
        
                                Willibald Alexis
                        Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
                             Vaterländischer Roman
                                 Erstes Kapitel.
                              Die Kindesmörderin.
»Und darum eben,« schloss der Geheimrat.
    In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen. Charlotte hatte
ihn nie so gesehen. Der Zorn strömte über die Lippen, bis vor dem Redefluss des
Kindermädchens die allzeit fertige Zunge verstummte. Sie war erschrocken
zurückgetreten, bis sie sich selbst verwundert an der Türe fand; aber der
Geheimrat schritt noch in der Stube auf und ab.
    Charlotte hatte leise zu weinen angefangen: »Aber Herr Geheimrat, um solche
Kleinigkeit!«
    »Eine Kleinigkeit, die Angst besorgter Eltern um ihre Kinder! - Fünf Stunden
von Hause fort ohne eine Sterbenssylbe mir zurückzulassen, und die Kleinen
mitgenommen, ohne um Erlaubnis zu fragen!«
    »Herr Geheimrat,« schluchzte sie, »haben nie nach gefragt, ich weiss auch
gar nicht warum jetzt!«
    »Schweige Sie!« fuhr der Hausherr fort. »Sie hat kein Einsehen, keine
Moralität. Sie missbraucht meine Güte. Sie muss aus meinem Hause. Es haben sich
schon Viele gewundert, dass ich Sie noch behielt. Aber Sie schlägt mit Ihrer
Unverschämteit den Boden aus dem Fass. Versteht Sie mich! Ein Glück noch, dass
wir vom Viertelkommissar erfuhren, dass Sie zur Excekution hinaus war, wir hätten
sonst gar nicht gewusst, wo Sie geblieben war.«
    »Wenn das die selige Frau Geheimrätin wüsste,« schluchzte das Mädchen, »das
war eine seelensgute Frau. Und wie oft hat sie gesagt: wenn wir nicht wären,
mein Mann kümmert sich gar nicht um die Kinder. Ja das hat sie gesagt, nicht
einmal, hundertmal. Und haben Herr Geheimrat jetzt auch nur einmal nach den
Kindern gefragt? Das eben aber sagten die selige Frau Geheimrätin: er hat kein
Herz für sie! und es war eine Frau, so sanft wie die himmlische Güte, und viel
zu gut für diese Welt, und wer nur ihre stillen Tränen gesehen hat, die sie
Nachts vergoss, und darum nahm der liebe Gott sie zu sich, und sie würde sich im
Sarge umdrehen, wenn sie wüsste, dass der Herr Geheimrat mir darum solchen
Affront antun.«
    Charlotte musste die schwache Seite des Hausherrn kennen. Er wandte sich um,
und fuhr mit dem Taschentuche über das Auge, ob, um eine Träne abzuwischen oder
die Verlegenheit zu verbergen, lass ich ungesagt. An der Wand hing das Bild der
Verewigten, in sehr abgeblassten Wasserfarben gemalt, ein eben so abgeblasster
Immortellenkranz darum. Darunter hing eine andere Schilderei, eine Urne, mit
einer Trauerweide. Ein Genius senkte eine Fackel. Das Bild war auf Pappe
gezogen, und wenn man näher hinzusah, bemerkte man, dass in der Urne ein
Medaillon angebracht war, in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge
sich verschlangen. Der Geheimrat nahm es heraus und drückte es an seine Lippen.
    »O du Unvergessliche!« sagte er, noch einmal mit dem Tuch über die Augen
fahrend. Sein Zorn war gewichen; in weicherem Tone fuhr er fort: »Aber
Charlotte, wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie soll mich nicht daran erinnern. Ein
Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefühlen hingeben. Aber Sie weiss das
wohl, Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern, so tritt mir's in die
Augen. Sie führt sich auf, als wenn Sie die Hausfrau wäre - und ist doch nur
eine - Sie ist eine -«
    Dem Geheimrat war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten, was er daraus
fortzuwischen suchte, und darüber in Heftigkeit geriet. Es war der dicke Staub
aus der Schilderei, als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu
drücken bemüht war. Je mehr er im Aerger darauf schlug, so dichter puderte es
ihm ums Gesicht. »Aus dem Haus muss Sie, dass Sie's weiss,« schloss er, mit den
Augen beschäftigt, aus denen jetzt wirkliche Tränen, aber der Rührung, sich
pressten.
    »Ja, Herr Geheimrat, das werde ich auch, sobald Sie es befehlen,« sagte
Charlotte, die ihrerseits die Ruhe wieder gewonnen hatte. »Denn ich kenne meine
Schuldigkeit. Aber erst werde ich vors Hallesche Tor gehen, aufs Grab der
seligen Frau Geheimrätin, und die Kinder nehme ich mit. Da werde ich mit ihnen
weinen, und sie sollen die kleinen Hände falten und ihre Mutter bitten, dass sie
ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt, der sie in Schutz nimmt. Denn
wissen Sie noch, Herr Geheimrat, wie die selige Frau Geheimrätin auf dem
Todtenbette lagen! Kreideweiss das Gesicht! Ach Jesus, was wird aus meinen
Kindern! ja das hat sie gesagt!«
    »Charlotte!« sagte der Geheimrat, »Sie weiss, dass ich meine selige Frau
innigst geliebt habe, aber die Welt gehört den Lebendigen, sagt der Dichter, und
die Todten soll man ruhen lassen.«
    »Die selige Frau Geheimrätin sollen wohl Ruhe haben, wenn sie aus dem Grabe
sehen, wie's hier oben zugeht! Die Frau Geheimrätin, Ihre Schwägerin, kommt
auch nicht so oft ins Haus. Aber ich werde mich wohl hüten, und mir die Zunge
verbrennen wie damals und sagen was ich denke. Aber was die selige Frau
Geheimrätin denkt, wenn die Geheimrätin Schwägerin den Kleinen Zuckerbrod
bringt und sie über den Kopf streichelt, das weiss ich.«
    »Meine Schwägerin ist eine sehr respektable Frau, Charlotte.«
    »I Herr Jesus, wer redet denn auch gegen sie? Aber den Blick vergess ich
nicht, auf ihrem Todtenbett, wie die selige Frau zurückschauderte: Ach wie sieht
sie die Kinder an! sagten sie, nämlich die Frau Geheimrätin auf dem Todtenbett.
Und so riss sie die Kinder an sich und dann sagte sie: Ach sie hat so spitze
Finger!«
    »Das waren Visionen, sie war im hitzigen Fieber.«
    »Aber die Frau Geheimrätin Schwägerin verknifften ordentlich den Mund und
sagten: Mein Gott, als ob ich mich um die Bälger risse! Und dann sagte die
Sterbende, und da war sie nicht mehr im Fieber: die Charlotte, die hat
wenigstens ein weiches Herz! - und da hatte die Selige recht, und ich habe die
Kinder lieb gehabt, als wenn's meine eigenen wären, und wenn's nicht die Kinder
wären, i da wäre ich ja schon längst aus dem Hause, wo man so mit mir umgeht.«
    Dem Geheimrat schien unangenehm zu Mute zu werden, da Charlotte in einen
Tränenstrom ausbrach, der nicht mehr zu stillen schien.
    »Es war ja auch nicht so gemeint,« sagte er endlich, - »Sie soll ja nicht
auf der Stelle fort, ich meinte nur -«
    »Es werden sich schon Andere finden, - o das weiss ich, - ich weiss auch wer.
Und wenn die Selige das von oben sieht, wie die Schwägerin mit ihren spitzen
Fingern die Kleinen liebkost, dann wird sie Nachts vor des Geheimrats Bette
treten, und was sie ihn dann fragen wird -«
    »Halte Sie doch das Mau -! Charlotte - liebe Charlotte, Sie ist echauffirt.«
    Das Kindermädchen war echauffirt, es liess sich nicht in Abrede stellen. Es
waren auch Gründe dafür.
    Aber der Geheimrat liebte nichts Echauffirtes, nämlich wenn es ihn in
seiner Ruhe inkommodirte. Er suchte sie zu beruhigen; er erklärte die Kündigung
für eine Aufwallung, ein Echauffement. Indem er sagte, solche Dinge müsse man
bei kaltem Blute überlegen, schob er den Stein des Anstosses etwas weiter auf den
Weg.
    Da schien ein Friede geschlossen, wenigstens ein Waffenstillstand; Charlotte
weinte nur noch still, der Geheimrat seufzte und mochte wieder an Anderes
denken, als er sich erkundigte, was denn die Kinder machten? Gleich darauf fiel
ihm noch etwas anderes ein.
    »Aber, Charlotte, sage Sie, wie kam Sie nur darauf, und mit den Kindern!
vors Tor zu laufen, dahin! Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergnügen,
habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt, es ist gegen die Humanität, ein
Schauspiel, woran nur der rohe Pöbel Vergnügen finden kann.«
    »Sie haben schon ganz Recht, Herr Geheimrat, aber Sie hätten die Person
sehen sollen, die Marianne; ganz schlooseweiss war sie, vom Kopf bis zum Fuss, und
wie sie die Augen niederschlug, die Hände hielt sie so vor sich gefaltet! Und
der Herr Prediger sass neben ihr, und noch oben sprach er mit ihr, und dann
küsste sie ihm die Hand und knixte noch einmal vorher gegen uns Alle. Und die
vornehmsten Herren in Tränen. Ach Herr Geheimrat, es war Ihnen etwas, ich sage
Ihnen, es ging einem durch Mark und Bein, und Manche dachten, ach wenn du doch
auch so sterben könntest, so den Herrn Prediger neben sich und ganz weiss, und
Blumen, und die Putzmacherin, Mamsell Guichard an der Stechbahn, hatte ihr ein
Tuch mit Spitzen geschenkt und die vornehmsten Personen weinten. Und ich habe
sie auch gekannt die Marianne, und eiedem war sie keine schlechte Person.«
    »Sie hat mir davon erzählt. Aber nun ist sie eine Kindesmörderin.«
    »Und das ist schlecht von ihr, Herr Geheimrat; das wird auch kein Mensch
abstreiten. Und wir haben's ihr alle vorhergesagt. An solchen Kerl sich zu
hängen! Er war noch nicht einmal königlicher Stallknecht, da konnte er noch
lange dienen. Und wenn er's geworden, ob er sie dann geheiratet hätte! Wenn's
denn doch einmal sein sollte, wär's nur ein anständiger Herr gewesen, sagte ihre
Tante. Der hätte doch fürs Kind bezahlt, und wenn er nicht wollte, da ist das
Stadtgericht! Das weiss ich ja von meiner Cousine. Heiraten oder bezahlen!
sagten der Herr Präsident. Da hat er auch gezahlt jeden Ersten, der Herr
Hoflackirer, und wenn's bis zum Dritten nicht da war, auf der Stelle Exekution,
jeden Monat. Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen. Gleich
gezahlt, o 's ist ein sehr reputirlicher Herr, das muss man ihm nachsagen, und
wenn's dritte kommt, wer weiss, ob sie dann nicht schon unter der Haube ist. Denn
seine Alte wird's ja nicht mehr lange machen, die hat er nur mit dem Geschäft
geheiratet. Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen? Ist ja sein purer
Profit. Er kommt viel wohlfeiler fort, als wenn er Alimente zahlen muss. Aber ein
Begräbnis wird er seiner Alten ausrichten - na, da könnte sich mancher
Geheimrat schämen. Nein, das muss man ihm nachsagen, lumpen lässt sich der Herr
Hoflackirer nicht; ist ein sehr reputabler Herr. - Und, wie gesagt, hübsch war
die Marianne, so blass und schön, und das Kind, blutrot hat's wie 'ne Schnur um
den Hals gehabt.«
    »Und meine Kinder hat sie mitgenommen. Die unschuldigen Würmer! Sie Person
Sie!«
    »Aber Herr Geheimrat, ich weiss auch nicht, wie Sie mir vorkommen. Es ist ja
nur, dass die Kinder es einmal gesehen haben. Das ist ja fürs ganze Leben. So was
kriegen sie nicht wieder zu sehen. Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet
werden.«
    »Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt?«
    »Sie können's mir ganz gewiss glauben, Herr Geheimrat. Das ist die letzte
Hinrichtung, hat der König gesagt. Und sie haben ihn beinah zwingen müssen, dass
er nur die Feder in die Hand nahm. Die junge schöne Königin hat geweint. Und da
hat er sie gefragt: Aber Louise, warum weinst Du denn? Denn unter sich sagen sie
immer du! und es kommt Einer zum Andern, ohne dass die Kammerherren anklopfen und
sie melden, und darüber ist die Hofmarschallin, die alte Gräfin Voss, ganz
aufgebracht. Aber das tut nun nichts. Es wird Alles noch ganz anders werden,
sagen sie; und gar nicht wie beim Dicken. Die Livreen werden auch anders. Und
alle Menschen sollen Brüder sein, und alle Frauenzimmer Schwestern ...«
    Der Geheimrat intonirte, wie durch eine Erinnerung geweckt, plötzlich das
Lied, indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug:
»Wir Menschen sind ja alle Brüder.
Vereinigt durch ein heilig Band,
Du Schwester mit dem Leinwandmieder,
Du Bruder mit dem Ordensband!«
    Das Kindermädchen warf einen schlauen Blick: »Gestern hinterm Gitterfenster
auf dem Hofe - da sangen's Herr Geheimrat viel lauter.«
    Die Erwähnung schien dem Geheimrat unangenehm: »Das versteht Sie nicht. Es
ist allerdings gegen die Humanität, einen Menschen ums Leben zu bringen. Aber,
wie gesagt, das versteht Sie noch nicht, und das ist nur unter uns, und wie
sollten wir denn die Spitzbuben los werden und die atrocen Menschen. Lass Sie
sich also so was nicht einbilden, und die Königin -«
    »Ja, Herr Geheimrat, die Königin, das weiss ich express von Jemand, der es
weiss, vom Commissar die Köchin, die hat beim Doktor, der die Hoflakaien kurirt,
vorher gedient, und da hat sie's von der Mamsell, die beim Hofmarschall ist, mit
eigenen Ohren gehört, zum König hat sie's gesagt, die Königin, sie könnte ihm ja
keinen Kuss geben, weil seine Hände voll Blut wären, und nur diesmal, hat er
gesagt, hätte er's tun müssen, weil's eine Kindesmörderin wäre, nämlich von
wegen des Beispiels, weil's sonst Alle täten. Aber dann soll Keiner mehr
geköpft werden, und dies ist das letzte Mal, und darum verdienten's wohl die
Kinder, dass ich sie hinführte, denn es soll auch gar kein Blut mehr fliessen, und
kein Krieg mehr sein, auf der ganzen Welt nicht, und der König hat's gesagt.«
    »Aber sage Sie mal, Sie ist doch eine vernünftige Person« - der Hausherr war
aufgestanden, um ihr zu beweisen, dass sie diesmal unvernünftig sei. Das ist
überall eine schwierige Aufgabe, wo die Person, welcher man es beweisen will,
sich für vernünftig hält. Sie musste überdem eine gute Royalistin sein; denn auf
die Vorstellung des Geheimrates, dass so etwas gar nicht in des Königs Macht
stehe, ja nicht in des Kaisers, auch nicht in der Macht des grossen Feldherrn und
Konsuls der Franzosen, erklärte sie, wozu denn ein König wäre, wenn er das nicht
mal könne! Der König könne aber noch weit mehr, wenn er nur wolle; es gäbe aber
Personen, die viel klüger sein wollten, als der König, und alles besser wissen
und machen, und sie wisse auch, was sie gehört, und könnte manches sagen was
Mancher nicht gern hörte. Und wer nur gestern Abend sein Ohr aufgehabt hätte im
hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht, was die Gefangenen gesungen.
Davon könnte manches Vögelchen Lieder singen, die Manchermann gar hässlich
klingen würden!
    »Sie unverschämtes - ich glaube gar, Sie hat getrunken!«
    »Ich getrunken! Habe ich das um den Herrn Geheimrat verdient, als ich
gestern Abend gar nicht sah, wie Sie die Treppe herauskamen, die kleine
Hintertreppe, und nicht wussten, wo die Tür war? Ich getrunken! Ein Glas
Weissbier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz Louis-Dragonern vor, und
das trank ich, der Kinder wegen, denn wir waren ausser Atem, weil die Leute so
grausam drängten, und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder über die
Lyceumshecke, und ich quetschte mich durch die Hecke, und da sagte der
Wachtmeister, ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm über die Lippen nehmen,
weil ich so echauffirt wäre. Das kann der Wirt im blauen Himmel bezeugen; der
sagte, wir zerträten ihm seine Hecke und er war betrunken. Aber wo wären wir
alle, und die lieben Kinder, die schrien, dass es ein Gotts Erbarmen war; aber
der Wachtmeister gab's dem Wirt, dass er mäuschenstill ward. Ich hätt's nicht
geraten, mit dem anzufangen. Er hat die Rheincampagne mitgemacht und trägt noch
eine Kugel in der Schulter, Alles für seinen König! sagt er, und wenn Friede
bleibt, kriegt er eine Civilanstellung.«
    Es war eine Veränderung in dem Geheimrat vorgegangen. Von Zorn keine Spur
mehr in seinem Gesichte, als er aus der emaillirten Dose ein lange Prise Spaniol
nahm, und mit dem Battisttuch den Tabak, der sich ausgestreut, von den
Kleidungsstücken abklopfte, und »Ja, ja, so geht's in der Welt!« sagte. Man sah,
zwischen Beiden hatte ein langer Verkehr eine Verständigung hervorgebracht, die
gewissermassen in hieroglyphischen Ausdrücken sich Luft machte. Und Jeder
verstand den Andern. Offenbar war er an etwas erinnert worden, was er nicht
liebte, und ebenso offenbar, dass Charlotte auf einen andern Gegenstand
übergesprungen war, entweder, um ihm die Verlegenheit abzukürzen, oder weil
dieser Gegenstand für sie einen Zweck hatte.
    Und doch schien der Geheimrat nicht recht zu wissen, was er sagen sollte,
indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug. »Ja, sieht Sie,
Charlotte,« sagte er, »wer das wüsste, ob Friede bleibt, oder's wieder losgeht.
- Und hat Sie auch das bedacht, ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall« -
wollte er sagen, oder hatte es gesagt -
 
                                Zweites Kapitel.
                   Die Geheimrätin mit den spitzen Fingern.
- Als die Seitentür aufging, und die Geheimrätin Schwägerin hereinrauschte.
    Rauschte, sage ich, denn ihr hellseidenes Kleid, obgleich die Schleppe
abgeschnitten, bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr.
    »Ich hoffe doch nicht zu derangiren,« sagte die Dame, als der Geheimrat in
einiger Verlegenheit aufsprang, und die Spanioldose auf die Erde fiel. Wenn sich
Charlotte in Verlegenheit gefühlt, fand sie Gelegenheit, sie zu verbergen, indem
sie die Dose auflangte, und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schürze das
Zimmer verliess.
    »Wie kann meine teure Frau Schwägerin mich überraschen!« sagte der
Ueberraschte.
    »Die Ueberraschung ist nicht ganz meine Schuld, denn der Herr Schwager
hörten in dem konfidentiellen Gespräch, was ich zu meinem Bedauern stören
musste, nicht mein Klopfen. Da musste ich endlich, ohne auf die Invitation zu
warten, eintreten, denn ich liebe nicht das Lauschen.«
    Er drückte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und führte sie
auf das Canapé.
    Ob die Finger besonders spitz waren, kann ich für jetzt nicht sagen, denn
sie waren in Tricotandschuhen versteckt, und während die eine Hand an den
Lippen des Geheimrats ruhte, umfasste die andere den Fächer, um das Spiel zu
beginnen, was bei einer Konversation auf dem Canapé notwendig ist.
    Aber das ganze Gesicht war, was man spitz nennt. Vielleicht hätte man auch
die kleine Gestalt der Dame so nennen mögen, indes war ein Etwas darin, entweder
nenne ich es Anmut oder Elasticität, was diesen Eindruck verwischte,
Alabasterarbeit hätte ein Dichter oder Künstler gesagt, der erst der Hauch des
Gedankens oder Gefühls Farbe und Bewegung gibt. Weder jung noch alt, weder
schön, noch eigentlich hübsch, konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen
Augen, wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen, anziehen.
Es war schwer zu sagen, wovon diese Blicke sprachen, ob von Verstand, Gefühl,
Sinnlichkeit, ob sie stachen, suchten, lockten, ob sie aus einer beglückten oder
zerissenen Brust kamen. Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen, nur
nicht den der ursprünglichen Wahrheit, jenen Glanz, der auf den ersten Blick
einnimmt und überzeugt. Man sah in diesen Augen, dass sich die Gedanken und
Gefühle erst sammeln mussten, um ihrem Blick den Ausdruck zu geben, den sie
wollte. Es war überhaupt etwas Besonderes in der Frau; es lag in ihrem Wesen
Ruhe und Unruhe. Man konnte sie in diesem Augenblick für sehr bedeutend, im
nächsten für ein gewöhnliches Weib halten. Ihre Kleidung war einfach aber
gesucht; zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal,
das Mode geworden. Kurze eng anschmiegende Aermel, ein weit ausgeschnitten Kleid
mit kurzer Taille, die eine rosaseidne Schärpe noch mehr hervorhob, aber ein
Ueberwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der
griechischen Nackteit wieder zu verbergen.
    Der Geheimrat entschuldigte sich wegen seiner Toilette. Er hatte Ursache.
Die Geheimrätin sagte lächelnd, sie hätte für dieses Aeusserliche keinen Sinn.
Aber während er seine Füsse in den Pantoffeln zu verstecken suchte, ohne sich
doch der Bemerkung entalten zu können, dass er sich von ihnen nicht trennen
könne, weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wären, verbarg die
Geheimrätin keineswegs ihre sehr zierlichen Füsse auf dem Schemel, als sie mit
der sanften, fast süssen Stimme, durch die nur zuweilen ein seiner, schneidender
Ton fuhr, sagte:
    »Man muss gestehen, dass der Herr Schwager die Treue gegen die selige
Geheimrätin bis zum Exzess kultiviren.«
    »Und wie geht es denn meinem teuren Bruder, dem Geheimrat?« seufzte er.
»Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ach Gott, wir Geschäftsmänner!«
    »Er ist in seinen Büchern vergraben.«
    »Er kultivirt nicht das Leben,« fiel der Hausherr ein. »Ich hatte immer
gehofft, dass eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben würde.«
    »Passons là-dessus,« sagte die Geheimrätin, mit einer eigentümlichen
Bewegung des Fächers. »Ich begreife freilich zuweilen nicht, warum eigentlich
die Männer auf der Welt sind, die sich nichts aus ihr machen. Aber ich bin
gewissermassen in seinem Auftrage hier.«
    »Von einem Gelehrten wie er weiss ich diese Attention zu schätzen. Warum
musste er aber neulich wieder ablehnen? Zu einer einfachen Suppe, à la fortune
du pot, ein Paar gute Freunde nur.«
    »Lupinus sagt, er verdirbt sich bei Ihnen immer den Magen.«
    »Scherz, Scherz! Spanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen, auch
ist mein Malaga, mein Hochheimer, kein Falerner. Nichts als was ein armer Mann
bieten kann. Müssen uns alle nach der Decke strecken, aber herzlich gegeben und
- gut gekocht.«
    »Wenn Ihre Charlotte will, kocht sie trefflich,« sagte die Geheimrätin mit
einem jener Blicke, von denen wir sprachen - »Sie werden sich schwer von ihr
trennen können,« setzte sie langsam hinzu. »Sie werden sich vielleicht nie von
ihr trennen wollen.«
    Der Blick und die Beobachtung hatten für den Geheimrat etwas, was ihn aus
seiner Ruhe brachte.
    »Liebste Schwägerin, in meiner Lage - in meinen Dienstverhältnissen,
begreifen Sie, muss ich dann und wann kleine Diners arrangiren - man muss sich
Freunde - man muss die Gönner warm halten. Einer hilft dem Andern. Es geht einmal
nicht anders.«
    »Das begreife ich vollkommen,« sagte die Schwägerin mit dem gedehnteren
Tone, »aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schüsseln beim Koch Corsika.«
    »Das wohl, in der Regel wenigstens, - indessen -«
    »Essen Sie auch gern zu Hause gut. Und damit Sie immer gut gekocht bekommen,
ist Ihnen darum zu tun, dass Charlotte immer bei guter Laune ist. Der Kalkul ist
richtig, nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht, wenn sie einen andern macht
-«
    »Welchen, meine verehrteste Schwägerin?«
    »Mon beau-frère,« sagte die Geheimrätin, mit dem Fächer einige kurze
bedeutungsvolle Schläge durch die Luft führend, »die Familie hofft, dass Sie ihr
nicht den Chagrin antun werden, die Person zu heiraten.«
    Der Geheimrat wurde rot, aber nicht sehr, er klatschte mit beiden flachen
Händen auf die Kniee und seufzte: »Ja - man wird doch auch mit jedem Jahr älter.
Und eine Pflege wie ich sie nur wünschen kann.«
    »Herr Geheimrat, aber eine Mesalliance!«
    »Mais, ma belle soeur! Adam war unser Aller Vater. Neulich am Klavier, ich
hätte meine Schwester embrassiren mögen, Sie sangen es zu allerliebst:
Als Adam grub und Eva spann
Wer war denn da - der erste Geheimrat?«
    Er begleitete es durch ein angenehmes Gelächter.
    »Es ist also vollkommener Ernst!«
    »Ernst, teuerste Schwägerin! Ich hielt' es für einen deliciösen Scherz,
wenn es von der Kanzel stürzte: Der königliche Herr Geheimrat Lupinus mit der
ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine, Katarine, Tochter des ehrbaren -, was
weiss ich, wer ihr Vater war, wenn sie einen hat. Ma belle soeur, wie hätten sie
die Köpfe zusammen gesteckt, wie wären sie aus dem Dom gestürzt! Diese Gruppen
unter den Pappeln, Nachmittags die Kaffeeklatsche. Und nun denken Sie sich,
Schwägerin, Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten! Vierzehn Tage
kein ander Gespräch. Und das Hochzeitmenuett! Sanft gebannt - an ihre Hand -
durchs Leben - schweben!«
    Die Dame war sehr ruhig geworden: »Mais, mon beau-frère, warum haben Sie es
aufgegeben?«
    »Mon Dieu, wer sagt Ihnen, dass ich es aufgab!«
    »Ein witziger Einfall, über den man nachdenkt, ist keiner mehr.«
    »Es geht doch nichts über einen sublimen Verstand. Ich werde mich hüten, sie
zu heiraten.«
    »Ich bin jetzt ganz getröstet, wenn Sie es tun. Wirklich, lieber Schwager.
Die Person hat gute Eigenschaften und Ihre Erziehung -«
    »Wenn ich sie heirate, ist die Erziehung aus,« zischelte er ihr laut ins
Ohr. »Sobald der Hochmutsteufel in sie schiesst, kocht sie nicht mehr, pflegt
mich nicht mehr. Kurzum sie ist nicht mehr was sie ist, und darum müsste mich ja
der - Excus! wenn ich meine gute Charlotte aufgäbe, um eine schlechte
Geheimrätin draus zu machen. - Man wirft so gemütliche Redensarten hin,
möglich, es könnte sein - wenn nur nicht das und das wäre, wünscht ihr den
besten Mann, aber klopft ihr auf die Schulter, sich nicht zu übereilen, es würde
sich wohl noch alles anders und besser finden, als Mancher denkt. Et caetera.«
    Nach einer Pause, während sie auf ihre spitzen Finger gesehn, sagte die
Geheimrätin: »Aber die Person ist auch klug. Sie merkt es. Lieber Schwager,
kein Mann ist so klug, dass nicht eine Frau, die er beständig um sich hat, ihm
die schwache Stunde abmerkt. Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer
Schwäche; es ist in der Natur. Entweder entschliessen Sie sich und heiraten sie,
oder brechen Sie schnell.«
    »Das kann ich nicht, c'est absolument impossible! 'S ist wahr, Corsika kocht
gut, 's kocht keiner so in Berlin. Das heisst en general - mais -! Was hilft mir
das, wenn die Gäste fortgehen und sagen: es war alles recht fein, aber man weiss
von nichts besonderm zu sprechen, nichts hat einen Eindruck hinterlassen. Das
ist gleichsam ein verlorener Tag. In der Charlotte, verzeihen Sie mir, ist ein
Genie. 'S ist nicht zu leugnen, Manches verdirbt sie, aber plötzlich mit einem
Elan hat sie eine Komposition gefunden, parbleu! Erinnern Sie sich noch des
Rebhühnerfricassés mit farcirten Trüffeln! Da war doch nur eine Stimme. Noch
acht Tage drauf, als wir bei Excellenz Schulenburg-Kehnert am Tisch sassen,
sprach Lombard davon. Sein Koch hat's versucht, der Englische Gesandte auch, es
schickten noch mehrere ihre Köche. Warten Sie - ça ne fait rien. Es hat's Keiner
rausgekriegt. Und wär's auch nur um Lombards Willen. Es war ein glücklicher Tag,
als er mir beim Abschied die Hand drückte. Ich weiss es, Lombard hat viele
Feinde, aber in der Freundschaft und - und in gewissen Ideen hat er eine gewisse
constance, persévérance. Man kann wohl sagen, 's ist ein Mann von einem nobeln
Esprit, ein Mann comme il faut.«
    »Schade, dass Lombard verreist ist,« sagte die Geheimrätin, »ich meine
schade für Sie.«
    Es war wieder ein so eigener Ton, eiskalt und bitter wie der Blick, der den
Geheimrat traf - und sie brach so scharf ab, dass die Wärme und Gemütlichkeit,
welche die Erinnerung der Trüffeln und Rebhühner angeregt, plötzlich gedämpft
war.
    »Mein Gott, belle soeur, Sie kommen -«
    »Von meinem Mann geschickt. Was ist denn das mit den Gefangenen in der
Vogtei, und den eingeschmissenen Fensterscheiben? Mein Mann hofft, dass Sie dabei
ausser dem Spiele sind.«
    Wir wissen, dass diese Erinnerung für den Geheimrat zu den unangenehmen
gehörte. Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue
Runzeln. Er schlug auch etwas die Augen nieder.
    »Ma belle-soeur wissen, dass ich immer ein Herz habe für die Leiden der
Menschheit. Was an mir ist, tue ich, um das Schicksal der armen Gefangenen zu
erleichtern.«
    »Sie sollen unerhörte Freiheiten geniessen. Neulich bei Präsident Kircheisen
ward behauptet, sie kämen Abends frei zusammen und spielten Hazardspiele, ja
Einer hielte förmlich Bank.«
    »Um die Humanität zu fördern drücke ich ein Auge zu. Die inneren Türen
lassen sie sich zuweilen aufschliessen. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein
sei, und unter Gottes Himmel sind wir Alle -«
    »Und zwischen den Mauern der Vogtei!« fiel die Geheimrätin ein. »Gestern
Abend -«
    »Sehn Sie, teuerste Schwägerin, da hatte ich eine rechte Freude. Sie
schickten eine Deputation an mich mit der Bitte, ihnen eine kleine,
gewissermassen religiöse Celebration zu gestatten. Da morgen, als heute, ein
menschliches Mitwesen, eine irrende Schwester, gewaltsam aus dieser Welt
gerissen werden sollte, wollten sie den Abend nicht ohne stille, ich möchte
sagen sympatetische Betrachtung hingehen lassen. Ich war wirklich gerührt über
dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern, wie ich sie gern nenne.«
    »Sie waren also selbst bei dem - sogenannten Festin?«
    »Sie erzeigten mir die Ehre mich einzuladen. Ach, aber so bescheiden. Und
ich versichere Sie, ich fand eine Stimmung, die einer Kirche Ehre gemacht. Und
die Arrangements so sinnreich und einfach. Der Regimentsquartiermeister, der bei
der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte
- ein unglücklicher Mensch, er mag geirrt haben, wer irrt nicht! - konnte um
lumpige 10,000 Taler die Quittungen nicht aufweisen! Lieber Gott, wenn man für
Alles Quittungen verlangte, was zur Zeit der Comtess Lichtenau ausgegeben ist!
Ein charmanter Mann sonst, sage ich Ihnen, von so philosophischer Ruhe. - Das
kleine Zimmer war griechisch drapirt, et aussi un peu gotique. Hinten ein
Opferaltar; in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel, aus welchem
das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte. Der Rendant vom Salzsteueramt
-«
    »Der in Hamburg ergriffen ward, als er sich einschiffen wollte?«
    »Ein Opfer der Missverständnisse. Er hatte die beste Absicht, von London aus
den kleinen Irrtum auszugleichen, - sonst ein Mann von Charakter, sublimen
Ideen, ist auch Maçon. In einem weissen Talar, eine Binde um die Stirn, hielt er
eine Rede; ich wünschte, Sie hätten sie gehört; wie liess er die irrende
Schwester beten! Ach aber, wie das kleine Kind, das der Mutter voraufgegangen,
die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach: Mutter, Dir ist vergeben!
die Seligen warten auf Dich! - da blieb kein Auge trocken.«
    »Und nachher haben sie getrunken?«
    »Die Gesellschaft hatte einige Flaschen besorgt. Das Herz schloss sich
unwillkürlich auf. Man durfte sich doch nicht lumpen lassen. Ich liess ein
Dutzend Hochheimer bringen. Ich sage Ihnen, diese Empfindungen, die sich da
aufschlossen! Da war doch kein böser Gedanke, nichts als die reinste, allgemeine
Menschenliebe, und wäre nicht der verlorene Mensch, der Sohn des Geheimrats
Bovillard, dazwischen gekommen, so wäre auch alles ganz gut abgelaufen.«
    »Lässt ihn der Vater noch immer einsperren?«
    »Nein, er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem
Gensdarmerie-Offizier. Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie
in meiner Gesellschaft. Indessen man hat doch Rücksichten wegen des Vaters.«
    »Gewiss, und sehr ernste.«
    »Und unser Hofrat Süssring, Sie kennen den exzentrischen Kopf. - Bös ist er
nicht, nur wenn er etwas im Kopfe hat. Ich vergass Ihnen zu sagen, man war so
froh geworden, man sah das Opferfeuer brennen. Man wollte sich daran wärmen. Man
machte den Vorschlag, an der Flamme das Getränk der Freiheit zu brauen, das
aromatische der Engländer, das unser Schiller so herrlich besungen hat -
Vier Elemente, innig gesellt!«
    »Man kochte eine Bowle Punsch, das weiss ich auch, und sehr starken.«
    »Süssring, der eigentlich in Glatz sitzen soll, aber er ist kränklich und
kann die freie Bergluft nicht vertragen. Belle-soeur wissen ja, durch welche
Konnexionen - und er ist auch eigentlich unschuldig. Es war nur der Punsch.
Sprang er plötzlich auf den Tisch -«
    »Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden.«
    »Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein, die Eisenstäbe sollte man
zerbrechen und die Schwerter auch, und als er das Lied sang und wir einfielen:
Allen Sündern soll vergeben
Und die Hölle nicht mehr sein!«
    »Da schmissen sie mit den Gläsern die Fenster ein.«
    »Nein, da sprang Bovillard erst auf den Tisch. Den eigentlichen Zusammenhang
weiss ich wirklich nicht mehr, aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge
Mensch: wenn wir die Hölle zerstörten, wo wir denn bleiben wollten! Nun, ich
sage Ihnen, einen Gallimatias plein de romantique, dass uns Hören und Sehen
verging.«
    »Ich glaube Ihnen wirklich, dass Sie beides nicht mehr konnten.«
    »Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestört -
meine Schwester, das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll
Harmonie der Seelen. Und der Mond stand draussen und schien so friedlich durchs
Gitterfenster.«
    »Der Mond wird auch vermutlich stehen geblieben sein,« sagte die
Geheimrätin aufstehend, »wo blieben denn aber der Herr Schwager?«
    Sie machte Miene zum Gehen und er beugte sich, um wieder ihre Hand an die
Lippen zu führen: »Homo sum, nil humani a me alienum puto, sagt Terenz,
teuerste Schwägerin. Fragen Sie meinen Bruder, was das heisst. Im Uebrigen -
abgeschüttelt!«
    »Meinen Sie, Geheimrat? In der Stadt ist man anderer Meinung. Man spricht
davon, dass Sie die Ihnen obliegende surveillance über die Gefangenen schlecht
beobachtet.«
    »Man hat schon viel über mich gesprochen. Qu'importe!«
    »Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht. Auch im Palais. Auch wenn der
König entrüstet ist. Auch wenn Kabinetsrat check auf der Stelle an den
Justizminister schreiben müssen, dass die Sache untersucht wird. Herr Schwager,
es ist kein Spass, warum ich hier bin, es handelt sich um Ihre Existenz.«
    Der Geheimrat war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen
Berührung. Sein Gesicht war blass, seine Vollmondswangen schienen wie welk
herabgesunken. Er öffnete die Lippen und wollte sprechen, aber die Zähne, die in
eine unwillkürliche Berührung gerieten, stammelten nur die Formel: »Mein
allerdurchlauchtigster König, mein allergnädigster König und Herr!«
    »Ist eine Natur, die wir Alle eigentlich noch nicht kennen, aber in gewissen
Dingen hat er sich ausserordentlich streng gezeigt.« So sagte die Geheimrätin
Schwägerin, die ruhig vor dem Zerknickten stand.
    Der Geheimrat stammelte noch etwas von geheimen Feinden, und nachdem er
einige Schritte getan, fiel er auf seinen Armsessel.
    »Von Feinden weiss ich nichts,« sagte die Schwägerin, »im Gegenteil, Sie
haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht, und es trifft sich nur sehr
unglücklich, dass Lombard nach Frankreich ist. Aber sich in den Sorgenstuhl zu
werfen, ist nicht Zeit, mon beau-frère! Ihre Freunde können wenig, Sie müssen
selbst etwas tun, und auf der Stelle. Ihr Zopf ist noch gut, die Frisur passirt
für den Abend. Werfen Sie sich in Ihr Habillement.«
    »Mein Gott, doch nicht zu Seiner Majestät!« rief er aufspringend und rang
die Hände.
    »Auch nicht zum Justizminister. Ich rate Ihnen auch nicht, Haugwitz zu
inkommodiren. Aber zu Bovillard müssen Sie. Schnell, schnell, Herr Geheimrat.
Er vertritt Lombard beim Minister Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet.«
    »Zu Bovillard! ja, zu Bovillard! Aber, mein Gott, was wird er sagen!«
    »Wenn Sie von seinem Sohne sprechen, wenn Sie auf ihn die Schuld schieben
wollen, würden Sie alles verderben. Sie müssen ihn ganz ignoriren. Verstehen Sie
mich; diese Schonung kann nur den Vater gewinnen, denn Vater bleibt er. Dass er
von ihm erfahren soll, überlassen Sie Andern. Sie exkulpiren sich nur für sich.
Das Wie überlass ich Ihrem Genie, wie Sie jetzt Ihrer Toilette.«
    Sie war hinausgerauscht und der Geheimrat wankte nach seinem
Kleiderschrank.
 
                                Drittes Kapitel.
                                Eine Heimfahrt.
Die Geheimrätin stieg die Hintertreppe hinab, auf der sie gekommen. Sie ging
langsam, oft, schien es, in Gedanken versinkend.
    Auf dem Podest blieb sie stehen, von wo man einen Blick durch ein
Wandfenster in die Küche hat. Charlotte spielte mit den Kindern, oder vielmehr
die Kinder spielten mit Charlotte. Sie zupften sie vom Herde fort. Malwine
wollte ihr etwas ins Ohr sagen, derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den
Herd und schüttete die Salzmetze in die Kasserolle. Malwine fing plötzlich an zu
lachen und ätschte das Mädchen aus, Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf
ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen. Sie sträubte sich,
schimpfte und suchte den Alp los zu werden, die Kinder tobten, sie schlug.
    Eine charmante Erziehungsscene, dachte die Geheimrätin und unwillkürlich
entschlüpfte es ihren Lippen: »Es wäre eigentlich nicht so übel, wenn der liebe
Gott die Kinder zu sich nähme!«
    »Warum den inkommodiren!« sagte eine Stimme dicht hinter ihr. Ein Fremder,
in seinen Mantel geschlungen, der vom Regen triefte, stand auf der Stufe neben
ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt, als er vom Hofe die Treppe heraufkam. Auch
erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht, das
Gesicht zu sehen, als er im Vorbeigehen den Hut lüftete. Es lag etwas
Unheimliches für sie in der Begegnung. Wer lässt sich gern in seinen Gedanken
belauschen.
    »Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäss war,« setzte der Fremde
hinzu.
    »Wie meinen Sie das?«
    »Der Mutwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen.«
    »Das einzige Unglück wäre doch nur, dass er heut Abend eine versalzene Suppe
auf den Tisch bekommt,« bemerkte die Geheimrätin, die, schnell zu sich
gekommen, ihre Unruhe nicht merken liess.
    »So treffe ich den Geheimrat zu Hause, was mir sehr angenehm ist,«
entgegnete der Fremde, noch einmal den Hut anfassend, um die Treppe
hinaufzusteigen.
    »Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm,« konnte die Geheimrätin sich
nicht entalten zu bemerken. »Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung,
um sich melden zu lassen.«
    »Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe.«
    »Auch wenn er zu Hause wäre, zweifle ich, dass ihm überhaupt Besuch gelegen
kommt, da er selbst im Begriff ist, einen zu machen.«
    »Ich weiss es,« entgegnete der Fremde, »und wenn auch nicht mein Besuch, wird
ihm doch mein Rat nicht ungelegen kommen. Ich habe die Ehre, mich der Frau
Geheimrätin gehorsamst zu empfehlen!«
    »Seltsam!« sprach die Geheimrätin für sich, als der Fremde mit sichern,
leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war. »Er kennt mich. Wer ist er?
Er kommt gewiss in der Angelegenheit - was kann er aber für Rat bringen!«
    »An der Hoftür stürzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen. Ihre Kutsche
hielt auf der Strasse vor der Haustür. Sie überlegte, ob sie einen Versuch
machen sollte, durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen
trockneren Weg nach dem grossen Hausflur zu suchen, als ihr Bedienter mit einem
Regenschirm ihr entgegen trat. Auf ihr Befremden darüber, da sie beim Ausfahren
keinen mitgenommen, antwortete der Diener, der fremde Herr, welcher eben
durchgegangen, habe ihm den seinen zurückgelassen, mit der Bemerkung, ihn für
die Frau Geheimrätin zu benutzen, damit sie über den Hof in ihren Wagen könne.«
    »Kennt Er den Herrn?« fragte sie beim Einsteigen.
    »Ich habe ihn nie gesehen.«
    »Seltsam!« wiederholte die Geheimrätin nachdenkend. Nicht alle Gedanken
drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus, und in einer dunklen Kutsche, nur
erhellt von einem ungewissen Laternenlicht, wenn der Regen gegen die Fenster
schlägt, lässt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen. Dem Dichter ist es
indes zuweilen vergönnt, eine andere Sonde in die Brust zu senken, wie er ja
auch Geister und Träume citirt, wo er der Vermittler zwischen dem Reich des
Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf.
    Sie sann dem Fremden nach. Seine äusseren Umrisse waren ihr verwischt, nur
war es ein blasses Gesicht mit scharfen, tiefliegenden Augen, dessen konnte sie
sich entsinnen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Doch es waren damals viele
Fremden in Berlin; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches. Aber
was wollte er bei ihrem Schwager? Wirklich einen guten Rat geben? Wenn auch der
Geheimrat nicht eben persönliche Feinde hatte waren doch Viele, die auf sein
einträgliches Amt lauerten. Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen,
gerade ihrem Schwager zu helfen! Aber sie vertiefte sich im Aufzählen, wer wohl
ihm auf den Dienst lauern könnte, bis ein leises Gelächter aus ihren feinen
Lippen brach.
    Die Geheimrätin fragte sich, woher denn ihr eigener Anteil an dem Geschick
des Geheimrates kam? - Achtete sie ihn? liebte sie ihn? Oder weil er der Bruder
ihres Mannes war? Was war ihr ihr Mann? - Ein Mann, der sich in seiner
Bücherstube vergrub, wo die Welt umher für ihn lachte!
    Man hätte jetzt eine Röte sehen können über ihr blasses Gesicht steigen.
Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung, darum Intriguen, damit eines
ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme! Sie kam sich selbst in dem Augenblick
so ordinair vor.
    Die Kutsche hielt vor ihrem Hause. Der Diener öffnete den Schlag. Er schien
aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen. Sie warf einen Blick auf die
erleuchteten Fenster: »Herr Geheimrat erwarten Frau Geheimrätin zum Piquet.« -
Sie hatte schon einen Fuss auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick
stehen, als tue der Regen, der in unverminderter Heftigkeit fiel, ihr wohl,
dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl: »In die Komödie!«
    Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage. Es war
seit lange keine Hinrichtung vorgefallen. Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus
den Schenken zurück, es gab mancherlei Unruhe, kleine Aufläufe, Verhaftungen.
Der Kutscher zog es, der tobenden Menschenschwärme wegen, vor, durch eine der
Quergassen zu fahren, welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden. Auch
hier stopften sich die Fuhrwerke, und die Dame hatte Gelegenheit, durch die
Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten, was Frauen ihres Standes sonst
nicht aufsuchen - an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der
kleinen Häuser die Schönheiten, welche sich den Vorübergehenden zur Schau
stellen.
    Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab. Sie fühlte
auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen: Sie schlürfen des Lebens Glut in
vollen Zügen, aus einem Taumel in den andern gestürzt, kaum dazwischen
erwachend, bis sie verwelken und man sie fortwirft. Und das ist unser Aller Loos
- ob früher, ob später? Was kommt es darauf an. Wer nur sagen kann: er hat sein
Leben genossen!
    Das Komödienhaus war nicht gefüllt. Die Geheimrätin sass allein in ihrer
Loge. Ihr schien das Haus dunkel. Es war nicht dunkler als gewöhnlich. Die
Talglichter, die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte,
duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Teater von heut.
Man sah wohl damals schärfer, denn man sah mehr, aber das Licht kam aus der
Darstellung, versichern uns Die, welche aus jener Zeit das deutsche Teater
kennen. Für die Geheimrätin aber blieb es dunkel, obgleich Fleck als Odoardo
seine ganze adlige Kraft entfaltete, die spätere Händel-Schütz als Orsina das
Publikum entzückte. Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen,
das sie sich nicht erklären konnte; der jungen Schauspielerin, welche die Emilie
zum ersten Male gab, hätte sie nachhelfen mögen. Wenn sie sich Rechenschaft gab,
war es aber nicht die Schauspielerin, sondern sie hätte ihrer Rolle, ihrem
Charakter eine andere Richtung geben mögen. Ihre Phantasie beschäftigte sich,
eine welche andere Rolle Emilie spielen können, selbst glücklich und beglückend,
glänzend und Glanz um sich verbreitend, wenn sie den Pulsen folgte, die für den
Prinzen schlugen. Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der
stolzen Orsina, vermöge ihres Liebreizes, ihrer geistigen Vorzüge. Sie hatte es
in ihrer Macht, auch dieses Prinzen Wankelmut zu fesseln, und Tausende, ein
ganzes Land glucklich zu machen. Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoss,
der alle unglücklich macht und - die Törin bat selbst darum!
    Die Geheimrätin war gewohnt, in ihrer Loge Besuche zu empfangen. Entweder
zeigte sich heut kein Bekannter, oder sie hielten sich entfernt. In einer Loge
gegenüber, wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf sass, hörte das
Klappern der Logentür nicht auf. Ihr war diese Störung unangenehm, das
Schauspiel fing an sie zu langweilen. Sie besann sich, dass sie zwar die
Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen, aber auch nicht
abgelehnt hatte. Sie hatte nur gesagt, sie fürchte einer Migraine wegen nicht
erscheinen zu können. Sie hatte, oder wollte jetzt keine Migraine haben und
verliess die Loge.
    Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit. »Er zittert ja.«
    Sie hätte kaum nötig gehabt, sich nach dem Grund zu erkundigen, der
Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern, in welchen er auf
dem langen Doppelwege aufgestanden. Der zugigte Korridor hinter den Logen war
nicht geeignet, die Nasskälte zu vertreiben. Johann sagte, das Fieber sei noch
immer nicht ganz fort. Die Geheimrätin erwiderte nicht unfreundlich, er müsste
endlich etwas dazu tun.
    Der Regen goss noch immer in Strömen, als sie wieder in die Kutsche stieg und
Johann hinten auf. Der arme Mensch! dachte die Geheimrätin. Seltsam, dass es so
sein muss! Es musste so sein; über diesen Damm kam sie nicht hinweg, ja sie
lächelte über den närrischen Gedanken, dass sie Johann auffordern könnte, sich in
den Wagen zu setzen. Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach. Er litt
nicht vom Regen, sondern an einer inneren Krankheit, deren gelegentliche
Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten. Sie glaubte etwas von der
Arzneikunde zu verstehen und den Schluss ziehen zu dürfen, dass er nie vollständig
genesen werde. Was wird nun aus solchem Menschen? Eine Zeitlang hält man es noch
mit ihm aus. Wenn er aber immer wieder zurückfällt, muss man ihn entlassen. Dann
findet er wohl noch einen Dienst. Aber auf wie lange? Die neuen Herrschaften
werden nicht so lange Geduld mit ihm haben. Er wandert ins Krankenhaus,
vielleicht ins Spital, vielleicht auf die Gasse. Und wäre es ihm nicht besser,
wenn er durch einen Blutsturz, eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände?
Er ist auch eine verfehlte Existenz!
    Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen, dem die Ausdrücke fehlten, bis der
Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt.
 
                                Viertes Kapitel.
                         Hier politisch, dort poetisch.
Der Eintritt der Geheimrätin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen
Aufstand; es schien ein froher. Man hatte sie nicht mehr erwartet. Die Wirtin
und einige Damen embrassirten sie; die älteren Herren bemühten sich, ihr die
Hand zu küssen: »Nein das ist hübsch und liebenswürdig von Ihnen, uns doch noch
zu überraschen!« - »Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau
Geheimrätin,« sagte der Wirt. Ein Dritter: »Je später der Abend, so schöner
die Gäste.« Es war eine ansehnliche, aber etwas bunte Gesellschaft, vielleicht
eine, wo die Wirte auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben, welche
sonst sagen konnten: »Zu so etwas werden wir nicht eingeladen!« Die Geheimrätin
war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit. Man konnte auf den ersten Blick
annehmen, dass sie, wenn nicht an Stand und Vermögen, doch von Natur und Bildung
von feinerer Art, ein Wesen war, was man so gewöhnlich ein höheres nennt, wenn
es in Kreise tritt, die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewusst sind. Der Neid, den es
hervorruft, zeigt sich in der Regel erst dann, wenn dies vornehme Wesen seine
Eigenschaften geltend machen will. Dies war bei der Geheimrätin nicht der Fall.
Sie konnte nicht liebenswürdiger, bescheidener, gewissermassen harmonischer zur
Gesellschaft auftreten; sie bedauerte so sehr den Aufstand, den sie erregt.
    »Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen? Wir sind ihm zwar
unendlich verbunden, dass er sich entschlossen, unsere Frau Geheimrätin uns zu
gönnen, aber es wäre doch hübsch gewesen, wenn er sich selbst entschlossen. Das
hätte erst unsere Freude vollkommen gemacht.«
    »Sie tun meinem Manne Unrecht,« entgegnete die Angekommene. »Wenn es nach
ihm gegangen, wäre ich längst hier. Er kann es nicht sehen, wenn ich ein
Vergnügen seinetwegen entbehre. Aber liebe Frau Geheimrätin,« - die Wirtin
nämlich war auch eine Geheimrätin - »Sie glauben nicht, wie er jetzt mit
Arbeiten überhäuft ist, und ich sehe mit wahrer Angst, wie er sich dabei
anstrengt, dass sein Kopfleiden wieder heraustritt. So machte ich mir ein
Gewissen daraus, ihn heut zu verlassen. Aber er hatte keine Ruhe. Wir wollten
Piquet spielen; da legte er mit dem freundlichen Blicke, dem man nicht
widerstehen kann, die Karten weg, streichelte mir über die Backe und sagte:
Liebe Ulrike, ich werde viel mehr Ruhe haben, wenn ich Dich in heiterer, lieber
Gesellschaft weiss. Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen. Da kann man
denn nicht widerstehen.«
    »Man muss gestehen, unsere Frau Geheimrätin Lupinus ist das Muster einer
Hausfrau,« sagte der Wirt, »und diese Ehe eine exemplarische. Man wird nicht
viele in Berlin so finden.«
    »Mit Ausnahme jedoch!« sagte die Geheimrätin Wirtin, und die Geheimrätin
Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter: »Ich kenne eine Ausnahme. Was
unsere Ehe betrifft, so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen,
dass wir uns so innig verstehen, ohne es auszusprechen. Wir gehen eigentlich
Jeder seinen eigenen Weg, was gewiss zu Missdeutungen Anlass gibt, aber Jeder
fühlt für den Andern mit, er verfolgt ihn still in den Gedanken, Jeder ist
unsichtbar beim Andern. Wir wissen oft nicht, woher diese Sympatie kommt, doch
sie ist da. So in diesem Augenblick. Das Vergnügen, in dieser liebenswürdigen
Gesellschaft zu sein, ist mir gestört, weil ich weiss, mein Mann hat nicht die
Augen geschlossen und ruht nicht, wie er mir versprach, im Lehnstuhl aus,
sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen, er vergleicht zwei alte
Handschriften, er bückt sich über, er drückt die Feder, während der Angstschweiss
ihm von der Stirne träuft, weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht
erklären kann. Ich sehe das Alles so deutlich vor mir, wie den Pique-As in Ihrer
Hand -«
    Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck, den ihre
Rede gemacht. dabei kam ihr zu Sinn, dass die Gesellschaft ja durch sie vom
Spieltisch zurückgehalten werde. Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer
unzeitigen Herzenseröffnung.
    »Was kann eine schöne Seele Schöneres tun, als Andere ihre Empfindungen
mitempfinden lassen,« lispelte eine Seele, die sich wohl selbst für schön hielt.
    »Nennen Sie es lieber eine Schwäche,« schüttelte die Geheimrätin den Kopf.
»Die Welt will nicht, dass wir uns geben, wie wir sind, und die Welt hat im
Grunde Recht.«
    Nun aber hatte sie auch keine Ruhe, als bis die Herrschaften sich
niedergesetzt. Ein heiteres Vergnügen zu stören, erschien ihr immer wie eine
Todsünde.
    Sie hatte Recht. Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält, lässt sich
ungern stören, am wenigsten durch Hergensergüsse einer schönen Seele.
    Einige hatten die Geheimrätin schon immer für eine Clairvoyante gehalten;
die Clairvoyance war in der Mode. Andere meinten, sie sei nur von einer
ausserordentlich reizbaren nervösen Complexion. Man bedauerte sie, es gab wohl
auch Andere, die sie darum beneideten. Hier lobte man sie, wie schonend sie das
Verhältnis zu ihrem Ehemann darzustellen wisse, da Jedermann bekannt sei, ein
wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrat wäre. Sie sei gewissermassen
eine Märtyrerin ihres feinen Sentiments. Er bereite und gönne ihr kein
Vergnügen, was sie sich nicht abstehle. Eine Andere rief: »Und wie unrecht von
ihm, denn von ihr kommt doch das Geld!«
    Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höheren Kreisen des mittleren
Lebens. Aber man muss an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts
ebensowenig den Massstab des Glanzes von heut legen, als an die Komödienhäuser
von damals den unserer Teater. Der Vergleich geht vielleicht noch weiter. Die
Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer, gediegener und dauerhaltiger, aber
im künstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Teil
seine Wirkung, erhalte, haben wir es weiter gebracht. Trifft das vielleicht auch
auf die Unterhaltung zu? - Aber gar keinen Vergleich duldeten die
Räumlichkeiten. Unsere Bürgerhäuser werden Paläste. Diese hohen Räume, die
gewaltigen Fenster und Flügeltüren, welche den Zimmern die Wände stehlen, fand
man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern
der nenen Stadt. Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt
aus Friedrichs Zeit haben zum Teil anspruchsvolle Façaden, im Innern ist alles
klein und zugemessen. Die niedrigen Zimmer liefen eines in das andere; dennoch
blieb der Wohnung etwas wohnliches, weil Flügeltüren und Fenster nicht die
Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an
den Wänden fand, und trauliche Winkel, sich zu verlieren.
    Wovon man sich unterhielt? - Wer fasst die zückenden Irrlichter zusammen,
die von Mund zu Munde hüpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft!
Hier politisch, dort poetisch,
Regelrecht wie ein Lineal,
Philosophisch und Aestetisch
Krümmend hier sich wie der Aal,
Sprudelnd wie der Dampf vom Teetisch,
Aber überall trivial.
hat ein späterer Dichter sie beschrieben.
    Ob die Geheimrätin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier
der ewige Streit, ob Goete oder Schiller ein grösserer Dichter, sei? In diesen
Kreisen war es längst entschieden. Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen
widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen:
Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.
den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, dass der Streit trotz der
Entscheidung, immer wieder von Neuem aufgeworfen werden konnte. Eine
Geheimrätin - es war aber eine dritte Geheimrätin - stellte sogar die
Behauptung auf, während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment
entalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goete, welche die Seele rührt und
erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man citirte aus der Iphigenie die Verse:
Wehe dem, der fern von Eltern und Geschwistern,
Ein einsam Leben führt, ihm zehrt der Gram
Das nächste Glück von seinen Lippen weg.
Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden aneinander knüpften.
    Ein junger Mann mit blassem, ernstem aber etwas eingefallenem Gesicht
recitirte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimrätin
sie schön fand, drückten Alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da
geglaubt, sie rührten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefühls
Goete nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse ründeten sich nicht so wie
bei Schiller, und bei aller Schönheit fehle ihnen der schmeichelhafte Klang des
Gefühls. »Aber er liegt in unserer Seele, und fühlt das Weh, das uns in der
einsamen Brust verzehrt,« hatte die Geheimrätin gesagt, als sie sich abwandte.
Man schien sich zu fragen, was sie damit meine? Ein alter Hofrat antwortete
seiner etwas schwerhörigen Nachbarin: »Sie ist eine Adlige von Geburt, und mag's
nun doch nicht recht verschnupfen, dass sie einen Bürgerlichen geheiratet hat.
Darum hält sie wohl das von seines Vaters Hallen auf sich anzüglich. Aber Schloss
Wustenau stand schon 1762 sub hasta und sie ist auch gar nicht mal drin geboren;
sie bildet sich's nur ein.« - Die Dame, vor Kurzem erst nach Berlin gekommen,
war zufällig selbst eine adlige Offiziersdame, was der Hofrat vermutlich nicht
gewusst. »Wenn er ihr ein Sort gemacht hätte,« erwiderte sie, »das passirt wohl,
aber wie ich höre, ist das Vermögen von ihr, et voilà qui est bien curieux.« -
»Ja meine gnädige Frau,« erklärte der Hofrat, »als sie ihn heiratete, war sie
ein blutarmes Fräulein, man hielt's für ein grosses Glück, dass sie ihn kriegte.
Erst nachher machte sie die grosse Erbschaft.« - »Ah! c'est ça,« sagte die
gnädige Frau, und sagte nichts weiter.
    »Wie kommt es, dass man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht,« sagte
die Geheimrätin im Vorübergehen zu dem jungen Manne der die Verse gesprochen.
»Und noch mehr, wie kommt es, dass Sie Goete noch für wert achten, ihn
auswendig zu lernen? Wer so in transcendentalen Regionen der neuen Poesie
schwebt, gäbe auf die alten Dichter, dachte ich, nichts mehr. Aber nehmen Sie
sich in Acht, dass mein Mann nichts davon erfährt, Herr van Asten! Für ihn, wie
Sie wissen, sind ja schon Goete und Schiller Neuerer.«
    Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie vorübergeschwebt. In einem Kreise, wo
man über Politik sprach, stritten sie sich, wer ein grösserer Feldherr gewesen;
Moreau oder Napoleon Bonaparte? Die Parteien standen scharf gesondert. Der
Geheimrätin kam das sonderbar vor; den Grund wusste sie sich nicht recht
anzugeben. Das Gespräch ward ihr langweilig.
    Es gab aber noch einen andern Gegenstand. Man berührte ihn nicht in ihrer
Gegenwart. Die Geheimrätin sah nicht allein in die Ferne, sie konnte auch dahin
hören. Sie wusste genau, was gesprochen wurde, und dass sie, ihr Mann, dessen
Bruder, das fatale Ereignis der vorigen Nacht, den Stoff abgab. Vielleicht, dass
sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte, um zu zeigen, dass sie ohne
Besorgnis war, oder - darüber hinweg.
    Aber es gefiel ihr nicht länger, dass das Gespräch verstummte, wo sie sich
näherte. Wer spielt gern die Vogelscheuche! Bei einer Whistpartie fehlte durch
einen Zufall der vierte Mann. Sie zeigte sich bereitwillig, die Karte zu
übernehmen. Man erkannte das ganze Opfer, welches sie brachte. Sie versicherte,
wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergnügen ihrer Mitspieler störe, so sei
ihre Schuld doch nicht so gross als ihre Genugtuung, in so angenehmer
Gesellschaft eine Stunde zu verbringen.
    Das Spiel prosperirte in der Tat nicht durch ihren Eintritt, aber wie die
Mücken um den hellsten Lichtschein, sammelte sich um diesen Tisch die
ambulirende Gesellschaft. Wer fühlte sich nicht geehrt der Geheimrätin Rat zu
geben, die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlüssigkeit verriet, als in
ihrem Charakter lag. Und wie liebenswürdig nahm sie ihn hin. »Sie ist die
charmanteste Frau!« flüsterten die Andern. Die Geheimrätin zankte auch nicht um
die Points.
    »So aufgeräumt, Herr v. Dohleneck?« sagte sie, die Karten prämelirend, zu
einem Kavallerieoffizier, der sich neben ihr etwas brüsk auf einen Stuhl warf,
den ein Civilist eben für eine junge Frau hingestellt zu haben schien. Die Dame
warf dem Offizier einen bösen Blick zu, den er aber nicht bemerkte, oder
bemerken wollte, und der Civilist beeilte sich, ihr einen andern Stuhl
hinzusetzen, den sie aber nicht annahm, sondern ins Nebenzimmer eilte. »Sie
irrten sich,« sagte die Dame, »ich wollte mich gar nicht setzen, ich suchte
meinen Mann.«
    Möglich, dass nur zwei Augen, vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette,
diesen Auftritt bemerkt, der wie ein Lüftchen über den Wasserspiegel der
Societät hinkräuselte, um am Ufer zu verschwinden. Aber am Ufer trieb und wühlte
das Lüftchen weiter im aufgelockerten Sande.
    Der ihn bemerkte, war ein Herr etwas über die mittleren Jahre hinaus,
welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu
mustern schien, ehe er sich ihr zeigte. Wir werden ihn näher kennen lernen.
    Der sich auf den Stuhl warf, war - nur ein Abdruck von Hunderten oder von
Tausenden. Das wohlgeformte, volle Modell eines Kriegsgottes, den man vielleicht
hätte schön nennen können, wenn die Ueberfülle der Gesundheit und Kraft in dem
beinahe sechsfüssigen Körper etwas mehr Elasticität, und das volle rote Gesicht
unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und
weniger Gutmütigkeit verraten hätte. Er war ein Mann, der seinen Mann stand,
aber der militärische Grimm, der auch den Mann herausfordert, welcher Miene
macht, nicht stehen zu wollen, fehlte ihm.
    »'S ist um sich todt zu lachen, wenn Federfuchser über Dinge schwatzen, die
nicht in ihren Büchern stehn.«
    »Besser todt lachen, als todt ärgern, lieber Rittmeister!« bemerkte die
Geheimrätin. »Was hat Sie denn in die Rage gebracht?«
    Der Offizier kam aus der politisirenden Ecke.
    »Stellen Sie sich vor, schöne Frau, der Professor da, oder was er ist, Sie
kennen ihn ja wohl« - er zeigte auf den jungen Mann von vorhin, jedoch mehr
durch ein Augenblinzeln, indem er sich den Schnurrbart strich - »der junge Herr
meint, wenn's mit den Franzosen los geht, wäre es doch sehr zweifelhaft, wer
Sieger bleibt.«
    Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die
glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede.
    »Na, auf Ehre, 's ist wahr,« setzte der Offizier hinzu. »Er raisonnirt von
Bonaparte's Genie als Feldherr; nun, das mag er haben, wir lassen's ihm. Und 's
wäre auch zweifelhaft, ob selbst Friedrichs Genie im Stande wäre, ihm überall zu
pariren, wie er Daun und Laudon getan. Nu, darüber kann man nur lachen. Aber
als ich ihn fragte, was er denn zu unserer Armee meinte, wissen Sie, was er
sagte -«
    »Es ist mir etwas ganz Neues, dass Herr van Asten sich mit Politik
beschäftigt.«
    »Ich dachte, er würde nach der Rheincampagne retiriren, da hätte ich ihm mit
'ner Antwort gedient. Nein, er sagte, hören Sie, ich hab's des Spasses wegen
behalten: uns stehe ein Heer gegenüber, das aus dem jugendlichen
Volksbewusstsein stets neue Kräfte schöpft, wie der heidnische Riese, ich weiss
nicht, wie der Kerl heisst, der zu jedem neuen Kampfe seine Mutter Erde küsste.
Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme, aber ohne den
Genius, der ewig zeugt, uns getrauten eine Kraft zu werfen, die ewig neu wächst?
Ich sage Ihnen, es war zum Bersten. Gut, dass keiner meiner Kameraden es gehört.
Ich sagte ihm nur: Mein lieber Herr, wer die Erde küsst, macht sich das Maul
schmutzig, und hol' mich Der und Jener, wenn wir unseren Soldaten nicht die
Propreté eingefuchtelt haben.«
    Der Verlegenheit, über die Rede zu lächeln oder sich zu äussern, wurden die
Zuhörer durch den Wirt überhoben, der plötzlich mit einer Stimme, die eher auf
die Kanzel als an den Whisttisch gehörte, laut sprach:
    »Aber, meine verehrte Herren und Damen, Gott sei Dank, dass wir der
Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unserer Staatsmänner überhoben
sind, welche es nicht dahin kommen lassen werden, dass der Degen des grossen
Friedrich aus der Gruft geholt wird, um mit dem Degen des grossen Mannes sich zu
kreuzen, und die es nicht dulden werden, dass die beiden ruhmwürdigen und
erleuchteten Nationen in andern Streit geraten, als den, aus welchem für die
Civilisation die schönsten Früchte entspringen. Wozu also dieser Dispüt, der uns
nichts angeht? Die weisen und humanen Männer, denen unsere Regierung anvertraut
ist, werden immer für unser Bestes sorgen, und was sie ersinnen, ist gut und
wird zu unsrer Aller Ruhe beitragen.«
 
                                Fünftes Kapitel.
                               Der vornehme Gast.
Der Grund dieser seltsamen Anrede war, dass der Wirt in dem Augenblicke den Gast
in der Tür bemerkt hatte, welcher vorhin mit der Lorgnette die Gesellschaft
musterte und jetzt mit einer raschen Vorwärtsbewegung den nächsten Gruppen
zueilte. Und doch schien er, als der Geheimrat Bovillard ihn im Vorübergehen
mit einem freundlichen Händedruck begrüsste, von dieser unerwarteten Gegenwart
nicht wenig überrascht und erschreckt.
    »Mesdames - Messieurs!« sagte der wirkliche Geheimrat mit einer
verbindlichen Neigung gegen den Spieltisch, »ich hoffe, dass sich Niemand
derangiren lässt,« und war durch die nächste Gruppe, auch durch eine zweite und
dritte, ohne sich um die Personen zu kümmern, geeilt, bis er die Wirtin fand,
deren Hand er an die Lippen führte, und seine verspätete Erscheinung mit vielen
schmeichlerischen Worten und einer höchst wichtigen Konferenz entschuldigte.
    Es war ein Funke in die Gesellschaft gefahren, die zu ermatten anfing; und
der Funke hatte gezündet. Einen liebenswürdigeren, einen freundlicheren Mann,
als diesen vornehmen Gast, konnte man sich nicht denken. Wie wusste er Jedem,
der ihm vorgestellt ward, etwas Angenehmes zu sagen, wie wandte er sich mit
Teilnahme und Herablassung zu ganz unbedeutenden Personen. Für Jeden hatte er
ein verbindliches Wort.
    Die Tasse in der einen Hand, den Biscuit in der andern, wie geriet er
plötzlich ins Feuer und erzählte mit hinreissender Lebendigkeit irgend ein
gleichgültiges Ereignis, das er am Hofe erlebt. Der subalterne Zuhörerkreis war
in Entzücken über die Vertraulichkeit eines so hochgestellten Mannes. Ebenso
plötzlich konnte er freilich einen Andern am Arm ergreifen, und ohne sich zu
kümmern um Die, welche er eben an seine Fersen gebannt und um sich als Trabanten
gezaubert, ihn mit einem: à propos wissen Sie schon? beiseit ziehen. Er
flüsterte ihm etwas ins Ohr, er setzte die Tasse fort, die Hand vor dem Munde
sprach er noch leiser, aber mit faunischem Lächeln; nein, er lächelte nicht
mehr, er lachte, er kicherte, wenn sich das für einen wirklichen Geheimrat
geschickt hätte. Der Andere natürlich lächelte auch, er lachte, er versuchte zu
kichern.
    Die Lorgnette am Auge, und das Gesicht halb über die Schulter gewandt,
konnte man glauben, dass er nach dem Gegenstande suche, den sein beissender Witz
eben getroffen. Aber er lorgnettirte nur ein hübsches Gesicht und sprach seine
Admiration aus, dass die Kleine, die er nannte, sich so ausgewachsen; er hätte es
nicht erwartet. Wenn man ihm bescheiden bemerkte, dass er die Personen
verwechsele, fand er sich nicht in Verlegenheit, sondern stellte das Paradoxon
auf: die Liebe solle zwar nicht wechseln, aber alle wahre Liebe bestände aus
Verwechseln: »Unsere Phantasie schafft sich ein Ideal. Das lieben wir. Je öfter
wir nun in einer beauté dies Ideal wiederzufinden glauben, um so glücklicher
sind wir, und um so mehr Andere beglücken wir. Nicht wahr, Herr Geheimrat, die
Fabel vom Amphitryo ist das Chef d'Oeuvre in der Mytologie?«
    Der in den Kreis getretene Geheimrat war nicht allein ein ernstafter Mann,
sondern er stand auf einer amtlichen Stufe die der eines wirklichen sehr nahe
kam. Es hatte sich die Nachricht in der Gesellschaft verbreitet, dass ein
Kourier, der heut Nachmittag wichtige Nachrichten gebracht, den Geheimrat so
lange zurückgehalten. Er glaubte ein Recht zu haben, sich bei diesem danach zu
erkundigen.
    »Bester Freund,« sagte letzterer in der Fensternische, wohin sie sich
zurückgezogen, »wann verging ein Tag, wo nicht ein Kourier an einen Minister
kam, und wenn ich ihre Wichtigkeit, nämlich unserer Minister, danach abwägen
sollte, so wüsste ich wirklich nicht, wo vor Respekt bleiben. - Aber Gott weiss,
mich hat nie danach gelüstet, ihre Geheimnisse früher zu erfahren, als sie an
den Tag kamen. Denn was hilft mir's, ob der Kurfürst von Hessen seiner jüngsten
Maitresse einen so kostbaren Hut geschenkt hat, dass die nächstältere darüber in
einen Wutkrampf verfallen ist. Oder wenn die Fetzen des heiligen Römischen
Reichs sich darüber streiten, ob der Professor Fichte ein Deist ist oder keiner?
Und diese Bagatellen, Sie glauben nicht, wie man uns damit überschüttet. Diese
Geschichte mit« .... ... er flüsterte einen Namen, »Sie kennen sie doch? der
halbe Mulatte aus Holland, - wie hiess er doch gleich! - liess ihm auf dem Sopha
zwei Rollen, jede mit hundert Friedrichsd'or, zurück. Als unser Freund es sah,
rief er ihn zurück: Sie haben etwas vergessen! Unterstehen Sie sich nicht, mir
noch einmal vor die Augen zu treten. Konnte der Graf nobler handeln? - Eine
Woche darauf kommt der Baron, der in Batavia, wie Sie wissen, einmal Gouverneur
war, zu ihm, und fragt ihn, ob er nicht seine Schimmel verkaufen wolle! Sie
erinnern sich doch der Wagenschimmel? Blind und lahm, ein wahrer Scandal, ein
Spott der Kutscher. Unser Freund sagt Nein. Wie kommen Sie darauf? Excellenz,
sagt Der, ich zahle jeden Preis. Ich muss sie haben. Ein verrückter Lord hat
seinen Sinn darauf gesetzt, ein Achtgespann gerade von solchen Tieren zu
besitzen. Einem Toren und Nabob kommt es nicht aufs Geld an. Ich habe alle
Rosstäuscher in der Provinz in Acquisition gesetzt; sie können mir nur fünf
auftreiben, und mir geht dadurch ein grosser Gewinn verloren. Ich sähe es daher
als eine grosse Gefälligkeit von Ew. Exellenz an, wenn Sie mir zu Hülfe kämen. -
Ich bin kein Kaufmann, sagte unser Freund, weiss keinen Preis zu setzen, lassen
wir die Sache fallen. - Der Baron überschlägt sich: Hundertfünfzig
Friedrichsd'or für jedes kann ich geben, Summa dreihundert, Zug um Zug. Mein
Kutscher wartet unten. Unser Freund sah ihn ernst an: Man soll auch zuweilen den
Narren gefällig sein; aber Ihnen soll der Reukauf frei bleiben. - Nun gesteh'
ich Ihnen zu, der Schinder gab nicht zwanzig Taler für beide Bestien, - nun,
wir haben es Alle verstanden, es war ein Witz, nichts als ein Witz! Aber können
sie glauben, liebster Geheimrat, wie man uns bombardirt mit anonymen
Denunciationen. Wir sollten Lärm schlagen, dem Könige die Sache hinterbringen.
Soll man sich um solche Bagatellen die Finger verbrennen! check schmunzelte
neulich: Ich hätte die Pferde wohl nicht verkauft, aber Sie wissen doch, der
Pferdehandel unterliegt andern Gesetzen, als die im Landrecht stehen. Darin soll
der Bruder dem Bruder nicht trauen. Und, ich bitte Sie, der König hat für andre
Dinge zu sorgen. Haugwitz sagte: sollen wir etwa darum Einen verlieren, der sich
nicht um Politik kümmert. Sehen Sie, liebster Geheimrat, je weniger wir sind,
die sich um die Dinge nach aussen kümmern, um so besser wird alles gehen.«
    Der Geheimrat wusste nun wenigstens, dass Bovillard ihm nicht sagen wollte,
was er wusste. Doch wusste er darum noch nicht, ob er etwas wusste.
    Seltsam derselbe vornehme Mann ging gleich darauf mit einem angesehenen
Kaufmann aus der Brüderstrasse Arm in Arm durch die Zimmer, und wenn wir recht
gehört, vertraute er demselben, was er dem Geheimrat nicht für gut gefunden,
mitzuteilen:
    »Sie kennen meine Amtspflicht, aber einem Freunde, wie Ihnen, kann ich die
Versicherung geben, unsere Sachen stehen gut. Phantasten, unpraktische Köpfe,
Schwärmer, die an Krieg denken! Idealisten, liebster Splittgerber! Vor denen
müssen wir uns vor allem hüten. Es taucht jetzt hier solche Klasse von jungen
Strudelköpfen auf, die von Deutschland, deutschem Wesen, deutscher Sprache, Art,
sprechen. Man kann darüber lachen, aber man muss Achtung geben. Die Ideen können
viel Unheil in der Welt anrichten. Erinnern Sie sich an Frankreich! Da ist hier
der junge Professor Fichte! O, es sind ihrer mehrere. Ein sublimer Kopf - aber
sie sehen den Wald vor den Bäumen nicht. Auf das Praktische, auf das, was uns
Not tut, den Sinn gerichtet! Das Hemde ist uns näher als der Rock. Der
Kaufmann ist eigentlich der wahre Philosoph für die Welt. Er weiss, was uns Not
tut. Sie geben mir Recht, lieber Splittgerber. Wenn wir ein Trauerjahr vor uns
haben, werden Sie nicht Cochenille verschreiben. Das heilige Römische Reich, als
es existirte, brauchte freilich vielerlei Nürnberger Waare, unter anderm auch
einen Kaiser. Brauchen wir das? Wir sind das Reich du grand Frédéric! Sie werden
mir darin Recht geben. Eine Weltkatastrophe hat alle Verhältnisse umgeworfen.
Was sind Nationalitäten? - Irrlichter! Laterna-Magicabilder! Wenn man eine
anders gefärbte Glasscheibe vorschiebt, sehen sie anders aus. Wie Preussen sich
selbst gefunden hat in seinem grossen Könige, so haben die Franzosen sich in
Bonaparte gefunden. Wie Friedrich das Genie der Franzosen erkannte, erkennt
Napoleon den Genius der in unserer Monarchie lebt. Sie glauben garnicht, wie man
uns erkannt! Wir sind, wie bestimmt von dem Geist über dem Sternenzelt,
brüderlich, Hand in Hand im Völkerbunde neben einander zu schreiten. Und da
wollen Querköpfe eine tudesque Idee dazwischen schieben. Ich bitte Sie, ich
wiederhole es, was sind Nationalitäten? Fragen Sie, wenn Sie Pfeffer kaufen, von
wem Sie ihn kaufen? Der billigste Verkäufer ist der beste, Und wenn Sie
verkaufen, wer den höchsten Preis dafür zahlt, der ist der beste Käufer: nicht,
ob er Italiener ist, Franzos oder Russe.«
    Dem Kaufmann aus der Brüderstrasse schien der Ideengang des Staatsmannes denn
doch nicht ganz geläufig. Er handelte nicht mit Pfeffer: »Herr Geheimrat
beliebten von einem Kourier zu sprechen -«
    Bovillard legte die Hand auf seinen Arm und mässigte die Stimme: »Nur Ihnen,
und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses.« Bovillards Gesicht glänzte -
»alle Missverständnisse gehoben, alle Schwierigkeiten ausgeglichen, der König und
unser Vaterland können sich glücklich schätzen, dass sie Diplomaten haben, welche
es verstehen, Krieg zu führen ohne den Degen zu ziehen.«
    An der Türpfoste gelehnt, lorgnettirte der Geheimrat noch einmal ins
Zimmer, nur stand neben ihm nicht mehr der Kaufmann aus der Brüderstrasse,
sondern ein Herr mit dem Kammerherrnschlüssel und einem Krückstock.
    »Parbleu, comme elle est belle - et bête! N'est-ce pas?«
    Die Bemerkung galt der Dame, welcher der Rittmeister vorher den Stuhl vor
der Nase fortgenommen. Eine fast junonische Gestalt, aber mit ausdruckslosem
Gesicht, stand sie in der Mitte des andern Zimmers - zufällig allein.
    »Ist denn Niemand da, ihr die Cour zu machen?«
    »Hier!« sagte der Kammerherr, mit verächtlichem Blick sich umsehend.
    »Wir befinden uns allerdings in einer etwas gemischten Gesellschaft. N'en
parlons pas! Wer ist denn sonst ihr Amoroso?«
    »Wissen Sie denn nicht, Bovillard,« sagte der Kammerherr verwundert, »sie
ist ohne Passionen.«
    »Tant mieux! so müsste man sie ihr einjagen. Ich bitte Sie, Kammerherr,
sehen Sie diese Formen an! Vielleicht ein Tugenddrache! Liebt sie ihren Mann?«
    »Sie sind sechs oder acht Jahre verheiratet.«
    »Der Baron spielt, sie stellt sich neben ihn!«
    »Um eine Position zu haben.«
    »Wie sie den Arm aufhebt! Sehen Sie - sehen Sie, ganz die Attitüde der
Lichtenau! Die Lichtenau war auch nicht immer, was sie ist -«
    »Sie wollten sagen, was sie war.«
    »Wäre die Lichtenau nicht in Paris erzogen worden - Sehen Sie jetzt wieder -
täuschend! Aus der Baronin kann etwas werden.«
    »Nur keine Lichtenau,« seufzte der Kammerherr. »Diese Zeiten sind vorüber.«
    »Les temps changent, mais pas les hommes. Mon cher baron, die Welt ist rund,
et tout ça reviendra. Aber das Leben entflieht, die Jugend verblüht, es wäre
wirklich ein mildtätiges Werk, die schöne Frau verliebt zu machen. Schaffen Sie
mir einen Gegenstand, ich unternehme es.«
    »Ich will Prinz Louis noch einmal aufmerksam machen; er scheint aber nicht
darauf zu reflectiren.«
    »Was, Prinzen! Den ersten besten, es gilt ja nur die Gaben der schönen Frau
an den Mann bringen. Wir wollen sie etwas ins Gebet nehmen, und sehen, wo in der
Conversation der Stahl den Feuerstein berührt.«
    Als sie sich der Tür näherten, schwenkte indes der Geheimrat, den
Kammerherrn unterfassend, schnell wieder zurück. Die Dame in Rede stand hinter
dem Stuhle ihres Gatten, und diesem gegenüber sass unsere Bekannte, welche uns in
diese Gesellschaft geführt.
    »Ein Andermal!« sagte Bovillard leis' zu seinem Begleiter. »Da sitzt die
Geheimrätin.«
    »Die Lupinus! - Sind Sie Feinde, oder - es ist doch keine alte Liaison?«
    »Bewahre mich der Gottseibeiuns. Ich weiss nicht, die Frau hat für mich etwas
- je ne sais quoi. Lombard lacht mich immer aus. Aber wer kann für Sympatieen
und Antipatieen?«
    »Sie ist eine gescheidte Frau.«
    »Gewiss, aber heut muss ich doppelt ihre Distance wünschen. Habe mich zwei Mal
vor ihrem Schwager verleugnen lassen. Was diese verdammten Kindesmörderinnen für
Anhängsel haben!«
 
                               Sechstes Kapitel.
                                Der späte Gast.
Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel. Der Spieltisch, an dem die
Geheimrätin Lupinus sass, war sehr einsam geworden! die Vögel, die nach dem
Licht flackerten, blieben aus, seit das Licht des wirklichen Geheimrates durch
die Zimmer flackerte.
    »Aber meine beste Frau Geheimrätin!« rief ihr Partner, der Ehemann der
schönen Frau, »wir hätten die Trics gewiss gemacht, wenn -«
    »Die schönen Augen der Frau Baronin haben mich geblendet, - Sie haben da
eine Hülfe bei sich, Baron, die eigentlich unerlaubt ist.«
    Die Geheimrätin war am Geben. Sie vergab sich. Es war der Augenblick, wo
sie den wirklichen zur Tür hereinblicken und sich rasch wieder entfernen sah.
    »Die Frau Geheimrätin sind wohl unpässlich,« bemerkte die schöne Frau.
    »Ich! meine liebe Baronin? - Ach nein. Die Seele muss immer Herr sein über
den Körper. Das sagt mein guter Lupinus so oft. Dadurch erhält er sich in seinen
anstrengenden Arbeiten. Und ich -«
    Sie hatte sich wieder vergeben.
    Die andern Partner sahen sich verlegen an. Der Baron zeigte die Karten
seiner Frau: »Jammerschade, dass man solches Spiel fortwerfen muss.« Die Lupinus
hielt sich das Taschentuch aus Gesicht: »Es ist nichts, nur ein heftiges
Herzklopfen, es wird gleich vorüber sein. Wirklich, liebe Baronin,« sagte sie zu
dieser, welche von Hoffmannstropfen gesprochen - »der Schmerz ist gar nichts,
wenn nur der Verdruss nicht wäre, dass mein Unwohlsein die Gesellschaft stört. -
Sehen Sie, jetzt habe ich nicht vergeben. Was ist Atout, wenn ich fragen darf?
Coeur oder Pique? Es flimmert mir nur vor den Augen.«
    - »Frau Geheimrätin haben kein Atout mehr.« Sechs Augen starrten die
Spielerin in gläserner Verwirrung an. Die schöne Baronin öffnete ihre Lippen
weiter als nötig war, um ihre Perlenzähne bewundern zu lassen. Die Spielerin
hatte noch eine Hand voll Trumpf.
    Stumm hatte die Geheimrätin die Karten niedergelegt. »Sie sind ein Engel
voll Güte,« sagte sie zur Baronin, als diese die Karten nahm. »Und nun um
Gotteswillen kein Derangement.«
    Sie entschlüpfte - nur um einen Augenblick sich zu erholen. »Ein Glas Wasser
wird es tun.« Aber die Wirtin betraf sie, als sie ihr Umschlagetuch nahm, um
fortzugehen.
    »Liebste Geheimrätin, Sie werden uns das nicht antun. Ich führe Sie in die
Schlafstube, ein halb Stündchen Ruhe, ich kenne ja Ihre Seelenstärke, und Sie
haben sich erholt, wenn Sie uns gut sind.«
    »Beste Geheimrätin,« erwiderte die Lupinus, »ich erkenne Ihre himmlische
Güte, aber glauben Sie mir, die Luft erdrückt mich.«
    »Im Speisesaal ist sie ganz anders. Es ist gedeckt. Wir warten nur auf den
interessanten Fremden, den Legationsrat v. Wandel, Sie haben doch schon von ihm
gehört, er ist sehr begütert in Türingen. Mein Mann sagt, ein Mann von
eminenten Gaben. Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt, er sollte Sie zu Tisch
führen. Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen. Er ist nur
zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden, aber er
muss den Augenblick hier sein.«
    »Ich einen Mann von Geist unterhalten! Sie spotten meiner. Ach aber es ist
nicht das. - Mein armer Mann - er sitzt noch bei der Studirlampe - ich sehe ihn
wieder, verzeihen Sie, teuerste Freundin, es presst mich, es sprengt mir die
Brust - ja, mir ist, als wenn jetzt ein grosses Unglück zu Hause geschähe. Nicht
mir, meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung.«
    »Es ist recht schade, dass die Frau Geheimrätin an Visionen leidet,«
bemerkte die Hofrätin am Spieltisch, der man die Zufriedenheit ansah, dass die
Baronin die Karten übernommen hatte. »Es ist doch mit dem Nervensystem etwas
Singuläres. Und es stört mancherlei.«
    »C'est le temps!« bemerkte Bovillard, der inzwischen hinzugetreten. »Un peu
mystique, un peu clair-obscur, un peu clairvoyance et un peu de vérité, voilà
tout. Es ist wie mit dem Schnupfen. Man glaubt ihn los zu sein, da kommt er
wieder.«
    »Herr Jemine,« rief die Baronin, als sie ausspielen sollte. »Ich kann ja
nicht, ich habe meinem Manne seine Karten gesehen.«
    Das sah Jeder ein. Die Hofrätin öffnete vor Schreck den Mund, fast wie
vorhin die junonische Frau. Die Partie war wirklich zerstört. Da übernahm der
wirkliche Geheimrat die Karten. Er blieb der Gott des Abends. Man sprach noch
nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes. - Er
ist später gestürzt; die Hofrätin hielt fest am Glauben. Sie versicherte noch
nach langen Jahren, es sei nur die schwärzeste Kabale, die einen solchen Mann
stürzen können.
    Unten im Hausflur wartete Johann. Er zitterte noch immer. Indem er der
Geheimrätin die Enveloppe umgab, ging die Haustür auf, ein verspäteter Gast
trat ein. Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des
Abholens gab, erkannte sie in ihm den Fremden, dem sie vorhin auf der
Hintertreppe begegnet war. Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze,
seine Hoftracht nicht gemindert. Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher
Figur, stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe
hinauf. Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt. Ein Band
am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen.
    Der Fremde hatte die Geheimrätin, die im Schatten der aufgehenden Tür
stand, nicht gesehen. Einen Augenblick schien sie im Zweifel, ob sie nicht
umkehren solle. Sie fühlte sich wieder wohl. Die frische Luft im Flur hatte
wahrscheinlich gut gewirkt. Aber - es schickte sich nicht.
    Sie sass im Wagen. Die Tür schlug zu. Sie lehnte sich in die Ecke und -
weinte. Weil es sich nicht schickte! - Darum? - »Und das heisst leben,« fuhr sie
auf, »unter diesen langweiligen, nüchternen, abgeschmackten Puppen wandeln, sich
kleiden, sprechen, die Gefühle und Gedanken zusammenhalten, damit ja nichts
entschlüpft, was sich nicht schickt. Und darum leben wir!«
    Der Herr Geheimrat sind noch auf, hörte sie, im Hause angelangt, aber Sie
haben befohlen, es soll Sie Niemand stören, Sie sind in einer wichtigen
Untersuchung.
    Zum ersten Mal, seit wie langer Zeit! fühlte die Geheimrätin ein Verlangen,
ihren Mann zu sehen. Er war doch etwas anders, als die Larven in der
Gesellschaft. Er liebte die Menschen in seinen Büchern; im Vergleich mit Jenen
war er ein freier Mann, denn von dem Gesetz des Sichschickens, was diese
tyrannisirte, hatte er sich losgemacht. Hatte er doch auch, als sie vor langen
Jahren nach Italien reisten, geschwärmt, wie er es konnte, wenn nicht für Kunst
und Natur, doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege, welche Horaz
geschildert, für die Ruinen, welche die Sage nach ihm nennt.
    Das waren nun längst vergangene Dinge. Die Geheimrätin schwärmte nicht mehr
für Italien. Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist; jetzt auch
vielleicht nicht mehr. Berlin war ihr unausstehlich, aber sie wusste nicht,
wohin sich wünschen.
    Sie wollte ihren Mann sehen, irgend etwas mit ihm sprechen, was sie nicht an
die Gesellschaft erinnerte. Vielleicht traf sie doch auf einen Ton, wo ihre
Seelen zusammenklangen.
    Er sah nicht auf, als sie eintrat. Er hörte auch nicht die leis geöffnete
Türe, nicht das Rauschen ihres Kleides. Den Lichtschirm vor den Augen, die
Feder im Munde, sass er zwischen zwei Folianten, in denen seine Finger als
Zeichen lagen, um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu kennen, und
seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle. Sie trat näher; auch da
keine Regung. Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn. - Ist das ein
Mensch oder eine Pagode? - Sie schritt langsam im Kreis um ihn, ohne sich zu
sehr Mühe zu geben leis aufzutreten; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke
verriet sie nicht. In einem Moment war es ihr, als ob sie auflachen müsse; im
nächsten, als müssten die Tränen ihr aus den Augen stürzen. Sollte sie ihn
anreden? Das hiesse einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen. Erst als sie
sich wandte, um hinauszugehen, wehte er mit der Hand. Es war als ob
instinktartig eine Ahnung ihn überkommen, dass ein Wesen in der Nähe sei, das ihn
stören könnte.
    Leise hatte sie die Tür wieder zugedrückt. Durch das Flurfenster schien der
Mond auf die Rumpelkammer, durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte. Die
wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbeln starrten sie im Mondenlicht
eigentümlich an. Es überfuhr sie ein Schauer, sie lachte, um sich Luft zu
machen, hell auf. Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten.
    Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt. Der
Geheimrätin war es zu dunkel. Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter
anzünden. Sie war beim Entkleiden ungehalten, sie behauptete, die Jungfer
verfahre mit Absicht ungeschickt. Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf:
sie steche sie aus Bosheit. Die Jungfer weinte. Die Geheimrätin hielt ihr eine
ernste Vorhaltung, ob das ein Grund sei, um Tränen zu vergiessen? Sie erinnerte
sie an die vielen leidenden Kreaturen, denen der Schöpfer nicht einmal eine
Stimme gegeben, um zu klagen. Wenn Jeder klagen wollte, was ihn drückte, ob es
in der Welt vor Gewimmer und Tränen auszuhalten sei! Die Geheimrätin fragte
sie mit Würde, ob sie glaube, dass die armen Mädchen mehr litten als die
vornehmen Damen, die ihre Schmerzen verhalten müssten? Sie ermahnte sie zur
Duldung, zum Gehorsam, zur Tugend, und entliess sie.
    Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung
geübt zu haben. Sie sass entkleidet an ihrem Bett, das Gesicht im Ellenbogen
gestützt, und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze. Da fiel ihr Auge, den
Lichtstrahlen folgend, auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke. Es war
Freitag. Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen. Die dicke
Spinne, die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt, lag schlafend in der Mitte
des Raubnetzes, das sie ausgespannt, gesättigt und erschlafft, schien es, von
dem Mordgeschäft, worauf die todten Fliegen im Netz deuteten. Die Geheimrätin
stand auf und nahm den Armleuchter. Ihre Augen waren scharf, ihr Arm aber
reichte nicht bis an die Decke. Ein Kitzel, die Nemesis zu spielen, überkam sie.
Die Bäume im Hofe, vom Winde bewegt, schlugen gegen das Fenster. Das war doch
keine warnende Stimme! Es war ja kein Unrecht, ein solches mörderisches
Ungeziefer zu vertilgen, das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner
Mitgeschöpfe. Sie holte einen Stuhl. Auch der war zu niedrig. Sie schleppte mit
Anstrengung einen Tisch heran. Warum tat sie es mit angehaltenem Atem, warum
bemühte sie sich, ja kein Geräusch zu machen? Warum schlich sie auf den Zehen,
da sie schon in blossen Füssen ging? Warum pochte ihr Herz, als sie auf den Stuhl
und vom Stuhl auf den Tisch stieg? Die Spinne regte sich nicht. Nur das Gewebe
schaukelte etwas, wie eine Hängematte vom Hauch des Lichtes angeregt. Draussen
rauschten wieder die Aeste. Hätten sie die Spinne geweckt, vielleicht hätte die
Geheimrätin sie geschont. Was schonen! Morgen vollbrachte es der Besen der
Magd.
    Wer ihr ins Gesicht gesehen, wie die Augen glänzten, die Lippen sich
krampfhaft verzogen! Jetzt war's geschehen. Ein Knistern. Die Spinne,
zusammenglühend, schien sich einmal zu krümmen, dann flackerte das Netz in
leichten Flammen auf und der verkohlende Körper schwebte nieder. Die
Geheimrätin schloss, krampfhaft zurückfahrend, die Augen, als sie einen heftigen
Schmerz empfand. Die schief gehaltene Kerze hatte einen heissen Wachstropfen auf
ihren blossen Fuss gesprjetzt.
    Die Aeste rauschten zum dritten Mal. Es war der Grabesgesang. »Die hat
ausgelitten! Sie empfindet keinen Schmerz mehr! Und wie leicht und schnell!«
sagte die Geheimrätin. Ihr Fuss musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion
ihres Körpers empfindlich schmerzen.
    Jetzt aber schmerzte er sie nicht. Sie empfand ein Wohlbehagen, das der
Empfindung eines Rausches verwandt war. Sie hatte eine Kreatur, die doch zum Tod
verdammt war, rascher aus der Welt geschafft, als es morgen der stumpfe Besen
der gefühllosen Magd getan hätte. Und im Schlaf! Sie hatte ihr einen seligen
Tod bereitet.
    Sie suchte noch mehr Spinnen; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken.
Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen, die der regnerische Tag
hineingetrieben. Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran, und es
glückte ihr, die erste, zweite, auch eine dritte durch das schnell angehaltene
Licht zu tödten. Morgen würden sie langsam, unter furchtbaren Qualen am
Fliegenstock verenden; jetzt im Lichtschein, im Taumel, waren sie einen
Augenblick erwacht und verglüht.
    So musste auch Semele in einem Moment glückselig und todt sein, angeleuchtet
von Zeus' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne - dachte die Geheimrätin.
    Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben. Als sie der
einen die Flügel angesengt, und das Insect summend aufflog, löste sich allmälig
der Schwarm von den Wänden. Sie summten um das Licht, um ihren Kopf, und die
Geheimrätin stand wieder atemlos in der Mitte des Zimmers, mit dem freien Arm
die aufgestörten Tiere abwehrend. In dem Augenblick war ihr nicht wohl zu
Mute. Die Tiere wurden so gross und schwarz und mit feurigen Augen; sie kamen
ihr wie die Erynnien vor. In dem Augenblick wünschte sie, sie hätte nicht
angefangen.
    Sie wollte das Licht auslöschen, sich ins Bett vergraben und die Decke über
den Kopf ziehen, aber sie fürchtete sich ohne Licht. Da hörte sie die Stimme
ihres Mannes, der draussen die Türe öffnete: »Johann, ich will zu Bett gehen.«
Aber Johann hörte nicht, auch nicht auf den wiederholten, verstärkten Ruf.
Johann hatte sich auf ihr Geheiss zu Bett gelegt, um zu schwitzen. Es war ihr
lieb, dass Johann nicht hörte; er schlief also wahrscheinlich. »Dem tut es mehr
Not,« dachte sie, »und Lupinus kann sich selbst helfen.«
    Der Geheimrat schlug brummend die Tür zu, und musste sich wohl selbst
geholfen haben. Sie hörte nichts mehr. Auch die Fliegen hatten sich wieder zur
Ruhe begeben. Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer. Sie schellte
immer stärker und die Jungfer musste aus dem Bette.
    Als sie ins Zimmer kam, war die Geheimrätin eigentlich in Verlegenheit. Sie
wusste nicht, warum sie nach ihr verlangt.
    »Befehlen Frau Geheimrätin vielleicht Cremor Tartari? Oder soll ich
Kamillentee kochen?«
    »Nein, mir ist ganz wohl,« sagte die Geheimrätin. Aber im nächsten
Augenblick sagte sie, morgen früh solle zum Hofrat Heim geschickt werden: »Und
ganz früh. Hört Sie, Lisette. Damit Sie ihn noch zu Hause treffen. Und ich liesse
ihn dringend ersuchen, mich zu besuchen, ehe er zur Prinzess Ferdinand fährt. Die
hält ihn immer so lange auf. Ja, hört Sie, es soll ihm recht dringend gemacht
werden, denn ich fühle, ich werde sehr krank werden. Und er kann auch für den
Johann gleich ein Recept verschreiben, die Sache muss doch endlich zu Ende
kommen.«
    Wenn ängstliche Träume ein Zeichen der Ungesundheit sind, musste die
Geheimrätin sehr krank sein. Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen, sondern
lauter Marionetten, die ihr keine Ruhe liessen. Da kam der fieberkranke, blasse
Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie, ob es nun nicht
bald mit ihm zu Ende ginge? Dann füllte sich die Schlafstube mit der ganzen
Gesellschaft vom vorigen Abend, lauter Gliederpuppen, die an Drähten vom
Schornstein aus geführt wurden. Sie tanzte und das Holz klappte unangenehm. Wenn
sie am Bette vorbeikamen, gähnten sie und fragten: ob es nicht bald
Schlafenszeit wäre? Gern hätte die Geheimrätin gesehen, wer den Draht führte,
aber sie konnte, wie sie auch sich anstrengte, den Kopf nicht in den Schornstein
zwängen, und wenn es ihr einmal gelang, schoss eine neue Figur herunter und
schreckte sie zurück. Dazu klappte ihr Mann als Pantaleone immerfort durch die
Stube, und hauchte sich in die Hände und sagte, ihn fröre, und wer ihn nur heiss
machen könne! Da rief eine Stimme aus dem Schornstein, deren sie sich nicht
entsann, aber gehört hatte sie dieselbe schon ein Mal: Wenn's weiter nichts ist,
man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen, das gibt ein gutes
Kaminfeuer. Und dann war es ihr, als ob alles um sie her verbrenne. Sie geriet
in Angst, dass sie mit verbrennen könne und hüllte sich in ihr Bette, bis eine
wohltätige Transpiration ihrer Natur zu Hülfe kam, und sie in einen tiefen,
ruhigen Schlaf einhüllte, der so lange andauerte, dass sie erst aufwachte, als
das freundliche Gesicht des Hofrat Heim mit den durchdringenden blauen Augen
sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengruss
bot: »Na, da leben Sie ja noch, Frau Geheimrätin; hab' ich doch wirklich nicht
anders geglaubt, wie das Mädchen reinstürzte, als Sie wären schon maustodt.«
 
                               Siebentes Kapitel.
                                Der Staatsmann.
Wir führen unsere Leser in die Wohnung und die Geschäftszimmer des vornehmen
Mannes, dessen flüchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht. In
seinem Hause, unter seinen Untergebenen, war der wirkliche Geheimrat ein
anderer Mann. Man könnte sagen, er sei um einige Zoll gewachsen; der von den
vielen huldreichen Verbeugungen gekrümmte Rücken war hier gerade geworden. Er
war aber um deswillen kein grosser und auch kein gerader Mann.
    Im Vorzimmer warteten Expectanten. Die trüben Mienen verrieten, dass nicht
Jeder Hoffnung hatte, vorgelassen zu werder. Sie wandten sich an die
durchpassirenden Beamten. Wie viele grosse Männer hätte ein Neuling da zu
entdecken geglaubt, wenn sie freundlich zuhörten, sich an der Binde zupften oder
die Schultern zuckten. Und doch waren es nur Schreiber und Boten. Ob einer von
ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulicheren Verständigung
hinreissen liess, will ich nicht verraten haben.
    Das Zimmer, wo der Geheimrat empfing, war geräumig, halb mit Aktentischen
und Repositorien, halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen
Lebens ausgestattet. Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in
elegantem Einband die neusten Werke der französischen Literatur. Am Ende des
Aktentisches sass ein jüngerer Rat, in den eingegangenen Schriftstücken
blätternd und sie zum Vortrag ordnend. Im entfernteren Winkel stand der
Geheimrat und hatte einer Dame Audienz erteilt, die sich sehr bescheiden in
der Ecke zwischen Fenster und Hintertür hielt. Es war eine Tapetentür, durch
welche sie auch vermutlich der Kammerdiener eingelassen, denn nach Beendigung
der Audienz schlich sie durch diese Tür hinaus. Ihre vielen Ringe, eine
Garderobe, aus den kostbarsten und auffällig modernen Stücken, und der
prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht aus einen Platz auf dem
Sopha zu geben, wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verraten
hätte, dass die Hülle nicht recht zum Körper, oder der Körper zur Hülle sich
schickte. Einem Psychologen hätte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben
Füsse angezeigt, dass die feine Kleidung ihr nicht angeboren war. Wer ihr aber ins
Gesicht sah, wo trotz aller Sanftmut und Glätte die ursprüngliche Gemeinheit
sich nicht verbergen konnte, begriff, warum der Geheimrat in einer Art ihr
Audienz gab, wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame
gegenüber übers Herz bringen würde. Er stand, die Hände in den Seitentaschen,
halb seitswärts, halb ihr den Rücken kehrend, wodurch sie freilich Gelegenheit
gewann, ihr Anliegen auf dem nächsten Wege ihm ins Ohr zu flüstern. Sie sprach
leise. Er hatte mehrmals den Kopf geschüttelt. Dann sprach er, gleichfalls mit
gedämpfter Stimme: »Gedulden Sie sich also bis Lombard kommt; er kann die Sache
allein arrangiren. Und bis dahin hüten Sie sich, dass keine Klage einläuft.
Keinen Skandal! In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten.«
    Die Supplikantin verbeugte sich tief. Er klopfte ihr freundlich auf die
Schultern. Sie wollte ihm die Hand küssen. Das litt er nicht.
    Der junge Rat las von einem Zettel den Namen der nächst zur Audienz
aufgeschriebenen Person. Der Geheimrat machte eine Bewegung mit der Hand und
warf sich, die Beine übereinander, aufs Sopha, ein Zeichen, dass er sich erholen
wolle; vielleicht glaubte der Vortragende darin eines für sich zu erkennen, dass
Bovillard sich über die vorige Audienz auszulassen Lust hatte.
    »Was wollte denn die Schubitz?« fragte er, zwischen den Papieren kramend.
»Eine Eingabe von ihr ist nicht da.«
    »Man will sie in der Behrenstrasse nicht länger dulden. Sie soll ihr Haus
verlegen - in eine minder anständige Strasse,« setzte der Geheimrat mit
sarkastischer Miene hinzu.
    »Wer will denn das, wenn ich fragen darf?«
    »Erinnern Sie sich, was le grand Frédéric dem alten Spalding antwortete? Der
beklagte sich auch über eine Nachbarschaft, die ihn in seinen Meditationen
störte, und Friedrich schrieb nur auf den Rand des Memorials: Mon cher Spalding,
ni vous ni moi .... pourquoi donc gêner d'autres .... Unter Friedrich hätte die
Behrenstrasse petitioniren können, bis sie aschgrau ward.«
    »Auch unter -« der Rat verschluckte es, denn der Geheimrat unterbrach ihn.
    »Das muss man Wöllnern lassen. Er wusste christlich ein Auge zuzudrücken,
wenn - es die Schwäche seines Nächsten galt.« Er betonte die letzten Worte.
    Der junge Rat hatte vorhin die Aufforderung zum Lächeln übersehen. Er
lächelte jetzt. »Aber wer kann es sein?«
    »Wer! Wer? Mon cher! Haugwitz vielleicht, oder Lucchesini, Schulenburg, oder
check, der Cato Censorinus. Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands
sittliches Gefühl beleidigt.«
    Der Geheimrat gefiel sich so, dass er aufstand und mehrmals durch die Stube
schritt: »Ja, ja, es hat sich so manches in Preussen geändert.«
    »Und wird noch manches anders werden,« setzte der Rat hinzu.
    »Gewiss, wenn man uns in Ruhe lässt, wenn man verständig denkt und handelt;
wenn man auf die Kläffer nicht hört, wenn, wenn - was liegt noch vor, lieber
Rat?«
    »Herr Geheimrat liessen gestern fallen, dass Ihnen eine Notiz im Hamburger
Unparteiischen, bezüglich auf Lombards Depesche, nicht unangenehm wäre. Wir
wurden unterbrochen. Meine Feder und mein Wille stehen zu ihrer Disposition.«
    Bovillard setzte sich halb auf den Tisch, indem er vertraulich den Arm auf
die Schulter des Rates legte; die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein
wohlgefälliges Lächeln:
    »Mich hat seit lange kein Brief so erquickt!«
    »Lombard muss Wichtiges berichtet haben,« bemerkte der Beamte. »Nach den
Äusserungen des Herrn Geheimrats gestern zu mehreren Geschäftsmännern herrscht
unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung.«
    »Dürfte ich Ihnen den Brief zeigen! Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie
einen Abgesandten, sondern wie einen alten lieben Bekannten, den er endlich von
Angesicht zu Angesicht sieht. Er sass auf dem Sopha und las. Was denken Sie? Den
Ossian. Nachdem er Lombard die Hand gereicht, recitirte er ihm eine Stelle voll
der tiefsten Empfindung für Menschenwohl. Er fragte ihn, ob er Ossians Gefühle
teile? Lombard war nicht ganz vertraut, da las er ihm selbst die Scene vor, wo
Malvine im Mondenschein über das Schlachtfeld eilt, und süsse Betrachtungen
ausgiesst darüber, dass Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit
reguliren. Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab, um seine
eigene Bewegung zu verbergen. Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker
einen Blutmenschen zu nennen! Wer gebietet der Parteienwut! Das warf auch
Bonaparte im Gespräch hin. Sire, erwiderte Lombard, Europa kennt den Sieger des
18ten Brumaire. Der Kaiser schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf: Ach, das war
für die Strassen von Paris, für Frankreich vielleicht, aber der Genius muss noch
geboren werden, der Europa wieder in seine Fugen richtet. Lombard citirte eine
Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon. Napoleon schien sie zu kennen,
aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein: Mich dünkt, der Sinn ist
weit schlagender in den Worten ausgedrückt, - Und was citirte er? Eine Stelle
aus einem von Lombards Traité's«
    »Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben?« rief der junge Rat mit
einem ungläubigen Lächeln.
    »Dieselbe Frage stellte Lombard, natürlich nur mit andern Worten, und sein
Gesicht mag auch dabei geglänzt haben, denn, wir wollen es nicht leugnen, er ist
etwas eitel. Eitel sind wir Alle, lieber Fuchsius. Napoleon sah ihn mit seinen
schönen klugen Augen vielsagend an, und griff dann nach einem Buche, das neben
ihm auf dem Tische lag. Es war Pariser Druck und Band, Sie werden es sehen.
Kaum, dass er darin geblättert, schlug er eine Seite auf und reichte sie dem
Gesandten. Es war Lombards Dictum. Unverdiente Ehre, wenn mich ein französischer
Schrifsteller citirt hat. - Sie sind es ja selbst, lächelte Napoleon und wies
ihn auf den Titel. Kurzum, es waren Lombards Traité's, in einer Pariser Ausgabe,
prachtvoll gedruckt. Und mit einem Wort, es kam heraus: Der Kaiser hat Lombards
Abhandlungen, weil sie ihm so sehr zusagen, in einer Prachtausgabe für sich und
seine vertrauten Freunde drucken lassen. Napoleon Bonaparte, sage ich Ihnen, der
Genius des Jahrhunderts, kann sich von Lombards Schriften nicht trennen, er
führt sie mit sich in seinem Feld-Necessaire, er blättert täglich, er findet
Zerstreuung, Erholung, Erquickung darin, wenn die Sorgen ihn drücken. Mit
französischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks, den
er in seinem Reiche streng bestrafen würde, denn jeder Arbeiter müsse die
Früchte seiner Arbeit geniessen können. Aber die deutsche Typographie sei noch so
weit zurück, es tue seinen Augen wehe, einen schönen Gedanken grob auf
deutschem Papier zu sehen. Ach, fügte er hinzu, was könnte aus Deutschland, ich
meine aus Ihrem Preussen werden, wenn ein Genius die Industrie belebte! Lombard
erwiderte in galanter Weise die Artigkeit: er fühle sich in seinem Interesse
durch den Nachdruck so lädirt, dass er auf eine grosse Entschädigung Anspruch
mache. Er fordere nicht weniger als das Exemplar, welches durch des Kaisers Hand
geweiht sei. Ich gebe es ungern, es ist mir lieb geworden, sagte der Kaiser,
aber Sie sind im Recht, und nun ist es nicht mehr meines. Er hatte rasch seinen
Namen mit einer verbindlichen Zeile hinein geschrieben.«
    Der Geheimrat war nach dem verschlossenen Schrank geeilt, von wo er einen
in saubere Hüllen verschlossenen Band holte, und auf dem Tische entüllte:
»Lombard hat ihn voraus geschickt. Doch das ist nur für uns. Um Himmels Willen
davon keine Mitteilungen. - Da ist sein Name. Schöne, feste Züge, der Charakter
des Genius. Ex ungue leonem. - Hier ist auch mein Bericht, den Lombard die Güte
hatte in seinem Traité aufzunehmen, mit abgedruckt.«
    Der Geheimrat umhüllte das Buch wieder mit einer Geschickslichkeit, die
einem Buchbinder Ehre gemacht, und stellte es auf einen Ort zurück: »Was sagen
Sie nun. Ist der Mann, wie seine enragirten Feinde ihn uns darstellen wollen?«
    »Das sind allerdings überraschende Kombinationen.«
    »Sie haben an eine Atrappe gedacht. Sehen Sie, wie Sie sich durch Ihr
Vorurteil täuschen liessen. Ueberhaupt, da war nichts Affektirtes in Bonaparte's
Benehmen, nichts von der Herablassung eines Emporkömmlings. Er verhandelte mit
unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen. Lombard wollte diplomatisch
Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrücken. Napoleon unterbrach ihn
rasch: Ich bin Frankreich, die Welt fängt an es zu erkennen, und Sie sind
Preussen, die Welt erkennt es noch nicht, aber ich. Ueberlassen wir doch das
Anderen, sich untereinander zu täuschen, setzte er mit dem durchdringend
freundlichen Blicke hinzu. - Das bleibt natürlich unter uns, und Lombard tat
natürlich das Seinige, dagegen zu protestiren und auf seine untergeordnete
Stellung zu weisen. - Wie Sie wollen, sagte Napoleon lächelnd, ich nehme die
Menschen wie sie sind, respektire aber auch den Schein, den sie hervorzukehren
für nötig halten. - Und nun floss das Gespräch anmutig hin, wie zwischen
Zweien, die, wie Schiller sagt, auf der Menschheit Höhen stehen, und parteilos
und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten.«
    »Und bei dem Gespräche blieb es?«
    »Lombard kann nicht genug sein Entzücken über den reichen Geist ausdrücken.
Er schüttete seine Anschauungen über die Weltverhältnisse wie eine Fee aus ihrem
Füllhorn. Unser Freund sagt, er hat in dieser einen Stunde viel gelernt.«
    »Dazu ward er indes nicht hingeschickt. - Und noch gar keine positiven
Resultate?«
    »Wir können ganz beruhigt sein. Bonaparte hegt eine Achtung vor Preussen, die
mich wirklich überrascht hat. Wenn er von Friedrich spricht - nun das versteht
sich von einem Genius, wie seiner von selbst. Er malte seine Schlachten; als er
die von Hochkirch schilderte, geriet er in eine wahre Begeisterung: Die
gewonnenen Schlachten wolle er dem grossen Todten lassen, rief er aus, aber er
gebe drei seiner eigenen Siege für den Rückzug von Hochkirch.«
    »Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich, sich Unterricht über den
siebenjährigen Krieg geben zu lassen?«
    »Spötter! wissen Sie, was Napoleon über den Baseler Frieden sagte?«
    »Die erste Wunde unserer Ehre!« seufzte der Rat.
    »Das gab er selbst zu. Erkennen Sie die Grösse des Mannes. Aber nach diesem
Frieden sei es Preussens Aufgabe gewesen, die demarkirten Teile von Deutschland,
die unter seinem Schutz gegeben waren, sich zu unterwerfen. Ein kleines Unrecht,
rief er, kann in der Politik nur gut gemacht werden durch ein grosses Unrecht.
Was wäre Preussen jetzt, es stände da, eine europäische Macht, die nicht nötig
hätte, Sie, mein lieber Lombard, zu mir zu schicken, um mich zu sondiren. Es
wäre an mir gewesen, zu Ihnen zu schicken, ich hätte aber freilich schwer einen
Lombard gefunden. Er tat einige Schritte im Zimmer auf und ab. Aber es tut
nichts, hub er wieder an. Preussen ist ohnedem was es ist. Der Genius Friedrichs
schwebt über ihm, und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug, dass sich
so leicht kein Feind heranwagt.«
    »Und weiter berichtet Lombard nichts?«
    »Sie bleiben ein ungläubiger Tomas. Der Kaiser ist nicht allein weit
entfernt von einer feindlichen Absicht, sondern eine innige Verbindung mit uns
wäre sein Wunsch. Wohl verstanden, eine Alliance, welche die Zügel der Welt in
die Hand nimmt. Civilisation, Kultur, wahre Aufklärung, das Glück des
Menschengeschlechts und ewiger Friede wären ihr Ziel. Wer zwingt ihn denn
immerfort, das Schwert wieder zu ziehen, als die Manövres des Herrn Pitt, der
jetzt Oesterreich, jetzt Neapel, nun Russland, Schweden, und die Kleinen, warum
nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt. Was sind diese Subsidien, die
das monopolisirende England verschwenderisch auswirft, als das Blutgeld, womit
es den Ruin der Länder erkauft, die sich verführen lassen? England wäre es
recht, wenn der ganze Kontinent zur Wüste würde, wenn er nur damit der Markt
wird, wo die Bettelvölker, um ihre Blösse zu kleiden, seine schlechtesten Waaren
kaufen müssen. Das ist sein Ziel, und jedesmal, wenn Bonaparte seinen Degen
gegen einen neuen Feind ziehen muss, tut er es mit Seufzen; er weiss, er kriegt
nicht gegen die armen Neapolitaner, Hessen und Schwaben, die sind nur die
Schlachtopfer; seine eigentlichen Gegner, die reichen Kaufleute an der Temse,
sitzen ruhig hinter ihren Wollsäcken und trinken ihren Ostindischen Tee,
derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergnügen, zu ihrer Spekulation
erkauften Völker in die französischen Kanonen getrieben werden. Darum ist sein
Grimm gegen Pitt und die Andern unbeschreiblich. Wenn ihm die Landung gelänge,
wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte, so würde er vielleicht der
Blutmensch, den man aus ihm macht. Aber seine Vernunft regelt seine Begierden.
Seine Pläne sind andre. Könnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die
fremde Waare umspannen, dass kein Ballen ihrer Manufacte eindringt, könnte er den
Gewerbfleiss unter den Kontinentalen anstacheln, dass wir gezwungen würden für uns
selbst zu erfinden und zu schaffen, könnte er die Brtten aushungern, dass sie
sich den Tod essen an ihren Schlauderwaaren, dann hätte er gesiegt, wie er
wünscht, nicht für sich, für die ganze europäische Menschheit. Dann würde wir
alle reiche, glückliche, selbstständige Völker. Aber er allein, ein wie grosses
Genie auch, kann das nicht. Er braucht einen Bundesgenossen. Russland kann es
nicht sein, Oesterreich ist des Gedankens nicht fähig, Preussen allein steht auf
der Höhe der Civilisation und Intelligenz, mit Preussen Hand in Hand könnte er
den Weltgedanken ausführen. Begreifen Sie nun, warum es in seinem Interesse ist
mit uns Freund zu bleiben?«
    »Lombard hat die Propositionen zur Alliance vermutlich schon in der
Tasche?«
    »Bonaparte kennt uns, und darum gibt er fast die Hoffnung auf. Er kennt die
Hindernisse. Ich versichere Sie, mit erschreckender Genauigkeit kennt er die
Coterien an unserem Hofe, er weiss, was bei der Radziwill, in den Kreisen der
Prinzess Wilhelm über ihn gesprochen, wie er titulirt wird. Er weiss die
Ausdrücke, das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein
Haar, ja er liest die Gedanken, die der Prinz unterdrücken muss. Die Discourse in
unsern Wachtstuben, die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Corps liegen
aufgezeichnet in seinen Akten. Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns
einflössen?«
    Der Rat war ernstaft geworden. »Das ist schlimm. Man sagt, seine Spione
kosten ihm viel. Preussen soll ihm überhaupt viel kosten, und das ist noch
schlimmer.«
    »Ich sage Ihnen, jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell; diese
sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruiniren. Die bohrt und drängt und stürmt,
bis ein Mal der Widerstand der wahren Staatsmänner zu schwach wird, und das gute
Herz des Königs nachgibt.«
    
    »Und wir ständen allein,« fiel der Rat ein.
    »Prenez garde, mon cher, das auszusprechen. Man muss diesen Fanatikern
gegenüber vorsichtig sein. Es freut mich, dass Sie den Wahn nicht teilen, als
wären wir allein stark genug, gegen den Strom zu schwimmen. Doch besser, dass man
dies für sich behält. Um so mehr, als, denken Sie, auch Napoleon zweifelt. Wie
hübsch er das auffasst. Ich bin ja nicht so töricht, sagte er zu Lombard, um
nicht zu wissen, dass, wenn Preussen bei Valmy, Pirmasens, wenn es am Rhein
ernstlich gewollt hätte, Frankreich nicht mein Frankreich, und ich nicht ich
wäre. Das ist nun allerdings zu viel Artigkeit, indessen ersehen Sie daraus, wie
hoch er auch unsre Armee schätzt. Ich weiss, sagte er, Ihres Königs Herz schlägt
für Menschen- und Völkerglück, wie nur meines, aber ich würdige vollkommen seine
Lage, er ist jung, befangen, zu gewissenhaft, er weiss sich nicht zu helfen
zwischen den guten und bösen Ratgebern. Zu viel Blutsbande verknüpfen ihn mit
den Ungestümen, Rasenden, und man kann sich keines Augenblicks versehen, dass
nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanität siegen.«
    »Und wird Mortier Hannover räumen?« fragte der Rat mit scharfer Betonung.
»Wird die Sperrung der Weser- und Elbemündungen, worauf Preussen bestehen muss,
aufgehoben werden? Unser Handel geht zu Grunde, wenn das nicht geschieht. Das
ist schlimm, aber es gibt Schimmeres. Wir verfeinden uns England. Das ist aber
noch nicht das Schlimmste. Ganz Deutschland blickt sehnsüchtig und erwartend auf
Preussen, als die einzige Macht, die ungebrochen da steht, frei noch von
Frankreichs Einfluss, als die einzige Macht, welche die Ehre des Vaterlandes
retten, der übermütigen Gewalttat eine Schranke entgegensetzen kann. Wenn wir
diese Aufgabe nicht erfüllen, nicht rettend einschreiten, attestiren wir unsere
Ohnmacht, und wir laden die Schmach auf uns, dass eine Koalition fremder Mächte,
die nicht ausbleiben kann, diese Aufgabe übernimmt. Ich wiederhole nur, was die
Tausende täglich sagen, die man Biedermänner nennt, mich selbst, wie sich
versteht, jedes Urteils begebend.«
    »So!« sagte der Geheimrat gedehnt. »Diese Biedermänner werden sich gedulden
müssen, bis Lombard aus Brüssel zurück ist. Die Spezialitäten seines Auftrages
wird er mündlich Sr. Majestät vortragen.«
    Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzählen nichts von diesem
Gespräch und dem, was es hervorrief; der Dichtung aber ist es erlaubt, auch aus
der Tradition zu schöpfen, wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht
hat, die es glaubten. Was einmal geglaubt ward, ist ein Faktum, das auch der
Geschichte angehört. Uebrigens mag der Geheimrat Bovillard Verhandlungen und
Gespräche anders aufgefasst haben, als die, welche gesprochen und verhandelt
hatten; er war ein Mann von lebhafter Imagination.
    »Und der Artikel für den Hamburger Korrespondenten?« sagte nach einer Weile
der Rat Fuchsius.
    »Sie werden das selbst am besten kombiniren. Ihre feine Feder weiss die Fäden
zu verschlingen, dass man nicht ahnt, woher es kommt. De haut en bas etwas, mit
einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt. Es versteht
sich, die hohen Personen, die ich nannte, bleiben unverwähnt, auch die Generale,
namentlich Rüchel, Blücher. Nur mit der höchsten Distinttion von ihnen
gesprochen! Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht, dass sie
die verderblichen Ratschläge von des Königs Ohr abhalten würden. Die
Seitenhiebe werden Sie eben so geschickt appliciren. Es bleibt, wie gesagt, ganz
Ihrem Ermessen überlassen. Es ist Ihr Dafürhalten.«
    »Dann bleiben nur die Gensd'armerie-Offiziere übrig.«
    »Mit diesen Herren komm' ich nicht gern in Konflikt. Man begegnet sich doch
täglich in Gesellschaften.«
    »So könnten nur die deutschen Gelehrten, die Romantiker, die Zielscheibe
sein.«
    »Ganz richtig.«
    »Die Herr Geheimrat für unschädlich erklärt!«
    »Sie verführen die Anderen mit ihren abstracten Ideen. Ja, setzen Sie es
recht ins Licht, die Lächerlichkeit dieser Teoretiker, die sich einbilden, über
Dinge mitsprechen zu können, von denen sie nichts verstehen. Geben Sie's ihnen
recht stark, legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund über die
deutsche Ideologen. Sie wären das einzige Hindernis des Friedens, nach dem alle
Welt sich sehnt. Ich weiss, sie sind es nicht. Darauf kommt es aber nicht an. Sie
schlägt man, die Kriegspartei meint man. Die Herren vom Miliär erfreut es
inniglich, wenn man gegen die Professoren- und Schreiberweisheit loszieht. Sie
schlucken die Invectiven mit Heisshunger herunter und merken nicht, dass es
Schläge für sie selbst waren. - A propos, wenn Sie auch einige scharfe
Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen könnten -«
    »Rechnen Herr Geheimrat den Freiherrn zu den Ideologen, zu den Romantikern
oder der Kriegspartei?«
    »Qu'importe!«
    »Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn.«
    »Um so schlimmer, der Mann wäre im Stande -«
    Der Geheimrat hielt plötzlich, wie durch eine Erinnerung gestört, inne.
    Ein Secretair unterbrach das Gespräch in einem Augenblick, wo der Geheimrat
selbst im Begriff stand, es zu enden, vielleicht, weil ihm Gedanken aufstiegen,
für die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien.
    »Ich kann heut Niemand mehr empfangen,« rief er dem Sekeretair zu: »Mein
Gott, wenn man doch wüsste, wie ich überlaufen bin. Ich kann mich doch nicht
verdoppeln und verdreifachen.«
    Der Sekretär nannte einen Namen. Das Gesicht des Wirklichen verzog sich
merklich in die Länge.
    »Diesmal werden Herr Geheimrat ihn wohl nicht abweisen können,« sagte der
Rat. »Sie liessen ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden.«
    Aufgähnend und mit einer französische Phrase fand sich der Geheimrat in
sein Schicksal.
    Der Rat beurlaubte sich, das nächste Gespräch wurde wohl - besser ohne
Zeugen geführt.
 
                                Achtes Kapitel.
                Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrat.
Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause, als - wir ihn hier wieder sehen.
Die süssesten Falten glätteten sein volles Gesicht und die Glätte ging über die
sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf. Lächelnd der Mund, das Auge, den Hut in
der Hand, hatte er an der Tür seine respektvolle Verbeugung gemacht, um, den
Dreiecker an die Brust gedrückt, mit einer Bewegung, welche an die der Maus
erinnern konnte, auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen:
    »Mein teuerster Gönner!«
    Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck, der
ihm drohte, sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt, den er mit der Linken fasste
und bewegte, um sich gelegentlich darauf zu stützen, während er mit der Rechten
sich auch gelegentlich bewegte. Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um
einen Kopf grösser als der andere Geheimrat. Ob er es war, lass' ich ungesagt:
    »Mein Herr Geheimrat, ich hatte nicht erwartet, dass wir uns so begegnen
sollten.«
    Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt. Den Hut noch fester an die
Brust drückend, verneigte er sich noch tiefer: »Mein Herr Geheimrat, wer hat
keine Feinde!«
    »Um das kurz abzuschneiden, von Ihren Feinden weiss ich nichts, aber ich weiss
doch Alles. Ich bin nicht Ihr Richter, das wissen Sie. Wie Sie sich vor dem weiss
brennen wollen, ist Ihre Sache, zu mir kommen Sie aus andern Gründen. Einem
Advokaten muss man Alles sagen.«
    »Soll ich sagen, dass mich diese edle Gesinnung überrascht? Nein! Iustice et
humanité, voilà le patrimoine de la famille de Bovillard! Si mon ami Bovillard
est mon advocat, je suis l'homme le plus heureux.«
    »Herr, rasen Sie! Von Ihrer Kassation ist die Rede! Um des Himmels Willen,
plagte Sie denn der Teufel! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst, wissen
Sie nicht, wie man uns auf die Finger sieht, wie man die unschuldigsten
Handlungen verdächtigt, und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen! Herr
Geheimrat, Sie verdienten ja schon darum -«
    »Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt -«
    »Zum Geier mit Ihren Intentionen. Wissen Sie, wie der König die Lippen biss,
wie die Königin blass ward, wie ein Jemand, den ich nicht nennen will, die
Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte: das sind die Freunde des Herrn
Lombard! wie Seine Majestät, die Hände auf dem Rücken, stumm durchs Zimmer
gingen: das muss anders werden! - heisst das Ordnung! Das nennt man Humanität, dass
man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lässt. - Es muss,
es soll anders werden! schlossen Seine Majestät. check hat ihn noch nie so
gesehen. Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug,
er musste sie umschreiben. Was sagen Sie nun?«
    Lupinus wusste nichts zu sagen. Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb
mechanisch die Hände über den Hut, bis der Wirkliche ihm zu Hülfe kam:
»Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein, aber verstehen Sie, ganz
reinen, und bis auf den Grund.«
    Ob der Wein ganz rein war, lassen wir auf sich beruhen. Es war so ziemlich
derselbe, den wir in Lupinus' Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet. Nur blieb
der tolle Sohn des Geheimrats aus dem Spiele. Der Zuhörer, welcher besonders am
Schluss aufmerksam den Kopf wiegte, schien einigermassen befriedigt, denn er
sagte, als der Andere zu Ende war: »Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten,
dass Sie nichts hinzugetan, noch davon genommen haben: ich meine, dass, wenn Sie
vor dem Richter stehen, Sie ebenfalls nichts mehr, noch weniger aussagen
würden?«
    
    »Wir sind Menschen, Herr Geheimrat, wir sind alle Menschen, und unser Loos
ist irren.«
    »Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen, die nicht irren
sollen; sonst jagt man sie fort.«
    »Seine Majestät der König kennt gewiss meine Loyalität.«
    »Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz. Ich möchte Ihnen
nicht raten, sich darauf zu berufen. Ueberhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen
und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres
Ranges, die gebildete Gesellschaft besucht, ist erste Pflicht, dass man sich um
die Verhältnisse und Ansichten kümmert. Vielleicht liegt das in Ihrer Familie -«
    »Herr Geheimrat meinen, meinen Bruder in der Jägerstrasse. Ja, um die Dehors
kümmert er sich allerdings wenig. Sollte er sich vielleicht bei irgend einer
Gelegenheit einen Verstoss haben zu Schulden kommen lassen! Gott, er hat ein
gewissermassen kindliches Gemüt, er kann kein Wasser trüben. Aber Gelehrte -
Gelehrte, mein teuerster Gönner, ach, der Vers ist wie auf ihn gemacht:
Er weiss, wie man in Rom gegessen
Und zu Aten sich gab den Kuss;
Darüber hat er ganz vergessen,
Wie man die Gabel halten muss.
Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen, dass er sich
doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte.«
    »Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten!« fiel der
Wirkliche wieder verdriesslich ein. »Mein Herr Geheimrat, es ist ganz
unbegreiflich, wie Sie die Veränderungen übersehen haben, die sich in unsern
Sitten zutrugen. Ja, ja, in unsern Sitten! Sehen Sie denn nicht ein, dass und wie
sich alles geändert hat. Ein junger tugendhafter König ist unser
Staatsoberhaupt, eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner
Seite. Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität, von wirklich rührender
Häuslichkeit. Fühlen Sie denn nicht, wie dies Beispiel schon auf das Publikum
einwirkt? Anfangs war man etwas frappirt, man verstand es nicht, dass es dauern
könne, man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel. Manche fürchteten sogar,
dass die Königliche Autorität verlieren würde, ohne Gold und Silberapparat. Aber
es war anders. Wird dieser König weniger geliebt, als der höchstselige? Ja, ich
wage zu behaupten, der grosse Friedrich ward nicht so venerirt. Wenn dieser
jugendliche Monarch mit zwei Rappen, die schöne Königin an seiner Seite, durch
die Linden kutschirt, wie schlagen alle Herzen! Hören Sie die Bemerkungen der
Leute. Das sind Symptome, mein Lieber, auf die man achten muss. Bemerken Sie denn
nicht, wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen? Man muss
sich fügen, mein Lieber, man muss mit dem Strome schwimmen, man muss sich kleiden
wie die Andern, wenn uns auch die Mode nicht gefällt. Ou voulez-vous être un
original, qui ne se désoriginalisera jamais? Glauben Sie mir, es gefällt Manchem
am Hofe nicht, ich muss manche Klage hören, aber man fügt sich. Manche Liaisons
sind stadtkundig, wer hatte bisher Arges daran, aber - man genirt sich jetzt,
man fährt nicht mehr zusammen in den Tiergarten. Ich könnte Ihnen - aber n'en
parlons pas à propos - man sagt mir, Sie besuchen noch immer das Haus der
Schubitz.«
    Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an.
    »Mein hochverehrtester Gönner, auch das« - Offenbar wollte er, was man nennt
mit etwas herausplatzen, vielleicht aus der Defensive in die Offensive
übergehen, aber rasch sich besinnend, fuhr er in dem vorigen süss flötenden Tone
fort:
    »Wenn ich sagen dürfte, wie anständig es dort hergeht! Ich kann beteuern,
dass alles Unmoralische davon entfernt ist. In den untern Zimmern versammelt sich
abendlich, gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen. Man trinkt Tee,
man lässt sich eine Bowle brauen; in heitern Gesprächen vergehen die Stunden.
Wie mancher Geschäftsmann, erdrückt von der Last des Tages, der keine Familie
hat, oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet, sucht die
Zerstreuung, die notwendige Erholung, um sich wieder zu erfrischen für die
Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages. Der Staat fordert von uns ungeheure
Opfer, er muss uns doch auch etwas Erholung gönnen. Einige machen auch ein
Spielchen, die Räume sind so gemütlich und hell. Muss man denn immer Arges
denken! Diese leichten anmutigen Kinder der Natur - ich will im entferntesten
nicht für ihre vertu sonst einstehen - aber in diesen Reunions, wenn doch auch
nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre! Hüpfende Gazellen, Hebes mit der
rauchenden Schaale, mischen sie sich in das Gespräch, man hält sie fest, wenn
sie entschlüpfen wollen, man richtet Fragen an sie, und freut sich ihrer
schalkhaften Antworten. Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich
will auch nicht dafür einstehen, dass man nicht einmal, überrascht von einer
naiven Antwort, den losen Schalk auf den Schoss zieht, und ihn dafür mit einem
Kuss auf die Lippen belohnt oder bestraft. Aber, wie gesagt, il n'y a rien là
d'immoral, Monsieur le conseiller! Man findet immer achtungswerte Gesellschaft,
die höchstachtungswerteste zuweilen. - Herr Geheimrat würden erstaunen, wenn
Sie hörten, welche Equipagen vor dem Hause halten - oft die ganze Behrenstrasse
hinauf bis zur Friedrichsstrasse. Man trifft sich auch mit den Künstlern, den
Genies unserer Stadt. Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten
Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgesprjetzt. Da ist der berühmte
Bildhauer, das Genie, - wie heisst er doch gleich - der macht Studien zum
Basrelief für das neue Schauspielhaus. Der tiefsinnige Herr Adam Müller, ce
génie mystique, las den Damen aus seinen Schriften vor, s'il m'est permis de
m'exprimer ainsi, pour les convertir. Reine psychologische Studien! Der Herr
Hofrat Hirt versichert, bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer
erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde, was der Lichtenau so gefallen hatte,
er hat es im Marmorpalais contrefeien müssen. Da sagte auch neulich Fleck - doch
das erinnern sich Herr Geheimrat, - von der Auguste könnte die Schick agiren
lernen, wenn sie die Dido singt. Enfin, je vous assure, mon génie protecteur, on
n'y va que pour faire ses études artistiques, philosophiques, psychologiques -«
    »Et physiologiques,« unterbrach Bovillard. »Und was studirten Sie, Herr
Geheimrat?«
    »Menschenkenntnis, Herr Geheimrat. Lernt man in der Schwäche sich nicht
selbst am besten kennen?«
    »Das will ich gelten lassen. Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl
seine Pantoffeln in das Haus.«
    Der Geheimrat senkte den Blick: »So viel mir bekannt, sind diese schon vor
Monaten wieder abgeholt.«
    »Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt. Denn, merken Sie noch etwas,
eine Polizeiordre ist unter der Feder, in diesen Häusern soll künftig eine
Präsenzliste geführt werden. Wer aus- und eingehet, muss seinen Namen
einschreiben. An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen, wer sie besucht
hat, und die Beamten werden höheren Orts gemeldet.«
    Die beiden Geheimräte sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke
an. Es entstand eine Pause. Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem
Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten, als jener nach einem kurzen
Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend, sich mit überkreuzten
Beinen auf das Sopha setzte. Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern
Ecke Platz.
    »Und dann, warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Strasse Konversation
anfangen, und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen?«
    »Mon Dieu, auch das ein Verbrechen, wenn das Herz uns treibt, unsere
Mitmenschen zu uns zu erheben! Je vous proteste, ce n'est rien que l'inspiration
d'un coeur humain.«
    »Genialität, mon ami! Ces beaux temps sont passées. Sie werden mich gewiss
nicht zu den Rigorosen rechnen, aber man muss doch auch mit einem gewissen Ernst,
der unserer Stellung und unserm Alter ziemt, die Verhältnisse betrachten. Es
musste anders werden. Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so
viel Affröses verletzt. Man hätte sich nicht wundern dürfen, wenn er selbst mit
rigoroser Strenge dazwischen fuhr. Aber in seiner milden, bescheidenen Weise
zieht er es vor, nur durch sein Beispiel zu wirken. Und es ist überraschend, wie
es schon gewirkt hat. Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe! Hört man noch
das disgustirende Geplauder von sonst! Ein Wort, ein strafender Blick der
Königin, und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein - die chocquirenden
Konfidenzen verstummen. Kennen Sie die alte Voss wieder? Ganz die Airs einer
würdigen Matrone! Wenn es auch noch nicht überall einklingt, so macht man doch
Efforts. Selbst Comtess Laura, geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst?
Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht, mit welcher Decenz
geschieht es. Da kennt Keine die Andere, so tief maskirt! Ihre Wagen lassen sie
schon an der Ecke der Doroteenstrasse zurück. Nein, die Progressen in der
öffentlichen Moral sind unverkennbar. Und die Minister! Was kann denn erhebender
sein, als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat, und
wie ein Patriarch unter den Seinen lebt. Die Frau Ministerin, wenn sie das
schlichte Häubchen auf dem Kopf, die Schürze vor, als Hausfrau in Küch' und
Keller waltet! Ein Fremder könnte glauben, dass er in eine gewöhnliche
Bürgerwirtschaft gerät. Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüssen, ein
Trunk Bier steht immer auf dem Tische.« -
    »Trinken Excellenz jetzt Bier?« fiel Lupinus rasch ein. - »Wahrscheinlich
von dem, was mein Freund, der Hofrat Fredersdorf in Spandow braut. Ein
treffliches Bier, aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein?«
    »Das tut wohl nichts zur Sache. Ich meinte nur -«
    »Vielleicht nur des Magens wegen - Excellenz leiden an Indigestionen - da
würde ein bitteres Magenbier, zum Exempel das Zerbster - der Magen eines
Ministers ist etwas kostbares für das Land - ich habe da eine gute Quelle.
Meinen Herr Geheimrat vielleicht, dass Excellenz es nicht ungütig nehmen würden,
wenn ich mir erlaubte, ein Fässchen -«
    »Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen,« sagte Bovillard aufstehend,
»denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen!« Aber der Alp auf der Brust des
Geheimrat Lupinus schien sich doch allmälig gelöst zu haben, als er die
Teilnahme seines Gönners bemerkte. Die Sache war nicht durch einen Scherz zu
beseitigen. Man sprach auch von einem Dritten, der seine Vermittlung schon
angeboten. »Wenn man dem nur ganz trauen kann,« sagte Lupinus. Der Wirkliche
lächelte leichtin: »Das zu prüfen ist meine Sache. Ihre: Anstand, Ernst,
Moralität zu zeigen - und vorsichtig zu sein. Denn mir ist gar nichts darum zu
tun, dass Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hintertür schlüpfen,
sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen. Verstehen Sie mich, mein Herr
Geheimrat? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung, weil unser
Interesse damit zusammenhängt. Verstehen Sie mich! Wissen Sie auch, dass der
Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat?«
    »Womit habe ich das verdient!« Beinahe entfiel ihm der Hut, als er mit der
Hand über die Stirn fuhr.
    »Das machen Sie mit sich selbst aus. Dann kann ich Ihnen auch nicht
verbergen, dass das Verhältnis mit Ihrer Köchin Seine Majestät choquirt. Sie
täten besser, sie wegzuschicken, oder wieder zu heiraten.«
    »Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte - mein Gott, ich
bin ja zu allem bereit - jeden Augenblick.«
    »Warten Sie's doch noch ab,« - entgegnete der Wirkliche, wirklich von diesem
Zeichen der Devotion überrascht. »Es kann sich manches wieder ändern. Ueberhaupt
müssen wir warten,« setzte er hinzu, »denn ich besinne mich, dass der Minister
morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist.«
    Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug. Bovillard schien
schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt, als er, die Hand an der Tür, ihm
ein à propos nachrief:
    »A propos, wissen Sie nicht, was aus der Jenny geworden ist!«
    Lupinus, halb schon aus der Tür, war im Augenblick zurückgeschnellt, und
mit derselben Elasticität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck, der das
grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war. Es war die
allmächtige Natur, welche die Folterbande gesprengt hatte.
    »Die ging ja nach Leipzig - nach dem Vorfall -«
    »Das weiss ich. Aber von da?«
    »Man sagte, nach Paris. Ah! ces souvenirs!« Der Geheimrat von der Vogtei
küsste seine Finger.
    »Wie eine Gazelle,« sagte der Wirkliche.
    »Und eine Taille!«
    »Quand elle pirouettait autor d'elle-même -«.
    »En petit comité viel ravissanter, als hinter den Lampen. Diese Grazie!«
    »Augen wie eine étincelle.«
    »Et sont esprit!«
    »Witzig! Sie konnte fünf Mann todt machen.«
    »Et ses délicieux petits pieds! Erinnern sich Herr Geheimrat noch an jenen
Abend, wie sie auf den Tisch sprang?« -
    »N'en parlons pas!« Bovillard wehrte mit der Hand. Mit einem eigentümlichen
Blick setzte er hinzu. »Mon cher conseiller, c'est à vous taire - et surtout à
présent!«
    »A moi!« Lupinus senkte die Augen, die Hand auf der Brust. »D'ailleurs ces
souvenirs dureront plus que ma vie.«
    »Ja, sie hat manche Erinnerungen hinterlassen,« schmunzelte Bovillard.
    »Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen,« setzte der Andere hinzu.
»So was kommt doch nicht wieder. Sind Herr Geheimrat nicht auch der Meinung, es
verschlechtert sich Alles in der Welt.«
    »Es kann aber auch Einiges besser werden,« sagte Bovillard. Noch einmal rief
er dem Scheidenden nach: »Also, un peu plus de morale et - de modération.«
 
                                Neuntes Kapitel.
                               Der dritte August.
Der dritte August fing in Berlin an ein Feiertag zu werden. Die Bürger freuten
sich, dass sie einen guten König hatten. Sie hatten lange keinen guten König
gehabt; denn der alte Fritz war wohl ein grosser König, aber er war ein Fürst
gewesen, den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte. Es verehrte,
es bewunderte ihn, aber den Bürger schauerte, wenn er dachte, dass er mit ihm auf
einer Diele, unter einem Dache stehen sollte. Der Müller von Sanssouci war ein
einzelner Mann. Und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich,
und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten. Wenn er durch die
Linden ritt auf seinem alten Schimmel, liefen ihm die Kinder nach und schrieen
und waren glücklich, wenn sie die Sohle seines Stiefels, den Saum seines Rockes
anfassen konnten, auch leuchtete sein Auge noch immer gross und durchdringend,
und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem grossen Könige, aber Liebe hat der
matte Strahl des grossen Auges nicht mehr geweckt.
    Und als der grosse Mann im Sterben lag, durchschauerte es auch wohl die guten
Bürger, dass so ein grosser Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt
scheiden müsse. Aber an seine grossen Schlachten und, was noch grösser, seine
Taten für den Staat, und dass er die Seele dieses Staates gewesen, und ob eine
andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde, daran dachten
sie nicht. Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein, dass der Staat ein Leib
sei, der eine Seele braucht. Sie dachten vielmehr - ganz still - wenn der Alte
todt ist, hören die Kaffeeriecher auf, und vielleicht auch die Tabaksregie.
Unter diesen Gefühlen der guten Bürger, die man später die Gutgesinnten nannte,
entschlief der grösste Mann seines Jahrhunderts. Wenn er's gewusst, vielleicht
hätte sein letzter Seufzer geklungen: das hatte ich nicht verdient! Und darum
jubelten die guten Bürger dem neuen, gütigen Könige entgegen, der auch wirklich
die Kaffeeriecher fortjagte, aber später und sehr bald ward er kein guter König.
- Er starb in seinem Marmorpalais am heiligen See, einsamer als der grosse
Friedrich in Sanssouci. Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige
und dem Volke.
    Und nun hatte man wirklich einen guten König. Durch viele Jahre war er
derselbe geblieben; es war Friede im Lande, keine Kaffeeriecher, den Tabak
kaufte man zu müssigen Preisen, die Geisterbanner und Frömmler waren
fortgeschickt, Handel und Gewerbe blühten, die Soldaten waren zwar noch
Soldaten, aber man konnte sich ja vor ihnen hüten, und der König und die schöne
Königin fuhren so bürgerlich geschmückt, so herzlich und zutraulich durchs Volk.
Keine Läufer, selten ein Vorreiter, oft in einer einfachen zweispännigen
Kutsche. Das Volk fing an, diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen, und -
es liebte seinen König.
    Darum war bald der dritte August, des Königs Geburtstag, ein Feiertag
geworden. Sie gingen vors Tor, in die Schenkgärten, sie strömten aufs Land, in
die Dörfer, die glücklichen Familien, welche die Sorgen abwerfen konnten, um
einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern.
    Auf dem Hochplateau, südlich von Berlin, lag damals ein ländliches Dorf mit
hohen schönen, dicht umwipfelten Bäumen, mit moosbewachsenen Schilfdächern und
einer alten gotischen Kirche von Granitquadern. Nur eine halbe Meile von der
Stadt, versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern, wo die Aehre im
Lehmboden üppig wucherte. Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben,
einst eine Besitzung der Tempelherrn, von denen das Dorf den Namen trägt. Diese
sind vor alten Zeiten schon von der märkischen, und von der Erde überhaupt
verschwunden, und das Feuer, das ihre Edelsten verschlang, hat auch allmälig die
schönen Linden und Ulmen der Dorfstrasse versengt und die Schilfdächer der Häuser
verzehrt.
    Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt. Aber auf
den üppigen Rasen, unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein
Spielplatz für ländliche Lust, wie man ihn nur wünschen mochte. Wo konnte man
freiere Luft atmen, wo, hingestreckt im Grün, dem Spiel des Laubes, dem Gesang
der Vögel ungestörter lauschen! Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Aesten,
um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen! Noch prangten die Dörfer um die
Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirtshausschildern, noch lauerten die
Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte. Die Schenke war eine
Trinkstube und Kegelbahn, weiter nichts, die Familien kehrten bei den Bauern
ein, die sie vom Markte kannten. Und noch strömte nicht Alles hinaus, was an
Sonn- und Feiertagen die Werkstätte schliesst, um das Geräusch der Strassen
draussen durch neuen Lärm in ersetzen und den Staub, den sie hinter sich
gelassen, durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen.
    Es war eine Pilgerfahrt der Familien. Sie brachten eine sonntägliche
Stimmung mit. Man hatte sie lang' vorher besprochen. Man freute sich, einmal
unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern. Wie Wenige waren gereist und
hatten schönere Gegenden gesehen, und wie Viele hatten die Dichter gelesen und
konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur. Auch wer das Teater
besuchte, was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als
jetzt, hörte und sah, wenn er es glauben wollte, dass die Menschen in den Dörfern
andere und bessere wären, als die in der Stadt, weil sie Gott und seiner Natur
näher sind. Wenn auch nicht bei den Schäfern, doch in der Hütte, die der
Fliederstrauch überschattet, sollte der Friede und das Glück des Lebens zu
suchen sein. Bei aller Blasierheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung
durch Spott nicht wehren, ja sie erwehrte sich selbst ihrer nicht. Man musste
idyllisch sein.
    Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen, beschwerlichen Weg
hinaus wandern. Sie steigen über den Sand des Templower Berges, dann suchen sie
den festeren Fusssteig, der neben der durchwühlten Strasse, fast baumlos nach dem
Dorfe führt. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel, und ihre Schritte sind
nicht leicht; ausser der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompaduren
mit, was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll. Oft muss der Familienvater
das Taschentuch herausziehen, um den Schweiss zu trocknen und oft hält er still
und sieht, ob die Andern nachkommen. Da verstummt wohl das Gespräch, aber sie
bleiben heiter. Unter den schattigen Ulmen, welche die Avenue des Dorfes bilden,
hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder, während der Vater sich
umsieht: »Aber wo ist denn Adelheid?« - »Ach du mein,« ruft die Mutter, »da
trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette. Hab' ich's ihr nicht verboten?«
Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füssen nieder:
»Mütterchen, er war gar nicht schwer.« Die Glutröte, die ihr Gesicht
überzieht, straft sie Lügen. Sie steht einen Augenblick atemlos. »Aber
englisches Mädchen, wie konntest Du das tun!« Der Vater schüttelte den Kopf.
Aber als ihre Röte verschwindet, weist die Tochter auf das Mädchen, das noch
röter gefärbt herankeucht: »Die Jette konnte ja nicht mehr.« Der Vater
murmelte: »Dafür ist sie im Dienst,« doch es schien ihm nicht Ernst; er klopfte
die Tochter auf die leuchtenden Schultern: »Knüpfe Dein Tuch zu, Du bist
echauffirt, und wir sind gleich im Dorf.« Der Wind wehte in die alten Ulmen, als
wollte er die kleine Disharmonie weghauchen; die Jette nimmt wieder den schweren
Korb auf die Hüfte und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter.
    Nun fängt der Festtag an. Die Hunde klaffen, als sie das leichte Gittertor
in der Lyciumhecke geöffnet. Adelheid kennt sie, und sie kennen Adelheid; sie
streichelt sie und sie wedeln zu ihren Füssen. Aber es ist tiefstill im Gehöft.
Die Flurtür ist nicht verschlossen, doch auch im Innern des Hauses kein
menschliches Wesen. Nur der graue Kater springt über den Herd, und im Zimmer
schnattert der Staar in seinem Käfig, indes die Wanduhr monoton tickt. - Ach sie
sind Alle auf dem Felde! Und das Feld ist weit. - Dadurch scheint die
Lustbarkeit gestört. Soll man die Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken?
Nein, der graue Kater, der vor den Eindringlingen durch die angelehnte
Kammertür entflohen ist, zeigt ihnen ein anderes Auskunftmittel. Da liegt ja
die alte Grossmutter im Bette. Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr
sprechen, aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden, ihr Töne und
Verständnis zu entlocken. Ja, die Alte liegt noch da, stumpfsinnig lächelt sie,
wie zu allem, auch den Eintretenden zu, ihre Anrede ist ihr nichts anderes, als
das Ticken der Uhr. Aber sie gafft Adelheids Gesicht an, ihr Grinsen wird zum
Lächeln; sie muss sich neben sie setzen, sie streichelt ihre Locken mit der
dürren Hand und wie durch die Berührung allmälig elektrisirt, kommen Töne
hervor, minder kreischend. Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge. Sie
verständigen sich, ein Wort, ein Blick und sie wissen, dass die Hausfrau im
Kuhstall ist.
    Bald fährt Frau Brösike vom Melken auf, denn ein seltsames Kikeriki schallt
ihr aus der Wandluke. »Wetter! Wo kommen denn die Hühner her!« und als sie sich
umwendet, blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden
Lockenfülle, und die kirschroten Lippen öffnen sich, um zwei Reihen Perlenzähne
zu zeigen und ein: »Angeführt mit Löschpapier, Frau Brösike!« ihr zuzurufen. »I,
so soll doch!« ruft die Bäuerin und lässt den Melkeimer fallen, aber ihre
Ueberraschung ist keine unangenehme: »Ach, die seelenhübsche Mamsell Adelheid
vom Gensd'armenmarkt!« Auf dem Hofe aber hat eine andere Ueberraschung Platz
gegriffen, die nicht so angenehmen Eindruck hinterlässt. Das Dienstmädchen hatte
eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt, als
eine heftige Ohrfeige, die aus der Luft zu schwirren schien, ihre brennenden
Backen noch röter machte. Der Eimer schnellte aus ihrer Hand, und das Wasser,
das sie nicht trinken sollte, überschüttete sie aus den Lüften. »Es geht doch
nichts über die Unvernunft solcher Leute. Zu trinken wenn sie erhitzt sind!« -
Das Mädchen weint, aber sie beklagt sich nicht. Der Hausherr hat das Recht. Auch
die Hausfrau widerspricht nicht: nur flüstert sie ihrem Alten zu: »Alter!
Solchen Leuten schadet es nicht. Das liebe Vieh trinkt auch, wenn es Lust hat
und frägt nicht, ob's die Doktoren verboten haben.«
    Nun ist alles helle Tätigkeit inner und ausser dem Hause. Jeder hilft mit,
denn mitarbeiten an der Herrichtung der Tafel zum Mittagstisch, ist ein Teil
der Freude. Jeder, nur der Vater nicht. Ihm wird der erste Schemel unter die
Linde gesetzt, dass er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann. Die Bäuerin will dem
Herrn Kriegsrat selbst die Kohle bringen, aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab.
Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft, und einige Züge versucht, kräuselte
es sanft aus dem Meerschaumkopf, und aus den Lippen schiessen Rauchwirbel
regelmässig hervor. Die Pfeife zieht, alles ist in Ordnung, der Vater nicht
freundlich der Tochter zu, und sie flieht vergnügt ins Haus.
    Was soll man zuerst ergreifen! Die Bäuerin eilt aus Heck, auf den kleinen
Hügel, und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde. Sie mussten es wohl
gehört haben, denn bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche,
die ihr zur Hand sind. Da knarrt der Ziehbrunnen, das Reisig prasselt auf dem
Herde, bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes, die der älteste
Knab' noch eben im Hofe gespalten, und die Mutter aus der Stadt packt in der
Stube aus den Körben und Beuteln und verteilt und bespricht mit der Hausfrau.
Aber eben so schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch, Schemel und Bänke
aufs Grüne unter die Linde. Es fügt und schichtet sich, wenn auch nicht ganz
regelrecht. Wie kann ein winklich gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen,
die ja rund ist! Das Tischtuch fliegt hinauf, die irdenen Schüsseln und Teller
halten es fest, wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will, und die Schüsseln
füllen sich schon, nicht vom Reis, der noch über dem Feuer siedet, aber von den
Lindenblüten, die der Zephyr von den Zweigen schüttelt.
    Es war ein goldiger Tag. Die Hitze war nicht gering, aber auf den Körper des
Familienvaters, der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche, schien sie wie
ein Balsam sich zu senken. Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn. Drinnen
war alles geordnet, sie konnte es den andern überlassen, und den Strickstrumpf
vorholen, um auch der Ruhe zu pflegen.
    »Es hat Dich aufgeheitert. Du warst heut Morgen anders,« sagte sie; »noch
als wir zum Tor hinausgingen, sahest Du vor Dich hin, dass ich wunders dachte,
was es wäre.«
    »Und Du eiltest so aus dem Tor, dass ich auch dachte, wunders was es wäre.«
    Sie liess den Strickstrumpf sinken: »Ja, sieh mal, ich hätte es nicht gern
gehabt, wenn uns Einer begegnet wäre. Denn eigentlich, es ist doch nicht, was
sich für uns schickt, ich meine nämlich für Dich. Ja, als Du noch Subalterner
warst - aber nun, und wer weiss, was Du noch wirst, da der Justizminister es mit
Dir so gut meint.«
    Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und liess die Pfeife am Fusse
ruhen: »Das ist nicht immer ein Glück. - Schickt sich Gottes Natur nur für die
Subalternen, für die Vornehmen aber nicht?«
    »Wie Du wieder bist, Mann! Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im
Hofjäger? - Ins Freie raus ist recht hübsch, ja, und ich sage gar nichts
dagegen, aber so zu Fuss mit Sack und Pack! - Das schickt sich doch nicht mehr.«
    Er war bei guter Laune: »Nächstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen.«
    Sie nahm die gute Laune wahr: »Es ist mir auch schon recht, dass Du lieber
hier raus wolltest, als nach Charlottenburg, denn da sind immer unterwegs die
Soldaten und die Gensd'armenoffiziere flankiren in den Gärten nach hübschen
Gesichtern, und Du hast schon recht, hier heraus kommen sie nicht geritten,
weil's zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren, aber sieh mal,
unsre Kinder werden doch jetzt grösser, besonders die Adelheid - Was siehst Du
denn so besonders dahin?«
    »Ich freue mich, dass die Adelheid so gross geworden ist.«
    »Ist Dir sonst was Besonderes?«
    »Ja, ich habe Lust nach was Besonderm,« nickte er, »denn ich bin durstig.«
    Die Erklärung des Besonderen schwebte schon heran. Adelheid kam aus dem
Kruge mit einem Glase Weissbier. Wer ein Glas Weissbier, das berliner grosse Glas,
welches in der populären Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heisst, gesehen
hat, wie der Schaum, wenn es gut eingegossen, noch einige Zoll über den Rand
steht, und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben
muss; - und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwägt vom Kruge bis
zur Linde, der konnte sich über Adelheids Geschicklichkeit wundern, ein Künstler
aber würde sich gefreut haben, mit welcher Grazie sie das Glas trug.
    Die schönen Formen des Mädchens entwickelten sich bei jedem Schritt, und mit
jedem trat sie, zuerst vorsichtig ausschreitend, sicherer auf. Als sie aber, die
Anhöhe unterm Baume hinaufsteigend, das Glas mit beiden Armen erhob und dem
Vater zulächelte, glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meissels, der
Hebe, die den Göttern die Schaale reicht.
    »Dass Dir's gut bekommt, Papachen!«
    Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge. Er reichte
es der Tochter, weil sie als Botenlohn das nächste Recht habe. Sie nippte und
reichte das Glas der Mutter.
    »Ich mag nichts,« die Mutter musste ja stricken.
    »Alte, trinke. Schluck runter, was Dich verdriesst.«
    Sie durstete auch. Sie wollte nur gezwungen nippen, aber sie trank. - Den
Unmut hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt, als sie das Glas zurückgab.
    »Die Adelheid in den Krug zu schicken! Das ging wohl an, so lange sie die
Flechten im Nacken trug. Und weisst Du denn, ob nicht Soldaten im Kruge sind!«
    Der dritte August, oder die warme Sonne, oder das Spiel des Lindenlaubs
musste auf der Brust des Kriegsrats das Erz geschmolzen haben. Er fuhr die Frau
nicht an, worauf sie doch gefasst war, er sagte nicht, sie solle sich um das
bekümmern, was sie anginge, - er gab ihr Recht. Aussprach er es nicht, aber er
zupfte der Lieblingstochter am Ohr: »Die Clara soll das Glas nachher
zurückbringen und das Pfand einlösen.«
    »Vater, es sind im Krug keine Soldaten. Aber den alten Major Rittgarten traf
ich da mit dem steifen Beine. - Der lässt Dir sagen, nach Tisch will er uns auf
eine Tasse Kaffee besuchen. Er freute sich, mich zu sehen, und freut sich noch
mehr, mit Dir ein halb Stündchen zu plaudern.«
    »Ich will gar nichts damit gesagt haben, Alter, dass Du durstig warst und mal
einen guten Trunk Dir machen wolltest,« sagte die Frau, als die Tochter
fortgehüpft war, »auch meinetalben mochtest Du sie schicken, aber tue doch die
Augen auf; sie wächst ja aus den Kleidern raus, und wir tun noch immer, als ob
sie ein Kind wäre.«
    »Ist geboren in der Nacht, wo der Gensd'armenturm einstürzte,« sagte der
Kriegsrat. »Das vergisst sich nicht und lässt sich leicht ausrechnen.«
    »Nun ja, siehst Du, für uns kann sie immer noch ein Kind sein, aber was
sollen die Leute draussen sagen! Die kurzen Röckchen, das passt doch wirklich
nicht mehr.«
    Nach einer kurzen Pause sagte der Vater: »Soll andere Kleider bekommen,
hab's schon in meinem Etat mir zurecht gelegt.«
    In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen. Ein Eisen
muss man schmieden, so lange es heiss ist.
    »Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind.«
    »Ist Dir das wieder nicht Recht? Soll ich das auch anders machen?«
    »Du nicht, Alter, nein, aber die Erziehung. Die Nähschule und die andere,
nun ja, so lange ging es. aber wir sind doch nun was anderes. Das Bischen
Französisch, das ist ja gar nichts. Sieh mal des Inspektors Töchter, die über
uns wohnen, wie parliren die schon! Und wovon sprechen sie nicht, wenn sie in
Gesellschaft sind, von römischer Geschichte und Bonaparte und Afrika, und von
dem Dichter Schiller wissen Dir die Tischlertöchter drüben ganze Gedichte
auswendig. Mir ist da oft zu Mute, als müsste ich mich verkriechen, weil ich
davon nichts gelernt. Nun, ich bin eine alte Frau, oder werde's doch werden,
aber um die Adelheid tut's mir oft in der Seele weh, wenn sie so gar nicht
mitsprechen kann. Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen und ein einziges Mal
ist sie in der Komödie gewesen. Gott sei Dank, sie hat Mutterwitz, dass sie's
ihnen geben kann, und darum behält sie Respekt. Aber, lieber Mann, französisch
muh sie lernen und ein Bischen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen.«
    Der Vater passte drei Mal heftig, und schlug sich auf den Schenkel: »Tanzen
soll sie nicht lernen! Und Romane und französisch parliren und klimpern auch
nicht. Dass Dich! Ich werf's zum Fenster hinaus, wenn ich was attrapire. Und - in
die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht.«
    Sie liess ihn sich erholen: »Da hast Du auch ganz recht, Alter,« hub sie,
ihre Maschen zählend, wieder an, »und sie wird schon ohnedem tanzen lernen, denn
sie hat ein Geschick dazu, und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist. Aber
sie wird doch älter und ein Mal wird sie heiraten müssen. Der Sohn vom
Hofbronceur, der möchte sie gern haben. Die Eltern sind reich. Nun ja, wenn Du
sie dem geben willst, da braucht sie nicht mehr zu lernen.«
    Der Vater schwieg wieder: »Sie konnte ihn ja nie leiden.«
    »Und weisst Du, was die Jette sagt? Sie hätte doch bei vielen Herrschaften
gedient. Aber eine solche Mamsell wäre ihr noch nicht vorgekommen. Die stäche
manches Fräulein aus; auch manche Gräfin hätte nicht so seine Art. Du bist doch
nun einmal Kriegsrat, und wir müssen in Gesellschaften. Sollen wir die Adelheid
immer zu Haus einschliessen? Du siehst es freilich nicht, wie sie zu uns rauf
gaffen, wenn sie am Fenster strickt, und ich hab's Dir nicht sagen wollen, vom
Bäcker nebenan, oben auf dem Boden, kann man in unsere Schlafstube sehen. Da
steigen die jungen Herren vom Kammergericht, die Referendare, die beim Bäcker
wohnen, hinauf und sehen runter, wenn wir Licht anmachen. Seit ich's weiss, darum
hab' ich Dir die dicken Vorhänge abgeschwatzt. Aber willst Du sie immer
behüten?«
    Der Kriegsrat antwortete nicht.
    »Du hast schon ganz recht. Wenn wir sie in Gesellschaft führen, da wird's
ein grosses Gaffen geben, und die Herren werden um sie schwenzeln. Aber ich weiss
doch nicht Alter, ob sie da besser dran ist, wenn sie nicht französisch kann und
nicht Klavier spielen, und wenn die Leute endlich merken, sie ist ein Gänschen,
mit der kann man schon was aufstellen, oder, -«
    Der Kriegsrat war aufgestanden. Die Pfeife stellte er an den Baum, seine
Frau nahm er unter den Arm. Sie gingen unter den Linden langsam auf und ab, und
er klopfte ihr auf den Arm: »Du bist schon eine kluge Frau.« Sie hatte gesiegt.
Sie waren einig, dass Adelheid eine Erziehung erhalten müsse, um in der Welt
aufzutreten. Weniger einig waren sie über das wie? »Davon ein ander Mal,« sagte
der Kriegsrat. Aber sie hielt plötzlich inne und sah ihn gross an: »Alter,
dahinter steckt noch was andres. Gestern Abend kamst Du nachdenklich nach Haus
und Du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und
heute Morgen auch, Alter, da ist was los. Sonst hättest Du auch nicht so schnell
nachgegeben.«
    Der Kriegsrat sah seine Frau scharf an, aber nicht unfreundlich:
»Christine, es ist was los, - eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen, bis
es gewiss ist, aber ich weiss, Du plauderst nicht. Der Geheimrat Lupinus von der
Voigtei -«
    »Wird kassirt,« fiel sie ein, »weil die Gefangenen die Fensterscheiben
eingeschlagen haben.«
    »Es ist möglich, dass er sein Amt verliert, oder seine Entlassung nehmen
muss,« korrigirte der Kriegsrat. »In diesem Falle gedenkt seine Excellenz, der
Herr Justizminister -«
    »Dir - Dir, Mann!« rief sie verwundert. »Siehst Du wohl, was Konnexionen
machen! Ich weiss es von mehr als Einem, wie Dir der Herr Justizminister gewogen
sind.«
    »Ich verdanke ihm meine Stellung, das weiss ich. Eigentlich wäre das nun
nicht meines Amtes, noch ist's meine Karriere; aber Excellenz haben die gute
Meinung von mir, dass ich der rechte Mann wäre, um dort die Zucht und Ordnung
herzustellen.«
    »Und Du nimmst sie doch an?«
    »Still!« gebot ein fast drohender Blick. »Die Sache mit Lupinus ist noch
nicht entschieden. Und wenn, soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen?
Denn wie Viele, Würdigere, würden um mich zurückgesetzt!«
    Die Frau Kriegsrätin wusste sehr viele Gründe, warum er annehmen müsse; sie
wusste, dass er ganz zu dem Posten befähigt sei, denn daran zweifeln, hiesse ja an
der Autorität seines hohen Vorgesetzten zweifeln, der werde es doch am besten
wissen, wozu er tauge. Und um die Andern kümmere sie sich gar nicht. »Und,«
schloss sie, »Du würdest dann auch Geheimer -« Sie erschrak und verschluckte das
Wort. »Aber -«
    Aber einig wurden sie doch. Die Adelheid sollte französisch lernen, und ein
Lehrer im Hause angenommen werden, für Geographie und Geschichte und was sonst
so nötig ist, damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist. Dazu gab der Vater
die Einwilligung. Klavierspielen - auch das - aber Aestetik! Ja, Gellert und
auch Bürger und vor allem der treffliche Gleim! Er konnte alle seine
Preussenlieder auswendig. - »Mann! Mann!« sagte die Mutter, »da lächeln sie über
uns. Sie sprechen immer nur über Schiller und Goete und Tiedge! Die muss sie
kennen lernen.« Gegen Schiller hatte der Kriegsrat nichts einzuwenden; die
Königin liebte diesen Dichter, und er hatte erfahren, dass auch der König sich
einmal günstig über ihn geäussert. Und Goete liess er passiren, sein Götz von
Berlichingen hatte ihm wunderbar ums Herzl geklungen. »Solche eiserne Hand täte
unserer Zeit not!« Aber Tiedge, der sollte ja extravagante Ideen, und die ganze
junge Schule unsittliche Grundsätze predigen. Darüber wusste die Mutter nicht
Auskunft zu geben, sie hatte nur gehört, dass er ein frommes und himmlisches
Gedicht geschrieben, was Orania heisst, und ein anderes, was die Verkehrte Welt
heisst. Das wäre nicht so gut; dafür wäre er aber der Verfasser von sehr hübschen
und moralischen Kindermärchen. Im Uebrigen, meinte sie, was sich für junge
Mädchen schickt, werde wohl der Lehrer am besten wissen.
    Damit war auch der Vater einverstanden, auch dass Adelheid in bessere
Gesellschaft gebracht werden sollte. Nur über die Familien, wo man sie einführen
sollte, war man in Streit. Endlich schloss der Vater: »Meinetalben, wo Du
willst, denn Du kennst die Frauen besser als ich; nur nicht, wo sie Romane
findet und Offiziere.«
 
                                Zehntes Kapitel.
                                 Die alte Zeit.
Mit einem Schlag auf die Schulter, rief eine Stimme hinter ihm: »Und warum keine
Offiziere, alter Schwede! - Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen?
Meinst, ich könnte Deine Tochter verführen! So seid Ihr Menschen am grünen Tisch
und hinter den Büchern, lasst Euch einen Schreck vom ersten Besten einblasen und
weil Ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt, um dem Ding in's Gesicht zu sehen,
vermeint Ihr, es sei Wunder was. Ich sage Dir, wer nicht der Gefahr entgegen
geht, der ist schon halb verloren. Was wäre Preussen, wenn wir abgewartet hätten,
bis die Oesterreicher und die Franzosen und Russen den siebenjährigen Krieg
anfingen? Dass wir nicht die Hände in den Schoss legten, dass wir nicht abwarteten,
bis der liebe Gott es so schickte, dass wir in ihr Gespinnst drein schlugen, eh's
zum Netze ward, das hat uns Glück gegeben, uns stark gemacht und gross. Wäre der
alte Fritz ein Duckmäuser gewesen, und hätte gewartet und gelauert, bis die
Anderen angegriffen, dann hätte der liebe Gott ihm auch nicht beigestanden, und
was aus unserm Preussen geworden, das weiss der Teufel.«
    Ein herzlicher Händeschlag folgte dem Schulterschlag. Auch mit der Frau
Kriegsrätin: »Reden Sie meinem Manne nur ein Bischen ins Gewissen rein, Herr
Major, 's tut zuweilen Not, wenn er gar zu zipp ist. Sonst ist's ein guter
Mann. Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast? Es wird gleich
angerichtet.«
    »Dante schönstens, Frau Kriegsrätin, habe meinen Speckeierkuchen schon im
Kruge verzehrt, aber ein Gläschen Wein, da ich so was im Korbe flimmern sehe,
und auf des Königs Gesundheit, das schlägt ein guter Soldat und Untertan
niemals aus.«
    Der Invalide konnte doch nicht lange stehen, zum einen Schemel unter der
Linde war ein zweiter gerückt, und als die Wirtin sich empfahl, um in der Küche
nachzusehen, dampften schon zwei Pfeifen.
    »Es kann doch nicht Dein Ernst sein,« sagte der Kriegsrat. »Denn wer kennt
besser unsere Offiziere als Du!«
    »Freilich kenne ich sie, ich habe sie jedoch auch gekannt, als sie noch
andere waren. Aber das weiss ich auch, je mehr Ihr Euch von ihnen zurückzieht, um
so schlimmer wird's. Auch die Soldaten waren nicht so arg, als Friedrichs Auge
noch über sie wachte. Doch das tut's nicht allein. Wenn Ihr nicht vor ihrem
Anblick liefet und die Türen zuschlügt, wo einer nur von fern sich blicken
lässt, wenn Ihr ihnen offen entgegenträtet, ein ernst Wort mit ihnen sprächet,
so würdet Ihr manches anders finden, als Ihr denket. Sie sind auch Menschen,
aber wenn Ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet, das macht sie wild und
boshaft.«
    »Aber Du giebst mir doch recht, dass man ein junges Frauenzimmer vor den
Offizieren wahren muss. Vor allem eines, das noch unerfahren ist?«
    »Da schlägst Du Dich selbst. Ein junges Frauenzimmer, das sich zu benehmen
weiss, läuft weit weniger Gefahr, als eins, das schon vor Schrecken aufschreiet,
wenn's einen Federbusch sieht, weil die Mama ihm gesagt, es soll sich davor in
Acht nehmen, wie vor einem Raubtiere. Denn das sind unsere jungen Offiziere,
wenn's auch nicht mehr dieselben, doch nicht. Ich sag's grad heraus, Ihr Herren
von der Feder und die anderen, Ihr habt sie verderben helfen. Warum macht Ihr
ihnen überall Platz und weicht vor ihnen zurück, wo Ihr's nicht nötig hattet.
Ist's nicht eine Schande, wenn ein alter Kriegsrat oder ein ehrenwerter
Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fähnrich ausweicht?
Wo steht's denn geschrieben, dass es so sein soll? Wenn Ihr ihnen nicht immer das
Feld liesset, und das Maul schlösset, sondern grab 'raus den jungen Herrchen die
Wahrheit sagtet, nun je Einer oder der andere würde ein Mal anlaufen, aber im
Ganzen würde es anders, wenn sie wüssten, dass sie unter den Civilisten auch
ihren Mann fänden. Darum dominiren jetzt die Uniformen, wo sie mit den Fracks
zusammen kommen, und die trennen sich immer mehr, die doch bestimmt sind,
zusammen zu halten als Brüder und Glieder eines Volkes.«
    »Es ist seltsam, einen alten Offizier so reden zu hören.«
    »Es war nicht alles gut unter dem grossen König, aber es war anders. Sein
Auge war ein Etwas, was das träge Blut in Bewegung brachte. Es war überall, wenn
er auch nicht zugegen war. Man stellte sich vor, wenn man etwas tat oder
unterliess, dass der König es gesehen haben könnte, man fragte sich, was er wohl
dazu gesagt, wie er geurteilt hätte, und das gab eine Disziplin, die kein
Kommando macht. Er war ungerecht. O ja, er ist es oft gewesen. Aber wer von ihm
litt, der setzte einen Stolz darin, dass er litt; er dachte sich, eigentlich weiss
es wohl Friedrich jetzt, dass er dir unrecht getan, aber er kann's oder mag's
nicht ändern, um der Autorität willen, oder aus Eigensinn. Das Gefühl tat dann
wohl, wie das pour le mérite-Kreuz auf der Brust. Man litt um seinen König und
durch seinen König, und der König weiss es auch, und trägt vielleicht noch
schwerer daran.«
    »Den Orden trägst Du auch.«
    »Den, dass ich ein Bürgerlicher war. Ein Leiden lässt sich schon tragen, was
viele Hunderte mit uns tragen.«
    »Bei Torgau war es ja wohl!«
    »Da fiel der Major, der mein Regiment kommandirte, und schon der dritte, der
mir vorgezogen war. Fiel auf den ersten Schuss. Ich kommandirte, es war nun mal
kein Anderer da, und nahm das Fichtenwäldchen. Die Herren gratulirten mir schon:
diesmal komme ich doch nicht zu früh, Herr Major? sagte der alte Zieten, der an
mir vorüber ritt. Kam doch zu früh. Der junge Kapitän - was soll ich in meinem
Groll einen Ehrenmann nennen! - der noch Page beim König war kurz vor Ausbruch
des Krieges, ward Major auf dem Schlachtfeld, und erhielt nachher als Obrist das
Regiment, hatte es gewiss verdient, und was konnte er dafür, dass die Uebermacht
auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb. Friedrich wusste es, hatte ihn vom
Pferde stürzen sehen, überreiten und wieder aufsitzen; so war er blutend und zu
den Seinen zurückgekehrt.«
    »Jedermann gibt Dir das Zeugnis, dass Du es auch verdient hattest,
Rittgarten. Ich habe viele brave Offiziere gesprochen.«
    »Wer sagt denn, dass es Friedrich nicht auch dachte. Aber er hatte mich zwei
Mal übergangen. Wenn er es nun zum dritten Mal anders machte, strafte er sich ja
selbst. So wird der König gedacht haben, und darum avancirte ich nicht auf dem
Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment. Er liess mich nachmalen fragen, ob
ich nicht ein paar Freibataillons kommandiren wolle, die sich damals über der
Elbe bildeten; und hatte wohl die Absicht, dass ich dann avanciren sollte. Ich
liess gehorsamst mich bedanken für die gnädige Attention, mein ganzes Leben aber
wäre regulär gewesen, und so möcht' ich's auch gern zu Ende bringen. Da hat
Friedrich gelacht, ich weiss es, und hat gesagt! Der ist ein Starrkopf, so soll
er's haben! - Siehst Du, das war so viel für mich als ein Orden! - Nachher hat
er mich wohl vergessen. Aber ich habe noch einen Orden von ihm.«
    »Du!«
    »Es war sein Sterbejahr. Mir ahnte es. Da hatte ich keine Ruhe mehr. Wenn
ich ihn noch einmal sehen könnte! Hatte längst meinen Abschied, wie Du weisst.
Jetzt war ich Major, ein Invalidenmajor. Reiste nach Potsdam und ging nach
Sanssouci hinaus. Das Glück wollte mir wohl. Ein alter Kammerdiener, den ich
kannte, liess mich auf die Terasse. Es war ein sonniger, schöner Nachmittag, wie
heut; nur noch schöner, es spielte so was wie Duft in den Orangenbäumen, die
Sperlinge zwitscherten. Der König sass an der offenen Glastür in seinem
Lehnstuhl, den Pelz übergedeckt. Sie wollten ihn zum letzten Mal die Luft dieser
Erde recht frisch kosten lassen. Vor sich sah er nun, was er geschaffen hatte,
und darüber hinaus den blauen Himmel, den der liebe Gott geschaffen hat. Die
Kieferwälder in der Ferne bewegten sich. Mir war's, als hätte ich beten mögen.
Und ich muss auch wohl die Hände gefaltet haben. Wollte stehen bleiben da in dem
Winkel, wo die Hunde begraben liegen. Da klopfte der Wachtabende, der's mir
wohl ansah an dem blauen Ueberrock, dass ich auch Soldat gewesen - oder hatte es
ihm der Kammerdiener gesagt? - er klopfte mir leis auf die Schulter: Gehen Sie
nur immer vor, und sehen sich Ihren König noch einmal au, er schläft fest. Wer
weiss, ob er wieder erwacht. Er stiess mich sanft vor. - Das war ein eigen Gefühl.
Mir klopfte das Herz, wie da ich zum ersten Mal ins Feuer kam; aber zugleich war
mir so ruhig, so sonntäglich zu Mut. - Nun stand ich vor ihm, nicht zehn
Schritt entfernt, die Sonne wollte hinter die Bäume sinken. Gott weiss, was ich
dachte! Einmal war's mir, als würde er, wenn sie sinke, auch die Augen
schliessen, und dann würde es Nacht werden, und Alles, was er geschaffen, mit ihm
untersinken. - Und das Gesicht des Schlafenden! - Was lag darin! Herr du mein
Gott, was konnte Einer darin lesen! Die Lippen bewegten sich ganz leise, als
spräche er im Traume. Nun schlug er plötzlich das grosse Auge auf. Er sah mich.
Ich stand wie eingewurzelt, den Hut presste ich in der Hand, und hätte mögen in
die Erde versinken. Da öffnete er die Lippen: Ihn kenne ich auch - bei Torgau -
vergess er mich nicht Sah mich wohl, wie auch im Traum, der vor ihm gaukelte,
denn er schloss sie wieder. Nur die Finger machten eine leise Bewegung. War's ein
Wink für mich, oder was war es? Da hub das Glockenspiel in Potsdam an, die Sonne
war hinter die Bäume gesunken, der Schatten fiel auf den grossen König, und ich
weiss nicht mehr, wie ich fortkam.«
    Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu tun; der Kriegsrat
ebenfalls. Es entstand eine Pause. Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung
geraten, denn beide Herren zogen sehr eifrig, und benutzten den Rest der Pause
dazu, dicke Wolken in die Luft zu blasen. Und dann war alles wieder in Ordnung.
    »Einem ausserordentlichen Manne muss man schon Manches nachsehen,« hub der
Major an, »was man einem gewöhnlichen Menschen nicht verziehe. Dafür ist er ein
grosser Mann. Und wenn Friedrich heut lebte, so würde er wohl anders urteilen,
und nicht noch weinen, dass ein Bürgerlicher nur unter den Husaren gut ist, nur
unter der Artillerie zum Offizier taugt. - Und dass er dem jungen Herrn, der sein
Page gewesen, mein Regiment gab, daran hat er ganz recht getan, oder meinst Du
anders? Ist er nicht ein General geworden, der dem Staat Ehre gebracht hat?
Warum ward der Bonaparte ein grosser Feldherr, warum hat er um sich eine Schule
guter Generale? Weil er's mit der Anciennität nicht genau nimmt, weil er die
Tüchtigen sich herausgreift, wo er sie findet, weil er auf dem Schlachtfelde
avanciren lässt, wie's ihm grade zu Mut ist. Da ist Salz, da ist Blut im Heere,
er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprüchen. Jeder hat
Aussicht, dass er's bis zum General bringt, und noch weiter, wenn er seine
Schuldigkeit tut, oder noch mehr. Wenn das nicht gute Soldaten machen muss! Fort
mit den Steifen und Alten, in die Magazine und in den Train; vorwärts mit den
Jungen!«
    Der Kriegsrat sah ihn verwundert an: »Damit tadelst Du ja Friedrich; er
tat es nicht.«
    »Der alte Fritz wusste, was sich schickte und was er brauchte. Er hatte es
mit einem Daun zu tun, und seine Zieten und Seidlitze wusste er wohl zu
brauchen, wo andere Feinde sich zeigten. Und wie ich Dir sagte, es war sein
Auge, seine Presence, die das Blut wieder umrührte, wo es stockig ward. Seitdem
ist's schrecklich stockig geworden, sonst wären wir nicht im Lehm festgeklebt in
der Champagne, und seit dem Baseler Frieden ist's noch ärger.«
    Der alte Major wollte noch mehr sagen, aber er tat's nicht mit Worten, er
klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel, dass die
Pfeife ausging. Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation,
die Magd trug, begleitet von den jubelnden Kleinen, die rauchende Schüssel
Milchreis auf den Tisch. Clara sprach das Gebet, und die Mutter streute einen
Staubregen von Zimmt und Zucker über die Schüssel. Ein Ah! der Verwunderung und
Freude ging durch den Kreis der Kleinen: »Das ist ein Sonntag! Das ist Festtag!«
Sie blickten den Major verwundert an, nicht einmal Milchreis mit Zucker und
Zimmt wollte er geniessen!
    Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in
der Schaale auf den Tisch trug, die, aufgesprungen, ihre würzige weisse Fülle
entfalteten, ward das Ah! noch lauter. Aber wie erschrocken blickten sie auf den
Vater, als dieser plötzlich die Hand auf die Schüssel legte: »Halt, Kinder! Ist
es denn schon polizeilich erlaubt? Mich dünkt, das ist erst vom fünfzehnten
August ab.«
    Die Bäuerin gab die Versicherung, sie dürften jetzt schon vom ersten August
ab frische Kartoffeln zu Markte bringen, und sie meinte, es werde künftig noch
früher erlaubt werden, weil die Kultur fortschreite.
    »Dann schreiten wir doch in einem Ding fort!« sagte lächelnd der Major.
»Hab's mir auch so gedacht, wenn ich bedenke, wie sie jetzt die Kriege führen.
Ach, die Küchenwagen, die wir mitschleppen mussten, und die Magazine, die der
grosse Friedrich anlegte! Das kostete ein Heidengeld, und ein Fuhrwesen! Der
Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindes Land, ohne dass es ihm einen
Groschen kostet, und eher fängt er den Krieg nicht an, als bis sie fertig sind.«
    »Wie meinst Du das?«
    »Er lässt nicht früher ausmarschiren, als bis die Kartoffeln reif werden. Da
finden seine Soldaten ihre Magazine überall auf dem Felde. Aber sie buddeln und
kochen sie auch im Juli, ja, wenn sie Hunger haben, schon im Juni. Kriegsrat!
nicht wahr, das ist abscheulich, so gegen die Polizeiordnung zu handeln, wenn
man hungert.«
    »Ich finde es nur einem guten Patrioten kontrair, Herr Obristwachtmeister,
wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt.«
    »Was, Feind! Kriegsrat! Er ist unser Alliirter, bedenke das Landrecht, da
steht was von Landesverrat drin, wenn man gegen alliirte Mächte raisonnirt. Und
ein wie grossmütiger Alliirter! Fordert nichts von uns, sie sagen, er schickt
sogar recht viel ins Land. Und rings um uns her stäubt er und fegt, und macht
uns los von anderen lästigen Alliancen, bis wir mutterseelenallein auf der Welt
dastehen. Da wird er uns dann aus Herz fallen und drücken: Du liebes Preussen,
nun hindert mich nichts mehr Dir zu sagen, wie ich Dich so recht herzinnig und
ganz besonders geliebt habe!«
    Der Frau Kriegsrätin ward bange bei dem Gespräch. Sie verstand es nicht,
aber der Instinkt sagte ihr, es sei anders gemeint, als gesprochen, und sie sah
eine hässliche Falte auf der Stirn ihres Mannes. Da sah sie auch plötzlich die
Bienen, die sie übrigens viel früher hätte sehen können, denn sie summten
unverschämt um Gläser und Teller: »Jemine, Herr Obristwachtmeister, da ist sie
in Ihrem Glase. Schütten Sie aus, das ganze Glas - frisch zu - Sie müssen mit
reinem Wein des Königs Gesundheit trinken.«
    »Der schöne alte Franzwein!« sagte der Major, als er das Gläschen auf die
Erde tröpfeln liess. »Der gährte gewiss schon im Fass, als ich bei Rossbach die
Schärpe verdiente.« Er hielt plötzlich inne, als er die Wespe mit dem Finger
hinausgeworfen. »Alter Freund! ein frisch Glas auf den jungen König, aber jetzt
stoss an mit dem Restchen: dass Preussen noch einmal ein Rossbach erlebt!«
    Es war die Versöhnung. Der Kriegsrat verstand es, er fuhr aber so heftig
gegen das Glas des Majors, dass es einen Sprung bekam: »Tut nichts! Ein neues
Rossbach, wenn ich's auch nicht erlebe.«
    Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Königs Gesundheit zu trinken,
musste ein neues herbeigeschaft werden. Dazu kamen andere Unterbrechungen. Die
Jette trug lachend eine verhüllte Schüssel auf. Die Mutter hob das Tuch, und als
die Kirschkuchen sichtbar wurden, war die Ordnung am Tische nicht mehr zu
erhalten. »Gieb ihnen die Kuchen und lass sie laufen,« sagte der Vater, »sie
haben doch keine Geduld mehr, und stören uns nur.« Dazu erschallte Trompeten-
und Paukenmusik von einem Dorfende. Es war lebhafter im Dorfe geworden,
Equipagen fuhren vor, aus der Schenke tönte militärische Musik!
    »Mein alter Dessauer!« sagte der Major. »Verzeihung, meine Freunde, wenn ich
da zu meinen alten Kameraden muss.«
    »Aber vorerst das Glas auf den König, Alter.«
    Der Major erhob sich. Er sammelte sich zu einem Spruch, indem er in die
Wipfel sah. Es strahlte nicht mehr das Gold der Mittagssonne im Laube. Eine
schwarze Wolke fuhr gerade über den Horizont. Es war sehr heiss, der helle
Schweiss perlte ihm auf der Stirn. Indem er ihn abtrocknete, verweilte er an den
Augen. Er musste auch da etwas zu trocknen haben.
    »Du helle Sonne, die Du auf ihn schienst, den Einzigen, Herr Gott, wenn Du
untergesunken wärst mit dem Licht seiner Augen, und es wäre wirklich Nacht
geworden. -«
    Er sprach's mit feierlicher, aber zitternder Stimme; es war nicht, was er
sprechen wollte. Darum hielt er wohl inne, das Glas in seiner Hand zitterte. Der
Kriegsrat sah ihn ängstlich an, die Kriegsrätin nach der Flasche, ob er zu
viel getrunken.
    Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge. Er fuhr fort:
    »Nein - nein - es wird wieder Tag werden. Das alles kann nicht untergegangen
sein - es kann nicht, es kann nicht. Es schläft nur eine Weile. Und wir werden
aufwachen, und andere Augen werden strahlen. Unser junger, lieber,
bürgerfreundlicher König, meine Freunde, dass die Sonne Preussens vor ihm aufgehe,
dass sein Auge hell aufgehe, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, dass sein Sinn
sich kräftige und stählern werde gegen die Ratschläge der Weichherzigen, der
Schmeichler und Bösen, unser guter junger König soll leben hoch in aller Preussen
Herzen.«
    Man stiess an, und die Gläser klangen auch ziemlich hell, aber die innere
Bewegung des Invaliden hatte sich den Andern mitgeteilt, es war kein fröhlicher
Gläserklang, wo man den Becher mit vollem Herzen anstösst. Auch ward es laut im
Dorfe; eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Töne mit den
schmetternd kecken des Dessauer Marsches. So ward eine kleine Disharmonie.
    Der Major nahm kurz mit einem Händedruck Abschied, die Bäuerin deckte rasch
den Tisch ab. Es konnte ein Gewitter kommen, und es war eine Reiterbande im
Dorf. Man musste sich vorsehen.
    Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen, und ein Reiter im
sogenannten spanischen Kostüm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf, in
gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel, express zu Ehren Sr.
Majestät des Königs einladend, und umwogt von einer zahllosen Menge grosser und
kleiner Zuschauer trottete ein Kameel heran, einen Affen mit roter Jacke auf
dem Sattel, und ein Bär in Ketten marschirte hinterher, zum unendlichen Jubel
der Jugend, dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd.
 
                                Elftes Kapitel.
                               Die Frau Obristin.
»Herr Gott, wo sind die Kinder!«
    Kaum aber war der Angstruf heraus, als die Verschwundenen schon unter den
Bäumen zum Vorschein kamen; doch nicht allein. Eine fremde Dame führte Clara an
der Hand, zwei junge Mädchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu.
    »Da sind gewiss die lieben Eltern,« rief schon von fern eine Dame halb im
Reisekleide, aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette. »Entschuldigen
Sie nur, meine Herrschaften, dass ich mich so unangemeldet eindränge. Aber die
englischen Kleinen gingen mir ans Herz, und ich weiss, was ein Mutterherz leidet,
wenn es in Angst ist um seine Kinder. Da, liebe Kleinen, sind Eure Eltern. Habt
sie nun auch recht lieb, und lauft ihnen nie mehr fort.«
    »Mein Gott, was ist es!« rief die Kriegsrätin.
    Die fremde Dame gab eine Erklärung, die wir kurz zusammenfassen. Sie war von
einer Reise mit ihren Nichten zurückgekehrt und hatte am Eingange des Dorfes die
ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen. Um nicht mit solchen Menschen
zusammen zu kommen und auch des grässlichen Staubes wegen, war sie ausgestiegen
und auf einem Fusswege durch die Felder ins Dorf gegangen, aber sie traf doch
wieder auf der Dorfstrasse die Gesellschaft und hatte mitten im Gedränge der
Zuschauer die allerliebsten Kinder, die offenbar von guten Eltern waren,
bemerkt. Da war es ihr wie durch's Herz geschossen, dass die Kleinen sich
verlieren und den Reitern nachlaufen könnten, und einer der Reiter hatte die
Clara gefragt, ob sie zu ihm auf's Pferd wollte, und da hätte sie es für
Gewissenspflicht gehalten, das Kind an sich zu reissen und die anderen auch, um
sie nach ihren Eltern zu fragen, und da sie's erfahren, hätte sie dem lieben
Gott gedankt, dass sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen, um die Kinder vor der
Gefahr zu retten und ihren lieben Angehörigen zuzuführen.
    Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht. Der jüngste Knabe namentlich
zankte mit dem hübschen jungen Mädchen, welches ihn an der Hand noch immer
festielt und schrie, er wollte zu den Affen.
    Der Kriegsrat hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich, dass es
nichts weiter auf sich habe.
    »Ach, mein sehr geehrter Herr, den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen,«
sagte die Dame, »aber gewiss sind Sie ein Patriot, denn das sehe ich an den
Weingläsern, und wer unseres guten Königs Geburtstag trinkt, den erlauben Sie
mir schon, dass ich ihn als meinen Freund ansehe. Aber Sie meinen, das hätte
nichts auf sich! Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben. Man kann sich
vor ihnen nicht genug in Acht nehmen. O du mein Gott, ich könnte Ihnen davon
Geschichten erzählen, dass einem das Haar zu Berge steht. Sehen Sie, ich fuhr mit
meinen Nichten nach Leipzig, damit sie ihren Vater sehen sollten. Wir haben ihn
nicht mehr getroffen. Nun, das schadet nichts, der Wille war doch gut, und
Leipzig ist eine schöne Stadt, und zur Messe. Sie hätten die Freude der Kinder
sehen sollen bei den tausend bunten schönen Sachen. Na, ich gönnte sie den armen
Dingern. Und als wir zurückfuhren, brach ein Rad am Wagen. Ich sagte zum
Kutscher, der sonst ein recht verständiger Mensch ist, i, kann er's nicht
zusammenbinden, dass wir noch nach Berlin kommen vor Königs Geburtstag? Er sagte
partout nein. Der Wagen müsste zum Schmied, wir riskirten sonst, auf der
Landstrasse liegen zu bleiben. Nun können Sie denken, das wollte ich doch auch
nicht, drei einzelne Frauenspersonen, und so kamen wir in das Dorf drüben, wie
heisst es doch gleich, wo die Schmiede ist. Ja, da hiess es, machen könnte er ihn,
aber nicht vor heute früh, und wir hätten auf der Streu liegen müssen in der
Schenke, unter all dem Bauernvolk in der Wirtsstube. Nun, Sie können meinen
Schreck denken, wenn nicht der Herr Prediger davon gehört und der invitirte uns
in sein Haus. Sage ich Ihnen, war das ein charmanter Mann, und sagte:
Unglücklichen helfen ist Christenpflicht! Und die Frau Predigerin und ihre
Töchter. Es ward uns heut Morgen recht schwer, uns von ihnen zu trennen, und die
Töchter und meine Nichten, die konnten gar nicht von einander los und haben
Brüderschaft getrunken. Im Himbeersaft nämlich. Gott bewahre, dass Sie denken
sollten in Wein! Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen
Weinkeller! Lieber Gott, sie sind recht schlecht gestellt. Ja, wenn man so über
alle Ungerechtigkeit in der Welt machdenken wollte! Aber ein Mann wie ein Mann
Gottes! An den Augen sah er uns alles ab. Und wie wir heut schon im Wagen sassen,
brachten sie der Jülli und der Caroline die Vergissmeinnichtsträusse, die sie am
Herzen tragen. Sage ich doch, man findet in der Welt überall gute Menschen, und
wo man gute Menschen findet, ist die Welt gut. Wir werden uns auch wiedersehen,
und vielleicht sehr bald. Denn der Herr Prediger hat vom Könige eine Vokation
nach Berlin. Der König hat ihn mal predigen gehört, wo war es doch, - auf einem
Schloss, und hat gesagt: das ist ein Mann, der zum Herzen predigt, solche
Prediger möchte ich in meiner Residenz haben, die nicht das Wort Gottes
auslegen, wie's ihnen gefällt, sondern wie's in der Bibel steht. Ja, wir haben
schon einen frommen König, der alle Menschen glücklich machen will, und der
vorige hatte auch ein frommes Gemüt, wer ihn nur gekannt hatte, und das sind
eigentlich neidische und schlechte Gemüter, die ihn schlecht machen. Mein König
ist mein König, und das sage ich grade raus, wer das nicht sagt, der ist nicht
mein Mann. Sehen Sie, mein Herr Geheimrat oder was Sie sind -«
    »Kriegsrat,« sagte der Kriegsrat.
    »O, Sie werden auch noch Geheimrat werden, das sehe ich Ihnen an der Stirne
an. Also, mein Herr Kriegsrat, sind Sie nicht auch der Meinung, dass die
jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst? Nein, was raisonniren sie,
und Alles wollen sie besser wissen. Ich bin eine gute Royalistin, ich liebe
meinen König und sein Haus, und wer das nicht tut, der kann mir zu Hause
bleiben. Da waren wir doch ein Herz und eine Seele, der Herr Prediger und ich,
alle Obrigkeit kommt von Gott, und wenn er nach Berlin kommt, wird er bei mir
logiren. Und wie gern wäre ich gestern schon rein gefahren, denn man richtet
doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage. Nun schadet es aber nicht. Wir
tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit und nun ward mir wieder
das Glück, unter solcher charmanten, lieben Familie diesen schönsten Festtag für
jeden Preussen zuzubringen.«
    Der Kriegsrat war anfänglich nicht ganz gut gestimmt; diese Stimmung war
überwunden. Er pfropfte die letzte Flasche auf: »Erlauben Sie mir auch, meine
verehrte Madame, ehe der Kaffee kommt, mit Ihnen anzustossen auf die Gesundheit
Seiner Majestät.«
    »Mein Herr Kriegsrat sind die Gütigkeit selbst. Wie sollte ich das
ausschlagen.«
    »Wenn ich auch nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, wird es mir doch zur Ehre
gereichen, mit einer solchen Patriotin ein Gläschen zu leeren.«
    »Obristin Malchen,« sagte die Dame, »Mein Mann ist in holländischen Diensten
und steht in Batavia. Ein grausam heisses Land, er wird aber heut hierher denken.
Ach, er ist ein Patriot.«
    »Und doch in fremden Diensten?«
    »Ja sehen Sie, Verehrtester Herr Kriegsrat, da liesse sich mancherlei von
sagen. Er war auch in preussischen Diensten ehedem, aber Sie glauben nicht, was
draussen die preussischen Militärs in Respekt stehen. Und unsre Disziplin, und der
grosse Friedrich. Wenns heisst, der hat unter ihm gedient! Nu, lieber Gott,
Schwächen haben wir Alle, da werden mir Herr Kriegsrat Recht geben, aber sonst
ist er - und hat mir erst voriges Jahr ein rotseiden Umschlagetuch geschickt,
wag die Mamlucken oder Malayen weben, ich sage Ihnen, von Berlin rede ich gar
nicht, aber auch in Leipzig hat's kein Mensch für möglich gehalten.«
    »Die gnädige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schaale Kaffee
erzeigen,« sagte die Kriegsrätin, die wohl Lust hatte, das rote Umschlagetuch
zu sehen, aber es war tief im Wagen verpackt.
    Der Kaffee dampfte in der grossen braunen Bunzlauer Kanne, wie sie vom Feuer
gekommen, auf dem Tisch, aber die Kinder dampften auch - vor Ungeduld. Die
Beckenmusik dröhnte verführerisch aus dem Kruge herüber, und die Kleinen
blickten erwartungsvoll bald auf den Vater, bald auf die Mutter.
    »Das ist ein Kaffee, so schön, wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat,
direkt aus Batavia,« sagte die Obristin.
    »Die Cichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik,« sagte die Mutter.
Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee, noch von den Cichorien aus
Herrn Rimplers Fabrik gelockt. Der kleine Junge schrie vielmehr: »Ich will zu
den Affen!«
    Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater. Die Frau Obristin fing
ihn auf: »Um Gottes Willen, Sie werden doch nicht!« Der Kriegsrat meinte: ob
denn in einem bevölkerten Orte, und wo so viel anständige Leute beisammen,
Gefahr sei? und die Mutter setzte hinzu: wenn sie die Kinder an der Hand
führten?
    »Meine allerbeste Frau Kriegsrätin, erlauben Sie mir zu sagen, ich weiss
davon. Solche Bande ist ärger als der Gott sei bei uns. Die stibitzen ihnen die
Kinder vor den Augen weg und Sie merken es nicht. Hinter die Ecke, ein
Pechpflaster schnell aufs Gesicht, und dann, wenn sie's in der Scheune haben,
beschmieren sie's, und färben's und ziehn ihm Lumpen an, und in einer
Viertelstunde kennt's die eigene Mutter nicht wieder. Ja, was ich Ihnen sagen
wollte, im Dorfe beim Herrn Prediger, da hatte der Oberst der gottvergessenen
Bande einer Wittwe Sohn, ein hübsches Kind, gefragt, ob er nicht mit ihnen
wollte, er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen,
und der Junge hatte Lust, aber sie haben ihn gottsjämmerlich geprügelt, der
Schulz und die Bauern, da ist ihm die Lust vergangen. Solche Bande sind ja gar
keine Christenmenschen nicht, das sind Zigeuner und Juden und Spanier, und wo
kriegten sie denn ihre Leute her, wenn sie nicht Christenkinder stählen! Eltern
können gar nicht genug vorsichtig sein, denn Sie glauben nicht, wie sie die
Kinder maltraitiren. Hungern lassen sie die Kleinen und dursten und Schläge
kriegen sie, dass Gott im Himmel sich erbarmen müsste, und ihre Glieder werden
gereckt, dass sie die Purzelbäume schiessen lernen. Und Nachts, mit Respekt zu
melden, sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kameelen, wo eine
Unreinlichkeit ist, die erschrecklich ist. Nein, für Reinlichkeit bin ich, das
ist die erste Tugend, und erhält den Körper gesund. Wer reinlich ist und seine
Mitmenschen liebt und den Armen Almosen gibt, der ist ein guter Mensch und Gott
wohlgefällig, das sage ich oft meinen Nichten. Aber wie die Bären werden sie
abgerichtet, und lernen Vater und Mutter vergessen. Wenn ich so einen armen
Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie 'ne Fliege an der Decke, nein, meine
Herrschaften, sagen Sie, was Sie wollen, das kann ich nicht ansehn, das heisst ja
die unsterbliche Seele verlieren, und was mich nur wundert, ist, dass die Könige
solche Seelenverkäufer dulden. Die müssten mir alle auf die Festung und ins
Zuchtans, und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht, denn es sind alles
Ausländer und Spione.«
    »Ist's die Möglichkeit!« sagte die Mutter, die es kalt überrieselte.
    »Nun bitte ich Sie, allerbeste Frau Kriegsrätin, wenn Sie einmal so einen
Pajazzo sehen, wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt, und Sie
erkennten, dass er Ihr kleiner Teodor wäre, alles andere ist ja gar nichts, pure
Spielerei, gegen eine solche Empfindung. O du mein himmlischer Vater, wer möchte
eine solche Mutter sein!«
    Die Kriegsrätin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mädchens auf den
Schoss: »Lieber Teodor, das wirst Du mir nie antun!« Der Junge aber schrie
nach wie vor, er wolle zu den Affen.
    »Und mit den Jungens ginge es noch,« fuhr die Frau Obristin fort, »aber bei
der Bande ist auch ein Frauenzimmer, eine ganz hübsche junge Person, ungefähr so
gross, wie - ich habe doch die Ehre, Ihr Fräulein Tochter vor mir zu sehen.«
    »Wir sind nicht von Adel,« sagte der Kriegsrat. »Meine Tochter Adelheid!«
    »Nein, du mein himmlischer Vater, wenn ich dächte, dass so ein himmlisches
Mädchen mit den Bären tanzen sollte und dem Vieh einen Kuss geben! Und dann
springt sie aufs Pferd, in Hosen und Stiefelchen, und reitet, nicht sitzend,
sondern sie steht, und in Carrière, die Zügel so in der Hand, und die Röcke
flattern nur so. Nein, wie die Polizei das zugeben kann! Das, erlauben Sie mir,
ist ganz unweiblich.«
    Darm waren Vater und Mutter einig. Auch darin, dass man nicht zu den
Seiltänzern gehen sollte, worüber aber nicht allein die Kleinen unglücklich,
sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren. Jene suchte
die Obristin durch Zuckerbrode zu beschwichtigen, die sie aus dem Pompadour
holte, und erklärte, sie hätte sie für artige Kinder aus Leipzig mitgebracht.
Karoline schien aber gar nicht zu begreifen, warum sie das hübsche Schauspiel
nicht mit ansehen solle, und auch die ernstere Julie sah die chère tante
verwundert an, warum sie grad heut so strenge war.
    »Mes chères nièces,« sagte sie, »weil man nicht weiss, wen man im Gedränge
findet. Wer wird immer nach Vergnügungen aus sein, wenn die Eltern sagen, dass es
sich nicht schickt! Da seht Euch die Mamsell Kriegsrätin an, und nehmt Euch an
der ein Muster. Sie sähe auch gern die Reiter springen, aber wo fällt's ihr ein,
darum zu bitten; sie sieht, dass ihre lieben Eltern es für unanständig halten.
Ja, die Predigerstöchter stürzten mit Euch nach der Schenke, das sind gute
Mädchen, aber wilde Hummeln. Nein, Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind, wie es
sein muss, die ihren Eltern Freude macht. Der könnt Ihr Vieles absehn. Seht nur,
wie sie ganz rot wird. Ach, wenn Ihr auch noch so rot werden könntet!«
    Die Mädchen senkten die Köpfe. Adelheid war schnell zwischen beide
gesprungen und umfasste sie traulich, sie sollten nicht darauf hören. Die Tante
scherze nur. Sie selbst wäre auch manchmal eine wilde Hummel und würde auch
recht gern die Seiltänzer sehen, aber es wäre auch sonst viel hübsches im Dorf
und im Freien, was sie zusammen besehen könnten, und sie hoffte, dass sie noch
hier bleiben, und die Tante ihnen erlaube, mit ihr spazieren zu gehen. dabei
könnten sie plaudern, singen, Blumen pflücken und Kränze winden. Vor allem aber
würde sie sich freuen, wenn sie ihr von Leipzig erzählen wollten und den tausend
schönen Sachen, die sie da gesehen. Das wären alles Wunderdinge für sie, denn
sie sei noch mit keinem Fuss aus Berlin gewesen. Papa und Mama hätten wohl davon
gesprochen, einmal eine Reise nach Potsdam zu machen, aber es sei immer etwas
dazwischen gekommen, und sie glaube auch gar nicht, dass es noch dahin kommen
werde, denn der Gedanke sei doch gar zu schön.
    Die Obristin sagte, Mamsell Adelheid sei ein prächtiges Mädchen und ihre
Eltern würden viele Freude an ihr erleben, und um der guten Gesellschaft willen,
wolle sie noch bis Abend bleiben; dann hoffte sie, die beiden Familien könnten
Compagnie machen in ihrem Wagen. Die Kriegsrätin, der das längere Beisammensein
mit einer so vornehmen Dame natürlich nur schmeichelhaft war, fand sich doch
etwas dadurch in Verlegenheit, von der wir nachher reden wollen.
    Einstweilen riss die Obristin sie daraus, die aufstand, um die Jugend, wie
sie sagte, eine Strecke zu begleiten. Sie wollte die Spiele der Kinder
arrangiren, damit sie nichts Unschickliches trieben, und zusehen, ob die Gegend
auch sicher wäre. Der Lärm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem andern
Teil des Dorfes gezogen.
    Die Kinder fanden bald auf den grünen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren
Spielen, denen die freundliche Obristin ratgebend zusah, bis es ihr zu heiss
ward, die drei jungen Mädchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern.
 
