagte kein Wort hierauf und schien innerlich beleidigt zu
sein, denn sie ward rot und sah verlegen vor sich nieder. Sie verstand nämlich,
wie es sich später zeigte, keinen Spass in bezug auf die waadtländischen
Geistlichen, die sie in dem Anflug kirchlichen Wesens, den das junge Ding nebst
dem Französischen davongetragen, sehr verehrte und deren Andenken für sie eine
schöne und bewusstvolle Erinnerung war. Da ich bemerkte, dass die verkehrte Art,
meine innere Mutlosigkeit zu äussern, fast einen üblen Eindruck gemacht, so
flüchtete ich mich, sobald möglich, vom Tische hinweg. Es läutete nun das letzte
Zeichen zur Kirche, und die ganze Familie rüstete sich zum Kirchgange. Anna zog
feine glänzende Lederhandschuhe an, und die drei Mädchen des Hauses, welche
bisher, obgleich städtisch gekleidet, wie die Landmädchen ohne Handschuhe zur
Kirche gegangen, brachten nun ebenfalls deren gestrickte aus Seide oder
Baumwolle zum Vorschein und putzten sich damit aus. Anna zeigte, als man zum
Gehen bereit war, ein gesammeltes und andächtiges Wesen, sprach nicht mehr viel
und sah vor sich nieder, und die übrigen Bäschen, welche von jeher lachend und
fröhlich zur Kirche gegangen, gaben sich nun auch ein feierliches Ansehen, dass
ich ganz aus der Verfassung kam und nicht wusste, wie ich mich gebärden sollte.
Ich stand aus Verlegenheit am Ofen, obschon die junge Sommersonne auf dem Garten
sich lagerte; man fragte mich, ob ich denn nicht mitginge? worauf ich, um
endlich mir wieder etwas Geltung zu verschaffen, mit Wichtigkeit sprach nein,
ich hätte nicht Zeit, ich müsste schreiben!
    Diesmal ging das ganze Haus zur Kirche, wohl Anna zu Ehren, und nur ich
allein blieb zurück. Durch das Fenster sah ich dem ansehnlichen Zuge nach,
welcher sich durch die Wiesen unter den Bäumen hinbewegte und dann auf der Höhe
des Kirchhofes zum Vorschein kam, um endlich in der Kirchentür zu verschwinden.
Diese wurde bald darauf geschlossen, das Geläute schwieg, der Gesang begann und
hallte deutlich und schön herüber. Auch dieser schwieg, und nun verbreitete sich
ein Meer von Stille über das Dorf, welches einzig dann und wann durch einen
kräftigern Ruf des Predigers unterbrochen wurde. Das Laub und die Millionen
Gräser waren mäuschenstill, trieben aber nichtsdestominder mit Hin- und
Herwackeln allerlei lautlosen Unfug, wie mutwillige Kinder während einer
feierlichen Verhandlung. Die abgebrochenen Töne der Predigt, welche durch einen
offenen Fensterflügel sich in die Gegend verloren, klangen seltsam und manchmal
wie hollaho! manchmal wie juchhe! oder hopsa! bald in hohen Fisteltönen, bald
tief grollend, jetzt wie ein nächtlicher Feuerruf und dann wieder wie das
Gelächter einer Lachtaube. Während der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken
aufmerksam und still dasitzen sah, nahm ich Papier und Feder und schrieb meine
Gefühle für sie in feurigen Worten nieder. Ich erinnerte sie an die zärtliche
Begebenheit auf dem Grabe der Grossmutter, nannte sie mit ihrem Namen und brachte
so häufig als möglich das Du an, welches ehedem zwischen uns gebräuchlich
gewesen. Ich ward ganz beglückt über diesem Schreiben, hielt manchmal inne und
fahr dann in um so schöneren Worten wieder fort. Das Beste, was in meiner
zufälligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag, befreite sich hier und
vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage. Überdies wob
sich eine schwermütige Stimmung durch das Ganze, und als das Blatt
vollgeschrieben war, durchlas ich es mehrere Male, als ob ich damit jedes Wort
der Anna ins Herz rufen könnte. Dann reizte es mich, das Blatt offen auf dem
Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen, damit es der Himmel oder sonst
wer durch das offene Fenster lesen könne; aber nur die völlige Sicherheit, dass
jetzt doch keine menschliche Seele in der Nähe sei, gab mir diese Verwegenheit,
mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte, nach dem Fenster
hinaufschauend, hinter welchem meine schöne Liebeserklärung lag. Ich glaubte
etwas Rechtes getan zu haben und fühlte mich zufrieden und befreit, verfügte
mich aber bald wieder in die Stabe, da ich dem Frieden doch nicht recht traute,
und kam gerade dort an, als das Blatt, durch den Luftzug getragen, zum Fenster
hinaussäuselte. Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder; ich lief wieder in
den Garten; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf
das Bienenhaus zufliegen, wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich
festklemmte und verschwand. Ich näherte mich dem Korbe, allein die Bienen waren,
in Betracht der kurzen Sommerzeit, polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert
und in vollster Bewegung und Tätigkeit begriffen; es summte und kreuzte sich vor
dem Hause wie auf einem Jahrmarkte, dass an kein Durchkommen zu denken war.
Unschlüssig und ängstlich blieb ich stehen, doch ein empfindlicher Stich auf die
Wange bedeutete mir, dass meine Liebeserklärung für einmal der bewaffneten Obhut
dieses Bienenstaates anheimgegeben sei. Für einige Monate lag sie allerdings
sicher hinter dem Korbe; wenn aber der Honig ausgenommen wurde, so kam sicher
auch mein Blatt zutage, und was dann? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall
als eine höhere Fügung und war halb und halb froh, meine Erklärung aus dem
Bereiche meines Willens einer allfälligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen,
gleich einem verlornen Samenkorn des Aufblühens harrend. Meine gestochene Wange
reibend, verliess ich endlich die Bienen, nicht ohne genau nachzusehen, ob
nirgends ein Zipfelchen des weissen Blattes hervorgucke. Der Gesang in der Kirche
ertönte wieder, die Glocken läuteten, und die Gesellschaft kam in einzelnen
Gruppen zerstreut nach Hause. Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas
Gestalt durch das Grüne allmählich herannahen. Ihren weissen Hut abnehmend, stand
sie vor dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleissigen Tierchen mit
Wohlgefallen zu betrachten; mit noch grösserm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch
sie, welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand, und ich bildete
mir ein, dass die Ahnung desselben sie an der blühenden und lieblichen Stelle
festalte. Als sie heraufkam, zeigte sie jene zufriedene Fröhlichkeit
Andächtiger, welche aus der Kirche kommen, und machte sich nun ein wenig lauter
und zugänglicher als vorher. Beim Mittagessen, wo ich wieder neben ihr zu sitzen
kam, begann jedoch meine herb annehmliche Schule wieder. An Sonn- und Festtagen
glich der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwürdige
und malerische Zusammensetzung in allen Stücken. Drei Vierteile desselben, von
der Jugend und den Dienstleuten besetzt, trugen grosse ländliche Schüsseln mit
den entsprechenden Speisen mächtige Stücke Rindfleisch und gewaltige Schinken.
Neuer Wein aus einem grossen Kruge wurde in einfache grünliche Gläser geschenkt,
Messer und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Löffel von Zinn. Nach
der Spitze der Tafel zu, wo der Oheim und die allfälligen Gäste sassen,
veränderte sich die Gestalt dieser Dinge. Dort waren die Ergebnisse der Jagd
oder des Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen
aufgestellt; denn da die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht
grün war, so behandelte sie dieselben apotekerhaft und zimpferlich, gleich
einem Grobschmied, der eine Uhr zusammensetzen will. Auf einem bunten alten
Porzellanteller lag hier ein gebratener Vogel, dort ein Fisch, einige rote
Krebse oder ein feines Salätchen. Alter starker Wein stand in kleineren
Flaschen, uralte Ziergläser der verschiedensten Form dabei; die Löffel waren von
Silber, und das übrige Besteck bestand aus den Trümmern früherer Herrlichkeit,
hier ein Messer mit einem Elfenbeinhefte, dort eine komisch gezackte Gabel mit
Emailgriff. Aus dem Gewimmel dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie
ein Berg empor, als ein mächtiger Ausläufer des untern Speisengebirges, dessen
Anwohner sich an der Ausschliesslichkeit der oberen Feinschmecker dadurch
rächten, dass sie eine scharfe Kritik über deren Geschicklichkeit im Essen
ausübten. Wer nicht rasch und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die
Knöchelchen eines Vogels zu zerlegen wusste, hatte für den Spott nicht zu sorgen.
Da ich bei der Mutter an die einfachste Lebensweise gewöhnt war, so war meine
Gewandteit in Fisch- und Vogelessen nur gering, und ich sah mich daher am
meisten den Witzen der Tischgenossen ausgesetzt. So hielt mir auch heute ein
Knecht einen Schinken her und bat mich, ihm diesen Taubenflügel zu zerlegen, da
ich so geschickt hierin sei; ein anderer hielt mich für vortrefflich geeignet,
den Rückgrat einer Bratwurst zu benagen. Dazu sollte ich als angeblicher Galan
meine Schöne bedienen, was mir durchaus unbequem war; denn ausser dass es mir
lächerrlich vorkam, ihr ein Gericht vorzuhalten, das ihr vor der Nase stand, und
ich ihr lieber mit dem Herzen als mit den Händen dienen wollte, wo es nicht
nötig war, reichte meine Kenntnis hiefür nicht aus, indem ich manchmal den
Schwanz eines Fisches präsentierte, wo der Kopf gut war, und umgekehrt. Ich liess
sie auch bald unbedient sitzen und freute mich unbeschwert ihrer Nähe; aber der
Oheim weckte mich aus diesem Vergnügen, indem er mich aufforderte, Anna einen
Hechtkopf auseinanderzulegen und ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen,
welche darin entalten sein sollten. Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens
gegessen, obschon man früher davon gesprochen, und stellte mich nun zugleich als
einen unwissenden Heiden dar; darüber ärgerlich, ergriff ich mit der Faust den
mittlerweile entblössten Schinkenknochen, hielt ihn der Anna unter die Augen und
sagte, hier wäre noch ein heiliger Nagel vom Kreuze. Ich behielt nun freilich
wieder recht in den Augen der Spötter, doch Anna hatte gerade solche Grobheit
Nicht verdient, da sie mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen
hatte. Sie wurde über und über rot, Ich fühlte augenblicklich mein Unrecht und
hätte aus Reue gern den Knochen verschlungen. Verlegen legte ich ihn auf meinen
Teller und fügte noch ein paar schlechte Witze hinzu. »Diese Reliquie«, sagte
ich, »würde allerdings ein artiger Sparren im Kopfe sein! Indessen mag es
manchen Heiligen geben, dessen christliche Ideen einem Schinkenknochen
gleichen.« Hierauf antwortete niemand etwas ausser meinem Oheim, welcher mich
ernstlich ersucht haben wollte, dergleichen Mitteilungen zu unterlassen. Das
Rotwerden war nun an mir, und ich sagte nichts mehr während der übrigen Zeit,
die man am Tische zubrachte. Ich zog mich zurück in bitterm Unmute und gedachte
mich nicht mehr sehen zu lassen, bis meine Bäschen mich aufsuchten und mich
aufforderten, mit ihnen und ihren Brüdern Anna nach Hause zu begleiten und den
Schulmeister zu besuchen. Da Ich durch den seltenen Verweis des Vaters in eine
beschämende Lage geraten, so fanden sie es angemessen, mich durch diese
Freundlichkeit daraus zu ziehen; denn sie wussten wohl, dass ich sonst nach der
Etikette jenes Alters nicht mitkommen konnte, wo das Schmollen eine Ehrensache
und an bestimmte Gesetze gebunden ist.
    Wir zogen also aus und gingen dem Flüsschen nach durch den Wald. Ich blieb
still, und als wir, durch die Enge des Weges getrennt, hintereinander gehen
mussten, marschierte ich als der letzte hintendrein, dicht nach Anna, aber immer
in tiefem Schweigen. Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt,
immer bereit, sich abzuwenden, sobald sie zurückschauen würde. Doch tat sie dies
nicht ein einziges Mal; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergnügen ein,
dass sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht, zu gefallen, sich über
schwierige Stellen hinbewegte. Ich machte ein paarmal schüchterne Anstalten, ihr
behilflich zu sein, allein immer kam sie meinen Händen zuvor. Da stand an einer
erhöhten Stelle des Weges die schöne Judit unter einer dunklen Tanne, deren
Stamm wie eine Säule von grauem Marmor emporstieg. Ich hatte sie lange nicht
mehr gesehen; sie schien mit der Zeit noch immer schöner zu werden und hatte die
Arme übereinandergeschlagen, eine Rosenknospe im Munde, mit welcher ihre Lippen
nachlässig spielten. Sie grüsste eines um das andere, ohne sich in ein Gespräch
einzulassen, und als ich schliesslich auch an die Reihe kam, nickte sie mir
leicht zu mit einem etwas spöttischen Lächeln.
    Der Schulmeister begrüsste uns mit Freuden und vor allen seine Tochter, die
er sehnlich zurückerwartet. Denn sie war nun die Erfüllung seines Ideales
geworden, schön, fein, gebildet und von andächtigem, edlem Gemüte, und mit dem
bescheidenen Rauschen ihres Seidenkleides war, nicht in schlimmem Sinne, eine
neue schöne Welt für ihn aufgegangen. Er hatte zu seinem bisherigen Vermögen
noch eine gute Erbschaft gemacht und benutzte diese, ohne Vornehmtuerei, sich
mit allerhand anständigen Annehmlichkeiten zu umgeben. Was seine Tochter nach
den aus Welschland mitgebrachten Bedürfnissen irgend wünschen konnte, schaffte
er augenblicklich an und unter diesem Vorwande überdies eine Menge schöner
Bücher für seine eigenen Wünsche. Auch hatte er seinen grauen Frack mit einem
feinen schwarzen Leibrock vertauscht, wenn er ausging, und im Hause trug er
einen ehrbaren talarartigen Schlafrock, um mehr das Ansehen eines würdigen,
halbgeistlichen Privatgelehrten zu gewinnen. Was irgend mit einer Stickerei
geziert werden konnte an seiner Person oder an seinem Geräte, das zeigte diesen
Schmuck in allen Manieren und Farben, da ihm solcher ausnehmend gefiel und Anna
reichlich dafür sorgte. In dem kleinen Orgelsaale stand nun ein prächtiges Sofa
mit buntgestickten Kissen, und vor demselben lag ein grossblumiger Teppich von
Annas Hand. Diese reiche Farbenpracht, an einer Stelle zusammengehäuft, nahm
sich vortrefflich und eigentümlich aus im Gegensatze zu dem einfachen
weissgetünchten Saale. Nur die Orgel bot noch einigen Schmuck in glänzenden
Pfeifen und mit ihren bemalten Türchen. Anna erschien nun in einem weissen Kleide
und setzte sich an die Orgel. Sie hatte in der Pension Klavier spielen müssen,
lehnte es aber ab, ein Klavier zu haben, als ihr Vater sogleich ein solches
anschaffen wollte; denn sie war zu klug und zu stolz, die gewöhnliche Klimperei
fortzusetzen. Dagegen wandte sie das Erlernte dazu an, sich für einfache Lieder
auf der Orgel einzuüben, sie begleitete also jetzt unsern Gesang, und der
Schulmeister stand dafür singend in unserm Kreise. Er sah fortwährend seine
Tochter an, und ich ebenfalls, da wir ihr im Rücken standen; sie sah wirklich
aus wie eine heilige Cäcilie, während die Stellung ihrer weissen Finger auf den
Tasten noch etwas Kindliches ausdrückte. Als wir des musikalischen Vergnügens
satt waren, gingen wir vor das Haus; dort war auch vieles verändert. Auf dem
Treppchen standen Mandel- und Oleanderbäumchen, das Gärtchen war nicht mehr ein
krauses Rosen- und Gelbveigeleingärtchen, sondern, Annas jetziger Erscheinung
mehr angemessen, mit fremden Gewächsen und einem grünen Tische nebst einigen
Gartenstühlen versehen. Nachdem wir hier eine kleine Abendmahlzeit eingenommen,
gingen wir an das Ufer, wo ein neuer Kahn lag; Anna hatte auf dem Genfersee
fahren gelernt und der Schulmeister deswegen das Fahrzeug machen lassen, das
erste, welches auf dem kleinen See seit Menschengedenken zu sehen war. Ausser dem
Schulmeister stiegen wir alle hinein und fahren auf das ruhige glänzende Wasser
hinaus; ich ruderte, da ich als Anwohner eines grössern Sees auch meine Künste
zeigen wollte, und die Mädchen sassen dicht beisammen, die Bursche aber hielten
sich unruhig und suchten Scherz und Händel. Endlich gelang es ihnen, das Gefecht
wieder zu eröffnen, zumal sich ihre Schwestern aus der gemessenen Haltung heraus
nach freier Bewegung sehnten. Sie hatten sich nun genug darin gefallen, mit Anna
die Feinen und Gestrengen zu machen, und wünschten vorzüglich die Früchte des
Spukes, welchen sie sich mit meinem Bette erlaubt hatten, mit Glanz einzuernten.
Deshalb wurde ich bald der Gegenstand des Gespräches; Margot, die Alteste,
berichtete Anna, dass ich mich als einen strengen Feind der Mädchen dargestellt
hätte und dass nicht zu hoffen wäre, dass ich jemals mich eines schmachtenden
Herzens erbarmen würde; sie warne daher Anna zum voraus, sich nicht etwa früher
oder später in mich zu verlieben, da ich sonst ein artiger junger Mensch sei.
Darauf bemerkte Lisette, es wäre dem Schein nicht zu trauen; sie glaube
vielmehr, dass ich innerhalb lichterloh brenne vor Verliebteit, in wen, wisse
sie freilich nicht; allein ein sicheres Zeichen davon wäre mein unruhiger
Schlaf, man hätte am Morgen mein Bett im allersonderbarsten Zustande gefunden,
die Leintücher ganz verwickelt, so dass zu vermuten, ich habe mich die ganze
Nacht um mich selbst gedreht wie eine Spindel. Scheinbar besorgt fragte Margot,
ob ich in der Tat nicht gut geschlafen habe? Wenn dem so wäre, so wüsste sie
allerdings nicht, was sie von mir halten müsste. Sie wolle inzwischen hoffen, dass
ich nicht ein solcher Heuchler sei und den Mädchenfeind mache, während ich vor
Liebe nicht wüsste, wo hinaus! Überdies wäre ich doch noch zu jung für solche
Gedanken. Lisette erwiderte, eben das sei das Unglück, dass ein Grünschnabel wie
ich schon so heftig verliebt sei, dass er nicht einmal mehr schlafen könne. Diese
letzte Rede brachte mich endlich auf, und ich rief »Wenn ich nicht schlafen
konnte, so geschah das, weil ich durch euere eigene Verliebteit die ganze Nacht
gestört wurde, und ich habe wenigstens Nicht allein gewacht!« - »O gewiss sind
wir auch verliebt, bis über die Ohren!« sagten sie etwas betroffen, fassten sieh
aber sogleich, und die Altere fuhr fort »Weisst du was, Vetterchen, wir wollen
gemeinsam zu Werke gehen; vertraue uns einmal deine Leiden, und zum Danke dafür
sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren
Liebesnöten!« - »Es dünkt mich, du hast keinen Rettungsengel notwendig«,
antwortete ich, »denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die
Leiter auf und nieder!« - »Hört, nun redet er irre, es muss schon arg mit ihm
stehen!« rief Margot, rot werdend, und Lisette, welche noch beizeiten sieh
verschanzen wollte, setzte hinzu »Ach, lasst den armen Jungen in Ruh, er ist mir
recht lieb und dauert mich!« - »Schweig du!« sagte ich noch mehr erbost, »dir
fallen die Liebhaber von den Bäumen in die Kammer!«
    Die Bursche klopften in die Hände und riefen »Oho, steht es so? Der Maler
hat gewiss etwas gesehen, freilich, freilich, freilich! Wir haben's schon lange
gemerkt!« und nun nannten sie die begünstigten Liebhaber der beiden Dämchen,
welche uns den Rücken wandten mit den Worten »Larifari! ihr seid alle verlogene
Schelme und der Maler ein recht böser Hauptlügner!« Lachend und flüsternd
unterhielten sie sieh hierauf mit den anderen beiden Mädchen, die nicht recht
wussten, woran sie waren, und alle würdigten uns keines Blickes mehr. So hatte
ich das Geheimnis, das Ich am Morgen grossmütig zu verschweigen gelobt, noch vor
Untergang der Sonne ausgeplaudert. Dadurch, war der Krieg zwischen mir und den
Schönen erklärt, und ich sah mich plötzlich himmelweit von dem Ziele meiner
Hoffnungen gerückt; denn Ich dachte mir alle Mädchen als eng verbündet und
gleichsam eine Person, mit welcher man im ganzen gut stehen müsse, wenn man ein
Teilchen gewinnen wolle.
 
                               Siebentes Kapitel
Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt, und an seine Stelle
kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren, welches bald ein
Original in der Gegend wurde. Es war ein wunderhübsches Bürschchen mit
rosenroten Wänglein, einem kleinen lieblichen Munde, mit einem kleinen
Stumpfnäschen, blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Er nannte sich selbst
einen Philosophen, weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde, denn sein
Wesen und Treiben war in allen Stücken absonderlich. Mit einem vortrefflichen
Gedächtnisse begabt, hatte er die zu seinem Berufe gehörigen Kenntnisse bald
erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen
Philosophien abgegeben, welche er der Reihe nach auswendig lernte; der Direktor
dieser Anstalt war ein Mann, welcher seinen Zöglingen, obgleich sie nur
Volkslehrer werden sollten, gern zum allgemeinsten Wissen verhalf, wenn sie sich
durch Fleiss die nötige Zeit dazu erwarben. Das hatte freilich zur Folge, dass
alle, welche wirklich ein höheres und gründliches Wissen erreichten oder für
erreichbar hielten, so bald als möglich der Volksschule Valet sagten und andere
Bahnen verfolgten. Dies war indessen nur billig; wenn das Seminar dabei seinen
unmittelbaren Zweck verfehlte, so vergab es doch seiner Würde nichts, indem es
armen Bauerssöhnen die Welt auftat. Auch behielten diese, wenn sie ansehnliche
Gelehrte oder Staatsbeamte wurden, doch immer eine besondere Anhänglichkeit und
Liebe für die Volksschule, welcher sie sich anfänglich geweiht hatten, und was
dieser oft zu Schutz und Gedeihen gereichte.
    Aber es gab auch eine andere Art Wissbegieriger, welche, mehr vom äussern
Schein und Hochmut getrieben, vieles erschnappten, ohne Fe den rechten Schlüssel
zum wissenschaftlichen Leben zu finden, auch sonst behindert und ohne Talent,
Schulmeister bleiben mussten und manchmal tüchtige Lehrer abgaben, wenn sie
Eitelkeit und Unzufriedenheit überwunden, manchmal aber auch unnütze Gesellen
wurden, welche alle Liebe für ihren Beruf verloren, während sie doch von
jedermann die unbedingteste Hochachtung verlangten, ihre Zeit zwischen
Dorfintriguen und Kartenspiel teilten oder unausgesetzt um alle Mädchen im Lande
sich bewarben, die einige tausend Gulden zu erben hatten. Am liebsten heirateten
sie endlich, nach vielen verfehlten Plänen, irgendeine verwitwete
Schenkebesitzerin, wo sie alsdann als gelehrte Wirte stattlich figurierten,
froh, dem Schulstaube entronnen zu sein.
    Zu allen diesen gehörte jedoch der Philosoph nicht. Er behauptete, der beste
Volksschulmeister wäre nur derjenige, welcher auf dem höchsten und klarsten
Gipfel menschlichen Wissens stände, mit dem umfassenden Blicke über alle Dinge,
das Bewusstsein bereichert mit allen Ideen der Welt, zugleich aber in Demut und
Einfalt, in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den Kleinen, womöglichst mit den
Kleinsten. Demgemäss lebte er wirklich, aber dies Leben war seiner grossen Jugend
wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur. Gleich einem Stare wusste er alle
Systeme von Tales bis auf heute herzusagen, allein er verstand sie immer im
wörtlichsten und sinnlichsten Sinn, wobei besonders seine Auffassung der
Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte. Wenn er von Spinoza
sprach, so war ihm nicht etwa die Idee aller möglichen Stühle der Welt, als ein
Stück zweckmässig gebrauchter Materie, der Modus, sondern der einzelne Stuhl, der
gerade vor ihm stand, war ihm der fertige und vollständige Modus, in welchem die
göttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte, und der Stuhl wurde
dadurch geheiligt. Bei Leibniz fiel ihm nicht etwa die Welt in einem greulichen
Monadenstaub auseinander, sondern die Kaffeekanne auf dem Tisch, mit welcher er
gerade exemplierte, drohte auseinanderzugehen und der Kaffee, welcher im
Gleichnis nicht mitbegriffen, auf den Tisch zu fliessen, so dass der Philosoph
sich beeilen musste, durch die prästabilierte Harmonie die Kanne
zusammenzuhalten, wenn wir den erquickenden Trank geniessen wollten. Bei Kant
hörte man das göttliche Postulat so leibhaftig und zierlich erklingen wie ein
Postörnchen, aus der tiefen Ferne der innersten Brust; bei Fichte verschwand
wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in Auerbachs Keller, nur dass wir
nicht einmal an unsere Nasen glauben durften, welche wir in den Händen hielten;
wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes, als was der Mensch aus seinem
eigenen Wesen und nach seinen Bedürfnissen abgezogen und zu Gott gemacht hat,
folglich ist niemand als der Mensch dieser Gott selbst, so versetzte sich der
Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus und betrachtete sich selbst mit
anbetender Verehrung, so dass bei ihm, indem er die religiöse Bedeutung des
Wortes immer beibehielt, zu einer komischen Blasphemie wurde, was im Buche die
strengste Entsagung und Selbstbeschränkung war. Am drolligsten nahm er sich
jedoch aus in seiner Anwendung der alten Schulen, deren Lebensregeln er in
seinem äussern Behaben vereinigte. Als Cyniker schnitt er alle überflüssigen
Knöpfe von seinem Rocke, warf die Schuhriemen weg und riss das Band von seinem
Hute, trug einen derben Prügel in der Hand, welcher zu seinem zarten Gesichtchen
seltsam kontrastierte, und legte sein Bett auf den blossen Boden; bald trug er
sein schönes Goldhaar in langen, tausendfach geringelten Locken, weil die Schere
überflüssig sei, bald schnitt er es so dicht am Kopfe weg, dass man mit dem
feinsten Zängelchen kaum ein Härchen hätte fassen können, indem er die Locken
als schnöden Luxus erklärte, und er sah dann mit seinem geschorenen
Rosenköpfchen noch viel lustiger aus. Im Essen war er hinwieder Epikureer, und
die gewöhnliche Dorfkost verschmähend, schmorte er sich ein saures Eichhörnchen,
briet ein Fischchen oder eine Wachtel, die er gefangen hatte, und ass ausgesuchte
kleine Böhnchen, junge Kräutchen und dergleichen, wozu er ein halbes Gläschen
alten Wein trank. Als Stoiker hingegen richtete er allerhand spasshafte Händel an
und brachte die Leute in Harnisch, um in dem entstandenen Lärm dann einen kalten
Gleichmut zu behaupten und sich nichts anfechten zu lassen; insbesondere aber
erklärte er sich als einen Verächter der Frauen und führte einen beständigen
Krieg mit ihnen, welche mit ihren sinnlichen Reizen und ihrem eitlen Wesen die
Männer ihrer Tugend und Ernstaftigkeit berauben wollten. Als Cyniker verfolgte
er die Frauen und Mädchen überall mit Natürlichkeiten, als Epikureer mit
erotischen Witzen, und als Stoiker sagte er ihnen Grobheiten, war aber immer zu
finden, wo drei beieinanderstanden. Sie wehrten sich mit geräuschvollem
Entsetzen gegen ihn, so dass überall, wo er erschien, ein lustiger Spektakel
losging; nichtsdestominder sah man ihn überall gern, die Männer achteten nicht
auf ihn, und die Kinder hingen mit grosser Liebe an ihm; denn mit diesen war er
auf einmal wie ein Lamm und stand in dem reinsten und schönsten Verhältnisse zu
ihnen. Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen, und er tat dies so vortrefflich,
dass man noch nie einen so wohlgearteten und sittigen Schlag kleiner Jüngelchens
und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte. Deshalb übersah man seine übrigen
Geschichten, die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend zuschrieb, und
selbst dass er sich für einen Ateisten ausgab, konnte ihn der Gunst des
weiblichen Dorfes nicht berauben.
    Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein, wo eine gute Anzahl Mädchen
und junger Bursche, die durch vielfältigen Besuch noch verstärkt wurde, für
seine Aufführungen empfänglich war. Ich gesellte mich dem Philosophen bei,
einesteils von seinem Philosophieren angezogen, andernteils von seinem
Weiberkriege, da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mädchen
zusammentraf. Wir machten grosse Spaziergänge, auf welchen er mir die Systeme der
Reihe nach vortrug, wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte.
Es kam mir alles äusserst wichtig und erbaulich vor, und ich ehrte bald, gleich
ihm, jede Lehre und jeden Denker, gleichviel ob wir sie billigten oder nicht.
Über den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette
unsern Krieg gegen Pfaffen und Autoritätsleute jeder Art; als ich aber den
lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit
höchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte, da lachte ich ebenso
unbefangen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sache ernstlich zu
untersuchen. Ich sagte, am Ende wäre die Hauptformel einer jeden Philosophie,
und sei diese noch so logisch, eine ebenso grosse und greuliche Mystik wie die
Lehre von der Dreieinigkeit, und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner
persönlichen angeborenen Überzeugung, ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas
dazwischenreden zu lassen. Ausserdem dass ich nicht gewusst hätte, was ich anfangen
sollte ohne Gott, und ich die Ahnung hatte, dass ich einer Vorsehung im Leben
noch sehr benötigt sein würde, band mich ein künstlerisches Bewusstsein an diese
Überzeugung. Ich fühlte, dass alles, was Menschen zuwege bringen, seine Bedeutung
nur dadurch hat, dass sie es zuwege bringen konnten und dass es ein Werk der
Vernunft und des freien Willens ist; deshalb konnte mir die Natur, an die ich
gewiesen war, auch nur einen Wert haben, wenn ich sie als das Werk eines mir
gleich fühlenden und voraussehenden Geistes betrachten konnte. Ein
sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung
sein, wenn ich ihn mir durch ein ähnliches Gefühl der Freude und der Schönheit
geschaffen dachte. »Sehen Sie diese Blume«, sagte ich zum Philosophen, »es ist
gar nicht möglich, dass diese Symmetrie mit diesen abgezählten Punkten und
Zacken, diese weiss und roten Streifchen, dies goldene Krönchen in der Mitte
nicht vorhergedacht seien! Und wie schön und lieblich ist sie, ein Gedicht, ein
Kunstwerk, ein Witz, ein bunter und duftender Scherz! So was macht sich nicht
selbst!« - »Auf jeden Fall ist sie schön«, sagte der Philosoph, »sei sie gemacht
oder nicht gemacht! Fragen Sie einmal! Sie sagt nichts, sie hat auch nicht Zeit
dazu, denn sie muss blühen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kümmern! Denn das
sind alles Zweifel, was Sie vorbringen, Zweifel an Gott und schnöde Zweifel an
der Natur, und es wird mir übel, wenn ich nur einen Zweifler höre, einen
empfindsamen Zweifler! O weh!« Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren älterer
Leute gehört und brachte denselben wie ähnliche Gewandteiten, die er sich
angeeignet, gegen mich vor, so dass ich zuletzt immer geschlagen wurde; besonders
sagte er zuletzt immer, ich verstehe eben die Sache noch nicht und wüsste nicht
richtig zu denken, was mich dann gewaltig erboste, und wir gerieten manchmal in
grimmigen Zank. Doch vereinigten wir uns immer wieder, wenn wir mit den Mädchen
zusammentrafen, wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten, von allen
Seiten angegriffen. Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren
Sarkasmen siegreich zurück, wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr
gereizt waren, so ging der Krieg in Tätlichkeiten über; eine einzelne begann
damit, einem von uns unversehens ein Glas Wasser über den Kopf zu giessen, und
alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Gärten im Gange.
Andere Bursche machten sich schnell herbei, denn fünf bis sechs zornige Mädchen
waren eine zu reizende Gelegenheit für sie. Man warf sich mit Früchten, schlug
sich mit ausgerissenen Nesselstauden, suchte sich gegenseitig ins Wasser zu
drängen, wobei man ins allerengste Handgemenge kam, und ich war sehr verwundert,
die tollen Kinder so rührig und wehrbar zu finden. Wenn ich eine junge Wilde mit
aller Kraft umfasst hielt, um sie zu bändigen, während sie mich böslich zu
schädigen suchte, so stritt ich ganz ehrlich und tapfer, ohne irgendeinen
Nebenvorteil zu suchen, und ich wusste gar nicht, dass ich ein Mädchen in den Arm
presste. Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit; einst aber
entzündete sich der Streit in ihrer Gegenwart, ohne dass man es gewollt hatte;
sie suchte sich schleunigst zu salvieren, ich aber, der eben hitzig einer
anderen nachstellte, um sie für eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen, kriegte
plötzlich Anna zu fassen und liess erschrocken meine Hände sinken.
    So mutig ich an der Seite des Philosophen war, um so kleinlauter war ich,
wenn ich den Mädchen allein gegenüberstand, denn alsdann war keine Rettung, als
alles über sich ergehen zu lassen. Der Philosoph fürchtete sich vor dieser
Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hölle von zwölf
jungen und alten Weibern umher, und er triumphierte um so lauter, je übler er
von ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde, wenn er ihnen weiberschmähende
Aussprüche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf. Ich hingegen
räumte das Feld, wenn mir die Sache zu arg wurde, oder ich stellte mich, als ob
ich nicht ungeneigt wäre, mich belehren und bekehren zu lassen. Wenn ich
vollends mit einem der Mädchen ganz allein war, so wurde stets ein
Waffenstillstand geschlossen, und ich war immer halb bereit, unsere Sache zu
verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen. Jedoch muss ich diese
Neigung schlecht zu äussern gewusst haben, denn niemals schien man sie zu
bemerken, und ich musste zufrieden sein, sonst ein vernünftiges Wort zu wechseln.
Ich wünschte durch diesen gemässigten und freundlichen Verkehr allmählich dahin
zu gelangen, auch mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen, und
glaubte dies törichterweise immer am besten auf weitläufigem Wege zu
bewerkstelligen, indem ich mich an die anderen hielt, statt Anna einfach einmal
bei der Hand zu nehmen und anzureden. Allein dies letztere schien mir eben noch
himmelweit zu liegen und eine reine Unmöglichkeit; lieber hätte ich einen
Drachen geküsst, als so leichtsinnig die Schranke gebrochen, obgleich es
vielleicht nur an diesem Drachenkuss, an diesem ersten Worte hing, die schöne
Jungfrau Vertraulichkeit aus der Verzauberung wiederzugewinnen. Allein wer
konnte wissen! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler auf dem Dache!
Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten, als durch die beleidigte Ehre
genötigt zu sein, auf immer zu scheiden! Dadurch ward ich immer mehr und mehr
verhärtet, und zuletzt ward es mir unmöglich, das gleichgültigste Wort an Anna
zu richten; so kam es, als sie auch nichts zu mir sagte, dass nach einer sehr
stillschweigenden Übereinkunft wir füreinander gar nicht da waren, ohne uns
deswegen zu meiden. Sie kam ebensooft zu uns herüber, wenn ich da war, wie
sonst, und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor, wo sie sich dann
zufrieden herumzubewegen schien, ohne sich um mich zu bekümmern. Indessen kam es
mir wunderlich vor, dass kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien,
obgleich es doch gewiss auffallen musste, dass wir auch gar nie etwas zueinander
sagten. Die älteste Base, Margot, hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Müller
verlobt, welcher ein stattlicher Reitersmann war, die mittlere duldete offen die
Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes, und die jüngste, ein Ding von sechszehn
Jahren, welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebärdet,
war unmittelbar oder fast während eines der hitzigsten Gefechte überrascht
worden, wie sie in einer Laube sich schnell von dem Philosophen küssen liess; die
Wolken der Zwietracht hatten sich daher verzogen, der allgemeine Friede war
hergestellt, nur zwischen mir und Anna, welche nie im Kriege gelegen
miteinander, war auch kein Friede, oder vielmehr ein sehr stiller, denn unser
Verhältnis blieb sich immer gleich. Anna hatte die erste äussere Garnitur aus dem
Welschland schon abgelegt und war wieder frischer und freier geworden; allein
sie blieb doch ein feines und sprödes Kind, das überhaupt nicht viel sprach,
leicht beleidigt und gereizt wurde, was ein schnelles Erröten immer anzeigte,
und besonders stellte sieh ein leichter Stolz heraus, der sich mit etwas
Eigensinn verband. Diesem Charakter zufolge war sie unerbittlich und hätte eher
den Tod genommen, als dass sie sich durch das geringste Entgegenkommen etwas
vergeben hätte. Desto verliebter aber wurde ich mit jedem Tage, so dass ich mich
fortwährend mit ihr beschäftigte, wenn Ich allein war, mich höchst unglücklich
fühlte und sehnsüchtig träumend die Wälder und Höhen durchstreifte; denn da ich
nunmehr wieder der einzige war, welcher seine Liebe verbergen musste, wie ich
wenigstens glaubte, so ging ich auch vorzugsweise wieder allein und auf mich
selbst angewiesen. Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu, mit meinem
Handwerkszeuge versehen; allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur, sondern
wenn ich eine recht geheime Stelle gefunden, wo ich sicher war, dass niemand mich
überraschte, zog ich ein grosses schönes Stück Pergament hervor, auf welchem ich
Annas Bildnis aus dem Gedächtnis in Wasserfarben malte. Dies war für mich das
allergrösste Glück, wenn ich mich an einem klaren Spiegelwässerchen unter dichtem
Blätterdache so wohnlich eingerichtet hatte, das Bild auf den Knien. Ich konnte
nicht zeichnen, daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus, was ihm bei der
Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab. Jeden Tag
betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild, bis
es zuletzt ganz ähnlich wurde. Es war in ganzer Figur und stand in einem reichen
Blumenbeete, dessen hohe Blüten und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen
Himmel ragten; der obere Teil der Zeichnung war bogenförmig abgerundet und mit
Rankenwerk eingefasst, in welchem glänzende Vögel und Schmetterlinge sassen, deren
Farben ich noch mit Goldlichtern erhöhte. Alles dies sowie Annas Gewand, welches
ich phantasievoll bereicherte, war mir die angenehmste Arbeit während vieler
Tage, die ich im Walde zubrachte, und ich unterbrach diese Arbeit nur, um auf
meiner Flöte zu spielen, welche ich beständig bei mir führte. Auch des Abends,
nach Sonnenuntergang, ging ich oft mit der Flöte noch aus, strich hoch über den
Berg, bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag, und liess
dann meine selbsterfundenen Weisen oder auch ein schönes Liebeslied durch Nacht
und Mondschein ertönen. Hierauf schien kein Mensch zu achten oder sich
wenigstens so zu stellen; denn ich hätte sogleich aufgehört, wenn irgend jemand
sich darum bekümmert hätte, und doch suchte ich gerade dies und blies meine
Flöte wie einer, der gehört sein will. So gingen die Sommermonate vorüber; ich
verbarg das Bild sorgfältig und gedachte es noch lange zu verbergen, indem es
von jedermann als ein ziemlich deutliches Geständnis der Liebe angesehen werden
musste. An einem sonnigen Septembernachmittage, als der herbstliche Schein mild
auf dem Garten lag und das Gemüt zur Freundlichkeit stimmte, wollte ich eben
ausgehen, als ein ganz kleines Knäbchen mir die Botschaft brachte, ich möchte in
die grössere Gartenlaube kommen. Ich wusste, dass sämtliche Mädchen dort mit
Margots Aussteuer beschäftigt waren und dass Anna ihnen half; das Herz klopfte
mir daher sogleich, weil ich irgend etwas Angenehmes ahnte, doch ging ich erst
nach einer kleinen Weile mit gleichgültiger Miene hin. Die Mädchen sassen in
einem Halbkreise um das weisse Leinenzeug herum, unter dem grünen Rebendache, und
sie sahen alle schön und blühend aus. Als ich eintrat und fragte, was sie
begehrten, lächelten und kicherten sie eine Zeitlang verlegen, dass ich trotzig
schon wieder umkehren und weggehen wollte. Jedoch Margot ergriff das Wort und
rief »So bleib doch hier, wir werden dich nicht fressen!« und nachdem sie sich
geräuspert, fuhr sie fort »Es sind mannigfaltige Klagen über dich angesammelt,
und wir haben daher uns als eine Art Gerichtshof hieher gesetzt, um dich zu
richten und ins Verhör zu nehmen, lieber Vetter! und wir fordern dich hiemit
auf, uns auf alle Fragen treu, wahr und bescheiden zu antworten! Erstlich
wünschen wir zu wissen - je, was wollten wir denn zuerst fragen, Caton?« - »Ob
er gern Aprikosen esse«, erwiderte diese, und Lisette rief »Nein, wie alt er
sei, müssen wir zuerst fragen, und wie er heisse!« - »Bitte, macht euch nicht gar
zu unnütz«, sagte ich, »und rückt heraus mit eurem Anliegen!« Doch Margot sagte
»Kurz und gut, du sollst einmal sagen, was du gegen die Anna hast, dass du dich
so gegen sie benimmst?« - »Wieso?« antwortete ich verlegen, und Anna wurde ganz
rot und sah auf ihre Leinwand; Margot fuhr fort »Wieso? das möchte ich auch noch
fragen! Mit einem Wort was hast du für einen Grund, seit deiner Ankunft bei uns
kein Sterbenswörtchen zu Anna zu sagen und zu tun, als ob sie gar nicht in der
Welt wäre? Dies ist nicht nur eine Beleidigung für sie, sondern für uns alle,
und schon des öffentlichen Anstandes wegen muss es gehoben werden auf irgendeine
Weise; wenn Anna dich beleidigt hat, ohne es zu wissen, so erkläre es, damit sie
dir demütige Abbitte tun kann. Übrigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein
oder zu glauben, es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen! Einzig und allein
muss durch gegenwärtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt
werden!« Ich erwiderte, dass ich die Gründe für mein Benehmen gegen Anna angeben
könne, sobald sie mir diejenigen für ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle,
indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rühmen könne. Auf
diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer könne immer noch tun, was sie
wolle; jedenfalls müsste ich den Anfang machen, worauf dann Anna sich
verpflichten würde, in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden
Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen.
    Dies liess sich hören und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein, in
welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte; es klang
mir wie ein angenehmer Beweis davon, dass es gut sei, wenn sie eine Sache
wohlwollend an die Hand nähmen. Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht,
und ich bildete mir gleich ein, dass man mich sehr nötig habe. Lächelnd erwiderte
ich, dass ich mich einem vernünftigen Wort gern füge und dass ich nichts Besseres
verlange, als mit aller Welt in Frieden zu leben. Nun stand ich aber wieder da,
ohne Anna weiter anzusehen, welche emsig nähte. Lisette ergriff nun das Wort und
sagte »Um einen Anfang zu machen, gib mm der Anna die Hand und versprich ihr mit
deutlichen Worten, jedesmal, wo du mit ihr zusammentriffst, sie mit ihrem Namen
zu grüssen und sie zu fragen, wie es ihr geht; hiebei soll festgesetzt sein, dass
jedesmal, wo du sie zuerst an dem Tage siehst, die Hand gereicht werde, wie es
unter Christen gebräuchlich ist!« Ich näherte mich Anna, hielt meine Hand hin
und sprach eine verworrene kleine Rede; ohne aufzusehen, gab sie mir die Hand,
wobei sie die Nase ein bisschen rümpfte und ein wenig lächelte. Als ich hierauf
mich aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder: »Geduld, Herr Vetter!
Es kommt nun der zweite Punkt, welcher zu erledigen ist.« Sie schlug die Tücher,
welche den Tisch bedeckten, auseinander und entüllte mein Bild Annas. »Wir
wollen«, fuhr sie fort, »nicht lange erörtern, wie wir zu diesem geheimnisvollen
Werke gelangt, genug, es ist entdeckt, und wir wünschen nun zu wissen, mit
welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mädchen ohne ihr Wissen abkonterfeit
werden?«
    Anna hatte einen flüchtigen Blick auf das bunte Pergament geworfen und sass
ebenso verlegen und unruhig da, als ich beschämt und trotzig war. Ich erklärte,
dass das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung
darüber schuldig wäre, gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im
verborgenen liege, wo ich künftig meine Sachen zu lassen bitte. Damit wollte ich
meine Zeichnung ergreifen; allein die Mädchen deckten sie schleunig mit Leinwand
zu und türmten die ganze Aussteuer darauf. Es könne ihnen nicht gleichgültig
sein, sagten sie, ob ihre Bildnisse heimlich und zu unbekanntem Zwecke
angefertigt würden. Ich müsste also bestimmt erklären, für wen ich besagtes Werk
angefertigt habe oder was ich damit zu machen gedenke; denn dass ich es für mich
behalten wolle, sei nach meinem bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen, auch
wäre dies nicht zu gestatten. »Die Sache ist sehr einfach«, erwiderte ich
endlich, »ich habe dem Schulmeister, Annas Vater, eine kleine Freude zu seinem
Namenstage machen wollen und gedachte dies am besten durch ein Porträt seiner
Jungfer Tochter zu erreichen; habe ich damit unrecht getan, so tut es mir leid,
ich werde es nicht wieder tun! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines
Hauses und Gartens am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten, mir
verschlägt es nichts?«
    Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes, das mir auch
der Mühe und Arbeit wegen lieb geworden war, zugleich aber schnitt ich der
unbequemen Verhandlung den Faden ab, indem die Mädchen hiegegen nichts mehr
einzuwenden wussten und meine aufmerksame Gesinnung für den Schulmeister noch zu
loben veranlasst wurden. Doch beschlossen sie, das Pergament aufzubewahren bis
zum bestimmten Tage, wo wir es sämtlich dem Schulmeister feierlich überbringen
würden. So kam ich um meinen Schatz, verhehlte aber meinen Verdruss, indessen die
kleine Caton, noch nicht zufrieden, wieder anfing »Ihm verschlägt es nichts! ob
er das Haus zeichne oder Anna, sagte er! Was soll das wohl heissen?« Und Margot
erwiderte »Das soll heissen, dass er ein hochmütiger Gesell ist, welchem ein Haus
und ein schönes Mädchen gleich unbedeutend sind! Hauptsächlich aber soll es
heissen Glaubt ja nicht etwa, dass ich das mindeste besondere Interesse an diesem
Gesichtchen hatte, als ich es malte! Dies ist eine neue Beleidigung, und der
armen Anna gebührt eine glänzende Genugtuung!« Margot zog nun ein
zusammengefaltetes Blatt aus dem Busen, entfaltete es und beauftragte Lisette,
es laut und feierlich vorzulesen. Ich war sehr begierig, was es sein möchte,
Anna wusste ebenfalls nicht, was das bedeute, und sah ein wenig auf; nach den
ersten Worten aber erkannte ich, dass es meine Liebeserklärung aus dem
Bienenhause war. Es wurde mir kalt und heiss während des Lesens, Anna kam, soviel
ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, erst nach und nach auf die Spur, die
übrigen Mädchen, welche anfangs übermütige und lachende Gesichter zeigten,
wurden durch die Stille während des Lesens und durch die ehrliche Schönheit und
Kraft jener Worte betroffen und beschämt, und sie erröteten der Reihe nach, wie
wenn die Erklärung sie selber betroffen hätte. Indessen gab mir die Angst schon
eine neue List ein, die Angst, welche ich vor dem Verklingen des letzten Wortes
hatte. Als die Leserin schwieg, selbst in nicht geringer Verlegenheit, sagte ich
so trocken als möglich »Teufel! das kommt mir ganz bekannt vor, zeigt einmal
her! - Richtig! das ist ein altes Blatt Papier, von mir beschrieben!«
    »Nun? weiter?« sagte Margot etwas verblüfft, denn sie wusste nun ihrerseits
nicht, wo es hinaussollte. »Wo habt ihr das gefunden?« fuhr ich fort, »das ist
ein Stück Übersetzung aus dem Französischen, das ich schon vor zwei Jahren hier
im Hause gemacht habe. Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten
Schäferroman, der im Dachstübchen liegt bei den alten Degen und Folianten; ich
habe damals statt des Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spasse. Hole
einmal das Buch herunter, kleine Caton! ich will euch die Stelle französisch
vorlesen.«
    »Hol einmal selbst, kleiner Heinrich, wir sind gerade gleich alt!« versetzte
die Kleine, und die übrigen machten ganz enttäuschte Gesichter, da meine
Erfindung zu natürlich und wahrhaft ansah. Nur Anna musste wissen, dass die
Erklärung doch ausschliesslich an sie gerichtet war, weil sie allein an der
Berufung auf das Grab der Grossmutter erkennen konnte, dass Stoff und Datum neu
waren. Sie rührte sich nicht. So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch
noch an seine rechte Bestimmung gelangt, und ich konnte seine Wirkung sich
selbst überlassen, ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne
dass die Mädchen einen Triumph davon hatten. Ich wurde so sicher und kühn, dass
ich das Papier nahm, zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen
Verbeugung und den Worten überreichte »Da man dieser Stilübung einmal einen
höhern Zweck zugeschrieben hat, so geruhen Sie, verehrtes Fräulein! dem irrenden
Blatte ein schützendes Obdach zu geben und dasselbe als eine Erinnerung an
diesen denkwürdigen Nachmittag von mir anzunehmen!« Sie liess mich erst eine
Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen; erst als ich eben links
abschwenken wollte, nahm sie es rasch und warf es neben sich auf den Tisch.
    Mein Witz war indessen zu Ende, und ich suchte mit guter Manier aus der
Laube zu kommen. Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich,
sämtliche Mädchen standen zierlich auf und entliessen mich unter
spöttisch-höflichen Verneigungen. Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle, dass
sie mich nicht gedemütigt und untergekriegt hatten, die Höflichkeit von der
Achtung, welche ihnen mein Benehmen einflösste; denn während das Bild sowohl wie
das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten,
war ich doch nicht aufdringlich und schwächlich mit derselben und hatte trotz
der Öffentlichkeit der Verhandlung das eigentliche zarte Geheimnis so zu
schützen gewusst, dass unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich, sondern auch
Anna die volle Freiheit behalten hatte, anzuerkennen, was ihr beliebte.
    Höchst zufrieden zog ich mich in das Dachstübchen zurück, wo ich meinen Sitz
aufgeschlagen hatte, und verträumte dort eine kleine Stunde in der grössten
Seligkeit. Anna kam mir so liebenswert und köstlich vor wie noch niemals, und
indem mein eigensüchtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte,
bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fühlte eine Art zärtlichen
Mitleidens mit ihr. Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich,
da die Septembersonne sich schon zu neigen begann, dem Garten zu, um dem Tage
die Krone aufzusetzen und zu sehen, ob ich Anna nach Hause geleiten könnte, zum
ersten Male wieder seit den schönen Kindertagen. Sie aber war schon fort und
allein über den Berg gegangen, die Basen räumten ihre Arbeit zusammen und taten
sehr gleichmütig und ruhig, ich überblickte den leeren Tisch, hütete mich aber
wohl zu fragen, ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe, und schlenderte
das Tal hinauf in den Schatten hinein, unmutig wie einer, welcher von einem
fröhlichen Mittagsmahle kommt und nicht weiss, wie er den Abend zubringen soll;
denn ich dachte nicht daran, dass Anna, wenn sie mich liebte, nun ja auch allein
über den Berg wanderte.
    Die nächsten Tage kam sie nicht zu uns, und ich getraute mir auch Nicht zum
Schulmeister zu gehen; sie hatte nun ein schriftliches Geständnis von mir in den
Händen, weswegen mir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser
Benehmen schwieriger schien, weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklärung
wohl fühlte. Ich sehnte mich auch nicht sowohl nach einer Erwiderung von ihrer
Seite als nach einem schweigenden und ruhigen Einverständnis und nach sicheren
Zeichen, dass nicht etwa eine andere Neigung in ihrem Herzchen entstanden sei.
Wie nun ein Tag nach dem andern vorüberging, verschwand meine vergnügte
Sicherheit wieder, besonders da ich gar keinerlei Erwähnung und Spuren von dem
Vorgange in der Laube erfuhr, und Ich war eben wieder auf dem Punkte, in meinem
Herzen trotzig zu verstocken, als der Namenstag des Schulmeisters, welchen ich
in der Not angerufen hatte, wirklich da war und die Bäschen erklärten, wir
würden auf den Abend alle hingehen, um ihn zu beglückwünschen. Erst jetzt bekam
ich mein Bild wieder zu sehen, welches ganz fein eingerahmt war. An einem
verdorbenen Kupferstiche hatten die Mädchen einen schmalen, in Holz auf das
zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden, welcher wohl siebenzig Jahr alt sein
mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von Müschelchen
vorstellte, von denen eins das andere halb bedeckte. An der inneren Kante lief
eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum, fast ganz freistehend, die
äussere Kante war mit einer Perlenschnur umzogen. Der Dorfglaser, welcher
allerlei Künste trieb und besonders in verjährten Lackierarbeiten auf
altmodischem Schachtelwerk stark war, hatte den Muscheln einen rötlichen Glanz
gegeben, die Kette vergoldet und die Perlen versilbert und ein neues klares Glas
genommen, so dass ich höchst erstaunt war, meine Zeichnung in diesem Aufputze
wiederzufinden. Sie erregte die Bewunderung aller ländlichen Beschauer, und
besonders meine Blumen und Vögel sowie die Goldspangen und Edelsteine, womit Ich
Anna geschmückt, auch die fromme und sorgfältige Ausarbeitung ihrer Haare und
ihrer weissen Halskrause, die schönblauen Augen und die rosenroten Wangen, der
tiefrote Mund, alles entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute, welche ihre
Augen an den mannigfaltigen Gegenständen vergnügten. Das Gesicht war fast gar
nicht modelliert und ganz licht, und dies gefiel ihnen nur um so mehr, obgleich
dieser vermeintliche Vorzug in meinem Nichtkönnen seinen einzigen Grund hatte.
    Ich musste das allerherrlichste Werk eigenhändig tragen, als wir fortgingen,
und wenn die Sonne sich in dem glänzenden Glase spiegelte, so erwies es sich
recht eigentlich, dass kein Fädelein so fein gesponnen, das nicht endlich an die
Sonne käme. Auch machten die Mädchen reichliche Witze, wenn sie sich nach mir
umsahn, der den Rahmen sorgfältig in acht nehmen musste und daher aussah, als ob
ich ein Palladium im Schweisse meines Angesichts über den Berg trüge. Aber die
Freude, welche der Schulmeister bezeugte, entschädigte mich reichlich für alles
sowie über den Verlust des Bildes, zumal ich mir vornahm, für mich selbst noch
ein viel schöneres zu entwerfen. Ich war der Held des Tages, als das Bild nach
genugsamem Betrachten über dem Sofa im Orgelsaale aufgehängt wurde, wo es sich
wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm. Doch dies alles trug
dazu bei, meine Annäherung zu Anna zu erschweren; es war mir unmöglich, diese
Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schönzutun, ich begriff ebenfalls, dass sie
jetzt eben sich sehr gemessen benehmen musste, und ich erkannte, dass es
eigentlich gar kein Spass sei, einem Mädchen seine Neigung so bestimmt kundzutun.
Desto besser stand ich mit dem Schulmeister, mit welchem ich vielfach
disputierte. Sein Bildungskreis umfasste hauptsächlich das christlich moralische
Gebiet in einem halb aufgeklärten und halb mystisch andächtigen Sinne, wo der
Grundsatz der Duldung und Liebe, gegründet auf Selbsterkenntnis und auf das
Studium des Wesens Gottes und der Natur, zu oberst stand. Daher war er sehr
bewandert in den memoirenartigen Schriften geistreich andächtiger Leute aus
verschiedenen Nationen, und er besass und kannte seltene und berühmte Bücher
dieser Art, die ihm die Überlieferung gleicher Bedürfnisse in die Hände gegeben
hatte. Es war viel Schönes, Vornehmes und allgemein Wahres zu lesen in diesen
Büchern, und ich hörte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vorträgen zu,
indem das Grübeln nach dem Wahren und Guten mich immer mehr anzog. Meine
Einsprachen bestanden darin, dass ich gegen das Christliche protestierte, welches
das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte. Ich befand mich in dieser
Hinsicht in einem peinlichen Zerwürfnisse. Während ich die Person Christi
liebte, wenn sie auch, wie ich glaubte, in der Vollendung, wie sie dasteht, eine
Sage sein sollte, und während ich vielfach das Wohltuende ihrer Erinnerung
empfand, war ich doch gegen alles, was sich christlich nannte, ganz feindlich
gesinnt geworden, ohne recht zu wissen warum, und ich war sogar froh, diesen Hass
zu empfinden; denn wo sich Christentum geltend machte, war für mich reizlose und
graue Nüchternheit. Ich ging deswegen schon seit ein paar Jahren nicht mehr in
die Kirche als an hohen Festtagen, und die christliche Unterweisung besuchte ich
sehr selten, obgleich ich gesetzlich dazu verpflichtet war; im Sommer kam ich
durch, weil ich grösstenteils auf dem Lande lebte, im Winter ging ich zwei- oder
dreimal, und man schien dies nicht zu bemerken, wie man mir überhaupt keine
Schwierigkeiten machte, aus dem einfachen Grunde, weil ich der grüne Heinrich
hiess, d.h. weil ich meiner ganzen Vergangenheit nach eine abgesonderte und
abgeschiedene Erscheinung war; auch machte ich ein so finsteres Gesicht dazu,
dass die Geistlichen mich gern gehen liessen. So genoss ich einer vollständigen
Freiheit und, wie ich glaube, nur dadurch, dass ich mir dieselbe, trotz meiner
Jugend, entschlossen angemasst; denn ich verstand durchaus keinen Spass hierin.
Jedoch ein- oder zweimal im Jahre musste ich genugsam für dieselbe bezahlen, wenn
nämlich an mich die Reihe kam, in der Kirche »aufzusagen«, d.h. in der
öffentlichen Kinderlehre nach vorhergegangener Einübung einige auswendig
gelernte Fragen zu beantworten und schliesslich eine Liederstrophe herzusagen.
Dies war vor vielen Jahren schon eine Pein für mich gewesen, nun aber geradezu
unerträglich; und doch unterzog ich mich dem Gebrauche oder musste es vielmehr,
da, abgesehen von dem Kummer, den ich meiner Mutter gemacht hätte, das endliche
gesetzliche Loskommen daran geknüpft war. Auf die nächste Weihnacht sollte ich
nun konfirmiert werden, was mir ungeachtet der gänzlichen Freiheit, welche mir
nachher winkte, grosse Sorgen verursachte. Daher äusserte ich mein Antichristentum
jetzt gegen den Schulmeister mehr, als ich sonst getan haben würde, obgleich es
in ganz anderer Weise geschah, als wenn ich mit dem Philosophen zusammen war;
ich musste nicht nur den Vater Annas, sondern überhaupt den bejahrten Mann ehren,
und besonders seine duldsame und liebevolle Weise schrieb mir von selber vor,
mich in meinen Ausdrücken mit Mass und Bescheidenheit zu benehmen und sogar die
Voraussetzung, dass ich als ein junger Bursche noch was zu lernen möglich fände,
nicht aufzugeben. Auch war der Schulmeister eher froh über meine abweichenden
Meinungen, indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er Ursache
fand, mich förmlich liebzugewinnen, der Mühe wegen, die ich ihm machte. Er
sagte, es sei ganz in der Ordnung, ich sei wieder einmal ein Mensch, bei welchem
das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein würde, und
werde noch ein rechter Christ werden, wenn ich erst etwas erfahren habe. Der
Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und behauptete, ihre
gegenwärtigen Diener wären unwissende und rohe Menschen. Ich habe ihn aber ein
wenig im Verdacht, dass dies nur darin seinen Grund hatte, dass sie Hebräisch und
Griechisch verstanden, was ihm verschlossen war. Ich lernte bei ihm viele Bücher
kennen, die wieder eine ganz andere Welt entielten als diejenigen des
Philosophen, welcher ein mächtiges Zuckerfass voll philosophischer Bücher ins
Dorf gebracht hatte.
    Indessen war die Ernte längst vorüber, und ich musste an die Rückkehr denken.
Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Töchter
mitnehmen, von denen die zwei jüngeren noch gar nie dort gewesen. Er liess eine
alte Kutsche bespannen, welche seit Menschengedenken im Wirtshause stand, und so
fuhren wir davon, die Töchter in ihrem besten Staate, zum Erstaunen aller
Dorfschaften, durch welche wir kamen. Der Oheim fuhr am gleichen Tage mit Margot
zurück, Lisette und Caton blieben eine Woche bei uns, wo die Reihe an ihnen war,
die Blöden und Schüchternen zu spielen, denn ich zeigte ihnen mit wichtiger
Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat, als ob mir dies alles gehörte.
Nicht lange nachdem sie fort waren, kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor
unser Haus gerollt, und heraus stiegen der Schulmeister und sein Töchterchen,
letzteres durch einen fliegenden grünen Schleier gegen die scharfe Herbstluft
geschützt. Eine lieblichere Überraschung hätte mir gar nicht widerfahren können,
und meine Mutter hatte die grösste Freude an dem guten Kinde. Der Schulmeister
wollte sich umsehen, ob für den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wäre,
indem er doch allmählich sein Kind mit der Welt mehr in Berührung bringen musste,
um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu lassen. Es sagte ihm jedoch
keine Gelegenheit zu, und er behielt sich vor, lieber im nächsten Jahre ein
kleines Haus in der Nähe der Stadt zu kaufen und ganz überzusiedeln. Diese
Aussicht erfüllte mich teils mit Freuden, teils aber hätte ich mir Anna doch
lieber für immer als das Kleinod jener grünen entlegenen Täler gedacht, die mir
einmal so lieb geworden. Indessen habe ich das heimliche Vergnügen, zu sehen,
wie meine Mutter Freundschaft schloss mit Anna und wie diese ebenso tiefen
Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte und zu meiner allergrössten
Genugtuung gern zu zeigen schien. Wir wetteiferten nun förmlich, ich, dem
Schulmeister meine Achtung darzutun, und sie meiner Mutter, und über diesem
angenehmen Streite fanden wir keine Zeit, miteinander selbst zu verkehren, oder
wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander. So schieden sie von uns, ohne
dass ich mit ihr einen einzigen besondern Blick gewechselt hätte.
    Nun rückte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest. Wöchentlich
dreimal früh um fünf Uhr musste ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen, wo in
einer langen schmalen riemenförmigen Stube an vierzig junge Leute zur
Konfirmation vorbereitet wurden. Wir waren Jünglinge, wie man uns nun nannte,
aus allen Ständen; am obern Ende, wo einige trübe Kerzen brannten, die Vornehmen
und Studierenden, dann kam der mittlere Bürgerstand, unbefangen und mutwillig,
und zuletzt, ganz in der Dunkelheit, arme Schuhmacherlehrlinge, Dienstboten und
Fabrikarbeiter, etwas roh und schüchtern, unter denen nur dann und wann eine
plumpe Störung vorfiel, während weiter oben man sich mit Geschicklichkeit
fortwährend unruhig verhielt. Diese Ausscheidung war gerade nicht absichtlich
angeordnet, sondern sie hatte sich von selbst gemacht. Wir waren nämlich nach
unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet; da nun die Vornehmsten von
Haus aus zum äussern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden und die meiste
Sicherheit im Sprechen besassen und dies Verhältnis durch alle Grade
herunterging, so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natürlich, besonders
da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und durchaus
nicht sich unter die anderen Stände mischen wollten. Es geziemte sich auch, dass
diejenigen, welche vermöge ihrer Verhältnisse darauf gewiesen waren, als Männer
einst in der Kirche eine Stütze für ihre politischen und sozialen Grundsätze und
einen Schutz für das »Eigenturn« zu finden, in dieser geweihten Werkstätte des
Christentumes obenan sassen und sich aufmerksam verhielten, während dem
gezeichneten Häuflein, welchem eingeprägt werden musste, dass Christi Reich nicht
von dieser Welt sei, zur heilsamen Übung auch hier der unterste Platz gebührte.
    Schon das pünktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen,
an regelmässigen Tagen, und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir
unerträglich, da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr geübt. Nicht dass
ich gänzlich unfügsam war für irgendeine Disziplin, wenn ich einen notwendigen
und vernünftigen Zweck einsah; denn als ich zwei Jahre später meiner
Militärpflicht genügen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am
Sammelplatze einfinden musste, um mich nach dem Willen eines versoffenen
Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen, da tat ich
dies mit dem grössten Vergnügen und war ängstlich bestrebt, mir das Lob des alten
Kommissbruders zu erwerben. Allein hier galt es, sich zur Verteidigung des
Vaterlandes und seiner Freiheit fähig zu machen; das Land war sichtbar, ich
stand darauf und nährte mich von seiner Frucht. - Dort aber musste ich mich
gewaltsam aus Schlaf und Traum reissen, um in der düsteren Stabe zwischen langen
Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jünglinge das allerfabelhafteste
Traumleben zu führen unter dem eintönigen Befehl eines weichlichen
Schwarzrockes, mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte.
    Was unter fernen östlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben,
teils von heiligen Träumern geträumt und niedergeschrieben worden war, ein Buch
der Sage, zart und luftig und weise wie alle Sage, das wurde hier als das
höchste und ernstafteste Lebenserfordernis, als die erste Bedingung, Bürger zu
sein, Wort für Wort durchgesprochen und der Glaube daran auf das genaueste
reguliert. Die wunderbarsten Ausgeburten menschlicher Phantasie, bald heiter und
reizend, bald finster, brennend und blutig, aber immer durch den Duft einer
entlegenen Ferne gleichmässig umschleiert, mussten als das wirklichste und
festeste Fundament unseres ganzen Daseins angesehen werden und wurden uns nun
zum letzten Male und ohne allen Spass bestimmt erklärt und erläutert, zu dem
Zwecke, im Sinne jener Phantasien ein wenig Wein und ein wenig Brot am
richtigsten geniessen zu können; und wenn dies nicht geschah, wenn wir uns dieser
fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder ohne Überzeugung unterwarfen, so
waren wir ungültig im Staate, und es durfte keiner nur eine Frau nehmen. Von
Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so geübt, und die verschiedene Auslegung der
poetischen Vorstellung hatte Schon ein Meer von Blut gekostet, der jetzige
Umfang und Bestand unseres Staates war grösstenteils eine Folge jener Kämpfe, so
dass für uns die Welt des Traumes auf das engste mit der merklichsten und
greifbarsten Wirklichkeit verbunden war. Was als geschichtliches Dokument
vergangener Geistesträume von der grössten poetischen Meisterschaft und
künstlerischen Vernunftmässigkeit war, wenn man es unbefangen betrachten durfte,
das wurde als aufgedrungene gegenwärtige Realität mit einem Schlage zu einem
beängstigenden Unsinn, und es ward mir zu Mute, wenn Ich den widerspruchlosen
Ernst sah, mit welchem ohne Mienenverzug das Fabelhafte behandelt wurde, als ob
von alten Leuten ein Kinderspiel mit Blumen getrieben würde, bei welchem jeder
Fehler und jedes Lächeln Todesstrafe nach sieh zog.
    Welchen Boden die ausgestreute Lehre in dem Herzen jedes einzelnen fand, war
Nicht zu merken. Alle hatten von Kindheit auf die gleichen Worte und Bilder des
Christentumes gehört, immer ein wenig deutlicher; alle fühlten jetzt, dass man
nun das wahre Verständnis von ihnen verlange als ein Hauptkennzeichen ihrer
Menschlichen Tauglichkeit und als eine Hauptbedingung ihrer Glückseligkeit, aber
alle setzten dem beredten Lehrer ein farbloses und stummes Schweigen entgegen,
durch ihre knappen Antworten nur dürftig unterbrochen. Die starrsinnigen
Knüppelstirnen sowohl wie die glatten und heiteren, die engherzig schmalen und
niederen wie die hohen freien Wölbungen, diejenigen Stirnen, welchen in der
Mitte nur ein Knöpfchen fehlte, um ganz ein viereckiges Schublädchen
vorzustellen, wie diejenigen, welche in edler Rundung eine ganze runde Welt
abbildeten, alle waren in der gleichen kühlen Ruhe gesenkt; weder der künftige
Freigeist noch der künftige Fanatiker gaben ein Zeichen ihrer Natur von sich,
weil der grösste Proselytenmacher, das Menschenschicksal, nicht mit in der Stube
war. Doch waren alle einstweilen aufmerksam, und ich selbst merkte wohl auf die
inneren christlichen Grundlehren, während ich auf das wunderbare Gewand
derselben, auf die biblischen Gestaltungen der göttlichen Persönlichkeiten,
nicht achtete, und ich weiss mich nicht einmal einer Zeit zu entsinnen, wo ich
darauf geachtet oder angefangen hätte, nicht daran zu glauben. Desto mehr hatte
ich in meinem Herzen gegen jenen innern Gehalt zu eifern, welcher uns einzig
unter der Bedingung zu gut kommen sollte, dass wir an die äussere Gestalt
glaubten, und mein Herz behauptete, dass es jenen Gehalt mit auf die Welt
gebracht habe, soweit er brauchbar sei, und dass der Erlöser in ihm erwache,
sobald nur ein zweites Herz hinzukomme. Meine unchristliche und ungeistliche
Gesinnung war mir damals nicht klar, und ich hielt mich halb und halb selbst für
unfromm und lachte dazu, indem ich dabei doch keinerlei Schuld empfand. Die
Sache war aber die, dass ich schon lebhaft fühlte, dass jener angeborene und
berechtigte Gehalt viel zu zarter Natur war, als dass er in eine Staatsreligion
gespannt oder auch nur mit einem andern als dem schlechtweg menschlichen oder
göttlichen Namen bezeichnet werden könnte.
    Das erste, was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und
worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete, war das Erkennen und Bekennen
der Sündhaftigkeit. Diese Lehre traf auf eine verwandte Richtung in mir, welche
tief in meiner Natur begründet ist, wie in derjenigen jedes ordentlichen
Menschen; sie besteht darin, dass man jeden Augenblick sich selbst klaren Wein
einschenken soll, nie und in keiner Weise sich einen blauen Dunst vormachen,
sondern das Unzulängliche und Fratzenhafte, das Schwache und Schlimme sich und
andern offen eingestehen. Der natürliche Mensch betrachtet sich selbst als einen
Teil vom Ganzen und darum ebenso unbefangen wie dieses oder einen andern Teil
desselben; daher darf er sich ebenso wichtig und erbaulich vorkommen wie alles
andere, sich selbst unbedenklich hervorkehren, wenn er nur zu gleicher Zeit
jedes kranke Pünktchen an sich selbst ebenso genau sieht und ins Licht setzt.
Ferner muss man die besonderen Umstände seiner Fehler oder Vergehen in Betracht
ziehen und die jedesmalige Verantwortlichkeit feststellen, welche immer eine
andere ist; denn das gleiche Vergehen kann bei dem einen Menschen fast
unbedeutend sein, während es für den andern eine Sünde ist; ja für ein und
denselben Menschen ist es zu der einen Stunde unverzeihlicher und schwerer als
zu der anderen Stunde. Das richtige und augenblickliche Erkennen ist nicht eine
weitläufige und schwerfällige Kunst oder Übung, sondern eine ganz leichte,
flüssige und schmiegsame, weil jeder alsbald recht wohl weiss, wo ihn der Schuh
drückt. Das eine Mal besteht unser Vergehen nur darin, dass wir nicht auf der Hut
waren und in der selbstbeherrschenden Haltung, welche wir uns nach dem Grade
unserer Einsicht, Fähigkeit und Erfahrung zu eigen gemacht und welche bei jedem
wieder einen andern Massstab verlangt, nachgelassen haben, ohne dessen
innezuwerden; das andere Mal besteht aber das Vergehen so recht in und durch
sich selbst, indem wir es uns in der vollen Gegenwart unserer Einsicht und
Erfahrung zuschulden kommen lassen. Alsdann geht die Sünde sozusagen mit der
Erkenntnis und Reue zusammen, und es gibt allerdings eine Hälfte Menschen,
welche ihr Leben hindurch an der einen Hand die Sünde, an der anderen Hand die
Reue gleichzeitig fahren, ohne sich je zu ändern; aber ebenso gewiss gibt es eine
Hälfte, welche im Verhältnis zu ihrer Erfahrung und Verantwortlichkeit in einem
gewissen Grade von Schuldlosigkeit lebt, und jeder einzelne, wenn er sich recht
besinnen will, kennt gewiss einzelne, bei welchen diese Schuldlosigkeit zu
völliger Reinheit wird. Möge nun dieses auch eine blosse Folge von
zusammengetroffenen glücklichen Umständen sein, so dass solche Erscheinungen zum
Beispiel durch ein passives Fernsein vom Bösen von jeher schuldlos blieben warum
denn nicht ebenso gern an eine Unschuld des Glückes, ja der Geburt glauben als
an eine Schuld des Missgeschickes, der Vorherbestimmung? Solchen Glücklichen,
welche, ohne zu wissen warum und wie, gerecht und rein sind, die Phantasie
verderben und verunreinigen mit dem Gedanken angeborener ekler Sündlichkeit, ist
im höchsten Grade unnütz und abgeschmackt, und wenn man nicht zu ihnen gehört,
für sich selber das Bekenntnis der Sünden professionsmässig betreiben, verwandelt
jene natürliche und unbefangene Selbsterkenntnis mit einem Schlage in ein
manieriertes Zopftum, aus welchem mich eine unsägliche frostige Nüchternheit und
Schlaffheit anweht. Daher gedeiht diese Lehre am besten bei den entnervten und
erschöpften Seelen; denn die Manierierteit ist der Zeremonienmeister des
Unvermögens auf jedem Gebiete, und sie ist es, welche die frischen Geister von
jedem Gebiete wegscheucht, wo sie sich breitmacht.
    Nach der Lehre von der Sünde kam gleich die Lehre vom Glauben, als der
Erlösung von jener, und auf sie ward eigentlich das Hauptgewicht des ganzen
Unterrichtes gelegt; trotz aller Beifügungen, wie dass auch gute Werke vonnöten
seien, blieb der Schlussgesang doch immer und allein der Glaube macht selig! und
dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten, wandte der
geistliche Mann die möglichst annehmliche und vernünftig scheinende Beredsamkeit
auf. Wenn ich auf den höchsten Berg laufe und den Himmel abzähle, Stern für
Stern, als ob sie ein Wochenlohn wären und ich sie sämtlich in der Hosentasche
hätte, so kann ich darunter kein Verdienst des Glaubens entdecken, und wenn ich
mich auf den Kopf stelle und den Maiblümchen unter den Kelch hinaufgucke, so
kann ich nichts Verdienstliches am Glauben ausfindig machen. Wer an eine Sache
glaubt, kann ein guter Mann sein, wer nicht, ein ebenso guter. Wenn ich zweifle,
ob zwei mal zwei vier seien, so sind es darum nicht minder vier, und wenn ich
glaube, dass zwei mal zwei vier seien, so habe ich mir darauf gar nichts
einzubilden, und kein Mensch wird mich darum loben. Wenn Gott eine Welt
geschaffen und mit denkenden Wesen bevölkert hätte, darauf sich in einen
undurchdringlichen Schleier gehüllt, das geschaffene Geschlecht aber in Elend
und Sünde verkommen lassen, hierauf einzelnen Menschen auf ausserordentliche und
wunderbare Weise sich offenbart, auch einen Erlöser gesendet unter Umständen,
welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen werden konnten, von dem
Glauben daran aber die Rettung und Glückseligkeit aller Kreatur abhängig gemacht
hätte, alles dieses nur, um das Vergnügen zu geniessen, dass an Ihn geglaubt
würde, Er, der seiner doch ziemlich sicher sein dürfte so würde diese ganze
Prozedur eine gemachte Komödie sein, welche für mich dem Dasein Gottes, der Welt
und meiner selbst alles Tröstliche und Erfreuliche benähme. Glaube! O wie
unsäglich blöde klingt mich dies Wort an! Es ist die allerverzwickteste
Erfindung, welche der Menschengeist machen konnte in einer zugespitzten
Lammslaune! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung bedürftig und gewiss
bin, wie entfernt ist dies Gefühl von dem, was man Glauben nennt! Wie sicher
weiss ich, dass die Vorsehung über mir geht gleich einem Stern am Himmel, der
seinen Gang tut, ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe. Gott weiss, denn
er ist allwissend, jeden Gedanken, der in meinem Innern aufsteigt, er kennt den
vorigen, aus welchem er hervorging, und sieht den folgenden, in welchen er
übergeht; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn gegeben, die ebenso
unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des Blutes; ich kann also
wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen, ich will gut sein oder mich
darüber hinwegsetzen, und ich kann durch Treue und Übung es vollführen; ich kann
aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben; ich will mich einer Wahrheit
verschliessen, oder ich will mich ihr öffnen! Ich kann nicht einmal bitten um.
Glauben, weil, was ich nicht einsehe, mir niemals wünschbar sein kann, weil ein
klares Unglück, das ich begreife, noch immer eine lebendige Luft zum Atmen für
mich ist, während eine Seligkeit, die ich nicht begriffe, Stickluft für meine
Seele wäre.
    Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig! etwas Tiefes und Wahres,
insofern es das Gefühl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet, welches
alle Menschen umfängt, wenn sie gern und leicht an das Gute, Schöne und
Merkwürdige glauben, gegenüber denjenigen, welche aus Dünkel und Verbissenheit
oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemäkeln, was ihnen als gut,
schön oder merkwürdig erzählt wird. Wo das religiöse Glauben bei mangelnder
Überlegungskraft seinen Grund in jener liebenswürdigen und gutmütigen
Leichtgläubigkeit hat, da sagt man mit Recht, es mache selig, und denjenigen
Unglauben, welcher aus der anderen Quelle herrührt, kann man billig unselig
nennen. Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide
rein nichts zu tun; denn während es christlich Gläubige gibt, welche in allen
anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemäkler sind, gibt es ebenso
viele Ungläubige, sogar Ateisten, welche sonst an alles Hoffnungsvolle und
Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben, und es ist ein beliebtes
Argument der christlichen Polemiker, dass sie solchen höhnisch vorhalten, wie sie
jeden auffallenden Quark als bare Münze annähmen und sich von Illusionen
nährten, während sie nur das Grosse und Eine nicht glauben wollten. So haben wir
das komische Schauspiel, wie Menschen sich der abstraktesten aller Ideologien
hingeben, um nachher jeden, der an etwas erreichbar Gutes und Schönes glaubt,
einen Ideologen zu nennen; sie bilden eine eigene wunderliche Bank der Spötter,
vom Cäsar Napoleon bis herunter zum letzten Zappler und Stänker, der vor Hochmut
und Unruhe nicht weiss, was er anfangen soll und, da es ihm an jedem Körnlein von
Autorität und Witz mangelt, sich an die Rückwand des Glaubens lehnt, um was
hinter sich zu haben, von wo aus er rumoren kann. Der Cäsar ehrt den Glauben als
Tyrann und Aristokrat, der Zappler und Stänker schätzt ihn als geistiger
Proletarier und Skandalmacher, beide aus Selbstsucht. Will man die Bedeutung des
Glaubens kennen, so muss man nicht sowohl die ortodoxen Kirchenleute betrachten,
bei denen der Institutionen wegen alles über einen Kamm geschoren ist und das
Eigentümliche daher zurücktritt, als vielmehr die undisziplinierten Wildlinge
des Glaubens, welche ausserhalb der Kirchenmauern frei umherschwirren, sei es in
entstehenden Sekten, sei es in einzelnen Personen. Hier treten die rechten
Beweggründe und das Ursprüngliche in Schicksal und Charakter hervor und werfen
Licht in das verwachsene und fest gewordene Gebilde der grossen geschichtlichen
Masse.
    Es lebte in unserer Stadt ein Mann, welcher sich ein Vergnügen daraus
machte, den Leuten, welche sich mit ihm abgaben, allerlei Erfindungen und
Aufschneidereien vorzutragen, um sie nachher ihrer Leichtgläubigkeitwegen zu
verhöhnen, indem er erklärte, die Geschichte sei gar nicht wahr. Jemand anders
aber mochte erzählen, was er wollte, so stellte der Mann es in Abrede und hatte
eine ganz eigene tückische Manier, die Treuherzigkeit, mit welcher ihm etwas
gesagt wurde, ins Lächerliche zu ziehen, auf die gleiche Weise, wie er die
Treuherzigkeit derer, welche ihm glaubten, spöttisch zu machen wusste. Er ass
keine Krume Brotes, die er sich Nicht durch eine Lüge verschafft; denn er wäre
lieber Hungers gestorben, eh als er in ein auf gradem Wege erworbenes Stück Brot
gebissen hätte. Ass er aber sein Brot, so sagte er, es sei gut, wenn es schlecht
war, und schlecht, wenn es gut war; hatte er Hunger, so benagte er es
zimpferlich und warf die Brocken umher; hatte er keinen Hunger, so nahm er
anderen den Bissen weg, den sie eben in den Mund stecken wollten, und frass sich
so voll, dass er krank wurde; alsdann behauptete er, sich sehr wohl zu befinden!
Überhaupt ging sein ganzes Streben dahin, sich immer für etwas anderes zu geben,
als er war, was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte, so dass er, der
eigentlich nichts tat und nie etwas genützt hatte, doch zu jeder Minute in der
kompliziertesten Tätigkeit begriffen war. Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten
Schleichens und Lauerns, teils um die günstigen Momente zu erhaschen, um seine
Narrheiten vorzubringen, teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen, da
eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand, die ganze Welt der Unwahrheit und
Lüge zu überführen, und es war nichts Lustigeres zu sehen, als wenn er, soeben
hinter einer Tür, wo er gelauert hatte, auf den Zehen hervorhüpfend, plötzlich
strack und steif dastand, mit rollenden Augen um sich stierte und mit
bombastischen Worten seine Gradheit, Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrühmte.
Da er bei alledem wohl fühlte, dass jedermann besser daran war als er, so
erfüllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele, welches ihn verzehrte wie
ein glühendes Feuer und welches sich dadurch äusserte, dass sein drittes Wort
immer das Wort »Neid« war. Er versicherte, sich in einer ewig glückseligen
moralischen Überlegenheit zu befinden, und sah daher in jedem Blatte, das nicht
nach seiner Weise säuselte, einen neidischen Widersacher, und die ganze Welt war
nur ein vor Neid zitternder Wald für ihn. Widersprach ihm jemand, so schrieb er
jeden Widerspruch dem Neide zu, schwieg man während seiner Vorträge, so ward er
wütend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten, um denselben des
Neides zu beschuldigen, so dass seine ganze Rede durch das unaufhörlich
wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum neidisch tönenden Gesange des
Neides selbst wurde. So war er in allem der persönliche Feind der Wahrheit und
atmete nur in Abwesenheit derselben, wie die Mäuse auf dem Tische tanzen, wenn
die Katze nicht zu Hause ist, und die Wahrheit rächte sich auf die einfachste
Weise an ihm. Sein Grundübel war, dass er schon im Mutterleibe hatte gescheiter
sein wollen als seine Mutter, und infolgedessen konnte er nur leben, wenn er
nichts zu glauben brauchte, was irgend ein Mensch sagte, alle Menschen aber
glaubten, was er sagte. Nun konnte er sich freilich stellen, als ob dem so wäre,
und er tat es auch, was schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen
Verlogenheiten und seine Hauptlüge war; allein der Beweis vom wahren
Sachverhalte machte sich doch zu offenbar im Gelächter seiner Nebenmenschen.
Daher fand er kurz und gut seinen besten Stützpunkt in derjenigen Lehre, welche
den unbedingten Glauben zum Panier erhebt. Schon dass die allgemeine Richtung der
Zeit sich vom Glauben abwandte und die Mehrzahl der denkenden Menschen, wenn sie
sich auch nicht dagegen aussprachen, doch denselben gut sein liessen und in der
Praxis nur auf das Begreifliche und Erkennbare bauten, war ihm Grund genug, sich
dieser Richtung schnurstracks entgegenzustellen und dabei zu behaupten, der Hang
und Drang der Zeit ginge unverkennbar auf den erneuten Glauben los; denn er
konnte das Lügen nirgends lassen. Diejenigen, welche wirklich glaubten, waren
ihm höchst langweilig, und er bekümmerte sich nicht um sie, daher er auch nie in
einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft gesehen wurde. Dagegen hatte er es um
so mehr mit denen zu tun, welche nicht glaubten. Nicht dass er sich um das
Seelenheil derselben viel gekümmert hätte, obgleich er die Sache mit ängstlicher
Hast verfolgte; seine Angst war die hatte er einmal gesagt, dass er glaube, so
mussten für ihn alle, welche nicht glaubten, Esel sein, und wenn dies auf sein
Wort hin nicht angenommen wurde, so glaubte er selbst als ein Esel dazustehen.
Er hatte sich im Mutterleibe schon gesagt wenn du nun ans Licht kommst, so wird
die Frage deiner Existenz die sein: Entweder bist du ein Esel, oder alle anderen
sind Esel! Er verriet dies in schwachen Augenblicken des Streites, wenn er sich
in eine Sackgasse verrannt, indem ihm alsdann das Wort entschlüpfte »Nun, da
müsste ich also ein Esel sein, wenn ich so was glaubte, was nicht wahr wäre!« und
er bezeichnete damit, ohne es zu wollen, seinen Standpunkt und auch das Herz,
welches er für seine Sache hatte. In der Tat könnte man den unseligen Streit die
Eselfrage nennen, da gewiss von tausend Fanatikern, welche für ihre religiöse
Meinung im Blute wateten, neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den
Frieden verrieten und Scheiterhaufen anzündeten, weil ihnen aus dem Trotze der
Verfolgten das Wort Esel entgegenzutönen schien. Nichts hasste der Mann mehr als
die gewissenhafte und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft;
wenn irgendein Ergebnis derselben bekannt wurde, so zappelte er mit Händen und
Füssen dagegen und suchte es lächerrlich zu machen, und wenn es sich als richtig
erwies und seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen
waren, so tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lüge. Das
Einmaleins und eine chemische Schale waren ihm unerträglicher als dem Teufel
Vaterunser und Weihkessel; aber auch die Natur rächte sich lächelnd an ihm. Denn
während er die fünf Sinne nicht gelten liess, war er stets bemüht, dieselben
durch einige erfundene Sinne zu vermehren, durch deren possierliche Ausmalung er
die christliche Wunderwelt erklären wollte. Wenn er hiedurch vielfach gegen den
christlichen Geist verstiess und man ihm dies durch das Neue Testament bewies, so
sagte er, er pfeife auf das Neue Testament, er habe seinen eigenen Kopf, im
gleichen Augenblicke, wo er es das Buch des Lebens genannt hatte. Trotz alledem
glaubte er aufrichtig, denn nach irgendeiner Seite hin muss jeder Mensch sich
ergeben, und er glaubte um so aufrichtiger, als einesteils der Gegenstand des
Glaubens unerwiesen, unbegreiflich und überirdisch war, anderenteils ihn das
innere Gefühl seines verunglückten Witzes sentimental und weinerlich machte.
    Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft über eine Felsenhöhe am
Seeufer. Er war ursprünglich gut gewachsen, doch die andauernde Verdrehteit
seiner Seele hatte seinen Körper ganz windschief gemacht, dass er aussah wie ein
verbogener Wetterhahn. Sein schöner Wuchs war aber ein Lieblingstema seiner
Rede, und jeden Augenblick war er bereit, sich auszukleiden und ihn zu zeigen,
während er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte, ungefragt diesem einen
Höcker andichtete, jenem krumme Beine. Als er nun etwas verstimmt vor den
übrigen Gesellen herging, die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten, rief
plötzlich einer, welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge fasste »Sie! Herr
Ölfinger! Sie sind eigentlich verteufelt krumm!« Erstaunt kehrte er sich um und
sagte »Sie träumen wohl, oder soll das ein Witz sein?« Der andere wandte sich
aber zur Gesellschaft und forderte sie auf, ihn ebenfalls näher zu betrachten;
man hiess ihn einige Schritte vorwärts gehen, er tat es, und jedermann bestätigte
nun ja, er sei schief! Aufgebracht stellte er sich sogleich neben den Angreifer
und wollte ihm beweisen, dass dieser selbst der Missgewachsene sei. Der war aber
schlank wie eine Tanne, und die Gesellschaft fing an zu lachen. Sprachlos und
hastig kleidete er sich aus und ging splitternackt vor den übrigen her; die
rechte Schulter war vom unaufhörlichen spöttischen Achselzucken höher als die
linke, die Ellbogen von seiner eitlen Gespreizteit nach auswärts gedreht und
die Hüften verschoben; dazu wurde er durch das Bestreben, grade zu scheinen, nur
noch krummer; er machte in seiner Nackteit die wunderlichsten Beine, als er so
dahinschritt und sich dann und wann ängstlich umsah, ob ihm noch nicht Beifall
und Achtung der Gesellschaft nachfolge. Als diese aber in ein massloses Gelächter
ausbrach, geriet er in grossen Zorn und begann, um sich Achtung zu erzwingen,
ungeheuerliche Sprünge und Kunststücke zu machen, um die Stärke seines Körpers
zu zeigen. Das Gelächter wurde immer grösser, und die Lachenden mussten sich auf
die Erde setzen. An jener Stelle war vorzeiten ein Fichtenwald in den See
gestürzt und wurde in der Tiefe durch die nachgerollten Felsblöcke festgehalten.
Wie nun der nackt Umhertanzende sah, dass die lachenden Menschen sich bereits auf
der Erde wälzten mit nassen Augen, sprang er plötzlich, in einem Anfall von
unsäglicher Wut und irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend, mit einem
mächtigen Satz über den Rand hinaus in den See, hoch hinunter, wo der versunkene
Wald lag. Erst eine geraume Weile nachher, als die lachende Gesellschaft sich
einigermassen gesammelt hatte, bemerkten sie sein Verschwinden, suchten ihn
überall, traten an den Rand des Abgrundes, aber niemand hat ihn wiedergesehen.
    Dies krankhafte Beispiel von den wunderbaren Gängen, welche die Entstehung
des »Glaubens« in den Menschen verfolgt, mag nun freilich sehr vereinzelt
dastehen; doch wenn sie auch bei der Mehrzahl einen edlern Grund und Boden hat,
so werden ihre Schneckenlinien doch nicht grad. Ich würde mich schämen, wenn ich
jemals dahin kommen würde, jemanden seines Glaubens wegen zu verachten oder zu
verhöhnen oder den Gegenstand desselben nicht zu ehren, wenn der Gläubige darin
seinen Trost findet; aber die nackte und gewaltsame Forderung des Glaubens,
sozusagen die Teorie des Glaubens selbst, ist eine so missliche Sache für mich,
dass ich, indem ich diese meine geheime Schreiberei übersehe, mein Herz durch die
lange Kundgebung gegen den Glauben beinahe so staubig, trocken und unangenehm
fahle, als wenn ich ein ehrbarer Teologe wäre und für den Glauben polemisiert
hätte, und ich muss mich beeilen, aus diesem unerquicklichen Gebiete wieder zu
den Gestalten des einfachen wirklichen Lebens zu gelangen.
    Die dritte Hauptlehre, welche der Geistliche uns als christlich vortrug,
handelte von der Liebe. Hierüber weiss ich nicht viel Worte zu machen; ich habe
noch keine Liebe betätigen können, und doch fühle ich, dass solche in mir ist,
dass ich aber auf Befehl und teoretisch nicht lieben kann. Inwiefern durch die
stete Wiederholung des Worts das Christentum einen gewissen Bestand wirklicher
Liebe in die Welt gebracht habe, wage ich nicht zu beurteilen; doch dünkt es
mich, es habe vor zweitausend Jahren auch Liebe gegeben und gebe auch jetzt
noch, wo das Christentum nicht hingelangt ist, wenn man nur die verschiedenen
Formen unterscheiden will, in welche das wahre Gefühl sich hüllt. Gewiss ist
schon mancher einzelne Unglücksmensch und mancher arme rauhe Volksstamm durch
das eindringlich und heiss ausgesprochene Wort Liebe aufgeweckt und einem hellern
und schönern Dasein gewonnen worden; wenn aber solche gewonnenen Völker, einmal
dem Christentum einverleibt, endlich das ganze Bewusstsein und die Bildung der
christlichen Welt, welche wir alle zusammen ausmachen, erreicht haben, dann wird
jenes naive Morgengefühl der Liebe wieder untergehen in der allgemeinen Kälte
der alten Christenwelt und nur da bestehen, wo es ursprünglich in den Menschen
wurzelte, also zuletzt überall auferstehen. Schon die unmittelbare Rücksicht auf
den lieben Gott ist mir hinderlich und unbequem, wenn sich die natürliche Liebe
in mir geltend machen will. Da einmal bei unseren Handlungen das Denken an Gott
und das Verdienst in den Augen Gottes so fest in die Menschenwelt gewebt ist, so
kann man oft trotz aller Unbefangenheit nicht verhindern, dass bei guten oder
vielmehr pflichtmässigen Handlungen nicht im tiefsten Innern der Hinblick auf
Gott auftaucht mit der eigennützigen Hoffnung, dass Er uns die Tat wohlgefällig
gutschreiben werde. Schon oft ist es mir begegnet, dass ich einen armen Mann auf
der Strasse abwies, weil ich, während ich ihm eben das wenige geben wollte, das
ich hatte, zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und nicht aus Eigennutz
handeln wollte. Dann dauerte mich aber der Arme, ich lief zurück; allein während
des Zurücklaufens dünkte meiner Selbstsucht gerade dieses Bedauern wieder artig
und verdienstlich, ich kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernünftigen
Gedanken kam möge dem sein, wie ihm wolle, der arme Teufel müsse jedenfalls zu
seiner Sache kommen, das sei die erste Frage! Manchmal kommt dieser Gedanke aber
zu spät, und die Gabe bleibt in meiner Tasche, wo sie mir alsdann unerträglich
ist. Daher freue ich mich immer wie ein Kind, wenn es mir passiert, dass ich
unbedacht meine Pflicht erfüllt habe und es mir erst nachträglich einfällt, dass
das etwas Verdienstliches sein dürfte; ich pflege dann höchst vergnügt ein
Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen »Siehst du, alter Papa!
nun bin ich dir doch durchgewischt!« Das höchste Vergnügen erreiche ich aber,
wenn ich mir in solchen Augenblicken denke, wie ich Ihm nun sehr komisch
vorkommen müsse; denn da der liebe Gott alles versteht, so muss er auch Spass
verstehen, obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann, der liebe Gott
verstehe keinen Spass!
    Das Heiterste und Schönste war mir die Lehre vom Geiste, als welcher ewig
ist und alles durchdringt. Er war mächtig im Christentume, dessen Beweglichkeit
und Feinheit die Welt fortbaute, solange es geistig war; als es aber geistlich
wurde, war diese Geistlichkeit die Schlangenhaut, welche der alte Geist abwarf.
Denn Gott ist nicht geistlich, sondern ein weltlicher Geist, weil er die Welt
ist und die Welt in ihm; Gott strahlt von Weltlichkeit.
    Alles in allem genommen, glaube ich doch, dass ich unter Menschen, welche
rein in dem ursprünglichen geistigen Christentum lebten, glücklich sein und auch
nicht ganz ohne deren Achtung leben würde, und wenn ich dies Annas Vater, dem
Schulmeister, eingestehen musste, forderte er, das Wunderbare und die
Glaubensfragen einstweilen freisinnig beiseite setzend, mich auf, das
Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf
zu hoffen, dass es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen
Namen behaupten werde; etwas Besseres sei einmal nicht da noch abzusehen.
Hierauf erwiderte ich aber der Geist könne wohl durch einen Menschen leidlich
schön ausgesprochen, niemals aber erfunden werden, da er von jeher und unendlich
sei; daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen ein Raub am
unendlichen Gemeingute sei, aus welchem der fortgesetzte Raub des Autoritäts-
und Pfaffenwesens aller Art entspringe. In einer Republik, sagte ich, fordere
man das Grösste und Beste von jedem Bürger, ohne ihm durch den Untergang der
Republik zu vergelten, indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum
Fürsten erhebe; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik, die
nur Gott als Protektor über sich habe, dessen Majestät in vollkommener Freiheit
das Gesetz heilighielte, das er gegeben, und diese Freiheit sei auch unsere
Freiheit, und unsere die seinige! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der
Unsterblichkeit, so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der
Weltrepublik! »In welcher jeder Fähndrich werden kann!« sagte freundlich lachend
der Schulmeister; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses
Unabhängigkeitssinnes scheine mir sehr gross und grösser zu sein, als wir es uns
vielleicht denken könnten.
    Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende; wir mussten auf unsere
Ausstattung denken, um würdig bei der Festlichkeit zu erscheinen. Es war
unabänderliche Sitte, dass die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack
machen liessen, den Hemdekragen in die Höhe richteten und eine steife Halsbinde
darum banden, auch die erste Hutröhre auf den Kopf setzten; zudem schnitt jeder,
wer jugendlich lange Haare getragen, dieselben nun kurz und klein, gleich den
englischen Rundköpfen. Dies waren mir alles unsägliche Greuel, und ich schwur,
dieselben nun und nimmermehr nachzumachen. Die grünen Kleider meines Vaters
waren endlich zu Ende, und zum ersten Male musste neues Tuch gekauft werden. Die
grüne Farbe war mir einmal eigen geworden, und ich wünschte nicht einmal meinen
Übernamen abzuschaffen, der mir noch immer gegeben wurde, wenn man von mir
sprach. Leicht wusste ich meine Mutter zu überreden, grünes Tuch zu wählen und
statt eines Frackes einen hübschen kurzen Rock mit einigen Schnüren machen zu
lassen, dazu statt des gefürchteten Hutes ein schwarzes Sammetbarett, da Hut und
Frack doch selten getragen und wegen meines Wachstums sowie wegen der Mode also
eine unnütze Ausgabe sein würden. Es leuchtete ihr klar ein, um so mehr, da die
armen Lehrlinge und Tagelöhnersöhne auch keinen schwarzen Habit zu tragen
pflegten, sondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erschienen, und ich
erklärte, es sei mir vollkommen gleichgültig, ob man mich zu den ehrbaren
Bürgerssöhnen zähle oder nicht. So breit ich konnte, schlug ich den Hemdekragen
zurück, strich mein langes Haar kühn hinter die Ohren und erschien so, das
Barett in der Hand, am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen, wo noch eine
herzliche und vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte. Als ich mich unter
die feierliche, steif geputzte Jugend stellte, wurde ich mit einiger
Verwunderung betrachtet, denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein
vollendeter Protestant da; weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich
eher zu verbergen suchte, so verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter
beachtet. Die Ansprache des Geistlichen gefiel mir sehr wohl; ihr Hauptinhalt
war, dass von nun an ein neues Leben für uns beginne, dass alle bisherigen
Vergehungen vergeben und vergessen sein sollten, hingegen die künftigen mit
einem strengern Masse gemessen würden. Ich fühlte wohl, dass ein solcher Übergang
notwendig und die Zeit dazu gekommen sei; darum schloss ich mich mit meinen
ernsten Vorsätzen, welche ich insbesondere fasste, gern und aufrichtig diesem
öffentlichen Vorgange an und war auch dem Manne gut, als er angelegentlich uns
ermahnte, nie das Vertrauen zum Bessern in uns selbst zu verlieren. Aus seiner
Behausung zogen wir in die Kirche vor die ganze Gemeinde, wo die eigentliche
Feier vor sich ging. Dort war der Geistliche plötzlich ein ganz anderer; er trat
gewaltig und hoch auf, holte seine Beredsamkeit aus der Rüstkammer der
bestehenden Kirche und führte in tönenden Worten Himmel und Hölle an uns
vorüber. Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit steigender Spannung auf einen
Moment hin gerichtet, welcher die ganze Gemeinde erschüttern sollte, als wir,
die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden, ein lautes und feierliches Ja
aussprechen mussten. Ich hörte nicht auf den Sinn seiner Worte und flüsterte ein
Ja mit, ohne die Frage deutlich verstanden zu haben; jedoch durchfuhr mich ein
Schauer, und ich zitterte einen Augenblick lang, ohne dass ich dieser Bewegung
Herr werden konnte. Sie war eine dunkle Mischung von unwillkürlicher Hingabe an
die allgemeine Rührung und von einem tiefen Schrecken, welcher mich über dem
Gedanken ergriff, dass ich, so jung noch und unerfahren, doch einer so uralten
Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft, von der ich ein unbedeutendes
Teilchen war, abgefallen gegenüberstand.
    Am Weihnachtsmorgen mussten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um
nun das Nachtmahl zu nehmen. Ich war schon in der Frühe guter Laune, noch ein
paar Stunden, und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der
Vogel in der Luft! Ich fühlte mich daher mild und versöhnlich gesinnt und ging
zur Kirche, wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht, mit welcher man
nichts gemein hat, daher der Abschied aufgeweckt und höflich ist. In der Kirche
angekommen, durften wir uns unter die älteren Leute mischen und jeder seinen
Platz nehmen, wo ihm beliebte. Ich nahm zum ersten und letzten Male in dem
Männerstuhle Platz, welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir die
Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte. Er war seit dem Tode
des Vaters, also viele Jahre, leer geblieben, oder vielmehr hatte sich ein armes
Männchen, das sich keines Grundbesitzes erfreute, darin angesiedelt. Als er
herankam und mich an dem Orte vorfand, ersuchte er mich mit kirchlicher
Freundlichkeit, »seinen Ort« räumen zu wollen, und fügte belehrend hinzu, in
diesem Reviere seien alles eigentümliche Orte. Ich hätte als ein grüner Junge
füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen
können; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten im Herzen
christlicher Kirche reizte meine kritische Laune; zweitens wollte ich den
frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmassung bestrafen, und drittens tat
ich dieses nur in dem Bewusstsein, dass der Abgewiesene alsobald wieder und für
immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne, und dieser Gedanke machte mir das
grösste Vergnügen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblüfft
und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen
aufsuchen sah, nahm ich mir vor, ihm am andern Tage anzudeuten, dass er sich
immerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich denselben nicht brauche.
Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es mein Vater getan.
Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle hohen Feste erfüllten
ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute, indem er den grossen und guten Geist,
welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah, alsdann besonders fühlte
und verehrte. Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die
herrlichsten Freudentage, an welchen es mit edlen Betrachtungen, Kirchenbesuch,
duftendem Mittagsmahl und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch herging.
Diese Art hat sich auf mich vererbt, nämlich das frohe Geniessen der Festtage,
und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem duftigen Berge stehe in der
kristallklaren Luft, so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die
allerschönste Musik, und ich habe schon oft darüber spintisiert, durch welchen
Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute
wohl erhalten werden dürfte. Es wollte mir jedoch nichts einfallen, was nicht
töricht und gemacht ausgesehen hätte, und ich fand zuletzt immer, dass der
sehnsüchtige Reiz der Glockentöne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe, wo
sie fern aus der blauen Tiefe herüberklangen und mir sagten, dass dort das Volk
in alten gläubigen Erinnerungen versammelt war. In meiner Freiheit ehrte ich
dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit, und eben dadurch, dass ich
von ihnen geschieden war, wurden mir die Glocken, die so viele Jahrhunderte in
dem alten schönen Lande klangen, wehmütig ergreifend. Ich empfand, dass man
nichts »machen« kann und dass die Vergänglichkeit, der ewige Wandel alles
Irdischen schon genugsam für poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen.
    Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen
die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und
Verknöcherung reformierter Ortodoxen gerichtet, gegen absichtliche Verdummung
und Heuchelei jeder Art, und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören.
Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich, ihnen Ergebenheit zu zeigen,
und wenn es womöglich ein erzkatolischer, aber ehrenwerter Priester war,
welchem er Ehrerbietung beweisen konnte, so machte ihm dies um so grösseres
Vergnügen, gerade weil er sich im Schosse der Zwinglischen Kirche sehr geborgen
fühlte. Zwinglis Erscheinung ist reiner und milder als diejenige Luters. Er
hatte einen freiern Geist und einen weitern Blick, war viel weniger ein Pfaff
als ein humaner Staatsmann und besiegelte sein Wirken mit einem schönen Tode auf
dem Schlachtfeld, das Schwert in der Hand. Daher war sein Bild meinem Vater ein
geliebter sichrer Führer und Bürge. Ich aber stand nun auf einem andern Boden
und fühlte wohl, dass ich bei aller Ehrerbietung für den Reformator und Helden
doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein würde, während ich seiner
vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung
gewiss war. Dieses friedliche und achtungsvolle Ausscheiden in Glaubenssachen
zwischen Vater und Sohn feierte ich nun in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den
Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte, und als
die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied »Dies ist der Tag,
den Gott gemacht!« anstimmte, sang ich es für meinen Vater laut und froh mit,
obgleich ich Mühe hatte, den richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein
alter Kupferschmied, links ein gebrechlicher Chorherr, welche mich mit den
wunderbarsten Variationen von der rechten Bahn zu locken suchten, und dies um so
lauter und kühner, je standhafter ich blieb. Dann hörte ich aufmerksam auf die
Predigt, kritisierte sie und fand sie gar nicht übel; je näher das Ende rückte
und mir die Freiheit winkte, desto trefflicher fand ich die Predigt, und ich
nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann. Meine Stimmung ward
immer heiterer, endlich wurde das Nachtmahl genommen; aufmerksam verfolgte ich
die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau, um es nicht zu vergessen; denn
ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen. Das Brot besteht aus weissen
Blättern von der Grösse und Dicke einer Karte und sieht feinem glänzendem Papiere
ähnlich. Der Küster backt es, und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abfälle als
einen unschuldigen Leckerbissen, und ich selbst hatte mir manchmal eine Mütze
voll erworben und mich gewundert, dass man eigentlich doch nichts daran ässe.
Zahlreiche Kirchendiener bieten es aus, den Reihen entlang, worauf die
Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben, während andere
Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen. Manche Leute,
besonders die Frauen und Mädchen, behalten gern ein Blättchen zurück, um es
andächtig in ihr Gesangbuch zu legen. Auf ein solches, das ich im Buche einer
meiner Basen gefunden, hatte ich einst ein Osterlämmchen gemalt mit einem Amor,
der darauf reitet, und bei der Entdeckung ein strenges Verhör nebst Verweis zu
bestehen gehabt; als ich jetzt mehrere solcher Blätter in der Hand hielt,
erinnerte ich mich daran und musste lächeln; auch gelüstete es mich einen
Augenblick lang, eins zurückzubehalten, um irgendein lustiges Erinnerungszeichen
an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen. Aber ich besann mich, dass ich
in dem väterlichen Stuhle stand, und gab das Brot weiter, nachdem ich eine Ecke
davon in den Mund gesteckt zum andächtigen, aber allerletzten Abschiede von der
Kinderzeit und der Kinderspeise, die ich beim Küster gekauft hatte. Als ich den
Becher in der Hand hielt, blickte ich fest in den Wein, ehe ich trank; aber es
rührte mich nicht, ich nahm einen Schluck, gab die Schale weiter, und indem ich,
mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause, den Wein hinabschluckte,
drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte kaum das Ende des
Gottesdienstes abwarten, da es mich anfing gewaltig an den Füssen zu frieren und
das Stillstehen sehr schwierig wurde.
    Als die Kirchentüren geöffnet wurden, drängte ich mich geschmeidig durch die
vielen Leute, ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne
jemanden anzustossen, und war bei aller Gelassenheit doch der erste, der sich in
einiger Entfernung von der Kirche befand. Dort erwartete ich meine Mutter,
welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demütig aus der Menge
hervorspann, und ging mit ihr nach Hause, gänzlich unbekümmert um meine
Genossenschaft des geistlichen Unterrichts. Es war kein einziger darunter, mit
welchem ich in näherer Berührung stand, und viele derselben sind mir bis jetzt
noch gar nicht wieder begegnet. In unserer warmen Stube angekommen, warf ich
vergnügt mein Gesangbuch hin, indessen die Mutter nach dem Essen sah, welches
sie am Morgen in den Ofen gesetzt hatte. Es sollte heute so reichlich und
festlich sein, wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen hatte,
und eine arme Witwe war dazu eingeladen, welche der Mutter manche kleine Dienste
leistete und sich jetzt pünktlich einfand. Am Weihnachtstage wird immer das
erste Sauerkraut genossen, und so wurde es auch hier aufgestellt mit
schmackhaften Schweinsrippchen. Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen
guten Anfang zum Gespräche. Die Witwe war von ebenso gutmütiger als polternder
Gemütsart; als hierauf eine Pastete kam, schlug sie die Hände über dem Kopfe
zusammen und versicherte, sie esse gewiss nichts davon, es wäre schade dafür. Den
Schluss machte ein gebratener Hase, den der Oheim gesendet hatte. Diesen,
ermahnte die Frau, sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag
versparen, es sei nun schon mehr als genug; trotzdem assen wir alle mit
trefflichem Appetit und sassen lange bei Tisch, aufs beste unterhalten von der
armen Frau, welche die Tischreden mit der Erzählung ihres Schicksales
durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit öffnete. Sie hatte vor langer
Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen Mann gehabt, der in alle Welt
gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes, welchen sie mit grosser Not so weit
gebracht, dass er als Geselle bei Dorfschneidern sich kümmerlich umhertreiben
konnte, während sie in der Stadt ihr Brot mit Wassertragen, Waschen und solchen
Dingen verdienen musste. Schon die Beschreibung ihres Mannes, des Lumpenbundes,
wie sie ihn nannte, machte uns höchlich lachen, doch noch mehr das Verhältnis,
in welchem sie zu ihrem Sohne stand. Während sie ihn als eine Frucht des
Lumpenhundes mit der grössten Verachtung bezeichnete, war derselbe doch der
einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge, so dass sie fortwährend von ihm
sprach. Sie gab ihm alles, was sie irgend konnte, und gerade die Kleinheit
dieser Gaben, die für sie so viel waren, musste uns rühren und zugleich zum
Lachen reizen, wenn sie die »Opfer«, welche sie fortwährend bringe, mit
gutmütiger Prahlerei aufzählte. Letzte Ostern, erzählte sie, habe er ein rot und
gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten, auf Pfingsten ein Paar Schuh, und zu
Neujahr hätte sie ihm ein Paar wollene Strümpfe und eine Pelzkappe bereit, dem
miserablen Kerl, dem Knirps, dem Milchsuppengesicht! Seit drei Jahren hätte er
an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen, der Säuberling, die elende
Krautstorze. Aber für alles müsse er ihr eine Bescheinigung zustellen, denn, so
wahr sie lebe, müsse ihr Mann, der Landstreicher, ihr jeden Liard ersetzen, wenn
er sich nur einmal sehen liesse. Die Bescheinigungen ihres Sohnes, des
Stuhlbeines, seien sehr schön, denn derselbe könne besser schreiben als der
eidgenössische Staatskanzler, auch blase er die Klarinette gleich einer
Nachtigall, dass man weinen müsse, wenn man ihm zuhöre. Allein er sei ein ganz
miserabler Bursche, denn nichts gedeihe bei ihm, und so viel Speck und
Kartoffeln er auch verschlinge, wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf
Kundschaft gehe, nichts helfe es, und er bleibe mager, grün und bleich wie eine
Rübe. Einmal habe er die Idee gehabt zu heiraten, da er nun doch dreissig Jahr
alt sei. Da sie aber nun gerade ein Paar Strümpfe für ihn fertig gehabt, habe
sie selbige unter den Arm genommen, auch eine Wurst gekauft, und sei auf das
Dorf hinausgerannt, um ihm die saubere Idee auszutreiben. Bis er die Wurst
fertig gegessen, habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben, und
nachher habe er noch auf das schönste die Klarinette geblasen. Er könne nähen
wie der Teufel, so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die
besten Garnhäspel zu machen verstehe weit und breit; allein es wäre einmal ein
böses Blut in diesen verteufelten Burschen, und daher müsse der junge Säuberling
im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden. Sie lobte
das Essen unaufhörlich und pries jeden Bissen mit den überschwenglichsten
Worten, nur bedauernd, dass sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben könne,
obschon er es nicht verdiene. Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei
oder vier Meisterfamilien an, bei denen ihr Söhnchen gearbeitet, die
unschuldigen Zerwürfnisse mit denselben und lustige Vorfälle, welche sich in den
Dörfern ereignet, wo Meister und Geselle geschneidert hatten, so dass die
Schicksale einer grossen Menge unser Mahl würzten, ohne dass diese etwas davon
ahnte. Nach dem Essen nahm die Frau, durch ein paar Gläser Wein lustig geworden,
meine Flöte und suchte darauf zu blasen, gab sie dann mir und bat mich, einen
Tanz aufzuspielen. Als ich dies tat, fasste sie ihre Sonntagsschürze und tanzte
einmal zierlich durch die Stube herum, wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und
waren alle höchst zufrieden. Sie sagte, seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr
getanzt, es sei doch der schönste Tag ihres Lebens, wennschon der Hochzeiter ein
Lumpenhund gewesen; und am Ende müsse sie dankbar bekennen, dass der liebe Gott
es immer gut mit ihr gemeint und für ihr Brot gesorgt, auch ihr noch jederzeit
eine fröhliche Stunde gegönnt habe; so hätte sie noch gestern nicht gedacht, dass
sie einen so vergnügten Weihnachtstag erleben würde. Dadurch wurden die beiden
Frauen veranlasst, ernstaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen,
indessen ich Gelegenheit hatte, einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen,
welche aus ihrem Sohne einen Mann machen möchte und hiezu nichts tun kann, als
demselben Strümpfe stricken. Auch musste ich gestehen, dass meine
Lebensverhältnisse, welche mir oft arm und verlassen schienen, wahrhaftes Gold
waren im Vergleich zu der dürftigen Verlassenheit und Getrennteit, in welcher
die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten und die mir wie schlechtes Blei
vorkamen.
 