                               Zwölftes Kapitel.
                              Schwanenjungfrauen.
In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn. Der ebene Boden wird noch
jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen, ehemals waren es Seen, dann wurden
es Moräste; seit die Cultur vorgerückt sind es nur noch Tümpel geblieben. Doch
ladet ein heller klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein. Der Bauer, der Dich
trifft, warnt Dich aber, denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig
sich senkenden Löcher unergründlich. Ausserdem gab es ehemals eine Britzer Haide,
ein übelberüchtigter Wald, dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hinein
wuchs. Und endlich schnitten viele Wege und Fusssteige durch diese Felder. Das
Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen, es dünkte ihm eine
unermessliche goldene Aehrenfläche, darin die Korblumen und der rote Mohn über
die Einsamkeit klagten.
    An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen abschüssigen Rande ein
junger Mann auf dem Rücken hingestreckt. Er hatte sich gebadet. Ob das Wasser
unergründlich, danach hatte er nicht gefragt, es auch wohl nicht untersucht; er
war ein guter Schwimmer, der sich im Wasser nach Lust getummelt. Er ruhte jetzt
von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten, vielleicht auch um sich mit der
Einsamkeit zu unterhalten. Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein grosser
Hagebuttenstrauch. Die Hände unterm Kopf sah er dem Zuge der Wolken nach, der
Flucht der Vögel; vielleicht horchte er auch auf die Lieder, welche die
rauschenden Aehren ihm sangen.
    Ein Geräusch, was sich näherte, störte ihn auf. Den Fahr- oder Reitweg, der
in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte, hatte er beim Herkommen
durch die Felder nicht bemerkt. Ein schaumbedecktes Pferd schoss aus dem
Aehrenfelde. Noch zwei Sätze und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht
mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe. Dieser sah die Gefahr
nicht, er liess dem Ross die Zügel; der Instinkt des Tieres bewahrte beide. Im
Augenblick, wo es galt, bäumte es und warf den Reiter ab, oder er gleitete aus
Sattel und Bügel, die er längst verloren, denn er strauchelte nur etwas und
stand gleich wieder auf seinen Füssen. Vielleicht aus seinem Traum erwachend,
denn ohne sich um das Pferd zu kümmern, das seinen eigenen Weg suchte, stand er
und hielt sich mit den Händen das Gesicht.
    Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener, hatte der Liegende geschlossen,
denn durchgegangen war das Pferd nicht. Es war ein ihm wohlbekannter
friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers. Der Reiter hatte
nachlässig, aber sicher gesessen, und die blutenden Seiten des Tieres
verrieten deutlich genug die Behandlung, welche es ausser sich gebracht. Walter
war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen, aber die seltsame Stellung des
Ankömmlings fiel ihm auf. Durch die Hände schielte er auf das Wasser und seine
dunklen Augen glänzten seltsam.
    »Plagt Dich - - wenn Du's bist?« Er hatte die Hand auf die Schulter des
Reiters gelegt. Dieser war nicht sehr erschrocken, als er sich umsah und den
Andern erkannte:
    »Vielleicht - eigentlich aber nicht. Ich dachte nur an ein Bad. - So aus dem
Glutofen in die kühle Tiefe.«
    »Was hier dasselbe wäre!« entgegnete der zuerst Dagewesene, und fasste
heftig seinen Arm. »Kommst Du aus dem Gefängnis, Louis? Ward'st Du heut
entlassen?«
    »Um meine Freiheit zu geniessen, jagte ich den Gaul fast todt, und ward
selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege. Und wenn ich wieder aufflattere,
steht doch tausend gegen eins, dass ich wieder gegen etwas anstosse. Wär's nun
nicht ein wunderschönes Ende, um gar keinen Anstoss mehr zu geben, wenn ich,
erhitzt, durstend, an eines Felsens Rand in der Mittagssonne eine Flasche
Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer! - Uebrigens gebe
ich Dir mein Wort, es war kein Ernst, wenigstens hätte ich mir eine andere
Pfütze ausgesucht. 'S war nur ein aufsteigender Gedanke.«
    »Aber keine Lerche, die in den Aeter steigt,« sagte Walter, als Beide sich
auf dem Rasen gelagert. Der Ankömmling sog, hingestreckt, die Luft ein.
    »Nur nichts vom Aeter in diesem Schwefeldampfe,« sagte er nach einer Weile.
»Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen, ich glaube nicht mehr, dass es in
Feuer oder Wasser geschieht, sondern Gott Vater lässt sie ersticken in den
Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit. Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende
für sie.«
    »Mitgebrachte Gefängnissgedanken!«
    »Grillen, Schrullen oder Ungeziefer, wenn Du willst, denn als ein
vernünftiger Mensch glaubst Du doch nicht, dass ich in dieser Societät eximirter
Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte. Ja, hätten sie mich an eine Karre
geschmiedet, unter den Baugefangenen gibt's vielleicht noch Menschen.«
    »Du solltest ins Gebirge, Dich baden in der Morgenluft, im Felsbach - Du
solltest auf lange Zeit aus der Stadt.«
    »Alles Selbsttäuschung, Betrug, Walter! Freilich wenn Tieck uns Abends in
dem verschlossenen halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas, mochte ich den
Waldduft herunter schlürfen, der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken
fallen, und die Allmutter Natur an meine Brust pressen; aber in natura ist's
anders. - Bin ich nicht umhergestürmt! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen, aber
keine Nixe, nicht mal eine Hexe gefunden. Beim Morgenrot rufst Du Ah, und
findest Dich in Odenstimmung, und Abends wirst Du empfindsam und könntest
Mattisson mit seinem Zopf an die Brust drücken. Alles Illusionen! Sei redlich
gegen Dich selbst. - Die Wahrheit sucht man doch, wo die Sonne am höchsten
steht, und ich habe sie gesucht, rechtschaffen. Schlürfte alle Aussichten und
meine Ansichten wurden immer enger. Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da
hinter Dresden, die wir Beide einmal bewunderten, nicht anders vor, als die
gepuderten Köpfe unserer Kriegsräte. Und mehr haben sie anch nicht zu schaffen
mit dem Weltgeist, als dass sie rot werden im Morgenlicht und Abends Schatten
werfen. Rot werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr, aber wenn sie
uns im Lichte stehen kann man sie wegschuppfen. Diese verfluchten todten Felsen
bleiben aber immer stehen. Nein, Teuerster, die Romantik in Ehren, die Menschen
bleiben doch wenigstens Puppen, mit denen man Schach spielen kann.«
    »Wenn wir nur stiegen könnten! Wenigstens so hoch wie die Lerche.«
    »Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runter blasen. Da fliegt das
Biest hinauf, schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins
leere Blaue. - Ja, Walter, wenn man's recht besieht, kommen wir auch noch zum
Schluss, dass die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel, Morgens und Abends
geschminkt. Und weil sie sich bei Tage nicht besehen lassen will, sticht und
brennt die Sonne.«
    »Nur dass die Schminke immer frisch bleibt, heut wie am Tag der Schöpfung.«
    »Wer sagt Dir das! Es hat Keiner gelebt, als Gott Vater auf den Einfall kam,
diesen Spielball Erde zu erschaffen, und in das Uhrwerk Universum zu schleudern,
damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.«
    Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter, die seine Hand
ablangte, mit der Wurzel aus.
    »Suchst Du nach der Alraunwurzel?«
    »Könnte ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe
herausziehen, vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen
erscheinen.«
    »Der tiefste Schmerz müsste doch tödten. Darum verbarg ihn die Natur. Was
wühlen wir denn nun tiefer und tiefer -«
    »Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergissmeinnicht und Veilchen! Nicht
wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater
Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und anfingen, Du mein
Anakreon, ich Dein Tibull?«
    »Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns
nicht die Natur!« rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten.
    Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden
Händen: »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. - Wenn ich nur
wüsste, ob dieser Wunsch Sünde wäre?«
    »Welcher?«
    »Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!«
    Es folgte eine Pause: »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.«
    »Ist das ein Trost, dass ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der
allgemeinen Erbärmlichkeit.«
    »Er lässt Dir Freiheit.«
    »Er lässt aller Wett die Freiheit, so niederträchtig zu sein, wie sie Lust
hat, damit er nicht schamrot zu werden braucht.«
    »Das ist ein hartes Wort,« dachte Walter, und auch Louis musste es denken,
denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: »Adieu!«
    Walter umfasste seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregteit nicht von
sich lassen: »Du verwünschest Dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger
geboren, aber - Du warst es zu besserem.«
    »Was kann man denn besseres tun in dieser Gesellschaft, als sich selbst
verwüsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle
Edleren dazu bei uns verdammt? Tadelst Du den Prinzen, dass er den Schaumbecher
nicht von der Lippe lässt, dass er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will,
wo er nicht helfen darf? Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als
nüchtern zusehen, wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn
die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille? Der gute, zahme,
bescheidene da, der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will
leiten lassen, aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt? Die beschrankte,
duckmäuserige Tugend, die sich den Himmel malt an ihre vier Wände, aber der
Himmel draussen ist ihr zu frisch und kühl. Sturmwind ringsum, nur aufspannen,
nur zusteuern brauchten wir, und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff -
prost Mahlzeit! Man kettet das Steuer an, umwickelt die Ruder und lavirt. Das
ist eine berauschende Kunst. Soll ich mich auch anlernen lassen? Bei wem? Bei
meinem Vater? Staatsdienst! Herrliche Menschenbestimmung! Dein Vater predigt es
Dir ja wohl auch täglich: lass Dich anstellen. Wollen wir uns polnische
Krongüter schenken lassen? Die sind schon weggeschnappt. Wollen wir mit den
Juden und Domainenräten die Guter taxiren und Hypoteken verschreiben, die
ihren Wert im Monde haben? 'S ist auch schon zu viel drin gepfuscht.
Lieferanten für die Armee, aber es gibt keinen Krieg! Oder uns üben, solche
süssgänseschmalz-honigduftenden Cabinets-und Humanitätsdecrete schreiben, die
beweisen, dass Gott, der König, seine Minister und Regierungsräte alles mit
Weisheit und Verstand gemacht haben? Himmel und Hölle! wem nun anderes Blut in
den Adern pulst! - Die schönen Verse, die hochedlen Charaktere des grossen
Dichters auf der Menschheitöhen! Schlugen wir ihnen nicht oft in
mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen, dass es nur Masken waren! Gieb,
zeig, schenke mir was, wofür ich mich begeistern, was ich ans warme Herz drücken
kann, wofür es in Flammen aufschlägt, wofür ich mich in die Schanze oder in den
Tod stürze. Fähndrich Pistol ist mein Philosoph, wenn er die Welt doch noch für
eine Auster hält. Leider fehlt aber das Schwert jetzt sie zu öffnen. Lass' mich
rasen.«
    »Ich hätte gar nichts dagegen, wenn Du ein rasender Roland würdest und Dich
einmal zum Tollwerden verliebtest. Du bedarfst einer Radikalkur.«
    Louis Bovillard lachte: »In diese Mücken! - Schaffe mir was anderes. Schaffe
mir ein Vaterland. Das, das! Vielleicht war ich ein anderer!«
    Er spuckte, und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er sein Pferd suchen,
das gemütlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing.
    »Ein Vaterland!« wiederholte Walter. Es war ein Funken, der viele Gedanken
zündete, aber es waren nicht die Gedanken, um die er heut die Einsamkeit
gesucht. Er stand mit unterschlagenen Armen, seine Augen schienen die Würmer im
Grase zu verfolgen, und er hörte nicht, wie sein Freund zurückgekehrt war,
diesmal den Gaul am Halfter, und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte. Er
hörte erst, als Louis seinen Namen rief:
    »Was sinnst Du? Bei Dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz
durchgeschlagen, während ich sie abschüttele. Du weisst den Zerbino auswendig,
und ich wette, Du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem
Sandhügel.«
    »Und warum nicht? Tieck hat Unrecht, wenn er die Lust schilt, die sich auch
aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht. Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe,
die Du suchst. Aber was führt Dich zurück?«
    »Der Anblick einiger Herren von der Gensd'armerie, die mein scharfes Auge
vom Gaule aus in der Ferne entdeckte. Um nicht ihnen zu begegnen, stieg ich ab,
und will mich durch einen Fusssteig schlängeln. Auch auf die Gefahr hin, dass der
Bauer uns pfändet. Nun, bewunderst Du nicht meine Vernunft?«
    »Wenn ich nicht wüsste, dass Du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit
ihnen zusammenstössest.«
    »Das ist mein Fatum. Konnte Mercutio für seine Natur?«
    »Wenigstens spielt wieder Humor auf Deiner Stirn.«
    »Und in Deinen Augen glänzt ein Gedicht.«
    »Ich habe das Versmachen verschworen. Du weisst es.«
    »Aber, Walter, in solcher Natur! Ich müsste Dich ja nicht kennen. Ein tiefer
See mit romantischen Ufern! Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen,
entkleiden sich, ihre Schleier hängen sie an die Hagebutten. Husch hast Du einen
weggestohlen, und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne, die als
mediceische Venus um Gottes Willen um ein Stückchen Bekleidung bittet.«
    »Wir irrrten darin, das wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten:
Willst Du immer weiter schweifen,
Sieh' das Gute liegt so nah!
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.«
    »Wie schon Goetes anderer guter Mann, der nach Schätzen gräbt:
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.«
    »Wer den Sinn für sie mitbringt, dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom
Tautropfen, der am Grashalm hängt, er wiegt sich in den Aehren, über die der
Wind hinspielt.«
    »Er glitzert auch im Mistkäfer, warum gähnt er nicht auch in dem Frosch, der
da unvernünftig weit über der Mummel das Maul aufsperrt. Sieh ihn an, welche
tiefe Weisheitssprüche die Padde krächzt. - Und welche Weisheit bläht sich eben
auf Deiner Brust. Es muss heraus, ich sehe es, und Du brauchst einen Zuhörer.
Frisch losgelegt! Gleichviel, ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie
rausbricht. Die Gensd'armen sind noch im weiten Felde. Heraus denn, ein
verschluckter Gedanke ist Gift.«
    Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedürfen, den
Gedankenstrom, der in ihm arbeitete, auszugiessen:
    »Weil wir zu viel tranken, und seine üblen Wirkungen empfanden, sollen wir
darum den Wein selbst ausgiessen? Sollen wir zur Nüchternheit, zur Korrekteit
zurückkehren? Tut der Gärtner recht, der lauter exotische Gewächse in seinem
Garten ziehen wollte, und sie kamen nur zum Teil oder verkrüppelt fort, der
darum alle ausreutet, und meint, der Boden tauge nur zu Kartoffeln? Legen wir
doch das Geständnis ab, dass wir im Übermut, gelangweilt, und aus Verdruss über
die ekle Schaalheit der Poesie, wie sie getrieben wird, uns in kecker Laune oft
auf den Kopf stellten, und vom Publikum verlangten, es solle es mit uns tun.
Wir fanden Anhänger und es ging eine Weile, wie alles Neue. Nun finden sie die
Stellung unbequem. Ist das zu verwundern? Sollen wir aber alles darum als
Visionen fahren lassen, was wir in der Begeisterung, in dem seeligen Rausche
sahen? Hörten wir die Wälder, die Bäche nicht anders rauschen, als der Prediger
in Werneuchen, blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück,
nicht die Schauer der Ahnung, das Wesen der Wunder, welche die Welt erfüllen?
Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran, auch wenn wir uns matematisch
beweisen, dass es keine Hexenmeister gibt und keine Gespenster um die Grüfte
schweben. Haben wir nicht Geister citirt, von denen unsere Väter nichts wussten?
Wie anders, lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an, als die Philologen mit
den Perrücken sie sahen? Lebt nicht der brittische Riese unter uns, ein
geharnischter Geist, der unsere Teatermisère zertritt! Citirten wir nicht
Dante, nicht Calderon aus seinem vergessenen Grabe? Diese können sie nie wieder
todt machen, sie werden leben, und noch vieles mit ihnen, und wir mit Stolz
sagen, wir wurden ihre zweiten Väter!«
    »Das ist alles recht schön,« entgegnete Louis. »Wenn die Geister nur Mark
und Bein bekämen, wenn sie unseren Geheimräten und Ministern einen Rippenstoss
geben könnten, und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen. Da
es aber nicht ist, bin ich doch der Meinung Deines Gärtners, dass unser Boden nur
zu Kartoffeln taugt. Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs, und
Vetter Michel ein dito Mensch? Er grämt sich nicht, er schämt sich nicht,
erträgt Fusstritte und Prügel wie der Esel, wenn er nur Kartoffeln hat, und item:
Sag' mir nichts von gutem Boden,
Nichts vom Magdeburger Land,
Selig ruhen uns're Todten
In dem leichten kühlen Sand.«
    »Vaterländisch!« fuhr Walter auf. »Und hat die Schule nicht gerade auch
unsere eigensten, zertretenen, vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem
Staub und Rost ans Licht gezogen? Was kannten wir davon! Einzelne
Aeolsharfentöne der Minnesänger. Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im
Nibelungenliede? Du lächelst weil die Toren lachen. Wir erfuhren, unser Volk
hat gelebt, wie die Griechen durch die Iliade wussten, dass sie gelebt, dass ihre
Väter gross und herrlich waren, ehe es eine Geschichte gab. Das wussten wir nun
auch, dass Krimhilden und Siegfriede, dass Günter und Hagen unserer Geschichte
vorangingen. O welchen Born der Sage die Romantik uns erschloss! Jetzt verstehen
wir erst, nicht aus den nüchternen Chronisten, welch ein Volk wir waren unter
den Hohenstaufen. Im alten Kyffhäuser schläft nur der Kaiser seiner
Herrlichkeit, und die Raben krächzen um seine Trümmer, und die Geister warten
auf seine Erweckung. Das, Louis, hat uns die Romantik entüllt, der Du einen
Fusstritt geben willst, weil sie nur Trugbilder zeigt, und Du willst Realitäten.
Was hatten die Juden mehr von Palästina als ein Traumbild? Das Traumbild weckte
einen Moses. Lass einen Moses erweckt sein, und wir haben wieder ein deutsches
Volk, eine deutsche Herrlichkeit. - Vielleicht, dass wir's darin versahn,«
schloss der Aufgeregte, »wir machten aus der ungeheuren Sage nur für uns ein
Spielzeug; aber Andere mögen nach uns kommen, die unserm Volke diese gewaltigen
Bilder anders hinhalten, einen kolossalen Spiegel vor dem unsere Erbärmlichkeit
erschrickt - und sie können sich ermannen, können besser werden, wenn -«
    »Wenn ein Moses geboren wird!« fiel Louis ein, drückte rasch Waltern die
Hand und riss sein Pferd in den Fusssteig. »Da liegt es!« tönte noch seine Stimme
aus dem Korn. »Einen Moses! Nur ein Moses! Die Juden und die
Ziegelstreicherknechte sind immer da.«
    Walter lag wieder in der Hagebutte.
    »Wenn er einen anderen Vater hätte, ein anderes Vaterland!« Waren das nicht
Streiflichter des ewigen Schmerzes, für den es keine Heilung gibt? Waller
starrte auf den Wasserspiegel. Auch die Frösche lagen wie matt von der Hitze auf
den breiten Blättern der Wasserlilie, regungslos. »Ein Moses!« Wo sollte der
Moses herkommen, wenn auch über den Wassern nicht mehr der Atem Gottes
schwebte? Wenn die Verstockung auf dem Element, das die Erde umgürtet, sich
niedersenkt? Nein, es war nur die schwüle Luft. Die Augen fielen ihm zu, und die
Natur übte ihren beschwichtigenden Zauber über die finsteren Gedanken. Die
Falten verzogen sich um seine Brauen, der Mund fing wieder an zu lächeln, und
man konnte denken, dass Traumbilder aus einer glückseligen Welt um seine Schläfen
spielten.
    Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie, die blühenden Mädchenköpfe im
Korn? Schossen Elfen auf zwischen den Aehren? Der Hagebuttenstrauch im Korn, der
grüne Rain, der die Felder trennt, ist ja ihr Spielplatz. Hier führen sie
Reigentänze, hier stampfen ihre zierlichen Füsschen die Ringelkreise, die der
Landmann am Morgen findet, und der Abendtau fiel noch auf frisches Gras. Aber
schnell, wenn ein Späherauge sie entdeckt, verschrumpfen sie, hängen sich an den
Ginsterstrauch, sie klettern in die Hagebutte. Der Wind scheint in den Blättern
und Zweigen zu spielen, aber es sind ihre leichten Körper, die sich daran
schaukeln.
    Diese verschwanden nicht.
    Die Eine, eine schmächtige Brünette von dunkeln, aber etwas umflorten Augen,
mit einem getrübten Blick. Die roten Mohnblumen, die ihre losen Blätter im
schwarzen Haar flattern liessen, passten zu der Gestalt, dem melancholischen
Gesicht. Eine Else, die den Einen unwiderstehlich anziehen mochte, den Andern
zurückstossen. Die andere, kleinere, rundliche, ein nussbraunes Mädchen, mit
Schelmengrübchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen; wie wohl stand ihr
der Kranz von Kornblumen, Aehren und Mohn im Haar.
    Aber die Dritte, die Elfenkönigin, Wie frei schaute ihr blaues Auge, blau
wie die Kornblumen, blau wie der Himmel, aus der freien Stirn. Wie leicht
bewegte sie sich, wie anders atmete sie die Luft ein; nicht als gehöre die Welt
ihr, aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft, von Farbe
und Atem. Und wie hatten die andern, das konnte sie nicht selbst getan haben,
die Felder geplündert, um die eine auszustatten! Ein dichter Kornblumenkranz war
auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt, und eine Mohnblume, aber keine rote, die
hätte nicht hierher gepasst, eine seltene volle weisse, glänzte als Diamant über
ihrer Stirn. Eine andere Guirlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe um ihren
Nacken, und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen, die
als scheckiges Unkraut zwischen den Aehren blühen, besetzt. Eine Hochzeit mit
der Natur?
    So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grünen Platz, drüben
am Rande. »Ach wie hübsch!« rief die Königin. »Da ist Wasser!« und breitete die
Arme aus, indem sie sich Luft nach der Brust fächelte. Das nussbraune Mädchen
umfasste sie plötzlich und ergriff die Hand der Brünette: »Fass' sie an, hier
wollen wir tanzen - Ringel-Ringel-Rosenkranz.«
    Die Elfen schwebten im Ringeltanz bis es ihnen zu heiss ward. Sie lagerten
sich auf den Abhang, die Königin in der Mitte. Sie scherzten und plauderten wie
neckische Kinder.
    »Ich muss mich eigentlich schämen,« sagte die Königin, »wie habt Ihr mich
ausgeputzt, und ich bin's doch nicht wert.«
    »Schäme Dich nicht!« sagte die schmächtige Else mit dem schwarzen Haar, die
ganz auf dem Boden ausgegossen lag, und drückte die Hand der Königin an ihre
Lippen.
    »Herr Gott,« rief die Königin, »Du küssest mir die Hand, und ich glaube gar
Du weinst.« Sie zog erschrocken die Hand zurück.
    Die Nussbraune lachte auf: »Die Jülli ist immer närrisch, und ich bin immer
lustig. So sind wir, wir bleiben aber doch gute Freunde. Nicht wahr?«
    »So wollen wir's alle drei sein,« sagte die Königin. »Ich komme mir nur so
dumm unter Euch vor, Ihr seid in Leipzig gewesen. Das will mir gar nicht aus dem
Kopf. Und Euer Onkel ist ein Offizier und gar in Indien. So was hätte ich in
meinem Leben nicht geträumt.«
    Die Schwarzbraune schüttelte den Kopf: »Der ist nicht mein Onkel.«
    »Na, meiner auch nicht,« lachte die Nussbraune.
    Die Elfenkönigin bat die Gespielinnen nun, ihr Wort zu halten und ihr recht
viel, so viel sie könnten, von Leipzig zu erzählen. Die Nussbraune hatte auch
Lust dazu, nur brachte sie die Herrlichkeiten, die sie gesehen, etwas konfus
heraus, und man wusste oft nicht, ob sie von den Menschen oder von den Waaren
sprach. Aber Alles war herrlich dort gewesen, die Affen und die Seiltänzer, die
Komödianten und die Buden auf den Strassen. Ueber die Griechen und polnischen
Juden und die Türken hätte sie sich bucklicht lachen mögen, und vor ihren langen
Bärten hätte sie sich zuerst grausam gefürchtet, aber dann hätte sie gesehen,
dass es alle reiche und generöse Herren wären, mancher hätte mit den Dukaten um
sich geworfen, wie mit Zahlpfennigen, und alle hätten gesagt, solche gute Messe
hätten sie lange nicht erlebt und sie wünschten alle ihre Lebtage auf der
Leipziger Messe zu sein.
    Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf: »Mir ist's hier viel lieber. Hier ist's
hübsch.«
    »Wenn man nur Gesellschaft hätte!« rief die Nussbraune.
    Ein stummer Blick der anderen schien sie zu strafen. Auch die Königin sah
sie verwundert an und sagte: »Sind wir uns nicht genug? Wir plaudern ja so
allerliebst zusammen; wenn's nur nicht so heiss wäre!«
    »Wir könnten uns baden!« rief plötzlich die Muntere. »Ja baden, baden!
Kinder, das ist prächtig!«
    Der Gedanke zückte wie ein Blitz. Der Ort war so still und einsam, ein
tiefer Kessel, geschützt durch einen Rand von über Manneshöhe, und darüber stand
noch wie eine Ringmauer das Aehrenfeld. Wo sollte da ein Lauscherblick
herkommen? Selbst die Vögel flogen nicht mehr. Im Strauche regten sich die
Blätter, die Kornähren wiegten sich durch ihre Schwere.
    Die Karoline war plötzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung, als wolle
sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen. Jülli, die Schwarzbraune, sah fragend
auf die Elfenkönigin, ob sie Lust habe? - Lust hatte sie wohl, aber - aber sie
machte die Bemerkung, man wisse ja nicht, ob das Wasser nicht zu tief sei?
Darauf wandte Karoline ein, sie wollten am Rande bleiben, und es zuerst
versuchen. Adelheid errötete jetzt, sie fühlte, dass sie nicht ganz die Wahrheit
gesagt, sie wusste nicht und zweifelte sogar, ob ihre Eltern es erlauben würden.
Jülli sagte: »So lassen wir es lieber; wer weiss, ob es chère tante auch recht
ist!«
    »Wer wird denn ma chère tante fragen, wenn sie nicht bei ist!« lachte
Karoline, aber der Blick, den ihr Jülli zuwarf, schien sie doch unschlüssig zu
machen.
    Man unterhandelte und kam überein, dass man sich nur die Strümpfe ausziehen
wolle, und ein wenig die Füsse baden, das gebe Erfrischung für den ganzen Leib,
und sei auch gar nicht gefährlich. Die Füsse sich waschen, ohne die Eltern zu
fragen, sei doch wohl erlaubt, dachte Adelheid. Nur ihren kleinen Bruder hatte
die Mutter einmal geohrfeigt, als er sich beim Regen die Strümpfe ausgezogen und
durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war. Die Züchtigung hatte er indes
ausdrücklich nur erhalten, weil das die Strassenjungen täten, weil es sich in
einer Stadt nicht schicke, und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei.
    Diese drei Gründe griffen ja hier nicht Platz. Die Strümpfe und Schuhe
flogen auf den Rasen und sechs zierliche Füsse plätscherten im Wasser. Die
Mädchen fassten sich an, um die Kühlung gemeinschaftlich zu geniessen. Karoline
zog die Anderen unmerklich etwas weiter: »Hier können wir bis am Knie stehen,
ach das tut wohl!« - »Herr Gott, Karoline, was willst Du?« rief Jülli, die sah,
dass Karoline Miene machte, ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen. -
»Ich bin ja vom Kietz in Spandau, ich ertrinke nicht.«
    In dem Augenblicke fuhr ein Ton durch die Luft. War's das Gekreisch eines
Reihers, war's ein Pfeifen, der Warnungsruf einer menschlichen Stimme?
Erschrocken sahen die Mädchen sich um, das war ein Moment. Im nächsten waren sie
es, die laut aufschrieen, und, mit einem Sprunge am Ufer, nach Schuh und
Strümpfen griffen. Ein dritter Moment: ein helles Gelächter vieler
Männerstimmen, Säbel klirrten in der Scheide, Pferde wieherten. Mehrere
Cavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg und Einer rief: »Hussei, richtig
gesehen! Badende Mädchen; da wollen wir helfen!« Zwei machten Miene vom Ross zu
springen, während der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu
bahnen suchte, ohne dabei besonders auf die Aehren Acht zu haben. Aber das Pferd
scheute vor einer Unebenheit, und die Elfen gewannen den Vorsprung. Sie
kletterten, sprangen, schwebten in atemloser Hast um den Rand des Sees, nach
einem Ausweg suchend. Der, auf dem sie gekommen, war ihnen schon durch den
Reiter versperrt. Sie fanden ihn in der Nähe des Hagebuttenstrauches. Den
Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt, aber die Unordnung in den
schwankenden Aehren verriet noch lange die Richtung, in der sie verschwunden
waren.
    »Echappirt!« rief der vorderste Reiter, die Terrainschwierigkeiten als guter
Cavallerist erwägend, und liess den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen.
    »Wollen wir schwenken, nachpreschen, Dohleneck?« fragte der Zweite.
    »Müssten ein ganzes Kornfeld niederreiten,« sagte der Rittmeister, »und das
käme wieder zu des Königs Ohren. Ihr wisst, wie er die Bauern protegirt.«
    »Jammerschade!« Der Zweite schlug. vor, abzusitzen, die Pferde anzubinden,
und ihnen zu Fuss nachzueilen.
    »Die sind fix wie der Wind.«
    »Aber barfuss. Die Füsschen würden ihnen doch zu weh tun, so über Stock und
Block. Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama?
Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strümpfe an, da attrapiren
wir sie, und probiren, ob sie die Strumpfbänder nicht zu fest binden. Das ist
schädlich, sagt Hufeland.«
    Der Rittmeister strich den Bart und sagte: »Meine Maxime sei, nie was
suchen, aber die Ueberraschung hinnehmen. Das ist soldatisch. Und wenn wir sie
bei nahe besehen, wer weiss, ob wir uns nicht schämen, ihnen nachgelaufen zu
sein.«
    Hexen wären es nicht, meinte der Zweite, und der Dritte: er müsse die eine
schon gesehen haben; auch die andere kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht,
wo sie hinbringen. Man beschloss endlich, beim Rückwege durchs Dorf zu reiten, wo
man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird.
    Sie sprengten fort. -
    Es war still wie vorher. »War's ein Traum?« dachte Walter, der sich hinter
dem Strauch aufrichtete und über die Stirn fuhr. Die eingeknickten Aehren
sprachen dagegen. Unfern von der Stelle, wo er gelegen, lagen Kornblumen, die
sich von einem Strauss aufgelöst. »Das hatte sie an der Brust.« Er raffte die
Blumen rasch auf. An einer halb geknickten Aehre flatterte ein blauseidenes
Strumpfband. »Das hatte sie verloren.« Er ergriff es und schlang es um die
Kornblumen zum Bouquet.
    »Und die Toren wollen sagen, es gebe keine Romantik!«
    Er blieb zaudernd stehen. Sollte er auch ins Dorf? »Die Erscheinung war so
schön, warum denn die Wirklichkeit aufsuchen, welche in einem Augenblick
vielleicht den ganzen Zauber löst.« Dazu erinnerte er sich, dass er dem
Geheimrat Lupinus versprochen, ihm bei der Collationirung zweier Manuskripte
heute Abend zu helfen. Und Lupinus hatte gesagt, dass er ihm einige Privatstunden
verschaffen zu können hoffe.
    Walter schlug vergnügt den Rückweg ein. Er war es, der bei Annäherung der
Reiter das Warnungszeichen aus dem Busche gegeben, welches die jungen Mädchen
vor einer Scene bewahrt, in der er unmöglich den stillen Lauscher spielen
durfte. Aber welche Rolle hätte er spielen sollen!
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                                 Das Gewitter.
Auch die Sonne hat Flecken, und auch in der glücklichsten Ehe gibt es
Familienscenen.
    »Ach, dass ein so schöner Tag so ausgehen muss!« seufzte die Hofrätin, aber
der Kriegsrat blieb unerbittlich. Es war doch wie vom Himmel gefügt, dass sie
mit einer so vornehmen, liebenswürdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft
gemacht. Die Herzensgüte sah man ihr an den Augen ab. Was konnte ihre Tochter
davon profitiren! Sie war ganz gewiss, dass die Obristin Adelheid zu sich einladen
würde, und wer weiss, wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlössen, ob sie
nicht an ihren Privatstunden Teil nehmen könnte. Ja, es wäre wohl möglich, dass
die Obristin ihre Tochter ins Haus nähme, in Pension wollte sie gar nicht sagen,
denn sie hätte wohl bemerkt, mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer
angesehen. Und alle diese Vorteile und Aussichten wolle er mutwillig von sich
stossen. Und warum?
    »Weil wir keine Equipage halten können,« recapitulirte der Kriegsrat.
    »Wie Du auch bist, Mann! Wer redet denn davon. Aber den Christian von der
Brösike könnten wir heimlich in die Stadt schicken, dass er uns eine Lohnkutsche
holt von Herrn Verdriess, dem Fuhrmann, er wohnt ja gleich am Halleschen Tor.
Für einen Groschen tut's der Junge, ach er tut's umsonst aus Plaisir, dass er
zurückkutschiren kann. Dann fährt der Kutscher vor, wir kommen mit Anstand in
die Stadt zurück, und sie denken, es ist unser Wagen.«
    »Sie sollen nichts denken, was nicht wahr ist.«
    »Alter, verstehe mich nur, 's ist ja auch nicht darum, dass wir was scheinen,
was wir nicht sind. Für'nen Registrator schickte sich's auch, aber - wenn Du nun
Geheimrat wirst!«
    »Kommt Zeit, kommt Rat.«
    »Und bis dahin kommst Du ins Gerede, und wirst am Ende gar nicht
Geheimrat.«
    »Dann bleibe ich Kriegsrat.«
    »Und Deine Tochter bleibt sitzen. Sie kommt ins Gerede. Wenn wir nun mit
Sack und Pack unter'm Arm trotten, liebster, bester Mann, und die Obristin kommt
gerollt in der schönen Equipage, und die Adelheid trägt wohl gar wieder den Korb
- ach, wird sie denken, das sind solche Leute! Und Du bist's, der das Glück
Deiner Kinder verscherzt hat, aus Eigensinn!«
    »Da können wir ja gleich die Obristin fragen.«
    Sie kam. Und ehe noch das Wort: »Du wirst doch nicht?« von ihren Lippen war,
musste die arme Frau hören, was sie doch nicht von einem Manne, der auf
Reputation hält, für möglich gehalten. Er musste entweder sehr bös, oder bei
sehr guter Laune sein.
    »Ach Du meine Güte!« rief die Obristin. »Liebe Frau Kriegsrätin, mein Mann
war auch nicht immer Obrist. Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Sammet
getragen. Ein Korb am Arm, auch ein grosser Korb, ist keine Schande; wenn man
sich nur nicht mit Jedem abgibt, der gelaufen kommt, da kann man auch im blauen
Kattunspencer ein honetter Mensch sein. Es ist schon recht, dass man auf
Distinktion hält, und ich halte gewiss darauf, davon können Ihnen meine Niecen
was erzählen; aber pfui, wenn man darum einen Menschen nicht ästimiren wollte,
wenn er nicht mit Vieren fährt! Ich könnte Ihnen von Prinzen erzählen, haben den
Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fuss aus, im Surtout bis über die Ohren
zugeknöpft, und wenn sie anklopfen, man hört das gleich raus. So treten sie in
die Hütten der Armut, und wie Mancher, der hungert, wird von ihnen satt.
Strecke Jeder sich nach seiner Decke, das ist meine Maxime. Wer seine
Nebenmenschen nicht achtet, den achte ich auch nicht. Meine liebe Frau
Kriegsrätin, was ist aller Glanz dieser Erde! Eitelkeit, sagt der Herr
Prediger, und wer solide handelt, der kommt noch am besten fort in diesem
irdischen Jammertal. Und wenn ich nur Platz hätte in meinem Wagen, mein Gott,
ich würde es mir ja zur grössten Ehre rechnen, wenn ich eine so solide Familie
mitnehmen könnte. Einen Platz haben wir noch, der stuckert aber so sehr. Und als
wir Abschied nahmen, so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und
sagte: Eigentlich wollte ich bei Keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt;
aber Sie sind eine rechtschaffene, solide Frau, Frau Obristin, zu Ihnen komme
ich, bis ich mir ein Quartier gemietet habe. Na, den Herrn Prediger sollen Sie
kennen lernen, wenn Sie mir die Ehre erzeigen, auf eine Schale Kaffee. In seiner
Jugend hat er in Leipzig studirt, da haben wir geplaudert von - ich sage Ihnen,
ein charmanter Mann.«
    Der Kriegsrat seufzte: »Ach Leipzig! Sie wissen nicht, was mich das
gekostet hat.«
    »Ja 's ist teures Pflaster, und gar in der Messe. Na, das freut mich aber,
dass Herr Kriegsrat auch da waren.«
    »Mich gar nicht, liebe Frau Obristin,« sagte der Kriegsrat, der gemütlich
seine Pfeife ausklopfte. »Es kostet mich meine Karriere. Ich liess mich, da ich
in Halle studirte, verführen, mit andern meiner älteren Kommilitonen einmal nach
Leipzig hinüber zu reiten. Nur einen Tag; am nächsten kehrten wir zurück. Als
mein Vater es erfuhr, bekam ich einen Brief. Das war ein Brief, nicht mit Dinte,
mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf! Der verlorne Sohn in der
Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben, sonst wäre er nicht verloren
gegangen. Ich musste auf der Stelle zurück. Da standen schon die Pedelle, vom
Rektor geschickt, und brachten mich auf die Post, und der Herr Postverwalter
hatte mir einen Platz bestellt, neben dem Schirrmeister, dass er auf mich Acht
habe. Und als ich nun ins elterliche Haus kam! Meine arme Mutter in Tränen und
meine Schwestern! Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt, fast bei Wasser
und Brod und musste die Psalmen auswendig lernen. Aber das war noch gar nichts
dagegen, wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Tür öffnete, und mich
so mit untergeschlagenen Armen ansah, ein Blick, dass mir das Herz im Leibe zu
Stein ward, und mir ankündigte, dass es nun mit meinem Studiren aus sei. Nun
versuche, Du ungeratener Sohn, sprach er, ob Du durch Dein ferneres Leben es
wieder gut machen kannst, dass Du Deines Vaters Schweiss und Deiner Mutter und
Schwester saure Händearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast. Der
Bauerwagen stand vor der Tür, der mich in eine kleine Stadt brachte, wo ich als
unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Carrierr anfangen musste.
Sehn Sie, das kostet mich Leipzig!«
    Die Kriegsrätin war erstaunt, aber nicht ganz unzufrieden, dass ihr Mann
durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mitteilungen sich hinreissen liess.
Diese machte ihm ein Compliment: »wer weiss, wozu es gut gewesen. Die Studirten
kämen oft nicht weiter, und wer klein anfinge, der hörte oft gross auf.«
    »Mein Vater war ein strenger Mann, aber ein braver Mann, und er hatte
Recht,« sagte der Kriegsrat. »Denn meine Eltern mussten sich's schwer
verdienen, dass sie nur durchkamen. Und was hatte ich in Leipzig zu suchen!«
    Das gefiel der Kriegsrätin wieder nicht, dass er zu erzählen anfing, wie
knapp es in seinem älterlichen Hause zugegangen. Die Obristin horchte aber sehr
teilnehmend.
    Jetzt kamen auch die jungen Mädchen zurück. Sie hatten unter sich
ausgemacht, nichts von dem Abenteuer zu erwähnen. Jülli und Karoline sprangen,
als wäre nichts vorgefallen, Adelheid ging langsamer und bückte sich oft. Schlug
ihr das Gewissen, dass sie etwas nicht Erlaubtes getan, oder dass sie darauf
eingegangen, es zu verschweigen? Die Aufforderung, für das Abendessen zu sorgen,
war ihr willkommen. Im Hause schlüpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und
setzte den Fuss auf den Schemel, um mit einigen Flachsfäden aus dem Spinnrocken
den Strumpf fest zu binden. War es die alte Wanduhr oder ihr Herz, das so laut
schlug? Ein heiseres Gelächter schallte plötzlich hinter ihr. Die Alte hatte
sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an:
»Verloren - Strumpfband verloren! - hi! hi! hi! Das bedeutet was. - Der's fand,
wird sich freuen. Hi, hi, hi!« - Das junge Mädchen floh, wie vor dem Spottgesang
böser Geister.
    Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt,
als der Milchreis zu Mittag. Die Kinder waren müde, die jungen Mädchen in
Gedanken, die Aelteren hatten sich ausgesprochen. Alle drückte die Schwüle des
Tages, der zum Abend geworden.
    Aus dem Kruge schallte Tanzmusik. Reiter gallopirten auf dem Fahrwege heran,
es waren Gensd'armerieoffiziere. Sie hielten plötzlich an, und lorgnettirten die
Gesellschaft. Mit einem hässlichen Gelächter gab der eine ein Zeichen. Die
Frauen schrieen, sie glaubten, die Reiter wollten den Tisch umreiten; sie ritten
nur um den Tisch, einer hinter dem andern im Kreise, oft so nahe, dass die Pferde
die Stuhllehnen berührten. Die Kriegsrätin ward blass vor Schreck, der
Kriegsrat vor Unwillen, die jungen Mädchen senkten die Köpfe, die Kinder waren
ängstlich vor den Pferden. Die Obristin fasste den Arm des Kriegsrats unter dem
Tisch und flüsterte ihm zu: »es sind junge Leute.« Die jungen Leute aber beugten
sich seltsam im Sattel, sie warfen Kusshände zu mit den Fingern, mit beiden
Händen, sie miauten, schnalzten, krähten. Endlich waren sie wie der Sturmwind
verschwunden, nachdem sie ein: »Auf Wiedersehen, allerliebste Engelchen!« der
Gesellschaft zugerufen.
    Der Schemel hinter ihm fiel auf die Erde, als der Kriegsrat aufsprang und
der Aufbruch war damit gemacht. »Gerechter Gott!« rief er, den Stock auf die
Erde stampfend, »wann wird das endlich mal ein Ende nehmen! Giebt's denn keinen
Fleck auf der Erde, wo man seine Tochter ruhig hinführen kann! Giebt's denn
Niemand, der dem Könige das sagt, denn er ist gütig und gerecht.«
    Die Frau Kriegsrätin wehrte still die Obristin ab, die beruhigende Worte
auf der Lippe hatte, von Jugend und Tugend. »Um Gottes Willen, Frau Obristin,
jetzt keine Sylbe, sonst bricht es los.«
    Es schien aber schon jetzt loszubrechen, wenn auch nicht in Worten, als er
den Hut aufstülpte, den Rock zuknöpfte und rief: »Nun marsch nach Haus!«
    Wir sehen die Familie auf dem Marsche. Es hatte Jeder seine eigenen
Gedanken, darum war es heut Abend so still als es an manchem laut gewesen.
Vergnügt war eigentlich nur die Kriegsrätin. Sie baute Schlösser in die
Zukunft, und war ihr Wunsch nicht erfüllt, als ihr Mann der Obristin die Hand
gedrückt und gesagt hatte: »Sie sind eine brave und praktische Frau. Ich freue
mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Eigentlich war das etwas
unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen, aber sie hatte es nicht übel
genommen. Sie hatte die Hoffnung auf nähere Bekanntschaft ausgesprochen, aber
nicht in der ordinären Weise, dass sie gleich zum Kaffee gebeten, sondern sie
hatte gesagt, das würde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fügen,
dass die zusammen kämen, die zusammen gehörten. Aber beim Abschied - denn sie
wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hinein tun, weil sie Freunde
ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt - hatte sie noch von dem
roten Umschlagtuch aus Malaya ein Wort fallen lassen, und dass sie nur wünsche,
dass die Mamsell Adelheid es einmal um die Schulter nehme. Das Tuch würde ihr
doppelt lieb sein, wenn es dem englischen Kinde gut stände.
    Der Weg ward so schwer, die Luft so drückend. Die Kinder waren müde. Nur der
Kriegsrat schritt stramm voran. Da ging ein Lüftchen durch die Ulmen, aber kein
erfrischendes; es war der Vorbote eines nahenden Sturmes. Vom Templower Berge
kamen dicke Gewitterwolken. »Wenn uns das noch träfe!« sagte die Kriegsrätin.
Es fielen die ersten Tropfen, einzelne, aber sehr schwere. »Herr Jesus, Mann,
ob's nicht besser wäre, wenn wir umkehren ins Dorf? Die Stadt erreichen wir
nicht mehr.« - Der Kriegsrat wies schweigend mit dem Stock zurück: »Ich kehre
nicht um.« Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen, von Blitzen
schon durchzuckt und am sternenflimmernden Horizont näherte sich die Wand den
beiden Wolken. »Wenn das zusammenstösst!« - »Wenn das uns träfe.« - »Es trifft
uns schon!« Der erste Donner rollte dumpf über die Fläche. Der zweite, dritte
war schon näher. Jetzt tröpfelte es nicht mehr, es prasselte. »Unter die Bäume!
Dicht unter die Bäume!« rief die Mutter. Die Bäume halfen wenig, und bald hatten
sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht, von wo ab das freie, weite
Bachfeld vor ihnen lag, und kein Schutz vor dem Regen, der nicht mehr strömte,
es schoss und goss.
    Sie standen unter der letzten Ulme, die dicht um ihren Stamm noch ein
Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewährte, aber nicht vor dem Regen, den
der Wind heranschlug. Sie standen auf den vom Erdreich losgespülten Wurzeln, um
nicht im puren Wasser zu stehen, das schon über den Boden wallte; Jette hatte
sich im Gehen Strümpfe und Schuhe abgestreift, ihr Sonntagszeug nicht zu
verderben. Die Frauen schürzten ihre Kleider; schickte es sich aber auch für
sie, die Schuhe auszuziehen? - »Die Kinder aufgenommen!« rief der Vater. Jette
hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt, Adelheid dafür den von ländlichen
Einkäufen schweren Korb aufgenommen. Der Vater wollte die Clara aufheben, das
Wasser, das aus seinem dreieckigen Hute, wie aus einer Rinne goss, überschüttete
das Kind. Das dritte nahmen sie zwischen sich.
    Es waren furchtbare Minuten. Das Wasser klatschte, mit blauen Blitzstrahlen
gemischt, auf die Erde, vor ihnen nur ein wellender Spiegel vom Winde
gepeitscht. Ein Todtenschweigen, nur durch das Gewimmer der Mutter einmal
unterbrochen: »Und alles das, um acht Groschen zu sparen. Du rechnest auch
nicht, was die verdorbenen Kleider wert sind!« Die Antwort des Vaters
übertäubte ein Aufschrei aus Aller Munde. Der Regen von den höher gelegenen
Feldern zur Rechten ergoss sich in einen Graben, der in der Regel ganz trocken
und verschüttet war. Das aufschwellende Wasser brach den Damm und wühlte, ein
breiter Bach, den Fusssteg auf, dicht vor der Ulme, und ein immer tieferer und
rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab.
    »Seht nicht in die Blitze, das verdirbt die Augen!« rief der Vater. »Wenn's
nur nicht so grässlich donnerte!« jammerte die Magd. »Und unsere besten
Sonntagskleider sind hin!« - »Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten,«
sagte der Vater. »Denk' Dir unsere armen Soldaten im Kriege, die haben kein Haus
und keinen Mantel.« - »Aber ihre Monturen muss der König bezahlen,« entgegnete
die Kriegsrätin. »Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid? Und wenns sie's
Fieber kriegt!« - »O Gott, wir gehen alle unter,« schluchzte wieder die Magd,
als ein stärkster Donnerschlag dicht über der Erde hinzurollen schien. »Wär' ich
doch nie in den Dienst gegangen!«
    Da schien das stärkste Gewitter sich entladen zu haben. Die
zusammengekeilten Wolken brachen. Es rauschte noch vom Himmel und er schien sein
blaues Licht niederzugiessen, aber man hörte auch schon wieder die Bäume rauschen
und der Donner ward dumpfer. Man hörte auch einen Wagen. Die Pferde stampften im
Wasser. Es war die Obristin mit ihren Nichten. Ein heller, lang andauernder
Blitz - ein Schrei der Freude und des Schreckens.
    Hätte die Frau Kriegsrätin doch mögen in die Erde versinken, als der
Kutscher hielt. Ach es war weder Zeit, sich zu schämen, noch Toilette zu machen.
Die gute Obristin hätte so gern Alle mitgenommen! Was an Platz war in der
Kutsche, sie sollten nur kommandiren; die Kleinen wollten sie schon auf den
Schoss nehmen. »Mann, um Gottes Willen, Du wirst doch jetzt nicht
Bedenklichkeiten machen!« Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine, sie
waren rasch hineingeschoben. Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen! Die
Kriegsrätin hätte sich ja nimmermehr hineingedrängt. Sie war so stark und nass,
und in solchem Aufzuge! »Väterchen Du,« rief Adelheid. Konnte er Mutter und
Tochter allein in Nacht und Regen lassen? »Kommen Sie Adelheidchen, Sie erkälten
sich ja ganz die Füsschen,« rief die Obristin. »Wenn für die Kinder gesorgt ist,
für die Eltern sorgt der liebe Gott.« Der Kutscher entschied in letzter Instanz
über alle Bedenklichkeiten. Er liess mit einem »Donnerwetter, wenn's nicht bald
wird!« die Peitsche knallen, und ich glaube, er hätte sein Wort gehalten.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                           Wie es im Hause aussieht.
Weshalb der Kriegsrat endlich nachgab, war, dass er in der Ferne die
Gensd'armerieoffiziere gallopiren hörte. Aber die Wagentür klappte noch in der
Luft, sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen, als die Räder schon durch
den flutenden Giessbach rollten.
    Entweder wollte er die Wagentür zuschlagen, oder war es, um seiner Tochter
Anweisungen zu geben, weshalb der Vater nachstürzte. »Der Herr Kriegsrat
ertrinken!« schrie die Jette; aus der Kutsche wehten sie, er möge zurückbleiben.
    »An den Tag werden wir lange denken!« entfuhr es dem Kriegsrat. Seine Frau
drückte verstohlen seine Hand, er drückte sie wieder. »Und Mamsell Adelheid
werden auch bald warm werden,« tröstete die Jette, »sie sitzen so eng zusammen.«
    Die Offiziere ritten vorüber, ohne von der Familie Notiz zu nehmen. Das
Wasser war schon im Ablaufen und man versuchte die Passage. Sie gelang endlich
nach der richtigen strategischen Massregel, dass ein Fluss leichter an der Quelle
als am Ausströmen zu forciren ist. Forcirt musste er aber doch werden; und man
versank nicht allein im Moor und Wasser, sondern auch im trockenen Sande, da ein
Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat, dass er nur die Oberfläche
durchnässt.
    Die Sterne schienen wieder auf einen langen sauren Weg. Der Kriegsrat ging,
Arme und Stock auf dem Rücken, vorauf, er schien in die Sterne zu sehen.
    Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd. Sie gingen eine Weile neben
einander, ohne zu sprechen; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen: »Wir kennen
sie eigentlich nicht.« - »Wenn Du nur gefragt hättest, wo sie wohnt?« sagte nach
einer Pause die Frau. »Aber die Adelheid weiss, wo wir wohnen, und sie ist ja
kein Kind mehr.«
    Eine neue Pause. Sie näherten sich schon dem Tore: »Wenn wir sie nun nicht
zu Hause finden!«
    Die Kriegsrätin hatte keine Antwort darauf. Es presste sie etwas auf der
Brust. Sie strengte sich an, mit ihrem Manne Schritt zu halten. Da musste am
Tor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Torschreiber den
Korb der Jette untersuchen. Der Kriegsrat musste seine Börse ziehen, um einige
Groschen Accise zu zahlen, und die Sohlen brannten ihnen unter den Füssen. Selbst
über den schönen Stern in der Mitte des Platzes, der seine Strahlen von grossen
und kleinen Pflastersteinen ausgiesst, eilten sie, ohne einen Blick dahin zu
werfen, was der Jette unbegreiflich schien, denn es war doch die grösste
Merkwürdigkeit von Berlin, die jeder Handwerksbursche gesehen haben musste;
sonst war er nicht in Berlin gewesen.
    Der schöne Stern ist längst verschwunden. Auf seinem Kernpunkt steht die
Friedensgöttin, die man aufgerichtet, als der Friede anfing aufzuhören. Auf
einer spitzen Säule flattert sie in die Luft, wie der Vogel, der mit einem Fuss
auf der Dachfirste Posto gefasst, und sich umschaut, ob es drüben geheuer ist.
    Die grosse Friedrichsstrasse war ihnen nie so lang vorgekommen; und doch
eilten sie, dass der Kriegsrätin der Atem verging. Die Jette dachte mit dem
schweren Korb: Ich bin doch auch ein Mensch! - An den Fenstern zählten sie die
Lichter. Würden sie ihre Wohnung dunkel finden? »Wenn's um diese Ecke, das Haus
da, hell ist,« sagte sich die Mutter, »dann finden wir's auch bei uns hell.«
Einmal war es dunkel, dann wieder hell. Man muss an ein Orakel nicht zu oft
dieselbe Frage stellen. Der Vater dachte an die Schwalben, die Schüsse gehört
und Brannstgeruch gerochen, und mit gestreckten Flügeln schiessen, ob sie ihr
Nest noch finden. Aber er hatte keinen Schuss gehört, und keinen Brannstgeruch
empfunden. Die Frau Kriegsrätin beruhigte sich auch: wie schrecklich hatte
nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt, denen die
Seiltänzer ihre Kinder stehlen.
    Beide sagten sich, sie wären beruhigt, aber Beider Herz klopfte, dass Jeder
das des Andern hätte können schlagen hören, als sie um die letzte Ecke zum
Gensd'armenmarkt bogen. - Zwei Herzen und ein Schlag, ein freudiges Ah! Ihre
Fenster waren hell, sehr hell. - Die Haustür offen. Die Magd des Wirtes kam
ihnen entgegen: »Na, Gott sei Dank, dass Sie da sind. Die Mamsell und die Kinder
haben sich schon zu Tode geängstigt.« - Auf der halben Treppe sprang ihnen
Adelheid entgegen: »Ach, mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Gott sei Dank.«
- Der Vater drückte sie an seine Brust, die Mutter riss sie an sich. »Ach, und
Ihr seid ganz durchnässt. Schnell, schnell, oben liegt Alles schon bereit.« Die
Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern. »Das hat Alles die Adelheid
getan!« - »Nicht alles, Mütterchen, die Jülli und die Karoline halfen, ach die
gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter.«
    »Hat Euch im Wagen hergebracht?«
    »Und war auch so nass und müde von der Reise. Aber Gott bewahre! Anvertrautes
Gut muss man eher zurückliefern, als man an seines denkt, sagte sie. Und Euer
Vater ist ein guter Diener seines Königs. Und der König geht vor allem, und heut
ist sein Geburtstag. Denkt Euch, als wir ausgestiegen waren, wollte sie die
Kutsche zurückschicken, um Euch holen zu lassen. Aber der Kutscher war ein
garstiger Mensch. Er fluchte, um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch
seine Pferde ruiniren. Die gute Obristin wurde ganz erschrocken, und steckte ihm
noch Geld zu, dass er nur ruhig wäre, denn es wäre ja des Königs Geburtstag und
darauf sollte er trinken.«
    »Unverschämtes Volk!« rief der Kriegsrat, seinen Stock erhebend.
    »O, das ist noch nicht Alles,« sagte Adelheid, »kommt nur herein und seht!«
    Sie traten in das helle Zimmer. Eine Punschbowle dampfte über einem
Kohlenbecken.
    »Das hat alles die Obristin für Euch besorgt, damit Euch die Erkältung
nichts schadet. Die Karoline musste selbst zum Kaufmann, die Citronen und den
Rum kaufen, und die Gustel unten kochte das Wasser, und dann erst gingen sie,
und wollten nicht bleiben, um Euch nicht zu stören. Und so herzliche Grüsse haben
sie mir aufgetragen, dass ich sie gar nicht bestellen kann.«
    Mann und Frau sassen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber, der
Kriegsrat in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln, die Kriegsrätin in
ihrer Dormeuse. Die Kinder waren längst im Bett, die Bowle bis auf einen kleinen
Rest geleert. Den goss der Kriegsrat, redlich teilend, in die Gläser: »Es wird
zu viel, Alter!« sagte die Frau.
    »Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstossen!«
    Der Mann setzte die Pfeife fort.
    »Mann, da sieht man, wie man sich täuschen kann.«
    »Aber 's ist gut, wenn man's wieder gut machen kann.«
    Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein, aber die Herzen
klangen. Der Kriegsrat ging sehr vergnügt, aber nicht so kerzengrad wie am
Tage, nach seinem Bett. Die Kriegsrätin leerte noch den Rest ihres Glases im
Stillen. Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten, die sich
mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten. »Uns kommt alles
unverhofft!« sagte sie und wischte eine Träne der Rührung aus dem Auge. Im
Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen, was sie tun müssten, um es
der Obristin zu vergelten, Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten
gezeigt, die in Güte beigelegt werden sollten, aber man hörte bald nur eine
vollkommene Harmonie - im Schnarchen.
    Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen, aber
etwas abgekühlt. Gestern wollte der Kriegsrat, sobald er aufgestanden, der
Obristin seine Aufwartung machen. Heute fand die Frau, dass eine Visite so früh
am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke. Der Mann aber dachte, dass
er ja ins Bureau müsse, und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor, sagen
die Geschäftsmänner. Es war aber noch ein Grund, weshalb es nicht ging; sie
wussten ja nicht, wo die Obristin wohnte. Wohnungsanzeiger gab es noch nicht.
Der Kriegsrat wollte sich im Bureau danach erkundigen.
    Der Kriegsrat kam heute spät nach Hause. Seine Nachforschungen nach der
Obristin waren nicht glücklich gewesen. Man glaubte wohl den Namen gehört zu
haben, wusste aber nichts Gewisses. Uebrigens hatte das nichts Auffallendes,
denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf.
Da wäre eine russische Fürstin hier, und Damen und Herren vom höchsten Stande
aus Frankreich und England, von denen man wohl wisse, dass sie andere Namen
führten, als ihnen zukämen, aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr
Incognito, oder drücke ein Auge zu, weil sie mit dem Hofe und den Ministern ins
Geheim verkehrten, damit andre Mächte nicht aufmerksam würden, und plötzlich
würde aus Einem oder dem Andern, der in einer Winkelgasse wohnt, der
ausserordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten. Denn ganz Europa blickte
jetzt erwartungsvoll auf Preussen, »und wie es sich jetzt entscheidet, das gibt
den Ausschlag.«
    Die Kriegsrätin hatte mit sichtlicher Ungeduld, ihm auch etwas
mitzuteilen, zugehört, aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern: »Ach
Gott, das wäre ja viel zu vornehm für uns!«
    »Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten.«
    »Ja, und das war sie,« brach es heraus, »ihr Gesicht strahlte von Freude.
Männchen, wir sind glücklicher gewesen als Du. Als wir eben dasassen, die
Adelheid und ich, und überlegten, was wir anziehen sollten, wenn wir sie
besuchten, klingelte es, und wer trat ein? - Sie selbst. Wir waren Beide einig,
dass wir uns nicht sehen lassen konnten, aber sie sagte, sie müsste uns sehen,
und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt, ob's uns auch bekommen wäre?
Ich sage Dir, nein, es war eine Liebenswürdigkeit, als wenn wir alte Freunde
wären.«
    »Da seid Ihr gewiss schon heut zum Kaffee invitirt!«
    »Nein, das bedauerte sie eben so sehr, dass sie uns in den ersten Tagen nicht
bei sich sehen könnte, denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden. Nichts wäre
gemacht, wie sie's bestellt und sie müsste Tapeten runter reissen lassen und Gott
weiss was.«
    »Aber wo wohnt sie?«
    »Wir sollen's gar nicht wissen, bis sie in Ordnung ist. Aber bei uns wird
sie ein Mal ansprechen und mit 'ner Tasse Kaffee verlieb nehmen. Doch ganz unter
uns, wie wir sind, ohne Umstände, und wir sollten Niemand dazu bitten. Oder sie
wird auch mal vorfahren und anfragen, ob einer von uns mit ihnen spazieren
fahren will? Alter, weisst Du, sie meint, Du sässest zu viel, Du müsstest Dir mehr
Bewegung machen. Solche gute Staatsdiener wie Du, müssten sich ihrem Könige
erhalten, das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und sie hätte so viel zu
Deinem Lobe gehört, was sie in der Seele erfreut, und sie wisse auch schon, dass
Dein Avancement vor der Tür steht.«
    »Da hat sie zu viel gehört,« unterbrach der Kriegsrat und ging auf und ab.
»Damit ist es vorbei. Ich hörte -«
    »Hat sie auch gehört, Du solltest Dir aber keine grauen Haare darum wachsen
lassen. Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz, oder was er ist, der
möchte den Geheimrat Lupinus aus der Patsche ziehen, und es soll ihm schon
gelungen sein, dass er die andern Gefangenen dazu rum gekriegt eine Schrift zu
unterschreiben, dass sie schuld wären und nicht er.«
    »Und im Grunde soll's mir auch lieb sein,« sagte der Kriegsrat, »von wegen
seines Bruders in der Jägerstrasse. Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht
sehr, es wäre aber doch immer hässlich, wenn es hiesse, dass ich ihn aus dem
Dienst verdrängt. - Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn
Geheimrat gesprochen. - Er ist ein junger Mann, aber wir sollten uns daran
nicht stossen, sagte der Geheimrat. Er kennt ihn seit Jahren, und er hilft ihm
bei seiner Bibliotek. Ein Mann von admirablen Kenntnissen, und treibe gerade
das, was ein junges Mädchen braucht, um in den Gesellschaften nicht den Mund
zuzuhalten. Und wir würden schon zufrieden sein. Er wird sich heute Nachmittag
uns präsentiren.«
    Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe.
Adelheid hatte die meiste Besorgnis, sie fürchtete das erste Examen, und dass sie
der Lehrer doch gar zu dumm finden würde.
    Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu. »Die Adelheid stellt sich wirklich
vor,« sagte die Mutter, »als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger
klopfen.«
    Endlich klingelte es, kurz vor der Dämmerstunde, der Lehrer trat ein. Den
Eindruck, den er auf den Vater machte, war ein guter. Er hatte sich einen
excentrischen jungen Mann gedacht, laut und viel sprechend, wie ihm die jungen
Männer von der Schule geschildert worden, zu der er gehören sollte. Aber er war
von bescheidenem, ernstem, gehaltenem Wesen. An seinem Benehmen sah man, dass er
die Welt kannte. Seine Anrede war bestimmt, fest und kurz. Auch der Mutter
missfiel er nicht, aber die Frau Kriegsrätin glaubte sich doch einem solchen
blossen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen, und sie fragte ihn, womit
er seine Lektionen anzufangen denke?
    »Dazu gehört, dass ich meine künftige Schülerin kenne,« entgegnete er, die
Handschuhe leicht in den Hut werfend, um den Stuhl einzunehmen, den der Vater
ihm präsentirt.
    Aber die Schülerin präsentirte sich schon selbst. Adelheid, die bei seinem
Eintritt abwärts gestanden, war unbefangen vorgetreten, und ohne die Vorstellung
der Mutter abzuwarten, sprach sie, sich leicht neigend: »Ihre Schülerin ist
schon hier, ich bin es.«
    Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter;
aber sie bemerkte, dass der Lehrer erschrak. Er wich einen halben Schritt zurück
und errötete. Adelheid meinte später, die Mutter könne sich wohl getäuscht
haben, da es schon anfing, dunkel zu werden. Als die Jette das Licht gebracht,
setzte man sich, und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt. Man
sprach über dies und jenes, Tagesereignisse und Naturerscheinungen, man ward
über die Stunden einig, über die Bedingungen war man es schon vorher durch den
Geheimrat. Er hatte gar nicht examinirt und doch sagte er beim Abschied zur
Mutter: er wisse nun genau, wo er anfangen solle. Adelheid nahm das Licht vom
Tisch und leuchtete ihm hinaus. Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine
gute Nacht.
    Die Mutter begriff ihre Tochter nicht; noch eben so bang und plötzlich so
unbefangen. Adelheid erklärte, der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein
Lehrer vor, sondern wie ein gewöhnlicher Mensch. Er spräche ja so, dass ein Kind
ihn verstehen könnte. - Das aber gerade machte die Mutter bedenklich, ob ihr
Mann auch an den rechten geraten. Sie hatte Achtung gegeben, ob er nicht einmal
einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller citiren werde. Aber wenn sie
das Gespräch darauf lenkte, brach er ab, oder vielmehr er lenkte es auf Dinge,
die Jedem geläufig, und wenn nicht, gab er solche Erklärungen davon, dass sie
Jedem verständlich wurden. Ein Lehrer muss doch da sein, um zu belehren, und doch
wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen, dachte sie, die nicht
Jedermann versteht, die aber so schön klingen, dass man neugierig wird und zum
Lernen Lust bekommt. Ihr Mann meinte, wenn die Stunden anfingen, werde er wohl
gelehrter sprechen. Die Kriegsrätin aber wollte ihre Freundin, die Obristin,
bitten, einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein, um ihr aufrichtig zu sagen,
ob der neue Lehrer was tauge.
    Nur über eins war sie beruhigt. Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine
Gefahr, auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre. Er war ja viel
älter, als sie gedacht und blass und hatte auch einige Pockennarben, und tanzen
konnte er gewiss nicht. Sie meinte, es ginge ihm wohl kümmerlich, obschon sie
sich entsann, dass er einen feinen Rock trug; und, um ihm etwas Gutes zu
erzeigen, dachte sie daran, ihm einen Freitisch anzubieten.
    »Das würde sich nun nicht schicken,« sagte der Kriegsrat, der andern Tages
von Erkundigungen heim kam, die er im Interesse seines Kindes eingezogen. Zuerst
hatten ihn die gescheitesten Leute versichert, der Herr van Asten wisse mehr,
als in tausend Büchern steht, aber er habe den Tik, dass er das Sprüchwort zu
schanden machen wolle: der spricht ja wie ein Buch. Das wäre überhaupt jetzt
Mode, dass die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten, dass sie gelehrt
wären.
    Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsrätin, als sie erfuhr, Herr van
Asten habe einen angesehenen Vater, den Prinzipal des alten Handlungshauses in
der Spandauer Strasse. Weil er jedoch zu der jungen ästetischen Schule halte,
die man Romantiker nennt, habe er sich mit seinem Vater überworfen, und sei aus
dessen Hause gezogen, und nehme keine Unterstützung von ihm an, sondern er habe
sich vorgesetzt, sich selbst fortzuhelfen. So knapp es ihm gehe, schlage er sich
durch, und es könne ihm Niemand etwas nachsagen, als dass er stolz sei und andere
nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse.
    Die Kriegsrätin sah den jungen Mann schon ganz anders an, als er zur ersten
Stunde kam. Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen. Nur gefiel es
ihr auch heute nicht, dass er die Adelheid so viel sprechen liess und selbst wenig
sprach. Sie nahm sich vor, nachher ihrer Tochter zu rügen, dass sie ihre
Unwissenheit so bloss gegeben, aber wie war sie verwundert, als van Asten sie
beim Fortgehen versicherte, dass Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse, als er
geglaubt, und dass sie sich selbst am besten unterrichten werde. Der Lehrer
brauche nur wenig hinzuzutun.
    Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand: »Auf Wiedersehen,
Herr van Asten!« Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich.
Adelheid sah sie aber gross an: »Wenn ich ihm nun gut bin, soll es sich nicht
schicken, dass ich ihm die Hand schüttele?«
    Die Stunden hatten ihren Fortgang und Adelheid reichte jedes Mal beim
Abschied dem Lehrer die Hand, als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren
Nichten vorfuhr, und die Mutter oder die Adelheid auffordern liess, mit ihnen
einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen. Die Kriegsrätin entschied auf der
Stelle für Adelheid. Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen, indem die
letzte fragte, ob es sich auch schicke, während die erste sagte, wenn ihre
Tochter ein Vergnügen habe, sei es als ob sie selbst es genossen, und was sie
denn für Bedenken haben könne?
    Als Adelheid am Abend zurückkehrte, waren alle Bedenken verschwunden. In der
Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über. Liebenswürdiger konnten Nichten
und Tante nicht sein. Wie anmutig war die Unterhaltung geflossen während der
Spazierfahrt, wie rasch der Wagen dahin gerollt durch den Tiergarten. Als sie
nach Hause fuhren, hatten die Nichten sie so dringend gebeten, einen Augenblick
bei ihnen hinaufzuspringen. Die Tante meinte, es sei noch nicht alles
eingerichtet. Aber die Nichten sagten: »Chère tante, sie muss doch Dein rotes
Shawl sehen.« Und oben die Zimmerchen, es war so niedlich und fein, wie sie es
nie gesehen, man fühlte den Fussboden nicht, solche weichen Decken lagen, und
Sophas an allen Wänden, und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel,
dass sie vor der Zeit Licht anzünden mussten. Keine Talglichte, sondern eine
Lampe mit gedämpftem Glase, die an der Decke hing. Da hätte das Zimmer erst
wunderbar schön ausgesehen. Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten, wo das
rote Tuch lag, und die Tante hatte gemeint, sie müsse es zuerst ein Mal bei
Tage sehen, weil die Farben bei Licht ganz andere würden. Auch war ein Besuch
gerade eingetreten, ein vornehmer Herr, vor dem es doch nicht schicklich war,
Toilette zu machen. Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen, er war
klein und hüftenlahm, und ging an einem Stock, der ihm als Krücke diente. Auch
sein gerötetes Gesicht mit vielen Pickeln war hässlich. Aber sie hätte auch da
bald eingesehen, wie der Schein trügen kann. Er war ein Kammerherr vom Hofe, der
Herr von St. Real, den sie schon nennen gehört, der eine gelegentliche
Vorfuhrvisite bei der Obristin machte. Er war die Artigkeit selbst gegen die
Damen und auch gegen sie. Er sprach so fein und verbindlich, wie sie noch keinen
Herrn sprechen gehört, und schien alles zu wissen, denn er lächelte fein zu
Allem, was sie sagte, und machte dann eine Bemerkung, woraus sie sah, dass er die
Sache kannte. Sie hatte nie geglaubt, dass die vornehmen Herrn so freundlich
gegen Bürgerliche wären.
    Er hatte sich erkundigt, ob sie Klavier spiele und singen könne, und was
ihre Lektüre sei, was sie zuerst nicht verstanden. Dann hätte er ihre Eltern
sehr gelobt, dass sie ihr keine Romane in die Hände gaben, denn das sei alles
nicht wahr, was darin stehe und verwirre die Phantasie.
    »Und denkt Euch,« fuhr sie auf, »er kennt auch Herrn van Asten! Denn er
fragte, bei wem ich Unterricht hätte? Und als ich ihn nannte, sagte er, er hätte
von ihm gehört, dass er ein sehr verständiger junger Mann wäre. Und den Beweis
sähe er jetzt vor Augen. Ich wurde rot. Aber er fuhr fort: das Gute kommt doch
wohl nicht alles vom Lehrer, sondern das Beste von den Eltern. Ich war wie
übergossen, als er Deinen Namen nannte, Väterchen, und in meiner Verlegenheit
fragte ich ihn, ob er Dich denn kenne? Ich selbst habe nicht die Ehre,
antwortete er, aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und
sehr gut angeschrieben.«
    Sie sprang auf, und fiel dem Vater um den Hals: »Väterchen, man kennt Dich
bei Hofe!«
    Die Mutter wischte eine Träne aus dem Auge. Der Vater meinte, man müsse
auch nicht alles glauben, was die Leute uns ins Gesicht sagen.
    Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen, so höflich und fast
respektvoll, dass sie sich wieder geschämt, denn gegen die Nichten war er gar
nicht so fein. Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen, und die Obristin hatte
gesagt, das solle nächstens geschehen, auf eine Tasse Chokolade, wenn ihre
Wohnung erst ganz in Ordnung sei, und darauf war sie mit dem Kammerherrn
fortgefahren in die Oper. Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen, aber
die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen, sie selbst zu begleiten. Der
Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen, denn sie wären oft angesprochen
worden von unverschämten jungen Männern. Aber die Nichten hätten sie schön
zurecht gewiesen: »Schämen Sie sich nicht, anständige Damen zu attaquiren?« Da
hätten die Herren gelacht, aber die Nichten hätten sie um Gottes Willen gebeten,
es der Tante nicht wieder zu sagen, denn sie würde sehr böse sein, weil sie die
Adelheid wie ihren Augapfel liebte, aber sie hätten es auch ja nur getan, weil
sie sie noch mehr lieb hätten.
    Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude, dass ihr Vater bei
Hofe bekannt sei, das Haus und die Strasse vergessen. So wusste man noch immer
nicht, wo die Frau Obristin wohnte.
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
                               Auch eine Idylle.
Der Minister sass in seiner Laube. Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr
grossen Garten, von dem nur der kleinere Teil von Gärtners Hand in Blumenbeete
und Weingelände geordnet war. Auf durchschnittenen Wiesen weideten Kühe mit
Schweizergeläut.
    Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug. Neben ihm sass
die Frau Ministerin.
    Der Minister sass in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- oder
Gartenschuhen. Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm, die Dinte
in der Feder war eingetrocknet, und der Kanzleibote hinter der Laube wartete
eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime - denn der Minister
horchte, den Kopf im Arm, auf das Schweizergeläut.
    Die Ministerin, in einem so einfachen Hauskleide, dass man sie für eine
einfache Bürgerfrau gehalten hätte, wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen
besetzt gewesen, und ein Mullumwurf den blossen Hals bedeckte, strickte eifrig.
Sie strickte blauwollene Strümpfe, und erzog ihre Kleinen, die an der Laube
spielten. Wenn sie sich mit Sand warfen, sollte sie den Streit schlichten, und
doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen, die auf ihrem Knie Vossens
Louise ihr vorlesen musste. Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und
gähnte oft.
    Der Minister richtete respirirend den Blick aufwärts nach den reifenden
Trauben am Laubendach.
    »Du hast wohl recht schwer zu arbeiten,« sagte die Ministerin. »Du solltest
Dich schonen.«
    »Mir war es eben, als wäre ich noch in Florenz. So schwebten auch die
Trauben von unserer Veranda. Und dieser Wiesenhauch! Als wehte es von Fiesole
her, und der Arno plätscherte unter mir.«
    »Ich weiss nicht, ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist, als der Duft der
Orangen. Ist es überhaupt Recht, dass Du so oft dahin zurückdenkst? Solche
Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele. Wir sind doch einmal in diesem
Lande, es ist auch hier schön, und wir sind zufrieden und glücklich, und -«
    »Und,« fiel er ein, ihr die Hand reichend:
»Süsse heilige Natur
Lass uns gehn auf deiner Spur,
Leite uns an deiner Hand
Wie ein Kind am Gängelband.«
    Die Ministerin accompagnirte die Stollberg'schen Verse durch eine stumme
Lippenbewegung, indem sie andächtig in die Luft schaute. Dann zählte sie die
Maschen, sie hatte eine verloren. Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst. Das
Ehepaar war in sein stilles Glück versunken, und in Betrachtungen, warum Leopold
Stollberg katolisch geworden.
    Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht, warum der Minister respirirend
schwer den Blick nach den Trauben gerichtet, warum er das Citissime drei Mal
durchlesen hatte, ohne zu wissen, was darin stand, warum er wie ein Träumer auf
das Schweizergeläut hörte, kurz, warum er in der elegischen Stimmung war.
    Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen
gefunden. Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht! Er hatte laut für
sich gerufen: »Dann ist Alles aus! Dann gehen wir Alle unter!« Er hatte nach
seinem Kammerdiener und Jäger geschellt: »Anspannen und ankleiden!« Er wollte an
den Hof fahren, selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füssen
legen. Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die
Schnallen, als er ihn wieder hinaus schickte; er wollte sich einen Augenblick
ausruhen. Auf das Sopha sich niederlassend, löste er unwillkürlich die
Bandschnalle. Es war so heiss! »Wozu sich denn auch persönlich den Aerger
bereiten!« Es wäre doch möglich, dass er mit dem Könige aneinander geriet. Das
fruchtet ja zu nichts! Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen, warum der
Mann, dessen Name ihn so erschreckt, nicht zum Minister tauge.
    Er hatte wieder geklingelt, und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen. »Und
die Equipage, Excellenz?« - »Ausspannen!« Der Sekretär hatte die
Schreibmaterialien zurecht legen müssen, der beste und fertigste Kopist in
Bereitschaft stehen. Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit
gestanden, es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen.
    Der Minister sass auch gar nicht mehr am Schreibtisch, er sass zurückgelehnt
auf dem Sopha. »Entweder es ist, oder es ist nicht,« dachte Seine Excellenz.
»Wenn es nicht so ist, so ist es gut, wenn es ist, so ist es vielleicht auch
gut,« - gähnte er, von der Hitze im Zimmer übermannt - »dann ist doch das Ende
vom Liede, dass wir unsere Entlassung nehmen müssen.« Weshalb sich für diese
Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen, es kann
der Griff in ein Wespennest werden, und an stechenden Insekten fehlte es
ohnedies nicht. Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heisse
Stirn.
    Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Tür, an der er gelauscht, an sein
Pult begeben, und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt, als man den
Minister endlich sah, mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd, sich ins Freie zu
begeben. Beim Durchgehen hatte er verordnet, die Akten ihm in die Laube zu
tragen.
    Die stille Scene glücklicher Häuslichkeit, in welcher die Sorgen von vorhin
schon verschwunden schienen, hatte aber noch einen Beobachter. Der Geheimrat
Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube, den Hut im Arm und die Arme
gekreuzt. Eine Pause benutzend, trat er mit einigem Geräusch vor.
    »Sie haben uns wohl belauscht, lieber Bovillard,« sagte die Ministerin. »Das
ist nicht recht; wer zur Familie gehört, der muss nie zu stören fürchten.«
    Er wollte ihre Hand an die Lippen führen, sie zog sie unwillig zurück: »Wir
sind Deutsche. Einen ehrlichen Handschlag.«
    »Ich bewundere Ihren Fleiss, Excellenz.«
    »Häusliche Angelegenheiten,« sagte die Excellenz, »gehen der Freundschaft
vor. Halte mir mal Deinen Fuss her, lieber Christian.«
    Sie probirte den Strumpf am Fusse des Ministers. »Sie lächeln wohl über mich,
Bovillard? Das genirt mich aber gar nicht. Ehe wir's uns versehen, kommt der
Winter ins Haus, und da muss eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben. Setzen
Sie sich, und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen, ich
werde Sie nicht stören.«
    »Und keinen Handschlag für mich?« sagte der Minister, seine Hand über den
Tisch ihm entgegenhaltend.
    
    »Frauendienst geht vor Herrendienst.«
    Der Geheimrat nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem
Gartenschemel. Lieber hätte er in einem Fauteuil gesessen.
    »Ach, wer auch eine Frau hätte, die uns Strümpfe strickte!«
    »Ist Ihre Schuld, Bovillard. Warum haben Sie nicht wieder geheiratet?«
    »Wo jetzt Frauen finden, die wie Excellenz nur für das Glück ihres Mannes
leben?«
    »Wenn man sie suchte, würde man sie schon finden.«
    »Alles will jetzt ästetisch sein.«
    »Und Sie, wenn Sie eine Frau hätten, die Ihnen Strümpfe strickte, würden
französische Spottverse auf sie machen. Im Ernst, Geheimrat, bessern Sie sich
ein Bischen.«
    »Soll ich katolisch werden, wie Graf Stollberg? Wenn Excellenz befehlen
tout à vos ordres.«
    »Pfui über den Spötter und Ateisten! Da sitzen Sie nun wieder mit dem
Rücken gegen die Natur.«
    »Ich kann Excellenz doch nicht den Rücken kehren.«
    »Sinn für Häuslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der französischen
Literatur beizubringen, müssen wir wohl aufgeben, aber rührt Sie denn gar nicht
die Natur, hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen?«
    »Nein Excellenz! Aber ich hätte beinahe mal eine ergriffen. Sie flatterte
nur wieder fort.«
    »Inkorrigibler Flattergeist! Sehen Sie, meine Angelique lass' ich Vossens
Louise lesen und freue mich, wie das Kind immer mehr Sinn dafür bekommt.«
    »Ach, wer wieder ein Kind werden könnte!«
    »Und wer kein Staatsmann geworden wäre!« seufzte der Minister. »Ich war
eigentlich zum Herrnhuter geboren. Warum musste man mich hinausreissen an die
Höfe, ins Feld der Intriguen? Ich hätte ein Vater unter meinen Untertanen
gelebt, sie beglückend, selbst beglückt.«
    »Und nun beglücken Excellenz ein ganzes Volk. Voilà la différence.«
    »Das mich verunglimpft, weil ich - solche gute Freunde habe.«
    »Wer wollen uns Alle bessern, Excellenz! Diese Laube sei der Tempel der
Tugend, wo wir ihr Gehorsam geloben, und die Frau Ministerin die erhabene
Priesterin, welche unsere Schwüre empfängt.«
    »A propos,« hub die Ministerin an, »wissen Sie denn den Vorfall von gestern
bei Hofe?«
    Der Geheimrat kannte ihn noch nicht.
    »Der König und die Königin hatten eine Landpartie verabredet nach
Pichelswerder. Sie laden die alte Voss ein, daran Teil zu nehmen. Aber ganz
ländlich heisst es. Wird das unserer lieben Gräfin auch anstehen? Sie fühlt sich
unendlich geehrt, an einem Vergnügen Teil zu nehmen, was Ihro Majestäten nicht
verschmähen, und in voller Galla rauscht sie die Treppen hinunter, worüber die
Majestäten schon kaum ihre Lust zurückhalten. Denn mit Schrecken sieht die
Gräfin die Mütze des Königs, und die Königin in dem Morgenrock, der ihr so
reizend steht. Aber unten im Charlottenburger Hofe! Was steht vor der Tür? Ein
Leiterwagen mit Stroh! - Sie fragt nach der königlichen Kutsche. - Dies ist sie,
sagt der König, wir werden uns etwas behelfen müssen; ländlich, sittlich. Die
alte Voss ist erstarrt, aber noch entsetzter, als sie sieht, wie der König die
Königin hinaufhebt. Die anderen Hofdamen helfen sich selbst. Der König bietet
endlich der alten Dame seine Dienste an, aber sie erklärt feierlich: so lange
sie ihr Amt als Ober-Ceremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren werde und
könne sie sich dazu nicht entschliessen. Und, setzte sie hinzu, wenn ich auch so
unglücklich wäre, darüber die Gnade Ihro Majestäten zu verlieren. - Der König
sagte freundlich: Um des Himmels willen, liebe Voss, wenn Sie nicht mit wollen,
bleiben Sie zurück, aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen. Und hinauf sprang
er, und der Wagen rollte fort.«
    Der Geheimrat schnalzte auf: »Délicieux! die alte Voss allein am Tor, wie
die Henne am Teich!«
    »Ich glaube, Komtess Laura,« fuhr die Ministerin fort, und zog ihren Strumpf
- »ich glaube, die hat auch nicht sehr vergnügte Mienen auf dem Leiterwagen
gemacht. Es ist erschrecklich, welche Airs sie sich gibt.«
    »Ich finde sie nicht mal schön,« sagte Bovillard am Halstuch zupfend. Er
fand sie nicht schön, weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand, was ihm
sagte, dass die Ministerin eine solche Findung wünschte.
    »Sie fischt ihn auch nicht weg,« sprach der Minister.
    »Und wenn, meine weisen Herren -« fiel die Ministerin ein, »was hätten Sie
gewonnen? Hat sie den Esprit, um ihn zu gouverniren? So wenig als die Fromm, die
Pauline und die andern. Er ist zu impetuös. Ueberdies, erlauben Sie mir, ich
finde es von so klugen Leuten unverantwortlich, eine solche Person in ihre
Confidence zu ziehen.«
    »Der Minister meinte, sie hätte wohl neulich beim té dansant zu scharf
gesehen. Als Frau sei die Komtess ein gutmütiges Geschöpf.«
    »Dass sie sich mir da vordrängte, will ich ihr vergeben haben,« sagte die
Ministerin, »sie hat keinen Takt; aber ich bitte Sie, wenn auch Komtess Laura
sich unterstehen will, das Mulltuch um den Hals zu binden, wie unsere
tugendhafte Königin, so finde ich das rebutant, ja geradezu rebutant, meine
Herren, und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht, wie
man das hingehen lasien kann. Aber die Herren werden wohl Gründe dafür haben. -
Die Herren haben auch zu sprechen, was ich nicht hören soll,« setzte sie, das
Strickzeug weglegend, hinzu, »und ich will Sie nicht stören. Aber das sage ich
Ihnen, ich bin keine Freundin von Intriguen. Schlicht und grad, damit kommt man
am weitesten. Geben Sie es auf, den Prinzen einzufangen. Er bricht durch alle
Ihre Netze. Und was hätten Sie am Ende gefangen? Er hat eine Partei, aber diese
Partei wird nie ans Ruder kommen, so lange er und der König ihre Natur nicht
changiren, und die klugen Herren klug handeln. Umstellen Sie Seine Majestät,
seien Sie auf der Hut, dass keine zweifelhafte Person in seiner Nähe sich
festnistet, lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen, auch
immerhin seine genialen Streiche, die in einem gewissen Publikum so viele
Bewunderer finden. Desto besser, der König kann nun einmal geniale Streiche
nicht leiden. Das Uebrige macht sich dann schon von selbst.«
    Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt: »Mir aus der Seele gesprochen.
Nichts von Intriguen! Den geraden Weg.«
    Der Geheimrat und der Minister hatten allerdings ein Geschäft.
    »Excellenz hatten die Eingabe vor sich, wie ich zu sehen glaubte,« sagte der
Geheimrat, als sie durch ein Weinspalier gingen, wo der Minister die Trauben
mit Lust befühlte, und weit mehr Lust zu haben schien, ein naturhistorisches
Gespräch zu führen, als über die Angelegenheit, um die der Begleiter gekommen
war.
    »Und gelesen,« seufzte der Minister, als er nicht mehr ausweichen konnte.
»Aber ich bitte Sie, Freund, Sie lasen sie doch auch.«
    »Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt.«
    »Ja, klarer kann es kaum sein, dass man die Gefangenen beschwatzt hat, etwas
zu unterschreiben, was ein handgreifliches Märchen ist. Sie attestiren, dass sie
unter sich, in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des königlichen
Geburtstages einen ungebührlichen Lärm gemacht, dass sie dadurch den Voigt in ihr
Gefängnis gelockt, dass sie die Tür hinter ihm verschlossen, und ihn gezwungen,
an ihrem Gelage Teil zu nehmen, bis es ihm zu arg geworden. Ich bitte Sie, was
konstatirt denn selbst aus dieser Erzählung! Selbst wenn die Fabel Wahrheit
wäre, hat ein Mensch, der so wenig seine Autorität zu erhalten weiss, sein Amt
verwirrt. - Wer ist dieser Herr von Wandel?« fragte er mit verändertem Tone.
»Warum interessirt sich dieser Legationsrat so lebhaft für die Sache?«
    »Es ist nicht die erste, Excellenz.«
    »In die er sich mischt. Ich weiss es. Er tritt auf wie der Alte überall und
nirgends. Diese Geflissentlichkeit, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts
angehen, gefällt mir nicht.«
    »Was kann er davon haben, dass Lupinus los kommt? - Excellenz halten ihn für
einen Aventurier. Aber er spielt nicht, macht keinen übermässigen Aufwand, er
beschäftigt sich mit Naturwissenschaften.«
    »Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin! Darum drängt man sich in alle
Gesellschaften, macht den Affairirten, weiss um alle Secrets, macht sich bei
Prinzen und Damen beliebt, spielt hier den Weisen, dort den Liebenswürdigen, und
für uns Alle den Rätselhaften.«
    »Er ist ein Mann des Friedens,« lächelte Bovillard.
    »Aber unseres Friedens! Er ist zu klug, um zu schwärmen, also was will er?
Ich liebe nicht die rätselhaften Menschen. Wäre er nur ein Kundschafter, ein
Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander, von wem es sei, gleich viel, ich
wüsste mich mit ihm zu stellen, aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance,
der hat etwas - bleiben Sie mir mit ihm vom Leibe, ich gestehe, mir wird unwohl,
wenn ich in das gläserne Gesicht sehe.«
    Bovillard lächelte nicht, er erlaubte sich zu lachen: »Excellenz! er ist ein
Schwärmer. Zudem ein Philosoph. Er hat ein System. Männer mit Ideen pflegt keine
Puissance zu Spionen zu wählen.«
    Der Einwand frappirte dem Minister: »Jedenfalls muss man mit solchen Menschen
vorsichtig sein.«
    Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen: »Bovillard, wozu denn der
Embarras, um einen Menschen zu retten, der sein Schicksal verdient hat? Seine
Diners sind doch, dünkt mich, zu ersetzen.«
    »Excellenz, ein Ring heraus und eine Kette ist entzwei. Seine
Familienverbindungen!«
    »Man darf nicht schonen, wo es an den eigenen Ruf geht. Sie haben es nicht
zu vertreten, aber ich, wenn es am Hofe heisst: das ist Einer von der
Lombard'schen Klique! Gerade wenn wir ihn springen lassen, befestigen wir unsern
Ruf.«
    »Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt.«
    Der Minister sah ihn mit kaum unterdrücktem Lächeln an. »Und dann der König!
Es geht nicht, er ist diesmal selbst Partei.«
    »Ich weiss, ich weiss. - Indessen sollten Excellenz - ich meine, wenn Sie sich
der Sache annehmen wollten, wenn Sie das Loos der armen Kinder des Geheimrats
mit aller Ihrer Humanität erwögen, sollte es Excellenz nicht möglich sein, vor
der königlichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte - aber - mein Gott, wie
schön ist die Aussicht! Welch ein wunderbares Licht!«
    Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten, und der Geheimrat blieb wie
versunken in der Anschauung stehen. Ein Eisen muss man schmieden, wenn es heiss
ist, aber an eine Tür, die man verschlossen findet, nicht klopfen bis das Haus
in Aufruhr gerät. Wenn man wartet, öffnet sie sich wohl von selbst.
    »In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wieder zu sehen. Wie
geschickt Excellenz die Stadtmauer da mit Gebüsch versteckt haben.«
    »Der Garten war sehr morastig, als ich das Grundstück kaufte, es war mein
Vergnügen, das Wasser in Gräben zu leiten, die sich aber wie natürliche Bäche
schlängeln. Hält man die schilfigte Krümmung dort wohl für gegraben?«
    Der Geheimrat fand, die Lorgnette im Auge, nichts als Natur: »Da auch
Mummeln im Teich - ich wollte sagen in dem kleinen See. Il faut avouer, que
c'est plus qu'imiter la nature. C'est la nature prise sur le fait.«
    Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des künstlichen
Baches stellen, um sich im Wasser zu spiegeln. Der Minister hielt ihn am
Rockschoss zurück; »Um Gottes Willen, er kippt über. Mein Gärtner hat ihn erst
heute Morgen aus Treptow eingefahren.«
    »En vérité!« sagte der Geheimrat, »die Täuschung ist mir lieb, denn ich
wollte schon mit Ihnen zürnen, einen solchen Kernbaum umzuhauen!«
    »Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen,«
entgegnete der Minister, über die Täuschung doch nicht ganz unzufrieden. »Wenn
ich auf etwas mir zu Gute tue, ist es nächst meinem Weinbau, von dem Sie ja
wohl schon gelesen haben werden,« setzte er lächelnd hinzu, »auf meine Kühe. Es
ist holsteinische Zucht. check will in Steglitz auch den Versuch machen, ich
zweifle aber, dass sie ihm fortkommen. - Und mit welchen Vorurteilen ich zu
kämpfen hatte! Zwei Kuhhirten musste ich entlassen. Der eine hielt das
Schweizergeläut den Kühen für schädlich! Wohin sehen Sie dort?«
    »Was ist das blendende Weiss da?«
    »Meinen Sie das Stückchen Stadtmauer, worauf die Sonne scheint? Der Teil
ist neu geweisst.«
    »Sollt' ich mich so getäuscht haben! - Richtig! Sie springt da gerade über
die Büsche. Wissen, Excellenz, es ist eine Torheit - aber die Phantasie geht
oft mit uns durch - in dem Augenblick dachte ich an Schnee. Man könne der
Illusion zu Hülfe kommen. Ich meine -«
    Der Minister fiel ein, er sei kein Freund der Spielereien im Wörlitzer Styl:
»die Natur und nichts als die Natur! Da hatte ich auch einen Wasserfall
angelegt, ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen. Man erreicht
weder ihre Grösse, noch ihre Einfachheit.«
    Der Geheimrat empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berührung auf dem
Rücken. Der Minister zuckte sogar schmerzlich zusammen, denn eins der
Kieselsteinchen, mit denen beide beworfen wurden, hatte ihn in dem Nacken
getroffen.
 
                             Sechszehntes Kapitel.
               Von Urmenschen und grossen Menschen im Schlafrock.
»Verfluchter Junge!« entschlüpfte es ihm, indem er sich umdrehend die Hand
erhob. »Jean, oder warst Du es, Jacques! Du siehst doch, ich bin nicht allein.«
    Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel. Er kam aus den Aesten einer der
Ulmen, die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in
einer Gruppe Buschwerk standen. Bovillards Lorgnette entdeckte in den Aesten
einen der Knaben des Ministers, einen andern am Ufer als wilder Mann kostümirt.
Dieser schrie, auf seine Keule gestützt, in unartikulirten Tönen, deren leicht
verständlicher Sinn war, dass sie Riesen oder Waldmenschen wären, denen dieser
Wald gehöre, und dass kein Fremdling aus der feigen, schwächlichen Menschenrace
sich in ihr Territorium ungestraft verirren dürfe.
    »Da werden wir wohl unterhandeln müssen, lieber Bovillard.«
    »Ah, Dero Herren Söhne - spielen Ritter.«
    »Die Passion ist vorbei, sie wollen nichts als Menschen, Urmenschen sein.
Na, Jean, Jacques, sagt, was wollt Ihr denn von uns?«
    »Jean! Jacques! Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht urmenschlich
genug?«
    »Eine Passion meiner Frau.« Der Minister verneigte sich: »Also Ihr
grossmächtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes, was fordert Ihr von
uns armen Menschenkindern, damit wir unter Eurer Gnade einen ungehinderten
Durchweg haben?«
    Während die Knaben dies »freche Ansinnen,« wie sie es nannten, in
Ueberlegung ziehen wollten, und dazu der eine Waldmensch vom Baume
herabrutschte, hatte Bovillard Zeit, die Insel zu betrachten, von deren Existenz
er noch nichts wusste. Sie war sichtlich erst vor Kurzem gegraben, so wie die
künstliche Höhle, aufgeschüttet von Erdreich, Aesten und Moos, mit rohem Tisch
und Bänken, und ein schadhaftes Bärenfell, das am Eingang hing, verriet an
seiner Furnitur, dass es von irgend einem Liebhaberteater stammte.
    Der Riese, indem er den Blätterkranz auf der Stirn zurecht rückte, während
der Andere das Bärenfell auf die Erde breitete und sich in malerischer Position
hinwarf, stellte nun in einer schwulstigen Knabenrede an die jämmerlichen Wichte
und elenden Kreaturen der Civilisation seine Forderungen und Vorstellungen: dass
sie, die auf Lotterbetten lägen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und
Speisen, ihnen, den Waldmenschen, die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln
lebten, ihr Trank das klare Quellwasser, ihr Becher die Hand, nicht einmal ihr
letztes Asyl, die Waldwildniss gönnten. Wohl kennten sie, die Urmenschen, die
Arglist ihrer Verfolger, die ihnen die Erde entrissen, und sie wilde Männer
schalten, und dass sie nur kämen, um sie auszukundschaften und durch
gleisnerische Worte zu betrügen. Eigentlich sollten sie nun zu ihrer Rettung die
verräterischen Spione der Kulturmenschen vernichten, aber die Waldmenschen
wären grossmütiger, sie wollten ihre Hände nicht mit ihrem Blute besudeln, denn
Allvater rausche in den Eichen über ihnen: Lasst sie noch diesmal laufen! Darum
möchten sie noch diesmal laufen, mit geduckten Köpfen, die Hände auf dem Rücken,
laufen, was sie könnten, denn wenn sie bis zwölf gezählt, würden sie Felsstücke
auf ihre Schädel nachschleudern.
    »C'est bien joli!« sagte der Geheimrat und klopfte den Staub von den Füssen,
als sie ausser Atem die Büsche erreicht.
    »Ein prächtiger Junge!«
    »Aber wie kamen sie auf die Idee?«
    »Ganz ihre eigene. Das ist es eben, was mich freut. Auf einem Spaziergange
im Tiergarten sprach meine Frau beim Anblick der Rousseau-Insel einige
gefühlvolle Worte. Die Jungen schnappten es auf: wir mussten ihnen erklären, wer
Rousseau gewesen, es kam dazu, dass sie vor Kurzem den Robinson gelesen - kurz
die Jungen wollten als Einsiedler auf einer Insel leben. Sie glauben nicht, mit
welchem Scharfsinn sie argumentirten. Wir riskirten, dass die Kinder uns eines
Morgens fortliefen und nach der Rousseau-Insel wateten. Um den Skandal zu
verhindern, liess ich ihnen diese hier graben. Es gab eine angenehme
Beschäftigung, und jetzt muss ich wirklich ihre Perseverance admiriren, mit der
sie sich auf der Insel -«
    »Ennuyiren,« fiel der Geheimrat ein.
    Es trat eine Pause ein. Der Minister hub wieder an: »Ich gebe Ihnen zu,
Bovillard, wir erscheinen als Kinder, indem wir dies unterstützen. Ich gebe
Ihnen noch mehr zu, meine ganze in einer grossen Stadt hervorgezauberte
Ländlichkeit ist auch nur ein Kinderspiel; wer aber hielte es aus ohne ein Spiel
der Phantasie! Nur darin ist der Unterschied, dass die Einen es wie ein joujou de
la Normandie in die Hand nehmen, um es aufzurollen und wieder fallen zu lassen.
Wir Andere vertiefen uns, glücklich wenn wir in dem Spiel uns selbst vergessen.«
    »Die Tiefe Ihres Sentiments, Excellenz, wird Ihnen Niemand abstreiten.«
    »Sagen Sie lieber Innigkeit, Zärtlichkeit, wie Sie wollen. Ich empfinde es
tiefer als Viele, was uns Alle ermattet. Wie es um uns her grau ist, abgelebt
aussieht, wie auf einem Stoppelfelde! Was ging nicht unter! Unsere
Adelsherrlichkeit, unsere Schlösser und Burgen! Der Lüster unserer Salons! Das
heilige Römische Reich folgte unserem Glauben an seine Herrlichkeit. Was ist
unsere Philosophie, unsere Gelehrsamkeit, selbst unsere Poesie und Literatur,
die kaum aufgeblühten, die kaum das Ausland zu observiren schien - ils sont
passés ces jours de fête, denn selbst dem vergötterten Schiller zupfen die
jungen Romantiker seine Schwanenfedern aus.«
    »Excellenz, ein anderer Matisson! Elegieen auf die Ruinen einer verfallenen
Welt!«
    »Durchrieselt uns nicht Alle das Gefühl eines inneren Zerfalls der Dinge!
Unsere Kultur, unsere Industrie, Politik, vielleicht selbst unsere Population,
alle zuweit getrieben, schmachten nach einer Rekreation.«
    Durch den Buschweg, den sie nach dem Hause einschlugen, kam ihnen der
Kammerdiener mit einem verdeckten Korbe entgegen: »Ah, Rekreationen, die uns die
Frau Ministerin schickt!« rief Bovillard, der hungrig geworden, und schlug die
Serviette zurück. Die frischen Kirschkuchen und das Gelée in Gläsern blickten
ihm nicht unangenehm entgegen, aber der Kammerdiener zog den Korb entschieden
zurück: »Verzeihn Sie gnädiger Herr, das ist für die Herren Urmenschen auf der
Insel. Ich habe mich etwas verspätet.«
    »Gedulden Sie sich etwas, lieber Bovillard. Für Ihren Geschmack sind doch
nicht diese idyllschen Fruchtgenüsse. Aber ich will Ihnen eine allerliebste
kleine Strassburgerin vorsetzen,« lächelte die Excellenz. »Wenn auch nicht ganz
Unschuld, doch sehr pikant, und eben frisch angekommen.«
    »Die Damen bleiben doch die Blüten der Natur,« entgegnete der Geheimrat,
»ich meine aber die in der Mitte zwischen Gänseblumen und verwelkten Tulpen.«
    Bei einer Öffnung der Büsche hatten die Spaziergänger einen Blick auf die
Rückseite der sogenannten Insel. Der Kammerdiener hatte auf einer Stange den
Erfrischungskorb hinüber gereicht. Die Urmenschen hielten es für naturgemäss,
sich darum zu balgen. Der stärkere stemmte den Kopf gegen den Bauch des andern
und hob ihn durch einen gymnastischen Schwung auf die Schultern.
    Bovillard lachte, der Minister glaubte eine Erklärung oder Entschuldigung
geben zu müssen. Die Kinder glaubten nur, es den wilden Tieren nachtun zu
müssen, wenn ihnen das Fressen vorgeworfen wird; übrigens liebten sie sich als
Brüder und würden nachher schon gerecht teilen.
    »Ich lache nicht darüber, mir kam nur eine Szene bei Rietz in den Sinn.«
    »Bei Rietz,« wiederholte der Minister nachsinnend.
    Um des Geheimrates Lippen schwebte ein faunisches Lächeln: »Excellenz
werden sich vielleicht noch der Jenny erinnern. Sie sang uns da die Marseillaise
entzückend schön. Während wir klatschten, rief sie mit einem Mal: ça ira! und
mit einem Satz vom Stuhl auf den Tisch! Schenkt ein! rief das delicieuse Wesen,
und nur auf einem Zeh schwebend, hob sie das schäumende Glas: Vive la liberté!
Ohne einen Tropfen zu vergiessen, trank sie's aus. Eine Grazie, wie eine Göttin,
wie sie zwischen den Flaschen schwebte, das leichte Mousselinkleid in antiken
Falten, den Rosazephyr um ihren Nacken, und ihr Teint von der Freude, vom Wein
angerötet. So tanzte sie, nein, es war kein Tanz, es war doch ein Hinsäuseln
der äterischen Freude über die Tafel. Kein Glas fiel um. Die ganze Gesellschaft
ausser sich, wir mussten ihre Füsse küssen.« Der Minister hatte unwillkürlich den
Kopf gesenkt. Bovillard fuhr fort: »Einer unserer verehrten Freunde, erinnere
ich mich noch sehr wohl, war so benommen von olympischer Lust, dass er sich die
Weste aufriss und das Füsschen an sein pochendes Herz drückte. Darüber verlor die
Grazie das Uebergewicht, und ehe wir's uns versahn, umfasste er sie und trug
sie fort.«
    Bovillard sah nicht, wie der Minister mit der Hand abwehrend winkte. »Wie
die Najade sich schalkhaft sträubte, ihr Zephyr flatterte, eine Attitüde,
Excellenz, ich wünschte, Sie hätten es sehen können. Das war doch ein Jubel,
eine Admiration! Der Sabinerinnen Raub! wie aus einem Munde scholl's. Ein
leibhafter Johann von Bologna!«
    »Was öffnen Sie die Gräber der Vergangenheit, Bovillard! Ich ward ein
schlichter Hausmann.«
    »War's denn was Böses?«
    »Eine Verirrung doch wohl, liebster Freund. Das müssen wir zugeben, aber die
edelsten Empfindungen lagen zum Grunde. Es war mir oft so wie in der
Brüdergemeinde. Aller Schein, aller Standesunterschied, das Drückende unsrer
Verhältnisse sinkt wie ein Schleier. Der Bruder- und Schwesterkuss drückt das
Siegel der Humanität, der edlen Gleichheit auf unsre Lippen, und nun fallen mit
den Titeln alle beengenden Rücksichten fort. Man fühlt sich wieder in der Natur,
dem Ursprünglichen näher gerückt, das Herz geht auf, man schliesst es
unwillkürlich weiter auf, vielleicht weiter als man sollte - aber es ist ja eben
dieser Drang, der uns glücklich macht.«
    Der Geheimrat blieb einen Augenblick stehen: »Ich besorge, dass Excellenz an
jenem Abend Ihr Herz zu weit aufgeschlossen haben. Die Jenny war ein pfiffiges
Ding.«
    »Ich wüsste doch nicht -«
    »Das glaube ich gern. Der Champagner bei Rietz war immer première qualité.
Aber erinnern sich Excellenz, dass damals die hannöversche Geschichte spielte -
man schickte einen Courier nach, um eine gewisse Depesche coûte que coûte
zurückzuholen. Die Jenny, wenn sie noch lebt, wird das freilich längst vergessen
haben, aber -«
    »Wem könnt' ich sonst -«
    »Nicht Excellenz, aber die Jenny. Als sie nach Hause fuhren, stahl sich
Lupinus zu ihr. Ich bin nicht bei ihrer Entrevue gewesen, noch habe ich, Gott
bewahre, mein Ohr ans Schlüsselloch gelegt, aber ich weiss nur, dass auch sie von
allen beengenden Rücksichten sich frei, sich wieder in der Natur fühlte, dem
Ursprünglichen näher gerückt, dass sie ihr Herz auch aufschloss -«
    »Dem Lupinus, Pfui!«
    »Der Schwesterkuss drückte das Siegel der edlen Gleichheit Allen auf. Ich
will auch nicht verschwören, dass nicht die undankbare Schelmin Ew. Excellenz
etwas raillirt hat. Der Sillery hatte sie, wie gesagt, auch animirt, und statt
die Mysterien der süssen Stunde in ihrer Brust zu verschliessen, machte sie sich
über den Minister lustig, der ihr zu Füssen gestürzt, ihre Knie umfasst, und
geschworen hatte, vor solcher Huld und Grazie etwas Geheimes auf der Brust zu
behalten, wäre Sünde. Wie die Sonne die Knospe entfalte, müsse das Herz sich
erschliessen vor der Schönheit. - Excellenz, solche Geschöpfe sind launenhaft,
unberechenbar. Sie hatte sich vielleicht bei den politischen Herzensergiessungen
etwas ennuyirt. Nun musste sie gegen den ersten, besten, den sie sah, auch ihr
Herz und ihr Lachen ausschütten. Wie gesagt, was die Jenny betrifft, sie hat
alles ausgeschüttet, aber - ich weiss nur aus manchen gelegentlichen Redensarten,
dass der Geheimrat manche dieser Reminiscenzen eingeschachtelt hat.«
    Es folgte eine lange Pause, in welcher im Minister Vielerlei vorging. Sie
setzten sich auf eine beschattete Bank, mit der Aussicht auf einen Wiesenplan
und das Haus. Ihr Gespräch war noch nicht zu Ende; das fühlte sich von beiden
Seiten heraus, wenn gleich Jeder den Anfang zu machen scheute. Der Minister sass
nachdenkend, den Kopf im Arm gestützt.
    »Bovillard,« hub er endlich an, »will Ihr Protegé sich rächen, vergessene
Dinge ausplaudern, so trifft es nur mich! Was ist der Einzelne dem Staat
gegenüber!«
    »Excellenz, auf der Goldwaage, auf der Lupinus zu leicht wiegt, müssten
Viele springen.«
    »Und wer sagt ihnen, dass sie nicht springen werden, - wenn ein Changement
eintritt.«
    Bovillard sah den Minister gross an: »Nach Lombards Depeschen! Die Radziwill
hat sich vor Aerger krank melden lassen, die schöne Prinzess Wilhelm schreitet
wie eine heilige Katarina in stummem Zorn durch ihre Gemächer, die Garde du
Corps - was weiss ich, was sie tun. Prinz Louis hat, glaube ich, ein Pferd todt
geritten, und bei der Mamsell Rahel Levin ein Collegium Philosophikum aus
Verzweiflung sich bestellt.«
    »Sind damit Ihre Novitäten zu Ende?«
    »Der Einfluss der auswärtigen Mächte ist damit paralysirt.«
    »Wer denkt an das! - Im Innern droht der Feind, Bovillard - Stein wird ins
Ministerium treten.«
    »Der Freiherr von Stein!«
    »Stein vom Stein!«
    Der Geheimrat war ein Mann, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen
liess. Der Minister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sein
verlängertes Gesicht sah.
    »Wer hätte es noch vorgestern erwartet! Man hat dem Könige seine
ausserordentlichen Verdienste in Westphalen, seine Rechtschaffenheit, seinen
graden Sinn, seine hohe Geburt unterbreitet, man hat -«
    »Wer?«
    »Ein guter Freund von uns, Bovillard. Wer anders als check.«
    »Ist check toll?«
    »Man sagt, er hätte zuweilen Gewissensskrupel, dass er sich uns so unbedingt
anschliesst.«
    »Die Schrullen vom Kammergericht. Was habe ich mir Mühe gegeben, ihn davon
los zu bringen.«
    »Es ist mit den Juristen, wie mit Ihren Puppen und Vogelscheuchen,
Bovillard. In der Regel sind sie trefflich zu nutzen, wenn man ihr Formelwesen
sich zum Panzer ajustirt, wenn sie aber widerborstig werden, sind sie Stacheln
in unserm Fleisch. check hat den Vortrag an den König aufgesetzt.«
    »Und hinter ihm diktirte -? Wer, bester Freund, könnte unsere Aufmerksamkeit
so getäuscht haben! Hardenberg?«
    »Wird ihn vielleicht nicht grade wünschen, aber noch mehr fürchten, dass er
ihn zu fürchten scheinen könnte. Hardenberg ist ein Spekulant auf die Zukunft,
der sich um desswillen den Genuss der Gegenwart nicht will trüben lassen. Er
möchte gern aus der Vogelperspektive die Dinge betrachten, um, wenn seine Zeit
gekommen, auf seine Beute herabzuschiessen. Dass die Zeit jetzt für ihn noch nicht
da ist, sieht er ein.«
    »Aber wer in aller Welt steckt hinter check?«
    »Wir müssen höher suchen. Einer sehr tugendhaften Frau am Hofe sind wir
nicht tugendhaft genug, lieber Bovillard.«
    »Der wird der Hecht im Karpfenteich,« rief der Geheimrat.
    »Ja, wenn er hier agirt wie in seinem Westphalen! Ich bestreite durchaus
nicht Steins Verdienste. O, er hat charmant administrirt, was Steine anbetrifft
und Wege und Metalle. Nur mit den Menschen hat er eine eigentümliche Art
umzugehen.«
    »Der Herr Oberpräsident waren ja ein kleiner König von Westphalen.«
    »Und er wird sich hier nicht degradiren wollen. Ich sehe schon, wie er sein
Bureau reformirt; das möchten wir ihm immerhin lassen, aber von seinem
Finanz-Kastell aus wird er Invektiven, Aggressionen, Blitze nach allen Seiten
schleudern. Der Hitzkopf kann nun einmal nicht aus seiner Natur.«
    »Mit dem feinen Ton unserer Societé ist's aus. Wie war der Brief an den
Herzog von Nassau, an ein regierendes Haupt! Excellenz, ich weiss Geschichten von
seiner Grobheit.«
    »Ich kenne sie auch und seinen Ungestüm. Er wird mit dem Könige selbst
aneinander geraten!«
    »Desto besser!«
    »Sagen Sie das nicht, Bovillard. Der König hält allerdings auf seine Würde.
Es ist aber eben so möglich, dass er sich in seine Art fügt. Hat er sich einmal
darin gefunden, eine gewisse Estime für seinen Charakter empfangen, und sieht
er, dass das Staatsschiff so leidlich dabei fortsteuert, so kennen Sie ja des
Monarchen Natur, die vor jeder durchgreifenden Aenderung eine Scheu hat. Selbst
ihm unliebsame Personen lässt er in ihren Aemtern und am Ende gewöhnt er sich
auch an das Toben seines Premiers; denn dass Stein das wird, wenn er erst einen
Fusstritt im Ministerium hat, können Sie glauben.«
    »Was haben wir da zu tun?« fragte der Geheimrat aufspringend.
    Der Minister erhob sich langsam, es schien wie von einer schweren Sitzung.
    »Wir! Nichts, Bovillard, Wir fügen uns als Philosophen in das was nicht zu
ändern ist. Mich persönlich kümmert es nicht. Bedarf der König meiner Dienste
nicht mehr, so danke ich ihm aufrichtig für das mir so lange geschenkte
Vertrauen und singe mit ebenso aufrichtigem Herzen mein: beatus ille, qui procul
negotiis und die paterna rura sollen mir doppelt willkommen sein.«
    »Aber der Staat, Excellenz!«
    Der Minister sah ihn mit einem schlauen Blick unter den herabgezogenen
Augenbrauen an: »I, der wird wohl auch ohne uns bestehen.«
    Es trat eine neue Pause ein; sie gingen langsam dem Hause zu.
    »Sie, und unsre Freunde allein tun mir leid. Er ist jeder Zoll ein
Reichsfreiherr. Seiner Majestät Diener wird er empfinden lassen, dass ein
Unterschied ist zwischen Dienern und Dienern. Er hat gar kein Hehl, dass er
Lombard nicht leiden kann; ja, er hat eine recht reichsfreiherrliche Verachtung
gegen den Sohn des Perrückenmachers.«
    »Da werden sich ja unsre kurmärkischen Edelleute die Hände reiben.«
    »Ich zweifle, ob ihnen mit dem Changement gedient ist. So ein ehemals
Reichsunmittelbarer sieht mit einer eignen Verachtung auf unsre wendischen
Krautjunker herab. Ich sage Ihnen, in dem Mann ist alles Aristokrat, und die
Autorität, die er am Rhein verloren, muss er suchen, an der Havel wieder zu
gewinnen. Von der Illusion lassen Sie ab, dass das Kabinet bleibt, was es war.
Die Fiction, dass die bürgerlichen Herren Kabinetsräte die Volkstribunen sind,
wird er mit einem Hagelwetter auseinander treiben. Er kann sein gewesenes
Deutschland auch als Preusse nicht vergessen, er wird eingreifen, durchgreifen,
reformiren, bis - doch ich mache keine Ansprüche auf Clairvoyance. Aber, lieber
Bovillard, Sie sehen ein, der Augenblick, wo Stein ans Ruder kommt, ist nicht
angetan, um Ihren Geheimrat zu retabliren.«
 
                              Siebzehntes Kapitel.
                                 Das Citissime.
»Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenuss
vergönnt!« seufzte der Minister, als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen
wieder entgegenkam. - Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St. Real.
Man hörte den Wagen in den Hof fahren.
    »Unterzeichnen Sie für mich, lieber Bovillard, hier gleich in der Laube. Im
Auftrag, es wird genügen -«
    »In welcher Angelegenheit?«
    »Ich weiss es wirklich nicht. Der Kammerherr versprach mir im Vorüberfahren
vom Palais anzusprechen, wenn etwas Neues passirt. Auf Wiedersehen im Pavillon -
bei der Strassburgerin.«
    Der Geheimrat liess die schon eingetauchte Feder fallen, als er einen Blick
in die Reinschrift geworfen. Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen - ein
Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage im Belang des den Königlichen
Geheimrat Lupinus betreffenden Amtsvergehens. Der Minister erteilt sein
Gutachten dahin, dass nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger
Strenge zu behandeln sei, und dass jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des
königlichen Dienstes ausschlagen müsse. Er drang selbst im Interesse des
Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des
Angeschuldigten.
    Es war nicht in Bovillards Art, alles, was er unterschrieb, durchzulesen. Er
las diese Schrift zwei Mal und murmelte: »Sieh da die Feder meines jungen
Freundes. Nicht zu verkennen. Ei, ei, Herr von Fuchsius, wollen Sie sich schon
so wichtig machen und unentbehrlich! Und auch diese feinen Anspielungen auf uns!
Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern.«
    Der Kanzleidiener hätte noch lange auf die Unterschrift warten müssen, wenn
ihm der Geheimrat nicht die Weisung gab, die Sache bedürfe noch einer
Regulirung mit Seiner Excellenz. Die Regulirung schien aber dem Geheimrat
selbst einige Sorge zu machen, denn den Kopf im Arm, stierte er lange in die
Luft, bis allmälig ein sardonisches Lächeln über seine Lippen spielte, und er
mit einem ganz eigentümlichen Blick ausrief: »Wenn es denn doch einmal sein
muss, wollen wir es etwas gründlicher anfassen.«
    Er schrieb sehr schnell. Zwei Seiten waren gefüllt, mit Schmunzeln überlas
er das Konzept: »hätte ich doch selbst kaum gedacht, dass der Mensch so verworfen
ist!« Und dieser Schluss: Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem
Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer königlichen Majestät zu Füssen zu
legen, die Angelegenheit nur von dem angegebenen höheren Gesichtspunkte zu
betrachten, und den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen höchst Ihr Herz
so gern sich erschliesst, diesmal nicht nachzugeben. Ja, ich muss für strengste
Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen
Staatswohles und zur Erhaltung der Moralität unter Dero Dienern stimmen, sondern
auch in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen
Eure Majestät Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Leider steht die
betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschafts-und frühere
gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Männer in einer
gewissen Relation, und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene
Aufgabe, aus diesem zufälligen Annex Verdächtigungsgründe zu schöpfen, ich
wiederhole es, gegen Männer, die der Verdacht nicht berühren kann, weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind. Desto mehr wird es
zur Pflicht, gerade im Interesse des Trones, auch vor dem Publikum diese Männer
zu schützen. Eure Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung
gewähren, als wenn Sie das Recht, und nur das Recht walten lassen. Was ist ein
Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Beamte nicht in
Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt, dem
erhabenen Exempel, welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke täglich gibt.
    »Wunderschön!« Es entfuhr unwillkürlich den Lippen des Geheimrats und er
steckte das Konzept in die Brusttasche. »Die Excellenz wird sich wenigstens
eingestehen müssen, dass sie Räte um sich hat, die auf ihre Ideen einzugehen
wissen. Das kann man auch dem Herrn von Stein unter die Nase halten.«
    Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers. St. Real stand hinter
dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen, während der Hausherr auf und ab
ging. Als er den Geheimrat eintreten sah, hielt er ihm die Hand entgegen:
»Wissen Sie schon, Bovillard?«
    »Nichts, Excellenz, als dass Ihre Ansichten mich überführt haben.«
    »Lassen Sie sich's von St. Real sagen.« Er warf sich in den Fauteuil,
überschlug die Beine und rieb die Hände.
    »Seine Majestät haben in Gnaden die Anstellung des Herrn von Stein
abgelehnt.«
    »Stein wird nicht Finanzminister,« wiederholte der Minister.
    »Da fällt uns also ein Stein vom Herzen!«
    Bovillard's Bonmot, so leicht es war, fand empfängliche Herzen. Gut, dass
kein Lauscherauge in den Pavillon drang. Es hätte Mienen, Bewegungen und Gesten
gesehen, schwer verträglich mit der ministeriellen Autorität eines Grossstaates.
Nur der Geheimrat hatte rasch eine Flasche entkorkt, um ein Glas
hinunterzustürzen, aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die
faunischen Gesichter, welche Rubens' Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand
warf. Belauschte Augenblicke der kanibalischen Natur im Menschen, die nun ewig
geworden sind durch die Kunst. Wenn Jemandem, wem darf man es weniger verargen
als einem Staatsmann, wenn er im unbelauschten Augenblick die geglättete Maske
fallen lässt, um einmal wenigstens in der ursprünglichen sich vor sich selbst zu
sehen.
    »Nun heraus! Wie war's?« rief der Geheimrat am Tische, indem er einen tief
aushöhlenden Schnitt in die Leberpastete tat. Ich vergass zu sagen, dass man die
Türen vorher verschlossen, und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben
fest umrankten Fenster gezogen, - der Kühlung wegen, hiess es. Es war allerdings
ein sehr heisser Tag geworden! Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere
Ordre des Ministers selbst in die Keller gestiegen, und ein Korb mit Flaschen,
staubig, kalkigt, mit Spinneweben umwoben, stand in Folge dessen am Tische. Auf
demselben hatten sich aber neben der Strassburgerin noch Schüsseln des
verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden, »ein
Frühstück, wie's ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt, die nach dem
Herzen sehen, nicht auf den Wert«, hatte der Minister gesagt. Was bedurfte es
der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden! Darum sollte
Niemand gemeldet, Niemand eingelassen werden, und der gütige Wirt selbst nahm
den Pfropfenzieher zur Hand.
    »Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach,« sagte St. Real. »Gestern Abend
war der König noch dafür gestimmt. So nahmen wir's wenigstens an. Sie mögen sich
das Geflüster in den Vorzimmern denken, die Fragen, die man hören musste. Die
Damen wollten wissen, ob der Herr von Stein noch ein junger Mann wäre? Ob er ein
Haus mache? Ob er ästetisch ist? Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine,
und Schiller oder Goete vorzieht? Die Herren steckten die Köpfe zusammen. Es
wusste eigentlich Niemand, woher der Wind blies, denn, wenn man auch sagte,
check hat Lombards Abwesenheit benutzt, so erklärte das wieder nicht, warum
check gegen seinen Freund intriguiren sollte. Andere kalkulirten gar, die ganze
Sache ginge von Lombard selbst aus, er wünsche solchen Mauerbrecher in des
Königs Nähe, entweder um Andre damit aus dem Weg zu räumen, oder er wünsche, dass
die höchste Person es einmal empfinde, wie unangenehm der Umgang mit einem
deutschen Degenknopf ist.«
    »Torheit!« sagte der Minister.
    »Und doch vielleicht nicht übel spekulirt.«
    »Nichts, meine Freunde,« entgegnete Jener, »lernt sich leichter an Höfen,
als das Vergessen ehemaliger Freunde. Nur die Kränkungen vergisst man dort nie.«
    »Die alte Voss liess für mich keinen Zweifel,« fuhr St. Real fort. »Sie rühmte
gegen Komtess Laura die alte Familie der Stein; von Männern solcher Abkunft könne
man sich versprechen, dass sie wieder die nötigen Dehors auch an den Hof bringen
werden.«
    »Charmant!« Man liess bei Gläserklang die alte Voss leben. Der weisse,
prickelnde Burgunder schärft die Zunge, man schärfte die Darstellung von
Anekdoten, die Jeder kannte, aber Jeder gern wiederhörte, bis sie für den haut
goût appretirt waren, und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging,
die Wahrheit.
    »Aber wir kommen von der Sache ab. Was erfuhren Sie von Ihr?«
    »Nicht mehr, als sie mich erraten liess, und ich eigentlich schon wusste,
dass die Königin dahinter steckte. Geben Sie nur Acht, flüsterte sie mir zu, wenn
Ihro Majestät herauskommt.«
    »Und?«
    »Ihro Majestät kamen bald heraus.«
    »Und?«
    »S' ist doch eine wunderschöne Frau! Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte über
die Schwelle, und, war's Zufall oder Absicht, die Türe klappte hinter ihr, dass
mir's noch ins Ohr gellt. Die Oberlippe ein Bischen eingekniffen, Keinen von uns
ansehend, raus war sie, und winkte nur der Berg, ihr zu folgen.«
    »Und das ist Alles?«
    »Mich dünkt, genug.«
    »Man kann sich täuschen.«
    »Meine Ohren, Excellenz, sind sehr scharf. Wenn ich im blauen Saal die
Stiefeln Sr. Majestät im roten Zimmer knarren höre, weiss ich, was die Glocke
geschlagen hat.«
    »Ging also unruhig auf und ab?«
    »Wir sahen uns an und dankten Gott, dass nur ein Stein gefallen war.«
    »Er ist also?«
    »Ist! Bald kam check heraus, dann auch Köckeritz. check fragte nach der
Berg. Da sie fort war, wandte er sich an die Voss und zuckte die Achseln: Madame,
j'ai fait mon possible! Zwischen den Zähnen murmelte er: ultra posse nemo
obligatur. Nachher schenkte uns Köckeritz reinen Wein ein.«
    »Excellenz,« rief Bovillard bei einer neuen Flasche, »dieser St. Peray ist
gewiss reiner.«
    »Hatte die Radziwill zu stark urgirt, ein neuer Geniestreich des Prinzen ihn
verdrossen?« Der Minister setzte hinzu: »Ehe ich die Motive nicht kenne,
bezweifle ich doch das Faktum.«
    »Was bedarf es der Motive! Natur, rien que de la nature! Er hatte sich
beschmeicheln lassen, unter Händedrücken das halbe Versprechen gegeben. Dann
gereute es ihn. War schon gestern Abend umhergegangen, die Hände auf dem Rücken.
Die Berg hatte ein Selbstgespräch belauscht: Man will mir auch meine Minister
machen! Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit, die Königin davon zu avertiren.
Heute Morgen muss ihm ein Blatt in die Hände fallen, worin die Kindesmörderin
eine irrende Schwester genannt wird, ein Opfer der gesellschaftlichen
Verhältnisse. Es war mit etwas Emphase ihre Geschichte erzählt. Resultat: Sie
waren aigrirt, sehr aigrirt. Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte
Gottes fortkorrigiren wollten: Wer Menschenblut vergisst, dessen Blut soll
wieder vergossen werden? Man antwortete, der Verfasser sei kein Gelehrter,
sondern eines von den jungen Genies. - Die eine verkehrte Welt machen wollen!
brach es nun heraus. Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen;
soll Alles in der Ordnung bleiben. Leute waren doch sonst mit mir zufrieden.
Schöne Wirtschaft, würden die Herren Genies anfangen, alles auf den Kopf zu
stellen. Kindermörderinnen am Ende noch belohnen! Während sie sich nun noch so
expektorirten, kommt check zum Vortrag, der wirklich nichts davon wusste, und
indem er die Gründe für Steins Anstellung resumirt, entfährt ihm
unglücklicherweise der Ausdruck: vor seinem Genie würden auch die und die
Vorurteile sich beugen. Da war's um ihn geschehen! Der König sagte, er brauche
keine Genies, er wolle keine Genies und - das Uebrige können Sie sich selbst
erzählen.«
    Bovillard goss den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es:
»Angestossen, Freunde! Auf das Andenken der Kindesmörderin! Seelige verirrte
Schwester, dieser Tropfen sei Dir geweiht, dass Du Preussen vor Ministern bewahrt
hast, die Genies sind! - Was stiert Excellenz Christian ins Glas und trinkt
nicht? Suchst Du im Wein nach einem untergegangenen Genie? Verlorne Mühe.
Ertrunkenes lebt nicht wieder auf.«
    »Mir kommt nur der Gedanke,« sagte der Minister nach einer Pause, »ob eine
Regierung denn überhaupt der Genies bedarf. Unser Minos vom Kammergericht
fertigte neulich einen Bekannten, der ihm einen genialen Juristen für das
Kollegium empfahl, mit den Worten ab: Ich brauche nur zwei für die knifflichen
Sachen, für die andern sind Ochsen ausreichend.«
    »Ochsen mögen eine Weile die Tretmühle treiben, wie Exzellenz das selbst am
besten wissen, im Uebrigen meine ich, dass Ochsen noch nie eine Mühle in Gang
gebracht haben.«
    »Woran ging Josephs II. Schöpfung unter?« fuhr die Excellenz fort. »Und was
meint Ihr, dass aus unserm Staat würde, wenn irgend ein Zufall Prinz Louis
Ferdinand auf den Tron brächte?«
    Nach einer kleinen Pause hob der Geheimrat an, den Weinrest in seinem Glase
schüttelnd:
    »Ich meine, zuerst würde er unsern verehrten Wirt zur Tür hinaus
komplimentiren. Dann ging's an Lombard, check, Lucchesini, an uns Alle. Es würde
aufbrausen wie tausend auf ein Mal entkorkte Champagnerflaschen. Da man sie aber
nicht alle auf ein Mal austrinken kann, würde der Wein bald schaal werden. Und
wie er seiner Maitressen satt wird, würde er's auch der Genies. Dann kämen die
unermüdlichen Geschöpfe dran, die man nun Zuträger nennen kann, oder
Sykophanten, oder Gelegenheitsmacher, Kuppler, oder auch Ochsen, wie man will,
die immer für neue Stosse in Wein, Ideen und Liebe sorgen. Diese bleiben endlich
seine Gesellschaft, eben weil sie sich zur Tür hinauswerfen lassen und immer
wieder kommen. Endlich gewöhnt man sich an sie, weil man ihrer bedarf, weil sie
zu Allem zu brauchen, man verachtet sie, aber sie bleiben doch unser Umgang,
weil sie immer gefällig, unsere Freunde, weil wir keine besseren finden, und
schliesslich - es blieb auch unter Louis Ferdinand Alles beim Alten. Christian,
wir blieben auch!«
    Der Minister drohte mit dem Finger.
    »Ach was! wir sind unter uns. Wein und Wahrheit. Betrachten wir hier unseren
würdigen Kammerherrn. Verzog er die Miene, ward er nur einmal rot, als ich von
Kupplern sprach?«
    »St. Real kann ja nicht mehr rot werden.«
    »Excellenz! Dieser echte Philosoph beschämt uns. Sein purpurn Antlitz
brennt, wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz, nicht
röter, als wenn er eine Tasse Tee nippt. Wenn wir wankend aufstehen, sagen
sie: er hinkt ja immer. Er kennt die Liebe nicht mehr, aber sein
liebebedürftiges Gemüt schafft sie für Andere. Wir kamen überein, dass er, ohne
Schmeichelei, unter uns das Minimum von Verstand hat, aber wie weiss er den
Überfluss an Mangel zu cachiren, dass Jemand, der jetzt durchs Fenster sähe, doch
schwören könnte, er hätte die meiste Raison. Und, Excellenz, sehen Sie seine
Lippen und Manchetten, er hat immer noch etwas in petto uns zu überraschen.«
    »Nein; er scheint mir melancholisch, weil er die Laura beim Prinzen nicht
anbringen kann.«
    »A propos, St. Real, wie ist's mit der junonischen Gans?«
    »Aha, der schönen Eitelbach,« sagte der Minister.
    Der Kammerherr schüttelte den Kopf: »Geben Sie die Hoffnung auf, meine
Herren. Königliche Hoheit exprimirten sich in drastischer Kürze: ich sollte die
Tugend nicht der Versuchung aussetzen. Uebrigens wisse ich ja, dass Sie
Gänsebraten nicht liebten.«
    Glich der muntere Frühstückstisch doch auch auf Augenblicke einem
Secirtisch. Alle Qualitäten der schönen Frau wurden von Experten zergliedert und
abgewogen, wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der
Pastete nicht verschmähte. Das Resultat war, dass man alles in ihr fand, nur
keine Seele, keinen Verstand und keine Passionen. Ja es sei Hopfen und Malz
verloren, erklärte der Kammerherr, ihr eine Inklination beizubringen. »Es ist
nichts unmöglich,« trumpfte Bovillard.
    Der Minister bemerkte, dass seine Augen von einem eignen Feuer strahlten. Das
könnte allerdings vom Weine sein, er goss schon die fünfte Flasche an, als er die
Stimme erhob:
    »Jeder Humanitätsbürger hat die Pflicht das Seine zu tun zur
Vervollkommnung des Menschengeschlechts, und ist ein Weib, meine Freunde,
vollkommen, hat es eine andere Bestimmung als die Liebe! Seid Ihr denn
Kannibalen, oder habt Ihr Herzen von Stein, dass Euch das schöne Weib nicht
rührt, dass in ungeheurer Langenweile mit ihrer bête noire von Mann ihre
Rosentage verträumt? Christian, und Sie, St. Real, waren unsere Vorfahren nicht
Ritter, die ihre Lanze für die gefangene Schönheit einlegten? Und ist sie nicht
gefangen, gleichviel ob von einem brutalen Ungeheuer, oder von einem Alp von
Apatie! Welche Schätze liegen da wüst in dem schönen Tempel, und Ihr wollt
zaudern Hand anzulegen! Nein, Ihr Ritter, Schatzgräber, Maurer, sinnt auf ein
Zauberwort, das ihren Bann löst. Angefasst, gehämmert, Funken geschlagen bis wir
das innere Feuer in der schönen Bildsäule entzündet! Seht doch den dicken
Iffland auf der Scene, wenn er als Pygmalion Leben in seine Galatee schwatzt
und klopft. Was, sollen wir ungeschickter sein? Glut soll durch ihre Adern
strömen, sterblich soll sie sich verlieben, interessant werden, rührend, sie
soll uns Tränen entlocken! Kinder könnt Ihr Euch denn ein pikanteres Schauspiel
vorstellen, als die Eitelbach in rasender Leidenschaft?«
    »Bovillard rast!«
    »Du willst sie doch nicht selbst in Dich verliebt machen?« sagte der
Minister.
    »Nichts davon, es muss etwas ganz Absonderliches dabei sein.« Er zog den Rock
aus und warf ihn auf die Erde. Auch das Halstuch folgte. Die Toilette des
Ministers entsprach allerdings diesem Negligé, nur der Kammerherr blieb
zugeknöpft.
    »Unser Geheimrat ist im Zustand der Divination.«
    »Etwas Frappantes,« rief Bovillard, »dass man drei Tage vor lautem Gelächter
die Glocken nicht hört. - Wenn's irgend einen berühmten Kanzelredner gäbe -«.
    »Warum nicht gar!«
    »Du hast Recht! Da machte man sie zu einer Schwärmerin. Es muss gar keine
Erklärung für die Neigung geben. Etwas Originelles, ein Flügelmann von der Garde
oder ein Zwerg. Ein grundhässlicher Kerl, ein Bucklichter, ein Weiberfeind, ein
Trunkenbold, ein Weiser. Wenn der alte Gundling noch lebte, oder Moses
Mendelssohn.«
    »Ich schlage Johannes Müller vor.«
    »Er müsste sich doch auch in sie verlieben können.«
    »Und am Ende hiesse es, sie hätte sich nur in seine Schweizergeschichte
verliebt,« sagte der Minister, und mit niedergeschlagenen Augen flüsterte er:
»Ich wüsste schon Jemand -«
    Das stille Gelächter, die verkniffenen Lippen, die blinzelnden Augen der
Anderen bekundeten, dass der Minister verstanden war. In jovialen Kreisen solcher
Freunde versteht man sich an Zeichen. Ein »Schade, schade!« ging wie der Hauch
des Abendwindes über ein Aehrenfeld.
    »Da uns hier eine höhere Magie entgegenarbeitet, bescheide ich mich, wiewohl
ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen würdige,« schmunzelte
Bovillard.
    St. Real schüttelte den Kopf: »Es kann doch nicht immer so dauern.«
    »Das Reich der Tugend! Hört den grauen Sünder, der es nicht mal von dem
göttlichen Schiller weiss: Und die Tugend sie ist kein leerer Wahn. Sein Himmel
hängt nicht voll Geigen, sondern voll lauter Pompadoure. Er ist ein
Kryptokatolik, sein Heiligenkalender fängt an mit der Sanct Agnes Sorel und
hört auf mit der heiligen Baranius.«
    »Bovillard merkt nicht, dass St. Real einen Einfall hat.«
    »Wenn wir den Witz ausgeschüttet, kraucht ihn immer einer an. Heraus damit!
Sollten wir etwa Namen aufschreiben und würfeln? Auch das; ich parire jede
Wette; wen das Loos trifft, in den will ich die Eitelbach verliebt machen.«
    Der Kammerherr spiegelte sich im Glase, das er dicht ans Gesicht hielt:
»Herr von Bovillard, ich zweifle, wenn ich den nenne, der mir eben einfiel.«
    »Nenne den Namen, ich will ihn beschwören.«
    »Dass er davon läuft, das will ich glauben, er hat mehr Schulden als Haare
auf dem Kopf.«
    »Nein, auch er soll kleben wie eine Klette. Und sie verliebt sein, wie - ein
verliebter Maikäfer. Das ist das Einzige, was mir aus einer tollen Tragödie
kleben blieb, aus der Iffland uns neulich Abends zum Jokus vorlas, von dem
verrückten Kleist.«
    »Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck? Getrauen Sie sich auch
mit dem eine Liaison zu Stande zu bringen?«
    Der Geheimrat sprang auf: »Was gilt die Wette?«
    »Bovillard, sein Sie nicht unsinnig,« sagte der Minister.
    »Ich frage, wer wettet!« fuhr der Erhjetzte fort. »Aber dazu andern Wein,
feurigern!« Er schleuderte das Glas hinter sich. »Vom Spanischen her, einen
Pedro Ximenes! Die Eitelbach und Dohleneck, eine liaison tragique, eine liaison
dangereuse, ein Turtelpärchen, was Ihr wollt! Wer hält die Wette, auf was es
sei! Christian parire!«
    »Bovillard weiss nicht -«
    »Alles weiss ich, dass sie wie Katze und Hund sind, eine Aversion fühlen, eine
gegenseitige Idiosynkrasie, die stadtkundig ist. Desto besser; je schwieriger
die Aufgabe, so ehrenvoller der Success. Va-t-en, Christian, wettest Du?«
    »Meinetalben.«
    »Auf was? Nicht Geld, nicht Champagner, etwas Abnormes, was den Appetit
reizt.«
    »Excellenz könnten eine Geliebte abtreten,« kicherte der Kammerherr.
    »Ich und eine Geliebte!«
    »So sinne etwas Sinnreiches aus, was Du gegen Dein Gewissen tust.«
    »Ich will Gentz' hinterlassene Schulden bezahlen.«
    »Accedo! Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn von Stein. Dass
er uns unentbehrlich ist, lass ich drucken. Ein Schelm gibt nur was er kann. Ich
habe mehr eingesetzt. Topp, eingeschlagen!«
    Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen. »Wozu Krieg, meine Herren,
Depensen, die keinen Vorteil bringen? Warum denn überhaupt eine Wette, warum
nicht eine Allianz?«
    »Was meinst Du, Christian?«
    »Ich bin doch immer ein Mann des Friedens.«
    »Topp! Alle drei eingeschlagen, Männer des Friedens, einen Rütlibund! Wir
Alle gemeinschaftlich an das Werk. Aber Teilung der Arbeit! Du nimmst den
Rittmeister auf Dich und sträubt sich die Excellenz dagegen, wird der Kammerherr
zum Diensttuenden. Ich weiss schon meinen Helfershelfer für die Baronin,
übrigens Jeder hilft dem Andern, und bei dem erhabenen Geiste, der aus diesen
Flaschenmündungen noch duftet, geloben wir Todesverschwiegenheit.«
    Während sie sich die Hände reichten, klopfte es.
    »'S ist nichts; ein Hund schlug an die Tür,« beruhigte der Wirt.
    »Wer würde sich auch unterstehen, wenn wir in Staatsangelegenheiten
beisammen, Excellenz zu stören! Oder ist's keine Staatsangelegenheit? Womit
sollten wir uns amüsiren, da nun Friede bleibt? Das Leben muss einen Zweck haben.
Auch die besten Kräfte ermatten ohne ein Ziel. Mit Hindernissen zu kämpfen ist
unsere Bestimmung. Je schwieriger, um so elastischer streckt sich unser Geist.
Darum, gerade im Staatsinteresse, wir müssen unsere Kräfte an subtilen Aufgaben
üben, um zuverlässig zu sein in der Stunde, die da kommt.«
    Es klopfte wieder: »Lass die Geister pochen, wir antworten mit diesem
Gläserklang. Auf den Amandus und die Amanda!«
    »Bravo, Einer, der da lieben soll und muss!«
    »Noch etwas: wenn etwa in Folge dieses schönen Seelenbundes ein Weltbürger
das Licht der Welt erblicken sollte, so -«
    Ein klirrender Schall unterbrach sie. Es pochte Jemand mit Heftigkeit ans
Fenster. »Es brennt!«
    Alle waren aufgesprungen. Der Kammerherr schien am festesten auf seiner
Krücke zu stehen. Der Geheimrat machte eine Bewegung nach seinem Rocke, die
damit endete, dass er auf den Stuhl zurücksank. Der Minister hatte seinen
geschleudert, und mit der Hand am Tische, machte er die Geste des Riechens. Aber
die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretärs rief draussen: »Halten zu Gnaden,
Excellenz, das Citissime! - Das Citissime, das Gutachten des Ministeriums an
Seine Majestät den König. Herr Geheime Kabinetsrat check haben schon zwei
Expressen geschickt. Heute Abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestät;
sämmtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinetsrats Händen, nur
unseres fehlt noch. Der Bote steht auf Kohlen.«
    Bovillard hatte mit einem glücklichen Griff seinen Rock erfasst und warf die
Papiere auf den Tisch: »Da Excellenz - ein Bischen schmutzig. Schadet nichts,
die Sache ist's auch. Unterschreibe -«
    »Zwei Papiere?«
    »Ist gleichgültig, er muss doch springen.«
    »Muss er absolut?«
    »Ist sehr gesund für sein Podagra.«
    Der Minister war in einen Sessel gesunken: »Muss er denn? Wir sitzen so
fröhlich beisammen - und Stein kommt ja nicht.«
    »Hätt's beinahe vergessen! Mais, c'est bon!«
    »Wozu Rigorosität gegen einen Mitmenschen, der uns nichts getan hat,«
sprach St. Real.
    »Also
Allen Sündern soll vergeben
Und die Hölle nicht mehr sein.«
    »Bovillard, Ihnen fliesst es ja von den Fingern. Da an der Ecke auf dem
Schreibtisch, ein anderes Gutachten. Kurz nur. Wegen der Förmlichkeit weiss ja
check wie wir's halten. Trinken Sie ein Glas Champagner um sich aufzuheitern.«
    »Nicht nötig Excellenz. Hier das Konzept, brauche nur ein paar Striche zu
ändern.«
    Mit Sekretär und Bote war man in Ordnung, natürlich, nachdem man es
einigermassen mit der Toilette geworden, zwei Krystallflaschen mit frischem
Brunnenwasser standen auf dem Tisch und der Geheimrat schrieb an der Ecke,
während der Minister ein Gespräch mit dem Kammerherrn führte. St. Real hatte
sichtlich am wenigsten von dem süssen Traubensaft genossen, oder es darin zu
einer Virtuosität gebracht, dass man die Wirkungen nicht merkte. Der Minister
hörte ihn, im Armstuhl zurückgesunken, mit einiger Anstrengung an, während der
Kammerherr halb vor ihm stand, halb auf dem Tisch sass. Wir hören, da das
Gespräch halb laut geführt wird, nur einiges heraus.
    »Malchen - Malchen? Der Name kommt mir bekannt vor.«
    »Erinnern sich Excellenz vielleicht des Waldkindes, das der Höchstselige auf
einer Promenade finden musste?«
    »Das ist lange her - spielte sie nicht die Gurli? Die war freilich noch
nicht geschrieben.«
    »Einer der hübschesten Züge von der Lichtenau; wie überhaupt es war doch
eine seltene Frau. Der Höchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen, und
empfand eine Sehnsucht nach etwas Natürlichem und Frischem. Die Gräfin wusste
auf der Stelle Rat - Im roten Friessröckchen, bis an die Kniee aufgeschürzt,
barfuss huckte das Kind im Revier und pflückte Erdbeeren, ohne sich umzusehen.
Der König winkte uns Stille zu, er wollte sie überraschen. Er fuhr sie an, was
sie in dem Walde zu tun, und drohte sie zu pfänden, denn das sei verboten. Das
Mädchen spielte prächtig. Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Körbchen, dann
lag sie auf den Knieen, der gestrenge Herr möchte sie nur diesmal noch gehen
lassen. Der König befahl ihr barsch, die Erdbeeren und den Korb zurückzulassen.
Da stürzten ihr die Tränen aus den Augen und sie bat um Gottes Willen, die
möchte er ihr lassen für ihre arme Mutter, sie wollte es lieber dem gnädigen
Herrn Förster abarbeiten, was sie Schaden getan. Das befremdete ihn doch von
solchen Leuten. Isst denn Deine Mutter so gerne Erdbeeren? Und er sprach von
Abkaufen. Die Kleine wehrte schnell mit der Hand: Nichts verkaufen! Meine Mutter
hat mir aufgetragen, die schönsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln. Alles für
den guten Herrn König. - Den König! rief der König, wie kommt der dazu? Für den
König werden wohl Andere denken und sorgen, die ihm näher stehen. - Das ist's
eben, was Mutter sagt, fiel das Mädchen ein, die denken und sorgen nicht so für
ihn, wie er's verdient, und er ist so sehr gut und jetzt krank. Die frischen
Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken, und jeder
Augenblick, der dem guten König eine Erquickung schafft, sagt Mutter, das ist
ein gesegneter vor dem Herrn.«
    »Oh weh!« zuckte der Minister auf. »Da hätte er etwas merken können.«
    »Nein, Excellenz, er merkte nichts. Er drückte die Träne aus dem Auge:
Lichtenau, ich werde doch geliebt! Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rücken
gedreht.«
    »Richtig, ich sehe sie noch stehen.«
    »Und wischte auch am Auge. Er streichelte sie sanft am Arm, und sagte in
seiner Herzensgüte: Das Kind versteht es nicht. Es sind Viele um den König, die
für ihn sorgen und ihn lieb haben. - Wie das Kind ihn da gross und unschuldig
ansah: Der König hat Jeden lieb, sagt Mutter, und das wäre ein schlechter
Mensch, der nicht sein Alles für ihn gibt. - Er musste schnell weiter gehen, er
fühlte sich erleichtert: Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehört! Die
Lichtenau sagte plötzlich: Ich wünschte, Eure Majestät hörten einmal die Stimme
Ihres ganzen Volkes. - Ach die ist wohl anders! - Nein, Sire, sagte die Gräfin,
das Tuch vor ihren geröteten Augen. Ueberall dieselbe Liebe und Verehrung; nur
uns traut man nicht zu, dass wir sie teilen. Es ist vielleicht recht gut so. -
Ach es war ein kapitales Weib!«
    »Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute - wie heisst es doch
gleich - über das noch der Prozess ist. Aber die Malchen, jetzt entsinne ich mich
ihrer ganz deutlich. Ein anstelliges Ding, leichtsinnig, aber wohl zu leiden.
War sie nicht schon früher zu den Genien gebraucht worden, auch in den
Kinderballets?«
    »Und später bei den Geistererscheinungen. Sie war viel bei Bischofswerder
und Hermes. Vielleicht erinnern sich Excellenz auch, dass sie nachher einen
Unteroffizier von Larisch' Musketieren heiratete. Im Anfang ging's ihnen gut,
aber der Mann trank, es gab Unrichtigkeiten mit dem Montirungsgeschäft im
Lagerhause, die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen, sie ward doch auch älter,
und eines Nachts waren sie über Hals und Kopf verschwunden. Sonst ein braver
Mann, auch sehr zu brauchen, und soll jetzt holländischer Werbeoffizier sein
oder schon drüben in Ostindien. Genug, sie hat ihn avanciren lassen, was uns
nichts angeht, und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin. Ich
versichere, Excellenz, sie ist ein wahrer Trüffelhund.«
    Der Minister griff tief in seine Spanioldose: »Wenn nur keine Klagen bei der
Polizei eingehen! Sie wissen nicht, lieber St. Real, was uns diese Bagatellen
oben zu schaffen machen.«
    »Man sucht ihr ein gewisses Lüstre zu erhalten.«
    »Der Name der neuen Schönheit?«
    St. Real sprach leise ins Ohr des Ministers.
    »Wie gesagt, durchaus keine beauté du diable, eine wie gemacht, um auf die
Dauer zu fesseln, und eine Fraicheur, Excellenz, wie er es liebt.«
    »Und ein halbes Kind?«
    »Weil sie noch nicht erzogen ist. Aber mit einem Elan, einer Vivacité für
alle neue Eindrücke.«
    »Languissant?«
    »Au contraire, eher un peu romantique, etwas Spirituelles, soit disant
Schwärmerisches. Es kommt nur darauf an, ihrer Phantasie eine Richtung zu
geben.«
    »Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen?«
    »Warum nicht eine La Balliere!«
    »Tugendhafte Maitressen helfen uns nichts. Uebrigens wünsche ich, dass Ihnen
keinen Querstrich kommt.«
    Der Kammerherr drückte mit einiger Heftigkeit seine Krücke: »Das ist es
eben. Zwar tun wir Alles, die Dehors zu beobachten, auch ist es nur ein ganz
kleiner, höchst anständiger Societätskreis, der sich da zur Erholung
zusammenfindet. Ganz anders als bei der Schubitz; un petit circle von Gewählten.
Aber sie ist noch immer die alte; gutmütig, leichtsinnig, unbesonnen zum
Rasendwerden. Ihre Zunge geht mit ihr durch und um einen witzigen Einfall setzt
sie ihre Existenz aufs Spiel. Habe ich das Wunderkind erst in einige Kreise
entrückt, mag sie der Teufel holen, aber sie ist meine einzige Brücke jetzt.
Stellen sich Excellenz vor, da hat sie den frommen Pfaffen, den Seine Majestät
jetzt nach Berlin zieht, irgendwo auf einer Reise kennen gelernt, ihn zu sich
invitirt, und jetzt hat sie die Unverschämteit, ihn und seine Töchter bei sich
einzulogiren. Bei sich in ihrem Hause! Ich erfuhr es erst beim Herfahren. Wenn
das ruchbar wird, das gibt einen Skandal und ich zittere vor den Folgen.«
    »So eilen Sie, St. Real, den Ruf des frommen Mannes zu retten.«
    »Er ist gerettet!« rief Bovillard aufstehend, »da hören Sie nur den Schluss:
Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine
dringendste Pflicht Eurer Königlichen Majestät zu Füssen zu legen, den
Rücksichten der Humanität und Gnade, denen Ihr Herz so gern sich erschliesst,
auch diesmal nachzugeben. Ja ich muss darauf dringen, in spezieller Rücksicht auf
die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestät Höchstihr Vertrauen
besonders zuzuwenden geruht. Weil der unglückliche Mann, der vielleicht in einem
Augenblick aus zu grosser Güte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes
gefehlt - was aber noch keineswegs ermittelt ist - mit einem oder einigen jener
gedachten Männer in einer gewissen Relation gestanden, ist es eine willkommene
Gelegenheit für deren Feinde und Neider, Verdächtigungsgründe auch gegen sie,
diese Männer, zu schöpfen, die freilich über den Verdacht hinaus sind, weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Eurer Majestät gewürdigt sind, die aber eben um
ihrer Pflichttreue und dieser besondern Verdienste willen auch vor dem Publikum
gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben. Eure Majestät können ihnen keine
willkommere Rechtfertigung gewähren, als indem Sie über die Anschuldigungen des
Hasses und des Neides mit stummer Verachtung wegsehend, Ihre Gnade walten
lassen.«
    »Bravo, bravo!« riefen die Zuhörer.
    »O es kommt noch besser, dieser Schluss muss sein Herz erweichen: Was ist ein
Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Untertan und der
Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern
strebt dem erhabenen Exempel, das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke täglich
gibt!«
    »Bravissimo! Er ist gerettet!« Noch einmal wurden die Gläser gefüllt und
erklangen auf den edlen Menschenfreund, der über die Kabale gesiegt. Das Konzept
wanderte in die Kanzlei, wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte und
die Reinschrift kam, wie wir aus dem Erfolg annehmen, noch zur rechten Zeit an
Ort und Stelle. Der Kammerherr wollte abfahren, der Minister aber L'hombre
spielen. Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers, alle Drei aber
bedachten, dass man nach der Arbeit ausruhen muss. Erst in der Nacht wurden die
Karten weggelegt. Der Minister und sein Geheimrat warfen sich in Surtouts um
die Kühlung der Abendluft in den Strassen zu geniessen.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                                Der rote Shawl.
Karoline kam aus der Seitenkammer und drückte die Tür leise zu: »Er ist
eingeschlafen.«
    »Wenn er nur nicht aufwacht bis ma chère tante in die Komödie fährt.« sagte
Jülli, die durchs Schlüsselloch sah.
    »Er verdiente es schon,« meinte Karoline. »Ich liebe es gar nicht, wenn die
Herren betrunken vom Frühstück kommen und glauben, sie tun uns noch eine Ehre
an, wenn sie in ein anständig Haus poltern. Schmeisst sich da mir nichts dir
nichts aufs Sopha, gähnt, und ehe man sich's versieht, ist er eingeschlafen. Da
soll man sich wohl aus der Konversation bilden! Ma chère tante hat gut reden.«
    »Die vornehmen jungen Herren tun's Alle so,« warf Jülli ein.
    »Und er hat nie kein Geld, sagt ma chère tante,« fuhr die Andere fort, »und
wenn sie nur gewusst, wie er mit seinem Vater steht, der ein sehr anständiger
und vornehmer Herr ist, hätte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen. Aber nun
sie's weiss, soll er sich nicht mausig machen, und sie wird ihm mal den Stuhl vor
die Tür setzen, dass er sich verwundern soll, hat sie gesagt. Und vollends
jetzt, wo die Predigers oben sind. Still, sie kommt runter.«
    Jülli drückte ihr Gesicht an eine Scheibe, Karoline hatte sich ans andere
Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen. Die Tante schalt.
Junge Frauenzimmer müssten nicht immer am Fenster sitzen. Das gäbe übel Gerede;
die Stadt sei gottlos genug, dass sie immer an Schlimmes denkt. »Was hast Du Dir
wieder die Nase platt gedrückt an der Scheibe?« fuhr sie Jülli an. »Siehst Du,
davon kommt die Träne ins Auge, und das habe ich Dir gesagt, wenn eine erst
anfängt, sich die Augen rot zu weinen dann ist's mit uns aus. Siehst Du etwa
die Karoline weinen? Die lacht den ganzen Tag. Alles was recht ist. In der
Kirche, vor unserm Herrgott soll man weinen, und das Gesicht lang ziehen, wenn
der Prediger gerührt spricht, und Niemand kann mir nicht sagen, dass ich Euch
nicht in die Kirche führe, und Keiner, dass Ihr nicht fein und anständig
gekleidet seid, dass Ihr Euch mit Ehren sehen lassen könnt, aber zu Hause sollt
Ihr nicht sein wie in der Kirche. Die hat der liebe Herrgott bauen lassen, dass
man da traurig sein soll, aber die Welt daneben, dass man lustig sein soll. Und
die Herrschaften, die zu uns kommen, die wollen's auch, sonst würden sie in die
Kirche gehen und nicht zu uns.«
    Karoline unterbrach die Rede, indem sie hell auflachte. Wenn sie damit der
eben ausgesprochenen Weisung nachkam, sündigte sie doch sogleich dagegen, indem
sie das Fenster aufriss. Der Lärm und das Gelächter draussen rief indes auch die
Tante heran. An der Ecke war ein Fischmarkt, und es war nichts Ungewöhnliches,
dass der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art
Auflauf veranlasste. Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der
Lustigkeit. Der ältliche Herr hatte mit den sämmtlichen Verkäuferinnen ein
Geschäft angeknüpft, und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten
Karpfen und Aale zeigen lassen, alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen
wegen des Preises unterhandelt. Wenn das schon nicht ohne beissende Bemerkungen
von beiden Seiten abgegangen war, so steigerte sich das Gezänk in das, was man
in Berlin ein »Aufgebot« nennt, als der Käufer sich endlich, wie sich von selbst
verstand, für die Waare nur einer Verkäuferin entschied. Die übrigen erhoben
sich und überschütteten mit einer Flut nicht schmeichelhafter Namen den Käufer,
der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Mut zeigte, denn er harrte nicht
allein aus, sondern haranguirte seine Feinde durch Gegenreden. Seine graziösen
Gestikulationen bewiesen, dass er der Höflichere war, und man konnte bemerken,
dass in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen
einstimmten. Ein schärferer Beobachter hätte indes darin keine Feindseligkeit,
sondern nur ein Schauspiel entdeckt, das sich gewiss schon oft ereignet und zur
gegenseitigen Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte. Diesmal mussten
jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere
Anzüglichkeiten eingemischt haben, welche die Köchin des ältlichen Herrn
veranlassten, durch deutliches Zupfen am Aermel ihn zu einem frühzeitigeren
Rückzug zu veranlassen, als ihm lieb schien. Eines der Weiber, ob nun im Scherz
oder Ernst, hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung: das
wolle sie ihm schenken, damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine
Gefangenen! Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die
Perrücke heruntergerissen. Während die Köchin sich danach bückte, waren ihr die
Fische aus dem Korb geglitten. Das Wiedereinfangen der Aale verursachte
allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr, worüber man zuerst nicht bemerkte, dass
sie ihm in der Hast die Perrücke verkehrt aufgestülpt hatte, was denn das
Gelächter unwiderstehlich machte, und weder der Rückzug, noch die Adjustirung
der Perrücke halfen vor dem Tross begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der
Neugierigen, welche der Lärm an die Fenster zog.
    »Ach, der Herr Geheimrat Lupinus!« hatte die Tante ausgerufen. »Das ist ein
spassiger Mann! Wie niederträchtig er ist, auch gegen die gemeinsten Leute! Sieh
mal, selbst dem Apfelweib wirft er 'ne Kusshand zu, und so gravitätisch, wie zum
Menuet! Seht, Kinder, daran könnt Ihr Euch ein Exempel nehmen; so wird mancher
rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden, aber 's gibt
einen Gott im Himmel und einen König auf Erden, und wer ehrlich sein Brot
erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen, der geht nicht zu
Schanden.«
    Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn
Geheimrat zurufen wollte: »Warum tragen Sie nicht die Fische selbst?« drückte
die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe: »Untersteh'
Dich!« Das Fenster flog zu. Die Scene hatte sich verändert. Karoline weinte. Nur
war sie keine so unterwürfige Zuhörerin.
    »Und 's ist wahr, er hat immer die Fische vom Markt getragen, mit einem
Kapaun unterm Arm hab' ich ihn selbst gesehen, und darum bin ich kein schlechtes
Mädchen nicht. Und das ist Wahrheit.«
    Die Obristin mässigte sich. »Der Herr Geheimrat sei eine obrigkeitliche
Person, und mit genialischen Herren müsse man's anders nehmen. Und wenn er keine
Respektsperson wäre, und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte,
dann sässe er jetzt Gott weiss wo. Und das einzige, was man ihm nachsagen könnte,
sei seine Köchin. Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen, denn sie
wäre ein braves Mädchen, aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht,
so was im Hause zu haben. Ausser dem Hause geht das Niemand was an, hatte ihr ein
sehr tugendhafter und angesehener Herr gesagt. Dass er die Charlotte auf den
Markt mitnehme, wolle sie nicht gerade gut heissen, aber der Mensch, der es
Jedermann recht täte, müsste erst erfunden werden.«
    Die gute Tante hatte, je mehr sie ins Reden kam, desto mehr auszusetzen. Ja,
die Predigerstöchter oben wären neugierig, wie ein neugeboren Kalb, und wenn nur
ein Wagen vorbeifährt, rutschten die Köpfe zum Fenster raus. Das habe sie sich
nun einmal aufgebunden, weil sie ein so gutmütig Herz habe. Aber ihre Nichten
sollten doch bedenken, dass sie nicht aus dem Kuhstall wären, und auf sich was
halten. »Wie ich so alt war als Ihr, da hielt man mich für 'ne Gräfin, und ich
hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Strasse, wie Ihr tut. Und an guten
Exempeln fehlt es Euch doch nicht; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute.
Und wie sprecht Ihr mit dem Herrn Kammerherrn, der so gütig ist; ich werde
manchmal purpurrot, wenn ich denke, dass er's am Hofe wieder erzählt. Merkt Ihr,
dumme Liesen, denn nicht, wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsrätin sich
unterhält, wenn die hier ist? Die weiss ihm zu antworten, dass er oft nicht weiss,
was er sagen soll, so frappirt's ihn. Und das sage ich Euch, wenn sie heut zur
Chokolade kommt, dass Ihr Euch nicht wieder das Maul verbrennt, Du vor allem,
Karline. So ein Trampeltier merkt auch gar nicht, wie ich ihr neulich auf den
Fuss trat. Denn sie ist zu ganz was anderm, weil sie ein feines sittsames Mädchen
ist, und 's noch weit mehr werden wird, und Ihr könntet mal froh sein, wenn Ihr
ihr die Schuhbänder zumachen dürft. Aber Mädchen, was hast Du Dir wieder die
Schuhe schief getreten! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft. Und wie
breit der Fuss wird, das kommt davon, wie Du beim Tanzen ranzest. Die Jülli hat
noch ein ganz schmales Füsschen; aber die hält auch auf Anstand. Und das neue
Kleid, zu Weihnachten erst hast Du's gekriegt, und wie sieht's schon wieder aus,
dass Gott erbarm!«
    »Ma chère tante, wann krieg' ich das bombasin Kleid?«
    »Ei was, lass' Dir's von den Herren schenken.«
    »Die Herren sind nicht so generös.«
    »Wenn sie Dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl, und so
rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne, da sollen sie sich wohl Wunder was
vorstellen, was Ihr seid. Zu meiner Zeit, sag' ich, kerzengrad sassen sie auf dem
Stuhl, und so schlugen sie die Augen nieder, wenn ein Herr zu ihnen sprach, aber
da verstanden sie auch zu bitten, und da waren die Herren auch generös.«
    »Man soll die Herren nicht rupfen. Das haben ma chère tante immer gesagt. Na
nu, ist's nu nicht wahr?«
    »Sie unverschämtes Geschöpf! Was das für Reden sind in meinen Apartements!
Wenn's Ihr nicht mehr gefällt, werd' ich Ihr 'nen Stuhl vor die Tür setzen.
Dann mag Sie sehen, wo's Ihr besser gefällt. Denn überhaupt soll's anders werden
bei mir. Ja, ja, meine Damen, das merken Sie sich, ich will keine Pension, wo
das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht. Ein Wort kostet mich's, und Sie wird nach
Spandow zurückgeschaft, Mamsell Karline, da, wo ich Sie herholte, auf den
Kietz. Wird's Ihr besser gefallen, barfuss im Kahn und Plötzen schuppen, oder
Winters beim Kienspahn Netze flicken? Ihre Finger sahen ja aus, mit Respekt zu
sagen, wie Pfoten, rot und geborsten, und hab' ich das für meine Mühe, dass ich
sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen liess! Sag'
ich doch, wer Dank säet, der wird Undank ernten.«
    Es klingelte, der Chokoladengast stand im Zimmer. Ein Livreebedienter, der
die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentirte,
hatte Adelheid abgeholt.
    »Nein, sage ich doch, nicht wie ein Fräulein, wie eine Prinzessin. Und mit
jedem Tag, möcht' ich sagen, gewachsen!«
    »Das kommt nur vom langen Kleide,« lächelte Adelheid, und war mit raschem,
sicherm Schritt, nach einer flüchtigen Begrüssung der Tante, zu den Nichten
geeilt, die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küsste.
Sie schalt und bedauerte, dass sie gar nicht zu ihr kämen; die Nichten waren
verlegen. War's der scharfe Blick der Tante, war's die überwiegende Erscheinung
des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens. Aber der Strahl aus dem
klaren Auge goss in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht.
Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre, die etwas von ihrem heilenden
Balsam auch auf sie träufelte.
    Die Obristin hielt es für gut, allein das Wort zu führen. Ihre Lippen
flossen über vom Lobe der braven Eltern, die wohl mehr zu tun hätten, als
solchen Besuch zu empfangen. Sie wisse wohl, was der Herr Kriegsrat und die
Frau Kriegsrätin für die Erziehung ihrer Tochter täten, und da wäre es ja
ausverschämt, sich aufdrängen wollen. Aber um so mehr schätze sie es und rechne
die Ehre sich an, dass sie ihrem Lieblingskinde erlaubt, sich ein Stündchen in
ihrem schlichten Hause zu gefallen. Sie wäre nun eigentlich in rechter
Verlegenheit, worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen, die so viel schon
wisse, und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde.
    Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit. Sie, was man
nennt »kappte« die Obristin durch kurze natürliche Antworten, und schon vor der
Chokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange, denn es betraf das neue, feine
Kleid, das der Vater ihr geschenkt und die grösste Aufmerksamkeit der Nichten
erregte. Das Zeug, der Laden, wo es gekauft, der Kaufmann, seine Waren, Preise,
es ward alles ausführlich behandelt, die Krone der Verwunderung aber blieb, dass
Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht, »und sitzt wie
angegossen,« rief die Tante, »nu seht, wenn Ihr das könntet! Und Mamsell
Kriegsrätin tut's nur zum Plaisir. Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den
ersten Schneider ins Haus schicken, und später werden ihr ganz andere Leute
Kleider machen lassen. Ja, ja!«
    Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht, auch missfiel ihr, dass die
Tante immer, um sie herauszustreichen, ihre Nichten demütigte. Ohne sie zu
beachten, erbot sie sich deshalb gegen Jülli, wenn sie ein neues Kleid bedürfe,
es ihr zuzuschneiden, auch, wenn sie es wünsche, ihr Unterricht im Schneidern zu
geben, so gut sie es eben könne.
    Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt, bei der Jülli könnte es
vielleicht noch anschlagen, aber die Karline wäre gar zu faul: »Wer den
Unterricht zu schätzen weiss, und was lernt, aus dem kann alles werden, und oft
habe ich ihnen das gesagt. Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich. Ja, mein
liebes Engelchen, - verzeihen Sie schon, Fräulein Adelheid, dass ich so zu Ihnen
rede, aber ich kann gar nicht anders, wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe, -
ja, das muss ich Ihnen auch sagen, seit ich die Ehre habe, Ihre Bekanntschaft
gemacht zu haben, da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen. Ach,
Sie haben einen vortrefflichen Lehrer.«
    Adelheids Gesicht leuchtete auf: »Kennen Sie ihn?«
    »Habe nicht die Ehre, aber ich wollte wetten, er heisst Cupido.«
    »Nein, er heisst van Asten. Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden. Es
plaudert sich so fort, und sind immer zu End', ehe wir es versehen. Ich schäme
mich zuweilen, wenn er fort ist, dass ich so wenig aufgeschrieben habe, aber wenn
ich mich hinsetze, um es niederzuschreiben dann muss ich oft einen ganzen Tag
schreiben und noch mehr. Ich tue es nun gar nicht mehr, denn ich behalte doch
alles auswendig.«
    »Ist's die Möglichkeit!«
    »Manchmal ist's mir wie einem Vogel zu Mute, als schwebte ich hoch in die
Luft, unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse. So weiss er das alles klar
zu machen, wenn er erzählt. Da ist mir oft, als müsste ich das Umschlagetuch
zusammenziehen, wenn er die kalten Länder beschreibt, wo ewiger Schnee liegt und
Eis. Und wenn er die heissen schildert, da wird's mir so heiss, so heiss - ach, ich
rede gewiss recht dummes Zeug, es ist nur gut, dass es Herr van Asten nicht hört.«
    »Ach, liebe Seele, Engelchen, das versteh' ich. Wer das einmal gekostet hat,
wie's draussen schön ist in der Welt, der möchte immerfort fliegen. Na nu
versteht sich, fliegen kann keiner von uns, denn wir haben keine Flügel. Aber
zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen, oder noch besser viere, Extrapost, und
nun, Schwager, ins Horn gestossen und geknallt, über Berg und Tal, und
Sonnenschein und überall geputzte und frohe Menschen. Das ist ein Leben, mein
Engelchen. Berlin ist eine hübsche Stadt; aber, ach Gott, was gibt's noch für
andere! Das zu sehen und sich erklären zu lassen! Und Herr van Asten müsste
neben Ihnen im Wagen sitzen! Na, das wäre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag.
Ihnen gönne ich's. 'S kommt auch mal so. Was man sich wünscht, das kommt.«
    Adelheid schwieg betroffen. Hatte sie sich denn das gewünscht? »Nein, liebe
Frau Obristin, daran habe ich gar nicht gedacht. Neulich, da schämte ich mich
fast, dass ich noch nicht in Potsdam gewesen, und dass Sie aus Leipzig kamen, aber
jetzt - jetzt ist mir gar nicht, als wenn das nötig wäre. Wenn Herr van Asten
mir von den fremden Ländern erzählt, so brauche ich gar nicht zu reisen.«
    »Ist das ein himmlisches Gemüt! - Und wie sie die Chokolade nippt, seht
Euch mal das an. Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen, und wie Ihr immer
schlürft. Die Schaale fasst sie doch an, als hätte sie's bei Hofe gelernt. - Nu
müssen Sie auch mal in die Untertasse sehen, das ist ein Spiegel, da sieht
Adelheidchen sich selbst.«
    Adelheid liess die Porzellantasse beinahe fallen. »Die Venus! das ist ja die
Venus!« kreischten die Mädchen. Die Tante wollte über die Atrappe sich
ausschütten vor Lachen, aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte, nahm sie
rasch die Untertasse in die Hand, und meinte, da müsste sie sich vergriffen
haben, denn sie habe noch eine Tasse, wo die Venus ein Umschlagetuch hat.
    Adelheid hatte wohl von der Venus gehört, aber in der Mytologie und
Geschichte sollte der Unterricht später anfangen, weil Herr van Asten sie zuvor
die Erde und ihre Bewohner, wie sie ist und sind, habe kennen lernen wollen, ehe
er zu den Menschen überginge, die vormals gelebt, und was sie geglaubt und sich
vorgestellt. Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige
Kenntnis und schien sie mit Vergnügen auszukramen. Sie wusste namentlich viel
von Najaden und Dryaden, von den Metamorphosen, und sogar von Ovid, der ein
charmanter Dichter gewesen, dass Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte. Sie
hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen, wie man
die Götter und Göttinnen anzog, und den Engeln Flügel anband.
    »Da könnte ich wohl manches von erzählen, was Herr van Asten nicht wissen
wird, denn er war nicht dabei. Liebes Kind, Sie müssen nur denken, die Leute
waren damals spassiger als jetzt, das wird auch Herr van Asten wissen, und Böses
war nichts bei. Denn die wurden bloss so Heidengötter genannt, wir kannten uns ja
Alle, als gute Christen, und alles Tricots, pfui, wenn Einer denken könnte, dass
es was anders war. Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen - ich weiss
auch gar nicht, wo er bleibt; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe
zur Chokolade bei mir ansprechen - nein, sag' ich Ihnen, der weiss die ganze
Mytologie auswendig. Venus, das war die Mutter vom Cupido oder Amor, und ihr
Vater war Jupiter und sie war aus Meeresschaum geboren, und die Kinder vom Amor
waren Amoretten. Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog, das war zum
Todtlachen; Kinderchens, nicht grösser als so, mit Papierflügeln, einem Gürtel um
den Leib, und Alle an einem langen Strick gebunden, der so hing, und wenn sie
artig blieben, und nicht zappelten, kriegte Jede nachher einen Honigkuchen. Ich
selbst war mal ein Cupido, na, Engelchen, das war eine Geschichte, wenn ich
daran denke! Sehn Sie, so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn
Jemand ins Herz stossen, versteht sich nur von Pappe und Schaumsilber; aber wenn
ich Ihnen den Jemand nennte, da würden sie Augen und Ohren aufsperren! Es war
ein sehr reicher und vornehmer Herr, und wurde nachher noch vornehmer und
reicher. Ach, und ein Herz und ein Gemüt, so gut wie ein Kind. Da gab ein Jeder
gern sein Liebstes hin, wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah. Und wie
generös! Da wurden die Goldstücke nicht gezählt; nur so in der Hand gewogen. Und
einmal, es war nämlich in einer kleinen, engen Gasse, da neben der
Spandauerstrasse, zwei Stock hoch, in einem finstern Hause, Treppen so grade
rauf, wie 'ne Leiter, und stockduster, dass man sich Hals und Bein bricht, da
kommt der Herr eines Abends rauf. Gott bewahre, er wird nicht allein ausgehen,
Einer in Livree vorauf, und zwei Herren begleiten ihn, Alle in grossen Mänteln.
Nämlich er hatte in Dresden ein Bild gesehen, von einem gewissen Titus oder
Tilian, darauf kommt's nicht an. Es stellte eine Venus vor, die auf einem
Kanapee ruht, und es hatte ihm so gefallen, dass er gar nicht die Augen
wegkriegen konnte. Da hatte Jemand zu ihm gesagt: Gnädiger Herr, ich weiss in
Berlin ein Original dazu; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten. Wie
der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte, das halte er für ganz
unmöglich, denn so was gebe es gar nicht lebendig, sagte der Andre: Wenn
gnädigster Herr sich dafür interessiren, so käme es ja nur auf die Probe an. Ich
weiss, der Mann, dem es gehört, würde es sich zur grössten Ehre schätzen. Sehen
Sie, so war der Hergang.«
    Adelheid wollte nach Hut und Handschuh greifen. Warum wusste sie nicht, aber
sie war unruhig geworden. Die Obristin fasste sie am Ann: »Engelchen, liebes,
Sie ängstigen sich doch nicht? Das war nur, was sie lebende Bilder nennen,
lassen Sie sich's nur von Herrn van Asten erklären, und der hat sie auch gar
nicht gesehen, Gott bewahre, der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der
silbernen Leuchter, denn darin hatte er's versehen. Die Stube sah Ihnen doch wie
ein Paradies aus. Da hatte er Blumen und Bäume von Winkel-Bouchés bringen
lassen, und Wachslichter hinter die Büsche, und oben hatte er sich vom Teater
eine Lampe geborgt, ganz blass, die sah wie Modenschein aus, und hinten war die
rote Gardine zum Zurückschlagen, und davor zwei grosse Bäume, das waren aber
Tannen aus dem Tiergarten, und da huckten oben zwei Amoretten, sie waren
angebunden, aber nicht ganz fest. Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken
gestreut, das war so verdeckt, dass es wie ein Altar aussah, und die kleine Stube
roch Ihnen süss und schön. Ich musste nun dahinter kauern, und wenn er einträte,
sollte ich vorspringen, und ihm den Pfeil auf die Brust halten, und die Worte
sprechen:
O edler Menschenfreund, Dein tugendhaftes Herz,
Wenn dieser Pfeil es trifft, so sei es nicht zum Schmerz,
Wenn dies ihr Tempel war, ist er von jetzt ab Dein,
Und sei Du Phöbus nun in diesem Mondenschein.
Nu können Sie sich vorstellen, Engelchen, wie mein Herz schlug, als ich ihn die
Treppe raufkommen hörte; Herr Jesus, ich glaubte doch, mir würde es in der Kehle
stecken bleiben. Und der Mann von der Frau, der stand auch so und japste an der
Tür; er war auch baumgross mit einem Tressenrock, und weissseidenen Strümpfen. -
Und die weissen Handschuhe zitterten nur so, wie er die Armleuchter hielt. Und
wie der Herr draussen die letzte Treppe rauf steigt, - wir hörten ihn husten, -
er nun, mit dem Fuss die Tür zurückgeschmissen, und raus, da sinkt er beinah in
die Kniee und leuchtet runter: Mein gnädigster Herr, das ist zu viel
Sonnenschein in mein armes Haus! Der Herr nun, der nicht weiss wie ihm ist, hält
den Arm vor's Gesicht, und stolpert just, wie er ruft: Verfluchter Kerl! Das hab
ich selbst gehört; das andre hab' ich nicht gesehen, das haben sie mir gesagt.
Nämlich darüber hat er die Balance verloren, und drei Stufen rutschte er, und
hätte ihn der Andre nicht gehalten, wäre er gefallen. Da schrie es: Lichter aus!
Aber da hatten sie schon auf den dritten gestossen, der helfen kam, und der
kriegte den Schuss. Das hörte ich poltern. Und da riefen sie von unten: Licht!
Licht! Aber dann schrien sie wieder: Nein, kein Licht! Der Bediente aber, der
oben gehuckt, war nun wie ein Satan zugesprungen, dem Mann hatte er die Kerzen
ausgeblasen und stiess ihn, dass er in die Stube zurückfiel. Aber nun stellen Sie
sich vor. Ich, wie ich meine, dass er reintreten muss, war mit dem Pfeil
aufgesprungen und stosse ein Bischen ans Kohlenbecken; derweil aber ist sie schon
rausgesprungen, und eh' ich mich's versehe, krieg' ich's um die Ohren: Du - die
Schimpfworte will ich gar nicht sagen - das ist ja zu früh! Darüber purzelt der
Altar um, und die Kohlen kullern. Nu wär' noch alles gegangen, aber die kleinen
Engelchen, nämlich die Amoretten, sind angestossen von ihr, wie sie rausspringt,
nämlich die grossen Tannenbäume, und wo sie hinschlug, wuchs kein Gras. Diese
Engelchen waren nun runter gerutscht vom Ast, aber weil sie angebunden sind,
konnten sie doch nicht runter, also zappelten sie Ihnen und schrieen Ihnen
gottserbärmlich.«
    »Ach Gott, die armen Kinder!« rief Adelheid.
    »Und im ganzen Hause schrieen sie, und das war ein Türenklappen: Herr Gott,
was ist denn los? - Da schreit's mit einem Mal Feuer, und der Nachtwächter
tutet, und es war auch Feuer, denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen, und
die brannte hell auf. Na, der Mann, das muss man ihm lassen, schnell wie der
Wind, runter die Gardine, ausgetreten, aber auf der Strasse hatten sie den Schein
gesehen, und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde.«
    »Aber die armen Kinder! Was ward aus denen?«
    »I, die haben sie runter geschnitten und links, rechts ein Bischen, dann
nach Haus. Ich kriegte auch 'nen Katzenkopf; da musste man schon nicht drauf
sehn. Aber der Mann und die Frau, nein, ich sage doch, wenn gemeine Leute ohne
Bildung in Rage sind! Einer auf den Anderen los, dass er's verdorben hätte. Mit
dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht; sie hatte ihm aber vor den
Bauch getreten, das muss man auch wissen. Todt geschlagen hätten sie sich und
Gott weiss was, wenn nicht die Polizei kam; die riss sie auseinander.«
    »Die Polizei!« Es überrieselte Adelheid, sie war schon aufgestanden. Sie
hatte die Polizei nur auf dem Markte gesehen, oder wenn sie einen Dieb
einbrachte, aber sie wusste doch, dass es etwas Schlimmeres war, wo die Polizei
kam.
    »Gott sei Dank, die kam aber erst, als der Herr fort war. Das war noch ein
Glück. Aber der Bediente und der Andere konnten kaum den Einen fortschleppen, so
war er auf die Hüfte gefallen. Hatte sich was gebrochen. Und der Herr trägt's
heute noch -«
    Sie verstummte plötzlich. Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht
bemerkt, dass der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand.
    Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid: »Verzeihen Sie, mein Fräulein,
wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe.
Nur einige dringende Worte -«
    Adelheid erklärte, sie wolle nicht stören, sie müsse nach Hause. Warum sie
das musste, wusste sie selbst nicht, aber sie musste, das war ihr klar. Den
eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefasst; ihre
Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haften geblieben, die mit Stricken am
Baume hingen. Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe, welche die Seiltänzer
ihren Eltern stehlen und die auf immer verloren gehen. Wie herzergreifend hatte
die Frau Obristin im Dorfe erzählt. Es war der Gedanke des Verlorengehens, die
Vorstellung, dass ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte
sein können. Mein Gott, wenn auch sie Jemand dahin geführt hätte, um das Bild zu
sehn, und dann der Feuerlärm, die Polizei! Es drückte sie centnerschwer. Die
Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an, so herausfordernd, fast alles
mytologische Darstellungen; sie hatte sie früher nicht genau betrachtet, jetzt
schlug sie die Augen nieder. Wenn sie nur erst hinaus wäre, wollte sie die
Mutter bitten, sie nie wieder in das Haus zu lassen.
    »Ich kam in der Absicht,« sagte der Kammerherr, »das Fräulein um die Ehre zu
ersuchen, Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen. Vorhin
begegnete ich Ihrem Herrn Vater, dem Kriegsrat, und er erlaubte mir, diese
Bitte an Sie zu richten. Wenn ich Ihre Zustimmung habe, vergönnen Sie mir nur
einige Momente mit Ihrer würdigen Wirtin.«
    Das Zwiegespräch in der Fensternische ward sehr leise geführt. Mit der
süssesten Miene flötete St. Real der Frau ins Ohr: »Sie unverantwortliches
Plappermaul! Jetzt, auf der Stelle, wiederhole ich Ihr, schaff' Sie die
Predigerfamilie fort!« Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand, und wie war
sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen, und bat ihn, ihr ja diese gütige
Gesinnung zu bewahren. »Weiss Sie, was der König tut, wenn er's erfährt?« dabei
klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern. - »Nur bis morgen, gnädigster Herr,
ich kann sie ja doch nicht auf die Strasse schmeissen.« - »Durch den Büttel lässt
er Sie aus der Stadt peitschen, und Sie hat's verdient, Sie unverschämtes
Mensch!« - »Zu gütig!« - »Ihre Zunge müsste man Ihr mit glühenden Zangen
ausreissen, denn sie geht mit Ihr durch, weiss Sie, bis wohin - bis zum Galgen,
und Sie hat ihn verdient.« - »Nein, mein Herr Kammerherr sind doch die
Obligeance selbst, und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsrätin
entführen. Ganz nach Ihrem Kommando.«
    »Man hat sich kaum gefreut, so soll die Adelheid schon wieder fort,« sagte
Karoline. »Jülli aber sagte, es sei wohl gut, es scheine ihr ein Gewitter
aufzusteigen, dass sie das nicht noch überraschte. Sie sah dabei aber ängstlich
nach der Tür zum Seitenzimmer. Der Kammerherr meinte, ein Gewitter wäre nicht
im Anzuge, es sei dafür zu kühl, aber ein Sturm und Regen. Er fragte, ob
Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe?« - »O, wir leihen ihr ein andres,«
sagte Jülli. »Ach das rotseidne der chère tante!« rief Karoline. »Adelheid
hat's ja noch nicht gesehen. Das ist ja wahr! - Wie prächtig wird sie darin
aussehen. Und das hält warm! -«
    Der Kammerherr nickte der Obristin zu, sie möge das Fräulein nur recht warm
und schön anziehen. Dann ging er hinaus, um nach dem Wagen zu rufen, sagte er.
Es mochte aber auch sein, um nicht bei der Toilette zu stören, oder um sich nach
dem Lärm zu erkundigen, den man auf der Strasse hörte. Ein Reiterregiment ritt
vorüber, aber es schien, als ob sie Halt machten, und man hörte Gelächter und
Rufen.
    Die Obristin hatte das viel besprochene Tuch vom Malayenlande aus der
Kommode geholt, als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf: »Was
das nun wieder ist! Sind doch die Herren Gensd'armen nur da, um Unfug mit
ehrlichen Leuten anzufangen!« Sie breitete das Tuch aus, und es glänzte in so
köstlichem duftendem Rot, dass Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach! ausrief.
    Man hing es ihr um, man zog sie vor den Spiegel. Zuerst als wallender Talar.
Die Obristin schien darin wirklich geschickt: »Du meine Güte, wie eine
Opferpriesterin!« - »Wie eine Königin!«
    Der Lärm draussen wurde lauter; kein Aufruhr, aber ein wüstes Gelächter. Man
rief Spottnamen hinauf; es schien, als ob von oben geantwortet würde. Darauf ein
noch ausgelasseneres Gelächter, und einzelnes gellendes Pfeifen. Die Tante
beschwor die Nichten, sich vom Fenster fern zu halten. Sie nahm das Tuch wieder
ab, um es anders zu drapiren, als man Jemand die obere Treppe hastig herabkommen
hörte, und die Tür aufklinkte. Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu
erwarten, als das etwas ängstliche, welches zur halb aufgestossenen Tür
hereinsah. Die Päffchen über der schwarzen Weste verrieten einen Geistlichen.
Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife, welche die halbzugehaltene Tür
verbergen sollte, und doch nicht verbarg, hätten sich auch zu jedem guten Bürger
geschickt, dem häusliche Behaglichkeit über alles geht.
    »Haben Sie gehört, verehrteste Frau Obristin?«
    »Ach, mein allerbester Herr Prediger!«
    »Bitte tausend Mal um Vergebung, wenn ich derangire, insondern wegen meiner
Toilette. Aber das ist ja nicht zum Aushalten!«
    »Ist Ihnen was arrivirt?«
    »Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus, und meine Töchter neben mir, und rauche
ganz in Frieden mein Pfeifchen, als Einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach
mir weist, ich weiss noch nicht, warum, und darauf strecken Alle die Hälse und
heben mit einem Aha! ein schallendes Gelächter an. Sagen Sie mir, was man da zu
tun hat. Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet, sehr freundlich und
zurechtweisend, sie antworteten mir aber nur durch unarticulirte Laute,
nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki! oder noch unbegreiflicher
durch ein sogenanntes Kukuksgeschrei.«
    »Ist's die Möglichkeit!« rief die Obristin.
    »Ja, von einem der Herren Offiziere, bei denen man doch Bildung annehmen
sollte, hörte ich den unanständigen Ausdruck: Pfaff' und Pfäffchen! Und Einer
rief: Gefällt's Dir im Kukukssneste? Wird mir doch in der Tat bange, denn der
Pöbel fängt auch schon an mit zu krähen und die Nachbarn reissen die Fenster auf.
Soll ich nun zur Polizei schicken oder erlauben Sie mir, dass ich hier ans
Fenster trete, wo sie mich besser hören können, und ihnen recht eindringlich ins
Herz rede, wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt, als der
Residenzstadt unseres Königs?«
    »- Sodom und Gomorrha! Da haben Sie recht, das ist das richtige Wort!« rief
die Obristin, erfreut, an ein Wort sich klammern zu können, das sie für den
Augenblick aus einer Verlegenheit riss, die, wie man an ihrem Zittern wahrnehmen
konnte, schon peinlich geworden. Wie sie sich herausriss, war ihr gleichgültig.
»Sodom und Gomorrha, Herr Prediger. O, Sie werden unsere Stadt noch anders
kennen lernen. Aber um Gottes Willen nicht die Polizei! Nicht zehn
rechtschaffene Menschen unter tausend. Aber nicht die Polizei. Wer sich die auf
den Hals ladet, sehen Sie -« Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin- und
hergewickelt, bis sie's Jülli zuwarf mit dem Befehl, es ordentlich zu legen, dass
es das Fräulein umschlagen könne, und hatte damit schnell einen neuen Ausweg
gefunden. - »Sehen Sie, Herr Prediger, das ist's, ein reines pures
Missverständnis. Sehen Sie, Herr Prediger, das Tuch hier, weil's so kokliko rot
ist - hier gibt's nicht solche - müssen die Mädchen damit 'rum schmeissen,
gegen's Fenster - das haben sie für 'nen Affront angesehen, die Herren
Kavalleristen - warum, das weiss der liebe Himmel! Was sehn die nicht für 'nen
Affront an, wenn ein ehrlicher Bürgersmann was tut - Sie wissen ja vom Lande,
man darf kein rot Tuch aufhalten, dann fliegt das Federvieh - und rote
Federbüsche haben sie - alles, lieber Herr Prediger, nur nicht die Polizei! Und
die Herren Offiziere sind, im Grunde genommen, seelensgute Menschen. Nur Jugend!
Jugend muss man austoben lassen. Aber nur nicht die Polizei! Soll Ihnen auch
Keiner ein Haar krümmen, lieber Herr Prediger, jetzt erlauben Sie, will Sie in
ein Dachstübchen schaffen, hinten raus, und Ihre Mamsell Töchter, die lieben
Mädchen, wie mögen sich die erschrocken haben, da soll Sie auch keine Seele
finden. Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren
Geistlichen, ach, und die Herren Offiziere auch, aber unser herzensguter König
wird sie schon besser machen. Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom
Hofe her; da wollen wir Alles arrangiren, ganz nach Ihrem Belieben! Nur nicht
die Polizei!«
    Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt, er
wusste so wenig warum, als Adelheid den Zusammenhang verstand, und noch weniger,
warum die beiden Nichten, die mit ihr allein geblieben, in ein Kichern
ausbrachen. Sie fragte nach dem Grunde. Karoline wollte vor Lachen platzen und
drehte sich auf dem Hacken. Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte
einen Kuss auf ihre Schultern: »Ach 's ist besser für Dich, dass Du das nie
erfährst.« - Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise: »Das
musst Du mir das nächste Mal sagen, wenn wir uns wiedersehen.« - Jülli drückte
hastig einen Kuss auf die schönen Lippen: »Du darfst uns nie wiedersehen. Adieu
auf immer!«
    Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken
geschlungen. Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen. In
antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter, während die Kleine mit
verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog: »Nun sieh Dich
in den Spiegel! Das ist Venus, wie sie leibt und lebt, da auf dem Bilde!«
    Adelheid sah in den Spiegel und errötete, als sie den kleinen Betrug
entdeckt. Es war ein schöner Anblick, sie musste es sich selbst sagen. Sie hob
eben die Hand, um ihren Anzug zu ordnen, als - sie noch etwas anderes im Spiegel
sah.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                             Der Sturm bricht los.
Eine Tür ging auf, und ein junger Mann trat ein. Sein wild schönes Auge, trüb
und wüst, wie eines Trunkenen, der eben aus dem Schlaf erwacht, die Haare
verstört. Die Halsbinde hing ungeknotet über die Weste, den Rock hatte er nicht
nötig gefunden, anzuziehen. Er blieb auf der Schwelle stehen, und reckte die
Arme, um den Schlaf zu vertreiben.
    Dies Bild sah Adelheid im Spiegel. Sie blieb atemlos stehen.
    Jetzt sah er sie; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit, ihr Gesicht im
Glase. Sein Auge belebte sich, es schoss auch im Spiegel einen Blitz, vor dem sie
erschrak.
    »Was habt Ihr denn da für eine neue Tugend!«
    Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten, und ehe Adelheid
ausweichen konnte, hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen:
»Tugend, ich will Dir ins Gesicht sehen!«
    »Louis, Du wirst -! Um Gottes Willen, Louis! sie ist nicht von hier!« hatte
Jülli geschrieen, und riss vergebens an seinem Arm. »Eure Larven kenn' ich.« Im
selben Augenblick war die andere Tür aufgeflogen, die Obristin hereingestürzt.
Ihre sonst so gutmütigen Augen funkelten: »Der wieder da! O, das musste noch
kommen! Für einen verlorenen Sohn ist Die zu gut! Reisst sie dem Trunkenbold aus
den Armen!« Es wäre nicht unmöglich gewesen, dass sie mit ihren Fingern einen
Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht, wenn nicht Adelheid sich
jetzt rasch umgewandt, die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen
hätte und gerufen: »Mein Herr! So sehe ich aus.«
    Es war etwas Ueberwältigendes in dem Blicke der äussersten Entrüstung, was
man nicht vergisst, im Tone der Stimme ein Metall, das Keiner bis da gehört; es
tönte durch das Zimmer und in den nächsten Sekunden hörte man nichts anderes.
    Er hatte sie unwillkürlich losgelassen. Sie standen nicht einen Schritt von
einander, und ihre Blicke begegneten sich. Sie wollte sprechen, aber die Stimme
versagte ihr. Tränen wären eine Wohltat geworden, es überstürzte sie nur eine
krankhafte Hitze, der sogleich eine fieberhafte Kälte folgte. Sie wandte den
Kopf ab, bedeckte das Gesicht, und, ein Schrei der gepressten Brust, stürzten
die Worte heraus: »O, mein Gott, wo bin ich hingeraten! Was ist das mit mir!«
    Sie wankte; aber sie schauderte vor der Obristin, die sie auffangen wollte,
sie tappte mit aufgehobenen Armen, als der junge Mann eine Bewegung machte,
war's, seine Beute wieder zu ergreifen, war's, der Ohnmächtigen beizustehen.
Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes der ein: »Halt, mein Herr!« ihm
entgegen rief, veränderte die Scene.
    Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem, vornehmem Anstande. In seinem
blassen, ausdrucksvollen Gesicht, in dem man einen Philosophen, Staatsmann,
wenigstens einen Denker erkennen mögen, brannten auch zwei dunkle Augen, nicht
gross, aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes, der in ihnen glühte. Ein
Mann von mittleren Jahren, der aber durch die Entrüstung, den Stolz seiner
Haltung, die Elasticität der Bewegung, um vieles jünger schien. Es war ohne
Zweifel das bedeutendste, ausdruckvollste Gesicht im Zimmer, vielleicht, was man
überhaupt in diesen Räumen gesehen, ein Mann, in dem jeder Muskelzug, jede
Bewegung die Weltkenntnis und Erfahrung ausdrückten und ein Mann, der geboren
schien, um zu imponiren. Den leichten Umwurfmantel, mit dem er ins Zimmer
getreten, hatte er schon an der Türe abgeworfen und stand im schwarzen
Civilkostüm dem Andern gegenüber.
    Auf dem Gesichte dieses Jüngern, dem die Leidenschaften viele Falten
eingedrückt hatten, suchte man indes umsonst nach einem Zuge, der eine
Inklination verriet, sich imponiren zu lassen. Mit einem verächtlichen
Achselzucken: »Das geht Sie nichts an! Die Dame ist ohnmächtig!« wollte er an
ihm vorüber. Ein: »Elender zurück!« donnerte ihm entgegen. »Ihr Arm darf die
Unschuld nicht berühren.« Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen
Mannes gefasst, als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet. Ein
fürchterlicher Blick des Jüngeren, während seine Arme krampfhaft zitterten,
sagte dem Kavalier, was er im nächsten Moment erwarten konnte, wenn er nicht
zuvor kam. Louis war unzweifelhaft der Stärkere, aber er war in einer
ungünstigen Stellung, des Angriffs nicht gewärtig, noch vom wüsten Traumschlaf
ermattet. Der Kavalier war auf einen Angriff gefasst eingetreten, wahrscheinlich
ein gewandter Fechter, der die Schwäche des Gegners zu nutzen weiss. Ihn kurz an
sich ziehend, warf er ihn mit einem heftigen Stoss zurück: »Schlafen Sie Ihren
Rausch aus!«
    Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl; doch so heftig gegen die
Lehne geschleudert, dass er einen Moment besinnungslos blieb. Ein fürchterlicher
Moment. Heulen, Schreien, Lärm jeder Art.
    Es polterte von oben, es stürmte die Treppen herauf, Leute waren
eingedrungen ins Haus, schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer. Als
Adelheid, an die Wand gelehnt, ihre Besinnung zurückkam, hatte auch der junge
Mann sie wieder gewonnen. Es war der entsetzlichste Blick, den sie gesehen, eine
Basiliskenblick, die Zornader glühte auf seiner Stirn und die Brust hob sich wie
eine Meereswelle, als er aufsprang und nach einer Waffe griff. »Mord!«
»Todtschlag!« »Polizei!« - »Blut!« schrieen verwirrte Stimmen. Dem Stuhle, den
der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang, hätte der Galanteriedegen, den
der Andere rasch gezogen, nicht parirt. Aber die Obristin fasste nach dem
Stuhlbein, als der Degen schon mit einem gefährlichen Parirstoss nach der Brust
zückte. Jülli sah die Spitze funkeln, sie hing an Louis Brust, sie umklammerte
seinen Hals, ein Schild, das ihn schützte, aber ihm die freie Bewegung raubte:
»Louis, nicht Dein Blut!« Der Stoss des nur zur Verteidigung gezückten Degens
hätte tödtlich werden können, wo der Feind in blinder Wut sich auf den Gegner
gestürzt hatte, als Adelheid dem Kavalier in die Arme fiel: »Um Gottes, um
Gottes Barmherzigkeit willen, kein Blut um mich!«
    Es war alles das Werk eines Momentes. Die Degenspitze hatte Jülli's Schulter
gesteift; es rieselte rot von ihrem Nacken. Im selben Augenblicke trennte ein
dritter Fremder die Kämpfer. »Auch Mord und Blut in diesem Sündenhaus!« Des
Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen, er hob die zitternden Arme gegen die
Obristin; er drohte ihr, aber die Stimme schien auch ihm zu versagen. Er griff
in die Tasche und warf ihr eine kleine Börse zu Füssen: »Weib, mach' Dich bezahlt
mit meinem Sparpfennig.«
    Der Lärm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen. Den
Pöbel kitzelte die wilde Luft, hier die Nemesis zu spielen, zerstören zu können.
Die Träger der Effekten des Predigers, die er in aller Hast hinunterschaffen
liess, fanden auf Treppen und Türen kaum Durchweg; man wollte untersuchen, ob
nichts Verdächtiges damit entschlüpfe. Rohe Witzworte begleiteten diese
Improvisation. Noch ärgere Invektiven schallten von der Strasse, denn das Gerücht
von dem, was im Hause sich zugetragen, wuchs natürlich je entfernter man davon
stand. Die Schwadronen zogen ab, und das von den Blasinstrumenten angestimmte
Lied: »Ach, du lieber Augustin!« dröhnte als Parodie durch das Getöse. Da hatte
die Obristin, die nicht nach dem Geldbeutel griff, denn sie sah, es war hier
mehr verspielt, eine unbeschreibliche Wut ergriffen. Die Larve der Sanftmut
und Gleisnerei war abgefallen, die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich
herausgekehrt und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zähne suchten nach
einem Gegenstand der Rache. Sie hatte ihn gefunden. Den Geistlichen hatte sie
mit dem Ellnbogen und einem Schimpfwort bei Seite geschoben, die »Natterbrut an
ihrem Busen,« die ihr so mit Undank gelohnt, die den Störenfried versteckt,
sollte es entgelten. Aber stand der nicht selbst vor ihr, der all das Unglück
angerichtet, - mit seinen bösen, schönen Augen? Sprach sie's aus, oder sah sie's
an ihren gespitzten Fingern, an den gehobenen Armen, die Hyäne auf dem Sprunge?
Jülli's Augen funkelten auch dämonisch: »An seinen schönen Augen Deine Hand, Du
schändlich Weib! Erst über meinen Leib, den zertritt nun vollends!«
    »Die Weiber bringen sich um!« schrie es. »Polizei!« Schon arbeitete der
Kommissar sich durch die Tür. Das Weib hatte das Mädchen an der Schulter
gepackt, wo der Degen gestreift. Das Mädchen stiess einen Schmerzensschrei aus
und sank ohnmächtig nieder, während von hinten eine andere Megäre die Wütende
umklammerte. Auch hier eine abgefallene Larve, auch hier die lang verhaltene
Wut einer gemeinen Natur, die keine Rücksichten mehr kennt!
    Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezückten Degen, er hatte ihn
eingesteckt, auch der geschwungene Sessel war längst aus Louis' Händen zu Boden
gefallen; er sass, zurückgesunken in einem Stuhl und starrte, Todtenblässe im
Gesicht, auf das zu seinen Füssen liegende Mädchen, seine Lebensretterin. Der
Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber, eine blutbedeckte Hand von der
zusammenschnürenden Umarmung einer Wütenden in die Luft gestreckt. Mit
kräftigem Arm, mit dem Griff des Säbels, der unsanft auf ihre Schultern fuhr,
riss er sie auseinander. Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und
Karolinen. Indem sein Blick umherstreifte, nach den übrigen Komplicen zu suchen,
fiel er zunächst auf Adelheid. Sie war, von Mitleid fortgerissen, neben der
Verwundeten hingekniet; aus dem natürlichen Impuls sich den Blicken zu
verbergen, beugte sie sich tiefer über das unglückliche Mädchen als nötig war,
in dem Augenblick vielleicht das glücklichere; sie wusste ja nicht, was um sie
vorging. Auch Adelheid wusste es kaum, als die rauhe Hand des Kommissars sie
aufriss: »Aufgestanden! Marsch!« - »Sie ist unschuldig!« rief eine Stimme. - »Da
den Beweis ihrer Unschuld!« sagte der Kommissar, und zeigte Adelheids Hand, auch
sie blutig von der Berührung. »Auf der Wache wird sich alles herausfinden, mein
schönes Kind. Einstweilen mitgefangen, mitgehangen.« - »Sie ist unschuldig!«
schrie Louis, aus seinem Starrsinn erwachend. Er war aufgesprungen. Der Beamte
sah ihn mit einem höhnischen Blicke an: »Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird,
ist Zeit für sie zu sprechen. Oder sind Sie etwa auch unschuldig? Die Person
hier auf eine Trage, und vorsichtig! Auf der Wache wollen wir untersuchen, wo
sie hin muss.«
    Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelächter in Adelheids Herz. An wen
sich wenden! Sie hatte keinen Freund, keinen Bekannten hier. Der Kammerherr war
verschwunden. Sollte sie das Weib anrufen, das jetzt noch kochte, und, grimmige
Blicke mit dem andern Mädchen tauschend, von neuen Tätlichkeiten nur durch die
Wache abgehalten ward? Und was hätte deren Zeugnis in dieser Lage ihr geholfen?
Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen?
    Der Retter stand aber schon vor ihr: »Diese Dame ist an den Auftritten hier
so unbeteiligt als ich selbst,« rief der Fremde; und schon sein Kostüm und
Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor, dass er unmerklich
Adelheids Arm losliess. »Ich bin der Legationsrat, Kammerherr von Wandel aus
Türingen. Auf der Rückkehr von der Tafel Seiner Königlichen Hoheit führte mich
der Zufall, ich meine der Spektakel, in dies Haus, und ich kam glücklicherweise
noch zu rechter Zeit, um dies junge Mädchen vor Beleidigungen zu retten, über
die ich, wenn es erfordert wird, Zeugnis ablegen kann. Ich verbürge mich für den
unbescholtenen Ruf der Dame, deren Name und Familie mir bekannt sind, und die
nur der Zufall oder die Bosheit hierher locken konnte. Diesem würdigen
Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen. Dass sie keinen
Teil an den Excessen dieser Personen da hat, brauche ich kaum auszusprechen;
das Blut an ihrer Hand rührt, wie Sie sehen, von der liebreichen Pflege, die sie
jenem armen Geschöpfe angedeihen liess.«
    Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden, nachdem dieser
ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflüstert hatte: »Diese Demoiselle kann
demnächst auf Bürgschaft des Herrn Legationsrats entlassen werden.«
    »Und ich ersuche Sie, mein Herr Prediger,« wandte sich der Legationsrat an
den durch das Gedränge noch immer festgehaltenen Geistlichen, »das junge Mädchen
unter dem Geleit Ihrer Töchter aus diesem Hause zu bringen. Sie bedarf eines
weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitäten, die Begleitung eines
Mannes, wer es auch sei, würde sie nur anlocken.«
    »Bleiben Sie mir vom Leibe! Soll ich noch von der Brut mir anhängen, wo ich
kaum weiss, wie ich mit meinen unschuldigen Töchtern ohne Insulten davon komme?«
    Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewiss zur Entschuldigung,
wenn er jetzt so hart erschien, als er früher leichtgläubig gewesen. Auch die
Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen, denn man zischelte sich zu
oder sagte es vielmehr ganz laut: »Die Hübscheste wird losgerissen von dem
vornehmen Herrn.« »Das weiss man schon, an wem nichts mehr zu verlieren ist, den
lässt man dem Galgen.«
    Der Polizeikommissar, der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht, wies auf
Louis: »Wollen Herr Legationsrat auch etwa für diesen jungen Herrn bürgen?«
    »Mich dünkt, sein Zustand bürgt für ihn,« sagte Wandel. »Wenn er ernüchtert
ist, wird er selbst am besten Rechenschaft geben, welche Motive ihn in dies Haus
geführt. Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprüche an den Sohn des Herrn -«,
er flüsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten, »sollte der Herr
Forderungen an mich haben, so ist ihm meine Adresse bekannt,« setzte er scharf
betonend mit einem eben so scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu.
    »Demoiselle,« sagte er dann, Adelheid seinen Arm bietend, »da sich kein
anderer Ritter findet, müssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen. Platz!« Die
Menge machte ihn. Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkürlich zurück. »Sie mögen
sich entfernen, Herr von Bovillard,« hatte der Komissar diesem zugeflüstert,
indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notirte. »Doch erst
nachher, wenn die Menge sich verläuft. Sie verdanken diese Berücksichtigung dem
Zeugnis des Herrn Legationsrat; Sie werden selbst am besten wissen, dass die
Polizei andere über Sie hat.« Der junge Mann stand aufgerichtet, wie eine
Bildsäule, regungslos; seine Hand wühlte krampfhaft in der Brust, nur die Augen
schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter, dessen Ausdruck sich nicht
beschreiben lässt. Es war nicht mehr das Feuer des Zornes, nicht das Aufprasseln
eines Brandes, der seinen Höhepunkt erreicht, es war die Glut des Hasses, die
still fortlodert, weil sie unerschöpflichen Stoff unter der Asche gefunden. Und
doch zuckte dies stiere Auge, als es dem des jungen Mädchens begegnete, und
senkte unwillkürlich die Augenlider.
    »Eilen Sie!« rief ihr Begleiter. »Draussen ist frische Luft.« Sie schwankte
an seinem Arm, als er sie durch die Tür gerissen.
    »Nur einen - einen Augenblick nur!« - stöhnte sie im Vorzimmer. »O Gott,
mein Vater, meine Mutter!« Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken. Der
Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzfläschchen aus der Tasche gezogen und
tupfte, vorsichtig Tropfen davon auf den Finger giessend, über ihre Stirn. Die
Vorübergehenden machten ihre Glossen, es waren keine freundlichen. Ein Glück für
die Ohnmächtige, dass sie nichts davon hörte. Ihr Begleiter hörte und verstand
sie. Aber keine Miene, kein Blick verriet ein innere Bewegung.
    Er betrachtete die Ohnmächtige wie der Kenner ein Bildwerk. Als das Zimmer
zufällig leer war, lüftete er vorsichtig das Tuch, das sie um sich geschlungen:
»In der Tat ein Prachtwerk der Schöpferin. Fast zu schön, um es zu
verschwenden, setzte er hinzu. Und doch, wenn wir es nicht verschwendeten, nicht
mehr wert, als eine Mumie in einer Raritätensammlung.«
    Erst die Tropfen aus dem letzten Fläschchen, die er noch behutsamer
anwandte, brachten die Wirkung, die er beabsichtigt, hervor. Es musste eine sehr
starke, gefährliche Essenz sein, denn nur, nachdem er verdriesslich nach der Uhr
und der Sonne gesehen, und die Schläferin, ohne dass sie erwachte, stark am Arm
gerüttelt, hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stöpsel gelüftet. Sie war
erwacht, aber ihre Augen, ihr Atmen, ihr Lächeln, bald auch ihre Sprache,
zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven, die der Retter nicht beabsichtigt
hatte. Sie erhob sich und sprach in Extase. Es war das schöne Metall der Stimme,
das vorhin fast berauschend ins Ohr der Zuhörer geklungen; aber hier nicht ein
schneidender Laut der Todtenglocke, es klang und wogte melodischer, wie ein
Lobgesang, als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach, ihn versichernd, es werde
alles gelingen, alles gut werden, er sollte nicht sorgen. Sie sprach sehr
schnell. Der Legationsrat kniff sich ängstlich in die Lippen, als sie
Schiller'sche Verse recitirte, von der Tugend, die kein leerer Wahn, von der
Welt, die das Strahlende zu schwärzen liebe, aber die edlen Herzen schlügen
überall, auch im Hause des Verderbens. O wie würde sich ihr herrlicher Lehrer
freuen, welch ein Triumph für ihn, dass sein Wort in Erfüllung gehe: nur durch
die Leiden, die grossen Leiden, entwickele sich die Seele. Und wie erst würde ihr
Vater sich freuen, wie sehne sie sich, ihm in die Arme zu sinken. Da, da! - sie
zeigte ans Fenster. Die Türme auf dem Gensd'armenmarkt glühten in der
Abendsonne, in jener wunderbaren Pracht, wie sie ein kalter nordischer
Abendhimmel zuweilen auf die Dächer und Spitzen höherer Gebäude ausgiesst; die
gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner, dass diese
schöne Röte kein Vorbote eines schönes Tages sei. »Mein Vater sieht sie auch
aus seinem Fenster, er freut sich, und er darf sich freuen, denn bald werde ich
auch in seine Arme stürzen, rot von dieser Sonne angeleuchtet.«
    »Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch, Mademoiselle. Sie sind erhitzt, und es
ist sehr kühl draussen geworden.« Das Gewitter, das sich auswärts entladen, hatte
eine empfindliche Kälte verursacht.
    »In dies Tuch!« rief Adelheid, als der Legationsrat bemüht war, den
seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen. Sie riss es hastig ab und schleuderte
es in den Winkel. »Es ist nicht meines.« Sie schauderte. »Fort, fort, nach
Hause!«
    »Unmöglich, Demoiselle! Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu. Wenn
das Tuch nicht Ihnen gehört, schicken wir es sogleich zurück. Nur bis ich Sie zu
Ihrem Vater gebracht.«
    »Mein Vater soll das Netz nicht sehen, worin sie seine Tochter fangen
wollten.« Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm. »Mich friert, aber nur hier.
Gewiss nur hier, da draussen ist es warm.«
    Auch den Legationsrat fröstelte. Er konnte die Retterrolle, die er
übernommen, bereuen. Die entschlossenen Züge seines Gesichts schienen dem zu
widersprechen. Aber seine Lage war eine kitzliche für einen vornehmen Mann, dem
der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht. Oeffentlich aus diesem
Hause eine Dame zu führen, deren aufgeregter, halb verwildeter Zustand den
Vermutungen, die sich von selbst machten, nur zu sehr Tor und Tür bot. »Sie
ist ja offenbar betrunken,« musste er im Vorbeigehen hören. »Die Schminke eben
abgewischt,« sagte ein Anderer. »Und in der Windfahne auf offener Strasse!«
    Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels, es waren die Urteile ruhiger
Bürger. Es waren dieselben Personen, welche vorhin den Prediger und seine
Töchter vor den Insulten der Buben geschützt. Denn diesen Landmädchen sähe man
es ja an, dass sie nicht in das Haus gehörten, aber es sei doch eine Verhöhnung
alles Anstandes, wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne
ohne Scham und Scheu auf offener Strasse sich zeigt. So etwas sei selbst zu den
schlimmsten Zeiten der Lichtenau'schen Wirtschaft nicht vorgekommen.
    Zum Glück hörte davon Adelheid nichts. Der Legationsrat hörte Alles, aber
keine Miene verriet es. Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd, die
Gassenbuben liefen ihm höhnend nach. Er schwieg auch da, er beschleunigte nicht
einmal seine Schritte. Er suchte nur nach etwas, vielleicht nach einem
Bekannten, nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen, es gab deren in
Berlin noch nicht. »Wissen Sie die Wohnung meines Vaters?« fragte Adelheid. »Ich
weiss sie.« Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine
Schritte. Als Adelheid ihn daran erinnern wollte, trat er an eine offene
Kutsche, welche in der Querstrasse vorüberfuhr, und gab dem Kutscher ein Zeichen
zum Halten, zum grossen Befremden der Dame, welche darin sass; zu ihrem noch
grösseren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der
Menschenfreundlichkeit. Er nannte seinen Namen. Eine leichte Röte überflog die
blassen Wangen der Geheimrätin Lupinus. Sie neigte sich anmutig über den
Wagenschlag, sein Anliegen zu hören.
    »Erlauben Sie, dass ich französisch spreche,« sagte er, »wegen der Zuhörer.«
Es blieb zweifelhaft, ob er die Gassenbevölkerung meinte, die sich schon um den
Wagen drängte, oder Adelheid, die noch an seinem Arm hing. In einer fliessenden
kurzen Darstellung mit einem Accent, in welchem die Geheimrätin den Pariser zu
erkennen glaubte, erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause ohne alle
Personen, die darin verwickelt waren, zu nennen, und den wahrscheinlichen Grund,
wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt. »Sie sehen,
Madame,« schloss er, »die schreckliche Lage, in welche eine Verkettung von
Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat. Wenn es mir auch dort mit
meinem Degen gelang, sie vor der Brutalität zu schützen, so ist der Stahl doch
eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermutungen und die aufgeregte
Populace hier. Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hülfe an. Meine Bitte, sie in Ihrem
Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern, ist nur der geringste Teil
meines Anliegens. Die Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen
Akt der Anerkennung. Wenn Sie sich entschliessen könnten, sie hier öffentlich zu
embrassiren, so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Strassenpublikum retablirt.
Denn wer kann zweifeln, wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimrätin Lupinus sie
dieser Auszeichnung wert hält.«
    Die Geheimrätin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt. Sie
fragte leise übergebeugt: »Wer ist ist eigentlich die junge Person, ich hörte
den Namen nicht deutlich.« - Der Name des Kriegsrats mochte der Geheimrätin
eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein. Aber sie stiess plötzlich den Schlag
auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen, welches der
Legationsrat rasch hineinhob.
    »Meine werteste Demoiselle, mein liebes Kind, wie konnte ich auch nicht
gleich die Tochter meines Freundes, des wackeren Kriegsrats erkennen! Das ist
ja abscheulich, dass Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntniss hat und sich in das
Haus verirren musste! Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen, ach und wie
echauffirt! Johann, schnell den Mantel aus dem Kasten! Ich hoffe, das wird nicht
von üblen Folgen sein. Wie sie zittert! - Herr von Wandel, es gibt eine Justiz
hier und einen König, der solchen Affront, einer achtungswerten Familie
angetan, strafen wird.«
    »Dessen bin ich gewiss!« rief der Legationsrat seinen Hut abziehend.
    »Mein Gott, Sie steigen doch auch ein?«
    »Meine Gegenwart könnte stören.«
    »Wie das? Wer verdient wie Sie den Dank des erfreuten Vaters entgegen zu
nehmen? O rasch ein, dass ich das Vergnügen habe, dem Manne den Wohltäter, den
Retter seines Kindes zu präsentiren.«
    »Erlauben Sie mir, ich bitte inständigst darum, Ihre gütige Einladung
ablehnen zu dürfen. Es gibt Erörterungen, welche das Gefühl verwunden; die
Wunde wird schmerzlicher, wenn ein fremder Mann sich in das Heiligtum des
Familienkreises drängt. Vermutungen könnten aufsteigen, die, so empörend sie
klingen, doch immer ihr Recht verlangen. Den Dank, ach, mein Gott wer denkt in
dieser Welt an Dank! - Es ist Ihr Schützling jetzt, tragen Sie das ganze
Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme über, und, wenn es anginge,
verschweigen Sie meinen Namen. Ich übte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers,
weiter nichts, Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die blosse
Bitte eines Ihnen fremden Mannes. Vergönnen Sie ihm nur, dieser Tage seine
Aufwartung zu machen, um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schützlings zu
erkundigen.«
    »Ein Mann von seltener Delikatesse,« sagte die Geheimrätin, nachdem er sich
beurlaubt. Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt. Sie sass wieder
sprachlos, in sich versunken, und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu
schütteln an. Der Kutscher erhielt den Auftrag rasch zu fahren.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                          Abällino, der grosse Bandit.
Als die Polizei die Türen der Wohnung verschlossen hatte, war manches in
derselben nicht mehr, wie es vorher gewesen. Die Volksjustiz hatte geglaubt,
auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen. Die Polizei
hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt, um ihren ungebetenen Helfershelfern
überall auf die Finger sehen zu können, und diesem Umstand darf man es
zuschreiben, dass, als sie die Wohnung räumte, eine Person, ganz von ihr
übersehen, zurückgeblieben war.
    Die Hände fest auf die Stirn gespannt, den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt,
sass, ob schlafend, träumend, in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken, wir
wissen es nicht, der junge Bovillard. Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken. Er
sprang auf. Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle, wo der Legationsrat
zuletzt stand, wo er seinen Blick aushalten musste, und mehr als das, wo der
Mann, der ihn tödtlich beleidigt, als sein Fürsprecher auftrat. Ihm verdankte er
seine Freiheit und - doch hätte er eine Wollust darin empfunden, wenn er mit
seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren, wenn er ihn erwürgen können. Den Arm mit
der geballten Faust streckte er aus - zum Zweikampf mit einem Luftbilde? Aber
indem er ihm in dem Augenblick einen tödtlichen Hass schwur, übergoss ihn die
Röte der Scham. Wie Vielen hätte er den Todhass schwören müssen, die alle Zeugen
seiner Beschämung gewesen! Noch eine andere Erinnerung stieg auf, er drückte mit
der Faust gegen die Stirn und atmete schwer. Dann suchte sein Auge an der Wand
drüben, nach der Tür, durch welche Adelheid fortgeführt ward. »Und von dem
Schuft!« Es war das erste laute Wort, und der Schall schien die neckischen
Geister zu wecken, die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten.
    Im letzten Sonnenstrahl, der durch die oberen Scheiben drang, wirbelte der
dichte Staub, der sich noch immer nicht gesetzt hatte. Es schwirrte in der Luft
von Fasern und Federn, die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern, der
Spiegel war zerschlagen, Stühle und Tische umgestürzt, den weiblichen Figuren
auf den Gemälden hatte man mit Kohle grosse Bärte angemalt. Er stiess die Tür
auf. Im Vorzimmer war es still und leer. Schien er doch zu suchen, ob nicht
Jemand wie er zurückgeblieben wäre, ob er nicht vielleicht ein stilles
Schluchzen höre? Es waren die Tauben auf dem Dache. Er sah sich noch ein Mal um,
ehe er die Wohnung verlasse, und aus dem gebrochenen Spiegel grüsste ihn sein
Bild, ihn daran erinnernd, dass er so auf der Strasse sich nicht zeigen dürfe. Er
ging nach dem Seitenzimmer zurück, seinen Rock zu holen. Die Luft wimmelte wie
von Schneeflocken. Von der Zugluft, welche die aufgestossene Tür verursachte,
wirbelten die Federn aus den Betten, welche sie in mutwilliger Zerstörungslust
aufgeschnitten. Vergebens suchte er nach Rock und Hut. Sie waren verschwunden,
gestohlen. Fort aus dieser Höhle der Verwüstung! Die ihm wohlbekannte Hintertür
war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Er eilte zurück nach dem Vorzimmer, auch
diese Tür war zu; er war eingeschlossen. Sollte er Lärm machen? Nach so vielem
Lärm? Er hatte keinen Grund die Trommel des Aufruhrs zu rühren.
    Indem er noch, unschlüssig was er solle, aufmerksam beobachtend umher ging,
fiel sein Auge auf einen Kamin, der nach alter Art in einen weiten, aber nur
kurzen Schornstein führte. Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden, dass die
heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde, wenn es
stark wehte, selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier
getrieben wurden.
    Indem er den Kamin untersuchen wollte, ob von da vielleicht ein Ausgang zu
entdecken wäre, entdeckte er etwas, was er nicht erwartet, einen Stock und zwei
Beine, die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten. Als er sie ergriff,
stiess eine Stimme, die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte, einen Angstschrei
aus, er zog einen vollständigen Menschen herunter, weit vollständiger und
anständiger gekleidet als er, gefärbt wie er, nur nicht weiss vom Federstaub,
sondern schwarz vom Russ.
    »Ach Sie, Bovillard,« sagte der Geschwärzte aufatmend, »Gott sei Dank! Ich
glaubte es wäre der Polizeikommissar.«
    »Ich freue mich auch ungemein, gerade den Herrn von St. Real zu begrüssen.
Wie befinden sich Herr Kammerherr? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich
zu meinem Bedauern ans Bette.«
    »Sie sehen, ich bin wieder passabel hergestellt.«
    »Ja, wer schon gymnastische Uebungen machen kann! Aber im Schornstein ist
das doch etwas unbequem. Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium, ein
Herr Jahn, der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben. Wie ich höre,
beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere
des Menschengeschlechts. Da sollten Sie sich melden, bester Kammerherr!«
    »Pestilenz! Wo kommen Sie her, Bovillard?« rief der Kammerherr, sich
schüttelnd.
    »Von einem Dejeuner bei Dallach. Ich versichere Sie, Kammerherr, der Mann
perfektionirt sich. Austern, wie frisch aus der See, ein Caviar, und ein
Burgunder, der Minister kann ihn nicht besser haben. Schade, dass Ihr Podagra den
Burgunder, oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt. Wir vertrugen uns
vortrefflich, lauter Freunde einer Gesinnung, alles Verehrer der Schick. Nein,
sie hat doch eine Stimme, darüber geht nichts!«
    »Ihre Stimme in Ehren, aber Ihre, Bovillard, war mir lieber. Wenn der
verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte, bis ich erstickt war!«
    »Kommen Sie von oben da her, Kammerherr? Oder wollten Sie oben hinaus?«
    »Ich war hierhergeraten, ich weiss noch nicht wie.«
    »Vermutlich wie ich.«
    »Damit der Rotkragen mich nicht finde, kroch ich in der ersten Bestürzung
da hinein. Nun aber, teuerster Mann, können Sie mir nicht gelegener kommen. Ich
habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit.«
    »Ich gleichfalls.«
    »Schaffen Sie mir meinen Wagen, versteht sich, dort um die Ecke. Ich hoffe,
der Kerl wird sich von selbst retirirt haben, als der Skandal los ging. Dann
rekognosciren Sie etwas Luft und Terrain.«
    »Mit dem grössten Vergnügen.«
    »Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen, rechnen Sie auf meine
Bereitwilligkeit. Liebster, junger Mann, wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen
schenkten, hoffe ich gewiss, die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen.«
    »Nichts von Frieden, ich will Krieg. Sie haben hier gelauscht, Sie erfuhren,
Sie wissen Alles, hätten Sie etwas vergessen, will ich Sie daran erinnern. Dem
Herrn von Wandelstern, oder wie er heisst, will ich den Hals umdrehen, natürlich
ganz in legaler Weise, durch Pistolen oder Stichdegen, wie es ihm mehr Vergnügen
macht. Sie sollen mein Cartellträger sein. Die Sache eilt, weil man so etwas
leicht vergisst; und auf der Stelle, wenn Sie los sind, ersuche ich Sie, in
eigener Person zu ihm zu fahren, meine Herausforderung zu bringen und das
Nötige mit ihm abzumachen.«
    St. Real sah etwas verblüfft den Andern an und wollte seine Hand fassen:
»Liebster, junger Mann, um solche Kleinigkeiten -«
    »Da ist nun der Geschmack verschieden, Herr Kammerherr, ich behandle das
Kleine gross, Andre das Grosse klein. Da muss man Jeden seinem penchant
überlassen.«
    »Mein Gott, teuerster Freund, bei solcher Art von Konflikten muss man nicht
mit gefärbten Gläsern sehen. Wo nichts zu gewinnen, muss man nichts einsetzen.
Sie begreifen, dass gewiss Niemand von dem plaudern wird, was hier vorfiel. Unter
Kavalieren ist es eine stillschweigende Uebereinkunft, dass man an solchen Orten
sich nicht kennt. Die Person ist ja nun auch verschwunden, sie wird über die
Grenze geschafft. In ein paar Tagen, wie gesagt, ist der Vorfall vergessen und
verdampft wie ein Rausch. Stänkern Sie nicht darin, liebster, bester, junger
Mann.«
    »Die Person! Sie meinen die Frau Obristin Malchen. Das ist ja eine höchst
respektable Dame. Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion, die ihr nur Ehre
bringen kann.«
    »Liebenswürdiger Schäker! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel?«
    »Vermutlich ein eben so respektabler Herr, wie Ihre Freundin.«
    »Teuerster Bovillard, Sie irren sich. Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn
Vaters; ich versichere Sie, einer der feinsten Köpfe, ein Mann der Wissenschaft,
ein Gelehrter, ein Mann von stupenden Kenntnissen, ein Diplomat und von den
liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie müssen sich kennen lernen. O, Sie werden es
mir danken. Und dabei ein Gemüt wie ein Kind, unwiderstehlich bei den Damen.
Ich sage Ihnen, Sie werden Freunde werden, wenn ich Sie bei ihm einführe, Sie
werden sehen, er hat Alles vergessen.«
    »Ich nicht, mein Herr!« trumpfte Bovillard. »Entweder, oder - Wollen Sie
nicht?«
    »Sein Sie überzeugt, ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus.«
    Der Jüngere eilte ans Fenster, um es aufzureissen.
    »Bovillard! Was wollen Sie tun?«
    »Die Polizei rufen. Wissen Sie nicht, dass wir eingeschlossen sind? In dem
leeren Nest habe ich nicht Lust die Nacht zu verbringen.«
    »Sind Sie rasend! Man würde -«
    »Uns auf die Wache bringen. Ganz in der Ordnung. Wer bei einbrechender Nacht
in einem verdächtigen Orte betroffen wird, und sich nicht ausweisen kann, dass er
dahin gehört, wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht. Das ist das erste
Erfordernis eines gesetzlichen Staates. Der Staat muss auch seine Ruhe haben, wie
jeder Mensch, wenn er schlafen will.«
    »Unsere Lage würde ja weit schlimmer.«
    »Unsre? Mein Herr, Sie bedenken nicht, welch ein Unterschied zwischen uns
ist. Sie haben einen guten Ruf zu verlieren, ich gar keinen. Denn einen
schlechten verliert man nicht, wenn man auf die Wache geschleppt wird. Sie
sehen, dass ich gar nichts dabei riskire.«
    Der Kammerherr hatte sich mit grosser Gewandteit zwischen Bovillard und das
Fenster gedrängt. »Wenn Sie denn absolut wollen! Ich will's arrangiren, aber -
er schiesst Ihnen - den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem
Kuchenreuter vom Zaune. Sie junger Hitzkopf, tun Sie's doch lieber nicht, 's
ist gegen mein Gewissen!«
    »Herr Kammerherr, Ihr Gewissen ist mir zu wert, Ihr Gewissen dürfen Sie
nicht dran setzen. Sie müssen es mit gutem Gewissen tun, sonst schreie ich
Polizei.«
    »Monsieur de Bovillard fils est un original. Ganz der Vater, nur in anderer
Manier. Sie sind beleidigt, Sie müssen Satisfaktion haben, ich sehe es ein. Mit
schwerem Herzen, aber - ich sehe es ein. Nun suchen Sie mir aber meinen Kutscher
auf.«
    »Ich sagte Ihnen ja, wir sind eingesperrt.«
    »Va-t-en! Was soll daraus werden! Wir müssen doch raus!«
    »Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten. Man erzählt
sich zwar, dass Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung
getan, woran er sein Leben lang denkt, indessen, dieser Abgrund ist keine
Treppe und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird, das überlass' ich Ihrem
Ermessen.«
    »Bovillard, bringen Sie mich nicht ausser mir.«
    »Wenn ich Sie ausser sich setzte, was könnte ich Ihnen jetzt besseres
antun?«
    »Schaffen Sie Rat. Ihr Genie hat etwas in petto.«
    »Vermutlich haben Sie schon untersucht, dass es durch den Schornstein nicht
geht. Indessen kommt Zeit, kommt Rat, nämlich Dunkelheit, und im Dunkeln findet
sich Manches besser, das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen. Aber Sie sind
müde, setzen Sie sich.«
    Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas
gesehen, was die Tumultuanten übersehen haben mussten, sonst würde man es
wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben, ein Fläschchen süssen Weins mit
Spitzgläsern, dahingestellt, um nach der Chokolade die Collation zu würzen. Er
langte den Schatz schnell herunter, von dem er, nachdem er ihn gekostet,
versicherte, es sei ein ächter Malaga, der ihnen eine wohltätige Wärme geben
werde.
    Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfnis. Er war sehr müde. Der kalte
Angstschweiss stand auf seiner Stirn.
    »Ausgetrunken! ein zweites Glas!«
    »In der Tat eine seltsame Situation!« Indessen er trank.
    »Warum seltsam! Ein Weltmann muss sich in alle Situationen finden. Tun Sie
ganz, als wären Sie zu Hause.«
    »Der Wein war doch nicht für uns bestimmt.«
    »Für mich nicht, aber für Sie.«
    »Man muss auch im Scherz ein Mass finden.«
    »Was Scherz! Das Nest ist leer, aber die Erinnerungen sind geblieben. Nicht
wahr, Kammerherr? Durch diese Dämmerung schweben die Grazien. Auf den Wirt!
Angestossen!«
    »Bovillard!«
    »Bester St. Real, wir sind ja unter uns! Reden wir denn zum profanum vulgus!
Auf den Höhen der Menschheit, wie der Dichter sie nennt, verlangt man auch
Freude, den schönen Götterfunken. Wer pour les menus plaisirs sorgt, ist ein
Wohltäter der höheren Menschheit. Oder sind Sie traurig, dass die rauhe Hand der
Wirklichkeit eingriff? Sehen Sie, ich bin Idealist; mich kümmert die Polizei
nicht. Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen, die süssen Erinnerungen und
Entzückungen, die Küsse und Rosen. Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein
Poetisches; nur das Geld darf nicht fehlen. Hätten Sie, Kammerherr, mit rechtem
Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen - nun, ich will dem Manne nichts
nachreden, er ist gewiss ein ausgezeichneter Staatsdiener - aber, aber wenn man
sich nur verständigen will, wird man verstanden.«
    »Le père tout craché. Aber gehen Sie mir mit Ihrer Poesie, ich habe mit der
Sache nichts zu tun.«
    »Sie lieben die Realitäten. Ich lebe nur in den Ideen, konstruire mir meine
Welt selbst. Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirtschaft drin, werde
ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert.«
    »Hüten Sie sich, aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu
werden.«
    »Kennen Sie den Dichter Dante?«
    »Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse, sage ich Ihnen, sie müssten denn
so allerliebste französische Verse machen, wie Ihr Herr Vater.«
    »Dante hat nur italienische Chansons gedichtet. Aber eins dieser
wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen, die Melodie ist reizend. Es fängt an:
Ah tutta l'Italia è un gran bordello!
    Da denk' ich immer an Sie, an alle Ihre Freunde, an dies ganze bezaubernde
Freundschafts-Liebes-Sippschaftswesen! Angestossen, Kammerherr,« schrie er auf,
»auf die grosse lustige Wirtschaft, wo Einer den Andern betrügt, eine Hand die
andere wäscht. Angestossen auf den Kleister und Firnis, der die Fäulnis
zusammenhält bis - angestossen!«
    Der Zitternde stiess mit dem Glas gegen die Flasche, die Bovillard auf einen
Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte, wo sie in tausend Stücke zerbrach.
»Bis dahin! Nicht wahr, - zu Wasser, bis er bricht, darin sind wir
einverstanden, wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt.«
    Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn, die er mit dem
andern Arm an seine Brust hielt: »Ja, mein teuerster Herr von St. Real, wenn
alle so verständig und gesetzt wären, wie wir Beide! Diese Tagesfliegen
schwärmen ums Licht, und wenn Einer sich verbrennt, lacht der Andere vergnügt,
dass es ihn traf. Wir aber sehen die Nacht, wir sehen, was hinter uns liegt, und
sehen, was vor uns kommt. A propos, was halten Sie denn von Napoleon?«
    »Sie belieben zu scherzen. Ein grosses Genie! Machen Sie, dass wir
fortkommen.«
    »Wie er aus Aegypten. Wissen Sie wie? - Er hat sich dem Teufel verschrieben;
in einer Pyramide war's, eine Nacht wie diese! Ja, ich habe auch meine
diplomatischen Mitteilungen. Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen, und
weiter nichts dafür gefordert, als seine Seele. Kammerherr denken Sie, wenn Sie
für solche Bagatell könnten Grossmogul werden!«
    »Das erzählen Sie mir alles weiter - aber nachher.«
    »Ein einziges Hindernis nur muss er forträumen - die Gruft in Potsdam. Darum
- Sie verstehen mich. - Nun bitte ich Sie aber, als einen vernünftigen Mann, ist
das ein so unübersteigliches Hindernis? Braucht es eines Krieges um einen
Leichnam? - Denn Sie werden mir wieder zugeben, es ist jetzt nur noch ein
Leichnam. Sollen wir um point d'honneur so eigensinnig sein, darum Blut
vergiessen, einen Krieg anfangen, der sechszigtausend Menschen kosten kann, darum
das Wohl von Hunderttausenden, von Millionen auf's Spiel setzen? Unsere
Seehandlung, unsre Zuckerfiedereien, unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde?
Ich bitte Sie, Ruh' und Frieden unserer Bürger - was wirst die
Porzellanmanufaktur nicht ab: wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu
ihren Hochzeiten, wir haben ja schon die Meissner Fabrik überholt - das ist auch
ein Ehrenpunkt! Und unsere Gold- und Silberfabrik, und unser Pfandbriefsystem;
wir können ja Geld machen, so viel wir wollen, nur die Güter höher abgeschätzt,
als sie wert sind; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen
sogenannten Ehrenpunkt! Das fordern gewisse Menschen! Wissen Sie, was ich
glaube, dass der geheime Grund von Lombards Sendung ist? - Er soll versuchen, ob
Napoleon sich nicht abfinden lässt mit Friedrichs Rock und Hut. Ja, ich vermute
noch etwas. Besteht der Kaiser drauf, so geben wir auch die Krücke, aber das
wäre auch das Ultimatum - den Leichnam, nein, nimmermehr! Wenigstens für jetzt
nicht. - Bester Kammerherr, ich lese Ihre Gedanken, Sie wollen sagen, das sei
wieder nur ein halber Schritt, Napoleon würde doch nicht eher ruhen, bis er das
Ganze, bis er Friedrichs Sarg in Paris hat, und wir würden auch da nachgeben.
Möglich, aber liebster Mann, wahren Sie Ihre Zunge, wer spricht denn so was!
Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht: Halbes, immer Halbes! 'S ist richtig,
aber es ist nun mal so. Wer änderts: Zwei Halbes macht ein Ganzes. Erst geben
wir den Rock, und dann den Leib. Und wenn man mehr will, noch mehr, Seele und
Geist, wenn - wir noch davon haben. Ein guter Untertan, lieber St. Real findet
sich in Alles. Der liebe Gott wird's zum Guten fügen, und das Genie unserer
grossen Staatsmänner, und wir haben einen guten König; was will man mehr! A
propos, was halten Sie von unserm König?«
    Der Kammerherr, der sich schon zu besinnen anfing, ob nicht am Ende die Arme
der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären, stammelte etwas von seinem
grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät.
    »Das ist mir sehr lieb zu hören,« sagte Bovillard, »vielleicht wissen Sie
auch, warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind.«
    »Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Untertanen blicken könnten, würden
sie gewiss keinen Grund finden,« antwortete der Kammerherr, in der Angst des
seinen, die Hand auf die Brust drückend.
    Bovillard war um einen Kopf grösser, als der Kammerherr. Mit unterkreuzten
Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen, die durch die
Nacht glänzten, in sein Herz bohren zu wollen: »Es ist Manches faul im Lande
Preussen und Mancher, der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt,
ich sage es Ihnen im Vertrauen, ist ein Schurke. Im Lagerhause in der
Klosterstrasse wird das Soldatentuch gewebt. Schön und dicht sieht es aus und
blau, wenn der Appreturbügel darüber fuhr, aber die Witterung verträgt es nicht.
Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug, schrumpft es im Regen zusammen,
dass der Aermel dem Soldaten am Ellnbogen sitzt. Kann man jedem Soldaten einen
Regenschirm in die Hand geben? Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg führen?
Wissen Sie nun, warum wir keinen Krieg führen können? Wissen Sie nun, warum
Seine Majestät betrübt sind?«
    »Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu tun!« rief der
Kammerherr aus. »Ich bin kaum ein Mal in meinem Leben im Lagerhause gewesen.«
    »Sie haben mit andern Lieferungsgegenständen genug zu tun, ich weiss es.
Aber Vorsicht, lieber Kammerherr. Um Gottes Willen, was soll der Monarch sagen,
wenn er wieder von dieser Geschichte hört!«
    »Bovillard, liebster, bester Freund, Sie werden doch nicht!«
    »Ich nicht, aber Sie können sich doch leicht vorstellen, dass Andere ihm
davon sagen werden, was er wissen soll. Beim Frühstück, ehe er die letze Tasse
geleert, weiss er alles, was am vorigen Tage passirt ist. Und wenn alle Zeugen
vernommen sind, die Polizei kreuz und quer fragt und spionirt, Hergang, Wirkung,
Ursach, 's ist nichts so fein gesponnen, es kommt ans Licht der Sonnen. Liebster
Kammerherr, ich bin im Ernst um Sie besorgt. In diesen Angelegenheiten ist der
Monarch sehr irascibel.«
    »Wenn ich nur ganz gewiss sein könnte -« sagte gedehnt mit scharfem und
schüchternem Blick auf den Plagegeist der Kammerherr, - »von unsern Freunden
wird die Sache schon in dem rechten Licht vorgetragen werden.«
    Bovillard drückte ihn heftig an die Brust: »Wie Sie mich beruhigen!
Offenherzig gestanden, ich bedurfte dieser Beruhigung nicht, ich wollte Sie nur
auf die Probe stellen. Ein Tor, wer da sagt, dass die Tugend von der Erde
Abschied nahm. Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt, übt sie. Und Ihre
Freunde werden sie ebenfalls üben. O, ich möchte bei dem Vortrage sein, ob nun
ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt; wie sie weissbrennen werden,
was schwarz ist, und vielleicht anschwärzen, was weiss wie Schnee ist. Ja, so
beim Kaffee, so unter der Hand, gelegentlich hingeworfen, erfährt ein Fürst die
Wahrheit - von guten Freunden. Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock. Denn
wenn nach dem Hofe der officielle Vortrag kommt, muss er doch ergrimmt werden
über die falsche Darstellung. Er weiss es ja alles besser, er hat es alles wie
selbst erlebt. Wenn der Vortragende da erblasst, stockt, nicht vorbereitet ist,
keinen Zornableiter da zur Hand hat, dann wird es schlimm. Lassen Sie den
Kommissar opfern, mich, wenn es sei, retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande.
- Na nu wollen wir uns aber zusammen retten.«
    Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer, welches plötzlich
in seiner Hand blitzte: »Seien Sie ohne Sorge; nur im höchsten Notfall stosse
ich es Einem durch die Gurgel!« Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen.
Er musste schon vorher die Gelegenheit geprüft haben. In der alten Ausgangstür
des Vorzimmers war in der unteren Füllung eine Ritze, er vergrösserte sie durch
das Messer und lockerte die anderen Fugen bis er das Brecheisen hineinpassen
konnte. »Jetzt warten wir, bis ein Wagen vorüberrasselt, dann ein Krach und wir
haben ein Mauseloch. Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen,
Kammerherr?« - »Ich?« - »Versteht sich, nur wenn wir attrapirt werden. Der
Unterschied ist, wenn Sie es auf sich nehmen, ist es nur ein Ausbruch, Sie
können beweisen, dass Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören, ausserdem
sind Sie ein anständiger Mann, dem die Polizei auf's Wort glaubt. Wenn es aber
auf mich kommt, mir glaubt man nichts, ausserdem bin ich in Hemdsärmeln, die
Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen,
und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen, in Betracht dessen,
dass man Vieles in diesem Hause vermissen wird, was dazu gehörte, ich meine nicht
uns Beide, aber die gestohlenen Sachen.«
    »Bovillard, machen Sie keine Faxen! Wie werde ich denn einen Freund in der
Not verlassen!«
    »Aber nur der Tod ist umsonst. Was krieg' ich für meine Arbeit? Ich friere,
so kann ich mich nicht auf der Strasse sehen lassen. Leihen Sie mir Ihren Rock.«
    »Dann hab' ich ja keinen.«
    »Sie fahren in Ihrer Kutsche, ich gehe nach Hause.«
    Man einigte sich, dass Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte. Die
Freunde würden sich schon warm machen. »Was geht über eine echte Freundschaft!«
sagte Bovillard, hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das
weggeworfene Umschlagetuch entdeckt, das er jetzt ergriff, um sich damit, wie er
sagte, gegen die Kälte zu schützen, bis sie im Wagen sässen.
    Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Strassenpflaster, die Türe
krachte und Bovillard war hinaus. Als St. Real, auf den Knien heranrutschend,
den Kopf durch die Öffnung stecken wollte, drückte Jener das halbe Brett wieder
hinein: »Halt, so ist nicht gewettet. Was geben Sie Zoll?«
    »Bovillard, nur jetzt keine Possen.«
    »Es ist mein feierlicher Ernst. Ein Narr, wer eine vorteilhafte Situation
nicht nutzt.«
    »Sie haben geschworen, mich nicht zu verraten.«
    »Richtig! Und Ihren Kutscher zu avertiren. Weiter nichts. Ich klemme die
Füllung wieder ein - sehen Sie so - Sie können nicht aufstossen, denn ich stemme
hier das Eisen dagegen. Nun bedenken Sie, wenn morgen die Polizei öffnen lässt!«
    »Bovillard, Sie sollen meinen Rock haben.«
    »Pfui, es ist nicht Eigennutz.«
    »Meine Freundschaft! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der
Fürsprache bedürfen, Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können.«
    »Ich will nichts für mich, sage ich Ihnen ein für alle Mal. - Gehen Sie in
sich, St. Real, werfen Sie einen Blick zurück, auf Ihr äusseres, ach, auch auf
Ihr inneres Leben. Bedenken Sie, wie oft Sie die Gelegenheit versäumt, die sich
Ihnen darbot, Gutes zu tun, und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke
gefallen sind. Ach! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher? Legten Sie nicht
selbst Stricke, stellten Sie nicht Netze? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche
Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele? Ich höre
diese Anklagestimmen. St. Real, noch ist es nicht zu spät! Benutzen Sie
wenigstens diese Gelegenheit, hören Sie auf die Stimme und bessern sich. Ihr
Haar wird grau, Ihr Atem kurz, mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer;
Sie hinken, ach das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt, wenn das
Ziel das Grab ist. Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen, weit
sind die Pforten zur Hölle, aber eng die zum Himmel, wie dieses Loch. Geloben
Sie, St. Real, Sie wollen Ihr Dasein bessern, wie es Ihren Jahren, Ihrer Geburt,
Ihrem Stande entspricht. O, Sie wissen nicht, wie das Ihre Brust erleichtern
wird, Ihr Keuchhusten wird nachlassen, Ihr Bein flinker werden, der Burgunder
Ihnen wieder schmecken. Retten Sie sich, sich selbst, Ihrem Könige, dem Staate.
Schwören Sie mir, Sie wollen tugendhaft werden.«
    »Alles, was Sie wollen!«
    »Hier, Ihre Hand darauf?«
    »Ja, ja, ja - ziehn Sie mich nur 'raus!«
    Es war zum Glück still im Hause, und Niemand begegnete ihnen bis sie vor die
Tür traten. St. Real hielt es für angemessen, hinter seinem Begleiter
zurückzubleiben, der zu teatralisch den roten Shawl um die Schulter drapirt
hatte. Ja, er blieb um mehrere Schritte zurück, als eine Patrouille die Gasse
heraufkam.
    Auf das Werda! des Gefreiten, welches dem Manne in der roten Toga galt,
antwortete er ein Gutfreund. Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen
Person wissen.
    »Abällino, der grosse Bandit!«
    Die Wache schien sich zu besinnen, was ein Bandit sei. Einer meinte, es sei
ein Komödiant.
    »Ihr Geschäft?«
    »Die Tugendhaften retten, die Schurken entlarven!«
    »Auf die Wache!«
    Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schulter und schickte sich an,
schweigend zu folgen.
    »Da kommt noch Einer; der scheint zu ihm zu gehören.« - »Ein Hinkepeter.« -
»Verstellung« sagte der Gefreite, »nur rasch ran.«
    Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust, weil der Husten ihm stecken
geblieben war. »Kennen Sie Den?« fragte der Gefreite den Rotmantel.
    Der Rotmantel schien ihn scharf anzusehen; dann sagte er: »Dieser Mann
trägt eine Larve, reissen Sie ihm dieselbe ab, mein Herr Korporal.«
    Den Hut liess der Kammerherr sich abreissen, aber er schwor, Stein und Bein,
das sei sein wahres Gesicht. Die Wache schien unschlüssig.
    »Schwere -, ich frage Ihn,« rief der Korporal, »ob Er Den hier kennt?«
    »Dies ist nicht sein natürlich Gesicht.« Abällino schüttelte den Kopf. »Das
ist keine natürliche Röte. Sehn Sie, mein Herr Wachtkommandant, jetzt wird er
blass.«
    »Potz Blitz Millionen, er hinkt. Ist das nicht auch natürlich?«
    »Das ist wohl seine Natur,« sagte Abällino mit der grössten Ruhe. »Indes
meine Bande ist sehr gross, es hinken Viele. Lassen Sie ihn den Mund auftun. An
seiner Sprache werde ich leichter erkennen, ob er der ist, den ich vermute.
Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst ob er mich kennt.«
    »Kennt Er - kennen Sie diesen hier?«
    Unter einem Guss von Angstschweiss platzte er heraus: »Ich bin so - ich weiss -
ich kenne ihn so - ich kenne ihn so wahr nicht.«
    »Jetzt kenne ich ihn, Herr Wachtkommandant, ein sehr gefährliches Subjekt.
Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei. In Wirklichkeit heisst er
Judas Ischariot, ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und
Frauenpuppen.«
    »Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen?« sagte der Korporal, dessen Augen
entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen, oder für die Bewegung
seine Hand in die Tasche.
    »Bei einem Krankenbesuch,« stotterte St. Real - »eine unglückliche arme
Kranke - im Auftrag einer hohen Mildtätigkeit, die ihre Gaben nicht bekannt
wissen will. - Dort hält meine Equipage.«
    Das war hervorgestossen, während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken
nach dem Banditen hinaufschielte, ob er nicht widersprechen werde. Der Bandit
bewegte sich nicht, er schenkte ihm Gnade. Der Korporal, der sich zwischen ihn
und Bovillard gestellt, um die Kollusionen zu verhindern, hörte den harten
Taler, der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt, auf das Pflaster fallen.
»Marsch!« kommandirte der Gefreite. »Auf die Wache! Dies ist ein anständiger
Herr vom Hofe.«
    Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache. Der Kammerherr sank
fast ohnmächtig in seine Wagenkissen zurück und stöhnte: »Das kommt davon, wenn
man mit der Kanaille sich abgibt!«
    Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin, wie man richtig vermutet, Aufsehen
und Entrüstung erregt. Um so beruhigender für alle gute Bürger wirkte ein
Artikel, der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien. Bovillard und St.
Real hatten auch richtig gerechnet, dass, wer nur guten Freunden vertraut, nicht
verloren ist. Der Artikel lautete:
    »Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit, wenn der böse Wille aus den
geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft, um Misstrauen gegen die Massregeln
der hohen Obrigkeit zu verbreiten. Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereignis, das
man dazu benutzt, aufgeklärt und beseitigt, als man böswillig abermals einen
sehr unbedeutenden Vorfall benutzt, diesmal, um ein falsches Licht auf die
Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen, dabei aber sich nicht
entblödend, den Verdacht auf höher gestellte Personen zu lenken, als
begünstigten sie die Immoralität. Damals war ein gewiss unter keinen Umständen zu
billigender Exzess in unserer Vogtei Anlass, einen unserer rechtschaffensten
Staatsdiener der Connivenz mit Verbrechern zu beschuldigen. Dem Scharfblick
einer hohen Person, die hier zu nennen der Respekt uns verbietet, war es
vorbehalten, die Wahrheit von der Verläumdung zu unterscheiden, und den
eigentlich Straffälligen das Bekenntnis ihrer alleinigen Schuld zu entlocken. -
In gleicher Weise wird der traurige Exzess, welcher neulich in einer unserer
belebteren Strassen stattfand, seine Aufklärung finden. Einer wohllöblichen
Polizei war es keineswegs entgangen, dass das Haus einer jetzt viel genannten
Dame zu Verdacht Anlass gab. Sie vigilirte vielmehr auf dasselbe, um beim ersten
gegründeten Anlass einschreiten zu können. Bei dem wirklichen oder angeblichen
Stande der Bewohnerin, und den unverdächtigen Attesten, welche dieselbe von
auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht, Staaten, mit denen unsere Regierung in
Frieden lebt, war es indes unzulässig, auf blossen Verdacht hin einzuschreiten.
Wer dies doch für gerechtfertigt hielte, teilt nicht unsere Ansicht von dem,
was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt. Diesem Umstande ist's
zuzuschreiben, dass es der gedachten Frau gelang, unbefangene Gemüter zu
täuschen, wir wissen kaum, was wir mehr bedauern sollen, dass es ihr gelang,
einen durch seinen strengen religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich
ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause, unter dem Schilde
der Gastfreundschaft aufzunehmen, oder dass sie die sittsame Tochter höchst
verehrter Eltern, und eines unserer bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu
verlocken wusste. Der traurige, oder wenn wir wollen, glückliche Vorfall, der
sich hierauf ereignete, ist bekannt. Uebrigens hätte es dieses Vorfalls nicht
bedurft; denn, wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick Jeden
überzeugen sollte, der Augen dafür hat, hatte die Polizei schon die Beweise in
der Stille gesammelt, die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten. Die Anwesenheit
einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause gibt zwar für diejenigen,
welche am Argen Wohlgefallen haben, willkommene Nahrung. Wir lassen ihnen dieses
Vergnügen, teilen aber mit jedem Gutgesinnten, der diese Herren kennt, die
Ueberzeugung, dass sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben
hatten. Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet, indem er das
Opfer der Intrigue, unbekümmert um die Insulten des Pöbels, von dem man doch
nicht fordern darf, dass er den Schein von der Wahrheit unterscheide, aus dem
Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat. Wir zweifeln gar nicht, dass auch
dies zu bösen Nachreden Anlass geben wird, ebenso der Umstand, dass ein gewisser
Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb, um Collisionen von
ausserhalb auf die Spur zu kommen, wenn man gleich weiss, dass durch seine
aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretirt wurde, welche den
Unfug in dem Hause veranlasst, ja, wir sind auch davon überzeugt, dass die in
letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängnis einer
Intrigue wird zugeschrieben werden. Indem wir unser Bedauern über derartige
Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit, mit der das Publikum
auf sie horcht, eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern, sind wir
doch des Glaubens, dass der grössere und bessere Teil des Publikums sich davon
nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird, dass Niemand besser
als unsere Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt, welche in der Ruhe und dem
Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht. Die Argwöhnischen und
Böswilligen, das wissen wir, werden wir nicht damit zum Schweigen bringen, aber
Heil dem Staate, wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl Aller wacht, wo
vor seinem Trone der Kleinste wie der Grösste nur Gerechtigkeit zu erwarten hat.
Wo die Tugend auf dem Trone sitzt, kann die Immoralität keinen dauernden
Wohnsitz im Lande haben.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel.
                                     Staub.
»Und wir behalten Frieden, und Alles bleibt beim Alten,« schloss der Geheimrat
Lupinus, diesmal aber in der Jägerstrasse, und schob den grünen Augenschirm
zurecht.
    Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube. Kein
Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten. Die Frau Geheimrätin
besorgte selbst das Abstäuben der Bücher, und wenn sie der Hülfe einer gröberen
Hand bedurfte, musste der Fuss, der zu dieser Hand gehörte, die Schuhe
zurücklassen. Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag, zu dem man die
günstige Stunde ablauschen musste. Der Geheimrat behauptete, nichts sei so
gefährlich der Gesundheit als der Staub; in demselben sammelten sich die Atome,
die der organische Lebensprozess nicht zu absorbiren vermöge, also das Todte,
vielleicht das Tödtende. Warum also das aufregen, künstlich in Bewegung setzen,
was sich selbst bereits, nach dem Gesetz der Schwere, vom Leben abgesetzt hat?
    Die Geheimrätin hatte dagegen nur zwei Einwendungen. Es sei doch besser,
den Staub mit allen Vorsichtsmassregeln für die Gesundheit, als da sind nasse
Tücher, Handbesen, feuchter Sand und geöffnete Fenster, durch einen raschen,
wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen, als abzuwarten, bis eine zufällige
Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt. Demnächst,
wenn er immer liegen bleibt, verderbe er die Bücher selbst, und darunter
Raritäten, die unersetzlich wären.
    Das letzte Argument hatte angeschlagen. Wenn Menschen sterben, werden andere
dafür geboren; seltene Ausgaben, Incunablen, gehen unter, um nie wieder geboren
zu werden.
    Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt. Die
Vorsicht, die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende, könne besser darauf
verwandt werden, dass man sich jeder heftigen Bewegung entalte, was überhaupt
zur Konservation des Lebens zuträglich sei. Denn das eigentliche Gift des
Lebensorganismus seien die Affekte, weit gefährlicher als üble Angewöhnungen,
selbst als Laster. Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen
und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen, auch eine Doppeltür vor das
Vorzimmer, und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim
Gehen.
    »Sie vergessen nur,« hatte die Geheimrätin erwidert, »dass Ihre Fussdecke mit
dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist, und dass Sie beim leisesten
Auftreten diese feinen Atome aufrühren und gerade die, welche am gefährlichsten
auf die Lunge fallen.«
    Der Geheimrat sparte im Leben die lauten Worte, da ein Wortwechsel auch mit
sich selbst zu Affekten führen kann, aber wenn ein Tema ihn angeregt, ergossen
sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen. Er erinnerte daran,
dass die Müller und Steinsetzer ein verhältnissmässig kurzes Leben führten, und
gewöhnlich an der Auszehrung stürben, weil der feine Mehlstaub von den
zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle. Es gebe auch einen
Staub von gewissen Vegetabilien, Stein-Erden und Metallen, so feiner Art, dass
ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge, und doch sei er höchst
schädlich. So wirke der Arsenik in den Gruben. Gewöhnlich sage man, die
Verbrecher die dort arbeiten, stürben an der vergifteten Luft, das sei aber
uneigentlich gesagt, denn sie kämen um an dem atomisirten Staub des Metalls. Im
Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste
hervorgegangen, man habe durch künstlich präparirte Stoffe einen Staub erzeugt,
der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten
Opfer getödtet. Dieser habe einen Brief eröffnet, und der Streusand, der ihm
entgegen spritzte, sei Gift gewesen. Einem Andern - und er nannte sogar einen
Kaiser-Namen, habe man die Kerzen, die in seinem Zimmer brannten, mit Arsenik
versetzt, und das aussprühende Licht habe allmälig den vergiftet, der nach der
Meinung einer Hofpartei, die das Dunkel liebte, zu viel Licht geliebt hatte.
    Die Geheimrätin hatte aufmerksam zugehört: »Und doch wollen Sie sich mit
dem Staube vertragen?«
    Er hatte gelächelt: »Das sind Ausnahmen, meine Liebe, aus den Zeiten der
Barbarei und Finsternis. Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger
Tätigkeit.«
    Dann wäre eigentlich das Beste, sein ganzes Leben lang schlafen! hatte seine
Frau gedacht. Er aber hatte fortgefahren: »Wenn wir alles ruhen liessen liessen,
was liegt, wäre das Leben noch einmal so glücklich. Weil die Menschen
allesbesser machen wollen, rühren sie das auf, was die Vernunft und die
Geschichte längst beseitigt hatte, und es kommt in neuer Form und Färbung zum
Vorschein und quält uns aufs Neue, was unsere Väter und Urgrossväter schon
gequält hatte. Die Geschichte des Menschengeschlechts, meine Teure,« pflegte er
lächelnd hinzuzusetzen, »ist in einem kleinem Buch geschrieben, wenn wir das
immer und immer wieder lesen, kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum
nefas, alle seine eitle Hoffnungen und Torheiten und die Lehre, welches der
einzige Weg zum Glück ist, sich zu finden in das was ist und - und nicht
unnötig Staub aufrühren.«
    Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen, die aber von der
Geheimrätin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf
etwas anderes übergeleitet ward. Der Geheimrat wusste es, lächelte, schwieg und
war eigentlich zufrieden. In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord
gekommen. Seine Ausgaben des Horaz, die auf einer Reihe niedriger Regale wie
eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen, durfte die Frau wöchentlich
einmal abstäuben; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel. Sie
nahm jeden Band einzeln heraus, trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am
geöffneten Fenster. Da lächelte er zufrieden, die andern Bücher, die hinten bis
an die Decke die Zimmerwände füllten, sollten nur dann und wann, und nur ganz
oberflächlich abgestäubt werden. Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet
werden, weil die Sonne den Staub niederdrückt. Die Horazregale sollten dabei mit
Leinentüchern überdeckt, und der Geheimrat selbst jedesmal vorher avertirt
werden, um zu untersuchen, ob es nötig sei. - Ob diese Bedingungen streng inne
gehalten wurden, bleibt ein häusliches Geheimnis. Die letzte gewiss nicht, denn
der Geheimrat hätte es nie für nötig gefunden.
    Aber der Eifer der Geheimrätin musste nachgelassen haben; die Luft
verriet, dass die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden. Der chromatische
Farbenspiegel der Scheiben, und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den
vollgültigsten Beweis dafür, dass, wie alle Passionen, auch die des
Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind. Oder waren es andere Gründe?
Grade diese Spinnen, der schillernde Glanz der Scheiben, der Duft des
Unberührtseins war es, was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit
gab. Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen
Gelehrtenstube, in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den
Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat. Und ganz zu dieser Stube, will man
sagen wie die Seele zum Körper, oder die Spinne in ihrem Netze, passte die
Gestalt des Geheimrates, der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem
Folianten in ihrer Mitte sass, wohlgefällig, zufrieden, schlau lächelnd.
    So hatte er das Wort gesprochen: »Und wir behalten Frieden und Alles bleibt
beim Alten!« als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete.
    Der Geheimrat glaubte an keine Gespenster, er sah auch nach keinem, als
sein schlauer Blick über das Regal, welches die Zweibrückner Horaze trug, auf
die schweinslederne Hinterwand fiel, wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in
der Hand wiegte.
    »Gehören Sie auch zur Kriegspartei, mein Herr van Asten?«
    »Ich bin ein stiller Civilist, Herr Geheimrat,« war die Antwort.
    »Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius? Sein de jure
gentium gehört doch sonst nicht zu Ihren Studien.«
    Wenn der Geheimrat soweit hätte sehen können, würde er eine leichte Röte
auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben.
    »Nehmen Sie's nur runter,« fuhr er fort, »Sie können's auch mit nach Hause
nehmen, wenn's Ihnen nicht zu schwer ist, die Edition ist nicht selten, man kann
sie bei den Antiquaren bekommen. Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben.«
    Der junge Mann war von der Leiter gestiegen, den Folianten im Arm: »Wenn sie
mir also erlauben -«
    »Aber nehmen Sie sich in Acht, Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz
staubig. Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt, wenn ich mich recht
entsinne, einer Bücherkiste, und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein,
aber er wollte nur in Freiheit kommen, nicht zu einer jungen schönen Demoiselle.
Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen
hatten? Das Kind ist zwar gescheit, aber ich zweifle doch, dass ihr die Lektüre
sehr plaisant sein wird.«
    Der Geheimrat war in ungewöhnlich guter Laune, der junge Mann schien ausser
Gewohnheit befangen. Indessen hatte er sich schnell gesammelt, während er den
Staub vom Rock abklopfte.
    »Herr Geheimrat sind heiterer, seit Mamsell hier ist. Ihr Haus ward
belebter. Stören Sie aber die vielen Gesellschaften nicht?«
    »Au contraire! Was so jetzt die Menschen allarmirt und auch sonst wohl bis
zu mir drang, bleibt nun ausser meinem Rayon. Die Herrschaften können das nun
bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen.«
    »Sollte es nie in Ihren Rayon dringen?« sagte van Asten sehr ernst.
    »Wenn ich mich einschliesse, das wollte ich doch mal sehen. Aber ei, ei, Herr
van Asten, will die Romantik Sie nicht verlassen! Sie sehen da wieder eine
Geistererscheinung.«
    »Die, welche ich sehe, Herr Geheimrat, sehen Viele mit mir. Dieser Herbst
wird die Fluren, wo fröhliche Saaten gereift, mit Leichen und Blut decken.«
    »Sehn Sie mal,« sagte der Geheimrat, »was Sie alles sehen!« und wischte mit
dem Läppchen die Dinte aus der Feder, die er dann sorgsam vor sich auf das
Papier legte. Sein Gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt glaueren
Ausdruck, wie ein kluger Mann, wenn er Einen, der sich auch für klug hält, auf
eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt. »Und diese Vielen, die mit Ihnen diese
erschreckliche Geistererscheinung sehen, sind, kurios genug, dieselben, die vor
Freude damals zitterten, als der Herr General Bonaparte, wie sie es nannten, die
Hydra der Revolution niedergetreten hatte. Da sollten wir Andern mit ihnen
hüpfen und springen vor Entzücken, denn sie sagten uns, es wäre ein Messias der
neuen Weltordnung. Sehen Sie mal, wir taten das nun nicht, denn wir entsannen
uns, dass dieselben spring-und hüpflustigen jungen und alten Herren ein Zehn Jahr
vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten, als diese Hydra in Paris den Kopf
erhob, und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglücker,
und wer weiss was, entdeckt. Wir sprangen nicht, weil wir mit König Salomo
wissen, es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber wir liessen sie springen,
weil wir wussten, sie werden schon müde werden. - Es ist Mancher müde geworden,
mehr als müde. Da ich nun nicht in Verzückungen geraten bin, nicht damals bei
der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglückung, warum soll ich
denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus geraten, weil diese
selben Herren in ihrem Götzen nun plötzlich das Tier der Apokalypse entdeckt
haben! Was kümmert mich Hannover. Im siebenjährigen Kriege waren die
französischen Marschälle oft darin und brandschatzten, aber gerade nur so lange,
als der grosse Friedrich Besseres zu tun hatte. Und wenn sie's ihm zu arg
machten und er verdriesslich wurde, schickte er seinen Seidlitz oder einen
Braunschweiger hinüber, und liess sie wieder fortjagen.«
    »Es sind aber andere Zeiten. Wir haben keinen Friedrich mehr, und die
Konstellationen sind furchtbar, Herr Geheimrat!«
    »Und der alte Lupinus weiss nichts davon! Nicht wahr?« Der Geheimrat nahm
mit grossem Wohlgefallen eine lange Prise. »Der Mortier, oder wie sein General
heisst, hat Hannover mir nicht dir nichts besetzt, ohne uns zu fragen, und wir
hatten es doch so halbweges, noch vom Baseler Frieden her, garantirt. Und er hat
es getan, um uns mit England aneinander zu bringen. Er sperrt die Flusshäfen
gegen die Kolonialwaaren, und die Engländer sperren sie uns, dass wir unser Holz
und unsere Leinwand nicht rausschicken können. Das gibt nun viel Jammer und
Geschrei, aber das ist alles nichts als das Strohfeuer, womit man die Bienen aus
dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt. Die ganze deutsche Nation hat auf
uns gewartet, dass wir doch nun losschlagen würden. Man kann's in allen Zeitungen
lesen, dass alle Biedermänner auf uns warten. Aber es gibt noch viel
ungeduldigere Leute. Der Schwedenkönig ist wie toll umhergelaufen, und hat
überall angeklingelt: Macht doch Krieg! Der russische Kaiser rüstet: Krieg
partout! ruft er. Und ganz in der Stille rüstet Oesterreich. Darum sollen wir
auch in die Falle gehen und auch rüsten. Aber wir gehen nicht in die Falle, und
rüsten nicht. Denn Rüsten kostet Geld, und der Krieg bringt nichts ein, und was
geht's uns an. Sehen Sie, der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen
geguckt.«
    »Und wir, eingekeilt in diese Mitte! Ganz Europa in Waffen gegen einander,
und wir -«
    »Sehen zu - wie sie sich schlagen und vertragen, und denken mit König
Salomo: Alles ist eitel!«
    Walters Brust hob sich; es waren ernste Gefühle, die heraus wollten, aber er
überwand sich -, es war hier nicht der Ort dazu. Nur ein Stossseufzer brach es
hervor: »Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden!«
    »Ein Eimer Wasser drauf, lieber Walter. Ist probat!« Hatte der Gelehrte ein
Sonntagsgesicht? Er, der nichts sah, was um ihn vorging, blickte er heute in die
Seelenzustände eines Andern und fand sein Vergnügen darin, das Verborgene heraus
zu schöpfen? - »Da steht nun wieder auf Ihrem Gesicht: Ach Gott, der gute
Geheimrat Lupinus! Er weiss, woran die Verfassungen in Rom und Aten zu Grunde
gingen, aber wie es im Preussischen Staat gährt und stockt, das sind ihm
Böhmische Dörfer. - Wer wird denn gleich Einen verdammen, junger Herr, ohne das
er ein bisschen versucht hat, ihn zu bessern! - Oder zu untersuchen, ob denn
nicht doch ein Lichtchen der Erkenntnis in ihm flackert! - Manche Fahne, die vor
dem Heer des grossen Königs flatterte, ist von den Motten zerfressen, das weiss
ich, und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder, wenn man sie ausklopft.
Weiss auch noch mehr. Unsere Soldaten sind nicht Bonaparte's Soldaten. Und unsere
Offiziere - weiss ich auch, man muss aber nicht alles sagen, was man weiss. Die
eisernen Ladestöcke, durch die wir bei Mollwitz siegten, sind jetzt Gemeingut
geworden, die Räder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno
ehemals. Unser Schatz ist ausgepumpt, das weiss ich auch, und das Bischen, was
unser junger König durch Sparsamkeit wieder hineinfliessen lässt, löscht noch
nicht den Durst. Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus; unter dem
Schimmel werden wohl noch manche harte Taler liegen, aber man kratzt den
Schimmel nicht ab, weil manches andre damit bloss gelegt würde. Ja, ja, die Blösse
fürchtet man, und hat daran ganz recht. Viele Schlösser sehen blank geputzt aus,
schliessen aber nicht mehr, und manche Mühlen klappern wohl, mahlen aber nicht
mehr. Auch die grosse Staatsmühle macht noch dasselbe Geräusch, dass man's in
weiter Ferne hört, und wunders denkt, was sie mahlen muss, aber wer in die
Mehlkammer sieht, merkt, dass es kaum zur Not hinreicht. Das kann nun von
mancherlei herkommen. Etwa davon, dass man niemals vorher weiss, woher der Wind
kommt, und wenn er da ist, erschrocken links und rechts rennt, und was links
stehen soll, rechts stellt, und was rechts links. Auch kann die Mühle von alter
Konstruktion sein, und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gänge
erfunden. Und dann spricht man auch von der grossen Staatsuhr, deren Räderwerk
erst gar quer und verkehrt wäre, denn wenn einer nicht täglich sie stellte, so
zeigte sie nie die rechte Stunde an. Das käme aber daher, weil kein Rad ins
andre griffe, grosse und kleine, es ginge jedes für sich, die Räder der Minister,
und kein Oberminister, der sie regulirte, und wenn sie auch mal regulair gingen,
so hätten die Geheimen Kabinetsräte wieder ihren aparten Schlüssel, und die
Oberpräsidenten in den Provinzen wohl auch; und wäre mal, rara avis, alles egal
und konform, dann schöbe ein Finger von ganz oben den Zeiger um eine
Viertelstunde zurück, wodurch denn das ganze Räderwerk in Unordnung geriete.
Das ist nur etwas, es ist aber noch viel mehr.«
    Walter hatte mit steigender Bewunderung zugehört.
    »Und was ich nun tue? wollen Sie fragen. Da will ich Ihnen mit einem
Dichter antworten, keinem alten, nein, einem allerneuesten, den ich auf meiner
Frau Tisch fand, das ist der Herr Bürde aus Schlesien. Da lesen Sie es:
Glücklich, wer im engbegrenzten Raume
Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlägt,
Und, gleich einem wohlgediehnen Baume
Fest steht, und die Aeste nur bewegt!
Der die Lebens-Notdurft nur begehret,
Und, allein auf Gegenwart beschränkt,
Was er heut erworben, heut verzehret,
Und sich weder heftig freut, noch kränkt;
Den die Welt zu sehen nicht gelüstet,
Der mit Bessrem Gutes nicht vergleicht,
Und, zur letzten Reise stets gerüstet,
Sich geräuschlos aus dem Leben schleicht.
Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte,
Nie erreichen wir das Ziel der Bahn,
Immer stehn wir in des Cirkels Mitte,
Und der Umkreis weicht, so wie wir nahn.
Das sind noch Gefühle eines Dichters,« sprach er, das Buch fortlegend.
    »Der einer ersterbenden Welt angehört, wie sein Horaz,« sprach Walter für
sich. Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied, der Geheimrat hatte es
aber nicht so gemeint:
    »Wenn eine Mühle ins Stocken gerät, glauben Sie, dass wir darum kein Brod
mehr zu essen bekommen, und wenn alle Uhren unrichtig gingen, dass die Sonne sich
darum auch einmal verspätet, aufzugehen?«
    Walter meinte, es sei doch eines Jeden Pflicht, dafür zu sorgen, dass seine
Uhr richtig gehe.
    »Für seine eigene mag er sorgen, lieber Herr van Asten, aber nicht um die
Rathausuhr.«
    Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an. Walter errötete wieder: »Sie möchten
unsern Staat wieder auf die Beine bringen. Da liessen Sie neulich einen Zettel
fallen - warten Sie, wo hab' ich ihn gleich hingelegt? - Hier! Das ist wohl kein
Excerpt, so mit frischer Dinte, recht frisch aus dem Herzen geschrieben: Dass ein
Staat, der bestehen will, der Sitten, oder, wo diese fehlen, kräftiger Männer
zur Ausführung kräftiger Massregeln bedürfe, gewahrt Niemand. Die Augen gehen
erst in der Not auf.«
    Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche: »Zu einem Briefe -«
    »So, also ein Brief! Da wollte ich Sie nur bitten, sich an den zu erinnern,
welchen der junge Herr Gentz bei der Tronbesteigung an seine Majestät den König
schrieb. Das war mal genial! Wie riss man sich darum! Da lag's doch klar, wie ein
umgestürzter Pudding auf der Schüssel, wo's bei uns manquirte, was anders,
besser nun gemacht werden sollte. Man brauchte nur zuzugreifen, gar keine Mühe
sich zu geben, nur zu tun, zu decretiren, wie's der junge Herr Gentz den
Ministern wies. - Haben sie's getan? Haben sie zugegriffen? Nichts angerührt,
's ist Alles beim Alten geblieben. Und Herr Gentz? Ist er Minister,
Kabinetsrat, Präsident geworden? Er blieb Kriegs- und Domainenrat, hatte
niemals Geld, aber immer Schulden. Bis es ihm hier zu langweilig ward, und er
fortlief, nach Oesterreich. Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen, dafür
sorgten schon seine Gläubiger; aber seine Grundsätze, die waren lange vorher
schon versilbert. Na, an wen ist denn Ihr Brief gerichtet?«
    Da lag sein Geheimnis trocken an der Luft. Walter hatte bis da nur einen
Stolz, als freier Mann unter den drängenden Verhältnissen zu stehen. Musste ihm
der, von dem er es am wenigsten vermutete, ablauschen, was er sich selbst noch
nicht vollkommen eingestand!
    Lupinus musste seine innersten Bewegungen verstanden haben.
    »Junger Freund! Warum denn gegen sich selbst unwahr sein! Was die Freiheit
ist, hat weder Plato noch Seneca erklärt, gewiss ist aber, sie gibt nichts zu
beissen und zu brechen. Ein Dichter wollen Sie nicht werden, und ein Kaufmann
auch nicht. Ganz recht, der eine kann Bankerott machen, und der andere
verhungert, wenn nicht ganz, doch beinah. Also was bleibt Ihnen, als eine
Anstellung suchen. Den Staat verbessern wollen, ist aber der schlechteste Anfang
von einer Carriere.«
    Walter hatte sich wieder gesammelt: »Wenn ich nun aber doch so töricht
wäre, anmassend, geben Sie meinem Willen einen Namen, welchen Sie wollen, ich
protestire nicht dagegen, aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fühlte, nach
diesem Ziele zu streben, warum nicht anfangen, wie ich enden will?«
    Der Gelehrte sah ihn scharf an: »Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen,« hub
er nach einer Pause an. »Ein Mann, der seine Frau erziehen will, muss es ihr ja
nicht sagen, so sagt man wenigstens, und wer den Staat verbessern will, muss es
ja nicht merken lassen. Wollen Sie mein Recept wissen? 'S ist kein neues, uralt
wie die Welt. Wenn man gross ist, muss man sich klein ducken, sich anschlängeln an
das, was gilt. Meistens an Personen, zuweilen an Gedanken. Wenn's auch recht
dumm ist, und man von Herzen drüber lacht, oder sich ärgert! - Lachen Sie immer
und ärgern sich, nur bei zugeschlossenen Türen! - Ohr und Auge aufhaben,
aufgepasst auf alle Falten und Fältchen, und da bei guter Zeit ein Zeichen
zwischen gelegt! Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen, und hat man
erst die Schwächen eines grossen Mannes weg, dann mit einiger Klugheit wird man
ihm bald notwendig. Und ist man ihm erst notwendig, so ist man auch sein Herr.
Vor dem Brausewind, der alles besser wissen, alles wegfegen will, verschliessen
sich solche Herren, auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen. Sie denken, der
kann dich mal selbst fortfegen. - Und die Herren am Ruder hier sind so affabel.
An Protektionen soll's Ihnen nicht fehlen. Schreiben Sie eine Verteidigung der
Politik der Herren Kabinetsräte. Man wird Sie nicht gleich zum Kriegs- und
Domainenrat machen, aber ein kleines Pöstchen gibt's schon, vielleicht ein
besseres, als mit einem Titel, so ein Sekretär in secretis -«
    »Und wohin führt das?«
    »Warten Sie doch! Ein klein Bischen Geduld nur, und ein Bischen mehr noch.
Haben Sie erst Posto gefasst, Ihre Fühlfäden ausgestreckt, kennen Sie die
Menschen und ihre Gedanken, was sich anzieht und was sich abstösst, wissen Sie,
was noch feststeht und was schwankt, dann ist ja noch immer Zeit.«
    »Wozu?«
    »Was Sie wollen. Meinetalben, Sie werden schon was Gutes gewollt haben.
Sind Sie der Mann am Steuer, und an Kapacitäten fehlt es Ihnen nicht, und
ästimire auch Ihren Charakter, aufrichtig, dann - einen Schub, einen Fussstoss!
Wie Sie's anfangen, dass der alte Plunder zusammenbricht, darum ist mir nicht
bange. Nicht wie Coriolan und Catilina muss man anfangen. Cicero wusste, wo er
sich bücken musste, und wo er grad aufrecht stehen durfte. -«
    Walter hatte seinen Hut ergriffen: »Dass Cicero's Name auf der
Proscriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel, würde mich
vielleicht nicht abhalten, wie Cicero zu handeln, aber - mein Herr Geheimrat,
ich habe ein anderes Vorbild aus dem Alterhum, von dem Ihr grosser Horaz gesungen
hat: Integer vitae -«
    »Scelerisque purus,« fiel der Gelehrte ein, und nahm wieder eine lange
Prise. »Auch ein schönes Vorbild. Gar nichts dagegen zu sagen. Au contraire,
aber dieser Integer vitae war nicht verliebt.«
    Da war abermals ein zweites Geheimnis, und von den poesielosesten Lippen
trocken in die Luft gesetzt, ein so still in der Brust gehütetes, kaum sich
selbst gestandenes, ein so zartes Kind, dass es in dieser rauhen Luft erstarren
konnte. War dieser Bücherwurm heute ein Magier?
    In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und der Kopf der Geheimrätin
blickte herein: »Ehe Sie gehen, Herr van Asten, auf ein Wörtchen.«
    Die Tür ging wieder zu. Der Blick musste eine eigentümliche Wirkung haben.
Ihr Gespräch war unterbrochen, aber auch die sonntägliche Stille des Zimmers war
gestört. Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet, und Staub wirbelte durch
den Sonnenschein. Es blieb noch eine Weile still. Es war, als ob der Gelehrte
sich schämte. Dem Eindringling hätte er nicht zurufen können: Noli turbare
circulos meos! er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten; das machte ihn
befangen.
    Walter war es auch. Vor dem alten freundlichen Manne, der mit der
Wünschelrute seinen verborgenen Schatz berührt, hätte er sprechen mögen, wie
ihm zum Herzen war. Es lag schon auf der Zunge. Da war es plötzlich erstarrt vor
dem stechenden Blicke, das süsse Geheimnis schien ihm vergiftet, ein Nebelschauer
hatte einen Mehltau auf die Blüten gelagert. Er besann sich und sprach schöne
Worte, die nicht der Ausdruck seines Gefühls waren:
    »Seine Träume gehören nicht dem Menschen allein, es sind gaukelnde Kinder
aus anderen Welten. Sie haben einen berührt, der, lieblich gaukelnd, Einlass
forderte. Aber, - auch die süssesten Träume muss der Mann verscheuchen können, wo
die Pflicht gebietet. Ich glaube meinen Gönner nicht versichern zu dürfen, dass
dies schöne Mädchen, dem Sie gastlich Ihr Haus geöffnet, dem Ihre Gattin
Muttersorge widmet, ihres Unglücks wegen mir heilig ist. Sie und ich, das ist
ein langer Weg, den wir zu gehen hätten, bis wir uns träfen, und sie selbst
vielleicht noch nicht -«
    Der Geheimrat wehrte mit beiden Händen: »Ist nicht mein Departement. Ist
meiner Frau ihres. Da sprechen Sie, da schweigen Sie, wie Sie's für gut finden.«
Er fasste seine Hand und sah ihn vertraulich, fast bittend an: »Lieber Walter,
schweigen Sie lieber, es ist besser, dass Niemand etwas davon erfährt. Wir haben
hier vielerlei Allotria getrieben. Gott weiss, wie ich mich fortreissen liess. So
ist's mit unsrer Stärke und unsern Entschlüssen! Rühmte mich, nichts solle in
meine Kreise dringen, wenn ich meine Tür verschlösse, und plötzlich stand
drinnen der Bonaparte, unsre Monturen, Finanzen, und gar eine Liebschaft von
Ihnen, und rannten mich beinahe um unter meinen Büchern. - Vergessen Sie, dass
Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben!«
    »Also das bleibt Alles unter uns,« schien das letzte Wort, als er Waltern
gleichsam an die Türe gedrängt, aus Besorgnis, dass von den Allotriis doch noch
etwas über die Lippen kommen könnte. Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal
auf die Schulter:
    »Lieber Herr van Asten, um Sie ist mir nicht bange. So oder so, aus Ihnen
wird was. Bleiben Sie ein vir integer. Rühren Sie nicht mehr Staub auf, als
absolut nötig ist. Aber das kann ich Ihnen wohl sagen: Wer nie in Italien war,
nie das Albaner-Gebirge gesehen hat, mit keinem Fusstritt am See gestanden, und
doch wie Sie den Tractus von Albalonga, die alte Latinerstadt in dem länglichen
Bergrücken herausfand, der ist auch zu mehr berufen. Heine und Wolf und Alle, im
Grunde genommen, was sind sie uns! Graeca sunt, non leguntur; es hat etwas für
sich. Aber Latium! Rom ist ewig. Und nun will ich's Ihnen sagen, habe Ihre
Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt. Er findet Sentiment darin - ästimirt
Ihre Konjekturalkritik, wird einmal selbst an Ort and Stelle untersuchen - jetzt
kommt er her und wird wahrscheinlich Banco-Direktor. Ist das, dann können Sie
auf eine Anstellung bei der Bank rechnen, und Ihr Schicksal ist gemacht.«
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
                          Unterricht in der Erziehung.
Wir waren nur am späten Abend, bei einem flüchtigen Besuch, in den Zimmern der
Geheimrätin. Es sah jetzt anders darin aus. Die Möbel hatten neue Ueberzüge
erhalten, manches Veraltete war einem neu Angeschaften gewichen. Die
Schildereien waren geschmackvoller geordnet, das Silberzeug glänzte frisch
aufgeputzt, und die Geheimrätin war selbst beim Drapiren der Gardinen
beschäftigt, als van Asten eintrat.
    »Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung. Aber wenn man etwas
ordentlich gemacht haben will, kann man es den Leuten nicht überlassen. Es hält
schwer, unseren Ouvriers Geschmack beizubringen.«
    »Frau Geheimrätin erwarten Gesellschaft?«
    »Eine ganz kleine. Sie wissen, wie die grossen, glänzenden mir zuwider sind,
wo Alles auf den Apparat abgesehen ist, und Geist und Herz sich verstehen
müssen.«
    »Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Cirkeln.«
    Die Geheimrätin zuckte die Achseln: sie möchte wünschen, dass man weniger
davon spreche, man könnte sein Haus doch auch nicht für Jedermann offen halten.
Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab, als Walter van Asten die
Äusserung einer geistvollen Prinzessin wiederholte, die sich gefreut, dass doch
endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst
erschlossen, da, wer nach Geist und Intelligenz verlangt, sie bis jetzt fast nur
in den reichen Judenhäusern suchen musste.
    Die Geheimrätin lächelte: »Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin. Der
Prinz, ihr Bruder, macht allerdings keinen Unterschied, ob er in der haute volée
oder in den Judenhäusern ist; nur im Schoss seiner Familie sieht man ihn am
seltensten.«
    Die Bemerkungen waren so hingeworfen, dass Walter darin die Aufforderung las,
noch mehr zu erzählen, obwohl ihre Worte dagegen protestirten. Dieselbe
Prinzessin hatte geäussert, es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern
Adel, dass er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der
Nation sich verschliesse, die ihre Ehre ausmachen. Da hätte eine Fremde, die
Staël nach Berlin kommen müssen, um ästetische Cirkel zu bilden, und jetzt
usurpire Prinzess Biron von Kurland, was die Pflicht des einheimischen Adels sei.
    Die Geheimrätin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland,
dass sie sich merkwürdig konservirt habe, schöner eigentlich noch als ihre
Töchter, die doch auch sehr liebenswürdig wären. Aber ihre Gedanken waren wohl
nicht bei der Herzogin, noch den Gelehrten und Dichtern, die sie in ihren Bann
gezogen.
    »Prinzess Radziwill hat auch gefragt, wer denn Schiller gefeiert, als er hier
war? Ebenfalls wieder Juden, Fremde, Diplomaten, einige bürgerliche Häuser.«
    »Ich habe mir Schiller doch anders gedacht,« sagte nach einer Pause die
Lupinus. »Er war so schweigsam. An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich
nicht gefehlt, aber es blitzte so selten das innere Feuer auf. Ich sprach zwei
Mal mit ihm, und beide Mal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch. Ob er uns
vielleicht der erhabenen Sentiments, der berauschenden Gedanken nicht wert
hält, die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine
aufsteigen, emporwirbeln müssen, denke ich, wie die Lerche in den Aeter!«
    »Es ist vielleicht nicht gut, dass man die Dichter mit Lerchen vergleicht.«
    »Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen,« sagte die Lupinus
spitz, »die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen, wenn es
ihnen eben bequem ist, eigensinnig, qu'importe wer sie hört.«
    »Es mag auch manches Andere ihn verstimmt haben,« sagte Walter noch ungewiss,
wohin die Geheimrätin steuerte. »Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern
hierher gezogen.«
    »Meinen Sie nicht auch, ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube,
unserer Kritik, an unserer Hofluft untergegangen? In Weimar tront er in einem
Tempel, hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen. Es fehlt hier an der
rechten Sonne, meinen Sie nicht auch? Und noch immer so viel Rücksichten,
Bedenklichkeiten. Es sieht Einer den Andern an, wenn er in die Gesellschaft
tritt, und wenn er ihn noch nicht gesehen, fragt er zuerst, ob er auch zu ihm
gehört? Mein Gott! Diese Geburts- und Standesunterschiede müssten doch
verschwinden, wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle
schiene, gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten
werfen, wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet. So könnte ich mir
das Haus der Herzogin denken. Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung, und
dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein, es ist auch noch manches
andere da, doch passons là-dessus. Ebenso können die Kreise der geistreichen
Jüdinnen nicht dominirend werden, es stösst sich doch Mancher daran.«
    Jetzt wusste van Asten, wohin die Geheimrätin steuerte. Warum sollte er
nicht in ihre Wünsche eingehen! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit, dass er es
für verdienstlich erklärte, wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für
die Notabilitäten der Intelligenz öffne, eine Dame, die mit klarem Verstande,
Belesenheit, seiner Sensualität, und durch den Stand ihres Gatten und ihre
eigene Geburt dazu wie berufen scheine.
    »Sie scherzen! Das könnte eine Jede, wenn sie wollte. Im Uebrigen, was ist
es denn auch besonderes, wenn man etwas anders aussieht, als diese ehrbaren
Hausfrauen, die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen, wenn sie
ihr Gesellschaftskleid angelegt haben. Denn allerdings kommt mir Manche vor,
wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt, als mache sie eine Bewegung,
um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen. Und dann, lieber van Asten, Sie
spielen auf meine Herkunft an. Ich bitte Sie, um Gottes Willen, nur davon
nichts, dass ich von Adel bin. Ueber diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus.
Sie wissen, dass ich meinen Namen ohne Tränen einem Bürgerlichen hingeopfert
habe. Lassen wir die Todten ruhen! Ja, ich will gern meine Schwäche bekennen, es
ist mir manches Mal recht angenehm, ja es schmeichelt mir, wenn ich mich als den
Mittelpunkt dieser heitern, von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte.
Aber, - sie hielt einen Augenblick inne - aber, wenn sie gegangen, die Lichter
ausgelöscht sind, überfällt mich doch wieder, ich weiss nicht was, ein inneres
Gähnen, eine Hohlheit.«
    »Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat?«
    »Aber von all dem schwirrenden Geschwätz, von den Händedrücken, den
zärtlichen Beteuerungen, was bleibt denn andres als - eine Lüge! Ich weiss recht
gut, dass einige von den jungen Leuten, die am Tisch die Mässigen gespielt, noch
ins Weinhaus eilen, um sich zu restauriren. Es tun es auch noch Andere,
Johannes Müller, Herr Dedel, auch vom Prinzen weiss ich es. In ihren Symposien
machen sie sich herzlich über uns lustig. Und ich verdenke es ihnen nicht. Gährt
und kocht es doch auch in mir, und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke
nicht entgegen wären, könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen. - Sie
sehen mich verwundert an. Nein, nein, ich versichere Sie, ich empfinde das ganze
Unbehagen, von dem man mir erzählt, dass es die Schwelger nach ihrem Rausche
fühlen.«
    Van Asten sah sie betroffen an. »Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge,
wenn Sie ihre Wirkungen kennen?« Er verschluckte es.
    »Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsirt haben,« fuhr sie nach einer
Pause fort, »wie sie versichern, worüber war es! Die in der Ecke am lustigsten
schienen, lachten vielleicht über mich, über mein Bestreben, ihnen einen
angenehmen Abend zu bereiten. Vielleicht über den Geheimrat, unsre Bewirtung,
Einrichtung, Gott weiss worüber. Alle sind meine Feinde, Neider, und ich musste
doch beim Abschied die Hand ihnen drücken, und sie versichern, wie unendlich ich
mich gefreut, sie bei mir zu sehen, warum sie so schnell forteilten. Darum
Embrassements, nachgewinkte Küsse, Beteuerungen, dass sie seit lange keinen so
vergnügten Abend verlebt. Und wenn sie auf der Strasse sind, kaum in den Wagen
gestiegen, gähnen sie, wie ich gähne: Gott sei Dank, dass der langweilige Abend
vorüber ist.«
    Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren! Mit der
Gefallsucht, über die er nicht Richter sein wollte, hatte sie begonnen, und aus
ihrem Innersten quoll heraus, was sie ihm nicht hatte sagen wollen. War er der
Magnet, der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte,
oder welche unsichtbare Macht zwang sie, noch eben in der geschmückten Lüge sich
schaukelnd, den hässlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren! Es war eine
Wahrheit der Empfindung; dieser verkniffene Zug um den Mund, dieser böslächelnde
Blick konnten nicht heucheln.
    »Es ist das Mysterium der Natur,« sagte er, »dass oft, wo wir nicht säen, wir
Liebe ernten.«
    »Und doch sind Liebe, Freundschaft, Entzücken und Begeisterung nur Masken
für den Egoismus. Mit ihnen will Jeder so viel für sich herauspressen, als er
kann. So lange es ihm gelingt ein Vergnügen sich zu verschaffen, so lange dauert
die Freundschaft, die Liebe, der Fanatismus, die er auch grade so lange für echt
und wahr hält, als der Reiz dauert. Ist der hin, das Tema erschöpft, wird uns
die liebste Freundin, der beste Freund gleichgültig. Anstandshalber führen wir
noch eine Weile die Täuschung fort, bis wir die Puppen fallen lassen, herzlich
froh, wenn ein Zufall uns trennt.«
    Damit war das Gespräch zu Ende. Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand
neben ihm eine Salzsäule. Es war eine Verwandlung, zu der sie so wenig getan
als Lots Frau zu der ihren, nur ein Naturprozess. Es wehte ihn kühl an; er hatte
nichts mehr mit ihr zu reden, und doch forderte die Convenienz, dass er nicht
schweigend ging: »Wenigstens,« äusserte er, »werde die Tochter des Kriegsrats
Alltag, davon sei er überzeugt, nie vergessen, was sie der Geheimrätin Lupinus
verdankt.«
    »Meinen Sie!« Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigentümlichen Blicke
an, und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Grade so
lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes entusiastisch lieben, als
sie sich in meinem Hause amüsirt und vergöttert wird. Vielleicht auch nicht
einmal so lange. Nur bis sie auf eigenen Füssen steht, und von mir nichts mehr
profitiren kann.«
    Er verbeugte sich: »Frau Geheimrätin haben sonst mir nichts zu befehlen?«
    »Adieu - doch! Warten Sie. Ich hatte ja einen Auftrag für Sie Richtig. -
Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an. Die Kriegsrats werden sich
vielleicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft heut Abend hören und nicht
eingeladen sind. Aber das geht doch nicht immer. Sie passen ja nicht.«
    »Ihre Eltern -«
    »Eben darum; nur Adelheid zu Liebe! - Wenn sie sehen, dass das Mädchen solche
gewöhnliche Eltern hat!«
    »Der Vater ist doch ein geachteter Mann -«
    »Wer redet von solchen Äusserlichkeiten. Sie passen nicht zu der gebildeten
Gesellschaft. Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und
Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spass finden, so sind doch Andere, die
daran keinen Spass finden. Die Russische Fürstin hat zugesagt, und ich - Sie
sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung - ich hoffe auch, Jean Paul
wird kommen.«
    »Jean Paul Friedrich Richter!«
    »Ich hoffe wenigstens. Man reisst sich so um ihn, dass man es wirklich einen
glücklichen Augenblick nennen kann, wo man ihn frei trifft. - Indessen - wie
gesagt also, gehen Sie zu den Eltern, und Sie werden schon die beste Art finden,
es ihnen begreiflich zu machen. Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht -«
    »Es wird schwer sein, die Art zu finden, die nicht beleidigt.«
    »So sagen Sie, nein sagen Sie, was Sie wollen, es ist mir im Grunde ganz
gleichgültig. Was gehören Alltags zu Jean Paul!«
    Van Asten verneigte sich wieder, aber an der Tür rief ihn die Geheimrätin
wieder zurück: »A propos, ich habe doch vergessen, was ich Ihnen sagen wollte.
Mein Kompliment dem Lehrer, sie lernt unbegreiflich schnell, aber sie müssen ihr
etwas mehr ästetischen Elan geben.«
    Van Asten sah sie erstaunt an: »Ich finde in ihr ein Verständnis der Dichter
-«
    »Ja, ja, das ist schon recht - das ist es aber nicht -«
    »Ihr Gedächtnis für alle wahrhaft schönen Stellen -«
    »Ist bewunderungswürdig. Das Fischerlied von Goete hörte sie nur ein Mal
von Ihnen, und am Abend recitirte sie es mir vor dem Zubettegehen. Admirabel!
Das ist alles recht schön, auch kann sie die Glocke beinahe auswendig. Schiller
war enchantirt davon. Ich hatte es nämlich so einzurichten gewusst, dass er sich
mit der Berg an der Tür im Nebenzimmer unterhielt, als sie von den jungen
Mädchen wie zufällig aufgefordert, einige Partien daraus deklamirte. Aber Sie
hätten ihr Gesicht sehen sollen, als Schiller plötzlich in die Hände klatschte.
Glauben Sie, dass, wenn ich sie vorher ihm vorgestellt, sie nur den Mund
aufgetan hätte? Mit Schiller passirte das noch, aber wie benahm sie sich gegen
Jean Paul! Da von der Gesellschaft unter den Linden will ich nicht sagen. Es war
ja ein Gedränge um ihn, beinahe ein Skandal.«
    Walter lächelte. Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen, die in
derselben Absicht nach dem Sessel eilten, von dem der Dichter eben aufgestanden.
Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die glückliche sein und sitzen, wo der
Dichter gesessen. Man behauptete, dass beide seitdem nicht mehr Freundinnen
wären.
    Die Geheimrätin las aus Walters Lächeln den Sinn: »So seid Ihr alle, und
Keiner besser als der Andere. Die Huldigungen edler Frauen für eine Grösse, wenn
sie Euch selbst nicht gelten, sind nur gut für Euren Spott. Nicht wahr, das
charmante Triolett, was durch die Stadt läuft, ist von einem Ihrer Freunde, von
dem Herrn Tieck oder Bernhardy, oder einem der Herren Schlegel?«
    »Unsere Freunde,« sagte er, »erkennen das echte Feuer, das aus diesem Genius
in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel
prasselt, wenngleich der krause irdische Tross, den es mitnimmt, Vielen das
Verständnis seiner Seelenaccorde erschwert.«
    »Wir nun bemerken nicht diesen Tross und sind darin glücklicher als die
Herren der Schöpfung, denen so oft der Sinn über die verletzte Form verloren
geht. - Das aber ist es, ja, ja, Herr van Asten, Sie wollen Ihrer Schülerin
einen zu klassischen Sinn einimpfen. Sie dämpfen ihre Entzückungen - aber was
ich sagen wollte, - ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht -«
    »Jean Paul? - und mit Adelheid?«
    »Die Russische Fürstin war eben fortgefahren. Wir trafen nur noch vier
Damen, die ihm einen Teppich gebracht, denn der Fussboden ist sehr kalt, weil er
über einem Stall wohnt. Sie liessen es sich nicht nehmen, ihn selbst anzunageln,
und während dem hatten wir die schönsten Minuten. Ach wie ganz anders ist Jean
Paul als Schiller! Jeden Moment, jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiss er zu
benutzen, es sprüht immer etwas Sinnvolles, Angenehmes. Wenn eine der Damen sich
auf die Finger klopfte, beneideten die Genien sie um den Schmerz, den eine edle
Seele bei einem Liebeswerk empfindet.«
    »Und die Damen erwiderten die Galanterien?«
    »Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsere Landsmänninnen gefahren.
Denken Sie, selbst die Eitelbach, wie berauscht von seiner Nähe, ward witzig.
Sie sprach etwas, was im Hesperus stehen könnte.«
    »Oder vielleicht schon darin steht.«
    »Gleich viel, es ist eine Magie, die alle in seiner Gegenwart über sich
selbst erhebt. Ich liess ihm durch Adelheid ein Bouquet überreichen.«
    »Gewiss mit Worten, die im Titan einen Ehrenplatz fänden.«
    »Es war, meine ich, keine üble Phrase, eine Phantasie, die mir am Morgen
eingefallen war. Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt, eine Art
Streckvers. - Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar.«
    »Kornblumen! -«
    »Natürlich künstliche; die Kornblumenzeit ist ja vorüber. Sie sollte mir
recht natürlich kindlich aussehen. Aber sie sprach so hölzern, ich möchte sagen
gedehnt. Mir ward schon ängstlich zu Mute, und sie war kaum in der Mitte, als
die Eitelbach den Schrei ausstiess. Sie nämlich war es, die sich mit dem Hammer
auf den Finger geklopft hatte. Da sprang Jean Paul vom Sopha und küsste ihr das
Blut vom Finger.«
    »Was eine unangenehme Unterbrechung gab.«
    »Stellen Sie sich vor, Adelheid war nun so in Confusion, oder was war es,
sie hatte den Streckvers vergessen, überreichte ihm, wie ein Bauermädchen, den
Strauss und sagte: Die Blumen bleiben ja, was sie sind, auch ohne Worte.«
    »Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben.«
    »Das ist es eben, er sprach so wunderschön, in lauter gewählten, ich möchte
sagen selbst in Streckversen; aber sie antwortete ihm, als wäre er ein Mann wie
andere, ganz offen, naiv, dreist. Es schnitt mir durch die Seele. Das Mädchen
empfand so gar nichts von der Veneration. Jeder gibt sich doch Mühe, so viel er
wenigstens kann, sie an den Tag zu legen.«
    »Jean Paul wird ihr verziehen haben.«
    »Ich aber nicht,« fiel die Geheimrätin, scharf ihn anblickend, ein. »Was
soll er von mir denken, wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den
Tag zu legen weiss, das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt. Unbedeutend ist
Adelheid nicht, es muss also doch etwas an ihren Lehrern liegen -«
    »Oder an ihrem Charakter.«
    »Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde, mein Herr van
Asten. Uebrigens wird sie Gelegenheit haben, ihn in diesem Augenblick zu zeigen.
Da ich heut Morgen durch Doktor Selle erfuhr, dass die Gesellschaft der Kurland
ausfällt - sie ist an den Hof geladen - also Jean Paul frei ist, schickte ich
Adelheid zu ihm, ihn zu invitiren.«
    »Das junge Mädchen -«
    »Mit dem Bedienten.«
    »Aber - er logirt - was man gewöhnlich eine Kneipe nennt.«
    »Ich weiss es, unten ist eine Bierstube, auf dem Hofe eine Hufschmiede. Ist
er darum weniger der Dichter?«
    »Und in der frühen Stunde. In Pantoffeln und Schlafrock, die Pfeife im Munde
-«
    »Empfängt er Fürstinnen, denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig
erscheint, wenn es gilt, dem Genius die Huldigungen darzubringen, würdig des
Mannes, welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat. Adelheid wird davon nicht
sterben, beruhigen Sie sich, wenn sie sich einmal selbst überwindet. Wir müssen
uns Alle überwinden, das - ist die Aufgabe unseres Lebens. Morgen aber kommen
Sie etwas später zur Lektion, Herr van Asten, wir müssen ausschlafen.«
    Als er die Tür öffnen wollte, trat Adelheid ein.
    »Kommt er?« rief die Geheimrätin.
    »Er kommt!« Sie flog der Geheimrätin an den Hals, die ihre Locken
streichelte und ihre Stirn küsste.
    »Ich wusste es, einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen.«
    »Ach, hätten Sie ihn gesehen, wie ich ihn sah, liebe - Mutter,« - das Wort
kam etwas zögernd über die Lippen. »Mit welchem Herzklopfen ich die kleine,
steile Treppe hinaufstieg, aber es war heut alles ganz anders. Wie er mir schon
entgegentrat! Er ist ein herrlicher Mann! - Ach Herr van Asten, bald hätte ich
Sie übersehen! O gehen Sie noch nicht fort, bleiben Sie, Sie müssen es auch
hören -«
    Sie reichte ihm die Hand: »Ja, wie man sich in dem Menschen täuschen kann.
Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor, und dass er das zuliess von
den Damen. Mir fiel einer von den Götzen ein, von denen Sie mir aus Indien
erzählt, die sich umherrollen lassen, und ihre Sklaven liegen auf der Erde.
Verzeihen Sie mir, Mama, ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen, er kam
mir so unmännlich, albern vor, wie er auf dem Sopha ruhig die Huldigungen
hinnahm, und nichts dafür gab, als blumigte Reden. Aber heut trat er mir mit
einem frischen, kräftigen Herein! entgegen, schon angekleidet. Er fasste meine
Hand, als ich Ihre Bitte kurz aussprach, aber nicht so süss wie neulich, es war
wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt. Er hörte mich freundlich an, und
sprach dann: Sagen Sie Ihrer Pflegemutter, ich nehme ihre Einladung mit Dank an
und werde kommen, ich danke Ihnen aber, mein liebes Kind - doch das tut nichts
zur Sache -«
    Aber die Geheimrätin wollte mehr, sie wollte alles wissen, was Adelheid
nicht wiedersagen wollte. Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten.
    »Er fuhr mit der Hand über meine Stirn. dabei sah er mich ungemein
freundlich an. Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen! Das kann ich wohl
wiedersagen ohne zu erröten, aber was er nachher sprach, wie er sich ein
deutsches Mädchen, und wie er sein grosses Vaterland sich denke und es liebe, ach
da müsste ich ja selbst eine Dichterin sein. Ich dachte an Sie, Herr van Asten,
wissen Sie noch, als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in
Feuer gerieten, es war wie ein grosses Bild, das Sie in die Luft malten, und ich
sah alles leuchten wie Flammen und Abendrot, wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise
durch die Luft zogen: Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen,
dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland, jetzt nach
Italien, nach Asien, ich sah deutlich den reissenden Fluss mit den schönen Bäumen,
in dem der Kaiser Barbarossa ertrank, dann fuhren Sie hinüber nach Sicilien, Sie
zeigten das Blutgerüst, auf dem der edle Konradin verblutete, und endlich wiesen
Sie nach dem Berge in Türingen, und schlossen: Das war Deutschland und da ruht
seine Zukunft! Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien, grossen
Nation, der wir freudig entgegen leben sollten, uns vorbereitend in Tugend und
Sitte und reinem Natursinn, da stand mir Ihr Bild wieder klar vor meiner Seele.«
    »Dass es Ihnen nie untergehe,« sprach rasch der junge Mann. »Ich irrte mich
nicht in ihm. Leben Sie wohl!«
    »Auf Wiedersehen, heute Abend. Ich selbst will Sie ihm vorstellen.«
    Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte. Die Geheimrätin stotterte:
»Herr van Asten sei wohl heute behindert, da er von ihrem Manne so lange
aufgehalten worden.«
    »Mama, haben Sie ihn nicht eingeladen?« fragte Adelheid verwundert, als sich
die Tür schloss.
    »In die Gesellschaft passt er doch nicht.«
    »Mein Lehrer den Sie selbst so hoch schätzen?«
    »Es ist nicht deswillen. Aber er ist zu unansehnlich.«
    »Unansehnlich!«
    »Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen. Van Asten ist doch
eigentlich hässlich.«
    »Hässlich!« rief Adelheid mit Schaudern und schien sich zu besinnen. »Das
ist mir nie eingefallen, dass van Asten hässlich sei. Daran habe ich überhaupt
nie gedacht.«
    »Was auch recht gut ist, liebes Kind,« entgegnete lächelnd die Geheimrätin.
»Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft.«
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
                             Man muss gelten wollen.
Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig;
es musste indes nicht so sein, wenn wir gegen Mittag eine Scene im Speisesaal
der Geheimrätin belauschen.
    In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf, und neben ihr, mit
prüfendem Blicke, jede ihrer Bewegungen beobachtend, die Geheimrätin. Um
Adelheids Augen war eine Binde geknüpft. Sie übte sich, den Salat zu mischen,
die Eier zu zerdrücken, Oel und Essig aufzugiessen, ohne diese Ingredienzien zu
sehen. Aber die Geheimrätin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten
Ort gestellt, und wenn Adelheids Arm irrte, gab sie durch leise Töne ihr ein
Zeichen. Einige Schüsseln zur Seite gesetzt, deuteten darauf, dass dieses
Experiment schon mehrmals versucht war. Jetzt schien es zu gelingen. Der Salat
kräuselte sich im Napf, doch verrieten Adelheids Bewegungen noch immer eine
innere Aengstlichkeit, und wer unter die Binde hätte sehen können, würde eine
Träne in ihrem Auge entdeckt haben.
    »Nur etwas ruhiger,« sagte die Wirtin, »und dann geht es vortrefflich.«
    »Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen,« entgegnete das
junge Mädchen.
    »Du wirst aber, wenn Du den Salat machst, gen Himmel, das heisst an die Decke
blicken. Es wird sich irgend eine Gelegenheit finden, Dich aufzufordern, ein
Gedicht, am besten eines von ihm, herzusagen, Du gerätst, von der Schönheit
hingerissen, in Affekt, und blickst in die Wolken. Während Du recitirst, stellt
der Bediente den Salatnapf vor Dich und flüstert Dir zu: Fräulein, der Salat! Du
lässt Dich nicht stören und unterbrechen, greifst aber unwillkürlich nach Löffel
und Gabel, und ohne einen Blick hinunter zu werfen, verrichtest Du mechanisch
die Arbeit.«
    »Aber die Liane aus dem Titan ist ja, wie Sie mir gestern vorlasen, wirklich
in dem Augenblick blind, und der hässliche Minister, ihr Vater, zwingt sie nur
zu der Komödie, damit die Gesellschaft glauben soll, seine Tochter könne noch
sehen. Herr Richter und alle unsere Gäste wissen aber, dass ich sehen kann, warum
soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen, von der jeder Mensch weiss, dass sie
eine ausserordentliche Abrichtung kostet? Die Gäste werden wahrscheinlich den
Titan gelesen haben.«
    Adelheid hatte die Binde abgerissen.
    »Das setze ich sogar voraus,« sagte lächelnd die Lupinus. »Sie werden
sogleich wissen, was es bedeutet. Ach eine Liane! wird es von Mund zu Munde
gehen. Du liebst ja nicht die groben Komplimente, dies, hoffe ich, soll eines
der feinsten sein, das ihm in Berlin begegnet.«
    Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor
gegen den grossen Mann.
    »Du kennst nicht die Welt und noch nicht die grossen Männer,« seufzte die
Geheimrätin. »Gerade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung, ist am
empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten. Kann man Jean Paul noch mehr
mit Huldigungen überschütten, als es die Damenwelt hier getan! Der Hausknecht
schimpft schon, wo er wohnt, über die vielen verwelkten Blumen, die er täglich
in die Müllgrube kehren muss, und glaubst Du, dass wir ihm eine Freude machten,
wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten? Er würde das hinnehmen
als etwas, was sein muss, und denken: wenn Ihr nichts weiter könnt! Aber eine
solche versteckte Anspielung muss ihm schmeicheln, eben weil er recht gut weiss,
welche grosse Vorbereitungen es gekostet hat.«
    »Und warum muss ihm denn geschmeichelt werden?«
    »Weil er ein Mensch ist wie andere.«
    »Und warum muss man überhaupt schmeicheln?«
    »Weil wir leben wollen.«
    Adelheid sah sie gross an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle Niemand
und lebe doch.
    »Weil Du jung und hübsch bist,« antwortete die Geheimrättin auf den
unausgesprochenen Gedanken, »darum ist man gegen Dich aufmerksam. Wenn Du nicht
mehr jung und hübsch bist, wirst Du Dich schminken müssen. Es gibt mancherlei
Schminke. Je älter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch,
denn um so mehr muss man die Schwächen der Anderen studiren, um vor ihnen zu
gelten.«
    »Warum muss man denn gelten wollen!« Es entfuhr ihren Lippen; sie wusste sich
kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt, als die
Pflegemutter sie anschielte.
    »Ja warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage
beantwortet.«
    Es entstand eine Pause. Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen
fortgeschaft; die Geheimrätin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die
Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war
emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu
verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es
klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder:
    »Kam das auch von Deinem Lehrer?«
    »Was, Mama?«
    »Dass man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der
sich die Welt konstruirt, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er Dir
nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was
er ist? Das klingt hübsch, aber die Menschen sähen sehr hässlich aus, wenn sie
nichts täten, um sich zu verschönern. Davon, mein Kind, macht Keiner eine
Ausnahme.«
    »Er selbst will gewiss nicht mehr scheinen als er ist -«
    »Sprich es nur aus, was Du verschluckst, Du meinst, er wäre sogar noch
besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst Du es nicht bisweilen, wenn er
in einer begeisterten Rede plötzlich inne hält, als wolle er etwas nicht sagen
aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Tema
übergeht! - Und wenn er nun damit nichts wollte, als dass Du glauben solltest, er
wäre und wisse noch weit mehr, als Du denkst?«
    Adelheid sah sie gross an: »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch!«
    »Nicht schlimmer als Andere. Ja, er täte gewissermassen nur seine Pflicht.
Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken wollen, müssen einen Glauben
an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schüler an
sie glauben.«
    »Er brauchte es gewiss nicht.« sagte Adelheid.
    »Da hast Du gewissermassen wieder Recht. Er war ein guter Lateiner, wie mein
Mann sagt, er hätte nur einen gewissen Klassiker zu ediren brauchen, und eine
Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt. Aber man sagt, das gilt
jetzt nicht mehr viel. Da wandte er sich den jüngern Geistern zu, die aus der
Natur, veralteten Poeten und der Mystik, Gott weiss welche Schätze zu graben
vermeinten. Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke, durch
welche jene Männer, die vor ihnen berühmt waren, ihren Ruhm gewonnen. Auf dem
Wege war kein Platz mehr für sie zur Geltung zu kommen. Van Asten wollte auch
ein Dichter sein.«
    »Das hat er wieder aufgegeben, liebe Mutter. Er sagte mir, wer fühlt, dass
seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht, soll davon bei Zeiten abstehen.«
    »Sehr vernünftig. Von der ganzen jungen Schule hat noch kein Einziger eine
Anstellung erhalten. Herr Iffland will auch ihre Teaterstücke nicht zur
Aufführung bringen. Es hat einen glänzenden Schein, mein Kind, aber es gilt
nicht. Darum hat Dein Herr van Asten sich wieder auf Anderes geworfen. Er will
ein selbstständiger Mann, ein Charakter sein. Er hat sich von seinem Vater
getrennt, der ein angesehener reicher Mann ist, und will sich selbst sein
Fortkommen verschaffen. Wenn es ihm gelingt hat er recht. Das ist die Aufgabe
des Genies, aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen. Sein Anfang ist recht
hübsch. Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat, der mit gekrümmtem Rücken um
die Erlaubnis bittet, ein Wort mitsprechen zu dürfen, sondern er geht aufrecht
und spricht wenig, kurz, aber entschieden. Das frappirt auch Vornehmere, und man
fragt, wer er ist? Ich will ihm nur wünschen, dass es ausreicht. Aber ich
fürchte, es wird nicht ausreichen. Gute Privatstunden geben, und dann und wann
eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen, damit erlangt ein junger
Mann keine Bedeutung. Er täte noch immer am gescheitesten, wenn er zu seinem
Vater ins Komptoir zurückkehrte. Wenn man einmal der Erbe von van Asten und
Kompagnie wird, kann man sich schon bequemen, ein paar Jahre am Ladentisch zu
stehen.«
    »Walter!«
    »Dann würde er Dir wohl weniger gelten?«
    »Das nicht, aber -«
    »Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren. Ach mein Kind, es steht
Keiner so hoch, dass er nicht Alles verliert, wenn er vor den Leuten nicht mehr
gilt; Kaufleute und Könige, Gelehrte und junge Mädchen. Warst Du etwa eine
andere, als Du in dem schlechten Hause betroffen wardst? Benahmst Du Dich wie
die Mädchen dort, trugst Du Kleider wie sie, blicktest Du frech die Männer an?
Nichts von alledem, Du warst die tugendhafte sittsame Adelheid, die Du vorher
warst und jetzt bist, aber Du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die
andern, und aller Deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet, wärst Du auf ewig
verloren gewesen -«
    »Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten.«
    Man täte der Geheimrätin Unrecht, wenn man glaubte, dass sie mit dem langen
Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe. Im Gegenteil, sie liebte
nicht Affectscenen, wo das Herz auf dem Präsentirbrett liegt.
    »Ich habe nichts für Dich getan damals,« sprach sie mit einer Ruhe, welche
die Aufwallung entschieden zurückwies. »Du wurdest nur dadurch gerettet, weil
der Zufall Dich in mein Haus führte. Das Deiner Eltern ist gewiss ein sehr
ehrbares, aber Dein Vater und Deine Mutter haben wenig Umgang mit der
Gesellschaft. Wenn Sie Dich auch noch so behütet und eingeschlossen, Du hättest
doch einen Flecken behalten. Die Dich gekannt, wussten freilich, was Du warst,
die Andern aber hätten gedacht: schade um das arme Mädchen, sie lebt nun so
zurückgezogen, führt sich so sittsam auf, und tut alles was sie kann, den
Verstoss wieder gut zu machen, sie ist auch vielleicht ohne eigene Schuld, aber
sie war doch einmal in dem Hause, und das vergisst man nicht. So argumentirte
der Legationsrat, und ich gab mich gefangen, und Deine Eltern endlich auch. Und
hatte der Treffliche nicht Recht? Ist nun nicht Alles gut? Man reisst sich um
Dich. Bist Du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am
Gensd'armenmarkt? Habe ich Dich besser gemacht, erzogen? Ich bin weit von der
Eitelkeit entfernt mir das anzumassen; ich weiss sogar, dass Du ein Charakter bist,
der sich eigentlich nicht erziehen lässt, der sich aus sich selbst herausbildet.
Was Du nach meinem Willen tust, geschieht nur aus Dankbarkeit, und Du behältst
noch Deinen Willen. Aber vor der Welt bist Du eine andre, Du giltst, ich sage
nicht für tugendhast, davon ist nicht mehr die Rede, aber vielleicht für mehr
als Du jetzt schon bist, Du bist ein enfant gaté der Modewelt, alles, weil Du in
einem Hause lebst, was Geltung hat. Ja, mein liebes Kind, wer unter den Menschen
leben will, muss vor ihnen gelten wollen.«
    Die Geheimrätin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen. Es
war nicht das erste Mal, es geschah auch nicht zufällig; sie meinte auch, nicht
mit grausamer Absicht. Um fest zu werden für das Leben vor uns, muss man jeden
Augenblick über das hinter uns klar sein, war ihr Argument.
    Auch Adelheid wiederholte nur, was sie schon tausendmal gesagt, von dem
Schutzengel, den sie gefunden, dem neuen Leben, welches sie in diesem Hause
angefangen, wie sie sich jedesmal strafe, wenn sie dem Willen ihrer Retterin
entgegen handelte, wie Alles hier zu ihrem Glücke ausschlage.
    »Und doch wünschtest Du Dich schon fort!«
    »Nicht doch! nicht doch!« Adelheid küsste mit Heftigkeit die Hand der
Lupinus.
    »Du bist unruhig. Hättest Du wieder beleidigende Äusserungen gehört?«
    »Im Gegenteil, liebe Mutter, das ist alles überwunden, selbst der
schreckliche Gedanke, dass ich in die Zeitungen kommen musste, auch das ist nun
vorüber. Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren, und die Sonne
ging dann auf, und sie verdampften, bis alles, alles klar war, da fühlte ich
mich wie aufgelebt. Das Gras, die Büsche und die Blumen sind doch nicht Schuld
daran, dachte ich, dass der hässliche Nebel sie belegt.«
    Der Geheimrätin prüfender Biick war noch derselbe: »Und Dir ist doch etwas!
Du kamst so echauffirt zurück. Du kannst Dich nicht verstellen. Ist er Dir
wieder begegnet?«
    Adelheid nickte nur mit dem Kopf.
    »Wo?«
    »Als ich in den Torweg zu Herrn Richter einbog, glaubte ich ihn um die
andere Ecke kommen zu sehen, ich hoffte, er hätte mich nicht bemerkt. Und darum
war es mir lieb, dass Herr Richter mich länger aufhielt. Aber als ich heraustrat,
und wirklich, ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen
Mann, da -«
    »Unterstand er sich, Dich auf offener Strasse anzutreten!«
    »Nein eigentlich nicht. Er stand am Eckhause, wo ich vorbei musste, mit
gekreuzten Armen, wie ein Träumender.«
    »Und als Du vorbei gingst?«
    »Mama, ich glaube beinahe, ich hüpfte vorbei, so wohl war mir in dem
Augenblick und ich sah ihn erst, und er gewiss mich auch, als ich beinahe an ihn
stiess.«
    »Und -«
    »Ich weiss nicht, stiess ich einen Schrei aus, aber es war gewiss nicht laut,
ich fuhr zurück -«
    »Und er?«
    »Vielleicht sagte er auch etwas. Das weiss ich nicht mehr. Aber der Blick,
den er auf mich warf, verfolgte mich.«
    »Unerhört! Liessest Du ihn nicht durch den Bedienten zurecht weisen? Er ist
ja ein fürchterlicher Mensch.«
    »Den armen kranken Johann, der sich nur so hinschleppt -«
    »Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen.«
    »Nein, teuerste Mutter, lassen Sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre
Begleitung. Ich bitte Sie recht dringend, inständigst darum. Ich hätte wohl den
Mut, ihm Rede zu stehen, wie er verdient, aber -«
    »Drei Mal hatte er ja wohl die Unverschämteit, sich anmelden zu lassen,
seit er aus dem Arrest ist?«
    »Das dritte Mal gerade, als Sie zum Polizei-Präsidenten gefahren waren.«
    »Da ist auch keine Abhülfe,« sagte die Geheimrätin kopfschüttelnd. »Der
Präsident meinte, die paar Wochen, die man ihn wieder eingesperrt, seien das
Äusserste, was man tun könne. Denn von der Insulte gegen Dich ist nicht die
Rede gewesen, nur weil er maskirt auf der Strasse erschienen und mit der Wache
seinen Spott trieb! Aber, mit uns treibt er täglich seinen Spott, sagte ich, er
verfolgt im Teater, auf der Strasse meine Pflegetochter, er dringt in mein Haus.
Wer schützt uns? Der Herr Präsident hatten keine Antwort, als, er bedaure, dass
wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen, die uns
unbequem sind.«
    Adelheid senkte die Augen: »Was tat er uns auch eigentlich, was die
Obrigkeit verbieten kann? Andre fixiren mich auch im Teater. Er wollte in unser
Haus, aber bei hellem Tage, er klingelte und liess sich ordentlich melden. Er
schrieb einen Brief an mich, aber wir schickten ihn uneröffnet zurück. Wir
können dem Richter nicht einmal angeben, was er will.«
    »Sollen wir warten bis er eine Leiter anlegt, oder Nachts übers Dach
einbricht?«
    »Neulich, als Sie fortgefahren waren, hatte er mich durch das Flurfenster
gesehen, und doch respectirte er die Unwahrheit, die der Bediente auf Ihren
Befehl sagte: ich sei nicht zu Hause. Johann hatte die Tür schon geöffnet, er
brauchte nur den Fuss vorzusetzen, ihn mit dem Ellenbogen zurückstossen und wenn
er seiner Tollheit nachgehen wollte, war er Herr im Hause. Es mag in dem
Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein. Die Arme auf der
Brust gekreuzt, stand er eine Weile auf dem Flur und sein Auge schien in die
Dielen zu brennen. Da hab ich auch einen Augenblick gezittert. Plötzlich rief
er: ich werde sie ein ander Mal zu Hause finden! und ohne sich umzusehen,
stürzte er die Treppe hinunter. Es kann doch also keine böse Absicht sein.«
    »Seine Absicht ist, meinem Hause einen Affront anzutun. Es ist eine
Beleidigung jetzt mir zugefügt. Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouirt,
nichts desto weniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrat Bovillard, der am
Ende noch Gefallen daran findet, wenn sein ungeratener Sohn eine Dame
insultirt, die er schon mit seinen Plaisanterien verfolgt. Aber das soll, muss
anders werden. Wir werden einen Beschützer finden. Dein Erretter, der
Legationsrat, der unglücklicher Weise bald nach jener Affaire Berlin verlassen
musste, um seine Güter zu revidiren, wird bald zurückkehren. Er weiss, wie man
uns Ruhe verschafft. Er ist jetzt der Mann, der gilt, der Stern der
Gesellschaften, und ich hoffe von seinem Einfluss auf den alten Bovillard, dass er
selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft.«
    Die Lupinus hatte in ihren Eifer übersehen, dass Adelheid den Mund zu einer
Mitteilung geöffnet: »Herr von Wandel ist ja zurück.«
    Die Geheimrätin hätte jetzt ebenso Grund gehabt, in Adelheids Art etwas
Auffälliges, eine Aufgeregteit zu finden, aber weil sie selbst aufgeregt war,
merkte sie es nicht.
    »Er zurück! - Woher weisst Du das?«
    »Als ich vor ihm - vor Jenem - in einen Laden flüchten wollte, trat er
heraus.«
    »Wandel - und - mein Gott, das Wichtigste sagst Du mir jetzt erst!«
    »Ich war so überrascht, verwirrt -«
    »Und -«
    »Ja, was eigentlich geschehen, weiss ich nicht. Ich glaube, ich habe ihm die
Hand gereicht.«
    »Du glaubst -«
    »Mama, ich glaube, ich hätte Jedem sie gereicht, der mir entgegentrat, es
war eine Angst, ich sah nichts mehr vor mir.«
    »Und der Legationsrat! - Haben sich Beide wiedererkannt?«
    »Ich weiss es nicht. Der Legationsrat sah nur meine Angst. Aber dann hat er
mich nach Haus geführt.«
    »Er - Dich? Hierher? Wo ist er - Was sagte er?«
    »Liebe Mutter, zürnen Sie mir, ich weiss nichts von dem Gespräch. Ich horchte
nur immer, ich bebte, ob er noch hinter uns wäre. Er wird mich für sehr kindisch
gehalten haben.«
    »Ich will es Dir vergeben, weil Du beschämt warst, nicht mehr Mut gezeigt
zu haben. Und vor dem herrlichen Mann, dessen Gegenwart schon Deine gesunkenen
Geister erheben musste! - Aber mein Gott, wo ist er? Er hat Dich hergeführt.
Warum kam er nicht mit herauf?«
    Adelheids Geister waren nicht gehoben. Auf alle Fragen der Geheimrätin über
ihren Begleiter, wusste sie sich kaum zu entsinnen, dass er beim Abschied gesagt,
wenn er nicht zu einem Minister berufen, würde er sich sofort das Vergnügen
gemacht haben, bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen. Adelheid ward mit
dem Befehl entlassen, für ihre Toilette zu sorgen.
    Die Geheimrätin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben. Ihre Gedanken
machten Kreuz- und Quersprünge. Wenn sie den Legationsrat präsentiren konnte,
ihn, den neuesten Lion der Gesellschaft, den bewunderten, rätselhaften Mann,
der aber als er, eine neue Sonne, aufgegangen, plötzlich wieder verschwunden
war! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit, zuerst in ihrer Gesellschaft wieder
erschien! Wenn er jetzt anklopfen sollte, sein erster Besuch bei ihr? Wenn -
Niemand kannte den geheimen Grund seines Aufentaltes in Berlin, und welches
Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt, als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich
auf seine Güter rief! - Wenn er sich gedrungen fühlte, sie zur Mitwisserin
seiner Ideen zu machen. Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer
Situationen, als eine kalte Frage dazwischenfuhr: Wird er denn überhaupt kommen?
Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden, nur um sie los zu werden?
Ist er nicht vielleicht abgereist, um seine Verbindungen hier zu brechen? Er
kehrt zurück, Gott weiss warum, aber nicht, um die wieder anzuknüpfen, deren er
überdrüssig ist. Er ist ein Mann, der der Welt angehört, Berlin ihm ein
Stationsort, um sich auszuruhen, nicht länger als nötig, und die Personen, mit
denen er umgeht, zum Zeitvertreib zu gebrauchen. Zum Tor hinaus, in der
nächsten Stadt, hat er uns vergessen -
    Aus diesem peinlichen Selbstgespräch riss sie ein fester Klingelzug und
gleich darauf meldete der Diener den Legationsrat von Wandel.
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
                               Der Legationsrat.
Die Geheimrätin war in der Regel die Erste in den Kreisen, in welchen sie sich
bewegt, sie war sich dieses Uebergewichts bewusst, dennoch glaubte sie den rohen
Kitzel überwunden zu haben, welcher sich darin gefällt, dies Uebergewicht auch
die Anderen empfinden zu lassen. Dem Legationsrat gegenüber fühlte sie diesen
Zauberbann zerstört. Aber grade gegen eine geistige Uebermacht anzukämpfen, ist
interessant. Eine Frau hat so viele kleine Künste, mit denen sie unbemerkt in
das feste System des Mannes Bresche legt, wenn es der Mühe verlohnt.
    Er stand auf der Höhe, wo man nur wenig auszugeben braucht, aber man reisst
sich um die Münze, wie um eine Seltenheit. Dann sieht man auch wohl nicht immer
genau nach, ob die Münze echt ist. Er sass nachlässig im Fauteuil, doch mit dem
Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber, die er auch dafür anerkennt.
    Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen, in welchen wir
die Lupinus zu Hause wissen.
    »Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen, in die sie
dringen will,« hatte er auf eine Bemerkung der Geheimrätin erwidert, dass sie
die Sphären des Staats für ihr Geschlecht wenn nicht unzugänglich, doch
geschlossen halte.
    »Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre
verlieren.«
    »Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Stael keine Frau! Mich dünkt,
man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die höchsten Damen an unserem
Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die
ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird!«
    »O, wer in diese Zukunft blicken könnte, ob sie uns Aufschlüsse, Lichter,
Befriedigung bringt, oder das alte Einerlei des Zweifels, der getäuschten
Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfüllt werden!«
    »Die Zukunft, gnädige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht
zu ergreifen verstehen.«
    »Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu
bestimmt.«
    »Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der
Mann es bleibt, das ist so lange als er sich selbst beherrscht.«
    »Die Entaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen!«
    »Die Kraft, das Ziel unverrückt im Auge zu behalten, die Wege, die die
kürzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man
Rosse zügelt und spornt, deren Natur wir kennen.«
    »Das ist nur an den Männern.«
    »Warum! Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezüge zum Leben,
weit leichter der Verführung ausgesetzt.«
    »Das sind Paradoxien.«
    »Nichts weniger. Er ist zugänglicher den Leidenschaften, weil er sie
leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und gibt er
ihnen sich hin, hört er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er
schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre
ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren, und wie
sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!«
    »Spötter!«
    »Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft, die wir nur mit
unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe aus Symptomen, die unserem in die
Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustände, vergangene und künftige
Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden über ihre Neigungen,
Vorurteile, ihre Liebe und ihren Hass, ihre Impulse und abergläubischen
Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Hass auf
grössere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines
Günstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren ausserordentlichen Mitteln
Grosses, Ausserordentliches, warum nicht das Grösste.«
    Die Geheimrätin schwieg nachsinnend. Sie hielt es für den Moment geeignet,
seitwärts abzuspringen: »Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen,« sagte
sie wieder aufblickend.
    »Ich kann einen Trunkenen beneiden, aber nur so lange er es ist.«
    »Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Taten.«
    »Aus der Geschichte nicht, meine Gnädigste. Sie ist ein grosses Quodlibet, wo
Platz ist für vieles. Nur aus dem Katechismus der Wenigen streiche ich sie,
welche wissen, was sie wollen.«
    »Und wie wenige Grössen bleiben dann übrig,« erwiderte die Geheimrätin.
    »Wenige, aber zum belehrenden Exempel genug Cäsar blieb sich gleich bis zum
Gipfelpunkt.«
    »Und fiel durch Mörderhand.«
    »Der rohe Zufall liegt ausser unserer Berechnung; er fiel, nachdem er
erreicht, was er erstrebt. Und doch vielleicht war's auch nicht ganz Zufall.«
    »Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können, wenn er keine Ahnung
seines Vorsatzes hatte!«
    Der Legationsrat lächelte: »Cäsar hatte Vertrauen, wo er nur Argwohn haben
durfte. Cäsar war der grosse Mann, weil er sich selbst Alles verdankte, weil er
im Siegerglück nicht glaubte, dass er nun genug gehandelt, dass nun das Schicksal
für ihn wieder handeln müsse, weil er nicht, von der eignen Grösse trunken, an
eine Mission glaubte. Aber er irrte, als er glaubte, dass ein grosser Mann auch
sogenannte menschliche Regungen haben, dass er, ohne ein bestimmtes Interesse
grossmütig sein dürfe. Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen
spekuliren, und er spekulirte nur auf ihren Edelsinn. Er, in seiner Lage, durfte
nicht hoffen und lieben, nur beobachten und rechnen, und ihm war der Argwohn
eine Tugend und Notwendigkeit. Er schloss das scharfe Auge, er rechnete falsch
und vertraute. Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen!«
    Es trat eine Pause ein. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die
vermutlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte. Man hatte von den
Ereignissen des Tages gesprochen, von dem Stern, über den die Meinung sich noch
teilen konnte, ob er ein leuchtendes Tages-Gestirn sei oder ein nächtliches
Meteor?
    »Und er ist Kaiser,« hub die Geheimrätin an, »er hat sich selbst dazu
erklärt! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin, ein
gewesener Artillerielieutenant! Und die altgekrönten Mächte beeilen sich, ihn
anzuerkennen!«
    »Sie müssen wohl!«
    »Nehmen Sie sich in Acht, Herr Legationsrat. Man darf ihn hier nicht
ungestraft in allen Kreisen bewundern. Und Sie besuchen -«
    »Die verschiedensten,« fiel er rasch ein. Es war das gewesen, wofür der Gast
es nahm, ein Klopfen auf den Busch. »Ich bewundere nichts, fuhr er fort, ich
beobachte nur, und mein Facit der Anerkennung ziehe ich erst, wenn ich einen
Mann am Ziele sehe.«
    »Wird er es erreichen?« fragte die Geheimrätin leiser.
    »Wenn Sie mir sagen könnten, was sein Ziel ist, würde ich versuchen, auf die
Frage zu antworten.«
    »Sein Ziel!« - die Geheimrätin sah ihn gross an, aber sie verstummte vor
seinem abmessenden Blick. Mit einem Seufzer sagte sie: »War es denn ein
Verbrechen, in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken!«
    »Ein Verbrechen ist Unsinn, und der Wahn, dass Einer für Alle etwas schaffen
könne, eine Torheit. Jeder schafft für sich. Ich weiss nicht, ob der junge
Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing, der Kaiser der
Franzosen wird ihn belächeln. Man muss die Menschen kennen gelernt haben, wie
wir, gnädige Frau, um zum Resultat gekommen zu sein, dass, was man so die
Menschheit nennt, nicht wert ist, sein Bestes für sie zu opfern.«
    »Aber mein Gott, für wen soll man sich denn opfern.«
    Der Gast schien es überhört zu haben, oder seine Gedanken hatten
unwillkürlich einen andern Gang genommen; »Es ist zu bedauern, dass die Kaiserin
ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt. Eine wahre Zierde ihres Geschlechts!«
    »Sie kennen die Kaiserin Josephine?«
    »Ihre Majestät, Königin Louise, ist gewiss die personificirte Huld und
Schönheit, aber diese Creolin, in der sichtlich noch das tropische Blut pulst,
hat etwas Bestechendes, Fortreissendes. Man muss sie gesehen haben - ach, schon
als Josephine Beauharnais!«
    »Sie kannten sie damals schon?«
    »Es rühmen sich Viele, doch wer kann sagen, dass er sie kennt! Kennt man nur
ihren Einfluss auf den Kaiser!«
    »Sie hat vieles Blutvergiessen verhindert.«
    »Sagt man. Wer diese on dit's geschickt auszustreuen weiss, der kommandiert
über Armeekorps. Und Beide, der Kaiser und die Kaiserin, sind darin geschickt,
es fragt sich eben nur wie lange Beide zusammen operiren werden.«
    »Mein Gott, Sie scheinen auch mit den häuslichen Angelegenheiten des
Kaiserpaares vertraut.«
    »Ich lese nur, was Jeder lesen kann, der die Augen auf hat. Will er ein
Reich gründen, was ihn überlebt, muss er einen Sohn haben der ihn beerbt. Wer
arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten! Was ist ihm der adoptirte
Stiefsohn! Erinnern Sie sich, was die sentimentalen Seelen von ihm hofften,
nachdem er die Revolution besiegt?«
    »Ich habe nie geglaubt, dass Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen
könne,« sagte die Geheimrätin.
    »Gewiss, wer die Kraft hat ein Egoist zu sein, wird sich nie mit einer Livree
begnügen.«
    »Egoist!«
    »Alle grossen Männer sind es, eigentlich alle wahren Männer. Wer schaffen
will, muss für sich schaffen, und wer ein Weltreich gründen will, für eine
Dynastie, die seine ist. Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau.
Sie sieht das ein; wie weit sie voraussieht, wissen wir nicht, aber sie hat
einen Sohn. Es ist nun ein recht kluger Anfang, dass sie die Maske der Milde,
Liebe und besänftigenden Güte vornimmt, und ob es von ihrem Gatten klug ist, sie
ihr zu lassen - das ist eine andere Frage, die - uns Beide wenigstens, meine
teuerste Geheimrätin, glücklicherweise nichts angeht.«
    Er war aufgestanden. Die Geheimrätin hätte die Unterhaltung gern
fortgesetzt: »Sie sind gewiss sehr affairirt. Eine so ehrenvolle Sendung muss Ihre
ganze Zeit in Anspruch nehmen.«
    »Ich bitte Sie, kein Wort von der Bagatelle. Natürlich wird man nicht gerade
zur Tür hinausgeworfen, wenn man als Ueberbringer solcher Ehrenzeichen ankommt,
indessen, wie gesagt, ich wünschte, dass man in den Cirkeln hier kein Aufhebens
davon machte.«
    »Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigene Brust mit einem dieser
Ehrenzeichen geschmückt.«
    »Für einen Briefträgerdienst! Monsieur Laforest, der Gesandte, lachte über
die Mission, und das verdient sie auch; haben wir doch Jeder für Wichtigeres zu
sorgen! Ich freue mich nur, dass die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt
lohnt. Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet.«
    »Ich freue mich, dass alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen. Adelheids
Renommee ist nicht allein hergestellt, sie ist - nun Sie erfahren es schon.
Möchte sie nie den Dank gegen Den vergessen, dem sie ihr Alles verdankt.«
    »Dank, meine Gnädige! Es gibt keine Substanz in der Chemie, die so schnell
verflüchtigt! Wer darauf bauen wollte -«
    »Sie brauchen nicht zu bauen, denn Ihr Haus steht fest. Freilich, was ist
Ihnen daran gelegen, dass man Sie in Berlin vergöttert! Indessen es ist doch auch
für einen Philosophen nicht ganz unangenehm, wenn ihn die Leute auf der Strasse
kennen und feiern. Ach, mein Gott, warum mussten Sie damals so schnell abreisen.
Das war ein Erkundigen, ein Fragen nach Ihnen. Der Hausknecht, wie Ouvriers, die
für Sie gearbeitet, wer nur das Glück gehabt, Sie in Gesellschaft, in seinem
Hause zu sehen, musste Auskunft geben, wie Sie aussähen, sprächen, welche Ihre
Freunde, ob Sie verheiratet wären, ob Sie hier Ihr Domicil aufschlagen würden.
Man wusste Sie in kleine Teile zu zerlegen und meinte, der kleinste wäre doch
noch etwas, was der Betrachtung Stoff gibt. Einige meinten, es sei doch eine
Art Koketterie, dass Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung
sich entzögen, ich indes meinte etwas anderes -«
    »Und darf ich fragen, was meine Freundin meinte?«
    »Sie leben sich selbst, und fühlen einen andern Beruf, als der Neugier der
Menge Rätsel aufzugeben, die Sie nicht lösen wollen, vor ihr wenigstens.
Wahrhaftig, ich verdenke es Ihnen nicht.«
    Der Legationsrat liess einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele
haften, einen der Blicke, welche die tiefste Absorbirung der Gedanken
ausdrücken; man will indes behaupten, dass auch die Kunst solche Blicke
gebrauche, um den Mangel an Gedanken zu verbergen: »Ach, meine Freundin, was
verrät uns mehr, welche Leerheit rings um uns ist, als dieses Haschen nach
Geheimnissen, die nicht da sind. Weil sie aus sich selbst nichts sind, darum
haschen sie nach einem Spielwerk, und ein unbekannter Fremder wird zu einem
Rätsel, weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft, anders den Hut abnimmt,
einen andern Ton auf die Worte legt, als hier alltäglich ist.«
    »Da ich immerwährend bestürmt werde, sagen Sie mir, was ich den Leuten
sagen, oder wenigstens, was ich ihnen verschweigen soll -«
    »Verschweigen! Mein Gott, ist denn zwischen uns ein Geheimnis! Malen Sie
mich Ihren Bekannten, wie Sie wollen. Eine solche Meisterin wird immer das
Richtige treffen. Warum ich hier bin, das ist ja wohl das interessanteste
Rätsel. Ich soll Emissair sein, Gott weiss von welchem Illuminaten- oder
Freimaurer-Orden, obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind! Ich bin
geheimer Envoyé einer Macht, man weiss nur nicht welcher. Nicht wahr? Natürlich
soll ich Staatsgeheimnisse ausspioniren! Ja wenn nur deren hier wären! Und da
ich an der Tafel der Minister, der Prinzen speise, da ich ziemlich offen mit
ihnen konferire, ist es doch nicht meine Schuld, wenn ich Dinge erfahre, an
denen mir wirklich nichts gelegen ist. Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein,
und bald wieder ein Glücksritter! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe
mich umsehen?« - Er seufzte: »Und die Geister einer unaussprechlich geliebten
Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel! Doch genug davon. Meinetwegen lassen
Sie mich einen Cagliostro sein. Im Uebrigen habe ich noch Niemand verhehlt, dass
der Zustand meiner Güter in Türingen mich hergeführt hat. Treffliche Güter,
aber verwildert unter meinem Vorbesitzer. Es bedarf einer wissenschaftlichen
Agrikulturbehandlung, um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen, die ich
mir zum Ziele gesetzt. Ich besitze chemische Kenntnisse, wer aber kann alles
wissen, wer braucht nicht des Rates, fremder Einsicht? In Berlin finde ich
einen Hermbstädt, Klaprot, Flittner. Sie sind meine Lehrer, Freunde, ich
konsultire sie, experimentire mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde, Mergel,
in allen Arten künstlicher Dungmittel. Das meine Beschäftigung hier. - Sie
selbst aber sehen mich ungläubig an. Ach, ich versichere Sie, in dieser
Wissenschaft allein ist Trost. Hier ist Wahrheit, hier lerne ich kennen, was
sich bindet, was sich abstösst, hier ist Folgerung, Zusammenhang, hier löse ich
mir Rätsel, welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen
Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt, dass oft das schärfste Auge, wenn
es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben, doch nur beschämt vor einer neuen
Larve steht. Vor der Chemie gilt keine Täuschung. Während sie Formen und Farben
zaubert, zersetzt sie Alles in seine Urstoffe. Das Kräuseln des Dampfes in der
Retorte, im Tiegel, der Geruch, den sie entwickelt, den Lichtglanz, die
schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben, flüchtige Momente,
während wir doch nur den Tod produciren, Schlacke, Asche, Staub, Luft in Luft.
Der Tod nur ist dauerd. Leben Sie wohl.«
    »Mein Gott, was ist Ihnen? Sie betonen das Wort Tod so besonders!«
    »Mit jeder Stunde, die wir leben, bereiten wir ja den Tod. Ich hoffe also
heut Abend auf Wiedersehen.«
    »Sie hoffen nur? Vorhin sagten Sie bestimmt zu. Sie erwarten heut keinen
Befehl eines Prinzen mehr.«
    »Nein, wenn indes ein Hindernis -«
    »Sie müssen doch nicht wieder fortreisen?«
    »Ich hoffe nicht, dass es so schlimm ausfallen wird.«
    »Sie spannen meine Neugier. Jetzt müssen Sie sprechen.«
    »Es ist nur eine der Kleinigkeiten, die das Leben pikant machen. Den jungen
Bovillard, den ich in der Tat auf meiner Reise vergessen hatte, traf ich vorhin
auf der Strasse, und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht, finde ich zu
Hause das, was ich längst erwarten durfte. Indessen wird er sich doch nicht so
überhasten, dass er mir nicht noch das Vergnügen gönnt, einen vergnügten Abend in
Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen.«
    »Allmächtiger Gott,« rief die Geheimrätin erblassend. - »Eine
Herausforderung! - Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen einen Mann wie
Sie - und um die edelste Handlung -«
    »Vor seine Kugel zu fordern.«
    »Das darf nicht sein. Bester Freund, Sie kennen nicht seinen Ruf. Mit Ihrer
Ehre verträgt es sich nicht -«
    »Er sass noch nicht im Zuchtause, ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen,
auch hat er seine Spielschulden, wie ich höre, noch immer bezahlt, und ein
Dutzend Duelle als Cavalier bestanden; das, meine gütige Freundin, gibt dem
Sohn des Geheimrat Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht,
auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Armes zu laden, und wenn
seine Kugel dies Herz durchbohrt, so versichere ich Sie, ist sein Renommee nicht
schlimmer, sondern besser.«
    »Abscheulich! Wer bessert das!«
    »Ein Mirabeau hate einmal den Mut. Er sprach es aus, dass man einem Dummkopf
nicht das Recht lassen dürfe, dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück
Blei seinen Kopf zu zerschmettern. - Die Revolution ist überwunden und die
Dummköpfe haben wieder ihr Recht.«
    »Aber um Gottes Willen, es muss doch Mittel geben -«
    »Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Fall Mittel finden; auch haben
sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten, die allerdings mehr von ihrem
Ingenium profitirt hat, als von zehn Haudegen, welche die Weinhäuser mit ihren
Radomontaden erfüllen. Indessen, wir sind keine Borgias und das neunzehnte
Jahrhundert verträgt keine Stilets und Banditen.«
    »Aber es muss seine edelsten Männer schützen. Es gibt auch andere Mittel,
eine höhere Polizei, eine Justiz. Bovillard der Vater muss es erfahren, er muss
endlich etwas tun, dem Unwesen seines Sohnes zu steuern. Der König selbst ist
entsetzt über diese blutigen Raufereien -«
    Der Gast hatte ihren Arm ergriffen: »Um des Himmels willen, meine gütigste
Freundin, soll ich bereuen, dass ich im Vertrauen die Lippen öffnete? Es war
Alles Scherz -«
    »Nein, es ist Ernst.«
    »Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen, so beschwöre ich Sie, kein
Sterbenswörtchen davon! Sie werden mich verstehen. Was ist das Leben? Eine
Anweisung auf Geltung. Wird dieser Wechsel zurückgewiesen, was bleibt uns davon!
Wer mag der Lebensluft, in der wir nur atmen können, den Rücken kehren! Ich
rechne also auf Ihre Diskretion. Jedes Wörtchen, jeder Wink könnte von meinen
Feinden anders gedeutet werden. Es ist ja auch möglich, dass der junge Mann sich
eines Besseren besinnt. Ach Gott, der Möglichkeiten sind so viele, dass ich es
aufrichtig bereue, Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben. Keinenfalls
darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören. Meine soll es wenigstens gewiss
nicht, denn ich freue mich aufrichtig, den neuen Abgott der Residenz kennen zu
lernen.«
    »Sie kennen Jean Paul nicht?«
    »Ich begegnete ihm wohl irgendwo.«
    Die Geheimrätin sah etwas verlegen vor sich hin: »Ich hoffe Sie
disapprobiren nicht -«
    »Was sich versteht in Credit zu setzen. Der Wert eines Staatsmannes, meine
Freundin, und der eines Dichters, was sind sie an und für sich, es kommt allein
ihr Courswert in Betrachtung, gleichviel, ob der Dichter ihn sich selbst
gemacht, oder Andere so gütig waren. A propos, da kann ich Ihnen eine Neuigkeit
mitteilen. Bei Hofe ist eine lebhafte Intrigue. Nachdem es nicht gelungen
Schillern hier zu fesseln, versucht man Herrn Richter uns einzuimpfen. Die
Parteien sind geteilt. Ihre Majestät die Königin wünscht ihm eine Präbende
zuzuwenden. Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stossen. Um desswillen
spielen alle Maschinen. Der Berg läuft von Diesem zu Jenem. Herr Jean Paul soll
von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden, bis er dem Trone so ins
Auge gerückt ist, dass Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam
gezwungen fühlen. Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exzess um ihre seltenen
Blumen geplündert, daher die Damendeputation an den neuen Frauenlob. Die Königin
lüde ihn gern selbst ein, aber er muss erst gewisse Leiterstufen der Einladung
durchgemacht haben, bis das in einem petit circle möglich ist. Man ist daher
auch sehr zufrieden mit den Arrangements unserer teuren Freundin, und die Stufe
der Ehre, die Sie ihm heut erweisen -«
    »Mein Gott, wie kann man wissen -«
    »Man weiss Alles. Aber bedenken Sie wohl, dass die Gunst der Königin nicht
jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt. Er ist kein Freund der Abgötterei.
Doch qu'importe, aber hüten Sie sich, dass unsere Schönheit hier, wenn sie ihm
den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt, nicht zu tief ins Auge des Dichters
sieht. Man fand zwar, er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt, und in seinen
Entzückungen weiss er nur noch nicht, welcher er das Tuch zuwerfen soll; aber nur
nicht unserer Adelheid! Ihre Natur ist zu schön, um sie mit einem Dichter zu
verträumen. Au revoir!«
    Der Legationsrat liess die Geheimrätin in einem Meere von Gedanken. Sie
passten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas
zu trüben.
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
                               Mars mit dem Zopf.
Eine Gesellschaft, zur Zeit als Gesellschaften die Blüte des geistigen Lebens
repräsentirten, mag man mit einem Sonnensystem vergleichen. Wenn aber viele
Sonnen mit gleichen Ansprüchen da sind, kann sie uns wie ein Universum
erscheinen, das, nicht fertig, noch nach einem Centralpunkt sucht. Ein solches
meteorisches Wogen ist für Viele unbehaglich, für den Beobachter interessant,
für den Maler aufzufassen unmöglich. Er muss sich mit Segmenten genügen lassen.
    Die Wirtin wäre gern die Sonne gewesen. Aber eine Sonne muss nicht allein
scheinen und leuchten, sie muss auch wärmen. Sie war eine Frau von Verstand und
selbst Witz, eine Erscheinung, die nicht ohne Eindruck blieb, aber es war nicht
der Verstand und Witz, der fesselt, nicht die Erscheinung, die zugleich imponirt
und anzieht. Sie durchdrang die Gespräche, sie wusste sie zu leiten,
abzubrechen, aber ihnen nicht den Hauch und die Färbung zu geben, dass sie sich
von selbst fortspannen. Sie war die liebenswürdige Wirtin, die für Jeden etwas
Angenehmes in Bereitschaft hatte, aber es schien so spitz zugeschnitten, dass die
Oekonomie dem Geschmeichelten nicht entging. Es blitzte wo sie erschien, die
Konversation wogte in sanften Wellenlinien einer gewählten Sprache, aber sie
stockte plötzlich, wenn sie zu anderen Kreisen sich wandte. Man fühlte sich
genirt, wo sie hinzutrat, und frei, wenn sie den Rücken gedreht. Das wird
freilich in allen Gesellschaftskreisen sein, wo eine an Geist und Bildung
überragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrückt, die minder
Gebildeten fühlen das unsichtbare Joch, die Magie des Geistes, gegen die sie,
ohne sich selbst bloss zu geben, nicht rebelliren dürfen, sie fühlen sie sogar
doppelt, wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herablässt, und sie würdigt,
in ihrer Sprache zu reden. Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere, als
die gemischte, in der wir neulich die Geheimrätin zu beobachten Gelegenheit
hatten. Sie war eine gewählte. Die Geheimrätin kannte Alle, sie wusste was man
vermeiden, was man andeuten dürfe, und doch traf sie es nicht, dass es den Leuten
wohl ward. Eine liebenswürdige Wirtin, eine geistvolle Frau! war das allgemeine
Urteil; wohlverstanden das, was Zwei sich sagten, die sich und ihre Meinungen
noch nicht kannten. Wenn sie sich verständigten, kamen einige »Aber« hinterher.
»Aber sehr scharf.« - »Geistreich, sehr geistreich, aber ihr Geist schneidet.« -
»Enfin,« sagte ein Dritter, »sie hat Alles, um eine Gesellschaft zu entzücken,
nur fehlt ihr der Aplomb.«
    Es waren Wandelsterne und Fixsterne. Zu jenen gehörten die Wirtin und ihre
Pflegetocher. Wenn Jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte, konnte
man sie mit einer Geistererscheinung vergleichen. Das ist ein gewagtes
Gleichniss; aber eben so gewagt ist es doch, wenn Andere Adelheid mit dem
aufgehenden Morgenstern verglichen, oder gar mit einer Sonne, die Frohsinn und
Lust verbreite. Wer schärfer gesehen, hätte vielleicht auch die Anstrengung des
jungen Mädchens bemerkt, so zu erscheinen, wie die Pflegemutter es wünschte,
immer munter, naiv, geistreich. Es war noch ein anderer weiblicher Stern von
sehr verschiedener Natur, auf den wir später treffen werden. Jean Paul war noch
nicht da, auch Herr von Wandel liess noch auf sich warten. Dagegen schien an dem
grossen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des
französischen Gesandten Laforest. Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht
aufzusuchen, oder er wollte es nicht, aber er zog magnetisch die kleinen Lichter
an sich. Er war heute sehr aufgeräumt und liebeswürdig, behauptete man. Ein
Bonmot ging schon durch die Zimmer. Auf eine unbescheidene Frage: was ihm in
Berlin am besten gefalle, hatte er geantwortet: die Oefen. Andere hatten schon
gehört, dass er gesagt: es sei das einzige Gute, was er in Berlin gefunden. Noch
Andere, er habe gesagt: in einer Stadt, wo er nichts kalt und warm gefunden, sei
eine Maschine, die man nach Belieben heizen und kühlen könne, der preiswürdigste
Gegenstand.
    In einer Herrengruppe musterten Einige die Gesellschaft. Man wunderte sich,
den Geheimrat Lupinus von der Voigtei unter den Gästen zu sehen.
    »Was wundert Sie das,« sagte der Regierungsrat von Fuchsius. »Er ist völlig
frei gesprochen und Alles bleibt ja beim Alten.«
    »Aber sein Leben auch dasselbe. Es ist doch ein Skandal, wie ich hörte,«
bemerkte ein Major noch in jüngeren Jahren; er hatte nicht den preussischen Pli.
    »Wir bleiben Alle, was wir sind,« sagte aufseufzend Fuchsius. »Seit Lombard
zurück, die Anstrengungen der Königin, neue Lebensgeister ins Ministerium zu
bringen, gescheitert sind, ist es mit allen den guten Vorsätzen und den schönen
Ansätzen vorüber. Welche treffliche Reden und Memoiren sind umsonst
geschrieben.«
    »Zum Teufel mit den Reden!« sagte ein General, den grauen Schnurrbart
streichend; aber es leuchtete noch Feuer aus seinen lebhaften Augen.
    »Das denkt vermutlich der Geheimrat Lupinus auch,« fuhr der Rat fort.
»Warum soll er sich geniren? Es schwimmt ja Alles wieder in diesem Sumpfe süsser
Gewohnheit weiter. Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbrette weiter
streckt und wiegt, was darf er vom Einzelnen fordern, dass er sich aufrafft! Der
König, das gebe ich Ihnen zu, wünschte es -«
    »Wenn er nur wenigstens die französischen Orden nicht angenommen hätte!«
rief der General, der sich auf einen Stuhl gesetzt, und presste die Brust auf
der Rabatte zusammen. »Schimpf und Schande! Mag er sie der Clique austeilen,
aber der preussische Ehrenrock ist beschimpft, wenn auch Militairs sie tragen
müssen!«
    »Das kommt auf Ansichten an!« erlaubte sich der jüngere Militair zu
entgegnen. »Der feindliche General, den Napoleon in seinen Bulletins lobt, fühlt
sich doch mehr geschmeichelt, als selbst durch die Orden, die ihm sein eigener
Fürst erteilt.«
    »Spitzfindigkeiten, mein Herr von Eisenhauch!« fiel der General ein. »Sie
gerade würden sich am meisten schämen. - Alliancen, wo sie natürlich und möglich
sind, ein Entschluss, wo die Ehre gebietet, und Krieg, wo es die Existenz gilt.«
    Fuchsins sagte, sich vorsichtig umblickend: »Nehmen Sie sich etwas in Acht.
Man weiss in Saint Cloud, dass Sie ein militärischer Ideologe und ich weiss, dass
Laforest Sie beobachten lässt. Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens, wie
der neue Kaiser zu schrecken versteht.«
    »Pah!« rief der General. »Wir sind nicht in Baden. Ich sage Ihnen, wer jetzt
nicht herbeieilt, um am Brande mitzulöschen, ist so schlimm, als wer Feuer
hinzuträgt. Wonach Bonaparte trachtet, liegt klar zu Tage. Oesterreich soll
erdrückt, zermalmt werden. Ein Tor, wer jetzt noch glaubt, dass Oesterreichs
Vernichtung Preussens Erhebung ist. Das Schicksal hat bestimmt, dass beide Feinde
zusammen handeln. Nur darin sollen sie rivalisiren, wer am tüchtigsten
losschlägt. Zaudern wir jetzt wieder -«
    »So sind wir isolirt und - verloren!« rief Fuchsius.
    Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher: »Wer sagt das!«
    »Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestossen -«
    »Sind wir noch wir selbst.«
    Der General hatte sich erhoben, die beiden Herren folgten, sie blickten sich
bedeutungsvoll an.
    »Ja meine Herren,« fuhr der General fort, »es wäre ein namenloses Unglück,
man könnte uns der Frechheit, des Verrates beschuldigen, wenn wir wieder die
Gelegenheit entwischen lassen, wie vor sechs Jahren, aus Eigensinn oder
Eigennutz. Ein Unglück ja, wenn wir nicht losschlagen, aber verloren sind wir
nicht, wenn wir allein stehen.«
    Die jüngeren Zuhörer senkten die Augen. Der Veteran aber fuhr mit
leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort:
    »Nein meine Herren, vielleicht fügt es das Schicksal so, damit wir noch
grösser einst dastehen. Sie sind kein Preusse, Herr von Eisenhauch, Herr von
Fuchsius ist kein Militär, ich bin beides, und mein Herz pocht laut und froh bei
dem Gedanken: wir allein ihm gegenüber! Dann Alles in die Wagschaale geworfen,
und, ich sage Ihnen, wir schnellen nicht in die Luft! Braunschweig, Möllendorf,
Hohenlohe, Kalkreut! sind das nicht Namen, vor denen die Davoust und
Bernadotte, und wie sie heissen, erbleichen! Einer genügte schon; denn welcher
Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert. Und nun denken Sie, alle diese
Namen vor einer Armee, deren Offiziere zur Hälfte noch unter Friedrich siegten,
vor graubärtigen Soldaten, die noch sein Auge anfunkelte. Und die Generale, die
zum Felddienst zu alt, pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen
Festungen. Denken Sie sich dies Corpus von altem Ruhm, unvergleichlicher Taktik,
von preussischem Mute beseelt, von Wut entflammt, zehnjährige Unbilden zu
rächen, und gegenüber - die zusammengestoppelten, gepressten Schaaren der
windigen Franzosen, die nur siegten, weil sie schneller sich bewegen konnten, -
dies räumen wir ihnen ein, - denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwärmen
gegen ein Quarré, ein Quarré aus der ganzen Preussischen Armee, und fragen Sie
sich dann, wie viel Napoleon Bonaparte's Name wiegen, wie viel Ueberzahl er
haben muss, welche taktische Künste ausreichen, damit er diese Eisenmauer
durchbricht. Er wird sie nicht durchbrechen, und wir, wir wollen sehen, wie
Friedrichs Geist von Leuten auf uns herabblicktt!«
    Es war etwas Hinreissendes in dem Feuer, dem der alte Kriegsmann sich
überlassen. Man wusste, als Kornet hatte er unter Friedrich seine Sporen
erworben, der grosse König selbst hatte dm Jüngling mit seiner Gnade beglückt. Es
war Wahrheit in der Rede, wenn auch nur die des Glaubens.
    »Aber Herr General geben mir zu, -« was der Major sagen wollte, ward vom
General unterbrochen.
    »Dass einige Reformen notwendig sind. Ja, einige, Herr Major.« Er hatte ihn
am Rock gefasst, und fuhr vertraulicher fort. »Die reitende Artillerie, das
bedenken Sie wohl, war Friedrichs Schöpfung. In einem Lieblingskinde sehen die
gescheidtesten Väter oft nicht die Fehler. Auch ein grosser Mensch ist ein
Mensch, und darum keinen Vorwurf auf den grossen König! Ihre Konstruktion der
Lafetten, ich sage es grade heraus, trotz Tempelhofs Autorität, ist admirabel;
sie muss eingeführt werden, was auch der Kriegsminister opponirt. Auch Ihre Ideen
über die Bespannung zeugen von dem Scharfsinn, den ich ästimire. Selbst zugeben
will ich, dass in unserm Geschützgiessen Verbesserungen möglich sind, aber ich
denke, dass unsre Kanonen noch, wie sie sind, einen Preussischen Donner orgeln
sollen, der die Franzosen an Rossbach erinnern wird. Nicht alles auf ein Mal!
Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich; das sage ich Ihnen
jetzt offen raus. Da Sponton-Exercitium mag immerhin andern närrisch erscheinen,
Narren werden Sie in der Welt überall finden. Das Präsentiren mit dem Sponton
ist das Präsentiren der Armee vor sich selbst. Der Fähnrich, der, vor die Front
springend, es balancirt, jetzt senkrecht, nun verquer, macht die Honneurs vor
dem Feldherrn, dem General, vor dem Bataillon, vor sich selbst, nicht vor dem
Publikum. Das halten Sie fest. Der Franzos mag darüber sich moquiren, so viel er
will, er hat Recht, für ihn ist's Narreteidung, weil er das nicht hat, was wir
haben, - verstehen Sie mich recht - unsre Essenz, meinetalben Existenz. Das
Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im Preussischen Militär. Wenn
ich so sagen darf, er betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das
Symbolum des Respektes vor sich selbst. Und, meine Herren, schaffen Sie erst die
Spontons ab, so fällt auch der Ringkragen, warum nicht auch die Schärpe und der
Federhut, und wo ist das Ende!«
    Fuchsins und der Major hatten sich angesehen.
    »Sie wollen auch gern die Kamaschen fort haben,« fuhr der General freundlich
fort. »Der Preussische Soldat ohne die Kamasche sage ich Ihnen, ist nicht mehr
der Preussische Soldat. So kennen sie uns, so sollen sie uns wieder kennen
lernen, anders nicht. Weiss wohl, liebster Major, was Sie in Ihrem Memoire über
die Massenbewegungen sagen. Charmant exprimirt, sein beobachtet. Durch diese
schnellen Evolutionen, dass er gleichsam aus einem Sack die leichtfüssigen Massen
schüttelte, seinen Feind flankirte, von allen Seiten scheinbar zugleich angriff,
sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte, dadurch hat Bonaparte in den
meisten Bataillen gesiegt. Richtig! Aber gegen welche Feinde! Sehen Sie,
offenherzig gesprochen, ich admirire auch seinen Erfolg und sein Genie, aber was
sagt Friedrich in seinen Memoiren? Wenn sich zwei Feldherren in langen Campagnen
gegenüberstanden, lernen sie sich dermassen kennen, dass jeder die Manier und die
Finten des andern auswendig weiss. Wir sind nun in der Lage, dass wir durch bald
zehn Jahr ihn aus der Ferne beobachtet haben, und ich sage Ihnen, dieses grossen
Taschenspielers Kunststücke kennen wir nun, er aber kennt uns nicht und kann uns
nicht überraschen. Seine Chocs werden an uns abprallen, wie die Schwärme der
Parter an den Römischen Triariern, und was unsere Kavallerie anlangt, so
braucht Niemand in Sorge zu sein. Die Zieten und Seidlitze werden sich finden
zur poursuite, wenn wir einmal die Kanaille geworfen. Freilich im Laufen kommen
wir ihnen nicht gleich.«
    Der General glaubte gesiegt zu haben. Der Major aber sah ihn wieder fragend
an: »Indessen, mein General, es waren doch auch andere Punkte -«
    Der Veteran lächelte mit der Freundlichkeit eines Gönners, der einen
Clienten nicht zu derb in die Grenzen des Respektes zurückweisen will.
    »Ich habe das auch wohl gelesen, und mich über die Intentionen, und die
wohlarrangirte Explikation gefreut. Aber, meine Herren,« - er schien auch den
Rat in seine Belehrung hineinziehen zu wollen - »mit Teorien hätte Friedrich
Schlesien nicht erobert; unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders, Herr
von Eisenhauch. Und so war sie gut, und ob sie dann noch gut bleiben wird, wenn
Ihr Rekrutirungssystem durchginge? Um Gottes Willen keine neuen Flicken auf ein
alt Kleid. Draussen Unruhe, aber Ruhe, Ruhe, Ruhe im Innern. Nichts angerührt!
Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermützen so gut als in
dem point d'honneur der Offiziere und der Kanton pflicht der Rekruten. Ich räume
Ihnen ein, ein Etwas muss anders werden, das Verhältnis der Kapitäne mit
Kompagnie zu den Kapitäns ohne Kompagnie. Diese sechshundert Taler, und jene
mit vielen Tausenden, mit Equipagen, Reitpferden, Fourgons, Dienerschaft. Das
schadet der Disciplin. Das muss anders werden. Die Zahl der zu Beurlaubenden muss
den Herrn Kompagniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darüber.«
    »Würde diese Bestimmung genügen?«
    »Für jetzt, Herr Major, wenn wir das durchsetzen, können wir zufrieden sein.
Wenn Sie mich nicht verraten wollen, in meinen Ideen gehe ich weiter. Es wird
eine Zeit kommen, wo der Kapitän nichts mit dem Traktement seiner Leute zu
schaffen haben darf, wo sie nur in einem Connex reiner Disciplin zu einander
stehen. So muss es einst kommen, sag ich Ihnen, aber diese Zeit erleben nicht
wir, vielleicht nicht unsere Kinder. Denn - der Mensch muss nicht zu klug sein
wollen, oder es ist vorüber mit aller Autorité.«
    Der General ging.
    »Eine aus lauter Preussentum konzentrirte Säure!« sagte der Major.
    »Und doch immer noch einer der bessern,« entgegnete der Rat. »Er wird sich
auch, wenn es gilt, in seiner verrosteten Rüstung noch mit einem gewissen
Geschick rütteln.«
    »Was hilft's den Andern!« rief der Major, der sich in den Armstuhl mit einem
Schmerzensseufzer niederwarf. - »Ist dies die Haupstadt des grossen Genius, von
dem das Licht nicht über sein, nein, über unser Aller Deutschland aufging!
Deutschland glaubt wenigstens noch, dass es hier hell sei; es ist der Anker, an
den seine letzte, schmerzliche, krampfhafte Hoffnung sich anklammert.«
    »Hat man es Ihnen draussen anders geschildert?«
    »Nein! Aber den Tand, das Spiel und die Eitelkeit hielt ich für die Maske,
unter der der männliche Entschluss, die Vorbereitung zur Tat sich verbirgt. Der
blonde Arminius liess auch die schönen Römerinnen lange mit seinen Locken
spielen. Mit dieser Selbsttäuschung reiste ich durch Ihre Provinzen. Es sieht
knöchern aus, überall ausgewaschene Kleider, schlotternde Glieder, eine
Maschine, die klappert. Der Geist nur kann das zusammenhalten, tröste ich mich;
der Nimbus um Friedrichs Tron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz von
fern gesehen. Und nun hier zur Stelle! Aus Kreisen in Kreise, aus Gesellschaften
in Gesellschaften werde ich geschleppt. Irgendwo hoffe ich wird ein Vorhang sich
lüften, die Stimme von Sais ertönen. Aber ein Vorhang nach dem andern reisst -«
    »Und Sie sehen nur Draht, Stricke und Kulissenschieber, der Dirigent fehlt.«
    »Sie haben doch einen König, der nüchtern blieb unter den Taumelnden, der
nicht blasirt ist, ein scharfes Auge hat für das Unziemliche, der nicht den
Esprit fort spielen will, um seine Frivolität zu entschuldigen und seine
Unwissenheit zu verbergen. Er will das Gute -«
    »Gewiss! Und es überkommt ihn oft ein Schauer, in mancher Morgenstunde fühlt
er, es kann so nicht mehr lange gehen. Aber von wem soll er erfahren, wie es
gehen muss? - Keine Stände, keine Magnaten, kaum etwas, was einem Adel ähnlich
sieht. Die Prinzen, was sind sie ihm? Die Polterer verträgt er nicht, die Genies
sind seiner Natur zuwider. Unsere Minister kennen Sie, unsre Kabinetsräte noch
besser. Sie leben nur in den Tag hinein, zufrieden wenn sie bis Morgen gesorgt
haben. Er ist friedfertig und alle Morgen präsentiren sie ihm einen Schüssel:
Ruhe! mit Maasslieb und Vergissmeinnicht geschmückt: So sieht es bei uns aus,
Majestät, und sehen Sie, wie es draussen aussieht, wo sie alles bessern wollten.«
    »Aber er ist Friedrichs Enkel!«
    »Grade der ist sein Spukbild. Wo es ihm zu arg wird, wo er darunter fahren
möchte, es anders haben, sagt man ihm: das hat doch unter Friedrich bestanden
und es ging ganz gut! Oder gar: Majestät, das hat Friedrich selbst eingerichtet.
Dann erschrickt er; in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht, es besser
machen zu können. Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Fürsten grade von
Denen citirt, welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken müssten. Es
sollte mich nicht wundern, wenn der König einen förmlichen Widerwillen gegen
seinen Grossoheim einsaugte, so störend wird sein Bild ihm überall vorgehalten,
wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will.«
    »Aber mein Gott, Ihr grosser König nannte sich Rex Borusorum, König von
Preussen! Wo sind denn seine Preussen! Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr,
das ihn einst auf seinen Schildern trug? Oder war der Schmerzenslaut auf seinem
Sterbebett eine Wahrheit? War der Grosse wirklich müde, über Sklaven zu
herrschen?«
    Der Rat zuckte die Achseln: »Das ist eine Frage, mein Herr, über die wir
die Antwort der Zukunft überlassen.«
    »Aber wenn keine Stimme, hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr? Wo die
Sturmglocken über den Kontinent läuten, wo der nächtliche Feuerschein von allen
Seiten, der Branstgeruch, den Siebenschläfer aufwecken muss, schläft das
preussische Volk allein da fort, begreift es nicht, was selbst jener verrostete
General ahnt, dass es sich um Sein und Nichtsein handelt! - Wo der Geist schläft,
wacht doch das Interesse. Für die Notdurft, den Vorteil ist auch im Sklaven
der Sinn rege.«
    Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gespräch oft in ein lautes.
Der Regierungsrat hatte, mit vorsichtigem Blicke Wache haltend, den Eifer zu
dämpfen versucht. Er setzte sich jetzt dicht neben ihn:
    »Mein teuerster Freiherr, rufen Sie Alles hier an, nur nicht das Interesse.
Wer soll denn wünschen, dass es anders wird? Sie befinden sich ja noch erträglich
wohl, und die Kette klinkt auch noch ineinander, wenn man nicht zu stark dran
reisst. Der Ertrag der grossen Güter steigt, ihre adeligen Besitzer zahlen keine
Steuern und ihr Wert lässt sich durch die bekannten Künste im Hypotekenbuch ins
Enorme hinaufschrauben. Ein Krieg und dieser Wert sinkt. Und sollen die Junker
ihn wünschen, denen im Heere, am Hofe, selbst in der Regierung die obersten
Stellen nach wie vor reservirt sind! So viel Bürgerliche sich auch dazu im Laufe
eines Jahrhunderts aufgeschwungen, sie blieben Ausnahmen, oder gingen da oben in
die Klasse der Bevorzugten über. Sollen die Kaufleute einen Krieg wünschen, oder
auch nur eine Aenderung? - Sie seufzen unter starken Abgaben, aber der Handel
blüht und sie werden reich. Die übrigen Staatsdiener werden zwar kärglich
bezahlt, aber pünktlich. Wenn ein Krieg die Kassen leert, woher dann die
Besoldung nehmen.«
    »Ist das Ihre ganze Nation! Haben Sie nicht Künstler, Handwerker, Männer der
Wissenschaft, kleinere Grundbesitzer, Bauern, die unter einer drückenden
Einteilung der Lasten seufzen?«
    »Sie seufzen wohl, aber sie sprechen nicht mit. Und wenn sie zu sprechen
Lust hätten, so haben sie noch nicht zu denken gelernt. Mein Herr Major,
Preussens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke. Und nun betrachten
Sie auf den Wachtparaden die schwerfälligen, alten Offiziere, die Pontacsnasen,
diese Kapitäne, die kaum die Schärpe um den Leib pressen, in den sie drei
Viertel ihrer Kompagnie verschluckten. Sollen die Besserung wünschen, nach
Neuerung verlangen? Ich gebe Ihnen zu, es sind nicht alle so, die Armee zählt
schon viel jüngere Offiziere, voll Feuer, Begeisterung -«
    »Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung,« unterbrach der
Major, »und ihr Herz schlägt nicht fürs Vaterland, nur für das point d'honneur
und den esprit de corps -«
    »Halt, mein Herr, es gibt auch -«
    »Ich sah, ich hörte sie auf meiner Reise. Mir ward bange, wenn ich dachte,
dass Preussen auf diesen Säulen allein ruht, und die Säulen sind unterspült und
gelöst von der Erde, die sie tragen soll. Ich schauderte, wenn ich hörte, wie
man überall vor den Soldaten die Schubläden und Türen verschliesst, als wären es
nur geworbene Landsknechte, nicht des Landes Söhne. Doch sei das, mögen sie noch
Leibeigene sein, nicht dem Vaterlande, ihrem Kapitäne. Aber, allmächtiger Gott,
welche Sprache musste ich unter diesen hören, in den Wachtstuben der Herren
Offiziere. Wäre das Deutschlands Adel, so wäre er verloren, nur schmählicher als
der Frankreichs; nicht unter der Guillotine, er stürbe an einem innern
fressenden Schaden. In den kleinen Städten, wenn der Bürger dem Wachtexercitium
zusah, welche Urteile! Sie gönnen es den Junkern, dass sie recht tüchtig mal von
den Franzosen geklopft würden. Und das musste ich von guten Patrioten hören.
Weiss man denn nichts davon hier? Ist man blind, taub, stumpf? Ist das nicht ein
Zersetzungsprozess, der den Blutlauf erstarrt?«
    Der Major empfand einen Stoss an seinen Ellenbogen: »Pst! Laforest wirst
schon lange von seinem Ofen her beobachtende Blicke.«
    »Mag er es!« rief der Major aufstehend. »Lieber ihm in den Rachen, als da
dem neuen Rhinoceros.«
    Das neue Rhinoceros war der eben eingetretene Legationsrat von Wandel, eine
Sonne, die sofort ihre Trabanten hatte.
    »Ich kann den Menschen nicht leiden, ich weiss nicht warum,« sagte der Major.
    »Das geht Anderen auch so, Herr von Eisenhauch, zum Exempel unserm Minister.
Bovillard möchte ihn gar zu gern in unsern Staatsdienst ziehn, Excellenz haben
aber eine unwiderstehliche Aversion.«
    »Ist es denn wahr, dass er die sieben Adler von Napoleon hergebracht hat?«
    »So ist es.«
    »Dann ist's ja klar, er ist eine französische Kreatur.«
    »An dem Herrn ist mir noch nichts klar.«
    »Mir scheint er gefährlich.«
    »Ist's Ihnen darum zu tun, Aufklärung über den Punkt zu erhalten, lassen
Sie uns zu Laforest gehen. Der Kreis um ihn lichtet sich.«
    »Sie warnten mich eben vor ihm.«
    »In seinem Rayon ist man wenigstens vor seinen Spionen geschützt. Es ist
sogar gut, dass Sie sich ihm arglos zeigen.«
    »Wie sollte er aber dazu kommen, uns Aufschlüsse zu geben?«
    »Er gehört nicht zu den zugeknöpften Diplomaten. Ueberdem ist er jetzt satt.
Bonaparte's Gesandter hat, was er will, hier erreicht. Er kann den nonchalanten
Plauderer spielen. Er kann nicht allein den Rock aufknöpfen, auch das Hemde
aufreissen, damit wir seine Brust schlagen sehen. Die gewinnende Vertraulichkeit
wird auch wohl noch zum Leimstock für eine harmlose Fliege. Wie vergnügt Alle
von ihm fortgehen! Trauen Sie keinem seiner Worte, und doch ist es möglich, dass
er uns die reinste Wahrheit schenkt. Denn ob er mit ihr, oder mit der Lüge uns
täuscht, ist ihm gleichgültig. Uebrigens weiss er alles, was hier geschieht und
früher und genauer als der Polizeipräsident. Was der König beim Frühstück
geäussert, lässt er schon am Mittag chiffriren. Er kennt die Anträge der Minister,
die nicht bis zum Könige durchgedrungen sind, weil die Kabinetsräte Widerstand
leisten, und ehe noch Seine Majestät eine Sylbe davon erfahren, fliegt der
Courier damit schon nach Paris.«
    »Warum macht man Laforest nicht zum Minister des Auswärtigen?«
    »Besser des Innern. Der russischen Fürstin ward vorgestern ein
Brillantalsband gestohlen. Die Polizei suchte umsonst. Er hat es gefunden.
Gestern erhielt die Fürstin das Band, heut die Gerechtigkeit die Diebe.«
    »O wer den Dieb, der Deutschlands Heiligtum gestohlen, der Gerechtigkeit
überlieferte!« seufzte der Major. »Ob wir uns auch an die fremde Diplomatie
werden wenden müssen?«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.
                                 Der Diplomat.
Die Unterhaltung mit Laforest ward natürlich französisch geführt. Der Gesandte
pikirte sich dann und wann eine barocke deutsche Phrase einzuschalten. Es klang
so vertraulich und so abscheulich; er war von der besten medisirenden Laune.
    »Excellenz scheinen sich zu amüsiren.«
    »Vortrefflich, où peut-on être mieux qu'an sein der illüstren Geister dieser
Residenz.«
    »Die Dame des Hauses kann von besonderem Glück sagen, wenn Herr von Laforest
so lange in ihrer Gesellschaft verweilt,« sagte Herr von Fuchsius.
    »Ein Gesandter muss beobachten.«
    »Da Preussen in den letzten Monaten in Brüssel und Paris war,« bemerkte der
Major, »hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin
zu berichten.«
    »Sagen Sie das nicht, mein Herr Baron. Den Kaiser interessiren die inneren
Bewegungen Ihrer Kapitale mehr, als Sie denken. Vor seinem durchdringenden
Blicke ist kein Winkel in Madrid und Konstantinopel verborgen, aber in
Deutschland, diesem Lande der Ideen und Schulen, sind ihm überall Querzäune,
Hecken und Gräben gezogen. Er hat sich oft darüber geäussert. Wenn er über
Reuss-Greitz im Klaren zu sein glaubt, gewahrt er plötzlich, dass es in
Reuss-Schleitz ganz anders aussieht. Hier verehren sie Schiller, dort Goete.
Dort Kant, hier Fichte. Hier gilt schon etwas für Dummheit und Aberglauben, was
dort noch gefährliche Aufklärung ist. Feine Conjekturalpolitik, logische
Schlüsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus. Da stampft er
mit dem Fuss, schreibt eigenhändig Marginal-Bemerkungen: Warum dies? Warum das? -
Ein französischer Gesandter an einem deutschen Hofe wüsste eigentlich erst auf
deutsche Schulen gehen, wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten
wollte.«
    »Allerdings bequemer, wenn man auch Deutschland über einen Leisten scheeren
könnte.«
    Der Gesandte lächelte beifällig.
    »Er hat ein gutes Scheermesser, wie Sie wissen, und was das übrige
Deutschland betrifft, kommt es ihm auf einige Höcker mehr oder weniger nicht an.
Aber warum Ihr specielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet, das
interessirt ihn. Diese intensiven Bande der Sprache, des Gefühls, der Poesie und
Philosophie.«
    »Was ihm gewiss ungleich interessanter ist, als die Situation unserer
Festungen und Strassen zu erhalten.«
    »Unbedenklich,« sagte der Gesandte, eine Prise nehmend, die verbergen
sollte, dass er recht wohl bemerkte, wie der Rat umsonst dem Major einen Wink
gab, seine Invectiven zu lassen. »Denn wenn es zum Kriege mit Preussen käme, was
der Himmel verhüte und ich für unmöglich halte, so lässt der Kaiser, mein Herr,
weder durch Terrain-Schwierigkeiten, noch Festungen sich aufhalten. Der
Kontinent liegt vor ihm wie eine Specialkarte, er hat die Risse aller Festungen
und die Kataster Ihrer Zeughäuser. Er weiss, wo er die Elbe passiren muss, um nach
Berlin zu marschiren, er kennt sogar die Strassen, durch die er einrücken würde;
aber Ihre Parteien, das muss ich gestehen, kennt er nicht.«
    »Auch nicht wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntnis setzt?«
    »Ma foi, ich kenne sie auch nicht. Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen
Geister, die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reichs deklamiren, von Arminius
und Wittekind und - Tusnelda und deutschem Adel, zuweilen von Freiheit,
zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhäusern, und die überall
konspiriren möchten, im Namen der Religion und Tugend für ein Etwas, was nie
gewesen ist! Verzeihen Sie, darüber berichte ich ihm wirklich nicht; er würde
mich auslachen.«
    »Sind Seine Majestät der Kaiser so scherzhaft gestimmt?«
    »Er lachte wenigstens eines Tages, als Talleirand ihn auf die gefährlichen
Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte. Soll ich mich etwa um
Kommis-Voyageurs bekümmern, welche die verlegene Waare des feudalistischen
Patriotismus an den Mann zu bringen suchen? - Aber als Freund möchte ich Ihnen,
meine Herren anraten, wo Sie etwa einen dieser Reisenden träfen, ihn zu warnen,
dass er es nicht zu arg treibt. Der Kaiser, einmal in Harnisch gebracht, versieht
keinen Spass mehr.«
    Der Rat hatte die Hand des Majors rasch ergriffen, ehe dieser den Mund
öffnen konnte. »Excellenz haben ganz Recht, es gibt unter uns keine Parteien,
da wir Alle dasselbe wollen, das Glück unseres Vaterlandes.«
    »Ganz wie in Frankreich!« sagte der Gesandte. »Wenn die Nationen sich nur
verständen, so wäre die Erde ein Paradies.«
    »Und Diplomaten können viel dazu beitragen.«
    »Wie ich von Herrn von Laforest überzeugt bin, dass er nur Gutes und
Wohlmeinendes über uns nach Paris berichtet.«
    »Was könnte ich anders! A propos, da fällt mir ein, neulich konnte ich ihm
nur Stossseufzer berichten. Sagen Sie, was ist das für ein Weg von hier nach
Tegel! Knietiefer Sand und Steine! Aus Erbarmen für meine Pferde musste ich aus
dem Wagen springen.«
    »Was führte Excellenz nach Tegel?«
    »Sein expresser Auftrag.«
    »Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen?«
    »Im Kreise der Kaiserin war von der Staël die Rede gewesen, Madame Josephine
suchte sie zu verteidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls - unter uns,
Napoleon ist darin etwas kleinlich - dabei kam man auf ihre Studien in
Deutschland, auf Herrn von Goete, der ein romantischer Poet und Minister
zugleich sei, was Napoleon wieder nicht begriff, auf ein didaktisches oder
dramatisches Poem desselben, Doktor Faust, auf die Illustration eines
Hexensabbats, ich glaube Walpurgisnacht, wo ein Vers vorkommt, der ja wohl
heisst:
Und dennoch spukt's in Tegel.
Irgend ein Germanomane muss wohl in der kleinen Societät gewesen sein, wie dem
nun sei, der Kaiser liess sich die Worte übersetzen und erklären. Das Spuken kann
er nicht leiden, er meinte, es spuke überall in Deutschland, warum in dem Orte,
von dem man ihm gesagt, dass er dicht bei Berlin liegt, was das zu bedeuten habe,
was Tegel sei? Kurz das Ende vom Liede, eine Anfrage an mich, ein Befehl, an Ort
und Stelle zu untersuchen und zu berichten.«
    »Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des grossen Gelehrten, der wohl
nicht auf den Cordilleren mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspirirt haben
wird.«
    »Ein grosser Mann pikirt sich in seiner Laune oft auf Kleines. Er traut Ihrem
Könige, wie seinem Busenfreunde, aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er
sogleich an Höllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt. Den Baron
Humboldt ästimirt er sehr.«
    Der Major bemerkte: »Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige, was
Excellenz aus Berlin zu melden hatten.«
    »Im Gegenteil, Herr von Eisenhauch, was gab es nicht in den letzten Monaten
zu berichten: Die Ansichten, die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der
Hinrichtung der Kindesmörderin. Es handelte sich dabei um Abschaffung der
Todesstrafe, im Volk glaubte man es wenigstens. Wenn Preussen die Initiative
ergriffe, glauben Sie nicht, dass der Kaiser mit Vergnügen darauf einginge? Dann
die Frage, ob der Geheimrat Lupinus abzusetzen sei, oder nicht? Welche andere
Frage knüpfen sich nicht daran! Unter uns, Napoleon würde vielleicht kürzeren
Prozess gemacht haben; freilich je nachdem. Und dann die Excesse in dem Hause der
Obristin. Wie viele seine Hoffäden spielen da hinein, und ich muss gestehen, man
hat es mit Takt applanirt. Der Kaiser war, wie ich Ihnen im Vertrauen sagen
kann, darüber erfreut; an einem andern Hofe würde man in der verdächtigen Dame
eine seiner Emissairinnen gewittert haben. Auch die Anwesenheit der vielen
vornehmen Fremden genirt ihn gar nicht. Ginge es freilich nach Talleirand, so
hätten wir längst auf die Ausweisung der Fürstin Gargazin gedrungen. Sagt man
nicht im Publikum, sie intriguire für Russland? Immerhin, wir kennen Ihren König,
Ihren Hof, Ihr Volk und Land, und sind vollkommen ruhig.«
    »Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden?«
    »Und was habe ich jetzt zu berichten über den Empfang des Monsieur Jean
Paul. Muss ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft, um nur Zeuge zu sein der
Huldigung und Vergötterung des Poeten?«
    »Wenn Troubadoure, wie die Rattenfänger von Hameln durch den Kontinent
zögen, würde Seine Majestät Kaiser Napoleon sparen können an - Diplomaten, die
beobachten, vielleicht auch an Armeen, die für ihn erobern.«
    »Mein Kaiser ist ein Eroberer, Sie haben Recht, Major, er ist dazu geboren.
Glauben Sie aber nicht, dass er es vorzöge, wenn er den Embarras der Waffen
sparen und die Herzen erobern könnte? Wenn die Deutschen doch ihre wahren
Interessen verständen. Teilen wir! Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt
und lässt dafür Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und
der Schönheit. Die Deutschen haben Überfluss an Produkten und ihnen fehlt nur
der Markt dafür. Den eröffnet er ihnen in seinem Weltreiche.«
    »Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Teilung.«
    »Ach, ich weiss, vom Parnass.«
    »Indessen hat uns Seine Majestät der Kaiser auch schon mit etwas Irdischem
beglückt. Sieben seiner höchsten Ordenszeichen, allein für unsern Hof!«
    »Ich bin beschämt, eben zu hören, dass Seine Majestät, Ihr König, so schnell
sich revanchiren will. Auch sieben seiner schwarzen Adlerorden gehen nach
Paris.«
    »In der Tat!« sagte der Major. »Ich möchte der glückliche Ueberbringer
sein!«
    »Wie der Ueberbringer der Kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer
glücklichen Entree sicher ist,« setzte Herr von Fuchsius hinzu.
    »Nein, er hat das Bein gebrochen,« sagte der Gesandte.
    Rat und Major sahen sich verwundert an, und dann nach dem andern Zimmer, wo
der Legationsrat der Russischen Fürstin eben die Pflegetochter des Hauses
vorstellte.
    »Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen.«
    »Ach, ein kleiner Irrtum, meine Herren! Ein Adjutant von Mortier war als
Kabinetscourier hergeschickt. Er brach in einem Hohlweg unglücklicherweise Wagen
und Bein, und da ihm zur Pflicht gemacht war, Depesche und Beilage an einem
bestimmten Tage mir einzuhändigen, glaubte er ihr zu genügen wenn er beides
Jemand überlieferte, auf den er sich verlassen könnte. Der arme Debeleime liegt
noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel, der wirklich
mit aufopfernder Güte und Courierpferden den Auftrag statt seiner ausgeführt
hat.«
    Rat und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren, was sie wissen
wollten.
    »Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen?« fragte nach
einer Pause der Major.
    »Ein Packet von Erfurt nach Berlin zu tragen! Das übergebe ich dem ersten
besten Landreiter, der ein anständiges Trinkgeld einem gefährlichen Angriff auf
bunte Blechwaaren vorzieht.« Laforest lächelte: »Meine Freunde, wozu unter uns
ein Versteckspiel, wo Jeder dem Andern in die Karten sieht! Sie wünschen zu
erfahren, ob und in welchem Connex ich mit Herrn von Wandel stehe? Wenn ich nun
feierlich dagegen protestirte, würden Sie mir glauben? - Sie würden wenigstens
sehr unrecht tun. Ich protestire aber gar nicht dagegen.«
    »Sie geben ihn nur durch Ihre Erklärung bloss.«
    »Ich übergebe ihn Ihrer Divinationsgabe, denn meine ist bis dato noch an ihm
gescheitert.«
    »So muss er Ew. Excellenz beschäftigen?«
    »En passant. Der Fürstin Gargazin drängt er sich auf, also gehört er nicht
zu ihr. Ein Oesterreichischer Agent ist er auch nicht, er spricht zu viel von
seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hose. Für Englische Spione habe ich
einen besonderen Takt. Aber -«
    »Vielleicht aus Spanien oder Schweden?« warf der Major ironisch hin.
    Ein eigenes Lächeln schwebte um die Lippen des Gesandten: »Warum nicht auch
aus Frankreich. Ich bin nur der offizielle Gesandte, mag Talleirand nicht auch
einen geheimen für nötig halten, der mich beobachtet?«
    Hier war die Möglichkeit einer Wahrheit. Die Blicke der Beiden gestanden es
sich, und Fuchsius erwähnte, dass der Legationsrat, seiner Angabe nach,
bedeutende Güter in Türingen besitze. Interessirte er wirklich in der
angegebenen Art den Gesandten, so musste dieser sich darüber Aufklärung
verschafft haben. Laforest ging auch sofort darauf ein:
    »Allerdings hat er sich dort angekauft; in einer Subhastation erstand er
nicht unbedeutende Güterstrecken, man sagt indes solche, die nie lange in der
Hand ihres Besitzers blieben, weil sie, schwer belastet, kaum die Mühe der
Kultur lohnen. Hier in Berlin will er sein, um mit den Männern der Wissenschaft
einen Meliorationsplan zu entwerfen. Warum nicht! Er kann aber auch zu allerhand
andern Geschäften da sein: um die Quadratur des Cirkels zu finden, Geister zu
citiren, - das Wahrscheinlichste ist mir aber immer, um Geld zu machen.
D'ailleurs Messieurs, diese Mysticismus duftenden Personen sind meiner Natur
entgegen. Ich überlasse daher den Legationsrat, auf parole d'honneur, ganz wie
er ist, Ihren Recherchen. Aber da fällt mir ein - wissen Sie schon, dass der
junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat?«
    »Den Legationsrat? - Ach, es ist richtig, wegen jener alten Geschichte.«
    »Man findet es sonderbar, dass Herr von Wandel gleich nach der Affaire
abreiste, und gerade damals an Ort und Stelle seine Güter und so lange
amelioriren musste.«
    Der Major hatte während des Gesprächs die betreffende Person scharf ins Auge
gefasst: »Ich sehe keine Veränderung in diesem eisernen Gesicht.«
    »Möglich. Naturen dieser Art sind mir, wie gesagt, fremd. Die Präparationen
des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen werden.
Beobachten Sie doch gefälligst, meine Herren, wenn Sie sich nachher in die
Gesellschaft verlieren, ob schon Andere davon wissen, ob der Legationsrat
bekannte Personen in den Winkel zieht. Das sind freilich Bagatellen, aber aus
Bagatellen lernt man einen Menschen kennen.«
    Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht
zu haben; die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgültig. Auch die
Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge übergegangen. Er
sprach etwas von Sympatien und Antipatien; jene, weil sie sich chemisch auf
ihre Elemente zerlegen lassen, kümmerten ihn nicht, woher aber komme die
Idiosynkrasie, jener angeborene Widerwille, den die Vernunft umsonst bekämpfe?
Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause. Aber er schien
jetzt nur der Sympatie zu huldigen, indem er die Frauen die Musterung passiren
liess.
    »Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympatie die schöne Pflegetochter
des Hauses zu beobachten. Allen Respekt Ihrem Geschmack. Oder flattern Ihre
Augen weiter; denn, man muss gestehen, es entfaltet sich ein unvergleichlicher
Blumenflor. Wer ist die junonische Schönheit dort?«
    »Excellenz meinen die Herz?«
    »Nein, die den halben Rücken uns zugedreht.«
    »Baronin Eitelbach?«
    »Die!« Der Gesandte schielte mit sardonischem Lächeln über das Ofengesims.
»Schön ist sie!«
    »Auch tugendhaft.«
    »Nous le verrons.«
    »Zweifeln Sie nicht daran, Excellenz! die arme schöne Frau hat keine andern
Eigenschaften.«
    »Messieurs! Die Gelegenheit macht Diebe und Intriguen den Verstand. Geben
Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin, versetzen Sie sie täglich in
die Salons, wo der Verstand sich reiben und schleifen muss. - Der Witz spriesst
von selbst heraus und - Ihre Landsmänninnen werden so liebenswürdig und
intriguant wie eine Pariserin.«
    »Was die Baronin betrifft, so haben wir Grund, es zu bezweifeln.«
    »Meine Herren, was gilt die Wette, diese Dame, die jetzt für dumm gilt, hat
in Jahr und Tag Esprit, sie wird interessant, witzig, das Stadtgespräch,
vielleicht die Beauté, die Sonne der Gesellschaften.«
    Man sah Laforest verwundert an.
    »Die neuesten Mysterien von Berlin. Und es ist exakte Wahrheit.«
    Er zog sie hinter den Ofen, und flüsterte, die Hand am Munde, etwas, was ihn
selbst wenigstens angenehm kitzeln musste, denn das Gesicht verlor im Erzählen
den diplomatischen Ausdruck.
    »Que dites-vous? Aber es bleibt ein Mysterium.«
    »Was sagen Sie dazu?« fragte der Regierungsrat, als Laforest sie verlassen.
    »Dass Berlin auf gutem Wege ist, Paris zu werden. Aber das riecht sogar nach
Byzanz. Im Augenblick des höchsten Ernstes ein solches Spiel niederträchtiger
Frivolität!«
    »Diese Menschen können nicht aus ihrer Natur.«
    »Was soll's mich dann kümmern, ob Einer mehr noch einen Faden treibt in das
Gewebe verstockter Torheit, niederträchtiger Gesinnung und liederlichen
Willens!«
    »Sie müssen spielen um zu leben.«
    »Man naht doch mit heiliger Scheu der Stätte, die ein grosser Geist geweiht
hat. Noch sind's nicht zwanzig Jahr, dass sein Auge leuchtete, seine Stimme
tönte, und nun solche Kreaturen wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes! Sind das
die Würmer, die an des Riesen Leichnam nagten? Oder, fragt man sich
unwillkürlich, erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem
Dunstkreise? Und war es anders, wenn man ihn im Schlafrock sah?«
    »Das ist eine fürchterlich ernste Frage, mein Herr von Eisenhauch. Seine
Atmosphäre war vielleicht nicht angetan, um Männer zu erzeugen. Er sehnte sich
nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit, aber sein scharfer Atem, das Feuer
seines Auges liess die Embryonen nicht aufkommen. Friedrichs Tafelrunde war für
blitzende Geister und kühne Ritter, aber für Charaktere war doch kein Platz.«
    »Und wir brauchen sie, Männer - wenn nur einen, und der Eine ist es auch
nicht - eine verglaste Ruine, an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt, um
die ungeheuere Verwüstung zu zeigen.«
    Der Rat drückte ihm die Hand: »Trösten wir uns, dass die Zeiten verschieden
sind. Eine jede gebiert das, dessen sie bedarf, also auch ihre Männer.«
    Sie verloren sich in der Gesellschaft. Fuchsius stiess an der Tür mit
Laforest wieder zusammen, der, den Hut in der Hand, die Versammlung rasch
verlassen zu wollen schien. »Wohin Excellenz?«
    »Zum Berichten.«
    »Was, wenn das Herz des Diplomaten noch geöffnet ist?«
    »Was Sie mehr interessirt als mich.«
    »Geht die Eitelbach in die Falle?«
    Der Gesandte flüsterte ihm ins Ohr: »Stein wird doch Minister.«
    »Eine Attrape?«
    »Für den es trifft, übrigens eine neueste wirkliche Neuigkeit?«
    »Von Engeln ihnen zugeraunt?«
    »Der Russischen Fürstin.«
    »Und warum jetzt?«
    »Weil man keinen andern Finanzminister austreiben kann. Nutzen Sie es, Herr
von Fuchsius. Ein neuer Minister verspricht alles und gewährt zuweilen einiges,
wenn man schnell dahinter ist.«
    Laforest verschwand.
 
                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.
                             Die russische Fürstin.
Einfacher konnte man für eine grosse Gesellschaft nicht gekleidet sein, als die
russische Fürstin. Ihr Kleid schimmerte ins Graue, nichts von Brillanten, kein
Geschmeide. Die glänzend schwarzen Haare scheitelten sich schmucklos um ein
seines, ausdrucksvolles Gesicht, in dessen breiter als europäisch geschlitzten
Augen zuweilen ein stilles Feuer glühte, das seine Strahlen aus einer schönern
Welt zu borgen schien, und ein süsses harmonisches Lächeln spielte dazu um die
wohlgeformten Lippen. Sie musste Jedem etwas Angenehmes oder Interessantes zu
sagen wissen, denn ein solcher Eindruck strahlte vom Gesicht Derer, die vor ihr
gingen.
    Seit Laforest den Schauplatz verlassen, schien sie der Magnet geworden,
welcher die Wandelsterne anzog.
    »Was hat die nordische Sybille meiner Freundin vertraut?« fragte die Wirtin
die Baronin Eitelbach. »Sie lächeln ja so vergnügt«
    »I Gott bewahre, ich lache nicht. Sie hat mir nur gesagt - es ist zum
Todtlachen.«
    »Gewiss eine Wahrheit. Das sehe ich auf Ihrem Gesicht.«
    
    »Sehn Sie auch in die Gesichter rein, Geheimrätin? Ich wäre sterblich
verliebt, hat sie gesagt, oder wenn noch nicht, so würde es bald zum Ausbruch
kommen. Ist das nicht zum Todtlachen!«
    »Prüfen Sie Ihr Herz,« sprach die Geheimrätin, den Zeigefinger erhebend,
und entfernte sich in der Richtung nach dem neuen Zauberkreise. Die Anwesenheit
der Fürstin war ihr zwar angenehm, sogar sehr angenehm, es war die vornehmste
Frau in ihrer Societät. Aber was sie Laforest vergab, war ihr hier nicht mehr
angenehm; die Fürstin zauberte zu viel.
    Herr von Wandel stand neben der schönen Frau, die an ihrer Schärpe zupfte.
Er hatte das Gespräch behorcht: »Prüfen Sie Ihr Herz!« wiederholte er mit
sanfter Stimme.
    Sie fuhr etwas zusammen. Ein Wort des Vorwurfs schien auf ihren Lippen
bereit, aber mit so Zutrauen erweckendem Blicke sah der ernste Mann sie an! Er
hatte es nicht böse gemeint, und er spasste nicht.
    »Wenn dies Herz am Altar der Grausamkeit geopfert hat, so seien Sie
wenigstens menschlich grausam, zeigen sich nicht immer Mittags am Fenster, ihr
Köpfchen zwischen den Balsaminentöpfen. Das nährt die Hoffnung, die Sie nicht
erfüllen können.«
    »Das tue ich ja immer.«
    »Und weil er das weiss, reitet er immer vorüber.«
    »Wer? - Sie meinen doch nicht die Dragoner und die Gensd'armen, die
marschiren immer nach der Parade durch unsere Strasse. Ihre Musik ist gar zu
schön und die Uniformen -«
    »Der Dragoner - und auch der Gensd'armen,« setzte der Legationsrat mit
Betonung hinzu.
    »Herr Gott, Sie ängstigen mich, Legationsrat, wer sieht denn nach mir
rauf?«
    »Machen Sie eine Badereise. Vielleicht vergisst er Sie.«
    »Wer? Wer? Sie Quälgeist!«
    Der Legationsrat hielt die schöne Hand noch immer in seiner und blickte so
sinnig fragend zu ihr herab: »Sollte das Verstellung sein? Nein, dies
seelenvolle Auge kann nur der Spiegel der inneren Wahrheit sein.«
    »Sie meinen doch nicht den Lieutenant Kleist oder den Fähndrich Kaphengst?
Mit dem hab ich ja noch gespielt als Kind, und der ist mein Neveu.«
    »Sie spielten ein gefährlich Spiel mit ihm - das Spiel des Zornes, gnädige
Frau. Eine Frau darf nicht hassen.«
    »Wen hab' ich denn gehasst, ich wüsste Niemand.«
    »Nennen Sie es Antipatie, Widerwillen, wie Sie wollen; sobald die Abneigung
zur Leidenschaft wird, hat Sie etwas - Interessantes, Lockendes. Mancher Kranke,
der eine Medizin mit Widerwillen nahm, schlürft sie zuletzt mit Leidenschaft. Ja
hätten Sie ihm gleichgültige Verachtung gezeigt! Aber Sie exponirten ja Ihre
Antipatie. Das darf eine Frau nie tun! Sie liessen ihn merken, wie schon seine
Gegenwart, sein Anblick Ihnen zuwider war. Das, von einem Weib, reizt den Mann.
Er kann sich rächen wollen. Das sind unedle Naturen. Aber gehasst zu werden von
einer schönen Frau ist ein berauschendes Gefühl. Es stachelt unsre Eitelkeit,
wir sinnen nach, welche unsrer Eigenschaften denn diese Leidenschaft in dem
schönen Gegenstande geweckt haben kann?«
    »Herr Gott, Sie meinen doch nicht!«
    »Namen nenne ich nie. Wenn Sie ihm den Rücken kehren, sieht er nur Ihre
schöne Taille, wenn Sie die Schleppe verächtlich um den Arm schlagen, nur den
gerundeten Ellenbogen. So wissen Sie nicht, dass Sie in jeder Bewegung, die Ihre
Abneigung deployiren soll, einen Köder auswerfen, und statt ihn abzustossen,
fesseln Sie ihn.«
    Die schöne Frau warf einen Blick ins Leere und er traf die Wahrheit. Momente
gibt es, wo sie in jeder Natur durchschlägt; aber es sammelten sich zugleich
eine Masse Erinnerungen, die ihr Auge jetzt trübten! jetzt einen Strahl des
Zornes entzündeten, und es platzte heraus:
    »Wie das Porzellanservice aus Meissen ankam, und der Spediteur es so schlecht
verpackt hatte, und mehr als die Hälfte war auf dem Transport zerschlagen,
vierhundertfünfzig Taler der Schaden, und Gott weiss, welche Mühe es gekostet,
dass ich Meinen dazu gekriegt! Und war nicht versichert! Da sollten Einem wohl
nicht die Tränen ins Auge treten, ich möchte heut noch weinen, und er - lachte,
ja das hat er, sich ordentlich geschüttelt! O er hat ein schlechtes Herz. Ich
hab's ihm aber gesagt, das kam aus einem boshaften Gemüt. Und voriges Jahr noch
in der Gesellschaft bei den Leuten - i mein Gott, Sie kamen ja auch noch nachher
- da nahm er mir ja den Stuhl vor der Nase weg. Ich begreife gar nicht, wie man
so grob sein kann und so maliciös.«
    »Vor Andern. Wer sieht ins Herz!«
    »Er pustet ja ordentlich vor Selbstgefälligkeit. Glaubt er, alle Frauen
müssten sich in ihn verlieben, wenn er den Bart streicht?«
    »Das ist ein eigen Kapitel, meine Freundin, von der Sympatie und der
Antipatie. Ich kenne den Herrn Rittmeister nicht, ich weiss nur -«
    »Dass mir ordentlich wohl ist, wenn ich ihn in einer Gesellschaft nicht
treffe.«
    »Ob ihm aber wohl ist! - Sie sahen nicht, wie er nach jener Gesellschaft, wo
er Sie so auffallend beleidigt, Ihnen immer von sein folgte, wie er wartete, um
Sie einsteigen zu sehen; wie er, als der Wagen vor Ihrem Hause vorfuhr, schon
durch Quergassen schneller dahin gekommen war, und an der Ecke im Mantel
verhüllt, sah er Sie aussteigen! Mich dünkt Sie sahen sich um, und wandten
schnell den Kopf -«
    »Ich erinnere mich nicht.«
    »Sie müssen ihn gesehen haben. Wenn da grade nicht, doch ein ander Mal.
Entsinnen Sie sich nur. Man kann sagen, er folgt Ihnen auf Schritt und Tritt,
vielleicht unwillkürlich.«
    »Sie erschrecken mich, Herr von Wandel. Der Mensch lauert mir auf, um mir
einen Affront anzutun.«
    »Das will ich nicht hoffen.«
    »Aber, ich bitte Sie, 's ist ja rein unmöglich. Wer sich so vor den Menschen
beträgt, was kann der Gutes im Schilde führen!«
    »Der unerklärte Trieb unserer Natur, der ewige Zwiespalt unserer selbst, das
Licht und der Schatten, der Ahriman und der Ormuz, dass wir schaffend vernichten,
vernichtend schaffen. Wenige, die sich über diesen Zwiespalt erheben, die dies
Rätsel der Natur gelöst. Sie selbst, meine teure Freundin, werden dies oft
empfunden haben. Ihr sinnend Auge gibt mir die Antwort.«
    »Dieser Mensch begegnet mir überall,« sagte der Major an einer andern Stelle
zum Regierungsrat, »wie ein eiskalter Luftzug. Undurchdringlich im Gespräch,
alles wissend, jedem Gefühl verschlossen. Ich bin jetzt zu glauben geneigt, dass
Laforest wirklich kein Bohrloch in dieser glatten Wand gefunden.«
    »Und doch sehen Sie, welches Leben er in die schöne Bildsäule gehaucht! Man
möchte erfahren, was der Magus mit ihr sprechen konnte.«
    »Sollte er in der frivolen Intrigue mitspielen? Sie waren nachher in
eifriger Konversation mit ihm.«
    »Eifrig?«
    »So war seine Miene.«
    Fuchsius lächelte: »Er fragte mich, ob das Vermögen von ihr oder von ihm
käme? Von Heims neuer Wunderkur, von der Legirung des Platina und von der
neuesten Liaison der Unzelmann. Das war ein Teil unseres Gesprächs, das glatt
wie ein Aal hingleitete. Nähern wir uns der Sybille. Jetzt spricht er mit ihr.«
    »Auch nur en passant«
    Die Sybille schien einen Köcher von Liebespfeilen ausgeschossen zu haben;
oder waren es wirklich sybillinische Sprüche, was der Physiognomie der Andern
einen so besondern Ausdruck gab! Doch hatte Jene plötzlich Allen den Rücken
gekehrt, um der Wirtin ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.
    »Elle est une merveille d'amabilité!« versicherte der Geheimrat Lupinus von
der Vogtei, beide Hände als Schallrohr vor dem Mund, denen, die ihm entgegen
kamen. »Pleine de grâce et d'une sagesse, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi,
presque étérée. Et un savoir-faire!«
    »Na warum denn?« sagte der Doktor Marcus Herz, der ihm in den Weg getreten
kam und nicht Platz machte.
    »Mon ami!« rief Lupinus. »Elle a une pénétration parfaite, elle lit dans
votre coeur comme dans un livre ouvert.«
    »Auch in Ihrem, Geheimrat?« fragte der Arzt, seine Hand auf Lupinus'
Schulter legend.
    »Elle connaît tout le monde, elle enchante tout et est enchantée de tout.«
    »Auch von Ihnen! Na hören Sie, dann ist sie mehr als ein Wunder - ein
Meerwunder.«
    »Immer der liebenswürdige Satyriker. Mais quant à la beauté, Madame Herz
kein Vergleich. Elle est la beauté même et aussi pleine de sagesse.«
    Die Fürstin hatte ihren schönen Arm halb um die Wirtin geschlungen, ihr für
den vergnügten Abend zu danken: »Aber das Beste entziehen Sie mir so lange.«
    Die Lupinus bedauerte, dass der Dichter noch immer auf sich warten lasse;
gewiss sei es ein plötzliches Hindernis, was die Ankunft, der alle Herzen
entgegen schlügen, nur verzögere.
    »Ich kann die Spannung begreifen,« entgegnete die Fürstin, »ob er aber die
Erwartung befriedigen wird! Es kommt sehr auf die Laune an, in der er ist. Aber
ich meine jetzt unsere teure Wirtin, die freilich der Gesellschaft angehört,
und ein einzelner Gast wäre unbescheiden, wenn er mehr fordert, als auf seinen
Teil ihm zukommt.«
    Die Geheimrätin meinte, sie habe nicht den Andern im Lichte stehen wollen,
und besonders vor Einem, nach dem Alle unwiderstehlich sich angezogen fühlten.
    Ohne auf das Bittere zu achten, was sich dem Kompliment unwillkürlich
beimischte, sah mit einem innigen Blick die Fürstin sie an: »Wozu diese
Gemeinplätze zwischen uns! Sie sind eine Märtyrin und Ihr ganzes Leben ist ein
Opfer. Ich weiss ja alles und ich betrachte mit einer bewundernden Teilnahme Ihr
stilles Wirken der Resignation. Was kann Ihnen diese Gesellschaft sein? Sind Sie
nicht mit sich selbst, mit Ihren Büchern in einer besseren? Und alle diese
Embarras nur um Andern Freude zu machen!«
    Die Lupinus protestirte dagegen. Sie kannte die Fürstin noch zu wenig. Sie
wusste nur, dass sie vertrauten Umgang mit Elise von der Recke gepflogen, dass die
Jünger der romantischen Schule bei ihr Zutritt hatten, man sagte auch, dass sie
der katolisirenden Richtung dieser Schule huldige. Sie antwortete mit der
Banalphrase, dass Andern Freude bereiten selbst Freude schaffe.
    Die Fürstin streifte darüber hinweg, wie über ein etwas, was keiner
Erwiderung bedurfte. Aber es lag keine Beleidigung in ihrem Blick.
    »Ihr ganzes Opferleben fühl' ich in mir selbst wieder,« sprach sie, sich in
die Ottomane zurücklehnend, auf der Beide in einer Nische Platz genommen. »Ich
fühle es wieder, obgleich mir, was die Welt ein glücklicheres Los nennt,
beschieden war. Der Fürst, mein Gatte, verstand mich, ich verstand ihn. Ich
brauchte nicht ängstlich vor der Welt den Schirm vorzuhalten, damit man seine
Schwächen nicht gewahre. Er war kein eminenter Geist, kein Gelehrter, er liebte
das Leben und trank seine Genüsse, wie den Schaum des Weines, er war was die
Welt nennt, ein vollkommener Lebemann; aber ohne Arg, grade wie er war gab er
sich. Da musste die Vorsehung nach einem kurzen Glück - wozu Elegieen an einem
so frohen Tage! Es war so besser, für ihn, für mich.«
    Wo sollte das hinaus! dachte die Geheimrätin. »Mein Mann ist -« die Fürstin
unterbrach sie aber mit einem sanften Händedruck:
    »Ich frage mich oft, warum müssen diese Kräfte durch Anstrengungen gehemmt
werden, die nie eine andre Frucht tragen können, als einen Schein? Denn Ihren
sonst to trefflichen Mann werden Sie doch nicht gesund machen, ich meine so
gesund, das er sich wieder ins Leben taucht!«
    »Ich versuche wenigstens, es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Seine
Ansprüche sind so bescheiden!«
    »Das weiss ich. Aber ist das eine Aufgabe für eine Frau Ihres Geistes! Sein
Glück ist gemacht, indem Sie ihm in seiner Assiette sich selbst überlassen. Sie
könnten doch frei, sich mehr Ihren eigenen, edleren Trieben überlassen. Freilich
haben Sie sich eben wieder eine neue Sorge auferlegt, die Sie ganz absorbirt,
doch wer wollte da ein Wort gegen sagen! - Aber nun bewundere ich Sie wieder,
wie Sie sich auch der Familie Ihres Mannes annehmen. Dies Festin ist doch auch
gegeben, um Ihren Schwager gewissermassen in der Gesellschaft wieder zu
retabliren.«
    Die Geheimrätin seufzte: »Man muss doch für seine Familie leben!«
    »Das ist ein schöner Zug im deutschen Gemütsleben!«
    »Wo der Staat seine Ehre anerkannt hat, darf die Familie sie nicht sinken
lassen.«
    »Hoffen Sie, dass er wieder den rechten Weg finde, der arme Irrende.«
    »Das hoffe ich nicht -«
    »Man muss nie eine Hoffnung aufgeben. Aber sehen Sie da - sie ist reizend!
Und welche Gruppe diese beiden Frauen! Zum Malen!«
    Ihre Blicke hafteten auf Adelheid, die mit der Doktor Herz im Nebenzimmer
sich unterhielt. Die Fürstin schwärmte in dem Lobe ihrer Schönheit. Es war mehr
als Malerei, sie lebte in der Schilderung mit, ihre nervösen Bewegungen
verrieten es.
    »Hier kann man den Unterschied von Schönheit und Schönheit studiren. Madame
Herz ist gewiss eine vollkommene, aber ihr fehlt etwas.«
    »Der Kopf ist zu klein für die junonische Gestalt,« sagte die Geheimrätin.
    »Ich betrachte sie nicht als Sculpteur. Die Psyche ist's, die mich
interessirt, wie das innerste ein knospet und blüht in der Erscheinung! Aber Sie
mögen Recht haben, liebe Frau, aus dieser edlen, grossen Gestalt schoss nicht mehr
auf als ein kleiner Kopf, weil es an dem Feuer gebrach, das eine gebietende
Stirn, eine Jupiternase, schwellende Lippen, das schwimmende, überwältigende
Auge schafft.«
    »Die Herz ist passiv, aber sehr intensiv.«
    »Qu'importe!«
    »Und tugendhaft.«
    »C'est ça. Par son naturel. Aber sehen Sie, trotz des orientalischen Nimbus,
ich frage Sie, könnte ein Maler aus dem Gesicht eine Heilige machen? Nimmermehr,
ihm fehlt die Sinnlichkeit. - Sie bewegt sich - jetzt recht lebhaft - drückt
ihre Lippe es aus? Verrät es das Auge? - Und nun dagegen Adelheid! Eine
unwillkürliche Bewegung ihres Füsschens, und die Lippe spricht es aus, das
Grübchen am Kinn. Elastisch die ganze Figur, aber das Gesicht die Blüte. Wenn
ich nichts als das Gesicht sähe, wollte ich mir ihre ganze Gestalt konstruiren.
O Sie, müssen eine wahre mütterliche Freude an dieser Requisition haben.«
    »Wenn sie meinen Erwartungen entspricht. Ihre Erziehung entsprach den
beschränkten Sphären ihres elterlichen Hauses. Es müssen viele Gewöhnungen,
vulgäre Ansichten ausgetrieben werden -«
    »Nichts austreiben, um Gottes willen nichts austreiben, teure Frau!«
    »Ihr fehlt das Sublime. Ich sehe noch immer durch alle ihre Reize den Ton,
aus dem sie gebildet. Aus ihren ästetischen Urteilen platzt zuweilen eine
Natürlichkeit, über die ich erschrecke. Dass die Herz sich für sie interessirt,
ist mir lieb; ich hoffe, sie soll aus ihrer Conversation lernen. Manches Eckige,
Erdige wird sich abschleifen, um dem Sinnigen Platz zu machen.«
    Die Fürstin sah sie verwundert an, aber die Missbilligung, die in ihrem
Blicke lag, ging in ein Lächeln über: »Nicht die Herz! Keine Hofmeisterin! Die
Herz würde ihr schöne Maximen predigen! O keine Predigten! - Sie zur Tugendpuppe
erziehen, das heisst eine Natur verderben, wie sie nicht oft aus Gottes Schöpfung
hervorgeht.«
    »Ich meinte auch nicht grade eine Klostererziehung.«
    
    »Dies pulsende Blut will sein Recht. Der Schöpfer träufte es in unsere
Adern, wie er die Sonne in den Aeterbogen warf, wie er der Traube würziges Blut
gab, uns zu berauschen. Wer nie berauscht war, nie im Wirbel der Leidenschaft
taumelte, wer nie die Wonne dieser Erde kostete, der kann auch nicht die Wonne
der himmlischen Seligkeit empfinden.«
    Ihr schönes Auge glänzte so seltsam dabei, während sie starr nach der Decke
sah. Nach einer langen Pause stand sie auf, und strich tief aufatmend ihren
Scheitel mit beiden Händen. Sie lächelte schelmisch die Geheimrätin an:
    »Nicht wahr, ich habe recht viel dummes Zeug gesprochen? Vergessen Sie es
und entschuldigen mich. - Aber als ob ich mich vor Ihnen zu entschuldigen
brauchte, vor einer Frau, die ja auch weiss, wie der Geist so oft sich vom Körper
trennt, und die Seele hinfliegt in Räume, wohin das Auge nicht dringt. - Aber
kommen Sie schnell unter die Andern, wir kommen ins Gerede. Wenn man auch etwas
anders ist als die Andern, um Gottes willen, man muss es ihnen nicht verraten!«
    »Wo sehen Durchlaucht Plötzlich hin?«
    »Ich -« Die Fürstin errötete leicht und flüsterte ihr ins Ohr: »Mir war's,
als sähe ich Jean Paul dort über den Gensd'armenmarkt kreuzen, um schneller hier
zu sein. - Da unterhält sich ja der Herr von Fuchsius sehr lebhaft mit Ihrer
Tochter. - Ei, ei, selbst der ernste Major Eisenhauch widersteht dem Magnete
nicht und vergisst auf einen Augenblick seine grossen Vaterlandsgedanken. Ich
besorge, meine Freundin, Ihr Haus wird bald wie Troja aussehen -«
    »Sehen Sie eine Zerstörung voraus?« fragte die Lupinus. Der
Clairvoyantenblick der Fürstin hatte sie etwas verstimmt.
    »Nur die Helena, um die ein trojanischer Krieg entbrennen wird. Sorgen Sie
bald, wenn Sie dem entgehen wollen, für eine anständige Partie. Der
Regierungsrat ist ein junger Mann, dem eine gute Carriere bevorsteht.«
    »Herr von Fuchsius sieht nach Vermögen. Es ist nur Galanterie. Ich werde
indes ein wachsames Auge haben.«
    »Wozu! Lasst doch die Schmetterlinge spielen. Die Jugend ist so kurz! Und
was sagen Sie zum Legationsrat?«
    »Der -!« Das Wort schien der Geheimrätin auf der Lippe zu ersterben. »Er
und das Kind?«
    »Sie haben nicht daran gedacht. Es ist auch so besser.«
    »Durchlaucht kennen ihn? Er wird von so Vielen verkannt.«
    »Die Bestimmung jeder Grösse! Sie fühlt sich nur zu Gleichgesinnten
hingezogen. Es täuschten mich auch vorhin wohl nur einzelne Blicke. Es war
Elise, die mir ihre Beobachtungen mitteilte. Ach die gute Recke dachte
vielleicht an ihr eigenes Verhältnis mit Cagliostro.«
    »Cagliostro!« wiederholte die Lupinus.
    »Cagliostro war doch vielleicht mehr, als wofür die Welt ihn jetzt erkannt
haben will, meine Freundin. Er musste fallen, wie Viele gefallen sind, weil -
passons la-dessus! - Unsere grosse Katarina war in diesem Punkte eifersüchtig. -
Es ist mir recht verdriesslich, dass Herr von Wandel der Affaire wegen mit dem
jungen Manne - nicht wahr, Bovillard heisst er? - in Verwickelung gekommen ist.
Und wie ich höre, stellt er Adelheid nach. Das muss für Sie doppelt peinlich
sein.«
    »Ich hoffe, Durchlaucht, das wird nichts auf sich haben. Der wüste Mensch
soll uns nicht länger stören.«
    Die Fürstin sah sie fragend an: »Blutdürstig, meine sanfte Freundin! Der
Lauf der Kugeln ist zweifelhaft. - Das war auch nicht Ihre Meinung.«
    »Durchlaucht, dieser Mensch ist incorrigibel.«
    »Desto besser. Lassen Sie ihn fortsündigen. Gerade über diese Sünder, die
ihr Ohr der Stimme der Vernunft verschlossen haben, zuckt schon ein anderer
Strahl. Da tun wir nichts bei, das kommt mit einem Male. Was wäre die Welt mit
ihren gaukelnden Marionettenpuppen, die das grelle Schauspiel von Eitelkeit,
Verkehrteit, Ungerechtigkeit und Sünde vor uns aufführen, wenn wir nicht
wüssten, dass plötzlich eine unsichtbare Hand aus den Wolken fährt, und zerstört
ist ihr Spiel. Ein Licht zückt herab und die Irrenden sehen den Abgrund, vor dem
sie stehen. Warum den jungen Wüstling gleich aufgeben, opfern wollen; da gibt
es ja tausend Mittel. - Nur keine öffentlichen Schritte. Es lässt sich so Vieles
unter der Hand abtun, eben wenn man Freunden vertraut. Freunden haben Sie ja
nur zu winken. Kommandiren Sie auch über mich. A propos, ich habe viel von dem
jungen Lehrer gehört, ein origineller Charakter, sagt man. Wo ist er? Stellen
Sie ihn mir vor.«
    »Er ist nicht hier. - Für unsere Gesellschaft -«
    »Würde er keine Augen haben, nur für seine schöne Schülerin. - Sie sehen
mich an. Wie? Soll er sein Blut in Eis verwandeln, oder spielt die Geschichte
von Abälard und Heloise nur in der grauen Vorzeit? Ach, eine reizende
Geschichte, aber wenn Sie dieselbe nicht wiederholt sehen wollen, müssen Sie
auch da Acht haben, mehr als nach Aussen das Auge wach! Ja, teure Frau, die
Obliegenheiten einer Mutter sind gross. Sie haben eine halb Gefallene
aufgerichtet, aber wer sich vor dem Fallen noch fürchten kann, ist stets dem
Fallen nahe - O weh! da fällt Ihr Diener - ein Glück, dass der andere ihm das
Präsentirbrett hielt. Der arme Mensch ist krank -«
    »Aber Johann, wie konnte er auch!« fuhr die Geheimrätin auf.
    Der Diener hatte sich wieder erhoben, und, es schien, erholt. Er versicherte
es wenigstens und wollte sich nicht hinausschicken lassen; es sei eben nur ein
Schwindel gewesen. Die Geheimrätin versicherte der Fürstin, sie habe soviel
Lohnbedienten angenommen, dass Johann gar nicht nötig gehabt, selbst zu
serviren; er habe es nur aus Eigensinn getan.
    »Oder Furcht, dass seine Herrschaft ihn für entbehrlich hält,« sagte die
Fürstin. - »Wie liebreich Adelheid ihm zuspricht! Sie hat ihn überredet, sie
schickt ihn hinaus. Bravo! Hören Sie! Herren und Damen sind entzückt, sie muss
etwas Seelenvolles gesagt haben.«
    Die Geheimrätin fand sich allein. Auch die Fürstin war zu Denen geeilt, die
Adelheid mit ihrem Beifall überhäuften. Die Geheimrätin fand sich sehr allein.
Nur Diener, auf den Tag gemietet, in Livreen, frisirt oder noch in Perrücken,
bewegten sich in den Zimmern, mit den Vorbereitungen für die Abendtische
beschäftigt. Sie kannte mehrere von ihnen nicht. Der eine schien im Vorübergehen
einen seltsamen Blick auf sie zu werfen, zwei dunkle Augen, aber er wandte sie
rasch auf die Teller, die er trug. Ward sie beobachtet, hatte man auch in ihre
Gesellschaft Lauscher geschickt, von Seiten der clairvoyanten Gesandten oder
Gesandtinnen? - Sie wollte in den Saal. Aber der Fürstin nacheilen, welche ihr
eben so brüsk den Rücken gedreht? Sie umfasste Adelheid. So hatte die Gargazin
auch sie vorhin umfasst. Sie zog sie auf ein Kanapee, sie spielte mit ihrer
Hand, sie sagte, sie flüsterte ihr tausend schöne Dinge ins Ohr. Adelheids
Gesicht glühte. O sie war weit liebenswürdiger, lebhafter, zuvorkommender gegen
die Tochter, als gegen die Mutter. Alle gruppirten sich, näher oder ferner, um
diesen Mittelpunkt. Nach der Wirtin sah Niemänd, es kam Niemand in den Sinn,
dass sie abgeschlossen war. Der Legationsrat stand in einer Fensternische, weit
jenseits, die Arme unterschlungen, und beobachtete die Gruppen, sein Gesicht
unbeweglich wie immer; aber als der Strahl seines Auges sie traf, glaubte sie in
dem Auge eine an sie gerichtete Bemerkung zu lesen. War es ein Vorwurf,
Bedauern, Mitleid?
    »Warum sich der Gesellschaft entziehen, ma belle soeur?« rief der Geheimrat
Schwager, der zufällig aus einem hinteren Zimmer kommend, der Wirtin
entgegentrat, als sie die beste Partie ergriff, weil kein Mensch sich um sie,
sich auch nicht um die Menschen zu kümmern, sondern um die Teller und Tische.
    »Weil ich überflüssig bin,« war die kurze Antwort, mit der sie an ihm
vorüberstreifte.
    Wenn er an Ton und Art noch nicht gemerkt, dass sie auch ihn für überflüssig
hielt, ward er auf der Schwelle zum Saal daran gemahnt, als die Fürstin, am Arm
des Legationsrates, über diese Schwelle rauschte. Wenn es nicht grade mit dem
Ellenbogen geschah, fühlte er sich doch durch Blick und Bewegung mit seiner
ganzen Persönlichkeit bei Seite geschoben.
    Die Fürstin verliess die Gesellschaft. Den Legationsrat hatte sie gewürdigt,
sie als Kavalier an den Wagen zu begleiten; aber nicht einmal eines Blickes
würdigte sie den Mann, der vorhin ihre Liebenswürdigkeit ausposaunt. War er ein
Anderer geworden? Sie gewiss! Einen Kopf grösser schien sie ihm. Fort waren die
Rollen der Liebenswürdigen, der nervös Irritirten, der Bescheidenen und der
Schwärmerin geworfen, als Fürstin hielt sie ihren Ausgang.
    »Ach, unsere emsige Wirtin. Immer wie eine Biene für den Honig sorgend.«
    »Durchlaucht wollen uns doch nicht verlassen?«
    »Leider, eine heftige Migräne! O bitte, nehmen Sie nicht auf mich Rücksicht,
Ich verschwinde wie ein Schattten, um Licht und Heiterkeit zurückzulassen.«
    Die Geheimrätin öffnete den Mund, um dagegen zu demonstriren, aber
unwillkürlich kehrte ihr die Erinnerung an jene Gesellschaft vom vorigen Sommer
zurück, - da war sie es ja, welche die Rolle der Fürstin gespielt. Sie
verstummte. Migrainen sind oft angenehm für Die, welche sie vorschützen, nicht
immer für Die, welchen Sie vorgeschützt werden.
    »A propos!« rief die Fürstin. »Herr von Wandel, nur einen Augenblick, zwei
Worte mit unserer Freundin.«
    Sie zog diese bei Seite: »Wissen Sie schon, Jean Paul -«
    »Kommt nicht? Vielleicht hat er von einer Clairvoyanten gehört, dass er
Fürstin Gargazin nicht mehr trifft.«
    »Nein, er kommt, aber in welcher Laune! Es ist mir wirklich recht leid. Nur
Ihretwillen.«
    »Ist ihm etwas passirt?«
    »Er ward bei der Berg so lange aufgehalten. In der besten Absicht, denn wer
konnte anders denken, bei der besonderen Vorliebe, mit der die Königin sich der
Sache angenommen. Da um neun erst bringt der Fourier die Hiobspost.«
    »Eine Hiobspost!«
    »Der König will die Präbende nicht geben.«
    »Und Ihre Majestät die Königin hatte doch -«
    »Nichts gespart, was Klugheit und Liebenswürdigkeit vermögen. Bis acht Uhr
gaben sie im Palais die Hoffnung nicht auf. Man passte nur auf den günstigen
Augenblick und er schien gekommen. Majestät brachen eben ein Stückchen von dem
Kuchen, den Sie besonders lieben, und versicherten, so vortrefflich sei er noch
nie gebacken. Das benutzte Ihre Majestät, und der König lächelte ihr auch mit
der liebenswürdigsten Laune zu, aber ebenso liebenswürdig schüttelten Sie den
Kopf und sagten: Herr Jean Paul mag ein sehr guter Romanschreiber sein, aber
darum ist er noch kein guter Domherr.«
    »Hat Ihre Majestät nicht Lafontaine's Beispiel eingewandt? Der hat doch auf
ihre Vorstellung die Präbende erhalten.«
    »Ihre Majestät sind zu klug, um nach solcher Erklärung noch ein Mal
anzufangen. Und es gibt Wichtigeres zu bitten.«
    »Der arme Jean Paul also gänzlich aufgegeben?«
    »Für Berlin verloren. Ich wollte Sie nur avertiren. Noch weiss Niemand hier
davon. Sie tun also gut, liebe Frau, die Sache auch zu ignoriren. Die Verehrung
für den Dichter hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen, die ihm der Hof erzeigt.
Erfahren Sie, dass der ihn aufgibt, ist der Lustre fort.«
    »Nein, es gilt nichts mehr,« sagte die Geheimrätin bitter.
    »Es tut mir nur um Sie leid, aufrichtig, meine liebe Geheimrätin. So viel
Embarras! Sie würden die Gesellschaft auch nicht gegeben haben, wenn Sie das
voraus gewusst. Adieu et au revoir!«
    »Jean Paul kommt!« ging ein Gemurmel durch das Zimmer.
    Die Geheimrätin meinte, der Legationsrat hätte doch in zu ehrerbietiger
Entfernung auf die Fürstin gewartet, als er sie hinausführte.
    »Fürstin Gargazin liebt Herrn Jean Paul nicht?« bemerkte Herr von Wandel,
als er auf einen raschen Armdruck sie seitwärts in ein Zimmer geführt, damit sie
dem Dichter, der die Treppe herauskam, nicht begegne.
    »Ich liebe nicht den Kultus für sogenannte grosse Menschen,« antwortete die
Fürstin beim Hinuntergehen. »Die Lupinus wird sich mit diesem Zauberfest wieder
lächerrlich machen.«
    »Ein Erbstück der Familie.«
    »Sagen Sie dieser Menschen, dieser Stadt, dieser Zeit. Weil Jeder aus seiner
Sphäre treten möchte -«
    »Ohne den Charakter zu haben, die neue sich untertänig zu machen.«
    »Wenn Jeder die Sphäre des Andern durchschauen könnte!« erwiderte die
Fürstin langsam, den Blick auf den Begleiter gerichtet. »Uebrigens tut mir die
arme Frau leid. Prinz Louis wird nie zu ihr kommen. Sie lässt alle ihre Minen
umsonst springen.« Die Fürstin drückte beim Einsteigen dem Legationsrat die
Hand: »Ich werde nichts vergessen.«
 
                          Achtundzwanzigstes Kapitel.
                              Eine schlimme Nacht.
Ein Geflüster war durch die Gesellschaft gegangen. Man steckte die Köpfe
zusammen, und das Geheimnis, welches die Fürstin der Wirtin anvertraut, war
längst ein Gemeingut, als die Gesellschaft zu Tisch ging. Vorher aber sah man
ein Schauspiel, es war ein Impromptu. Adelheid hatte von der Tafel einen
Blumenkranz ergriffen, und ihn plötzlich auf die Stirn des Dichters gedrückt:
»Nun sind Sie ein freier Mann!«
    Es war alles anders geworden, als die Geheimrätin gewollt. Die Bekränzung
sollte stattfinden, aber in anderer Art, später, an der Tafel selbst. Sie hatte
Figuranten geworben, die bei jedem Gespräch mit Phrasen aus des Dichters
Schriften ihm antworten sollten; das musste jetzt rückgängig gemacht werden; es
passte nicht mehr. Die Empfindsameren umringten ihn, statt mit Siegeshymnen, mit
Kondolenzversicherungen. Es sah nicht wie bei einem Freudenfeste aus. Während
die Mehrzahl nicht laut genug ihr Bedauern an den Tag legen zu können glaubte,
schlichen Andere fort. Die Geheimrätin begegnete dem General, der seinen Hut
zum Gehen ergriffen.
    »Auch Sie uns verlassen?«
    »Man weiss nicht, was im Palais vorgegangen ist,« sagte der Offizier mit
seiner soldatischen Offenheit, »nicht in wie weit Seine Majestät sich über die
Person des Herrn aus Baireut ausgesprochen haben.«
    »Aber ein Charakter wie mein Herr General -«
    »Hat auch Rücksichten zu nehmen. Der König, meine liebe Frau Geheimrätin,
erfährt jeden Morgen genau, wer bei Rüchel war und wer bei Blücher war. Und Sie
wissen gar nicht, wie diese Rapportements gemacht werden. Hat er sich nun
wirklich ungnädig über den Poeten ausgedrückt, so wird auch von Ihrem Festin ihm
berichtet und Sie wissen nicht wie. Ihnen kann das nun nichts schaden, wenn
Einer sagt: Es ist doch auffällig, dass die Lupinus dem Fremden ein Fest gibt,
als wenn er ein Potentat wäre, und gerade in dem Augenblick, wo Eure Majestät
sich so nachdrücklich über die Stellung ausgesprochen haben, die er nur
beanspruchen kann. check setzt vielleicht hinzu: Und jetzt, wo Eure Majestät
eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgeübt. Wer weiss denn, wer
zwischen den Lippen murmelt: Undank ist der Welt Lohn! Und wenn Lombard dabei
ist, wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen, mir einen kleinen
Freundschaftsstoss zu versetzen? Ich höre ihn schon hinwerfen: Es ist doch noch
sonderbarer, dass gerade unser General dabei sein musste. Er ist doch sonst kein
Admirateur von Poeten. - Sollte das andere Gründe haben? fügt vielleicht noch
ein guter Freund hinzu, denn Sie glauben nicht, wie viel gute Freunde Jedermann
am Hofe hat, der eine gute Stellung hat, die Andern zu gut für ihn dünkt.«
    »General, aber bei Ihrer Renommee!«
    »Je höher der Kornhaufen, so mehr Mäuse hausen unten. Mein Kommando wird mir
Seine Majestät darum nicht nehmen, aber wird mir vielleicht das nächste Mal
sagen: Sind auch ein so grosser Verehrer von dem Herrn Romanschreiber? Meinte die
Lorbeerkränze schickten sich nur für Generäle. - Und das wäre noch das Beste,
dann ist es ausgeschüttet. Ohnedem bleibt etwas, denn der König hat ein
vortrefflich Gedächtnis. Und wissen wir, von wem und wann daran weiter gebohrt
wird? Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft. Und weiss ich was noch hier
geschieht bei Tisch von den Admirateurs, welche Gesundheiten sie ausbringen?
Kann nicht Einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestät aussprechen?
Höre ich's ruhig mit an, so heisst's im Palais, ich habe eingestimmt, und rede
ich drein - nein, meine gnädige Frau, ich will ihr schönes Festin nicht stören.«
    Sie selbst aber wollte es stören. Die Salatscene sollte nun unterbleiben.
Sie war, als der General ihr begegnete, eben auf dem Wege zum kranken Johann
gewesen, um ihm Contreordres zu geben. Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum
Serviren gegeben und in dem Augenblick brach die Gesellschaft, um zu Tisch zu
gehen, auf. Es entwickelte sich heut Alles gegen ihren Willen. Jean Paul hatte
ihr seinen Arm reichen sollen. Ihrer Zweifel, ob es nicht jetzt passender sei,
diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu übertragen, ward sie überhoben, als
der Dichter schon ihre Tochter entführte. Sie musste, um nicht allein zu gehen,
ihren Arm notgedrungen Dem reichen, welcher allein ledig an der Tür stand, es
war der Schwager, und sie musste zufrieden sein, dass es ihr wenigstens gelang,
eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen.
    Wenigstens sass Jean Paul neben ihr. Wenn er von dem Fehlschlag seiner
Hoffnungen verstimmt gewesen, hatte er unter so viel Teilnahme und beim Klang
der Gläser es überwunden. Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt. Er
sprach oder sang in Worten die wie Streckverse klangen. Die Lüfte in den
märkischen Pinien hätten ihm zugerauscht das alte Lied: Wo es Dir wohl geht, ist
Dein Vaterland! aber da sei aus dem blauen Aeter eine Taube niedergerauscht mit
einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflüstert: Der Dichter muss frei sein! Und ein
frischer Morgenwind habe seine Stirn, seine heisse Brust gekühlt, er sei erwacht
und wieder arm, aber frei, frei wie der Vogel in der Luft, und dies Glas bringe
er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich.
    Nur ein Teil der Gesellschaft verstand es. Der Geheimrat von der Voigtei,
der auch sein Glas gefüllt hatte und sich für verpflichtet hielt, als nächster
Anverwandter der Wirtin, die Gesundheit des Gastes zu übernehmen, unterbrach
den Dichter: die erste Gesundheit gebühre ihm selbst. In einer Rede, die, wenn
auch sonst nichts, doch verriet, dass er von dessen Schriften nichts gelesen,
gratulirte er dem Poeten, der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen könne:
Ci-gît Piron, qui ne fut rien.
Pas même académicien.
Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben, obgleich er sonst nichts gewesen, so
werde auch ohne Präbende für sie Alle hier:
Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter
Bleiben ein ihnen unvergesslicher Dichter!
    Im Gläserklang erhob sich der Gast: »Unser Auge blickt nach den blauen
Bergen, und unser Herz schwillt vor Sehnsucht, weil der Himmel sie küsst. Aber
oben weht es uns zu rein an, wir atmen zu bang in der Nähe des
Unaussprechlichen, und die Täler verschwimmen vor unsern Augen. So sehnt des
Dichters Brust sich nach dem Schönsten und Höchsten, wie Semele nach Zeus'
wahrhaftiger Gestalt. Aber in der Feuerglut zerspringt sein Herz, er kann nur
leben im Tal, atmen im Duft der Kräuter, und die Berge über ihm, die
Fussschemel des Unnennbaren, sind die Säulen der Ewigkeit, an denen sein Geist
sich aufrankt. Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken, habe genug fürs Leben.
Nun möge man ihn beglückt zurückkehren lassen in die stillen Täler seines
Fichtelgebirges. Wenn seine Waldbäche über die bemoosten Steinblöcke rieselten,
die Fichten säuselten, die Veilchen aus dem feuchten Grün dufteten, und wenn
dann wieder an des Dichters Seele edle schöne Frauen vorüber schwebten, Lianen
und Natalien, im Diadem des Morgenrotes, wenn ihre Füsse im Tau sich badeten,
ihre seelenvollen Augen das Blau des Aeters saugten, um Huld und Wohlwollen für
tausend blutende Herzen widerzustrahlen, - dann kämen sie von den Bergen, die er
einmal bestiegen, wo auch er Seligkeit getrunken. In seiner Eremitage nun kein
Einsiedler mehr, umschwebten ihn Berlins edle Frauen, beim Frührot böten sie
aus der Krystallschale ihm den Morgentrank und wenn die Königin des Tages hinter
die Berge sinke, sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen.
Dies Glas leere er auf Berlins schönere Hälfte.«
    Unter dem Gläserklang der Herren, unter den Verzückungen der Damen war
Adelheid aufgestanden. Den Wink der Geheimrätin hatte sie nicht bemerkt. Ihre
Augen gegen den Plafond gerichtet, tönte ihre metallreiche Stimme durch den
Saal: »Aber die Sterne oben sind nicht stumm, sie tönen, im Festsaal des Ewigen
kreisend, die Sphärensprache der Harmonie, und der Geweihte versteht sie. Der
blasse Geweihte, der am Schmerzenslager überwindet, der Geweihte, dessen Stirn
die Freude des Sieges rötet, und er der Geweihte, der der Aeolsharfe ihre
Klagetöne abgelauscht, den Vögeln ihren Gesang, er, der die summenden Stimmen
der Völker versteht, Phöbus geweihter Priester hört den Gesang der Sterne -«
    »Mamsell, der Salat!« flüsterte Johanns zitternde Stimme, aber er getraute
sich nicht mehr den Napf zu tragen. Die Geheimrätin war beim Anfang der Tafel
wieder umgestimmt worden, denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden für
den Dichter, und die Lupinus teilte nicht die Besorgnis des Generals. Im
Gegenteil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt ein Ehrenpunkt. Aber
Jean Paul hatte ihr bei der Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen. Er
schwärmte in eigenen Gefühlen, seine Komplimente waren nur an ihre Tochter
gerichtet. Sie wollte es ihn empfinden lassen, und ihre Lippen hatten sich zu
einigen spitzen Worten gespitzt, die mit dem Stichwort schliessen sollten, auf
welches Adelheid einzufallen hätte, als diese unerwartet, gegen die Verabredung,
von einem Impuls sich hinreissen liess. Unglücklich fügte sich auch hier alles,
der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte, während einer der sogenannten
»Ausgestopften«, das heisst der gemieteten Lakaien, ihr zur Rechten den
Salatnapf überreichte. Es war derselbe Lakai, dessen funkelnde Augen sie vorhin
erschreckt. Adelheid ergriff in ihrer Extase den Napf und statt ihn
niederzustellen, hob sie ihn wie eine Opfervase empor - »und er der geweihte
Priester hebt die Schale den Göttern entgegen« fuhr sie in der Rolle fort,
entnommen aus irgend einer Dityrambe der Jean Paul'schen Poesie, die wir wieder
vergessen haben, vielleicht auch aus denen, die von der Geheimrätin zu diesem
Zweck komponirt waren, als der »Ausgestopfte« ihr etwas zuflüsterte. Die Worte
hörte man nicht, aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken, als dass der
Sinn von dem, was der Lohnlakai sprach, nichts anderes sei, als was der kranke
Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach: »Auf den Tisch, Mamsell,
's ist ja der Salatnapf!«
    Adelheids Stimme stockte plötzlich. Als sie nach der Seite blickte, stiess
sie einen Schrei aus. Darüber entfiel ihr der Napf. Viele Arme wollten helfen.
Ein Armleuchter war umgestossen. Die Kerzen fielen auf das Tischtuch; eine
streifte an den Fruchtkorb, der mit künstlichen Papierblättern ausstaffirt war.
Das Papier brannte, das Tischtuch brannte. Man schlug ungeschickt zu. Man riss am
Tischtuch und noch ein Leuchter fiel. Es flammte und floss, man schrie: Hülfe!
Feuer! Die Stühle schlugen um, die Damen in den leichten, feuerfangenden
Kleidern schrien am lautesten und stürzten fort, Herren und Bediente rissen am
Tischtuch. Es brannte schon lichterloh, die Kerzen vom Kronleuchter träuften,
als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden über die gesamme Verwüstung
zusammenschlugen. Der Brand war so erstickt, aber auch das Porzellan, Glaswerk,
Torten und alles was zerbrechlich war, in dem Chaos zusammengeschüttet und
vernichtet.
    So konnte man vermuten, dass es hergegangen, denn der Brand war gelöscht,
ehe die Nachtwächter Berlin in Alarm versetzten. Im Uebrigen wusste Niemand
später über den Hergang klare Auskunft zu geben. Es lag auch in Mancher
Interesse, es im Dunkeln zu belassen. Die Entschlossensten hatten schnell ihre
Damen fortgerissen, um den Abschied unbekümmert, nur Garderobe und Strasse galt
es zu erreichen. Wenn sie dein Feuerschaden auswichen, entgingen einige Damen
dem des andern Elements nicht. Die Wassereimer, mit denen die Diener ihnen
entgegenstürzten, verdarben manche Toilette. Das Gedränge kam einer Verstopfung
nahe. Man sprach von Ohnmachten. Die ohnmächtig Gesagten leugneten es. Am Boden
gelegen wollte Niemand haben, nur vielleicht auf einem Stuhl. Viele liessen es
sich nicht nehmen, dass die Wirtin wirklich im Gedränge ohnmächtig geworden.
Nach ihren eigenen Äusserungen später konnte man es glauben; sie sprach von
einem Schleier, der über sie gekommen, eine wohltätige Macht hätte die
Schreckensscene vor ihr verhüllt. Es wäre allerdings eine doppelte
Schreckensscene für sie gewesen, wenn sie alle Urteile wirklich hätte hören
müssen, welche in der Aufregung über sie und ihr Fest laut wurden.
    Der Lärm hatte auch den Geheimrat aus seiner Studirstube gelockt. Als er im
Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang, war die Gesellschaft schon
entflohen. Nur ein branstiger Qualm drang noch durch die Türen, Wasserrinnen
ergossen sich über die Dielen, und Wirrwarr, Gedränge und Getreibe überall. Aus
der Tür des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmächtige auf
ein Sopha. Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen. Ihr
Musselinkleid war von den Flammen ergriffen worden. Sie hätte mit einem Druck
der Hand die Flamme löschen können, aber sie hatte wie eine Bildsäule
dagestanden, regungslos. Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen,
aber seine Hände zitterten, die Serviette geriet selbst in Brand. Da hatte
einer der fremden Lakaien ihn fortgestossen, und mit Tüchern, die er schon in
einen Wassereimer getaucht, das Feuer erdrückt. Aber jetzt war sie ohnmächtig
geworden, und der Lakai, ein kräftiger, junger Mann, hatte sie in das
Entreezimmer getragen, als der Geheimrat dazu kam.
    Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung, welche der Gelehrte
angestellt, und bei dem er sich, als er später in seine Arbeitsstube
zurückkehrte, vollkommen beruhigte. »Jetzt muss man ihr die nassen Tücher
abnehmen, sie erkältet sich sonst,« hatte er gesagt, der Lakai aber gerufen:
»Man muss den Arzt holen!« und war nach der Tür gestürzt. »Das wird nicht nötig
sein,« hatte der Legationsrat Wandel gesagt, der aus der dampfenden Stube trat.
»Es ist nur eine Affektion der Nerven.« Er hatte mit dem Geheimrat die nassen
Tücher abgezogen und gefunden, dass keine Brandverletzung stattgefunden, selbst
der Brandfleck am leichten Oberkleide war gerinfügig, die Flamme hatte nicht
einmal das festere Unterkleid ergriffen. Der Legationsrat steckte das
Essenzbüchschen, welches er geöffnet, wieder in die Tasche, murmelnd: »Hydor
ariston!« Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimrats
gelockt. Er redete den Legationsrat lateinisch an, und dieser antwortete
lateinisch. Herr von Wandel hatte eine schöne reine Aussprache, nicht ganz
ciceronianisch, aber er applicirte sehr geschickt einige Feinheiten der
Latinität: »Es ist nichts als eine psychische Aufregung, vielleicht Exaltation
für den Dichter, vielleicht etwas anderes - - aber es geht schnell vorüber, sie
wird sich von selbst erholen!« Und so geschah es, auf einige Tropfen, die er aus
einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte, schlug Adelheid die Augen auf. Sie
erkannte die Gegenstände, atmete und machte eine Bewegung mit der Hand, dass die
Herren sich entfernen möchten: »Das Uebrige wird weibliche Pflege und ein
Camillentee tun,« beruhigte der Gast den Wirt.
    Der Geheimrat hatte dem Legationsrat die Hand gereicht, und den Wunsch
seiner näheren Bekanntschaft ausgedrückt. Er tat dies selten. Im Speisesaal
grinste ihn die Verwüstung an. Es dampfte und flutete, er musste über
umgeworfene Stühle, Tische, Scherben steigen. Wenn das in seiner Studirstube
passirt wäre! Der blasse Geisterschreck, den dieser Gedanke auf sein Gesicht
zauberte, trieb ihn zu einer ungewohnten Tätigkeit. Er rief den Dienern, den
Mägden, er legte selbst Hand mit an.
    Da flog ein erstes Lächeln über die weissen Lippen der Geheimrätin, und es
zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke. Sie hatte bis da regungslos auf
dem Canapee halb gesessen, halb gelegen, vielleicht im Gedränge von den
Fortstürzenden dahin gestossen. Das Eau de Cologne, was Lisette ihr ins Gesicht
gesprengt, war ohne Wirkung geblieben. Jetzt, beim Anblick der Tätigkeit ihres
Mannes kehrte das Leben zurück. Die Zunge löste sich, sie konnte sprechen, es
platzte heraus wie ein Lachen: »Mit den Pantoffeln! Sie erkälten sich ja im
Wasser die Füsse!«
    Der Geheimrat fühlte jetzt, was ihm ein Unbehagen verursacht, für das er
sich keinen Grund anzugeben gewusst. Er ging im Wasser, seine Füsse waren ganz
nass.
    »Aber es muss doch Ordnung geschafft werden, meine Liebe.« Er sah sich um.
    »Dafür wird Lisette sorgen, die versteht es besser. Gehn Sie in Ihre Stube
und ziehen sich andere Strümpfe an, morgen ist alles wieder wie sonst.«
    »Aber - ich hoffe, die Incommodität wird Ihnen nicht schlecht bekommen?«
    »Ganz und gar nicht,« sagte die Geheimrätin, die aufgestanden war. »Eine
kleine Störung in den Gewohnheiten des Lebens. Weiter nichts. Morgen ist's
vergessen. Ich hoffe, dass in Ihrer Stube nichts derangirt ist.«
    Das hoffte der Geheimrat auch; er hatte hier nichts mehr zu tun. Die
Geheimrätin liess sich von Johann führen. Mit jedem Schritte, den sie tat, ging
sie fester. Der Bediente hielt sich an den Türpfosten, als er sie in ihr
Schlafzimmer gebracht. Sie mass ihn mit einem durchdringenden Blicke: »Was soll
das werden mit ihm, Johann?«
    Er verstand es: »Um Gottes Erbarmen, gnädige Frau Geheimrätin, stürzen Sie
mich nicht in mein Elend,«
    Ihm war es, als bohrte ihr Blick in sein Herz, aber sie sprach kein Wort:
»Morgen früh soll Hofrat Heim kommen.«
    Er ging. Sie rief ihn zurück: »Nein, nicht Heim! Der ist zu nichts zu
brauchen -« murmelte sie. »Selle, rufe er den Geheimrat Selle, ich lasse ihm
meine dringende Empfehlung machen« - sie stockte und hub wieder an: »Nicht zu
Selle, zum alten Geheimrat Mucius, ich liesse ihn dringend bitten.«
    Johann war gegangen. Sie schellte wieder: »Es soll mich Niemand stören. Was
auch vorfalle. Ich werde mich selbst ausziehen. Lisette soll mit den Andern die
Sachen fortschaffen, aber sie soll sich nicht unterstehen Lärm zu machen. Ich
will nichts mehr wissen, versteht Er mich.«
    Johann ging. Sie rief ihn doch wieder zurück; »Morgen früh wird Niemand
vorgelassen. Niemand.«
    »Herr Jean Paul Richter fragten, wann er seine Aufwartung machen könne, um
Abschied zu nehmen?«
    »Ich bin nie, wenn er sich meldet, zu Hause.«
    Sie stand noch eine Weile, nachdem der Bediente fort war, die Blicke auf die
Diele geheftet. Ihr musste sehr heiss sein, sie schöpfte tief Atem, riss Tuch und
Kleidungsstücke auf und warf sich auf das Sopha, den Kopf in den Arm gestützt.
    Sie wollte nichts von dem Geräusch hören, und hörte doch alles, das Aufheben
jedes Stuhls, das Klappern der Teller, so leise Mägde und Diener ihr Geschäft
verrichteten. Sie gab sich Mühe, tue Tritte jedes Einzelnen zu erkennen, und
indem sie sich darüber ärgerte, horchte sie nur immer schärfer. Sie haderte
innerlich, diese Magd sollte einen Verweis erhalten, jene entlassen werden.
    Was glühte in ihren Adern, was war die trockne Hitze, die ihr alle
Spannkraft raubte, was die Unruhe, die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte?
Ein verlorener Tag? Es war nur ein Tag unter vielen. Eine verlorene Schlacht in
einem Kriege, in einem langen, trostlosen mit dem Leben. - Und von wem war sie
geschlagen? - Von Allen. Heut, wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet! - Sie
kannte die Gesellschaft, die bösen Zungen, Macht des Lächerlichen. Ihre
Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus. Sie hörte schon die Fragen mit
spöttischem Lächeln: »Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimrätin?« Die
ebenso lächelnden Antworten: »Sie hat es sich etwas kosten lassen. Recht schade,
wozu das?« - »Sie hat einmal kein Geschick dazu.« - »Die Apoteose Jean Pauls
war doch au comble du ridicule.« - »Und dazu das Unglück noch! Die arme Frau.
Warum wird sie aber nicht klug!« Oder die bittersten: »Es ist ihr schon recht,
dass sie mal die Lektion bekommen!«
    Sie war unerschöpflich in der Selbstmarterung, sie verteilte diese
Sarkasmen und Bonmots, zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte, unter ihre
Bekannten, ihre besten Freunde. Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet?
Sie lachte auf. Ach, das Lachen half nichts. Sie empfand einen ungeheuren Durst,
aber nicht Wasser, nicht Wein konnte den stillen. Aber an wem diesen Durst
kühlen? - Laforest, warum musste er das erste Zeichen zum Aufbruch geben, er,
der nur gekommen schien, um Audienz zu geben, Huldigungen zu empfangen. Der
General, der feige davon lief? Mochte er laufen. Jean Paul, der, erstickt von
Eitelkeit, nur im Lobe sich berauscht, nur mit den jungen Mädchen getändelt,
ohne ihr, die sie mit so raffinirter Sinnigkeit das ganze Fest für ihn bereitet,
nur ein Wort des Dankes zu sagen, nur die gewöhnlichste Aufmerksamkeit zu
erweisen. Alle, alle hatten sich nur um sich bekümmert, um andere Gestirne, sie
war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft.
    Die Dienerschaft draussen musste mit ihrer Verrichtung zu Ende sein. In der
Stille hörte man nur noch vereinzeltes Türenklappen und Hin- und Herlaufen. Sie
lauschte aufmerksamer. Den Tritt kannte sie. Der Legationsrat war noch im Hause
geblieben? Er kam grade auf ihre Tür zu. Endlich ein Mensch, ein Geist, der
sich ihrer annehmen, mit dem sie ihre Gedanken austauschen könnte. Sie wollte
die Tür aufreissen. - Nein, es war an ihm. Gleichviel, wollte er sich melden
lassen, klopfen, eintreten. Er blieb stehen. Sie glaubte ihn gähnen zu hören. Er
zog sich den Ueberrock an. Er sprach leise mit Lisetten. Es war von Tropfen und
andern Hausmitteln die Rede, für eine Magd, die der Schreck niedergeworfen, von
einem Tee, den sie dem Geheimrat kochen sollte. Auch dem Johann sollte sie
davon eine Tasse geben - von ihr kein Wort! - Er fragte nicht nach ihr. War sie
kein menschlich Wesen? Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung? Hatte er sie
vergessen?
    Er war fort, sie lag wieder auf dem Sopha. Ihre Stirn war so heiss, so heiss -
ein kühlender Tropfen nur! Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in
erschreckender Klarheit. Sie wusste jetzt, wer ihre Feindin war. Wen hatte
Wandel hinausgeführt, wem seinen Cavalierdienst erwiesen, die gewöhnlichsten
Regeln der Artigkeit gegen die Wirtin, wer diese auch gewesen, verletzend. Weil
sie die Vornehmere, die Vornehmste war? O dahinter steckte mehr. Die Fürstin war
es, welche unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend
verdorben, welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage
beigebracht. Sie hatte das Fest beherrscht, sich Huldigungen darbringen lassen,
durch ihr Gespräch sie selbst gefesselt, dass sie ihr Auge der Gesellschaft
entzog. Dann, nachdem sie ihr durch die böse Nachricht den Todesschlag versetzt,
war sie triumphirend fortgegangen. Aber nicht Zufall war es, - nein, Plan; ein
weit hinausreichender Plan. Der Fürstin, die einen Kreis um sich zaubern wollte,
waren die angenehmen Cirkel der Geheimrätin im Wege. Hatte sie nicht in einem
langen Gespräch sie nach allen Verhältnissen, Personen ausgefragt? Wozu das? Sie
wollte auskundschaften, was den Zauber dieses Kreises bilde. Was konnten die
fremde, vornehme Frau sonst die Verhältnisse eines bürgerlichen Hauses in Berlin
interessiren! Und jetzt wusste, kannte sie alles, und hatte vielleicht alles
zerstört. - Wer würde denn noch ihre Gesellschaft besuchen? Nicht weil der König
sich gegen den Dichter ausgesprochen. O nein, das konnte ihrer Societät gerade
einen neuen Reiz geben, die freien mutigen Geister locken, aber vor dem Fluch
des Lächerlichen flieht die Geisterwelt. Und er - sollte, könnte ihr dabei
hülfreiche Hand geleistet haben! Unmöglich!
    Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequälte. Kann eine Frau einen
Mann fordern? Was rann eine Frau, und wenn sie den Mut einer Judit und
Herodias besass, in dieser Welt der Konventionen! Ihr Hass mag glühen wie der
Aetna, den Atem muss sie in sich zurück pressen, sonst verwundet sie sich
selbst. Die Macht des Lächerlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen, die
auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Züge ihrer Wut als Karikaturen
wiedergeben. Giebt es denn keine Mittel für ein Weib, der Welt den Krieg zu
erklären? Nur das kleine Spiel der Ränke, um hie und da mit giftigen Nadeln zu
stechen, ihnen vergönnt! Einen Verhassten - mag eine Frau, die einen Mächtigen
beherrscht, verfolgen, vernichten; wenn nun aber ihr Hass nicht an Einzelnen sich
genügen lässt, wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer
durchglüht, wenn sie die Armseligen, Gemeinen, Undankbaren von der Erde
wegspülen möchte, wie Pharaonis Schaaren das rote Meer - wenn sie fühlt, mit
diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten! - Sie kann nur
morden im Traum!
    Sie presste ihre Hände an die heisse Stirn, als sie wieder ein Geräusch
hörte. - Das war Adelheids Stimme, hell - wie ein Aufschrei. Es kam von weitem
her, aber nicht weit genug, dass es von ihrem Zimmer sein konnte. Da kam ihr das
Mädchen wieder in den Sinn. Sie hatte gar nicht an sie gedacht. Was war aus ihr
geworden? Sie sann nach. Eine dunkle Vorstellung, dass man Hülfe! Sie brennt!
gerufen. Sie durfte sich versengt haben. Von ihren Feinden war ja alles
geschehen, der Sache einen Eklat zu geben. Aber der Ton kam wieder; nicht mehr
ein Schrei, aber der bange tönende Schall, den die Menschenstimme annimmt, wenn
etwas Ungewöhnliches uns überkommt. Sie hörte noch eine andere Stimme. Auch ein
Schrei, wie wenn man Geister erblickt. Das war keiner von der Dienerschaft, auch
nicht ihr Mann. Wie ein tiefes Schluchzen! Eine heftige Bewegung. Sie hörte
Männertritte. An Mut fehlte es der Geheimrätin nicht. Sie ergriff den Leuchter
und trat hinaus. Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwüsteten Saal.
Ihr: »Wer ist da?« hallte ohne Antwort durch die Räume, aber aus dem Kabinet
daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt. Sie schlüpfte durch die
Türe nach dem Entree. Sehen konnte sie nur einen Schatten, sie hörte das leise
Klinken der Türe draussen, sie hörte deutlichere Tritte, die auf der Treppe
allmälig verhallten.
    Im Kabinet stand Adelheid, die zugedrückten Hände an der Stirn. Sie atmete
schwer; ein intensives Zittern schüttelte ihre Glieder. Sie erschrak aber nicht,
als sie die Hände allmälig vom Gesicht fortzog, nicht vor dem Glanz des Lichtes,
und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Auge der Geheimrätin.
    »Was war das, Adelheid? Wer war hier?«
    »Fragen Sie mich nicht,« antwortete das Mädchen. »Es war alles wie ein
Traum.«
    »In dem noch ein Anderer mit träumte!«
    Das Mädchen schöpfte nach Luft. Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit,
welche die Geheimrätin frappirte. Adelheid sank auf einen Stuhl und stützte den
Kopf im Arme: »Es war fast zu viel!« schuchzte sie, »zu viel für mich. Und, mein
Gott, warum komme ich dazu. Warum ich dazu ausersehen!«
    Die Geheimrätin setzte sich neben sie; »Hat Dich Jemand gekränkt,
beleidigt? -«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Ein Mensch entschlüpfte durch jene Tür, er war bei Dir -«
    »O mein Gott, er war bei mir, und nun ist er fort -«
    »Und wer war es?«
    »Das ist ein Geheimnis, lassen Sie es mir. Es sprengt mir die Brust, aber
ich werde schon stark werden! Er ist fort, er wird nicht wiederkommen.«
    »Ein Geheimnis vor Der, die Mutterstelle an Dir vertritt! - Bedenke, liebes
Mädchen, es darf kein Geheimnis zwischen Der sein, für deren Ehre ich durch
Deine Aufnahme in meinem Hause Bürgschaft vor der Welt leistete -«
    »Die Sie - von da aufhoben,« fiel Adelheid schaudernd ein.
    »Und der geringste Verdacht, ein Geheimnis, was ich verdecken, ein Fleck,
den ich beschönigen hülfe -«
    »Wäre mein Verderben!« rief Adelheid aufspringend. »Ich weiss es, ich weiss
Alles - o Gott, ich bin unglücklich, aber es ist nicht mein Geheimnis.«
    »Wessen denn?«
    »Dem ich auf seinen Knieen versprach, es zu bewahren.«
    »Auf seinen Knieen!« Hätte die Lupinus der Beruhigung über einen Punkt
bedurft, so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit
ihrer Sprache beruhigt. Aber dieser bedurfte sie nicht.
    »Verstossen Sie mich, gütige Frau! Ich weiss ja, welchen Undank ich auf mich
lade. Stossen Sie mich aus Ihrem Hause, zurück in meine ungewisse Lage, - nein
mehr als das, es kostet Ihnen nur ein Wort, wenn Sie mich aufgeben, so fällt der
ganze Fluch wieder auf mich, alle die bösen Erinnerungen, das Gerede erhält neue
Kraft, dann bin ich vor der Welt verloren.«
    »Exaltire Dich nicht,« sagte die Geheimrätin, »mich kümmert das Urteil der
Welt nicht, ich verlange nur Wahrheit zwischen uns.«
    »Und ich - darf Sie Ihnen - heut nicht geben.«
    »Heut nicht -« wiederholte langsam die Geheimrätin. »Da es kein Dieb und
Räuber war, denn es ist doch nichts entwendet, und er floh vor dem Anblick einer
schwachen Frau, kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein. Da Du
aufschrieest, war es auch kein Rendezvous, sondern er überraschte Dich, oder
vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst Du seinen Namen jetzt nicht nennen.
Nun das pressirt ja auch nicht. Du willst ihn nicht wiedersehen, und wenn Du es
ihm selbst schon gesagt, überhebst Du mich der Mühe, ihm mein Haus zu verbieten.
Auch wirst Du klug sein, um Dich und mich nicht in Demelés zu verwickeln, und
die Vorsicht gegen Andere beobachten, die Du gegen mich übst. Im Uebrigen könnte
es mich wenig kümmern, wer es ist, da es an törichten Menschen in der Stadt
nicht fehlt, die Dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns Beiden
Inkommoditäten verursachen, wenn ich nicht besorgen müsste, dass es einer der
Freunde unseres Hauses wäre. Wenn das ist, müsste ich Mamsell Alltag bitten, bis
morgen sich zu besinnen, ob sie mir den Namen nennen will, denn Personen, welche
hinter meinem Rücken das Recht der Gastfreundschaft verletzen, müsste ich den
Stuhl vor die Türe setzen.«
    Sie hatte sich umgewandt. An der Tür holte Adelheid sie ein. Sie presste
die Hand der Geheimrätin an die Lippen und bedeckte sie mit heissen Tränen: »O
verzeihen Sie mir, ich bin ein undankbares Geschöpf, aber, - nicht so undankbar,
- nein, aus Ihrem Hause ist er nicht, er ist nie über Ihre Schwelle getreten, er
darf nicht über Ihre Schwelle treten.«
    Mit dem Lichtstrahl, der plötzlich in der Lupinus aufschoss, fiel ein
schwerer Stein von ihrem Herzen. Es war ein erstes, wohlgefälliges Lächeln, das
über ihre Lippen schwebte. Sie hatte an den Legationsrat gedacht, jetzt schämte
sie sich fast, dass sie an ihn denken können.
    Sie zupfte Adelheid am Ohr: »Nimm Dich in Acht! - So verrät man sich. - Ich
hoffe, Du hast Dich gegen ihn nicht verraten? - Doch wie kam er ins Haus?« -
Plötzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen, dessen blitzende Augen sie
am Abend erschreckt. »Ich werde künftig dafür sorgen, dass man keine
Verkleidungen in meinem Hause aufführt, und Du - nun das hängt von Dir ab. - Es
ist spät, wir wollen zu Bett gehen.«
    Dem späten Einschlafen der Geheimrätin gingen Träume vorauf, die wir nicht
begleiten. Nur einmal schrie und fuhr sie auf. Sie hatte von der Folter
geträumt: ihre Glieder wurden zerschlagen. Sie befühlte ihren Arm. Sie hörte ein
stilles Weinen. Die Wände sanken nieder, die ihr und Adelheids Schlafzimmer
trennten. Adelheid lag auf ihrem Bett, mit den schlaflosen Augen ins Wüste
starrend: »Es leidet noch Eine hier,« flüsterte der Dämon, und eine wohltätige
Wärme verbreitete sich wieder durch ihre Adern. Sie lächelte als sie einschlief.
 