                                 Achtes Kapitel
Einige Wochen nach Neujahr, als ich eben den Frühling herbeiwünschte, erhielt
ich vom Dorfe aus die Kunde, dass mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden
hätten, dieses Jahr zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine grossartige
dramatische Schaustellung zu verherrlichen. Die ehemalige katolische
Faschingslust hat sich nämlich als allgemeine Frühlingsfeier bei uns erhalten,
und seit einer Reihe von Jahren haben sich die derben Volksmummereien nach und
nach in vaterländische Aufführungen unter freiem Himmel verwandelt, an welchen
erst nur die reifere Jugend, dann aber auch fröhliche Männer teilnahmen; bald
wurde eine Schweizerschlacht dargestellt, bald eine Handlung aus dem Leben
berühmter Schweizerhelden, und nach dem Massstabe der Bildung und des Wohlstandes
einer Gegend wurden solche Aufzüge mit mehr oder weniger Ernst und Aufwand
vorbereitet und ausgeführt. Einige Ortschaften waren schon berühmt und jedesmal
stark besucht durch die selben, andere suchten es zu werden. Mein Heimatdorf war
nebst ein paar anderen Dörfern von einem benachbarten Marktflecken eingeladen
worden zu einer grossen Darstellung des Wilhelm Tell, und infolgedessen war ich
wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden, hinauszukommen und an den
Vorbereitungen teilzunehmen, da man mir manche Einsicht und Fertigkeit besonders
als Maler zutraute, um so mehr, als unser Dorf in einer fast ausschliesslichen
Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig Gewandteit besass. Ich war
vollständig Herr meiner Zeit, auch war eine Unterbrechung zu solchem Zwecke zu
sehr im Geiste meines Vaters, als dass die Mutter dagegen Bedenken erhoben hätte;
also liess ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede Woche für einige Tage
hinaus, wobei mir schon das stete Wandern zu dieser Jahreszeit, manchmal durch
die schneebedeckten Felder und Wälder, die grösste Freude machte. Ich sah nun das
Land auch im Winter, die Winterbeschäftigungen und Winterfreuden der Landleute
und wie dieselben dem erwachenden Frühling entgegengehen.
    Man legte der Aufführung Schillers Tell zugrunde, welcher in einer
Volksschulausgabe vielfach vorhanden war und welchem nur die Liebesepisode
zwischen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte. Das Buch ist den Leuten
sehr geläufig, denn es drückt auf eine wunderbar richtige Weise die
schweizerische Gesinnung aus, und besonders der Charakter des Tell entspricht
ganz der Wahrheit und dem Leben, und wenn Börne darin nur ein selbstsüchtiges
und philiströses Ungeheuer finden konnte, so scheint mir dies ein Beweis zu
sein, wie wenig die krankhafte Empfindsamkeit der Unterdrückten geeignet ist,
die Art und Weise unabhängiger Männer zu begreifen. Weitaus der grössere Teil der
Teilnehmer sollte als Hirten, Bauern, Fischer, Jäger das Volk darstellen und in
seiner Masse von Schauplatz zu Schauplatz ziehen, wo die Handlung vor sich ging,
getragen durch solche, welche sich zu einem kühnen Auftreten für berufen
hielten; in den Reihen des Volks nahmen auch junge Mädchen teil, sich höchstens
in den gemeinschaftlichen Gesängen äussernd, während die handelnden Frauenrollen
blühenden Jünglingen übertragen waren. Es sollte nur vorgeführt werden, was
wirklich geschichtlich ist, mit Weglassung aller Vorbereitungen und dramatischen
Zwischenspiele, das Geschichtliche aber mit dem Schillerschen Personal und
Dialog, ausserdem aber auch seine poetische Färbung über dem Ganzen walten. Der
Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften verteilt, je nach
ihrer Eigentümlichkeit, so dass dadurch ein festliches Hin- und Herwogen der
kostümierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde.
    Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen
Geschäften betraut, welche in der Stadt zu besorgen waren. Ich stöberte alle
Magazine durch, wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte, und
suchte das Tauglichste vorzuschlagen, besonders da andere Beauftragte geneigt
waren, zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen. Ja, ich kam sogar
mit den Beamten der Republik in Berührung und fand Gelegenheit, mich als einen
tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen, da mir die Auswahl und
Übernahme der alten Waffen übergeben wurde, welche die Regierung unter der
Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte. Weil aber gerade diesmal mehrere ähnliche
Feste stattfanden, so mussten beinahe alle Vorräte geräumt werden, und nur die
wertvollsten Trophäen, an welche sich bestimmte Erinnerungen knüpften, blieben
zurück. Überdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen,
alle wollten dasselbe haben, obschon es nicht für alle sich schickte; eine
Anzahl grosser Schlachtschwerter und Morgensterne, welche ich für meine
Eidgenossen ausgesucht, wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden,
ungeachtet ich ihm vorstellte, dass er für den Schwabenkrieg, aus welchem seine
Leute eine Schlacht spielen wollten, ganz anderer Gegenstände bedürfe. Ich
berief mich endlich auf den Zeugwart, welcher mir recht gab, und der ansehnliche
starke Wirt aus den Dörfern, welcher hinter mir stand, um die Sachen
wegzuführen, triumphierte und respektierte mich freundlich. Allein die Gegner
hielten mich nun für einen gefährlichen Burschen, der das Beste vorwegnähme, und
gingen mir auf Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause, gerade das
ausersehend, was ich ins Auge fasste, so dass ich nur mit der äussersten
Beharrlichkeit noch einen Wagen voll Eisenhüte und Hellebarden für meine
reisigen Tyrannenknechte zur Seite brachte. So kam ich mir sehr wichtig vor, als
ich mit den Aufsehern das Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte,
obgleich der Wirt der eigentliche Gewährsmann war und dasselbe unterschrieb.
    Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit
einigen Paketen Farbstoff und mächtigen Pinseln hinaus, um ein schönes neues
Bauernhaus an der Strasse noch völlig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln
mittelst bunter Zieraten und Sprüche; denn nicht nur sollte da die Unterredung
zwischen Stauffacher und seinem Weibe stattfinden, sondern der Zwingherr vorher
selbst heranreiten und seine böse Harangue loslassen.
    Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt,
die Kleidung der Söhne so historisch als möglich zu machen und die Töchter,
welche sich sehr modern aufputzen wollten, von solchem Beginnen abzuhalten. Mit
Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen, und sie
suchten auch Anna zu überreden, welche überdies von dem leitenden Ausschusse
dringend eingeladen war. Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen,
ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit, sondern auch ein wenig aus Stolz, bis
der Schulmeister, für diese Veredlung der alten roheren Spiele durchaus
begeistert, sie entschieden aufforderte, auch das Ihrige beizutragen. Nun war
aber die grosse Frage, was sie vorstellen sollte; ihre Feinheit und Bildung
sollte dem Feste zur Zierde gereichen, während doch alle hervorragenden
Frauenrollen jungen Männern zuteil geworden. Ich hatte mir aber längst etwas für
sie ausgedacht und überzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der
Trefflichkeit meines Vorschlages. Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck
gänzlich wegfiel, so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge
Gesslers verherrlichen. Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und
wild, und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lächerrlich dargestellt
worden; dagegen hatte ich nun durchgesetzt, dass der Aufzug des Landvogts recht
glänzend und herrisch sein müsse, weil der Sieg über einen elenden Widersacher
nichts Absonderliches sei. Ich selbst hatte den Rudenz übernommen, auch sein
Verhältnis zum Attinghausen fiel weg, und erst am Schlusse hatte er zum Volke
überzugehen, so dass mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem
wenig zu sprechen blieb. Einer der Vettern machte Rudolf den Harras, und Anna
konnte also sich im Schutze von zwei Verwandten befinden. Zufällig war die
Originalausgabe von Schiller gar nicht bekannt im Hause, und selbst der
Schulmeister las diesen Dichter nicht, weil seine Bildung nach anderen Seiten
hinstrebte; also ahnte kein Mensch die Beziehungen, welche ich in meinen Plan
legte, und Anna ging arglos in die ihr gestellte Falle. Das Schwerste war, sie
zum Reiten zu bringen; ein kugelrunder gemütlicher Schimmel stand im Stalle
meines Oheims, welcher nie jemandem ein Haar gekrümmt hatte und auf welchem der
Oheim über Land zu reiten pflegte. Auf dem Boden befand sich ein vergessener
Damensattel aus der alten Zeit; dieser wurde mit rotem Plüsch neu bezogen,
welchen man einem ehrwürdigen Lehnstuhle entnahm, und als Anna zum ersten Mal
sich darauf setzte, ging es ganz trefflich, besonders da der reitkundige Nachbar
Müller einige Anleitung gab, und Anna fand zuletzt grosses Vergnügen an dem guten
Schimmel. Eine mächtige hellgrüne Damastgardine, welche einst ein Himmelbett
umgeben hatte, wurde zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt; auch besass
der Schulmeister als ein altes Erbstück eine Krone von silbernem Flechtwerke,
wie sie ehemals die Bräute getragen; Annas goldglänzendes Haar wurde nur
zunächst der Schläfe zierlich geflochten, unterhalb aber in seiner ganzen Länge
frei ausgebreitet und dann die Krone aufgesetzt, auch ein breites goldenes
Halshand umgetan, auf meinen Rat einige Ringe über die weissen Handschuhe
gesteckt, und als sie zum ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte, sah sie
nicht nur aus wie ein Ritterfräulein, sondern wie eine Feenkönigin, und das
ganze Haus war in ihrem lieblichen Anblick verloren. Aber jetzt weigerte sie
sich aufs neue, an dem Spiele teilzunehmen, weil sie sich selber so fremd
vorkam, und wenn nicht die ganze Bevölkerung in ihren ehrbarsten Familien bei
der Sache gewesen wäre, so hätte man sie nicht dazu gebracht Unterdessen hatte
ich nicht geruht und mit meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk
gepfuscht, indem wir die nicht sehr sauberen Zügelriemen des Oheims mit rotem
Seidenzeuge umnähten, welches wir von einem Juden billig gekauft; denn Annas
Hände sollten das alte Lederwerk nicht unmittelbar berühren.
    Meinen eigenen Anzug hatte ich längst in Ordnung gebracht und denselben grün
und jägermässig gewählt, da dadurch eine grössere Einfachheit möglich war für
meine geringen Mittel. Doch war er noch erträglich getreu, eine grosse
zimmetfarbene Decke, ohne Beschädigung in einen faltenreichen Mantel
umgewandelt, verhüllte die Unvollkommenheiten; auf dem Rücken trug ich eine
Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz. Allein da der Mensch immer eine
schwache Seite haben muss, so schnallte ich den langen Toledodegen um aus der
Dachkammer; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt, hatte
zeitgemässe Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt, und doch wählte ich
diesen spanischen Bratspiess, ohne dass ich mir heute klarmachen kann, was ich mir
dabei dachte!
    Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschönsten Morgen; der
Himmel war ganz wolkenlos, es war in diesem Hornung schon so warm, dass die Bäume
anfingen auszuschlagen und die Wiesen grünten. Mit Sonnenaufgang, als eben der
Schimmel an dem funkelnden Flüsschen stand und gewaschen wurde, tönten
Alpenhörner und Herdengeläute durch das Dorf herab, und ein Zug von mehr als
hundert prächtigen Kühen, bekränzt und mit Schellen versehen, kam heran,
begleitet von einer grossen Menge junger Bursche und Mädchen, um das Tal hinauf
zu ziehen in die anderen Dörfer und so eine Bergfahrt vorzustellen. Die Leute
hatten nur ihre alterkömmliche Sonntagstracht anzuziehen gebraucht, mit
Ausschluss aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufügung einiger Prachtstücke
ihrer Eltern und Grosseltern, um ganz festlich und malerisch auszusehen, und der
stärkste Anachronismus waren die kurzen Pfeifen, welche die Bursche unbekümmert
im Munde trugen. Die frischen Hemdärmel der Jünglinge und Mädchen, ihre roten
Westen und blumigen Mieder leuchteten weitin in frohem Gewimmel, und als sie
vor unserm Hause und der benachbarten Mühle anhielten und unter den Bäumen
plötzlich das bunteste Gewühl entstand, von Gesang, Jauchzen und Gelächter
begleitet, als sie mit lautem Grüssen einen Frühtrunk verlangten, da fuhren wir
vom reichlichen Frühstück, um welches wir, mit Ausnahme Annas, schon angekleidet
versammelt waren, lustig auf, und die Freude überraschte uns in ihrer
Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger, als wir bei aller Erwartung darauf
gefasst waren. Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefässen und
einer Menge Gläser in das Gewimmel, der Oheim und seine Frau mit grossen Körben
voll ländlichen Backwerkes. Dieser erste Jubel, weit entfernt, eine frühe
Erschöpfung zu bedeuten, war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages
und noch herrlicherer Dinge. Die Muhme prüfte und pries das schöne Vieh,
streichelte und kraute berühmte Kühe, welche ihr wohlbekannt waren, und machte
tausend Spässe mit dem jungen Volke; der Oheim schenkte unaufhörlich ein, seine
Töchter boten die Gläser herum und suchten die Mädchen zum Trinken zu überreden,
während sie wohl wussten, dass ihr ehrsames Geschlecht am frühen Morgen keinen
Wein trinkt. Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu
und versorgten mit denselben die vielen Kinder, welche nebst ihren Ziegen den
Zug vergrösserten. In der Mitte des Gedränges stiessen wir auf die Müllersleute,
welche den Feind von der anderen Seite her angegriffen hatten, angeführt vom
jungen Müller, der als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein
verjährtes Eisengewand andächtig verehren und betasten liess. Auf einmal zeigte
sich Anna, schüchtern und verschämt; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt
der allgemeinen Freude sogleich vernichtet, und sie war in einem Augenblicke wie
umgewandelt Sie lächelte sicher und wohlgemut, ihre Silberkrone blitzte in der
Sonne, ihr Haar wehte und flatterte schön im Morgenwind, und sie ging so anmutig
und sicher in ihrem aufgeschürzten Reitkleide, das sie mit den ringgeschmückten
Händen hielt, als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen hätte. Sie musste
überall herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrüsst. Endlich aber
bewegte sich der Zug weiter, und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser
Hausstand. Die zwei jüngeren Basen und zwei ihrer Brüder schlossen sich
demselben an, die verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein
leichtes Fuhrwerk, um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns
gelegentlich zu treffen, auch um Anna aufzunehmen, im Falle ihr die Sache nicht
zusagen würde. Der Oheim und die Frau blieben zu Hause, um andere Herumschwärmer
zu bewirten und abwechselnd etwa sich in der Nähe umzusehen. Anna, Rudolf der
Harras und ich aber setzten uns nun zu Pferde, eskortiert von dem klirrenden
Müller. Dieser hatte für mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen
ausgesucht und über den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz
geschnallt. Doch kümmerte ich mich im mindesten nicht um die Reitkunst, und da
auch kein Mensch sich um dergleichen bekümmerte, so schwang ich mich ganz
unbefangen auf den Braunen und tummelte denselben mit einer Keckheit herum, die
ich jetzt gar nicht mehr begreife. Auf dem Lande kann jedermann reiten, der von
einem dressierten Pferde herunterfallen würde. So ritten wir stattlich das Dorf
hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel für die Leute, welche zurückblieben,
und für eine Menge Kinder, welche uns nachliefen, bis eine andere Gruppe ihre
Auf- merksamkeit erregte. Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von
allen Seiten her sich bewegen, und als wir eine Viertelstunde weit geritten
waren, kamen wir an eine Schenke an einer Kreuzstrasse, vor welcher die sechs
barmherzigen Brüder sassen, welche den Gessler wegtragen sollten. Dies waren die
lustigsten Bursche der Umgegend, hatten sich unter den Kutten ungeheure Bäuche
gemacht und schreckliche Bärte von Werg umgebunden, auch die Nasen rot gefärbt;
sie gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten
gegenwärtig Karten mit grossem Hallo, wobei sie andere Spielkarten aus den
Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute austeilten. Auch führten sie
grosse Proviantsäcke mit sich und schienen schon ziemlich angeglüht, so dass wir
für die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Gesslers Tod etwas besorgt wurden. Im
nächsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchtal ruhig einem Stadtmetzger einen
Ochsen verkaufen, wozu er schon seine alte Tracht trug; dann kam ein Zug mit
Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange, um in der Umgegend das
höhnische Gesetz zu verkünden. Denn dies war das Schönste bei dem Feste, dass man
sich nicht an die teatralische Einschränkung hielt, dass man es nicht auf
Überraschung absah, sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit
heraus und wie von selbst an den Orten zusammentraf, wo die Handlung vor sich
ging. Hundert kleine Schauspiele entstanden dazwischen, und überall gab es was
zu sehen und zu lachen, während doch bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge
andächtig und gesammelt zusammentraf. Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen,
um mehrere Berittene und auch durch Fussvolk verstärkt, welche alle zu dem
Ritterzuge gehörten; wir kamen an eine neue Brücke, die über einen grossen Fluss
führt; von der anderen Seite näherte sich ein grosser Teil der Bergfahrt, um das
Vieh nach Hause zu bringen und nachher wieder als Volk zu erscheinen. Nun war
ein knauseriger Zolleinnehmer auf der Brücke, welcher durchaus von Kühen und
Pferden den Zoll erheben wollte, gemäss dem Gesetze; er hatte den Schlagbaum
heruntergelassen und liess sich durchaus nicht bereden, diesmal von seiner
Forderung abzustehen, indem man jetzt nicht eingerichtet und aufgelegt sei,
diese Umständlichkeiten zu befolgen. Es entstand ein grosses Gedränge, ohne dass
man jedoch wagte, mit Gewalt durchzukommen. Da erschien unversehens der Tell,
welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges ging. Es war ein berühmter fester
Wirt und Schütze, ein angesehener und zuverlässiger Mann von etwa vierzig
Jahren, auf welchen die Wahl zum Tell unwillkürlich und einstimmig gefallen war.
Er hatte sich in die Tracht gekleidet, in welcher sich das Volk die alten
Schweizer ein für allemal vorstellt, rot und weiss mit vielen Puffen und Litzen,
rot und weisse Federn auf dem eingekerbten rot und weissen Hütchen. Überdies trug
er noch eine seidene Schärpe über der Brust, und wenn dies alles nichts weniger
als dem einfachen Weidmann angemessen war, so zeigte doch der Ernst des Mannes,
wie sehr er das Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte; denn in
diesem Sinne war der Tell nicht nur ein schlichter Jäger, sondern auch ein
politischer Schutzpatron und Heiliger, der nur in den Farben des Landes, in
Sammet und Seide, mit wallenden Federn denkbar war. Der Schnitt seines Kleides
war aus dem sechszehnten Jahrhundert, so wie er überhaupt als alte
Schweizertracht noch bei dem Volke gilt und aus den letzten grossen Heldentagen
der Schweizer herrührt. Sie pflegten sich mit einer Last von Federn zu schmücken
und sonst grossen Aufwand zu treiben aus Beute und fremdem Gold und gingen so in
den Tod für fremde Herren. Aber in seiner braven Einfalt ahnte unser Tell die
Ironie seines prächtigen Anzuges nicht; er trat mit seinem eigenen Knaben, der
wie eine Art Genius aufgeputzt war, besonnen auf die Brücke und fragte nach der
Verwirrung. Als man ihm die Gründe angab, setzte er dem Zöllner auseinander, dass
er gar kein Recht habe, den Zoll zu erheben, indem sämtliche Tiere nicht aus der
Ferne kämen oder dahin gingen, sondern als im gewöhnlichen Verkehr zu betrachten
seien. Der Zollmann aber, erpicht auf die vielen Kreuzer, beharrte spitzfindig
darauf, dass die Tiere in einem grossen Zuge los und ledig auf der Strasse
getrieben würden und gar nicht vom Felde kämen, also er den Zoll zu fordern
berechtigt sei. Hierauf fasste der wackere Tell den Schlagbaum, drückte ihn wie
eine leichte Feder in die Höhe und liess alles durchpassieren, die Verantwortung
auf sich nehmend. Die Bauern ermahnte er, sich zeitig wieder einzufinden, um
seinen Taten zuzusehen, uns Rittersleute aber grüsste er kalt und stolz, und er
schien uns auf unseren Pferden für wirkliches Tyrannengesindel anzusehen, so
sehr war er in seine Würde vertieft.
    Endlich gelangten wir in den Marktflecken, welcher für heute unser Altorf
war. Als wir durch das alte Tor ritten, fanden wir das winzige Städtchen,
welches nur einen mässigen Platz bildete, schon ganz belebt, voll Musik, Fahnen
und Tannenreiser an allen Häusern. Eben ritt Herr Gessler hinaus, um in der
Umgegend einige Untaten zu begehen, und nahm den Müller und den Harras mit; ich
stieg mit Anna vor dem Ratause ab, wo die übrigen Herrschaften versammelt
waren, und begleitete sie in den Saal, wo sie von dem Ausschusse und den
versammelten Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrüsst wurde. Ich war hier nur
wenig bekannt und lebte nur in dem Glanze, welchen Anna auf mich warf. Jetzt kam
auch der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin; sie gesellten sich zu
uns, nachdem das Gefährt notdürftig untergebracht, und erzählten, wie soeben auf
der Landschaft dem jungen Melchtal die Ochsen vom Pfluge genommen, er flüchtig
geworden und sein Vater gefangen worden sei, wie die Tyrannen überhaupt ihren
Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwürdige Szenen stattgefunden
hätten vor vielen Zuschauern. Diese strömten auch bald zum Tore herein; denn
obgleich nicht alle überall sein wollten, so begehrte doch die grössere Zahl die
ehrwürdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu schauen und vor allem den
Tellenschuss. Bereits sahen wir auch aus dem Fenster des Ratauses die
Spiessknechte mit der verhaften Stange ankommen, dieselbe mitten auf dem Platze
aufpflanzen und unter Trommelschlag das Gesetz verkünden. Der Platz wurde jetzt
geräumt, das sämtliche Volk, mit und ohne Kostüm, an die Seiten verwiesen und
vor allen Fenstern, auf Treppen, Galerien und Dächern wimmelte die Menge. Bei
der Stange gingen die beiden Wachen auf und ab, jetzt kam der Tell mit seinem
Kanben über den Platz gegangen, von rauschendem Beifall begrüsst; er hielt das
Gespräch mit dem Kinde nicht, sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den
Schergen verwickelt, dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, indessen
Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertür
hinausbegaben und zu Pferde stiegen, da es Zeit war, uns mit dem Gesslerschen
Jagdzuge zu vereinigen, der schon vor dem Tore hielt. Wir ritten nun unter
Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in
grossen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt, den Helden
seinen Drängern zu entreissen. Doch als der Landvogt seine Rede begann, wurde es
still. Die Rollen wurden nicht teatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen,
sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung, laut, eintönig und etwas
singend, da es doch Verse waren; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen,
und wenn jemand, eingeschüchtert, nicht verstanden wurde, so rief das Volk
»Lauter, lauter!« und war höchst zufrieden, die Stelle noch einmal zu hören,
ohne sich die Illusion stören zu lassen. So erging es auch mir, als ich einiges
zu sprechen hatte; ich wurde aber glücklicherweise durch einen komischen Vorgang
unterbrochen. Es trieben sich nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte
herum, arme Teufel, welche weisse Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen
hatten, ganz mit bunten Läppchen besetzt, auf dem Kopfe trugen sie hohe
kegelförmige Papiermützen, mit Fratzen bemalt, und vor dem Gesicht ein
durchlöchertes Tuch. Dieser Anzug war sonst die allgemeine Vermummung gewesen
zur Fastnachtszeit und in derselben allerlei Spässe getrieben worden; er scheint
von der löblichen Tracht herzurühren, in welcher einst die verurteilten Ketzer
verhöhnt wurden und welche nachher in den Fastnachtsspielen sich erhielt. Die
armen Kerle waren den neueren Spielen nicht grün, da sie in dieser seltsamen
Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher für deren Erhaltung
begeistert waren. Sie stellten gewissermassen den Rückschritt und die
Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen
umher. Besonders zwei derselben störten das Schauspiel, als ich eben reden
sollte, indem sie einander am Rückteile des Hemdes herumzerrten, welches mit
Senf bestrichen war. Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie, indem er
sie ass, an dem Hemde des andern, während sie fortwährend sich im Kreise
herumdrehten wie zwei Hunde, die einander nach dem Schwanze schnappen. Auf diese
Weise tanzten sie zwischen Gessler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun
in ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelächter, indem das Volk
im ersten Augenblicke seinen alten Nücken nicht widerstehen konnte. Doch
alsobald erfolgten auch derbe Püffe und Stösse mit Schwertknäufen und Partisanen,
die erschrockenen Spassmacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten, wurden
aber überall mit Gelächter zurückgestossen, so dass sie längs der fröhlichen
Reihen kein Unterkommen fanden und ängstlich umherirrten, mit zerzausten Mützen
und furchtsam ihre Verhüllung an das Gesicht drückend, damit sie nicht erkannt
würden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und
mich, den misshandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen, und so wurde ich
meiner Rede entoben. Dies störte übrigens nicht, da man gar nicht die Worte
zählte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrücken
verzierte, so wie es die Bewegung eben mit sich brachte. Doch machte sich der
Volkshumor im Schosse des Schauspieles selbst geltend, als es zum Schusse kam.
Hier war seit undenklichen Zeiten, wenn bei Aufzügen die Tat des Tell auf derbe
Weise vorgeführt wurde, der Scherz üblich gewesen, dass der Knabe während des
Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum grossen Jubel des Volkes
gemütlich verspeiste. Dies Vergnügen war auch hier wieder eingeschmuggelt
worden, und als Gessler den Jungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten hätte,
erwiderte dieser keck »Herr! Mein Vater ist ein so guter Schütz, dass er sich
schämen würde, auf einen so grossen Apfel zu schiessen! Legt mir einen auf, der
nicht grösser ist als Euere Barmherzigkeit, und der Vater wird ihn um so besser
treffen!« Als der Tell schoss, schien es ihm fast leid zu tun, dass er nicht seine
Kugelbüchse zur Hand hatte und nur einen blinden Teaterschuss absenden konnte.
Doch zitterte er wirklich und unwillkürlich, indem er anlegte, so sehr war er
von der Ehre durchdrungen, diese geheiligte Handlung darstellen zu dürfen. Und
als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt, während
alles Volk in atemloser Beklemmung zusah, da zitterte seine Hand wieder mit dem
Pfeile, er durchbohrte den Gessler mit den Augen, und seine Stimme erhob sich
einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft, dass Gessler erblasste
und ein Schrecken über den ganzen Markt fuhr. Dann verbreitete sich ein frohes
Gemurmel, tief tönend, man schüttelte sich die Hände und sagte, der Wirt wäre
ein ganzer Mann, und solange wir solche hätten, tue es nicht not! Doch ward der
wackere Mann einstweilen gefänglich abgeführt, und die Menge strömte aus dem
Tore nach verschiedenen Seiten, teils um anderen Szenen beizuwohnen, teils um
sich sonst vergnüglich umherzutreiben. Viele blieben auch im Orte, um dem Klange
der Geigen nachzugehen, welche da und dort sich hören liessen. Auf die
Mittagsstunde machte sich aber alles bereit, auf dem Grütli einzutreffen, wo der
Bund beschworen wurde, mit Weglassung der Schillerschen Stellen, die sich auf
die Nacht bezogen. Eine schöne Wiese an dem breiten Strom, von ansteigendem
Gehölz umschlossen, war dazu bestimmt, wie auch der Strom überhaupt den See
ersetzen musste und den Fischern und Schiffsleuten zum Schauplatz diente. Anna
setzte sich zu ihrem Vater in das Gefährt, ich ritt nebenher, und so begaben wir
uns gemächlich auf den Weg dahin, um als Zuschauer auszuruhen und ausruhend zu
geniessen. Auf dem Grütli ging es sehr ernst und feierlich her; während das bunte
Volk auf den Abhängen unter den Bäumen umhersass, tagten die Eidgenossen in der
Tiefe. Man sah dort die eigentlichen wehrbaren Männer mit den grossen Schwertern
und Bärten, kräftige Jünglinge mit Morgensternen und die drei Führer in der
Mitte. Alles begab sich auf das beste und mit vielem Bewusstsein, der Fluss wogte
breit glänzend und zufrieden vorüber; nur tadelte der Schulmeister, dass die
Jungen und die Alten bei der feierlichen Handlung keinen Augenblick die Pfeifen
aus dem Munde täten und kaum Walter Fürst und Stauffacher die ihrigen beiseite
getan hätten; Melchtal aber, der viel Geld mit dem Ochsenhandel verdiente,
rauchte eine Zigarre, und der Pfarrer Rösselmann schnupfte unaufhörlich. Das
störte in der Tat aber niemand als den Schulmeister, welcher weder rauchte noch
schnupfte.
    Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher
beschworen war, setzte sich die ganze Menge, Zuschauer und Spieler
untereinandergemischt, in Bewegung; der grösste Teil wogte wie eine
Völkerwanderung nach dem Städtchen, wo ein einfaches Mahl bereitet und fast
jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war, sei es für Freunde und Bekannte,
sei es für Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig; denn so unbefangen, wie wir
die Aufzüge des Stückes durcheinandergeworfen, hielten wir auch für gut, sie
durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen, um nachher die gewaltsamen
Schlussereignisse mit desto frischerm Mute herbeizuführen. Der eigentliche
Festwirt hatte in Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rasch den Markt, oder
besser gesagt, den ganzen und einzigen innern Raum des Städtchens in einen
Speisesaal umgeschaffen; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt für
diejenigen der »Verkleideten« und sonstigen Ehrenpersonen, welche das gemeinsame
Essen teilen wollten, die übrigen besetzten die Häuser und viele einzelne
Tische, welche vor die Häuser gestellt waren. So gewann das Städtchen doch
wieder das Ansehen einer einzigen Familie, aus allen Fenstern blickten die
abgesonderten Gesellschaften auf die grosse Haupttafel, und diejenigen vor den
Häusern sahen bald wie unregelmässige Verzweigungen derselben aus. Den Stoff zu
den lauten Gesprächen lieh die allgemeine Teaterkritik, die sich über alle
Tische verbreitete und deren mündliche Artikel die Künstler selbst verfassten.
Diese Kritik befasste sich weniger mit dem Inhalte des Dramas und mit der
Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der Helden und mit der
Vergleichung mit ihrem gewöhnlichen Behaben. Daraus entstanden hundertfache
scherzhafte Beziehungen und Anspielungen, von denen kaum der Tell allein
freigehalten wurde; denn dieser schien unangreifbar. Aber der Tyrann Gessler
geriet in ein solches Kreuzfeuer, dass er in der Hitze des Gefechtes einen
kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natürliche Weise
darzustellen imstande war. Die heitersten Scherze veranlassten die jungen Leute,
welche in Frauentracht an der Tafel sassen. Es waren drei oder vier Bursche wie
Milch und Blut, mit Sorgfalt gekleidet, und benahmen sich sehr züchtig und
zimpferlich; während sie verliebter und kecker Natur und angehende Don Juans
waren, liessen sie sich nun von ihren Kameraden, den ländlichen Kavalieren,
spröde den Hof machen und ahmten aufs beste die Art sittsamer Frauen nach. Die
wirklichen Mädchen betrachteten aus der Entfernung ziemlich wohlgefällig ihre
neuen Rivalinnen; doch wenn die verkleideten Schälke plötzlich sich unter sie
mischten und ein mädchenhaft vertrauliches Wort flüstern wollten, fuhren sie
schreiend auseinander. Aber dies alles belustigte mich nicht sehr, da ich mich
genug um Anna zu kümmern hatte. Sie sass am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater und
dem Regierungsstattalter, gegenüber dem Tell und seiner wirklichen anwesenden
Ehefrau. Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung wegen die
allgemeine Aufmerksamkeit erregt, machte sich nun auch der ehrbare Ruf ihres
Vaters, ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend; ich
musste zu meiner grossen Bekümmernis sehen, wie der Platz, wo sie sass, von
allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde, ja wie alle vier Fakultäten
sich bestrebten, dem gravitätischen Schulmeister zu Gefallen zu leben. Ein
frisch patentierter junger Doktor spielte den Erfahrenen, ein Jurist machte
Witze, ein Vikarius verdrehte die Augen und sprach von der Poesie wie eine Kuh
von der Muskatnuss (um das Sprichwort zu gebrauchen), und ein rationeller
Landwirt, der die Philosophie vertrat, zog alle Augenblicke eine grosse
Schweinsblase hervor, welche wenigstens funfzig Gulden in allen Silbersorten
entielt, und suchte mit starkem Gerassel einige Kreuzer, um einen Aufwärter zu
bezahlen. Doch alle waren stattliche blühende Bursche mit einer behaglichen
Zukunft; ich war arm und hatte einen Beruf gewählt, der nicht nur mit ewiger
Armut verbunden war nach meinen eigenen Begriffen und zu meinem stolzen
Vergnügen, sondern überhaupt bei allen diesen Leuten nichts gelten konnte,
während der Stand eines jeden der vier Hoffnungsvollen, selbst wenn diese arm
waren, grosses Ansehen bei dem Volke genoss, wie alles, was es nach seinen
Begriffen für notwendig hält und vom Staate kontrolliert oder besoldet sieht.
Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken, welch einer geschlossenen
Macht ich gegenüberstand. Anna war gegen alle gleich freundlich, so unbefangen
und offen, wie ich sie gar nie gesehen und am wenigsten gegen mich; aber
obgleich mich gerade das hätte beruhigen sollen und ich überdies die
ungewöhnlich edle Denkart des Schulmeisters kannte, so wurde es mir doch ganz
heiss, und ich beschuldigte sogleich die Weiber, dass sie unter dem Vorwande der
Selbstverleugnung und des kindlichen Gehorsams es doch immer vorzögen, wenn auch
unter heuchlerischen Tränen, sich unvermerkt dahin zu salvieren, wo guter Rat
und Wohlstand wäre, und wenn sie eine Ausnahme machten, so geschähe das weniger
aus Liebe als aus Eigensinn, welcher sich auch in Übertreibung und
Ungebärdigkeit alsobald kundgebe! Doch kam mir kein Gedanke an einen besondern
Vorwurf gegen Anna, weil mir alles achtungswert und notwendig schien, was sie
tat oder je tun würde, und ich entschuldigte sie sogar im voraus, wenn sie etwa
in den Fall geraten sollte, nach dem Willen ihres Vaters einem Angesehenen und
Reichen ihre Hand zu geben. Auch achtete ich diese ganze mächtige Volksschaft zu
sehr und fühlte mich nur unbedeutend und unnütz in diesem Augenblicke. Betrübt
erhob ich mich von meinem Sitze, wo ich zufällig zwischen zwei fremde Personen
geraten war, und schlenderte um die Tische herum, meine Vettern und Basen
aufsuchend, die sich im vollen Jubel befanden. Sie waren zu sehr mit ihrer
Freude beschäftigt, als dass sie meinen Trübsinn hätten bemerken können, und ich
war nahe daran, in das empfindsame Mitleid mit mir selbst, das ich in früheren
Tagen gekannt, zu verfallen, als Margot, die Braut, welche in stiller
Glückseligkeit neben dem Müller sass, mich heranwinkte, mit freudestrahlenden und
doch teilnehmenden Augen fragte, warum ich mich so einsam und düster
umhertreibe, mich mit ungewohnter Herzlichkeit beim Arme nahm und an ihrem
Stuhle festielt. Ich hätte sie aus Dankbarkeit umhalsen und küssen mögen, zumal
sie mir so schön und liebenswürdig vorkam wie früher nie. Eine Braut zur
Beschützerin zu haben, schien mir halb gewonnenes Spiel. Ich empfand sogleich
eine warme und treue Freundschaft für sie, und auch sie schien froh zu sein, die
dünne Scheidewand der bisherigen Ironie zwischen uns fallenzulassen und einen
ihrem künftigen Hause ergebenen Vetter aus mir zu machen. Sie unterhielt sich
fortwährend und angelegentlich mit mir und veranlasste den Müller, an dem
vertraulichen Geplauder teilzunehmen. Das tat er denn auch mit
freundschaftlicher Kraft, wir wurden herzlicher und offener gegeneinander, kurz,
ich glaubte endlich zu meinem grossen Troste zu entdecken, dass man mich achtete
und wertielt. Zutraulich bei diesem hübschen Paare stehend, sah ich nun ruhiger
über die Versammlung hin und rückte endlich ein Stück weiter, um mich bei dem
Schulmeister und seiner Tochter einzufinden. Trotz des Verkommnisses in der
Gartenlaube war unser Verkehr nicht sehr fortgeschritten, wir wechselten kaum
einige Worte, im übrigen blieben wir still und zufrieden in unserer
gegenseitigen Nähe, und selbst heute hatten wir fast nichts unmittelbar
zueinander gesprochen. Als ich mich nachlässig hinter Annas Stuhl lehnte, bot
mir der Schulmeister, während er mit den Nachbaren sprach, leichtin das Glas,
wie man einem Angehörigen tut, den man oft sieht; seine Tochter kehrte sich
nicht einmal um und fuhr fort, ihre Verehrer anzuhören. Das schmeichelte mir nun
wieder, vor einer Viertelstunde hätte es meine Betrübnis vermehrt; ich schlug
die Arme übereinander und hörte gelassen dem Gespräche zu. In ihrem Wetteifer
waren die vier jungen Herren ein wenig kühn und prahlerisch geworden; ihre
Studentenbildung und die Sitten ihres ländlichen Herkommens gerieten wunderlich
durcheinander, sie verloren ihren Takt gegenüber dem feinen Kinde, das sie wie
eine Mücke zu fangen glaubten, sagten Dummheiten ohne alle Anmut, und als das
Zeichen zum Aufbruch erklang, gaben sie Anna ihre Visitenkarten! Was das heissen
sollte, wusste kein Mensch; einer hatte angefangen, die anderen wollten nicht
zurückbleiben. Sie hatten diese Karten beim Abgange von der Universität machen
lassen, wie sie es bei anderen gesehen, die Hälfte davon gegen diejenigen ihrer
Freunde vertauscht, indem sie einander besuchten, wenn sie nicht zu Hause waren,
die andere Hälfte war nun noch vorrätig, und obgleich hierzulande keine
Visitenkarten abgegeben wurden, wenn die Leute nicht zu Hause waren, so trugen
sie doch stets einige bei sich, wie die Habichte auf einen günstigen Zufall
lauernd, wo sie eine derselben anbringen konnten. Jetzt hatten sie mit kühner
Hand sich die Gelegenheit vom Zaun gebrochen und ohne weiteres die glänzenden
Dinger hervorgeholt. Anna hielt sie anscheinend bewunderungsvoll in der Hand;
auf einem stand Dr. med., auf dem andern Cand. jur., auf dem des Vikars V. D. M.
Als Anna fragte, was letzteres bedeute, lag es mir auf der Zunge, zu sagen VerD
ammter Mucker! Denn der arme junge Priester war zwar ein sogenannter
freisinniger Teologe, hatte aber von der Universität eine bedenkliche
ästetische Muckerei heimgebracht. Er erklärte aber, es hiesse Verbi Divini
Minister. Nur der rationelle Landwirt besass keine Karte; dafür zog er noch
einmal seine Blase heraus, setzte sie klirrend auf den Tisch, grub einen Franken
aus derselben hervor und warf denselben ohne alle Veranlassung einem Kinde hin.
Ich bemerkte, dass dies von den Anwesenden sehr missfällig angesehen wurde, und
triumphierte nun vollkommen in meinem schadenfrohen Gemüte. Es kann mich aber
vielleicht entschuldigen, dass alle vier sechs bis sieben Jahre älter als ich und
schon gereist waren; auch haben sie seiter nach ihrem Wunsche achtbare und
vermögliche Frauen bekommen und sind ebenso tüchtige als geachtete junge Männer
mit Ausnahme des Verbi Divini Minister, welcher einen schlimmen Handel bekam und
ausser Landes ging.
    Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich, ihr die Karten aufzubewahren;
sie bemerkte lächelnd, ich möchte ja recht Sorge dazu tragen, und als ich sie
einsteckte, war mir, als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge. Doch diese
mochten auch bereits einsehen, dass sie einen unschicklichen und törichten
Streich begangen, und verloren sich aus unserer Umgebung; denn als kluger Bauern
ebenso kluge Söhnlein waren sie nur oberflächlich in solche Schnörkeleien
hineingeraten und soeben durch Annas feines Wesen fälschlich zu deren Anwendung
verlockt worden.
    Während man nun von allen Seiten aufbrach, hatte sich in unserer Nähe, wo
der Stattalter, Wilhelm Tell, der Wirt, und andere Männer von Gewicht sassen,
eine bedächtige Unterhandlung entsponnen. Es handelte sich um die Richtung einer
neuen Strasse erster Klasse, welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an
die Grenze geführt werden sollte. Zwei verschiedene Pläne standen sich in bezug
auf unser engeres Gebiet entgegen, welche mit gleichwiegenden Vorteilen und
Schwierigkeiten verbunden waren; die eine Richtung ging über eine gedehnte
Anhöhe, fast zusammenfallend mit einer älteren Strasse zweiten Ranges, musste aber
im Zickzack geführt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht; die andere
ging mehr grad und eben über den Fluss, allein hier war das anzukaufende Land
teurer und überdies ein Brückenbau notwendig, so dass die Kosten also sich
gleichkamen, während die Verkehrsverhältnisse die Wünschbarkeit ebenfalls
ziemlich gleich verteilten. Aber an der älteren Strasse auf der Anhöhe lag das
Gastbaus des Tell, weit hinschauend und viel besucht von Geschäftsmännern und
Fuhrleuten; durch die grosse Strasse in der Niederung würde sich der Verkehr dort
hingezogen haben und das alte berühmte Haus vereinsamt worden sein; daher sprach
sich der wackere Tell, an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhöhe,
energisch für die Notwendigkeit aus, dass die neue Strasse über dieselbe gezogen
werde. In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhändler, die Schiffahrt
abwärts benutzend, seine weitläufigen Räume angelegt, dem nun die Strasse zum
Transport aufwärts unentbehrlich schien Er war seit einer Reihe von Jahren,
schon in der Restaurationszeit, Mitglied des Grossen Rates und einer jener
Männer, die weniger ideellen Stoff in eine gesetzgebende Behörde bringen, als
durch geschäftliche Sach-und Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche
und darum stehende Erscheinungen in denselben und jeder herrschenden Partei von
Nutzen sind. Er war radikal und stimmte in allen politischen Fragen im Sinne des
Fortschrittes, aber ohne viel Umstände, indem er mehr durch sein Beispiel als
durch Reden wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff, pflegte er
die Debatte mit genauen Erörterungen und Bedentlichkeiten aufzuhalten; denn auch
der Radikalismus war ihm ein Geschäft und er der Meinung, mit den äussersten
Ersparnissen, die man den Kosten von sechs Unternehmungen abgezwackt, könne man
eine siebente obendrein ermöglichen. Er wollte die Sache der Freiheit und
Aufklärung nach der Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen, welcher
nicht darauf ausgeht, mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales
Prachtgebäude herzustellen, in welchem er die Arbeiter zur Not beschäftigen
könnte, sondern der es vorzieht, unscheinbare räucherige Gebäude, Werkstatt an
Werkstatt, Schuppen an Schuppen zu reihen, wie es Bedürfnis und Gewinn erlauben,
bald provisorisch, bald solid, nach und nach, aber immer rascher mit der Zeit,
dass es raucht und dampft, pocht und hämmert an allen Ecken, während jeder
Beschäftigte in dem lustigen Wirrsal seinen Griff und Tritt kennt. Deswegen
eiferte er immer gegen die schönen grossen Schulhäuser, gegen die erhöhten
Besoldungen der Lehrer und dergleichen, weil ein Land, welches mit einer Menge
bescheidener, aber mit allen Mitteln vollgepfropfter Schulstuben gespickt sei,
in bequemer Nähe überall, wo ein paar Kinder wohnen, und wo an allen Ecken und
Enden tapfer und emsig gelernt würde in aller Unscheinbarkeit, erst die wahre
Kultur aufzeige. Der gravitätische Aufwand, behauptete der Holzhändler,
behindere nur die tüchtige Bewegung; nicht ein goldenes Schwert tue not, dessen
mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand geniere, sondern eine scharfe leichte
Axt, deren hölzerner Stiel, vom rüstigen Gebrauche geglättet, der Hand
vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur Arbeit, und die ehrwürdige
Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel schönerer Glanz, als Gold und
Steine jenes Schwertgriffes darböten. Ein Volk, welches Paläste baue, bestelle
sich nur zierliche Grabsteine, und der Wandelbarkeit könne noch am besten
widerstanden werden, wenn man sich unter ihrem Panier schlau durch die Zeit
bugsiere, leicht und behende; erst ein Volk, das dies begriffen, immer bewaffnet
und marschfertig, ohne unnützes Gepäck, aber mit gefüllter Kriegskasse versehen
sei, dessen Tempel, Palast, Festung und Wohnhaus in einem Stück das leichte,
luftige und doch unzerstörbare Wanderzelt seiner geistigen Erfahrung und
Grundsätze sei, überall mitzuführen und aufzuschlagen, könne sich Hoffnung auf
wahre Dauer machen, und selbst seinen geographischen Wohnsitz vermöge ein
solches länger zu behaupten. Besonders von den Schweizern wäre es ein Unsinn,
wenn sie ihre Berge mit schönen Gebäuden bekleben wollten; höchstens am Eingange
wären allenfalls ein paar ansehnliche Städte zu dulden, sonst aber müssten wir es
ganz der Natur überlassen, die Honneurs zu machen; dies sei nicht nur das
billigste, sondern auch das klügste. Von den Künsten liess er einzig Beredsamkeit
und Gesang gelten, weil sie seinem »Wanderzelte« entsprachen, nichts kosten und
keinen Platz einnehmen. Sein eigenes Besitztum sah ganz nach seinen Grundsätzen
aus; Brenn- und Bauholz, Kohlen, Eisen und Steine bildeten in ungeheuren
Vorräten ein grosses Labyrint, dazwischen kleine und grosse Gärten, denn wenn ein
Platz für einen Sommer frei war, so wurde schnell Gemüse darauf gesäet; hie und
da beschatteten mächtige Tannen, die er noch hatte stehenlassen, eine Sägemühle
oder Schmiede. Sein Wohnhaus lag mehr wie eine Arbeiterhütte als wie ein
Herrenhaus dazwischen hingeworfen, und seine Frauensleute mussten für ein
bescheidenes Ziergärtchen einen fortwährenden Krieg führen und mit demselben
stets um das Haus herum flüchten; bald wurde es an diese, bald an jene Ecke
geschoben, von Hecken oder Geländern war auf dem ganzen Grundstück nichts zu
sehen. Es lag ein grosser Reichtum darin, aber dieser änderte täglich seine
äussere Gestalt; selbst die Dächer von den Gebäuden verkaufte der Mann manchmal,
wenn sich günstige Gelegenheit bot, und doch sass er seit langer Zeit auf diesem
Besitze, und die fragliche Strasse schien demselben die Krone aufzusetzen; denn
eine gute Strasse dünkte ihm das beste Ding von der Welt, nur müsse sie ohne
kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbäumchen und derlei Firlefanz sein.
Auch war er fast immer auf der Strasse in einem leichten, einfachen, aber
vortrefflichen Fuhrwerke, dessen Remise ebenfalls auf steter Wanderung begriffen
war und lediglich aus losen Bauhölzern bestand. Der Holzhändler meinte nun, der
Wirt müsse oben seine Hütte zuschliessen und einen Gastof unten an die neue
Strasse und Brücke bauen, wo noch ein grösserer Verkehr zu erwarten wäre, da hier
noch die Schiffsleute hinzukämen. Allein der Wirt war der entgegengesetzten
Gesinnung. Er sass in dem Hause seiner Väter; es war seit alten Zeiten immer ein
Gastbaus gewesen; von seiner sonnigen Höhe war er gewohnt, über das Land
hinzublicken, und das Haus hatte er mit schönen Schweizergeschichten bemalen
lassen. Von der Verteidigung mit einer schlechten Axt wollte er nichts hören,
dieselbe sei höchstens zum gelegentlichen Erschlagen eines Wolfenschiessen gut;
sonst bedurfte er einer trefflichen und fein gearbeiteten Büchse, die Übung mit
derselben war ihm der edelste Zeitvertreib. Er war auch, der Meinung, ein freier
Bürger müsse arbeiten und sorgen, sieh ein unabhängiges Auskommen zu schaffen
und zu erhalten, aber Nicht mehr, als nötig sei, und wenn die Sache in sichrem
Gange, so zieme dem Mann eine anständige Ruhe, ein vernünftiges Wort beim Glase
Wein, eine erbauliche Betrachtung der Vergangenheit des Landes und seiner
Zukunft. Er betrieb einen beschränkten Weinhandel, nur mit gutem und wertvollem
Wein, mehr gelegentlich als geschäftsmässig; in seinem Hause ging alles seinen
Gang, ohne dass er viel umhersprang, wozu er auch zu beleibt war. Auch er war ein
Mann des Rates und der Tat, aber mehr in der moralischen Welt, und in
politischen Dingen ein einflussreicher Volksmann, ohne dass er im Grossen Rate sass.
Bei den Wahlen hörten viele auf ihn; daher mochte die Regierung ihn sowenig
gegen sich aufbringen als den Holzhändler. Sie hatte dem Grossen Rate, behufs
eines Gesetzes über den fraglichen Strassenbau, ihr Gutachten vorzulegen; man
wünschte, dass der betreffende Nachteil des Entscheides nicht den Behörden zur
Last gelegt, sondern an Ort und Stelle ausgekocht würde, und zu diesem Ende hin
hatte der Stattalter diese Gelegenheit ergriffen, die beiden Männer
aneinanderzubringen und zu einer Verständigung aufzufordern. Der Stattalter war
ein freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hübschen Gesichte und vornehm
grauen Haaren; er trug feine Wäsche und einen feinen Rock, an der feinen Hand
goldene Ringe und lachte gern. Immer war er gelassen, führte seine Geschäfte mit
Festigkeit durch, ohne sieh auf die Gewalt zu berufen und als Regierungsperson
zu brüsten. Er war sehr gebildet, allein davon zeigte er jederzeit nur, soviel
nötig war, und tat dies auf eine Weise, als ob er den Bauern nur etwas erzählte,
das er zufällig erfahren und sie ebensogut wissen könnten, wenn es sich just
gefügt hätte. Mit seinem feinen Rock und seinen Manschetten ging er überallhin,
wo ein Bauersmann hinging, nahm seinen Putz nicht in acht dabei und verdarb ihn
doch nicht. Zu den Leuten verhielt er sich nicht wie ein Vogt zu seinen
Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen Soldaten, auch nicht wie ein Vater
zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen Hirten, sondern unbefangen wie ein
Mann, der mit dem andern ein Geschäft zu verrichten und eine Pflicht zu erfüllen
hat. Er strebte weder herablassend noch leutselig zu sein, am wenigstens suchte
er den besoldeten Diener des Volkes zu affektieren. Er gründete seine Festigkeit
gar nicht auf die Amtsehre, sondern auf das Pflichtgefühl; doch wenn er nicht
mehr sein wollte als ein anderer, so wollte er auch nicht weniger sein. Oder
vielmehr wollte er gar nicht, denn er war alles, was er vorstellte. Und doch war
er kein unabhängiger Mann; einer reichen, aber verschwenderischen Familie
entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger Vogel, kehrte er mit
erlangter Besonnenheit gerade in das väterliche Haus zurück, als dasselbe in
Verfall geriet; es war gar nichts zu leben übriggeblieben, sein verkommener,
lärmender Vater musste noch erhalten werden; so sah sich der junge Mann genötigt,
gleich ein Amt zu suchen, und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen
einer von denen geworden, die ohne ihr Amt Bettler und Regierungspersonen von
Profession sind. Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklärung dieser
verrufenen Lebensart gelten; den ersten Schritt hatte er in der Jugend und in
der Not getan, und als es nachher nicht mehr zu ändern war, zog er sich
wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache. Der Schulmeister pflegte
von ihm zu sagen er sei einer von den wenigen, die durch das Regieren weise
werden. Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht, den Holzhändler und den Wirt zu
einer Verständigung zu bringen, damit er der Regierung berichten könne, welcher
Zug der Strasse in der Gegend allgemein gewünscht werde. Jeder der beiden Männer
verteidigte hartnäckig seinen Vorteil; der Holzhändler hielt sich schlechtweg an
den Vernunftgrund, dass die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und
zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein müsse, und barg so seinen
eigenen Vorteil hinter die Vernunft; auch liess er merken, dass er als Mitglied
der Behörde derselben zum Siege zu verhelfen hoffe. Der Wirt dagegen sagte
geradezu, er wolle sehen, ob er es um die Regierung verdient habe, dass man ihm
das Haus seiner Väter in eine Einöde setze! Herabzusteigen und an dem feuchten
Wasser sich anzunisten wie eine Fischotter, dazu werde man ihn nicht überreden;
oben, wo es trocken und sonnig, sei er geboren, und dort werde er auch bleiben!
Hierauf versetzte sein Gegner lächelnd das möge er unbehindert tun und von der
Freiheit träumen, während er ein Untertan seiner Vorurteile sei; andere zögen es
vor, in der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben. Schon fing die
Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen Anhängern Worte wie
Starrsinn und Eigennutz! laut zu werden, als ein fröhlicher Haufe den Tell zur
Fortsetzung seiner Taten abholte; denn er sollte noch auf die Platte springen
und den Vogt erschiessen. Etwas zornig brach er auf, indes auch die übrigen sich
zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen blieben. Die Unterredung
hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht; besonders am Wirt hatte mich
dies unverhohlene Verfechten des eigenen Vorteiles, an diesem Tage und in
solchem Gewande, gekränkt; diese Privatansprüche an ein öffentliches Werk, von
vorleuchtenden Männern mit Heftigkeit unter sich behauptet, das Hervorkehren des
persönlichen Verdienstes und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde, welches
von dem unparteiischen und unberührten Wesen des Staates in mir war und das ich
mir auch von den berühmten Volksmännern gemacht hatte. Ich äusserte diesen
Eindruck in vorlauten Worten gegen Annas Vater, hinzufügend, dass mir der Vorwurf
der Kleinlichkeit, des Eigennutzes und der Engherzigkeit, welcher den Schweizern
von fremden, namentlich deutschen Reisenden gemacht würde, nun bald gerecht
erschiene. Der Schulmeister milderte in etwas meinen Tadel und forderte mich zur
Duldsamkeit auf mit der menschlichen Unvollkommenheit, welche auch diese sonst
wackeren Männer überschatte. Übrigens, meinte er, sei nicht zu leugnen, dass
unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein Gewächs der Scholle sei und dass unseren
Fortschrittsmännern die wahre Religiosität fehle, welche in das schwere
politische Leben jenen heitern, frommen, liebevollen Leichtsinn bringe, der aus
warmem Gottvertrauen entspringe und erst die rechte Opferfreudigkeit, die
allerfreieste Beweglichkeit von Leib und Seele möglich mache. Wenn unsere
fleissigen Männer einmal einsähen, dass im Evangelio noch eine viel aufgewecktere
und schönere Beweglichkeit gelehrt würde, als diejenige sei, welche der
Holzhändler predige, so werde das Politisieren noch viel erklecklicher
vonstatten gehen und erst die reifen Früchte bringen. Ich wollte eben hiegegen
mein rundes Veto einlegen, als jemand mir auf die Achsel klopfte; als ich mich
umwandte, stand der Stattalter hinter uns, welcher freundlich sagte »Obgleich
ich nicht der Ansicht bin, dass man in einer guten Republik stark auf die
Meinungen der Jugend achte, solange die Alten das Salz nicht verloren haben und
Toren geworden sind, so will ich doch versuchen, junger Herr! Euern Kummer zu
lindern, damit Euch über vermeintlichen trüben Erfahrungen nicht dieser schöne
Tag zuschanden gehe; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes Jugendalter
erreicht, welches ich eigentlich meine, und da Ihr schon so kräftig zu tadeln
wisst, so versteht Ihr gewiss noch ebensogut zu lernen. Vor allem freut es mich,
Euch in betreff der beiden Männer, welche soeben weggingen, Euern Mut
wiederaufzurichten; es mögen allerdings nicht alle gleich sein in unserm
Schweizerlande; doch vom Herrn Kantonsrat sowohl wie vom Leuenwirt mögt Ihr
sicher glauben, dass sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es
einer für den andern opfern würde, wenn er ins Unglück geriete, und das
vielleicht gerade desto unbedenklicher, als der andere sich heut kräftiger um
die Strasse gewehrt hat. Sodann merkt Euch für Eure künftigen Tage wer seinen
Vorteil nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht, der
wird auch nie imstande sein, seinem Nächsten aus freier Tat einen Vorteil zu
verschaffen! Denn es ist (hier schien sich der Stattalter mehr an den
Schulmeister zu wenden) ein grosser Unterschied zwischen dem freien Preisgeben
oder Mitteilen eines erworbenen, errungenen Gutes und zwischen dem trägen
Fahrenlassen dessen, was man nie besessen hat, oder dem Entsagen auf das, was
man zu schwächlich ist zu verteidigen. Jenes gleicht dem wohltätigen Gebrauche
eines wohlerworbenen Vermögens, dieses aber der Verschleuderung ererbter oder
gefundener Reichtümer. Einer, der immer und ewig entsagt, überall sanftmütig
hintenansteht, mag ein guter harmloser Mensch sein; aber niemand wird es ihm
Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen Vorteil verschafft! Denn
dieses kann, wie schon gesagt, nur der tun, der den Vorteil erst zu erwerben und
zu behaupten weiss. Wo man dies aber mit frischem Mute und ohne Heuchelei tut, da
scheint mir Gesundheit zu herrschen und gelegentlich ein tüchtiger Zank um den
Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu sein. Wo man nicht frei heraus für seinen
Nutzen und für sein Gut einstehen kann, da möchte ich mich nicht niederlassen;
denn da ist nichts zu erholen als die magere Bettelsuppe der Verstellung, der
Gnadenseligkeit und der romantischen Verderbnis, da entsagen alle, weil allen
die Trauben zu sauer sind, und die Fuchsschwänze schlagen mit bittersüssem Wedeln
um die dürren Flanken. Was aber die Meinung der Fremden betrifft (hier wandte er
sich wieder mehr an mich), so werdet Ihr einst auf Euern Reisen lernen, weniger
darauf zu achten. Man macht den Engländern und den Amerikanern die gleichen
Vorwürfe der Engherzigkeit, des Eigennutzes; uns, die wir als kleine Schar unter
den Tadlern leben, hängt man scharfsinnigerweise noch die Kleinlichkeit an; wenn
Ihr aber einst die Grenzen überschreitet, so werdet Ihr erleben, dass der grosse
Sinn nicht mit den Quadratmeilen zunimmt und, wo etwas dergleichen in den Lüften
zu schweben scheint, es eigentlich nur ein trügerischer Wolkenmantel der
Unentschlossenheit und der Verzweiflung ist.«
    Nach dieser Rede schüttelte uns der Stattalter die Hände und entfernte
sich. Ich war indessen nicht überzeugt worden, sowenig als dem Schulmeister die
Wendung des Gesprächs zu behagen schien. Doch kamen wir darin überein, dass er
ein liebenswürdiger und kluger Mann sei, und indem ich ihm, mich durch seine
Ansprache geehrt fühlend, wohlwollend nachblickte, pries ich ihn gegen den
Schulmeister als einen verdienstvollen und daher gewiss glücklichen Mann. Der
Schulmeister schüttelte aber den Kopf und meinte, es wäre nicht alles Gold, was
glänze. Er hatte seit einiger Zeit angefangen, mich zu duzen, und fuhr daher
jetzt fort »Da du ein nachdenklicher Jüngling bist, so gebührt es dir auch,
früher als viele einen Blick in das Leben der Menschen zu gewinnen; denn ich
halte dafür, dass die Kenntnis recht vieler Fälle und Gestaltungen jungen Leuten
mehr nützt als alle moralischen Teorien; diese kommen erst dem Manne von
Erfahrung zu, gewissermassen als eine Entschädigung für das, was nicht mehr zu
ändern ist. Der Stattalter eifert nur darum so sehr gegen das, was er Entsagung
nennt, weil er selbst eine Art Entsagender ist, das heisst weil er selbst
diejenige Wirksamkeit geopfert hat, die ihn erst glücklich machen würde und
seinen Eigenschaften entspräche. Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen
Augen eine Tugend ist und er in seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und
nützlich dasteht, als er es kaum anderswie könnte, so ist er doch nicht dieser
Meinung, und er hat manchmal so düstere und prüfungsreiche Stunden, wie man es
seiner heiteren und freundlichen Weise nicht zumuten würde. Von Natur nämlich
ist er ebenso feuriger Gemütsart als von einem grossen und klaren Verstande
begabt und daher mehr dazu geschaffen, im Kampfe der Grundsätze beim
Aufeinanderplatzen der Geister einen tapfern Führer abzugeben und im grossen
Menschen zu bestimmen, als in ein und demselben Amte ein stehender Verwalter zu
sein. Allein er hat nicht den Mut, auf einen Tag brotlos zu werden, er hat gar
keine Ahnung davon, wie sich die Vögel und die Lilien des Feldes ohne ein fixes
Einkommen nähren und kleiden, und daher hat er sich der Geltendmachung seiner
eigenen Meinungen begeben. Schon mehr als einmal, wenn durch den Parteienkampf
Regierungswechsel herbeigeführt wurden und der siegende Teil den unterlegenen
durch ungesetzliche Massregeln zwacken wollte, hat er sich wie ein Ehrenmann in
seinem Amte dagegen gestemmt, aber das, was er seinem Temperament nach am
liebsten getan hätte, nämlich der Regierung sein Amt vor die Füsse zu werfen,
sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und mittelst seiner Einsicht und
seiner Energie die Gewaltaber wieder dahin zu jagen, von wannen sie gekommen
das hat er unterlassen, und dies Unterlassen kostet ihn zehnmal mehr Mühe und
Bitterkeit als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsführung. Den Landleuten
gegenüber braucht er nur zu leben, wie er es tut, um in seiner Würde fest zu
stehen. Bei den Behörden aber und in der Hauptstadt braucht es manches
verbindliche Lächeln, manche wenn auch noch so unschuldige Schnörkelei, wo er
lieber sagen würd: Herr! Sie sind ein grosser Narr! oder Herr! Sie scheinen ein
Spitzbube zu sein! Denn wie gesagt, er hat ein dunkles Grauen vor dem, was man
Brotlosigkeit nennt.«
    »Aber zum Teufel!« sagte ich, »sind denn unsere Herren Regenten zu
irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stück Volk, und leben wir nicht in einer
Republik?«
    »Allerdings, mein lieber Sohn!« erwiderte der Schulmeister; »allein es
bleibt eine wunderbare Tatsache, wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stock
Volk, ein repräsentativer Körper durch den einfachen Prozess der Wahl sogleich
etwas ganz merkwürdig Verschiedenes wird, einesteils immer noch Volk und
andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes, fast Feindliches wird. Es ist wie
mit einer chemischen Materie, welche durch das blosse Eintauchen eines Stäbchens,
ja sogar durch blosses Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihrem ganzen Wesen
verändert. Manchmal will es fast scheinen, als ob die alten patrizischen
Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren
vermochten. Aber lasse dich ja nicht etwa verfahren, unsere repräsentative
Demokratie nicht für die beste Verfassung zu halten! Besagte Erscheinung dient
bei einem gesunden Volke nur zu einer wohltätigen Heiterkeit, da es sich mit
aller Gemütsruhe den Spass macht, die wunderbar verwandelte Materie manchmal
etwas zu rütteln, die Phiole gegen das Licht zu halten, prüfend hindurchzugucken
und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden.«
    Den Schulmeister unterbrechend, fragte ich, ob denn der Stattalter als ein
Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch
eine Privattätigkeit ernähren könnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete
»Dass er dies nicht kann oder nicht zu können glaubt, ist wahrscheinlich eben das
Geheimnis seiner Lebenslage! Der freie Erwerb ist eine Sache, für welche manchen
Menschen der Sinn sehr spät, manchen gar nie aufgeht. Vielen ist es ein
einfacher Tick, dessen Verständnis ihnen durch ein Handumdrehen, durch Zufall
und Glück gekommen, vielen ist es eine langsam zu erringende Kunst. Wer nicht in
seiner Jugend durch Übung und Vorbild seiner Umgebung, sozusagen durch die
Überlieferung seines Geburtshauses, oder sonst im rechten Moment den rechten
Fleck erwischt, wo der Tick liegt, der muss manchmal bis in sein vierzigstes oder
funfzigstes Jahr ein umhergeworfener und bettelhafter Mensch sein, oft stirbt er
als ein sogenannter Lump. Viele Personen des Staates, welche zeitlebens tüchtige
Angestellte waren, haben keinen Begriff vom Erwerbe; denn alle öffentlich
Besoldeten bilden unter sich ein Phalansterium, sie teilen die Arbeit unter
sich, und jeder bezieht aus den allgemeinen Einkünften seinen Lebensbedarf ohne
weitere Sorge um Regen oder Sonnenschein, Misswachs, Krieg oder Frieden, Gelingen
oder Scheitern. Sie stehen so als eine ganz verschiedene Welt dem Volke
gegenüber, dessen öffentliche Einrichtung sie verwalten. Diese Welt hat für
solche, die von jeher darin lebten, etwas Entnervendes in bezug auf die
Erwerbsfähigkeit. Sie kennen die Arbeit, die Gewissenhaftigkeit, die
Sparsamkeit, aber sie wissen nicht, wie die runde Summe, welche sie als Lohn
erhalten, im Wind und Wetter der Konkurrenz zusammengekommen ist. Mancher ist
sein Leben lang ein fleissiger Richter und Exekutor in Geldsachen gewesen, der es
nie dazu brächte, einen Wechsel auf seinen Namen in Umlauf zu setzen. Wer essen
will, der soll auch arbeiten; ob aber der verdiente Lohn der Arbeit sicher und
ohne Sorgen sein oder ob er ausser der einfachen Arbeit noch ein Ergebnis der
Sorge, des Geschickes und dadurch zum Gewinst werden soll, welches von beiden
das Vernünftige und von höherer Absicht dem Menschen Bestimmte sei das zu
entscheiden wage ich nicht, vielleicht wird es die Zukunft tun. Aber wir haben
beide Arten in unseren Zuständen und dadurch ein verworrenes Gemisch von
Abhängigkeit und Freiheit und von verschiedenen Anschauungen. Der Stattalter
glaubt sich abhängig und entält sich während jeder Krise mit edlem Stolze
gleichmässig aller eigenen Kundgebung und weiss dabei nicht einmal, wie viele sich
bemühen, hinter seinem Rücken seine innersten Gedanken zu erfahren, um sich
danach zu richten.«
    Ich empfand eine grosse Teilnahme für den Stattalter und ehrte ihn
aufrichtig, ohne mir darüber Rechenschaft geben zu können; denn ich missbilligte
höchlich seine Scheu vor der Armut, und erst später ward es mir klar, dass er das
Schwerste gelöst habe eine gezwungene Stellung ganz so auszufüllen, als ob er
dazu allein gemacht wäre, ohne mürrisch oder gar gemein zu werden. Indessen
waren mir die Reden des Schulmeisters über das Erwerben und über den rechten
Tick keine liebliche Musik; es wurde mir ängstlich, ob ich diesen auch erwischen
würde, da ich einzusehen begann, dass für alles dies rüstige Volk die Freiheit
erst ein Gut war, wenn es sich seines Brotes versichert hatte, und ich fühlte
vor den langen, nun leeren Tischreihen, dass selbst dieses Fest bei hungrigem
Magen und leerem Beutel ein sehr trübseliges gewesen wäre. Ich war froh, dass wir
endlich aufbrachen. Annas Vater schlug vor, wir beide sollten uns zu ihm ins
Fuhrwerk setzen, damit wir zusammen dem Schauspiele nachführen; doch gab sie den
Wunsch zu erkennen, lieber noch einmal den Schimmel zu besteigen und noch ein
wenig hinauszureiten, da es später unter keinem Vorwande mehr geschehen würde.
Hiemit war der Schulmeister auch zufrieden und erklärte so wolle er wenigstens
mit uns fahren, bis er etwa Gelegenheit finde, einer bejahrten Person den
Heimweg zu erleichtern, da ihn die Jungen alle im Stiche liessen. Ich aber lief
mit frohen Gedanken nach dem Hause, wo unsere Pferde standen, liess dieselben auf
die Strasse bringen, und als ich Anna in den Sattel half, klopfte mir das Herz
vor heftigem Vergnügen und stand wieder still vor angenehmem Schreck, weil ich
voraussah, bald allein neben ihr durch die Landschaft zu reiten.
    Dies traf auch ein, obgleich noch auf andere Weise, als ich es gehofft
hatte. Wir waren noch nicht weit aus dem Tore, als der gastliche Schulmeister
sein Wägelchen schon mit drei alten Leutchen beladen hatte und in lustigem Trabe
vorausfuhr, der angenommenen hohlen Gasse zu. Still ritten wir nun im Schritte
dahin und grüssten sehr beflissen die fröhlichen Leute, denen wir begegneten,
links und rechts, bis wir in die Nähe der wogenden und summenden Menge kamen und
dieselbe beinah erreichten. Da stiessen wir auf den Philosophen, dessen schönes
Gesichtchen vor Mutwillen glühte und den tollen Spuk verkündigte, welchen er
schon ausgeübt. Er war in gewöhnlicher Kleidung und trug ein Buch in der Hand,
da er nebst einem andern Lehrer das Amt eines Einbläsers übernommen, um überall
zur Hand zu sein, wenn einen Helden die Erinnerung verlassen sollte. Doch
erzählte er jetzt, wie die Leute gar nichts mehr hören wollten und alles von
selber seinen ziemlich wilden Gang ginge; er habe daher, rief er, nun die
schönste Musse, uns beiden zu der Jagdszene zu soufflieren, die wir ohne Zweifel
aufzuführen so einsam ausgezogen wären; es sei auch die höchste Zeit dazu und
wir wollten uns ungesäumt ans Werk machen!
    Ich wurde rot und trieb die Pferde an; aber der Philosoph fiel uns in die
Zügel; Anna fragte, was denn das wäre mit der Jagdszene, worauf er lachend
ausrief er werde uns doch nicht sagen müssen, was alle Welt belustige und uns
ohne Zweifel mehr als alle Welt! Anna wurde nun auch rot und verlangte standhaft
zu wissen, was er meine. Da reichte er ihr das aufgeschlagene Buch, und während
mein Brauner und ihr Schimmel behaglich sich beschnupperten, ich aber wie auf
Kohlen sass, las sie, das Buch auf dem rechten Knie haltend, aufmerksam die
Szene, wo Rudenz und Berta ihr schönes Bündnis schliessen, von Anfang bis zu
Ende, mehr und mehr errötend. Die Schlinge kam nun an den Tag, welche ich ihr so
harmlos gelegt, der Philosoph rüstete sich sichtbar zu endlosem Unfuge, als Anna
plötzlich das Buch zuschlug, es hinwarf und höchst entschieden erklärte, sie
wolle sogleich nach Hause. Zugleich wandte sie ihr Pferd und begann feldein zu
reiten auf einem schmalen Fahrwege, ungefähr in der Richtung nach unserm Dorfe.
Verlegen und unentschlossen sah ich ihr eine Weile nach; doch fasste ich mir ein
Herz und trabte bald hinter ihr her, da sie doch einen Begleiter haben musste;
während ich sie erreichte, sang uns der Philosoph ein loses Lied nach, welches
jedoch immer schwächer hinter uns verklang, und zuletzt hörten wir nichts mehr
als die muntere, aber ferne Hochzeitsmusik aus der hohlen Gasse und vereinzelte
Freudenrufe und Jauchzer an verschiedenen Punkten der Landschaft. Diese erschien
aber durch die Unterbrechungen nur um so stiller und lag mit Feldern und Wäldern
friedevoll und doch so freudenvoll im Glanze der Nachmittagssonne, wie im
reinsten Golde. Wir ritten nun auf einer gestreckten Höhe, ich hielt mein Pferd
immer noch um eine Kopflänge hinter dem ihrigen zurück und wagte nicht ein Wort
zu sagen. Da gab Anna dem Schimmel einen kecken Schlag mit der Gerte und setzte
ihn in Galopp, ich tat das gleiche; ein lauer Wind wehte uns entgegen, und als
ich auf einmal sah, dass sie, ganz gerötet die balsamische Luft einatmend, und
während ihr Haar wie ein leuchtender Streif waagrecht schwebte, langhin
flatternd dass sie so ganz vergnügt vor sich hin lächelte, den Kopf hoch
aufgehalten mit dem funkelnden Krönchen, da schloss ich mich dicht an ihre Seite,
und so jagten wir wohl fünf Minuten lang über die einsame Höhe dahin. Aber diese
fünf Minuten, kurz wie ein Augenblick, schienen doch eine Ewigkeit von Glück zu
sein, es war ein Stück Dasein, an welchem die Zeit ihr Mass verlor, welches einer
Blume vollkommen glich, einer Blume, von der man keine Frucht zu verlangen
braucht, weil die blosse Erinnerung ihrer Blütezeit ein volles Genügen und ein
Schatzbrief ist für alle Zukunft. Der Weg war noch halb feucht und doch fest,
rechts unter uns zog der Fluss, wir sahen seine glänzende Länge hinauf, jenseits
erhob sich das steile Ufer mit dunklem Walde, und darüber hin sahen wir über
viele Höhenzüge weg im Nordosten ein paar schwäbische Berge, einsame Pyramiden,
in unendlicher Stille und Ferne. Im Südwesten lagen die Alpen weit herum, noch
tief herunter mit Schnee bedeckt, und über ihnen lagerte ein wunderschönes
mächtiges Wolkengebirge im gleichen Glanze, Licht und Schatten ganz von gleicher
Farbe wie die Berge, ein Meer von leuchtendem Weiss und tiefem Blau, aber in
tausend Formen gegossen, von denen eine die andere übertürmte, Gletscherhäupter
und Wolken durcheinandergeworfen. Das Ganze war eine senkrecht aufgerichtete
glänzende und wunderbare Wildnis, gewaltig und nah an das Gemüt rückend und doch
so lautlos, unbeweglich und fern. Wir sahen alles zugleich, ohne dass wir
besonders hinblickten; wie ein unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um
uns zu drehen, bis sie sich verengte, als wir allmählich bergab jagten, dem
Flusse zu. Aber es war uns nur, als ob wir im Traume in einen geträumten Traum
träten, als wir auf einer Fähre über den Fluss fuhren, die durchsichtig grünen
Wellen sich rauschend am Schiff brachen und unter uns wegzogen, während wir doch
auf Pferden sassen und uns in einem schönen Halbbogen über die Strömung weg
bewegten. Und wieder glaubten wir uns in einen andern Traum versetzt, als wir,
am andern Ufer angekommen, langsam einen dunklen Hohlweg emporklommen, in
welchem schmelzender Schnee lag. Hier war es kalt, feucht und schauerlich; von
den dunklen Büschen tropfte es und fielen zahlreiche Schneeklumpen, wir befanden
uns ganz in einer kräftig braunen Dunkelheit, in deren Schatten der alte Schnee
traurig schimmerte, nur hoch über uns glänzte der goldene Himmel. Auch hatten
wir den Weg nun verloren und wussten nicht recht, wo wir waren, als es mit einem
Male grün und trocken um uns wurde. Wir kamen auf die Höhe und befanden uns in
einem hohen Tannenwald, dessen Stämme drei bis vier Schritte auseinander
standen, dessen Boden dicht mit trockenem Moose bezogen war und dessen Äste hoch
oben ein dunkelgrünes Dach bildeten, so dass wir vom Himmel fast nichts mehr
sehen konnten. Ein warmer Hauch empfing uns hier, goldene Lichter streiften hier
und da über das Moos und an den Stämmen, der Tritt der Pferde war unhörbar, wir
ritten gemächlich zwischendurch, um die Tannen herum, bald trennten wir uns, und
bald drängten wir uns nahe zusammen zwischen zwei Säulen durch, wie durch eine
Himmelspforte. Eine solche Pforte fanden wir aber gesperrt durch den
quergezogenen Faden einer frühen Spinne; derselbe blitzte in einem Streiflichte
in allen Farben, blau, grün und rot, wie ein Diamantstrahl. Wir bückten uns
einmütig darunter weg, und in diesem Augenblicke kamen sich unsere Gesichter so
nah, dass wir uns unwillkürlich küssten. Wir hatten schon im Hohlweg zu sprechen
angefangen und plauderten nun eine Weile ganz glückselig, bis wir uns darauf
besannen, dass wir uns geküsst, und sahen, dass wir rot wurden, wenn wir uns
anblickten. Da wurden wir wieder still. Der Wald senkte sich nun auf die andere
Seite hin und stand wieder im tiefen Schatten. In der Tiefe sahen wir ein Wasser
glänzen und die gegenüberstehende Berghalde, ganz nah, leuchtete mit Felsen und
Fichten im hellen Sonnenscheine durch die dunklen Stämme, unter denen wir zogen,
und warf ein wunderbares Zwielicht in die schattigen Hallen unseres
Tannenwaldes. Der Boden wurde jetzt so abschüssig, dass wir absteigen mussten. Als
ich Anna vom Pferde hob, küssten wir uns zum zweiten Male, sie sprang aber
sogleich weg und wandelte vor mir über den weichen grünen Teppich hinunter,
während ich die beiden Tiere führte. Wie ich die reizende, fast märchenhafte
Gestalt so durch die Tannen gehen sah, glaubte ich wieder zu träumen und hatte
die grösste Mühe, die Pferde nicht fahrenzulassen, um mich von der Wirklichkeit
zu überzeugen, indem ich ihr nachstürzte und sie in die Arme schloss. So kamen
wir endlich an das Wasser und sahen nun, dass wir uns bei der Heidenstube
befanden, in einem wohlbekannten Bezirke. Hier war es womöglich noch stiller als
in dem Tannenwalde, und am allerheimlichsten; die besonnte Felswand spiegelte
sich in dem reinen Wasser, über ihr kreisten drei grosse Weihen in der Luft, sich
unaufhörlich begegnend, und das Braun auf ihren Schwingen und das Weiss an der
inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flügelschlage und den Schwenkungen
im Sonnenscheine, während wir unten im Schatten waren. Ich sah dies alles in
meinem Glücke, indessen ich den guten Gäulen, welche nach dem Wasser begehrten,
die Zäume abnahm. Anna erblickte ein weisses Blümchen, ich weiss nicht, was für
eines, brach es und trat auf mich zu, es auf meinen Hut zu stecken; ich sah und
hörte jetzt nichts mehr, als wir uns zum dritten Male küssten. Zugleich umschlang
ich sie mit den Armen, drückte sie mit Heftigkeit an mich und fing an, sie mit
Küssen zu bedecken. Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still, dann legte
sie ihre Arme um meinen Hals und küsste mich wieder; aber bei dem fünften oder
sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen, indessen ich
ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fühlte. Die Küsse erloschen wie von
selbst, es war mir, als ob ich einen urfremden, wesenlosen Gegenstand im Arme
hielte, wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht, unentschlossen hielt ich
meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch
fester an mich zu ziehen. Mich dünkte, ich müsste sie in eine grundlose Tiefe
fallen lassen, wenn ich sie losliesse, und töten, wenn ich sie ferner
gefangenhielt; eine grosse Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere
kindischen Herzen. Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander,
beschämt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden. Dann
setzte sich Anna auf einen Stein, dicht an dem klaren tiefen Wasser, und fing
bitterlich an zu weinen. Erst als ich dies sah, konnte ich mich wieder mit ihr
beschäftigen, so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Kälte
versunken, die uns überfallen hatte. Ich näherte mich dem schönen, trauernden
Mädchen und suchte eine Hand zu fassen, indem ich zaghaft ihren Namen nannte.
Aber sie hüllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grünen Kleides,
fortwährend reichliche Tränen vergiessend. Endlich erholte sie sich ein wenig und
sagte bloss »Oh, es war so schön! wir waren so glücklich bis jetzt!« Ich glaubte
sie zu verstehen, weil ich ziemlich das gleiche fühlte, nur nicht so tief und
fein wie sie; daher erwiderte ich nichts, sondern setzte mich still neben sie,
sie lehnte sich auf meine Schulter, und so blickten wir mit düsterm Schweigen in
das feuchte Element, von dessen Grund unser Spiegelbild, Haupt neben Haupt, zu
uns heraufsah.
    
    Nicht nur unsere Neigung, sondern unsere ganze gegenseitige Art war zu ernst
und zu tief, als dass ein so frühzeitiges unbeschränktes Liebkosen, Herzen und
Küssen derselben hätte entsprechen können; wir waren keine Kinder mehr, und doch
lagen noch zu viele Jugendjahre vor uns, deren allmähliche Blüten voraus zu
brechen unsere Natur zu stolz war. Meine Phantasie war zwar schon seit geraumer
Zeit, eigentlich von jeher wach; allein abgesehen davon, dass zwischen Phantasie
und Wirklichkeit eine jähe Kluft liegt, hatte ich, wenn mich verlangte, schöne
Frauen zu liebkosen, immer mir sonst gleichgültige, meist nicht ganz junge
Weiber im Sinne, nicht ein einziges Mal aber Anna, welcher immer nah zu sein und
sie mein eigen zu wissen mein einziger Wunsch war. Um wieviel mehr musste sie
betroffen sein, welche ein Mädchen und dazu tausendmal feiner, reiner und
stolzer war als alle anderen! Indem ich sie so gewaltsam an mich drückte und
küsste und sie in der Verwirrung dies erwiderte, neigten wir den Becher unserer
unschuldigen Lust zu sehr; sein Trank überschüttete uns mit plötzlicher Kälte,
und das fast feindliche Fühlen des Körpers riss uns vollends aus dem Himmel.
Diese Folgen einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei
jungen Leutchen, welche als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle
Bekümmernis, mögen vielen närrisch vorkommen; uns aber dünkte die Sache gar
nicht spasshaft, und wir sassen mit wirklichem Grame an dem Wasser, das um keinen
Grad reiner war als Annas Seele. Unsere Lage war um so peinlicher, als wir uns
diese Rechenschaft darüber damals nicht zu geben vermochten. Ich meinerseits
befand mich in der völligsten Verwirrung. Dass wir etwas Unrechtes getan, konnte
mir nicht einfallen; ich glaubte daher, dass der Vorfall irgend etwas Fremdes,
Unheimliches zwischen uns ans Licht geführt, gar gezeigt hätte, dass eines von
uns das andere nicht liebe; und doch fühlte ich wahrer als je meine Liebe und
wagte auch nicht zu denken, dass Anna mich nicht lieben sollte. Den wahren Grund
der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht; denn ich hatte keine Ahnung
davon, dass in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist und sich von
selbst zurückdämme, wenn es in ungehörige Wellen geschlagen worden. Anna
hingegen mochte sich hauptsächlich vorwerfen, dass sie nun doch für ihr
Nachgeben, dem Feste beizuwohnen, bestraft und ihre eigene Art und Weise, unser
Verhältnis nach ihrem freien und zarten Fühlen sich entwickeln zu lassen,
gewaltsam gestört worden sei. Wäre ich ein paar Jahre älter gewesen als sie, so
hätte ich ein gewisses Recht und damit auch die Kraft und Sicherheit gehabt,
ihre Sprödigkeit zu überwinden und zu beruhigen; so aber vermehrte meine eigene
Ratlosigkeit die Vorwürfe, die sie sich machte, während doch alle Schuld auf mir
lag. Ja, es schien nun ausgemacht, dass eigentlich mein Plan, dass sie heute die
Bruneckerin vorstellen sollte, während ich den Rudenz machte, das Ereignis
herbeigeführt und dass unsere Küsse in den seltsamen Kleidern wohnten, welche wir
anhatten. Jedenfalls hätte ich ohne diesen Umstand noch lange warten können, bis
uns eine solche Vertraulichkeit widerfahren wäre.
    Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen rings um uns weckte uns aus der
melancholischen Versenkung, die eigentlich schon wieder an eine andere Art von
schönem Glück streifte; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke, ehe
uns der starke Südwind wachrauschte, nicht weniger lieb und kostbar als jener
Ritt auf der Höhe und durch den Tannenwald. Auch Anna schien sich zufriedener zu
fühlen; als wir uns erhoben, lächelte sie flüchtig gegen unser verschwindendes
Bild im Wasser, doch schienen ihre anmutig entschiedenen Bewegungen zugleich zu
sagen Wage es ferner nicht, uns berührend zu begegnen, bis die rechte Stunde
gekommen!
    Die Pferde hatten längst zu trinken aufgehört und standen verwundert in der
engen Wildnis, wo sie zwischen Steinen und Wasser keinen Raum fanden, zu
stampfen oder zu scharren; ich legte ihnen das Gebiss an, hob Anna auf den
Schimmel, und denselben führend, suchte ich auf dem schmalen, oft vom Flüsschen
beeinträchtigten Pfade so gut als möglich vorwärtszudringen, während der Braune
geduldig und treulich nachfolgte. Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen
und endlich unter die Bäume vor dem alten Pfarrhause. Kein Mensch war daheim,
selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen, und alles
still um das Haus. Derweil Anna sogleich hineineilte, zog ich den Schimmel in
den Stall, sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor. Dann ging ich hinauf,
um für den Braunen etwas Brot zu holen, da ich auf ihm noch dem Schauspiele
zuzueilen gedachte. Auch forderte mich Anna gleich dazu auf, als ich in die
Stabe kam. Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in
seine gewohnten Zöpfe; über dieser Beschäftigung von mir betroffen, errötete sie
aufs neue und ward verlegen. »Reut dich denn«, sagte ich, »dieser Tag so ganz
und gar?« - »O nein!« erwiderte sie, auf ihr Kostüm deutend, welches schon
zusammengelegt auf dem Tische lag, die Krone obenauf, »ich will auch diese
Sachen aufbewahren, und sie sollen nie mehr getragen werden!«
    Ich ging hinab, den Braunen zu füttern, und während ich ihm das Brot
vorschnitt und ein Stück um das andere in das Maul steckte, stand Anna an dem
offenen Fenster, ihr Haar vollends aufbindend, und schaute mir zu. Die
gemächliche Beschäftigung unserer Hände in der Stille, die über dem Gehöfte
lagerte, erfüllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glücklichen Ruhe, und
wir hätten jahrelang so verharren mögen; manchmal biss ich selbst ein Stück von
dem Brote, ehe ich es dem Pferde gab, worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem
Schranke holte und am Fenster ass. Darüber mussten wir lachen, und wie uns das
trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geräuschvollen Mahle, so
schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu
sein, in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir
bleiben sollten. Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen, dass sie
das Fenster nicht verliess, bis ich weggeritten war, und mir noch ein liebevoll
schalkhaftes Adieu nachrief.
    Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister heimgefahren mit dem oheimlichen
Ehepaar, denen ich sagte, dass Anna schon zu Hause sei, und ein Stück weiter
stiess ich auf des Müllers Knecht, welcher dessen Pferd nach Hause führte. Da ich
vernahm, dass schon alles bei dem Zwinguri versammelt und dort ein grosses Hallo
sei, auch der Weg dahin nicht mehr weit war, gab ich meinen Gaul auch dem Knecht
und eilte zu Fuss weiter. Zum Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine
bestimmt, welche auf dem höchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite
Aussicht ins Gebirge hinüber gewährt. Die Trümmer waren durch einiges Stangen-
und Brettergerüst so bekleidet, als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle
wären, und mit den Kränzen der triumphierenden Tyrannei behangen. Die Sonne ging
eben unter, als ich ankam und sah, wie das Volk das Gerüste zusammenbrach und
mit den Kränzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen
anzündete. Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich, statt vor seinem
Hause, doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung, sondern infolge einer
allgemeinen Erfindungslust, wie der Augenblick sie in den tausend Köpfen
erweckte, und der Schluss der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende
Freudenfeier über. Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder
herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergnügte Gespenster; sie
stellten die harmloseste Reaktion vor. Auf allen Hügeln und Bergen sahen wir
jetzt die Fastnachtsfeuer brennen; das unsrige flammte bereits in grossem
Umfange, wir standen in einem Kreise hundertweise darum, und Tell, der Schütz,
zeigte sich jetzt auch als einen guten Sänger, sogar als einen Propheten, indem
er ein kräftiges Volkslied von der Sempacherschlacht vorsang, dessen Chorzeilen
von allen wiederholt wurden. Wein war in Menge vorhanden, es bildeten sich
mehrere Liederchöre, schlichte, einstimmige, welche alte Lieder sangen, wie
vierstimmige Männerchöre mit neuen Liedern, gemischte Singschulen von Mädchen
und Jünglingen, Kinderscharen, alles sang, klang und wogte durcheinander auf der
Allmende, über welche das Feuer einen rötlichen Schein verbreitete. Vom Gebirge
herüber wehte immer stärker und wärmer der Föhn und wälzte grosse Wolkenzüge über
den Himmel; je dunkler die Luft wurde, desto lauter ward die Freude, welche,
zunächst um Burgtrümmer und Feuer in einem grossen Körper lagernd, weiterhin die
Halde hinab sich in viele Gruppen und einzelne verteilte, die bald noch im
rötlichen Scheine streiften, bald in der Dunkelheit jauchzten. Noch weiterhin
summte die Lust aus den dunklen Gefilden und widerglänzte zuletzt wieder
sichtbar in den zahlreichen Flammen am Horizonte. Der uralte gewaltige
Frühlingshauch dieses Landes, obschon er Gefahr und Not bringen konnte, weckte
ein altes, trotzig frohes Naturgefühl, und indem er in die Gesichtet und in die
wilden Flammen wehte, ging die Ahnung zurück vom Feuerzeichen des politischen
Bewusstseins, über die Christenfeuer des Mittelalters, zu dem Frühlingsfeuer der
Heidenzeit, das vielleicht zur selben Stunde, auf derselben Stelle gebrannt. In
den dunklen Wolkenlagern schienen Heerzüge verschwundener Geschlechter
vorüberzuziehen, manchmal anzuhalten über dem nächtlich singenden und tönenden
Volkshaufen, als ob sie Lust hätten, herabzusteigen und sich unter die zu
mischen, welche ihre Spanne Zeit am Feuer vergassen. Es war aber auch eine
köstliche Stelle, diese Allmende; der bräunliche Boden, vom ersten Anflug des
ergrünenden wilden Grases überschossen, dünkte uns weicher und elastischer als
Sammetpolster, und vor der fränkischen Zeit schon war er für die Bewohner der
Gegend dasselbe gewesen, was heute.
    Die Stimmen der Weiber waren mit der Nacht lauter geworden; während die
älteren schon fortgegangen und die verheirateten Männer sich zusammentaten, um
vertraute Zechstuben aufzusuchen, begannen die Mädchen ihre Herrschaft
unbefangener auszuüben, erst in lachenden Kreisen, bis zuletzt alles beieinander
war, was zusammengehörte, und jedes Paar auf seine Weise sich zeigte oder
verbarg. Doch als das Feuer zusammenfiel, lösten sich die verschlungenen
Menschenkränze und begannen in grossen und kleinen Gruppen dem Städtchen
zuzuziehen, wo auf dem Ratause sowie in einigen Gastäusern Pfeifen und Geigen
sie erwarteten. Ich hatte mich in dem Gedränge unstet herumgetrieben; denn wo es
die Geschlechter miteinander zu tun haben, wird auf den Vereinzelten keine
Rücksicht genommen, und jeder ist nur mit dem Gegenstande seiner Neigung
beschäftigt, das Errungene festaltend oder das noch nicht Errungene mit seinen
Wünschen verfolgend. So war ich achtlos zurückgeblieben und vergnügte mich an
der verlöschenden Glut, um welche ausser einigen Knaben nur noch jene
Fratzgestalten herumtanzten, weil das für sie nichts kostete. Sie sahen in den
flatternden Hemden und mit den hohen Papiermützen aus wie Gespenster, die dem
grauen Gemäuer entstiegen. Einige zählten auch die Münzen, welche sie etwa
erhascht, andere suchten aus dem Feuer noch ein verkohltes Holzscheit zu ziehen,
und besonders sah ich einen, welcher sich zu den tollsten Sprüngen angestrengt
und den ich für einen jungen Taugenichts gehalten, nunmehr nach der Entlarvung
als ein eisgraues Männchen zum Vorschein kommen und sich hastig mit einem
rauchenden Fichtenklotze abquälen.
    Ich wandte mich endlich hinweg und ging langsam davon, unschlüssig, ob ich
nach Hause gehen oder dem Städtchen zusteuern sollte. Mein Mantel, der Degen und
die Armbrust waren mir längst hinderlich; ich nahm alles zusammen unter den Arm,
und indem ich rascher von der Allmende herunterschritt, fühlte ich mich so
munter und lebenslustig wie am frühen Morgen, und je länger ich ging, desto
stärker erwachte mir ein unbändiger Durst, einmal die Nacht zu durchschwärmen,
und zugleich ein mächtiger Zorn, dass ich Anna so leichten Kaufes entlassen. Ich
bildete mir ein, ganz der Mann dazu zu sein, in hohem Liebesglücke ein Liebchen
eine festliche Nacht entlangzuführen, unter Tanz, Becherklang, Scherz und Kuss.
Ich machte mir die bittersten Vorwürfe, den einzigen Tag so ungeschickt und
schwachmütig verpfuscht zu haben, und stellte mir zugleich voll Eitelkeit vor,
dass es Anna ebenso ergehe und sie vielleicht schlaflos auf ihrem Lager sich nach
mir sehne; denn es mochte schon zehn Uhr vorüber sein. Unversehens war ich in
dem Flecken angelangt, welcher von Musik ertönte, und als ich in einen
übervollen Saal trat, in welchem die blühenden Paare sich drehten, da klopfte
mein Blut immer unwilliger und heisser; ich bedachte nicht, dass wir die einzigen
sechszehnjährigen Leutchen gewesen wären, die sich im offenkundigen Vereine
zeigten, noch weniger, dass unsere heutigen Erlebnisse zehnmal schöner und
bedeutsamer waren als alles, was diese lärmende Jugend hier geniessen konnte, und
dass ich mich in der Erinnerung derselben reich und glücklich genug hätte fühlen
sollen. Ich sah nur die Freude der Zwanzigjährigen, der Verlobten und
Selbständigen, und masste mir ihr Recht an, ohne im mindesten zu ahnen, dass mein
prahlerisches Blut, sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt hätte,
augenblicklich wieder zahm und sittig geworden wäre. Es gereicht mir auch nicht
zur Ehre, dass es ihrer leibhaften Gegenwart bedurft hätte, zur Bescheidenheit
zurückzukehren. Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren
Geglaubter tapfer begrüsst und in den Strudel gezogen wurde, blendete mich das
Licht der Freude, dass ich mich und meinen Arger vergass und der Reihe nach mit
meinen drei Basen tanzte. Nach diesen tanzte ich mit einem fremden zierlichen
Mädchen; allein ich erhitzte mich immer mehr, ohne zufrieden zu sein; die Lust,
welche im ganzen soviel Geräusch machte, ging mir im einzelnen viel zu langsam
und nüchtern vor sich. So freudestrahlend alle die jungen Leute dreinblickten,
schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den Glanz, der in
meiner Phantasie wach geworden. Unruhig streifte ich durch einige Trinkstuben,
die neben dem Saale waren, und wurde von einer Gesellschaft junger Burschen
angehalten, welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen. Hier schien meine
Sehnsucht endlich ein Ziel zu finden, ich trank von dem kühlen Wein, dessen
schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an zu
singen. Kaum hatte ein Lied geendet, so begann ich ein anderes, schlug ein
rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die Stimme, dass sie
bald die anderen übertönte. Verwundert, dass der Duckmäuser aus der Stadt noch
besser trinken und lärmen könne als sie, wollten die Burschen nicht
zurückbleiben, wir feuerten uns gegenseitig an, ich sang und sang immerzu und
bemerkte erst bei einem Rundgesange, wo ich eine Weile schweigen musste, dass
sämtliche Bäschen durch die Türe guckten und mich mit vergnügtem Erstaunen in
meiner Gloria sitzen sahen. Sie lachten mir zu, winkten mir drohend, weil ich
ihr Panier verlassen, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich war nun
ein gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen, ganz wie einst als
Knabe, wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt, und als einige davon sich
wieder nach Mädchen umsahn, brach ich mit zwei wilden Jünglingen auf, das
Städtchen zu durchziehen. Arm in Arm stürmte ich mit den gesunden Bauerssöhnen
über die Strasse, wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten, sangen und
empfanden das reine und edle Vergnügen, welches entsteht, wenn Ungleiches sich
eint und zu Gefallen lebt. Doch schon im nächsten Tanzhause, in welches wir
traten, verlor ich einen um den andern meiner neuen Freunde, indem sie hier
fanden, was sie wahrscheinlich gesucht hatten, und ich setzte allein, aber
rastlos, meinen Streifzug fort. Hie und da schaute ich einen Augenblick zu,
trank bei Bekannten ein Glas, erwiderte ungesäumt und etwas gesalzen die Spässe,
die man an mich richtete, bis ich in eine Stube kam, wo an einem grossen runden
Tische noch vier von den barmherzigen Brüdern sassen. Zwei waren schon abgefallen
und verschwunden; die hier sassen, hatten bereits ihren dritten Rausch hinter
sich und befanden sich nun in jenem lässigen Zustande, in welchem erfahrene
Zechbrüder einen lustigen Tag austönen lassen, wohlgeschliffene Witze machen und
ihren Wein so trinken, als ob sie nicht mehr viel darum gäben, sich aber wohl
hüten, schliesslich einen Tropfen stehenzulassen. Etwas entfernt von ihnen sass am
gleichen Tische die Judit, welcher die Brüder der Sitte gemäss ein Glas geboten.
Sie schien sich ganz allein bei dem Feste umgesehen zu haben und sich nun am
besten zu gefallen, die Witze und Verfänglichkeiten dieser Herren schlagfertig
zurückzugeben und sie in Respekt zu halten, wozu es keiner geringen Gewandteit
und Kraft bedurfte. Sie sass ebenso lässig da, zurückgelehnt und halb abgewandt,
und warf ihre Erwiderungen gleichmütig hin. Die Mönche hatten ihre Flachsbärte
abgelegt und die gefärbten Nasen gewaschen; nur der älteste, welcher einen
angehenden Kahlkopf und eine natürliche Feuernase besass, prangte noch mit dem
hohen Rot derselben. Dies war der Unnützeste und rief mir zu, als ich
vorübergehen wollte »Heda, Grünspecht! wo hinaus?« Ich stand still und erwiderte
»Guter Freund! Ihr habt vergessen, den Zinnober von Eurer Nase zu wischen, wie
die anderen Herren doch getan! Ich mache Euch hiemit aufmerksam, damit Ihr nicht
etwa Euer Kopfkissen rot macht.«
    Das Gelächter der übrigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf; ich
musste mich setzen und ein Glas annehmen, worauf sie sagten »Und dennoch, könnt
Ihr glauben, dass dieser Kerl es noch für nötig befunden hat, heut seine Nase zu
schminken?« - »Das war freilich«, erwiderte ich, »ebenso töricht, als wenn man
eine Rose schminken wollte!«
    »Und dazu viel gefährlicher«, versetzte ein anderer, »denn eine Rose
schminken heisst ein Werk Gottes verbessern wollen, und der liebe Gott verzeiht!
Aber eine rote Nase schminken heisst den Teufel verhöhnen, und der verzeiht
nicht!«
    So ging es fort; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf, wobei ich aber bald
weit zurückblieb, indem sie über diesen Gegenstand allein wohl zwanzig
verschiedene Witze machten, welche in der Phantasie die lächerlichsten
Vorstellungen erregten und von denen einer den andern an Neuheit und Kühnheit
der Bilder überbot. Judit lachte, als die Taugenichtse über sich selbst
herfuhren, und als der Angegriffene dies sah, suchte er sich aus dem Feuer zu
retten, indem er sich gegen sie wendete. Sie sass da in einem schlichten braunen
Kleide, die Brust mit einem weissen Halstuche bedeckt, welches ein wenig ihren
prächtigen Hals sehen liess; um diesen lag eine feine Goldkette und verlor sich
im Halstuche, sonst trug sie keinen Putz als ihr schönes braunes Haar. Der
Kahlkopf blinzelte mit den Augen und sang:
»Mein Schatz, um deinen weissen Hals
Geht eine Schnur von Katzengold,
Die führt an deinem Busam
Teuf in dein falsches Herz!«
Judit erwiderte schnell »Damit Ihr meinen weissen Hals einmal vergesst, will ich
Euch auch ein Lied von etwas Weissem berichten!« und sie sang nicht, sondern
sagte einfach wohlklingend:
»Es ist eine üble Zeit!
Luna, die weiland keusche Maid,
Liebäugelt auf den Köpfen alter Sünder
Am hellen Tag und höhnt uns arme Kinder.
Schäm dich, Mondschein!
Ich tat das Fenster auf
In dunkler Nacht und suchte Lunas Lauf;
Da glänzt' sie frech an meines Hauses Schwelle,
Wild goss ich Wasser auf die weisse Stelle.
Schäm dich, Mondschein!«
Ihre Mutter war gestorben, auch hatte sie seiter in einer ausländischen
Lotterie mehrere tausend Gulden gewonnen, da sie aus langer Weile sich mit
dergleichen Dingen befasste. So schien sie nun mehr als je für schwere und
leichte Schnapphähne ein guter Fang, und der Kahle glaubte sie, nachdem er
verschiedene Anleihen bei ihr gemacht, welche sie ihm lachend gewährte, im
Sturme nehmen zu können, ward aber ebenso lachend abgewiesen. Das obige Liedchen
aber schien sogar auf ein schlimmes Abenteuer zu deuten, welches er auf seiner
Freite bestanden. Denn mit einer ganz heillosen Diskretion sahen sich die drei
übrigen an, mit funkelnden Augen und mühsam verhaltenem Munde, indem sie
anfingen, halblaut zu summen:
»Hm! hm! - hm! hm! hm!
hm! hm! hm! - hm! hm! hm!«
Der Rhytmus dieses Gesummes war so verführerisch, dass ich mit einstimmte und
eine stolze Glückseligkeit empfand, mit den Spöttern singen zu dürfen hm hm hm!
hm hm hm! - es war still und feierlich in der nur noch schwach erleuchteten
Stube, und mit feierlicher Behaglichkeit setzten wir die seltsamen Takte fort.
Judit lachte hell auf und rief »O ihr Kindsköpfe!« Da brachen wir laut aus »Ha
ha ha! - ha ha ha!« Der Gehöhnte aber spähte umher, zog unversehens dem
lautesten Spötter ein hervorguckendes Blatt aus der Kutte und las dessen
Überschrift »Christliche Wochenbötin, ein konservatives Volksblättlein«. Der
Spott entlud sich nun auf den Überraschten, dessen schwache Seite sein
Konservatismus war, den er weder genugsam zu erklären noch zu verteidigen
vermochte. Diese Benennung war erst seit einiger Zeit im Umlauf und fing einige
Leute, welche vorher im Nebelhaften geschwebt. Der Kahle forderte den
Konservativen auf, er solle einmal sagen, was er sich eigentlich darunter denke,
wenn er behaupte, konservativ zu sein. Dieser wollte tun, als ob er hierüber
keinen Spass verstehe, und wünschte mit wichtigem Gesicht, nicht zu politisieren!
Doch ein anderer rief »Die Erklärung ist schon im Paradies zu suchen! Als Adam
den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter, das wedelte gar bedächtig mit
den Ohren und sagte, es sei konservativ; es konnte aber keinen Grund hiefür
angeben, und Adam sagt: Du sollst Esel heissen!« Erbost rückte dieser nun mit
seinem innersten und eigentlichen Grunde, der seine fixe Idee war, heraus und
warf dem Radikalismus vor, dass er den Wein versäuert und verteuert hätte. Wenn
man noch ein süsses und billiges Glas trinken wolle, so sei dieses einzig in den
abgelegenen altväterischen Wirtschaften zu finden, wo die alten Zöpfe
hinkröchen, sich vor der Welt zu verbergen. »Sauft«, schrie er, »den radikalen
Rachenputzer eurer berühmten politischen Wirte! Ich halt es mit den Zöpfen!« Da
allerdings etwas Wahres in diesem Vorwurfe lag, so entbrannten die drei übrigen
ihrerseits im Zorne, schalten den Konservativen einen Verleumder und suchten ihm
zu beweisen, dass er ohne den Radikalismus gar keinen Wein zu riechen bekäme,
weder guten noch schlechten, dass er selbst als konservativer Parteibedienter
völlig überflüssig wäre und von seinen Zöpfen den Schuh unter den Rücken
erhielte statt des stärkenden Weinchens der Proselytenbelohnung. Dies führte zu
einem hitzigen Gefechte, worin die Herren gegenseitig ihre Grundsätze, Tatsachen
und Parteichefs heruntermachten, und das in Ausdrücken, Vergleichungen und
Wendungen, Schlag auf Schlag, wie sie kein dramatischer Dichter für seine
Volksszenen treffender und eigentümlicher erfinden könnte; nicht einmal
nachzuschreiben wären sie, so leicht und blitzähnlich entsprangen die Witze aus
den Voraussetzungen, welche bald scharf zutreffend, bald böslich ersonnen, doch
immer sich auf die Verhältnisse und Personen gründeten und zu immer neuen
Gruppen verschlangen. Ein Leitartikel oder eine Rede wäre zwar aus diesem
Turnier nicht zu schöpfen gewesen; doch konnte man sehen, welch eine ganz
vertrackte Kritik das Volk auf seine Weise führt und wie sehr sich derjenige
trügt, welcher, von der Tribüne herunter zu zweifelhaften Zwecken das »biedere,
gute Volk« anrufend, irgendein wohlwollendes und naives Patos voraussetzt.
Selbst Äusserlichkeiten, Angewöhnungen und körperliche Gebrechen, wurden in einen
solchen Zusammenhang mit den Worten und Handlungen hervorragender Männer
gebracht, dass die letzten nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen
und man glaubte, in den ungelehrten, aber phantasiereichen Volksherren die
doktrinärsten Physiognomisten vor sich zu sehen. Mancher angesehene Mann ward
hier zu einem lächerlichen oder unheimlichen Popanz umgeschaffen, dass er
leibhaft zu sehen war, und selbst die Verteidigung desselben hätte etwas
Demütigendes für ihn gehabt, wenn er sie gehört hätte. Wie in einer ganz anderen
Welt war ich hier als bei dem Schulmeister; und doch fühlte ich mich gleich zu
Hause und schlürfte die starken und rücksichtslosen Redensarten, die spöttischen
und wilden Einfälle ebenso andächtig ein wie die gewählten ruhigen Worte von
Annas Vater, ohne deswegen den Verkehr mit diesem zu verachten. Ich schien mir
dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein. Ich
freute mich, dass mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat, und war
stolz darauf, indem ich mir einbildete, dass diese lustigen Männer mich ihrer
Gesellschaft würdig hielten und ihre Witze vor mir nicht zurückhielten. Mit
Vergnügen dachte ich an den Schulmeister und wie ich fürder ernstaft und
anständig mit ihm disputieren wolle, während ich doch noch von was anderm wüsste;
denn es schien mir nun darauf anzukommen, nirgends ausgeschlossen zu sein und
alles zu übersehen, in welchem Vorsatze ich mir unendlich klug vorkam und nicht
bemerkte, dass meine Einsicht bereits hintergangen war und ich als ein rechter
Knabe in den Schlingen der schönen Judit sass; denn ihrer Anwesenheit war ein
guter Teil meiner Behaglichkeit zuzuschreiben.
    Die barmherzigen Brüder waren durch die Politik wieder rüstig und munter
geworden und hatten die Flaschen wieder füllen lassen, obgleich Mitternacht
lange vorüber, als Judit plötzlich aufbrach und sagte »Frauen und junge Knaben
gehören nun nach Hause! Wollt Ihr nicht mitkommen, Vetter, da wir den gleichen
Weg haben?« Ich sagte ja, doch müsste ich erst nach meinen Verwandten sehen,
welche wahrscheinlich auch mitkommen würden. »Die werden wohl schon fort sein«,
erwiderte sie, »denn es ist spät; wenn ich nicht darauf gerechnet hätte, dass ich
mit Euch gehen könnte, so wäre ich auch längst fort.« - »Oho!« riefen die
Zecher, »als ob wir nicht auch da wären! Wir alle begleiten Euch! Das soll nicht
gesagt sein, dass die Judit nicht Begleiter zur Auswahl habe!« brachen auf und
sorgten, noch den frischen Wein unterzubringen, während Judit mir winkte und,
auf dem Flur angekommen, sagte »Diese vier Heiden wollen wir schön anführen!«
Auf der Strasse sah ich, dass der Saal, wo meine Vettern und Basen sich
aufgehalten, schon dunkel war, und mehrere Leute bestätigten ihre Heimkehr. So
musste ich der Judit folgen, als sie mich durch ein dunkles Seitengässchen ins
Freie und durch einige Feldwege auf die Landstrasse führte, dass wir einen
Vorsprung gewannen und die vier Männer hinter uns rufen hörten. Indem wir eilend
weiterschritten, gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her; ich
hielt mich spröde zurück, während mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch
leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm.
Die Nacht war dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und die Fülle ihres Wesens
wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich, dass ich alle
Augenblicke hinüberschielen musste, gleich einem angstvollen Wanderer, dem ein
Feldgespenst zur Seite geht. Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein
christliches Bewusstsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter,
trug ich während des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der
Sprödigkeit und der Unfehlbarkeit in mir. Judit sprach von den Männern und
lachte über sie, erzählte mir unbefangen die Dummheiten, die der eine ihr
gemacht, und fragte mich, ob Luna nicht eine alte Mondgöttin wäre? Wenigstens
habe sie das immer vermutet, wenn sie jenes Lied in einem alten Buche gelesen;
es habe auch gut für den Schlingel gepasst. Dann fragte sie mich plötzlich, warum
ich so stolz geworden sei und sie seit Jahren nie mehr angesehen, viel weniger
besucht habe? Ich wollte mich damit entschuldigen, dass sie keinen Verkehr mit
dem Hause meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise nicht allein sie
besuchen könne. »Ach was!« sagte sie, »Ihr seid ja auch noch mein Vetter und
könnt mich von Rechts wegen wohl heimsuchen, wenn Ihr wollt! Damals, wo Ihr so
jung gewesen, habt Ihr mich so gern gehabt, und Ihr seid mir immer ein wenig
lieb; aber jetzt habt Ihr ein Schätzchen, in welches Ihr verliebt seid, und
meint, keine andere Frau mehr ansehen zu dürfen!« - »Ich ein Schätzchen?«
erwiderte ich, und als sie diese Behauptung wiederholte und Anna nannte,
leugnete ich die Sache auf das bestimmteste. Wir waren unversehens beim Dorfe
angekommen, in welchem noch viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute über
die Strasse gingen; Judit wünschte ihnen aus dem Wege zu gehen, und obgleich ich
nun füglich meine Strasse hätte ziehen können, leistete ich doch keinen
Widerstand und folgte ihr unwillkürlich, als sie mich bei der Hand nahm und
zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal führte, um ungesehen in ihr
Haus zu gelangen. Sie hatte ihre Äcker verkauft und nur einen schönen Baumgarten
nächst dem Hause behalten, in welchem sie ganz allein wohnte. Der genossene Wein
erhöhte die Aufregung, in welcher ich mich befand, wie wir so durch die engen
Wege hinschlüpften, und als, bei dem Hause angekommen, Judit sagte »Kommt
herein, ich will noch einen Kaffee kochen!« und ich hineinging und sie die
Haustüre fest hinter uns verriegelte, da klopfte mir das Herz wie mit Hämmern,
während ich mich übermütig des Abenteuers freute und mich vermass, dasselbe zu
meiner Ehre, aber verwegen zu bestehen. An Anna dachte ich gar nicht, mein
wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und liess nur den Stern meiner Eitelkeit
durchschimmern; denn genau erwogen, wollte ich nur um meiner selbst willen meine
Standhaftigkeit erproben. So stark ist die Selbstsucht, dass sie selbst da noch
leuchtet, wo die reinste Liebe untergeht, und mit trügerischen Vorspiegelungen
den Willen zu gängeln weiss. Doch darf ich mir gestehen, dass es im Grunde eine
Art romantischen Pflichtgefühls war, welches mich unbefangen antrieb, keiner
merkwürdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor sich die unheimliche Aufregung,
sobald Judit Licht angezündet und ein helles Feuer entflammt hatte. Ich sass auf
dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr, und indem ich fortwährend in
ihr vom Feuer beglänztes Gesicht sah, glaubte ich stolz mit der Gefahr spielen
zu können und träumte mich in die Lage der Dinge zurück, wie ich vor zwei Jahren
noch ihr Haar auf-und zugeflochten hatte. Während der Kaffee singend kochte,
ging sie in die Stube, um ihr Halstuch abzulegen und ihr Sonntagskleid
auszuziehen, und kam im weissen Untergewande zurück, mit blossen Armen, und aus
der schneeweissen Leinwand entüllten sich mit blendender Schönheit ihre
Schultern. Sogleich ward ich wieder verwirrt, und erst allmählich, indem ich
unverwandt sie anschaute, entwirrte sich mein flimmernder Blick an der ruhigen
Klarheit dieser Formen. Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so
gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete, und obgleich ich
jetzt anders sah als damals, schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf
diesem Schnee zu ruhen, auch bewegte sich Judit so sicher und frei, dass diese
Sicherheit auch auf mich überging. Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube,
setzte sich neben mich, und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug,
sagte sie »Seht, ich habe alle die Bildchen noch, die Ihr mir gezeichnet habt!«
Wir betrachteten die komischen Dinger, eins ums andere, und die unsicheren
Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor, wie vergessene Zeichen einer
unabsehbar entschwundenen Zeit. Ich erstaunte vor diesen Abgründen der
Vergessenheit, die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen, und betrachtete die
Blättchen sehr nachdenklich; auch die Handschrift, womit ich die Sprüche
hineingeschrieben, war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule. Die
ängstlichen Züge sahen mich traurig an; Judit sah auch eine Zeitlang still auf
das gleiche Bildchen mit mir, dann sah sie mir plötzlich dicht in die Augen,
indem sie ihre Arme um meinen Hals legte und sagte »Du bist immer noch der
gleiche? An was denkst du jetzt?« - »Ich weiss nicht«, erwiderte ich. »Weisst du«,
fuhr sie fort, »dass ich dich gleich, fressen möchte, wenn du so studierst, ins
Blaue hinaus?« und sie drückte mich enger an sich, während ich sagte »Warum
denn?« - »Ich weiss selbst nicht recht; aber es ist so langweilig unter den
Leuten, dass man oft froh ist, wenn man an etwas anderes denken kann; ich möchte
dies auch gern, aber ich weiss nicht viel und denke immer das gleiche, obschon
mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht; wenn ich dich nun so staunen sehe, so
ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch gern sinnen möchte,
ich meine immer, es müsste einem so wohl sein, wenn man mit deinen geheimen
Gedanken so in die Weite spazieren könnte! Oh, es muss einem da so still und
klug, so traurig und glückselig zu Mute sein!« So etwas hatte ich noch niemals
zu hören bekommen; obgleich ich wohl einsah, dass die Judit sich allzusehr zu
meinen Gunsten täuschte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich tief
beschämt errötete, dass ich glaubte, die Röte meiner brennenden Wange müsse ihre
weisse Schulter anglühen, an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort dieser
süssesten Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe
der Brust, welche still und gross aus dem frischen Linnen emporstieg und in
unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes.
Judit wusste nicht, oder wenigstens nicht recht, dass es jetzt an ihrer eigenen
Brust still und klug, traurig und doch glückselig zu sein war. Es dünkt mich,
die Ruhe an der Brust einer schönen Frau sei der einzige und wahre irdische Lohn
für die Mühe des Helden jeder Art und für alles Dulden des Mannes und mehr wert
als Gold, Lorbeer und Wein zusammen Nun war ich zwar sechszehn Jahr alt und
weder ein Held noch Mann, der was getan hatte; doch fühlte ich mich ganz ausser
der Zeit, wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke, und mir
ging es durch das Herz, als ob ich jetzt jene schöne Ruhe vorausnähme für alles
Leid und alle Mühe, die noch kommen sollten. Ia, dieser Augenblick schien so
sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen, dass ich nicht einmal
aufschreckte, als Judit, in dem Gesangbuch blätternd, ein zusammengefaltetes
Blatt hervorzog, es aufmachte, mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes
beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte, das ich vor Jahren
einst den Wellen übergeben hatte. »Leugnest du noch, dass dies gute Kind dein
Schätzchen sei?« sagte sie, und ich leugnete es aus Mutwillen zum zweiten Male,
das Blatt als eine vergessene Kinderei erklärend. In diesem Augenblicke riefen
Stimmen vor dem Hause, welche wir als diejenigen der vier Männer erkannten.
Sogleich löschte sie das Licht aus, dass wir im Dunkeln sassen; doch die unten
begehrten nichts desto minder Einlass, indem sie riefen »So macht doch auf,
schöne Judit, und wartet uns mit einer Tasse heissem Kaffee auf! wir wollen uns
ehrbar benehmen und noch ein vernünftiges Wort sprechen! Aber macht auf, zum
Lohn dafür, dass Ihr uns so angeführt habt; es ist Fastnacht, und Ihr dürft ohne
Gefährde einmal die vier ruhmwürdigsten Kumpane des Landes bewirten!« Wir
hielten uns aber ganz still; schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben, es
wetterleuchtete sogar, und in der Ferne donnerte es, dass es klang, als wäre es
Mai oder Juni; um Judit kirre zu machen, sangen die Männer mit heuchlerischer
Sorgfalt ein vierstimmiges Lied, so schön sie konnten, und ihr überwachter
Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerührt Vibrierendes. Als dies alles
nichts half, fingen sie an zu fluchen, und einer kletterte am Spalier zum
Fenster empor, um in die dunkle Stube zu sehen. Wir bemerkten wohl seine
spitzige Kapuze, die er über den Kopf gezogen hatte; da erhellte mit einem Mal
ein Blitz die Stabe, und der Späher konnte Judit ihres weissen Zeuges wegen
erkennen. »Die verwünschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch!« rief
er gedämpft hinunter; ein anderer sagte »Lass mich einmal sehen!« Doch während
sie sich ablösten und die Stube wieder finster war, huschte Judit schnell zu
ihrem Bett, nahm die weisse Decke desselben und warf sie über den Stuhl, worauf
sie mich leis nach dem Bett hinzog, welches man vom Fenster aus nicht sehen
konnte. Als jetzt ein zweiter, noch stärkerer Blitz die Stube ganz klar machte,
sagte der Mann, welcher die Augen wie eine Doppelbüchse auf den Stuhl gerichtet
hatte »Es ist sie nicht, es ist nur ein weisses Tuch; das Kaffeegeschirr steht
auf dem Tisch, und das Kirchenbuch liegt dabei. Der Himmelteufel ist am Ende
frömmer, als man glaubt!« Judit aber flüsterte mir ins Ohr »Der Schelm hätte
dich jetzt ganz gewiss erblickt, wenn wir sitzen geblieben wären!« Doch die
gewaltigen Regengüsse, Blitz und Donner, die nun hereinbrachen, vertrieben den
Späher vom Fenster; wir hörten, wie sie ihre Kutten schüttelten und
auseinandersprangen, um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen, da sie alle weit von
Hause waren. Als wir nichts mehr von ihnen hörten, sassen wir noch eine Weile
ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter, welches das Häuschen
erzittern machte, so dass ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon
unterscheiden konnte. Ich umfasste Judit, um nur dies beklemmende Zittern zu
unterbrechen, und küsste sie auf den Mund; sie küsste mich wieder, fest und warm;
doch dann löste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte »Glück ist Glück, und es
gibt nur ein Glück; aber ich kann dich nicht länger hierbehalten, wenn du mir
nicht gestehen willst, dass du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt!
Denn nur das Lügen macht alles schlimm!«
    Ohne Rückhalt begann ich nun, ihr die ganze Geschichte zu erzählen von
Anfang bis zu Ende, alles was je zwischen Anna und mir vorgefallen, und verband
die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefühle, die ich für sie
empfand. Ich erzählte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte
der Judit meine Pein in betreff der Sprödigkeit und Scheue, welche immer wieder
zwischen uns traten. Nachdem ich lange so erzählt und geklagt, antwortete sie
auf meine Klagen nicht, sondern fragte mich »Und was denkst du dir jetzt
eigentlich darunter, dass du bei mir bist?« Ganz verwirrt und beschämt schwieg
ich und suchte ein Wort; dann sagte ich endlich zaghaft »Du hast mich ja
mitgenommen!« - »Ja«, erwiderte sie, »aber wärest du mit jeder anderen hübschen
Frau ebenso gegangen, die dich gelockt hätte? Besinne dich einmal hierauf!« Ich
besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden »Nein, mit gar keiner!« -
»Also bist du mir auch ein bisschen gut?« fuhr sie fort. Jetzt geriet ich in die
grösste Verlegenheit; denn die Frage zu bejahen, fühlte ich nun deutlich, würde
die erste eigentliche Untreue gewesen sein, und doch, indem es mich trieb,
ehrlich nachzudenken, konnte ich noch weniger ein Nein hervorbringen. Endlich
konnte ich doch nicht anders und sagte »Ja - aber doch nicht so wie der Anna!« -
»Wie denn?« Ich umschlang sie ungestüm, und indem ich sie streichelte und ihr
auf alle Weise schmeichelte, fuhr ich fort »Siehst du! für die Anna möchte ich
alles mögliche ertragen und jedem Winke gehorchen; ich möchte für sie ein braver
und ehrenvoller Mann werden, an welchem alles durch und durch rein und klar ist,
dass sie mich durchschauen dürfte wie einen Kristall, nichts tun, ohne ihrer zu
gedenken, und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, auch wenn ich von heute an
sie nicht mehr sehen würde! Dies alles könnte ich für dich nicht tun! Und doch
liebe ich dich von ganzem Herzen, und wenn du zum Beweis dafür verlangtest, ich
sollte mir von dir ein Messer in die Brust stossen lassen, so würde ich in diesem
Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig auf deinen Schoss fliessen
lassen!« Ich erschrak sogleich über diesen Worten und entdeckte zugleich, dass
sie nichts weniger als übertrieben, sondern ganz der Empfindung gemäss waren, die
ich von jeher für Judit unbewusst getragen. Mit meinen Liebkosungen plötzlich
innehaltend, liess ich die Hand auf ihrer Wange liegen, und in diesem Augenblicke
fühlte ich eine Träne darauf fallen. Zugleich seufzte sie und sagte »Was tue ich
mit deinem Blute! - Oh! nie hat ein Mann gewünscht, brav, klar und lauter vor
mir zu erscheinen, und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst!« Betrübt
sagte ich »Aber ich könnte doch nicht dein ernstafter Liebhaber oder gar dein
Mann sein?« - »Oh, das weiss ich wohl und fällt mir auch gar nicht ein!«
erwiderte sie, »ich will dir auch sagen, was du von mir zu denken hast! Ich habe
dich zu mir gelockt, erstens, weil ich wieder einmal ein wenig küssen wollte,
was ich auch gleich hernach tun will, du bist mir dazu gerade recht! Zweitens
wollte ich dich als ein hochmütiges Bürschchen ein wenig in die Schule nehmen,
und drittens macht es mir Vergnügen, in Ermangelung eines andern, den Mann zu
lieben, der noch in dir verborgen ist, wie ich dich schon als Kind gern gesehen
habe.« Mit diesen Worten packte sie mich und fing an, mich zu küssen, dass es mir
gluteiss wurde und ich nur, um die Glut zu kühlen, ihre feuchten Lippen
festalten und wiederküssen musste. Als ich Anna geküsst, war es gewesen, als ob
mein Mund eine wirkliche Rose berührt hätte; jetzt aber küsste ich eben einen
heissen, leibhaften Mund, und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem Innern
eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über. Dieser
Unterschied fiel mir so auf, dass mitten im heftigen Küssen Annas Stern aufging,
eben als Judit mehr wie für sich flüsterte: »Denkst du nun auch an dein
Schätzchen?« - »Ja«, erwiderte ich, »und ich geh nun!« und wollte mich
losmachen. »So geh!« sagte sie lächelnd, doch löste sie ihre weichen nackten
Arme auf eine so sonderbare Weise auseinander, dass es mir schneidend weh tat,
mich frei zu fühlen, und eben wieder im Begriffe war, in dieselben zu sinken,
als sie aufsprang, mich noch einmal küsste und dann von sich stiess, indem sie
leise sagte »Nun pack dich, es ist jetzt Zeit, dass du heimkommst!« Beschämt
suchte ich meinen Hut und eilte davon, dass sie laut lachte und mir kaum
nachkommen konnte, um mir die Haustüre aufzumachen. »Halt«, flüsterte sie, als
ich davonlaufen wollte, »geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig
ums Dorf herum!« und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande,
obgleich es regnete und stürmte, was vom Himmel heruntermochte. Am Gatter stand
sie still und sagte »Hör einmal! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause, und du
bist der erste, den ich seit langer Zeit geküsst! Ich habe Lust, dir nun erst
recht treu zu bleiben, frage mich nicht warum, ich muss etwas probieren für die
lange Zeit, und es macht mir Spass. Dafür verlange ich aber, dass du jedesmal zu
mir kommst, wenn du im Dorfe bist, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor
den Leuten wollen wir tun, als ob wir uns kaum ansehen möchten. Ich verspreche
dir, dass es dich nie gereuen soll. Es wird in der Welt nicht so gehen, wie du es
denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich
sage dir nur, dass du später froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist!« -
»Nie komme ich wieder!« rief Ich etwas heftig. - »Bst! nicht so laut«, sagte
sie; dann sah sie mir ernstaft in die Augen, dass Ich trotz Sturm und Dunkelheit
die ihrigen glänzen sah, und fuhr fort »Wenn du mir Nicht heilig und auf deine
Ehre versprichst, dass du wiederkommen willst, so nehm Ich dich sogleich wieder
mit, nehme dich zu mir ins Bett, und du musst bei mir schlafen! Das schwöre ich
bei Gott!« Es kam mir gar nicht in den Sinn, über diese Drohung zu lachen oder
dieselbe zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judits
Hand, dass Ich wiederkommen wollte, und eilte davon. Ich lief daraufzu, ohne zu
wissen wohin; denn der strömende Regen tat mir wohl; so war ich bald aus dem
Dorfe und auf eine Höhe gekommen, auf welcher ich weiterging. Der Morgen graute
und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; Ich machte mir die bittersten
Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht, und als ich plötzlich zu meinen Füssen
den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte, kaum erkennbar durch den
grauen Schleier des Regens und der Dämmerung, da sank ich erschöpft auf den
Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus. Es regnete immerfort auf mich
nieder, die Windstösse fahren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich
in den Bäumen, ich weinte dazu, was nur die Augen fassen mochten; seltsamerweise
machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran, der Judit
irgendeine Schuld beizumessen. Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und
hätte mich vor Anna bei der Judit und vor Judit bei der Anna verbergen mögen.
Ich gelobte aber, nie wieder zur Judit zu gehen und mein Versprechen zu
brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich in der
grauen feuchten Tiefe zu meinen Füssen jetzt so still schlafend wusste. Endlich
raffte Ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg aus den
Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen, Ich sann etwas
gefasster darüber nach, was ich im Hause meines Oheims über mein nächtliches
Ausbleiben vorgeben wolle. Ich wollte sagen, ich hätte mich verirrt und sei die
ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Knabenjahren das erste
Mal, wo ich zu einem eigennützigen Zwecke wieder lügen musste; mehrere Jahre
hindurch hatte ich nicht mehr gewusst, was lügen sei, und diese Entdeckung machte
mir vollends zu Mute, als ob ich aus einem schönen Garten hinausgestossen würde,
in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen.
 
                                  Dritter Band
                                  Erstes Kapitel
Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer
der warme Südwind, und es regnete in einem fort. Ich sah aus dem Fenster und
erblickte das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Männern am Wasser arbeiteten,
um die Wehren und Dämme herzustellen, da in den Bergen aller Schnee schmelzen
musste und eine grosse Flut zu erwarten war. Das Flüsschen rauschte schon
ansehnlich und graugelblich daher; für unser Haus war gar keine Gefahr, da es an
einem sicher abgedämmten Seitenarme lag, der die Mühle trieb; doch waren alle
Mannspersonen fort, um die Wiesen zu schützen, und ich sass mit den Frauensleuten
allein zu Tische. Nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig
und entschlossen bei der Arbeit, als sie gestern die Freude angefasst hatten. Sie
hantierten wie die Teufel in Erde, Holz und Steinen, standen bis über die Knie
in Schlamm und Wasser, schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher, und
wenn so acht Mann unter einem schweren Werkstücke einhergingen, hielten die
Witzbolde unter ihnen ohne Zeitverlust keinen Einfall zurück; nur der
Unterschied war gegen gestern, dass man keine Tabakspfeifen sah, da dies Volk bei
der Arbeit wohl wusste, was guter Ton ist. Ich konnte nicht viel helfen und war
den Leuten eher im Wege; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser
hinaufgeschlendert, kehrte ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem
Gange die Tätigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen. Wer nicht am Wasser
beschäftigt war, der fuhr ins Holz, um die dortige Arbeit noch schnell abzutun,
und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam pflügen, als ob
weder der Nachtag eines Festes noch eine Gefahr im Lande wäre. Ich schämte mich,
allein so müssig und zwecklos umherzugehen, und um nur etwas Entschiedendes zu
tun, entschloss ich mich, sogleich nach der Stadt zurückzukehren. Zwar hatte ich
leider nicht viel zu versäumen, und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in
diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht, ja sie kam mir schal und nichtig
vor; da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in
die Nacht hinein wandern musste, so liess eine asketische Laune mir diesen Gang
als eine Wohltat erscheinen, und ich machte mich trotz aller Einreden meiner
Verwandten ungesäumt auf den Weg.
    So stürmisch und mühevoll dieser war, legte ich doch die bedeutende Strecke
zurück wie einen sonnigen Gartenpfad; denn in meinem Innern erwachten alle
Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer
goldenen Kugel, und ich war nicht wenig überrascht, mich unversehens vor dem
Stadttore zu befinden. Als ich vor unser Haus kam, merkte ich an den dunklen
Fenstern, dass meine Mutter schon schlief; mit einem heimkehrenden Hausgenossen
schlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer, und am Morgen tat meine Mutter die
Augen weit auf, als sie mich unerwartet zum Frühstück erscheinen sah.
    Ich bemerkte sogleich, dass in unserer Stube eine kleine Veränderung
vorgegangen war. Ein artiges Lotterbettchen stand an der Wand, welches die
Mutter aus Gefälligkeit von einem Bekannten gekauft, der dasselbe nicht mehr
unterzubringen wusste; es war von der grössten Einfachheit, leicht und zierlich
gebaut und statt des Polsters nur mit weiss und grünem Stroh überflochten und
doch ein allerliebstes Möbel. Aber auf demselben lag ein ansehnlicher Stoss
Bücher, an die fünfzig Bändchen, alle gleich gebunden, mit roten Schildchen und
goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur
zusammengehalten, wie nur eine Frau oder ein Trödler etwas zusammenbinden kann.
Es waren Goetes sämtliche Werke, welche einer meiner Plagegeister hergebracht
hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. Es war mir zu Mute,
als ob der grosse Schatten selbst über meine Schwelle getreten wäre; denn so
wenige Jahre seit seinem Tode verflossen, so hatte sein Bild in der Vorstellung
des jüngsten Geschlechtes bereits etwas Dämonisch-Göttliches angenommen, das,
wenn es als eine Gestaltung der entfesselten Phantasie einem im Traume erschien,
mit ahnungsvollem Schauer erfüllen konnte. Vor einigen Jahren hatte ein
deutscher Schreinergeselle, welcher in unserer Stube etwas zurechtämmerte,
dabei von ungefähr gesagt »Der grosse Goete ist gestorben«, und dies unbeachtete
Wort klang mir immer wieder nach. Der unbekannte Tote schritt fast durch alle
Beschäftigungen und Anregungen, und überall zog er angeknüpfte Fäden an sich,
deren Enden nur in seiner unsichtbaren Hand verschwanden. Als ob ich jetzt alle
diese Fäden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur, welche die Bücher umwand,
beisammen hätte, fiel ich über denselben her und begann hastig ihn aufzulösen,
und als er endlich aufging, da fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen
Lebens auf das schönste auseinander, verbreiteten sich über das Ruhbett und
fielen über dessen Rand auf den Boden, dass ich alle Hände voll zu tun hatte, den
Reichtum zusammenzuhalten. Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr
vom Lotterbettchen und las dreissig Tage lang, indessen es noch einmal strenger
Winter und wieder Frühling wurde; aber der weisse Schnee ging mir wie ein Traum
vorüber, den ich unbeachtet von der Seite glänzen sah. Ich griff zuerst nach
allem, was sich durch den Druck als dramatisch zeigte, dann las ich alles
Gereimte, dann die Romane, dann die Italienische Reise, dann einige
künstlerische Monographien, und als sich der Strom hierauf in die prosaischen
Gefilde des täglichen Fleisses, der Einzelmühe verlief, liess ich das Weitere
liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die einzelnen Sternbilder in
ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende
Sterne, wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini. So hatte ich noch
einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und
entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit. Ich
war eben mit diesem einmal zu Ende, als der Trödler hereintrat und sich
erkundigte, ob ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger
Käufer gezeigt habe. Unter diesen Umständen musste der Schatz bar bezahlt werden,
was weit über meine Kräfte ging; die Mutter sah wohl, dass er mir etwas Wichtiges
war, aber mein dreissigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen, und
darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bücher zusammen, schwang
den Pack auf den Rücken und empfahl sich.
    Es war, als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube
verliessen, so dass diese auf einmal still und leer schien; ich sprang auf, sah
mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben, wenn nicht die
Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten. Ich
machte mich ins Freie; die alte Bergstadt, Felsen, Wald, Fluss und See und das
formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Märzsonne, und indem meine
Blicke alles umfassten, empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen, das
ich früher nicht gekannt. Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und
Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den
Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet. Diese Liebe steht höher als das
künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke, welches
zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt; sie steht auch höher als das
Geniessen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien, und nur
sie allein vermag eine gleichmässige und dauernde Glut zu geben. Es kam mir nun
alles und immer neu, schön und merkwürdig vor, und ich begann, nicht nur die
Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen
und zu lieben. Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen
Bewusstsein herumlief, so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus
aus jenen dreissig Tagen, so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse
ursprünglich zuzuschreiben sind.
    Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann; die Welt ist
innerlich ruhig und still, und so muss es auch der Mann sein, der sie verstehen
und als ein wirkender Teil von ihr sich widerspiegeln will. Ruhe zieht das Leben
an, Unruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich die
Welt um ihn. Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden, dass er
sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen
lassen als ihnen nachjagen soll; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht,
kann denselben nicht so beschreiben wie der, welcher am Wege steht. Dieser ist
darum nicht überflüssig oder müssig, und der Seher ist erst das ganze Leben des
Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick, wo er
sich dem Zuge anschliesst mit seinem goldenen Spiegel, gleich dem achten Könige
im Macbet, der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen liess. Auch nicht ohne
äussere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleichwie der Zuschauer
eines Festzuges genug Mühe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten.
Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen.
    Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich
hatte mir, ohne zu wissen wann und wie, angewöhnt, alles, was ich in Leben und
Kunst als brauchbar, gut und schön befand, poetisch zu nennen, und selbst die
Gegenstände meines erwählten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht
malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse,
welche mich anregend berührten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge
poetisch oder der Widerspiegelung ihres Lebens wert macht; aber in bezug auf
manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich nun, dass das Unbegreifliche
und Unmögliche, das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch sind und
dass, wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung, hier nur Schlichteit und
Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen, um etwas Poetisches
oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernünftiges
hervorzubringen, mit einem Wort, dass die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst
nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf. Dies ist zwar eine alte
Geschichte, indem man schon im Aristoteles ersehen kann, dass seine stofflichen
Betrachtungen über die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten
Rezepte auch für den Dichter sind.
    Denn wie es mir scheint, geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung,
Zurückführung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf
einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft
und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst; darum
unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen, dass sie
das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen, während die
anderen dies wiedererkennen müssen und darüber erstaunen, und darum sind auch
alle die keine Meister, zu deren Verständnis es einer besonderen
Geschmacksrichtung oder einer künstlichen Schule bedarf.
    Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen
Gestalt zu tun und fühlte mich nur glücklich und zufrieden, dass ich auf das
bescheidenste Gebiet mit meinen Fuss setzen konnte, auf den irdischen Grund und
Boden, auf dem sich der Mensch bewegt, und so in der poetischen Welt wenigstens
einen Teppichbewahrer abgeben durfte. Goete hatte ja viel und mit Liebe von
landschaftlichen Dingen gesprochen, und durch diese Brücke glaubte ich ohne
Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu können.
    Ich wollte sogleich anfangen, nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die
Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten, nichts Überflüssiges
oder Müssiges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein. Im Geiste
sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir, welche alle hübsch,
wert- und gehaltvoll aussahen, angefüllt mit zarten und starken Strichen, von
denen keiner ohne Bedeutung war. Ich setzte mich ins Freie, um das erste Blatt
dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen; aber nun ergab es sich, dass ich eben
da fortfahren musste, wo ich zuletzt aufgehört hatte, und dass ich durchaus nicht
imstande war, plötzlich etwas Neues zu schaffen, weil ich dazu erst etwas Neues
hätte sehen müssen. Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand
und die prächtigen Blätter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflösten,
wenn ich den Stift auf das Papier setzte, so brachte ich ein trübseliges
Gekritzel zustande, indem ich aus meiner alten Weise herauszukommen suchte,
welche ich verachtete, während ich sie jetzt sogar nur verdarb. So quälte ich
mich mehrere Tage herum, in Gedanken immer eine gute und sachgemässe Arbeit
sehend, aber ratlos mit der Hand. Es wurde mir angst und bange, ich glaubte
jetzt sogleich verzweifeln zu müssen, wenn es mir nicht gelänge, und seufzend
bat ich Gott, mir aus der Klemme zu helfen. Ich betete noch mit den gleichen
kindlichen Worten wie schon vor zehn Jahren, immer das gleiche wiederholend, so
dass es mir selbst auffiel, als ich halblaut vor mich hinflüsterte. Darüber
nachsinnend, hielt ich mit der hastigen Arbeit inne und sah in Gedanken verloren
auf das Papier und mit einem wehmütigen Lächeln. Da überschattete sich plötzlich
der weisse Bogen auf meinen Knien, der vorher von der Sonne beglänzt war;
erschrocken schaute ich um und sah einen ansehnlichen, fremd gekleideten Mann
hinter mir stehen, welcher den Schatten verursachte. Er war gross und schlank,
hatte ein bedeutsames und ernstes Gesicht mit einer stark gebogenen Nase und
einem sorgfältig gedrehten Schnurrbart und trug sehr feine Wäsche. In
hochdeutscher Sprache redete er mich an »Darf man wohl ein wenig Ihre Arbeit
besehen, junger Herr?« Halb erfreut und halb verlegen hielt ich meine Zeichnung
hin, welche er einige Augenblicke aufmerksam besah; dann fragte er mich, ob ich
noch mehr in meiner Mappe bei mir hätte und ob ich wirklicher Künstler werden
wollte. Ich trug allerdings immer einen Vorrat des zuletzt Gemachten mit mir
herum, wenn ich nach der Natur zeichnete, um jedenfalls etwas zu tragen, wenn
ich einen unergiebigen Tag hatte, und während ich nun die Sachen nach und nach
hervorzog, erzählte ich fleissig und zutraulich meine bisherigen
Künstlerschicksale; denn ich merkte sogleich an der Art, wie der Fremde die
Sachen ansah, dass er es verstand, wo nicht selbst ein Künstler war. Dies
bestätigte sich auch sogleich, als er mich auf meine Hauptfehler aufmerksam
machte, die Studie, welche ich gerade vorhatte, mit der Natur verglich und mir
an letzterer selbst das Wesentliche hervorhob und mich es sehen lehrte. Ich
fühlte mich überglücklich und hielt mich ganz still, wie jemand, der sich
vergnüglich eine Wohltat erzeigen lässt, als er einige Laubpartien auf meinem
Papier mit ihrem Vorbilde in der Natur verglich, mir zeigte, wie ich es ganz
anders machen müsste, Schatten und Licht klarmachte und auf dem Rande des Blattes
mit einigen mühlosen Meisterstrichen das herstellte, was ich vergeblich gesucht
hatte. Er blieb wohl eine halbe Stunde bei mir, dann sagte er: »Sie haben vorhin
den wackern Habersaat genannt; wissen Sie, dass ich vor fünfzehn Jahren auch ein
dienstbarer Geist in seinem verwünschten Kloster war? Ich habe mich aber
beizeiten aus dem Staube gemacht und bin seiter immer in Italien und Frankreich
gewesen. Ich bin Landschafter, heisse Römer und gedenke mich eine Zeitlang in
meiner Heimat aufzuhalten. Es soll mich freuen, wenn ich Ihnen etwas nachhelfen
kann, ich habe viele Sachen bei mir, besuchen Sie mich einmal, oder kommen Sie
gleich mit mir nach Hause, wenn's Ihnen recht ist!«
    Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Herrn
Römer und mit nicht geringem Stolze. Ich hatte oft von ihm sprechen gehört; denn
er war eine der grossen Sagen des Refektoriums, und Meister Habersaat tat sich
nicht wenig darauf zu gut, wenn es hiess, sein ehemaliger Schüler Römer sei ein
berühmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine Arbeiten nur an Fürsten und
Engländer. Auf dem Wege, solange wir noch im Freien waren, zeigte mir Römer
allerlei gute Dinge in der Natur, sei es in Licht und Tönen, sei es in Form und
Charakter. Aufmerksam begeistert sah ich hin, wo er mit der Hand fein
wegstreichend hindeutete; ich war erstaunt, zu entdecken, dass ich eigentlich, so
gut ich erst kürzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts gesehen hatte, und
ich staunte noch mehr, das Bedeutende und Lehrreiche nun meistens in
Erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder übersehen oder wenig beachtet.
Jedoch freute ich mich, sogleich zu verstehen, was mein Begleiter jeweilig
meinte, und mit ihm einen kräftigen und doch klaren Schatten, einen milden Ton
oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen, und nachdem ich erst einige
Male mit ihm spaziert, hatte ich mich bald gewöhnt, die ganze landschaftliche
Natur nicht mehr als etwas Rundes und Greifliches, sondern nur als ein gemaltes
Bilder-und Studienkabinett, als etwas bloss vom richtigen Standpunkte aus
Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrücken zu beurteilen.
    Als wir in seiner Wohnung anlangten, welche aus ein paar eleganten Zimmern
in einem schönen Hause bestand, setzte Römer sogleich seine Mappen auf einen
Stuhl vor das Sofa, hiess mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die
Sammlung seiner grössten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden
und aufzustellen. Es waren alles umfangreiche Blätter aus Italien, auf starkes
grobkörniges Papier mit Wasserfarben gemalt, doch auf eine mir ganz neue Weise
und mit unbekannten kühnen und geistreichen Mitteln, so dass sie ebensoviel
Schmelz und Duft als Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem
Striche bewiesen, dass sie vor der lebendigen Natur gemacht waren. Ich wusste
nicht, sollte ich über die glänzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der
Behandlung oder über die Gegenstände mehr Freude empfinden, denn von den
mächtigen dunklen Zypressengruppen der römischen Villen, von den schönen
Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pästum und dem leuchtenden Golf von Neapel,
bis zu den Küsten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten, gedichteten
Linien tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den köstlichen Merkzeichen des
Tages, des Ortes und des Sonnenscheins, unter welchem sie entstanden. Schöne
Klöster und Kastelle glänzten in diesem Sonnenschein an schönen Bergabhängen,
Himmel und Meer ruhten in tiefer Bläue oder in heitrem Silberton, und in diesem
badete sich die prächtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und
doch so reichen Formen. Dazwischen sangen und klangen die italienischen Namen,
wenn Römer die Gegenstände benannte und Bemerkungen über ihre Natur und Lage
machte. Manchmal sah ich über die Blätter hinaus im Zimmer umher, wo ich hier
eine rote Fischerkappe aus Neapel, dort ein römisches Taschenmesser, eine
Korallenschnur oder einen silbernen Haarpfeil erblickte; dann sah ich meinen
neuen Beschützer aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an, seine weisse Weste,
seine Manschetten, und erst, wenn er das Blatt umwandte, fuhr mein Blick wieder
auf dasselbe, um es noch einmal zu überfliegen, ehe das nächste erschien.
    Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren, liess mich Römer noch flüchtig in
einige andere blicken, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die
andere eine Unzahl Bleistiftstudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt
und Fischerei Bezügliches, eine vierte endlich verschiedene Phänomene und
Farbenwunder wie die Blaue Grotte, aussergewöhnliche Wolkenerscheinungen,
Vesuvausbrüche, glühende Lavabäche usw. entielten. Dann zeigte er mir noch im
andern Zimmer seine gegenwärtige Arbeit, ein grösseres Bild auf einer Staffelei,
welches den Garten der Villa d'Este vorstellte. Dunkle Riesenzypressen ragten
aus flatternden Reben und Lorbeerbüschen, aus Marmorbrunnen und blumigen
Geländern, an welchen eine einzige Figur, Ariost, lehnte, in schwarzem
ritterlichen Kleide, den Degen an der Seite. Im Mittelgrunde zogen sich Häuser
und Bäume von Tivoli hin, von Duft umhüllt, und darüber hinweg dehnte sich das
weite Feld, vom Purpur des Abends übergossen, in welchem am äussersten Horizonte
die Peterkuppel auftauchte.
    »Genug für heute!« sagte Römer, »kommen Sie öfter zu mir, alle Tage, wenn
Sie Lust haben; bringen Sie mir Ihre Sachen mit, vielleicht kann ich Ihnen dies
und jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmässigere
Technik erlangen!«
    Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr, als
ich ging, nach Hause. Dort erzählte ich meiner Mutter das glückliche Abenteuer
mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht, den fremden Herrn und Künstler
mit allem Glanz auszustatten, dessen ich habhaft war; ich freute mich, ihr
endlich ein Beispiel rühmlichen Gelingens als einen Trost für meine eigene
Zukunft vorführen zu können; besonders da ja Römer ebenfalls aus Herrn
Habersaats kümmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war. Allein die fünfzehn in
der weiten Ferne zugebrachten Jahre, welche zu diesem Gelingen gebraucht worden,
leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein, auch hielt sie dafür, dass es noch
gar nicht ausgemacht wäre, ob der Fremde wirklich glücklich sei, indem er als
solcher so einsam und unbekannt in seiner Heimat angekommen sei. Ich hatte aber
ein anderweitiges geheimes Zeichen von der Richtigkeit meiner Hoffnungen,
nämlich das plötzliche Erscheinen Römers, unmittelbar nachdem ich gebetet hatte.
Hievon sagte ich aber nichts zu meiner Mutter, denn erstens war zwischen uns
nicht herkömmlich, dass man viel von solchen Dingen sprach, besonders wenn sie
nach salbungsvoller Prahlerei ausgesehen hätten, und dann baute die Mutter wohl
fest auf die Hilfe Gottes, aber es würde ihr nicht gefallen haben, wenn ich mich
eines so eklatanten und teatralischen Falles gerühmt hätte, und als ein solcher
wäre ihr meine Erzählung ohne Zweifel erschienen, da sie viel zu schlicht und
bescheiden war, um ein solches Einschreiten in solchen Angelegenheiten von Gott
zu erwarten. Sie war froh, wenn er das Brot nicht ausgehen liess und für schwere
Leiden, für Fälle auf Leben und Tod seine Hilfe in Bereitschaft hatte. Sie hätte
mich wahrscheinlich ziemlich ironisch zurechtgewiesen; desto mehr beschäftigte
ich mich den Abend hindurch mit dem Vorfalle und muss gestehen, dass ich dabei
doch eine grübelnde Empfindung hatte. Ich konnte mir die Vorstellung eines
langen Drahtes nicht unterdrücken, an welchem der fremde Mann auf mein Gebet
herbeigezogen sei, während, gegenüber diesem lächerlichen Bilde, mir ein Zufall
noch weniger munden wollte, da ich mir das Ausbleiben desselben nun gar nicht
mehr denken mochte. Seiter habe ich mich gewöhnt, dergleichen Glücksfälle, so
wie ihr Gegenteil, wenn ich nämlich ein unangenehmes Ereignis als die Strafe für
einen unmittelbar vorhergegangenen, bewussten Fehler anzusehen mich immer wieder
getrieben fühle, als vollendete Tatsachen einzutragen und Gott dafür dankbar zu
sein, ohne mir des genauern einzubilden, es sei unmittelbar und insbesondere für
mich geschehen. Doch kann ich mich bei jeder Gelegenheit, wo ich mir nicht zu
helfen weiss, nicht entalten, von neuem durch Gebet solche hübsche faits
accomplis herbeizuführen und für die Zurechtweisungen des Schicksals einen Grund
in meinen Fehlern zu suchen und Gott Besserung zu geloben.
    Ich wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauffolgenden mit einer
ganzen Last meiner bisherigen Arbeiten zu Römer. Er empfing mich freundlich
zuvorkommend und besah die Sachen mit aufmerksamer Teilnahme. dabei gab er mir
fortwährend guten Rat, und als wir zu Ende waren, sagte er, ich müsste vor allem
die ungeschickte alte Manier, das Material zu behandeln, aufgeben, denn damit
liesse sich gar nichts mehr ausrichten. Nach der Natur sollte ich fleissig
vorderhand mit einem weichen Blei zeichnen und für das Haus anfangen, seine
Weise einzuüben, wobei er mir gerne behilflich sein wolle. Auch suchte er mir
aus seinen Mappen einige einfache Studien in Bleistift sowie in Farben, welche
ich zur Probe kopieren sollte, und als ich hierauf mich empfehlen wollte, sagte
er »Oh! bleiben Sie noch ein Stündchen hier, Sie werden den Vormittag doch
nichts mehr machen können; sehen Sie mir ein wenig zu, und plaudern wir ein
bisschen!« Mit Vergnügen tat ich dies, hörte auf seine Bemerkungen, die er über
sein Verfahren machte, und sah zum ersten Mal die einfache freie und sichere
Art, mit der ein Künstler arbeitet. Es ging mir ein neues Licht auf, und es
dünkte mich, wenn ich mich selbst auf meine bisherige Art arbeitend vorstellte,
als ob ich bis heute nur Strümpfe gestrickt oder etwas Ähnliches getan hätte.
    Rasch kopierte ich die Blätter, die Römer mir mitgab, mit aller Lust und
allem Gelingen, welche ein erster Anlauf gibt, und als ich sie ihm brachte,
sagte er »Das geht ja vortrefflich, ganz gut!« An diesem Tage lud er mich ein,
da das Wetter sehr schön war, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und auf
diesem verband er das, was ich in seinem Hause bereits eingesehen, mit der
lebendigen Natur, und dazwischen sprach er vertraulich über andere Dinge,
Menschen und Verhältnisse, welche vorkamen, bald scharf kritisch, bald
scherzend, so dass ich mit einem Male einen zuverlässigen Lehrer und einen
unterhaltenden und umgänglichen Freund besass. Ich erzählte ihm vieles von meinen
Verhältnissen und Geschichten, fast alles, mit Ausnahme der Anna und Judit, und
er fasste alles so auf, wie ich nur wünschen konnte, vom Standpunkte eines freien
und erfahrenen Menschen und als Künstler. So stellte sich schnell ein
ungezwungener Umgang her, bei welchem ich mich ganz konnte gehenlassen und
keinen Einfall zu unterdrücken brauchte, ohne dass ich die Bescheidenheit und
Ehrerbietung zu sehr verletzte, und wenn ich dies tat, so glich die
widerspruchslose Bereitwilligkeit, welche jenes Alter den Zurechtweisungen der
wahren und wohlmeinenden Autorität entgegenbringt, den Fehler bald wieder aus.
    Bald fühlte ich das Bedürfnis, immer und ganz in seiner Nähe zu sein, und
machte daher immer häufiger von meiner Freiheit, ihn zu besuchen, Gebrauch, als
er eines Tages, nachdem er mir gründlich und schon etwas strenger eine Arbeit
durchgesehen, zu mir sagte: »Es würde gut für Sie sein, noch eine Zeit ganz
unter der Leitung eines Lehrers zu stehen; es würde mir auch zum Vergnügen und
zur Erheiterung gereichen, Ihnen meine Dienste anzubieten; da aber meine
Verhältnisse leider nicht derart sind, dass ich dies ganz ohne Entschädigung tun
könnte, wenigstens wenn es nicht durchaus sein muss, so besprechen Sie sich mit
Ihrer Frau Mutter, ob Sie monatlich zwei Louisdors daranwenden wollen. Ich
bleibe jedenfalls einige Zeit hier, und in einem halben Jahre hoffe ich Sie so
weit zu bringen, dass Sie später besser vorbereitet und selbst imstande, einigen
Erwerb zu finden, Ihre Reisen antreten könnten. Sie würden jeden Morgen um acht
Uhr kommen und den ganzen Tag bei mir arbeiten.«
    Ich wünschte nichts Besseres zu tun und lief eiligst nach Hause, den
Vorschlag meiner Mutter zu hinterbringen. Allein sie war nicht so eilig wie ich
und ging, da es sich um Ausgabe einer erklecklichen Summe handelte und ich
selbst einen Teil des an Habersaat Bezahlten für verlorenes Geld hielt, erst
jenen vornehmen Herrn, bei dem sie schon früher einmal gewesen, um Rat zu
fragen; denn sie dachte, derselbe werde jedenfalls wissen, ob Römer wirklich der
geachtete und berühmte Künstler sei, für welchen ich ihn so eifrig ausgab. Doch
man zuckte die Achseln, gab zwar zu, dass er als Künstler talentvoll und in der
Ferne renommiert sei; über seinen Charakter jedoch hüllte man sich ins Unklare,
wollte nicht viel Gutes wissen, ohne etwas Näheres angeben zu können, und meinte
schliesslich, wir sollten uns in acht nehmen. Jedenfalls sei die Forderung zu
gross, unsere Stadt sei nicht Rom oder Paris, auch hielte man dafür, es wäre
geratener, die Mittel für meine Reisen aufzusparen und diese desto früher
anzutreten, wo ich dann selbst sehen und holen könne, was Römer besässe.
    Das Wort Reisen war nun schon wiederholt vorgekommen und war hinreichend,
meine Mutter zu bestimmen, jeden Pfennig zur Ausstattung aufzubewahren. Daher
teilte sie mir die bedenklichen Äusserungen mit, ohne zuviel Gewicht auf die den
Charakter betreffenden zu legen, welche ich auch mit Entrüstung zunichte machte;
denn ich war schon dagegen gewaffnet, indem ich aus verschiedenen rätselhaften
Äusserungen Römers entnommen, dass er mit der Welt nicht zum besten stehe und viel
Unrecht erlitten habe. Ja, es hatte sich schon eine verständnisvolle eigene
Sprache über diesen Punkt zwischen uns ausgebildet, indem ich mit ehrerbietiger
Teilnahme seine Klagen entgegennahm und so erwiderte, als ob ich selbst schon
die bittersten Erfahrungen gemacht oder wenigstens zu erwarten hätte, welche ich
aber festen Fusses erwarten und dann zugleich mich und ihn rächen wollte. Wenn
Römer hierauf mich zurechtwies und erinnerte, dass ich die Menschen doch nicht
besser werde kennen als er, so musste ich dies annehmen und liess mich mit
wichtiger Miene belehren, wie es anzufangen wäre, sich gehörig zu stellen, ohne
dass ich eigentlich wusste, worum es sich handelte und worin jene Erfahrungen denn
beständen.
    Ich entschloss mich kurz und sagte zur Mutter, ich wolle das Gold, welches in
meinem ehemals geplünderten Sparkästchen übriggeblieben, für die Sache
verwenden. Hiegegen hatte sie nichts einzuwenden und schien eher froh zu sein,
diesen Mittelweg zu sehen, auf welchem ich wenigstens meine Selbstbestimmung
betätigen konnte. Ich nahm also die Schaumünze und einige Dukaten, welche dabei
waren, und trug alles zu einem Goldschmied, welcher mir acht Louisdors in Silber
dafür bezahlte, brachte das Geld zu Römer und sagte, das sei alles, was ich
verwenden könnte, und ich wünschte wenigstens vier Monate dafür seines
Unterrichtes zu geniessen. Zuvorkommend sagte er, das sei gar nicht so genau zu
nehmen! Da ich tue, was ich könne, wie es einem Kunstjünger gezieme, so wolle er
nicht zurückbleiben und ebenfalls tun, was er könne, solange er hier sei, und
ich solle nur gleich morgen kommen und anfangen.
    So richtete ich mich mit grosser Befriedigung bei ihm ein. Den ersten und
zweiten Tag ging es noch ziemlich gemütlich zu; allein schon am dritten begann
Römer einen ganz andern Ton zu singen, indem er urplötzlich höchst kritisch und
streng wurde, meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies, dass ich
nicht nur noch nichts könne, sondern auch lässig und unachtsam sei. Das kam mir
höchst wunderlich vor, ich nahm mich ein wenig zusammen, was aber nicht viel
Dank einbrachte; im Gegenteil wurde Römer immer strenger und ironischer in
seinem Tadel, den er nicht in die rücksichtsvollsten Ausdrücke fasste. Da nahm
ich mich ernstlicher zusammen, der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast
rührend, bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demütig daranmachte, mir bei
jedem Striche den Platz, wo er hinsollte, wohl besah, manchmal ihn zart und
bedächtig hinsetzte, manchmal nach kurzem Erwägen plötzlich wie einen Würfel auf
gut Glück hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte, wie Römer es
verlangte. So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser, auf welchem ich ganz
still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte. Der Fuchs merkte aber meine
Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben, so dass die Not von neuem
anging und die Kritik meines Meisters schöner blühte denn je. Wiederum steuerte
ich endlich nach vieler Mühe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde
nochmals durch ein erschwertes Ziel zurückgeworfen, statt dass ich, wie ich
gehofft, ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte.
So erhielt mich Römer einige Monate in grosser Unterwürfigkeit, wobei jedoch die
mystischen Gespräche über die bitteren Erfahrungen und über dies und jenes
fortdauerten, und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren
Spaziergängen blieb unser Verkehr der alte. Dadurch entstand eine seltsame
Weise, indem Römer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich
jählings andonnerte »Was haben Sie da gemacht! Was soll denn das sein! O Herr
Jesus! Haben Sie Russ in den Augen?« so dass ich plötzlich still wurde und voll
Ingrimm über ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit
wieder aufnahm.
    So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mühe kennen, ohne dass mir
dieselbe lästig wurde, da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung
und Verjüngung trägt, und ich sah mich in den Stand gesetzt, eine grosse Studie
Römers, welche schon mehr ein ganzes Bild mit den verschiedensten Bestandteilen
vorstellte, vornehmen zu dürfen und dieselbe so zu kopieren, dass mein Lehrer
erklärte, es sei nun genug in dieser Richtung, ich würde ihm sonst seine ganzen
Mappen nachzeichnen; dieselben seien sein einziges Vermögen, und er wünsche bei
aller Freundschaft doch nicht, eine förmliche Doublette desselben in anderen
Händen zu wissen.
    Durch diese Beschäftigung war ich wunderlicherweise im Süden weit mehr
heimisch geworden als in meinem Vaterlande. Da die Sachen, nach welchen ich
arbeitete, alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren, auch die
Erzählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten, so
verstand ich die südliche Sonne, jenen Himmel und das Meer beinahe, wie wenn ich
sie gesehen hätte, wusste Kakteen, Aloe und Myrtensträucher besser darzustellen
als Disteln, Nesseln und Weissdorn, Pinien und immergrüne Eichen besser als
Föhren und nordische Eichen, und Zypressen und Ölbäume waren mir bekannter als
Pappeln und Weiden. Selbst der südliche Boden war mir viel leichter in der Hand
als der nordische, da jener mit bestimmten glänzenden Farben bekleidet war und
sich im Gegensatze zu der tiefen Bläue der mittleren und fernen Gründe fast von
selbst herstellte, indessen dieser, um wahr und gut zu scheinen, eine
unmerkliche, aber verzweifelt schwer zu treffende Verschiedenheit und Feinheit
in grauen Tönen erforderte. Am See von Nemi war ich besser zu Hause als an
unserm See, die Umrisse von Capri und Ischia kannte ich genauer als unsere
nächsten Uferhöhen. Die roten, mit Efeu bekleideten Bogen der Wasserleitungen in
der sonnverbrannten braungelben römischen Campagne mit den blauen Höhenzügen in
der Ferne und dem graurötlichen Duft am Himmel konnte ich auswendig herpinseln.
    Und wie schön waren alle diese Gegenstände! Auf einer sizilianischen
Küstenstudie war vorn zwischen goldenen Felsen eine Stelle im Meere, welche in
der allerfabelhaftesten purpurnen Bläue funkelte, wie sie der ausschweifendste
Märchendichter nicht auffallender hätte ersinnen können. Aber sie war hier an
ihrem rechten und gesetzmässigen Platze und machte daher eine zehnmal poetischere
Wirkung, als wenn sie in einer erfundenen Landschaft unter anderen Umständen
angebracht worden wäre.
    Einen besondern Reiz gewährten mir die Trümmer griechischer Baukunst, welche
sich da und dort fanden. Ich empfand wieder Poesie, wenn ich das weisse, sonnige
Marmorgebälke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben musste. Die
horizontalen Linien an Architrav, Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der
Säulen mussten mit der zartesten Genauigkeit, mit wahrer Andacht, leis und doch
sicher und elegant hingezogen werden; die Schlagschatten auf diesem weissgoldenen
edlen Gestein waren rein blau, und wenn ich den Blick fortwährend auf dies Blau
gerichtet hatte, so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu
sehen. Jede Lücke im Gebälke, durch welche der Himmel schaute, jede Scharte an
den Kannelierungen war mir heilig, und ich hielt genau ihre kleinsten
Eigentümlichkeiten fest.
    Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk über Architektur, in welchem
die Geschichte und Erklärung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit
allem Detail entalten waren. Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig,
um die Trümmer besser zu verstellen und ihren Wert ganz zu kennen. Auch
erinnerte ich mich der Italienischen Reise von Goete, welche ich kürzlich
gelesen, Römer erzählte mir viel von den Menschen und Sitten und der
Vergangenheit Italiens. Er las fast keine Bücher als die deutsche Übersetzung
von Homer und einen italienischen Ariost. Den Homer forderte er mich auf zu
lesen, und ich liess mir dies nicht zweimal sagen. Im Anfange wollte es nicht
recht gehen, ich fand wohl alles schön, aber das Einfache und Kolossale war mir
noch zu ungewohnt, und ich vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten. Am
meisten fesselten mich nur die bewegtesten Vorgänge, besonders in der Odyssee,
während die Ilias mir lange nicht nahetreten wollte. Aber Römer machte mich
aufmerksam, wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Nötige und
Angemessene anwende, wie jedes Gefäss und jede Kleidung, die er beschreibe,
zugleich das Geschmackvollste sei, was man sich denken könne, und wie endlich
jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen
Einfachheit von der gewähltesten Poesie getränkt sei. »Da verlangt man
heutzutage immer nach dem Ausgesuchten, Interessanten und Pikanten und weiss in
seiner Stumpfheit gar nicht, dass es gar nichts Ausgesuchteres, Pikanteres und
ewig Neues geben kann als so einen homerischen Einfall in seiner einfachen
Klassizität! Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte
pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt
vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
lernen! Wollen Sie wissen, wie dies zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest!
Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und von Ihrer Mutter und allem, was
Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen, und Sie haben viel gesehen und
viel erfahren, haben Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen so wird
es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, dass Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie
sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben; holde, feine und liebe
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, dass Sie zerfetzt,
nackt und kotbedeckt einhergehen; eine namenlose Scham und Angst fasst Sie, Sie
suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen in Schweiss gebadet. Dies ist,
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes, und
so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit
herausgenommen!«
    Da es mir einmal bestimmt scheint, immer ruckweise und durch kurze Blitze
und Schlagwörter auf eine neue Spur zu kommen, so bewirkten diese Andeutungen
Römers, besonders diejenigen über das Pikante, mehr, als wenn ich den Homer
jahrelang so für mich gelesen hätte. Ich war begierig, selbst dergleichen
aufzufinden, und lernte dadurch mit mehr Bewusstsein und Absicht lesen.
    Inzwischen war es gut, dass das Interesse Römers, hinsichtlich des Kopierens
seiner Sammlungen, sich mit dem meinigen vereinigte; denn als ich nun, gemäss
seiner Aufforderung, mich wieder vor die Natur hinsetzte, erwies es sich, dass
ich Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu
einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen. Es kostete mich die grösste
Beharrlichkeit und Mühe, ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege
zu bringen, als meine Kopien waren; die ersten Versuche misslangen fast gänzlich,
und Römer sagte schadenfroh »Ja, mein Lieber, das geht nicht so rasch! Ich habe
es wohl gedacht, dass es so kommen würde; nun heisst es auf eigenen Füssen stehen
oder vielmehr mit eigenen Augen sehen! Eine gute Studie leidlich kopieren, will
nicht soviel heissen! Glauben Sie denn, man lässt sich ohne weiteres für andere
die Sonne auf den Buckel zünden?« usf. Nun begann der ganze Krieg des Tadels
gegen das Bemühen, demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen,
von neuem; Römer ging mit hinaus und malte selbst, so dass er mich immer unter
seinen Augen hatte. Es war hier nicht geraten, die Torheiten und Flausen zu
wiederholen, die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte, da Römer durch Steine
und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte, ob derselbe gewissenhaft
sei oder nicht. Er sah es jedem Aste an, ob derselbe zu dick oder zu dünn sei,
und wenn ich meinte, derselbe könnte ja am Ende so gewachsen sein, so sagte er
»Lassen Sie das gut sein! Die Natur ist vernünftig und zuverlässig; übrigens
kennen wir solche Finessen wohl! Sie sind nicht der erste Hexenmeister, welcher
der Natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will!«
    Doch rückte ich allmählich vorwärts; aber leider muss ich gestehen, dass mehr
ein äusserer Ehrgeiz mich dazu antrieb als eine innere Treue. Denn es war mir
hauptsächlich darum zu tun, dass die Arbeiten, welche ich selbst nach der Natur
machte, nicht zu sehr zurückstehen möchten gegen meine kopierte Sammlung, und
recht bald ein geistiges Eigentum von einigem Wert zu haben. Ich gelangte auch
im Laufe des Sommers in Besitz von einem Dutzend starker und solider
Papierbogen, auf welchen sich ansehnliche Baumgruppen, Steingerölle und
Buschwerke ziemlich keck und sachgemäss darstellten, die einen Vorrat von guten
Motiven entielten, die Spuren der Natur und einer künstlerischen Leitung
zeigten und desnahen, wenn sie auch weit entfernt waren, etwas Meisterhaftes zu
verraten, doch als eine erste ordentliche Grundlage zu der Mappe eines Künstlers
betrachtet werden konnten, welche man nicht nur der Erinnerung, sondern auch der
fortdauernden Nutzbarkeit wegen aufbewahren mag. In diesen Blättern war dann
noch diese oder jene Lieblingsstelle, wo ich einen glücklichen Ton getroffen und
der Natur einen guten Blick abgelauscht, ohne es zu wissen, irgendein gutes
Grünlich-Grau oder ein deutliches Sonnenlicht auf einem schwärzlichen Steine,
womit Römer so zufrieden war, dass er es der Brauchbarkeit halber für sich
kopierte. Er konnte dies unbeschadet seiner Strenge tun; denn ich durfte nur
einen Blick auf seine eigenen Studien werfen, welche er in diesem Sommer machte,
so verging mir alle Überhebung, und wenn ich noch so viel Freude an meinen
Schülerwerken empfand, so war diese Freude noch viel grösser und schöner, wenn
ich Römers glänzende und meisterhafte Arbeiten sah. Aber düster und einsilbig
legte er sie zu seinen übrigen Sachen, als ob er sagen wollte was hilft das
Zeug! während ich die meinigen mit stolzer Hoffnung aufbewahrte und die Zeit
nahe sah, wo ich ebensolche Meisterwerke mein nennen würde.
    Neben den ausgeführten Studien sammelte sich noch ein artiger Schatz von
kleinen und fragmentarischen Bleistift- und Federskizzen, die alle wohl zu
brauchen waren und mein erstes, auf eigene Arbeit und wahre Einsicht gegründetes
Besitztum vervollständigten.
    Weil ich die mir durch den Aufentalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen
musste, so konnte ich nicht daran denken, das Dorf zu besuchen, obschon ich
verschiedene Grüsse und Zeichen von daher erhalten hatte. Um so fleissiger dachte
ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten.
Ich freute mich für sie meines Lernens und dass ich in diesem Jahre so reich an
Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr; ich hoffte einigen wirklichen Wert
dadurch erhalten zu haben, der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem
Hause die Hoffnung begründe, die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte.
    Wenn ich aber nach getaner Arbeit in meines Lehrers Wohnung ausruhte, seinen
Erzählungen vom südlichen Leben zuhörte und dabei seine Sachen beschaute,
worunter manches Studienbild einer schönen vollen Römerin oder Albanerin
dunkeläugig glänzte, so trat unversehens Judits Bild vor mich und wich nicht
von mir, bis es, von selbst Annas Gestalt hervorrufend, von dieser verdrängt
wurde. Wenn ich eine blendendweisse Säulenreihe ansah und mit lebendiger
Phantasie das Weben der heissen Luft zu fühlen glaubte, in welcher sie stand, so
schien Judit plötzlich hinter einer Säule hervorzutreten, langsam die
verfallenden Tempelstufen herabzusteigen und, mir winkend, in ein blühendes
Oleandergebüsch zu verschwinden, unter welchem eine klare Quelle hervorfloss.
Folgten meine Gedanken aber dahin, so sahen sie Anna im grünen Kleide an der
Quelle sitzen, das silberne Krönchen auf dem Kopfe und silberblinkende Tränchen
vergiessend.
    Der Herbst war gekommen, und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging
und in unsere Stube trat, sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen
Mantel liegen. Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu, hob das leichte
angenehme Ding in die Höhe und besah es von allen Seiten, auf der Stelle Annas
Mantel erkennend. Ich eilte damit in die Küche, wo ich die Mutter beschäftigt
fand, ein feineres Essen als gewöhnlich zu bereiten. Sie bestätigte mir die
Ankunft des Schulmeisters und seiner Tochter, setzte aber sogleich mit besorgtem
Ernst hinzu, dass dieselben nicht zum Vergnügen gekommen wären, sondern um einen
berühmten Arzt zu besuchen. Während die Mutter in die Stube ging und den Tisch
deckte, deutete sie mir mit einigen Worten an, dass sich bei Anna seltsame und
beängstigende Anzeichen eingestellt hätten, dass der Schulmeister sehr bekümmert
sei und sie, die Mutter, selbst nicht minder, denn nach der ganzen Erscheinung
des armen Mädchens glaube sie nicht, dass das feine zarte Wesen lange leben
würde.
    Ich sass auf dem Ruhbette, hielt den Mantel fest in meinen Händen und hörte
ganz verwundert auf diese Worte, die mir so unerwartet und fremd klangen, dass
sie mir mehr wunderlich als erschreckend vorkamen. In diesem Augenblicke ging
die Tür auf, und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gäste traten herein.
Überrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen, und erst als ich Anna die Hand
geben wollte, sah ich, dass ich immer noch ihren Mantel hielt. Sie errötete und
lächelte zugleich, während ich verlegen dastand; der Schulmeister warf mir vor,
warum ich mich den ganzen Sommer über nie sehen lassen, und so vergass ich über
diesen Begrüssungen ganz die Mitteilung der Mutter, an welche mich auch nichts
Auffallendes erinnerte. Erst als wir am Tische sassen, wurde ich durch eine
gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit, mit welcher meine Mutter Anna
behandelte, erinnert und glaubte jetzt nur Zu sehen, dass sie gegen früher fast
grösser, aber auch zugleich zarter und schmächtiger erschien; ihre Gesichtsfarbe
war wie durchsichtig geworden, und um ihre Augen, welche erhöht glänzten, bald
in dem kindlichen Feuer früherer Tage, bald in einem träumerischen tiefen
Nachdenken, lag etwas Leidendes. Sie war heiter und sprach ziemlich viel,
während ich schwieg, hörte und sie ansah; denn sie hatte ein dreifaches Recht zu
sprechen als Gast, als Mädchen und als die Hauptperson dieses Besuches, wenn
auch die Ursache traurig war. Andächtig und gern beschied ich mich und gönnte
von ganzem Herzen Anna die Ehre, bei Tische mit den Eltern auf gleichem Fusse zu
stehen, zumal sie durch ihr Schicksal diese Ehre mit frühen Leiden zu erkaufen
bestimmt schien. Auch der Schulmeister war heiter und ganz wie sonst; denn bei
den Schicksalen und Leiden, welche uns Angehörige betreffen, benehmen wir uns
nicht lamentabel, sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen
Gefassteit, mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung, Furcht und Selbsttäuschung
wie die Betroffenen selbst. Doch ermahnte jetzt der Schulmeister seine Tochter,
nicht zuviel zu sprechen, und mich fragte er, ob ich die Ursache der kleinen
Reise schon kenne, und fügte hinzu »Ja, lieber Heinrich! meine Anna scheint
krank werden zu wollen! Doch lasst uns den Mut nicht verlieren! Der Arzt hat ja
gesagt, dass vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wäre. Er hat uns einige
Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen, ruhig zurückzukehren und dort zu
leben, anstatt hierher zu ziehen, da die dortige Luft angemessener sei. Für
unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst
hinauskommen und nachsehen.«
    Ich wusste hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen;
vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur, nicht auch krank zu sein. Anna
hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an, als ob sie Mitleid
mit mir hätte, so peinliche Dinge hören zu müssen.
    Nach dem Essen verlangte der Schulmeister, von meinen Beschäftigungen zu
wissen und etwas zu sehen; ich brachte meine wohlgefüllte Mappe herbei und
erzählte von meinem Meister; doch sah man jetzt wohl, dass er zu sehr von seiner
Sorge befangen war, als dass er lange bei diesen Dingen hätte verweilen können.
Er machte sich bereit, einige Gänge zu tun und Einkäufe zu machen, welche
hauptsächlich in einigen ausländischen Produkten zu Nahrungsmitteln für Anna
bestanden, welche der Arzt einstweilen verordnet. Meine Mutter begleitete ihn,
und ich blieb allein mit Anna zurück. Sie fuhr fort, meine Sachen aufmerksam zu
beschauen; auf dem Ruhbett sitzend, liess sie sich alles von mir vorlegen und
erklären. Während sie auf meine Landschaften sah, blickte ich auf sie nieder,
manchmal musste ich mich beugen, manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den
Händen lange Zeit, doch ereignete sich sonst gar nichts Zärtliches zwischen uns;
denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute,
sie nur von ferne zu verletzen, häufte sie alle Äusserungen der Freude, der
Aufmerksamkeit und sogar der Ehrenbezeugung allein auf meine Arbeiten, sah sie
fort und fort an und wollte sich gar nicht von denselben trennen, während sie
mich selbst nur wenig ansah.
    Plötzlich sagte sie »Unsere Tante im Pfarrhaus lässt dir sagen, du sollest
mit uns sogleich hinausfahren, sonst sei sie böse! Willst du?« Ich erwiderte
»Ja, jetzt kann ich schon!« und setzte hinzu »Was fehlt dir denn eigentlich?« -
»Ach, ich weiss es selbst nicht, ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig;
die anderen machen mehr daraus als ich selbst!«
    Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück; neben den seltsamen und
fremdartigen Paketen, die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte,
brachte er einige Geschenke für Anna mit, feine Kleiderstoffe, einen schönen
grossen Shawl und eine goldene Uhr, als ob er mit diesen kostbaren und auf die
Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte.
Als Anna darüber erschrak, sagte er, sie habe diese Dinge schon lange verdient
und das bisschen Geld hätte gar keinen Wert für ihn, wenn er nicht ihr eine
kleine Freude dadurch verschaffen könnte.
    Er zeigte sich zufrieden, dass ich mitfahren wollte; meine Mutter sah es auch
gern und legte mir einige Sachen zurecht, indessen ich das Gefährt aus dem
Gastause holte, wo es eingestellt war. Anna sah allerliebst aus, als sie
wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite sass. Ich behauptete den
Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen, welches
ungeduldig scharrte; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und
wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und, wenn es
notwendig würde, hinzukommen und Anna zu pflegen; die Nachbaren steckten die
Köpfe aus den Fenstern und vermehrten mein angenehmes Selbstbewusstsein, als ich
endlich mit meiner liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Strasse
entlangfuhr.
    Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande. Wir fuhren durch
Dörfer und Felder, sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen, hörten
die Jägerhörnchen in der Ferne, begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke,
welches den Herbstsegen einbrachte; hier machten die Leute die Gefässe zur
Weinlese zurecht und bauten grosse Kufen, dort standen sie reihenweise auf den
Äckern und gruben Kartoffeln aus, anderswo wieder pflügten sie die Erde um, und
die ganze Familie war dabei versammelt, von der Herbstsonne hinausgelockt;
überall war es lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft war so mild, dass Anna
ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte. Wir
vergassen alle drei, warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren; der
Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den Gegenden,
durch welche wir kamen, zeigte uns die heiteren Wohnungen, wo berühmte Männer
hausten, deren wohlgeordnete und gepflegte Räume und Gärten die weise Klugheit
ihrer Besitzer verkündeten oder deren weisse Giebelwände und glänzende Fenster
auch von entlegenen Halden im Sonnenschein die gleiche Kunde gaben. Da und dort
wohnte eine berühmte Tochter oder deren zwei, von denen etwas zu erblicken wir
im Vorüberfahren uns bemühten, und wenn dies gelang, so benahm sich Anna mit dem
bescheidenen Anstande derjenigen, welche selbst Blumen des Landes sind.
    Doch dunkelte es eine geraume Weile, ehe wir ans Ziel gelangten, und mit der
Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein, dass ich Judit das Versprechen gegeben,
sie jedesmal zu besuchen, wenn ich ins Dorf käme. Anna hatte sich wieder
verhüllt, ich sass nun neben ihr, da der Schulmeister, welcher die Wege besser
kannte, die Zügel genommen, und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer
waren, so hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich tun wollte.
    Je unmöglicher es mir schien, mein Versprechen zu halten, je weniger ich das
Wesen, welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte,
auch nur in Gedanken beleidigen und hintergehen mochte, desto dringender ward
auf der andern Seite die Überzeugung, dass ich am Ende doch mein Wort halten
müsse, da mich Judit nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen,
und ich nahm keinen Anstand, mir einzubilden, dass das Brechen desselben sie
kränken und ihr weh tun würde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr
nicht unmännlich als einer erscheinen, welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe
und aus Furcht dasselbe bräche. Da fand ich einen sehr klugen Ausweg, wie ich
dachte, der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte. Ich brauchte
nur bei dem Schulmeister zu wohnen, so war ich nicht im Dorfe, und wenn ich am
Tage dasselbe besuchte, so brauchte ich Judit nicht zu sehen, welche sich nur
meinen nächtlichen und geheimen Besuch während eines Aufentaltes im Dorfe
ausbedungen hatte.
    Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem
Sohne und zwei Töchtern vorfanden, welche uns erwarteten, teils um sogleich zu
hören, was der Arzt gesprochen, teils um dem Schulmeister das Zurückbringen des
geliehenen Fuhrwerks zu ersparen, als sie nun mich mitnehmen wollten und der
Schulmeister sich freundlich dagegen beschwerte, erklärte ich unversehens,
hierbleiben zu wollen, und die alte Katerine, welche jetzt Annas wegen sehr
sorgenvoll und kleinlaut war, eilte, mir ein Unterkommen zu bereiten, indessen
Anna, welche ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde,
sich sogleich zu Bett begeben musste. Sie führte mich an einen artig
eingerichteten Tisch, auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen, auch Papier und
Schreibzeug lagen, setzte Licht darauf und sagte lächelnd »Mein Vater bleibt
alle Abend bei mir, bis ich eingeschlafen bin, und liest mir manchmal etwas vor.
Hier kannst du dich vielleicht so lange beschäftigen. Sieh, hier mache ich etwas
für dich!« und sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe, welche sie
nach jener Blumenzeichnung verfertigte, die ich vor mehreren Jahren in der
Weinlaube gemacht und ihr geschenkt hatte. Das naive Bild hing über ihrem
Tische. Dann gab sie mir die Hand und sagte wehmütig leise und doch so
freundlich: »Gut' Nacht!« und ich sagte ebenso leise: »Gut' Nacht!«
    Einige Augenblicke nachher, als sie gegangen, kam der Schulmeister herein,
und ich sah, dass er ein schön eingebundenes Andachtsbucht mitnahm, als er sich
wieder entfernte, um in Annas Zimmer zu gehen. Ich hingegen beschaute alle
Sächelchen, welche auf dem Tische lagen, spielte mit ihrer Schere und konnte mir
gar nicht ernstlich denken, dass irgendeine Gefahr für Anna sein sollte.
 
                                Zweites Kapitel
Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war, so er wachte ich am Morgen
sehr früh, noch eh eine Seele sich regte. Ich machte das Fenster auf und sah
lange auf den See hinaus, dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt
waren, indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im
dunklen Wasser spiegelte. Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne,
welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über
den erblauenden See warf. Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu
verhüllen, ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle
Gegenstände, und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte, dass sich
rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte, wurde der
Nebel plötzlich so dicht, dass ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte,
und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster. Ich schloss
dieses zu, trat aus der Kammer und fand die alte Katerine in der Küche an dem
traulichen hellen Feuer.
    Ich plauderte lange mit ihr; sie ergoss sich in zärtlichen Klagen über Annas
bedenklichen Zustand, berichtete mir, seit wann derselbe begonnen, ohne dass ich
jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde, da sie sich mancher
dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente. Dann begann sie mit rührender,
aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges
Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück, und ich sah deutlich vor mir
das dreijährige Engelchen umherspringen, in genau beschriebener Kleidung, aber
freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager, auf welches das kleine
Wesen dann jahrelang gelegt wurde, so dass ich nun ein schlohweisses,
länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte, mit geduldigem, klugem und immer
lächelndem Angesicht. Doch das kranke Reis erholte sich, der wunderbare Ausdruck
der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine
unbekannte Heimat, und ein rosig unbefangenes Kind blühte, als ob nichts
vorgefallen wäre, der Zeit entgegen, wo ich es zuerst sah.
    Endlich zeigte sich der Schulmeister, welcher, da seine Tochter nun des
Morgens länger im Bette bleiben musste und länger schlief als früher, sich des
frühen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach
derjenigen seines kranken Kindes richtete. Nach einer guten Weile erschien auch
Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück, indessen wir das
gewöhnliche verzehrten. Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den
Tisch, welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging, als wir
drei sitzen blieben und uns unterhielten. Der Schulmeister nahm ein Buch, die
Nachfolge Christi von Tomas a Kempis, und las einige Seiten daraus vor,
indessen Anna ihre Stickerei vornahm. Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein
Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der
herkömmlichen Weise meine Urteilskraft zu prüfen, zu mildern und zu gemeinsamer
Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken. Aber ich hatte durch
den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren, mein
Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet, und selbst die
rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen, die ich mit Römer anstellte,
gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich. Ausserdem fühlte ich, dass ich
nun die grösste Rücksicht auf Anna nehmen musste, und als ich bemerkte, dass sie
sogar froh schien, mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke
preisgegeben zu sehen, hütete ich mich wohl, einen Widerspruch zu äussern, gab
denjenigen Stellen, welche eine innere Wahrheit entielten oder tief, schön und
kraftvoll ausgedrückt waren, meinen aufrichtigen Beifall oder überliess mich
einer reizenden Langweile, die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen
beschauend.
    Sie hatte sich wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein, so dass
kein grosser Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich
war. Der angenehme Aufentalt in ihrem Hause diente daher nur dazu, meinen
Leichtsinn und meine Sorglosigkeit zu bestärken und eine Bewegungslust in mir
anzufachen, die mich hinaustrieb. Ausserdem musste ich ja am Tage meine Verwandten
im Dorfe besuchen, wenn ich den kasuistischen Ausweg, Judit zu hintergehen,
anwenden wollte.
    Als ich daher in den dichten Nebel hinausging, war ich, noch mehr aufgeweckt
durch den frischen Herbstgeruch, sehr guter Dinge und musste lachen über meine
seltsame List, zumal das verborgene Wandeln in der weiss verhüllten Natur meinen
Gang einem Schleichwege noch vollständig ähnlich machte. Ich ging über den Berg
und gelangte bald zum Dorfe; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen den
rechten Weg und sah mich bald in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden
versetzt, welche bald zu einem entlegenen Hause, bald wieder gänzlich zum Dorfe
hinausführten. Ich konnte nicht vier Schritte vor mir sehen, Leute hörte ich
immer, ohne sie zu erblicken, aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen
Wegen. Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloss mich,
hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen, um endlich wieder auf
die Hauptstrasse zu kommen. Ich sah mich in einen prächtigen grossen Baumgarten
versetzt, dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen. Man sah
aber immer nur einen Baum ganz deutlich, die nächsten standen schon halb
verschleiert im Kreise umher, und dahinter schloss sich wieder die weisse Wand des
Nebels. Es war daher, als ob man in einen weiten Tempel getreten, dessen Säulen
von Räucherwolken und Seidengeweben umhüllt und von dessen Decke grüne Kränze
mit goldenen und rubinfarbigen Früchten herabhingen. Plötzlich sah ich Judit
mir entgegenkommen, welche einen grossen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen
vor sich her trug, dass von der kräftigen Last die Korbweiden leise knarrten. Das
Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit, der sie sich mit Liebe und
Eifer hingab. Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und
zeigte die schönsten Füsse; ihr Haar war von Feuchte schwer und das Gesicht von
der Herbstluft mit reinem Purpur gerötet. So kam sie gerade auf mich zu, auf
ihren Korb blickend, sah mich plötzlich, stellte erst erbleichend den Korb zur
Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude
auf mich zu, fiel mir um den Hals und drückte mir ein Dutzend voll und rein
ausgeprägte Küsse auf die Lippen. Ich hatte Mühe, dies nicht zu erwidern, und
rang mich endlich von ihrer Brust los.
    »Sieh, sieh! du gescheites Bürschchen!« sagte sie froh lachend, »du bist
heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze, mich noch vor Nacht
heimzusuchen; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut!« - »Nein«, erwiderte
ich, zur Erde blickend, »ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister,
weil Anna krank ist. Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu dir
kommen!« Judit schwieg eine Weile, die Arme übereinandergeschlagen, und sah
mich klug und durchdringend an, dass mein Blick in die Höhe gezogen und auf den
ihrigen gerichtet wurde.
    »Das wäre allerdings noch gescheiter, als wie ich es meinte«, sagte sie
endlich, »wenn es dir nur etwas helfen würde! Doch, weil unser armes Schätzchen
krank ist, so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern. Der Nebel
wird sich wenigstens zwei Wochen lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise
zeigen. Wenn du jeden Tag während desselben zu mir kommst, so will ich dich für
die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen, dich nie zu
liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen, wenn du es tun wolltest; nur musst du
mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten, ohne zu
lügen!« - »Welche Frage?« sagte ich. »Das wirst du schon sehen!« erwiderte sie;
»komm, ich habe schöne Äpfel!«
    Sie ging mir voran zu einem Baume, dessen Äste und Blätter edler gebaut
schienen als die der übrigen, stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und
brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel. Einen derselben, der noch im
feuchten Dufte glänzte, biss sie mit ihren weissen Zähnen entzwei, gab mir die
abgebissene Hälfte und fing an, die andere zu essen. Ich ass die meinige
ebenfalls und rasch; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit, und
ich konnte kaum erwarten, bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte. Als
wir drei Früchte so gegessen, war mein Mund so süss erfrischt, dass ich mich
zwingen musste, Judit nicht zu küssen und die Süsse von ihrem Munde noch
dazuzunehmen. Sie sah es, lachte und sprach »Nun sage bin ich dir lieb?« Sie
blickte mich dabei fest an, und ich konnte, obgleich ich jetzt lebhaft und
bestimmt an Anna dachte, nicht anders und sagte »Ja!« Zufrieden sagte Judit
»Dies sollst du mir jeden Tag sagen!«
    Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte »Weisst du eigentlich, wie es mit
dem guten Kinde steht?« Als ich erwiderte, dass ich allerdings nicht klug daraus
würde, fuhr sie fort »Man sagt, dass das arme Mädchen seit einiger Zeit
merkwürdige Träume und Ahnungen habe, dass sie schon ein paar Dinge vorausgesagt,
die wirklich eingetroffen, dass manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich
eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme, was entfernte Personen, die ihr
lieb sind, jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden, dass sie jetzt ganz
fromm sei und endlich auf der Brust leide! Ich glaube dergleichen Sachen nicht,
aber krank ist sie gewiss, und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute, denn sie
ist mir auch lieb um deinetwillen. - Aber alle müssen leiden, was ihnen bestimmt
ist!« setzte sie nachdenklich hinzu.
    Während ich ungläubig den Kopf schüttelte, durchfuhr mich doch ein leichter
Schauer, und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas
Gestalt, welche meinem innern Auge vorschwebte. Und fast in demselben
Augenblicke war es mir auch, als ob sie mich jetzt sehen müsse, wie ich
vertraulich bei der Judit stand; ich erschrak darüber und sah mich um. Der
Nebel löste sich auf, schon sah man durch seine silbernen Flocken den blauen
Himmel, einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und
beglänzten die Tropfen, welche von denselben fielen; schon sah man den blauen
Schatten eines Mannes vorübergehen, und endlich drang die Klarheit überall
durch, umgab uns und warf, wie wir waren, unser beider Schlagschatten auf den
matt besonnten Grasboden.
    Ich eilte davon und hörte in dem Hause meines Oheims die Bestätigung dessen,
was mir Judit mitgeteilt; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt
durch das vertrauliche Gespräch, lächelte ich wieder ungläubig und war froh, in
meinen jungen Vettern Genossen zu finden, welche sich auch nicht viel aus
dergleichen machten. Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück,
da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen, der Anspruch auf dieselben mir
beinahe eine Anmassung zu sein schien, die ich der guten Anna zwar keineswegs,
aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte, in
welchem ich sie jetzt befangen sah. So trat ich ihr, als ich abends
zurückkehrte, mit einer gewissen Scheu entgegen, welche jedoch durch ihre
liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde, und als sie nun selbst, in
Gegenwart ihres Vaters, leise anfing von einem Traume zu sprechen, den sie vor
einigen Tagen geträumt, und ich daher sah, dass sie willens sei, mich in das
vermeintliche Geheimnis zu ziehen, glaubte ich unverweilt an die Sache, ehrte
sie und fand sie nur um so liebenswürdiger, je mehr ich vorhin daran gezweifelt.
    Als ich mich allein befand, dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich,
von solchen Berichten gelesen zu haben, wo, ohne etwas Wunderbares und
Übernatürliches anzunehmen, auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der
Natur selbst hingewiesen wurde, so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung
noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten musste, wenn ich meine
grösste Möglichkeit, den lieben Gott, nicht zu sehr blossstellen und in eine öde
Einsamkeit bannen wollte.
    Ich lag im Bette, als mir diese Gedanken klar wurden und ich mit denselben
der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte, als welche doch auch zu
berücksichtigen wären; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung, so
streckte ich mich anständig aus, kreuzte die Hände zierlich über der Brust und
nahm so eine höchst gewählte und ideale Stellung ein, um mit Ehren zu bestehen,
wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewusst erblicken sollte. Allein das
Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage, und ich fand mich am
Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der
Welt.
    Ich raffte mich hastig zusammen, und wie man des Morgens Gesicht und Hände
wäscht, so wusch ich gewissermassen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein
zusammengefasstes und sorgfältiges Wesen an, suchte meine Gedanken zu beherrschen
und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein. So erschien ich vor Anna, wo mir
ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde, indem in ihrer
Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war. Der Morgen nahm wieder seinen
Verlauf wie gestern, der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich
hinauszurufen. Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel, Judit aufzusuchen, so war
dies weniger eine masslose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige
Dankbarkeit, die ich fühlte und die mich drängte, der reizenden Frau für ihre
Neigung freundlich zu sein; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten
Freude, in welcher ich sie gestern überrascht, durfte ich mir nun wirklich
einbilden, von ihr herzlich geliebt zu sein. Und ich glaubte ihr unbedenklich
sagen zu können, dass sie mir lieb sei, indem ich sonderbarerweise dadurch gar
keinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewusst war, dass
ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach, ihr recht heftig
um den Hals zu fallen. Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute
Gelegenheit, mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer
so zu sein, dass mich ein verräterischer Traum zeigen durfte.
    Unter solchen Sophismen machte ich mich auf, nicht ohne einen ängstlichen
Blick auf Anna zu werfen, an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels
wahrnahm. Draussen zögerte ich wieder, fand aber den Weg unbeirrt zu Judits
Garten. Sie selbst musste ich erst eine Weile suchen, weil sie, mich gleich am
Eingange sehend, sich verbarg, in den Nebelwolken hin und her schlüpfte und
dadurch selbst irre wurde, so dass sie zuletzt stillstand und mir leise rief, bis
ich sie fand. Wir machten beide unwillkürlich eine Bewegung, uns in den Arm zu
fallen, hielten uns aber zurück und gaben uns nur die Hand. Sie sammelte immer
noch Obst ein, aber nur die edleren Arten, welche an kleinen Bäumen wuchsen; das
übrige verkaufte sie und liess es von den Käufern selbst vom Baume nehmen. Ich
half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bäume, wo sie nicht
hingelangen konnte. Aus Mutwillen stieg ich auch zuoberst auf einen hohen
Apfelbaum, wo sie mich des Nebels wegen nicht mehr sehen konnte. Sie fragte mich
unten, ob ich sie liebhätte, und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein
Ja. Da rief sie schmeichelnd »Ach, das ist ein schönes Lied, das hör ich gern!
Komm herunter, du junger Vogel, der so artig singt!«
    So brachten wir alle Tage eine Stunde zu, eh ich zu meinem Oheim ging; wir
sprachen dabei über dies und jenes, ich erzählte viel von Anna, und sie musste
alles anhören und tat es mit grosser Geduld, nur damit ich dabliebe. Denn während
ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte, suchte Judit
wieder etwas Edleres in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten; und doch
sah sie wohl, dass sie nur meine sinnliche Hälfte anlockte, und wenn sie auch
ahnte, dass mein Herz mehr dabei war, als ich selbst wusste, so hütete sie sich
wohl, es merken zu lassen, und liess mich ihre tägliche Frage in dem guten
Glauben beantworten, dass es nicht so viel auf sich hätte.
    Oft drang ich auch in sie, mir von ihrem Leben zu erzählen und warum sie so
einsam sei. Sie tat es, und ich hörte ihr begierig zu. Ihren verstorbenen Mann
hatte sie als junges Mädchen geheiratet, weil er schön und kraftvoll aussah.
Aber es zeigte sich, dass er dumm, kleinlich und klatschhaft war und ein
lächerlicher Topfgucker, welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen
Blödigkeit des Freiers versteckt hatten. Sie sagte unbefangen, sein Tod sei ein
grosses Glück gewesen. Nachher bewarben sich nur solche Männer um sie, welche ihr
kleines Vermögen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten, wenn sie
ein paar hundert Gulden mehr verspürten. Sie sah, wie blühende, kluge und
handliche Männer ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen
Nasen und vielem Gelde, weswegen sie sich über alle lustig machte und sie
schnöde behandelte. »Aber ich muss selbst Busse tun«, fügte sie hinzu, »warum hab
ich einen schönen Esel genommen!«
    Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurück und nahm meine Arbeit bei Römer
wieder auf. Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu
kopieren war, leitete mich Römer an, zu versuchen, ob ich aus dem Gewonnenen ein
Ganzes und Selbständiges herstellen könne. Ich musste unter meinen Studien ein
Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen. »Da
wir hier ohne alle Mittel sind«, sagte er, »ausser meiner eigenen Mappe, welche
Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinüberpinseln würden, wenn ich es
zugäbe, so ist es am besten, wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu
und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen
müssen, ehe Sie etwas Dauerhaftes machen. Indessen wollen wir immerhin
versuchen, ein Viereck so auszufüllen, dass Sie es im Notfall verkaufen können!«
    Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich; ebenso mit der zweiten und
dritten. Die frische Luft, die Einfachheit des Gegenstandes und Römers sichere
Erfahrung liessen die Gründe sich wie von selbst aneinanderfügen, das Licht wurde
ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernünftig und
klar ausgefüllt, so dass keine nichtssagenden und verworrenen Stellen
übrigblieben. Grosses Vergnügen gewährte es mir, wenn ich einen oder einige
Gegenstände, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in
Schatten setzen musste oder umgekehrt, wo dann durch eigenes Nachdenken und
Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde, nach den
Bedingungen der Lokalfarbe, der Tageszeit, des blauen oder bewölkten Himmels und
der benachbarten Gegenstände, welche mehr oder weniger Licht und Farbe
zurückwerfen mussten. Gelang es mir, den wahrscheinlichen Ton zu treffen, der
unter ähnlichen Verhältnissen über der Natur selbst geschwebt hätte - was man
gleich sah, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt - ,
so beschlich mich ein panteistisch stolzes Gefühl, in welchem mir meine
Erfahrung und das Weben der Natur eins zu sein schienen. Dazu war es höchst
vergnüglich, in Gedanken um einen schönen gemalten Baum herumzugehen und seine
andere Seite zu betrachten, um zu ermessen, wieviel Licht sie wohl auf einen
benachbarten Baum werfen könne. Ich sah dann allerlei Geheimnisse um Äste
säuseln, die nicht auf dem Papiere waren, und guckte auf diesen Wanderungen auch
nebenaus in verborgene Winkel und Gründe der Landschaft. Dies war besonders im
Winter sehr angenehm, wenn die Schneeflocken vor dem Fenster tanzten.
    Allein das Vergnügen wurde bald schwieriger, als umfang- und inhaltsreichere
Sachen unternommen wurden und, durch diese Tätigkeit hervorgerufen, trotz
Goete, Natur und gutem Lehrer, meine Erfindungslust wieder auftauchte und
überwucherte. Das gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang
in den Ohren, und ich liess, als ich nun förmliche Skizzen entwarf, die zur
Ausführung bestimmt waren, meinem Hange den Zügel schiessen. Überall suchte ich
poetische Winkel und Plätzchen, geistreiche Beziehungen und Bedeutungen
anzubringen, welche mit der erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch
gerieten. Römer liess mich eine solche Skizze unbeschnitten ausführen und das
Bild nach allen Erfahrungen des Naturstudiums und der Technik fertig machen, und
als das Machwerk mir selbst nicht behagen wollte, ohne dass ich wusste warum,
zeigte er mir triumphierend, dass die technischen Mittel und die Naturwahrheiten
im einzelnen der anspruchsvollen und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung
tun, zu keiner Gesamtwahrheit werden könnten und um meine hervorstechende
Zeichnung hingen wie bunte Flitter um ein Gerippe, ja dass sogar im einzelnen
keine frische Wahrheit möglich sei, auch bei dem besten Willen nicht, weil vor
der überwiegenden Erfindung vor dem anmassenden Spiritualismus (wie er sich
ausdrückte) die Naturfrische sich sogleich sozusagen aus der Pinselspitze in den
Pinselstiel spröde zurückziehe.
    »Es gibt allerdings«, sagte Römer, »eine Richtung, deren Hauptgewicht auf
der Erfindung, auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit, beruht. Solche Bilder
sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus, wie es
ja auch Gedichte gibt, welche mehr den Eindruck einer Malerei machen möchten als
eines geistig tönenden Wortes. Wenn Sie in Rom wären und die Arbeiten des alten
Koch oder Reinharts sähen, so wurden Sie, Ihrer deutlichen Neigung nach, sich
entzückt den alten Käuzen anschliessen; es ist aber gut, dass Sie nicht dort sind,
denn dies ist eine gefährliche Sache für einen jungen Künstler. Es gehört dazu
eine durchaus gediegene, fast wissenschaftliche Bildung, eine strenge, sichere
und feine Zeichnung, welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt
als auf demjenigen der Bäume und Sträucher beruht, mit einem Wort ein grosser
Stil, welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann, um
den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen; und mit allem diesem ist
man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt, und das mit
Recht, denn die ganze Art ist unberechtigt und töricht!«
    Ich fügte mich diesen Reden aber nicht, weil ich ihm schon abgemerkt hatte,
dass das Erfinden und ein tieferer Gehalt nicht seine Stärke waren; denn schon
mehr als einmal hatte er, meine Anordnungen korrigierend, Lieblingsstellen in
Bergzügen oder Waldgründen, die ich recht bedeutsam glaubte, gar nicht einmal
gesehen, indem er sie mit dem markigen Bleistifte schonungslos überschraffierte
und zu einem kräftigen, aber nichtssagenden Grunde ausglich. Wenn sie auch
störten, so hätte er meiner Meinung nach wenigstens sie bemerken, mich verstehen
und etwas darüber sagen müssen.
    Ich wagte daher zu widersprechen, schob die Schuld auf die Wasserfarben, in
welchen keine Kraft und Freiheit möglich sei, und sprach meine Sehnsucht aus
nach guter Leinwand und Ölfarben, wo alles schon von selbst eine respektable
Gestalt und Haltung gewinnen würde. Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in
seiner Existenz an, indem er glaubte und behauptete, dass die ganze und volle
Künstlerschaft sich hinlänglich und vorzüglich nur durch etwas weisses Papier und
einige englische Farbentäfelchen betätigen und zeigen könne. Er hatte seine Bahn
abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten, als er schon tat;
daher beleidigte ihn, wie ich nun zu erkennen gab, dass ich das durch ihn
Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darüber hinweg zu etwas
Höherem berufen fühle. Er wurde um so empfindlicher, als ich einen lebhaften und
wiederholten Streit über diesen Gegenstand hartnäckig aushielt, von meinen
Hoffnungen nicht abliess und seine Aussprüche, wenn sie ins Allgemeine gingen,
nicht mehr unbedingt annahm, vielmehr ungescheut bestritt. Hieran war
hauptsächlich der Umstand schuld, dass seine sonstigen Gespräche und Mitteilungen
einerseits immer deutlicher, andererseits aber immer sonderbarer und
auffallender geworden und meine Achtung vor seiner Urteilskraft geschwächt
hatten. Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerüchten, die über ihn ergingen,
so dass ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung mich befand, aus einem
geehrten und zuverlässigen Lehrer die seltsamste und rätselhafteste Gestalt sich
herausschälen zu sehen.
    Schon seit einiger Zeit wurden seine Äusserungen über Menschen und
Verhältnisse immer härter und zugleich bestimmter, indem sie sich
ausschliesslicher auf politische Dinge bezogen. Er ging alle Abende in den
Lesezirkel unserer Stadt, las dort die französischen und englischen Blätter und
pflegte sich vieles zu notieren, so wie er auch in seiner Wohnung allerlei
geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft über wichtigem Schreiben
betreffen liess. Vorzüglich machte er sich oft mit dem Journal des Debats zu
schaffen. Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krähwinkler, den
Grossen Rat aber ein verächtliches Gesindel und unsere heimischen Zustände im
ganzen dummes Zeug. Darüber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen
zurück oder verteidigte unsere Verhältnisse und hielt ihn für einen malkontenten
Menschen, welchen der lange Aufentalt in fremden grossen Städten mit Verachtung
der engen Heimat gefüllt habe. Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte
dessen Massregeln und Schritte wie einer, der eine geheime Vorschrift nicht
pünktlich befolgt sieht. Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich
über eine Rede, welche der Minister Tiers gehalten. »Mit diesem vertrackten
kleinen Burschen ist nichts anzufangen!« rief er, indem er ein Zeitungsexzerpt
zerknitterte, »ich hätte ihm diese eigenmächtige Naseweisheit gar nicht
angesehen! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schüler zu haben.« -
»Zeichnet denn der Herr Tiers auch Landschaften?« fragte ich, und Römer
erwiderte, indem er sich bedeutungsvoll die Hände rieb »Das eben nicht! lassen
wir das!«
    Doch bald darauf deutete er mir an, dass alle Fäden der europäischen Politik
in seiner Hand zusammenliefen und dass ein Tag, eine Stunde des Nachlasses in
seiner angestrengten Geistesarbeit, die seinen Körper aufzureiben drohe, sich
alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten
bemerklich mache, dass eine konfuse und ängstliche Nummer des Journal des Debats
jedesmal bedeute, dass er unpässlich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben
sei. Ich sah meinen Lehrer ernstaft an, er machte ein unbefangenes und
ernstaftes Gesicht, die gebogene Nase stand wie immer mitten darin, darunter
der wohlgepflegte Schnurrbart, und über die Augen flog auch nicht das leiseste
ungewisse Zucken.
    Mein Erstaunen gewann nicht Zeit, sich aufzuhellen, indem ich ferner erfuhr,
dass Römer, während er der verborgene Mittelpunkt aller Weltregierung, zugleich
das Opfer unerhörter Tyranneien und Misshandlungen war. Er, der vor aller Augen
auf dem mächtigsten Trone Europas hätte sitzen sollen von mehr als eines
Rechtes wegen, wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem gebannten
Dämon in Verborgenheit und Armut gehalten, dass er kein Glied ohne den Willen
seiner Tyrannen rühren kannte, während sie ihm täglich gerade so viel von seinem
Genius abzapften, als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten.
Freilich, wäre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen, so würde im
selben Augenblicke die Mäusewirtschaft aufgehört haben und ein freies, lichtes
und glückliches Zeitalter angebrochen sein. Allein die winzigen Dosen seines
Geistes, welche nun so tropfenweise verwandt würden, sammelten sich doch
allmählich zu einem allmächtigen Meere, indem es ihre Art sei, dass keine davon
wieder vergehen oder aufgehoben werden könne, und in jenem allbezwingenden Meere
werde sein Wesen zu seinem Rechte kommen und die Welt erlösen, daher er gerne
seine körperliche Person wolle verschmachten lassen.
    »Hören Sie diesen verfluchten Hahn krähen?« rief er, »dies ist nur ein
Mittel von tausenden, die sie zu meiner Qual anwenden; sie wissen, dass der
Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschüttert und mich zu jedem Nachdenken
untauglich macht; deshalb hält man überall Hähne in meiner Nähe und lässt sie
spielen, sobald man die verlangten Depeschen von mir hat, damit das Räderwerk
meines Geistes für den übrigen Tag stillstehe! Glauben Sie wohl, dass dies Haus
hier ganz mit verborgenen Röhren durchzogen ist, dass man jedes Wort hört, das
wir sprechen, und alles sieht, was wir tun?«
    Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen,
welche jedoch durch seine bestimmten, geheimnisvollen und wichtigen Blicke und
Worte unterdrückt wurden. Solange ich mit ihm sprach, befand ich mich in der
wunderlichen Stimmung, in welcher ein Knabe halbgläubig das Märchen eines
Erwachsenen anhört, welcher ihm lieb ist und seiner Achtung geniesst; war ich
aber allein, so musste ich mir gestehen, dass ich das Beste, was ich bisher
gelernt, aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe. Dieser Gedanke empörte mich,
und ich begriff nicht, wie jemand wahnsinnig sein könne. Eine gewisse
Unbarmherzigkeit erfüllte mich, ich nahm mir vor, mit einem klaren Worte die
ganze unsinnige Wolke gewiss zerstreuen zu wollen; stand ich aber dem Wahnsinne
gegenüber, so musste ich seine Stärke und Undurchdringlichkeit sogleich fühlen
und froh sein, wenn ich Worte fand, welche, auf die verirrten Gedanken
eingehend, dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewähren konnten.
Denn dass er wirklich unglücklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen
wirklich fühlte, konnte ich nicht verkennen. Unter seinen Einbildungen war eine
einzige, welche ihm ein Ersatz für den übrigen Schaden zu sein schien und
zugleich so komisch, dass sie mich zum Gelächter reizte. Er lebte nämlich der
Überzeugung, dass er bei allen hohen diplomatischen Verheiratungen eine Art Recht
der ersten Nacht genösse, teils um einer jeden europäischen Verbindung durch
seine persönliche Einwirkung die rechte Weihe zu geben, teils um ihn durch
solche Annehmlichkeit einzuschläfern und ihn abzuhalten, eine eigene hohe Heirat
einzugehen, um seine Selbständigkeit zu verhindern, da, wie er behauptete, durch
die feste Verbindung des Mannes mit dem Weibe jener erst seine volle Freiheit
und Bedeutung erhielte. Wenn daher in den Zeitungen eine wichtige politische
Heirat gemeldet wurde, so machte er sich für eine kurze Zeit unsichtbar und
überliess sich nachher noch lange einer geheimnisvollen süssen Träumerei, deren
Schleier er mich nur mit verhüllten Worten durchblicken liess. Ich musste mir
alsdann die Möglichkeit vorzustellen suchen, wie er an einem Tage an das
entfernteste Ende Europas und wieder zurückgelangen konnte.
    Jedoch fiel aus dem Unsinne manch vernünftiges Gespräch, und die
Erörterungen über sein Unglück und die dasselbe veranlassenden Menschen waren
oft lehrreich. Einst sagte er »Ich kann mich ganz genau des Wendepunktes
entsinnen, wo mein Geschick sich verfinsterte. Ich war in Rom und lag auf diesem
alten Weltplatze meinen tiefen Studien ob. Nebenbei betrieb ich die
Landschaftmalerei, teils um durch sie nach und nach das Terrain von ganz Europa
auf die genaueste Weise kennenzulernen, teils um, wie ich selbst für nötig fand,
das Geheimnis meiner Person zu verhüllen. Die diplomatische Welt hatte diese
Maske akzeptiert und nahm mich unter derselben bei sich auf. Wenn von meinen
Arbeiten gesprochen wurde, so war dies nur eine symbolische Blumensprache, die
jeder Eingeweihte verstand. Ich glaubte mich auf dem besten Wege, zu meiner
offenen und freien Tatkraft zu gelangen, als ich einen hochgestellten Mann
unversehens gegen mich einnahm; es war der ...sche Gesandte, welcher zum
Zeitvertreibe Kunstnotizen in ein auswärtiges weitverbreitetes Blatt schrieb und
in einer solchen auch meiner erwähnte, dessen geniale Aquarellen in römischen
Kreisen ein günstiges Aufsehen für de bescheidenen jungen Mann erregten. Er
legte ein Hauptgewicht auf meine vermeintliche Bescheidenheit, obgleich der Esel
gar nicht wissen konnte, ob ich bescheiden oder nicht bescheiden sei. Die
Besprechung meiner Arbeiten war insofern nicht übel, als man in Paris, London
und Petersburg leidlich verstehen konnte, was darunter gemeint sei; die
ausführliche Beschreibung meiner Bescheidenheit hingegen war die erste Sonde,
die man an mich legte, um zu erfahren, ob ich das volle Gefühl meiner Grösse in
mir trage. Ich ging richtig in die Falle und warf dem unbescheidenen
Geschäftsmacher seine Anmassung vor, indem ich ihm erklärte, ich sei gar nicht
bescheiden und er habe kein Recht, dies von mir zu sagen. Von diesem Tage an
desavouierte mich die grosse Welt öffentlich und fesselte mich an mein
unglückseliges Joch; denn sie fühlte wohl, dass das Bewusstsein meiner Grösse sie
bald auseinanderblasen würde. Ich rate Ihnen wohlmeinend, junger Mann! wenn
einst ein einfältiger Gönner von Ihnen sagen sollte, Sie seien ein bescheidener
Mensch, so widersprechen Sie nicht, sonst sind Sie verloren!«
    Ich verschwieg Römers Irrsinn lange gegen jedermann und selbst gegen meine
Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein so
trefflicher Lehrer und Künstler als toll erschien, und weil es mir widerstrebte,
den schlimmen Gerüchten, die über ihn in Umlauf waren, entgegenzukommen. Es war
mir auch aufgefallen, dass Römer ganz vereinsamt lebte und, trotzdem dass er
mehrere Herren aus angesehenen Häusern kannte, die sich zu gleicher Zeit mit ihm
in jenen grossen Städten aufgehalten, doch von denselben gemieden wurde. Daher
wollte ich seine Lage nicht noch verschlimmern. Doch verlockte mich einst ein
unwilliges republikanisches Gefühl zum Plaudern. Nachdem er nämlich öfter
bedeutungsvoll bald von den Bourbonen, bald von den Napoleoniden, bald von den
Habsburgern gesprochen, ereignete es sich einst, dass die Königin-Mutter aus
Neapel, eine alte Frau mit vielen Dienern und Schachteln, einige Tage sich in
unserer Stadt aufhielt. Sogleich geriet Römer in eine grosse Aufregung, lenkte
auf Spaziergängen unsern Weg an dem Gastofe vorbei, wo sie logierte, ging in
das Haus, als ob er mit der Dame, die er als sehr intrigant beschäftigt und
seinetwegen hergekommen schilderte, wichtige Unterredungen hätte, und liess mich
lange unten warten. Doch bemerkte ich, dass er sich nur an dem geheimsten und
zugleich zugänglichsten Ort des Hauses aufhielt, welches ein unangenehmer Duft
verriet, den er an die frische Luft mit sich brachte. Diese Narrenpossen, von
einem Manne mit so edlem und ernstem Äussern, empörten mich um so mehr, da sie
mit einer lächerlichen Listigkeit betrieben wurden. Ein andermal, nach dem
Strassburger Attentat, als Frankreich die Auslieferung des Urhebers Louis
Napoleon verlangte, mit Gewalt drohte und deshalb zum Schutze des Asylrechtes
oder vielmehr des Bürgerrechtes eine grosse Aufregung herrschte und sogar schon
Truppen aufgeboten wurden, stellte er sich, als ob Tiers nur nach seinen, des
Schweizers, Vorschriften handelte und das Ganze nur ein berechneter Zug in
seinem grossen Schachspiele wäre. Dazumal hielt sich der besagte Prinz zwei Tage
in der Stadt auf, um seine Angelegenheit auch in unserm Kanton zu empfehlen;
denn er hatte sich noch nicht entschlossen, freiwillig das Land zu verlassen.
Wir trafen ihn auf der Strasse als einen jungen bleichen Mann mit einer grossen
Nase, der in Begleitung eines ältern Mannes ging, welcher ein rotes Bändchen im
Knopfloch trug. Die Leute blickten ihm ernstaft nach, besonders die Frauen
sahen gar bedenklich darein, da ihre Männer und Söhne schon in Waffen
umhergingen und bereits stundenlang im Regen standen, um zum Abmarsche Pulver
und Blei, Äxte, Kessel und dergleichen zu fassen. Nur Römer fühlte von allem
nichts und grüsste im Vorübergehen den Fremdling vertraulich lächelnd wie ein
ebenbürtiger Vornehmer, wobei ich zugleich bemerkte, dass er vor Aufregung
zitterte, einem Napoleoniden so nahe zu sein.
    Wenn ich den Wahnsinn verzeihen und tragen musste, so konnte ich hier die
innere Ursache nicht verzeihen, welche demselben zugrunde zu liegen und nichts
anderes zu sein schien als jene unerträgliche Sucht eitler Menschen, von der
wesentlichen und inhaltvollen Einfachheit der Heimat abzufallen und dem
lächerlichen Schatten ausländisch-diplomatischer Klug- und Feintuerei
nachzutrachten. Die aufbrausende Jugend war dazumal so schon erzürnt über einige
gereiste Gelbschnäbel, welche sich eine Zeitlang darin gefielen, in dem
läppischen Stile müssiger Gesandtschaftsbedienter Berichte über unsre Heimat in
fremde Blätter zu senden und sich dabei das Ansehen zu geben, als ob sie durch
ihre Diplomatie dem Lande oder ihrer Partei wunder was genützt hätten. Als Römer
sich ein Stückchen rotes Band an einem Frack befestigte und diesen wie von
ungefähr auf einen Stuhl legte, schien er mir die zusammengezogene Erscheinung
jenes verwerflichen Unsinnes zu sein, und ich ging mit grossem Zorne weg und
beklagte mich zu Hause über den Unglücklichen. Es waren gerade Leute da, welche
mehr von ihm wussten, und ich erfuhr, dass es längst von ihm bekannt sei, dass er
sich bald für einen Sohn Napoleons, bald für den Sprössling dieser oder jener
älteren Dynastie halte. Von seinen einzelnen und ausführlichen Narrheiten wussten
nur wenig Leute, hingegen hielt man jene fixe Idee für eine absichtliche
Verstellung, um mittelst derselben sich ungehörige Vorteile zu verschaffen,
andere ums Geld zu bringen und ein müssiges, abenteuerliches Leben zu führen, da
er nicht gern arbeite und vom Hochmute besessen sei, und man schrieb ihm
demzufolge einen gefährlichen Charakter zu. Diese Beurteilung war im höchsten
Grade oberflächlich und ungerecht, und ich habe mit Mühe nach und nach folgenden
Sachverhalt herausbringen können.
    Er war auf dem Lande geboren und als ein kleiner Junge nach der Stadt zu
Habersaat gebracht worden, da er grosse Neigung verriet, etwas anderes zu werden
als ein Ackerbauer. Es war in der Restaurationszeit, wo arme Bauernkinder, wenn
sie etwas lernen wollten, nur die Wahl hatten zwischen einem Handwerk und einem
Plätzchen in einem städtischen Gewerbe. Es war ein Glück für sie, wenn sie als
Laufbürschchen in Handelshäusern, Fabriken oder Kanzleien ein Fleckchen fanden,
auf dem sie Fuss fassen und, wenn etwas an ihnen war, sich aufarbeiten konnten.
Da Habersaats Anstalt auch eine Unterkunft dieser Art war, obgleich eine
schlimme, so geriet Römer ganz zufällig dahin, ohne viel zu wissen, was man aus
ihm machen würde. Er war fleissig und hielt seine Zeit aus, nach welcher ihn ein
französischer Kunständler, welcher durchreiste, um ein Werk schweizerischer
Prospekte vorzubereiten, nebst einigen anderen jungen Leuten mit nach Paris
nahm, indem der Mann dort die Habersaatsche Art, welche er sehr praktisch fand,
anwenden wollte. Römer hielt sich tapfer; nach wenigen Jahren hatte er eine
artige Summe erspart, mit welcher er nach Rom ging, entschlossen, etwas Rechtes
zu werden. Indem er sich umsah, ergriff er alsobald die englische Art, in
Aquarell zu malen, hielt sich aber dabei gründlich an die Natur und verbesserte
das Mittel durch einen reinern Zweck, so dass seine Arbeiten einiges Aufsehen
erregten und er unter dem Zusammenfluss von Künstlern aller Nationen bald seine
eigentümliche Stellung einnahm. Indessen suchte er sich auch sonst auszubilden
und stellte sich endlich als ein feiner und unterrichteter Mann in jeder Weise
dar. Seine geistreichen und zugleich eleganten Zeichnungen kamen besonders dem
Bedürfnis der vornehmen Welt entgegen; einer römischen Prinzessin gefielen sie
so sehr, dass er berufen wurde, ihr in seiner Technik Unterricht zu geben, und
täglich in den Palast ihres Gemahles gehen musste. Dies verdrehte ihm den Kopf
oder lenkte ihn vielmehr auf den Weg, dessen Anfang von je in ihm war; er machte
irgendeine Dummheit, auch mochte der Vorfall mit der Bescheidenheit, den er auf
seine Weise mir erzählt, dazukommen sein Gluck verliess ihn plötzlich, er wurde
vermieden und ging nach Paris zurück. Dort gelang es ihm durch den Kunständler,
auf günstige Weise bekannt zu werden; er musste eines Tages in die Tuilerien
gehen, seine Mappen vorlegen und sah sich in einen allerliebsten kleinen Salon
versetzt, in welchem die blühenden Kinder des Königs, Mädchen und Söhne,
scherzend und lachend um seine Arbeiten sich drängten und Blätter für ihre
Albums auswählten. Diese Auszeichnung wurde in den Pariser Journalen gemeldet,
und er las seinen Namen im Journal des Debats, aber zum ersten und letzten Male,
obgleich er seiter keinen Tag ruhig schlafen konnte, wenn er dies Blatt nicht
gelesen.
    Von nun an nahm der Irrsinn vollständig Platz in ihm, er behandelte seinen
Beruf als Nebensache und trachtete mehr danach, seinen eingebildeten Rechten
Geltung zu verschaffen. Zum zweiten Mal von der vornehmen Welt zurückgewiesen,
musste er in einen nachteiligen Verkehr mit Händlern treten, um nur dann und wann
ein Blatt zu verkaufen. Von wohlhabenden Landsleuten, die sich zum Vergnügen in
Paris aufhielten und den Umgang des Künstlers gesucht hatten, lieh er Geld, wenn
er in Not war, und da er dieses mit ernstaften und anständigen Manieren tat,
das Geliehene aber nicht zurückgab, vielmehr von grossen und wichtigen Dingen
sprach, während er doch sonst ein kluger und einsichtiger Mann schien, so hielt
man ihn bald für einen durchtriebenen und gefährlichen Schelm, der nur darauf
ausgehe, andere auf tückische Weise um das Ihrige zu bringen. Dass er in der
festen Überzeugung lebte, jeden Tag sein grosses Schicksal aufgehen zu sehen, wo
er als ein König dieser Welt alles Empfangene hundertfach vergelten könne, wurde
ihm nicht angerechnet; vielmehr verzieh man ihm nicht, wenn er einmal verrückt
sei, dass er doch mit soviel schlauem Anstand und wahrer Menschenkenntnis seine
wohlhabenden Bekannten wiederholt habe anführen können. Er fühlte dies recht gut
mit seiner vernünftigeren Hälfte, welche durch die Not immer zur Not
wachgehalten wurde; denn während unserer seltsamen Gespräche über die
Erfahrungen sagte er mir einst »Wenn Sie einst in Verlegenheit geraten und Geld
leihen müssen, so tun Sie dies ja nicht auf eine anständige und geschickte
Weise, wie es ernsten Leuten geziemt, wenn Sie nicht ganz sicher sind, es auf
den bestimmten Tag zurückzugeben, sonst wird man Sie für einen abgefeimten
Betrüger halten! Vielmehr tun Sie es ohne alle Scham und auf liederliche,
närrische Weise, damit die Leute sagen können Es ist ein Lump, aber ein guter
Teufel, man muss ihm helfen!«
    Überhaupt erschien er sonst in allen Dingen als ein gewandter und
verständiger Mann und wusste seinen Irrsinn lange zu verbergen. Auch hatte er
nach Art der Irren doch immer ein böses Gewissen, welches ihn trachten liess, die
Leute über ihn im unklaren zu halten, um nicht gewaltsam in seinen
Gedankengängen gestört zu werden, und jene List, welche sich manchmal vernünftig
stellt, um einen freiern Spielraum zum Unsinne zu gewinnen. In einem solchen
Gefühle war er endlich in seine Heimat zurückgekehrt, um sich da auszuruhen und
durch fleissige Arbeit und ein vernünftiges Leben zu Kräften und zu einem festern
Standpunkte zu gelangen, von dem aus er seinen Stern erwarten könnte. Allein er
fand durch die Familien von einem oder zweien jener Muttersöhnchen, denen er
mässige Summen schuldete, die Stimmung so gegen sich eingenommen, dass er überall
abgestossen und mit Verdacht umgeben ward. Er schrieb dies Missgeschick den
Kabalen der europäischen Kabinette zu, hielt sich ganz still, um diese zu
täuschen und einzuschläfern, und machte dabei die schönsten Zeichnungen. Diese
sandte er aber nicht an namhafte Plätze, weil er der Meinung war, seine Feinde
würden den Verkauf verhindern, sondern an entlegene Orte, von wo sie immer
unverkauft zurückkamen. Ich glaube, dass Römer während der Zeit seines
Aufentaltes keine anderen Mittel hatte als das wenige Geld, was er von mir
empfangen. Es stellte sich erst nachher heraus, dass er nie etwas Warmes
genossen, sondern sich heimlich mit Brot und Käse ernährte, und seine grösste
Ausgabe bestand in der Unterhaltung seiner feinen Wäsche und der Handschuhe. Zu
seinen Kleidern wusste er so Sorge zu tragen, dass sie bei seiner Abreise noch
ebenso gut aussahen wie bei der Ankunft, obschon er immer dieselben trug.
    Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht, wollte ich mich
zurückziehen, indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete.
Doch er wiederholte seine Äusserung, dass es hiemit nicht so genau zu nehmen und
die Studien deshalb nicht abzubrechen wären; es sei ihm im Gegenteil ein
angenehmes Bedürfnis, unsern Verkehr fortzusetzen. So arbeitete ich zwar nicht
mehr anhaltend in seiner Wohnung, besuchte ihn aber jeden Tag, emfing seinen Rat
und richtete mich manchmal auch vorübergehend bei ihm ein. Weitere vier Monate
vergingen so, während welcher er, durch die Not gezwungen, aber leichtin und
beiläufig mich anfragte, ob meine Mutter ihm mit einem kleinen Darlehen auf
kurze Zeit aushelfen könne? Er bezeichnete ungefähr eine gleiche Summe wie die
schon empfangene, und ich brachte ihm dieselbe noch am gleichen Tage. Im
Frühjahr endlich gelang es ihm, aber erst infolge eines mühseligen
Briefwechsels, wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen, wodurch er zum ersten Mal
seit langer Zeit eine Summe in die Hände bekam. Mit dieser beschloss er, wieder
nach Paris zu gehen, da ihm hier kein Heil blühen wollte und ihn sonst auch der
Wahn forttrieb, durch Ortsveränderung ein besseres Los erzwingen zu können. Denn
trotz allem scharfsinnigen Instinkte, den ein Irrsinniger und Unglücklicher hat,
ahnte er von ferne nicht, dass sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein
eingebildetes Leiden und dass die Welt übereingekommen war, seine armen schönen
Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen, was man von seiner vermeintlichen
Schlechtigkeit hielt.
    Ich fand ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen
bezahlte. Er kündigte mir seine Abreise an, die am andern Tage erfolgen sollte,
und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir, noch einige geheimnisvolle
Andeutungen über den Zweck der Reise beifügend. Als ich meiner Mutter die
Nachricht mitteilte, fragte sie sogleich, ob er denn nichts von dem geliehenen
Gelde gesagt habe?
    Ich hatte bei Römer einen entschiedenen Fortschritt gemacht, mein ganzes
Können abgerundet und meinen Blick erweitert, und es war gar nicht zu berechnen
und schon nicht mehr zu denken, wie es ohne dies alles mit mir hätte gehen
sollen. Deswegen hätten wir das Geld füglich als eine wohlangewandte
Entschädigung ansehen müssen, und dies um so mehr, als Römer mir die letzte Zeit
nach wie vor seinen Rat gegeben hatte. Allein wir glaubten nur einen Beweis von
der Richtigkeit jener Gerüchte zu sehen und wussten auch dazumal noch nicht, wie
kümmerlich er lebte; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel, denn er hatte
seine Armut sorgfältig verborgen. Meine Mutter bestand darauf, dass er das
Geliehene zurückgeben müsse, und war zornig, dass jemand von dem zum Besten ihres
Söhnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen
wolle. Was ich gelernt, zog sie nicht in Betracht, weil sie es für die
Schuldigkeit aller Welt hielt, mir mitzuteilen, was man irgend Gutes wusste.
    Ich dagegen, teils weil ich zuletzt auch gegen Römer eingenommen war und ihn
für eine Art Schwindler hielt, teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der
Summe beredet, und endlich aus Unverstand und Verblendung, hatte nichts
einzuwenden und war vielmehr fast schadenfroh, Römer etwas Feindliches anzutun.
Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah, dass er, wenn er
entschlossen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in seinen Augen
gewöhnlichen Frau nicht beachten werde, kassierte ich das Schreiben meiner
Mutter, welche ohnedies verlegen war, an einen so ansehnlichen und fremdartigen
Mann zu schreiben, und entwarf ein anderes, welches, ich muss es zu meiner
Schande gestehen, höchst zweckmässig eingerichtet war. In höflicher und
geistreicher Sprache berechnete ich halb seine fixen Ideen, halb seinen Stolz
und sein Ehrgefühl (dieses dachte ich durch jene zu zwingen), und indem das
bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde, wenn es unberücksichtigt
blieb, war es, wenn Römer alles das verlachen sollte, schliesslich so beschaffen,
dass er doch nicht lachen, sondern sich durchschaut sehen konnte. Soviel brauchte
es indessen gar nicht; denn als wir das Machwerk hinschickten, kehrte der Bote
augenblicklich mit dem Gelde zurück. Ich war etwas beschämt; doch sprachen wir
jetzt alles Gute von ihm, er sei doch nicht so übel usf., nur weil er uns das
elende Häufchen Silber herausgegeben.
    Ich glaube, wenn Römer sich eingebildet hätte, ein Nilpferd oder ein
Speiseschrank zu sein, so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn
gewesen; da er aber ein grosser Prophet sein wollte, so fühlte sich meine eigene
Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den äusserlichen scheinbaren
Gründen.
    Nach einem Monate erhielt ich von Römer folgenden Brief aus Paris:
                          »Mein werter junger Freund!
Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden schuldig, da ich gern annehme,
mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu dürfen. Bin ich Ihnen
doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig. Durch Ihre Vermittlung,
indem Sie das Geld von mir zurückverlangten (welches ich nicht vergessen hatte,
aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurückgeben wollte), bin ich endlich in
den Palast meiner Väter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben!
Aber es kostete Mühseligkeit. Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten
Aufentalte hier zu verwenden; da Sie aber selbige zurückverlangten, so blieb
mir nach Abzug der Reisekosten noch 1 Franc übrig, mit welchem ich von der Post
ging. Es regnete sehr stark, und verwandte ich daher den besagten Franc dazu,
nach dem Mont piete zu fahren und dorten meinen Koffer zu versetzen. Bald darauf
sah ich mich genötigt, meine Sammlungen einem Trödler für ein Trinkgeld zu
verkaufen, und erst jetzt, als ich endlich von aller angenommenen Künstlermaske
und allem Kunstapparate glücklich befreit und hungernd in den Strassen umherlief,
ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd über meine Freiheit, da fanden mich
treue Diener meines erlauchten Hauses und führten mich im Triumph heim! Aber
noch beobachtet man mich zuweilen, und ich benutze eine günstige Gelegenheit,
dies Zeichen zu senden. Sie sind mir wert geworden, und ich habe etwas Gutes mit
Ihnen vor! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank für die günstige Wendung, die Sie
herbeigeführt! Möge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren, jugendlicher Held!
Mögen Hunger, Verdacht und Misstrauen Sie liebkosen und die schlimme Erfahrung
Ihr Tisch- und Bettgenosse sein! Als aufmerksame Pagen sende ich Ihnen meine
ewigen Verwünschungen, mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen treulichst
empfehle!
                                                       Ihr wohlgewogener Freund.
Dies nur in Eile, ich bin zu sehr beschäftigt!«
Erst vor einem Jahre erfuhr ich, dass Römer in einem französischen Irrenhause
verschollen sei. Wie es dazu kam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine
Mutter, welcher ich alles verhehlte, konnte keine Schuld treffen als diejenige
aller Frauen, welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos
gegen alle Welt werden. Ich hingegen, der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und
strebsam glaubte, sah nun ein, welche Teufelei ich begangen hatte. Ich log,
verleumdete, betrog oder stahl nicht, wie ich es als Kind getan, aber ich war
undankbar, ungerecht und harterzig unter dem Scheine des äussern Rechtes. Ich
mochte mir lange sagen, dass jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das
Geliehene gewesen sei, wie sie alle Welt versucht, und dass weder meine Mutter
noch ich je gewaltsam darauf bestanden hätten, ich mochte mir lange sagen, dass
Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht, als die gangbarste
und am leichtesten zu begehende, am besten durch ein tüchtiges Erlebnis recht
einsehen und vermeiden lerne, mochte ich mich auch überreden, dass Römers Wesen
und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine
Erfüllung erreicht hätte; alles dies hinderte nicht, dass ich mir doch die
bittersten Vorwürfe machen musste und mich schämte, sooft Römers Gestalt vor
meinen Sinn trat. Wenn ich auch die Welt verwünschte, welche dergleichen
Handlungen als klug und recht anerkennt (denn die rechtlichsten Leute hatten ms
zu der Wiedererlangung;, der Summe beglückwünscht), so fiel doch alle Schuld
wieder auf mich allein zurück, wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts
dachte, welches ich so recht con amore und ohne die mindeste Mühe geschrieben
und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Ich war bald achtzehn Jahre alt
und entdeckte jetzt erst, wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensünden und
Krisen gelebt, sechs lange Jahre! Und nun plötzlich diese Teufelei! Wenn ich
schliesslich bedachte, wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Römers als eine
höhere Fügung angesehen, so wusste ich nicht, sollte ich lachen oder weinen über
den Dank, den ich dafür gespendet. Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu
verbrennen und fürchtete mich, ihn aufzubewahren; bald begrub ich ihn unter
entlegenem Gerümpel, bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten
Papieren, und noch jetzt, sooft ich ihn finde, verändere ich seinen Ort und
bringe ihn anderswohin, so dass er auf steter Wanderschaft ist.
 
                                Drittes Kapitel
Diese Demütigung traf mich um so stärker, als ich, in Annas Träumen und Ahnungen
rein und gut zu erscheinen, den Winter über ein puritanisches Wesen angenommen
hatte und nicht nur meine äusserliche Haltung, sondern auch meine Gedanken
sorgfältig überwachte und mich bestrebte, wie ein Glas zu sein, das man jeden
Augenblick durchschauen dürfe. Welche Ziererei und Selbstgefälligkeit dabei
tätig war, wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Störung deutlich, und
meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefühl der Narrheit und Eitelkeit
verbittert.
    Anna hatte während des Winters streng das Zimmer hüten gemusst und wurde im
Frühling bettlägerig. Der arme Schulmeister kam in die Stadt, um meine Mutter
abzuholen; er weinte, als er in die Stube trat. Wir schlossen also unsere
Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus, wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder
empfangen und geehrt wurde. Sie entielt sich jedoch, alle die Orte, die ihr
teuer waren, aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen, sondern eilte,
sich bei dem kranken Kinde einzurichten; erst nach und nach benutzte sie
günstige Augenblicke, und es dauerte monatelang, bis sie alle Jugendfreunde
gesehen, obgleich die meisten in der Nähe wohnten.
    Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See
hinüber. Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten; den Tag über
schlummerte sie oder lag lächelnd im Bette, und ich sass an demselben, ohne viel
zu wissen, was ich sagen sollte. Unser Verhältnis trat äusserlich zurück vor dem
schweren Leiden und der Trauer, welche die Zukunft nur halb verhüllte. Wenn ich
manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr sass, so hielt ich ihre Hand,
während sie mich bald ernst, bald lächelnd ansah, ohne zu sprechen, oder
höchstens, um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen. Auch
liess sie sich oft ihre Schächtelchen und kleinen Schätze auf das Bett bringen,
kramte dieselben aus, bis sie müde war, wo sie mich dann alles wieder einpacken
liess. Dies erfüllte uns mit einem stillen Glücke, und wenn ich dann beinahe
stolz auf dies so zarte und reine Verhältnis fortging, so konnte ich nicht
begreifen, wie und warum ich Anna in Erwartung schmerzenvoller Qualen
zurückliess.
    Der Frühling blühte nun in aller Pracht; aber das arme Kind konnte kaum und
selten ans Fenster gebracht werden. Wir füllten daher die Wohnstube, in welcher
ihr weisses Bett stand, mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites
Gerüste, um auf demselben durch grössere Töpfe möglichst einen Garten
einzurichten. Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir
der warmen Maisonne das Fenster öffneten, der silberne See durch die Rosen und
Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weissen Krankenkleide dalag, so
schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden.
    Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismässig
redselig; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemächliches
Gespräch über Personen und Begebenheiten, bald heiterer Natur und bald ernster,
so dass Anna Bericht erhielt von dem, was unsere kleine Welt bewegte. Eines
Tages, als meine Mutter in das Dorf gegangen war, fiel das Gespräch auf mich
selbst, und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem
Gegenstande so wohlwollend festalten zu wollen, dass ich mich äusserst
geschmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarkeit die grösste Aufrichtigkeit
entgegenbrachte. Ich benutzte den Anlass, mein Verhältnis zu dem unglücklichen
Römer zu erzählen, über welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen,
und ich brach in die heftigsten Klagen über den Vorfall und mein Verhalten aus.
Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht; denn er wollte mich beruhigen
und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen, und was darin doch gefehlt
war, sollte mich aufmerksam machen, dass wir eben allzumal Sünder und der
Barmherzigkeit des Erlösers bedürftig seien. Das Wort Sünder war mir aber ein
für allemal verhasst und lächerrlich und ebenso die Barmherzigkeit; vielmehr
wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich
verurteilen auf gut weltlich gerichtliche Art und durchaus nicht auf geistliche
Weise. Plötzlich aber bekam Anna, welche sich bisher still verhalten, aufgeregt
durch meine Erzählung und durch mein Gebaren, einen heftigen Anfall ihrer
Krämpfe und Leiden, dass ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen
hilflosen Qual verfallen sah. Grosse Tränen, durch Not und Angst erpresst, rollten
über ihre weissen Wangen, ohne dass sie dieselben aufhalten konnte. Sie war ganz
durch die Bewegungen ihrer Leiden beschäftigt, so dass bald alle Rücksicht und
Haltung verschwinden mussten, und nur dann und wann richtete sie einen kurzen
irrenden Blick auf mich, wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus;
zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ängstigen, so masslos vor mir leiden
zu müssen; und ich muss bekennen, dass meine Verlegenheit, so gesund und
ungeschlacht vor dem Heiligtum dieser Leidensstätte zu stehen, fast so gross war
als mein Mitleiden. Überzeugt, dass ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung
verschaffe, liess ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestürzt und
beschämt davon, meine Mutter herbeizuholen.
    Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben, um das kranke Kind zu
pflegen, blieb ich den Rest des Tages im oheimlichen Hause, mir Vorwürfe machend
über mein plumpes Ungeschick. Nicht nur mein Unrecht gegen Römer, sondern sogar
das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehässigen
Schein auf mich, und ich fühlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen,
wo einem der Zweifel aufsteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glück bestimmter
Mensch sei? wo es scheint, als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens
und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes, des Geschickes
einem anhafte, welche noch unglücklicher macht als die entschiedene Teufelei.
Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedürfnisse, mich zu äussern, da das
immerwährende Verschweigen wie die misslungene Aufrichtigkeit den Anstrich des
Unheimlichen noch vermehrt. Ich stand nach Mitternacht auf, kleidete mich an und
schlich mich aus dem Hause, um Judit aufzusuchen. Ungesehen kam ich durch
Gärten und Hecken, fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr. Ich stand
einige Zeit unschlüssig vor dem Hause; doch kletterte ich zuletzt am Spalier
empor und klopfte zaghaft an das Fenster; denn ich fürchtete mich, das gereifte
und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken, ich
besorgte zu meiner Beschämung erfahren zu müssen, dass ein solches Weib zuletzt
doch manchmal zu tun für gut finden könne, was nicht jeder Junge zu wissen
brauche. Aber sie war ganz allein, hörte und erkannte mich sogleich, stand auf,
zog sich leicht an und liess mich zum Fenster hinein. Dann machte sie Licht,
Helle zu verbreiten, weil sie glaubte, ich sei in der Absicht gekommen, irgend
einige Liebkosungen zu wagen. Aber sie war sehr verwundert, als ich anfing,
meine Geschichten zu erzählen, erst die gewaltsame Störung, welche ich heute in
die stille Krankenstube getragen, und dann die unglückliche Geschichte mit
Römer, deren ganzen Verlauf ich schilderte. Nachdem ich meinen kunstreichen
Mahnbrief und den darauf erhaltenen Pariser Brief beschrieben, aus dessen Inhalt
wir wohl Römers Schicksal ahnen konnten, nur dass wir statt des Irrenhauses gar
ein Gefängnis vermuteten, rief Judit »Das ist ja ganz abscheulich! Schämst du
dich denn nicht, du Knirps?« Und indem sie zornig auf und nieder ging, malte sie
recht genau aus, wie Römer sich vielleicht erholt hätte, wenn man ihm nicht die
Mittel zu seinem ersten Aufentalte in Paris entzogen, wie ihn der
Erhaltungstrieb vielleicht, ja sicher eine Zeitlang hätte klug sein lassen und
hieraus unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise möglich
gewesen. »Oh, hätte ich den armen Mann pflegen können«, rief sie aus, »gewiss
hätte ich ihn kuriert! Ich hätte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt, bis er
klug geworden wäre!« Dann stand sie still, sah mich an und sagte »Weisst du wohl,
Heinrich, dass du allbereits ein Menschenleben auf deiner grünen Seele hast?«
Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht, und ich sagte
betroffen »Ho, so arg ist es wohl nicht! Im schlimmsten Falle wäre es ein
unglücklicher Zufall, den ich nicht herbeizuführen je wähnen konnte!« - »Ja«,
erwiderte sie sachte, »wenn du eine einfache, sogar grobe Forderung gestellt
hättest? Durch deinen saubern Höllenzwang aber hast du ihm förmlich den Dolch
auf die Brust gesetzt, wie es auch ganz einer Zeit gemäss ist, wo man sich mit
Worten und Brieflein totsticht! Ach, der arme Kerl! er war so fleissig und gab
sich Mühe, aus der Patsche zu kommen, und als er endlich ein Röllchen Geld
erwarb, nimmt man es ihm weg! Es ist so natürlich, den Lohn der Arbeit zu seiner
Ernährung zu verwenden; aber da heisst es Gib erst zurück, wenn du geborgt hast,
und dann verhungere!«
    Wir sassen beide eine Weile düster und nachdenklich da; dann sagte ich »Das
hilft nichts, geschehene Dinge sind einmal nicht zu ändern. Die Geschichte soll
mir zur Warnung dienen; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen, und
da ich mein Unrecht einsehe und bereue, so musst du es mir endlich verzeihen und
mir die Gewissheit geben, dass ich deswegen nicht hassenswert und garstig
aussehe!«
    Ich merkte nämlich erst jetzt, dass ich darum hergekommen und allerdings
bedürftig war, durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes
die Vertilgung eines drückenden Gefühles oder Verzeihung zu erlangen, wenn ich
mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung sträubte. Aber Judit
antwortete »Daraus wird nichts! Die Vorwürfe deines Gewissens sind ein ganz
gesundes Brot für dich, und daran sollst du dein Leben lang kauen, ohne dass ich
dir die Butter der Verzeihung darauf streiche! Dies könnte ich nicht einmal;
denn was nicht zu ändern ist, ist eben deswegen auch nicht zu vergessen, dünkt
mich, ich habe dies genugsam erfahren! Übrigens fühle ich leider nicht, dass du
mir irgend widerwärtig geworden wärest; wozu wäre man da, wenn man nicht die
Menschen, wie sie sind, liebhaben müsste?« Und sie drückte, da sie auf dem Rande
des Bettes und ich auf einer altmodisch bemalten Kiste zu ihren Füssen sass,
meinen Kopf auf ihren Schoss und verband ihre Hände liebevoll unter meinem Kinn.
    Diese seltsame Äusserung in Judits Munde machte mich tief betroffen und
verursachte mir ein langes Nachsinnen; je länger ich sann, desto gewisser wurde
es mir, dass Judit das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schluss,
welcher, indem er zugleich zu einem Entschluss wurde, nämlich das Bewusstsein des
begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische
tragen zu wollen, mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien. Nur einer
kann und soll verzeihen und vergessen, der von Unrecht Betroffene selbst, der
Täter und alle anderen können es niemals, solange eine innere oder äussere Spur
übrigleibt. Dies kann man am deutlichsten an den grossen Beispielen der
Geschichte sehen. Die Tausende, welche Philipp der Zweite verbrennen liess, haben
ihm gewiss längst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann, der gefehlt
hat, während die Millionen Protestanten, welche leben, ihm immer noch nicht
verzeihen können, weil die Wirkungen seiner Tat noch täglich vor unser aller
Augen sind, und ihn selbst betreffend, ist es gar nicht denkbar, dass er sein
weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen können; denn wenn er auch mit seinem
Tode als König abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde, so
hörte er darum nicht auf, Philipp der Zweite zu sein, vielmehr, wenn er es je
gewesen ist, wird er es ewig bleiben. Dadurch aber, dass nur die vom Unrecht
Betroffenen unmittelbar verzeihen, was man so verzeihen nennt, bleibt zuletzt
doch kein Hass übrig als derjenige gegen das Böse, das man in sich selber hat;
denn das Nichtverzeihen der übrigen ist wieder etwas anderes.
    Es ist merkwürdig, dass die Menschen immer nur grosse Dummheiten, die sie
begangen, glauben nicht vergessen zu können, sich bei deren Erinnerung vor den
Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, dass sie nun klüger
geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu
können, während es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit
der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher Natur ist. Ja, dachte ich, so
unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich
an Römer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich
unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinübernehmen, denn es gehört zu meiner
Person, zu meiner Geschichte, zu meinem Wesen, sonst wäre es nicht passiert!
Meine einzige Sorge wird sein, zu trachten, dass ich noch so viel Rechtes tue,
dass mein Dasein erträglich bleibt!
    Ich sprang auf und verkündete der Judit diese Ausführung und Anwendung
ihrer einfachen Worte; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis, so für immer
auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten. Judit zog mich nieder und sagte
mir ins Ohr »Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem
Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren! Nun kannst du dich in
acht nehmen, Bürschchen, dass es nicht so fort geht!« Der drollige Ausdruck, den
sie gebrauchte, stellte mir die Sache noch in ein neues und lächerrlich
deutliches Licht, dass ich einen grossen Ärger empfand und mich einen ausgesuchten
Esel, Laffen und aufgebläheten Popanz schalt, der sich so blindlings habe
übertölpeln lassen. Judit lachte und rief »Denke daran, wenn man am
gescheitesten zu sein glaubt, so kommt man am ehesten als ein Esel zum
Vorschein!« - »Du brauchst nicht zu lachen!« erwiderte ich ärgerlich, »ich habe
dir soeben, als ich kam, auch einen Tort angetan ich habe gefürchtet, dass du
vielleicht einen fremden Mann bei dir haben könntest!«
    Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige, doch, wie es mir schien, mehr aus
Vergnügen als aus Zorn und sagte »Du bist ein recht unverschämter Gesell und
glaubst wohl, du brauchst deine schändlichen Gedanken nur einzugestehen, um von
mir absolviert zu sein! Freilich sind es nur die beschränkten und vernagelten
Leute, welche nie etwas eingestehen wollen; aber die übrigen machen deswegen
damit auch nicht alles gut! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel
hinaus und machst, dass du nach Hause kommst! Morgen des Nachts darfst du dich
wieder zeigen!« Sie trieb mich unerbittlich aus dem Hause; denn sie hatte jetzt
genugsam gemerkt, dass es mich stark zu ihr hinzog und dass ich eifersüchtig auf
sie war.
    Ich begab mich nun, sooft es anging, des Nachts zu ihr; sie brachte den Tag
meistens allein und einsam zu, während ich entweder weite Streifzüge unternahm,
um zu zeichnen, oder in des Schulmeisters Haus, als in einer Schule des Leidens,
mich still und gemessen halten musste. So hatten wir in diesen Nächten vollauf zu
plaudern und sassen oft stundenlang am offenen Fenster, wo der Glanz des
nächtlichen Himmels über der sommerlichen Welt lag, oder wir machten dasselbe
zu, schlossen die Laden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen. Ich
hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche Übersetzung
des Rasenden Roland zurückgelassen, welchen ich selbst noch nicht näher kannte;
Judit hatte aber den Winter über oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch
als das allerschönste in der Welt an. Judit zweifelte nicht mehr an Annas
baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen, obgleich ich es nicht zugeben
wollte; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden
wir trübselig und düster, jedes auf seine Weise, und wenn wir nun im Ariost
lasen, so vergassen wir alle Trübsal und tauchten uns in eine frische glänzende
Welt. Judit hatte das Buch erst ganz volkstümlich als etwas Gedrucktes
genommen, wie es war, ohne über seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grübeln;
als wir aber jetzt zusammen darin lasen, verlangte sie manches zu wissen, und
ich musste ihr, so gut ich konnte, einen Begriff geben von der Entstehungsweise
und der Geltung eines solchen Werkes, von dem Wollen und den bewussten Absichten
des Dichters, und ich erzählte, soviel ich wusste, von Ariost. Nun wurde sie erst
recht fröhlich, nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesänge mit
verdoppelter Lust, da sie wusste, dass diesen so heiteren und so tiefsinnigen
Wechselgeschichten eine helle und tiefgefühlte Absicht zugrunde lag, ein Wollen,
Schaffen und Gestalten, eine Einsicht und ein Wissen, das ihr in seiner Neuheit
wie ein Stern aus dunkler Nacht erglänzte. Wenn die in Schönheit leuchtenden
Geschöpfe rastlos an uns vorüberzogen, von Täuschung zu Täuschung, und,
leidenschaftlich sich jagend und haschend, immer eins dem andern entschwand und
ein drittes hervortrat, oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und
trauernd ruheten von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe
hineinzuruhen schienen an klaren Gewässern, unter wundervollen Bäumen, so rief
Judit »O kluger Mann! Ja, so geht es zu, so sind die Menschen und ihr Leben, so
sind wir selbst, wir Narren!«
    Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu
sein, wenn ich mich neben einem Weibe sah, welches ganz wie jene Fabelwesen auf
der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schönheit stillzustehen und dazu
angetan schien, unablässig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen. An
ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Gepräge, und die
Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich, dass
man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar
schimmernde Waffenstücke zu ahnen glaubte. Entblösste jedoch das üppige Gedicht
seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre blossgegebene Schönheit in
offene Bedrängnis oder in eine mutwillig verführerische Lage, während ich mich
nur durch einen dünnen Faden von der blühendsten Wirklichkeit geschieden sah, so
war es mir vollends, als wäre ich ein törichter Fabelheld und das Spielzeug
eines ausgelassenen Dichters; nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefühl
gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens,
sondern auch die Furcht, schlechtweg durch Annas krankhafte Träume verraten zu
werden, legten ein Band um die verlangenden Sinne, während Judit aus Rücksicht
für Anna und mich und aus dem Bedürfnisse sich beherrschte, in dem zierlich
platonischen Wesen der lugend noch etwas mitzuleben. Unsere Hände bewegten sich
manchmal unwillkürlich nach den Schultern oder den Hüften des andern, um sich
darumzulegen, tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem
zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln, so dass wir närrischerweise zwei jungen
Katzen glichen, welche mit den Pfötchen nacheinander auslangen, elektrisch
zitternd und unschlüssig, ob sie spielen oder sich zerzausen sollen.
    In solchen Augenblicken rafften wir uns auf; Judit zog ihre Schuhe an und
begleitete mich in die Sommernacht hinaus; es reizte uns, ungesehen ins Freie zu
gelangen und auf nächtliche Abenteuer durch den Wald und über die Höhen zu
gehen. Solche romantische Gewohnheiten vergnügten meine Begleiterin um so mehr,
als sie ihr neu waren und sie noch nie ohne einen bestimmten und
ausserordentlichen Zweck nächtlicherweise aus dem Dorfe gegangen war. Sie freuete
sich aber dieser Freiheit um ihrer selbst willen und nicht aus Naturschwärmerei,
weil sie einmal ein abgesondertes und eigenes Leben führte, obgleich
ursprünglich niemand besser als sie zu einem frischen Zusammenleben geschaffen
war. Sie stellte daher keine gefühlvollen Betrachtungen über den Mondschein an,
sondern sie rauschte mutwillig und rasch durch die Gebüsche oder knickte halb
unmutig manchen grünen Zweig, mit dem sie mir ins Gesicht schlug, als ob sie
damit alles wegzaubern wollte, was zwischen mir und ihr lag, die Jahre, die
fremde Liebe und den ungleichen Stand. Sie wurde dann ganz anders, als sie erst
in der Stube gewesen, und förmlich boshaft, spielte mir tausend Schabernack,
verlor sich im dunklen Dickicht, dass ich sie plötzlich zu fassen bekam, oder hob
beim Springen über einen Graben das Kleid so hoch, dass ich in Verwirrung geriet.
Einmal erzählte ich ihr das Abenteuer, das ich als kleiner Junge mit jener
Schauspielerin gehabt, und vertraute ihr ganz offen, welchen Eindruck mir der
erste Anblick einer blossen Frauenbrust gemacht, so dass ich dieselbe noch immer
in dem weissen Mondlicht vor mir sehe und dabei der längst entschwundenen Frau
fast sehnsüchtig gedenke, während ihre Gesichtszüge und ihr Name schon lange bis
auf die letzte Spur in meinem Gedächtnis verwischt. Wir gingen gerade dem
Waldbache entlang, über welchem der Mond ein geheimnisvolles Netz von Dunkel und
Licht zittern liess; Judit verschwand plötzlich von meiner Seite und huschte
durch die Büsche, während ich verblüfft vorwärtsging. Dies dauerte wohl fünf
Minuten, während welcher ich keinen Laut vernahm ausser dem leisen Wehen der
Bäume und dem Rieseln der Wellen. Es wurde mir zu Mute, wie wenn Judit sich
aufgelöst hätte und still in die Natur verschwunden wäre, in welcher mich ihre
Elemente geisterhaft neckend umrauschten. So gelangte ich unversehens in die
Gegend der Heidenstube und sah nun die graue Felswand im hellen Vollmond, der
über den Bäumen stand, in den Himmel ragen; das Wasser und die Steine zu meinen
Füssen waren ebenfalls beschienen. Auf den Steinen lagen Kleider, zuoberst ein
weisses Hemd, welches, als ich es aufhob, noch ganz warm war, wie eine soeben
entseelte irdische Hülle. Ich vernahm aber keinen Laut, noch sah ich etwas von
Judit, es wurde mir wirklich unheimlich zu Mute, da die Stille der Nacht von
einer dämonischen Absicht ganz getränkt erschien. Ich wollte eben Judit beim
Namen rufen, als ich seltsame, halb seufzende, halb singende Töne vernahm, aus
denen zuletzt ein deutliches altes Lied wurde, das ich schon hundertmal gehört
und jetzt doch einen zauberhaften Eindruck auf mich machte. Sein Inhalt war die
Tiefe des Wassers, etwas von Liebe und sonst nichts weiter; aber zuletzt war es
von einem fast sichtbaren verführerischen Lächeln durchdrungen und von einem
silbernen Geräusch begleitet, wie wenn jemand im Wasser plätschert und sich
dasselbe in sanften Wellen gegen die Lenden schlägt. Wie ich so hinhorchte,
entdeckte ich endlich mir gegenüber eine undeutliche weisse Gestalt, welche sich
im Schatten hinter dem Felsen bewegte, sich an überhängende Zweige hing und den
Körper im Wasser treiben liess oder plötzlich sich hoch aufrichtete und eine
Weile gespenstisch unbeweglich hielt. Es führte ein untiefer Damm des Geschiebes
zu jener Stelle, und zwar in einem ziemlich weiten Bogen, und als ich einen
Augenblick mich vergessen hatte, sah ich unversehens die nackte Judit schon auf
der Mitte dieses Weges angelangt und auf mich zukommen. Sie war bis unter die
Brust im Wasser; sie näherte sich im Bogen, und ich drehete mich magnetisch nach
ihren Bewegungen. Jetzt trat sie aus dem schief über das Flüsschen fallenden
Schlagschatten und erschien plötzlich im Mondlichte; zugleich erreichte sie bald
das Ufer und stieg immer höher aus dem Wasser, und dieses rauschte jetzt
glänzend von ihren Hüften und Knien zurück. Jetzt setzte sie den triefenden
weissen Fuss auf die trockenen Steine, sah mich an und ich sie; sie war nur noch
drei Schritte von mir und stand einen Augenblick still; ich sah jedes Glied in
dem hellen Lichte deutlich, aber wie fabelhaft vergrössert und verschönt, gleich
einem überlebensgrossen alten Marmorbilde. Auf den Schultern, auf den Brüsten und
auf den Hüften schimmerte das Wasser, aber noch mehr leuchteten ihre Augen, die
sie schweigend auf mich gerichtet hielt. Jetzt hob sie die Arme und bewegte sich
gegen mich; aber ich, von einem heisskalten Schauer und Respekt durchrieselt,
ging mit jedem Schritt, den sie vorwärts tat, wie ein Krebs einen Schritt
rückwärts, aber sie nicht aus den Augen verlierend. So trat ich unter die Bäume
zurück, bis ich mich in den Brombeerstauden fing und wieder stillstand. Ich war
nun verborgen und im Dunkeln, während sie im Lichte mir vorschwebte und
schimmerte; ich drückte meinen Kopf an einen kühlen Stamm und besah unverwandt
die Erscheinung. Jetzt ward es ihr selbst unheimlich; sie stand dicht bei ihrem
Gewande und begann wie der Blitz sich anzuziehen. Ich sah aber, dass sie erst
jetzt in Verlegenheit geriet, und trat unwillkürlich, meine eigene Verwirrung
vergessend, hervor, half ihr zitternd den Rock über der Brust zuheften und
reichte ihr das grosse weisse Halstuch. Hierauf umschlang ich ihren Hals und küsste
sie auf den Mund, gewissermassen um keinen müssigen Augenblick aufkommen zu
lassen; sie fühlte dies wohl; denn sie war nun über und über rot bis in die noch
feuchte Brust hinein; sie steckte hastig ihre feinen Strümpfe in die Tasche und
schlüpfte mit blossen Füssen in die Schuhe, worauf sie mich noch einmal umschloss
und heftig küsste, dann quer durch die Bäume die Halde hinaneilte und verschwand,
indessen ich das Wasser entlang nach Hause ging. Ich fühlte sonderbarerweise die
Schuld dieses Abenteuers allein auf mir ruhen, obgleich ich mich leidend dabei
verhalten, während ich schon empfand, wie unauslöschlich der nächtliche Spuk,
die glänzende Gestalt für immer meinen Sinnen eingeprägt sei und wie ein weisses
Feuer in meinem Gehirne und in meinem Blute umging.
    Zu diesen so ganz entgegengesetzten Aufregungen der Tage und der Nächte
kamen diesen Sommer noch verschiedene Auftritte im ländlichen Familienleben,
welche bei aller Einfachheit doch den gewaltigen Wechsel des Lebens und sein
unaufhaltsames Vorübergehen ins Licht stellten. Der Haushalt des jungen Müllers
liess seine Heirat nicht länger aufschieben, und es wurde also eine dreitägige
Hochzeit gefeiert, bei welcher die spärlichen Überreste städtischen Gebrauches,
so die Braut aus ihrem Hause mitbrachte, gar jämmerlich dem ländlichen Pomp
unterliegen mussten. Die Geigen schwiegen nicht während der drei Tage; ich ging
jeden Abend hin und fand Judit festlich geschmückt unter dem Gedränge der
Gäste; ein und das andere Mal tanzte ich bescheiden und wie ein Fremder mit ihr,
und auch sie hielt sich zurück, obgleich wir während der geräuschvollen Nächte
Gelegenheit genug hatten, uns unbemerkt nahe zu sein. Aber erst dadurch empfand
ich recht, welch ein zwingender Reiz in einem solchen Doppelleben und welch ein
Zauber in dem Geheimnis liegt; ich war innerlich wie berauscht, und die schöne
Judit sah es wohl und bewegte sich um so ruhiger und mit allen Leuten lachend,
plaudernd herum, wobei es mir doch wohlgefiel, dass sie im geheimen doch auch
ernster und leidenschaftlich bewegt schien. Alles war mir wie ein Märchen; die
Geigen und die Gläser klangen, die Leute sangen und tanzten, überall fasste man
sich bei den Händen und lachte sich an, und wenn mich soeben ein lustiges
Mädchen gestellt und angeredet und ich schweigend etwa das goldene Herzchen, das
ihr vor der klopfenden Brust tanzte, in die Hand genommen und von allen Seiten
beschaut, bis sie mir auf die Finger schlug, so ging ich um so nachdenklicher
weiter. Dann kam die glückliche Braut, welche der Reihe nach mit aller Welt
einer geheim vertraulichen Unterhaltung pflag, zog auch mich beiseite, fragte,
warum ich nicht lustiger sei, und versicherte mir angelegentlich, dass ich ein
guter Junge und ihr sehr lieb sei. Ich ward gerührt und betroffen und musste mich
von ihr wenden, da mir die Tränen nahe waren, ohne dass ich eigentlich wusste,
warum, und sie noch weniger. Noch tiefer fühlte ich mich betroffen, als ich an
einem der Tage meine Mutter, welche auf ein halbes Stündchen erschienen war,
fortbegleitete und plötzlich aus dem Lärm und Gedränge der Hochzeit heraus mich
auf die stillen grünen Sommerpfade versetzt sah. Meine Mutter war so ruhig,
zufrieden und gesprächig im Gefühle der erfüllten Pflicht und eines immer
gleichen anspruchlosen Lebens, dass mein leidenschaftlich bewegtes Treiben im
grellsten Lichte dagegen abstach und ich, obgleich ich nun schon ein anderes
Sittengesetz zu kennen glaubte als das überkommene, mir den Gedanken nicht
verwehren konnte, dass ich sie mit dem hintergehe, wovon sie keine Ahnung hatte.
    Kaum war die Hochzeit vorüber, so erkrankte die Muhme, welche noch nicht
funfzig Jahre alt war, und starb in Zeit von drei Wochen. Sie war eine starke
und gesunde Frau, daher ihre Todeskrankheit um so gewaltsamer, und sie starb
sehr ungern. Sie litt heftig und unruhig und ergab sich erst in den letzten zwei
Tagen, und an dem Schrecken, der sich im Hause verbreitete, konnte man erst
sehen, was sie allen gewesen. Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten
auf dem Felde der Ehre die Lücke schnell wieder ausgefüllt wird und der Kampf
rüstig fortgeht, so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen
Frau auch auf das schönste dadurch, dass die Reihen ohne Lamentieren rasch sich
schlossen, die Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den
beschaulichen Schmerz bis auf die Tage, wo geruht und wo ihnen der Verlust ihrer
Mutter erst ein schweres Wahrzeichen des Lebens werden wird. Nur der Oheim
äusserte erst einige tiefere Klagen, fasste diese aber bald in das Wort »meine
selige Frau« zusammen, das er nun bei jeder Gelegenheit anbrachte. An dem
Leichenbegängnisse sah ich Judit unter den fremden Frauen. Sie trug ein
städtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknöpft, sah demütig auf den
Boden und ging doch hoch und stolz einher.
    Wenige Wochen später erschien der junge philosophische Schullehrer im Hause
und bewarb sich unversehens um die jüngste Tochter. Die Jungen wussten zwar schon
längst, dass die beiden sich leidenschaftlich verbunden; allein dem Vater kam es
ganz unerwartet, und man sah nun an seinem Erstaunen und an seinem Unwillen, den
er wenig verhehlte, welch ein unwillkommener Gast er bei allem Scherz für eine
engere Verbindung war. Der Oheim wies ihn ab oder wenigstens auf die Zukunft,
wegen des kürzlichen Todes seiner Frau und weil er auch deswegen jetzt keine
Tochter mehr entbehren könne, am wenigsten die jüngste. Doch der Philosoph gab
sich nicht zufrieden, sondern wandte ein, dass er, zum Oberlehrer vorgerückt, nun
einen eigenen Haushalt zu führen und eine Frau zu haben wünsche, überhaupt er
kein Hindernis sehe zu heiraten, da er und das Mädchen einverstanden seien.
Hierauf setzte er eine lange Denkschrift auf, in welcher er durch philosophische
und rechtliche Gründe seine Sache verteidigte, mit grosser Logik vom
naturrechtlichen Standpunkt aus in die verwickelteren Verhältnisse unseres Land-
und Familienrechtes überging und alle Konsequenzen in Aussicht stellte, welche
er zu benutzen oder hervorzurufen wissen werde. Alles war in den kunstreichsten
und ernstaftesten Phrasen abgefasst, und er erschien mit der Schrift und las
dieselbe nach verlangter Erlaubnis mit seinem Silberstimmchen vor. Der Vater und
die Söhne, welche letztere durch sein rücksichtsloses Benehmen nun auch gegen
ihn eingenommen waren, glaubten nun ihre Sache gewonnen und entschieden, da sie,
besonders wenn sie das immer noch zierliche Miniaturgesichtchen des Philosophen
ansahen, einer so spasshaften Wendung unmöglich eine ernste Folge zuschreiben
mochten. Aber sie täuschten sich sehr. Sie warfen ihn zwar aus dem Hause, wobei
sie auf das Schwesterchen keine grosse Rücksicht nahmen, allein der seltsame
Werber verklagte sie sogleich und begann einen Prozess um sein Recht, den er mit
solcher Konsequenz und Energie durchführte, dass der Oheim entrüstet und
aufgeregt schon auf halbem Wege erklärte, das Kind könne laufen, wohin es wolle.
Noch glaubte man, das junge Mädchen, das man immer noch als Kind anzusehen
gewohnt war, würde jetzt wenigstens noch eine Zeit bleiben, bis es im Frieden
gehen könne, und man konnte seinen Abfall von der Familie nicht begreifen und
schrieb denselben einem störrischen und mangelhaften Herzen zu; aber es kümmerte
sich nicht darum, sah nicht Vater noch Schwestern und Brüder und kaum das Grab
seiner Mutter an und zog ohne Aussteuer, ohne Sang und Klang mit dem Philosophen
aus dem Dorfe. Mit Verwunderung sah ich, wie Logik und Leidenschaft im Bunde in
noch so jungen Köpfchen wohl soviel Bewegung verursachen können als Erfahrung
und gereifter Wille der Alten. Denn das Philosöphchen hatte sich vorgenommen,
streng nach seiner Vernunft und seinem Naturrechte zu handeln, und auch seine
Handlungen ganz in diesem Sinne durchgeführt, so dass er sich unter der ganzen
Lehrerschaft ein grosses Ansehen erwarb, als ein Besieger des Vorurteils, während
das Mädchen durch seine unerwartete und rücksichtslose Leidenschaft, für die es
auf der ganzen Welt keine Richtschnur mehr gab als der Wille des Geliebten,
weiterum ein wunderliches Aufsehen erregte.
    So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verändert und durch
die verschiedenen Vorgänge alles älter und ernster geworden. Von der traurigen
Schaubühne ihres Krankenbettes sah die arme Anna alle diese Veränderungen, aber
schon mehr als äusserlich getrennt von den Ereignissen. Sie hatte eine geraume
Zeit im gleichen Zustande verharrt, und alle hofften, dass sie am Ende wieder
aufleben würde. Aber da man es am wenigsten dachte, erschien eines Morgens im
Herbste der Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim, welcher selbst noch
schwarz ging, und verkündete ihren Tod.
    In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfüllt, sondern auch
die benachbarte Mühle, und die Vorübergehenden verbreiteten das Leid im ganzen
Dorfe. Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod grossgezogen worden,
und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedauerns
aufgespart zu haben; denn für eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige
schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste.
    Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde; denn wenn ich auch bei freudigen
Anlässen laut wurde und unwillkürlich eine anmassende Rolle spielte, so wusste ich
dagegen, wo es traurig herging, mich gar nicht vorzudrängen und geriet immer in
die Verlegenheit, für teilnahmlos und verhärtet angesehen zu werden, und dies um
so mehr, als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen
Missstimmungen, die innere Berührung der Menschen, nie aber das unmittelbare
Unglück oder der Tod Tränen zu entlocken vermochten.
    Jetzt aber war ich erstaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber, dass
dies arme tote Mädchen meine Geliebte war. Ich versank in tiefes Nachdenken
darüber, ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden, obgleich ich das
Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfühlte. Nicht einmal die
Erinnerung an Judit verursachte mir Unruhe. Nachdem der Schulmeister einige
Anordnungen getroffen, wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen,
indem er mich aufforderte, nunmehr mit ihm zurückzugehen und einige Zeit bei ihm
zu wohnen. Wir machten uns auf den Weg, indessen die übrigen Verwandten,
besonders die noch im Hause lebende Tochter und die junge Müllerin, versprachen,
sogleich nachzukommen.
    Auf dem Wege fasste der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die
nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens, das gegen Morgen
eintraf, Worte. Ich hörte alles aufmerksam und schweigend an; die Nacht war
beängstigend und leidenvoll gewesen, der Tod selbst aber fast unmerklich und
sanft.
    Meine Mutter und die alte Katerine hatten die Leiche schon geschmückt und
in Annas Kämmerchen gelegt. Da lag sie, nach des Schulmeisters Willen, auf dem
schönen Blumenteppich, den sie einst für ihren Vater gestickt und man jetzt über
ihr schmales Bettchen gebreitet hatte; denn nach solchem Dienste gedachte der
gute Mann diese Decke immer zunächst um sich zu haben, solange er noch lebte.
Über ihr an der Wand hatte Katerine, deren Haar nun schon ganz ergraut war und
die aufs heftigste und zärtlichste lamentierte, das Bild hingehängt, das ich
einst von Anna gemacht, und gegenüber sah man immer noch die Landschaft mit der
Heidenstube, welche ich vor Jahren auf die weisse Mauer gemalt. Die beiden
Flügeltüren von Annas Schrank standen geöffnet, und ihr unschuldiges Eigentum
trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von
Leben. Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen, die vor dem
Schranke sich aufhielten, und half ihnen die zierlichsten und
erinnerungsreichsten Sächelchen, deren die Selige von früher Kindheit an
gesammelt, hervorziehen und beschauen. Dies gewährte ihm eine lindernde
Zerstreuung, welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog.
Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei, wie z.B. ein
Bündelchen Briefe, welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben; diese
legte er, nebst den Antworten, die er nun im Schranke vorfand, auf Annas kleinen
Tisch und ebenso noch andere Sachen, ihre Lieblingsbücher, angefangene und
vollendete Arbeiten, einige Kleinode, jene silberne Brautkrone. Einiges wurde
sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt, so dass hier unbewusst und gegen den
sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Völker geübt
wurde. dabei sprachen sie immer so miteinander, als ob die Tote es noch hören
könnte, und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen.
    Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschauete sie mit
unverwandten Blicken; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes
nicht klüger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als
vorhin. Anna lag da, nicht viel anders, als ich sie zuletzt gesehen, nur dass die
Augen geschlossen waren und das blütenweisse Gesicht auf den Wangen
wunderbarerweise mit einem leisen rosigen Hauche überflogen, wie vom Widerschein
eines fernen, fernen Morgen- oder Abendrotes. Ihr Haar glänzte frisch und
golden, und ihre weissen Händchen lagen gefaltet auf dem weissen Kleide mit einer
weissen Rose. Ich sah alles wohl und empfand beinahe eine Art glücklichen
Stolzes, in einer so traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schöne tote
Jugendgeliebte vor mir zu sehen. Erst als mir die alte Katerine jene Stickerei
in die Hände gab, welche Anna zu einer Mappe für mich bestimmt und mühsam
vollendet hatte, mit dem Bericht, dass die Leidende während der verwichenen Nacht
plötzlich einmal gesagt, man solle nicht vergessen, mir das Geschenk zu
übergeben, sobald ich wiederkomme, erst jetzt fiel es mir ein, dass wir
unsterblich sind, und fühlte mich durch ein unauflösliches Band mit Anna
verbunden.
    Auch meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein
nahes Recht auf die Verstorbene zuzugestehen, als man verabredete, dass
fortwährend jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte,
damit die übrigen sich in ihrer Erschöpfung einstweilen zurückziehen und etwas
erholen konnten. Ohne jene Voraussetzung hätten sie mir eine solche zugleich
zarte und ernste Zumutung wohl nicht gestellt.
    Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna, da bald die Basen aus dem
Dorfe kamen und nach ihnen viele andere Mädchen und Frauen, denen ein so
rührendes Ereignis und eine so berühmte Leiche wichtig genug waren, die
drängendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des
Menschengeschickes, des Todes, nachzugehen. Die Kammer füllte sich mit
Frauensleuten, welche erst einer feierlich flüsternden Unterhaltung pflagen,
dann aber in ein ziemliches Geplauder gerieten. Sie standen dichtgedrängt um die
stille Anna herum, die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Händen, die ältern
mit untergeschlagenen Armen. Die Kammertür stand geöffnet für die Ab- und
Zugehenden, und ich nahm die Gelegenheit wahr, mich hinauszumachen und im Freien
umherzuschlendern, wo die nach dem Dorfe führenden Wege ungewöhnlich belebt
waren.
    Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder, die Totenwache zu
versehen, welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet. Ich blieb nun bis
zum Morgen in der Kammer; aber so schnell mir die Stunden vorübergingen, wie ein
Augenblick, sowenig wüsste ich eigentlich zu sagen, was ich gedacht und
empfunden. Es war so still, dass ich durch die Stille hindurch glaubte das
Rauschen der Ewigkeit zu hören; das tote weisse Mädchen lag unbeweglich fort und
fort, die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen
Lichte. Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See; ich löschte die
Lampe ihm zu Ehren, damit er allein Annas Totenlicht sei, sass nun im Dunkeln in
meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen. Mit dem
Morgengrauen, welches in das reinste goldene Morgenrot überging, schien es zu
leben und zu weben um die stille Gestalt, bis sie deutlich und reglos im
goldenen Tage dalag. Ich hatte mich erhoben und vor das Bett gestellt, und indem
ihre Gesichtszüge klar wurden, nannte ich ihren Namen, aber nur hauchend und
tonlos; es blieb totenstill, und als ich zugleich zaghaft ihre Hand berührte,
zog ich die meinige entsetzt zurück, als ob ich an glühendes Eisen gekommen
wäre; denn die Hand war kalt wie ein Häuflein kühler Ton.
    Wie dies abstossende kalte Gefühl meinen ganzen Körper durchrieselte, liess es
mir nun auch plötzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend
erscheinen, dass mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr »Was hab ich mit dir
zu schaffen?« als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch kräftigen Tönen
erklang, welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten, dann aber wieder
zu harmonischer Kraft sich, ermannten. Es war der Schulmeister, welcher in
dieser Morgenfrühe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten
Liedes zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte. Ich lauschte der Melodie,
sie bezwang meinen körperlichen Schrecken, ihre geheimnisvollen Töne öffneten
die unsterbliche Geisterwelt, und reuevoll gelobte ich Anna ewige Treue.
    Ich fühlte mich stolz und glücklich durch diesen Entschluss; aber zugleich
wurde mir nun der Aufentalt in der Totenkammer zuwider, und ich war froh, mit
dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige Grüne. Es erschien
an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe, um hier den Sarg zu machen.
Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhändig ein schlankes Tannlein
gefällt und zu seinem Sarge bestimmt. Dasselbe lag in Bretter gesägt hinter dem
Hause, durch das Vordach geschützt, und hatte immer zu einer Ruhebank gedient,
auf welcher der Schulmeister zu lesen und seine Tochter als Kind zu spielen
pflegte. Es zeigte sich nun, dass die obere schlankere Hälfte des Baumes den
schmalen Totenschrein Annas abgeben könne, ohne den zukünftigen Sarg des Vaters
zu beeinträchtigen; die wohlgetrockneten Bretter wurden abgehoben und eines nach
dem andern entzweigesägt. Der Schulmeister vermochte aber nicht lange
dabeizusein, und selbst die Frauen im Hause klagten über den Ton der Säge. Der
Schreiner und ich trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten
Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers, wo das Flüsschen aus dem
Gehölze hervortritt und in den See mündet. Junge Buchen bilden dort am Wasser
eine lichte Vorhalle, und indem der Schreiner einige der Bretter mittelst
Schraubzwingen an den Stämmchen befestigte, stellte er eine zweckmässige
Hobelbank her, über welcher die goldenen Laubkronen der Buchen sich wölbten.
Zuerst musste der Boden des Sarges zusammengefügt und geleimt werden. Ich machte
aus den ersten Hobelspänen und aus Reisig ein Feuer und setzte die Leimpfanne
darauf, in welche ich mit der Hand aus dem Bache Wasser träufelte, indessen der
Schreiner rüstig darauf lossägte und - hobelte. Während die gerollten Späne sich
mit dem fallenden Laube vermischten und die Bretter weiss wurden, machte ich die
nähere Bekanntschaft des jungen Gesellen. Es war ein Norddeutscher von der
fernsten Ostsee, gross und schlank gewachsen, mit kühnen und schön geschnittenen
Gesichtszügen, hellblauen, aber feurigen Augen und mit starkem goldenem Haar,
welches man immer über die freie Stirn zurückgestrichen und hinten in einen
Schopf gebunden zu sehen glaubte, so urgermanisch sah er aus. Seine Bewegungen
bei der Arbeit waren elegant, und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches.
Wir wurden bald vertraut, und er erzählte mir von seiner Heimat, von den alten
Städten im Norden, vom Meere und von der mächtigen Hansa. Wohlunterrichtet,
erzählte er mir von der Vergangenheit, den Sitten und Gebräuchen jener
Seeküsten; ich sah den langen und hartnäckigen Kampf der Städte mit den
Seeräubern, den Vitalienbrüdern, und wie Klaus Sturzenbecher mit vielen Gesellen
von den Hamburgern geköpft wurde; dann sah ich wieder, wie am ersten Mai aus den
Toren von Stralsund der jüngste Ratsherr mit einem glänzenden Jugendgefolge im
Waffenschmuck zog und in den prächtigen Buchenwäldern zum Maigrafen gekrönt
wurde mit einer grünen Laubkrone und wie er abends mit einer schönen Maigräfin
tanzte. Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern, von den
Hinterpommern bis zu den tüchtigen Friesen, bei welchen noch Spuren männlichen
Freiheitsinnes zu finden; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegängnisse, bis
der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald
die stattliche Republik eingeführt werden müsste. Ich schnitzte unterdessen nach
seiner Anleitung eine Anzahl hölzerner Nägel, er aber führte schon mit dem
Doppelhobel die letzten Stösse über die Bretter, feine Späne lösten sich gleich
zarten glänzenden Seidenbändern und mit einem hell singenden Tone, welcher unter
den Bäumen ein seltsames Lied war. Die Herbstsonne schien warm und lieblich
drein, glänzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht,
an deren Eingang wir uns angesiedelt. Jetzt baueten wir die glatten weissen
Bretter zusammen, die Hammerschläge hallten wider durch den Wald, dass die Vögel
überrascht aufflogen und die Schwalben erschreckt über den Seespiegel streiften,
und bald stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns, schlank und
ebenmässig, der Deckel schön gewölbt. Der Schreiner hobelte mit wenigen Zügen
eine schmale zierliche Hohlkehle um die Kanten, und ich sah verwundert, wie die
zarten Linien sich spielend dem weichen Holze eindrückten; dann zog er zwei
schöne Stücke Bimsstein hervor und rieb sie aneinander, indem er sie über den
Sarg hielt und das weisse Pulver über denselben verbreitete; ich musste lachen,
als er die Stücke geradeso gewandt und anmutig handhabte und abklopfte, wie ich
bei meiner Mutter gesehen, wenn sie zwei Zuckerschollen über einem Kuchen rieb.
Als er aber den Sarg vollends mit dem Steine abschliff, wurde derselbe so weiss
wie Schnee, und kaum der leiseste rötliche Hauch des Tannenholzes schimmerte
noch durch, wie bei einer Apfelblüte. Er sah so weit schöner und edler aus, als
wenn er gemalt, vergoldet oder gar mit Erz beschlagen gewesen wäre. Am Haupte
hatte der Schreiner der Sitte gemäss eine Öffnung mit einem Schieber angebracht,
durch welche man das Gesicht sehen konnte, bis der Sarg versenkt wurde; es galt
nun noch eine Glasscheibe einzusetzen, welche man vergessen, und ich fuhr nach
dem Hause, um eine solche zu holen. Ich wusste schon, dass auf einem Schranke ein
alter kleiner Rahmen lag, aus welchem das Bild lange verschwunden. Ich nahm das
vergessene Glas, legte es vorsichtig in den Nachen und fuhr zurück. Der Geselle
streifte ein wenig im Gehölze umher und suchte Haselnüsse; ich probierte
indessen die Scheibe, und als ich fand, dass sie genau in die Öffnung passte,
tauchte ich sie, da sie ganz bestaubt und verdunkelt war, in den klaren Bach und
wusch sie sorgfältig, ohne sie an den Steinen zu zerbrechen. Dann hob ich sie
empor und liess das lautere Wasser ablaufen, und indem ich das glänzende Glas
hoch gegen die Sonne hielt und durch dasselbe schaute, erblickte ich das
lieblichste Wunder, das ich je gesehen. Ich sah nämlich drei reizende,
musizierende Engelknaben; der mittlere hielt ein Notenblatt und sang, die beiden
anderen spielten auf altertümlichen Geigen, und alle schaueten freudig und
andachtsvoll nach oben; aber die Erscheinung war so lustig und zart
durchsichtig, dass ich nicht wusste, ob sie auf den Sonnenstrahlen, im Glase oder
nur in meiner Phantasie schwebte. Wenn ich die Scheibe bewegte, so verschwanden
die Engel auf Augenblicke, bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung
wieder entdeckte. Ich habe seiter erfahren, dass Kupferstiche oder Zeichnungen,
welche lange, lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen, während der
dunklen Nächte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr dauerndes
Spiegelbild in demselben zurücklassen. Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen,
als ich die fromme Schraffierung altdeutscher Kupferstecherei und in dem Bilde
die Art van Eyckscher Engel entdeckte. Eine Schrift war nicht zu sehen und also
das Blatt vielleicht ein seltener Probedruck gewesen, der in diese Täler auf
ebenso wunderbare Weise gekommen, als er wieder verschwunden war. Jetzt aber war
mir die kostbare Scheibe die schönste Gabe, welche ich in den Sarg legen konnte,
und ich befestigte sie selbst an dem Deckel, ohne jemandem etwas von dem
Geheimnis zu sagen. Der Deutsche kam wieder herbei; wir suchten die feinsten
Hobelspäne, unter welche sich manches gefallene Laub mischte, zusammen und
breiteten sie zum letzten Bett in den Sarg; dann schlossen wir ihn zu, trugen
ihn in den Kahn und schifften mit dem weitin scheinenden weissen Gerät über den
glänzenden stillen See, und die Frauen mit dem Schulmeister brachen in lautes
Weinen aus, als sie uns heranfahren und landen sahen.
    Am folgenden Tage wurde die Ärmste in den Sarg gelegt, von allen Blumen
umgeben, welche in Haus und Garten augenblicklich blüheten; aber auf die Wölbung
des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weissen Rosen gelegt,
welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten, und ausserdem noch so
viele einzelne Sträusse weisser duftender Blüten aller Art, dass die ganze
Oberfläche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb, durch welche
man das weisse zarte Gesicht der Leiche sah.
    Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden, und zu diesem
Ende hin musste Anna erst über den Berg getragen werden. Es erschienen daher eine
Anzahl Jünglinge aus dem Dorfe, welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern
nahmen, und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug.
Auf der sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf
die Erde gesetzt. Es war so schön hier oben! Der Blick schweifte über die
umliegenden Täler bis in die blauen Berge, das Land lag in glänzender
Farbenpracht rings um uns. Die vier kräftigen Jünglinge, welche die Bahre
zuletzt getragen, sassen ruhend auf den Tragewangen derselben, die Häupter auf
ihre Hände gestützt, und schaueten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus.
Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende weisse Wolken und schienen über dem
Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen
zu gucken, welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte
im Widerscheine der Wolken. Wir sassen, wie es sich traf, umher, und selbst mich
rührte jetzt eine grosse Traurigkeit, so dass mir einige Tränen entfielen, als ich
bedachte, dass Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe.
    Als wir ins Dorf hinuntergestiegen, läutete die Totenglocke zum ersten Mal;
Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause, wo man den Sarg unter die
Nussbäume vor die Tür hinstellte. Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das
Gastrecht bei dieser letzten Einkehr; es waren nun kaum andertalb Jahre
vergangen, seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben
Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüsste.
Bald war der Platz voll Menschen, welche sich herandrängten, um der Seligen zum
letzten Mal ins Angesicht zu schauen.
    Nun ging der Leichenzug vor sich, welcher ausserordentlich gross war; der
Schulmeister, welcher dicht hinter dem Sarge ging, schluchzte fortwährend wie
ein Kind. Ich bereute jetzt, keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen, denn
ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein
fremder Heide. Die Kirche war ganz mit Leuten angefüllt, obgleich es im Felde
viel zu tun gab. Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und
mit einem Choral beschlossen, scharte man sich draussen um das Grab, wo die ganze
Jugend, aussergewöhnlicherweise, einige sorgfältig eingeübte Figuralgesänge mit
heller und reiner Stimme sang. Ich hatte mich dicht an den Rand des Grabes
gestellt, während die übrigen Verwandten mit dem leidvollen Vater in der Kirche
blieben. Jetzt ward der Sarg hinabgelassen; der Totengräber reichte den Kranz
und die Blumen herauf, dass man sie aufbewahre, und der arme Sarg stand nun blank
in der feuchten Tiefe. Der Gesang dauerte fort, aber alle Frauen schluchzten.
Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche
Gesicht, das darunter lag; das Gefühl, das ich jetzt empfand, war so seltsam,
dass ich es nicht anders als mit dem fremden hochtrabenden und kalten Worte
»objektiv« benennen kann, welches die deutsche Ästetik erfunden hat. Ich
glaube, die Glasscheibe tat es mir an, dass ich das Gut, was sie verschloss,
gleich einem in Glas und Rahmen gefassten Teil meiner Erfahrung, meines Lebens,
in gehobener und feierlicher Stimmung, aber in vollkommener Ruhe begraben sah;
noch heute weiss ich nicht, war es Stärke oder Schwäche, dass ich dies tragische
und feierliche Ereignis viel eher genoss als erduldete und mich beinahe des nun
ernst werdenden Wechsels des Lebens freute.
    Der Schieber wurde zugetan, der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf,
und bald war der braune Hügel aufgebaut.
    Judit liess sich nicht sehen am Grabe; in einem demütigen und entsagenden
Gefühle der Fremdheit hielt sie sich in ihrem Hause verschlossen.
    Am andern Tage, als der Schulmeister zu erkennen gab, dass er nun seinen
Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle, schickte ich
mich an, mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren. Vorher ging ich zur
Judit und fand sie beschäftigt, ihre Bäume zu mustern, da die Zeit wieder
gekommen war, wo man das Obst einsammelte. Der Herbstnebel traf gerade heute zum
ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen
Gewebe. Judit war ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht
recht wusste, wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte, während sie
doch schon die Zeit vor sich sah, wo ich mich wenigstens so lange ihr ohne
Rückhalt hingeben konnte, bis das Leben mich weiterführte.
    Ich sagte aber ernstaft, ich wäre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen,
und zwar für immer; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen. Sie erschrak und
rief lächelnd, das werde nicht so unwiderruflich feststehen; sie war bei diesem
Lächeln so erbleicht und doch so freundlich, dass dieser Zauber mich beinahe
umkehrte, wie man einen Handschuh umkehrt. Doch ich bezwang mich und fuhr fort
dass es ferner nicht so gehen könne, dass ich Anna von Kindheit auf gern gehabt,
dass sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert
gewesen sei. Treue und Glauben müssten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres
müsste man sich halten, und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht, sondern
auch als ein schönes Glück, in dem Andenken der Verstorbenen, im Hinblick auf
unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern für das
ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten.
    Als Judit diese Worte hörte, erschrak sie noch mehr und wurde zugleich
schmerzlich berührt. Es waren wieder von den Worten, von denen sie behauptete,
dass niemals jemand zu ihr welche gesagt habe. Heftig ging sie unter den Bäumen
umher und sagte dann »Ich habe geglaubt, dass du mich wenigstens auch etwas
liebtest!«
    »Gerade deswegen«, erwiderte ich, »weil ich wohl fühle, dass ich heftig an
dir hange, muss ein Ende gemacht werden!«
    »Nein, gerade deswegen musst du erst anfangen, mich recht und ganz zu
lieben!«
    »Das wäre eine schöne Wirtschaft!« rief ich, »was soll dann aus Anna
werden?«
    »Anna ist tot!«
    »Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen, und ich kann doch nicht
einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln!«
    Bitter lachend stand Judit vor mir still und sagte:
    »Das wäre allerdings komisch! Aber wissen wir denn, ob es eigentlich eine
Ewigkeit gibt?«
    »So oder so«, erwiderte ich, »gibt es eine, und wenn es nur diejenige des
Gedankens und der Wahrheit wäre! Ja, wenn das tote Mädchen für immer in das
Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte, bis auf den Namen, so
wäre dies erst ein rechter Grund, der armen Abwesenden Treue und Glauben zu
halten! Ich habe es gelobt, und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend
machen!«
    »Nichts!« rief Judit, »o du närrischer Gesell! Willst du in ein Kloster
gehen? Du siehst mir darnach aus! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht
ferner streiten; ich habe nicht gewünscht, dass du nach der traurigen Begebenheit
sogleich zu mir kommest, und habe dich nicht erwartet. Geh nach der Stadt und
halte dich ein halbes Jahr still und ruhig, und dann wirst du schon sehen, was
sich ferner begeben wird!«
    »Ich seh es jetzt schon«, erwiderte ich, »du wirst mich nie wieder sehen und
sprechen, dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem, was heilig ist, bei dem
bessern Teil meiner selbst und -«
    »Halt inne!« rief Judit ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund; »du
würdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame Schlinge
gelegt zu haben! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen! Und dazu
behaupten sie und machen sich selber weis, dass sie nach ihrem Herzen handeln.
Fühlst du denn gar nicht, dass ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann,
zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann? Du kannst es und tust es
heimlich doch, und somit wäre alles in der Ordnung! Sobald du mich nicht mehr
leiden magst, sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen, sollst du mich ganz
und für immer verlassen und vergessen, ich will dies über mich nehmen; aber nur
jetzt verlass mich und zwinge dich nicht, mich zu verlassen, dies allein tut mir
weh, und es würde mich wahrhaft unglücklich machen, allein um unserer Dummheit
willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen!«
    »Diese zwei Jahre«, sagte ich, »müssen und werden auch so vorübergehen, und
gerade dann werden wir beide glücklicher sein, wenn wir jetzt scheiden; es ist
nun gerade noch die höchste Zeit, es, ohne spätere Reue und das Bisherige
gutzumachen, zu tun. Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll, so wisse, dass
ich mir auch dein Andenken, was immer ein Andenken der Verirrung für mich sein
wird, doch noch so rein und schön als möglich retten und erhalten möchte, und
das kann nur noch durch ein rasches Scheiden in diesem Augenblicke geschehen. Du
sagst und beklagst es, dass du nie teilgehabt an der edleren und höheren Hälfte
der Liebe! Welche bessere Gelegenheit kannst du ergreifen, als wenn du aus Liebe
zu mir mir freiwillig erleichterst, deiner mit Achtung und Liebe zu gedenken und
zugleich der Verstorbenen treu zu sein? Wirst du dich dadurch nicht an jener
tieferen Art der Liebe beteiligen?«
    »Oh, alles Luft und Schall!« rief Judit, »ich habe nichts gesagt, ich will
nichts gesagt haben! Ich will nicht deine Achtung, ich will dich selbst haben,
solange ich kann!«
    Sie suchte meine beiden Hände zu fassen, ergriff dieselben, und während ich
sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemühte, indes sie mir ganz flehentlich in
die Augen sah, fuhr sie nicht leidenschaftlichem Tone fort:
    »O liebster Heinrich! Geh nach der Stadt, aber versprich mir, dich nicht
selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwüre und Gelübde!
Lass dich -«
    Ich wollte sie unterbrechen, aber sie verhinderte mich am Reden und
überflügelte mich:
    »Lass es gehen, wie es will, sag ich dir! Auch an mich darfst du dich nicht
binden, du sollst frei sein wie der Wind! Gefällt es dir -«
    Aber ich liess Judit nicht ausreden, sondern riss mich los und rief:
    »Nie werd ich dich wiedersehen, so gewiss ich ehrlich zu bleiben hoffe!
Judit! leb wohl!«
    Ich eilte davon, sah mich aber noch einmal um, wie von einer starken Gewalt
gezwungen, und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen, die Hände noch
ausgestreckt von dem Losreissen der meinigen und überrascht, kummervoll und
beleidigt zugleich mir nachschauend, ohne ein Wort hervorzubringen, bis mir der
von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte.
    Eine Stunde später sass ich mit meiner Mutter auf einem Gefährt, und einer
der Söhne meines Oheims führte uns nach der Stadt. Ich blieb den ganzen Winter
allein und ohne allen Umgang; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich
kaum ansehen, da es mich immer an den unglücklichen Römer erinnerte und ich mir
kaum ein Recht zu haben schien, das, was er mich gelehrt, fortzubilden und
anzuwenden. Manchmal machte ich den Versuch, eine neue und eigene Art zu
erfinden, wobei sich aber sogleich herausstellte, dass ich selbst das Urteil und
die Mittel, die ich dazu verwandte, nur Römern verdankte. Dagegen las ich fort
und fort, vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein. Ich las immer
deutsche Bücher und auf die seltsamste Weise. Jeden Abend nahm ich mir vor, den
nächsten Morgen, und jeden Morgen, den nächsten Mittag die Bücher beiseite zu
werfen und an meine Arbeit zu gehen; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den
Termin; aber die Stunden stahlen sich fort, indem ich die Buchseiten umschlug,
ich vergass sie buchstäblich; die Tage, Wochen und Monate vergingen so sachte und
heimtückisch, als ob sie, leise sich drängend, sich selbst entwendeten und zu
meiner fortwährenden Beunruhigung lachend verschwänden. Sonst, wenn ich die
Bücher alter und fremder Völker las, füllten mich dieselben stets mit frischer
Lust zur Arbeit, und selbst die neueren französischen oder italienischen Sachen
waren, selbst wenn ihr Gehalt nicht vom erlauchtesten Geiste, doch von solcher
Gestaltungslust getränkt, dass ich sie oft fröhlich wegwarf und auf eigenes Tun
sann. Durch die deutschen Bücher hingegen wurde ich tief und tiefer in einen
schmerzlichen Genuss unrechtmässiger Ruhe und Beschaulichkeit hineingezogen, aus
welchem mich der immer wache Vorwurf doch nicht reissen konnte. Ja, ich empfand
trotz des bösen Gewissens sogar mehr und mehr eine Sehnsucht, selbst über den
Rhein zu setzen und erst recht mitten in diese Welt zu geraten.
    Jedoch brachte der Frühling eine kräftige Erlösung aus diesem unbehaglichen
Zustande; ich hatte nun das achtzehnte Jahr überschritten, war militärpflichtig
geworden und musste mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden, um die
kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen. Ich stiess auf ein
summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Ständen, welche
jedoch bald von einer Handvoll grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht,
abgeteilt und während vieler Stunden als ungefüger Rohstoff hin- und
hergeschoben wurden, bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten. Als sodann
die Übungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen
seltsamen Vorgesetzten, welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren,
zusammenkamen, wurde mir, der ich nichts bedacht hatte, unter Gelächter mein
langes Haar dicht am Kopfe weggeschnitten. Aber ich legte es mit dem grössten
Vergnügen auf den Altar des Vaterlandes und fühlte behaglich die frische Luft um
meinen geschorenen Kopf wehen. Jetzt mussten wir aber auch die Hände darstrecken,
ob sie gewaschen und die Nägel ordentlich beschnitten seien, und nun war die
Reihe an manchem biedern Handarbeiter, sich geräuschvoll belehren zu lassen.
Dann gab man uns ein kleines Büchelchen, das erste einer ganzen Reihe, in
welchem Pflichten und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Sätzen als
Fragen und Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren. Jeder Regel war aber
eine tüchtige kurze Begründung beigefügt, und wenn auch manchmal diese in den
Satz der Regel, die Regel aber hintennach in die Begründung hineingeraten war,
so lernten wir doch alle jedes Wort eifrig und andächtig auswendig und setzten
eine Ehre darein, das Pensum ohne Stottern herzusagen. Endlich verging der Rest
des ersten Tages über den Bemühungen, von neuem geradestehen und einige Schritte
gehen zu lernen, was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich
vollendete.
    Es galt nun, sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder
Pünktlichkeit zu befleissen, und obgleich dies mich aus meiner vollkommenen
Freiheit und Selbsterrlichkeit herausriss, so empfand ich doch einen wahren
Durst, mich dieser Strenge hinzugeben, so komisch auch ihre nächsten kleinen
Zwecke waren, und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte, und zwar nur
aus Versehen, Überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden, welche
sich ihrerseits ganz ähnlich verhielten.
    Als wir soweit waren, mit Ehren über die Strasse zu marschieren, zogen wir
jeden Tag auf den Exerzierplatz, welcher im Freien lag und von der Landstrasse
durchschnitten wurde. Eines Tages, als ich mitten in einem Gliede von etwa
fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors, der unermüdlich rückwärts vor
uns herging, schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend, so schon
stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen und vielfach in
unseren Schwenkungen die vielen anderen Abteilungen gekreuzt hatte, kamen wir
plötzlich dicht an die Landstrasse zu stehen und machten dort halt und Front
gegen dieselbe. Der Exerziermeister, welcher hinter der Front stand, liess uns
eine Weile regungslos verharren, um einige nicht schmeichelhafte Bemerkungen und
Ausstellungen an unseren Gliedmassen anzubringen. Während er hinter unserm Rücken
lärmte und fluchte, soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten, und wir
so mit dem Gesichte gegen die Strasse gewendet ihm zuhörten, kam ein grosser, mit
sechs Pferden bespannter Wagen angefahren, wie die Auswanderer ihn herzurichten
pflegen, welche sich nach den französischen Häfen begeben. Dieser Wagen war mit
ansehnlichem Gute beladen und schien einer oder zwei stattlichen Familien zu
dienen, die nach Amerika gingen. Zwei kräftige Männer gingen neben den Pferden,
vier oder fünf Frauen sassen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache, nebst
mehreren Kindern und selbst einem Greise. Aber diesen Leuten hatte sich Judit
angeschlossen; denn ich entdeckte sie, als ich zufällig hinsah, hoch und schön
unter den Frauen, mit Reisekleidern angetan. Ich erschrak heftig, und das Herz
schlug mir gewaltig, während ich mich nicht regen noch rühren durfte. Judit,
welche im Vorüberfahren, wie mir schien, mit finsterm Blicke auf die
Soldatenreihe sah, erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die
Hände nach mir aus. Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann
»Kehrt euch!« und führte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das
entgegengesetzte Ende des weiten Platzes. Ich lief immer mit, die Arme
vorschriftsmässig längs des Leibes angeschlossen, »die kleinen Finger an der
Hosennaht, die Daumen auswärts gekehrt«, ohne mir was ansehen zu lassen,
obgleich ich heftig bewegt war; denn in diesem Augenblicke war es mir, als ob
sich mir das Herz in der Brust wenden wollte. Als wir endlich das Gesicht wieder
der Strasse zukehrten, nach den massgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des
Führers, verschwand der Wagen eben in weiter Ferne.
    Glücklicherweise ging man nun auseinander, und indem ich mich sogleich
entfernte und die Einsamkeit suchte, fühlte ich, dass jetzt der erste Teil meines
Lebens für mich abgeschlossen sei und ein anderer beginne.
    In diesem Frühling traf es sich noch, dass ich mich zugleich in anderer Weise
zum ersten Mal als Bürger geltend machen durfte, indem eine Integral-Erneuerung
der gesetzgebenden Behörde und die von dieser abhängige Erneuerung der
verwaltenden und richterlichen Gewalt vor sich ging und die Wahlen dazu
festgesetzt waren.
    Als ich mich aber, hiezu aufgefordert, in einige Vorversammlungen und
endlich am ersten Maisonntage in die Kirche begab, um meine Stimme abzugeben,
fand ich darin nicht jene Erhebung, auf welche ich mich schon lange gefreut,
obgleich ich von den immer noch lebensfrohen Freunden meines Vaters tapfer
begrüsst und aufgemuntert wurde. Ich sah, dass alle anderen jungen Leute, die zum
ersten Mal hier erschienen, als Handwerker, Kaufleute oder Studierende entweder
schon selbständig oder durch ihre Väter oder durch einen bestimmten, nahe
gesteckten Zweck mit der öffentlichen Wohlfahrt in einem klaren und sichern
Zusammenhang standen; und wenn selbst diese Jünglinge sich höchst bescheiden und
still verhielten bei der Ausübung ihres Rechtes, so musste ich dies noch weit
mehr tun und sogar von einer gewissen kühlen Schüchternheit befangen werden, da
ich noch gar nicht absah, wie bald und auf welche Weise ich ein nützliches und
wirksames Glied dieser Gesamteit werden würde. Bis jetzt war durch mich noch
nicht ein Bissen Brot in die Welt gekommen, und mein bisheriges Treiben hatte
mich weit von dem betriebsamen Verkehr abgeführt; ich gab also ohne grossen
Aufwand von Gefühlen meine Erstlingsstimme in öffentlichen Dingen, mehr um
einstweilen mein Recht zu wahren und dasselbe bloss andeutungsweise einmal
auszuüben, ehe ich in die Weite ging, um erst etwas zu werden. Indessen
betrachtete ich mit Vergnügen die versammelten Männer und ihr Behaben und freute
mich an ihnen sowohl wie an den zahllosen Blüten, welche Überall die Erde
bedeckten, und an dem blauen Maihimmel, welcher über alle sich ausspannte.
    Mein einziges Trachten ging aber von nun an dahin, so bald als möglich über
den Rhein zu gelangen, und um mir bis dahin die Stunden zu verkürzen, habe ich
mir diese Schrift geschrieben.
                           Ende der Jugendgeschichte
 
                                Viertes Kapitel
Das zweite Jahr ging seinem Ende entgegen, seit Heinrich in der deutschen
Hauptstadt, dem Sitze eines vielseitigen Kunst-, Gelehrten- und Volkslebens,
sich aufhielt, mitten in einem Zusammenflusse von Fremden aller Gegenden in und
ausser Deutschland. Er hatte Längst sein Sammetbarett und den beschnürten grünen
Rock abgelegt und ging in schlichten Kleidern und mit einem Hute, der nur durch
etwas breitere Krempen und durch die sorglose Art, mit welcher er behandelt und
getragen wurde, den Künstler bezeichnete. Aber desto tiefer hatte sich der
inwendige grüne Heinrich das Barettchen in die Augen gezogen und in das
närrische Röckchen eingeknöpft, und wenn unser Held in der grossen Stadt rasch
die Freiheit und Sicherheit der äusserlichen Bewegung unter den vielen jungen
Leuten angenommen hatte, so verkündete dagegen sein selbstvergessenes und wie im
Traume blitzendes Auge, dass er nicht mehr der durch Einsamkeit früh reife und
unbefangene Beobachter seiner selbst und der Welt war, wie er sich in seiner
Jugendgeschichte gezeigt, sondern dass er von der Gewalt einer grossen
Nationalkultur, wie diese an solchem Punkte und zu dieser Zeit gerade bestand,
gut oder schlecht, in ihre Kreise gezogen worden. Er schwamm tapfer mit in
dieser Strömung und hielt vieles, was oft nur Liebhaberei und Ziererei ist, für
dauernd und wohnlich, dem man sich eifrig hingeben müsse. Denn wenn man von
einer ganzen Menge, die eine eigene technische Sprache dafür hat, irgendeine
Sache ernstaft und fertig betreiben sieht, so hält man sich leicht für
geborgen, wenn man dieselbe nur mitspielen kann und darf.
    Da ihn aber dennoch irgendein Gefühl ahnen liess, dass auch diese Zeit mit
ihren Anregungen vorübergehen werde, so gab er sich nur mit einem bittersüssen
Widerstreben hin, von dem er nicht wusste, woher es kam. Heinrich war ausgezogen,
die grosse Germania selbst zu küssen, und hatte sich statt dessen in einem der
schimmernden Haarnetze gefangen, mit welchen sie ihre seltsamen Söhne zu
schmücken pflegen.
    Sein täglicher Umgang bestand in zwei Genossen, welche, gleich ihm vom
äussersten Saume deutschen Volkstumes herbeigekommen, in verschiedener und doch
ähnlicher Lage sich befanden. Der Zufall welcher das Kleeblatt zusammengeführt,
schien bald ein notwendiges Gesetz zu sein, so sehr gewöhnten sie sich
aneinander.
    Der erste und hervorragendste an körperlicher Grösse und Wohlgestalt war
Erikson, ein Kind der nördlichen Gewässer, ein wahrer Riese, welcher selbst
nicht wusste, ob er eigentlich ein Däne oder ein Deutscher sei, indessen gern
deutsch gesinnt war, wenn er um diesen Preis den grossen Stock der Deutschen,
gewissermassen das Reich der Mitte, wie er es nannte, als charakterlos und aus
der Art geschlagen tadeln durfte. Er war ein vollkommener Jäger, ging stets in
rauher Jägertracht und hielt sich häufig auf dem Lande, im Gebirge auf, um
Birkhühner zu schiessen, sich in der Gemsjagd zu versuchen oder sich selbst den
Männern des Gebirges anzuschliessen, wenn sie nach einem seltenen Bären auszogen.
Alle Vierteljahr malte er regelmässig ein Bildchen vom allerkleinsten Massstabe,
nicht grösser als sein Handteller, das in einem oder andertalb Tagen fertig war.
Diese Bildchen verkaufte er jedesmal ziemlich teuer, und aus dem Erlöse lebte er
und rührte dann keinen Pinsel wieder an, bis die Barschaft zu Ende ging. Seine
kleinen Werke entielten weiter nichts als ein Sandbord, einige Zaunpfähle mit
Kürbissen oder ein paar magere Birken mit einem blassen schwindsüchtigen
Wölkchen in der Luft. Warum sie den Liebhabern gefielen und wie er selbst dazu
gekommen, sie zu malen, wusste er nicht zu sagen und niemand. Erikson war nicht
etwa ein schlechter Maler, dazu war er zu geistreich; er war gar kein Maler. Das
wusste er selbst am besten, und aus humoristischer Verzweiflung verhüllte er die
Nüchternheit und Dürre seiner Erfindungen und seine gänzliche Unproduktivität
mit so verzwickten zierlichen Pinselstrichen, geistreichen Schwänzchen und
Schnörkelchen, dass die reichen Kenner ihn für einen ausgesuchten Kabinettsmaler
hielten und sich um seine seltsamen Arbeiten stritten. Seine grösste,
tiefsinnigste Kunst, und von wahrhaftem Verdienst, bestand in der weisen
Ökomonie, mit welcher er seine Bildchen so anzuordnen wusste dass weder durch den
Gegenstand noch durch die Beleuchtung Schwierigkeiten erwuchsen und die
Inhaltlosigkeit und Armut als elegante Absichtlichkeit erschienen. Aber trotzdem
waren jedesmal die andertalb Tage Arbeit ein höllisches Fegefeuer für den
biedern Erikson. Seine Hünengestalt, die sonst nur in ruhig kräftiger Tat sich
bewegte, ängstigte sich alsdann in peinlicher Unruhe vor dem kleinen Rähmchen,
das er bemalte; er stiess mächtige Rauchwolken aus der kurzen Jägerpfeife, welche
ihm an den Lippen hing, seufzte und stöhnte, stand hundertmal auf und setzte
sich wieder und klagte, rief oder brummte »O heiliges Donnerwetter! Welcher
Teufel musste mir einblasen, ein Maler zu werden! Dieser verfluchte Ast! Da hab
ich zuviel Laub angebracht, ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche
Masse Baumschlag zusammenbringen! Welcher Hafer hat mich gestochen, dass ich ein
so kompliziertes Gesträuch wagte? O Gott, o Gott, o Gott, o Gott! O wär ich, wo
der Pfeffer wächst! ei, ei, ei, ei! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich
nur diesmal noch aus der Tinte komme! Oh! warum bin ich nicht zu Hause geblieben
und ein ehrlicher Seemann geworden!«
    Dann fing er aus Verzweiflung an zu singen, denn er sang so schön und
gewaltig wie ein alter Seekönig, und sang mit mächtiger Stimme:
»O war ich auf der hohen See
Und sässe fest am Steuer!«
Er sang Lied auf Lied, Trinklieder, Wanderlieder, Jagdlieder, der Glanz und Duft
der Natur kam über ihn, er pinselte in seiner Angst kühn darauf los, und seine
winzige Schilderei erhielt zuletzt wirklich einen gewissen Zauber. War das
Bildchen fertig, so versah es Erikson mit einem prachtvollen goldenen Rahmen,
sendete es weg, und sobald er die gewichtigen Goldstücke in der Tasche hatte,
hütete er sich, an die überstandenen Leiden zu denken oder von Kunst zu
sprechen, sondern ging unbekümmert und stolz einher, war ein herrlicher Kumpan
und Zechbruder und machte sich bereit, ins Gebirge zu ziehen, aber nicht mit
Farben und Stift, sondern mit Gewehr und Schrot.
    Der Hervorragendste an feinem Geiste und überlegenem Können in dem Bunde war
ein Holländer aus Amsterdam, namens Ferdinand Lys, ein junger Mann mit
anmutigen, verführerischen Gesichtszügen, der letzte Sprössling einer reichen
Handelsfamilie, ohne Eltern und Geschwister, schon früh in der Welt
alleinstehend und von halb schwermütiger, halb lebenslustiger Gemütsart, gewandt
und selbständig und wegen des Zusammentreffens seines grossen Reichtumes, seiner
Einsamkeit und seines genussdürstigen Witzes ein grosser Egoist.
    Während mehrerer Jahre, welche Ferdinand in der Werkstatt eines berühmten
genialen Meisters zugebracht, hatte sich sein glänzendes Talent immer bestimmter
und siegreicher hervorgetan; indem er sich eifrig und aufrichtig der neuen
deutschen Kunst anschloss, schrieb er mit seiner Kohle schon fast ebenso schön
und sicher wie der Meister auf den Karton die menschliche Gestalt, nackt oder
bekleidet, in einem Zuge, langsam, fest und edel, gleich dem Zuge des Schwanes
auf dem glatten Wasserspiegel. Ebenso zeigte er sich in Aneignung und
Verständnis der Farbe von Tag zu Tag blühender und männlicher, und die seltene
Reife in der Vereinigung beider Teile überraschte jedermann, erwarb ihm die
Achtung von Alten und Jungen und erweckte die grössten Hoffnungen, wenn Erfahrung
und Jahre ihm auch den tiefern Inhalt und das Ziel für diese glänzenden
Fortschritte brächten.
    Als Ferdinand aber von einem vorläufigen einjährigen Aufentalt in Italien
zurückkehrte, war er wie umgewandelt. Er zerriss alle seine früheren Entwürfe und
Skizzen von Schlachten, Staatsaktionen, mytologischen Inhalts und diejenigen,
welche nach Dichtungen gebildet waren, was er alles in seiner alten Wohnung
aufgehäuft fand, in tausend Stücke und liess nichts bestehen als seine schönen
musterhaften Studien nach der Natur und seine Kopien nach den alten Italienern.
Eh er nach Rom gegangen, war er ein stolzer und spröder Jüngling, der mit
jugendlichem Ernste nach dem Ideale der alten herkömmlichen grossen Historie
strebte und von Zeit und Leben keine Erfahrung hatte. Italien, seine Luft und
seine Frauen lehrten ihn, dass Form, Farbe und Glanz nicht nur für die Leinwand,
sondern auch zum lebendigen Gebrauch gut und dienlich seien. Er wurde ein
Realist und gewann von Tag zu Tag eine solche Kraft und Tiefe in der Empfindung
des Lebens und des Menschlichen, dass die Überlieferungen seiner Jugend und
Schülerzeit dagegen erbleichen mussten. Wohl drängte sich diese Kraft gleich in
die Malerhand; aber indem er mit gewissenhaftem Fleisse sich in die Werke der
Alten vertiefte, musste er sich überzeugen, dass diese grossen Realisten schon
alles getan, was in unserm Jahrtausend vielleicht überhaupt erreicht werden
konnte, und dass wir einstweilen weder so erfinden und zeichnen werden wie
Raffael und Michelangelo noch so malen wie die Venezianer. Und wenn wir es
könnten, sagte er sich, so hätten wir keinen Gegenstand dafür. Wir sind wohl
etwas, aber wir sehen wunderlicherweise nicht wie etwas aus, wir sind blosses
Übergangsgeschiebe. Wir achten die alte Staats-und religiöse Geschichte nicht
mehr und haben noch keine neue hinter uns, die zu malen wäre, das Gesicht
Napoleons etwa ausgenommen; wir haben das Paradies der Unschuld, in welchem jene
noch alles malen konnten, was ihnen unter die Hände kam, verloren und leben nur
in einem Fegefeuer. Wenigstens war es bei ihm wirklich der Fall. Lys gähnte
schon, wenn er von weitem ein historisches, allegorisches oder biblisches Bild
sah, war es auch von noch so gebildeten und talentvollen Leuten gemacht, und
rief »Der Teufel soll den holen, welcher behauptet, ergriffen zu sein von dieser
Versammlung von Bärten und Nichtbärten, welche die Arme ausrecken und
gestikulieren!« Von dem Anlehnen des Malers an die Dichtung oder gar an die
Geschichte der Dichtung wollte er jetzt auch nichts mehr wissen; denn seine
Kunst sollte nicht die Bettlerin bei einer anderen sein. Alle diese Widersprüche
zu überwinden und ihnen zum Trotz das darzustellen, was er nicht fühlte noch
glaubte, aber es durch die Energie seines Talentes doch zum Leben zu bringen,
nur um zu malen, dazu war er zu sehr Philosoph und, so seltsam es klingen mag,
zu wenig Maler.
    So schloss er sich nach seiner Rückkehr ab, malte nur wenig und langsam, und
was er malte, war wie ein Tasten nach der Zukunft, ein Suchen nach dem
ruhevollen Ausdruck des menschlichen Wesens, in dem Beseligtsein in seiner
eigenen körperlichen Form, sei sie von Lust oder Schmerz durchdrungen. Er malte
am liebsten schöne Weiber nach der Natur oder solche männliche Köpfe, deren
Inhaber Geist, Charakter und etwas Erlebnis besassen. Die wenigen Bilder, welche
er jahrelang unvollendet und doch mit grossem Reiz übergossen bei sich stehen
hatte, entielten einzelne oder wenige Figuren in ruhiger Lage, und zuletzt
verfiel er ganz auf einen Kultus der Persönlichkeit, dessen naive Andacht,
verbunden mit der Überlegenheit des Machwerkes, allein das Lachen der anderen
verhindern konnte. Dieser Kultus, heisse Sinnlichkeit und eine geheimnisvolle
Trauer waren ziemlich die Elemente seiner Tätigkeit.
    Er hatte drei oder vier Bilder, die er nie ganz vollendete, die niemand
ausser seinen nächsten Freunden zu sehen bekam, aber auf jeden, welcher sie sah,
einen immer neuen tiefen Eindruck machten. Das erste war ein Salomo mit der
Königin von Saba. Es war ein Mann von wunderbarer Schönheit, der sowohl das
Hohelied gedichtet als geschrieben haben musste Es ist alles eitel unter der
Sonne! Die Königin war als Weib, was er als Mann, und beide, in reiche, üppige
Wänder gehüllt, sassen allein und einsam sich gegenüber und schienen, die
brennenden Augen eines auf das andere geheftet, in heissem, fast feindlichem
Wortspiele sich das Rätsel ihres Wesens, der Weisheit und des Glückes
herauslocken zu wollen. Das Merkwürdige dabei war, dass der schöne König in
seinen Gesichtszügen ein zehnmal verschönter und verstärkter Ferdinand Lys zu
sein schien.
    Ein anderes Bild stellte einen Hamlet dar, aber nicht nach einer Szene des
grossen Trauerspieles, sondern als Porträt und so, als ob ein anachronischer van
Dyck den Prinzen in seinen Staatsgewändern gemalt hätte, ganz jung, blühend und
hoffnungsvoll, und doch mit seinem ganzen Schicksal schon um Stirn und Augen.
Dieser Hamlet glich ebenfalls stark dem Maler selbst.
    Obgleich im strengsten Stil gehalten, machte doch einen überwältigenden,
verführerischen Eindruck eine Königin, welche, schon von jeder Hülle entblösst,
eben mit dem Fuss in einen klaren Bach zum Bade tritt und vergessen hat, ihre
goldene Krone vom Haupte zu tun. So trat sie, mit derselben geschmückt, dem
Beschauer gerade entgegen, jeder Zoll ein majestätisches Weib, aus einem
Lorbeergebüsch hervor, den ruhigen Blick auf das kühle Wasser gesenkt. Dies
Bild, so gewaltig es war, war doch, mit wahrhaft klassischer Liebe und
Kindlichkeit ausgeschmückt und ausgeführt. Das Beiwerk, die glänzenden Steine im
Bach, die durchsichtigen spielenden Wellen, die stahlblauen Libellen darüber,
die Blumen am Ufer, die Lorbeerbäumchen und endlich die Wolken am tiefblauen
Himmel, alles war so frisch und leuchtend und doch so streng und fromm geformt,
dass die sinnliche Gewalt, welche auf den reichen Gliedern der Hauptfigur
herrschte, auf dem heiligsten Rechtsboden zu stehen schien.
    Das Hauptbild aber, und auf welches er den meisten Fleiss verwandte, war eine
grössere Komposition, deren Veranlassung die Psalmworte gegeben Wohl dem, der
nicht sitzet auf der Bank der Spötter! Auf einer halbkreisförmigen Steinbank in
einer römischen Villa, unter einem Rebendache, sassen vier bis fünf Männer in der
Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, einen antiken Marmortisch vor sich, auf
welchem Champagner in hohen venezianischen Gläsern perlte. Vor dem Tische, mit
dem Rücken gegen den Beschauer gewendet, sass einzeln ein üppig gewachsenes
junges Mädchen, festlich geschmückt, welches eine Laute stimmt und, während sie
mit beiden Händen damit beschäftigt ist, aus einem Glase trinkt, das ihr der
nächste der Männer, ein kaum neunzehnjähriger Jüngling, an den Mund hält. Dieser
sah beim lässigen Hinhalten des Glases nicht auf das Mädchen, sondern fixierte
den Beschauer, indessen er sich zu gleicher Zeit an einen silberhaarigen Greis
mit kahler Stirn und rötlichem Gesicht lehnte. Der Greis sah ebenfalls auf den
Beschauer und schlug dazu spöttisch mutwillig Schnippchen mit der einen Hand,
indessen die andere sich gegen den Tisch stemmte. Er blinzelte ganz verzwickt
freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines Neunzehnjährigen,
indessen der Junge, mit trotzig schönen Lippen, mattglühenden schwarzen Augen
und unbändigen Haaren, deren Ebenholzschwärze durch den verwischten Puder
glänzte, die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen schien. Auf der Mitte
der Bank, deren hohe, zierlich gemeisselte Lehne man durch die Lücken bemerkte,
sass ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst, welcher mit offenbarem Hohne,
die Nase verziehend, aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch noch
beleidigender machte, dass er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose das
Ansehen gab, als wolle er denselben gutmütig verhehlen. Auf diesen folgte ein
stattlicher ernster Mann; dieser blickte ruhig, fast schwermütig, aber mit
mitleidigem, bedauerlichem Spott drein, und endlich schloss den Halbkreis, dem
Jüngling gegenüber, ein eleganter Abbé in seidener Soutane, welcher, wie eben
erst aufmerksam gemacht, einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer
richtete, während er eine Prise in die Nase drückte und in diesem Geschäft einen
Augenblick anhielt, so sehr schien ihn die Lächerlichkeit, Hohlheit oder
Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu heillosen Witzen aufzufordern.
So waren alle Blicke, mit Ausnahme derer des Mädchens, auf den gerichtet,
welcher vor das Bild trat, und sie schienen mit unabwehrbarer Durchdringung jede
Selbsttäuschung, Halbheit, Schwärmerei, jede verborgene Schwäche, jede unbewusste
Heuchelei aus ihm herauszufischen oder vielmehr schon entdeckt zu haben. Auf
ihren eigenen Stirnen und über ihren Augen, um ihre Mundwinkel ruhte zwar
unverkennbare Hoffnungslosigkeit; aber trotz ihrer Marmorblässe, die alle, ohne
den rötlichen Greis, überzog, staken sie in einer so unverwüstlichen muntern
Gesundheit, und der Beschauer, der nicht ganz seiner bewusst war, befand sich so
übel unter diesen Blicken, dass man eher versucht war auszurufen Weh dem, der da
steht vor der Bank der Spötter! und sich gern in das Bild hineingeflüchtet
hätte.
    Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes durchaus verneinender Natur, so
war dagegen die Ausführung mit der positivsten Lebensessenz getränkt. Jeder Kopf
zeigte eine inhaltvolle eigentümlichste Individualität und war für sich eine
ganze tragische Welt oder eine Komödie und nebst den schönen arbeitlosen Händen
vortrefflich beleuchtet und gemalt. Die gestickten Kleider der wunderlichen
Herren, der grüne Sammet und der rote Atlas an der reichen Tracht des Weibes,
ihr blendender Nacken, die Korallenschnur darum, ihre von Perlenschnüren
durchzogenen schwarzen Zöpfe und Locken, die goldene sonnige Bildhauerarbeit an
dem alten Marmortische, die Gläser mit den aufschäumenden Perlen, selbst der
glänzende Sand des Bodens, in welchen sich der reizende Fuss des Mädchens
drückte, diese zarten weissen Knöchel im rotseidenen Schuh alles dies war so
zweifellos, breit und sicher und doch ohne alle Manier und Unbescheidenheit,
sondern aus dem reinsten naiven Wesen der Kunst und aus der Natur heraus gemalt,
dass der Widerspruch zwischen diesem freudigen, kraftvollen Glanz und dem
kritischen Gegenstand der Bilder die wunderbarste Wirkung hervorrief. Dies klare
und frohe Leuchten der Formenwelt war Antwort und Versöhnung, und die ehrliche
Arbeit, das volle Können, welche ihm zugrunde lagen, waren der Lohn und Trost
für den, der die skeptischen Blicke der Spötter nicht zu scheuen brauchte oder
sie tapfer aushielt.
    Lys nannte dies Bild seine »hohe Kommission«, seinen Ausschuss der
Sachverständigen, vor welchen er sich selbst zuweilen mit zerknirschtem Herzen
stelle; auch führte er manchmal einen armen Sünder, dessen gezierte Gefühligkeit
und Weisheit nicht aus dem lautersten Himmel zu stammen schien, vor die
Leinwand, wo dann der Kauz mit seltsamem, etwas einfältigem Lächeln seine Augen
irgendwo unterzubringen suchte und machte, dass er bald davonkam.
    Heinrich wurde von seinen beiden Freunden und anderen Gesellen auch hier der
grüne Heinrich genannt, da er sie einst mit diesem Titel bekannt gemacht, und er
trug ihn, wie man ihn gab, um so lieber, als er seiner grünen Bäume und seiner
hoffnungsvollen Gesinnung wegen denselben wohl zu verdienen schien und sich
überdies heimatlich dadurch berührt fühlte. Übrigens war er, wie es einst der
unglückliche Römer prophezeit, richtig in den Hafen der gelehrten und
stilisierten Landschaften eingelaufen und gab sich, indem er seit seinem
Hiersein nicht mehr aus den Mauern der grossen Stadt gekommen, rückhaltlos einem
Spiritualismus hin, welcher seinen grünen, an den frischen Wald erinnernden
Namen fast zu einem blossen Symbol machte.
    Sobald er die angehäuften Kunstschätze der Residenz und dasjenige, was von
Lebenden täglich neu ausgestellt wurde, gesehen, auch sich in den Mappen einiger
junger Leute umgeschaut, welche aus poetischen Schulen herkamen, ergriff er
sogleich diejenige Richtung, welche sich in reicher und bedeutungsvoller
Erfindung, in mannigfaltigen, sich kreuzenden Linien und Gedanken bewegt und es
vorzieht, eine ideale Natur fortwährend aus dem Kopfe zu erzeugen, anstatt sich
die tägliche Nahrung aus der einfachen Wirklichkeit zu holen.
    Der Verfasser dieser Geschichte fühlt sich hier veranlasst, sich
gewissermassen zu entschuldigen, dass er so oft und so lange bei diesen
Künstlersachen und Entwickelungen verweilt, und sogar eine kleine Rechtfertigung
zu versuchen. Es ist nicht seine Absicht, sosehr es scheinen möchte, einen
sogenannten Künstlerroman zu schreiben und diese oder jene Kunstanschauungen
durchzuführen, sondern die vorliegenden Kunstbegebenheiten sind als reine
gegebene Facta zu betrachten, und was das Verweilen bei denselben betrifft, so
hat es allein den Zweck, das menschliche Verhalten, das moralische Geschick des
grünen Heinrich und somit das Allgemeine in diesen scheinbar zu absonderlichen
und berufsmässigen Dingen zu schildern. Wenn oft die Klage erhoben wird, dass die
Helden mancher Romane sich eigentlich mit nichts beschäftigen und durch einen
andauernden Müssiggang den fleissigen Leser ärgern, so dürfte sich der Verfasser
sogar noch beglückwünschen, dass der seinige wenigstens etwas tut, und wenn er
auch nur Landschaften verfertigt. Das Handwerk hat einen goldenen Boden und ganz
gewiss in einem Romane ebensowohl wie anderswo. Übrigens ist nur zu wünschen, dass
der weitere Verlauf die Endabsicht klarmachen und der aufmerksame Leser
inzwischen solche Stellen dulden und von besagtem Standpunkte aus ansehen möge.
    Also Heinrich versenkte sich nun ganz in jene geistreiche und symbolische
Art. Da er seine Jugendjahre meistens im Freien zugebracht, so bewahrte er in
seinem Gedächtnisse, unterstützt von einer lebendigen Vorstellungskraft und
seinen alten Studienblättern, eine ziemliche Kenntnis der grünen Natur, und
dieser Jugendschatz kam ihm jetzt gut zustatten; denn von ihm zehrte er diese
ganzen Jahre. Aber dieser Vorrat blasste endlich aus, man sah es an Heinrichs
Bäumen; je geistreicher und gebildeter diese wurden, desto mehr wurden sie grau
oder bräunlich, statt grün; je künstlicher und beziehungsreicher seine
Steingruppierungen und Steinchen sich darstellten, seine Stämme und Wurzeln,
desto blasser waren sie, ohne Glanz und Tau, und am Ende wurden alle diese Dinge
zu blossen schattenhaften Symbolen, zu gespenstigen Schemen, welche er mit wahrer
Behendigkeit regierte und in immer neuen Entwürfen verwandte. Er malte überhaupt
nur wenig und machte selten etwas ganz fertig; desto eifriger war er dahinter
her, in Schwarz oder Grau grosse Kartons und Skizzen auszuführen, welche immer
einen bestimmten, sehr gelehrten oder poetischen Gedanken entielten und sehr
ehrwürdig aussahen.
    Und merkwürdigerweise waren diese Gegenstände fast immer solche, deren Natur
er nicht aus eigener Anschauung kannte, ossianische oder nordisch mytologische
Wüsteneien, zwischen deren Felsenmälern und knorrigen Eichenhainen man die
Meereslinie am Horizonte sah, düstere Heidebilder mit ungeheuren Wolkenzügen, in
welchen ein einsames Hünengrab ragte, oder förmliche Kulturbilder, welche etwa
einen deutschen Landstrich im Mittelalter, mit gotischen Städtchen, Brücken,
Klöstern, Stadtmauern, Galgen, Gärten, kurz ein ganzes Weichbild aus einem
andern Jahrhundert ausbreiteten, endlich sogar hochtragische Szenen aus den
letzten Bewegungen der Erdoberfläche, wo dann die rüstige Reisskohle gänzlich in
Hypotesen hin und wider fegte.
    Dass Heinrich, dem doch so früh ein guter Sinn für das Wahre und Natürliche
aufgegangen war, sich dennoch so schnell und anhaltend diesem künstlichen und
absonderlichen Wesen hingeben konnte, davon lag einer der Gründe nahe genug.
    Er hatte von Jugend auf, seit er kaum sein inneres Auge aufgetan, alle
Überlieferung und alles Wunder von sich gestossen und sich einem selbstgemachten,
manchmal etwas flachen Rationalismus hingegeben, wie ihn eben ein sich selbst
überlassener Knabe einseitig gebären kann.
    In dem zweifelhaften Lichte dieser Aufklärung stand einsam und unvermittelt
sein Gott, ein wahrer Diamantberg von einem Wunder, in welchem sich die Zustände
und Bedürfnisse Heinrichs abspiegelten und in flüchtigen Regenbogenfarben
ausstrahlten. Er glaubte diesen Diamantfels ureigen in seiner Menschenbrust
begründet und angeboren, weil unvorbereitet und ungezwungen ein inniges und
tiefes Gefühl der Gotteit ihn erfüllte, sobald er nur einen Blick an den
Sternenhimmel warf oder Bedürfnis und Verwirrung ihn drängten.
    Er wusste oder bedachte aber nicht, dass das Angeborne eines Gedankens noch
kein Beweis für dessen Erfüllung ist, sondern ein blosses Ergebnis der langen
Fortpflanzung in den Geschlechtsfolgen sein kann; wie es denn wirklich sittliche
oder unsittliche Eigenschaften gibt, welche sich unbestritten in einzelnen
Familien wie in ganzen Stämmen fortpflanzen und oft ganz nah an das Gebiet der
Ideen streifen, aber dennoch nicht unaustilgbar sind. Es ist wahrscheinlich, dass
die angelsächsische Rasse nahezu lange genug frei gewesen ist, um das
Freiheitsgefühl physisch angeboren zu besitzen, ohne es deswegen für alle
Zukunft gesichert zu haben, während den Russen die Zusammenfassung und
Verherrlichung der Nationalität in einer absoluten und despotischen Person und
der daraus entspringende Unterwürfigkeitstrieb ebensowohl angeboren ist, ohne
deswegen unsterblich zu sein. Da also beide, der Freiheitssinn sowohl wie das
Untertanenbewusstsein, im Menschen angeboren vorkommen, so kann keines sich
darauf berufen, um sich als die unbedingte Wahrheit darzustellen; aber beide
bestehen in der Tat um so kräftiger, als ihr Dasein eben die Frucht
tausendjährigen Wachstumes ist.
    Wo nun der Fall eintritt, dass der Gegenstand eines angeborenen Glaubens und
Fühlens, welches durch Jahrtausende sich im Blut überliefert, ausser dieser
körperlichen Welt sein soll, also gar nicht vorhanden ist, da spielt das
erhabenste Trauer- und Lustspiel, wie es nur die ganze Menschheit mit allen, die
je gelebt haben und leben, spielen kann und zu dessen Schauen es wirklicher
Götter bedürfte, wenn nicht eben diese Menschheit aus der gleichen Gemütstiefe,
aus welcher sie die grosse Tragikomödie dichtete, auch das volle Verständnis zum
Selbstgenuss schöpfen könnte.
    Zahllos sind die Verschlingungen und Variationen des uralten Temas und
erscheinen da am seltsamsten und merkwürdigsten, wo sie mit Bildung und
Sinnigkeit verwebt sind.
    Weil Heinrich auf eine unberechtigte und willkürliche Weise an Gott glaubte,
so machte er unter anderm auch allegorische Landschaften und geistreiche, magere
Bäume; denn wo der wundertätige Spiritualismus im Blute steckt, da muss er trotz
Aufklärung und Protestation irgendwo heraustreten. Der Spiritualismus ist
diejenige Arbeitsscheu, welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der
Erfahrungen und Überzeugungen hervorgeht und den Fleiss des wirklichen Lebens
durch Wundertätigkeit ersetzen, aus Steinen Brot machen will, anstatt zu ackern,
zu säen, das Wachstum der Ähren abzuwarten, zu schneiden, dreschen, mahlen und
zu backen. Das Herausspinnen einer fingierten, künstlichen, allegorischen Welt
aus der Erfindungskraft, mit Umgehung der guten Natur, ist eben nichts anderes
als jene Arbeitsscheu; und wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen
Tag schreiben, dichten, malen und operieren, so ist dies alles nur Trägheit
gegenüber derjenigen Tätigkeit, welche nichts anderes ist als das notwendige und
gesetzliche Wachstum der Dinge. Alles Schaffen aus dem Notwendigen und
Wirklichen heraus ist Leben und Mühe, die sich, selbst verzehren, wie im Blühen
das Vergehen schon herannaht; dies Erblühen ist die wahre Arbeit und der wahre
Fleiss; sogar eine simple Rose muss vom Morgen bis zum Abend tapfer dabeisein mit
ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Welken. Dafür ist sie aber eine
wahrhaftige Rose gewesen.
    Es war so artig und bequem für Heinrich, dass er eine so lebendige
Erfindungsgabe besass, aus dem Nichts heraus fort und fort schaffen,
zusammensetzen, binden und lösen konnte! Wie schön, lieblich und mühelos war
diese Tätigkeit, wie wenig ahnte er, dass sie nur ein übertünchtes Grab sei, das
eine Welt umschloss, welche nie gewesen ist, nicht ist und nicht sein wird! Wie
wunderbar dünkte ihm die schöne Gottesgabe des vermeintlichen Ingeniums, und wie
süss schmeckte das Wunder dem rationellen, aber dankbaren Gottgläubigen! Er wusste
sich nicht recht zu erklären und ging darüber hinweg, dass sein Freund Lys, wenn
er nur einige Stunden in der Woche still und aufmerksam gemalt hatte, viel
zufriedener und vergnügter schien, obgleich er ein arger Ateist war, als
Heinrich, wenn er die ganze Woche komponiert und mit der Kohle gedichtet. Desto
bescheiden wohlgefälliger nahm er die Achtung vieler jungen Deutschen hin,
welche sein tiefsinniges Bestreben lobten und ihn für einen höchst respektablen
Scholaren erklärten.
    Warum Heinrich nicht auf dem kürzesten Wege, durch das gute Beispiel
Ferdinands, das ihm so nahe war, zur gesunden Wahrheit zurückkehrte, fand seinen
Grund eben in der Verschiedenheit ihrer religiösen Einsichten. Der Holländer
hatte ohne besondere Aufregungen abgeschlossen und war ruhig; Heinrich griff ihn
beständig an; aber Ferdinand setzte ihm jene Art von Überlegenheit entgegen,
welche nicht sowohl aus der Wahrheit als aus der Harmonie der Grundsätze mit dem
übrigen Tun und Lassen entspringt, während Heinrich die Unruhe einer einzelnen,
verfrühten oder verspäteten Überzeugung äusserte und sonderbarerweise, um dem
Spotte, an welchen vielleicht niemand dachte, zuvorzukommen, Scharfsinn und
Phantasie aufbot, Andersdenkende durch Witze in die Enge zu treiben. Wenn er vor
Ferdinands hoher Kommission, vor der gemalten Bank der Spötter, stand, so lachte
er den wunderlichen Käuzen ins Gesicht und freute sich über sie; denn er hielt
sich wegen seines Rationalismus, auf den er sich gutmütig viel zu gut tat, halb
und halb von der Gesellschaft, bis ihn plötzlich die zornige Ahnung überkam, dass
es auch auf ihn gemünzt wäre, und der gute Lys, welcher Heinrich wirklich liebte
und wohl wusste, dass er nicht vor dies Tribunal gehöre, musste dann hundert
Angriffe und Sarkasmen aushalten.
    Ausser diesem Umstande verursachte noch ein anderer eine Ungleichheit
zwischen beiden Freunden. Lys, der wie Erikson um sechs bis sieben Jahre älter
war als Heinrich, liebte das Gluck bei den Weibern und sah, wo er es fand, ohne
bisher ein Gefühl für Treue und bindende Dauer empfunden zu haben. Er war
höflich und aufmerksam gegen sie, ohne für sie eine allzu grosse Achtung in sich
zu beherbergen, während Heinrich zurückhaltend, scheu und fast grob gegen sie
war und doch eine herzliche Achtung für jedes weibliche Wesen hegte, das sich
nur einigermassen zu halten wusste. So seltsam vertraut und sinnlich sein Umgang
mit Judit gewesen, hatte ihn doch der Instinkt der Jugend und die ganze Lage
der Dinge vor dem Äussersten bewahrt, und diese Rettung, auf die er sich nun mit
der Koketterie der Zwanzigjährigen viel zugute tat, betrachtete er nun als ein
zu erhaltendes Glück und als eine Erleichterung, dem reinern Andenken Annas
leben zu können. Denn obgleich er nun auch bereits merkte, dass jenes jugendliche
Gelübde ein Traum gewesen sei, so war er doch weit entfernt, irgendeine neue
Liebe zu hoffen und nahe zu sehen, und seine Sehnsucht ging mit ihren Bildern
und Träumen daher immer in die Vergangenheit zurück. Dies gab seiner Denkungsart
etwas Zartes und Edles, welches er wirklich fühlte und ihn über sich selbst
täuschte.
    Wenn daher Ferdinand die Weiber beurteilte wie ein Kenner eine Sache, wenn
er in galanten, eleganten und ausgesuchten, ja frivolen Dingen, Gerätschaften,
Gesprächen und Gebräuchen sich gefiel, wenn er wirklich auf ein Abenteuer
ausging oder von einem solchen erzählte, so wurde Heinrich in seiner Gesinnung
betroffen und verlegen. Ferdinand besass ein mit einem Schloss versehenes Album,
in welches er alle seine Liebesabenteuer in verschiedenen Ländern gezeichnet
hatte. Man erblickte die bald empfindsamen, bald leichtfertigen Schönen in den
verschiedensten Lagen, bald schmollend, zornig, weinend, bald übermütig und
zärtlich in Ferdinands Armen, diesen aber immer mit der grössten Sorgfalt ähnlich
gemacht bis auf die Kleidungsstücke, und nicht zu seinem Nachteile, während den
zornigen und schmollenden Schönen durch allerlei Schabernack, entblösste Waden
oder triviale Faltenlagen in den Gewändern weniger ein Reiz als ein Anflug von
Lächerlichkeit und Erniedrigung gegeben war. Dies Buch konnte Heinrich nicht
ausstehen; sein Freund schien ihm darin sich selbst herabgewürdigt zu haben;
aber weit entfernt, mit ihm darüber zu disputieren oder den Sittenrichter zu
spielen, lächelte er vielmehr dazu. Anders als in den religiösen Fragen, wo er
die Existenz seines Bewusstseins auf dem Spiele glaubte, zwang er sich hier, die
Art und Weise anderer gelten zu lassen und sie sogar anzuerkennen. Es war ein
Zeichen seiner gänzlichen geistigen Unschuld; denn bei mehr Erfahrung hätte das
Verhältnis gerade umgekehrt sein müssen.
    Aber alles zusammengenommen bewirkte, dass Heinrich glaubte, sich seinen
eigenen Weg in jeder Hinsicht freihalten zu müssen, und für Ferdinands
künstlerisches Beispiel unzugänglich wurde, zumal in dessen fertiger und
bewusster Tüchtigkeit etwas von der Keckheit und Erfahrungsreife, von dem
Liebesglücke Ferdinands zu liegen schien.
    Sonst waren die drei, Lys, Erikson und Heinrich, die besten Freunde von der
Welt, und jeder gab seinen Charakter in der unbefangensten Weise dem andern zum
besten. Sie waren um so lieber und unzertrennlicher zusammen, als noch ein
besonderes gemeinsames Band sie vereinigte. Jeder von ihnen stammte aus einer
Heimat, wo germanisches Wesen noch in ausgeprägter und alter Feste lebte in
Sitte, Sprachgebrauch und persönlichem Unabhängigkeitssinne; alle drei waren von
dem Sonderleben ihrer tüchtigen Heimat abgefallen und zu dem grossen Kern des
beweglichen deutschen Lebens gestossen, und alle drei hatten dasselbe, erstaunt
und erschreckt über dessen Art, in der Nähe gesehen. Schon die Sprache, welche
der grosse Haufen in Deutschland führt, war ihnen unverständlich und beklemmend;
die tausend und aber tausend »Entschuldigen Sie gefälligst, Erlauben Sie
gütigst, Wenn ich bitten darf, Bitt' um Entschuldigung«, welche die Luft
durchschwirrten und bei den nichtssagendsten Anlässen unaufhörlich verwendet
wurden, hatten sie in ihrem Leben nie und in keiner anderen Sprache gehört,
selbst das »Pardon Monsieur« der höflichen Franzosen schien ihnen zehnmal kürzer
und stolzer, wie es auch nur in dem zehnten Falle gebraucht wird, wo der
Deutsche jedesmal um Verzeihung bittet. Aber durch den dünnen Flor dieser
Höflichkeit brachen nur zu oft die harten Ecken einer inneren Grobheit und
Taktlosigkeit, welche ebenfalls ihren eigentümlichen Ausdruck hatten. Sie
erinnerten sich, niemals, weder in ihrer Heimat noch in fremden Sprachen, die in
Deutschland so geläufigen Gesellschaftsformeln gehört zu haben »Das verstehen
Sie nicht, mein Herr! Wie können Sie behaupten, da Sie nicht einmal zu wissen
scheinen! Das ist nicht wahr!« oder so häufige leise Andeutungen im
freundschaftlichen Gespräche, dass man das, was ein anderer soeben gesagt, für
erlogen halte - welches wieder auf einen andern noch tiefern Übelstand schliessen
liess. Auch die allgemeine deutsche Autoritätssucht, welche so wunderlich mit der
unendlichen Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit kontrastierte, machte einen
peinlichen Eindruck auf die Deutschen vom Grenzsaume des grossen Volkes; einer
donnerte, die Vorteile seiner Stellung benutzend, den andern an, und wer niemand
mehr um sich hatte, den er anfahren, dem er imponieren konnte, der prügelte
seinen Hund. Recht eigentlich weh aber tat den Freunden die gegenseitige
Verachtung, welche sich die Süd- und Norddeutschen bei jeder Gelegenheit
angedeihen liessen und welche ihnen ebenso auf ganz grundlosen Vorurteilen zu
beruhen als schädlich schien. Bei Völkerfamilien und Sprachgenossenschaften,
welche zusammen ein Ganzes bilden sollen, ist es ein wahres Glück, wenn sie
untereinander sich etwas aufzurücken und zu sticheln haben; denn wie durch alle
Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit, und das
Ungleiche und doch Verwandte hält besser zusammen; aber es muss Gemüt und
Verstand in dem Scherzkampfe sein und dieser zutreffend auf das wahre Wesen der
Gegensätze. Das, was die Nord- und Süddeutschen sich vorwerfen, ist tödlich
beleidigend, indem diese jenen das Herz, jene aber diesen den Verstand
absprechen, und zugleich kann es keine unbegründetere und unbegreiflichere
Tradition und Meinung geben, die nur von wenigen der tüchtigsten Männer beider
Hälften nicht geteilt wird. Wo im Norden wahrer Geist ist, da ist immer und
zuverlässig auch Gemüt, wo im Süden wahres Gemüt, da auch Geist. Es gibt in
Norddeutschland Unwissende und Strohköpfe unter den Gebildeten und in
Süddeutschland unter den Bauern Witzbolde und Spekulanten. Wenn nun die drei so
oft hören mussten, wie die Nordmänner die Süddeutschen für einfältige Leutchen,
für eine Art gemütlicher Duseler ausgaben, und diese ihre nordischen Brüder
hinter dem Rücken anmassende Schwätzer und unerträgliche Prahlhänse schalten, so
schnitt ihnen dies widerliche Schauspiel ins Herz, weil sie gekommen waren, den
Herd des guten lebendigen deutschen Geistes zu finden, und nun eine grosse
Waschküche voll unnützen Geplauders zu sehen glaubten.
    Wie es Fremdlingen oft zu ergehen pflegt, welche in einem Lande oder in
einer Stadt im Genusse des Gastrechtes zusammentreffen, dass sie, dasselbe übel
vergeltend, Geist und Sitten, welche sie vorfinden, mit der entfernten Heimat
vergleichen und sich in gemeinsamem Tadel auf Kosten des gastlichen Landes
einigen, übertrieben auch die drei Freunde vielfach ihren Tadel, nachdem sie
einmal den Schmerz einer grossen Enttäuschung empfunden zu haben glaubten, und
sie redeten sich oft in einen grossen Zorn hinein und sagten Deutschland
feierlich ab. Erikson sagte, er wolle seiner Zwitternatur ein Ende machen und
ein guter Däne werden; Lys behauptete, man müsse an den Deutschen ihr Grosses und
Eigentümliches benutzen und sich im übrigen nichts um sie bekümmern; nur der
grüne Heinrich hing mit seinem ganzen Herzen an Deutschland. Er schmähte es zwar
auch mit dem Munde und sprach vielleicht noch Stärkeres als die anderen; er
sagte, da er vor allem aus Schweizer sei, wünsche er manchmal ein Welscher zu
sein, um nicht mehr deutsch denken zu müssen, und er sei beinahe versucht,
französisch schreiben und denken zu lernen. Aber gerade weil es ihm hiemit
bitterer Ernst war und mehr als den Freunden, war auch sein Verdruss tiefer und
gründlicher. In der Sprache, mit der man geboren, welche die Väter gesprochen,
denkt man sein ganzes Leben lang, so fertig man eine andere spricht; und dies
anders zu wünschen, die Sprache, in der man sein Geheimstes denkt, vergessen zu
wollen, zeigt, wie tief man getroffen ist und wie sehr man gerade diese Sprache
liebt.
    Aber dessenungeachtet ward er mit jedem Tage träumerischer und deutscher und
baute alle Hoffnungen auf das Deutsche; denn seit er in Deutschland war, hatte
er die Krankheit überkommen, aller Einsicht zum Trotz das Gegenteil von dem zu
tun, was er sprach und Teorie und Praxis himmelweit voneinander zu trennen.
 