                          Neunundzwanzigstes Kapitel.
                              Scheiden und Meiden.
Jülli weinte, den Kopf auf den Tisch gelegt, still vor sich hin. Vor ihr lag ein
kleiner Beutel mit Geld. Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen
Armen, den Hut auf dem Kopf, der beinahe die Decke des engen Hofstübchens
berührte. Es war nichts Freundliches in der Stube, bis auf die Resedatöpfe im
Fensterbrett, auf welche gerade ein durch zwei hohe Hinterhäuser sich drängender
Sonnenstrahl fiel.
    »Damit willst Du mich abkaufen,« schluchzte sie.
    Er antwortete nicht.
    »Du willst verreisen, nicht wieder kommen.«
    »Ich verreise nicht,« sagte er nach einer Pause.
    »Aber Du willst mich nicht wieder sehen. Warum giebst Du mir mehr, als Du
geben kannst? Dein Vater gibt Dir nichts, Du hast Schulden, ich weiss es. - Wozu
brauchte ich denn soviel Geld?«
    Plötzlich war sie aufgesprungen, die Tränen brachen ihr aus den Augen, und
sie stürzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals. »Nein, Louis, verzeih' mir
Louis, ich weiss nicht, was ich sage, Du hast mich nicht abkaufen wollen. Was
hättest Du abzukaufen! Du bist die Grossmut selbst. Nur aus Mitleid, aus purem
Mitleid hast Du mich aus dem Staube aufgerafft, bloss um die dumme Schmarre da am
Halse. O hätte der Herr seinen spitzen Degen mir durchs Herz gestossen, dann
wären meine Schmerzen aus, und ich machte Dir nicht so viele. Du hast Recht,
stosse mich fort, ich bin eine Last an Deinen Hacken. Du liebst mich nicht, Du
hast mich nie geliebt. Sag's raus, grade raus, das wirkt vielleicht wie die
Degenspitze - und dann ist alles gut.«
    »Mädchen, sei nicht närrisch.«
    »Närrisch bin ich nicht. Ich hab's wohl überlegt, Du hast unrecht getan,
dass Du mich hier in das Haus brachtest, wo Du selbst wohnst. Das schadet Deinem
Ruf.«
    Er lachte auf: »Ich habe keinen zu verlieren.«
    »Doch! O mein Gott, ja, ich habe es selbst von den Herren gehört: Wenn er
wenigstens die Schicklichkeit beobachtet hätte, das Geschöpf auswärts
einzumieten. Man kann ja nicht mehr mit Anstand über seine Schwelle.«
    »Zur Tür hinaus mit den anständigen Freunden!«
    »Sage das nicht, Louis. O wenn ich Freunde gehabt hätte, damals, einen nur
wie Dich, ich wäre jetzt nicht, was ich bin. - Mein alter Vater, der blinde
Konrektor, der war so gut, er hätte sich meiner erbarmt, wenn Einer ihm nur
zugesprochen. Aber die Leute und die Stiefmutter! - Ach mein Herz brannte, mehr
von dem Schimpf als von der Schande! - Wie sie mich in den Korbwagen packten,
und die halbe Stadt darum - die höhnischen Gesichter, die Finger und die spitzen
Reden: Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen, - nun kann sie Romane lesen!
Als es zum Tor hinausrollte, wie schnitt mir's ins Herz!«
    »Kammermädchenphantasieen.«
    »Die gnädige Frau hätte es auch gut mit mir gemeint - aber - ich war noch
stolz wie Du, ich wollte mich nicht ihr zu Füssen werfen. - Aus Scham stürzte ich
fort ins Elend. - Louis, glaube mir, es braucht Jeder Freunde, sonst fällt er.«
    »Ich nicht mehr,« murmelte er zwischen den Lippen.
    Sie riss die Augen weit auf, sie fasste ihn krampfhaft an der Weste:
»Allmächtiger Himmel, ist's das! - Als ich vorgestern in Dein Zimmer kam, - es
war unrecht von mir, ich weiss es, und Du tatest recht, dass Du auffuhrst; Du
packtest mich am Arm, und fragtest, so bös hab ich Dich nie sprechen hören, was
ich mich unterstehe, Du stiessest mich zur Tür hinaus, und schlugst sie mit
einem Schimpfwort zu - es war ein hässlich Wort, aber es hat mich nicht
beleidigt; es hatte mich auch nicht beleidigt, als sie mich Geschöpf nannten,
nein ich bin stolz darauf, wenn sie mich Dein Geschöpf nennen, ich wollte auf
Deiner Schwelle schlafen, wenn Du mich mit Füssen trätest, wenn Du mich todt
trätest, und nur dabei sprächest: ich tue es aus Liebe, das wäre ein seliger
Tod. Aber ich habe etwas gesehen, Louis, ehe Du mich raus warfst, und warum
warfst Du mich raus - Du putztest Pistolen auf dem Tisch.«
    »Was kümmert's Dich!«
    »Louis! Geh' nicht allein aus der Welt. Wenn Du gehst, nimm mich mit.«
    »Ich denke Einen mitzunehmen, sprach er vor sich hin. Im Uebrigen sei ruhig,
Mädchen, die Pistolen sind nicht für mich geladen.«
    »Das ist nicht wahr. Für wen denn? - Ich lasse Dich nicht so fort. Willst Du
in den Krieg? Es ist ja kein Krieg. Sie sagen, wir behalten Frieden.«
    »Krieg! Alles ist in Krieg miteinander, Tugend und Vernunft, Wahnsinn und
Laster; Alles betrügt sich, schlägt sich ein Bein, kuppelt, stiehlt, spielt
falsch; nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht, und wenn sie
in der Stille den Sündenbecher der Niedrigkeit geleert, wenn sie satt sind,
predigen sie uns Honnetität.«
    »Sprich nicht so hässlich. Ich kann's nicht leiden. Spasse lieber. Sag's mir
im Spass, dass Du mich nicht mehr magst, dass ich Dir unausstehlich bin, dass Du das
Geld nur giebst, um mich los zu werden, hörst Du, Louis, sag's im Spass, und
tu's dann im Ernst. Aber sag' es mir ja nicht vorher. Lache mich aus, nenne
mich ein dummes Gänschen, wie Du sonst wohl tatest so geh' fort, dass ich denken
kann, dass ich träumen kann, Du kommst wieder. Und wenn Du dann auch nicht wieder
kommst, so erwarte ich Dich noch immer, und wenn ich Dich erwarte, bin ich
glücklich - bis, bis - tu' mir den einzigen Gefallen -«
    Er fuhr mit der Hand in ihre Haare: »Bist Du so ein verzogenes Kind, das vor
dem rauhen Lüftchen Wahrheit zittert? Das solltest Du den seinen Damen
überlassen, die sich überglätten mit der Politur der Tugend. Eine wie Du müsste
doch vor dem Nackten nicht erschrecken, nicht vor dem nackten Laster, dem
nackten Elend - auch nicht vor dem nackten Tode.«
    »Wenn Du mich so recht schmähst und schlecht machst, glaube ich zuweilen,
dass Du mich doch lieb hast. Wenn ich Dir gleichgültig wäre, tätest Du es
nicht.«
    »Hast recht! Wen man lieb hat, kann man quälen, martern, man wird ein wildes
Tier. Da am letzten Abend bei der Malchen. Nicht wahr? Und ich bin seitdem
nicht besser geworden. Gott bewahre! Wer Dir das sagt, belügt Dich.«
    »Kaum dass Du frei kamst, erkundigtest Du Dich nach mir, Du hast für mich
gesorgt, dass ich nicht auf die Strasse geriet.«
    »Einbildung! Pure Einbildung! Ich wollte nur ein Geschöpf haben, an das ich
mein schwarzes Blut, meine tolle Laune auslasse. Warf ich Dich nicht zur Tür
hinaus, schimpfte ich Dich nicht, drückte ich Dir nicht mal die Kehle, dass Du zu
ersticken glaubtest, - aus purem Mutwillen? Und habe ich Dich nicht auch
geschlagen?«
    »Nein, Louis, das hast Du nicht. Du hast mich nie geschlagen.«
    »Dann war's eine Andere. Und Eine, der ich das grösste Herzeleid angetan.
Wenn ich ein guter Mensch wäre, hätte ich auf meinen Knieen rutschen müssen, bis
ich es gut gemacht. Beleidigt hatte ich sie, dass ich ihr nicht vors Gesicht
treten durfte, und ich war rasend, toll vor Scham. - Da habe ich sie gequält,
dass sie auch in Tränen ausbrach - aber das waren andere Tränen - und das war
der Dämon, das Ungeheuer, das die zerstört, die es zu lieben vorgibt. - Darum
sei froh, Mädchen, ich erwürge Dich noch einmal in der Nacht -«
    Er drückte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus.
    »Louis! Das ist wider die Abrede. Du wolltest mir noch was vorlügen.«
    »Was?«
    »Befiehl mir, ich solle, wenn ich zu Bett gehe, die Tür offen lassen, Du
wolltest hereinschleichen, mich im Schlaf erwürgen. Ach, Louis, wenn Du das
tätest! Ich könnte wieder beten zum lieben Gott. Wie ruhig würde ich
einschlafen.«
    »Bete!« sagte er, ihr die Hand reichend. »Das Andere findet sich. Wenn ich -
es ist doch möglich, dass ich - vielleicht in ein Weinhaus geriete, nicht nach
Hause käme, dann setze Dich morgen auf die Post. Zu Deinem alten Vater! Die
Stiefmutter ist ja todt. Er braucht eine Pflege für seine alten Tage.«
    »Weil er blind ist, sieht er meine Schande nicht, denkst Du. - Ach die Leute
da -«
    »Das Nest! Erzähl' ihnen von den vornehmen Damen hier, auf die sie nicht mit
Fingern weisen. - Dummheit, ward kein Mädchen dort verführt, lief keine mit
ihrem Geliebten fort, und kehrte wieder? Du hast Dich mit ihm überworfen, und
willst solide werden. In dem Beutel ist genug, damit kannst Du einen Putzladen
anfangen. Putzen will sich Jede, auch in einem Nest. Vielleicht machst Du auch
die Lehmkabache Deines Vaters damit schuldenfrei, und dann ist Alles gut.«
    »Adieu, Louis,« sprach sie, »ich danke Dir auch recht schön. - Ja es wird
Alles gut werden.«
    Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger
die Erde im Resedatopf. Sie durchstach die Wurzeln.
    »Auf Wiedersehen!« sagte er, die Klinke in der Hand.
    Er sah sich noch einmal um. Die volle Glut der Sonne fiel auf ihr Gesicht;
dennoch war es todtenblass, die Zähne klappten unmerklich unter den
festgeschlossenen Lippen. Sie verliess plötzlich die Blumentöpfe und kam auf ihn
zu, aber nicht stürmisch, sie zitterte nur etwas als sie sprach:
    »Ich muss Dir doch noch danken, lieber Louis, dass Du so gut warst, selbst zu
mir zu kommen. Du hättest mir ja das Geld durch einen Andern schicken können und
schreiben. Das wäre Dir viel leichter geworden. Du hast es Dir nicht leicht
gemacht, um mir noch eine Freude zu machen. Das nehme ich dafür, dass Du mir doch
gut bist. Gott lohn' es Dir.«
    Sie schüttelte ihm die Hand; er drückte einen Kuss auf ihre eiskalte Stirn.
    »Also - ich komme wieder,« sagte er, auch seine Stimme schien zu zittern.
    »Nimm Dich nur in Acht auf der steilen Treppe, dass Du nicht fällst.«
    Sie sah ihm nach. Als sie die Tür zudrückte, vergingen ihr die Kräfte. Sie
wollte nach dem kleinen alten Sopha, sie streckte die Arme danach aus, aber sie
kam nur bis in die Mitte der Stube. Mit einem erstickten Schrei schlug sie
besinnungslos auf die Dielen.
    »Dass uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist! Selbst dieses!« sprach
Bovillard für sich auf dem Rückwege. »Und doch, woraus besteht das Leben? Nur
aus einer langen Reihe von Trennungen. Jeder Moment der Abschied von dem
vorangegangenen. Und die Menschheit erfand sich keinen anderen Trost, als die
Illusion des Wiedersehens. Als ob je Einer wiederfand, was er verliess! Den Trunk
aus dem Becher, den süssen Blick, den Kuss, den sprudelnden Witz? Und wenn es
stehen geblieben, kein anderes geworden wäre, so wär's ein abgestandener Wein,
eine ekle Wiederholung. Und des Daseins Losung bleibt doch - weiter! Bis - und
da hoffentlich auch weiter.«
    In seiner Stube fand er zwei versiegelte. Briefe. Ein verächtliches Lächeln
schwebte über seine Lippen, als er den ersten durchflog. Er zerriss ihn: »Dacht'
ich's doch!« Er öffnete den zweiten, ihm widerfuhr dasselbe Schicksal: »Eine
Kopie. Süsse Harmonie edler Seelen! Sie hätten das doppelte Schreiben sparen
können.«
    Seine beiden Sekundanten, die endlich zugesagt, nachdem er vergebens bei
andern angefragt, mussten mit dem grössten Bedauern sich wieder lossagen, der
Eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise, dem Andern war eine zärtlich
geliebte Schwester erkrankt.
    »O diese zärtlichen und pflichteifrigen Menschen! Könnten sie nicht auch aus
Diensteifer für das Gemeinwohl, aus Zärtlichkeit für unsern zartpulsirenden
Staat, Hülfe leisten wollen, wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen
Gesellschaft ausgestossen werden soll! Zittern sie vor Angst, dass man sie für
meine Freunde hält! - Jülli hat Recht, es gibt Momente, wo man noch Freunde
braucht - zum Sterben. Sonst -« er wog seine Pistolen in der Hand - »sind das
die zuverlässigsten Freunde, und einen von uns Beiden, wenn nickt Beide, liefern
sie ins Jenseits ohne viele Umstände. Aber auch dazu fordert man Umstände!«
    Er ging aus, sich einen Sekundanten zu suchen! Wen? - Er sann umsonst nach.
Den ersten besten, der ihm auf der Strasse nicht ausweichen würde, mit einem
Gesicht, auf dem geschrieben stände: Tritt mir nicht in den Weg! Der Zufall
führte ihn in das Haus wo Walter van Asten wohnte. Er blieb zaudernd stehen.
Schon wollte er, kopfschüttelnd, weiter, als er den Torweg geöffnet hatte: »Er
war in Halle ein guter Schläger, und als Senior der Marchia stand ich ihm oft
zur Seite. Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter
seinem Bücherstand wird ihm ganz zuträglich sein.«
    Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen. Walter sah jünger, frischer
aus. Sein Händedruck war elastisch, ein kräftiges Willkommen! tönte Louis
entgegen.
    »Du siehst ja wie das Morgenrot aus! Und doch unter Büchern verpackt. - Und
da eine neue literarische Arbeit!«
    »Dazu ist nicht Zeit jetzt!«
    »Nun, wozu denn?«
    Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Concept. Er
las - las weiter, und warf plötzlich den Hut vom Kopf, dass er auf die Erde
rollte: »Plagt Dich der -! Lasten der Bauern, Vorspann, Naturalverpflegung der
Kavallerie! Und alles das noch auf das verkümmerte Dasein einer Menschenklasse
geworfen, welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt, die, wie milde sie
auch immerhin gehandhabt werde, das Gefühl der Menschenwürde niederdrückt. Unter
Hand- und Spanndiensten für den Edelmann, gemessenen und ungemessenen Frohnen,
ohne Selbstgefühl, Freiheitsgefühl, ohne Eigentum, ohne Liebe zur Scholle, an
die er gefesselt, ohne Sicherheit für die Vorteile, welche sein Fleiss erringt,
wie soll da das heiligste Gefühl, die aufopfernde Liebe für's grosse Vaterland
erstarken! - Was hast Du denn mit den Gefühlen der Bauern zu tun?«
    »Unsere Gefühle werden darin dieselben sein.«
    »Wir machten uns wenigstens Beide über Ifflands tugendhaste Bauern lustig.«
    »Ich rede von unserm realen Bauernstande.«
    »Wahrhaftig!« rief Louis weiterblätternd. »Willst Du ein Tomas Münzer, oder
ein Gracche werden? Was willst Du eigentlich?«
    »Es interessirt Dich heut wohl nicht. Ein ander Mal.«
    »Das könnte dann zu spät werden.«
    »Weil Alle zu spät handeln, ist's jedes Rechtlichen Pflicht, zu sprechen, so
lange es noch Zeit ist.«
    »Ja! Du schreibst eine Dissertation, willst wohl promoviren, ein
Kameralistikum in Halle lesen. Steck's nur den Jungen in die Köpfe, dann
schiesst's wild auf als Unkraut, und reif wird's grade, wenn's nicht mehr Zeit
ist. Das ist der deutsche Entwicklungsgang.«
    »Ich will nicht dociren. Ich will's deutsch sagen, was ich denke. Und ich
denke nicht an die Zuhörer, aber an die Sache. Und die Sache ist nicht mein, sie
ist unser Aller. Diese Gedanken fluktuiren in tausend Geistern. Sie stöhnten und
ächzten schon längst selbst in der trägen Masse. Nach einer Besserung, Erlösung
sehnten sich Alle. Weil die Gräuel in Frankreich seitdem auch die Besten in
bleichen Schreck versetzt, ist darum das Licht nicht Licht, weil es einmal
geblendet hat? Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wärmen, Sieden,
Schmelzen, weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte? Diese Ideen leben noch in
unserer Nation, und wo kein Anderer ihm zuvorkommen will, ist der Schwächste
stark genug, er hat die Pflicht, mit ihnen hervorzutreten. Mag dann draus
werden, mag aus ihm werden, was da will!«
    »Wenn sie's nur läsen! - Hast Du noch nicht die Hoffnung auf diese Zöpfe und
Perrücken aufgegeben? Das beste noch, wenn ein Minister ausruft: Da ist auch
wieder Einer, der's besser verstehen will als wir!«
    »Es sind nicht Alle, wie -«
    »Mein Vater. Kennst Du die Andern? Der Beste wird Dir zurufen: Das ist Alles
recht schön, aber nicht an der Zeit. Im Augenblick, wo die Renner zum Wettlauf
gesattelt werden, ist nicht Zeit eine Vorlesung anzuhören über die Veredelung
der Pferde racen.«
    »Und Du auch meinst, wie die Tausende und Abertausende, dass wir nur berufen
sind, über Schiller und Goete zu streiten, nur in die Tiefen der Mystik und der
Metaphysik uns zu versenken! Andere für uns handeln lassen, das wäre unsre
Destination. Louis, wir hatten Wartburg-Krieg von Minnesängern, aber von
derselben Wartburg leuchtete Luters Fackel über Europa! -«
    »Das war ein Mirakelmann, aus der Zeit der Wunder. Wir leben unter
Wichtelmännern; in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach
Glimmer und Spiessglas. Die edlen Erze sind längst gefördert und kursiren als
Scheidemünze.«
    »Wir hier haben noch Kräfte, nur ungeordnete, sie sind überlastet, man hat
sie aus dem Auge verloren. Nur dran hinzuweisen braucht es, dass sie gähren,
kochen, zum hellen Kristall aufschiessen. Dazu ist kein Mirakelmann, nur ein
guter Schürmeister nötig. Wir haben einen jungen Fürsten, der das Rechte will
und bange ahnt, wo das Schlechte liegt, aber eine dicke Atmosphäre, nenn's eine
elastische Mauer, hat sich um ihn gesetzt. O Gott, dass die frischen Lüfte, die
Lichtblitze endlich zu ihm drängen! Da ist's Jedes Pflicht, da ist Niemand zu
gering, zu schwach, der eine Stimme hat, zu sprechen; wer malen kann, der male,
wer meisseln, meissle in Stein, das Auge aufreissen vor der Gefahr! Und rasch, denn
sie rückt mit Riesenschritten näher, sie ist nicht zu ermessen, wir stehen an
einem Abgrunde, der Alle verschlingt. Und aus diesem Grunde heraus, könnten wir
eine Festung bauen, unnehmbar! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung, seiner
Gleichgültigkeit, seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden,
jedes Glied zum mitfühlenden Glied der grossen Kette zu erheben, Volk und Fürst
in Eins zu verschmelzen, das wäre die Aufgabe des Gesendeten. Ich sehe ihn
nicht, Du siehst ihn nicht, Keiner sieht ihn, aber ist er darum nicht da? Hat
nicht Jeder, dem ein Funken durch die Adern zuckt, die Aufgabe, Steine dem
künftigen David zuzutragen? Wenn er die Steine sieht, wird er nach der Schleuder
greifen.«
    Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört. Die Wimpern der
schönen Augen zuckten zuweilen auf, und warfen ihm einen teilnehmenden Blick
zu. Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne, die Walters
Bogen strich. - Er schwieg einen Augenblick, dann entstieg ein gähnender Seufzer
der Brust, der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf: »Zum
Steinewerfen haben sie allenfalls noch Mut, wenn's auch nicht Schädel trifft,
doch Fensterscheiben. Wenn nicht die des französischen Gesandten, doch der
Schauspielerin ihre, die er unterhält.«
    Walter sah ihn wehmütig an: »Haften, schweben, kräuseln denn Louis
Bovillards sämmtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensd'armerie Offizieren?
Der Louis Bovillard, der einmal auf der Windsbraut reitend, nach den Strahlen
der Sonne griff! Und heut noch an Persönliches sich klammern, in einer Zeit, wo
der Einzelne nur Lust zum Atmen findet, wenn er sich versenkt ins Allgemeine.«
    »Das ist Lüge, glaub's mir, pure Lüge. Wir kriechen nicht aus unserer Haut.
Es ist alles persönlich, unser Appetit und unsre Begeisterung, unser Hass und
unsre Liebe. - Auch Dir ist was Angenehmes im Traum begegnet, darum träumst Du
jetzt für die Menschheit und für den Staat Seiner Majestät des Königs von
Preussen.«
    Der frohe Zug um Walters Lippen, sein heller Blick sprach für Louis
Behauptung. Ein deutliches Ja beantwortete sie: »Ich träume einen schönen Traum,
und darum gehe ich mit Mut an mein Werk.«
    »Lass es aber nicht drucken,« sagte Bovillard.
    »Warum?«
    »Es sind verteufelt gute Gedanken darin; gedruckt sind sie Allgemeingut.
Irgend einer schmeisst sie etwas um, giesst seine Sauce drauf. So laufen sie
durchs Publikum und Du gehst Deinen Prosit quitt.«
    »Sie sollen wirken. Auf diesem Wege gelangen Sie an ihr Ziel. Wenn auch
verrückt, verfälscht, es haftet etwas. Will ich etwas für mich?«
    Bovillard sah ihn scharf an, und sagte: »Ja!«
    Walter errötete.
    »Du willst wirken, das heisst selbst eine Wirksamkeit haben. Zünden Deine
Gedanken, so wärst Du ein Narr, wenn Du am Feuer nicht Deinen Topf wärmen
wolltest. Du hoffst noch und hast ein versöhnlich Gemüt. - Purpurroter Freund
der Wahrheit, wenn Du im Amte bist, lerne Dich etwas verstellen, nur zum Besten
des Allgemeinen, in das der Einzelne sich versenken muss. Wer dem realen Staat
dienen will, muss lügen können.«
    Walter hatte nicht gesehen, wohin Bovillard sah. Indem er ihn zu fixiren
schien, hatte er über seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter
Kornblumen entdeckt, die künstlerisch mit einem blauen Bande verschlungen waren.
    »Und ausserdem bist Du verliebt, und wünschest eine anständige Versorgung, um
heiraten zu können.«
    Die Purpurröte auf Walters Gesicht wich einer Blässe, doch nicht auf lange.
In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin.
    »Weshalb vor dem Freunde ein Geheimnis. Ich liebe und ich hoffe. - Nun
schütte Deine Philippica aus gegen meinen Egoismus, ich will versuchen, ob ich
dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette -«
    »Wenn wir auch ein verschieden Facit zögen, die letzte Rechnung schliesst
Jeder doch nur mit sich ab. Du tust recht. Dir steht's an der Stirn
geschrieben, dass Du zum guten Bürger geboren bist, an meiner stand etwas von
Kains Zeichen? Hast Du Dich mit Deinem Vater ausgesöhnt?«
    »Unsere Trennung ist wohl keine fürs Leben.«
    »Fandst Du die Cousine, Mamsell Schlarbaum, jetzt liebenswürdiger?«
    »Ein gutes Mädchen, aber noch weniger, als der Dichter in ihrer Brust einen
Widerhall gefunden hätte, würden es die Töne, die jetzt in meiner klingen.«
    »Eine politische Schwärmerin hast Du doch nicht zur Hausfrau gewählt?«
    »Sie ist ein deutsches Mädchen -«
    »Und liebt Dich?«
    Walter schwieg, dann reichte er dem Freunde die Hand: »Ich hoffe es. - Nun
von Dir. Du kamst in Geschäften. Womit kann ich Dir zu Dienst sein?«
    »Mit nichts.«
    »Du wolltest von mir?«
    »Was ich jetzt nicht mehr will.«
    »Und warum nicht?«
    »Weil Du verliebt bist.«
    »Die Liebe tödtet nicht die Freundschaft.«
    »Weil Du glücklich bist.«
    »Liebende und Glückliche sind freigebig. Sie möchten die ganze Menschheit
aus Herz drücken.«
    »Und ich - ihr den Hals brechen.«
    Mit einem raschen Händedruck ging er aus der Tür.
 
                              Dreissigstes Kapitel.
                             Wachtstuben-Abenteuer.
»Hol Euch alle der -« rief der Spieler und warf die Karten auf den Tisch. Das
Tarockspiel war beendet. Er zog die lange seidene Börse, um die letzten
Goldstücke dem Gewinner hinzuschleudern. Bei der Berechnung ergab sich, dass sie
nicht reichten. Er liess sie zurück gleiten, machte einen Knoten und steckte die
Börse in die Tasche. »Am nächsten Gagetag!«
    Ein höhnisches Gelächter antwortete darauf. Es waren Offiziere, der Ort des
Spiels eine Wachtstube. Der Verlierende war in einer Parüre, die auf den ersten
Anblick allerdings Zweifel liess, ob er der Mann sei, um einen bedeutenden
Spielverlust durch die Einnahme eines Gagetages aufzubringen. In einem nicht
mehr ganz reinlichen Kamisol, das zerknitterte Hemde nur durch eine leichte
Binde um den Hals festgehalten, die Füsse in Pantoffeln, im Munde eine
Tonpfeife, verriet nur die gelbe Weste unter dem Kamisol, und die auch etwas
vernachlässigte Frisur den Offizier. Aber der Kapitän war ein Arrestant; die
Wachtstube sein Gefängnis.
    »Ihre nächste Gage, Herr Bruder, gehört ja dem Schneider,« sagte der
Wachtabende, der Einzige unter den Spielern, dessen Parüre in parademässigem
Zustande war. Das vielstündige Spiel hatte bei den Andern manche Managements in
der Adrettität zur Folge gehabt.
    »Den schmeisst er wieder zur Treppe runter,« sagte der Kornet auf dem Schemel
kippend.
    »Und dann kommt der Ephraim und der Levi.«
    »Die bestellt er auf dieselbe stunde, wie neulich, und sie müssen warten,
bis er raus rufen lässt: Einer soll rein, denn Einer kann heut nur bezahlt
werden. Dann fallen sie sich in die Bärte, prügeln sich, und er lässt sie wegen
Ruhestörung arretiren. Onkel und Herr von Kniewitz, schade, dass Sie nicht dabei
waren. Es war ein kapitales Stück. Ich sehe noch die Judengesichter und die
blanken Taler, neu geprägt, auf dem Tische: die Sonne schien drauf. Freilich
der Regimentsquartiermeister stand dabei. Hatte sie ihm nur auf eine
Viertelstunde geliehen. Aber die Juden! wie sie sie zu Gesicht kriegten; sie
trauten zuerst ihren Augen nicht. Nun Einer dem Andern vor, wie Wasser aus 'ner
Schleuse, und eh Einer die Hand an den Tisch gebracht, Einer den Andern zurück,
an Brust und Kragen, Beide auf der Erde, kopfüber, das strampelte und schrie.«
    »Wenn sie sich nun vertragen und geteilt hätten?«
    »War mir gar nicht bange, Onkel! Der Kapitän versteht's. Du hättest ihn
sehen sollen. Nicht eine Miene verrückt, und mit einemmal schoss er auf, Augen
wie der alte Dessauer: schafft mir die Bestien aus den Augen. Auf die Wache mit
den Schuften, die so den Respekt vor dem Rock des Königs verletzen.«
    »Dafür soll er leben!« der Wachtabende stiess an. Die Gläser klangen.
    »Und die Strassenjungen hinter den Juden her,« setzte der Kornet hinzu, »es
war ein Schauspiel für Götter!«
    »Eigentlich ist's contre façon,« sagte der Kapitän, »dass christliche
Offiziere einem Kameraden ausziehen, was die Juden übrig lassen! Und noch dazu
einem gefangenen, den Ihr in Eurer Gewalt habt.«
    »Hört den Fuchs. Du müsstest doppelt blechen, weil wir unser Renommee aufs
Spiel setzen. Mit Einem spielen, der missliebig ward, sich vergangen hat an einem
Kaiserlich Russichen Gesandten!«
    »Sitz ich etwa darum, dass ich den auf der Maskerade emittirt habe? -
Euretwillen, Ihr Herren Gensd'armen, allein um Euretwillen! Weil Ihr damals dem
Pfaffen bei der Malchen das Katzenständchen brachtet. Majestät waren fuchswild;
aber Ihr wurdet durchgeschwatzt. Das kennt man schon, wenn's nur an die
Kavallerie gehen soll. Für den Nächsten war's aufgehoben, und das war ich. Und
nicht um den Alopeus, sondern um den Pfaffen bin ich der Sündenbock.«
    Der Kornet strich seinen Milchbart, als wäre es wirklich schon ein
Knebelbart, sein Oheim, der Rittmeister, lächelte und drehte seinen vollen rot
schimmernden mit stillem Vergnügen in die Höhe; »Nicht wahr, Fritz, das war auch
ein kapitales Vergnügen?«
    »Kostet mich baare hundert Friedrichsd'or, die ich dem Onkel pumpen musste
nachher in der Weinstube. Aber, Onkel, weisst Du, ich hätte Dir noch hundert
zugepumpt, wenn Du hättest: Absitzen! blasen lassen.«
    »Ich glaub's dem Jungen,« sagte der Rittmeister, »der hätte gern oben
Ordnung gemacht.«
    »Die Prediger-Mädels sahen wir noch. Na die passirten; aber die Bescherung
nachher hätte ich sehen mögen.«
    »Glaub's auch.« sagte der Onkel und wirbelte noch immer am Bart. »Na davon
muss man jetzt nicht reden. Du vor Allem nicht. Wie stehst Du denn mit der Comtess
Laura?«
    »Davon redet man nicht!« erwiderte der Kornet, sich gemächlich, ein Bein
übers andre, im Schemel wiegend, und aus den übermütigen Lippen den Rauch
blasend.
    »Verfluchter Junge der!« sagte der Onkel. »Dem ist's Glück mit der
Muttermilch angeblasen. Solchem Milchbart, der kaum flügge ist, muss sie winken.«
    »Fortuna ist ein Weibsbild!« seufzte der Gefangene.
    »Und wenn man den General nicht fängt, ist man zuweilen mit dem Kornet
zufrieden,« bemerkte der Wachtabende.
    »Werde Sie um Erklärung nachher bitten lassen, Herr Lieutenant!« sagte der
Kornet, ohne seine Stellung zu ändern.
    »Kik in die Welt!« rief der Rittmeister. »Kornet Wolfskehl genannt zu
Ritzengnitz, ein Kornet kann keinen Offizier um Erklärung bitten lassen.«
    »Der wäre im Stande, und forderte den Prinzen selbst,« sagte der Arrestant.
»Gefällt mir an ihm. Solche lieben die Damen. Plaudert nicht am Morgen in der
Wachtstube die Eroberungen der Nacht aus.«
    »Fritz, merkst Du was! Der Kapitän spekulirt auf Deinen Beutel. Lob ist
nicht umsonst. Revanchire Dich, bezahl seine Schulden. - Er rührt sich
wahrhaftig nicht. So ein junger Glückspilz! Das war das pfiffigste Stück meiner
seligen Schwester, dass sie ihren Alten beschwatzen musste, ihn mit einundzwanzig
mündig zu erklären. Um 'ne halbe Million das Pupillenkollegium betrügen! Als ob
die Weiber das nicht wüssten, auch ohne Pupillenkollegium, und nun bildet sich
der Junge ein, 's ist um sein glattes Gesicht.«
    »Onkel, wir stehen in Relationen.«
    »Halt's Maul! Willst Du dem Herrn Kapitän seine Spielschuld vorstrecken? Das
ist das Vernünftigste, was Du tun kannst.«
    »Mit Vergnügen, lieber Onkel, sobald Du Deine Wechsel bei mir eingelöst
hast.«
    »Kinder, nun bitte ich Euch, ist das nicht gegen die Moraliät, dass ein Neffe
von seinem Onkel Wechsel hat! - Hast neulich erst in der Garnisonkirche gehört,
was der Prediger von der Sittenverderbniss sprach. Pfui.«
    »Herr Bruder haben Recht,« sagte der Wachtabende. »Ueberhaupt solche
Papierwische. War' ich König, ich liesse alle Wechsel verbrennen.«
    »Fritz, nimm also Raison an, willst Du?«
    »Bin nicht bei Kasse.«
    »Bin ich's etwa!«
    »Lasst den Horstenbock nur erst los kommen,« sagte der Wachtabende. »Er
findet auch noch einen Salomon Schmuel, der ihm fünfundvierzig Prozent auf den
fünfundvierzigsten Gagetag vorschiesst. 'S sind christliche Gemüter unter der
löblichen Judenschaft.«
    »Reinen Tisch!« rief plötzlich der Rittmeister. »Quitte on double.«
    Auf dem unreinen, wie eine Wachtstube ihn mit sich bringt, mischte er die
zergriffenen Karten und blickte fragend den Arrestaten an. Er nickte Zustimmung:
    »In sechs Monat.«
    »Quitte ou quadruple -«
    »Was?« Alle sahen sich verwundert an.
    »Quitte ou quadruple, à payer, wenn Horstenbock 'ne Kompagnie hat!«
    Alle lachten: das Interesse steigerte sich, sie rückten wieder näher an den
Tisch. Darin war Vernunft. Die vervierfachte Summe des Spielgewinnstes war ein
Kapitol, aber eine Kompagnie war auch ein Kapital. Der Kapitän schlug ein.
    »Und meinem Neffen, dem Kornet, verkauf ich sie für neunzig. Nutzt der Junge
wieder sein Geld mit zehn Prozent.«
    »Was mein guter Onkel nicht tut!« lachte der Kornet. »Aber wenn nun Krieg
wird?«
    »Tant mieux!« rief der Arrestat. »Wenn mich 'ne Kugel trifft, lach' ich Euch
Alle aus.«
    »Rot oder schwarz?« rief der Wachtabende, die Karten noch einmal zu dem
wichtigen Spiel häufelnd.
    »Rot!« rief der Rittmeister. Also »Schwarz!« der Kapitän.
    »Verloren!« jubelte der Kornet auf, mit den Fingern schnalzend. »Onkel
verloren!«
    Der Arrestat warf diesmal die Karten nicht auf den Tisch, er trocknete die
Nässe, nämlich vom Wein, der reichlich floss, mit dem Aermel ab, und legte sie
sorgfältig zusammen: »Rittmeister, ein andermal bin ich zur Revanche bereit.«
    »Die hat Dohleneck nicht nötig. Wer so viel Glück in der Liebe hat, hat's
nicht im Spiel.«
    Es prustete unter den Anwesenden auf, der Kornet wollte sich überschlagen.
    »Herr Bruder, Sie haben Unrecht,« sagte der Wachtabende, als eine Wolke auf
der immer heiteren Stirn des Rittmeisters sich zusammenzog, »die Geschichte mit
der Tänzerin noch immer als eine particulaire zu betrachten. Sie ist eine
Korpsangelenheit.«
    »Eine verflucht kniffliche Geschichte, erinnre ich mich,« sagte der
Arrestat, »sie kam ja bei allen Offizierkorps zur Sprache. Die Meinungen waren
sehr geteilt.«
    »Kinder!« rief der Rittmeister. »Ueber die Sache ist längst Gras gewachsen.
Lasst die Todten ruhen.«
    »Den Teufel auch,« rief der Wachtabende. »Der Louis Bovillard ist noch
lebendig, und wie! Die Sache muss noch mal zu Ende kommen.«
    »Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornet.
    »Man wäre auch schon einig darüber geworden, wenn nicht -«
    »Der Vater wäre.«
    »Der sollte uns nicht geniren. Wenn man nur wüsste, ob er nicht doch ein
Edelmann ist?«
    »Das müssten ja die Listen der Refugiés ergeben.«
    »Sind nachgeschlagen, so weit wir zukonnten; da muss sich der Alte, oder
Lombard zwischen gelegt haben, und unsre fanden verschlossene Schränke. Zwei
verschiedene ältere Listen hatten wir nachgesehen. Zu der einen war ein Pierre
Bovillard aufgeführt, mit dem Zusatz confiseur; in der andern ein Sieur Pierre
Bertolet Fulcrand de Bovillard, maître de Cerisé. Da standen wir nun am Berge.
Der Obrist wollte es mal unter der Hand von Lombard erfahren, der Fuchs musste
aber Lunte riechen, und antwortet: Alle Refugiés stammten direkt von Adam, und
alle unsere Väter wären einmal Perrückenmacher gewesen.«
    »Ein Skandal!« Der Arrestat spuckte.
    »Aber kriegen wir's raus, dass er vom Konditor ist -«
    »Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornet. »Ich habe ein paar Bursche aus der
Neumark, die wissen sie zu appliziren. So halb polnische Rasse. Haben's an ihrem
eigenen Rücken gelernt, und teilen herzlich gern Anderen ihre Erfahrung mit.«
    »Modération! meine Herren Brüder!« sagte der Rittmeister aufstehend. »Wenn
Einer von uns den Bovillard vor die Klinge fordern könnte, tant mieux, von
Herzen gern, so wäre der Geschichte mit einem Mal der Kopf abgeschnitten. Bis
dahin aber - vergessen Sie nicht, dass es anders ist, als es war -«
    »Muss wieder werden, wie's war!« trumpfte der Arrestat mit der Faust auf den
Tisch. »Wenn sie uns die Fuchtelklinge nehmen, ist's mit der Disziplin aus. Aber
kommt noch mehr eingeschobene Canaille in die Armee, Adieu dann esprit de corps,
Adieu Friedrichs Geist, Adieu Preussens Ehre.«
    Eine Ordonnanz überbrachte ein Rosabillet, mit Vergissmeinnicht sauber
verschlungen; es schien ein Spott auf die dampfende Wachtstube: »Herrn
Rittmeister Stier von Dohleneck eigenhändig zu übergeben.«
    Der Empfänger musste es an das trübbrennende Talglicht halten, um in dem
Tabaksrauch die feingekritzelte Adresse zu lesen: »Von wem?«
    »Ein Frauenzimmer brachte es. Sie wollte aber nicht bleiben.«
    »Ein Rendez-vous! - Warum ist sie nicht selbst gekommen, das liebe Kind? -
Kann nicht mal abwarten, bis er von der Wache zurück ist.«
    Der Rittmeister hörte nicht auf die Raillerien. »Hier ist's zu dunkel. Herr
Bruder von Horstenbock erlauben wohl, dass ich's bei ihm am Fenster lese.« Ohne
eine Antwort abzuwarten, war er in die daran stossende Kammer getreten, die Tür
hinter sich zuwerfend.
    »Vielleicht von der Jenny!« rief der Kornet. »Sie hat Reue gekriegt, und ist
zurück.«
    Der Arrestat fragte nach dem eigentlichen Zusammenhang der Geschichte, die
ihrer Zeit so viel zu reden gemacht. Er hatte damals in der Provinz gestanden
und nur Widersprechendes darüber gehört. Dohleneck hörte jetzt nicht zu, es sei
also kein Grund hinterm Berge zu halten.
    »Herr von Dohleneck war nur unser Deputirter,« sagte der Wachtabende, »es
ist daher töricht, wenn er sich die Sache persönlich zu Herzen nimmt. Das
Persönliche verschwand bei der Sache gänzlich und er war nur der Vertreter für
das Allgemeine. Wie der Prinz zuletzt mit dem Blitzmädchen stand, weiss jedes
Kind. Ob er aber wirklich so vernarrt war, wie er vorgab, das weiss der Himmel.
Eines Abends beim Champagner verschwor er sich gegen ein Zehn von uns. die er
invitirt, die Hexe wäre so speziell in ihn verliebt, dass sie auf keinen Andern
hören würde. Nun müssen Sie gestehen, meine Herren, dass das für uns eine direkte
Herausforderung war. Wer wusste nicht, wie's um die Jenny stand? Also wir
hielten im Geheimen ein Art Kriegsrat, und es war auch nicht eine Stimme
dagegen. Es war eine Korps-Sache. Auf der Stelle ward zusammengeschossen, baar,
es kam eine erkleckliche Summe zusammen, und Zwei wurden ausgelost. Sie müssen
auch gestehen, Herr Bruder von Horstenbock, dass das loyal und kavaliermässig
gegen den Prinzen gehandelt war.«
    »Und klug auch. Die Liebenswürdigsten und Hübschesten zu wählen, wäre doch
eine kitzliche Sache für die Kameradschaft gewesen.«
    »Es fiel auf Dohleneck und einen Andern. - Ein Billet an die Tänzerin bat um
die Erlaubnis, bei ihr ein Souper en trois nach der Oper zu arrangiren, und dies
kleine Souvenir mit dem Vergissmeinnicht als Angebinde anzunehmen. Drin lagen
hundert Dukaten. Die Antwort war: sie werde das Vergissmeinnicht zum ewigen
Andenken bewahren und den Tisch decken lassen. Unser Koch hatte während der Oper
ein kaltes Souper, exquisite Sachen von Sala Tarone, arrangirt, und die Jenny
sprang ihnen schon an der Treppe entgegen. War auch keine Sylbe die Rede von
Tugend und Treue, sie war ausgelassen lustig, und sagte, sie wäre schrecklich
hungrig. Unsere Kameraden waren's auch. Aber kaum fliegt der erste Pfropfen an
die Decke, als ein Wagen vor die Tür rasselt. Sie erschrickt: Er wird doch
nicht. Kaum hat sie das Tüchlein wieder um den Hals genestelt, als es die Treppe
rauf knarrt. Nun aufgesprungen, als die Kammerkatze reinstürzt: Herr Jemine, der
Prinz, Mamsell! - Retten Sie sich! ruft die Jenny, und wirst das eine Couvert in
den Waschkorb. Die Offiziere wollen ins Nebenzimmer fliehen, da holt sie die
Katze zurück: Meine Herren, um Gotteswillen, da kommt er ja durch. Retour also,
und wollen zur Stubentür auf den Flur. Da klirren seine Sporen und er klopft. -
Hannchen mach' auf. ruft die Jenny und hat derweil schon den grossen
Kleiderschrank aufgerissen; Meine Herren, ist's gefällig? Platz hatten sie drin,
das ist wahr, und die süssesten Erinnerungen an alle Schäferinnen und Göttinnen,
die in den Kottillons gesteckt, aber - nun das Uebrige ist kaum nötig zu
erzählen. Verschlossen waren sie, und der Schlüssel steckte in Jenny's Tasche,
und Jenny hing am Halse des Eintretenden, und bat ihren herzgeliebten Louis und
schönsten Louis und einzigen Louis um Verzeihung, dass sie nicht auf ihn
gewartet, aber sie wäre zu durstig gewesen vom Echauffement«
    »Merkten sie's da?«
    »Auf parole d'honneur sie vor unserm Ehrengerichte versichert, der Kerl
hätte täuschend den Prinzen gespielt.«
    »Sie konnten Alles hören?«
    »Jedes Anstossen, jeden Kuss, das Kritzeln mit dem Messer auf dem Teller.«
    »Donner und Wetter!«
    »Zwei Pfropfen hörten sie gegen die Decke knallen, selbst durstig zum
Verkommen und hungrig auch. Zwei Stunden sassen sie am Tisch.«
    »Bloss am Tisch?«
    »Meine Herren, bedenken Sie, es waren Offiziere, die da für ihre Kameraden
standen. Ja sie haben eingeräumt, zuletzt entdeckten sie durch eine Ritze, dass
es Bovillard war. Was aber war zu tun? Ich frage Sie, Kapitän, hätten sie
poltern sollen?«
    »Eine verfluchte Situation und eine Frage, dass Einem der Kopf schwindelt.
Wenn ich für mich dagestanden -« -«
    »Hätten Sie die Tür gesprengt. Sehr richtig. Aber in dem Schranke stand das
ganze Offizierkorps; das erwägen Sie.«
    »Nein, da durften sie's nicht.«
    »So entschied auch unser Ehrengericht.«
    »Aber was wird nachher daraus?«
    »Sie hörten rutschen, packen, Kisten und Kasten aufreissen - man sprach unter
Gekicher davon, aus den Appolloball zu gehen.«
    »Und nachher?«
    »Keiner schloss auf. Blieben sitzen.«
    »Kam denn nicht die Kammerkatze?«
    »Nicht Katze, nicht Maus; die war mit der Jenny fort. Kurz um, wie Ihnen
bekannt sein wird, die Tänzerin war mit Extrapost nach Leipzig gefahren. Ist
heut noch nicht zurück. Nicht einmal austrommeln lassen konnte man sie. Die
Wirtin musste endlich, als sie zu poltern anfingen, das Schloss aufbrechen
lassen. Frei waren sie da freilich, aber -«
    »Von wem nun Satisfaktion?«
    »Meine Herren, ich versichere Sie, die Sache hat uns Allen schwere Nächte
gemacht. Was sollten wir tun? Bovillard fordern? Wenn es damals noch ging! Aber
die Raison! Hatten sie's denn mit ihm zu tun gehabt? - Er stellte sich gegen
Dritte als die pure Unschuld. War bei der hübschen Tänzerin gewesen, hatte sich
ungemein amüsirt. Sollten wir uns nun blamiren und ihm mit dürren Worten sagen,
dass wir uns nicht amüsirt hätten? Durften wir überhaupt an die grosse Glocke
schlagen? Durften wir es vor dem Prinzen? Wer wusste denn, ob er nicht mit im
Spiel steckte, ob er's nicht eingeleitet, um mit guter Manier die Jenny los zu
werden? Es war ja ein Labyrint, ein Wespennest, in das wir stachen. Gott weiss,
was daraus geworden wäre. Dohleneck und der Andere wollten ihren Abschied
fordern. Das ging auch nicht. Sie waren ja wir. Das ganze Offizierkorps hätte
den Abschied nehmen müssen. Meine Herren, ich versichere Sie, es war eine
Hundegeschichte, und dazu den Bovillard ansehen müssen, der wie der Sonnenschein
über die Parade spazierte.«
    »Sag' ich doch, man hat zuweilen im Leben Pech und weiss nicht, wo's
herkommt.«
    Der Rittmeister hatte die Worte des Arrestaten noch gehört, als er eintrat,
den Rosabrief auf den Tisch warf, und sich auf den Schemel: »Ist das Pech, oder
nicht, oder was ist es? Ich weiss es nicht.«
    »Onkel, ein Rendez-vous? Will's Dir abkaufen, unbesehens. Bin generös. Den
ersten Wechsel dafür.«
    »Lest mal das Zeug. Ich krieg's nicht klar.«
    Der Arrestat las: Wenn ein menschliches Herz in Ihnen schlägt, so setzen Sie
Ihr Betragen nicht fort. Mein Gott im Himmel, ist es denn möglich, dass ein
Kavalier, ein Offizier des Königs, ein Mann, dem man sonst gute Eigenschaften
nicht abspricht, im Martern eines weiblichen Herzens sein Vergnügen finden kann!
Wenn Sie auf unsere Bitten nicht hören wollen, wenn Sie Ihre Schwadron täglich
vorüber reiten lassen müssen, treiben Sie den Hohn wenigstens nicht so weit,
immer vor ihrem Fenster den Bart zu streichen. Sie sehen freilich nicht die
Dolchstiche, die es in das Herz der Armen drückt, denn die Balsaminen verbergen
sie Ihren Augen. Wir verteidigen die Arme nicht, sie ist ein schwaches Weib.
Sie verspricht uns wohl am Abend, morgen will sie sich in die Hinterstube
verschliessen, aber wenn Ihre Trompeter um die Ecke blasen, reisst es sie mit
unwiderstehlicher Gewalt ans Fenster. Wenn sie dann schluchzend, ohnmächtig in
unsere Arme sinkt, verspricht sie uns freilich, es soll das letzte Mal gewesen
sein, aber - vielleicht wird es ein Mal das letzte Mal sein. Bietet denn eines
Mannes Brust eine so unerschöpfliche Höhle für das Rachegefühl, dass er nie
vergeben kann, und einer Frau, einer schönen Frau? Sie hat Sie beleidigt, ja,
das geben wir zu, aus Übermut gekränkt, aber das Herz des Weibes gehört den
Impulsen. Was wären wir, wenn wir ihnen nicht mehr gehorchten! - Damit Sie es
denn wissen, ja dies Gefühl, Sie gekränkt zu haben, ist es, was an ihrem zarten
Dasein nagt, diese Vorwürfe, die krampfhaft ihre Brust durchschüttern, die sie
im Schlaf aufschreien lassen, die Wermut in den Becher der Freude träufeln. Und
das könnte ein Mann ruhig ansehen, und sich durch die Qualen, die er einer Frau
bereitet, geschmeichelt fühlen? - Nein, mein Herr, es kämpft noch immer mit mir
der Gedanke, dass unter diesem brüsken, zur Schau getragenen Affront - ein
anderes Gefühl sich nur gewaltsame Selbsttäuschung erheuchelt! - Ich wiederhole
meine Bitte, besinnen Sie sich, nehmen Sie Urlaub; entfernen Sie sich einige
Zeit aus Berlin. Die Zeit heilt viele Wunden. Es ist alles vorbereitet; man wird
Ihnen bereitwillig Urlaub erteilen. Auch wenn Sie augenblicklich der Mittel
entbehrten, soll dafür gesorgt werden. Es gilt ja das Glück einer der edelsten
Seelen. - Bleiben Sie aber doch - dann, dann - nein ich lasse es mir nicht
abstreiten, was ich ahne - dann hören Sie mehr von mir.
    »Na was ist das, Dohleneck?«
    »Ja, was ist's? So soll doch Gott den Teufel todschlagen, wenn ich 'ne
Sterbenssylbe davon verstehe!«
    »Der Brief deutet auf anderes, was voranging?«
    »Freilich, schon zwei solche Wische, und neulich auf der Maskerade ward mir
was ins Ohr geflüstert. Ich glaube, ich bin in einem Tollhause.«
    »Herr Bruder, besinnen Sie sich,« sagte der Wachtabende. »Da sind ja viele
Indicien im Briefe: - eine schöne Frau, also ist's kein Mädchen, eine Frau, die
Sie beleidigt hat, eine Frau, an deren Fenster Sie täglich vorbeireiten. An
welcher Ecke lassen Sie die Trompeter blasen? Und Balsaminen stehen am Fenster.«
    Der Arrestat überflog das Billet: »Es muss eine Frau von Distinktion sein.«
    Der Rittmeister war aufgesprungen. Ein Licht schien auf seiner Stirn zu
leuchten, und doch glänzten die Augen nicht wie eines Liebenden, der im
Mondenschein ein lieblich Bild sieht, sondern wie eines aufgeschreckten
Schläfers, dem ein Gespenst an der Wand vorübergleitet;
    »Donnerwetter! Schock-Schw - -! wenn die es wäre!«
    Da öffnete sich die Tür und der Gefreite schritt gravitätisch auf den
Wachtabenden los.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel.
                          Ein Satz in die Löwenhöhle.
Der Gefreite schulterte: »Herr Lieutenant, ich rapportire.«
    »Was?«
    »Es schleicht ein Verdächtiger um die Wache.«
    »Was hat er getan?«
    »Er hat ins Fenster geguckt, und dann ist er fort.«
    »Warum ist er verdächtig?«
    »Acht Zoll, Haare ohne Puder, kleiner Kopf, verfluchte Augen, und am
Ellenbogen ein Loch, oder ist's ein Kalkfleck.«
    »Und sonstens?«
    »Der Vorpahl und Schlagebohm haben ihn schon gesehen. Zwei Mal ist er
eingebracht worden auf dem Molkenmarkt. Einmal war er Bandit. - Da kommt er all
wieder. Soll'n wir'n reinschmeissen, Herr Lieutenant?«
    Der Kornet war ans Fenster gesprungen: »Hölle und Teufel, das ist
Bovillard!«
    »Was!« rief der Wachtabende, »sollte der Kerl es wagen -«
    »Eine Peitsche!« schrie der Kornet, als Louis Bovillard schon in der Stube
stand und mit ihm beinahe zusammenprallte.
    Der Eintretende war nicht der, welcher zurückwich.
    »Eine Peitsche wünschen Sie, Kornet? Für Pferde oder für Hunde? Das muss man
wohl unterscheiden. Pferdegerten bekommen Sie am besten bei Conradi an der
Schleusenbrücke, aber wenn Sie Hundepeitschen wollen, gehen Sie ja nicht anders,
als zu Krilow, Spandauerstrasse. Echtes Juchtenleder, elastisch, fein gearbeitet.
Aber nehmen Sie sich in Acht, nie zu stark geschlagen. Der bestdressirte Hund
knurrt, wenn man ihn mit Juchtenleder zu stark traktirt. Also merken Sie, Kornet
von Wolfskehl, bei Krilow, Spandauerstrasse, Eckhaus nach dem neuen Markt zu.«
    Bovillard war beinahe um einen Kopf grösser als der Kornet, und es schien
sehr natürlich, als er ihn mit der Hand dabei auf die Schulter klopfte. Aber es
war nicht natürlich, dass der Kornet es sich gefallen liess. War's die Magie des
Auges, oder was bewirkte nach solcher Ausgelassenheit solche Einschüchterung?
    »Was suchen Sie hier?« trat ihm der Wachtabende entgegen.
    »Männer von Ehre.«
    Was dem Kornet geschehen, geschah jetzt der ganzen ehrenwerten Versammlung.
Sie schwiegen, als wär's eine elektrische Berührung, die Alle in einem Moment
umgewandelt hatte! Ein Dritter würde es ein Gefühl der Geschlagenheit genannt
haben. Sie wussten nicht was sie zu tun hatten. Bovillard war wie ein Geist aus
der Mauer in ihre Mitte gedrungen; ein Zischeln oder selbst nur ein Verständigen
durch Blicke war nicht mehr tunlich. Indessen nahm der Wachtabende das Wort:
    »Sie kommen in welcher Absicht?«
    »Ihren Schutz und Beistand anzusprechen.«
    Die Sache war aufs Neue vollständig verrückt.
    »Werden Sie von der Populace verfolgt?«
    »Die Populace kümmert mich nicht.«
    »Oder wollen Sie sich freiwillig in Arrest überliefern, weil Sie -«
    Der Offizier hielt inne. -
    »Nichts weniger als das.«
    »So muss ich den Herrn auffordern, sich etwas deutlicher zu expliciren!«
    »Mit dem grössten Vergnügen.«
    Der Wachtabende hatte, um seine Autorität aufrecht zu erhalten, sich auf
den Schemel nieder gelassen, was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm
getan. Auch der Kornet schien Willens, dem Beispiel zu folgen, als Bovillard
mit einer raschen Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem
Wachtabenden niedersetzte und sich selbst darauf:
    »Ich komme um einer Ehrensache halb.«
    Alle sahen unwillkürlich den Sprecher, dann sich unter einander an.
    »In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen,
sondern durch einen Vermittler, - wenn überhaupt davon die Rede sein kann,«
setzte der Wachtabende trocken hinzu.
    »Diesen Vermittler hoff' ich hier zu finden.«
    »Donnerwetter!« brummte der Arrestat. »Glaubt der Herr da, oder wer's ist,
den ich nicht kenne, dass wir hier solches Gelichters sind? Vermitteln!
Pestilenz! Wer mir das anböte -«
    »Ist wohl ein Missverständnis,« sagte der Rittmeister.
    »Gewiss,« fuhr Bovillard ruhig fort, »wenn die Herren an Beilegen denken. Ich
will nichts beigelegt wissen, da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod
vorhabe. Wo man a tempo auf zehn Schritt schiesst, pflegt der Tod näher zu sein
als das Leben. Diese Rücksicht bestimmt auch mich, über andere Rücksichten
hinweg zu sehen.«
    »So weit schon? Was wollen Sie denn noch?«
    »Nur einen Sekundanten. Auf morgen Abend steht die Promenade an. Die
Bekannten, auf die ich fest gerechnet, haben mich nachträglich im Stich
gelassen, Freunde habe ich nicht, also muss ich an - Nichtfreunde mich wenden.
Unter den Civilisten war meine Bemühung vergebens, ich wende mich daher an das
Militär.«
    »Wie - ich meine, wie kommen Sie zu uns?«
    »Weil Sie auf der Wache sind. - Meine Herren, ich betrachte Sie nicht als
Individuen und Personen, sondern als Vertreter Ihres Standes, und Ihren Stand
als den, welcher die Ehre zu vertreten hat. In einer Universitätsstadt würde ich
mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben, hier wende ich mich an
Sie. - Auf der Wache stehen Sie wie im Felde. Käme ein feindlicher Offizier zu
Ihnen, um eine Ehrenangelegenheit abzumachen, so würden Sie als Kavaliere und
Offiziere doch keinen Augenblick anstehen, die nötigen Arrangements zu
treffen.«
    Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet, halb zustimmend an. Der
Rittmeister strich vergnügt seinen Bart. Der Wachtabende sagte nach einer
Pause:
    »In solchen Dingen kommt doch Alles auf die Verhältnisse und Personen an,
mit denen man zu tun hat.«
    »Gewiss,« entgegnete Bovillard, »und ich habe keinen Grund, vor den Herren
den Namen meines Adversaire zu verschweigen, Ihr Wort vorausgesetzt, dass Sie
Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen.«
    Der Wachtabende blickte sich nach seinen Kamenden um: »Ich kann in ihrem
Namen die Versicherung geben.«
    »Was kaum not täte. Die Herren würden doch nicht eine Ehrensache
rückgängig machen wollen?«
    »Hol' mich der Teufel, nein!« brach es von den Lippen des Rittmeisters,
derselbe freudig verächtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der Andern.
    »Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrat
von Wandel.«
    »Der!« Alle sahen wieder befriedigt, fast vergnügt ihn an.
    »Die Sache ist kontrahirt, und er hat's angenommen?«
    »Kontrahirt, angenommen, Ort, Waffen und Zeit bestimmt.«
    Der Wert des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen. Der
Wachtabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben.
    »Meine Herren,« sagte er, sich umschauend, »das ist ein eigener Kasus.«
    »Gegen den Kerl, der um den Bonapartegesandten schwänzelt, muss man Jedem
beistehn,« meinte der Kornet.
    »Man muss ihn aber doch auch kennen,« sagte der Arrestat. »Es kommt auf die
Verhältnisse und Personen an, mit denen man zu tun hat, äusserten Herr Bruder
vorhin.«
    »Der Grund Ihres Disputes ist?« fragte der Wachtabende.
    »Gründe unter Kavalieren!« rief Bovillard jetzt auch aufstehend. Die Hand in
der Brust verneigte er sich leicht. - »Verzeihung, meine Herren, wenn ich mich
getäuscht hatte. Es war nicht meine Absicht Sie zu inkommodiren.«
    Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der Andern, sie wollten sich
inkommodiren lassen.
    »Es fragt sich eben nur mit wem wir -« der Redner stockte. Bovillard fiel
ein:
    »Die Ehre haben zu tun zu haben. Sehr begreiflich. Da ich nicht so
glücklich bin von Ihnen gekannt zu sein, wünschen Sie meinen Stammbaum
einzusehen.«
    Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen. Dennoch blieb
dem Wachtabenden die Frage im Munde stecken. Der Arrestat fragte über den
Tisch:
    »Sie heissen - Bovillard?«
    »Wie meine Ahnen.«
    »Da war auch mal hier ein Pastetenbäcker, pâtissier et confiseur Louis
Bovillard.«
    »Ich habe die Ehre sein Urenkel zu sein. Man rühmt ihn als einen der
trefflichsten Männer in unserm Hause, ein Charakter und seltener Esprit.«
    »Es gab aber auch unter den Refugiés,« fiel der Wachtabende ein, »einen
Sieur Louis Bertolet Fulcrand de Bovillard, der als Maitre de Cerisé in den
Listen eingetragen steht.«
    »War auch mein lieber Urgrossvater, ein excellenter Mann.«
    »Wie passt das zusammen?«
    »Sie waren ein und dieselbe Person.«
    »Mein Herr, wir sprechen hier in einer serieusen Angelegenheit.«
    »Die serieuseste von der Welt. Mein Ahnherr konnte die Güter von Cerisé
nicht mitnehmen, als er vor Louis' Dragonern bei Nacht und Nebel über die Grenze
schlüpfte, aber sein Talent Pasteten zu backen, hat er mitgebracht. Er befand
sich auch ganz wohl dabei. Ein jovialer Mann. Ich bin nicht stolz auf Verdienste
meiner Vorfahren, die mir abgehen, aber ich darf mit Ruhm sagen, dass seine
Konfituren am Hofe des nachmaligen Königs Friedrich im besten Renommee standen.
Sonst wäre er auch nicht auf kurfürstlicher Durchlaucht Befehl mit nach
Königsberg beordert worden.«
    »Er ward mit zur Krönung befohlen!«
    »Und mit zur Tafel gezogen?« fragte der Arrestat.
    »Allerdings. Die grosse Pastete an der Krönungstafel war sein Werk. Sie nimmt
in der Geschichte keinen unrühmlichen Platz ein. Wir besitzen in der Familie
eine Abbildung davon. Wenn es den Herren gefällig wäre, sie zu sehen, stehe ich
immer zu Diensten.«
    »Und in die Pastete hat Ihr Urgrossvater seinen Adel eingebacken?«
    »Wie Sie's nehmen wollen, Herr Kapitän. Als sie aufgeschnitten ward, kam der
bekannte Zwerg heraus. Mein Ahnherr ward gerufen, mit Lob überschüttet. Ihre
Majestät, die geistreiche Königin Sophie Charlotte setzte ihm eigenhändig einen
kleinen Lorbeerkranz auf. Leibnitz erwähnt seiner und der Pastete in einer
Epistel; Gundling schrieb später eine Abhandlung darüber, auch Morgenstern.«
    »Und für diese Verdienste -«
    »Ward er persönlich von der Perrückensteuer befreit.«
    »Man muss gestehen, Ihre Familie hat eine historische Entrée in unserm Staat
gemacht. Aber da Ihre Väter in den Staatsdienst getreten sind, erkannten
mutmasslich die Preussischen Könige durch Briefe Ihren französischen Adel an?«
    »Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben. Kann man etwas
geben, was nicht ist, und etwas vernichten, was ist? So hat einer meiner
Vorfahren gesagt, dem man einige Schwierigkeiten machte, als er aus den
Kreuzzügen zurückkehrte. Louis der Heilige sagte lächelnd zu ihm, als er's
erfuhr: Das kommt mir vor, als wenn Martell Deinen Ahnherrn in der
Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt hätte, den Mohren den Schädel
einzuschlagen. Mein Ahnherr, sagte Jener zu König Louis, hätte Karl Martell
antworten können: Die Römer fragten bei Zülpich nicht danach, als mein Urahn
hinter Chlodwig in ihr Speerquarree einhieb.«
    Bis zu den Kreuzzügen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die
Kniewitze, noch die Horstenbock und Wolfskehlen genannt zu Ritzengnitz folgen.
Aus Besorgnis, dass er sie nicht noch bis zur Schöpfung der Welt inkommodire,
erklärte man schnell das Verhör für beendet, und der Rittmeister schätzte es
sich zum Vergnügen, den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden
Legationsrat zu begleiten.
    Bovillard bat den Wachtabenden, ihn mit dem Herrn, den er noch nicht zu
kennen die Ehre habe, bekannt zu machen. Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande.
Mit demselben Anstande erfolgte die Präsentation.
    »Von einem Offiziere Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung
erwarten.«
    »Hol' mich Der und Jener,« sagte der Rittmeister, »ich freue mich, dass ich
Sie anders kennen lerne, als ich - dachte.«
    »Sei keusch wie Eis, und rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht
entgehen, sagte ein Poet zu Ophelia, und es ist auch so geschehen.«
    »Die sprang ja wohl ins Wasser,« sprach der Rittmeister, den Pallasch
umschnallend. »Herr von Bovillard, wir gehen ins Feuer: da wird es anders.«
    »Hat sich magnifique benommen, ganz als ein Kavalier,« sagte der
Wachtabende, als Beide die Stube verlassen. »Man muss es ihm lassen.«
    Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft, die er nicht nötig fand, in
Worten zu äussern. Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachtabenden harmoniren.
    »Donnerwetter!« rief der Kornet am Fenster. »Sie gehen Arm in Arm!«
    »Was soll nur daraus werden!«
    »Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen -«
    »Das kommt davon, wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat.«
    Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mit
empfinden, denn auf der Strasse hatte er den Rittmeister gefragt, ob er sich
nicht fürchte, in seiner Gesellschaft gesehen zu werden. Der Rittmeister konnte
das Wort fürchten nicht leiden, er hatte sich mit einem um so festeren Druck an
Bovillards Arm gehängt. »Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist -«
    »Ueber den ist die Fahne geschwenkt,« fiel Bovillard ins Wort, »und er ist
ehrlich, wie des Scharfrichters Schwert den armen Sünder ehrlich macht.«
    In der Kaserne, wo Dohleneck wohnte, hatten Beide eine lange Unterhaltung.
Unmöglich konnte das Gespräch allein die Arrangements des morgenden Ganges
betreffen. Sie schieden mit einem Händedruck, wie Freunde, die sich herzlich
über Vieles ausgesprochen haben.
 
                          Zweiunddreissigstes Kapitel.
                                   Iphigenia.
Der Unterricht, den Walter im Lupinus'schen Hause erteilte, war einige Tage
ausgefallen, weil Mamsell Alltag sich unpässlich befand. Doch hatte der Bediente
hinzugefügt, es habe nichts zu bedeuten. Walter war zufrieden, obgleich er nie
zufriedener war, als wenn an den Gensd'armentüren die Glocke schlug, die ihn
zur Stunde rief; er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen können.
    Adelheid sah heute wirklich noch etwas blass aus, aber nie hatte Walter sie
reizender gesehen. Ein Häubchen umschloss ihre Locken, ein leichtes, bis unter
dem Halse schliessendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder. Den griechischen
Schnitt, in den die Geheimrätin sie nötigte, hatte er nie geliebt. Der schöne
Arm erschien ihm heut schöner unter dem faltigen Ueberrock, als wenn er in
leuchtender Fülle aus den kurz geschnittenen Aermeln schoss. Sie war ihm rasch
entgegen geeilt, sie hatte seine Hand so herzhaft gedrückt, und doch zitterte
sie. Sie hatte ihr Guten Morgen nie mit einem so festen Tone gesprochen, und
doch war ihre Stimme etwas belegt. Sie hatte ihn herzlich angesehen, und doch
sogleich wieder die Augen gesenkt.
    »Wir haben viel nachzuholen, lieber van Asten,« hatte sie gesagt »darum
müssen wir rasch anfangen.« Sie sass am Tisch, er ihr gegenüber. Es war ein
wunderschöner Morgen. Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein. Der
Schatten der Blätter spielte durch das geöffnete Fenster auf die Tischplatte. Es
funkelte auch golden auf den Blättern des Buches. Daher mochte es kommen, dass er
sich verlas; auch sie las oft falsch. Und dazu zwitscherten die Sperlinge,
gewohnt am Fenster die Krumen zu stehlen, welche Adelheids Hand ihnen
hinstreute, und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug, bis man
sie mit den Tüchern hinausgescheucht.
    Es war viel Störung in der heutigen Lektion.
    Walter schlug vor, das Fenster zu schliessen. Adelheid fand die freie Luft so
schön, ihr sei noch so beklommen. Aber es würde schon vorübergehen - »ich werde
schon Mut bekommen,« setzte sie leiser hinzu.
    Sie hatten heute die Iphigenia beendet. Adelheid hatte den letzten Akt
gelesen.
    »Sie müssen mir später ein Mal die ganze Iphigenia hinter einander vorlesen,
wenn Sie bei voller Stimme sind,« sagte Walter. »Das Gedicht klingt und dringt
ganz ins Herz mit Ihrer schönen Stimme. Das Parzenlied -«
    »Heut könnte ich es nicht lesen,« fiel Adelheid ein, »es ist zu
schrecklich.«
    »Für den schönen Morgen! Sie haben Recht. Wir müssen uns heut allein mit dem
Charakter der Iphigenia beschäftigen. Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der
Versöhnung, der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint,
aber er fand noch nicht die eigentliche Verkörperung. Was die griechischen
Dichter noch als einen Torso hinstellten, hat der Deutsche, der aus anderer
Quelle sein Licht schöpfte, zur Erscheinung gebracht. Dieses Atridengeschlecht
-«
    »Um Gottes Willen,« rief Adelheid, »wie konnten die alten Dichter so etwas
ersinnen! Sie sagten doch, die Griechen hätten immer der Schönheit gehuldigt und
selbst dem Hässlichen wussten sie eine Wendung zu geben, dass es das Gefühl nicht
verletzte. Wie ist es nun möglich, dass sie solche Greuel erfanden, die doch
unmöglich sind?«
    »Unmöglich?« fragte der Lehrer. »Die erste Geschichte des Hellenentums ist
nur eine Verkörperung des Kampfes, den die Kultur mit der Barbarei geführt. Der
Barbarei ist alles möglich, und wenn der finstre religiöse Wahn hinzutritt, ist
sie zu Greueln fähig, für die uns Begriff und Worte fehlen. Ertödten wir aber
Kultur, reissen wir die edle Humanität an der Wurzel aus, welche Kunst,
Wissenschaft, der Geist des Christentums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und
gepflegt, so sinken wir Alle wieder in den Naturzustand, in die Barbarei zurück,
wo die Taten des Atreus und Tyestes möglich sind.«
    Sie schauderte, vor sich niederblickend. Hatte er zuviel gesagt?
    »Vor einer andern Schülerin würde ich das nicht sagen, aber Ihr Geist,
Adelheid, ist stark. Sie selbst haben, so jung noch, Prüfungen zu überstehen
gehabt, Sie haben Blicke in die wüste Verworfenheit getan. Ist z.B. eine
Mutter, die ihr Kind ermordet, nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft
weiter zu erscheinen, so viel besser, als jene Barbaren, die ihrem Rachetrieb
alles opferten! Und sind es die Vielen hier, welche aus falscher Empfindsamkeit
die entsetzliche Tat beschönigten? Wissen Sie, weiss ich, welche Prüfungen auch
meiner Freundin noch aufgespart sind, wie viele von denen, die sie jetzt mit
Aufmerksamkeit überhäufen, die so liebenswürdig, edel, sprechen und zu handeln
scheinen, Ihnen in einem ganz anderen Lichte erscheinen werden!«
    Adelheid sah ihn verwundert an. Er war in Gedanken vertieft. - »Es war
Unrecht von mir,« rief er plötzlich auf. »Die Vorsehung hat uns die schönen
Illusionen als Patengeschenk mitgegeben, damit wir Mut behalten. Sie selbst
lüftet für Jeden nur so viel von dem Schleier, als er ertragen kann. Und Niemand
hat das Recht, dem Andern die schirmende Decke fortzureissen. Vergebung! Kehren
wir zur Iphigenia zurück.«
    Er hielt die Hand zur Vergebung über den Tisch, sie schlug, ohne zu zaudern
ein, und Beide mussten vergessen haben, dass sie eingeschlagen hatten, denn als
er in seiner Rede fortfuhr, blieben die Hände noch immer auf dem Tisch.
    »Das Schrecklichste hat sich nun erfüllt, das Schicksal der Atriden liegt
wie ein wüster Traum im Hintergrunde. Ein sonst edler Jüngling, der den letzten
Blutschlag getan, Orestes, ist der Träger des Fluches. Er wird von den
züngelnden Furien gepeitscht, die nur in der Nähe des Heiligtums, wo der reine
Gedanke, der Geist des Gottes herrscht, vor dem Zerrissenen weichen. Er ist
geflohen von der Blutstätte, von den heimatlichen Gestaden, wo jeder Stein an
die Geschichte seiner Ahnen mahnt, über Meere und Berge. Aber wie der Psalmist
sagt: und nähme er Flügel der Morgenröte, und flöge aus äusserste Meer, die
Erinnyen folgen ihm. Da tritt Iphigenia auf, die, zum Opfer bestimmt, die Göttin
schon früh mit gnädiger Hand aus dem Gräuelhause forttrug und zur Priesterin
sich weihte. Sie ist das ausserordentliche Weib, das den Fluch ihrer Geburt
überwunden hat. Selbst längst entsühnt, ist sie bestimmt als versöhnende
Priesterin zu walten. Schon hat die Macht der reinen, edlen Weiblichkeit sogar
die Sitte der Barbaren gemildert und Toas muss von ihr sagen:
- es fehlt, seitdem du bei uns wohnst,
Und eines frommen Gastes Recht geniessest,
An Segen nicht, der uns von oben kommt.
Aber diesen Segen soll sie auch dem verlornen Bruder mitteilen. Der Atem ihrer
reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glühenden Stirne kühlen, die wüsten
Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben. Er bekennt ihr den ganzen,
vollen, entsetzlichen Fluch, der auf ihm lastet, er stürzt vor ihr nieder, als
er sie erkennt -«
    Walter musste inne halten. Adelheid hatte plötzlich die Hand zurückgezogen
und hielt sich die Brust. Dann fuhr sie sich über die Stirn.
    »Ist Ihnen wieder unwohl?«
    »Nichts, lieber Walter. - Fahren Sie nur fort, Sie erzählen so schön.«
    »Es ist doch wohl besser, wir setzen heut noch die Stunde aus.«
    »Nein, um Gottes Willen nein, heute muss es sein. Nichts bis Morgen wieder
verschoben. Ich werde gewiss Mut bekommen. Es war nur die Vorstellung der Furien
- ich möchte das Stück nie auf dem Teater sehen, so schön es ist.«
    »Aber Orest wird ja geheilt.«
    »Wer seine Mutter todt schlug!«
    »Lesen Sie liebe Adelheid, irgend eine heitere Rede der Iphigenia. Sie kann
wie Balsam wirken.«
    Adelheid las, was sie zufällig aufschlug:
»Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt.
In erster Jugend, da sich kaum die Seele
An Vater, Mutter und Geschwister band;
Die neuen Schösslinge, gesellt und lieblich,
Vom Fuss der alten Stämme himmelwärts
Zu dringen strebten; leider fasste da
Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
Von den Geliebten. - Selbst gerettet, war
Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.«
Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf. Er suchte nicht viel, die
Situation war ihm peinlich, er nahm die erste beste dityrambische und sie las
den Anfang des vierten Aktes:
»Denken die Himmlischen,
Einem der Erdgebornen
Viele Verirrungen zu,
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Und den Schmerzen zur Freude
Tief erschütternden Uebergang:
Dann erziehen sie ihm
In der Nähe der Stadt,
Oder am fernen Gestade,
Dass in Stunden der Not
Auch die Hülfe bereit sei,
Einen ruhigen Freund.«
    Sie hatte das Buch fallen lassen, sie war aufgestanden. An der Tischecke
schwankte sie, sie wandte sich ab, dann rasch auf Walter zueilend, ergriff sie
seine Hand:
    »Ich habe den Freund gefunden. Walter, Sie haben mich lieb?«
    Er umfasste, aufspringend, ihre Hand, er bog den Kopf zurück, er starrte sie
wie eine Erscheinung an: »Ist's Traum oder Wahrheit?«
    »Walter, Walter, sprechen Sie, sonst wird's ein Traum, und mein Mut
verlässt mich.«
    Er presste die Hand heftig an seine Brust: »Ja - um Gottes Willen. Adelheid,
Du -«
    Er erdrückte den tiefen Seufzer, den er zu hören glaubte, indem er sie an
die Brust schloss.
    Ihr Herz schlug an seinem, sie weinte an seinem Halse, aber still, nicht wie
die Leidenschaft, nicht wie die Seligkeit der Liebe weint. Er sank auf den Stuhl
zurück, er hielt ihre Hände gefasst. So beschaute er sie. »Es ist des Glücks zu
viel, zu viel auf einmal. Lass mich Dir ins Gesicht sehen, ob es nicht doch nur
ein Traum ist?«
    »Jetzt nicht, es könnte aussehen wie Lüge,« sagte sie, »nicht bis ich alles
gesagt. Das Schwerste ist heraus, - - Sie müssten ja rot werden über mich, wenn
- wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es ist.«
    »Wie es ist!« wiederholte er. »Du sahest in mein Herz. Du erbarmtest Dich
meiner, um mich nicht länger in Hangen und Bangen zu lassen.«
    Sie schüttelte den Kopf: »Nein, Walter. Sie müssen sich nicht anklagen, um
mich zu entschuldigen. Sie waren nicht in Hangen und Bangen, Sie sind ein Mann.«
    »Nun fort das kalte Sie,« rief er. »Ich nehme Besitz von meier Eroberung.«
    »Du wusstest recht gut, dass wenn Du mich fragtest, ich nicht nein sagen
könne. Und, weiss Gott, nicht um Dir das Herz zu erleichtern, habe ich
gesprochen.«
    Er wollte sie noch einmal an sein Herz drücken. Aber sie entwand sich sanft
seinen Armen.
    »Keinen Kuss auf eine Unwahrheit. Es muss jetzt volle Wahrheit zwischen uns
sein.«
    »Unwahrheit!«
    Sie nickte mit einem tränenfeuchten Blick. »Lass mich nur einen Augenblick
Atem schöpfen.«
    Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, der Kopf gleitete in die Arme. Er hatte
sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter.
»Ich habe Dich lieb und bin bei Dir und Du hast mich auch lieb. Was hindert Dich
noch?«
    »Ich habe Dich lieb gehabt, seitdem ich Dich gekannt.« sagte sie ruhig sich
zurücklehnend, »wie einen Bruder, vor dem ich mein Herz offen legen konnte. Habe
ich's nicht getan? Und wenn ich's nicht tat, war es, weil ich dachte, Du
läsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche. Aber seit der - der
fürchterlichen Geschichte ward es noch anders. Du allein bliebest immer derselbe
gegen mich. Die Andern - erst wussten sie nicht wie sie mich ansehen sollten,
und wichen mir aus. Nachher überschütteten sie mich mit Liebkosungen und
Bewunderung, und machten aus mir wunder was, was ich nicht bin. Ich war doch
nicht schlechter, nicht besser, Gott weiss es - aber was ich nun bin, nun ja, was
ich besser bin, bin ich durch Dich. Seit ich das fühlte ward mir bange. Du
hattest es mir vorausgesagt, durch grosse Leiden werde der Mensch geläutert,
seine Sinne gehen auf für das Edle und Schöne und sein inneres Auge für das
Ewige und Wahre. Und da sah ich, wie Du viel sorgsamer und liebevoller wardst,
und mit jeder Schülerin würdest Du Dir nicht so viele Mühe geben. Und Dein
Unterricht ward auch so besonders. Und da, Walter, da kam dann - ich weiss nicht
wie - der Gedanke, dass es so sein müsste -«
    »Und erschrakst Du vor dem Gedanken?«
    Sie schwieg einen Augenblick: - »Nein gewiss nicht, Walter. - Wo konnte ich
besser aufgehoben sein, dachte ich, wer sollte mich besser zum Rechten führen
und schützen! Ich gewöhnte mich so daran, dass -«
    »Du gewöhntest Dich nur daran!«
    Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage. Sie legte sanft die Hand auf
seine, und blickte ihn klar an: »Hast Du nicht zuweilen gemerkt, dass ich
lächelte? Ich dachte dann an das, was Du oft gesagt, der Mensch erzieht sich
selbst, und man kann keine Natur ändern. Und Du wolltest mich doch ändern, so
wie Du mich wünschtest. Und dann widersprach ich aus Übermut. Nur aus
Schelmerei, ich nahm mir im Herzen doch vor, zu werden, wie Du es wünschtest.«
    »Das hattest Du Dir vorgenommen und ich war der Gegenstand Deiner Gedanken!«
    »Und da kam ich auf kuriose Dinge. Ob ich Dir auch würde auf die Schulter
klopfen, wie Mutter tut, wenn sie der Vater anfährt, ob Du auch zornig werden
könntest? Und ob ich dann auch so machen dürfte, wie Mutter tut, um ihn wieder
gut zu machen. Ich muss Dir sagen, es kam mir nicht ganz recht vor, wenn auch
Mutter sagt: so muss man die Männer behandeln, wenn man Friede im Hause haben
will. Du bist doch ein ganz anderer Mann, und ich meinte, wir müssten uns jeder
dem andern grad heraus sagen, was er denkt. Ach und tausend Dinge. Aber, Walter,
das dachte ich alles weit entfernt.«
    »Hast Du nicht auch gedacht, dass Du jetzt in einem glänzenden Hause bist,
eine gefeierte Schönheit, von Bewerbern umschwirrt, die von ihrer Anbetung
sprechen? Hast Du nicht an Dein Herz gefühlt, ob, wenn der Eine oder der Andere
ernst spräche -«
    »Nein,« fiel sie rasch ein. »Sie sind mir alle gleichgültig.«
    »Aber die Geheimrätin! Du bist ihr Augapfel. Sie wünscht, dass Du eine gute
Partie machst, sie sucht vielleicht schon nach einem passenden Gatten, der Dich
über Deinen Stand erhebt. Vielleicht auch, sie ist kinderlos, reich, das grosse
Vermögen kommt von ihr -«
    Sie fasste mit Heftigkeit seine Hand. »Nein, Walter, das denke um Gottes
Willen nicht. Ich habe nie daran gedacht.«
    »Und der Gedanke ist so natürlich. Du schauderst ja fast.«
    »Ich begreife es oft nicht, warum ich nicht mehr Dank für sie fühle, aber -
aber lassen wir das! Walter, verrate mich nicht, und deute es mir nicht
schlimm, es ist mir oft, als möchte ich je eher je lieber aus diesem Hause fort.
Es ist mir so heiss, so bang oft -«
    »Aber weisst Du, in welches ich Dich führen könnte? Ein armer Gelehrter, -
würdest Du aus Deinem Reichtum mir in eine Hütte folgen?«
    Sie sah ihn mit ihrem klaren Lächeln an: »Ja, Walter. Ich bin ja nicht für
den Reichtum geboren. Wer weiss, wenn sie meiner überdrüssig wird, setzt sie
mich hinaus. Da müsste ich mir vorsorglich ein Obdach suchen. - O pfui! keinen
Scherz. - Aber ich habe mir es auch gedacht, dass Du zu stolz sein könntest, weil
Du arm bist. O ich liebe Dich so stolz, wenn Du den reichen und vornehmen Herren
kein Wort, keinen Blick schuldig bleibst. Wie Viele bücken sich und kriechen, Du
gehst grade. - Nein, Walter, auch darum nicht, nicht weil ich Dir zu Hülfe
kommen wollte. - Ach, hilf mir doch - das Schwerste ist heraus, das
Allerschwerste steckt noch in der Brust.«
    Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse. Er strich über ihre Stirn; er bat sie
zu denken, sie sei in der Kirche wie die fromme Katolikin, von der sie neulich
gelesen, und er ihr Beichtvater.
    »Neulich, nach unserem Feste - Du weisst von dem unglücklichen Zufall. Ich
verlor meine Besinnung, Jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer. Hässliche,
gleichgültige Menschen kamen und gingen; aber in der Nacht, als es still ward,
halb wachte ich, halb träumte ich - die Andern hatten mich wohl vergessen in dem
Wirrwarr, und die Nachtlampe brannte dunkel, da schlich es herein. Er
überraschte mich -«
    »Gerechter Gott!«
    »Nein, Walter, erschrick nicht.«
    »Wer?«
    »Ich kannte ihn, und darf ihn doch nicht nennen. Er umfasste meine Knie, wie
der Orest das Bild der Göttin, und seine schönen Augen rollten, wie eines
Wahnsinnigen. Ich wollte aufschreien, mich losmachen, aber ich konnte nicht,
wenn ich ihm ins Auge sah. Ihn peinigten ja auch, wie den Sohn des Agamemnon -
die Furien.«
    »Was wollte der Freche?«
    »Er bat mich, dass ich vergessen, vergeben sollte.«
    »Was solltest Du ihm vergeben?«
    »Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte -«
    »Von der kein Wort! - Die Geheimrätin erwähnte neulich eines Unverschämten,
der Dich auf der Strasse verfolgt -«
    »Ach, Walter, jetzt verstehe ich erst, was wir in den Gedichten lasen. Ist
das Liebe so ist ja Liebe eine Krankheit, vor der Gott Dich und mich bewahre. So
muss Orest krank gewesen sein.«
    »Er sprach seine Leidenschaft aus, er quälte, marterte Dich? - Weiss Jemand
darum?«
    »Keiner soll davon wissen, ausser Dir. Dich nehm' ich aus.«
    »Du versprachst ihm Verschwiegenheit?«
    »Ihm nicht, mir gelobte ich sie aus - einem Mitleid, das ich noch nie
empfunden. Walter, o hättest Du ihm in das Gesicht gesehen, das schöne,
fürchterliche Gesicht. Bald ein wildes Tier, das mich zerreissen konnte, bald
wie ein Kind so sanft. - Ich bedurfte keines Beistandes, keiner Hülfe, glaube es
mir, gewiss nicht. Ich wäre ihm wie eine Heilige, eine Göttin, eine Priesterin,
deren Wünsche ihm Befehle sind -«
    »Das ist die Sprache der Wüsten! Du kennst diese Menschen noch nicht. Wo
ihre gewöhnlichen Künste nichts fruchten, sie einen Widerstand finden, den sie
damit nicht bewältigen, stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten
Gefühle, um sie zu überlisten. Mit Tränen, empfindsamen Reden nesteln sie sich
wie der Mehltau an die Fasern und Fäden einer edlen Seele. Sie reissen die Brust
auf, um Schmerzen zu zeigen, die sie erheuchelt, und indem sie das Mitleid
aufrufen, spritzen sie Gift in die arglose Seele de Teilnehmenden.«
    Sie sah ihn ruhig an, und schüttelte den Kopf: »Du kennst ihn nicht; den
nicht. Nein, Walter, das war keine Täuschung. Er schüttete seine volle Seele,
seinen brennenden Schmerz, seine Selbstanklagen aus. Und dahinter blieb nichts
zurück, kein Fältchen. - Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es ja: aber wie die
Wahnsinnigen im Altertum, sagtest Du, die Wahrheit verkündeten. So spricht
Keiner, dass er unwürdig sei, so entsagt Keiner dem, was ihm das Liebste ist - so
spricht Keiner von dem Stern, der ihm zu spät geleuchtet. So nicht vom
Vaterlande, das untergeht, So klagt sich Keiner an, dass er zu früh verzweifelt
und darum selbst in dem Sumpfe versank, wo keine Rettung ist. Ich reichte ihm
meine Hand, ich sagte, ich wollte ihn aufziehen, er rief: berühre mich nicht, es
ist zu spät! Walter, das vergess' ich nie, das klang wie das Parzenlied. Da ist
ein edler Mensch verloren gegangen.«
    »Verloren!« rief Walter, in sich hinbrütend, »das ist ein schrecklich Wort.«
    Sie ergriff seine Hand: »Und darum, Walter, darum habe ich gesprochen, wie
ein Mädchen nicht sprechen soll. Und nun betrachte mich wie Dein Eigentum; ich
bin ganz ruhig und zufrieden. Schalte und walte damit, wie Du willst, schilt
mich, züchtige mich nicht, dass ich den Schleier der Schicklichkeit zerriss, dass
ich nicht abwartete, bis Du gesprochen. Bin ich nicht auch, wie die griechische
Fürstentochter, fortgerissen aus dem Hause der Eltern, in die Welt gestossen?
Mein Gott hat es so gewollt, dass das Schrecklichste, Unerhörteste an einem armen
Mädchen vorüberging. Da ward sie eine andere. Und Du bist der Mann, an den sich
das schwache Mädchen lehnt, Du der Einzige, den ich wert fand, mich ihm zu
geben, wie ich bin. War's Recht oder Unrecht, nun ist's an Dir, zu entscheiden.
Du aber bist nun die Säule, an die der Epheu sich rankt, Du der Freund, den mir
die Götter erzogen. Du sprichst nun für mich. So an Dich mich schmiegend, will
ich stehen, wenn neue Stürme drohen, und der Unglückliche, der Verlorene, wenn
er wieder kommt: Deine Verlobte, Walter, wird, ruhig und heiter, nicht mehr
erschrecken.«
    Die Schwalben und die Bienen, und die Sonne in der Linde schauten auf einen
Glücklichen und eine still Zufriedene. Ein Moment, von dem Dichter jener Zeit
gesagt hätten, dass Götter Sterblichen darum beneiden könnten. Der Neid der
Götter war immer gefährlich, aber auch jene Götter täuschten sich und wurden
getäuscht. Sie schaukelten über dem Spiegel auf der See und sahen nicht den
Sturm, der ihre Tiefe aufwühlte. - Ueber die Dächer tönte es vom
Gensd'armenturm. Die Lehrstunde war wohl zu Ende. Sie hörten mit Schrecken die
Schläge. Es waren aus der einen Stunde drei geworden.
    Das süsse Geheimnis, was es für Andere noch bleiben sollte, durfte es nicht
vor der Pflegemutter. Walter hatte es so gewollt. Adelheid erkannte seine Gründe
an, aber sie seufzte, als sie aufstanden. Es war ein schwerer Gang.
    An der Tür der Geheimrätin hörten sie ein Gespräch. Es war Wandels Stimme.
Lisette, die hinzukam, sagte: Frau Geheimrätin wolle nicht gestört sein. -
Adelheid atmete auf. Walter drückte ihre Hand: »Also ein andermal, teures
Fräulein.« -
    »Die sind auch einig,« sagte Lisette, nachdem sie die Flurtür hinter ihm
zuschloss.
 
                          Dreiunddreissigstes Kapitel.
                             Auch eine Lehrstunde.
In dem Gespräch zwischen der Geheimrätin und dem Legationsrat mochte auch
schon weit über eine Stunde verstrichen sein. Es war gewissermassen auch eine
Lehrstunde, aber vom ursprünglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit
abgeschweift sein. Wir fanden neulich die Geheimrätin in aigrirter Stimmung auf
den bewunderten Mann. Jetzt sassen sie Beide im intimsten Seelenverkehr auf dem
Kanapé. Die Aussöhnung war längst erfolgt. Am Morgen nach der Gesellschaft war
er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen, er hatte ihr von dem präparirten
Aeter gebracht, der sie wunderbar schnell gestärkt und hergestellt. Er hatte
Mucius durch seine Kenntnisse, die er in bescheidene Fragen einkleidete,
überrascht, dass der Doktor beim Weggehen geäussert: Das ist ein Tausendkünstler,
Madame! Den müssten wir setzen lassen, dass er nicht ins Handwerk pfuscht. Hatte
er nicht Selle, der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden, so
geschickt in die Konsultation zu ziehen gewusst, dass er die Verlegenheit der
Geheimrätin nicht merkte.
    Wie gesagt, es war alles ausgeglichen, - zwischen ihnen, aber nicht die
tiefe Falte auf ihrer Stirn. Noch heut verriet sie den Riss in der Brust.
    »Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben,« hatte sie gesagt.
    »Gott sei Dank!« sagte er.
    »Warum?«
    »Weil Sie endlich zur Ueberzeugung kamen, dass man das für die Menschen sich
opfern den Narren überlassen muss.«
    »Sie meinen doch nur für die reale Menschheit, die in ihren Flitterkleidern
ihre Armseligkeit zu verbergen sucht.«
    »Und was ist die reale Menschheit? Sollen wir uns für den Begriff
begeistern, der zwischen Adam und dem jüngsten Wiegenkinde liegt?«
    »Aber was ist der Mensch, der sich für nichts interessirt! Für irgend etwas
muss er doch der Opfer fähig sein, er muss leben, oder er kehrt zum Tier zurück.«
    »Physiologen behaupten, dass jedes Menschengesicht eine Aehnlichkeit mit
einer Espeçe derselben hat.«
    »So wäre es an uns, zu entdecken, mit welchem wir Verwandtschaft haben. Und
wenn wir's wissen, sind wir am Rande unserer Erkenntnis.«
    »Moralisten behaupten, dass es alsdann unsere Aufgabe sei, dieses Tier zu
bekämpfen.«
    »Mit welchen haben Sie zu kämpfen?« fragte die Lupinus.
    »Sie sind in aigrirter Laune, teuerste Frau. Das ist eigentlich die beste.
Mit diesem moralischen Scheidewasser spülen wir am schnellsten die sensualen
Auswüchse ab, die uns an unserm Glück hindern.«
    »Was verstehen Sie unter diesen Auswüchsen?«
    »Die sogenannten wohlwollenden Gefühle, die die ärgste Lüge sind, der
Selbstbetrug, der uns am klaren Denken, am folgerechten Handeln hindert.«
    »Sie lenken von meiner Frage ab. Für was lebt der Mensch?«
    »Nur für sich selbst.«
    »Aber in dies Selbst schliessen Sie die Ideen, Bestrebungen, Illusionen, wie
Sie es nennen wollen, ein, die unser Dasein über das Vegetiren der Pflanze, über
den Instinkt der Tiere erheben?«
    »Vielleicht.«
    »Warum nur bedingt? Sie wollen ihn noch nicht bewundern, aber Sie anerkennen
Napoleon.«
    Er hatte mit unterschlagenen Armen, im Sopha zurückgelehnt, gesessen. Er sah
sie scharf an: »Wollen Sie ein Napoleon werden?«
    »Torheit!«
    »Fühlen Sie Beruf, eine Semiramis, Zenobia zu sein, oder eine Maria
Teresia, Katarina«
    »Das liegt ganz ausser meiner Sphäre.«
    »Das ist das Lösewort. Wer die Grenzen seiner Sphäre erkennt, weiss wofür er
lebt. Er weiss auch, wie er leben soll, das heisst, er kennt die Mittel, mit denen
er wirkt, bis wohin er wirken kann. Wenn er aber das weiss, weiss er auch, dass
nichts ihn hindern darf, so zu wirken, wie er kann, sagen wir muss. Was man will
und kann, muss man; es gibt keine höhere Aufgabe. Das aber ist die Krankheit
unserer Zeit, das Siechtum unserer Halbwollenden, dass sie den grossen Männern
ihre grossen Endziele abstehlen wollen. Haben sie Adlerflügel, Titanenkräfte? So
flattern sie, wie die Motten, ins Licht und zerstossen ihre blutwarmweichen
Hirnschädel, mit denen sie Mauern einbrechen wollten, am ersten besten
Zaunpfahl. Daher diese Idealisten, Staatskünstler, Menschheitsverbesserer! Was
war es, das sie den Grössen abstehlen sollten? - Die richtige Erkenntnis ihrer
Sphäre, die sie füllen, der Kräfte über die sie gebieten können. Der achtzehnte
Brümaire, wäre ein Verbrechen, nein eine Dummheit gewesen, wenn der Lieutenant
von Toulon ihn gewagt, für den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend, die
Europa und die Welt bewunderte; er wusste was er konnte.«
    »Und was können wir, die wir nicht wissen, was wir wollen, können?«
    »Kein Mensch ist so gering, dass er nicht etwas will, was scheinbar über die
Verhältnisse, über seine unentwickelten Kräfte hinausgeht. Aber wenn er den Mut
hat, es sich zu gestehen, so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Kräfte.
Liegt das Ziel im Kreise des Möglichen, wohlverstanden für ihn, so ist es auch
für ihn erreichbar. - Ich bin entfernt davon, in Ihre geheimen Wünsche dringen
zu wollen: aber denken Sie sich, meine Freundin, einen solchen Wunsch, den Sie
bisher für unerreichbar hielten, verkörpern Sie ihn sich, und überrechnen Sie
dann die Mittel, die Ihr Geist, Ihr Vermögen, Ihre physische Kraft, Ihre Freunde
Ihnen bieten. Reichen diese Mittel aus, so sind Sie am Ziel; denn es ist allein
Ihre Schuld, wenn Sie es nicht erreichen.«
    »Das ist ein gefährlicher Gedanke.«
    »Warum? - Gesetzt, Sie fühlten sich unglücklich mit Ihrem Gatten -«
    »Ich bitte Sie, Herr Legationsrat -«
    »Nun, Sie wünschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen. Ist das
etwas Unrechtes? - Doch es ist ein indiskretes Beispiel, Verzeihung! Also
umgekehrt - Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen, Ihr Haus zum Hospital
umschaffen, selbst Krankenwärterin werden. Ihre Mittel wären endlich erschöpft,
ja, meine Freundin, die Möglichkeit wäre da, dass Sie ihm auch seine Stube
nähmen, seine Bibliotek verkauften -«
    »Ach der arme Mann!«
    »Nur nicht Mitleid! Wer etwas will, muss diese Rücksichten verbannen. Sehn
Sie, die Fürstin Gargazin möchte uns Alle zu Konvertiten machen, sie scheut
keine Mittel - gar keins, wenn sie nur Einen bekehren kann.«
    »Mein Mann stürbe, wenn er von seinen Büchern lassen müsste.«
    »Und wird von ihnen lassen müssen, wenn er von Allem lässt; Doch, um wieder
auf Bonaparte zu kommen, wie viel Peripherien hat er, eine nach der andern, um
seinen jeweiligen Standpunkt gezogen, weit, weiter, und das ist das
Bewunderungswürdige, nicht seine gewonnenen Schlachten, sondern dass er, im
Mittelpunkt des Kreises, nie über den Kreis hinausgriff! So ward er Konsul,
Kaiser -«
    »O ich bin ungemein begierig, Ihre Ansichten darüber zu erfahren.«
    »Wozu das, Freundin? Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen?«
    »Aber es ist so interessant -«
    »Sie haben Recht - seine Familienverhältnisse! Da liegt der Hemmschuh für
den Giganten.«
    »Die Familie erhebt er mit sich.«
    »Aber Josephine hat keine Kinder. - Sie muss fort.«
    »Wie! Sie hob ihn. Er kann sie doch nicht verstossen.«
    »Ei, seine Bewunderin hält ihn für so klein. Gefühle der Dankbarkeit sollen
ihn an seinem Weltberuf hindern.«
    »Aber das Urteil der Welt würde -«
    »Den Titanen regieren! Da habe ich keine Skrupel. Aber die Kreolin ist
eigensinnig, reizbar. Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will?«
    »Sie meinten neulich, dass Josephine gegen ihren Mann contre operiren
könnte?«
    »Darüber bin ich hinaus. Sie ist nur eine Frau mit den gewöhnlichen Affekten
eines Weibes. Gross im Kleinen, zu klein zu einer Tat, zu weich, guterzig.
Nein, nein, von der Seite ist nichts zu besorgen, aber er - Napoleon muss sich
von ihr scheiden, er muss Söhne haben, er ist in voller Manneskraft, er ist durch
die Verhältnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrängt, die seine
Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht, welche aus dem Schutt und Staub
der Revolutionen aufsteigt und die Trone wieder mit einem Nimbus umzieht. Das
ist ganz unabänderlich, dass muss er. Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen
will, was muss er tun? Was wird er tun? Da, Freundin, wird sich's bewähren, ob
er - er ist.«
    »Mein Gott, Sie meinen -«
    »Bisher war er sich immer klar. Aber diese Differenz -«
    »Er liebt Josephinen!«
    »Was ist Liebe? Verstehn wir uns! Wir Beide meinen nicht jene Veilchenduft-,
jene Vergissmeinnichtschwärmerei zartgeschaffener Seelen, noch jene dämonische
Leidenschaft, die Mauern einreisst, um im Genuss sich zu tödten. Das sind
Kinderspiele. Ich meine die Liebe, vor der Jahre und Verhältnisse wie Plunder
versinken, das in den Mysterien der Natur geborne Bündnis Derer, die sich
verstehen, sich das Zeugnis der Ebenbürtigkeit Einer dem Andern ausstellen.
Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder, Beteuerung und Schwüre. Sie
ist da von sebst. Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden, und im
Moment ist der Bund geschlossen, ohne Worte.«
    Die Geheimrätin seufzte: »Das ist eine Vorstellung, erhaben wie die
Ewigkeit!«
    »Und nun, frage ich, herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund?
Begreift sie ihn nur? Freilich möchte sie sich sonnen in seinem Diademen-Glanze,
die immer liebenswürdige Kaiserin und Französin sein, entzückend in
Toilettenkünsten, Intriguen, brillirend von Esprit in der Konversation,
bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz, wenn er zuschlagen muss, ihm in den
Arm fallend: Ach tu's doch lieber nicht! Was ist sie ihm? - Eine Last, die er
abstreifen muss. Er muss, sage ich, wenn er vorwärts will, und er kann es, es
kommt nur darauf an, ob er den Mut hat, es zu wollen.«
    »Mein Kopf schwindelt!«
    »Traf dies Loos nicht auch Solche, die er wahrhaft liebte? Und er
vernichtete sie, weil er sie liebte.«
    »Ich verstehe sie nicht.«
    »Jene graubärtigen Krieger, seine Veteranen, die Säulen seines Ruhmes, die
ihm nach Afrika gefolgt. Im Sonnenbrande der syrischen Wüsten war seine Mission
erfüllt, er huldigte nicht der Torheit, ein romantischer Alexander sein zu
wollen, er dürstete nicht nach Eroberungen, die sich nicht halten lassen. Er
musste zurück. Konnte er die Kranken, die Verwundeten durch die glühende
Sandwüste mit schleppen? kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus! Sollte
er die Unglücklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurücklassen? Er war rasch
entschlossen -«
    »Sie nehmen das Gerücht für wahr an?«
    »So wahr ich ihn ehre. Gewiss nach einem schweren Kampf. Wer trennt sich
leichten Herzens von Denen, die uns die Teuersten sind. Aber als es ihm klar
war, dass er sein musste, zauderte er keinen Moment Hand aus Werk zu legen.
Durfte er sie erschiessen, erschlagen lassen? Das durfte er nicht vor dem Urteil
der unmündigen Welt, nicht vor ihnen selbst. In süsse Illusionen liess er sie
einwiegen, durch Opium bis - bis sie in süssen Träumen von dieser Welt schieden.
Wie Mancher der Soldaten mag auf dem sauern Rückweg, unter Durst und
Sonnenstichen erliegend, hülflos vielleicht zurückgelassen, weil er sich von der
Kolonne verirrt, im Angesicht des Tigers, der Hyäne, deren Geheul seiner
Witterung nachging, wie Mancher mag an die schnell und glücklich Gestorbenen in
Accum zurückgedacht, ihr Loos beneidet haben! Napoleon ging an ihren
Lagerstätten umher, seine Augen blitzten sie an; dem nickte er, dem drückte er
die Hand, dem rief er ein baldiges Wiedersehn auf dem Felde der Ehre zu. Sie
Alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem grossem General ein Vivat!«
    »Und im Leibe des -« hielt sie zusammenschaudernd inne.
    Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel. Er hatte sehr wohlgeformte
aristokratisch weisse Hände. Ein sanftes Lächeln spielte um die Augen, die auf
die Hände niedersahn:
    »Wenn wir uns nur gewöhnen könnten die Dinge anzusehen nicht wie die Leute,
sondern wie sie sind! Wir würden viel glücklicher sein, und weit mehr Glück um
uns verbreiten. - Hätte der grosse Mann sich um den Katechismus und die
Morallehrer und Gott weiss welche Gevattern und Muhmen gekümmert, was hätte er
dann tun sollen? Etwa um die hunderte oder tausende Kranke nicht zu verlassen,
selbst zurück bleiben, mit seinem schon geschmolzenen Heere, ohne Vorräte, der
wachsenden Zahl seiner Feinde, der Hitze, den neuen Krankheiten gegenüber? Er
wäre, so wahr zwei mal zwei gleich vier ist, als Opfer gefallen. Dann hätten
freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen, als
Märtyrer, der sich selbst geopfert für Notleidende, und wie viel Tausende mit,
das ist ihnen gleichgültig; es ist doch eine edle Tat. Aber dass er alsdann eine
andere Mission vergessen hätte, dass es galt sein grosses Frankreich aus der
Anarchie zu retten, die aufs Neue ihre Polypenarme ausstreckte, daran denken
diese sentimentalen Gemüter nicht. Lieber die arme Fliege retten, die im Netz
der Spinne sich gefangen hat, als zugreifen, wo die Gardine Feuer fängt, und das
Haus kann verbrennen. Das ist die Moral, welche die sanften Seelen uns
predigen.«
    Er war aufgesprungen: »O wie glücklich könnte die Welt sein, wenn die
Menschen es verständen, frei zu sein!« Er war sichtlich in einer
Gemütsbewegung. Man hörte Adelheids Stimme am Klavier.
    »Was würden Sie tun?« wandte er sich plötzlich zur Lupinus. »Hier wäre Ihr
Johann erkrankt, zu Ihren Füssen hingestürzt, und dort hörten Sie einen Schrei
Ihrer Tochter - der tolle Mensch, durch's Fenster gestiegen, überfiele sie am
Klavier. Oder, - er ist zwar zu allem fähig, - aber setzen wir nur den Fall, Sie
wüssten, dass er wieder zu ihr eingedrungen, dass er sie mit seinen
Verführungskünsten zu umgarnen sucht, was würden Sie, frage ich, zuerst tun?
Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen, um den Diener zu soulagiren,
oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter? Ginge Ihnen der Diener oder die
Tochter vor, der kranke Mensch, der doch über kurz sterben muss, oder das
blühende junge Wesen?«
    »Meine Tochter natürlich,« sagte die Lupinus. »Aber wenn der Mensch, der
Johann, inzwischen stürbe? Was würde die Welt dazu sagen?«
    »Was würden Sie dazu sagen? Das ist allein die Frage. Doch nichts anderes,
als: dort droht ein unersetzlicher Verlust, hier kann ein Mensch sterben, für
den der Tod eine Wohltat ist. - Leben Sie wohl!«
    »Habe ich Sie beleidigt?«
    »Mich?«
    »Sie raunen mir da eine entsetzliche Möglichkeit ins Ohr.«
    »Possen! Phantasiestücke. - A propos, haben Sie Ihre kleine Apoteke
arrangirt? - Den Aeter gebrauchen Sie, ich bitte nochmals, nur im äussersten
Notfall.«
    Er war an das Glasschränkchen getreten, und übersah die Etiketten der
Gläser.
    »Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedürfen.«
    »Nur mit keiner Sylbe gegen Jemand davon erwähnt. Doktor Mucius und die
Andern wären im Stande einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken. Die
Herren Aerzte vertragen es nicht, wenn man in ihr Amt pfuscht.«
    Mit einem zweiten Händedruck hatte er die Tür erfasst, als Adelheids
volltönende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des
Freudvoll und leidvoll,
Gedankenvoll sein
am Fortepiano sang.
    »Die Kleine singt recht hübsch.«
    »Reichardt ist zufrieden. Dusseck war neulich entzückt.«
    »Weil Sie gut zu essen geben - Und Ihr Wein vortrefflich ist.«
    »Lachen Sie nicht so abscheulich.«
    »Eine gute Figur. Sie könnte auch auf dem Teater ihr Glück machen.«
    »Pfui! Darum hätte ich sie -«
    »Wie sie wollen. Aber sie genirt Sie doch wohl zuweilen. Nicht wahr?
Bekennen Sie es nur.«
    »Sie kann recht impertinent sein.«
    »Offenherzig! Ich verdenke es ihr nicht.«
    »Hat sie ein Recht dazu?«
    »Wird ihr nicht hundertfach gesagt, dass sie hier der Glanzpunkt ist? Sie
allein der Magnet, der die Leute in dies Haus zieht? Sagen Sie es nicht selbst,
Freundin? Ich könnte mir ein Gewissen draus machen, sie zu Ihnen gebracht zu
haben, wenn ich nicht wüsste, dass auch eine Philosophin zuweilen eine
Narrenschule um sich braucht.«
    »Einige finden sie geistreich.«
    Jetzt hätte die Geheimrätin mehr Recht gehabt, sein Lächeln abscheulich zu
nennen.
    »Es wird sich ja wohl bald für das geistreiche Mädchen eine gute Partie
finden.«
    »Wer weiss! Die jungen Leute sehen nach Geld.«
    »Der Herr Bovillard würde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein, wenn
er nicht an eine Mariage dächte, um seine Schulden zu bezahlen.«
    »Wie! Sie denken, es ist sein Ernst -«
    »Wenn es Ihr Ernst ist, sie zur Erbin einzusetzen.«
    »Wer denkt daran!«
    »Ausser sehr vielen Adelheids Eltern, und sehr ernstlich.«
    »Impertinent! Am Ende wünschen sie, dass ich noch bei meinen Lebzeiten meines
Vermögens mich entäussere, um das aufgenommene Mädchen auszustatten.«
    »Solche Wünsche spricht man wenigstens nicht laut aus.«
    »O sie sollen sich getäuscht sehen. Ich will -«
    »Keinen Eklat, meine Freundin. Keine Affekte in solcher gleichgültigen
Sache. Ihr Wille ist ja genug. Sie hatten also nie im Sinne, sie wirklich an
Kindesstatt anzunehmen?«
    »Und wenn ich einmal daran dachte -«
    »So sind Sie bei reiferer Ueberlegung von der Törigkeit dieses Entschlusses
überzeugt, und Sie sind die Frau, die in einer Aufwallung nichts ändert. Was
braucht es denn mehr, die Sache ist zwischen uns - ich meine in Ihrem Geiste
klar. Aber wozu das aussprechen. Ich würde es auch nicht merken lassen. Lass die
Gimpel sich doch täuschen. Wozu gab Gott Jedem sein Mass Klugheit? Warum sollen
wir mit dem, was wir übrig haben, den Toren beispringen. Und vielleicht
verschafft der Glaube dem Mädchen doch eine gute Partie. Und ist es einmal
soweit, dann springt auch nicht gleich Jeder darum ab. Das Point d'Honneur ist
eine Erfindung, um die Mittelmässigen zu reguliren. Und gibt es nicht mariages
d'inclination? Und - wer weiss, wie Sie das Mädchen auf andre Art wieder los
werden? Es fügt sich so manches. - Ich lache ordentlich, dass ich Ihnen darüber
Instruktionen geben will. Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll, unter Hangen
und Bangen, ihrem Schicksal entgegen hüpfen. Wir haben doch wahrhaftig für
anderes als dafür zu sorgen.«
    »Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn,« sagte die
Geheimrätin.
    »Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen,« entgegnete der Legationsrat,
indem er ein versiegeltes Päckchen in den Schrank gelegt, den Schlüssel
abgezogen, und ihn in die Hand der Geheimrätin gedrückt hatte: »Bewahren Sie
ihn wohl.«
    »Was haben Sie hinein getan?«
    »Etwas, was Sie nur eröffnen dürfen nach meinem Tode.«
    Sie starrte ihn an. Er drückte ihre Finger an die Lippen: »Auch davon still,
still! Es ist nur mein Testament.«
    Sie presste krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm:
    »Was haben Sie mir gesagt?«
    »Dass ich einen festen Arm habe, einen sichern Blick, dass meine Kugel nie
geirrt; dass - das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann, und - so
gewiss Sie vor mir stehen, ich werde nicht fallen. Ich habe Ihnen noch mehr
gesagt, mit kaltem ruhigem Blute werde ich ihn zu Boden stürzen sehen. Das
Bewusstsein, die Gesellschaft von einem Ruhestörer zu befreien, wird mir
Befriedigung sein - wenn es dazu kommt!«
    »Aber -«
    »Weil der Zufall dämonisch ist, schrieb ich das auf.«
    »Mein Freund, was soll ich mit Ihrem Testament?«
    »Es lesen - annehmen, oder verwerfen.« Er wollte mit abgewandtem Gesichte
hinaus.
    »Nicht so! Ich muss wissen, ob ich nichts Gefährliches im Schrank
verschliesse.«
    »Gefährliches! - Ich hatte eine Freundin, eine teure Freundin, sie war mein
Alles, ich war es ihr. Sie verstand mich, sie ging nicht in meine Ideen ein, sie
ging ihnen voraus -«
    »Angelica, Ihre Gattin -«
    »Auch dies äussere Band sollte das unlösbare unserer Geister befestigen, -
wenn das nötig, sagen Sie möglich gewesen wäre! - als eine andere rauhe Hand es
zerriss. In ihrem Testamente hatte sie mir ihr Vermögen hinterlassen, mit den
Worten: es ist ja nicht meines, es ist Deines, denn was mein war, war Dein, ich
war Du, Du ich. Wirke es in Deiner Hand für mich. - Sollte ich es etwa nun nicht
annehmen, weil die Verwandten lamentirten und Gott weiss was für Klagen wegen
Uebervorteilung, Erbschleicherei, vorbrachten? - In ihrer Hand war es
vergeudet, in meiner lebte es zu den grossen Zwecken der Seligen. - So wird auch
meine Freundin keinen Anstand nehmen, wenn ich das mir Anvertraute ihr wieder
vertraue. Sie kannten mich, Sie wissen, was damit zu wirken, und wenn die Spanne
Zeit zu kurz war, um unsre Geister ganz in einander aufgehen zu lassen - in dem
Papiere - wozu Schrift, wo der Geist lebendig bleibt! Ihrer wird klären, wo es
dunkel scheint; wo es dunkel ist, werden Sie Licht bringen. Die Verwaltung
meiner Güter braucht Sie nicht erschrecken, es ist dafür gesorgt. Verwandte
werden Sie nicht stören, die Welt der Blutsbande ist hinter mir in aschgraue
Nebel versunken, - ich stand allein in dieser - die Zukunft war mein Reich - ich
hoffte vielleicht neue - doch wozu das! Pfui über diese angeborne Natur, die uns
immer wieder in die Sackgasse der Sentimentalität treibt.«
    »Wie komme ich dazu?«
    »Wie! -« Er lächelte. »Nein, Sie sind im Recht, Sie mussten sich darüber
täuschen; es musste Sie frappiren, dass ich in erster Zeit mich in scheuer Ferne
hielt. - Ach die Entschlafene schwebte ja noch immer an meiner Bettwand - und
wer ist stark genug, wenn er eine Doppelgängerin sieht. - Aber seit auch der
Geist der Seligen nicht todt ist, seit - genug. Wir werden uns ganz verstehen
lernen, und wenn nicht, wenn unter einem schrillen Accord Sie plötzlich die
Saiten springen hörten, dann - würden sich unsre Geister erst recht gefunden
haben.«
    Mit einem langen, brennenden Kuss auf ihre Hand war er rasch verschwunden.
    Sie betrachtete eine Weile die Hand. Entweder weil sie brannte, oder weil
sie zitterte, oder fragte sie sich, warum denn die Schwägerin auf ihrem
Sterbebette gesagt, dass sie spitze Finger hätte?
 
                          Vierunddreissigstes Kapitel.
                                 Im Grunewald.
»Sie waren zu eilig.«
    »Ich lasse nie auf mich warten,« entgegnete der Legationsrat dem noch sehr
jungen Manne, welcher diese Frage tat, und dessen Äußeres unverkennbar den
Franzosen verriet; wir setzen hinzu: den Diplomaten, wenn gleich die Diplomatie
jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen
hatte, und die moderne noch nicht erfunden war.
    Der junge Franzos stand unter einem Baum. Zwei Paar Pistolen lagen auf einem
über dem Erdreich ausgebreiteten Mantel, daneben eine Pulverbüchse, ein
Kugelbeutel und was sonst zu den Vorbereitungen eines Geschäfts gehört, welches
unzweifelhaft am Ausgange des Kieferwaldes im Werke war. Die Pistolen waren noch
nicht geladen; der junge Mann, prüfte, den Hahn abdrückend, die Schärfe der
Feuersteine. Sie schlugen helle Funken, Alles war im guten Stande.
    Der Legationsrat ging mit gemessenen Schritten unter den Bänmen auf und ab.
In der Ferne hinter dem Kieferngebüsch, in welches der hochstämmige Nadelwald
auslief, bemerkte man eine leichte Kalesche, vor der zwei mutige Hengste
ungeduldig den Sand stampften.
    Der Legationsrat sprach ab und zu, wenn er vorüber kam, seinen Sekundanten
an. Zuweilen schien er, in Gedanken versunken, ihn zu übersehen.
    »Wie weit rechneten Sie die Grenze?«
    »Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite
Station erreichen, sind Sie mit dem Postrelais morgen früh auf sächsischem Grund
und Boden. Es ist nur der fatale Sand.«
    Der Fragende schien, während er die Antwort hörte, den Gegenstand schon
vergessen zu haben: »Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt, werden Sie die
Positionen ändern müssen, Vicomte.«
    »Seien Sie unbesorgt. Die Sonne wird geteilt.«
    Der Spaziergänger war nach einer weitern Promenade wieder zurückgekehrt. Die
Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden, er schien sogar zu lächeln, als er
an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog: »Die Uhren
können differiren. Ich vergass meine nach der Akademie zu stellen.«
    »Auch ist der Rittmeister ein pünktlicher Mann,« sagte der Vicomte. »Nur
empfahl er Vorsicht. Lieber Verspätung, als was Verdacht erregen kann.«
    »Ich hoffe doch nicht,« sagte Wandel, und sein Auge blitzte, »dass unsrer
Seits etwas versehen ist! Die Polizei hat Luchsaugen.«
    »Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister. Ihm ist's ein Vergnügen
und mir auch.«
    »Sie sollten sich in Ihrer Vergnügungslust etwas moderiren, Vicomte,« sprach
leiser der Legationsrat mit einem halb vertraulichen, halb strafenden Tone.
»Man hat hier andre Ansichten als in Paris.«
    »Pah!«
    »Und Sie würden nicht immer Jemand finden, der Sie aus solchen delicaten
Verwicklungen herausreisst.«
    »Tut es Ihnen etwa leid?«
    »Mir tut nie etwas leid, was ich getan.«
    »Dann soll es mir auch nicht leid tun, dass ich Ihnen aus Dankbarkeit
sekundire.«
    »Bereuten Sie es schon?«
    »Halb und halb. - Nur aus Zärtlichkeit für meinen Chef.«
    »Laforest hat viel Aufmerksamkeit für mich.«
    »Weil er Sie fürchtet.«
    »Fürchtet er mich wirklich?«
    »Er fürchtet, was er nicht kennt.«
    »Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Calvy fürchtet er doch nicht?«
    »Was er nicht hat, macht ihn verdriesslich, was er nie erwerben kann,
bissig.«
    Herr von Wandel zog wieder die Uhr: »Ich kann mir das Unbehagen eines so
ausgezeichneten Diplomaten, wie Herr von Laforest denken, wenn man ihm junge
Männer attachirt, die er für Kundschafter seiner Rivalen hält, vielleicht selbst
schon für künftige Rivalen, denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt
wieder in seine vorigen Rechte. Da würde es mir doppelt leid tun, Vicomte, wenn
Ihre Gefälligkeit gegen mich sein Misstrauen aufs Neue anregte. Doch lässt er sie
wohl ohnedies seine wichtigern Depeschen nicht chiffriren.«
    Der junge Mann sah auf: »Meine Finger sind noch stumpf von dem
Figurenmachen.«
    »Die Antwort, die Hardenberg an Duroc erteilte, kann ihm unmöglich schon
bekannt sein.«
    »Ich will sie Ihnen auswendig sagen: Preussen werde unwandelbar bei seinen
bisherigen Grundsätzen verharren und treu seinem Programm, die Ruhe des
nördlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schützen wissen. Duroc zieht mit
einer langen Nase ab, wenn er Ihren König zu überreden meinte, dass er mit seinen
Truppen wieder in Hannover einrücke, um es für uns gegen die Alliirten in Schutz
zu nehmen.«
    »Es ist nicht mein König,« sagte Wandel kurz.
    »Und dass Preussen,« fuhr der Attaché fort, »rüstet.«
    Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen, ging sie in
einen sarkastischen Zug über: »Preussen rüstet gegen Frankreich! Ei, ei, Herr
Vicomte, Sie geben uns überraschende Aufschlüsse!«
    »Nur für sich. Achtzig Tausend Mann zur bewaffneten Neutralität.«
    »Man weiss doch,« entgegnete Wandel, »dass General Buxhövden hier ist, um für
die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern.«
    »Ja, in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein,« sagte schlau der
Attaché.
    »Und -«
    »Und er hat gewiss, wie wir Alle, geglaubt, die Regierung wäre so schwach,
oder franzosenfeindlich, oder dämlich, dass es nur eines Anstosses bedürfe, um sie
zu zwingen, sich öffentlich gegen Napoleon zu erklären. Er hat auch angestossen
-«
    »Und es hat eine Dröhnung gegeben.«
    »Man will nicht dämlich sein, nicht absolut franzosenfeindlich, und
eingestandenermassen schwach und keine offizielle Gliederpuppe, man empfindet die
Kränkung, und übermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf, um den Russen
die Zähne zu weisen.«
    Der Legationsrat hatte hier offenbar Dinge erfahren, die ihn überraschten,
die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags. Wenn er die Ueberraschung auf
seinem Gesichte verriet, so merkte wenigstens der Attaché nichts davon, und es
stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lächeln der Ueberlegenheit
wieder ein, wie des Meisters, der einen Schüler auf die Probe gestellt hat, als
er im gleichgültigem Tone sagte:
    »Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon eingepackt, als ich vorhin
ansprach. Das wird keine ernste Campagne werden. Die Ansichten, welche in der
gestrigen Ministerkonferenz siegten -«
    »Kennen wir!« unterbrach der Attach.
    »Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest. Indessen
sind hier Viele so glücklich, diese Ansichten im Allgemeinen zu kennen.«
    »Und wir im Besonderen. - Was sehen Sie mich so verwundert an, Herr von
Wandel? - Ich meine das Circularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und
Petersburg.«
    Es war in der Tat ein so skeptischer Blick, de haut en bas, wie ein
Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehen pflegt, als der Legationsrat, die
Hand auf die Schulter des Vicomte legend, sprach: »Ja, Herr von Marvilliers, die
diplomatische ist eine angenehme Karriere für einen Anfänger, wenn man uns nur
nicht immer die Brosamen vom Tisch als Geheimnisse aufpackte. Wenn Ihr Gesandter
eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewusst hat, so versichere ich
Sie, er chiffrirt sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Türen und in
Charakteren, wozu - kaum Talleirand den Schlüssel hat.«
    Der Attaché fühlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des
Legationsrates berührt. Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus
der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt, zu dessen Stütze er
keinen Beruf fühlte. »Hier hören Sie!« Er las von einem Papier:
    »Sie werden bemerklich zu machen haben, Preussen sei von Frankreich noch
nicht beleidigt, im Gegenteil bei der Teilung Deutschlands gut bedacht worden.
Warum solle man einen Krieg beginnen, nicht für sich, sondern für Andere? Die
Verbindung, werden Sie einfliessen lassen, mit Oesterreich und Russland habe
Preussen nie Segen gebracht. Sollte es vom Rhein her angegriffen werden, finde es
in seinem eigenen, unüberwundenen Heere hinlängliche Verteidigungsmittel. Schön
sei es allerdings für Freunde zu kämpfen, und wenn man für Freunde, so kämpfe
man für sich selbst; nur sei es Schade, dass Niemand in Deutschland so recht
wisse, wer Freund und Feind sei. Und wer danke uns denn unsre Erhebung? Vielmehr
fordere Klugheit und Gerechtkeit: Zurückziehen in sich und Beobachtung strenger
Unparteilichkeit. - Die Demonstrationen, die wir machen werden, seien nur
bestimmt, um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen. Hannover würden wir nicht
besetzen, aber keinen Durchmarsch der vom König von Schweden in Stralsund
gesammelten Truppen gestatten, auch nicht den Durchmarsch der Völker Seiner
Majestät des Kaisers von Russland durch Schlesien, um Oesterreich Hülfe zu
bringen, und ebensowenig den von Truppen des französischen Kaisers, durch welche
Provinzen unsres Staates es sei, um einen Angriff gegen die Staaten Seiner
Majestät des Kaisers von Oesterreich zu effektuiren, wir würden vielmehr jedes
Unternehmen der Art als casus belli betrachten, getreu dem so lange bewährten
Grundsatz unseres Staates, unsre Untertanen vor jeder Unruhe, von innen wie von
aussen zu bewahren.«
    »Ich habe es selbst chiffrirt,« setzte der Vicomte hinzu, das Papier wieder
einsteckend. Die triumphirende Miene des jungen Mannes verzog sich, als er das
lauernde Gesicht des Legationsrates sah, der mit angestrengter Aufmerksamkeit,
das Auge halb zu, das Ohr vorgebeugt, hingehorcht, hatte sich induciren lassen.
Wandel hatte indes ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen
zurückgezwängt, und auch er zog die Brieftasche heraus, hielt sie vor's Auge und
las - fast wörtlich dasselbe, was der Vicomte gelesen. Gleichgültig schloss er
nach dem letzten Worte den Stahldrücker und steckte das Etui in die Brusttasche:
    »Ich wollte Ihnen nur zeigen, dass es auch andere Quellen gibt, um aus den
preussischen Staatsgeheimnissen zu schöpfen. - Nun aber wünschte ich wahrhaftig,
dass die Herren sich beeilten. Ich hatte mir mit dem Englischen Gesandten ein
Rendezvous in der Oper gegeben.«
    Er wandte dem Sekundanten den Rücken, um mit raschen Schritten wieder einen
Streifzug durch die Bäume zu machen. Er hatte Grund gehabt, rasch die
Brieftasche zu schliessen, denn wenn der Attaché einen Blick hinein getan, würde
er nur ein leeres Blatt gesehen haben. Wandel las aus der Luft; vermöge seines
ausserordentlichen Gedächtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attaché
vernommenen Brief fast Wort für Wort recitiren.
    Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft, nicht
ganz mit sich zufrieden, als der Legationsrat auch unzufrieden zurückkehrte,
und versicherte, dass er auch von der Höhe, wo man die Strasse übersieht, keinen
Staub entdeckt habe.
    »Ich denke so ungern Uebles von meinen Gegnern,« sprach er nach einer Weile
vor sich hin.
    Der Attaché summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole.
    »Was wollen Sie tun, Marvilliers?«
    »Die Krähe da vom Ast putzen.«
    »Warum?«
    »Mich zu amüsiren.«
    »Verzeihung, wenn meine Meditationen Sie langweilten. Indessen wer mit einem
Schritt am Rande der Ewigkeit steht -«
    Der Franzose lachte auf: »Würde nicht zuschnappen wie ein Hayfisch nach
einer politischen Neuigkeit, die er auf der Stelle gern an den Mann brächte,
oder richtiger gesagt an eine Dame. Denn zu madame la conseillère in der
Jägerstrasse reiten Sie doch gewiss, wenn die Affaire hier beendet, auf Flügeln
der Liebe.«
    »Herr Vicomte!«
    »Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da täuschen lassen! Sie denken
nicht nach Sachsen, Sie denken nicht zu sterben. Sie wollen leben bleiben, hier
bleiben und sich amüsiren.«
    »Ich habe allerdings, wie ich Ihnen sagte, das Präsentiment, dass ich von
seiner Kugel nicht fallen werde.«
    »Solche Präsentiments in Ehren, aber was Ihren Geschmack anbetrifft -«
    »Mein Herr!«
    »Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln! Da Sie das Präsentiment
haben, leben zu bleiben, müsste ich fallen, und wenn ich fiele, was würde aus
den Liebesbriefen, die ich zu bestellen habe, aus den Seufzern, die ich
affektiren, aus den Vermummungen und Händedrücken, die ich am stillen Abend
effektuiren soll? Parbleu, Herr von Wandel, wissen Sie, dass Sie mir einen
Kriminalprozess auf die Schultern laden? Das wird ja eine Halsbandgeschichte. Wie
die La Mote können Sie mich an den Pranger stellen. Solche Komödienfarcen en
vue und ich soll glauben, dass Sie an den Rand der Ewigkeit denken!«
    »Ce ne sont que des services d'amitié. Nichts von Eigennutz.«
    »Eigennutz, ein abscheuliches Wort, wo wir nur des intérêts kennen. Von
Interessen und Nutzniessung ist die Rede, est-ce qu'on parle d'un mariage -! Und
warum einem Fremden, dem Rittmeister, ein Glück aufdringen, und mit dreifacher
Anstrengung, was Sie mit halber Anstrengung selbst geniessen könnten! Und eine
beauté sans pareille pour s'amuser, und ein Leierkasten, den man nur zu stimmen
braucht, und er flötet Liebeslieder, wie Sie wollen von Dur bis Moll. Warum denn
nun für einen Dritten ihn stimmen. Ein Götterspass, ein solches Weib für sich
schmachten lassen, nachlaufen, unsre Schulden bezahlen; um einen freundlichen
Blick abzustehlen, in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen, um sich
zu erkundigen, warum wir uns so lange nicht sehen liessen, ob wir unpässlich
sind, grollen? Denken Sie sich, sie zündet Ihnen die Pfeife an. Ist das nicht
auch für die Phantasie eines Deutschen ein entzückender Gedanke!«
    »Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes!«
    »Alt wie die Welt ist das Vergnügen. Etwas jünger vielleicht die Kunst, es
sich so pikant zu machen, als möglich.«
    Der Legationsrat nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus
der Hand: »Schiessen Sie nicht nach Krähen, wo es eines Menschen Leben gilt.
Vicomte, ein guter Jäger schiesst nur auf ein bestimmtes Ziel, Dilettanten feuern
auch nach Sperlingen. - Halt! sie kommen.«
    Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf. Ein Reiter sprengte in gestrecktem
Galopp heran. Er winkte ihnen schon von fern.
    »Das ist nicht der Rittmeister; er ist in Civil.« -
    »Wenn ich recht sehe,« sprach Wandel, »sein Neffe, der Kornet.« -
    »Machen Sie sich aus dem Staube, meine Herren!« rief der Reiter. »Wir sind
abgefasst. Schon vorm Jagdschloss. Alles verraten.«
    »Ich fliehe nicht.«
    »Wie es Ihnen beliebt. Bovillard wird nach der Stadt gebracht. Ich fürchte
mein Oheim auch. Ich schwenkte, ehe sie mich erkannt, um Sie zu avertiren.«
    Der Vicomte sah den Legationsrat fragend an, als der Reiter bereits in der
Schonung verschwand.
    »Packen Sie die Pistolen ein, wenn's Ihnen beliebt, wir fahren -«
    »Nach Sachsen?«
    »Nach der Stadt. Dem Schicksal, das meinen Gegner trifft, werde ich mich
nicht entziehen.«
    »Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen; je nachdem -«
    »Sie sind frei, Herr Vicomte. Ich überliefere mich der Behörde.«
    Der Wagen war noch nicht vorgefahren, als eine andere leichte Jagdchaise
heran rollte. Der Rittmeister sprang heraus, ein Zeuge und ein Wundarzt folgten.
    Man erfuhr, was eigentlich keiner Verständigung mehr bedurfte. »Aufgeschoben
ist nicht aufgehoben,« tröstete der Rittmeister. »Und wozu hilft eine
Untersuchung, mein Herr, auf die Sie dringen, wer eine Unbesonnenheit und gar
einen Verrat beging. Die Polizei gibt ihre Quellen nicht an.«
    »Aber wie begnügte man sich damit, den einen Duellanten zu verhaften, warum
suchte man nicht den andern? Verdanke ich das etwa Ihrer Güte, mein Herr
Rittmeister?«
    »Nur Ihrer eigenen Position,« sagte der Rittmeister, sich offiziös
verbeugend. »Wir wussten ja nicht, mit wem wir die Ehre hatten. - Ausdrücklich
ist Herr von Bovillard verhaftet worden, weil er sich eine Tätlichkeit und
Herausforderung gegen eine diplomatische Person zu Schulden kommen lassen,
welche in expressen Angelegenheiten ihres Souverains in Berlin war. Wegen
Verletzung des Völkerrechts.«
    Der Attaché sah verwundert auf seinen Begleiter, während der Rittmeister ein
höhnisches Lächeln kaum unterdrücken konnte.
    »Wäre es möglich,« rief Herr von Wandel, leicht an die Stirn schlagend. »Ich
bin allerdings auch hier so zu sagen im Charakter eines Envoyé, um die
Beschleunigung einer Prozessangelegenheit zu versuchen. Indes wer konnte das
wissen, und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle. Der Fürst -«
    »Von Benteim-Schlotz-Baben-Oberstein,« sagte der Rittmeister.
    »Der zu mediatisiren vergessen ward!« lachte Herr von Marvilliers auf. »Was
hat denn der hier für Geschäfte, wenn er nicht inzwischen mediatisirt ist!«
    »Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes, in die wir kein
Recht haben, einzudringen,« sagte der Rittmeister. »Die indes unserem Freunde
einige Wochen Haft kosten werden. Was man nicht alles der Diplomatie verdankt!«
setzte er hinzu, auf den Wagen springend.
    Beim Heimwege war der Legationsrat verstimmt. Der Attaché konnte es nicht
unterlassen, ihn als Kollegen zu railliren. Er hatte herausgebracht, dass die
Angelegenheit des Fürsten von Benteim-Schlotz-Baben-Oberstein keine andere sein
könne, als den Erlass der Transitosteuer wegen tausend Kruken
Schloss-Baben-Obersteiner Mineralwasser, welche bei der Accise mit Beschlag
belegt worden, zu erwirken. Wer aber konnte sich für das Mineralwasser und die
unangetastete Ehre seines Negocianten so lebhaft interessiren, dass er, um ihn zu
retten, das Duell der Polizei denunzirte - wer anders als die Geheimrätin
Lupinus.
    »Sie haben ganz Recht,« sagte der Legationsrat, als er auf dem
Gensd'armenmarkt halten liess und ausstieg, »ich gehe auch eben, um ihr zu
danken, oder zu zürnen.«
    Aber der Legationsrat bog nur scheinbar in die Jägerstrasse ein, als der
Wagen weiter rollte. Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstrasse
nach den Linden, wo er im Hotel der Fürstin Gargazin verschwand.
    Die Fürstin schrieb an ihrem Sekretär an mehreren Briefen, für welche die
Boten warteten. Niemand sollte gemeldet werden, der Legationsrat ward aber
dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und
sogleich empfangen.
    Sie hatten ein langes Zwiegespräch. Die Fürstin schrieb, was Wandel
diktirte: »Das Uebrige war mir schon heut Nachmittag bekannt,« sagte sie.
»Buxhövden ist fort, aber die Depesche wird ihn überholen. Wir sind also für
heute quitt.« Beim Abschied drückte er ihre Hand an die Lippen und verschwand
auf dem Wege, den er gekommen.
 
                          Fünfunddreissigstes Kapitel.
                            Gehen Sie nach Karlsbad.
»Ruhe!« sagte der Minister.
    Ein andrer als der, welchen wir in seinem Tuskulum gesehen. - Trug der hohe
stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband, so gehörten sie doch zu dieser
Miene, dieser Frisur, dieser Gestalt, wie dazu geboren. Das Wort Ruhe, das er
zum Geheimrat Bovillard gesprochen, passte ebenso zu der ganzen Erscheinung des
im Vollgefühl seiner Würde aufrecht dastehenden Nannes, ein König in seinem
Zimmer.
    Bovillard lehnte sich, den Hut in der Hand, in die Fensterbrüstung. Er war,
im Gehen begriffen, nur noch durch eine Wendung des Gespräches zurückgehalten.
Am Tische blätterte der Rat von Fuchsius in einer der aufliegenden
Druckschriften, die er später in die Tasche steckte.
    »Die Oesterreicher konzentrirten sich zwischen Ulm und Memmingen,« sagte er,
durch eine Bemerkung im Gespräch der Beiden dazu aufgefordert. »Nach den letzten
Nachrichten aber nicht in einer Stärke, um einen Angriff wagen zu können. Sie
warten offenbar auf Kutusow und die Russen, die von der Donau her kommen sollen
-«
    »Wenn Napoleon ihnen Zeit lässt,« fiel Bovillard ein.
    »Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen,« sagte der Minister.
    »Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen,« warf der Geheimrat hin.
    »Buxhövden ist eben so unverrichteter Dinge abgereist wie vor ihm Duroc.«
    »Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbstständigkeit an,«
bemerkte der Rat.
    »Sie meinen, weil wir Alle vor den Kopf stossen, und Keinen zum Freunde
behalten.«
    »Ei, Herr von Bovillard, von Ihnen das!« sagte der Minister. »Ist das jetzt
auch Lombards Meinung? - Haugwitz war freilich beim L'hombre neulich ganz
konsternirt. Aber er leidet am Magen.«
    »Excellenz, ich muss gestehen, die Sachen wachsen mir über den Kopf. Eine
Bewegung wie eine Völkerwanderung. Und wir so ganz allein in der Mitte!«
    »Sollen wir darum auch wandern!«
    »Napoleon lässt seine Truppen von Bologne und vom Rhein heranrücken. Marmont
führt sein Korps von Mainz her, Wrede eins von der obern Donau, Davoust aus
Schwaben. Das ist genug um die Oesterreicher zu erdrücken. Und nach Allem, was
man aus Paris schreibt, genügt es ihm diesmal nicht, seinen Feind zu schlagen,
er will ihn vernichten. Sie studirten vorhin die Karte, sind Sie nicht der
Ansicht, Herr von Fuchsius?«
    »Wenn die Russen nicht zu ihm stossen, sei Mack geliefert, war Herrn von
Eisenhauchs Meinung. Napoleon développirt Kräfte wie nirgend zuvor.«
    »Kann er nicht,« warf der Minister ein.
    »Wer hindert ihn?«
    »Wir. Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover. Lassen wir ihn nicht
durch, so ist Bonaparte ohne ihn nicht stärker, als die Oestreicher.«
    »Und wenn er nun doch stärker wäre!« rief Bovillard.
    »So lasst sie sich die Köpfe zerschlagen. Wir haben Profit tout clair.«
    »Wenn aber Napoleon unsere Neutralität nicht respektirt!«
    »Lassen wir die Russen durch. Sie sind doch sonst ein so ruhiger Mann.
Alteriren Sie die Vorwürfe, die man Herrn Lombard macht? Oder kümmert Sie Ihr
Sohn? Das ist ja nun auch abgemacht.«
    »Ich weiss nicht, Excellenz, es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft.«
    »Gehen Sie nach Karlsbad. Zwei Becher Sprudel täglich, nachher drei. Drei
Wochen lang. Ist Alles vorbei, ist Alles nur Imagination.«
    »Excellenz mögen recht haben,« sagte Bovillard, sich zum Gehen anschickend.
»Nochmals meinen Dank, dass Sie sich meines fils perdu angenommen.«
    »Nicht der Rede wert. Aber, wie gesagt, fort muss er, wenn er abgesessen
hat. Leidet auch an Imaginationen. Die Reden, die er führt, sollen ja exekrabel
sein.«
    »Er hat sie nicht von mir.«
    »Assurément! Aber eben darum. Ist für Sie selbst am besten.«
    »Gewiss! aber wie?«
    »Ihr Herr Sohn,« sagte Fuchsius benimmt sich diesmal weit gefasster im
Gefängnis, »ja er hat selbst erklärt, es wäre ihm lieb, Berlin und Preussen auf
immer zu verlassen.«
    »Charmant!« sagte der Geheimrat. »Aber wohin? Wenn wir Kolonien hätten!«
    »Wenn wir die hätten!« sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf
Bovillards Schulter. »Dann wäre Vieles besser. Das waren die Herren von der
Teorie unter den vorigen Königen! Gestehen Sie mir, Geheimrat, ist das ein
kluger Staatsmann, der eine Domaine, weil sie nur tausend einbringt und er
hoffte eine Million, der sie darum für 'nen Spottpreis fortgibt! Brauchten wir
unser Korn, Holz den Engländern zu verkaufen, uns von ihnen Preise machen
lassen? Müssten wir noch von ihren Kolonialwaaren nehmen? Hätten wir Not, wo
unsre schlesische Leinwand lassen? Brauchten wir Russland zu bitten, wie neulich,
unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen! Kolonien, Herr
Geheimrat, und wir schafften unsre Verbrecher hin, unsre Rohprodukte, unsre
Fabrikwaare, Ihren Herrn Sohn auch, wir machten allein die Preise, und die
Kolonisten müssten kaufen und bezahlen. Wenn das wäre, könnten wir doppelt
lachen über die Kalamitäten um uns her; wir können es aber auch so. Sie schlagen
sich, plündern, brennen, verwüsten, und wir kultiviren unser Land, protegiren
unsere Fabriken. Dann halten wir Markt und machen auch die Preise. Wie steigen
jetzt schon unsre Güter mit den Friedensaussichten! Wissen Sie, was man mir für
Schöneichen geboten hat? - Der Herr van Asten in der Spandauerstrasse möchte es
gern. Will das Holz schlagen lassen, Brettermühlen anlegen; aber ich lasse es
ihm nicht. A propos « - der Minister zog den Geheimrat bei Seite und sprach
leiser - »kennen Sie den van Asten?«
    »Er gilt für einen sehr respektablen Mann.«
    »Ja, ja, aber das intus! Er hat viel in französischen Weinen gemacht. Seit
dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich teuer. Will nun in Brettern
hinmachen und in Wein retour. Entre nous soit dit, warum soll man den Vorteil
nicht mitnehmen! Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die
Bretter zu Geld machen, oder auch zu Wein. Wein im Keller ist baares Geld.«
    »Und der Wein aus Excellenz Kellern unter Freunden doppeltes Geld wert.«
    »Also Sie meinen, man kann ihm trauen? Aber Schöneichen lass ich ihm jetzt
nicht. Wissen Sie, wie hoch es der Legationsrat taxirt?«
    »Herr von Wandel ist ein Kenner.«
    »Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen, an die kein Mensch gedacht. Hat sich
auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn, seine sogenannte diplomatische
Qualité ganz desavouirt.«
    »Von einem so edel gesinnten Manne konnte ich es erwarten.«
    »Er meinte, ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise, etwa durch
einen Courierritt nach Petersburg oder Madrid entfernen könnte? Was meinen Sie
dazu? Können's ja mit Lombard abmachen.«
    »Ich will darüber nachdenken.«
    »Reiten ist sehr gut. Treibt auch das finstre Blut aus. Sollten auch reiten,
Geheimrat, Ihr Embonpoint - aber besser, wie gesagt, ist Karlsbad. - Haben Sie
solche Eile?«
    »Zu Herrn von Wandel, dem ich noch meinen Dank schulde. Man trifft ihn so
selten zu Hause.«
    »Verschliesst sich auch viel in seinem Laboratoire.«
    »Oder bei der Lupinus,« lächelte Bovillard.
    »Inklination!«
    »Wer hätte das denken sollen!«
    »De gustibus - wissen Sie. Ueberhaupt was der Mann prästiren kann! Sagt mir
der Präsident vom Pupillenkollegium, tagelang sitzt er in der Registratur ohne
Refraichement.«
    »Was macht er denn da?«
    »Liest die Akten durch. Ich habe ihn empfohlen.«
    »Wozu die Pupillenakten?«
    »Was der Mann sich für Agrikultur interessirt!«
    »Der Grund und Boden der märkischen Güter ist doch nicht in den
Pupillenakten verzeichnet.«
    »Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements. Sie glauben nicht, wie
merveillös er im Diviniren ist. Aus einer Gutsrechnung, was an Gerste, Korn,
Weizen gewonnen ist, zu welchen Preisen das Holz fortging, wie viel Torf
gestochen ist, daraus macht er Schlüsse, zum Etonnement. Sein Kopf ist voll
Verbesserungspläne für unsere Landwirtschaft.«
    »Um so mehr zu bedauern, dass Haugwitz einen Degout gegen ihn hat. Was könnte
er im Staatsdienst nützen!«
    »Hat er den Gout dafür?«
    »Der kommt von selbst, wenn man unter Ministern wie Excellenz arbeitet.«
    »Ich ästimire ihn sehr. Hat geniale Gedanken, zum Beispiel über
Schafzüchterei. Wie ich mich mit meinen Bauern separirt habe, das möchte er
allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen. Hat mir eine Rechnung aufgemacht,
wie viel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frohndiensten. Ich
versichere Sie, die Augen gingen mir über -«
    »Vor Freude, dass Ihr Genie ein so glückliches Arrangement getroffen. Die
Bauern sind gewiss auch zufrieden. -«
    »Sie wissen, wie Bauern sind.«
    »Aber das Publikum verehrt Excellenz als einen Wohltäter der unterdrückten
Menschenklasse, und als der Staat für Ihre Verdienste Ihnen Schöneichen
schenkte, hat er nicht daran gedacht, dass es so viel mehr wert war, als
Excellenz daraus gemacht. In der Taxe, die Seiner Majestät damals vorgelegt
wurde, war es ja wohl nur geschätzt auf -«
    Der Minister unterbrach ihn: »Ich ästimire, wie gesagt, Herrn von Wandel
sehr, indessen -«
    »Seine Relationen mit der französischen Ambassade?«
    »Was kümmert mich das! Möchte er den Türken dienen oder wem draussen. Aber -«
    »Haugwitzs Abneigung -«
    »Kümmere ich mich um Haugwitzs äussere Affairen! Was braucht er von meinen
inneren zu wissen! Auch solche modernen Ideen! Jeder Minister trägt Seiner
Majestät vor, oder lässt vortragen, was er für nötig hält, im übrigen Herr in
seinem Departement, und kümmert sich nicht, was ein anderer Minister will und
denkt, oder nicht will und nicht denkt, und wenn ich Jemand anstelle, der
Haugwitzs Pläne kontrekarriren oder Lucchesini vergiften wollte, das ginge doch
nur mich an, ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht. Also 's
nicht um Haugwitz noch um irgend Jemand.«
    »Dann wüsste ich in der Tat nichts, was man Herrn von Wandel vorwerfen
kann, als dass er keine Diners gibt. Gewisse Personen choquirt das allerdings.«
    »Er hat nicht von unten auf avancirt. Verstehen Sie mich wohl, was ich damit
meine. Kann das Hereingeblasene nicht leiden. Der Pli muss durch die Schule
kommen. Es ist mir nicht sowohl um die Examina, denn wäre er von guter, ich
meine von sicherer Extraktion, so - aber - die Familie Wandel, sie mag sehr
respektabel sein, je n'en doute pas, indessen im Rüxner und in Kaiser Caroli
Landbuch finden wir keinen Wandel. Comprenez-vous? Wie gesagt, ein genialischer
Mann, sehr unterrichtet, generös - ich werde ihn morgen zu Tisch einladen.«
    Die Einladung war die Entlassung, oder der Wink zum Gehen für Bovillard.
    An der Türe winkte ihn noch ein A propos zurück. Der Minister ging dem
Rückkehrenden noch um einige Schritte entgegen, und mit einem faunischen
Augenblinzeln flüsterte er in einem Tone, zwischen Herablassung und Kordialität:
»A propos, Herr Geheimrat haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt
bei St. Real?«
    »Verstandesspiele, Rekreations in der Gewitterschwüle,« entgegnete Bovillard
und war hinaus.
    »Wer war denn das im Vorzimmer?« fragte er, als Fuchsius ihn noch im Flur
des Hotels einholte. »Die Physiognomie muss ich schon gesehen haben.«
    »Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten.«
    »Der! - Ist ja ein Genie. Was will der beim Minister?«
    Fuchsius zuckte die Achseln: »Was eigentlich, weiss ich nicht. Vielleicht
eine Anstellung.«
    Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister, der in Gedanken versunken ihn
nicht sah. Der Rat blickte ihm nach:
    »Ob es nicht Pflicht wäre, dieser Puppe den Staar zu stechen, dass er sähe,
an welchem Draht er gezogen wird. Es ist doch eine Natur in ihm!«
    Er hatte es unwillkürlich halb laut gesprochen. Der Major Eisenhauch, der
hinter ihm gekommen, klopfte ihm auf die Schulter: »Lasst die Puppen noch eine
Weile nach der Drehorgel tanzen. Der Blitz züngelt schon, der die Drähte
schmelzen wird, alle mit einem Schlage. Dann lasst uns sehen, was auf dem
Resonnanzboden fällt, was steht!«
    »Ihre Augen glühen.«
    »Die Wolken rollen; das Gewitter muss sich entladen. Abermaliger Aufschub ist
unmöglich. Die zuverlässigsten Nachrichten,« sagte er leiser und sich vorsichtig
umblickend, »kamen eben an. Napoleon darf, kann, wird die Oesterreicher an der
Donau nicht eher angreifen, als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stösst. Er
darf keinen Umweg nehmen, die Stunde brennt, Napoleon muss schnell zuschlagen,
bevor die Oesterreicher sich verstärken; Bernadotte muss also durch die
fränkischen Lande, um zur Stunde zu kommen. Wissen Sie, was es heisst, wenn
Napoleon sagt, es muss sein?«
    »Wenn doch ein Mensch bei uns dies Muss ausspräche!« stöhnte der Rat.
    »Wo die Menschen zu schwach sind, donnern die Umstände. Er wird die
Traktaten verletzen, er wird durch preussisches Gebiet brechen und wir -«
    »Was werden wir tun?«
    »Wenn noch ein Funke preussischen Mutes ist, zündet er und die Mine springt.
Sie zweifeln noch! - Sie glauben, auch diesen Hohn könne unsre Langmut dulden!
Herr, ich schelte Sie einen Hochverräter an sich selbst. Ich hoffe, auch
Haugwitz lässt seine L'hombrekarten fallen; auch Lombard blitzt es in einem
lichten Momente, dass er eine dupe war. Wer nicht! Oder wäre der Nerv schon
ausgezogen diesem eisernen Volke, Glanz und Elasticität diesem
Herrschergeschlechte, jene Wunderkraft, die dies Reich aus einem Nichts
geschaffen, wäre lungenkrank im letzten Stadium!«
    »Sei unser Genius wach!«
    »Und wir auf sein Kommando! Darauf kommt es an.«
    »Stein ist fest. Er wird auf Hardenbergs eben so feste Unterstützung rechnen
dürfen.«
    »Keiner darf ruhen, wir müssen einheizen, schüren, Jeder an seiner Stelle.
Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht. Keine Parteimeinungen mehr,
Civil und Militär, die traurige Spaltung muss verschwinden. Die Prinzen
unterstützt! Die Königin! Vor allem Prinz Louis! Die Regimenter angejubelt auf
der Parade beim Marsch. Haben wir denn keine Kriegslieder, keine Dichter! Auf
dem Teater Stücke, die das Blut entzünden! Wozu haben wir Federn, Papier,
Druckerschwärze, Zeitungen, wenn sie nur da sind um Rätsel und Anekdoten zu
drucken. Das wäre das Mittel um Blitze -«
    »Sie vergessen -«
    »Die für die Gebildeten schreiben! Ins Volk die Blitze geschleudert! Das
gilt es. Hass, Grimm muss die Massen durchwühlen, Rachewut zum Opfermut werden.
Erfinde man Greuelgeschichten, wenn die wirklichen noch nicht zünden, vom
Franzosen-Übermut, von Schande und Schändungen, Erpressungen, Hohn und
Höllenlust; diese Dichtung ist heilig, es gilt ja das Volk, nicht uns. Ihm sein
Alles zu retten, seine Sitte, Sprache, Geschichte, selbst sein eigenes Leben,
seine Zukunft. Denn alles das steht auf dem Spiel, nicht wenn wir geschlagen
werden, wenn wir nicht schlagen. Wir gehn unter in uns, und vor uns selbst. Wem
dies Schrecklichste der Schrecken klar ist, der kennt keine Rücksichten mehr.«
    Während Fuchsius auf der Strasse seinen Freund bitten musste, sich zu
mässigen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stand Walter van Asten vor dem
Minister. Wenn er mit Feuer gekommen war, verloderte es vor dem aufrechten Mann,
der ohne eine Miene zu verziehen seine Anrede angehört hatte. Er war ins Stocken
geraten, er hatte wenigstens nicht das gesagt, nicht alles, was noch auf der
Schwelle zum Hotel, noch im Vorzimmer in seiner Brust, ein wohlgeordneter Strom
der Ueberzeugung, fertig lag.
    »Was wollen Sie eigentlich?« sagte der Minister.
    »Ich habe es in der Druckschrift, welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte
um diese Audienz beilegte, dargelegt.«
    »Ich lese nichts Gedrucktes,« sagte der Minister.
    Es war ein kalter Blitzschlag. Aber er zündete in Walters Brust. Eine Pause,
dann verbeugte er sich:
    »So bitte ich um Verzeihung, dass ich an die unrechte Stelle mich wandte.«
    Walter hatte übersehen, dass der Olymp, aus dessen Wolken der Blitz kam,
seine Stirn nicht kräuselte. Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich. Er
gab nicht das Zeichen zur Entfernung. Nach einer neuen Pause kam aus denselben
Lippen dieselbe Frage:
    »Was wollen Sie eigentlich?«
    »Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen.«
    »Sie sind der Sohn von van Asten und Compagnie?«
    »Zur Compagnie gehöre ich nicht.«
    »Ein respektables Haus. Macht nur in Geschäften, die es versteht.«
    Abermals eine Pause, und noch kein Zeichen der Entlassung. Aber der Olymp
bewegte sich. Die Hände auf dem Rücken, ging der Minister einige Mal auf und ab:
    »Der Tausend noch mal, wie kommen Sie denn zu dem Zeug!«
    Also hatte er sich doch vortragen lassen, von Jemand, der Gedrucktes las.
Der Schluss war richtig, und Waltern, ich sage nicht der Mut, aber die Lust
zurückgekehrt:
    »Weil ich in Euer Excellenz den Mann erkannte, welcher durch die Tat dem,
was notwendig wird, vorausgekommen ist. Sie sind es, der mit seinen Bauern sich
gesetzt hat, der ihnen Freiheit, Eigentum zurückgab, Sie der erste, der dies
glänzende Beispiel -«
    »Ach also darum!« unterbrach der Minister. »Ich glaubte von wegen Ihres
Vaters -«
    »Nein, weil Excellenz erkannt, wo uns der Schuh drückt, weil Excellenz
erkannt, dass diese Säule, auf welcher der germanische Staat ruht, der
Bauernstand, kein Helotenstand länger bleiben darf -«
    »Ja, ja, ja, also darum!« wiederholte der Minister ihn unterbrechend, und
nahm eine Prise, vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit, jedenfalls eines, dass
er fürs erste nichts weiter hören wollte. - »Was geht Sie denn der Bauernstand
an? Sie haben doch keine Güter.«
    »Erlauben Sie mir zu fragen, was ging er Excellenz an -«
    »Weil meine Bauern faules Volk sind, weil der Meyer sie aus dem Kruge
treiben musste, weil mein Inspektor gut rechnen kann, und mir wie's Ein mal Eins
bewies, dass die Frohnarbeit uns teurer zu stehen kam, als der Tagelohn, weil
ich meine Aecker durch die Bauernäcker arrondirte, die sie mir als Abkaufssumme
hergaben, weil ich ein guter Landwirt bin, und sie zweimal besser nutze als
sie, weil ein grosser Complex sich besser bewirtschaftet als ein kleiner. Darum
mein junger Herr -«
    »Und wenn auch nur diese, gelten diese Gründe nicht für Alle!«
    »Was gehn mich die Andern an! Fege Jeder vor seiner Tür, und wer sich im
Mist betten will, warum soll ich's hindern!«
    Walters Brust hob, seine Lippen öffneten sich, der vorhin unterdrückte Strom
der Rede floss heraus in kurzen, schlagenden Sätzen, und die Excellenz hatte die
Güte ihn nicht zu unterbrechen. Sie beschäftigte sich, einen Fleck auf ihrer
Emaildose abzuwischen. Er hatte gesprochen; das Was wissen wir schon, oder wir
erfahren es noch. Da war der Fleck wirklich gereinigt und der Minister sagte
recht freundlich:
    »Eine hübsche Elaboration. Wenn Sie das geschrieben hätten, könnte man's ad
acta nehmen. Aber Drucksachen, das ist nichts; es schickt sich nicht für einen
Geschäftsmann. - Was wollen Sie nun eigentlich, ich meine Sie für sich?«
    »Ich leugne nicht, Excellenz, wenn diese Ansichten vor unsern Staatsmännern
Eingang finden, und man an die Ausführung ginge, dass ich mich wohl befähigt
fühlte, mit Hand anzulegen. Ich würde eine Freiheit opfern, die ich mir lange
als ein köstliches Gut bewahrt, und würde gern eine Anstellung annehmen.«
    »Sehn Sie, das lieb ich, das ist vernünftig gesprochen. Sie gehn auf eine
Anstellung aus, um das Uebrige kümmern Sie sich nicht.«
    »Dies dürfte doch von meiner Ansicht differiren.«
    »Drauf kommt es nicht an. Wird Ihren Vater sehr freuen. Ist ein braver Mann,
und wird es Ihnen an Unterstützung nicht fehlen lassen, wenn ich ein Wort
einlege. Denn Unterstützung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen. Die grosse
Karriere, die geben Sie natürlich auf, haben ja nicht Cameralia studirt. Und die
Examina! Schadet nichts. Das von unten Anfangen ist das solideste. Erst in der
Kanzlei ein Jahr, höchstens ein paar als Kopist. Dann machen wir einen Versuch
mit dem Expediren, Sekretair! An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter
Conduite nicht fehlen« - lächelte der Minister - »dann Geheimsekretär,
Kanzleiinspektor!«
    Der junge Mann stand sprachlos da.
    »Der Kriegsrat Alltag, sehn Sie dessen Karriere! Noch nicht voll sechszig
und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrat, und Sie wissen noch
nicht, was er noch wird. Aber nun etwas, mein junger Herr, die Flausen lassen
Sie aus dem Kopf. Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten. Wenn's
auch mal falsch wäre, nie den Mund aufgetan. Sie wissen nicht, warum sie's
falsch machen. Keine Sylbe mehr gedruckt, das versteht sich von selbst. Wenn Sie
Bücher lesen müssen, tun Sie's für sich. Nötig ist's nicht. Stört immer im
Dienst. Gelehrte sind schlechte Officianten. Und« - der Minister fasste mit
holdseliger Miene den Knopf seines Rockes - »und am Kopistentisch sollen Sie
nicht zu lange sitzen, Sie schreiben ja eine saubere, präzise Hand, habe mich
wirklich gefreut, die Grundstriche so grade und voll. Daran sieht man den
Charakter. Da dispensiren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre!«
    Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wieder gewonnen:
    »Gerührten Herzens habe ich Ew. Excellenz gütige Intentionen vernommen, die
ich wohl nur der guten Meinung verdanke, welche Excellenz für meinen Vater
hegen. Da aber meine Ansichten von der Art, wie der Staat die Kräfte seiner
Bürger nutzen muss, von der Ansicht Deroselben abweichen, so glaubte ich unrecht
zu tun, wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung Solchen entzöge, welche williger
und befähigter zu den Diensten sind, für die ich meinen Willen und meine Kraft
unausreichend bekennen muss.«
    Der Minister sah ihn weder verwundert, noch erzürnt an. Er liebte
wohlgesetzte Kanzleiphrasen. Dann nickte er ihm freundlich Abschied.
    »Also Sie wollen nicht. Grüssen Sie Ihren Vater von mir und gehn Sie nach
Karlsbad, lieber Herr van Asten. Nach Karlsbad sage ich Ihnen. Wenn wir alle
Staatsverbesserer dahin schicken könnten, würde es mit unserem Staate besser.
Nicht nach der Festung, dafür bin ich nicht. Simpel nach Karlsbad, drei Becher
täglich am Sprudel, die gehörige Promenade darauf, drei Monat und wir hätten
Ruhe im Lande.«
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel.
                  Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften.
»Der Herr Geheimrat sind nicht zu Hause -« »Der Herr Geheimrat erteilen heute
keine Audienz« - lauteten die verschiedenen Antworten, mit denen der
Kammerdiener die verschiedenen Personen, welche in der Wohnung des Geheimrats
Bovillard nach ihm fragten, abgewiesen hatte. Auch Herrn von Fuchsius war
dasselbe begegnet, »wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschäften.«
    Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschäften war der Rat immer zugezogen.
Der Diener zuckte lächelnd die Achseln: »Herr Geheimrat haben heut express
befohlen keine Ausnahme zu machen -« Fuchsius sah aus dem Torweg den Wagen des
Ministers fahren: »Wenn die entsetzlichste Ratlosigkeit wirklich zum Rat - und
wenn sie zur Tat führte!« sprach er aufseufzend. »Es ist spät, aber doch
vielleicht noch nicht zu spät!«
    »Excellenz waren nicht aufgelegt,« bemerkte der Kammerherr von St. Real in
der kleinen Hinterstube, wo sich die Konferenz versammelt hatte.
    »Leidet am Magen,« sagte Bovillard mit dem moquanten Lächeln, das seine
Freunde kannten, wenn er die Worte eines nicht gegenwärtigen Freundes citirte.
    »Am Magen?«
    »Excellenz halten nicht Diät. Mischen zuviel, Trüffelwürste und Rhabarber,
Sonnenaufgänge und nächtliche Promenaden, Tugend und Tänzerinnen -«
    »Die auswärtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und
Rüben.«
    »Wir sind indes, meines Wissens, nicht hier wegen der affaires éntrangères,«
bemerkte der Kammerherr.
    »Mais qu'est-ce qu'on peut faire, mon ami, wenn der Leiermann vor der Tür
von Morgen bis Abend sie abgeorgelt, Hardenberg mit so schönem Discant singt und
Lombard und check und Voss, und dazwischen brummt der Bass des Herrn von Stein,
und Johannes Müller zwitschert, und Herr von Massenbach gibt seine
unmassgebliche Meinung, und Luchesini räuspert sich, und Rüchel trommelt und
Prinz Louis schmettert mit Trompeten, und seine Schwester und die Prinzess
Mariane accompagniren mit Jeremiä Klagegesang. Da bleibe ein vernünftiger Mensch
unafficirt! Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus
Urania, die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probirt, und
wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrüstung steht,
den sie auf den Monstrepilz bei Gelegenheit werfen will.«
    »Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern, dass er nie ein
Admirateur der Venus Urania war.«
    »Offenherzig, ich halte es mit dem edlen Schiller, - der ist nun auch todt,
alles Edle stirbt, meine Freunde, - als er sang:
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte
Venus Amatusia!«
    Der Dritte im Bunde, der kein anderer war als der Legationsrat Wandel,
meinte, er könne die Besorgnis nicht teilen, so viel er wisse, sei doch gestern
beschlossen: der König wolle, die besondere Lage seiner fränkischen Lande
erwägend, jeder der kriegführenden Mächte den Durchzug gewähren. Damit schiene
denn doch alles ausgeglichen, und die äusseren Angelegenheiten dürften dem
excellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfbrechen mehr verursachen.
    »Gestern, Teuerster! Aber heute nicht mehr. Man hat angeführt, das verrate
Schwäche. Darum wollen wir heute Stärke verraten, und erklären, dass wir Niemand
durchlassen. Brauchen uns aber darum nicht zu änstigen, morgen haben wir uns
wieder anders besonnen, und lassen durch. Dieser Durchlass nun liegt Christian im
Magen, ein Aderlass an seinem Humor, und darum lief er fort, ehe wir anfingen.«
    Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem, wie zum Spott, für
vier Personen vier Aktenhefte, Papier und Federn lagen; das wichtigere
Aktenstück oder Corpus delicti stand unter dem Tische, der Champagnerkorb. »Von
nun an wird Niemand wer es sei, eingelassen,« rief Bovillard, als der
Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt. »Also, meine Herren, wir
standen bei Artikel zwei -« rief er noch mit einer Stimme, welche der abtretende
Diener im Nebenzimmer hören konnte. Als die äussere Tür zuklang, erhob sich der
Flaschenkorb, ein Pfropfen knallte gegen die Decke und drei Gläser stiessen gegen
einander: »Auf guten Fortgang!«
    »Der scheint gesichert,« sagte Wandel.
    »Und wir verdanken ihn, was ich als Präsident hier auszusprechen mich für
verpflichtet halte, insbesondere der unermüdlichen Tätigkeit unseres teuren
Kollegen. Herr Legationsrat von Wandel, wiewohl gleichsam als Experter
zugezogen, hat sich doch der Sache als Amateur angenommen. Gehen wir demnächst
zur Sache über. Wir standen also -«
    »Ich erlaube mir, ehe wir fortfahren, eine präjudicielle Bemerkung,« hub der
Kammerherr an. »Ich weiss für gewiss, dass der französische Gesandte von unseren
Verhandlungen Kenntnis hat. Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines
Kanzleibeamten demselben ein Aktenstück in die Hände gespielt sein? Wenn dem so
wäre, erlaube ich mir, bei unsern würdigen Herrn Präsidenten den Antrag auf
strengste Recherche deshalb.«
    »Das Kollegium hat den Antrag vernommen,« sagte Bovillard. »Ich muss
präjudiziell bemerken, dass ich dagegen stimmen werde. Wenn das Kollegium
erlaubt, erkläre ich meine Gründe. Pro primo haben wir keine Aktenstücke, denn
es ward nichts geschrieben, logischer Schluss: sie können nicht abgeschrieben
werden. Pro secundo haben wir keine Kanzlei, was nicht ist kann keine
Indiskretion begehen, pro tertio würde eine solche Untersuchung den Verdacht der
Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii
werfen, was wir aus besonderen und höheren Rücksichten vermeiden müssen. Herr
Kollege von Wandel wünscht uns seine Ansicht mitzuteilen.«
    »Was das Faktum anlangt,« sagte der Legationsrat, »so muss ich dem geehrten
Kollegen von St. Real beistimmen. Laforest weiss es; aber was folgt daraus? -
Laforest weiss Alles. Warum sollte er dies nicht wissen. Wer es ihm zuträgt, -«
    »Vermutlich der Champagnergeist,« rief Bovillard, sein Glas füllend, dass
der Schaum über den Rand stieg. »Landsleute plaudern gern weiter!«
    »Aber es schadet unserer Sache nichts. Diplomatische Berichte bleiben
versiegelte Geheimnisse, und wenn die Archive sich für Historiker lüften,
kümmert es keinen Lebendigen mehr. Ferner was Laforest weiss, weiss er nur für
Napoleon oder Talleirand. Beide werden unsre Pläne nicht kontrecarriren. Endlich
wenn das Geheimnis auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwjetzt hätte, was
ich nicht in Abrede stellen will, ist die Sache doch zu pikant, als dass der
ehrliche Finder den Verräter spielen sollte. Aus diesen Gründen, meine Herrn,
erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr, noch etwas Hinderliches,
und stimme, salve meliori, unmassgeblich über den Einwand hinweg zu gehen.«
    Der Präsident blickte, die Feder in der Hand, sich um. Es war einstimmiges
Conclusum. Der Wein fing an die Zunge zu lösen, und man warf den Curialstyl mit
den Akten in den Winkel.
    »Sie also tout à fait ébloui?« rief Bovillard nach dem Bericht des
Legationsrats.
    Der Kammerherr anerkannte mit gebührenden Lobsprüchen die Diligenz, welche
Herr von Wandel bewiesen, bestand indes darauf, dass die Baronin, wenn die
Schwadron vorübermaschirte, sich jetzt ostensibler am Fenster zeige. Es sei
zuviel gefordert, wenn sein Pflegebefohlener, der Amandus, sich jedes Mal
einbilden solle, dass der Kopf der Amanda hinter Balsaminentöpfen versteckt sei.
Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten;
er müsste ihn also dann und wann leibhaftig sehen, um im Glauben zu verharren.
    »Unser Operationsplan aber forderte Bedacht,« entgegnete Wandel. »Wir
mussten als Psychologen zu Werke gehen. Wer ist schwerer zu erobern? Sie oder
Er? Das war die Frage. Es galt eine Bildsäule zur Galatee zu erweichen, und aus
der Galatee eine Potiphar zu machen. Haben wir nur erst eine Madame Potiphar,
so ist doch keine Sorge darum, dass ein Gardekavallerie-Offizier den Joseph
spielen sollte. Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst - A
propos, warum ich Herrn Kammerhern so oft ersucht, der Amandus, Ihr Client, darf
nicht mehr den Knebelbart streichen.«
    Der Kammerherr versprach, dass es unterbleiben solle.
    »Sie haben auch gewiss schon eine kleine Entrevue in petto?« sagte Bovillard.
»Sie etwa im Negligee von ihm überrascht!«
    »Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes, wenn er im Gewinnen ist! Wer spielt
überhaupt ein gewagtes Spiel, wenn er durch aritmetische Progressionen zum
Ziele kommen muss! Der beste Zauber, meine Herren, ist, der sich selbst wirkt,
auf organischem Wege. Neugier und Eitelkeit operiren wunderbar in der Psyche des
Weibes. Die gespannte Erwartung entzündet die Phantasie. Um zu erfahren, ob es
so sei, wie ich angab, gab sie sich alle Mühe, den Amandus zu beobachten, und
entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr, als ein Mann mit seiner
roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann.«
    »Und die Uhr geht fort?«
    »Eine schlechte, die man jede Stunde anstossen muss. Sie geht so normal, dass
ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hülfe von draussen
wegwünsche.«
    Bovillard wiegte sich, beide Hände in den Seitentaschen, behaglich im Stuhl,
und fixirte schlau den Redner:
    »Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken sässe! Allen Respekt für seine
Intuitionen in die Psyche des Weibes, aber er weiss eben so gut, wie man Weiber
durch Weiber behandelt, und uns möchte er doch einbilden, dass wir seine
Agentinnen nicht kennen. In der Jägerstrasse hängt freilich ihr Agenturschild
nicht heraus, aber die Zwirnsfäden sieht man doch, mit denen sie ihre Mirakel
weben. Ueberhaupt, cher ami, wozu denn diese Mystères! Ist gar nicht Ihr Profit,
Legationsrat. An Talismänner und Wünschelruten glauben wir hier nicht, aber je
mehr zweibeinige Maschinen Einer für sich in Bewegung zu setzen versteht, ein um
so grösserer Wundertäter wird er für uns.«
    Auf Wandels Stirn lagerte sich eine officiöse Falte und die Augenbrauen
drückten sich zusammen:
    »Prätendire ich, ein St. Germain zu sein! Aber der ausgezeichneten Frau tun
Sie unrecht. Eine Dame, deren Verstand in so andern höheren Regionen schweift,
würde sich nie zu einer mesquinen Intrigue bequemen; Verzeihung, meine Herren,
aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen, man muss seine Menschen kennen. Ich
hätte nicht einmal gewagt, ihr von der Sache zu sprechen. Meine Herren, ich
wiederhole es, Sie kennen diese seltene Frau nicht.«
    »Holla! Also offen ausgesprochen ihr Ritter. Und uns den Handschuh
hingeworfen! Kennen Sie sie denn?«
    Nach einigem Schweigen antwortete Wandel: »Nein! - Es gibt Erscheinungen,
wo der Augenaufschlag die Seele uns erschliesst, andere, wo der geschickteste
Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht. Ich fühle nur, dass dies Seelengewebe
aus so zarten äterischen Fasern zusammengesetzt ist, dass die leiseste Berührung
unharmonischer Töne es zusammenschrecken macht; und hinwiederum ist es von einer
Elasticität, dass ein rauher Anstoss diese Fühlfäden zu hartem Stahl verwandelt.«
    »Lassen Sie sich nicht erdrücken von dem Stahl. Heim sagte mal, in der Frau
wäre eine cachirte Sinnlichkeit. Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts, aber
das Cachirte liebe ich nicht.«
    »Diese rohen Aerzte, die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten!
Da wollen sie ihren Mann mit Assa foetida und Valeriana behandeln, und seine
Krankheit ist rein eine des Gemütes. Der Geheimrat lebte längst nicht mehr,
wenn sie nicht eine geistige Atmosphäre um ihn zu bereiten wüsste, worin er
atmet.«
    »So schlimm stände es mit dem Bücherwurm?«
    »Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten, einen Moribundus. Was quält sie
sich ab, diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen! Ich gebe Ihnen zu, es
ist vielleicht ein krankhafter Instinkt, der Natur in den Arm greifen zu wollen,
aber sie will's sie muss probiren. Die Doktoren haben ihn längst aufgegeben, er
ist ja nur ein Bedienter, aber denken Sie - neulich fand ich sie, wie sie von
dem teuren Lebensäter, den Herr Flittner präparirt, dem Menschen einflösste.
Mein Gott, sagte ich, der Aeter ist immer nur ein Palliativ, er lässt die
Lebensflamme noch einmal auflodern, aber um so schneller verzehrt sie. Man
wendet ihn bei hohen Personen an, wo die letzten Momente kostbar sind; aber
dieser Bediente, was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewusstsein an. Er
kann Ihnen unter den Hände zusammensinken. Was würden Sie dann sagen? - Ich kann
Ihnen das wunderbare Lächeln nicht beschreiben, mit dem sie anwortete: Ich habe
mir dann selbst genügt. So ist sie -«
    »Eine Schwärmerin! Gehn Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensäter.«
    »Ich gebe Ihnen gewissermassen recht, Herr von Bovillard. Das Verhalten zu
ihrem Pflegekind könnten strenge Moralisten auch eine Schwärmerei nennen. Sie
opfert sich ihm ganz und warum? und wie wird es ihr belohnt! Sie wissen von der
soit disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister. Eine andere Frau würde ausser
sich sein. Welche Pläne sind ihr vereitelt. Sie lächelt als Philosophin.«
    »Es gibt Personen, auf die alles Missgeschick zusammenstürmt,« fuhr er, den
Kopf schüttelnd, nach einer Pause fort, wo die Andern geschwiegen; der
Abstecher, in welchem der Legationsrat sich so zu gefallen schien, kam Beiden
ungelegen. »Der Vater des Lehrers, der alte van Asten, brummt über die Sache,
und ist sogar auf die Geheimrätin ungehalten.«
    Bovillard fiel ein: »Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fühlt sich touchirt.
Was ist natürlicher, er sah sie mal aus einem andern Hause kommen. Um das
Renommée eines Hauses und die Ehrbarkeit ist's doch eine köstliche Sache! Was
macht der Alte für Geschäfte damit, mit dem verräucherten Steinhaufen in der
Spandauerstrasse, mit dem glatt gepuderten Kopfe, der Catomiene, die sich nie
verzieht, auch nicht, wenn er das grosse Loos gewinnt, mit seinen rindsledernen
Schuhen, die schon eine Viertelmeile weit knarren! Das ist ein Respekt auf dem
Markte, an der Börse, wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke
heranhustet. Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie.«
    Der Geheimrat schien vergnügt, von dem ihm sichtlich unangenehmen
Gegenstande abgelenkt zu haben, während der Kammerherr mit eben so sichtlicher
Ungeduld meinte, man komme ja ganz von der Hauptsache ab.
    »Mademoiselle Alltag bleibt indes immer eine sehr interessante Nebensache,«
lächelte der Legationsrat.
    Bovillard stichelte, er hege den Verdacht, dass sein Freund eine noch
vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt. Wandels Stirn legte sich diesmal
nicht in offiziöse Falten, sie blieb ganz glatt, als er erwiderte:
    »Herr von Bovillard will damit andeuten, was Herr von Laforest dazu sagen
dürfte, wenn ich mit der russischen Fürstin kommunicire. Laforest weiss, dass ich
Kosmopolit, und die Prinzess, dass ich ein Sünder bin. Der Unterschied ist nur,
dass Herr von Laforest es aufgibt, die Fürstin aber noch nicht, mich zu ihrem
Glauben zu bekehren.«
    »O der Verräter! Nun ist er auch geständig, unsre Geheimnisse an Russland
verraten zu haben!«
    »Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft. Schlagen Sie diesen
Beistand nicht zu gering an, meine Herren. Ihre Erlaucht interessirt sich
wirklich en passant für die Baronin Eitelbach.«
    »Sie will sie zur Sünderin machen, um sie nachher zur Heiligen zu bekehren.
Delicieur! Magnifique der Gedanke!«
    »Meine Herren,« sagte der Legationsrat sich verneigend, »ich habe das
Meinige getan. Die nächste Aktion muss vom Rittmeister ausgehen.«
    Man liess die Gläser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen. St.
Reals Bericht war kürzer:
    »Sie glauben nicht, wie schwer es uns ward, den Stier auf die Spur zu
bringen. Als es indes soweit war, ging es auch wie ein Brummtriesel, der nicht
mehr zu sich kommt. Oder es überschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit
Platzregen. Der Mann ist vollkommen ausgetauscht, weich, sage ich Ihnen, wie
Wachs. Sein Gewissen gerührt; er delirirt, verwünscht zuweilen seinen
Knebelbart, ja es gibt Augenblicke, wo er ihn abschneiden möchte. Nach dem
letzten Billet wollte er wirklich Urlaub nehmen. Wir hatten Mühe, ihm
begreiflich zu machen, dass das jetzt als Feigheit ausgelegt werden könnte. Mit
einem Wort, er ist zu Allem bereit, was das verehrte Kollegium über ihn
beschliesst. Nur muss man ihm zu Hülfe kommen. Er ward ordentlich jungfräulich
schüchtern aus Gewissensbissen, dass er eine schöne Dame, die ihn liebt, so lange
und grausam beleidigt hat.«
    »Aber was nun weiter?« sagte der Kammerherr.
    Der Geheimrat nahm die Präsidentenmiene an: »Unser Tema also war, sie
sollen und müssen sich verlieben. In der Ausführung sind wir auf den Punkt
angelangt: sie stehen im Begriff sich zu verlieben. Die nächste Frage ist nun:
wie soll dieser Prozess weiter geführt werden? und die darauf folgende, welchen
Ausgang soll er nehmen?«
    »Als Tragödie oder als Komödie?«
    »Nur keine Tragödie! Haben draussen Trauerspiele genug. Höchstens etwas
Sentimentales, ein wenig Jammer, unterbrochen durch einige Affektblitze,
Verzweiflungsseufzer, einige Tränen, etwas Menschenhass und Reue, pour décorer
la situation, aber so wenig wie möglich.«
    »Eine Zwischenfrage, meine Herren. Wünschen Sie die Sache schnell zum
Resultat geführt?«
    »Legationsrat, was fällt Ihnen ein! Wir führen ja das Stück zu unserer
Rekreation auf.«
    »In diesem Falle wird es nötig, einen Hemmschuh anzulegen; denn lassen wir
die Dinge sich jetzt entwickeln, so platzt über kurz die Erklärung heraus und
endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbündniss.«
    »Zum Geier mit Ihrem Seelenbündniss! Auf Eklat kommt's an, Schauspiele soll's
geben, einen Skandal, dass die Stadt die Hände zusammenschlägt.«
    »Excellenz meinten nicht so -« warf St. Real ein.
    »Excellenz ist ein Hypochonder geworden. Wer A gesagt muss B sagen. Keine
Retiraden! Hemmschuhe meinetalben. Ersinnen Sie was. Warum ging Ihr verfluchter
psychologischer Prozess auch mit Siebenmeilenstiefeln? Etwas von Rendezvous auf
Redouten, oder im Mondenschein, wo man zusehen kann. Dann Hindernisse! Wenn
Eitelbach nicht will, so werden Sie ja schon Ehrenwächter finden. Kann man nicht
eine Prinzessin, oder die Königin für die Tugend der Baronin interessiren.
Grausame Trennungen, überraschendes Wiedersehen!«
    »Er könnte wie Leander zur Hero schwimmen! Die Spree ist nur nicht breit
genug.«
    »Imagination, meine Herren! Sie können sich in einer Kutsche ein Rendezvous
geben, sie wird als verdächtig angehalten, Beide auf die Wache gebracht.«
    »Nur nicht auf die Wache! Das ist ein zu hässlicher Eklat!« rief der
Kammerherr.
    »Oder er steigt zu ihr ein. Der Nachtwächter entdeckt die Leiter, Lärm wird
gemacht, man sucht nach Dieben.«
    »Wünschen Sie, dass er mit Madame's Bewilligung eingestiegen ist?« fragte
Wandel.
    »Besser nicht. Nein, er muss es in toller Leidenschaft tun. Sie muss ausser
sich sein. Man kann sie ja vorher wieder ein Bischen gegen ihn eingenommen
haben. Sie wird empört, dass er ihren Ruf aufs Spiel setzt. In tugendhafter
Entrüstung befiehlt sie ihm, sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen. Er stürzt
ihr zu Füssen, hilft nichts, er muss wieder zum Fenster raus. - Da fehlt die
Leiter, der Lärm geht los. Denken Sie sich die pikante Situation! Sie in Zorn,
er in Verzweiflung. Je grösser die Gefahr, je näher die Tritte, so mehr schwindet
ihr Zorn, das Mitleid siegt, das Bekenntnis ihrer Liebe platzt heraus. -«
    »Und? -«
    »Zur Zärtlichkeit ist da nicht Zeit. Immer Aufschub. Die Polizei schlägt an
die Tür. Sie muss ihn verstecken - in den Kleiderschrank.«
    »Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein!« lächelte St. Real.
    »Es wird sich ja ein Versteck finden. Lassen Sie ihn auf den Boden springen,
aufs Dach klettern.«
    »Und! - Er muss doch auch vom Dach wieder herunter. Ich meine, was das Ende
vom Liede sein soll?«
    »Kommt Zeit, kommt Rat, Legationsrat; schlagen Sie einen alten Roman nach.
Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen.«
    »Mit einem Worte, verlangen Sie eine Entführung oder nur -«
    »Prächtig! eine Entführung. Göttermensch, Sie stehlen mir's aus der Seele.
Wie lange ist in Berlin Keine entführt worden. Das gibt ein Gerede, Kinder,
einen Spass! Ich will selbst die Postrelais bezahlen, mit Seegebart sprechen,
die schnellsten Postpferde sollen sie haben.«
    »St. Real schüttelte den Kopf: Alles sehr schön. Wer soll sie aber
verfolgen?«
    »Nun, Ihr Mann!«
    Kaum war es über die Lippen, als er selbst in das stille Gelächter der
Andern einstimmen musste.
    »Er lacht sich vor Vergnügen todt, wenn er's hört.«
    Es war ein unerwarteter Querstrich.
    Bovillard riss die gekreuzten Arme auseinander, mit denen er eine Weile vor
sich sinnend gesessen. »Er tut's doch vielleicht!«
    »Der Baron! Er schämte sich in den Tod, dass man ihn für eifersüchtig hält.«
    »Wer spricht von Eifersucht, St. Real! Neunzigtausend Taler gehen ihm
durch. Kann er neunzigtausend Taler mir nichts dir nichts über die Grenze
lassen!«
    »Neunzigtausend Taler,« wiederholte der Legationsrat.
    »Sie haben freilich getrennte Gütergemeinschaft,« sagte der Kammerherr. »Ihn
schätzt man eben so hoch.«
    »Hundertachtzigtausend Taler unter Brüdern, meine Herren,« fuhr Bovillard
fort, »die zerreissen wir. Bedenken Sie das wohl.«
    »Hundertachtzigtausend Taler!« wiederholte der Legationsrat.
    »Was so ernstaft, Wandel?«
    »Die Sache ist es. Er müsste sich nach dem Eklat scheiden lassen, sie würde
den Rittmeister heiraten, und wir verschaffen ihm eine Frau mit neunzigtausend
Talern. Meine Herren, Sie räumen mir ein, dass die Sache dadurch ein ganz
anderes Fundament gewinnt. Es ist kein Divertissement mehr, es wird zu einem
reinen Geschäft, und wir müssten uns fragen - das heisst, ich bitte Sie, sich
darüber zu entscheiden, welche Raison Sie haben, den Herrn von Dohleneck zu
einem reichen Mann zu machen?«
    »Raison! Pah, was kommt's drauf an! Und hab' ich keine! Der Rittmeister hat
sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen. Blutvergiessen verhindert. Sie
auch, Legationsrat. Sollen Sie sie entführen? Hätte nichts dagegen.
Neunzigtausend Taler, wir sind ja in einer generösen Laune und er hat Schulden
wie Haare auf dem Kopfe.«
    Die vierte Flasche war entkorkt und die Gesicher leuchteten. »Handeln wir
wie die Vorsehung, welche die Güter dieser Welt ausgleicht. Angestossen auf den
grossen Gedanken, Freunde! Für die Menschheit -«
    »Das heisst für Stiers Gläubiger.«
    »Das Gefühl uneigennützigen Handelns für die Zwecke der Humanität stärke
uns. Reine Liebe edler Seelen, neunzigtausend Taler in ersten Hypoteken und
schlesischen Pfandbriefen und eine wunderschöne Frau und dumm! Was Götter selbst
beneiden könnten, wir schenken's einem verschuldeten Kavallerieoffizier.«
    Der Legationsrat stimmte nicht in die Ausgelassenheit: »Sie zerstören Ihre
eigenen Beschlüsse, wenn Sie zu hastig losgehen.«
    »Legationsrat, ein edler Entschluss darf nicht Runzeln bekommen.«
    »Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden, sonst bricht seine Spitze.
Conclusum est-«
    »Sie sollen sich noch eine Weile quälen,« sagte der Kammerherr.
    »Hatte ich es beinah vergessen! 'S ist mein gutes Herz. Ich kann nun einmal
Unglückliche nicht leiden sehen. Alle Menschen sind ja Brüder -«
    »Und alle Frauen Schwestern!« sagte Wandel aufstehend. »Aber ich muss
Contreordre geben, wenn's nicht schon zu spät ist.« Er zog die Uhr, und stampfte
auf. »Wahrhaftig, es ist schon zu spät.«
    »Was ist's?«
    Sie standen nicht mehr ganz fest, als sie jetzt aufstanden. Der
Legationsrat strich über die Stirn.
    »Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorüber. Ein leises
Schluchzen sollte seine Schritte fesseln -«
    »Ei, Herr von Wandel, mir ins Gehege!« rief der Kammerherr. »Der Joseph war
zu meiner Disposition.«
    »Verzeihung! Ich wollte Sie überraschen; es war gut gemeint. Eine
schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bouquet auf seine Brust
fallen lassen; - eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht. Wer konnte den
heutigen Beschluss ahnen! Um zehn Uhr war's bestellt, und es ist ein Viertel auf
eilf. Vielleicht kann ich noch retten.«
    Bovillard fiel ihm in den Arm: »Bleiben Sie, lasst sie glücklich sein, wir
sind's ja auch. Glückliche Menschen machen, was gibt es Schöneres unterm
Sternenzelt. Fand einmal meine Selige in Tränen über Lafontaines neuestem
Roman: Kriegen Sie sich nicht? frage ich. - Er ist erst am Ende des ersten
Bandes, sagte sie. - Er muss! sage ich. - Wie kannst Du's? - Da klopft es. Wer
tritt ein? Herr Lafontaine. Ich riss meine Selige auf, ich zeigte ihm ihre roten
Augen: Barbar, das ist Ihr Werk; können Sie's ruhig ansehen? Eine Träne der
Rührung, eine Träne der Versöhnung. - Er küsste ihre Hand. - Sie sollen sich
kriegen, Madame! - Auf der Stelle liess ich ihn zu Herrn Sander fahren, dem
Buchhändler. Zwei Bogen wurden makulirt, und nach acht Tagen kriegte sie die
ersten des zweiten Teils. Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt. -
Den Jammer sparte er nachher für dir Ehe - zwei Bände voll!«
    »Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann!« sagte Wandel.
    »Und Herr Lafontaine kriegte die Präbende!« bemerkte St. Real.
    »Eine gute Tat belohnt die andre.«
    Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen liess, hatte man ein
starkes Pochen an der Haustür gehört, darauf einen Lärm von mehren Stimmen; die
des Kammerdieners war deutlich zu erkennen, welche Eindringenden den Zutritt
verwehren wollte. Eine andre Stimme tönte aber scharf hindurch, welche den
Lagationsrat zu frappiren schien, auch der Kammerherr horchte aufmerksam. Nur
der Geheimrat hörte in seiner Aufregung erst darauf, als feste Männertritte die
kleine Hintertreppe heraufstürmten. »Sie dürfen nicht, ich darf Niemand
reinlassen,« schrie der Kammerdiener, der um die Wette mit dem Stürmenden zu
laufen schien. »Aber mich!« rief es. Darauf ein Fall, der Diener musste
zurückgestossen sein, und die Tür sprang auf.
    »Was bedeutet das!« rief der Geheimrat, einen Leuchter ergreifend, und
wollte ins Kabinet.
    »Das Vaterland!« rief die Stimme im selben aufgeregten Tone, als der
Geheimrat schon, wie von einer Erscheinung erschreckt, zurückprallte. Der
Leuchter entfiel ihm.
    Der Legationsrat hatte hastig den Hut gefasst, als er den Eintretenden
erblickte, der Kammerherr folgte ihm eben so schnell. Der Geheimrat Bovillard
blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer.
 