                                Fünftes Kapitel
Die beste Gelegenheit, ihren Unmut und Groll zu vergessen und sich wenigstens an
dem heraufbeschworenen Glanze frühe rer deutscher Herrlichkeit zu erheitern,
fanden sie, als die ganze reichgeartete Künstlerschaft sich zusammentat, um in
einem grossen Schau-und Festzuge für die kommende Faschingszeit ein Bild
untergegangener Reichsherrlichkeit zu schaffen; denn es war ein wirkliches
Schaffen, nicht mittelst Leinwand, Pinsel, Stein und Hammer, sondern wo man die
eigene Person als Stoff ein setzte und in vielhundertfältigem Zusammentun jeder
ein lebendiger Teil des Ganzen war und das Leben des Ganzen in jedem einzelnen
pulsierte, von Auge zu Auge strahlte und eine kurze Nacht sich selber zur
Wirklichkeit träumte.
    Es sollte das alte Nürnberg wiederauferweckt werden, wie es wenigstens in
beweglichen Menschengestalten sich darstellen konnte und wie es zu der Zeit war,
als der letzte Ritter, Kaiser Maximilian I., in ihm Festtage feierte und seinen
besten Sohn, Albrecht Dürer, mit Ehren und Wappen bekleidete. In einem einzelnen
Kopfe entstanden, wurde die Idee sogleich von achtundert Männern und
Jünglingen, Kunstbeflissenen aller Grade, aufgenommen und als tüchtiger
Handwerksstoff ausgearbeitet, geschmiedet und ausgefeilt, als ob es gälte, ein
Werk für die Nachwelt zu schaffen. Das Vollkommene hat in dem Augenblicke seinen
ganzen Wert, wo es geworden ist, und in diesem Augenblicke liegt eine Ewigkeit,
welche durch eine Dauer von Jahren nur weggespottet wird; die Künstler empfanden
daher in der sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine anhaltend wachsende
Lust und Geselligkeit, welche wohl von der Freude der eigentlichen Feststunden
überboten wurde, aber in der Erinnerung endlich der hellere und deutlichere Teil
vom Ganzen blieb.
    Der grosse Festzug zerfiel in drei einzelne Hauptzüge, von denen der erste
die nürnbergische Bürger-, Kunst- und Gewerbswelt, der zweite den Kaiser mit
Reichsrittern und Helden und der dritte einen mittelalterlichen Mummenschanz
umfasste, wie von der reichen Stadt dem gekrönten Gast etwa gegeben wurde. In
diesem letzten Teile, welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt
werden konnte, in welchem die in historische Vergangenheit sich Zurückträumenden
mit den Sinnen dieser Vergangenheit das Märchen und die Sage schauten, hatten
die drei Freunde ihren Raum gewählt, um als verdoppelte Phantasiegebilde dem
Phantasiebilde der gestorbenen Reichsherrlichkeit vorzutanzen.
    Die Töchter, Schwestern und Bräute vieler Künstler hatten sich artig und
froh ergeben, dem lebendigen Kunstwerke zum höchsten Schmucke zu gereichen, in
manchem Hause waren die Hände geschäftig, schöne Frauenkörper in die weiblichen
Prachtgewänder der alten Reichsstadt zu kleiden, und es war nicht das geringste
Vergnügen der Künstler, auch hier die Hand anzulegen und, die alten
Trachtenbücher und den Weisskunig vor sich, in Stoff, Schnitt und Schmuck die
eigensinnigen Neigungen, den unkundigen Modegeschmack der Frauensleute im Zaum
zu halten. Wo Liebe mitalf, da spielte der anmutigste Roman in den Sammet- und
Goldstoffen und um die Perlenschnüre, und manche zur Probe Vollgeschmückte
entzog sich den verlangenden Armen ihres augenseligen Geliebten mit einem
Lächeln, welches den weisen Sinn der Schönen verriet, dass sie auf einen bessern
Augenblick zu hoffen wisse, wann Pauken und Trompeten ertönten und die
glänzenden Paarreihen sich schwängen.
    Heinrich sah solchem Glücke halb gleichgültig, halb sehnsüchtig zu und war,
als frei und ledig und mit seinen eigenen Sachen handlich und ohne Geräusch bald
fertig, anderen dienstbar in ihren vermehrten Geschäften. Es war sein
mütterliches Erbteil, dass er still und rasch seine eigene Person zu versehen und
zugleich alle Aufmerksamkeit anderen zu schenken wusste. Solche Züge verkünden
ein tüchtiges Geblüt und weit mehr ein wahrhaft gutes Herkommen als alle
angelernten Höflichkeiten und Anstandsformen. Wo sie sich, wie hier, in
unwichtigen Dingen, sogar nur in Sachen des Vergnügens äussern, während ihre
Ausbildung und Betätigung in den grossen Lebenslagen stockt, da muss ein ernstes
Schicksal, eine tiefe Verirrung im Anzuge sein, welche sich nur dem unkundigen
Beobachter verbergen.
    Beide Freunde Heinrichs waren zwei reizenden Wesen für das kommende Fest
verpflichtet. In einer vergessenen altertümlichen Gegend der Stadt lag ein ganz
kleiner, gevierter sonniger Platz, wo zwischen anderen ein schmales Häuschen im
Renaissancestil zierlichst sich auszeichnete, in der Breite ein einziges Fenster
von den schönsten Verhältnissen zeigend. Beide Stockwerke bildeten zusammen
einen kleinen Turm oder eher ein Monument und waren durch den Gedanken der
Gliederung ein Ganzes; die wohlgefügten, von der Zeit geschwärzten Backsteine
zeigten eine scharfe und gediegene Arbeit, und selbst der Türklopfer von Erz,
welcher ein schlankes, den schmalen Leib kühn hinausbiegendes Meerweibchen
vorstellte, verriet die Spuren vortrefflicher Künstlerarbeit. Über der
reichverzierten Tür ragte ein morgenländisches Marienbild von schwarzem Marmor,
das auf einem stark im Feuer vergoldeten metallenen Halbmonde stand. So
erinnerte das Ganze an jene kleinen zierlichen Baudenkmäler, welche einst grosse
Herren für irgendeine Geliebte, oder berühmte Künstler zu ihrem eigenen
Wohnsitze bauten. Hierher hatte Ferdinand seine Schritte zu lenken; denn in dem
reichgesimsten Fenster sah man ein dunkles Mädchenhaupt auf schmalem Körper
schwanken, wie eine Mohnblume auf ihrem Stengel. Die Witwe eines Malers aus der
vorhergegangenen Periode wohnte in dem Häuschen, eines Malers, der zu seiner
Zeit oft genannt wurde, von welchem aber nirgends mehr die Werke zu finden
waren; sogar seine seltsame Witwe, die einst nur ausserordentlich schön gewesen,
hatte das letzte Fetzchen gefärbter Leinwand weggeräumt und dafür das alte Haus
inwendig bekleidet mit allen Erzeugnissen der Modenindustrie und den Spielereien
der Bequemlichkeit. Nur ihr pomphaftes Bildnis, wie der Verstorbene sie einst
als geschmückte Braut gemalt in aller ihrer Schönheit, bewahrte sie an einem
altarähnlichen Platze und betete das Bild unverdrossen an. Sonst war die
achtzehnjährige Tochter Agnes der einzige ästetische Nachlass des Mannes, und
man bedauerte bei ihrem Anblick den Ärmsten, dass er dieses sein bestes Kunstwerk
nicht selber mehr sehen konnte, und man bedauerte um so tiefer, als die Witwe
gar kein Auge für das liebliche Wunder zu haben schien, sondern, in die
Betrachtung ihrer eigenen früheren Schönheit versunken, die zarte Blume des
Kindes schwanken und blühen liess, wie sie eben wollte.
    Von einer Schulter zur andern, mit Inbegriff beider, war Agnes kaum eine
Spanne breit, aber Hals und Schultern waren bei aller Feinheit wie aus Elfenbein
gedrechselt und rund wie die zwei kleinen vollkommenen Brüstchen und wie die
schlanken Arme, deren Ellbogen bei aller Schlänke ein anmutiges Grübchen
zeigten. Bis zu den Hüften wurde der Leib immer schlangenartiger, und selbst die
Hüften verursachten eine fast unmerkliche Wölbung; aber diese war so schön, dass
sie beinahe mehr Kraft und Leben verriet als die breitesten Lenden. Das Gewand
sass ihr schön und sicher auf dem Leibe; sie liebte es ganz knapp zu tragen, so
dass ihre ganze Schmalheit erst recht zutage trat, und doch berauschten sich die
Augen dessen, der sie sah, mehr in dieser Erscheinung als in den reichen Formen
eines üppigen Weibes, und wer einer vollen Schönheit kalt vorüberging, glaubte
dies schmale Wesen augenblicklich in die Arme schliessen zu müssen. Auf solchem
schwanken Stengel aber wiegte sich die wunderbarste Blume des Hauptes. In dem
marmorweissen Gesicht glänzten zwei grosse dunkelblaue Augen und ein kirschroter
Mund, und das Rund des Gesichtes spitzte sich stark in dem kleinen reizenden
Kinne zu, und doch war dies Kinn nicht so klein, dass es nicht noch die
reizendste Andeutung einer Verdoppelung geziert hätte. Aber der breiteste Teil
der ganzen Gestalt im wörtlichen Sinne schien das grosse volle Haar zu sein,
welches sie krönte; die gewaltige, tiefschwarze Last, vielfach geflochten und
gewunden und immer mit grünem Seidenbande durchzogen, wuchtete rund um den
kleinen Kopf, und da, wenn die schlanke Geschmeidige sich anmutig und leicht
bewegte und das schöne Haupt senkte, dies unwillkürlich die Vorstellung erregte,
das Gewicht des dunklen Haarbundes verursache das liebliche Schwanken und
Beugen, so rief sie von selbst das Bild einer Blume hervor; aber noch froher
überraschte es, wenn sie sich unversehens frei aufrichtete und die schwere Krone
so leicht und unbewusst trug wie ein schlanker Hirsch sein Geweih.
    In ihr geistiges Leben war noch kein sicherer Blick zu tun. Meist schien sie
kindlicher zu sein, als es ihrem Mädchenalter eigentlich zukam; gelernt hatte
sie auch nicht viel und las nicht gern, ausgenommen komische Erzählungen, wenn
sie deren habhaft werden konnte; aber sie mussten gut, ja klassisch sein, und
alsdann studierte sie dieselben sehr ernstaft und verzog nicht den Mund.
Manchmal schien sie entschieden beschränkten Verstandes und unbehilflich; sobald
aber Ferdinand da war, überfloss sie von klarem kristallenem Witze, der noch in
der Sonne der Kindheit funkelte, indessen ihre Augen eine reife Sinnenwärme
ausstrahlten, wenn sie neckend und zärtlich an seinem Halse hing. Er durfte aber
alsdann nicht wagen, sie kosend ebenfalls zu umfassen, wie er überhaupt sich
leidend verhalten musste, wenn er sie nicht erzürnen und von sich scheuchen
wollte.
    Wie Ferdinand in das Haus gekommen, wusste er selber kaum mehr zu sagen; er
hatte das seltene Gebilde im Rahmen des alten Fensters gesehen, und es war ihm
nachtwandlerhaft gelungen, sich also gleich einzuführen und der tägliche
Besucher zu werden.
    Aber bald musste er in einen Zwiespalt mit sich selbst geraten, da das
eigentümliche und rätselhafte Wesen nicht die gewohnte Art zuliess, das Glück bei
Frauen zu erhaschen. Diese Erscheinung war zu köstlich, zu selten und zugleich
zu kindlich und zu unbefangen, als dass sie durfte zum Gegenstande einer
vorübergehenden Neigung gemacht werden, und auch wieder zu eigen und
absonderlich unbestimmt, um gleich den Gedanken einer Verbindung für das Leben
zu erlauben. Ferdinand sah, dass das Kind ihn liebte, und er fühlte auch, dass er
ihr von Herzen gut war, noch über das leidenschaftliche Wohlgefallen hinaus,
welches ihr Äusseres erregte; aber er glaubte überhaupt nicht an seine Liebe, er
bildete sich ein, nicht dauernd lieben zu können oder zu dürfen, und wusste
nicht, dass Liebe im Grunde leichter zu erhalten als auszulöschen ist; und gerade
dieser verzweifelte Zweifel an sich selbst liess keine tiefere Neigung in ihm
reif werden.
    »Sie ist ein Phänomen!« sagte er sich und glaubte zu erschrecken bei dem
Gedanken, sich für immer ein solches zu verbinden oder, einfach gesagt, ein
Phänomen zur Frau zu haben. Und doch war es ihm unmöglich, nur einen Tag
vorübergehen zu lassen, ohne das reizende Wunder zu sehen. Nun beschuldigte er
sich wieder, dass solches Bedürfnis nur die geheime Begierde sei, die Blume zu
brechen, um sie dann zu vergessen, und da er fest gewillt war, sich treu und
ehrlich zu verhalten, schon aus einer Art von künstlerischem Gewissen die
Verpflichtung fühlend, dies aussergewöhnliche Dasein nicht zu verwirren und zu
stören, so hielt er sich standhaft in seiner passiven Stellung und suchte
derselben einen brüderlich freundschaftlichen Anstrich zu geben. Er behandelte
sie mehr als Kind und nahm scheinbar ihre Liebkosungen als diejenigen einer
kleinen Freundin hin, suchte sie zu unterrichten und nahm hin und wieder ein
kaltes und ernstaftes Ansehen an. Ängstlich vermied er, das Wort Liebe
auszusprechen oder es zu veranlassen, und vermied, mit dem Mädchen allein zu
sein. So glaubte er als ein Mann zu handeln und seiner Pflicht und Ehre zu
genügen und ahnte nicht, dass er echt weiblich zu Werke ging. Denn er war nun
wirklich auf dem Punkte angelangt, wo liebenswürdige und geistreiche Männer
gerade so auf eigennützige Weise mit weiblichen Wesen spielen, wie es
tugendhafte Koketten mit jungen Männern zu tun pflegen.
    Auch wusste das ärmste Kind ihm keinen Dank dafür. Sie achtete nicht auf
seinen Unterricht und wurde traurig oder unmutig, wenn er die väterliche Art
annahm. Hundertmal suchte sie das Wort auf Liebe und verliebte Dinge schüchtern
zu lenken; allein er stellte sich, als kennte er dergleichen nicht, und der
erwachende Trotz verschloss ihr den Mund. Hundertmal liebkoste sie ihn jetzt und
hielt sich dann ein Weilchen geduckt und still, damit er das Kosen erwidern
solle, und sie war nicht mehr bereit, zornig davonzufliehen; allein er rührte
sich nicht und ertrug das ungeduldige Spiel des schmalen schlangenähnlichen
Körpers mit der grössten Standhaftigkeit. Dennoch sah die Arme recht gut, dass er
mit ganz anderen Gefühlen zu ihr kam als mit denen eines Bruders oder
schulmeisterlichen Freun des, und sah wohl das verhaltene Feuer in seinen Augen,
wenn sie ihm nahe trat, und das unablässig betrachtende Wohlgefallen, wenn sie
umherging; und sie war nur bekümmert, den Grund seines Betragens nicht zu
kennen, und fürchtete, da sie die Welt nicht kannte, ihr verborgene, unheilvolle
Dinge, die gar in ihr selbst lägen, dürften ihrem Glücke im Wege stehen.
    In dem Masse aber, in welchem sie täglich verliebter und trauriger wurde,
gewann ihr Wesen an Entschiedenheit und Klugheit, und im gleichen Masse wuchs die
Verlegenheit Ferdinands; denn er sah nun ein, dass er nicht länger sich also
verhalten durfte. Ihr verliebtes und sich hingebendes Wesen schreckte ihn
durchaus nicht ab, weil er dessen Grund und Natur durchschaute und sie darum nur
um so reizender fand; dagegen musste er nun gestehen, dass wohl eine artige und
köstliche Frau aus ihr zu machen wäre, und schüttelte sich innerlich bei dem
Gedanken, sie je in eines andern Händen zu sehen, während der Unselige doch
immer noch sich nicht entschliessen konnte, seine Selbsterrlichkeit mit einem
andern Wesen für immer zu teilen und noch für eine zweite Hälfte zu leben.
    Beide Waagschalen standen sich vollkommen gleich, und das Zünglein seiner
Unentschlossenheit schwebte still in der Mitte, als das Künstlerfest herannahte.
Agnes sollte daran teilnehmen; Ferdinand war beflissen, ihre Gestalt vollends zu
einem Feenmärchen zu machen, und fasste dabei den Vorsatz, es nunmehr darauf
ankommen zu lassen, ob das Fest eine Entscheidung herbeiführe oder nicht; er
wollte eine solche weder suchen noch ihr widerstehen; denn noch immer hielt er
sich in seiner Selbstsucht für vollkommen frei. Wenn er aber das Mädchen nur ein
einziges Mal geküsst habe, gab er sich das Wort, so solle sie unverbrüchlich die
Seinige sein.
    Agnes aber hatte einen ähnlichen Plan in ihrem Herzchen ausgesponnen, der
indessen sehr einfach war. Sie gedachte, in einem geeigneten günstigen
Augenblicke ohne weiteres mit ihren Armen den Geliebten zu umstricken und zum
Geständnis seiner Neigung zu zwingen und, falls dies noch nicht hülfe, die
Aufregung der Festfreude benutzend, ihn so mit Liebeschmeicheln zu berauschen
und förmlich zu verführen, dass er das Opfer ihrer Unschuld nähme. Dieser
verzweifelte Plan gor und rumorte in ihrem pochenden Busen, dass sie wie eine
Träumende umherging und nicht einmal bemerkte, wie Ferdinand starr auf ihren
jungen Busen hinsah, als er einen Augenblick beim Probieren der schimmernden
Festgewänder entblösst wurde. Sie war in ihrer Unschuld fest überzeugt, dass
Ferdinand, wenn ihr Plan gelänge, alsdann für immer der Ihrige würde.
    In nicht so bedenklicher Lage befand sich Erikson, welchem sich alle Dinge,
ausser seinen Bildern, mühelos und körnig gestalteten; er schritt auch mit
ausreichenden Weidmannsschritten, obwohl nicht ohne die nötige Behutsamkeit,
durch sein Liebesverhältnis und auf das Teil zu, das er oder das Schicksal sich
erwählt.
    Eine reiche und schöne Brauerswitwe hatte bei der Verlosung der grossen
Gemäldeausstellung ein Bildchen von ihm gewonnen, welches ihm teuer bezahlt
worden war. Die Dame stand nicht im Rufe einer besonderen Kunstfreundin, und
Erikson hoffte, sie würde froh sein, ihm den Gewinst um einen ermässigten Preis
wieder abzutreten; er gedachte dann das Bild anderwärts zu versenden zu erhöhtem
Preise und so abermals eine Summe einzunehmen, ohne der Qual und Mühsal des
Erfindens und der Ausführung eines neuen Gegenstandes ausgesetzt zu sein. Diese
Aussicht gewährte ihm so viel Vergnügen, dass er sich unverweilt aufmachte und
mit dem Wunsche, alle seine sauern Arbeiten noch einmal und immer wieder
verkaufen zu können, das Haus der Witwe aufsuchte.
    Bald stand er auf dem Vorsaale des stattlichen Witwensitzes, dessen Pracht
das Gerücht von dem unmässigen hinterlassenen Vermögen des verstorbenen
Bierbrauers zu bestätigen schien. Eine alte Aufwärterin, welcher er sein
Anliegen mitteilen musste, brachte ihm indessen gleich den Bericht, dass die
Herrin das Bild mit Vergnügen wieder abtrete, dass er aber ein andermal
vorsprechen möge. Weit entfernt, über diese Willfährigkeit und Geringschätzung
empfindlich zu sein, ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin, und erst das
dritte Mal wurde er etwas betroffen und erbost, als dieselbe Aufwärterin endlich
kundtat, dass die bequeme Dame das Bild um ein Viertel des angegebenen Wertes
wieder verkaufe und die Summe für die Armen bestimme, dass der Herr Maler, um ihm
nicht fernere Mühe zu machen, es am andern Tage bestimmt abholen und das Geld
mitbringen möchte. Er tröstete sich indessen mit der Aussicht, nunmehr sicher
ein Vierteljahr nicht malen zu müssen, und das Wetter betrachtend, ob es gute
Jagdtage verspräche, machte er sich zum vierten Male auf den Weg.
    Die unvermeidliche Alte führte ihn in ihr kleines Wärtergemach und liess ihn
da stehen, um das Kunstwerkchen herbeizuholen. Dieses war aber nirgends zu
finden; immer mehr Bedienstete, Köchin, Kammermädchen und Hausknecht rannten
umher und suchten in Küche, Keller und Kammern. Endlich rief das Geräusch die
schöne Witwe selbst herbei, und als sie, die, nach dem kleinen wunderlichen
Bildchen urteilend, gewähnt hatte, einen ebenso kleinen und dürftigen Urheber zu
finden, als sie nun den gewaltigen Erikson dastehen sah, der mit der Stirn
beinahe die Decke des niedern Verschlages berührte, indessen sein nordisches
Goldhaar glänzend auf die breiten Schultern fiel, da geriet sie in die grösste
Verlegenheit, zumal er, aus einem ruhigen Lächeln erwachend, sie jetzt mit
festem und wohlgefälligem Blick betrachtete. Sie war aber auch des längsten
Anschauens wert kaum sechsundzwanzig Sommer alt, stand Rosalie liebreizend da,
von der Rosenfarbe der Gesundheit und Lebensfrische überhaucht, von freundlichen
Gesichtszügen, mit braunem Seidenhaar und noch brauneren lachenden Augen.
Indessen, um ihre Verlegenheit zu endigen, lud sie den Maler ein, in das Zimmer
zu kommen, und wie sie eintraten, sahen sie beide zugleich die kleine
Gemäldekiste, welche als Fussschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand,
dieser selbst unbewusst und vergessen, dass sie schon seit einigen Tagen mit ihren
Füsschen mutwillig darauf getrommelt.
    Errötend lachte sie und zog das Bild eigenhändig hervor. Zugleich aber sagte
sie, indem sie einen flüchtigen Blick auf Erikson warf, sie hätte sich eines
anderen besonnen und bedaure, ihm das Bild nicht mehr für ein Viertel, sondern
nur für die Hälfte des Wertes lassen zu können. Besorgt, sie möchte noch mehr
den Preis steigern, zog er seine Börse und legte die Goldstücke auf den Tisch,
indessen sie das Bild anscheinend aufmerksam betrachtete und wieder begann je
mehr sie die Arbeit, welche sie bisher nur oberflächlich besehen, ins Auge
fasse, desto besser gefiele sie ihr, sie müsse nunmehr wirklich die volle Summe
fordern! Seufzend bot er drei Vierteile der Summe. Allein die schöne Witwe war
unerbittlich und sagte »Ihr Eifer, mein Herr, durch bares Geld Ihr eigenes Bild
wiederzuerwerben, beweist mir den Wert, den ich erst verkannt habe. Ich fordere
nun die doppelte Summe, die Freiheit der Frauenlaune benutzend, oder ich will
das Werk lieber behalten.«
    Als Erikson diese seltsame Steigerung auffiel und er sie zu seinen Gunsten
auszulegen und zu wenden beschloss, verbeugte er sich lächelnd, strich sein Geld
wieder ein und erwiderte »Da mein kleines Bild eine so gute Stelle gefunden,
wäre es lieblos von mir, es derselben zu berauben!« Die Schöne aber fuhr fort
»Und damit Sie sehen, dass nicht Habsucht mich zu dieser Steigerung antrieb,
bitte ich, mir ein Seitenstück um diesen verdoppelten Preis zu malen, so bald
als möglich, und mir jetzt gleich den Platz für beide Bilder aussuchen zu
helfen!«
    Erikson spazierte wohl eine Stunde mit ihr in den Gemächern herum, bis er
den geeigneten Platz gefunden, und als er sich verabschiedete, grüsste sie ihn
freundlich, aber kurz, und lud ihn nicht ein, sonst wiederzukommen.
    Aber er hatte wohlweislich vergessen, das Mass des Bildchens gleich zu
nehmen, und sah sich daher gezwungen, am zweiten Tage sich wieder hinzubegeben,
um vieles sorgfältiger gekleidet. Sie erschien sogleich selbst und führte ihn zu
dem Bildchen, hielt ihn aber nach getaner Verrichtung durchaus nicht weiter auf.
Und doch schien sie dem Weggehenden so froh und munter während des kurzen
Besuches, dass er höchst zufrieden nach Hause ging und die neue Arbeit begann.
Auch vergingen kaum einige Tage, als ihn Rosalie höchst dringend rufen liess, um
sich wegen des Rahmens mit ihm zu besprechen derjenige des ersten Bildes gefiele
ihr ausnehmend wohl, und sie wünsche einen ganz gleichen zum zweiten zu
bekommen.
    Als er sie über diesen Punkt einigermassen beruhigt, entliess ihn die ihn
stets schöner dünkende Rosalie auf das freundlichste, doch nicht ohne ihn auf
den kommenden Sonntag zu Tische gebeten zu haben, indem sie, wie sie anmutig
sich ausdrückte, diese Gelegenheit nun zu benutzen wünsche, ihr Haus mit einiger
Künstlerschaft zu zieren und etwas zu lernen, damit solche grobe Verstösse, wie
der begangene, immer weniger wiederkehren könnten.
    Erikson betrug sich ruhig und bescheiden, und wie ein Jäger auf ein edles
Wild ging er auf sein schönes Ziel los mit klopfendem Herzen, aber ohne einen
Schritt zuviel noch zuwenig zu tun, und zwar nicht aus allzutiefer Berechnung,
sondern aus natürlicher Klugheit.
    Inzwischen malte er das bestellte Bildchen und liess sich alle Zeit dazu; er
malte diesmal mit wahrer Zufriedenheit ein recht hoffnungsgrünes
Frühlingslandschäftchen, welches fast reich und anmutig zu nennen war; denn es
schwante ihm, dass dieses seine letzte Schilderei sein werde.
    Es war im Späterbste, als ihm dies Abenteuer begegnete, und im Februar war
er schon so weit, dass Rosalie unter seinem offenen Schutze an dem Künstlerfeste
erscheinen wollte. Noch hatte weder Erikson Ferdinands wundersame Agnes noch
dieser die anmutsvolle und freundliche Witwe gesehen, und beide waren
übereingekommen, dass dies am Feste zum ersten Male geschehen sollte. Heinrich
hingegen war beiden Geliebten als ein ungefährliches junges Blut gelegentlich
vorgestellt worden, und er freute sich, ohne leidenschaftlich beteiligt zu sein,
die kommende Festzeit in dem Scheine solcher zwei Sterne mitgeniessen zu können.
 
                                Sechstes Kapitel
Das grosse Teater war in einen Saal umgewandelt und hatte, voll erleuchtet,
bereits die beiden Hauptkörper des Festeeres, die, welche das Fest geben, und
die, welche es sehen sollten, in sich aufgenommen. Während in den Logenreihen
die wohlhabendere und gebildete Hälfte der Stadt in vollem Schmucke versammelt
harrte, den königlichen Hof in der Mitte, waren die Seitensäle und Gänge dicht
angefüllt von den sich ordnenden Künstlerscharen. Hier wogte es hundertfarbig
und schimmernd durcheinander. Jeder war für sich eine inhaltvolle Erscheinung,
und indem er selber etwas Rechtem gleichsah, betrachtete er freudig den
Nächsten, welcher, durch die schöne Tracht gänzlich umgewandelt, nun ebenfalls
so vorteilhaft und kräftig erschien, wie man es gar nicht in ihm gesucht hätte.
    Allen klopfte das Herz vor froher Erwartung, und doch hielten sie sich ruhig
und gemessen, wie Leute, welche fühlten, dass ihnen eine schönere äussere
Erscheinung für das ganze Leben gebührte und nicht bloss für eine Nacht.
    Seltsame Zeit, wo die Menschen, wenn sie sich freudig erheben wollen, das
Gewand der Vergangenheit anziehen müssen, um nur anständig zu erscheinen! Und
allerdings ist es ein prickliges Gefühl, zu wissen, dass die Nachkommen unsere
jetzige Tracht nur etwa hervorziehen werden, um sich im Spotte zu ergehen, wie
wir dies jetzo mit derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts tun, welches sich
selbst doch so wohl gefiel. Und wir können uns nicht anders rächen, als indem
wir, wie öfter geschieht, die verborgene Zukunft in mutmassenden Zerrbildern
lächerrlich machen und zum voraus beschimpfen! Wann wird wieder eine Zeit kommen,
wo wir uns um die eigene Achse drehen und uns in eigener Gegenwart genügen?
    Nun öffneten sich endlich die Türen, und die Trompeter und Pauker, welche
klangvoll erschienen, verbargen in ihrer Breite den hinter ihnen anschwellenden
Zug, so dass man ungeduldig harrte, bis sie weiter vorgeschritten und der reichen
Entfaltung Raum gaben. Ihnen folgten zwei Zugführer mit dem alten Wappen von
Nürnberg, dem Jungfernadler auf den weissen und roten Wappenröcken, und hinter
ihnen schritt schlank und zierlich einher, in dieselben Farben gekleidet, aber
mit einem mächtigen Laubkranze auf dem Kopfe, der Zunftführer, welcher der
stattlichen Zunft der Meistersänger voranging mit seinem goldenen Stabe. Alle
bekränzt, ging jetzt die gute Schar der nürnbergischen Meistersänger daher mit
ihrer Spruchtafel, die Jugend, in welcher noch das abenteuernde Wanderblut
wallte, voran in kurzer Tracht mit der Ziter auf dem Rücken; dann aber folgten
die Alten, um den ehrwürdigen Hans Sachs gesellet; dieser stellte sich dar in
dunkelfarbigem Pelzmantel, ehrbar und stattlich wie ein wohlgelungenes Leben und
doch mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weisse Haupt. Das junge Weib mit
voller Brust und rundem Leib, wie Goete sang, hatte ihm gezeigt:
»Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stossen und Treiben,
Schieben, Reissen, Drängen und Reiben,
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert! -
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihr's möcht in sein'n Schriften lesen.«
Welcher auch das alte Weiblein zu ihm gleiten sah:
»Man nennet sie Historia,
Mytologia, Fabula.
Sie ist rumpfet, strumpfet, bucklet und krumb,
Aber eben ehrwürdig darumb« -
auch welcher tat einen Narren spüren
»mit Bocks- und Affensprüngen hofiren«;
welchem endlich stieg
»auf einer Wolke Saum
Herein zu's Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschaun
Wie 'n Bild unsrer lieben Fraun.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit,
Immer kräftig wirkender Wahrheit.« -
Und obgleich hier der Sängergreis ganz erschien, wie ihn sein wackerer Schüler
Puschmann beschrieben:
»In dem Saal stund unecket
bedecket
ein Tisch mit Seiden grün,
am selben sass
ein Alt Mann, was
Grau und weiss, wie ein Taub dermass,
der hett ein'n grossen Bart fürbas;
in ein'm schönen grossen Buch las
mit Gold beschlagen schön«;
so verstand der Darsteller doch sein Urbild so wohl, dass man ihm noch ansah, was
Goete wieder sang:
»Ein holdes Mägdlein sitzend warten
Am Bächlein beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug
Sitzt's unter einem Apfelbaum
Und spürt die Welt rings um sich kaum;
Hat Rosen in ihr'n Schoss gepflückt
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt
Mit hellen Knospen und Blättern drein.
Für wen mag wohl das Kränzel sein? -
- Wie er den schlanken Leib umfasst,
Von aller Müh er findet Rast;
Wie er ins runde Ärmlein sinkt,
Neue Lebenstäg und Kräfte trinkt. -
- So wird die Liebe nimmer alt
Und wird der Dichter nimmer kalt.« -
So ging er jetzt im Schmucke des Alters und der Poesie daher, ein grosses Buch
tragend.
    Aber das bürgerliche Lied war dazumal so reich und überquellend, dass es mit
jeder Meisterschaft unzertrennlich war und hauptsächlich auch unter dem Banner
der nun folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war
unter den kränzegeschmückten Gesellen Hans Rosenplüt, genannt der Schnepperer,
der vielgewanderte Schalks-und Wappendichter, ein krummbuckliger munterer Gesell
mit einer grossen Klistierspritze im Arm. Mit langen Schritten folgte diesem der
hochbeinige magere Hans Foltz von Worms, der berühmte Barbier und Dichter der
Fastnachtsspiele und Schwänke und als solcher Genoss des Rosenplüt und Vorzünder
des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher pflegten so das zarte Schoss
des deutschen Teaters.
    Liederreich waren alle die alten Zünfte, die jetzt folgten in ihren
bestimmten Farben an Kleid und Banner; die Schäffler und Brauer, die Metzger,
welche in rotem und schwarzem, mit Fuchspelz verbrämten Zunftgewande höchst
tüchtig aussahen, sowie die hechtgrauen und weissen Bäcker; die Wachszieher,
lieblich in Grün, Rot und Weiss, und die berühmten Lebküchler, hellbraun mit
Dunkelrot gekleidet; die unsterblichen Schuster, schwarz und grün, in die Farbe
des Peches und der Hoffnung gehüllt; buntflickig die Schneider; die Damast- und
Teppichwirker, bei welchen das Künstlichere den Anfang nahm und schon
meisterliche Namen aufzeichnete; denn diese webten und wirkten die fürstlichen
Teppiche und Tücher, mit denen die Häuser der grossen Kaufherren und Patrizier
angefüllt waren.
    Alle nun folgenden Zünfte waren angefüllt mit einer wahren Republik
kraftvoller, erfindungsreicher und arbeittreuer Handwerks- und Kunstmänner. Die
Tüchtigkeit teilte sich sowohl unter die Gesellen, welche manchen handlichen
berühmten Burschen aufzuweisen hatten, als unter die Meister. Schon die Dreher
zeigten den Meister Hieronymus Gärtner, welcher mit kindlich frommem Eifer aus
einem Stücklein Holz eine Kirsche schnitzte, so zart, dass sie auf dem Stiele
schwankte und die Fliege, welche auf ihr sass, mit den Flügeln wehte und auf den
Füssen sich bewegte, wenn man daran hauchte - der aber zugleich ein erfahrener
Meister und Errichter von Wasserwerken und kunstreichen Brunnen war.
    Unter den Hufschmieden, rot und schwarz gekleidet wie Feuer und Kohle, ging
Meister Melchior, der die grossen eisernen Schlangengeschütze aus freier Hand
schmiedete; unter den Büchsenmachern der erfindungsreiche Geselle Hans Danner,
welcher schon dazumal von den harten Metallen Späne trieb, als hätte er weiches
Holz unter den Händen, und sein Bruder Leonhard, der Erfinder von
mauerstürzenden Brechschrauben. Da ging auch der Meister Wolff, Danner, der
Erfinder des Feuersteinschlosses an den Gewehren und Büchsen, die er trefflich
schmiedete und künstlich ausbohrte, und neben ihm Böheim, der Meister der
Geschützgiesser, welche ihre gleissenden, wohlverzierten Geschützröhren, Kanonen,
Metzen und Kartaunen durch alle Welt berühmt machten.
    Überhaupt war der Krieg die zehnte Muse. Die Zunft der Schwertfeger und
Waffenschmiede allein umfasste eine mehrfach gegliederte Welt kunstreicher,
feiner und fleissiger Metallarbeiter. Der Schwertfeger der Haubenschmied, der
Harnischmacher, jeder von diesen brachte den Teil der kriegerischen Rüstung, der
seinem Namen entsprach, zur grössten Gediegenheit und Zierlichkeit und bewährte
darin ein nachhaltiges Künstler dasein. Wunderbar löste sich diese strenge
Einteilung und Beschränkung in die Freiheit und Allseitigkeit, mit welcher die
schlichten Zunftmänner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen
vorschritten und alle wieder alles konnten, oft ohne lesen und schreiben zu
können. So der Schlosser Hans Bullmann, der Verfertiger grosser Uhrwerke mit
Planetensystemen und musizierenden Figuren, und der Vervollkommner dieser,
Andreas Heinlein, welcher auch so kleine Uhren zuwege brachte, dass sie im Knopfe
der Spazierstöcke Platz fanden; auch Peter Hele, der eigentliche Erfinder der
Taschenuhren, ging hier unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters.
    Gleich auf dies handlich sinnige Zunftwesen folgte dasjenige, welches am
schärfsten diese Zeit von einem frühern Jahrtausend unterschied, nämlich das der
Buchdrucker und Formschneider, welche für Wort und Bild die Schleusen der
unendlichen Vervielfältigung auftaten und den Strom losliessen, der nun die Welt
überschwemmt. Vor bald vierhundert Jahren haben sie den Zapfen ausgestossen, dass
das Brünnlein sprang, und wo stehen wir jetzt? Es ist ein grosses unentbehrliches
Mittel geworden, welches der Unsinn ebenso behende braucht als die Vernunft; es
ist die Luft, welche der Gerechte wie der Ungerechte atmet, und der Tischklopfer
badet sich so munter und unbefangen in seiner Flut wie der Sperling im Bache.
Weit hinter dieser Flut ist die langsame, aber stete Bewegung des eigentlichen
Geistes geblieben, des Geistes, der nicht auf dem Papier, sondern in Fleisch und
Blut lebt und sich nur von Leib zu Leib, von Auge zu Auge, von Ohr zu Ohr
mitteilt, überzeugt, trennt und einigt.
    Auch hier kommt zuletzt alles wieder auf den persönlichen Menschen an, wie
er leibt und lebt und zu dem andern hintritt mit seiner Wahrheit oder Täuschung.
    Aber nichtsdestominder wollen wir die Gruppe der Meister höchlich ehren,
welche nun schwarz und weiss gekleidet daherkam. Es waren die Männer, welche
nebst der unschätzbaren Bibel freilich auch das Corpus juris druckten, aber
daneben auch eifrig bemüht waren, stattliche Ausgaben der wiedererstandenen
Klassiker herzustellen, und eine Ehre dareinsetzten. So wackere und fähige
Werkleute waren sie, dass sie nicht nur das kitzlige und zusammengesetzte
Handwerkszeug selbst anfertigten und verbesserten, sondern auch die griechischen
und lateinischen Bücher selbst zu korrigieren verstanden.
    Es lag aber etwas Griechisches in der Luft jener Zeit, und wie alle Gewerke
schon durch den Meistergesang mit der Kunst verbunden waren, so ging beinahe
jedes einzelne unmittelbar in die bildende Kunst über und hatte bei derselben
als Legaten die Sprösslinge seiner Werkstatt. So waren hier mit den Buchdruckern
die Formschneider gepaart, deren Kunst alsobald der jungen Buchdruckerei zur
Seite ging und in dem damaligen Drange, jedem geeigneten Raume Form und Bild
aufzudrücken, sich blühend entfaltete. Ein tödlicher Frost ist dann lange Jahre
hindurch auf diesen Blütendrang, der in allem Handwerk trieb, gefallen, und erst
in neuester Zeit erholt er sich wieder ein wenig und fängt gerade, die bis zur
Überfeinerung gediehene Kupferstecherei der verdunkelten Jahre überspringend,
wieder da an wie ehemals, nämlich beim Holzschnitt. Aber noch wuchert mit der
zehnfachen Mühe, mit welcher das Gute zu tun wäre, das Krabbelige, Charakterlose
und Schwächliche und überwuchert das Klare und Feste, und das Übel scheint von
oben zu kommen, wo man den festen Gedanken, der zur festen Form gehört, nicht
freigeben will. Bezeichnend hiefür ist ein Zug, welcher sich unlängst zutrug.
Der König eines grossen deutschen Staates hatte über seine eigenen
Porzellanwerkstätten in ernster Kunst ergraute Männer gesetzt, dass sie die
Formen der Gefässe überwachten und den unreinen Geschmack austrieben und
fernhielten. Allein eine überroyalistische Zeitung tadelte des Königs Massregel
und bemerkte ziemlich unbotmässig, dass sich die vornehme Welt wohl keinen
Geschmack vorschreiben liesse und den Rokokostil, welchen sie einmal zu ihrem
Zeichen erhoben, aufrechtzuhalten wissen werde. Diese Palastrevolution gelang
denn auch insofern, als die Pairs des Landes nicht des Königs rein geformte
Blumengeschirre kauften, sondern sich anderwärts mit solchen versahn, welche
einem aufrechtstehenden gefrorenen Waschlappen gleichen, und die Wächter des
Geschmackes bewachten trauernd des Königs Ladenhüter.
    Neben Hans Schäufelein, dem fleissigen Schüler Albrecht Dürers, ging unter
den Holzschneidern ein kleines Männchen in einem Mäntelchen von Katzenpelz und
einer ebensolchen Zipfelkappe. Dies war Hieronymus Rösch, ein grosser
Katzenfreund, in dessen stiller Arbeitsstube überall spinnende Katzen sassen, am
Fenster, auf Bänken und auf dem Tische.
    Auf das dunkle Katzenmännchen folgte eine lichte Erscheinung, die
Silberschmiede, in himmelblauem und rosenrotem Gewand mit weissem Überwurf, die
Klarheit und das kunstweckende Wesen ihres Metalles verkündend, während die Gold
schmiede, ganz rot gekleidet in schwarzdamastenem Mantel und reich mit Gold
gestickt, den tiefern Glanz ihres Stoffes zur Schau trugen. Silberne Bildtafeln
und goldgetriebene Schalen wurden ihnen vorangetragen; die plastische Kunst
lächelte hier aus silberner Wiege, und die neugeborene Kupferstecherkunst hatte
hier ihren metallischen Ursprung, wunderlich getrennt von dem Holzschnitt,
welcher mit der schwärzlichen Buchdruckerei ging.
    Mit Holz und Kupfer nur hatten es die nun auftretenden Kupfertreiber und
Ornamentschneider zu tun, dafür waren sie aber schon ganz Künstler und
unbezweifelte Bildwerker. Sebastian Lindenast arbeitete seine kupfernen Gefässe
und Schalen so schön und kostbar, dass ihm der Kaiser das Vorrecht verlieh, sie
zu vergolden, welches sonst niemand durfte. Obgleich dergleichen für heute nicht
mehr ziemte, so kann es doch keine sinnigere Beschränkung und Befreiung von
derselben geben als diese, wo ein kunstreicher treuer Mann vom obersten Haupte
der Nation, des Reiches die Befugnis erhielt, sein geringes Metall der edlen
Form wegen, die er ihm zu geben wusste, mit Goldglanz zu umgeben und es so zum
Golde zu erheben.
    Neben dieser um dieses Umstandes willen so lieblichen und wohltuenden
Gestalt des Lindenast (wie deutsch und grün wehend war schon dieser Name!) ging
Veit Stoss, der Mann von wunderlichster Mischung. Dieser schnitzte aus Holz so
holde Marienbilder und Engel und bekleidete sie so lieblich mit Farben, güldenem
Haar und Edelsteinen, dass damalige Dichter begeistert seine Werke besangen. Dazu
war er ein mässiger und stiller Mann, der keinen Wein trank und fleissig seines
Werkes oblag, die frommen Wunderbilder für die Altäre zutage fördernd. Welch
reines Gemüt musste dieser Künstler in sich tragen. Aber er machte eifrigst
falsche Wertpapiere, um sein Gut zu erhöhen, und als er ertappt ward, durchstach
man ihm beide Wangen öffentlich mit glühendem Eisen. Aber weit entfernt, von
solcher Schmach gebrochen zu werden, erreichte er in aller Gemächlichkeit ein
Alter von fünfundneunzig Jahren und schnitt nebenbei schöne und lehrreiche
Reliefkarten von Landschaften mit Städten, Gebirgen und Flüssen; auch malte er
und stach in Kupfer.
    Noch ein sinnreicher Arbeiter in Kupfer war Hans Frei, Dürers
Schwiegervater, welcher reizende und mutwillige Frauenfiguren in Kupfer trieb,
die aus den Brüsten und aus dem Kopfputze Wasser springen liessen; zugleich
spielte er trefflich die Harfe und war in Musik und Poesie wohlerfahren. Seine
schöne böse Tochter Agnes aber, in welcher sich Liebreiz und Unerträglichkeit
unablässig vermählten, brachte den schönheitbedürftigen und sanftmütigen
Altrecht unter den Boden.
    Doch als ein ganzer und klassischer Genoss trat nun, unter dem schlichten
Namen der Gelb- und Rotgiesser, Peter Vischer einher mit seinen fünf Söhnen, die
Hantierer in glänzendem Erze. Er sah aus mit seinem kräftig gelockten Bart,
seiner runden Filzmütze und seinem Schmiedefell wie der wackere Hephästos
selber. Sein freundliches grosses Auge verkündete, dass es ihm gelang, aus
reinlichem Erz sich ein unvergängliches Denkmal zu setzen, reich in der Arbeit
vieler Jahre und beschienen von der fernen Sonne griechischer Welt. Noch heute
steht sein Grabmal des heiligen Sebaldus, ein schlank edler Aufbau von
romantischer Phantasie und klassischer Anmut, der reiche Wohnsitz einer Schar
edler mannigfaltiger Bildwerke, die in lichtem Raume den silbernen Sarg des
Heiligen hüten. Er wohnte mit seinen fünf Söhnen samt deren Weibern und Kindern
in einem Hause, an einer Werkstatt und konnte so mit seiner Familie einem
geheiligten Baume verglichen werden, in dessen Ästen die köstlichen Früchte von
Erz reiften, die in alle Länder hin sich verbreiteten. Die Wiege eines Helden,
Staatsmannes oder Dichters müsste einmal in solcher Werkstatt stehen, wo unter
leidenschaftlich bewegter Arbeit die ehernen Gestalten und eine Welt ebenmässiger
Zieraten aus einem Kerne sich bilden und das lang ausdauernde Schaffen einem
lebendigen Epos gleicht.
    Zu den edelsten und vertrauenswertesten Gestalten einer wohlbestehenden
Stadt gehören die kundigen Baumeister. Sie stehen unter allen Künstlern dem Rat
am nächsten und sind dem Bürgerkinde stets eine werte Erscheinung, welche ihm
Einsicht, Mass und Zierde bedeutet, Rat und Tat für das öffentliche Ganze wie für
das Bedürfnis des einzelnen. Sie sind am innigsten mit Land und Boden verbunden;
denn sie bauen das Unbewegliche und müssen daher kundig sein in Fels und Wald
wie am rauschenden Wasser. Ganz in diesem Sinne erschien in dem Zuge mit den
Maurer- und Zimmermeistern besonders der eine der beiden Behaims, Hans, von dem
die Nachrichten sagen, er sei angesehen gewesen bei Rat und Gemeinde, freundlich
und gütigen Bescheids gegen jedermann wie gegen die geringsten seiner
Arbeitsleute. Wenn man an die zierbegabten und gewaltigen Bauwerke jener
Glanzzeit denkt, so muss man dieses Mannes vorzüglich zugleich gedenken. Wir
aber, die wir nach menschlicher Schwachheit immer lieber das auffallende und
seltsame Gute als das in gereihter sicherer Ordnung Erwachsene betrachten, sehen
jetzt mit Vorliebe jenen grossen dickstarken Mann heranschreiten, den Zimmermann
Georg Weber, zu dessen grauem Kleide es einer Unzahl von Ellen handfesten Tuches
bedurfte. Dieser war ein rechter Wäldervertilger; denn mit seinen Werkleuten,
die er alle so gross und stark aussuchte, wie er selber war, mit dieser
Riesenschaft werkte er so mächtig in Bäumen und Balken und zugleich so sinnreich
und künstlich, dass er seinesgleichen nicht fand. Aber er war auch ein trotziger
Volksmann und machte im Bauernkrieg den Bauern Geschütze aus grünen Waldbäumen,
aus welchen sie ganz emsig auf die Adeligen schossen. Er sollte desnahen zu
Dinkelsbühl geköpft werden. Allein der Rat von Nürnberg löste ihn wegen seiner
Kunst und Nutzbarkeit aus und machte ihn zum Stadtzimmermeister; denn er baute
nicht nur schönes und festes Sparren- und Balkenwerk, sondern auch Mühl- und
Hebemaschinen und gewaltige lasttragende Wagen und fand für jedes Hindernis,
eine jede Gewichtmasse einen Anschlag unter seiner starken Hirnschale. Das
merkwürdigste war nun, dass er weder lesen noch schreiben konnte und bei aller
dieser trotzigen Stärke doch so genau, masstreffend, sorgfältig und fast zart in
seinem Werke war, wie es nur die mit frommer Kindesunschuld gepaarte Kraft des
Volkes sein kann.
    Endlich erschien, eröffnet von zwei »Lehrbuben«, die eigentliche Zunft der
Maler und Bildhauer; wie bei allen anderen Zünften folgten auch hier nach den
Lehrlingen die Träger der Zunftzeichen und nach diesen zwei Gesellen der Maler
Hans Spring in Klee, Dürers Schüler und Hausgenoss und kunstreich im Malen auf
Pergament, in zierlich goldschimmernden und azurblauen Arabesken und Figuren,
dann der Bildhauer Peter Flötner, ein geistvoller handsicherer Gesell und
Künstler. Einzeln ging jetzt ein schöner Edelknabe mit dem Wappen, das in
himmelblauem Felde drei silberne Schildchen zeigt und von Maximilian dem grossen
Meister für die ganze geehrte Künstlerschaft gegeben worden ist. Der Sinn dieses
Wappens dürfte sich am einfachsten in den Begriff von Tafeln oder Schilderei
auflösen. Hätten die Maler selbst es bestimmen dürfen, so würden sie
wahrscheinlich in hergebrachtem Sinne eine Trophäe der bekannten
Malergerätschaften gewählt haben; der wappenkundige und poetische Kaiser aber
wusste das einfache Besondere in die einfachste allgemeine sinnige Form zu
kleiden.
    Hinter diesem anmutigen Wappen schritt nun Albrecht Dürer, zwischen seinem
Lehrer Wohlgemut und Adam Kraft, wie zwischen den guten Genien seines eigenen
Namens. Für seine Person hatte sich ein Maler gefunden, der sein Äusseres, mit
Ausnahme der Kleidung, nicht zu ändern brauchte, um dem Bildnisse des deutschen
Meisters, das dieser selbst von sich gefertigt, beinahe ganz zu gleichen. Die
hellen Ringellocken fielen, zu beiden Seiten gleich gescheitelt, ganz so auf die
breiten pelzgeschmückten Schultern nieder, das gedankentiefe, fromme heitere
Antlitz schien aus jenem Bilde herausgeschnitten, und ein schlankgeformter
geschmeidiger Leib bewegte sich in dem schwarzen Untergewande. Diese Erscheinung
war ganz germanisch und ganz christlich, und wenn sich auch in den geringelten
Haaren ein anmutiger Schalk ahnen liess, so war auch dieser christlich und liess
sich von der kirchlich angetrauten bösen Ehehälfte geduldig unter die Erde
zanken.
    Wie anders jener römische Raffael, der, vom Anschauen des alten Marmors
gesättigt, im Christlichen nur das Menschliche sah und sein kurzes blühendes
Leben in freudebringendem gewaltigem Schaffen und freier Frauenliebe verzehrte.
Albrecht war ein eifriger Reformationsmann, eben weil er ein tiefer Christ war;
hätte Raffael die Reformation empfunden und mitgelebt, er würde vielleicht nicht
Raffael gewesen sein. Der Glückliche träumte in einer anderen Welt, und Papst
wie Luter gingen wie Schatten an seinem Auge vorüber.
    Albrecht Dürer schloss als der letzte die vorüberwandelnde Schar der Bildner
und Werkleute. Sie war der bedeutsamste Teil des ganzen Zuges gewesen, weil sie
für alle noch eine Wahrheit war. Wenn auch nicht als organisches, republikanisch
bürgerliches Gemeinwesen erwachsen wie jenes reichsstädtische, sondern durch das
Wort eines zufälligen Fürsten zusammengerufen, gepflegt und bestärkt, hatten
alle diese Männer und Jünglinge nicht nur durch die ungebrochene äussere Gestalt,
sondern auch durch ihr Können und Wollen die Fähigkeit und das Recht, jene
bewährten Vorfahren darzustellen. Denn es war kein dilettantisches Bestreben,
was in dieser Stadt herrschte, sondern die Meisterschaft blühte in hundert
Zweigen in glänzend reifender Technik. Ausser den vielen Malern und Bildhauern
gingen Baumeister, Erzgiesser, Glas- und Porzellanmaler, Holzschneider,
Kupferstecher, Steinzeichner, Medailleure und viele andere Angehörige eines
vollen Kunstlebens. In den Giesshäusern standen zwölf Ahnenbilder für den Palast
des Königs, soeben vollendet, jedes zwölf Fuss hoch und vom Scheitel bis zur Zehe
im Feuer vergoldet; zahlreiche kolossale Statuen von Fürsten, Dichtern und
anderen Grossen der Nation, zu Ross und Fuss, samt den reichen Bildwerken ihrer
Fussgestelle, waren schon vollendet und über Deutschland zerstreut, riesenhafte
Unternehmungen begonnen, und es ging in diesen Feuerhäusern wohl schon so
gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem Gussofen zu Florenz, als Benvenuto
seinen Perseus goss. In Fresko und in Wachs waren schon unabsehbare Wände bemalt,
ja in diesem Gebiete war ein Unerhörtes und Neues geschehen, indem ein
schlichter Meister lange Hallen mit italienischen und hellenischen Landschaften
auf eine massgebende und bleibende Weise, und zwar so bemalt hatte, dass die
Griechen, deren plastischem Auge unsere heutige Landschafterei wahrscheinlich
ungeniessbar wäre, diese Bilder verstanden und genossen und darin unserer Zeit
einen Vorteil beneidet hätten. Haushohe Glasfenster wurden hier gebrannt und
zusammengesetzt in einem Farbenfeuer und mit solch bewusstem Geschmacke, dass sie
gegen die alten Reste, die wir besitzen, als eine neue Tat gelten konnten, und
was die Gemäldesammlungen des Staates an seltenen und unersetzbaren Schätzen auf
verwitterter Leinwand bewahrten, wurde zur Erhaltung von bewährten Arbeitern mit
anspruchlosem Fleisse auf Porzellanplatten und edle Gefässe getreu übertragen mit
einer Kunst, die man selbst vor zwanzig Jahren nicht geübt hatte. Neue
bedeutsame Sammlungen entstanden auf diese Art.
    Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert und von ihr liebend gehegt wird,
vorangegangen, trat gewissermassen die Stadt selbst auf, wenn der nun folgende
Zug von jenem irgend noch zu trennen ist; denn beide zusammen machten ja das
Ganze aus, und sein rühmliches Wohl kannte nur einen Boden für seine Wurzeln.
    Von zwei bärtigen Hellebardierern begleitet, wurde das grosse Stadtbanner
getragen. Hoch trug der kecke Träger im weiss und roten, üppig geschlitzten
Kleide die wallende Fahne, die eine Faust stattlich in die Seite gestemmt und
anmutig den Fuss vorsetzend. Alsdann kam der Stadtauptmann, kriegerisch
prachtvoll in Rot und Schwarz gekleidet, mit einem Brustarnisch angetan und den
Kopf mit breitem, von Federn wogendem Barettute bedeckt.
    Ihm folgten gleich die beiden Bürgermeister, staatsmännischen und weisen
Ansehens, dann der Syndikus und die Ratsherren, unter denen manch ein im weiten
Reich angesehener und demselben erspriesslicher Mann war.
    Von den beiden Stadtschreibern, welche nebeneinander gingen, war der eine
schmächtige Schwarzgekleidete, mit der schöngeschnjetzten Elfenbeinbrille auf der
Nase, in Wirklichkeit der Literator der Künstlerschaft und der gelehrte
Beschreiber des Festes. Sein rühmliches Gedenkbuch ist unserm Gedächtnis dankbar
zur Hilfe genommen.
    Den Schluss bildeten nun die festlichen Reihen der ehrbaren Geschlechter.
Seide, Gold und Juwelen glänzten hier in schwerem Überfluss. Diese kaufmännischen
Patrizier, deren Güter auf allen Meeren schwammen, die zugleich in kriegerischer
Haltung mit dem selbstgegossenen trefflichen Geschütze ihre Stadt verteidigten
und an Reichskriegen teilnahmen, übertrafen den Adel an Pracht und Reichtum und
unterschieden sich von ihm durch Gemeinsinn und sittliche Würde, vom gemeinen
Bürger aber durch weitsehenden Blick und umfassenden erhaltenden Sinn. Ihre
Frauen und Töchter rauschten wie grosse lebende Blumen einher, und die Damen
mussten sich selbst gestehen, dass man vor vierhundert Jahren sich auch zu putzen
wusste. Einige gingen mit goldenen Netzen und Häubchen um die schöngezöpften
Haare, andere mit federwallenden Baretten und Hüten; manche die Brüste straff in
Goldstoff und Perlenstickerei gespannt, zwei Rubinen auf den höchsten Punkten,
mit feinstem Linnen den Hals umschlossen, manche aber mit prächtig entblössten
Schultern, von köstlichem Rauhwerk eingefasst. Das Fremde und Eigensinnige im
Schnitt der Gewänder entstellte nicht, wie sonst verjährte oder unkluge Moden,
sondern es schmückte auf das höchste und berauschte den Blick durch
Eigentümlichkeit und Phantasie. Diese Trachten waren allerdings den klassischen
einfachen Gewandmassen griechischer Welt gerade entgegengesetzt; aber
nichtsdestominder verkündeten sie eine kecke Freude am Leben und am Leiblichen,
nur dass der persönliche Sinn, der im Christentume liegt, sich in den wunderlich
ausgedachten Umspannungen und Angehängseln des schönen Körpers zeigte.
    Überhaupt machte der ganze Festzug durch die blosse Tracht, welche auf das
genaueste wiedergegeben war, einen ganz andern Eindruck, als unsere neuesten
frömmelnden Romantiker in ihren unkundigen und siechen Schilderungen des
Mittelalters beabsichtigen.
    Inmitten diesen glänzenden Reihen gingen einige venezianische Patrizier und
Maler, als Gäste gedacht, poetisch in ihre welschen, purpurnen und schwarzen
Mäntel gehüllt um Haupt und Schultern. Diese Gestalten lenkten trefflich die
Vorstellungskraft auf die Lagunenstadt und von da ins ungemessene Weite an die
Küsten der Alten und Neuen Welt, um von da wieder zurückzukehren zur
spitzbogigen Wunderstadt mitten im Festlande.
    Trompeter und Pauker, gefolgt von drei Zugführern in Gold und Schwarz mit
dem Reichsadler, eröffneten jetzt den Zug des Kaisers und Reiches, mit allem,
was dieses an Tapferkeit und Glanz um jenen geschart hatte.
    Ein Haufen Landsknechte mit seinem robusten Hauptmann gab sogleich ein
lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres unruhigen, auf Abenteuer gehenden,
wilden und doch sanglustigen kindlichen Volkstumes. Diese frommen Landsknechte,
einen Wald von achtzehn Schuh langen Spiessen tragend, sahen sehr unfromm aus in
ihrer bunten, aus aller Herren Ländern zusammengeraubten Tracht. Die rechte und
linke Seite an demselben Mann war nicht nur ungleichfarbig, sondern auch
ungleich geschnitten; das rechte Bein, der linke Arm steckten in ungeheuer
aufgebauschten, fabelhaft zerschljetzten und bebänderten Gewandstücken, während
der rechte Arm und das linke Bein in knappester Umhüllung sich formten. Der eine
trug Hals und Schultern nackt und sonnenverbrannt, der andere mit einem
erbeuteten Panzerstück bedeckt; diesem sass das leichtfertig gekerbte Barett
schief auf dem Kopfe, indessen die langen angehäuften Federn ihm unten an die
Kniekehle schlugen; jener hatte es auf dem Rücken hängen und schleifte die
gestohlenen Federn gar am Boden. Sonst nannten sie nichts ihr als den sichern
Tod im Felde, und auf dies schlimme Gut, auf Wein und Weibsbilder und etwa noch
auf ihren geliebten Führer Frundsberg dichteten sie die artigsten Liedchen. In
diesen weitinziehenden Fussknechten sah der innere Blick Berg und Tal, Wälder,
Burgen und Festen, deutsches und welsches Land sich ausbreiten, nachdem die
schöngebaute, mauergeschützte und massvolle Stadt sich vorhin kundgetan.
    Vier Edelknaben mit den Wappenschildern von Burgund, von Holland, von
Flandern und von Österreich, dann vier Ritter mit den Bannern von Steier, Tirol,
Habsburg und mit dem kaiserlichen Paniere folgten; dann ein Schwertträger und
zwei Herolde mit dem schwarzen Doppeladler auf dem goldenen Brust-und Rückenteil
ihrer Röcke. Auf die Flamberge tragende Leibwache des Kaisers kam eine zarte
Schar Edelknaben in kurzen goldstoffenen Wämsern, goldene Pokale tragend, dem
kaiserlichen Mundschenk vorauf. Ebenso gingen grüne Jäger und Falkoniere dem
Oberjägermeister voran, und wiederum Edelknaben dem Kaiser selbst.
    Fackelträger mit vergittertem Gesicht umgaben diesen. Rock und
Hermelinmantel von schwarzdurchwirktem Goldstoff, einen goldenen Brustarnisch
tragend, nebst goldenem Schwert in roter Sammetscheide, und auf dem Barett den
königlichen Zackenreif, ging Maximilian I. heroisch daher, das edle Angesicht
auf das Heldenmütige, Ritterhafte, Gemüt-und Sinnreiche gerichtet. So konnte man
sagen selbst bei diesem lebenden Konterfei. Denn es hatte sich für das Bild des
Kaisers ein junger Mann aus den fernsten Gauen des ehemaligen Reiches
eingefunden, der, ein merkwürdiges Naturspiel, von edler Haltung und edlem
Angesicht, wie dazu geschaffen war, ganz dasselbe offene, mannhafte und
angenehme Gesicht, die starke gebogene Nase, die bei den besseren Habsburgern
immer angenehm hervortretende Unterlippe und das kräftige schlichte, rund um den
Kopf gleichgeschnittene Haar.
    Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen,
aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbarer Held
launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Sammet gekleidet, knapp am Leibe,
aber mit weiten ausgezackten hängenden Oberärmeln. Auf dem Kopfe trug er ein
arzurblaues Barett mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen
Schelle; an der Hüfte aber hing an rosenfarbenem Gehänge ein breites langes
Schlachtschwert von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl
ein Dichter als, was schöner ist, selbst ein Gedicht.
    Der Erbschenk von Kärnten und Stattalter der innerösterreichischen Lande,
Siegmund von Dietrichstein, der als vertrautester und treuester Rat Maximilians
zu dessen Seite begraben liegt, und der zum tüchtigen Feldherrn gediehene
gelahrte Doktor der Rechte, Ulrich von Schellenberg, eröffneten nun die lange
Reihe dessen, was die Tafelrunde Maxens an glänzenden Ritter- und
Fürstengestalten aufzuweisen hatte. Da schritt in Stahl gehüllt und
waffenklirrend einher, was von der Lüneburger Heide bis zur alten Stadt Rom, von
den Pyrenäen bis zur türkischen Donau gefochten, geblutet und gesiegt hatte.
Schlachten und harte Belagerungen, Schiessen, Mauerbrechen, Hängen und Köpfen,
ritterlich treues Leben und ruhmreiche Taten knüpften sich an die Namen aller
dieser Kämpen, welche alle jedoch von den rastlosen wunderbaren Abenteuern und
Taten des einzigen Kaisers übertroffen wurden.
    Den Feldherrnstab auf die Hüfte gestützt, trat zuerst auf Georg von
Frundsberg, allein schon eine ganze Kriegszeit und Historie. Das Schwert Franz
I. von Frankreich wurde ihm auf goldenem Kissen vorangetragen mit der Inschrift:
Pavia 1525. Ein bärtiger Landsknecht trug seine Hellebarde; denn er liebte es,
mit gutem Wertzeug in der Schlacht hie und da selbst mit einigen Streichen
nachzuhelfen und auszubessern, wie ein guter Handwerksmeister, und man sah ihn
dann dergestalt hantieren, dass er mit jedem Schlage einen Mann niederschlug und
dazu hauchte wie ein Holzhacker. Ein Bergschütz aus seinem Stammland Tirol, mit
Armbrust, Köcher, Panzerhemd und Schwert, trug seinen Wappenschild.
    Ihm folgte ein hoher gewaltiger Ritter, Herzog Erich von Braunschweig;
seinen Stahlhelm zierte die Herzogskrone, aus welcher ein schillernder Busch von
Pfauenfedern emporschwankte, und über diesem schwebte hoch ein goldener Stern.
Voraus ging ein Edelknabe mit einer böhmischen Fahne, auf welcher geschrieben
stand Regensburg 1504. Die wilde Böhmenschlacht, in welcher er dem Kaiser das
Leben gerettet, trat hiemit vor das geistige Auge.
    Schwer an Erinnerung und Bedeutsamkeit folgte Franz von Sickingen, in Eisen
gehüllt, mit seinem langen, gerechten und freiheitliebenden Schwert, seinem
langen Arm. Ein Edelknabe trug die Fahne der Picardie voran mit der Inschrift:
Bouillon 1518. Zwei geharnischte Reiterknechte gingen hinter ihm mit Waffen und
Schild, der seinen Wahlspruch glänzen liess: Gottes Freund, aller Welt Feind. Er
selbst aber sah wohl aus wie der, welcher in der Not eines blutigen wilden
Belagerungstodes im Harnischkasten begraben wurde.
    Wilhelm von Roggendorf und Graf Niklas Salm, jener von maurischen
Siegeszeichen und der Inschrift: Berg Spadan 1522, dieser mit türkischen und der
Inschrift: Wien 1529 begleitet, gaben das Bild einer schönen Heldenfreundschaft.
Denn der eine, welcher als Jüngling in die Waffenlehre des andern gegeben ward,
wurde in seltsam leidenschaftlicher Umkehrung des Weltlaufes der jugendliche
Schwiegervater des Heldengreises, der seine Tochter liebte und auch vor ihm in
heisser Türkenschlacht in seinen Armen starb. Beide aber ruhen in derselben
Gruft.
    Dem Grafen Andreas von Sonnenburg ward die französische Fahne mit der
Inschrift: Guinegaste 1479 vorgetragen. Ein Bergschütz aus seiner tirolischen
Grafschaft, in Panzerhemd und Jägerhut, mit breitem Gürtel, langem Bogen und
Köcher folgte und trug den Schild mit dem alten schwäbischen Wappen, zu Ehren
seines Ahnherrn, der dem letzten Hohenstaufen im Tode beistand.
    Dem Fürsten Rudolf von Anhalt ging eine Fahne mit der Inschrift:
Stuhlweissenburg 1490 voran, und seine Knappen trugen Lanze und Schild mit den
Worten: Anhalt das treue Blut. Und endlich trug dem in blauer Rüstung und
schwarzem Helmbusch schreitenden Marx Sittich von Hohenems ein Edelknabe die
venezianische Fahne mit der Inschrift: Verona 1516 voran.
    Jetzt erschienen die gelehrten Räte des Kaisers; allein gleich der erste
derselben, der berühmte Willibald Pirckheimer war wieder ein Stück Krieg, und
nicht nur Schriftsteller, Altertumskenner und Beschützer aller Gelehrten und
Künstler, sondern auch zuweilen Feldherr; der edle und treue Freund Dürers
führte eine Kriegsschar seiner Vaterstadt Nürnberg, ein zweiter Xenophon, gegen
die Schweizer im Schwabenkriege; und der gelehrte Mann musste sich freilich mit
noch bewährteren Kriegsfürsten trösten, wenn er in dieser schlimmen Gegend nicht
die Lorbeeren holte wie auf den ruhigen Gefilden der Wissenschaft.
    Melchior Pfinzing, Verfasser des Teuerdank, und Marx Treitzsauerwein, der
Geheimschreiber des Kaisers und Ordner des Weisskuniges, erschienen als die
Zeugen der sinnreichen und fabelweisen Gemütsrichtung des römischen Königs.
    Ein reicher Hof von Rittern und Edelfrauen und endlich ein einsamer
fahrender Ritter, geharnischt und die Ziter über der Schulter, schlossen das
Gefolge des Kaisers, welches ein zweiter Haufen Landsknechte von dem folgenden
Zuge trennte.
    Auch diese Ritter- und Kriegswelt, von friedlichen Künstlern dargestellt,
zeigte sich dessenungeachtet wahr und wesentlich, getragen von stattlich
körperlicher Befähigung. Hier waren vorzugsweise die in männlicher Reife, Kunst
und bürgerlicher Stellung vorgerückten Mitglieder vertreten, deren durch
rüstiges und gelungenes Schaffen erreichter Wohlstand die kostbaren Gewänder
möglich machte. Sie trugen mit kriegerischem Anstand die reichgeschmiedeten
Rüstungen aus dem Zeughause, und die kecken, mannigfach geschnittenen Bärte
schienen weniger die Zeichen malerischen Behabens als die Zierden wirklich
tatenreicher Kämpen zu sein. Da nun aber jeder einzelne Mann nicht etwa ein
schöngewachsenes Schema, ein blosser Statist, sondern eine bedeutende
Persönlichkeit, ein rechter Schmied seines Glückes war, der aus diesem, der aus
jenem Winkel deutschen Volkstumes hervorgekommen, so musste man beim Anblick so
vieler unwillkürlich die Hoffnung fassen, dass ein solches Volk doch noch zu was
anderm fähig sei als zur Darstellung der Vergangenheit und dass diese körperliche
Wohlgestalt, welche so ähnliche Bilder toter Helden und Kaiser zeigte,
unausbleiblich einst die wahren Kaiser, die rechten Schmiede und Herrscher des
eigenen Geschickes, die selbständigen Männer der Zukunft hervorbringen werde.
    Während die Scharen aller bisher Vorübergeschrittenen weitin dem Blicke
entschwanden und im weiten Rundgange sich kreuzten, rauschte und tanzte jetzt
die Mummerei heran, in welcher alles, was die Künstlerschaft an übermütigen
Sonderlingen, Witzbolden, seltsamen Lückenbüssern und Kometennaturen in sich
hegte, Platz gewählt hatte.
    Der Mummereimeister Peter von Altenhaus eröffnete auf einem launischen Esel
den träumerischen Zug, und hinter ihm kollerten die altdeutschen
Narrengestalten, die zierlichen bunten Narren Gylyme, Pöck und Guggerillis und
die verwachsenen Schälke Metterschi und Duweindel daher nebst vielen anderen
Narren, welche aber nie beisammenblieben, sondern unaufhörlich zwischen den
Gruppen des Zuges herumfuhren.
    Dann kam der bekränzte Tyrsusträger, welcher die behaarte, gehörnte und
geschwänzte Musikbande führte. In ihren Bockshäuten nach der eigenen Musik
hüpfend und hopsend, brachten diese Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und
brummende Musik hervor, bald in der Oktave, bald in lauter Quinten pfeifend und
schnarrend, jetzt in schwindelnder Höhe, dann in der tiefsten Tiefe.
    Mit goldenem umlaubtem Tyrsusstabe schritt der Anführer des Bacchuszuges
vor. Ein Kranz blauer Trauben umschattete tief seine glühende Stirn; von den
Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbänder
bis auf die Füsse und verhüllte wehend den unbekleideten Körper. Nur die Füsse
waren mit goldenen Sandalen versehen.
    In biblischer Erinnerung trugen hierauf, umtanzt von halb mittelalterlich,
halb antik geschürzten Winzern mit Krügen, Traubenbutten, die zwei Kundschafter
aus dem Gelobten Lande an schwer gebogener Stange die grosse Traube. Vier noch
kernhaftere Männer trugen an vier aufrechten Fichten eine noch viel grössere
Traube. Auch der dicke Silen, welcher unbehilflich und ängstlich zu Fuss ging,
und die tobende Schar von Schenken, Faunen und Winzern, welche den Wagen des
Bacchus zogen, schoben und umschwärmten, Schalen, Becken und Stäbe
zusammenschlagend, waren halb modern, halb mytologisch gekleidet. Selbst der
junge, efeubekränzte Bacchus, sonst ganz nackt, trug, mittelalterlich gedacht,
ein zierliches Küferschürzchen um die runden Hüften. Eine Rebenlaube wölbte
sich, und die dichten Trauben bildeten einen dunkelblauen Himmel über ihm, in
den er sehnsüchtig hineinlächelte. Es war ein schöner rosiger Jüngling mit
schwarzgelocktem Haar.
    Könige mit Krone und Zepter, zerlumpte Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen
und Juden, Türken und Mohren, Knaben und weisse Greise zogen nun den Triumphwagen
der Venus herbei. Diese war niemand anders als die schöne Rosalie in aller Anmut
ihres rosig lachenden Wesens. Sie ruhete auf einem Rosenlager unter
durchsichtiger Blumenlaube, in ein seidenes antikes Purpurkleid gehüllt, mit
blossen Armen und Füssen. Über der Stirn strahlte ein goldener Stern aus den
dunklen Locken, in der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei
silberne Täubchen sassen, die, mit den Flügeln schlagend, sich schnäbelten. Zwei
Kreuzfahrer gingen unter den Gefangenen der Venus zu beiden Seiten des Wagens
und gereichten ihr mit aufmerksamer Haltung zu besonderm Schutzgeleit. Sie aber
sah sich dann und wann begierig und lächelnd um, da gleich hinter ihrem Wagen
der biedere Erikson, welcher den Zug der Diana anführte, als wilder Mann
einherschritt, seinen kraftvollen schönen Körper nur um Lenden und Stirn mit
dichtem Eichenlaub geziert, er überragte um einen Kopf seine Umgebung, obgleich
noch manche stattliche Gestalt dabei war. Viele Jäger folgten ihm mit grünen
Zweigen auf Hüten und Kappen, die grossen Hiftörner mit Laubwerk umwunden, das
Jagdkleid aber mit Iltisfellen, Luchsköpfen, Rehpfoten und Eberzähnen besetzt.
Einige führten Rüden und Windspiele, einige, mit Gebirgsschuhen und Steigeisen
am Gürtel, trugen Gemsböcke auf dem Rücken, andere Auerhähne und Bündel von
Fasanen und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten
Hauern, Geweihen und Pfoten. Dann trug eine Schar trotziger wilder Männer einen
wandernden Wald belaubter Bäume aller Gattung, in welchen Affen, wilde Katzen
und Eichhörnchen kletterten und Vögel nisteten. Durch die Stämme dieses Waldes
aber sah man bereits die silberne Gestalt der schmalen Diana schimmern, der
lieblichen Agnes, wie sie von Ferdinand geschmückt worden war. Ihr Wagen war von
allem möglichen Wilde bedeckt, und dessen Köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem
Gehörn und bunten Federn. Sie selbst sass mit Bogen und Pfeil auf einem bemoosten
Fels, aus welchem ein lebendiger Quell in ein natürliches Becken von
Tropfsteinen sprang, an welches die wilden Männer und Jäger sich manchmal
durstig niederbeugten und aus der Hand tranken.
    Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, welches bis tief auf die
Hüften ganz anliegend war und alle ihre geschmeidigen Formen wie in Silber
gegossen erscheinen liess. Die kleine klare Brust war wie von einem Silberschmied
zierlich getrieben. Vom Schosse abwärts aber, der von einem grünen Gürtel
mehrfach umwunden war, floss das Gewand weit und faltig, mehrfach geschürzt, doch
bis auf die Füsschen, welche mit silbernen Sandalen keusch hervorguckten. Im
schwarzen, griechisch geknüpften Haare machte sich mit Mühe die strahlende
Mondsichel sichtbar, und wenn sich Agnes nur ein bisschen regte, so wurde sie von
den dunklen Locken zeitweise ganz bedeckt. Ihr Gesicht war weiss wie Mondschein
und noch bleicher als gewöhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den
Geliebten, während in dem silberglänzenden Busen der kühne Anschlag, den sie
gefasst, pochte und rumorte.
    Ferdinand aber, welcher das Gewand eines jagdliebenden Königs gewählt hatte,
um der Diana nahe zu sein, hatte sich längst unter den Triumphzug der Venus
gemischt, betrachtete sie wie ein Träumender unverwandt und wich keinen Schritt
von ihrem Wagen, ohne sich dessen innezuwerden; denn kaum hatte er Rosalien beim
Beginne des Festes gesehen, so liess er Agnes, die er geschmückt und soeben auf
den Wagen gehoben, wie sie war, und folgte jener gleich einem Nachtwandler.
    Heinrich hatte sich in ein laubgrünes Narrenkleid gehüllt und trug einen
Jagdspiess statt des Kolbens; um die Schellenkappe hatte er ein Geflecht von
Stachelpflanzen und Stechpalme mit ihren roten Beeren geschlungen als eine
grünende Dornenkrone. Was er damit wollte, wusste er selbst kaum zu sagen; es war
eine mehr unwillkürliche Geschmacksäusserung, welche der innersten Seelenstimmung
entsprang. Er ging, nur hie und da sich umsehend und durch den wandelnden Wald
huschend, immer der Diana zur Seite, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn
Erikson, der wilde Mann, hielt sein Auge auf Rosalien und Ferdinand gerichtet,
ohne indessen stark aus seiner Gemütsruhe zu geraten.
    Als nordisches Märchen folgte diesen südlichen Bildern der Zug des
Bergkönigs. Ein ansehnliches Gebirge von glänzenden Erzstufen und Kristallen war
auf seinem Wagen errichtet, und darauf tronte die riesige Gestalt in grauem
Pelztalar, den schneeweissen Bart wie das Haar bis auf die Hüften gebreitet und
diese davon umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone.
    Um ihn her schlüpften und gruben kleine Gnomen in den Höhlen und Gängen;
dieses waren wirkliche kleine Bübchen; aber der kleine Berggeist, welcher vorn
auf dem Wagen stand, ein strahlendes Grubenlicht auf dem Köpfchen, den Hammer in
der Hand, war ein kaum drei Spannen hoher, ausgewachsener Künstler, aber dennoch
ebenmässig fein gebaut, mit männlich schönem Gesichtchen, wundervollen blauen
Augen und blondem Zwickelbart; das kleine Wesen, einem Zaubermärchen gleichend,
war nichts weniger als eine blosse Seltsamkeit, vielmehr ein wohlbewusster und
rühmlicher Maler.
    Hinter dem Bergkönig auf demselben Wagen schlug der Prägemeister aus Silber
und blankem Kupfer (statt des Goldes) kleine Denkmünzen auf das Fest; ein Drache
speiete sie in ein klingendes Becken, und sie diesem entnehmend, warfen zwei
Pagen, »Gold« und »Silber«, die schimmernden Münzen unter das schauende Volk.
    Ganz zuletzt und einsam schlich der Narr Gülichisch her, traurig und
achselzuckend den geleerten Beutel schüttelnd, umkehrend und rings umherzeigend.
Es war aber noch nicht ernst gemeint mit diesem Bedauern; denn dem nachhinkenden
Narren auf dem Fusse folgte wieder der glänzende Anfang; wieder gingen die
Zünfte, das alte Nürnberg, Kaiser und Reich und die Fabelwelt vorüber, und so
zum dritten Male, bis aller Augen sich an dem Gestaltenwechsel gesättigt hatten.
    Dann scharte sich die ganze Masse in gedrängte Ordnung; die sangkundige
Menge der Künstler liess die Festlieder ertönen und brachte dem vergnügten
wirklichen Könige, in dessen Machtkreis zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ein
opferndes Lebehoch. Durch den Logensaal der königlichen Familie, wo diese
versammelt war, bewegte sich nun der ganze Zug und auf bedeckten Gängen in die
Residenz hinüber, durch deren Säle und Korridore, welche alle von begünstigten
Zuschauern angefüllt waren.
    Als Heinrich in die Nähe des zufriedenen Königs kam, gedachte er jenes
wunderlichen Auftrittes, wo dieser ihm die Mütze heruntergeschlagen hatte. Er
hatte ihn nie wieder so nahe gesehen bis jetzt und ihm längst verziehen; denn
wenn die Könige nicht beleidigt werden dürfen, so können sie auch nicht
beleidigen noch beschimpfen, da ihre einsame Willkür alle gewöhnliche Wirkung
aufhebt. Doch musste er jetzt lachen, als er sich vorstellte, wie schön der König
sich nun vergreifen würde, wenn er ihm die stachlichte Schellenkappe abschlagen
wollte. Mutwillig bot er ihm sein bestechpalmtes Haupt hin und sagte leise: »He,
König! schlag mir die Kappe runter!« Der König sah ihn betroffen an, schien sich
zu erinnern und sagte kein Wort. Heinrich sah ihn ernstaft an, klingelte
bedeutsam mit den Schellen auf seinem Kopfe und sprang davon.
    In den Gemächern und Gängen des Palastes wie in den Gartenarkaden gingen die
Künstler recht durch ihr eigenes Werk, das in vielfältiger Gestalt, von Säulen,
Wänden, Decken und Treppen, in Gold, Farben und Marmor sie umglänzte. Und als
sie über den von Pechflammen erleuchteten Platz zogen, durch das Gewoge des
Stadtvolkes hin, ragte wieder überall ihr Werk in Erzbildern und hohen Gebäuden.
    Doch mündete nun der Zug in das benachbarte grosse Odeon und ergoss sich froh
aufatmend in den zu Bankett und Spiel geschmückten mächtigen Saal. Mit Mühe
gelang es den Führern und Zeremonienmeistern die Plätze zu ordnen, da die
traumhafte Selbsttäuschung auch hier fortdauern und die Teilnehmer nach Rang und
Bedeutung bankettieren sollten. Ein erhöhtes Halbrund war mit des Königs
kostbaren Teppichen, welche er samt reichem Tischzeug, Silbergeschirr und
goldenen Pokalen und Kannen aus seinen Kammern gegeben, bekleidet, um den Kaiser
mit seinen Grafen und den Patriziern aufzunehmen. Mit grossem Anstande nahmen sie
Platz, und noch mehr als der glänzende Kaiser, welcher sich mit wirklich
monarchischem Behagen gefiel, wussten sich die schönen Damen in adeligem Tun zu
gefallen. Die Mundschenken und Edelknaben aber dienten und warteten auf und
fanden hierin, unter Lust und Scherz, ihre volle Zufriedenheit.
    An langen Tafeln sassen die Zünfte und die Landsknechte; nur Albrecht Dürer
hatte seinen Platz neben dem Kaiser, wo auch der majestätische märchenhafte
Bergkönig ragte.
    Von hohen, mit goldgestickten Teppichen behangenen, blumenüberwölbten
Galerien tönten die lauten Musikchöre, bald selbständig, bald die Bankettlieder
begleitend; es war nicht ein Schuh von moderner prosaischer Kleidung im Saale,
und selbst in den Nebengemächern, wo noch viele kleinere Kreise tafelten und
zechten, sah man nichts als Mittelalter bis auf die Leute des Wirtes, welche
alle kostümiert waren. Darum verbreitete sich ein prächtig rauschender Strom der
Freude über die Menge, in welchem sie sich froh und aufblühend badete. Kaum
konnte der Kaiser mit der schönsten Dame den altertümlichen Fackeltanz eröffnen,
bis die Reihen der Handwerksmänner und Landsknechte, welche an den springenden
goldenen Weinquellen sassen, allmählich sich zurückdrängen liessen, und sie taten
es endlich um so williger, als die prächtigen Damen sich weigerten, mit den
Schustergesellen und wilden Fussknechten zu tanzen. Denn die Schönen hatten sich
schon so tief in ihre Gewänder hineingelebt, dass sie vergassen, wie mancher der
Verschmähten von gleichem Range mit ihnen war und, obgleich er ein reinliches
neues Schurzfell trug und in weissen Hemdsärmeln ging, doch gleich ihnen sich
freute, von einem würdigen Kaufmann, Professor oder geheimen Registrator
abzustammen. Für den Anblick gewann jedoch durch diese Wunderlichkeit der Tanz
an Schönheit, als die Ritterpaare, Raum gewinnend, mit wogenden Federn und
wehenden Mänteln in langsamem Walzer oder anderen Tänzen sich feierlich
bewegten.
    Doch wurde der Tanz öfters unterbrochen durch die Schauzüge, welche in immer
neuer Gestaltungslust durch den Saal tosten. Bald erschien der Mummenschanz,
welcher nicht satt wurde, sich in neue Märchen umzubilden und seine einzelnen
Teile fabelhaft zu vermischen, bald stürmten die singenden Landsknechte vorbei,
welche es so gut trieben, dass sich von diesem Feste her noch lang eine förmliche
Landsknechtskultur erhielt in Bild und Lied, und deren Zechweise und verlorenes
Leben als das löblichste Bild deutscher Romantik erschien. Bald gaben die Zünfte
eine Schaustellung, bald führten die Narren dem Kaiser ihre Schwänke auf.
    Die Meistersänger hielten in einem kleinern Saale bei offenen Türen eine
Singschule. Es wurde unter den zünftigen Gebräuchen wettgesungen, ein
Schulfreund oder Singer zum Meister gesprochen und dergleichen. Die
vorgetragenen Gedichte entielten Lobpreisungen und Danksagungen gegen den
kunstsinnigen König, dann aber hauptsächlich Hecheleien der verschiedenen
Kunstrichtungen, Verspottung irgendeiner anmasslichen oder eigensinnigen Gestalt
der Künstlerschaft, Klagen über Verwaltung gemeinsamer Anstalten, gesellige
Übelstände und solches mehr. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, und
vorsorglich hatte jede Richtung und jede Grösse ihren Vertreter mit fertigem
Gedicht unter die Meistersänger gesteckt. Es erklangen öfter ganz scharfe und
satirische Verse, aber dieser Inhalt nahm sich höchst seltsam aus in den
trockenen und feierlichen Formen, in denen er vorgebracht wurde, und mit dem
komischen Wesen dieser Formen. Denn während alle Singenden in demselben
eintönigen und schalkhaften Leierton ihr Gedicht sangen und in denselben
Knittelversen, so wurde doch bei jedem vorher mit lautem Ausruf eine andere neue
Weise angegeben, wie sie ehemals von den wackeren Meistersängern erfunden und
getauft wurden. Da wurde angeblich gesungen in der »glatten Seidenweise, der
rotbacketen Öpfelinweise, der Strohhalmweise, der Schreibpapierweise, in der
Stechpalmweise, süssen Pfirsichweise, blauen Traubenweise, Silberweise, überhohen
Bergweise, glitzerigen Turngockelweise, Rosentonweise, spitzigen Pfeilweise,
krummen Zinkenweise, Orpheus' sehnlicher Klagweise«, in der »gelben
Löwenhautweise, stachlichten Igelweise«, in der »schwarzen Agtsteinweise, blauen
Kornblümelweise« wie in der »verschlossenen Helmweise«. Das Gelächter war gross,
wenn nach diesen pomphaften, malerischen und poetischen Ankündigungen sich immer
der alte grämliche Leierton mit den trockenen Witzen hören liess. Aber nicht alle
Gedichte waren dieses satirischen Inhaltes. Einige blutjunge Meistersingerlein
wagten es, ihre durch den lauschenden Frauenkranz angeregten Gefühle zu äussern
und diese oder jene Gestalt nicht undeutlich zu besingen. Ein blühendes
Schuhmächerlein pries, um Rache zu nehmen für den Stolz, welchen die Damen beim
Tanz gezeigt hatten, sein heimliches Glück bei mehr als einer goldenen Gräfin,
und sogleich nahm ein lustiger Schneiderlehrling den Kampf mit ihm auf in
Festsetzung der Liebes- und Glücksregeln im Frauendienst. Der Schuster
behauptete, dass Tiefsinnigkeit, poetisches Wesen und stolze Bescheidenheit die
Frauen gewännen; der Schneider hingegen verlangte zu solchem Glücke Anmassung,
Mutwillen und leichtsinniges Aufgeben der eigenen Person. Hans Rosenplüt, der
Schnepperer, aber schlichtete den Streit und erklärte die Frauen für wunderliche
Wesen, welche stets die eine Art liebten, wenn die andere gerade nicht zu haben
wäre, und dass beide abwechselnd ihres Glückes genössen.
    In einer schön geschmückten grossen Nische war um Rosalien ein ordentlicher
Venushof versammelt. Zwei oder drei anmutige Frauen hatten sich ihr zugesellt,
weil es hier fröhlich und galant herging und sich der ganze Schwarm der
Gefangenen der Schönheit mit grosser Geschicklichkeit und Aufrichtigkeit in seine
Rolle fand.
    In einer anderen Nische, welche mit dieser durch eine offene Tür verbunden
war, hatten die Jäger ihren Sitz aufgeschlagen und einige lustige junge Mädchen
zur Gesellschaft der Diana herbeigelockt. Heinrich sass Agnes zur Seite und
beschützte sie insbesondere. Erikson, der wilde Mann, ging ab und zu; er konnte
seiner seltsamen Tracht wegen nicht wohl tanzen noch sich in zu grosse Nähe der
Frauen setzen und beschränkte sich daher, hier und dort einen Becher zu trinken
oder an den improvisierten Spielen teilzunehmen. Fast bereute er, diese Rolle
gewählt zu haben, und sah ziemlich unbehaglich, wie Ferdinand fort und fort
Rosalien den Hof machte; sie hatte sich mit weissen Atlasschuhen versehen und
tanzte zuweilen mit Ferdinand, der in seinem Hubertusgewande sehr wohl aussah
und sich mit sicherm Anstande betrug. Er hatte einige kostbare Brillanten,
Zeichen seines holländischen Reichtumes, in Ringen und Spangen angelegt, und die
reiche Rosalie benahm sich gegen ihn mit der heiteren Ungezwungenheit, welche
die gesicherten Reichen gegenseitig zu üben pflegen. Sie lachte, scherzte und
strahlte von freundlichem Liebreiz, indem sie gegen alle sich hold und froh
zeigte, gegen Ferdinand aber ihre Unwissenheit beklagte und bedauerte, welche
sie so lange von den wahrhaft frohen und klugen Kreisen der Künstler
ferngehalten habe und sie selbst jetzt nur ihre Freude, nicht aber den Ernst
ihrer Arbeit verstehen lasse. Sie drückte sich aber mit so artigen und klugen
Worten aus, dass Ferdinand von ihrem naiven, anmutigen Geiste entzückt wurde und
immer weniger seine Blicke von ihr wandte oder von ihrer Seite wich. Es wehte
ein süsser Hauch der Frauenhaftigkeit ihn an, wenn sie lächelte und sprach, und
der Stern in ihren Locken glänzte wirklich wie der Stern der Venus.
    Er fühlte eine Fesselung aller Sinne, welche ihn alles andere vergessen und
alles Trachten auf das reizende Weib richten liess, von dem sie ausging, als ob
sonst kein Heil in Zeit und Ewigkeit zu finden wäre. Bei den meisten Männern ist
dies ein vorübergehendes inneres Begehren, eine rasche, allmählich verwehende
Aufwallung des Denkens, die hundertmal entsteht und hundertmal verschwindet.
Ferdinand war aber einer von denen, welche, in allen anderen Dingen klar und
besonnen, in diesem einen Punkte die Verblendung und Aufwallung mit
schrankenloser und unverhüllter Selbstsucht kundgeben. Rosalie lieh seiner
beredten Aufmerksamkeit ein williges Ohr und blickte ihn dabei mit grossem
Wohlwollen an, nur zuweilen einen flüchtigen, aber zufriedenen Blick auf die
prachtvoll und mächtig geformte Gestalt Eriksons werfend, wenn er vorüberging,
so dass dieser mit der Wahl seines Kostümes sich ausgesöhnt, wenn er diese Blicke
gesehen hätte. Er liess aber den Unmut nicht über sich Herr werden, sondern
betrug sich gleichmütig und stolz, und nur wenn sein Blick denjenigen Rosaliens
traf, sah er sie mit grossen fragenden Augen an.
    Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen; sie wiegte, trauernd
und den Busen von ungestümem Schmerze bewegt, das schwarzgelockte Haupt auf den
schmalen Silberschultern, und nur zuweilen schoss sie einen flammenden Blick zu
Ferdinand und Rosalien hinüber, zuweilen sah sie verwundert und wehmütig hin,
aber immer sah sie dasselbe Schauspiel.
    Heinrich, welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde, indem ihm eine
solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umständen doch nicht
glaubhaft schien, versank in tiefes Sinnen. Die vergangene Zeit kam über ihn,
und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah, erinnerte er sich jener
Fastnacht, wo er unter dem freien Himmel der Heimat, auf luftigen Bergen, unter
Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten.
Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mädchens, und eine grosse
Verliebteit erfüllte ihn, wie er sie lange nicht empfunden.
    Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf, welchen die silberne Agnes neben ihm tat,
und sogleich schlossen sich seine Empfindungen, die aus dem Schattenreiche
gleich Abendnebeln aufgestiegen, an diesen lebendigen Kern; er sah ihre seltsame
Schönheit und trank verwirrt aus seinem Weinglase, als Agnes ihn plötzlich
aufforderte, mit ihr zu tanzen. Schon drehten sie sich rasch durch die
rauschende Menge, und jedermann lachte voll Vergnügen, als der grüngekleidete
Narr mit der elfengleichen Diana dahinwalzte. Sie tanzten zwei- und dreimal um
den Saal und begegneten jedesmal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und
den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb verhüllte. Dieser grüsste das Dianenpaar
froh und zufrieden, wie man Kinder grüsst, welche sich gut zu unterhalten
scheinen, denn er war in dieser Sache so verblendet, dass er sich vollkommen
unverpflichtet und frei glaubte, bloss weil er mit dem armen Mädchen absichtlich
noch nie von Liebe gesprochen hatte. Rosalie hingegen, welche von der früheren
Bewandtnis dieses Verhältnisses nichts wusste, freute sich über das zierliche
Kind und verlangte dasselbe in ihrer Nähe zu haben, als Heinrich mit anderen an
einigen lustigen Spielen, die aufgeführt wurden, teilnehmen musste.
    Kunz von der Rosen führte an einem langen Seile alle vorhandenen Narren
durch das Gedränge; jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner
Narrheit, und von den leichteren und liebenswürdigeren Narrheiten schied der
lustige Rat neun schwere aus und stellte mit ihnen vor dem Kaiser ein Kegelspiel
auf. So standen da vor aller Augen Hochmut, Neid, Vielwisserei, Grobheit,
Eitelkeit, Wankelmut in der Hoffnung, Halsstarrigkeit, tatlose
Vergleichungssucht und unfruchtbare Selbstbespiegelung. Mit einer ungeheuren
Kugel, welche die leichteren Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten,
versuchte nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Narren zu schieben, aber
nicht einer wankte allen diesen Einzelwürfen, bis endlich der kaiserliche,
tadellose Held, in welchem sich gewissermassen das ganze deutsche Volk
darstellte, sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf, dass sie possierlich
übereinanderpurzelten.
    Kunz von der Rosen richtete die Gefallenen halb auf und ordnete sie zu einer
plastisch-mimischen Darstellung der Niobidengruppe, und von diesem Scherze ging
er zur Bildung anderer berühmten Gruppen über drei reizende, nicht völlig
ausgewachsene Schüler im Narrenhabit stellten die Grazien dar, und das so
anmutig schalkhaft, dass sie, kaum auseinandergegangen, in den Kreis der Damen
gelockt wurden, ohne zu wissen wie, und sich dort aufs liebreichste
geschmeichelt und gehätschelt sahen. Des gleichen Vorzuges genoss ein schöner
Zwerg, der kleinere Bruder jenes Koboldes auf dem Wagen des Bergkönigs, welcher
mit klassischem Anstande den sterbenden Fechter machte in seinem
Schellenkleidchen. Dann stellte Erikson den Laokoon vor, durch mächtige
Papierschlangen mit zwei jungen Narren verbunden.
    Als er in der beschwerlichen Stellung dasass und sich nicht rühren durfte,
indessen seine kräftigen Muskeln alle in wunderschönem Spiele seiner Bewegung
gehorchten, sah er, wie Rosalie, deren Augen unverwandt an ihm gehangen, fast
gewaltsam von Ferdinand weggezogen und durch die Räume geführt wurde. Er hielt
es nun nicht länger aus, und kaum von den Schlangen losgewickelt, durchstürmte
er das Haus und bettelte sich von befreundeten Gestalten Gewandstücke zusammen,
die sie in der vorgerückten Stunde nun wohl entbehren konnten, und warf sich
dieselben hastig über. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Mönch, ein Jäger und
ein wilder Mann, den Kopf noch grün belaubt, suchte er die engere Gesellschaft
auf und setzte sich dicht an die andere Seite Rosaliens; denn die Bacchusleute,
die Jäger und der Hof der Venus hatten sich nun in einem grossen Kreise
vereinigt, um bis zum nahenden Morgen gemeinsam zu jubilieren, und Ferdinand
wich nicht von der Seite der schönen Witwe. Mit der grössten Tollheit fuhr er
fort, ihr den Hof zu machen, obgleich er die Hoffnungen Eriksons wohl kannte.
Dieser sass und lauschte seinen Worten, ohne dass er sich seine Unruhe anmerken
liess und ohne seine Schöne zu belästigen, welche ebenfalls fortfuhr, Ferdinands
Huldigungen ihre Freundlichkeit entgegenzusetzen und sich von ihm aufs
angenehmste unterhalten zu lassen. Erikson besorgte wohl, dass der Teufel sein
Spiel treiben und ihm die Jagd verderben könnte; aber als ein erfahrener Jäger
verharrte er unbeweglich auf dem Anstande, weil ihm das zu erjagende Wild zu
kostbar und edel war, als dass er sich durch Leidenschaftlichkeit verwirren
wollte.
    Gegenüber an dem grossen Tische sass Agnes, welche den grünen Heinrich
ängstlich bei sich festielt, da er Ferdinands Freund und das einzige Band war,
welches sie mit diesem Ungetreuen einigermassen zusammenhielt. Alles freute und
ergötzte sich, klang und jubelte in gewichtiger rauschender Pracht um sie her,
nur sie allein verzehrte sich in ungestillter Begierde. Die Nacht näherte sich
ihrem Ende, und statt die gehoffte Liebesentscheidung zu bringen, sah sie ihr
Glück deutlich entfliehen.
    In der schmerzlichsten Aufregung verlangte sie wieder zu tanzen und zog
Heinrich fort. Dieser berauschte sich, indem er sie zum Tanze umfing, an ihrem
Anblick; ein heftiges Begehren wallte durch seinen ganzen Körper, dass der
äusserste Zipfel an seiner grünen Kappe erzitterte und die Schelle daran leise
erklang. Als aber Agnes plötzlich anhielt, ihm die Hand auf die Schulter legte
und leidenschaftlich schmeichelnd bat, er möchte doch sogleich hingehen und
Ferdinand bitten, dass er nur einmal mit ihr tanze, lief er gehorsam, ja eifrig
hin, zog seinen Freund zur Seite und beschwor ihn mit zärtlichen Worten, es zu
tun. Lys bat ihn angelegentlich, statt seiner mit Agnes zu tanzen, und entzog
sich ihm rasch.
    Die beiden jungen Leute drehten sich nun wieder heftig und lustig herum. Das
Mädchen atmete so hoch, dass die schmale Spanne ihrer Silberbrust wogte und
funkelte, wie die glänzenden Wellen im Mondschein, und alle Glöckchen an
Heinrichs Kleid und Kappe zitterten und klangen.
    Abermals sandte sie ihn zu Ferdinand mit dem nämlichen Auftrag, und da
Heinrich diesen mit eindringlichen und tadelnden Worten, sehr aufgeregt,
ausrichtete, fuhr ihn jener an und sagte: »Was ist denn das für eine Sitte von
einem jungen Mädchen? Tanzt miteinander und lasst mich zufrieden!«
    Heinrich fühlte sich halb erzürnt und halb erfreut über diese Antwort, und
die dämonische Lust, eine schlimme Sachlage zu benutzen, stieg in ihm auf; doch
bis er zu dem harrenden Mädchen gelangte, siegte das Mitleid und die natürliche
Artigkeit, und er hinterbrachte ihr nicht Ferdinands harte Worte, sondern suchte
sie zu vertrösten.
    Noch einmal tanzten sie und noch bewegter und ungestümer herum, und noch
einmal sandte sie ihn zu dem Wankelmütigen und liess diesen bitten, sie nach
Hause zu bringen.
    Ferdinand eilte jetzt sogleich herbei, besorgte den warmen Mantel des
Mädchens und ihre Überschuhe, und als sie gut verhüllt war, führte er sie unter
die Haustür, legte ihren Arm in denjenigen Heinrichs und bat diesen, indem er
sich von Agnes in freundlich väterlichem Wohlwollen verabschiedete, seine kleine
Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten.
    Zugleich verschwand er, nachdem er beiden die Hände gedrückt, wieder in der
Menge, welche die breite Treppe auf- und niederstieg.
    Da standen sie nun auf der Strasse; der Wagen, welcher sie hergebracht, war
nicht zu finden, und nachdem Agnes traurig an das erleuchtete Haus, in welchem
es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie ihm noch trauriger den Rücken und
trat, von Heinrich geführt, den Rückweg an durch die stillen Gassen, in denen
der Morgen graute.
    Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt und vermochte nicht auf den Mantel
achtzugeben, welcher alle Augenblicke von den Schultern sank, so dass ihr feiner
Oberkörper durch das Zwielicht schimmerte, bis Heinrich sie wieder verhüllte. In
der Hand trug sie unbewusst den grossen eisernen Hausschlüssel, welchen ihr Lys in
der Zerstreuung zugesteckt, statt ihrem Begleiter. Sie trug ihn fest umschlossen
in dem dunklen Gefühle, dass Ferdinand ihr das kalte rostige Eisen gegeben. Als
sie bei dem Hause angekommen waren, stand sie schweigend und rührte sich nicht,
obgleich Heinrich sie wiederholt fragte, ob er die Glocke ziehen sollte, und
erst als er den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte, aufschloss und sie bat,
hineinzugehen, legte sie ihm langsam die Arme um den Hals und küsste ihn, aber
wie im Traume und ohne ihn anzusehen. Sie zog hierauf die Arme enger zusammen
und küsste ihn heisser und heisser, bis Heinrich unwillkürlich sich regte und sie
auch in die Arme schliessen wollte. Da erkannte sie ihn, eilte wie wahnsinnig ins
Haus und schlug die Tür zu. Heinrich hörte, wie sie, die Treppe hinaufgehend,
sich wiederholt an den Stufen stiess. Alles war dunkel und still in dem
romantischen Hause; die Mutter schien fest zu schlafen, und nachdem Heinrich
eine Weile auf dem kleinen Platze, von seltsamen Empfindungen und Gedanken
erfüllt, umhergegangen, schlug er endlich den Rückweg nach dem Odeon ein.
    Die Sonne ging eben auf, als er in den Saal trat. Alle Frauen und viele
ältere Männer waren schon weggegangen; die grosse Menge der Jungen aber, von
höchster Lust bewegt, tummelte sich singend durcheinander und schickte sich an,
eine Reihe von Wagen zu besteigen, um unverzüglich, ohne auszuruhen, ins Land
hineinzufahren und das Gelage in den Forstäusern und Waldschenken fortzusetzen,
welche romantisch an den Ufern des breiten Gebirgsstromes lagen.
    Rosalie besass in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die fröhlichen
Leute der Mummerei eingeladen, sich auf den Mittag dort einzufinden, bis wohin
sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde. Insbesondere hatte sie viele
Damen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei, in der
mittelalterlichen Tracht hinauszufahren; denn auch sie wünschten so lange als
möglich sich des schönen Ausnahmezustandes zu erfreuen.
    Erikson war nach Flause geeilt, um sich nun gänzlich umzukleiden; mit Hilfe
einer ganzen Schneiderwerkstatt brachte er in einigen Stunden noch ein gutes
ehrbares Jägergewand zustande, in welchem er hinauseilte. Aber auch Ferdinand
war nicht müssig. Er nahm einen Wagen, kaufte teure Stoffe ein und fuhr von
Schneider zu Schneider, jedem ein Stück in die Arbeit gebend und dieselben zur
grössten Eile anspornend. In kaum einer Stunde war die Tracht eines
altorientalischen Königs fertig, von feinster weisser Leinwand und Purpurseide.
Dann fuhr er zu einem Bankier und von da zu allen Juwelieren, den tauglichsten
Schmuck aussuchend und sich mit demselben bedeckend; er verwandte eine solche
Summe für Gold und Steine, als ob er damit handeln wollte, und doch wusste er
recht gut, dass es nur eine vorübergehende Leidenschaft, eine Art Tollwut sei,
für welche er so hartnäckig alles daransetzte, der sonst kein Verschwender war,
sondern vielmehr mit grosser Sparsamkeit und sehr zweckmässig die Mittel abwog,
welche er an sein Leben und Vergnügen wandte.
    Zuletzt liess er sich das lockige Haar salben mit den köstlichsten Ölen; die
Arme trug er bloss und mit goldenen Spangen geschmückt, und so erschien er
mittags, ohne vorher die im Walde lagernden Künstler aufgesucht zu haben, in
Rosaliens Landhaus.
    Heinrich hingegen fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der übrigen Schar
hinaus. Grosse Wagen, mit Landsknechten über und über beladen und von deren
Spiessen starrend, fuhren voraus, und ihnen nach die lange Reihe der bunten
Gestalten in die helle Morgensonne hinein, am Rande der schönen Buchenwälder,
hoch auf dem Ufer des tiefliegenden Stromes, der in glänzenden Windungen sich um
die Geschiebe-und Gebüschinseln wälzte. Über den Wäldern sah man wie blaue
Schatten die Kuppen des fernen Hochlandes.
    Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die herrlichen Buchen
wurden bald von der wärmenden Sonne durch schossen, und wenn ihnen das Laub
fehlte, so glänzte das weiche Moos am Boden und auf den Stämmen um so grüner,
und in der Tiefe dampfte und leuchtete das blaue Bergwasser.
    Der Zug ergoss sich über eine malerische Gruppe von Häusern, welche vom Wald
umgeben auf der Uferhöhe lag. Ein Forstof, ein altertümliches Wirtshaus und
eine Mühle an schäumendem Waldbach waren bald in ein gemeinsames, von Farben
glänzendes Freudenlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen
sich wie von einem lebendig gewordenen Traume überfallen und umklungen; den
Künstlern aber weckte die freie Natur, der erwachende Lenz den Witz in der
tiefsten Seele. Die frische Luft verwehte den Rausch der Nacht und legte die
zartesten und beweglichsten Fühlfäden der Freude und Aufgeregteit bloss; wenn
die Lust der verschwundenen Festnacht zum grössten Teil auf Verabredung und
Einrichtung beruhte, so lockte dagegen die heutige, ganz frei und in sich selbst
gegründet, wie eine am Baume prangende Frucht, zum lässigen Pflücken. Die
schönen, dem phantastischen Fühlen und Geniessen angemessenen Kleider waren nun
wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein kann, und in ihnen
begingen die Glücklichen tausend neue Scherze, Spiele und Tollheiten von der
geistreichsten wie von der allerkindlichsten Art, oft plötzlich unterbrochen
durch den wohlklingenden, festen Männergesang.
    Heinrich trieb sich überall umher und vergass sich selber; er war überwacht
und doch nicht müde, vielmehr neugierig und begierig, erst recht in den
glänzenden Becher des Lebens zu schauen. Das klare Licht, das Land, die Leute,
der Gesang umwirkten ihn seltsam. Als alle die Hundert auf den närrischen
Einfall eines einzelnen plötzlich auf die Bäume geklettert waren und wie ein
grosser Schwarm fremder, farbiger Vögel in den kahlen Ästen sassen, blieb er,
nachdem sie voll Gelächter hinabgesprungen, in Gedanken auf einer schwanken
Birke sitzen; denn er verwunderte sich, wie nun das ganze Wesen in die Runde
gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie
über eine weite See her klangen, auch die Gestalten wirr und traumhaft sich
bewegten. Es war einer jener Augenblicke, wo die Zeit eine Minute stillzustehen
scheint und man, von aller Aussenwelt losgelöst, endlich sich selbst sieht, fühlt
und bemerkt. Es fiel ihm auf, dass er nun schon bei fünf und sechs Jahren
zurückzählen konnte, ohne aus dem Bereiche des bewussten, reifenden Alters zu
geraten; er fühlte zum ersten Male die Flucht des Lebens. Er war nun
zweiundzwanzig Jahre alt; plötzlich kam es ihm in den Sinn, dass er in seiner
Wohnung diese und jene kleine Gegenstände besass, ein Pappdeckelchen, eine
Schachtel oder gar etwas, das an Spielzeug grenzte, welche unmittelbar aus der
Kinderzeit stammten und die er in fortwährendem Gebrauche um sich gehabt, ohne
sich dessen innezusein.
    Er sah deutlich ihre Gestalt, kleine Beschädigungen, und erinnerte sich, wo
und wann er sie verfertigt, ein Stückchen Papier abgerissen oder mit dem
Federmesser daran gekritzelt hatte.
    Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen, nach Hause laufen und die
unschuldigen Sachen vernichten zu müssen. Denn sie kamen ihm nun ganz
unerträglich vor. Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen, ihren Einband,
den er selbst verfertigt, das Geschreibsel, alles würde er sogleich zerrissen
und vernichtet haben, wenn er es in Händen gehabt hätte.
    Alles Vergangene erschien ihm töricht, dumpf und beschämend, auch erinnerte
er sich genau aller Dummheiten, die er gemacht, sogar solcher, die er im
Kinderröckchen begangen, und er fühlte sich rot werden über alle, weil er sich
jetzt unendlich klug und gereift vorkam. Auch nahm er sich vor, von diesem
Augenblicke an ganz klug zu sein und durchaus nichts Törichtes mehr anzustellen.
    Aber alles dies geschah mit reissender Schnelligkeit in wenig Augenblicken,
und er liess sich, schon von anderen Gedanken ergriffen, von der Birke herunter,
als eben Erikson aus der Stadt herangeschritten kam.
    Ihr erstes Gespräch war das Benehmen Ferdinands. Erikson sagte nicht viel,
während Heinrich mit grosser Beredsamkeit sein Erstaunen ausdrückte, wie jener
ein solches Wesen, wie Agnes sei, also behandeln könne. Er ergoss sich in den
bittersten Tadel, und um so lauter, als er selbst in das schöne Kind verliebt
war und sein Gewissen ihm sagte, dass das nichts weniger als in der Ordnung sei.
    Erikson hörte nicht viel darauf, sondern sagte: »Ich will wetten, dass er das
arme Ding heute sitzenlässt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen
Streich spielen, damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen der Wagen, fahre in die
Stadt und sieh ein wenig zu! Findest du den verliebten Teufel nicht zu Hause
noch bei dem Mädchen, so bring dieses ohne weiteres mit, und zwar in Rosaliens
Namen und Auftrag, so kann die Mutter nichts dagegen haben; ich werde dies
verantworten. Zu Lys wirst du nachher einfach sagen, dass du das für deine
Pflicht gehalten, da er dir die Schöne am Abend vorher so hartnäckig
anvertraut.«
    Heinrich liess sich nicht zweimal auffordern und fuhr sogleich in die Stadt.
Auf dem Wege traf er Ferdinand ganz allein in einer Kutsche.
    »Wohin willst du?« rief er Heinrich zu. »Ich soll«, erwiderte dieser, »dich
aufsuchen und sehen, dass du das feine Mädchen mitbringst, im Fall du es nicht
ohnehin tun würdest. Dies scheint nun so zu sein, und ich will sie holen, wenn
du nichts dagegen hast. Eriksons schöne Witwe wünscht es.«
    »Tu das, mein Sohn!« erwiderte Ferdinand ganz gleichgültig, indem er sich
dichter in seinen Mantel hüllte, und fuhr seines Weges, und Heinrich hielt bald
darauf vor Agnesens Wohnung an. Das Rollen und plötzliche Stillstehen der Räder
widerhallte auffallend auf dem kleinen stillen Platze, so dass Agnes im selben
Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr. Als sie Heinrich aussteigen
sah, verschleierte sich der Blick wieder, doch harrte sie neugierig, dass er in
die Stube träte.
    Ihre Mutter empfing ihn, beschaute ihn um und um, und indem sie fortfuhr,
mit einer Straussfeder, die sie in der Hand hielt, ihren Altar, das darauf
stehende Bild ihrer vergangenen Schönheit, die Porzellansachen und Prunkgläser
davor, abzustäuben und zu reinigen, begann sie mit einem seelenlosen, singenden
Tone zu plaudern: »Ei, da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus, gelobt
sei Maria! Welch allerliebster Narr ist der Herr! Aber was Tausend habt Ihr
denn, was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen? Da sitzt sie den
ganzen Morgen, sagt nichts, isst nichts, schläft nicht, lacht nicht und weint
nicht! Dies ist mein Bild, Herr! wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin! Dank
sei unserm Herrn Jesus Christ, man darf es ansehen! Sagen Sie nur, was ist es
mit dem Kinde? Gewiss hat sie Herr Lys zurechtweisen müssen, ich sag es immer,
sie ist noch zu ungebildet für den feinen Herrn, sie lernt nichts und beträgt
sich unanständig. Ja, ja, sieh nur zu, Nesi! lernst du das von mir? Siehst du
nicht auf diesem Bild, welchen Anstand ich hatte, als ich jung war? Sah ich
nicht aus wie eine Edeldame?«
    Heinrich antwortete auf alles dies mit seiner Einladung, welche er sowohl in
Ferdinands als in Rosaliens Namen ausrichtete; er suchte einige Gründe hervor,
warum er und nicht jener selbst komme, indessen die Mutter einmal über das
andere rief: »So mach, so mach, Nesi! Jesus Maria, wie reiche Leute sind da
beisammen! Ein bisschen zu klein, ein kleines bisschen, ist die gnädige Frau,
sonst aber reizend! Nun kannst du nachholen, was du gestern etwa versäumt und
verbrochen! Geh, kleide dich an, Undankbare! mit den kostbaren Kleidern, die
Herr Ferdinand dir geschenkt! Da liegt der köstliche Halbmond am Boden. Aber
komm, jetzt muss ich dir das Haar machen, wenn's der Herr erlaubt!«
    Agnes setzte sich mitten in die Stube; ihre Augen funkelten, und die Wangen
röteten sich leis von Hoffnung. Ihre Mutter frisierte sie nun mit grosser
Geschicklichkeit; sie führte mit grosser Anmut den Kamm, und Heinrich musste
gestehen, als er die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen
Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah, dass sie wenigstens einen wahren Grund
ihrer Eitelkeit gehabt. Doch wurde sein Auge bald von Agnes allein beschäftigt.
Sie sass mit blossem Halse, von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet; um die
langen Stränge zu kämmen und zu salben, musste die Mutter weit von ihr
zurücktreten. Sie sprach fortwährend, indessen weder Heinrich noch Agnes etwas
sagten. Er hätte gewünscht, ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren und keinen
andern Anblick zu haben als diesen.
    Endlich war das Haar gemacht, und Agnese ging in ihre Kammer, das
Dianengewand wieder anzuziehen; die Mutter ging mit, ihr zu helfen; allein
sobald sie einigermassen damit zustande gekommen, erschienen sie wieder und
vollendeten den Anzug in der Stube, weil die Alte sich unterhalten wollte.
    Agnes sah nun womöglich noch wunderbarer aus als gestern; denn ihr seltsamer
Zustand, in dem sie nicht geschlafen hatte, während sie doch von neuer Hoffnung
und Sehnsucht belebt und durchglüht war, warf einen geisterhaften Glanz über
sie.
    Sie fuhren in verschlossenem Wagen durch die Stadt; sobald sie aber im
sonnigen Freien waren, liess Heinrich die Decke zurückschlagen. Agnes atmete auf
und fing an zu plaudern. Heinrich musste ihr erzählen, wie die heutige
Lustbarkeit sich veranlasst habe, wer draussen zu treffen und wo Ferdinand sei.
Sie wurde immer vertraulicher, sah ihm freundlich lächelnd in die Augen und
ergriff seine Hand; denn er war ihr wie ein guter Engel erschienen, der sie zum
Glücke führen sollte. Die Landleute am Wege sahen mit Verwunderung das einzelne
Pärchen dahinfahren, das wie aus einer anderen Welt kam, und Heinrich fühlte
sich zufrieden und beglückt.
    Der Mensch nährt sich, wird gut oder böse, vom Schein. Wenn ihm das Glück
eine blosse Situation gibt, so wurzelt er daran, wie eine Pflanze am nackten
Felsen. Weil Heinrich nun wieder mit einem reizenden und ungewöhnlichen Mädchen,
in schöner Tracht, in vertrautem Zusammensein unter dem blauen Himmel dahinfuhr
wie vor Jahren, als er mit einem wirklichen Liebchen über den Berg geritten,
erklärte sich sein Herz zufrieden und verlangte nichts Besseres.
    Er fasste sich also zusammen und nahm sich vor, ordentlich zu sein. Zwar
fühlte er sich noch mehr als gestern in Agnes verliebt, aber er fühlte nun auch,
dass er ihr herzlich gut war und nur Gutes wünschte. Daher entschloss er sich, ihr
als treuer Freund zu dienen und alles daranzusetzen, dass ihr kein Unrecht
geschähe.
    Als sie schon das weisse Landhaus in geringer Entfernung glänzen sahen,
geriet Agnes aufs neue in grosse Aufregung; sie wurde bald rot, bald blass, und da
sich eine kleine ländliche Kapelle am Wege zeigte, verlangte sie auszusteigen.
    Sie eilte, ihr langes Silbergewand zierlich zusammennehmend, in die Kapelle;
der Kutscher nahm seinen Hut ab und stellte ihn neben sich auf den Bock, um die
fromme Musse auch zu einem Vaterunser zu benutzen, und Heinrich trat verlegen
unter die offene Tür. Das Innere der Kapelle zeigte nichts als einen
wurmstichigen Altar, bedeckt mit einer verblichenen veilchenblauen Decke. Das
Altarbild entielt einen Englischen Gruss, und vor demselben stand noch ein
kleines Marienbildchen in einem starren Reifröckchen von Seide und
Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen geopferte Herzen von
Wachs, in allen Grössen und auf die mannigfaltigste Weise verziert; im einen stak
ein Papierblümchen, im andern eine Flamme von Rauschgold, das dritte durchbohrte
ein Pfeil, wieder ein anderes war ganz in rote Seidenläppchen gewickelt und mit
Goldfaden umwunden, eines war gar mit grossen Stecknadeln besteckt, wie ein
Nadelkissen, wohl zum Zeichen der schmerzvollen Pein seiner Spenderin.
    Auf den Bänken aber lagen zahlreiche Abdrücke eines Gebetes, das auf Pappe
gezogen auch an der Tür hing und folgende Überschrift trug Gebet zur
allerlieblichsten, allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau
Maria, der gnadenreichen und hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes.
Approbiert und zum wirksamen Gebrauche empfohlen für bedrängte weibliche Herzen
durch den hochwürdigsten Herrn Bischof usf.
    Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt, wie viele Ave und andere
Sprüche dazwischen zu beten seien.
    Agnes lag auf den Knien vor dem Altar, und den Rosenkranz, den sie aus dem
Busen gezogen, um die Hände gebunden, betete sie leise, aber inbrünstig, das
Gebet vor sich auf dem Boden. Wenn sie einige Worte abgelesen hatte, so schaute
sie flehend auf zu dem Marienpüppchen und bat die göttliche Frau mit heiligem
Ernst, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis und in ihrem Vorhaben.
    Endlich stand sie mit einem grossen Seufzer auf und ging nach dem Weihkessel,
in welchen sie ihre weissen Finger tauchte. Da sah sie Heinrich in die Tür
gelehnt, wie er sie unverwandt betrachtete, und an seiner Haltung sah sie, dass
er ein Ketzer sei. Ängstlich tauchte sie den vorhandenen Wedel tief in den
Kessel, eilte damit auf Heinrich zu, wusch ihm förmlich das Gesicht und
besprengte ihn über und über mit Wasser, indem sie mit dem Wedel unaufhörliche
Kreuze schlug. Nachdem sie so die schädliche Einwirkung seiner Ketzerei auf ihre
Andacht gebannt, ergriff sie beruhigter seinen Arm und liess sich wieder in die
Kutsche heben.
    Heinrich zog sein Taschentuch und trocknete sich das Gesicht, welches von
Weihwasser troff; Agnes wollte ihn daran verhindern und zog ihm das Tuch weg,
und indem sie so in einen Streit gerieten, der zuletzt zum mutwilligen Scherz
wurde, vergassen sie ganz, dass sie bereits an dem Garten Rosaliens angekommen
waren.
    Die zahlreiche Gesellschaft, welche schon in dem Landhause versammelt war,
begrüsste die liebliche Erscheinung mit lauter Freude. Rosalie hatte ausser den
Künstlern und den Damen von gestern noch mehrere ihrer Verwandten und Freunde
holen lassen, welche sich nun in sonntäglicher moderner Kleidung unter die
Vermummten mischten, wovon die Gesellschaft ein zufälliges und leichtes Ansehen
gewann. Rosalie selbst, um ihren Pflichten als Wirtin besser nachzukommen,
zeigte sich in einfacher häuslicher Tracht, welcher sie auf das anmutvollste
einigen heitern Schmuck beigefügt hatte.
    Als Agnes Ferdinand in seinem fremdartigen und fast weiblichen Schmucke
erblickte, blieb sie einen Augenblick offenen Mundes stehen und geriet in eine
verwirrte Berauschung, da er zärtlich auf sie zueilte, Heinrich für seine Mühe
dankte und mit voller Aufmerksamkeit für sie besorgt war. Erst nach und nach kam
sie wieder zum Bewusstsein, wachte nun auf in froher Hoffnung und ging, indem es
ihr wie ein Stein vom Herzen fiel, in eine blühende Fröhlichkeit über. Sie fing
an zu zwitschern, wie ein Vögelchen im Frühling, und schaute vergnügt um sich;
denn sie sah nun wirklich Ferdinand neben sich sitzen und hörte seine vertraute
Stimme in artigen Worten, die er an sie richtete.
    Das kleine, schön gebaute Haus war mit Gästen angefüllt. In dem mässigen
Saale und den wohnlichen Zimmern brannte lockendes Kaminfeuer, indessen die
Sonne wärmend durch die Fenster schien und auf dem Garten lag, so dass man durch
die offenen Glastüren aus und ein ging. Überall blühten Hyazinten und Tulpen,
und das Treibhaus, welches im schönsten Flore stand, war zwischen seinen grünen
Gebüschen mit gedeckten Tischchen versehen. Einige Musiker waren bestellt, und
man tanzte in dem Saale, jedoch ohne Hast und ohne Zeremonien, sondern behaglich
und abwechselnd. Es war anmutig zu sehen, wie ein Teil der Gesellschaft zierlich
und fröhlich tanzte, während ein anderer Teil sich in Spielen und Erfindungen
erging in Haus und Garten, indessen ein dritter sich im traulichen Zimmer in
weitem Ringe um den runden Tisch reihte und die Champagnergläser hob. Die Wirtin
war so unermüdlich und liebenswürdig, dass der Fremdeste sich bald zu Hause
fühlte. Jedem wusste sie durch einen einzigen Blick, durch ein Wort oder eine
Frage dies Gefühl zu geben, und diejenigen jungen Leute, welche aus dürftiger
Dachkammer herabgestiegen, nur durch ihr Faschingsgewand in diese Räume der
Wohlhabenheit und Zierlichkeit geführt und wenig an die Gebräuche der
sogenannten guten Gesellschaft gewöhnt waren, richteten sich nichtsdestominder
mit grosser Unbefangenheit an ihren Trinktischen ein, und Rosalie schien geehrt
und erfreut zu sein durch das treuherzige Schenkeleben, welches sie mit Mass und
Sitte zur Schau stellten.
    Dadurch gewann sie sich die Herzen aller Anwesenden, so dass sich alle mehr
oder weniger in sie verliebten. Sie war sozusagen die Frau von Gottes Gnaden,
deren Anmut Wohlwollen und Trost ausstrahlte und allgemeines Wohlwollen erntete,
und indem in ihrer Umgebung jeder einzelne bei ihrem Anblick des Glaubens wurde,
dass sie ihm besonders freundlich sei, so begnügte er sich mit diesem Gefühle,
und sie sah sich von der Bescheidenheit und Sitte aller umgeben.
    Nur Ferdinand verhärtete sich immer mehr in seiner Leidenschaft. Er hatte
sein Benehmen gegen Agnes nur geändert, um ihren Wert und ihre Schönheit erst
recht an das Licht zu stellen, zu zeigen, welch ein seltenes Wesen er so gut wie
in der Hand hätte, wie dieses ihn aber ganz unberührt lasse, ja, wie er sie ganz
und gar nur als ein liebliches Kind betrachte, welches neben der gereiften
Schönheit Rosaliens nicht in Rede kommen könne. Er hatte auch mit grosser
Feinheit seine Rolle gespielt, so dass niemand deren Falschheit bemerkte als
Rosalie und Agnes selbst, welche bald nach ihrer ersten Freude die alte Weise
Ferdinands erkannte und darüber tödlich erschrak.
    Rosalien war seine veränderte kokette Tracht aufgefallen, und sie fühlte
sich dadurch beleidigt; auch hatte sie von Erikson, soviel dieser davon wusste,
sein Verhältnis zu Agnes erfahren und war erst willens, durch ein kluges
Verfahren dem jungen seltsamen Mädchen, das ihr wohlgefiel, zu seinem Rechte zu
verhelfen und Ferdinand in Güte zu ihr hinzulenken. Im Verlauf des Tages sah sie
aber ein, dass er kein Glück sei für ein so naives Kind und dass sie mit gutem
Gewissen nicht in dessen Geschick eingreifen dürfe, und sie entschloss sich, den
selbstsüchtigen Untreuen seinen Weg gehen zu lassen und ihn auf ihre Weise zu
bestrafen.
    Als er daher Agnes, nachdem er sie der Obhut Heinrichs übergeben, plötzlich
wieder verliess und begann, seine Bewerbungen um Rosalien fortzusetzen, empfing
sie ihn mit alter Freundlichkeit, und als er sie auf Schritt und Tritt
begleitete, hörte sie ihn holdselig an und tat, als ob sie weder dies noch die
missbilligende Verwunderung der Gesellschaft bemerkte.
    In einem Seitengemache gefiel sich eine gewählte Gesellschaft darin, in den
glänzenden Fabelgewändern ruhig eine Partie Whist zu spielen. Rosalie und
Ferdinand traten ein, um sich hier umzusehen, und beteiligten sich am Spiele. Er
benutzte dasselbe, um allerlei Galanterien zu begehen und ungestört eine Weile
ihr gegenüberzusitzen. Sie lächelte ihm zu und hielt gut mit ihm zusammen. Als
die Partie geendet, ergriff sie die Karten und bat die Spieler und andere,
welche in der Nähe waren und welche alle aus vermöglichen Personen bestanden,
eine kleine Rede von ihr anzuhören.
    »Ich habe mich«, sagte sie, »bisher arg gegen die Kunst versündigt und,
trotzdem dass ich mit Glücksgütern gesegnet bin, soviel wie nichts für sie getan;
ich bin um so tiefer beschämt, als ich durch dieses Fest die sinnige, treuliche
Lebenslust empfinden gelernt habe, welche in den Künstlern ist und von ihnen
ausgeht, und ich möchte einen bessern Anfang machen und wünsche in meiner
Dankbarkeit, dass heute in meinem Hause, welches durch die fröhliche Anwesenheit
so vieler Künstler geehrt wird, etwas Gutes geschähe und dass ich, was, wie ich
glaube, für die rechte Kunstbeförderung ebenso notwendig ist, auch andere
veranlasse, etwas Gutes zu tun. Ich sehe unter meinen Gästen so manches junge
Bürschchen mit glänzenden Augen, dem es aber, nach seiner schüchternen Haltung
zu urteilen, nicht zum besten geht. Wie schön wäre es, wenn wir wenigstens einen
oder zwei dieser flüggen Vögel unmittelbar aus dieser Festfreude heraus nach
Italien schicken könnten! Da ich aber an niemanden bestimmte Anforderungen
machen darf, so will ich hier Bank halten und diejenigen, welche es können, zum
Spiele einladen. Was gewonnen wird, legen wir zusammen, ich verdoppele die Summe
alsdann, und je nach dem Befunde wählt dann die anwesende Gesellschaft
denjenigen aus ihrer Mitte, welchen sie für den Würdigsten und Bedürftigsten
hält!«
    Und mit verbindlichem Lächeln sich zu Ferdinand wendend und ihn zum Tische
ziehend, sagte sie: »Herr Lys, Sie sind ein reicher Mann! Geben Sie ein gutes
Beispiel und fangen Sie an!«
    Ferdinand hatte von der bedeutenden Summe, welche er in seiner Narrheit bei
den Juwelieren ausgegeben, noch zehn bis zwölf Louisdors übrig, die er in ein
Papier gewickelt in den Busen gesteckt hatte, da in der Eile an seinem ganzen
Kostüm nicht eine Tasche angebracht worden. Verlegen zog er das Geld hervor, wie
ein Mädchen einen Liebesbrief, und verlor es schnell an die schöne Bankhalterin.
    Sie warf es in eine leere Fruchtschale und dankte ihm, indem sie zugleich
bedauerte, dass er nicht mehr zu verlieren habe. Ihm schien aber das Verlorene
schon zuviel zu sein, und um wieder etwas davon zu gewinnen, warf er, scheinbar
um noch mehr beizutragen, den kleinsten seiner Ringe hin.
    Allein er verlor auch diesen. Rosalie hatte zu ihrer grossen Freude ein
merkwürdiges Glück, Ferdinand verlor Stuck um Stück von seinem Schmucke;
Armspangen, Agraffen, Ringe und Ketten warf er auf den Tisch in dem aufgeregten
Bestreben, wieder zu dem Seinigen zu kommen; Rosalie setzte gemünztes Gold
dagegen, aber nach wenigen Schwankungen lag der ganze Schmuck Ferdinands, im
Wert von über dreitausend Gulden, schimmernd in der Schale.
    Rosalie klatschte in die Hände und verkündete unverhohlen ihre Freude über
dies unverhoffte Gelingen, und als sie Ferdinand holdselig dankend die Hand
reichte, musste auch dieser eine gute Miene machen, obgleich er nun eine seltsame
Figur spielte, da der noch seltsamere Schmuck jetzt erst recht die
Aufmerksamkeit erregte.
    Aber nun ging es erst recht an. Die Damen wurden von den Edelsteinen mächtig
angezogen, und in der Hoffnung, dies oder jenes, was ihnen besonders gefiel, zu
gewinnen, drängten sich bald alle um den Tisch und spielten eifrig um den
Schmuck; denn sie nahmen sich samt und sonders vor, ihre Männer oder Väter zu
bewegen, den verhofften Gewinst mit barem Gelde auszulösen. Allein Rosalie hatte
unverwüstliches Glück und häufte endlich fast alles vorhandene Geld zu dem
Schmuck in die Schale, und als zuletzt niemand mehr spielte, rief sie: »Obgleich
mein Unternehmen einen Umfang gewonnen hat, weit über das erwartete Ziel hinaus,
so freue ich mich dennoch, mein Wort zu halten und diesen ganzen Gewinst zu
verdoppeln!«
    Einige angesehene ältere Künstler und ein anwesender Kaufmann berieten nun
die Sache, und es fand sich, dass man zwei junge Leute reichlich ausstatten könne
auf einige Jahre.
    Das Ereignis erregte das grösste Erstaunen und den freudigsten Jubel im
ganzen Hause, und die Freude war so plötzlich gekommen, dass nicht der leiseste
Schatten von Neid sich daruntermischte, als man nun auf Rosaliens Wunsch die
zwei jungen Maler auswählte, welche die Reise nach Italien machen sollten.
    Die Wahl war ein neues und das edelste Vergnügen von allen bisherigen, und
es wurde auf das sinnreichste und lieblichste hin und her gewandt, da es so gut
schmeckte, und endlich wurden zwei Brüder gewählt, welche sich ebenso durch
ihren Fleiss als durch ihre Armut auszeichneten, zwei liebenswürdige Bürschchen
aus Sachsen, welchen während ihres Aufentaltes in der Kunststadt Vater und
Mutter gestorben und jeder Unterhalt verloren war. Man begriff nicht, wie sie
leben konnten, so kümmerlich nährten sie sich, und doch waren sie der Kunst so
anhänglich und treu und immer so guten Mutes, dass sie bei aller Armut und
Sparsamkeit doch immer einige blanke Gulden bereit hatten, jedes Künstlerfest
mitzufeiern und jedermann durch ihre bescheidene Fröhlichkeit zu erfreuen.
    Die zwei Kirchenmäuse wussten nicht, wie ihnen geschah, und küssten in ihrer
Verwirrung der reizenden Urheberin dankbar die Hand. Rosalie konnte sich nicht
entalten, den schüchternen jungen Bürschchen die Wangen zu streicheln, und
hätte sie gern geküsst, wenn es sich hätte tun lassen.
    Sie wurden im Triumph herumgeführt, woraus sich ein neues Anordnungs- und
Wandervergnügen ergab.
    Indessen verfiel Ferdinand gänzlich seinem Geschick. Es begab sich mit ihm,
was sich immer begeben hat, er geriet durch das Schiefe und Unrechte der einen
Leidenschaft in eine Niedrigkeit des Empfindens und Denkens, welche sonst nicht
in ihm lag. Er war allerdings selbstsüchtig und sparsam gegen andere, sobald es
Geld oder Gut betraf, aber doch nicht in dem Grade, dass es sich nicht im
allgemeinen mit einem anständigen und liebenswürdigen Charakter vertragen hätte;
er würde über den erlittenen Verlust unter allen Umständen verdriesslich geworden
sein, aber nicht so sehr, dass der Verdruss im mindesten auf andere Ideen und
Vorstellungen eingewirkt oder dieselben getrübt hätte. Jetzt aber verband sich
mit seinem geheimen Ärger sogleich der Gedanke, sich zu entschädigen; er machte
in seinem Innern Rosalien sich verpflichtet und hielt sie durch den Vorfall für
gebunden an ihn durch ein starkes Band.
    Diese bedenkliche Ausschweifung verwirrte ihn ganz und trieb ihn demgemäss
zum Handeln. Er nahm sich also äusserlich zusammen, da er in seiner Torheit
seiner Sache sicher zu sein glaubte, und beobachtete Rosalien mit mehr Ruhe, um
den günstigen Augenblick zu finden, sie allein zu sehen.
    Rosalie schien ihn hierin zu unterstützen; denn er bemerkte, dass sie
mehrmals allein wegging auf eine Weise, als ob sie wünsche, dass jemand ihr folge
und sie aufsuche.
    Sie hatte Spiel, Schmuck und Ferdinand vergessen und war jetzt mit einem
andern Gedanken beschäftigt, und dieser Gedanke rötete ihre Wangen und entfachte
ihre Augen in holder Glut. Sie wünschte, dass Erikson sie suchte und allein
spräche, ohne dass sie ihn geradezu aufforderte. Aber dieser merkte von allem
nichts, und anstatt dass er selber auf den Gedanken kam, den er vielmehr beinahe
scheute wie eine gefährliche Entscheidung, beobachtete er Ferdinand, der sich
nun ruhiger hielt, und glich einem Jäger, der nach einer anderen Seite sieht, wo
er etwa einen Fuchs vermutet, während das schöne Reh in Schussweite vor ihm
hinspringt.
    Ferdinand aber verlor nun keine Zeit mehr, sondern verschwand unversehens
aus dem Saale, als er gesehen, dass Rosalie sich wiederum entfernt habe. Sobald
er auf dem Gange war, folgte er ihr mit stürmischen Schritten, dass seine
assyrischen Gewänder nur so flogen, erreichte sie in einem abgelegenen stillen
Zimmerchen, welches zur Sommerzeit ihr Boudoir war, ergriff ihre beiden Hände
und begann dieselben leidenschaftlich zu küssen. Sie hatte gehofft, dass Erikson
hinter ihr herkäme; aber bald erkannte sie an dem leichten Schritte, dass er es
nicht sei, und wusste nun in der Verwirrung nicht sogleich, was sie anfangen
sollte.
    Doch entzog sie ihm die Hände, indessen er sagte: »Schönste Frau! Sie haben
zwei Glückliche gemacht! Beglücken Sie den dritten, indem Sie mir erlauben,
Ihnen zu sagen, wie tief ich von Ihrer Schönheit und Anmut, von Ihrem ganzen
Wesen ergriffen bin!«
    Rosalie zappelte mit ihren Händchen, ihn abwehrend, und rief halb ängstlich,
halb lachend: »Herr Lys! Herr Lys! ich bitte Sie! Sehen Sie denn nicht, dass ich
heute in meinen Alltagskleidern stecke und nicht mehr die Göttin der Liebe bin?«
    »O schöne, liebe Rosalie!« rief Lys und fuhr fort mit schöner Beredsamkeit,
»mehr als je sind Sie die Schönheit und Liebe selbst und alles das, was die
Alten so tiefsinnig vergöttert haben! Sie sind eine ganze Frau im edelsten Sinne
des Wortes, in Ihnen ist nur Anmut und Wohlwollen, und Sie verwandeln alles
dazu, was um Sie ist. O jetzt begreife ich, warum ich ein Ungetreuer und
Wankelmütiger war mein Leben lang! Wie kann man treu und ganz sein, wo man immer
nur das halbe und durch Sonderlichkeit getrübte Weib trifft, bald unfertig in
seinem Bewusstsein, bald eigensinnig und überreif in demselben? Sie sind das
wahre Weib, in dem der Mann seine Ruhe und seinen dauernden Trost findet, Sie
sind heiter und sich selber gleich, wie der Stern der Venus, den Sie gestern
trugen! O verkennen Sie sich nicht, erkennen Sie Ihr eigenes Wesen! Diese
göttliche Freundlichkeit, welche Sie beseelt, ist nichts als Liebe, welche
gewähren muss, sobald sie erkannt und verstanden wird! Sie muss sich äussern hoch
über der trüben Welt von Tugend und Sünde, Pflicht und Verrat, in der Höhe des
klaren unveränderlichen Lebens ihres eigenen Wesens!«
    Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und sah jetzt so schön und aufrichtig
aus, dass sie ihm nicht gram werden konnte; sie liess ihm desnahen noch eine Weile
die Hand und sagte mit grosser Anmut und Freundlichkeit: »Sie sind jetzt sehr
liebenswürdig, Herr Lys! und ich will deshalb vernünftig mit Ihnen sprechen. Ich
bin weit entfernt, Ihre Grundsätze zu verdammen oder Ihnen eine zimperliche
Predigt halten zu wollen, da ich sehe, dass dieselben nicht leere Worte eines
unsichern Mannes, vielmehr nur zu deutlich die Äusserung einer tiefer begründeten
Lebensrichtung sind. Sehen Sie zu, wie Sie dabei Ihr Glück und Ihre Ruhe finden,
von der Sie sprechen! Aber ich muss Ihnen wenigstens sagen und kann Sie auf das
heiligste versichern, dass ich mich selber sehr wohl kenne und dass Sie sich
hinsichtlich meines Wesens vollkommen getäuscht haben. Sehen Sie, Herr Lys! (und
hier zog sie ihre Hand zurück und mass ihm eine rosige Fingerspitze vor, indessen
sie etwas ungeduldig mit den Füsschen strampelte) ich empfinde nicht so viel
Neigung für Sie, und ich schwöre Ihnen, dass, was meine Freundlichkeit betrifft,
dieselbe nun und nimmermehr das für Sie sein wird, was Sie Liebe nennen oder was
ich Liebe nenne! Ja vielmehr steht sie auf dem Punkte, in Hass und Abscheu
umzuschlagen, wenn Sie Ihr Benehmen nicht sogleich ändern! Entschliessen Sie sich
dazu, oder ich bitte Sie, mein Haus zu verlassen, denn Sie stören mir alle
Freude und machen ein unnützes Aufsehen!«
    Als sie dies sprach, funkelte zuletzt durch alle lächelnde Freundlichkeit
ein lichter Zorn in ihren Augen, gleich einem Blitz im Sonnenschein, welcher
zwar bezaubernd, aber auch so deutlich und entschieden war, dass Lys nicht ein
Wort zu erwidern wusste. Er sah sie erstaunt und wehmütig an, wie einer, der aus
seiner ganzen persönlichen Beschaffenheit und Überzeugung heraus gehandelt hat
und darüber traurig ist, dass er keinen Anklang findet. Dann ging er, ohne ein
Wort zu sagen, langsam aus dem Zimmer.
    Rosalie schaute ihm nach, und während sie aufatmend sich auf ein Sofa warf,
mischte sich in den freundlichen Spott, den sie empfand, doch ein geheimstes
bedauerndes Gefühl, dass ihr Wohlwollen nicht etwas der Art sein dürfe, für was
Lys es gehalten wissen wollte.
    Inzwischen hatte Erikson endlich ihre und Ferdinands gleichzeitige
Abwesenheit entdeckt, und da er Rosalien zu sehr ehrte und liebte in seiner
breiten Brust, um sie genauer zu kennen, und auch ein ziemlicher Neuling in
dieser Lage war, so verliess ihn plötzlich sein bisheriges Phlegma, und er geriet
in die heftigste Aufregung.
    Die abenteuerlichsten und graulichsten Geschichten von der geheimen
Verworfenheit und Schwachheit der Weiber, welche er in Schenken und
Männergesellschaften gehört, fuhren ihm wie Gespenster durch den Kopf, die
wunderlichsten Eroberungen und Überrumpelungen durch kühne Gesellen, unter den
schwierigsten Umständen, kamen ihm in den Sinn und wechselten mit dem Bilde der
sich immer gleichen Rosalie, und dies Bild verscheuchte dann alle jene Schrecken
für einen Augenblick; aber sie kehrten wieder und peinigten ihn auf das ärgste.
    Und als er sie endlich gewaltsam unterdrückte, sagte er sich Und was wäre es
denn, wenn mir dieser Teufel zuvorkäme und das täte, was ich schon längst hätte
wagen sollen? Wer wäre zu tadeln als ich selbst? Soll mir die liebe Schöne sich
selbst auf einem Teller präsentieren? Hole der Henker das Geld! Ich glaube, ich
wäre nicht halb so blöde, wenn sie nicht so reich wäre! Aber was tut das zur
Sache? Sie ist ein Weib, ich ein Mann, Himmel! sie wird mir den Kopf nicht
abbeissen!
    Als ob seine Seligkeit auf dem Spiele stände, durchmass er alle Zimmer, und
als er sie nirgends fand, riss er voll Furcht und Zorn die letzte Tür auf, die
ihm noch übrigblieb, trat hastig in das schwach erleuchtete Stübchen und fand
Rosalien auf dem Sofa sitzend. Sie hielt sich ganz still und sah ihn an, und
Erikson stand plötzlich ratlos da.
    Nachdem er eine Weile gestanden, indessen sich die Schöne nicht gerührt,
gewann er über ihrem Anblicke seine Bewegung wieder, stärker als vorhin, aber
nun rein und gleichmässig, eine schöne, mächtige Wallung. Er tat einen Schritt
auf sie zu, ergriff ihren Arm so fest, dass es sie schmerzte, und gab nun seinen
Gefühlen und Meinungen Worte, so gut er sie zu finden vermochte.
    Rosalie beklagte sich nicht über den Druck seiner starken Hand, es schien
sogar, als ob ihr der kleine Schmerz das grösste Vergnügen gewähre. Sie hörte ihn
mit schwer verhaltenem Lächeln an, und eine Viertelstunde nachher sah man ihn
feierlich und zufrieden durch die Räume kommen, mit glänzenden Augen einige
Verwandte Rosaliens zusammenzusuchen und zu ihr zu berufen, und abermals eine
Viertelstunde nachher erschienen diese wieder und ordneten in dem Saale eine
Abendtafel für die gesetztere Hälfte der Gesellschaft und besonders für
sämtliche Verwandte und Freunde Rosaliens, deren noch manche schnell geholt
wurden; und als alles dies zustande gekommen, indessen auch die Lichter
angesteckt wurden, verkündete ein ehrwürdiger Oheim die unverhoffte Verlobung,
und das glückliche Paar nahm die überraschten Glückwünsche von allen Seiten
frohlauschend auf.
    Alle, die in gewöhnlicher Kleidung anwesend waren, führten unter sich
alsbald eine gelinde Kritik über die seltsame Verlobung und die künstlerischen
Neigungen der reichen Witwe, die so rasch nacheinander zutage träten; doch wenn
sie, besonders die Schönen, auf Erikson blickten, so blieben ihre Worte nur noch
tönende, während das Auge gestehen musste, dass die feine Rosalie wohl zu wählen
gewusst habe.
    Die Künstler aber freuten sich unbändig über diese neue glückliche Wendung
zu Ehren ihres Standes und machten Erikson glückwünschend zu ihrem Helden, nicht
ahnend, welcher Abfall von Pinsel und Palette mit dieser Verlobung sich
vollende. Denn Erikson hat in der Tat nie wieder gemalt, obgleich er den
Künstlern zugetan blieb und mit vieler Behaglichkeit sich später eine
Bildersammlung anlegte.
    Nur Ferdinand ertrug diesen Vorfall nicht; er verlor sich in der grössten
Uneinigkeit mit sich selbst aus dem Hause und stürmte in den Buchenwald hinaus,
in welchem viele einzelne Masken umherirrten und lärmten. Viele kamen auch von
den Forstäusern auf die Kunde von den artigen Begebenheiten in das Landhaus der
Witwe oder nunmehrigen Braut und wurden da bewirtet. Erikson rührte sich
sogleich lustig als künftiger Herr des Hauses und schaffte mit ausgiebiger
Bewegung Raum und Stoff in die Verwirrung, die rauschend hereingebrochen war.
    Dann aber geleitete er Rosalien, die sich zurückziehen wollte, als sie alles
im besten Gange und durch treue Freunde und Diener überwacht sah, nach der
Stadt. Sie erbebte in der Dunkelheit vor Vergnügen, als er sie in den Wagen hob
und als der leichte Kasten heftig schaukelte, da der hünenmässige Erikson
einstieg.
    Während sich dies alles begeben, hauste in dem Gewächshause ein kleines
Trüppchen Leute, abgelegen und vergessen von der grossen Gesellschaft, und führte
zwischen den Myrten- und Orangenbäumen ein wunderlich verborgenes Leben. Da sass
an einem Tischchen der fabelhafte Bergkönig, welcher mit seiner Krone und seinem
weissen Barte aussah, als wäre er eben aus den Fluten des Rheines, aus der
Nibelungenzeit heraufgestiegen, und sang, indem er das lange Kelchglas
schwenkte, die lustigsten Lieder; neben ihm zechte ein Winzer aus dem
Bacchuszuge, ein wirklicher Rheinländer, welcher eine Anzahl Champagnerflaschen
erhascht und unter den Myrten verborgen hatte. Es war ein untersetzter Mann von
dreissig Jahren mit einem braunen Krauskopfe und kindlich lachenden Augen, welche
bald mit frommem Ausdrucke in die Welt schauten, bald in schlauer Lustigkeit
funkelten. Seine Hände verkündeten einen fleissigen Metallarbeiter und der
weichgeschnittene Mund einen andächtigen Trinker, indessen doch die Mundwinkel
einen sinnenden festen Zug hatten vom häufigen Verschliessen und Verziehen des
Mundes über der beharrlichen plastischen Arbeit. Man nannte ihn den kleinen
Gottesmacher, weil er nicht nur alle für den katolischen Kultus notwendigen
Silbergefässe, sondern auch sehr wohlgearbeitete Christusbilder in Elfenbein
verfertigte. Nebenbei war er ein trefflicher Musikus, der mehrere Instrumente
spielte und ein Kenner der alten Kirchenmusik sowohl als einer Menge
melancholischer Volkslieder war. Diese sang er jetzt abwechselnd mit dem
Bergkönig und dem grünen Heinrich, welcher mit Agnes den kleinen Kreis
vervollständigte.
    Das verzweifelte Mädchen hatte sich hierher zurückgezogen, weil sie nicht
unter den anderen Frauensleuten sein mochte, die alle glücklich waren und sich
ihres Lebens freuten. Sie sass nun wieder stumm und still und lauschte auf die
Worte Heinrichs, welcher ihr fortwährend Hoffnung machte und zuflüsterte, sie
solle nur Geduld haben; wenn erst diese tolle Zeit vorüber sei, so würde sich
Ferdinand schon besinnen und müsse es, er wolle ihn dazu zwingen. Als das
Geräusch der Verlobung sich verbreitete, eilte Heinrich weg, um Ferdinand
aufzusuchen, während Agnes mit banger Hoffnung und aufblitzender Lebenslust
seiner harrte. Aber er fand ihn nirgends und kehrte allein zurück.
    Agnes versank in eine tiefe Erstarrung, alles vergessend, was um sie war.
Der Bergkönig und der Winzer begannen jetzt ihren Zustand zu erkennen und
bewährten sich als bescheidene und treuherzige Gesellen, welche mit herzlicher
Schicklichkeit ihrer schonten und zugleich mit derselben sie aufzuwecken und zu
beleben suchten.
    Heinrich bot ihr an, sie nach Hause zu bringen; allein sie verweigerte es
und ging nicht von der Stelle, indem sie behauptete, Ferdinand müsse sie nach
Hause begleiten und würde gewiss noch kommen. Sie trank nun mehreremal von dem
brausenden Weine, den sie in ihrem Leben noch nie getrunken, und als derselbe
seine Wärme durch ihr Blut ergoss, wurde sie allmählich laut und ergab sich einer
selbstbetäubenden Freude. Sie sang nun selbst mit den Gesellen und liess eine so
wohlklingende Stimme ertönen, dass alle bezaubert wurden. Sie wurde immer
lustiger und trank in kurzer Zeit einige Gläser aus.
    Die drei Burschen, wenig erfahren in so bedenklichen Sachen, liessen sich nun
ohne Arg von ihrer Ausgelassenheit hinreissen und freuten sich über das reizende
lustige Mädchen, über welches ein eigentümlicher dämonischer Zauber gegossen
war. Sie brach blühende Myrten- und Lorbeerzweige und flocht Kränze daraus; sie
plünderte das ganze Gewächshaus, um Sträusse zu binden, und indem sie ihre
Zechbrüder mit den fremden Wunderblumen aufputzte und ihnen die Kränze aufsetzte
sowie sich selbst, tanzte sie nicht wie eine Diana, sondern wie eine kleine
angehende Bacchantin herum, ohne dass indes die ganze Szene das geringste von
ihrer Unschuld und Harmlosigkeit verloren hätte.
    Aber plötzlich, als die Lust am grössten war, veränderte sich ihr Gesicht,
und sie fing bitterlich an zu weinen; sie warf sich auf einen Stuhl und weinte
mehr und mehr, es war, als ob alle Quellen des Leides sich geöffnet hätten, und
bald war das Tischtuch, auf das sie ihr schluchzendes Haupt niederbeugte, von
ihren strömenden Tränen benetzt, die sich mit dem Champagner ihres umgestürzten
Glases vermischten.
    Mit durchdringender, klagender Stimme rief sie, vom Schluchzen unterbrochen,
nach Ferdinand, nach ihrer Mutter. In grösster Ratlosigkeit suchten die Gesellen
sie zu beruhigen und aufzurichten, zugleich befürchtend, dass andere Gäste
herbeikommen und Agnesens bedenklichen Zustand sehen möchten.
    Allein ihr Schrecken wurde noch grösser, als die Tränen unversehens
versiegten, Agnes vom Stuhle sank und in wilde Krämpfe und Zuckungen verfiel.
Sie warf ihre feinen weissen Arme umher, die Brust drohte das spannende
Silbergewand zu sprengen, und die schönen dunkelblauen Augen rollten wie irre
Sterne in dem bleichen Gesicht. Heinrich wollte nach Hilfe rufen, aber der
Bergkönig, welcher der älteste war, hielt ihn davon ab, um einen allgemeinen
Auftritt zu verhüten. Sie hofften, der Anfall würde vorübergehen, sprengten ihr
Wasser ins Gesicht und lüfteten das Brustgewand, dass der kleine pochende Busen
offen leuchtete. Heinrich hielt das schöne tobende Mädchen, das mehr dem Tode
als dem Leben nahe schien, auf seinen Knien, da kein geeigneter Ruhesitz im
Treibhause war, und indem er das zärtlichste Mitleid für sie fühlte, verwünschte
er den eigensüchtigen Ferdinand, welcher nun weiss Gott wo umherschweifen mochte.
    Als aber der unglückliche Zustand, anstatt vorürberzugehen, immer schlimmer
und bedrohlicher wurde, indem die Zuckende kaum mehr zu halten war, entschlossen
sie sich in der grössten Angst, die Kranke vorsichtig nach dem Hause zu tragen.
    Der Bergkönig und der Winzer hoben sie auf ihre Arme und trugen die tobende
Diana auf dem dunkelsten Seitenwege durch den Garten, indessen Heinrich
voranging und die Gelegenheit erspähte. So gelangten sie mit der verräterisch
glänzenden und ächzenden Last mit Mühe endlich durch eine Hintertür in das Haus
und in das obere Stockwerk, wo sie ein mit Betten versehenes Zimmer fanden. Sie
legten dort das arme Kind hin und suchten in der Stille einige weibliche Hilfe
herbei. Es war auch die höchste Zeit, denn sie lag nun in tiefer Ohnmacht;
zugleich erregte aber die herbeigeeilte Gärtnersfrau, die Heinrich gefunden, ein
solches Lamento, dass bald alle noch anwesenden Damen in dem Zimmer waren, der
Vorfall nun mit dem grössten Aufsehen bekannt ward und die betroffenen drei
Zecher sich in den Hintergrund ziehen mussten.
    Es gelang endlich, die Ohnmächtige wieder ins Leben zu rufen, und da sich
auch zweckmässige Hilfsmittel fanden, erholte sie sich in etwas, ohne jedoch zum
klaren Verstande zu kommen. Doch konnte keine Rede davon sein, sie noch heute
nach Hause zu bringen, obgleich ein schnell herbeigekommener Arzt die Sache
nicht für gefährlich erklärte und Ruhe und Schlaf als die sicherste Hilfe zur
gänzlichen Erholung bezeichnete.
    Heinrich machte sich auf den Weg nach der Stadt, um Agnesens Mutter zu
benachrichtigen. Die Fahrstrasse war bedeckt mit Wagen, die, mit Tannenreis
geschmückt, die heimkehrenden Masken trugen, und dazwischen von vielen
Fussgängern. Um schneller vorwärts zu gelangen und ungestörter zu sein, schlug
Heinrich einen Fusspfad ein, welcher im lichten Walde sich hinzog zur Seite der
Strasse. Als er einige Zeit gegangen, holte er Ferdinand ein, dessen weiter
seidener Mantel sowie der Saum des batistenen langen Rockes sich unablässig in
den Sträuchern und Dornen verwickelten und zerrissen und so sein Fortkommen
erschwerten. Fluchend schlug er sich mit dem Gestrüpp herum, als Heinrich zu ihm
stiess.
    Sobald sie sich erkannten, erzählte Heinrich das Vorgefallene, und in einem
Tone, welcher deutlich verriet, wo der Erzähler hinauswollte. Ferdinand, welcher
ein ausdauernder Trinker war, aber alle eigentliche Betrunkenheit schon an
Männern verabscheute, empfand einen tiefen Verdruss und suchte überdies mit der
Äusserung desselben den weiteren Auslassungen Heinrichs zuvorzukommen.
    »Das ist eine schöne Geschichte!« rief er, »ist das nun deine grösste
Heldentat? Ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen? Wahrhaftig, ich habe
das arme Kind guten Händen übergeben!«
    »Übergeben! Verlassen, verraten willst du sagen!« rief Heinrich und übergoss
nun seinen Freund mit einer Flut der bittersten Vorwürfe.
    »Ist es denn so schwer«, schloss er, »seinen Neigungen einen festen Halt zu
geben und gerade dadurch die Gesamteit der Weiber recht zu lieben und zu ehren,
dass man einer treu ist? Denn es ist ja doch eine wie die andere, und in der
einen hat man alle!«
    Ferdinand hatte sich indessen aus den Dornen losgewickelt; er sah nun aus
wie ein zerzauster und gerupfter Vogel. Da er sah, dass er Heinrich nicht
einschüchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem sie weitergingen:
»Lass mich zufrieden, du verstehst das nicht!«
    Heinrich brauste auf und rief: »Lange genug habe ich mir eingebildet, dass in
deiner Sinnes- und Handlungsweise etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung
nicht übersehen und beurteilen könne! Jetzt aber sehe ich nur zu deutlich, dass
es die trivialste und nüchternste Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist,
welche dich treibt, so leicht erkennbar als verabscheuenswert. Oh, wenn du
wüsstest, wie tief dich diese Art entstellt und befleckt und allen denen weh tut,
welche dich kennen und achten, du würdest aus eben dieser Selbstsucht heraus
dich ändern und diesen hässlichen Makel von dir tun!«
    »Ich sage noch einmal«, erwiderte Lys, »du verstehst das nicht! Und das ist
deine beste Entschuldigung in meinen Auge für deine unziemlichen Reden! Nun, du
Tugendheld! Ich will dich nicht an deine Jugendgeschichte erinnern, die du so
artig aufgeschrieben hast, erstens um dein Vertrauen nicht zu missbrauchen, und
zweitens, weil dir nach meiner Ansicht aus derselben wirklich nichts vorzuwerfen
ist. Denn du hast getan, was du nicht lassen konntest, du tust es jetzt, und du
wirst es tun, solange du lebst -«
    »Halt«, sagte Heinrich, »ich hoffe wenigstens, dass ich immer weniger das
tue, was ich lassen kann, und dass ich zu jeder Zeit etwas lassen kann, das
schlecht und verwerflich ist, sobald ich es nur erkenne!«
    »Du wirst zu jeder Zeit«, erwiderte Ferdinand kaltblütig, »das lassen, was
dir nicht angenehm ist!«
    Heinrich wollte ihn ungeduldig nochmals unterbrechen, allein Lys übersprach
ihn und fuhr fort: »Angenehm oder unangenehm aber ist nicht nur alles Sinnliche,
sondern auch die moralischen Hirngespinste sind es. So bist du jetzt sinnlich
verliebt in das eigentümliche Mädchen, dessen absonderliche Gestalt und Art die
äussersten Sinne reizt, wie ich nun an mir einsehe; dies ist dir angenehm; aber
weil du wohl merkst, dass du dabei kein rechtes Herz hast, nicht in deinem
eigentlichen Sinne liebst, so verbindest du mit jenem Reiz noch die moralische
Annehmlichkeit, dich für das schmale Wesen ins Zeug zu werfen und den
uneigennützigen Beschützer zu machen. Wisse aber, wenn du einen Funken
eigentlicher Leidenschaft verspürtest, so würdest und müsstest du allein darnach
trachten, deinen Schützling meinem Bereiche ganz zu entziehen und dir
anzueignen. Du hast aber die wahre Leidenschaft noch nie gekannt, weder in
meinem noch in deinem Sinne. Was du als halbes Kind erlebt, war das blosse
Erwachen deines Bewusstseins, das sich auf sehr normale Weise sogleich in zwei
Teile spaltete und an die ersten zufälligen Gegenstände haftete, die dir
entgegentraten. Die sinnliche Hälfte an das reife kräftige Weib, die zartere
geistige an das junge transparente Mädchen, das du an jenes verraten hast. Dies
würdest du, trotz deiner selbst, nie getan haben, wenn eine wirkliche ganze
Liebe in dir gewesen wäre! Wisse ferner, was mich betrifft jeder ganze Mann muss
jedes annehmliche Weib sogleich lieben, sei es für kürzer, länger oder immer,
der Unterschied der Dauer liegt bloss in den äusseren Umständen. Das Auge ist der
Urheber, der Vermittler und der Erhalter oder Vernichter der Liebe; ich kann mir
vornehmen, treu zu sein, aber das Auge nimmt sich nichts vor, das gehorcht und
fügt sich der Kette der ewigen Naturgesetze. Luter hat nur als Normalmann,
nicht als einer von denen gesprochen, welche Religionen stiften oder säubern und
die Welt verändern, wenn er sagte, er könne kein Weib ansehen, ohne ihrer zu
begehren! Erst durch ein Weib, welches durch spezifisches Wesen, durch Reinheit
von allem eigensinnigen, kränklichen und absonderlichen Beiwerke eine
Darstellung einer ganzen Welt von Weibern ist, durch ein Weib von so
unverwüstlicher Gesundheit, Heiterkeit, Güte und Klugheit wie diese Rosalie -
kann ein kluger Mann für immer gefesselt werden. Wie beschämt sehe ich nun ein,
welche vergängliche Spezialität, welch phänomenartiges Wesen ich in dieser Agnes
mir zu verbinden im Begriffe war! Du aber schäme dich ebenfalls, als solch ein
zierlich entworfenes, aber noch leeres Schema in der Welt umherzulaufen wie ein
Schatten ohne Körper! Suche, dass du endlich einen Inhalt, eine solide Füllung
bekommst, anstatt anderen mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu fallen!«
    Vielfach beleidigt schwieg Heinrich eine Weile; er war tief gereizt, und es
kochte und gärte gewaltig in ihm; denn er war in seinem besten Bewusstsein
angegriffen und fühlte sich um so verletzter und verwirrter, als in Ferdinands
Worten etwas lag, das er im Augenblick nicht zu erwidern wusste. Der genossene
Wein und die nun schon vierundzwanzigstündige ununterbrochene Aufregung taten
auch das Ihrige, seine Lust, die Sache vollends auszufechten, zu entflammen, und
er begann daher wieder mit entschiedener Stimme: »Nach deiner vorhinnigen
Äusserung zu urteilen, bist du also nicht sehr willens, dem Mädchen die
Hoffnungen, die du ihr leichtsinnigerweise angeregt, zu erfüllen?«
    »Ich habe keine Hoffnungen angeregt«, sagte Lys, »ich bin frei und meines
Willens Herr, gegen ein Weib sowohl wie gegen alle Welt! Übrigens werde ich für
das gute Kind tun, was ich kann, und ihr ein wahrer und uneigennütziger Freund
sein, ohne Ziererei und ohne Phrasen! Und zum letztenmal gesagt Kümmere dich
nicht um meine Liebschaften, ich weise es durchaus ab!«
    »Ich werde mich aber darum kümmern«, rief Heinrich, »entweder sollst du
einmal Treue und Ehre halten, oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen,
dass du unrecht tust! Das kommt aber nur von dem trivialen trostlosen Ateismus!
Wo kein Gott ist, da ist kein Salz und kein Schmalz, nichts als haltloses Zeug!«
    Ferdinand lachte laut auf und rief: »Nun, dein Gott sei gelobt! Dacht ich
doch, dass du endlich noch in diesen glückseligen Hafen einlaufen würdest! Ich
bitte dich aber jetzt, grüner Heinrich, lass den lieben Gott aus dem Spiele, der
hat hier ganz und gar nichts damit zu tun! Ich versichere dich, ich würde mit
oder ohne Gott ganz der gleiche sein! Das hängt nicht von meinem Glauben,
sondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen körperlichen Wesen
ab!«
    »Und von deinem Herzen!« rief Heinrich zornig und ausser sich, »ja, sagen wir
es nur heraus, nicht dein Kopf, sondern dein Herz kennt keinen Gott! Dein
Glauben oder vielmehr dein Nichtglauben ist dein Charakter!«
    »Nun hab ich genug, Verleumder!« donnerte Ferdinand mit starkem und
erschreckendem Tone, »obgleich es ein Unsinn ist, den du sprichst, welcher an
sich nicht beleidigen kann, so weiss ich, wie du es meinst; denn ich kenne diese
unverschämte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker, die ich dir nie, nie
zugetraut hätte! Sogleich nimm zurück, was du gesagt hast! Denn ich lasse nicht
ungestraft meinen Charakter antasten!«
    »Nichts nehm ich zurück und werfe dir deinen Verleumder zu eigenem Gebrauche
zu! Nun wollen wir sehen, wie weit dich deine gottlose Tollheit führt!« Dies
sagte Heinrich, während eine wilde Streitlust in ihm aufflammte. Ferdinand aber
antwortete mit bitterer verdrussvoller Stimme: »Genug des Schimpfens! Du bist von
mir gefordert! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit, einmal mit der
Klinge in der Hand für deinen Gott einzustehen, für den du so weidlich zu
schimpfen verstehst! Sorge für deinen Beistand, und nun geh deines Weges und lass
mich allein!«
    Er brauchte dies nicht zweimal zu sagen; denn Heinrich hatte unter anderen
Torheiten, als er fechten gelernt, sich auch das grossländische Benehmen in
sogenannten Ehrensachen gemerkt und angeeignet, ohne dass er es bis jetzt
betätigen konnte; und obgleich er noch genug auf dem Herzen hatte und gern noch
lange gesprochen und gezankt hätte, gleich den alten Helden, welche wenigstens
ebenso viele Worte als Streiche auszugeben wussten und bei aller Tatkräftigkeit
doch gern vorher den Streit gründlich besprachen, so ging er doch jetzt ebenso
stramm und lautlos von hinnen wie ein geforderter Student oder Gardeoffizier,
während der Zipfel seiner Kappe gemütlich klingelte und sein Herz gewaltig
klopfte.
    Beide erzürnte Freunde fanden nur zu leicht und bald andere Törichte unter
den heimwärts schwärmenden Künstlern, welche sogleich mit feierlicher
Bereitwilligkeit die erforderlichen Verabredungen und Vorbereitungen trafen. Das
Duell sollte in Ferdinands Wohnung stattfinden.
    Dieser begab sich nach Hause und blieb den übrigen Teil der Nacht auf, ohne
sich umzukleiden. Er schrieb einige Briefe und versiegelte sie, warf das
erotische Album, das ihm in die Hände fiel, unwillkürlich und errötend ins
Feuer, ordnete dies und jenes, und als er damit zu Ende war, löschte er das
Licht, setzte sich an das Fenster und erwartete den anbrechenden Morgen. Ohne
Hass gegen Heinrich zu empfinden, war er doch sehr traurig und gekränkt durch das
unbedachte und bösartige Wort, welches dieser ihm ins Gesicht geworfen. Er
unterdrückte daher den Gedanken, als der Ältere die Beleidigung zu verzeihen und
sich bei kaltem Blute mit dem jungen Freunde auszugleichen, und gedachte dem
Unbesonnenen als einem Vertreter einer ganzen Gattung und Lebensrichtung einmal
eine Lektion zu geben oder wenigstens durch den Ernst des Vorfalles ihm die
Augen zu öffnen. Für sich war er nicht besorgt, und es war ihm in seiner
jetzigen Stimmung gleichgültig, was ihn betreffen möchte, ja er wünschte, dass
Heinrich ihn träfe und sein Blut vergösse, damit er recht empfindlich für seine
leichtsinnige Kränkung bestraft würde.
    Dann richtete er seine Gedanken auf Rosalien, die ihm nun, da sie liebte und
verlobt war, noch schöner und wünschenswerter erschien. Er glaubte überzeugt zu
sein, dass er sie dauernd geliebt hätte, und sah sich die schöne Frau wie ein
guter Stern entschwinden, der nie wiederkehrt.
    Heinrich fühlte sich so aufgeregt und munter, dass er, anstatt nach Hause zu
gehen und auszuruhen, sich bis zum Morgen in verschiedenen Zechstuben
herumtrieb, wo die unermüdlichsten der Künstler die zweite Nacht ohne Schlaf bei
Wein und Gesang vollendeten. Auch sagte ihm ein schlauer Instinkt, dass er, wenn
er anders das tüchtige Erlebnis, das tatkräftige Gebaren, das ihn lockend
durchfieberte, nicht verlieren wollte, die Sache nicht vorher beschlafen und mit
der Einkehr in seine Behausung und bei sich selbst etwa auf nüchterne Gedanken
kommen dürfe.
    Er sah jetzt nur das Kreuzen der glänzenden Klingen, mit welchem er das
Dasein Gottes entweder in die Brust des liebsten Freundes schreiben oder es mit
seinem eigenen Blute besiegeln wollte. Beides reizte ihn gleich angenehm, und er
dachte daher an Ferdinand mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit, wie an ein köstliches
Pergament, auf welches man seine heiligste Überzeugung schreiben will. Der
Morgen ging endlich auf, und Heinrich eilte an den verabredeten Ort. Unterwegs
kam er an seiner Wohnung vorbei; aber er ging nicht hinein, um nur das Geringste
zu besorgen, sondern eilte hastig weiter. An einem Brunnen wusch er sich
sorgfältig Gesicht und Hände und ordnete seine Kleider, und darauf trat er
frisch und munter, mit seltsam gespannter Lebenskraft, in Ferdinands grosses
Atelier, wo schon alle Beteiligten versammelt waren.
    Man hatte kurze dreikantige Stossdegen gewählt, welche mit einer vergoldeten
Glocke versehen waren, sehr hübsch aussahen und Pariser genannt wurden. Jeder
nahm seine Waffe, ohne den andern anzusehen; doch als sie sich gegenüberstanden,
mussten sie unwillkürlich lächeln und begannen mit sehnsüchtiger Lust die Klingen
in behaglicher Langsamkeit aneinander hingleiten zu lassen.
    Sie standen gerade vor dem wandgrossen Bilde, auf welchem die Bank der
Spötter gemalt war. Das schöne Bild glänzte im Morgenlicht und in all seiner
festen vollen Farbenpracht, und die Spötter schienen die Kämpfenden neugierig
und launig zu betrachten. Der Abbé nahm seine Prise, der Alte schlug ein
Schnippchen, und der Taugenichts hielt die Rose vor den höhnischen Mund.
    Bis jetzt war das Fechten ein Spiel gewesen, bei welchem nichts herauskommen
konnte, da jeder mit Leichtigkeit die Stösse des andern übersah und parierte. Die
scharfgeschliffenen Spitzen, welche vor ihren Augen herumflirrten, übten aber
eine unwiderstehliche Lockung, und beide gingen fast gleichzeitig in ein
rascheres Tempo über. Heinrich, welcher der Hitzigere und Betörtere war, in
welchem auch eine Menge Weines glühte, wurde noch ungestümer und entschiedener,
und unversehens trat Lys mit einem leisen Schrei einen Schritt zurück und sank
dann auf einen Stuhl.
    Er war in die rechte Seite getroffen, das Blut tropfte erst langsam durch
das weisse Kleid, bis der Arzt die Wunde untersuchte und offenhielt, worauf es in
vollen Strömen sich ergoss. Nach einigen Minuten, während welcher Ferdinand sich
munter und aufrecht hielt, beruhigte der Arzt die Anwesenden möglichst und
erklärte die Verletzung zwar für gefährlich und bedenklich, aber nicht für
unbedingt tödlich. Die Lunge sei verletzt, und alle Hoffnungen oder
Befürchtungen eines solchen Falles müssten mit ruhiger Vorsicht abgewartet
werden.
    Heinrich hörte dies aber nicht, obgleich er dicht bei dem Verwundeten stand
und denselben umfasst hielt. Er war nun totenbleich und sah sich ganz verwundert
um. Die Kraft verliess ihn, und er musste sich selbst auf einen Stuhl setzen, wo
er wie durch einen Traum hindurch das rote Blut fliessen sah.
    Erikson, welchen es trieb, die Freunde aufzusuchen und, da er sich nun
geborgen sah, in gemütlichem Scherze den verunglückten Ferdinand zu trösten und
etwas zu hänseln, trat jetzt ein und sah mit Schrecken das angerichtete Unheil,
nicht wissend, was es bedeute.
    »Was zum Teufel treibt ihr denn da?« rief er und eilte bestürzt und besorgt
auf Ferdinand zu.
    »Nichts weiter«, sagte dieser schmerzlich lächelnd, »der grüne Heinrich hat
nur die Feder, mit welcher er seine Jugendgeschichte geschrieben, an meiner
Lunge ausgewischt - ein komischer Kauz -«
    Weiter konnte er nicht sprechen, da ihm Blut aus dem Munde drang und eine
tiefe Ohnmacht ihn befiel.
 
                                  Vierter Band
                                  Erstes Kapitel
Da der wunderliche Zweikampf in Ferdinands Wohnung vorgefallen war und der
schwer Verwundete ohne Aufsehen daselbst gepflegt wurde, so konnte der
unglückliche Vorfall ohne Mühe gänzlich geheimgehalten werden. Es wurde
ausgesagt, Lys habe eine Reise angetreten, und Heinrich hielt sich ebenfalls in
seiner Werkstatt verschlossen, ohne sich sehen zu lassen.
    Agnes sass in trostloser Traurigkeit in ihrem Häuschen; sie hatte die
vorgebliche Abreise Ferdinands vernommen, dass er weit, weit fortgegangen sei,
und wähnte der alleinige Grund dieser plötzlichen Entfernung zu sein. In der
Stadt hatte sich das Gerücht gebildet, dass das seltsame Mädchen sich an dem
Feste höchst leidenschaftlich und ungebärdig übernommen, sich berauscht und so
den reichen Holländer, dessen Hand ihr schon sicher gewesen sei, von sich
abgeschreckt und zu eiliger Flucht bewogen hätte. Diese Sage drang auch in ihr
Haus, die zornige Mutter, welche eine geborgene glanzvolle Zukunft sich
entschwinden sah, überhäufte die Arme mit ihren singenden monotonen Vorwürfen,
und so sass Agnes, welche selbst einen Teil dieses Geredes für wahr hielt und
sich schuldig glaubte, voll Scham und Furcht und in verlorner Sehnsucht da.
    Da Heinrich in jener Nacht über dem Streite mit Ferdinand ganz seine Absicht
vergessen hatte, Agnesens Mutter von dem Unfalle zu benachrichtigen, und also
weder diese noch Ferdinand, noch Heinrich wieder in dem Landhause erschienen, so
hatte sich das verlassene Mädchen aufgerafft und entschieden begehrt, in die
Stadt gebracht zu werden. Sie war daher in einen Wagen gesetzt und durch die
Gärtnersfrau begleitet worden. Überdies hatte sich der rheinische Gottesmacher
auf den Bock gesetzt und war treulich besorgt gewesen, die kranke Schöne in
ihrer Behausung unterzubringen.
    Als einige Tage verflossen waren und die Blume jenes Gerüchtes völlig
aufgegangen, versammelte der Gottesmacher einige Musikgenossen, mit welchen er
gewöhnlich Quartett spielte, und übte mit ihnen einen ganzen Tag lang. Am Abend
führte er sie vor Agnesens kunstreiches Häuschen; der Violoncellist, welcher ein
Landschafter war, hatte seinen Feldstuhl mitgenommen und setzte sich auf
denselben zum Spiele, die anderen drei standen neben ihm, und nachdem sie leise
und sorgfältig die Saiten gestimmt, erklangen die harmonischen, gehaltenen Töne
der Geigen über den kleinen, stillen Platz. Augenblicklich öffneten sich alle
Fenster in der Runde, die Nachbaren steckten neugierig entzückt die Köpfe in die
laue Märznacht hinaus, und die Frauen und Mädchen spähten, wem die unerwartete
Serenade gelten möchte.
    Die Musiker spielten einige ernste, klagende Stellen aus älteren Tonwerken,
deren edle, kräftige Unbefangenheit süss und wohllautend das helle Mondlicht
durchklang und in ihrer klaren Bestimmteit mit den scharfen Umrissen der voll
beleuchteten Gegenstände wetteiferte. Agnes sass zuhinterst in der matt
erleuchteten Stube; die schöne Musik tönte in ihren dumpfen Schmerz hinein, sie
erhob das schwere Köpfchen und lauschte alsobald mit kindlich neugierigem
Wohlbehagen den Tönen, ohne sich zu wundern noch zu kümmern, woher sie kämen.
Ihre Mutter dagegen eilte ans Fenster, und sobald sie sich überzeugt hatte, dass
die Herren nur an ihr Haus hinaufspielten, rief sie »Bei Marias Hilf und frommer
Fürbitte! Wir haben ein Ständchen! Wir haben ein Ständchen!« Sie zündete
sogleich die zwei rosenroten Wachskerzen an, welche sonst immer wie
Altarleuchter vor ihrem Bildnisse standen, und stellte dieselben feierlich auf
den Tisch, damit jedermann an der hell erleuchteten Stube sehen sollte, wem die
Musik gelte. Dann zog sie ihre Tochter, die sie kurz vorher gescholten hatte,
freundlich zum Fenster, und Agnes sah lächelnd auf die freundlichen Musiker
nieder. Diese gingen nun in einen raschern Takt und in hellere Weisen über, und
nachdem sie dieselben mit kräftigem Bogenstrich geschlossen, begannen sie
plötzlich, ebenso geübt im Gesange wie im Spiel, ein vierstimmiges Frühlingslied
zu singen, dass der wohltönende Gesang heiter in die Lüfte stieg. Sie begleiteten
sich selbst auf ihren Instrumenten, bald mit zartem Bogenstrich, bald mit der
Hand die Saiten rührend.
    In der zarten und doch festen Tüchtigkeit dieses Vortrages tat sich ein
wohlbestelltes Gemüt kund, und die zusammenklingenden Männerstimmen richteten
Agnesens Seelchen auf und drangen mit ehrendem und tröstendem Schmeicheln in ihr
verzagtes Blut.
    Sie errötete freundlich und schlief diese Nacht wieder zum ersten Mal froh
und ruhig, in beiden zierlichen Ohrmuscheln die wohltuenden Töne bewahrend.
    Am andern Tage fand sich der Gottesmacher im Häuschen der Malerswitwe ein
und stellte sich als den Urheber des nächtlichen Konzertes vor. Die Alte
errötete noch mehr als ihre Tochter, und alle drei befanden sich in einiger
Verlegenheit. Um diese zu unterbrechen, erbat sich der Rheinländer
Entschuldigung für die Freiheit, die er sich genommen, so ohne weiteres mit
einer Nachtmusik aufzuwarten, und zugleich die Erlaubnis, seine Besuche
fortsetzen zu dürfen. Diese wurde ihm gewährt; das junge Mädchen fand sich durch
die musikalische Ehrenrettung aus einer peinvollen und öden Lage erlöst; sie
fühlte nun reiner das süssherbe Weh des Liebesunglückes, und in ihr Leid um
Ferdinand Lys mischte sich mit nicht abzuwehrender Wärme die Dankbarkeit gegen
den wohlgesinnten Gottesmacher.
    Dieser brachte mehrere Male seine Freunde samt den Instrumenten mit und
führte mit ihnen in Agnesens Wohnung kleine Konzerte auf, denen niemand zuhörte
als sie und ihre Mutter. Die klare Musik, die wohlgemessenen Töne hellten ihren
Geist auf und erweckten reifende, bewusste Gedanken in ihr, so dass eine ernste
Haltung, ein inhaltsvollerer Blick mit ihrer Kindlichkeit und ihrem naiven Wesen
sich mit grossem Reize vereinigten.
    Als eines Abends der Gottesmacher sich mit seinen Freunden entfernt hatte,
kehrte er gleich darauf allein zurück und in sonderbarer angenehmer Aufregung,
und indem er einen glänzenden Blick auf die reizende Gestalt des Mädchens warf,
küsste er der Mutter die Hand, nahm sich zusammen und hielt, im Anfang nicht ohne
Stottern, folgende Rede:
    »Sie sind, liebeköstliche Agnes - Ihre Tochter ist, verehrte Frau! von einem
glänzenden Liebhaber herzlos verlassen. Weder mit den persönlichen Vorzügen noch
mit den Reichtümern jenes Treulosen begabt, fühle ich dennoch mich unaufhaltsam
getrieben und gezwungen, das Glück herauszufordern, mich an die Stelle des
Verschwundenen zu drängen und mit meiner Hand der Verlassenen ein
leidenschaftlich erregtes, aber dauerhaftes und treues Herz anzubieten! - Ich
bin ein Silberschmied und am Rhein zu Hause; meine Eltern sind mir schon früh
gestorben, so dass ich von Jugend auf allein in der Welt stand. Aber nachdem ich
in Arbeit, Musik und Lustigkeit viele sorgenvolle und lustige, klangvolle Jahre
zugebracht, fiel mir von weiter Verwandtschaft her das Erbe eines schönen,
frommen und nährenden Heimwesens zu, durch den Schutz der gebenedeiten Jungfrau.
Ich hatte nun reichlicher zu leben und durfte, einigen künstlerischen Neigungen
folgend, mit denen ich versehen bin, auf einige Jahre hierherkommen, um in
dieser gut katolischen Stadt mein Handwerk durch etwas gute Bildnerei
verbessern zu lernen. Die vorgesetzte Zeit ist nun vorüber, ich kehre nächstens
an den schönen Strom zurück, wo Kirchen, Klöster und vornehme Prälaten meine
Arbeiten begehren. Mein Gut liegt zwischen zwei uralten Städtchen am sonnigen
Abhang, aus dem Hause tritt man in den Garten und schaut den goldenen Rheingau
hinauf und hinunter, Türme und Felsen schwimmen in bläulichem Dufte, durch
welchen sich das glänzende Wasser zieht; hinter dem Hause legt sich der edle,
einträgliche Wein, der mir Gut und Freude bringt, an den aufsteigenden Berg, und
oben steht eine Kapelle unserer lieben Frau, die weit über die Gauen, Wälder und
in die Berge hineinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht. Dicht daneben
habe ich ein kleines Lustäuschen gebaut und unter demselben einen kleinen
Keller in den Felsen gehauen, wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weins liegen.
Wenn ich nun einen neuen kunstreichen Kelch fertig habe, so steige ich, eh ich
ihn inwendig vergolde, hier hinauf, und nachdem ich der Jungfrau meinen Dank
abgestattet für ihre Hilfe bei der Arbeit, probiere und weihe ich das Gefäss in
dem luftigen Häuschen und leere es drei-, auch wohl viermal auf das Wohl aller
Heiligen und aller unschuldigen frohen Leute. Ich fahre dies hier an, weil ich
damit meine Schwäche bekenne, dass ich nämlich bis jetzt ein bisschen viel Wein
getrunken habe, zwar nie so viel, dass ich nicht jenen Berg wieder allein hätte
hinuntergehen können, so steil er auch ist. Meine Silberarbeit, Musik und Wein
sind meine einzige Freude gewesen und meine schönsten Tage die sonnigen
Kirchentage der Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preise auf dem Chore der
benachbarten Kirchen spielte, während unten am belaubten und bekränzten Altare
meine Gefässe glänzten. Ein klingendes und singendes Weinräuschchen an heiterer
Pfaffentafel, in Refektorien oder in schön gebohnten, duftenden Pfarrhäusern war
dann der Gipfel des vergnügten Daseins. - Aber seit einiger Zeit sehnten sich
meine Lippen auch nach einem andern Tranke, es war mir immer, als möchte ich die
unsichtbare Himmelskönigin einmal küssen, und wenn ich die Bilder, die ich von
ihr in Silber oder Elfenbein machte, zu küssen mich gewaltsam bekämpfen musste,
bat ich die schöne Gottesfrau schmerzlich, mir aus meiner Not zu helfen. - Da
habe ich dich bei dem Feste gesehen, ärmste, schönste Agnes, und sogleich war es
mir, als hätte die Jungfrau selbst deine Gestalt angenommen, mir zur Freude und
meinem Silber, meinem Elfenbein zu Vorbild und Richtschnur; denn was ich bislang
an zartem Gebilde in Traum und Wachen vergeblich gesucht und angestrebt, das sah
ich nun plötzlich lebendig vor mir! Ich wusste nicht drängte es mich zuerst, zu
Stift und Griffel zu greifen, um deine kostbare Erscheinung hastig dem edlen
Metalle einzugraben, oder dich mit dem Schwure zu umschliessen, dass ich dich nun
und immerdar mir aneignen und auf Händen tragen wolle, das lichte Seelchen, das
in deiner Gestalt wohnt, in Frömmigkeit küssend! Kommst du mit mir in meine
Heimat, so soll die Zeit des Weines für mich vorüber sein und die Zeit der Liebe
und Schönheit beginnen! Das Land ist schön und fromm und fröhlich, Ruhe und
Heiterkeit sollen dich und deine geehrte Mutter umgeben, indessen jeder Punkt
deines Daseins und deiner Erscheinung ein Gegenstand meiner immerwährenden
Verehrung sein wird. Zahlreiche Kapellen und Kirchlein unserer lieben Frau, die
aus allen lauschigen Winkeln, auf Bergen und im Strome glänzen, stehen bereit,
deine sonstigen Wünsche und Anliegen und meine Dankgebete für die eine Gnade
deines Besitzes aufzunehmen.«
    Als der Gottesmacher seine Rede in schöner und einnehmender Erregteit
geendet und, Agnesens Hand ergreifend, sie mit seinen lebhaften Äuglein, die in
gemütvollem poetischem Feuer funkelten, anblickte, wollte die Mutter mit
diplomatischer Gebärde das Wort ergreifen; allein ihre Tochter, welche während
der Zeit ihr prächtiges Auge mit melancholischem Lächeln auf die Erde gerichtet
hatte, richtete sich jetzt auf, unterbrach die Alte und erwiderte mit einem
freien und vollen Blicke auf den Rheinländer, indem sie ihm die Hand liess:
    »Ja, ich will dein sein, mein lieber Freund! Du hast mir Ehre erwiesen und
Trost gebracht, und deine schöne Musik hat ein helles Licht in meinem verwirrten
Gemüte verbreitet! Und indem ich überlege, wie ich es dir am besten und wahrsten
danken kann, fühle ich wohl und fühle es gern, dass es am besten mit meinem
verlassenen Selbst geschieht, das nun nicht mehr verlassen ist! Ohne zu
forschen, ob deine Neigung fest und dauernd sei, will ich mich mit all der
Sehnsucht meiner verschmähten Liebe unter den Schutz deines fröhlichen Herzens
flüchten und so zugleich das Unheil einer neuen Verschmähung verhüten. Ich will
nicht rückwärts schauen und nur fühlen, dass ich mit meiner einen Kraft liebe und
wiedergeliebt werde. Sollte es mir geschehen, dass ich einmal den Namen des
Verschwundenen statt des deinigen ausspreche, so sei mir nicht böse, ich will
dich dafür zweimal ans Herz drücken! Was den Wein betrifft, so bitte ich dich,
wegen meiner nicht einen Becher weniger zu trinken! Dieser goldene Schelm hat
mir weh getan, und ich habe ihn schmerzlicherweise dafür liebgewonnen; ich sah,
dass an seinen Quellen ehrliche Freude, Herzlichkeit und Artigkeit wohnen; jene
Stunden zwischen den Myrten und Orangen, obgleich ich sie nie zurückwünsche,
sind wie ein unauslöschliches Märchen in meinem Gedächtnis, wie ein schmerzlich
süsser Traum, welchen ich zwischen neuen, unbekannten und doch vertrauten
treuherzigen Gestalten geträumt.
    Aber noch eines muss ich sagen. In die vielen Kirchen und Kapellen am Rheine
werde ich nicht eintreten! Ich habe in meiner Not um den Ungetreuen zu der
fabelhaften Frau im Himmel gefleht, und sie hat mir nicht geholfen! Oder ich
habe um Ungehöriges und Sündliches gefleht; dann aber dünkt es mich, dass ein
wahres göttliches Wesen hiezu niemals verlocken kann. Als ich noch hoffte, den
schlimmen Ferdinand mein zu nennen, wusste ich, dass er nichts glaubte und im
stillen über mein Vertrauen zur Jungfrau lächelte. Ich war darüber bekümmert und
gedachte in meiner Kindheit, ihn noch gut katolisch zu machen. Jetzt, wo seine
Entfernung und sein selbstsüchtiger Verrat mir seine Grundsätze doppelt
verdächtig und verhasst machen sollten, fühle ich mich seltsamerweise zu
denselben hingezogen, ja ich wünsche zuweilen, wie wenn ich nach seinem Beifall
lüstern wäre, dass er es wissen möchte!
    Zürne nicht hierüber, liebster frommer Gottesmacher! Ich will dir kein
Ärgernis geben, sondern dein gehorsames und treues Haus- und Bergfräulein sein!
Ich will fromm deiner Trauben pflegen und dir jeden Becher kredenzen, den du
trinkst!«
    Die Zuhörer waren höchlich verwundert über diese Reden; die Mutter bekreuzte
sich dreimal, indem sie sowohl über Agnesens Beredsamkeit als über den Inhalt
ihrer Worte sich entsetzte, und sie wollte ein lautes Lamentieren beginnen. Aber
sie wurde wieder unterbrochen durch den Gottesmacher, welcher, nachdem er sich
von seinem Erstaunen erholt, erwiderte:
    »Ich hätte allerdings nicht vermutet, dass meine ehrwürdige, von frommen
Meistern gesetzte Musik ein Licht dieser Art in einem jugendlichen Frauenhaupte
aufstecken und eine solche anmutige Beredsamkeit erzeugen würde! Doch die Wege
des Herrn sind wunderbar! möchte ich fast sagen, wenn nur dieses Sprichwort hier
besser angewendet wäre!
    Ich bin in dem andächtigen Glauben an Gott und seine Heiligen erzogen, und
insbesondere das Bild der Maria hat mich von Kindheit auf in seiner Milde und
Schönheit angelacht. Ihr Kultus hat mich zur Kunst begeistert und mir Brot
gegeben, als ich arm, verlassen und unwissend war; sie war mir Mütterchen,
Geliebte, göttliche Fürbitterin, Muse in Bild und Tönen, und überdies belebte
sie wie eine allgegenwärtige Göttin die Fluren meiner schönen Heimat. Aus der
Bläue des Himmels, auf goldenen Wolken, im Glänzen des Gewässers, im leuchtenden
Grün der Wälder, auf den Blumensternen, auf den roten Rosen lächelte mir die
unsichtbare Himmelsfrau sichtbar entgegen und weckte ein süsses Sehnen in meiner
Brust. Jetzt ist mir beinahe, als wäre dies Sehnen gestillt, auch weiss ich gar
wohl, dass derlei katolische Dinge von aufgeklärten oder auch nur unbefangenen
Leuten nicht mehr geglaubt werden; aber warum wollen wir die selige Menschgöttin
unserer Jugendzeit, die uns Unschuld und Anmut bedeutet, so ohne weiteres
absetzen? Ist es uns nicht lieblicher und vertrauter, die Altbekannte, Schöne
ferner über unseren Fluren zu ahnen und sie mit dem armen Volke in den
geschmückten Tempeln zu verehren, in denen wir so wohl zu Hause sind, als uns
den Kopf zu zerbrechen und für das, was uns beglückt, gelehrte heidnische Namen
oder gar nur tönende Worte zu gebrauchen? Wenn ich erst einmal anfinge, mich in
solche Dinge einzulassen, so hätte ich nicht mehr Zeit, mein Silber zu treiben;
denn mein Kopf ist nicht zu leichten Übergängen eingerichtet und muss alles
gründlich einüben. Also schlage ich vor, dass wir uns diese Sache nicht unnötig
schwer machen, vielmehr dieselbe, sozusagen, der Heiligen Jungfrau selbst
überlassen! Was jenen unglücklichen Verräter betrifft, so wage ich zu hoffen,
dass ich sein Andenken je länger, je weniger zu fürchten brauche, ja sogar dass
das Bestreben, in Glauben oder Unglauben zu gefallen, eines Tages sich mir
gänzlich zuwenden werde; denn ich fühle eine solche Ganzheit und Sicherheit der
Liebe zu dir in mir, dass ich mir Meisterschaft und Kunst genug zutraue, den Lauf
deines Geblütes endlich ganz zu meinen Gunsten zu lenken!«
    Agnes blickte während dieser Worte wieder vor sich nieder, ohne den Mund zu
verziehen, wie in tiefen Gedanken verloren; doch dann stand sie auf und küsste
den Gottesmacher mehrere Male auf den Mund.
    Es wurde nun beschlossen, gleich mit dem Beginne des Frühlings die Hochzeit
zu begehen und nach dem Rheine zu ziehen, was auch alles auf das beste geschah,
und der Gottesmacher war und blieb so glücklich, dass daraus notwendig auf
Agnesens eigenes Glück zu schliessen war. Ihre Mutter war erst in der grossen
belebten Stadt geblieben, da ihrem eiteln Sinne dieselbe zur Unterlage nötig
schien; auch hoffte sie im geheimen durch die Abwesenheit der störenden
Schönheit ihrer Tochter noch einen stillen und erbaulichen Nachsommer ihrer
eigenen Person zu geniessen, wenn auch nur vor sich selbst und angesichts ihres
Bildes. Aber bald musste sie zu ihrem Schrecken erfahren, dass ihr Licht nicht
mehr genugsam leuchtete und dass sie, ohne es zu wissen, schon bislang im
Widerschein von ihres Kindes Schönheit geatmet hatte. Sie fühlte sich einsam,
alt und verwelkt, mehr als sie es im Grunde war, erhob einen grossen Jammer, bis
sie zu dem jungen Paare reisen konnte, und es war rührend zu sehen, wie sie sich
klagend beeilte, nur wieder in den Bereich der lugend und Schönheit zu kommen,
die lugend von ihrer Jugend und Schönheit von ihrer Schönheit war.
    Ehe aber das seltsam erregte Paar abgereist, hatte es auf den besondern
Wunsch Agnesens den abgeschlossenen Heinrich aufgesucht, um sich bei ihm zu
verabschieden.
    Die erste Gefahr in Ferdinands Zustande war einstweilen vorüber, und der
Verwundete ging einer leidlichen Herstellung entgegen. Heinrich hatte ihn aber
noch nicht wieder gesehen. Eine tiefe Verwirrung und Scham, welche ihn in der
starken Abspannung nach jenen aufgeregten Tagen befiel, mischte sich mit einer
Art trotziger Scheu, sich an das Krankenbett zu drängen, und als die
Lebenskräfte des Kranken sich wieder gesammelt, fragte er wohl nach Heinrich,
aber er verlangte ihn nicht zu sehen. Ein bitteres Schmollen waltete zwischen
beiden, welches zwar bei jedem mehr gegen sich selbst gerichtet war, aber doch
den andern mit hineinzog, da ohne denselben die begangene gefährliche Torheit
nicht möglich geworden wäre. Und wie eine sündliche Torheit, in Aufregung und
Verblendung hereingebrochen und für einmal noch, gnädig ablaufend, doch den
Vorhang lüftet vor einem unliebsamen Dunkel, das in uns zu wogen scheint, so
zeigte das Vorgefallene dem melancholischen grünen Heinrich eine dunkle Leere in
sich selber, in welcher seine eigene Gestalt, mit tausend Fehlern und Irrtümern
behaftet, ganz unleidlich auf- und niedertauchte.
    Er wohnte längst nicht mehr in jenem behaglichen Stübchen, das er bei seiner
Ankunft gemietet, sondern in einem grossen saalartigen Raume mit hohen grauen
Wänden, der durch ein mächtiges helles Fenster erleuchtet war. Seine
ungeheuerlichen Kartons mit den abenteuerlichen Kompositionen, die grossen
blassen Bilder auf Leinwand bildeten zusammen ein Labyrint von verschiedenen
helldunklen Gelassen und Winkeln, als ob eine kolossale spanische Wand, mit
spanischen Schlössern bemalt, sich durch den Raum zöge. Der einzige
Luxusgegenstand im Zimmer war ein mächtiges breites Sofa, das aber ganz mit
Papier und Büchern bedeckt war und dadurch verriet, dass der junge Bewohner Sich
noch stramm und aufrecht zu halten gewohnt war und trotz seiner Melancholie
keines Lotterbettes bedurfte. Sonst war jede Zierlichkeit und Fülle vermieden;
auf ein paar wackeligen Tischchen lagen bestäubt die Geräte Heinrichs, auf dem
Boden seine Mappen, die Wände waren kahl und öde, und wenn er früher einer
museumartigen Fülle, einer beschaulichen Kramseligkeit bedurft hatte, um sich zu
gefallen, so schien er jetzt mit einer düsteren Leere und Schmucklosigkeit zu
kokettieren. Nur ein etwa andertalb Fuss hoher borghesischer Fechter, trefflich
gearbeitet, aber vielfach beschädigt und beräuchert, stand in einer Ecke auf dem
Boden, und von der Fensternische herab hing zerrissen und verdorrt eine grosse
Efeuranke. Auf der kahlen Mauer, wo der Efeu früher in die Höhe gewachsen, sah
man dieselbe Ranke mit Kohle höchst sorgfältig und reinlich nachgezeichnet,
nämlich nach den Umrissen des Schattens, welchen der Efeu einst in der frühen
Morgensonne auf die Mauer geworfen hatte.
    Aber diese Spur eines melancholischen Müssigganges war noch höchst heiter und
tüchtig zu nennen im Vergleich zu einer anderen, welche in Heinrichs Werkstatt
zu entdecken war oder vielmehr dem ersten Blicke auffiel. Unter den grossen
Schildereien ragte besonders ein wenigstens acht Fuss langer und entsprechend
hoher Rahmen hervor, mit grauem Papiere bespannt, der auf einer mächtigen
Staffelei im vollen Lichte stand. Am Fusse desselben war mit Kohle ein
Vordergrund angefangen, und einige Föhrenstämme, mit zwei leichten Strichen
angegeben, stiegen in die Höhe. Davon war einiges bereits mit der Schilffeder
markiert, dann schien die Arbeit stehengeblieben. Über den ganzen übrigen leeren
Raum schien ein ungeheures graues Spinnennetz zu hangen, welches sich aber bei
näherer Untersuchung als die sonderbarste Arbeit von der Welt auswies. An eine
gedankenlose Kritzelei, welche Heinrich in einer Ecke angebracht, um die Feder
zu proben, hatte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen
angesetzt, welches er jeden Tag und fast jede Stunde in zerstreutem Hinbrüten
weiterspann, so dass es nun den grössten Teil des Rahmens bedeckte. Betrachtete
man das Wirrsal noch genauer, so entdeckte man den bewunderungswertesten
Zusammenhang, den löblichsten Fleiss darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge
von Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen
ausmachten, ein Labyrint bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu
verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermassen eine neue
Epoche der Arbeit, neue Muster und Motive, oft sehr zart und anmutig, tauchten
auf, und wenn die Summe der Aufmerksamkeit, Zweckmässigkeit und Beharrlichkeit,
welche zu dieser unsinnigen Mosaik erforderlich war, verbunden mit Heinrichs
gesammeltem Talente, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre, so hätte
er ein Meisterwerk liefern müssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder
grössere Stockungen, gewissermassen Verknotungen in diesen Irrgängen einer
zerstreuten, gramseligen Seele, und die sorgsame und kluge Art, wie sich die
Federspitze aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies deutlich, dass das
träumende Bewusstsein Heinrichs aus irgendeiner Patsche hinauszukommen suchte.
    Schon seit vielen Wochen hatte er jeden Tag zur eigentlichen Arbeit
angehoben und war alsobald, ohne es zu wissen noch zu wollen, in dunklem
Selbstvergessen an die Fortsetzung der kolossalen Kritzelei geraten, und er
arbeitete eben wieder mit eingeschlummerter Seele, aber grossem Fleiss und
Scharfsinn an derselben, als an die Tür geklopft wurde.
    Er erschrak heftig und fuhr zusammen, als ob er über einem Verbrechen
ertappt wäre. Agnes und ihr Bräutigam traten herein, und kaum hatte man sich
begrüsst, so erschien Erikson mit seiner nunmehrigen Frau Rosalie, und Heinrich
sah sich von Geräusch, Leben und Schönheit wachgerüttelt. Er hatte weder von
Eriksons Hochzeit als von Agnesens Verlobung etwas gewusst, und der Zufall
wollte, dass beide Paare am folgenden Tage abreisen wollten, das eine nach dem
Rheine, das andere nach Italien.
    »Meine Frau«, sagte Erikson, »bestand darauf, mit hinaufzukommen, als ich,
unten vorbeigehend, mich beurlauben wollte, um dir adieu zu sagen. Wir bleiben
bis zum Juni im Süden, dann gehen wir durch Frankreich nach dem Norden,
streichen in meiner Heimat herum und sehen, wo wir da einmal leben wollen.
Vielleicht in einer Seestadt, etwa Hamburg. Hernach besuchst du uns auf einige
Zeit, wir wollen dich protegieren und ein bisschen zurechtstutzen!« Rosalie
unterbrach ihn und verlangte auf das freundlichste von Heinrich das Versprechen,
dass er sie aufsuchen werde, und Agnes nebst dem Gottesmacher begehrten, dass er
jedenfalls den Rhein hinunterfahren und auch sie besuchen solle.
    Inzwischen hatte sich Erikson vor die Staffelei gestellt und betrachtete
höchst verwundert Heinrichs neuste Arbeit. Dann betrachtete er mit bedenklichen
Blicken den Urheber, welcher in peinlicher Verlegenheit dastand, und sagte »Du
hast, grüner Heinrich, mit diesem bedeutenden Werke eine neue Phase angetreten
und begonnen, ein Problem zu lösen, welches von grösstem Einflusse auf unsere
deutsche Kunstentwicklung sein kann. Es war in der Tat längst nicht mehr
auszuhalten, immer von der freien und für sich bestehenden Welt des Schönen,
welche durch keine Realität, durch keine Tendenz getrübt werden dürfe, sprechen
und räsonieren zu hören, während man mit der gröbsten Inkonsequenz doch immer
Menschen, Tiere, Himmel, Sterne, Wald, Feld und Flur und lauter solche trivial
wirkliche Dinge zum Ausdrucke gebrauchte. Du hast hier einen gewaltigen Schritt
vorwärts getan von noch nicht zu bestimmender Tragweite. Denn was ist das
Schöne? Eine reine Idee, dargestellt mit Zweckmässigkeit, Klarheit, gelungener
Absicht! Diese Million Striche und Strichelchen, zart und geistreich oder fest
und markig, wie sie sind, in einer Landschaft auf materielle Weise placiert,
würden allerdings ein sogenanntes Bild im alten Sinne ausmachen und so der
hergebrachten gröbsten Tendenz frönen! Wohlan! du hast dich kurz entschlossen
und alles Gegenständliche hinausgeworfen! Diese fleissigen Schraffierungen sind
Schraffierungen an sich, in der vollkommensten Freiheit des Schönen schwebend,
dies ist der Fleiss, die Zweckmässigkeit, die Klarheit an sich, in der holdesten,
reizendsten Abstraktion! Und diese Verknotungen, aus denen du dich auf so
treffliche Weise gezogen hast, sind sie nicht der triumphierende Beweis, wie
Logik und Kunstmässigkeit erst im Wesenlosen recht ihre Siege feiern, im Nichts
sich Leidenschaften und Verfinsterungen gebären und sie glänzend überwinden? Aus
Nichts hat Gott die Welt geschaffen! Sie ist ein krankhafter Abszess dieses
Nichts, ein Abfall Gottes von sich selbst. Das Schöne, das Poetische, das
Göttliche besteht eben darin, dass wir uns aus diesem materiellen Geschwür wieder
ins Nichts zurückabstrahieren, nur dies kann eine Kunst sein! - Aber mein Lob
muss sogleich einen Tadel gebären, oder vielmehr die Aufforderung zu weiterm
energischen Fortschritt! In diesem reformatorischen Versuch liegt noch immer ein
Tema vor, welches an etwas erinnert, auch wirst du nicht umhinkönnen, um dem
herrlichen Gewebe einen Stützpunkt zu geben, dasselbe durch einige verlängerte
Fäden an den listen dieser Föhren zu befestigen, sonst fürchtet man jeden
Augenblick, es durch seine eigene Schwere herabsinken zu sehen. Hiedurch aber
knüpft es sich wiederum an die abscheulichste Realität! Nein, grüner Heinrich!
nicht also! nicht hier bleibe stehen! Die Striche, indem sie bald sternförmig,
bald in der Wellenlinie, bald rosettenartig, bald geviereckt, bald radienartig,
strahlenförmig sich gestalten, bilden ein noch viel zu materielles Muster,
welches an Tapeten oder bedruckten Kattun erinnert. Fort damit! Fange oben in
der Ecke an und setze einzeln nebeneinander Strich für Strich, eine Zeile unter
die andere; von zehn zu zehn mache durch einen verlängerten Strich eine
Unterabteilung, von hundert zu hundert eine wackere Oberabteilung, von tausend
zu tausend einen Abschluss durch einen tüchtigen Sparren. Solches Dezimalsystem
ist vollkommene Zweckmässigkeit und Logik, das Hinsetzen der einzelnen Striche
aber der in vollkommener Tendenzfreiheit in reinem Dasein sich ergehende Fleiss.
Zugleich wird dadurch ein höherer Zweck erreicht. Hier in diesem Versuche zeigt
sich immer noch ein gewisses Können; ein Unerfahrener, Nichtkünstler hätte diese
Gruselei nimmer zustande gebracht. Das Können aber ist von zu leibhafter Schwere
und verursacht tausend Trübungen und Ungleichheiten zwischen den Wollenden; es
bringt die tendenziöse Kritik hervor und steht der reinen Absicht fort und fort
feindlich entgegen. Das moderne Epos zeigt uns die richtige Bahn! In ihm zeigen
uns begeisterte Seher, wie durch dünnere oder dickere Bände hindurch die
unbefleckte, unschuldige, himmlisch reine Absicht geführt werden kann, ohne je
auf die finsteren Mächte irdischen Könnens zu stossen! Eine goldschnitteitere
ewige Gleichheit herrscht zwischen der Brüderschaft der Wollenden! Mühelos und
ohne Kummer teilen sie einige tausend Zeilen in Gesänge und Strophen ab; der
wahre Fleiss an sich freut sich seines Daseins, kein schlackenbeschwerter
Könnender stört die Harmonie der Wollenden. Und weit entfernt, dass der Bund der
Wollenden etwa eine einförmige, langweilige Schar darstellte, birgt er vielmehr
die reizendste Mannigfaltigkeit in sich und kommt auf den verschiedensten Wegen
zum Ziele. Hauptsächlich teilt er sich in drei grosse Heerlager; das eine dieser
Heerlager will, das heisst arbeitet, ohne etwas gelernt zu haben; das zweite
wendet mit eiserner Ausdauer das Gelernte, aber nicht Begriffene an; das dritte
endlich arbeitet und will, ohne das Gelernte und Begriffene auf sich selber
anzuwenden, und alle drei Heerzüge vereinen sich an einem friedlichen Ziele. Wer
kann ermessen, wie nahe die Zeit ist, wo auch die Dichtung die zu schweren
Wortzeilen wegwirft, zu jenem Dezimalsystem der leichtbeschwingten Striche
greift und mit der bildenden Kunst in einer äusseren Form sich vermählt? Alsdann
wird der reine Schöpfer- und Dichtergeist, welcher in jedem Bürger schlummert,
durch keine Schranke mehr gehemmt, zutage treten, und wo sich zwei
Städtebewohner träfen, wäre der Gruss hörbar: Dichter? - Dichter! oder Künstler?
- Künstler! Ein zusammengesetzter Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder
würde in wöchentlichen olympischen Spielen massenhaft die Würde des
Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen, nachdem sie sich eidlich
verpflichtet, während der Dauer ihres Richteramtes selbst keine Epen und keine
Bilder zu machen, und ganze Kohorten wissenschaftlich wie ästetisch verbildeter
Verleger würden die gekrönten Epen in stündlich folgenden Auflagen von je einem
Exemplare über ganz Deutschland hin so tiefsinnig verlegen, dass sie kein Teufel
wiederfinden könnte!«
    »Lieber Mann, was befällt dich, wo willst du hin?« rief Rosalie, die wie die
anderen mit offenem Munde dagestanden und abwechselnd bald den über und über
bekritzelten Rahmen, bald den Redner betrachtet hatte, indessen Heinrich, mit
Rot begossen, dann bleich werdend, in der unglückseligsten Laune verharrte.
»Lasst es gut sein!« sagte Erikson, »dieser Witz, dieses Geschwätz sei für einmal
mein gerührter Abschied von Deutschland! Von nun an wollen wir dergleichen
hinter uns werfen und uns eines wohlangewandten Lebens befleissen!« Dann nahm er
mit ernsterm Blicke Heinrich bei der Hand, führte ihn hinter einen grossen Karton
und sagte leise zu ihm »Lys lässt dich freundlichst grüssen; der Arzt hat ihm
geraten, nun sogleich nach dem Süden zu gehen und sich dort wenigstens zwei
Jahre aufzuhalten. Er wird nach Palermo und dort genesend in sich gehen; die
Krankheit scheint doch etwas an ihm geändert zu haben. Dein Gekritzel da auf dem
Rahmen zeigt mir, dass du dich übel befindest und nicht mit dir einig bist; sieh,
wie du aus der verfluchten Spinnwebe herauskommst, die du da angelegt hast, und
wenn du dich mit dem Ding, mit der Kunst oder deren Richtung irgend getäuscht
fändest, so besinne dich nicht lange und stelle die Segel anders! Ich bin im
gleichen Falle und muss erst jetzt sehen, wie ich noch etwas Tüchtiges hantieren
werde, dass einige nützliche Bewegung von mir ausgeht!«
    Heinrich ward sehr beklemmt und erwiderte nichts als »Wann geht Ferdinand
fort?« - »ln den nächsten Tagen«, sagte Erikson, »er wünscht indes, dass ihr euch
für jetzt nicht sehet; überhaupt lasst uns alle drei aufs Geratewohl
auseinandergehen, ernst und doch leicht, und es der Zukunft überlassen, was sie
aus jedem machen und ob sie uns wieder zusammenführen wird! Ein dreifaches
stilles Gedenken mag um so treuer in uns leben; du besonders bist uns beiden
anderen lieb, wie ein kleiner Benjamin, und es nimmt uns höchlich wunder, was
aus dir, welcher soviel jünger ist als wir, eigentlich sich noch hervorspinnen
wird.«
    Als sie wieder hinter ihrer Kulisse hervorgetreten, wurde rasch Abschied
genommen. Erikson und der Gottesmacher drückten ihm kräftig die Hand; Rosalie,
welche mit feinem Sinne wohl ahnte, dass Heinrich etwas fehlte, dämpfte mit
zartem Gefühl den muntern Glanz des Glückes in ihren Augen, als sie ihm die Hand
reichte und freundlich lächelte, und Agnes, welche sich zugleich herandrängte,
schoss vollends einen warmen, dunklen Blick in seine Augen, und zwischen ihren
schwarzen Wimpern schimmerte es wie silberner Tau. Er fühlte, dass das wundersame
Wesen ihm mit wenigem viel sagen möchte, dass sie dem Vertrauten jener
schmerzlichen Freudentage ihre tiefbewegte Verwunderung über sich selbst, Über
den Lauf der Welt verschweigen musste. Selbst verwundert stand Heinrich einen
Augenblick zwischen zwei reizvollen Weibern, dann sah er sich allein und schaute
in dem grauen, zum Teil düstern, zum Teil mit grellem Lichte durchstrahlten Raum
herum, in welchem soeben sich kräftige und schöne, glücklich gepaarte
Menschengestalten bewegt hatten.
    Er sah auf die Tür, durch welche sie verschwunden und welche mit ihrer
weissgestrichenen Fläche vor seinen Augen schwirrte und flimmerte wie eine
Leinwand, von welcher mit einem Zuge ein lebendiges Gemälde weggewischt worden.
Er sah durch das hohe Fenster, dessen untere Hälfte verhüllt war, in die leere
Luft hinaus, das freundliche Stück blauen Himmels schien anderswohin
niederzublicken auf rüstig bewegtes Menschengewimmel; sein Blick irrte hierauf
über die umherstehenden anspruchsvollen Arbeiten hin, welche grau in grau, als
wesenlose Fiktionen von Bäumen und Steinen, ineinanderschwammen. Eine
beklemmende Unruhe bemächtigte sich seiner, heftig schritt er auf und nieder,
und sich Raum schaffend, rückte und schob er die Bilder und Kartons ringsherum
zurück, zusammen, drängte sie auf einen Haufen an die Wand, bis das grosse Zimmer
leer und geräumig erschien. Wie einen guten tröstenden Freund entdeckte er da
die Gipsfigur des borghesischen Fechters, welche aus ihrem Winkel zutage trat.
Unwillkürlich hob er sie empor und setzte sie auf ein Tischchen mitten in das
hereinströmende Licht.
    Alles war Leben in dem von Sonne, Wind und Wetter gereiften Körper dieses
abgehärteten Kriegers, der mit ehrlichem Fleisse sich seiner Haut wehrte. Den
feindlichen Angriff abwehrend und zugleich selbst kraftvoll angreifend, war der
ganze Mann mit allen Gliedern in der Anregung dieses Doppelzweckes gespannt;
Verteidigung und Ausfall, Selbsterhaltung und Wirkung nach aussen, Zusammenziehen
und Ausdehnung vereinigten sich in einem Momente, in welchem das schönste Spiel
der Muskeln darstellte, wie das Leben recht eigentlich durch sich selbst um sich
selber kämpfte in dieser munteren Menschenkrabbe.
    Trotz des bröckligen beschmutzten Gipses ging ein Licht von dem rüstigen,
tapfern Bilde aus, welches erhellend in Heinrichs Augen fiel. Er hatte
sonderbarerweise noch nie einen ernstlichen Versuch zur kundigen Nachahmung der
menschlichen Gestalt gemacht und gerade seit seinem Aufentalte in der
Kunstresidenz, wo Mittel und Aufforderung genug im grössten Massstabe sich
aufdrängten, sich eigensinnig davon zurückgehalten, in der willkürlich
bescheidenen Einbildung, dass Beruf und Bestimmung die ausschliessliche Ausbildung
des einmal gewählten Zweiges erforderten. Nicht nur verkannte er das Gesetz,
dass, je weiter und mannigfaltiger die Kunde verwandter Gegenstände ist, desto
freier und vollkommener ein Auserwähltes betrieben werde, sondern es verbarg
sich in jener Bescheidenheit auch die Anmassung, schliesslich in dem einen Fache
so glänzen zu wollen, dass alle andere Kenntnis entbehrlich erschiene. Nicht
sowohl in der Erkenntnis dieses Irrtums als mehr, um sich irgend Luft zu
verschaffen, spitzte er rasch eine schlanke Reisskohle scharf zu, stemmte einen
Blendrahmen, mit frischem Papier bezogen, gegen die Knie und begann aufmerksam
und aufgeregt den Fechter zu zeichnen. Obschon er nicht die mindeste Kenntnis
von dem besass, was unter der Haut wirkte und sich darstellte, und kaum eine
zufällige Ahnung vorn Knochengerüste hatte, ging es doch in der ersten
Anspannung und Hitze ganz gut vonstatten, und er freute sich sogar, die Dinge zu
nehmen, wie er sie unmittelbar sah, und mit natürlichem Scharfblicke sich
zurechtzufinden.
    Er zeichnete anhaltend mehrere Stunden und brachte nicht eine elegante
Studie, sondern eine Arbeit zustande, welche ihn unvermuteterweise wenigstens
nicht abschreckte. Aber je länger er zeichnete, desto wunderlicher erging es
ihm; die Phantasie eilte, indem die Kohle in der Hand rüstig arbeitete, mächtig
voraus und sah sich bereits weit vorgeschritten in der Behandlung und Verwendung
der menschlichen Gestalt. Und wie in der fieberischen Aufregung die Glieder des
Fechters sich verhältnismässig leicht gestalteten und die kraftvollen
Muskelwölbungen sich reihten, deren Namen und Bedeutung er nicht kannte, flog
die Phantasie in die Vergangenheit zurück, und Heinrich erinnerte sich
plötzlich, wie frühere und früheste Versuche in Figuren, in der Heimat aus
Scherz oder Laune unternommen, ihn eigentlich nicht ein Jota mehr Mühe gekostet
als andere Dinge; er malte sich die Erinnerung, die Gegenstände und Anlässe auf
das genaueste aus und glaubte deutlich zu sehen, wie nur der Mangel an Pflege
und Fortsetzung schuld sei, warum er nicht in diesem Gebiete ebensoviel und
vielleicht Besseres leistete als in der erwählten Landschaft. Mit einem Worte,
mit einem seltsamen Frösteln Überzeugte er sich, aufspringend und die Tafel von
sich schleudernd, dass seine geliebte und begeisterte Wahl, der er vom
vierzehnten Jahre an bis heute gelebt, nicht viel mehr als ein Zufall, eine
durch zufällige Umstände bedingte Ideenverbindung gewesen sei.
    Jünglinge von zwei- oder dreiundzwanzig Jahren wissen noch nicht, dass jedes
Leben seinen eigenen Mann macht, und haben noch keine Trostgründe für Jahre,
welche sie verloren wähnen. Wenn sie schon bei acht Jahre zurückzählen können,
die sie über einer Lebenstätigkeit zugebracht, so befällt sie eine Art heiligen
Grauens, selbst wenn diese Jahre wohl angewandt sind. Sie vertändeln, verträumen
die Stunden und Tage, aber sie hegen einen tiefen Respekt vor den Jahren, tun
sich auf ihre Jugend soviel als möglich zu gut und stecken sich unaufhörlich
feste Ziele, welche sie in so oder so viel Jahren erreichen wollen.
    Um so verdutzter und bitterlicher lächelte Heinrich jetzt vor sich hin. Er
ergriff in der Verwirrung seine alte Flöte, tat einige seiner naturwüchsigen
selbsterfundenen Läufe darauf und warf sie wieder weg. Der Ärmste ahnte aber
nicht einmal, was die verklungenen Töne gesungen hatten und dass, wenn zufällig
ein Klavier in seinem elterlichen Hause gestanden und er etwa als Kind einen
Musikkundigen in der Nähe gehabt hätte, es sich vielleicht jetzt gar nicht
einmal um Bäume oder Menschen handeln, sondern er irgendwo als eingeübter
Musikant oder gar als hoffnungsvoller Komponist existieren würde, der auf seinen
selbstgewählten Beruf schwüre, ohne auf einem festern Grunde zu stehen, kurz,
dass ihn der Zufall auf hundert andere vermeintliche Bestimmungen hätte führen
können.
 
                                Zweites Kapitel
Mehr um für seine verwirrten Gedanken ein Unterkommen zu finden als aus einem
festen Entschlusse drehte nun Heinrich den Fechter herum und zeichnete denselben
während mehrerer Tage von verschiedenen Seiten. Sobald aber das erste
instinktive Geschick und Feuer sich abgekühlt, drängte es ihn, die
Erscheinungen, welche sich auf dieser bewegten Oberfläche zeigten, in ihrem
Grund und Wesen näher zu kennen. In der Meinung, keine Zeit mehr zu verlieren,
ging er vor allem aus, eine genauere Kunde vom menschlichen Körper zu erwerben,
und suchte zu diesem Zwecke einige junge Mediziner auf, die er als Landsleute
kennengelernt und zuweilen gesehen hatte. Sie zeigten ihm bereitwillig ihre
anatomischen Atlanten, erklärten aus ihrem Wissen heraus, was ihnen gut dünkte,
und führten ihn in die öffentlichen Sammlungen, wohl auch durch die Säle, wo ein
blühendes Geschlecht von Jünglingen, geleitet von gewandten Männern, mit
vergnügtem Eifer einen Vorrat von Leichen zerlegte.
    Als Heinrich erstaunte, so viele begeisterte Leute zu sehen, welche ein und
denselben Gegenstand in allseitigster Bestrebung hin und her wandten und sich
der blossen Erkenntnis freuten, ohne etwas dazu- noch davonzutun, noch die
mindeste Erfindungslust zu besitzen, als er noch mehr erstaunte über die reiche
Welt selbst, welche sich bei näherer Einsicht an diesem einzigen Gegenstande
selbst auftat, mit weiten unerforschten Gebieten, Vermutungen, Hoffnungen,
welche so voll und wichtig klangen wie diejenigen, welche die Vorgänge des
Weltraumes, des gestirnten Himmels zum Gegenstande hatten; als er endlich nicht
wusste, wie er sich zu all diesem verhalten sollte, riet ihm ein junger Doktor,
eine berühmte Vorlesung über Antropologie zu besuchen, welche eben in diesen
Tagen ihren Anfang nahm. Der kluge junge Mann wusste wohl, dass dergleichen
allgemeine, einleitende Lehren am besten geeignet wären, die erste verzeihliche
Neugierde zu stillen, den Nichtberufenen aber gerade dadurch abhielten, sich
dann ferner da zwecklos umherzutreiben, wo er nicht hingehörte.
    So trat Heinrich zum ersten Male in das weitläufige, palastartige
Universitätsgebäude und sah sich unter die summende Menge junger Leute
verwickelt, welche aus allen Sälen strömte und auf den Gängen und Treppen sich
kreuzte. Heinrich musste alle diese jungen Männer als seit zartester Jugend der
Schule angehörend sich denken, unter dem doppelten Schutze des Staates und der
Familie ununterbrochen lernend ins männliche Alter und in die Selbständigkeit
hinüberreifend, und zwar so, dass mit der letzten Prüfung zugleich der sichere
Eintritt in das bürgerliche Leben verbunden war. Sie bildeten gewissermassen die
Staatsjugend, gegenüber welcher er sich als obskuren Gegenstand, als Stoff des
Staates fühlte, besonders da sein heimatliches demokratisches Bewusstsein hier
zurücktrat vor der allgemeinen Kluft, welche durch alle europäische Erziehung
sich ausdehnt. Diese durcheinanderwogenden Jünglinge erschienen ihm auf den
ersten Blick rücksichtslos und selbstgefällig, und in Erwartung von Amt und
Würden, welche sie zu verhöhnen vorgaben, einstweilen ihren Entwicklungszustand
zu einer Art souveräner Autorität machend, von welcher aus alles sich bemessen
und verachten liesse; ja innerhalb derselben schien es noch verschiedene Kasten,
Stufen und Abzeichen zu geben, als reichliche Gelegenheit, schon hier, unter dem
Deckmantel der akademischen Freiheit, den Korporalsstab der Autorität tüchtig zu
schwingen, und mancher jugendliche Führer sah schon leibhaftig aus wie ein
Rekruten quälender Korporal.
    Doch diese Eindrücke wechselten rasch mit anderen, als Heinrich in den
bezeichneten Hörsaal trat, dessen Bänke noch leer waren. Die kahle Wand, die
schwarze Tafel an derselben, die zerschnittenen und mit Tinte beklecksten
Tische, alles erweckte in ihm das Gefühl, als verwirkliche sich jener ängstliche
Traum aller Autodidakten, welche sich im Mannesalter, ja mit grauen Haaren in
die Schulstube versetzt sehen, mitten unter ein Geschlecht mutwilliger Knaben,
den alten strengen Lehrer vor sich, der sie beschämt und um ganze Reihen von
blühenden Buben hinunterrücken lässt. Er fürchtete sich, aufgefordert zu werden,
aufzustehen und Rechenschaft zu geben von allem, was er nicht gelernt habe.
    Nun füllte sich aber allmählich der Saal, und voll Verwunderung änderte sich
Heinrichs Stimmung wieder, als er die gedrängte Versammlung übersah. Neben einer
Menge junger Leute seines Alters, welche höchst selbständig und rücksichtslos
ihre Plätze einnahmen und behaupteten, erschienen viele vorgerückteren Alters,
gut oder schlecht gekleidet, welche schon stiller und bescheidener unterzukommen
suchten, und sogar einige alte Herren mit weissem Haar, selbst rühmliche Lehrer
in anderen Gebieten, nahmen entlegene Seitenplätze ein, um dort zu sehen, was es
noch für sie zu lernen gäbe. So mochten über hundert Zuhörer versammelt sein,
welche des Vortragenden harrten, jeder mit anderer Empfänglichkeit, anderen
Absichten und anderen Erfahrungen, so dass eigentlich jeder im wahren Sinne des
Wortes hier ein Autodidakt war, das heisst ein solcher, der sich am Ende selbst
zu dem macht, was er ist und wird. Dies wurde in der Tat augenscheinlich, als
der berühmte Mann endlich in die Tür trat, sich das Haar zurechtstrich, rasch
und anständig nach seinem Känzelchen eilte und dort mit achtungsvoller Anrede
seinen Vortrag begann nicht wie einer, der streng und trocken lehren will,
sondern wie ein Künstler, welcher durch Artigkeit, Wahl der Worte, Verbindung
der Gedanken, durch Geist und Witz sich hervortun möchte und sichtlich bestrebt
ist, sich den Beifall auch der geringsten seiner Zuhörer zu erwerben. Aus der
leichten Anordnung und dem rednerischen fliessenden Vortrage des Gegenstandes,
ohne alle geschriebene Vorlage, machten sich nicht im mindesten die mühseligen
Studien und die gewissenhaft sorgfältigen Arbeiten fühlbar, welche sie gekostet
hatten; die schnell vorübergehende anschauliche Rede schien mehr eine Anregung
und Aufforderung zu eigener Belehrung als eine feststehende unveränderliche
Lehre zu sein, bei jedem wieder anders wirkend und sein unmittelbares
Selbsturteil erweckend. Der gleiche Gegenstand führte den einen sofort und
vielleicht für immer zu philosophischem Denken, den andern zu umfassender
Naturbetrachtung, den dritten zur besonderen Erforschung des menschlichen
Körpers oder zur Heilkunst; der vierte endlich, durch die Darstellung des
Nahrungsprozesses, verfiel gar auf nationalökonomische Studien und wurde
vielleicht ein grosser Politikus, während der fünfte, sechste und siebente die
gleichen Dinge nur anhörten und niederschrieben, um sie in einem halben Jahre
gänzlich zu vergessen und später als grosse Teologen, Seelenkundige und
Sittenlehrer von Fleischeslust, Herzensverstockteit, Augen- und Ohrendienst zu
reden, ohne eine klare Vorstellung von den betreffenden Organen zu besitzen.
    Auf Heinrich, welcher arglos gekommen war, zu äusserer plastischer Verwendung
einige gute Kenntnisse zu holen, wirkte schon die erste Stunde so, dass er sowohl
seinen Zweck als alle seine Verhältnisse vergass und allein gespannt war auf die
zuströmende Erfahrung. Hauptsächlich beschäftigte ihn alsobald die wunderbar
scheinende Zweckmässigkeit in den Einzelheiten des tierischen Organismus; jede
neue Tatsache schien ihm ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und
Geschicklichkeit Gottes, und obgleich er sich sein Leben lang die ganze Welt nur
als vorgedacht und geschaffen vorgestellt hatte, so war es ihm nun bei diesem
ersten Einblicke zu Mut, als ob er bisher eigentlich gar nichts gewusst hätte von
der Erschaffung der Kreatur, dagegen jetzt mit der lebendigsten Überzeugung
wider jedermann das Dasein und die Weisheit des Schöpfers behaupten könne und
wolle. Aber nachdem der kluge Lehrer die Trefllichkeit und Unentbehrlichkeit der
Dinge auf das schönste geschildert, liess er sie unvermerkt in sich selbst ruhen
und so vollkommen ineinander aufgehen, dass die ausschweifenden Schöpfergedanken
ebenso unvermerkt zurückkehrten und in den geschlossenen Kreis der Tatsachen
gebannt blieben, welcher jener Schlange der Ewigkeit gleicht, die sich selbst in
den Schwanz beisst. Und wo ein Teil noch unerklärlich war und dunkel ins
Fabelhafte verschwand, da holte der Redner ein helles Licht aus dem Erklärten
und liess es in jene Dunkelheit glänzen, so dass wenigstens alle unbescheidenen
und ungehörigen Seitengedanken vertrieben wurden und der dunkle Gegenstand
unberührt und jungfräulich seiner Zeit harrte, wie eine ferne Küste im
Frühlichte. Selbst da, wo er entsagen zu müssen glaubte auf eine jemalige
Erkenntnis, tat er dies mit der überzeugenden Hinweisung, dass doch alles mit
rechten Dingen zuginge und in der Grenze des menschlichen Wahrnehmungsvermögens
keineswegs eine Grenze der Folgerichtigkeit und Einheit der Natur läge. Hiebei
brauchte er keinerlei gewaltsame Reden und vermied gewisse teologische
Ausdrücke so gut wie den Widerspruch dagegen; die Stumpfsinnigen und
Eingenommenen merkten auch von allem nichts und schrieben unverdrossen nieder,
was ihnen zweckdienlich schien für Eigenliebe und aufzustellende Meinungen,
während die Unbefangenen alle Hintergedanken fahrenliessen und bei des Lehrers
klugen Wendungen mit frohem Lächeln die Achtung vor dem reinen Wissen lernten.
    Auch im zuhörenden Heinrich traten die willkürlichen Voraussetzungen und
Anwendungen bald in den Hintergrund, ohne dass er wusste, wie ihm geschah, als er
sich den Einwirkungen der einfachen Tatsachen hingab; denn das Suchen nach
Wahrheit ist immer ohne Arg, unverfänglich und schuldlos; nur in dem
Augenblicke, wo es aufhört, fängt die Lüge an bei Christ und Heide. Er versäumte
nun keine Stunde in dem Hörsaal und nahm begierig ein neues Ganzes in sich auf,
welches er vom Anfang bis zum Ende verstand und übersehen konnte. Wie ein Alp
fiel es ihm vom Herzen, dass er nun doch noch etwas zu wissen anfing; im gleichen
Augenblicke bereute er auch nicht mehr die gewaltsame und lange Unterbrechung
des Lernens, da dasselbe dem Stillen des leiblichen Hungers gleicht sobald der
Mensch zu essen hat, empfindet er nichts mehr von der Pein und der Ungeduld des
Hungers. Das Glück des Wissens gehört auch dadurch zum wahren Glücke, dass es
einfach und rückhaltlos und, ob es früh oder spät eintrete, immer ganz das ist,
was es sein kann, ohne Reue über das Versäumte zu erwecken; es weiset vorwärts
und nicht zurück und lässt über dem unabänderlichen Bestand und Leben des
Gesetzes die eigene Vergänglichkeit vergessen.
    Heinrich wurde von Wohlwollen und Liebe erfüllt gegen den beredten Lehrer,
von dem er nicht gekannt war und mit welchem er nicht ein Wort gesprochen hatte;
denn es ist nicht eine schlimme Eigenschaft des Menschen, dass er für geistige
Wohltaten dankbarer ist als für leibliche, und sogar in dem erhöhten Masse, dass
die Dankbarkeit und Anhänglichkeit wächst, je weniger selbst die geistige
Wohltat irgendeinem unmittelbaren äusserlichen Nutzen Vorschub zu leisten
scheint. Nur wenn leibliches Wohltun so hingebend und unwandelbar ist, dass es
Zeugnis gibt von einer moralischen Kraft, also dem Empfänger wiederum zu einer
geistigen Erfahrung und Wohltat, zu einem innern Halt- und Stützpunkte wird,
erreicht seine Dankbarkeit eine schönere Höhe, welche ihn selber bildet und
veredelt. Die Erfahrung, dass unbedingte Tugend und Güte irgendwo sind, ist ja
die schönste, die man machen kann, und selbst die Seele des Lasterhaften reibt
sich vor Vergnügen ihre unsichtbaren dunklen Hände, wenn sie sich überzeugt, dass
andere für sie gut und tugendhaft sind.
    Mit dem praktischen Sinne und dem raschen Aneignungsvermögen des
Autodidakten fand sich Heinrich zurecht in der reichen Welt, die sich ihm
auftat; mit der plastischen Anschauungsweise, welche er als Künstler mitbrachte,
wusste er die verschiedenen Momente des organischen Wesens lebendig aufzufassen,
auseinanderzuhalten, wieder zu verbinden und sich deutlich einzuprägen und so
die Kunde von dem, woraus er eigentlich bestand, wodurch er atmete und lebte, in
dem edelsten Teile desselben selbst aufzubewahren und mit sich herumzutragen,
ein Vorgang, dessen Natürlichkeit jetzt endlich wohl so einleuchtend werden
dürfte, dass er zum Gegenstande allgemeinster Erziehung gemacht wird. Mit dieser
Kenntnis, auf welche der Mensch das erste Anrecht hat, müssten alle Volksschulen
abschliessen; sie ist es, welche alle anderen von selbst anzieht, und in
notwendigster Weise sehr zweckmässig gerade je nach Beschaffenheit des lernenden
jungen Menschen. Alle Einwürfe und Altklugheit, Halbverständnis oder gar von
Verbreitung einer allgemeinen Hypochondrie in das unbefangene Volksgemüt werden
verstummen, sobald die klassische Form für den grossen öffentlichen Unterricht
vom leiblichen Menschen gefunden ist.
    Die Kenntnis vom Charakteristischen und Wesentlichen der Dinge lässt
diejenige vom letzten Grunde einstweilen eher vermissen oder führt wenigstens
auf den Weg, denselben auf eine vernünftigere und mildere Weise zu suchen,
während sie zugleich alle unnützen, müssigen Märchen und Vorurteile hinwegräumt
und dem Menschen einen schönen, wirklichen Stoff und Halt zum Nachdenken gibt,
ein Nachdenken, welches dann zu dem einzig möglichen Ideal, zu dem, was wirklich
besteht, hinführt. Welch ein Unterschied ist zwischen dem teosophischen
Phantasten, der immerdar von der Quelle des Lichtes als von einem irgendwo ins
Zentrum gesetzten sprühenden Feuertopfe spricht, und zwischen dem sterbenden
Goete, welcher nach mehr Licht rief, aber ein besseres Recht dazu besass als
jener, der nie sich um einen wahrhaften wirklichen Lichtstrahl bekümmert hat.
Welch ein Ersatz für das hergebrachte begriffslose Wort Ewigkeit ist die
Kenntnisnahme von der Entfernung der Himmelskörper und der Schnelligkeit des
Lichtes, von der Tatsache, dass wir allaugenblicklich Licht, also Körper mit
ihren Schicksalen, in ihrem Bestehen, wahrnehmen, welches vor einem Jahre, vor
hundert, tausend und mehr Jahren gewesen ist, dass wir also mit einem Blicke
tausend Existenzen tausend verschiedener Zeiträume auffassen, vom nächsten Baume
an, welchen wir gleichzeitig mit seinem wirklichen augenblicklichen Dasein
wahrnehmen, bis zu dem fernen Stern, dessen Licht länger unterwegs ist, als das
Menschengeschlecht unsers Wissens besteht, und der vielleicht schon nicht mehr
war, ehe dasselbe begann, und den wir doch jetzt erst sehen.
    Wo bleibt da noch eine Unruhe, ein zweifelhaftes Sehnen nach einer
unbegriffenen Ewigkeit, wenn wir sehen, dass alles entsteht und vergeht, sein
Dasein abmisst nacheinander und doch wieder zumal ist?
    Das Licht hat aber den Sehnerv gereift und ihn mit der Blume des Auges
gekrönt, gleich wie die Sonne die Knospen der Pflanzen erschliesst; es hat das
Auge scheinbar selbständig sich gegenüber gesetzt, so dass, wenn das Auges des
Tieres und des bewusstlosen Menschen sich schliesst, für dasselbe auch kein Licht
mehr in der Welt ist; aber im bewussten Menschen bleibt die Erfahrung, und durch
die Generationen vereinigt die eingeborne Kunde wieder die Welle mit der Quelle,
das Auge mit dem Lichte, so dass beide eines sind, und wenn ein Auge sich
schliesset, so weiss es noch ist das Licht da und genug Augen, es zu sehen. Das
Licht hat den Gesichtssinn hervorgerufen, die Erfahrung ist die Blüte des
Gesichtssinnes, und ihre Frucht ist der selbstbewusste Geist; durch diesen aber
gestaltet sich das Körperliche selbst um, bildet sich aus, und das Licht kehrt
in sich selber zurück aus dem von Geist strahlenden Auge. Denn der Geist,
welchen die Materie die Macht hat in sich zu halten, hat seinerseits die Kraft,
in seinen Organen dieselbe zu modifizieren und zu veredeln, alles mit
»natürlichen Dingen«, und jeder Lebende, der mit Vernunft lebt und insofern er
sich fortpflanzt oder erhebliche Geistestaten übt, hat im strengsten Sinne des
Wortes seinen bestimmten Anteil z.B. an der Ausbildung und Vergeistigung des
menschlichen Gehirnes, seinen ganz persönlichen, wenn auch unmessbaren Anteil.
    Nur diesen Kreislauf können wir sehen und erkennen, und wir tun es; was
darüber hinaus liegen sollte, das geht uns zunächst nichts an und darf uns
nichts angehen; denn so erfordert es die grosse Ökonomie des Weltlebens und der
Welterkenntnis. Sollte wider allen sinnlichen Anschein und alles sinnliche
Gefühl ein übernatürliches geistiges Gottwesen der Urgrund der Natur und unser
aller sein, so würde erst recht dieses Wesen selbst solche Ökonomie in die Welt
gelegt und angeordnet haben, auf dass alles seinen Gang gehe und nichts
vorweggenommen werde. Diese Ökonomie verlangt, dass wir an das Natürliche
glauben, solange wir es nicht ausgemessen haben und mit unseren kleinen Schädeln
an den Rand gestossen sind, und sie ist es, welche uns zuruft Was wollet ihr aus
der Schule laufen und suchet ein Verdienst darin, an das Übernatürliche zu
glauben, welches der Tod des Natürlichen ist, solange eure kühnsten und
erhabensten übernatürlichen Einbildungen und Vorstellungen noch tausendmal
dunkler, ungewisser und kleiner sind als die natürlichen Wirklichkeiten, zu
deren Erkenntnis und Begriff ihr ein sicheres Pfand in der Hand habt? Ist das
Verdienst, Treue, Ausdauer und Weisheit? Nein, es ist Untreue, Feldflüchtigkeit
und Torheit!
    Dergleichen Dinge liess der vortragende Lehrer, nicht in solchen Ausdrücken,
aber mit solchen Eindrücken seine Zuhörer gelegentlich zwischen den Zeilen
lesen. Heinrich gehörte zu denen, welche recht wohl zwischen den Zeilen zu lesen
wussten, und zwar weil er einen natürlichen Sinn für das Erhebliche besass, auf
welches es ankommt, und mit der Aufmerksamkeit und dem raschen Instinkte der
Autodidakten das Wesentliche ersah, das hinter den Dingen liegt. Er merkte auch
bald, dass es sich um nichts Geringeres als um seinen Glauben an Gott und
Unsterblichkeit handle; aber indem er denselben für lange geborgen und es nicht
für nötig hielt, auf seine Rettung bedacht zu sein, war er um so freisinniger
beflissen, alles aufzufassen und zu begreifen, was die innere Notwendigkeit,
Identität und Selbständigkeit der natürlichen Dinge bewies; denn eine wahrhaft
wahre und freie Natur steht nicht an, sondern sie sucht es geflissentlich,
Zugeständnisse zu machen, wo sie nur immer kann, gleich jenem idealen Könige,
der noch nie dagewesen ist und von welchem man träumt, dass er nicht aus
Klugheit, sondern um ihrer selbst willen und rein zu seinem Vergnügen
Konzessionen mache. Rechtaberei und Not sind die Mütter der Lüge; aber die
Notlüge ist ein unschuldiges Engelskind gegenüber der Lüge aus Rechtaberei,
welche eines ist mit Hochmut, Eitelkeit, Engherzigkeit und nackter Selbstsucht
und nie ein Zugeständnis macht, eben um keines zu machen. So entstand aus der
Lüge die Rechtgläubigkeit auf Erden und aus der Rechtgläubigkeit wieder die
Lüge; freilich auch ein Kreislauf und eine Identität!
    Heinrich freute sich im Gegenteile, im Namen seines liberalen und generösen
Gottes jedes Fleckchen Welt einzuräumen, das sich selbst bewirtschaften konnte,
und er gab sich redlich Mühe, ein festes Bewusstsein von solcher freien
Notwendigkeit oder notwendigen Freiheit zu gewinnen, nicht zweifelnd, dass alles
zur grösseren Ehre Gottes geschehe wie des Menschen, dessen Ehre mit der grösseren
Selbständigkeit und Verantwortlichkeit wachsen musste.
    Er suchte sich daher auch ausser den antropologischen Stunden so gut als
möglich zu unterrichten, und wie er z.B. durch die Lehre vom Auge zum ersten
Male veranlasst wurde, sich in das Wesen des Lichtes einen Blick zu verschaffen,
dadurch in die unendlichen Räume der Aussenwelt geführt ward und von da wieder in
den selbstbewussten Punkt seines eigenen sehenden Auges zurückkehrte, so geschah
es noch in manch anderer Hinsicht, und alles das ohne zu grosse Mühe noch
Zeitaufwand. Die Ergebnisse der wahren Wissenschaft haben die gute Eigenschaft,
dass sie sich auf den ersten Blick von allem Phantastischen und Willkürlichen
unterscheiden und in kürzerer oder längerer Zeit zum überzeugenden festen
Lehrsatz eignen ohne fortwährende Probe ihres besondern Rechenexempels. Der
Satz, dass die Erde sich um die Sonne bewegt, wird in allen Kinderschulen
gelehrt, und die Kinder nehmen ihn in ihr Wissen auf, ohne die physikalische
Untersuchung seines Beweises anzustellen, während sie für ein einziges
religiöses Dogma bis zu ihrer Mündigwerdung mit allem katechetischen Apparate
unterwiesen werden, ohne am Ende mehr zu wissen als am Anfange und ohne wider
den Zweifel geschützt zu sein. Noch nie hat es einen Krieg gegeben wegen
verschiedener Meinungen über Naturgesetze, weil ihre Art friedfertig, rein und
genügend ist, und es gelang den Teologen nicht einmal, eine wehrbare Sekte für
die stehende Erde oder zum Schutze der mosaischen Schöpfungsgeschichte auf die
Beine zu bringen; Religionskriege aber wird es geben, solange es Priester,
Dogmen und Bekenntnisse gibt. Im Kleinen schaut man diesen Vorgang alle Tage hat
jemand eine gute Wahrheit oder Tatsache geäussert, und sie wird ihm angezweifelt,
so fällt es ihm nicht ein, darüber aufgebracht zu werden und sich ins Zeug zu
werfen; wenn derselbe Mensch aber eine Sache erzählt oder vorgibt, von der er
doch nicht so recht überzeugt und überführt ist, so wird er alsobald in die
grösste Hitze geraten und Ehre, Gut und Leben verpfänden, am liebsten aber
demjenigen gleich an den Kragen gehen, der ihm einen Zweifel entgegensetzt. Wenn
ein Bauersmann sagt Ich habe das Korn besehen; es ist reif! der Nachbar aber
erwidert Ich glaube nicht, dass es reif ist! so wird er ruhig sprechen Das ist
Eure Sache! Ich halt es für reif und werde es schneiden! Wenn derselbe Bauer
aber sagt Ich sah vergangene Nacht einen Geist auf meinem Markstein sitzen, und
der Nachbar spricht Das ist nicht möglich, denn es gibt keine Geister! so wird
der Bauer einen grossen Lärm erheben, erstlich weil man ihm abstreitet, was er
mit eigenen Augen gesehen haben will, zweitens weil man die Geister leugnet, und
endlich weil man infolgedessen wohl gar nicht an ein »anderes Leben« und an eine
Wiedervergeltung nach dem Tode glaubt. Ia, er wird deswegen vielleicht dem
Nachbar gar nicht antworten, aber demselben nichts mehr vertrauen und allen
Umgang mit ihm abbrechen; und doch hätte er als Bauer mehr Grund, jenem zu
misstrauen, welcher die Reife des Kornes nicht zu beurteilen weiss, da derselbe in
seinen Augen notwendig ein schlechter Landwirt sein muss. Aber er tut dies im
Grunde auch ganz gewiss; nur macht er kein Aufhebens davon und lässt es sich nicht
anmerken, da er über die Sache klar und ruhig ist, da er sie übersieht und weiss,
dass Zank die Wahrheit nicht ändert, das Korn nicht unreif macht und die Regeln
des Ackerbaues nicht aufhebt. Sein Lärm gegen den Gespensterleugner hingegen ist
ein blinder Lärm und Trotz, der mehr gegen sich selbst gerichtet ist, gegen die
Dunkelheit und Unsicherheit des eigenen Bewusstseins über den kitzligen Punkt.
Und so ist es von je gewesen, ist es und wird es sein. Jeder, der einem andern
moralische oder physische Gewalt antut wegen dessen, was er nur glaubt oder
behauptet, aber nicht weiss, gibt mit jedem Gewaltstreiche sich selbst eine
Ohrfeige, und dieser geheime Übelstand verleiht solchem Streite den
schmerzlichen, bitterlichen und fanatischen Charakter, den Religionskriegen das
vertrackte hypochondrische Ansehen.
    Ketzer braten ist ein durchaus hypochondrisches, trübsinniges Vergnügen, ein
selbstquälerisches und wehmütiges Geschäft und gar nicht so lustig, wie es den
Anschein hat.
    Heinrich fasste indessen alles Wissen, das er erwarb, sogleich in
ausdrucksvolle poetische Vorstellungen, wie sie aus dem Wesen des Gegenstandes
hervorgingen und mit demselben eines waren, so dass, wenn er damit hantierte, er
die allerschönsten Symbole besass, die in Wirklichkeit und ohne Auslegerei die
Sache selbst waren und nicht etwa darüber schwammen wie die Fettaugen über einer
Wassersuppe So waren ihm die beiden Systeme des Blutkreislaufes und der Nerven
mit dem Gehirne, jedes in sich geschlossen und in sich zurückkehrend, wie die
runde Welt, und doch jedes das andere bedingend, die schönsten plastischen
Charakterwesen, welche ihm allezeit bewundernswert, geheimnisvoll und anlockend
waren, ohne mystisch zu sein. Das schöne rote Blut, sicht-, fühl- und hörbar,
unablässig umgetrieben und wandernd, gegenüber dem unbeweglichen, still
verharrenden und farblosen Nervensystem, welches doch der allgegenwärtige und
allmächtige Herr der Bewegung ist, mit geheimnisvoller Blitzesschnelle
herrschend, während jenes in ehrlicher und handgreiflicher Arbeit wandern muss,
das Blut war ihm der allgemeine Strom organischen Lebens, angefüllt mit
sphärischen Körpern, jeder schon eine kleine Welt und ungezählt wie die Sterne
des Himmels; und jeder dieser Myriaden Körper, der einige Pulsschläge lang
kreiste, ehe er unterging, war ihm so wichtig und merkwürdig wie jene
leuchtenden Globen, welche Millionen Jahre sich im Strome fortschwingen, ehe sie
eben auch wieder anderen Platz machen. Wenn man dem Menschen einen bestimmten
Teil seines Blutes entzieht und weggiesst, so wird er dadurch weder verstümmelt
noch verändert, und jenes Blut ersetzt sich unaufhörlich; daher sah der grüne
Heinrich recht eigentlich in ihm das rote Lebensbächlein, das vorüberfliesst, an
welchem erst die bleiche geheimnisvolle Individualität des Nervensystemes sitzt,
wie der Knabe an der Quelle, immer durstig daraus trinkend, behende um sich
schauend und dabei ein wahrer Hexenmeister von Proteus, bald Gesicht, bald
Gehör, bald Geruch, bald Gefühl, jetzt Bewegung und jetzt Gedanke und
Bewusstsein, und doch bezwingbar wie Proteus, sich in seiner wahren Gestalt zu
zeigen, wenn man das seltsame Wesen unerschrocken greift und festält.
    Die Menschen, insofern sie sich unterrichten, zerfallen unter sich
vorzüglich in zwei verschiedene Arten oder Klassen. Die eine derselben lernt
ohne plastischen und drastischen Anknüpfungspunkt alles, was ihr unter die Zähne
gerät, alles zumal, alles mit gleicher Leichtigkeit oder Schwierigkeit, das
Wichtige wie das Unwichtige, und alles zu äusserlichem Gebrauche, schnell es
ausgebend und noch schneller vergessend, oder auch wohl die tönende Formel
unermüdlich wiederholend, während der lebendige Inhalt schon längst tot und
verschwunden ist. Da diese Heerschar das Wesentliche vom Unwesentlichen, wie es
von Zeit und Umständen bedingt wird, nie unterscheidet, sondern beides mit
gleichem Eifer betreibt, das Wesentliche aber seiner gewichtigeren Natur nach
unter diesem Eifer leicht zu Boden fällt, so bleibt ihr meistens die Spreu des
Unwesentlichen zwischen den Fingern, welche sie hastig hin und her wendet,
besieht und an die Nase hält. Weil sie das Wesentliche immer entschlüpfen lässt,
so hält sie es für schwieriger und höchst geheimnisvoll, zunftmässig und
exklusiv, streitet sich darüber mit den Manieren und Eigenschaften des
Unwesentlichen, mit dem sie es gewöhnlich zu tun hat, oder behandelt dieses mit
dem Gewichte des Wesentlichen, welches ihr längst unter den Händen verschwunden
ist. In der Tat ist aber beides gleich leicht und gleich schwer zu lernen, das
Wesentliche und das Unwesentliche, wenn es nur zur rechten Stunde geschieht, und
die Verkennung dieser Tatsache, welche mit dem ganzen Gesetz der Natur innig
verbunden und vereint ist, bringt den Lärm und Ruf der falschen Gelehrsamkeit
hervor, welche die Welt erfüllt, verwirrt und verdunkelt, statt sie zu erhellen.
    Die zweite Klasse der Lernenden besteht aus denjenigen, welche nichts
lernen, ohne dass der innere Antrieb und die Einsicht des vernünftigen Zweckes
mit dem äussern Anlasse zusammenfällt, welche absolut nichts verstehen, was nicht
vernünftig und wesentlich für sie ist, denen alle Mittel furchtbare Rätsel sind,
solange sie nicht das Gesetz einsehen, das sie bewegt, und den Zweck, um
dessentwillen sie da sind. Vor allem Unwesentlichen stehen diese wie Dummköpfe
und begreifen das Treiben der Welt nicht, und sie verharren in ihrer Demut und
halten das auch wohl für etwas, was sie eben nicht verstehen; gewohnt, selbst
nur das Wesentliche und Lebendige zu begreifen und zu verstehen, setzen sie dies
auch von allen anderen voraus, welche vorgeben, etwas zu verstehen. Aus diesem
letztern Umstande, wenn sie endlich doch einen Zipfel erhaschen, sich Luft
verschaffen und mit der ersten Klasse zusammenstossen, entstehen alsdann neue
sonderbare Missverständnisse und Verwirrungen, indem die Leute des Wesentlichen
den Leuten des Unwesentlichen das, worauf es ankommt, entgegenhalten, was diese
nicht verstehen; diese aber das, worauf es nicht ankommt, hervorkehren, was jene
hinwieder nicht begreifen. Beide Abteilungen verfallen aber einer sehr
tragischen Schuld die eine, weil sie sich immer mit Dingen abgibt, auf welche es
unter den gegebenen Umständen niemals ankommt, lässt sich eine mutwillige und
unnütze Tätigkeit zuschulden kommen; die andere, weil in der allgemeinen
Verwirrung ihr leicht alles eitel und wertlos erscheint, hat eine Neigung, es
dem Zufall zu überlassen, ob er ihr Anknüpfungspunkte zum Erfassen und
Durcharbeiten zuführen wolle, und einen bedenklichen Hang zur Trägheit, anstatt
die Dinge zu schütteln und das Wesentliche aus freiem Entschlusse an die
Oberfläche und an sich heranzuziehen. Jene leben daher in munterer
Begehungssünde, diese leiden an Unterlassungssünden.
    Heinrich fühlte plötzlich, dass er, was wenigstens das Unterlassen betrifft,
bis anher zu der letzteren Sündenschar gehört habe, als der Professor die
Nervenlehre mit einigen Bemerkungen über den sogenannten freien Willen abschloss.
Denn obgleich er schon hundertmal diesen Ausdruck gehört und gelesen, auch
genügsam wilde Philosophie und Teologie, wie sie in seinem Garten wuchs,
getrieben hatte, so war es ihm doch noch nie eingefallen, darüber nachzudenken,
oder hielt höchstens den »freien Willen« für eine Art müssigen Lückenbüssers für
zusammengesetzte Dinge, woran er nicht ganz unrecht tat, nur dass er dazu nicht
reif und befähigt war, ehe er die fragliche Sache näher kannte und verstand. Es
gibt eine Redensart, dass man nicht nur niederreissen, sondern auch aufzubauen
wissen müsse, welche von gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwege
angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Tätigkeit oder Disziplin unbequem in
den Weg tritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo man abspricht oder negiert,
was man nicht durchlebt und durchdacht hat, sonst aber ist sie überall ein
Unsinn; denn man reisst nicht immer nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil,
man reisst recht mit Fleiss nieder, um einen freien Raum für das Licht und die
frische Luft der Welt zu gewinnen, welche von selbst überall da Platz nehmen, wo
ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn man den Dingen ins Gesicht sieht
und sie mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst behandelt, so ist nichts negativ,
sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen, und
die wahre Philosophie kennt keinen andern Nihilismus als die Sünde wider den
Geist, d.h. das Beharren im selbstgefühlten Unsinn zu einem eigennützigen oder
eitlen Zwecke.
    Was aber Heinrich besonders zu seinen Gedanken über den freien Willen
antrieb, das war die auffallende Energie, welche in den kurzen Bemerkungen des
Lehrers lag, gegen dessen sonstige Gewohnheit in solchen heiklen Punkten. Denn
es war das Steckenpferd des sonst durchaus unbefangenen und duldsamen Mannes,
die Lehre vom freien Willen des Menschen überall anzugreifen und abzutun, wo und
wie er ihr nur beikommen konnte, und er liess sich desnahen sogar in seinen
Vorlesungen an dieser Stelle jedesmal zu einer kurzen, aber sehr kräftigen
Demonstration gegen das Dasein der moralischen Kraft, die man freien Willen
nennt, hinreissen in einem auf die Spitze getriebenen materialistischen Sinne.
Diese Absonderlichkeit war nun zwar durchaus keine negative nihilistische Manie,
sondern sie ruhte auf der »positiven« Grundlage einer durchgeführten Nachsicht
und Geduldsamkeit für die Irrtümer, Schwächen und trübselig tierischen
Handlungen der schlechtbestellten Menschenkinder; aber nichtsdestominder hatte
sie ihren Grund in der unglücklichen Neigung vieler, selbst ausgezeichneter
Naturalisten, auch an ungehöriger Stelle die Materie auf abstossende und ganz
überflüssige Weise zu betonen. Wenn man aus einem grünen Tannenbaum drei Dinge
macht eine Wiege, einen Tisch und einen Sarg, so sagt man nicht, solange diese
Dinge ihre nutzbare Bestimmung erfüllen bringt mir das Tannenholz, das dermalen
eine Wiege formiert; setzt euch an das Tannenholz, welches auf vier Beinen sich
zum Tische erhebt, legt mich in das sechsbretterige Tannenholz; sondern man
nennt diese Gegenstände schlechtweg eine Wiege, einen Tisch und einen Sarg, und
erst wenn sie ihre vergängliche Bestimmung erfüllt haben, erinnert man sich
wieder an das Holz, aus welchem sie gemacht, und man sagt beim Anblicke ihrer
Trümmer Dies ist altes Tannenholz, lasset es uns verbrennen; alles zu seiner
Zeit!
    Ihre Zeit hat auch die Rose. Wer wird, wenn sie erblüht, um sie
herumspringen und rufen He! dies ist nichts als Pottasche und einige andere
Stoffe, in den Boden damit, auf dass der unsterbliche Stoffwechsel nicht
aufgehalten werde! Nein, man sagt Dies ist zurzeit eine Rose für uns und nichts
anderes, freuen wir uns ihrer, solange sie blüht!
    Während Schiller, der idealste Dichter einer grossen Nation, seine
unsterblichen Werke schrieb, konnte er nicht anders arbeiten, als wenn eine
Schublade seines Schreibtisches gänzlich mit faulen Apfeln angefüllt war, deren
Ausdünstung er begierig einatmete, und Goete, den grossen Realisten, befiel eine
halbe Ohnmacht, als er sich einst an Schillers Schreibtisch setzte. So
niederschlagend dieser ausgesuchte Fall für alle verklärten und übernatürlichen
Idealisten sein mag, so wird während des Genusses von Schillers Geistestaten
deswegen niemand an die faulen Apfel denken oder mit besonderer Aufmerksamkeit
bei ihrer Erinnerung verweilen.
    Aber der Professor konnte sich von der Vorstellung des ununterbrochenen
aktiven und passiven Verhaltens des Gehirnes und der Nerven, als des
hervorbringenden lebendigen Ackergrundes, niemals trennen zugunsten des
Hervorgebrachten, der moralischen Frucht, als ob eine Ähre und eine Erdscholle
nicht unzweifelhaft zwei Dinge, zwei Gegenstände wären.
    Das kam daher, dass er jedesmal auf diesem Punkte einer kleinen Verwirrung
anheimfiel, welche seine Begeisterung für seinen materiellen Gegenstand
anrichtete und in welcher er ein wenig zu jener grossen Schule derer gehörte, die
das Wesentliche vom Unwesentlichen nicht zu unterscheiden wissen; denn in dem
Augenblicke, wo es sich um eine moralische Welt handelt, hört die Materie, so
fest jene an diese geschmiedet ist, auf, das Höchste zu sein, und nach dem
Edleren muss man trachten, sonst wird das, was man schon hat, blind und unedel.
    Es reizte Heinrich, auch in dieser Frage die Welt seinem Gotte, zwar immer
in dessen Namen, unabhängig gegenüberzustellen und einen moralischen freien
Willen des Menschen, als in dessen Gesamtorganismus begründet und als dessen
höchstes Gut, aufzufinden. Sogleich sagte ihm ein guter Sinn, dass, wenn auch
dieser freie Wille ursprünglich in den ersten Geschlechtern und auch jetzt noch
in wilden Völkerstämmen und verwahrlosten einzelnen nicht vorhanden, derselbe
sich doch einfinden und auswachsen musste, sobald überhaupt die Frage nach ihm
sich einfand, und dass, wenn Voltaires Trumpf »Wenn es keinen Gott gäbe, so müsste
man einen erfinden!« viel mehr eine Blasphemie als eine »positive« Redensart
war, es sich nicht also verhalte, wenn man dieselbe auf das Dasein des freien
Willens anwende, und man vielmehr nach Menschenpflicht und - recht sagen müsse
Wenn es bis diesen Augenblick wirklich keinen freien Willen gegeben hätte, so
wäre es »des Schweisses der Edlen« wert, einen solchen zu erringen,
hervorzubringen und seinem Geschlechte für alle Zeiten zu übertragen.
    Gegenüber den materialistischen sowohl als den mystischen Gegnern des freien
Willens, den Leuten von der Gnadenwahl, steht die rationelle Richtung, die
Vernunftgläubigkeit von Gottes Gnaden, die Bekennerin des bestimmten und
unbeschränkten freien Willens, göttlichen Ursprungs, unzweifelhafter Allmacht
und der untrügliche Richter seiner selbst. Aber diese Richtung hegt, bei diesem
Anlasse, ebensowenig Achtung vor dem Körperlich-Organischen und dessen
bedingender Kontinuität als die Materialisten von der gröbsten Sorte vor dem
vermeintlichen Abstraktum, und ihr absoluter rationalistischer freier Wille ist
ein kleiner Springinsfeld, dessen Leben, Meinungen und Taten eben auch nicht
weiter reichen, als es gelegentlich allerlei Umstände erlauben wollen. Heinrich,
welcher seinen bisherigen Meinungen nach ganz dazu angetan war, sich zu dieser
Fahne zu schlagen, hatte jetzt schon zuviel Aufmerksamkeit und Achtung für das
Leibhafte und dessen gesetzliche Macht erworben, als dass er es unbedingt getan
hätte. Vielmehr geriet er auf den natürlichen Gedanken, dass das Wahrste und
Beste hier wohl in der Mitte liegen dürfte, dass innerhalb des ununterbrochenen
organischen Verhaltens, der darin eingeschachtelten Reihenfolge der Eindrücke,
Erfahrungen und Vorstellungen, zuinnerst der moralische Fruchtkern eines freien
Willens keime zum emporstrebenden Baume, dessen Äste gleichwohl wieder sich zum
Grunde hinabbögen, dem sie entsprossen, um dort unablässig aufs neue Wurzeln zu
schlagen.
    Diesen Prozess, sagte er sich, kann man am füglichsten mit einer Reitbahn
vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, über welches es gilt
hinwegzukommen auf gute Manier, und kann zugleich den festen derben Grund aller
Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das besondere,
immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche Wille,
welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um auf
edlere Weise über jenen derben Grund wegzukommen; der Stallmeister endlich mit
seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz, das aber
einzig und allein auf die Natur und Eigenschaften des Pferdes gegründet ist und
ohne dieses gar nicht vorhanden wäre, nicht »gedacht werden könnte«, wie die
Juden sagen. Das Pferd aber würde ein Unding sein, wenn nicht der Boden da wäre,
auf welchem es traben kann, so dass also sämtliche Glieder dieses Kreises durch
einander bedingt sind und keines sein Das ein ohne das andere hat, ausgenommen
den Boden der stummen und blinden Materie, welcher daliegt, ob jemand über ihn
hinreite oder nicht. Nichtsdestoweniger gibt es gute und schlechte Reitschüler,
und zwar nicht allein nach der körperlichen Befähigung, sondern auch, und zwar
vorzüglich, infolge des freien entschlossenen Zusammennehmens. Den Beweis dafür
liefert das erste beste Reiterregiment, das uns über den Weg reitet. Die tausend
Mann Gemeine, welche keine Wahl hatten, mehr oder weniger aufmerksam zu lernen,
sondern durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewöhnt wurden, sind alle
gleich zuverlässige und brave Reiter, keiner zeichnet sich besonders aus, keiner
bleibt zurück, und um das Bild von einem tüchtigen und gesunden Schlendrian des
gemeinen Lebens vollständig zu machen, kommen ihnen die zusammengedrängten und
in die Reihe gewöhnten Pferde auf halbem Wege entgegen, und was der Reiter etwa
versäumen sollte, tut unfehlbar sein Organ, das Pferd, von selbst. Erst wo
dieser Zwang und Schlendrian oder das bitter Notwendige der Masse aufhört und wo
die Freiheit beginnt, beim hochlöblichen Offzierkorps, gibt es sogenannte gute
Reiter, schlechtere Reiter und vorzügliche Reiter; denn diese haben es in ihrer
Gewalt, über das geforderte Mass hinaus mehr oder weniger zu leisten. Das
Ausgezeichnete, Kühne, was der Gemeine erst im Drange der Schlacht, in
unausweichlicher Gefahr und Not unwillkürlich und unbewusst tut, die grossen Sätze
und Sprünge, übt der Offizier alle Tage zu seinem Vergnügen, aus freiem Willen
und gewissermassen teoretisch; doch fern sei es von ihm, dass er deswegen
allmächtig sei und nicht trotz allem Mut und aller seiner Kunst von einem
erschreckten Pferde einmal abgeworfen oder von seinem allzu überlegenen Tiere
bewogen werden könne, durch ein anderes Strässlein zu reiten, als er eigentlich
gewollt hat. Ob nun ein gutes Reiterregiment denkbar wäre, das aus lauter
Offizieren bestände, das heisst aus Leuten, welche ihren freien Willen zur
Grundlage ihrer Tüchtigkeit machten, und in Betracht, dass Bürgerwehrkavallerie,
wo dies der Fall ist, nicht viel taugt, dies zu beantworten gehört nicht
hierher, da jedes Gleichnis hinkt, welches man über seine Bestimmung hinaus
verfolgt.
    Wird der Steuermann, fuhr Heinrich fort, zufälliger Stürme wegen, die ihn
verschlagen können, der Abhängigkeit wegen von günstigen Winden, wegen
schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen verhüllter
Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen »Es gibt keine Steuermannskunst!« und es
aufgeben, nach bestem Vermögen sein vorgenommenes Ziel zu erreichen?
    Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit,
Notwendigkeit der tausend ineinandergreifenden Bedingungen in ihrer Klarheit
müssen uns reizen, das Steuer nicht fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines
tüchtigen Schwimmers zu erkämpfen, welcher in möglichst grader Richtung quer
durch einen stark ziehenden Strom schwimmt. Nur zwei werden nicht Über solchen
Strom gelangen derjenige, welcher sich nicht die Kraft zutraut und sich von den
Wellen widerstandslos fortreissen lässt, und der andere, welcher vorgibt, er
brauche gar nicht zu schwimmen, er wolle hinüberfliegen in der Luft, er wolle
nur noch ein Weilchen warten, bis es ihm recht gelegen und angenehm sei!
    Dann kam Heinrich noch einmal auf den Satz zurück, wiederholte ihn und
befestigte ihn recht in sich Die Frage nach einem gesetzmässigen freien Willen
ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfüllung derselben, und wer
einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung für eine sittliche Bejahung auf
sich genommen.
    Dies war einstweilen das Schlussergebnis, welches er aus jenen
antropologischen Vorlesungen davontrug, und indem er dasselbe sich ernstaft
vorsagte, merkte er erst, dass er bis jetzt vom Zufälligen sich habe treiben
lassen, wie ein Blatt auf dem Bache; oder er dachte sogleich an seine
aufgeschriebene Jugendgeschichte, die in seinem alten Koffer lag, und an alles
seiter Erlebte, und alles kam ihm nunmehr mit einem Blicke vor wie ein
unbewusster Traum. Zugleich fühlte er aber, dass er von nun an sein Schifflein
tapfer lenken und seines Glückes und des Guten Schmied sein müsse, und ein
sonderbares, verantwortlichkeitsschwangeres Wesen kräuselte sich tief in seinem
Gemüte, wie er es bis jetzt noch nie empfunden zu haben sich erinnerte.
 
                                Drittes Kapitel
Aber der freie Wille des Menschen gleicht dem Keime, der im Samenkorne liegt und
des feuchten und warmen Erdreiches bedarf, um sich entwickeln und wachsen zu
können. Heinrich musste sogleich erfahren, dass dieser Keim, dieser löbliche
Vorsatz des freien Willens, auch beim besten Willen, noch über seine Meinung
hinaus das bedingteste Wesen von der Welt ist und ohne die notwendige Nahrung,
ohne einen gesättigten Grund von Erfahrung, Einsicht und bereits erfüllten
Bestimmungen so ruhig schläft wie das Weizenkorn auf dem Speicher. Dieser Grund,
dieser Humus aber ist für jede Anlage ein anderer, gleichwie die Distel nicht da
gedeiht, wo das Korn wächst, die Fichte noch fortkommt, wo die Tanne
verschwindet, und selbst auf dem gleichen Boden bildet der Lindenkeim ein rundes
Blatt, die Eiche ein gezacktes.
    Heinrichs Lage erforderte, dass er sich nun mit allem Ernste in seinem
erwählten Berufe an ein Ziel bringe, entweder seine eingetretene Mutlosigkeit
und Täuschung in der Wahl, wenn dieselbe eine vorübergehende war, überwinde
oder, wenn er sich darüber klar gemacht, mit raschem Entschlusse ein anderes
Bestimmtes ergreife, ehe noch mehr Jahre ins Land gingen. Allein eben zu diesem
Entschlusse noch zu irgendeinem hatte er durchaus keine Wahl, weil er sich zu
dieser Zeit an Erfahrung und Umsicht tausendmal ärmer fühlte als früher, da er
ein bescheidenes, aber sicher begrenztes Ziel verfolgt hatte. Doch er war sich
nicht einmal dieses Mangels einer Wahl und eines freien Entschlusses bewusst,
sondern wie der Keim eines Samenkornes, sobald er etwas Wärme und Feuchte
verspürt, nur erst ein Würzelchen auszudehnen und ein Stämmchen an das Licht zu
bringen sucht, ehe er seine besondere Blattform ansetzt, so wurde Heinrich durch
seinen Instinkt getrieben, das Bewusstsein ohne Nutzanwendung und Mässigung zu
bereichern und zu erfahren, was es eigentlich überhaupt zu lernen und zu bebauen
gäbe in der Menschengeschichte.
    So sog er, während er mit ernstem Patos einen bewussten freien Willen zu
üben wähnte, aber willenlos alle seine Angelegenheiten und bisherige Tätigkeit
da liegenliess, wo sie zuletzt gelegen, so sog er jetzt, einer willenlosen
durstigen Pflanze gleich, die Nahrung der Erfahrung und das Lebenslicht der
Einsicht in sich und setzte damit nur den im zarten Knabenalter gewaltsam
unterbrochenen Prozess fort, aber mit um so grösserer Schwere, als er unterdessen
ein erwachsener Mensch geworden.
    Sein liebster Aufentalt war nun das Universitätsgebäude. Er besuchte die
verschiedensten Vorlesungen und sah überall, was da gelernt werde, darüber alle
Sorgen vergessend und das äussere Auge vor der Zukunft verschliessend, aber
innerlich umhertastend gleich der Raupe, die für ihren bestimmungsvollen
Heisshunger ein anderes Baumblatt sucht.
    Zu der Zeit seiner Jean Paulschen Belesenheitsbildung hatte er das
Rechtswesen für eine Sache gehalten, von der absolut nichts zu wissen noch zu
ahnen eine Ehre für jeden wohlangelegten Menschen sein müsse, und die Juristen
waren ihm eine Art unglücklicher, in keiner Beziehung beneidenswerter
Schicksalsgenossen gewesen, deren unterste Stufe etwa die Häscher und Abdecker
wären, vom Abhub und Eiter der Gesellschaft lebend. Der Zivilrichter war ihm
dazumal noch viel verächtlicher als der Prozesssüchtige und dessen Advokat; denn,
sagte er, wenn die Menschen stupid und schlecht genug sind, unklare und falsche
Ansprüche gegeneinander zu erheben und sich um des Kaisers Bart zu zanken, so
ist derjenige noch der viel grössere Esel, der sich dazu hergibt, sich von den
Zankbolden anschreien und belügen zu lassen und ihre schmutzige Wäsche rein zu
machen. Vielmehr, meinte er, sollte man alle Leute sich so lange zanken lassen,
bis der eine oder der andere Gewalt braucht, diesen alsdann beim Kopf nehmen,
dem Strafrichter überweisen und erst jetzt zugleich mit dem Strafprozesse die
zivilrechtliche Frage entscheiden, den aber noch besonders abstrafen, der den
Prozess verliert. Denn mit dem Strafrichter allein machte er eine Ausnahme, und
der war ihm eine geheiligte Person.
    Solche harmlose Aussprüche der Unschuld vergessend, war Heinrich jetzt öfter
in den verrufensten aller Vorlesungen, in den Pandekten zu finden, fast
leidenschaftlich beflissen, ein Stück Textur und Gewebe römischen Rechtes vor
seinen Augen ausbreiten und erklären zu sehen. Er sah aus den naturwüchsig
konkreten Anfängen mit ihren plastischen Gebräuchen das allgemeinste, in sich
selbst ruhende Rechtsleben hervorgehen, zu einer ungeheuren, für Jahrtausende
massgebenden Disziplin sich entwickeln, doch in jeder Faser eine Abspiegelung der
Menschenverhältnisse, ihrer Bestimmungen, Bedürfnisse, Leidenschaften, Sitten
und Zustände, Fähigkeiten und Mängel, Tugenden und Laster darstellen. Er sah,
wie dies ganze Wesen, dem Rechts- und Freiheitsgefühl einer Rasse entsprossen,
in seiner Befähigung zur Allgemeinheit, seiter neben der staatlichen
Verkommenheit und der Knechtschaft hergehend, von dieser allein geübt und
gepflegt, gerade seiner in sich wurzelnden Allgemeinheit wegen als eine
Fähigkeit des menschlichen Geschlechtes eher geeignet war, unter den
betrübtesten Verhältnissen den Sinn des Rechtes und mit diesem den Sinn der
Freiheit, wenn auch schlafend, aufzubewahren, als das germanische Recht, welches
seiner Gewohnheitsnatur, seiner eigensinnigen Liebhabereien, seines äusserlichen
Gebrauchswesens und seines unechten Individualismus halber sich unfähig gezeigt
hat, den vielgerühmten germanischen Sinn für Recht und Freiheit im ganzen und
grossen zu erhalten, sowenig als sich selbst. Denn das Recht ist eigentlich
nichts als Kritik; diese soll so allgemein und grundsätzlich als möglich sein,
und das produktive Leben, der Gegenstand dieser Kritik, ist es, welches allzeit
naturwüchsig und individuell sein soll.
    Dafür regte das, was er vom germanischen Recht erfasste, durch den poetischen
und ehrwürdigen Duft und Glanz seiner verjährten Sprache und durch das
malerische Kostüm seine Begier und Aufmerksamkeit für die Geschichte. Er hatte,
durch den fragmentarischen Einblick in diese Disziplinen aufgefordert, damit
geschlossen, sich einen allgemeinen Begriff von der Rechtsgeschichte zu
verschaffen, und indem er, durch das Lesen deutscher Rechtsaltertümer veranlasst,
Vergangenheit und Ursprung der deutschen Sprache in den von trefflichen Männern
dargebotenen Werken betrachtete, erstaunte er, in dieser Sprachgeschichte, die
zugleich die schönste Völkergeschichte war, ein wahrhaftes, grosses, singendes
und klingendes Epos zu finden, in zahllosen Völkerstämmen herüberziehend und
rauschend aus den grünen Waldschatten der Vorzeit, an Strömen und Meerborden hin
und her wandelnd, Völkerschlachten schlagend, Städte bauend und eine Geschichte
lebend in frommem Ernst und derbem Schwank, in Festglanz und Todesschauern. Die
uralte heilige Ehrbarkeit, mit welcher in der Menschensprache überall das
Abgeteilte, Zahl, Mass und Gewicht, Trockenes und Flüssiges, Bodeneinteilung und
Geschlechtsverwandtschaft erschienen, wies von selbst wieder hin auf die
Rechtsgeschichte und bestätigte deren Qualität in der Menschennatur, so wie die
ehrwürdige und ursprüngliche Allgemeinheit der Wörter für die wichtigsten
physischen Gegenstände mit der inneren Einfachheit und Allgemeinheit der Natur
selbst zusammentraf, wie er sie in den betreffenden Betrachtungen und Studien
kennen und ehren gelernt hatte.
    So gewann nun Heinrich, durch die unmittelbare Anschauung solcher Dinge,
erst eine lebendige Liebe zu der Geschichte, wie überhaupt die unmittelbare
Kenntnis der Faser und der Textur der Wirklichkeit tiefere, nachhaltigere und
fruchtbarere Begeisterung erweckt in allen Übungen als alles abstrakte
Phantasieren. Und selbst diejenigen, welche nur teilweise Kenntnis genommen
haben vom Bestehen dieses organisch-notwendigen Gewebes, dieser Textur der
Dinge, werden dem Ganzen erspriesslicher sein durch die erworbene Fähigkeit, sich
alles gewaltsamen Räsonierens zu entalten und nicht länger eine ungleichmütige
Verwirrung bald feiger, bald übermütiger Stimmungen und Forderungen über die
Dinge auszugiessen, die sie nicht begreifen und die sich doch von selbst
verstehen und machen.
    Heinrich trug ein zwiefaches praktisches Ergebnis von seinem
Selbstunterricht in der Geschichte davon. Erstlich gewöhnte er sich gänzlich ab,
irgendeinen entschwundenen Völkerzustand, und sei er noch so glänzend gewesen,
zu beklagen, da dessen Untergang der erste Beweis seiner Unvollständigkeit ist.
Er bedauerte nun weder die beste Zeit des Griechentums noch des Römertums, da
das, was an ihr gut und schön war, nichts weniger als vergangen, sondern in
jedes bewussten Mannes Bewusstsein aufbewahrt und lebendig ist und in dem Grade,
nebst anderen guten Dingen, endlich wieder hervortreten wird, als das Bewusstsein
der Menschengeschichte, d.h. die wahre menschliche Bildung allgemein werden
wird. Insofern bestimmte Geschlechter und Personen die Träger der Tugenden
vergangener Glanztage sind, müssen wir ihnen, da diese Hingegangenen Fleisch von
unserm Fleische sind, den Zoll weihen, der allem Wesentlichen, was war und ist,
gebührt, ohne sie zurückzuwünschen, da sonst wir selbst nicht Raum noch Dasein
hätten.
    Sodann lernte er die unruhigen Gegensätze von Hoffnung und Furcht, wie sie
durch Fortschritt und Rückschritt in der Geschichte wachgehalten werden, in sich
bändigen und ausgleichen, und zwar in bezug auf den Teil davon, den die nächste
Zeit und der einzelne selbst erlebt. Er sah, dass die Geschichte nicht einem
schlechten Romane gleicht, wo eine Anzahl gemütlicher und tadelloser Menschen
von der willkürlichen Teufelei absoluter Schurken gehemmt und verwickelt wird,
sondern dass in ihr das Unheil eben nur der Lückenbüsser und Ährenleser des
Heiles, d.h. der Rückschritt nichts anderes als der stockende Fortschritt ist;
oder mit deutlicheren Worten gesagt, wenn ein sogenannter Fortschritt nicht
stichhält, so ist er eben keiner gewesen.
    Daher ist der Grund und das Wesen einer Reaktion nicht in ihr selbst zu
suchen, als in einer selbständigen feindlichen Kraft, sondern in der
Unvollkommenheit des Fortschrittes; denn es gibt nur eine wirkliche Bewegung,
diejenige nach vorwärts; alle Völker und Menschen wollen vorwärtsschreiten auf
ihre Weise, und die Reaktionäre von Profession, die sich so nennen, wissen
selbst nicht, warum und woher sie in der Welt sind. Sie sind nämlich nur die
Fussschwielen der vorwärtsschreitenden Menschheit. Sowenig die Physiker der Wärme
gegenüber eine eigentümliche Kälte kennen, sowenig es dem Schönen gegenüber eine
absolute dämonische Hässlichkeit gibt, wie die dualistischen Ästetiker glauben,
sowenig wie es ein gehörntes und geschwänztes Prinzip des Bösen, einen
selbsterrlichen Teufel gibt, sowenig gibt es eine Reaktion, welche aus eigener
innewohnender Kraft und nach einem ursprünglichen Gesetze zu bestehen vermöchte.
    Der hervorspringendste Beweis hievon ist die umfangreichste Tat der
Reaktion, wie sie ist, der Jesuitismus. Dieser ist an sich nichts als die
Anziehung und Beschäftigung aller unnützen und eitlen Köpfe, welche zur Ausübung
ihres Unsinnes einer kolossalen Metode bedürfen, um sich selbst zu genügen.
Dies ist das innerste Geheimnis des Jesuitismus.
    Dass er eine ungeheure hohle Blase ist, ein eingefleischter Widerspruch und
Mutwillen, beweist die fürchterliche Dummheit, mit welcher er tiefer zu sein
glaubt als die Kluft zwischen Wahrheit und Lüge, die greuliche Naivetät, mit
welcher er allen Ernstes glaubt, etwas Erkleckliches hervorzubringen durch die
krasse Weltklugheit, die er in tausend verbohrte Schädel pflanzt, geschwollen
von Herrschund Imponiersucht, und der Köhlerglaube, dass eine Armee solcher
metodisierten Hansnarren eine höhere positive Welt bauen und sichern werden,
die einen eigenen Leib und Geist habe.
    Welch eine kindische Unbefangenheit für Leute, welche etwas Grosses wollen
fortwährend mit der einen Hand eine sogenannte Kasuistik anzuwenden und mit der
anderen abzuleugnen, als ob der Weltgang Musse und Unschuld genug hätte, auf
dergleichen Torheiten einzugehen, und als ob ein grosser Zweck mit kleinlichen
Mitteln erreichbar wäre! Deswegen ist auch der Jesuitenspruch. Der Zweck heiligt
die Mittel! ein charakteristischer Hauptunsinn; denn nicht nur heiligt kein
Zweck ihm entgegengesetzte Mittel, sondern er kennt gar keine solchen Mittel in
seiner Eigenschaft als Zweck. Hätten die Jesuiten einen einfachen, offen
auszusprechenden, materiell weltlichen Zweck für ihr Dasein, so würden ihre
materielle Machtverbreitung, ihre Schlauheit, ihre Politik, ihre Gewaltsamkeit
und Fügsamkeit, ihre tausend Künste vielleicht grosse Mittel sein; sowie sie aber
einen religiösen, geistlichen, überweltlichen Zweck zu haben auch, nur vorgeben,
so werden in einem Handumkehren alle jene Anstrengungen zu unsäglich kleinen
missgriffenen und törichten Mitteln, welche die ewigen Henker ihres eigenen
Zweckes sind. Auch arbeiten die Jesuiten, als moderne Sisyphusse, im Schweisse
ihres Angesichtes an ihrer unausgesetzten Selbstaufhebung, und wo sich die
rechtmässige Weltbewegung, die keine Ränke übt, nur im Schlafe schüttelt, müssen
sie davonlaufen oder der Bewegung dienen ohne Dank. Am seltsamsten nehmen sich
in solchen Katastrophen alle jene Müssiggänger aus, welche unter dem drohenden
Namen von »geheimen Jesuiten« in aller Welt herumliegen und tun, als ob sie was
zu tun hätten ausser der zwecklosen Unruh-und Zwietrachtserregung, die ihr
närrisches Gebaren hervorbringt!
    Weil die Reformation ihrer Zeit und Möglichkeit nach eine Halbheit war, so
entstand durch ihre Bewegung sogleich der Jesuitismus, um den leeren Raum zu
füllen; oder vielmehr war er selbst eine leere Löwenhaut, in welche sich, dem
wirklichen Löwen der Reformation gegenüber, andere Tiere steckten, vom Esel an
bis zum Wolf und Tiger, und selbst wenn sich ein löwenartiges Tier darin
verbarg, so hob sich dieses selbst wieder auf durch die doppelte Haut, wie zwei
Nein sich aufheben oder zwei Ja wirkungslos und matt werden.
    Diese Löwenhaut ist eben die Metode, die Verfassung, die Weltverbreitung,
das scheinbare Gelingen der Jesuiten, und das tragikomische Schicksal dieses
gewaltigen Balges ohne ein eingewachsenes, eigentümliches Tier hat ein neuerer
Schriftsteller wohl bezeichnet, wenn er sagt »dadurch, dass der Jesuitismus in
die weltliche Gesellschaft eintritt und sich mit ihr vereinigt, wird er unfähig,
sich von ihr loszumachen, d.h. sie etwas Besonderes zu lehren, die Welt bat ihn
erobert, nicht er die Welt«.
    Es gibt daher, wenigstens in unserer Zeit, keinen edleren Prinzipienkampf
gegen ihn, sondern nur Polizei, Exekution und Austreibung, wo immer er sich mit
fleissiger Rührigkeit dazu reif gemacht hat. Die neue Bundesverfassung der
Schweizer tat sehr wohl daran, die Verpönung der Jesuiten unmittelbar neben den
Paragraphen zu setzen, welcher von den gemeingefährlichen Seuchen handelt; denn
ebenso äusserlich wie diese kommt, verschwindet und kommt wieder der Jesuitismus
Gegen ihn selbst soll darum keine tiefere Leidenschaft des Hasses mehr Raum
finden; dagegen soll sich diese wider alles das kehren, was dem Jesuitismus
Nahrung gibt, d.h. wir müssen das edle Patos des wahren Hasses zur Reinigung
unserer selbst gegen das wenden, was im allgemeinen Vorrat unserer
Eigenschaften, Neigungen und Zustände dem Jesuitismus den Stoff und die
Werkzeuge liefert. Der Stoff ist das zu verfahrende, zu beherrschende oder zu
bestimmende Volk; dieses dem Jesuitismus abzuringen, ist der einzig radikale Weg
sich in allen Ränken den Jesuiten gerade entgegengesetzt zu verhalten, in der
Tat und in der Wahrheit. Was dies heissen will, darüber soll jeder im
vorkommenden Fall nachdenken. Die Werkzeuge sind obige unnütze und eitle Köpfe,
blasierte und verdorbene Fähigkeiten aller Art, deren verkünsteltem und
autoritätssüchtigem Wesen es besser zusagt, sich in eine marktschreierische und
metodische Autoritätskompanie zu retten, wenn auch als »Leichnam«, als sich der
offenen, einfachen und naiven Weltbewegung, die sie in ihrer Verschrobenheit für
trivial halten, anzuschliessen. Es ist eine Krankheit, welche man die
Talentfäulnis nennen könnte und welche vorzüglich in Übergangszeiten entsteht
und wuchert. Den damit Behafteten ist es nicht gegeben und nicht möglich, ihre
Anlagen reifen zu lassen und mit anderen ehrlichen Leuten an derselben
unmittelbaren Sonne des Lebens zu gehen und zu wirken; sie wollen das Allgemeine
überholen und überlisten, und indem sie einen Vorsprung zu gewinnen trachten,
geben sie sich dem Gemachten und Künstlichen, dem Komplizierten und Mittelbaren
hin, dem Unechten und dem Erlogenen, und von diesem Gebiete aus, wo es ihnen
nicht mehr möglich ist, recht zu tun, werden sie die geschworenen Feinde des
Allgemeinen, das schlecht und recht vorwärtsgeht. Dies Unwesen in allen Graden,
auf jedem Boden und in jeder Umgebung zu bekämpfen und zu ersticken und jedes
kranke Glied abzuschneiden, ist der beste Kampf auch gegen den Jesuitismus.
    So kam Heinrich zu der Überzeugung, dass das historische und politische
Bewusstsein weniger in der Ausbildung eines spezifischen Hasses gegen die Hemmung
als in der Reinigung und Befestigung seiner selbst bestehen und hiedurch
wesentlich die Aufmerksamkeit, Tätigkeit und Hoffnung gelenkt werden solle.
Schon weil alles das, was sich reaktionär nennt, jederzeit hasserfüllt, straf-
und rachsüchtig ist, so kann es der Fortschritt unmöglich sein, oder er ist
keiner. Die Reaktion liebt z.B. das Blut, folglich darf es der Fortschritt nicht
lieben, wenn er ihr wahrhaft überlegen sein will. Auch die gerechteste Rache
führt den eigenen schliesslichen Untergang mit sich, und die heldenmütigsten
Rächer bringen mit ihrem Siege höchstens eine grosse Tragödie zustande; es
handelt sich aber eben in der Geschichte und Politik um das, was die kurzatmigen
Helden und Rhetoren nie einsehen nicht um ein Trauerspiel, sondern um ein gutes
Ziel und Ende, wo die geläuterte unbedingte Einsicht alle versöhnt, um ein
grosses heiteres Lustspiel, wo niemand mehr blutet und niemand weint. Langsam,
aber sicher geht die Welt diesem Ziele entgegen.
    Mit einem Worte, Heinrich erlangte die gute und nützliche Erkenntnis alles,
was wir an unseren Gegnern verwerflich und tadelnswert finden, das müssen wir
selber vermeiden und nur das an sich Gute und Rechte tun, nicht allein aus
Gutmütigkeit und Neigung, sondern recht aus Zweckmässigkeit und energischem
geschichtlichen Bewusstsein.
    Wie er nun dazu noch sah, dass jede geschichtliche Erscheinung genau die
Dauer hat, welche ihre Gründlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und
der Art ihres Entstehens entspricht, wie die Dauer jedes Erfolges nur die
Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung des Verständnisses ist und wie
gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der Geschichte weder hoffen noch
fürchten, weder jammern noch toben, weder Übermut noch Verzagteit etwas hilft,
sondern Bewegung und Rückschlag ihren wohlgemessenen und begründeten Rhytmus
haben, so gab er besonders acht auf die Zeit- und Dauerverhältnisse in der
Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustände mit ihrer
Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von anhaltenden Zuständen z.B. ein
plötzliches oder ein allmähliches Ende nehmen oder welche Art von unerwarteten
raschen Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben und warum? welche
Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen, einen gänzlichen oder teilweisen
Rückschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre
führen und welche den erwarteten Gang offen gehen? in welchem Verhältnis
überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhytmus der Jahrhunderte,
der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe usw.? Dies
alles betrieb er nicht, um eine Kalenderwissenschaft aufzustellen, sondern
lediglich, um die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstärken.
Durch diese Anschauung wurde er befähigt, schon im Beginn einer Bewegung nach
ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken, die
er auf sie zu setzen hatte, wie es einem besonnenen, freien Staats und
Weltbürger geziemt. Es ist, nicht leider, sondern glücklicherweise, kein
Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit, dass in der Geschichte überall keine
Hexerei, sondern das Sprüchlein? Wie man's treibt, so geht's! die lehrreichste
Erklärung für alles ist.
    Der ruhige feste Gleichmut, welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und
Vergleichung des einzelnen hervorgeht, glücklich gemischt mit lebendigem Gefühl
und Feuer für das nächst zu Ergreifende und Selbsterlebte, macht erst den guten
und wohlgebildeten Weltbürger aus. Denn wenn er in diesen, in seinen eigenen
Bestrebungen scheitert oder ein grosses Misslingen oder einen Untergang miterlebt,
so gibt nur jene Ruhe ihm denjenigen Trost und Halt, ohne welchen kein
selbstbewusstes menschliches Wesen denkbar ist und leben kann.
    Heinrich erwarb sich indessen nichts weniger als eine grosse Gelehrsamkeit
oder gar die blosse Einbildung einer solchen; lediglich schaute er sich um, von
einem dringenden Instinkte getrieben, erhellte sein Bewusstsein von den Dingen,
die da sind, gelehrt, gelernt und betrieben werden, und hatte an allem eine
ungetrübte gleichmässige Freude, ohne sich anzumassen, sich selbst etwa hervortun
zu wollen, oder sich für dies oder jenes selbsttätig entscheiden zu können.
Alles, was gründlich und zweckmässig betrieben wurde und echt menschlich war,
erschien ihm jetzt gleich preiswürdig und wesentlich, und jeder schien ihm
glücklich und beneidenswert, der, seinen Beruf recht begreifend, in Bewegung und
Gesellschaft der Menschen, mit ihnen und für sie, unmittelbar wirken kann.
    Dies alles hatte die kleine Figur des borghesischen Fechters veranlasst, und
Heinrich trieb es wie etwa der Sohn eines wohlhabenden guten Hauses, welcher
sich zu seiner Formierung im Auslande aufhält und einige allgemeine Studien
treibt, von allem ein bisschen lernt, um dereinst einen wohlbestellten und
unterrichteten Bürgersmann vorzustellen, welcher weiss, worum es sich handelt,
und, ohne gelehrt zu sein, doch in manchem Falle, wo er nicht schon eine eigene
Meinung hat, imstande ist, sich eine solche auf dem kürzesten Wege anzueignen.
    So verging die Zeit, und während Heinrich ohne freien Willen, denn er konnte
gar nicht anders, rücksichtslos und gänzlich die Zeit verwendete, sich Zeug und
Stoff für seinen freien Willen zu verschaffen, nämlich Einsicht, wusste er
bereits nicht mehr, wovon er leben sollte, und sah sich plötzlich zu seinem
grossen Erstaunen von Not und Sorge umgeben, so dass er kaum wusste, wie ihm
geschah.
 