                         Siebenunddreissigstes Kapitel.
                                Vater und Sohn.
Louis Bovillard war entlassen. Er war ein stiller Gefangener gewesen; die
Beamten waren erstaunt gewesen, er hatte diesmal keinen Streit angefangen, keine
Scheibe zerschlagen, keinen Wärter zur Tür hinausgeworfen. Er hatte, in sich
versunken, da gesessen, bis die Stunde der Befreiung schlug. Nichts von der
Aussenwelt war zu ihm gedrungen: da war es doch natürlich, dass er sich jetzt
orientiren wollte in der ihm fremd gewordenen. Wohl hatte es durch die dicken
Mauern geklungen von ausserordenlichen Dingen, von einer Stimmung, die nie da
gewesen, von einem heissen Fieber, das die Glieder schüttle, von einem Geist im
Volke, der den langen Winterschlaf von den Lidern streife. Im Gefängnis träumt
man lebendiger von der Freiheit. Er aber hatte auf seinem Holzbett stumm
gelächelt; seine Träume waren anderwärts.
    Und jetzt lächelte er wieder, wenn er durch die bewegten und stillen Strassen
ging. Sie waren so breit, so todt und so geräuschvoll, wie immer: die Mühlen
klapperten, die Menschen schwatzten wie immer. »Was suchen Sie, Bovillard?«
fragte ein Bekannter, der ihm nicht ausweichen können. - »Die Stimmung,« war
seine Antwort. Der Kalkulator stutzte, aber er erinnerte sich, dass Bovillard
Klavier spielte. »Sie suchen einen Stimmer? Ihr Klavier« - »Ist total
verstimmt,« antwortete der junge Mann und wandte ihm den Rücken.
    Ein Plakat an der Ecke! Vielleicht ein Aufruf des Königs an sein Volk? -
Nein, verlorne Sachen, drei Auktionen! Doch, auf der andern Seite eine
obrigkeitliche Bekanntmachung: eine Warnung vor falschen Zweigroschenstücken,
die sich in Ostfriesland bedenklicherweise gezeigt, und eine Einschärfung von
Gouvernement und Polizei, wie die unter den vorigen Königen erlassene Verordnung
noch jetzt in voller Kraft sei: dass die sogenannten Zelte und Gebäude im
Tiergarten nach wie vor nicht massiv, vielmehr nur von Brettern gebaut werden
dürften. - Auf dem Papier stand das Gesetz, im Tiergarten baute man, wie man
Lust hatte.
    Er trat an eines der noch seltenen und sehr bescheidenen Schaufenster, wo
Kupferstiche aushingen. Vielleicht die grossen Generale des letzten Krieges.
Würden endlich Erzherzog Karl und die Andern die Bilder der französischen
Generale verdrängt haben? - Gar keine Generale! Nur König und Königin, wie
sich's gebührt; Schauspieler und Schauspielerinnen, der Jubelgreis Erman, der
Astronom Bode mit einem Sternenkranz um die Schläfe. Er hatte ja einen neuen
Kometen am grossen Bären entdeckt.
    Willenlos führten ihn seine Schritte in einen Buchladen. Er fragte nach
Novitäten für die Zeitgeschichte. »Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in
Breslau Gedichte merkwürdig?« - »Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen? Er
zeigt seinen Freunden an, dass er mit Gott und seinem König heut gesund und
munter in sein neunundfünfzigstes Dienstjahr tritt. Das hat denn gleich
Nachfrage nach den Gedichten gemacht.« - Der Buchhändler hatte noch einen
interessanten Beitrag für »unsere Zeitgeschichte!« »Zuverlässige Nachrichten von
der Sack'schen Familienstiftung zu Glogau, zum Unterricht für
Stiftsberechtigte.« Sie hatten eben die Presse verlassen. »Die Lektüre soll mich
heut Nacht erquicken!« sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche.
    Er mass die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais; sieben
Mal hatte er die Länge der Linden gemessen und nichts gesehen, als welke
Blätter. Die Gesichter, denen er begegnete, die Blätter, die der Staubwind um
seine Füsse kräuselte, verschmolzen sich. Seine Phantasie schweifte in eine
Wüste; er grübelte, warum die Natur ihnen die Quellen versagt, warum keine
Erdbeben die Sahara erschüttern; Vulkane erheben sich doch aus dem Meere.
    Er sass in einer Weinstube. Er hörte viele Stimmen. Viele Stimmen machen eine
Stimmung. Männer der Wissenschaft zu seiner Linken, Männer der Praxis zur
Rechten, Männer der Kunst kamen, als das Teater aus war. Man sprach links und
rechts vom Fortschritt. Wie viel öffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die
Wissbegier! Klaprot über Chemie für Jedermann, Fischer über Experimentalphysik
und der gelehrte Bendavid las gar über Geschmackslehre! Aber dann brauste der
Streit von der Rechten zur Linken, und im Centrum über das Stück des Tages: »Die
Organe des Gehirns.« Wer war grösser, Kotzebue oder Iffland? Kotzebue, der mit
beissender Kritik, mit übersprudelnder Laune, die neue Chimäre der Wissenschaft
geisselte, der Gall auf immer vernichtet hatte, oder der unvergleichliche Mime,
der heute den Lear und morgen den Kannegiesser mit gleicher Virtuosität spielte?
Iffland drückte Kotzebue zu Boden. Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen; man
anatomisirte den kleinen Finger seiner linken Hand, mit dem er ein
widerstrebendes Gefühl ausgedrückt, man zerschnitt seine karrirte Weste, welche
die Zersetzung eines sublimen Gedankens in eben so viele Teile darlegte. »Und
Fleck ist doch grösser!« trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch. - »Warum,
Renommist?« »Er schafft, Iffland copirt.« - Kunst und Natur, ein ewiger Streit,
man überschrie sich; die Gläser klirrten, die Köpfe wurden heiss. »Und alle Eure
Kunst ist doch nur Chemie,« schrie der Renommist. »Die Pest auf Dichter, die nur
die Schädellehre zersetzen, aber keinen Schädel lebendig machen.«
    Er setzte sich von den Genialen zu den Philistern; doch es waren Philister
des Fortschritts. Die Emdener Heringsfischerei hatte zum ersten Mal Dividenden
ausgeteilt. Und die Chaussee von Potsdam nach Brandenburg war ehegestern fertig
geworden. »Meine Herren, das erwägen Sie, man kann von nun an in neun, ja
vielleicht künftig in sieben Stunden von Berlin nach Brandenburg fahren! Und wie
lange ist es her, wo wir einen Tag brauchten durch den Sand, um nur nach Potsdam
zu kommen! Das war ja schon ein ungeheures Evenement. Wenn das der alte Fritz
erlebt hätte! Bis Potsdam wie auf einer Diele! Und das hat unsre Regierung
getan, und doch sind sie nicht zufrieden! Ich frage Sie, was verlangt man denn
noch? Sollen wir fliegen? Ja schöne fliegen, wenn Krieg kommt!« - »Nur die
unruhigen Köpfe, Herr Hofrat!« - »Ganz richtig, Herr Nachbar, was geht uns
Oesterreich, was geht uns Napoleon an!« - »Jetzt will jeder Mensch eine Meinung
haben, und alle Welt soll man fragen.« - »Der alte Fritz fragte Niemand und es
ging doch.« - »Ganz recht, Herr Geheimsekretär, es ginge auch noch, wenn nur
eben nicht die unruhigen Köpfe wären.« - »Und werden die Emdener wieder
Dividenden zahlen, wenn's losgeht?« - »Werden sich hüten, Herr Hofrat! Mit
Handel und Verkehr, mit Fabriken und Allem ist's aus.« - »Friede! Friede!« war
das Loosungswort in der Ecke. Ein Zeitungleser, der zugehört, lächelte. Da hören
Sie das allerliebste Gedicht: »Pensées sur la position d'à présent.«
    »Die Vossische Zeitung hat immer allerliebste Gedichte.«
    Er musste es vorlesen:
»Je souhaite la paix en tout
Entre l'amante et son amant, et sa femme et son èpoux.
Beaucoup de pleurs seroient épargnées
Si Mars sauvage encore vouloit se reposer.
L'éspérance consolante me reste encore,
Que les méres et les épouses ne pleureront
De leurs fils et maris la mort,
Et que le transport des canons
Et toutes ces préparations
A la paix universelle serviront.«
    »Charmant!« - »Allerliebst!« - »Das ist Poesie!« - »Das ist noch ein
Dichter, der Gefühl hat.« - »Nein, eine Dichterin; es steht drunter Philippine
de B.« - Die poetische Entzückung hatte die andere Seite der Gesellschaft
aufmerksam gemacht, Einer das Zeitungsblatt ergriffen und in anderem Patos die
Poesie vorgelesen: »Von Bovillard!« rief er, »das riecht nach seiner Poesie!«
und ein schallendes Gelächter bestätigte im Chor.
    Louis Bovillard hörte es nicht mehr. Er hatte sogleich den Verfasser
erraten. Sein Vater liebte seine zarteren Gedanken, wie er es nannte, unter
weiblichen Namenschiffren ins Publikum zu schicken. Er irrte wieder durch die
dunklen Strassen. Verspätete Teatergänger. Iffland und immer Iffland! -
Verliebte Pärchen; süsses Geflüster, aufgeschreckt durch seinen rauhen Fusstritt.
- »O Liebe, du Zauberin,« lachte der Dämon in ihm, »nur in die laue Nacht
brauchst du den Arm zu strecken, und die Herzen setzen an, wie die Fliegen an
die Leimstange.«
    In der einsamen Strasse, durch die er einbog, stand ein Militär an ein Haus
gelehnt in horchender Stellung. Aus dem geöffneten Fenster oben blickte
verstohlen eine weibliche Gestalt sich um, und als sie Niemand zu sehen glaubte,
fiel ein Blumenstrauss auf den Lauscher. Als der Militär das Geschenk an seine
Brust drücken wollte, fühlte er seinen Arm gepackt. Ein Halt! dröhnte durch die
Stille, im selben Augenblick klirrte das Fenster zu.
    Zorn und Schreck hatten nicht Zeit über den Vorrang zu streiten, als die
Erkennung schon erfolgt war. »Bovillard! - Plagt Sie der Teufel! - Wo kommen Sie
her?«
    »Aus meinen Banden.«
    »Wohin soll's?« fragte Dohleneck schon mit gerunzelter Stirn.
    »In die Freiheit.«
    »Sie brauchten Andere nicht mit sich zu reissen.«
    »Nur die ich liebe.«
    Der Rittmeister hatte sich eine Weile in der ersten Ueberraschung von ihm
fortziehen lassen. Jetzt erst, nachdem sie um die Ecke waren, hatte er Posto
gefasst: »Himmel, Sackerment, Bovillard, Red' und Antwort, was war das! Wenn
Einer bis über die Ohren verliebt ist -«
    »Einen Eimer Wasser ihm über den Kopf. Was sich liebt auseinander zu
scheuchen, ist heut mein Plaisir.«
    »Sie kommen aus dem Tollhause, oder -«
    »Ich ging aus mir selbst, wollen Sie sagen.«
    »Warum?«
    »Weil es mir zu eng drin ward.«
    Der Rittmeister hatte sich erholt: »Wenn Sie es nicht wären! Wissen Sie, was
Sie taten?«
    »Zur Hälfte.«
    »Sie störten -«
    »Einen halben Ernst, das ist möglich, gewiss, eine ganze Posse.«
    »Neulich vertraute ich Ihnen -«
    »Ein namenloses Liebesabenteuer zur Hälfte. Und wenn es dies war, gratulire
ich Ihnen, wenn ich auch die andere Hälfte verdarb.«
    »Kennen Sie das Haus?«
    »Nein, weiss wahrhaftig nicht mal, welche Strasse es war.« »Aber auf das
Soubrettengesicht fiel grade ein Lichtschein aus dem Fenster drüben.«
    »Ein Soubrettengesicht! Eine majestätisch schöne Frau!«
    Bovillard lachte: »Ein durchtrieben Schelmengesichtchen, und hinter ihr
guckte ein Bedientengesicht - für so was hab' ich Augen. So wahr der
Wolkenstreif eben durch die Mondsichel geht, man wollte Sie foppen!«
    »Nein, Sie täuschen sich.«
    Ein sanfter aber fester Händedruck antwortete ihm: »Darin täusche ich mich
nie. - Sie sind betrogen - von wem? Das ist gleichgültig - diesmal von denen da
oben am Fenster -«
    Er hatte ihm das Bouquet aus der Hand genommen: »Fort mit dem Bettel! Wer
weiss in welcher Hand er war!« Er schleuderte es über die Strasse. Sie gingen
schweigend neben einander. Was in der Brust des Offiziers arbeitete konnte nicht
heraus.
    »Lasst die Motten ins Licht fliegen, es ist ihre Bestimmung. Sie, Dohleneck,
sind zu gut dazu, zu arglos.«
    »Sie sollen darüber richten,« sprach der Rittmeister plötzlich stehen
bleibend. »Grade Sie, Gott weiss woher, ich traue Ihnen, obgleich - verteufelter
Gedanke, wenn man mich wieder in den April geschickt!«
    »Sie spielen Alle Komödie!« rief Bovillard in die Wolkenzüge am Himmel
blickend. »Das ist ihre Bestimmung. Warum träufte die Natur diesen Reiz in unser
Blut, diese Mottenlust in unser Hirn! Aber so wollen sie uns vielleicht! Dass
unser Auge schwimmt, unser Mark weich wird, unsere Spannkraft erschlafft, das
Hirn unfähig einen Gedanken festzuhalten, der Geist zittert vor dem Entschluss,
der Arm vor dem Schlag. Diesen goldenen Semeleregen sehen sie mit stillem
Vergnügen auf das Geschlecht rieseln, damit die Titanenenkel ausgehen sollen aus
dem lebendigen Geschlecht. - Rittmeister!« rief er. »Soldat des Königs! Wenn die
Welt in Brand steht, ist's dann Zeit wie Schmetterlinge um die Flammen wirbeln!
Wollen Sie das Haus stürmen, auf einer Leiter durchs Fenster brechen. Mein Wort,
da helfe ich Ihnen. Kommen Sie, fordern Sie Wahrheit! Wollen Sie ein schönes
Weib entführen, das Sie genarrt, erzürnt hat, ich bin dabei. Gewalt, Gewalt! Das
ist noch ein Wort, ein Sturmglockenlaut, der in den Himmel dröhnt. Wollen Sie?
Auf der Stelle - nur nicht Seufzer, nur nicht Liebesblicke, kein Buhlen um
Gunst, keine Küsse. Ja - ein Weib, was mich hasste, mit einem Fusstritte mich von
sich stiesse -«
    In dem Augenblick rasselte eine staubbedeckte Kalesche um die Ecke. Bei der
raschen Wendung mochte das Hinterrad an einen Stein gestossen sein, das Rad brach
und der leichte Wagen stürzte um. Schon im nächsten Augenblick hatte der darin
Sitzende mit einem Fluch sich aus dem Wagen gearbeitet. Der Fluch galt den
Pferden, oder dem Kutscher, eine barsche Zurechtweisung den Beiden, welche zum
Helfen hinzugesprungen waren. Auf ihre Frage, ob er keinen Schaden gelitten,
antwortete der Mann, der seinen militärischen Mantel in die Kalesche zurückwarf
und hastig nach einer Ledertasche griff: »Das wäre das Wenigste!«
    »Verfluchter Kerl, warum hier grade!« rief er sich umsehend dem Kutscher zu.
»Es ist ja noch eine Viertelstunde bis zum -« er nannte den Namen eines
Ministers.
    »Wenn es Ihnen darauf ankommt, führe ich Sie auf kürzerem Wege dahin,« sagte
Bovillard.
    Es war ein Courier. Der Rittmeister, im Schein der Laterne, bei welchem der
Reisende die Ledertasche besah, erkannte einen befreundeten jüngern Offizier.
    »Was bringen Sie in Ihrer Tasche, Schmilinsky?«
    »Brennend Feuer,« antwortete der Feldoffizier, indem er die Tasche wieder
zuschloss. »Ja auf dem nächsten Weg, meine Herren, zum Minister.«
    Der wohlbeleibtere Kavallerieoffizier hatte Mühe, den Beiden nachzukommen.
    »Was brennt denn?« fragte Bovillard, als sie ihre Schritte mässigten, um
Atem zu schöpfen.
    »Ich habe keinen Grund,« sagte der Courier, »geheim zu halten was mir auf
dem Fusse nachkommen muss. Ja, ich wundre mich, dass das Gerücht mir nicht
voraufgeeilt ist, weil ein ähnlicher Unfall mich unterwegs aufhielt. Ich glaubte
Berlin selbst in Aufruhr, und finde eine Kirchhofsruhe. Am Tor wusste man noch
nichts.«
    »Was ist's?«
    »Die Franzosen sind eingebrochen.«
    »Wo?« fragte es mit einem Munde.
    »Wie ein Platzregen ins Anspach'sche - Bernadotte - mit neunzig Tausend Mann
wenigstens wälzt er in Sturmmärschen durch - die Baiern hausen wie in Feindes
Land -«
    »Krieg!« jauchzte der Rittmeister.
    »Und die preussischen Truppen?«
    »Was dastand machte Platz oder nicht, wie es kam. - Sie wissen nicht, vor
Ordre und Contreordre, was zu tun -«
    Sie waren am Hotel angelangt, und rissen an der Schelle. Der Courier lehnte
sich erschöpft am Pfeiler;
    »Er wird doch fester halten als der,« sagte er. »Meine Herren, wer das mit
ansehen musste! - Sie spuckten auf unsre Grenzpfähle; ich sah einen umgerissen -
aus purem Übermut -«
    »Wer?« rief der Rittmeister.
    »Franzosen oder Baiern, gleichviel. Der preussische Adler im Kot, die Tapfen
ihrer schmutzigen Füsse auf Friedrichs zerbrochenem Adler. Meine Herren, es war
ein Stoss ins Herz für einen preussischen Militär.«
    »Das muss der Langmut den Hals brechen!« jauchzte Bovillard und stürmte an
der Hausglocke. Der Portier hatte endlich den Schieber des Seitenfensterchens
geöffnet.
    »Ein Courier! Depeschen!« riefen drei Stimmen zugleich.
    »Excellenz haben sich bereits zur Ruhe verfügt.«
    »Der Sekretär! Aus dem Bureau, wer es sei.«
    »Alles schläft schon.«
    »In Teufels Namen so weckt sie!« schrie der Rittmeister.
    »Ich muss Excellenz persönlich sprechen, der Courier! Ein Courier aus dem
Anspach'schen, Depeschen von äusserster Wichtigkeit.«
    »Nach zehn Uhr wird nichts angenommen. Morgen früh um acht Uhr. Wenn's sehr
wichtig ist, können Sie schon um sieben klingeln.«
    Der Laden klappte, das Schiebefenster ging zu.
    »Was ist da zu tun?«
    »Zum Gouverneur!«
    »Er wird noch von der Schnepfenjagd nicht zurück sein,« entsann sich
Dohleneck. - Es waren wohl Adjutanten und Offiziere da, aber sie waren für
ausserordentliche Fälle nicht instruirt. Es müsste doch wahrscheinlich ein
Ministerkonseil berufen werden. Also riet man einen andern Minister
aufzusuchen, es werde doch einer wachen.
    Es wachte aber zufällig keiner. Hier wurden sie angeschrieen, dort höflich
zur Ruhe vermahnt. Sie sollten wissen, dass Excellenz jeden Sonnabend zu
transpiriren einnehmen. Dann werde Niemand, wer es auch sei, vorgelassen
    »Er spielt L'hombre! Man darf ihn nicht stören!« rief Bovillard und
unterschlug die Arme. Sie waren vom letzten Hotel abgewiesen.
    »Was sehn Sie da, Bovillard?«
    »Nach dem neuen Kometen, den Herr Bode am grossen Bären entdeckt hat. Der
Mann hat sich doch ein grosses Verdienst um den preussischen Staat erworben.«
    »Wenn Kometen auf Krieg deuten!« sagte Dohleneck. »Wohin? Wohin?«
    Bovillard stürzte ihnen vorauf.
    »Ich sehe Licht, Funken schlagen. Es gilt einen Sturm.«
                                     * * *
    Die Erscheinung, welche durch die Hintertreppe ins Arbeitszimmer des
Geheimrats gedrungen, war sein Sohn. Es waren Jahre vergangen, seit Louis
Bovillard seinen Fuss in diese Räume gesetzt.
    Die auf des Vaters Seite waren entflohen, die auf des Sohnes unten
geblieben, oder sie hatten ihm die Sache übergeben und waren auch fortgegangen.
Der Vater und der Sohn waren allein.
    Der Vater hatte sich wieder gewonnen. Wenn der erste Anblick ihn erschreckt,
wenn er hinter den Tisch getreten, auf dem die Flaschen rollten, wenn er an der
Glocke ziehen wollen, so war der wüste Traumeindruck so schnell vergangen, als
er aufschoss. Dieser Sohn kam nicht mit der Pistole in der Brust; er floh nicht
vor seinen Verfolgern, er war nicht eingedrungen, um des Vaters Beutel oder
Schutz; aber wie wild auch das Auge rollte, wie starr und wüst das Haar um seine
Stirn spielte, wie vernachlässigt sein Anzug, Louis kam auch nicht als verlorner
Sohn, der die Träber gegessen, und zerknirscht vor des Vaters Füssen den Boden
küssen will. Er blieb aufrecht an der Tür stehen: Ein verlorner Sohn hält auch
kein Portefeuille in Händen.
    »Mein Vater! Vergessen Sie auf einen Augenblick Ihren Sohn, dem Sie diese
Schwelle verboten. Sehn Sie nur den Sohn des Vaterlandes. Es gilt dessen Ehre,
vielleicht sein Dasein.«
    Er hatte in kurzen abgestossenen Sätzen erzählt, - was wir bereits wissen.
    »Und was geht es Dich an?«
    Louis trat um einen Schritt näher: »Das ist nicht Ihr Ernst, es kann nicht
Ihr Ernst sein. Auch Ihr Auge blitzte auf, ich sah es. Vergessen Sie, dass Ihr
Sohn Zeuge ist dieser Bewegung, die Ihnen keine Schande bringt. Herr Gott - Sie
müssen -«
    Der Geheimrat war in Bewegung; es gelang ihm nicht ganz, sie zu verbergen.
    »Der Du nicht mein Sohn sein willst, Du weisst doch, dass ich nicht Minister
bin, und die Depeschen sind nicht an mich.«
    Louis war noch um einen Schritt näher getreten, er hatte des Vaters Arm
ergriffen, er sah ihn mit einem Blick an, den der Geheimrat nicht ertrug:
    »Wenn ihr Kind ins Wasser fiel, springt die Mutter nach, auch wenn sie nicht
schwimmen kann. Der Naturtrieb ist's, sie kann nicht ohne das Kind leben; sie
will mit ihm untergehen. Hier handelt sich's um Untergang; unser Vaterland geht
an der Donau unter. Wie Gebirgsbäche nach einem Platzregen ein Tal
überschwemmen, so stampfen des Feindes Hufen auf unserm eignen teuren
vaterländischen Boden die Quellen auf. Aus unserem Blut, aus unseren Brüdern
rekrutirt er sein Heer. Der Baier zieht mit ihm, wie der Schakal dem Löwen
folgt, Baden ist längst gezwungen; in diesem Augenblick, der Courier bringt die
Nachricht, schliesst auch Würtemberg sich an; die Kleinern, die Grössern, die
Grössten reisst er, er reisst alle mit sich. Nur wir glaubten uns von besserer
Natur, zu gross, wir schrieben Friedrichs Namen mit Ellenbuchstaben an unsre
Grenze. Da liegt die falsche Rechnung. Eine Tradition war's, ein Nebelschild,
ein Dunstbild. Seine Sappeurs haben unseren Grenzpfahl niedergehauen, seine
Kanonen rollen, seine Reiter sprengen darüber. Der schwarzweisse Pfahl liegt im
Graben, der Adler zertreten, es gibt keine preussische Grenze mehr, es gibt
kein Preussen mehr, wenn wir das ruhig hinnehmen.«
    »Wenn das Faktum sich als richtig ausweist, wird Preussen wegen des
Grenzpfahls Satisfaktion verlangen. Dessen darf man sich versichern.«
    »Und der grosse Kaiser,« fiel Louis ein, »wird sie ihm gewähren, o gewiss eine
glänzende Satisfaktion, wenn wir ruhig bleiben und uns nicht kümmern um was uns
nichts angeht. Er wird uns auf seine Kosten einen neuen Pfahl aufstecken lassen.
O es wird ihm eine Lust sein, uns Grenzen zu stecken. Wenn wir ihm nur Zeit
lassen, unsere deutschen Brüder zu erdrücken und erwürgen, lässt er uns auch
wohl zur Genugtuung die dummen Sappeure füsiliren, die's getan. - Seine
Bülletins werden uns cajoliren. O süsse Harmonie der Geister, wenn das ganze
Deutschland zertreten ist, Oesterreich ins Herz gestossen, verblutet, wenn uns
dann der grosse Kaiser belobt, wegen unserer weisen Mässigung. - Nur jetzt fordern
Sie nicht, mein Vater, jetzt hat er anders zu tun. Seine Kolonnen wälzen sich,
schwarze Rauchsäulen, über das blühende Schwaben und Franken, er durchbricht die
Donau, die Feuerschlünde und die Bajonette, die Ross und Mann, die es ihm nehmen
sollten, er umzingelt Mack und den Erzherzog. Von Schwaben aus, von Franken, von
den Alpen her, umgarnt, eisern umarmt schon, ist die österreich'sche Armee durch
eine Uebermacht, gegen welche die Tapferkeit umsonst ist, wenn keine Hülfe
erscheint. Ja bei Nördlingen oder Ulm ist's vielleicht schon in diesem Moment
entschieden, und wir - wir sehen zu und schlafen.«
    Der Geheimrat hatte sich ganz wieder gewonnen.
    Du weisst, ich liebe nicht Exaltation, am wenigsten in Staatsangelegenheiten.
    Er hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und fuhr mit einem Tuch über
seine Stirn: »Wer leugnet, dass unsre Lage kritisch ist. Sie ist sehr bedenklich;
ich will ernstaft mit Dir sprechen, weil ich aus Deinem Affekt heraus sehe, dass
es Dir ernst ist. Es ist mir nicht unlieb, denn wer weiss, was noch kommt, wo
Ernst nottut. Wir haben uns täuschen lassen, es ist sogar möglich, dass wir
nicht zu rechter Zeit uns entschieden, uns nicht bei Zeiten wahre Alliirte
verschaften. Es ist noch schlimmer, dass wenn wir es jetzt wollten, man uns
nicht mehr traut. Ja ich fürchte, Napoleon grollt uns im Innern mehr als einem
seiner Gegner. So ist's, mein Herr Sohn,« rief er aufstehend, »ja so ist es. Und
weil es so ist, dürfen wir grade jetzt nicht anders handeln, als wir gehandelt.
Sollen wir, wo das Schicksal von Europa auf der Messerschneide schwebt, mit
einem Mal ausser uns geraten, uns selbst verlieren, und dem Teil, der auf dem
Punkt steht, zu verlieren, uns in die Arme werfen! Wir gingen mit ihm unter.«
    »Wenigstens wäre es ein männliches Ende -«
    »Eines, das sich selbst verloren gibt. So weit sind wir noch nicht. Aber
wir sind in einer Lage, wo man nicht vorsichtig genug sein kann, wo man behutsam
jeden Schritt, jedes Wort, jeden Blick, den Hauch des Mundes abwägen muss. Unsere
Politik ist, und kann, sie darf nicht anders sein, als hinzaudern, abwarten, wie
draussen die Würfel fallen -«
    »Das ist Ihre Politik, Vater!«
    »Aller Vernünftigen. Sieh Dich um und höre die Stimmen in Berlin -«
    »Das Ihre vernünftigen Freunde demoralisirt haben. Die Krämer- und
Schreiberseelen zittern freilich vor jedem Feuerhauch. Er könnte diese Stickluft
in Brand stecken. Ihr Ich ist ihr Vaterland, die Kunden, die morgen ausbleiben,
wenn die Kriegstrompete schmettert, sind ihre Brüder. Aber die Provinzen, das
Land urteilt anders. Auch hier -«
    »Giebt es Brauseköpfe, wie Du, Phantasten, Patrioten, leider sehr hohe und
sehr gefährliche darunter, die das Schicksal des Staats auf eine Karte setzen
möchten. Das Blut von Tausenden ist ihnen nichts, der Wohlstand und das
häusliche Glück von Millionen, die Verwüstung und Vernichtung des Landes auf
eine lange Zukunft hinaus, wenn sie nur ihrem Götzen Ehre opfern können. Der
Krieg ist ihnen ein ritterliches Spiel, und um einzuhauen, um Lorbeeren zu
ernten, als Sieger zurückzukehren -«
    »Genug, mein Vater,« sagte Louis Bouvillard und nahm das Portefeuille vom
Tische. »Sie wollen nicht. Diese Depeschen sollen noch ruhen, wie des Königs
Minister bis - es morgen zu spät ist.«
    »Halt! mein Sohn, was ist denn zu spät? Ich habe Alles zwischen uns
vergessen und rede wie zu Einem, der mir gleich ist. Dieser Courier bringt uns
nichts Neues. Verstehe mich wohl, wir sahen, was jetzt geschehen ist, seit
Wochen voraus. Es konnte nicht anders kommen. Seit acht Tagen erwarteten wir
jede Stunde, dass es geschehen wird. Wir waren darum nicht müssig. Der weise
Vorschlag, dass unser Staat, was er nicht ändern konnte, freiwillig zugebe, die
Erlaubnis des Durchmarsches für alle kriegführenden Mächte, scheiterte leider.
Wir sannen auf Anderes. Ehe das Auskunftsmittel gefunden ward, ist das Uebel
eingetreten-«
    »Das zum Himmel schreit«
    »Die Diplomatie hat Mittel, die Schreier stumm zu machen. Nur weil die
Hitzigen hier das Oberwasser hatten, war die Ausgleichung verspätet. Wir haben
noch nichts an unserer Ehre verloren, wenn Bernadotte's Einbruch von Napoleon
als ein Missverständnis desvouirt wird. An der Bereitwilligkeit dazu wird es ihm
nicht fehlen, denn mit dem Siege an der Oberdonau hat er weder Oestreich noch
Russland vernichtet. Es kann ihm nicht gleichgültig sein, wenn Preussen mit seiner
ganzen Kriegsmacht hinter den Verbündeten grollend ihm im Rücken steht. Ja, wir
wissen, er wird Alles tun, dem bösen Schritt einen guten Schein zu geben.
Laforest erwartet schon einen ausserordentlichen Gesandten. Napoleon opfert auch
Bernadotte, wenn es sein muss. Nur muss er wissen, dass wir bereit sind, auch die
Hand zu reichen, um das Missverständnis zu konstatiren. Siegen aber in diesem
Augenblick bei uns die Feuerköpfe, so ist Alles verloren; und wenn im Schrecken
der Nacht ein Ministerrat gehalten wird, wer weiss, ob ein Schlaftrunkener nicht
die Fackel ins Pulverfass wirft.«
    »Haben Sie mir noch mehr zu sagen, mein Vater?«
    »Dein Herzenswunsch ist es, und Dir verzeih ich's und den jungen Leuten und
patriotischen Frauen, die keinen Blick in unsere Verhältnisse haben, und ob wir
können, was wir wollen.«
    »Wenn der Eroberer schon mit Angst uns aufmarschirt in seinem Rücken
erblickt!«
    »So wird er Kehrt machen, wenn er uns in die Zähne sieht, meinst Du!« - Der
Geheimrat blickte sich um, wie wenn er einen Lauscher fürchtete. Mit gedämpfter
Stimme sprach er: »Wir sind nicht gerüstet, da hast Du die Wahrheit, die man
nicht aussprechen darf. Die Schulden der Rheincampagne sind noch nicht ganz
gedeckt, die Mobilmachung nach der Weichsel hat ein neues Loch in den Schatz
gefressen. Wir haben kein Geld, auf keine Subsidien zu rechnen, da wir mit
England blank stehen, es sieht schlimm in unserer Kasse aus, dass Herr von Stein
darauf dringt, Papiergeld zu machen. Wer wird das in Zahlung annehmen?«
    »Die Millionen, Vater, die unser Kriegswesen jährlich -«
    »Sind ausgegeben, um den Schein, den äusseren Anstrich von Friedrichs Heer zu
erhalten. Polirt und frisch gestrichen ist Alles, aber das Holz morsch und faul.
Die Schilderhäuser blinken und funkeln, in den Magazinen stockt es. Unsere
Festungen sind verfallen, unsere Generale Greise, unser Fuhrwesen verödet, von
unseren Truppen standen die Wenigsten im Feuer, unser Exercitium ist veraltet,
und drüben steht ein Feind, flink wie der Wind, mit dem Genie, aus allem Stoff,
den er findet, Soldaten zu machen, aus Pflastersteinen Kugeln, aus einem Lande,
in dem wir verhungern würden, Vorräte in Überfluss zu pressen, ein Feind, sage
ich Dir, der alle unsere Schwächen kennt, und wir kennen sie nicht, und das ist
das Schlimmste. Wir schaukeln uns im Übermut, wir schreien wie Kinder, die
durch ein dunkel Zimmer müssen, um sich Mut zu machen, wir taumeln, wie
Nachtwandler auf den Dächern, um, wenn man unsern Namen ruft, herabzustürzen.
Das wissen wir, die Wenigen, die man schimpft und verlästert, mein Sohn, und
darum ist unsere Politik, den Krieg vermeiden um jeden Preis.«
    »Um jeden!« rief der Sohn. »Mein Vater, auch um den Preis Ihres eigenen
Rufes, die Ehre des Namens, den Ihre Väter trugen. Bedenken Sie, er gehört Ihnen
nicht allein. Mir ist's nicht gleichgültig, wenn sie mit dem Finger auf meinen
Vater weisen, wenn einst in der Geschichte auch sein Name unter denen genannt
wird -«
    »Louis!« fiel der Geheimrat ihm ins Wort, »ich könnte Dir heut viel
vergeben.«
    »Nicht wenn ich gleichgültig bliebe zu meines Vaters Schmach. Auf die Gefahr
hin Ihres letzten Zorns, ich will, muss reden! Kennen Sie das Urteil des
Publikums? Ganz verhallt so was nicht, ganz lässt es sich nicht übertäuben in
Spässen und in Lustigkeit. In einsamen Stunden, wenn Sie Nachts aufwachen, die
Wanduhr tickt, der Wurm im Holze bohrt, der Wind gegen die Fenster klappt,
schreit es Ihnen da nicht zu, was man von Ihnen und Ihren Freunden flüstert,
lächelt. - Nein, man spricht, man schreit es laut auf dem Markt! - Man schilt
Sie Verräter am Vaterlande. Mehr noch, man glaubt Sie gewonnen vom Feinde,
bestochen. Für Napoleons Geld gäbe diese Verräterklique dem Könige Ratschläge,
die das Vaterland ins Verderben stürzen.«
    »Ich kenne unsere Feinde.«
    »Sie kennen sie; das ist mir lieb. Verachten Sie die giftigen Zungen, so
wünsche ich es. Aber nicht durch stummes Achselzucken, nicht indem Sie die Hände
vornehm in den Schoss legen. Dazu ist nicht mehr die Zeit. Sie können sie nur
verachten durch helles, offnes Handeln. Hier ist ein Moment; hier gilt es rasch
handeln. Was der Courier gebracht, ist kein Geheimnis; morgen weiss es Jeder, er
weiss auch, dass er verschlossene Tore fand, dass die Minister schliefen, oder
schlafen wollten. Der Lieutenant Schmilinsky, ein Soldat von rohem Schrot und
Korn, nimmt kein Blatt vor den Mund, ja er speit schon Feuer und Flamme. Er weiss
jetzt, dass seine Depeschen in Ihren Händen ruhen, dass es an Ihnen wäre, die
Minister zusammen zu rufen. Geschieht es nicht, so fallen, mein Vater, die
Verwünschungen, die Jene treffen, auf Ihr Haupt zuerst.«
    »Das hast Du getan?«
    »Ich, und mit freiem Willen -«
    »Louis - Deinen Vater in eine Lage zu bringen, die -«
    »Ihm Gelegenheit verschafft, den Makel abzuwaschen. Ich freue mich, ich bin
stolz darauf. - Zum Minister - befehlen Sie, dass der Kutscher anspannt -
befehlen Sie, ich begleite Sie, befehlen Sie, was Sie wollen, ich bin zu Allem
bereit. Nur keinen Augenblick gezaudert -«
    »Und nach alledem, was ich Dir - nur Dir - vertraute -«
    »Will ich meinen Vater rein sehen von der Anklage, wie von der Schuld.« - Er
griff nach des Vaters Hand. - »Enterben Sie mich, aber das tun Sie mir zu
Liebe. Beim allmächtigen Gott, ich glaube nicht, was der Argwohn spricht, nicht
von Ihnen auch nicht von Andern - aber ich lechze, ich sehne mich nach Beweisen,
nach einer schlagenden Tat, damit, was ich wünsche und glaube zur Ueberzeugung
wird, damit ich stolz Jedem die Stirn weisen, damit ich ihm ins Gesicht schauen,
und ihn einen Lügner strafen kann, der meinen Vater - schilt.«
    Der Geheimrat war in einer Aufregung, die sich nicht verbergen liess, auf-
und abgegangen. Jetzt plötzlich riss er an der Schelle. Er ergriff das
Portefeuille, er drückte Louis' Hand: »Rufe den Courier, wir fahren zum Grafen.«
 
                          Achtunddreissigstes Kapitel.
                      Gewitterschläge am schwülen Kimmel.
Im Hause der Geheimrätin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen;
aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen
des Blutes, Beklemmung des Herzens, und klagte über Visionen. Im Kreise der ihr
liebsten Menschen sah sie oft andere Gesichter. Sie redete eine Person an, und
meinte eine andere; aber sie beteuerte, sie wisse sich darüber genau
Rechenschaft, wenn der Zustand vorüber. Es wären nur nervöse Affektionen, über
die die Aerzte keine Auskunft geben könnten. Sie sprach bitter von den Doktoren,
und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein.
    Die Gevatterinnen urteilten verschieden über ihren Zustand. Sollte auch die
Lupinus sich der Schwärmerei, dem Mysticismus, in die Arme geworfen haben, sie,
auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas
clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die
Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren, oder sein zu müssen
glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben
nur für das Aufblitzen unbewusster Naturkräfte. Sie wollte keine Geisterseherin
sein und erklärte sich gegen den Aberglauben.
    Aber die Zungen waren fertig, über sie zu richten, und es gibt in einer
grossen Stadt böse Zungen. Wir übergehen das, was die Boshaften sich
zuzischelten: es sei nur Aerger, weil ihre Gesellschaften nicht die
Anziehungskraft geübt, die sie gewünscht, und die Exklusiven sich zur russischen
Fürstin zögen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es möchte wohl
einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich
gezogen. Worauf Andere hinzusetzten, der Prinz müsse auch wohl einen besonderen
Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die mild
Gesinnten zur Erklärung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe
widerstrebe, wirke es afficirend, gewissermassen revolutionirend in dem zarten
Körper. Andere: sie, die für einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe
nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste
das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt würde! Demoiselle Adelheid sei
wohl gut und schön, aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen. Habe sie es nicht
durchgesetzt gegen Aller Willen, dass sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei,
einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich
stösst. Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht, die jetzt auch höher hinaus
dächten, noch der Vater des jungen Mannes, der geradezu erklärt, er werde nie
solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu
verhelfen, hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen,
und nun sei doch ihre Lage gewiss nicht beneidenswert: eine Pflegetochter hüten,
an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrücken,
die sie ungern sähe, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des
Mädchens und gegen den alten van Asten, von dem sie noch obenein einen
unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen. Könne das nicht ein
edelgesinntes Gemüt herunterbringen! -
    In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältnis der Geheimrätin
mit dem Legationsrat. Der Legationsrat behielt bei den Anspielungen seine
vollkommene Ruhe, und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der
geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des
Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wussten, dass er nur seltene Besuche
machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wussten von der
Dienerschaft, dass er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege.
Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft, oder betrafen
Geschäfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und Wandel
hatte ihr gute Hypoteken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er für die
sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrates, den dieser
oft stundenlang in seinem Studirzimmer festielt. Wandel war ein lebendiges
Lexikon für alle Ausgaben des Horaz. Und wie teilnehmend hatte er sich bei dem
letzten Unglücksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des
alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen,
obgleich Geheimrat Mucius gesagt, er könne sich noch zehn Jahre quälen. »Wie
recht hatte Ihre Frau Gemahlin,« hatte er zum Geheimrat gesagt, »die immer
besorgte, dass er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde.
Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Aerzte erkannt!« Als man Johann
an einem Morgen todt neben seinem Bette gefunden, und alle Hausgenossen in die
Kammer stürzten, war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen. Hier ging
ihr der Atem aus, die Kräfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr
Gatte und der Legationsrat mussten die Ohnmächtige aufheben. Wie liebevoll
hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerfloss in
Tränen: »Warum erschrecken, meine Freundin, über Etwas, das nur eine Wohltat
des Himmels ist, für den armen Dulder, für uns Alle, die wir seine Leiden sehend
mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies getan. Sein Wille
geschehe, der es gut, schnell und kurz gemacht!« Gestärkt durch seinen Zuspruch,
hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Züge beobachtend. »So ist es
recht,« hatte er gesagt: »dem was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen!
Wem helfen Tränen, wem weichliches Gefühl des Mitleids! Indem wir das eine
Notwendige erkannt, stärken wir unsere Nerven, um der Notwendigkeit auch
weiter ins Auge zu blicken, und wir mögen endlich den Sinn des alten
Kirchenliedes erfassen: Tod, wo sind nun deine Schrecken!« Sie war gestärkt
worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen
geschmückt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerührt, und das Lob
der Geheimrätin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet.
    Im Hause der Geheimrätin war es sehr still hergegangen, sagten wir, heut
aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche.
Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurückberufen,
marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort, der fränkischen
Grenze. Die Strassen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte
unregelmässig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmärschen aus Polen
herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu
einem Paradezug zu ajustiren. Während Monturen, Gesichter, Haltung von den
Strapazen der angestrengten Märsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln und
die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der
Zuschauer überbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tücher, auf der
Strasse drückte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und
während die Schnapsflaschen und die Semmelkörbe umhergingen, schickten
patriotische Hausfrauen grosse Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der
Küche der Geheimrätin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte für den
Soldatenkaffee und für die Chokolade der Gäste zu sorgen.
    Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehörten nicht Alle
zu einander.
    Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden
einen Artikel vor: Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg
dem französischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort erteilt: Sein König
wisse nicht, worüber er sich mehr zu verwundern habe, über die Gewalttat des
französischen Heeres, oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür.
Wie habe man Preussens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die
seinen teuersten Pflichten nachteilig werden könnten. So könne man denn doch
keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als dass derselbe Ursachen
gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preussen bestehenden Verpflichtungen für
wertlos zu halten, und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller
früheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preussen auch noch jetzt, halte
sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur
Verteidigung des Staates unerlässlich sei.
    »Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle weiss,«
bemerkte Jemand. Ein Anderer setzte hinzu: »Und es bleibt nicht bei der
Rückberufung unserer Weichselarmee, sondern wir haben auch den Russen den
Durchzug durch Schlesien geöffnet.« Der Kriegsrat Alltag flüsterte seinem
Nachbar ins Ohr: »Die Donschen Kosacken sind schon in Breslau angemeldet.«
    Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt. Sie
lächelte, zum Rat Fuchsius sich abwendend: »Mir will die Vorstellung einer
Komödie noch nicht aus dem Sinn.« »In einer Stadt, wo das Teater eine so grosse
Rolle spielt,« entgegnete der Rat, »ist dieser Gedanke sehr natürlich.« »Es
wäre doch grausam,« fuhr die Fürstin fort, »wenn man mit den armen Menschen
wieder nur Kämmerchen vermieten spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von
der Weichsel nach dem Main!« »Das könnte das beste Heer demoralisiren,« äusserten
Mehrere.
    
    »Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten?« fragte die Lupinus.
»Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten, der heut Morgen ankam.«
»Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Ueber etwas, das uns
so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.«
    »Dann ist's auch vielleicht nicht wahr,« lächelte die Fürstin mit einem
besonderen Blick auf den Regierungsrat. Es mochten mehrere den Blick verstehen.
Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel.
    »Die erlauchte Fürstin,« entgegnete Fuchsius, »weiss, dass gewisse Regierungen
schüchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien
vertragen, hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt.«
    »Ich kenne auch Regierungen,« setzte die Gargazin darauf, »die erschrecken,
wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.«
    Der Kriegsrat Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte
nicht geglaubt, dass vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen
könnten.
    Die Gruppe löste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrücken eines
neuen Bataillons verkündete. Adelheid streifte mit dem Präsentirbrett an Walter
vorbei »Ein bisschen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit Mutter könnten
Sie mehr sprechen.« Der Jubel am Fenster und auf der Strasse ersparte ihm die
Antwort.
    Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche
durchdringende Stimme liess sich vernehmen: »Nein, sag ich doch, so vieles Volk,
und alle zum Todtschiessen! 's ist grausam! - Sieh mal Fritz, wie sie blitzen!
die Spontons! Da der mit dem roten Federbusch! - Malwine, willst Du Dich nicht
so 'rüber legen! - Was man mit den Kindern Not hat. Und da das blutjunge
Gesicht - ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich die Füsse durchgelaufen. - Was
'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muss! - Und staubig, Alle wie
gepudert! - Liebechen,« rief sie hinunter, - »sehn Sie, Dem da schenken Sie 'ne
Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hübscher Mensch. - Sieht sie's wieder
nicht, die Lisette! - Nu ist er fort! - Na, 's wird wohl noch andere mitleidige
Seelen geben. - Was so ein Tornister drücken muss! - Fritz, wenn Du auch solche
grausame Flinte auf dem Buckel tragen müsstest. - Nu pass Acht, nu kommt der
Tambour. Hurrje, hurrje! hörst Du, wie er schlägt!«
    »Will auch Trommler werden,« sagte der Junge.
    »Nein, Fritzchen, da wirst Du todtgeschossen. Das ist nur für ordinaire
Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderem da.«
    »Will Trommler werden!« wiederholte der Trotzkopf. »Papa hat's gesagt.«
    »Ja, wenn Du ein Taugenichts wirst, dann wirst Du unter die Soldaten
gesteckt.«
    Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. »Du Olle, Du sollst mir's
nicht verbieten, Du hast mir nichts zu verbieten.«
    »Range Du! Untersteh' Dich und kneif' noch mal. Wenn wir nicht bei hübschen
Leuten wären, kriegtest Du eins hinter die Ohren, dass Du Dich wundern sollst.«
    Die Geheimrätin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den
Kindern Bretzeln und fragte: ob sie schon Chokolade bekommen.
    »Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die
Kleinen!« rief Charlotte, die sich umgedreht. »Dass wir Ihnen auch so viel
Inkommodität verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer weiss, ob sie
so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackir. Ja sie gehen
alle in den Tod.«
    »Giebt es einen schönern als fürs Vaterland!« sprach die Geheimrätin mit
Erhebung.
    »Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimrätin, aber, nehmen Sie mir's
nicht übel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang,
ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehen und liegen. Und der Fritz will
absolut Soldat werden. Ist ein rabbiater Junge. Und mein guter Geheimrat, der
die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase
spielt. Kinder sind Gottes Segen, o gewiss, aber sie können auch Gottes Fluch
werden, wenn sie ausschlagen.«
    Die Geheimrätin streichelte die Köpfe der Kleinen: »Geht, liebe Kinder, in
die andere Stube und lasst Euch Chokolade geben.«
    Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbretzel, welche die Frau
mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht
spitz vor, als sie über die blonden Haare der Kleinen strich. Charlotte war auch
jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andere, als sie plötzlich in Tränen
ausbrechend den Saum des Kleides der Geheimrätin erfasste und es an die Lippen
drückte: »Ach, Frau Geheimrätin, das müssen Sie mir schon erlauben. Es war doch
zu schön. So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine
eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Darüber ist auch nur eine Stimme
in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sagt, solch einen Sarg und
von so schönem fettem Eichenholz, hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte
begrub, und das war ihr Glück, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel
auftut, dann hält er nicht den Finger drauf. Aber der Silberbeschlag! Nein,
Frau Geheimrätin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde
rostet's, wir rosten Alle. Aber die Blumen, nein du mein Himmel Jesus nein. Wie
ein Purpurri 'rüber geschüttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir
in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom
Gensd'armenmarkt, vom Fürstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, dass
die Leichenträger nur Platz hatten. Und da war doch nur eine Empfindung.«
    »Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.«
    »Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimrätin. Und den Kranz von weissen
Rosen, den Sie auf seine Todtenlocke gedrückt, und sein bleiches Antlitz! Er war
mein Cousin, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sprach: Ja
das Leben ist doch schön! Nein, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich eine
schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, dass Mancher sagen möchte,
so möchte ich auch sterben.«
    Wenn eine Emotion sich in dem halb geschlossenen Auge der Geheimrätin kund
geben wollte, so bemerkte es Niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle
Trompetenstösse lockten jetzt aufs Neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder
stürzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht
zukam, eingenommen, Arm in Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die Andere,
keine gab auf die andere Acht.
    »Ach da reitet er!« rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der
Gensd'armen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschirenden
Dragonern nur das Geleit.
    »Ach da reitet er!« tobte es in einer Brust neben ihr, ohne dass die Lippen
sich bewegten.
    »Nein! wie viel schöner sehen doch unsre aus, als die Dragoner!«
    Wunderbare Sympatie! Dasselbe dachte die Baronin.
    »Wem gilt dieser Jubel?« fragte am andern Fenster die Fürstin. »Den neuen
Uniformen, Erlaucht,« flüsterte Jemand hinter ihr. »Die bleiben in Berlin?« »Es
wäre schade, sie dem Herbstwetter auszusetzen.« »Aber die armen maroden Truppen,
die ins Feld müssen, werden es übel nehmen.« »Erlaucht! Das Futter fürs Pulver
darf nichts übel nehmen.«
    Plötzlich stiess Charlotte die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast
zurück: »Er streicht sich den Bart; das gilt mir: ja, ja, ich seh's,« und damit
er's wieder sähe, bog sie sich hinaus. Malwine und Fritz waren dafür gestossen
worden. Es war nicht nötig, dass sie das Umschlagetuch sich abgerissen, der
Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster, und warf ihr Kusshände zu. Und wie
keck schmunzelnd er wieder den Bart strich!
    Die Baronin sah auch etwas, aber - sie ward blass. Er strich nicht den Bart,
nein; aber als er hinaufgeblickt, ihre Augen ihn getroffen, wandte er plötzlich
den Kopf. Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen. Sie sah ihn
im Gedränge nicht wieder. »Ist Ihnen unpässlich, meine Gnädige?« fragte der
Legationsrat, der, jetzt erst eingetreten, die Dame nach einem Stuhl führte.
»Es wird bald vorüber gehen.«
    »So ist es recht. Weinen Sie sich aus. Verhaltener Kummer ist für Seele und
Leib gefährlich.«
    Die Eitelbach hatte Zeit sich auszuweinen; bis auf die Kinder, welche die
Einladung an den Chokoladentisch nicht umsonst vernommen, war kein lebendes Auge
im Zimmer. Alle auf das Schauspiel draussen gerichtet. Prinz Louis selbst ritt
vorüber, der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, und brach doch immer
wieder von neuem aus. Tücher, Hüte, Mützen flogen. Es wollte nicht enden.
    »Der Krieg ist ja noch nicht erklärt,« flüsterte der Legationsrat; »die
Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin, wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht
für einen dieser tapfern Krieger Besorgnis hegt.«
    Die Baronin sprach es nur für sich: »Er sieht mich ja nicht an.« Sie bereute
schon den Selbstverrat, als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des
Legationsrates fiel. Er rückte einen Stuhl heran.
    »Teuerste Frau,« hub er nach einer Pause an, »erlauben Sie ein Wort des
Vertrauens. Sie waren so gütig, mir jüngstin Ihres zu schenken, und es ruht in
dieser Brust, wie in einem Grabe.«
    »Sie wissen ja Alles.«
    »Ich hielt es für längst vorüber; das Spiel des Windes auf einem
Aehrenfelde.«
    »O es wird auch wohl so sein. Sie werden recht haben, ganz recht,« brach es
aus der bewegten Brust. »Aber er verfolgte mich ja letztin so auffällig.«
    »Besitzen Sie einen Brief von ihm? - sprach er Sie an?«
    »Nein - aber - es war ja ganz klar - die Fürstin Gargazin -«
    »Können Sie der auch ganz trauen? -« Der Legationsrat sah sich vorsichtig
um.
    »Sie ist eine seelensgute Frau. Schon vor acht Tagen versicherte sie mich,
ich möchte mich vorbereiten, er könne sich gar nicht mehr halten. Sie hat ihn
neulich bei sich in ihr Kabinet zurückgedrückt, er wäre im Stande gewesen, in
ihrer Gegenwart mir zu Füssen zu stürzen.«
    Der Legationsrat sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf: »Das
glaube ich doch nicht -«
    »Als wir von der Waldow kamen, öffnete er mir den Wagenschlag. Ei, wie komm
ich zu der Ehre, sagte ich.«
    »Und er -«
    »Er hatte schon, ganz träumerisch, einen Fuss auf dem Tritt, als mein Mann
dazu kam und ihn einlud mitzufahren -«
    »Worüber er zur Besinnung kam, das ist freilich sehr begreiflich.«
    »Sahen Sie, wie er jetzt fortsah, als er mich erblickte?«
    Er fasste sanft ihre Hand: »Einem Kavalier muss der Ruf seiner Geliebten über
Alles gehen. Was der Rasende im verschlossenen Kabinet der Fürstin vielleicht
gewagt hätte, wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen. Nein, da
beruhigen Sie sich - und wenn er es getan, so hätte ich ein Wort mit ihm reden
wollen. Eine Bitte! Tun Sie sich Gewalt an. Verbergen Sie diese Gefühle. Sie
sind zu schön und rein, die Welt ist Ihrer nicht wert. Möglich, das gebe ich
zu, möglich, dass auch er Ihrer nicht wert ist. Aber erscheinen Sie dafür desto
grösser, und wenn er treu ist, bewahren Sie ihm das Vertrauen, ist er es nicht,
sich die Grösse, über ihren Schmerz erhaben zu sein. Meine Freundin,« sagte er
aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust, »das Vergängliche gehört der
Zeit, was aber in die Aeonen hinausragt, das ist das heilige Bewusstsein einer
schönen Seele. Sie werden mich verstehen.«
    Ganz verstand sie ihn nicht, aber es war gut, dass sie ihn nicht fragte, denn
die Gesellschaft war wieder im Zimmer. Nur der Major schien am Eckfenster noch
draussen: »Das Friedrichs Heer!«
    »Gerade in diesen Regimentern ist nichts geändert,« sagte Fuchsius.
    »Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken.«
    »Sie marschirten doch vortrefflich -«
    »Geknickte Glieder eines Riesenkörpers, die nicht mehr in einander klingen.
Mein Freund, zuweilen will's doch auch mich beschleichen, als wäre es am
gescheitesten, zur Friedenspartei überzugehen.«
    Der Legationsrat wurde mit Fragen, was er Neues bringe, überstürmt. »Duroc
ist abgereist.«
    »Wirklich! Endlich!« rief es. »Mit einer Kriegserklärung?«
    »Man hat ihm nur zu verstehen gegeben, dass man unter den obwaltenden
Umständen das Freundschaftsbündniss als gelöst vielleicht zu betrachten genötigt
sein dürfte.«
    »Und hat Laforest Pässe erhalten?«
    »So unhöflich ist man nicht gewesen«
    Die Fürstin lächelte: »Er denkt übermorgen eine Matinée zu geben.«
    »Dies unterbleibt doch vielleicht,« sagte Wandel, »wenn Erlaucht mir
erlaubt, das Gerücht mitzuteilen, was ich von der Börse bringe. Seine Majestät
Kaiser Alexander wird hier erwartet. Der Oesterreichische Erzherzog Anton ist
schon auf dem Wege nach Berlin.« Die Nachricht überraschte. Auch der
Regierungsrat war frappirt: »Dieser Mensch weiss Alles.«
    »Wenn wir nicht wollen,« sagte Eisenhauch, die Lippen zusammen beissend, »so
zwingen uns Andere zum Ernst.«
    Man beobachtete die Fürstin, um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen.
Man konnte nichts lesen; sie war mit Adelheid beschäftigt, der sie heut ihre
ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien.
    »Herr von Wandel, Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende?«
    Er war gefällig, und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum
Besten: »Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt. Er will
ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen. Einstweilen hat der junge Bovillard
Courierstiefeln anziehen müssen. Er ist fortgeschickt.«
    »Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei,« sagte die
Geheimrätin mit Bitterkeit und ihr Blick fiel auf Adelheid. »Ob zufällig, oder
ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte?«
    »Meine holde Adelheid erschrak,« sagte die Fürstin, »bei Ihrer Nachricht von
der Ankunft unseres Kaisers, Herr von Wandel. Sie stellt sich unter einem Kaiser
aller Reussen einen orientalischen Despoten vor, einen Grossmogul, vor dem Alles
in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muss. Ihr Lehrer wird ihr sagen, ein wie
liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist. Auch ein Welteroberer, aber -
durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen. - Doch mich dünkt, unser
Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet. Was sagt die Falte auf
ihrer Stirn?«
    Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Ich weiss nicht, ob ich die frohe
Stimmung hier stören darf.«
    Eine Aufforderung zum Reden dringt.
    »Die Oesterreicher sind total geschlagen, Mack mit 6000 Mann gefangen, es
existirt keine österreichische Armee an der Donau mehr. Der Courier kamschon
heut Morgen an. Man hielt die Nachricht zurück, um den Jubel beim Durchmarsch
der Truppen nicht zu dämpfen.«
    Eine stumme Pause folgte. Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden
Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast.
    »Adieu Deutschland!« seufzte Fuchsius. »Viktoria!« rief der Major. »Das geht
ans Leder. Die Haut lässt man sich nicht ruhig abziehen.« Die Fürstin warf einen
ihrer himmlischen Blicke an den Plafond: »So musste es kommen, und es muss noch
mehr kommen. Meine Herren, ich halte es für eine frohe Botschaft. Ja, der Mann
ist gross, denn ein Grösserer hat ihn gewürdigt, seine Geissel zu sein. Es soll
noch mehr Blut fliessen, um die Welt zu reinigen, und wir haben kein Mass für die
Ströme, die da rauschen werden über die Länder.«
    »Ach du mein Gott, das ist ja schrecklich!« rief die Kriegsrätin
erblassend. Adelheid war zugesprungen, und umfasste die Mutter, die auf einen
Stuhl gesunken war.
    »Warum schrecklich,« sagte die Fürstin mit Holdseligkeit, »wenn es Sein
Wille ist! Er, der die Haare auf unserm Kopfe gezählt hat, weiss auch, wen er
opfern, wen er retten will. Und über seinen Erwählten schweben seine Engel.
Einen weissen leuchtenden Fittich seh ich gebreit über dieses Kindes Haupt!«
sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken.
    Die von solcher Huld gerührte Kriegsrätin wollte aufstehen. Die Fürstin
drückte sie sanft zurück: »Glückliche Mutter, auf deren Kindes Stirn die Worte
des Dichters stehen:
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemüt!«
»Die Königin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt.
Sie wünscht sie einmal zu sehen;« flüsterte die Fürstin im Fortgehen mit
holdseliger Herablassung zur Mutter. Sie glaubte in die Erde versinken zu
müssen.
    Die Harmonie der Gesellschaft, wenn man die Stille so nennen kann, die vom
Eindruck der Nachricht hier noch herrschte, ward durch hässliche Kinderstimmen in
der Nebenstube unterbrochen, und als Charlotte plötzlich in ein heulendes
Geschrei ausbrach, stürzte die Gesellschaft dahin.
    Der Rat und der Major, die nicht für Familienangelegenheiten gestimmt
waren, ergriffen die Gelegenheit sich zu entfernen. Auf der Treppe sagte
Fuchsius: »Der Frömmigkeit der Gargazin wäre es genehm, wenn ganz Deutschland in
Brand und Flammen aufginge.«
    »Damit Russland es erlösen kann!« setzte der Major hinzu. »Es fragt sich da
eben nur, wo die Scylla und wo die Charybdis ist.«
    Das Familienereigniss, welches den Aufstand verursachte, war auch für die
näher Angehörigen kein eben interessantes. Die Lupinus'schen Kinder, bei der
Aufmerksamkeit, welche Prinz Louis und die Retter verursachten, sich selbst
überlassen, waren über die Reste des Chocoladentisches hergefallen. Knabe und
Mädchen hatten um die Wette »gestopft«, um die Zeit zu nutzen, wo man sie nicht
beobachtete, und Fritz es angemessen gefunden, auf die Chololade und das viele
Zuckergebäck einige Gläser süssen Weines zu giessen. Mit der Schilderung der
Wirkungen, die sich hier zeigten, verschonen wir unsere Leser. Charlottens
Aufschrei galt dem traurigen Anblick, den Malwine verursachte, die leichenblass
mit blauen Lippen, gläsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle
lag. Fritz sass, als die andern eintraten, noch wie ein Kobold auf dem Tisch, und
machte den Versuch, mit grinsendem Gesichte aus der Flasche, die er in der Hand
hielt, das Glas in der andern zu füllen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Der
süsse Wein floss auf die Dielen. Was noch darauf erfolgte, überlassen wir der
Phantasie des Lesers; aber der Knabe schlug, als er schon Kopf über vom Tische
gefallen war, noch mit der Flasche, die er krampfhaft in der Hand hielt, um
sich. Zwar verwundete er keinen der Andern, die herbeigesprungen waren, aber,
indem die Flasche in Scherben zerschlug, sich selbst an den Schläfen.
    Charlotte schrie wie besessen: »Sie stirbt!« Den Kindern sei's angetan!
Andere: »Ein Doktor! Schnell einen Doktor!« Nur die Geheimrätin hatte ihre
Besinnung behalten: »Was wird es sein! Die Kinder haben sich den Magen
überladen. Irgend ein Hausmittel, Legationsrat.«
    Die kurze Zwischenzeit, wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestürzt
waren, um nach einem Arzt zu schicken, und die noch Anwesenden Miene machten
sich zu entfernen, füllte Charlotte mit ihren Lamentationen, bis die
Geheimrätin ihr ins Wort fiel; sie meinte, hier sei nichts weiter zu beklagen
als ein Ungeschick, ein trauriger Zufall oder die vernachlässigte Erziehnug der
Kinder.
    Das Glück wollte, dass ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen
ward, und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem
Herwege gefunden und benachrichtigt war. Der Chirurg erklärte beider Zustand für
gefährlicher als die Geheimrätin gedacht; Malwine, deren Natur sich nicht
selbst geholfen, bedürfe eines Blutlasses; aber er musste die herangeholte
Lanzette noch sinken lassen, weil die Wunde an der Schläfe des Knaben so nahe an
die Arterie streifte, dass, wenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hülfe
komme, eine Verblutung zu besorgen stand. Wir wissen wirklich nicht, ob es,
nachdem dieser Verband erfolgt, noch nötig ward, auch das Blut des kleinen
Mädchens zu fordern, denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft, und
der Legationsrat, der hülfreiche Hand dabei geleistet, erklärte, als er
zurückkam, er hoffe, dass andere Mittel ausreichen würden.
    Aber um noch die Peinlichkeit der Situation für die noch Gebliebenen zu
vermehren, erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel, von dessen
Heftigkeit man überzeugt sein wird, wenn wir sagen, dass Charlotte die Angeklagte
war, der Geheimrat der Kläger, und die Geheimrätin, die angerufene Richterin,
sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien. Charlotte war ihr eigner Advokat,
und der Geheimrat von der Vogtei konnte, wie wir wissen, wenn die Gelegenheit
es mit sich brachte, auch ausser sich geraten. Er folgte der entgegengesetzten
Maxime seines Bruders: er hielt Emotionen nicht für das Gift, sondern für eines
der Präservativmittel des Lebens. Seine Freunde meinten, er alterire sich am
liebsten vor dem Mittagstisch, weil dies dem Organismus des Magens zuträglich
sei; jedoch immer nur mit Mass.
    Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstürzte und Charlotte hinter
ihm, schien er eher der Verfolgte. Sie wenigstens schrie in die Versammlung
hinein, ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen: »Meine
Cousine, die Frau Hoflackir, hat mir wohl gesagt: Warum giebst Du Dich noch mit
ihnen ab, warum opferst Du Dich ihnen! Du kennst sie ja, und Undank ist der Welt
Lohn. Ja, ich kenne sie, und Undank bleibt der Welt Lohn!«
    »Charlotte,« rief das blasse Gesicht der Geheimrätin, die an der Schwelle
stehen blieb. »Bedenke Sie, wo Sie ist.«
    »Ja, Frau Geheimrätin, das bedenke ich auch, und Sie sind eine nobel
gesinnte Dame, und wer Domestiken behandelt, wie er es selbst verdient, der ist
rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen. Denn wir Domestiken sind auch
Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft, und ich brauchte es ja nicht zu sein,
sagt mein Cousin, der Herr Hoflackir. Ja wenn der nur hier wäre! Der würde ein
Wort sprechen, aber ich bin eine vereinzelte unglückliche ledige Person. Und
darum sind der Herr Geheimrat so unverschämt. Hab ich denn die Chocolade
gesoffen?«
    »Charlotte!« wiederholte die Geheimrätin.
    Der Vogtei-Lupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes: »Sie soll mir
nicht wieder vor's Gesicht.«
    »Das will ich auch gar nicht. I bilden Sie sich das nur nicht ein. Und wenn
sie's mir auch nicht sagten. Gott bewahre, dass ich noch einen Fuss in das Haus
täte, wo man eine rechtschaffne Person so maltraitirt. Meine Cousine, die Frau
Hoflackir, hat auch gesagt, sie könnt's nicht begreifen, warum ich's so lange
ausgehalten. Ja, was tut der Mensch nicht, wenn die Kinder uns ans Herz
gewachsen sind. Und nun soll ich die Schuld sein! O du gerechte Güte! Hab' ich
sie zur Chocolade invitirt? Hab' ich die Bretzeln gebacken? Wer weiss denn was
der Kuchenbäcker rein getan.«
    »Charlotte, ich bitte Sie, sei Sie stille,« sprach die Geheimrätin, die
Hand am Herzen. »Sie weiss nicht, was Sie redet. Sie liess die Kinder ausser Acht.«
    »Wird mir das auch angerechnet!«
    »Sie pflichtvergessenes, -« schrie Lupinus - »derweil Sie am Fenster das
Maul aufsperrte.«
    »Weil ich ein Gemüt habe, weil ich für meinen Gott und meinen König und
unser herrliches Militär zum Fenster raus sah, weil ich als gute Patriotin mein
Herz ausschüttete! Nein, das geht mir doch über Alles. Nu, kommen Sie mir
wieder! Sag' ich doch - nu Kinder hin, nu Alles hin, nu adjö sag' ich Ihnen. Sie
sollen mich nicht wieder sehen, Herr Geheimrat, nu mag's gehn, wie es will, und
wo ich hin will, das weiss ich. In Ihr Haus zurück? - I Gott bewahre! Sie können
meine Sachen raus schmeissen lassen, auf den Schinkenplatz. Was Sie wollen, wie
Sie wollen, immer zu! O das genirt mich noch nicht so viel, wie Ihre ganze
Wirtschaft nicht, mein Herr Geheimrat! Was ist für mich die Welt noch, wenn
man so mit meinem Herzen umgeht! Aber nehmen Sie sich in Acht. Mein Cousin, der
Herr Hoflackir, weiss was ich habe. Der zählt jedes Stück nach. - Vors hall'sche
Tor will ich, aufs Grab der seligen Frau Geheimrätin, da will ich sprechen, da
will ich mich ausweinen, da will ich klagen, da will ich mir ein Leids antun -
denn ich kann nicht leben ohne die Kinder!«
    Rot vor Echauffement drängte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und
riss das Tuch an sich, das die erschrockene Baronin mit ihrem Rücken zufällig
fest hielt:
    »Das ist mein Umschlagetuch!«
    So ging sie hinaus, doch die Tür noch in der Hand, fing sie heftig an zu
schluchzen, ihr Peroriren war aber diesmal an die Wirtin gerichtet:
    »Und das muss ich Ihnen sagen, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich für eine
schlechte Person halten. Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm, nein um Gottes
Willen, das tun Sie nicht. Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren, der
Herr Geheimrat verstehen nichts von der Erziehung. Das Mädchen verdirbt und der
Junge auch, sonst hätten sie auch nicht die Chocolade aufgetrunken, aber sie
lernen's von ihrem Vater, Gott straf' mich, der kann auch nichts stehen lassen,
er muss in Alles die Nase stecken und kosten. Und die selige Frau Geheimrätin
werden vom Himmel runter sehen und's Ihnen lohnen. Und handeln Sie an diesen
Kleinen, wie sie - o Gott! an meinem Cousin gehandelt haben.«
    Unter noch heftigerem Schluchzen flog die Tür hinter ihr zu. Dass die
kranken Kinder einstweilen bei der Geheimrätin blieben, war eine Sache, die
sich von selbst verstand, denn der Arzt hatte schon erklärt, sie dürften auf
keinen Fall fortgeschaft werden. Warum aber der Geheimrat nach einer Weile
aufsprang, und den Hut ergriff, um der Köchin nachzueilen, blieb zweifelhafter.
Er sagte, es geschehe, um nachzusehen, damit die desperate Person nicht sein
Haus von oben zu unten kehre. Es gab indes in der Gesellschaft Einige, die
meinten, es wäre nur um sein Mittagessen. In seinem Affekt hatte er nicht
bedacht, dass sein Schicksal noch in Charlottens Händen ruhte.
    Der Aufbruch war jetzt so allgemein, als die Verstimmung. Walter empfing für
seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gruss vom Kriegsrat Alltag; die
Kriegsrätin musste in einer eigenen Laune sein, denn sie zupfte noch ihren
Mann, warum er sich so lange aufhalte? Auch der Geheimrätin bewies sie lange
nicht mehr die Ehrerbietung und gerührte Dankbarkeit, mit der sie sonst von
dieser gütigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm. Kaum aber war sie die
Treppe hinunter, als es die Brust nicht mehr hielt: »Mann, hast Du gehört, Ihre
Majestät die Königin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt!« - Der Mann
sagte: »Hm!« und meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was vornehme Leute
sagen. »Aber,« erwiderte sie, »eine Fürstin kann doch nicht lügen!« Und als er
meinte, es könne wohl etwas daran sein, es werde aber nicht alles so sein,
sprach sie: »Dass aber die Königin auch nur von unsrer Tochter weiss, dass sie
überhaupt auf der Welt ist, das hattest Du und ich uns doch nicht im Traume
einfallen lassen!« Sie hatte immer geglaubt, die Könige wüssten von den
einzelnen Menschen gar nichts, und die Individuen verschwömmen ihnen, wie man
von einem hohen Berge eine Landschaft sieht.
    Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied. Es musste auch hier etwas
von Verstimmung sein. Sie meinte, er hätte sich doch überwinden können und
zuvorkommender gegen ihre Eltern sein. Er sagte, es habe ihm etwas die Brust
zugeschnürt. Sie entgegnete, auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp - »und
ich überwinde es doch,« sagte sie, und zwang ihr Gesicht zu einem heiter
lächelnden Ausdruck.
    »Wenn ich Dich erst aus diesem Hause fort wüsste,« sagte er nach einer
Pause.
    »Wünsche es nicht,« entgegnete sie. - »Und wohin? So lieb ich meine Eltern
habe, so fühle ich doch, dahin passe ich nicht mehr.«
    »Du verlangst nicht nach Glanz und Reichtum -«
    »Aber -« unterbrach sie ihn und schwieg plötzlich. »Daran bist Du auch
schuld; warum hast Du aus mir eine Andre gemacht, als ich war -«
    Er ging mit einem stumm wehmütigen Händedruck.
    An der Tür wandte er sich noch einmal um. Sie war ihm nachgeeilt und hielt
den Kopf an seine Brust: »Gieb den Mut nicht auf, Walter. Ich lerne mich
täglich mehr überwinden und es wird alles besser werden - - für uns Beide.«
    Der Legationsrat hatte beim Hinausbegleiten die Hand der Baronin Eitelbach
sanft ergriffen: »Meine Freundin, mir ist eingefallen, haben Sie sich auch
nichts vorzuwerfen? Ich meine keine Schuld, aber vielleicht doch irgend einen
geringschätzigen Blick, eine Bewegung - Sie wissen, Männer sind eitel, und
Verliebte leicht gereizt. - Sinnen Sie darüber nach!« hatte er teilnehmend
hinzugesetzt, als sie ihn erschreckt anblickte, und klopfte sanft auf ihre Hand.
 
                          Neununddreissigstes Kapitel.
                    Es war etwas nicht, wie es sein sollte.
Die Geheimrätin ruhte in einem Fauteuil, als Wandel ins Zimmer zurückkehrte.
Sie sah sehr abgespannt aus; über das blasse Gesicht flog aber doch eine nervöse
Röte, und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher. In dem weissen Kleide,
das sich in weiten weichen Falten um sie breitete, und der Haube von derselben
Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges.
    »Wie steht es nun also?« fragte sie. »Ach mein Gott, es ist so viel, was mir
durch den Kopf geht.«
    »Das Kapital, was Sie morgen ausgezahlt erhalten, würde ich meiner Freundin
raten, baar in Händen zu behalten.«
    Die Geheimrätin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an. Sie hatte von
dieser Sache nie mit ihm gesprochen. Erst heute hatte sie das Notifikatorium
erhalten, dass das Geld für sie fällig im Depositorium des Kammergerichts liege.
    »Beruhigen Sie sich, ich bin kein Geisterseher. Dies erfuhr ich auf ganz
natürlichem Wege, als ich heut früh auf der Registratur des Pupillenkollegiums
einige Akten durchsah. Nicht aber die Ihrigen,« setzte er rasch hinzu. »Hinter
meinem Rücken sprach der Decernent mit dem Registrator von den fünftausend
Talern. Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Börse erkundigen, in welchen
Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen könnten, als ich die
beunruhigende Nachricht erhielt. Hätte ich nicht Gesellschaft gefunden, wäre es
natürlich das erste gewesen, was ich Ihnen mitteilte.«
    »So wäre es auch wohl am besten, wenn ich jetzt meine Pfandbriefe
verkaufte?«
    Er schien sich zu besinnen: »Nein. Sie werden wieder steigen. Ich bin
überzeugt, dass es nur eine Demonstration ist. Die bewaffnete Neutralität ist zur
Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung. Man muss der Kriegspartei ein Spielzeug
hinwerfen. - Schaudern Sie nicht; es ist die höchste Weisheit der Staatskunst,
wenn die Gemüter in Wallung sind, immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu
haben. Wenn die Leidenschaften, Stimmungen, Phantasien die Zügel zerreissen, wenn
die Völker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind, ach meine Freundin,
wehe uns Allen dann! Man wird die Sache hinziehen, vor dem Publikum rüsten, die
Kriegshelden fluchen und schwören lassen heimlich aber verhandeln, laviren,
proponiren, unmögliche und mögliche Friedensvorschläge machen -«
    »Bis!«
    »Ja - bis es sich entschieden hat. In Mähren muss es sich entscheiden; dann
-«
    »Nun und dann?«
    »Nie zu weit hinaus denken!«
    »Sie hätten neulich die Radziwill hören sollen.«
    »Zu Palastverschwörungen ist bei uns kein Terrain.«
    »Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen?«
    »Der letzte Verzweiflungsaufschrei der Kriegspartei. Es wird viele
erhebende, rührende Auftritte geben. Aber lässt sich eine scheue Natur ändern?
Die Coterie wird für einen Panzer sorgen von Gummi elasticum, damit die Tränen,
oder für einen von Asbest, damit die Funken abgleiten. Der Eindruck wird stark
sein, aber vorübergehen. Und reist Alexander fort, vor einem Entschluss - nein
vor einer Tat, so werden unsre Freunde dafür sorgen, dass alles wieder aplanirt
wird.«
    »Alles!« sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick, der im Zimmer umher
irrte. »Mir sind diese Menschen zuwider, die ihre ganze Kraft nur darauf
vergeuden, damit es nicht anders wird, als es ist.«
    »Wir sollten sie loben. Träge Wellen sind oft das beste Fahrwasser.«
    »Was müssen wir tun?«
    »Nicht die Pfandbriefe verkaufen, baares Geld für den Notfall im Sekretär,
und in den Kriegsentusiasmus einstimmen.«
    Sie war aufgestanden, und hatte mit einem nervösen Aufgähnen den Stuhl
fortgesetzt: »Warum müssen wir das! Warum können wir nicht auch darin frei sein!
Warum dürfen wir nicht die Mode beherrschen? Wir verachten sie doch.«
    »Weil es uns nichts einbrächte, als einen Heiligenschein, den
unglücklicherweise wir selbst nur sehen. Weil es die Menschen von uns entfernt,
und wir sie brauchen - als Instrumente. Darum spielen wir mit ihrer Torheit.«
    »Oder sie mit unsrer.«
    »Man muss sich das Spiel nur nicht zu ernst denken.«
    »Diesmal dünkte ich ihnen gut genug, ihr Operngucker zu sein,« sprach sie
mit Bitterkeit. »Welche brillante Gesellschaft, bloss zu Chocolade und
Zuckergebäck! Wenn noch mehr Regimenter vorüber marschiren, kommt mein Haus wohl
wieder in die Mode. Selbst die Gargazin hatte die Gnade, aus meinem Fenster die
Truppen zu sehen.«
    »Die Kinder werden Sie auch recht geniren?«
    »Warum? Unsre Wohnung ist gross.«
    »Ich besorge nur, dass Ihr Schwager, wenn die Charlotte von ihm zieht, sich
nicht beeilen wird, sie Ihnen wieder abzunehmen.«
    »So bleiben sie. Ich liebe Kinder - sie bringen Frische ins Haus.«
    Er sah sie zweifelhaft an: »Ich besorge nur, dass dies wieder zu
Missdeutungen Anlass gibt. Seit man zu wissen glaubt, dass Sie Mamsell Alltag
nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten -«
    »Als meine Erbin wollten Sie sagen.«
    »Ich meine nur, dass man auf den Gedanken kommen könnte, Sie wollten die
Kinder Ihres Schwagers adoptiren.«
    »Wer sagt, dass er ein falscher ist! Die Leute wissen es nicht, Sie wissen es
nicht, und ich weiss es auch noch nicht. Ich weiss nur, dass Mamsell Adelheid nicht
meine Erbin wird.«
    »Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben.«
    »Soll ich mein Haus zu etwas Aehnlichem hergeben, wie das, aus welchem ich
sie hernahm!« Wandel warf einen forschenden Blick: »Sie approbiren nicht die
Inklination mit dem Herrn van Asten?«
    »Ich! Was geht das mich an! Meinetalben könnte sie sich hängen an wen sie
will, das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen. Aus kleinen
Verhältnissen - nein aus einer solchen Katastrophe, die doch die Seele eines
jungen Mädchens erschüttern muss, trat sie in mein Haus. Was hatte ich gehofft,
dass sich aus ihr entwickeln würde, bei ihren Gaben, ihrem Mute, ihrer lebhaften
Phantasie. Sie hätte die Königin der Stadt werden können.«
    »Nur dass die Rolle der Herzenskönigin eines apanagirten Prinzen niemals eine
glänzende werden kann.«
    »Was kümmert mich der Prinz!« rief sie. »Sie selbst sollte sich ihr Loos
werfen. Wie es war, und wenn ein faux pas, eine rasende Leidenschaft, eine
Entführung - ja, wenn der tolle Mensch, der Bovillard, sie gewaltsam geraubt
hätte, es wäre doch eine Abwechselung, es hätte zu sprechen gegeben - Sie
lächeln, weil Sie die Affekte begraben haben, aber doch sage ich Ihnen, der
Durst unsrer Seele nach dem, was uns über den Alltag erhebt, ist - das Bessere
in uns.«
    Der Legationsrat musste zerstreut sein, die Sache interessirte ihn nicht
mehr. »Der alte van Asten rückt auch mit keinem Groschen 'raus, wenn sein Sohn
Adelheid heiratet.«
    In dem Blick, den die Lupinus ihm zuwarf, hätte ein Psycholog eine
verächtliche Beimischung lesen können. »Sie liebt ihn gar nicht.«
    »Sie sprechen in Rätseln.«
    »Sie erwähnten einmal einer chemischen Agenz, die allen Stoffen ihre
natürlichen Säfte aussaugt, dass sie Farbe und Geschmack verlieren.«
    »Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen?«
    »Es ist übel, wenn ein Lehrer eine zu gute Schülerin hat. Ich konnte nichts
mehr wirken, wo ich von einem Vorgänger Geist und Gemüt schon ganz eingenommen
fand. Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren
Wohltäter, um nicht zu sagen als ihren Schöpfer; sich wenigstens als seine
Schöpfung. Es ist keine unedle Natur, meine ich,« fuhr die Lupinus nach einer
Pause fort, »die den Drang in sich fühlt, sich selbst einem verehrten Mann zum
Opfer zu bringen. Aber das Mädchen ist krank. Das ist die Krankheit der
Resignation. Ja wir, in unseren Jahren, - aber wenn junge Mädchen die Blüte
ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht - was lachen Sie so hässlich?«
    »Dass Sie ein armes junges Mädchen anklagen um die Krankheit, welche
Teologen, Dichter, Philosophen, um die Wette unserm Geschlecht einimpften! Um
das Siechtum unsrer Staaten, unsrer Bildung, dass wir aus uns hinaus uns denken,
schwärmen, spekuliren, statt zu rechnen. Dies Infusorium des Universums will mit
dem bisschen Kraft, Talent, das die Natur in seine Wiege als Patengeschenk
legte, den Sternenlauf reguliren, statt für sich selbst zu sorgen, da wo sein
höchstes Ziel nur sein kann, sich erträglich und behaglich über dem Strom zu
erhalten, der es täglich zu verschlingen droht. Welcher Hochmut in dieser
Tugend, eine Welt um sich beglücken zu wollen, um dann sich selbst die
Märtyrkrone aufzudrücken!«
    »Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein?«
    »Erst sich selbst. - Ich verstehe natürlich darunter, dass zwei, die sich
verstehen, sich als eine Einheit betrachten. Wer sie errungen hat, die Höhe, die
er erreichen kann, ja dann, meine Freundin, dann mag er ein Gott sein, der
goldnen Regen um sich sprenkelt, der Trost der Unterdrückten, der Rächer der
Gekränkten, dann mag er schwärmen, schwelgen. -« Er bedeckte das Gesicht mit
beiden Händen. »O lassen Sie uns von meinen Planen ein ander Mal reden. Heute
könnten sich meine Phantasieen verirren, - Gott weiss in welche - lassen Sie mich
heute schweigen -«
    Er hatte ihre Hand ergriffen, eigentlich ihren Arm, und, den Blick gen
Himmel, die Hand an seine Lippen gedrückt. - So starrte er eine Weile, die Augen
aufwärts, in einem Zustande völliger Absorbirung.
    Er schien, als sie sanft den Arm zurückzog, sich nur mit Anstrengung wieder
zu finden: »Also, was Sie sagten! - Sie liebt ihn nicht?«
    »Sie liebt einen Andern.«
    »Tant mieux!«
    Die Geheimrätin sah ihn forschend an: »Auch wenn der Andre ein guter
Bekannter von Ihnen ist - sie liebt Bovillard, ohne es sich zu gestehen.«
    »In der Tat!« Der Legationsrat biss sich in die Lippe, aber lachte mit
völliger Unbefangenheit auf: »Wir sind Gegner, nicht Rivalen.«
    »Sie retteten sie vor ihm und zum Dank -«
    »Würde sie mich an ihn verraten! Ist das etwas Besonderes! Zum Unglück für
das arme Kind - oder zum Glück für Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard
jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt. Ja ich glaube, sie haben
ihn so geschickt, dass sie wünschen, er möchte nie wiederkehren.«
    »Und ich habe die Bescherung im Hause!«
    »Arme Freundin! - Zurückschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht?«
    »Es würde mir jetzt übel ausgelegt werden.«
    »Sie haben recht. Es gäbe zu viel Gerede; sie ist einmal die Modepuppe. Ja,
wenn man sie entführte! Sie selbst deuteten vorhin darauf.«
    »Adelheid lässt sich nicht entführen.«
    »Und eine Mariage -«
    »Sie scheinen wieder zerstreut.«
    »In der Tat, ich bin es. Verzeihung! Nein fort muss sie jedenfalls, Ihrer
Ruhe wegen. Bedenken Sie, dass Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben. Also
sorgen Sie dafür, auf eine oder die andere Weise. Finden wird sie sich.«
    »A propos!« rief er von der Tür zurückkehrend. »Etwas noch. Sie müssen die
Mode mitmachen. Hüllen Sie sich in Patriotismus, von so tiefer Farbe, als Sie
können. Immer exaltirt. Beim allgemeinen Fanatismus merkt man das nicht zuviel.
Franzosenhass, Durst nach Blut und Rache auf den Lippen. Man kann nicht zu stark
auftragen, denn man weiss nicht wie bald man überboten wird. Und wer nicht voraus
schwimmt, ist bald zurück gedrängt und aus Ufer geworfen.«
    War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft, was mehr jetzt, als sie
allein in der Mitte des Zimmers stand, das Ohr etwas geneigt nach der Tür. Sie
horchte - sollte er nicht wiederkehren? - Nein - keine Tritte mehr auf der
Treppe, es hallte vom Flur - die schwere Haustür öffnete sich. Ein Schlag dann,
der sie durchschütterte. Aber sie blieb stehen, die Finger etwas krampfhaft
zusammenziehend. - Warum blieb sie stehen? - Unter den halb niedergeschlagenen
Wimpern schielten ihre Augen umher. Warum schlug sie die Augen nicht auf, die
sonst so durchdringend scharf in der Seele des Andern zu lesen schienen? -
Fürchtete sie sich vor der Leere im Zimmer? Es war noch heller Tag.
    Es war etwas nicht, wie es sein sollte. Sie hatte eine andre Sprache, andre
Mitteilungen erwartet. - Glatt wie ein Aal! - Aber vielleicht trug sie selbst
die Schuld! Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit überlassen? Was interessirten
ihn Adelheids Liebesverhältnisse! - Darum war er zerstreut, brach plötzlich ab
in Sinnen versunken! - Sie atmete auf; ihre Wange rötete sich etwas. - Aber -
es war doch etwas nicht, wie es sein sollte. - Warum sprach der grosse,
herrliche, seltene Mann nur in Rätseln, warum auch gegen sie die
Hieroglyphensprache? - - Hätte sie ihn falsch verstanden? Er, vor dessen Augen
die Hüllen der Menschen, der Dinge, in Krystall sich verwandelten, und er
schaute bis in die Keime der Taten und Gedanken, hatte er auch in ihr Inneres
einen Blick geworfen und -
    In dem Augenblick knarrte die Tür, der neue Bediente, Christian, trat etwas
ungeschickt herein, indem er, um die Türe zu schliessen, den Rücken zeigte. Der
Rücken zeigte nur die Livree seines Vorgängers. Die Lupinus stiess einen Schrei
aus, sie fuhr zusammen, wankte; vielleicht wäre sie gefallen, wenn ihr Arm nicht
die Lehne eines Stuhls erfasst hätte. - »Johann! - ungeschickter Mensch - wie
kann er mich erschrecken!«
    »Aber gnädige Frau, ich komme ja nur, wie Sie befohlen -«
    »Er soll nicht hinterrücks hereinschleichen, Christian. Meine Nerven
vertragen es nicht.«
    »Aber die Kinder, gnädige Frau, das Mädchen besonders, sie ächzen und
piechen - ich glaube immer, denen hat's Einer angetan.«
    »Lügner! - Unverschämter Verleumder!« - Mit einem zornfunkelnden Blick schoss
sie an ihm vorüber nach der Kinderstube.
    Der Bediente sah ihr kopfschüttelnd nach, und reckte sich dann in der
Livree, die nicht ganz zu seinem breiten Rücken passte. Eine Naht riss: »Ich
glaube, in dem Hause passt mir's so wenig als in dem Rocke. Solche Bälger zu
bedienen, und eine solche Frau! Ich weiss zwar nicht eigentlich, was Nerven sind,
aber ich glaube, meine Nerven vertragen es auch nicht.«
    Als nach einer Viertelstunde die Geheimrätin zurückkehrte, lagerten
seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte. Der Anblick der Kinder war gewiss ein
widerwärtiger gewesen, der Schauder sprach sich deutlich aus, aber darüber war
ein Ausdruck, wie ein Mondenstrahl, der durch zerrissen Gewölk über eine offene
Gruft streift. Es fröstelte sie, sie machte eine Anstrengung, als wollte sie auf
die Kniee fallen: aber - vielleicht versagten ihr die Kniee den Dienst, sie hob
die Arme und rieb die Hände, als wollte sie sie zum Gebet falten. Auch das
musste sich an etwas stossen. Sie liess die Arme sinken, und fiel selbst aufs
Sopha. Hier den Kopf im Arm, flüsterte sie: »Es sind abscheuliche Kinder! aber
ich will mich zwingen, sie zu lieben - ich will sie pflegen, wie - wie - ich
will's an ihnen gut machen.«
 
                              Vierzigstes Kapitel.
                                   Bei Josty.
Beim Schweizer Kuchenbäcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere
in Gala-Uniform ein. Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbänder und
Schärpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern. Zum Teil schien diese selbe
Empfindung auch auf denen der Gäste aus dem Civil zu strahlen. Es war ein grosser
Fest- und Feiertag in Berlin. Die Gruppen von Neugierigen wollten den
Schlossplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen, obgleich in diesem
Augenblick nichts mehr zu sehen war, als die Truppen, welche in ununterbrochenen
Zügen in der Königsstrasse und über die lange Brücke in die Friedrichsstadt
zurückmarschirten. Aus den geöffneten Fenstern schallte ihnen noch manches
Hallo! und Vivat! und Hurrah! und manche geschmückte Dame wehte mit dem
Taschentuch. Auch trugen der grosse Kurfürst und seine Sklaven Guirlanden und
Kränze von den Blumen, die der späte Herbst in den Gärten darbot.
    Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschirenden
Truppen. Diese waren nicht mit Staub bedeckt, an ihren Gamaschen klebte nicht
der Kot der Landstrasse; sie funkelten im glänzendsten Paradeanzug und nur der
Puder ihrer wohlfrisirten Haarlocken stäubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen;
sie rückten auch nicht ins Feld, sondern kehrten von einer Paradeaufstellung
zurück. Es waren die auserlesenen Regimenter Möllendorf, Knebel, Rheinbaben, die
Grenadiere Prinz August von Preussen und die Gensd'armen und Garde du Corps, die
vom Schloss bis ans Tor eine grosse Chaine gebildet, um den einziehenden Kaiser
Alexander zu empfangen.
    Wie viele Jahre waren es her, dass ein Selbsterrscher aller Reussen in die
Tore Berlins eingezogen! Wer ihn gesehen, den jugendlich strahlenden, humansten
Fürsten, dessen Blick Güte und Wohlwollen lächelte, der die Majestät vergessen
liess in der Liebenswürdigkeit, glaubte etwas gesehen zu haben, was er sein Leben
durch nicht vergessen dürfe. Wie mehr als gnädig hatte er gegrüsst, mit welcher
Huld die Anreden empfangen. Wie viele Frauen schworen, wenigstens bei sich, dass
das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet.
    Aber er war nicht zu Tanz und süssem Liebesspiel gekommen. Der Ernst der
Gegenwart dämpfte wieder die aufsteigende Lust; in die Jubelstimmen hatten sich
andre Laute gemischt, kühne Rufe, die der unbewachten Brust entschlüpften, auch
Tränen; die funkelnden Degenspitzen schienen Vielen schon angerötet. So ernst
wehmütig war der Empfang gewesen im grossen Portal des Schlosses. Hier hatten
König und Königin, von ihrem Palais herübergekommen, den Gast bewillkommnet. Es
war eine feierliche Scene, als die beiden jungen Monarchen sich umarmten, als
der Czaar die Hand der huldvollsten Königin an die Lippen drückte; ein Moment,
von dem Europas Schicksal abhing! Und in wie lautloser Teilnahme hatte die
Menge dem Familienstück zugesehen, das zum grossen Trauerspiel für hundert
Tausende, für Millionen werden durfte, mit welcher bangen Spannung gewartet, was
drinnen vorgehe, als die höchsten Herrschaften in die Apartements getreten
waren. Und doch wusste man, dass es hier nicht geschehe. Sie nahmen nur
Erfrischungen ein. Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal, in denen die
Wirte den hohen Gast nach Potsdam entführen wollten. Dort - wo Friedrich
schläft - sollte gewürfelt werden über das Loos der Zukunft.
    Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststrasse hin, die
für eines der wunderbaren Prachtwerke der Königsstadt galt, als die Offiziere in
den Konditorladen traten. So prächtig ihre Gala-Uniform, so bescheiden sah
damals der Laden aus. Nichts von Gold und Mahagoni, nichts von Säulen und
funkelndem Krystall. Auch glänzte das wenige Tageslicht, das durch die
Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel, nicht wider von zahllosen Riesenbogen
ausgespannter Zeitungen. Zeitungen waren freilich auch hier schon, zwei oder
drei vielleicht, bescheidene Blättchen, auf grauem Löschpapier, die wöchentlich
zwei oder drei Mal alle Neuigkeiten der Welt wieder erzählten, was in der Türkei
geschah und am Rheine, und von Berlin brachten sie voran lange Listen aller
angekommenen Fremden, mit ihren Titeln und den Wirtshäusern, darin sie wohnten.
Dann alle Ernennungen zu Hof- und Staatsdiensten, zuweilen auch eine
Mitteilung, dass ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden.
Und hinterher Teaterrecensionen, Charaden, Fabeln, Anzeigen von Auktionen,
Verkäufen, Büchern, Wohnungen und sehr vielerlei.
    Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch voran ein Gedicht, gereimt oder
ungereimt, immer jedoch zum Lobe der höchsten Herrschaften. Denn jene Zeiten
waren vorbei, wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spass erlaubte, wie
der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805
verstorbene noch wunderlichere Burrmann, welcher die Leser mit Reimereien, so
seltsam wie er selbst, beschenkte. So hatte er einst am 21. Dezember die
Vossische Zeitung mit dem Vers angefangen:
Gottlob und Dank
Die Tage werden wieder lang.
Nein, seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer, französischer Geschmack in
die Zeitungen gefahren, wie er ja auch in der Gesellschaft war. Der tölpelhafte
deutsche Hanswurst war längst fortgeschickt, und man sprach nur das aus, was
gegen nichts und Niemand verstiess, auch auf die Gefahr hin in dem Gesagten
nichts zu sagen. Darum, doch aus andern Gründen, las man nie in den Berliner
Zeitungen von dem, was in Berlin geschah, es sei denn, dass eine hohe Obrigkeit
es der Druckerei zugesandt, und auch über das Draussen entielt man sich jeder
eignen Meinung und druckte nur ab, was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten.
Heute aber war ein ausserordentliches Ereignis auch in der genannten Vossischen
Zeitung. Voran stand ein langes Gedicht, dessen Anfang und Ende so lauteten.
Jemand las es in der Konditorei laut vor, als die Offiziere eintraten, und Alle,
die es hörten, sahen sich verwundert an:
Nicht Salomon und Titus - wozu Namen
Der Vorzeit! Sind wir Neueren so arm? -
Nein, Alexander, Friedrich, Arm in Arm,
Stehn da, ein Brüderpaar. Zu Preussens Adler kamen
Die Adler Russlands! Jubelnd sieht Berlin
Sie über sich vereinten Fluges ziehn.
Sie stehen vor dir, Arm im Arm.
O glückliches Berlin! Sprich aus die schönen Namen!
Wer sind die Menschenfreunde? Sprich!
Wer? - Alexander, Friederich!
    Dass das Gedicht ausgezeichnet schön sei, darüber war nur eine Stimme, aber
einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht, wie solch ein Blitzkerl von
Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe, dass er auf
der Stelle im Stande sei, sie drucken zu lassen, und gar in Versen! »Und,« sagte
ein anderer, »dass man's drei Mal in der Woche erfährt, was vorher passirt ist!
Erst muss es doch geschrieben werden, was schon eine verfluchte Arbeit ist, und
dann gedruckt und verkauft.« - »'s ist auch 'ne schwarze Kunst,« lachte ein
Anderer. Herr Josty, mit der Flasche Euraçao in der Hand, flüsterte den Herren
zu: »Und was werden Sie erst sagen, wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen, was
uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertirt. Sehn Sie mal gefälligst in der
Ecke hinterm Ofen den Herrn im grünen Rock und Nankinghosen. Das ist Herr
Professor Lange. Der gibt ein solches Blatt heraus, es soll Telegraph heissen.
Morgen schon kommt die erste Nummer. Die Leute werden sich den Kopf
überschlagen.« - Die Offiziere vigilirten den »verfluchten Kerl«, der mit dem
Bleistift Notizen machte, und stritten ob seine Ohren oder Nase spitzer wären.
    Auch der Herr Kriegsrat Alltag hatte diesen Tag nicht alltäglich begangen.
Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Chocolade genippt,
was zu jener Zeit, als wir ihn kennen lernten, ein ausserordentliches Evenement
gewesen wäre. Aber schien er doch selbst ein Anderer geworden. Der gestickte
blaue Rock war zwar schon etwas über die Mode hinaus, jedoch vom feinsten Tuch,
das sauberste weisse Halstuch war über das Jabot geknüpft und feine Brüsseler
Manchetten spielten um die knappen Aermel. Frisch gepudert war das Haar, und der
Zopf mit neuem glänzenden Seidenband umwickelt. Die goldene Uhrkette hing um
einen Finger breit länger auf die schwarz taffetnen Beinkleider, und die
gestreiften Seidenstrümpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten
unverkennbar auf ein nicht alltägliches Evenement. Und das war es, wo der Herr
Minister ihn gewürdigt, ihn aufzufordern sich im Schloss zu gestellen, er wolle
schon für einen Platz sorgen, dass er die Majestäten recht von nahe sähe. Hatte
er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt, wo die hohen Herrschaften
vorbei mussten? Wenn er sich nicht ans Geländer zurückgedrückt, so weit als
möglich, hätte ihn da nicht das seidene Kleid Ihro Majestät der Königin fast
berührt? Durch eine glückliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch
vor dieser Berührung bewahrt. Der Kriegsrat war errötet vor Schreck. - Welcher
neue Schreck aber! - Kaiser Alexander, der die Königin am Arm führte, war auf
dem Podest einige Stufen über ihm stehen geblieben, damit die hohe Frau Atem
schöpfe. Seine Majestät, der hinter ihnen ging, war natürlich auch stehen
geblieben, und auf derselben Stufe, auf der die Füsse des Kriegsrats standen.
Zwar war die Stufe breit, aber es war dasselbe Brett, und der Kriegsrat fühlte
unter seinen Füssen die Bewegung, welche der Fuss Seiner Majestät verursachte. -
Und es war noch nicht Alles. - Excellenz, der Minister, sein Gönner, flüsterte
dem Könige einige Worte zu, und - er traute seinen Ohren nicht, aber es war so -
er hörte seinen Namen. Der König hatte sich darauf umgesehen, hatte ihn
angesehen und die Worte gesprochen: »Treuer Diener seines Herrn. Freue mich.« -
Er hatte es gesprochen, wirklich und wahrhaftig, und es war noch nicht Alles. -
Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten, war
der König bei ihnen, und sagte der Königin etwas ins Ohr, und die Königin wandte
auch ihr Gesicht zum Kriegsrat nieder, und er hörte die Worte: »Ah c'est lui!«
- War das neue Täuschung, oder war es auch Wahrheit, sie hatte ihm von oben
freundlich zugenickt.
    Wie der Kriegsrat nachher von der Treppe herunter gekommen, wie auf den
freien Platz, das wusste er selbst nicht. Er las nie ein Märchen, weil er
überhaupt nicht las, aber aus seiner Jugend, aus der Ammenstube, wusste er doch,
was ein Feenmärchen ist. - Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefächelt, wie
einen, der nach langer dunkler Haft ans Sonnenlicht gerissen wird, oder wie den
Trinker, der aus dem Keller in's Freie tritt. Unten hat er es noch nicht
gefühlt, jetzt aber dreht sich die Welt um ihn, und der Boden wankt unter seinen
Füssen. Der Rippenstoss eines Korporals, dessen Rotte er in seinem Schwanken
vermutlich zu nahe gekommen war, hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht. Es
war kein Traum gewesen, auch keine Erscheinung aus einem arabischen Märchen,
vielmehr nichts als die Besiegelung dessen, was er längst ahnte, vielleicht
wusste, und in der Stadt munkelte es schon. Er sollte nicht mehr lange
Kriegsrat bleiben, er war zu Höherem bestimmt. Diese Bestimmung drückte sich
auch in seiner Haltung aus, wie er am Tische in der Ecke neben einem andern
Manne gesessen, und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gespräch
gepflogen hatte.
    Der andre Mann, ungefähr im Alter des Kriegsrates, oder etwas älter, war in
seiner Erscheinung just das Gegenteil. Sein fein geschnittenes, intelligentes
Gesicht war durch ein Paar kleine graue, ins Blaue spielende. Augen, wenn sie
mit Eifer auf einen Gegenstand fielen, lebendig. Sonst hatte es mehr einen
kalkulatorischen Ausdruck, jene verschrumpften, doch nicht unedlen Züge, welche
ein beständiges Nachdenken über plus und minus ausdrücken, jene Absorbirung von
allem was Impuls oder Phantasie heisst. Wenn aber die Augen aufbljetzten oder auf
einen Gegenstand zuckten, bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug.
Sein Haar, weissblond von Natur oder weiss vom Alter, schien schon lange den Puder
als etwas Ueberflüssiges abgestreift zu haben. Es fiel schlicht, eben nicht
sorgsam gekämmt, auf den Hinterkopf und um die Schläfe herab. Dass er eben so
wenig Umstände mit der Toilette wie mit der Frisur machte, verriet der
Ueberrock von grobem Tuch und einem dick übergelegten Kragen. Seine Hände, die
auf dem Tische lagen, waren weiss und fein, seine Füsse dagegen, die er weit
vorgestreckt hatte, schienen grob wie die blauen Strümpfe und die dick
versohlten Schuhe.
    »Also keine Mariage nicht!« hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt,
und zwei Gläser mit Granatwein gefüllt, worauf der Kriegsrat das eine nach
einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestossen hatte.
    »Ueberdem ist sie auch noch zu jung,« setzte er hinzu, und das halb
ausgetrunkene Glas auf den Tisch.
    Der Andere sagte: »Alter schützt vor Torheit nicht, und zu jung ist keine
nicht, um sich nicht zu verplempern.«
    Der Kriegsrat spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose,
einem Präsent seines Ministers: »Nun was das Verplempern anlangt, mein Herr van
Asten, so dünkt mich -«
    »Mein Sohn hätte sich verplempert - meinen Sie vielleicht,« fiel der
Kaufmann ihm ins Wort. »Wenn auf meinem Kornboden zwei Säcke geplatzt sind und
der Roggen und Waizen liegen untereinander, da kümmert's mich wenig, welcher
Sack zuerst platzte, sondern wie ich die Körner auseinander bringe, oder
mitsammen verwerte. Unsere Säcke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt, da
halte ich nun fürs Beste, dass Jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den
andern kümmert. Sehen Sie, aufrichtige Leute kommen bald zu Rande, und das, was
sonst ist, soll uns nicht kümmern, und wir bleiben gute Freunde. Darum erlaube
ich mir noch ein Mal an Ihr Glas anzustossen.«
    Der Kriegsrat seufzte; der Andere hätte es recht gern zur Gesellschaft
getan, nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen, der alte van Asten konnte
aber nicht seufzen.
    »Mein hochverehrtester Herr Kriegsrat, mit Ihrem Permiss, ich lese Ihre
Gedanken. Dass die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen, das gefällt
Ihnen nicht. Sie seufzen: ehedem war's anders! Habe ich gar nichts dagegen.
Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf, jetzt kostet's ein paar Groschen.
Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel. Wenn mir jetzt Einer damit käme,
würfe ich ihn die Treppe runter. Ist so mit Allem, mit der kindlichen Liebe, mit
der Freiheit, der Erziehung; der Marktpreis ist ihr Wert. Steht darum
geschrieben, dass wir den Marktpreis nicht machen können! Man muss nur geschickt
operiren. Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehen, Ihre Mamsell Tochter auch. I
nu, so lassen wir sie, bis sie müde werden. Dass sie's aber werden, dazu kann man
schon was tun. Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm, ehedem
kriegte er Schläge nach Noten, wenn er naschte. Es hat wohl nicht immer
geholfen. Jetzt lässt sein Prinzipal ihn so viel Syrup nippen, und Rosinen und
Mandeln naschen, als er Lust hat. Ein, zwei Mal den Magen verdorben, und er ist
curirt auf sein Leben. Und so ist's mit dem eignen Willen auch, und mit der
Freiheit und mit, was sonst ist. Sie kommen retour, sage ich Ihnen, wenn man's
nur recht anfängt. Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn
verliebt sein, ganz geruhig, bis sie sich übergeliebt haben. Glauben Sie mir,
das kommt über kurz oder lang, denn satt macht die Liebe nicht, und zanken
werden sie sich auch, und verknurren, wenn man sie nur lässt, und dann kommt die
lange Weile, die roten Augen machen auch nicht schöner. Aus Wochen werden
Monate und aus Monaten Jahre. Sieht ein hübsches Mädchen erst eine Falte im
Gesicht, die nicht fort will - ich will gar nicht sagen Runzel - da guckt wohl
ein kleiner Gedanke raus: ja wenn ich den nicht zurückgewiesen hätte! Oder den!
Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehen, wenn er zur
Tür rein kommt, und auf einer seiner Runzeln steht: ich habe noch immer nichts!
Sieht er nu in ihrem Gesichte, was sie in seinem sieht, na - und so weiter, und
am Ende - sie weinen, sie fühlen sie haben sich getäuscht, es wird geklatscht
dazwischen, dafür braucht man gar nicht zu sorgen, und am letzten Ende nimmt die
gehorsame Tochter den ersten besten, den der Papa ihr zuführt. Und überlässt
man's dann den Muhmen und Gevattern die Sache zu arrangiren, so kommt's am
letzten Ende raus: sie hat ihn von Kindheit an geliebt.«
    Dies war ungefähr das Gespräch, welches die beiden ältlichen Herren vor dem
Eintritt der Offiziere geführt, und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes
unterbrochen war. Der Kriegsrat schüttelte den Kopf als er seinen Hut nahm.
    »Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus?« fragte der
Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt.
    »Sie sind sehr schön,« entgegnete der Kriegsrat, »nur begreife ich nicht,
wie man so etwas zu drucken erlaubt. Dadurch wird ja der Bonaparte avertirt, was
hier passirt ist.«
    »Sehr richtig bemerkt,« sagte van Asten, und sein schlaues Gesicht wollte
gewiss noch etwas sagen, aber der Kriegsrat gab, als der vornehmere Mann, das
Zeichen, dass er genug gehört, indem er sich mit einer leichten Verbeugung
empfahl. Der Vornehmere muss das letzte Wort behalten. Aber als er durch die
Offiziere den Weg nach der Tür suchte, waren offenbar diese die Vornehmeren.
Sonst liebte er doch nicht die Offiziere, aber mit verbindlichen Verbeugungen
schlängelte er sich durch ihre Füsse, welche die Herren sich nicht besondere Mühe
gaben aus dem Wege zu ziehen. »Das war der Vater von dem schönen Mädchen,« sagte
ein Garde du Corps zu dem Rittmeister, der seine glänzenden Reiterstiefeln auch
nicht um einen Finger breit zurückgezogen hatte. Der Cornet lachte: »Was
sprechen Sie zu Dohleneck von schönen Mädchen! Für meinen Onkel ist nur Eine
schön, und wenn die Eine nicht, so mag die Anderen der Teufel holen und die
Papas dazu.«
    Der Rittmeister, der am Fenster sass, trommelte an die Scheiben, »Krieg!
Krieg! das ist das Beste.«
    »Zum Avancement!« lachte der Chor. Die Unterhaltung ging auf dies wichtige
Tema über, wichtiger als Alexanders Ankunft, als der Streit, ob die Königin dem
Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen, wichtiger als
der Krieg selbst. Man stritt über die Ernennung eines Kapitäns zum Major. Einige
wollten sie gelesen haben, Andere leugneten es. »Es steht heute drin.« - »Es
steht nicht drin.« - »Her den Wisch!« Mit einem Satz war der Cornet nach dem
Tisch gesprungen, an dem van Asten sass, und hatte ihm die Zeitung aus der Hand
genommen: »Wir wollen etwas nachsehen.«
    Es musste noch etwas Anderes vorgefallen sein. »Wollen Sie etwas?« fragte
der Cornet und liess seine Pallaschscheide auf die Diele klirren, indem er sich
zum Kaufmann umkehrte, als dieser sich mit einigem Geräusch erhoben hatte.
    »Mich nur gehorsamst entschuldigen,« sagte van Asten und zeigte auf sein
vorgestrecktes Bein, »dass Herr Cornet von Wolfskehl auf meinen Fuss treten
mussten! Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden getan?«
    »Ich glaubte es wäre ein Holzklotz. Excüs!« sagte der Cornet und hoffte auf
einen beistimmenden Lach-Chor. Aber die Einen griffen nach dem Zeitungsblatt,
die Andern machten eine ernste Miene: »Cornet, keinen Spass mit dem Mann! Der
reiche van Asten aus der Spandauerstrasse, der mit dem Minister *** unter einer
Decke steckt!«
    Die Ernennung stand nicht im Blatt, dafür ein paar Dutzend andere, wie jede
Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte. Auch fingen unter den Annoncen schon
die Abschiedsworte an, welche Offiziere, Wundärzte und Beamte an ihre Freunde
und Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten; auch Nachrufe und
Danksagungen ganzer Städte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere.
»Wenn das kein Beweis ist, dass wir wirklich in den Krieg ziehen!« - »Ehe nicht
die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen, glaub' ich nicht daran.« - »Ich glaub's
auch dann noch nicht« ein Dritter, als ein Vierter durch die Glastür, die er
klirrend aufgerissen, eintrat: »Nu glaub' ich's, Kameraden. Aufs Pferd! aufs
Pferd!« - »Du sprangst eben runter!«
    »Direkt von Steglitz in Karriere! Habt Ihr nichts gehört? - Vierundzwanzig
Kanonen donnerten aus dem hohen Busch, als die Equipagen durch's Dorf
schwenkten. Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel. Die Königin
sah erschrocken zum Kutschenschlag raus.«
    »Possen!«
    »Nein, Ernst. 's war aber nicht Bonaparte, nur check! Wenn check Kanonen
auffährt, check schiessen lässt, da müsst Ihr zugeben, es wird ernst, es geht
los.«
    »Victoria!« schrieen zehn Stimmen.
    »Wenn er nur nicht blind geladen hätte!« rief der Rittmeister und riss die
Tür auf. »Man braucht frische Luft. Krieg! Krieg!«
    Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach. Er schien die Häupter seiner
Lieben zu zählen, aber nicht mit der Zufriedenheit, die auf den Gesichtern der
Offiziere strahlte. Was half ihm der Krieg! Er war gewiss ein guter Patriot, aber
wie viele können ihm noch immer entrissen werde, an die teure Bande ihn schon
lange knüpften. Er schlug ein kleines Büchlein im Winkel auf und schrieb kleine
Zahlen zu den Namen. Aber viele kleine Zahlen machen eine grosse. Herr Josty
schüttelte den Kopf und wollte seufzen. Indessen - er besann sich: »Indessen,«
sagte er, »es gleicht sich in der Welt Alles aus.« Und auf seinem Gesicht
glichen sich auch die Falten aus.
    Die Offiziere hatten sich links nach der Schlossfreiheit zerstreut. Nur einer
von ihnen, er schien abhanden gekommen, suchte die Freiheit rechts unter den
Kolonnaden der Stechbahn. Die Augen auf den Boden, ging er grad aus bis die
Mauer ihn erinnerte, dass an der Ecke die Freiheit zu Ende war. Er wollte zur
Kolonnade hinaus treten, als aus der Brüderstrasse eine elegante Equipage rasch
vorüber fuhr. Die Dame darin in Pelz, Hut und Schleier verhüllt, sah ihn nicht,
aber der Mops auf dem Rücksitz bellte heftig den Offizier an. Ob die Dame
aufmerksam ward, wissen wir nicht, wenn sie sich aber vorbeugte, um nach dem
Gegenstand auszuschauen, der den Eifer ihres Hundes verursachte, konnte sie ihn
nicht mehr sehen; denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt.
    Er schien, mit geschlossenen Augen, auf das Rollen der Räder zu hören, bis
es unter dem Klappern der Werderschen Mühlen verrollte. Dann riss er sich auf,
machte sich durch einen schweren Atemzug Luft und - wollte auch ins Freie, in
den Tiergarten. Es mussten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck
vorgegangen sein. Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen, einsamen
Alleen des Tiergartens. Er hatte seinen Plan gemacht: links durch die
Buschpartien an den Zelten vorbei, nach dem Poetensteig. Da traf er gewiss
Niemand.
    Aber - wenn nur die Aber nicht wären, als er an der Konditorei vorüberging,
öffnete Herr Josty freundlich die Tür. Er glaubte der Gast wolle zurückkehren.
Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht täuschen. Einen Schritt war er schon
vorbei, es kostete also nur einen zurück, und er stand wieder in dem traulichen,
gemütlichen Lokal. Es war ja auch da einsam geworden. Als Herr Josty die Tür
verbindlich schloss, hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern.
 
                           Einundvierzigstes Kapitel.
                            Von Möpsen und Wechseln.
Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein. Im Vorzimmer sass noch der alte van
Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin
wohlbekannten Person, dem Herrn Auktions-Kommissarius Manteufel, der sich über
den Tisch zu ihm lehnte, um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben. Dem
Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider, was mehr Rechenmenschen,
aus deren Gesichtern Zahlen springen. Zahlen erinnern an Schulden. Hrrr
Manteuffel, der ihn eintreten gesehen, obgleich er der Tür den Rücken zuwandte,
blinzte den alten Asten an. Der aber machte eine Bewegung mit der Hand, die
unter Geschäftsleuten ausdrücken kann: den hab ich sicher, oder: um die
Bagatelle kümmere ich mich nicht.
    Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstübchen. Vertrautere
Freunde fanden hier einen Platz, um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren,
den der Konditor seinen anderen Gästen nicht vorsetze; er war kein Weinschenk.
Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel wie in einer Tonne, recht zur
Selbstbeschauung geschaffen, denn durch die vergitterten Fensterspalten drang
nur bei Mittag ein Dämmerschein, der sich von den hohen Hintergebäuden in den
feuchten Winkel, der Hof hiess, hinabliess. Das eigentliche Licht kam von einer
dünnen Sparlampe in einer Mauerblende, um den Tisch, die Bank, die Wandspinden
spärlich anzuleuchten. Ein Ort, geschaffen, um das innere Licht leuchten zu
lassen.
    »Einen Rotspohn, Herr Josty!« rief der Rittmeister, als er sich zwischen
Bank und Tisch geklemmt.
    »Pontac oder Medoc?«
    Auch darüber noch nachdenken! Was hatte nicht der Rittmeister zu denken! »I
nu Medoc,« sagte er nach einer Weile, den Kopf in der Hand und den Ellenbogen
auf dem Tische.
    »Ist auch gesunder für's Blut, klärt mehr die Gedanken auf. Die Engländer
nennen ihn darum Claret,« sagte Herr Josty, als er den langen Pfropfen aus der
Flasche gezogen.
    Als der Wirt die kleine Tür leise hinter sich zugedrückt, störte nichts
die drei - nenn' ich sie Geschöpfe, Wesen, Mächte - die hier zurückgeblieben zu
stillem Verkehr: den Rittmeister, die Lampe und den Medoc. Es war mehr als
still, ich würde sagen bewegungslos, wenn nicht der Schatten an der Wand
jedesmal unruhig geworden, sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche
wieder vollschenkte. Ob er Gedanken schöpfte, ob er sie verschluckte? Der Medoc
musste das Blut nicht gereinigt haben, denn er ward nicht froh. Der Schatten an
der Wand spiegelte drei Positionen, in denen er Minuten lang verharrte: den Kopf
in der Hand, das Kinn in beiden Händen, und dann den Leib ganz zurückgelehnt,
mit gesunkenen Armen, oder, wenn ein Entschluss zu kommen schien, sie plötzlich
auf der Brust verschränkend. Aber die Flasche war schon zu drei Vierteln
ausgeleert und der Entschluss noch nicht gekommen.
    Ein Entschluss kostet Jedem etwas, wer aber weiss, wie der beste gefasste zum
übeln ausschlagen kann, und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewusst, der
würde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben. Hatte er sich nicht
zu einem kühnen Schritt entschlossen, um endlich aus Liebeszweifel und Überdruss
frei zu werden? Es war kein geringes für Jemand, der von zwei unsichtbaren
Schutzengeln hin und her gezogen wird, und in sich keinen Oberen findet. Wenn
diese ihm zuraunten: sie hat dich eigentlich nie geliebt, sie hat nur gespielt
mit dir; nun auch dieses Spielens überdrüssig, lässt sie es nur zu ihrem
Amüsement, dich zu foppen, vor Andern durch ihr Kammermädchen fortsetzen, so
sprach eine innere Stimme: das erste hast du ja selbst immer geglaubt. Aber
dann, wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit
hingewiesen! Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen, trug
sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe, die sie angelegt, als sie sein
Lob vernommen? Möglich war es ja, dass sie anfänglich nur ihn necken, ihre
Empfindlichkeit für das an ihm kühlen wollen, was er sich selbst jetzt vorwarf;
möglich, dass auch Andere da mitgearbeitet hatten. Aber - das konnte sich
geändert, sie so gut gesehen haben, als er es sah, dass er sich auch geändert,
dies konnte ganz andere Empfindungen in ihr geweckt haben. Er hatte ja auch
Augen, und was er gesehen, liess er sich nicht abstreiten. Diese Verwandlung
ihres Sinnes konnte nun Denen nicht mehr zu Sinn sein, die anfänglich
mitgespielt. Sie waren es, die jetzt die Contreminen legten, die ihn wieder ihr
entfremdeten, ihn von ihr trennen wollten. Daher diese Briefe in ganz
verändertem Tone, diese Mahnungen, Drohungen sogar, abzulassen von Verfolgungen,
die eine edle Frau tief kränken müssten.
    Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen um den Knoten
zu durchhauen, er wollte Licht haben - Wahrheit. Er wollte am hellen Tage in
ihre Wohnung treten, sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine
Unterredung unter vier Augen bitten. Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte,
wusste, dass das ein ungeheurer Entschluss war. Und ein ganz freier und ein
geheimer, - er teilte ihn Niemand mit. An dem Tage, als die ersten Regimenter
von der Weichsel durchmarschirten, hatte er ihn gefasst. Es war der Augenblick,
als sein Pferd, oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und Kehrt
gemacht hatten. Er war sehr unzufrieden mit sich zurückgekehrt, er hatte sich
gesagt: ein Soldat dürfe nie Kehrt machen vor einer Gefahr, ob wirklich, ob
scheinbar. Gerade hier ist es seine Pflicht, zu recognosciren, und nicht zu
weichen, bis er - rapportiren kann.
    Es war vorgestern gewesen, dass er seine beste Interimsuniform angezogen und
sich auf den Weg gemacht. Ein saurer Weg! Die Pflastersteine schienen Klebriges
zu schwitzen, sie hielten seine Sohlen fest. Er aber sprach sich Mut ein: »Nun,
und wenn es nichts ist, dann ist es nichts und Alles bleibt beim Alten.« Sein
Herz wurde ordentlich leicht, aber nur auf einen Augenblick; je weiter er die
Strasse hinunterging, je näher er dem Hause kam, so schwerer ward es wieder.
    Er hätte auch sein Wort gehalten, was er sich selbst gegeben, nicht, wie
wohl Andere in gleicher Herzensangst tun, ein paar Mal vor dem Hause
vorüberzugehen, bis der Mut ihnen kommt. Nein, er wäre gleich das erste Mal
eingetreten, wäre nicht der Mops gewesen. Was es nun war, ob er in etwas
getreten, was Joly verdross, ob eine angeborene Idiosynkrasie in dem Tiere gegen
den Menschen lebte, genug, ein kleiner hässlicher fetter Mops klaffte ihn an.
Als er sich des Störenfrieds entledigen wollte, machte er das Uebel nur ärger,
der Tritt fiel wider Willen so unglücklich aus, dass das Tier, von der
Stiefelspitze gehoben, winselnd auf das Pflaster fiel. Ein Dienstmädchen oder
ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette. Natürlich über
die Barbarei, ein armes Tier so grausam zu malträtiren! Nun war einmal etwas
versehen, und Fehler hecken mehr als gute Taten. Als er die Strasse wieder
heraufkam, waren zwar Mops und Mädchen verschwunden, aber die Equipage der
Fürstin Gargazin stand vor der Tür. Er war mutig eingetreten. Von der Treppe
kam ihm die Fürstin entgegen. Sie fuhr verwundert zurück: »Wirklich Sie! Nun, in
der Tat, das nenne ich Mut.« Er hatte sich verbeugt, er war mutig geblieben.
Sie war verschwunden. Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrat. Als
Wandel ihn erblickt, blieb er stehen, lüftete etwas den Hut und öffnete den
Mund, um - doch zu schweigen. Aber als Dohleneck auf der nächsten Stufe war,
hörte er seinen Namen: »Was soll's?« »Mein Herr Rittmeister,« sagte Wandel, »ich
hege nicht die Anmassung zu glauben, dass Sie in mir einige Teilnahme für Sie
vermuten, indes erlauben Sie die Frage: Wollen Sie zur Frau Baronin!« »Wenn es
Sie nicht inkommodirt,« hatte Dohleneck erwidert. »So vergönnen Sie mir
wenigstens die Bitte, zu bedenken, welchem Empfang Sie sich aussetzen. Ihro
Erlaucht, die Fürstin, muss Ihnen ja begegnet sein; sollte sie nichts gesagt
haben? Sie sind der Herr Ihrer Handlungen!« verbeugte sich der Legationsrat.
»Aber« - setzte er mit unterdrückter Stimme hinzu - »ich glaube eben so wenig,
dass Herr von Dohleneck das arme Tier auf der Strasse mit Absicht misshandeln
konnte, als ich glauben mag, dass ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer
Ritterlichkeit ein Vergnügen daran finden kann, eine unglückliche Frau, die in
Tränen sitzt, noch unglücklicher zu machen.« Und noch blieb der Rittmeister
mutig. Die Klingel hielt er in der Hand, als ein Hundegeklaff vor die Tür
stürzt. Das war der Hund des Aubry, die Kraniche des Ibycus. »New, mein Joly,
der hässliche Mensch, der soll dir nicht wieder was tun,« hörte er die Stimme
des Kammermädchens. - Er hatte nicht geklingelt; er war wieder auf der Strasse.
Joly knurrte hinter ihm am Fenster.
    Und seitdem hörte der Rittmeister, wo er die Augen schloss, den Mops knurren
und die Baronin weinen. »Alles um Dich!« - Er hatte wohl daran gedacht, sich in
eine andre Garnison versetzen zu lassen; aber seine Schulden und seine Ehre! Nun
kam ein tröstender Engel. Der Krieg befreit einen Militär von den Verfolgungen
seiner Gläubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie. Zu dieser
trostreichen Ueberzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem
Augenblick gelangt, er wollte auf diesen Tröster in der Not ein Glas leeren,
als, zu seiner Verwunderung, aus der leeren Flasche nichts mehr fliessen wollte.
Er schlug damit gegen das Glas, ein Zeichen, welches Herr Josty sehr wohl
verstand, als die Tür aufging, aber statt des Konditors, der Kaufmann Herr van
Asten eintrat.
    Sie mussten sich Beide schon kennen, aber die Freude des Wiedersehens schien
auf Seiten des Rittmeisters nicht gross, noch weniger, als nach der ersten
Begrüssung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm, dass er dem
Offizier die Tür und den Ausgang dahin versperrte. Und als van Asten die
abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog, zog sich auch das Gesicht des
Rittmeisters sichtlich in die Länge.
    »Sie werden sich hier die Augen verderben.«
    »Bin Ihnen für Ihre Teilnahme sehr obligirt, aber was hier drin liegt,
kenne ich Alles auswendig.«
    Diese Versicherung tröstete den Offizier noch weniger, besonders als er,
trotz der Dunkelheit, mit seinem scharfen Auge einen länglichen, schmalen
Papierstreifen, den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte, sehr gut
zu erkennen glaubte. Warum den Gruss der Batterie abwarten, lieber grad los
darauf.
    »Herr van Asten,« sagte er, »inkommodiren Sie sich nicht. Ich kenne den
Wisch. Sind noch vierzehn Tage hin. Wenn ich am Verfalltage noch lebe, na, da
sprechen wir weiter davon. Bin ich aber todt, machen Sie und ich unsre Rechnung
mit dem Himmel -«
    »Teuerster Herr von Dohleneck,« rief der Kauf mann, den Wechsel wieder in
die Tasche schiebend, »was so viel Gerede um eine Bagatell! Zweihundert Taler!
Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Königs molestiren! Bin ich
ein Wucherer? Weiss ich nicht, dass ein Soldat vor dem Feinde Courage braucht?
Courage und Kredit sind Verwandte und was kostet nicht die Feldequipage! Wie
kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken. Mancher hat auch sonst Liebes
hinter sich. Möchte ihnen doch gern ein Angebinde zurücklassen.«
    Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas gross, aber nicht sehr klar an.
Der Eingang war zwar angenehm, aber wer bürgte ihm, dass es der Ausgang auch sein
werde?
    »Alle sind nicht wie Sie. Solidität wird eine immere rarere Eigenschaft, und
der Krieg ist ein grausam Vergnügen. Wer weiss, wer zurückkommt und wer da
bleibt! Wenn nun Alle blieben, wer soll da bezahlen. Wie viele Kaufleute sind
mit ruinirt.«
    Der Rittmeister sah mit Verwunderung wie der Kaufmann eine ganze Partie
ähnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte. Es überkam ihn ein Schauer in der
Seele Derer, die sich mit ihrem Namen darunter geschrieben, seine Stirn aber
runzelte sich bei der Vorstellung, dass der alte Geldmann ihn etwa ausersehen, um
über die Verhältnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben. Ein schlauer
Seitenblick des Andern las, was in seiner Seele vorging. »Wie werde ich denn
einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden! Das weiss ich, jeder
Offizier muss für den Andern gut sagen -«
    »Na hören Sie, was das anbetrifft!«
    »Wir verstehen uns ja! Kavalierparole ist sehr was schönes. Giebt gar nichts
schöneres in der Welt. Aber bei Wechseln, da halten wir Kaufleute, 's ist so 'ne
alte Usance, uns an andre Dinge. Wer ins Feld marschirt z.B. kann nicht Alles
mitnehmen; man erleichtert's den Herren, nimmt ihnen was zu schwer ist ab. Hatte
da eben eine kleine Konferenz mit unserm Manteuffel. Das ist ein praktischer
Mann.«
    »Hol' ihn der Teufel!« sagte der Rittmeister.
    »Weiss wohl, dass ihm die Herren Offiziere nicht sehr grün sind. Ja, lieber
Himmel, wenn mal 'ne Sache unterm Hammer steht, gibt er sie weg um jeden Preis.
Das ist wahr. Ist nu mal nicht anders. Die Moral ist, man muss es nicht dahin
kommen lassen. Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft, so
machte mir Herr Manteuffel die Proposition -«
    »Seelenmann, Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen?«
    »Verstehen Sie mich, er wollte Sie einem Andern abgeben.«
    »Das ist ja Seelenverkäuferei!«
    »Sagte ich auch. Und ich wusste ja nicht, ob Sie gern mit dem Herrn in
Konnexionen kämen. Nun wir kennen uns! Aber der Herr ist ein Fremder, und voll
hätte er auch nicht gezahlt, und wie gesagt, wer weiss, ob Ihnen das recht ist,
an den Legationsrat von Wandel abgegeben zu werden.«
    »Der!« Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch.
    »Sehen Sie, das hab' ich Manteuffeln auch gesagt. Er ist ja ein Ausländer!
Sollen wir preussisches Blut, einen Soldaten unsres Königs, an einen Fremden
verraten? Wissen Sie denn, in wessen Diensten der Herr ist? Kann er nicht ein
Agent des Bonaparte sein, kann der nicht den Auftrag haben, alle Wechsel
aufzukaufen, die preussische Offiziere ausgestellt haben? Und wenn der Krieg
losgeht, die Herren marschiren sollen, ja da hat der König keine Offiziere. Alle
eingesteckt in Wechselarrest. Kann nun ein König Krieg führen ohne Offiziere?
Der Bonaparte drüben freilich, woraus macht der sich nicht welche! Die sind denn
auch danach. Aber wir müssen sie doch aus den Kadettenhäusern haben, aus guten
Familien. Der Napoleon ist es im Stande, sagte ich zu Manteuffeln, denn dem ist
Alles möglich. Manteuffel wischte sich die Brille ab, und meinte, ich dächte
wohl an England, das Napoleon zu ruiniren denkt. Aber was für England passt,
passe nicht für uns, wir hätten keine Bank zu sprengen. Ja, antwortete ich, wäre
ihm doch beinahe gelungen. Und 's kann auch hier Manches springen. Aber 's soll
ihm nicht gelingen. Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen
kriegen, ehe wir nicht wissen, wer er ist. Nun freut mich zu hören, dass der Herr
Rittmeister ihn kennen, denn Sie fürchten sich in seine Hände zu kommen.«
    Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an: »Mich will
bedünken, dass mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich; sonst -«
    »Der klügste Mann weiss nicht Alles, und der beste Kaufmann lässt sich auch
betrügen.«
    Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters, den der Rotwein noch nicht
umdüstert hatte, aufzublitzen: »Halt, da entsinne ich mich -«
    Van Asten blätterte und glättete über zwei Papierstreifen. »Ein gelehrter
Mann, ein feiner Mann, ein Mann von vielen Kenntnissen, hübscher Konduite. O ist
gar nichts gegen ihn zu sagen, ein charmanter Mann -«
    »Hol' ihn der Teufel!«
    »Das ist schon manchem charmanten Mann passirt. Täte auch gar nichts. Ein
guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hölle, man muss nur den Aussteller
kennen. Es freut mich, Herr Rittmeister, dass Sie auch davon wissen. O wir haben
manche Geschäfte mit einander gemacht, der Herr Legationsrat und ich. Prompt
auf die Minute, und hat eine glückliche Hand. Wünsche sie Ihnen, Herr
Rittmeister. Wirklich und wahrhaftig, Ihnen gönne ich alles Gute, das grosse
Loos, 'ne todte Tante mit hundert Tausend, und noch lieber 'ne reiche Frau mit
'ner halben Million. Sie sind ein so gemütlicher Mann. Hätte ich 'ne Tochter,
na wer weiss. Ich sage - gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen. Sie sind
nur etwas sehr lang. Und wem ich sie abgeben will, der sagt, was ich mir auch
sagen könnte. Man ist manchmal auf den Kopf gefallen, Herr Rittmeister. Fallen
tut nichts; man steht wieder auf. Aber auf den Kopf muss man nicht fallen, Herr
Rittmeister! Also sagt mancher Mann: es kann ja inzwischen was passiren, er kann
ja auch in den Krieg wollen, es kann ihn eine Kugel treffen. Einen todten
Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen. Und wenn er auch nicht in den
Krieg zieht, die Herren Kavaliere haben oft Händel. Sehen Sie mal, er kann ja in
ein Duell geraten. Paff! Wird mich der Todtschiesser honoriren? Ja, wenn so ein
Gesetz existirte! - Fällt mir bei, der Herr von Wandel hatte ja neulich eine
solche Affaire. Richtig! Mit dem Sohn vom Geheimrat Bovillard! - Und Sie - ja
Herr Rittmeister waren ja dabei.«
    »Wissen Sie das auch?«
    »Der Herr Legationsrat waren wohl erstaunlich mutig? Wollten immer drauf
los?« Jetzt fixirte der Rittmeister den Anderen: »Hol' mich Der und Jener! - Ich
glaube, Sie wollen mich aushorchen, was ich von ihm denke.«
    Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein; er lächelte nur: »Weiss
schon vielerlei, aber - wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat, kann's
einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen. Ist ein Politikus.
Einem Politikus gegenüber muss man wieder einer sein. Ob er ein Spion des
Gross-Mogul ist, oder ein Geisterseher, oder ein Magnetiseur, oder ein Lovelace,
oder - oder - was kümmert's mich, aber - verstehen Sie mich, das Eine möchte ich
wissen, ist's da mit rechten Dingen zugegangen, oder -«
    Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur: »Blitz, ich glaube nein!
Und wollen Sie's recht wissen, drei Mal, drei Mal nein. Und - unter uns: Es
stinkt! Er hat's, Gott weis; durch wen, der Polizei gesteckt.«
    »Also nicht der junge Bovillard?«
    »Ein grundehrlich Blut, réparation d'honneur. Wie ein Kavalier sich
benommen.«
    »Aber der Legationsrat hat ihn wieder aus dem Gefängnis losgebeten?«
    »Um ihn als Kourier fortzuschicken. Die Memme!«
    Der alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schüttelte den Kopf: »Da
hätten wir also das Tippelchen auf dem i. - Na, Herr Rittmeister, welchen Wein
lieben Sie am meisten? Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid tun auf
ein Gläschen?«
    Ein Tokaierfläschchen stand auf dem Tisch und färbte schon mit dunklem Gold
zwei Gläser, als Dohleneck noch immer nicht wusste, wie er dazu kam. »Nu stossen
Sie an,« sagte der Kaufmann. »Worauf?« »Auf einen alten Esel! - Ja, sehen Sie
mich nur recht an, und dann dreist los!« Die Gläser klangen, der Rittmeister
zauderte aber doch fast erschrocken, ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte.
    »Aber Herr van Asten, wie komme ich dazu?«
    »Warum ich ein alter Esel bin, das wünschen Sie zu wissen. Sie sollen's.
Ist's mir doch so, als müsste ich Einem mein Herz ausschütten. Drei dumme
Streiche! Wenn Sie die gemacht, na was wär' es! Ein Kavallerie-Offizier braucht
nicht zu denken, aber ein alter Kaufmann! Pfui! - Pro prima, das ist wacklicht,
pro secundo, das ist faul und pro tertio, das ist dumm. Pro primo, das sage ich
Ihnen nicht, ist ein Kompagniegeschäft mit einem vornehmen Herrn. Das wackelt
noch, aber kommt Krieg - fliegt's in die Luft; der grosse Herr wird sich
salviren, der kleine bleibt hängen. Die Moral ist, 's ist nicht gut mit grossen
Herren Kirschen essen. Pro secundo habe ich vom Legationsrat drei kurze Wechsel
auf drei lange prolongirt! Denken Sie, neun Monat! Darüber muss ein Kind zur Welt
kommen; wenn nun ein Krieg kommt, wenn er eclipsirte! Die Moral ist: wenn man
einen Aal am Kopfe hält, muss man nicht loslassen, sonst sitzt man bald am
Schwanzende. Und drittens, denken Sie sich, da habe ich eben eine ganze Schrift,
die der Nachbar Herr Mittler gedruckt hat, für mein baares schweres Geld
aufkaufen lassen, verstehen Sie, alle fünfhundert Exemplare«
    »Was! Wollen Sie auch Buchhändler werden?«
    »Gott bewahre mich! Kontobücher, die andern taugen nichts.«
    »Was steht denn drin, was Sie so sehr interessirt?«
    »Lauter dummes Zeug.«
    »Was wollen Sie damit?«
    »Verbrennen! Sind schon Asche.«
    »Pestilenz!« rief der Rittmeister. »Sie sind mir ein kurioser Mann.«
    »Möglich. Sehen Sie, das dumme Zeug rührte von mir her, nämlich Blut von
meinem Blut, von meinem Sohn. Konnte ich's nun übers Herz bringen, das dumme
Zeug unter die Leute laufen zu lassen? Also fix in die Tasche gegriffen und
Manteuffeln es machen lassen.«
    »Nu, das ist pfiffig gehandelt.«
    »Recht dumm, Herr von Dohleneck. Manteuffel glaubt zwar, er hat sie Alle
gekriegt, aber Eins oder das Andere ist doch unter den Tisch gefallen, und wer
das weg hat, gibt's nicht raus. Wird's nun erst bekannt, man kriegt keine mehr,
dann fallen sie drüber her wie die Fliegen über's Aas, Jeder will's lesen. Ist
das nun nicht eine pure Dummheit, hundert Taler wegzuschmeissen, damit ich was
Dummes erst recht in die Welt schicke!«
    Das lag ausser dem Departement des Rittmeisters. Er stellte ein leeres Glas
auf den Tisch: »Herr! wissen Sie was? - Aber verraten müssen Sie mich nicht.
Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen repariren. Dem Legationsrat passen
wir Alle auf die Finger, und wenn er sich mal attrapiren lässt, dann soll er
Ihnen kein Kopfweh mehr machen.« Der Kaufmann war aufgesprungen und fasste den
Rittmeister mit beiden Händen, ich glaube es war nur an den Kragen; ursprünglich
war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht. Der Respekt liess die Hände
tiefer sinken: »Herr, sind Sie des Teufels! Keine Hand angerührt an meinen
teuren Legationsrat! Wollen Sie mir fünftau - wissen Sie, wie hoch die Wechsel
sind? - Herr, Goldmann, dass Dich! Nicht rühren an den Mann, bis - Wollen mich
doch nicht ruiniren? - Und Alles bleibt geheim, nicht wahr?«
    »Die Wände werden nicht plaudern,« sagte der Rittmeister. Ein deutscher
Handschlag, und der Rest der Flasche floss in das Glas des Offiziers. »Also,«
sagte der Kaufmann, »indem er den bewussten Wechsel zum nicht geringen Befremden
des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog«, »also auf wie lange wollen Sie
ihn prolongirt? - Denke auf neun Monat. Lieber Gott, in neun Monat, was ist da
nicht geboren!« Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt.
    »Sie haben mir 'nen recht grossen Gefallen getan,« schloss van Asten. »Könnte
man alle Geschäfte so schnell abwickeln! Passirt aber auch nur unter Freunden,
die sich ganz verstehen. Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedürfen,
einhundert oder zweihundert Tälerchen, klingeln Sie nur, Spandauerstrasse,
gleich um die Ecke, das dritte Haus, und dann links auf dem Hofe ist der
Eingang.«
 
                          Zweiundvierzigstes Kapitel.
                                Fensterskizzen.
Es war ein grauer Herbsttag, an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf
die Dächer von Potsdam warf. Der Wind wehte die gelben Blätter durch die
Strassen; öde sonst, heute belebt von Köpfen, Uniformen, Livreen aller Farben und
Muster, von Physiognomien, die den verschiedensten Nationen, ja Weltteilen
anzugehören schienen. Die Equipagen von Ministern, Generalen, von Gesandten und
fremden Prinzen, rollten unaufhörlich zwischen den Palästen und Wirtshäusern,
und zu diesen Gästen von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt
zahlreiche Postchaisen, Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen, ihrer Zeit
wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen, deren magere und keuchende Pferde
zwölf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf ein Mal in der zweiten
Residenzstadt absetzten..
    Es musste ein grosses Ereignis oder eine grosse Erwartung sein, welche so
viele Berliner, und an einem Tage, den beschwerlichen Weg unternehmen liess. Ja,
Potsdam, das lange verödete, schien wieder der Mittelpunkt eines europäischen
Lebens geworden. Man sah es an den Blicken, man hörte es am Geflüster der
Gruppen, aber nicht an den laut gewordenen Reden. Denn wenn Zwei sich
begegneten, fragten sie nur: »Haben Sie ihn schon gesehen?« - Wenn ihn nicht,
den ritterlichen Gast, hatte man doch einen seiner silberumgürteten Kosacken
gesehen, die Strasse auf, die Strasse ab sprengten, angestaunt und bewundert von
Allen. Und es war doch auch sonst so viel auf den Strassen zu sehen, was da
selten sich zeigt: die ersten Männer des Staates, Militär und Civil, im Freien
promenirend, in den Haustüren, an den Ecken stehend. Es schien ein öffentliches
Leben in der Stadt Potsdam, und - es war keine Parade! So vornehm die Männer und
Gäste, waren doch nicht alle geladen, ja die wenigsten hatten in den
Appartements des Schlosses Zutritt, welche heute mehr dem häuslichen und
Familienbeisammensein geöffnet sein sollten. Aber gleiche Erwartung, Spannung,
ob und was sich entwickeln werde, hatte die Ersten und Höchsten hergetrieben.
Feldherren, Minister, und Kabinetsräte, und nicht mit dem geheimnisvollen
Nimbus der Autorität und des Allesbesserwissens um die Stirn, suchten, wie die
Opferpriester im Pflug der Vögel, in den Mienen der Anderen, ob sie eingeweiht
waren. Es mussten Wenige eingeweiht sein. Die eben vom Schloss zurückkamen,
antworteten, wenn Gruppen sich um sie bildeten, nur mit Achselzucken.
    Auch vornehme Damen standen an den geöffneten Fenstern. Neugierig schweiften
die Blicke der Fürstin Gargazin über den Platz, und sie hörte nur halb, was der
Kammerherr von St. Real erzählte. Er war im Schloss gewesen und hatte aus dem
Vorzimmer einen flüchtigen Blick auf das häusliche Glück im Schoss des
Heiligtums geworfen.
    »Was helfen uns Familienscenen, Kammerherr!«
    »Seine Majestät der Kaiser liessen zwei der königlichen Kinder auf Ihren
Knieen reiten. Ihre Majestät die Königin blickte mit verklärter Mutterfreude auf
das Bild.«
    »Das glaube ich; aber der König?«
    »Stand, die Hände auf dem Rücken, daneben.«
    »Ernst wie immer?«
    »Nein, Seine Majestät lächelten. Alle meinten, das werde ein Unité, die nie
zerreissen kann.«
    »Aber Andern die Geduld,« warf die Fürstin ein. »Die Einigkeit da gefällt
mir besser. Sehen Sie, Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm.«
    »Sie scheinen in ein sehr ernstaftes Gespräch verwickelt,« bemerkte ein
Dritter am Fenster.
    »Und Blücher schlägt hinter ihnen mit den Füssen den Takt. Er kann kaum seine
Freude verbergen.«
    »Er sollte nur den Säbel nicht so klirren lassen! Lombard flankirt umher.
Ihm ist's nicht recht. Er möchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben.«
    »Sehen Sie die Position, die er einnimmt. Sie sehen Lombard noch nicht, so
sind sie vertieft. Jetzt müssen sie auf ihn stossen, und geben Sie Acht, wie er
sich wie ein Aal in ihr Gespräch schlängeln wird.«
    »Magnifique!« rief die Fürstin und klatschte ihre feinen Hände unwillkürlich
zusammen. Ein rieselndes Gelächter der Umstehenden akkompagnirte ihre
Empfindungen. Der Erzherzog musste Lombard gesehen haben, und mit einer
geschickten und raschen Wendung bog er, kurz vor seinem Zusammentreffen, dem
Hindernis aus. »Parbleu! Erlaucht, steht er nicht da wie eine Salzsäule?«
    »Lombard verblüfft, ô c'est pour rire!«
    »Er recolligirt sich schon.«
    »Der rechte Mann um bonne mine au mauvais jeu zu machen. Aber sehen Sie
Rücheln dort an der Ecke. Wie ein steinerner Roland, und ein Gesicht, als hätte
er in eine bittere Citrone gebissen.«
    »Das ist schlimm, wenn Rüchel nicht zufrieden ist.«
    »Wie sollte er es sein, gnädigste Frau, wenn Blücher vor ihm triumphirt!«
    »Ah, Monsieur de Bovillard!« rief die Fürstin mit holdseliger Stimme, über
die Fensterbrüstung gebeugt. »Den!« Die Kavaliere sahen sich verwundert an. »Er
kommt wahrhaftig herauf.«
    »Meine Herren, von meinen Freunden erfahre ich nur, was ich weiss, an unsere
Feinde müssen wir uns wenden, wenn wir lernen wollen,« entgegnete die Fürstin
rasch umgewandt, während der Mann, welchem die Bemerkung galt, schon die Treppe
herauf stieg: »Tout à, vos ordre, ma princesse!« keuchte der Atemlose sich tief
verneigend.
    »Wer ist beim König?«
    »Haugwitz, wie Sie sehen, promenirt mit dem Erzherzog. Voss geht in der
Antichambre verdriesslich umher, und sagt zu den Einen Ja, zu den Andern Nein.
Hoym hat nur Augen für die Königin; er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre
Winke. Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten über die
Viehzucht in der Krim. Köckeritz sagt zu Jedem, es werde Alles gut werden, wenn
man nur ruhig bleibt. Wittgenstein hat ein Paar vornehme Russen am Arm und
zischelte ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu. Zur Radziwill war
Alexander sehr zuvorkommend. Sie ist ihm aber zu entusiasmirt, hat mir im
Vertrauen Fürst Woronzof gesagt. Er liebt die plastische Ruhe. Die Prinzess
Marianne bewundert er um ihre Schönheit, sie ist ihm aber wieder zu plastisch
und klassisch. Comtess Laura -«
    »Um Himmels Willen, das Kataster unserer Schönheiten ein andermal!«
unterbrach ihn die Fürstin.
    »Aber die Königin bleibt die Centifolie unter den Blumen, die Sonne unter
den Sternen. Und welcher getreue Untertan wagte dem zu widersprechen?«
    »Beim Gespräch vor der Kinderscene, ich meine im Kabinet, war kein Minister
zugegen? Wo war check? Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt?«
    »Erlaucht, ich bin ja so unschuldig, wie ein neugeboren Kind, und, hol mich
der Geier - pardon! - sie sind's alle im Schloss. Es druckst etwas, und will
nicht herausplatzen -«
    »Und der Allianztraktat? -« platzte es bei der Fürstin heraus.
    »Steht noch nicht auf dem Papier.«
    Die Fürstin war nicht mehr Diplomatin, sie ging mit Heftigkeit auf und ab:
»Und von der Stunde hängt es ab! - Ist denn solcher - möglich! Jung und -«
    »Die Bedächtigkeit ist doch eine schöne Sache,« fiel Bovillard ein.
    »Ihr intriguirt doch hinter unserm Rücken,« fuhr die Fürstin auf, »trotz
check's Versprechen, das er der Radziwill geben musste, trotz des Gesprächs, was
Lombard neulich mit der Prinzessin Marianne hatte. Ihr lasst Haugwitz mit dem
Erzherzog Anton verhandeln, damit er von der wichtigern Unterhaltung mit
Alexander abgezogen wird. Hardenberg lasst Ihr einer reisenden Schauspielerin
mit Extrapost nachfliegen, dass er noch nicht nach Potsdam zurück ist; Prinz
Louis zu einer opportunen Zeit dem König in den Weg treten, dass er aufgebracht
werden musste. Stein, Gott weiss, wo Ihr den in den Winkel gestellt habt. Kurz,
ich durchschaue alle Eure Ränke, und im wichtigsten Moment seines Lebens, wo er
Rat haben muss, ist es Euch gelungen, ihn mit Nullen und Pagoden zu umstellen.«
    Wie Bovillard jetzt, aufrecht stehend, sie gross ansah, die Hand an der
Brust, hätte der gewiegteste Psycholog geschworen, er meine es aufrichtig:
»Erlauchte Prinzessin, die Flüsse spielen um den Berg, aber, wenn der Berg den
Einfall bekommt einzustürzen, ist ihr Spiel aus. Einem Selbsterrscher aller
Reussen gegenüber, der den Einfall bekommt, uns mit seinem höchst eigenen Besuch
zu überraschen, hört unser Spiel auf. Der Gewalt weicht die Kunst. Jetzt spielen
höhere Mächte und wir fügen uns als Stoiker in das Unabänderliche.«
    Es entstand eine Pause. Die Fürstin hatte ihre Promenade noch nicht beendet:
»Einer muss doch den Anfang machen!« rief sie halb für sich aus dem Chaos ihrer
Gedanken.
    »Aber wenn der Eine es nicht geschickt anfängt, schickt er ihn fort« sagte
Bovillard. »So ging es Stein. Der Freiherr polterte mit einer Proklamation los,
die er in der Tasche trug, am Schweif eine Kriegserklärung. Majestät zogen die
Stirn und zuckten mit dem Arm. Stein sagte, was man wolle, müsse man zeigen, und
was man zeige, müsse man wollen. Majestät sagten, sie hätten auch noch andre
Räte, auch kluge Leute, auch treue Diener ihres Herrn, die er schon länger
kenne als den Herrn von Stein, und die nicht gleich mit dem Kopf durch die Mauer
wollten. Zum Glück aplanirte der Kaiser mit einer liebenswürdigen Wendung den
Riss.«
    »Und Stein?«
    »Studirt im Lustgarten den Kunststil der Dryaden und Najaden.«
    »Hardenberg wäre besser zum ersten Angriff gewesen. Wer denn nun? Johannes
Müller ist doch citirt,« sagte die Fürstin.
    »Steht auch da, Erlaucht, mit der Feder in der Tasche, Dinte hat er auch,
aber das Papier will man ihm noch nicht geben. Lombard ist ja auch berufen, hat
auch die Feder gespitzt; je nach dem, französisch oder deutsch, hart oder
weich.«
    »Aber nachdem Stein abgebljetzt, mussten doch Majestät Ihre Meinung äussern.«
    »Sie haben sie auch geäussert. Das Wort Kriegserklärung so hart noch
herausgestossen, ohne Ueberzuckerung, hatten Majestät dermassen irritirt, dass Ihro
Majestät die Königin dem Kaiser einen Wink gab. Alexander verstand sie auch mit
einer admirablen Grazie. Nun ward der Krieg emballirt, in eine traurige
Eventualität übersetzt, und unter dieser Umhüllung passirte er wieder in der
Konversation. Wenn man nur den rechten Ernst zeige und nur zur rechten Zeit,
dann könne man sich der sichern Hoffnung hingeben -«
    »Dass Bonaparte zu Kreuz kriecht! - O charmant!« rief die Fürstin, und dunkle
Lichter blitzten auf ihrem Gesicht, die wenig zu der zurechtgelegten Sanftmut
passten. »Darum von Petersburg nach Moskau geflogen, darum eine halbe Welt in
Aufruhr, darum diese kostbare Stunden in Potsdam! Um eine Ambassade, um eine
neue Konferenz, um Protokolle -«
    »Ohne Ambassade, Erlaucht, geht es nicht ab, mein kleiner Finger sagt es
mir.«
    »Die dem Korsen vorstellen soll, wie unbillig er gehandelt, ihm Moral
predigen und Unterricht im Völkerrecht geben! Damit er sie, uns, alle, nicht
allein verachtet, besiegt, mit Füssen tritt, nein, dass er sie auch verlacht. Und
er hat recht.«
    Der Major von Eisenhauch war schon während ihres Gesprächs eingetreten. Er
schien über die Gesellschaft, die er hier fand, verwundert. »Nun und Sie,
Major?« Er zuckte die Achseln: »Bis zum ausserordentlichen Gesandten ist man
gekommen. Er soll morgen abreisen.«
    »Mit welchen Bedingungen?«
    »Man spricht davon, der Luneviller Friede soll zum Grunde gelegt werden.«
    »Die kann Bonaparte nicht annehmen,« sagte die Fürstin rasch. »Das wäre also
so gut wie Krieg. Aber wer wird zu ihm gesandt?«
    »Haugwitz.«
    In den Gesichtszügen der Anwesenden war Ueberraschung, vielleicht etwas
mehr, Entrüstung, Schreck zu lesen. Eine sprachlose Pause. »Ist das auch das
Spiel der höheren Mächte?« fragte die Gargazin mit einem bittern Blick auf
Bovillard, der verstummte. Der Major antwortete statt seiner: »Seiner Majestät
eigener Wille. Niemand hatte natürlich an Haugwitz gedacht. Sie mögen denken,
wie es auf Alle gewirkt. Aber des Königs Gerechtigkeitsgefühl spielte mit.«
    »Sagen Sie - ach, mir fehlen auch die Worte dafür. Er schickt den, der unter
jeder Bedingung nach dem Frieden greift.«
    »Warum nicht den,« bemerkte Bovillard bescheiden, »der Napoleon persönlich
angenehm ist. Zum Vermitteln schickt man doch nicht widerwärtige Geschöpfe.«
    »Um Vergebung,« nahm der Major das Wort, »ich glaube vielmehr, dass das des
Monarchen eigentümlicher Sinn war. Er wollte dem, welchen er durch einen
gefassten Beschluss gekränkt, durch sein Vertrauen es vergütigen. Uebrigens ich
glaube jetzt auch an Haugwitz. Er geht nicht gern, aber er geht. Der Erzherzog,
der Kaiser, von allen Seiten überschüttet man ihn mit schmeichelhafter
Aufmerksamkeit. Auch contre-coeur ist er verstrickt.«
    »Meine Herren,« erhob sich die Fürstin, »die Personen sind am Ende
gleichgültig. Aber wo ist der Wille? Was ist beschlossen? Wann reist Haugwitz?
Mit Courierpferden? Wohin? Welchen Termin soll er dem Usurpator setzen? Wenn er
nein sagt, wann stossen unsere Heere zusammen? Wo? Wo ist der Plan? Wo der
Traktat? Fehlt es in Potsdam an Papier? Eine Feder kritzelt zu langsam. Mit
Blitzen müsste man schreiben. Denn der Attila reitet auf Blitzen.« Sie sah sich
vergebens nach einem Aufblitzen in den Mienen um. Die Herren zuckten die
Achseln. Man blickte ziemlich ratlos zum Fenster hinaus. Auch dort waren nur
fragende Gesichter.
    »Köckeritz kommt aus dem Schloss!«
    »Rüchel packt ihn. Wie hastig sie sprechen!«
    »Rüchel ist ausser sich. Er kneift den armen Köckeritz ordentlich in den
Arm.«
    »O weh, seine Nachrichten müssen schlimm lauten.«
    Aber man sprach sich Trost zu. Es sei gut, dass man die Hitzigen aus der
nächsten Umgebung zu entfernen gewusst. Die Radziwill und ihr Bruder hätten
durch ein Wort alles verderben können. Die Königin operirte verständig und im
Einverständnis; mit dem Kaiser. Sie leiteten klugerweise das Gespräch auf
gleichgiltige, aber dem König angenehme Dinge, um in der Gunst der Stunde auf
die Sache einzulenken. Dann lasse sich oft das Schwierigste in einem Augenblick
abtun.
    »Und wer kann sich rühmen, dass er der Liebenswürdigkeit eines Alexander auf
die Länge widerstanden hat!« bemerkte ein Begleiter der Fürstin mit einem feinen
Seitenblick, der trotz der Aufregung verstanden ward.
    Es hatte sich noch Jemand in der Gesellschaft eingefunden, entweder jetzt
erst, oder er befand sich schon eine Weile unbemerkt im Zimmer, das einer
gemeinschaftlichen Schauloge ähnlich schien. Vom letzten Fenster wandte sich der
Legationsrat von Wandel zu dem Sprechenden um: »Wir dürften uns die klugen
Leiter dieses Tages zum Beispiel nehmen und wie sie die Ungeduldigen, unsere
eigene Ungeduld zurechtweisen. Wenn man auch schon einig wäre, würde man einen
geheimen Traktat vor aller Augen abschliessen? Halb Berlin ist hier versammelt,
die Ohren und Augen dringen bis durch die Mauern des Schlosses. Ausserdem kennen
wir alle die Scheu Seiner Majestät vor der Publicität. Man hat gewiss diesen Tag
in Potsdam nicht ohne Absicht gewählt, aber nicht auf diesen Strom von
Zuschauern gerechnet. Mich dünkt es ist sehr klug, dass man nun den Tag
verstreichen lässt, um den Abend abzuwarten.«
    »Wissen Sie etwas?« Die Fürstin trat mit ihm bei Seite.
    »Eigentlich nichts. Man unterminirt und weicht aus. Alexander sucht ihm die
Eventualität als gar nicht so gefährlich zu schildern. Es werde mit einer
Entscheidungsschlacht abgetan sein. Wenn die drei vereinigten Heere zusammen
agirten, müsse man den schon Geschwächten zerdrücken, wie er den Mack bei Ulm«
    »Und er rechnet aus die Leichen und das Blut!«
    »Dann meint Alexander, es werde vielleicht in dem Falle gar nicht zum
Blutvergiessen kommen; umzingelt, ohne Rettung, ohne Aussicht, werde er sich auf
Gnade ergeben.«
    »Charmant! Majestät unser gnädigster Kaiser malen ihm auch vielleicht die
Seligkeit der Grossmut. Wie sie den Besiegten aufheben, ihn an ihre Brust
drücken wollen, wie Karl den Wittekind, ihn ihrer Liebe versichern und ihm ein
bescheidenes Kaisertum zuweisen. Nicht wahr, Majestät Napoleon werde gerührt
von so viel Grossmut in Tränen ausbrechen, dass er sich in seinen wahren
Freunden getäuscht, mit ihnen in einem heiligen Bunde geloben, fortan nur für
das Wohl der Menschheit zu wirken. Und so weiter.«
    »Vergessen Erlaucht nicht: der König ist ein gerechter Mann und ein Mann von
Takt. Durch Illusionen lässt er sich nicht bestechen.«
    »Bestechlich ist Jeder. Man muss nur viel und das Rechte bieten.«
    »Ihr Kaiser schien vergessen zu haben, dass der König vor Napoleon Respekt
hat. Friedrich Wilhelm erinnerte ihn, dass er ein grosser Feldherr sei, dem Gott
Siege verliehen, und nur Siege, auch jetzt ein gekrönter Fürst, den er
anerkannt, dass er Verträge mit ihm geschlossen, die ihm immer und auch dann noch
heilig seien, wenn der Andere sie verletzt -«
    »Wirklich! Und -«
    »Da schien die Königin der Bock einen Wink gegeben zu haben. Sie trat mit
einem der jüngsten Kinder herein.«
    »Et cetera,« rief die Fürstin ungeduldig. »Und nach dieser Kinderscene, was
kam da für eine neue?«
    »Nachdem man wieder weich geworden, stellten Ihro Majestät ihrem Gemahl vor,
ob nur Bonaparte vor Gott mit Siegen gekrönt, ob nur er Kronen trage, ob man um
seiner Feinde willen seine Freunde vergessen dürfe? Ob er einen besseren Freund
habe als Alexander? Ob irgend ein anderer Freund so gütig seine herben Launen
würde hingenommen haben? Was er sagen würde, wenn der Kaiser aufgebracht, das
Zimmer verlassen, sich in den Wagen geworfen und aufgebrochen wäre? Und was die
Welt dazu sagen würde, wenn Alexander - nach solchem Embarras, scheide, breche?
Ob das nicht ein Bruch mit Russland, mit den Alliirten wäre? Ob Napoleon
wenigstens das nicht so ansehen müsse? Ob er mit Gewalt in dessen Arme wolle
gestossen sein?«
    Der Legationsrat neigte sich zum Ohr der Fürstin: »Ein moralischer Koup.
Irgend eine Attrape - um Mitternacht meint man. Worin sie bestehen wird, ist
noch Geheimnis.«
    »Doch keine Geisterscheinung!« Die Fürstin sah ihn misstrauisch an. »Die
kämen im Jahre 1805 um zehn zu spät. Und woher wissen Sie es?«
    Der Legationsrat beugte sich wieder aus Ohr der Fürstin, als die Tür
aufgerissen ward, und der Jäger herein rief: »Excellenz, Minister Laforest!«
    »Laforest!« hallte es leise wider von den Lippen; die Gesichter schienen zu
erblassen wie vor einer Geistererscheinung. Aber Laforest's Eintritt
verscheuchte den Eindruck. Ihm voraus sprang ein grosses schönes Windspiel; er
selbst im eleganten hellen Negligé-Ueberrock glich mehr einem Engländer als
einem Franzosen; nonchalant und heiter, warf er leicht grüssend seine Blicke im
Kreise umher, nachdem er vor der Fürstin sich verbindlich geneigt.
    »Herr von Laforest in Potsdam - das ist ja eine unerwartete Ueberraschung!«
sagte diese.
    »Sie meinen, weil Duroc abgereist ist, müsste ich auch Pässe erhalten.
Durocs Mission war Krieg, meine Frieden. Der Krieg geht ab, der Friede bleibt.
Gnädigste Frau, das ist der Vorzug eines ordentlichen Gesandten, der sich um
ausserordentliche Dinge nicht zu kümmern hat.«
    »Excellenz haben vermutlich doch die Dinge sehr nahe betrachtet?«
    »Ich kam auf dem Umweg über Sanssouei. Das herbstliche Laub gibt eine
wunderliche Schattirung. Sie sollten dahin einen Ausflug machen. Herr von Stein
ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen. Ich mache nun wirklich nicht Ansprüche
ein Menschenkenner zu sein, aber ein ABC-Schüler konnte auf seinem Gesicht
lesen, dass seine Kriegspläne nicht durchgegangen sind. Ein Biedermann, ein
scharfer Verstand, mit einem Wort ein Kraftgenie, dieser Herr von Stein.
Wirklich schade, dass er ein Ideologe ist.«
    »Haben Sie gute Nachricht von Ihrem Kaiser? Seine Majestät befinden sich
doch in erwünschtem Wohlsein?«
    »Er erwartet mit Sehnsucht den Ambassadeur aus Berlin. Sie müssen wissen,
Kaiserin Josephine bewundert Kaiser Alexander in der Stille um seine Humanität,
seine Ritterlichkeit. Sie möchte ihn gern von Angesicht sehen -«
    »Mein Kaiser Alexander ist zu galant, als dass er dem Wunsch einer reizenden
Dame nicht gern entgegen käme.«
    »Auf das Entgegenkommen kommt es ja nur an, in allen Dingen.«
    »Das fehlte noch, dass uns Napoleon hier überraschte!« rief unwillkürlich
Major Eisenhauch.
    Der Gesandte schien es gehört zu haben: »Aber nichts von Ueberraschung in so
ernsten Dingen. Ein neutraler Ort in der Mitte, der findet sich ja leicht zum
Fürstenkongress. Drei, vier edle Monarchen, und noch edlere Menschen, begleitet
von schönen Fürstinnen, holden Frauen, in deren Augen der Tau des Mitgefühls
für Menschenleiden perlt, und in ihren Händen ruhend das Schicksal des
Kontinents! Was gibt es Schöneres? Einen Dichter könnte es begeistern zu einer
Ode. Leider sind Diplomaten keine Dichter. Tiras, Attention!«
    »Wohin?« Laforest war aufgestanden, der Hund sprang an ihn herauf:
»Wittgenstein liess mich dringend auf einen Augenblick bitten. Was wird es sein?
Eine neue chronique scandaleuse. - Berlin ist von Ihrem Kaiser enchantirt. Weiss
man noch gar nichts, wo sein Auge hasten blieb?«
    »Wohin sehen Excellenz?«
    »Prächtig! - Das sind die Söhne der Natur, Prinzessin! Besonders der ältere
mit dem rötlichen Bart.«
    »Ach, die beiden Donischen Kosacken, seine Begleiter!«
    »Solche Ursprünglichkeit! Das erquickt das Auge. Wie zusammengewachsen mit
ihren Pferden. Kein Blick der Neugier auf die Tausende, welche sie angaffen.
Herr von Eisenhauch seufzt - gewiss über unsere Entartung. Ja, von den Söhnen der
Steppe könnte wieder frisches Blut in unser Geschlecht kommen.«
    »Der Kaiser reitet jetzt wahrscheinlich aus,« sagte der Kammerherr.
    »Wenn Kaiser Napoleon uns mit seinem Besuch erfreuen sollte, sprach der
Major, wird er uns doch auch mit seinem treuen Rustan überraschen.«
    »Hier braucht er keine Mamelucken,« fiel Laforest rasch ein.
    »Im Vaterlande der Humanität schützt ihn Ruhe und Ordnung. Er hat es oft
gesagt, in Berlin würde er allein, ohne Waffen, ohne Begleitung in der Dämmerung
durch die Winkelgassen reiten.«
    »Ein ehrenvolles Attest für uns!« bemerkte St. Real. »Gewiss!« stimmten Alle
ein.
    »Wenn es seine irdische Krone verlöre, hätte Preussen auf die himmlische
Anspruch, die den Friedfertigen verheissen ist.«
    »Wir sind Feinde, Herr von Eisenhauch,« wandte sich Laforest zum Sprecher,
während die Fürstin zum Fenster hinaussah. »Feinde, aber in Einem kommen Sie
doch mit mir überein?«
    »Ich gebe nichts auf.«
    »Auch nicht die Hoffnung, dass man hier noch Politik machen kann?«
    Der Jubel draussen galt dem Erscheinen des ritterlichen Kaisers. Zwei Schritt
begleitete die Fürstin den Gesandten; seine Miene schien ihr noch etwas
mitteilen zu wollen. »Was soll's noch, Excellenz! Die Orlogfahne flattert.«
    »Sie kann wieder abgenommen werden.«
    »Jetzt nicht mehr.«
    »Aber später.«
    »Die Kluft ist zu gross.«
    »Ueber die tiefste weiss die Diplomatie Brücken zu schlagen, wenn das
Interesse es fordert. Wir sind Feinde, in Einem kommen Sie aber doch mit mir
überein?«
    »Keine Allianz!« rief sie mit nervöser Heftigkeit.
    »Mit den Ideologen oder Germanomanen. Ich bin kein Dichter, aber vielleicht
ein Prophet. Ich sehe die Brücke gespannt, die Russland und Frankreich einst
verbindet.«
    »Was wollte Laforest eigentlich?« fragte ein Russe, nachdem der Kaiser
vorüber geritten, und die Gesellschaft sich wieder schweigend zusammen fand.
    »Auf die Frechheit den Hohn setzen!« rief Eisenhauch.
    »Belauscht hat er wenigstens nichts, was er nicht schon weiss,« versicherte
Bovillard.
    Der Legationsrat erwiderte: »Vielleicht nur uns beschäftigt, um unsere
Aufmerksamkeit von dem abzuziehen, was wir nicht wissen sollen. Die erlauchte
Frau steht in Gedanken versunken?«
    »Ueber dem aufgewühlten Chaos hinzutänzeln wie auf Blumenwiesen ist die
Kunst dieses Lebens,« sagte die Fürstin Gargazin. »Wer immer die Risse sähe und
die züngelnden Flammen! - Ich liebe die Diplomaten, welche in jeder Situation
die Dehors beobachten.«
    »Frau Baronin Eitelbach!« meldete der Jäger.
    »Unausstehlich,« schien auf den schwellenden Lippen der sanften Frau
geschrieben; aber über die Lippen kamen nur die halb verhallenden Worte: »Auch
die jetzt! Und wir stehen auf Kohlen!« wobei ein strafender Blick auf den
Legationsrat fiel; der aber blieb bis auf ein leises Achselzucken unbeweglich.
Es war die Protestation der Unschuld. »Sehr willkommen!« sagte die Fürstin laut,
und als die Gemeldete eintrat, war der Schauer des Unmuts von Lippen und Stirn
verschwunden, oder versteckt in dem herzlichen Embrassement.
    »Auch meine liebe Baronin! Ich weiss nicht, ob die Ueberraschung grösser ist
oder die Freude!«
 
                          Dreiundvierzigstes Kapitel.
                          Das Gespenst von Sanssonci.
Teilten nur die mit Sternen und Bändern die fieberhafte Stimmung? Auch unter
dem schlichten Bürgerrock schlugen warme Herzen, bang, sehnsuchtsvoll, der
Entscheidung entgegen. Nicht Alle vielleicht, nicht Viele unter Vielen, aber
Alle fühlten, was es galt. Wenn nicht das Vaterland selbst, doch seine
gefährdete Ehre. Und es war eine mächtige Blutströmung damals, weil der Glaube
sie trug, dass sie unerschütterlich stehe am Firmament, angefestet mit dem
Gestirn, das Friedrichs Ehre heisst.
    Unter Denen, die in dem langen Korbwagen aus Berlin gekommen, wusste man
gewiss so wenig von dem, was im Schloss vorging, als die in glänzenden Equipagen
und mit blasenden Postzügen herübergerollt, es wussten. Und doch, obgleich ihre
Ohren nicht so fein gespitzt, ihre Augen nicht so geschärft waren, um aus dem
Schütteln einer Handkrause Schlüsse zu ziehen, was den Mann in dem Augenblick
bewegte, der das Hemde trug, obgleich alle die feinern Vermittelungen, Organe
und Bezüge ihnen abgingen, welche die Erwählten mit dem in Verbindung setzen,
was ihnen als Herz gilt, doch wussten diese Massen weit mehr als Jene. Ein
Tropfen Blut färbt ein Glas mit Wasser, ein Wort, eine hingestreute Nachricht,
durchfliegt, bewegt, entzündet die Massen. Jene üben die Kritik der Phantasie,
um ihre Denkkraft zu zersplittern bis zur Nichtigkeit, Diese lassen sich
berauschen von einem Wink, Blick, Schall, ohne ihn zu prüfen. Jene legen die
Empfängnis auf einen Destillirkolben, der auch den Diamant in Rauch zersetzt,
bei Diesen fällt sie in den Zauberkessel des Glaubens, und steigt und schwillt
zu einem riesigen Dunstphantom in die Lüfte.
    Warum konnte denn Kaiser Alexander nach Berlin gekommen sein, warum hatte
man ihn nach Potsdam feierlich abgeholt? Warum hatten sich die hohen
Herrschaften als Familie abgeschlossen? Warum war der Erzherzog Anton da, und
die hohe Generalität in Gala? Es muss eine systematische Depravation vorgegangen
sein, wenn das Volk bei ausserordentlichen Akten an eine Komödie denken soll. Es
war Vieles in Preussen vorangegangen, was das Volk geschmerzt, gekränkt, es hatte
viele Männer hassen gelernt, und hielt andere für fähig, es täuschen und
verraten zu wollen, aber das die höchsten Behörden, Minister und Generale, die
Regierung in ihrer Gesammteit, dass der Hof, der König und der Kaiser ein grosses
Schauspiel vor ihm aufführe, hinter dem eine andre Wahrheit lauert, als die
sichtbare, das hielt damals das Preussische Volk für unmöglich. Es glaubte an die
Wahrheit wie an die Ehre seines Staates.
    Weil es glaubte, war es froh. In der Freude das Maass der Schönheit
beobachten ist nicht allen Völkern gegeben. Die Lustigkeit brach roh heraus.
Wenn der Kosack die Peitsche wirbelte, jubelten sie ihn an, sein Hurrah
erwidernd: »Los auf die Franzosen!« Man reichte den Söhnen des Don die
Schnapsflaschen. Die Flaschen gingen auch im Volk von Mund zu Munde. Des alten
Fritz Name, der Name Rossbach schallten unter einem Gelächter, dass Manchem die
schönen Namen in der Gesellschaft leid tun konnten.
    Das musste auch Einem so gehen, der sich unter die dichtesten Haufen
gemischt; er wollte die Volksstimme hören. Aber Walter van Asten fand nirgend
die Volkstimme, die er suchte. Ihm schien die Freude empörend, mit der man dem
Kosacken die Hände schüttelte, seine Stiefel, Sporen betastete, den Schweif
seines Rosses streichelte. Einer im Haufen machte den Spassvogel. Mit wankenden
Füssen und rotaufgedunsenem Gesicht, malte er den Zuschauern, wie Napoleon bei
Nossbach laufen würde, wofür schallendes Gelächter und Jubel ihn belohnte.
    Wo waren denn die Patrioten, die Walter suchte? Er musste in einer bösen
Stimmung sein; wo er ging, wohin sein Auge fiel, sah er nicht was er erwartet.
Im Volke Rohheit, blödsinnige Hoffnungen, in den Andern verbissene Wut,
militärischen Übermut oder Kammerherrngesichter.
    Er hatte auf ein Schauspiel gehofft, auf eines, das aufgehn werde, wie die
Sonne am Frühlingsmorgen, auf einen Auferstehungstag des Preussischen Volkes.
Wenn die Trommel wirbelte, eine Reiterschaar durch die Strassen sprengte, Aller
Augen nach dem Schloss sich wandten, wenn dann - die Fenster aufgerissen, der
König an die Brüstung träte, an der Hand die schöne Königin, zur Seite der
ritterliche Freund. Wenn er an die Brust fasste, die Hand zum Schwur gen Himmel
hob: »Gott sei mein Zeuge, ich kann nicht anders. Was ich getan, er weiss es, um
die blutige Entscheidung zu sparen. Er wollte sie mir nicht sparen. Mein Volk,
es ist kein Krieg um eitlen Vorteil, es gilt die Erhaltung deiner selbst,
unsrer teuer errungenen Selbstständigkeit, es gilt Preussens mit Füssen getretene
Ehe, es gilt den Augenblick, den nichts zurückkauft. Mein Volk, es gilt unser
Dasein. Dies Wort ist Krieg und mein Volk wird zu mir stehen!« - Und das Volk
wäre mit einer Stimme, mit einem Laut in des Königs Worte eingefallen. Dann
hätten Tränen perlen mögen im festesten Auge, dann Jeder an die Brust des
Andern fallen, dann die Arme sich zum Schwur erheben, ein Laut in die Wolken,
nicht Jubel, Freude, Musik, ein Laut der Einigkeit zwischen Fürst und Volk.
    Die Trommel wirbelte oft, es blieben Präludien. Kavallerieschaaren preschten
flimmernd und klirrend durch die Strassen, es war der Wind, der im Aehrenfelde
rauscht. Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren, das
Glockenspiel auf dem Turme:
Ueb' immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein stilles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.
    Er folgte den welken Blättern, die der Wind vor seinen Füssen trieb; ihm
gleich wohin. Er folgte ihnen aus der Stadt, hinaus aufs Feld, auf die Höhen.
Ehe er es selbst wusste, stand er auf dem Ruinenberge, der das unter ihm
liegende Sanssouei und die noch tiefere Stadt beherrscht. Die Laune des grossen
Königs baute Trümmerwände eines römischen Cirkus hierher, die Arena sollte das
Wasserreservoir werden, aus dem die Fontainen in Sanssouei und der Stadt
gespeist würden. Das Werk misslang, und der König gab es auf. Er war müde
geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur. Die künstliche Ruine, von
Unkraut überwuchert, von aufschiessenden Kiefernbäumen umstanden, war selbst
wieder zur natürlichen geworden. Die eisernen Röhren, zerschlagen, waren als
Prellpfeiler an den Strassen benutzt.
    Walter lehnte sich an eine Arcade. Grau lag Gegend und Stadt vor seinen
Füssen; von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer über die Dächer, vom
Geräusch kein Ton herauf. Er war einsam, nur die Krähen schwirrten um die
Kiefern. Kalt die Luft, grau der Himmel, grau war es in ihm.
    Es war grau nicht seit heute erst. Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein
Schauspiel; die Träume seiner Jugend gingen an ihm vorüber. Der Ehrgeiz, der
schon in des Knaben Brust gespielt, wie oft hatte er sie geschwellt, wonach
hatte er nicht die Hand gestreckt! Was war jetzt sein? Wie vieles davon hatte
er, mit männlichem Entschluss, es nie wieder anzusehen, selbst in die
Rumpelkammer verschlossen. Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lüfte
steigen; hatte er nicht geträumt von Lorbeerkränzen und seinen Namen an die
Säulen geschrieben gesehen, wo die glänzendsten stehen! Eine Schamröte flog
über seine Wangen. Dann - und dann, es waren Schaumwellen, und er lächelte. Aber
er lächelte nicht mehr bei einem andern Gedanken, seine Hand presste sich
krampfhaft an die Brust: Und auch das könnte ein Traum gewesen sein? - Liebt sie
dich denn? - Er wollte die Frage, die wie Hammerschläge auf sein Herz pochte,
fortdrängen, was gehörte sie hierher! Er glaubte sie heut wenigstens überwältigt
zu haben; andere Gedanken hatten ihn hergetrieben. Aber wie neckisches Echo rief
sie wieder aus jedem Winkel.
    Endlich schwieg das Echo, aber er sann einer anderen Frage nach, und seine
Brust hob sich wieder: War das sträflicher Ehrgeiz, Jugenddünkel? Ist es mir den
Adlern erlaubt aus der Wolkenhöhe auf die Erde zu schauen? Dringt des Menschen
Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge, fliegt er nicht höher als der
Vogel? Was tiefer, höher! War das Ehrgeiz, dass er ein tiefes Uebel des
Gemeinwesens erkannt, dass der Drang ihn übermannt, es vor der Welt hinzustellen
und zu rufen: Helft, und so könnt ihr helfen! Wie ernst geprüft, studirt hatte
er, dann nach vollster Ueberzeugung seine Gedanken ausgesprochen: so klar,
deutlich; es musste ja Jedem, der die Augen nicht verschliessen will,
einleuchten. Und wo er anklopfte, verschlossene Türen; wo er sprach, lächelte
man. Hatte ihn Jemand widerlegt? Man hatte von schönen Gedanken gesprochen, aber
wie die Welt sei, blieben es ja doch nur Chimären. »Sie hätten die ganze Welt
für eine Chimäre erklärt, wenn der Schöpfer, ehe er das Werde sprach, die klugen
Leute befragt hätte!«
    Und seine Schrift! War ihm nicht das seltsame begegnet, dass der Verleger,
Herr Mittler auf der Stechbahn schon nach einigen Tagen, als er sich einige
Exemplare zurückholen wollte, ihm lächelnd erklärt, dass sie sämmtlich vergriffen
wären? - Verkauft? Alle bis auf das letzte, und - Niemand in der ganzen Stadt
sprach davon! Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab, erregten sonst
auch die unbedeutenderen Aufsehen, und von seiner wusste Niemand, Niemand fragte
ihn danach, keine Zeitung hatte sie erwähnt! -
    Sein Auge streifte nach den Krähen hinaus. Dachte er an die Märchen von
Raben, welche gestohlene Pretiosen in ihre Nester tragen? Da blinkte es
allerdings golden in dem Krähenneste zu seinen Häupten, aber es war ein
Nachmittagstrahl, der das rauhe Geflecht anrötete. Die Wolken waren gebrochen,
und die Sonne goss mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Teil der
Gegend. Sanssouei mit seinen Metallkuppeln fing den vollsten Strahl auf. Die
Schnörkelspitzen der Dächer glühten, es musste warm werden auf der Terrasse,
warm wie ein später Herbsttag es zulässt, und Waltern fröstelte auf der windigen
Höhe.
    Die Tore waren geöffnet und unbewacht. Die Wege waren mit welkem Laub
überstreut. Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei; wen
seine Beine trugen, war nach der Stadt gewandert. Ja, es war laue Luft auf der
Terrasse und Walter müde. Er setzte sich auf einen der Steine, unter denen
Friedrichs Hunde ruhen. Es stand ein verwitterter Name darauf. Ob unter Allen,
die jetzt lebten, einer das Tier gekannt, das ihn trug! Und doch hat sein Name
Antwartschaft auf Unsterblichkeit!
    Die Orangerie war längst in die Glashäuser geschafft, es sah leer, wüst und
zerstört aus. Nur einige von den Riesenkürbis, die man nicht der Mühe wert
hielt fortzutragen, faulten am Boden. Die hohen, bis zur Erde reichenden
Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglüht. Der Reflex des
Lichtes blendete ihn, und doch sah er immer wieder hin: »als wären es seine
grossen Augen!«
    Wenn diese Augen herab sähen, wenn sein Geist jetzt in den öden Sälen
wandelte! Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Grössten seines
Jahrhunderts diktirt wäre, zurückzukehren als Schemen und zu sehen, hören,
einzuschlürfen den Schmerz, wie Staub und Wetter, Moos und Rost seine Schöpfung
umzogen! Noch nicht zwanzig Jahre vergangen, und wo war seine Herrlichkeit!
    Klopfte es nicht an die Fenster, war es nicht sein Finger, der voll Unmut
dagegen hämmerte? - Auch die körperlosen Wesen haben nicht die Macht, sie sind
nur der Schwamm, der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt, die Aeolsharfe, die vom
Wind bewegt wird, die Seele, die den Weltschmerz empfangen muss; aber keine
Träne, kein Wehruf, nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergönnt,
ihren eigenen Schmerz den Lebendigen kund zu geben!
    Walter war ein Romantiker gewesen, an Geister glauben, war damals sein
errungenes Recht. Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht. Das
Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes, ein künstliches, selbst
verfertigtes von einem nüchternen Geschlechte, blasse Strahlen werfend wie Mond
und Nordlicht, keine Wärme verbreitend. So hatten sie gelehrt, so hatte er
geglaubt. An einem andern Lichte müsse der Geist entzündet werden, an einem
andern Feuer das Blut erwarmen. Nicht durch die Vernunft, numine afflatur der
Geist. So steigt er in die Höhen der Seligkeit, wo das Auge trinkt aus einem
Silbermeer der Wahrheit und Gnade, bis es trunken wird von Klarheit und Wonne.
So hatten sie gelehrt und er hatte geglaubt. Dazwischen lagen freilich Jahre,
und andere Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele
gezuckt. Was er noch lehrte, glaubte er nicht mehr, und was er glaubte lehrte er
nicht mehr. - Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell, der Funke, den der
Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen, und keine Fluten, die
der Himmel herabgiesst, löschen es mehr! Dort mattes, frostiges Licht, es wärmt
nicht; hier züngelnder Flammenschein, er sengt, verwirrt dich, sein Feuerhauch
verzehrt dich vielleicht. Was ist besser? Seitdem war er aus der Schule ins
Leben übergegangen. Er hatte aus der Pflanze, aus dem Stein ihr Licht gezogen;
er suchte wieder nach einem, aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in
allen Zeiten.
    Aber das Licht, das aus Friedrich leuchtete, war ihm ein kalter Schein
geblieben. Man sagt, wer ein Romantiker gewesen, wer einmal aus dem Zauberquell
getrunken, und aus der Erde die geheimnisvolle Wurzel riss, der höre immer summen
und klingen die Zauberweisen, die ewigen Klagen und das ewige Hohngelächter der
Natur, die nach Erlösung ächzt; es sei der Venusberg, der sich immer wieder
auftut Dem, der aus ihm entronnen: sagen die Verständigen. Aber ich liebe die
Schatten der Wälder, wenn mir zu heiss ward zwischen den Glutöfen und ihren
dampfenden Schornsteinen, unter dem Strahl der Saaten-reifenden Mittagssonne.
Dann strecke ich mich auf das schwellende Grün unter ihren Riesenästen, und
lausche dem Vogelgesang, dem Rieseln der Quelle, die an ihren Wurzeln spielt.
Die Vögel und die Quellen singen: Und wurden diese Bäume denn geboren, als es
Nacht war, weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Schoss der
Erde, strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem
Sonnenreich! Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte wenn es auch gar
nichts mehr hört von dem Rauschen der Zauberwälder.
    So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten. Und
Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines übelwollenden Gnomen, in eine Welt
gesetzt zu der er nicht passte. Da sass er auf der Brunnenröhre - das Bild kam
ihm wohl von dem bekannten, der König nach dem Tage von Collin - den Dreimaster
verschoben auf den schlecht gepuderten Locken und zeichnete mit dem Stock
Figuren. Der Tabak lag dick auf seiner Schossweste, die Augen wühlten glanzlos im
Sande; er hatte keine für die liebende Teilnahme seiner Genossen, die
ängstlichen Blickes um ihn standen. Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich
trug, so war es vielleicht eine aus einem anderen Jahrhundert, aus anderen Zonen
über dem Ocean. Er war verfrüht und isolirt auf dieser Scholle. Die Freunde der
Jugend, wenn er deren gehabt, hatten die Wellen der Jahre fortgespült; er sass,
ein eigensinniger Greis, der nur auf sich hörte, misstrauisch gegen Alle, ein
Einsiedler in der neuen Welt, die nicht mehr seine war. Seine grossen Augen sahen
nicht den Wechsel der Geschlechter, nicht neue Jugend um sich, und andere Ideen,
die mächtig sich empor rangen aus dem Deutschen Volke.
    »Was sähe denn jetzt dies grosse Auge?« rief er unwillkürlich laut. Aber als
er seines aufschlug sah er eine Erscheinung. Unfern von ihm auf einem anderen
Steine sass Friedrich. Uebergebückt, die Locken überschattet von der schiefen
Spitze des alten Hutes, zeichnete er mit dem Stock im Sande. - Die Erscheinung
verschwand nicht, als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb; es
waren aber nicht Friedrichs Augen, als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn
fragend ansah.
    »Des grossen Königs Auge, meinen Sie?« sagte der alte Mann, und ein Seufzer
machte sich Luft. Er war ein Militär aus Friedrichs Zeit, und Walter wegen
seiner Täuschung zu entschuldigen, wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und
die Träumereien es übernommen. Der Typus eines bedeutenden Mannes drückt sich
unwillkürlich seinen Dienern und Bewunderern auf.
    Es gibt Momente, wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen, ehe sie ein
Wort gewechselt. Der Blick und die Physiognomie allein tun es nicht; es ist der
Ort, die Stunde, das Licht, die Luftschwere oder deren Leichtigkeit. Sie können
Jahre lang sich begegnen, Worte tauschen, und bleiben sich doch fremd, es ist
der Zauber des Augenblicks, welcher die Seelen aufschliesst.
    Der Weg zum Gespräch war kurz, wo Beide sich entgegen kamen.
    »Was war denn ein Vaterland,« rief der Major mit dem Stock in die Erde
bohrend, »als er die Franzosen lieben lernte, was sie ihm jetzt zum Verbrechen
machen! Ich alter Mann lese nicht viel neue Bücher, doch aber einige, und ich
lese es mit Schmerz, wie die Jugend den Einzigen richten will. Wie war es denn
damals? Sehen Sie um sich, so weit das Deutsche Reich ging, - wie musste er sie
zu sich heran schleppen! Sie liefen ihm dann nach, nur weil er's kommandirte.
Nun, war's da zu verwundern, dass er keinen Respekt bekam vor den Leuten, die auf
Kommando ins Licht blickten, dass er auf die nicht hörte, die ihn nicht
verstanden, und wie er alt und grämlich ward, auf Niemand mehr.«
    Walter wies auf die Glastür in der Mitte: »Dort sass der König dieses Landes
mit dem hergelaufenen Witz aus allen Ländern, und beim schäumenden Glase sprühte
von ihren Lippen der Spott über die, welche im Könige ihren natürlichen Anwalt
haben sollten.«
    »Haben Sie, mein junger Herr, den König da im Saale sitzen gesehen?«
    »Nein,« entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter. »Ich war zu jung, und
als ich ihn einmal sah -«
    »Ich habe ihn gesehen,« fiel der alte Offizier ein und schwieg einen
Augenblick; dann fixirte er den Andern. »Sie sind kein Junker, wahrscheinlich
ein Gelehrter?«
    »Wenn die Menschen durchaus in Stände geteilt werden müssen, würde man mich
dazu rechnen.«
    »Verlangen Sie, dass ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus Denen
holen sollte, die zum Wollmarkt kommen? Lieber Gott, mich dünkt, er hatte genug
getan, wenn er ihnen alle Stellen liess in der Armee, und im Civil ja auch. Nun,
an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen, Engländer und Italiener.
Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runter gespült
bei der Tasse schwarzen Kaffee.«
    »Aber nachdem er den Kaffee getrunken! Er hatte ja sein Volk gebildet! Sie
sagten eben, er hatte sie heran geschleppt. Seine Junker lasen ja schon die
Pucelle, ihm zum Vergnügen, und wussten kaum, dass eine Jeanne d'Arc gelebt.
Homer und Leibnitz waren ihnen unbekannte Grössen, aber sie lachten aus
Herzenslust über den Candide!«
    »Nachgetan hat es ihm Mancher. Aber wie! Dass Gott erbarm! Sollte er Die als
seinesgleichen in die Arme schliessen! Als er aus dem Nichts heraus arbeitete,
bei seinem Schöpfungswerke, wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern
geholfen!«
    »Und was davon ist denn noch!« sagte Walter und senkte den Kopf.
    »Es muss doch schon noch etwas sein,« entgegnete mit sarkastischem Tone der
alte Militär. »Denn um der Hunde willen, die unter uns liegen, sind Sie doch
nicht hier? Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder, die des Jahres
die Terrasse besehen wollen. Drinnen, da hinter den Glasfenstern, ist's leer,
der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern. Warum
lässt man sie darin? Warum ist denn noch Niemand in dies Haus gezogen, nachdem
er es verlassen? 's ist ja so luftig und hübsch. So meinen Sie doch wohl, dass
drinnen noch etwas ist, davor sie Respekt haben, und gehen ihm fein aus dem
Wege.«
    »Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krückenstock,« warf Walter
hin.
    »Kann wohl sein,« nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter. »Warum
kämen sie sonst aus Petersburg und Paris her, und legten ihr Ohr an die Türen?
Selbst der mächtige Kaiser! Warum ständen die gesattelten Courierpferde in den
Ställen, um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen? Um uns doch nicht!
Sein Geist ist's allein, mein junger Herr Gelehrter, der noch da sitzt; auf den
horchen sie, vor dem schüttelt es sie, die Grossen und Mächtigen, dass er
plötzlich aufstehen könnte, und sich schütteln im Zorn. Herr, was wir sind und
haben ist sein Werk, unser Name, unsere Strassen, unsere Häfen, unsere Ordnung,
unser Respekt. Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrückten. Sein Wort, das
er donnerte, als der Müller Arnold klagte, dröhnte durch Europa und es wird
durch die Welt hallen, so lange sie steht. Sein Wort, dass Jeder in seinem Staate
selig werden solle, wie er will, Gott Vater im Himmel, kann denn das je
vergessen werden! Walte der!« setzte er nach einer Weile hinzu, indem er den Hut
von der Stirn nahm, es war wohl um zu verbergen, dass er die Hände im Schoss
faltete. »Walte der da oben, dass jetzt sein Geist da unten mitspricht!«
    »Amen!« rief bewegt der jüngere Mann.
    Der Offizier bemerkte es, wie er heftig dabei die Arme verschränkte, und
finster in sich schaute. Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu:
    »Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen, denn sein Volk lebt
noch!«
    »Und er zögerte nicht Ja zu sagen,« fiel Walter ein, »wenn eine halbe Welt
ihn zu beschwören kommt.«
    »Nein,« sagte der Alte jetzt aufstehend, »aber der grosse König hätte sich
nicht beschwören lassen, er wäre der halben Welt zuvorgekommen, und hätte den
Degen gezogen, und sie beschworen, dass sie ihm folgen musste. Das ist's, da
liegt der Unterschied. Wo wir drauf losgingen, siegten wir; wo wir's an uns
kommen liessen, zogen wir den Kürzern.«
    Sie wurden hier unterbrochen. Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war
schon eine Weile sichtbar oder hörbar, nur sahen und hörten die Beiden im Eifer
ihres Gesprächs sie nicht, und der ältliche, sehr wohlbeleibte Mann, der ihnen
mit einem weissen Tuche ängstlich winkte, vermochte wegen seiner Körperschwere
nicht so schnell heranzukommen. Jetzt aber war er da, und wer er war und was er
wollte, erlitt keinen Zweifel.
 
                          Vierundvierzigstes Kapitel.
       Zwei subalterne Personen drohen den Gang der Geschichte zu ändern.
»Kurz, es ist nicht erlaubt, hier auf den Steinen zu sitzen.«
    So schloss der wohlbeleibte Mann mit wichtiger Miene eine Strafrede, die
seinen Atem erschöpft und sein Gesicht gefärbt hatte. Trotzdem schien sie auf
die Beiden keinen Eindruck gemacht zu haben, denn sie sahen sich lächelnd an,
als der Beamte mit dem weissen feinen Taschentuch den Staub, oder ihre Berührung
von den Steinen klopfte.
    Ein Beamter war er, dafür sprach jeder Zoll an dem Mann: nur welche Charge
er bekleidete, ist uns nicht aufbewahrt. Ein Beamter, nicht in Uniform, aber in
Galastaat; einem feinen Rock, der gewiss einst geschmackvoll um den Leib schloss,
nur hatte der Körper dem Fortschritt gehuldigt, während das Tuch konservativ
geblieben war. Weiss waren die seidenen Strümpfe, weiss die Weste, und das Jabot
stritt mit dem Zopf und der Frisur um die Wette, was glänzender sei; farbig war
nur der Rock, rot nur das Gesicht. Sein Blick, als er sich umwandte, schien zu
sprechen: »Und Sie sind doch noch hier?«
    Walter stand im Schatten, auf das Gesicht des alten Majors glühte der rote
Abendstrahl. Es lag wieder Friede darüber ausgebreitet, als er lächelnd sprach:
    »Vor zwanzig Jahren, als ich auf die Terrasse kam, führte mich der
Wachtabende selbst zum grossen König Ich sah ihn sterben. Nun weist man einen
alten Soldaten fort, weil er kam, nur um seinen Geist zu sehen. - Freilich, es
kann gefährlich werden, Friedrichs Geist zu sehen.«
    Leicht den Hut gegen den jungen Mann lüftend, hatte sich der Invalide
umgewandt und war die Treppe hinabgestiegen.
    »Aber was fällt Ihnen denn ein, Herr Pate Nähtebusch,« sagte Walter
plötzlich. »Einem alten Soldaten seinen Ruheplatz nicht zu gönnen!«
    Als der Beamte die Hand vorm Gesicht, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, den
jungen Mann erkannt hatte, machte er eine lebhafte Bewegung. »Aber war ich denn
blind!« Fast schien es, als wollte er ihn umarmen. »Herr Jemine, und das war Ihr
Bekannter!« rief der Ober-Kastellan, um ihm doch einen Titel zu geben.
    Herr Nähtebusch winkte und rief umsonst; der Major hörte nicht, oder wollte
nicht mehr hören, und es wäre zuviel vom Ober-Kastellan verlangt gewesen, ihm
nachzulaufen. Er hatte eine Konstitution, die das nicht ertrug, und er kam aus
der Stadt! Was das sagen wollte, werden wir hören. Nicht der Aerger hatte sein
Gesicht gerötet; es war die Freude, vielleicht auch der Wein. Herr Nähtebusch
hielt auf Konnexionen. Sollte die Fama, die ihm nachsagte, dass er ihnen seinen
Posten verdankte, jetzt von ihm sagen, dass er einen Bekannten vom Sohne des
reichen van Asten fortgewiesen wie einen Vagabunden? Einigermassen beruhigte es
ihn, als er erfuhr, dass Walter den alten Offizier hier zum ersten Mal gesehen,
es beruhigte ihn aber wieder nicht, dass Walter ihn nicht kannte, nicht einmal
seinen Namen wusste, dass er aber vermutete, er sei ein ausgezeichneter Offizier
gewesen. Aber wieder beruhigte es ihn, dass er pensionirt sei. Ein Pensionirter
hat selten noch viel Konnexionen!
    Herr Nähtebusch trocknete jetzt den Schweiss von seiner Stirn und atmete
auf: »Lieber Herr Pate, lassen Sie sich das eine Warnung sein. Man muss sich mit
Niemandem in ein Gespräch einlassen, den man nicht kennt. Man weiss nicht, in
welche Verlegenheiten es uns nachher bringt, und junge Leute, erlauben Sie mir's
zu sagen, schliessen gar zu gern ihr Herz auf.«
    Man sah's dem Herrn Ober-Kastellan an, dass er das Bedürfnis fühlte, auch
seines aufzuschliessen; ja, er war in der Stadt gewesen, im Schloss, man hatte
ihn an die Tür gelassen, als die hohen Herrschaften speisten. »Nicht Jeder
hatte das Glück gehabt,« sagte er mit einer stillzufriedenen Miene. Er hatte sie
essen gesehen. Nach Tische, als der König mit dem Kaiser Arm in Arm umherging,
und dieser vor Huld und Güte gegen Jeden strahlte, hatte der König ihn, den
Glücklichen, dem Erhabenen vorgestellt. Denn war es das nicht, als er sagte:
»Und das ist der Mann, der in Sanssouei zur Ordnung sieht!« Alexander hatte
darauf etwas französisch erwidert, was, hatte Herr Nähtebusch nicht verstanden,
aber es war gewiss etwas sehr Gnädiges; die Melodie der Worte summte ihm noch in
den Ohren.
    Aufmerksamer hatte Walter dem Schluss der Mitteilungen zugehört. Herr
Nähtebusch sprach viel. Wem verdanken Gesandte oft ihre wichtigsten Nachrichten?
Nicht Räten und Ministern, dem feinen Ohr der Kammerdiener.
    »Sie glauben also, es ist Alles regulirt und abgeschlossen?«
    »Alles!« entgegnete Herr Nähtebusch, und um sich vollständig zu erholen,
nahm er eine lange Prise. »Bis aufs Kleinste. Morgen in der Vormittagsstunde
fahren die hohen Herrschaften nach Berlin zurück in einem Ensemble. Im
Rittersaal ist grosse Tafel. Wissen Sie wohl, es wird vom goldenen Service
gespeist. Das kommt aber erst nachher in die Zeitungen. Abends besuchen
Höchstdieselben im Nationalteater die Vorstellung der Oper Armida. Bei ihrem
Eintritt in die Mittelloge werden Höchstsie durch einen Tusch von Trompeten und
Pauken aus den Balkonlogen begrüsst, und das ganze Publikum erhebt sich mit einem
Vivat, das nicht enden will. Dasselbe wiederholt sich beim Schluss der Oper.
Folgenden Tages ist grosse Wachtparade auf dem Lustgarten. Alsdann besehen
Majestäten in zwei achtspännigen Equipagen die Stadt. Mittags ist Diner beim
Prinzen Ferdinand in Bellevue. Eine Denkmünze auf die glorwürdige Zusammenkunft
ist bereits unter dem Prägestock. Der Medailleur, Herr Loos, ist der
Verfertiger, und wenn ich übermorgen in die Stadt komme, hat er versprochen, sie
mir zu zeigen. Aber das, lieber Pate, bleibt unter uns.« Sie waren dabei auf
der Terrasse auf und ab gegangen. »Und nach dem Diner bei Prinz Ferdinand?«
    »Reisen Seine Majestät Kaiser Alexander ab. Die Pferde sind schon bestellt.«
    »Und weiter nichts?« Mit einem ungemein schlauen Lächeln klopfte Herr
Nähtebusch auf seine Dose: »Man spricht auch noch von einer kleinen Attrape.«
    »Einer kleinen -«
    »Wie man's nehmen will! Wenn Majestät der Kaiser auf nächster Station, man
sagt in Vogelsdorf, eine Erfrischung fordern, wird's im Kruge heissen: die Leute
sind alle auf dem Felde und im Stalle. Der Kaiser wird sich dann in den Kuhstall
zu begeben geruhen, um einen Trunk frisch gemolkener Milch anzunehmen. Und die
Bäuerin, die eben melkt, wird sehr überrascht sein von den vornehmen Gästen,
aber Seine Majestät der Kaiser werden noch weit mehr erstaunt sein, wenn sie der
Bäuerin ins Gesicht sehen, die ihm die Schale reicht. Na, was sagen Sie dazu,
mein lieber Herr Pate? - Ich habe aber nichts gesagt, es sind ja nur
Konjekturen,« sagte Herr Nähtebusch und rieb sich die Hände.
    Sie standen am anderen Ende der Terrasse: »Also auf eine Trianon-Scene läuft
es aus; das ist ja alles recht schön und gut,« sagte Walter. Herr Nähtebusch sah
den jungen Mann mit einem eindringlichen Blick an. Fast war's ein
durchdringender, indem er seine Hand fasste, und wir hatten uns in ihm geirrt.
Die Purpurröte des Echauffements verbarg nur den Psychologen. »Mein lieber Herr
van Asten, als Ihr Herr Vater mir die Ehre erzeigte, mich bei Ihnen zum Paten
einzuladen, sagte ich's voraus, das ist ein Junge, der wird's zu was bringen.
Ich hatte vorgestern wieder das Vergnügen, mit Ihrem Herrn Vater zu sprechen. Da
müssten Ihnen die Ohren geklungen haben.«
    »Mein Vater, wissen Sie -«
    »S' ist ein kluger Mann. Die Jugend muss ihre tollen Hörner ablaufen, hat er
gesagt. Ich Dummkopf glaubte, dass man seinen Sohn zum Studiren auf die
Universität schickt, hielt meinen deshalb kurz. Und der Junge war nur zu
gehorsam, er büffelte, gab zu wenig aus, und nahm zu viel ein, nämlich fixe
Ideen, sagte der Herr Vater. Nun haben wir die Bescherung. Das tolle Feuer, was
'raus schwären sollte, steckt noch drin, und 's bricht an der unrechten Stelle
los. Dem Jungen mache ich keine Vorwürfe, mir mache ich sie.«
    »Und der Herr Pate legten gewiss ein freundlich Wort ein. Will man mich
vielleicht noch ein Mal auf die Universität schicken, um das Versäumte
nachzuholen?«
    »Erlauben Sie mir, ich sagte ihm: das Leben ist ja auch eine Universität. Er
kann ja auch hier seine Hörner abstossen; je toller er drauf los geht, um so eher
wird er stumpf. Wie ist er da beim Minister angelaufen. Wird auch noch öfters
anlaufen! Sind nicht alle Minister so human, dass sie die Rappelköpfe nach
Karlsbad schicken. 's ist Mancher eingesperrt worden, der sich die Zunge
verbrannt hat. Schadet auch nichts. Der Sohn vom Geheimrat Bovillard, wie oft
hat er gesessen! Man kann's gar nicht zählen. Der Vater war so klug, hat sich
nicht um ihn gekümmert; nun ist er von selbst zu Kreuz gekrochen. Ist kirr
geworden, um den Finger zu wickeln; lässt sich vom Vater parforce schicken,
wohin es ist, und wenn er sich müde geritten hat, dann gibt ihm der Vater 'ne
kleine Stelle, sucht ihm 'ne Frau aus, die ein bisschen Geld hat. Zuerst in 'ner
kleinen Stadt, wo er über den Akten schwitzen muss; ist froh, wenn er nach Hause
kommt, 'ne Pfeife raucht bei 'nem Glase Bier, ein Partiechen; Kinder kommen dann
auch, die schreien, ein Vater hat doch auch ein Herz. Ach Gott! darüber vergisst
er alle krause Ideen; ist froh, wenn's nur bei ihm zu Hause gut geht, und denkt
nicht mehr daran, den Staat besser machen zu wollen. Und geben wir Acht, mit dem
Walter wird's auch so kommen.«
    »Verdanke ich das alles Ihnen, Herr Pate?« rief Walter mit wachsendem
Erstaunen.
    »Wir sassen so traulich bei Herrn Kämper zusammen, wir sechs oder sieben,
alles respektable Bürger.«
    »Was! ein Kollegium, um über meine Besserung zu beraten!«
    »Wo hat nicht Jeder 'nen faulen Fleck im eignen Hause! Wenn man so beim Bier
sitzt, ein Pfeifchen im Munde, spricht man sich gegenseitig Trost zu. Der hat
'nen Sohn, der spielt. Das ist beinahe am allerschlimmsten. Da waren wir Alle
einig. Das tut mein Pate nicht; alles, was Recht ist. Er trinkt auch nicht, er
läuft auch nicht den Mädchen nach. Na, Jugend hat keine Tugend, darüber sind wir
weggegangen. Aber das Teater, was hat das ehrbaren Familien Kummer und Not
gebracht. Erst alle Abend der Herr Sohn ins Parterre. Das kostet Geld, die
jungen Leute machen Schulden. Ist aber viel schlimmer, wenn's kein Geld mehr
kostet, wenn sie's umsonst haben; dann haben sie Konnexionen hinter den
Coulissen, das sind die schlimmsten und teuersten Konnexionen. Und die Truppe
ist einmal abgereist, und der Herr Sohn ist verschwunden. Ja, ja, das ist
manchen Eltern so gegangen. Den Kummer haben Sie Ihrem Herrn Vater nicht
gemacht. Wissen Sie aber, Einige meinten, das wäre immer noch nicht so schlimm,
als wenn ein Bürgersohn sich mit der Politik abgibt. Da kann man noch mal
Direktor werden, wie der Herr Iffland; der war auch anständiger Leute Kind. Auf
dem grossen Weltteater aber -«
    »Ist für uns nichts zu holen,« fiel Walter ein. »Ihre ehrbaren Bürger haben
Recht. Erfuhren Herr Pate sonst noch etwas?« sprach er, zum Abschied die Hand
reichend.
    »Mancherlei! Man wird Heiratsannoncen lesen, über die man sich wundern
soll. Mancher Herr Offizier lässt sich in aller Schnelligkeit kopuliren. Lieber
Gott, wenn's ins Feld geht, will man den Kindern doch einen Vaternamen
hinterlassen; das Gewissen schlägt auch unterm blauen Rock. Seine Majestät sind
sehr damit zufrieden. - Ach, und wissen Sie schon vom Kriegsrat Alltag?«
    »Was?«
    »Wird Geheimer Tresorier des Königs, Titel Geheimrat. Da ist auch nur eine
Stimme: Der hat's verdient! Mit seiner Demoiselle Tochter wird er nun auch höher
hinaus wollen. Wer verdenkt es ihm?«
    »Adieu. Herr Pate!« Der Pate hielt seine Hand fest. Sein schlaues Lächeln
schien noch ein Geheimnis zu verstecken. »Heraus damit!«
    »Ich sehe einen verlornen Sohn -«
    »Wo?«
    »Im Comptoir seines Vaters.«
    »Und was brachte ihn dahin?« Der Kastellan hielt beide Hände wie ein
Sprachrohr an seines Paten Ohr, dass es die Bäume nicht hören sollten, und
schrie hinein: »Minchen Schlarbaum! Sechzigtausend Taler!«
    Ein Mann in mittleren Jahren war während dieses Gesprächs in der Seitenhalle
auf und ab gegangen. Walter hatte ihn bemerkt, ohne auf ihn zu achten. Der
Fremde, sichtlich von einem Gedanken bewegt, hatte die Beiden kaum gesehen. Als
der Pate nach jener, wie er meinte, sehr feinen Insinuation rasch fortgeeilt
war, hatte sich Walter in die Allee gewandt. Der Sonnenball versank gerade
hinter den Brauhausbergen. Walter fasste an seine Brust und aus der wunden
Tiefe, machte sich das Wort Luft: »Er war müde über Sklaven zu herrschen!«
    Der Fremde war hinter einem Baum hervorgetreten. In seinem festen, aber
zuweilen stürmischen Schritt hielt er, wie frappirt, inne. Auf Walters Gesicht
schien der letzte volle Sonnenschein, der Fremde stand beschattet; ein
feingeschnittenes, charakteristisches Gesicht war noch zu erkennen.
    »Ein Hiesiger?« fragte der Andere rasch. Die Frage war seltsam, es mochte
auch ein Beamter sein, der den späten Besucher auf einem nicht erlaubten Wege
ertappt zu haben glaubte. Walter antwortete eben so kurz. »Aus der Hauptstadt.«
»Ein Angestellter?« warf der Andere in derselben Art hin. »Ein freier Mann,«
sprach Walter jetzt mit fester Stimme.
    Der Andere sah ihn gross an. Walter glaubte die Worte murmeln zu hören: »Das
ist ja wunderbar.« Mehr hörte er nicht, denn Beide gingen an einander vorüber.
Sie trafen sich zufällig noch einmal. Der Fremde hatte den Weg verfehlt, indem
er einen Ausgang suchte, wo er nicht war. Walter wies ihn zurecht; es war auch
sein Weg. Der Fremde schien durch eine leichte Bewegung zu danken, ohne es für
nötig zu halten, ein Wort zu verlieren. So machte es wieder der Zufall, dass sie
neben einander gingen. Der Fremde war wirklich ein Fremder in der Mark, wie sein
Accent dem kundigen Ohr verriet, aber seine Kleidung, obgleich nur ein
einfacher blauer Rock, die Sicherheit seiner Bewegungen, das aristokratische
Gesicht, verrieten den vornehmen Mann. Er blieb stehen und betrachtete einen
Gegenstand, der auch Walters Auge fesselte - die Mühle auf dem Berge. Ihr Dach
war vom letzten Abendscheine schwach angerötet, ein träger Wind trieb die
Flügel. Der Begleiter verstand die stumme Frage, die der Andere, über die
Schulter blickend, an ihn richtete: »Ja, sie ist es.« Damit schien eine
Verständigung eingetreten.
    »Also Einer doch!« sagte der Herr im Weitergehen.
    »Wenn man sie kennte, würde man mehrere wissen, die auch Mut gehabt,« warf
Walter hin.
    »Da man sie aber nicht kennt, so existiren sie nicht für die Geschichte,«
entgegnete Jener.
    »Es existirt manches nicht in der Geschichte, was aber doch lebte.«
    »Was sich nicht geltend gemacht hat, lebt nicht,« entgegnete der Fremde
scharf. »Es hat einmal vegetirt um zu faulen und Dung zu werden für Andere.«
    Walter entgegnete: »Der Müller von Sanssouei vor seinem König wird aber
leben bleiben; uns lebt er als Symbol, dass ein Rechtsbewusstsein auch damals im
Volk war.« Er hatte das uns scharf betont.
    »Wir aber,« entgegnete der Andere, »sehen in dem Aufheben, das man von der
einen Geschichte machte, nur das Bekenntnis, dass der eine Mann nur eine Ausnahme
von der Regel war.«
    »Und wo ist die Regel,« fragte Walter, »nämlich im Deutschen Volke? Ich
setze voraus, dass wir Landsleute sind.«
    Der Fremde fixirte zum ersten Mal unsern Bekannten; es war ein scharfer,
prüfender Blick, aber ohne Härte. Die Antwort schien ihm nicht zu missbehagen.
»Das macht die Sache nicht besser hier,« sagte er. »Die Müller von Sanssouei
haben in Preussen keinen Fortgang gehabt.«
    »Die Grösse des Einen hat sie niedergedrückt. Das vergisst man so leicht im
Auslande.«
    »Man wundert sich nur, warum sie nicht wieder aufgetaucht sind, nachdem sie
von der Grösse nicht mehr zu leiden hatten. Sie wiederholten vorhin die Worte des
grossen Königs, als Sie sich allein glaubten, warum machen Sie ein point
d'honneur draus, was Sie sich selbst bekennen, vor Andern zu verbergen! Wo Sie
Ihrer Schwäche sich bewusst sind, warum es nicht auch vor Andern gestehen. Das
würde Vertrauen wecken. Wenn Sie sich den andern Deutschen gegenüber immer in
Parade aufs hohe Pferd setzen, so verlangen Sie nicht die brüderlichen
Neigungen, um die es doch Einigen, den Bessern unter Ihnen wenigstens, zu tun
ist. Wir sind Alle schwach, aber wenn wir es uns gegenseitig eingeständen,
würden wir auch die Mittel finden, um wieder stark zu werden. Das ist's was Sie
vom übrigen Deutschland trennt, meine Herren Preussen. Uebrigens bin ich jetzt
selbst Einer.«
    »Jetzt wird sich's zeigen!« rief Walter animirt.
    »Was?«
    »Dass wir eine Schwäche zu bekennen den Mut haben, eine Schuld gegen unsere
deutschen Brüder durch die Tat auszulöschen. Preussen radirt den Baseler Frieden
mit seinem Blute aus den Tafeln der Geschichte.«
    Die rauhe, heftige, fast dominirende Art, mit der der Fremde seine
Aussprüche tat, erweckten in Walter die Lust es in selber Art ihm wieder zu
geben: »Ich hoffe, dass die kurze Zeit, seit Sie ein Preusse wurden, dem Ausländer
nicht so viel Einblicke in unsre Angelegenheiten gegönnt hat, dass ich Ihren
Ausspruch als ein Verdikt nehmen müsste.«
    Der Andre war vielleicht betroffen, aber nicht erzürnt, vielmehr verzogen
sich seine Lippen zu einem Lächeln: »Haben Sie Einblicke?«
    »Keine als die Jedem frei stehen, der ein Herz und Augen hat für die Ehre
seines Vaterlandes. Sie ist so auffällig verletzt, dass sie eben so auffällig
Genugtuung heischt; der Hohn, den man uns zugefügt hat, den Napoleons Generale
noch täglich in Anspach und Baireut Preussen zufügen, könnte einen Stein ins
Leben rufen. Das und noch vieles Andre, was hier nicht hergehört, ist mir
Bürgschaft, dass endlich der stahlgeborne Entschluss ins Leben springt.«
    Der Andere ging eine Weile schweigend, dann sagte er ruhig: »Einen Gesandten
wird man an Napoleon schicken, ihm Friedensbedingungen stellen und unterhandeln.
Wenn Sie wissen was Unterhandlungen sind, wo preussische Diplomaten mitsprechen,
so stellen Sie danach Ihre Hoffnungen.«
    »Diesmal, nur diesmal nicht« - rief Walter in Eifer gebracht - »es geht
nicht, es lässt sich nicht mehr zurückdrängen. Das Volk leidet es nicht.«
    »Das Volk, mein Herr! Das weiss ich nicht; ich kenne es wenigstens noch nicht
genug, und was ich von ihm kenne, doch - das gehört nicht hierher.«
    Sie standen an einem Scheidewege. Der Fremde wenigstens nahm an, dass sie
hier scheiden müssten, oder er wollte hier scheiden. Es waren seine
Abschiedsworte:
    »Dies Volk, mein Herr, mag gut sein, tapfer, treu, aber es ist noch zu klein
für seine Traditionen. Es hat sich übernommen, und es ist nie gut, wenn man sich
den Magen auch mit dem Besten füllt, wenn der Magen nicht Kraft hat es zu
verdauen. Dies Volk ist zu Vielem gut, es hat auch gesunde Glieder, wenn nur der
Kopf da ist, der sie regiert. Das aber bilden Sie sich nicht ein, dass diese
Glieder schon reif sind für sich selbst zu stehen. Dafür vergass der grosse Mann
zu sorgen. Er führte sein Volk in die Weltgeschichte ein, und übersah, ihm die
Erziehung zu geben, dass es mit Ehren darin bestände. Mit der militärischen
Tournure ist's nicht getan; der Knebelbart imponirt nur auf den ersten Anblick,
und selbst ist allein der Mann. Er war müde über ein Volk von Sklaven zu
herrschen, ja, aber sie sind es geblieben, weil er ein Lehrmeister war, wie der
Gelehrte in einer Bauernschule. Glänzende Schulaktus hat er mit ihnen
aufgeführt, und sie deklamiren lassen, was sie nicht verstanden. Friede seiner
Asche und Fluch dem, wer einen Stein auf sein Grab wirft, denn Deutschland hat
keinen Grössern geboren, aber sein Reich, mein Herr, ist die Schöpfung eines
Zauberers. Wunderbar gross, zweckmässig, in einander greifend, erscheint Alles, so
lange sein Geist darüber waltet. Aber wenn der schlafen geht, vertrocknen die
Palmen und Lilien zu Haidekraut und der Palast versinkt in ein Unkenmoor. Da
sehen Sie diese Reihe von Statuen. Kunstwerke, so lange er unter ihnen wandelte,
jetzt verwitterte, moosbedeckte Fratzen. Was ist aus seiner Gliederung geworden,
in Civil und Militär, was aus dem angestaunten Mechanismus seiner
Staatsorganisation? Ein schönes Lied auf einen Leierkasten gesetzt, aber die
Melodie bleibt dieselbe in Leid und Freud, weil die Hand vermodert ist, die den
Mechanismus der Drehorgel umsetzt. So leiert es hier fort, ins andere
Jahrhundert die Melodie des vorigen, bis alle Räder und Gänge verrostet und voll
Staub sind. Dieser Staat Preussen, mein Herr, ist zum Popanz geworden, nicht weil
sein Volk Sklaven sind, sondern weil der Zauberer fehlt, der das Uhrwerk wieder
aufzieht. Dieser Staat Preussen ist ein Konglomerat von Kraft und gutem Willen,
wie man sie selten in der Geschichte sah, aber eine Gliederpuppe, wenn kein
neuer Geist hineinfährt.«
    Der Mann wandte sich mit einem Kopfnicken rasch um. Zwei Schritt weiter
blieb er noch ein Mal stehen: »Wie heissen Sie? Ich möchte Ihre Adresse wissen -
wenn ich wieder ein Mal einen so gefälligen Führer in Potsdam brauche,« setzte
er halb lächelnd hinzu, um das Scharfe auszugleichen.
    Walter hatte keinen Grund seinen Namen zu verschweigen. Er kannte aber genug
von der Luft in den hohen Lebensregionen, um zu wissen, dass dieser Name, so laut
er ihn aussprach und so deutlich der Andere ihn sich wiederholte, schon am Ende
der Strasse verhallt war. Jener hatte vielleicht erwartet, dass Walter auch ihn
bitten werde, den seinen zu nennen, Walter wollte aber nicht bitten.
 
                          Fünfundvierzigstes Kapitel.
                              Der dritte November.
Es war Nacht geworden; die grosse Mehrzahl der Gäste war längst nach Berlin
zurückgekehrt. In den öden, todten Strassen bewegten sich nur einzelne Gestalten;
das Ueb' immer Treu und Redlichkeit hallte von der Turmuhr nach wie vor.
    »Warum stürmt nicht lieber die Brandglocke!« sprach die Dame, welche, tief
in eine Pelzenveloppe verhüllt, am Arm ihres Begleiters an den Häuserreihen
ging. Sie gingen nicht in der Abendkühle spazieren, es war rauhe Witterung; sie
hielten eine bestimmte Richtung, aber den zarten Füssen merkte man an, dass sie
nicht gewohnt waren auf rauhem Pflaster sich zu bewegen. Ein dichter Schleier
bedeckte das Gesicht der Fürstin.
    »Weil es noch nicht brennt,« sagte ihr Begleiter.
    »Ewiger Zweifler!«
    Sie traten in einen Torweg, oder eine Kolonnade zurück, um einer einfachen
Hofequipage auszuweichen, die jetzt vorüberrollte. Der Wagen hielt vor der
Kirche, wo Seine Gebeine ruhen. Drei dunkle Gestalten konnte man aussteigen
sehen. Sie traten in die Kirche, aus welcher ein gedämpftes Fackellicht bei
Öffnung der Türe vorstrahlte.
    Die Fürstin drückte krampfhaft den Arm ihres Begleiters. Er glaubte, sie
wolle ihn tiefer in den Schatten zurückziehen, um nicht gesehen zu werden: »Man
sieht uns wirklich nicht, und wenn es wäre, würden wir nicht die einzigen
Zuschauer sein. Ich sah Schatten in der Kirche sich bewegen.«
    »Ich auch!« rief sie. »Es war mir, als sähe ich Seinen!«
    Der Legationsrat ging nicht auf die Stimmung ein: »Diese Leute hier ruhten
unter ihm wie in Abrahams Schoss. Ich finde es eigentlich undankbar und
grausam, dass man ihn citirt, um sich aus einer gewöhnlichen Verlegenheit zu
helfen.«
    »Ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie sagten selbstmörderisch.«
    »Nur christliche Demut, Fürstin, sie sehen ihren eigenen Unwert ein.«
    »Was ist das grausam, den zu beschwören, der in dem Jenseits keine
Ruhestätte gefunden hat! - Hören Sie den dumpfen Ton! Jetzt öffnet man.«
    »Und sein Geist steigt ihnen aus der Versenkung entgegen.«
    »Sprechen Sie nicht so.«
    »Ich möchte wohl wissen, wie der Geist eines Ateisten aussieht.«
    »Sahen Sie nie Geister -«
    »Man sieht sie nur, wenn man sie citirt; und was unnötig ist, muss ein
Vernünftiger nie tun.«
    »Geister erscheinen auch ungerufen.«
    »Dann wirft man sie zur Tür hinaus.«
    »Die Todtenhand, die auf eine lebendige Brust hämmert, sollte doch überall
Einlass finden.«
    »Je nachdem die Brust beschaffen ist.«
    »Wandel, ich möchte Sie einem Geist gegenüber sehen.«
    »Sie würden keine Veränderung an mir bemerken.«
    »Sie sahen schon Geister!« - rief die Fürstin auf, und ihr Auge glänzte ihn
an. »Ja, Sie Unbeweglicher, es zuckte etwas um Ihr Auge, was ich noch nicht
kenne. Sie haben Geister der Todten gesehen, und vor ihnen gezittert. Sie
zittern jetzt -«
    »Vor dem Zugwind,« sprach er, sich in den Mantel hüllend. - »Nun, und wenn
ich sie sah, meine Gnädigste, so lernte ich ihnen ins Gesicht sehen, wie ein
Mann den erschaffenen Dingen muss, und sie hielten meinen Blick nicht aus, so
wenig, als der festeste Stoff meine Säuren und den Aeter, in dem ich ihn
verbrenne. Wenn sie weinten, lachte ich sie an, wenn sie klagten, drohte ich -
sie hielten's nicht aus, ich blieb Sieger und sie sind verschwunden. Meine
Gnädige, vor dem Willen verflüchtigt sich der Diamant; wenn die Dinge, die wir
Wesen nennen, uns nicht widerstehen, warum die wesenlosen?«
    »Kommen Sie«, sagte die Fürstin. »Der Küster gab uns das Zeichen.«
    Vielleicht sah sie den Küster nicht, aber sie sah Geister. Der Mond warf,
zwischen den Wolken vortretend, ein Streiflicht auf die Stirn ihres Begleiters,
sie konnte den Anblick heut nicht ertragen. Was musste er sie noch bitten, sich
nicht zu beeilen: der Mann, der ihnen für ein ansehnliches Geschenk einen Platz
unter dem Siegel der Verschwiegenheit versprochen, werde noch vielen Andern
dasselbe Siegel aufgedrückt haben: »Und mancher wird die Komödie für acht
Groschen sehen.«
    Sie waren an die kleine Tür gelangt, welche eine unsichtbare Hand
vorsichtig öffnete, um sie einzulassen. »Sie nicht!« rief sie, als er sie hinein
führen wollte. »Sie gehören nicht hier hinein.«
    »Es ist ja nur eine protestantische Kirche,« flüsterte er ihr ins Ohr. Sie
streckte die Hand abwehrend gegen ihn: »Doch - Sie stören mich. - Folgen Sie mir
nicht, ich verbiete es Ihnen, Herr von Wandel. Wer nur eine Komödie sehen will,
gehört hier nicht hinein.«
    »So werde ich Erlaucht wieder an der Tür erwarten.«
    »Reisen Sie nach Berlin.«
    »Sie können doch nicht allein zurück. Wer weiss ob die Scene Sie nicht
afficirt. Soll ich Ihren Jäger mit der Kammerfrau herbestellen?«
    Sie schüttelte den Kopf: »Es gibt Momente, wo man das Bedürfnis fühlt
allein zu sein.«
    Der Legationsrat schien die Frage auch an sich zu stellen, als er draussen
mit gekreuzten Armen eine Weile stehen blieb, die Augen in das zerrissene Gewölk
gerichtet. Er hatte sich oft Mühe gegeben, unverwandten Blickes in die Sonne zu
sehen, jetzt verdross es ihn, dass er nicht mal ohne Augenblinken den Mondenstrahl
ertragen konnte, so oft er plötzlich aus den Wolken trat, die an ihm vorüber
rollten: »Seltsam, es liegt nur in den Augennerven, in der schwachen
Wurzelkonstruktion der Wimpern. Wenn man sie von Draht machen könnte, müsste man
auch dem glühenden Feuerball ins Gesicht sehen. Und diese Frau« - ein heiseres
Gelächter machte sich Luft - »sie spielt mit ihren Illusionen wie der
Taschenspieler mit seinen Karten und doch - in der unbewachten Stunde zittert
sie als Sklavin vor dem selbst beschworenen Gespenst! Vielleicht des Weibes
Natur, sie kann nicht immer wachen. Aber der Mann -?« Die Turmuhr präludirte
und die Glocken huben ihr: Ueb' immer Treu und Redlichkeit! an. »O süsser
Leierkasten, der durch die Welt geht, und das Spiel mit den Narren und
Phantasten um so vieles erleichtert!« sprach er, sich langsam fortbewegend. Er
lächelte, als aus der Kirche die Orgel mit leisen Schlägen einen alten Choral
anhub.
    Der Orgelspieler war nicht sichtbar, auch die Fackeln, von denen vorhin
Erwähnung geschah, brannten nicht offiziell, man suchte sie hinter den Pfeilern
zu verbergen, gleich wie die Zuschauer, in Mänteln und unscheinbaren Pelzen
verhüllt, ein doppeltes Inkognito zu bewahren suchten. Unter den Mänteln war
mancher Stern verborgen, manches Herz pochte hörbar, und das Auge, auf dem Du
sonst nur Flattersinn und eitle Lust spielen sahest, durchzuckte hier ein banger
Ernst. Die Orgeltöne schienen in der dunkeln Kirche mehr die Stille symbolisch
anzudeuten, als dass sie dieselbe unterbrachen. Es war lautlos, ein verhaltener
Atem.
    So war es möglich, dass man jetzt ein Geräusch zu hören glaubte, das man
sonst nicht gehört hätte. Es war nicht sein Geist, der durch die Räume schritt,
in denen er nie geweilt, sonst würden sie nicht die Köpfe vorgestreckt, nicht
sich gebückt und die Hände ans Ohr gelegt haben, um besser zu horchen. »Sie
weint,« flüstert eine Stimme dem Nachbarn zu; »Sie umarmen sich,« eine Andere.
Bald ward die feierliche Stille durch das Knarren der Tür unterbrochen; die
Gestalten der Neugierigen drückten sich tiefer in den Schatten der
Mauervorsprünge. Der Fackelschein ward jetzt offiziell.
    Die Königin und der Kaiser wurden zuerst sichtbar: der König folgte. Louise
schien erschöpft, sie drückte jetzt das Taschentuch ans Gesicht. Aber nur einen
Moment; dann warf sie einen forschenden Blick auf den ernsten Gatten. Es musste
ein Ernst sein, der ihre Hoffnung stählte. Sie lehnte sich an seine Brust, um
sich doch ebenso schnell wieder aufzuraffen. Alexander und der König reichten
sich die Hand. Es war ein wichtiger, bedeutungsvoller Handschlag. Aus der
dunklen Stille kam ein Laut, wie der Hauch unsichtbarer Geister; ein Hauch der
Verwunderung, Freude, Beistimmung, wofür jede Sprache zu rauh ist, ihm Ausdruck
zu geben. Mit königlicher Würde schaute Louise umher, nicht forschend, nicht
missbilligend. Ihr Blick galt den Geistern, welche die Sprache dieses Auges, das
selige Lächeln verstanden. Dann reichte sie Alexander wieder rasch den Arm und
die Drei verliessen die Kirche.
    Als die Wagentür zuschlug, die Räder auf dem Pflaster rollten, schienen die
gebannten kleineren Geister aus ihrer Erstarrung aufzuleben. Sporen klirrten,
scharfe Tritte dröhnten auf den Fliesen, Töne, wie wenn das Eis bricht; das Blei
auf der Brust war ja gebrochen! Kein Ceremoniell mehr, man schloss sich in die
Arme, auch Solche, die nicht als Fremde bekannt waren. »Der Bund ist besiegelt.«
Viel mehr Worte hörte man nicht. Es war ein Augenblick nicht zum Sprechen, nur
zum Fühlen.
    An der Tür wurden zwei Mititärs zusammengedrängt, die sich im Leben nicht
gern, wie man sagte, begegneten. Sie sahen sich an, und unter ihren ergrauenden
Haaren funkelten die Augen sich entgegen; sie drückten sich die Hand. Worte
wechselten auch sie nicht. Der Eine, aus dessen Mantel eine Husarenuniform zum
Vorschein kam, hielt aber beim Hinausgehen unsern Bekannten, den Major
Eisenhauch, am Kragen zurück.
    »Na un, was sagen Sie, Major?«
    »Blücher und Rüchel Hand in Hand, ein gutes Prognostikon. So das gesammte
Vaterland, und wir sind am Ziel.«
    »Larifari!« sagte der General. »Vorwärts, eh er sich anders besinnt, das
allein tut's. Nur keine stättigen Pferde hinter uns.«
    »Im Volk -«
    »Sind viele Esel.«
    »Aber das Ross, wenn die Trompete schmettert -«
    »Pfeffer mank die Kerben!« sagte der General ihm ins Ohr. »Dass es sich
bäumt, dafür sorgt Ihr: fürs Reiten, dafür sorgen wir, haben Sie mich
verstande«?
    Die Kirche war ziemlich geräumt. Nur hinter dem Eingang stand noch eine
Gruppe, Zwei in Ueberröcke verhüllt, und am äussersten andern Ende kniete eine
weibliche Gestalt. Die Beiden, durch hohe Halsbinden gegen die Kühlung bis zur
Unkenntlichkeit maskirt, schienen die Hinausgehenden die Revue passiren zu
lassen.
    »Ist das nicht Comtess Laura, Vicomte?« sagte der grössere und ältere auf
französisch zum jüngern, nach der knieenden Dame lorgnirend, die von ihrer
Enveloppe und dem Schleier unförmlich umwallt war. Der Vicomte hatte sich schon
auf den Zehen gehoben: »Pardon, Monsieur, Comtess Laura hat noch zu viele
Stationen bis zur Betschwester.«
    Die verhüllte Gestalt, aus ihrer Andacht vielleicht durch die Stille
aufgeschreckt, erhob sich und rauschte an ihnen mit elastischen Schritten
vorüber. Sie hatte die Beiden nicht gesehen, diese aber sie trotz der Schleier.
»Madame la Princesse!« rief der Attaché verwundert. »Ihre Sünden müssen sie sehr
drücken,« sprach der Gesandte, »dass sie es nicht verschmäht hat, in einer
luterischen Kirche zu beten.« »Und ganz allein!« replicirte der Vicomte. »Sie
nimmt gern einen Andern mit ins Gebet.« »Disparaissez!« rief Laforest und winkte
ihm, indem er der Dame nacheilte. Der Vicomte ging lächelnd seiner Wege: »Er
will sie nicht allein gehen lassen! Monsieur Laforest, man muss es ihm gestehen,
übt die Humanität bis zur Outrage. Die Petarde, die ihn in die Luft sprengen
soll, in der Tasche, schützt er die Lunte, die sie entzündet, dass der Wind sie
nicht ausbläst.«
    Wirklich sehen wir auf der Strasse den offiziellen Minister des Kaisers der
Franzosen der nicht offiziellen Agentin des Kaisers aller Reussen den Arm bieten,
um sie in ihr Hotel zu geleiten! und sie reicht ihn ihm, nach einem momentanen
Zaudern rasch hin. »Stumm wie die Nacht und bewegt wie die schöne Seele einer
Deutschen,« sagte der Franzose zu seiner schweigenden Begleiterin.
    »Sagen Sie lieber, Hass und Grimm im Herzen und am Arm des verhassten Feindes
durchs Leben gehen zu müssen!«
    »O wäre ich so glücklich, eine solche Feindin durchs Leben führen zu
können.«
    »Wer denkt an uns!«
    »Ich sehr stark an mich.«
    »Das lügen Sie vor sich selbst. Unsere Aufgabe ist's, uns immer selbst
belügen, täuschen, unsere glühendsten Gefühle mit einer Eiskruste umgeben, und
wenn wir vor Frost zittern wie der Frühling lächeln, in Flitterstaat glänzen,
und vom Gefühle unserer Sünde zerknirscht in Selbstzufriedenheit strahlen! Alles
für Andere, uns selbst, unser Glück, unsere Busse und Hoffnung hinopfern für ein
anderes Wesen, einen Begriff, von dem man eigentlich nicht weiss, was er ist. Ins
Reich der Seligen kommt der Staat doch nicht.«
    »Ich glaube kaum, dass ein Platz für ihn da ist: weder unter den
Gerechtfertigten, noch unter den Sündern.«
    »Und doch Diplomat!«
    »Weil er sich selbst ganz verleugnen muss, sollte ja das die himmlischen
Tore ihm vor Allen öffnen.«
    »Vielleicht, wenn - Excellenz, hat Sie nie das Gefühl durchzuckt, die
Sehnsucht durchschauert, vernichtet zu sein, aufzugehen in ein anderes Wesen,
zerstampft in Atome, die das andere Wesen vergrössern und verherrlichen?«
    »O sehr oft, Madame, in den Armen einer liebenswürdigen Frau.«
    »Haben Sie nie die Seligkeit der Begeisterung empfunden?«
    »Wofür?«
    »Wofür? Und Sie kommen aus einer Revolution. Die glutspritzende Lava treibt
doch ungeheure Bilder in unsere Lebensnacht.«
    »Prinzessin, die Lava ist schon kalt geworden.«
    »Sie waren einmal Republikaner!«
    »Was waren wir nicht alles! Und eben weil wir so viel gewesen sind, für so
vieles geschwärmt, gerast haben, ist wirklich in uns kein Platz mehr für die
Begeisterung.«
    »Auch nicht für Ihren Kaiser?« Laforest liess eine Pause vergehen, bis er
antwortete: »Auch für den nicht. Die Jugend, die Kriegslustigen, wer avanciren
will, die meinetalben. Wir Andern - pausiren, wir wissen ja nicht, ob es das
Letzte ist. Der einzige Erfahrungssatz den wir nach Hause trugen aus allen
Revolutionen, ist der, dass die Dinge ihren Kreislauf machen, und die höchste
Weisheit für die Individuen wäre die, auszurechnen, welches Stadium eintreten
wird, wenn es mit uns zu Ende geht. Wer sich darauf präparirte, stürbe
glücklich.«
    »Um fortgespült zu werden ins Meer der Ewigkeit als letzte Schaumflocke, die
die Flut der Zeit auf ihren Wellen trug.«
    »Wer wird mit mehr Konsistenz hineingespült!«
    »Sie belügen sich wieder selbst. Warum hätten Sie sich in die Kirche gewagt,
ausgesetzt der Entdeckung! Wenn einer dieser Franzosenfresser Sie erkannte!«
    »Habe ich etwa spionirt?«
    »Nein, Sie wussten es ohnedem. Aber aus reiner Dienstpflicht hätten Sie das
nicht unternommen. Es war die Abenteuerlust, der ein Motiv zu Grunde liegt, das
Sie sich selbst zu verbergen suchen. Ein Wagestück für Ihren Kaiser!«
    »Sahen Sie nie am Roulettetisch Männer, die selbst nichts mehr zu setzen
haben, mit gespannter Aufmerksamkeit das Spiel verfolgen, das sie nichts angeht?
Sie pointiren im Geist, eifrig, zufrieden und entsetzt wie die Andern. Das Spiel
ist ihnen zur Natur geworden.«
    »Was sahen Sie in der Gruft?«
    »Was ich erwartete, ein romantisches Schauspiel.«
    »Das zu einem Schluss führt, der Ihnen nicht gefallen darf.«
    »Welchen Schluss meinen Sie, Prinzessin? Ich sah nur einen frappanten
Aktschluss. Die Zuschauer taten mir leid, dass sie nicht klatschen durften.«
    »Der Schluss des nächsten Aktes wird blutig werden.«
    »Vielleicht, vielleicht auch noch nicht. Man muss den nächsten Aktaufzug
abwarten.«
    »Ich glaube, Sie werden ihn hier nicht abwarten.«
    »Das täte mir um der Gesellschaft willen leid, die ich sehr ungern
verlasse.«
    »Und was ist der letzte Akt?«
    »Der letzte, Prinzessin, wer sieht so weit!«
    »Aber Sie sehen etwas vor sich. Sie täuschen mich nicht.«
    »Ich sehe allerdings einen folgenden - einen der nicht ausbleiben wird, wenn
dieser Ernst wird.«
    »Aber er spielt nicht in der Potsdamer Kirche?«
    »Doch - es wird auch Nacht sein, - bei Fackelschein seh' ich meinen Kaiser
in die geöffnete Gruft steigen; hinter ihm seine Generalität. Man wird
Friedrichs Sarg öffnen, und Napoleon die Hand des Gerippes ergreifen.«
    »Abscheuliche Phantasie!«
    »Natürlich nichts als Phantasie! Und er wird sprechen: Grosser Geist, vor mir
sollst Du Ruhe haben in Deiner Gruft.«
    »Napoleon ist kein Freund von Nachtstücken.«
    »Je nachdem es ihm konvenirt. Glauben Sie nicht, dass der Akt die Bewunderung
der Deutschen für ihn erhöhen muss!«
    Sie waren an die Tür des Hotels gekommen, wo die Fürstin abgestiegen. »Ich
danke Ihnen für die Begleitung,« sagte sie. »Wir werden uns nicht wiedersehen, -
wenigstens bis zu einem nächsten Aktschluss.«
    »Warum?« Er hatte sie die Stufen hinauf geführt, und drückte die nicht
verschlossene Tür auf. »Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu
berichten. Leben Sie wohl.« Er drückte ihre Hand an die Lippen; sie zitterte.
»Ich möchte Sie noch um einige Details bitten, die mir entgangen sind. Aber Sie
stehen in der Zugluft.« Er zog sie in den Flur und drückte die Tür zu.
 
                          Sechsundvierzigstes Kapitel.
                          Bekenntnisse schöner Seelen.
Als die Fürstin in ihren dichten Zobelpelz gegen die kalte Morgenluft verhüllt,
in den Wagen stieg, um in seinen weichen Polstern einer Reihe seltsamer Gedanken
Audienz zu geben, war sie nicht wenig betroffen, noch Jemand darin zu finden. Es
war zu spät zum Schreien; die Tür war zugeschlagen, die Jäger hatten sich
aufgeschwungen und der Wagen rasselte schon über das unebene Pflaster nach dem
Berliner Tor zu. Es war übrigens wohl Grund zum betroffen sein, aber nicht zum
Schreck, als die weichen Hände der Baronin Eitelbach die der Fürstin erfassten.
Sie bat sie mit einer mit Tränen kämpfenden Stimme um Verzeihung wegen der
Attrape, aber sie habe sie sprechen müssen, koste es was es wolle. Deshalb nach
Potsdam gekommen, habe sie von Stunde zu Stunde vergebens auf den Augenblick
gewartet, mit ihr allein zu sein, und endlich diese kleine List sich erlaubt, um
der einzigen Frau, die Teilnahme für sie empfinde, die sie und ihre Leiden
verstehe, ihr Herz auszuschütten. Die Fürstin wollte sich mit sich selbst
beschäftigen, und die Leiden der Baronin waren ihr unter allen Dingen, mit denen
sie sich beschäftigt, in dem Augenblick die allergleichgültigsten. Das schien
wenigstens der Seufzer anzudeuten, der aus ihrer Brust sich Luft machte, aber
sie drückte die Freundin mit sanfter Innigkeit an diese selbe Brust: »Ach,
glauben Sie mir, Leiden schickt der Himmel Denen, die er liebt.«
    »Aber nicht solche,« rief die Schluchzende, »wie mir! Ach mein Gott, ich
weiss jetzt nun Alles, 's ist mir Alles so klar wie was!«
    »Was ist Ihnen klar, Liebe?«
    »Nichts, sage ich Ihnen, wie ich Ihnen immer gesagt, als ein Missverständnis.
Mein Mops ist mir jetzt ordentlich zuwider; ich könnte ihn vergiften. Aber wer
trennt sich gleich von solchem Tier! Er hat nun mal seinen Platz. 's ist die
Gewohnheit,« sagt mein Mann. »Fanchon hat wohl recht, wenn sie singt -«
    »Ich verstehe Sie nicht.« Die Fürstin verstand sie wirklich nicht.
    »Ich weiss es, ich rede konfus, ich verstehe mich ja selbst zuweilen nicht.
Aber das mit dem Mops war so gewiss ein Irrtum, er konnte nicht davor, er wusste
nicht, dass es meiner war. Es sind boshafte Menschen dazwischen, die haben ihm
das arme Tier vor den Fuss geschoben; o ich weiss nicht, ich habe eine Ahnung -«
    »Was hat Wandel mit Ihrem Mops zu tun!«
    »Glauben Sie, dass er sein Freund ist?«
    »Des Mopses!«
    »Nein Seiner! Mögen Sie über mich lachen, ich fürchte, der Rittmeister ist
nicht frei.«
    »So viel ich mich entsinne, sagt man, er sei von seinen Gläubigern etwas
genirt.«
    »Ach, Sie wollen mich nicht verstehen. Er ist zu arglos, gutmütig, er hat
das beste Herz von der Welt, ein Gefühl rein wie ein Kind; mein Gott, Fehler hat
jeder Mensch, er hat mir nicht weh tun wollen, aber boshafte Menschen sind
dazwischen gekommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich gequält
habe, was ich ihm denn getan haben könnte; Tag und Nacht liess mir's keine
Ruhe.«
    »Und Sie haben sich ganz ernst gefragt?«
    »Teuerste Fürstin, da blieb kein Fältchen in meiner Seele. Nein, wahr und
wahrhaftig, ich tat ihm nichts, ich bin unschuldig, es ist was andres
dazwischen gekommen.«
    Die Fürstin war in ein Sinnen verfallen, das nicht zu der Art Teilnahme
stimmte, welche sie der schönen Frau bisher angedeihen liess. Sie hatte sich
wieder mit sich selbst beschäftigt. So passte auch ihre Entgegnung nicht ganz zu
dem eben Gesagten: »Das ist der Kobold, meine Freundin, der uns alle neckt: es
kommt uns allen, bei unsern besten Entschlüssen, unsern edelsten Bestrebungen,
etwas dazwischen, worauf wir nicht gerechnet. Da glaubten wir, mit jahrelangen
Mühen, mit gesparter Kraft die Hindernisse beseitigt, wir eilten schon mit
offenen Armen dem Ziele entgegen, und plötzlich straucheln wir - Gott weiss
woran, wir wissen es selbst nicht, an einem Ball, den eine Kinderhand uns
zwischen die Füsse warf, am Reflex einer Scheibe, und wir glauben eine Mauer,
einen Abgrund vor uns zu sehen. Wir müssen über uns lachen, wir ärgern, wir
schämen uns, dass es so sein konnte, aber es ist so, und wir sind vom Ziele ab,
wir müssen von neuem anfangen. Die Menschen nennen es Zufall. Nein, meine
Freundin, es ist der ewige Dämon, der uns von der Wiege an belauscht bis ans
Grab, um, wenn wir schwach werden, uns zu fassen. Dagegen können wir auch
nichts, gar nichts. Es ist vielleicht vermessen, ihm absolut widerstehen zu
wollen, denn mit unsrer Kraft ist's nicht getan. Besser geschehen lassen was
wir nicht ändern, und dann desto herzlicher bitten, dass der rechte Helfer bald
erscheint, der uns wieder aufhebt.«
    Die Baronin hatte in ihrer Gemütsbewegung nur etwas von dem Monologe
aufgefasst, und es war das, was zu dieser passte. »Lachen Sie mich aus, aber ich
kann nicht dafür. Ich habe auch zum lieben Gott gebetet, dass er mir einen Freund
schicken möchte, der mir hilft.«
    »Sie haben doch so viele, meine Beste!«
    »Nein, keinen wo ich Rat holen wollte. Da -«
    »Erschien er plötzlich, wo Sie ihn nicht vermutet.«
    
    »Wenn ich die Augen schliesse, und lange da sitze, sehe ich ihn deutlich vor
mir, als wenn er leibte und lebte, nein noch deutlicher. Ich zähle die Knöpfe an
seiner Uniform. Ich sehe ihn, wenn er den Fidibus anzündet, wenn er sich aufs
Sopha wirft, das Bein auf den Stuhl legt, wenn er gähnt und seufzt und mit der
Hand übers Gesicht fährt.«
    »Das sind ja interessante Visionen! Aber erlauben Sie mir es zu sagen, diese
Wahrnehmungen können doch zuweilen sehr unangenehm werden, wenn eine zarte Frau
in die Garçonwohnung einer Kaserne blickt, und alles das sieht. Es soll da nicht
sehr sauber hergehen.«
    »Sein Herz ist rein, seine Seele ein Spiegel. Ich kann ohne Erröten hinein
blicken. Was kümmern mich die Äusserlichkeiten! Er hat in seiner Kaserne keine
weibliche Pflege. Da hängt manches am unrechten Ort und geschieht nicht wie es
sollte. Er fühlt es wohl, kann sich aber nicht klar darüber machen. Er fühlt, er
muss sich herausreissen, weil er sonst unterginge.«
    »Das wissen Sie alles?« rief die Fürstin über die neue Clairvoyance
verwundert. Es ging ihr wie der Lupinus: die Eigenschaft, die sie für sich
liebte, ward ihr bei Andern unbequem.
    »Ich weiss noch mehr. Ja, er ist - er hat Vertrauen zu mir - er hat wie ich
das Bedürfnis gefühlt, das unselige Missverständnis aufzuklären, er hatte einen
männlichen Entschluss gefasst; mit einem Wort, teuerste Freundin, er wollte an
jenem Nachmittage zu mir, weil er es nicht länger in der Ungewissheit aushalten
konnte, und da -«
    »Kam etwas dazwischen; jetzt verstehe ich Sie! Aber dann lässt sich ja der
Schade leicht wieder gut machen.«
    »Sieht er mir denn ins Herz?« rief die Baronin.
    »Man kann ihn langsam sondiren -«
    »Langsam! Und es geht los! Er muss mit!« Sie sah die Fürstin mit stieren
Augen an, und jetzt brach das lang Verhaltene unwiderstehlich heraus: »Langsam!
und Sie waren zugegen, wo sie den Krieg beschlossen. Weiss ich, ob er noch in
Berlin ist, wenn wir ankommen? Es sind Couriere mit neuen Marschordres schon
diese Nacht abgegangen. Und er geht ohne zu wissen, was mich quält. Nein, er
geht mit dem Gedanken, dass ich ihn verspottet. Die erste Kugel kann ihn treffen,
und, und - in das Jenseits ist er, und weiss nicht -«
    »Dass Sie ihn lieben! - Meine teuerste Baronin, wenn wir das nur geahnt
hätten! Man hielt es für eine flüchtige Passion. Wie hier die Welt ist!«
    Die Fürstin wusste in dem Augenblick nichts Passenderes zu tun, als dass sie
die Baronin an die Brust schloss. Die Baronin interessirte sie sehr wenig, ihr
Liebesschmerz noch weniger, am wenigsten aber der Rittmeister. Durch das
improvisirte Embrassement verbarg sie ausserdem die Träne des Mitgefühls, die in
ihrem Auge nicht da war, und ersparte sich eine Antwort, die ihr in dem
Augenblick nicht konvenirte. Sie sassen eine Weile in schweigender Rührung. Bei
der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger, und ihre Bekenntnisse,
lange noch nicht erschöpft, brachen von neuem heraus. Dies besorgte die Fürstin,
sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gesprächs nachzusinnen, welche
diesen Ausbruch verhinderte; weil sie aber nur zu gut wusste, wie Gefühle der
Art einem Raume mit brennbarem Aeter gleichen, wo man kein Licht einbringen
darf, damit nicht alles in Flammen stehe, so schwieg sie lieber ganz. Sie fühlte
sich indes auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain, denn sie war
überrascht, nicht sowohl über die Macht der Leidenschaft, welche die für kalt
gehaltene Frau aufregte, als über das Bewusstsein und die Seele, mit welcher sie
das Gefühlte aussprach. Wo Diplomaten Bewusstsein und Seele merken, werden sie
unsicher, und tappen umher, bis sie mit ihren Fühlfäden die Schwäche entdeckt
haben, mittelst deren sie den Gegenstand, der sich ihnen entziehen will, wieder
in ihr Netz ziehen.
    Die Fürstin hatte wenigstens eine unverfängliche Wendung gefunden, als sie,
wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzte, den Blick gen Himmel, rief: »Und der Krieg
ist es, der meine Freundin so erschreckt! Was ist der Krieg anders, als ein
Gewitter, das die schwüle Luft reinigt.«
    »Mit Menschenblut! Und darunter die Besten. Die Kugel wählt nicht die
Schlechten.«
    »Wenn nun in der Natur ein solches verborgenes, furchtbares Gesetz bestünde,
das Menschenblut fordert!« fuhr die Fürstin fort, die sichtlich in ein neues
Gedankengewebe sich hinein spann oder zu einem Phantasieflug erhob, der über die
Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinaus ging. Sie wollte, obgleich die
Wahrnehmung sie interessirte, dass die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit über
sich erhoben hatte, sich selbst in eine Sphäre erheben, wo Jene ihr nicht folgen
konnte.
    »Ja, es existirt dieses Gesetz! Und der Soldatenstand ist der geehrteste,
weil er auf diesem grossen Gesetz der geistigen Welt beruht. Warum heisst Gott in
der Bibel der Herr der Heerscharen! Es ist das nicht ohne tiefen Grund. Wie
herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine, wir können sagen,
gesetzliche Wut aller Wesen gegen einander! Es gibt keinen Moment in der Zeit,
meine Freundin, wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird. Der
Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Würgetieren die
allerfurchtbarste. Er tödtet um zu essen, nm sich zu kleiden, sich zu schmücken,
ja aus Vergnügen, er tödtet um zu tödten. Der Mensch, dieser entsetzliche
Herrscher der Natur, will alles an sich reissen, vom Lamme seine Eingeweide, um
die Harfe widertönen zu lassen, vom Wallfisch seine Barten, um das Mieder des
jungen Mädchens zu halten; seine Tafeln sind bedeckt mit Kadavern. Ja, dem
Menschen ist in dem unerforschlichen Ratschluss des Ewigen das Amt gegeben, den
Menschen zu erwürgen, und der Krieg ist's, der den Spruch erfüllt. Die Erde
selbst schreit nach Blut. In Erfüllung des grossen Gesetzes, das gewaltsame
Zerstörung unter den lebenden Wesen fordert, ist die ganze Erde, fortwährend von
Blut getränkt, nur ein ungeheurer Altar, auf dem Alles geopfert werden muss ohne
Ende. Ja, meine Teure, zweifeln Sie daran, wenn Sie die Weltgeschichte
durchblättern, wenn Sie die roten Schlachtfelder überblicken, mit denen der
gekrönte Korse die Länder füllt, dass der Würgeengel sie umkreist wie die Sonne,
und eine Nation nur aufkommen lässt, um andere zu schlagen! Wenn die Verbrechen
sich gehäuft über das Mass, dann verfolgt mit Hast der Engel, ohne Mass zu kennen,
seinen unermüdlichen Flug. Die sicht- und greifbaren Anlässe erklären den Krieg
nicht; Jeder kennt ja das Uebel; wenn sie wollten, könnten sie ihm ja leicht
vorbeugen. Aber es ist der Durst dieser grossen Sünder nach der Strafe, von der
sie fühlen, dass sie sie verdienet, sie stürzen darnach, wie die Hirsche zum
Quell, um dadurch gesühnt zu werden. Sehen Sie, Teuerste, wenn wir ihn so
betrachten, müssen auch die Schrecken des Krieges geringer werden; ja wenn wir
uns versenken in den berauschenden Gedanken, dass Er es ist, der von dem sündigen
Menschengeschlecht im Augenblick seiner höchsten Not gerufen, in seiner
Donnerwolke eintritt, um die Ungerechtigkeit, welche die Kinder dieser Welt
gegen ihn begingen, zu strafen und vernichten, dann wird der Krieg selbst in
unsern Augen zu etwas Göttlichem und seine Schrecken schwinden vor dem
geängsteten Gemüte.«
    Wir wissen, dass dies nicht die eigenen Ansichten der Fürstin Gargazin waren,
sondern dass sie dieseben in Petersburg aus dem Munde eines französischen
Fanatikers vernommen hatte, der, damals noch wenig beachtet, später aber von so
unheilvollem Einfluss ward, noch heute dauernd, aber noch heute zweifelhaft, ob
von schlimmerem auf die Völker oder die Fürsten, indem er ihr Tema, die
Erblichkeit der Rechte, auf keinen festern Grund zu bauen wusste als auf die
Erbsünde der Menschen!
    Die Fürstin hatte erreicht was sie vorhin wollte, sie hatte die Baronin zum
Schweigen gebracht; aber die stumme Sprache der Seufzer ward ihr noch peinlicher
als die vehementen Liebesklagen, von denen sie sich debarrassirt. Sie drückte
sanft die Hand ihrer Begleiterin, sie bedauerte, wenn ihre Phantasien einen zu
tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht, auch sei der Krieg ja noch nicht
bestimmt erklärt, und wenn er ausbreche, wache ein Auge dort oben über Alle, und
wisse die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden. »Nur die Schuldigen
trifft sein Zorn! Er richtet nicht wie ein menschlicher Richter, der nur auf die
offenkundigen Taten sieht, er prüft die Nieren und sieht das Herz. Mancher, der
uns als grosser Sünder erscheint, geht vor ihm frei aus, weil sein Herz rein
geblieben, nur die Gewalt der Umstände ihn zur Tat trieb. Dagegen wie Mancher,
der nichts getan, was die Sinne fassen, ist schon verdammt, weil er in der
Stille seinen sündhaften Regungen nachging, weil er in Gedanken gegen Gottes
Gesetze sündigte. Wie leicht lullen wir uns in süsse Verstellung ein, es sei
nicht schlimm was wir denken; wir lügen uns edle Absichten vor, oder glauben, es
sind ja nur Phantasieen, und wenn es zur Ausführung kommt, so würden wir stark
sein und ihnen widerstehen. Ach, meine Liebe, wir sind nicht stark, und
Gedankensünden sind oft die schwersten, die wir begehen können.«
    Die Fürstin musste heute selbst so von ihren eigenen Gedanken bedrängt und
verwirrt sein, dass ihre diplomatische Kunst sie in dem, was sie laut sprach, zu
verlassen schien. Sie hatte nichts von dem neuen peinlichen Eindruck gemerkt,
den diese Tröstung auf die Baronin hervorgebracht, die plötzlich sich auf den
Boden des Wagens niedersenkte, und die Knie der Fürstin umfasste: »Ach, ich
verstehe Sie,« schluchzte die schöne Frau, »aber - ich konnte nicht anders«
    »Meine Liebe, Gute, beruhigen Sie sich,« sprach die Fürstin, die eine neue
Spezialbeichte fürchtete, und nichts weniger als Lust hatte, den Beichtvater
abzugeben. »In solchen grossen Weltkatastrophen hat das Ange droben weniger Acht
- ich wollte sagen, es sieht milde und gnädig auf die kleinen Vergehungen
herab.«
    »Ja, ich liebe ihn,« rief die Baronin »und ich bin ja eine verheiratete
Frau.« Also das war es. Mild lächelnd blickte die Fürstin auf die Sünderin
herab, und fuhr mit den weichen Fingern über ihre Stirn: »Erinnern Sie sich, wie
der verlorene Sohn aufgenommen ward!«
    »Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen - wenn ich jetzt zurückkehre, raube
ich ihm seinen Glauben -«
    »An Ihre Liebe. Das ist sehr wahr. Der verlorene Sohn kehrt auch nicht auf
den ersten Anfall von Reue zurück. Würde er so im Hause des Vaters empfangen
sein? Er musste eine furchtbare Schule der Sünde durchmachen, um der Gnade wert
zu sein. Wäre er in sich gegangen nach einer leichten Verirrung, und hätte er
sich etwa nach einem Trinkgelag, einem Verlust im Spiel, einer wüsten Nacht,
reuig dem Vater zu Füssen geworfen, es wäre gewiss sehr hübsch und moralisch, aber
der Vater, wenn er ein vernünftiger Mann war, hätte ihn aufgehoben und auf die
Schulter geklopft und gesprochen: Nun das freut mich, dass Du es selbst
einsiehst, künftig wirst Du Dich davor hüten, aber nun mache kein Aufheben
davon, dass Du nicht ins Gerede kommst; sei ganz wie vorher, ich werde gegen Dich
auch wie immer sein. O meine Freundin, wo blieb da die Seligkeit, die den Sohn,
den Vater, das ganze Haus, die Nachbarschaft erfüllte, jene Seligkeit, um die es
sich lohnt gelebt, so viel Qualen ausgestanden zu haben! Wie er dalag auf der
Schwelle, zerknirscht, gebrochen an Leib und Seele, und nun zuckte das
Gnadenwort des Vaters wie ein Sonnenstrahl nach langen grauen Tagen, der Himmel
tat sich auf in seiner Herrlichkeit, als die Arme des Vaters sich öffneten ihn
zu umschliessen. Er ward ein neuer Mensch, er gesundete an Leib und Seele, alle
Welt wusste es, alle Welt freute sich mit ihm, und das grosse Geheimnis der Liebe
ward Himmel und Erde offenkundig.«
    Es klang wunderschön, die Baronin wusste aber doch nicht, was sie damit
machen sollte: »Wenn ich nur wüsste -«
    »Weiss Ihr lieber Mann darum?« fiel die Fürstin ein.
    »Ach der! - Er würde sich halb todt lachen, wenn er alles wüsste, Es hat ihm
schon Spass gemacht, dass er mich necken konnte.«
    »Wenn aber aus dem Spass doch Ernst würde? Wenn er in eifersüchtiger Laune -
es könnte eine unangenehme Scene - eine Scheidungsklage -«
    »Ach, da hat er schon eine Andere.«
    »Die spanische Tänzerin soll ihm viel Geld kosten.«
    »Das meinen Sie! Nein, ich meine die Braunbiegler.«
    »Die reiche korpulente Wittwe, mit den Edelsteinen und Ketten um den Hals!
Die muss ja eine Fünfzigerin sein!«
    »Sie ist ja die Wittwe seines Compagnons - hunderttausend Taler baar ausser
dem halben Geschäft! Wäre Herr Braunbiegler vor acht Jahren gestorben hätte er
mich gar nicht geheiratet, das sagt er mir und Jedem tausend Mal. Er hätte das
Geschäft in einer Hand und die Tuchlieferungen fürs Militär allein.«
    Ein Lächeln schwebte über das Gesicht der Fürstin: »So denken denken die
Männer, und von uns fordern sie Hingebung und Treue: - Was ich sagen wollte, es
kommt Ihnen also jetzt alles darauf an, den guten Rittmeister von seinem Irrtum
zu kuriren. Wie wäre es denn - es ist nur ein Einfall - Sie glauben nicht, dass
er sich noch einmal auf den Weg macht?«
    »Mein Gott, er muss ja ausmarschiren. Das ist's ja.«
    »Richtig! Wie wäre es denn, wenn Sie sich auf den Weg machten? Ich meine,
wenn Sie ihm entgegen kämen, natürlich in allen Ehren. Sie könnten ihn zu sich
rufen lassen; das möchte aber falsch ausgelegt werden, und vielleicht käme er
auch nicht. Sie müssten etwas recht Eklatantes tun, das eblouirt die Männer.
Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch. Wenn Sie ihn in der Kaserne
aufsuchten, ich meine nicht heimlich, sondern in Ihrer Equipage, den Bedienten
hinter sich, die Welt würde das freilich nicht gut heissen -«
    »Sie meinten also -?«
    »Ich meine gar nichts, aber wenn Sie einen solchen Schritt sich durchaus
nicht ausreden liessen, wenn Sie sich kühn über das Urteil der Menge wegsetzten,
welche die Impulse edler Seelen nie begreift, - ich stelle mir nur eben den
magischen Eindruck vor, den dieser heroische Entschluss auf unsern Freund
hervorbringen müsste. Bei dem allgemeinen patriotischen Aufschwung, der gerade
von den Frauen getragen wird, sinken die gewöhnlichen Schranken. Die Schwester
eilt zum Bruder, die Braut zum Bräutigam, man möchte den teuren Scheidenden die
letzten Stunden durch verdoppelte Aufmerksamkeit versüssen, man windet ihnen
Kränze zum Abschied, und in den Epheu und das Immergrün möchte man schon
Lorbeern flechten. Finden Sie das unnatürlich?«
    Wenn die Fürstin sich hätte Rechenschaft geben sollen, welches Motiv sie
antrieb, würde sie gestockt haben. Herrschsüchtige strengen oft die halbe Kraft
an, den Schein hervorzubringen, dass sie nicht beherrschen wollen; Geistvolle,
wenn sie von Andern in ihren Gedankenkombinationen gestört werden, wehren sich
die Störung durch lebhaftes Reden ab. Die äusserste Anstrengung, sich nicht zu
verraten, verrät freilich den Schuldigen nur zu oft, es bedarf dazu aber
anderer Richter, als Zuhörer, die von ihren eigenen Gedanken absorbirt sind. Die
Fürstin wollte von der Baronin loskommen, aber in jeder Wendung, welche sie dem
Gespräch gab, verstrickte sie sich aufs Neue. Die Intrigue, zu der sie sich aus
Gefälligkeit herbeigelassen, war ihr gleichgültig; selbst das Vergnügen,
Eroberungen zu machen, erkaltet, je unbedeutender die Personen, die wir zu
erobern ausgingen, im Verlauf der Arbeit uns erscheinen; und wenn sie aus Not
wieder ins Rad dieser Intrigue griff, geschah es nur aus Rücksicht für Freunde,
die ein Diplomat abschütteln darf, sobald das Interesse es fordert, niemals aber
aus Laune. Sie wollte wenigstens das Spiel derselben nicht verderben, darum ein
Ratschlag, bei dem ihre Freunde Zeit gewannen, nach ihrem Gutdünken zu handeln.
    Aber die Fürstin hatte heut Unglück. Der Funke, den sie geschlagen, hatte in
der Baronin gezündet. Sie strich über die Stirn und machte Miene aufzustehen:
»Ja Sie haben wieder recht. So muss es sein, ich bin's ihm schuldig. Wenn nur
nicht wieder etwas dazwischen kommt!«
    Ach wenn doch etwas dazwischen käme! dachte die Fürstin, und der Himmel
erbarmte sich ihrer. Ein heftiger Krach, ein prasselndes Knallen, und der Wagen
senkte sich. Im nächsten Augenblick waren die Damen unsanft auf die Seite
geschleudert und lagen in der umgestürzten Kutsche, deren Fenster klirrend in
Stücke sprangen. Der Kutscher hatte nicht schnell genug einem hinter ihm in
Sturmeseile heranpreschenden Sechsspänner ausweichen können. Das Hinterrad des
Wagens war vom Vorderrade des nach ihm kommenden erfasst worden, das Terrain war
abschüssig und der Wagen der Fürstin, weiter in die Richtung rollend, gestürzt.
Wenigstens ein Rad gebrochen.
    Aus der Kutsche des Sechsspänners ertönte ein donnerndes: Halt! Ein Kavalier
sprang noch im Fahren heraus, und ehe die Lakaien sich von ihren Sitzen
gearbeitet. »Es ist Frauengeschrei!« sagte ein heransprengender Reiter, der zum
Wagen gehörte. »Um so unverzeihlicher!« rief der Kavalier, und schien zu
fordern, dass auch der Begleiter vom Pferde springe, während er selbst, der
erste, sich an der umgestürzten Kutsche beschäftigte den obern Schlag zu öffnen.
    »Sie sind doch nicht verwundet?« rief die Eitelbach zur Fürstin, die unter
ihr lag. »Ich glaube nicht. Man öffnet. Machen Sie Luft.«
    Die Eitelbach war rasch zur Hand. Sie erfasste eine andere Hand, welche sich
ihr aus dem geöffneten Schlage entgegenstreckte. Als sie sich aufgeschwungen,
umfasste sie der kräftige Arm des Kavaliers und hob und senkte sie mit einem
glücklichen Schwunge auf die Erde. Im nächsten Moment übte der Begleiter, der
rasch aus dem Sattel geglitten, denselben Ritterdienst an der Fürstin. Der
Zobelpelz, den sie der empfindlichen Morgenkühle willen nicht zurücklassen
wollte, machte einige Schwierigkeit. Der Retter und die Gerettete mussten sich
übrigens kennen. Als sie aber den andern Kavalier sah, liess sie den Pelz
plötzlich zu Boden sinken, und blieb in respektvoller Entfernung, mit auf der
Brust gekreuzten Armen am Wagen stehen.
    Der Kavalier sprach zur Baronin, die ihren Schreck abschüttelte: »Ich hoffe
doch, dass die schöne Frau sich keinen Schaden getan.«
    »Danke für gütige Nachfrage, Ihro kaiserliche Majestät, ich denke, es ist
Alles noch gut abgelaufen,« erwiderte sie mit einem Knix, der die Fürstin
erröten machte. Sie sah aber nicht, dass die Baronin dabei auch auf ihre
Falbala's sah, die beim Herausheben zerrissen waren.
    Der Kavalier liess den wohlgefälligen Blick, mit dem er die Gestalt der
schönen Frau mass, jetzt auf ihre Begleiterin gleiten: »Ei sieh da, Prinzessin,
das Morgenlicht täuscht. Hoffentlich auch mit dem Schreck davon gekommen, liebe
Gargazin.« Er reichte ihr die Hand, die sie ehrerbietig an die Lippen brachte:
»Sire, ein kleiner Unfall verschafft uns oft ein grosses Glück.«
    »Aber die Damen können doch unmöglich in der Kälte hier stehen,« rief der
Kavalier sich umsehend. »Wäre in meinem Wagen - aber es muss sogleich Rat
geschafft werden.«
    »Eure Majestät,« sagte die Fürstin, »der Unfall wird leicht zu redressiren
sein. Hier ist Hülfe zur Hand.«
    »Wir sind bei Stimmingens,« rief die Baronin, auf das Gehöft zeigend, das in
der Morgendämmerung gegen den dampfenden weiten Seespiegel auftauchte. »Da sind
wir gut aufgehoben. Wer bis Stimmingen kam, ist zufrieden.«
    Der Kavalier lächelte. Wenn ein grosser Mann Zufriedenheit um sich erblickt,
ist er selbst zufrieden. Aus der Wirtschaft waren in der Tat schon rüstige Arme
herbeigeeilt, um die gestürzte Kutsche beschäftigt. Ein ältlicher Begleiter, in
einen dicken Pelz verhüllt, der sich aus dem Wagen gearbeitet, machte, mit einer
Bewegung der Hand gegen die Uhrtasche, eine bedeutungsvolle Verbeugung.
    »Meine Damen,« sprach der Kaiser, »ich bedaure, dass die Stunde, die zur
traurigen Staatspflicht ruft, mich zwingt, die angenehmere in Ihrer Gesellschaft
abzukürzen. Ich hoffe, dass Ihr Wagen bald wieder hergestellt ist, um das
Vergnügen zu haben Sie in Berlin wieder zu sehen.« Die huldreichste Verneigung
schloss mit einem Kopfnicken gegen die Fürstin: »Adieu, Gargazin, erkälten Sie
sich nicht.« Noch einmal sah der Erlauchte vor dem Einsteigen sich um, und sein
Blick galt der Baronin.
    »Glückselige Frau!« sagte die Fürstin zur Eitelbach, während sie Beide am
hohen Rand des See's auf und ab gingen, die Fürstin wieder in ihrem Zobel, den
der Adjutant ihr aufgehoben. Sie zogen den Aufentalt im Freien der überheizten
Wirtsstube und der Gesellschaft darin vor, Beide vielleicht von einem inneren
Feuer erwärmt, während der Novemberwind empfindlich kalt von Spandau her über
die weite Fläche des Sees blies.
    »Warum glückselig jetzt?«
    »In Russland würde diese Frage eine Blasphemie sein. Die Schönheit, auf der
das Auge der Majestät mit Wohlgefallen ruhte, wird glückselig gepriesen. - Aber
wie kannten Sie ihn, und auch mein hoher Herr -«
    »I wissen Sie denn nicht! Wie sich's in der Königsstrasse stopfte, und sie
halten mussten, gerade vor unserem Hause? Und die ganze Zeit sah er nach meinem
Fenster - fünf Minuten oder drei wenigstens kein Auge fort. Es hat uns Allen
rechten Spass gemacht.«
    »Spass!« Die Fürstin erschrak, es kam aber noch ein anderes Gefühl hinzu, wie
konnte ihr das verborgen geblieben sein! Niemand hatte es ihr hinterbracht. War
sie so schlecht bedient? Die Eitelbach konnte sich täuschen, aber hatte sie
nicht selbst Alexanders Blicke beobachtet? Sie kannte diesen Blick.
    »Ich begreife Sie nicht, so ruhig sprechen Sie das aus. In Russland, nein in
ganz Europa bliebe keine Frau gleichgültig, die der ritterlichste und
liebenswürdigste Monarch so ausgezeichnet hat.«
    »Ach, Sie meinen mich? Nein ich war's ja nicht.«
    »Wer denn?«
    »Die Mamsell Alltag, die stand im Fenster neben mir.«
    »Adelheid Alltag!« rief die Fürstin und blieb sinnend stehen, so im Sinnen,
dass sie den herangaloppirenden Reiter nicht bemerkte, der sich zum zweiten Mal
vom Pferde warf und an die Damen trat. Es war der Adjutant des Kaisers.
    »Seine Majestät haben mich zurückgeschickt, meine Damen, mit strengsten
Befehl, Ihnen meine Gegenwart aufzudringen und nicht eher zu weichen, als bis
ich ihm rapportiren kann, dass der Wagen und Alles, was Sie wünschen, zur
Zufriedenheit der erlauchten Frauen hergestellt ist.«
    Die Fürstin musste nach dem eigentümlichen und forschenden Blick, den sie
ihm zuwarf zu schliessen, in alter und sehr genauer Bekanntschaft mit dem
Adjutanten stehen.
    »Berichten Sie, Prinz, Seiner Kaiserlichen Majestät, wie Sie uns sprachlos
vor Rührung über diese ausserordentliche Gnade gefunden haben. Um uns aber in
unsern stummen Dankgefühlen nicht zu stören, bitten wir Sie, uns auf der Stelle
auch noch zu vertrauen, warum Sie ausserdem hergeschickt sind.«
    Der Adjutant, wie im Einverständnis mit der Art der Frage, verneigte sich
vor der Baronin: »Ausserdem wünschten Seine Majestät zu erfahren, wer das junge
Mädchen war, die am Einzugstage neben der schönen Frau am Fenster stand.«
    »Wirklich!« rief die Fürstin; man glaubte unter dem Zobelpelz ihr Herz gegen
die Brust schlagen zu hören, die matt gewordenen Züge ihres feinen Gesichts
belebten sich und ihr schwarzes Auge strahlte von einem Glanz, der das graue
Morgenlicht beschämte: »Berichten Sie Seiner Majestät, dass was wir wünschen,
wenigstens was ich wünsche, zu meiner Zufriedenheit hergestellt sein wird.
Vielleicht sage ich Ihnen dann unterwegs - Sie chaperonniren doch unsern Wagen?
wer das junge Mädchen ist, vielleicht auch nicht. Je nachdem Sie sich
aufführen.«
 
                         Siebenundvierzigstes Kapitel.
                Von Magistratspersonen und ungeratenen Kindern.
Die Geheimrätin Lupinus war am Rathaus vorgefahren und hatte in die Hände des
Magistrats eine Gabe von dreihundert Talern als milden Beitrag zu den
Kriegskosten des Staates niedergelegt. Der Magistrat hatte es für nötig
erachtet, durch eine confidentielle Deputation der Geheimrätin für diesen
Beweis einer ausserordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besonderen Dank
abzustatten. Sie hatte die Herren Büsching, Köls und Gerresheim mit Beschämung,
wie sie sagte, empfangen, und ihre Verwunderung nicht zurückhalten können über
einen so Aufsehen erregenden Schritt, und um eine Handlung, welche nach ihrer
Meinung die Pflicht von Jedem fordere.
    »Aber Sie waren die Erste in Berlin, die das Beispiel gab,« hatte Büsching
erwidert, »und vor diesem Beispiel verneigen wir uns.«
    »So wünsche ich, meine hochgeehrten Herren, dass das Beispiel von den
Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit, die ich
mitbrachte, bald vergessen werde über die grossen Opfer, die andere Reichere auf
dem Altar des Vaterlandes niederlegen.«
    »Eigentlich hat sie Recht,« sagte Gerresheim, als die Herren wieder in den
Wagen stiegen. »Das schickt sich nicht für eine Korporation wie der Magistrat
von Berlin.«
    »Was schickt sich denn, und was schickt sich nicht,« sagte Köls, »wenn das
Vaterland in Gefahr ist? Wir mussten aus den Provinzen täglich in den Zeitungen
lesen, dass der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet, und wertvolle
Lieferungen verspricht, während in der Hauptstadt nicht das Geringste geschehen
ist. Da war es Pflicht, den ersten Besten, der mit einer ansehnlichen Offerte
hervortrat, zur Stimulation für die Andern zu honoriren.«
    »Das ist auch meine Ansicht,« schloss Büsching. »Es ist mit unserm
Gemeindewesen überhaupt nicht, wie es sein sollte. Da muss man Manches dem
Einzelnen überlassen, was eigentlich nicht an ihm wäre.«
    »Unser Räderwerk ist etwas verrostet, das ist richtig,« stimmte Gerresheim
bei.
    Jener fuhr fort: »Können wir als Korporation etwas tun, um auf das
Staatswohl einzuwirken? Weder nach Oben, noch nach Unten haben wir Einfluss.«
    »Ist auch nicht unseres Amtes, Herr Kollege,« sagte Köls. »Und ich sollte
meinen, es macht uns schon genug zu schaffen.«
    »Papierstösse in Aktenberge zu verarbeiten! Meines Erachtens wäre in einem
wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine
andere, als im Schlendrian zu vegitiren.«
    »Liebster, bester Kollege, keine Neuerungen! Haben wir's nicht gesehen,
wohin sie führen? Wenn erst distinguirte Männer im Amt einen Penchant dazu
bekommen -«
    »Neuerungen!« fuhr Büsching dazwischen, »was so uralt ist, als es Städte in
Deutschland gab. Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine
Bürgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden; bei uns aber ist doch
wenigstens noch die Fiktion, dass wir aus der Bürgerschaft hervorgegangen, dass
wir ihre Interessen vertreten, oder, wie man jetzt sagt, sie repräsentiren.
Traurig genug, dass es nur noch Fiktion ist. Meine Herren Kollegen, fühlen Sie
denn nicht, dass es einer innigern, festern Gliederung zwischen oben und unten,
zwischen allen Teilen, Gliedern und Ständen bedarf, um uns fest in uns selbst
zu machen? Wenn ein Feind in England einfiele und London nähme, wäre England
nicht verloren, weil in jeder Grafschaft ein Teil des Ganzen lebt, der selbst
Lebenskraft hat, weil die Gemeindevorstände aus der Gemeinde hervorgingen, mit
ihr zusammenhängen, mit ihr, auf sie gestützt, handeln können. Da rettet sich
ein Teil des Staates, der Nation, in die Städte, Grafschaften, von dort aus
erhebt sich England wieder. Was aber wäre Preussen, wenn Berlin genommen ist, und
der Sitz der Regierung, ehe man die Staatsmaschine retten konnte, mit Allem
darum und daran, dem Feinde in die Hände fiel? Wo sollte sich ein Widerstand
organisiren, wo eine legale Autorität auftreten, wenn ein Schlag den Knoten
zerhieb, in dem alle Fäden zusammen liefen, und sie hängen nun lose da. Die
Einzelnen möchten zwar gern und sie sind bieder, gut, entschlossen; aber wo ist
ein Mann, ein Name, eine Institution, welche eine Kraft, einen Anspruch hat, die
Einzelnen um sich zu sammeln. Wir haben keine Aristokratie, keine Magistrate,
wie sie sein sollten, gar keine Korporationen mit Einfluss hinter sich, mit
Untergebenen, die ihren Führern, wenn nicht aus Liebe folgen, doch aus Interesse
sich zu ihnen schaaren. Wenn der Schlag fiele, sind wir zersplittert, eine
zerstreute Heerde, von der jeder Nachbar, jeder Räuber, was ihm bequem liegt, an
sich risse.«
    »Wir haben unsere Armee,« sagte Köls.
    »Und die Armee hat Disciplin,« setzte Gerresheim hinzu. »Mit Disciplin lässt
sich Alles durchsetzen.«
    »Auch der Opfermut, der festält an einer verlornen Sache? - Lassen Sie uns
abbrechen, meine Kollegen, unsere Ansichten finden keine Vereinigung. Wir haben
keine Korporationen, Stände, keine Gliederung im Staate, aber wir haben
Menschen, gute, tüchtige Menschen, vielleicht Charaktere, die nur jetzt
verborgen sind, und die Not weckt noch mehr zur rechten Stunde. Das hoffen wir
doch Alle, und lassen Sie uns an diesem Glauben festalten. Darum -«
    »Wollen wir auch das Scherflein der Wittwe nicht verschmähen; die
dreihundert Taler der Lupinus sind uns aber lieber,« fiel Köls ein. »Sie ist
ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus,« sagte Büsching. »Und -« setzte
Gerresheim hinzu und schwieg plötzlich, bis er die Bemerkung hinwarf: »Die Frau
Geheimrätin admirirte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation; da
ist das Changement doch auffällig.« Die drei Herren sahen sich an und mussten
sich verstehen.
    »Es ist doch etwas eigenes mit der Weibernatur,« sagte Köls nachdenklich.
»Wie weit sind sie uns oft vorauf, ich möchte sagen, wie der Blitz, der durch
die Nacht leuchtet, und wir sehen den Weg vor uns. Aber dann, wenn wir den Weg
einschlagen wollen, haben sie sich plötzlich verloren und wir haben Mühe sie
mitzuziehen.« »Sie tut's auch jetzt nur, um von sich reden zu machen,« sprach
Büsching. »Darüber hab' ich mich keinen Augenblick getäuscht. Aber das dürfen
wir um Gottes Willen nicht sagen. Hingenommen das Gold, und einen Heiligenschein
daraus geschlagen. Zum Zweck ist's dasselbe.« »Es wird mit dem Schein manches
Heiligen nicht besser sein,« assentirte Köls. »Was meinen Sie, Gerresheim?«
    »Weiss der Geier, in der Frau ist etwas, was mich anzieht, und abstösst. Als
ob ihr Auge mich aushöhlen wollte und ich fühle mich gedrungen, dann immer
tiefer hineinzusehen, um sie wieder auszuholen.« »Ei, ei, Gerresheim, doch nicht
wieder verliebt?« »Das wäre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten, den
er zum Geständnis bringen will. Ich kann die Vorstellung nicht los werden, dass
ich die Frau einmal vor mir sitzen hätte am grünen Tisch, in einem Glorienschein
von erhabener Tugend und philosophischer Resignation. Da steht mir der kalte
Schweiss auf der Stirn, wie sie auf meine Fragen antwortet. Sie redet sich aus
und in mich drein, dass ich an mir irre werde. Glauben Sie mir, das könnte die
Frau in solcher Lage, mit ihrem züngelnden Blicke, voll Sanftmut und doch in
die Seele bohrend, mit ihrem feinen Lächeln, mit der unendlichen Milde, die um
ihre blassen Todtenlippen schwebt Sie bedauert mich, sich, die ganze Welt, und
Gott weiss was hinter dem Bedauern lauert, Hohn und Hass, Gift und Tod.«
»Gerresheim, ich bitte Sie, ein Mann wie Sie, ein Richter, Kriminalist, und
solche Phantasieen!« »Ich weiss es, es ist unrecht, aber wer kann dafür! Sie ist
die reputabelste Frau in Berlin, und doch -« »Was steckt dahinter?« »Nichts
weiter, Büsching, als die Warnung, dass man die Leute nicht zu klug werden lassen
darf. Stellen Sie sich das Elend vor, wenn jeder Dieb so fein, gewitzigt,
gelehrt und gebildet wäre wie die Geheimrätin Lupinus! Da möchte der Teufel
Richter bleiben.«
    Während dieses Gesprächs stand Diejenige, von welcher die Rede war, am
Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen. Das Fenster war
geschlossen und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes. Sie konnte
nichts mehr sehen, und nach den Gesetzen der Natur, die wir kennen, nichts
hören, als das Fortrollen der Räder. Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet,
hätte glauben mögen, dass sie das Gespräch im Wagen angehört. In ihren Augen
stand geschrieben: ich weiss, was Ihr über mich denkt! Ich kann's nicht ändern,
aber Ihr könnt und sollt mich nicht anders machen als ich bin. Dann flog ein
eigentümliches Lächeln über die Lippen, welche die Magistratsperson so treffend
gemalt hatte.
    »Der Herr Legationsrat von Wandel lassen ihren Respekt vermelden!« sprach
der eintretende Diener, nachdem ein Zug an der Türglocke sie aus ihren Gedanken
aufgeschreckt.
    »Ich lasse dem Herrn Legationsrat für seine unerwartete Attention danken.«
    Der Bediente ging aber noch nicht, obgleich die Dienerschaft gewöhnt worden
zu schweigen, wenn die Geheimrätin mit einer ihrer scharfen Bemerkung eine Rede
abschnitt. Es hatte sich manches in dem Hause verändert, die Geheimrätin
schnitt viel öfter, rascher die Reden ab; sie sprach am liebsten mit sich, und
man sah ihr an, dass sie in der Unterhaltung den mit ihr Redenden nur äusserlich
Aufmerksamkeit schenkte, während ihre Gedanken andere Wege gingen.
    »Ist's noch etwas, Heinrich?« fragte sie, als der Bediente nicht ging. Er
hiess eigentlich Johann, hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen
ablegen müssen.
    »Herr Legationsrat -« sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der
Geheimrätin.
    »Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten vermelden lassen,«
wiederholte sie rasch. »Weiter hat Er mir doch nichts zu sagen?«
    »Sie lassen der Frau Geheimrätin sagen, Frau Geheimrätin möchten doch
heute Abend ja nicht versäumen in die Komödie zu kommen. Es wäre nämlich was
los. Es wäre nicht um der Komödianten willen, sagte der Mensch, sondern weil die
Herren Garde du Corps und von den Gensd'armen die Logen gemietet, und man
wüsste nicht, was draus werden könnte. Frau Geheimrätin möchten aber ja nichts
zu Andern von sagen, denn es sollte es nicht Jeder wissen.«
    »Das sagte Ihm alles der Mensch? Vermutlich schrie er es Ihm von der Treppe
zu.«
    »Nein, Frau Geheimrätin, der Mensch des Herrn Legationsrats waren nur sehr
eilig, weil er's noch vielen ansagen sollte. Sie standen Alle auf einer Liste.
Darum -«
    Die Geheimrätin schnitt diesmal das Gespräch nicht durch ein Wort, sondern
durch einen Blick ab. Aber der Blick war schärfer als das Wort.
    Sie hatte sich auf das Kanapé gelehnt, aber sie sass nicht allein. Einst
hatte sie aufgeschrieen, als sie kleine Schlangen sah, die über das Sopha ihres
Arztes züngelten und um seinen Arm sich ringelnd ihm an den Hals glitten.
    »Fürchten Sie sich nicht, Frau Geheimrätin,« hatte Heim gerufen, ohne
Anstalt zu machen, der fast Ohnmächtigen beizuspringen. »Die Schlangen tun
Niemand was. Es hat aber andre, die zischen und sind giftig, und Niemand sieht
sie!«
    Diese Schlangen schienen jetzt neben ihr auf den Kissen zu spielen, um ihren
Hals sich zu schlingen und durch ihre immer engere Umklammerung die scheu
schielenden Blicke ihrer Augen zu erpressen. Fuhren sie auch zuweilen mit einem
nagenden Stich in ihr Herz, so kann man wohl daher das plötzliche Aufzucken, das
krampfhafte Atmen, das sie sich selbst zu verbergen suchte, indem sie ihre Hand
unwillkürlich an ihre Brust führte.
    »Er hat Recht,« sagte sie, mit Anstrengung sich wieder vom Sopha erhebend,
während sie sich doch noch an die Lehne hielt. Aber dann zwang sie sich mit
aller Muskelkraft, die dem starken Willen zu Gebote steht, aufrecht zu stehen.
»Er hat Recht,« wiederholte sie. »Das Leben ist und bleibt ein Krieg Aller gegen
Alle, und nur Der steht fest, der sich zuletzt auf Niemand verlässt, als auf
sich -Niemand« - setzte sie mit Nachdruck hinzu. »Denn der beste Bundesgenosse
wird der gefährlichste Feind, wenn die Bande zerrissen sind, die ihn an uns
fesselten. Und was sind denn diese Bande, wenn wir sie näher betrachten? Der
Leim, der die spröden Fäden schmeidigt und bindet, ist das Interesse, weiter
nichts! Die süsseste Liebe, der eifrigste Wissensdrang, wenn wir sie zersetzen,
es bleibt nur das Gelüste, das allerfeinste, nach Genuss und Vorteil. Die
Vaterlandsliebe, was ist sie, auf ihre Grundstoffe zerlegt? Ein grober Egoismus!
Und dieser Patriotismus, den wir uns vorlügen, Jeder sich selbst, in noch
stärkerer Dosis dem Andern, und der gibt ihn uns wieder zurück, aufgeschwollen,
bis das grauenhafte Phantom fertig ist, das Wolkenbild, das unsre Sinne
verwirrt, unsre Vernunft uns raubt. Und was bleibt dann? -«
    In der Kinderstube war es laut geworden, keine ungewöhnliche Erscheinung.
Die Kinder verübten, wenn sie kaum sich etwas erholt, allerhand Schabernack. Sie
neckten, zankten, schlugen sich, und es war mehr als einmal passirt, dass sie in
unbewachten Augenblicken wieder einen frischen Trunk aus dem Quell des Uebels
getan, von dem sie geheilt werden sollten. Charlotte kam aus der Stube, die
Enveloppe umgetan zum Fortgehen. Sie weinte.
    »Haben die Kinder Sie wieder nicht in Ruhe gelassen?«
    »Ach, Frau Geheimrätin, wenn da der liebe Gott nicht hilft, dann weiss ich
nicht, wer helfen soll.«
    »Warum hilft Sie sich nicht selbst?«
    »Ich knuffe sie auch, Frau Geheimrätin, aber Wechselbälger sind gar nicht
so schlimm. Nein, seit sie doch in dem Hause sind! Ein vernünftiger Mensch soll
doch auch nicht in Rage kommen, denn wer in Rage ist, hat keine Vernunft, ja
sonst - ich frage mich immer, womit hat's die liebe gute Frau Geheimrätin
verdient, nämlich die selige, die hatte ja ein Herz wie Zucker, das konnte keine
Fliege leiden sehen, und der Fritz, wenn er den Maikäfern die Flügel ausreisst,
das ist sein grösstes Plaisir. Malwinchen ist stiller, aber die hat's dick hinter
den Ohren. Glauben Sie mir's, Frau Geheimrätin, die war's, die hat die
Medizinpulle in die Mehlspeise gegossen. O Gott, ich kenne sie ja; der Fritz, ja
mit reingepolkt hat er in die Speise, aber Fritz ist viel zu wild; der hätte
nicht nachher die Pelle, mit Respekt zu sagen, so wieder rüber gepellt, dass
man's nicht merken tat. Und dass so was in einem so reputirlichen Hause
vorkommen musste! Mein Cousine, die Frau Hoflackir, als sie's hörte, schlug die
Hände über den Kopf zusammen, und sagte: Charlotte, Du mein Jemine! die Leute
hätten ja denken können, sie wären vergiftet und vergeben worden.«
    »Das ist ein albernes Gerede.«
    »Das sagte ich ja auch. Erstens, das waren vornehme Gäste und die nennt man
nicht Leute, Cousine. Nun Sie müssen wissen, meine Cousine ist jetzt eine sehr
respektable Frau, aber sie hat nicht die Bildung gehabt. Da muss man ihr schon
etwas zu Gute halten. Aber dann sagte ich ihr: Aber, Cousine, wie kannst Du so
was nur denken! Gemeine Leute sind rachsüchtig, und da hat schon Mancher seiner
Frau auf den Kopf geschlagen, und in den Büchern steht's von mancher Frau, die
ihren Mann vergeben hat in der Suppe, dass sie ihn unter die Erde kriegte, und
hinter der Tür stand schon ein anderer. Aber unter honetten Leuten kommt so was
nicht vor, die wissen sich anders zu helfen. Und wenn's einmal, so macht man
auch nicht so viel Geschrei davon, denn da wär's ja getan um allen Respekt und
die Moralität. Nein, alles, was Recht ist, und mein guter Herr, der Geheimrat,
in der Seele hat er mir weh getan, dass er dabei sein musste.«
    »Wie war nur das Kind in die Küche gekommen?«
    »Du lieber Gutt, sie hat einen guten Geruch. Da ging sie denn der Mamsell
Adelheidchen so lange um den Bart - das heisst, sie streichelte mit ihren
Händchen die blonden Locken, o Malwinchen ist ein Filou, und da müsste Mamsell
Adelheid früher aufstehen, wenn sie's merken wollte.«
    »Adelheid hat nichts davon gesagt.«
    »Ach, Frau Geheimrätin, wie wird man Ihnen denn alles sagen, was in Ihrem
Hause passirt! Sie haben auch gesagt, der Herr Geheimrat soll Kaffee haben vom
zweiten Aufguss, weil's ihn echauffirt; Mamsell Adelheidchen aber lässt ihm vom
ersten geben, weil sie gemerkt hat, dass es ihm besser schmeckt. Und der Herr
Geheimerat, der nichts merkt, merkt's recht gut, und ist still zu. Warum sollte
er's auch laut machen; er denkt, dann kann's anders werden. Es geht in jedem
Hauswesen so zu, und wer der Klügste ist, soll sich nicht einbilden, dass nicht
Einer ist, der ihm auf die Sprünge kommt. Jedes Schloss hat ein Loch und jede
Mauer eine Ritze, man sieht sie nur nicht, und wer noch so verdämelt aussieht,
zuweilen schiesst's in ihn. Das sage ich meinem Geheimrat auch. Will sich
manchmal um Alles kümmern, meine Marktrechnungen nachrechen. Lieber Herr
Geheimrat, sage ich ihm, wenn ich Sie übers Ohr hauen wollte, dann wären Sie
der letzte, der's merkt. Er hat auch gemerkt, dass es Malwinchen gewesen war;
aber er tat nur so, sonst hätte er ja losfahren müssen - und vorm Braten schon,
und am Ende hätten Sie ihn die Kinder gleich einpacken lassen. Na, das käme ihm
jetzt bequem. Es ist ja auch nicht das erste Mal, bei uns haben sie's schon mal
so gemacht. Die Himbeersauce rein ausgeleckt, derweil wir asserviren. Was tun
sie, damit wir's nicht merken sollen? Sie giessen das grosse Tintenfass aus der
Registratur 'rein. Ich sah's nicht mal, denn wir hatten Eine zur Aushülfe, so
ein Schlesisches Puddel, die schrie: Herr Je - die Tunke ist ja schwarz! Na, die
schwarze Brühe merkten wir denn bald. - Und nu's einmal 'raus, soll auch alles
'raus. Das Achtgroschenstück, warum der Hausknecht seinen Jungen so
gottesjämmerlich prügelte, der Gottlieb hatte es nicht in die Gosse fallen
lassen - das sagte der Junge nur aus Pfiffigkeit, dass er mit den Patschen drin
wühlen konnte, und wer half ihm nicht, und derweil er heulte und wühlte, dachte
er, kommt 'ne mildtätige Seele, und schenkt ihm was. Sie haben ihm auch was
geschenkt, aber die Prügel waren das Meiste. Nein, aus der Tasche hat er sich's
stehlen lassen. Und wer hat's ihm stibjetzt? - Ich weiss es.«
    Ihre Hände mussten ihre Tränen nicht fassen können, die aus Charlottens
Augen stürzten, auch das blaue Tuch, was sie davor hielt, ward in allen
Wendungen nass, und ihr Schluchzen schallte von den Wänden zurück. »Wäre es
möglich, Charlotte!«
    »'s ist gewiss, Frau Geheimrätin. Es schoss mir gleich was durch den Sinn.
Und nachher, wie ich im Stroh suchte unter seinem Bett, da fand ich's - das
Achtgroschenstück.«
    »Sie hat es dem Hausknecht wieder gegeben!«
    »Ich wollte es auch, aber da kriegt mich der Fritz zu packen. Sage ich
Ihnen, wie ein Kobold, er kniff mir in die Waden und biss mir in die Finger, und
schrie und weinte - nu man hat doch auch ein Herz im Leibe - wer will denn
seiner Herrschaft Kinder an den Galgen liefern! - Dem Gottlieb tut man's wieder
gut. Die Prügel hat er doch mal weg; schaden ihm auch nichts. Aber von dem
Achtgroschenstück, davon ist's ja eben. Zum Kuchenbäcker um die Ecke. Sein ganz
Schnupftuch voll brachte er mit, husch unters Bett, und nun stopften sie. Daran
liegen sie ja jetzt wieder. Nein, sage ich doch, das steckt im Blute.«
    »Meint Sie?«
    »O Du himmlischer Vater, wenn da nicht Einer hilft, der wird mal 'ne
Räuberbande, wie's zu lesen steht in den Büchern bei Herrn Vieweg - blutig
duster im Walde, und am Ende schleppen sie ihn in Ketten. Na, wenn das mein Herr
erlebte!«
    »Im Blute, sagt Sie, steckt es!«
    »Wer's zu verantworten hat, weiss ich auch, Frau Geheimrätin. Nein, da sind
Sie nicht dran schuld. Im Blute, sagt der Herr Prediger, steckt die Sünde, der
Frühprediger meine ich, wo die russische Fürstin allemal hinkutschirt. Ach, Frau
Geheimrätin, haben Sie den mal gehört? Das ist gar kein Prediger wie die
andern, der donnert von der Kanzel, dass es Einem brühsiedend heiss wird, und 's
ist Einem, als ob das liebe Fleisch von den Knochen abginge. Der sagt's uns
raus, dass die ganze Menschheit in Grund und Boden nichts taugt und keinen Schuss
Pulver nicht wert ist. Und das kommt aber nicht von uns, sondern weil wir uns
von der Erbsünde losgesagt haben, darum alles das und noch viel mehr. Herr
Jesus, Frau Geheimrätin, wie malt der Mann das alles, man sieht's ordentlich.
Man möchte von Keinem mehr ein Stück Brot nehmen, so sind sie versunken und
verpestet in Eitelkeit und Habsucht und Wollust und Hoffart. Und das wird auch
nicht besser werden, denn die Kinder werden noch immer schlechter als die
Eltern, von wegen dass sie's von ihnen lernen, bis der Herr in seinem Zorne
wieder eine Sündflut schickt, oder ein grosses Feuer, oder wie er sagt eine
Bluttaufe, denn vernichtet müsste das ganze gottlose Geschlecht werden, sagt er,
das abgefallen ist vom rechten Glauben an die Erbsünde und darum wären wir
schwächlich und diebisch und neidisch und verredeten, und vergeben einen den
andern, und wollten besser scheinen, als wie wir sind. Und dann streckt er die
Arme aus und ruft zum Herrn der himmlischen Heerschaaren, dass er die Kindlein
fortnehmen möge in seinem Erbarmen, und er möchte Tränen weinen, dass sie ein
Meer würden, sagt der Herr Prediger, und die unschuldigen Kleinen alle darin
versöffen, damit sie nicht lernten die Sünden der Eltern, sondern 'rein kämen in
den Himmel, wie neugefallener Schnee. Das war nur ein Schluchzen in der ganzen
Kirche und ich dachte, o Gott, wenn doch der Himmel so unser Malwinchen und
Fritzchen zu sich nehmen wollte. - Und dass nun einmal alles rein aufgewaschen
wird, Ihre chinesische Porzellanvase hat Fritzchen auch zerschlagen. Mamsell
Adelheidchen hat sie nur so oben mit der schönen Seite auf den Rand gesetzt, dass
Sie's nicht merken sollen, und dann will sie's abpassen, wenn Frau Geheimrätin
mal bei guter Laune sind. Ja, wenn die englische Mamsell nicht wäre, dann wäre
schon längst ein Malheur passirt.«
 
                          Achtundvierzigstes Kapitel.
                               Präparirtes Gift.
Charlotte war fort. Ihr Geheimrat hatte sie zur Mittagsstunde erwartet, und
»wir haben heut sein Lieblingsgericht,« hatte Charlotte sich entschuldigt. Die
Geheimrätin stand im Krankenzimmer. Es war ein eigenes Lächeln, mit welchem sie
die schlafenden Kinder betrachtete. Nicht das des Wohlgefallens, es war nichts
Wohlgefälliges in dem Anblick. Es war eine Wissbegier, die, je länger sie über
das Mädchen sich beugte, zu einer wollüstigen Empfindung ward. Der Knabe hatte
sie weniger interessirt. Auf seinem Gesichte las sie nur rohen Trotz und
sinnliche Tücke. In Malwinens Lineamenten schien sie zu studiren. »Sonderbar!«
lispelten ihre Lippen, »welche schalkhafte Ruhe über dem Kindesgesichte! und
doch aus allen Grübchen der Schelm vorschiessend, der Zerstörungstrieb - in
Kindern! So schickt vielleicht die Natur Jeden fertig auf die Welt, es ist alles
Prädestination, und wir verfehlen nur unsere Bestimmung, wenn -«
    Sie tippte mit dem Finger über Malwinens Stirn, wie um durch das Gefühl sich
zu vergewissern, ob das Auge nicht getäuscht. Die Probe musste mit der Rechnung
stimmen; ihr Lächeln ward intensiver, als plötzlich doch ein Schatten über ihre
Stirn flog. Der Schlaf ist ja ein Verräter! Lag nicht der ganze dunkle Trieb
für das Auge des Kundigen auf dem Kindesgesicht ausgedrückt? Wenn das mit den
Erwachsenen derselbe Fall wäre? Wenn Jeder sich einschliessen müsste, vor nichts
mehr besorgt, als dass ein Fremder ihm ins Gesicht sehe? - Erschreckt vor dem
Gedanken blickte sie um sich, und - die stille Krankenstube barg den Verräter.
Hinter der Fenstergardine sass Adelheid und stickte an der Fahne, mit welcher die
Geheimrätin, sie wusste noch nicht wie, das Gouvernement überraschen wollte.
»Spielen wir hier die Lauscherin?«
    »Was sollte ich belauschen? Ich arbeite an Ihrem Auftrage.«
    »Mit verweintem Gesicht? Ich meinte, eine Patriotin wie Du sollte nicht
Tränen in die Fahne ihres Königs sticken.«
    »Die armen Kinder litten aber wieder so sehr.«
    »Und da ist es ein süsses Gefühl, als Schutzengel über die Unschuld zu
wachen! Man mag sich für gewisse Leute interessant machen, wenn man immer die
Leidende spielt, es gibt Andere, die durch die Maske sehen.« Adelheid ward rot
und senkte ihr Auge nieder, das entrüstet aufgeblickt. Von der Rede kamen nur
die Worte heraus: »Meine Mutter -«
    »Das Wort wird Dir wohl täglich schwerer? Aber so lange Du Dich bewogen
findest, in diesem Verhältnis zu bleiben, ist es doch gut, dass Du Dich vor den
Andern bezwingst, Liebe gegen mich zu zeigen.«
    »Meine Mutter, Sie martern mich.«
    »Das ist unser Aller Loos. Wir Alle werden gemartert von den Verhältnissen,
vom Urteil der Menschen, bis wir gleichgültig werden, sagen die Leute. Das ist
nicht wahr, man wird nicht gleichgültig, wenn man sich nicht schon aufgegeben
hat. Nur wer so weit ist, dass er alle Hoffnung fahren liess, nimmt die Tritte und
spitzen Stiche ruhig hin. Wer sich noch fühlt, ruht nicht, bis er Andere wieder
martern kann. Sieh mich immerhin verwundert an; es ist so, es ist das Gesetz der
Welt.«
    »Das Gesetz der Rache.«
    »Nenne es, wie Du willst. Es gibt nur zwei Gattungen Wesen. Unterdrücker
und Unterdrückte. Wo Du hinsiehst, so ist es. Das ist eine Phantasie aus der
Vorzeit, dass es freie Menschen gäbe; sie sind von unserer Kultur so ausgerottet
wie die wilden Tiergeschlechter. Denn die noch da sind, sind doch schon
unterworfene Geschöpfe, Der Mensch hegt und erhält sie, um sie zu fangen,
schiessen, je wie es ihm beliebt. Der Hirsch, der Hase ist so sein Eigentum dass
er schon unverbrüchliche Gesetze für ihn gegeben hat wie lange man ihn schonen,
wann der Vertilgungskrieg losgehen soll. Nach eben solchen Gesetzen schont ein
kluger Herr die von ihm abhängig, nicht aus Liebe, nur um seines Vorteils
willen. Er spart ihre Kräfte auf, um sie am besten zu nutzen. Der Wurm und der
Hirsch lehnen sich vergeblich gegen ihre Ueberwinder auf; unter den Menschen
glückt es zuweilen dem Einen und dem Andern, durch List, Ausdauer, frei und Herr
zu werden über seine Unterdrücker, und dieser Prozess ist unsere Geschichte. Aber
wenn sie es sind, dann machen die Sieger es nicht besser und anders; sie
unterdrücken, quälen und martern wieder, wie sie gemartert wurden. Das ist auch
Geschichte, mein Kind. Findest Du es so unnatürlich, dass man lieber sticht, als
gestochen wird?«
    »Ich freue mich, dass ein harmloses Mädchen nicht in Verlegenheit kommt,
wählen zu müssen.«
    Die Lupinus lächelte: »Warum unser Verhältnis durch Unwahrheit erschweren,
mein Kind. Zwischen uns muss Wahrheit sein. Ich ertrage sie, Du kannst es auch.
Du wirst noch mehr ertragen müssen.«
    »Mein Gott, was ist denn zwischen uns Wahrheit?« rief Adelheid und erschrak,
als es über ihre Lippen war.
    »Du sprichst es eben aus. Wir sind zusammengewürfelt und passen nicht zu
einander. Wir gefallen uns nicht, und müssen doch vor den Menschen die Miene
annehmen, als wenn wir uns liebten. Auf Deinen Lippen zittert die trotzige
Bemerkung, ich könnte Dich ja verstossen, Dir die Tür weisen. Nein, Adelheid,
das kann ich nicht, das darf ich nicht. Die Welt, die mich gestern noch
liebkoste, hat sich über Nacht von mir gewandt. Dass ich Dich damals gerettet ist
längst vergessen, so wie Du es vergessen hast. Still, still, ich zürne Dir darum
nicht, ich finde es ganz natürlich. Sie sinnen mir an, dass ich Dich nur
aufgenommen, um mit dem schönen Mädchen Staat zu machen, Du solltest der
Lockvogel sein für eine Gesellschaft, die sonst nicht über die Schwelle der
Lupinus gekommen wäre! Nun sei es anders. Man hat sich satt gesehen, man gafft
andere Sterne an. Man vernachlässigt mich, spottet meiner hinter meinem Rücken.
Wer so einsam dasteht, wie ich, von dem wenden sich auch die treuesten Freunde.
Merke Dir das, es gibt keine Treue, als wer sich selbst treu ist, und das ist
schwer. Die Schule ist lang und hart, ich habe sie durchgemacht. Ich kenne die
Welt; einer nach dem andern ihrer bunten, flimmernden Lappenvorhänge fiel
nieder, auch einer, der fest schien wie das diamantene Firmament - aber das
Firmament ist ja auch eine Illusion! Wenn ich Dir jetzt den Stuhl vor die Türe
setzte, hiesse es, das sei aus Verdruss, weil Du meine Erwartungen nicht erfüllt,
ich wäre Deiner satt. Dass man mich dann tadelte, hasste, ertrüge ich - ich hasse
sie ja auch; aber man würde mich auslachen, und - ausgelacht mag ich nicht
sein.«
    Die Tränen, die aus der wunden Brust, ein heisser Strom, vorbrechen wollten,
gerannen durch die Eiskälte der Rede zu Eis: »Sie haben mir erklärt, warum die
Bande, welche Sie an mich fesseln, von Ihnen nicht gelöst werden können, Frau
Geheimrätin; aber warum ich sie nicht lösen darf, wenn ich weiss, dass meine
Gegenwart für Sie eine störende ist -«
    »Das habe ich Dir allerdings nicht gesagt,« fiel die Lupinus ein, »weil ich
es nicht für nötig hielt. Die Sache ist so einfach. Kann man Liebe erzwingen?
Du liebst mich nicht und hast mich nie geliebt. Das glänzende Leben in meinem
Hause ist Dir nicht mehr neu, oder nicht mehr glänzend; es zieht Dich nicht mehr
an. Die Huldigungen, die Du empfängst, würden Dir auch sonst wo nicht entgehen.
Hättest Du Dich klug von Anfang an benommen, so wäre Deine Stellung jetzt
gesichert, vielleicht eine so glänzende, dass Du auf Die mit stillem Mitleid
herabsehen könntest, die Du noch jetzt so gütig bist, Deine Wohltäterin zu
nennen. Dein übler Stern hat es anders gewollt. Du folgtest einer sentimentalen
Regung, und aus einem Gefühl, das Du Dankbarkeit nennst, gabst Du Dich dem Manne
zu eigen, an den Dich eine doppelte Täuschung knüpft. Du glaubst ihm Deine
geistige Ausbildung zu verdanken, und Du glaubst ihn zu lieben. Mein Kind, wer
der Dankbarkeit huldigt, ist schon verloren; die Undankbaren sind die
Glücklichsten, weil sie die Freiesten sind. Gutes tun ist nichts als eine
Berechnung; die Einen tun es, um einst im Himmel belohnt zu werden, die
Anderen, um hier einen Vorteil zu haben, mit einem kleinen Einsatz spekuliren
sie auf einen grossen Treffer. Auch sie sind Toren! Sie täuschen sich immer in
dieser Berechnung; wenn die Undankbarkeit des Geschöpfes sie längst belehrt
haben sollte, hegen sie dafür noch immer ein Interesse und meinen in einer Art
stillen Wahnsinns, ihr Geschöpf werde doch noch einmal in sich gehen, und es
ihnen lohnen, was sie dafür getan.«
    Die Geheimrätin hielt einen Augenblick inne, es schien, als wolle sie sich
an der Wirkung ihrer Rede erfreuen; aber Adelheid stand wie ein Steinbild vor
ihr. Darauf hatte sie nichts zu sagen Dann fuhr sie fort: »Ueber diese Illusion,
mein Kind, bin ich wenigstens hinaus. Auch Du stehst auf einem Wendepunkt. Du
bist selbst so klug, dass Du fühlst, wie Dein Herr van Asten eben nur tat, was
ein geschickter Lehrer soll, den man dafür bezahlt. Er erkannte Dein Talent, und
führte Dich auf den rechten Weg. Du hättest ihn, auch ohne Walter, vielleicht
später, vielleicht besser gefunden. Deine Bildung ist nicht sein Werk, und noch
weniger bist Du sein Geschöpf. Das siehst Du jetzt mit jedem Tage mehr ein, und
um deswillen fängst Du Dich an zu schämen über das Übermass von Dankbarkeit, mit
dem Du Dich ihm in die Arme warfst. Du liebst ihn auch nicht. Das aber gestehest
Du Dir noch nicht ein, und lullst Dich vielmehr immer tiefer in die
Selbsttäuschung, dass Du ihn lieben müsstest. Etwas Berechnung ist indes auch
dabei. Du möchtest gern von mir loskommen, aber zu Deinen Eltern willst Du auch
nicht zurück. In der vornehmeren Stellung, in welche sie gerückt sind, und
welche Dir allenfalls den äussern Glanz bietet, an dem Du Dich nun gewöhnt hast,
würdest Du Dich noch weniger behagen; ihre neuen Kräfte sprechen Dein
ästetisches Gefühl nicht an. Du bemerkst vielleicht schon manches, Lächerliche
in den Prätensionen, die sie machen. Als gutes Kind giebst Du Dir Mühe diese
Regung zu unterdrücken, aber Du würdest sehr unglücklich sein, sowohl in den
alten beschränkten Verhältnissen, als in den ausstaffirten neuen. Um aus diesem
Dilemma zu kommen, von mir los, und nicht zu Deinen Eltern zurück, drängt es
Dich, und Du drängst vielleicht auch ihn, dass Walter eine Stellung bekomme, wo
er Dich heiraten kann. Mit einer fieberhaften Angst hast Du Dich auf dies Tema
geworfen, und machst ihm immer neue Vorschläge, wie er es anfangen soll. Du
quälst Dich, ihn, Deine Eltern, seinen Vater, uns Alle. Das weisst Du auch recht
gut, denn Du weisst, dass Walter an ganz Anderes denkt. als an Dich und sich, aber
Du tust es doch, weil Du in einer Art Fieber bist. Du betrachtest es als eine
Destination, Dich als ein Opferlamm, und mit allerhand hochherzigen
Vorspiegelungen schilderst Du dann als ein erhabenes Ziel der Selbstverleugnung,
was doch nichts ist, als der Nothafen, wohin der Schiffer in seiner letzten
Verzweiflung steuert. Und wenn Du ihn nun geheiratet hast -«
    »So traue ich mir zu, ihm eine gute, treue Frau zu sein.«
    »Daran zweifle ich nicht. Aber Du wirft es ihn doch fühlen lassen, welche
Opfer Du ihm gebracht. Du wirft ihm nicht täglich sagen: das und das hätte ich
sein können, wenn ich Dich nicht geheiratet, Ihr werdet Euch nicht immer
zanken, noch wird er Dich Abends und Morgens mit verweinten Augen sehen; aber Du
kannst Dich nicht entalten, es ihn empfinden zu lassen, was Du empfindest.
Augenblicke werden kommen, wo Du Reue fühlst. Je länger Du Dich anstrengst es zu
verbergen, je stärker bricht es einmal unwillkürlich heraus. Er ist ein guter
Mensch, aber wenn er empfindlich wird, was ich ihm nicht verdenke, bricht es
wohl los, nicht ästetisch, sondern recht irdisch materiell. Hast Du dann
Tränen, so ist das noch das beste. Hast Du keine, so schraubst Du Dich zurück
in Deine Resignation, Du verschliessest Dich in die Burg Deines Selbstgefühls.
Bist Du erst da isolirt mein Kind, so begnügst Du Dich bald nicht mehr mit der
Verteidigung, sondern Du machst Ausfälle. Keine Festung hält sich auf die
Dauer, wenn der Kommandant nicht die Gelegenheit benutzt, die sich ihm zur
Offensive bietet, und dann - dann ist der Kriegszustand gegen Alle erklärt. - Du
stehst wie ich. Täusche Dich doch nicht, als ob Du jetzt nicht schon darin
lebtest! Auf Walter bist Du ungehalten, dass er nicht ernstere Anstalten trifft;
da fliegt manches spitze Wort, das durch den süssen Händedruck nicht verwischt
wird. Ich hörte schon geschraubte Redensarten zwischen der Mutter und Dir; ihr
vergöttert Kind will nicht mehr das flügge Vöglein im Neste sein; sie begreift
Dich nicht, aber Du begreifst sie nur zu sehr. Und führst Du nicht etwa gegen
mich einen täglichen Krieg? Irgendwie musst Du es mir doch vergelten, dass Dir
mein Anblick zuwider ist. Da begnügst Du Dich, ein harmloses Mädchen, meine
häuslichen Anordnungen zu contrekariren, Du soulagirst meinen Gatten in seinen
Wünschen, die ich für seinen Gesundheitszustand nicht angemessen finde, Du
vertuschest die Unarten der Kinder hier, und bist ihnen wohl selbst behülflich
bei Näschereien, wenn sie auch den Kindern schädlich sind. Wenn ich mit dem
Gesinde zanke, wirkst Du begütigend hinter meinem Rücken, und umgehst auf
unmerkliche Weise, was ich bestimmte. O es ist ein angenehmes Gefühl, von
Kindern und Dienstboten als ihr Schutzengel betrachtet zu werden, und während
man ihre Liebe einkassirt, ihren Hass gegen Andere zu lenken, die nicht so gütig
sind, und es nicht sein dürfen, weil sie ihre Pflicht dadurch verletzen. Und wie
klug es von Dir ist, es so heimlich zu tun, dass ich keinen Verdruss davon habe!
Die chinesische Vase dort ist mir ein teures Andenken aus meinem elterlichen
Hause. Wie geschickt hast Du sie auf die Kante des Schrankes gestellt, damit ich
nicht täglich den Verdruss habe zu sehen, wie die unartigen Kinder sie zerbrochen
haben.«
    »Geheimrätin!« rief Adelheid erblassend, »das ist zu viel!«
    »Ich mache Dir keinen Vorwurf; im Gegenteil ich lobe Dich, dass Du zur
Besinnung kommst. Kann ich fordern, dass mich Jemand lieben soll, und gar um der
Kleinigkeit willen, wo auch ich mir gestehe, dass ich es nicht aus Liebe zu Dir
getan, sondern wirklich, weil es mich amüsirte, mein Hans durch so ein schönes
Mädchen lebendig zu machen. Vieles, was ich aus Liebe getan, ward mir
schlechter vergolten. Unsere Naturen haben nun einmal keine Sympatie. Du bist
mir gleichgültig, ich bin Dir vielleicht widerwärtig. Kannst Du oder ich dafür?
Wie ich die angeheuchelten Gefühle der Dankbarkeit betrachte, hast Du eben
gehört. Du hast nun schon gelernt, Dich geistig von mir frei zu machen. Das ist
ein Fortschritt. Du moquirst Dich über mich, komplottirst im Kleinen gegen mich.
So wird Dir mein Haus eine gute Schule werden fürs Leben. Fahre fort, so nur
lernst Du, wie man mit den Menschen umgehen muss, um - was die Andern nennen,
frei zu werden. Ich bin die ältere, und sah es zu spät ein. Uebe Dich an mir, Du
hast ein langes Leben vor Dir.«
    Adelheid stand sprachlos da, als die Geheimrätin langsam nach der Tür sich
entfernte. Sie wandte sich noch einmal um: »Noch eins, was ich von Dir fordern
kann. Wir sind nun einmal an einander gekettet. Wir müssen es tragen bis der
Zufall die Kette zerreisst. Hüte Dich vor jedem Impuls. Wenn Du etwa auf die
Strasse stürztest - echauffirt, halbnackt, wie damals - Du verstehst mich - würde
es an mitleidigen Seelen nicht fehlen, die Dich wieder aufnähmen. Auch in Sammet
und Seide würden sie Dich kleiden, aber nicht aus Liebe zu Dir, nur aus
Feindschaft gegen mich, mir einen Possen zu spielen. Nimm Deine ganze Vernunft
zusammen, Adelheid. Mir spielten sie den Possen, aber Du müsstest zuletzt doch
bezahlen. Wer so oft eine Rolle spielt und mit sich spielen lässt, hat den
Kredit verloren.«
    Die Tür klinkte hinter ihr zu. Adelheid stand eine Weile regungslos: »Das
Weib! das Weib!« rief sie. »Das Weib vergiftet mich!« und warf sich schluchzend
auf das Bett.
 
                          Neunundvierzigstes Kapitel.
                              Auch Vater und Sohn.
Wenige Minuten nach dieser Scene erhielt Walter van Asten ein Billet von seiner
Braut, so geeignet ihn aus seiner Ruhe aufzureissen, als es von Adelheids
äusserster Unruhe Zeugnis ablegte. Er erkannte in den wild hingesprühten Worten
seine besonnene, klare Freundin nicht wieder. Er verstand das ganze Bittet
nicht, denn zu Anfang sprach es von einem Abgrunde, an dem sie schaudernd
stünde, sie strecke vergebens die Arme nach Hülfe aus, dann entzifferte er in
den von Tränen ausgelöschten Worten, dass er sie retten könne, aber die
Schlussworte widerriefen das Vorangehende. Sie sei in einem Fieberzustand, er
möge nicht auf sie hören, sie lassen wo sie sei, sich selbst ihrem Schicksal
überlassen. Wenn sie unterginge, sei es vielleicht das Beste für ihn und sie.
Gewiss, gewiss, sie werde sich auch dann erholen, die Geheimrätin habe sie nur
prüfen wollen, hinter dieser Medusenmaske schlüge vielleicht ein gefühlvolles
Herz. Sie drang in ihn endlich, nicht zu kommen, sich durch nichts stören zu
lassen, was er höre. -
    Wenn sie das gewollt, warum nur die Nachschrift? Warum hatte sie den Brief
nicht zerrissen, einen neuen geschrieben, oder die Absendung ganz unterlassen?
Sie befand sich also in einer Aufregung, welche ihr die Besinnung geraubt, und
in diesem Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn hatte sie zuerst
gedacht, als sie nach Rettung aufschrie. Die Resignation war erst nachher
gekommen. Er war aufgesprungen, sein Entschluss gefasst, nur ihrem ersten Willen
zu gehorchen, und eben hatte er den Ueberrock vom Nagel gerissen, als ein
zweites Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward. Der Bote war
verschwunden, das Wirtsmädchen hatte nicht nach dem Absender gefragt, und der
unterzeichnete Name, als er es aufgerissen, war ihm fremd. Jemand, der sich
einen Sekretär des neuen Ministers nannte, forderte ihn auf, sich morgen in
einer Frühstunde bei demselben melden zu lassen, indem Se. Excellenz ihn kennen
zu lernen wünsche. Auch hier ein Postscript des Inhalts, dass der Minister bereit
sei, ihn schon heute Nachmittag zu empfangen. Die Stunde war benannt, und Walter
hätte eben nur Zeit gehabt, seine Toilette darnach einzurichten, wenn er der
letztern Weisung, die fast wie ein Befehl klang, Folge leisten wollen.
    Was wollte der Minister von ihm? - Natürlich! er hatte seine Schrift
gelesen, seine Ansichten hatten ihn angesprochen, er wollte mit dem Verfasser -
»Endlich!« brach es von seinen Lippen, und seine Stirn klärte sich auf, aber der
Glanz verschwand schnell wieder. Nach so vielen Enttäuschungen vielleicht eine
neue! Hatte ihm nicht ein ängstlicher Freund aus der Schulzeit zugeflüstert, dass
er aus höheren Kreisen gehört, wie man seine Vorschläge für naseweis halte, dass
seine Anmassung eigentlich eine Rüge verdiene? Und bedurfte es für ihn solcher
Zuflüsterung, nach der eigenen Erfahrung, die er bei einem befreundeten Minister
gemacht? Zwar, nach seinem Ruf im Publikum, war er den neuen Ideen zugänglich,
er hege selbst grossartige Pläne, aber er sei eigensinnig, hiess es, dringe damit
nicht durch, darum verdriesslich, und jetzt so gut wie ohne Einfluss. Auch er
mochte ihn nur warnen wollen. Aus dem Zweifel, ob er den Ueberrock oder den
Frack anziehen solle, riss ihn ein neues Klopfen, eine neue Ueberraschung Sein
Vater trat in die Stube. Er war noch nie hier gewesen, aber auf seinem Gesicht
ersah man nichts von der Verwunderung, welche sich auf dem des Sohnes
ausdrückte, weder eine freudige, noch eine betrübte. Er reichte dem jungen Manne
die Hand: »Ich muss doch auch mal sehen, wie's Dir geht,« und setzte sich, »wie
ermüdet vom Wege, auf einen Sessel.«
    »Ein unerwarteter Besuch, mein Vater.«
    »Da Du nicht zu mir kommst, um zu sehen, wie's bei mir aussieht, muss ich zu
Dir kommen, um zu sehen, wie's bei Dir aussieht. Wir kommen ja sonst ganz
auseinander.«
    »Das habe ich nie gefürchtet, und Ihr Besuch bestätigt meinen Glauben,«
sagte Walter, während der Vater seinen Blick flüchtig umher schweifen liess.
    »Nu das ist ja alles recht hübsch ordentlich. Deine Lektionen müssen Dir
auch schon was Erkleckliches eintragen, freilich, und die Schriftstellerei auch.
Um wen man sich so reisst, dass man gar kein Exemplar mehr kriegt, und wenn man's
mit Gold aufwiegt. Schreibst Du wieder was Neues?«
    »Mein Vater, ich kenne Sie, und ich glaube, Sie kennen mich. Sie haben den
sauren Weg, der mich erfreut und beschämt, nicht ohne Absicht angetreten?«
    »Wer fällt denn gleich mit der Tür ins Haus? Ich wollte mit Dir vorher ein
bisschen über Krieg und Frieden diskouriren, europäische Weltverhältnisse. Du
bist ja jetzt ein Politiker, und ich hoffe doch noch immer mein Sohn, der mir
mit Rat und Tat zur Hand sein wird, wenn es seines Vaters Wohl gilt.«
    »Zum Spotten ist die Zeit zu ernst.«
    »Was spotte ich? Geht einen Kaufmann Krieg und Frieden nichts an?« Der Alte
stampfte mit seinem Rohr auf den Boden. »'s ist Ernst, Herr Sohn. Wenn ein
Kaufmann Schiffe auf der See hat, so geht ihn der Sturm sehr viel an; und wenn
die Portepeefähndriche bis zu den Generalen hinauf in seinen Büchern stehen, so
ist ihm ihr Leben noch viel teurer als dem Vaterlande.«
    »Als ein umsichtiger Kaufmann, wie ich Sie kenne, werden Sie Ihre
Unternehmungen nach den letzten kritischen Zeitumständen eingerichtet haben.«
    »So? hoffst Du das?«
    »Sie mussten den Krieg als wahrscheinlich im Auge haben, und Ihre
Spekulationen, wenn nicht darauf einrichten, doch danach abmessen.«
    »Wenn ich nun auf den Frieden spekulirt hätte!«
    Indem Walter seinen Vater aufmerksam betrachtete, suchte er, ob hinter der
barocken Wolke, mit welcher van Asten seinen wahren Gesichtsausdruck zu
verbergen wusste, nicht eine andere Stimmung lauere. Doch keiner der schlauen
Blicke züngelte zu ihm auf; er sass, die Hände auf den Stock gestützt, seine
Augen auf den Boden gerichtet.
    »So bin ich wenigstens davon überzeugt, dass Sie Ihr Geschäft übersehen
haben. Wenn eine Unternehmung Ihnen fehl schlüge, werden Sie nicht selbst
geschlagen sein. Das Renommee des alten Hauses van Asten und Kompagnie -«
    »Die ältesten Häuser stürzen beim Erdbeben. Krieg ist ein Erdbeben. Lerne
was von mir, was Dir gefallen wird: ein Kaufmann, der immer nur auf Nummer
Sicher setzt, hat bald ausgewirtschaftet.«
    »Mein Vater, wenn Sie auf den Frieden Ihr Alles setzten, -« sagte Walter
nachdenklich.
    »So ist wieder Unfriede zwischen uns,« fiel der Alte ein, »denn Du hast Dein
Alles auf den Krieg gesetzt. Ich weiss es.«
    »Was ist mein Alles, Vater!«
    Der Kaufmann winkte ihm mit der Hand zu schweigen. »Ich weiss es ja, darum
kam ich nicht her. Ich will nicht richten mit Deinen heroisch patriotischen
Stimmungen, ein guter Geschäftsmann kann auch damit etwas anfangen, wenn die
Leute danach sind! Da aber die Leute nicht danach sind, so - habe ich meine
Rechnung auf den Friedensfuss gesetzt.«
    »Und die Armee -«
    »Ist auf den Kriegsfuss gesetzt, das heisst der Lieutenant kriegt so und so
viel, und der Obrist so viel Zulage. Die bezahlt der Schatz, und wenn keiner da
ist, der Bürger und Bauer. Nun sehe ich aber nicht ab, was der Fuss in Stiefel
und Sporen mich bange machen soll, wenn der ganze Leib noch im Schlafrock
steckt.«
    »Der Schlafrock wird ihnen abgerissen!«
    »Bist Du auch dabei?« Jetzt erst warf der Alte einen seiner schlauen Blicke
zu ihm hinauf. »Man will heut in der Komödie ein paar Raketen in die Luft
schicken. Das Sprühen und Prasseln soll gewissen Leuten die Augen und Ohren
öffnen. Wenn sie nun aber absolut nicht sehen und hören wollen! Kinder sollten
nicht mit Feuerzeug spielen.«
    »Sie wissen, das wir wirklich das verlassene Hannover besetzt haben.«
    »Und wir verproviantiren die Franzosen in Hameln.«
    »Aus dieser Zweideutigkeit Preussen herauszureissen ist jetzt die Aufgabe
aller Besseren.«
    »Und Du siehst, der König zaudert, wie er vorhin gezaudert. Kaiser Alexander
selbst musste kommen, um ihn zu elektrisiren. Nun der Exekutor fort ist, fallen
wir in unsere Natur zurück. Wie sagt doch da der Lateiner von der furca
expellas?«
    »Wenn der Degen zu drei Viertel aus der Scheide gerissen ist!«
    »So steckt immer noch ein Viertel drin, und das kann man so langsam
herausziehen, bis es zu spät und der Krieg an der Donau vorüber ist. Bonaparte
hat Wien genommen, weisst Du das schon? Die beiden russischen Heere, unter
Kutusow und Buxhövden werden Mühe haben sich um Olmütz zu vereinigen. Die
Nachricht kam eben auf der Börse an.«
    »Wien genommen!« rief Walter. »Und Haugwitz!«
    »Hat sich von Bonaparte hinschicken lassen, weil in Wien ein Gesandter am
besten aufgehoben ist. Der Kaiser hat sehr viel Rücksichten mit ihm gehabt, fand
es unschicklich, dass ein preussischer Minister und Diplomat sich im Heerestross
mitschleppen lasse.«
    »Und Haugwitz liess sich fortschicken?«
    »Was wird er nicht! Er liebt die Kommodität. Sehr langsam reist er schon,
damit ihm kein Unglück widerfahre. Und hat gewiss recht gehabt; ein Unglück, was
unserm Premierminister zustiesse, wäre ja eines für den ganzen Staat!«
    »Und er traf ihn -«
    »In Brünn gerade bei den Vorbereitungen zu einer neuen Schlacht. Da hatte
Napoleon natürlich keine Zeit sich mit ihm zu unterhalten und sagte zu ihm:
Lieber, jetzt habe ich keine Zeit, gehen Sie nach Wien, und warten bis ich Zeit
habe, dann wollen wir sprechen.«
    »Und Haugwitz schüttelte nicht die Toga! Er liess nicht die zwei Mal hundert
tausend Bajonette zwischen seinen Drohworten klirren.«
    »Drohworte! Er ist ja ein feiner, gebildeter Mann!«
    »Aber sein Auftrag -«
    »Kennst Du den? Ich kenne ihn nicht. Es werden hier nicht Zehn, nicht Drei
sein, die ihn kennen. So viel man uns schreibt, sprach er als ein tief
gekränkter Freund, dass Napoleon die guten wohlmeinenden Ratschläge, die ihm
Preussen gegeben, so ausser Acht gelassen. O ich zweifle gar nicht, er wird sehr
sanft und elegant gesprochen haben - schade, sehr schade, dass Napoleon nicht
gerade den Ossian las, sondern sich die Reiterstiefel anzog.« Walter war auf
einen Stuhl gesunken und barg sein Gesicht im Arme. Als der Vater den Seufzer
hörte, den er unterdrücken wollte, stand er leise auf und berührte sanft die
Schulter des Sohnes: »Mein lieber Walter, Dein Vater hat doch wohl recht gehabt.
Wenn wir uns sonst nicht vertrugen, weil Deine Gedanken wo anders hingen als
meine, so mag ich unrecht gehabt haben. Gedanken sind zollfrei, und ich dachte
als Kaufmann nur an die Waare. So lange man im Schmetterlingskleide über die
bunten Wiesen flattert, da lasse man doch die Kinder spielen. Ich bitte Dich um
Verzeihung, dass ich damals meinte, ich könnte Dich mit einem Bindfaden leiten,
den ich an Deine Flügel band. Aber wenn der Schmetterling sich verpuppt hat, und
aus den Gedanken Pläne werden, wenn sie Ideen marktgerecht zurichten und an den
Markt bringen wollen, ist's was anderes. Nun, sehe Jeder, wie er's treibe. Du
bist jetzt ein Mann, ein Kaufmann für Dich; wenn Du spekulirst, musst Du so gut
wie Dem Vater auf ein Fallissement gefasst sein. Dein Vater würde sich zu
schicken wissen in das, was nicht zu ändern ist, und Du auch: Du bist mein Sohn.
- Aber wenn man für den Staat spekuliren will, ist das erste, dass man sich die
Menschen ansieht, die, für die man spekulirt - die Leute, ob sie danach sind?
Die Gedanken, o die sind wunderschön. Aber was sind Ideen, ohne Menschen, die
sie tragen! Das grosse Vaterland, o das ist das Erhabenste was es gibt, wer
wollte nicht dafür Gut und Blut opfern! Wenn nun aber das Vaterland bloss Erde
und Stein wäre und die Menschen ausgestorben? Würdest Du auch Dein Blut dran
setzen? Oder die Menschen drin wären alle blind, oder taub, oder Cretins. Ja,
ich weiss doch nicht, ob es recht wäre, sich selbst darum hinzugeben, für eine
grosse Blindenanstalt, für ein Taubstummeninstitut, oder gar für ein Haus voll
lauter Blödsinnigen. Mein lieber Walter, Dein Vater hat sich nun durch ein
Menschenalter die Menschen angesehen wie sie sind, und darum hat er jetzt auf
den Frieden spekulirt, und ich glaube, er hat recht spekulirt.«
    »Diese!« rief Walter aufstehend. »Ja, die Sie meinen, aber es gibt andere.«
    »Wer zweifelt daran! Es gibt überall gute, rechtschaffene, kluge, sogar
ausgezeichnete Menschen, es kommt nur eben darauf an, ob die Klugen die Dummen
und die Guten die Schlechten üherwiegen, oder umgekehrt. Mein Sohn, ich will Dir
zugeben, dass Euer recht Viele sind, die fühlen und sagen: so geht es nicht mehr!
Da's aber noch immer so geht, so müssen diese Vielen doch immer noch die
Schwächeren sein, sie dringen nicht durch, die Andern bleiben am Ruder, und wer
am Runder sitzt, steuert wohin er will, meinetalben ins Verderben; auf den
blicken Alle, der entscheidet, auf den kommt es an, in welchen Hafen das Schiff
treibt. Ist Haugwitz abgesetzt, check fortgejagt, Lombard eingesperrt? Deine
Besseren und Edleren schreien freilich, es müsse so kommen. Noch aber ist es
nicht gekommen. Umgekehrt. Die Prinzen, die Königin, so viele berühmte Generale,
der halbe Hof, die Prinzessinnen an ihrer Spitze, kabaliren und verschwören sich
beinahe an den Strassenecken gegen sie, und Lombard trinkt seine Chocolade und
sein Weissbier so vergnügt wie vorher, check macht Alles, und was er redet ist
des Königs Rede, und Haugwitz ist zu Napoleon geschickt, um - die Rechnung zu
arrangiren.«
    »Sie gehen vor keinem Bilde Friedrichs vorüber, ohne den Hut abzunehmen, und
Vater, so gering schätzt ein Verehrer des grossen Königs dessen Volk?«
    »Weisst Du noch unsere Tapeten aus Arras? Vor denen habe ich auch grossen
Respekt. Die da in unserem Esszimmer stellen den trojanischen Krieg vor. Was hat
der Aeneas für schöne karmoisinrote Kniehosen an! Das Prachtstück ist auch
viele Generationen in unserer Familie, König Franz I. hat es einmal in einem
seiner Schlösser an der Wand gehabt. Darum kriegtet Ihr Kinder auch immer Klapse
auf die Finger, wenn Ihr dran polktet. Sind mir auch jetzt nicht feil. Nimm sie
aber mal ab und halt sie gegen die Sonne! Wie ein Sieb von Motten! Und bringe
sie auf die Messe. Wenn's kein Raritätensammler ist, so frage, was sie Dir
bieten. Abgestandene Ware findet auf dem Markt keine Käufer.«
    Walter schwieg einige Augenblicke; dann rief er: »Und scheine es heut nur
Rost für Raritätensammler, ein Geist wie Friedrichs kann nicht wie ein Meteor
durch die Weltgeschichte geleuchtet haben, er kann nicht versunken sein ins Meer
der Ewigkeit, ohne dass seine Strahlen gezündet und gezeugt haben. Andere
Geschlechter müssen kommen, welche, wenn Rost und Schlacke abgeworfen, seinen
Geist in seinem Volke widerspiegeln.«
    »Das verstehe ich nun nicht,« sagte van Asten, der wieder Platz genommen
hatte. »Mit der Ewigkeit hat ein Kaufmann nichts zu schaffen. Was er heut
einkauft, will er morgen absetzen. Walter, ich Dich da recht vor, dass Du nicht
zu kurz kommst. Das, wie, gesagt, ist nun Deine Sache, aber warum kam ich doch
gleich? Ja so - wirft Du heut Abend in die Komödie gehen?«
    Walter suchte umsonst in dem wieder schlauen Blick des Vaters nach dem Sinn
der Frage: »Ich verstehe Sie nicht.«
    »Nun ich meine, ob Du auch einen Schwärmer abbrennen wirst? Man spricht von
einem wunderschönen Kriegsliede, das sie singen wollen.«
    »Ich billige diese Teaterscenen nicht, wo es eine grosse, ernste und heilige
Sache gilt.«
    »So! Na das ist mir auch recht lieb, dass Du Dich nicht unter die Offiziere
mengst. Die haben es bestellt. Ich glaubte nur von wegen des Liedes, weil Du
auch Verse machst. Ins Teater wirft Du aber doch gehen, ich meine ganz simpel?«
    »Ich war noch nicht entschlossen.«
    »Dann ihn mir's zu Gefallen. Aber nicht ins Parterre. Da wird man zu sehr
gedrängt. Ich habe Dir schon im zweiten Range Logenbillets genommen.«
    »Mir?«
    »Dir und der Cousine Schlarbaum. Die muss doch den Spektakel mit ansehen, und
hat Keinen, der sie führt. Ich, weisst Du, geh' nie ins Teater, da habe ich Dich
ihr vorgeschlagen.«
    »Also darum -« eine flüchtige Röte belebte Walters Gesicht und ein
schmerzlicher Zug ging um seinen Mund. »In dieser Angelegenheit, dachte ich,
wären wir im Reinen.«
    »Du meinst doch nicht, dass ich meine Puppe einem Taugenichts aufdringen
will, der sie nicht mag. Dazu ist mir das Mädchen viel zu lieb, und ihr ganzes
Vermögen steckt in meiner Handlung. Wenn sie nun rabbiat würde, wie gewisse
Leute, die man gegen ihren Willen verheiraten wollte. Ich kenne Einen, der lief
drum aus dem Hause. Wenn sie nun auch aus dem Hause liefe, nämlich mit ihrem
Kapital, verstehst Du mich, sie kündigte es mir, weil sie sich nicht verkuppeln
lassen will.«
    Walter lächelte: »Meine Cousine Minchen ist ein viel zu sanftes Mädchen, und
liebt ihren Oheim zu innig, um ihr Vermögen ihm zu kündigen.«
    »Alle Sanftmut hat ihre Grenzen, wenn's aus Mein und Dein geht. Und - wenn
das Vormundschaftsgericht - Du fürchtest Dich doch nicht, dass Mamsell Alltag
eifersüchtig wird, weil Du Deine Cousine führst? Au contraire, Du schlägst da
zwei Fliegen mit einer Klappe. Hat sie Dir schon erlaubt, sie ins Teater, auf
die Promenade zu führen? Sieht sie, dass Du ihr zum Trotz ein anderes hübsches
Mädchen führst, so wird sie vielleicht zuerst maulen, aber dann sich besinnen
und nicht mehr, was man so nennt, ête sein. - Na, wohin denn mit einem Male?«
    »Verzeihen Sie mir, mein Vater, dahin, wo meine Pflicht mich ruft.«
    »Desto besser. Ich begleite Dich. Geht's zur Mamsell Alltag, so bleib' ich
vor der Tür, und warte auf Dich. Was gilt die Wette, ich sehe es Dir gleich an
den Augen ab, wenn Du runter kommst, ob's oben gut stand oder schlimm.«
    Walter verbiss eine Bemerkung, er fasste des Vaters Hand: »Die Zeit ist nicht
zum Scherz angetan. Nicht hier, nicht dort. Wenn das aber, was Sie von der
Cousine sagten, Ernst war, so Vater, schnell und deutlich, was hinter diesem
Ernste liegt.«
    »Der Ernst, Herr Sohn, dass sie ins Teater will und Du sollst sie
begleiten.« dabei stampfte Herr van Asten wieder den Stock auf die Diele, ein
Zeichen, dass es ernster Ernst war. »Und warum? - Bilde Dir nichts ein. Sie macht
sich nichts aus Dir. Du sollst sie begleiten, um sie zu beschützen, aus
Verwandtschaft und aus sonst was. Sind junge Mädchen nicht neugierig? Werden
hübsche Mädchen nicht angegafft? Sind unsere Offiziere nicht nach den Mädchen
aus? Sind sie nicht unverschämt im Attacquiren? Und willst Du noch mehr wissen?
Ein Kornet, oder ist er jetzt Lieutenant bei den Gensd'armen, ein Herr von
Kiekindiewelt, oder wie er heisst, schleicht ihr auf Tritt und Schritt seit
letzter Redoute nach. Ein Libertin, ein Taugenichts, ein Verschwender. Minchen
ist schüchtern, und hat das Pulver nicht erfunden, das weisst Du auch. Er zieht
sie auf, sie weiss nicht zu antworten. Du sollst für sie antworten. Verstehst Du
mich? Weisst ja Rat für alles, und wo der Unrat steckt. Nun zeig's mal, nicht
mit der Feder, mit dem Maule. Wenn Du spitzig wirft, ist's gut; wenn Du grob
wirft, noch besser. 's ist so Einer von denen, die die Beine über die Stuhllehne
hängen, und's nicht so genau nehmen, wenn sie einem Bürger auf die Hühneraugen
treten. Darum ist es auch für den Bürger gut, wenn er dicke Schuhe trägt.
Ausserdem hat er sehr viel Geld, also ist er sehr ungeschliffen. Junge, ich bin
Dein Vater und verbiete Dir, Dich in Händel einzulassen, Aber wenn Ihr so von
ungefähr an einander gerietet, will ich nichts davon wissen. Du hast in Halle
eine Klinge geschlagen, in Deinem Stammbuch steht auf jeder Seite ein Kreuz von
Hiebern. Ausserdem hatte der Herr Schwertfegermeister die Gefälligkeit, seine
Rechnung mir nach Berlin zu schicken. Ich erinnere Dich nun nicht daran, dass
Du's mir wieder bezahlen sollst, was ich für Dich gezahlt, sondern -«
    Walter lächelte: »Sie besorgen, dass ich in Berlin unter meinen Büchern die
Kunst vergass, die ich in Halle betrieb, die Kunst zu handeln. Ich werde Ihrem
Befehl gehorchen und Minchen ins Tbeater begleiten.«
    »Nu begleite ich Dich, wohin Du willst,« sagte vergnügt der Vater. An der
Tür hielt er den Sohn beim Rockzipfel: »Walter, 's ist 'ne schlimme Zeit
geworden, und sie muss besser werden, oder sie wird noch schlimmer. Sind Die im
blauen Rock 'ne andere Rasse Menschen? Stammen nur die Junker von Adam und wir
Andern fielen nebenher von der Bank? Jeden Tag wird ihr Übermut grösser. Darum
ein Mal darauf los! Trumpf auf Trumpf. Nicht mit Federkielen, die Feder wird
stumpf, je spitzer Ihr schreibt. Sie lesen's nicht, oder sie lachen darüber.
Aber -«
    Es blieb ein Gedankenstrich. An der Haustür setzte er noch etwas hinzu:
»Und darum ist's auch gut, dass Friede bleibt. Wenn sie die Franzosen schlagen,
dann wär gar nicht mehr mit ihnen auszukommen. Jetzt sprudeln sie vor Übermut,
aber dass man sie nicht brauchen will, und ohne sie fortzukommen meint, ist ein
guter Dämpfer.«
    Der Alte war fort. Als Walter in die Jägerstrasse einbog, rollte der
Lupinus'sche Wagen heran. An der Seite der Geheimrätin sass Adelheid, geputzt
wie ihre Pflegemutter, aber ihre Wangen schienen vor Freude zu glühen, wie er
sie nie gesehen. Als die Damen ihn erblickten, lächelte die Geheimrätin ihn
schelmisch an, und wandte sich mit einer liebkosenden Bewegung zu ihrer
Pflegetochter. Es kam ihm sogar vor, als küssten sie sich; gewiss hörte er, als
der Wagen vorüberrollte, ein lautes Gelächter.
    »Was war das!« rief er. »Ein Herz und eine Seele nach diesem Brief! Und sie
ruft mich nicht heran, wo sie sehen muss, dass ich zu ihr will.« Er starrte dem
Wagen nach, wie in Erwartung, dass er halten, Adelheid sich herausbiegen und ihn
rufen werde. Er wartete umsonst. Der Wagen war verschwunden.
    Walter hatte recht gesehen und gehört. Aber man kann als Augenzeuge ein
Faktum beschwören, und hat doch ein falsches Zeugnis abgelegt. Walter hatte
nicht das kurze Zwiegespräch belauscht, was die Geheimrätin mit Adelheid vorher
gepflogen, nicht die Komödie, die sie ihr zur Pflicht machte. Die Wangen des
jungen Mädchens glühten allerdings, aber sie waren vorhin todtenblass und die
Röte war die Schminke, welche die Geheimrätin selbst ihr aufgelegt »Die Welt
braucht nicht zu wissen, was wir wissen,« hatte sie gesagt.
 
                              Fünfzigstes Kapitel.
                                 Ein Präludium.
Das Nationalteater bot heut einen feierlichen Anblick. So gefüllt hatte man es
seit lange nicht gesehen. Es war nicht Ifflands Kunst noch Flecks Genie, auch
nicht die Anmut der Unzelmann, der spätern Betmann, oder die bezaubernde
Stimme der Schick, was dieses Publikum angelockt. Es war kein glänzendes im
gewöhnlichen Sinne, obwohl Gold und Silber von den Uniformen flimmerte, und aus
den Gesichtern der Zuschauer ein eigentümlicher Glanz strahlte, der der
gespannten Erwartung, aber auch ein etwas, was die Mehrzahl voraus wusste. Daher
die schlauen lauschenden Blicke, ein vergnügtes Zublinzeln, ein
Zuverstehengeben, dass man unterrichtet sei.
    Kein glänzendes Publikum, was man in Berlin so nannte, sagen wir; denn weder
der Hof war zugegen, noch ein hoher Gast, dessen Anwesenheit immer die Neugier
anzieht. Im Gegenteil fehlten gerade die ausgezeichnetsten Männer, die man
sonst im Teater zu sehen pflegte, und die, welche zu dem regierenden Kreise in
näherer Beziehung standen. Man vermisste aber auch mehrere eminente
Persönlichkeiten, welche zu diesen Kreisen nicht gehörten, sondern sich ihnen
feindlich gegenüber stellten. Wenn sie es waren, die das Schauspiel angeordnet,
hielten sie es für schicklich, wenigstens den Schein zu vermeiden, und verbargen
sich in der Tiefe der damals sehr dunkeln Logen.
    Nicht der Schauspieler und der Darstellung wegen schien dieses grosse,
lebhafte Publikum versammelt, sondern seiner selbst willen. Es wollte sich eine
Darstellung geben. Auf dem Zettel stand angekündigt Babo's: »Puls.« Um dieses
feinen, psychologischen Schauspiels willen hatte nicht das Offizierkorps für die
Wacht- und Quartiermeister der Regimenter Gensd'armen verschiedene Logen im
ersten und zweiten Range gemietet, noch sah man deshalb im Parterre und auf dem
Amphiteater Gruppen von Infanteristen und Husaren, jede von 10 bis 12 Mann um
ihren Unteroffizier versammelt. Auch sassen untersprengt in den anderen Logen
zwischen geputzten Damen und aristokratischen Herren gemeine Soldaten in ihrer
Kommisuniform, ein damals weit grellerer Kontrast und unerhörter Anblick. Die
»honetten« Leute erschraken sonst vor der Berührung mit der blauen Montur. Und
so geschickt, aber doch nicht glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit
dem Militär im ganzen Hause vermischt, denn wer Augen hatte, sah die Absicht.
Man wollte sie aber auch nicht verbergen, nur einen luftigen Schleier darüber
werfen. Volksschauspiele zu arrangiren war die Zeit in Preussen noch nicht
gekommen.
    Auf dem Komödienzettel stand aber hinter dem Babo'schen Puls: »Auf vieles
Begehren Wallensteins Lager von Friedrich Schiller.«
    »Hatte man denn kein patriotisches Stück?« schien der Sinn der Frage, die
Jemand im Parterre seinem Nachbar zuflüsterte, der zu den Eingeweihten in
Beziehung stehen musste. »Es ist weder preussisch- noch deutsch-patriotisch.« -
»Aber militärisch,« antwortete ein Dritter. - »Es wäre doch schlimm,« meinte
Jener, »wenn wir den Franzosen nichts entgegen zu setzen hätten.« - »Als
soldatesken Stolz!« ergänzte der Dritte. - »Ein Schelm gibt mehr als er hat!«
    Babo's »Puls« ward mit mehr Aufmerksamkeit gegeben als gehört. Die
Pulsschläge im Parterre waren zu heftig, um den sanften auf den Brettern folgen
zu können. Es blieb still trotz des Meisterspiels der Darstellenden. Aber doch
schlugen nicht alle Pulse auf ein Ziel. Es war so viel zu sehen, Viele sahen
sich, die sich niemals hier getroffen. Woran sollten die Soldaten denken, die in
diesen Räumen zum ersten Mal standen, kerzengrad, auf Kommando und des neuen
Kommando gewärtig. Das Spiel da oben war für sie ein Schattenspiel an der Wand,
in unverständlichen, gleichgültigen Hieroglyphen, die auf ihren glotzenden
Gesichtern nicht den geringsten Eindruck machten.
    Auch vor der Schlacht schlagen nicht alle Pulse nur der Entscheidung
entgegen. Die Karte, der Würfel und ein schönes Auge machen das Blut so lebhaft
pulsiren, als der erste Trommelwirbel, das erste Pfeifen der Kugeln. Es waren
viele schöne Augen in den Logen, und viele junge Offiziere observirten.
    »Sie schminkt sich aber nie,« sagte ein Kürassier. »Sie ist geschminkt!«
rief der Kornet. »Sie ist echauffirt. Sieh doch, wie ihre Arme zittern. Ihre
Finger hämmern ja wie im Krampf auf die Brüstung.« »Ihre gelben Locken fangen
schon an wie Bindfaden runter zu hängen. Ist das etwa auch ein Beweis, dass sie
nicht geschminkt ist?« Der Andre observirte schärfer mit dem Ausruf:
»Donnerwetter, sollte ich mich irren! Sie changirt nicht Farbe, und doch zuckte
sie zusammen, als die Lupinus ihr etwas ins Ohr sagte.« »Was gilt die Wette?«
wiederholte der Kornet. »Besser, wer entscheidet sie,« fiel der Andre ein, »wer
schafft den Beweis?« »Schicken wir eine Untersuchungs-Deputation an sie,« sprach
ein Dritter. »Wolfskehl wäre dabei, in den Schminkangelegenheiten hat er
gründliche Studien bei Komtess Laura gemacht.« »Stellt Einen Posto,« rief der
Kornet, »drüben hin, der sie nicht aus dem Auge lässt, und einen Andern hinter
ihr. Wenn die Rührung losgeht, dann Attention! Der drüben, ob's unter dem Auge
weiss, der hier, ob das Tuch rot wird.« »Ein trefflicher Operationsplan!
Wolfskehls militärisches Genie entwickelt sich immer mehr.« »Am Ende fangen die
Weiber gar noch an zu weinen?«
    »Und wozu das Alles,« sagte der Kürassier. »Da müsst Ihr Euch doch den Mund
wischen. Die Person hat nun mal was, dass man nicht weiss, was es ist; zudem
Beschützer an allen Ecken. Man weiss nicht, wo man anstösst, wenn man zugreift.«
»Grad das könnte mich tentiren,« rief der Kornet. »'s ist nur, sie ist nicht
nach meinem Gout.« »Wolfskehl liebt nur das Bornirte. Da oben sitzt die Neuste,
die er auf den Zug hat.«
    Man schaute nach der Loge im zweiten Range, nicht aber mit Diskretion, wo
Walter van Asten hinter seiner Cousine stand.
    »Wer ist denn ihr Beschützer?« »Sieht mir grad aus wie Einer, der Lust hat,
sich einen sanften Rippenstoss appliciren zu lassen, wenn ich Lust bekäme, dem
Mädel den Arm zu bieten. Wollt Ihr pariren, er dankt mir nachher an der Treppe
-« »Wofür?« »Die Ehre, dass ich seinen Schatz geführt. Hol' mich der Geier, er
soll's!«
    Der zornfuukelnde Blick eines älteren Offiziers in militärischem
Reitüberrock, der mit verschränkten Armen an einem Pfeiler stand, begleitete das
»Pst!«, welches er den Schwätzern zurief, ohne seine Stellung zu verlassen. Sie
schwiegen unwillkürlich. Nur der Kornet liess seinen Säbel klirren: »Wer ist denn
der Bramarbas?« Beide Begleiter zischten ihm ein bedeutungsvolles »Pst!« in die
Ohren. »Mit dem ist nicht gut Kirschen essen!« »Aus der Provinz Einer! So ein
Kommandant aus Krähwinkel vielleicht. Soll der sich unterstehen, einem Offizier
von der Garde Raison zu lehren?« »Der unterstände sich noch mehr,« flüsterte der
Kürassier. »Um Gottes Willen sei still, Fritz, 's ist der Oberst York aus
Mittenwalde. Der hat selbst mit dem alten Fritz angebunden.«
    Nicht alle Pulse schlugen gleich.
    »So in sich versunken, Herr Geheimrat?« fragte Herr von Wandel, der in eine
nebenstehende Loge trat, den Geheimrat Bovillard, welcher sein Opernglas erhob,
um es wieder abzusetzen und mit dem Taschentuch zu wischen.
    »Ich bin nicht disponirt.«
    »Das werden Sie doch nicht zeigen wollen!«
    »Ich zeige mich. Was kann man in meiner Lage Besseres tun.«
    »Sie hatten in letzter Zeit vielen Verdruss? Herr von Fuchsius hat Sie
verlassen, sich angeschlängelt an die neu aufgehende Sonne -«
    »Wohl bekomm' es ihm. Wenn die Sonne ein Stein ist, hört sie auf zu
glänzen.«
    »Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Sohn?«
    »Haugwitz hat ihn aus Wien mit einer Depesche um Verhaltungsbefehle hierher
geschickt; das wissen wir aus anderer Quelle. Er scheint unterwegs aufgehalten
oder aufgefangen zu sein.«
    »Was den Vater allerdings nicht gut disponirt; indes wird der Sohn des
Geheimrat Bovillard vor Napoleons Auge immer Gnade finden.«
    »Auch wenn er von dieser Komödie hört!« sagte Bovillard noch leiser. - »In
welchem Winkel mag sich Laforest versteckt haben?«
    »Sie wollen doch nicht das Teater verlassen? - Ich bitte Sie, Geheimrat.
Was ist's! Ein bisschen Trommeln, Singen und Geschrei werden Sie ertragen können
-«
    »Wenn nur nicht da drüben die Lupinus sässe! Ich kann das Gesicht nun einmal
nicht ausstehen. Ist denn das 'ne Larve oder ein Gesicht? Diese kleinen, feinen,
stechenden Korallenaugen! Wandel, ich versichere Sie, wenn ich ihrem Blick
begegne, ist mir's, als wenn ein gläsern Dolch mir ins Herz bohrt.«
    »Leiden Sie oft an solchen Visionen?«
    »Begreif' es Einer, warum ich an einen Kirchhof denken musste. Und sie wie
das weisse Bild des Todes. Wen sie ansieht und küsst, der müsste sterben.«
    »Ihre Lektüre echauffirt Sie, teuerster Freund. Dieses junge Genie, der
Chateaubriand, reizt die Phantasie auf. Unwillkürlich beschwört er Geister, die
für unsere Atmosphäre nicht passen. Ich möchte Ihnen dagegen als kalmirende
Lektüre ein treffliches Buch empfehlen, welches eben erschienen ist, - Wagners
Gespenster. Lesen Sie darin vorm Einschlafen einige Geschichten, Sie werden
davon eine vortreffliche Wirkung empfinden. Es konnte kein besseres Gegengift
gegen die romantischen Schwärmereien gerade jetzt auftreten, wo selbst bei den
Franzosen -«
    Er konnte nicht ausreden. Der Geheimrat war über die hintern Stühle
geklettert und zur Loge hinaus. Wandel, der rasch gefolgt, liess ihm in der
Konditorei ein Glas Zuckerwasser bereiten, in das er Hoffmannstropfen goss.
    »Nichts als ein Schwindel, teuerster Geheimrat, begreiflich, wenn Sie an
die Eventualitäten des Krieges dachten. Da sieht man wohl Leichen und Kirchhöfe.
Wie Mancher dieser exaltirten Militärs wird kalt und stumm auf dem Schlachtfelde
liegen, wenn ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Auch vielleicht um Ihren Sohn
waren Sie besorgt. Das kombinirt sich Alles so natürlich bei einer nervösen
Komplexion. Wenn Sie sich erholt, lassen Sie uns zurückkehren.«
    »Das Mädchen ist hübsch, aber die Augen, wie gläsern. Wenn das Wachsbild nun
unter ihren Augen schmilzt!«
    »Des wäre unnütz!«
    »Was reden Sie?«
    »Ich weiss es selbst nicht, wahrhaftig, Bovillard. Ihr Unfall hat mich
konsternirt. Es ist nicht Besorgnis um Sie - aber Sie sollten Hufeland befragen,
wenn diese Anfälle sich wiederholen. Indes - erlauben Sie mir Ihren Puls. - Da
intonirt das Orchester schon das Reiterlied. Ja, ja, Sie leiden an den Nerven.
Sie glauben nicht, was die Beschäftigung des Geistes da hilft. Man muss sich
zuweilen peinigen und sich in Zerstreuungen stürzen. Sie arbeiten zu viel, Sie
lebten auch vielleicht in letzter Zeit zu solide. Ueberwinden Sie sich, und
kehren zurück. Täuschte ich mich, im Mantel dort, das war Laforest. Er ist es.«
    »Ein interessantes Stück, der Puls!« sagte der Gesandte im Vorübergehen.
»Nicht wahr, meine Herren? - Wenn doch die Staatskunst auch solche Aerzte zur
Hand hätte, die am Pulsschlag ihrer Kranken die geheimen Intentionen der Völker
erkennten!«
    »Welchen Auslegungen Sie sich aussetzen, wenn Sie fortgehen, wo ein Laforest
zu bleiben wagt,« sprach Wandel dringend zu Bovillard. »Bedenken Sie die
Stimmung im Publikum, teuerster Freund! Lombard selbst hat einen Beitrag für
die Militärmusik geschickt.«
    Der Geheimrat Bovillard wollte bleiben, dies deutete wenigstens der stumme
Händedruck an, als er aufstand: »Wenn nur das Weib fortginge!«
    Aber als er die Tür des Konditorsaales öffnet, kam ihm gerade dieses Weib,
welches er vermeiden wollte, entgegen. Die Lupinus führte ihre Pflegetochter am
Arm. Ein scharfer Kennerblick musste unter der Röte von Adelheids Wangen die
tiefe Blässe entdecken. Sie wankte am Arm ihrer Führerin, deren Anstrengungen,
es zu verbergen, vergebens waren.
    Als Bovillard zurückprallte, kaum von den Eintretenden gesehen, eilte eine
neue Zeugin herbei: »Mein Gott, was ist ihr!« rief die Fürstin Gargazin.
    »Nichts als übergrosse Hitze!« »Ein Glas Limonade, Herr Reibedanz! Das wird
dem Uebel abhelfen.«
    »Sie ist krank, das sind konvulsivische Bewegungen!« rief die Fürstin.
    »Adelheid wird Ihnen das Gegenteil beteuern, wenn sie sich erfrischt hat,«
sagte die Geheimrätin, indem sie mit einiger Heftigkeit das Glas dem jungen
Mädchen an die Lippen hielt.
    Adelheid nippte, aber das Glas fiel auf die Erde, sie selbst knickte
zusammen und wäre selbst gefallen, wenn die Fürstin sie nicht aufgefangen, und
mit dem hinzuspringenden Bovillard auf ein Kanapée gebracht hätte. Die Lupinus
hatte sich diesen Augenblick entgehen lassen, in dem sie mit dem Legationsrat
ein rasches Gespräch in stummen Blicken gewechselt. Wandels ernster Blick schien
tief eindringend, die Geheimrätin hielt ihn nicht aus, und als sie ihn gesenkt,
hörte sie die Worte ins Ohr geflüstert: »Was soll diese Komödie! Ich hoffe hier
ist nichts vorgefallen, was Sie bereuen müssten!« Sie wollte die Lippen öffnen,
als Adelheids unterdrückter, unartikulirter Schrei die Aufmerksamkeit der
Hülfeleistenden auf den Gegenstand der Teilnahme wieder zog.
    »Es muss doch etwas mehr als die Hitze im Hause sein,« bemerkte die Fürstin
mit einem eigenen Ton.
    Bovillard fragte: »War sie vielleicht zum ersten Mal im Teater?« Er setzte
hinzu, die Blicke der jungen Offiziere, die eben nicht mit Schonung sie
fixirten, möchten sie afficirt haben.
    »Ein Flacon!« nief die Geheimrätin.
    Die Fürstin neben Adelheid knieend, hielt es ihr bereits an das Gesicht.
    Die Lupinus wandte sich zum Legationsrat: »Mein Gott, was zaudern Sie!
Eines Ihrer Hausmittel, die Sie stets bei sich führen.«
    »Meine einfachen Mittel wende ich nur an, wo mir der eigentliche Grund der
Krankheit nicht unbekannt blieb.«
    Die Geheimrätin hatte sich wieder gefunden: »Der eigentliche Grund der
Krankheit kann Denen nicht unbekannt sein, die von dem überschwänglichen Gemüt
des jungen Mädchens unterrichtet sind. Patriotin bis in die äussersten Fibern
ihrer Seele hat sie seit vierzehn Tagen an einer Fahne für unsere Garnison
gestickt, und mich und sich um ihre Nächte betrogen. Erst heute Morgen entdeckte
ich es, und es hatte leider eine lebhafte Scene zur Folge, die ich jetzt bereue,
und zu der mich doch die Pflicht für die Gesundheit des Mädchens trieb. - Man
hat etwas mehr zu sorgen für fremde als für eigne Kinder,« setzte sie mit einem
feierlichen Tone, der Resignation oder des gekränkten Bewusstseins, hinzu.
    »Um dem Gerede der Leute zu entgehen,« sagte die Fürstin.
    »Aber auf Dank rechne Niemand, der Pflichten übernimmt, die über seine
Pflicht gehen,« bemerkte der Legationsrat.
    »Aber wir Alle sind Ihnen dankbar,« fiel die Fürstin besänftigend ein, »für
die geschickte Weise, wie Sie das Kind, und noch zu rechter Zeit, aus der Loge
führten. Ich bewunderte Madame Lupinus wirklich, und, Gott sei gelobt, es hat
gar kein Aufsehen erregt. - Sie atmet.«
    »Aber noch geschlossene Augen.«
    »Mein Hotel ist so nahe, liebe Geheimrätin, ich würde mir ein Vergnügen
machen, selbst sie dahin zu schaffen. Eine Portchaise steht im Flur. Mein
Kammerdiener fliegt dahin - wenn -«
    »Wenn Madame Lupinus,« fiel der Legationsrat rasch ein, »nicht die Hoffnung
hegte, dass die junge Dame sich noch erholte, um an ihrer Seite zur Vorstellung
zurückkehren zu können. Und die Hoffnung scheint mir begründet.«
    Der Legationsrat hatte rasch aus seinem Etui ein Fläschchen geholt, welches
er der Fürstin überreichte: »Drei Tropfen in den Händen gerieben, und damit in
Intervallen über die Schläfe gefahren. Nur der Luftdruck, nicht Berührung!«
    Er war ehrerbietig zurückgetreten, ohne auf die Frage: »Warum nicht Sie
selbst?« zu antworten. Die Ouverture begann schon.
    »Ich begreife Sie nicht,« sagte leise die Lupinus, an deren Seite er sich
gestellt, während der Geheimrat Bovillard der Fürstin beistand.
    »Noch weniger ich den Zusammenhang hier,« entgegnete er im selben Tone. »Was
ging hier vor?«
    »Sie sah eben ihren Liebhaber. Sie hatte ihn vor dem Teater erwartet, so
glaube ich wenigstens aus ihren Reden in der Extase schliessen zu dürfen. Sie
hatte ihm geschrieben, ihn zu sich geladen. Und statt zu kommen -«
    »Sah sie ihn an der Seite eines hübschen Mädchens, dem er viel
Aufmerksamkeit erwies.«
    »Ist das nicht Grund genug, Herr Legationsrat?«
    Wandel zuckte die Achseln: »Unter andern Verhältnissen. Erlauben Sie mir
indes zu glauben, dass es hier kein Grund ist. Doch bin ich beruhigt, und
verzeihen Sie, wenn ich es vorhin nicht schien. Das erste Gesetz der Wissenden,
meine Freundin, ist, sich zu hüten vor dem Unnötigen, wo das Notwendige schon
unsere ganze Geisteskraft beansprucht. Wir dürfen nicht spielen mit den Dämonen,
wie diese hier tun; sie vertragen es nicht. Sie gehorchen uns nur, wenn wir das
eiserne Auge nie von ihnen lassen und mit einem Stahlarm sie pressen - auf das
Notwendige hin. Von Phantasten und Jongleurs reissen sie sich los, und schlagen
sie mit den zerrissenen Fesseln nieder.«
    Im Teater wurde es laut. Ein Teil des Publikums schien durch Summen und
Singen die kriegerischen Töne der Ouverture zu accompagniren. »Mein Gott, - wenn
sie doch jetzt - wir versäumen etwas!« rief die Lupinus, es war aber nicht das
Verlangen, nach dem Teater zurückzukehren. »Wie sanft sie atmet!« sagte die
Fürstin. »Debarrassiren Sie sich von ihr. Es ist am Ende doch das
Gescheidteste!« flüsterte Wandel der Geheimrätin zu. Sie blickte ihn fragend
an.
    »Sie bezweifeln, dass ich als Ihr Freund spreche. Mein Rat sollte Ihnen
beweisen, dass ich es bin. Ich sage nicht, dass Sie eine Natter sich am Busen
erzogen haben, aber in dem Mädchen ist etwas Dämonisches. Bildete sie sich nach
Ihnen? Schlug nur einer Ihrer Ratschläge an? Sie müssen sich gestehen, dass das
Mädchen unberührt blieb, gleichviel ob im Guten oder Bösen. Aber Sie sind nicht
mehr Herrin Ihrer selbst, seit dieses Gewicht an Ihnen hängt, Ihr kluges Auge,
Ihr scharfes Ohr, Ihre Schritte und Tritte, ich möchte sagen, Ihre Gedanken
belauscht. Fast erkenne ich meine stolze, sichere Freundin nicht wieder, wenn
ich die Rücksichten sehe, die sie auf ein in jeder Beziehung untergeordnetes
Wesen nimmt. Aber sie ist nicht, sie kann nicht untergeordnet sein ihrer Natur
nach, das ist eben das Dämonische, was ein frei denkendes Wesen nicht neben sich
dulden dürfte. Bringe sie nicht Unglück in jedes Haus, in das sie tritt! Dort -
hier. Ueberrechnen Sie die Verlegenheiten, in die Ihre Güte gegen Adelheid Sie
gestürzt, und ziehen Sie den Schluss, welches von beiden Uebeln grösser ist, dass
die Welt wieder einmal acht Tage über Sie lästert, oder - dass Sie frei, Sie
selbst wieder sind. Wählen Sie das Kleinere, und ergreifen die erste
Gelegenheit.«
    Die Ouverture schloss mit Anklängen aus dem Dessauer-Marsch.
    »Sie richtet sich auf,« sagte Bovillard. »O eine wahre Patriotin.«
    Herr Reibedanz rief zur Tür herein: »Machen Sie schnell, meine
Herrschaften, der Vorhang geht auf.«
    »Sie muss mit,« sprach die Geheimrätin. »Sie hat die Kraft, sich selbst zu
genügen.«
    »Ich glaube es auch,« sagte die Fürstin. »Herr von Bovillard, unterstützen
Sie ihren Arm, sie will aufstehen.«
    »Bovillard!« wiederholte Adelheid mit der süssen Stimme einer Träumenden, die
aus einem lieblichen Traum erwacht, und erhob sich. »Geliebtes Kind!« sprach die
Geheimrätin, ihr entgegen tretend. Aber derselbe Traum musste auch bittere
Erscheinungen ihr vorgegaukelt haben, denn als ihr Auge auf die Pflegemutter
fiel, welche die Arme gegen sie ausbreitete, stiess sie dieselben mit einer
krampfhaften Bewegung zurück. Das träumerische Auge veränderte seinen Ausdruck,
ein Entsetzen wie mit Zorn gemischt schien aus der tiefsten Seele aufzusteigen
und lieh dem Augapfel einen Glanz, vor dem man erschrak. Wie kam dieser Blick in
das Auge einer Jungfrau! Die Fürstin hatte eben so rasch es bemerkt, als sie mit
der huldvollsten Freundlichkeit Adelheid unterfasste: »Bovillard, geben Sie ihr
den Arm, wir führen unsere Patientin.«
    »Sie träumte noch den Dessauer Marsch und sah die Franzosen vor sich.« sagte
der Geheimrat.
    »So ist sie! Voller Laune und Phantasie!« bemerkte die Lupinus an Wandels
Arm.
    »Wie unsere Zeit und diese Menschen,« entgegnete er. »Nichts, wohin wir
sehen, als Phantasie und kein Entschluss.«
 
                           Einundfünfzigstes Kapitel.
                              Wallensteins Lager.
Kaum liess sich während der Darstellung das Mitspielen des Publikums
zurückhalten. Die Iffland, Unzelmann, Mattausch, Herdt, Bessel, Gern, Labes,
Kaselitz erschienen in ihren Waffenröcken und Wehrgehenken nicht wie
Schauspieler, welche das Bild einer zweihundertjährigen Vorzeit den Zuschauern
hinzaubern wollten, sondern wie Repräsentanten dieser Zuschauer selbst, die,
jedem Kunstausdruck, jedem Verse, der auf das Ergreifen der Waffen deutete,
zujubelnd, ihre eigene kriegerische Stimmung aushauchten. Das war ein
Bravorufen, Klatschen, so kräftig, sonor, wie man es in diesen, der ernsten
Kunst geweihten und damals heilig gehaltenen Räumen selten gehört. Der
Kunstentusiasmus erlaubte sich in Berlin wohl Tränen und Entzückungen, auch
Verzückungen, aber noch nicht mit dem Feuer zu spielen, das er später
verschwenderisch über seine Lieblinge ausschüttete, einen flammenden
Glorienschein, der oft zur verzehrenden Flamme werden sollte für den Ruf des
Gefeierten.
    Das Reiterlied war gesungen; tiefe Spannung auf allen Gesichtern, ein banges
Schweigen in dem gedrängt vollen Hause. Da trat Kaselitz als Dragoner von
Piccolomini vor, und verteilte ein gedrucktes Lied zum Lobe des Krieges unter
seine Kameraden. Die Pappenheimer, die Panduren, Isolani's Kroaten, alle
verstanden Deutsch zu lesen, das Orchester hub an, und nach der Schulze'schen
Melodie: »Am Rhein, am Rhein!« ward ein Lied gesungen, von dem überlebende
Zeitgenossen uns versichern, dass es gewirkt wie ein Tyrtäischer Kriegsgesang.
Das Publikum erhob sich. Man streckte die Arme nach der Bühne, um den Text zum
Mitsingen zu erhalten, die Schranken des Orchesters fielen. Da aber regnete es
schon von gedruckten Blättern aus dem Amphiteater. Das Parterre stimmte ein,
Jubel oder Rührung, es war zweifelhaft, was grösser war. Die Damen in den Logen
wehten mit den Tüchern; ernsten Männern, bei deren gefurchtem Gesicht man einen
Eid hätte ablegen mögen, dass sie nie geweint, standen Tränen im Auge.
    Die letzte Strophe musste wiederholt werden. »Das ist ein Lied!« - »Das ein
Gesang!« - »Ein Dichter!« - Von Mund zu Mund ging sein Name geflüstert hin: »Es
sind der Herr Major von Knesebeck!« Dort schrie Einer dem Andern zu: »Donner und
Wetter, der Knesebeck ein Dichter! Man wollte, man musste sich näher kommen. Die
in jener Zeit nicht so strenge Billetordnung ward gebrochen, man besuchte sich
in den Logen, schüttelte sich die Hände; aus den Logen ging man ins Parterre,
und unversehens hatten einige Allzeitfertige aus Brettern und Stühlen eine Art
Treppe nach der Bühne gebaut. Das Stück war ja zu Ende, nur den Vorhang hatte
man herunterzulassen vergessen - oder auch nicht vergessen. Während junge
Entusiasten hinaufsprangen, den Schauspielern die Hände schüttelten, winkten
Andere den Darstellern herabzukommen. Bald sah man Iffland in seiner stattlichen
Armatur als Wachtmeister im Kreise der Offiziere, seiner Freunde. Er spielte
nicht den Wachtmeister, er war es. Er war ein Patriot von Herzen, und von Herzen
redete er feierliche Worte von Aufopferung und Treue. Seine jungen Verehrer
drängten sich, ihm in die Hand zu schlagen, als Gelöbnis, dass sie leben oder
sterben wollten für König und Vaterland.«
    In der Erhebung des Augenblicks fand Niemand darin Seltsames, dass der
Schauspieler den Ernst des Lebens repräsentirte; aber auch heitere Scenen
mischten sich in diesen heroisch teatralischen Ernst. Es hat sich von je an
gefügt, seit es Offiziere gab und Juden, dass Beide in gewissen Verhältnissen zu
einander stehen, Verhältnisse, die, in der Jugend sehr intim, sich oft erst im
Alter lösten, zuweilen auch gar nicht. Da sah man einen bekannten jüdischen
Handelsmann, welcher später, vielleicht auch damals schon, den Namen Gans führte
und für einen witzigen Mann galt, an den Armen zweier Lieutenants
umherstolziren, oder besser er umschlang sie mit seinen Armen, und den
Begegnenden versicherte er, in diesen beiden Freunden opferte er seine
teuersten Erinnerungen dem Vaterlande! Unzelmann, als Trompeter, streifte am
Arm eines hübschen Kavallerie-Offiziers durch das Parterre. Wer dafür noch Sinn
hatte, blickte neugierig verwundert nach. Der junge blonde Offizier nahm das
spöttische Lächeln seelensvergnügt hin, Unzelmanns komische Miene deutete aber
an, dass ihn der Sinn nicht verletze. »Unzelmann und Quast Arm in Arm!« -
»Unzelmann spielt heute seine Frau.« Er rief den Spöttern nach: »Beschämte
Eifersucht wird nicht mehr gespielt, meine Herren,« - »denn Eifersucht ist das
grösste Ungeheuer!« replicirte ein junger Schöngeist, der die alten Spanier
studirte.
    »Und gegen das grösste Ungeheuer,« fiel der Schauspieler eben so schnell ein,
»ziehen unsere braven Truppen.« Auch »Menschenhass und Reue,« meine Herren, wird
nicht mehr gegeben, »denn wir brauchen allen Menschenhass gegen die Franzosen.« -
»Und,« setzte ein dritter Witzbold hinzu, »ein Lump, wer nicht sein Bestes und
sein Schlechtestes mit seinem Alliirten teilt.« - Anspielungen, die damals
Jeder verstand, auch viele Jahrzehnte nachher hat sich die Erinnerung erhalten;
nicht wert um ihrer selbst willen, aber von Wert zur Charakteristik einer
Zeit, die längst von den Springfluten der Geschichte fortgespült und von ihrem
mächtigen Strom auf immer verschüttet scheint. Nicht die Frivolität ist
begraben, aber in dem luftigen Kleide von damals darf sie sich der Gesellschaft,
in keinem ihrer Kreise, nicht mehr zeigen.
    Entusiasmus, wohin man sah, aber es fehlte noch etwas: ein Schluss, der dem
Anfang entsprach, ein Siegel auf die fertige Urkunde gedrückt. Wozu die ganze
Aufregung ohne ein Ziel? Aus dem Teater sind später Revolutionen
hervorgegangen, aus der »Stummen von Portici« stürzten die berauschten
Zuschauer, um die Funken des Bühnenfeuers als Brand auf den Markt zu tragen.
Dazu war hier nicht der Ort, nicht die Zeit, nicht die Menschen. In den
geschlossenen Teaterräumen hallte der Ruf: »Krieg! Krieg! Zu den Waffen!«
trefflich, aber wären sie hinaus gestürzt, was dann? Wie klein wäre die Zahl
gewesen, wie bald zerstreut auf den breiten Strassen! Hätte Jeder sich gern in
der Gesellschaft der Andern erblickt, Derer, die vielleicht ihnen da zuströmten?
Und was sollten sie tun? Vor das Palais des Königs rücken, dort Fackeln
schwingen, wild schreien: Krieg! Krieg! Was würde dieser König, der, dem
Ungewöhnlichen, Exaltirten abhold, seine Person scheu von aller Repräsentation
zurückzog, zu einem brüllenden Haufen sagen, der ihn zu einer Handlung zwingen
wollte, die er vielleicht schon beschlossen hatte? Würde es nicht gerade das
Mittel gewesen sein, das Wort, das sich von den Lippen lösen wollte, in die
tiefste Brust zurück zu schrecken? Er musste zürnen, und erzürnen wollte Niemand
den geliebten Monarchen.
    Aber etwas musste geschehen, das fühlte Jeder; so konnte man nicht
auseinander gehen. Die Logenschliesser hatten unter den Enveloppen der Damen
Blumenkränze gesehen, oder waren es schon Lorbeerkränze? Auf irgend ein Haupt
sie zu drücken, dazu waren sie doch mitgenommen. Aber wo war das Haupt, wo der
Eine, der eine solche Masse wecken, begeistern, führen konnte? - Wohl gab es
Einen, einen noch jugendlichen, genialen Prinzen vom kühnsten Geist und
bewährten Mute. Sein Schwert hatte Franzosenblut getrunken, ritterlich hatte er
sich mehr als einmal in die Schaaren der Feinde geworfen und - dem
unüberwundenen Helden hätte man alle seine Schwächen vergeben, er wäre der Mann
des Volkes gewesen, und wäre er vorgesprungen, da auf eine Erhöhung, und hätte
den Degen blitzen lassen im Scheine der Teaterflammen, nur wenige kräftige
Worte, - möglich war es, dass es ein Ernst ward, dessen Folgen Niemand berechnet.
Aber diesen Einen fesselten Rücksichten, er knirschte im verhaltenen Grimme in
seinen vier Wänden; er zückte den Pallasch, um ihn wieder in die Scheide zu
stossen, er sah nach den Wolken, und lauschte auf den Galopp eines Pferdes, ob es
die Ordonnanz war, die das heissersehnte Wort brachte. Er hatte sein Wort geben
müssen, heute nicht im Teater zu erscheinen. »Scharf geschliffen und von vorn
herein die Spitze abgebrochen, damit der Stahl nicht verwundet.« - Andere gab es
wohl, die von demselben Feuer glühten, Namen von ehernem Klang und altem Ruhm;
sollte man aber die Kränze auf eisgraues Haar drücken? Warum nicht lieber auf
Friedrichs Büste?
    Aber etwas musste geschehen; die Gährung war zu gross, um sich zu verlaufen.
»Es lebe der König!« rief eine Stimme. Tausend riefen es nach. Das Orchester
intonirte den neuen Volksgesang, der so rasch Allgemeingut geworden, und das
feierliche: »Heil Dir im Siegerkranz, Retter des Vaterlands!« hallte wie
besänftigend durch den hohen Raum des Schauspielhauses.
    Eine der kleineren Logentüren klappte zu und ein Mann, vor dem sich der
Schliesser respektvoll neigte, eilte im Surtout die Treppe hinunter. »Das alte
Lied!« sagte sein jüngerer Begleiter; es war Herr von Fuchsius; »es klang hier
mir wie eine Ironie.« »Alles Teater, alles gemacht, alles nichts, und daraus
wird im Leben nichts,« erwiderte der Andere. »Seine Excellenz der Herr Minister
von Stein,« flüsterten sich die Logenschliesser zu.
    Aber als das Lied durch neue Hochs, dem Könige gebracht, unterbrochen wurde,
klappte wieder eine Logentür, eine Stimme teilte den Vornesitzenden etwas mit,
diese sprachen nach links und rechts, und bald lief es wie ein Lauffeuer durch
die Logen: »Die Garnison marschirt! - Die Berliner Garnison rückt aus!«
    Soll das den letzten Druck geben! schien des Ministers Blick zu seinem
Begleiter zu sagen, während der Lärm drinnen sich wieder steigerte. Ein
Vorübergehender las den Sinn der ungesprochenen Worte und erwiderte dem Manne,
den er nicht kannte: »Sie können es gewiss glauben, mein Herr, diesmal ist es
Ernst. Die Kriegskasse ist schon fertig, und das Feldlazaret wird gepackt. Ich
habe einen Vetter, der dabei ist.«
    »Und ich habe es selbst angeordet.« lächelte der Minister seinem Begleiter
zu. »Soll man sie um ihren Glauben beneiden oder bedauern?«
 
                          Zweiundfünfzigstes Kapitel.
                           Am Altar des Vaterlandes.
Was bis hier geschehen, davon finden wir die Hauptzüge wenigstens in den
öffentlich gewordenen Berichten. Die Zeitungen gedenken des denkwürdigen Abends;
aus ihnen sind jene Züge schon in die Geschichtsbücher übergegangen. Es fiel
aber an dem Abende noch Manches vor, wovon sie schweigen. Ein grosser Teil des
Publikums hatte sich bereits entfernt. Die Begeistertsten empfanden noch das
Bedürfnis, sich Mut und Hoffnung zuzureden. Hier schüttelte man sich die Hände;
hier schloss man sich in die Arme; hier unterhielt man sich von Vorteilen,
welche die Oesterreicher errungen haben sollten, von dem und jenem französischen
General, der verwundet sei; dort von einem Volksaufstande, der sich irgendwo
vorbereite, von dem ungeheuren russischen Heere, was aus dem Innern Asiens
heranwälze. In bewegten bangen Zeiten knüpft die Hoffnung aus den
Sonnenstäubchen, aus den Spinnfäden in der Herbstluft Taue für ihre Anker!
    Da lief schon längst ein Gerücht durch die entfernten Gruppen, dass ein
Courier mit wichtigen Nachrichten angekommen, aber er und sein Pferd, gleich
erschöpft, seien auf dem Markt gestürzt. Der Kommandant, welcher des Weges
gekommen, habe ihn auf der Strasse vernommen, und sei mit den Depeschen sogleich
ins Palais geeilt. Ein kleiner Mann mit sehr wichtiger Miene, den man früher
schon bei allen Gruppirungen bemerken konnte, schwang sich jetzt auf eine
Logenbrüstung und schrie: »Es ist richtig, meine Herren, der Courier ist da! Er
hat sich beim Fall den Fuss verstaucht - er kommt direkt vom Schlachtfelde - ich
sah ihn selbst - sie führen ihn jetzt am Schauspielhaus vorbei.«
    Sogleich war an der Tür ein Gedrang; man wollte hinaus, um sich von der
Wahrheit zu überzeugen. Die Entfernteren riefen: »Holt ihn herein!« - Was er auf
der Strasse aussagen dürfe, könne er doch auch dem Publikum erzählen.
    »Wenn uns Merkel nicht wieder eine Finte aufbindet!« sagte ein Mann in
mittleren Jahren, mit lebhaften dunkeln Augen, der, seiner Kleidung nach, dem
geistlichen Stande anzugehören schien; das Bleistift und Pergament in seiner
Hand deutete aber auf einen Berichterstatter für eine Zeitung, was er auch
wirklich war, der französische Prediger und Professor Catel, damals, und noch
lange nachher, Redakteur der Vossischen Zeitung. »Diesmal hat Merkel die
Wahrheit gesagt, liebster Catel,« bemerkte sein Nachbar. »Der Courier ist da,
auch ich sah ihn, und was ich durch das Gedränge gehört, sind so wunderbare
Dinge, dass Sie Ihre Zeitung übermorgen damit füllen können.« - »Sie verlangen
doch nicht von mir, dass ich Mirakel schreiben soll!« entgegnete Catel. »Das ist
weder meines Metiers, noch meiner Zeitung. Rebus in arduis aequam servare
mentem.«
    »Ist zwar ein schöner Wahlspruch,« entgegnete der Andere, »aber es gibt
doch Ausnahmen.«
    »Die sich doch wieder auf eine Regel zurückführen lassen. Alle Bewegung
sinkt auf ihr Niveau oder Mass zurück und die Gesetze dieses Masses sind die
Kunst. Und das sahen wir an diesem Abend. Iffland hat sich wieder selbst
übertroffen. Sehen Sie - - sehen Sie ihn da, Feuer und Flamme für den Krieg, er
ist der Soldat, den er vorhin gespielt, ich glaube, wenn ihn Seine Majestät der
König in die Linie beriefe, so würde er auch da vor den Rotten wie ein Meister
der Kriegskunst dastehen. Und nun betrachten Sie, mit welcher klassischen Ruhe
er auch dieses Feuer menagirt! Und vorhin im Puls, das war kein Spiel, das war
wieder ein Ernst, eine Wahrheit, eine Kunst, die uns an der menschlichen Natur
irre machen könnte. Ohne Zweifel war er von den Auftritten, die nun folgen
sollten, nicht allein unterrichtet, sondern er hat sie mit arrangirt, er lebte
in dem Gedanken, und wo merkte man es ihm an! Ich habe ihn genau beobachtet. Da
war jedes Fältchen der Weste, jeder Knopf wie sonst. Wie er mit der Rechten den
Puls des Patienten fühlte, zählte er mit den Fingern der Linken auf dem Rücken
die Schläge. Das werden Wenige bemerkt haben. Er tat es auch nicht fürs
Publikum, für sich, um sich selbst zu genügen. Diese Ruhe, diese Herrschaft über
Leidenschaft und Welt ist es, was den Künstler macht. Ich hätte nur einen Wunsch
jetzt -«
    »Doch nicht, dass Iffland selbst ins Feld ziehen soll?«
    »Nein, ich möchte ihn Talma gegenüber sehen. Jeder, bin ich überzeugt, würde
den Andern bewundern, Jeder vom Andern lernen wollen.«
    »Französisches Feuer und ein Klassiker im Blute!« bemerkte ein Dritter. »Von
der Kolonie!« sagte der Andere. »Die besten Preussen und gute Deutsche, und doch
alle ein tendre für Bonaparte.«
    Ein Jubel und Hallo kündigte hier an, dass der Courier ins Teater gezogen
war. Noch sahen ihn die Wenigsten, aber Stimmen schrien schon: »Viktoria! Ein
Sieg, ein ungeheurer Sieg! Hoch lebe der König! hoch Preussen!«
    Umsonst sträubte sich der junge, staubbedeckte Mann, dem man die äusserste
Erschöpfung von einem angestrengten Ritt ansah. Sein Gesicht war blass, nur
zuweilen von einer flammenden Röte überflogen. Er sprach lebhaft, aber mit
Anstrengung zu den um ihn Stehenden. »Meine Herren, es ist ein Irrtum, ich bin
nicht selbst der Träger der erwünschten Nachrichten. Ich habe vergebens draussen
schon gegen die Auszeichnung protestirt, aber man hört mich ja nicht. Meine
Depeschen vom Minister Haugwitz entalten nichts, noch können sie etwas von der
Nachricht entalten, die Sie, die wir Alle wünschen, dass sie auf Wahrheit
beruhe. Meine Depeschen, wie meine eigne Kenntnis der Dinge sind von Wien, von
weit älterem Datum. Ich wusste mich, um nicht aufgefangen zu werden, auf
Nebenwegen durchschlagen. Ich musste weite Umwege machen, und ich wiederhole
Ihnen, dass es nur ein Gerücht ist, was ich an der sächsischen Grenze zuerst
hörte. Was verlangen Sie von mir, dass ich es hier öffentlich mache! Ich kann
nichts sagen, als dass ich von Andern gehört, was diese wieder gehört.«
    Die in den Logen und dem hinteren Parterre hatten natürlich nichts von
dieser Protestation gehört. Unisono schrie, tobte, forderte man, dass der Courier
laut spreche: was hier gut sei, müsse es für Alle sein. »Hier sind keine
Verräter! Keine Spione!« - »Auf das Proscenium!« - »Sie müssen jetzt,
Bovillard,« rief Jemand, der ihn kannte, »oder man lässt es uns entgelten.«
    »Der Erschöpfte ward von zwei Männern unter den Arm gefasst und fast auf die
Bretter hinaufgerissen.« Uebrigens herrschte kaum ein Unterschied mehr zwischen
der Bühne und dem Zuschauerraum. Selbst von den angesehensten Damen standen
schon mehrere auf der ersteren. Schauspieler hatten einen Altar herangetragen,
der vielleicht aus der vorigen Opernvorstellung noch hinter den Coulissen stand.
Er diente dem Erschöpften, der sich von seinen Begleitern losgemacht, zur
Stütze. Sein Auge rollte, als suche er in der Luft nach Worten, während es den
Umstehenden nicht entging, dass seine Glieder fieberhaft zitterten. Jetzt fuhr er
mit der Hand über die Stirn; um die Erinnerung zu sammeln, glaubten Einige,
Andere versicherten nachher, er sei gestanden, als habe er ein Gespenst gesehen.
Da rief er plötzlich aus voller Brust: »Sieg, Sieg verlangen Sie aus meinem
Munde. - Wenn wir an uns selbst glauben, deutsche Männer, müssen wir ja siegen!
Warum nicht dort!« - Ein Händeklatschen, ein brüllender Applaus: »Sieg! Ein
Sieg! - Weiter! - Wo?« - »In Mähren, hinter Brünn - eine Schlacht, sagen sie,
ist geliefert, blutig, wie keine seit Menschengedenken - drei Tage hätte sie
gewütet - drei Kaiser standen sich gegenüber - dreimal ging die Sonne blutrot
auf - am dritten -« Alles hörte bang, mit angehaltenem Atem, während der
Sprecher nach Luft zu schnappen schien. - »Am dritten hat man ihn gesehen -
Bonaparte - in der Mitte von nur drei Reiterregimentern, die ihn mit ihren
Leibern schützten - sich durchschlagend nach Baiern - sein Heer, sein grosses
Heer -«
    »Was ist ihm?« riefen die Nächststehenden. Bovillard beugte und stützte
sich, wie um sich zu halten, oder etwas zurückzudrängen, auf den Altar. Durch
die weiten Räume aber brauste es: »Hurrah! - Viktoria!« - »Kränzt den
Siegesboten!« rief die Fürstin, die Treppe herauf steigend. - »Kränzt ihn!«
wiederholten weibliche Stimmen.
    Die Kränze waren da, aber das Publikum wollte vorher den ganzen
Freudenbecher ausgeschüttet wissen: »Sein Heer - wo ist sein Heer?«
    »Fragt die Erynnien! - Eine Blutlache -«
    Diese Worte konnte man auf dem entferntesten Amphiteater verstehen, so
scharf schnitten sie durch die Luft, doch ohne den sonoren Metallklang von
vorhin. Dann hörte man einen Fall, einen Schrei der Umstehenden, Töne des
Jammers, Einige wollten ein Auflachen gehört haben. Sehen, was vorgefallen,
konnten natürlich nur die Nächststehenden; indem man, um zu sehen, herandrängte,
verbarg man die betreffenden Personen. Von Mund zu Munde ging es, der Bote der
Siegeskunde war am Altar des Vaterlandes niedergesunken, aber mit voller Ehre.
Ein junges Mädchen, schön wie keine, in Fieberglut, hatte sich mit dem Kranz
über ihn erhoben, aber als sie ihm denselben auf die Stirn drückte, als er ihre
Hand ergriff, stürzte es ihm aus dem Munde, ein roter Blutquell, und er war
hingesunken, ohne die Hand loszulassen.
 
                          Dreiundfünfzigstes Kapitel.
                                Eine Entführung.
So viel wusste man bis in die entferntesten Winkel, aber in der Masse verschwand
das Persönliche vor dem sturmbewegten Gefühl. Man begnügte sich nicht mehr mit
einem Händedruck, auch Leute, die sich nicht leiden mochten, stürzten sich in
die Arme: »Das Vaterland ist gerettet!« - »Zugeschlagen. Nun ihm das Garaus
gemacht!« - »Drauf los! - Tod allen Franzosen!«
    »Davon werden sie auch nicht sterben!« brummte der Offizier, welcher vorhin
York genannt wurde, der sich jetzt Luft nach dem Ausgange machte, während die
Tücher der Damen ihm fast um die Ohren schlugen: »Wenn überhaupt die Geschichte
wahr ist.«
    Walter van Asten führte seine Cousine durch das Gedränge. Einer der jüngeren
Offiziere, deren Geschwätz der Oberst vorhin durch seinen zornfunkelnden Blick
zum Schweigen gebracht, benutzte den Augenblick, wo Walter sich bückte, um den
Pompadour aufzuheben, der dem jungen Mädchen aus der Hand gefallen war. Er
drängte sich zwischen Beide und wusste den Arm der Dame in seinen zu schieben:
»Mein schönstes Fräulein, Sie hatten einen Führer, der den Weg nicht kennt.
Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen den nächsten zeige.«
    Minchen Schlarbaums Arm hing wirklich am Arm des Offiziers, als ob es so
sein müsse, aber ihr Mund öffnete sich so weit als ihr Auge gross ward. »Mein
Gott, verzeihen Sie, das ist ja mein -«
    »Ihr Pompadour,« fiel der Kornet ein. »Da - nehmen Sie ihn rasch. Ich hoffe,
dass der - Herr da ihn für Sie aufgelangt hat.«
    »Und ich, Herr Kornet von Wolfskehl, hoffe,« sagte Walter, »dass Sie nur in
der Trunkenheit der Freude meine Cousine mit - Jemand Ihrer Bekanntschaft
verwechselt haben. Für eine andere Trunkenheit würde ich Rechenschaft fordern.«
    »Was! - Spricht da Einer von Rechenschaft - ich habe mich wohl verhört,«
näselte der Kornet zu den Kameraden, die still lächelnd in der Nähe standen, als
er schon Walters Hand an seinem Arm fühlte. Es war noch eine sanfte Berührung.
    »Ich, Kornet Wolfskehl,« sagte Walter in einem Tone, der noch dem Druck
seiner Hand entsprach. »Auf der Stelle ersuche ich Sie so höflichst als
dringend, Ihrer Wege zu gehen, da ich meinen vollkommen kenne, den ich gehen muss
und werde, wenn Sie den Platz nicht augenblicklich verlassen.«
    »Herr« - fuhr der Kornet auf - »wer sind Sie in drei -« und hatte doch den
Arm der Dame fahren lassen. Walters Blick hatte etwas herrisch durchdringendes.
Auch auf den übermütigen Jüngling hatte er unwillkürlich einen Eindruck
gemacht.
    »Jemand, dem es leid täte, sich an dem Rock des Königs vergreifen zu
müssen, der aber keinen Augenblick zaudern würde wenn - Jemand, der nicht der
Ehre wert ist, ihn zu tragen, darunter steckte.«
    »Was! - Unterfängt sich die Ca -«
    »Halt!« donnerte die Stimme des älteren Offiziers dazwischen. »Meine Herren
Offiziere, wenn der Civilist da zu dem Frauenzimmer gehört, ist er im Rechte.«
    »Dulden wir das!« schien der zu den Kameraden gewandte Blick des Kornets zu
sprechen. »Herr Oberst, er hat unsere Uniform berührt.« »So wird er Ihnen Rede
zu stehen haben, warum,« entgegnete der Oberst.
    »Herr Jesus, um Gottes Willen keinen Skandal!« schrie Minchen Schlarbaum.
»Da ist ja Herr Professor Catel, der kennt meinen Cousin.«
    In dem Augenblick ward aber die Aufmerksamkeit wieder auf den allgemeinen
Gegenstand der Teilnahme gelenkt. Wie wenn ein Vorhang zu beiden Seiten
aufrollte, hatten sich die Personen, welche um den Courier gestanden, nach
beiden Seiten verteilt, um der stürmischen Forderung des Publikums zu genügen.
Bovillard lag auf dem Boden, das umkränzte Haupt vom Teaterarzt gestützt,
während seine ausgestreckte Rechte die Hand des jungen Mädchens noch immer
gefasst hielt, welche den Kranz ihm aufgedrückt. Diese kniete, entweder durch
ihre Lage dazu genötigt oder aus eigener Bewegung, daneben. Von der Fieberröte
flutete nichts mehr auf ihrem Gesicht, es war todtenblass, nur die schönen
grossen Augen starrten auf den Jüngling zu ihren Füssen. Sie selbst schien der
Hülfe zu bedürfen, denn die Fürstin hielt sie umfasst. Die Wallensteinschen
Krieger, auf ihre langen Degen gestützt, standen im Halbkreis wie eine Wache. Es
war nicht Arrangement, es hatte sich von selbst so gemacht. Wer den Rest
Spiritus auf dem Altar entzündet, dessen blaue Flammen spärlich durch das
Halbdunkel der verlöschenden Oellampen in die Höhe leckten, ist nie ermittelt.
    Der Anblick war überraschend, das erste Schweigen des Publikums verriet,
dass es den Sinn und Zusammenhang nicht begriff. Es wusste nicht, ob es noch
jubeln dürfe, oder trauern solle? Eigentlich wusste es Niemand; was seit letzt
geschehen, ging über alles Arrangement hinaus, bis die Gefühle der Einzelnen,
wie kleine Blutadern in einem grossen erstarrten Körper pulsirten. Die Teilnahme
war verschieden. Eine Stimme rief aus der Mitte heraus: »Ah c'est pittoresque!
C'est vraiment antique et classique!« »Aber er stirbt ja wirklich!« schrieen
Andere.
    Der Classicismus musste in dieser Versammlung noch eingewurzelt sein, denn
es fand sich Jemand, der seine Zuhörer an das erhabene Beispiel aus dem
Altertum erinnerte, wo der Bote einer Siegesnachricht im Augenblick, wo er sie
überbrachte, aus Erschöpfung zu den Füssen seiner Mutter todt niederstürzte, und
die Mutter ward um deshalb als die glücklichste Frau im ganzen Hellas gepriesen.
    Herr Herklotz, der Teaterdichter, man vermutet, dass er es gewesen, hatte
mit Iffland einige Worte geflüstert, und dieser, heute in andauernder Aufregung,
hatte schon den breitkrämpigen Hut gezogen, und war an die Lampen getreten zu
einer neuen patriotischen Ansprache, mutmasslich aus jener Vergleichung
geschöpft, als Major Eisenhauch ihn sanft am Arme fasste: »Um Gottes Willen,
Herr Direktor, bedenken Sie, da ist der Vater des Sterbenden.«
    Der Geheimrat Bovillard, in einem Gespräch mit St. Real begriffen, hatte
erst spät seinen Sohn erkannt. »Mais enfin, grand Dieu, c'est donc mon fils!«
rief er händeringend zu Denen, die ihn abhalten wollten, sich auf die Bühne zu
stürzen, und arbeitete sich durch das Gedränge.
    »Mais, mon cher conseiller,« rief der Geheimrat Lupinus, der, seinen Arm
unterfassend, ihm nacheilte, »il ne mourra pas. Nous admirons ce ravissement
d'amour paternel suprême. Oh! c'est touchant. Mais considérez, mon ami, votre
état est surtout votre caractère. Vous êtes philosophe! - Et il ne mourra pas,
assurément, ce n'est qu'un échauffement passager. Ce jeune homme, un épanchement
patriotique, l'amour paternel le guérira!«
    Es arbeitete sich noch Jemand während dessen durch das Gedränge, doch mit
einem andern Ungestüm. Auch nach ihm streckten sich unwillkürlich Arme aus, als
wollten sie ihn zurückhalten. Weshalb Walter van Asten plötzlich dem Offizier,
dem er noch eben die Zähne zu weisen so grosse Lust gezeigt, den Rücken gekehrt,
weshalb er seine Cousine, zu deren Schutz er aus sich selbst herausgeschritten
schien, stehen liess, weshalb er unbekümmert um Beide ins dichteste Gewühl sich
gestürzt, dass er im nächsten Augenblick ihnen allen entschwunden war, das
wussten Die freilich am wenigsten, welche sich am lautesten darüber
verwunderten. Ein Hohngelächter der Offiziere brach plötzlich aus. Der Oberst
drückte verächtlich den Hut auf die Locken: »Ist's ein solcher, so lassen Sie
den Patron nur laufen.«
    »Er hat vielleicht Jemand gesehen, der seiner Hülfe noch mehr bedarf,«
antwortete Professor Catel auf Minchen Schlarbaums erstaunten Blick, und bot ihr
rasch seinen Arm, während die Offiziere zu einer Art Kriegsrat zusammengetreten
waren. »Redestehen!« - »Nimmermehr.« - »Die Peitsche dem Poltron!«
    Der Geheimrat Bovillard hatte sich über seinen kranken Sohn werfen wollen,
aber vernünftige Freunde ihn zurückgehalten, weil es sich mit seiner Würde nicht
vertrage, weil das vor dem Teater-Publikum eine Scene aufführen hiesse, weil
sein Sohn in keiner Lebensgefahr sei, weil jeder Affekt die Lage desselben
verschlimmern könne. Der Geheimrat Bovillard war den vernünftigen Vorstellungen
zugänglich, und für den öffentlichen Anstand hatte er immer das feinste Gefühl.
    Um so besser, als man seinen Sohn bereits auf demselben Ruhebett, auf
welchem bei der Darstellung des »Puls« der kranke junge Graf lag, fortgetragen
hatte. dabei musste sich noch einiges ereignet haben, was die Umstehenden
beschäftigte. Man hatte seine Hand aus der des jungen Mädchens losreissen müssen,
so fest hielt er sie gefasst. Sie war darauf - von der Anstrengung und dem
physischen Schmerz, sagten die Verständigen, zu Boden gesunken. Ob in einer
Ohnmacht oder einem Starrkrampf, darüber stritt man; die zum letzteren
hinneigten, behaupteten, sie sei schon vorhin, als sie noch aufrecht sass, in
einem Starrkrampf gewesen. Andere vermuteten noch Anderes, und Iffland
flüsterte zu Betmann: »Ich besorge, dass man uns auf unserem Grund und Boden
eine Komödie aufgeführt hat, während wir hier dem Publikum einen Ernst
vorspielen wollten.«
    »Sie lebt!« sagte der Arzt, welcher für Adelheid herbeigerufen war und noch
immer ihren Puls hielt. »Ihr Leiden scheint mir nur psychisch; eine Folge von zu
lange verhaltenen Gemütserschütterungen. Nach dem Zwange rächt sich die Natur.
Die äusserste Ruhe tut ihr zunächst not. Auf die Bretter aber, dünkt mich,
gehört die Kranke nicht.«
    Damit war vor Allen Herr Iffland einverstanden. Er hatte bereits eine
Portechaise kommen lassen. Zwei Soldaten, noch in Wallensteinschen Waffenröcken,
versprachen rüstige Träger zu sein.
    »Aber wohin?« fragte der Direktor, nachdem Adelheid unter Beihülfe des
Arztes und der Fürstin in die Portechaise gehoben war.
    »Gleichviel! In das erste befreundete Haus,« sagte der Arzt.
    »Das ist mein Hotel.« Die Fürstin gab, nachdem sie einen schnellen Blick
nach der Geheimrätin geworfen, die nötigen Anweisungen: »Leise aufgetreten,
keine Erschütterung. Für einen guten Lohn verpflichte ich meinen Kammerdiener.«
    Die Lupinus sah weder den Blick, noch die Abführung der Portechaise. Eine
Reihe riesiger Pappenheimer hatte eine Wand dazwischen gebildet. Aber auch ohne
diese Kürassiere würde sie in dem eifrigen Gespräche mit dem Legationsrat
schwerlich gesehen haben. Er hatte sie schon vorhin fast mit unziemlicher
Heftigkeit bei der Hand ergriffen und in die Coulissen gezogen.
    »Ich verstehe Sie nicht. Sie selbst drangen daranf, dass ich kündigen
sollte.«
    »Und heut bietet Moldenhauer fünf Procent, wenn Sie die Kündigung
zurücknehmen. Schlagen Sie ein! wiederhole ich. Jede Hypotek 20,000 Taler!
Bedenken Sie! Einen so unerwarteten Gewinn! Sie wären rasend, ihn von der Hand
zu weisen.«
    »Aber wenn die Kapitale selbst darüber verloren gehen! Noch gestern
schrieben Sie mir: Kündigen Sie.«
    »Noch vor einer Stunde hätte ich's getan.«
    »Und jetzt, - wo Preussen losschlagen muss -«
    »Es schlägt nicht los.«
    »Napoleon vernichtet ist -«
    »Er ist nicht vernichtet.«
    »Trägt ein Ariel Ihnen Botschaften durch die Luft?«
    »Ja, in Gestalt einer Taube, der zu Herrn von Marvilliers auf Laforests
Hinterdach niederflog.«
    »Die Schlacht -«
    »Ist geliefert,« flüsterte er näher an sie tretend ihr ins Ohr. »Das Blut
floss in Strömen. Die Russen total geschlagen, Oestreich verloren, dem Sieger auf
Gnade und Ungnade überliefert -«
    »Entsetzlich! Wo? - Wie?«
    »Wenn man den Namen in dem rasch gekritzelten Zettel richtig liest, heisst es
Austerlitz, wo Europas Schicksal entschieden ward. Die Schlussfolge überlass ich
Ihnen.«
    »Und diese Menschen in ihrem Siegesrausch!«
    »Was gehen diese Menschen Sie an! Denken Sie an sich, und ergreifen, was der
Moment bietet. Es wäre möglich, dass Moldenhauer schon morgen Mittag den wahren
Verlauf erfährt. Deshalb beschied ich ihn auf morgen früh zu Ihnen. Ein Notar
ist avertirt, dass wir ihn auf der Stelle rufen. Moldenhauer wird Sie als Engel
segnen, denn er hält sich als Kaufmann ruinirt, wenn Sie auf die Kündigung
bestehen. Sie zaudern natürlich etwas, bis -«
    »Und wenn wir uns doch verrechneten!«
    »Das Einmaleins ist nicht unerschütterlicher als der moralische Egoismus der
Staatskunst. Stürzt sich das Lamm in den Rachen des Löwen, der vom Blute der
Hunde träuft? -«
    »Aber -«
    »Wird, kann, darf Preussen jetzt losgehen? Das frage ich Sie, und es bedarf
nicht Ihres Scharfblicks, um ein entschiedenes Nein zu antworten. Selbst wenn
diese Mannequins nicht am Ruder sässen, ein entschlossener, zornsprühender König
auf dem Trone - jetzt wäre es Torheit - Torheit ist Alles - aber es wäre mehr
als das - Verbrechen, Wahnsinn - es ist eine Unmöglichkeit.«
    »Es wird dunkel!« rief die Geheimrätin; man fing an die Lampen
auszulöschen. - »Mein Gott, wo ist Adelheid?«
    Der Wachtmeister aus »Wallensteins Lager« war ihr entgegen getreten:
    »Beruhigen Sie sich, Madame. Die Demoiselle ist in sicherer Obhut
fortgebracht, die Frau Fürstin Gargazin -«
    »Hat sie Ihnen am Ende entführt,« lachte Wandel.
    Ein Kammerdiener der Fürstin stand in der Coulisse, um der Geheimrätin die
Tatsache, nur mit andern, schöneren Worten zu melden, und, wenn sie es für
nötig fände, die Kranke zu besuchen, das ganze Hotel zu ihrer Disposition zu
stellen. Ein Zusatz lautete indes, dass die Aerzte jeden Besuch für
lebensgefährlich beim Zustande der Kranken erklärt.
    Als die letzte Spiritusflamme auf dem Altar aufzuckte, ging die Geheimrätin
am Arm Wandels rasch fort. Sie standen am Ausgang. Links führte der Weg zur
Fürstin, rechts nach der Jägerstrasse.
    »Sie ist Ihnen entführt. Wollen Sie ihr nachlaufen? Mich dünkt, es ist heute
genug Komödie gespielt. Ueberlassen Sie das Solchen, die zu nichts Besserem
taugen. Wozu einen Schmerz heucheln, den Sie nicht empfinden. Mich dünkt, Sie
könnten dem Himmel danken, wenn Sie das Mädchen auf diese Weise wirklich los
werden.«
    »Aber was wird die Welt sagen?«
    »Die hat fürs erste anderes Spielzeug. Nachher findet sich leicht eine
plausible Fabel.«
    Die Geheimrätin ging nicht in das Hotel der Fürstin.
 