                                Viertes Kapitel
Als er vor nun bald vier Jahren sein Vaterhaus und seine Heimat verliess, war zu
seinem Eintritt in die Welt die mässige Barsumme bestimmt, welche seine Mutter
während ihres Witwenstandes, trotz ihrer beschränkten Verhältnisse und
ungeachtet sie zu gleicher Zeit einen Sohn erzog, doch unbemerkt erspart hatte.
Diese Summe war bei bescheidener Lebensweise für etwa ein Jahr hinreichend, nach
dessen Ablauf sich ernähren und zugleich weiterbilden zu können Heinrich nicht
zweifelte und seine Mutter ebenso sicher hoffte, da es geschehen musste und sie
ihrer ganzen Lebensart nach selbst von nichts anderm wusste, als dem Notwendigen
sich zu fügen und ihm gerecht zu werden. Sie nannte dies »sich nach der Decke
strecken« und verzierte jeden ihrer Briefe, die sie an den Sohn schrieb,
sorgfältigst am Eingang und am Schlusse mit dieser Metapher, und der Sohn nannte
dieselbe scherzweise das Prokrustesbette seiner Mutter. Indessen, um für alle
Fälle das Ihrige zu tun, veränderte sie sogleich am Tage nach seiner Abreise
ihre Wirtschaft und verwandelte dieselbe beinahe vollständig in die Kunst, von
nichts zu leben.
    Sie erfand ein eigentümliches Gericht, eine Art schwarzer Suppe, welches sie
jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern um die Mittagszeit kochte, auf einem
Feuerchen, welches ebenfalls beinahe von nichts brannte und ein Klafter Holz
ewig dauern liess. Sie deckte während der Woche nicht mehr den Tisch, da sie nun
ganz allein ass, nicht um die Mühe, sondern die Kosten der Wäsche zu ersparen,
und setzte ihr Schüsselchen auf ein einfaches Strohmättchen, welches immer
sauber blieb, und indem sie ihren abgeschliffenen Dreiviertelslöffel in die
Suppe steckte, rief sie pünktlich den lieben Gott an, denselben für alle Leute
um das tägliche Brot bittend, besonders aber für ihren Sohn. Nur an den Sonn-
und Festtagen deckte sie den Tisch förmlich und setzte ein Pfündchen Rindfleisch
darauf, welches sie am Sonnabend eingekauft. Diesen Einkauf selber machte sie
weniger aus Bedürfnis - denn sie hätte sich für ihre Person auch am Sonntage
noch mit der lakonischen Suppe begnügt, wenn es hätte sein müssen - als
vielmehr, um noch, einen Zusammenhang mit der Welt und Gelegenheit zu haben,
wenigstens einmal die Woche auf dem alten Markt zu erscheinen und den Weltlauf
zu sehen. So marschierte sie denn still und eifrig, ein kleines Körbchen am Arm,
erst nach den Fleischbänken, und während sie dort klug und bescheiden hinter dem
Gedränge der grossen Hausfrauen und Mägde stand, welche lärmend und stolz ihre
grossen Körbe füllen liessen, machte sie höchst kritische Betrachtungen über das
Behaben der Leute und ärgerte sich besonders über die munteren leichtsinnigen
Dienstmägde, welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betören liessen,
dass sie, während sie mit ihnen scherzten und lachten, ihnen unversehens eine
ungeheure Menge Knochen und Luftröhrenfragmente in die Waagschale warfen, so dass
es die Frau Elisabet Lee fast nicht mit ansehen konnte. Wenn sie die Herrin
solcher Mädchen gewesen wäre, so hätten diese ihre Verliebteit an den
Fleischbänken teuer büssen und jedenfalls die Knorpel und Röhren der falschen
trügerischen Gesellen selbst essen müssen. Allein es ist dafür gesorgt, dass die
Bäume nicht in den Himmel wachsen, und diejenige, welche von allen anwesenden
Frauen vielleicht die böseste und strengste gewesen wäre, hatte dermalen nicht
mehr Macht als über ihr eigenes Pfündlein Fleisch, das sie mit Umsicht und
Ausdauer einkaufte. Sobald sie es im Körbchen hatte, richtete sie ihren Gang
nach dem Gemüsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grün, an den
frischen Früchten, welche aus Gärten und Fluren hereingebracht waren. Sie
wandelte von Korb zu Korb und über die schwanken Bretter von Schiff zu Schiff,
das aufgehäufte Wachstum übersehend und an dessen Schönheit und Billigkeit die
Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit ermessend, und
zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grünen Landstriche und die Gärten
ihrer Jugend auf, in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt hatte, dass
sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war, als sie jetzt bedächtig und teuer
einkaufen musste. Hätte sie noch grosse Vorräte für eine zahlreiche Familie
einzukaufen und zu ordnen gehabt, so würde das ein Ersatz gewesen sein für das
Pflanzen und Graben; aber auch dieser Beruf war ihr genommen, und daher war die
Handvoll grüner Bohnen, Spinatblättchen oder junger Rübchen, welche sie endlich
in ihr Körbchen tat, nachdem sie manchen scharfen Verweis und Zuspruch wegen
Überteuerung ausgeteilt, ihr ein notdürftiges Pfand und Symbolum, samt dem
Büschelchen Petersilie oder Schnittlauch, das sie gratis erkämpft. Dies war ihre
Poesie, Elegie und Samstagstragödie.
    Das schöne weisse Stadtbrot, das bislang in ihrem Hause gegolten, schaffte
sie nach Heinrichs Abreise sogleich ab und bezog alle vierzehn Tage ein billiges
rauhes Landbrot, welches sie so sparsam ass, dass es zuletzt immer steinhart
wurde, und dasselbe vergnüglich und zufrieden bewältigend, schwelgte sie
ordentlich in ihrer freiwilligen Askese.
    Zugleich wurde sie karg und herb gegen jedermann, in ihrem
gesellschaftlichen Leben vorsichtig und zurückhaltend, um alle Ausgaben zu
vermeiden, und bewirtete niemanden, oder doch so knapp und ängstlich, dass sie
bald für geizig und ungefällig gegolten hätte, wenn sie nicht durch eine
verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem, was sie durch die Mühe ihrer Hände, ohne
andere Kosten, bewirken konnte, jene herbe Sparsamkeit aufgewogen hätte.
Überall, wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte, im ganzen Umkreise ihrer
Nachbarschaft, war sie immer wach und rüstig bei der Hand, keine Mühe und
Ausdauer vermeidend, insofern sie nur nichts kostete, und da sie für sich bald
fertig war und sonst nichts zu tun hatte, so verwandte sie fast ihre ganze Zeit
zu solchen Dienstleistungen, still und fleissig denselben obliegend, bald in
diesem Hause, bald in jenem, wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrängten.
    Aber überallhin brachte sie ihre strenge Einteilung und Sparsamkeit mit, so
dass die unerfahrenen und behäbigen Weiber, während sie dankbar und rühmend ihre
unermüdliche Hilfe sich gefallen liessen, doch hinter ihrem Rücken sagten, es
wäre eigentlich doch eine Sünde von der Frau Lee, dass sie gar so ängstlich sei
und spröde in sich verschlossen dem lieben Gott nichts überlassen könne oder
wolle. Dies war aber durchaus nicht der Fall; sie überliess der Vorsehung des
Gottes alles, was sie nicht verstand, vorerst die Verwicklungen und
Entwicklungen der moralischen Welt, mit denen sie nicht viel zu tun hatte, da
sie sich nicht in Gefahr begab; nichtsdestominder war Gott ihr auch der
Grundpfeiler in der Viktualienfrage; aber diese hielt sie für so wichtig, dass es
für sie eine eigentliche Ehrensache war, sich zuerst selber mit Hand und Fuss zu
wehren. Denn ein doppelter Strick halte besser, und wenn auf Erden und im Himmel
zugleich gesorgt würde, so könne es um so weniger fehlen!
    Und mit eiserner Treue hielt sie an ihrer Weise fest; weder durch die
Sonnenblicke der Fröhlichkeit noch durch düsteres Unbehagen, weder im Scherz
noch im Ernst liess sie sich verleiten und überrumpeln, auch die kleinste
ungewohnte Ausgabe zu machen. Sie legte Groschen zu Groschen, und wo diese
einmal lagen, waren sie so sicher aufgehoben wie im Kasten des eingefleischten
Geizes. Mit der Ausdauer und Konsequenz des Geizes sammelte sie Geld, aber nicht
zu ihrer Freude und zur Lust ihrer Augen, denn das Gesammelte beschaute sie
niemals und überzählte es nie, und hiedurch unterschied sich ihr Tun und Lassen
von demjenigen der Geizigen.
    Allein diese ihre Art, indem sie zurückhaltend, ängstlich und geizig
erschien und zugleich dienstfertig, still, hilfereich und liebenswürdig war,
verlieh ihr einen eigentümlichen und einsamen Charakter, so dass die Leute ihre
freundliche und nützliche Seite annahmen und über ihr stilles, strenges Sorgen,
Hoffen und Fürchten sie nicht befragten.
    Zudem würden sie dasselbe weder begriffen noch gebilligt haben; denn alle
verlangten von ihren eigenen Söhnen, wenn sie nicht Gelehrte wurden, dass sie
sich zeitig selbst ernährten, und wenn je einmal eine ganz behagliche Familie
ihrem in die Klemme geratenen Sohn Schreiner oder Schlosser einige Taler
übersandte, so geschah dies mit einem erheblichen Aufwande von Lärm, und des
Goldeinwechselns, Verpackens, Versiegelns, Versicherns auf der Post und des
Sprechens von alledem war kein Ende; dass aber Heinrich schon abgereist war, um
förmlich im Auslande von einer bestimmten Summe zu leben, dazu hatten die
Nachbaren schon die Köpfe geschüttelt und gemeint, er hätte doch schon genug
gekostet und könnte nun sehen, etwas zu verdienen, wie anderer Leute Kinder
auch. Deshalb sagte seine Mutter zu niemandem, warum sie so sparsam sei.
    Der Held dieser Geschichte reichte auch mit jener Summe für ein Jahr so
knapp aus; denn obgleich dieselbe sehr bescheiden war, so waren seine
Gewohnheiten und Ansprüche zu jener Zeit trotz aller Anlage zu einem tüchtigen
Aufschwunge ebenso bescheiden, und da die Mutter ihm das Geld vorsorglich nur in
vielen kleinen Abteilungen übersandte, jede in einen Brief mit obigem Motto
gewickelt, so kam mit den guten Silberstücken, von denen sie jedes einzelne in
den sparsamen Händen gehabt, jedesmal auch ihr häuslicher Machteinfluss und die
eiserne Gewohnheit der Bescheidenheit und des Respektes mit. Als jedoch das
erste Jahr und mit ihm die rnütterlichen Sendungen zu Ende gingen, da hatte
Heinrich noch nicht die mindesten Anstalten getroffen, sich auf eigene Faust zu
ernähren; denn hier trat nun der Zeitpunkt ein, wo die allgemeine und doch so
geheimnisvolle Macht dieser modernen Kunst und Heldenschaft sich ihm offenbaren
sollte. In der heutigen Welt sind alle, die in der Werkstatt der
fortschreitenden Kultur beschäftigt sind und es mit einem Zweige derselben zu
tun haben, geschieden von Acker und Herde, vom Wald und oft sogar vom Wasser.
Kein Stück Brot, sich zu nähren, kein Bündel Reisig, sich zu wärmen, keine
Flocke Flachs oder Wolle, sich zu kleiden, in grossen Städten keinen frischen
Trunk Wasser können sie unmittelbar durch eigene frohe Mühe und Leibesbewegung
von der Natur gewinnen. Viele unter ihnen, wie die Künstler und Schriftmenschen,
empfangen ihre Nahrung nicht einmal von denen, welche der Natur näherstehen,
sondern wieder von solchen, welche ihr ebenso entfernt stehen wie sie selbst und
eine künstliche abstrakte Existenz führen, so dass der ganze Verkehr ein Gefecht
in der Luft, eine ungeheure Abstraktion ist, hoch über dem festen Boden der
Mutter Natur. Und selbst dann noch, wenn die einen die Mittel ihres Daseins von
den anderen empfangen, geschieht dieses so unberechenbar, launenhaft und
zufällig, dass jeder, dem es gelungen ist, dies nicht als den Lohn seines
Strebens, sein Verdienst betrachten darf, sondern es als einen blinden
Glücksfall, als einen Lotteriegewinst preisen muss. In diesem seltsamen
Zusammentreffen der Geister, oder vielmehr der Leiber, ist der unmittelbare
Prozess des Essens, des Zusichnehmens der Nahrung zwar noch nicht offen als eine
Tugend und Ehre an sich ausgesprochen, und noch immer gilt zur Notdurft die
Moral, dass das Essen eine verdienstlose Notwendigkeit sei, obgleich mancher sein
Brot so isst, dass man sieht, er macht sich das Beissen und Kauen schon zur Ehre
und kaut dem, der keines hat, recht unter die Nase; aber der glückliche Erwerb
des Brotes ist zu dieser Zeit aus einer einfachen Naturpflicht zu einer
ausgesuchten Ehrentugend und Ritterschaft geworden, zu deren Erlangung der
Neuling nicht ohne weiteres zugelassen wird, sondern verschiedene
freimaurerische Grade der Niederträchtigkeit oder der Verdrehteit und
zweckwidrigen Unsinnes jeder Art durchmachen muss. In der Bevölkerung, welche ihr
Leben unmittelbar der Natur und dem untersten Bedürfnis abgewinnt, ist die
Heiligkeit und die Bedeutung der Arbeit noch klar und verständlich; da versteht
es sich von selbst, dass keiner dem andern zusehen darf, wie er gräbt und
schaufelt, um ihm das Herausgegrabene wegzunehmen und zu verzehren. Alles, was
einer da tut, hilft ihn und die Welt erhalten und hat einen unbezweifelten,
wahren und sichern Zweck. In jener höheren abstrakten Welt aber ist einstweilen
alles auf den Kopf gestellt und die Begriffe von der Bedeutung der Arbeit
verkehrt bis zum Unkenntlichwerden.
    Hier führt ein blosses Wollen, ein glücklicher Einfall ohne Mühe zu
reichlichem Erwerb, dort eine geordnete und nachhaltige Mühe, welche mehr der
wirklichen Arbeit gleicht, aber ohne innere Wahrheit, ohne vernünftigen Zweck,
ohne Idee. Hier heisst Arbeit, lohnt sich und wird zur Tugend, was dort
Nutzlosigkeit, Müssiggang und Laster ist. Hier nützt und hilft etwas teilweise,
ohne wahr zu sein; dort ist etwas wahr und natürlich, ohne zu nützen, und immer
ist der Erfolg der König, der den Ritterschlag in dieser künstlichen Welt
erteilt. Und alle diese Momente vermischen und kreuzen sich auf so wunderliche
Weise, dass für die gesunde Vernunft das Urteil schwer wird.
    Ein Spekulant gerät auf die Idee der Revalenta arabica und bebaut dieselbe
mit aller Umsicht und Ausdauer; sie gewinnt eine auffallende Ausbreitung und
gelingt glänzend; Hunderttausende, vielleicht Millionen werden dadurch in
Bewegung gesetzt und gewonnen, und doch sagt jedermann Es ist ein Betrug und ein
Schwindel! Und doch muss man die Sache näher ansehen. Betrug und Schwindel nennt
man sonst, was gewinnen soll ohne Arbeit und Mühe, gegründet auf eine
Vorspiegelung oder Täuschung. Niemand wird aber sagen können, dass das
Revalentageschäft ohne Arbeit betrieben werde; es herrscht da gewiss eine so gute
Ordnung, Fleissigkeit, Betriebsamkeit, Um- und Übersicht wie in dem
notwendigsten, solidesten Handelszweige oder Staatsgeschäfte; es ist, gegründet
auf den Einfall des Spekulanten, eine umfassende Tätigkeit, eine wirkliche
Arbeit entstanden.
    Die Beschaffung des Mehles, die Anfertigung der Blechbüchsen, die Verpackung
und Versendung, der Vertrieb in den verschiedensten Ländern schafft vielen
Menschen Handarbeit und Gewinn. Die zahllosen marktschreierischen Ankündigungen,
mit einer durchdachten und mühevollen Umsicht betrieben, bringen Hunderten von
Zeitungen reichlichen Gewinn, und diese brauchen in gleichem Masse vermehrte
Arbeitskräfte; Setzer und Drucker finden viele Tage Nahrung in dem weitesten
Umkreise nur durch die Inserate der Revalentamänner, und diese selbst, das Ganze
beherrschend, nennen ihre Tätigkeit gewiss nicht minder Arbeit, wenn sie aus
ihrem Comptoir kommen, als ein Rotschild die seinige. Hier sind der spekulative
Einfall, oder was die Unternehmer wahrscheinlich die Idee nennen, und die Mühe,
die wirklichste Arbeit verbunden; es wird gewirkt und genützt im vollen Masse und
wohl niemandem was geschadet, und doch ist das Ganze ein skandalöser Schwindel
und sein Kern eine hohle Nuss, indem die Hauptsache, der vorgegebene Zweck;, die
Eigenschaft des Gegenstandes dieser ganzen Tätigkeit eine offenkundige Täuschung
ist und dessenungeachtet doch wieder der Chef dieser ungeheuren Blase der Zeit
in seiner Umgebung so geachtet und geschätzt wie jeder andere Geschäftsmann. Wo
liegt hier die Ehre und wo die Schande? Dies ist aber nur ein grobes Beispiel
aus dem gröbern Weltverkehr. Es wird Revalenta arabica gemacht in Kunst und
Wissenschaft, in Teologie und Politik, in Philosophie und bürgerlicher Ehre
aller Art, nur mit dem Unterschied, dass es nicht immer so unschädliches
Bohnenmehl ist, aber mit der gleichen rätselhaften Vermischung von Arbeit und
Täuschung, innerer Leerheit und äusserm Erfolg, Unsinn und weisem Betriebe, von
Zwecklosigkeit und stattlich ausgebreitetem Gelingen, bis der Herbstwind des
Todes alles hinwegfegt und auf dem öden Stoppelfelde nichts übriglässt als hier
ein seltsam zusammengewürfeltes Vermögen, dort ein Haus, dessen Erben nicht zu
sagen wissen, auf welchem Grund und mit welchem Recht es gegründet ist, und wenn
dies Erbe auch noch verweht ist, so ist weder eine geistige noch leibliche Spur,
noch ein Zusammenhang mehr zu finden zum Zeugnis, dass jene Betriebsamen einst
auch dagewesen seien und sich, obgleich fleissig, doch mit Recht und Ehre genährt
haben, während jeder wohlbestellte Acker ein Denkmal ist dessen, der ihn einst
geackert hat.
    Will man hingegen aus der grossen öffentlichen Welt ein Beispiel
wirkungsreicher Arbeit, die zugleich ein wahres und vernünftiges Leben ist,
betrachten, so muss man das Leben und Wirken Schillers ansehen. Dieser, aus dem
Kreise hinausflüchtend, in welchem Familie und Landesherr ihn halten wollten,
alles das im Stiche lassend, zu was man ihn machen wollte, stellte sich in
früher Jugend auf eigene Faust, nur das tuend, was er nicht lassen konnte, und
schaffte sich, um ein eigengehöriges Leben zu beginnen, sogar durch eine
schreiende Ausschweifung, durch eine überschwengliche und wilde
Räubergeschichte, durch einen Jugendfehler Luft und Licht; aber sobald er dies
gewonnen, veredelte er sich unablässig von innen heraus, und sein Leben ward
nichts anderes als die Erfüllung seines innersten Wesens, die folgerechte und
kristallreine Arbeit der Wahrheit und des Idealen, die in ihm und seiner Zeit
lagen. Und dieses einfach fleissige Dasein verschafte ihm alles, was seinem
persönlichen Wesen gebührte; denn da er, mit Respekt zu melden, bei alledem ein
Stubensitzer war, so lag es nicht in demselben, ein reicher und glänzender
Weltmann zu sein. Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen
Charakter, die eben nicht Schillerisch war, und er wäre es auch geworden. Aber
nach seinem Tode erst, kann man sagen, begann sein ehrliches, klares und wahres
Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfähigkeit zu zeigen, und wenn man
ganz absieht von seiner geistigen Erbschaft, welche er der Welt hinterlassen, so
muss man erstaunen über die materielle Bewegung, über den bloss leiblichen Nutzen,
den er durch das blosse treue Hervorkehren seines geistigen Ideales hinterliess.
So weit die deutsche Sprache reicht, ist in den Städten kaum ein Haus, in
welchem nicht seine Werke ein- oder mehrfach auf Gesims und Schränken stehen,
und in Dörfern wenigstens in einem oder zwei Häusern. Je weiter aber die Bildung
der Nation sich verbreitet, desto grösser wird die jetzt schon ungeheure
Vervielfältigung dieser Werke werden und zuletzt in die niederste Hütte dringen.
Hundert Geschäftshungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums, um die
edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die
Bibel, und der umfangreiche leibliche Erwerb, der während der ersten Hälfte
eines Jahrhunderts stattgefunden, wird während der zweiten Hälfte desselben um
das Doppelte wachsen und vielleicht im kommenden Jahrhundert noch einmal um das
Doppelte. Welch eine Menge von Papiermachern, Papierhändlern,
Buchdruckersleuten, Verkäufern, Laufburschen, Kommentatoren der Werke,
Lederhändlern, Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen, welch
eine fortwährende Tat, welch nachhaltiger Erwerb im materiellsten Sinne waren
also die kurzen Schillerschen Arbeits- und Lebensjahre. Dies ist, im Gegensatz
zu der Revalenta arabica manches Treibens, auch eine umfangreiche Bewegung, aber
mit einem süssen und gehaltreichen Kern, und nur die äussere derbe Schale eines
noch grössern und wichtigern geistigen Glückes, der reinsten nationalen Freude.
    Gegenüber diesem einheitlichen organischen Leben gibt es nun auch ein
gespaltenes, getrenntes, gewissermassen unorganisches Leben, wie wenn Spinoza und
Rousseau grosse Denker sind ihrem innern Berufe nach und, um sich zu ernähren,
zugleich Brillengläser schleifen und Noten schreiben. Diese Art beruht auf einer
Entsagung, welche in Ausnahmsfällen dem selbstbewussten Menschen wohl ansteht,
als Zeugnis seiner Gewalt. Die Natur selbst aber weist nicht auf ein solches
Doppelleben, und wenn diese Entsagung, die Spaltung des Wesens eines Menschen
allgemein gültig sein sollte, so würde sie die Welt mit Schmerz und Elend
erfüllen. So fest und allgemein wie das Naturgesetz selber sollen wir unser
Dasein durch das nähren, was wir sind und bedeuten, und das mit Ehren sein, was
uns nährt. Nur dadurch sind wir ganz, bewahren uns vor Einseitigkeit und
Überspannteit und leben mit der Welt im Frieden, so wie sie mit uns, indem wir
sie sowohl bedürfen mit ihrer ganzen Art, mit ihrem Genuss und ihrer Müh, als sie
unser bedarf zu ihrer Vollständigkeit, und alles das, ohne dass wir einen
Augenblick aus unserer wahren Bestimmung und Eigenschaft herausgehen.
    Wenn nun schon unter den hervorragenden Existenzen jenes künstlichen
Ernährungsverkehres ein solches Durcheinander von Geltung, Pflicht, Ehre und
Zweckmässigkeit herrscht, so dass diese in jedem Augenblicke und an jeder Stelle
einen andern Massstab und eine andere Anerkennung verlangen, eine andere Energie
und eine andere Geschicklichkeit, wie schwierig wird diese Verwickelung erst für
den unbefangenen und einfach gearteten Neuling, Kleinen und Werdenden! Weit
entfernt, sein wahres Wesen hervorkehren zu dürfen und dieses einfach wirken zu
lassen, soll er tausend kleine Künste und Fähigkeiten lügen oder gewaltsam
erwerben, welche zu allem, was er sonst ist, treibt und gelernt hat, sich
vollkommen unsinnig und zweckwidrig verhalten. Er soll lernen, auf den Vorteil
zu schiessen, wie eine Spinne auf die Mücke, während vielleicht die besondere
Natur seines Berufes langsam, gründlich und beschaulich ist; er soll demütig und
kriechend sein, wo er stolz sein möchte, und hinwieder unverschämt und
prahlerisch, wo er nur bescheiden sein kann; er muss geizig und zurückhaltend
sein mit dem Reifen und Fertigen, das sich wie die Frucht von dem Baume seines
Daseins ablösen will, und er muss hinwieder mit blutendem Herzen freigebig sein
mit dem Unreifen und Werdenden und es wegwerfen um des Erwerbes willen. Wenn er
nimmt, was ihm gebührt, so muss er dafür danken, und erst wenn er empfängt, was
ihm nicht gebührt, so ist er des Dankes quitt und hat Ehre davon, so dass schon
die notwendige Angewöhnung und Gewandteit des Erwerbes unwillkürlich nach einem
verwerflichen Ziele führt.
    Welch eine Menge von kleinen persönlichen und gesellschaftlichen
Verumständungen gehört dazu, wenn es dem jungen Künstler gelingen soll, sein
Erstlingswerk an den Mann zu bringen, und von diesem einzigen Erfolge hängt
meistens das weitere glückliche Fortschreiten der nächsten fünf, ja zehn Jahre
ab, die Entscheidung, ob die lange Jugend bis tief in die Männerjahre hinein
eine blühende und glückliche Zeit oder eine dürre und finstere sein, freilich
auch oft, ob der Mann auf der leichtfertigen und oberflächlichen oder auf der
tieferen und nachhaltigen Seite des Lebens stehen soll. Gleich dem armen Weibe,
dessen Leben im Niedergange ist und welches aus zarter Baumwolle und etwas
Goldschaum ein Schäfchen wickelt, dasselbe auf den Weihnachtsmarkt trägt und
dort mit seinen vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein setzt,
gewärtigend, ob einer von den tausend Vorübergehenden seinen Blick auf das
Schäfchen lenke und dasselbe kaufe, stellt in der Regel der junge Kunstmann,
dessen Leben im Aufgange ist, sein erstes Werk an einen öffentlichen Ort, und
all sein Vertrauen und seine Hoffnung auf das, was er gelernt und geleistet hat,
vergessend, ist er schon bereit, nur den Zufall zu preisen, der einen geneigten
Käufer vor sein Weihnachtslämmchen führt und durch ein halbes Almosen vielleicht
seinem Lebenslaufe den Ausschlag gibt.
    Als Heinrich zu Ende des ersten Jahres seinen letzten Taler in der Hand
hielt, und vorher keinen Augenblick, machte er endlich ernstliche Anstalten,
sich sein Brot zu erwerben, und zweifelte nicht im mindesten, dass dieses bei der
ersten offenen Bemühung sofort gelingen werde, zumal er täglich Arbeiten
verkaufen sah, welche zustande zu bringen er für kein Hexenwerk hielt. Er
beschloss, ein Bild auszustellen, und ersann zu diesem Ende hin ein anmutiges und
reichhaltiges Motiv, welches nicht nur die Entfaltung poetischer Einfälle und
feiner Zeichnung, sondern auch schöne Farbenverhältnisse von selbst bedingte und
mitin ein sehr glücklich und richtig gewähltes war.
    Als er es entworfen hatte, ersuchte er einen Künstler, welchem er vom Sehen
einigermassen bekannt war, ihn einmal mit seinem Besuch zu beehren und seines
guten Rates teilhaftig zu machen. Der Künstler, ein stattlicher verheirateter
Mann mit einem ansehnlichen Leibe, war einer von denen, die in der Wolle sitzen,
und er verdiente es auch vollkommen; denn er war ein gesunder und meisterhafter
Kumpan und schritt mit seinen schön und energisch gemalten Bildern, die von
selbst eine glänzende Kritik alles Schwächlichen waren, rüstig über den
krabbelnden und kletternden Anspruch des gedankenlosen Haufens hinweg. Sein
Wahlspruch war »Erst etwas recht lernen und dann gute Musik machen! Nichts
trübseliger, als allerlei lernen und dann schlecht musizieren!«
    Es war seit Jahren das erste Mal, dass ein erfahrener Meister wieder
Heinrichs Arbeit beriet und kritisierte, und dieser fand alle Ursache, über sein
eigenes Ungeschick zu erstaunen, als der Mann in seinem Entwurfe
herumwirtschaftete und denselben so trefflich behandelte und zusammenrückte, dass
durch die Anwendung der kräftigen und praktischen Meisterkünste des dicken Herrn
Heinrichs Idee erst schön und wahrhaft idealisiert wurde. Es zeigte sich, dass
das reale technische Wissen und Empfinden allein die Gedanken gut macht und noch
bessere von sich aus vermittelt und hervorzurufen imstande ist. Durch das blosse
Besprechen und Durcharbeiten der äusseren technischen Seite des Gegenstandes
taten sich mehrere ganz neue und glückliche Motive auf, welche gewissermassen in
der Natur der Sache lagen und doch die ursprünglichen Erfindungen des armen
Heinrich, so geistreich dieselben waren, an Wirkung weit hinter sich liessen.
    Der Künstler hatte in einer halben Stunde, immerfort sprechend, auf ein
besonderes Blatt seine Meinung hingezeichnet und so in aller Raschheit eine
treffliche Meisterskizze hergestellt, welche füglich für eine wertvolle
Handzeichnung gelten konnte und welche Heinrich mit äusserstem Wohlgefallen
betrachtete. Als aber die Audienz beendigt war, faltete der Meister ruhig das
Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und überliess den dankbaren Heinrich
freundlich seinen weiteren Bestrebungen.
    Dieser setzte sich denn auch rüstig an die Arbeit; allein hier ahnte er eben
nicht, woran es lag, dass sein Bild nun doch nicht so wurde, wie es nach allen
diesen Umständen hätte werden sollen. Das zu einer Sache berufene besondere
Talent macht diese, sobald ihm ein Licht aufgesteckt ist, ohne weiteres immer
gut, und das erste, was es von Hause aus mitbringt, ist ein glückliches Geschick
zum vollständigen Gelingen. Der allgemeine wohleingerichtete Kopf aber kann sich
mit hundert Dingen beschäftigen, dieselben verstehen und einsehen, ohne es darin
zu einem reif gestalteten Abschluss zu bringen; nur eine lange und bittere
Erfahrung oder eine augenblickliche Erleuchtung können manchmal ein
vorübergehendes Zusammenraffen und eine Ausnahme hervorbringen, welche aber das
ganze Wesen nur noch rätselhafter und meistens misslicher machen. Dies ist das
innere Wesen des gebildeten, strebsamen, talentvollen Dilettantismus, und
tausend Existenzen in allen Lebenstätigkeiten, berühmt oder unberühmt, haben in
ihm ihr Geheimnis. Sie treiben und betreiben, suchen und haschen im Schweisse
ihres Angesichtes und mit hochtrabender Zufriedenheit, während ihr wahres
Geschick, ihre eigentümliche Kraft schlummert für ewige Zeiten oder für eine
andere Sache aufbewahrt bleibt. Besonders in Literatur und Kunst sucht der
Dilettantismus die mangelnde naive Meisterschaft durch Neuheit und
Betriebsamkeit in allerhand Versuchen zu ersetzen, zeichnet sich fortwährend
durch halbe Anläufe aus und gewinnt nach diesen einige Poesie, einiges Patos in
einem wehmütigen elegischen Ende. Er bereitet die Blütezeit vor, bringt sie zu
Fall und verscharrt sie eifrigst, düngt aber wieder ihr Grab zu neuem Wachstum.
Er ist der grosse Vermittler, Dämpfer und Hinhalter in der Weltökonomie; denn
wenn die schlafenden Meisternaturen, die zweifelsohne jeden Augenblick vorhanden
sind, aber unbewusst hinter dem Pfluge gehen oder auf dem Dreifuss des Schusters
sitzen, alle ihre Bestimmung entdecken und erfüllen würden, so würde unsere
Erdenherrlichkeit längst ihr Lied abgeschnurrt haben, gleich einer Uhr, aus
welcher man die Hemmung genommen hat; denn jenes Liedchen hat eigentlich einen
einfachen und eintönigen Inhalt. Indessen ist der Dilettantismus trotz seiner
umfangreichen Macht ein unerfreuliches Dasein; im Grunde sind trotz aller
äusseren Schicksale nur die Meister glücklich, d.h. die das Geschäft verstehen,
was sie betreiben, und wohl jedem, der zur rechten Zeit in sich zu gehen weiss.
Er wird, einen Stiefel zurechtämmernd, ein souveräner König sein neben dem
hypochondrischen Ritter vom Dilettantismus, der im durchlöcherten Ordensmantel
melancholisch einherstolziert.
    Heinrichs Werklein, als es fertig war, sah nun höchst seltsam aus. Er hatte
sich die vollsaftige Frische des Vortrages, auf welche die von dem Meister
geratene Anordnung durchaus berechnet war, doch nicht geben können und war
unwillkürlich wieder in seine blasse traumhafte Malerei verfallen, während die
vielen naiven und liebenswürdigen Züge eines erfindungslustigen Gemütes, welche
auch ein solches mangelhaftes Werk gewissermassen ansprechend und unterhaltend
machen, daraus entfernt waren. So stellte es nun durch seinen gesichteten Inhalt
und das magere scheinlose Machwerk den geübten geistreichen Dilettantismus dar,
obgleich es auf der Stube noch ziemlich respektabel aussah und von den Leuten,
welche das ernstlich Angestrebte, aber nicht ganz Gelungene immer zärtlicher
behandeln als das schlechtweg Gute, vergnüglich belobt wurde.
    Er liess es nun mit einem knappen hölzernen Rahmen versehen, um dem Bilde
noch mehr ein ernstgemeintes und gelehrtes Ansehen zu geben, brachte es auf den
Saal, wo wöchentlich die neuesten Arbeiten ausgestellt wurden, gab schüchtern
und verschämt die Anzeige der Verkäuflichkeit und den Preis ab, der ihn nun bis
auf weiteres ernähren sollte, und zog sich so eilig aus dem Hause zurück, als ob
er etwas darin habe entwenden wollen.
    Als der Sonntagmorgen kam, wo ein elegantes Publikum die Räume füllte, in
welchen die neuen glänzenden Bilder hingen, ging Heinrich mit einigen Bekannten
hin und sah sein Werk, weit weg an ihm vorübergehend, mit einem halben Blick
dahängen. Sogleich kam es ihm, indem sein Auge auf andere stattliche Gegenstände
hinüberstreifte, unerträglich vor in seiner bleichen Farblosigkeit. Als er aber
in einen Nebensaal trat, hing da im besten Lichte der gleiche Gegenstand,
unübertrefflich gemalt mit wenigen sehr zweckmässigen Abänderungen von jenem
tüchtigen Meister, welcher seine Skizze kritisiert und die hübsche Kritik in die
Tasche gesteckt hatte. Wie vom Donner gerührt, betrachtete Heinrich das Bild und
konnte nicht umhin, über das, was der Künstler daraus gemacht hatte, die grösste
Freude allmählich zu empfinden und sich sogar geschmeichelt zu fühlen. Übrigens
war das Bild schon mit einem Zettel versehen, welcher anzeigte, dass die
Kommission dasselbe bereits zu einem sehr erklecklichen Preise angekauft, noch
ehe es ausgestellt gewesen, und jedermann lobte den Kauf.
    Heinrichs Bekannte, welche so schlecht und recht zum betriebsamen, nicht
ungeschickten Mittelschlage gehörten, waren höchlich entrüstet über das
Verfahren eines wohlversorgten und glücklichen Meisters und nannten sein frisch
und munter glänzendes Werk einen Diebstahl und eine rücksichtslose Räuberei,
eine Herzlosigkeit und eine Gemeinheit. Heinrich jedoch schwieg still und
verarbeitete, als ein löblicher und gelehriger Jüngling, die soeben gemachte
Erfahrung, die er sogleich begriff dass es in Sachen der Kunst keinerlei Patent
gibt, sondern nur den einen Satz Mach's, wer kann! sei's, wer's wolle, wenn's
nur entsteht! und dass, wer eine gute Idee schlecht ausfahrt, dem Rabenvater
gleicht, welcher ein Kind aussetzt, wer sie rettet, demjenigen, der es aufnimmt
und pflegt!
    Er fühlte keinen Groll gegen den behenden Meister, sondern veranstaltete
stracks die Wegnahme seiner eigenen Arbeit und steckte beschämt jenen Zettel
wieder ein, auf welchem er seinen Preis angegeben hatte nebst seinem Namen.
    Dies war einstweilen der erste und letzte Versuch Heinrichs, durch seiner
Hände Arbeit sein Leben zu gewinnen, und nichts ging daraus hervor als die
unbezahlte Rechnung für den ernstaften stoischen Rahmen. Er begann zwar bald
einige andere Sachen, welche er besser zu machen gedachte, und man sollte
glauben, dass er bei seiner Unbefangenheit und Einsicht dies wirklich hätte
müssen zuwege bringen; aber es ist eben das Kennzeichen der berufenen Meister
einer Are, dass sie von selbst mit dem Guten und Richtigen den Drang verbinden
nach gemeiner Brauchbarkeit und Geniessbarkeit und das Ziel erreichen, ohne ihrer
Ehre zu vergeben; der Dilettanten dagegen, dass sie immer wieder in ihren
unfruchtbaren Eigensinn zurückfallen und dem angenehmen Erfolge hochfahrend
entsagen. Dies nennen sie meistens edlen Stolz und treues Beharren am Höheren.
Bei Heinrich war es indes nicht sowohl dieser Eigensinn als die zuströmende
Gedankentätigkeit, welche, keinen andern Ausweg sehend, ihn abermals bald auf
das alte Erfindungswesen und die wechselnde Unternehmungslust geraten liess, das
dringende Lebensbedürfnis allmählich vergessend. Dazu war er scheu und zag
geworden, der Welt seine Arbeit gegen Geld anzubieten, und war aufrichtig
überzeugt, dass dieses unrechtmässig gewonnen wäre, solange er nicht selbst
zufrieden sei mit seinen Erzeugnissen, ungleich jenen rüstigen Weltmenschen,
welche sich desto mehr mit einem glückhaften Erwerbe brüsten, je wertloser und
törichter das ist, was sie leisten und durch irgendeine verkehrte Laune des
Geschmackes unterzubringen wissen.
    Während er aber solche stolze Ehrlichkeit besass, besann er sich, da er
Kredit fand als ein unbescholtener junger Mensch, gar nicht, Schulden zu machen,
und fand es ganz in der Ordnung, auf diese Weise bequem und ohne weiteres
Kopfzerbrechen das zweite Jahr hindurch zu leben.
    Die Schulden sind für den modernen Menschen eine ordentliche hohe Schule, in
welcher sich sein Charakter auf das trefflichste entwickeln und bewähren oder in
welcher er, falls dieser von Hause aus fest ist, sein Urteil und seine
Anschauungsweise der Welt gründen und regulieren kann. Jener beliebte Paragraph
in den gang und gäben Verhaltungslehren »eines Vaters an seinen Sohn« Borge von
niemandem, aber borge auch niemandem, denn das Borgen entfremdet die besten
Freunde und stört alle Verhältnisse! ist ein gedankenloser, schäbiger Paragraph,
der Paragraph der Kindsköpfe, die nichts erfahren haben, nichts erfahren wollen
und nichts sein und bleiben werden als eben Kindsköpfe. Verhältnisse, welche
durch Schulden zerstört werden, haben von Anfang an nichts getaugt, und es ist
ein närrisches Wesen der Leute, dass sie wollen Leute sein und gute Freunde
bleiben, ohne ihr gemütliches Vertrauen, ihre Achtung und Liebe irgendwie auf
eine wirklich »unbequeme« Weise prüfen und beweisen zu müssen. Ein kluger Mann
wird daher jene kurzgeschorene Kahlmäuser-Weisheit kassieren und zu seinem Sohne
sagen »Mein Sohn! wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergnügen Schulden
machst, so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr
eine niedrige Seele, die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe,
der andere unter dem Deckmantel einer gemütlichen Liederlichkeit absichtlich um
ihre Habe bringt. Wenn aber ein solcher von dir borgen will, so weise ihn ab;
denn es ist besser, du lachest über ihn als er über dich! Wenn du hingegen in
Verlegenheit gerätst, so borge, soviel es sein muss, und ebenso diene deinen
Freunden, ohne zu rechnen, und alsdann trachte, für deine Schulden aufzukommen,
Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu können, ohne zu wanken
und ohne schimpflichen Zank; denn nicht nur der Schuldner, der seine
Verpflichtungen einhält, sondern auch der Gläubiger, der ohne Zank dennoch zu
dem Seinigen kommt, beweist, dass er ein wohlbestellter Mann ist, welcher
Ehrgefühl um sich verbreitet. Bitte keinen zweimal, der dir nicht borgen will,
und lass dich ebensowenig drängen; denke immer, dass deine Ehre an die Bezahlung
der Schulden geknüpft sei, oder vielmehr denke das nicht einmal, denke an gar
nichts, als dass soundso viel zu bezahlen sei; aber hüte dich, über einen andern,
der dir ein gegebenes Versprechen nicht einhalten kann, sogleich den Stab zu
brechen und dich auf seine Ehre zu berufen. Nach dem Masse aber, in welchem du
dich in Verpflichtungen begibst und deine in dir selbst liegenden Kräfte dabei
in Erwägung ziehst, wirst du erfahren, ob du dich überhaupt unter- oder
überschätzest, und wenn eines von beiden der Fall wäre, so würde es gleichgültig
sein, ob du es gerade noch in Schuldsachen tätest, da du es in allen anderen
Dingen doch auch tun und ein unglückseliger Patron mit oder ohne Schulden sein
würdest. Wenn du aus alledem unbescholten und als ein Freund deiner Freunde
hervorgehst, so bist du mein Mann! Du wirst die Abhängigkeit unseres Daseins
menschlich fühlen gelernt haben und das Gut der erkämpften Unabhängigkeit auf
eine edlere Weise zu brauchen wissen als der, welcher nichts geben und nichts
schuldig sein will.«
    Idealisiert ist das wahre Wesen des ehrlichen Schuldenmachens im Cid,
welcher den Juden eine Kiste voll Sand versetzt und sagt »Es ist Silber darin!«
und dann erst auszieht, um auf gut Glück mit dem Schwerte in der Hand seine Lüge
wahr zu machen! Welche Verdriesslichkeiten, wenn ein Neugieriger vor der Zeit die
Kiste erbrochen und untersucht hätte! Und doch wäre es derselbe Cid gewesen,
dessen Leiche noch das Schwert ein bisschen aus der Scheide zog, als sie ein Jude
am Bart zupfen wollte!
    Wir wollen indessen den grünen Heinrich nicht mit jenem tapfern Cid
vergleichen, welcher in seinem Manneshandwerk ein Meister war und jeden
Augenblick wusste, was er wollte. Heinrich wusste dies, als er wie ein Robinson in
der zivilisierten Wildnis nach Nahrungsmitteln ausgehen sollte, schon nicht mehr
deutlich, und die beiden Entdeckungsreisen, diejenige nach seiner menschlichen
Bestimmung und diejenige nach dem zwischenweiligen Auskommen, trafen auf höchst
missliche Weise zusammen. Genug, da er vor allem Musse brauchte, so war er sein
eigener Mäzen und machte Schulden.
 
                                Fünftes Kapitel
Er verschwieg dies sorgsam vor seiner Mutter, schrieb ihr aber auch nicht, dass
er etwas erwerbe, da es ihm nicht einfiel, sie anzulügen, und da es ihm in der
Tat bei seiner Sorglosigkeit und seinem sichern Gefühl, dass er schon etwas
werden müsse und würde, ganz gut erging, so berichtete er der Mutter in jedem
Briefe, es ginge ihm gut, und erzählte ihr weitläufig allerlei lustige Dinge,
die ihm begegneten oder welche er in dem fremden Lande beobachtete. Die Mutter
hingegen glaubte echt frauenhaft, wenn man von einem Übel nicht spreche, so
bleibe es ungeschehen, und hütete sich, ihn nach etwaigen Schulden zu befragen,
in der Meinung, dass wenn solche noch nicht vorhanden wären, so würden sie durch
diese Erkundigung hervorgerufen werden; auch hatte sie keine Ahnung davon, dass
ihr Söhnchen, welches sie so knappgehalten hatte, in seiner Freiheit etwa so
lange Kredit finden würde. Sie hielt ihre Ersparnisse fortwährend bereit, um sie
auf die erste Klage teilweise oder ganz abzusenden, während Heinrich seine Lage
verschwieg und sich an das Schuldenwesen gewöhnte, und es war rührend komisch,
wie beide Teile über diesen Punkt ein feierliches Schweigen beobachteten und
sich stellten, als ob man von der Luft leben könnte; der eine Teil aus
Selbstvertrauen, der andere aus weiblicher Klugheit.
    Gerade mit einem Jahreslaufe ging aber Heinrichs Kredit zu Ende oder
vielmehr bedurften die Leute ihr Geld, und in dem Masse, als sie ihn zu drängen
anfingen und er höchst verlegen und kleinlaut war, wurden auch seine Briefe
seltener und einsilbiger, so dass die Mutter Angst bekam, die Ursache erriet und
ihn endlich zur Rede stellte und ihm ihre Hilfe anbot. Diese ergriff er nun ohne
besondere dankbare Redensarten, die Mutter sandte sogleich ihren Schatz ab,
froh, zur rechten Zeit dafür gesorgt zu haben, und zweifelte nicht, dass damit
nun etwas Gründliches und Rechtes getan sei. Der Sohn aber hatte nun
Gelegenheit, die andere Seite des Schuldenmachens kennenzulernen, welche ist die
nachträgliche Bezahlung eines schon genossenen und vergangenen Stück Lebens,
eine unerbittliche und kühle Ausgleichung, gleichviel ob die gelebten Tage,
deren Morgen- und Abendbrot angeschrieben steht, etwas getaugt haben oder nicht.
Ehe zwei Stunden verflossen, hatte Heinrich in einem Gange die zweijährige
Ersparnis der Mutter nach allen Winden hin ausgetragen und behielt gerade soviel
übrig, als zu dem Mitmachen jenes Künstlerfestes erforderlich war.
    Ein recht vorsichtiger und gewissenhafter Mensch würde nun ohne Zweifel in
Rücksicht auf die Umstände und auf die Herkunft des kostbaren Geldes sich vom
Feste zurückgezogen und doppelt sparsam gelebt haben; aber derselbe hätte sich
auch recht bescheiden und ärmlich angestellt, die Grösse der erhaltenen
mütterlichen Gelder verschwiegen und seine Gläubiger demütig und vorsichtig
hingehalten, alles aus der gleichen Rücksicht, und hätte seine Vorsicht mit dem
lebendigen Gefühl der Kindespflicht gerechtfertigt. Heinrich aber, da er dies
nicht tat, befand sich nach dem Feste wieder wie vorher, und wenn er sich
darüber nicht verwunderte oder grämte, so geschah dies nur, weil seine Gedanken
und Sorgen durch jene anderweitigen Folgen der übel abgelaufenen Lustbarkeit
abgelenkt wurden.
    Er lebte also von neuem auf Borg, und da er diese Lebensart nun schon
eingeübt hatte, auch dieselbe nach der stattgehabten Abrechnung trefflich
vonstatten ging, Heinrich zugleich aber nicht mehr an der zusammenhaltenden
Handarbeit sass und auch nicht mehr mit solchen Freunden umging, die den Tag über
an zurückgezogener werktätiger Arbeit sassen, sondern mit allerlei studierendem,
oft halbmüssigem Volke, so gewann dies neue Schuldenwesen wieder einen andern
Anstrich als das frühere; je weniger er bei seinem neuen Treiben ein nahes Ziel
und eine Auskunft vor sich sah, desto mehr verlor und vergass er sein armes
Muttergut und den Mutterwitz der ökonomischen Bescheidenheit und Sparsamkeit,
die Kunst, sich nach der Decke zu strecken, und den Massstab des Möglichen auch
mitten in der Verwirrung. Er verlor dies Muttergut zwar nicht von Grund aus und
für immer wie einen Anker, den ein Verzweifelter sinken lässt, sondern wie ein
Gerät, welches für einen gewagten Auszug nicht recht passt und welches man
unwillkürlich liegenlässt, um es bei der Rückkehr wieder aufzunehmen, wie eine
feine kostbare Uhr, welche man vor einer zu erwartenden Balgerei von sich legt,
oder wie das ehrbare Bürgerkleid, welches man in den Schrank hängt beim Einbruch
der Elemente, der Regenflut und des Schmutzwetters.
    Die vermehrten Vorstellungen und Kenntnisse, das täglich neu genährte
Denkvermögen, welches so lange geschlummert, erweckten von selbst eine rührige
Bewegung, so dass Heinrich sich vielfach umtrieb und mit einer Menge von Leuten
umging, welche den verschiedensten Studien, Richtungen und Stimmungen
angehörten. Es wiederholte sich jener Vorgang aus seiner Kinderzeit, als er,
indem er seine Sparbüchse verschwendete, plötzlich ein lauter und beredter
Tonangeber geworden war. Auch jetzt entwickelte er unversehens eine grosse
Beredsamkeit, ward, was er sich früher auch einmal sehnlich gewünscht hatte, ein
meisterlicher Zecher, welcher die deutsche Zechweise mit so viel Phantasie und
Geschicklichkeit betrieb, dass die so verbrachten Stunden und Nächte eher ein
lehrreicher Gewinn, eine Art peripatetischer Weisheit schienen als ein Verlust.
Das, was man lernte und sich mitteilend kehrte und wendete, geriet durch das
aufgeregte Blut erst recht in Bewegung und durch die gesellschaftlichen
Gegensätze, durch die hundert bald komischen, bald ernsten Konflikte in
lebendigen Fluss, und das scheinbar rein Wissenschaftliche und Farblose bekam
durch das gesellschaftliche und moralische Verhalten der Leute bestimmte Färbung
und Anwendung oder diente diesem zu sofortiger Erklärung. Erst war die gewohnte
Art herrschend gewesen, bei hervortretendem Widerspruche sich unwiderruflich auf
seiner Seite zu halten, die Ehre in der Hartnäckigkeit zu suchen, mit welcher
man um jeden Preis eine Meinung behaupten zu müssen glaubt, und im allgemeinen
bei allen Andersdenkenden einen bösen Willen oder Unfähigkeit und Unwissenheit
vorauszusetzen. Heinrich aber, welchen nun die Dinge von Grund aus zu berühren
anfingen und welcher sich mit warmer Liebe um das Geheimnis ehrlicher
Weltwahrheit bekümmerte, wie sie im Menschen sich birgt, ihn bewegt oder
verlässt, brachte mit unbefangener und durchdringender Kraft zur anfänglichen
Verwunderung der anderen die Lebensart auf, Recht- oder Unrechtaben als ganz
gleichgültige Dinge zu betrachten und erst ihre Quellen als einen
beachtenswerten Gegenstand aufzunehmen, in der höflichen und artigen
Voraussetzung, dass es alle gut meinen und alle fähig wären, das Gute einzusehen.
dabei war er, wenn er sich ins Unrechtaben hineingeredet hatte, selbst der
erste, welcher darüber nachdachte und bei kühlerm Blute sich selbst preisgab,
die Sache wieder aufnahm und seinen Irrtum auch nach den eifrigsten und
härtesten; Äusserungen eingestand und von neuem untersuchen half, jene falsche
Höflichkeit verdrängend, welche mit dem kalten Aufsichberuhenlassen einer Sache
einen um so grössern heimlichen Hochmut und einen Dorn im Bewusstsein aller
davonträgt. Diese Weise machte sich um so leichter geltend, als es sich bald
bemerklich machte, dass nur diejenigen, welche einen wirklich bösen Willen oder
eine gewisse Unfähigkeit besitzen mochten, mit jenem kaltöflichen Abbrechen
sich zurückzuziehen beliebten und jeder also auch den Schein hievon vermeiden
wollte. In solchen Fällen stellte es sich dann auf das liebenswürdigste heraus,
dass durch diesen blossen Schein die innerlich Widerstrebenden und Murrenden doch
eine goldene Brücke fanden und unvermerkt auf die bessere Seite gezogen wurden
und so einen Gewinn davontrugen, den sie früher nie gekannt in ihrem verstockten
Wesen. Zugleich kam die löbliche Manier auf, alles im gleichen Flusse und mit
gleicher Schwere oder Leichtigkeit zu behandeln und die anmassliche Art zu
unterdrücken, einzelne vorübergehende Entdeckungen, Einfälle und Bemerkungen
feierlich zu betonen und steifschreierisch vorzutragen, als ob jeden Augenblick
eine Perle gefunden wäre zu ungeheuerster Erbauung, welche Art derjenigen
schlechter Skribenten gleicht, die alle Augenblicke ein Wort unterstreichen,
einen neuen Absatz machen und ihre magere Schrift mit allen aufgehäuften
interpunktorischen Mitteln überstreuen. Denn die gute schriftliche Rede soll so
beschaffen sein, dass, wenn sie durch Zeit und Schicksale aller äusseren
Unterscheidungszeichen beraubt und nur eine zusammengelaufene Schriftmasse
bilden würde, sie dennoch nicht ein Jota an ihrem Inhalt und an ihrer Klarheit
verlöre.
    Alle diese Lebensart gewann nun einen gewissermassen veredelnden und
rechtfertigenden Anstrich dadurch, dass von dem Verkehr mit Weibern keine Rede
war, sondern zufällig eine Schar junger Leute zusammentraf, welche sich darin
gefiel, in diesen Dingen unberührt zu heissen oder höchstens einer Neigung sich
bewusst zu sein, welche heiliggehalten und unbesprochen sein wollte. Heinrich war
sogleich seiner äusseren leiblichen Unschuld froh und vergass gänzlich, dass er
jemals nach schönen Gesichtern gesehen haue und dass es solche überhaupt in der
Welt gab, die Fähigkeit des Menschen erfahrend, zu jeder Zeit neu werden zu
können, wenn er die letzten zarten Schranken der Dinge nirgends überwältigt und
durchbrochen hat. Er fühlte diese ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen
und schlummern, und je früher und stärker seine Phantasie und seine Neigungen
sonst wach gewesen waren, um so kühler und unbekümmerter lebte er jetzt und
glich einen langen Zeitraum hindurch an wirklicher Reinheit der Gedanken dem
jüngsten und sprödesten der Gesellen. Höchstens spielten die Frauen als
Gegenstand der Betrachtung und Untersuchung in den Gesprächen eine zierliche
Rolle, wobei sie denn freilich, da die Erfahrung der rüstigen Meinungskraft
nicht gleichkam, meistens nicht zu gerecht beurteilt wurden. So war denn auch
sogar dieser Umstand schon in jener Knabenzeit vorgezeichnet, wo die jungen
Zecher und Prahler zugleich die Mädchenfeinde spielten.
    Sollte sich nun vollends jener Abschluss der Knabenzeit, die Ausstossung aus
der Schule, als eine solche Vorzeichnung erweisen und Heinrich in der Schule des
Lebens unhaltbar werden, so waren seine Aussichten nicht die rosenfarbensten,
und ein Gefühl dieser Art, abgesehen von dem neulich Erlebten, gab seinem
Treiben eine dunkle Grundlage. Indessen war es ihm unmöglich, aus sich
herauszugehen, und da er sich unterrichtete und zugleich deutsche Luft atmete,
so war es erklärlich, dass er in seiner rhetorischen Welt ein Weiser und
Gerechter, ein geachteter Tonangeber war, äusserst Weises und Gerechtes dachte
und sprach, ohne im mindesten etwas Gerechtes wirklich zu tun, d.h. für
Gegenwart und Zukunft tätlich einzustehen.
    Das Ende davon war, dass er sich nach Verlauf einer guten Zeit mit noch weit
bedeutenderen Schulden überhäuft sah als das erste Mal, und diesmal war er es,
welcher zuerst das Schweigen brach und, da er sich durchaus zu leben und etwas
zu werden getraute, seiner Mutter in einem überzeugenden und hoffnungsvollen
Briefe die Notwendigkeit dartat, noch einmal eine gründliche und umfangreichere
Aushilfe zu veranstalten. Es war dies weniger eine unedle und selbstsüchtige
Zumutung als das ehrliche Bestreben, ehe man die fremden Menschen
beeinträchtige, mit allem, was einem angehört, und also auch mit dem Gute seiner
Angehörigen einzustehen und von diesen zuerst zu verlangen, volles Vertrauen in
das Dasein der Ihrigen zu setzen und mit denselben zu stehen oder zu fallen.
    Die Mutter erschrak heftig über seinen Brief; statt desselben hatte sie den
Sohn selber bald erwartet, und jetzt schien alles wieder in Frage gestellt.
Jedoch da er ja mehrere Jahre älter war, in der Fremde lebte unter soviel
gescheiten Leuten, und besonders da sie erfuhr, dass er manches lerne und
studiere und so doch noch von der wenig empfohlenen Künstlerei abzukommen
schien, hauptsächlich aber weil in ihm der gleiche Trieb, etwas zu werden, wie
im verstorbenen Vater zu leben schien und sie selbst ja sich nur als eine
Vermittlung zwischen diesen beiden Gliedern betrachtete, zuletzt aber auch
einzig und allein, weil das Kind dessen bedürftig war und es forderte, so traf
sie unverweilt Anstalten, dem Verlangen zu genügen. Die Ersparnisse wollten aber
diesmal nicht viel sagen, und sie musste, um die angegebenen Mittel aufzubringen,
eine Summe auf ihr Haus aufnehmen und eintragen lassen. Dies war nun seit langen
Jahren das erste Mal, dass an ihrem kleinen Besitztum eine eingreifende
Veränderung vorgenommen wurde, und zwar nicht zu dessen Vermehrung; zudem
herrschte gerade eine Geldklemme, so dass die gute Frau viele Mühe und viele
saure Gänge bei Geschäftsleuten und Unterhändlern aller Art zu bestehen hatte,
bis endlich das Geld in ihrem Schreibtische lag und sie dazu noch die Darleiher,
welche für ihren Nutzen hinlänglich gesorgt hatten, als grosse Wohltäter
betrachten musste. Nur war sie aber auch so müde und eingeschüchtert, dass sie
nicht vermochte, sich etwa nach einem bequemen Wechselbrief umzusehen, sondern
sie wickelte das Geld in vieles starkes Papier ein, umwand es mit vielen dicken
Schnüren und wandte es seufzend und unter Tränen um und um, überall das heisse
Siegelwachs aufträufelnd und höchst ungeschickt siegelnd und petschierend. Dann
legte sie das schwere unbeholfene Paket in ihren Strickbeutel, nahm diesen auf
den Arm und schlich damit auf Seitenwegen zur Post; denn sie wünschte um alles
in der Welt nicht, dass jemand sie sähe, und zwar aus dem Grunde, weil sie,
befragt, wo sie mit dem Gelde hinwolle, durchaus um eine Antwort verlegen
gewesen wäre. Sie reichte, den seidenen Ridikül verschämt und zitternd
abstreifend, den Pack durch das Schiebefensterchen, der Postbeamte besah die
Adresse und dann die Frau, gab ihr den Empfangschein, und sie machte sich davon,
als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte. Der linke Arm,
auf welchem sie das Geld getragen, war ganz steif und ermüdet, und so kehrte sie
auch körperlich angegriffen in ihre Behausung zurück und war froh, als sie dort
war. Nichtsdestominder fühlte sie einen gewissen mütterlichen Stolz, als sie
durch, so viele selbstzufriedene und prahlende Männer und Weiber hindurchging,
welche unfehlbar ihren Gang scharf getadelt hätten und selbst eher dafür, dass
sie den Knieriemen tüchtig handhabten, sich am liebsten von ihren Kindern gleich
einen Erziehergehalt ausbezahlen liessen, anstatt irgend etwas Ungewöhnliches für
sie zu opfern oder zu wagen.
    Mit Heinrich, als er das Geld empfing, begab sich jetzt etwas sehr
Natürliches und doch wieder sehr Sonderbares. Er hatte seiner Mutter gerade um
soviel Geld geschrieben, als seine Schulden betrugen, aus Gewissenhaftigkeit und
Bescheidenheit mitten im Leichtsinn, und erst als die Summe unterwegs war, fiel
ihm ein, dass er ja, wenn die Schulden bezahlt seien, abermals auf dem gleichen
Punkte stehe wie vorher. Er nahm sich also vor, diesmal weltklug zu sein und,
wie er es schon öfter bei anderen ganz ehrbaren Leuten gesehen, seinen
Gläubigern einstweilen die Hälfte ihrer Forderungen zu tilgen, mit der anderen
Hälfte aber dann gut hauszuhalten und ganz gewiss mit festem Willen den Anfang zu
einem selbständigen Leben zu machen. Die Gläubiger waren alles solche, welche
den entschieden und verständig angebrachten Antrag gern angenommen hätten, und
auch der zweite Vorsatz war bei dem erweiterten Gesichtskreis und guten Willen
keine Unmöglichkeit; vielmehr kam es nur auf frische Lust, gute Laune und
einiges Glück an, das jeder Tag bringt, wenn der Mensch nur bereit ist, es zu
haschen. Als aber die Gläubiger, die diesmal sich nicht aufsuchen liessen,
erschienen und sich freuten, sich auch hier nicht getäuscht zu haben in der
Ehrlichkeit der Jugend, da brachte es Heinrich nicht über sich, auch nur bei
einem einzigen mit seinem Vorschlag herauszurücken; er befriedigte vielmehr
einen jeden bei Heller und Pfennig, ohne zu zögern und zu seufzen, und dem
letzten, welcher weniger eilig war und sich nicht sehen liess, brachte er sein
Gutaben ängstlich ins Haus beim ärgsten Regenwetter. Jetzt hatte er noch einige
Taler in der Hand, welche er, ohne einen Groschen weniger auszugeben,
aufbrauchte und zu Ende gehen sah. Dies geschah auch in kurzer Zeit, und eines
Morgens, als er aufstand, erinnerte er sich, dass er nicht einen Pfennig mehr im
Vermögen hatte. Obgleich er dies vorausgewusst, so war er doch ganz verblüfft
darüber und noch, mehr, als er nun klar fühlte, dass er unmöglich jetzt von neuem
borgen könne; denn teils wusste er nun bestimmt, dass er neue Schulden nicht mehr
bezahlen könne, teils widerstrebte es ihm, nach Verlauf einiger Tage abermals
bei denen anzuklopfen, die er soeben befriedigt hatte, kurz, auf einmal verliess
ihn alle die Herrlichkeit, Weisheit und Gewandteit, der Schleier fiel von der
dürren Lage der Dinge, und er ergab sich ganz demütig und geduldig dem Gefühle
der nackten Armut. Als der Mittag kam, ging er aus in alter Gewohnheit, verbarg
sich aber vor allen Bekannten; er kehrte wieder in seine Wohnung, und als der
Abend kam, war er doch höchlich verwundert, nichts gegessen zu haben an diesem
Tage. Als aber der nächste Tag ebenso verlief und es ihn anfing tüchtig zu
hungern, erinnerte er sich plötzlich der weisen Tischreden seiner Mutter, wenn
er als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie ihm dann vorhielt, wie er
einst vielleicht froh sein würde, nur solches Essen zu haben. Das erste Gefühl,
was er hiebei empfand, war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen
Regelmässigkeit und Folgerichtigkeit der Dinge, wie alles so schön eintreffe; und
in der Tat ist nichts so geeignet, den notwendigen und gründlichen Weltlauf
recht einzuprägen, als wenn der Mensch hungert, weil er nichts gegessen hat, und
nichts zu essen hat, weil er nichts besitzt, nichts besitzt, weil er sich nichts
erworben hat. An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich
dann von selbst alle weiteren Folgerungen und Untersuchungen, und Heinrich,
indem er nun in seiner Einsamkeit vollständige Musse hatte und von keiner
irdischen Nahrung beschwert war, überdachte sein Leben und seine Sünden, welche
jedoch, da der Hunger ihn unmittelbar zum Mitleid mit sich selbst stimmte, mehr
als die Sättigung, welche manche übermütige und geistreiche Askese hervorbringt,
noch ziemlich glimpflich ausfielen. Im ganzen befand er sich nicht sehr
trübselig; die Einsamkeit tat ihm eher wohl, und das Hungern verwunderte ihn
immer aufs neue, während er in des Königs Gärten auf abgelegenen sonnigen Pfaden
spazierte oder durch die belebte Stadt nach Hause ging; auch wunderte es ihn,
dass ihm das niemand ansah und ihn niemand befragte, ob er gegessen habe? worauf
er sich sogleich antwortete, dass dies sehr gesetzmässig der Fall sei, da es
niemanden was anginge und er sich auch nichts ansehen lasse, woran sich denn
wieder weitere Gedanken knüpften. Am dritten Tage, als er begann, sich wirklich
schwächer zu fahlen, und eine bedenkliche Mattigkeit in den Füssen sich kundgab,
kam ihm dies erst lächerrlich vor; dann aber begann er ängstlich zu werden, und
als er sich zum dritten Mal ungegessen ins Bett legen musste, ward es ihm höchst
weinerlich und ärgerlich zu Mute, und er gedachte, durch den in seiner Schwäche
rumorenden Leib gemahnt, sehnlich und bitterlich seiner Mutter, nicht besser als
ein sechsjähriges Mädchen, das sich verlaufen hat. Wie er aber an die Geberin
seines Lebens dachte, fiel ihm auch der höchste Schutzpatron und
Oberviktualienmeister seiner Mutter, der liebe Gott, ein, und da Not beten
lehrt, so betete er ohne weiteres Zögern, und zwar zum ersten Mal sozusagen in
seinem Leben um das tägliche Brot. Denn bisher hatte er nur um Aushilfe in
moralischen Dingen oder um Gerechtigkeit und gute Weltordnung gebeten in
allerhand Angelegenheiten für andere Leute; in den letzten Jahren zum Beispiel,
dass der liebe Gott den Polen helfen und den Kaiser von Russland unschädlich
machen möge oder dass er den Amerikanern über die Kalamität der Sklavenfrage auf
eine gute Weise hinweghelfen möchte, damit die Republik und Hoffnung der Welt
nicht in Gefahr käme, und dergleichen Dinge mehr. Jetzt aber widersetzte er sich
nicht mehr, um seine Lebensnahrung zu beten; doch benahm er sich noch höchst
manierlich und anständig dabei, indem er trotz seines bedenklichen Zustandes
erst bei der Bitte für die Mutter anfing, dann einige andere edlere Punkte
vorbrachte und dann erst mit der Essfrage hervorrückte; jedoch nicht sowohl, um
den lieben Gott hinter das Licht zu führen, als um zwangsweise den allgemeinen
Anstand zu wahren, auch vor sich selbst.
    Jedoch betete er nicht etwa laut, sondern es war mehr ein stilles
Zusammenfassen seiner Gedanken, und er dachte das Gebet nur, und trotzdem war es
ihm ganz seltsam zu Mute, sich wieder einmal persönlich an Gott zu wenden,
welchen er zwar nicht vergessen oder aufgegeben, aber etwas auf sich beruhen
gelassen und unter ihm einstweilen alle ewige Weltordnung und Vorsehung gedacht
hatte.
    Am Morgen stand er in aller Frühe auf und pfiff, so gut es mit seiner immer
ängstlicher schnappenden Lunge gehen mochte, munter ein Liedchen; es war ihm,
als ob jetzt eine gute Mahlzeit alsogleich vor der Tür sein müsse, denn weiter
als an eine solche dachte er nicht mehr. Zugleich ergriff er unwillkürlich ein
stattliches und höchst inhaltreiches Buch, das da zunächst bestaubt auf einer
Tischecke lag, ging damit zu einem Büchertrödler, dem er schon manches Buch
abgekauft hatte, und trug einige Augenblicke darauf mehrere nagelneue blanke
Guldenstücke davon, welche der gute Jude freundlich aus seinem ledernen
Beutelchen geklaubt. Heinrich hatte die lieblichen Münzen nur beim Übergang aus
des Juden Tasche in die seinige flüchtig blinken gesehen; aber dies Blinken
machte auf ihn in seiner Leibesschwäche vollkommen den Eindruck wie der
Sonnenaufblitz eines unmittelbaren allernächsten Wunders. Er gewann auch
unmittelbar durch diesen blossen Eindruck einige Lebensgeister, so dass er,
obgleich es nun schon der vierte Fasttag war, sich vornahm, doch nicht vor
Mittag zu Tische zu gehen, sondern seinen wunderlichen Zustand noch recht
erbaulich auszugeniessen. Er begab sich also wieder in den Schatten eines
lieblichen Wäldchens, setzte sich auf eine Bank und zog unverweilt die schönen
Gulden hervor, sie nunmehr in aller Behaglichkeit betrachtend. Es war ihm, als
ob er niemals Geld besessen hätte, als ob es eine Ewigkeit her wäre, seit er in
der Gesellschaft von Menschen gewesen und sich gleich ihnen genährt, und so ein
hinfälliges Ding ist der Mensch, dass Heinrich eine kindliche Freude über den
Besitz dieser paar elenden Münzen empfand und sie mit gierigen Blicken
verschlang. Es schien ihm das reinste und höchste Glück zu sein, was er da in
der Hand hielt; denn es war die unzweifelhafteste Lebensfristung, Rettung und
Erquickung, und darüber hinaus dachte der Frohe gar nicht. Er dankte dem lieben
Gott sehr zufrieden für die Erhörung seines Gebetes, wie in den Tagen seiner
Kindheit; sonst dachte er nicht viel, denn die Gedanken waren allbereits sehr
kurz und dünn gesäet; er genoss nur mit stillem Wohlgefühl den durch das Grün
flimmernden Sonnenschein und den Glanz der klingenden Silberstücke.
    Hier wird sich nun der dogmatische Leser in zwei Heersäulen spalten die eine
wird behaupten, dass es allerdings die Kraft des Gebetes und die Hilfe der
Vorsehung gewesen sei, welche die magischen Guldenstücke auf Heinrichs Hand
legten, und sie wird diesen Moment, da wir bereits mitten im letzten Bande
stehen, als den Wendepunkt betrachten und sich eines erbaulichen Endes versehen;
die andere Partei wird sprechen »Unsinn! Heinrich würde sich sowieso endlich
dadurch haben helfen müssen, dass er das Buch oder irgendeinen andern Gegenstand
verkaufte, und das Wunderbare an diesem Helden ist nur, dass er dies nicht schon
am ersten Tage tat! Es sollte uns übrigens nicht wundern, wenn der dünne Feldweg
dieser Geschichte doch noch in eine frömmliche Kapelle hineinführt!« Wir aber
als die verfassenden Geister dieses Buches können hier nichts tun, als das
Geschehene berichten, und entalten uns diesmal aller Reflexion mit Ausnahme des
Zurufes »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!« Selbst wenn wir nun
gleich erzählen, welches Verhalten Heinrich annahm, nachdem er sich durch einige
gute Nahrung gestärkt, so werden wir durchaus nicht unsere Meinung hinzufügen,
ob der nüchterne oder der gesättigte grüne Heinrich recht habe.
    Er begab sich also nun mit kurzen Schritten nach dem gewohnten Speisehaus,
welches ihm als der allerseligste Aufentalt vorkam, und der Geruch der Speisen
dünkte ihn köstlicher denn der Duft von tausend Rosengärten. Die aufwartenden
Mädchen, welche sonst schon hübsch und munter waren, erschienen ihm wie
huldreiche Engel, in deren Obhut es gut wohnen sei, und gerührt darüber, dass es
in der Welt doch so wohlmeinend zugehe, setzte sich der gänzlich Ausgehungerte
und mürbe Gewordene zu Tisch, in der festen Absicht, sich für das Fasten
gründlich zu entschädigen.
    Hatte aber der blosse Anblick; des vielvermögenden Geldes ihn aufgemuntert,
so stärkte ihn jetzt das Essen zusehends, dass er ordentlich zu Gedanken kam, und
schon während er die kräftige Fleischbrühe einschlürfte, besann er sich und nahm
sich vor, nicht mehr zu essen als gewöhnlich und sich überhaupt anständig zu
verhalten. Als er jedoch ein saftiges Stück Ochsenfleisch und einen guten Teller
Blumenkohl verzehrt, dazu einen Krug schäumenden Bieres vor sich stehen hatte,
strich und kräuselte er sich wieder ganz selbstbewusst den jungen Bart, und indem
er das ganze Abenteuer gemächlich überdachte, schämte er sich jetzt plötzlich
seines Wunderglaubens und dass er so ganz haltlos in die Falle gegangen, in
seiner Schwäche den trivialsten Vorgang von der Welt als eine unmittelbare
Einwirkung einer höheren Vorsehung zu nehmen. Er bat den lieben Gott sogar um
Verzeihung für die Zumutung, sich mit seiner Ernährung unmittelbar zu
behelligen, den natürlichen Lauf der Dinge unterbrechend, während er selbst die
Hände in den Schoss gelegt.
 
                                Sechstes Kapitel
Als er solchergestalt diese Dinge betrachtete, nicht eben denkend, dass sie damit
noch lange nicht zu Ende seien, und einen kräftigen Zug aus seinem Kruge tat,
kamen einige seiner Bekannten heran und überhäuften ihn mit Fragen, warum er
sich so lange nicht sehen lassen und wo er gewesen sei. Heinrich tat, als ob
nichts geschehen wäre, und froh, wieder unter frohen Menschen zu sein, zechte
und scherzte er mit ihnen, während in seinem Gemüte dieser erste kräftige Stoss
des stillen, aber unerbittlichen Lebens langsam verschmerzte. Denn er fühlte
erst jetzt, als mitten in Scherz und Gelächter die Brust sich noch heftig
bewegte und er eine nur allmählich sich legende Aufregung empfand, wie so
vielsagend und schonungslos dieser Stoss gewesen, dass er sich wie geschändet
fühlte und ihn unwillkürlich verschwieg.
    Er ging dessenungeachtet mit dem wenigen Gelde um, als ob er ohne alle
Sorgen wäre, und das betrachten wir eher als eine Tugend denn als einen Fehler.
Die einen Menschen verhalten sich unablässig im Kleinen höchst zweckmässig,
ausdauernd und ängstlich, ohne je einen festen Grund unter den Füssen und ein
klares Ziel vor Augen zu haben, indessen anderen es unmöglich ist, ohne diesen
Grund und dieses Ziel sich zweckmässig und absichtlich zu verhalten, aus dem
einfachen Grunde, weil sie gerade aus Zweckmässigkeit nicht aus nichts etwas
machen können und wollen. Diese halten es dann für die grösste Zweckmässigkeit,
sich nicht am Nichtssagenden aufzureiben, sondern Wind und Wellen mit der
tieferen, der wahren menschlichen Geduld über sich ergehen zu lassen, aber jeden
Augenblick bereit, das rettende Tau zu ergreifen, wenn sie nur erst sehen, dass
es irgendwo befestigt ist. Sind sie am Lande, so wissen sie, dass sie alsdann
wieder die Meister sind, während jene noch auf ihren kleinen Balken und
Brettchen herumschwimmen, die über eine Spanne weit immer zu Ende sind. Wer
immer emsig zappelt und zweckmisst, dessen Ausdauer ist alles andere, nur keine
Geduld, welche wirklich etwas erdulden und über sich ergehen lassen will.
    Heinrich entledigte sich nun, da die Sachen blieben, wie sie waren, nach und
nach aller Gegenstände, für welche man ihm irgend etwas geben wollte, und indem
er je nach diesen Einkünften sich gütlich tat oder sich dürftig behelfen musste,
wurde er erst jetzt, als sein fahrendes wunderliches Eigentum verschwand, arm
wie eine Kirchenmaus. Das letzte, was er besass, waren seine Mappen. Er hatte
schon wiederholt versucht, eine bessere Studie oder Zeichnung, da dergleichen
oft zum Verkaufe geeignet und gesucht ist, bei den Kunständlern anzubringen;
allein er war zu seiner Beschämung immer kurz abgewiesen worden als einer, der
etwas anbietet, und zwar, wie es zu sehen war, aus Not. Jetzt nahm er abermals
einige Blätter und ging damit in eine abgelegene Seitengasse zu einem alten
seltsamen Männchen, welches einen erbärmlichen Kram von allerlei Schnickschnack
führte und in seinem dunklen Laden sass und allerhand laborierte. Am Fenster
hatte dieser Mann immer einige vergilbte Zeichnungen oder Druckblätter hangen
ohne Wert, wie sie der Zufall zusammengeweht, und ebenso wertlos war eine kleine
Bildersammlung im Innern des armseligen Magazins, das Ganze eine jener
Zufluchtsstätten und Vermittlungsanstalten für jene gottverlassene Klasse von
Kunstbeflissenen, die gänzlich von jeder Weihe, jedem Bewusstsein und jeder
Bildung entfernt ihr Wesen treibt in seltsamer Industrie und Armut, ohne
Handwerker zu sein. Hier holten sich die Bierwirte der untersten Ordnung oder
die Kunstfreunde mit fünfhundert Gulden Einkommen ihren Bedarf, um das für
wenige Münzen erstandene Meisterwerk, sobald es in ihrem Besitze war, mit
rührender Bewunderung zu preisen. Heinrich hatte bei dem Männchen in seinen
guten Tagen zuweilen eine verlorene gute Radierung und dergleichen gekauft,
welche der Seltsame, der sich mit eben der Befugnis, welche seine Käufer zu
Kunstkennern schuf, zum Kunstmäkler aufgeworfen hatte, mit grossem Misstrauen und
Widerstreben zu geringen Preisen abliess, indem er den Wert nicht beweisen konnte
und, wenn ein gebildeter Käufer sich bei ihm einfand, stets um einen ungeheuren
verborgenen Schatz gebracht zu werden fürchtete. Auf den Tisch dieses Mannes,
der ausserdem noch mit einer Kaffeekanne, einer auseinandergenommenen
Schwarzwälderuhr, einem Kleistertopfe und verschiedenen Firnisgläsern beladen
war, legte Heinrich jetzt seine guten Blätter, welche fleissig und treulich
gezeichnete Waldstellen aus seiner Heimat entielten, und mit dem gleichen
Misstrauen, mit dem das greise Männchen sonst ihm etwas verkauft hatte,
betrachtete es jetzo die unschuldigen Studien und den jungen Mann. Seine erste
Frage war, ob er sie selbst gemacht habe, und Heinrich zögerte mit der Antwort;
denn noch war er zu hochmütig gegenüber dem übrigens freundlichen
Trödelmännchen, zu gestehen, dass die Not ihn mit seiner eigenen Arbeit in dessen
düstere Spelunke treibe. Der graue Krämersmann jedoch, wenn er ein sehr schlecht
beratener Kunstkenner war, verstand sich um so besser auf die Menschen und
schmeichelte dem Widerstrebenden ohne weiteres die Wahrheit ab, deren er sich,
wie er aufmunternd sagte, nicht zu schämen brauche, vielmehr zu rühmen hätte;
denn die Sachen schienen ihm in der Tat gar nicht übel, und er wolle es wagen
und etwas Erkleckliches daranwenden. Er gab ihm auch so viel dafür, dass Heinrich
einen oder zwei Tage davon leben konnte, und diesem schien das ein Gewinn,
dessen er froh war, obschon er seinerzeit lust- und fleisserfüllte Wochen über
diesen Sachen zugebracht hatte. Jetzt aber wog er das erhaltene winzige Sümmchen
nicht gegen den Wert seiner Arbeiten ab, sondern gegen die Not des Augenblickes,
und da erschien ihm denn der ärmliche Handelsmann mit seiner kleinen Kasse noch
als ein freundlicher Wohltäter; denn er hätte ihn ja auch abweisen können, und
das wenige, was er mit gutem Willen und gutmütigen Gebärden gab, war so viel,
als wenn jene reichen Bilderhändler erkleckliche Summen für eine Laune oder
Spekulation ihres ebenso unsicheren Geschmackes hingaben.
    Aber noch in Heinrichs Anwesenheit befestigte der alte Kauz die
unglücklichen Blätter an seinem Fenster, und Heinrich machte errötend, dass er
fortkam. Auf der Strasse warf er einen flüchtigen Blick auf das Fenster und sah
die liebsten Erinnerungen an Heimat und Jugendarbeit de- und wehmütig an diesem
Pranger der Armut und Verkommenheit hangen.
    Aber nichtsdestominder schlich er in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu
dem Mann, welcher ihn ganz aufgeweckt und freundschaftlich empfing; denn er
hatte die ersten Sachen schon verkauft, während er sonst gewohnt war, seine
Erwerbungen jahrelang in seiner Obhut zu hegen und an seinen Türpfosten hängen
zu sehen. Sie wurden bald des Handels einig; Heinrich machte eine vergebliche
kurze Anstrengung, einen barmherzigern Preis zu erhalten; ungewohnt zu feilschen
und fürchtend, den Handel abgebrochen zu sehen, da er nach der bestimmten
Äusserung, mehr haben zu wollen, ja nicht mehr hätte nachgeben dürfen oder gar
zum zweiten Male wieder kommen, war er bald froh, dass der Alte nur noch
kauflustig blieb, und dieser munterte ihn auf, nur zu bringen, wenn er etwas
fertig hätte (denn er bildete sich ein, der arme junge Künstler mache diese
Sachen vorweg), sich ferner zu bescheiden und hübsch fleissig und sparsam zu
sein, und die Zeit würde gewiss kommen, wo aus diesem kleinen Anfang etwas
Tüchtiges würde; dabei klopfte er ihm vertraulich auf die Achsel und forderte
ihn auf, nicht so traurig und einsilbig zu sein.
    Heinrichs ganzes künstlerisches Besitztum wanderte nun nach und nach in den
dunklen Winkel des immer kauflustigen Hökers; wenn es auch manchmal Monate
dauerte, bis dieser wieder etwas verkaufte davon, so blieb er sich doch gleich,
und hierin war es nun nicht zu verkennen, dass der Alte, so knapp er Heinrich
hielt, denselben doch nicht wollte im Stiche lassen und auch bei der
Befürchtung, die ganze Bescherung auf dem Halse zu behalten, denselben nicht
abweisen wollte. Das war die Treue, die Gemütsehre der Armut und Einfalt. Mit
diesem Wesen schmeichelte er förmlich den armen Heinrich in eine grosse Demut und
Vertraulichkeit hinein; denn nicht nur erzwang er von ihm eine gute Miene zum
bösen Spiel, sondern, wenn diese endlich erfolgte und Heinrich sich plaudernd
und lachend ein Stündchen bei ihm aufhielt, dann aber weggehen wollte, forderte
er ihn auf, nicht ins Wirtshaus zu laufen und sein Geldchen zu vertun, sondern
mit ihm etwas Geschmortes oder Gebratenes zu essen. Der allein lebende
katolische alte Gesell hatte nämlich bei aller Knauserei stets ein gutes
Gericht in dem Ofen seines dunklen Gewölbes stehen und war ein vortrefflicher
Koch. Bald war es eine Gans, bald ein Hase, welche er sich auf den Feiertag
zubereitete, bald kochte er meisterhaft ein gutes Gemüse, welches er durch die
Verbindung mit kräftigem Rind- oder Schweinsfleisch, je nach seinem Charakter,
zum trefflichsten Gerichte zu machen wusste. Besonders verstand er sich auf die
Fastenspeisen, welche er mehr aus Schleckerei als aus Frömmigkeit nie umging,
und jeden Freitag gab es bei ihm entweder köstliche Fische, das heisst ziemlich
bescheidene und wohlfeile Wassertiere, die er aber durch seine vielseitige Kunst
zum höchsten Rang erhob, oder es duftete eine Makkaronipastete in seinem Laden,
zwischen welche er kleine Bratwürstchen und Schinken hackte, welche unerlaubte
Fragmente er spasshaft Sünder nannte und, indem er seinem Gast vorlegte, eifrig
aussuchte und zuschob.
    Hiebei blieb er aber nicht stehen, sondern eines Tages, als er den armen
jungen Heiden besonders kirre gemacht, wickelte er eine fette Ganskeule nebst
einem Stück Brot in ein Papier und suchte es ihm schmunzelnd in die Tasche zu
stecken. Heinrich wehrte sich, ganz rot werdend, heftig dagegen; wie aber der
Alte den Finger aufhob und leise sagte »Na, was ist denn das? Es braucht's ja
kein Mensch zu wissen!« da ergab er sich demütig in den Willen des seltsamen
Mannes, der ein unerklärliches Vergnügen zu empfinden schien, den ihm fremden
Menschen auf diese Weise gemütlich zu tyrannisieren. Das seltsamste war, dass er
sich nicht um dessen Herkunft und Schicksal bekümmerte, nicht einmal fragte, wo
er wohne, und am wenigsten den Gründen seiner jetzigen Armut nachforschte. Das
schien sich alles von selbst zu verstehen.
    Heinrich trug dazumal die Ganskeule wirklich nach Hause. Auf der Schwelle
sah er ein Bettelweib sitzen, welches ihn in so erbärmlichen Tönen um
Barmherzigkeit anflehte, als ob es am Spiesse stäke, und Heinrich fuhr mit der
Hand in die Tasche, um hier auf die beste Weise das Nahrungsmittel anzubringen
und zugleich dem Alten einen Streich zu spielen. Wie er aber die elende und
hinfällige alte Frau näher ansah, da verging ihm endlich der letzte Stolz, und
statt des Fleisches gab er ihr eines der Geldstücke, die er eben von seinem
Gönner erhalten, ging auf seine Stube und ass die Ganskeule aus der einen Hand,
aus der anderen das Brot, nicht um sich gütlich zu tun, sondern zu Ehren und zu
Liebe der Menschlichkeit und der Armut, welche die Mutter der Menschlichkeit
ist, und diese einsame Mahlzeit war gewissermassen seine nachgeholte und
verbesserte Abendmahlsfeier.
    So erhielt er sich ein gutes halbes Jahr, und so wenig der Alte ihm für
seine mannigfaltigen Studienblätter, Skizzen und Zeichnungen gab, so waren
dieselben doch so zahlreich, dass sie kein Ende zu nehmen schienen. Nie sagte ihm
der Wunderliche, wer eigentlich die Sachen kaufe und was er daran gewinne, und
Heinrich fragte nicht mehr darnach. Er war im Gegenteil froh, wie er nun
gestimmt war, alles hinzugeben und das kärgliche Brot, welches die Welt ihm
gewährte, verschwenderisch zu bezahlen, was nun freilich wieder nicht sehr
demütig war; aber der Mensch lebt vom Widerspruch! Indessen war das wenige, was
er erhielt, das erste, was er seinen eigenen Händen verdankte, und desnahen
lernte er davon, sich einzurichten und sich mit wenigem zu begnügen. Unter
seinen vielen Zechgesellen und Studiengenossen war es längst bemerkt worden, dass
er gänzlich verarmt sei; niemand fragte ihn aber darum, und da er das
tonangebende Wesen wieder verloren hatte oder, wenn es unerwartet sich geltend
machte, in Heftigkeit und Leidenschaft ausbrach, so lösten sich alle diese
munteren Verhältnisse, und Heinrich zog sich zurück und fand sich bald ganz
allein, oder wenn ihm dies unerträglich wurde, trieb er sich mit allerlei
zufälligen Gesellen, wie sie die Ähnlichkeit des Schicksales vorübergehend
herbeiführte, herum.
    Gleichzeitig nahm aber sein ernährender Jugendvorrat ein Ende, nachdem er
schon sorgfältig die letzten Fetzen und Fragmente zusammengesucht und für den
Alten zugestutzt hatte. Endlich bot er ihm seine grossen Bilder und Kartons an,
und der Alte sagte, er solle sie nur einmal herbringen. Heinrich erwiderte, das
ginge nicht wohl an, und bat ihn um so viel Geld, dass er sie könne hertragen
lassen. »Warum nicht gar, hertragen lassen! Sie Sapperloter! Gleich gehen Sie
hin und holen ein Stück her! Fürchten Sie denn, man werde Ihnen den Kopf
abbeissen?« Und er schmeichelte und schalt so lange, bis Heinrich sich entschloss
und nach Hause ging und das Bild holte, welches er einst so unglücklich
ausgestellt hatte. Es war sehr schwer, und der weite Weg ermüdete seine Arme auf
ungewohnte Weise. Der Alte aber lächelte und schmunzelte und rief »Ei, ei! sieh,
sieh! das ist ja ein ganzes Gemälde! Verstehe nicht den Teufel davon! Aber
hochtragisch sieht's aus (er wollte sagen hochtragend oder hochstelzig), habe in
meinem Leben nichts so im Laden gehabt! Wissen Sie was, Freundchen, jetzt holen
Sie hübsch noch die anderen Sachen, damit wir alles beisammen haben. Nachher
wollen wir schauen, ob sich ein Handel machen lässt. Gehen Sie, gehen Sie,
Bewegung ist immer gesund!«
    Heinrich ging abermals nach seiner Wohnung und ergriff den grössten Karton,
einen mit Papier bespannten Blendrahmen von acht Fuss Breite und entsprechender
Höhe. Dies Ungetüm war leicht von Gewicht, aber ungefüg zu tragen wegen seiner
Grösse, und als der unmutige Träger damit auf die Strasse gelangte, blies sofort
ein lustiger Ostwind darein, dass es Heinrich kaum zu halten vermochte. Überdies
musste er, da die grosse Fahne nur auf der Rückseite an der Kreuzleiste zu halten
war, die bemalte Seite nach aussen kehren, und so begann er, sich dahinter
bestmöglich verbergend, mit seiner Oriflamme durch die belebten Strassen zu
ziehen. Alsobald zog eine Schar Knaben und Mädchen vor der wandelnden Landschaft
her, und jeder Erwachsene ging ebenfalls ein Dutzend Schritte daneben hin und
stolperte, während er die offenbaren und preisgegebenen Erfindungen Heinrichs zu
enträtseln suchte, über die Steine. Zwei wohlhabende und angesehene Künstler
gingen vorüber und betrachteten vornehm und verwundert den beschämten Träger,
der ihnen bekannt vorkam; er fuhr mit seiner spanischen Wand gegen einen Wagen,
den er nicht sehen konnte, so dass die Pferde scheu wurden, der Fuhrmann fluchte,
und zugleich brachten starke Windstösse das ganze Wesen ins Schwanken, und dieses
stiess Heinrichs Hut herunter, so dass er nun nicht wusste, sollte er den im Kote
dahinrollenden oder sein behextes Werk fahrenlassen. Diese Flucht seines Hutes
war einer jener kleinen lächerlichen Unfälle, welche einen tiefen Verdruss oder
grämliches Leiden auf den Gipfel bringen, und so stand Heinrich ganz elend und
ratlos da und unterdrückte einen bitterlichen Zorn im Herzen. Er war in der
Verwirrung mitten auf den Gemüsemarkt geraten und konnte sich vollends nicht
mehr rühren. Fluchend tat er einen Ruck und schwang seinen Karton über seinen
Kopf, um ihn dort in die andere Hand und in eine bequemere Lage zu bringen; als
das unselige Werk aber in der Luft schwebte, fand er nicht mehr Raum, es wieder
herunterzunehmen, und hielt es so über den wogenden Köpfen der Menschenmenge.
Erst jetzt gab es einen rechten Auflauf auf dem Markte, denn das Luftphänomen
zog alle Leute herbei, die Fenster in den umliegenden Häusern taten sich auf,
alles lachte, schimpfte und rief »Wer wird denn mit solchem Ofenschirm über den
Markt gehen um diese Zeit?« Da drängte sich Heinrichs Gönnermännchen aus dem
Dickicht, im grauen Schlafrock und seine weisse Zipfelkappe auf dem Kopfe, über
die Schulter ein Netz mit Gemüse und Fleisch geworfen und Heinrichs übel
zugerichteten Hut in der Hand. Freundlich winkte die lächerliche Gestalt ihm zu,
und Heinrich streckte sehnlich die Hand nach seinem Hute. Aber der Alte rief mit
wahrer Dämonenfreude »Nicht doch! mitnichten, Freundchen! Ihr kommt so viel
besser fort! will Euch den Hut schon tragen und den Weg bahnen!« und der Ärmste,
er mochte flehen, wie er wollte, musste mit blossem Kopfe, den mächtigen Rahmen
über demselben schwingend, den übrigen Weg zurücklegen, den schlurfenden Alten
mit seinem Netz vor sich her, der sich zu grösserer Bequemlichkeit den Hut über
die Zipfelkappe gestülpt hatte und schreiend und lärmend voranschritt.
    Als sie endlich vor dem Häuschen des Alten angekommen und die Unheilsfahne
mit vieler Mühe in den engen Laden hineingezwängt hatten, schien das freundliche
boshafte Greischen befriedigt. Er öffnete ausnahmsweise sein kleines Pult zur
Hälfte, denn bisher hatte er seine winzigen Auszahlungen immer aus der
Hosentasche bestritten, und griff behutsam unter den Deckel, wie einer, der eine
Maus aus der Falle herausgreifen will, und indem er die Hand zurückzog, drückte
er dem ausruhenden Heinrich zehn nagelneue Guldenstücke in die Hand für die
beiden Schildereien, ohne ihn zu fragen, ob er damit einverstanden sei. »Für
einmal«, sagte er zutraulich leise, »will ich es mit diesen beiden Tausendsassas
von Bildern wagen! Wenn ich sie auch behalten muss, was tut's? Ihr seid mir darum
nicht feit, Freundchen, Schweizerchen! habt Euch heute gut gehalten, wie? hä hä
hä, hi hi hi, was ist das für ein Kreuz mit so hochfahrendem Blute!«
    Heinrich sagte kurz und bündig »Das versteht Ihr nicht, alter Herr!« - »Was
versteh ich nicht?« flüsterte der Alte, und der Junge wollte fortfahren »Es ist
nicht das, was Ihr meint, etwa Hochmut oder dergleichen es ist vielmehr der
bescheidene Wunsch, nicht aller Welt in die Augen zu fallen und Narrheiten zu
treiben auf offener Strasse; denn ein Renommist und ein Narr ist, wer mit einer
Kleinigkeit einem armen Teufel dienen könnte und ihn das tun lassen, wozu er
geschickt und gewöhnt ist, und statt dessen selber auf Abenteuer ausgeht -«; der
unbelehrbare Alte liess ihn aber nicht ausreden, sondern zwang ihn, noch einen
Fischschwanz aufzuessen, oder vielmehr die Brühe aufzutunken, welches die
Hauptsache sei, und er liess ihn nicht eher los, bis er den Teller, an welchem
ein Stück Rand fehlte, ganz leer gegessen. Erst als das geschehen, sah Heinrich,
dass der Tyrann vom Fenster eine grosse Zeichnung weggenommen hatte, so dass der
essende Heinrich in der Spelunke recht sichtbar wurde, und er grüsste dabei mit
seiner Zipfelmütze grinsend nach allen Seiten, um die Leute aufmerksam zu machen
und herbeizuziehen. Über dieses sonderbare Vergnügen des Männchens musste endlich
Heinrich so herzlich lachen, dass er ganz aufgeweckt wurde und in seiner Freude
dem Alten die Zipfelmütze abriss und sich selbst aufsetzte. Zugleich trat aber
auf dem kahlen Schädel des Alten eine seltsame Erhöhung oder runder Wulst
zutage, ein hügelartiger Auswuchs des Knochens, und auf dieser einsam ragenden
Extrakuppe ein stehengebliebenes Wäldchen grauer Haare, was einen höchst
lächerlichen Anblick gewährte. Die zornige Verlegenheit des also Beschaffenen
bewies, dass dieses sein Geheimnis und seine schwache Seite war; aber Heinrich
hatte ihm, als er dies gesehen, unwillkürlich die Zipfelmütze so blitzschnell
wieder aufgesetzt und geriet selbst in so harmlose Mitverlegenheit, dass der Alte
sich halb schmunzelnd, halb murrend zufriedengab und überdies etwas nachdenklich
wurde.
    Heinrich hatte indessen lange nicht soviel Geld besessen wie jetzt, und er
beschloss, ehe dasselbe zu Ende gehe, sich neues zu erwerben und, was im grossen
nicht hatte gelingen wollen, allmählich im kleinen zu versuchen. Da seine guten
Studienblätter alle verschwunden waren, so machte er sich daran, welche aus dem
Stegreif zu schaffen, und fabrizierte in kurzer Zeit eine Anzahl flüchtiger,
aber bunter und kecker Skizzen, ohne An dacht und Liebe, denen man es auf den
ersten Blick ansah, dass sie nicht im Freien, sondern in der Stube entstanden.
Über dieser herzlosen Beschäftigung stand natürlich alles tiefere und innere
Streben und Sein vollends still, wie denn auch, da kein Buch mehr in seinem
Besitze war und er sich aus den Hörsälen zurückgezogen, seine Selbstbildung von
dieser Seite unterbrochen war, indessen er sich in einer anderen Schule befand,
wo der Alte Professor war; denn man kann nicht alles zumal treiben. Der Alte
empfing ihn aber ganz vergnügt mit den neuen Sachen, die ihm sehr in die Augen
sprangen; er nahm ihm ab, was er ihm brachte, war aber nach einiger Zeit
verwundert, dass er hievon auch nicht ein Stück verkaufte und der Käufer, welcher
die guten Sachen alle geholt hatte, plötzlich wegblieb. Er teilte dies seinem
Schützling mit, schob aber die Schuld auf die Wunderlichkeit und den Eigensinn
der Leute und forderte Heinrich auf, nur nicht nachzulassen, sie wollten einmal
auf den Vorrat arbeiten, bis sich neue Käufer finden würden. Heinrich konnte das
aber nicht länger mit ansehen und sagte dem Alten, dass er wahrscheinlich nie
einen Fetzen von dieser neuen Art verkaufen würde und dass er sein Geld, so wenig
es sei, wegwerfe. Ganz verblüfft verlangte der Alte eine deutlichere Belehrung,
und Heinrich setzte ihm, so gut es ging, auseinander, welcher Unterschied
zwischen diesen und den früheren Sachen bestehe, wie jene eben etwas Gewordenes,
diese etwas Gemachtes seien, jene ohne des Künstlers besonderes Verdienst von
einem ganz bestimmten Stoff und Wert, diese dagegen vollkommen wertlos. Er sei
nun sogar froh, setzte er hinzu, dass diese Industrie vollständig misslungen, und
um sein Gewissen vollständig zu beschwichtigen, zog er seinen Geldbeutel, der
die zehn Gulden entielt, und anerbot dem Alten, ihm wieder zu ersetzen, was er
ihm für die liederlichen Arbeiten gegeben. Denn er hatte jetzt vollständig das
Schmähliche einer hohlen herzlosen Tätigkeit empfinden gelernt, die, ohne nur
eine ordentliche ehrliche Handarbeit zu sein, sich den Schein eines edleren
Berufes gibt.
    Der Alte hörte aufmerksam zu, nahm eine Prise über die andere, lächelte dann
schlau und vergnügt, indem er das angebotene Geld sogleich einstrich, und
streichelte dem Jungen die Backen, welcher Liebkosung sich dieser sachte entzog.
Er hatte den Ersatz unwillkürlich angeboten und war jetzt doch etwas betroffen,
denselben angenommen zu sehen, da seine kleine Barschaft dadurch stark abnahm,
ohne nun weiter zu wissen, was er tun sollte.
    Der Alte aber nahm ihn bei der Hand und sagte »Nur munter, Freundchen! wir
wollen sogleich eine Arbeit beginnen, die sich sehen lassen kann und wird! letzt
sind wir gerade auf dem rechten Punkt, da darf nicht gefeiert und nicht gemault
werden!« Und er führte und schob ihn in ein noch dunkleres Verlies, das hinter
dem Laden lag und sein Licht nur durch eine schmale Schiessscharte empfing, die
in der feuchten schimmligen Mauer sich auftat. Als Heinrich sich einigermassen an
diese Dunkelheit gewöhnt, erblickte er das Loch angefüllt mit einer Unzahl
hölzerner Stäbe und Stangen, ganz neu, rund und glatt gehobelt, von allen Grössen
lastweise an den Wänden stehend. Auf einer verjährten, längst erloschenen
Feueresse, welche das Denkmal irgendeines Laboranten war, der vielleicht vor
hundert Jahren in diesem Finsternis sein Wesen getrieben, stand ein tüchtiger
Eimer voll weisser Leimfarbe inmitten mehrerer Töpfe mit anderen Farben, jeder
mit einem mässigen Streicherpinsel versehen. »In vierzehn Tagen«, lispelte der
Alte, abwechselnd schreiend, »wird die Braut unseres Kronprinzen in unserer
Residenz ihren Einzug halten; die ganze Stadt wird geschmückt und verziert
werden, Tausende und Abertausende von Fenstern werden mit Fahnen in unseren und
den Landesfarben der Braut versehen; Kattunfahnen von jeder Grösse werden die
nächsten zwei Wochen die gesuchteste Ware sein, habe schon zweimal in meinem
Geschäft den Witz mitgemacht und jedesmal ein gut Stück Geld verdient; wer der
erste, Schnellste und Billigste ist, der hat den Zulauf. Darum frisch dran,
keine Zeit zu verlieren! Habe schon seit zwei Wochen vorgesehen und Stöcke
machen lassen, weitere Lieferungen sind bestellt, das Kattunschneiden und Nähen
wird ebenfalls beginnen, Ihr aber, Schweizermännchen, müsst die Stangen
anstreichen. Bst! nicht gemuckst! Hier für diese grossen gebe ich einen Kreuzer
das Stück, für diese kleineren einen halben, von diesen ganz kleinen aber,
welche für die Mauslöcher und Blinzelfenster der Armut bestimmt sind, müssen
vier Stück auf den Kreuzer gehen! Jetzt aber passt auf, wie das zu machen ist,
alles will gelernt sein!«
    Er hatte schon mehrere Stücke teils halb, teils ganz vorgearbeitet; nachdem
die Stange mit der weissen Grundfarbe versehen, welche für beide Landesfarben
dieselbe war, wurde sie durch die andere Farbe mit einer Spirallinie umwunden.
Der Alte legte eine grundierte Stange am einen Ende in die Schiessscharte, hielt
sie mit der linken Hand waagerecht, und indem er, den Pinsel eintauchend,
Heinrich aufmerksam machte, wie dieser nicht zu voll noch zu leer sein dürfe,
damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstände, begann er, die
Stange langsam drehend, von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen,
womöglichst ohne zu zittern oder eine Stelle nachholen zu müssen. Er zitterte
aber doch, auch geriet ihm der weisse Zwischenraum nicht gleichmässig, so dass er
das misslungene Werk wegwarf und rief »Item! auf diese Weise mein ich's! Eure
Sache ist es nun, das Zeug besser zu machen, denn wofür seid Ihr jung?«
    Heinrich legte nun auch eine Stange in die Schiessscharte und versuchte sich
in dieser seltsamen Arbeit, und bald ging es ganz ordentlich vonstatten, während
der Alte vorn im Laden hauste und zwei oder drei Nähtermädchen, die sich
eingefunden hatten, rüstig Zeug zuschnitt, damit sie es in zwei Farben
zusammennäheten.
    Draussen war es anhaltend das lieblichste Sommerwetter, der Sonnenschein lag
auf der Stadt und dem ganzen Lande, und die Leute trieben sich lebhafter als
sonst im Freien herum, teils im Verkehre für die zu treffenden Vorbereitungen,
teils im Vorgenuss der kommenden Festtage, welche dies dem Genusse nachhangende
Volk recht auszubeuten gedachte. Der Laden des Alten war angefüllt mit Leuten,
welche Fahnen bestellten und holten, nähenden Mädchen, Tischlern, die Stangen
brachten, und er selbst regierte, lärmte und hantierte dazwischen herum, nahm
Geld ein und zählte Fahnen, und ab und zu ging er einmal in Heinrichs Verlies
hinein, wo dieser mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze
stand, seinen weissen Stab drehete und die sorgfältige reinliche Spirale zog.
    Der Alte klopfte ihm dann sachte auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr
»So recht, mein Söhnchen! dies ist die wahre Lebenslinie; wenn du die recht
akkurat und rasch ziehen lernst, so hast du vieles gelernt!« Und wirklich fand
Heinrich in dieser einfachen und verachteten Arbeit allmählich einen solchen
Reiz, dass ihn, die langen Sommertage, in diesem Loch zugebracht, gleich Stunden
vorübergingen. Er hatte sich bald eine grosse Geschicklichkeit erworben, welche
trotz ihrer Geringfügigkeit recht bedeutsam war; denn nicht nur galt es, die
ewige Linie ohne Anstoss und Aufentalt, ohne Abschweifung und Ungleichheit
fortzuführen, sondern sie auch so zu beschleunigen, dass es überhaupt der Mühe
lohnte und den Anforderungen genügt wurde, ohne dass durch die Eile die Arbeit
schlechter wurde und die Linie sich verwirrte.
    Unablässig zog er dieselbe, gleichmässig, rasch und doch vorsichtig, ohne
zuletzt einen Klecks zu machen, einen Stab ausschliessen zu müssen oder einen
Augenblick zu verlieren durch Unschlüssigkeit oder Träumereien, und während sich
so die umwundenen Stäbe unaufhörlich anhäuften und weggingen, während ebenso
unaufhörlich neue ankamen, um welche alle sich dasselbe endlose Band hinzog,
wusste er doch jeden Augenblick, was er geleistet, und jeder Stab hatte seinen
bestimmten Wert. Er brachte es in den ersten Tagen so weit, dass ihm der ganz
verdutzte Alte am Abend jedesmal nicht weniger als zwei Kronentaler auszahlen
musste. Erst sperrte er sich dagegen und schrie, er hätte sich verrechnet; als
aber Heinrich mit einer ihm ganz neuen Beharrlichkeit erklärte, so ginge es
nicht, und ihm nachwies, dass er froh sein müsse, soviel liefern zu können, indem
ihn Heinrichs erworbene Fertigkeit nichts anginge, gab sich, der Alte mit einer
gewissen Achtung und forderte ihn auf, nur so fortzufahren, denn die Sache sei
bestens im Gange. Wirklich hatte er auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte
einen grossen Teil der Stadt mit seinen Freudenpanieren. Heinrich drehte
unverdrossen seinen Stab, und zwar so sicher und geläufig, dass er dabei ein
ganzes Leben durchdrehte und auf der sich abwickelnden blauen Linie eine Welt
durchwanderte, bald traurig und verzagt, bald hoffnungsvoll, bald heiter und
ausgelassen, die schnurrigsten Abenteuer erlebend.
    Am Abend, nachdem er in einer entlegenen Schenke ein spärliches Abendbrot
gegessen, seinen Erwerb geizig zusammenhaltend, kehrte er müde und zufrieden in
seine Wohnung zurück und konnte kaum den Tag erwarten, wo er in aller Frühe
wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte.
    So kam endlich der Tag heran, an welchem die künftige Königin ihren Einzug
hielt. Schon am frühen Morgen fingen die Strassen an, das allerbunteste Gewand
anzuziehen, und die Bevölkerung wogte hin und her, der besitzende, angesessene
oder abhängige Teil noch mit den Anstalten beschäftigt, der müssige und
unabhängige Teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergnügend. Werkleute
hämmerten und kletterten an Gerüsten und Ehrenbogen umher, Gärtner und Bauern
führten ganze Lasten grünen Zeuges herbei, indessen die Behörden und Zünfte auf
den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen und - gehen den
ganzen Tag hielten. Die dicke gespreizte Magistratsperson, die nicht wusste, wo
ihr der Kopf stand vor aufgeblähtem Eifer, Wohldienerei und Wichtigtuerei,
rannte die arme Witwe über den Haufen, die noch in der letzten Stunde ein
Kränzchen oder Fähnchen herbeiholte, und der reiche Hofschuhmacher stiess mit der
ungeheuren Schilderei, welche er an seinem Laden aufrichtete, der über ihm
wohnenden alten Jungfer den verblühten Myrtenstock herunter, welchen die Geizige
statt allen Aufwandes vor das Fenster gesetzt.
    Im Laden des Alten war es allmählich leer geworden, nur einzelne arme Leute
kamen am Nachmittage noch, um nach reiflichem Entschlusse und Erwägung des
Nutzens oder des Schadens, welchen die Unterlassung bringen könnte, noch eine
billige Fahne oder zwei zu holen, und feilschten hartnäckig um den Preis. Der
Alte zählte jetzt seine Einnahme, und vollauf damit beschäftigt, forderte er
Heinrich auf, sich jetzt hinauszumachen, unter die Leute zu gehen, den Einzug
anzusehen und sich etwas gütlich zu tun. »Sie machen sich wohl nichts daraus,
wie?« fügte er hinzu, als er sah, dass der Aufgeforderte keine besondere Lust
zeigte, »sehen Sie, so wird man gesetzt und klug! Schon weiser geworden dahinten
bei der alten Esse in der kurzen Zeit! Das ist recht, so muss es kommen! Aber
geht dennoch ein bisschen hinaus, Liebster, und wäre es nur, um einmal die Sonne
zu geniessen und ein schönes junges Königskind anzusehen.« Heinrich fühlte sich
nicht berufen, dem Alten auseinanderzusetzen, inwiefern er recht oder unrecht
habe mit seiner Zufriedenheit und seiner Anschauung, ging jedoch vor die Stadt
hinaus, um jedenfalls etwas Luft zu schöpfen. Er sah nun auf dem Wege die ganze
Herrlichkeit fertig und mit einem Male, alles schwamm, flatterte, glänzte und
schimmerte in Farben, Gold und Grün, und ein unzähliger Menschenstrom wälzte
sich vor das Tor, wo eine schon vorhandene gleiche Menge auf dem Felde lagerte
und zechte, als ob es gälte, ein Ilion von Tonnen zu bezwingen. Aber die goldene
Nachmittagssonne rechtfertigte und verklärte allen Lärm, alles Toben und alle
Lust; Heinrich atmete tief auf, und es war ihm zu Mut, als ob er ein Jahr lang
am Schatten gelegen hätte in einem kalten Gefängnis, so wärmend und wohltuend
strömte der goldene Schein auf ihn ein.
    Plötzlich ertönte Kanonendonner, Glockengeläute über der ganzen
weitgedehnten Stadt, Musik erschallte an allen Enden, die Trommeln wurden
gerührt, auf der breiten Landstrasse wälzte sich erst ein laufender
Menschenknäuel daher, dann rasselte ein geharnischter Reiterhaufen, ritten
Beamtete aller Art heran, und an der Spitze eines langen Wagenzuges rollte jetzt
der Blumenwagen vorüber, in welchem ein liebliches junges Mädchen sass in
Reisekleidern und höchst vergnügt das tobende Volk begrüsste. Doch alles ging so
schnell vorüber wie ein Traum, und hinter den letzten Reitern flutete die Menge
zusammen und bedeckte, sich langsam nach der Stadt wälzend, alle Gehöfte,
Wirtshäuser und Schenken im Umkreise und fiel singend, lärmend, prügelnd in die
zahllosen Fallen, welche ihr die stillen Spekulanten des Tages überall
aufgestellt.
    Auch Heinrich schlenderte in die Stadt zurück und unterhielt sich nun damit,
seine Fahnenstangen vor den anderen herauszusuchen; er kannte sie bald an
verschiedenen Zeichen, und ein um das andere Haus wies diese Erzeugnisse seines
Fleisses auf. Unversehens aber erwachte der Republikaner in ihm, und er rief
schmerzlich in sich hinein »Das ist also nun das Ende vom Liede, dass du in
dieser Stadt sitzest und solchen Unsinn beiträgst zum Unsinn!« Und als ob alle
Leute ihm ansehen könnten, dass er die unzähligen Stängelchen und Stangen bemalt,
während in der Tat kein Sterblicher eine Ahnung hatte ausser dem Alten, eilte
Heinrich voll Scham und Zerknirschteit wieder aus der Stadt an den abendlichen
Fluss hinaus und in die schönen Gehölze, die sich längs desselben hinzogen. Er
ging auf denselben Wegen, auf welchen er einst in Floribus als hoffnungsreicher
Kunstjünger gefahren und gegangen in jener grünen Narrentracht und mit Ferdinand
Lys gestritten hatte. Die politischen Bedenken wegen seiner Steckenarbeit traten
jetzt zwar zurück, aber nur, um noch tieferen Platz zu machen. Das war nun,
sagte er sich, so ein Stück Schulzeit in der Schule dieses Alten! aber nun ist
es nachgerade mehr als genug! Der rauschende Fluss, die rauschenden Bäume, die
balsamische Luft der hereinbrechenden Nacht, die er alle so lange nicht
genossen, schienen ihn aufzurufen zur Treue gegen sich selbst und zum Widerstand
gegen jedes unnatürliche Joch und schienen zu singen Siehe, wir rauschen, wehen
und fliessen, atmen und leben und sind alle Augenblicke da, wie wir sind, und
lassen uns nichts anfechten. Wir biegen und neigen uns, leiden und lassen es
über uns dahinbrausen und brausen selbst mit und sind doch nie etwas anderes als
das, was wir sind! Wir gehen unter und leben doch, und was wir leben, das sorgen
wir nicht! Im Herbst schütteln wir alle Blätter ab, und im Lenz bekleiden wir
uns mit jungem Grün; heute verrinnen wir und scheinen versiegt, und morgen sind
wir da und strömen einher, und ich, der Wind, wehe, wohin ich muss, und tue es
mit Freuden, ob ich auf meinen Flügeln Rosengerüche trage oder die Wolken des
Unheils!
    Als Heinrich nach der Stadt zurückkehrte, beschloss er, nie mehr zum Alten zu
gehen, möge ihm geschehen, was da wolle, und so schwer es ihm auch fiel; denn er
hatte das ungewöhnliche graue Männchen liebgewonnen.
 
                               Siebentes Kapitel
Den andern Morgen, als Heinrich aufgestanden, empfing er einen Besuch von seiner
Hauswirtin, welche eine unvermögliche Frau war und einen ganzen Trupp Kinder zu
ernähren hatte, während ihr Mann seinen Erwerb anderweitig hintrug. Heinrich war
ihr seit einem halben Jahre die Miete schuldig; denn dies war ein Gegenstand,
welcher ihm keine Wahl liess, Schulden zu machen oder nicht, da er ein Obdach
haben musste. Die arme Frau hatte ihn nie gedrängt und wusste, dass die, so in
Sorgen leben, am besten mit Geduld und Nachsicht zusammen aus kommen, was aber
dann eine um so grössere Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit mit sich bringt, die
wiederum nicht so wohl wie eine harte Geschäftspflicht als mit frohem Dank
aufgenommen wird. Jetzt bat sie ihn um Berichtigung seiner Schuld, da mit ihrer
Beobachtung, dass Heinrich einiger Barschaft froh war, zugleich das eigene, nicht
eine Stunde länger zu ertragende Bedürfnis sich gesteigert hatte, und zwar in
aller Aufrichtigkeit und Überzeugung. Denn das ist das ergötzliche und artige
Band bei der Armut, wenn eines ein Häppchen erschnappt hat, so schreit das
andere, das sich bislang ganz still gehalten, plötzlich und ohne Bosheit, als ob
es am Spiesse stäke, und dieser liebenswürdige Wechsel von Entbehrung und
Mitgenuss, von Opfer- freudigkeit und unverhohlenem Anspruch lässt sie nur um so
natürlicher und menschlicher empfinden und zum Vorschein kommen. Heinrich, der
seinerseits ebenso unbefangen nicht an seine Schuld gedacht hatte, war in der
gleichen Unbefangenheit nur froh, der Frau sogleich genügen zu können, und sah
sich, ehe er sich ganz ermuntert, beinahe des ganzen Ergebnisses seiner
Spirallinie beraubt. So erfuhr er nun eine noch bedeutsamere Seite der
Schuldbarkeit und Pflichterfüllung, nämlich wie es tut, wenn man nicht etwa nur
mit leicht erworbenen oder fremden Mitteln zierlich und gern seine Pflicht löst,
sondern auch mit der Frucht der bitteren und anhaltenden Arbeit Recht und
Menschlichkeit zufriedenstellt, ehe man an die eigene Not denkt. Dies war sein
glückliches Erbgut, das weit mehr in seinem Blute als in seinem Wissen lag, dass
er durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte zwischen dem Gelde, das er
ohne Mühe durch die Sorge anderer erhalten, und zwischen dem, was er sich sauer
erworben; denn es hinderte ihn nun, in der Versuchung der Not jener Klugheit und
anscheinend gerechtfertigter Berechnung zu verfallen, welche so manche Menschen
in schlimmeren Zeiten wohl schlau über dem Wasser hält, aber nur um sie dann
gänzlich in Selbstsucht und Gemütsschmutz untergehen zu lassen.
    Die bedrängte Wirtin befreite sich noch am selben Tage von einer Menge
kleiner heftiger Gläubiger, erhielt neuen Kredit beim Bäcker, tat sich etwas
gütlich mit ihren vom Vater verlassenen Kindern, erwarb sogar ein Stück geringen
Zeuges zu neuen Hemdchen für dieselben, kurz, sie atmete auf und lebte nach
ihrer Weise herrlich und in Freuden, während Heinrich am gleichen Tage einen so
ratlosen Zeitraum antrat, wie er ihn vor kurzem noch nicht geahnt. Hatte sich
seine Wohnung von allem Besitztum geleert, so sah er jetzt, dass sie dennoch
noch leerer und kahler werden konnte, indem er von den letzten, fast völlig
wertlosen Gegenständchen und Bruchstücken zehrte, und bald sah es so verzweifelt
dürr und hoffnungsarm um ihn aus, dass die Wirtin ihn auffordern musste, sich eine
andere Wohnung zu suchen; denn er war nun, wie sie wohl sah, unter den Stand
ihrer eigenen Armut hinabgesunken, und bei dieser Ungleichheit lag es nicht mehr
in ihrem Vermögen, etwa auf sein besseres Glück zu bauen und die Selbsterhaltung
hintanzusetzen.
    So zog er mit seinem leeren Koffer, in welchem allein das Buch seiner
Jugendgeschichte lag, in eine neue Wohnung und erlebte es zum ersten Male, von
unbekannten Leuten gleich als Habenichts ohne Höflichkeit und mit Misstrauen
empfangen und angesehen zu werden, als sie seine Nichtabe bemerkten. Er ging
jetzt auch schlecht in Kleidern einher und musste tausend Geschicklichkeiten
erwerben, dies so gut als möglich zu verbergen, und alles dies und wenn ihm das
Wasser in die zerrissenen Sohlen drang, lehrte ihn mit stummer Beredsamkeit die
menschlichen Dinge zu empfinden und zog und bog den grünen Zweig seines Wesens
kräftig nach allen Seiten, dass er geschmeidig wurde.
    Er ertrug das Härteste ohne Verbitterung und ohne Hoffnungslosigkeit, wohl
fühlend, dass eher ein Berg einstürzt, als ein Menschenwesen ohne angemessene
Schuld zugrunde geht; wenn er sich selbst sah, wie er ebenso still und geduldig
alle Strapazen, Entbehrungen und Demütigungen zu bestehen als behende und
begehrlich, wie ein hungriges Füchslein, ein sich darbietendes Lebensmittelchen
zu erschnappen und auch dem Allerwenigsten dankbar einen hohen Wert beizulegen
verstand, ohne sich doch gierig und tierisch zu gebärden, so übte er sich gerade
an diesem Schauspiel, sein besseres Bewusstsein über dasselbe zu erheben ohne
geistige Überhebung und Mystizismus und sein edleres Ich beschaulich aus dem
dunklen Spiegel der leiblichen Not zurückleuchten zu sehen.
    Es fand sich und kam ihm gut, dass Heinrich von Natur aus verstand, geduldig
zu sein und äusseres leibliches Leidwesen zu dulden, ohne die Beweglichkeit der
Seele zu verlieren. Diese Kunst des Duldens, welche das Christentum vorzüglich
sich angeeignet und zu einer ausgebildeten Kultur erhoben hat, ist eine löbliche
Eigenschaft des ursprünglichen Menschen, und das Christentum hat sie weder vom
Himmel geholt noch sonst erfunden, sondern fertig im Vermögen des Menschen
vorgefunden, und sie ist so gut weltlicher Natur, dass nicht nur kluge und edle
Heiden sie besessen, sondern auch am kranken und leidenden Tiere täglich zu
sehen ist, und zwar nicht zum Zeugnis ihrer Niedrigkeit, sondern ihrer
massgeblichen Ursprünglichkeit und Natürlichkeit. Freilich ist das Dulden der
meisten Christen längst nicht mehr dieser edle und kraftvolle Grundzug, sondern
ein künstliches Wesen, welches darauf hinausläuft, so bald als möglich nicht
mehr dulden zu wollen und für das Erduldete hinlänglich entschädigt zu werden,
daher auch die gedankenlosen und lärmenden Gegner des Christentums das Kind mit
dem Bade ausschütten, alles Leiden entweder für Heuchelei und Beschränkteit
oder für Feigheit halten und sich gebärden wie eigensinnige kreischende Kinder,
die keine Suppe essen wollen.
    Obgleich Heinrich das Unglück um seiner selbst willen ertrug als eine ins
Leben getretene, sehr deutlich gestaltete Sache, die um ihrer Klarheit willen zu
einem Gute wurde, so verfiel er doch täglich immer wieder der christlichen
Weise, Gott um unmittelbare Hilfe zu bitten in allen möglichen Tonarten, und
zwar nicht seinetwegen, sondern um seiner Mutter willen, da deren Ruhe und
Wohlfahrt jetzt von seinem eigenen Befinden abhing. Seit ihr letztes Opfer einen
so plötzlichen schlechten Erfolg gehabt, war es ihm nicht möglich gewesen, ihr
wieder zu schreiben, da er ihr nichts Gutes berichten konnte und sie doch nicht
anlügen mochte. Von Woche zu Woche eine günstigere Wendung verhoffend, verschob
er das Schreiben, bis eine so lange Zeit verstrichen war und sich ein trauriges
Schweigen so in ihm festgesetzt hatte, dass er dieses nun nicht mehr brechen zu
können meinte als zugleich mit den wohlgefälligsten Nachrichten und am besten
mit einer glücklich bestellten Rückkehr. Die Mutter hatte ihm noch einigemal
geschrieben und die Hoffnung seiner baldigen Heimkehr jedesmal mit der
Todesanzeige eines Verwandten, Freundes oder Nachbarn geschlossen, so erst mit
derjenigen des Schulmeisters, des Oheims, dann mit derjenigen alter Leute sowohl
wie junger kräftiger Menschen aus Dorf und Stadt, und zahlreiche
Familienereignisse und Veränderungen, Entfremdung alter Verhältnisse, Untergang
manches bekannten Wohlergehens und Daseins und die Begründung gänzlich neuer
verkündeten vollends dem fernen Sohne die unerbittliche Flucht der Zeit und
liessen ihn die Vereinsamung seiner Mutter und den Wert eines jeden Tages doppelt
fühlen. Als sie aber keine Antwort mehr erhielt, schwieg sie endlich still, und
nun sprach diese Stille beredter als alle Briefe in Heinrichs Seele, welcher
sich doch nicht rühren noch regen konnte.
    So kam es, dass er, während er für seine Person sich schuldlos fühlte und die
Dinge nicht fürchtete, in Ansehung seiner Mutter eine grosse Schuld erwachsen
sah, an der er doch wieder nicht schuld zu sein meinte, und daher wusste er in
diesem Doppelzustande keinen andern Ausweg, als Gott zu bitten, seine Mutter vor
Kummer und Leid zu schützen. Dass er bei diesem Schütze selber gut wegkam,
darüber gab er sich vollkommen Rechenschaft und suchte sich zu überzeugen, dass
dennoch sein Gebet uneigennützig und es ihm durchaus nicht um sich selbst zu tun
sei; dann musste er sich aber wieder sagen, dass seine Mutter ohne Zweifel zu
Hause in der nämlichen Weise Gott für ihr Kind und nicht für sich selbst bitte,
und da doch alles beim alten blieb und Gott in der Mitte der sich kreuzenden
flehentlichen Bitten sich ganz still verhielt, so vermehrten starke Zweifel an
der Vernünftigkeit dieses ganzen Wesens sein Leid und sein Schuldbewusstsein.
Denn wenn er sich bemühte, um sich das Verhalten eines wirklich vorsehenden und
eingreifenden Gottes glaubwürdig und begreiflich zu machen, an der Mutter selbst
eine Art Schuld aufzufinden, welche eine solche Leidensschule verursacht, so
konnte er keine finden, und diese ganze Untersuchung dünkte ihn lästerlich und
unkindlich; oder wenn er endlich, etwa dachte, dass vielleicht gerade das
ängstliche Wesen der Mutter in irdischen Dingen, der grosse Wert, den sie auf ein
sicheres Auskommen und auf eine herbe Sparsamkeit legte, ihr Vergehen sei,
welches eine weise Schule Gottes hervorgerufen, so konnte er doch zwischen der
anhaltenden und bitteren Strenge dieser Schule und der geringfügigen harmlosen
und unschädlichen Ursache derselben durchaus kein gerechtes und weises
Verhältnis finden, und wenn noch irgend etwas Verhältnismässiges da war, so
dünkte es ihn erträglicher und edler, es lediglich als die innewohnende
Folgerichtigkeit und Notwendigkeit der Dinge zu betrachten, als es dem
vorsätzlichen Benehmen eines überkritischen Gottes zuzuschreiben.
Nichtsdestominder wandte er sich jedesmal, wenn das verlorene Schweigen zwischen
ihm und der Mutter recht in ihn hineinfrass, wieder mit einem wahren
sehnsüchtigen Höllenzwang von heissen Gebeten an eben diesen sich mäuschenstill
verhaltenden Gott.
    Als er eines Tages niedergeschlagen und in schlechten Zuständen auf der
Strasse ging und sich von keinem Menschen beachtet glaubte, kam ein stattlicher
junger Bürgersmann mit einem blühenden Weib am Arme auf ihn zu und redete ihn in
seiner Heimatsprache an, welche ihm wie ein Laut aus besserer Welt klang in dem
Rauschen und Dröhnen der fremden Stadt. Der Landsmann zeigte sich erfreut, ihn
endlich gefunden zu haben, und verkündete ihm Grüsse von seiner Mutter. Während
in Heinrich süsse Freude und trauriger Schreck sich mischten und bekämpften und
er rot und blass wurde, erzählte der Fremde, wer er sei, und wunderte sich, von
Heinrich nicht gekannt zu sein. Es war aber niemand anders als ein nächster
Nachbar des väterlichen Hauses und jener junge Handwerker, welcher mit Heinrich
am gleichen Tage in die Fremde gezogen, aber zu Fuss und ein schweres Felleisen
tragend, von seiner armen Mutter begleitet, indessen jener so hoffnungsvoll auf
dem Postwagen in die Welt hineinfuhr. Sich in seinem einfachen Handwerk
beschränkend und nichts anderes kennend als die unermüdete Nutzanwendung seiner
fleissigen und geschickten Hand, jeden Vorteil für dieselbe ersehend und die
Augen überall aufmachend, aber nur auf ein und denselben Gegenstand gerichtet
und allerorten nur diesen sehend, war er nach wenigen Jahren als ein
wohlgeschulter und entschlossener junger Mann zurückgekehrt und begann die
Gründung seines Hauses mit so zweifellosem und glücklichem Willen, als ob es gar
nicht anders hergehen könnte, und die Welt empfing und förderte ihn dabei, als
ob es nur so sein müsste, von seinem klaren Mute angezogen und bezwungen, und als
Pfand gab sie ihm ein schönes und wohlhabendes Bürgermädchen zur Frau, mit
welcher er jetzt eben, nicht ohne kluge geschäftliche Nebenzwecke, die
Hochzeitreise machte.
    Er hatte vor seiner Abreise bei Heinrichs Mutter angefragt, ob sie etwas für
ihren Sohn auszurichten hätte, und diese, indem sie mit Beschämung gestehen
musste, dass sie nicht einmal wisse, wo er sei, und sich zu diesem Geständnis nur
widerstrebend verstand, bat ihn, den Sohn aufzusuchen und denselben
aufzufordern, ihr Nachricht von sich zu geben, oder ihn womöglich zu bestimmen,
nach Hause zu kommen.
    So stand Heinrich nun vor dem stattlich aussehenden blühenden Paare, welches
bei aller Freundlichkeit sich nicht entalten konnte, prüfende Blicke auf seinen
schlechten Anzug zu werfen. Da es der letzte Tag ihres Aufentaltes war und sie
auf den Abend abreisen wollten, so luden sie ihn ein, mit ihnen zu gehen und die
übrige Zeit noch mit ihnen zu verbringen. Sie führten ihn in den Gastof, und
Heinrich ass mit ihnen zu Mittag. Es war lange her, seit er sich an einem so
wohlbesetzten Tische gesehen und feuriger Wein seine Lippen berührt. Der
landsmännische Gastfreund liess reichlich auftragen und drang wohlmeinend in ihn,
es sich schmecken zu lassen, und alles dies machte Heinrich nur um so verlegener
und liess ihn seine Armut doppelt empfinden, und indem er sah, dass die jungen
Eheleute das wohl bemerkten, sich in ihrer glücklichen Stimmung mässigten und mit
zartem Sinne einen der seltsamen Lage angemessenen Ton innezuhalten suchten,
empfand er es wieder bitter, nicht nur selbst unglücklich zu sein, sondern durch
sein so beschaffenes Dasein die heitere Stimmung anderer vorübergehend zu
trüben, gleich einer Regenwolke, die über einen hellen Himmel hinzieht.
    Obgleich es ihn drängte, soviel als möglich von seiner Mutter sprechen zu
hören, suchte er sich lange zu bezwingen und nicht durch Fragen zu verraten, dass
er gar nichts von ihr wisse, bis der edle Wein, welchen der Mann genugsam
strömen liess, ihm die Zunge löste, ihn alles Widerstreben vergessen, sehnlich
und unverhohlen nach der Mutter fragen liess.
    Da nahm sich der Landsmann zusammen und sagte »Ich will es Ihnen nicht
verhehlen, Herr Lee, dass Ihre Mutter sehr Ihrer Rückkunft bedarf, und ich würde
Ihnen raten und fordere Sie sogar auf, so bald als immer möglich heimzukommen;
denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu
verbergen sucht, sehen wir wohl, wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht
nichts anderes denkt. Soviel ich jetzo sehe, wenn Sie meine Freiheit nicht
übelnehmen wollen, steht es nicht zum besten mit Ihnen, und erachte ich, dass Sie
in dem Stadium sind, wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen, um
endlich mit Ehre und stattlichem Ansehen aus der Not hervorzugehen. Unsereines
hat wohl auch allerlei Strapazen auf der Wanderschaft durchzumachen oder als
Anfänger harte Zeit zu erleben; allein mit der Arbeit können wir, wenn wir nur
wollen, uns jederzeit helfen, und unsere Hände sind immer so gut wie bares Geld
oder gebackenes Brot und für jede Stunde eine unmittelbare Selbstilfe, während
es bei Ihnen dazu noch gutes Glück und allerlei Unerhörtes braucht, wovon ich
nichts verstehe. Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer
in unserer Stadt, wo es ruchbar geworden, dass Ihre Mutter grosse Summen an Sie
gewendet und ihr eigenes Auskommen dadurch bedeutend geschmälert hat, haben es
sich beikommen lassen, dieselbe hart zu tadeln hinter ihrem Rücken und auch ihr
ins Gesicht ungefragt zu sagen, dass sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne
schlecht gedient als durch solche unzukömmliche Opfer sich selbst überhoben
habe. Jedermann, der Ihre Mutter kennt, weiss, dass alles eher als dieses der Fall
ist, aber das unverständige Geschwätz hat sie vollends eingeschüchtert, dass sie
fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und harter Selbstverleugnung
dahinlebt. Obgleich die Nachbaren ihr manche Dienste anbieten, nimmt sie nichts
an, und die Art, wie sie dies tut und wie sie ihre Sachen besorgt, hat, soviel
man davon sehen kann, etwas höchst Seltsames und Schwermütigmachendes für uns
Zuschauer. Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt, sie spinnt jahraus
und - ein, als ob sie zwölf Töchter auszusteuern hätte, und zwar, wie sie sagt,
damit doch mittlerweile etwas angesammelt würde und, da sie nichts anderes
ansammeln könne, wenigstens ihr Sohn für sein Leben lang und für sein ganzes
Haus genug Leinwand finde. Wie es scheint, glaubt sie durch diesen Vorrat weissen
Tuches, das sie jedes Jahr weben lässt, Ihr Glück herbeizulocken, gleichsam wie
in ein aufgespanntes Netz, damit es durch einen tüchtigen Hausstand ausgefüllt
werde, oder gleichsam wie die Gelehrten und Schriftsteller durch ein Buch weisses
Papier gereizt und veranlasst werden sollen, ein gutes Werk darauf zu schreiben,
oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand, ein schönes Stück Leben darauf
zu malen. Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und staunt
unverwandt in das Land hinaus, über die Dächer weg oder in die Wolken; wenn es
aber dunkelt, so lässt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen,
ohne Licht anzuzünden, und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr
Fenster fällt, so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen,
wie sie immer gleich ins Weite hinausschaut. Seit Jahren geht sie in demselben
braunen Kleide, welches sich gar nicht abzutragen scheint, über die Strasse und
hat sich streng von aller, auch der einfachsten Zier entblösst, dass es unsere
Weiber ärgert, welche gewöhnt sind, sich mit der Zeit immer reicher zu kleiden
anstatt schlichter, und darnach ihr Gedeihen berechnen. Wahrhaft melancholisch
aber ist es anzusehen, wenn sie zuweilen ihre Betten sonnt; anstatt sie mit
Hilfe anderer auf unsern geräumigen Platz hinzutragen, wo der grosse Brunnen
steht, schleppt sie dieselben allein auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses,
breitet sie dort an der Sonnenseite aus, geht emsig auf dem steilen Dache umher,
ohne Schuhe zwar, aber bis an den Rand hin, klopft die Stücke aus, kehrt sie,
schüttelt sie und hantiert dermassen seelenallein in dieser schwindligen Höhe
unter dem offenen Himmel, dass es höchst verwegen und sonderbar anzusehen ist,
zumal wenn sie, einen Augenblick innehaltend, die Hand über die Augen hält und
da hoch oben in der Sonne stehend in die weite Ferne hinauszieht. Ich konnte es
einmal nicht länger ansehen von meinem Hofe aus, wo ich eben einen Wagen
lackierte, ging hinüber, stieg bis zum Dache hinauf und hielt unter der Luke
eine Anrede an sie, indem ich ihr die Gefahr ihres Tuns vorstellte und bat, doch
die Hilfe anderer Leute in Anspruch zu nehmen. Sie lächelte aber nur und
bedankte sich, und bin ich auch der Meinung, dass nur durch Ihre Heimkehr solche
peinliche Abstinenz und Pönitenz vertrieben werden kann!«
    Der wackere Mann, welcher keinen Augenblick Heinrich verächtlich behandelte,
vielmehr dessen Lage mit achtungsvollem Mitgefühl für einen notwendigen
Künstlerzustand hielt, aus welchem herauszukommen und dann die Herrlichkeiten
des Künstlertums anzutreten nur von einem festen Wollen und Zusammenraffen
Heinrichs abhinge, munterte ihn nun wiederholt auf, nach Hause zu kommen, und
malte ihm aus, wie die sichere Luft der Heimat meistens in solchen Fällen eine
günstige Wendung herbeiführe und dem Erfahrenen und Geprüften einen neuen Mut
und zugleich einen klaren Überblick gebe, so dass er entweder gedeihlich im Lande
bliebe oder, wenn es der Beruf so mit sich führe, mit neuer Kraft und grösserer
Zweckmässigkeit zum zweiten Mal ausfliegen könne. Er bot ihm, indem er von der
Mutter den Auftrag zu haben vorgab, die nötige Barschaft an zur Heimreise.
    Heinrich hatte dem Erzähler unverwandt zugehört; statt auf die Vorschläge
des braven Nachbars zu hören, dessen Anerbieten und jetziges Wesen er vor Jahren
kaum geahnt hätte und den er dazumal kaum näher gekannt, sah er fort und fort
die seltsamen Bilder seiner Mutter, welche der Landsmann ihm entworfen, und sie
prägten sich seinem Sinne in einer goldenen sonnigen Verklärung ein, so dass er
träumend ihnen nachhing. Als der Landsmann ihn endlich ermunterte und, sein Glas
füllend, sein Anerbieten und seine Aufforderung wiederholte, lehnte er alles mit
bescheidenem Danke ab und bat, die freundlichen Leutchen möchten seine Mutter
tausendmal grüssen und nur sagen, es ginge ihm ganz ordentlich, er würde gewiss so
bald immer tunlich zurückkehren. Denn das Anerbieten des Mannes zu ergreifen und
in diesem Augenblicke und auf diese Weise nach der Heimat zu gehen, schien ihm
ganz gewaltsam und wie aus der Schule gelaufen, ohne seine Tagesaufgabe gelöst
zu haben.
    Er begleitete das Paar nach dem Bahnhofe und sah sie mit Hunderten von
glücklichen Reisenden davonfliegen, indes er selbst traurig in die Stadt
zurückkehrte, welche ihm mm vollends zu einem Aufentalt des Elendes, der
Verbannung wurde. Aber dieser Zustand war nun schon wieder ein anderer geworden
als erst vor einem Tage, und durch die Begegnung mit dem Landsmanne und dessen
Mitteilungen nahm sein leidendes Verhalten eine bestimmte und veredelte Gestalt,
und er fühlte sich durch einen klaren notwendigen Verlauf der Dinge, durch die
Erfüllung eines jeden Teilchens seiner Selbstbestimmung und Verschuldung an das
ferne Elend gefesselt, während alle seine Gedanken mit tiefer Sehnsucht nach der
Heimat zogen, wo er unaufhörlich das Bild seiner Mutter an dem drehenden Rade
sitzen, durch die Strassen der alten Stadt gehen oder auf dem sonnbeglänzten
Hausdache emporragen sah.
    Sein ganzes Wesen wurde von diesen Bildern und von glänzenden Vorstellungen
der Heimat getränkt und durchdrungen, und die einfache Rückkehr nach derselben
erschien ihm jetzt nach all den Hoffnungen und Bestrebungen das
wünschenswerteste und höchste Gut, welches doch wiederum durch eine seltsame
künstlerische Gewissenhaftigkeit in eine ungewisse, fast unerreichbare Ferne
gerückt wurde, durch die künstlerische Gewissenhaftigkeit nicht etwa des Malers,
sondern des Menschen, welchem es unmöglich erschien, ohne Grund und Abschluss,
ohne das Verdienst eines erreichten Lebens jenes Glück vom Zaune zu brechen und
gewaltsam herbeizuführen.
    Allein das heisse Verlangen nach diesem so einfachen und natürlichen Gute
wirkte so mächtig in ihm, dass in tiefer Nacht, wenn der Schlaf ihn endlich
heimgesucht, eine schöpferische Traumwelt lebendig wurde und durch die
glühendsten Farben, durch den reichsten Gestaltenwechsel und durch die
seligsten, mit dem allerausgesuchtesten Leide gepaarten Empfindungen den
Schlafenden beglückte, mit ihrer Nacherinnerung aber auch den Wachen für alles
Übel vollkommen schadlos hielt und das Unerträgliche erträglich machte, ja sogar
zu einer Art von bemerkenswertem Glücke umwandelte.
    Ganz wie es ihm einst Römer, sein unkluger und doch so erfahrener Lehrer,
verkündet, sah er nun im Traume bald die Stadt, bald das schöne Dorf auf
wunderbare Weise verklärt und verändert, ohne je hineingelangen zu können, oder,
wenn er dort war, mit einem plötzlichen traurigen Ausgang und Erwachen. Er
durchreiste die schönsten Gegenden seines Vaterlandes, welche er in der
Wirklichkeit nie gesehen, sah die Gebirge, Täler und Ströme mit wohlbekannten
und doch ganz unerhörten Namen, die wie Musik klangen und doch etwas kindisch
Komisches an sich hatten, wie es nur der Traum gebären kann; er näherte sich
allmählich der Stadt, worin das Vaterhaus lag, auf wunderbaren Wegen, am Rande
breiter Ströme, auf denen jede Welle einen schwimmenden Rosenstock trug, so dass
unter dem dahinziehenden Rosenwalde das Wasser kaum hindurchfunkelte. Ein
Landmann pflügte mit einem goldenen Pfluge am Ufer mit milchweissen Ochsen, unter
deren Tritten grosse Kornblumen aufsprossten; die Furche füllte sich mit goldenen
Körnern, welche der Bauer, indem er mit der einen Hand den Pflug lenkte, mit der
anderen aufschöpfte und weitin in die Luft warf, worauf sie in einem goldenen
Regen über Heinrich herabfielen! der sie in seinem Hute auffing und sah, dass sie
sich in lauter goldene Schaumünzen verwandelten, auf welchen ein alter Schweizer
mit dem Schwerte geprägt war und mit einem sehr langen Barte. Er zählte sie
eifrig und konnte sie doch nicht auszählen, füllte aber alle Taschen damit; die
er nicht hineinbrachte, als sie voll waren, warf er wieder in die Luft, da
verwandelte sich der Goldregen in einen prächtigen Goldfuchs, welcher wiehernd
an der Erde scharrte, aus welcher dann der schönste Hafer in Haufen hervorquoll,
den der Goldfuchs mutwillig verschmähte. Jedes Haferkorn war ein süsser
Mandelkern, eine getrocknete Weinbeere und ein neuer Batzen, die in rote Seide
zusammengewickelt und mit einem goldenen Faden zugebunden waren; zugleich war
ein Endchen Schweinsborste eingebunden, welche einen angenehm kitzelte, und
indem das schöne Pferd sich behaglich darin wälzte, rief es »Der Hafer sticht
mich! der Hafer sticht mich!« Heinrich bestieg das Pferd, ritt beschaulich am
Ufer hin und sah, wie der Bauer in die Rosen hineinpflügte und mit seinem ganzen
Gespann darunter versank. Die Rosen nahmen ein Ende, und während sie sich zu
dichten Scharen verzogen und in die Ferne hinschwammen, eine hohe Röte am runden
Horizonte ausbreitend, der Fluss aber jetzt rein und wie ein unermessliches Band
fliessenden blauen Stahles erschien, fuhr der Bauer auf seinem Pfluge, der sich
in ein Schiff verwandelt hatte, dessen Steuer sich aus der goldenen Pflugschar
formierte, singend dahin und sang »Das Alpenglühen rückt aus und geht ums
Vaterland herum!« Dann bohrte er eifrig ein Loch in den Schiffboden; dann
steckte er das eherne Mundstück einer Trompete an das Loch, sog einen Augenblick
kräftig daran, worauf es mächtig erklang, gleich einem Harstorn, und einen
glänzenden Wasserstrahl ausstiess, der den herrlichsten Springbrunnen in dem
fahrenden Schifflein bildete. Der Bauer nahm den Brunnenstrahl, setzte sich, auf
den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen Knien und mit der rechten Faust
ein mächtiges Schwert daraus, dass die Funken nur so stoben. Als das Schwert
fertig war, probierte er es an einem ausgerupften Bartaar und überreichte es
höflich sich selbst, der plötzlich als jener dicke Wirt ihm gegenüberstand,
welcher an jenem Volksfeste den Wilhelm Tell vorgestellt Dieser nahm das
Schwert, schwang es und sang mächtig:
»Heio heio! bin auch noch do
Und immer meines Schiessens froh!
Heio heio! die Zeit ist weit,
Der Pfeil des Tellen fleugt noch heut!
Heio heio! seht ihr ihn nicht?
Dort oben fliegt er hoch im Licht!
Man weiss nicht, wo er steckenbleibt,
Heio heio! 's ist, wie man's treibt!«
Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand, die nun eine
Speckseite war, urplötzlich einen dicken Span herunter und trat mit demselben
feierlich in die Kajüte, um einen Imbiss zu halten.
    Heinrich ritt nun auf seinem Goldfuchs in das Dorf ein, darin sein Oheim
wohnte; es sah ganz fremd aus, die Häuser waren neu gebaut und alle Kamine
rauchten, indessen die Bewohner sämtlich hinter den hellen Fenstern zu erblicken
waren, wie sie eifrig um den Tisch herum sassen und assen, keine Seele sich aber
auf der Strasse sehen liess und ihn also auch niemand bemerkte. Dessen war er aber
höchlich froh; denn er entdeckte erst jetzt, dass er auf seinem leuchtenden
Pferde noch die alten abgeschabten und anbrüchigen Kleider anhatte. Er bestrebte
sich, desnahen auch, ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen; aber wie
wunderte er sich, als dieses über und über mit Efeu bewachsen und ausserdem noch
ganz von den alten wuchtigen Nussbäumen überhangen war, so dass kein Stein und
kein Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein Stückchen Fensterscheibe durch
das dichte Grün blinkte. Er sah wohl, dass sich Leute hinter denselben bewegten,
aber er konnte niemanden erkennen. Der Garten war mit einer Wildnis von
wuchernden Feldblumen bedeckt, aus denen die alten verwilderten Gartenstauden
baumhoch emporragten, und Schwärme wild gewordener Bienen brausten auf dieser
Blumenwildnis umher. Im Bienenhause aber lag sein alter Liebesbrief, den der
Wind einst dahin getragen, vergilbt und vom Wetter zugerichtet, ohne dass ihn die
Jahre her jemand gefunden, obgleich er offen dalag; er nahm ihn und wollte ihn
entfalten, da riss ihn jemand aus seiner Hand, und als er sich umsah, huschte
Judit damit lachend um die Ecke und küsste Heinrich aus der Entfernung durch die
Luft, dass er den Kuss auf seinem Munde fühlte; aber der Kuss verwandelte sich
sogleich in ein Apfelküchlein, das er begierig ass, da er im Schlafe mächtigen
Hunger empfand. Dies sah er auch sogleich ein und überlegte, dass er ja träume,
dass aber der Apfelkuchen von jenen Apfeln herkomme, welche er einst küssend mit
Judit zusammen gegessen. Aber das Stückchen Kuchen machte ihn erst recht
heisshungrig, und er gedachte, dass es nun Zeit sei, in das Haus zu gehen, wo wohl
eine gute Mahlzeit bereit sein würde. Er packte also einen schweren Mantelsack
aus, welcher sich unversehens auf seinem Pferde befand, nachdem er dasselbe an
einen Baum gebunden, und aus seinem Mantelsack rollten die schönsten Kleider
hervor und ein feines weisses Hemd mit gestickter Brust. Wie er dieses
auseinanderfaltete, wurden zwei daraus, aus den zweien vier, aus den vieren
acht, kurz, eine Menge der feinsten Leitwäsche breitete sich aus, welche wieder
in den Mantelsack zu packen Heinrich sich abmühte, aber vergeblich; immer wurden
es mehr Hemden und bedeckten den Boden umher, und Heinrich empfand die grösste
Angst, über diesem sonderbaren Geschäft von seinen Verwandten überrascht zu
werden. Endlich ergriff er in der Verzweiflung eines, um es anzuziehen, und
stellte sich schamhaft hinter einen Nussbaum; aber man sah vom Hause aus an diese
Stelle, und er schlich sich beklemmt hinter einen andern, und so immer fort von
einem Baume zum andern, bis er, dicht an das Haus gelehnt und sich in den Efeu
hineindrückend, in der grössten Verwirrung und Eile den Anzug wechselte, die
schönen Kleider anzog und doch fast nicht fertig damit werden konnte, und als er
es endlich war, befand er sich wieder in der grössten Not, wohin er das traurige
Bündel der alten Kleider bergen möge. Wohin er es auch trug, immer fiel ihm ein
Stück auf die Erde; zuletzt gelang es mit saurer Mühe, das Zeug in den Bach zu
werfen, wo es aber durchaus nicht talab schwimmen wollte, sondern sich immer an
selber Stelle herumdrehte ganz gemächlich. Er ergriff eine verwitterte
Bohnenstange, die ihm in den Händen zerbrach, und quälte sich ab, die schlechten
Lumpen in die Strömung hineinzustossen; aber die morsche Stange brach und brach
immer wieder und zersplitterte bis auf das letzte Stümpfchen. Da berührte ein
süsser duftiger Hauch seine Wangen, den er so recht durch allen Traum hindurch
empfand, und Anna stand vor ihm und führte ihn freundlich in das grüne Haus
hinein. Er stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die Stube,
wo der Oheim, die Tante, die Basen und die Vettern sämtlich versammelt waren und
ihn herzlich begrüssten. Er sah sich aufatmend um; die alte Wohnung war ganz neu
und sonntäglich aufgeputzt, manches neue, ihm noch unbekannte Möbel, wie es im
Laufe der Jahre wohl in ein Haus kommt, stand da, und es war so sonnenhell in
dem Gemach, dass Heinrich nicht begriff, wie durch den dicken Efeu all das Licht
herkomme. Der Oheim und die Tante waren in ihren besten Jahren, die Bäschen und
die Vettern lustig und blühender als je, der Schulmeister ebenfalls ein sehr
schöner Mann und aufgeräumt wie ein Jüngling, und Anna war als Mädchen von
vierzehn Jahren in jenem rotgeblümten Kleide und mit der lieblichen Halskrause.
Was aber sehr sonderbar war alle, Anna nicht ausgenommen, trugen lange feine
kölnische Pfeifen in den Händen und rauchten einen wohlriechenden Tabak und
Heinrich ebenfalls. dabei standen sie, die Verstorbenen und die noch Lebendigen,
keinen Augenblick still, sondern gingen mit freundlichen frohen Mienen
unablässig die Stube auf und nieder, hin und her, und dazwischen niedrig am
Boden die zahlreichen Jagdhunde, das Reh, der Marder, zahme Falken und Tauben in
friedlicher Eintracht, nur dass die Tiere den entgegengesetzten Strich mit den
Menschen gingen und so ein wunderbares Weben durcheinanderging Der grosse
Nussbaumtisch war mit dem schönsten weissen Damasttuche gedeckt und mit einer
duftenden vollaufgerüsteten Mahlzeit besetzt, an welche aber niemand rührte.
Heinrich konnte kaum erwarten, bis man sich zu Tische setze, so wässerte ihm der
Mund, und unterdessen sagte er zum Oheim »Ei, Ihr scheint es Euch da recht wohl
sein zu lassen!« - »Versteht sich!« sagte der, und alle wiederholten »Versteht
sich!« mit angenehm klingender Stimme.
    Plötzlich befahl der Oheim, dass man zu Tische sitze, und alle stellten die
Pfeifen pyramidenweise zusammen auf den Boden, je drei und drei, wie die
Soldaten die Gewehre. Darauf schienen sie unversehens wieder zu vergessen, dass
sie sich eigentlich zu Tisch setzen wollten, zum grossen Verdruss Heinrichs; denn
sie gingen nun ohne die Pfeifen wieder umher und fingen allmählich an zu singen,
und Heinrich sang mit:
»Wir träumen, wir träumen,
Wir träumen, träumen, träumen,
Wir säumen, träumen, säumen,
Wir eilen und wir weilen,
Wir weilen und wir eilen,
Sind da und sind doch dort,
Wir gehen bleibend fort,
Wem konveniert es nicht?
Wie schön ist dies Gedicht! Hallo, hallo!
Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht,
Die Wälder und die Felder, die Jäger und die Jagd!«
Diese merkwürdige Traumkomposition sangen die Weiber und Männer mit wundervoller
Harmonie und Lust, und das Hallo stimmte der Oheim mit gewaltiger Stimme an, so
dass die ganze Schar mit verstärktem Gesange darein tönte und rauschte und
zugleich, blässer und blässer werdend, sich in einen wirren Nebel auflöste,
während Heinrich bitterlich weinte und schluchzte und die Tränen stromweis
flossen. Er erwachte in Tränen gebadet, und sein schlechtes Lager, welches seine
jetzigen Wirtsleute, weil er nicht bezahlen konnte, lange nicht aufgefrischt,
war vor. Tränen benetzt. Als er diese mit Mühe getrocknet, war das erste, dessen
er sich erinnerte, der wohlbesetzte Tisch, der ihm so schnöde entschwunden, und
erst dann fiel ihm nach und nach der ganze Traum bei, und er schlief voll
Sehnsucht hurtig wieder ein, um nur schnell wieder in das gelobte Land zu kommen
und die Heimreise zu vollenden.
    Er fand sich in einem grossen Walde wieder und ging auf einem wunderlichen
schmalen Brettersteig, welcher sich hoch durch die Äste und Baumkronen wand,
eine Art endlosen hängenden Brückenbaues, indessen der bequeme Boden unten
unbenutzt blieb. Aber es war schön, hinabzuschauen auf denselben, da er ganz aus
grünem Moose bestand, welches in tiefer Dunkelheit lag. Auf dem Moose wuchsen
Tausende von einzelnen sternförmigen Blumen auf schwankem Stengel, die sich
immer dem oben gehenden Beschauer zuwandten; im Schatten jeder Blume stand ein
kleines Bergmännchen, welches mittelst eines in einem goldenen Laternchen
eingefassten Karfunkels die nächste Blume beleuchtete, dass sie aus der Tiefe
glänzte wie ein blauer oder roter Stern, und indem sich die Blumengestirne
langsamer oder schneller drehten, gingen die Männchen mit ihren Laternchen um
sie herum und lenkten sorgfältig den Lichtstrahl auf den Kelch. Jede Blume hatte
ihr eigenes Männchen, und das kreisende Leuchten in der dunklen Tiefe sah sich
von dem hohen Bretterwege wie ein unterirdischer Sternhimmel an, nur dass er grün
war und die Sterne in allen Farben strahlten. Heinrich ging entzückt auf seiner
Hängebrücke weiter und schlug sich tapfer durch die Buchen- und Eichenkronen,
manchmal kam er in eine Föhrengruppe hinein, welche etwas lichter war, und das
purpurrote, von der Sonne durchglühte, stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen
bot einen fabelhaften Anblick und Aufentalt, da es wie künstlich bearbeitet,
gezimmert und mit wunderlichem Bildwerk verziert erschien und doch natürliches
Astwerk war. Manchmal führte der Steg auch ganz über die Bäume hinweg unter den
offenen Himmel und Sonnenschein, und Heinrich stellte sich auf das schwanke
Geländer, um zu sehen, wo es hinausginge; aber nichts war zu erblicken als ein
endlos Meer von grünen Baumwipfeln, so weit das Auge reichte, auf dem der heisse
Sommertag flimmerte und Abertausende von wilden Tauben, Hähern, Mandelkrähen,
Finken, Weihen und Dohlen herumschwärmten, und das Wunderbare war nur, dass man
auch die allerfernsten Vögel deutlich erkannte und ihre glänzenden Farben
unterscheiden konnte. Nachdem Heinrich sich sattsam umgeschaut, ging er weiter
und schaute wieder in die Tiefe, wo er jetzt eine noch viel tiefere Felsschlacht
entdeckte, die aber für sich allein gänzlich von der Sonne erhellt war, welche
durch irgendeine Bergspalte hereinbrach. Auf dem Grunde war eine kleine Wiese an
einem klaren Bache; mitten auf der Wiese sass auf ihrem kleinen Strohsessel
Heinrichs Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren. Sie
war uralt und gebeugt, und Heinrich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden
ihrer Züge genau erkennen. Sie hütete mit einer grünenden Rute eine kleine Herde
grosser Silberfasanen, und wenn einer sich aus ihrem Umkreise entfernen wollte,
schlug sie leise auf seine Flügel, worauf einige glänzende Federn emporschwebten
und in der Sonne spielten. Am Bächlein aber stand ihr Spinnrad, das mit
Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines Mühlrad war und sich blitzschnell
drehte; sie spann nur mit der einen Hand den leuchtenden Faden, der sich nicht
auf die Spule wickelte, sondern kreuz und quer an dem Abhange herumzog und Sich
da sogleich zu grossen Flächen blendender Leinwand bildete. Diese stieg höher und
höher hinan, und plötzich fühlte Heinrich ein schweres Gewicht auf seiner
Schulter und entdeckte, dass er den vergessenen Mantelsack trug, der von den
feinen Hemden ganz geschwollen war. Indem er sich mühselig damit schleppte, sah
er, wie die Fasanen plötzlich schöne Bettstücke waren, die seine Mutter sonnte
und eifrig ausklopfte. Dann nahm sie dieselben zusammen und trug sie geschäftig
herum und eines ums andere in den Berg hinein. Wenn sie wieder herauskam, so
schaute sie mit der Hand über den Augen sich um und sang:
»Mein Sohn, mein Sohn,
O schöner Ton!
Wie schön er verhallt
Im tönenden Wald!
Mein Sohn, mein Sohn geht durch den Wald!«
Ihre Stimme tönte rührend hell und klingend in der weit und breiten Stille; da
ersah sie ihn plötzlich, als er hoch über der Schlacht auf seinem schwebenden
Stege stand und sehnlich auf sie herabschaute. Sie stiess einen lauten, weitin
verklingenden Freudenschrei aus und schwebte blitzschnell wie ein Geist davon
über Stock und Stein, ohne zu gehen, so dass sie Heinrich immer in der grössten
Ferne zu entschwinden drohte, während er ihr vergeblich rufend nacheilte, dass
die Baumkronen um ihn tanzten und sausten und der Steg sich bog und knarrte.
    Plötzlich war der Wald aus, und Heinrich sah sich auf dem steilen Berge
stehen, welcher seiner Geburtsstadt gegenüberlag, aber welch einen Anblick bot
diese! Der Fluss war zehnmal breiter als sonst und glänzte wie ein Spiegel; die
Häuser waren alle so gross wie sonst die Münsterkirche, von der fabelhaftesten
Bauart und leuchteten im Sonnenschein; alle Fenster waren mit einer Fülle der
seltensten Blumen bedeckt, die schwer über die mit Bildwerk bedeckten Mauern
herabhingen, die Linden stiegen in unabsehbarer Höhe in den dunkelblauen
durchsichtigen Himmel hinein, der ein einziger Edelstein schien, und die
riesenhaften Lindenwipfel wehten daran hin und her, als ob sie ihn noch blanker
fegen wollten, und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue Masse hinein,
dass es vollkommen anzusehen war wie die Moospflänzchen, die man im Bernstein
eingeschlossen sieht, nur unendlich grösser.
    Zwischen den ungeheuren grünen Laubmassen der Linden stiegen die beiden
gotischen Türme des Münsters empor, indessen das byzantinische Schiff der Kirche
wie ein Steingebirge unter der Laubmasse lag; aber wo etwas davon sichtbar
wurde, war es die künstlichste Bildhauerarbeit. Die beiden goldenen Kronen aber,
welche, Heinrich wohlbekannt, die Turmknöpfe bildeten, funkelten in der
Himmelshöhe und waren voll junger Mädchen, die darin tanzten. Obgleich er trotz
des breiten Stromes jede Fuge an der Stadt und jedes einzelne Lindenblatt klar
und scharf erkennen konnte, so konnte er doch nicht sehen, wer die Mädchen
waren, und er beeilte sich hinüberzukommen, da es ihn sehr wundernahm, wer sie
sein möchten.
    Zur rechten Zeit sah er den Goldfuchs neben sich stehen, legte ihm den
Mantelsack auf und begann den jähen Staffelweg hinunterzureiten, der an die
Brücke führte. Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall, in welchem
gewissermassen als Kern ein spannelanges pudelnacktes Weibchen eingeschlossen
lag, von unbeschreiblichem Ebenmass und Schönheit der kleinen Gliederchen.
Während der Goldfuchs den halsbrechenden Weg hinuntertrabte und jeden Augenblick
mit seinem Reiter in den Abgrund zu stürzen drohte, bog sich Heinrich links und
rechts vom Sattel und suchte mit sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der
durchsichtigen Kristallstufen zu dringen. »Tausend noch einmal!« rief er lüstern
aus, »was mögen das nur für allerliebste närrische Wesen sein in dieser
verwünschten Treppe?« - »Ei, was wird's sein?« erwiderte das Pferd, indem es
springend den Kopf zurückwandte, »das sind nur die guten Dinge und Ideen, welche
der Boden der Heimat in sich schliesst und welche derjenige herausklopft, der im
Lande bleibt und sich redlich nährt!«
    »Teufel!« rief Heinrich, »ich werde gleich, morgen hier herausgehen und mir
einige Staffeln aufklopfen!« und er konnte seine Blicke nicht wegwenden von der
langen Treppe, die sich schon glänzend hinter ihm den Berg hinaufwand. Er war
jetzt unten bei der Brücke angekommen; das war aber nicht mehr die alte hölzerne
Brücke, sondern ein marmorner Palast, welcher in zwei Stockwerken eine
unabsehbare Säulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrücke über
den Fluss führte. »Was sich doch alles verändert und vorwärtsschreitet, wenn man
nur einige Jahre weg ist!« sagte Heinrich, als er gemächlich in die weite
Brückenhalle hineinritt. Während das Gebäude von aussen nur in weissem, rotem und
grünem Marmor glänzte, allerdings in den herrlichsten Verhältnissen und
Gliederungen, waren die Wände inwendig mit zahllosen Malereien bedeckt, welche
die ganze fortlaufende Geschichte und alle Tätigkeiten des Landes darstellten.
Hirten und Jäger, Bauern und Pfaffen, Staatsmänner, Künstler, Handwerker,
Schiffer, Kaufleute, Gemsjäger, Mönche, Jünglinge und Greise, alle waren in
ihrem Wesen kenntlich und verschieden und doch sich alle gleich und traten in
den dargestellten Handlungen ungezwungen zusammen in den bestimmtesten und
klarsten Farben. Die Malerei war einfach, hatte durchaus den Charakter der alten
soliden Freskomalerei, aber alle Abwesenheit von gebrochenen Farben und den
Künsten des Helldunkels liess die Bilder nur um so klarer und bestimmter
erscheinen und gab ihnen einen unbefangenen und muntern Anstrich. Auch verstand
sie alles Volk, das auf der Brücke hin und her wogte, und während sie so durch
einen guten und männlichen Stil für den Gebildeten erfreulich blieben, wurden
sie durch jene Künste nicht ungeniessbar für den weniger Geschulten; denn die
Bedeutung der alten Freskomalerei liegt in ihrer tüchtigen Verständlichkeit und
Gemeingeniessbarkeit, während die Vorzüge der neueren Malerei ein geübtes Auge
erfordern und das Volk sich den Teufel um gebrochene Töne kümmert.
    Das lebendige Volk, welches sich auf der Brücke bewegte, war aber ganz das
gleiche wie das gemalte und mit demselben eines, wie es unter sich eines war, ja
viele der gemalten Figuren traten aus den Bildern heraus und wirkten in dem
lebendigen Treiben mit, während aus diesem manche unter die Gemalten gingen und
an die Wand versetzt wurden. Diese glänzten dann in um so helleren Farben, als
sie in jeder Faser aus dem Wesen des Ganzen hervorgegangen und ein bestimmter
Zug im Ausdrucke desselben waren. Überhaupt sah man jeden entstehen und werden,
und der ganze Verkehr war wie ein Blutumlauf in durchsichtigen Adern. In dem
geschliffenen Granitboden der Halle waren verschiedene Löcher angebracht mit
eingepassten Granitdeckeln, und was sich Geheimnisvolles oder Fremdartiges in dem
Handel und Wandel erblicken liess, wurde durch diese Löcher mit einem grossen
Besen hinabgekehrt in den unten durchziehenden Fluss, der es schleunig weit
wegführte. Der Ein-und Ausgang der Brücke aber war offen und unbewacht, und
indem der Zug über dieselbe beständig im Gange war, der Austausch zwischen dem
gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand und alles sich unmerklich
jeden Augenblick erneuerte und doch das Alte blieb, schien auf dieser wunderbar
belebten Brücke Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur ein Ding zu sein.
    »Nun möcht ich wohl wissen«, sagte Heinrich vor sich hin, während er
aufmerksam alles aufs genaueste betrachtete, »was dies für eine muntere und
lustige Sache hier ist!«
    Das Pferd erwiderte auf der Stelle: »Dies nennt man die Identität der
Nation!«
    »Himmel!« rief sein Reiter, »du bist ein sehr gelehrtes Pferd! Der Hafer muss
dich wirklich stechen! Wo hast du diese gelehrte Anschauung erworben?«
    »Erinnere dich«, sagte der Goldfuchs, »auf wem du reitest! Bin ich nicht aus
Gold entstanden? Gold aber ist Reichtum, und Reichtum ist Einsicht.«
    Bei diesen Worten merkte Heinrich plötzlich, dass sein Mantelsack statt mit
Wäsche jetzt gänzlich mit jenen goldenen Münzen angefüllt und ausgerundet war,
welche er mit den alten Kleidern in das Wasser geworfen hatte. Ohne zu grübeln,
woher sie so unvermutet wiederkämen, fühlte er sich höchst zufrieden in ihrem
Besitze, und obschon er dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben
konnte, dass Reichtum Einsicht sei, so war er doch schon insoweit von seiner
Behauptung angesteckt und fand sich doch plötzlich so leidlich einsichtsvoll,
dass er wenigstens nichts erwiderte und gemütlich weiterritt auf der schönen
Brücke.
    »Nun sage mir, du weiser Salomo!« begann er nach einer Weile wieder, »heisst
eigentlich die Brücke oder die Leute, so darauf sind die Identität? oder welches
von beiden nennst du so?«
    »Beide zusammen sind die Identität!« sagte das Pferd.
    »Der Nation?« fragte Heinrich.
    »Der Nation, zum Teufel noch einmal, versteht sich!« sprach der Goldfuchs.
    »Gut! aber welches ist denn die Nation, die Brücke oder die Leute, so
darüberrennen?« sagte Heinrich.
    »Ei, seit wann«, rief das Pferd, »ist denn eine Brücke eine Nation? Nur
Leute können eine Nation sein, folglich sind diese Leute hier die Nation!«
    »So! und doch sagtest du soeben, die Nation und die Brücke zusammen machten
eine Identität aus!« erwiderte Heinrich.
    »Das sagt ich auch und bleibe dabei!« versetzte das Pferd.
    »Nun, also?« fuhr Heinrich fort.
    »Wisse«, antwortete der Gaul bedächtig, indem er sich auf allen vieren
ausspreizte und tiefsinnig in den Boden hineinsah, »wisse, wer diese heiklige
Frage zu beantworten, den Widerspruch zu lösen versteht, ohne den scheinbaren
Gegensatz aufzuheben, der ist ein Meister hierzulande und arbeitet an der
Identität selber mit. Wenn ich die richtige Antwort, die mir wohl so im Maule
herumläuft, rund und nett zu formulieren verstände, so wäre ich nicht ein Pferd,
sondern längst hier an die Wand gemalt. Übrigens erinnere dich, dass ich nur ein
von dir geträumtes Pferd bin und also unser ganzes Gespräch eine subjektive
Ausgeburt und Grübelei deines eigenen Gehirnes ist, die du Aberwitziger mit über
den Rhein gebracht hast. Mitin magst du fernere Fragen dir nur selbst
beantworten aus der allerersten Hand!«
    »Ha! du widerspenstige Bestie!« schrie Heinrich in antropologischem Zorne
und spornte das Pferd heftig, »um so mehr, undankbarer Klepper, bist du mir zu
Red und Antwort verpflichtet, da ich dich aus meinem so sauer ergänzten Blute
erzeugen und diesen Traum lang speisen und unterhalten muss!«
    »Hat auch was Rechtes auf sich!« erwiderte das Pferd ganz gelassen. »Dieses
ganze Gespräch, überhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die
Dauer von kaum zwei Sekunden und kostet doch wohl kaum einen Hauch von deinem
geehrten Körperlichen.«
    »Wie, zwei Sekunden?« rief Heinrich und hielt das schöne Goldtier an, »ist
es nicht wenigstens eine Stunde, dass wir auf dieser endlosen Brücke reiten und
uns umsehen in dem Getümmel?«
    »Gerade eine Sekunde ist's«, sagte der Gaul, »dass ein berittener
Nachtwächter um die Strassenecke bog, und ein einziger Hufschlag hat in dir meine
Erscheinung erneuert, welche überhaupt veranlasst wurde, als vor einer halben
Stunde derselbe Nachtwächter des entgegengesetzten Weges kam. Auch ist dieses
Minimum von Zeit ein und dasselbe Minimum von Raum, kurz die identische
Kleinigkeit deines in das Kopfkissen gedrückten Schädels, in welchem sich eine
so weite Gegend und tausend belebte und verschiedene Dinge gleichzeitig
ausbreiten, und zwar alles auf Rechnung des einen Hufschlages, welcher
nichtsdestominder nur als ein gemeiner Hammerschlag zu betrachten ist, der nur
dazu dient, den Kasten deines eigenen Wesens aufzutun, worin alles schon hübsch
zusammengepäschelt liegt, was -«
    »Ums Himmels willen!« rief Heinrich, »vergeude nicht länger die kostbare
Dauer des Hufschlages mit deinen Auseinandersetzungen, sonst ist der nur allzu
kurze Augenblick vorbei, ehe ich über diese schöne Brücke im reinen bin!«
    »Eilt gar nicht! Alles, was wir für jetzo zu erleben und zu erfahren haben,
geht vollkommen in das Mass des wackern Pferdetrittes hinein, und wenn der sehr
richtig denkende Psalmist den Herrn seinen Gott anschrie: Tausend Jahre sind vor
dir wie ein Augenblick! so ist diese gut begründete Hypotese von hinten gelesen
eine und dieselbe Wahrheit Ein Augenblick ist wie tausend Jahre! Wir könnten
noch tausendmal mehr sehen und hören während dieses Hufschlages, wenn wir nur
das Zeug dazu in uns hätten, lieber Mann! Doch alles Pressieren oder Zögern
hilft da nichts, alles hat seine bequemliche Erfüllung, und wir können uns ganz
gemächlich Zeit lassen mit unserm Traum, er ist, was er ist, und dauert einen
Schlag und nicht mehr noch minder!« sagte das Pferd.
    »Gut, so beantworte mir ohne Anstand noch diese Frage!« erwiderte Heinrich,
»ich muss mir aber die Frage erst noch ein wenig zurechtlegen und deutlich
abfassen; denn ich weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll. Bereite dich
indessen, da wir, wie du sagst, ausreichende Traumeszeit haben, recht gründlich
auf die Beantwortung vor!«
    »Wie kann ich mich zur Antwort vorbereiten, eh ich nur die Frage kenne?«
sagte das Pferd verwundert.
    »Was?« rief Heinrich erbost, »das weisst du nicht? Deinen guten Willen und
dein bisschen Ehrlichkeit sollst du zusammennehmen und den Vorsatz fassen, ohne
alle Heuchelei und Ausschmückung zu antworten, und selbst wenn du gar nichts zu
antworten weisst, so sollst du dies mit gutem ehrlichen Willen bekennen, und dies
wird alsdann die gesundeste Antwort sein. Kurz, du sollst, während du
philosophierst, wirklich ein Philosoph sein und nicht etwa ein Buchbinder oder
ein Kattundrucker!«
    »Es ist doch wunderbar mit den Menschen!« bemerkte der Goldfuchs
melancholisch. »Bist denn du etwa jetzt ein Philosoph, während du dir erst ein
Pferd träumst, um dir von demselben Fragen beantworten zu lassen, welche du dir
einfacher und unmittelbar aus dir selbst beantworten kannst? Muss denn dein
träumender Verstand wirklich erst ein Pferd formen, es auf vier Beinen
dahinstellen und sich rittlings daraufsetzen, um aus dem Munde dieses Geschöpfes
das Orakel zu vernehmen?«
    Heinrich lächelte vergnügt und selbstzufrieden wie einer, der es wohl weiss,
dass er sich selbst einen Spass vormacht, und versetzte »Antworte! Ich sehe hier
eine Brücke; dieselbe ist aber vollkommen gebaut und eingerichtet wie ein Palast
oder grosser Tempel, so dass es in dieser Hinsicht wieder mehr als eine Brücke zu
sein scheint, während eine solche vielmehr nur der Weg etwa zu einem guten
Tempel oder derartigen Bauwerke zu sein pflegt. Auch beginnt am Ausgange dieser
herrlichen Palastbrücke oder dieses Brückenpalastes eine herrliche alte Stadt,
deren himmelhohe Lindenwipfel und goldene Turmknöpfe wir wohl unter diese
Bogenwölbungen können einherfunkeln sehen, wenn wir uns bücken, so wie wir ja
auch aus der schönsten Landschaft herkommen und soeben über die treffliche
ideenhaltige Kristalltreppe heruntergestolpert sind. Trotzdem scheint alles auf
dieser Brücke so zu leben und zu weben, als ob nichts als diese Brücke da wäre,
und ich bin nun begierig zu hören, ob dies stattliche Brückenleben eigentlich
ein Übergang, wie es einer Brücke geziemt, oder ein Ziel, wie es ihr auch wieder
geziemen könnte, da sie so hübsch ist, ein Zweck oder ein Mittel sei? Ein blosses
Bindemittel oder eine in sich ruhende Vereinigung? Ein Ausgang oder ein Eingang,
ein Anfang oder ein Ende? ein A oder ein O? Dies nimmt mich wunder!«
    Das weise Pferd erwiderte »Alles dies ist zumal der Fall, und das ist eben
das Herrliche und Bedeutungsvolle an der Sache! Ohne die schönen Ufer wäre die
Brücke nichts, und ohne die Brücke wären die Ufer nichts. Alles, was auf der
Brücke geht, ist und bedeutet nur etwas, insofern es aus dem Gelände hüben und
drüben kommt und wieder dahin geht und dort etwas Rechtes ist, und dort kann man
es wiederum nur sein, wenn man als etwas Rechtes über die Brücke gegangen ist.
Wenn man auf der Brücke ist, so denkt man an nichts anderes und stürzt sich in
den Verkehr, indessen man doch unversehens hinüber gelangt und wieder in seiner
besonderen Behausung ist. Dort duselt und hantiert man in Küche und Keller, auf
dem Estrich, rund in der Stube herum, als ob man nie auf der Brücke gewesen
wäre, bis man plötzlich einmal den Kopf aus dem Fenster steckt und sieht, ob sie
noch stehe; denn von allen Punkten aus kann man sie ragen und sich erstrecken
sehen. So ist sie ein prächtiges Monument und doch nur eine Brücke, nicht mehr
als der geringste Brettersteg; eine blosse Geh- und Fahrbrücke und doch wieder
eine statiöse Volkshalle.«
    Plötzlich bemerkte Heinrich, dass er von allen Seiten mit biederer Achtung
begrüsst wurde, welche sich besonders dadurch kundgab, dass manche mit einem
vertraulichen Griffe und Wichtiger Miene seinen strotzenden Mantelsack
betasteten, wie etwa die Bauern auf den Viehmärkten die Weichen einer Kuh
betasten und kneifen und dann wieder weitergehen.
    »Der Tausend«, sagte Heinrich, »das sind ja absonderliche Manieren! ich
glaubte, es kenne mich hier kein Mensch.«
    »Es gilt auch«, sagte das Pferd, »nicht sowohl dir als deinem schweren
Quersack, deiner dicken Goldwurst, die auf meinem Kreuz liegt.«
    »So?« sagte Heinrich, »also ist das Geheimnis und die Lösung dieser ganzen
Identitätsherrlichkeit doch nur das Gold, und zwar das gemünzte? Denn sonst
würden sie dich ja auch betasten, da du aus dem nämlichen Stoffe bist!«
    »Hm«, sagte das Pferd, »das kann man eigentlich nicht behaupten! Die Leute
auf dieser Brücke haben vorerst ihr Augenmerk darauf gerichtet, ihre Identität
allerdings zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu verteidigen. Nun wissen
sie aber sehr wohl, dass ein kampffähiger guter Soldat wohlgenährt sein muss und
ein gutes Frühstück im Magen haben muss, wenn er sich schlagen soll. Da dies aber
am bequemsten durch allerlei Gemünztes zu erreichen und zu sichern ist, so
betrachten sie jeden, der mit dergleichen wohlversehen, als einen gerüsteten
Verteidiger und Unterstützer der Identität und sehen ihn drum an. Sei dem, wie
ihm wolle, ich rate dir, dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu setzen
und zu vermehren. Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine irrige
ist, so steht es doch jedem frei, sie für sich zu einer Wahrheit und so seine
öffentliche Stellung angenehm zu machen.«
    Heinrich griff in seinen Sack und warf einige Hände voll Goldmünzen in die
Höhe, welche sogleich von hundert in die Luft greifenden Händen aufgefangen und
weitergeworfen wurden. Heinrich warf immer mehr Gold aus, und dasselbe wanderte
von Hand zu Hand über die ganze Brücke und über dieselbe hinaus über das Land;
jeder gab es emsig weiter, nachdem er es besehen und ein bisschen an seinem
eigenen Golde gerieben hatte, wodurch sich dieses verdoppelte, und bald kehrten
alle Goldstücke Heinrichs in Gesellschaft von drei bis vier anderen wieder
zurück, und zwar so, dass die ursprüngliche Münze, auf welcher der alte Schweizer
geprägt war, die übrigen anführte mit einem Gepräge aus aller Herren Ländern. Er
wies ihnen mit seinem Schwerte, welches jetzt ein Merkuriusstab war, den Platz
an, und es regnete von allen Seiten auf Heinrich ein. Das Gold setzte sich
klumpenweise an alle vier Beine des Pferdes, wie der Blumenstaub, welcher die
Höschen der Bienen bildet, so dass es bald nicht mehr gehen konnte. Da es aber
immer mehr Gold regnete, so bildete dieses noch zwei grosse Flügel an dem Tiere,
und dieses glich nun wirklich mehr einer ungeheuren beladenen Biene als einem
Pferde und flog mit Heinrich lustig von der Brücke auf, welche jetzt endlich zu
Ende war.
    Heinrich ritt oder flog jetzt durch die sonnigen Strassen der Stadt, welche
herrlich und fabelhaft aussahen und ihm doch ganz bekannt waren, bis er unter
die himmelhohen Linden kam, zwischen welchen in der Höhe die zwei goldenen
Münsterkronen glänzten, mit lebendigen Mädchen angefüllt. Das goldene
Bienenpferd schwang sich mit ihm höher und höher und setzte sich endlich auf
einen grünen Lindenast, welcher gerade zwischen beiden Kronen mitteninne
schwebte.
    »Das sind«, sagte das lustige Vogeltier, »die heiratslustigen
Jungfernmädchen dieses Landes, unter denen du dir als wohlbestellter Mann
füglich eine Frau aussuchen kannst.« Heinrich blickte unentschlossen in beide
Kronen hinüber, wie der Esel des Buridan zwischen den Heuschobern, und flog
endlich mit seinem Tiere in die eine der Kronen, so dass er wie eine Reiterstatue
plötzlich in einem Kranze ältlicher Mädchen stand, welche anständig und gemessen
um ihn herumtanzten und sangen »Wir sind diejenigen heiratsfähigen Frauenzimmer,
welche gerade mannbar waren, als du in die Fremde gereiset bist, und welche
seitdem alte Jungfern geworden! Kennst du uns noch? Unten in der Kirche wird
getraut!«
    »Teufel noch einmal«, sagte Heinrich, »wie die Zeit vergeht! Wer hätte das
gedacht! Ich will aber sehen, was das da drüben für welche sind!«
    Er flog in die andere Krone und sah sich unter eine Schar siebzehn- bis
achtzehnjähriger Jüngferchen versetzt, welche, die Locken schüttelnd, mutwillig
und doch zartverschämt um ihn tanzten, ihn dabei mit offenen Rehaugen ansahen
und sangen »Wir sind diejenigen heiratsfähigen Frauenzimmer, welche noch mit der
Puppe spielten, als du verreiset bist! Kennst du uns noch?«
    »Alle Himmel!« rief Heinrich, »wie die Zeit vergeht! Wer hätte das gedacht?
Eure Gesichtchen sind aber lieblichere Zeitsonnenuhren als die da drüben! Welche
Zeit ist es, du kleine Schlanke?«
    »Es ist Heiratenszeit«, lachte hold die Angeredete, und Heinrich rief
hocherfreut und lachend, indem er ihr das zarte Kinn streichelte »Warte du einen
Augenblick, ich will nur erst meine Mutter aufsuchen und mit ihr Absprache
nehmen!«
    Er flog eilig vom Turm hernieder, und die bergige Stadt hinanreitend, suchte
er endlich die Strasse und das Haus seiner Mutter auf. Das schwere Pferd konnte
aber nur mühsam vorwärts, und es dünkte Heinrich eine qualvolle Ewigkeit, bis er
endlich vor dem ersehnten Hause anlangte. Da fiel das Tier vor der Haustür
zusammen und verwandelte sich zum Teil wieder in das Gold, aus welchem es
entstanden, zum Teil in die schönsten und reichsten Effekten und
Merkwürdigkeiten aller Art, wie man sie nur von einer bedeutsamen und
glücklichen Reise zurückbringen kann; Heinrich aber stand verlegen bei dem
aufgetürmten Haufen von Kostbarkeiten, der sich ganz offen ohne alle tragbare
Hülle auf der Strasse ausbreitete, und vergeblich suchte er den Drücker der
verschlossenen Haustür oder den Glockenzug. Ungeduldig und ratlos, indem er
ängstlich seine Reichtümer hütete, sah er an das Haus hinauf und bemerkte erst
jetzt, wie seltsam es aussah. Es war gleich einem alten edlen und fachreichen
Schrankwerke ganz von dunklem Nussbaumholz gebaut mit unzähligen Gesimsen,
Balkonen und Galerien, alles auf das feinste gearbeitet und spiegelhell poliert.
Auf den Gesimsen und Galerien standen altertümliche silberne Trinkbecher von
jeder Gestalt, kostbare Porzellangefässe und kleine feine Marmorbilder
aufgereiht. Grosse Fensterscheiben von klarem Kristallglas, denen aber das dunkle
Innere des Hauses einen dunklen geheimnisvollen Glanz gab, funkelten hinter den
Galerien, oder herrlich gemaserte Holztüren, welche ins Innere führten und mit
reichgeformten blanken Stahlschlüsseln versehen waren, boten dem Lichte ihre
glänzende Fläche dar; denn der Himmel wölbte sich jetzt ganz dunkelblau über dem
Hause, und eine merkwürdige halbnächtliche Sonne spiegelte sich in der dunklen
Pracht des Nussbaumholzes, im Silber der Gefässe und in den Fensterscheiben. Alles
dies sah aus wie das nach aussen gekehrte Inwendige eines altbestandenen reichen
Hauses und hatte doch ein sehr festes und bauliches Ansehen. Jetzt ent deckte
Heinrich, dass aussen schön geschnitzte Treppen zu den Galerien hinaufführten, und
bestieg dieselben, Einlass suchend. Wenn er aber eine der Türen öffnete, so sah
er nichts als ein Gelass vor sich, welches mit Vorräten der verschiedensten Art
angefüllt war. Hier tat sich eine reiche Bücherei auf, deren dunkle Lederbände
von Gold glänzten, dort war Gerät und Geschirr aller Art
übereinandergeschichtet, was man nur wünschen mochte zur Annehmlichkeit des
Lebens, dort wieder türmte sich ein Schneegebirge feiner Leinwand empor, oder
ein duftender Schrank tat sich auf mit hundert köstlichen Kästchen voll
Spezereien und Gewürze. Er machte eine Tür nach der anderen wieder zu, wohl
zufrieden mit dem Gesehenen und nur ängstlich, das er die Mutter nirgend fand,
um sich in dem trefflichen Heimwesen so gleich einrichten zu können. Suchend
drückte er sich an eines der prächtigen Fenster und hielt die Hand an die
Schläfe, um die Blendung des dunklen Kristalles zu vermeiden; da sah er, anstatt
in ein Gemach hinein, in einen herrlichen Garten hinaus, der im Sonnenlichte
lag, und dort glaubte er zu sehen, wie seine Mutter im Glanze der Jugend und
Schönheit, angetan mit sei denen Gewändern, durch die Blumenbeete wandelte. Er
wollte ihr eben sehnlich zurufen, als er unten auf der Gasse ein hässliches
Zanken vernahm. Erschreckt sah er sich um und sprang im Nu hinunter; denn unten
stand der vom Turme gestürzte junge Mensch aus der Jugendzeit, jener feindliche
Meierlein, und störte mit einem Stecken Heinrichs schöne Effekten auseinander.
Wie dieser aber unten war, gerieten sie einander in die Haare und rauften sich
ganz unbarmherzig. Der wütende Gegner riss dem keuchenden Heinrich alle seine
schönen Kleider in Fetzen, und erst als dieser ihm einige verzweifelte Knüffe
versetzte, entschwand er ihm unter den Händen und liess den Ermatteten und ganz
Trostlosen in der verdunkelten kalten Strasse stehen. Heinrich sah sich angstvoll
mit blossen Füssen und mit nichts als einem zerrissenen Hemde bekleidet dastehen;
das Haus aber war das alte wirkliche Haus, jedoch halb verfallen, mit
zerbröckelndem Mauerwerk, erblindeten Fenstern, in denen leere oder verdorrte
Blumenscherben standen, und mit Fensterläden, die im Winde klapperten und nur
noch an einer Angel hingen. Von seiner vortrefflichen Traumeshabe war nichts
mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem kotigen Pflaster, welche dazu
von nichts Besonderm herzurühren schienen, und in der Hand hielt er nichts als
den seinem bösen Feinde entrungenen Stecken. Heinrich trat entsetzt auf die
andere Seite der Strasse und blickte kummervoll nach den öden Fenstern empor, wo
er deutlich seine Mutter, alt und grau, hinter der dunklen Scheibe sitzen sah,
in tiefem Sinnen über die schwarzen Dächer der Nachbarschaft hinausfahrend.
    Heinrich streckte die Arme nach dem Fenster empor; als sich die Mutter aber
leise rührte, verbarg er sich hinter einem Mauervorsprung und suchte angstvoll
aus der stillen dunklen Stadt zu entkommen, ohne gesehen zu werden. Er drückte
sich längs den Häusern hin und wanderte auch alsbald an seinem schlechten
Stecken auf einer unabsehbaren Landstrasse dahin zurück, wo er hergekommen war.
Er wanderte und wanderte rastlos und mühselig, ohne sich umzusehen, und als er
in sein wirkliches Elend aufwachte, fiel ihm ein Stein vom Herzen, und er war so
froh, als ob der glücklichste Tag ihn begrüsste.
    So zeigte sich dem schlafenden Heinrich die Kraft und Schönheit des
Vaterlandes in den lieblichsten Traumbildern, wo alles glänzend übertrieben war
in dem Masse, als er sich dahin zurücksehnte und seine verlangende Phantasie das
Ersehnte ausmalte. Er wunderte sich über diese Traumgewalt und freute sich
derselben wie einer schönen Freundin, welche ihm das Elend versüsste; denn er
zehrte tagelang von der Erinnerung der schönen Träume. Noch mehr wunderte er
sich über die Gier, mit welcher der Mangel ihn fortwährend von Geld und Gut und
allen guten Dingen träumen liess, was aber gewöhnlich ein schlimmes Ende nahm,
und studierte darüber, ob diese Gier wirklich etwa eine in ihm schlummernde
Untugend sein möchte? Je tiefer er aber in gänzliche Verlassenheit hineinlebte,
desto weniger märchenhaft und unsinnig wurden die Träume, aber sie nahmen eine
einfache Schönheit und Wahrheit an, welche, selbst wenn sie traurigen Inhaltes
war, eine tröstliche Rührung und Ruhe in Heinrichs Gemüt verbreitete. Die Träume
wurden so folgerichtig und lebendig, dass er sich sozusagen sogar während des
Traumes jene unmässigen Geld- und Gutphantasien abgewöhnen konnte mit ihren
närrischen Täuschungen und sich auf einfach artige Bilder beschränkte. So
träumte er eine Nacht, dass er an dem Rande des Vaterlandes auf einem dunklen
Berge sässe, während das Land in hellem Scheine vor ihm ausgebreitet lag. Auf den
weissen Strassen, auf den grünen Fluren wallten und zogen viele Scharen von
Landleuten und sammelten sich zu heiteren Festen, zu allerhand Handlungen und
Lebensübungen, was er alles aufmerksam beobachtete. Wenn aber solche Züge nahe
an ihm vorübergingen und er manche Befreundete erkennen konnte, so schalten
diese ihn im Vorbeigehen, wie er, teilnahmlos in seinem Elende verharrend, nicht
sehen könne, was um ihn herum vorgehe. Er verteidigte sich, indem sie
vorüberzogen, und rief ihnen sorgfältig gefügte Worte nach, welche wie ein Lied
klangen, und dieser Klang lag ihm nach dem Erwachen fort und fort im Gehör,
indessen er sich wohl noch des Sinnes, aber durchaus nicht mehr der Worte
erinnern konnte, oder wenigstens nur so viel, dass sie wohl an sich sinnlos, aber
gut gemeint gewesen seien. Es reizte ihn aber unwiderstehlich, die liedartige
Rede herzustellen oder vielmehr von neuem abzufassen bei wachen Sinnen, und
indem er ein altes Bleistümpfchen und ein Fetzchen Papier mit Mühe
zusammensuchte, schrieb er, in Takt geratend und mit den Fingern zählend, diese
Strophen auf:
Klagt mich nicht an, dass ich vor Leid
Mein eigen Bild nur könne sehen!
Ich seh durch meinen grauen Flor
Wohl euere Gestalten gehen.
Und durch den starken Wellenschlag
Der See, die gegen mich verschworen,
Geht mir von euerem Gesang,
Wenn auch gedämpft, kein Ton verloren!
Und wie die Danaide wohl
Einmal neugierig um sich blicket,
So schau ich euch verwundert nach,
Besorgt, wie ihr euch fügt und schicket.
Je herber und trockener diese Verse an sich waren, desto unmittelbarer und
wahrer drückten sie seine Gemütsverfassung aus, da ein blühendes und
vollkommenes Kunstwerkchen nicht in einer solchen selbst, sondern erst in der
versöhnten Erinnerung entstehen kann. Die Zeilen dünkten den über seine
plötzliche Kunst Verwunderten aber die schönste Musik; er vertrieb sich die öde
Zeit, indem er ferner dergleichen Träume festielt, und als er wieder von dem
schlimmen Meierlein träumte, hämmerte er in stillem Ingrimm einige bittere Verse
zurecht:
Im Traum sah ich den schlimmen Jugendfeind,
Mit dem ich in der Schule einst gesessen;
Sein Name schon verdunkelt mir den Sinn,
Wieviel der Jahre auch geflohn indessen!
Als bärt'ge Männer trafen wir uns nun;
Doch jeder trug annoch sein Bücherränzchen,
Das warf er ab und rief dem andern zu,
Die Fäuste ballend »He, willst du ein Tänzchen?«
Wir rauften uns, er spie mir ins Gesicht,
Ich unterlag in Schmach und wildem Bangen;
Da bin in Schweiss und Tränen ich erwacht
Und sah die Sonne kalt am Himmel prangen.
Inzwischen erhielt er endlich wieder einen Brief von seiner Mutter, welche ihn
beschwor, Nachricht von sich zu geben und, wie er sei, nach Hause zu kehren,
auch wenn er gar nichts erreicht von allen Hoffnungen und alles verloren habe.
Sie warf ihm vor, dass er sie zwinge, zuerst das Schweigen zu brechen, indem sie
es nicht mehr aushalten könne, und erzählte ihm, ihren Kummer vergessend und des
Schreibens froh, allerlei Dinge, unter anderen auch, wie sie geträumt habe, dass
Heinrich, auf einem schönen Pferde reitend, in der Vaterstadt angekommen und vor
dem Hause abgestiegen sei, was sie für eine günstige Vorbedeutung halten wolle.
    Es war ihm unmöglich, auch nur eine Zeile zur Erwiderung hervorzubringen;
dagegen folgte dem ersten Schmerz über den rührenden Brief ein begieriges
Aufsichladen einer verhängnisvollen Verschuldung, indem er sein ganzes Leben und
sein Schicksal sich als seine Schuld beimass und sich darin gefiel, in
Ermangelung einer anderen, froheren Tätigkeit, diese Schuld als ein köstliches
Gut und Schosskind zu hätscheln, ohne welches ihm das Elend unerträglich gewesen
wäre. Seine Traumgedichte vergessend, brachte er diese neue Leidseligkeit in
gereimte Wortzeilen und feilte die folgenden mit so wehevollem Herzen aus, als
ob er die schlimmsten Dinge verübt hätte:
O ich erkenn das Unglück ganz und gar
Und sehe jedes Glied an seiner Kette!
Es ist vernünftig, liebenswürdig klar!
Kein Schlag, den ich nicht ganz verschuldet hätte!
Nicht zehnmal Ärgeres hat mir gebührt,
Gerecht ist mir die Schale zugemessen!
Doch zehnmal bittrer hab ich sie verspürt,
Als ich im Glück zu träumen mich vermessen!
Doch zehnmal leichter bring ich sie zum Mund,
Als die Erinnrung einst sich noch entsinnet;
Der quellenklare Perltrank ist gesund,
Ich lieb ihn drum und weiss, woher er rinnet!
Wenn er aber in dies Wesen sich recht hineingegrämt hatte, wobei ihn die
traurigsten Erlebnisse unterstützten, die nicht erbaulich zu beschreiben wären,
die er aber anfing mit Lust in sich hineinzutrinken, so schrieb er plötzlich
voll guten Mutes, einem frischen Luftbauch Raum gebend:
Ein Meister bin ich worden,
Zu tragen Gram und Leid,
Und meine Kunst zu leiden
Wird mir zur Seligkeit.
Doch fühl ich auch zum Glücke
In mir die volle Kraft
Und werde leichtlich üben
Die schönre Meisterschaft!
Auf einem goldnen Feuer
Von Zimmet süss und echt
Will zierlich ich verbrennen
Das schnöde Dorngeflecht,
Das mir ums Haupt gelegen
So viele Tage lang,
Und lachend übertön ich
Der Bettlerkrone Knistersang!
Als er aber eines Abends nach seiner Wohnung zurückkehrte, sich auf die
Dunkelheit und Vergessenheit der Nacht freuend, fand er die Wirtsleute darin,
welche die ärmliche Stube eifrig aufräumten und zurechtmachten. Das Bett war
schon weggenommen, die leeren Schränke standen spöttisch offen, sein Koffer war
erbrochen und durchsucht, und dessen einziger Inhalt, Heinrichs
Jugendgeschichte, lag zerblättert und zerknittert auf die Dielen geworfen. Die
Wirtsleute kündigten ihm mit harten Worten an, dass er hier nicht länger wohnen
könne, sondern noch heute das Haus verlassen solle. Schweigend nahm er das Buch
auf, wickelte es in ein Stückchen altes Wachstuch, das auch noch in dem Koffer
lag und dem man es ansah, dass es ebenfalls um und um gekehrt worden, und
entfernte sich mit diesem Päcklein aus dem Hause, indes die Leute höhnisch
hinter ihm nachschalten.
    Ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne etwas zu sich zu nehmen, ging er mit
einbrechender Nacht aus dem Tore und schlug die Strasse nach der Heimat ein. Er
dachte nichts anderes, als unaufhaltsam und auf jede Weise zu gehen und zu
gehen, wie er ging und stand, bis er dort angekommen. Denn nun dünkte ihn, dass
sein Geschick die zur Rückkehr notwendige klare und fertige Form angenommen
habe, und da er nicht mit erfüllten Hoffnungen wiederkehren konnte, kehrte er
doch in dem ernsten heiligen Bettlerleide eines gänzlich Obdachlosen und
Hilfesuchenden und zeigte so wenigstens eine bestimmte Gestalt und Gewandung dem
mitlebenden Geschlechte und nahm einen erkennbaren Rang in demselben ein. Dies
war nichts weniger als etwa Trotz und Hohn, sondern er hielt es aufrichtig für
ein kostbares und erlösendes Gut, und das Wie war ihm gleichgültig, wenn nur das
Geschick für einmal erfüllt war. Ja, der Augenblick, wo er in voller Demut und
mit der reichen Erfahrung von Not und Abhängigkeit unter das Dach der Mutter
treten würde, erschien ihm als das süsseste Glück und kaum zu erwarten, und er
schätzte jeden Schritt, den er auf der nächtlichen Strasse tat, mit einem Seufzer
nach dem Mass und Wert, in welchem er ihn seinem Ziele näher brachte.
 
                                 Achtes Kapitel
Aber er lernte erst jetzt die allerursprünglichsten menschlichen Zustände
kennen. Er war auf dem Dampfwagen angekommen vor Jahren und seitdem nach dieser
Seite hin kaum über das Weichbild der Stadt hinausgelangt und hatte sich um die
Lage der Ortschaften und um das Strassennetz nicht gekümmert. Bald stiess er in
der Dunkelheit auf den Eisenbahndamm, welcher die Landstrasse durchschnitt; ein
später Zug brauste vorüber, der in fliegender Eile an das gleiche Ziel führte,
welches Heinrich zu erreichen strebte, und wehmütig sah er die dröhnende
Wagenburg in der nächtlichen Ferne verschwinden. Jetzt teilte sich die Strasse in
zwei fast gleich grosse Zweige, und da er den Unterschied wegen der Nacht nicht
bemerkte, folgte er dem etwas schmälern Zweige; nach einer Stunde wiederholte
sich der gleiche Irrtum, indem die Strasse sich abermals in eine unmerklich
kleinere abzweigte, und endlich war Heinrich, auf einem schmalen holperigen
Fahrweg gehend, weit seitwärts von der Heerstrasse und in das Innere des alten
Landes geraten. Er ging über dunkle Höhen, durch Gehölze, über Feld- und
Wiesenfluren, an Dörfern vorüber, deren schwache Umrisse oder matte Lichter weit
vom Wege lagen; er begegnete einzelnen unkenntlichen Menschen, welche ihn
ebensowenig erkennen mochten und behutsam grüssten oder auch schweigend
vorbeigingen. Aber er fragte niemanden nach dem Wege, da er einen nähern Ort in
der Richtung nach der Schweiz nicht zu nennen wusste und nach der letzteren am
wenigsten fragen mochte in der Überzeugung, dass die Frage, so tief im fremden
Lande, auf nächtlichen Wegen an herumdämmernde Landleute gerichtet, vollkommen
zwecklos und töricht erscheinen, ja sogar bedenklich auffallen würde. So ging er
mitten in dem zivilisiertesten Weltteil wie in einer unbewohnten Wildnis und
suchte nur die Richtung nach der Heimat innezuhalten, indem er die Himmelsgegend
nach den Spuren des verloschenen herbstlichen Abendrotes im Auge behielt.
Obschon er müde ward, so wanderte er unverdrossen weiter, sein Päckchen bald
unter diesen, bald unter jenen Arm nehmend; denn die Nacht war frostig und kalt.
Bald schmerzten ihn auch die steinigen harten Geleise der Wege durch die
schlechten Sohlen, und er schlotterte in seinen dünnen Kleidern. Die tiefste
Einsamkeit waltete jetzt auf Erden, da es Mitternacht war und Heinrich über
weite Felder ging; aber um so belebter waren die herbstlichen, mondlosen, aber
mit tausend Sternbildern durchwirkten Lüfte, denn singende, zwitschernde Staren-
und Schwalbenvölker zogen nach Süden, ja die ganze Nacht hindurch rauschte und
tönte es auf den himmlischen Strassen von Sängerscharen, wilden Tauben-, Hühner-
und Gänsezügen, welche entweder weit aus Norden kamen oder aus diesen Fluren
aufbrachen und südwärts reisten. Noch nie hatte Heinrich diesen herbstlichen
Nachtverkehr der Lüfte so genau und auffallend gesehen, und indem er sich unten
auf der dunklen harten Erde mühselig fortalf, blickte er fortwährend nach dem
Himmel und beobachtete neugierig das Ziehen und Begegnen der gefiederten
Völkerschaften, denen mit Sonnenaufgang das wärmere Land und die neue lustige
Heimat gewiss war.
    Dann geriet er in einen grossen Forst, und die Dunkelheit wurde vollkommen.
Still huschte der Kauz an seinem Gesichte vorüber, die Waldschnepfe bog hier und
dort blitzschnell um die Büsche, wovon er aber nur ein leises Wehen hörte, aus
der Tiefe schrie der Uhu. Diesen hatte Heinrich nie gehört, und er kannte sein
Geschrei nicht, daher machte es die Verwirrung und Fremdheit des Abenteuers
vollständig. Doch stiess er nun an einer Lichtung auf einen rauchenden
Kohlenmeiler, dessen Hüter in der Erdhütte steckte und schlief. Heinrich setzte
sich auf einen Baumstrunk an den heissen Meiler und wärmte sich, und er wäre ganz
glücklich gewesen, wenn er jetzt nur etwas zu essen und zu trinken gehabt hätte.
Er ging zwar einigemal unter die Bäume und ein wenig in sie hinein und griff
gierig mit den Händen im Dunkeln herum, ob nicht etwa ein Tier oder ein Vogel in
dieselben geraten möchte, was er würgen und braten könnte; es rauschte auch auf
und gab Laut da und dort; allein nichts kam ihm unter die begierigen Hände, und
traurig kehrte er an seinen Platz zurück, wo er endlich einschlief. Ein Flug
laut schreiender Wanderfalken, deren silberblaue Flügel und weisse Federbrüste im
ersten Morgenrot blitzten, weckte den Schläfer aus verlorenen Träumen, und da,
wie er sich ermunterte, der Köhler sich zugleich zu regen und aus seiner Hütte
zu kriechen begann, die Füsse voran, so stand Heinrich auf und setzte seinen Weg
fort, dem Köhler einen guten Morgen wünschend, und der Köhler dankte ihm, des
Glaubens, er wäre ein früh vorübergehender Reisender mit kleinem
Wachstuchbündel. »Der mag auch kaum ein altes Hemde in seinem Päckchen haben!«
sagte er vor sich hin, als die dürftige Gestalt im Walde verschwand.
    Doch dieser nahm bald ein Ende, und Heinrich trat in eine weite,
wunderschöne deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle
Gebirgszüge umgaben den Horizont, durch das weite Tal schlängelte sich ein
rötlicher Fluss daher, weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die
purpurisch angeglühten Wolkenschichten über Feldern, Höhen, Dörfern und kleinen
grauen Städten hingen. Nebel rauchte an den Waldhängen und verzog sich an den
dunkelblauen Bergen; Burgen, hohe Stadttore und Kirchtürme glänzten rötlich auf,
und über all dem stand noch der spät aufgegangene Mond am Himmel und vermehrte,
ohne zu leuchten, den Reichtum dieser Herbstwelt um sein goldenes Rund. Längs
des Waldrandes, über welchem er schwebte, entspann sich ein hallender Jagdlärm;
Hörner tönten, Hunde musizierten fern und nah, Schüsse knallten, und ein schöner
Hirsch sprang an Heinrich vorüber, als er eben den Forst verliess. Das Morgenrot
und der alte Mond waren so ruhig und heimatlich, ihn dünkte, er müsse und müsse
zu Hause sein, während das fremde Gebirge ihm nur zu deutlich sagte, wie fern er
noch sei, und das Morgenrot überdies noch den Seufzer entlockte: »Morgenrot
bringt ein nasses Abendbrot!« Jenes verkündete einen unzweifelhaften tüchtigen
Regentag, und der wandernde Heinrich dachte mit Schrecken an die kommenden
Fluten und dass er durchnässt bis auf die Haut in die zweite Nacht hineingehen
müsse. Die Nässe und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des
Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa
erschöpft an die trockene Erde zu werfen, wo es niemand sieht. Überall kältet
ihm die bitterliche Feuchte entgegen, und er ist gezwungen, aufrecht über sie
hinzutanzen und doch immer zu versinken.
    Bald verhüllte auch ein dichtes Nebeltuch alle die Morgenpracht, und das
graue Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern, bis ein
gleichmässiger starker Regen weit und breit herniederfuhr, welcher den ganzen Tag
anhielt. Nur manchmal wechselte das nasskalte Einerlei mit noch stärkeren
Wassergüssen, welche einen kräftigen Rhytmus in das Schlamm- und Wasserleben
brachten, das bald alles Land und alle Wege überzog. Heinrich ging unverdrossen
durch die Fluten, welche längst seine Kleider durchdrangen, in den Nacken
strömten und aus den Rockärmeln herausliefen. Einen Bauernknecht auf dem Felde
fragte er nun nach der Gegend und vernahm, dass er im allgemeinen die rechte
Richtung innegehalten und nur um einige Stunden seitwärts geraten sei. Er sah
mit Seufzen ein, dass er unmöglich in einem Zuge nach der Heimat gelangen könne,
ohne etwas zu essen; doch berechnete er, dass er bis zum nächsten Tage eine
Landschaft erreichen müsse, wo seiner dunklen Erinnerung nach schon etwas Obst
wuchs, dass er gefallene Früchte suchen, sich leiblich stärken und unter
irgendeiner Feldscheune ruhen könne, um dann in einem zweiten Anlauf die
Schweizer Grenze zu erreichen, wo er heimisch und geborgen war. Doch schon um
die Mittagszeit, als er durch ein triefendes Gehölz ging und es rings im Lande
Mittag läutete, schien ihm der Hunger und die Ermattung unerträglich, und er
setzte sich ratlos auf einen nassen Steinblock. Da kam ein altes Mütterchen
dahergetrippelt, welches mit der einen Hand ein elendes Bündel kurzen Reisigs
auf dem grauen Kopfe trug, dessen Haare so rauh und struppig waren wie das
Reisig, und mit der anderen Hand mühselig eine abgebrochene Birkenstaude
nachschleppte. Mit tausend kurzen, zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und
keuchend, viele Seufzer ausstossend, den widerspenstigen Busch über alle
Hindernisse nach sich, gleich einer Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem
Bau schleppt. Heinrich bedachte eben mit Scham über seine eigene Ungeduld, wie
das schwache bejahrte Weib, das vielleicht dem Lande arbeitende und starke Söhne
geboren hatte, sein ganzes Leben nur einen fortgesetzten Gang in Regen und Not
ging, ohne Grund und ohne Schuld, als ein dicker Flurschütz des Weges kam, wohl
ebenso alt wie das arme Weib, aber mit rotem trotzigen Gesicht und einem
eisgrauen Schnurrbart und scheibenrunden, töricht rollenden Augen. Dieser fuhr
sogleich über die Frau her, welche den Busch zitternd fahrenliess, und schrie
»Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin!« Bei allen Heiligen beteuerte die
Alte, dass sie das Birkenbäumchen also geknickt mitten auf dem Wege gefunden
habe; aber er rief »Lügen tust du auch noch? wart, ich werd dir's austreiben!«
Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, welches unter der
verschobenen geblümten Kattunhaube hervorguckte, und zerrte sie mehrmals an
selbem hin und her, wie man etwa einen bösen jungen Buben schüttelt, dass es
höchst seltsam und unnatürlich anzusehen war. Heinrich sprang mit einem Satze
hinzu und schlug dem bösen Holzvogt sein hartes Wachstuchpäcklein einigemal so
heftig um die Ohren und auf das Gesicht, dass der Unhold taumelte und ihm das
übermütige Blut aus Mund und Nase rann. Das Frauchen machte sich, so schnell es
konnte, aus dem Staube, oder vielmehr aus dem Regen, der Feldwärtel aber wollte
seinen Säbel ziehen, und indem dieser nicht hervorkommen wollte, verharrte der
Wütende krampfhaft in der ziehenden Stellung, die eine Hand am Griff, die andere
an der Scheide, schnaubend und fluchend, und gab in dieser gebannten Lage ein so
herausforderndes Bild der höchsten Wut, dass Heinrich noch einmal auf ihn
zusprang, ihm noch mehrere Maulschellen gab und mit Scheltworten, Stössen und
Schlägen davonjagte. Froher als der junge Moses, der den ägyptischen Aufseher
erschlagen, atmete er auf und fand plötzlich, dass das unvorhergesehene Abenteuer
ein gutes Mittagsmahl war, denn er fühlte nicht mehr den mindesten Hunger und
sich so angenehm aufgeregt und bei Kräften, dass er wohlgemut seinen Weg
fortsetzte und sich nicht stark um die Rache des Flurschützen kümmerte, welcher
wahrscheinlich Mannschaften herbeiholte.
    Wie er nun so vorwärtsdrang durch Wind und Regen, wirkte die Wärme der guten
Tat, welche die Stelle eines nahrhaften Imbisses bei ihm vertreten, immer
angenehmer nach; es ging wie ein Licht in ihm auf, und es wollte ihn bedünken,
als ob eine solche fortgesetzte und fleissige Tätigkeit in lebendigem
Menschenstoffe doch etwas ganz anderes wäre als das abgeschlossene Phantasieren
auf Papier und Leinwand, insonderheit wenn man für dieses nicht sehr geeignet
sei. Oder vielmehr begann es ihm klarer zu werden mitten in dem düstern
Unwetter, in welcher Weise er sich in der Berufswahl getäuscht, da erst jetzt,
und noch viel eindringlicher als durch jenes borghesische Fechterbild, das runde
lebendige Menschenleben sich in seiner Hand abgedruckt und noch deutlich
nachfühlte, im Gegensatz zu dem kalten Flächenleben, dem er sich sonst ergeben.
    Auf der Höhe des nahen Gehölzes fürbass schreitend, dachte er sich den Fall,
dass er den bösen Flurschützen in der Hitze eines Kampfes totgeschlagen und
infolgedessen gefangen worden und vor ein Gericht über Leben und Tod gestellt
sei, und er dachte sich eine feurige und siegreiche Verteidigungsrede aus,
welche ihn nicht nur aus dem bösen Handel zöge, sondern auch der Sache der
Menschlichkeit ein kräftiges Wort liehe und aus dem Angeklagten einen Ankläger
machen würde. Dann von diesem gewaltsamen Gegenstande zu anderen Vorstellungen
übergehend, sah er sich handelnd und redend, streitend und Überzeugend oder sich
unbefangen überzeugen lassend, unter den Menschen verkehren und durch das blosse
Hervorkehren eines guten Gewissens, einer wahren Natur und Offenheit, eines
unverhohlenen und kräftigen Benehmens die Lügner überführen, die
Unentschlossenen antreiben und die vorsätzlich Unklaren zum Sehen zwingen, jeden
Handel bestehen, jede Verwirrung zerstreuen und durch das einfachste und
unverfänglichste Dasein das Wahre an sich ziehen und Heiterkeit um sich
verbreiten. Er sah sich das Verwerfliche unter allen Bedingungen verwerfen und
ohne Prahlerei und Salbung, ohne Verzerrung des Gesichtes und Verrenkung des
Lebens überall für das Sprüchlein einstehen Ehrlich währt am längsten und Was
dem einen recht, ist dem andern billig; und er lachte ruhig und unbekümmert
diejenigen aus, welche weiser zu sein glaubten als diese einfache Lehre und
weitsehender als deren unabweichliche Folgen. Dann, indem er wieder des
Flurschützen gedachte und den Grund von dessen bestialischem Wesen aufzufinden
sich bemühte, stellte er sich die Gestalt desselben nochmals lebendig vor die
Augen, und indem er die rollenden Augen, die hochroten Backen und Nasenpolster,
den grauen, wohl im Stand gehaltenen Schnurrbart, den dicken Bauch und die
blanken Knöpfe des Dienstrockes betrachtete, sah er wohl, dass das Fundament
alles dieses anmasslichen, behaglich brutalen Gebausches eine unbegrenzte
Eitelkeit sei, die sich, da sie einer halben Bestie angehörte, nicht anders als
in solcher Weise äussern konnte »Dieser Kerl, welcher vielleicht der beste Vater
und Gatte war und ein ganz guter Geselle unter seinesgleichen, insofern man ihn
nur nicht im Prahlen und Ausbreiten seiner Art behinderte, dieser Kerl gefiel
sich ausnehmend wohl und hielt sich für einen Kerl, nach Massgabe seiner
Dummheit, als er die alte Frau am Ohr zerrte. Nicht dass er etwa in der Kirche
oder im Beichtstuhl zuweilen nicht einsähe, dass er unchristlich lebe und handle;
der Rausch der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist es, welcher ihn alle
Augenblicke fortreisst und seinem Götzen frönen lässt. Gleichermassen sieht er das
Laster an seinem nächsten Vorgesetzten, dieser an dem seinigen, und so fort
stufenweise, indem einer es am andern gar wohl bemerkt, selbst aber nichts
Eifrigeres zu tun hat, als der eigenen Unart voll Wut den Zügel schiessen zu
lassen, um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich darzustellen. Alle die
tausend voneinander Abhängigen streichen ihre grauen Schnäuze und lassen die
Augen rollen, nicht aus Bosheit, sondern aus kindischer Eitelkeit; sie sind
eitel im Befehlen und eitel im Gehorchen, eitel im Stolz und eitel in der Demut;
sie lügen aus Eitelkeit, und die Wahrheit wird aus Eitelkeit in ihrem Munde zur
Lüge; denn sie sagen eine Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern weil es
ihnen im Augenblicke gut anzustehen scheint. Stolz, Herrschsucht, Neid,
Habsucht, Harterzigkeit, Verleumdung, alle diese Laster lassen sich bändigen
und zurückhalten oder in Schlummer singen; nur die Eitelkeit ist immer wach und
verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte Dinge, Brutalitäten
und kleinere oder grössere Gefahren, die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus
ihm machen, als er ursprünglich war und eigentlich sein will. Denn die Eitelkeit
ist nichts anderes als die krankhafte Abirrung von sich selbst, der Mangel an
genügendem Gefühl seines sichern Daseins und die Angst, gerade durch diese
Verwirrung um das Dasein zu kommen. Hiegegen hilft kein Christentum; denn der
bekehrte Sünder ist erst recht eitel auf seine Reue und auf die Gnade des Herrn
und wird seinen neuen Tick darin finden, über die Eitelkeit der Welt zu jammern.
Gegen alles das Übel, was von diesem Mehlstaub Eitelkeit stammt, hilft nur die
einfache, rein sachliche Gegenwirkung die Eitelkeit immer und allüberall zu
verletzen, sie bei der Nase zu nehmen und ihr die eigene Zwecklosigkeit deutlich
zu machen, d.h. insofern als sie nicht die unschuldige Beschäftigung mit der
eigenen Person, sondern die Reibung an den Mitmenschen zu ihrer Befriedigung
wählt. In der Tat sieht man oft, wie ein einziger Mensch, der nicht eitel ist
oder doch das Gift unschädlich zu verbergen weiss, wenn er nur will, einen
frischen Luftzug unter die Leute bringt, und wo mehrere zusammentreffen, die
sich nur leidlich zu mässigen vermögen, wird sogleich Ruhe, Ehre, Offenheit und
Sicherheit herrschen und etwas Erkleckliches getan werden.« - »Ist die
Eitelkeit, indem sie in der Zudringlichkeit, in der gewaltsamen Verfügung über
die Meinung und Gemütsruhe anderer besteht, ein Riss und eine Abirrung vom
eigenen Wesen, so ist hingegen die unschuldige Eitelkeit, welche in einer
gutartigen Verzierung des eigenen Wesens und in der Freude an demselben besteht,
eine wahrhafte Ergänzung desselben, sozusagen das goldene Hausmittelchen der
Menschlichkeit und das beste Gegengift für jene bösartige weltliche Eitelkeit.
Aber die gute und schöne Eitelkeit, als die zierliche Vervollkommnung oder
Ausrundung unseres Wesens, indem sie alle Keimchen zum Blühen bringt, die uns
brauchbar und annehmlich machen für die äussere Welt, ist zugleich der beste und
feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an, das Gute und
Wahre, was wir auch sonst vorbringen würden, ohne hässliche Manier, ohne
Aufgeblasenheit und Schnörkelei zu vertreten, und so veredelt sie sich von
selbst zum guten Geschmack, welcher seinerseits wieder nichts anderes als die
Gesundheit und das Vernünftige selbst ist.«
    Indem Heinrich dergestalt vor sich hinpredigte, lenkte er endlich seine
Gedanken auf sich selbst und fragte sich, zum ersten Male in seinem Leben, ob er
selbst nicht eitel sei, und in welcher Weise, in der verwerflichen oder in der
guten Art? Er setzte sich abermals höchst bedächtig auf einen Stein und sann
darüber nach, traurig und verfroren; denn in guten jungen Tagen fragt man sich
wohl einmal, ob man gut oder böse sei, ob aber eitel, anmassend oder
unerträglich, erst wenn man etwas mürbe geworden und ordentlich durchgeregnet
ist. Da fiel sein Blick auf das triefende Päcklein, das er in seinen Händen
hielt, und er fand sofort, dass der Inhalt desselben wohl das Produkt der
Selbstgefälligkeit sein dürfte, welche ihn in so frühem Alter unbewusst getrieben
hatte, ein Bild von sich selbst zu entwerfen und festzuhalten. Doch als er
dieses selbe Bild näher und nicht unliebsam betrachtete und der Sonnenschein der
entschwundenen Jugendzeit durch das dunkle feuchte Wachstüchelchen zu leuchten
begann, glaubte er sich sagen zu dürfen, dass die Eitelkeit der eingewickelten
Bücher zu der guten Art gehöre, welche ihren Inhaber zierlich verlockt, sich
selbst zu ergänzen und darzustellen, und ihm hilft zu sein, was er seiner Natur
nach sein kann. Wie er nun das verhüllte Buch in Gedanken durchblätterte, sah er
jene Stelle, wo er in den frühesten Tagen der Kindheit seine kleinen Mitschüler
ins Unglück hineingelogen und eine ganze Malefizgeschichte über sie aus dem
Stegreif ersonnen hatte, und damit tauchte die weitere Frage in ihm auf, ob er
eigentlich von Grund aus eine Neigung zum Wahren oder zu dessen Gegenteil habe;
denn ohne die Liebe zur Wahrheit und Aufrichtigkeit ist die Eitelkeit in allen
Fällen ein schädliches Laster. Da er aber seit nun bald zwanzig Jahren nicht die
mindeste Lust zu solcher Teufelei mehr verspürt und sich auch gestehen konnte,
aufrichtig um das Wahre bekümmert zu sein, so beruhigte er sich über diesen
Punkt und suchte sich nur jene so ausgeprägte Kinderuntat auf andere Weise zu
erklären.
    Und da führte er sich dann den seltsamen Vorgang auf die angeborne Lust und
Neigung zurück, im lebendigen Menschenverkehr zu wirken und zu hantieren und
seinerseits dazu beizutragen, dass alle Dinge, an denen er beteiligt, einen
ordentlichen Verlauf nähmen. Dem Kinde war der Unterschied zwischen Gut und Böse
oder vielmehr zwischen wahrer und falscher Sachlage nicht bewusst und völlig
gleichgültig; die Erwachsenen hatten jenen Handel unvernünftig eingeleitet, das
Kind hatte nichts zu tun, als, da ihm die wirkliche Gerechtigkeit verborgen war,
eine poetische Gerechtigkeit herzustellen und dazu erst einen ordentlichen
faktischen Stoff zu schaffen. Auch erinnerte er sich noch heute, dass er damals
ohne die mindesten Gewissensbisse und mit dem unbefangensten Interesse dem
angerichteten Schaden zugesehen. Gedachte er nun noch, wie er um die gleiche
Zeit sich Bilder von Wachs gemacht und eine tabellarische Schicksals- und
Gerechtigkeitsordnung über sie geführt, so schien es ihm jetzt beinahe gewiss,
dass in ihm mehr als alles andere eigentlich eine Lust läge, im lebendigen
Wechselverkehr der Menschen, auf vertrautem Boden und in festbegründeten Sitten
das Leben selbst zum Gegenstande des Lebens zu machen.
    Mit diesen tüchtigen Gedanken stand Heinrich auf und sah, dass er sich über
einem Tale befand, und dicht zu seinen Füssen lag ein altertümliches Städtlein,
wo um ein graues mächtiges Kirchenschiff und um den Giebel des Ratauses sich
ein Hundert kleine Häuser zusammenkauerten. Heinrich sah in die paar Strässlein
und auf den Platz hinein, wie auf einen Pfannkuchen, und sah zu seiner
Verwunderung, dass die ganze Einwohnerschaft trotz des Regenwetters auf den
Beinen war und die kleine Offentlichkeit des Ortes erfüllte. Er bemerkte auch
alsbald, dass einige Feuerspritzen, begleitet von vielen Männern in kühnen
Feuerkappen, sich durch das Gedränge bewegten, und da er keinen Rauch sah, so
nahm er an, dass diese Leute wohl ihre herbstliche Feuermusterung mit
Spritzenprobe hielten. So war es auch; denn indem um das Rataus herum Platz
gemacht wurde und man Feuerleitern daran legte, fingierte man kühnlich einen
Brand auf dem Dache desselben, und alle Fenster des Städtleins waren geöffnet,
und die Einwohner, so nicht auf der Strasse waren, harrten vergnügt unter den
Fenstern der tapferen jährlichen Bespritzung ihres Ratausgiebels. Um die Übung
unternehmender und künstlicher zu gestalten, waren die Spritzen in kleinen
Seitengässchen verteilt, und die langen Schläuche zur Freude der Stadtjugend, die
verstohlen darauf herumtrampelte, zogen sich in mäandrischen Windungen bis zu
dem unsichtbaren Feuer hinan. Männer standen hoch auf den Leitern und schritten
auf dem Dache, die metallenen Wendröhren in der Hand, während andere ihnen von
unten auf Befehlsworte zusandten und sie auf die gefährlichsten Punkte
aufmerksam machten. Aber als nun das Abenteuer vonstatten gehen sollte, da gab
es eine grosse Verwirrung, ein Rufen, Schreien, Schelten und zuletzt ein
bedenkliches Durcheinanderdrängen und Puffen, ohne dass die Leute wussten, woran
es lag und wie sie sich helfen sollten. Heinrich aber sah ganz herrlich, woher
die Not kam, und hätte gern gelacht, wenn er nicht so nass gewesen wäre; denn die
Wendrohrführer hatten in der kunstreichen Verschlingung der Schläuche jeder das
unrechte Rohr ergriffen, und als sie nun oben auf dem Kapitol ihrer
Spritzenmannschaft laut zuriefen, Wasser zu geben oder damit nachzulassen, je
nach der Wendung des Abenteuers, da gab immer die Spritze eines andern Wasser
oder versiegte plötzlich, so dass ihr Vorkämpfer vergeblich sein Rohr kühnlich
emporhielt und klug zielend hin und her schwenkte, während sein Nebenmann, der
an nichts dachte, unerwartet Wasser bekam und dem Bürgermeister damit die
Perücke absprjetzte, der den Kopf aus einer Dachluke streckte. Immer grösser ward
die Verwirrung, und ein allgemeiner Kampf schien zu entstehen; denn den
einfachen Grund, die Verwechslung der Wendröhre, entdeckte niemand, da die
verschlungenen Schläuche um die Ecke gingen und keiner die Sachlage übersah.
    Heinrich ging still an dem Städtlein vorüber voll Nachdenken über dies
wunderbare Gesicht. Dann rief er mit allem Feuer, dessen sein ausgehungertes und
erfrorenes Leibwerk noch habhaft war »Dies ist das Geheimnis! O wer allezeit auf
rechte Weise zu sehen verstände, unbefangen mitten in der Teilnahme, ruhig in
edler Leidenschaft, selbstbewusst, doch anspruchlos, kunstlos und doch
zweckmässig! Ich will nun aber doch gehen und noch irgend etwas Lebendiges
lernen, wodurch ich unter den Menschen etwas wirke und nütze!«
    Also ging er darauf zu, als ob die nächsten hundert Schritte ihn dahin
bringen könnten, und die einfache Sehnsucht nach der Heimat verwandelte sich nun
in schönste Hoffnung und gewichtige Entschlüsse, also dass Heinrich, da er ganz
im Unstern war und verlassen als ein Bettler im Unwetter dahintrieb, sich selbst
erhöhte und wenigstens vor sich selbst gute Figur machte.
 
                                Neuntes Kapitel
Jedoch hielten diese moralischen Lebensgeister den Wanderer kaum noch ein
Stündchen aufrecht, worauf, als es Abend wurde, seine Kräfte endlich
nachzulassen begannen und er merkte, dass er in keinem Falle die Nacht hindurch
gehen könne. Die leibliche Not, Schwäche, Hunger und Kälte, machten sich jetzt
so vermehrt und unmittelbar geltend, dass Heinrich gänzlich jener
Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit anheimfiel, welche durch den Ärger noch
erbittert wird, dass ja keine Rede davon sein könne, etwa umzukommen oder
unterzugehen, und also das schlechte Abenteuer nur eine entbehrliche Vexation
sei. Doch raffte er sich noch einmal zusammen und behauptete dem guten Mute mit
verzweifelter Kraftanstrengung die Oberhand. Er war jetzt aus einer Waldstrasse
getreten und sah ein breites Tal vor sich, welches ein grosses Gut zu entalten
schien; denn schöne Parkbäume, die eine herrschaftliche Dächergruppe umgaben,
wechselten mit den Waldungen ab, und zwischen weiten Wiesengründen und Feldern
lag eine weitläufige Dorfschaft zerstreut. Zunächst vor ihm sah er ein
katolisches Kirchlein stehen, dessen Türen offen waren.
    Er trat hinein, wo es schon ganz dämmerig war und das Ewige Licht wie ein
Stern vor dem Altar schwebte. Die Kirche schien uralt zu sein, die Fenster waren
zum Teil gemalt und die Wände sowie der Boden mit adeligen Grabsteinen bedeckt.
»Hier will ich die Nacht zubringen«, sagte Heinrich zu sich selbst, »und unter
dem Schutze der allerchristlichsten Kirche austrocknen und ausruhen.« Er setzte
sich in einen dunklen Beichtstuhl, in welchem ein stattliches Kissen lag, und
wollte eben das grüne seidene Vorhängelchen vorziehen, um augenblicklich
einzuschlafen, als eine derbe Hand das Vorhängelchen anhielt und der Küster, der
ihm nachgegangen, vor ihm stand und sagte »Wollt Ihr etwa hier übernachten,
guter Freund? Hier könnt Ihr nicht bleiben!«
    »Warum nicht?« sagte Heinrich.
    »Weil ich sogleich die Kirche zuschliessen werde! Gehet sogleich hinaus!«
erwiderte der Küster.
    »Ich kann nicht gehen«, sagte Heinrich, »lasst mich hier sitzen, die Mutter
Gottes wird es Euch nicht übelnehmen!«
    »Geht jetzt sogleich hinaus! Ihr könnt durchaus nicht hierbleiben!« rief der
Küster, und Heinrich schlich trübselig aus der Kirche, während der Küster
rasselnd die Türen zuschlug und um die Kirche herumging. Heinrich stand jetzt
auf einem Kirchhof, welcher durchaus einem schönen und wohlgepflegten Garten
glich, indem jedes Grab ein Blumenbeet vorstellte, die Gräber zwanglos und
malerisch gruppiert waren, hier ein einzelnes grosses Grab, dort ein solches
nebst einem Kindergräbchen, dann eine ganze Kolonie kleiner Kindergräber, dann
wieder eine grössere oder kleinere Familie grosser Gräber und so fort, welche alle
in verschiedenem Charakter bepflanzt und mit Blumen besetzt waren. Die Wege
waren sorgfältig mit Kies bedeckt und gerechet und verloren sich ohne
Scheidemauer unter die dunklen Bäume eines Lustwaldes, grosse Ahornbäume, Ulmen
und Eichen. Es hatte etwas zu regnen nachgelassen, doch tröpfelte es noch
ziemlich, indessen gegen Abend ein schmaler feuriger Streifen Abendrot auf den
Hügeln lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf. Heinrich sank
auf eine zierliche Gartenbank unter den Gräbern; denn er vermochte kaum mehr zu
stehen. Nun kam ein schlankes weibliches Wesen unter den Bäumen hervor mit
raschen leichten Schritten, welches eine schwarzseidene Mantille trug, reiche
dunkle Locken lustig im Winde schüttelte und mit der einen Hand die Mantille
über der Brust festielt, indes die andere Hand einen leichten Regenschirm trug,
der aber nicht aufgespannt war. Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut
zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob
die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten. Hie und da kauerte sie
nieder, warf ihr Schirmchen auf den Kiesweg und band eine flatternde Rose frisch
auf oder schnitt sich mit einem Scherchen eine Blume ab, worauf sie wieder
weitereilte. Heinrich sah, erschöpft wie er war, diese schöne Erscheinung wie
einen Traum vor sich hinschweben und dachte nicht viel dabei, obschon sie ihm
einen angenehmen Eindruck machte, als der Küster wieder hinter der Kirche
hervorkam und Heinrich abermals anredete.
    »Hier könnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund!« sagte er, »dieser
Gottesacker gehört gewissermassen zu den herrschaftlichen Gärten, und kein
Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben.«
    Heinrich antwortete gar nicht, sondern sah teilnahmlos vor sich hin.
    »Nun, hört Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf, guter Freund!« rief
der Küster etwas lauter und rüttelte den Müden an der Schulter, wie man etwa
einen Betrunkenen aufmuntert. In diesem Augenblicke kam jenes Frauenzimmer zur
Stelle und hielt ihren zierlichen Gang an, um dem Handel neugierig zuzuschauen.
Diese Neugierde war so kindlich und gutmütig, und zugleich war die ganze
Erscheinung, welche Heinrich die schönäugigste und anmutigste Person dünkte, die
er je gesehen, von so unverhohlener, natürlicher und doch kluger Freundlichkeit,
dass er von dem Anblick ein neues Leben gewann, sich schnell aufrichtete und eine
höfliche Verbeugung vor ihr machte. Aber indem er seinen nassen Hut schwenkte,
fiel derselbe gänzlich zusammen, und er hielt den übel aussehenden wie ein
schlechtes Symbol in der Hand. So stand er denn auch gar über und über mit
Schlamm und Kot bedeckt vor der schönen Person, die ihn aufmerksam betrachtete,
und er schlug höchst verlegen die Augen nieder und schämte sich vor ihr,
indessen er doch ein wenig lächeln musste, denn er gedachte sogleich wieder des
unglückseligen Römer, welcher ihm einst den vor der schönen Nausikaa sich
schämenden Odysseus poetisch erklärt hatte. Oh, dachte er, da es noch hie und da
eine Nausikaa gibt, so werde ich auch mein Itaka noch erreichen! Aber welch
närrische Odysseen sind dies im neunzehnten Jahrhundert christlicher
Zeitrechnung!
    Diese Betrachtung dauerte aber nur einen Augenblick, und die liebliche
Jungfrau sagte inzwischen zu dem unholden Kirchendiener »Was gibt es hier mit
diesem Manne?«
    »Ei, gnädiges Fräulein!« erwiderte der Küster, »weiss Gott, was dies für ein
Heide mag sein! Er will durchaus in der Kirche oder auf dem Kirchhof
einschlafen; das kann doch nicht geschehen, und wenn er ein armer Landfahrer
ist, so schläft er gewiss besser im Dorf in irgendeiner Scheune!«
    Die junge Dame sah den Heinrich an und sagte freundlich »Warum wollen Sie
durchaus hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?«
    »Ach, mein Fräulein«, sagte Heinrich, indem er ziemlich furchtsam
aufblickte, »ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastgeber der Erde,
die keinen Müden abweisen; aber wie ich sehe, so sind sie von den Lebendigen
auch in dieser Hinsicht arg bevormundet und wird ihre Intention stets ausgelegt,
wie es denen gefällt, die über ihren Köpfen dahingehen!«
    »Das sollen Sie nicht sagen«, erwiderte lieblich lachend das Fräulein, »dass
wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst
ein bisschen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns
Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!«
    »Was meine Herkunft betrifft«, antwortete Heinrich und blickte sie jetzt
sicher und ernstaft an, »so bin ich sehr guter Leute Kind und eben im Begriff,
sosehr ich kann, zu laufen, wo ich hergekommen bin. Ich bin aus der Schweiz, und
seit mehreren Jahren habe ich als Künstler in der Hauptstadt dieses Landes
gelebt, um zu entdecken, dass ich eigentlich kein Künstler sei. dabei erging es
mir übel, und ich begab mich ohne alle Mittel, wie ich ging und stand, auf den
Heimweg, um mich zu bessern. Ich wünsche und hoffe aber, unbemerkt und ohne
irgend den Menschen unterwegs auf- und lästig zu fallen, nach Hause zu kommen.
Ich wollte ungesehen und unbemerkt in dieser Kirche die Nacht zubringen, da es
so abscheuliches Wetter ist, und in aller Stille am Morgen wieder weiterziehen.
Wenn hier ganz in der Nähe irgendein Vordach oder eine Hütte ist, denn weiter
kann ich nicht mehr, so befehlen Sie, dass man mich dort ruhen lässt und tut, als
ob ich gar nicht da wäre, und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden
sein.«
    Das Mädchen besann sich eine kleine Weile, den Fremden ansehend, und sagte
dann mit unveränderter Freundlichkeit »Sie kommen mir zwar ganz fremd vor; doch
wollt ich wetten, dass Sie jener junge Schweizer sind, der vor sechs Jahren mit
uns in dem Gastöfe zusammentraf, einige Stunden von hier, und der dann mit
meinem Papa weiterfuhr nach der Residenz! Erinnern Sie sich nicht mehr des
kleinen Hündchens, welchem Sie Kuchen gaben über den Tisch?«
    Heinrich sah jetzt das hochgewachsene schöne Frauenzimmer, das zwei- bis
dreiundzwanzig Jahre zählen mochte, erstaunt an. Das also war jenes liebliche
und freundliche Mädchenkind, und welch artiges Wunder, dass eben jetzt bei seinem
traurigen Abzug aus Deutschland das gleiche Wesen in reifer Vollendung ihm
entgegentreten musste, das ihn bei seinem pompösen Einzug als angehende Grazie
begrüsst hatte! Und wie wohlbestellt musste dies Wesen im Gemüte sein, da es jene
wahrhaft wohlgezogene Höflichkeit des Herzens besass, welche auch das
Gleichgültigste und Vorübergehendste nicht vergisst und jedem Menschenantlitz, so
ihr einmal begegnet ist, ein freundliches unverhohlenes Gedächtnis
entgegenbringt! Diese höfliche und aufmerksame Gemütsgegenwart erwärmte und
belebte den Durchnässten sichtlich und gab ihm einen guten Mut zu sich selber, da
ein so preiswertes und zierbegabtes Gewächs seine Person der Wiedererkennung
würdigte.
    »O sicher erinnere ich mich«, sagte er errötend, »aber ich würde Sie doch
nicht wiedererkannt haben; denn Sie sind soviel grösser geworden!«
    Bei diesen Worten errötete sie auch ein weniges, aber sehr unverfänglich und
nur insofern, als sie fühlte, welch einen rosigen Glanz die Erwähnung der
märzlich flimmernden und schimmernden Mädchenflegeljahre über eine Grossgewordene
verbreitet, die man lange nicht gesehen. Dann sagte sie aber mit herzlicher
Bekümmernis »Ach Gott! Sie müssen also nun auf so traurige Weise wieder in Ihre
Heimat kehren?«
    »O das hat gar nichts zu sagen«, erwiderte Heinrich lachend, »ich bin
bereits auf dem Wege wieder ganz munter geworden und habe es nun gut vor, wenn
ich nur erst dort bin!«
    »Kommen Sie nun jedenfalls mit mir«, sagte das Fräulein, »mein Papa ist den
ganzen Tag weggewesen, und bis er nach Hause kommt, will ich es über mich nehmen
und Ihnen ein vorläufiges Unterkommen anbieten in meinem Gartenhause; ich bin
versichert, dass er sich wohl Ihrer erinnert und Sie nicht fortlassen wird diese
Nacht! Kommen Sie nur, gleich unter diesen Bäumen treibe ich so den ganzen
Sommer und Herbst mein Wesen, und Ihr, Küster, folgt uns als dienstbare
Begleitung, zur Strafe, dass Ihr diesen Herrn so ungastlich behandelt!«
    Heinrich war zu schwach, als dass er sich hätte bedenken können, ob er der
Einladung Folge leisten wolle oder nicht; auch machte dieselbe einen so
herzlichen und unbefangenen Eindruck auf ihn, dass er der Schönen gern folgte
und, so rasch er noch vermochte, neben ihr hinmarschierte, sich einzig nach
einer Ruhestelle und etwas Wärme sehnend, indessen der Küster ganz verblüfft und
misstrauisch hinter dem Paare herging. Es hatte endlich ganz zu regnen aufgehört,
der feste Boden unter den grossen alten Bäumen war fast gänzlich trocken, und in
das prächtige Dunkel, in dem sie jetzt gingen, leuchteten nur zwischen den
Stämmen der feurige Abendstreif und im Hintergrunde die erhellten Fenster eines
Park- oder Gartenhauses. In diesem befand sich ein kleiner Saal, der nur durch
eine Glastür vom Parke getrennt war, und in dem Saale brannte ein helles
Kaminfeuer; als sie eingetreten, rückte das Frauenzimmer einen Stuhl zum Feuer
und forderte Heinrich auf, sich auszuruhen. Ohne Verzug setzte er sich und
schämte sich noch eine Weile seines schlechten Aussehens; die junge Dame schien
das zu bemerken und stellte sich voll Mitleid vor ihn hin, indem sie sagte
»Sagen Sie doch, Herr - wie heissen Sie denn?«
    »Heinrich Lee«, sagte er.
    »Herr Lee, geht es denn Ihnen ganz schlecht? Ich habe keinen rechten Begriff
davon; Sie sind doch am Ende nicht so arm, dass Sie auch nichts zu essen haben?«
    Heinrich lächelte und sagte »Es hat nicht zum mindesten etwas zu bedeuten,
wie ich Ihnen sage, aber im Augenblick ist es allerdings so!« Er erzählte ihr
hierauf mit wenig Worten sein Abenteuer, worauf sie die Hände zusammenschlug und
rief »Herr Gott! aber warum tun Sie denn das? Wie können Sie sich so der Not
aussetzen?«
    »Nun, mit Absicht hab ich es gerade nicht getan«, sagte er, »da es aber
einmal so ist, so bin ich sogar sehr froh darüber; sehen Sie, man lernt an allem
etwas und hat manchmal sogar die besten Früchte daran. Für Frauen sind
dergleichen Übungen nicht notwendig, denn sie tun so immer, was sie nicht lassen
können; für uns Männer aber sind immer so recht handgreifliche Exerzitien gut,
denn was wir nicht sehen und fühlen, sind wir nie zu glauben geneigt oder halten
es für unvernünftig und verächtlich.«
    Das gute Mädchen hatte indessen ein kleines Tischchen herbeigeholt und vor
ihn hingestellt, auf welchem einiges Essen stand. »Hier steht zum Glück«, rief
sie, »noch fast mein ganzes Essen; ich liess es mir hierher bringen, da ich heute
allein war, und essen Sie wenigstens sogleich etwas, bis mein Papa zu Hause
kommt und für Sie sorgt. Geht sogleich nach dem Hause, Küster, und holt eine
Flasche Wein, sogleich, hört Ihr? Die Brigitte wird sie Euch geben! Trinken Sie
lieber weissen Wein oder Rotwein, Herr Lee?«
    »Roten«, sagte er.
    »So sagt der Brigitte, sie solle Euch von Papas Wein geben!« rief sie dem
Küster noch nach. Dann zog sie tüchtig an einer Klingelschnur, worauf ein
ländlich gekleidetes feines Mädchen herbeigelaufen kam, welches des Gärtners
Tochter war und den essenden Heinrich neugierig betrachtete; denn dieser hatte
sich sehr andächtig über ein Stück kalten Rehbratens hergemacht, wunderte sich
jedoch bald, dass er gar nicht soviel zu essen vermochte, als er zuerst gedacht,
und er legte bald die zierlichen Esswerkzeuge hin und vermochte jetzt erst recht
nicht mehr zu essen, als er bemerkte, dass es wohl diejenigen des Fräuleins
selbst waren, die man ihm im ersten Eifer vorgelegt hatte. Er fand sich in einer
sonderbaren Lage und wünschte doch lieber wieder auf dem nächtlichen Wege zu
sein, um frei und frank seinem Lande zuzuschreiben. Denn es schnürte ihm
irgendeine Befangenheit das Herz zu, und es war ihm, als ob er besser getan
hätte, alles darauf ankommen zu lassen und unter Gottes freiem Himmel zu
bleiben. Er nahm die kleine silberne Gabel, welche fast noch eine Kindergabel
war und schon viele Jahre gebraucht schien, noch einmal in die Hand und
betrachtete sie, und als er sah, dass der Name »Dorotea« höchst sauber in
kleiner gotischer Schrift darauf graviert war, legte er das Instrumentchen so
schleunig wieder hin, als ob es ihn gestochen hätte, und es erwachte plötzlich
ein heftiger Stolz in ihm, wenn er sich dachte, dass man nur im geringsten etwa
meinen könnte, er hätte sich etwas zugute darauf getan, mit dem allerliebsten
Leibbesteck dieses schönen und vornehmen Fräuleins zu essen, und zwar so wie
gestohlen, durch die Gunst eines Versehens. Sie hiess also Dorotea, und die
Gärtnerstochter nannte sie auch soeben mit diesem Namen, während sie selbst
Apollönchen genannt wurde. Die beiden Mädchen hatten sich an einen grossen
viereckigen Tisch zurückgezogen, der in der Mitte des Saales stand, und sprachen
dort mit halblauter Stimme miteinander, als ob sonst niemand zugegen wäre; denn
es schien deutlich, dass Dorotea einstweilen das Ihrige getan glaubte und sich
einer gemessenen Zurückhaltung ergab; aber in derselben war sie unbefangen und
anmutig, dass Heinrich nur in um so grössere Verlegenheit geriet und er, der eben
noch kaum seine Glieder zusammenhalten konnte, alsogleich von der Opposition
besessen ward, in welche ein unverdorbener junger Mensch solchen Erscheinungen
gegenüber gerät, als müsste er sich seiner Haut wehren, wo niemand denkt, ihn in
Unruhe zu versetzen. Doch liess er sich nichts ansehen, und da der Wein
inzwischen gekommen war und Apollönchen ihm eingeschenkt hatte, wobei sie ihn im
Fluge und mit kritischen Äugelein musterte, trank er binnen kurzem ein grosses
Glas voll aus und sah nun dem Treiben der Frauenzimmer zu. Die Gärtnerstochter
stand bei der Herrntochter, welche am Tische sass, und indem sie kurzweilig und
vertraulich plauderten, half jene dieser in ihrer Hantierung und reichte ihr,
was sie bedurfte. Der grosse Tisch war ganz mit Gegenständen bedeckt, worunter
vorzüglich allerlei Gefässe und Gläser hervorragten, welche sämtlich mit Blumen
angefüllt waren, die im Wasser standen. Meistens waren es Spätrosen, und die
Sträusse, grosse und kleine, befanden sich im verschiedensten Zustande, so dass man
sah, dass es die Ergebnisse vieler Tage waren und auch der älteste Strauss noch
mit Liebe erhalten und gepflegt wurde, so hinfällig er auch aussah. Da Heinrich
sah, dass die heutigen Blumen vom Kirchhofe sogleich in ein Glas gestellt worden,
so vermutete er, dass alle Blumen von den Gräbern herrührten, und dachte sich,
die Schöne müsse eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein, was ihr
um so mehr Reiz verlieh, als sie eine Gräfin und die draussen Liegenden sämtlich
Bauern und Untertanen waren. Ausserdem lagen auf dem Tische noch eine Menge späte
Feldblümchen, verwelkt oder noch leidlich frisch, und wunderschöne purpurrote
oder goldene Baumblätter, allerlei Prachtexemplare, wie sie jetzt von den Bäumen
fielen, und noch andere solche Herbstputzsachen aus Wald und Garten, welche über
den ganzen Tisch gestreut waren, so dass die Dame für die Gegenstände, mit denen
sie sich beschäftigte, fortwährend Raum schaffen und das bunte Blätterwerk mit
liebenswürdigem Unwillen wegstreifen musste. Vor ihr lag eine grosse offene Mappe,
welche ganz mit Bildern und Zeichnungen gefüllt schien, welche auf stattliche
Bogen grauen Papieres zu heften ihre Arbeit war, dass sie geschützt und mit einem
anständigen Rande versehen wurden. Heinrich sah sie von seinem Sitze aus
verkehrt; doch erkannte er, dass es landschaftliche Studien waren, indessen sie
ihn wenig rührten, da die Zeit dieser Dinge schon wie ein Traum hinter ihm zu
liegen schien; vielmehr empfand er einen Widerwillen, hier auf dergleichen zu
stossen, was ihm soviel Täuschung und Leidwesen bereitet hatte.
    Apollönchen schnitt, nach Doroteas Anweisung, das graue Papier zurecht, je
nach dem Masse des Studienblattes, mit einer niedlichen Schere, und beide
benahmen sich dabei, als ob sie Leinwand vor sich hätten und eine Aussteuer
zuschnitten. Apollönchen fuhr mit der Schere hastig und rasch vorwärts, wie sie
es beim Zeuge gewohnt war, welches von selbst reisst dem Faden nach, und sie
machte desnahen viele Risse und Krümmungen in das Papier, und dasselbe
schrumpfte sich stellenweise auf jene unangenehme Weise auf der Scherenklinge
zusammen, wenn man zu unvorsichtig durchfährt, so dass das emsige Mädchen
fortwährend mit den Fingerchen zu glätten, Zu seufzen und zu erröten hatte.
    »Ei, ei, Kind!« sagte Dorotea, »du machst mir ja ganz gefranste Ränder zu
meinen herrlichen Bildern! Ich will wetten, dass der Papa unsere sämtliche Arbeit
kassiert und sich endlich selbst dahintermacht, die Sachen zu ordnen!«
    »Ach du!« sagte jene, »mach du's doch besser mit diesem vertrackten Papier!
Sieh, du klebst ja alle die Landkarten krumm auf den Bogen, dass sie ganz
windschief dastehen!«
    »Ach, so schweig doch«, sagte Dorotea weinerlich, »ich weiss es ja schon! Es
sind aber auch gar zu grosse Dinger, man kann sie ja gar nicht ordentlich
übersehen!«
    »Was nur daran zu sehen ist?« sagte Apollönchen, »zu was braucht man sie
denn?«
    »Ei, du Aff! zu was? zum Nutzen und Vergnügen! Siehst du denn nicht, wie
hübsch dies aussieht, alle diese lustigen Bäume, wie das kribbelt und krabbelt
von Zweigen und Blättern und wie die Sonne darauf spielt?«
    Apollönchen legte die Arme auf den Tisch, neigte das Näschen gegen das Blatt
und sagte »Wahrhaftig ja, es ist wirklich hübsch und so schön grün! Ist dies
hier ein See?«
    »Ein See! o du närrisches Wesen!« rief die andere und lachte mit dem
vergnügtesten Mutwillen, »dies ist ja der blaue Himmel, der über den Bäumen
steht! Seit wann wären denn die Bäume unten und das Wasser oben?«
    »Geh doch«, sagte diese schmollend, »der Himmel ist ja rund, und dies Blaue
hier ist viereckig, gerade wie der neue Weiher hinter der Mühle, wo der Herr die
Linden hat drum pflanzen lassen. Und gewiss hast du das Bild verkehrt aufgemacht!
Kehr es nur einmal um, dann ist das Wasser schon unten, und die Bäume sind
oben!«
    »Ja, mit den Wurzeln!« sagte Dorotea noch immer ladend, »dies ist ja nur
ein Stück vom Himmel, du Kind! Guck einmal durchs Fenster, so siehest du auch
nur ein solches Viereck, du Viereck!«
    »Und du Dreieck!« sagte Apollönchen und schlug der jungen Herrin mit der
flachen Hand auf den Nacken. Plötzlich hielt diese aber an sich und legte
bedenklich den Finger an den offenen Mund, als ob ihr etwas sehr Wichtiges
einfiele; denn auf dem Blatte, das sie jetzt in die Hand genommen, war zwischen
den Bäumen ein Stück von einer helvetischen Alpenkette zu sehen. Heinrich war
über den lieblichen vibrierenden Modulationen des Mädchengezwitschers sanft
eingeschlafen, und er hörte im Schlafe jetzt einen jener unartikulierten, aber
metallreichen Frauenausrufe, welche so ergötzlich klingen, wenn sie von etwas
überrascht oder halb erschreckt werden. Sie war nämlich plötzlich auf den
Gedanken gekommen, da die Zeichnungen offenbar aus der Schweiz herrührten, dass
am Ende Heinrich der Urheber derselben sein dürfte, und weil der Zufall schon
soviel getan, so schien es ihr sogar gewiss, und sie ging mit der Lebhaftigkeit
darauf los, welche solchen Wesen eigen ist, wenn sie ein unschuldiges und
argloses Abenteuer herbeifahren mögen. Sie stand jetzt vor dem inzwischen fest
Eingeschlafenen und hielt den grossen Bogen vor ihn hin, indem sie die beiden
oberen Ecken zierlich gefasst, wie eine Kirchenstandarte. Sie rief ihn beim
Namen, worauf er sogleich erwachte; aber er war schon so schlaftrunken von der
Müdigkeit, dass er die ersten Augenblicke nicht wusste, wo er war. Er sah nur ein
schönes Wesen vor sich stehen, gleich einem Traumengel, der ein Bild vor der
Brust hielt und mit freundlichen Sternaugen über dasselbe herblickte. Voll
traumhafter Neugierde beugte er sich vor und starrte auf das Bild, bis ihm erst
die Landschaft mit den Bäumen und Schneefirnen bekannt vorkamen und er dann auch
seine Jugendarbeit erkannte. Dann sah er in das vom Feuer beglänzte Gesicht
hinauf, und auch dieses kam ihm so bekannt vor, und doch wusste er nicht, wo er
es schon gesehen, denn das, was er zehn Minuten zuvor erlebt, lag seinem
verwirrten Zustande in ein dunkles Vergessen entrückt. Nun zweifelte er nicht
länger, dass er mitten in einem jener Träume sich befinde, die er in jener Stadt
geträumt, und dass er wiederum auf jener langen und bezauberten Heimreise
begriffen sei. Er hielt die Erscheinung für ein neckendes verklärtes Bild seiner
Jugend, das ihm nur erschienen sei, um wieder zu verschwinden und ihn in tiefer
Hoffnungslosigkeit zu lassen. Seine Gedanken hielt er für jenes sonderbare
Bewusstwerden im Traume, er fürchtete zu erwachen und das schöne Bild zu
verlieren, und als er wieder auf die sorgsam gemachte, stille und unschuldige
Landschaft blickte, entfielen Tränen seinen Augen. Jetzt hielt er sich für
erwacht und suchte das Kopfkissen, um das Gesicht hineinzudrücken und den Traum
bequemlich auszuweinen; da er aber kein Kissen fand, fuhr er verwirrt empor,
schaute sich um, erwachte jetzt wirklich, und sah durch seine Tränen das Bild
doch noch immer dastehen. Dorotea, welche ihn erst vergnügt und munter zur Rede
stellen wollte, war sogleich verstummt und sah ergriffen dem seltsamen Wesen zu,
so dass sie sich eine Weile nicht zu rühren vermochte und in ihrer reizenden
Stellung verharrte. Als Heinrich aber sich inzwischen gesammelt und mit wachen
Sinnen den Bogen ergriff und betrachtete, sagte sie gerührt und teilnahmvoll
»Sind diese Sachen nicht von Ihnen?« - »Gewiss«, erwiderte er voll Verwunderung
und trat an den Tisch, wo er sein ehemaliges Eigentum in schönster Eintracht
beisammen sah, alles, was er zu dem alten Trödelmännchen getragen hatte für ein
Almosen.
    Er freute sich höchlich, die Sachen wiederzusehen, obgleich sie nicht mehr
sein waren, und wühlte begierig darin herum; sie kamen ihm vor, als ob sie ein
anderer gemacht hätte, und wie so alles wieder beisammen war, was er nach und
nach verloren und seinem jetzigen Wesen so fernab lag, auch da er nichts mehr
von diesen Dingen hoffte, so fand er jetzt, dass ein ganz bestimmter und
schätzbarer Wert in der Sammlung lag, und freute sich, dieselbe in so lieblichen
Händen zu sehen.
    »Welch ein Zufall!« sagte er, »wie kommen Sie denn nur dazu?«
    »Das ist köstlich, köstlich!« rief sie und klatschte voll Freude in die
Hände, »einzig, sage ich! Nun sollen Sie uns aber auch willkommen und in aller
Ordnung aufgenommen sein! Noch sind Sie ganz durchnässt und jämmerlich zuwege;
zuerst müssen Sie sich durchaus trocknen und warm ankleiden, und nehmen Sie
nicht übel, dass ich sogleich einige Vorkehrungen treffe! Bleibe so lange hier,
Apollönchen, dass dem ärmsten Herrn Lee niemand was zuleide tut!« sagte sie
scherzend und eilte fort.
    »Himmel!« sagte Heinrich, als sie fort war, »das setzt mich aber in die
grösste Verlegenheit.«
    »O machen Sie sich gar nichts daraus, mein Herr!« erwiderte das freundliche
Mädchen und verneigte sich ganz anmutig, »der Herr und das Fräulein Dorotea tun
immer, was ihnen beliebt und was recht ist. Wie sie es tun, so meinen sie es
auch und sind auch gar nicht wie andere Herrschaften! Überdies wird sich der
Herr ganz gewiss verwundern und freuen über diese Begebenheit; denn als er vor
längerer Zeit die Bilder aus der Residenz brachte, hat die Herrschaft sie
wochenlang alle Tage nach Tisch betrachtet, und die Mappe musste immer im
Familienzimmer stehen.«
    Heinrich ging aber dennoch höchst unruhig hin und her; denn er mochte nicht
unhöflich und eigensinnig dem Tun der ungewöhnlichen und tüchtigen Dame entgegen
sein, und doch fühlte er sich ganz befangen und beschämt, sich dergestalt
einzuquartieren und umzukleiden in einem adeligen Hause.
    Inzwischen entstand Geräusch in dem Gartenhaus, und Dorotea trat wieder ein
und sagte »So, nun gehen Sie und tun mir den Gefallen, sich umzukleiden; kommen
Sie, hierhin, zu Apollönchens Vater! Komm, zeig ihm den Weg, mein Mädchen!«
    Er ging nach der Anweisung der Frauenzimmer durch einen Gang und trat in die
Gärtnerstube, wo der alte Gärtner und der Küster beisammensassen und eifrig Tabak
rauchten. Als er da abgegeben war, zog sich das Fräulein zurück, und das
Apollönchen huschte hinter ihr drein ebenfalls auf und davon.
    »Kommen Sie nur, Herr oder wer Sie sind!« sagte der Gärtner treuherzig, als
er sah, dass Heinrich verblüfft dastand, »hier geht es nicht anders zu. Der Herr
und das junge Fräulein stellen immer solche Geschichten auf, das sind wir schon
gewohnt, und es hat noch nie ein schlimmes Ende genommen, sondern sich immer als
richtig und erbaulich herausgestellt! Treten Sie nur in diese Kammer, wenn's
beliebt, da hat die gute Dame einen ganzen Kram herschleppen lassen aus des
Grafen Garderobe und selbst mitgetragen!«
    Heinrich ging demzufolge in die Kammer und fand da einen vollständigen Anzug
vor vom Kopf bis zum Fuss, nebst feiner frischer Leibwäsche; nichts war
vergessen, selbst die warme seidene Halsbinde nicht. Er wusch sich erst Gesicht
und Hände und kämmte sein wirres Haar; dann kleidete er sich langsam und
bedenklich an, und als er fertig war, getraute er sich nicht hervorzukommen,
sondern setzte sich auf einen Stuhl und stellte allerlei Betrachtungen an. Da
fiel sein Blick auf seine schlechten, beschmutzten Kleider, die am Boden lagen,
und er schämte sich, dass er sie nun da lassen sollte, und wusste nicht, was mit
ihnen zu beginnen sei, bis er sie wieder anzöge. »Wahrhaftig«, sagte er, »ganz,
wie ich es geträumt! Nun, zum Teufel, solange das Leben so alle Traumgedichte
überbietet, wollen wir munter sein!« Er glaubte sich endlich am besten aus der
Sache zu ziehen, wenn er die armen Kleidchen ordentlich zusammenlegte. Er legte
sie säuberlich auf einen Stuhl in der Ecke, stellte die zerrissenen Stiefelchen
ehrbar unter den Stuhl, als ob es die feinste Fussbekleidung wäre, und machte
sich endlich auf den Weg nach dem Saale.
    Dort fand er unversehens den Grafen vor nebst einem stattlichen katolischen
Priester, die beide von der Jagd gekommen schienen; denn der Graf war im grünen
Jagdkleide mit hohen Stiefeln, und der Geistliche trug noch über seinen
wohlausgefüllten schwarzen Rock eine Weidtasche, und seine kanonischen Stiefeln
waren arg voll Kot. Auf dem Boden lagen Hasen und Hühner nebst einem toten Reh,
und am Tische lehnten die Gewehre. Der Graf selbst war ein grosser schöner Mann,
und Heinrich erkannte ihn sogleich wieder, nur dass seine Haare und sein Bart
stark mit Grau gefärbt waren, was ihm indessen sehr wohl anstand. Er ging rasch
auf Heinrich zu, schüttelte ihm die Hand und sagte »Das ist ja eine kostbare
Geschichte, hören Sie! Nun sein Sie willkommen, junger Mann! Ich erinnere mich
Ihrer noch sehr wohl und bin neugierig wie ein Stubenmädchen, was Sie uns zu
erzählen haben werden. Morgen wollen wir des weitläufigsten plaudern, jetzt aber
ungesäumt ans Abendbrot gehen! Herr Pfarrer! Sie werden nichts dagegen haben,
kommen Sie!«
    Er fasste Heinrich unter den Arm, der Pfarrer gab der Dorotea den Arm, indem
er einen höflichen Kratzfuss machte und ein schalkhaft lächelndes Gesicht
schnitt, und so brach die Gesellschaft auf und ging durch einen langen Garten
nach dem Hause, während die Gärtnerstochter ihrer Herrenfreundin mutwillig
Gutnacht nachrief. Man trat jetzt in ein wohlgeheiztes behagliches Zimmer und
setzte sich um einen runden Tisch, der bereits sehr elegant und stattlich
gedeckt und angerichtet war, und Heinrich ass abermals und mit gutem Behagen, da
das sichere und edle Wesen des gräflichen Mannes ihn vollständig aufgeweckt und
beruhigt hatte. Denn für einen ordentlichen Menschen ist es fast ebenso
wohltuend und erbaulich, einen wohlbestellten, schönen und rechten Mann zu sehen
als schöne und gute Frauen.
    Die trefflichen Leute unterhielten sich heiter und behaglich, ohne Heinrich
besonders in Anspruch zu nehmen, und es atmete alles, was sie sagten, ein festes
und offenes Gemüt. Doch sagte der Graf nach einer Weile zu ihm »Es ist doch eine
allerliebste Geschichte! Ei, erinnern Sie sich auch noch der Ursache unserer
Bekanntschaft, der groben Schlingel, die Ihnen damals die Mütze abschlugen?«
    »Sicher«, sagte Heinrich lachend, »aber was diesen Punkt betrifft, so habe
ich heute bei meinem Abzug jenen Einzugsgruss mit Zinsen zurückgegeben!« Er
erzählte hierauf sein Abenteuer mit dem Flurschützen. Der Graf warf ihm einen
feurigen Blick zu und sagte »Wenn Sie aber müde sind, so gehen Sie ohne Zaudern
zu Bett, damit wir morgen desto munterer sind!«
    »Wenn Sie's erlauben!« sagte Heinrich, stand auf und machte die zierlichste
Verbeugung, die er in seinem Leben je gemacht und von der er am Morgen nicht
geträumt hätte, dass er sie je machen würde; doch musste er beinahe dazu lachen.
Die kleine Gesellschaft lächelte ebenfalls freundlich, stand auf und entliess ihn
mit Wohlwollen, worauf in einem guten Schlafzimmer er sich ins Bett warf und,
ohne einen weitern Gedanken zu verlieren, sofort einschlief.
 
                                Zehntes Kapitel
Heinrich schlief wie ein Murmeltier bis zwölf Uhr des andern Tages; eben
erwachte er und rieb sich sehr zufrieden die Augen, als der Graf hereinkam und
sich nach ihm umsah. »Guten Tag, mein Lieber! Wie geht's Ihnen?« sagte er und
setzte sich an das Bett, »bleiben Sie ruhig liegen und duseln sich gemütlich
aus!« Heinrich tat das auch und sagte »O es geht gut, Herr Graf! Wieviel Uhr ist
es denn?« - »Es ist gerade zwölf Uhr«, erwiderte jener, »es freut mich, dass Sie
in meinem Hause so gut geschlafen haben. Nun halten Sie vorerst eine gute
Einkehr bei uns und tun Sie ganz, als ob Sie bei den besten und zuverlässigsten
Freunden wären, von denen Sie wohl hergestellt und guten Mutes wieder auslaufen
werden! Aber nun hören Sie, Sie sind mir ja ein köstlicher Gesell! Wir blieben
gestern nacht noch ziemlich lange auf, und da wir von Ihnen sprachen, fiel uns
ein, dass die Bildermappe noch im übel verschlossenen Gartensaale lag. Ich gehe
selbst hin, sie zu holen, denn ich wünschte nicht, dass irgendein Unheil damit
geschehe, und bemerke, dass auf dem Kaminsims ein kleines verkommenes Paketchen
liegt; ich musste lachen und dachte Gewiss sind dies die armütigen Effektchen
unseres armen Kauzes von Vagabunden! Ich nahm es in die Hand und fand, dass die
Hülle vom Regen und vom Tragen aufgelöst war und auseinanderfiel, und siehe da,
statt etwa eines Strumpfes oder eines Schnupftuches, wie ich dachte, fällt mir
ein ganz durchnässtes Buch in die Hand; neugierig schlage ich es auf und sehe
lauter Geschriebenes, und indem ich die erste Seite lese, vermute ich sogleich,
dass Sie Ihre eigene Geschichte geschrieben haben. Ich sehe das Ding etwas
genauer an und erkenne an den Data, dass es Ihre Jugendgeschichte ist, die Sie
schon damals mit in die Fremde genommen haben und mit welchem Buche der
Erinnerung, als Ihrer letzten Habseligkeit, Sie sich wieder aus dem Staube
machen! Ich laufe mit den Sachen zurück und rufe: Seht, Leute! Unser Mensch
schlägt sich mit seinem Jugendbuche durch Regen und Sturm, wie Vetter Camoens
mit seinem Gedichte durch die Wellen! Der Spass wird köstlich! Dortchen nimmt das
Buch und besieht es von allen Seiten. Ach du lieber Himmel, ruft sie, das arme
Buch ist ja durch und durch nass und droht zugrunde zu gehen! Das muss sogleich
getrocknet werden! Es wird ein frisches Feuer in den Ofen gemacht, das Mädchen
setzt sich auf ein Taburettchen davor und hält das Buch, die Blätter
auseinanderschüttelnd und es umwendend und kehrend, sorgfältig an das Feuer, und
in weniger als einer Viertelstunde ist das tapfere Werk heil und gerettet. Nun
aber lasen wir noch länger als zwei Stunden darin, an verschiedenen Stellen, und
wechselten mit dem Vorlesen ab, und diesen ganzen Vormittag hab ich auf meiner
Stabe darin gelesen. Auf den letzten Blättern stehen einige Gedichte, die haben
Sie allem Anscheine nach erst neulich gemacht und hineingeschrieben?« Heinrich
bejahte dies und wurde rot, und der Graf fuhr fort »Ich will mich gar nicht
entschuldigen für unsere Indiskretion; es macht sich so alles von selbst, und
wir wollen unsere Unverschämteit nun mit gänzlicher Freundschaftlichkeit
abbüssen. Zuerst muss ich Sie einmal küssen, Sie sind ein allerliebster Kerl!«
    »Bitte, Herr Graf!« sagte Heinrich und duckte sich ein bisschen unter die
Decke, »Sie sind allzu gütig; aber ich mache mir nicht viel daraus, Männer zu
küssen!«
    »Ei, sieh da!« rief der treffliche Mann, »Sie schlaues Bürschchen! Aber
trotz alledem müssen Sie mich doch ein bisschen wohl leiden, ich verlange es!«
    »O gewiss, sag ich Ihnen«, erwiderte Heinrich, mit schüchternen und doch
zutulichen Worten; »ich kann Sie gar nicht genug ansehen, so sehr gefallen Sie
meinen Augen und meinem Herzen!« Und er sah ihn dabei wirklich mit glänzenden
Augen an.
    »Nun denn«, sagte der Graf mit feinem und gerührtem Lächeln, »so müssen Sie
durchaus geküsst sein zur Besiegelung unseres guten Einvernehmens!« Er umarmte
Heinrich und küsste ihn herzlich, und dieser küsste ihn, sein leises Sträuben
aufgebend, herzhaft, und seine Augen füllten sich mit salzig heissem Wasser, da
er endlich einen solchen ältern Männerfreund gefunden nach langem Irrsal. Denn
über einen rechten Mann scheint die Welt wieder gelungen, recht und
hoffnungsvoll zu sein. Schweigend sah er den Grafen an, und dieser schwieg auch
eine Weile; dann drückte Heinrich die Augen in das Kissen und suchte sie
verstohlen zu trocknen, sagte aber dann »Es geht mir recht närrisch! Als ich ein
Schuljunge war, war nichts imstande, mir Tränen zu entlocken, und ich galt für
einen verstockten Burschen; seit ich gross geworden bin, ist der Teufel alle
Augenblick los, und höchstens bring ich es zu einem oder zwei gänzlich trockenen
Jahrgängen!«
    Der Graf nahm seine Hand und sprach »Gedulden Sie sich noch ein paar
Jährchen, und dann wird es vorbei sein und standhaftes trockenes Sommerwetter
werden. Es ging mir geradeso vor zwanzig und dreissig Jahren und reut mich noch
heute nicht! Doch nun stehen Sie auf, ziehen sich an und frühstücken. Wissen Sie
was! Ich werde es hierher bestellen, und Sie erzählen mir, wie es Ihnen
ergangen, das heisst, Sie liefern mir eine förmliche Fortsetzung der
Jugendgeschichte.«
    Während Heinrich sich ankleidete und frühstückte, begann er zu erzählen und
zündete dazu, als er mit Essen fertig war, eine gute Zigarre an, wie auch der
Graf eine solche rauchte. Heinrich erzählte und beichtete mit Lust und frohem
Mut, mit Härte und Schärfe, bald mutwillig, bald traurig, bald schnell und
feurig, dann wieder langsam und bedenklich, und tat seinem Wesen nicht den
mindesten Zwang an, ohne eine Unschicklichkeit zu sagen, oder wenn er eine
solche sagte, so fühlte er es sogleich und verbesserte sich ohne grossen Kummer;
denn was aus einem schicklichen Gemüte kommt, ist leicht zu ertragen, und sein
Zuhörer, obgleich er ein älterer Mann war, verbreitete nichts als Freiheit und
Sicherheit um sich. Er war jung mit dem Jungen, ohne den Wert seiner Jahre zu
verbergen, leicht beweglich und anmutig, doch mit dem Gewichte eines Mannes, der
gelebt und gedacht hat und fest steht, wo er steht. Er hörte geläufig und
aufmerksam zu, ohne ängstliche Spannung, und liess sich ansehen, dass der Erzähler
bei ihm zu Hause war und verstanden wurde mit feinem Sinne, auch wenn er ein
Wort überhört hatte. Auch gab er sein Verständnis nicht mit Ausrufen und
Wortstellungen zu erkennen, sondern hörte ebenso leicht und zwanglos, wie ihm
erzählt wurde, und Heinrich konnte im Zimmer umhergehen, einen Gegenstand
betrachten oder etwas hantieren, ohne dabei den Zuhörer beim Erzählen zu dessen
Pein zu fixieren, ob er auch höre und verstehe? So sprach er zum ersten Mal,
seit er jenes Buch geschrieben, wieder so recht aus sich heraus und fühlte mit
bewegtem Herzen den Unterschied, wenn man dem toten weissen Papier erzählt oder
einem lebendigen Menschenkind. So vergingen beinahe zwei Stunden, und als er mit
seiner Ankunft auf dem Kirchhof geendet, sagte der Graf »Wenn Sie als Maler ein
Pfuscher gewesen wären, so hätte das Verlassen dieses Berufes gar keine
Bedeutung und könnte uns hier nicht weiter beschäftigen. Da Sie aber, wie ich
den Beweis im Hause habe, unter günstigeren Umständen oder bei besserer Ausdauer
gar wohl noch eine so gute Figur hätten machen können als so mancher sein
Ansehen kümmerlich aufrechtaltende Gesell, der tut, als ob die Musen an seiner
Wiege gestanden hätten, so gewinnt die Sache einen tiefern Sinn, und ich gestehe
aufrichtig, dass es mir ausnehmend wohl gefällt und mir als ein stolzer und
wohlbewusster Streich erscheint, ein Handwerk, das man versteht, durchschaut und
sehr wohl empfindet, dennoch wegzuwerfen wie einen alten Handschuh, weil es uns
nicht zu erfüllen vermag, und sich dafür unverweilt die weite lebendige Welt
anzueignen.«
    »Sie täuschen sich«, unterbrach ihn Heinrich, »ich konnte wirklich nichts
machen, ich habe es ja versucht, und auch bei günstigeren Verhältnissen würde
ich höchstens ein stelzbeiniger dilettantischer Akademist geworden sein, einer
jener Absonderlichen, die etwas Apartes vorstellen und dennoch nicht in die Welt
und in die Zeit taugen!«
    »Larifari!« erwiderte der Graf, »ich sage Ihnen, es war bloss Ihr guter
Instinkt, der Sie damals nichts zuwege bringen liess. Ein Mensch, der zu was
Besserm taugt, macht das Schlechtere immer schlecht, gerade solange er es
gezwungen und in guter Naivetät macht; denn nur das Höchste, was er überhaupt
hervorbringen kann, macht der Unbefangene gut; in allem andern macht er Unsinn
und Dummheiten. Ein anderes ist, wenn er aus purem Übermut das Beschränktere
wieder vornimmt, da mag es ihm spielend gelingen. Und dies wollen wir, denk ich,
noch versuchen; denn Sie müssen nicht so jämmerlich davonlaufen, sondern mit
gutem Anstand von dem Handwerk Ihrer lugend scheiden, dass keiner Ihnen ein
schiefes Gesicht nachschneiden kann! Auch was wir aufgeben, müssen wir elegant
und fertig aufgeben und ihm mit geschlossener Abrechnung freiwillig den Rücken
kehren. Dann aber wollen wir bestialische Flurschützen prügeln, dies sei unser
Metier, in Liebe und Hass wirken, in Neigung und Widerstand! Sie werden aufhören,
selbst Tränen zu vergiessen, aber dafür andere deren vergiessen lassen, die einen
aus Freude, die anderen aus Zorn und Arger! Aber jetzt vor allem zur Sache! Ich
habe Ihre sämtlichen Studien bei dem alten Teufelskerl gekauft, Stück für Stück
um einen Taler. Ich lief eifrig hin, damit mir ja keine entgehe, denn die Sachen
gefielen mir wohl, ohne dass ich jedoch viel dabei dachte, und erst als ich sah,
dass hier ein ganzer wohlgeordneter Fleiss stückweise zum Vorschein kam,
vielleicht die heiteren Blütenjahre eines unglücklich gewordenen Menschen,
gewann ich ein tieferes Interesse an den Sachen und sammelte sie sorgfältig auf,
seltsam bewegt, wenn ich sie so beisammen sah und alle die verschwendete Liebe
und Treue eines Unbekannten, die Luft eines schönen Landes und verlorener Heimat
herausfühlte; denn man sah wohl, dass dies nicht Reisestudien waren, sondern ein
Grund und Boden vom Jugendlande des Urhebers. Der Trödler wollte mir aber nie
sagen, wo derselbe aufzufinden, und beharrte eigensinnig auf seinem Geheimnis;
er log mich an und sagte, es schicke sie ihm ein auswärtiger Händler, als ob der
Kauz weiss Gott welche Geschäftsverbindungen hätte in seiner Spelunke. Nun sagen
Sie aber wollen Sie die Sachen wiederhaben, oder wollen Sie mir dieselben
lassen?«
    »Sie sind ja Ihr Eigentum!« sagte Heinrich.
    »Was da Eigentum! Sie werden doch nicht glauben, dass ich, nun ich Sie kenne
und in meinem Hause habe, Ihre Mappe um solches Bettelgeld behalten will, das
wäre ja wie gestohlen! Oder wollen Sie mich schon beschenken, Sie armer
Schlucker?«
    »Ich meine«, sagte Heinrich, »dass die Mappe ihre Dienste getan und sich für
mich vollständig verwertet hat; erst habe ich etwas daran gelernt und, indem ich
sie zusammenbrachte, nichts Schlechteres verübt; dann hat sie mir zur Zeit der
Not das Leben gefristet, und zwar auf eine Weise, durch welche ich wieder etwas
gelernt habe, und auf die Grösse der Summe kam es gar nicht an. Jeder Groschen
hatte für mich den Wert eines Talers und machte mir ebenso grosses Vergnügen als
ein solcher, und so habe ich zu Recht bestehend mich der Sachen entäussert.
Endlich hat sie mir Ihr Wohlwollen erworben und mir das artigste Abenteuer
vorbereitet, und so denke ich, durch dies alles sei ich vollkommen entschädigt.«
    »Dies würde alles ganz nach meinem eigenen Sinne sein, wenn die Umstände
anders beschaffen wären. So aber ist es eine Düftelei, die wir lassen wollen.
Ich bin reich und würde jetzt die Mappe unbedingt um jeden annehmbaren Preis
kaufen, auch wenn Sie selbst gar nichts davon bekämen, also ganz ohne Rücksicht
auf Sie. Lernen Sie auf Ihrem Rechte bestehen, wo es niemand drückt und
ängstiget, wenn Sie Recht gewähren wollen, und nehmen Sie den Erwerb, der Ihnen
gebührt, ohne Scheu, nachher können Sie damit tun, was Sie wollen! Also nennen
Sie mir einen Preis, wie er Ihnen gut dünkt, und ich werde noch froh sein, die
Sachen zu behalten.«
    »Gut denn«, sagte Heinrich lachend, »so wollen wir den Handel abschliessen!
Es sind über achtzig Blätter; geben Sie mir für jedes ineinandergerechnet einen
Louisdor! Manches darunter würde ich, wenn ich ein florierender Künstler wäre,
nicht für zehn verkaufen, aber bei einem solchen Handel in Bausch und Bogen ist
es nicht also zu nehmen; davon ziehen Sie dann achtzigmal den Taler ab, den Sie
dem Alten für jedes Stück gegeben, so wird die Affäre so ziemlich ehrbar und für
beide Teile leidlich ausfallen!«
    »Sehen Sie wohl!« sagte der Graf und gab ihm lachend die Hand, »so gefallen
Sie mir! Hätten Sie zuwenig oder zuviel verlangt, so würden Sie mir in beiden
Fällen nicht so gefallen haben! Auch den Abzug des Talers nehme ich an und habe
absichtlich gleich Geld mitgebracht; hier ist es, damit Sie mit einem guten
Pfennig in der Tasche, als Gast und nicht als Bettler, an unsern Mittagstisch
kommen, wohin wir jetzt gehen wollen!«
    Heinrich steckte die Papiere in die Brusttasche und einiges Silbergeld,
welches die betreffende Summe vervollständigte, in die Westentasche, denn eine
Börse besass er nicht, und indem er an des Grafen Arm nach dem Familienzimmer
ging, sagte er »Wenn ehemals ein abenteuernder Held in einer befreundeten Burg
einkehrte und sich erholte, so reichte man ihm ein neues Schwert, wenn das
seinige im Kampfe mit den Riesen und Ungeheuern zerbrochen war. Heute reicht man
ihm, wenn es recht hoch und kühnlich hergeht, ein Bündel Banknoten, welche er
auch ganz stillvergnügt einsteckt und mit denen er, statt eines Schwertes, um
sich schlagen und weiterfechten muss, um sich Luft zu schaffen für seine
wunderlichen und unerheblichen Taten.«
    »So ist es«, antwortete der Graf, »darum sehen Sie zu, dass Ihnen das moderne
Schwert nie mehr zerbricht! Denn nur wenn Sie Geld haben, brauchen Sie am
wenigsten an dasselbe zu denken und befinden sich nur dann in vollkommener
Freiheit! Wenn es nicht geht, so kann man allerdings auch sonst ein rechter Mann
sein; aber man muss alsdann einen absonderlichen und beschränkten Charakter
annehmen, was der wahren Freiheit auch widerspricht!«
    Als sie in das Zimmer traten, kam ihnen Dorotea entgegen und begrüsste
Heinrich freundlich, doch mit einer gewissen anmutigen Gemessenheit, indem sie
einen leichten Knicks machte, sich gleich wieder bolzgrad aufrichtete, den
Lockenkopf allerliebst auf eine Seite neigte und den Gast mit reizender
Hochgnädigkeit ansah. Auch trug sie ein Kleid von schwerem schwarzen Atlas, das
sehr aristokratisch geschnitten war, um den Hals eine feine Spitzenkrause, in
welcher sich ein glänzendes Perlenhalsband verlor, nicht ohne sich zuerst um ein
Stückchen des weissen fräuleinhaften Halses zu schmiegen.
    Der Graf sah seine Tochter etwas überrascht an, auch schaute er sich um und
sagte verwundert »Ich dächte, wir wollten essen? und wo hast du denn decken
lassen?« - »Ich habe heute im Rittersaal decken lassen«, sagte sie, »wir haben
so lange nicht da gegessen, und der Herr grüne Heinrich kann sich da am besten
orientieren, bei wem er eigentlich ist, wir haben uns, die wir ihn nun schon
mehr kennen, ihm eigentlich noch gar nicht vorgestellt, und kaum weiss er, wie
wir heissen!«
    Der Graf, welcher nicht wusste, was sie im Schilde führen mochte, liess sie
gewähren, und so begab man sich durch einige Gänge des weitläufigen Hauses nach
einem langen, etwas düstern Saal. Dieser war von unten bis oben mit Ahnenbildern
angefüllt, fast durchgängig schöne Männer und Frauen in allen Lebensaltern, die,
der Tracht und der Kunst nach zu urteilen, bis zum Anfange des fünfzehnten
Jahrhunderts hinaufreichten. Von da ab waren aber noch wohl drei Jahrhundert
dargestellt in Waffen, silbernen Geschirren, Hauschroniken in allerhand
Pergamentbänden, altertümlichen Urkundenschränken und Kuriositäten aller Art,
welche sämtlich mit Daten, Wappen und deutlichen Merkmalen versehen waren. Die
Fenster waren zum grössten Teil mit gemalten Scheiben bedeckt, auf welchen allen
das Wappen des Hauses mit demjenigen der eingeheirateten Frauen verbunden über
biblischen Handlungen und Legenden schwebte. Auch war darin das Hauswappen in
allen seinen Wandlungen, von seiner ersten kriegerischen Einfachheit bis zu
seiner letzten Vermehrung und Zusammensetzung, zu sehen. Der Boden des Saales
war ganz mit hochrotem Tuche bedeckt, was zu den dunklen alten Möbeln und
Bilderrahmen prächtig und romantisch abstach, während die Tritte der Gehenden
nur leise darauf ertönten; in dem Kamin von schwarzem Marmor glühten grosse
Eichenklötze, und da das Gemach der langen Verschlossenheit wegen durchräuchert
worden, erhöhte der feine Duft noch die Feierlichkeit und Vornehmheit dieses
Aufentaltes.
    »Ich habe«, sagte der Graf, »meinen ganzen Familienkram hier auf einen Punkt
aufgestapelt, da dergleichen auch sein Recht will und sich nicht so leicht
entäussern lässt, als man glauben möchte. Sehen Sie sich ein wenig um, es sind
manche hübsche Sachen darunter!«
    Heinrich sah sich lebhaft um und bezeugte grosse Freude über die vielen
wertvollen Stücke und über das Merkwürdige, was hier aufgehäuft war; unter den
Bildern waren manche von den besten Meistern der verschiedenen Zeiten und Orte,
wo die alten Herren auf ihren Zügen und Gesandtschaften sich umgetrieben.
Andere, wenn auch von dunkleren örtlichen Pinselieren gemalt, machten sich durch
ihren charaktervollen Gegenstand und dessen Schicksal geltend, das ihnen auf der
Stirne stand; vorzüglich aber gefielen ihm die vielen feineren oder keckeren
Kindergesichter, welche gleich den Blüten an diesem grossen Baume zwischen den
reifen Früchten überall hervorlächelten, deren Schicksal, dessen Beginn und
Morgenrot hier für immer festgehalten schien, nun auch seit Jahrhunderten
erfüllt und in die Erde gelegt war oder gar nicht zur Erfüllung gekommen, da ein
Kreuz oder ein denatus ansagte, dass sie als Blüten schon vom Baume geweht
worden. Manches gemalte Schwert und Panzerstück war im gleichen Saale auch in
Wirklichkeit vorhanden, und der Graf hielt ihm die schweren Stücke mit leichter
und kundiger Hand vor, indessen Heinrich sie auch nicht wie ein Mädchen ihm
abnahm, da ihm die Waffenfähigkeit und - liebhaberei seines Geburtslandes in den
Fingern steckte. Dorotea hingegen bewegte sich rasch und gefällig herum, stieg
auf Schemel und Tritte, um einen alten silbernen Becher oder ein Kästchen
herabzuholen, und wies und erklärte die Sachen mit freundlicher, aber fast
mitleidiger Höflichkeit, was indessen Heinrich, der vollauf mit dem Beschauen
der Gegenstände beschäftigt war, nicht bemerkte, sondern nur als einen
angenehmen Eindruck zu dem übrigen empfand, ohne darauf zu achten. Erst als sie
sich zu Tische setzten und man sich gegenübersass, wo Dorotea, die den Männern
vorlegte, mit noch erhöhter vornehmer Freundlichkeit und Herablassung den Gast
nach seinen Wünschen und Bedürfnissen fragte, fiel ihm dies Wesen auf, das ihm
gestern gar nicht vorhanden geschienen. Es gefiel ihm aber gar wohl, da er
geneigt war, solchen schönen Geschöpfen nichts übelzunehmen, wenn sie nicht
gerade zu herzlos waren, und um sie darin zu bestärken und ihr einen Gefallen zu
tun, sagte er »Solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen
Vergangenheit sind doch eine Art von Concretum, das sich nicht willkürlich
vergessen und verwischen lässt. Wenn es einmal da ist, so ist es da, und man kann
sich nicht verhindern, an dem Vorhandenen seine Freude zu haben!«
    »Gewiss«, erwiderte der Graf, »nur ist es töricht, willkürlich fortsetzen und
machen zu wollen, was unter ganz anderen Verhältnissen und Bedingungen geworden
ist. Desnahen nenne ich mich auch ungeniert noch von soundso, weil diese
Landschaft so heisst und nicht meine Person, welche kein Berg, sondern ein Mensch
ist. Schon weil seltenerweise das Grundstück nie aus unserm Besitz gekommen ist
und fortwährend welche von uns hier gewohnt haben in grader Linie, so erfordert
eine gewisse Dankbarkeit gegen diese Erscheinung, dass man ihr die Ehre gebe. Ich
selbst habe eine bürgerliche Frau genommen, welche früh gestorben ist und mir
keinen Erben hinterliess; ich habe sie so geliebt, dass es mir nicht möglich war,
wieder zu heiraten, und wenn es nicht zu seltsam klänge, so wäre ich fast froh,
keinen Sohn zu hinterlassen; denn wenn ich mir denken müsste, dass diese
Familiengeschichte noch einmal achtundert Jahre fortdauern könnte oder wollte,
so würde mir dieser Gedanke Kopfschmerzen machen, da es Zeit ist, dass wir wieder
untertauchen in die erneuende Verborgenheit. Ich selbst bin im Verfall des alten
Reiches geboren und eigentlich schon ganz überflüssig, so dass sich unser Stamm
müde fühlt in mir und nach kräftigender Dunkelheit sehnt. Wenn ich einen Sohn
hätte, so würde ich auch Besitz und Stamm gewaltsam aufgegeben haben und dahin
gezogen sein, wo kein Herkommen gilt und jeder von vorn anfangen muss, damit das
Leibliche der Linie gerettet werde und ferner nütze und geniesse, da dieses am
Ende die Hauptsache ist.«
    Heinrich freute sich dieser Reden und fühlte sich durch sie geehrt. »Ist
jene stolze schöne Dame, welche dazumal das Hündchen auf den Tisch setzte,
vielleicht Ihre Gemahlin gewesen?« fragte er mit höflicher Teilnahme.
    »Nein«, sagte der Graf lachend, »das ist meine Schwester; die lebt als
Gattin eines alten Edelmannes vom stolzesten Geblüte tief in Polen und ist ganz
verbauert; auch hat sie zur Strafe für ihre Narrheiten schon vier Jahre in
Sibirien zubringen müssen mit ihrem Eheherrn. Übrigens ist es eine ganz gute und
liebe Dame, und wenn ich sterbe, so werde ich diesen ganzen Trödel hier
zusammenpacken lassen und ihr zuschicken; vielleicht, wenn es gut geht, rutscht
er mit der Zeit weiter ostwärts wieder nach Asien hinüber, woher unsere Urväter
gekommen sind, und findet da ein gemütliches Grab!«
    Dorotea, welche sah, dass ihrem Gaste diese Reden sehr behagten, aber selbst
in ihrem Hochmut verharrte, sagte nun in der alten, halb teilnehmenden, halb
gleichgültigen, ja sogar fast mokanten Weise zu ihm »Sie scheinen aber auch von
einer Art guter Herkunft zu sein, Herr Lee? wenigstens freuen Sie sich am Anfang
Ihres hübschen Buches Ihrer wackeren bürgertichen Eltern?«
    »Allerdings«, sagte Heinrich, dem diese Frage in diesem Augenblick etwas
überquer kam, errötend, »bin ich auch nicht auf der Strasse gefunden!«
    Da klatschte sie plötzlich jubelnd in die Hände, indem sie wieder ihre
gestrige offene und natürliche Art annahm, und rief fröhlich »Nun hab ich Sie
doch gefangen! Aber ich bin auf der Strasse gefunden, wie Sie mich da sehen!«
    Heinrich sah sie verblüfft an und wusste nicht, was das heissen sollte,
indessen sie fortfuhr, sich zu freuen, und rief »Sehen Sie, nun konnt ich Sie
doch noch verblüfft machen, der sich von diesen Herrlichkeiten so gar nicht
verblüffen liess! Ja, ja, mein gestrenger Herr von braver Abkunft, ich bin das
richtigste Findelkind und heisse mit Namen Dortchen Schönfund und nicht anders,
so hat mich mein lieber Pflegepapa getauft!«
    Heinrich sah den Grafen verwundert an, und dieser lachte und sagte »Ei, ist
dies also nun das Ziel deines Witzes? Wir mussten nämlich gestern abend lachen,
lieber Freund! als wir Ihre Worte lasen wenn Sie sich selbst bei der Nase
fassen, so seien Sie sattsam überzeugt, dass Sie zweiunddreissig Ahnen besässen!
Als wir aber dann die ganz gesunde Freude lasen, welche Sie doch äussern, so
ehrliche Eltern zu besitzen, und wie Sie sich doch nicht entalten können, über
die Vorfahren einige Vermutungen aufzustellen, mussten wir wieder lachen; nur das
liebe Kind hier schmollte und beklagte sich, dass alle, Adelige wie Bürgerliche
und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich gänzlich schämen
müsse und gar keine Herkunft habe; denn ich habe sie wirklich auf der Strasse
gefunden, und sie ist meine brave und kluge Pflegetochter.« Er streichelte ihr
wohlgefällig die Locken, Heinrich aber war ganz beschämt und sagte kleinlaut
»Ich glaube wenigstens zu sehen, dass ich Sie nicht ernstlich beleidigt habe,
mein Fräulein! - Was jene Anzüglichkeiten betrifft in meinem Geschreibsel über
die adelige und bürgerliche Herkunft, so glaube ich nicht, dass ich sie jetzt
noch machen würde; denn ich habe seiter gelernt, dass jeder seine Würde am
füglichsten wahrt, wenn er andere vor allen Dingen als Menschen betrachtet und
gelten lässt und dann sich gar nicht mit ihnen vergleicht und abwägt, haben sie
auch welche Stellung und Meinungen sie wollen, sondern auf sich selbst ruht,
sich nicht verblüffen lässt, aber auch nicht darauf ausgeht, andere zu
verblüffen, denn dies ist immer unhöflich und von ordinärer Art. So gestehe ich,
dass ich die jetzige Beschämung vollkommen verdient habe, indem ich mich doch
verlocken liess, die vermeintlich stolze Gräfin abtrumpfen zu wollen, anstatt sie
in ihrer Art und Weise ungeschoren zu lassen! Übrigens ist Ihre Abkunft doch
noch die vornehmste, denn Sie kommen so recht unmittelbar aus Gottes weiter
Welt, und man kann sich ja die hochgestelltesten und wunderbarsten Dinge
darunter denken!«
    »Nein«, sagte der Graf, »wir wollen sie um Gottes willen nicht zu einer
verwunschenen Prinzessin machen, die Sache ist sehr einfach und klar. Vor
zwanzig Jahren, als meine Frau eben gestorben, trieb ich mich sehr ungebärdig
und schmerzlich im Lande herum und kam an die Donau. Eines Abends, als eben die
Sonne unterging, fand ich in ihrem Scheine ein zweijähriges Kind
mutterseelenallein im Felde auf einem hölzernen Bänkchen sitzen, das unter einem
Äpfelbaume war. Die Schönheit des Kindes rührte mich, und ich blieb stehen, da
es zugleich verlangend die Ärmchen nach mir ausstreckte und durch reichliche
Tränen lächelte, so froh schien es, einen Menschen zu sehen. Ich schaute lange
aus, ob niemand Angehöriger in der Nähe sei, und da ich niemand entdeckte im
weiten Felde, setzte ich mich auf das Bänkchen und nahm das Kind auf den Schoss,
das auch alsogleich einschlief. Da nach Verlauf einer halben Stunde sich niemand
zeigte, nahm ich es getrost auf den Arm und ging nach dem nächsten Dorfe, um
Nachfrage zu halten. Das Kind gehörte nicht in das Dorf noch in die Gegend
überhaupt; hingegen erfuhr ich, dass im Laufe des Nachmittages eine Schar
Auswanderer durchgezogen mit Weib und Kindern, die nach dem südlichen Russland
gingen und sich etwas weiter unten am Flusse den folgenden Morgen einschiffen
wollten. Ich gab das Kind nicht aus den Händen, blieb in dem Dorfe über Nacht
und begab mich mit dem Morgengrauen nach der bezeichneten Stelle, wo ich den
Trupp schon im Begriffe fand, zu Schiffe zu gehen. Es fand sich, dass die Mutter
des Kindes, eine junge Witwe, unterwegs gestorben und begraben worden und dass
die Gesellschaft dasselbe gemeinschaftlich mitgenommen. Aber noch war es nicht
einmal vermisst worden, das arme Geschöpfchen, das sich während des Ausruhens
verlaufen, und die guten Leute erschraken sehr, da ich mit dem lieben Tierchen
unvermutet erschien. Es brauchte indes nicht viel Beredsamkeit, bis sie mir
meinen Fund überliessen, da er soviel wie nichts besass und die arme tote Mutter
auf ihre gute Person allein die Hoffnungen der Zukunft gegründet hatte. Aber so
eilig ging es zu mit der Abfahrt, dass ich mich nicht einmal nach den genaueren
Namen erkundigen konnte. Das wurde rein vergessen, und ich erinnerte mich
nachher nur, dass die Leute aus Schwaben gekommen. Von dem Kinde erfuhr ich, dass
es Dortchen heisse, und so nannte ich es Dortchen Schönfund, als ich ihm später
sein Heimatsrecht bei mir sicherte, und so wissen wir endlich nur, dass Dortchen
Schönfund hier ein Schwäblein ist! Es nahm aber von Jahr zu Jahr so sehr und mit
solcher Leichtigkeit zu an Anmut, Tugend und Sitte, dass wir die kleine Hexe ohne
Wahl vollkommen als die Tochter des Hauses halten und noch froh sein mussten,
wenn sie nicht uns über den Kopf wuchs in allen guten Dingen. Meine Schwester,
die Adelige, wollte auch durchaus Mittel finden, das Wesen durch irgendeinen
armen Teufel von Grafen zur Aufrechtaltung dieses alten Kastells zu verwenden,
aber, wie gesagt, hieran ist mir nichts gelegen, und Schönfündchen ist mir dazu
zu gut!«
    Das Fräulein hatte bei Erwähnung ihres Fundes und besonders ihrer armen
unbekannten Mutter einige heisse Tränen vergossen, das schöne Köpfchen
vornübergebeugt und in das Taschentuch gedrückt. Doch lächelte sie schon wieder
und sagte »So, Herr Lee! nun kennen Sie meine glorreiche Geschichte und können
mich bedauerlich ansehen! Nun, so sehen Sie mich doch ein bisschen bedauerlich
an!«
    »Ich werde mich wohl hüten«, sagte dieser, »ich empfinde erst recht den
tiefsten Respekt, Fräulein! und sehe gar nichts an Ihnen, das zu bedauern wäre;
vielmehr bedauert man sich sogleich selbst, wenn man so vor Ihnen dasitzt.« Er
schämte sich aber, dies gesagt zu haben, und sah verlegen auf seinen Teller,
während er in der Tat eine erhöhte Ehrerbietung gegen das Mädchen empfand, da
alle ihre Feinheit und Würde einzig in ihrer Person beruhte und weder erworben
noch anerzogen schien.
    Als man aufstand, hatte der Graf einige Geschäfte mit den Landleuten abzutun
und liess Heinrich die Wahl, ob er ihn begleiten oder sich allein in Haus und
Garten umtreiben oder in der Gesellschaft seiner Pflegetochter bleiben wolle.
Heinrich zog vor, da es ihm schicklicher schien, sich in die Gärten zu begeben,
und tat dies auch, nachdem der Graf sich entfernt. Die Sonne hatte wieder den
ganzen Tag geschienen, und es war ein heiteres warmes Herbstwetter geworden.
 