                          Vierundfünfzigstes Kapitel.
                          Die Patrioten trennen sich.
»Was tun Sie, Herr von Eisenhauch!«
    »Was mir die Ehre gebietet.«
    »Keine Uebereilung, die Sie bereuen könnten.«
    »Ich bereue nur, dass ich zu lange vertraut.«
    »Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurücktreten -«
    »Wer sagt, dass ich zurücktrete, Herr von Fuchsius!« Der Major hielt in der
Arbeit inne, die ihn ganz zu beschäftigen schien. Er packte hastig an einem
Felleisen, während ein anderes schon vom Diener zur Tür hinausgetragen ward.
Waffenstücke, Hut und Mäntel hingen umher und zwei Pferde stampften am Hause vor
einer leichten Reisekalesche. Es schien nichts Heimliches, was hier verhandelt
ward, denn der Major mässigte nicht seine Stimme, wenn die Diener eintraten, noch
sprach er leiser, wenn sie die Tür beim Fortgehen offen liessen. »Wer sagt, dass
ich zurücktrete! Ich verzweifle nicht an unsrer Sache, mein Herr, auch noch
nicht an unserm Vaterlande, und ich verzweifle auch nicht an diesen hier, denn
man kann nur verzweifeln, wo man noch hoffte.«
    »Major -«
    »Nicht mehr in preussischem Dienst. Meinen Abschied, der jetzt ausgefertigt
wird, haben Sie die Gefälligkeit und schicken ihn mir nach, oder verbrennen ihn.
'S ist gleichgültig.«
    »Wohin?«
    »Nach Oestreich, so lange noch da ein Funken glimmt. Nach Russland, England,
Spanien, wohin es sei, wo Herzen schlagen, Männer atmen, welche noch ein Gefühl
für Schande haben.«
    Fuchsius hatte die Tür zugedrückt. Es war ein Absteigequartier und ihm
schien die Unterhaltung nicht geeignet, um von anderen Hausbewohnern belauscht
zu werden. Aber Eisenhauch rief in der Arbeit: »Wenn es Sie nicht genirt, was
mich betrifft, mögen Napoleons Spione alles hören.«
    »Nur ein Wort. Grossfürst Constantin und Fürst Dolgorucki sind hier. Noch ist
nichts verloren, sie belagern den König, sie dringen in ihn, dass Preussen ein
entscheidendes Wort spreche.« Eisenhauch lachte auf. »Lachen Sie nicht. Keine
Sprache ist hier so wirksam, als die russische.«
    »Sagen Sie, als die der Furcht. Als ich bei Ihrem Minister den Abschied
forderte, drückte er mir die Hand aus Herz, wenigstens an den Platz, wo eins
schlagen sollte.«
    »Und -«
    »Sie kommen meinem Wunsche zuvor, versicherten mich Seine Excellenz, denn
Ihres Bleibens wäre hier doch nicht länger. Napoleon würde Ihre Auslieferung
fordern, und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschluss die
Unannehmlichkeit, Sie ausweisen zu müssen. - Von einer Uebereilung, Herr von
Fuchsius, ist daher, wie Sie sehen, nicht die Rede. Ich fliehe, damit man mich
nicht einsperrt, ich mache mich bei Zeiten aus dem Staube, damit man mich nicht
verfolgt.«
    Fuchsius hatte sich, das Gesicht bedeckend, auf das Kanapé geworfen. »Und
doch wage ich zu behaupten,« sagte er, während der Major im Packen fortfuhr,
»Sie übereilen sich. Vergönnen Sie mir, mich mit der Ruhe gegen Sie
auszusprechen, die ich mir erst sammeln muss, vielleicht als ein Produkt Ihrer
Unruhe. Wo schöpft nicht der Trostlose Trost! - Haugwitz's Aufträge, als er nach
Brünn abreiste, waren auf keine Niederlage berechnet. Die Klugheit gebot ihm,
wie die Dinge standen, zu verschweigen, was er unter anderen Umständen sprechen
sollte.«
    »Und liess sich, ehe die Dinge standen, wie sie stehen, mit einem gnädigen
Zornblick nach Wien komplimentiren. Liess sich mit einem Schnalzen wie ein Hund
bei Seite schieben, damit Napoleon bei Austerlitz ungestört schlagen konnte. Sah
vom Stephansturm mit einem Fernrohr nach Mähren, um seine Worte abzuwiegen, je
nachdem, ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte. Höll' und Teufel
- verzeihen Sie, mein alter Freund - ich weiss auch, was Diplomatie ist, aber
Macchiavell ist ein Stümper vor solcher Politik. Die Reise nach Mähren wird ein
Brandfleck bleiben in der Preussischen Geschichte, ich fürchte, er zerlöchert das
ganze Buch. Der boshafte Feind hätte nichts Schlimmeres ersinnen können.
Doppelzüngigkeit ist ein mildes Wort. Doppelsinnigkeit! eine doppelte
Sinnlosigkeit, denn man weiss heute nicht, ob uns Oestreich oder Russland mehr
hassen, oder Napoleon mehr verachten muss. - Wissen Sie's zu verteidigen?«
    Der Regierungsrat sagte nach kurzem Schweigen: »Nein!« - »Ich überlasse
Ihnen das volle Verdammungsrecht über das, was geschehen ist. Aber es ist noch
nicht Alles geschehen!«
    »Der zweite Baseler Frieden ward in Schönbrunn geschlossen, zehntausend Mal
schmählicher als der erste. Wollen Sie ihn noch durch einen dritten überbieten
lassen?«
    »Dee Vertrag von Schönbrunn ist noch nicht ratificirt, Herr von Eisenhauch.
Bis er es ist, lassen Sie uns, lassen Sie mich wenigstens hoffen. Wir sollen
Anspach an Baiern abtreten, Cleve, Wesel, Neuchatel an Frankreich, und erhalten
dafür das Danaer-Geschenk, die Erlaubnis Napoleons, uns an Hannover schadlos zu
halten. Mein Herr, lassen Sie uns hoffen, dass wir diesen Brocken, an dem der
Adler ersticken soll, nicht annehmen! Unser Militär knirscht vor Wut und
Erbitterung, es ist ein schlagfertiges Heer; zum Kriege ausgerückt, soll es ohne
Krieg zurück? Hören Sie, wie man laut ruft, von den Prinzen und Generalen bis zu
den Unteroffizieren und Gemeinen: des Staates Ehre ist verpfändet; die Minister
haben sie verkauft, an uns ist es, sie wieder einzulösen! Russland operirt offen,
geheim. Hat Oestreich keine Stimme an unserm Hofe? Es ist still, erbittert, wie
nie zuvor. Horchen Sie durch die Strassen, in den Wirtshäusern, es ist nur eine
Stimme: noch ist der Augenblick zu handeln! Hören Sie in jeder Gesellschaft, wo
zwei, drei zusammenstehen, die Wut gegen Haugwitz. Es ist kein Tadel mehr, es
ist ein allmächtiges Gefühl, das kaum mehr Worte findet. Männer mit weissem Haar
spucken beim Namen des Mannes. Er hat Preussens Ehre verkauft! Ein Glück für ihn,
dass er nicht hier ist. Die Männer der Clique getrauen sich nicht bei hellem
Licht über die Strasse; man würde -«
    »Vielleicht einen Stein aufheben,« rief Eisenhauch, den Koffer zuwerfend,
»aber ehe man ihn wirft, würde man sich besinnen, es sei doch vernünftiger ihn
nicht zu werfen. Der Stein könnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf
doch nicht öffnen. Was man würde, könnte, möchte, dürfte, das ist alles
vortrefflich, was man weiss, ist die Weisheit selbst, aber der Haken ist, dass man
nicht tut, was man könnte, möchte, dürfte, und dass, was man weiss, die
Erkenntnis zu Schanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschluss.«
    »Ich gebe Ihnen ja alles zu, aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom,
der seine Eisdecke bricht. Die Wut kennt keine Zügel mehr nach dieser
Enttäuschung. Alle Wut ist blind, wollen Sie mir einwerfen, aber diese ist
intensiv und kritisch zugleich. Das ist ein neues Symptom. Man fragt: Warum
musste Haugwitz so lange zaudern? Warum reiste er so langsam? Warum liess er sich
wie ein Junge in Brünn behandeln? Warum wie eine petiet femme die man in der
Schlacht nicht braucht, nach Wien schicken? Was würde Friedrich zu solcher
Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben? Seinen Kopf hätte es einem solchen
Abgesandten gekostet. Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten, und man fragt
schon jetzt, warum? Man wird es immer dringender fragen. Wie lautete sein
Auftrag, der ihm so zu handeln erlaubte? Warum reist er so langsam zurück, als
er langsam hingereist ist? Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die
auswärtigen Blätter senden, die uns in den Wahn einlullen sollen, seine Mission
sei geglückt, er habe nur ausgerichtet, was sein König ihn aufgetragen? Wer ist
hier der Betrogene, wer der Verräter? Klimpert französisches Geld in seiner
Tasche, oder ist er der stumme Dulder, der eines Anderen Schuld heroisch auf
seine Schultern nimmt? Das, Major, fragt man, man fragt es laut, und Männer
fragen es, vor denen unsere Höchsten Respekt haben.«
    »Aber was hilft die schärfste Frage, auf die ich keine Antwort bekomme?«
    »Preussen sucht zu vermitteln. - Lachen Sie nicht. Zu anderer Zeit würde ich
mit Ihnen lachen, jetzt ist es das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen. Der
König ist ratloser denn je in diesem Gedränge der Parteien und Leidenschaften.
Man hat mit Lord Harrowby negociirt, dass die englische Legion, die bei Stade
gelandet, einstweilen in Hannover nicht vorrücken soll. Obrist Pfuel ist an
Haugwitz gesandt; er soll den Abschluss hinhalten, er soll Seine Majestät den
König als Vermittler der ganzen europäischen Wirren in Vorschlag bringen. Er
soll den Gedanken an einen grossen, allgemeinen Fürstenkongress anregen, auf dem
alle streitigen Fragen entschieden würden, und in diesem Augenblicke ist auf dem
Palais eine Sitzung der Minister, die schon mehr als einmal stürmisch wurde -«
    »Und in süssem Frieden endete,« unterbrach Eisenhauch.
    »Sie wissen davon? Ich flog nur, als ich von Ihrem Entschluss erfuhr, Sie
aufzusuchen.«
    »Pfuel ist zurück. Er traf unterwegs den zurückkehrenden Haugwitz, und
hielt, nach den Mitteilungen desselben, seine Mission nicht mehr für nötig.
Wird man nun Pfuel den Kopf zu Füssen legen? - Ei bewahre! Er handelte nach
Rücksichten und Intentionen, die unser beschränkter Verstand nicht begreift.
Heute in der Ministersitzung, nachdem die Köpfe warm geworden, ist man zum
Beschluss gekommen: Kein Krieg! Denn Krieg ist ein grosses Uebel, dessen Folgen
Niemand absieht.«
    »Widersprach denn Niemand?«
    »Sie weinten sogar. Das treue Anspach fahren zu lassen. - Nun, Baiern wird
ihm auch ein gütiger Herr sein! - Aber Hannover den Engländern nehmen, unseren
besten Verbündeten! Man tröstete sich mit dem schönen Gedanken: es kann ja nicht
immer so bleiben, darum muss es einmal besser werden. Einstweilen soll aber alles
so bleiben, bis - hören Sie - bis zum allgemeinen Frieden! Dann werden alle
Völker, Fürsten, sogar die Staatsmänner vernünftig werden. Die Engländer auch;
sie werden, um des allgemeinen Besten willen, Hannover freiwillig abtreten.«
    Der Regierungsrat sprang auf: »Beim Himmel, es ist nicht Zeit zu
Epigrammen!«
    »Bittere Wahrheit, liebster Fuchsius. Der Sturm im Ministerrat ging in ein
sanftes Adagio aus. Man schwärmte, da man nicht Mut hatte, für sich selbst zu
handeln wie es notwendig, für das Wohl der allgemeinen Menschheit!«
    »Und Stein - auch Hardenberg?«
    »Ueberstimmt. Und weil sie überstimmt, fügten sie sich. Man darf doch nicht
gegen den Strom schwimmen. Es gab sanfte Händedrücke, beinahe kam's zu
Umarmungen.«
    »Finis Germaniae!« seufzte der Rat.
    »Gott bewahre! jetzt wird sich erst der eigentümliche Glanz der Staatskunst
entfalten. Nichts tun, und wenn man in der Klemme steckt, sich justificiren und
glorificiren, dah man die Hände in den Schoss gelegt«. Warten Sie nur auf die
herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel. Das wird salbungsvoll riechen.
Mit Humanität und Philosophie und Christentum wird man dem Volke beweisen, dass
die Weisheit selbst nicht weiser hätte handeln können. Die guten Bürger werden
sich die Augen wischen vor Rührung, und das »Heil Dir im Siegerkranz« wird noch
einmal so schön klingen, als wenn der König gesiegt hätte. Man wird auf uns
hetzen, die wir gehetzt haben, bis das Volk es glaubt, dass wir nur ehrgeizige,
unruhige Köpfe waren. Sie glauben nicht, was das Volk glaubt, wenn man ihm sagt,
dass wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten. Man wird anrüchig werden,
wenn es heisst, dass man zur Kriegspartei gehört hat. Salviren Sie sich bei
Zeiten. »Spitzen Sie Ihre Feder, auch Sie werden Artikel für den Frieden
schreiben müssen.«
    »Nimmermehr! - Ich nehme meinen Abschied!«
    »Das hat Mancher gesagt, und bleibt doch, - aus höherer Staatsraison.
Weshalb auch um solche Bagatell, als eine Meinung ist, seine Existenz aufs Spiel
setzen?«
    »Herr von Eisenhauch!«
    »Nichts Persönliches! Gott bewahre! Die Personen verschwimmen wie die
Charaktere in diesem Mengelmuss. Da tut der Beste am Besten, wenn er still
mitschwimmt. Wo steht denn geschrieben, dass wir nicht niederträchtig denken,
nicht feig handeln sollen? Nur einen Brei sollen wir darum kneten, einen Firnis
des Anstandes. - Und dann, ja man muss sich für eine bessere Zukunft
konserviren.«
    Der Regierungsrat blickte ihn ernst wehmütig an: »Wir gingen so lange mit
einander! Sollen wir so scheiden!«
    »Ein zerronnener Traum! Preussen hatte die Aufgabe, Deutschland zu retten, es
hat sich nicht selbst zu retten gewusst. Den letzten Rest seiner öffentlichen
Ehre hat es geopfert, selbst den Rest der Ehrlichkeit, auf die es sich brüstete,
warf es in den Tiegel.«
    Der Rat ging im Zimmer auf und ab; er sah nicht, was auch dem Militär
entging, dass ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt, der an der
Schwelle der geöffneten Tür stehen geblieben. »Unterscheiden Sie wenigstens die
Nation von - Denen, die Sie brandmarken.«
    »Wer ist die Nation? Wo sitzt sie? Wo schlägt ihr Herz wo drücke ich ihre
Hand? Das ist die ungeheure Täuschung, dass wir dieses Konglomerat von Gliedern
für einen organischen Körper ansahen. Hier, wo alle Adern zusammenfliessen
sollen, glaubte ich das Herz gefunden zu haben. Was fand ich? Zwei Rassen, man
sollte meinen, von verschiedener Abstammung, Sprache, Hautfarbe, wie Niebuhr die
Römer seciren will. Zwei Rassen, die sich ausweichen, verachten, hassen, Militär
und Civil genannt! Dies Militär knirscht freilich, aber was hilft uns das
Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern! Dieser Koloss ohne Elasticität kann
noch zermalmen, nicht mehr retten, befreien, weil ihm der Odem fehlt. Der
Mensch, der Mann, der Bürger, ja der Ritter selbst, ging unter in der
vielgelobten Disciplin. Da sollen wir Kämpfer, Paladine suchen für die ewigen
Güter der Nation, wo Gefühl dafür, Bewusstsein, der feurige Willen zum
Verbrechen ward! Ein paar elende Kreaturen, gehasst verachtet von Allen, selbst
von Denen nicht geliebt, in deren Stimmungen sie sich einhüllen, um sie im
Schlaf zu beherrschen, die sind wichtiger, als dieses mächtige Heer. Was ist nun
dieser gewaltige separirte Teil der Nation, den man als ihr anderes Selbst im
Auslande betrachtet, wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese
Lumpenmänner fortbläst?«
    »Die Nation besteht nicht allein aus dem Militär.«
    Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten, aber wenn eine Schleuse
geöffnet, hältst du das Wasser nicht zurück. Die Feuersäule, die ein Haus
ergreift, sprüht mit dem trocknen Gemüll auch Gebälk und Steine in die Luft.
    »Ich kenne nun auch die Andern. Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre
Wahrheit. Viel buntes Glas, einige böhmische Steine und wenige Diamanten; durch
die gut geschliffenen Gläser glänzt es von fern wie ein Eldorado. Grosse
Versicherungen und kleine Taten, ein beständiges Streben nach dem Höchsten,
aber der Weg führt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen. Auf
Stelzen vor Freund und Feind, und wenn sie die Tür zuschlossen, spotten und
lachen sie über sich selbst. Gedanken, grosse und schöne, aber wie Irrlichter;
sie erblassen schon auf der Lippe. Vom Boden habt Ihr Euch gelöst, der dürftigen
Natur, die Euch der Himmel anwies. Ihr konntet wie Sturmvögel Euch andere
Regionen suchen, aber nun flattert Ihr, von Euren ermatteten Adlern verlassen,
zwischen Himmel und Erde, und wisst nicht, wohin. Ueberall vor Rücksichten
scheuend, zittert Ihr vor Eurer eignen Kraft. Um's Euch nicht zu gestehen, woran
Ihr krankt, am Glauben an Euch selbst, hüllt Ihr Euch in Wolkenpaläste und
klammert Euch an Systeme, die beim nächsten Sturmwind zerrissen sind. Dies
Scheinleben ist das Zehrfieber, das Euern Staat vom Winkel bis zur Zeh entnervt.
Eine angezündete Fackel wollten sie neulich schleudern, ein Weltbrand sollte es
werden, aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen. Da in den
Flammenzuckungen dieses verunglückten Teaterabends konnte man die ganze Misere
erkennen. - Auf dem Teater sollte die Welt zurecht gelegt werden, und mit
Recht, denn diese Welt ist nur eine Teatervorstellung. Man spielt sich selbst
und ist zufrieden, wenn man gut gespielt hat.«
    Fuchsius halte mit verschränkten Armen und verbissenem Munde schweigend
zugehört. Jetzt öffnete er ihn, aber was er sagen wollte, schien er rasch zu
verschlucken. Tonlos sprach er: »Sie aber sind noch nicht zu Ende, Major. Ich
erwartete, dass Ihre Philippica auch die Schlittenpartie der Gensd'armen der
Nation auf ihr Schuldconto schreiben würde.«
    »Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede? Ist Mark und Niere
durchschüttert von der Satyre des Weltgeschickes, dass man auf den Brettern den
Krieg spielte, derweil er draussen im Blute von Austerlitz schon ersäuft war, dass
man über einen Sieg jubeln konnte, tagelang noch die Blätter Lorbeern den Russen
zuschmeissen, derweil in den unterrichteten Kreisen Jeder vom Gegenteil wusste?
Nichts von Erschütterung. Man hatte von Wichtigerem zu plaudern: ob der
Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefährlicher, oder nur ein bisschen
Blutusten war? Ob seine ganze Lügenpost nur eine Intrigue, um seiner Geliebten
in einer interessanten Situation näher zu kommen? Ob die Madame Lupinus im Recht
ist oder die Gargazin? O wer da den Einblick gewönne in dies höchst intrikate
wichtige Ränkespiel der beiden Frauen! Ob die Lupinus, wie ihre Freunde sagen,
wirklich die Tugendwächterin war für die hübsche Mamsell Alltag? Ob sie das
junge Mädchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft für den jungen
Wüstling, und ob sie nur in edler Entrüstung zurückwich, als die Sache zu einem
öffentlichen Skandal umschlug? Hannibal vor den Toren, und sie streiten, ob die
Gans in Moll oder Dur gegackert hat, als Brennus stürmte!«
    »Und das Resultat, Herr Freiherr von Eisenhauch?«
    »Dass Deutschland auf den Neumond hoffen mag, auf einen Kometen, auf die
Sturmbraut, meinetalben auf Napoleons Grossmut, auf Alles, nur nicht auf
Preussen.«
    Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen: »Wenn eine Epidemie herrscht, lohnt es,
dünkt mich, nicht der Mühe, zu untersuchen, wer der Kränkste ist. Leben Sie
wohl. Wir sind alle krank, Major, sehr krank. Preussens Genius verzeihe Ihnen,
was Sie sprachen, wenn Sie einen gesunderen finden.«
    Er hörte nicht mehr die Worte, die mit sonorer Stimme durch die offene Tür
in das Zimmer schallten: »Herr Major, eine Beleidigung, dem Staate zugefügt,
trifft auch jeden Bürger.«
    Den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, der krampfhaft auf dem Boden
hämmerte, stand der Major Rittgarten auf der Schwelle. Unter seinen grauen
Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch. Beide mochten
sich als Hausgenossen kennen, ohne in nähere Berührung getreten zu sein.
    »Was ich gesprochen, war nicht an den Major Rittgarten gerichtet.«
    »Noch hoffe ich, dass Sie den Einwand machen, dass er bei offener Tür Sie
belauschte.«
    »Was ist Ihr Wunsch?«
    »Der Staat, den Sie geschmäht, kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern.
Ich fordere Sie, ein alter Militär, der unter Friedrich focht und bald dahin
geht, wo sein grosser König sie von ihm fordern wird.«
    Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jüngere Militär den älteren an: »Ich
ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Mut; beide aber nicht als Legitimation, den
Handschuh für ein Etwas mir zuzuwerfen, was Sie nicht persönlich betrifft.«
    »Sie haben das preussische Militär beleidigt, die Ehrenkränkungen meiner
Brüder nehme ich auf mich. Sie haben das Preussische Volk geschmäht, dies treue,
gute, rechtliche Volk. Sein Blut rinnt, wenn auch langsam, doch zu heiss noch in
meinen Adern, um mit diesem ungerächten Fleck vor meinen König zu treten. Ihre
Antwort?«
    »Nur eine Frage: war, was ich sagte, unwahr?«
    »Zu der Frage haben Sie kein Recht. Sie sind nicht Richter. Nicht unter
diesem Dache, nicht auf diesem Boden, der Sie gastlich aufnahm, dürfen Sie das
Volk schmähen und den Fürsten, dem das Volk vertraut. Und wenn ich Ihnen
antwortete, verstehen Sie meine Sprache nicht.«
    »Eh' der Verklagte antwortet, muss er die Klage kennen. Treten Sie für jene
Offiziere ein, die ich meinte? Vertreten Sie jene Eitlen, Schwachen, Nichtigen
-«
    »Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung.«
    »Aber unter Ehrenmännern, ehe man zum äussersten Ernst schreitet, sucht man
Verständigung über das, worüber der Streit ist. - Sie haben mich vorhin
angehört, ich sprach im Zorn. Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhören, ich will
auch Ihren Zorn ruhig hören.«
    »Kennen Sie unser Volk? Wenn Sie an enem Kranken seine Geschwüre zählen,
kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren? - Wer justificirt und glorificirt
sich denn in seiner Schande? Das Preussische Volk etwa? - Wer schreibt die
salbungsvoll duftenden Staatsschriften? - Söldlinge, oft Fremdlinge, die das
Volk aus Grund der Seele verachtet. Wen treffen Ihre Epigramme? Spielen die
braven Herzen, die in Pommern und Ostpreussen, in Schlesien und Westphalen für
des Vaterlandes Ehre schlagen, in Berlin Teater? Sie zucken die Achseln! Wo
haben Sie es gefunden, dass das Volk niederträchtig denkt und feig handelt? Sie
haben nicht herausgehört das stumme Zähneknirschen, die blutenden Herzschläge,
als sie den letzten Rest, wie Sie meinen, seiner Ehre und Ehrlichkeit in den
Tiegel warfen. Die warfen hinein als schlechte Verwalter, was sie aufgegriffen.
Aber nicht die Herzen des Volkes. Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben,
die hat es aufgehoben für eine bessere Zeit. Es ist kein Rest da, sage ich
Ihnen, der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust. Wer
ist die Nation, wo sitzt sie, fragen Sie? Wer hat sie denn schon aufgesucht in
ihrem Heiligtum? Wer hat denn schon dies Volk gefragt, wer hat es denn gerufen?
Der grosse Kurfürst einmal, und da kam es, Friedrich rief es sieben Mal, und
sieben Mal stand es da mit Gut und Blut. Diese - haben es nicht gerufen, weil
sie es nicht wagen, sie zittern vor dem Geist, den sie aufrufen könnten, vor dem
ihre Erbärmlichkeit in Staub und Spreu versänke. Aber rufen sie es einmal, bei
dem rechten Namen, auf den es hört, mit dem rechten vollen Ton, der in Mark und
Nieren schmettert, und es kommt. Dann, mein Herr, gebe ich Ihnen mein Wort, wird
es nicht vor Denen scheuen, die seine Fleischtöpfe verrücken wollen; es wird
glauben, ja, nicht an die schönen duftenden Reden der Herren am Ruder, an seine
Bestimmung wird es glauben, an die Stimme der grossen Fürsten aus der Gruft, und
selbst wird es seine Fleischtöpfe ausschütten für Alle, die für das Vaterland
streiten wollen!«
    Eisenhauch machte eine Bewegung, als wolle er die Hand des Veteranen
ergreifen. Aber dieser blieb in seiner festen Stellung: die Hand umklammerte den
Stock.
    »Wir sind ein ander Geschlecht,« fuhr er ruhiger fort, »als Sie draussen; ja
es ist so, das Warum kümmert Sie und mich heut nicht. Wenn wir krank wurden,
können wir uns nur selbst heilen; Ihre Aerzte tun es nicht, sie verstehen unsre
Natur nicht. Aber etwas, mein Herr, sollten Sie kennen. Die Blätter der
Geschichte lehren es. Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen, die Welt uns
verloren gab, dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Grösse.«
    »Wem gab die Natur ewige Jugend!«
    »Sie sagen, wir haben uns vom Boden gelöst, auf dem wir wuchsen, und
flattern haltlos zwischen Himmel und Erde, weil wir nicht Mut haben, vorwärts
ins Blaue uns zu stürzen. Ich geb's Ihnen zu. Aber wir haben Vertrauen; noch
haben wir's, Herr Major. Der Fürst vertraute dem Volke, das Volk dem Fürsten. So
lange das Band hält, ist Preussen nicht verloren. Wie oft traten Retter auf, als
die Not am grössten, die Klügsten keine Aussicht sahen, die Mutigsten
verzweifelten. Man sagt, dass der grosse König Gift in seinem Ringe trug.
Gebraucht hat er es nicht. Nicht bei Kollin, nicht in der Nacht von Hochkirch,
nicht als er mit seinem Häuflein, wie der Mannsfelder, durch seine Staaten
irrte. In sich selbst und aus der Verwüstung heraus fand er sich wieder. Und in
welcher anderen Wüste rettete, schuf der grosse Kurfürst seinen Staat! Wo
überall, wie von Gott geschickt, unerwartet, der David auftrat, der den Goliat
niederwarf, wo diese Rettungen aus Zerwürfnis und Elend recht eigentlich die
Quintessenz unserer Geschichte sind, warum da glauben, dass sie jetzt zu Ende
sind? Warum nicht festalten an dem, dass zur rechten Zeit der rechte Mann sich
wieder einfindet? Wir sind jetzt erniedrigt, ja, dupirt vor aller Welt, vor uns
selbst am meisten, ein Sumpf von Fäulnis, überdeckt mit einem Flimmer von
Eitelkeit und Hochmut - aber es gab noch verwüstetere Geschlechter vor uns und
Gott gebe, dass nicht noch verwüstetere nach uns kommen.«
    Eisenhauch sah, einen Schritt zurücktretend, dem alten Mann feierlich ins
Gesicht: »Sie fordern von mir Genugtuung?«
    »Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm. Wenn er den Degen nicht
mehr führen kann, ist er doch stark genug, um die Pistole zu heben, und stark
genug ist der Greis, mein Herr, der Mündung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen.«
    Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand, aber er warf sie in den
Kasten: »Ich nehme Ihre Forderung an, aber - für später. Jetzt haben andre
Missionen das Vorrecht. Mein Herr, ein grosses Schlachtfeld breitet sich vor uns
aus. Ob morgen, ob nach Monaten, ob nach Jahren die Hunderttausende, zum Morden
bereit, sich gegenüber stehen, darauf kommt es nicht an. Aber es muss kommen.
Geblutet muss werden, gebrannt, vertilgt, und der Sturm muss fegen durch die
verpesteten Winkel. Fragen Sie sich, die Hand auf der Brust, ob's die Winkel
allein sind, ob das Miasma nicht auf den Heerstrassen weht, in den Schlössern und
Städten, ob's nicht in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem
Redlichen zusammenschnürt. Draussen im Reiche ist es zusammengebrochen. Was da
liegt, faul und morsch, jedem Kinde ist's klar. Hier ist noch ein gleissender
Firnis darum. Aber reisst die Schale ab, Herr, Sie zittern selbst, Sie ahnen oder
Sie wissen, was darunter, ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln. Ich
aber sehe vor mir, wenn auch dieses letzte stolze, turmreiche Schloss
zusammenstürzt, nur Verwesung, eine unermessliche Leichenwüste. - Herr Major,
ein letztes Wort: wenn der Tod seine Fackel über uns Alle schwingt, wenn
Deutschlands, Preussens, Oestreichs Name ausgelöscht ist, dann ist auch unser
Streit begraben - ein Höherer mag richten, wer mehr gefehlt. Wenn aber Gott
entschieden hat, dass es in Deutschland noch ein Volk gibt, nicht reif zum
Helotenstamm, und Preussen ist dies einzige Volk - dann, mein Herr, stehe ich
Ihrer Kugel.«
 
                          Fünfundfünfzigstes Kapitel.
                   Innerlich Lachen an einer Berliner Börse.
An der Berliner Börse war ein Plakat angeschlagen. Der Freiherr von Hardenberg
hatte der Kaufmannschaft eröffnet, dass Preussens Lage von der Art sei, dass nun
alle Besorgnisse für Handel und Verkehr gehoben wären, indem es Seiner Majestät
dem Könige gelungen, »den Frieden auf genügende Art zu behaupten.« Jeder möge
daher im vollen Vertrauen auf die Fürsicht einer Regierung, die kein ander Ziel
habe als das Wohl ihrer Untertanen, seinen Geschäften und Unternehmungen
nachgehen. Ausser dieser amtlichen Bekanntmachung mehrere Avertissements von
Seiten des Börsenvorstandes: Der Graf von Haugwitz sei als ausserordentlicher
Preussischer Gesandter in Paris mit vieler Freundlichkeit empfangen worden.
Ferner: Der König berufe den grössten Teil seiner Truppen in ihre Kantonnirungen
zurück und danke ihnen für ihre bewiesene Treue.
    Man sah vergnügte Gesichter. Sie sprachen sich ins Ohr. Vielleicht hatten
sie Rücksichten, dass sie nicht laut sprachen. Einige riefen auch Bekannte aus
dem Publikum, die über den Lustgarten gingen, heran, und mit ihnen ward noch
stiller, vertraulicher konversirt. Von diesen ging dann auch Mancher, nach einem
herzlichen Händeschütteln, mit erheitertem Gesicht von dannen. Andere aber
gingen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, schweigend fort. Der und
Jener schüttelte wohl den Kopf und wandte dem Andern hastig den Rücken, um sich
aus dem Getümmel zu verlieren. Wie Viele froh waren und wie Viele betrübt, ist
nie gezählt worden.
    Einer sass auf einem der Steinpfeiler nach dem Lustgarten hinaus. Es war ein
sonniger Tag, und in seinem Kalmuckrock mochte er wohl den Winter vergessen.
Sein Gesicht sah aber nicht aus, als ob ein lauer Maienwind darüber streife, es
glich den blätterlosen Zweigen der Platane, die weiss angelaufen vom Morgenreif
sich über ihm leise wiegten.
    »Na Sie, hören Sie mal, Sie können doch nur lachen,« sagte ein
Herantretender. »Warum denn wie ein Eisbär, Herr van Asten?«
    »Ich lache auch, Herr Baron, Sie sehen's nur nicht, ich lache innerlich.«
    Des Barons beide Hände klimperten in den Seitentaschen mit Geld: »Ich
glaube, Sie wären kaput gewesen mit allen Ihren Forderungen aus Militär.«
    »Kaput werden heisst ja wohl den Kopf verlieren?«
    »Halten Sie Ihren fest.«
    »Mancher hält's für ein gross Unglück, Herr Baron.«
    »Das will ich meinen!«
    »Mancher aber meint man könnte auch ohne Kopf leben.«
    »Sie Bonmotiseur, Sie! Warum lachen Sie denn aber nur innerlich? Meine Frau
sagt, man kann äusserlich lachen, und weint innerlich. Das begreife ich. Ein
ästetisches Gemüt ist immer sentimental. Das bin ich nicht, Sie sind's auch
nicht, van Asten. - Aber, wissen Sie, was mir entgangen ist?«
    »Ihre Operntänzerin? Davongelaufen?«
    »Nein, keine Plaisanterie! Haben Sie nichts davon gehört? Sie haben's im
Kriegsministerium ausspintisirt, dass der Infanterist im Winter auch friert.
Mäntel sollten sie kriegen - wenn's zum Krieg gekommen wäre, nämlich. - Na nu,
was sagen Sie? Ich hatte schon ein Dutzend neue Stühle eingerichtet. Soll ich
nun für die Kalmucken weben lassen?«
    »Für die Franzosen, Herr Baron, die nehmen das Tuch auch ungeschoren.«
    »Ohne Spass, Herr van Asten; ich hätte 'nen guten Schnitt bei gemacht.«
    »Liebster Baron, Sie sind ein excellenter Fabrikant und guter Kaufmann, aber
erlauben Sie mir, Sie huldigen zu sehr den Phantasien. Ich meine, Sie sind zu
leicht exaltirt von Ideen. Mäntel für die Infanterie! Ich bitte Sie, hatten
Friedrichs Musketiere Mäntel? Man hat Ihnen was aufgebunden. Erfindungen eines
neuerungssüchtigen Kopfes! Hohle Teorien! Und unsere Regierung! Liebster
Baron!«
    »Die Franzosen haben ja schon Mäntel!«
    »Desto schlimmer! Wer wird denn denen was nachmachen wollen!«
    »Pfiffikus Sie!« sagte der Baron und spielte mit seinen grossen Berloquen.
Die Sonne schien eben so wohlgefällig mit seinen Brillantringen zu spielen. »Na,
nu sagen Sie aber mal, warum lachen Sie denn innerlich?«
    »Dass wir so 'nen schönen Frieden haben, und sogar auf genügende Art.«
    »Wer Sie nicht verstände! Was geht's uns an, sage ich.«
    »Das sage ich auch, Herr Baron.«
    »Ihre Forderungen in Hannover kann Ihnen nun Schulenburg-Kehnert eintreiben.
Mit dreiundzwanzig Bataillonen und fünfundzwanzig Schwadronen rückt er ein.
Wollen Sie noch mehr Exekutoren?«
    Ein Dritter, der hinzutrat, sagte: »Wir haben doch nun eine zusammenhängende
Grenze gewonnen. Anspach konnten wir nicht schützen, um Hannover brauchen wir
nur den Arm auszuspannen.«
    »Nicht zu weit,« fiel van Asten ein. »Das Tuch des Herrn Baron reisst sonst
an der Achsel.«
    »Das Gespräch war allgemein geworden.« Ein Vierter sagte: »Was hilft alles
Umarmen, wenn kein Herz uns entgegen schlägt! Der Hannoveraner liebt uns nicht,
und die Anspacher ringen die Arme, dass wir sie aufgeben. Sie haben ein Schreiben
geschickt, dass man sie, die treusten Söhne des Vaterlandes, nicht vom Vaterherz
reissen solle.«
    »Sehr schön gesagt,« sagte Baron Eitelbach im Abgehen zu einem Begleiter.
»Sehr rührend würde meine Frau sagen. - Was gehn mich die Anspacher an! - Der
alte van Asten könnte mich dauern, wenn er nicht solchen heillosen Schnitt
gemacht. Hat auf den Frieden spekulirt. Glauben Sie mir, Dreissigtausend gebe ich
für seinen Abschluss. Pfiffig ist er, aber warum hat er seinen Sohn so erzogen! -
Ein Civilist muss das Militär gehn lassen. Wofür ist des Königs Rock! Ist nun in
der Bredouille. Kann sehn, wie er ihn rauszieht. Tut mir wahrhaftig leid, der
Mann. Ja, warum hat er ihn nicht besser erzogen! Das kommt davon.«
    »Was ist Ihre Meinung, Herr Mendelssohn?« fragte ein jüngerer einen älteren
Kaufmann von sehr klugem Gesicht.
    »Wir sind weder dreist genug, das trügerische Geschenk zu behalten, noch
stark genug, es von uns zu weisen, darum ergreifen wir den beliebten Mittelweg,
wir suchen den Schein zu retten und den Gewinn auch.«
    »Aber wir haben den Schönbrunner Vertrag ratifizirt.«
    »Wir ratifiziren nichts, wir statuiren nur Provisorien, um uns eine
Hintertür zu lassen. Und indem wir den Vertrag modifiziren, heben wir ihn
eigentlich auf. Bis zum allgemeinen Frieden soll alles zwischen Preussen und
Frankreich bleiben, wir sollen keins der versprochenen Länder räumen, Hannover
nur besetzen und hoffen, dass die Engländer bis dahin ein Einsehen bekommen und
uns um Gottes Willen bitten, doch Hannover zu nehmen.«
    »Was die Nachwelt dazu sagen wird! Die treuen fränkischen Lande
fortzuschleudern, ohne Besinnen und Reukauf, und die Gegengabe dafür nur mit
Vorbehalt anzunehmen!«
    »Die Nachwelt hat kein Konto in unserm Buche.«
    »Aber was schreiben wir auf unseres?«
    »Das angenehme Gefühl, dass wir edel gehandelt haben.«
    »Und was Napoleon dazu sagen wird!«
    »Sie hören's ja. Er hat Haugwitz mit einer Freundlichkeit empfangen, die
eine günstige Deutung erlaubt.«
    »Ob sie nicht erröten, indem sie es bekannt machen?«
    »Schamröte ist eine Illusion der Vergangenheit.«
    »Aber Napoleon!«
    »Er lacht auch innerlich, wie unser Herr van Asten. Aber was ist mit ihm
da!«
    »Ein Kavallerieoffizier auf der Börse! Geht die Welt unter!«
    Der Offizier war der Rittmeister Stier von Dohleneck. Es war eine kleine
Aufregung. Der Rittmeister schüttelte in einer Art Extase dem Kaufmann die Hand,
fast schien es, er fühle sich in Versuchung, ihm um den Hals zu fallen, aber das
schickte sich nicht. Der Kaufmann war aufgestanden, er hatte die Hand des
Offiziers noch ein Mal ergriffen, sie gedrückt, dann fahren lassen und war auf
den Stein zurückgesunken. Der Rittmeister war wieder fortgeeilt.
    »Ein braver Mann, der Herr von Dohleneck.«
    Es waren frohe Gesichter. Wie sollte es auch nicht; seine Botschaft war eine
frohe und van Asten ein geachteter Mann auf der Börse. Bald wussten Juden und
Christen den Inhalt: das Ehrengericht der Offiziere hatte sich endlich dahin
geeinigt, dass der junge Walter van Asten an jenem Abende nur in einer
entschuldbaren Affektion mit dem Kornet in Konflikt geraten, ohne seinen Stand
kränkende Intention, dass er seinen Arm nur berühren wollen, um ihn auf etwas
aufmerksam zu machen, und allein durch den Stoss eines Nachbars habe er sich an
dem Arm festgehalten und damit durchaus nicht den Rock des Königs attentiren
wollen. Die Sache wäre also eine reine Privatsache zwischen dem Kornet und dem
Kaufmannssohn, letzterer aber, angesehen, dass in niederländischen Familien,
unter dem vorgesetzten van nicht selten alte adlige Abkunft sich cachire, auch
der junge Walter nicht erweislich hinter einem Ladentisch stehend gesehen
worden, eine Person, von der ein Kavalier, in Anbetracht der Umstände und der
Meriten seines Vaters, ohne sich etwas zu vergeben, Satisfaktion fordern möge.
Das Zeugnis des Kornets selbst hatte diesen Spruch, an den Niemand vorhin
geglaubt, veranlasst. Wer anders als sein Oheim, der Rittmeister, war das
bewegende Motiv gewesen!
    »So belohnt sich eine gute Tat,« raunte ein Freund dem Vater zu.
    »Ein braver Mann, der Rittmeister,« wiederholte der Chor.
    »Na, nu können Sie auch äusserlich lachen, Herr van Asten,« sagte der wieder
hinzugetretene Baron - »der Friede, der Schnitt und der Sohn ohne Kriminal und
Prison davon gekommen. Was wollen Sie mehr!«
    »Lache ich denn nicht!« rief der Alte und lachte, so laut, dass die
Davongehenden noch auf dem Lustgarten sich verwundert umblickten. »Es ist des
Glücks nur zu viel! Das Zahlbrett voll zum Einstreichen, ein Friede, der uns
genügt, und so viel Patriotismus an der Börse, und alles in Ruhe und lauter
Ordnung im Lande, und mein Sohn - mein Sohn kriegt die Erlaubnis, von den Herren
Offizieren sich 'ne Kugel durch den Kopf jagen zu lassen! - Verzeihen Sie, meine
Herren, wenn ich genug gelacht habe, dass ich auch ein bisschen weine, denn das
grosse, unverdiente Glück habe ich alter Esel mir selbst angerichtet.«
 
                          Sechsundfünfzigstes Kapitel.
                       Ein Mann von zu vielem Sentiment.
»Was gibt es Neues?« rief der Geheimrat Bovillard dem Legationsrat entgegen,
und lud, ohne sich im Frühstück stören zu lassen, durch eine Bewegung den
Eingetretenen zum Platznehmen ein. Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien
ihm einige Anstrengung zu verursachen. Uebrigens sah Herr von Bovillard
gemütlicher aus als in letzter Zeit; die Runzeln waren gewichen, das Gesicht
glänzte, besonders die unteren Teile, das Kinn hatte etwas Charakteristisches,
was sich in den Augen widerspiegelte, obgleich die Lippen erst der eigentliche
Ausdruck waren. Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel für Andere, sonst
würde er die Aermel des Rockes nicht aufgekrämpelt getragen, nicht den Zipfel
der Serviette im Halstuch befestigt haben. Er war für sich, der Schmecker mit
Bewusstsein, aber der Zutritt eines Freundes, wie Herr von Wandel, störte ihn
nicht. Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser.
    »Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren.«
    »Da,« sagte Bovillard und goss in ein vasenartiges Krystallglas aus der
Weinflasche. »Prüfen Sie, wie schmeckt es Ihnen?« »Es schmeckt wie der beste
Champagner, schäumt aber nicht.« »Non mousseux, neueste Erfindung. Eben aus
Epernay mir zugeschickt. Es hat es noch Niemand hier. Darum Diskretion. Was
sagen Sie dazu?« »Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne, unter der der
Champagner die Welt erobert hat. Man soll nie ohne Not seine Fahne aufgeben.«
»Ihre Säuren, Wandel, Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben. Ihre Zunge
fühlt das Richtige heraus, aber über die Kritik ist Ihnen die petillirende Lust
daran vergangen. - Sehen Sie mich an, ich kann mich über die Entdeckung wie ein
Kind freuen. Woran auch sich halten, wenn man nicht bisweilen wieder zum Kinde
würde!«
    »Die Nachrichten lauten übel, Geheimrat. Napoleon ist ein Anderer geworden,
seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt. Was er fordert ist
nicht mehr der Schönbrunner Vertrag, heisst es. Ja, man spricht, dass Haugwitz
wirklich am 15. Februar diesen neuen, noch demütigerenden Vertrag abschloss. Er
liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor.«
    »Liebster, bester Freund, warum hören Sie darauf? Sie brauchen es doch
wahrhaftig nicht. Ja, es steht schlimm, sehr schlimm, wir werden noch mehr
nachgeben müssen, aber wer ändert es? Sie nicht, ich nicht, Niemand. Man muss
laviren und abwarten, bis ein glückliches Changement kommt. Wir sind in einen
Sumpf geraten, je mehr wir strampeln, um so tiefer versinken wir. Nur nicht die
gute Laune verloren. Hören Sie draussen den Leiermann:
Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond.
Da, trinken Sie, oder wollen Sie schäumenden? Ich klingle.«
    »Der Wein ist gut, aber er steigt zu Kopf.«
    »Nun denken Sie an den armen Haugwitz, wie es in seinem aussehen muss. Kann
er dafür? Verdenken Sie's ihm, dass er sich auch nicht beeilt aus Paris
zurückzukehren? - Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln, die Rüchel,
Blücher, die Prinzen! Und das Geschwätz, Gesinge, Gebrüll hinter ihnen.«
    »Die Gnade Seiner Majestät wird, als schirmender Fittich, ihn vor Outrage
bewahren.«
    Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune: »Gewiss.
Der König lässt ihn nicht los. Wissen Sie, eigentlich - eigentlich kann er ihn
auch nicht leiden, wie uns Alle nicht, aber - das ist es eben. - Trinken Sie
doch, Wandel, man kann jetzt nichts Besseres tun. C'est le mystère de notre
temps, dass wir unentbehrlich sind. Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner
Majestät, - sie können uns Alle nicht leiden, möchten uns köpfen, erwürgen,
vergiften - - von unsern Posten jagen -« »Wo findet Seine Majestät Staatsmänner
-« Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigentümlichen Handbewegung fiel
der Geheimrat ein: »Er findet sie schon, er braucht nur auf die Strasse raus zu
greifen -«
    »Die Lust haben Minister zu sein, ja, aber Männer Ihres Scharfblicks!«
    »Wissen Sie, was Oxenstjerna an seinen Sohn schrieb: Mein Sohn, Du glaubst
nicht, etcaetera. Liebster Wandel, warum denn nicht Wahrheit zwischen uns! Wenn
wir uns in dem Spiegel sehen - und doch - in keinem Stande Freunde, und doch -
wir bleiben, wir werden bleiben, und Sie und ich, wir wissen, warum wir bleiben.
- Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs! - Das begreifen Seine
reichsfreiherrliche Gnaden, der Herr von Stein nicht. Voilà le miracle! Wie
lange ists nun schon her, dass er uns Alle aus dem Sattel werfen wollte! Wenn wir
doch Karikaturmaler hätten! Herr von Stein als Mauerbrecher! Herr von Stein legt
den Widder an, erster Moment. Herr von Stein fährt fort am Bock zu drehen,
zweiter Moment. Dritter, vierter, fünfter etcaetera, Herr von Stein steht noch
immer am Bock. Finale: Herr von Stein schlägt hinten über, er hat einen Bock
geschossen. - Aber Sie trinken ja nicht. Vive la bagatelle! - Schnell, was Neues
aus der Stadt.«
    »Das Duell hat endlich stattgefunden.« - »Beide maustodt?« - »Blut ist
geflossen.« - »Hätte nichts geschadet. Warum zanken sie sich! Diese Militair-
und Civilraufereien sind mir in der Seele zuwider.«
    »Der junge van Asten hat sich eine Renommée gemacht. Die Officiere glaubten
nicht, dass er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde. Der Kornet ist ein
Schläger à merveille. Der Gelehrte ging aber drauf los, und die Herren von den
Garde-du-Corps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen, denn er trieb seinen
Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche.«
    »Und das Ende vom Liebe?« - »Er war an der Schulter verwundet, cachirte es
aber, und als die Sekundanten es merkten, hatte er den Kornet schon in eine
verzweifelte Position gebracht. Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu
Boden.« - »Und der Kornet mit?« - »Nur ein Fetzen von seinem Aermel und etwas
Fleisch und Blut. Gerade genug, um ihn kampfunfähig zu machen, wenn er nicht
schon desarmirt gewesen wäre.«
    »Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoss?«
    »Bewahre! Er senkte die Waffe, trat zurück, und fragte bescheiden die
Sekundanten, ob nun der Ehre genug geschehen sei? Man hätte es für ritterlich
gehalten, wenn -«
    »Ein Roturier ein Kavalier sein könnte,« unterbrach ihn Bovillard. »
Qu'importe! Er hat gehandelt, wie man uns vorwirft, dass wir handeln, wir nutzen
den Vorteil nicht, der uns in die Hände gespielt ward. - Wandel, Sie haben
vielleicht Recht. Vive la générosité!«
    »Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Beratung die Sache für
ausgeglichen. Der Fleck am Aermel, den die Hand gemacht, sei durch den Säbel
reparirt.«
    »Der ihn loshieb!« fiel Bovillard ein und gähnte. »Legationsrat, was wären
wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen! Die Welt wäre längst bankerott
ohne die Kunst der Auslegung. Der Starke wirft sein Wort wie Brennus' Schwert
auf die Goldwage; aber der Schwache muss das Körnchen Mutterwitz wie der
Goldschläger breit schlagen, um die Risse in der Logik und die falschen
Raisonnements zu überkleben.«
    »Und das Volk gafft doch das Goldblech an, als wär's massiv.«
    »Wozu wär's das Volk und wir die Gescheiten! - Um eine Liebschaft war ja
wohl die Affaire? Das Mädchen kann gute Geschäfte machen, es kommt en vogue!-«
    »Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf, der, wie man sagt, aus
Galanterie, oder wie einige behaupten, aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter
an einer Dame ward, die er nicht liebt.« »C'est touchant!« sagte Herr von
Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin.
    »Man fängt überhaupt an von ihm zu sprechen, es wäre ein Charakter. Man
spricht aber auch - von Ihrem Herrn Sohn.« Der Geheimrat, der wirklich müde
schien, ward aufmerksamer. Er reckte sich in seinem Stuhl und goss ein frisches
Glas Champagner ein, dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser
paralysirte.
    »Wie befindet sich der Patient?«
    »Mon pauvre fils! - Mein lieber Freund, wer macht die Erziehung? Ich habe
oft darüber nachgedacht. An guten Beispielen - das war's eigentlich nicht, was
ich sagen wollte, aber - das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben!«
    »Ein merkwürdiges Unglück, was diesen Mann trifft! Doch meinen auch Viele,
es wäre ein Glück, für die Kinder nämlich. Bei der verkehrten Erziehung wäre nie
aus ihnen etwas Gescheites geworden.«
    »Der Mann! Er Kinder erziehen! Wenn sie nach ihm geschlagen hätten! - Mein
Louis, was ich sagen wollte, Heim meinte, es sei keine Gefahr, wenn er sich nur
vor Exaltationen hütet!« - »Das wird schwer sein.« - »Das befürchte ich auch.
Das Blut seiner Mutter. Was die für Nerven hatte! Ich bin ja bereit, Alles zu
tun, er hat excellente Gedanken, aber ich muss Ihnen sagen, ich habe keine
Autorité. Im Disput geraten wir immer an einander.«
    »Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt.« Wandel
sprach es mit kalter Stimme.
    »Meinen Sie - die alte Geschichte!« Der Geheimrat warf dabei einen
forschenden Blick auf ihn. »Mein Gott, ich glaubte die Kinderei längst
beigelegt.«
    »Nur reponirt, meine ich, bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird, einen neuen
Termin anzusetzen.«
    »Mann von Ihrer Klugheit und Philosoph! Ich bitte Sie -« Bovillard war jetzt
aufgesprungen und ergriff die Hand, die Wandel halb zurückzog.
    »Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie.«
- »Er wird zur Einsicht kommen und Sie sind mein Freund.« - »Und gewiss der
Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit, nur nicht meinen unbefleckten
Namen.« - »Wer redet davon! Ueberlassen wir den Kavallerie-Offizieren den
krummen Säbel; wozu sind wir Philosophen! Die diplomatische Kunst wird mildere
Lösungsmittel finden, als ein Stück vom Aermel und vom Fleisch dazu! Liebster
Legationsrat, das findet sich ja.« - »Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuss
hätte, versteht es sich, dass, wo der Sohn meines Freundes vor mir steht, ich in
die Luft feuere. Ihrem Herrn Sohn bleibt dann überlassen zu zielen, wohin er
will.«
    Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt: »Wir verstehen uns ja.
Excentrisch ist er, aber Louis ist kein schlechter Mensch.«
    »Wenn ich die Freude erlebte, dass mein Freund Bovillard in seinem Sohne
einen nützlichen Staatsbürger gewönne!« - »Er schwärmte auch einmal für die
gloire Napoleons. Wer weiss, ob diese Phantasien nicht rediviv werden.« - »Er
soll jetzt für einen anderen Gegenstand schwärmen. Die Fürstin Gargazin
behauptete neulich confidentiell, die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell
Alltag sei nichts anderes als cachirte Liebe. Die Geheimrätin Lupinus ist in
ihren Mitteilungen sehr diskret. Wenn ich indes aus einigen hingefallenen
Äusserungen schliessen darf -« »Sind Sie neidisch, dass mein Junge Glück hat bei
den Frauen?« - »Nur ein väterliches Erbteil. Wie ich höre, frequentirt er auch
die Cirkel der russischen Fürstin. Er ist gern aufgenommen. Sollte dies mit den
Wünschen und Absichten seines Vaters konveniren?« »Was geht es mich an! - Aber
was geht es Sie denn an? -« »Nicht das Geringste, wenn Ihr Sohn nicht den Namen
seines Vaters trüge. Die Fürstin ist eine liebenswürdige, feine, geistreiche
Dame, aber sie gilt, mit Recht oder Unrecht, als die geheime Agentin Russlands,
man behauptet, dass sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden. Ich
gebe nichts auf diese Insinuationen, aber wer ihren Umgang sucht, wer viel in
ihrem Hause erscheint, entgeht dem Verdacht nicht. Das kann in diesem Augenblick
bedenklich werden, da Napoleon -. Genug, ich weiss, die Besucher des Hotels
werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphirt.«
    Bovillard lachte auf, indem er jetzt erst die Serviette fortwarf: »Wissen
Sie, wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird? - Laforest! Konspirirt er
vielleicht gegen Napoleon? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell
Alltag willen, oder um Comtesse Laura. Die ist jetzt auch ein Schoosskind der
Fürstin. Duroc war auch bei ihr. Wissen Sie, was ich rausgebracht habe? Sie will
die Alltag zu etwas machen, entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen.
Sie erwartet nur Ordre deshalb aus Petersburg. Werter Freund, unter Freunden
reinen Wein, was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin?« - »Nicht der Sohn, nur
die Auslegung, welche man seinen Schritten geben könnte.« - »Sind Sie so sehr um
die Auslegung besorgt, welche die Leute den Schritten distinguirter Personen
geben?« sprach Bovillard, ihn scharf fixirend. »Wissen Sie, wie man Ihre
Schritte hier auslegt?« - »Ein unbedeutender Privatmann, der neben seinen
wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt,
entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums.« - »Haugwitz schreibt mir
konfidentiell aus Paris. Für schweres Geld hat er eine Kopie der
Personalbemerkungen über Berlin erwischt. Hören Sie, da sind doch Dinge drunter!
- Haugwitz wird sich hüten und es drucken lassen. Laforest selbst weiss das nicht
alles; es stecken Andere dahinter. Liaisons decouvrirt, die wir nicht ahnen
konnten. Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung?« - »Es bedurfte
keines Seherblicks, um die feuerfangende Nähe zu erkennen.« - »Man weiss in
Paris, was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach, seine Lektüre vorm
Zubettgehen, seine Briefe, die er schrieb und wieder zerriss. Ein wahres Glück,
dass wir ihn los sind, aber - wissen Sie, was von Ihnen da steht?« fragte
Bovillard mit einem schlauen, scharfen Blick.
    Wandels blassgelbes Gesicht verfärbte sich nicht, nur ein flüchtiger Glanz
belebte das dunkle, kleine Auge, um sofort in ein moquantes Lächeln überzugehen:
»Vielleicht ist es entdeckt, dass auch ich die Zirkel der Gargazin besuche?« -
»Pah! Drei Reihen Chiffren, die Haugwitz's Sekretär nicht dechiffriren konnte,
und dann mit anderer Hand imperatorisch flüchtig daneben geschrieben: Wie viel
würde er kosten?« - »Sie wollen mich doch nicht stolz machen, Bovillard! Um die
nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt.« - »So lange sie
nackt aussieht. Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette
Trift entdeckt, legte Mancher wieder bei.« - »Es ist für mich eine durchaus
sterile Insel.« - »Wohin denn? Das ist die Frage.« - »Ich verstehe die
Legitimation derselben nicht.« - »Ich frage als Freund. Wo hinaus. Man muss doch
endlich mit Ihnen ins Reine kommen. - Ich wiederhole Ihnen: mich täuschen Sie
nicht. Sie sind kein Saint Germain etcaetera. Sie sind von unserm Fleisch und
Blut. Halb nur wie ein Lebemann, halb wie ein Kartäuser in einem Schneckenhaus.
Das Leben in Berlin ist teuer, auf Gold sitzen Sie nicht und Gold machen Sie
nicht. Sie mögen ein vortrefflicher Oekonom sein, aber Ihre Türingischen Güter
verbessern Sie nicht in der Apoteke des Herrn Flittner. Die Delicen der
Wissenschaft gönne ich Ihnen; wer aber den Champagner wie Sie über die Zunge
schlürft, will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst, er will etwas daraus
für sich präpariren. Sie greifen nicht nach dem Monde, aber Sie erscheinen wie
er aus der Wolke, um wieder dahinter zu verschwinden. Das ist hübsch um Kinder
zu erschrecken und zu amüsiren, ein Mann will etwas anderes, als
Laterna-Magica-Bilder auf die Wand werfen.« - »Meine Vermögensumstände, die
Niemand kennt, erlauben mir -« »Sie schweifen ab. Auch ein Krösus will noch
mehr. Was wollen Sie? - Dass man das nicht weiss, wirft ienen Schatten auf Sie.
Wie lange sind Sie schon in Berlin? Ihr parait et disparait verstärkt den
Verdacht; glauben Sie mir, alle Ihre Gefälligkeiten werden um deshalb falsch
ausgelegt, und das ist es, was Haugwitz, ich will nicht sagen zu Ihrem Feinde
macht, aber er hat eine Scheu vor Ihnen, er fürchtet Sie. Mein Gott, wir sind ja
unter uns. Wollen Sie sich Napoleon verkaufen, haben Sie sich schon verkauft?
Tant mieux, er bezahlt gut. Auf meine Diskretion können Sie hoffen. Es sind
viele erkauft und doch gute Patrioten. Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu
brechen, und - wie gesagt, mich geht's nichts an. L'amitié surpasse la trahison.
Enfin, wir sind ja auch Napoleons Freunde.«
    Der Legationsrat hatte die Stirn in Runzeln gelegt. Er stand wie in sich
versunken, mit verschränkten Armen, den Blick, der in weite Fernen zu streifen
schien, von dem Manne abgewandt, welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen.
Es schien ein Selbstgespräch: »Wer dieses Meteor ergründete! Ob er wirklich der
Wandelstern, der im Kreislauf der Aeonen wiederkehrt, wenn seine Zeit kam, die
unsere Schwäche nur nicht ermisst, oder - nur die blitzende Nachterscheinung,
der Komet, der seinen Schweif betäubend über unsere Häupter rasselt. Wir stehen
gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und -« Er hielt inne und atmete
tief. »Und wer sich selbst getreu blieb, wird auch hier sich nicht betäuben
lassen. - Nein - nein - auch diese Sonne von Austerlitz hat trübe Flecke. Gross
und strahlend, aber je mehr sie der Mittagshöhe sich nähert, um so mehr sehe ich
sie schwanken, zittern vor sich selbst. Auch er wird untergehen, indem er sich
selbst überhebt. Nur wer fest und bewusst -. Ach, mein Gott,« fuhr er fort, wie
aus seiner Träumerei erwachend. »Ich vergass mich da in Gedanken, die nicht
hierher gehören. Gross ist er, aber - sicherer Der, der sich an keine Grösse
lehnt, nur auf sich selbst.«
    Der Legationsrat hatte sich verrechnet, wenn er gemeint, auf den Geheimrat
damit einen Eindruck zu machen. Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas
eingeschenkt, und mit derselben Behaglichkeit liess er es über die Zunge gleiten,
die er vorhin an Wandel gerügt oder gerühmt.
    »Sie wollen also mit Napoleon nichts zu tun haben? Votre plaisir! Aber,
merken Sie sich, Haugwitz ist ängstlich inquietirt. Er gibt Winke, wie man Sie
beobachten soll. Wenn Sie also keinen Passe par-tout von Napoleon in der Tasche
haben, -« »Die Aufmerksamkeit, welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden
Persönlichkeit schenkt, möchte mir schmeicheln, wenn -« »Sie keine andere
Absichten hätten. Gehen Sie mit sich zu Rate, entscheiden Sie sich, aber bald.
Wir sind nun ganz wieder in unserer Aisance, wenn er zurück ist. - Haugwitz
bleibt. - Der König ist seelenfroh, wenn er nichts zu ändern braucht. Es
stiefelt sich fort, sagen die witzigen Berliner, und eines Morgens könnte
Haugwitz etwas einfallen, - das passirt auch manchmal an einem Feiertage - der
Polizeikommissarius klopft an Ihre Tür mit der Bitte, sich schnell anzuziehen,
und Sie werden eingepackt. - Da haben Sie die Bescherung. Man titulirt's höhere
Staatsrücksichten, im Grunde genommen ist's nur eine Indigestionslaune. Sie sind
ein Mann von grosser Klugheit -« »Der indes bei Verbindlichkeiten, die er
eingeht, den Charakter und sein Gewissen immer berücksichtigt -« »Etcaetera,
bravo!« sagte der Geheimrat und klopfte ihm auf seine Schultern. »Wozu noch
Flausen. Das Uebrige wird sich finden. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen -
Excüs! - wenn er uns nicht hülfe, die Antipatie zu beschwören. Haben Sie nicht
sympatetische Tropfen? A propos! da fällt mir unser Mirakel ein, unser
Liebespaar. Haben wir's da nicht durchgesetzt? Das verloren wir ganz aus den
Augen. Wie steht es? - Das ist der Fluch eines Staatsmannes, sein Liebstes muss
er opfern dem Dinge, was das dumme Volk - wie steht's, Legationsrat?«
    »Der Dépit amoureux ist eine passagere Erscheinung. Die Gargazin, die uns
aus Gefälligkeit beistand, ist der Sache überdrüssig.« - »Die gute Fürstin
möchte alle Welt glücklich sehn. Aber Haugwitz - das ist's, was ich sagen
wollte. Der arme Haugwitz muss jetzt eine Recreation haben, nach so viel Verdruss!
Ein, zwei Fliegen stören uns nicht, aber das Fliegengebrumm, wenn wir schlafen
wollen, ist fatal. Recht was Exquisites! Strengen Sie Ihren Scharfsinn an, etwas
zum Todtlachen, bedenken Sie, es gilt fürs Vaterland. Also, teuerster Mann,
Ihren ganzen Scharfsinn darauf, fädeln Sie was Neues ein. Man sagt, sie hätte
Scheidungsgedanken.« - »Pfui! das ist unmoralisch. Ich meine, man könnte ihr das
Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen.« - »Wenn nur ein Duell
zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermöglichen wäre!«
    Der Legationsrat schüttelte den Kopf. »Wer dem Baron eine Kugel vor den
Kopf schösse, was ich natürlich nur im Scherz sage, täte übrigens dem Staate
einen rechten Dienst.« - »Im Ernst?« - »Sein Tuch, 'sist ein Skandal. Wenn man
solche Montur gegen die Sonne ausbreitet, können die Wespen durchfliegen. Ich
sagte es ihm neulich. Was antwortete er? Er hätte's so eingerichtet, dass die
Kugeln der Staatskasse keinen Schaden täten. Ich liebe nicht solchen frivolen
Witz in ernsten Dingen. - Sie sind nachdenklich, Wandel? Sie sehn nach der Uhr.«
- »Einige nennen ihn einen schlechten Menschen.« - »Pah! Seine Maitressen
bezahlt er gut, unser Tuch macht er schlecht. Aber im Grunde genommen, was
geht's uns an; wir haben Friede. Noch keinen Einfall?« - »Doch - vielleicht. Bei
ihm ist Hopfen und Malz verloren. Wie aber, wenn man sie eifersüchtig machte!« -
»Auf ihres Mannes kleine Liaisons? Was hülfe uns das?« - »Nein, auf den
Rittmeister. Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig
an. Wenn es gelänge, sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln! Wenn sie ausser sich
geriete, sich fortreissen liesse-« »Nun, was besinnen Sie sich?« - »Es ist nur
ein flüchtiger Einfall - schwierig, aber möglich ist Alles - wenn sie in ihrer
Verzweiflung ihren Mann zu Hülfe zöge.« - »Ça serait le comble du ridicule.« -
»Aber nichts Neues. Wie gesagt, Alles noch embryonisch dunkel, aber sie muss
jetzt mit dem Rittmeister aneinander. Das ist mir klar; es gibt kein ander
Mittel.« - »Wenn es nur zum Rechten führt.« - »Dafür lassen Sie mich sorgen.« -
»Wohin so eilig?« - »Zur armen Geheimrätin! Ach, eine Unglückliche! Die bedarf
des Trostes.«
    »Bleiben Sie mir mit der vom Leibe. Ich kriege Bauchgrimmen, wenn sie mich
lange ansieht.« - »Das ist eine unglückliche Frau! Nun auch das zweite Kind!« -
»Es waren doch rebutante Geschöpfe. Sie kann es unmöglich lieb gehabt haben.« -
»Der Idealismus weiss von einer Liebe, die gerade das ihm Unangenehme mit
zärtlichen Armen umfasst, einer Liebe, die ihre ganze Innigkeit und Wärme
ausströmt auf die Subjekte, welche es am wenigsten empfinden und, statt es zu
erwidern, mit Undank belohnen, eine Liebe, die sich gefällt, immer zu geben und
zu opfern, ohne wieder zu nehmen, ja, die ihre höchste Befriedigung in der
Empfindung sucht, von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein.«
    »Das ist nicht unsere Sorte von Liebe; nicht wahr, Wandel?«
    »Die Welt ist mannigfalt. Bewundern darf man doch die Märtyrer, auch wenn
man sich nicht berufen fühlt, ihnen nachzufolgen.« - »Par distance! - Warum nahm
sie aber die Kinder zu sich!«
    »Warum! - Warum nahm sie ihren Mann? Sie hat den Geheimrat nie geliebt. Um
ihn zu pflegen. Warum nahm sie die Alltag zu sich? Aus Liebe doch nicht zu dem
eigensinnigen Geschöpfe? Mein Herr Geheimrat, Männer wie wir sind über die
Ungerechtigkeit der Welt hinaus, wir warten nicht auf Dank, aber erlauben Sie
mir, wenn ich die Frau unglücklich nenne, die für die Anstrengungen ihres warmen
Herzens, Andere glücklich zu machen, nichts erntete, als Verkennung.«
    »Liebster Legationsrat,« entgegnete Bovillard, »erlauben Sie mir, nichts
drauf zu sagen, als: les goûts sont différents!« - »Ich wünschte, Sie hätten sie
am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen. Weil sie nicht weinen konnte,
das hat man auch getadelt.« - »Die Kinder sollten ihre Erben sein; wer kriegt's
denn nun? In ihrer Familie ist Alles ausgestorben. Mit der einen Seitenbranche
ist sie spinnefeind.« - »Unnatürliche Feindschaft in Familien! Vielleicht kann
man da freundlich zu einer Verständigung einwirken.« - »Lieber vermacht sie's
den Kapuzinern. Und fünfundneunzigtausend Taler unter Brüdern.« - »Ich glaubte
nur achtzigtausend!« - »Vor dem letzten Heimfall. Aber - fünfzehntausend in
Obligationen - Sie können sich drauf verlassen, - fielen auf ihr Teil aus der
Konkursmasse ihres Onkels. Und man muss doch auch rechnen, was vom Geheimrat
dazu kommt, wenn er früher stirbt -«
    »Wenn er früher stirbt.« Wandel hatte es so gedankenlos, oder in Gedanken
versunken, gesagt, als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt. Er
reichte zum Abschied dem Geheimrat die Hand: »Wenn nicht mehr - ich wollte
sagen, wenn Sie der verlassenen Isolirten nur ein stilles Plätzchen der
Teilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten!«
    »Bleibt ein ehrenwerter Mann,« sprach Bovillard, als er fort war, »nur zu
viel Sentiment.«
 
                         Siebenundfünfzigstes Kapitel.
                Wandel muss Politik treiben und sentimental sein.
Das Haus der Fürstin schien ein offenes. Man kam und ging, zu jeder Tageszeit;
man war willkommen und empfangen, ohne angemeldet zu sein, und konnte
verschwinden, ohne dass es bemerkt ward. Englischer Komfort schien mit
französischer Anmut und Leichtigkeit gepaart. Aehnliches hatte man in Berlin
noch nicht gesehen; man beredete es, aber gefiel sich darin. Keine Tür war
verschlossen, die Wände schienen von Krystall; es ist aber damit nicht gesagt,
dass nicht doch manche Tür unter der Tapete versteckt, und der Krystallspiegel
eine Wand verdeckte, hinter die zu blicken nicht erlaubt war. Die Fürstin hatte
sich neuerdings zu einem längeren Aufentalt eingerichtet. Alle Weltteile
hatten ihre Produkte, Kunstfertigkeit und Erinnerungen beigesteuert, um die
Zimmer auszuschmücken. Das Hetrurische und Pompejanische, vor Kurzem die
Modepuppe, ward hier paralysirt durch das Chinesische und Hindostanische.
Porzellanfigürchen, Pagoden und Pfauenwedel; dazwischen die rein geschnittenen
Schönheitslinien eines griechischen Basreliefs, römische Kaiser und Mohrenköpfe
auf echten Konsolen, neben Federkronen von den Sandwichsinseln und urweltlichen
Gerippen, Schamanenmäntel und Bogen und Köcher der naturwüchsigen Völkerschaften
Sibiriens.
    Die Ostentation alles dieses Apparates war wenigstens nicht auffällig, ein
gewisser Geschmack hatte in der Verteilung obgewaltet, Licht und Schatten waren
gehörig verteilt, oder vielmehr der Schatten waltete ob, indem das Fensterlicht
in den meisten Zimmern durch schwere Vorhänge und Vorsatzstücke gedämpft war. In
schwarzen Rahmen hingen zwischen den andern Raritäten Landschaften in
Wasserfarben, römische Ruinen, zerstörte Kirchhöfe, Hünengräber, bemooste
Krucifixe darstellend, über dem Meer hing der Mond in Nebelwolken, oder die
Sonne ging auf, und beleuchtete trauernde Gestalten oder Knieende um ein
bekreuztes Grab. Auch sah man näher den Türen bereits einige der schmal
geschnittenen Holzbilder, auf deren Goldgrund jene hagern, kindlichen Figuren
mit den Unschuldsköpfen sich präsentirten, die erst später in Berlin zur
ästetischen Anbetung kommen sollten. Die modernen Besucher gingen noch ziemlich
teilnahmlos an diesen florentinischen Stücken vorüber, während die
Mondscheinskreuze, die verdorrten Kränze an den eingefallenen Gräbern manchen
Seufzer oder aus schönen Augen eine Träne lockten. »Der Stufen zur Erkenntnis
sind viele,« pflegte die Fürstin zu sagen, »und deren nur wenige, die, vom
Strahl erleuchtet, sogleich die höchste besteigen.«
    In den tiefern Kabinetten verbargen sich oder lockten grössere
Heiligenbilder, betende oder angebetete Madonnen, Märtyrer, in ihren
Verzückungen lächelnd, der Heiland am Kreuz. Da in der verschwiegenen Nische auf
einem schwarz mit Silber überhangenen Altar ein Krucifix von Ebenholz, der
Heiland daran feinste lucchesiner Elfenbeinarbeit. Als Piedestal zum Krucifix
diente ein künstlicher dürrer Fels aus Achat, zu Füssen desselben eine kleine
Öffnung, aus der, gespeist von einem verborgenen Wasserreservoir, eine Quelle
sprudelte. Das Wasser floss in einen antiken Sarkophag. Antik wenigstens die
Vorderseite, deren heidnische Basreliefs freilich wenig mit dem Quell und seiner
Bedeutung korrespondirten, aber es war eine Antike, ausgegraben auf einem der
Güter der Fürstin in der Krim, und das Heidnische an den Bacchantinnen sollte
vielleicht durch den frisch hinein gemeisselten russischen Doppeladler purificirt
werden. Neben der sinnigen Deutung hatte der sprudelnde Quell auch eine ganz
praktische Bedeutung; das kühle mit Epheu umrankte Kabinet ward durch das
springende Wasser zur angenehmen Retirade in heissen Sommertagen.
    In einem der helleren Zimmer, mit Magdalenenbildern an der Wand, der Boden
ausgelegt mit reichen orientalischen Teppichen, und schwellende Divans an den
Wänden, sass die Fürstin mit der Baronin Eitelbach. Die Märtyrer und andere
Heiligenbilder in den dunklern Gemächern mochten schlechtere Kopien oder
Trödelwaare sein, die Magdalenen waren vortreffliche Kopien nach Correggio,
Battoni, Murillo und Anderen, in der Grösse der Originale und in dem blendenden
Farbenglanz, der keine Nachdunkelung sehen liess. Kostbare Goldrahmen umschlossen
diese Stücke, und ihre Gruppirung war so geschickt, dass überall das richtige
Licht darauf fiel. Es war das sorgfältigst und elegantest ausgeschmückte Zimmer
der fürstlichen Wohnung.
    »Das Fräulein wollten eben ausfahren, um, wie sie sagten, Luft zu schöpfen,«
berichtete der Diener. »Wenn aber Durchlauch befehlen, wird sie sich sogleich
zurecht machen und hier erscheinen.«
    »Was das Fräulein will, muss geschehen,« erwiderte die Fürstin rasch. »Man
sollte doch jetzt meinen Willen kennen, dass sie nur ihren Wunsch zu äussern
braucht, und meine Domestiken haben zu gehorchen. Ist schon angespannt?« - »Zu
Befehl, Erlaucht.« - »Da muss ich einen Augenblick zu dem lieben Kinde.
Verzeihung, teuerste Baronin, sie erholt sich so schwer. Ich bin sogleich -
meine Gedanken bleiben bei Ihnen.«
    Im andern Zimmer begegnete ihr der Legationsrat; »Schnell einen
Liebesdienst. Die Eitelbach drinnen quält mich mit ihrem Liebesleid. Das ist
Ihre Sache. Machen Sie ihr bald ein Ende, sonst - ich weiss nicht, was ich täte,
wenn Sie nicht im Spiele wären.« - »Empfinden Erlaucht denn gar keinen Beruf,
sich der gequälten Schönen anzunehmen?« - »An langweiligen Menschen hatte ich
heute schon genug. Vater und Mutter waren hier, denken Sie, eine Stunde lang!
Diese Dankadressen im Kanzleistil, diese bürgerlichen Rührungsgefühle in der
Sonntagshaube, der ganze Iffland, Kotzebue und Krähwinkel in meinem Hause. Ich
möchte doch um solcher Leute willen keine Migräne bekommen; aber jetzt erbarmen
sie sich meiner.« - »Tu l'as voulu, George Dandin! sagt Molière,« sprach der
Legationsrat, sich verneigend. - »Et je le veux, Monsieur le conseiller!« -
»Was denkt Prinz Louis, Erlaucht?« - »Ob der Champagner oder der Rheinstrom eher
in die Lete fliesst.« - »Leider flüstern seine Freunde, dass er schon den
nächsten Weg auf dem Jamaikanischen Feuerstrom Rum dahin sucht.« - »Der
Unglückliche!«
    Sie schien die eben gegebene Anweisung an den Legationsrat auf die
Eitelbach eben so vergessen zu haben, als sie an der Ecke eines Divans Platz
nahm. Ein ernster Zug flog über die Seidenwimpern, die sich geschlossen hatten,
wie erschreckt vor einem Bilde. - »Vielleicht der letzte Held unter Diesen! -
Warum fand er nicht den rechten Weg! - Das ist es nicht. Aber, Wandel, erklären
Sie mir's, es ist etwas Niederdrückendes, Entmutigendes, dass gerade dieser
Einzige in der grossen Misere, diese Feuerseele unter den Nachtvögeln, wie ein
losgerissener Stern aus dem Firmament in einen Sumpf stürzen muss!« - »Sie
sprachen es aus, Gnädigste, weil Alles versumpft ist!« - »Und Sie sprachen etwas
aus, was Sie nicht verstehen, nicht verstehen wollten. - Ich fühlte mich so
andächtig gestimmt. Der arme Prinz! Seit die Abberufung des englischen Gesandten
bekannt ist, soll er sich in einen erschütternden Zustand befinden.« - »Es
befinden sich auch andere, die nicht Prinzen sind, in unangenehmer Lage. Mehr
als hundert preussische Schiffe sind bereits von den Engländern gekapert. Dem
Handel wird dieser teure Frieden teuer zu stehen kommen.« - »Diese
Krämerseelen verdienen es,« rief die Fürstin. »Es war ja ihr stiller Wunsch.
Wenn Krämer, Kinder und Narren über ein Land regieren, wehe ihm!«
    Es war ein neues Changement in der Fürstin eingetreten; sie fühlte sich zum
politischen Disput gestimmt. Wandel kannte die Lineamente in ihrem Gesicht,
welche den Wechsel und welche Stimmung sie ausdrückten. Er lehnte sich über
einen Stuhl, um ihr zu korrespondiren. Vielleicht fand er auch mehr Neigung zu
einer politischen Disputation als zu einer sentimentalen mit der Baronin,
vielleicht wollte er sich auf diese präpariren.
    »Es gibt auch grossartige Krämer. Die Engländer werden bei diesem Weltdisput
nicht zu kurz kommen.« - »Ich begreife nicht, wie diese hier ohne Schamröte
lesen können, was sie über ihre Politik urteilen!« rief die Fürstin, in
wirklichen Affekt geratend. »Diese Noten, die Herr von Reden für Hannover in
Regensburg, Ompteda eben in Berlin übergab! Herr Fox hat im Parlamente
gedonnert. Ich habe eine solche Sprache nie gehört.« - »Noten sind Worte auf
Papier geschrieben, Erlaucht. Sie lesen sie, antworten, und das Resultat ist
Papier auf Papier! Gekaperte Schiffe, das ist etwas Anderes.«
    Die Fürstin hatte vom Tische eine englische Zeitung genommen. »Durchfliegen
Sie diesen Artikel. Mich dünkt, die Worte schneiden schärfer wie Taten. Der
Prinz soll grade darüber ausser sich geraten sein. Die Lippen schäumend, drückte
er die Stirn an die Scheibe, dass sie zerbrach.« - »Er wird auch wieder ruhig
werden,« sagte Wandel und las: »Nie hat eine Macht heuchlerischer gehandelt und
die Gesetze der Treue und des guten Glaubens frevelnder gebrochen als Preussen.
Von ihm kann man lernen, wie man mit Worten schmeichelt und durch Taten
verwundet.« - »Ist's nicht so?«
    Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Was aus Unentschlossenheit gefehlt
und in Torheit gesündigt ward, heisst nun sträfliche Hinterlist. - Warum war man
unentschlossen und warum handelte man töricht?« - »Lesen Sie weiter.« - »Der
aufgegebene Krieg gegen Frankreich war ein unwürdiges Geständnis von Schwäche,
die sogenannte Verwaltung Hannovers bis zum Abschluss des allgemeinen Friedens
überdachter Verrat. Errötet Preussen nicht vor der Entschuldigung, dass die Wahl
der Mittel zur Sicherung seiner Ruhe nach der Schlacht von Austerlitz nicht mehr
von ihm abhängig gewesen sei? Ziemt eine solche Sprache einem schlagfertigen
Staate, wenn es Ruhm und Vaterland gilt? Ziemt sie vor Allem dem Preussischen,
der Friedrichs Siege hinter sich hat, Friedrichs Heer vor sich und zur Seite
Russlands Beistand? Preussen prahlt mit gebrachten Aufopferungen. Ja, es hat
geopfert seine Unabhängigkeit, seine alten Besitzungen, seine treuesten
Untertanen und seine zuverlässigsten Bundesgenossen. Preussen hat durch den
Schönbrunner Vertrag aufgehört als selbstständige Macht, es kann nur noch
existiren unter den Flügelschlägen des französischen oder russischen Adlers.«
    »Was sagen Sie dazu?« - »Warum fordert man von den Epigonen den Mut der
Titanen!« - »Der kleine König von Schweden sperrt ihnen auch die Ostseehäfen, er
kapert auch, wie die Engländer, ihre Schiffe. Man hätte doch nun erwartet, sie
würden Schwedisch-Pommern nehmen.« - »Man ist befangen im Bewusstsein seines
Unrechts; und statt es gut zu machen, indem man es vollendet, verdoppelt man den
Fehltritt, indem man es halb tut.« - »Das ist Ihre Moral, Wandel. Ich im
Gegenteil bewundere den Mut dieser Staatsmänner. Mit welchem Gesichte kann der
Mann von Schönbrunn vor die Prinzen, vor die Bilder seiner alten Könige treten,
vor das Land, vor das Preussische Heer, vor Friedrichs Armee? Erklären Sie mir
den Mut, Wandel, wie er vor diesem stolzen, hochmütigen Offizierskorps es
aussprechen darf! Preussen fühlt sich zu schwach, mit dem stärksten
Bundesgenossen an der Seite, einen gerechten Krieg zu führen. Können Sie's?«
    »Gnädigste Frau, vor wem erröten, wem Rechenschaft geben? - Wer fordert sie
von dem Manne?« - »Und sei es nur vor seinem eigenen Spiegel.«
    »Der Spiegel, Gnädigste, ist unser Machwerk; man schleift, färbt ihn, wie
man will, man stellt sich vor ihn, wie man Lust hat. Die Hand in der Brust, das
Kinn aufrecht, die Blicke funkelnd. Oder die Arme gekreuzt auf der Brust, die
Augen niedergeschlagen; der Spiegel ist gehorsam, er gibt Alles wieder. Denken
Sie ihn sich so, mit verkniffenen Lippen davor, und er lispelt: er war stark und
wir schwach, er entschlossen und wir wissen nie heut, was wir morgen tun
sollen, er hat ein kriegsgewöhntes, siegreiches Heer und wir eins, was den Krieg
verlernt hat. Ein Krieg kostet Blut, viele Menschen, er ruinirt noch mehr
Bürger, seine Nachwehen sind furchtbarer als seine Verwüstungen. Alles das sind
Realitäten, die Ehre aber ist ein Wahn. Mein König hat einen Abscheu vor
Blutvergiessen und ich liebe es nicht. Alle guten Menschen lieben es nicht. Gott
auch nicht, er hat den Frieden geboten und Napoleon bietet ihn auch. Sind das
nicht eben so viele Winke des Himmels? Wofür sollen wir uns schlagen? Für uns
doch nicht. Er will uns ja mehr geben, als wir hatten. Für Oesterreich etwa, das
verloren hat? Wir sind doch nicht Don Quixoten, um für einen Rivalen uns zu
opfern? Oder für das törige Gebrause, was man jetzt öffentliche Meinung nennt?
Wiegt meines Königs unausgesprochener Wunsch nicht schwerer? Die öffentliche
Meinung macht mich nicht zum Minister, sie möchte mich stürzen. Aber sie kann's
nicht. Mein König kann mich halten, und er wird es.«
    »Von Advokaten des Teufels hab' ich wohl gehört,« sagte die Fürstin, ihn
fixirend, »nur weiss ich nicht, wer sie bezahlt.«
    »Ich halte Excellenz für einen sehr honetten und zuweilen sehr heiligen
Mann, der, wenn er den Feind citirt, es gewiss nur tut, um ihn zu beschwören.
Vielleicht - ich sage, es ist möglich, dass er jetzt in der Stille die Hände vor
seinem Bilde, nämlich im Spiegel, faltet, auch vielleicht ein Kreuz schlägt, und
aus tiefer Brust seufzt: Ich bin ja nur sein unwürdiges Werkzeug! Gegen
letzteres wird denn wohl Niemand etwas einzuwenden haben.«
    »Incorrigibler!« sagte die Fürstin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem
ausgezogenen Handschuh, um doch sinnend wieder vor sich niederzublicken: »Und
doch, wäre es ein Wesen von Fleisch und Blut, dieses Preussen, ich könnte es
beneiden um die Empfindung. So zerknirscht in Demut niederzufallen in den
Staub, an die Brust zu schlagen und zum Herrn zu rufen: Strafe mich um meinen
Dünkel und meine Ueberhebung. Das sind die Früchte meiner Saaten, dass ich mich
auflehnte gegen Deine Satzung! - Ach nein, sie kennen nicht die Wollust der
Demut und Zerknirschung, sie sind alle noch aus Friedrichs Schule, schlechte
Schulknaben, sie beten nicht den Herrn, nur ihren Witz an, und sein Gespenst seh
ich umherschleichen - das muss eine furchtbare - die fürchterlichste Strafe des
Himmels sein: so sein Werk zertrümmert, seine Schöpfung verhöhnt, sein Geist zum
Pasquill - und Keiner den Mut, in ihrer Erniedrigung die Arme zu erheben: Herr,
erbarme Dich unser!«
    Herr von Wandel kannte die Fürstin - auch ihre temporellen Visionen. Sie
genirten ihn nicht. Die liebenswürdige Frau liebte nicht die Gêne. Er wartete in
Geduld, bis der Paroxysmus vorüber war; er brauchte nicht lange zu warten.
    »Nun an Ihr Geschäft,« sprach sie. »Wie lange lassen Sie die arme Eitelbach
warten!« - »O, dies hat Zeit!« - »Sie würden einen guten Marterknecht abgeben.«
- »Ich weiss in der Tat noch nicht, was ich mit ihr reden soll.« - »Wenn Sie nur
Die persifliren können, die Sie vorgeben zu lieben, so versuchen Sie es einmal,
sich in die Baronin zu verlieben. Ich erlaube es Ihnen.« - »Der Rat ist nicht
so übel!« sagte der Legationsrat und verneigte sich tief. »Mit meiner gnädigen
Freundin Erlaubnis will ich wenigstens den Versuch machen.«
    Die Fürstin hörte es nicht mehr, sie warf am Fenster der abfahrenden
Adelheid Abschiedsgrüsse zu.
    »Unter Heiligenbildern eine Heilige!« rief der Legationsrat der Baronin
entgegen.
    »Wissen Sie, was mein Mann von Ihnen sagt?« replicirte die Baronin. »Wie
heilig Sie auch aussähen, Sie wären ein Pfiffikus, und er möchte mit Ihnen keine
Geschäfte machen.« - »Warum sollte er teilen! Er macht für sich allein die
besten.« - »Ihnen traute er nicht über den Weg, meinte er neulich.«
    Der Legationsrat zuckte lächelnd die Achseln: »Was konnte ich dafür, dass
aus der Mäntelgeschichte nichts ward. Meine Absichten waren die besten, meine
Demarchen gut, es stiess sich an andern Dingen. - Ja, teuerste Freundin, wie
viel ist damit ausgesprochen! Unser Wille mag noch so rein sein, wir tun alles,
was wir können, der Himmel selbst scheint uns zu winken, und es wird doch nichts
draus. Das ist der unerforschliche Organismus jener höheren Sphärenkreise, in
die unser Auge vergebens zu dringen sucht. Darin finde ich aber eben den
merkwürdigen Unterschied zwischen Ihrem und unserm Geschlecht, ich meine
zwischen den Erwählten. Während wir noch immer titanisch nach dem Unmöglichen
ringen, findet das edle Weib schon in der Entsagung den höhern Trost. Da erst
verklärt sich ihre Liebe zu derjenigen, welche nicht besitzen, nur beglücken
will; selbst beglückt, wenn sie den geliebten Gegenstand glücklich sieht in der
Liebe zu einer Andern.«
    Der Legationsrat schien unwillkürlich mit dem Taschentuch über seine Augen
zu fahren. Die Baronin sah ihn aber sehr scharf an: »Was meinen Sie denn damit?
Denn das habe ich Ihnen auch abgemerkt, Sie sagen nichts ohne Absicht.« - »Meine
Freundin wird aber darin mit mir einig sein, dass es unter zartfühlenden Seelen
besser ist, über gewisse Interessen nur andeutend wegzugehen, als sie
auszusprechen. Wer heilende Wunden mutwillig aufreisst, wird zum Selbstmörder.«
    Die Baronin sah ihn so klar an, dass Wandel seine Augen einen Moment
niederschlug: »Manche Wunde tut auch wohl, wenn man weiss, dass, der sie schlug,
es in guter Absicht tat. Sie sind nicht Dohlenecks Freund, leugnen Sie's nur
nicht; ich weiss es -« »Mir ist er eigentlich ganz indifferent, meine Freundin.
Wenn er feindliche Gefühle gegen mich hegt, so sind sie ihm wahrscheinlich vom
jungen Bovillard beigebracht.« - »Sie meinen auch, wie die Andern, dass es nur
Missverständnisse sind?« - »Von dem, was die Leute sprechen, lass' ich mich nie
bestimmen.« - »Ja, es ist ein Missverständnis,« sprach sie mit gen Himmel
erhobenen Blicken. »Es war kein Zufall, ich weiss, dass alle die Kränkungen von
ihm absichtlich ausgingen -« »Ist es möglich!« - »Ja, mein Herr Legationsrat,
so gewiss, als Sie hier vor mir sitzen.« - »So abscheulich hatte ich ihn mir doch
nicht gedacht. Und sieht aus, als könnte er keinem Kinde das Wasser trüben.«
    »Und seine Seele ist so rein, wie der Spiegel eines Sees.« - »Sie sprechen
in Rätseln. - Ich, oder vielmehr ein Freund, glaubten letztin in Ihren Blicken
ein stummes Spiel gegenseitiger Verständigung zu entdecken. So kann man sich
täuschen!« - »Sie haben sich nicht getäuscht.« - »Das Rätsel wird immer
dunkler.« - »Und immer heller in meiner Seele. Ja, weil der edle Mann sah, wie
mein Gefühl für ihn heftiger ward, wie ich mich von ihm hinreissen liess, und weil
er mich wahrhaft liebt, darum mit eigner Selbstüberwindung jene Kränkungen und
Aergernisse, die mich tief betrübten, um dann mich wieder desto höher zu
erheben. Er beleidigte mich, um mich wieder zu mir selbst zu bringen, um mich
von meiner Leidenschaft zu heilen. So lebten wir eine lange schmerzliche Weile
uns zur gegenseitigen Qual, bis - wir uns verstanden haben. Nun aber haben wir
es, und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab, wie ich ihm Unrecht getan.
Ich glaubte zu leiden, und wie musste er erst leiden, indem er mir und sich
zugleich so unaussprechlich wehe tat.«
    Wandel, der etwas unaufmerksam gesessen, warf hier einen forschenden Blick
auf die Rednerin. Er hatte manches, aber dies gerade nicht erwartet. Die
Geschichte interessirte auch ihn nicht mehr besonders, oder er war im
Nachsinnen, wie er ihr eine andere Wendung beibringe, um ihr wieder ein
Interesse abzugewinnen. Es war die Neugier, wie man in einem empfindsamen Roman
plötzlich die Seiten umschlägt, um die Motive eines den Leser überraschenden
Sinnesumschlag zu erfahren, mit der er sie rasch fragte: »Und das hat er Ihnen
Alles gesagt?« - »Kein Wort.« - »Ah, also die Sympatie der Seelen!« - »Warum
senken Sie die Augen?«
    Er musste sich gestehen, dass diese Wendung dem, was die Freunde wollten, am
wenigsten entspreche: »Oh, das ist ein Tema,« rief er, »bodenlos,
unergründlich.« - »Sie erschrecken ja beinah.« - »Ich! - Erschrak ich? - Ich
stellte mir nur vielleicht die Frage, ob es ein Glück ist, in der Seele des
Andern lesen zu können? Oder nicht vielmehr ein Unglück? Fragen Sie sich einmal,
ganz aufrichtig, die Hand aufs Herz. Würden Sie wünschen, dass ein Andrer Ihre
Gedanken läse wie ein offenes Blatt?«
    Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz. Sie liess es
geschehen, und sah ihm klar in die Augen. Ohne alle Bewegung sprach sie mit
heller Stimme: »Ja, es könnte Jeder lesen.« - »Auch der Baron, Ihr Gemahl?« -
»Jetzt erst recht. - Im Anfang schoss es mir da über den Kopf. Nachher ward ich
zuweilen stutzig, ich schämte mich, wenn Der und Jener mir jetzt ins Herz sähe,
und ich gab mir Mühe, dass ich's mir anders zurecht legte und rechtfertigte, aber
nun habe ich's nicht nötig. Da fiel mir wieder ein, was mal der Prediger sagte:
Jedes guten Menschen Herz muss so zugerichtet sein wie ein Glasschrank. Darin
verbirgt man nichts, und wer in die Stube tritt, sieht es.« - »Der gute Prediger
unterliess nur hinzuzusetzen, meine Freundin, dass wir nicht Jeden in unsre Stube
lassen. Die Stube verschliessen wir, und der Glasschrank steht nur offen für
unsere Freunde, für die, welche wir geprüft, die täglich Zutritt haben. Ja, die
mögen hineinschauen, und sich der Dinge freuen, die uns erfreuen.« - »Ach, ich
weiss Jemand, der würde sich zuknöpfen, wenn man ihm ins Herz sehen wollte!« -
»Wer ist das?« Wandel schien über diese Wendung des Gesprächs noch weniger
erfreut. - »Sie sind ein guter Mensch, Herr von Wandel, aber voller Finten.
Reden Sie sich ja nicht aus, ich weiss es.«
    Er hatte ihre schöne Hand, die über der Divanlehne lag, erfasst und drückte
sie sanft an die Lippen. »Könnten Sie in dies Herz schauen!« sprach er seufzend.
»Finten nennt es meine Freundin. Immerhin! Finten sind Spitzen, aber es sind
blutende Spitzen, Dolchstiche, Dornen, die Andere hinein gedrückt. Da ist der
einzige, aber ein süsser Trost, dass um diese Dornen Rosen blühten.«
    Sie hatte die Hand ruhig seinen Küssen überlassen, und schien verwundert,
als er plötzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte.
    »Wohin wollen Sie denn?« - »Nach dem Lande wo keine Rosen blühen.« - »Jetzt
doch nicht gleich?« - »Ich bin keine Stunde sicher, dass nicht die Pässe und
Anweisungen aus Petersburg eintreffen, und darf meines Verweilens nicht mehr
lange sein. Die Akademie in Petersburg hat zu meiner Beschämung eine so
dringende Vorstellung an Seine Majestät den Kaiser gerichtet, die Untersuchung
der Bergwerke für so wichtig erklärt, und meine geringen Kenntnisse so hoch
angeschlagen, dass ich undankbar wäre, wenn ich dem ehrenvollen Rufe zu folgen
nur einen Augenblick zauderte.« - »Ihre Verdienste in Ehren, aber - die Gargazin
wird sie wohl recht ausgeschrieen haben.« - »Erlaucht hat allerdings auch Güter
in Asien, und einige Bergstriche versprechen, wenn mein Auge aus der Ferne sich
nicht täuscht, unter geschickter Hand eine ungewöhnliche Ausbeute.« - »Nach
Asien wollen Sie, Herr Gott, das ist weit.« - »Bis an die chinesische Grenze.
Sie mögen denken, wie schwere - sehr schwere Opfer es mich kostet!« »Wie so
denn?« - »Muss ich nicht meine eigenen Güter in Türingen verlassen?« - »Wissen
Sie, was mein Mann sagt? - Die möchte er nicht geschenkt haben; wenn Sie nicht
die Feldsteine zu Klössen kochen lernten, müsste 'ne Kirchenmaus drauf
verhungern.« - »Ei, Ihr Herr Gemahl auch Oekonom? Ich hielt ihn nur für einen
Spekulanten. Für den glücklichsten, weil - er das grosse Loos gezogen hat.«
    Die Baronin lachte ihn recht herzlich an: »Damit meinen Sie mich; mir
verbergen Sie nichts. Wenn Sie aber meinen Mann fragen, so sagt er Ihnen, es
wäre seine schlechteste Spekulation.« - »Ich halte viel auf Ihren Herrn Gemahl.
Ueber dem tiefen Schacht von Wissen und Erfahrung spielen wie Schmetterlinge
Humor und Witz. Ich weiss seinen kaustischen Witz zu schätzen; weil ich ihn
verstehe, verwundet er mich nicht wie Andere, und es tut mir aufrichtig leid,
dass unsere verschiedenen Berufsgeschäfte uns so selten zusammenführten. -
Glauben Sie mir, auch von ihm wird mir die Trennung schwer.« - »Von wem denn
sonst noch! Von der Geheimrätin oder der Fürstin! oder - oder - oder« -
»Verdiene ich diese Bitterkeit? Die Baronin Eitelbach sieht mich gern scheiden.«
- »Nein, weiss Gott, nein, ich plaudere gern mit Ihnen. Ich glaube Ihnen nicht
alles, was Sie sagen, aber es hört sich so hübsch an. Es klingt, als ob man mit
Ihnen in die Wolken fliegen müsste.« - »Seele mit dem Taubenauge und dem Blick
des Adlers, erlauben Sie mir, den Bruderkuss auf die Stirn der Schwester zu
drücken.«
    Sie wehrte ihn, als er im Begriff war es zu tun, sehr entschieden zurück:
»Sie sind es noch nicht. Wenn's so weit ist, wollen wir uns besinnen.« - »Einen
Wunsch erlauben Sie mir wenigstens, mit den Lippen auf Ihre schöne Hand zu
hauchen.« - »Hauchen Sie aber nicht zu lange.« - »Wie Sie in meine Seele
blicken, möchten Sie eben so klar in die des Rittmeisters blicken! Jetzt noch
nicht, aber später, wenn ich fort bin.« - »Warum denn jetzt nicht?« - »Jetzt hat
er genug Beschäftigung mit der kleinen Choristin.« - »Welche Choristin?« - »Die
in der Geisterinsel die Herzen entzückt. Sie wissen ja.« - »Sie sind ein
abscheulicher Mensch.« - »Vielleicht irre ich mich auch. Sein Neffe, der Kornet,
bezahlt sie, und die böse Welt sagt: für seinen Onkel. Doch, wie gesagt, das mag
nur Gerede sein. Und wäre es, ist's ein Versuch, seinen Schmerz zu betäuben. Das
will ich ihm verzeihen. Aber - ich glaube, es ist vielleicht besser, ich
schweige.«
    »Nein, jetzt ist's besser, Sie reden. Das ist eben so abscheulich von Ihnen,
dass Sie einen Stachel Einem ins Herz senken, und dann laufen Sie fort. Man quält
sich, was es ist, und dann ist's am Ende nichts.«
    »Auch ich hoffe, dass es nichts ist. Das ist das Opfer, welches ich Russland
und der Wissenschaft bringe, jetzt von so vielen Freunden mich loszureissen, die
vielleicht meiner Hülfe bald bedürfen. Einer Eigenschaft rühme ich mich - ich
ward frei von Affekten, ich blicke in die Zukunft, in die Seelen der Menschen,
die Fältchen und die Schleier derselben täuschen mich nicht. Der Rittmeister
ist, ja ich gebe es zu, was man nennt, ein guter Mensch, aber verschuldet, bis
über die Ohren verschuldet. Der Krieg konnte ihn retten. Nun bleibt Friede. Er
muss alle Anstrengungen machen, sich über dem Wasser zu halten. Damals, als es
losgehn sollte, überkam ihn ein nobler Impuls; das ist nun vorüber, er ist
Mensch, ein armer Edelmann, ein Offizier, auf seine Gage angewiesen, von
Gläubigern gedrängt, gewissermassen von den Umständen zum Aventurier gestempelt,
gezwungen, sein Alles auf eine Karte zu setzen. Lieber Gott, er ist darum kein
Bösewicht, dass er alle Rollen spielt, den brüsken, den sentimentalen, sogar den
idealen Liebhaber, um eine reiche Frau zu kapern.«
    »Sind Sie bei Trost? Ich bin ja verheiratel!« - »Daran denkt ein solcher
Aventurier nicht. Er hält Alles für erlaubt, und in der Not kein Band zu fest.
Ich kenne solche Menschen.« - »Jetzt schweigen Sie. Sie mögen viele Menschen
kennen, aber den Rittmeister Stier von Dohleneck kennen Sie nicht. Ich könnte
Ihnen sehr böse werden, spinnefeind, wenn Sie nicht ein so guter Mensch wären.
Darum bitte ich Sie, tun Sie mir den Gefallen und - sein Sie still. Kein Wort
mehr davon!«
    Er verneigte sich respektvoll: »Ich gehorche dem Befehl, wo ein leiser
Wunsch genügt hätte; aber eine Bitte spreche ich im Scheiden aus. Wenn das
Traumbild Ihres Glaubens zusammensinkt, wenn Sie sich schwach fühlen, wenn mit
Ihrem Vertrauen das Glück des Lebens vor Ihnen zusammenbricht, dann denken Sie,
dann rufen Sie mich. Ich werde Ihre Stimme hören, auch wenn hunderttausend
Meilen uns trennen, kein Brief mich trifft, keine Taube durch die eisigen Lüfte
dringt. Wenn Auguste von Eitelbach gepressten Herzens in ihrem Kummer meinen
Namen nennt, wenn sie schluchzend in die Nacht ruft: Ach, wäre er hier, er
könnte mir helfen, dann werde ich Ihren Ruf hören, ob ich im tiefsten Schacht
der Bergwerke von Irkutzk dem Licht der Gnomen folge, um die Adern edler Erze zu
schlürfen, oder einsam schweife auf einem Renntierschlitten um die kalten Seen
Sibiriens - und ich bin bei Ihnen.«
    Ohne einen Händedruck war er nach der Tür geeilt. Sie rief ihm nach: »Nach
Sibirien gehen Sie?« - »Warum schaudern Sie, gnädige Frau? Es ist warm auch am
Eispol, wenn das Blut im Herzen pulst.« - »Ich dachte nur - ich war in Glogau,
als der Erxner, der Raubmörder, nach Sibirien transportirt ward. Was man doch
manchmal Närrisches denkt - wenn Sie auch so in Ketten hingeschleppt würden! -
So fuhr er auch zusammen, wie Sie jetzt -«
    Er verneigte sich noch einmal und war verschwunden. Sie sah ihm aus dem
Fenster nach. So in sich versunken hatte sie ihn noch nicht gesehen. Er
erwiderte den Gruss zweier Bekannten nicht. »Er hat nur einen Fehler,« sprach sie
bei sich, »er kann den Rittmeister nicht leiden. Aber - aber er wird noch nicht
- mit Sibirien hat's gewiss noch gute Weile.«
 
                          Achtundfünfzigstes Kapitel.
                »Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
                    Des wütenden Geschicks erdulden oder -«
»Torheit, zu glauben, dass ein Mensch seiner Zeit voraufgeht. Von der Strömung
in der Luft werden wir gezogen, wie die Atome dem Atem zufliegen. Es ist das
unergründete Gesetz in der moralischen Welt, was den Riesen wie den Zwerg
regiert, und die tollste Ironie ist es, der wahnsinnigste Traum unserer
trunkenen Phantasie, zu wähnen, dass wir aus eignem freien Impuls die Welt nur um
eine Spanne weiter rücken!«
    Zwei Genesene sassen auf einer abgelegenen Bank im Tiergarten, die laue
Sommerluft einschlürfend. Der Eine, den Arm in einer schwarzen Binde, - schien
seine Krankheit bereits abgeschüttelt zu haben, und das blasse Gesicht rötete
sich, während die Glieder oft elastisch zuckten. Es war Walter. Der Andre trug
keine sichtliche Verwundung, aber sein kräftiger Geist schien mit einer
physischen Mattigkeit im fortdauernden Kampf, und sein auch bleiches Gesicht
blitzte von einer verräterischen Röte, während das dunkle tiefe Auge
gespensterhafte Glanzblitze warf. Es war Louis Bovillard; er halte die obigen
Worte gesprochen.
    
    Walter hatte längere Zeit vor sich hingeblickt; die Lucubrationen des
Freundes hatten ihn nicht gestört: »Wo ist das Allgemeinwohl? das ist die Frage.
Sitzt's in den Gipfeln? in den Wurzeln? Wo ist das Mark? Wir fühlen es, wie das
Wasser den festen Boden unterspült, die Wurzeln vom Erdreich löst, wir fühlen
das Annahen des Sturmes. Und noch wäre Rettung möglich, aber die phlegmatische
Masse schliesst noch die Augen, trunken schreien Einige in die Lüfte, aber sie
helfen nicht, nur dem Feinde geben sie ein Zeichen wie es steht. Die zu Wächtern
bestellt sind, zu Baumeistern und Steuerleuten, singen uns Schlaflieder zu. Sie
zittern nicht vor der Gefahr draussen, nur vor der Aufregung, welche die Furcht
davor im eignen Lager verursacht. Wo nun Einer mit dem besten Willen kommt, wo
soll er anklopfen, wo, wenn er sein Gut und Blut hineinwerfen möchte, ist die
Büchse, um es aufzunehmen? Das ist die Frage.«
    »Was hilft's Dir, wenn Du die rechte Eingangstür in ein verrottetes Haus
findest, wo drinnen nichts mehr zu retten ist.«
    »Es ist,« fuhr Walter auf. »Wie hätte dieser Staat so lange bestehen können
und leuchten in der Geschichte. Es ist etwas nie Dagewesenes, wie dies
Regentengeschlecht persönlich auf das Volk eingewirkt hat. Das leugnest Du Dir
nicht fort, vom Anbeginn bis heute. Es hat alles, was sein eigen war, Gedanken,
Geist, Intelligenz, Tatkraft, Mut, Entschlossenheit, Ausdauer, ausgesprützt in
die Adern der rohen, verwilderten Stämme, die es vorfand, die es später mit
seinen starken Armen umklammerte, bis sie unter dem warmen schirmenden Druck zu
einem Leibe verwuchsen. Wir sollten freudig staunen über das Wunder einer
Gärtnerkunst, denn das war es, wo die Fürsten von anderm Stamme, Blut, aus einem
fernen, fremden Lande, so sich mit dem Boden, den Boden mit sich amalgamirten;
wenn nicht eben die Impfe so wunderbar nachhaltig gewirkt hätte, dass alles, was
auf dem Trone zur Geltung kam, im Volke sich widerspiegelt und reproducirt, wie
die Stärke vorhin, nun die Schwächen, wie das Licht, jetzt die Schatten. Es kam
einmal die Sitte von oben herab, die nüchterne, strenge, hausbackene
Bürgertugend von jenem Soldatenkönig, dann vom selben Trone mit den laxen
Sitten und der Frivolität jene eben so nüchterne Aufklärung. Jetzt, wo
Frömmigkeit und Gerechtigkeit in mildem Scheine von oben ausstrahlt, wo wir aus
einem guten Sinne auf Tüchtiges gehofft, ist's die Unentschlossenheit, die sich
auf das Volk ergiesst und es zersetzt. Wie, wo soll da geholfen werden! Nein, wer
soll helfen, wer die adstringirende Säure giessen in die in Auflösung befindliche
Masse?«
    »Frage lieber, wer ist der neue Prometeus? Denn die Nachkommen des alten
verfolgten Revolutionärs sind im Laufe der Zeit legitime Philister geworden,
gute Bürger, die des Nachtwächters Ruf gehorchen: Bewahrt das Feuer und das
Licht. Schaff' Dir neue Menschen. Mit den alten ist nichts anzufangen.«
    Bovillard war aufgestanden und blickte in die Ferne, wo die Sonne zwischen
dem Walde versank.
    »Torheit,« wiederholte er, »zu rühmen, dass wir die Zeit verrücken, die,
unser spottend, über uns hinrollt. Der Kriegswagen des Donnergottes, von
Sturmrossen gezogen, Festungen zermalmt er und Heere, die für unüberwindlich
galten, wie Kartenhäuser und bleierne Soldaten, und es ist nichts so fest auf
Erden, was nicht schon knickt wo sein schnaubendes Gespann heranbraust.« - Er
legte seinen Arm auf Walters Schultern. - »Ich war da, Lieber, ich sah es ja in
der Nähe. Unsern Staatsmann sah ich, heiliger Gott! Friedrich und sein grosser
Ahn, der Kurfürst, müssten im Sarge rot werden, wenn sie das gesehen! Ein
Verräter - nein! Man kann nur verraten, was man weiss. Wenn er sich in den
Wagen setzte, zur Konferenz zu fahren, wusste er noch nicht, was er raten,
fordern, sprechen sollte. Napoleon fuhr ihn an. Er schwieg. Napoleon kajolirte
ihm, ging ihm um den Bart. Er schwieg auch. Dies Schweigen soll wirklich den
grossen Mann anfänglich verwirrt haben, bis er merkte, dass man auch schweigen
kann, nicht um zu verschweigen, sondern weil man nicht weiss, was man wollen
soll. Solche Ratlosigkeit, solche Fassungskraft, solcher Mangel an Gedanken und
Mut! Der Vertreter des Militärstaates wusste von den militärischen Operationen
nicht, was ein Quartaner in Preussen wissen muss, liess sich einschüchtern, Gott
weiss womit, und was Napoleon in seiner Laune einfiel; er liess sein Heer über
Gebirge und Flüsse springen, Schlesien nehmen, Polen revoltiren, dass die
Adjutanten hinter der Tür kaum das helle Auflachen zurückhielten. Das Heer,
geschwächt, blutend, hätte damals nicht vier Meilen mehr gemacht. Dann zum
Trost, überschüttete er ihn mit Lobsprüchen für seinen guten Willen, seine
Einsicht, und unser Mann ward rot vor Freude. - Und in solche Hände legen
unsere Fürsten unser Schicksal, und solchem Feinde gegenüber!«
    »Und das deutsche Volk?«
    »Soll es für die goldene Bulle schwärmen, für Regensburg oder Wetzlar?
Schwärmer gibt es, wofür wären wir Deutsche!«
    »Auch die Kreuzfahrer waren Schwärmer, und doch eroberten sie Jerusalem.«
    »Warte nur, Lieber, wenn die gutgesinnten Bürger die Strassenjungen gegen sie
animiren. Kot auf sie! Mit Recht, sie stören ja die Ruhe. Alle die
Volkserhebungen, die man versucht hat da und dort, um den Erzherzog zu
soulagiren, kläglich fielen sie aus, und wenn man Frieden schloss, wie liess man
sie im Stich, die armen Schelme! Was heute Tugend heisst und Patriotismus, die
Diplomatie stempelt's morgen zum Verbrechen und Hochverrat, wenn's ihr so
bequemer ist. Was willst Du da vom armen Volk erwarten? Sie äffen den Fürsten
nach, und sie tun Recht. Wer etwas für sich schaffen kann, zugegriffen, so
lange es Zeit ist! Die alten Bande sind gelöst. Es gibt kein Recht, kein
Gesetz, kein Vaterland mehr. Hasche den Sonnenblick, geniesse den Augenblick, Du
weisst nicht, was morgen kommt. Schöne Mädchen und Cyperwein, Walter, so lange es
schmeckt. Preussen hat Recht, wir waren im Unrecht; es hat den grössten Bissen
erschnappt. Presse Hannover aus, Du weisst nicht, ob es Dir nicht schon morgen
wieder entrissen ist. Schöne Mädchen und Cyperwein! nur nichts von Vaterland,
Menschenglück. Phantasmagorien, nichts als Mondscheinillusionen. Im Ernst,
Walter! Sieh mich nicht so an. Die alte Zeit ist abgelaufen, aller Widerstand
ist Torheit - der neue Titane zerschlägt dem alten Sonnengott den Karren, die
Splitter und Funken fliegen durchs Weltall. Ducke Dich in eine Höhle, wenn Du
eine findest, und wenn Du lebendig bleibst, gaffe ihm nach, wohin er seinen
Feuerball peitscht. Ich weiss es nicht.«
    »Und doch,« sprach Walter, ihm nachblickend, als er ohne Abschiedsgruss nach
der Stadt gegangen, »doch würdest Du der Erste sein, wenn -« Er folgte ihm.
    Seltsam, als Walter in das Haus des Geheimrats Lupinus trat, sollte er eine
Unterhaltung überstehen, die denselben Gegenstand hatte. Er fand den gealterten
Mann kränkelnd. Er hustete viel. Walter meinte, das Zimmer sei wohl lange nicht
gelüftet, der Bücherstaub habe etwas Drückendes.
    Der Geheimrat hörte ihn mit Freundlichkeit an.
    »Gewöhnen wir uns doch daran, das Leben als eine Gewohnheit zu betrachten,
dann fällt so vieles fort, was uns sonst quält und ängstet. Ist nicht Der am
glücklichsten, der nichts in seiner Lebensweise ändert? Wer immer ändert, stellt
damit nur ein Testimonium aus, dass er nie zufrieden war. Ich weiss es, ich werde
sterben, vielleicht bald, aber Sie werden noch lange leben. Nun lassen Sie uns
von Ihnen reden. Da ist Herr Niebuhr nun angekommen. Er wird bestimmt
angestellt, und wahrscheinlich in einigen Wochen schon ist er Bankdirektor mit
dem Titel Geheimer Seehandlungsrat. Er hat Ihre Abhandlung über Alba Longa mit
Vergnügen gelesen. Er wird ein Mann von Einfluss werden. Jetzt kann ich Sie noch
empfehlen, vielleicht bald nicht mehr. Sagen Sie mir Ihre Wünsche, lieber
Walter.«
    Auf Walters Gesicht stand die Antwort. Es war ein Tema, was sie oft
besprochen. Mit einem vielsagenden Blick fasste der Kranke die Hand des
Gesunden: »Unser Staat ist kränker, als ich bin. Die Republik liegt in den
letzten Zügen, die Scipionen schlummern in ihrer Gruft, die Virtus neben ihnen,
unser Aktium und Philippi steht vor den Toren, die Catonen mögen den Giftbecher
leeren, es bricht zusammen, Herr van Asten, ich weiss es auch, und der Cäsar
scheint auch schon da, der uns nur nicht behagt. Was bleibt da dem Freien? - Das
Exempel, das ihm ein alter Freigelassener liess.«
    Der Geheimrat hatte sich mit Mühe vom Stuhl erhoben, und war, auf einen
Stock gestützt, an seine heiligste Bücherwand geschlichen. Einen Walter
wohlbekannten dünnen Band, unscheinbar in altem Leder, nahm er heraus. Es war
eine Ausgabe des Horaz, an die er keine fremde Hand liess; er zeigte das Buch nur
seinen Freunden.
    »Wenn's Ihnen schlimm ums Herz wird, hier ist der Trost. Zweifeln Sie, dass
Horaz ein guter Patriot gewesen? Ging ihm das Schicksal des Römischen Staates
nicht aus Herz? Ich sage Ihnen, es schnitt ihm hinein, tiefer, als die Herren
Ausleger denken; der Schnitt steht nur zwischen den Versen, und da verstehen sie
nicht zu lesen. Was hätte es nun geholfen, wenn er sich ins Schwert gestüzt? Was
hatte Rom davon, dass Brutus es tat? Horaz warf seinen Schild fort, machte sich
auf die Behendigkeit seiner Hacken, und als er still stand, und sich den Staub
abklopfte, sah er, dass der Himmel noch immer blau war und die Sonne so lau und
golden auf das schöne Italien schien, als vorhin. Hätte er nun krächzen sollen
wie die Eule Tacitus von ihrem alten Turm, Zeter und Wehe über die Verderbnis
der Zeit? Hat Tacitus die Zeit besser gemacht, oder die römischen Sitten, hat er
Rom nur einen bessern Kaiser verschafft? Contrair, sie wurden immer schlimmer.
Die Bussprediger tun's nicht, und in das Rad der Weltgeschicke greift Keiner
ein; das geht über die Köpfe der Völker und Königreiche. Ein Narr, wer da
glaubt, dass er in die Speiche fasst, ohne zermalmt zu werden und ausgelacht
obenein. Horaz schloss Frieden. Hat er darum sein Vaterland verraten? Sein
Vaterland war grösser. Ubi bene, ibi patria. Er sang: Beatus ille qui procul
negotiis - und freute sich, von Rosen und Epheu umkränzt, am funkelnden
Falerner. - Nicht wahr, das ist recht frivol und schlecht von ihm gehandelt? Und
so was der Jugend zu predigen? Aber, aber - zweitausend Jahre beinah vergangen,
und Horaz lebt! Die Brutus spuken freilich, in allen Revolutionen, gar
tugendhafte Männer, aber was hinterlassen sie? Verfolgungen, Kriminalprocesse,
Steckbriefe, Ausweisungen, Schaffotte, Bankerotte, ruinirte Familien, Elend -
aber wen auch das Rad nach oben trägt, dem Horaz hört er immer gern zu, er hat
in aller Welt das Bürgerrecht, der süsse Prediger einer Lebensweisheit, die
dauern wird, so lange die Welt steht.«
    Walter schwieg. Sie hatten auch darüber sich schon oft verständigt, dass sie
sich nicht verständigen könnten. Der alte Gelehrte klopfte ihm auf die Schulter:
»Will ich Sie denn zwingen junger Eigensinn! Erinnern Sie sich, wie Morus seine
herrliche Biographie des Philologen Reiske anfängt: Omnis vitae Reiskianae ratio
fuit, non cedere malis sed audentiorem contra ire! Ist auch ein schöner Spruch
und ein klassisches Latein. Meinetalben immer drauf los wie der grosse Reiske.
Erinnern Sie sich aber gelegentlich, dass Horaz auch gesagt hat: Est modus in
rebus, sunt certi denique fines. Er hat keine Maxime aufgestellt wie Cicero, dass
der Mensch wedeln soll vor der Macht, weil sie Macht ist. Und dann dachte auch
wohl der heidnische Philosoph nicht an den Wurm, s' ist an einem anderen, der
das Maass finden, die Grenze stecken soll. Und: Integer vitae, scelerisque purus
- das hatte dieser selbe Horaz auch gesagt. In meinem Testament hatte ich es
Ihnen vermacht - diese - ja diese Leidener Silberschrift mit verschlungenen
Händen. Warum so lange warten! Rasch in die Brusttasche, zur Erinnerung an einen
alten Mann, der Ihnen wohl wollte.«
    Das war etwas Ungeheures. Walter erschrack: »Dies Exemplar, Herr
Geheimrat?«
    Der Gelehrte drückte es ihm in die Hand: »Dieses, ich weiss keinen Bessern,
der es nach mir aufhebt. - Es ist freilich nur vom zweiten Abdruck. Ja, wenn es
mir gelungen wäre, eines mit dem Todtenkopf zu erhalten! Was habe ich nicht
korrespondirt, nach England, Schweden, was habe ich geboten! Der Herr
Legationsrat von Wandel, was hat der sich nicht für Mühe gegeben - er hofft
noch immer, aber - es war vielleicht ein zu grosser Wunsch, und kein Mensch
scheidet von dieser Welt, der sagen kann, dass Alles in Erfüllung ging, was er
wünschte.« Den Geheimrat befiel hier ein heftiges Hüsteln. Die Sprache versagte
ihm und der kalte Schweiss stand auf seinem blassen Gesicht. Als Walter ihn nach
seinem Stuhl führen wollte, stand die Geheimrätin plötzlich da - man konnte
glauben, dass sie hinter einer Bücherwand Zeuge des Gesprächs gewesen. »Verzeihen
Sie, Herr van Asten, man muss einen so langen Umgang mit einem teuren Kranken
gehabt haben, um seine Wünsche zu verstehen.«
    Ihr Blick hatte ihn fortgewiesen, und er gehorchte. Fast machte er sich
einen Vorwurf. Hatte ihm der Geheimrat nicht noch etwas sagen wollen?
Vielleicht war es das letzte Mal, dass er ihn sah. Aber er hatte schon die
Weisung der Geheimrätin überschritten, die aus Vorsorge für den Kranken den
Befehl gegeben, Niemand ohne ihr Vorwissen in das Zimmer zu lassen. Er zauderte
im Vorzimmer. Der Kranke musste sich wieder erholt haben, er hörte ihn die
vorhin angefangene Ode: Integer vitae, scelerisque purus recitiren.
    War es sein Sterbesang? Die Geheimrätin schien betroffen, als sie
zurückkehrend Walter noch fand. Der Blick, den sie ihm zuwarf, hatte etwas
Befremdendes, es war ihm auffällig, dass sie ein Tuch vor dem Munde hielt,
welches sie im Augenblick, wo sie ihn sah, fallen liess. Er glaubte sich zu
entsinnen, dass sie schon im Krankenzimmer es an die Lippen gehalten. Doch es war
nur ein Moment gegenseitiger Befangenheit. Sie setzte sich auf ein Sopha, oder
liess sich fallen, und drückte das Tuch an das Gesicht. Ein Schluchzen hörte er
nicht. Er sprach einige Worte der Teilnahme, dass die Gefahr wohl nicht so gross
sein werde, als man annehme, dass die Natur des Geheimrats auch schwerere
Krankheiten zu überwinden im Stande sei, dass er unter einer solchen Pflege
genesen müsse.
    Den starren, höhnischen Blick, als sie das Tuch wieder sinken liess, konnte
er nie vergessen. »Meinen Sie, Herr Doktor? - Er wird sterben. - Wenn auch nur
darum, damit die Leute sagen können, ich hätte ihn schlecht gepflegt.«
    »Gnädige Frau, es ist nur eine Stimme, mit welcher Aufopferung Sie für das
Schicksal Ihrer Angehörigen sorgen.«
    »Sind Sie wirklich noch so jung und harmlos, Herr van Asten? - Sie haben
doch auch schon Erfahrungen hinter sich,« setzte sie hinzu, »und sollten wissen,
was auf diese Stimme zu bauen ist. Oder hörten Sie immer nur den lächelnden
Anfang und und schlossen vergnügt Ihr Ohr, wenn die herzlich Teilnehmenden von
ihrem Lobe sich erholten, zuerst in kühler Betrachtung, die sie unparteiische
Wirkung nennen, dann in leisen Bemerkungen, dass bei dem vielen Guten doch auch
Schattenseiten sind; endlich wenn die liebreichen Seelen erkannt, dass sie unter
sich sind, öffnen sich die Schleussen und die ätzende Bitterkeit schiesst heraus,
bis von dem Lobe nichts bleibt, als einen tödtende Wunde.« - »Das Tier im
Menschen zu bekämpfen, sind wir auf dieser Erde.« - »Meinen Sie, Herr Doktor!
Ich meinte nur die Klauen und die Stachel unter einer glatten Haut zu verbergen.
- Wer leben will, atmen, geniessen,« rief sie mit einer heiseren Stimme, die nur
aus einer zerrissenen Brust kommt, »dem rate ich nicht, die Waffen
fortzuwerfen, die ihm die Natur gab.« - »Sie gab uns auch andere - einen Schild,
durch welchen die Stacheln nicht dringen.« - »Der Schild, den Sie meinen, heisst
Resignation. Sind Sie in der Tat noch so unschuldig, Herr van Asten, oder, ich
glaube doch nicht, dass Sie zu den koncilianten Gemütern sich geschlagen haben,
die jeden Riss mit einer weissen Salbe heilen möchten. Nein, ich weiss es, auch Sie
stemmen den Kopf gegen eine Mauer. - Machen Sie sich doch nicht kleiner, als Sie
sein wollen, vor - Denen, welche Sie von einer besseren Seite kennen gelernt!«
sprach sie plötzlich aufstehend. Sie war in einer Aufregung, die Walter an ihr
neu war. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber es war ein Dämon in ihr, der sie
sprechen liess, was sie nicht sprechen wollte.
    »Das Leben ist ein fortdauernder Krieg Aller gegen Alle. Einfaltspinsel oder
Betrüger, die von der Humanität faseln. Die stillen, friedlichen Pflanzen haben
kein ander Naturgesetz, als eine die andere niederzudrücken. Nur die entfernt
stehen auf zwei Gipfeln, die den Saft der Erde, Tau und Licht des Himmels nicht
zu teilen haben, mögen mit Liebe koquettiren. Das kann der Mensch nicht. Zwei,
die auf zwei Gipfelhöhen stehen, beneiden sich auch in der Entfernung; so fein
hat die Natur es gefügt. - Unterbrechen Sie mich nicht, mein Herr, ich statuire
gar keine Ausnahmen. Mann und Frau sind doch wenigstens eins, wollten Sie
einwenden! Ja, bei den Ehen, die im Himmel geschlossen werden. Nur schade, dass
bei denen, die wir kennen, der Notar und der Geistliche das Werkzeug waren. Wir
leben auf dieser Erde, mein Herr. Ihre dämonischen Säfte, ihr Atem zuckt in
unserm Blut, und ihr Prinzip ist: tödten, indem wir nach Luft und Leben ringen.
Ihre Rechtsgelehrten sprechen ja wohl von dem Recht der Not, wonach von zwei
Schiffbrüchigen auf einem Brett der schlauere und stärkere den anderen
hinabstossen darf. Die Toren nennen es einen Ausnahmefall. Es ist die Regel, das
Naturgesetz, danach leben Könige und Völker, es gilt allüberall, wo die heisse
Sonne auf das blasse Elend scheint, und der blasse Mond spöttisch über die
Seufzer lächelt, die aus der heissen Brust zu ihm aufsteigen. Oder gehören Sie zu
Denen, die das Brett loslassen, und sich von der Welle fortspülen lassen, damit
die Kreatur am andern Ende, der edle Nebenmensch, gerettet wird?« - »Ich ward
noch nicht in die Versuchung geführt.« - »Wenigstens ehrlich!« lachte die
Geheimrätin. »Nein, nur halb ehrlich! Die kleinen Versuchungen, wo Sie
unterlagen, haben Sie aus Schonung gegen sich selbst vergessen. Sie zittern nur
vor den grossen, die noch kommen.« - »Ich will sie abwarten,« - »Mit der Miene
eines Stoikers. Aber ich sehe, wie der unterdrückte Ehrgeiz, das getäuschte
Vertrauen unter den Fältchen Ihrer Stirn kocht. Sie tun recht daran, Herr van
Asten, die Haut recht glatt zu spannen. Aber mich täuschen Sie nicht, so wenig
als ich Sie täuschen will. Ja, ich bin im Kriege mit dieser Welt um mich her.
Wenn ich nicht schon ganz gemieden, ausgestossen bin, o glauben Sie nicht, dass es
aus Menschenliebe, aus einem Rest von Achtung vor meinen Eigenschaften ist. Die
gesellschaftlichen Rücksichten drücken ihren Stachel auf Den zurück, der sie
zuerst bricht. Das ist es allein. Darum kommt man noch in mein Haus, darum
öffnen sich die Flügeltüren, wo ich erscheine. Darum noch Händedrücke,
plötzlich süsse Mienen, wie ihnen auch wird, ein Embrassement! Ich gebe ja noch
zu essen, ich habe einen Namen, mein Mann hat einen, meine Vätter hatten einen.
Andere führen eine glänzendere Tafel, haben höhere Titel, versammeln anmutigere
Gesellschaft um sich, aber die Türen könnten sich doch einmal schliessen, man
könnte hinausgestossen werden, und dann bin ich gut genug als pis-aller. O die
Menschen sind vorsichtige Rechenmeister. Auch sind einige so gütig, zu meinen,
dass ich Verstand hätte, sogar einen scharfen. Ich sehe ihre Schwächen. Das ist
Vielen sehr unangenehm. Meine Zunge verwundet auch wohl; es ist meine Natur. Das
ist vielen dieser zartgeschaffenen Seelen noch unangenehmer. Da sie mich nicht
von der Welt schaffen können, was ihnen das Liebste wäre, versuchen sie, mit mir
zu liebäugeln. Und das ist das Gescheiteste. Wen man fürchtet und nicht
vernichten kann, muss man streicheln, bis die Gelegenheit kommt, eine Fallgrube,
in die man ihn hinterrücks stösst. Das ist die Politik der Natur; Könige und
Kammerdiener, Kluge und Dumme üben sie, und es gibt, die meinen, dass die Welt
nur durch sie besteht.«
    Wer hatte diese unglückliche Frau bis zu diesem Äussersten gereizt? So hatte
sie sich nie ihm gezeigt. Sie schien seine Gedanken zu lesen: »Hat meine
Aufwallung Sie erschreckt? Beruhigen Sie sich, mein Herr, ich werde auch wieder
ruhig werden. Es ist zuweilen Bedürfnis, sich gegen Menschen auszusprechen, von
denen wir glauben, dass sie uns verstehen.«
    Sie war ans Fenster getreten, aber mit einem Umweg und Seitenblick auf den
Spiegel, wie Walter, jetzt aufmerksamer, bemerkte. Sie hatte das Fenster
geöffnet, um Luft zu schöpfen, aber sie hatte mit dem Tuche rasch die Toilette
ihrer Physiognomie gebessert. Als sie sich zu unserem Bekannten umwandte, war
das Gesicht ein anderes, die fieberhafte Aufregung war verschwunden, die Augen
stachen noch, aber glühten nicht mehr, es war der lauernde, ernste Ausdruck, der
in ihren Zügen fesselte und abstiess.
    »Ich gab mich Ihnen eben ganz wie ich bin. Sie konnten das geheimste
Fältchen in meiner Seele lesen. Ich überlasse Ihnen, davon Gebrauch zu machen,
wie Sie wollen, denn ich bin nicht so albern, zu glauben, dass ein Rest von
Dankbarkeit und Pietät Sie bestimmen sollte, mich zu schonen. Nein, beurteilen
Sie mich, klagen Sie mich an vor der Welt, wie Sie mich kennen gelernt. Mein
unglücklicher Mann wird sterben, - den täuschenden Trost der Aerzte weiss ich zu
würdigen - er wird sterben und mich wird man anklagen. Man wird sagen, ja, als
es zum Aergsten kam, da schlug ihr das Gewissen, da pflegte sie ihn, da verliess
sie ihn nicht bei Tag und bei Nacht, da härmte sie sich ab. Warum nicht früher?
Und die klugen Leute haben Recht, denn der Schein ist wider mich. Wer sieht denn
hinein in das geheime, zwanzigjährige Wehe eines zerrissenen Herzens! Ich
verbarg es der Welt; es hat Niemand ein Recht, meine zerrissenen Schuldbücher
nachzuschlagen. Das Glück meines Lebens kostete mich der Schein, die Rolle einer
Befriedigten zu spielen. Wenn ich nun aufschrie: er war nie mein Gatte! Nein,
mein Herr, ich ward ruhig, ich ward sehr ruhig. Sie mögen mich eine Frau
schelten, die um ihren Mann sich erst kümmerte, als der Anstand forderte, auf
seinem Todtenbett das Haar vor Schmerz zu raufen. Ich will ihnen auch den
Gefallen nicht tun; ich will ihnen auch den Schein lassen, mich kalt, gefühl-
und herzlos zu schelten. Meine Trauer will ich in mich verschliessen und eine
stumme Bildsäule an seinem Sarge stehen, damit sie ein Rätsel mehr zu lösen
finden. Jeder mag es nach seiner Art. Sie, Herr van Asten, kennen mich nun, in
einer unbewachten Stunde schloss ich mein ganzes zerrüttetes Sein vor Ihnen auf.
- Nun suchen Sie sich Kompagnie, die Ihnen gefällt, unter Hohen und Niederen,
über mich herzufallen, mich zu zergliedern, zu verurteilen. Ich bin auf Alles
gefasst.«
    »Ich aber nicht darauf, dass Frau Geheimrätin Lupinus mich dazu fähig hält.«
    »Fähig, das weiss ich nicht, ich kenne Sie nicht genug. Aber aus Klugheit
dürfen Sie vielleicht nicht Kompagnieschaft halten. Die gemeinen Seelen müssen,
es ist ihre Natur, Krieg führen gegen alles, was sich über ihr Niveau erhebt.
Und Sie sind in diesem Kriege. Bleiben Sie in der Defensive, so sind Sie
verloren. - Ich weiss es nicht,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »ich kümmere
mich nicht darum, ob Sie den Mut haben, Ihren Feinden ins Lager zu dringen.«
    Unwillkürlich war Walters Blick auf seinen Arm in der Binde gefallen.
    »Sie haben den Chevaleresken gespielt, Ihren Gegner am Leben gelassen.
Verspielt, Herr van Asten! Wer seinen Gegner nicht vernichtet, hat ihn gestärkt.
Hätten Sie Rache genommen, wie die Beleidigung es heischte, ja dann - aber
glauben Sie nicht, dass man Sie darum für einen Kavalier hält, weil Sie nach der
Mondschrift in dem schwarzen Buch der Kavalierehre gehandelt. Obsolete Dinge!
Man zuckt die Achseln, ein Gelächter rieselt, wenn die Junkeroffiziere von der
Affaire erzählen. Der Andere wird jetzt beklagt, Sie - Sie Walter, werden nicht
gefürchtet. Und Sie könnten gefürchtet werden, es war in Ihre Hand gegeben. Es
war die einzige Waffe für den Bürgerlichen, glauben Sie mir, ich kenne sie ja,
sich Respekt zu verschaffen. Die warfen Sie aus der Hand. Was wollen Sie nun
tun? Alles, was Ihre feine, scharfe Feder schreibt, kitzelt da Keinem die Haut.
Sie antichambriren umsonst. Ihre Ideen bleiben Mondscheinsgedanken, denn die
Welt bleibt dieselbe, Herr van Asten. Nach jedem Erdbeben, wo etwa die Lohe des
Geistes, aus der verschlossenen Tiefe berstend, über die Täler und Berge
wirbelte und die Wolken erleuchtete, wo die Geknebelten Freiheit schrien und
Recht, nach jedem solchen Rausch kommen sie wieder zur Besinnung, es zieht sich
wieder die Rhinoceroshaut der Gewohnheit um das Pseudotitanengeschlecht, das den
Himmel stürmen wollte, und die Menschheitsbeglücker hat man noch immer nachher
gekreuzigt und verbrannt, wenn man es nicht für bequemer hielt, sie nur
einzusperren und auf dem Stroh verfaulen zu lassen. Die Welt wird nicht anders.«
    »Noch würde ich sie geändert haben, wenn ich den Kornet in die jenseitige
geschickt. Die Rache baut nicht Häuser, sie zerstört nur. Wehe, wo es gilt,
unser zerrüttetes Gemeinwesen wieder heben, wenn die bisher Gedrückten nur daran
denken, sich an ihren Unterdrückern zu rächen, wenn nicht alles Persönliche als
wesenlos bei Seite bleibt, wenn die Retter nicht mit ernstem, heiligem Willen an
die Tat gehen.«
    Man hätte ein chamäleonisches Mienenspiel auf dem Gesicht der Geheimrätin
bemerken können, das sich endlich in ein feines ironisches Lächeln um ihre
Lippen auflöste: »Sie haben die Prüfung gut bestanden, Herr van Asten, ganz wie
ich sie erwartete. Hoffen wir Alle auf dem Wege der Geduld und Entsagung zu
unserm Recht zu kommen. Ich habe Geduld. Nicht wahr? Und ich habe entsagt -
sogar dem Glück, verstanden zu werden. Kann man mehr? Leben Sie wohl -«
    Sie war gegangen, um an der Tür wieder stehen zu bleiben: »Sahen Sie
Adelheid seit Ihrem Ehrenhandel?« - »Sie hatte einen Rückfall, als ich nach
meiner Genesung ansprach.« - »Sie werden auch in dieser Entsagung sich einen
Lorbeer erringen können.« - »Wenn ich um den Sinn der Worte bitten darf?« - »Dass
Adelheids Sinn, seit sie bei der Fürstin ist, sich geändert hat, brauche ich
Ihnen doch nicht erst zu sagen.« - »Die Fürstin hat so wenig Macht, als irgend
eine Frau auf Erden, Adelheids Sinn zu beugen.« - »Freilich, da ein Anderer ihn
schon gebeugt hatte.« - »Ich werde mich selbst zu beugen wissen vor dem
Unabänderlichen, wenn es entschieden ist.« - »Eine seltsame Bezeichnung für den
jungen Bovillard.« - »Bovillard!« - »Liebt, das heisst, er rast für sie. Nun, das
weiss jedes Kind. - Sie gewiss auch.« - »Bovillard!« - »Er ist ja auch wohl Ihr
Freund? Was tut das! Dass die Fürstin Adelheid deshalb zu sich genommen, dass es
eine grosse Komödie in der Komödie war, ist Stadtgespräch. Dass Adelheid seine
Neigung erwidert, und nur krank ist, weil sie es zu gestehen sich scheut, sind
öffentliche Geheimnisse.«
    Walter hatte an seinen wunden Arm gefasst, nur um mit der Hand irgend etwas
zu fassen. Der furchtbare Schmerz erpresste ihm einen unterdrückten Schrei, er
lehnte sich erblassend an ein Möbel.
    »Nun, Sie werden heroisch sein. Wer wird Rache nehmen, wenn er beleidigt
ist! Und an einem Freunde! Uebrigens glaube ich wirklich nicht, dass die Fürstin
Gargazin an Herrn von Bovillard ernstlich denkt. Sie hat wohl andere Pläne. -
Haben Sie nicht gehört, wann Kaiser Alexander Berlin wieder besucht?«
    Walter hatte nur die Hälfte gehört. Er hatte, respektvoll vor ihr sich
neigend, für die gütigen Mitteilungen gedankt; der Kaiser, wie er gehört, werde
ein Bad in Asien besuchen. Es sei bei der geschwächten Gesundheit des erhabenen
Monarchen wohl recht zu wünschen. Unten an der Treppe fasste er wieder seinen
Arm: »Dies Weib! Dies Weib! Giesst sie Gift oder Feuer in meine Adern!«
    Die Lupinus lachte, als sie allein war, hässlich auf: »Der Wurm sticht doch,
wenn er getreten wird, und der verwundete Elephant und Löwe erhebt ein Gebrüll,
wovon der Wald erzittert, nur der Mensch prätendirt edel zu sein, wenn er mit
einem stummen Seufzer sich zertreten lässt.«
 
                          Neunundfünfzigstes Kapitel.
                              Nur keine Lüge mehr!
Es war ein glänzender Gesellschaftsabend im Palais der Fürstin. Aber der
Abendstern, der heute glänzen sollte, erschien wie erlöschendes Licht, wie eine
schöne Statue in Mondscheinbeleuchtung. Es war etwas vorangegangen. »Ein zu
heisser Tag!« sagten die Herren. Die Fürstin lächelte sanft. Man wusste in den
flüsternden Gruppen, weshalb die Fürstin die schöne Adelheid in ihrem Hause
aufgenommen. Sie sollte es dekoriren, wie die schönen Bilder, Statuen und
Raritäten an den Wänden es dekorirten. Gerade wie die Lupinus vorhin ein solches
Möbel für ihr Haus gebraucht. Dies hatten die scharfen Zungen schon längst
ausgesprochen. Auch mag ein Möbel, eine Ornamentur, die in einem Hause längst
ein abgenutzter, alltäglicher Gegenstand geworden, in einem andern durch
geschickte Verwendung wieder zu einem der Bewunderung werden.
    Aber die Fürstin arrangirte nichts, sie liess Alles gehen, wie es wollte. Das
junge Mädchen war nicht wie eine Untergebene, nicht wie eine Tochter, man möchte
sagen auch nicht wie eine Freundin, sondern wie eine Herrin aufgenommen, der ein
Recht auf dies Haus und Alles darin zustand. Sie hatte ihre besonderen Zimmer,
Diener, sie konnte Besuche empfangen, ausfahren, wie sie Lust hatte. Sie
erschien, oder blieb aus, wenn Gesellschaft sich versammelte; die Fürstin
betrachtete es als eine Freundlichkeit, wenn sie Teil nahm, und dankte ihr,
jedoch mit der Bitte, es nie als ein Opfer zu betrachten, vielmehr ganz ihrem
Penchant zu leben.
    Die Königin Louise hatte wieder gelegentlich den Wunsch geäussert, die schöne
Adelheid zu sehen. Der Wunsch einer Königin ist sonst Befehl. Aber als Adelheid
die Augen niedergeschlagen und geantwortet hatte: »Was soll ich vor der hohen
Frau!« war die Fürstin ihr mit der liebenswürdigsten Art um den Hals gefallen:
»Sie haben Recht, was sollen Sie da! Warum sich einen Zwang antuen. Solche hohe
Personen werfen in der einen Stunde einen Wunsch hin, um ihn in der nächsten zu
vergessen.«
    Es war etwas vorangegangen vor dem Abend, von dem wir sprechen wollten. Die
Fürstin war von ihrem Prinzip gewichen, sie hatte Adelheid genötigt, mit der
Baronin Eitelbach eine Spazierfahrt zu machen. Sie wollte die schöne Seele los
sein. Adelheid hatte sie als Blitzableiter gebraucht, ohne zu bedenken, ob die
elektrischen Zuckungen des Entsagungsfiebers nicht in den Blitzableiter selbst
übergehen und ihn verderben könnten. Die Welt wäre vollkommen, wenn es keinen
Egoismus gäbe, sagen weise Leute. Andere meinen, es wäre darin nicht
auszuhalten, wenn nicht bisweilen die Selbstsucht zerstörend durch die Linien
und Netze führe, mit denen uns die berechnende Weisheit zu Zahlen in einem
grossen Exempel machen will.
    Es war ein schwüler Sommertag, aber es ruhte sich so weich in den Polstern
des offenen von englischen Federn geschaukelten Wagens, und der russische
Kutscher lenkte seine Pferde pfeilschnell durch die schattenreichsten Gänge des
Tiergartens. Eine Fahrt, recht geeignet, um seinen Träumen nachzuhängen; die
Gedanken konnten spielen, wie die Schatten der Blätter auf den hellen Kleidern
der schönen Damen, die, sie wussten selbst nicht recht warum, hier kopulirt
waren.
    Die Baronin war eine herzensgute Seele; dessen war sie sich jetzt selbst
bewusst, seit die Liebe ihr ein Bewusstsein gegeben. Sie hatte nie hinter dem
Berge gehalten, als sie noch nichts mitzuteilen hatte, nämlich aus ihrem innern
Leben; seit hier ein Gedanke wogte, und andere erzeugte, die sie für ihr
unbestreitbares Eigentum hielt, erschien es ihr sogar als Pflicht, von diesen
Gefühlen und Gedanken auszuschütten. Je schwerer uns eine Errungenschaft ward,
um so mehr halten wir uns berechtigt, dass Andere Belehrung von uns empfangen
müssen. Es ist nun einmal so aller Autodidakten Art.
    Adelheid war eine Kranke. Das war eine angenommene Sache, nur war man
darüber uneinig, ob ihre Krankheit eine physische oder psychische sei. Die
Roheren oder die Gleichgültigen sagten: sie sei so schlecht von der Geheimrätin
behandelt worden, oder sie habe sich doch so wenig mit ihr vertragen können, dass
sie fortlaufen musste, und man habe es dann nachher so abgekartet, als hätte die
Fürstin sie nur wegen des Nervenanfalls ins Haus genommen. Von dieser
erschrecklichen Behandlung oder dem inneren Zwiespalt sei das arme Mädchen
krank, und schweige nur darüber aus Grossmut und Schonung gegen ihre frühere
Wohltäterin. Vermittelnde meinten, dass die Geheimrätin ihr Verhältnis zu
Walter van Asten begünstigt, dass sie ungehalten geworden, weil Adelheid kalt
gegen ihn geworden; das habe Beide auseinander gerissen. Aber krank konnte sie
doch darum nicht sein; nicht aus Verdruss, dass sie die Liebe einer Frau
eingebüsst, welche sie nie geliebt, noch Wohltaten, welche ihr stets drückend
gewesen. Genoss sie doch jetzt die volle Liebe und Wohltaten der liebenswürdigen
Fürstin in ganz anderm Masse.
    Also musste eine andere Liebe ihrem kranken, unbeschreiblichen Wesen zu
Grunde liegen. Und hier war das Feld der Vermutungen für die Feineren. Sie
hätte Dem ihre Neigung zugewandt, der sie als Lehrer rasch und glücklich in ein
höheres geistiges Leben geführt. Es war eine reine uneingeschränkte Neigung
geblieben, welche sie, von Bewunderung und Dankbarkeit erwärmt oder getäuscht,
für Liebe gehalten, bis - ein Anderer erschien, für den ihr Herz anders schlug.
Sie war krank geworden, wirklich körperlich leidend, unter Gefühlen, die sie
vergebens zu unterdrücken versucht. Da war - es musste eine Krisis eingetreten
sein, die mit einer äusseren Begebenheit in Verbindung stand. Sie war in Folge
derselben in ein anderes gastliches Haus übergesiedelt. So weit war den
Eingeweihten alles klar. Sie kannten auch den Namen des Zauberers, ihn selbst.
Hier aber schoss ein neues Rätsel auf, eine neue Sphinx lagerte sich vor dem
Portikus, der in die Salons der Fürstin führte.
    Louis Bovillard hatte Zutritt. Die Fürstin, die um Alles wissen musste, nahm
ihn, wenn nicht mit Auszeichnung, doch mit zuvorkommender Teilnahme und Güte
auf. Er, bis da ein wüstes Genie, das man verloren gab, vermieden, wenn nicht
gar ausgestossen aus der Gesellschaft, ward von ihr nicht nur zu den kleinen
Cirkeln und Partien gezogen, sie schien die Fahne über ihn schwenken zu wollen,
wenn sie die höchsten und ehrenwertesten Personen in ihr Haus geladen hatte.
Und er ging aufrecht und stolz umher, unbekümmert um Die, welche ihn scheuten
und hassten; Denen mit ironischem Mitleid sich nähernd, welche vor seiner
Berührung erschraken. Bis auf eine feinere Toilette, eine gentilere Haltung
schien er hier derselbe Louis Bovillard, auf den man einst auf der Strasse mit
Fingern zeigte; dieselche Nonchalance, derselbe kaustische Witz, mit bittern
Sottisen, mit einem beissenden und vernichtenden Urteil, derselbe Übermut und
dieselbe Rücksichtslosigkeit gegen Die, um welche die Gesellschaft sich
ehrerbietig gruppirte.
    Nur wenn Eine erschien, war er ein Anderer. Sein Übermut war gebrochen,
sein Witz stockte, seine glühenden Augen hafteten auf ihr. Er konnte dem
flüchtigen Beobachter, wenn er sie dann wieder zu Boden sinken liess, wie ein
verlegener, junger Mensch bedünken, der zum ersten Mal in eine Gesellschaft
tritt. Und doch war Louis Bovillard kein Rätsel.
    Aber sie, die Eine, welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wüstling
geübt! Liebte sie ihn, sie, die so ruhig und kalt ihm entgegentrat, wie jedem
andern gleichgültigen Gast, seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd, um
nach einigen gewechselten Worten über Wärme und Kälte, Wetter und Wind, Anderen
entgegen zu eilen? Wie war sie da erfreut, schüttelte die Hände, embrassirte die
unbedeutendsten und unangenehmen Damen wie nur teure Jugendfreundinnen. Nur dass
sie, plötzlich in Gedanken versunken, auf ihre Ansprache zerstreut antwortete.
Sie musste nicht recht zugehört haben, sie verwechselte die Personen. »Eine
verzogene kleine Glücksprinzessin,« hatte da wohl eine vornehme Dame geäussert,
die auf specielle Aufmerksamkeit Anspruch machte. - »Sie ist wohl destinirt,
immer die Interessante zu spielen,« entgegnete eine Andere. - »Sie ist krank,
und kränker, als wir denken,« sagte ein Arzt, der berühmte Doktor Marcus Herz,
welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien. Auf die Frage,
was ihr fehle? entgegnete er: »Was unserm Staate fehlt, eine heftige Krisis,
damit die Krankheit herauskommt.« - »Welche Krankheit?« - »Die schwerste, die,
welche man vor sich selbst verbirgt.«
    Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke; Adelheid
litt an der Krankheit, in deren Ueberwindungsstadium sie sich selbst befand.
    »Liebe Seele,« hatte sie gesagt, »ich kenne ja das. Sie sind verliebt und
wollen sich's nicht eingestehen.«
    Adelheid war aufgefahren: Sei es denn Zeit, um zu lieben, wo man nur hassen
müsse? Sie hatte von der Ehre und Not des Vaterlandes gesprochen, warm, wie es
aus dem Herzen kam, in solchen Augenblicken dürfe der Mensch nicht an sich
denken. Aber sie erschrak über ihre eigenen Worte. Es war eine Rede, geborgt aus
einer anderen Stimmung, denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland, sie hatte
nur an sich gedacht: wie sie dort im kurzen Röckchen unter den Platanen
gespielt, unter den Brombeersträuchern Hütten gebaut, der kleine grüne Fleck
hinter den verkümmerten Tannen war eine Wüste gewesen, die für sie kein Ende
hatte. Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut, aber sie hatte die
Ahnung und den Begriff. Und dann - durch dieselbe Allee war sie später gefahren,
und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte, die sie jetzt
erst verstand, schoss das Blut ihr zu Kopf! Aber auch die Obristin Malchen und
ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den
Gesträuchen, in denen die Sonne ihr funkelndes Gold aussprenkelte. Wie oft war
sie an der Seite der Geheimrätin hier vorübergerollt! Warum war diese
Erinnerung ihr jetzt weit schreckhafter? Warum rückte sie in die Ecke des
Wagens, als scheue sie vor der Berührung eines Gespenstes? Verdankte sie ihr
nicht viel, sehr viel, ihr ganzes geistiges Dasein dem Umgang der klugen Frau,
ihren Belehrungen? Ja, vielleicht war es das, was wie ein Frostfieber ihre Adern
durchrieselte. Sie war die chemische Säure gewesen, die aus der jungen Brust die
Begeisterung, aus dem Blut die Elasticität gesogen, den Glauben, die Hoffnung
und die Liebe. Sie wäre untergegangen, das fühlte sie, in dieser kalten,
zersetzenden Nähe, und etwas davon war in ihr geblieben, es beschwerte ihr Blut,
es trübte ihren Blick, der Egoismus des Verstandes!
    Und als diese wechselnden Schicksale wie die Stäubchen im Sonnenstrahl vor
ihrem inneren Auge wirbelten, hatte sie sich gefragt: warum das Schicksal so
wunderbar mit ihr gespielt? sie schleudere aus einem Arm in den andern, Menschen
und Gewohnheiten tauschend, wie die Bilder aus einer Laterna Magica? Ob sie eine
besondere Bestimmung habe, indem sie die Menschen in ihrer Schlechtigkeit kennen
lernen sollte? Eine entsetzliche Frage hatte in dem jungen Herzen angepocht: hat
die Natur den Menschen auf die Welt gesetzt zur Lüge, oder um nach der Wahrheit
zu ringen? Die der Lüge lebten, einen andern Schein um ihr Sein woben, - hatte
sie nicht beobachtet, dass gerade diese vom Glück angestrahlt waren, gesucht,
geschätzt, anerkannt, selbst von Denen, welche sie durch und durch erkannten!
Die dagegen kein Aushängeschild über ihr Wesen trugen, ihre Gedanken rein
aussprachen, gerade auf ihr Ziel losgingen, wo hatten sie es erreicht, wie
wurden doch ihre Gedanken missverstanden, anders ausgelegt, höchstens belohnt
durch eine laue Anerkennung ihres redlichen Strebens. Aber hinzugesetzt ward:
schade, damit wird er nie durchdringen. Es hilft der Welt nichts, was er tut. -
Was hatte Walter errungen? - Der arme Walter! Und sie! - Sie hatte ihn
getäuscht, sie täuschte ihn noch immer fort, sie täuschte sich - sie war in ein
Labyrint der Lüge geraten. Und wo der Ausweg!
    Als wolle sie ihn suchen, hatte sie in die Wipfel geblickt, deren Blätter im
Abendwinde durcheinander wogten, ohne dass sie nur eins mit den Augen verfolgen
können. Da hatte die Baronin jene Worte an sie gerichtet. Und wieder betraf sie
sich auf einer Lüge. Sie musste das Auge vor dem Blick der Eitelbach
niederschlagen. So hell und klar sah diese sie aus ihren grossen blauen Augen an.
Das ausdruckslose Gesicht gewann durch das Gepräge der Wahrheit einen Ausdruck,
der für sie in dem Moment überwältigend war.
    »Liebe Alltag, warum zieren Sie sich denn vor mir,« sprach die Eitelbach mit
dem gutmütigsten Tone von der Welt. »Der Bonaparte mag ein noch so böser, und
unser König ein noch so guter Mensch sein, jeder Mensch denkt doch an sich
zuerst.«
    »Jeder!« sagte Adelheid, um nur durch ein Wort ihrer gepressten Brust Luft
zu machen.
    »So ist es schon. Ich lass' mich auch gar nicht mehr irre machen. Krieg mag
schon nötig sein auf der Welt, meinetalben; ich kenne sie aber, die Herren
Offiziere, alle, und da ist keiner, der nicht an sein Avancement denkt, wenn er
sich in den Kragen wirft und grunzt, dass man glaubt, die Seele sollte ihm
ausgehen, von des Königs Rock und Friedrichs Ehre, und wenn er dann auf den
Hacken Kehrt macht und eine Miene sich geben will - Na, habe Dich nur nicht,
denke ich. - Gerade wie mein Mann. Wenn der spuckt und über den Frieden
lamentirt und sagt: Daran gehen wir zu Grunde! dann weiss ich auch, was die
Glocke geschlagen hat. Wenn er die Mantellieferung gekriegt, dann wären wir
nicht zu Grunde gegangen und es könnte Friede werden in alle Ewigkeit. So sind
die Männer. Sie denken nur an sich.«
    »Nicht alle.«
    »Nein, Einer nicht. Aber sonst! Ja, wenn das Andre draussen mit ihren
Wünschen zusammenpasst, dann sind sie lichterloh. Das weiss dann zu parliren und
encouragirt sich, bis sie's am Ende selbst glauben, dass es darum ist. Es amüsirt
mich, wenn ich sie so höre sich warm reden; aber mich täuschen sie nicht mehr,
auch die Klügsten nicht. Ich denke: sprecht Ihr nur, ich weiss doch, was dahinter
steckt.«
    »Täuschen die Männer nur? Belügen wir uns niemals?«
    Die Baronin schien nachzusinnen: »Nein, liebe Seele, Engel sind wir auch
nicht immer. Wenn mein Mann Feuer schlägt, mancher Schwamm will gar nicht
zünden, aber der andre fängt im Augenblick, der ist weicher, sagt er. So sind
wir Frauen, habe ich da gedacht. Wenn ein Funken vom Himmel fiele, bei den
Männern hat es gute Weile, aber wir -«
    »Lodern rascher auf. Ist das aber gut?«
    »Was vom Himmel kommt, ist doch gut. Die Leute sagen nun, Sie könnten den
Louis Bovillard nicht ausstehen, weil er den Napoleon einen grossen Mann nennt
und Gott weiss was. Die Leute sind nicht gescheit. Er tut es nur, um sie zu
necken und Sie auch. Und wissen Sie, warum Sie ihm immer den Rücken kehren?
Damit er sich nicht einbilden soll, dass Sie ihm gut wären. Und warum Sie immer
so in Extase sprechen, wie Sie die Franzosen hassen? Nur damit die Andern nichts
merken sollen, wie Sie verliebt sind.«
    »Frau Baronin!«
    »Mir machen Sie nichts weiss. Sie sind's bis über die Ohren, und wenn er
selbst ein leibhaftiger Franzose wäre, schadet nichts. Und wenn er dem Bonaparte
sein General, oder gar sein Spion wäre, da würde Ihr Franzosenhass so klein, ach,
mit dem Teelöffel könnten Sie ihn runter schlucken.«
    Adelheids erstaunter Blick sagte: »Wie kamst Du dazu?«
    Auch diese stumme Sprache verstand die Erleuchtete: »Und ich weiss auch wohl
nicht, was Sie jetzt denken? Dass die blinde Henne auch mal ein Korn gefunden
hat. - Denken Sie's immer zu, ich nehm's Ihnen gar nicht übel. Als ob ich nicht
wüsste, dass die Andern auch so denken! Das genirt mich aber gar nicht. Haben Sie
doch gedacht, Sie könnten mir Männchen vormachen und mit mir Blindekuh spielen
in Ewigkeit. Eine Weile geht's, aber dann fällt die Binde doch runter. Jetzt
sollen Sie's aber nicht mehr, da gebe ich Ihnen mein Wort. Allzuscharf macht
schartig, und hinterm Berge wohnen auch Leute, sagte meine Mutter. Aber warum
wickeln Sie sich so in Ihren Shawl? Zu schämen brauchen Sie sich doch nicht, und
vor mir am wenigsten, denn ich sage es Jedem grad heraus: Ich liebe und bin
glücklich.«
    »Und Sie haben doch entsagt!« Das Verhältnis der Baronin war zum
öffentlichen Geheimnis geworden.
    »Und nun bin ich gerade erst glücklich. Ich weiss, er liebt mich, und er
weiss, ich liebe ihn, und es geht nun einmal nicht.«
    »Ist das ein Glück?«
    »Muss man denn sich immer ins Auge sehen, die Lippen öffnen und die Hand
drücken, um sich zu sagen, dass man sich liebt! Wenn wir noch so weit getrennt
sind, sehen wir nicht Beide da den Abendstern aufgehen? Brauchen wir uns Briefe
zu schreiben, um uns zu sagen, dass wir uns nie vergessen werden? Ja, ehedem
dachte ich wohl, ohne Rosabillets auf duftendem Papiere, und schöne Präsente
ginge es nicht. Ach, wie ist das Alles ganz anders! Diese Blicke aus seinen
treuen, guten, schönen Augen werden immer vor mir stehen, wie die Sterne am
Himmelsbogen. Und ist das kein Glück, dass ich überzeugt bin, auch er sieht mich,
wie ich ihn sehe! Auch er wird von falschen Zungen umschwirrt, die mich wie ihn
verreden. Aber auch er weist sie zurück! Nein, je weiter Zeit und Ort uns
entfernen, um so inniger wird unser Bund, denn er ist unauflöslich. - Und,
Adelheidchen, so könnten Sie auch fortlieben und glücklich sein -«
    »Und lügen - lügen in Ewigkeit!« brach es aus der gepressten Brust. Es war
unwillkürlich; die Eitelbach wollte sie nicht zur Vertrauten ihrer Gefühle
machen.
    »Entsagen, Liebe, ist das lügen? Der Besitz tödtet die Freude des
Verlangens, hat mir Jemand ins Stammbuch geschrieben. Würde ich ihn lieben, wie
jetzt, wenn er vor acht Jahren - nun ja, wäre er mein Mann, dann würden wir uns
vielleicht recht gut sein, aber hätten sich unsre Seelen kennen gelernt! Die
gemeinschaftliche Menage, sagt der Legationsrat, das tägliche Beieinander
stumpft die feineren, sinnigen Gefühlsfäden ab, nur Verlangen und Entbehrung
weckt die edleren Seelenkräfte. Er will's mir auch ins Buch schreiben. Er
braucht es nicht, ich fühle es, ich weiss es. Ich ward eine Andere, mein Mann
sagt, er kennt mich nicht wieder. Nun bin ich erst froh, ich weiss, warum ich
lebe. Wir nicken uns durch die Lüfte einen guten Morgen zu. Wenn ich ausfahre,
freue ich mich der frischen Luft; auch ihn kühlt sie ja, wenn er über die Haide
sprengt. Abends schüttelt er treuherzig den Kopf und ruft mir Gute Nacht! zu.«
    Adelheid fasste krampfhaft den Arm ihrer Begleiterin: »Soll das Ihr Leben
dauern?«
    »Herr Gott, wie Sie zittern! - Warum denn nicht.«
    »Weil - allmächtiger Gott, ich glaube, der Versucher rauscht in den alten
Eichen! Nennen Sie das entsagen?«
    »Wie denn sonst? Der Versucher, das weiss ich wohl, mit dem hat die Fürstin
es zu tun, er vergiftet das Blut, sagt sie, und der sündhafte Gedanke zehrt an
der Seele, ein kleiner Fehltritt sei nichts gegen eine grosse Gedankensünde. Ach,
die gute Gargazin ist eine Russin, sie kennt die Liebe nicht, die sich Alles
versagt, und nur für den Geliebten sorgt. So, liebe Seele, würden Sie lieben.
Wenn Sie den Herrn van Asten heiraten müssen, weil er Ihr Wort hat, tun Sie's,
und er wird gewiss ein guter Ehemann werden, besser als meiner. Aber dann, wenn
Sie Ihre Pflicht getan, wer darf Sie von Ihrem Bovillard trennen, o, dann
werden Sie selig, unaussprechlich selig werden.«
    Adelheid fühlte einen Schwindel, es schwankte und drehte sich und ihr war,
als müsse sie aus dem Wagen springen. Es war aber mehr als eine Empfindung der
aufgeregten Stimmung. Der Kutscher, wie sich nachher ergab, betrunken, hatte den
Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt, ohne den Charlottenburger
Milchkarren, der leer aber langsam ihm entgegenfuhr, zu bemerken. Die Fuhrwerke
waren aneinander gestossen, freilich zum grössern Schaden des Karrens, der
zerbrochen am Boden lag, die Blechgefässe polterten auf die Strasse, aber auch die
Equipage hatte sich übergelehnt, und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen, wozu
vorhin innere Angst sie drängte.
    Als die Baronin noch um Hülfe schrie, hatte sie, rasch entschlossen, sich
schon danach umgesehen, und sie war zur Hand. Zwei einsame Spaziergänger waren
von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lärm herangeeilt. Adelheid
riss ihren Shawl von den Schultern, und warf ihn dem ihr Nächststehenden zu. Als
er aber die Arme ausbreitete, um ihr herabzuhelfen, fuhr auch ihr ein Schrei
über die Lippen, kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen, aber laut
genug, dass er Zweien durchs Herz fuhr, der, welche ihn ausgestossen, und dem,
welcher ihr die Arme entgegenstreckte. Walter van Asten sah, wie Adelheid sich
von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck
aus ihrer gefährlichen Lage gehoben ward. Er hatte genug gesehen. Auch die
Baronin durchzuckte ein Ton, der nur halb über ihre Lippen kam. Sie nahm die
Hülfe des jungen Mannes dankbar an: »Ich danke Ihnen,« sagte sie, ihr Haar in
Ordnung bringend, »dass gerade Sie es sind.«
    Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht
länger verweilen: was geht uns der Lärm, das wüste Gezänk an zwischen Kutscher,
Milchmann, den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern. Ein Rad war gebrochen,
in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren. Ihre Retter
führten die Erschreckten langsam, bis eine leere Kutsche ihnen begegnete.
    Adelheid wusste nachher nicht, was der Rittmeister mit ihr gesprochen, sie
wusste selbst nicht, ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen, an dessen
Arm sie ging. Sie wusste nichts von sich auf dem viertelstündigen Wege. Erst als
man sie in den andern Wagen hob, fühlte sie einen Händedruck. Walters Stimme
flüsterte fest, aber nicht rauh und kalt: »Zum Abschied, Adelheid! Nun bist Du
frei.«
    Die Damen hielten ein gegenseitiges Schweigen für die beste Unterhaltung auf
dem Rückwege. Adelheid hatte sich fest in ihren Shawl geschlungen, obgleich es
eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf, um sich nicht
zu echauffiren. Das junge Mädchen musste frieren, ihre Zähne klapperten, und es
waren wohl Phantasieen, wenn die Baronin oft die Worte hörte: »Nur keine Lüge
mehr!«
 
                             Sechszigstes Kapitel.
                           Die Wollust der Märtyrer.
Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.
    Es war noch etwas Anderes vorangegangen - im Souterrain des Hauses. Wer die
liebenswürdige Wirtin sah, wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen
entgegeneilte, und über das unerwartete Erscheinen von Dem und Jenem fast
kindlich erfreut schien, konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen
zweifeln. »Wenn sie es auch nicht so meint, ist es doch angenehm, dass sie es so
zeigt!« Aber er konnte nicht ahnen, wie diese Augen, aus denen Wohlwollen und
Güte blitzten, vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel, ich sage nicht
lächelnd geblickt, aber teilnahmslos stier. Auch das passte nicht, vielleicht
mit der Wollust eines gesättigten Raubtiers, das seines Opfers Blut fliessen
sieht.
    Der Kutscher hatte es allerdings verdient. Mit einer milderen Züchtigung
wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen, rief sein
Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor,
welche der Haushofmeister ihm diktirt. Auf Ordnung muss ein Herr und eine Herrin
im Hause halten. Es war die Ordnung, dass der dienstvergessene Leibeigene von
zweien andern eine Lektion empfing, deren Mass nur unsere Begriffe und die Kraft
unserer Nerven übersteigt. Auch dass die Herrin zugegen war, um nach Handhabung
der Ordnung zu sehen, verstiess nicht absolut gegen die Sitte. Nur dass sie, mit
verschränkten Armen an der Kellertür stehend, so lange zusehen konnte, ohne mit
den Augenwimpern zu zucken, ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu
rufen, dass um ihre Lippen ein eigentümliches Lächeln schweben konnte, während
ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich
rötete, das musste einen besonderen Grund haben.
    Es hatte auch einen. In Gedanken versunken, in Phantasieen, die sie
interessiren mussten, schien sie eigentlich, was geschah, vergessen zu haben.
Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen, der
einen Augenblick inne hielt, in der Meinung, es sei genug. Ein Sklave darf keine
Meinung haben; als sie nicht gewinkt, fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit
fort. Die Herrin hatte es zu verantworten; er und der Kalmück waren nur die
Werkzeuge, vielleicht die willigen. Der Zoll von Herrendienst, den sie dem
Kutscher abentrichteten, war gewiss nur eine Vergeltung für viele ähnliche, die
Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet. Es hätte schlimmer werden können,
wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert: »Madame la
princesse, je crains que les cris de la bête ne pénètrent pas les oreilles de
Mademoiselle Alltag. Elle fait sa toilette tout près de l'escalier.« Da war die
Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden. Etwas unangenehm, schien es. Die
Alltag durfte nichts hören. Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt, inne zu
halten; sie wollte ungehalten sein, dass man sie nicht früher aufmerksam gemacht,
aber sie sagte, der Anblick sei rebutant. Sie hatte etwas von pauvre homme
hingeworfen, und Anweisung gegeben, ihn gut zu pflegen, damit er bald wieder
seinen Dienst verrichten könne.
    Und sie hatte noch eine unangenehme Ueberraschung gehabt. Der Kammerdiener
hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrat zugeflüstert, was sie damals
überhört. Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanapé.
    »Possen! oder was ist das?« fragte sie verwundert, als er sich durch die
Tropfen erholt, die sie aus ihrem Flacon gesprengt, und er selbst ein Fläschchen
entkorkte, um durch das Einatmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu
kommen. - »Ich kann kein Blut sehen,« sagte er. »Sie wissen es!« - »Starker
Mann!« - »Stärkere leiden an Idiosynkrasieen.« - »Wer seinen Freund zum
Rendezvous auf zwei Kugelmündungen ladet!« Es blieb zweifelhaft, ob die
Bemerkung ironisch gemeint war ihr Blick verriet es nicht. Ihre Gedanken waren
noch anderswo.
    »Die Kugel bringt den Tod, dem Andern oder mir. Ich fürchte weder diese
Frage zwischen Sein und Nichtsein, noch das Eingehen in das Nichtsein. Aber das
Blut ist eine unvertilgbare Essenz,« sprach er schaudernd, und sprang auf. »Ich
kann nicht dafür, dass meine Natur so ist, noch begreife ich's, warum die ewig
gebärende Mutter diese Anomalie in ihrem grossen Schöpfungswerk zuliess. Ich
wische alle Tinten, Farben spurlos aus, aber warum widersteht dieser hässliche
rote Saft, warum wird er so oft zum Verräter -« »Weil der Himmel das warme
Blut in unsere Adern goss,« rief die Gargazin, »als den köstlichen Saft, in dem
wir uns berauschend einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mögen. Das
begreifen Sie freilich nicht, Mann von Marmor.« - »Den Rausch begreif ich,
Erlauchte Frau, auch den Rausch in Blut. Aber nicht, verzeihen Sie, wenn es
durch Geisselhiebe aus dem - Rücken einer elenden Kreatur gepeitscht wird. Alles,
was man ohne Zweck tut, ist meiner Natur entgegen.« - »Der Zweck! Kurios!
Fragen Sie meinen Haushofmeister. Der Mensch hat es verdient.« - »Dass Sie sich
selbst strafen, und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen, damit er sechs
Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann, wenn je wieder?« - »Ich war in einer
animosen Laune. Wer widersteht einem Impuls?« - »Darum war ich um meine
Erlauchte Freundin besorgt, denn der Exzess in der Bestrafung könnte in diesem
Staate unangenehme Folgen haben.« »Die sich redressiren lassen.« - »Gewiss, es
bleibt indes immer sehr unangenehm, wenn man seine Kräfte zum Redressiren von
Vergangenem verwenden muss. Die Meinung, das Publikum übt eine Macht, die wir
durch den Widerstand nur intensiv stärker machen. Wenn es hiesse, die Fürstin
Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prügeln lassen, so würde man die
Gerüchte wohl zum Schweigen bringen, weil Sie die Fürstin Gargazin sind, auch
für die Oeffentlichkeit würde die Wissenschaft Atteste bereit haben, dass der
Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist, aber das Todesröcheln des
Zerfleischten möchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen,
den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert.«
    Sie schwieg, aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem süssen
Lächeln. Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Teil gehört. Mit wieder
auf der Brust verschlungenen Armen, wie vorhin, sprach sie: »Sie sahen den Tod
und ich das Leben, Sie das Entsetzen und ich - ich, was kann ich dafür, dass ich
anderer Natur bin, Herr von Wandel! Pawlowitsch wird nicht sterben, diese
Geschöpfe haben eine andere Natur. Sie kennen das nicht. Er ist mein treuester
Diener. Meinen Sie, dass er mich weniger lieben wird, weil ich ihn züchtigen
liess? Wenn er genesen ist, versichere ich Sie, wird er mit verdoppelter Devotion
sich auf die Erde werfen, meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für
mich beten. Und ich, ich teile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das
Geschöpf. Ich empfand die Geisselschläge mit. - Lachen Sie nur! Das verstehen Sie
eben nicht. Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen, oder
wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken. Mich ergreift immer eine
unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen, mein Blut wallt, mein Körper empfindet
sie mit; dieses spritzende Blut, ich sehe es schon in Rosen und Lilien
verwandelt, diese Röte des äussersten Schmerzes auf den Wangen, der
Todesschweiss, die verzückten Augen, die krampfhaften Verrenkungen, mir werden es
lauter Schönheitslinien, und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen,
durchschauert mich schon Harmonie und Vollendung.«
    »Das heisst ein Läuterungsprozess in procura geführt,« sagte der
Legationsrat, oder er dachte es vielleicht nur, denn die Fürstin, in sich
versunken, schien auf seine Erwiderung kaum zu achten. »Wenn man nur dem
Geschöpf diese Ueberzeugung auch einimpfen könnte, so würden seine Schauer, die
wie ich glaube, gemeinerer Art sind, sich gewiss auch in eine wollüstige
Empfindung auflösen.«
    »Sie würden es!« rief die Fürstin. »Wer sagt Ihnen, dass sie es nicht schon
sind! Er leidet für seine Herrin, die er anbetet, er leidet durch ihren Willen,
und er kennt kein höher Gesetz. Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir, mein
Herr Legationsrat von Wandel. Wie das Animal, die Pflanze, stehen sie dem
Ursprünglichen näher. Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem
Paradieseszustande zurück, in dem sie existiren. Wie die Lilie auf dem Felde,
wie der Vogel im Busch, freuen sie sich der Sonne, die sie bescheint, sie legen
ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter freiem Himmel, oder auf die Bank,
die man ihnen am Ofen gebaut. Sie denken nicht, sie sorgen nicht auf den andern
Tag; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe. Sie kennen unsere Pein
und unsere Qualen nicht, unsere Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern.
Sie würden sie so wenig begreifen, als der Herr von Wandel, warum der Erlöser
für uns gelitten hat, warum in Natur und Welt es so gefügt ist, dass immer ein
Anderer für den Schuldigen leidet, dass es Sündenböcke gab im alten Testament,
Märtyrer und Heilige, die den Überschuss ihrer guten Werke uns als Erbe liessen.
Diese Sklaven singen und lachen, während wir, die Erwählten, die tausend Nadel-
und Dolchstiche empfinden, die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz
drücken, und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen, auch wenn wir in
krampfhafter Pein vergehen möchten. Was ist das Bischen Not dagegen, das unsere
Laune ihnen bereitet; die schöpferische Laune, die heute quält und morgen dafür
entzückt.«
    »Warum stehen Sie in Gedanken verloren?« hub sie nach einer Pause wieder an;
ihre Verzückung, wie es schien, hatte sich gelöst. Sie liess die Arme sinken, und
sah ihn fast mitleidig an. »Sie armer Mann, was ich Sie bedaure in dem
hochmütigen Mitleid, was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden
mögen.« - »Ich bedauerte nur,« erwiderte er, »dass die Gotteit, die wir uns als
männliches Wesen denken, kein Weib ist. Wie viel schöner würde ihre Welt sein.«
- »Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen. Sie tun mir so unendlich weh,
weil jede Entzückung Ihnen versagt ist. Aber ich appellire an Ihren Verstand.
Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten? Diese Masse, diesen Pöbel, das Chaos
von kriechendem Gewürm, das fliegen möchte und nicht aufrecht gehn kann! Wer
soll sie bändigen, fesseln, wenn keine eherne Faust, umspielt von süssen
Himmelslichtern, da ist, keine beseligende Illusion; diese gemeinen, rohen,
selbstischen Kreaturen, die aus Habsucht Einer auf den Andern stürzen, sich
zerreissen, verzehren möchten. Sie kratzen sich die Augen aus, damit der Bruder
nicht schärfer sieht, sie verschlingen die Vorratskammern, die ihren eigenen
Winter sichern sollten, damit die Mitmenschen nicht im Vollen leben. Täuscht sie
der Popanz Humanität, den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzhimmel malen,
und Jeder stellt dem Andern ein Bein, und Gift auf der Zunge, Erbschleicherei,
Betrug, Raub, Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter.«
    »Der Popanz täuscht mich nicht, Prinzessin,« sagte Wandel. »Mich täuscht
überhaupt nichts. Ja, könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene
einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten. - Schade nur, dass es auch
nur eine Illusion ist, und wenn - die Priester würden sich untereinander auch
auffressen.«
    »Hoffen Sie noch auf die Vernunft.« fuhr die Fürstin fort, die ihn wieder
nur halb gehört. »Die Göttin, die sie in Frankreich auf die Altäre hoben, hat
doch zu aller Welt geschrieen: seht, wie albern und ohnmächtig ich bin! Oder
hoffen Sie's mit dem Geist, der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm
wetterleuchtet. Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland, in Philosophen und
Gesetzgeber, in verstockte Mönche, Stubengelehrte und Fürsten auf dem Tron. Was
hat er gezündet, gewärmt und gefruchtet! Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit
hat er in Brand gesteckt, aber die Unglücklichen, daraus Vertriebenen, wo fanden
sie anderes, helleres, wärmeres Obdach! Feuersbrünste hat er angefacht, Wälder
und Haiden verzehrt, aber wo nur eine Fackel angezündet, die in der Nacht
leuchtet, welche immer darauf wieder eintrat. Da lobpsalmen die alten
Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn, dass er die Greuel des
Aberglaubens und der Finsternis verscheucht hat, aber wo blieb ihr Licht, das
ihnen leuchtete, durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte,
wo ihr Haus, das die Müden und Beladenen aufnahm, wo das Geläut der
Himmelsglocken, die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten, wo der
Schlafpelz, die weiche Bärenhaut, in die sie sich hüllten, und alle Sorgen waren
vergessen! Wo in aller Welt können diese Verirrten, Heimatlosen, anklopfen in
ihren Aengsten, ihrer Zerrissenheit, um den Trost zu finden, den nur die
Gewissheit gibt! Was hilft's ihnen, wenn sie sich von des Teufels Krallen
gepackt fühlen, und der gelehrte Herr mit den Päffchen setzt die Pfeife fort, um
vornehm herablassend der armen Kreatur mit rationalistischer Salbaderei zu
demonstriren, dass der Teufel wahrscheinlich nicht existirt. Um etwas Gewisses,
Festes, Sicheres schreien sie, und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier
vor, aus denen, statt eines, tausend Zweifel schlüpfen!«
    Diesmal war es der Legationsrat, welcher nicht Acht gegeben. Er hatte mit
seinen Augen einen Punkt fixirt, und packte plötzlich den Arm der Fürstin am
Handgelenk: »Ein Blutfleck!«
    Der Aermel ihres Mousselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf
gesprjetzten Tropfens. - »Ich habe es wirklich nicht gesehen.« - »Aber Andere
werden es sehen. Um des Himmels willen, wechseln Sie das Kleid, ehe es Jemand
bemerkt. Adelheid -« »Interessiren Sie sich so für das Mädchen?« sprach die
Fürstin, der die Unterbrechung nicht unerwünscht zu kommen schien, indem sie den
befleckten Aermel mit den Fingern prüfte. Es war ein eigener Ton, in dem sie
fragte, der bare Gegensatz zu dem Affekte, in welchem das Vorige gesprochen war.
    »Nicht im geringsten. Ich interessire mich für den Gegenstand, der Ihr
Interesse erregt hat. Da ich Ihre Absichten ahne, muss ich wünschen, dass jeder
Nebelfleck, der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trüben dürfte, entfernt
würde.«
    Sie sah ihn scharf an: »Sie sind die Uninteressirteit selbst. Und doch -
zuweilen fällt vor meinem Auge Ihre schöne Hülle ab wie Staub und Moder, und das
nackte Gerippe starrt mir entgegen; das Herz von chemischen Agenzien zernagt.
Aber glauben Sie nicht, dass ich erschrecke. Ich betrachte gern die Natur in
ihrem geheimsten Schöpfungsprozess, wie sie ihr Schönstes und Bestes mutwillig
selbst vernichtet. O, immer zu, die Natur ist eine elende Kammerzofe des
Mysteriums, aus dem die Gnade leuchtet. Immer zu, mein Freund, sich selbst
verzehrt, bis der Durst brennend, unerträglich wird! Dann verlangen auch Sie
nach dem Quell. O, welche Kämpfe wird es Ihnen kosten, wie wird diese Stirn
rollen vor stolzem Zorn, wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein,
wie werden Sie wütend mit der Faust dagegen schlagen, ringend einen
Gigantenkampf mit dem Selbstbekenntniss, bis - bis der Riese krachend zu Boden
stürzt, und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt! Wie werden Sie schlürfen,
unersättlich an dem Born der Gnade!«
    »Mais en attendant?« sagte der Legationsrat. - »Rührt Sie denn nicht
Adelheids Schönheit?« - »Dass ich nicht wüsste.« - »Mir unerklärlich, mein Herr
grosser Sünder. Anfänglich hielt ich es für Verstellung, Sie wollten mich
täuschen. Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben, sondern auch
das Rätsel zurückgelassen, dass das Mädchen Sie kalt lässt. Ist sie Ihnen eine
zu vollkommene Schönheit?« - »Kunstkenner gehen auch an vollendeten
Meisterwerken vorüber.« - »Weil nur die sie interessiren,« fiel sie ein, »die
Mängel haben. Ist's der Egoismus des kritischen Sinnes, der immer korrigirend
schaffen möchte?« - »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sagen Sie, eine
Antipatie gegen was man reine Unschuldsseelen nennt. Es überkommt mich ein
Frösteln in Gegenwart solcher jungen Mädchen.« - »Ich begreife es, weil ich es
mitfühle. Aber -« »Sie selbst kajoliren die Nymphe.« - »Sie wissen, warum.« -
»Und eben deshalb wundre ich mich, dass Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in
Ihr Haus erleichtern.«
    Die Gargazin sah ihn schadenfroh an: »Für die Naivheit möchte ich Sie
küssen.« - »Sie protegiren ihn nicht?« - »Wenn man Erz schmelzen will, braucht
man Feuer.« - »Wenn man aber das Feuer über den Kessel schlagen lässt, kann es
leicht kommen, dass das Erz überläuft und verdorben wird.« - »Qu'importe!« sagte
die Fürstin und stäubte an dem Fleck am Aermel. »Was nennen Sie verdorben
werden?« - »Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel, aber ich frage mich
vorher, ob der Vorteil das Risiko lohnt?« - »Was geht Sie meine Rechnung an?
Einen Stein kann man nicht schmelzen, man sprengt ihn oder wartet, bis der Blitz
ihn spaltet; das Erz kann man aber so lange glühen und wieder zerglühen lassen,
bis man es zu der Form geschmeidig findet, die man ihm geben will. Wollen Sie
sich in Adelheid verlieben, Ihre Künste an ihr versuchen, ich habe nichts
dagegen, ich will nicht eifersüchtig sein. Sie liebt ihn, ich meine Bovillard,
das ist ihre Krankheit, die verborgene, die an ihr zehrt. Sie muss heraus, die
Krisis ist notwendig; darum wird sie kommen, ohne dass wir etwas dazu tun.
Verstehen Sie mich, wir lassen die Natur walten.« - »Und dann?« - »Wenn Sie die
Bibel läsen, würden Sie wissen, man soll nicht für den andern Morgen sorgen.
Sein Sie heut Abend liebenswürdig, Herr Legationsrat.« - »Ich bin nicht ganz
disponirt.« - »Sie sollen es sein, Sie können es sein. Herr von Bovillard hat
nur zwei Augen, und die gehören jetzt nicht ihm.«
    Die Wagen fingen an vorzurollen; die Fürstin verschwand mit dem wiederholten
Befehl: »Sein Sie liebenswürdig!« - Sie hatte kaum Zeit, ihre Toilette zu
ändern, aber Niemand hat den Blutfleck an ihrem Aermel gesehen.
 
                          Einundsechszigstes Kapitel.
                         Was sagen Sie zu meiner Frau?
Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.
    Der Abendstern, der heute glänzen sollte, sagten wir schon, erschien aber
wie ein erlöschendes Licht. Die Töne, welche im Souterrain das Ohr zerrissen,
waren nicht zu Adelheid gedrungen, und wenn einer, so ahnte sie nicht den Grund;
es war für sie nur in der Luft das dumpfe Accompagnement ihrer eigenen
zerrissenen Gedanken. Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden. Sie
dachte, so müsse einem Verurteilten zu Mute sein, wenn er sich zum letzten
Gange ankleidet.
    Zum Glück war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid
koncentrirt; sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung, von der man
sagen dürfte, dass sie in voller Blütenpracht war.
    Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Türecke wie ein liebliches
junges Mädchen aus, dem die Scham die Wangen rötet, die Augen schlägt sie
nieder in holder Befangenheit. So schüchtern stand die Gazellengestalt, halb
bedeckt von dem Oleanderbosket, das aus irdenen Töpfen in malerischer Unordnung
um den mit Epheu umhangenen Türpfosten duftete. Die schöne Blüte zitterte vor
jeder Berührung, wenn wir die Begegnung, die Ansprache der älteren Damen, welche
die Tür passirten, so nennen sollen. Das Wechselgespräch war immer sehr kurz;
man konnte glauben, zur Zufriedenheit des jungen Mädchens, das vielleicht erst
seit Kurzem in die Gesellschaft eingeführt war, und der Boden unter ihr brannte,
vor Angst, dass sie einen Verstoss begehe. Wenn man einen Schritt näher trat,
verwandelte sich die Achtzehnjährige allerdings in eine vollblühende
Zwanzigerin, die Moosrose ward zur vollen Centifolie. Aber schön blieb sie, man
konnte unwillkürlich rufen: wunderschön! Wem das dunkle, schwimmende Auge
zwischen den schwarzen Brauen und den roten, anmutig schwellenden
Pfirsichwangen einen Blick zuwarf, musste von Stein sein, wenn er nicht gerührt
ward. Und war sie nicht eine Zauberin, eine Armida? Zwischen den Oleandertöpfen
schossen eine weisse und eine Feuerlilie in die Höhe, und bunte Glaslampen,
damals etwas in Berlin Unbekanntes, warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und
das schöne Mädchen, das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania, Grazie
jede Bewegung. Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte die sie vielleicht
in Gedanken von einem Strauch gepflückt, das war kein gewöhnliches Fächerspiel,
das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen. Es war die
Sicherheit einer Königin, die den Herzen zu gebieten weiss, unbesorgt um ihre
Herrschaft. Wenn sie die sanft geworfenen Lippen öffnete und die schönen Zähne
im Gespräch zeigte, konnte man schwören, wenn man auch kein Wort verstand, dass
sie eine witzige Replik, eine glückliche Bemerkung hinwarf. Sie konnte auch
abfertigen, und man mochte ebenso schwören, dass die Vielen, die mit ihr eine
Unterhaltung anknüpften, aus Lust oder aus Gelegenheit, ihr nicht genügten.
    Wenn man indes noch einige Schritte näher trat, - doch wir können unsre
eignen Beobachtungen sparen, wo eine Gruppe Herren, an der Tür gegenüber, sich
die ihrigen schon mitteilten.
    »Was hat sie denn heut für ein Rot auf,« sagte ein Garde-Offizier. - »Wer?«
- »Comtess Laura. Das blinkert ja wie eine Karmoisinmuschel.« - »Neueste
Josephinenschminke, liebster Graf,« drängte sich der Baron Eitelbach an sein
Ohr. »Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris. Die von der Oper sind
ausser sich, ist ihnen zu teuer. Was kann der Schönheit zu teuer sein, sage
ich.« - »Und greifen in die Tasche.«
    Der Baron hielt allerdings beide Hände in den Seitentaschen, und es
klimperte etwas von Geld, aber er zuckte die Schultern: »Fürs ganze Corps de
Ballet! Na, hören Sie, das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf. Alles was
recht ist.« - »Sie sparen's für Ihre Frau Gemahlin.« - »Ein sublimer Einfall von
Ihnen, Graf, wahrhaftig, ein sehr sublimer. Wie sie blass aussieht gegen die
Laura! Aber sie will sich nicht schminken. Partout nicht mehr.« - »Hat's auch
nicht nötig,« sagte ein dritter Intimus.
    »Meinen Sie? - Ich sage Ihnen, die Schminke bringt 'ne Revolution hervor.
Das ist ein Geschicke zu Arnous, aber - die alte Voss und - na warten Sie nur,
ich kann sie Ihnen alle nennen, die schon von haben. Sind ihrer nicht viel: aber
passen Sie acht, eh' vierzehn Tage um sind -« »Wenn die Männer die Tränen auf
den Wangen sehen,« sagte der dritte Intimus, »greifen sie doch in die Tasche,
und wenn das Rot pures Gold wäre.« - »Gold, ein charmanter Einfall!« rief der
Baron. »Wenn's Mode würde, echtes Gold auf die Backen! Bei Gott, ich gäbe was
drum: wie die Weihnachtsäpfel. An den Backen sähe man's den Frauen an, was ihre
Männer sind.« - »Eine Taille, auf Ehre doch, wie 'ne Wespe,« sagte der
Garde-Offizier. »Ich sollte meinen, wer sich so schnürt, braucht sich gar nicht
zu schminken.« - »Und Füsschen, 'ne Pariserin könnte sie beneiden,« meinte der
Dritte. - »Das tänzelt nur so auf dem Boden.« - »Was für welche hat meine Frau
dagegen! Sehn Sie mal,« rief der Baron und nahm eine Prise. - »Eine Heroine muss
nicht auf Tänzerfüssen stehn.« - »Heroine! charmanter Einfall. Meine Auguste eine
Heroine. Wie sie mit einander parliren! Ich versichere Sie, auf Ehre, meine Frau
spricht jetzt wie ein Buch. Immer Schiller im Munde.
Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Erzeugt in dem Hirne des Toren!
Damit weckt sie mich alle Morgen. Bei Gott 's ist wahr. Macht Alles die
unglückliche Liebe.« - »Schade, Baron, dass Sie sich nicht auch unglücklich
verlieben können.« - »Warum kann ich's nicht?« - »Weil Sie zu reich sind. Wer
Geld klimpern lässt, ist immer glücklich in der Liebe.« - »Sie sind ein
charmanter Mensch, aber was soll mir die unglückliche Liebe?« - »Sie könnten
dann auch einmal mit der Tugend in Berührung kommen.« - »Was hab' ich von der
Berührung?« - »Tugend vermehrt den Kredit.«
    Der ganze Körper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden
Bewegung eines Gesättigten, welcher gleichgültig eine Schüssel vorüber gehen
lässt, an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben. Er bedurfte
nicht mehr Kredit, als er besass. Aber auch der Satte lächelt, wenn seine Gäste
die Speisen loben, die er ihnen vorgesetzt. Der Baron von Eitelbach lächelte
wohlgefällig über die Bewunderung, welche man der Schönheit seiner Gemahlin
zollte, während man ihre Reize mit der Comtess verglich. Zum Vorteil der
ersteren, es waren Kenner, die hier urteilten. Auf den Hacken sich wiegend, die
Hände noch immer in den Taschen, die breite Unterlippe aufgeworfen, hatte er
gleichgültig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert, während sein Ohr doch
bei der Unterhaltung blieb, als er es für schicklich hielt, eine Diversion zu
machen: »Sehn Sie mal, wie die Alltag eingepackt hat. Gar nicht wieder zu
erkennen.«
    Das Kennerauge des dritten Intimus liess sich nicht täuschen. »Vorübergehende
Indisposition. Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht.« Ueber
die Indisposition lächelten die Kenner; der Baron fühlte sich geistreich
gestimmt; er nannte die unglückliche Liebe eine Klippe für die Schönheit. Lob
erntete er dafür nicht, denn die Aufmerksamkeit der Andern war wieder auf die
schöne Comtess gerichtet.
    »Auf wen mag sie nur vigiliren?« - »Sie ist unruhig.« - »Warum steht sie
aber wie eine Schildwacht an der Tür?« - »Muss wohl seinen Grund haben. - Halt!
sehn Sie, schon wieder -« Die drei Kenner rückten die Köpfe noch näher zusammen.
Comtess hatte während des Gesprächs nochmals durch die Türritze geblickt. »Das
muss man doch rauskriegen. Welcher Magnet steckt in der andern Stube?«
    Wie der Zunächststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob,
konnte er doch nur einen Teil des Zimmers übersehen. Da kam plötzlich ein
anderer Gegenstand aus demselben, und mit vielen Verbeugungen durch die beiden
Damen schlüpfend, erreichte er die beobachtende Gruppe.
    Der Geheimrat Lupinus von der Vogtei war gewiss nicht gefährlich, für das
Auge keiner galanten Dame, die noch auf Jugend Anspruch macht; aber je schärfer
das Auge der Liebe ist, um so blinder wird es für die Gefahr, die von
Beobachtern droht. Das schlaue Gesicht des Geheimrats verriet, dass er
Neuigkeiten geangelt, nnd seine freudige Miene, dass er den Markt erreicht, wo er
sie absetzen konnte.
    »Raten Sie!« sprach er, sich die Hände reibend. - »Das lohnte noch der
Mühe.« - »Ein neuer Gegenstand?« - »Funkelnagelneu.« - »Raus mit der Sprache,
was wissen Sie?« - »Sehr viel. Die letzte Aventure wird nur vertuscht, aber
parole d'honneur, Sie können sich drauf verlassen, sie ist so -« »Sie meinen die
mit der Schildwacht - der Kerl kann doch nicht hier sein!« - »Ist eingestiegen,
Herr Baron, so gewiss ich vor Ihnen stehe. Herr Graf verziehen die Miene, in der
Garde hat man sich das Wort gegeben, nicht davon zu sprechen. Nun, ich schweige
in Devotion, wenn's verboten ist.« - »Was geht's mich an,« sagte der Offizier
mit einem nicht zu unterdrückenden Schmunzeln, »und wenn der Grenadier dafür
Spiessruten laufen müssen, so wüsst' er doch wofür.« - »Dazu ist's aber nicht
gekommen. Die Disciplin hat aus Galanterie ein Auge zugedrückt.« - »Sie hat ihn
wirklich ins Fenster gewinkt?« fragte der dritte Intimus. - »In den Communs, Sie
wissen doch in Potsdam die kleinen holländischen Häuschen neben dem
Marmorpalais.« Der Geheimrat sprach es, mit vorgehaltener Hand, dem Fragenden
fast ins Ohr. Er musste es aber mit solcher Kunst accentuiren, dass es auch den
beiden Andern nicht entging. »Ja, warum hat man für Kavaliere und Hofdamen so
niedrige Fenster gebaut, ça ne coûte qu'un pas! Warum dufteten die Linden so süss
in der lauen Nacht? Warum schlugen die Nachtigallen so verführerisch? Warum
stellt man einen jungen Grenadier, sechs Fuss hoch wie ein Apollo, vor das
Kammerfenster einer schönen Hofdame? Warum schien der Mond so sehnsüchtig und
beleuchtete den jungen Mars. Da ist gar nichts bei zu verwundern, und eigentlich
trägt Niemand die Schuld, denn Gott bewahre, dass er ins Fenster geklettert wäre,
so ein sechsfüssiger Kerl braucht nur den Fuss hochzuheben, so ist er drin.« -
»Und?«
    »Das einzige Unglück war, dass die Uhren in Potsdam nicht stimmten, denn als
die Ablösung kam, hatte es drinnen noch nicht voll geschlagen.« - »Dem
Glücklichen schlägt keine Stunde.« - »Superbe Bemerkung des Herrn Domherrn. Die
Esel - verzeihen Herr Graf, es war wohl nur der betrunkene Unteroffizier,
machten Lärm, und - wie gesagt, wenn nicht glücklicherweise der junge Prinz
Hohenlohe bei der Patrouille gewesen wäre - Man deckte den Mantel der Liebe über
die Affaire, schmiss den Unteroffizier, weil er in der Betrunkenheit einen
falschen Rapport gemacht, auf achtundvierzig Stunden ins Cachot, seine Kerls
waren Stockpolen, die nicht deutsch hören und sehen können, man zeigte ihnen den
Bambus, wenn sie sich einfallen liessen, etwas auszuschwatzen, was sie nicht
verstehen, übrigens ein Paar Louisd'or Schmerzensgeld Ah, Prinz Hohenlohe hat
wie ein Kavalier gehandelt.« - »Und doch wusste man's, ehe der Morgen graute in
Potsdam, schon in allen Wachtstuben.«
    »Meine Herren,« sagte der Garde-Offizier in vertraulich offiziösem Ton,
»Diskretion! Man wusste es auch schon am andern Morgen in Berlin, aber auf der
Wachtparade gab man sich das Wort - Ich rate auch Ihnen -«
    »Discretion pour jamais!« rief der Geheimrat, den Finger an den Lippen.
»Ihro Majestät die Königin darf nichts davon erfahren,« wandte er sich zu den
Andern. »Die liebe Comtess, es ist doch ein gar zu charmantes Kind, und bei Licht
besehen, was ist es denn? Eine Vision, die Phantasie einer lauen Juninacht -« -«
»Aber nicht die erste,« schmunzelte der Baron, »in der Dragonerkaserne wissen
sie auch davon zu erzählen.«
    »Mon cher baron, l'amour règne partout, aber
Was bei Mondenlicht gesponnen,
Verrinnt beim Licht der Sonnen.«
    »Der Kerl aber, der Grenadier, ist nach Warschau in ein Regiment gesteckt,«
sagte der Offizier. »Und er war nicht von Mondschein gewebt, das versichere ich
Sie.«
    »Monsieur le comte, die Erscheinung im Zimmer ist auch schwarz von Kopf bis
Fuss, ordentlich spectre-artig,« nahm der Geheimrat wieder das Wort. »Das blasse
Gesicht in der weissen Hand, ruht er auf dem Sopha, den Clacque auf dem Schoss,
die Beine unnachahmlich hingestreckt, die andere Hand im Knopfloch am Herzen,
als wenn er eine tiefe Wunde verstecken will. Soll ich Ihnen noch das schwarze
Haar beschreiben, in dem zuweilen diese selbe Hand wühlt? - Nein, die Augen sind
noch dunkler. Schade nur, dass sie nicht ein einziges Mal nach der Türritze
gerichtet sind, um die andern schwarzen Augen zu sehen, die sehnsüchtig
durchblicken. Je vous assure, wenn die sich begegneten, die einmal Funken
zusammen schlügen, Stahl und Feuerstein -«
    »Hol' Sie der Kukuk, Geheimrat, wer ist's?« - »Impertinent!« sagte eine
herzutretende Dame. »C'est affreux,« die andere. - »Il joue l'Anglais!«
erwiderte Jene. Beide kamen durch die bewusste Tür; die Baronin aber, am Arm
die schöne Laura führend, mit ihnen zugleich.
    »Warum ereifern Sie sich, meine Damen! Mir und Comtess Laura ist's vorhin
auch so passirt. Er merkte uns erst, als wir uns neben ihm aufs Sopha setzten,
und dann redete er uns für Andere an. Nicht wahr, Comtess?« - »Er ist zerstreut,«
sagte die Comtess und war es selbst.
    »Haben wir's ihm übel genommen? - I Gott bewahre. Wenn mich Einer nicht
sehen will, lass' ich ihn stehn.«
    »Aber, gnädige Frau, wer ist er denn, dass er sich so etwas herausnehmen
darf?« - »Ach Gott, vom jungen Bovillard ist man weit mehr gewohnt. Erinnern Sie
sich noch -« »Doch werden Sie mir zugeben, dass Damen in einer Gesellschaft wie
diese mehr Conduite von Herren voraussetzen dürfen, wenn sie dahin gehören.«
    Der letzte Satz ward von den seinen Lippen sehr scharf betont.
    »Wen die Fürstin eingeladen hat, der gehört doch her.«
    »Mein Mann meinte,« erwiderte die Andere, die noch nicht Lust hatte, von
ihrem hohen Pferde zu steigen, »es gehöre doch ein eigner Tic dazu, einen
Menschen von der Renommée ihrer Société aufdringen zu wollen. Mein Mann ist
sonst gar nicht skrupulös, und gegen unsre erlauchte Wirtin fällt es mir auch
nicht im entferntesten ein, damit etwas gesagt zu haben. Sie wird wohl ihre
Gründe haben, warum sie Leute zusammen bittet, die nicht zusammen gehören.«
    »Beste Frau Staatsrätin,« erwiderte die Eitelbach, »wozu wären denn die
Gesellschaften, als dass sich Die zusammenfinden, die noch nicht zu einander
gehören. Wenn man immer nur alte Bekannte sähe, das wäre ja langweilig.«
    »Philosophie, wie sie auch ist, im Munde einer schönen Frau,« erwiderte die
Staatsrätin mit süssem Lächeln, »ist immer liebenswürdig. Nur begreife ich
nicht, wenn der junge Herr von Bovillard so viel zu denken hat, warum er seinen
Pensées gerade in einer Gesellschaft nachgeht.«
    »Wissen Sie, wie mir eine Gesellschaft vorkommt?« entgegnete die Eitelbach.
»Als wie eine Komödie, wo Jeder anders aussieht und anders spricht, als ihm zu
Mut ist. Uns werfen sie vor, dass wir uns putzen und schnüren und auflegen und
ausstopfen - Ihr Herren mögt immer laut lachen, ich seh's doch, wie Ihr's
innerlich tut. Das genirt mich gar nicht, denn die Männer spielen mehr Komödie
als wir. Ach Gott, wenn sie sich präpariren, liebenswürdig zu scheinen, um Einer
die Cour zu machen, wo sie's gar nicht so meinen. Und wenn Einer vornehm tut,
als hätte er eine Elle verschluckt, oder gelehrt redet, als wär's ein Buch, da
möchte ich ihn immer fragen: warum quälst Du Dich denn? Wenn Du raus bist,
stöhnst Du doch auf und schlenkerst mit den Armen, als wenn Du den engen Rock
aufreissen wolltest und denkst: Gott sei Dank, dass es aus ist. Warum hast Du denn
angefangen, warum bist Du nicht gekommen, wie Du bist, und hast gesprochen, wie
Dir der Schnabel gewachsen ist?«
    Der Baron Eitelbach rieb sich vergnügt die Hände: »Was sagen Sie zu meiner
Frau, Frau Staatsrätin?«
    »Sie wird doch Ausnahmen machen. Sie ist nicht so grausam, uns Alle zu
verdammen.«
    »Da ist Einer wie der Andere. Jetzt merk ich's erst, aber ich habe es längst
gewusst.«
    »Ihren Herrn Gemahl werden Sie wenigstens ausnehmen?«
    Die Baronin schien sich zu besinnen, indem sie ihn anblickte, Ihre Antwort
begann mit einem lang gezogenen »Na! - Das ist wahr, ein Petit-Maitre will er
nicht sein, und die Cour macht er auch nicht, nämlich in Gesellschaften, und
spricht auch nicht, als ob er die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte, denn er
macht sich nichts aus den Gelehrten, aber -«
    Das »Aber« der schönen Frau, als sie inne hielt, schien lautlos von allen
Lippen wiederholt, nur ihr Gemahl rief es laut lachend: »Aber, Auguste, nur raus
damit!«
    »Ah,« rief sie rasch, »mein Mann tut jetzt, als wenn er wünschte, dass ich
Alles ausplaudern sollte, weil er so tut, als ob er sich nichts draus machte.
Nachher, zu Hause, und im Wagen schon, würde er mir das Kapitel lesen: Aber,
Auguste, wie konntest Du wieder! Sehn Sie, wie er das Kinn im Halstuch
versteckt. Er möchte Sie glauben machen, dass er sich vor Lachen ausschüttet,
aber - aber ich will keine Komödie vor Ihnen aufführen.«
    Das Urteil über die Baronin lautete heute sehr verschieden. »Wer hätte es
von ihr gedacht!« sagte die Dame, welche wir als Staatsrätin angeredet hörten.
»Früher nicht den Mund geöffnet, ohne eine Betise zu sagen und wirft jetzt mit
Sottisen um sich!«
    »Ich weiss aber nicht,« entgegnete die Andere, »ob mir das rohe Tuch nicht
lieber war, als die neue Appretur im Lagerhause.«
    »Die sie indes gewiss nicht dem Bügeleisen ihres Mannes verdankt,« fiel die
Erste ein. »So lange sie neu ist, wird ihre Neuheit frappiren; ich fürchte aber,
dass es mit dem Glanze gehen wird, wie mit dem Tuche ihres Gemahls: nach den
ersten Regengüssen wird es fadenscheinig.«
    Die Urteile der Männer lauteten günstiger. Einige gingen so weit, zu
behaupten, sie hätte ihren Verstand nur cachirt oder ihr Mann ihn nicht
aufkommen lassen, wogegen Andere wollten, er sei vielleicht gerade durch die
Reibung mit ihm ins Leben gerufen. Die Feineren lächelten: es war ja die Wirkung
der Liebe. Die Flammen hatten eine Eiskruste oder Bleirinde gesprengt.
 
                          Zweiundsechszigstes Kapitel.
                                 Nationalität.
In einem anderen Zimmer sah man Staatsmänner, Gelehrte und Künstler sich um die
Wirtin bewegen. Die Zeitverhältnisse, die Politik waren in das Gespräch
gezogen, aber mit jenem Takt, der alles Bestimmte und Persönliche ausschloss.
    Eine jener Stimmen war hier erklungen, die damals nur wie vereinzelte
Akkorde, Trompetenstösse aus einem mytischen Lande, in das Gewirr des Tages
schmetterten, um später zu einem rauschenden Orgelton zu werden. Nicht dass nicht
schon im Volke, unter einzelnen Gelehrten, in den Universitäten und Schulen der
Ruf der Nationalität vibrirte, den später die Arndt und Andere, zu einem
mächtigen Schlachtruf für die deutsche Nation erhoben, aber in den höhern
Kreisen der Gesellschaft verstummten diese Töne, erstickten diese Luftzuckungen
noch immer an einer ganz - andern Luftatmosphäre. Man hörte sie an, nicht
ungefällig, aber vornehm Beifall lächelnd, wie man eine neue, überraschende
Erfindung betrachtet, deren glänzende Erscheinung man zwar bewundert, aber die
Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit bezweifelt.
    Man hatte nachdenklich einem Redner zugehört, welcher gesprochen von der
Heiligkeit, einem Volke anzugehören, von dem Recht auf Sprache, Sitte, eigenes
Wesen, ja von der Pflicht desselben, für dieses höchste Gut sein Alles
einzusetzen. Eine Nation, die gegen diese Pflicht gleichgültig werde, habe schon
das Anrecht auf ihre Existenz eingebüsst. So weit ward der Sprecher verstanden,
die Damen hatten Verse aus der Jungfrau von Orleans und Tell citirt. Aber als er
weiter ging, und nicht sowohl den Hass gegen alles Französische, nicht allein
gegen Bonaparte und seine Soldaten, gegen die Revolution und die Jakobiner
empfahl, worin man ihm beigestimmt haben würde; als er es als noch heiligere
Pflicht forderte, dass der Einzelne wie das Ganze sich versenke in das, was
deutsche Art und Wesen sei; dass nur dann, wenn wir dieses wieder rein
hergestellt in der Sprache, unsern Gewohnheiten, unserer Denkweise, wenn wir
ganz wieder zurückgekehrt zur eigentümlichen Anschauungsart unserer Väter, das
Fremdartige, was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen, abstreifend
und ausmerzend, dass nur dann Rettung sei für unsere Nation von der
Fremdherrschaft: da hörte man wohl belobende Phrasen, die Meisten aber
verstanden es nicht, Andere schwiegen, noch Andere schüttelten den Kopf.
    Der Redner hatte eine noch kühnere Hypotese aufgestellt: nur in der
Nationalität sei die Wurzel der Kraft, um der Tyrannei zu widerstehen. Der
corsische Riese, der mit den Flügeln des Vogels Rock die Welt umspanne, wisse
was er tue, indem er das Ureigene der Nationen erdrücke, um sie in eine
Allgemeinheit von gleicher Farbe, gleicher Prägung zu stampfen. Das ermatte den
Lebensnerv; woran solle die Begeisterung, der Patriotismus sich klammern, wenn
ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen, der Töne und Bilder
zerbreche, an denen wir uns als Kinder gehalten? Das unscheinend Unbedeutendste
sei da von Wichtigkeit, ein altes Lied, es dünkt uns ohne Sinn, ein Sprüchwort,
eine Ruine, ein dunkler Winkel, den ein Geist, eine Sage umschwebt, eine
Gewöhnung, die uns albern erscheint, Alles sei doppelt bedeutend, was als
Heftnadel gelten könne, um ein Volk zusammenzuhalten, in einem Augenblick, wo
Alles hinarbeitet, es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in
allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glückseligkeit aufzulösen.
    Er ging noch weiter: nur den Nationen, welche diese ihre Nationalität
festgehalten, winke die Palme des Sieges. Nicht seine Insellage schütze Albion,
sondern das ehrenwerte Festalten an den alten Sitten und Gesetzen. So sah er
in Spanien eine Mauer, an welcher des Eroberers Ehrsucht scheitern müsse, er
erwartete von den Basken in den Pyrenäen, dass sie die Standarte der heilig
gehaltenen Volksrechte erheben würden, er blickte nach Russlands Steppen, wo
eine Völkerwiege das Ureigene braue, aber seine Stimme wurde bewegt, als er von
dem teuren, deutschen Vaterlande sprach, einem Volk, das sich selbst zerrissen
und sich nicht wiederfinden könne, das wie Kinder, die Muscheln am Meere
sammeln, alles Neue, Fremde, Glänzende aufgreife, das wie ein Schwamm die
Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schönsten Eigenschaften zu
selbstmörderischer Tätigkeit auspräge. Mit seltener Empfängnisskraft begabt,
drängt seine Natur es dazu, alles Grosse zu bewundern, aber sein böser Geist
wolle, dass es nur das Fremde bewundert; wo die eigne Grösse Anerkennung fordert,
erschrecke es scheu, kalt, ängstlich, und im Misstrauen an sich selbst zergehe
die schönste Kraft.
    Der Redner, ein junger Mann von hoher Abkunft, hatte einen doppelten Fehler
begangen. Er hatte begeistert gesprochen; die Begeisterung gehört in keinen
Salon. Er war selbst gerührt worden; das war ein Fehler unter allen Umständen.
Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet, und das war unverzeihlich.
Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt, in einem Kreise von Würdenträgern und
ausgezeichneten Männern, die sich für Träger der Monarchie des grossen Königs
hielten, diese selbst aber für so fest, gesichert und in gutem Stande, dass es
nur einiger Ausbesserungen bedürfe, aber keines Fundamentalbaues. War nicht
seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schöpfung des Einzigen? Wo war
denn die Nationalität hier, die er als einzigen Anker, der Zukunft und
Vergangenheit zusammenhalte, anpries? Wo das ureigne deutsche Element?
Friedrich, der mit dem Degengriff und der Feder zerstörend in das Zerfallende
hineingegriffen, hatte eine Schöpfung hingestellt, die der Gegenwart angehörte.
Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen,
noch begriffen es Alle, aber man fühlte es.
    Ein peinliches Schweigen war eingetreten. Einige Damen lobten hinter dem
Rücken das sonore Organ des Redners: leise aber laut genug, dass er es hören
konnte. Man begegnete ihm mit grossem Respekt, aber - es galt seinem Stande. Der
junge Mann fühlte sich unbehaglich, er verschwand bald; er war noch zu Hofe
geladen.
    Dennoch hatte sein Rede einen Eindruck hinterlassen.
    Ob die Fürstin das Lob der Nationalität, die Hoffnung auf Russland, für ein
Kompliment genommen?
    »Was sagen Sie dazu?« sprach sie, aus ihrem Nachsinnen erwachend, als ihr
Blick auf einen Mann fiel, dessen Stirn, Auge, Haltung den Künstler nicht
verkennen liessen, der sich mit dem Stolz des Bewusstseins in dem Kreise bewegte,
welcher an Stand und Geburt weit über ihm stand. Aber sein Blick, seine Sprache,
die Nonchalance seines Wesens bekundete, dass er sich, wenn nicht ihnen gleich,
doch frei und unberührt von der Präponderanz dieser Geburts- und Standesvorzüge
fühlte, ohne doch in das umgekehrte Extrem einer brusken Nichtachtung zu
verfallen. Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehört, anfangs
aufmerksam, dann hatte er mit dem Kammerherrn von St. Real eine Marmorgruppe
betrachtet, und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu
machen.
    »Ich habe, die Eloquenz admirirt,« entgegnete der Künstler. »Überhaupt, wenn
in den Schulen etwas dafür getan würde, möchte die art rhétorique auch in
Deutschland Progressen machen.« - »Ich meine, was Sie zur Sache sagen. Was
halten Sie von der Nationalität, Schadow? Ein Künstler muss darüber ein Urteil
haben.« - »Meine gnädige Fürstin,« entgegnete der Bildhauer, »wenn man die
Menschen nackend auszieht, so sieht Einer aus wie der Andere, und wir Skulpteurs
haben's eigentlich nur mit nackten Menschen zu tun.« - »Aber die Rassen sind
anders gebildet. Wo wären die Götterbilder der Griechen, wenn ihre Phidias und
Praxiteles nur nackte Hottentotten gesehen hätten.« - »Ich parire darauf, wenn
Phidias sich nur eine hübsche Hottentottin ausgesucht, er würde auch eine Venus
zu Stande gekriegt haben, die unsere Amateurs admiriren müssten. Und was die
Rassen betrifft, so ist unsere deutsche auch eben keine Schönheit gewesen. Nach
den Deskriptions der Historiker und den Skulpturen an den Säulenbildern waren
unsere barbarischen Vorfahren auch barbarisch hässlich.« - »Die Kultur also hat
die Rassen veredelt. Das ist Ihre Meinung?« - »Sie könnte noch immer etwas mehr
tun, als sie getan hat; indessen wir Künstler dürfen es nicht zu genau nehmen.
Wo wir nichts finden, borgen wir, hier einen Arm, da ein Bein, eine Hüfte, eine
Schulter -« »Und das Beste tun Sie selbst hinzu, die Harmonie. Die Kunst ist
Stückwerk, wie Alles unter dem Monde, der Geist muss in die Formen fahren, um
ihnen eine Seele zu geben. Aber Sie wollen mich nicht verstehen und verstehen
mich doch. Die Griechen waren eine Nation, die Römer -« »Die Juden sind auch
eine,« fiel Schadow ein, »und doch rümpft man in der Société die Rase.«
    »Ich will Ihre Meinung wissen, Schadow,« sagte die Fürstin mit entschiedenem
Ton. »Ihre Moquerien ein ander Mal.«
    »Wenn man meine Skulpturen so gütig ist zu rühmen,« sagte der Künstler,
»ist's jetzt so Mode, ein Schwanzende dran zu setzen, dass wir uns von der
französischen Imitation losreissen müssten. Ich habe auch nichts dagegen; wer
frei stehen kann, mag sich losreissen, aber ein Kind gebiert sich nicht selbst.
Es ist dazu eine Mutter und ein Vater nötig, und die mussten wieder Väter und
Mütter haben. Meine ersten Väter waren die französischen Maitres, die der grand
Frédéric herbeirief. Was fängt die junge Welt jetzt an gegen sie zu schwätzen!
Auch meine Jungens, der Rudolf und Wilhelm, tun's, seit sie den Mund auftun
können, als müsste es so sein. Habe auch nichts dagegen, denn Schwatzen gehört
zum Leben, aber ich lache so im Stillen, was wäre ich denn, und was wäret Ihr
und wir Alle ohne die Franzosen! Und die Franzosen ohne die Italiener und die
ohne die Griechen und Römer! Und die Griechen vielleicht ohne die Aegypter und
so weiter.« - »Sie mögen Recht haben.«
    »Da wollen sie jetzt auf Goldgrund malen, lange Engelsgesichter mit
Wickelkinderleibern und mit Schleppkleidern, und das nennen sie deutsch, weil
sie vor vierhundert Jahren, als das Gold noch wohlfeiler war, die Leinwand so
angestrichen haben. Als ob der Fiesole und die Florentiner so gemalt hätten,
wenn sie damals schon Besseres gesehen.« - »Sie springen ab. Ist die
Nationalität Ihnen gar nichts?«
    »Das Kleid, was der Mensch sich anlegt, weil wir nun einmal nicht nackt
gehen sollen. Sie sagen, es schickt sich nicht, ich aber meine, weil wir zu
eitel sind. Weiter nichts, um unsere Gebrechen und Unschönheiten zu bemänteln,
legen wir Cotillons, Surtouts und Redingoten an. Und gar nicht nach unserer
Wahl, wie wir's von unser Voreltern überkommen haben. Wir ändern nur den
Schnitt. Und von wem kommt der? So weit Sie zurückgehen, aus Paris. Nehmen Sie
mir Stück für Stück vom Leibe, was vom Auslande stammt, und ich würde wirklich
mich nicht unterstehen, in dem Kostüm, was die Natur mir lässt, vor Euer
Erlaucht stehen zu bleiben. Was ist's nun mit der Nationalität anders, gnädigste
Frau, verschieden geschnittene und gefärbte Röcke um dieselben Menschen.
Freilich pressen enge Schuhe den Fuss der Chinesinnen klein, und der des Türken
wächst plump in seinen weiten Pantoffeln, aber der Fuss bleibt Fuss, und mit der
Sohle treten sie in Grönland auf und in Konstantinopel. Ist der Franzose ein
Anderer, weil er mehr auf den Zehen geht, und wir mehr auf den Hacken? Wo wir
nun Alle bettelarm wären, und zottig umherlaufen müssten in unserer Blösse, lohnt
sich's da, um den Schnitt und das Kostüm uns zu hassen? Denn weiter ist die
Nationalität nichts.«
    »Einem Bildhauer vergebe ich diese Naturauffassung. Aber Sonne, Klima, Luft
wirken verschieden auf die Kreatur Die Nationen sind verschieden in Gemütsart,
Intentionen, das können Sie nicht abstreiten.«
    »Ja, in jedem Lehrbuch steht's, dass der Franzose leichtes Blut hat, der
Spanier schwarzes, der Italiener heisses, der Deutsche warmes. Der Franzose ist
leichtfüssig und eitel, der Italiener zänkisch und rachsüchtig und der Deutsche
keusch und treu. Eigentlich brauchte man nur an den Puls zu fassen, und gleich
hätte man weg, von welcher Nation Jemand ist. Schade nur, Prinzessin, dass ich in
Italien die liebsten Menschen fand, von warmem Blut und dem besten Herzen,
fleissig, emsig, rechtschaffene Familienväter und treue Freunde. Sollte ich sie
darum hassen, oder die Franzosen, weil Montesquieu und Rousseau, weil Buffon und
Laplace Franzosen waren, oder alle Deutsche darum lieben, weil sie alle grad,
ehrlich, Männer von Wort, Biedermänner und keusch wie Joseph sind?«
    Herr Schadow hatte dabei wie zufällig den Blick auf dem Kammerherrn von St.
Real ruhen lassen, welcher etwas unruhig ward. Es gibt Tiere und Menschen,
welche das Fixirtwerden nicht vertragen. Die Fürstin, sichtlich bewegt, nahm
wieder das Wort: »Sie haben Recht, die Nationalität ist auch nur ein Götze,
geknetet und angestrichen aus Leim und Kot, aus Träumen und Blut. Aber, Herr
Schadow, ein schön geformtes Götterbild bleibt's, schöner als Ihr Apollo und
Jupiter.«
    Der Meister hatte eine Prise genommen: »Ja, die Kostüms sind recht hübsch,
ich zweifle gar nicht, dass der Patriotismus einst eine Rolle spielen wird.«
    »Wie wir Alle!« sagte die Fürstin, indem ihr Blick die Gesellschaft
überflog. Die Gitelbach und Laura gingen vorüber; sie nickte ihnen zu, aber ihre
Gedanken waren mit Anderem beschäftigt, und die Worte kaum an den Bildhauer und
den Kammerherrn gerichtet, so wenig als an den Rittmeister Dohleneck, der eben
aus dem andern Zimmer auf sie zuschritt. Sie sprach mit sich selbst: »Wir Alle
spielen eine Rolle, vor Andern oder vor uns selbst. Wenn wir uns doch darüber
nicht täuschen wollten! Schadow hat Recht, was ist denn unser eigenstes Eigenes?
Die Scene, wo wir auftreten, das Licht, das uns anleuchtet, das Kleid, das sich
an unsere Glieder schmiegt, es übt Einfluss, es macht uns erst zu dem, was wir
scheinen; das Lächeln der Lippen, es ist angeblasen vom Augenblick, der
Stimmung: Alles, was wir zu besitzen glauben, ist Geborgtes, und wir nur
Molusken, die Farbe und Gestalt annehmen von der Flüssigkeit, die sie einsaugen,
Schmetterlinge, denen der Blütenstaub den Duft leiht, und der Finger des Knaben
entfärbt sie wieder; Irrlichter sind wir, schaukelnd in der Vibration der Luft,
und unsere törichtste Rolle, es ist die unverschämte Lüge, wenn wir wahr zu
sein glauben.«
    »Dazu, meinen Einige, wären wir auf der Welt,« entgegnete der Meister. -
»Schadow, haben Sie nie die ungeheure Leere empfunden, dies gähnende, graue
Missbehagen der Kreatur?« - »Niemals, meine Gnädigste.« - »Ich kann den Trinker
begreifen, der ausstürzt Becher über Becher, immer feurigern Wein, es ist die
Molluskensehnsucht nach einer Existenz, nach einer Verkörperung des Geistes.« -
»Wenn ich den brennenden Durst empfinde, den Erlaucht meinen,« sagte Schadow,
»dann knete ich ihn in Ton und meissle ihn in Stein.« - »Und das todte Werk vor
sich, sind Sie befriedigt?« - »Da ist's heraus, fix und fertig, was mich plagte,
nach allen Regeln steht's vor mir, und ich bin frei.« - »Glücklicher -
Unglückseliger! Bis Sie wieder von Neuem geplagt werden.« - »Dann schaff' ich's
von Neuem aus mir raus.« - »Und käme eine andere Zeit, die alle diese Regeln
zusammenwürfe?« - »Dann habe ich für meine geschaffen und genug getan.«
    War das Zustimmung, war es Schadenfreude, oder wo kam der Funke her, der
plötzlich über ihr Gesicht zuckte: »Und Sie haben Recht. Wir, wir leben ja Alle
nur für unsere Zeit. Nur unsere Rolle gut durchgespielt, das ist die Aufgabe.
Harmonie hineinbringen müssen wir, nicht aus den Sphären, die bringt schrillende
Disharmonieen. Die Harmonie des Scheins. Sie schaffen, was heute gilt, der
Komponist, was heute die Ohren kitzelt, der Philosoph, der Politiker, - ach,
mein Gott, wohin verirrten wir uns, lieber Schadow, schwärmen und Philosophiren,
heisst das nicht aus der Harmonie unserer Rolle fallen, und unsere lieben Gäste
blicken verwundert nach uns.«
 
                          Dreiundsechszigstes Kapitel.
                                  Sie hassen.
Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Fürstin in Beschlag genommen. »Ein Wort
nur, gnädigste Frau, eine Bitte!« - »So dringend?« - »Ja. - Sie sind ihr
Schutzengel.« - »Ich ein Engel! Wen beschütze ich?« - »Auguste - die Baronin
Eitelbach!« korrigirte er sich. - »Ach so! Eine schöne Frau hat überall
Schutzengel. Jeder Kavalier ist es.« - »Die Comtess Laura hat sie an ihrem Arm
gepackt, und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich. Sie ist zu arglos, zu gut, sie
begreift nicht, dass diese Kompagnieschaft ihrem Ruf schadet. Es verdriesst mich
schon den ganzen Abend, aber -« »Da ist ja ihr Gemahl, der Baron.« - »Der! -«
»Er ist freilich ein seltsamer Freigeist.« - »Was schiert er sich um seine Frau
und ihren Ruf. Er freut sich, dass sie mit einer vornehmen, bei Hofe gern
gesehenen Dame intim scheint.« - »Dann sprechen Sie doch selbst mit ihr. Sie
wissen ja, wie gut sie von Ihnen denkt.« - »Erlauchte Frau, Sie wissen, wie wir
- « »Das hätte ich beinahe vergessen. Kinder, was trübt Ihr Euch das kurze
Schmetterlingsleben durch Skrupel. Was hilft Euch die Pein? Wenn Ihr Euch noch
so ehrbar grüsst, so kalt an einander vorübergeht, dem bösen Leumund entgeht Ihr
doch nicht. Am wenigsten Sie, Dohleneck, wenn Sie sich der lieben Frau zum
Ritter aufdringen, wie Sie jetzt tun.«
    Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurückgetreten, wäre es keine
Dame und nicht die Fürstin gewesen, hätte er die Hand vielleicht an den Degen
gelegt. Er erkannte schnell seine Position. »Gnädigste Fürstin, ich wollte
keinem Kavalier Anspielungen geraten haben, die der Ehre meiner tugendhaften
Freundin zu nahe träten. Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine
freundliche Warnung.«
    Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an: »Die arme
Laura! Da scheut Ihr Herren der Schöpfung Euch nicht, um einer Frauen Ehre zu
erhöhen, die von andern zu vergiften. Ist das ritterlich, Herr von Dohleneck?
Was sie von meiner Laura schwätzen und plaudern, was geht es mich an?«
    »Sollten Sie nichts gehört haben?«
    »Ich kam als Fremde her, ich bin es noch, ich nehme die Personen, wie ich
sie finde, was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht, kümmert mich nicht.
Sollte ich bei allen Gästen, die mich mit ihrem Besuch beehren, danach mich
erkundigen, so weiss ich wirklich nicht, ob mein Salon nicht leer bliebe.
Ueberdem sagten Sie selbst, dass der Hof sie protegirt. Ich sollte meinen, das
sei genug, um dem Vorwurf zu begegnen, der in Ihrer Bitte für mich liegt.«
    Aber der Rittmeister hatte Succurs bekommen. Herr von Fuchsius und eine
Hofdame waren hinzugetreten. Auch der Legationsrat schloss sich der Gruppe an.
Die Hofdame hatte Zweifel, ob der Hof die Comtess noch länger halten werde, seit
der letzte Skandal laut geworden. Herr von Fuchsius wusste, dass der König sehr
aufgebracht sei, und der Legationsrat, dass die alte Voss das Ohr der Königin
belagere, welche noch die meiste Prädilektion und Entschuldigungen für die
schöne Comtess hätte.
    »Auch die alte Voss!« wiederholte mit einem eignen Lächeln die Wirtin. »Da
ist ja eine völlige Verschwörung gegen ein armes Mädchen, das sich nicht
verteidigen kann. Ich verstosse wohl schon, wenn ich es versuche?«
    »Ihre Erlaucht wollen gütigst vermerken,« sagte die Hofdame, »es ist noch
nichts darüber ausgesprochen. Bis jetzt ist sie recipirt, und Fürstin Gargazin
können sie ohne Gefahr bei sich sehen.« - »Sie würden mir einen grossen Gefallen
erweisen, liebe Almedingen, wenn Sie mich davon avertirten, sobald ich es nicht
mehr darf.« - »Sobald man ihr die Türe weist; Erlaucht können sich darauf
verlassen, dass ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege.« Die Fürstin
drückte ihr verbindlich die Hand: »Von Ihrem Eifer bin ich überzeugt. Als dahin
hat es aber wohl noch einige Zeit?« - »Es sind vielleicht doch nur
Missverständnisse,« warf der Legationsrat ein. »Oder sie bessert sich auch. Man
muss ihr nur Zeit lassen,« meinte Herr von Fuchsius. »Ein zehn - fünfzehn Jahr,«
murmelte der Legationsrat, »dann macht sich das von selbst.« - »Macht mir das
junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu,« sagte die Fürstin. »Wenn Ihr ihr
beständig von der Arglist und Tücke der Menschen vorerzählt, glaubt Ihr, dass Ihr
sie dadurch schützt? In ihrer Angst und Verwirrung läuft sie von selbst ins
Netz.«
    Das junge Reh stand plötzlich unter ihnen. Laura hatte wohl nur durch das
Zimmer gewollt, denn der Glanz ihres Auges verriet nicht, dass sie gelauscht,
noch von dem, was hier über sie gesprochen worden, eine Ahnung hatte. Auch
verriet die Miene der Fürstin nichts von Betroffenheit, als sie die Flüchtige
erhascht, und den Arm um ihre Schulter, wie eine Mutter um ihr Lieblingskind,
schlang. »Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen? Wenn Sie wüssten, was wir
gesprochen, würde Laura bis über die Ohren rot werden.« Die Comtess meinte, es
wäre sehr heiss. »Nun möchte der Wildfang gleich aus Fenster stürzen, um sich zu
erkälten. Nein, Comtess, hier ist ein Familienrat, ich stelle die Mutter vor,
und alle diese Freunde werden mir beistehen, Sie zu hüten.« - »Ich bin Ihnen
sehr obligirt -« »Aber das Kind weiss selbst, was ihm am besten ist! Nicht wahr?
So lese ich Ihre Gedanken, die geheimsten auch, aber - ich verrate nichts. Ist
sie nicht ein Feenkind,« wandte die Fürstin sich zu den Andern; »da ist doch
kein verborgenes Fältchen, nichts Angelerntes, nichts von Verstellung. - Sehn
Sie in dies Gazellenauge; nur etwas zu munter noch, leichtsinnig', flatterhaft,
ein Schmetterling, der lauter Honig naschen möchte, aber mit der Zeit pflückt
man Rosen, mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden. Ach, das macht
sich Alles von selbst. - Sehn Sie! Jetzt sollte ein Maler diesen
Augenniederschlag, diese Grübchen am Kinn malen. Herzens-Engelskind -«
    Die Fürstin wollte sie embrassiren, aber statt des Feenkindes mit den
Pfirsichwangen stand ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr, statt des
blühenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine eng anschliessende Haube
mit Spitzen, und statt der Gazellenaugen, die gutmütig und gedankenlos
umherschweiften, fuhr ihr ein stechendes kleines Augenpaar entgegen. Die
Geheimrätin Lupinus war unangemeldet eingetreten.
    »Mein Gott, welche Überraschung!«
    Die Gargazin spielte hier keine Rolle, als sie mit den geöffneten Armen
zurück fuhr. Es war eine vollkommene natürliche Überraschung; denn sie war jedes
andern Besuchs gewärtig, als der Lupinus, die zwar zu ihren Soireen ein für alle
Mal formell eingeladen, aber noch nie gekommen, auch nie erwartet war. Ob sie
aus Nachlässigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen, ob
die Fürstin im Eifer des Gespräches die Meldung nicht gehört, lassen wir
unentschieden, aber Tatsache war, dass sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und
der Wirtin in dem Augenblick sich näherte, als die Comtess durch eine
Seitenbewegung sich den Armen der zu gütigen Fürstin entwunden hatte.
    Alle waren überrascht; nur die Überraschende schien sich in der Wirkung, die
ihre Erscheinung hervorrief, zu gefallen. Sie hatte etwas gestört, vielleicht
zerstört, eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit. Die Lust, welche das Zerstören
veranlasst, wird von Vielen als eine Wollust geschildert.
    Die Lupinus war eine Andere geworden, als wir sie kennen gelernt. Die bunten
Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden, aus ihren Zügen der Liebreiz, der
noch fesseln konnte, während die Schärfe derselben zurückschreckte. Ihre Augen
konnte man nie eigentlich schön nennen, aber es lag zuweilen etwas
Schmachtendes, Sehnsüchtiges darin, was mit dem lauernden Aufblitzen versöhnen
mochte. Man bedauerte sie, man las die Unbefriedigung, welche als Unruhe in ihr
aufzuckte. Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen. Schien, sagen wir,
so lange sie Herrin über sich blieb, aber in Momenten zuckte das Feuer der
Unruhe wieder heraus, ihr Auge schoss Blitze, die wehe tun konnten, vor denen
ein sanftes Auge sich verschloss, wie ein keusches Gemüt vor einem Anblick, den
es nie gesehen, und doch hat es die Empfindung, dass es so etwas nicht sehen
darf. Und doch, wie schnell war die Ruhe wieder über das Gesicht ausgegossen und
ein Lächeln schwebte um die Lippen, das ein Maler vielleicht mit dem einer
Heiligen verglichen, die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht: Es
schmerzt nicht.
    Die Fürstin und die Geheimrätin hatten einen Versuch gemacht, sich zu
embrassiren, ein Versuch, der, an irgend etwas gescheitert, in einem
wiederholten Händeschütteln sich aufgelöst.
    »Ich werde Ihnen das nie vergessen, da ich weiss, was Sie mir bringen,« waren
die nächsten Worte der Gargazin, und die Freude schien auf ihr Gesicht
zurückgekehrt, als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanapé gezogen. Ihr Auge
streifte über die Andern hin, es lag darin ein gütiger Befehl an die
Freundesgruppe, sich aufzulösen. Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrat
schon fortgeschlichen. Der Comtess nickte sie zu: »Geben Sie Ihren Arm getrost
dem guten Rittmeister. Ich versichere Sie, Comtess Laura hat keinen bessern
Freund als Herr von Dohleneck.«
    »Ich weiss, was ich Ihnen bringe,« hatte die Geheimrätin erwidert. »In das
Haus der Freude eine Trauergestalt, aber die Pflicht der Dankbarkeit geht über
diese Rücksicht.«
    »Dankbarkeit?« rief die Fürstin mit einem erstaunten Blick, indem sie die
Hand der Geheimrätin an sich zog. »Sie stehen noch immer, Herr von Wandel,
wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen, meine Freude teilen. - Madame Lupinus
spricht von Dankbarkeit!« - »Nur von einer Pflicht, gnädigste Fürstin, die ich
so lange aufgeschoben. Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter
angenommen.« - »Ach das! - Ich bitte Sie, kein Wort davon.« - »Gönnen Sie mir
das Wort. Ja, ich bekenne es, ich bringe ein Opfer, um endlich auszusprechen,
was ich über Ihre Handlungsweise denke.« - »Egoismus, nichts als Selbstsucht!
Weil Adelheid mir gefällt, weil ich mein Haus, meine Gesellschaften durch ihre
Schönheit schmücken will.«
    Die Fürstin fühlte ihre Hand sanft gedrückt: »Warum das wiederholen, was der
Pöbel über uns urteilt. Adelheids blühende Jugend gehört nicht in mein
Krankenhaus. Sie erkannten es - und - ich gestehe es Ihnen, im ersten Augenblick
schmerzte mich die Art, wie das teure Kind mir entführt ward; jetzt preise ich
den Himmel, dass er es so gefügt hat, und - dass er Ihnen den raschen Entschluss
eingab.« Die schönen Seelen verstanden sich; das vorhin versuchte Embrassement
erfolgte wie von selbst. »Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin
erkennen,« sagte die Fürstin. »Ich kann noch immer nicht umhin, mir einen Raub
vorzuwerfen.« - »Lassen wir den Streit darüber, gnädigste Frau. Adelheid gehört
in Ihr Haus, es ist meine aufrichtige Meinung. Der Legationsrat kann bezeugen,
wie oft ich es aussprach. Bei mir wäre sie verkommen.« - »Sie spricht nur mit
der grössten Liebe von dem Guten, was sie durch meine Freundin erfahren.« - »Es
täte mir leid um das Kind, wenn sie unwahr würde.« - »Warum so
selbstquälerisch. Sie wissen selbst, bis zu welcher Verirrung das
Dankbarkeitsgefühl sie trieb.« - »Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal
besucht.«
    Das hatte die Geheimrätin nicht sagen wollen; es war heraus, ehe sie es
verschlucken konnte, und, was schlimmer, die Fürstin hatte es aufgefangen. -
»Sie sind leidend,« sprach sie mit bewegter Stimme. »Und Sie überwanden sich,
verliessen Ihr stilles Asyl, und - Ich weiss ja, wie ich dieses Opfer zu schätzen
habe.«
    Die Geheimrätin war wieder ganz Herrin über sich geworden: »Doch ist es
nicht ganz so. Warum zwischen uns eine Verheimlichung? Überwindung kostet es
mich, ja, sehr grosse, diese Festkleider wieder anzulegen. Ich erwarte auch nicht
Erheiterung, noch suche ich Zerstreuung, denn ich betrachte es als eine Pflicht
gegen mich selbst. Sie sehen also, mein Opfer ist reiner Egoismus.« - »Wie Sie
da wieder täuschen wollen! Sie tun es um der Gesellschaft selbst willen, Sie
erkennen die Pflicht, dass wir nicht uns, dass wir für Alle leben sollen.« - »Oder
sie für uns!« rief eine Stimme in der Geheimrätin, die aber diesmal auf den
Lippen erstarb. Die Gargazin musste den Sinn verstanden haben, so deutete ein
Blick ihr an; es war ein merkwürdiges Verständnis zwischen beiden Frauen. Sie
liebten sich gewiss nicht, aber zum Hass war für die Fürstin kein Grund. Sie sah
sich um, ob Niemand lauschte. Der Legationsrat war unschädlich, er bildete eine
Schutzmacht gegen die Andern.
    »Wir verstehen uns, glaube ich, besser, als wir einen Ausdruck dafür
finden,« hub die Fürstin an, der Lupinus näher rückend. »Was ist uns die
Gesellschaft? - Ich setze voraus, dass wir Beide jetzt über die kleine Rivalität
recht herzlich im Innern lachen, ich meine die, welche die Leute uns anlügen.
Ich gebe auch zu, dass in der Lüge etwas Wahres war. Wir spielten Schach
miteinander, weil sie uns dazu nötigten, zwangen. Genug, wir haben gespielt.
Weiter war es nichts.« - »Und Euer Erlaucht gewannen.« - »Die Erlaucht hatte
nichts damit zu schaffen. Wir gingen unserm Penchant nach, und in einem Punkte
stiessen wir aneinander.« - »Ich gebe keine Gesellschaften mehr. Mein Haus ist
ein Haus der Trauer geworden, mein guter Mann -« »Wird gewiss unter solcher
Pflege genesen. Wer redet davon! Wir wollen ja nur unsere Gedanken über das
Wesen der Geselligkeit einklingen lassen. Lieben wir sie etwa um ihrer selbst
willen? Um daraus Belehrung, Trost, Hülfe zu schöpfen? Sind wir lüstern, wie die
unsterblichen Götter im Olymp, die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen
einschlürfen sollen? Oder ist es bei uns die Neigung, das Verlangen, mit unsers
Gleichen zusammen zu sein? Sehn Sie, wie unser Freund lächelt. Nicht wahr, das
brauchen wir Beide nicht, wir haben Ressourcen in uns, um uns vor der Einsamkeit
nicht zu fürchten.«
    »Ich lächle nur,« sagte Wandel, »weil Sie von Ihres Gleichen sprechen.«
    »Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es. Wir zaubern das um uns, was uns doch
nicht entgeht. Weil wir unter Toren leben müssen, verschaffen wir uns einen
kleinen Hof von allen Torheiten um uns her. Wer dreist einer Gefahr entgegen
geht, hat sie halb überwunden. Eine Welt en miniature sollen unsre Salons
bilden. Was im grossen, wirklichen Leben uns anwidert, das erscheint uns auf
dieser Bühne gefälliger, weil wir damit spielen, es regieren zu können meinen.
Am Ende bilden wir uns ein, dieser Mikrokosmus ist unser Werk, und wir hätten
alle diese Puppen uns zum Vergnügen ausgestopft und in Scene gesetzt.«
    »Man muss nur nicht die Drahtfäden merken lassen,« sagte der Legationsrat.
    »Zum Vergnügen!« fiel die Geheimrätin ein, die aufmerksam gefolgt. »Wo wir
wissen, wie Einer den Andern verredet, hier mit Lob ihn überschüttet, um, wenn
er ihm den Rücken gedreht, ihn zu verspotten; wissen, wie die mit Honiglippen
uns Kusshände zuwerfen, gegen uns kabaliren. Hier drückt ein Beamter dem andern
die Hand, und empfiehlt sich seiner Gewogenheit, während die Entlassung oder
Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist, und er hat sie betrieben, um in
seinen Posten zu rücken. Wo sie uns schön und geistreich finden, um sich nachher
vor Lachen auszuschütten, dass wir es geglaubt! Die Tugend in Aller Munde, und
die Kuppleraugen schleichen, um ihre Opfer sich auszusuchen. Nur die absolute
Mittelmässigkeit ist sicher, denn was hervorragt, worin es sei, ist den Pfeilen
ausgesetzt. Sie zumeist, die wähnen, sie zu regieren. Man preist ihr Zauberfest
man erhebt es beim Abschied in den Himmel, aber ehe sie nur in den Wagen
springen, klagen sie über Langeweile, Zurücksetzung, gemischte Gesellschaft, dass
die Wirtin es nicht verstanden, die Gäste zu placiren, sie klagen vielleicht
über Hochmut, Anmassung, über das Essen und Trinken auch, Gott weiss, worüber
nicht. Ich begreife, wie man mit diesen Puppen spielen, aber wie es ein
Vergnügen sein kann, das bleibt mir ein Rätsel.«
    »Ihre Kritik geht über die Gesellschaft hinaus,« sagte der Legationsrat.
»Das Rätsel ist die Welt -«
    »Und wehe, wer nicht mit ihm spielen kann.« rief die Fürstin aufstehend,
denn neue Gäste waren im Vorzimmer eingetreten. »Wer auf diesem bunten,
beweglichen Teppich nicht mit den Füssen einer Tänzerin wandelt, hier über
Gegenstände springt, dort sie fortstösst wie Glaskugeln, der ist verstrickt, der
ist verloren.« - »Es gibt noch einen andern Weg - wo man fest stehen kann -«
entgegnete die Geheimrätin, indem sie auch aufstand. Es war ein Metallklang in
der Stimme, wie ein Grabgeläut.
    »Den Weg,« unterbrach die Fürstin, »den Weg haben Sie doch nicht gefunden!«
Sie blickte ihr forschend ins Auge; als die Lupinus antworten wollte, rief die
Gargazin, wie von etwas überwallt: »Sie hassen! - O. unglückliche Frau, der Hass
ist ein zu fürchterliches Spiel für uns; der Hass hat einen unergründlichen
Fonds, Sie wissen nicht, was da herauskommt aus der gähnenden Kluft - selbst der
Schmetterling flattert nicht lange darüber -«
    Sie ward unterbrochen. Ein freudiges »Ach!« musste sich aus ihrer Brust
ringen, um eine andere Erscheinung zu begrüssen, wir wissen nicht, wen? Es ist
uns auch gleichgültig: der unerwarteten Erscheinungen, die alle aus dem Fonds
ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen Überraschung bewillkommt
wurden, waren viele. Die Lupinus aber hätte, noch nicht in die Gesellschaft
eingeführt, allein gestanden, wäre nicht der Legationsrat gewesen. Im
Nebenzimmer arrangirte man Spieltische, es wurden schon Karten umgereicht.
    »Werden Sie spielen?« fragte Wandel. - »Werden Sie reisen?« entgegnete die
Geheimrätin. - »Ich riete Ihnen eine Karte zu ergreifen.« - »Und ich Ihnen zu
reisen.« - »Warum?« - »Aus demselben Grunde, weshalb Sie mir zur Karte raten.
Man ist der Mühe überhoben zu antworten, wenn man fürchtet gefragt zu werden.« -
»Gilt der Hass, dem Sie die Gesellschaft geweiht, auch mir?« - »Ich bin es müde,
Rätsel zu lösen.« - »Im Augenblick, wo Sie den Schlüssel fanden?« - »Um auf
einen neuen Verschluss zu stossen. Viel Glück, Herr Legationsrat, in Russland.« -
»Will ich, gehe ich denn dahin?« - »So wollen Sie Jemand damit täuschen?« -
»Meine Feinde. - Kennen Sie meine Feinde?« - »Nicht alle - Einige.« - »Verlangen
Sie, dass ich die Sorgen, unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe,
noch durch Mitteilung von Verhältnissen erhöhe, die nur mich allein betreffen!
Nicht mich allein - nein, gewiss nicht, ich bin der letzte - aber Niemand, der
mir persönlich teuer ist.« - »Ihre Sachen sind gepackt, Extrapostpferde stehen
für Sie täglich im Hofe des französischen Attaché bereit.« - »Das ward Ihnen
bekannt?« - - »Durch Zufall.« -
    Er sah sich um: »Wenn Sie eines Morgens hörten, dass ich über Nacht
aufgegriffen, über die Gränze geschleppt ward, und wenn am andern Abend die
Nachricht käme, dass er mich füsiliren liess, so würden Sie den Grund der Vorsicht
wissen.« - »Wer?« - »Napoleon.« - »Da würden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte
Marvilliers stehen.« - »Der Löwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Höhle.« -
»Aber der junge Attaché!« - »Wenn ich Ihnen sagte, dass er darum weiss, wäre ich
ein Verräter. Ich will kein Verräter werden, lieber - scheiden.« -
    Er hatte sich halb umgewandt, um rasch die Hand der Geheimrätin zu
ergreifen: »Leben Sie wohl,« lispelte er.
    »Nur Eines - ist Ihr Leben in Gefahr?«
    »Noch nicht, aber - gütiger Gott! Die peinliche Erwartung einer Entscheidung
in der ich täglich schwebe, verschliesst mir die Lippen, wenn ich sie öffnen
müsste, um Vertrauen zu gewinnen. Ich klage Niemand, Sie am wenigsten an. Im
Gegenteil, Sie haben Recht, dass Sie mir dies Vertrauen nicht schenken, ganz
Recht; verdammen Sie mich als Lügner, der die Pflicht hatte zu sprechen, und
wenn er den Mund öffnen sollte, ihn verschliesst, als kalterzigen Intriguanten,
der mit den Gefühlen spielt, der edle Herzen zerreisst, verdammen Sie mich, Sie
haben Recht aber - wenn es vorbei ist, widmen Sie mir eine Träne der
Teilnahme, wenn Sie erkannt, dass ich nicht anders handeln durfte.«
    »Wandel!« sie hielt inne - »Wann - wann kommt die Entscheidung?« - »In einer
Woche, vierzehn Tage - höchstens einen Monat, wenn aus Warschau -« »Aus
Warschau?« - »Ich beteuere Ihnen, es ist nur eine Vorsichtsmassregel; vielleicht
zerläuft Alles wieder, wie so oft, in Luft und Wind.« - »Wer ist in Warschau?«
150; »Entfiel mir das Wort? - Ich bin verwirrt -« »Das muss Entsetzliches sein,
was Sie ausser sich bringt.« - »Was ist entsetzlich, Freundin, in diesen
Weltkrisen?« Seine Hand zitterte in der ihren. »Ihr Scharfblick erriet es. Nun
bin ich in Ihre Hand gegeben. Mein Leben hängt von Ihnen ab. Gehen sie zu
Laforest und -« »Sie phantasiren. Als ob er nicht wüsste, dass Sie mit der
Russischen Diplomatie verhandeln.«
    »Auch dass man mich verstrickt, nennen Sie es Zufall, in ein Netz gezogen,
dessen Zipfelende die Bourbonen halten; dass Ludwig XVIII. wieder in Polen ist,
dass Dinge in Frankreich vorbereitet werden; dass in Napoleons nächster Umgebung
Personen gewonnen sind; dass ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel, die er mit
sich führt, nichts helfen; dass die Suppe, die er kostet, das Geflügel, das er in
den Mund führt -«
    »Schweigen Sie, um Gottes Willen, schweigen Sie -«
    »O, ich möchte Alles, was man mir eingefüllt, ausgiessen, es zersprengt meine
Brust; denn bei Gott, nur mein böses Glück, nicht mein Wille, hat mich hier
verstrickt. - Ich fühle mich schon erleichtert, dass ich eine Miwisserin habe,
bei der mein Geheimnis wie im Sarge ruht -« »Man wird auf uns aufmerksam werden,
dass wir uns so lange absondern.« - »Sie haben Recht, und ich die Beruhigung,
dass, wenn ich plötzlich verschwinden sollte - Ihr Verdacht mir nicht wie ein
ängstlicher Schatten auf der Heerstrasse nachschleppt -« »Um Gottes Willen,
meinen Sie, dass Sie diese Nacht schon verschwinden müssen?« - »Ich meine nichts,
ich weiss nichts; ich sollte meine Lippen verfluchen, dass sie zum Verräter
wurden, aber mir ist wohl zu Mute, wohl wie einem Kinde, das seinen ersten
Fehltritt beichtete. Nein, nein, es war wohl nur die Angst, erpresst durch Ihre
Drohung.« - »Warum stürzen Sie sich in diese Lage?« - »Warum bin ich ein
Mensch?« - »Reissen Sie sich los - wenn es sein muss, reisen Sie auf der Stelle
fort!« - »Ich lebte nur für Andere. - Nein, nein, ich weiss es, ich bin nötiger
hier. Ich will für Andere leben - sein Sie unbesorgt - Nur um etwas Geduld flehe
ich noch - o, könnten Sie in mein Inneres blicken - Pflichten hier, Pflichten
dort, Verlockungen - aber - sein Sie überzeugt, als Mann, als Sieger werde ich
daraus hervorgehe«. - »Man kommt.« - »Ein Freundesrat -« »Ich werde Sie nicht
bemerken, wenn Sie verschwinden.« - »Heiter! meine Freundin. Es war sehr gut,
dass Sie herkamen, aber Sie kamen als Trauergestalt. Sie freuten sich des
Eindrucks. Um des Himmels Willen, mit Geistererscheinungen darf man nicht
spielen. Fort die Trauer, einige bunte Bänder, stimmen Sie ein in den frivol
geistreichen Ton. Man muss mit ihnen tänzeln, die Gargazin hat Recht. Sie hat
erkannt, dass Sie hassen. Das kann schlimm werden. Werfen Sie die Maske ab, nicht
hastig - lassen Sie sich allmälig erheitern durch die liebenswürdige
Gesellschaft. Da bringt man Ihnen eine Karte, nehmen Sie, spielen Sie, mit wem
Sie wollen, es sind Alles Puppen; aber nicht zerstreut.«
    Die Eitelbach präsentirte jetzt der Geheimrätin eine Karte: »Wollen Sie?« -
»Mit dem grössten Vergnügen.« - »Ihnen präsentire ich keine Karte, denn Sie
mogeln, sagt mein Mann.«
    Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrat vorüber, der scherzhaft
die Finger nach einer Karte gespitzt hatte. - »Sie wird immer schöner,« sagte
eine Stimme hinter dem Legationsrat.
    »Kann man schöner werden, wenn man eine vollkommene Schönheit ist,«
entgegnete Herr von Schadow.
 