                                 Elftes Kapitel
Höchst angenehm gestimmt und aufgeregt ging er in dem schönen Garten umher und
fühlte sich lieblich geschmeichelt und gestreichelt durch den artigen Scherz,
welchen das Fräulein mit ihm aufgeführt, sowie durch die unbefangene Art, mit
welcher sie die Erzählung ihres Herkommens und ihrer Verhältnisse veranlasst
hatte. Aber erst unter den dunklen Bäumen des Lustwaldes stieg ihm plötzlich der
schmeichelhafte Gedanke auf, dass er der Schönen am Ende wohl gefallen müsse,
weil sie so unverhohlen und freundlich sich mit ihm zu tun machte, und er warf
unverweilt sein inneres Auge auf sie mit grossem Wohlwollen, auch stellte sich
ihm im Fluge ein herrliches und edles Leben dar mit allen seinen Zierden an der
Seite dieses guten und liebenswerten Frauenzimmers. Heftig schritt er in dem
kühlen Schatten umher und fühlte sein Herz ganz gewaltig schwellen, und er kam
sich im höchsten Grade glückselig und deshalb liebenswürdig vor. Aber auf dem
obersten Gipfel dieser schönen Einbildungen liess er den Kopf urplötzlich sinken,
indem es ihm unvermutet einfiel, dass dergleichen unbefangene Scherze, frohes
Benehmen und Zutraulichkeit ja eben die Kennzeichen und Sitten feiner,
natürlicher und wohlgearteter Menschen und einer glücklichen heiteren
Geselligkeit wären, welche jeden, den sie einmal arglos aufgenommen und zu
kennen glaubt, auch ohne Arg mit ganzer Freundlichkeit behandelt; dass es ebenso
wohl das Kennzeichen der Grobheit und Ungezogenheit wäre, zum Danke für solche
feine Freundlichkeit sogleich das Auge auf die Inhaberinnen derselben zu werfen
und ihre Person mit unverschämten und eigenmächtigen Gedanken in Beschlag zu
nehmen. So hoch diese sich vorhin verstiegen hatten, um so tiefere Demut befiel
ihn jetzt, und er beschloss in derselben, die Schönste gegen sich selbst in
Schutz zu nehmen, nicht ahnend, dass eine Neigung, die schon mit solcher inniger
Achtung vor ihrem Gegenstande beginnt, das allerschärfste Schwert in sich birgt.
Und er beschloss, ganz gründlich zu Werke zu gehen und die Dame auch in dem
geheimsten Gemüte nicht zu lieben, so dass sie unbewusst ganz unbedenklich in
demselben wohnen könne, nur von seiner uneigennützigsten Ehrerbietung und guten
Freundschaft umgeben.
    Dieser herzhafte Beschluss schwellte ihm abermals die Brust und hielt dann
sein Blut auf in seinem Laufe, aber sehr schmerzlich süss, dass es ihm wohl und
weh dabei ward. Ersteres, weil es immer wohltut, einem liebenswürdigen Wesen
Gutes zu erweisen, selbst wenn das durch Entsagung geschieht, und weh, weil es
doch eine häkliche Sache ist, eine junge Neigung so ohne weiteres abzuwürgen und
eine ganze werdende mögliche Welt im Keime zu zertreten. Indem er dies
schmerzliche Gefühl empfand und darüber nachdachte, sagte er »Im Grunde - ein
Mädchen zu lieben ist nie eine Unhöflichkeit, wenn man nur etwas Rechtes ist!
Aber von mir würde es jetzt unhöflich und grob sein, weil ich ja nichts, ach so
gar nichts bin und erst alles werden muss!« Zum ersten Mal bereute er so recht
die vergangenen Jahre und die scheinbar nutzlose lugend, die ihn jetzt von
dieser Erscheinung überrascht werden liess, ohne dass er bereit und wert war, auch
nur im geheimen eine herzhafte Leidenschaft aufkommen zu lassen und zu nähren.
Er fuhr seufzend mit der Hand durch das Haar und entdeckte, dass er keinen Hut
auf dem Kopfe hatte. »Ein Kerl!« rief er, »der nicht einmal einen guten Hut, das
Zeichen der Freien, auf dem Kopfe trägt! Da lauf ich barhäuptig wie ein Mönch in
fremdem Besitztum umher! Ich muss einmal nach meinem Hute sehen!«
    Er lief in das Gartenhaus. Das freundliche Apollönchen allein war da und
holte ihm auf sein Begehren seinen Hut hervor; aber sie hielt denselben mit
einem schalkhaften Lächeln dar, soweit dies ihrer Gutmütigkeit immer möglich
war; denn der Hut sah schändlich aus und war gänzlich zugrunde gerichtet. Vom
Regen war er noch aus aller Form gewichen und stellte sich von allen Seiten, wie
man ihn auch wenden mochte, als ein höhnisches Unding vor. Wie Heinrich ihn so
trostlos in der Hand hielt und Apollönchen mit verhaltenem Lachen dabeistand,
trat Dorotea aus dem Saale herein und rief »Wo ist denn das Herrchen? Ach, da
sind Sie ja! Wenn es Ihnen lieb ist, so wollen wir doch ein wenig
spazierengehen, sehen Sie hier, da habe ich Ihnen einen Hut zurechtgezimmert,
der Ihnen hoffentlich wohl anstehen soll!« Wirklich hielt sie einen breiten
grauen Jägerhut in der Hand, um den ein grünes Band geschlungen war. Sie setzte
ihm denselben auf und sagte »Lassen Sie sehen! Ei vortrefflich, sage ich Ihnen,
sieh mal, Apollönchen! Ich habe mir erlaubt, Ihre Jugendfarbe daran anzubringen,
damit wir doch ein bisschen grünen Heinrich hier haben! Ist dies Ihr Hut? Wollten
Sie den aufsetzen? Zeigen Sie!«
    »Ach, sehen Sie ihn doch nicht an!« rief Heinrich und wollte ihn wegnehmen,
aber sie entschlüpfte ihm, und den Trübseligen patetisch vor sich hinhaltend,
sagte sie »Lassen Sie! Ich möchte gar zu gern ein solch schlechtes Ding und
Krone der Armut einmal ganz in der Nähe besehen! Ja, es ist wahr! kummervoll
sieht er aus, der Hut! Aber wissen Sie, ich möchte doch einmal ein Bursche sein
und mit solchem verwegenen Unglückshut so ganz allein in der Welt herumwandern!
Aber durchaus müssen wir ihn in unserm Rittersaal aufpflanzen als eine Trophäe
unserer Zeit unter den alten Eisenhüten!«
    Heinrich entriss ihr die Trophäe und steckte sie in den Ofen, in dem eben ein
helles Feuer brannte, und ging mit ihr, die ihn darüber ausschalt, ins Freie.
»Wenn er einmal verbrannt sein musste«, sagte sie, »so hätten wir ihn doch auf
feierliche Weise verbrennen sollen! Sie haben in Ihrem Schreibebuch selbst so
artig besungen, wie Sie Ihre Dornenkrone lustig auf einem Zimmetfeuerchen
verbrennen wollten, nun hätten wir den schlimmen Hut dafür nehmen und ihn
dergestalt mit guten Zeremonien verbrennen können, zum Zeichen, dass Sie
entschlossen sind, es sich von nun an recht wohl gehen zu lassen!«
    Er antwortete hierauf nichts und dachte auch an gar nichts mehr, was er
soeben erst gedacht, sondern überliess sich ganz gedankenlos dem Vergnügen, an
der Seite der schönen Jungfrau zu sein, welche ihm die Gegend zeigte, vor ihm
her über Wassertümpelchen und Geleise sprang, ihr Kleid anmutig aufnehmend, und
zuweilen lachend zurücksah, ob er ihr auch ordentlich folge. Seit langer Zeit
erging er sich zum ersten Mal wieder auf dem Lande, ohne Sorgen und an einem
schönen Abend, und er wurde durch alles dies so wohlgemut, dass er auf die
harmloseste Weise mit der Schönen umherlief und lachte und anfing, Witze zu
machen, ohne jedoch die Bescheidenheit zu verletzen. Es dunkelte schon, als sie
wieder auf dem Kirchhof ankamen, wo sie mit dem Herrn des Hauses zusammentrafen;
dieser nahm Heinrich mit sich fort und begehrte mit ihm zu sprechen, während
Dorotea zurückblieb, um noch schnell, soweit es das scheidende Tageslicht
erlaubte, die Gräber nachzusehen, welche ordentlich unter ihrer Obhut zu stehen
schienen.
    »Ich habe«, sagte der Graf, »jetzt alles überdacht, was wir tun wollen. Ich
habe in der Hauptstadt einige Geschäfte und muss diesen Herbst noch hinreisen. So
wollen wir gleich morgen zusammen hingehen; Sie versehen sich da mit allem
Nötigen, vorzüglich aber mit einigem Handwerkszeuge, soviel Sie zur Vollendung
eines oder zweier ansehnlichen Bilder bedürfen, und dann kehren wir hierher
zurück; denn ich möchte Sie durchaus nicht mehr in der Stadt wissen, und Sie
müssen sich vollkommen wohl befinden auf einige Zeit, dies legt eigentlich den
besten Grund zu einem guten Wesen; denn die Welt ist nicht auf Grämlichkeit und
Unzufriedenheit, sondern auf das Gegenteil gegründet. Hier machen Sie mit
leichtem Mut eine gute Arbeit, Sie werden es tun, ich weiss es; obgleich ich
eigentlich kein Kunstschmecker und Kenner von Profession bin und nur für weniges
Gutes, was in seiner ganzen Art mich anspricht, mich zuweilen interessiere, so
weiss ich dennoch, dass es in Ihrem bisherigen Handwerke gerade so zugeht wie mit
allem andern und dass man unter gewissen Umständen mit gutem Sinne immer das
kann, was man will, wenn man nur etwas darin getan hat. Ist die Geschichte
fertig, so bringen wir sie nach der Stadt, stellen sie aus, und ich werde
alsdann mittelst meiner gesellschaftlichen Stellung das Nötige veranlassen, dass
Ihre Arbeit gesehen und mit Anstand verkauft wird. Erst dann können Sie mit
Ehren dem Handwerke, das Ihnen unzulänglich dünkt, den Rücken wenden und Ihren
Sinn auf das Weitere richten.«
    Hierauf erwiderte Heinrich nichts, sondern blieb einsilbig den übrigen Teil
des Abends hindurch, selbst als der seltsame Pfarrer am Abendessen teilnahm und
mit kuriosem Humor die Gesellschaft erheiterte. Aber als Heinrich im Bette lag,
überdachte er alle diese Dinge mit grossen Sorgen; denn er erinnerte sich erst
jetzt mit Macht an seine Mutter, zu welcher er noch gestern unaufhaltsam hatte
laufen wollen, und es wollte ihn bedünken, dass er nun unverzüglich seinen Weg
fortsetzen und sich durch keine Umstände von dieser so einfachen und natürlichen
Absicht ablenken lassen solle. Es schwebte ihm vor, wie wenn der Vorschlag des
Grafen, seine Freundschaft, die Schönheit Doroteas, das gastliche Haus und das
feine Leben darin, alles dies eine künstliche, glänzende und lockende Welt wäre,
welche ihn von dem harten und schmalen Weg seines guten Instinktes wegziehen und
in die Irre führen möchte. Obgleich er über diese unsinnige oder unklare Ahnung
sogleich lachen musste, dachte er doch, es wäre für einmal besser, wenn er seiner
Absicht treu bliebe und unverzüglich nach Hause reise, um da auf heimatlichem
Boden aus sich selbst heraus und ohne alle Ansprüche zu sehen, was er treibe. Er
beschloss desnahen, am andern Tage unverbrüchlich jenen Weg einzuschlagen,
anstatt mit dem Grafen zu gehen, und schlief mit diesem Vorsatze ein, aber nicht
ohne alsobald wieder aufzuwachen und nichts anderes vor sich zu sehen in der
Dunkelheit als das Bild Doroteas, welches freundlich, aber unbarmherzig allen
Schlaf verscheuchte. Hierüber wunderte er sich sehr und fragte sich bedenklich,
ob er etwa wirklich verliebt sei? Es war lange her, seit er dies gewesen, aber
dennoch glaubte er aus dem Grunde zu wissen, was Liebe sei, und hielt seine
aufgeschriebenen Knabengeschichten noch immer für Meisterwerke
leidenschaftlicher Erlebnisse. Und dennoch konnte er sich jetzo nicht entsinnen,
auch nur ein einziges Mal etwa nicht geschlafen zu haben während jener
Geschichten, und war ganz verblüfft, erst jetzt ein ihm bisher unbekanntes
Gefühl seinen Rumor beginnen zu sehen, welches ganz anders ins Zeug und in die
Tiefe zu gehen schien als alle jene Verwirrungen und Anfängerstückchen. Eine
frohe Bangigkeit durchschauerte ihn, Furcht und Lust zugleich, sich selbst zu
verlieren, und so gefährliche Dinge schienen sich da ankündigen zu wollen, dass
er doppelt beschloss, sich am andern Tage zu flüchten.
    Aber als er in der Frühe geweckt wurde und ein Wagen schon im Hofe stand,
während der Graf und Heinrich das Frühstück nahmen, war es ihm nicht möglich,
mit einem Worte seines Entschlusses zu erwähnen, ja er dachte kaum noch daran,
da es sich von selbst zu verstehen schien, dass er nie einen Augenblick im Ernste
von der Seite dieser Person wegkäme. Ohne weiteres stieg er mit seinem
Beschützer in den Wagen und musste der Dorotea versprechen, sich in der
Hauptstadt wieder einen grünen Rock anzuschaffen. Als er das versprach und der
Wagen in den sonnigen Herbst hinausrollte in der gastlichen Gegend, war es ihm,
als ob er böse wäre auf seine arme Mutter, die da im Vaterland sässe und in ihrem
Schweigen die unerhörtesten Ansprüche erhöbe, alles zu lassen und stracks ein
ungeteiltes Herz zu ihr zu bringen; denn in seiner Konfusion und bei der Neuheit
der Empfindung glaubte er, dass es jetzt um die Liebe zu seiner Mutter geschehen
sein müsse, da er eine Fremde mit solchen Augen ansah, wie er noch nie eine
angesehen.
    In der Stadt angekommen, sah er sich die Strassen, in denen er in seiner
Trübseligkeit umhergegangen, mit Musse an und ging in Gedanken immer selbander
durch dieselben hin. Er kaufte sich zwei grosse Stücke Leinwand und alles
dazugehörige Zeug, auch versah er sich mit neuen Kleidern und Effekten, und
endlich wollte der Graf auch den alten Trödler aufsuchen, um durchaus die
grösseren Sachen Heinrichs wiederzuerwerben, die derselbe ihm verkauft. Sie
gingen miteinander hin und fanden in dem dunklen Gässchen den kleinen Laden halb
verschlossen. Die andere Hälfte stand nur so weit offen, soviel Licht
einzulassen, als eine kleine armselige Auktion brauchte, welche in der Spelunke
stattfand; denn das Männchen war vor wenigen Wochen gestorben. Dies tat Heinrich
sehr weh, und er bereute es nun, nicht mehr zu dem Alten gegangen zu sein, da er
es bei aller Wunderlichkeit so gut mit ihm gemeint hatte. Es trieben sich nur
wenige geringe Leute in dem Laden herum und gingen die dunkle Treppe auf und
nieder in der engen Wohnung des Verschwundenen, um den niemand sich sonst
gekümmert hatte und der auch um niemanden sich gekümmert. Heinrichs Bilder waren
noch alle da mit den übrigen Siebensachen, und es kostete wenige Mühe und noch
weniger Mittel, derselben habhaft zu werden. Er verpackte sie im Gastofe, sie
nahmen dieselben gleich mit, und Heinrich sah mit angenehmen Gefühlen wenigstens
den wesentlicheren Teil seines ehemaligen Besjetztumes wieder beisammen und in
einem guten Hause aufgehoben, wo er selbst so gern zeitlebens geblieben wäre.
 
                                Zwölftes Kapitel
Was der Graf vorausgesagt, geschah nun wirklich. Heinrich schlug in einem hellen
Gemache seine Werkstatt auf, zwei grosse ausgespannte Tücher luden mit ihrer
weissen Fläche Auge und Hand ein, sich darauf zu ergehen, die alten Bilder und
Kartons hingen stattlich an der Wand, und seine Studien lagen ihm bequem zur
Hand. Man kann eine Übung lange Zeit unterbrochen haben und dennoch, wenn man
sie zu guter Stunde plötzlich wieder beginnt mit einem neuen Bewusstsein und
vermehrter innerer Erfahrung, etwas hervorbringen, das alles übertrifft, was man
einst bei fortgesetztem Fleisse und hastigem Streben zuwege gebracht; eine
günstigere Sonne scheint über dem spätern Tun zu leuchten. So ging es jetzt
Heinrich; er machte zwei grosse Forstbilder, einen Laubwald und einen Nadelwald,
welche er sich als freundlichen grünen Schmuck für ein lichtes kleines Gemach
dachte oder für ein hübsches Treppenhaus, damit da etwa im Winter oder in den
Stadtmauern einige Grünigkeiten seien. Die Motive nahm er weislich aus den
forstreichen Umgebungen des Landsitzes und komponierte nicht viel darin herum,
vielmehr fühlte er einmal das Bedürfnis, das Vorhandene wesentlich darzustellen
und es für jedes offene Auge erfrischend und wohlgefällig zu machen. Er
überhastete sich nicht und schleppte oder faulenzte nicht, sondern führte Zug um
Zug fort, bei der Beschäftigung mit dem einen, ohne zerstreut zu sein, an den
nächsten und an das Ganze denkend, und indem es ihm wohl gelang, freute er sich
dessen und lachte darüber, ohne im geringsten seinen Entschluss zu ändern und
etwa neue Hoffnungen auf dergleichen zu setzen. Indem er so sich mit etwas
abgab, das er auf immer zu verlassen gedachte und nur aus äusseren
Nützlichkeitsgründen noch einmal vornahm, behandelte er diese Arbeit doch mit
aller Liebe und Aufmerksamkeit, und diese ruhige und klare Liebe gab ihm fast
mühelos die rechten Mittel ein, so dass unversehens die Bilder eine Farbe
bekamen, als ob er von jeher gut gemalt hätte und die Gewandteit und
Zweckmässigkeit selber wäre. Dies machte ihm das grösste Vergnügen, und er bereute
gar nicht, dass es das erste und letzte Mal sein sollte, wo er ein guter Maler
war, vielmehr dachte er schon während dieser Arbeit an die neue Zukunft, und
während er zweckmässige und besonnene klare Farben aufsetzte, gingen ihm
allerhand Gedanken von der Zweckmässigkeit des Lebens überhaupt durch den Kopf.
    Der Graf war kein Gelehrter, was man so heisst, aber er kannte den Wert und
die Bedeutung aller Disziplinen und wusste für das, wessen er bedurfte, sich das
Wesentliche sogleich zu beschaffen und anzueignen, und immer war bei ihm guter
Rat und ein gesundes menschliches Urteil zu finden. Demgemäss waren auch seine
Büchervorräte und andere Hilfsmittel beschaffen, so dass Heinrich ganz
ordentliche Studien betreiben konnte in den Mussestunden und den langen Nächten;
denn er war jetzt immer wach und munter, und eigentlich war ihm alles Mussezeit
oder alles Arbeitszeit, er mochte machen, was er wollte. Er studierte jetzt
verschiedene Geschichtsvorgänge ganz im einzelnen in ihrer faktischen und
rhetorischen Dialektik, und fast war es ihm gleichgültig, was für ein Vorgang es
war, überall nur das eine und alles sehend, was in allen Dingen wirkt und
treibt, und eben dieses eine packen lernend, wie die jungen Füchse eine Wachtel.
    Neben diesen erheblichen Sachen fand er noch in dem Hause die beste
Gelegenheit, manche gute und nützliche Dinge zu lernen, an welche er bisher
nicht gedacht und deren Mangel er erst jetzt bemerkte. Obgleich der Graf seiner
sogenannten radikalen Gesinnung und abweichender Handlungen wegen in der ganzen
Gegend bei Standesgenossen und anderen Respektspersonen verschrieen und verhasst
war, so hielt er doch einen gewissen Verkehr mit ihnen aufrecht und zwang sie,
während seiner Gegenwart wenigstens menschlich und möglichst anständig zu sein,
wobei ihn seine Pflegetochter mit geringer Mühe und grossem Erfolge unterstützte.
So kam es, dass der Gehasste und Verleumdete doch überall willkommen war und die
verkommenen übelwollenden Gesichter gegen ihren Willen aufheiterte, so wie sie
sich auch etwas darauf zugute taten, in sein Haus zu kommen, und trotz ihres
Nasenrümpfens es nie verfehlten, wenn er von Zeit zu Zeit die Pflichten der
Nachbarschaft übte. Heinrich, als aus den mittleren alten Schichten des Volkes
entsprungen, hatte bis jetzt dergleichen nicht geahnt oder geübt. Wen er nicht
leiden konnte, mit dem ging er nicht um und war gewohnt, seine Abneigung wenig
zu verhehlen sowie auch jede Unverschämteit sogleich zu erwidern und nichts zu
ertragen, was ihn nicht ansprach. Diese Volksart, an sich gut und tugendhaft,
ist in der gebildeten Gesellschaft hinderlich und unstattaft, da in dieser
wegen der Ungeschicklichkeit im Kleinen das Grosse und Wichtige gehemmt und
getötet wird. Das Volk braucht nicht duldsam zu sein im Kleinen, weil es das
Grosse zu ertragen versteht; jene aber, welche dieses ohnehin nicht haben oder es
selten ertragen können, sind darauf angewiesen, für ihre Armut und
Fratzenhaftigkeit Nachsicht und Duldung zu verlangen und gegenseitig zu üben, so
dass hieraus ein starker Teil der guten Sitte entspringt, die sich sogar zu
veredeln und etwas Tieferes zu werden fähig ist. So lernte jetzt Heinrich nach
dem Beispiele des Grafen sich auf seinem Stuhle ruhig zu verhalten, die Fratzen,
die Rotznasen und die Erbsenschneller zu ertragen und sich gegen jedermann artig
zu benehmen, und was er erst mehr heuchelte, als in guten Treuen empfand, lernte
er nach und nach in der besten Meinung von innen heraus tun und befand sich um
vieles wohler dabei, ersehend, wie in jedem Geschöpfe etwas ist, was wert ist,
dass man einige Liebe auf es wirft und ihm einigen Wert verleiht. Zuletzt schämte
er sich sogar bitterlich seines frühern Übermutes und fühlte, wie weit mehr man
Gefahr läuft, den Armen und Widersinnigen gleich zu werden, wenn man sie
befehdet und zwackt, als wenn man sie gewähren lässt; denn sie haben etwas
Dämonisches und Verheerendes an sich.
    In einem ganz sonderlichen Verhältnisse zu dem Hause stand der katolische
Pfarrer des Ortes, welcher so oft in Gesellschaft des Grafen erschien, dass er
für eine Art von Hausfreund gelten konnte. Er hatte eine dicke Mopsnase, welche
durch einen Studentenhieb in zwei Abteilungen geteilt war, zum Denkzeichen einer
grossen Vornäsigkeit in der Jugend. Der Mund war sehr aufgeworfen und sinnich,
und die Tonsur hatte sich allmählich ziemlich vergrössert, obgleich er sie immer
noch streng in ihrer kreisrunden Form hielt, da er hierin gar keinen Spass
verstand und die Reitbahn, welche sich an seinem Hinterhaupte dem Blicke darbot,
durchaus für eine Tonsur angesehen wissen wollte. Dieser Mann war nun vorzüglich
drei Dinge ein leidenschaftlicher Esser und Trinker, ein grosser religiöser
Idealist und ein noch grösserer Humorist. Und zwar war er letzteres in dem Sinne,
dass er alle drei Minuten lang das Wort Humor verwendete und es zum Massstabe und
Kriterium alles dessen machte, was irgendwie vorfiel oder gesprochen wurde.
Alles, was er selbst tat, redete und fühlte, gab er zunächst für humoristisch
aus, und obgleich es dies nur in den minderen Fällen war und mehr in einem
masslosen Klappern und Feuerwerken mit gesuchten Gegensätzen, Bildern und
Gleichnissen bestand, so ging aus diesem Wesen dennoch ein gewisser Humor
heraus, welcher die Leute lachen machte, besonders wenn der Graf, Dorotea und
Heinrich, welche in ihrem kleinen Finger, wenn sie ihn bewegten, mehr Humor
hatten als der Pfarrer in seinem Gemüte, zusammensassen und er ihnen mit
ungeheurem Wortschwall erklärte, was Humor sei und wie sie von dieser Gottesgabe
auch nicht eines Senfkörnleins gross besässen. Er las eifrigst alle humoristischen
Schriften und alle, welche vom Humor handelten, und hatte sich ein ordentliches
System über dieses Feuchte, Flüssige, Äterische, Weltumplätschernde, wie er es
nannte, aufgebaut, das ziemlich mit seiner Teologie zusammenfiel. Cervantes
führte er ebensooft im Munde wie Shakespeare, aber er fand den grössten Gefallen
an den unzähligen Prügeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den
Einseifungen, Prellereien und derben Sachen aller Art. Die göttlichen feineren
Dinge sah und verstand er gar nicht oder wollte sie nicht sehen, besonders wenn
sie wie auf ihn gemünzt waren, was dann zu den Versicherungen seines eigenen
Humors den ergötzlichsten Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der
Höhle des Montesinos nur eine äussere komische Schnurre; den feinen Humor, der in
dem langen Seile liegt, welches ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter
schon im Anfange die Augen schliesst, und insbesondere die Art, wie er sich
nachher vielfältig in Hinsicht des in der Höhle Gesehenen benimmt, dies alles
sah er gar nicht oder rümpfte unmerklich die Nase dazu.
    Sein Idealismus, und er nannte sich bald rühmend, bald entschuldigend einen
Idealisten, bestand darin, dass er gegenüber seinen Zuhörern, welche alles
Wirkliche, Geschehende und Bestehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend
und gelungen ausdrückt, ideal nannten, eben dieses Wirkliche materiellen und
groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene, Nichtbegriffene,
Namenlose und Unaussprechliche ideal hiess, was ebensogut war, als wenn man
irgendeinen leeren Raum am Himmel Hinterpommern nennen wollte. Als Priester aber
war er höchst freisinnig und über seine Kirche, in welcher er predigte, hinaus;
seine Religion dagegen war ein aufgeklärter Deismus, welchen er aber viel
fanatischer vertrat als irgendein Pfaffe seine Satzungen. Er suchte einen
rechten Höllenzwang auszuüben mit idealen und humoristischen Redensarten und
bauete artige Scheiterhäufchen aus Antitesen, hinkenden Gleichnissen und
gewaltsamen Witzen, worauf er den Verstand, den guten Willen und sogar das gute
Gewissen seiner Gegner zu verbrennen trachtete, seiner eigenen Meinung zum
angenehmen Brandopfer.
    Diese Lieblingsbeschäftigung, nebst dem reichlichen Tisch des Grafen, führte
ihn häufig in das Haus, und da er zugleich eine ehrliche Haut und ein redlicher
Helfer bei allen guten Unternehmungen der Herrschaft war, so wurde er zum
Bedürfnis und zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorotea wusste ihn
mit der leichtesten Anmut in den Irrgärten seines fanatischen Humors
umherzuführen, neckend vor ihm hinzuhuschen und durch die verworrenen Buschwerke
seines krausen Witzes zu schlüpfen. Unergründlich war es dabei, ob mehr ihr
heiteres Wohlwollen oder ein bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn
ebensooft, als sie dem Pfarrer Gelegenheit gab zu glänzen, verlockte sie seine
Eitelkeit auf das Eis, wo sein Witz das Bein brach.
    Heinrich ward hierüber etwas verdutzt und verwirrt und wusste sich nicht
recht in diesen Ton zu finden, auch wusste er anfangs nicht, worum es sich
handelte, bis eines Mittags, als Dorotea in ebenso zarter als fröhlicher Weise
den Pfarrer verführte, ihr allerlei seltsame und abenteuerliche Beweise für die
Unsterblichkeit aufzuzählen, der Graf sagte »Sie müssen nämlich wissen, lieber
Heinrich, dass Dortchen ganz auf eigene Faust nicht an die Unsterblichkeit
glaubt, und zwar nicht etwa infolge angelernter und gelesener Dinge oder durch
meinen Einfluss, sondern auf ganz originelle Weise, sozusagen von Kindesbeinen
an!«
    Dorotea schämte sich wie ein Backfischchen, dessen Herzensgeheimnis man
verraten hat, und drückte das rotgewordene Gesicht auf das Tischtuch, dass die
schwarzen Locken sich auf der weissen Fläche ausbreiteten.
    Dieser Vorgang machte auf Heinrich einen Eindruck, der aus Verwunderung und
Überraschung gemischt war und jenen angenehmen Schrecken herbeiführte, welcher
uns befällt, wenn wir entdecken, dass eine geliebte Person Eigentümlichkeiten und
Nücken im Gemüte führt, von denen wir uns bei aller Bewunderung nichts träumen
liessen. Er vermochte aber gar nichts dazu zu sagen, und erst als er nach Tisch
mit dem Grafen durch die Gegend strich, befragte er ihn um das Nähere.
    »Es ist in der Tat so«, erwiderte derselbe; »seit sie ihr Urteil nur ein
bisschen rühren konnte und diese Dinge nennen hörte, wir wissen die Zeit kaum
anzugeben, sagte sie mit aller Unbefangenheit, aus dem kindlichsten und reinsten
Herzen heraus, dass sie gar nicht absehen und glauben könne, wie die Menschen
unsterblich sein sollten. Es kommt allerdings oft vor, dass rechtliche Leute aus
allen Ständen dies ursprüngliche schlichte Vergänglichkeitsgefühl ohne weiteres
aus der Natur schöpfen und, ohne skeptischer oder kritischer Art zu sein,
dasselbe unbekümmert bewahren wie eine allereinfachste handgreifliche Wahrheit.
Aber so lieblich und natürlich ist mir diese Erscheinung noch nie vorgekommen
wie bei diesem Kinde, und ihre unschuldige gemütliche Überzeugung, die so ganz
in sich selbst entstand, veranlasste mich, der ich Gott und Unsterblichkeit hatte
liegenlassen, wie sie lagen, meinen philosophischen Bildungsgang noch einmal
vorzunehmen und zu revidieren, und als ich auf dem Wege des Denkens und der
Bücher wieder da anlangte, wo das Kindsköpfchen von Hause aus gewesen, und
Dortchen mir über die Schulter mit in die Bücher guckte, da war es erst
merkwürdig, wie sich das bestärkte und bestätigte Gefühl in ihr gestaltete. Wer
sagt, dass es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit, der
hätte sie sehen müssen; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum,
sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch. Das Licht der Sonne schien
ihr tausendmal schöner als anderen Menschen, was da lebt und webt, war und ist
ihr teuer und lieb, das Leben wurde ihr heilig, und der Tod wurde ihr heilig,
welchen sie sehr ernstaft nimmt. Sie gewöhnte sich, zu jeder Stunde ohne
Schrecken an den Tod zu denken, mitten in dem heitersten Sonnenschein des
Glückes, und dass wir alle einst ohne Spass und für immer davon scheiden müssen.
Dieser wirkliche Tod lehrt sie das Leben wertalten und gut verwenden und dies
wiederum den Tod nicht fürchten, während das ganze vorübergehende Dasein unserer
Person, unser aufblitzendes und verschwindendes Tanzen im Weltlichte diesem
ganzen Wesen einen leichten, zarten, halb fröhlichen, halb elegischen Anhauch
gibt, das drückende, beengende Gewicht vom einzelnen nimmt und seinen
schwerfälligen Ansprüchen, indes das Ganze doch besteht. Und welche Pietät und
Mitleid hegt sie für die Sterbenden und Toten! Ihnen, welche ihren Lohn dahin
haben und abziehen mussten, wie sie sagt, schmückt sie die Gräber, und es vergeht
kein Tag, an welchem sie nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt. Dieser
ist ihr Lustgarten, ihre Universität, ihr Schmollwinkel und ihr Putzzimmer, und
bald kehrt sie fröhlich und übermütig, bald still und traurig wieder zurück.«
    »Glaubt sie denn auch nicht an Gott?« fragte Heinrich.
    »Schulgerecht«, erwiderte sein Freund, »sind beide Fragen unzertrennlich,
jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur: Ach Gott! es ist ja
recht wohl möglich, dass Gott ist, aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen?
Wenn wir unsere Nase in alles stecken müssten, so wäre jedem von uns eine
deutliche Anweisung gegeben. Ich gönne jedem Menschen seinen guten Glauben und
mir mein gutes Gewissen!«
    Obgleich Heinrich seinen lieben Gott, zwar etwas eingeschlummert, immer noch
im Gemüte trug, so gefiel ihm doch dies alles, was er von Dorotea hörte,
ausnehmend wohl, weil sie es war, von welcher man dergleichen sagte; nur
behauptete er für sich, dass er es ebenso liebenswürdig und angenehm an ihr
finden würde, wenn sie eine eifrige Katolikin oder Jüdin wäre. Doch widerfuhr
es ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, dass er ohne alle Bedenklichkeit
und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgültigkeit vom Sein oder Nichtsein
dieser Dinge sprechen hörte, und er fühlte ohne Freude und ohne Schmerz, ohne
Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit
sich in ihm lösen und beweglich werden.
    Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an, und sie glänzte ihm in der
Tat in stärkerm und tieferm Glanze, und ein süsses Weh durchschauerte ihn, wenn
er sich nur die Möglichkeit dachte, für dies kurze Leben mit Dortchen in dieser
schönen Welt zusammen zu sein.
    Doch kannegiesserte er seit jenem Tage noch öfter mit dem Grafen über den
lieben Gott. Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab, ihn belehren
und überzeugen zu wollen, und wich seinen Anmutungen gelassen aus. Nur eines
Tages wurde er etwas wärmer, als Heinrich anfing »Ich habe, seit ich in Ihrem
Hause bin, wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kämpfen, indem ich nach alter
eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott für das Gute danken möchte, das
er mir erwiesen. Denn obschon ich mir schon seit längerer Zeit widerstand und
meine kleinen persönlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung
Gottes zuschreiben mochte, so verlockt mich das, was mir hier geschah, dennoch
immer wieder dazu, und ich muss manchmal lachen, wenn ich bedenke, welch ein
lustiges und liebliches Schauspiel es für den guten weisen Gott sein muss, zu
sehen, wie ein junger Mensch ihm gern für etwas Gutes danken möchte und sich
ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmässigkeit! Warum macht er sich
aber auch so närrische Geschöpfe!«
    Der Graf sagte »Ich muss Ihnen diesmal, ganz abgesehen vom lieben Gott,
wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen. Die Christen lehren von ihrem
Standpunkt aus ganz praktisch und weise, dass man, so schlecht es einem auch
erginge und so lange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine, nie an ihm
verzweifeln müsse, da er dennoch immer da sei. Was dem einen recht, ist dem
andern billig! Warum, wenn wir in neunundneunzig Fällen, wo es uns schlimm
ergeht, wo kein glücklicher Stern, d.h. kein guter Zufall uns begünstigt, uns
mit der Vernunft und Notwendigkeit trösten und unsere tüchtige feste Haltung
rühmen, warum denn im hundertsten Falle, wo einmal ein schönes und glückhaftes
Ungefähr uns lacht, alsdann stracks an der Vernunft zu verzweifeln, an der
natürlichen Schickung der Dinge, an unserer eigenen gesetzmässigen
Anziehungskraft für das uns Angenehme und Nützliche? Ist die Vernunft, welche
uns über neunundneunzig unangenehme Dinge hinweggeholfen hat, nicht mehr da,
wenn das hundertste Ding ein angenehmes ist? Diese Art zu denken und zu danken
ist eigentlich eher eine Blasphemie; denn indem wir für das eine glückliche
Ereignis danken, schieben wir dem Schöpfer ja alle die schlimmen und schlechten
Erfahrungen mit in die Schuhe. Daher sind nur die asketischen Christen im
Rechte, welche dem Gotte auch für das Übel inbrünstig danken. Dieses tun unsere
aufgeklärten Herren Deisten aber doch nicht, sie verdanken ihrem Gotte das
Unglück nicht im mindesten, und er ist nur ihr Sonntags- und Freudengott.
    Was nun Ihren lieben Gott betrifft, lieber Heinrich, so ist es mir ganz
gleichgültig, ob Sie an denselben glauben oder nicht! Denn ich halte Sie für
einen so wohlbestellten Kauz, dass es nicht darauf ankommt, ob Sie das
Grundvermögen Ihres Bewusstseins und Daseins ausser sich oder in sich verlegen,
und wenn dem nicht so wäre, wenn ich denken müsste, Sie wären ein anderer mit
Gott und ein anderer ohne Gott, so würden Sie mir nicht so lieb sein, so würde
ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben, das ich wirklich empfinde.
    Dies ist es auch, was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben
nämlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen
Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz,
sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es
handelt sich heutzutage nicht mehr um Ateismus und Freigeisterei, um
Frivolität, Zweifelsucht und Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles
erfunden hat für schwächliche und kränkliche Dinge! Es handelt sich um das
Recht, ruhig zu bleiben im Gemüt, was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und
des Forschens sein mögen, und unangetastet und ungekränkt zu bleiben, was man
auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag. Übrigens geht der Mensch in die
Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am
Abend seines Lebens glauben werde! Dafür haben wir die unbedingte Freiheit des
Gewissens nach allen Seiten!
    Aber dahin muss die Welt gelangen, dass sie mit eben der schuldlosen guten
Ruhe, mit welcher sie ein neues Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel
entdeckt, auch die Vorgänge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und
betrachtet, auf alles gefasst und stets sich gleich als eine Menschheit, die da
in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich!«
    Auf fast ganz weibliche Weise schlüpfte Heinrich in die Grundsätze derer
hinein, die er liebte und die ihm wohlwollten, und dies war wohl weniger
unmännliche Schwäche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen, wo die besten
Überzeugungen durch den Einfluss honetter und klarer Persönlichkeit vermittelt
werden. War doch der Graf selbst, der gewiss ein Mann war, durch das Wesen eines
kleinen unwissenden Mädchens zu seiner Abrechnung veranlasst worden. Doch wollte
Heinrich nicht hinter ihm zurückbleiben und studierte, wohl aufgelegt und von
einer anhaltenden neigungsvollen Wärme durchdrungen, die Geschichte des
teologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit, wobei ihm
jede Erscheinung, jedes Für und Wider, insofern sie nur ganzer und wesentlicher
Natur waren, gleich lieb und wichtig wurden, und nur das Naseweise,
Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an.
    Die Kultur der Religionen vermag die Völker nur aus dem Gröbsten zu hobeln
und zu verändern. Auf einer gewissen Stufe angekommen, hat jeder Mensch seinen
bestimmten Wert, welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt, ob er
diesen Wert in oder ausser sich sucht. Dies empfand Heinrich, wie der Graf ihm
gesagt, mit leichtem Herzen und grossem Behagen, und die sich so oft gestellte
Frage, ob er an sich gut sei, glaubte er sich nun freundlich beantworten zu
dürfen, da er nicht die mindeste Veränderung und Bewegung an sich empfand und
sich von Grund aus weder um ein Haar besser noch schlimmer vorkam, seit er das
halbe Wesen und das peinliche Polemisieren mit dem Gott in seiner Brust
aufgegeben.
    So verging der Winter in mannigfacher, aber ruhiger Bewegung. Der Pfarrer,
welcher mit humoristischem Zorne den grünen Fremdling seine Fahne verlassen sah,
fand sich noch öfter im Herrenhause ein und suchte durch einen Sprühregen von
Angriffen und Witzkompositionen den Flüchtling zu bedrängen und einzufangen.
Vorzüglich ging er darauf aus, die Welt unter dem Gesichtspunkte seiner Zuhörer
als heillos nüchtern, trivial und poesielos darzustellen, und um zu zeigen, wie
ganz anders sie sich ausnehme im Lichte eines innigen Gottesglaubens, nahm er
energische phantasievolle Mystiker zu Hilfe, in welchen er weniger als Christ
denn als geistreicher Liebhaber sehr belesen war. Er brachte wiederholt
dergleichen her und war sehr willkommen damit, da, wenn man sich einmal über
solche Gegenstände unterhält, alles, was aus ganzem Holze geschnitten ist,
gleich wichtig erscheint, belehrt und erbaut. So werden auch stets ein recht
herzlicher glühender Mystiker und ein rabiater Ateist besser miteinander
auskommen und grösseres Interesse aneinander haben als etwa ein dürrer ortodoxer
Protestant und ein flacher Rationalist, weil jene beiden gegenseitig wohl
fahlen, dass ein höherer spezifischer Wert in ihnen treibt und durchscheint.
    So hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann in das Haus
gebracht, und die kleine Gesellschaft empfand die grösste Freude über den
vehementen Gottesschauer, seine lebendige Sprache und poetische Glut. Diese
unbefangene Freude ärgerte aber gerade den guten Pfarrer und wollte ihm gar
nicht passen, und er ergriff eines Abends das Büchlein und begann um so
eindringlicher und nachdrücklicher daraus vorzulesen, als ob die Leutchen bis
jetzt gar nicht gemerkt, was sie eigentlich läsen. Als er sich etwas müde
geeifert, nahm Heinrich das Buch auch in die Hand, blätterte darin und sagte
dann »Es ist ein recht wesentliches und massgebendes Büchlein! Wie richtig und
trefflich fängt es sogleich an mit dem Distichon: Was fein ist, das besteht!
Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein,
Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein.
Kann man treffender die Grundlage aller dergleichen Übungen und Denkarten, seien
sie bejahend oder verneinend, und den Wert, das Muttergut bezeichnen, das man
von vornherein hinzubringen muss, wenn die ganze Sache erheblich sein soll? Wenn
wir uns aber weiter umsehen, so finden wir mit Vergnügen, wie die Extreme sich
berühren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann. Da ist Ludwig
Feuerbach, der bestrickende Vogel, der auf einem grünen Aste in der Wildnis
sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der
Menschenbrust wegsingt! Glaubt man nicht, ihn zu hören, wenn wir die Verse
lesen:
Ich bin so gross als Gott, Er ist als ich so klein:
Er kann nicht über mich, ich unter Ihm nicht sein.
Ferner:
Ich weiss, dass ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,
Werd ich zunicht, er muss vor Not den Geist aufgeben.
Auch dies:
Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,
Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen.
Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen, wenn man das
Sinngedichtchen liest:
                           Man muss sich überschwenken
Mensch! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit,
So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.
Besonders aber dies:
                            Der Mensch ist Ewigkeit
Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.
Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur
heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äusserer Schicksale
bedürfte, und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und
schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer!«
    »Das wird mir denn doch zu bunt«, schrie der Pfarrer, »aber Sie vergessen
nur, dass es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker, Philosophen und
besonders auch Reformatoren gegeben hat und dass, wenn eine kleinste Ader von
Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre, er schon vollkommen
Gelegenheit gehabt hätte, sie auszubilden!«
    »Sie haben recht!« erwiderte Heinrich, »aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was
ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde, ist der Gran
von Frivolität und Geistreichigkeit, mit welcher sein glühender Mystizismus
versetzt ist; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des
Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festalten!«
    
    »Frivolität!« rief der Pfarrer, »immer besser! Was wollen Sie damit sagen?«
    »Auf dem Titel«, versetzte Heinrich, »benennt der fromme Dichter sein Buch
mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlussreime. Allerdings bedeutet das Wort
geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage; wenn wir
aber das Büchlein aufmerksam durchgehen, so finden wir, dass es in der Tat auch
im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so dass jene
Bezeichnung jetzt wie eine ironische, aber richtige Vorbedeutung erscheint. Dann
sehen Sie aber die Widmung an, die Dedikation an den lieben Gott, worin der Mann
seine hübschen Verse Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst im
Drucke, in welcher man dazumal grossen Herren ein Buch zu widmen pflegte, selbst
mit der Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus. Betrachten Sie
den bitterlich ernsten Gottesmann, den heiligen Augustinus, und gestehen Sie
aufrichtig trauen Sie ihm zu, dass er ein Buch, worin er das Herzblut seines
religiösen Gefühles ergossen, mit solch einer witzelnden, affektierten
Dedikation versehen hätte? Glauben Sie überhaupt, dass es demselben möglich
gewesen wäre, ein so kokettes Büchlein zu schreiben, wie dies eines ist? Er
hatte Geist so gut als einer, aber wie streng hält er ihn in der Zucht, wo er es
mit Gott zu tun hat! Lesen Sie seine Bekenntnisse, wie rührend und erbauend ist
es, wenn man sieht, wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche
Bilderpracht, alles Kokettieren, alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes
durch das sinnliche Wort flieht und meidet. Wie er vielmehr jedes seiner
strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter
dessen Augen schreibt, damit ja kein ungehöriger Schmuck, keine Illusion, keine
Art von Schöntun mit Unreinem hineinkomme in seine Geständnisse! Ohne mich zu
solchen Propheten zählen zu wollen, fühle ich dennoch diesen ganzen und
ernstgemeinten Gott, und erst jetzt, wo ich keinen mehr habe, bereue ich mit
ziemlicher Scham die willkürliche und humoristische Manier meiner Jugend, in
welcher ich in meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen Dinge zu
behandeln pflegte, und ich könnte mich darüber nicht trösten und müsste mich
selbst der Frivolität zeihen, wenn ich nicht annehmen müsste, dass jene verblümte
und naiv spasshafte Art eigentlich nur die Hülle der völligen Geistesfreiheit
gewesen sei, die ich mir endlich erworben habe!«
    Dortchen hatte das Buch inzwischen auch in die Hand genommen und darin
geblättert. »Wissen Sie, Herr Lee«, sagte sie und sah ihn freundlich an, »dass es
mir sehr wohl gefällt, wie Sie ein so richtiges ernstes und ehrbares Gefühl
haben auch für den Gott, den andere glauben? Dies ist sehr hübsch von Ihnen!
Aber Himmel! welch ein schöner Vers ist dies hier:
Blüh auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Tür:
Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier.«
Sie sprang ans Klavier und spielte und sang aus dem Stegreif diese sehnsüchtig
lockenden Worte, in geistlich choralartigen Massen und Tonfällen, doch mit einem
wie verliebt zitternden, durchaus weltlichen Ausdruck ihrer schönen Stimme.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Blüh auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Tür
Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier!
So klang es die ganze Nacht in Heinrichs Ohren, der kein Auge schloss. Ein lauer
Südwind wehte über das Land, der Schnee schmolz an seinem Hauche und tropfte
unablässig von allen Bäumen im Garten und von den Dächern, so dass das melodische
Fallen der unzähligen Tropfen eine Frühlingsmusik machte zu dem, was in dem
Wachenden vorging. Noch gestern hatte er geglaubt, mit seiner jetzigen
verschwiegenen Verliebteit hoch über allem zu stehen, was er je über Liebe
gedacht und empfunden, und nun musste er erfahren, dass er gestern noch keine
Ahnung hatte von der Veränderung, die in dieser Nacht mit ihm vorging, und diese
kurze Frühlingsnacht entielt gleich einem kräftigen Prolog schon alles, was er
während vieler Wochen nun erleben und erleiden sollte. Das Gattungsmässige im
Menschen erwachte in ihm mit aller Gewalt und Pracht seines Wesens, das Gefühl
der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens warf darein eine beklemmende Angst,
dass die, welche alles dies anrichtete und welche ihm so ganz notwendig schien,
um ferner zu leben, ihm ja gewiss nicht werden würde. Denn er ehrte sie, indem er
jetzt eine ganze Leidenschaft zu empfinden begann, sogleich so, dass er es nun
entschieden und entschlossen verschmähte, sie in seinen Gedanken mit seiner
Person zu behelligen, indem er, der Welt gegenüber sich keck und
eroberungslustig fühlend, vor Dortchen eine gänzliche Demut und Furcht empfand.
Doch wechselte die Furcht wohl zwanzigmal mit der Hoffnung, wenn er manche
freundliche Blicke, angenehme Worte und zuletzt die Stimme bedachte, mit welcher
sie obigen Frühlingsvers gesungen; doch endete auch dieser Wechsel mit
gänzlicher Hoffnungslosigkeit, da er schon in dem Stadium war, wo man einer
Schönen, die man liebt, auch die leeren böswilligen Freundlichkeiten und
Koketterien verzeiht und sogar mit Dank hinnimmt, ohne eine Hoffnung darauf zu
bauen. Dieses war nicht eine sentimentale Schwäche und Mädchenhaftigkeit,
sondern es rührte gerade von der Kraft und Tiefe der entfachten Leidenschaft her
und von dem ehrlichen Ernste, mit welchem er sie empfand. Denn wo es sich um
alles handelt, um ein grosses Glück oder Unglück, wird ein wohleingerichteter
Mann mitten in der Leidenschaft dennoch Rücksicht für zehn nehmen, und gerade
weil es ihm bitterer Ernst ist, glücklich zu sein und glücklich zu machen, so
setzt er sein Heil auf die Karte der Hoffnungslosigkeit, weil Liebe, wenn sie
durch Hoffnungslosigkeit ihr Spiel verliert, nichts verloren hat als sich
selbst.
    Am Morgen war er stiller als gewöhnlich und liess sich nichts ansehen; doch
war es nun mit seiner Ruhe vorbei, und mit der Arbeit jeglicher Art ebenfalls,
denn sowie er etwas in die Hand nehmen wollte, verirrten sich seine Augen ins
Weite, und alle seine Gedanken flohen dem Bilde der Geliebten nach, welches,
ohne einen einzigen Augenblick zu verschwinden, überall um ihn her schwebte,
während dasselbe Bild zu gleicher Zeit wie aus Eisen gegossen schwer in seinem
Herzen lag, schön, aber unerbittlich schwer. Von diesem Drucke war er nur frei,
und zwar gänzlich, wenn Dortchen zugegen war; alsdann war es ihm wohl, und er
verlangte nichts weiter und sprach auch wenig mit ihr. Damit war ihr jedoch, als
einem Weibe, nicht gedient. Sie fing an, allerlei kleine Teufeleien zu verüben,
an sich ganz unschuldige Kindereien in Bewegungen oder Worten, welche einem
vermehrten guten Humor zu entspringen schienen, aber ebensowohl täglich heller
eine urgründliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes verrieten als auch mit
einer federleichten Wendung zeigten, dass sie tausend unergründliche Nücken unter
den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst die offene und klare Herzensgüte, das,
was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt, einen Mann gewinnt und gänzlich in
Beschlag nimmt, so bringen ihn nachher, wenn er in seiner Einfalt entdeckt, dass
die Geliebte nicht nur schön, gut und huldvoll, sondern auch gescheit und nicht
auf den Kopf gefallen sei, diese fröhliche Bosheit des Herzens, diese kindliche
Tücke vollends um den Verstand und um alle Seelenruhe, da es nun total
entschieden scheint, ohne diese sei das Leben fürhin leer und tot. So ging auch
Heinrich abermals ein neues Licht auf, und es befiel ihn ein heftiger Schrecken,
nun ganz gewiss nie wieder ruhig zu werden, da er gerade dies kurzweilige
Frauenleben nicht sein nennen könne. Denn wenn die Liebe nicht nur schön und
tief, sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst
durch tausend kleine Züge und Lustbarkeiten in jedem Augenblick das bisschen
Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht trauriger,
als ein solches Leben möglich zu sehen, ohne es zu gewinnen, ja die
allertraurigsten Leute sind die, welche das Zeug dazu haben, recht lustig zu
sein, und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft.
    Wie nun Heinrich an diesen Spielereien und Neckereien aller Art sich sonnte,
die oft in nichts anderm bestanden, als dass Dortchen eine Münze oder Glas zum
Tanzen brachte und gegen ihn hin dirigierte, worauf er dem Gegenstand einen
Nasenstüber gab, dass er wieder zurückflog, musste er sich tausendmal in acht
nehmen, sie nicht drum anzusehen, wenn das Geldstück umgepurzelt war, und über
dem kindisch leichten Tun sein schweres Geheimnis zu verraten. Desnahen hielt er
sich gewaltsam zurück; aber das tat ihm so weh, dass er aus Verzweiflung unartig
und launisch wurde und sich die schönsten Stunden unwiederbringlich verdarb.
    Nun glaubte er sich zu heilen, wenn er sich Dortchens Gegenwart entzöge, und
fing an, das es erklärter Frühling war, frühmorgens wegzugehen, sich den ganzen
Tag im Lande umherzutreiben und erst in der Nacht zurückzukehren, wenn schon
alles schlief. Nachdem er dies einige Tage zu seiner grossen Qual getan, trieb es
ihn, Doroteen wiederzusehen, und er fand sich bei Tisch ein; aber er war nun
ganz verschüchtert, und weil, wie man in den Wald ruft, es widertönt, so fing
Dortchen auch an, sich zurückzuhalten, und schien sich nicht viel mehr daraus zu
machen, mit Heinrich zu verkehren. Stracks verzog er sich wieder in die Wälder
und blieb drei Tage dort, während welcher er nur in der Nacht zurückkehrte. Das
Holz fing sachte an zu knospen, und der braune Boden bedeckte sich schon
vielfältig mit Blumen. Heinrich verkroch sich an einem wilden steinigen Abhange,
der den ganzen Tag an der Sonne lag, unter ein hohes Gebüsch, durch welches eine
klare Quelle rieselte. Dort hockte er im verborgenen, stierte über die duftigen
Gehölze und Felder weg nach dem glänzenden Dache des Landhauses in weiter Ferne
und grübelte unaufhörlich über sein Unheil. Er fing an, sich zu vergessen und
sich nicht mehr zu beherrschen; bisher hatte er, als ein wohlgeschlossener
junger Mensch, noch nie laut gedacht oder vor sich hingesprochen; jetzt
zwitscherte und flüsterte er unaufhörlich, wo er ging und stand, und als er dies
endlich entdeckte, war es ihm schon zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden und
schaffte ihm einige Erleichterung, weil die stille Luft wenigstens seine
Gedanken hören konnte, da sonst niemand auf der Welt dieselben zu ahnen und zu
erraten schien. Selbst der Graf befragte ihn gar nicht, was er hätte, und tat,
als ob er gar nichts bemerkte von Heinrichs verändertem Wesen.
    »Oh«, sagte dieser unter den Bäumen, »was für ein ungeschickter und
gefrorner Christ bin ich gewesen, da ich keine Ahnung hatte von diesem
leidvollen und süssen Leben! Ist diese Teufelei also die Liebe? Habe ich nur ein
Stückchen Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Träne
vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen!
Ich schwur, der Toten ewig treu zu sein; hier aber wäre es mir nicht einmal
möglich, dieser Treue zu schwören, solange sie lebt und jung und schön ist, da
dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wäre es
hier möglich, dass meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Teile
auseinanderfiele, dass neben dieser mich ein anderes Weib auch nur rühren könnte?
Nein! Diese ist die Welt, alle Weiber stecken in ihr beisammen, ausgenommen die
hässlichen und schlechten!
    Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte, würde ich alsdann
imstande sein, dem traurigen Ereignis so künstlerisch zuzusehen und es zu
beschreiben? O nein, ich fahle es! Es würde mich brechen wie einen Halm, und die
Welt würde sich mir verfinstern, selbst wenn ich bestimmt wüsste, dass sie mich
gar nicht leiden mag! Und dennoch, welch ein praktischer Kerl bin ich gewesen,
als ich so teoretisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grünes Bürschchen
war! Wie unverschämt hab ich da geküsst, die Kleine und die Grosse, zum Morgen-
und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr älter bin und diese schöne und
gute Person liebe, wird es mir schon katzangst, wenn ich nur daran denke, sie in
unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen, o weh, und doch möchte ich
lieber den Kopf in das Grab stecken, wenn dieses mir nicht geschehen kann! Nicht
einmal weiss ich mehr es anzufangen, ein Sterbenswörtchen gegen sie
hervorzubringen!«
    Dann starrte er wieder über das Land hinaus; doch kaum waren einige Minuten
vergangen, während welcher er neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am
Horizonte betrachtet oder auch ein schwankendes Gras zu seinen Füssen, so kehrten
die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück; denn Dortchens goldenes hartes
Bild lag so schwer in seinem Herzen, dass es ein Loch in selbes zu reissen drohte
und nicht erlaubte, dass die Gedanken länger anderswo spazierengingen.
    Obgleich er im Grunde dies gern litt und geschehen liess, so gedachte er doch
nicht, sich daran aufzureiben, und begann andere Saiten aufzuziehen, indem er
endlich bestimmt und deutlich festzustellen suchte, dass Dorotea gewiss nichts
für ihn fühlte und dass ja auch gar kein vernünftiger Grund vorhanden sei, das
etwa sich einzubilden. Er musterte ihr Betragen durch und bestärkte sich
schmerzlich in dieser unerbaulichen Ansicht, da er ganz mürbe und demütig
geworden war und jetzt nicht das geringste Liebenswürdige an sich fand. So
bitter dieser selbstgemischte Trank anfangs zu trinken war, so brachte er doch
einige Ruhe zurück, infolge derer die eingeschlafene Vernunft auch wieder
auftauchte und den Aufgeregten in ihre kühlenden Arme nahm.
    Was dem einen recht, ist dem andern billig, und Wie du mir, so ich dir, sind
die zwei goldenen Sprüche auch in Liebeshändeln, wenigstens bei gesunden und
normalen Menschen, und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte
Gewissheit, dass sein Leiden nicht im mindesten geteilt wird. Nur eigensinnige,
selbstsüchtige und krankhafte Verfassungen laufen Gefahr, sich aufzulösen, wenn
sie durchaus nicht geliebt werden von denen, auf die sie ihr Auge geworfen. Aber
was hätte sein können und nicht geworden ist, macht wirklich unglücklich, und
kein Trost hilft, dass die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute
wohnen; denn nur das Gegenwärtige, was man kennt, ist heilig und tröstlich, und
es ist jammerschade um jedes totgeborene Lebensglück.
    Da nun der verliebte Heinrich bei sich ausgemacht hatte, dass Dortchen gar
nicht an ihn denke, ward er um vieles ruhiger und befand sich am sechsten Tage
seines Lebens in der Wildnis schon so weit, dass er darüber ratschlagen konnte,
ob er, zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit, es ihr sagen wolle
oder nicht. Er gedachte sich im ersten Falle wieder auf einen unbefangenen und
guten Fuss mit ihr zu setzen und ihr alsdann gelegentlich, eh er abreiste und
wenn sie einmal recht artig gegen ihn wäre, lachend und manierlich zu gestehen,
welchen Rumor sie ihm angerichtet, und ihr zugleich zu sagen, sie sollte sich
nicht im geringsten darum kümmern, er habe es ihr nur sagen wollen, um ihr
vielleicht eine kleine Freude zu machen, die sie so sehr verdiene; im übrigen
sei nun alles wieder gut und er wohl und munter! Vor Spott und Schadenfreude war
er sicher bei ihr, jedoch tauchte ihm sogleich die Besorgnis auf, man dürfte am
Ende ein solches Geständnis doch für eine verkappte ernstliche Liebeserklärung
und angelegte Schlauheit ansehen. Diese Idee machte ihn sogleich wieder traurig,
da er nun es doch verschweigen musste, und wie er dies einsah, schien es ihm erst
unmöglich zu sein und seine Gemütsruhe nur dann wieder erreichbar, wenn er sein
bestandenes Ungewitter bekennen durfte, am liebsten der Erregerin desselben
selbst. Auch schien ihr diese Kunde durchaus von Rechts wegen zu gebühren, und
Heinrich war ihr so gut, dass er ihr ohne allen Eigennutz nicht das Geringste
entziehen mochte, was ihr zukam. Daher rief er endlich »Ich sag es ihr doch!«
Aber dann fürchtete er wieder, es möchte dennoch ein Missverständnis
hervorgerufen werden und er endlich unter einem schlimmen Eindruck aus dem Hause
abziehen müssen, und er rief wieder »Nein! Ich sag es doch nicht! Was geht es
sie an?« Endlich nahm er ein flaches rundes Steinchen aus dem klaren Bächlein,
das auf einer Seite rosenrot und auf der anderen Seite milchweiss gefärbt war mit
blauen Äderchen, und warf selbiges in die Höhe. Wenn die rote Seite oben läge,
wollte er reden, wenn die weisse, wollte er schweigen. Die weisse Seite lag oben,
und Heinrich war wieder ganz unglücklich, als sie da in der Sonne glänzte.
»Ach«, flüsterte er, »dies ist nichts! wer wird alles auf einen Wurf wagen?
Dreimal will ich werfen und dann gewiss nicht mehr!« Und er warf wieder und
abermals weiss. Zögernd und seufzend warf er zum dritten Mal, da glänzte es rot,
und ebenso rot ward sein Gesicht, und eine unaussprechliche Freude strahlte auf
demselben. »O nun will ich es ihr sagen!« sagte er, und ein Stein fiel ihm vom
Herzen, und er dachte, nun wäre alles gut.
    Der Herzenskundige wird hier wohl bemerken, dass diese Fröhlichkeit nur von
der leisen Hoffnung herrührte, welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich,
und dass er, ohne es zu wollen, dennoch im Begriffe war, jene Schlauheit zu
begehen, welche er sich nicht zuschulden wollte kommen lassen.
    Es war gerade Sonnabend, und der Tag näherte sich seinem Ende. Er nahm sich
also vor, noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter
Dinge zu sein, wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und, sobald sich der
günstige Augenblick böte, ihr unter Scherz und Lachen sein Bekenntnis abzulegen
mit der gemessensten Aufforderung, dass sie sich gar nichts daraus machen und die
Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle. Der arme Teufel,
wie er sich selbst belog!
    Der Sonntagmorgen geriet wunderschön, der reine Himmel lachte durch alle
Fenster in das helle Haus, und der Garten blühte schon an allen Enden. Heinrich
war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfältiger heraus als gewohnt; er
verlor den Mut nicht, da er sich einbildete, nichts erreichen zu wollen, sich
allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend, die er ihr
vormusizieren wollte, und sich davon ein reines und ungetrübtes Glück und ein
ruhiges Leben versprechend. Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn,
welche er dazwischenflechten wollte, um Dortchen zu ergötzen, damit sie ja nicht
die mindeste Unruhe oder Betrübnis verspüren sollte. So war er in der rosigsten
Laune, und das Herz klopfte ihm stark und lebendig, und indem ihm fortwährend
neue Witze einfielen, über die er lachen musste, traten ihm zugleich Tränen in
die Augen, so sehr freute er sich darauf, ihr nun endlich gegenüber zu sein und
mit ihr zu plaudern.
    Aber es fand sich, dass Dortchen schon am Sonnabend viele Meilen weit
weggefahren war, um eine Freundin zu besuchen, und wenigstens drei Wochen lang
wegbleiben wollte. Hilf Himmel! welch ein Donnerschlag! Der ganze schöne
Sonntagsfrühling in Heinrichs Brust war mit einem Zuge weggewischt, die
Narrheiten und Witze tauchten unverweilt ihre Köpfe spurlos unter die Flut der
dunkelsten Gesinnung, und der blaue Himmel ward schwarz wie die Nacht vor
Heinrichs Augen. Das erste, was er tat, war, dass er wohl zwanzigmal den Weg vom
Garten nach dem Kirchhofe hin und zurück ging, und er drückte sich dabei genau
an die Kante des Pfades, an welcher Dortchen hinzustreifen pflegte mit dem Saum
ihres Gewandes. Aber auf diesen Stationen brachte er weiter nichts heraus, als
dass das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und alle Vernunft wie
weggeblasen. Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleissig darauf
los.
    Diese drei Wochen glaubte Heinrich nicht erleben zu können und beschloss,
sich so bald als möglich fortzumachen. Er zwang sich deshalb zur Arbeit, so gut
es gehen wollte. Zum Glück war dieselbe vor dem Liebeswetter schon so weit
gediehen, dass es nur der fortgesetzten Anstrengung weniger Tage bedurfte, um zu
Ende zu sein; allein wenn Heinrich unter bitteren Schmerzen eine Stunde gemalt
hatte, musste er die Pinsel wegwerfen und in den Wald hinauslaufen, um sich
wieder zu verbergen; denn unter den Menschen wusste er nicht, wo er hinsehen
sollte. So brauchte er dennoch volle drei Wochen, bis er fertig war, und diese
schienen ihm volle drei Jahre zu dauern, während welcher er tausend Dinge und
doch immer ein und dasselbe lebte und dachte. Wenn es schönes Wetter war, so
machte ihn der blaue Himmel und der Sonnenschein noch tausendmal unglücklicher,
und er sehnte sich nach Dunkelheit und Regengüssen, und traten diese ein, so
hoffte er auf den Sonnenschein, der ihm helfen würde. Überdies begann er
allerlei Unstern zu haben, da er fortwährend zerstreut war. So trat er eines
Tages fehl, als er einen steilen Klippenpfad heruntersteigen wollte, und
torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen hinunter, dass er nicht wusste, wie er
unten ankam, und ihm die Sinne vergingen. Dies kränkte und schämte ihn so
heftig, dass er elendiglich zu weinen anfing. Ein andermal eilte und klomm er
hastig den Berg hinauf, immer höher, um weiter in das Land hinauszusehen, als ob
er alsdanm Dortchen entdecken könnte, und als er endlich ganz oben angelangt und
sie nirgends sah, legte er sich auf den Boden und schluchzte jämmerlich, und das
Unwetter tobte so heftig in ihm, dass es ihn emporschnellte und herumwarf, wie
eine Forelle, die man ins grüne Gras geworfen hat und die nach Wasser schnappet.
Wiederum ein andermal setzte er sich auf einen verlassenen Pflug, welcher in
einer angefangenen Ackerfurche lag, und machte ein trübseliges Gesicht; denn er
begriff nicht, wie jemand noch Freude daran finden könne, zu pflügen, zu säen
und zu ernten, und er machte allem Lebendigen umher Leerheit, Nichtigkeit und
Seelenlosigkeit zum Vorwurf, da er Dortchen nicht hatte. Da schlenkerte ein
vergnügt grinsender Feldlümmel daher, der ein irdenes Krüglein an einem Stricke
über der Schulter trug, stand vor ihm still, gaffte ihm in das betrübte Gesicht
und fing endlich an, unbändig zu lachen, indem er sich mit dem Ärmel die Nase
wischte. Schon das arme Krüglein tat Heinrich weh in den Augen und im Herzen, da
es so stillvergnügt und unverschämt am Rücken dieses Burschen baumelte; wie
konnte man ein solches Krügelchen umhertragen, da Dortchen nicht im Lande war?
Da nun der grobe Gesell nicht aufhörte, dazustehen und ihm ins Gesicht zu
lachen, stand Heinrich auf, trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug
ihm dergestalt hinter das Ohr, dass der arme Kerl zur Seite taumelte, und ehe der
sich wieder fassen konnte, prügelte Heinrich all sein Weh auf den fremden Rücken
und schlug sich an dem brechenden Kruge die Hand blutig, bis der Feldlümmel,
welcher glaubte, der Teufel sei hinter ihm her, sich aus dem Staube machte und
erst aus der Entfernung anfing, mit Steinen nach dem tollen Heinrich zu werfen.
Langsam ging dieser davon und bedeckte seine überströmenden Augen mit beiden
Händen. Solche Kunststücke trieb er nun, und der Himmel mochte wissen, wo er sie
gelernt hatte.
    Endlich aber stellte sich von dem andauernden Druck des besagten goldenen
Bildes ein bleibender körperlicher Schmerz auf der linken Seite ein, der erst
nur ganz leise war und sich nur allmählich bemerklich machte. Als ihn Heinrich
endlich entdeckte und von der gewohnten Beklemmung unterschied, fuhr er
unablässig mit der Hand über die Stelle, als ob er wegwischen könnte, was ihm
weh tat. Da es aber nicht wegging, sagte er »So, so, nun hat's mich!« denn er
dachte, dieses wäre nun das wirkliche und wahrhaftige Herzeleid, an welchem man
stürbe, wenn es nicht aufhörte. Und er wunderte sich, dass also das bekannte
Herzweh, welches in den Balladen und Romanzen vorkommt, in der Tat und Wahrheit
existiere und gerade ihn betreffen müsse. Erst empfand er fast eine kindische
Schadenfreude, wie jener Junge, welcher sagte, es geschehe seinem Vater ganz
recht, wenn er sich die Hand erfröre, warum kaufe er ihm keine Handschuhe? Doch
dann schlug dies Vergnügen wieder in Traurigkeit um, als er sich ernstlicher
bedachte und befand, dass nun gar keine Rede mehr davon sein könne, Dortchen
etwas zu sagen, da die Sache bedenklich würde und ihr Sorgen und Befangenheit
erwecken müsste.
    Er suchte jetzt sein Wäldchen wieder auf am Berge, das indessen schön grün
geworden war und von Vogelsang ertönte. Auf dem Baume, unter dem Heinrich den
ganzen Tag sass, war ein Star und guckte, wenn er genug Würmchen gefressen hatte,
zutulich auf ihn herunter und stieg jeden Tag um einen Ast näher herab. Während
nun Heinrich darüber nachsann, wie dieser Kummer alles andere, was ihn schon
gequält, weit hinter sich lasse, wie das Leid der Liebe so schuldlos sei, denn
was habe man getan, dass einem ein anderes Wesen so wohl gefalle? und dennoch so
unerträglich und bitter und unvernünftig und einen zugrunde zu richten vermöge,
und während er sich jedoch vornahm, dass dies nicht geschehen solle und er sich
schon seiner Haut wehren wolle, sprach er nichts mehr als immer den gleichen
Seufzer »O Dortchen, Dortchen - Dortchen, Dortchen Schönfund! Wenn du wüsstest,
wie mir es ergeht!« und dies so oft, dass eines schönen Morgens über seinem Kopfe
unversehens eine seltsame Stimme rief: »O Dortchen, Dortchen Schönfund! Wenn du
wüsstest, wie mir es ergeht!« Dies war der Star, der diese Worte gemächlich
auswendig gelernt und nun jedesmal damit fortfuhr, wenn Heinrich eine Weile
geschwiegen, so dass sie nun unablässig in dem grünen Busch ertönten. Manchmal,
wenn Heinrich nur abgebrochen Dortchen rief und wieder schwieg, sang der Star
»Dortchen?« worauf Heinrich antwortete »Ja, Dortchen ist nicht hierchen!« Oder
wenn er bloss seufzte »Wenn du wüsstest!« so rief der Vogel nach einem Weilchen
»Wie mir es ergeht!«
    Es erging ihm aber auch so schlimm, dass er sich nach Doroteens Wiederkehr
sehnte, bloss um eine äusserliche Veränderung zu erfahren und sie noch einmal zu
sehen, um dann unverzüglich fortzugehen. Als er gerade am letzten Abend der drei
Wochen sich ins Haus begab, hoffte er nicht, dass sie schon dasein würde, sah
aber schon vom Garten her, dass Licht in ihrem Zimmer war, und erfuhr, dass sie
schon am Nachmittage pünktlich angekommen sei. Sogleich befand er sich um vieles
besser und schlief wieder einmal ziemlich gut, ohne von ihr zu träumen, da sie
sonst immer ihm im Traume erschienen war. Dies hatte ihn auch immer so gequält,
wenn die Geträumte ihm durchaus wohlgeneigt nahte, ein leises gütiges Wort
flüsterte oder ihn freundlich ansah und er dann nach dem Erwachen nicht fassen
und begreifen konnte, warum es nicht wahr sein und er nicht zu seinem erträumten
Rechte kommen sollte, als ob die Gute für das verantwortlich wäre, was er
träumte.
    Am Morgen erklang schon früh ihre Stimme durch das Haus; sie spielte und
sang wie eine Nachtigall an einem Pfingstmorgen, und das Haus war voll Leben und
Fröhlichkeit. Heinrich wurde zum Frühstück eingeladen, um die Wiedergekehrte zu
begrüssen. Hastig und mit klopfendem Herzen ging er hin; aber sie war so lustig
und aufgeweckt, dass der Erznarr sogleich wieder traurig wurde, da sie auch gar
nichts zu merken schien von dem, was mit ihm vorging.
    Dennoch wirkte ihre Gegenwart so wohltuend auf ihn, dass er sich
zusammennahm, nicht mehr weglief und sich still und bescheiden verhielt, ohne
viel Worte zu verlieren, allein darauf bedacht, bald fortzukommen. Aber sie
machte ihm dies nicht so leicht, sondern trieb hundertfachen Mutwillen, der ihn
immer wieder aufregte und störte, wobei sie sich immer an andere wandte und
vorzüglich Apollönchen dazu brauchte, welche für sie kichern und lachen musste,
so dass Heinrich nie wusste, wem es gelten sollte, und hundertmal in Versuchung
geriet, die Kleine beim Kopf zu nehmen und zu sagen »Du Gänschen, was willst
denn du?«
    Endlich wurden zwei grosse Kisten gebracht, in welche die fertigen Bilder
gepackt wurden. Heinrich schickte den Tischler fort und nagelte die Kisten
selber zu auf dem Hausflur, um nur etwas auszutoben. Er sass bitterlich wehmütig
auf dem Deckel und trieb die Nägel mit zornigen Schlägen in das Holz, dass das
Haus davon widerhallte; denn mit jedem Nagel, den er einschlug, nahm er sich
gewisser vor, am nächsten Tage fortzugehen, und so dünkte es ihn, als nagle er
seinen eigenen Sarg zu. Aber nach jedem Schlage schallte ein klangreiches
Gelächter oder ein fröhlicher Triller aus den oberen Gängen des Hauses, die
Mädchen jagten hin und her und schlugen die Türen auf und zu. Dies bewirkte, dass
Heinrich auf sein Zimmer ging und gleich auch den Reisekoffer packte. Als er
damit fertig war, ging er höchst schwermütig, aber gefasst ins Freie und nach dem
Kirchhofe; dort setzte er sich auf eine Bank und hoffte, Dortchen werde etwa
herkommen und er wenigstens einige Minuten noch allein und ohne Bosheit bei ihr
sitzen können, um sie noch einmal recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach
einer Viertelstunde herangerauscht, aber von der Gärtnerstochter und dem grossen
Haushunde begleitet. Da entfernte er sich eiligst, glaubend, sie hätten ihn noch
nicht gesehen, und lief hinter die Kirche. Als er dort die Mädchen wieder
sprechen und lachen hörte, ging er in der Verwirrung in das Pfarrhaus hinein,
das ganz in der Nähe war, und traf den Pfarrer essend am Tische sitzen, über den
die Nachmittagssonne friedlich wegschien. Heinrich setzte sich zu ihm und sah
ihm zu. »Ich esse hier mein Vesperbrötchen«, sagte der Pfarrer, »wollen Sie
nicht mitalten?« - »Ich danke«, erwiderte Heinrich, »wenn Sie erlauben, so will
ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten!« - »Das sind mir junge Leute
heutzutage«, sagte der Hochwürdige, »das hat ja gar keinen ordentlichen
deutschen Appetit mehr! Na, die Gedanken sind auch danach, da kann freilich
nicht viel anderes herauskommen als nichts und aber nichts!« Der Pfarrer merkte
nicht, wie materialistisch er sich mit dieser speiselustigen Rede selbst ins
Gesicht schlug, sondern war eifrig mit der grossen Schüssel beschäftigt, die vor
ihm stand. Dieselbe entielt viele Anhängsel eines frischgeschlachteten
Schweines, nämlich die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz, alles soeben
gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries das
aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zarteit und Unschuld und
trank einen tüchtigen Krug braunen klaren Bieres dazu.
    Als Heinrich fünf Minuten traurig dagesessen und dem Pastor zugesehen hatte,
klopfte es an der Tür, und Dorotea trat, nur von dem schönen Hunde begleitet,
anmutig und höflich herein und schien aber ein ganz klein bisschen befangen zu
sein. »Ich will die Herren nicht stören«, sagte sie, »ich wollte Sie nur bitten,
Herr Pfarrer, heute abend bei uns zu sein, da Herr Lee morgen fortreist; Sie
sind doch nicht abgehalten?« - »Gewiss werde ich kommen«, erwiderte der Pfarrer,
der sich schon wieder gesetzt hatte, »bitte, mein Liebster, holen Sie doch einen
Stuhl für das Fräulein!« Heinrich tat dies mit grosser Herzensfreude und stellte
einen zweiten Stuhl an den Tisch, sich gegenüber. »Danke schön!« sagte Dortchen,
freundlich lächelnd und zierlich vor sich niedersehend, indem sie Platz nahm.
Nun war Heinrich doch glückselig, da er in der sonnigen und wohnlichen
Pfarrersstube ihr gegenübersass und sie sich so gutmütig und still verhielt. Der
Pfarrer, obgleich er fortass, sprach immer, und die beiden Leutchen brauchten ihm
nur zuzuhören, indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Maule nach der
Schüssel starrte. »Ach, der arme Hund, wie es ihn gelüstet«, sagte Dortchen,
»essen Sie dies auch, Herr Pfarrer? oder erlauben Sie, dass ich es ihm gebe?« Sie
zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen, das sich manierlich auf dem Rande der
Schüssel darstellte. »Dies Sauschwänzchen?« sagte der Pfarrer, »nein, mein
Fräulein! das können Sie ihm nicht geben, das ess ich selbst! Warten Sie, hier
ist was für ihn!« und er setzte dem gierigen Tiere einen Teller vor, in welchen
er allerlei Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte. Dortchen und Heinrich
sahen sich unwillkürlich einander an und mussten lächeln, nicht über den Pfarrer
aus Spott, sondern weil seine vergnügte und selbstzufriedene Freude an dem
Sauschwänzchen so lustig war. Auch der Hund, der sich eifrig und begierig mit
seinen Knorpeln unterhielt, vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute
Stimmung der jungen Leute. Dortchen streichelte ihm den Kopf, als Heinrich ihm
den Rücken streichelte, und als sie mit ihrer Hand achtlos der seinigen zu
begegnen Gefahr lief, wich er ihr aus, wofür sie ihn, irgendeine gleichgültige
Frage benutzend, um so freundlicher ansah.
    Am offenen Fenster blühte ein Apfelbaum, und weisse Schmetterlinge flogen in
die Stube, und als es nun gar so lieblich war, dazusitzen der Lieblichen
gegenüber, konnte Heinrich nicht anders, als er musste sich den Pfarrer noch
hinwegdenken, die Stabe zu seiner eigenen machen und sich vorstellen, als wäre
Dortchen seine junge Frau und sässe an einem solchen Mainachmittage am
weissgedeckten Tische herzensallein ihm gegenüber. Heiss werdend und verlegen,
streichelte er wieder den Hund, und nun fiel ihm plötzlich ein, wie er vor
Jahren mit dem ganz jungen Mädchen ja schon einmal gemeinschaftlich einen Hund
geliebkost habe, ohne zu ahnen, dass es je wieder begegnen würde. Nun ist sie
gross und schön geworden, dachte er, was er freilich schon am ersten Tage
Gelegenheit hatte zu bemerken, und wenn abermals eine Reihe von Jahren dahin
ist, so wird sie dem Alter entgegengehen und zuletzt dem Tode! Ist es möglich,
dass dies Wesen und diese Lieblichkeit vergehen soll? Es ergriff ihn heftiges
Leiden um sie, und es schien ihm beim Himmel nicht möglich und nicht möglich zu
sein, dass sie anders als in seinen Armen glücklich und zufrieden alt werden
könne. Er fühlte, dass ihm sogleich die Augen übergehen würden, stand auf und
sagte »Ich muss gehen, ich habe noch viel Zu tun.« Er verbeugte sich verzweifelt,
Dortchen stand überrascht auf und verbeugte sich ebenfalls, und dies war sehr
komisch und wehmütig, da beide bei dem einfachen Tone, der in dem Hause
herrschte, sich längst nicht mehr gegeneinander verbeugt hatten, sondern sich
aufrecht begrüssten.
    Heinrich lief in die Kirche hinein, um sich zu verbergen, und da dort ein
altes Mütterchen knieete und ihr Vaterunser betete, so flüchtete er in die
Sakristei und setzte sich dort in einen dunklen Winkel, um unaufhaltsam zu
weinen und zu schluchzen. Werfe niemand einen Stein auf ihn, weil er schwach
war; denn diese Schwäche war nur der Gegenpol und die Kehrseite der Tiefe und
Kraft, mit welcher er das Leben zu empfinden fähig wurde in diesem Hause, und
nur wer den heissen Sonnenschein, die leuchtende Trockenheit des Glückes recht
voll und anhaltend zu ertragen berufen ist, wird solcher Schwäche teilhaftig,
wenn die Sonne sich verhüllt. So sass er eine gute halbe Stunde, und es war ihm
so elend zu Mute wie noch gar nie in seinem Leben. Denn alles ging ihm durch den
Sinn, was er wollte und hoffte, und formte sich sämtlich in das Bild des
einzigen Dortchens, dem zu Ehren und zu Lieb er allein alles tun und erleben
mochte, was ihm irgend beschieden war.
    Die Sakristei war der älteste Teil der ziemlich ansehnlichen Kirche und
bestand aus einer uralten Kapelle, die zuerst auf diesem Platze gestanden. Es
war ein dunkles romanisches Gewölbe, dessen Fenster zum grossen Teil vermauert
waren, und man hatte hier viele Gegenstände hingebracht und aufgestapelt, welche
im Laufe der Zeit den Raum in der eigentlichen Kirche beengt.
    Vorzüglich aber ragte ein grosses Grabmal hervor von schwarzem Marmor, auf
welchem, aus dem gleichen Stein gehauen, ein langer Ritter ausgestreckt lag, die
Hände auf der Brust gefaltet. An seiner linken Seite, auf dem Kranze des
Sarkophags, stand eine verschlossene Büchse von Erz, reich gearbeitet und
mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt. Sie entielt das
vertrocknete Herz des Ritters, und sein Wappen war auf ihr eingegraben. Die
Büchse und die feine Kette waren gänzlich oxydiert und schillerten schön grün im
Zwielicht der Sakristei. Das Grabmal aber gehörte, laut den Hausberichten, einem
französischen Ritter an, welcher von wilder und heftiger, aber ehrlicher und
verliebter Natur gewesen und dessen Herz, als er vor allerhand Unstern und
Frauenmisshandlung flüchtig herumzog, in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war.
Dies war zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts geschehen, und seine Familie
hatte hier, wo er in den letzten Tagen gepflegt worden, das Grabmal errichten
lassen. Dasselbe vor Augen, sass Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten
Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften, als er hörte, dass wieder Leute in die
Kirche traten. Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein, und bald unterschied er
Dortchens und Apollönchens Stimme, die miteinander leise sprachen. Sie schienen
diesmal nicht zu lachen, sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald war
ihnen der Ernst zu lang, und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht, indem
Dortchen rief »Komm, wir wollen den verliebten Ritter besehen!« Sie stellten
sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das
dunkle ehrliche Gesicht. »O Gott! ich fürchte mich!« flüsterte Apollönchen, »wir
wollen hinausgehen!« - »Warum denn, Närrchen?« sagte Dortchen laut, »der tut
niemand was zuleid! Sieh, wie es ein guter Kerl ist!« Sie nahm das erzene Gefäss
in die Hand und wog es bedächtig; aber plötzlich schüttelte sie es, so stark sie
konnte, auf und nieder, dass das arme tote Herz darin zu hören war und die Kette
dazu erklang. Sie atmete heftig, war rot wie eine Rose im Gesicht, und ihr
schöner Mund lachte und zeigte die weissen Zähne. »Sieh die Klappernuss! höre die
Klappernuss!« rief sie, »da! klappre auch einmal!« Sie drückte dem zitternden
Apollönchen die Herzbüchse in die Hände; aber dieses schrie ängstlich auf, liess
die Büchse fallen, und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals
damit.
    Heinrich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, sah ganz erstaunt
zu. Wart, du Teufel! dachte er, dich will ich schön erschrecken! Er wischte sich
die Augen trocken, stiess einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger
Zitterstimme, welche er gar nicht zu verstellen brauchte, und in altem
Französisch »Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos!« Erbleichend
und mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Sakristei und Kirche wie
besessen, und zwar Dortchen voraus, welche mit einem elastischen Satz über
Schwelle und Stufen der Kirchentür hinaussprang, schneebleich, aber immer noch
lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte, bis sie eine
Gartenbank fand, auf welche sie sich warf. Bebend lief das erschreckte
Apollönchen hinter ihr drein und flüchtete sich an ihre Seite, sich kaum
fassend. Dortchen, deren Gesicht fast so weiss war wie die Zähne, atmete hoch
auf, lehnte sich zurück und hielt die Hände um die Knie geschlungen. »O Gott, es
hat gespukt! das ist mein Tod!« rief Apollönchen, und Dortchen sagte: »Jawohl,
es spukt, es spukt!« und lachte wie eine Tolle. »Du Gottlose, fürchtest du dich
nicht ein bisschen? Klopft dein Herz nicht zehnmal stärker, als du das Herz da
drin gerüttelt hast?« - »Mein Herz?« erwiderte Dortchen, »ich sage dir, es ist
guter Dinge!« - »Was hat es denn gerufen«, sagte Apollönchen und hielt sich
beide Hände an die eigene pochende Herzseite, »was hat das französische Gespenst
gesagt?« - »Fräulein! hat es gesagt, wenn es Euch gefällt, so macht dies Herz zu
Eurem Nadelkissen! Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken, ob es uns
gefiele!«
    Eine Stunde später war Dortchen allein auf ihrem Zimmer, das sie
abgeschlossen hatte, und war eifrig damit beschäftigt, ein Körbchen mit
Naschwerk zurechtzumachen für den Nachtisch. Sie hatte nämlich die Gewohnheit,
immer ein solches Körbchen unter ihrem Verschluss zu halten, das mit feinem
Zuckerwerk angefüllt war und das sie in buntes Papier wickelte, nachdem sie eine
selbstgeschriebene Devise dazugelegt. Hiezu verwendete sie schöne und graziöse
Verse aus allen Sprachen und alten und neuen Dichtern, am liebsten kleine gute
Sinngedichte, welche geeignet waren, angenehme und witzige Vorstellungen zu
erregen und eine heitere Fröhlichkeit zu verbreiten. Auch trieb sie allerhand
Schwank damit, indem sie oft zwei verschiedene Zeilen aus verschiedenen Dichtern
zu einem Distichon zusammenfügte, so dass man glaubte, Bekanntes zu lesen, und
doch nicht klug daraus wurde, indessen die neue zierliche Wendung, der
entgegengesetzte Sinn, welchen das Unbekannt-Bekannte abgab, ergötzte und
vielfältig in die Irre führte. Dortchen wickelte jetzt rasch und nachdenklich
den ganzen Vorrat auf, warf die alten Zettelchen beiseite und schrieb auf neue
Streifchen feinen Papieres zwanzig- oder dreissigmal dasselbe Sinngedicht eines
alten schlesischen Poeten. Dann wickelte sie diese Zettel mit dem Zuckerwerke
wieder ein, wozu sie neues, nur weisses Papier nahm, schloss ihre Türe wieder auf
und trug ihr Körbchen nach dem hübschen Schränkchen, das sie im Familienzimmer
ebenfalls unter ihrem Verschluss hatte.
    Heinrich hatte unterdessen endlich ausgetobt, die Schluchzerei, deren er
sich schämte, und der Scherz hatten ihn erleichtert und ruhiger gemacht, und er
nahm sich nun zum allerletzten Mal bestimmt vor, Dortchen gut zu sein, ohne an
etwas Weiteres zu denken noch sich zu bekümmern, und seine Gedanken nach anderen
Dingen und nach seiner Zukunft zu richten. Desnahen war er ziemlich zufrieden am
Abendtisch, und weil er, als der Abreisende, der Gegenstand des Gespräches war,
seine Zukunft mit Wohlwollen besprochen wurde und ausserdem der Graf, als sich
von selbst verstehend, erklärte, abermals mit ihm zu reisen nach der Hauptstadt,
da Heinrich das nicht gehofft hatte, so befand er sich zuletzt so glücklich und
lustig wie je und lachte Dortchen freundschaftlich an, als sie endlich mit ihrem
Körbchen zu ihm trat.
    »Heut bekommen Sie zum letzten Mal ein Bonbon von mir!« sagte sie, »suchen
Sie sich ein recht gutes aus!«
    Heinrich suchte unbefangen einige Sekunden lang und nahm doch das erste
beste, was ihm in die Hände kam, da er es vorzog, die Spenderin inzwischen
anzusehen, da dies auch ein letztes Bonbon war. Als er das Ergriffene aufmachte
und den Zettel las, errötete er und vermochte nicht denselben laut zu lesen,
denn es stand darauf:
Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmütig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gütig;
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!
Der Pfarrer nahm das Papier und las das Gedicht. »Allerliebst!« rief er, »sehr
hübsch! Sie haben eine allerliebste Devise zum Abschied bekommen. Lassen Sie
sehen, Fräulein Dortchen! was ich zum Dableiben erhalten werde!« Er griff
begierig nach dem Körbchen, denn es juckte ihn auf der Zunge, etwas Süsses darauf
zu legen. Dortchen zog aber das Körbchen weg und sagte: »Nächsten Sonntag
bekommen Sie was zum Dableiben, Herr Pfarrer! Heute bekommt nur der, welcher
geht!« Heinrich sah sie verwirrt und zweifelhaft an, die aufregenden Verse im
Herzen; aber mit der unergründlichen Halbheit der Weiber stand sie da und verzog
keine Miene. Rasch verschloss sie den Korb wieder in den Schrank, und der arme
Heinrich hatte keine Vermutung, dass in allen dreissig Bonbons die gleichen Worte
standen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Der Wagen stand in aller Frühe bepackt und bereit; Dortchen begleitete die
Abreisenden bis an denselben, umgeben von den übrigen Leuten, so wie auch
Apollönchen und der alte Gärtner herbeikamen. Heinrich gab den zutraulichen
Dienstleuten allen die Hand und zuletzt auch der Dorotea, welche ihm freundlich
die ihrige gab und nun sagte »Adieu, Herr Lee!« Von Wiedersehen oder dergleichen
sagte sie gar nichts; ebensowenig als Heinrich, und so fuhren der Graf und er
rasch von dannen.
    Die Bilder kamen in zwei Tagen nach und waren bald zur öffentlichen
Ausstellung hergerichtet. Der Graf beschäftigte sich so munter mit der Sache,
als ob er selbst der Künstler wäre, und hatte die grösste Freude daran, überall
dabeizusein und seinen Schützling zu bevormunden. Wie er es gewünscht, so kam es
auch, als die Bilder endlich in dem Saale hingen, wo die Künstler und die
wohlhabenden Liebhaber ab-und zugingen. Sie sprangen ziemlich anspruchsvoll in
die Augen, hielten aber die erregte Aufmerksamkeit tapfer aus; alte Bekannte
wunderten sich über das plötzliche Auftauchen des verschollenen Heinrich und
drückten ihm mit Achtung und aufrichtigen Glückwünschen die Hand; der Graf
unterliess nicht, vornehm aussehende Herren und Damen vor die Bilder zu führen,
so dass sich der Beifall herumsprach und immer ein Trüppchen elegantes Publikum
davorstand, kurz, Heinrich konnte nun doch noch mit Ehren und mit leichtem Sinne
von dem Handwerk scheiden, und dieser Abschied erhielt dadurch einen vollern und
schwerern Gehalt. Als Heinrich endlich bei den Aufsehern der Säle den Preis der
Bilder angeben wollte, drängte sich der Graf dazwischen und schrieb den
betreffenden Zettel selbst auf. Aber er schrieb eine so ausgiebige Summe hin,
dass Heinrich laut auflachte und rief »Da werden wir lange warten können, bis wir
die Fahnen an den Mann bringen!« - »Das werden wir schon sehen«, erwiderte der
Graf, »nur nicht blöde, mein Freund!« Und in der Tat wurden die Bilder in
einigen Tagen gekauft, aber vom Grafen selbst, ohne dass Heinrich es wusste; denn
er liess den Kauf unter fremdem Namen vor sich gehen und abschliessen, und zwar
nicht um Heinrich eine Art Geschenk aufzudrängen, sondern weil er die zwei
Landschaften, welche er veranlasst und entstehen gesehen, selber besitzen wollte
und schon ihren Platz in seinem Hause angeordnet hatte.
    Nun hätte Heinrich endlich ohne Hindernis nach seiner Heimat und zu seiner
Mutter eilen können; allein wie er sich dazu anschickte, begegneten ihm noch
zwei Abenteuer, die ihn ganz verschieden betrafen. Ein alter Bekannter aus der
Zeit, da Heinrich mit Ferdinand Lys und Erikson umgegangen, welcher von seinem
Wiederauftauchen gehört, suchte ihn auf und gab ihm einen Brief des Ferdinand,
welcher schon vor Monaten aus Palermo gekommen war für Heinrich und von Hand zu
Hand ging, ohne bestellt werden zu können. Zugleich teilte er ihm mit, dass
neueren Nachrichten zufolge der Schreiber des Briefes seiter gestorben sei,
ohne jedoch etwas Näheres von den Verhältnissen zu wissen.
    Heinrich erschrak und ahnte Schlimmes! Er liess daher den Überbringer erst
fortgehen, ehe er den Brief öffnete; dann aber tat er ihn auf und las:
»Lieber Heinrich! Nachdem ich mich die Jahre her leidlich herumgeschleppt, muss
ich nächstens nun endlich doch noch sterben an dem Stich, den Du mir so tapfer
versetzt. Ich tue Dir dies selbst noch kund, um Dir zugleich zu sagen, dass Du
mir zwar ein freundliches Andenken bewahren, aber die Sache Dich nicht etwa zu
sehr angreifen lassen mögest. Es wäre mir eine Bitterkeit, zu denken, dass Du nur
einen Tag lang deswegen unglücklich werden dürftest; denn was geschehen ist, ist
sowohl meine Schuld wie Deine, und da ich zufrieden und glücklich sterbe und mit
mir im reinen bin, so ist weiter gar nichts zu sagen als noch einmal ich hoffe,
Du werdest so klug sein und Dich meinen Tod nicht anfechten lassen! Ich habe
seiter viel an Dich gedacht und bin ein förmlicher Philosoph geworden! Nach
meiner Berechnung, die ich angestellt, musst Du jetzt aus der Torheit auch heraus
sein, wozu ich Dir Glück wünsche! Lebe wohl, liebe die Welt, sie ist schön, und
denke nur mit vollkommen ruhigem Sinn an Deinen treuen Freund! Der lange Erikson
ist schon zweimal hier bei mir gewesen. Er hat einen grossen Schacher und Handel
angelegt und fährt auf einem eigenen Dampfschiffe, das er selber steuert, in der
halben Welt herum, und seine Frau geht ihm nicht von der Seite. Wenn dieser
Brief Dich trifft, so schreibe mir, wie es Dir ergeht! Trifft er Dich nicht, so
ist es auch gut, denn alsdann bleibt Dir hoffentlich die ganze Affäre
unbekannt!«
Heinrich gab den Brief dem Grafen, ohne etwas zu sagen. Der Graf las ihn und
beobachtete Heinrich aufmerksam während einer Stunde, ohne dass sie etwas über
die Sache sprachen. Endlich aber sagte der Graf »Nun, wie ist Ihnen zu Mut? Wie
nehmen Sie diesen Brief auf?« Ohne Verzug erwiderte Heinrich »Ganz wie er
geschrieben ist! Ich würde ihm ebenso geschrieben haben, wenn Ferdinand mich
getötet hätte! Übrigens vermute ich, dass bei dieser Gelegenheit der letzte Rest
von Willkürlichkeit und Narrheit aus mir schwindet.«
    Noch am gleichen Tage wurde er durch eine gerichtliche Behörde, die schon
lange nach ihm gefahndet, ausfindig gemacht und hinbeschieden. Als er dort war
und sich als rechtmässiges Ich ausgewiesen hatte, ward ihm eröffnet, wie jenes
tote Trödelmännchen ihn zu seinem Erben eingesetzt habe. Verwundert hörte
Heinrich die Vorlesung des Testamentes an, nach welchem der fahrende Kram des
Verstorbenen gerichtlich verkauft und erst dann dem eingesetzten Erben der
letzte Wille bekanntgemacht und die vorhandene Barschaft eingehändigt werden
musste. Man hatte aber in einem alten silbernen Becher von mächtiger Grösse, der
mit einem Deckel versehen war, einen ganzen Schatz in Gold und öffentlichen
Papieren vorgefunden, was ein ordentliches bürgerliches Vermögen ausmachte und
kein Mensch hinter dem Alten gesucht hätte. Dieser sonderbare Becher stand jetzt
auf dem grünen Tische des Gerichtszimmers, wurde umgestürzt und der Inhalt dem
Erben vorgezählt. Ausserdem händigte man ihm einen Brief des Verstorbenen ein,
welcher, mit kaum leserlicher Schrift auf grobes Papier geschrieben,
folgendermassen lautete:
    »Du hast mich böslich verlassen, mein Söhnchen, und bist nie wieder zu mir
gekommen, doch kenn ich Dich wohl und vermache Dir mein bisschen Erspartes, weil
ich keine Blutsverwandten habe. Hoffentlich wirst Du dasselbige richtig
erhalten; es soll das Löhnchen sein für die Fahnenstecken, so Du angemalet; denn
dazumal, wie ich Dich bei dieser Arbeit sah, habe ich es mir vorgenommen, und
wünsche ich somit, dass es nicht zu spät komme, um Dir einen Beitrag und Anlass zu
geben, wie Du Dich im kleinen als einen treulichen Verwalter gezeigt hast, es
auch in beträchtlicheren Dingen zu sein; Du kannst es wohl, wenn Du es willst
und nicht eigensinnig bist. Das Geldchen ist nicht ohne alle Schlauheit, aber
jedennoch auf ganz ehrlichem Wege erworben, und ist niemand Unrecht geschehen,
so dass Du den Segen mit Anstand verwenden magst, wie Dir gutdünkt. Für den Fall,
dass Du die Künstlerei etwa verabschiedet hättest, habe ich verordnet, dass mein
Trödel verkauft wird, damit Du Deine alten Sachen nicht wieder zu Gesicht
bekommst. Dies bedünkte mich nämlich zweckmässig und gut, und hiemit bin ich nun
froh, mein Erspartes, was mir viel Spass machte, da die Leute so verschlafen und
spasshaft sind, noch an den Mann gebracht zu haben, und wenn ich hiedurch mir das
freundschaftliche Gedächtnis eines braven und geschickten Menschen erkauft habe,
der Gott weiss in welcher Himmelsgegend lustig in die zukünftige Zeit
hineinlebet, so habe ich noch ein gutes Geschäft gemacht und meinen Nutzen
erreicht, und hiemit lebe wohl, mein Männchen.«
    Nachdem den gerichtlichen Anstalten Genüge geschehen, zog Heinrich ab mit
seinem Brief und Becher; in den Gängen des weitläufigen Gerichtshauses, wo eine
Menge bekümmerter oder erboster Streitführender auf- und niederging oder auf
Bänken sass, Verklagte und Ankläger, Schuldner und Gläubiger, stellte er einen
armen Kerl an, der sich melancholisch da umhertrieb, und gab ihm den schweren
Becher zu tragen. Wie er durch die belebte Stadt vor dem Träger hereilte und oft
durch mehrere Menschen von ihm getrennt war, lüftete dieser neugierig den Deckel
und guckte, was darinnen wäre. Als er das Gold sah, beschloss er, mit dem Schatz
zu entwischen, da seine armen verhungerten Gedanken nicht weiter gingen als die
eines Hundes, der einen Braten sieht. Er wollte nur warten, bis Heinrich ein-
oder zweimal sich nach ihm umgesehen, wo er dann ein vergnügtes und biederes
Gesicht machen wollte, rüstig einherschreitend, jedoch unmittelbar noch dem
zweiten oder dritten Umsehen wollte er auf die Seite springen und sich im
Wirrsal verlieren, da er dann auf mehrere Minuten sicher war. Da sich aber
Heinrich gar nicht nach ihm umsah und er immer darauf wartete, so wurde er an
seiner Tat seltsam verhindert, immer nach dem Vorgänger hinstarrend, und er
geriet in einen wunderlichen Bann, dass er nichts unternehmen konnte und der Weg
zurückgelegt war, eh er das mindeste ausgerichtet; denn plötzlich blieb Heinrich
unter der Tür des Gastofes stehen, wandte sich um und nahm ihm den Becher ab,
indem er ihm eine Goldmünze aus demselben gab.
    »Nun hab ich ja Geld wie ein Kornhändler!« sagte Heinrich zu dem Grafen, der
seiner harrte, setzte den Sparbecher des Alten vor ihn auf den Tisch, erzählte
ihm die Geschichte und zeigte ihm auch den Brief.
    »Seh einer an!« sagte der Graf, »ich hielt die alte Zipfelkappe immer für
einen Kauz; dass er aber solche Ideen hinter den Ohren hätte, sah ich ihm doch
nicht an!«
    »Es ist aber doch eine sonderbare Sache«, erwiderte Heinrich, »ein solches
gefundenes Gut zu haben und zu tun, als ob es einem von Rechts und Verdienstes
wegen gehörte!«
    »Gefunden!« sagte der Graf, »wie kommen Sie nur dazu, sich wieder so zu
zieren? Sie sind ein wesentlicher Mensch, und aus Ihrem Wesen heraus haben Sie
die Stängelchen bemalt oder die Spirallinie gezogen, wie Sie sich ausdrücken.
Hundert andere hätten gerade das nicht getan und nicht auf die Art getan wie
Sie, und dies hat der Alte sehr richtig bemerkt, so dass Ihr eigenes Wesen das
Glück, wie wir es immerhin nennen wollen, anzog und bezwang. Glück aber ist
nicht unanständig, Glück braucht jeder Geschäftsmann, auch der, welcher sein
gutes Menschenwesen in den Verkehr setzt! Aber nun machen Sie, dass Sie
fortkommen, sonst fangen Sie mir wieder an zu spintisieren und sich zu zieren!
Diesen Becher, der ein altes tüchtiges Stück Gerät ist, geben Sie mir mit zum
Andenken! Vorher aber wollen wir einen guten Abschied daraus trinken und auch
den Alten leben lassen!«
    Sie liessen ein paar Flaschen starken Weines kommen; Heinrich warf den Inhalt
des Gefässes heraus und schwenkte das Gefäss aus, der Graf trocknete es mit frohem
Sinn und einem frischen Handtuch sorgfältig ab, und nun gossen sie die erste
Flasche in den Becher und tranken denselben zum Andenken an den toten Alten.
    Beim zweiten Becher aber sagte der Graf »Nun wollen wir auch Brüderschaft
trinken und uns fortan mit du anreden, denn wir wollen uns getreu bleiben und
gute Freunde sein!«
    Heinrich wurde ganz rot und sah tief in den Becher hinein, ohne es zu wagen,
das edle Anerbieten seines Freundes anzunehmen noch auch es abzulehnen, da zum
ersten Mal ein viel älterer und ganzer Mann, dessen Haare schon ergrauten, ihm
solches anbot. Endlich aber gewann er durch den Wert, welcher durch des Mannes
Vertrauen und Freundschaft in ihn gelegt wurde, einen guten Mut, und er gab dem
Grafen die Hand und sah ihn an; doch erst nach einem Weilchen des gleichmütigen
und ruhigen Gespräches brachte er auch endlich das Du über die Lippen, so
gleichsam im Vorbeigehen brachte er es bescheiden, doch tapfer an, dass der Graf
lächelte und ihn beim Kopf kriegte.
    Der ältere Freund reiste noch am selben Tage auf sein Gut zurück, und der
jüngere machte sich endlich am nächsten Morgen auf den Heimweg. Es widerstrebte
ihm, den alten graden Weg, den er unter wechselndem Geschick schon so oft zur
Hälfte zurückgelegt, abermals anzutreten, und reiste daher in einem Bogen durch
Süddeutschland auf die Stadt Basel zu. Er war nun gerade sieben Jahre abwesend;
dies dünkte ihn, so schnell sie auch vorübergeschwunden, jetzt eine Ewigkeit, da
ihm mit einem Male, als er sich dem Vaterlande nähern sollte, alles schwer aufs
Herz fiel, was sich in demselben begeben, ohne dass er den allerkleinsten Teil
daran hatte. Noch schwerer fiel ihm die Mutter aufs Gewissen, die er nun endlich
wiedersehen sollte, und in die Freude und Hoffnung über das Wiedersehen mischte
sich eine seltsame Beklemmung und Furcht, wenn er sich die Veränderung dachte,
welche mit ihrem äussern Aussehen vorgegangen sein musste, und er fühlte die
Flucht und das Gewicht dieser sieben Jahre tief mit für die alternde Mutter.
Seit seine erste Heimreise so romantisch unterbrochen worden und er in dem Hause
des Gastfreundes gelebt, hatte er erst das Schreiben an sie immer aufgeschoben,
weil er dachte, so bald als möglich selbst hinzukommen und mit seiner
wohlhergestellten Person Ende gut, alles gut zu spielen. Dann, als er in die
Liebeskrankheit verfiel, vergass er sie zeitweise ganz, und wenn er an sie
dachte, wäre es ihm nicht möglich gewesen, auch nur eine Zeile zu schreiben,
sowenig als etwas anderes zu beginnen, und am wenigsten hätte er gewusst, in
welchem Tone er an die Mutter schreiben sollte, ohne sie zu täuschen, da er
selbst nicht wusste, ob er den Tod oder das Leben im Herzen trage. Er liess daher
die Dinge gehen, wie sie gingen, vertraute auf die gute Natur der Mutter und
setzte ihre Ruhe mit seiner Ruhe auf die gleiche Karte. Jetzt aber befiel ihn,
der noch vor kurzem einen so grossen Respekt und eine gewisse Furcht vor dem
jungen schönen Weibe gehegt, das er liebte, jetzt befiel ihn dieses Gefühl, wie
eine Art Scheu, in verdoppeltem Masse vor der alten schwachen, lange nicht
gesehenen Mutter, und es war ihm zu Mute, wie wenn er einer strengen Richterin
entgegenginge, die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung zöge.
    Zugleich bemerkte er, sobald er einen Tag lang wieder ganz allein gewesen,
dass unversehens der heillose Druck von Dortchens Bild, der, solange er mit dem
Grafen noch fröhlich beisammen war, sich nicht hatte verspüren lassen, wieder in
seiner Brust sass, und er musste nun fürchten, dass dies nie wieder wegginge, ohne
dass er etwas dazu tun konnte.
    Und zwar war es nun diesmal so, da er sonst ganz gefasst und ruhig war, dass
es ihm das Herz zusammenschnürte, ohne dass er besonders an sie dachte, und wenn
er ganz beschäftigt mit anderen Dingen war, so wartete der verborgene
Herzdrücker und harrte freundschaftlich aus, bis Heinrich sich an die Ursache
erinnerte und über sie seufzte.
    Um dieser Dinge willen war er froh, einen mässigen Umweg zu machen, um sich
nur erst ein wenig zurechtzufinden, da ihm nun das Wiedersehen der Mutter
wichtiger war, als wenn er vor eine Königin hätte treten müssen, und er doch mit
Ruhe und Unbefangenheit ankommen wollte.
    So gelangte er an einem schönen Junimorgen in die alte schöne Stadt Basel
und sah den Rhein wieder fliessen, vorüber an dem alten Münster. Schon alle
Strassen, die nach der Stadt führten, waren mit Tausenden von Fuhrwerken und
Wagen bedeckt, welche eine unzählige Menschenmenge aus allen Gauen sowie aus dem
Französischen und Deutschen nach Basel trugen; die Stadt selbst aber war ganz
mit Grün bedeckt und mit rot und weissen Tüchern, Flaggen und Fahnen, die von
allen Türmen wehten. Denn es wurde heute die vierhundertjährige Jubelfeier der
Schlacht bei St. Jakob an der Birs begangen, wo tausend Eidgenossen zehntausend
Feinde totschlugen und deren vierzigtausend von den Landesgrenzen abhielten
durch den eigenen Opfertod, während im Schosse des Vaterlandes der Bürgerkrieg
wütete. Am gleichen Tage ward auch das grosse eidgenössische Schützenfest
eröffnet, welches alle zwei Jahre wiederkehrt und dazumal in Basel den höchsten
bisherigen Glanz und Gehalt erreichte, da es gegenüber der alten kraftlosen
Tagsatzung das politische Rendezvous des Volkslebens war in einer gärenden
Umwandlungszeit.
    So stiess Heinrich gleich beim Eintritt ins Land mitten auf seine rauschende
und grollende Bewegung, und ohne auszuruhen, ging er mit den hunderttausend
Zuschauern auf das Schlachtfeld hinaus und wieder zurück in die reiche Stadt,
welche mit ihren zahlreichen silbernen und goldenen Ehrengefässen den Wirt
machte. Doch mit dem Mittage räumte die geschichtliche Feier der Vergangenheit
der treibenden Gegenwart den Platz ein, und unter der grossen Speisehütte des
Schiessplatzes assen schon an diesem ersten Mittag fünftausend waffenkundige
Männer zusammen, indessen am andern Ende des Platzes auf eine unabsehbare
Scheibenreihe ein Rottenfeuer eröffnet wurde, welches acht Tage lang anhielt,
ohne einen Augenblick aufzuhören. Dies war kein blindes Knattern wie von einem
Regiment Soldaten, sondern zu jedem Schusse gehörte ein wohlzielender Mann mit
hellen Augen, der in einem guten Rocke steckte, seiner Glieder mächtig war und
wusste, was er wollte.
    Inmitten der hölzernen Feststadt, deren Ordnung, Gebrauch und Art trotz
aller Luftigkeit herkömmlich und festgestellt war und ihre eigene Architektur
erzeugt hatte, ragten drei monumentale Zeichen aus dem Wogen der Völkerschaft,
die das grosse Viereck ausfüllte. Ganz in der Mitte die ungeheure grüne Tanne,
aus deren Stamm ein vielröhriger Brunnen sein lebendiges Wasser in eine weite
Schale goss. In einiger Entfernung davon stand die Fahnenburg, auf welche die
Fahnen der stündlich ankommenden Schützengesellschaften gesteckt und unter deren
Bogen dieselben begrüsst und verabschiedet und die letzten Handschläge, Vorsätze
und Hoffnungen getauscht wurden. Auf der anderen Seite der Tanne war der
Gabensaal, welcher die Preise und Geschenke entielt aus dem ganzen Lande sowie
von allen Orten diesseits und jenseits des Ozeans, vom Gestade des Mittelmeeres,
von überall, wo nur eine kleine Zahl wanderlustiger, erwerbsfroher Schweizer
sich aufhielt oder die Jugend auf fernen Schulen weilte. Der Gesamtwert
erreichte diesmal eine grössere Höhe als früher je, und das Silbergerät, die
Waffen und andere gute Dinge waren massenhaft aufgetürmt.
    Während nun in den Stuben der Doktrinäre, in den Sälen der Staatsleute vom
alten Metier und in der Halle des Bundes von Anno funfzehn das politische
Fortgedeihen stockte und nichts anzufangen war, trieb und schoss dasselbe in
mächtigen Keimen auf diesem brausenden, tosenden Plan, über dem die vielen
Fahnen rauschten. Das Land war mitten in dem Kampfe und in der Mauser begriffen,
welche mit dem Umwandlungsprozesse eines jahrhundertealten Staatenbundes in
einen Bundesstaat abschloss und ein durchaus denkwürdiger, in sich selbst
bedingter organischer Prozess war, der in seiner Mannigfaltigkeit,
Vielseitigkeit, in seinen wohlproportionierten Verhältnissen und in seinem
erschöpfenden Wesen die äussere Kleinheit des Landes vergessen liess und sich
schlechtweg lehrreich und erbaulich darstellte, da an sich nichts klein und
nichts gross ist und ein zellenreicher summender und wohlbewaffneter Bienenkorb
bedeutsamer anzusehen ist als ein mächtiger Sandhaufen.
    Das erste Jahrzehent, welches Anno dreissig die Fortbildung zur freien
Selbstbestimmung oder zu einem jederzeit berechtigten Dasein, oder wie man
solche Dinge benennen mag, wieder aufgenommen hatte, war unzureichend und flach
verlaufen, weil die humanistischen Kräfte aus der Schule des vorigen
Jahrhunderts, die den Anfang noch bewirkt, endlich verklungen waren, ehe ein
ausreichendes Neues reif geworden, das für die ausdauernde Einzelarbeit
zweckmässig und rechtlich, in seinen Trägern frisch und anständig sich
darstellte. In die Lücke, welche die Stockung hervorbrachte, trat sofort die
vermeintliche Reaktion, welche ihrer Art gemäss sich für höchst selbständig und
ursprünglich hielt, in der Tat aber nur dazu diente, dem Fortschritt einen
Schwung zu geben, und es ihm möglich machte, nach mehrjährigen Kämpfen endlich
die sichere und bewusste Mehrheit zu finden für die neue Bundesverfassung. Es
begann jene Reihe von blutigen oder trockenen Umwälzungen, Wahlbewegungen und
Verfassungsrevisionen, die man Putsche nannte und alles Schachzüge waren auf dem
wunderlichen Schachbrett der Schweiz, wo jedes Feld eine kleinere oder grössere
Volkes- und Staatssouveränetät war, die eine mit repräsentativer Einrichtung,
die andere demokratisch, diese mit, jene ohne Veto, diese von städtischem
Charakter, jene von ländlichem, und wieder eine andere wie eine Teokratie
aussehend, und die Schweizer bezeigten bald eine grosse Übung in diesem
Schachspielen und Putschen.
    Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen
vorübergehenden Regenguss einen Putsch nennt und demgemäss die eifersüchtigen
Nachbarstädte jede närrische Gemütsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune
oder Mode der Züricher einen Zürichputsch nennen. Da nun die Züricher die ersten
waren, die geputscht, so blieb der Name für alle jene Bewegungen und bürgerte
sich sogar in die weitere Sprache ein, wie Sonderbündelei, Freischärler und
andere Ausdrücke, die alle aus dem politischen Laboratorium der Schweiz
herrühren.
    Der Zürichputsch war aber eine religiöse Bewegung gewesen, da der müssige
Fortschritt, eingedenk des Sprichwortes, dass Müssiggang aller Laster Anfang ist,
etwas an der Religion machen wollte, wie die Bauern sich ausdrückten, und zwar
auf dogmatischem Wege. Die Kirche lässt sich aber von unkirchlichen Leuten nicht
schulmeistern und umgestalten, sondern nur ignorieren oder abschaffen, wenn die
Mehrheit dafür da ist. Die Juristen waren sehr betrübt und entsetzt, zu sehen,
dass die Religion dergestalt auf das Gemüt einwirken könne, dass selbst eine
aufgeschriebene Verfassung damit zu brechen sei, und sie hielten über diesen
Folgen ihrer müssigen Tat den Untergang der Welt nahe; die folgenden Putsche aber
gewannen durch diesen Anfang ihr Losungswort, den Glauben, und infolgedessen
fanden sich denn richtig die Jesuiten ein als die vollendeten Lückenbüsser der
Geschichte und wurden von den der weiteren zweckmässigen Ausgestaltung des Landes
widerstrebenden Dialektikern und Schachspielern als handliche Schachfiguren
benutzt, während sie wähnten, um ihrer selbst willen und aus eigener Kraft
dazusein. Sie reichten gerade aus, durch ihr Wesen und ihre Bestimmung einen
kräftigen und höchst produktiven Hass und Groll zu erregen, welcher auf dem Fest
zu Basel dermassen gewaltig rauschte, dass davon die Rede war, in corpore
aufzubrechen und in den Festkleidern, den Festwein im Blute, hinzuziehen, um den
Jesuiten das Loch zu verstopfen und ihre verrückte Teokratie zu zerstören.
    Dies blieb zwar nur eine Rede, doch wurde der Keim gelegt zu jener seltsamen
Erscheinung der Freischarenzüge, wo sesshafte wohlgestellte Leute, die sämtlich
in der Armee eingereiht waren, sich in bürgerliche Kleidung steckten, sich
zusammentaten, durch fingierte Handstreiche unter den Augen ihrer Regierungen
Stück und Wagen aneigneten und gut bewaffnet auszogen, um in eine benachbarte
Souveränität einzubrechen und die dortige gleichgesinnte Minderheit mit Gewalt
zur Mehrheit zu machen. Diese vermummten Zivilkrieger wollten für sich nichts,
weder Beute noch Kriegsruhm, noch Beförderung holen, sondern zogen einzig für
den reinen Gedanken aus; als sie daher allein an dem Flache der Ungesetzlichkeit
und offenen Vertragsbrüchigkeit untergingen, trat der noch seltsamere Fall ein,
dass sie sich nicht ihrer Tat zu schämen brauchten und doch eingestehen durften,
es sei gut, dass sie nicht gelungen, indem ohne den tragischen Verlauf der
Freischarenzüge der Sonderbund nicht jene energische Form gewonnen hätte, die
den schliesslichen Sieg der legalen und ruhigen Freisinnigen herausgefordert und
ermöglicht hat. Dem wahrhaft freisinnigen Manne geziemt es, froh zu sein, wenn
ihm das Ungehörige und Unüberlegte misslungen, und er überlässt es den Despoten
und wilden Bestien, einen blinden günstigen Zufall als Gnade Gottes und die
Schärfe der Klauen als Recht auszukündigen.
    Indessen hinderte der Zorn die Schweizer in Basel nicht, im grössten Massstabe
zu zechen, und Zorn und Freude schillerten so blitzend durcheinander wie der
rote und weisse Wein, von welchem an dem bewegtesten Tage der Woche gegen
neunzigtausend Flaschen getrunken wurden allein in der grossen Hütte, während die
leidenschaftlichen Tischreden von der Tribüne tönten. Als Heinrich, der drei
Tage auf dem Platze blieb, diese Kraft und Fülle sah, schien ihm dies fast
bedenklich; denn nach dem stillen und innerlichen Leben, das er in der letzten
Zeit geführt, dröhnte ihm das gewaltige Getöse betäubend in das Gemüt; denn
obgleich da durchaus kein wüstes oder kindisches Geschrei herrschte, sondern ein
ausgedehntes Meer gehaltener Männerstimmen wogte, aus dem nur hie und da eine
lautere Brandung oder ein fester feuriger Gesang aufstieg, so bildete doch diese
handfeste Wirklichkeit und Rührigkeit einen grellen Gegensatz zu dem lautlosen
entsagungsbereiten Liebesleiden Heinrichs von jüngst, aus dem nur etwa jener
eintönige Starenruf heraustönte. Doch erinnerte er sich, dass dies eine alte
Weise seiner Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Verfalles sei und dass die
sogenannten alten frommen Schweizer, welche so andächtig niederknieten, ehe sie
sich schlugen, mit ihren langen Bärten und schiefen Kerbhütchen zuweilen noch
viel wilder tun, bankettieren und rumoren konnten als die jetzigen und dass also
deswegen kein Verfall eingetreten und die Schweizer Schützen immer noch die
seien, deren Vorfahren vor Jahrhunderten die Strassburger besucht, wenn diese
schossen. Auch jetzt rollten ganze Bahnzüge voll Schweizer nach Strassburg
hinunter; aber es gab dort keine freien reichsstädtischen Strassburger mehr,
sondern nur französische Elsässer und französisches Militär.
    Heinrich versöhnte sich also mit dem Zechgetöse, und zwar liess er dem
Gewaltaufen der Trinker sein Recht der Majorität, ohne das Recht seiner Person
aufzugeben und sich diesmal ganz ruhig und nüchtern zu erhalten, da ihm die
neueste Vergangenheit mit Dortchen und die nächste Zukunft mit seiner Mutter
alle Lust fernhielten, sich irgendwie hervortun und jubilieren zu wollen.
Dagegen kaufte er sich in der Stadt ein gutes Geschoss und mischte sich unter die
Schiessenden, nicht um irgend sein Glück zu versuchen, sondern um zu sehen, ob er
für seinen Handgebrauch und für den Notfall etwa im Ernste mitzugehen imstande
wäre. Er hatte früher, ehe er in die Fremde gegangen, nur wenig geschossen bei
zufälligen Gelegenheiten und bei dem Leichtsinn, mit welcher seine Jugend die
Sache in die Hand nahm, nichts Sonderliches ausgerichtet. Jetzt erfuhr er, wie
der Ernst des Lebens und die Zeit fähig machen, auch die einfachsten Dinge
besonnen in die Hand Zu nehmen, und während des Tages, an welchem er fleissig
schoss, erlangte er die Gewissheit, bei fortgesetzter Übung sich die Eigenschaft
zu erwerben, nicht bloss ein Maulheld zu sein oder ein Bratenschütze, sondern in
der Stunde der Gefahr etwa für seine Person, und was ihm teuer war, einzustehen.
    So wurde sein Heimweg gehemmt und aufgehalten, wie nur eine ängstliche
Traumreise aufgehalten werden kann, und es war ihm fast gleich zu Mute wie in
jenen Träumen, in denen er heimreiste, und fühlte sich beklommen, so dass er sich
losreissen musste, um nur endlich weiterzukommen. Da alle Posten und Fuhrwerke
überfallt waren, liess er bloss seine Sachen mit der Post gehen und machte sich an
einem kristallhellen Morgen zu Fuss auf den Weg, um endlich der Vaterstadt
zuzueilen von einer anderen Seite, als er sie vor sieben Jahren verlassen.
Überall lag das Land im himmelblauen Duft, aus welchem der Silberschein der
Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte, und die Sonne spielte auf dem
betauten Grün. Er sah die reichen Formen des Landes, in Ebenen und Gewässern
ruhig und waagrecht, in den steilen Gebirgen gezackt und kühn, zu seinen Füssen
fruchtreiche blühende Erde und in der Nähe des Himmels fabelhaftes Totenreich
und wilde Wüste, alles dies abwechselnd und überall die Tal- und Wahlschaften
bergend, die zu Füssen der fernen Gebirgsriesen wohnten oder fern hinter
denselben. Er selbst schritt rüstig durch katolische und reformierte
Gebietsteile, durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte, und wie er sich so
das ganze grosse Sieb von Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souveränetäten
und Bürgerschaften dachte, durch welches die endliche sichere und klare
Rechtsmehrheit gesiebt werden musste, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des
Gemütes und des Geistes war, der fortzuleben fähig ist, da wandelte ihn die
feurige Lust an, sich als der einzelne Mann, als der widerspiegelnde Teil vom
Ganzen zu diesem Kampfe zu gesellen und mitten in demselben die letzte Hand an
sich zu legen und sich mit regen Kräften zurechtzuschmieden zum tüchtigen und
lebendigen Einzelmann, der mit ratet und mit tatet und rüstig darauf aus ist,
das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen, von der er selbst ein Teil ist und
die ihm deswegen doch nicht teurer ist als die Minderheit, die er besiegt, weil
diese von gleichem Fleisch und Blut ist hinwieder mit der Mehrheit.
    »Aber die Mehrheit«, rief er vor sich her, »ist die einzige wirkliche und
notwendige Macht im Lande, so greifbar und fühlbar wie die körperliche Natur
selbst, an die wir gefesselt sind. Sie ist der einzig untrügliche Halt, immer
jung und immer gleich mächtig; daher gilt es, unvermerkt sie vernünftig und klar
zu machen, wo sie es nicht ist. Dies ist das höchste und schönste Ziel. Weil sie
notwendig und unausweichlich ist, so kehren sich die übermütigen und verkehrten
Köpfe aller Extreme gegen sie in unvermögender Wut, indessen sie stets
abschliesst und selbst den Unterlegenen sicher und beruhigt macht, während ihr
ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt und so sein geistiges
Leben erhält und nährt. Sie ist immer liebenswürdig und wünschbar, und selbst
wenn sie irrt, hilft die gemeine Verantwortlichkeit den Schaden ertragen. Wenn
sie den Irrtum erkennt, so ist das Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen
und gleicht dem Schönsten und Anmutigsten, was es gibt. Sie lässt es sich nicht
einfallen, sich stark zu schämen, ja die allgemein verbreitete Heiterkeit lässt
den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen wünschen, da er ihre Erfahrung
bereichert, diese Freude hervorgerufen hat und durch sein schwindendes Dunkel
das Licht erst recht hell und fröhlich erscheinen lässt.
    Sie ist die reizende Aufgabe, an welcher sich ihr einzelner messen kann, und
indem er dies tut, wird er erst zum ganzen Mann, und es tritt eine wundersame
Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile. Mit grossen
Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen, der ihr etwas vorsagen will,
und dieser, mutvoll ausharrend, kehrt sein bestes Wesen heraus, um zu siegen. Er
denke aber nicht, ihr Meister zu sein; denn vor ihm sind andere dagewesen, nach
ihm werden andere kommen, und jeder wurde von der Menge geboren; er ist ein Teil
von ihr, welchen sie sich gegenüberstellt, um mit ihm, ihrem Kinde und Eigentum,
ein erbauliches Selbstgespräch zu führen. Jede wahre Volksrede ist nur ein
Monolog, den das Volk selber hält. Glücklich aber, wer in seinem Lande ein
Spiegel seines Volkes sein kann, der nichts widerspiegelt als dies Volk,
indessen dieses selbst nur ein kleiner heller Spiegel der weiten lebendigen Welt
ist!«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Jetzt war er auf dem Berge angekommen, der gegenüber der Stadt lag, und er sah
plötzlich deren Linden hoch in den Himmel tauchen und die goldenen Kronen der
Münstertürme in der Abendsonne glänzen. Weitin lag der See gebreitet mit seinen
blauen Wassern, der grüne Fluss strömte ruhig aus demselben durch die Stadt hin,
und Heinrich fand es in seiner Freude rührend und höchst zuverlässig, dass der
Fluss während der sieben Jahre auch nicht einen Augenblick zu strömen aufgehört
habe. Aber seine Augen hefteten sich sogleich wieder auf die goldene Abendstadt
und entdeckten eine Menge neuer Häuser sowie eine viel erweiterte Ausdehnung am
See und am Flusse hin. Nur das alte dunkle Gemäuer mit dem Kirchhof dicht zu
seinen Füssen diesseits des Flusses war noch dasselbe, und das Totenglöcklein
erklang traurig in demselben, während ein Sarg über die Brücke getragen wurde,
welchem ein langer zahlreicher Trauerzug folgte, wie wenn ein Unbescholtener
begraben wird, der lange an einem Orte gewohnt hat. Eine kleine Weile sah er dem
langsam gehenden Zuge neugierig zu, bis derselbe an dem Berge emporzusteigen
begann; dann stieg er aber den steilen Staffelberg hinab, von dem ihm geträumt,
dass er eine Kristalltreppe wäre, und machte sich dem Kirchhof zu, der nun von
den Leuten angefüllt war; denn er wollte, indem er im Vorbeigehen dem Begräbnis
beiwohnte, gleich zum Grusse an die Vaterstadt eine gesellschaftliche Pflicht
erfüllen und gedachte auch Dortchens, welche die Toten so sehr bedauerte, die
vergehen und für immer aus der Welt scheiden müssen.
    Er trat mit den Leuten, die ihn nicht kannten, in das kleine Kirchlein und
hörte deutlich den Geistlichen, der das Gebet zu sprechen hatte, den Namen
seiner Mutter verkünden mit ihrem Geburts- und Todestage und die Zahl ihrer
Jahre mit ihrem Herkommen und ihrem Stande.
    Ohne weiter zu hören, ging er hinaus und suchte das Grab, an welchem der
Sarg stand auf der Bahre. Eben nahm der altbekannte Totengräber die obere
schwarze Tuchdecke von demselben und legte sie bedächtig zusammen, dann die
untere von weisser Leinwand, welche der Sitte gemäss eine Handbreit unter der
schwarzen Decke hervorsehen muss, und endlich stand das blosse rosige Tannenholz
da. Heinrich konnte nicht durch die Bretter hindurchsehen, er sah nur, wie jetzt
der Sarg in die Erde gesenkt und mit derselben zugedeckt wurde, und er rührte
sich nicht. Die Leute verliefen sich, unter denen Heinrich eine Menge sah und
kannte, ohne sie doch zu sehen und zu kennen; der Kirchhof leerte sich, und ein
Mann nahm ihn bei der Hand und führte ihn auch fort. Es war der brave Nachbar,
welcher auf seiner Hochzeitsreise ihn erst aufgesucht und ihm Nachricht von der
Mutter gebracht hatte. Heinrich ging mit ihm über die Brücke und in die Stadt
hinauf. Er betrachtete wohl alle Dinge auf dem Wege und warf hierhin einen Blick
und dortin einen und antwortete auch dem Nachbar ordentlich auf seine Fragen,
die derselbe an ihn richtete, in der Meinung, ihn munter zu erhalten. Als sie in
die Gasse gelangten, wo das alte Haus stand, wollte Heinrich, ohne etwas anderes
zu denken, hineintreten; aber fremde Leute sahen aus demselben, und der Nachbar
führte ihn hinweg und in sein eigenes Haus, so dass also Heinrich nicht wieder in
die Tür treten konnte, durch welche seine Jugend aus- und eingegangen.
    Als er bei dem Nachbar endlich in der Stube und von den guten glücklichen
Leuten teilnehmend begrüsst war, erleichterte es ihr Benehmen gegen ihn, zu
sehen, dass er in seinem Äussern in guten Umständen und in guter Ordnung erschien;
er fragte sie, indem er sich setzte, nun um seine Mutter, und sie erzählten ihm,
was sie wussten.
    Nachdem sie lange in Kummer und stummer Erwartung auf ihren Sohn oder ein
Zeichen von ihm gewartet, wurde sie gerade um die Zeit, als Heinrich sich im
Herbste auf den Heimweg begeben hatte und dann im Hause des Grafen haftenblieb,
aus ihrem Hause vertrieben, in welchem sie achtundzwanzig Jahre gewohnt; denn
nachdem es ruchbar geworden, dass sie jenes Kapital für ihren Sohn aufgenommen,
von welchem nichts weiter zu hören war, hielt man sie um dieser Handlung willen
für leichtsinnig und unzuverlässig und kündigte ihr die Summe. Da sie trotz
aller Mühen dieselbe nicht aufs neue aufbringen konnte, indem niemand sich in
diesen Handel einlassen zu dürfen glaubte, musste sie endlich den Verkauf des
Hauses erdulden und mit ihrer eingewohnten Habe, von welcher jedes Stück seit
soviel Jahren an selbem Platze unverrückt gestanden, in eine fremde ärmliche
Wohnung ziehen, über welchem mühseligen und verwirrten Geschäft sie fast den
Kopf verlor. Den Rest des Verkaufswertes legte sie aber nicht etwa wieder an, um
aufs neue zu sparen und das Unmögliche möglich zu machen, sondern sie legte ihn
gleichgültig hin und nahm davon das wenige, was sie brauchte, aber ohne zu
rechnen. Übrigens bemühten sich jetzt die Leute um sie, halfen ihr, wo sie
konnten, und verrichteten ihr alle Dienste, welche sie sonst anderen so
bereitwillig geleistet. Sie liess es geschehen und kümmerte sich nichts darum,
sondern brütete unverwandt über dem Zweifel, ob sie unrecht getan, alles an die
Ausbildung und gemächliche Selbstbestimmung ihres Sohnes zu setzen, und dies
Brüten wurde einzig unterbrochen von der zehrenden Sehnsucht, das Kind nur ein
einziges Mal noch zu sehen. Sie setzte zuletzt eine bestimmte Hoffnung auf den
Frühling, und als dieser verging und der Sommer anbrach, ohne dass er kam, starb
sie.
    Auf Heinrichs Frage, ob sie ihn angeklagt, verneinten das die Nachbarsleute,
sondern sie habe ihn immer verteidigt, wenn jemand auf sein Verhalten
angespielt; jedoch habe sie dabei geweint, und auf eine Weise, dass ihre Tränen
unwillkürlichen Vorwurfs genug schienen gegen den verschollenen Sohn. Dies
verhehlten ihm die guten Leute nicht, weil sie ein wenig Bitterkeit ihm für
zuträglich hielten und dachten, es könne ihm, da er nun in gutem Gedeihen
begriffen sei, nicht schaden, etwas gekränkt zu werden, damit der Ernst um so
länger vorhalte und er nun ein gründlich guter Bürgersmann werde.
    So war nun der schöne Spiegel, welcher sein Volk widerspiegeln wollte,
zerschlagen und der einzelne, welcher an der Mehrheit mitwachsen wollte,
gebrochen. Denn da er die unmittelbare Lebensquelle, welche ihn mit seinem Volke
verband, vernichtet, so hatte er kein Recht und keine Ehre, unter diesem Volke
mitwirken zu wollen, nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen, kehre
erst vor seiner Tür.
    Ungeachtet des Widerspruches seiner Gastfreunde suchte er die Wohnung noch
auf, in welcher die Mutter gestorben, liess sich dieselbe übergeben und brachte
die Nacht darin zu, im Dunkeln sitzend. Wenn ihr blosser, durch ihn verschuldeter
Tod sein äusseres Leben und Wirken, auf das er nun alle Hoffnung gesetzt hatte,
fortan unmöglich machte, so brach in dieser Nacht die Tatsache sein innerstes
Leben, dass sie endlich musste geglaubt haben, ihn als keinen guten Sohn zu
durchschauen, und es fielen ihm ungerufen jene furchtbaren Worte ein, welche
Manfred von einem durch ihn vernichteten blutsverwandten weiblichen Wesen
spricht:
»Nicht meine Hand, mein Herz, das brach das ihre,
Es welkte, mich durchschauend.«
Es war ihm, als ob alle Mütter der Erde ihn durchschauten, alle glücklichen ihn
verachteten und alle unglücklichen ihn hassten als auch zur Rotte Korah gehörig.
Da nun aber in Wirklichkeit nichts an ihm zu durchschauen war als das lauterste
und reinste Wasser eines ehrlichen Wollens, wie er jetzt war, so erschien ihm
dies Leben wie eine abscheuliche, tückische Hintergehung, wie eine
niederträchtige und tödliche Narretei und Vexation, und er brauchte alle Mühen
seiner ringenden Vernunft, um diese Vorstellung zu unterdrücken und der guten
Meinung der Welt ihr Recht zu geben.
    Als das enge Gemach sich mit dem Morgengrauen ein wenig erhellte, sah er den
alten bekannten Hausrat, der einst die bequemeren Räume erfüllt, unordentlich
und ängstlich zusammengehäuft; er wagte nicht, einen Schrank zu öffnen, und tat
endlich nur einen altmodischen Koffer auf, der da zunächst stand. Er entielt
die alten Trachten von den Vorfahrinnen seiner Mutter, wie sie die Frauen gern
aufzubewahren pflegen. Grossblumige oder gestreifte seidene Röcke und Jäckchen,
rote Schuhe mit hohen Absätzen, silbergewirkte Bänder, Häubchen, mächtige weisse
Halstücher mit reichen Stickereien, Fächer, bemalt mit Schäferspielen, Fischern
und Vogelstellern, und eine Menge zerquetschter künstlicher Blumen, alles das
lag vergilbt und zerknittert durcheinander und war doch mit einer gewissen
unverwüstlichen Frische anzufühlen, da die weibliche Schonung und Sparsamkeit in
der Aufregung diese Festkleider und Putzsachen wohl erhalten und so alt werden
liess. In früheren Jahren, da sie noch eine jüngere Witwe war, hatte sich die
Mutter alle Jahr einmal das bescheidene Vergnügen gemacht, an fröhlichen
Festtagen die Tracht ihrer Grossmutter anzulegen und sich darin etwa zu einem
kleinen Abendschmaus zu setzen, und der kleine Heinrich hatte sie alsdann
höchlich bewundert und nicht genugsam betrachten können.
    Er drückte den Deckel wieder zu und ging durch die Stadt, um hier und da
altbefreundete Leute zu begrüssen; man sah ihn gross an, erwies ihm aber Ehre, und
es hiess schon überall, er habe ein grosses Glück in der Fremde gemacht. Dann
begab er sich aufs Land, um seine Vettern und Basen zu sehen, die zerstreut
waren. Alle hatten die Stuben voll Kinder, die einen waren wohlhabend, die
anderen schienen bedrängt und klagten sehr; doch alle waren gleichmässig
beschäftigt und belastet mit ihren Zuständen und schienen sich selbst nicht viel
umeinander zu kümmern. Die Frauen waren schon verblüht, rasch und gesalzen in
ihrem Tun und Sprechen und die Männer abwechselnd gleichmütig und einsilbig oder
jähzornig. Sie schienen Heinrich zu beneiden, dass er nun alles noch vor sich
habe, was sie schon durchgelebt zum Teil, und das einzige, worin sie ein
herzliches Einverständnis mit ihn fanden, war die Klage um die Verstorbenen.
    Heinrich trieb sich eine Zeitlang bei ihnen umher und gab sich meistens mit
ihren Kinder ab, da ihm dieses unschuldige Zerstreuung war, welche auf
Augenblicke wenigstens seinen harten Zustand in ein linderes Weh verwandelte.
    Eines Abends streifte er in der Gegend umher und kam an den breiten Fluss.
Ein grosser siebzigjähriger Mann, den er noch nie gesehen, in einfacher, aber
sauberer Kleidung, beschäftigte sich am Ufer mit Fischerzeug und sang ein
sonderbares Lied dazu vom Recht und vom Glück, von dem man nicht wusste, wie es
in die Gegend gekommen. Er sang mit frischer Stimme, indem er seine glänzenden
Netze zusammenraffte:
Recht im Glücke! goldnes Los,
Land und Leute machst du gross!
Glück im Rechte! fröhlich Blut,
Wer dich hat, der treibt es gut!
Recht im Unglück, herrlich Schaun,
Wie das Meer im Wettergraun!
Göttlich grollt's am Klippenrand,
Perlen wirft es auf den Sand!
Einen Seemann, grau von Jahren,
Sah ich auf den Wassern fahren,
War wie ein Medusenschild
Der versteinten Unruh Bild.
Und er sang »Vieltausendmal
Schoss ich in das Wellental,
Fuhr ich auf zur Wogenhöh,
Ruht ich auf der stillen See!
Und die Woge war mein Knecht,
Denn mein Kleinod war das Recht.
Gestern noch mit ihm ich schlief,
Ach! nun liegt's da unten tief!
In der dunklen Tiefe fern
Schimmert ein gefallner Stern,
Und schon dünkt mich's tausend Jahr,
Dass das Recht einst meines war.
Wenn die See nun wieder tobt,
Niemand mehr den Meister lobt.
Hab ich Glück, verdien ich's nicht,
Glück wie Unglück mich zerbricht.«
Heinrich stand vor ihm still und hörte zu. Der Alte sah ihn aufmerksam an und
grüsste ihn. »Ihr scheint«, sagte er, »ein Lee zu sein, den Augen und der Nase
nach zu urteilen?« - »Ja«, sagte Heinrich. »Soso«, erwiderte der Mann, »so seid
Ihr vielleicht des Baumeisters Sohn aus der Stadt, der sich vor Jahren viel hier
aufhielt? Habt Euch lange nicht sehen lassen!« - »Ich habe aber Euch doch nie
gesehen mit Wissen!« versetzte Heinrich, und der Mann sagte »So geht es wohl!
Ich meinerseits habe schon viel gesehen und sehe alles. Habe auch Eure Mutter
recht wohl gekannt; was macht sie, ist sie gesund und munter?« - »Nein, sie ist
tot!« antwortete Heinrich. »Soso!« der Alte, »tot! ja, die Zeit vergeht! Es ist
mir, als sei es heute, und sind es doch gerade funfzig Jahr her, dass ich an
dieser Stelle hier als ein zwanzigjähriger Bursche die Leute über das Wasser
führte. Es kam eine Kutsche voll Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren, die
lustig und guter Dinge waren und über den Fluss setzen wollten. Eure Mutter war
als ein dreijähriges Kind dabei, und ich hob es aus der Kutsche und setzte es zu
den blühenden und fröhlichen Eltern ins Schiff. - Das Kind hatte ein närrisches
rosenrotes Kleidchen an und lächelte so holdselig und gut, dass ich so dachte
Dies ist einmal ein sauberes und freundliches Kind, das wird es gewiss immer gut
haben. In dem schwankenden Schiff fing es aber an zu weinen, die hübsche junge
Mutter schloss es in die Arme und beruhigte es, indes die anderen hellauf ein
Lied sangen im Überfahren und sich mit Wasser bespritzen. Dann sah ich sie
wieder, als sie etwa sechszehn Jahr alt und ein sittsames liebliches
Mädchendings war. Es fuhr wieder ein ganzer Haufen jungen Volkes hierüber, so
dass ich wohl dreimal fahren musste, und auf der Wiese drüben pflanzten sie sich
auf und musizierten und tanzten. Eure Mutter beschied sich aber in ihrer
Fröhlichkeit und tanzte nicht soviel, und als ein paar Gelbschnäbel ihr zu
eifrig den Hof machten, floh sie in das angebundene Schifflein und fing fleissig
an zu stricken. Alles das ist lange her!«
    Der Himmel jener Jahre schien dem zuhörenden Heinrich vorüberzuziehen in der
blauen wolkenreinen Höhe. Er vermochte aber den lachenden Himmel und das grüne
Land nicht länger zu ertragen und wollte zur Stadt zurück, wo er sich in dem
Sterbegemach der Mutter verbarg. Die Liebe und Sehnsucht zu Dortchen wachte aufs
neue mit verdoppelter Macht auf, seine Augen drangen den Sonnenstrahlen nach,
welche über die Dächer in die dunkle Wohnung streiften, und seine Blicke
glaubten auf dem goldenen Wege, der zu einem schmalen Stückchen blauer Luft
führte, die Geliebte und das verlorene Glück finden zu müssen.
    Er schrieb alles an den Grafen; aber ehe eine Antwort dasein konnte, rieb es
ihn auf, sein Leib und Leben brach, und er starb in wenigen Tagen. Seine Leiche
hielt jenes Zettelchen von Dortchen fest in der Hand, worauf das Liedchen von
der Hoffnung geschrieben war. Er hatte es in der letzten Zeit nicht einen
Augenblick aus der Hand gelassen, und selbst wenn er einen Teller Suppe, seine
einzige Speise, gegessen, das Papierchen eifrig mit dem Löffel zusammen in der
Hand gehalten oder es unterdessen in die andere Hand gesteckt.
    So ging denn der tote grüne Heinrich auch den Weg hinauf in den alten
Kirchhof, wo sein Vater und seine Mutter lagen. Es war ein schöner freundlicher
Sommerabend, als man ihn mit Verwunderung und Teilnahme begrub, und es ist auf
seinem Grabe ein recht frisches und grünes Gras gewachsen.
 
    