                          Vierundsechszigstes Kapitel.
                 Der verlorene Sohn und die heilige Magdalene.
Das Spiel war zu Ende. Die Geheimrätin hatte allein gewonnen, und bedeutend.
Sie war gesprächig, sehr liebenswürdig gewesen. Jetzt sah sie neben sich nur
verdriessliche Gesichter. Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb, legte man es
ihr als Freude über den Gewinnst aus, den die andern Mitspieler berechneten. Sie
war rasch aufgestanden, um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen.
    Es war hoch gespielt worden. Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren. Er
zankte sich mit seinem vis-à-vis um einige Points. Die Wechselreden wurden jetzt
so anzüglich, dass die Baronin Eitelbach die Herren bitten musste, sich zu
menagiren. Der Kammerherr warf dem Andern einen maliciösen Blick zu, den Jener,
den Stuhl heftig fortrückend, durch ein Murmeln erwiederte: wer krumm ginge,
könne auch nur krumm handeln. Der Kammerherr gehörte zu Denen, welche das Glück
haben, zuweilen taub zu sein.
    Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet: »Mehr habe ich nicht; mein Mann
muss zahlen.« - »Das geht immer so, wer Glück in der Liebe hat,« sagte der Baron,
verdriesslich die lange Börse ziehend. »Ich verbitte mir alle Gemeinplätze,«
hatte sie erwidert. Er wollte nicht glauben, dass sie so viel verloren haben
könnte, als sie angab, sie warf ihm den Bêtezettel hin, er rechnete, wollte
zanken, es war aber Niemand mehr da, mit dem er zanken konnte. Indem er die
Geldstücke hinwarf, zischelte er der Baronin etwas ins Ohr. Sein Auge begleitete
dabei den Rittmeister. Sie ward hochrot, stand rasch auf und warf ihm mit einer
Replik einen verächtlichen Blick zu, um ihm darauf den Rücken zu kehren.
    Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung. Überhaupt
schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie, welche vorhin geherrscht,
etwas zerrissen. Ein erwarteter Gast war noch nicht da. Der Duft der Speisen
drang schon verlockend aus den Souterrains, aber es - sollte noch gewartet
werden; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen.
Einigen Herren schien dies sehr unangenehm. Man fragte, ob er denn überhaupt
kommen werde? Jemand meinte, die Anwesenheit des Geheimrats Lupinus dürfe Seine
Hoheit schwerlich locken.
    Ein besternter Herr entgegnete lächelnd: »Das würde wohl nicht der einzige
Gegenstand sein, der einem Königlichen Prinzen hier nicht verlockend vorkäme.
Man muss gestehen, wenn man die Société überfliegt, dass unsere gute Prinzessin
mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat.«
    »Sie liebt die Quodlibets, aber das Kostüm ist gewählt,« sagte die
Almedingen. Herr von Fuchsins spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit
dem zweiten Lupinus an. Die Hofdame hatte davon reden gehört, sie wusste auch,
dass man bei Hofe choquirt gewesen, sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren
können, und war so begierig wie der Besternte, es zu erfahren. Man zog sich in
eine Fensternische zurück.
    »Eine der Plaisanterien Lombards, die gar nichts auf sich gehabt hätte, wenn
nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf, die unter einem entsetzlichen
Eklat platzte. Ihnen ist bekannt, dass Seine Königliche Hoheit Lust bekamen, sich
in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen.«
    »Was er nur in all den Gesellschaften sucht!« sagte die Almedingen.
    »Man sagt, den Geist, den er - an einem andern Ort nicht finden kann. Ob es
ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt, lass' ich auf sich beruhen. Die
Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt, in dem noch Niemand
durchfiel. Nur eine schwarze Kugel war in der Urne, die sich seltsamerweise bei
jeder Aufnahme findet. Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber,
und äusserte, er möchte wohl Den kennen, der ihn aus der geehrten Gesellschaft
hinaus ballotiren wolle. Lombard, der bei sehr guter Laune war, ärgerte sich
gerade über den Geheimrat, der zu eifrig eine farcirte Fasanenbrust tranchirte,
auf die er vielleicht selbst reflektirt hatte. Er flüsterte mit ernstafter
Miene, die Augen auf Lupinus gerichtet, dem Prinzen etwas ins Ohr, und die
Achseln zuckend, schloss er halb laut: er ist sonst ein braver Mann, man begreift
nicht, wie er dazu gekommen ist. Der Prinz starrte lachend den Regenten der
Vogtei an. und wenn er es nicht selbst bemerkte, so flüsterten seine Nachbarn es
ihm ins Ohr. Nun hätten sie den unglücklichen Geheimrat sehen sollen. Ein
Schauspiel für Götter, wie er auffuhr, Messer und Gabel fallen liess, kreideweiss,
der Stuhl hinter ihm fiel nieder. Man kann buchstäblich sagen, die Augen gingen
ihm über, und die Stimme versagte ihm. Er wehte sich mit den Händen Luft zu.
Endlich brach es los. Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen, sah er
alle Augen auf sich gerichtet, und der Prinz hatte die Grausamkeit, mit dem
Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren. Nun, meine
Damen und Herren, die Beredtsamkeit des Geheimrat Lupinus mögen Sie sich
denken. Nachdem er die Wolken der unerhörten, fürchterlichen Verleumdung zu
zerstreuen gesucht, kam er auf sein teures Ich zu sprechen, natürlich
französisch, welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das Königliche
Haus sich gesäugt. Nach vielen Endlich - Aber - Rückfällen - Wiederholungen -
geriet er in eine Art dityrambisschen Schwunges, und aus der Kehle oder der
Brust kam ein Lobgesang auf das Königliche Blut, das so rein und heilig, wie es
im Herzen pulst, durch alle Glieder stiesse, dass jeder Tropfen davon reiner sei,
wie der Purpur des Morgenrotes. - Alle sahen auf den Prinzen, der bis da mit
unveränderter Miene den Mann angeschaut - er mochte eine Viertelstunde
gesalbadert haben - als er rasch aufstand, das gefüllte Glas in die Hand nahm
und die Lippen öffnete. Ringsum gespannte, bange Erwartung. Mais - riefen Seine
Königliche Hoheit, - eine kleine Pause -c'est assez! - Kein Wort weiter. Sie
stürzten das Glas runter, stampften es auf den Tisch und konversirten mit ihrem
Nachbar weiter über die Trüffelpastete.«
    Der Besternte, einem fremden Hofe angehörig, schwellte sichtlich von einem
innern Behagen, das er zu verbergen sich Mühe gab, während die Hofdame erblasst
war: »Entsetzlich! Und -?«
    »In der Gesellschaft war eine Todtenstille, Jeder sah auf seinen Teller.« -
»Und der unglückselige Prinz?« - »Ass mit grossem Appetit. Vielleicht dachte er
nach, ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls wert war. Lupinus sass, was
man in Berlin sagt, wie übergossen. Er liess alle Schüsseln vorübergehen.« -
»Unglaublich!« riefen beide Zuhörer, jeder dachte etwas andres. »Dass solch ein
Mensch sich nicht vernichtet fühlt,« sagte die Almedingen. »Weshalb, meine
Gnädigste?« - »Weil er die Ursach war, dass ein Prinz von Geblüt sich selbst
vergass. Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte, ich wüsste doch nichts
anderes, als dass ich mir das Leben nehmen müsste.« - »Die Gewissen sind
verschieden,« entgegnete Fuchsius. »Das ist eine wunderbare Gabe Gottes. Herr
Lupinus gehört zu der grossen Klasse Menschen, die man wie die Frösche mit Keulen
in den Sumpf stampfen mag, sie stecken die Köpfe doch wieder raus.«
    Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger dem Gespräche
zuzuhören. Als sie gegangen, sagte der Besternte: »Mich dünkt, zu dieser Klasse
gehört die Majorität der Menschen.« Der Regierungsrat erwiderte: »Wenigstens,
wenn die Keulenschläge, die sie täglich empfangen, sie zur Besinnung ihres
Unwerts brächten, wäre die Welt eine andere, als sie ist.«
    Die Nachricht lief um, der Prinz werde gar nicht kommen. Es seien Depeschen
vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen, darauf er zu Hofe berufen.
»Und sie lässt noch nicht serviren!« seufzte ein Präsident, die Uhrkette
ziehend.
    Die noch nicht serviren liess, hatte während dessen die Goldstücke vom
Spieltisch eingesammelt und, nachdem sie dieselben in Papier gewickelt, in den
Pompadour der Geheimrätin gleiten lassen.
    »Wollen Sie mich bestechen?« - »Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen, dass
Sie meinen Abend durch ihre Heiterkeit geschmückt.« - »Ich bin schon belohnt
durch den Genuss, den mir Ihre Pikturen gewähren. Von wem ist dieser verlorene
Sohn?« - »Von einem Spanier. Ein Ribera, sagt man; Einige wollen gar von
Murillo. Betrachten Sie diese Schwielenhaut, diese Kruste von Schmutz, man sieht
ordentlich die verschiedenen Lager, auf denen er sich gewälzt.« - »Ich bewundere
nur das Gesicht. Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung, aber wie glüht das
Auge!« - »Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand.« - »Wie blass,
bemerken Sie, Erlaucht, bei dieser Beleuchtung. Ich möchte eher an den jungen
Bovillard erinnert werden.« - »In der Tat. Die schwarzen Brauen, auch im Kinn.
- Warum ist diese herrliche Parabel nicht weiter geführt? Wir sehen nur die
Vaterfreude. Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlorenen
entgegen breitete, wie viel rührender wäre die Geschichte.« - »Sie könnte auch
aus Verzweiflung verloren, vielleicht die Magdalene selbst geworden sein.« - »Da
hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen. Wenn man die zwei
Rahmstücke ausschnitte, wäre es ein Bild. Dieselbe Grösse, dieselbe Färbung.« -
»Überraschend! Worauf Sie mich aufmerksam machen!« - »Erlaucht haben viele
Magdalenbilder! Wohin ich sehe -« »Hier Battoni, da Correggio; da ist auch ein
Murillo - den liebe ich weniger - dort ein Carlo Dolce, ein Vau der Werff, Guido
Reni. Von geschickten Malern kopirt; ich gab ihnen meist selbst Anleitung.«
    »Seltsam.« sagte die Geheimrätin, »ich erinnere mich keiner Magdalene von
Raphael.«
    »Der divino maëstro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben! Für
mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes. Leben wir nicht Alle der
Erde näher, keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit, atmet die
Nelke nicht ihre Würze, fühlt unsere Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt
vom Duft der Nachtschatten! Die Marien bewundern, die Magdalenen begreifen wir.
Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt, müsste es, dünkt mich, die
Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein! wenn die heilige Magdalene ihn
sanft um uns schlingt, o, wie anders, wie gern würden wir uns von ihr heben
lassen, schweben durch die Wolken, die sich öffnen, denn sie flüstert uns
Balsamworte zu: auch ich kannte Deine Schmerzen und Deine Wonnen. Für mich ist
die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe.« -
»Hat sie denn wirklich geliebt,« sagte die Geheimrätin. »Mich dünkt, ihre Art
von Liebe konnte nicht zum Glauben führen!« - »Weil sie changirte?« - »Ja, wäre
sie eine Sultanin gewesen, die ihre Lieblinge sich wählte und entliess, um
endlich ihr Ideal zu finden. Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen.
Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht, um alle die fortzulieben, die mit
Seufzern und Schwüren kamen, mit Beteuerungen und Glut, die Lieder und Geld zu
ihren Füssen streuten, und gähnend fortgingen, um nicht wieder zu kommen?
Vielleicht ward sie auch gemisshandelt, und von denen, die sie wirklich zu lieben
geglaubt; ihre edelsten Empfindungen, wenn sie sich zu äussern wagten, wurden
verspottet. Und das durch Monden, Jahre wiederholt. Solchen Fonds von
Erfahrungen hinter sich, Täuschungen darf man es nicht mehr nennen, erwarten wir
von ihr etwas anderes als Verachtung, Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht! Ich
könnte sie mir denken als eine Intriguantin, welche ihre Lust darin findet, die
Männer gegen einander zu hetzen, als ein Brandstifterin, eine Semiramis, eine
Amazonenkönigin, die die Brandfackel in Lander und Städte wirft -«
    »Vielleicht auch als Brinvilliers - das ist das richtige Argument des
Verstandes, meine teure Frau. Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüt - Was
ist Ihnen?«
    »Nichts - ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen.«
    »Die Liebe sucht nichts, die Liebe findet Alles,« fuhr die Fürstin mit süsser
Stimme fort. »Wer nur ein Ohr dafür hat, nicht mutwillig es schliesst, wo der
Spring unter der grünen Tiefe rauscht, aus Furcht, dass er zu furchtbar
vorbricht. O, die Törichten! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach! Wo
Alles sich findet, was sich nur suchen will, gehen sie wie Wachspuppen einander
vorüber.«
    »Mich dünkt, Adelheid und der junge Bovillard tun das auch.« - »Kinder, die
Versteck spielen.« - »Ich glaubte, sie in Feuer und Flammen zu finden.« - »Im
hellen Zimmer jagen, im dunkeln fangen sie sich.« - »Mamsell Alltag ist blass.« -
»Unter den vielen Geschminkten.« - »Der Marmorausdruck ihres Gesichts -«
    »Geliehen, teuerste Frau! Was das arme Kind sich Mühe gibt, ihr Gefühl uns
zu verbergen, die tausend Nadelstiche, die das kleine Herz durchbohren! Solche
widernatürlichen Affekte rächen sich.« - »Aber eine mütterliche Freundin, wie
Erlaucht, wird der Leidenden zu Hülfe kommen.« - »Da darf kein Fremder helfen
wollen. Wahr und wahrhaftig nicht. Die Natur findet ihren Weg und die Knospe
bricht auf, wenn die Blume reif ist.«
    »Schade nur, wenn das arme Mädchen sich wieder täuschte!« sagte die Lupinus
nach einer Pause. - »Wie meinen Sie das?« - »Der junge Herr von Bovillard ist
zwar, was man nennt, in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht, aber - ein Sort
kann er ihr doch nicht machen. Ich glaube schwerlich, dass man ihm eine
Anstellung gäbe, wie jetzt die Dinge stehen. Sein Vater hat auch nicht mehr den
früheren Einfluss. Der alte Alltag würde mit der Mariage ebensowenig zufrieden
sein.«
    Ein vornehmes Lächeln schwebte um die Mundwinkel der Fürstin: »Daran habe
ich wirklich nicht gedacht.« - »Hat Ihre Majestät noch das Verlangen. Adelheid
zu sehen?« - »Die Königin hat wirklich an Anderes zu denken. Da fällt mir ein,
in der Magdalena, die hier die Arme, nach Ihrer glücklichen Entdeckung, dem
verlorenen Sohn entgegen hält, findet Schadow Ähnlichkeit mit unserer Adelheid.«
    Die Geheimrätin lorgnettirte: »Der Schnitt des Gesichtes, aber - ich mochte
eher eine Verwandtschaft mit der Comtess Laura entdecken.« - »Wie sein wieder Ihr
Blick, Sie sind eine geborene Kunstkennerin. Merkwürdig, Laura ist fast ganz so
kostümirt. Wir wollen die schönen Mädchen uns herrufen, um zu entscheiden, wer
ein näheres Anrecht darauf hat, eine Heilige zu werden.«
    Die schönen Mädchen waren nicht im Magdalenen-Zimmer. In dem Kabinet hinter
den Feuerlilien stand Adelheid, an derselben Türpfoste, wo die Comtess
gestanden; fast in derselben Stellung, auch sie blickte durch die Türritze,
teilnahmlos. zerstreut, wenn Vorübergehende sie anredeten. Die Gargazin und die
Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an. Es war nicht Zeit mehr zu seinen
Beobachtungen. Das war kein eitles Spiel einer Koketten, die auf neue
Eroberungen sinnt, die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmückt und, in der
Phantasie ihr eigen Bild malend, sich fragt: »wirst du ihm so gefallen?« Sie
atmete nicht, sie zitterte nicht, aber der Rand des Blumentisches, den sie
krampfhaft fasste, hätte, wenn er Empfindung gehabt, einen eiskalten Druck
empfunden. Sie wusste nicht, dass ihr Lockenbund sich gelöst und eine Flechte,
sie entstellend, auf die Seite fiel, sie fühlte den Boden unter sich brennen,
und ihr war eiskalt zu Mute; nur schoss es zuweilen glühend heiss durch die
Adern, und gegen die Augen drängte es wie ein Strom, der einen Ausweg sucht,
aber die Wächter haben die Schleusen zugezogen. Die Gargazin drückte die Hand
ihrer Begleiterin und flüsterte ihr ins Ohr: »Die Knospe bricht; heute
entscheidet es sich.«
    Zu mehr war nicht Zeit. Gruppen drängten sich um einige spät Angekommene.
Prinz Louis kommt nicht, lautete die eine Botschaft. Ein Zweiter wusste von der
eingelaufenen Nachricht: der französische Kaiser habe Distrikte und Orte am
Rhein besetzt, die unzweifelhaft zu Preussen gehörten, und mit dem Übermut der
Reunions-Kammern sie für französisches Staatsgut erklärt. Der Ministerrat war
nach dem Palais berufen. Man hatte auch Generale in äusserster Erhitzung dahin
stürzen sehen. Einige wollten wissen, man werde über Nacht dem französischen
Gesandten die Pässe zustellen. Die Fürstin rief nach dem Geheimrat Johannes von
Müller. Er war nicht mehr in der Gesellschaft; schon vor einer halben Stunde war
er abberufen. Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimrätin: der Herr
Geheimrat befinde sich in heftigem Fieber und phantasire, indem er wunderbare
Namen anrufe. »Will denn Alles heut den schönen Abend uns stören!«
    Die Geheimrätin war nicht der erste Gast, welcher Abschied nahm. Die
Geheimrätin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt. Ihr sei,
versicherte sie, als wenn ein furchtbares Gewitter, ein Erdbeben im Anzuge sei.
»Um so grösser war Ihre Gefälligkeit, den ganzen Abend die Heitere gespielt zu
haben -« Dafür hatte die Fürstin sie weiter begleitet, als die Etiquette
forderte, vielleicht billigte: »Ich möchte von Ihnen den Mut lernen, wie man
bei einem Erdbeben lächelt.«
    Die Fürstin lächelte aber nicht, als sie zurückkehrte, man konnte vielmehr
ein leichtes Schaudern bemerken: »Ich hoffe, es war das erste und letzte Mal.«
Ein Vertrauter, wie Wände und Möbel es sind, vor denen man nichts verbirgt, aber
sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen, ein russischer Kavalier hatte
den Herzenserguss gehört und wagte darauf zu antworten: »Warum behandelten
Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit?« - »Weil ich sie fürchte,« hatte die
Fürstin dem Möbel erwidert, »weil - ich muss Wandel fragen.«
    »La table est servie!« meldete der erste Kammerdiener.
    Auch Wandel war verschwunden. Der erste Gast war jetzt der Präsident, die
vornehmeren waren fort: »Es wird doch auch diesmal nur blinder Lärm gewesen
sein!« sagte die Fürstin. - »Gewiss,« entgegnete der Präsident, indem er ihr
respektvoll den Arn: reichte. »Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden,
und wir können -« »Ruhig essen, Herr Präsident. Meine Herren führen Sie die
Damen, unsere Ordnung ist zerrissen - wie es sich findet.«
    Die Ordnung war zerrissen, die Tischgänger wurden gepaart, wie Niemand es
erwartet hatte.
    Wir haben Louis Bovillard in dieser Soirée nur einmal ins Auge gefasst, und
auch da nur durch die Vermittelung anderer Augen. Vielleicht verloren wir
nichts. Den vernichtenden Titanenhumor, der ihn für Viele interessant machte,
liess er nur noch selten spielen. Was gehörte er in die Gesellschaft? War er doch
auch vielleicht entwichen in einem langen Siechtum! Was der Strömung der Zeit
angehört, wird heut von ihr auf der Woge hoch getragen, dass es die Wolken
ansprützt, um morgen im Abgrund zu versinken. Der Koturn, den wir heut
bewundern, morgen belächeln wir ihn. So liefert die Tragödie von gestern immer
Stoff zur Komödie von heute.
    Louis Bovillard sahen wir durch die Türritze als Träumer. Im Kostüm des
englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt. Die jungen mochte er
nicht verletzen wollen, denn er war plötzlich ein anderer geworden. Er war in
ihrem Kreise voll Laune, Witz, liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh, aufmerksam
auf jede Neckerei, die er in dem Tone wiedergab, von dem sie ausging.Was hatte
ihn so verwandelt? Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen
Gesichtszüge, die Adelheid ihm zeigte? Man kann ja nicht immer in einer
Gesellschaft den Träumer spielen, sonst wird man langweilig; und Adelheid mochte
das auch denken, denn nichts verriet, dass sie sich über diese Veränderung
wunderte. Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des
Klaviers. Aber Louis musste längst vergessen haben, um was er am Instrumente
sass. Er träumte wieder, denn er hatte sich in Akkorde vertieft, die wohl zu
einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck passten, aber nicht zu der
harmlosen Situation aus der jüngsten Reichard'schen Oper, noch zu den Scherzen
des Suchens nach der Musik. Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt? denn sie
war allmälig verschwunden vor den dumpfen, langaushallenden Tönen, die er den
Tasten entlockte. Nur Eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben, und als er
die Phantasie mit einem Tonschlage schloss, der wie ein tief aufseufzender
Meeresstoss gegen das Eis brach, respondirte ein Ton der Bewunderung aus ihrer
Brust.
    »Das war zu göttlich! Eigentlich verdiente es einen Kranz!« Comtess Laura war
aufgesprungen, und ehe der Fortepianospieler es sich versah, fuhr ihr weicher
Arm um seine Schulter und steckte das Bouquet feuriger Nelken, das sie in der
Schürze getragen, rasch ihm an die Brust. Als er den Arm fassen wollte, um den
Dank auf die Hand zu hauchen, war die Nymphe entschlüpft. Das Unglück aber
wollte, das die Zipfel ihres garnirten Tuches an seinen Rockknopf sich
genestelt. Das Tuch war lang und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne,
dass sie an ihn gefesselt war. »Sie zerreissen mein Tuch.« Er zog sie langsam an
sich. »Was wollen Sie?« - »Sie strafen, dass Sie entfliehen wollten.« Sie musste
ihr Tuch mehr lieben, als die Strafe fürchten, sonst hätte sie doch das Tuch
losgelassen und wäre entflohen.
    Als er ihr jetzt entgegensprang, um sie zu strafen, erschreckte ihn nicht
ihr leichter Schrei, mit dem sie dem strafenden Arm sich zu entwinden suchte,
sondern - eine Erscheinung. Adelheid stand zwischen der Tür und ihm, die Hand
ans Herz gepresst, als fühle sie einen Schmerz, blass, mit Geisteraugen, wie eine
Bildsäule.
    »Meine Herren, schnell den Arm der Damen!« riefen mehrere Stimmen, als durch
die offene Tür der Zug zum Speisesaal vorüberging. »Sans gêne, Jeder wer ihm
zunächst steht.«
    Ob er, ob die Comtess das Tuch vom Knopfe losgenestelt, wissen wir nicht,
aber es musste losgemacht sein, denn Bovillard fand kein Hindernis mehr, als er
der ihm Nächststehenden den Arm öffnete. Es machte sich von selbst, es ging
nicht anders, ohne einen Verstoss. Es war Adelheid, die der Strom auf ihn
zudrängte, während er die Comtess fortschob. Auch sie musste, sie stand ihm zu
rechts. Aber sie weinte. Eigentlich bebte nur ihre Brust. »Ihre Schlussakkorde -
es war mir, als ob - als ob etwas sprang -«
    »Darf ich?« rief die näselnde Stimme des Baron Eitelbach zur Comtess, ohne
sich tief zu neigen. Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an, und
steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem »qu'importe!« Es machte sich auch
von selbst. Es waren die letzten Gepaarten.
    Drei Paare folgten einander zu Tisch, von denen Keiner am Abend erwartet,
dass der Zufall ihn zu dem Andern führen würde. Die zwei sahen wir eben; ihnen
voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach.
Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter.
 
                          Fünfundsechszigstes Kapitel.
                          Ein belauschtes Intermezzo.
Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten. Es war Vieles
vorgefallen, was diese Audienz, um die er nicht nachgesucht, immer wieder
aufgeschoben hatte. Der Minister war einmal zum Könige berufen gewesen, eine
dringende Konferenz hatte sich ein ander Mal in die Länge gezogen. Man hatte ihm
hinaus sagen lassen, es tue dem Minister sehr leid, aber um ihm seine Zeit
nicht zu rauben, werde Excellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen.
    Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen. Nicht weil
ein entfernter Bekannter, der sich plötzlich seinen Freund nannte, heut Morgen
zu ihm gestürzt war, mit der frohen Kunde, die er vom Schwager des Bruders eines
Kanzleibeamten gehört, dass derselbe seine Brochüre auf dem Arbeitstisch des
Ministers liegen gesehen. Seine Schrift hatte Walter fast vergessen. Was war es
jetzt Zeit zu Organisationen. Es war kein anderer Impuls in ihm. als die Lust
des Atoms, sich aufzulösen in das Allgemeine. Nur rasch wünschte er die
Operation. Es ist ja Alles vergänglich; auch der tiefste Seelenschmerz, von dem
wir nie zu genesen glauben, ist nur ein bitterer Rausch, der sich verflüchtigt.
Wie furchtbar er auch die Brust des Ruhigen, Verschlossenen durchwühlt, so, in
stillen Augenblicken, dass er die Sonne untergesunken sieht, um nirgend wieder
aufzugehen, auch der Schmerz arbeitet doch nur wie Alles, was Odem hat, bis sein
Atem ausging! Dann - ja dann, was uns ins Auge fällt, der Abendstern oder ein
Abenteuer, ein Problem oder ein Bild aus dem Alltagsleben, Hitze oder Kälte,
Hunger oder Durst, die Neugier oder die Müdigkeit, sie erregen neue Wünsche,
neue Anstrengung, neue Arbeit, neues Leben. Was wäre auch das menschliche, wenn
es an einem Schmerz schon verblutete, und Jedem sind der Schmerzen so viele
zugemessen! Die Sonne der Liebe, die so wunderbar bei ihrem Aufgang in sein
graues Leben gestrahlt, war versunken. - freilich, er hatte ihr Licht schon
lange immer matter, immer kälter werden sehen, aber so plötzlich untergesunken,
so dunkel, unheimlich war auf einmal die Nacht, dass mit ihr Alles versunken
schien, was er gebaut, geträumt. Für sich, was sollte er da noch bauen,
schaffen, wollen? Wozu? Was er für sich erstrebt, es hatte ja keinen Zweck mehr!
Ehre? Wo war denn Ehre überhaupt zu gewinnen? Eine Existenz? Brauchte er um die
zu ringen? Ein dampfender Schlund schien sich vor ihm zu öffnen, in den er, ein
anderer Curtius, unverzagt gestürzt wäre. Er hatte den Kanonendonner bei den
Revuen gehört, das Geprassel des Pelotonfeuers. Wenn das Ernst wäre, die breite
Brust den dampfenden Batterieen entgegen zu halten, müsste es nicht eine Lust
sein!
    Der Minister liess ihn lange warten. Seine Ercelleuz waren in eifrigem
Gespräch mit einem vornehmen Besuch. Wenn sie sich der Tür näherten, schallten
Worte und ganze Sätze zu ihm; dann, die Klinke an der Hand, machten sie wieder
Kehrt, es schien neues Öl in die Flamme gegossen, und indem sie sich tiefer ins
Zimmer entfernten, gingen die Worte in unartikulirte Töne über. Er glaubte den
Titel seiner Schrift zu hören. Er konnte sich aber auch getäuscht haben. Er
näherte sich unwillkürlich dem Tische, worauf die letzte Lektüre des Ministers
lag. Obenauf seine Schrift. Sie war an vielen Stellen eingeknifft. Er sah dicke
rote Striche, Frage- und Ausrufungszeichen. - Also doch darum! Sie hatte die
volle Aufmerksamkeit des ausgezeichneten Mannes erregt. Musste er sich nicht
vorbereiten? Er trat zaudernd noch näher. Da stand ein Bravo! dick neben einer
Stelle. Sein Herz klopfte.
    Schon griff seine Hand nach dem Buche, als die Tür aufsprang und der
Minister seinen Besuch hinaus begleitete. Sie bemerkten ihn im Eifer der
Unterhaltung nicht; der Fremde mochte zur englischen Gesandtschaft gehören, sie
sprachen englisch.
    »Mylord, Preussen ist durch den neuen Vertrag ohne Schwertstreich aus der
Reihe der europäischen Mächte gestrichen. Sie können's in hundert Schriften
lesen,« sprach der Minister. »Was verlangen Sie noch von uns?« - »Und doch hat
Seine Majestät, Ihr König, Laforest's Antrag nicht gewillfahrt,« sagte der
Engländer. - »Weil der unverschämte Mensch forderte, er solle Lombard für etwas
belohnen, wofür -« »Sie und ich ihm einen andern Lohn gönnen,« fiel der Gesandte
ein. »Indessen hatte Lombard nichts getan, als was Seine Majestät billigen
mussten, er hatte Hangwitz während dessen Abwesenheit verteidigt, das heisst,
den Vertrag, den der König selbst ratificirt hat.« - »Die Patrioten hätten
Lombard in Stücke zerrissen, wenn man ihn noch dekorirte und beschenkte.« -
»Seine Majestät hörten auf die Stimme des Volkes, aber auch auf die Ausfälle des
Moniteur. Um Napoleon zu genügen, hat man den Baron Hardenberg entlassen.« -
»Kämmerchen vermieten,« warf der Minister hin. - »Excellenz, nichts desto
weniger muss ich Ihnen bekennen, dass mein Kabinet gerade dies am wenigsten
versteht. Und wenn mein Kabinet, das englische Volk begreift es nicht.« - »Giebt
die Diplomatie niemals mit der einen Hand, um mit der andern zu nehmen?« -
»Nicht in Krisen, wo man nicht weiss, ob man noch Zeit hat, den ausgestreckten
Arm zurückzuziehen.«
    Der Minister, der eine Weile vor sich hingeblickt, zuckte mit den Achseln:
»Und doch irren Sie, Mylord. Die Uhren auf dem Kontinent gehen langsam. Die
Stunde ist noch nicht so weit vorgerückt.« - »Seiner Majestät Uhr ging rascher,
als Sie uns Hannover nahmen, Ihre Häfen uns verschlossen.« - »Weil Napoleon
schneidend auf die Ausführung des Vertrages drang. Er stand mit dem Hammer des
Auktionators da.« - »Und jetzt mit dem Liktorenbeile, Excellenz. Er legt den
Vertrag aus, wie es ihm gefällt. Er hat vor der Zeit Ihre Besatzung aus Wesel
verdrängt. Der Kommandirende derselben hat, beinahe ausgehungert, in seiner
abgeschnittenen Lage um die zurückgelassenen Vorräte bitten müssen. Murat, der
neu creirte Grossherzog von Berg, hat, auch nach dem schmählichen Vertrage,
unbestreitbar preussische Bezirke, Alten, Essen, Werden besetzt. Er zieht die
Kassen ein, requirirt für die Magazine, setzt Beamte ein und ab. Der Kaiser
bleibt, aller Remonstrationen ungeachtet, herrisch dabei. Ihr Staat ist so
absolut isolirt, dass er von Frankreich abhängig sein muss, und doch genügt das
Napoleon nicht. In seinem Übermute spielt er mit Preussen, wie der Tiger mit
seinem Opfer, ehe er es zerreisst. Wozu Schonung, er spricht es deutlich aus
gegen Jeden, der es hören will, nicht vor seinen Ministern, vor seinen
Stallknechten ruft er: was Rücksichten gegen einen Staat, der so tief in der
öffentlichen Meinung sank, dass er nirgends Freunde hat; dass die es waren, am
lautesten vor Schadenfreude lachen werden, wenn er zusammenstürzt. Napoleon
sucht Krieg, er will Krieg, er provocirt ihn -« »Und findet lämmermütige
Geduld,« fiel der Minister unerwartet ein. Mit ironischem Lächeln fügte er
hinzu: »Sollte Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen da nicht am Ende selbst
die Geduld ausgehen?«
    Der Brite fixirte ihn: »Eine Maske, Excellenz, tut zuweilen ihre Dienste,
wenn man sich noch verstellen kann; wenn man aber sich so deployirt hat, dass der
Feind alle Schwächen und Hülfsmittel kennt, ist es zu spät. Und wenn Sie es noch
länger hinhalten, Ihr Volk hält es nicht länger aus.« - »Kennt man das auch in
Paris?« sagte der Minister mit einem eigentümlichen Ton, zwischen tiefem Ernst
und leichtem Spott. - »Ihre Staatsmänner zählen noch nach Jahren,« hub der Brite
wieder dringender an. »Ich nach Monden, Wochen, vielleicht nach Tagen. Wissen
Sie hier nichts von den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten im Westen und
Süden? Um das Reich Karls des Grossen zu stiften, müssen die Wittekinde vorher im
Staube liegen. Er darf auch den Schein eines Sachsenreiches nicht dulden.
Wüssten wirklich Ihre Staatsmänner nichts davon, verschlössen sie in
unglaublicher Verblendung ihr Ohr, oder glauben Sie noch, ihr Veto einzulegen,
wenn Alles abgemacht ist?«
    Der Minister war bewegt, nicht durch die letzte Mitteilung des Engländers.
Er hatte nur bis jetzt seine Stimmung durch Einwendungen in ironischem Tone zu
verdecken gewusst. Wie tief er in eignen Gedanken versenkt war, beweist der
Umstand, dass er das Vorzimmer vergass, und Walter nicht bemerkte, obschon dieser
keinen Versuch gemacht, sich zu verbergen. Der Engländer mochte ihn gesehen,
aber für einen Vertrauten, zum Hause gehörig angesehen haben; auch setzte er
vielleicht nicht voraus, dass ein Sekretär die englische Sprache verstand. Der
Minister ging unruhig einige Schritte auf und ab. Walter hielt es sogar für
seine Pflicht, durch ein Geräusch seine Anwesenheit zu verraten, aber ohne
seinen Zweck zu erreichen.
    »Wir wissen noch mehr, Mylord,« sprach der Minister, vor dem Briten stehen
bleibend. »Eine Revolution ist im Ausbruch, eine Revolution, welche allen, die
gewesen sind, die Krone aufsetzt. Sie spielt in der Hofburg zu Wien. Der
Steuermann springt in den Rettungskahn, Fahrzeug und Volk sich selbst, den
Wellen überlassend. Franz II. legt die römische Kaiserwürde nieder, er will
seine deutschen Provinzen los und ledig erklären von allen Pflichten gegen das
Reich. Das Reich mag an der nächsten Klippe zerschellen, damit Oestreich
gerettet wird.«
    »Mich dünkt, einen preussischen Staatsmann sollte diese Nachricht nicht
erschrecken,« sagte ruhig der britische Diplomat.
    »Wenn er aus Herzbergs Schule ist! Wir fragen, hat er ein Recht dazu, darf
er preisgeben ein ihm anvertrautes, heiliges, das höchste Amt der Nation, der
Christenheit, ohne Die zu befragen, die durch freie Wahl es ihm auftrugen? Das
deutsche Volk behält das unveräusserliche Recht auf sein Dasein.«
    Der Brite fixirte ihn: »Sprechen Eure Reichsfreiherrliche Gnaden da als
preussischer Minister?«
    Im Staatsmann arbeitete ein Feuer fort, er hörte nicht den Einwand: »Das ist
der Fluch jener französischen Revolution, die aus dem nackten Begriff schöpfte,
und in den Hexenkessel roher Begriffe Alles einwarf, Todtes, Lebendiges,
Ungebornes und Verwestes, aber auch das Heiligste und Gerechteste. Was blieb
denn noch übrig, woran wir uns halten, wo der Vielfrass Zeit Alles aufzehrte, als
das Vaterland! Zersetzen wir auch das auf seine Knochen und Fasern, dann Valet
die letzte Sprungkraft, die uns aus dem Schlamm aufreisst. Ohne dass wir an
Deutschland festalten, ist kein Hessen und kein Sachsen, ja, kein Preussen und
kein Österreich. Sie, Mylord, wenn ich nicht irre, rühmen sich Walliser Abkunft,
was hält denn Ihr grossbritannisches Reich zusammen, als dass es Eins ward, Briten
und Sachsen, Sachsen und Normannen, Engländer und Schotten, selbst das
widersträubende Irland hat der Nationalsinn mit eisernem Arm an die gemeinsame
Brust geklammert. Wäre es Bonaparte damals gelungen, hätte er Ihre Schiffe
gesprengt, Ihre Strandbatterieen durchbrochen, Ihre Armee geschlagen, London
genommen, hätte er die Myte ins Leben und die Kronen von Frankreich und England
auf eines, sein Haupt gesetzt, hätten Sie sich genügen lassen mit einem kleinen
Walliser Reich oder Piktenreich? Zerfallen und zerfahren war Ihr schöner
germanischer Staat, wenn der Nationalsinn kein Herz mehr hatte, von dem alle
Adern ihr Blut empfingen. Uns hat man die Adern unterbunden, seit Jahrhunderten
das Blut abgezapft und es in andere Kanäle zu leiten gesucht, und doch wallt und
strömt es immer wieder nach dem Herzen hin. Es sucht es und kann's nicht finden,
das ist seine Qual, aber es muss, es wird es wieder finden, - oder der deutsche
Name ist ausgestrichen aus der Geschichte.«
    »Und in England, wollten Sie sagen,« fuhr der Brite, ohne aus seiner
Gelassenheit zu kommen fort, als der Minister plötzlich inne hielt, »dass die
getrennten Stämme dies Herz erst gefunden haben. Richtig; es war ein
glücklicher, aber ein künstlicher Prozess.Die Fusion des Blutes ist hergestellt,
aber der Stempel darauf ist das Interesse. Das sollten Sie doch nicht vergessen,
Sie lesen es ja auch in allen Journalen und Schriften. Ja, Excellenz, wir dürfen
uns darüber nicht täuschen, es ist das Interesse, was uns zusammenfügte und
hält, ein Band, das Napoleon durch seine Kontinentalpolitik täglich fester
macht. Aber wenn wir sehen, dass die Kontinentalmächte, in deren Interesse es
lag, mit unserm zu gehen, ihr eigenes vergessen, wenn wir sie schwanken sehen
von einem Tage zum andern, ihre Entschlüsse ändern, dann - mein Herr, wir sind
Kaufleute, Phantasieen und Fanatismus, zu manchen Geschäften gut, um den Impuls
zu geben, tragen wir in unserm Kontobuch nur unter dem Riskontro ein. Napoleon
ist ein grosser Spekulant, er setzte bisher Alles auf eine Karte; so lange
trauten wir ihm nicht. Seit er aber im fortdauernden Gewinnen und sich immer
konsequent ist, dürfte England dahin kommen, ihn als einen solidern Kaufmann zu
betrachten, mit dem es sich wohl einmal auf ein Geschäft einlassen könnte.«
    »Pitts Nachfolger werden und können sich auf eine Associéschaft mit
Bonaparte niemals einlassen.« - »Alle Vorstellungen täuschen, sobald die
Rechnung eines andern Facit gibt.« - Der deutsche Staatsmann sah ihn scharf an:
»Mylord, ich habe mir die Achtung vor dem Charakter bewahrt, auch in der Politik
- und ich glaube, nie falsch gerechnet zu haben. Ein wirklicher Charakter stimmt
mit den Gesetzen der Matematik. Die Maske ist zu durchsichtig. Wo könnte
England gewinnen?«
    »Wenn es die schwankende, haltungslose Politik Derer, die seine Freunde sein
müssten und es nicht sind, sich selbst überlässt. und mit dem starken Feinde ein
einfaches Geschäft macht, Zug um Zug.« Der Brite sah sich vorsichtig um. Indem
sein Blick auf Walter fiel, dämpfte er die Stimme. Es war ein stilles
Zwiegespräch von einigen Sekunden. Der Minister horchte, den Kopf etwas
vorgebeugt, zu, bis er ihn wieder in die Höhe warf. Er war ein ganz Anderer
geworden. Alle Unruhe und Agitation war fort. Sein Auge lachte sogar etwas
höhnisch, als er mit lauter Stimme sprach: »Dass er die Proposition machen liess,
bezweifle ich gar nicht, wenn er aber England Hannover zurück anbot, so kenne
ich die klugen Kaufleute in der Downingstreet zu gut. Fehlgeschossen, Ihr greift
nicht nach dem Danaergeschenk. Wie! Eine Heerde Euch schenken lassen, und wenn
sie Euch gehörte seit Abrahams Zeit, aber um Haide und Stall haben sich Wölfe
gelagert! Wollt Ihr sie annehmen unter der Kondition, dass Ihr die Wölfe nicht
bekriegen dürft, dass Ihr Eure Lämmer unter der Aufsicht der Raubtiere scheert
und die Wolle holt? Glaubt Ihr zu besitzen, was nur auf einem Vertrage beruht,
und wenn der Wolf hungrig ist, wollt Ihr ihm das Papier entgegen halten?
Nimmermehr, Mylord, lehren Sie mich von Ihren Staatsmännern nicht kleiner
denken, nicht an sie den Massstab von diesen hier anlegen. Ja, sei es, das
Interesse allein trennt und verbindet, und darum bleibt England uns verbündet,
wie gut oder wie schlecht wir's ihm gelohnt. Und doch rechne ich nicht darauf -
ich habe gelernt, auf nichts mehr zu rechnen, ich rechne allein - doch das
gehört nicht hierher. Im Übrigen, Mylord, jetzt ist es Sommer, aber Bonaparte
fängt erst im Herbst Krieg an.«
 
                         Sechsundsechszigstes Kapitel.
                         Ein Plagiarius wird entdeckt.
Walter hatte auf den ersten Blick in dem Minister den Mann erkannt, mit dem er
zufällig in Sanssouci zusammengetroffen war - nicht zu seiner Überraschung; eine
leise Ahnung war schon früher in ihm aufgestiegen. Dennoch fühlte er sich
angenehm berührt. Er war bei dem ausgezeichneten Manne eingeführt, er kannte den
Minister, der Minister ihn, er durfte hoffen von einer vorteilhaften Seite; so
waren die ersten lästigen Formalien beseitigt. Nachdem der Engländer gegangen,
durchschritt der Minister noch einmal das Vorzimmer. Die Mitteilungen des
Briten beschäftigten ihn, die Lippen bewegten sich, die Hände spielten ein
Pantomimenspiel, als er sich jetzt rasch nach dem Tische umkehrte. Wer sind Sie?
»Was wollen Sie hier?« fuhr es heraus, als er Walter erblickte, und um die
Augenbrauen wölbten sich gefährliche Runzeln. - »Euer Excellenz haben mich
beschieden.« - »Wer - Sie sind doch nicht?« - »Mein Name ist Walter van Asten.
Wenn keine Verwechselung unterlief, ward ich von Excellenz erwartet.«
    Der Minister sah ihn von oben bis unten an. In den Runzeln der Augenbrauen
sammelte sich ein Gewitter des Zornes, aber während um die Lippen ein
spöttischer Zug bemerkbar ward, glänzte in den Augen, die ihn scharf
durchbohrten, etwas von Mitleid mit Verachtung gemischt. - »Sie - Sie haben das
da« - er griff nach Walters Brochüre, und indem er sie mit zwei Fingern
verächtlich aufhob, hielt er sie ihm plötzlich mit beiden Händen vors Gesicht,
um sie eben so rasch wieder an, den Tisch zu werfen. - »Das haben Sie
geschrieben - ich meine, Sie haben es drucken lassen?« - »Ich habe keinen Grund
es zu leugnen.« - »Und mir unterstehen Sie sich diese Schrift zu unterbreiten?«
- »Ich erfuhr erst heute, dass Euer Excellenz von meiner Schrift Notiz genommen.«
- »Der Rittmeister Dohleneck ist Ihr Freund?« - »So viel ich weiss, steht er zu
meinem Vater in Verhältnissen.« - »Doch noch etwas Bescheidenheit, durch den
Papa und die Freundschaft mir in die Hände zu spielen, wozu Ihnen selbst die
Unverschämteit abging. Gut gespielt, mein Herr, Sie können sich rühmen, dass ich
Sie einen Augenblick für ehrlich hielt.« - »Wenn meine Ansichten oder meine
Darstellung Euer Excellenz Missfallen erregten, so glaube ich wenigstens diese
Behandlung nicht verdient zu haben, da ich mich Ihnen damit nicht aufgedrängt
habe. - Wenn Euer Excellenz mich nur deshalb rufen liessen so glaube ich jetzt
entlassen zu sein.« - »Unversch - Ihre Ansichten! Herr, in drei - hat ein
Plagiarius Ansichten? Kann ein Dieb sagen, der einen Kasten aus dem offenen
Fenster stahl, dass ihm die Sachen darin gehören, wenn er sie in seiner Spelunke
in Schränke und Fächer gestellt hat?«
    Walters Blut stürzte gegen seine Brust, er presste die Lippen, seine Stirn
glühte, und wie ein eiskalter Strahl zuckte es ihm zugleich vom Wirbel bis zur
Zeh: »Was haben Euer Excellenz mir zu befehlen?« Er sprach es mit fester Stimme,
aber es war der letzte Moment der Fassung. »Scheeren Sie sich zum -, wo Sie
hergekommen und unterstehen sich nicht, mir wieder unter die Augen zu treten.«
Der Minister hatte mit einer halben Wendung ihm den Rücken gekehrt.
    »Ich werde nicht gehen!« hörte er hinter sich eine klar tönende Stimme.
»Denn darum haben, darum können Excellenz mich nicht herberufen haben. Ich gehe
nicht, weil ich es mir schuldig bin, und ich gehe nicht, weil ich es Euer
Excellenz schuldig bin. Ich habe ein Recht, vor Ihnen gerechtfertigt zu werden,
wie der Minister ein Recht hat, vor mir gerechtfertigt zu stehen, und wäre ich
die unterste menschliche Kreatur in diesem Staate.« Der Freiherr sah ihn über
die Schulter an: »Im Mundwerk ein Virtuos wie im Styl; aber ich liebe nicht
Virtuosen, ich will Charaktere. Was haben Sie vorzubringen? Kurz!« - »Dass hier
ein Missverständnis sein muss.« - »Es ist Alles klar. Mit abgeschriebenen Gedanken
wollen Sie sich brüsten. Gehen Sie zu andern Staatsmännern. Ich will Ihnen den
Gefallen tun und Sie vergessen. Verstanden? Ganz vergessen! Machen Sie da Ihre
Fortune. Aber, junger Mann, wenn es ernst ist um das Vaterland, und wo es sich
handelt um seine heiligsten Interessen, da dulde ich keine Escroquerie.«
    Es war nicht mehr die Glut der Entrüstung und des Zornes, es war eine
lösende Wärme, welche unsern Bekannten aus seiner Erstarrung ins Leben rief.
Hier war ein Missverständnis. Er fühlte sich so mutig wie je. Der Minister, der,
ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, gegangen war, und schon die Tür in der
Hand hielt, hörte den entschiedenen Tritt des Andern hinter sich, er hörte ein
Halt! ihm zurufen. Vielleicht wäre der Dreiste ihm ins andere Zimmer gefolgt,
wenn er nicht an der Schwelle Kehrt gemacht. Vorhin hatte Walters Stimme ihn
sanfter gestimmt; der klare, ruhige Blick, die gesetzte Haltung, mit der er ihn
jetzt ansah, hemmte noch einmal das Gewitter, das im Losbruch, entweder gegen
einen unerhört Unverschämten oder gegen einen Unschuldigen. Das klare blaue Auge
sprach für die Unschuld.
    »Excellenz, ich weiss, was ich begehe, und weiss, dass ein Klingelzug, ein
Rufen aus Ihrem Munde, über mein Loos entscheidet. Lassen Sie mich durch Ihre
Diener hinauswerfen, ins Gefängnis schleppen, mir den Prozess machen wegen
Attentats gegen einen höhern Staatsbeamten im Dienst. Ich will nichts ableugnen,
und weiss, dass es mehrere Jahre Festung, meine Karriere kosten kann. Dennoch! -
So heilig Ihnen Ihr unbescholtener Ruf ist, so heilig mir meine Ehre. Der
Staatsmann, den ich nicht mit den übrigen verwechsele, der die Dinge nach ihrem
Werte prüft, und die Menschen nicht nach ihrem Kleid und Namen, er hat mich,
den er freundlich in sein Haus lud, hier in seinem Hause einen Plagiarius
gescholten, er hat mich des Diebstahls, der Escroquerie bezüchtigt. Ich habe ein
heiliges Menschenrecht dafür Rechenschaft zu fordern. Von Andern würde ich sie
nicht fordern, die in brutalem Dünkel den Untergebenen nicht fähig halten zu
denken, was sie nicht selbst gedacht; von Euer Excellenz fordere ich sie, und
Sie werden sie mir gewähren. Wessen Gedanken habe ich entwendet, wessen Schrift
nachgedruckt? Wen habe ich um seinen Vorteil betrogen? Diese Schrift, die
Ansichten darin, falsch oder richtig, sind meine. Ich bin auf Tadel gefasst, ich
werde auch Verspottung zu ertragen wissen, aber ich will mein Recht als
Eigentümer.«
    Er hatte das Heft vom Tisch ergriffen. Der Minister sah ihn mit einem
durchdringenden Blicke eine Weile an, aber während der Zorn noch auf den Lippen
schwebte, und den unteren Teil des Gesichts durchzuckte, glätteten sich schon
die Falten der Stirn und unter den Brauen wurden die Augen klar, ja, ein
spöttisches Lächeln fing an, sich über die Mundwinkel zu legen. »Die Gedanken,
mein Herr, sind meine.«
    Walter hielt zum ersten Mal den Blick nicht aus, er senkte seine Augen; der
Blick wurde ganz sarkastisch. »Meine eigenen,« wiederholte der Minister in einem
Tone, der dem Blicke entsprach. »Ihre Artigkeit wird doch nicht Beweise
fordern?« - »Und wäre das, mein Gott!« - »So wäre das noch keine grosse Sünde.
Gedanken fliegen durch die Luft. Der Eine, arglos, im Eifer des Gesprächs, lässt
sie über die Lippen, und sie vibriren von Ohr zu Ohr. bis der letzte Horcher sie
in Worte fasst und sie für die seinen hält, weil er sie zu Papier bringt. Diesen
Diebstahl will ich Ihnen verzeihen, aber -«
    Darauf war Walter allerdings nicht vorbereitet gewesen, aber ein Blick auf
das Exemplar der Druckschrift in seiner Hand gab ihn den Mut zurück. Er hielt
das dicke Bravo! mit Rotstift dem Minister entgegen: »Hier fanden Excellenz -«
»Einen meiner Gedanken ausgeführt, wie es mir gefiel. Nein, ich bekenne mehr.
Was ich erst flüchtig hingeworfen, auf eine andere Zeit die Ausführung
versparend, fand ich so entwickelt, es bekam Hand und Fuss, es ward durch die
Wendung ein neuer Gedanke. Es überraschle mich, und ich war froh, dass Jemand
mich verstanden hat, in meinem Sinn gedacht, weiter gedacht als ich -« »Gott sei
Dank!« brach es von Walters Lippen. Er vergass in dem Augenblick seine Stellung,
selbst die peinliche Lage, in der er sich noch befand. Er zuckte mit der Hand,
als wolle er nach der des Ministers greifen. »Gott sei Dank, ich bin
gerechtfertigt. Diese Wendung werden Sie mir doch als Eigentum lassen!«
    Indem der Staatsmann ihn unverwandt anblickte, schien, die Wolke von vorhin
sich wieder auf seinem Gesicht zu sammeln, aber es war eine Magie, um nicht zu
sagen Sympatie in Beider Augen, welche den Ausbruch des Gewitters noch nicht
zuliess. »Auch die darauf folgenden Seiten? Sehen Sie nach.« Walter blätterte.
Sie waren mit Rotstift an der Seite von oben bis unten angestrichen. »Es ist
nur die Entwicklung jener Wendung des Gedankens. Ich glaube, sie ist
folgerichtig und nicht Unglücklich.« - »Ich glaube es auch,« sagte der Minister.
Es wetterleuchtete wieder. Er sprach rasch in abgestossenen Sätzen: »Also Ihre
Entwickelung? Mit Ihren Fingern geschrieben? Zweifle ich nicht. - Und der
Rittmeister, Ihres Vaters Freund, hat nicht mit Ihrem Wissen gehandelt? Ich will
es glauben. Kennen Sie den Regierungsrat Fuchsius? Still! Es kommt nichts
darauf an. Die Verlegenheit will ich Ihnen sparen. Gedanken fliegen nicht allein
durch die Lüfte, auch durch die Finger von Abschreibern. Sind Sie ein
Clairvoyant? Ja, ich hörte, aus der romantischen Schule. Sahen Sie die
Ausführung, Seite für Seite, Satz für Satz Wort für Wort durch die Mauer
schimmern? Sie schrieben vermutlich um Mitternacht, beim Vollmond. Sagen Sie
ja. Auf eine Illusion mehr kommt es einen Romantiker nicht an, und wir scheiden
in Freundschaft. Ich kann Sie noch als einen ehrlichen Menschen aus dem Sinn
schlagen, wenn Sie mir ehrlich versprechen wollen, künftig zu wachen, wenn Sie
über Dinge schreiben wollen, die Sie zu verstehen glauben.«
    »Ich bin kein Ödipus, Excellenz, und stehe sprachlos vor dieser Sphinx.« Der
Minister nahm ihm die Brochüre aus der Hand, aber indem er demonstriren wollte,
zerdrückte er sie in der Heftigkeit seiner Gestikulation. »Als ich sie
vorgestern in die Hand bekam, war ich entzückt. Der Anfang superbe. Das Vorwort
ist von Ihnen, das kann ein Geschäftsmann nicht. So wollte ich die Verordnung
vors Publikum gebracht, so eingeleitet. Selbst die Perrücken, durch die ich mich
schlagen muss, würden einigen Respekt vor dieser Überzeugungskraft, vor dieser
Gesinnung in blühender Sprache, die zum Herzen dringt, gewinnen. Das kommt von
Ihnen? Nicht?« »Wenn nicht ein unsichtbarer Geist es mir eingab, der sein
Eigentum reklamirt.« - »Machen Sie Ihre Sache nicht schlechter, als sie ist,
junger Mann. Gestehen sie offen Ihren Fehltritt ein. Von da ab hat der Teufel
der Eitelkeit Sie geplagt - Wort für Wort abgeschrieben.« - »Von wem?« - »Ich
will's noch glauben, dass Sie das Original selbst nicht kannten.« Der Minister
war mit einem stummen Wink dass der Andere ihm folge, in sein Arbeitszimmer
getreten. Vom Schreibtisch nahm er ein sauber mundirtes Promemoria und reichte
es Walter: »Lesen Sie, die Ausarbeitung des Herrn von Fuchsius, welche dieser
geschickte Arbeiter auf die von mir ihm angegebenen Ideen entwarf, ganz zu
meiner Zufriedenheit, ganz in meine Ideen eingehend.« Walter las, blätterte,
überflog mit steigender Verwunderung. Das Tema dasselbe, die Einleitung die
formelle eines Geschäftsmannes, die Einteilungen fast die nämlichen mit seiner
Schrift, dann eine Ausführung - es war fast Wort für Wort die seine - nur der
rhetorische Schluss ein anderer im Aktenstyl.
    Er liess das Papier sinken. Ein Lichtstrahl zuckte durch das Zimmer und auch
in seine Seele: »So ist der Streit nur um die Priorität!« - »Der Streit ist
entschieden,« fiel der Minister scharf ein, »Meine Gedanken über die
Regeneration des Bauernstandes sind älter als - was geht das Sie an. Fuchsius
teilte ich sie Ende des vorigen Jahres mit, wir hatten darüber Gespräche, seit
sechs Monaten ist er mit der Ausarbeitung des Promemoria beschäftigt, stückweise
kannte ich die Arbeit schon früher, in ihrer vollendeten Gestalt legte er sie
mir vor drei Monaten vor. Ihre Brochüre trägt die Jahreszahl 1806 an der Stirn.
Die Sache ist damit zu Ende.«
    Walter verbeugte sich und ging. Der Minister schien es nicht erwartet zu
haben: »Sie haben mir nichts mehr zu sagen?« wandte er sich noch einmal um.
    »Seit Sie mir zu sprechen verboten haben. Ich würde sonst, was Excellenz
vielleicht entgangen, bemerklich gemacht haben, dass es Buchhändlerart ist, auf
Druckschriften, die am Ende eines Jahres erscheinen, die Jahreszahl des
folgenden zu setzen; dass ferner unter meinem Vorwort das Datum steht, an dem ich
die Schrift vollendet, und das war schon in der Mitte vorigen Jahres, also ehe
Euer Excellenz Herrn von Fuchsius die Aufgabe stellten; ferner, wenn es in einer
so unwichtigen Angelegenheit darauf ankäme, könnte ich durch den Buchdrucker
mein Manuskript, durch das Zeugnis von Freunden darlegen, wie ich die
betreffenden Stellen bereits Anfang vorigen Jahres niedergeschrieben hatte. Ich
könnte auch bemerken, dass aus einer gedruckten Schrift, welche beinahe ein Jahr
cirkulirt, sich leichter Auszüge machen lassen, als aus einer schriftlichen, die
im Bureau eines Ministers unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit bewahrt
ist.«
    »Halt! Die sämmtlichen Exemplare Ihrer Schrift sind aufgekauft und makulirt
worden, ehe sie ins Publikum kamen.« - »Wer tat das?« rief der Erstaunte. - -
»Ihr eigener Vater. Weil er es bereute, liess er mir das letzte Exemplar durch
Herrn von Dohleneck zustellen.« - »So könnte ich schliesslich darauf aufmerksam
machen,« sagte Walter, »dass ich mit dem Herrn Regierungsrat in durchaus keinen
Relationen stehe.« - »Kennen Sie Herrn von Fuchsius?« unterbrach ihn der
Minister, der schon in der Mitte de Rede mit eigenen Gedanken beschäftigt
schien. - »Man rühmt ihn als einen unserer befähigtesten jüngeren Beamten, dem
eine glänzende Karriere bevorsteht.« - »Ich frage, ob Sie ihn kennen?
Persönlich? Schickten Sie ihm wirklich kein Exemplar? Wissen Sie, dass er keines
besessen?« - Als Walter den Mund öffnete, schoss wieder ein Lichtstrahl durch das
Zimmer. Er erinnerte sich, als er bei jenem anderen Minister eine Audienz
erhalten, dass Herr von Fuchsius damals aus dem Zimmer gegangen, dass dem Minister
kurz zuvor ein Vortrag über die Schrift gehalten sein musste. In dem ersten
Moment fuhr ein Lächeln über sein Gesicht. Er erinnerte sich, dass Fuchsius, als
er durch das Vorzimmer an ihm vorüber ging, eine Druckschrift aus der Tasche
sah.
    »Herr Regierungsrat von Fuchsius!« meldete in dem Augenblick der Amtsbote.
- »Soll warten!« sagte der Minister. »Im Bureau!« rief er dem Voten nach. Er
schien mit Gedanken beschäftigt, als er, die Hände auf dem Rücken, aus dem
Fenster sah. War Walter vergessen? Hatte der Staatsmann angenommen, dass er gehen
müsse? Sollte er jetzt gehen? Sich räuspern? Plötzlich wandte er sich um. Er
hatte ihn nicht vergessen, aus dem Pult riss er ein Konzept, und warf es hin:
»Versuchen Sie sich daran. Hier auf der Stelle. Da ist Papier und Feder. - Eine
Ausarbeitung - ganz nach Ihrem Sinne - an die Lineamente brauchen Sie sich nicht
zu halten; da ist viel dummes Zeug darin. - Eine Stunde haben Sie Zeit. Ich habe
Geschäfte, die mich wohl noch länger abhalten«
 
                         Siebenundsechzigstes Kapitel.
               Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben.
Die Tür schlug hinter ihm zu. - War das eine Rechtfertigung, dass der Minister
dem jungen, ihm fremden Mann das Heiligtum seines Arbeitszimmers mit den offen
stehenden Schränken überliess? Walter konnte wieder lächeln, als aus einem
halbgeöffneten Schubfach ein Körbchen mit Goldstücken ihm entgegenbljetzte. Da
lag auch ein versiegeltes Packet mit der Aufschrift: »Nach meinem Tode zu
verbrennen.« Vornehme Leute haben oft eigene Vorstellungen, wie sie die von
ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen. Jedenfalls war es nur eine
halbe Rechtfertigung; der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prüfen, ob
er im Stande sei, selbstständig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten. Das
Konzept, das ihm übergeben war, entielt flüchtige, von des Ministers Hand
hingeworfene Sätze, etwa folgender Art: Was allgemeine Stimmung, wenn kein
gesetzliches Organ dafür existirt! - Jeder Minister ausschliesslich in seinem
Geschäftskreise - ein König oder Gliederpuppe. Fehlt jedes Element, den König
aufzuklären über den wahren Status. - Geheime Kabinetsräte. - Dahinter war ein
dicker Dintenklecks. Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht.
Absolut nicht mehr möglich. Aut! - aut! - Fein anzufangen. - Dummes Zeug! So
Hardenberg nach heutiger Konferenz. Blücher würd's besser verstehen. - Dahinter
einige Striche, Federproben, Eselsohren!
    Daraus ein Promemoria entwerfen! Allerdings das Zeichen eines grossen
Vertrauens. War Excellenz' Denkweise so bekannt, dass er aus Chiffren und
Hieroglyphen ein System konstruiren konnte? Oder hatte er ihn absichtlich in ein
Labyrint gesetzt, um ihn auf bequeme Weise los zu werden, wenn er den Ausgang
nicht fand? Feder und Papier waren zurecht gelegt, aber Gedanken sollen dem
Schreiben vorausgehen. Sie im Promeniren zu sammeln, war die Stube zu klein. Und
es war drückend heiss. Er lehnte sich aus dem Fenster, um Luft zu schöpfen. Die
Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Strassen
Berlins. Die geputzten Spaziergänger, die nach dem Tiergarten eilten, suchten
die schmale Schattenseite. Er hörte ihre Gespräche. Nicht Einer, der nicht dem
Andern zurief: »Das ist mal heiss!« Jener machte die Bemerkung: Anno 99 wäre es
doch noch heisser gewesen. - »Ja, ja. so geht's!« schlössen zwei Bekannte mit
einem vielsagenden Händedruck ein Gespräch, in welchem sie sich eben nichts zu
sagen gewusst. »Schlechte Zeiten!« - »Wenn nur Friede bleibt!« - »Meinen Sie? -
Ja - ja - wer weiss!« - »Hab' ich's Ihnen nicht immer gesagt, es geht oder es
geht nicht.« - »Ja, wenn nicht der Bonaparte wäre!« - »'Ne sappermente
Wirtschaft!« - »Na, man wird ja sehen.« - »Und das Bier auch immer schlechter.«
- »Saure Gurkenzeit, Herr Gevatter!« - »Die armen Komödianten!« rief eine
geputzte Dame. »Nein, an solchem Tage spielen zu müssen!« - »Und Belmonte und
Constance!« - »Und in Pelzen, hu, Einem schaudert!« - »Und wie leer wird es
sein!« - Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opfertier, nicht eins, das
erst gebraten werden sollte, sondern das gebraten war vom Sonnenbrand, ein
junger Bursch im Sonntagsrock. Der Mund offen, die blassblauen Augen unter den
glatt herabhangenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele. Plötzlich
aber belebten sie sich von Pfiffigkeit; halb pustete, halb pfiff er, und war
seitwärts gesprungen nach dem Strassenbrunnen. Rasch klirrte die Pumpe, und seine
Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl. Warum
musste er es so laut machen, dass die Schwestern sich umsahn: »Aber Karl, Potz
Wetter, wie unanständig!« - »Nein Mutter, sieh! der Karl! der Junge hält doch
nie auf Reputation. Als ob er von 'ner Schusterfamilie wäre! Wie ein lebendiger
Strassenjunge!« - »Warte nur, wenn der Vater!« - »Du kriegst ja draussen Weissbier,
Karl,« rief die Mutter. »Wenn nur die wirklichen lebendigen Strassenjungen es
nicht gehört hätten.« Es schnalzte und grinste: »Strassenjungen! Wer sind denn
Eure Strassenjungen!« - »Und wer sind sie denn! Aus der Fischerstrasse!« - »Wenn
man sie nicht kennte! Die näht Pantoffeln. Selbst Schuster!« - »Und die Andre -
Schneidermamsell bei den Komödianten.« - »Dicke tun hilft nichts.« - Hätten die
geputzten Damen nur geschwiegen! Aber sie schwiegen nicht. Sie mussten ihre Ehre
verteidigen. Die Strassenjungen liessen sich in Berlin nicht überschreien. Die
korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter, sich mit dem »Kropzeug« nicht
abzugeben. »Selbst Kropzeug!« war das Echo. Das war natürlich nicht zu ertragen.
Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne: ob er das dulden wolle, seine
Frau Kropzeug genannt! Der Mann schien schon vorausgeschickt, das jüngste Kind
auf dem Arm, damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittirt werde.
Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen, in den der Kopf beinahe
versank, die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen hervorblickende
Pfeifenrohr passten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Teils der
Familie, und man durfte annehmen, dass er sich bei Hofjägers an einen aparten
Tisch setzen müsse. Aber in der Not hört solche Distinktion auf. Während der
Mann zurückkeuchte, so hastig, dass der Pfeife die Spitze abbrach, und er jetzt
vollkommen Grund hatte zum Zorn, hatte der Auftritt schon eine andere
Physiognomie angenommen. Fritz war von den Schwestern animirt worden. Dass einer
der Strassenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge »geblökt«, durfte er
doch nicht dulden. Der Täter lag auf dem Boden, und Fritz auf ihm, es war indes
zweifelhaft, ob er nicht bald unter ihm liegen würde. Da war es eben so
natürlich, dass der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr darunter sprang. Es
war auch nicht mehr Geschrei, kaum mehr das, was man in Berlin ein Aufgebot
nannte, es war das nächste daran. Vorübergehende standen schon, wie es sich
schickt, entweder still oder nahmen Teil, als ein Einspänner um die Ecke bog
und den Knäuel in etwas trennte.
    Es waren anständige Leute auf dem Wagen, der Herr Hoflackirer und seine Frau
mit ihrer Cousine Charlotte, deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimnis
blieb. Anständige Leute stossen Achtung ein, besonders, wenn sie Wagen und Pferde
haben. Anständig will Jeder sein. Der Herr Hoflackirer hatte aber seinen Rock
geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann, auch kutschirte er selbst,
und das Gestränge glänzte, wenn auch nicht von Silber, doch von etwas, was wie
Silber aussah. Hätte er nun die Peitsche knallen lassen, und ein donnerndes Wort
gesprochen von Auseinander! und Ruhe und Ordnung, und hätte den Wagen
durchrollen lassen, dann wäre Alles gut gewesen; aber er fragte: »Was ist denn
hier los?« Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger. Bei dem Durcheinander
von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen. Wenn man nicht
darüber ins Reine kam, wer ausgeschlagen habe, was weniger darüber, wer
ausgeschimpft hatte? Die Frau Hoflackir schien für die geputzten Damen mehr
Sympatie zu empfinden, während ihre Cousine die armen Jungen in so fern in
Schutz nahm, als man nicht gleich losschlagen müsse, wenn Einer mit der Zunge
blökt. Wenn die Damen im Wagen schon verrieten, dass sie im Inquiriren nicht
geschickt waren, so viel weniger der Hoflackir, der sich einige Blössen gab,
welche auch von diesem Auditorium gefühlt wurden. Schwierig war allerdings seine
Stellung, wenn er ausser den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen
seinen Beisitzerinnen schlichten sollte; man soll sich aber nicht zum Richter
bestellen, wenn man nicht das Zeug dazu hat, sagte nachher ein ehrbarer Mann.
    Die Frau Hoflackir musste durch eine sehr unanständige Geste eines
Strassenjungen in ihrem Zartgefühl verletzt sein, denn sie schrie auf, wie ihr
Mann auch dazu komme, unter dem Pöbel sie zur Schau zu halten! Hatte sie dabei
unglücklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet, denn
diese - der Zorn macht blind - nahmen den Affront auf sich. »Pöbel! Wer ist denn
hier Ihr Pöbel!« griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf. Jetzt
war es an Charlotten auch die ihre zu erheben: »Und wer sind Sie denn, meine
Damen, wenn ich fragen darf? Das ist meine Cousine, die Frau Hoflackir, und der
Herr Hoflackir, mein Cousin, hat immer nur mit anständigen Leuten zu tun.« -
»Sie meinen wohl, wir wären nicht anständig,« schrie die eine Geputzte, die den
im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glühende Gesicht gesetzt hatte,
nur nicht ganz in der vorigen Façon. - »Da müsste doch die Polizei mitsprechen!«
rief die Zweite - »Die Polizei,« rief Charlotte, »die kennt ihre Leute, und
weiss, wer sich Abends, wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht, von
Referendarien in Konditorläden führen lässt.« - »In Konditorläden! Das ist eine
ausverschämte Lüge! Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen, meine Dame.
Der Herr Referendar invitirten mich, aber ich sagte: das würde sich wohl nicht
schicken, Herr Referendar! Und wir sind da nicht hineingegangen.« - »Es kommt
mir auch gar nicht darauf an, wo Sie die Rosinen gegessen haben,« replicirte
Charlotte mit einem sehr feinen Blick. - Die zweite Schwester hielt die
Höflichkeit nicht mehr für angebracht: »Und woher Sie die Rosinen in Ihrem
grossen Munde haben, weiss man auch!« - »Ja, manche Leute,« fiel Charlotte ein,
»manche Leute haben einen sehr grossen Mund, und sehen Wunder wie aus, Sonntags
vorm Brandenburger Tor, wo sie Keiner kennt, aber vorm Hamburger Tor kennt man
sie auch.« - »Vorm Hamburger Tor!« schrie die Eine. »Vorm Hamburger Tor!«
wiederholte die Andere. »Da hätte man sie ja raus geschmissen, Knall und Fall,
wenn's nicht der Herr Wachtmeister gewesen wäre.« - »Mit Schmiedegesellen geben
wir uns allerdings nicht ab,« trumpfte Charlotte drein, »die sind uns zu
russig!« - »Sie ist ja eine Köchin!« fuhr die Jüngste auf. »Eine
Geheimratsköchin! Und eine für Alles! Die ursprünglichen Parteien waren
aufgelöst, vermischt; es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen
Sitzenden. Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat, ist verloren. Wie schwer
der Herr Hoflackir auch zur Empfindung zu bringen war, denn die Frau Hoflackir
musste ihm mit der Faust in den Rücken pauken, damit er nur merkte, dass sie
ohnmächtig ward, jetzt glaubte er fluchen zu müssen. Es geschah zwar mit einer
gewaltigen Bierstimme, aber weder mit den rechten Ausdrücken, noch mit der
rechten Folge. Zuerst Flüche aus dem Stall, dann Gründe. Ein Donnern, das mit
dem Säuseln des Windes endet, verfehlt seine Wirkung. Im Hohngelächter der Buben
blieb ihm nur das letzte Mittel, nach der Polizei zu rufen, und er schwor, so
wahr er Seiner Majestät Hoflackirer wäre, wolle er sie alle durch die Bank in
die Stadtvogtei schmeissen lassen. Ehe sich einer dessen gewärtigte, war
Charlotte plötzlich vom Sitz aufgesprungen, hatte sich übergelehnt, dem Schwager
Zügel und Peitsche entrissen, und liess mit einem: Platz! die Peitsche knallen.
Das mutige Pferd, des langen Geredes überdrüssig, bäumte sich mit einem Satz,
der dem Wagen zwar einen Stoss versetzte, dass die Frau Hoflackir ihre Ohnmacht
vergessen musste; aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten
zerhauen, den zu lösen dem Herrn Hoflackir am schwersten geworden wäre. Der
Haufe, der auf die Rodomontade schon zu Tätlichkeiten Miene machte, flog
auseinander, und Kies und Funken stoben.«
    »Kikelkakel Polizei!« rief Charlotte, als sie Zügel und Peitsche dem
verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf. »Darum lohnt sich's auch!«
Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflachir stöhnte: das komme davon, wenn
man sich mit gemeinen Leuten einlasse. - »Gemeine Leute, das geht schon,«
entgegnete Charlotte, deren Herz jetzt warm wurde, und ihre Zunge löste sich.
»Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet tun, Cousine, das ist um die Crepance
zu kriegen. Die Schmiedetöchter da an der Panke, Hufschmied war er für die
Fuhrleute und Bauern! Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen, da
sollte es oben raus. 'Ne Mamsell lässt sich auch gleich machen, habe ich oft zu
meinem Geheimrat gesagt. Das kostet Geld und Bildung, mit ´nem langen
Plunderkleid ist's nicht getan. Da mussten sie in die Komödie, vom Tanzboden
ins Corps de Ballet. Ging's nicht so, dachten sie, geht's so. Das kennt man ja.
Und Airs geben sie sich, wenn ein Offizier mal auf der Redoute: Meine Damen!
gesagt hat. Als ob man nicht wüsste, wie sie mal barfuss laufen mussten und
Reisig auf der Hucke tragen, das ist noch keine Sünde nicht, aber pfui, wer sich
schämt, was er gewesen ist. Und gegen den Vater wäre auch gar nichts zu sagen,
wenn er nicht so schreckliche Manieren hätte. Man merkt doch gleich den
Grobschmied raus. Und wo er zuschlägt, wächst kein Gras. Aber er ist doch mal
ihr Vater, und gestohlen hat er doch auch nicht. Aber die Mutter, na, lieber
Gott, wenn man von der erzählen wollte! Unter der Haube ist sie nun mal, aber
von vorher weiss man Geschichten. Gott bewahre mich, dass ich was sagte. Wer Allen
die Haube vom Kopfe reissen wollte, die jetzt hochmütig tun, und auf Andere
schief runter sehen, da hätte man viel zu tun. Einer den Andern verreden, da
ist die Schlechtigkeit der Menschheit, und bis das nicht abgeschafft ist,
Cousin, da können Sie mir glauben, ist's nichts in der Welt.«
    Einmal auf dem Einspänner, mussten wir ihn doch bis ans Tor begleiten. Wir
zweifeln nicht, dass Charlottens Lunge, die das auf dem damaligen Berlier
Strahenpflaster vermocht, auch draussen auf dem welchen Erdreich des Tiergartens
noch lange fortgefahren ist. Sie verschafte dem Hoflackirschen Ehepaare
jedenfalls den Vorteil, nichts von den Spitzreden zu hören, die unter lautem
Hohngelächter ihnen nachschallten.
    Hier war nur eine Partei zurückgeblieben, man möchte sagen, eine
Herzensseligkeit, und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Strassenjungen
um die Wette ins Wort, um den Fortgerollte etwas Kränkendes nachzuschicken. Der
Zorn, wenn er auch nicht mehr trifft, muss sich selbst genügen. - Nein, wenn
solche Leute sich herausnehmen wollen, die nichts sind! - Wer unter der
Gassenjugend kannte nicht die Geheimrats Charlotte! Wenn die anfängt, müssen
die Fischweiber unterducken. - Ja, mit den Fischweibern mag sie Trödel anfangen,
da ist sie unter ihres Gleichen, aber sich unterstehen, anständige Personen auf
der Strasse zu attaquiren! - Eine Köchin so aufgedonnert, ein Skandal, was die
Polizei verbieten müsste. - Die Polizei fragt freilich nicht, wo eine Köchin ihr
Umschlagetuch her hat. - Vom Wachtmeister hat sie es gewiss nicht erhalten? -
Wenn Charlotte sich einbildete, dass der Geheimrat sie heiraten würde, hier auf
der Strasse war es eine ausgemachte Sache, dass sie die Rechnung ohne den Wirt
gemacht. - Und ihre Cousine, mit der sie so gross tat! - Ja, wenn man nicht
Alles wüsste, wenn man sie nicht gekannt hätte! - Ja, der Herr Hoflackir war ein
honetter, proprer Herr, der auf sich was hielt. Immer adrett. Er zahlte baar.
Der arme Hoflackir, dass er sich von der Person hat herumkriegen lassen! Aber es
war ihm schon recht, warum war er ein solcher Schafskopf! - Die Wage des armen
Hoflackirs ward immer leichter. Arbeiten verstünde er, das müsste man ihm
lassen, aber sonst - ein Einfaltspinsel. - Und ohne die Weiber was wäre er! -
Barfuss, die Stiefel auf dem Rücken, war er durchs Hallesche Tor einwandert. Aus
dem Voigtlande! Ja, wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen! Und
wie hatte er es ihr vergolten! - Alls dem Voigtlande musste er herkommen, um
Andern das Verdienst wegzuschnappen, und dann will er er noch Polizei spielen
über Berliner Stadtkinder! Himmelschreiende Anmassung!
    Der honette, propre, adrette, immer baar zahlende Herr Hoflackirer wäre
gewiss noch schlimmer mitgenommen worden, hätte nicht die Polizei jetzt wirklich
mit vielem Geräusch versucht, die Gruppirung auseinander zu treiben. Sie jagte
sich mit den Gassenjungen. Die anständigen Leute ersuchte sie auseinander zu
gehen, denn je weniger jetzt zu sehen war, um so mehr drängten sich, um noch zu
sehen, was Andere vor ihnen gesehen hatten. Die ursprünglichen Tumultuanten
waren langst entwischt, und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied, jetzigen
Knopfhändlers, schon auf dem Wege nach dem Hofjäger, wo sie, nach einigen
Nachrichten, die wir aber nicht verbürgen wollen, sich mit der des Hoflackirers
verständigte, indem sie herausfanden, dass es nichts als ein Missverständnis
gewesen, was sie an einander gebracht.
    Unter den ehrbaren Bürgern war sehr ernstafter Disput über den Vorfall. Um
so besseres Streiten, als kaum Einer von denen, die stritten, noch mit Augen
gesehen, um was es sich stritt. In einem Punkt nur waren Alle einig: Warum war
die Polizei nicht früher gekommen? »War denn die Polizei überhaupt nötig?«
sagte der Begleiter einer ältlichen Dame, der etwas Fremdartiges an sich hatte.
Er war aus Amerika nach einem langen Aufentalt daselbst in seine Vaterstadt
zurückgekehrt. Man sah ihn verwundert an. »Haben Sie denn da keine Polizei?« -
»Wo man sie braucht. Was sich von selbst schlichtet, dazu ruft man sie nicht.« -
Die ehrbaren Männer schüttelten den Kopf: Es war ja ein Skandal! - »Doch nur für
die, welche sich um solche Bagatellenstritten.« Aber es ward ein Auflauf: es
hätte noch schlimmer werden können. Einer musste doch beispringen. »Hätten die
Nachbarn und ehrbare Bürger sich nicht selbst helfen können, wenn es ihnen zu
arg ward?« Man verstand ihn nicht. Das wäre noch hübscher, ehrbare Bürger um so
was zu inkommodiren! Die meisten Nachbarn meinten, es liege an der
Unvollkommenheit der Gesetze, man solle andere machen; nur waren sie
verschiedener Ansicht über das wie? Den Strassenjungen sollte verboten werden,
auf der Strasse zu schreien, verlangte der Herr Tabakskrämer drüben. Der
Schullehrer meinte: den Frauenzimmern müsse untersagt sein, in einem Putz auf
der Strasse zu erscheinen, der über ihren Stand ginge, denn daher komme doch die
ganze Geschichte. Ein Dritter: man solle nicht Jedem erlauben, auf der Strasse zu
plumpen, denn das sei der eigentliche Quell. Man kam zu keiner Einigung.
    Als die Leute erfahren, der Mann sei ein Amerikaner, erregte er den Respekt,
welchen in Berlin Alles beansprucht, was weiter ist. Mehrere der ehrbaren
Leute, die zugleich auch wissbegierig waren, umringten ihn mit bescheidenen
Fragen über amerikanische Einrichtungen. Einer, der ihm aufmerksam und
beistimmend zugehört, sagte: »In alledem, mein geehrter Herr, mögen Sie Recht
haben, aber ich frage Sie, wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in
Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten, wer reisst denn den
Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund?« - »Niemand.« - »Ja, mein Gott, wie
kann denn aber da Ordnung in Amerika sein!«
    Die guten Bürger schüttelten den Kopf. Die ältliche Dame, welche sich von
dem Amerikaner führen liess, und zu ihm in dem Verhältnis einer Verwandten oder
Bekannten stehen mochte, die, einst seine mütterliche Lehrerin, die langen Jahre
vergisst, welche den Knaben zum Mann erhoben, sagte mit der Feierlichkeit
überlegenen Wissens und doch mit dem gutmütigen Lächeln einer mütterlichen
Freundin, die Verirrungen sanft aufnimmt, weil wir Alle irren: »Du wirst überall
Ungläubige treffen, mein lieber Friedrich, wenn Du von den Vorzügen Deiner neuen
Welt da drüben sprichst. Und Dir selbst wird, wenn Du Dich nur wieder zurecht
findest, auch das Auge aufgehen, dass in keinem Staate so väterlich für das Wohl
der Bürger gesorgt ist, als in dem unseren. Nur in dem Einen hast Du Recht, da
ist es besser bei Euch, dass sie die Kirchen heizen! - Ja, ich habe es immer
gesagt, wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte, was hätten die Leute dann noch
zu klagen! - Nun, wer weiss, wenn ich die Augen schliesse, kommt man wohl auch
noch dahin! Die grossen Herren hier haben immer an Anderes zu denken, was ihnen
wichtiger scheint, darüber vergessen sie das Nächste. -« »An diesem heissen
Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste, liebe Tante,« entgegnete der
Amerikaner. - »Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen, dann ist es
im Winter zu spät. Im Winter aber denken sie, nun, es ist ja noch Zeit, es kommt
ja der Sommer. So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts.«
    Es war eine alte bekannte Dame der Residenz, gleich geschätzt wegen ihrer
Wohltätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes. Nur war sie eben
so bekannt wegen dieses Steckenpferdes, das ihr zur fixen Idee geworden. Sie
meinte, die Armut fühle sich erst recht, wenn sie in ihren Lumpen in den kalten
Gotteshäusern stehe, wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz
anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen
zurückkehren würden, gleich wie ein Satter gegen die Verdriesslichkeiten des
Lebens geharnischt sei, wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt. So
wusste sie zu beweisen, dass aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich
frommer Sinn, allgemeine Menschenliebe, sondern auch Zufriedenheit,
Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit, kurz ein glückliches,
vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse.
    Die Strasse war wieder still geworden und Walter sass am Schreibtisch. Er
schlug die Augen nieder. Es war eine ermattende Luft. Er schüttelte die Träume,
aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück. Eine Seite stand fertig
geschrieben, als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte: »Lohnt es
sich denn um dieses Volk! Will es anders sein als es ist! Weiss es, was es wollen
muss, um aus der Dumpfheit der Eristenz -«
    Er trat noch einmal ans Fenster.
 
                          Achtundsechszigstes Kapitel.
              Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben.
Es war nicht gerade kühler geworden, aber die Sonne prallte nicht mehr vom
Pflaster und den hellen Häusermauern zurück. Sie war hinter das Dach eines hohen
Hauses gesunken. Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Tore hinaus.
Da ging sein Vater, im Arm den Rittmeister von Dohleneck. Seltsame Freundschaft
vom neuesten Datum! Er lächelte über das Gerücht, das der Witz der Berliner
Börse erfunden: sein Vater wolle ihn enterben, weil er keine Schulden gemacht,
um den Rittmeister zu adoptiren, der viel Schulden hatte; denn die Firma Walter
van Asten verdanke ihren Kredit Denen, die keinen hätten. Ihre Schuldigkeit sei
es daher, das Schuldenmachen zu begünstigen. Er wusste nun, was seinen Vater und
den Offizier aufs Neue verband. Es war kein angenehmer Gedanke. Er wollte nicht
durch einen Vater, noch weniger durch einen Gensd'arme-Rittmeister, es war sein
Stolz gewesen, nur durch sich empfohlen zu sein. »War das nicht auch vielleicht
Phantasie,« fuhr er aus seinen Träumen auf, »eine fixe Idee, wie die der guten
alten Oberkirchenrätin? Bewegen wir uns nicht Alle in einem grossen Gespinnst,
über das wir nie hinausfliegen, wie wir uns auch anstrengen? Wir sehen nur nicht
das Gängelband, an dem man uns führt. Ja, Alle sind wir eingeführt in die
Kreise, wo wir wirken sollen; der durch seinen Namen, Herkunft, der durch die
glatten Wangen, das Geld des Vaters, es war ihm mitgegeben, als er geboren ward.
Der ruft den Schneider, den Coiffeur, den Tanzmeister zu Hülfe. Sie lesen,
bilden sich, um zu wirken. Was wäre unser ernstestes Studium, wenn uns nicht
doch, als endliches Ziel, ein Wirkungskreis vor Augen stände, der uns gefällig
machen soll, uns unter den Menschen erhebt, einen Einfluss verschafft! Warum nun,
wo wir immerfort Hülfe suchen müssen, um die Lücken unseres dürftigen Ichs
auszufüllen, die von uns stossen, die man uns darreicht, die von selbst da ist!
Das Netz, das uns umschlingt, heisst Konnexionswesen. Ist's nicht in unsere Natur
eingeimpft, bedingt durch unsere Gesellschaft, unser Gemeinwesen, lag es nicht
ausgeprägt in unserm zünftigen, deutschen Sippschaftswesen? Der Sohn schlüpfte
in die Kundschaft, Rüstung, die Lehen seines Vaters, die Gesetze drückten ein
Auge zu, die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem
Recht. So überall. Wir sehen freilich Lumpe auf diesem Wege steigen, wo das
Verdienst zur Tür hinausgewiesen wird. Warum lässt es sich ausweisen? Warum
greift es nicht zu den Mitteln, welche die Vorsehung ihm bot? Ist das nicht viel
mehr Hochmut, vielleicht der impertinenteste Dünkel, sich nur selbst genügen zu
wollen? Sollen wir nicht klug sein, wie die Schlangen? Und was Klugheit!
Grassirt nicht unter diesen Menschen die Manie zu protegiren? Sie locken uns;
wir brauchen nur zuzugreifen. Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit
Derer, die aus sich nichts machen können, Andere zu erheben, die sich ihnen
fügen, ihren Launen schmeicheln, in ihre Gedanken hineinlügen. So entstanden
Schulen, künstlerische, philosophische, religiöse, so erwuchs das Königtum zu
der mytischen Grösse. Man erhob sich, weil man Kleinere unter sich gross werden
liess. Man unterliess den Pyramidenbau, weil man inne ward, dass man doch nicht
über die Wolken dringe; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füssen
betrachtete, um so erhabener dünkte man sich selbst. Es ist ihr Spielzeug, warum
erfassen wir es nicht, und lassen sie spielen zu unserm Zwecke!«
    Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe, schräg dem Hotel gegenüber. Ein Teil
dieser Fenster war mit grünen Jalousieen verschlossen; sie schienen nicht erst
heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen, der dicke Staub darauf sprach von
einem langen Verschluss. Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines, worin
Krankenluft wehte. Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren. Er
hielt seitwärts. Man streute das Stroh langsam auf das Pflaster vor dem Hause.
Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf, eine
weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus. Die Geheimrätin Lupinus gab den
Leuten Anweisungen, die er nicht hörte. Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde
und wehte sich frische Luft zu. - Man nannte die Lupinus eine unglückliche,
schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau. Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe,
mit welcher sie die harten Unfälle, die Schlag auf Schlag sie trafen, ertrug.
Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten, und musste von
ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden, zuweilen auch an sich selbst zu
denken. Die Zufälle des Geheimrats sollten besonderer Art sein, und er seine
Pflegerin durch wunderbare Phantasieen plagen. Von alledem merkte man nichts,
wenn sie in der Gesellschaft erschien. Sie sprach von dem, was ihr bevorstehe,
mit Ruhe und Fassung. Sie mache sich keine Illusionen, wenn auch die Ärzte ihr
Trost zusprächen: mit einem Seufzer fügte sie hinzu, sie habe in ihrem Leben die
Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennen gelernt. Sie citirte gern
Stellen aus Mendelssohns Plato. Was sei denn das Leben anders, als ein Gefängnis
oder ein Wachtposten, aus dem die Seele sich hinaussehnt nach Befreiung oder
Ablösung. Sie blickte auch wohl nach den Sternen, und schien über sich selbst zu
lächeln, wenn sie in zwei kleinen, die sie bezeichnete, die lieblichen Kinder zu
sehen glaubte, die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben
müssen. »Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin,« setzte sie
mit einem sanften Händedruck hinzu, »dazu bin ich verdorben. Meine Freunde sagen
zu oft, dass ich es am Ende glauben muss, ich sei eine Philosophin. Die
Leidenschaften, die uns verwirren und aufregen, wer kann von sich rühmen, dass er
sie ganz bewältigt, um zu der Ruhe der Seele zu gelangen, welche uns zu wahrhaft
Freien macht! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin, wenn ich nicht einmal so
weit Herr über mich ward, wie mein guter Mann? Er sieht seiner Auflösung mit der
Ruhe des Gerechten entgegen, froh wie ein Kind jeden Augenblick geniessend, der
ihm noch geschenkt ist; der Sonnenstrahl, der in sein Zimmer fällt, presst ihm
ein Lächeln aus, er weht mit der Hand durch die Sonnenstäubchen; er streichelt
den Kater über den Rücken: was wird aus Dir nach meinem Tode werden? Er kann
noch scherzen: ob man nicht Versorgungsanstalten für treue Haustiere einrichten
solle? Mein Herz blutet bei diesen Scherzen, und das sollte eine Philosophin
nicht. Sie sollte auch nicht mehr hoffen, wo der Verstand ihr sagt, dass hinter
der Hoffnung ein Strich gemacht werden muss. Ich kann es noch nicht,« sprach sie,
sich plötzlich abwendend, das Tuch am Gesicht, »da sehen Sie, was ich für eine
Philosophin bin!«
    Die Geheimrätin Lupinus ward allgemein bewundert, aber man fröstelte bei
dieser Bewunderung und man vermied sie. Walter hatte scharfe Augen. Das Gesicht
kam ihm heute besonders spitz vor. Sie schielte ja. Fiel nicht ihr Blick
seitwärts über die ganze Strasse? Wie kam ihm die Vorstellung von einem
Brennglas, das in der Ferne zünden soll? Er hatte niemals Zuneigung für sie
empfunden. Wie oft hatte er im Gespräch über ernste wissenschaftliche
Gegenstände die Schärfe ihres Verstandes, ihre Phantasie im Kombiniren
bewundert, aber es war, als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die
Anschauung überzog, eine ätzende Substanz, welche die eben noch blühenden Farben
verzehrte; aus dem Gemälde ward ein blauer Kupferstich. Er war nie erhoben durch
ihr Gespräch, er ging nie froh von ihr. Was wollte diese Frau? Jetzt eine
Philosophin, die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen; jetzt schien
ihre Brust sich zu heben von Hochgefühlen für Vaterland, Freiheit, für die
Heroen der Menschheit. Fand sie eine Schranke, eine eiserne Wand, vor der sie
zurücksank nach verzehrendem Kampf? - Nein, ihre Flügel schienen schon erlahmt,
wenn die Zuschauer fortsahn. Und dann wie das Vogelgeschlecht, das auch Flügel
hat, aber nie in die Wolken sich erhebt, flatterte sie im Frivolen, Eitlen,
gehoben von keinem andern Drang als dem der Gefallsucht. Tausende, die nach dem
Interessantsein haschen, zufrieden, wenn irgend etwas als vorzüglich anerkannt
wird, sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier, ein kleiner Fuss. ihr feines
Whistspiel. Wo blieb sie denn stehen, woran hielt sie sich? fragte er sich. Wäre
sie sich selbst genug? Auch die Vorstellung, von Allen verkannt zu sein, es ist
eine bittere Wollust, aber sie mag zur Säule werden, auf die zuletzt allenfalls
eine Säulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewühl
herabsieht.
    Aber - nein, dazu pulste ihr Blut zu ruhig. Der holde Wahnsinn spielte nicht
um ihre Schläfe, sie, jeden Augenblick die sich bewusste Beherrscherin ihrer
Worte, ihrer Mienen. Wusste sie ja sogar, dass sie den Männern nicht gefiel, dass
Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken. Gefühlvolle erkältete ihr Gespräch,
Geistvolle fühlten sich gelähmt, nur Solche gerieten in Entzückungen über ihren
Geist, die von ihr sich heben und tragen lassen wollten, und auch diese nur so
lange, bis sie ihrer nicht mehr bedurften. Und auch das wusste die
Unglückselige! Wohin er blickte, was sie gelten wollte, sie erreichte es nicht.
Schwärmte sie für Napoleon, studirte sie Plato, begeisterte sie Fichte, erglühte
sie für die Schönheitsformen des Altertums, war sie plötzlich von patriotischen
Gefühlen für die Ehre des Vaterlandes erweckt, war sie die liebevolle Pflegerin
des kränkelnden Gatten? Nichts von alledem! Walter hatte matematische Beweise
dafür.
    Sie schloss jetzt wieder die Jalousieen. Die spitzen Finger der magern Hand
waren noch sichtbar, wie sie sich mühten eine Schlinge an einen Wandnagel zu
befestigen. Es gelang nicht so schnell. Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas
Unheimliches für Walter. Was wird sie nun drinnen in der dunklen Stube anfangen?
Handarbeiten? Sie nahm sie nur vor, wenn Fremde da waren, gewisse angefangene
Stücke, die er gut kannte. Stickereien, Nähtereien, die aber nie fertig wurden.
Würde sie sich ans Bett des Kranken setzen, den Schweiss von seiner Stirn
wischen, seine magere Hand liebevoll streicheln? Er glaubte durch die Mauer zu
sehen, dass sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte. Vielleicht ergriff sie
eine Lektüre? - Was sollte sie lesen? Und am Krankenbett! Da lagen gewisse
Bücher, Mendelssohns Plato, Tiedge's Urania, Fichte, Schleiermacher,
aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische. Je nach dem Besuch,
der sich meldete, ward eins auf den Tisch gelegt. Die Geheimrätin galt für eine
sehr belesene Frau, sie sprach mit Geist über die Novitäten, die - sie nicht
gelesen hatte. Walter hatte sie für sie lesen, ihr den Inhalt vortragen müssen.
O er wusste Bescheid im Hause; und wie viel hatte ihm Adelheid mitgeteilt! -
Ein Schmerz, ein Gedanke, ein Blitz zuckte durch seine Brust. Was hatte sie mit
Adelheid gewollt? - Nicht drei Tage waren vergangen, und sie hatte sie gequält,
alle ätzende Schärfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen. Was war
denn ihre Absicht? Sein Herz pochte immer heftiger. Ein Möbel, ein Schmuck des
Hauses, den man ankauft, um Gäste anzulocken, verdirbt man nicht, man bemüht
sich nicht, ihm die natürliche Farbe, seinen Glanz zu rauben. Aber hatte nicht
diese Frau - Adelheid hatte es nie ausgesprochen, in ihrem stocken, ihrem
Zittern hatte er es gelesen. Mein Gott, was sie gewollt! - Dunkle Bilder wogten
vor seiner Stirn - der Legationsrat, sein rätselhaftes Verhältnis zur Lupinus!
Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen? - Nein, vergiften - sie vergiften.
Aber warum, womit? Weil Unglückliche den Anblick von Glücklichen nicht ertragen
können? Weil der Adel einer rein gottgeschaffenen Seele zum beständigen Vorwurf
für Die wird, welche diesen Adel eingebüsst. Es war plötzlich eine Überzeugung.
die ihn durchdrang. Aber war es nur Instinkt gewesen, oder hatte sie
systematisch gearbeitet? Mein Gott, ist es denn möglich, dass eine Frau
systematisch an ein solches Geschäft geht! Es war wohl nur ein Gebilde des
Argwohns, und doch - alle ihre Handlungen - und boten Erfahrung und Geschichte
ihm. nicht hundert Beispiele einer solchen Verführungslust bloss aus dem Gelüst
zu verführen? Wie man dem Tobsüchtigen Wasserstürze gibt, hatte sie auf alle
ihre warmen Gefühle einen Eisguss geschüttet. Das junge warme Herz, ja es sollte
systematisch erkalten, vor der Zeit absterben, - nicht an eigenen bitteren
Erfahrungen, an denen einer egoistischen Seele, die nicht mehr Liebe, Glaube,
Hoffnung kannte. Ein blühendes Geschöpf, von der Natur mit allen
Frühlingsregungen begabt, wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen. War sie
das selbst? - Nein, etwas lebte doch in der Frau, ein geheimes Feuer - Hass,
Neid, eine stille Wollust des Egoismus. Eine kalterzige Egoistin ist zu Allem
fähig. - So wollte sie Adelheid präpariren, zu einer Mitsünderin, einer
Verlorenen, Trostlosen.
    Und er selbst! - Stand er ohne Schuld da? Hatte ihn nicht längst eine Ahnung
überschlichen, dass die Lupinus dies beabsichtigte? Und hatte er die Ahnung nicht
aus dem Sinn geschlagen, und aus Eigennutz? War es nicht sein Wunsch gewesen,
dass seine Braut dort aushalte, weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte,
weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimrätin seinen Wünschen entgegen zu
kommen schien, weil er unter andern Verhältnissen, in einem andern Hause für
seine Hoffnungen fürchten musste? Darum hatte er, zwar nicht gegen seine Pflicht
gehandelt, aber doch - die Gedankensünde begangen. Selbst ein Egoist, wagte er
Andere anzuklagen!
    Da rollte die Equipage der Fürstin vorüber, im Fond diese mit Adelheid, auf
dem Rücksitz sass Louis Bovillard. Die Fürstin schien zu schlummern. Adelheid und
Louis sahen nichts, sie sahen nur sich. Der Wagen war verschwunden, eine
Erscheinung.
    Ein »Gott sei Dank!« löste sich aus Walters Brust, vielleicht von seinen
Lippen. Er fühlte eine wohltätige Transpiration. Das Schicksal hat es so, es
hat es vielleicht zum Besten gefügt. Ja, im Kontobuch stand noch seine Schuld
auf der Seite »Soll«,.aber sie war ausgeglichen auf der Seite »Hat«. Er hatte
nichts mehr. Seine Geliebte war die Geliebte eines Anderen. Sie war gerettet,
und er - verloren? Nein, er war nur frei geworden, um sein ganzes Ich, ohne
Egoismus, hinzugeben einer andern Geliebten, liebten, dem Vaterlande, der Idee,
als deren letztes Ziel in der Ferne - Deutschlands Errettung vom Fremdjoch
schwebte.
    Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch und seine Arbeit förderte sich.
Er war fertig, als der Minister eintrat.
 
                          Neunundsechszigstes Kapitel.
                            Alles für einen Andern.
Die verfinsterte Stirn des Ministers, mit welcher er eingetreten, erheiterte
sich nicht, als er das Papier durchlas. Er flog es nur noch über, als er es auf
den Tisch fallen liess.
    »Das ist nichts - gar nichts.« - »Euer Excellenz Ideen -« »Die Ausführung
taugt nichts. Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den Freimütigen. Oder an
die Zeitung da in Leipzig. Wir arbeiten hier nicht für die elegante Welt.«
Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verengte sich, den Entlassungswink
anticipirend.
    »Empfindlich! Das taugt nicht für die Staatskarriere.« - »Da meine Schrift
nichts taugt, kommt wohl darauf nichts mehr an.« - »Man darf nicht der
Empfindlichkeit nachhängen, wenn man sich berufen fühlt, für das Gemeinwesen
tätig zu sein.« - »Mir wird eben der Beruf abgesprochen.«
    Der Minister hatte, ohne ihm zu antworten, das Papier wieder in die Hand
genommen, und klopfte, indem er sprach, mit der umgekehrten Hand darauf. -
»Dürfte« - »sollte« - »wagte!« »Wie soll das wirken! Das gleitet an den
blasirten Ohren vorüber, wie eine obligate Flöte, die den Waldsturm
akkompagniren will. Das Gleichniss vorn, machen Sie ein Gedicht daraus. Diesen
hier muss man derb, Schlag auf Schlag, die Notwendigkeit vors Auge führen. Da
ist ein guter Passus, aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt. Und wie
sollten sie die Anspielung verstehen? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen, es
ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen.«
    Walter äusserte etwas davon, dass die Stellung eines Anfängers, der kaum in
das Geschäftsleben geblickt, ihm nicht erlaube, sich so fort in die Stellung des
Ministers gegen seine Kollegen, oder gegen die Majestät des Königs zu finden.
»Das glaube ich gern,« sagte der Minister, der, sichtlich erschöpft und mit
andern Gedanken beschäftigt, sich auf das Ruhebett geworfen. »Man muss Vieles
erst lernen.«
    Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung. Der Minister
blätterte in einem Notizbuch. Hatte er ihn vergessen? Plötzlich sprach er:
»Setzen Sie sich und schreiben!« Walter folgte mechanisch. »Nein, hier neben
mir; ich will Ihnen ins Gesicht sehen.« Der Minister sah ihm, kaum zwei Schritte
entfernt, ins Gesicht. War das wieder eine seiner eigentümlichen réparations
d'honneur oder sollte es eine Prüfung sein? Der Minister dachte an beides nicht.
Er übersann ein Tema, mit dem er nicht fertig werden mochte, er steckte das
Gedenkbuch wieder in die Tasche: »Es ist gut, ein ander Mal.«
    Was sollte das heissen? - Er bestimmte ihm einen anderen Tag. Nein, morgen:
überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde. Weshalb? Wozu?
    »Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden. Die Branche, für die Sie
sich eignen, muss sich erst ermitteln.«
    Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an: »Eben war ich auf das
Schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt -« »Das ist ausgeglichen,« fiel der
Andere ein. »Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben, sich dem Staatsdienst widmen.
Ich nehme Ihr Anerbieten an. Wie gesagt, bis sich etwas Bestimmteres findet,
betrachte ich Sie als meinen Privat-Sekretär. Ich kann in vielen Dingen Ihre
Feder gebrauchen.« - »Ich bin noch nicht gereinigt. Nach einer so schweren
Anklage muss der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen.« - »Sind
Sie so punktiliös? Ich sprach mit Fuchsius. Die Sache klärt sich einfach auf.
Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war, kam ihm Ihre Schrift zu
Händen.« - »Er räumte ein -?« »Dass er sie benutzt hat.« - »Wer gab ihm ein Recht
dazu?« - »Er hielt die Schrift für eine preisgegebene, verschollene - machen Sie
das mit ihm aus.« - »So entblödete er sich nicht, eine fremde Arbeit für die
seine auszugeben.« - »Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe, die
Ausführung -« »Dreiviertel seiner Schrift -« »Unter anderen Verhältnissen auch
würde ich es nicht gut heissen. Hier galt es, eine schwierige Arbeit bald und zum
Zwecke tauglich herzustellen. Die suprema lex, das salus reipublicae. Warum
doppelt schreiben, was einmal zum Zweck genug ist?«
    Der Minister wollte den Regierungsrat gerechtfertigt sehen, es wäre von
Walter töricht gewesen, jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung bestehen.
Er gab sie nicht auf, aber er schwieg, weil er auf des Staatsmannes Stirn andere
Gedanken gelagert sah. »Ich brauche Jemand, auf den ich mich verlassen kann,
der, offenen Kopfes, fähig ist, im Umgang, in der Gesellschaft sich geltend zu
machen. Verstehen Sie, Jemanden, der nicht mit de Tür ins Haus fällt, was man
mir wohl zum Vorwurf macht der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form
zu schmelze weiss. Nicht ein Haarbreit darf er abgeben, aber den Widerstössen soll
er eine gewisse Elasticität entgegensetzen. Ich muss ihn brauchen können, nicht
zu förmlichen Missionen, für die Form ist Vorrat die Fülle, aber zu
gelegentlichen. Keinen Spion, aber er soll die Sinne wach haben. Keinen -« der
Minister hielt inne, und als er Walters sich rötende Stirn bemerkte, kam er
schnell dem Missverständnis entgegen. »Er muss von Geburt sein, einen Namen haben,
der ihm überall Eingang verschafft, auch am Hofe. Das ist das Traurige, dass die
Minister nie mit voller Kraft nach aussen und nach innen wirken können, dass sie
der Vermittler, Unterhändler bedürfen, nennen Sie's immerhin Kundschafter, die
sie mit dem Hofe, den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich
Kabinetsräten aufpassen. Jammervoll, unnatürlich ist es, ein Kraftzersplittern,
was die besten Intentionen erlahmt, aber es ist nun mal so, und gegen ein Gift
braucht man ein Gegengift.«
    »Unter den Männern von Geburt werden Excellenz eine reiche Auswahl haben.«
Der Staatsmann verstand den kleinen Parirhieb, aber mit einem vornehm leichten
Aufzucken ging er über etwas hinweg, was zu beachten er nicht für wert hielt.
    »Die besten sind geschulte Puppen, wenn redlich, steif wie ein Wegweiser.
Sie machen Front dahin, wo sie vor zwanzig, dreissig Jahren den Feind sahen; dass
die Dinge sich verändert, dass er jetzt von den Flanken, vom Rücken droht, ist
ihnen nicht begreiflich zu machen. Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt.
Über das Militär rede ich nicht, nur vom Civil. Da stehn die Posten, wo man sie
hingestellt, sich brüstend, dass sie die Stelle nie um einen halben Fuss breit
verlassen, aber unaufmerksam, wenn die Contrebande drei Schritte von ihnen bei
hellem Tage über die Grenze dringt. Was geht es sie an, sie tun ihre Pflicht!
Wenn die dumpfe Tugendtreue, eigentlich nur Bequemlichkeit, sie auszuhalten
drängt, so wäre ihre höhere Tugend und Treue, ihre Befehlshaber aufmerksam zu
machen, dass man ihre Kräfte besser verwende. Vor dieser Anmassung, Überschreitung
ihres Dienstes, erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den
heiligen Geist. Mag das Vaterland untergehen, wenn sie nur an ihrem Schilderhaus
präsentiren. So nicht Einer, nein, Alle, keine Freiheit des Urteils, keine
selbsteigene Bewegungskraft. Je besser die Normalpreussen geschniegelt, gebürstet
und geschnürt sind, so kleiner der Kern des Menschen darin. Ja, in Manchem, wenn
man ihn aushülst, ist's hohl, das Mark in die Rinde geschossen.«
    »Die Klage der Patrioten ist doch, dass von dieser Schule sich nur zu Viele
frei gemacht,« entgegnete Walter. -
    »Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist, was wundern wir uns über
die Überläufer zum andern Extrem? Diese Ungebundenheit, Frechheit, Lascivität in
der Meinung und den Sitten, preise man sie immerhin als Geistesfreiheit,
Aufklärung und Liberalität, es sind nur die Symptome einer Auflösung -« »Vor der
Gott uns bewahre!« fiel Walter ein. - »Und nicht bewahren wird, wenn wir nicht
selbst etwas dazutun, wenn wir nicht -« Der Minister war aufgesprungen, er
unterbrach sich selbst gewaltsam. Dass er so weit in der ersten Stunde des
Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen, schien diesem ein besseres
Zeichen der Ehrenrettung. - »Kennen Sie den Legationsrat Wandel?« fragte der
Minister plötzlich. - »Er ist ein Ausländer.« - »Ausländer!« - Mit einem Lächeln
fuhr der Minister fort: »Scheint doch dieser Staat destinirt, von Ausländern
seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen. Schwerin war ein
Schwedisch-Pommer, Keit ein Brite, Derfflinger ein Österreicher; auch ist der
wackere Blücher ein Mecklenburger, Hardenberg ein Hannoveraner. Moses
Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken, und die Väter eines guten Teils
unserer Diplomatie, unserer Staatsmänner und Offiziere wussten vor den
Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes,
das Brandenburg heisst. Vergessen Sie auch nicht, junger Mann, dass die
Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind. Eingewanderte, wenn Sie
wollen, ich hielt sie für mehr, für Eroberer, - wie der Nilstrom Ägypten erobert
hat.« - »Man sagt, Herr von Wandel sei im Türingischen angesessen. Noch Andere
geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande.« -
»Meinetalben Island oder Teneriffa, wenn - man muss sich gewöhnen, Preussen
anders zu betrachten, als nach dem Naturprozess. Nation und Staat waren hier
nicht eins, sie wurden es. Es kostet auch mich zuweilen Mühe, von den
mitgebrachten Vorstellungen zu lassen. Aber es geht nur so, nicht Anders, oder
Alles zerfällt. Es war allein der Geist dieser grossen Fürstin, der das
Verschiedene, Fremdartige aneinander kittete, einen Hauch hineingoss. Diesen
Geist muss man lebendig erhalten, immer wieder wärmen die junge Tradition, damit
sie nicht alt wird. Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht und
Wärmestoff. so greifet nach draussen. Was anderwärts Verbrechen, hier ist es
erlaubt, Gebot der Notwendigkeit, der Selbsterhaltung.«
    »Ich habe nicht die Ehre, Herrn von Wandel näher zu kennen.«
    »Das Mysteriöse, womit er sich umgibt, schreckt die Menschen zurück. Ich
mag Die nicht tadeln, welche sich hier vor den Blasirtenen verschliessen. Eine
eiserne Maske vors Gesicht, um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu
verraten!« - »Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu, als abzustossen.« -
»Charaktere und ernste Sitte bedarf die Nation; der Staat darf es nicht so genau
nehmen. Eine Libertinage, die nicht die publiken Sitten verletzt, darf ich
übersehen. Er weiss das Siegel des Anstandes darauf zu drücken. Er beobachtet
scharf, hat merveillöse Kenntnisse, Takt, mit seiner Suada entlockt er
Geständnisse, ohne selbst etwas zu verraten, er ist bei den Frauen beliebt,
eine fast unerlässliche Eigenschaft eines Diplomaten, den man brauchen will,«
setzte der Minister lächelnd hinzu. - »Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin
sind Stadtgespräch.« - »Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich. Und
zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden, er fürchtet ihn. Das spricht zu seinen
Gunsten.« - »So haben Excellenz bereits entschieden -« »Wenn er Feuer in der
Brust sich bewahrt hat. Er muss noch glauben können, wenn er nicht mehr lieben
kann, hassen, doch aus Herzensgrunde, das Schlechte, Erbärmliche, die
Verräterei, das Schöntun mit den Fremden; er muss noch hassen können, denn wer
nur im Sumpfe fortschwimmt, mit der Resignation, endlich doch zu ertrinken,
passt nicht für mich.« - »Er gilt als in intimem Conner mit den Männern der
Lombardischen Clique.« - »Wissen Sie, ob er diese Kreaturen nicht nur
belauschen, durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur, wenn sie eine haben, ihre
geheimsten Gedanken herauslocken will? Wissen Sie, ob hinter dieser Indifferenz,
diesem blasirten Weltbürgertum nicht ein Hass glimmt, wie ich ihn wünsche? Ja,
dahin sind wir gekommen: bis er seine philantropischen Schwärmereien, jenen
Allerweltsgerechtigkeitssinn, ohne sich selbst je gerecht zu werden, nicht durch
Kasteiungen und Blut sühnt, bis er nicht wieder zum Egoisten wird, ist
Deutschland verloren.«
    »Ich glaube, Excellenz, in diesen Studien befindet sich auch unser Volk.« -
»Studien!« Da liegt das Elend. Studien vor einer Krisis! »Der Hass, der seine
Verwünschungen ins Firmament speit, tut es nicht, der Weltsturm treibt die
Dünste fort, ehe es zum Gewitter kommt! Handeln! und bis dahin liessen wir's
kommen, dass wir nicht mehr offen handeln dürfen; die Tugend, die Tatkraft muss
sich verbergen, hinter einer Larve agiren. Schlimm, dass es ist, aber es ist. Wir
brauchen die Tugenden der Brutus, behüte uns Gott vor ihren Dolchen, aber jener
zähen Festigkeit, die ihre Gefühle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern lässt,
sondern sie verschliesst, im Stillen nährt, bis der Augenblick der Tat kam.
Weshalb preisen wir jenen Mann, mit dem unsere Geschichte anfing? Spielte der
römische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten, radotirte Arminius in den
Kaffeehäusern über Deutschlands Unglück, sang er Lieder zur Guitarre, zum Ruhm
seines unvergänglichen Vaterlandes, damit die Römerinnen dem blondhaarigen
Schwärmer Bravo klatschten? Er schwieg und hatte die Augen auf, er schwieg und
diente, um zu lernen, er schwieg und sammelte Hass und Hass, bis es ein Stock
ward, den Feind zu zermalmen. - Wir sind herabgedrückt, entwürdigt, bis zu
dieser Lage.« fuhr der Minister nach einer Pause fort; »aber noch schlimmer als
die wirkliche Tatsache. wenn wir sie uns zu verbergen suchen. Offen es uns
selbst eingestanden, dass ist der erste unerlässliche Schritt zur Rettung. Mir
graut vor diesem Bramarbasiren, vor diesem Kornetsdünkel. Ich liebe die stillen
Menschen, die sich des Urteils entalten, weil ich denke, sie könnten doch
Vernünftiges, denken, wo die lauten Denker nur Unsinn zu Tage bringen.« Der
Minister hatte ausgesprochen. Er ging noch in Aufregung umher, aber sein Blick
forderte unsern Freund auf, seine Meinung auszusprechen.
    »Einige, dünkt mich, sind still aus Überzeugung, weil ihre Ansicht nicht
verstanden würde, Andere aus Furcht, die Mehrzahl aber, meine ich, aus
Spekulation, um sich nicht zu kompromittiren, wenn die Dinge anders ausschlagen,
als sie berechnet hatten.«
    »So kennen Sie Wandel?« fragte der Minister scharf, vor ihm stehen bleibend.
- »Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht.« - »Das stimmt mit Fuchsius.
Weiter!« - »Ich kenne - ihn wirklich nicht, Excellenz.« - »Weiter!« sprach der
Minister. - »Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgend
ein Mal abspiegelt, so erschrecke ich, dass ich nie einen Zug auf seinem sah, der
den Menschen verriet. Die Diplomatie mag andere Gesetze haben, ich aber könnte
Dem nie vertrauen, der stets Herr ist über sich. Wer alle Gefühle und
Leidenschaften kostete, wie Mitridates die Gifte, um sich ihrer zu erwehren,
hat den göttlichen Menschen in sich ertödtet. Wer den Ausdruck für Liebe, Hass,
Furcht, Ehrgeiz, Lüsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel
überwunden hat, scheidet für mich aus der Reihe der sinnlichen Geschöpfe. Ohne
Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken, und keinen Charakter,
der nicht die Sitte zum Fundament hat.«
    Der Minister sah ihn eine Weile an. Die Schärfe seines Blickes ging in
Wohlgefallen über. Er klopfte ihm auf die Schulter: »Wir werden uns näher kennen
lernen. - Aber - ich will ihn doch noch nicht aufgeben. Ich glaubte indes, das
in ihm zu entdecken, was ich hier nirgend finde. Dies unausstehliche Sich
spreizen und Knistern, um vornehmer scheinen zu wollen, als man ist, macht für
mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter, als sie sind. Wir wollen ihn auf
die Probe stellen, Sie sollen behüflich sein.« - »Als Kundschafter!« - »Ihr
Vater steht mit ihm in Relation, wie Fuchsius mir mitteilte. Ein guter Kaufmann
gibt nur Kredit Dem, der Kredit hat.« - »Auch ein Kaufmann ist Illusionen
unterworfen.« - »Das sollen Sie ermitteln, mit Fuchsius sollen Sie sich darüber
verständigen. Fuchsius hat Antipatieen gegen Wandel. Das muss ein Staatsbeamter
sein lassen, ich meine persönliche Antipatieen. Aber er will Renseignements
haben, erinnere ich mich recht, aus den Niederlanden, dass hässliche Schatten ihm
folgen. - Irgendwo hat ein Glücksritter - es ist ein Entführungsroman, mit Tod,
Erbschleichers und so weiter gekuppelt, - - für Romane habe ich keinen Sinn,
Fuchsius wird Ihnen das Nähere mitteilen. Aber auch er mag in seinem Argwohn zu
weit gehen. - Haben Sie Bedenken?« - »Ich kenne bis jetzt weder den Roman, noch
die Wahrheit.« - »Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt? Ein seiner Beobachter,
oder ein blitzendes Talent. Auch Sarkastik oder Humor wären treffliche
Eigenschaften, Feuer, wenn auch mit etwas Qualm, dass die Salonmenschen hinreisst.
Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sei, wenn er nur kein verlorener Sohn vom
Vaterland ist. Es gibt viele verlorene Söhne, die nur eines Impulses bedürfen,
damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere. Englands erste
Staatsmänner gingen diesen Weg, aus einem Rouné ward ein Charles For. - Sie
denken an Jemand. Sinnen Sie nach. Er darf nicht scheuen, die Stellung
anzunehmen. Es ist ein Sort. Den Ratcharakter, mit einem ansehnlichen Gehalt,
habe ich, um der Form zu genügen, für ihn bereit; die eigentlichen Dienste
ergeben sich mit der Zeit. Morgen sehen wir uns wieder. - Jetzt gehen Sie ins
Bureau, und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius.«
    Walter trat einen Schritt zurück: »Excellenz. eine erste Bitte, und wenn sie
mir abgeschlagen würde, meine letzte, erlassen Sie mir diese Konferenz. Ich kann
nicht mit Herrn von Fuchsius - dienen.« - Die Brauen des Freiherrn zogen sich
zusammen, die Augen wurden kleiner, ohne die Schärfe ihres Blickes zu verlieren.
Er warf einen Gegenstand, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Soll ich
etwa ihn um Sie aufgeben! - Herr, ihn kenne ich, Sie noch nicht.« Er wandte sich
wieder, um nach einigen Schritten zurückzukehren. Das Ungewitter war verzogen
und die Stirne war heiterer, als er zum zweiten Mal die Hand auf Walters
Schulter legte: »Junger Mann, Sie müssen noch viel lernen. Glücklicherweise nur,
was jeder Fant, der ein Jahr in der Routine ist, an den Fingern weg hat. Ist ein
Staatsmann ein Gott, ein Deukalion. dass er seine Menschen sich machen kann, wenn
ihm die nicht gefallen, die ihm das Schicksal zuweist? Er hat genug getan, wenn
er Jeden an den Platz stellt, den er füllt. Findet er nur das heraus, ist er
schon weise. Den er zum Steineklopfen braucht, von dem darf er nicht fordern,
dass er Nähnadeln spitzt. Und wen er zum Schatzmeister gemacht, und seine Läden
bleiben verwahlt, soll er ihn fortjagen, weil er sich einmal einfallen liess, in
seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolziren? Hab' ich etwa hier
Vorrat, dass ich nur zu wählen brauche? Wollte ich Alle um solches Vergehen
fortjagen, so könnte ich vom Türsteher bis zum ersten Geheimrat die Geschäfte
allein übernehmen. Herr von Fuchsius ist ja jung, und sieht in die Zukunft, er
denkt ans Vaterland und denkt richtig, soll ich ihn zum Teufel schicken, weil er
nebenher auch an sich denkt? Fordere vollkommene Menschen, und Du wirst als
Eremit zu Grabe gehen. Kein Wort mehr davon. Die Ehre meiner Beamten, die ich
mir bildete, ist meine Ehre. Es kann Ihnen auch einmal zu Gute kommen.«
    Jetzt war Walter entlassen. An der Tür blieb er stehen. »Ich wüsste« - Er
stockte; es schickte sich nicht mehr. - »Presst es die Brust, heraus damit« -
»Einen Mann« - »Der geeignet. Nennen Sie ihn. Ich sann eben auch nach.« - »Er
ist mein Freund« - Walter stockte. - »Desto besser.« - »Ja, ich kann aus vollem
Herzen sagen, er ist der Mann, wie Excellenz ihn suchen.« - »Sein Name?« - »Wird
ihn hier nicht empfehlen.« - »Wenn es ein guter ist?« - »Der Sohn des Geheimrat
von Bovillard.« - »Der Tolle?« - »Louis von Bovillard. Für sein Herz, das fürs
Vaterland schlägt, sag' ich gut. Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer
Flamme aufglühen, wenn er an edle Schmiede kommt.«
    Walter blickte zweifelnd auf den Minister, der nachdenkend stand: »Senden
Sie ihn zu mir, ich glaube, Sie haben gut getroffen. Er hat seine Wiener Mission
mit mehr Eifer ausgeführt, als Haugwitz wünschte. Aber« - »Euer Excellenz
Bedenken soll mir Befehl sein.« - »Nein - der alte Bovillard hat ja seinen
provencalischen Adel renoviren lassen. Es sind die Bovillard Maitres de Cerise.
Ich danke Ihnen, Herr van Asten, dass Sie mich an ihn erinnert haben. Über wen
diese Menschen hier entrüstet sind, muss kein gewöhnlicher Mensch sein. - Bringen
Sie ihn mir. - Ist er noch mit seinem Vater überworfen? Gleichviel. Die
Bovillard de Cerisé waren schon in den Kreuzzügen genannt, und was mehr ist,
wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft. Fast unbegreiflich, wie ein
solches Mondkalb von Vater da hinein kam. Schicken, bringen Sie ihn bald. - Da
erinnere ich mich, dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen
kommen.« - »Um die Aussöhnung mit dem Vater zu erleichtern?« - »Nein, die
Gargazin sagte mir neulich, er ist so gut wie verlobt mit einem schönen jungen
Mädchen, einer Beauté der Stadt, es wäre aber viel Jammer von beiden Seiten,
weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden. Wie gesagt,
führen sie ihn zu mir, und freuen sich, dass Sie Ihres Freundes Glück machen.«
    »Ich freue mich,« entgegnete Walter mit voller Stimme, aber sie klang wie
ein Grabesgeläut, und entfernte sich.
 
                             Siebenzigstes Kapitel.
                        Teorie und Praxis des Egoismus.
Als Walter aus dem Hause trat, war es nicht mehr so heiss, dass er darum die Weste
sich aufreissen musste. Er wollte auch nicht Kühlung, der schwere Atemzug
bedeutete etwas anderes.
    Er eilte nach Louis Bovillards Wohnung. Noch eine schwere Last von der Brust
und dann war er frei. Die Vorübergehenden dünkte der junge Mann mit der
geröteten Stirn, dem stieren Blick, der nicht um sich sah, nicht auswich, ein
Trunkener; sie wichen ihm aus. Er hörte nicht das Rollen der heimkehrenden
Wagen, nicht den Tambour, der den Zapfenstreich schlug, er hörte überall nur ein
dumpfes Grabgeläut.
    Auch den Wagen der Fürstin sah er nicht, die doch dicht an ihm vorüber fuhr.
Er hörte nicht Adelheids Stimme mit einem so schelmischen Silberklang, wie auch
wir seit den Tagen ihrer kindischen Lust sie nicht gehört. Es waren
Nachtigallentöne mit Lerchengewirbel, in denen sie der Wonne, die die Brust
sprengte, Luft machte, nur Accorde, aber wer, der ihr ins Auge sah, verstand sie
nicht! So sahen wir es niemals glänzen, lachen; sie neckte den ernsten
Geliebten, sie war Mutwillen und Ausgelassenheit. Louis' Auge glänzte auch,
dunkel schön, nur auf sie den Blick gerichtet, aber den Zug des Mutwillens. des
Übermuts, der seinen Ironie, die sonst um seine Lippen spielten, in seinen
Augen blitzten, suchte man umsonst. Die Fürstin, in ihre Wagenecke gedrückt, sah
mit stillem Lächeln zu. Walter sah und hörte nichts. Auch Die im Wagen bemerkten
ihn nicht. Es war für Beide gut.
    Je näher er dem Hause kam, so langsamer ging er. Nicht dass er unschlüssig
geworden, er sann nur über die Weise, wie er dem Freunde sein Glück mitteilen
wolle, ohne seinen Stolz zu verletzen, ohne ihn auf immer zum Sklaven der
Dankbarkeit gegen sich zu machen. Wusste, ahnte Bovillard, dass er der Räuber
grade an seinem Glück war? Er hatte Grund zu glauben, dass es Bovillard bis jetzt
verborgen geblieben, und er scheute eine Scene, die das Verhältnis entüllt. Er
war in einer heroischen Stimmung, und wünschte sie durch einen Auftritt nicht
gedämpft, der ohne sentimentale Regung nicht abgehen konnte.
    Oben auf der Treppe hörte er eine zänkische Frauenstimme, er glaubte sie zu
kennen; eine andere schüchterne, die er nicht kannte. Eine Mädchengestalt kam
ihm, die Treppe herab, entgegen: ihre bestaubte Kleidung, ihr schwankender Tritt
schien von Ermüdung, vielleicht nach einer weiten Fusswanderung zu sprechen. Ihr
Gesicht sah er nur halb, sie hielt das Taschentuch vor. Als sie ihm rasch
vorüber war, brach das unterdrückte Weinen rasch heraus. Unten noch eine Weile
zaudernd, stürzte sie nach einem noch heftigeren Aufschluchzen zur Haustür
hinaus.
    Die Wirtin kannte Waltern. Der Herr von Bovillard war nicht zu Hause, aber
er könne wohl jeden Augenblick kommen. Als Walter seinen Wunsch ausgesprochen,
ihn zu erwarten, hatte sie kein Bedenken, ihm die Wohnung aufzuschliessen und
Licht anzuzünden. »Denn,« setzte sie schmunzelnd hinzu, »ich weiss wohl, wen ich
einlassen darf, und wer mir nicht über die Schwelle darf. Nein, machte mir die
Person nicht ein Lamento. Der Herr van Asten müssen's ja noch gehört haben.
Aber, wenn sie noch mal kommt, lass ich die Polizei rufen.« - »Wer ist sie?« -
Die Wirtin verzog noch spitziger den Mund: »Ja, wer wird sie sein! - Sie wird
keine andere geworden sein, als sie damals war, wir aber sind andere geworden,
und das müsste solche Person doch bedenken Und diese vor Allem. So nobel und
honorig haben Herr von Bovillard sich gegen sie benommen, dass es ihre verfluchte
Schuldigkeit wäre, nun uns nicht mehr zu belästigen. Aber nein« - Walter wollte
nichts davon hören, aber die Frau wollte noch reden. Sie achtete sein
abwehrendes Zeichen nicht. »Nein, Herr van Asten, von dieser grade ist's
ausverschämt. Sie hat dazumal hinten im Stübchen auf dem Hofe gewohnt, das ihr
der gnädige Herr chambregarnirt hatte. Gott weiss, was er für einen Narren an ihr
gefressen. Sie liessen zwar mal fallen, das Mädchen hätte Ihnen das Leben
gerettet. Na, was das sein wird, kennt man schon. Ein paar Ritze hat sie
allerdings an der Schulter. I Gott, solche Mädchen lassen sich auch nicht gleich
für Einen todtstechen, Ich kenne sie ja. Ist's nicht Der, so ist's ein Anderer.«
    Waltern durchzuckte eine Erinnerung. Erst später hatte er den Zusammenhang
der Geschichte gehört. Da war es, wo.Louis Adelheid zuerst gesehen! Mit einem
Seufzer, den die Frau nicht hören sollte, warf er sich auf das Kanapé. Die gute
Frau hatte ihn aber doch gehört. »Sie haben schon recht, über solche
Undankbarkeit muss man seufzen. Er hatte sie von Kopf bis zu Fuss gekleidet. Sie
hatte ja keinen ganzen Strumpf auf dem Leibe, als sie aus dem Prison kam. Und
dann, wie's nun genug war. hat er ihr Geld auf den Weg mitgegeben, ich will gar
nicht sagen, wie viel, denn ich weiss es nicht; aber wenig war's nicht, denn das
Halsband von der seligen Frau Mutter und die emaillirte Uhr gingen drum zum
Pfandjuden, dem alten Joel. Er hat's mir selbst gezeigt, nämlich der alte Joel;
er war kein übler Mann, und schund die jungen Leute nicht so, wie jetzt sein
Sohn. Aber geben mussten wir's, da hätte auch gar keine Raison geholfen; denn er
hat ein gar zu gutes Herz. Diese Ohrringe habe ich auch von ihm, aber Alles in
Ehren. Als Sie von Ihrer grossen Reise retournirten, und krank wurden, ich habe
ihn gepflegt, rechtschaffen, das kann ich wohl sagen, und der alte Geheimrat
haben's auch gesagt: wenn sein Sohn immer mit so rechtschaffenen Weibspersonen
zu tun gehabt hätte! Jetzt sind wir nun, Gott sei Dank, besser situirt, und
wenn uns mal was fehlt, brauchen wir nicht zu dem Judenschinder.«
    »Das ist schon lange her, dass er das Mädchen fortschickte?« unterbrach
Walter, eigentlich nur, um den Redefluss zu unterbrechen.
    »I freilich, das war ja - warten Sie mal - nun, das tut nichts zur Sache -
richtig, wie sie ihn todtschiessen wollten, er ward aber nur eingesperrt. Das
Mädchen machte da noch Spektakel, nämlich, das muss ich sagten, ganz in der
Stille. Sie weinte auf ihrer Kammer, dass es zum Herzbrechen war. Manchmal
glaubte ich doch, sie würde - wenn ich sie aufrichtete, sank sie zusammen. Mein
Kind, das hilft doch nun mal nichts, sagte ich, raus musst Du, fort musst Du. -
Und da packte sie ihre Sächelchen ins Bündelchen. Na, wenn ich denke, wie sie
die Treppe runter ging, und unten blieb sie noch stehen und japzte nur so.«
    »Und seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen?«
    »Gott bewahre, was denken Sie? - Heute morgen zuerst, da war ich nicht zu
Hause, er auch nicht. Und kommt wieder! Ich war wie aus den Wolken gefallen! Na,
ich habe ihr denn aber auch das Kapitel gelesen. Jetzt, wo der Herr Vater sich
wieder nobilitiren lassen, - wir haben noch nicht das neue Schild an der
Klingel, aber ich hab's bestellt. - Jetzt untersteht sich das ausverschämte
Mädchen, meinen Herrn in Disreputation zu bringen. Jetzt, mein Kind, wenn er so
was will, wird er sich anderwärts suchen, sagte ich.« - »Und sie?« - »Na, Sie
können wohl denken. Tränen haben die immer parat.« - »Nicht Alle. Was wollte
sie?« - »Was wird sie wollen! - Lieber Gott, man hat doch auch ein Herz, wenn's
auch solche Menschen nicht verdienen, und da liess ich sie denn hier am Tische
kritzeln. Da liegt ja das Schnitzel. Aber ich liess sie nicht aus den Augen.
Stibjetzt hat sie nichts, obgleich ich ihr nachsagen muss, reine Finger hatte sie
immer.«
    »Sie sah wie eine Unglückliche aus.«
    »Das mag schon sein, mein Herr van Asten, muss man aber Andere darum
unglücklich machen wollen, wenn man's selbst ist! Jetzt kann man wohl davon
sprechen, unser junger Herr ist ein Bräutigam; wenn's auch noch nicht deklarirt
ist, das weiss jedes Kind. Freilich, der alte Geheimrat wollen nicht recht dran,
denn die Mamsell hat Nichts, das ist wahr, und sie sagen auch, er könnte sie
nicht gut ansehen, weil sie bei der Lupinus Kind im Hause gewesen, und da
überrieselt's ihn immer, weiter die nicht ausstehen kann.«
    »Die Per - meine das unglückliche Mädchen macht doch nicht etwa selbst
Ansprüche?« - Ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf dem Gesichte der
Frau Wirtin. Worte fand sie nicht sogleich, bis die ganze Wucht ihrer Gedanken
in der Silbe Die! sich konzentrirte. Walter war beruhigt, wenn er überhaupt der
Beruhigung bedurfte; aber er wollte Ruhe haben, nämlich von der Gegenwart des
geschwätzigen Weibes befreit sein. Sie ging in einen weinerlichen Ton über,
indem sie ihren Drahtleuchter ergriff.
    »Viele haben schlecht von ihm gedacht, das weiss ich, denn die Welt ist auch
schlecht, und Iugend muss austoben; und wer weiss, wer besser ist, ob der alte
Herr, oder mein junger. Und wie's bei den vornehmsten Geheimräten aussieht,
Herr Jesus, lieber Herr van Asten, bei diesen vornehmen Herrschaften, da ist ja
eine Zucht, dass mal der Gottseibei uns drein schlagen möchte. Er tut's auch
noch, glauben Sie's mir, und die Julchen, die wir auf der Strasse nicht ansehen
mögen, ist nicht schlechter, als viele von den vornehmen Damen in Brüsseler
Spitzen. Wenn die sich schämen wollten, man sieht's nur nicht, weil sie so dick
geschminkt sind. Jugend muss austoben, sonst kommt's nachher, aber dann einen
Strich gemacht. So hab' ich's auch meinem Seligen gesagt: nu sei zufrieden, was
Du hast, und um was rückwärts ist, da hast Du Dich nicht zu kümmern. Mein guter
Herr, nun ja, tolle Streiche genug. Nüchtern ist er nicht immer nach Haus
gekommen, und ist allerdings auch sonst nicht immer nach Haus gekommen, und den
Regenschirm hat er im Teater aufgespannt, dafür ward er arretirt und er ist oft
arretirt worden, aber wenn sie Alle ins Prison bringen wollten, die's verdient
haben, da ist der König nicht reich genug, um Gefängnisse zu bauen. Und wenn ein
Armer kam, da blieb kein Groschen in der Tasche. - Und nun hat er sich
gebessert, und ich wollte ja Jeden die Treppe runter schmeissen, der sich mausig
machte und ihm vorhielte, was sonst geschehen ist. Das ist jetzt vorbei, mein
Herr! würde ich sagen. Und alle seine Freunde müssten das sagen, denn ich bin
nur eine arme Frau, und verstehe mich viel darauf, wie sie da parliren und mit
den Augen zwinkern. Aber Freundschaft ist Freundschaft. Und wer ein rechter
Freund ist, der muss seinem Freunde Alles hingeben, auch sein Liebstes. Das ist
Freundschaft, und wenn Alle so täten, dann wäre die Welt gut.«
    Ob sie dann wirklich gut wäre! dachte Walter, als er allein war. Wenn wir
den Egoismus ausgerottet, wie die Raubtiere, wie ein schädlich Unkraut, ob sie
die vollkommene würde, von der wir träumen! - Sprang der erste Schiffer in den
schaukelnden Kahn, um den Vater zu retten, wie die Idylle erzählt, oder war's
ein Kaufmann, ein Verfolgter, ein Räuber, der sein Leben retten, der Früchte,
Gold, Mädchen, Sklaven von den reichen, im goldnen Meere dämmernden Inseln holen
wollte? Und fing das Menschengeschlecht wirklich an mit einer Idylle, so war es
eine kurze; ein sanfter Hauch der Engel, der am rauhen Hauch der Elementgeister
erstarrte. Die kurze Idylle war aus, und die lange Gechichte fing an - mit
Brudermord. Wir Alle aber sind nicht die Kinder der Idylle, sondern die
Erzeugten der Geschichte. Der Egoismus führte uns über Meere, gründete Staaten,
erhob Könige auf den schwindelnden Tron, schuf Republiken, er trieb uns in die
Schachte der Erde, in die Lüfte auch, dass wir den Lauf der Gestirne berechneten.
Alles, Alles, wir wollten Gold machen und fanden, nicht Regenwürmer, die Künste,
die uns zu Gebietern der Natur erhoben. - Und dieses mächtige Movens unseres
Daseins sollten wir ausrotten, ausbrennen, wie den Nerv in unsern Zähnen, damit
wir nicht mehr Zahnschmerzen haben! Torheit, die materia peccans bleibt, und
wirst sich nur auf andre Teile, edlere vielleicht. Emancipiren sollten wir uns
wollen, von unsrer Bildung, aus der Geschichte, die uns machte, heraus und
zwängen in ein wesenloses Dasein, in das Traumleben einer schönen Phantasie, das
nie existirt hat, nie existiren wird. Und doch fordern es Religion und
Philosophie, beide, schroff und mild, je nachdem; aus dem Gewissen, weil es
verderbt ist, sollen wir uns ins Vage setzen, den Reiz ertödten, der uns über
das Tier erhob, zu den wunderbaren Erfindungen trieb, das Menschengeschlecht zu
seinen grossen Taten inspirirt hat. Und grade, die sich am höchsten dünken über
das Tier, die fühlen wieder den Drang, den Feueratem in der Brust, mit Flügeln
wollen sie in Äter schweben, göttergleich sein, sich vergessend, nur für das
All, und - sind aus Kot!
    Er ging mit sich unzufrieden auf und ab; er griff nach dem Zettel auf dem
Tisch und warf ihn wieder hin. »Was wird sie ihm schreiben! - Er soll sie wieder
lieb haben, ihr Geld geben!« Warum warf er das Papier so verächtlich fort? War
das ein spezieller Egoismus, den er nach der Verteidigungsrede für den
generellen verwerfen musste?
    Er hatte sich mit untergeschlagenen Armen an die Fensterbrüstung gestellt.
Er bereute nicht, dass er der Geliebten entsagt, nicht, dass er sie dem Freunde
überliess, ohne Klage, nicht, dass er ihn noch ausserdem in den Stand setzen
wollte, sein Glück zu geniessen; das lag hinter ihm als abgetane Notwendigkeit.
Er war ein deutscher Denker, klar wollte er sich machen, warum er gegen ein
Prinzip gehandelt, das er sich eben künstlich entwickelt. Weil sie ihn nicht
mehr liebte, weil sie ihn vielleicht nie geliebt? Diesen einfachen, natürlichen
Grund schien er bei Seite zu schieben, und fand den wahren nur in dem Drange,
sich dem Vaterlande ganz hinzugeben. Was ist die Wahrheit einer Überzeugung'?
Der höchste Verstandesrausch, über den wir nicht hinaus können. Wo wir dies
endliche Ziel im Irdischen fanden, sollen wir stehen bleiben, darauf alle unsere
Gedanken, Kräfte werfen. Und es gibt keinen höheren Begriff, als das Vaterland.
Wir haben humanistisch, philantropisch auch dies zu ersetzen versucht, und
wohin hat es uns geführt! In ein Meer von schwimmenden Inseln und Fata Morganen.
Wenn wir unser Schiff herantrieben, landen wollten, verschwanden die Türme und
die Berge in die Wolken, die Gärten der Armida wurden schillernde Sumpfpflanzen,
die der Sturm auseinander wehte. Keine dieser Ideen, wie auch vom Morgenrot
gefärbt, gewann einen Leib, den wir umarmen, keine ward eine Säule, ein Fels, an
den wir uns im Sturme klammern konnten. Nur das Vaterland ist die Eiche, an die
wir uns klammern können, nur sie hat das Recht, Opfer von uns zu fordern, das
höchste, letzte auch, uns selbst. Die tausend Götzen sonst haben keines. Ihnen
gegenüber tritt das volle, heilige Recht des Ichs ein.
    Louis kam noch nicht zurück. Das Talglicht auf dem Tische brannte immer
düsterer. Sein halb verkohlter Docht beugte sich in einer Wölbung immer höher
über die Flamme. Walter hatte aufmerksam dem Verbrennungsprozess zugesehen, ohne
sich gemutet zu fühlen, nach der Putzscheere zu greifen. Er brauchte kein
Licht. Das ewige Gleichniss der Kerze und des Lebens gaukelte vor ihm in den
matten Schwingungen der Flamme. Da fiel das dicke schwarze Kopfende von der
eigenen Schwere herab auf den Zettel; der noch glimmende Schweif fing an in das
mürbe Papier ein Loch zu sengen. Walter löschte, ehe es ein Brand ward. dabei
musste er den Zettel wieder aufnehmen. Die Schriftzüge verrieten keine ganz
ungebildete Hand, sie flogen über das Papier. Er fing an zu lesen, und hörte
erst auf, als es zu Ende war.
    Du mein Alles! Ja. die böse Frau hat Recht, Du darfst mich nicht
wiedersehen. Die Frau ist nicht böse. Wer Dich lieb hat, ist gut. Wer Dir
Schmerzen sparen will, ist ein Engel. Nein, Du sollst mich nie mehr sehen. -
Vergieb mir, Du mein einzig Geliebter, dass ich darum kam. Nur darum - mein Kopf
brennt mir, ich weiss nicht, was ich schreibe. Ich sah Dich nur unglücklich, nun
wollte ich Dich glücklich sehen. Ist das auch eine Sünde? - Es sollte meine
einzige letzte Freude sein. Mit einer einzigen Freude aus der Welt gehn, ist das
zu viel gefordert! - Sie sagte - ach Gott, ich klage sie nicht an. Wahr und
wahrhaftig, Louis, bei Allem, was Dir teuer ist, glaube mir, ich kam nicht, um
von Dir zu pressen, nicht, um Dein Glück zu stören - ich Dich stören! - Und Du
sollst mich auch nicht für eine ausverschämte Person halten, die Dich aussog und
es lüderlich verbracht hat, und wenn das Geld fortgerollt, kommt sie wieder.
Glaube ihr nicht, Louis, und darum schon muss ich Dir schreiben. Ich vergebe ihr
auch das, denn sie hat's nicht gesehen, wie ich damals aus dem Tore wankte. Ich
glaubte, die Luft würde es gut tun, aber die Luft tat's nicht gut. Irgendwo,
ich habe den hässlichen Ort vergessen, blieb ich liegen - nein, ich wollte da
nicht - draussen auf der Landstrasse aber fiel ich um, da hoben sie mich auf einen
Leiterwagen und fuhren mich rein, in ein grosses Haus. Ach, die hässlichen
Gesichter, wie sie sich stritten; Der Bürgermeister war sehr zornig, er wollte
mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus, Gott weiss wohin. Sie fluchten.
Ich habe Dich fluchen gehört, aber so nicht. Einer schrie, das gäbe eine
Untersuchung und mache noch mehr Kosten. Aber wie kommen wir zu der Last!
schrieen sechs Andere. Sie müssen's uns ja vergüten auf Heller und Pfennig! -
Eigentlich müsste der Abdecker auch solche kriegen! lachte Einer. - Louis!
Louis! ich lag da, sinnlos, starr, wie ein gefallen Tier, um das die Raubvögel
sich streiten. Wer das erlebt - der hat kein Recht mehr auf dieser Welt. Und ich
sollte noch Dein Glück stören wollen! Endlich hiess es, man muss doch was finden,
wo sie hingehört, und dann hätten sie mich wieder auf den Karren geladen, und
das hätte ich nicht ausgehalten; es wäre wohl so am besten gewesen. Aber als sie
darauf suchten, fanden sie Dein Geld. Hätte ich schreien können: es gehört ja
Dir, hätte ich es ihnen fortreissen können. Aber ich konnte keinen Finger rühren,
keinen Laut rausbringen. Da ward es stille: sie schmunzelten und führten wieder
hässliche, lustige Reden. Der Inspektor sagte, die wolle er schon gut und lange
pflegen. Da ward mir das Haar geschoren, da stürzten sie kaltes Wasser über den
Kopf mir, o, es war doch immer so heiss! Da sah ich immer Dich, wenn mir wohler
ward. Du zucktest die Achseln und sagtest: Sie ist doch auch eine Kreatur
Gottes. Ach, Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge. Wärst Du in Person
dagewesen, Du hättest ihnen wohl gesagt, dass sie's sanfter machten, die rohen
Männer, die mich bei den Armen und Beinen in den Badekübel warfen. Es tat weh,
aber ich fühlte es ja nur halb.
    »Ich ward gesund. Gott weiss wozu. Sie gaben mir ein langes Papier, das war
meine Rechnung, und den Geldbeutel, der war ganz klein geworden. Louis, ich
hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben. Ich wanderte nun nach meiner
Vaterstadt. Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht, nur an meinen alten Vater,
und was ich ihm sagen wollte, wenn ich vor ihm auf die Knie stürzte. Ich wusste
es Alles auswendig. Ich Habs ihm aber nicht gesagt. - Als ich durch's alte Tor
kam, trugen sie ihn heraus. Ich stiess einen Schrei aus, sie stiessen mich fort.
Ich lief ihnen nach. Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten, drängte
ich mich durch; da warf ich mich auf die Knie, wollte es dem Todten sagen, was
ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte. Da haben sie mich erkannt. Da wiesen
sie mit den Fingern auf mich, und zischelten. Dann murrten sie laut. Endlich sah
ich Gesichter, o Herr Gott, dem Bürgermeister und dem Inspektor seine, die waren
freundlicher, hätten sie doch nur laut geflucht! Aber der Herr Prediger tat es.
Als mich der Büttel am Armgelenk gefasst und aufgerissen - an der eingefallenen
Kirchhofsmauer liess er mich wenigstens, da durfte ich knieen - da hörte ich des
Herrn Predigers Rede. Mich liessen sie keine Erde ihm in die Gruft nachwerfen,
aber auf mich warf der Herr Prediger - das kann ich nicht wieder schreiben. Und
es war nicht wahr - ich habe meinen Vater nicht umgebracht! - Und die Blicke
nachher, wie sie an mir vorübergingen! Gott sei Dank, dann ward es frei, der
stille Abend, da lag ich über seinem Grabe, und der Lindenbaum fluchte nicht, in
seinen Blättern säuselte es wie süsse Lieder, und ich schlief ein, bis das
Morgenrot mich aus dem Frieden weckte. Um die Mauer schlich ich von hinten nach
dem Hause, wo er starb, wo ich geboren bin. War denn das ein Verbrechen, dass ich
es zum letzten Mal sehen wollte! Bürgerfrauen hatten mich bemerkt. Der
Ratsdiener, mit dem Schild auf der Brust, kam und sagte - ach, was er mir
sagte, ich weiss es nicht: von lüderlichem Gesindel und auf die Finger sehen, und
hinausbringen, und ich hätte kein Heimatsrecht mehr!«
    »Nein, Louis, ich habe keine Heimat; wie ich da am rauschenden Wasser stand,
da sahen keine roten Gesichter heraus vom Bürgermeister, und nicht die
hässlichen spitzen der Bürgerfrauen - und da - da hörte ich, dass Du glücklich
wärst - ich wusste es schon, unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich
gesehen, und die Herrschaften, die im Wagen vor der Schenke schwätzten, derweil
ihre Pferde Mut tranken, und ich trank auch Mut, sie sagten mir nichts Neues -
und da stach es mich, und trieb mich, Dich wollte ich noch einmal glücklich
sehen. - Und das hab' ich nun auch aufgegeben, da ich weiss - - «
    Hier waren einige Zeilen von Tränen verwischt.
    »Das Geld brauchst Du nicht - das kümmert mich auch nicht mehr, - und mich
wirst Du vergessen - aber wenn ich nur etwas wüsste, was Dir recht lieb wäre,
ich wollte Alles tun, mir einen Finger abschneiden, mich wieder verkaufen, wenn
ich nur wüsste - Und nicht wahr, das war nicht unrecht von mir. Manche hat sich
betrunken, ehe sie ins Wasser sprang. Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen,
Dich sehen, wenn Dein schön Auge so recht aus voller Seele lacht. - Nein, ich
werde es nicht mehr sehen - Lebe wohl, Du mein Alles -«
    Die Unterschrift war wieder von den Tränen ausgelöscht. Aber dahinter noch
einige kaum lesbare Zeilen: »Aber ich muss Dich sehen - hilf mir Gott, wenn ich
mein Wort breche. Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr. Ganz von ferne - sieh
Dich nicht um, Du wirst mich nicht entdecken. Trinken muss ich den Strahl aus
Deinem Auge, und dann -«
    Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel über, Walter war von
der Lektüre aufgeregt; aber sein Entschluss schnell gefasst. »Es gibt doch etwas
auch neben dem Vaterlande, um was der Mensch sein Höchstes einsetzt, sich
selbst. Und wo ist der Sittenrichter, der es kalt verdammt?« Er nahm das Papier,
salzte es und tat es in seine Brieftasche: »Ich will ihr Testamentsvollstrecker
sein. Wenn sie nur etwas wüsste, was ihm recht lieb wäre, was sie zu seinem
Heile tun könnte! Ich übernehme es für sie. Sein Liebesglück darf durch diese
Erinnerung nicht vergiftet werden. Was könnte er ihr helfen, ohne ihre Liebe zu
erwidern! Sie bleibe vor ihm verschwunden, spurlos. Die Wirtin werde ich
instruiren. Was er - ohne Liebe, aus Erbarmen für sie tun könnte, kann ich
ebenso gut.«
    Seinen Vorsatz, auf Louis' Rückkehr zu warten, um mündlich der Überbringer
der frohen Botschaft zu sein, gab er jetzt auf. Der Freund weilte zu lange bei
seinem Glück. Er nahm Papier und Feder und teilte ihm kurz und klar, was seiner
warte, was von ihm gefordert werde, mit. Er stellte sich in den Hintergrund und
liess den neuen Minister selbst den sein, der zuerst sein Auge auf Louis
Bovillard geworfen, für sich die bescheidene Rolle eines um Rat Befragten
vindicirend, welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften bestätigen können,
welche der Minister bereits in ihm entdeckt.
 
                          Einundsiebenzigstes Kapitel.
                             Ein volles Bekenntnis.
Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend Vieles ereignet,
von dem wir nicht Zeuge waren; es drückte sich auf den Physiognomien ab.
Adelheid war heut beim Teetisch eine Hebe; sie ging nicht, sie schwebte. Sie
schien fortwährend zu singen. Man hörte es nicht, aber man fühlte es. Ihr
Gesicht hatte einen andern Ausdruck. Der Legationsrat bemerkte es gegen die
Fürstin.
    »Ei!« sagte die Gargazin mit einem besondern Blick. »Ich glaubte, dafür
hätten Sie keine Augen?« - »Für die Schönheit!« - »Nur für die, welche Sie
zergliedern können. Adelheid gibt das den Reiz, was Sie nicht lieben, die
Harmonie der Seligkeit.« - »Ein Nebelbild!« -
    Wandel blickte dabei scharf aber ruhig auf Louis Bovillard, der in sich
versunken im Fauteuil sass, und die Teetasse mit einem verstohlenen Kuss auf die
Hand hinnahm, welche sie ihm reichte. Die Beiden hätten das Gespräch kaum
gehört, auch wenn es laut geführt worden. Wer sich aber wundert, den
Legationsrat auch in dem kleinen Kreise zu erblicken, in dem Louis Bovillard
ihm gegenübersjetzt, dem sagen wir, dass in der Stadt ein Gerücht umlief, dass zwei
Kavaliere neulich in der Jungfernhaide ihre Pistolen versucht; es sei kein Blut
geflossen, aber einige dürre Zweige wären abgefallen. Was ging Louis der
Legationsrat noch an? auch der Legationsrat hatte an anderes zu denken. Er war
heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen, nachdem die Familie
aus dem Tiergarten zurückgekehrt.
    »Was geht Sie das an?« replicirte die Fürstin, ihre Stickerei wieder
vornehmend. - »Alles Leben ist ein Traum!« rief der Legationsrat nach einer
Pause.
    Die Fürstin hielt die Nadel an: »Fallen Sie nicht aus der Rolle, Herr von
Wandel?« - »Welcher?« - »Die Sie die Güte haben, vor sich selbst aufzuführen. A
propos, ich bemerke, Sie fangen an, wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen.
Das ist für Berlin zu spät, man kennt Sie einmal als Gutschmecker. Sparen Sie
sich die Rolle des St. Germain für Sibirien. Sie können sich dort mit einem
Schamanenzauberer associiren. Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen
Incarnation nach Europa zurück.«
    Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei. Sie
stiess halb mutwillig seine Hand fort. - »Mir ist immer bange, wenn Sie etwas
anfassen, dass die Farbe ausgeht. Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur
an der Hand kleben?« - »Erlaucht vergessen, dass die Chemie die schönsten
Farbestoffe präparirt.« - »Bis sie nicht die Schminke erfindet, die einen Todten
lebendig macht, geb' ich nichts auf Ihre Wissenschaft.« - »Sie fordern zu viel.
Den Schein des Lebens herzustellen, gilt doch für das höchste -« »Was sie
geleistet hat,« fiel die Fürstin ein, »und eben darum hasse ich sie. Eine
scheinbare Tugend, ein scheinbarer Reichtum, ein anscheinend blühender Staat,
und Alles übertünchte Gräber - durch Ihre Chemie. - Was fixiren Sie Adelheids
Freund?«
    Wandel senkte die Augen: »Hippokratische Züge.« - »Qu'importe! Schmeckt der
Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süss, weil sie nur ein
Schmetterlingsleben führen?« - »Der Schmetterling weiss freilich nicht, wie lang
sein Lebensfaden ihm zugemessen ist, aber -« der Legationsrat beugte sich näher
zur Fürstin - »aber, ich kann Ihnen nicht verhehlen, man begreift meine
erlauchte Freundin nicht. Sie begünstigten das Verhältnis, und tun nichts, ihm
eine Zukunft zu sichern.« - »Was heisst Zukunft?« - »Der alte Bovillard stellt
sich auf die Hinterfüsse. Seit er die Flasche alten Weines, die seinen
provencalischen Adel entält, entkorkt, ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen.
Er will nichts für seinen Sohn tun. Mamsell Alltags Vater ist eben so närrisch
von seiner neuen Würde benommen. Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den
jungen Wüstling. Wenn Niemand etwas für sie tut! Verschaffen Erlaucht ihm bei
Ihrer Legation eine Stellung, und er ist vernünftig genug geworden, um zu
wissen, was der Begriff Vaterland wert ist.« - »Haben Sie für nichts Anderes zu
sorgen?« sagte die Füistin, wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt.
    Der Legationsrat griff gedankenlos nach dem Hut. Es kam zwischen Seufzen
und Gähnen heraus: »Wenn man nur nicht so viel Gefälligkeiten übernommen hätte!«
- »Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte!«
fiel die Gargazin ein. - »Spotten Sie nur! Mir wird der Kopf zuweilen wüst.« -
»Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand.« - »Die larmoyante Liebelei des
Rittmeisters und der Baronin ennuyirt die Freunde.« - »Les Georges Dandins l'ont
voulu.« - »Nun soll ich die Platoniker wieder auseinander bringen, oder vielmehr
aneinander. Man wünscht ein Gezänk, wobei sie sich in die Haare gerieten, einen
Eclat, einen coup de main, eine Pulverexplosion.« - »Ich auch,« sagte die
Fürstin. »Die Luft wird unerträglich schwül.« - »Der Mann, der Baron, ist zu gar
nichts zu gebrauchen. Das ist das Schlimme.« - »Die Baronin scheinen Sie seit
einiger Zeit wirklich in Affection genommen zu haben.« - »Ich?« - Pardon! Ich
vergass, dass Sie keine Affrktionen haben. »Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus?«
- »Die unglückliche Frau bedarf des Trostes.« - - »Der Mann wohl nicht?« - »Er
ist in Momenten so glücklich. Er kann sich über das Geringste, was seinen
Phantasieen schmeichelt, wie ein Kind freuen. Ein alter Einband, eine neue
Lesart, die er entdeckt zu haben glaubt. Auch., meine erlauchte Freundin würde
ihre Lust daran haben, denn man kann sagen, es schwebt gewissermassen schon die
Glorie der Erlösung um seine Stirn. Lange wird er es nicht machen. Da ist es
denn Pflicht seiner Freunde, was sie vermögen, die letzten Augenblicke ihm zu
versüssen.« - »Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein. Nehmen Sie sich in
Acht.« - »Die Geheimrätin ist zu eifrig in ihrer Pflege, zu excentrisch, um
immer die gehörige Vorsicht zu beobachten. Sie erinnern sich, bei dem Jean
Paulfeste, wie Adelheid beinahe verbrannt wäre.«
    Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin: »Es ist etwas eigenes,
das Kapitel von Sympatieen und Antipatieen.« - »Von den Sympatieen haben wir
das corpus delicti vor uns,« lächelte Wandel, auf das Liebespaar blickend. -
»Aber die Antipatieen haben etwas Monströses,« sagte die Gargazin, »weil wir
sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen. Giebt es einen Gegensatz
zum Magnet, einen Stein, der abstösst?« - »Feuer und Wasser mischen sich nicht.«
- »Das ist es nicht, was ich meine. Das eine löscht doch, das andere durchglüht
das andere. Aber wer erklärt diese innere Seelen- und Körperangst, die ein
vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet? den
angebornen Widerwillen, den geheimen Schauder, wo gar kein vernünftiger Grund da
ist?« - »Doch vielleicht der Kitzel zu Paradorieen! Das hässlich zu finden, was
Andere entzückt, fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf, der gerade
begabten Naturen eigen ist.« - »Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen?«
    Wandel schien etwas betroffen. Er wollte von dem Unglück sprechen, von
geheimen Feinden verredet zu werden, wo ein Ehrenmann sich nicht veiteidigen
kann, weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb. Das war es nicht, was die
Fürstin meinte.
    »Warum hat Louis' Vater einen angebornen Widerwillen gegen die Lupinus? Ich
weiss, er hat diese Antipatie. Er kann sie weder sich noch Andern erklären.
Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben, unzertrennbar von unsrer
Persönlichkeit, wie wir von unserm Schatten. Was ist das nun? Ich, von meinem
Standpunkte, könnte es mir deuten; aber ich wünschte Ihre Ansicht zu zu kennen.
Sie Rationalist. Ihre Wissenschaft muss wenigstens vor sich selbst Alles zurecht
legen können, was in der Natur erscheint.«
    Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstossenden Kräften, von
den Stoffen, die als Wärmeableiter dienen, er ging zur Electricität über und
stand beim Blitzableiter, ohne dass wir wissen, wie weit er sich in die Wolken,
und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte, als ihn die
Fürstin abermals unterbrach. Möglich, dass er nicht ohne Absicht in die Doctrin
sich verlor, weil er wusste, dass die Fürstin nie aufgelegt war, Vorlesungen
anzuhören, und er in dem Augenblicke noch weniger, sie zu halten.
    »Warum ist sie auch mir zuwider?« - »Zwei Sonnen vertragen sich nicht am
Himmel, pflegt man zu sagen. Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein,
wo die eine unterging.« - »Wenn ich Ihnen auch zugestände, dass ein solches
Gefühl einmal da war, das ist es nicht. Es ist etwas Anderes. Ich kann mit ihr
Komödie spielen, aber nachher überfröstelt es mich, wie Jemand zu Mute sein
muss, der erfährt, dass er mit einem von der Pest Inficirten Hände geschüttelt.
Nach jenem letzten Abende erschien sie mir im Traum. Ihre kostbaren Kleider
fielen in Lumpen, eines nach dem andern, ihr vom Leibe. Ich schrie aus, ich floh
vor dem scheusslichen Gerippe. Ich war plötzlich aus dem Bette, und es stand noch
immer vor mir, ja es dauerte eine Weile, als ich schon die Augen mit Gewalt
aufgerissen hatte, bis es in den Boden versank. Was ist das? Erklären Sie's
mir.« - »Vielleicht die polarische Attractionskraft der Gegensätze. Wir träumen
das Gegenteil von dem, was wir fühlten, dachten, erlebten, liebten. Das ist der
Inhalt der Traumbücher. Die Geheimrätin ist immer sehr gewählt gekleidet, sie
spricht und denkt ebenso, alles Rohe und Nackte überkleidet.« - »Darum erschien
sie mir roh, nackt, scheusslich. - Wandel, ich möchte Sie einmal im Traum sehen.«
    Der Haushofmeister war schon ein Weile näher getreten, als er sich jetzt
über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte. Die
Fürstin liess die Arbeit sinken, sie stützte den Kopf im Arm. Die verbissenen
Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht. Der Haushofmeister flüsterte
sie auch dem Legationsrat zu: »Er ist eben verschieden!« - »Le pauvre diable!«
- sprach Wandel, die Achsel zuckend. »Hat er noch viel gelitten? Ich meine, hat
er noch wie neulich phantasirt?« - »Er warf sich noch einige Male unruhig,
kreuzte sich, wiederholte den Namen der Fürstin, japste ein paar Mal auf, als
wollte er etwas sagen. Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder!« hatte der
Haushofmeister erwidert.
    »Warum musste auch jetzt gerade diese Störung kommen?« sagte der
Legationsrat und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin. »Wissen Sie
teuerste Freundin, mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft.« Sie
blickte verwundert zu ihm auf.
    »Ihre beredte Verteidigung hat mich allerdings von der Naturnotwendigkeit
des Institutes überzeugt. Ich erkenne, welche unaussprechliche Wohltat sie für
diese Geschöpfe, Familien, ja diese ganzen Völkerschaften ist, die sich über
ihre Naturdumpfheiten nicht erheben mögen. Ja, es ist ein berauschendes Gefühl
für die von Gott dazu Erwählten, für diese Armen, Verlassenen, Urteilsunfähigen
ihr Alles zu sein, Vater, Mutter und Vormund, für sie zu fühlen und zu denken,
die Sorge für unser eigen Wohl hintenanzusetzen, um für Hunderte und Tausende
von Seelen zu sorgen, welche die Vorsehung in unsre Hand legte. Von dieser Seite
erscheint auch mir die Institution eine wunderbare, heilsame, aber der Exzess der
Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches.« Sie verstand ihn
nicht.
    »Was hat diesem Menschen den Tod gebracht, nachdem er in der Genesung so
vorgeschritten, der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen,
als die Angst, Gewissensbisse kann man sagen, dass er so lange nutzlos liegen
musste, ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können. Wie
durchzuckte es ihn. als er hörte, dass Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher
interimistisch angenommen. Er biss sich in die Lippen und ballte die Hand, dah
ein Anderer, ein Fremder, seine geliebte Herrin fahren sollte. Wir verbargen es
Ihnen, er sprang nachher heimlich auf, kleidete sich an, und war schon auf dem
Wege nach dem Stall. Wir kamen noch zur rechten Zeit. Als man ihn wieder ins
Bett brachte, überfiel ihn der Parorysmus; er phantasirte nur von Peitsche und
Pferden, er umklammerte sein Kopfkissen, wie man Einen erwürgt, und nannte es
Christian. Nenne man es Eifersucht, Brodneid, es war etwas Edleres, meine ich,
aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf. Es tut mir leid, von einem
Todten es zu sagen, aber der Mensch hat sich selbst umgebracht. Ein Selbstmord
aus Pflichtgefühl. Diese Excesse des Gefühls, Sie mögen mich darum tadeln, aber
ich kann sie nicht gut heissen. Etwas Egoismus ist jeder Kreatur notwendig, oder
sie hört auf zu existiren. Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige
Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst
schuldig.«
    Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu. Es gibt Momente, wo ein
Kluger von einer groben, handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist, als von
einer feinen, die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu
schmeicheln sucht. Ihr zweiter Blick war auf die Andern gerichtet; aber sie
waren schon verschwunden. Es war ihr lieb: »Adelheid darf nichts davon
erfahren,« sprach sie, zum Haushofmeister sich umwendend.
    »Sie sind nun ganz d'accord, wie Sie es wünschen?« warf der Legationsrat
hin. - »Heut im Tiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen.« -
»Welche?« - »Die Affektion für ihren Lehrer. Sie haben Recht, Wandel, es gibt
auch Excesse einer geistigen Leibeigenschaft.« - »Ich hielt diese fürüberwunden
seit jenem Abend.« - »Das Bekenntnis der Liebe stöhnte noch immer unter den
Fussklammern des Gewissens. Was der Mensch sich selbst quälen kann! Sie hat ihm
bekannt, wen sie um seinetwillen geopfert, das hat einige Tränen, Schluchzen,
platonische Herzschläge verursacht, denn die Rivalen waren Freunde, aber sie
sind auf gutem Wege.«
    Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage, welche die Fürstin verstand.
»Wollen Sie mit mir - den guten Paulowitsch sehen?« fragte die Fürstin den
Legationsrat. Wandel schien ungewiss, welche Antwort sie erwartete: »Man hat es
der Geheimrätin Lupinus verdacht, dass sie die Leiche ihres Dieners wie die
eines Familiengliedes pflegte und schmückte. Es ist hierorts nicht Sitte.« -
»Man muss sich in die des Ortes fügen,« sagte befriedigt und laut die Fürstin,
und richtete den Blick nach oben. »Ich werde den treuen Paulowitsch noch oft
sehen. Den irdischen Qualen entoben, schwebt sein verklärter Geist in die Räume
des Lichtes. Ob es da Hohe und Niedere, ob Herren und Leibeigene gibt, ob wir
Alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen, die nichts Gesondertes duldet,
alle Accorde in dem grossen Hallelujah, Glockentöne in der ewigen Harmonie!«
    Sie sprach es, sich selbst anregend, mit silberreiner Stimme. Aus dem andern
Zimmer respondirte das Klavier, in Phantasien, die der Stimmung entsprachen; ein
ernster Grundton, wie das Wogen des Meeres, aber wie Schaumwellen sprühte die
Freude dann und wann auf. Es war Adelheid.
    Wandel hatte, um der Stimmung auch zu entsprechen, die Hände vor sich
gefaltet. Als die Fürstin es bemerkte, trat sie an ihn und riss seinen Arm
zurück: »Das sollen Sie nicht. Sie können gehen.« Er schien einen andern Befehl
erwartet zu haben, aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie: »Gute Nacht,
Herr von Wandel, ich will im Tomas a Kempis lesen. Die Lektüre interessirt Sie
nicht.«
    Als der Legationsrat langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging,
sah er auf dem Balkon, der nach dem Garten führte, Louis Bovillard auf einer
Bank ruhend. Unter Myrten- und Orangestöcken schien er, den Kopf im Arme, auf
die Töne im Zimmer zu lauschen. Oder auch nicht. Als der helle Mondenstrahl,
hinter einer Wolke vorkommend, auf sein Gesicht fiel, wäre der Beobachter vor
dem finstern Ausdruck erschrocken, wenn es in Wandels Art gelegen hätte, zu
erschrecken. In den einsamen Gängen des Tiergartens erst hatte Louis erfahren,
wem er sein Schönstes geraubt. Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte;
aber der dunkle Schatten, der auf seine Stirn fiel, zeigte die Gegend ringsum
nur um so lachender. Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten! Darum ihre
Kälte, Scheu; und nun hatte ein Wort sie frei gegeben, Alles gelöst, sie wollte
ihm Alles geben, was sie so lange ihm vorentalten. Und was hatte er denn dem
Freunde geraubt? Sein Schönstes, ja, aber nicht sein Alles. Hatte nicht Adelheid
gestern einen Brief empfangen von Walter, einen freundlich heitern, eine Urkunde
war es, worin er das ihm anvertraute köstliche Gut, wie er es nannte, der
Eigentümerin zur freien Disposition zurückstellte. Mit welchem Scharfsinn hatte
er auseinandergesetzt, dass er nie ein Recht darauf gehabt, dass es höchste
Undankbarkeit sei, was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks
auf den Altar legt, als verfallen anzunehmen, als unwiderrufliches Eigentum.
Hatte er nicht klar auseinandergesetzt, dass er nicht die Eigenschaften besitze,
um Adelheid so glücklich zu machen, wie sie verdiene, dahin, in die glänzenden
Höhen sie zu führen, wozu ihre Schönheit, Natur, die sichtliche Fügung des
Himmels sie bestimmt. Er sei ein stiller, sinnender Mann, sie berufen zu
glänzen. Sein Verdienst wäre vielleicht, dass dieser Glanz ein echter werden
müsse, dass er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer, dass er die Hochgefühle
einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt; darauf sei er stolz; aber hatte er sich
nicht zugleich angeklagt, dass er diese Überzeugung, gewaltsam unterdrückt, dass
er so lange sich getäuscht, dass er, schon mit dem Bewusstsein, wie ihre Liebe
nur Achtung sei, ein Pflichtopfer, sich fort und fort getäuscht, es könnten doch
andere Gefühle für ihn zum Durchbruch kommen, und dass nicht ein freies Opfer von
seiner Seite, sondern erst ein Zufall, ein Impuls des Momentes, die lange Kette
des Truges gesprengt habe? Und hatte er nicht endlich versichert, auch er fühle
sich jetzt frei, glücklich, sie dürfe um ihn nicht sorgen, denn er sei nun
zurückgegeben der heiligen, ernsten, höchsten Pflicht des Mannes, ganz seinem
Vaterland zu leben.
    Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen, dort auf der unter
Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank, während der Wagen der Fürstin
auf der Chaussee langsam auf und ab rollte. »Nun bist Du doch zufrieden,« hatte
sie gesprochen, und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglättet. Er hatte
geschwiegen, und seine Zufriedenheit in einem Kuss auf ihren Arm gehaucht. -
Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand über seine Stirn: »Kalt und feucht! Die
Abendlust könnte Dir schaden!«
    Die Nachtvögel zeigten ihnen den Weg. Sie flatterten, an die hellen Scheiben
der Glastür die Köpfe stossend. Trüb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer.
Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen. Es war still im Hause, nur
aus dem Souterrain tönte dumpfes Geflüster der Leute, die Fürstin sass in ihrem
Armstuhl und hörte über den Tomas a Kempis nicht, wie Adelheid durch die Tür
blickte. Aber als sie zurückkehrte, hörte auch Louis nicht ihr Kommen. In sich
zusammengesunken, sass er auf dem kleinen Kanapé. Es war nicht die Erwartung, von
der der Dichter gesungen.
    Erst ihr Arm, der sich sanft um seinen Nacken schlang, erweckte ihn. »Noch
immer - Walter! Ist das recht!« sprach sie. »Der ist glücklich!« seufzte Louis.
»Glücklich!« Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. - »Ist's die Lerche nicht, die in
den Morgennebeln nach der Sonne steigt. Ist's der Träumer nicht, der die ganze
Menschheit an die Brust schliessen möchte! Ich möchte sie lieber erwürgen!« -
»Sprich nicht so. Das ist der Nest Deiner Krankheit.«
    »Vielleicht ein anderer Nest!« - Er blickte starr vor sich nieder. »Bin ich
nicht ein Feuerbrand, bestimmt, was er anrührt, zu zerstören! Sie hatten's mir
verhehlt, aber ich erfuhr es: als ich geboren ward, hab' ich meine Mutter
umgebracht. Der Zerstörungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege, und hat sie
nicht in meinem Leben lustig gewuchert! Meinen Vater - doch davon still. Ich
ward ein wüster Mensch auf der Universität, nicht so ganz schlecht als Andere,
aber indem ich gegen die Schlechten losging, ward ich ein Störenfried unter den
Guten. Die Guten sagen, um das Leben gut zu machen, muss man sich vertragen
lernen, auch mit den Schlechten. Ich habe es nie gelernt. - Ich habe in's Leben
gerast. Ich wollte Niemand vernichten, und wie Viele habe ich zertreten. Kennst
Du denn mein Leben, Adelheid? Soll ich das Alles herausziehen aus dem Sumpfe,
denn zwischen uns muss Wahrheit sein. Wie sie mich aus den Häusern gestossen, auf
der Strasse mir auswichen, mit den Fingern auf mich gezeigt, bis -«
    »Bis Du Dich selbst aufrafftest!«
    »Nein, bis ich auch Dich ins Verderben riss - damals - bis ich auch den
einzigen, den treuesten, wahrsten Freund nun um sein Heiligtum betrügen muss.
Was ich berühre, opfere ich. Soll ich es hinnehmen, wie die Götter der Alten an
dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten! Was ist's
denn in mir, frage ich, dies düster glühende Auge, das Zucken meiner Lippen, der
nie gestillte Durst meiner Seele, dass mir das Beste, Köstlichste aufbewahrt ist!
- Nun ich siech bin, trostlos hinter mir, trostlos vor mir, willst Du blühendes,
junges, reines Leben Dich an den morschen Stamm ranken, ich soll, muss Dich
zerstören, weil Du mein bist. - Ja, Walter hat Recht, nicht für ihn, aber Du
bist auch nicht für mich.«
    »Für wen denn?« sprach sie, und der Ernst, der aus Louis' Worten hauchte,
schien plötzlich auf sie übergegangen. Aber Louis' Ernst war ein düsterer, ihre
Worte waren ein sonorer Metallklang. Er hatte es nicht gesehen, wie sie in
krampfhafter Erschütterung den Arm von seiner Schulter zurückgezogen hatte, und
das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. So setzte sie sich in die andere Ecke
des Sopha's, und eine Pause trat ein.
    »Weinst Du? Habe ich Dich gekränkt, Adelheid?«
    »Ich weine nicht,« sagte sie im selben Tone, »und Du kannst mich nicht
beleidigen. Ich dachte nur über mein Schicksal nach, und - bei Deinen Worten
brach es heraus, ach, von so lange her! Louis, das Schicksal schleudert mich ja
in Deine Arme. Was würde ich denn, was bin ich? O, mein Gott, es ist
schrecklich, wenn die Binde so mit einem Mal von den Augen fällt!« - »Du bist
die gefeierte -« »Puppe von - ich weiss nicht wie Vielen. War ich denn nicht
herausgerissen auch dem Schoss meiner Familie, dem Glück, der Bildung, für die
ich geboren war, haben sie nicht Alle an mir gearbeitet, mich zu erziehen, der
Eine so, der Andere so, um aus mir zu machen, was ich nicht war, um mich
zuzustutzen zu etwas, sie wussten selbst nicht, was, aber ihr Ziel haben sie
Alle erreicht, die vielen Künstler, ich bin wie der Vogel, den man aus dem Neste
nahm und buntes Gefieder ihm anklebte. Die, denen das Gefieder gehört, erkennen
ihn doch nicht an, sie spotten still über den Eindringling, aber zu den Seinen
darf er auch nicht zurück. Er gehört da nicht mehr hin.«
    »Welche Phantasieen, meine Adelheid!«
    »Ich sehe nur zu klar, und nur zu lange liess ich mich von der süssen, eitlen
Gewohnheit einschläfern, dass ich die Augen nicht aufschlug, dass ich die Stimme
nicht hörte, die im Innern immer deutlicher rief. Jenes abscheuliche Weib - o
sie war noch die Beste, sie wollte mich nur einfach verderben; da war ich
unschuldig: wie der Vogel, der aus dem Neste flattert, fiel ich in das Netz, das
sie ausgespannt. Aber die Andere, o, mein Geliebter, ich fühle das Gift, das sie
in meine Adern spritzte, es schleicht noch jetzt, es zehrt noch.« - »Die
Geheimrätin wollte Dir wohl!« - »Sie will, sie kann Niemand wohl wollen, glaube
es mir, Louis. Sie hat kein Herz; darum wird ihr unwohl, wo ein Herz warm
schlägt. Ich las von einem Gespenstertier, das Nachts sich auf die Schlafenden
legt und das Blut ihnen aussaugt. Sie saugt auch das Blut aus, mit ihren spitzen
Reden, ihren spitzen Blicken. Ich wäre schlecht geworden, Louis, das fühle ich,
ich ward schon eine Andere, wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sie's um die
Brust, wenn edlere Empfindungen aufzuckten.«
    »Was wollte sie mit Dir?« - »Martern will sie, sie muss martern, was
glücklicher ist. Sie konnte den Kanarienvogel quälen, wenn er zu lustig
schmetterte; sie beneidete das arme Tier im Käfig, sie marterte ihre
Domestiken, ihren Mann, sich selbst auch, wenn sie sich ertappte, dass sie
lebhafter gewesen, als sie scheinen wollte. O, Liebster, es ist entsetzlich,
wenn ich daran denke, ein Traum, und mich schaudert, er ist vielleicht noch
grässlicher, als ich zu träumen wagte!« - »Und alle Welt bewundert sie.« - »Die
Welt hat Recht. Diese Frau und dieser Mann dazu -« »Welcher?« - »Der
Legationsrat. - Sie sind Beide - hohl, verrate mich nicht, Louis, ausgehöhlte
Gespenster. Sie habe« alles menschliche Gefühl aus sich gesogen, gepresst. -
»Man muss die Empfindungen und Regungen, die uns stören, aus sich heraus
destilliren, hörte ich ihn einmal sagen, und das haben sie, sie haben daraus
präparirt die schöne Glätte, den glänzenden Firnis, den die Welt bewundert.« -
»Mein Gott, woher kam Dir die Erkenntnis?« - »Weiss ich's? Sie hielten mich für
das Schoosskind, das man ausputzt, in den Armen schaukelt, mit Glanz und
Süssigkeiten nährt, von dem man alles Unangenehme fern hält, auch die Gedanken -
und die Gedanken kamen doch, von selbst - ich war unaussprechich unglücklich!« -
»Dich misshandelt?«
    Sie nickte: »Es waren unsichtbare, feine Geisselschläge, die Luft fühlte sie
kaum. Wie ein feiner, ätzender Staub auf die Lunge geworfen.« - »Und Du musstest
es dulden?« - »Wie schliesst man das Auge vor dem Zucken des Blitzes, das blaue
Licht schiesst durch die geschlossenen Lider. - Ich musste es dulden, ohne ihr
entfliehen zu können, und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen. Und ich
musste immer lügen - lügen von unermesslicher Dankbarkeil; wenn ich es nicht
ausgehalten, wäre ja das Urteil der Welt über mich zusammengebrochen -« Er
warf, die Hände faltend, sein Gesicht in ihren Schoss: »Und daran war ich
schuld!« - »Nein, klage Dich nicht an. Es war eine Kette von Bestimmungen. Aber
untergegangen wäre ich in der Lüge, das fühle ich. Je grösser sie ward, so kälter
schlug's mir ans Herz.« - »Gott sei Dank, eine Frau, die warm fühlt, nahm Dich
zu sich.«
    Adelheid war aufgestanden. Sie schüttelte den Kopf. Eine hohe Röte überzog
ihr Gesicht, als sie sich zu ihm umwandte, die Hände sanft auf seine Schultern
legte und seine Augen küsste: »Lass uns davon nicht sprechen, Liebster.« - »Du
zweifelst an der Güte der Fürstin?« - »Meine Augen wurden geöffnet, wunderbar
klar liegt es vor mir; Blicke, um die mich Niemand beneiden darf. Das ist die
entsetzliche Schule der Lupinus. Nein, mein Geliebter, lass uns davon schweigen.«
- »Auch hier nicht glücklich?« - »Ich werde glücklich, denn ich werde wieder ich
selbst.« Er blickte sie fragend an.
    »Bin ich denn mehr, als ich dort war! Da wollte man den seltenen Vogel in
ein Bauer sperren, dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette, hier lässt
man mich frei fliegen, weil man weiss, ich kann nicht entfliehen. Ich habe ja
kein Haus, wohin.« Eine Leibeigene bin ich, nicht anders als die da unten auf
den Bänken schlafen müssen. Jeden braucht man, wozu er gut ist, und so lange er
dazu gut ist. Mich staffirt man aus mit allem Glanze, so lange es sich lohnt.
Wenn ich nicht mehr hübsch bin, nicht singen, Musik machen, nicht mehr tanzen
kann, nicht mehr muntere Antworten gebe, nicht mehr die Herzen entzücke, dann
wirst man mich fort, wie jedes andere unnütze Werkzeug. Sie hat so wenig ein
Herz für mich, als die Lupinus. Und die Andern! Sehe ich denn nicht, wie man
mich abschätzt? Gehöre ich zu diesen Erwählten? Fühle ich nicht unter ihren
Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus, was ich ihnen bin, was ich ihnen
wäre ohne den geliehenen Lustre? Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase,
wenn ihre Töchter mich einladen, mich mit ihren Freundschaftsversicherungen
überschütten? Zittern die Mütter nicht, wenn die Söhne mir zu viel
Aufmerksamkeit erwiesen? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen
Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug:
er trat bald zurück, weil ich kein Vermögen besitze. Die Andern sagten es nicht,
aber ich lese ihre Gedanken. Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit, der Pracht
und rauschenden Lust, bin ich eine Fremde, mitten in den Schaaren, die mich
umdrängen, eine Gemiedene. »Wer wird sie denn nehmen!« hörte ich eine vornehme
Dame zu einer andern flüstern, nachdem sie nachher nicht Worte genug gefunden,
mir Schönes zu sagen. »Sie ist doch nur eine Gesellschafterin,« erwiderte die
Andre; »ein vornehmer Lockvogel.« - »Dann kommt zuletzt doch noch Einer, der
erste Beste,« setzte die Andere tröstend hinzu. »Und unter der Haube ist unter
der Haube.«
    »Warum hört Adelheid auf das Geschnatter!«
    »Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde. Ja, ich bin eine
Gebrandmarkte - erschrick nicht, Louis, vor dem Wort, es ist nicht so übel, es
sind viel bessere als ich, ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein. So
stolz, dass ich auch meines Gleichen suche. Brauchst Du noch Beruhigung um Deinen
Freund, so wisse, ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht. Er war
mein Mentor, mein Schutzengel, er hob mich, ihm danke ich, dass ich nicht
unterging in dem Sumpfe; aber nun steht er mir auch so hoch da, dass ich den
stillen, reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben, nicht
stören darf und will. - Du bist mein Retter. Wir haben uns nichts vorzuwerfen,
wir sind beide Fremde, Missverstandene, Gemiedene, Ausgestossene, und unsere
Herzen schlagen zu einander. Das hinter uns lassen wir ruhen, und blicken - wir
flüchten Beide - in eine bessere Zukunft.«
    »Wie Du selbstquälerisch Dich erniedrigst,« sprach er, ihre Hand an sein
Herz drückend. »Wenn der gerechte Richter die Wage hält, ist die Schwere Deiner
Schuld wie die Flaumfeder, die in der Luft sich wiegt.«
    »Die Welt ist kein gerechter Richter; sie wägt auch nicht die Schuld, sie
wägt nur die Verhältnisse ab. Auch der gerechte Richter fragt, was ich bin,
nicht was ich hätte sein können. Was bin ich denn! Nicht hier, nicht dort eine
Wahrheit! Ein halbes Kind, herausgerissen aus dem elterlichen Hause, lernte ich
tänzeln, ehe ich gehen konnte, Komödie musste ich spielen, ehe ich von dem etwas
wusste, was ich spielen sollte. Ehe ich eigen gedacht, empfunden, gelebt, lernte
ich reflektiren. Die schlichte Bürgerstochter, plötzlich gestossen in Kreise der
ersten Geister und der vornehmen blasirten Menschen, musste ich Angelerntes
hersagen. Louis, erschrickst Du nicht, wie ich rede! Ist das die natürliche
Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens? Soll, darf sie reflektiren, wie ein
Mann, der die Lebensschule durchgemacht hat! Ich erschrecke oft vor mir selbst;
ich schaudere, wenn ich in den Spiegel sehe. So haben sie mich herausgeschraubt
zu einem unnatürlichen Dasein. Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung:
kann mich wer so lieben? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben? Statt eines
kindlichen Mädchens eine, die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde
kennen gelernt -«
    »Aber unberührt von ihr blieb. Deine schöne Natur hat gesiegt.«
    Sie strich ihm die Locken aus der Stirn: »Sei ehrlich! Wäre es Dir nicht
lieber, wenn ich ein Kind wäre, das arglos, neckisch, vertrauensvoll sich in
Deine Arme würfe? So zerdrücke ich oft eine stille Träne, wenn ich im Hause
bin, wo ich nicht mehr zu Hause bin, wenn die jüngern Schwestern mich mit
neugierigen Fragen bestürmen, über die ich lächeln muss. Wäre ich wieder so! ruft
es, aber ich möchte doch wieder nicht so sein, ich könnte nicht wieder so sein,
- es ist eine Kluft gerissen, und ich gehöre hierhin, nicht dortin. Das ist der
Fluch -«
    »Nicht Deiner Schuld.«
    Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf: »Wenn mein
Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske, log ich nicht,
indem ich nicht aus der Rolle fiel? Mischte sich nicht da etwas Falschheit
unwillkürlich in mein Denken und Tun? Ich log mir Entschuldigungsgründe vor.
Die Phantasie ist unerschöpflich. Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner
zweiten Mutter, der Gesellschaft, der Welt, bis es nicht mehr ging, bis das
Bewusstsein herausplatzte. Schon da an dem schrecklichen Orte! Dein Blick hatte
mich verwundet, aber die Wunde tat nicht weh. Hatte sich Dein Gesicht mir nicht
eingeprägt! Es durchschauerte mich mit Angst, als Du mich verfolgtest, aber es
war eine bange, süsse Angst, bis an jenem Abend, wo Du -«
    »Da schon! Entzückendes Bekenntnis!«
    Sie nickte, die Hände vorm Gesicht. »Ja, da schon, wie ich Dich mit kaltem
Mitleid von mir stiess, Dir verzieh unter der Bedingung, dass Du mich nicht wieder
sähest, als ich Dir sagte, ich könne Dich nie lieben, es war schon eine Lüge.
Ich presste das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurück. Ich log mir vor, dass
es nur Mitleid, dass ich Dich verabscheue, und ich log weiter. Es war die Angst
vor Dir, vor mir selbst, ich wollte mich retten aus dem Strudel, aus dem Haus,
Selbstsucht war's, als ich an Walters Brust bekannte; ja es war Liebe, aber
nicht ihr Sonnenschein, ein süsses Mondenlicht, die Liebe der Achtung, der
Dankbarkeit, der Bewunderung. Jahre sind über diese Lüge hingegangen, sie machte
mich bitter, unzufrieden, ich musste mich selbst verachten, und - ist das keine
entsetzliche Schuld, dass ich zwei Jahr das Lebensglück des edelsten Mannes
erschüttern musste? - Schuld gegen Schuld, Geliebter, wir haben Beide zu büssen
und gut zu machen. Einer muss sich am Andern stützen, aufrichten, - Einer dem
Andern Mut zusprechen. Das Leben hinter uns begraben und wir fangen Beide ein
neues an.«
    Von der düster brennenden Kerze war ein verglimmendes Dochtstück nach dem
andern gefallen; hier ohne Schaden auf die Marmorplatte des Tisches. Auch war es
nicht dunkel im Zimmer, der Mond und das dämmernde Morgenlicht erhellten es.
»Das Licht ist mein Vaterland!« murmelte Louis, in das Licht starrend.
    Adelheid fühlte wunderbare Kraft; er schien zerknickt. Mit wie leuchtenden
Blicken er auch ihren Reden zugehört, das Leuchten verschwand allmälig, das Auge
ward matt, ein wehmütiges Lächeln spielte um seinen Mund, und die Augenwimpern
senkten sich wie die eines Einschlummernden.
    Und sie hatte doch, eine begeisterte Prophetin, gesprochen. Den Weg zum
neuen Leben hatte sie ihm gezeigt - es gab nur einen - das Vaterland. Und das
eine Vaterland war ein grösseres geworden. Es war nicht heut erst der Gegenstand
ihres Gesprächs. Warum hatte Louis immer durch ein stilles Nicken, was eben so
gut dem schönen Munde und den schönen Worten galt, geantwortet? Er seufzte tief
auf: »Wo ist denn Deutschland?«
    »Ich spreche nicht von dem Traum hinter uns, Lieber,« sagte sie lächelnd,
»nicht vom Kyffhäuser und der Kaiserherrlichkeit. Du moquirst Dich darüber. Das
deutsche Vaterland liegt vor uns -« »Das Walter Dir malte,« unterbrach er. -
»Walter und Hunderte und Tausende unserer Edelsten!« - »Was in der eigenen Brust
des Schwärmers lebt, überträgt er auf die Millionen Kreaturen, in denen nichts
lebt, als der Gedanke, wie sie morgen satt werden.« - »Als wüsste ich nicht, wie
Du voriges Jahr in edler Begeisterung selbst Deinen Vater aufwecktest!« -
»Damals! Seitdem - Gieb die Hoffnung auf. - Dies Volk erwacht nicht wieder, es
ist kein Volk. - Deutschland ist ein Traum der Dichter!« - »Und eben floss Palms
Blut dafür. Es raucht zum Himmel.« - »Und ist übermorgen vergessen.« - »Ueberall
knirscht die verhaltene Entrüstung. Greise, Knaben, schwache Frauen, kannst Du
ihre Stimmen verleugnen, die Tränen der Wut, die am stillen Herde geweint
werden!«
    »Es lebt nur Einer,« rief er aufstehend - »er, der Gigant, vor dem diese
Misere daliegt, wie das Blachfeld vom höchsten Turm gesehen. Er wird ihr
Wohltäter werden, nicht wie unsere Philantropen faseln, nicht weil er sie
erheben, verständiger, besser, glücklich machen, weil er die Qual ihres Daseins
enden wird. Wer, die nicht glauben können, schnell sterben lässt, ist ihr
Wohltäter. Sein Siegeswagen mit schnaubenden Rossen wird über die Staaten und
Trone rasseln, und die zerbrochenen Szepter liegen wie Spreu an den
Landstrassen. Was bauten sie die Trone nicht fester, warum stahlen sie der Sonne
den Schein, um ihre Kronen zu vergolden! Beim feuchten Herbstwinde kommt das
schlechte Metall zum Vorschein. Warum brauchten sie die Stäbe nicht als weise
Richter, warum als Korporalstöcke! Warum ward die Weisheit schimmlig, die Kraft
stockig? Ihnen geschieht Recht und den Völkern. Zum Kehraus wird geblasen, mit
Posaunen, Pauken und Kanonen. Er ist der Mann dazu, seine Seele Stahl. Die
Weichherzigen, die Gemütlichen haben ausgespielt; die Menschheitstränen sind
in den Sumpf gefallen, aus dem kein reiner Bach mehr entspringt; es muss wettern,
blitzen, donnern, dass das Unterste sich zu oberst kehrt. Meine Seele jauchzt,
ein Weltgericht ist im Anzug und das neue Evangelium in Blut und Brand getauft.«
    Adelheid erschrak nicht, es zückte ein Freudenstrahl in ihrem Auge. Das war
ja das Schütteln eines Fiebers. Louis zitterte, indem er den Rock vor der
Morgenluft sich zuknöpfte; aber ein hitziges Fieber bringt eine Krisis hervor,
das schleichende nur ist ohne Hoffnung. Stahl war noch in dieser Seele.
    »Du bist für ihn begeistert?« sprach sie rasch.
    »Du bist ein freier Mann,« fuhr sie fort, als er schwieg. »Senke nicht den
Blick, ich erschrecke nicht darüber, ich freue mich, dass Du begeistert bist.
Louis Bovillard, ist das französische Blut in Dir erwacht? Du begehst dann kein
Verbrechen, wenn Du das erworbene Land Deiner Väter abstreifst, wo Dich nichts
mehr fesselt. Du kehrst zurück in das Land Deiner Vorfahren. Siehst Du da nur
Leben, Rettung, für einen grossen Gedanken, für Dich, o so zaudere nicht, aber
offen, ehrlich, kehre dahin zurück, zu ihm, den Du für einen Heros und Heiland
hältst, schlürfe den Feueratem ein aus seiner mächtigen Brust, diene ihm, wie
Du willst, Du wirst in jeder Gestalt willkommen sein, und lebe auf als Mann.« -
Er schwieg noch immer. - »Dein Vater hat es Dir ja leicht gemacht. Er hat seine
französischen Erinnerungen wieder ans Licht gezogen, so etwas gefällt jetzt an
Napoleons Hof.« Er schwieg noch immer, dann brach es heraus: »Ich kann ihn aber
nicht lieben.«
    »Aber, Louis, Du bist ein Mann. Ein Mann muss lieben oder hassen; in
wetterschweren Zeiten darf er nicht die Hände in den Schoss legen, abwarten, was
kommt. Mein innig Geliebter, Du darfst nicht unter die Alltagsmenschen
versinken. Dein edles Selbst darf nicht untergehen in dem Schwarm, den Du
verachtest; nein, aufrichten sollst Du Dich, stärken am Anblick der
Jämmerlichen, deren Unentschiedenheit das Elend über uns gebracht. Du musst Dich
entscheiden; hast Du gewählt, o, dann wird der Funke wieder sprühen, er wird
Dich drängen zum Handeln. Wo Du wählst, ich folge Dir.«
    Er hielt seine Hand auf ihre Stirn: »Wäre ich Sachse gewesen, und hätte den
grossen Karl bewundert, ich glaube doch nicht, dass ich gegen mein Volk streiten
könnte.« Ihr Auge blickte ihn freudig an. »In dieser Luft bin ich, sind meine
Väter geboren, in diesen Sitten, Gewohnheiten sogen sie das Leben ein, zeugten
ihre Kinder. Wir erwarben ein Vaterland, und es hat uns erworben. Ich hätte in
den Reihen der Sachsen gestritten, Adelheid, auch wenn ich gewusst, dass Karl sie
zertreten musste.«
    Sie hatte gesiegt, er war wieder gewonnen, doppelt gewonnen. Es waren
Momente der Seligkeit, die Feder und Farbe umsonst zu malen versuchen. Die
Morgenluft wehte schon frisch ins Zimmer, als sie die Balkontür öffneten, die
ersten Vögel erhoben ihre zwitschernden Stimmen in den dunkeln Gebüschen und ein
rötlicher Streifen färbte den östlichen Horizont. Im Himmel und in den Büschen
war noch Poesie.
    Adelheid führte ihren Freund auf dem Wege, den vorhin Wandel genommen, durch
das Souterrain nach der Hofpforte. Als sie die steinerne Wendeltreppe hinab
waren, kam ihnen Lichtschein entgegen. In der Mitte des Flurs lag eine Leiche,
die Diener hatten Kerzen darum angezündet. Sie starrten zurück. »Eine Leiche!«
Adelheid unterdrückte einen Schrei.
    In dem Augenblick ward ihr Name oben von der Fürstin gerufen. »Wir müssen
scheiden!« - »Bei einer Leiche! Das ist ein böses Omen, Adelheid.« - »Ein
gutes!« rief sie an seinem Halse. »Auch der Tod soll uns nicht erschrecken, auch
der Tod nicht trennen!«
    Die Fürstin war sehr blass. Mit gläsernen, durchwachten Augen starrte sie das
junge Mädchen an, aber nicht verwundert, sie noch wach zu finden. Sie fragte
auch nicht woher sie komme. Es war eine innere Bewegung, als sie Adelheid an
sich drückte und sie bat, bei ihr zu wachen, oder auf dem Sopha zu schlafen. Sie
hatte gelesen, das Buch war ihr entfallen, und sie hatte böse Träume gehabt,
oder Visionen, wie sie sagte. Man sah, sie fürchtete sich in der unheimlichen
Einsamkeit des grauenden Morgens. Adelheid wollte die Kammerfrau wecken. Die
Fürstin schüttelte den Kopf: »Tun Sie es diesmal selbst mir zu Liebe.« Sie
zitterte heftig, als Adelheid sie entkleidete; sie hatte nie die Fürstin zittern
gesehen. Auch war sie seit lange nicht so zärtlich gewesen. Als sie ihr zum
Schlafengehen die Hand drückte, sprach sie: »A propos, ich vergass Ihnen zu
sagen, die Königin hat sich wieder durch die Voss nach Ihnen erkundigen lassen.
Bereiten Sie sich vor, bei nächster passender Gelegenheit werde ich Sie der
Majestät vorstellen. Sie werden ihr sehr gefallen.«
    Die aufsteigende Sonne konnte nicht durch die schweren Jalousieläden in das
dunkle Zimmer dringen, sonst hätte sie auf dem Sopha ein sehr frohes Gesicht
gesehen. Das Lächeln blieb, als Adelheid einschlief. Sie hatte sich bis heut vor
der angekündigten und immer wieder aufgeschobenen Vorstellung vor der Königin
gescheut. Heut träumte sie, dass Engel sie zu ihr führten.
    Als Louis Bovillard in sein Zimmer trat, goss die Tageskönigin ihr erstes
Rot durch das Fenster. Alle Gegenstände waren purpurn, am leuchtendsten aber
sein Gesicht, als er in dem Goldschein Walters Brief las und überlas. Er mochte
zuerst glauben, es sei ein Traum. - Er zerdrückte eine Träne, die sich über die
Wimpern schleichen wollte, riss das Fenster auf, schlürfte die wonnige Morgenluft
ein und warf sich dann lächelnd aufs Sopha. Es war am späten Vormittag, als er
erwachte, aber sein Gesicht lächelte noch immer.
 
                         Zweiundsiebenzigstes Kapitel.
                              Verfallene Wechsel.
Wer nicht beobachtet sein will, verhängt seine Fenster. Wer Geheimes schafft,
verstopft auch die Schlüssellöcher. Das weiss ein Dummkopf, aber den Klügsten,
welche den Luftzug berechneten, der durch ein Mauseloch dringen mag, passirt
wohl, dass sie vergassen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen. - Weise sagen,
wenn den Klugen das nicht zuweilen passirte, wär's in der Welt nicht
auszuhalten; die Affekte, die sie unbesonnen handeln lassen, seien das Salz,
welches das Leben vor der Fäulnis schützt. Behaupten doch noch Weisere: wenn
alle Menschen verständig wären und Charakter hätten, müsse die Welt vor lauter
Reibung in Flammen aufgehen. Der Legationsrat von Wandel wollte heute gewiss
nicht beobachtet sein. Er war in seinem Laboratorium, eine kleine alte Küche
nach dem Hofe hinaus, die, unbenutzt zum gewöhnlichen Gebrauch, an seine Zimmer
stiess. Es war kaum nötig gewesen, die Fenster mit Matten zu behängen; durch
ihre, alle Farben schillernden, mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben
wäre kein Blick gedrungen. Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen, keine
Aufwärterin den Staub wegkehren. Es ward Niemand eingelassen, ausser bei
besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apoteker Flittner, der Geheimrat
Hermbstädt und andere bekannte Chemiker. Aber dann hatte die Küche ein etwas
verändertes Ansehen. Um irgend ein glänzendes Experiment zu zeigen, waren Töpfe,
Tiegel fortgestellt, es war der übrige Apparat mehr teatralisch geordnet. Auch
wurden ein Gerippe, und zwei Frauenbilder, die an der Wand hingen, beseitigt.
Wahrscheinlich sass auch der Legationsrat nicht ganz in dem Kostüm wie heute vor
der Retorte - in Hemdsärmeln, weiten Unterbeinkleidern, um den Kopf einen
turbanartigen Bund gewickelt, auf der Nase eine grosse Brille mit Ohrenklappen,
und mit einem seidenen Halstuch, das über die Lippen und halb über die Ohren
ging.
    In dem einen Tiegel kochte ein Stoff. Er schob das Tuch höher und drückte
den Turban tiefer in die Stirn, wenn er mit einem Spahn darin rührte, und neue
Ingredienzien hinzutat. Alsdann schien er dem Kräuseln des Rauches, der sich in
den Schlot verlor, mit Aufmerksamkeit zu folgen. Das erste Experiment musste
geglückt sein, das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte getan, und der
Legationsrat sah dem Entwicklungsprozess des Gases mit einem stillen Vergnügen
zu. Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des
halb schielenden Auges, während er auf dem Schemel zurückgelehnt sass, ein Bein
über dem andern wiegend.
    Sein Blick siel aber auch auf die beiden Frauenbilder. Wie er mit den Augen
zwinkerte, schien er mit ihnen ein eigentümliches Gespräch zu führen. Seine
Lippen bewegten sich, er gestikulirte mit den Händen. Ein Diagnostiker hätte
vielleicht bemerkt, dass ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete. Wenn er
noch schärfer sah, würde er aber auch bemerkt haben, dass es Wandels Absicht war,
sich zu etwas zu zwingen, was ihm Pein verursachte. Es gibt eine Wollust, die
auch den Schmerz aufsucht. Die beiden Bilder waren in Wasserfarben, beide schöne
Frauengesichter. Die Aeltere, blass und kränklich, hatte einen schmachtenden
Blick; die jüngere Nussbraune schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die
Welt hinein. Wandel schien sich lieber mit der Aelteren zu unterhalten, als
einer genaueren Vertrauten. Wohl nickte er der Jüngeren und warf ihr eine
Kusshand zu, aber es war, als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug.
Er schlug zuweilen seine Augen nieder. Beide waren unzweifelhaft Schwestern, dem
wohlhabenden Stande angehörig, wie ihre reichen Kleider, nach der Mode der
vergangenen Jahrzehnte, andeuteten. Seine Lippen flüsterten, Laute, freilich nur
für die Geister, welche im Sonnenstrahl als Ständchen sich schaukelten, aber
auch der Dichter darf sie hören:
    »Schöne Molly, warum liessest Du nicht den Vorwitz! Deine Kohlenaugen
funkelten vielleicht noch, munterer als auf dem Bilde, und Dein Leib wäre so
wonnig und voll, denn Du hattest Anlage zum Embonpoint, als Deine arme Schwester
da täglich magerer und dürrer wird. Wenn ich nicht mit Draht hülfe, fiele sie
auseinander. - Arme Angelika, Dir konnte ich nicht anders helfen. Hadre mit der
Natur, dass sie Dir keinen besseren Brustkasten schuf. Du dankst mir auch, dass
ich Deine Schmerzen schneller endete. Ja, ich weiss es, Angelika, wir sind
Freunde geblieben - wenn die Wolke durch den Mond streift, und Du mir im
Nebelgeriesel einen feuchten Kuss auf die Wange hauchst, es ist ein Kuss des
Dankes und der Liebe. Ich versichere Dich auch, ich habe Dich geliebt. Du warst
sanftmütig, voller Ergebung, eine Schwärmerin freilich, aber klug genug, von
einem Manne nicht mehr zu fordern, als er geben kann. Ein Mann hat viele
Ausgaben, das sahest Du ein. Und darum Dein schönes Testament, das wahrhafte
Zeichen einer schönen Seele, obgleich ich gestehen muss, dass ich es eigentlich
diktirt. Um dieses Testamentes willen wirst Du mir ewig unvergesslich bleiben!
Nein, ohne Spass, das Andre seitdem ist alles Spass, Du gabst Alles für mich auf,
in Brüssel Deinen Mann, in Paris Dich selbst. Mit solcher Aufopferung,
Entsagung, solchem Fanatismus hat mich Keine geliebt. Um deswillen versprach ich
Dir, was Du in der Fieberhitze des Todtenbettes fordertest - das letzte heilige
Gelöbnis, Dich auch im Tode nicht von mir zu lassen. Vernünftige Menschen würden
es eine unsinnige Plackerei nennen! Ich habe Dich verstanden - nicht Dein Geist,
das ist eben Alfanzerei! aber Deine Materie, was sich von Dir erhalten liess,
soll mich umschweben. Ein bescheidener Platz am Nagel. Nein, mehr. So hast Du
meinen Mut geliebt, der sich nicht scheute, Dich schneller ausleben zu lassen,
Du wolltest, dass ich an diesem Anblick die Nerven immer stähle, wenn sie schwach
würden, immer mehr Herr über jene Empfindungen würde, die der Mensch sein
Erbteil nennt. Wenn Du Deine Augen aufschlagen könntest! Wie hat das Recipe
gewirkt. Ich schüttle Deine Hand, klapperndes Gebein. Ich fürchte mich nicht vor
Dir, vor nichts!«
    Und doch schienen seine Knie beim Niedersetzen nicht ganz so fest, als das
Todtengerippe an der Wand noch hin und her rasselte, bis es die vorige Ruhe
gewonnen. Er biss sich in die Lippen. Dann schlug er das Auge zum andern Bilde
auf:
    »Die Schelmin! - Noch sehe ich Dich, Du allerliebstes Geschöpf, wie ich Dich
am Schlüsselloch ertappte. War es denn Lüge, als ich Dir die Kehle zuhielt und
den Mund mit Küssen erstickte. Ich liebte Dich ja, das war Wahrheit. Nur Dir zu
Liebe hätte ich's! Was ging's Dich an, ob das auch Wahrheit war? - Du wardst
glücklich, selig in meinen Armen. Die todte Schwester hinderte es so wenig, als
die kranke es gehindert hatte. Sie wusste es, sie hat sehr viel gewusst, ehe sie
starb, und mich darum nicht minder geliebt. Eine Närrin, Molly eine abscheuliche
Törin warst Du, Du hättest noch lange glücklich sein können, wer weiss wie
lange! Denn Du hattest die Kunst, Dich zu konserviren, Du wärst witzig geblieben
und hättest meinen Geist aufgefrischt - ich hätte es Dir wirklich nachgesehen.
Aber Du bekamst Gewissensbisse - Torheit, es war zu spät, meine liebe Molly; es
war auch nur die Angst, dass es Dir wie Angelika erginge. Das wollte ich Dir
verzeihen, liebes Mädchen, aber so dumm zu sein, dass Du es nicht bei Dir
behieltest, dass Du es mir in einer schwachen Stunde vertrautest! Das war die
grösste Sünde, die der Mensch begeht, die Sünde gegen sich selbst, und Du musst
gestehen, das verdiente schon die Strafe. Nachher ward der kleine Schelm
pfiffig. Allen meinen Küssen, Seufzern widerstandest Du, Du wolltest kein
Testament machen. Ich verdenke es Dir nicht. Es verlängerte Dein Leben, und mich
zwang es zur Verschwendung. Musste ich nicht meine ganze Liebenswürdigkeit auf
Dich ausschütten, musste ich nicht allen zarten Saiten meines Daseins süsse Töne
entlocken, um Dich nur zum Schweigen zu bewegen? Mein Kind, das hat mich viel
Anstrengung gekostet, denn Du warst mir sehr gleichgültig geworden, und mir
entging darum eine schöne Irländerin, auf die ich mein Aug' geworfen. Nachher
schwiegst Du nicht - Du schriebst einen Brief - Du schriebst Dir selbst Dein
Urteil - darüber kannst Du nicht klagen. Aber ich -«
    Er verzog das Gesicht und ballte die Faust gegen das Bild: »Der Brief - den
ich fand, ist zu Aschenstäubchen aufgelodert, aber es stand darin von einem
andern Briefe, der meiner Wachsamkeit entschlüpft war - Molly! Molly! -« Sein
Gesicht bekam einen furchtbar hässlichen Ausdruck; die Zähne fletschten zwischen
den zurückgekniffenen Lippen wie die Hauer eines Ebers, die Augen sprühten das
grünliche Feuer einer wilden Katze. Aber der Parorysmus der Wut und Angst war
schnell vorüber, die aschgraue Urnenruhe lagerte sich wieder auf dem gelben
Gesichte, die Finger entklammerten sich. - »Possen! In einem Dutzend Jahren und
nicht zum Vorschein gekommen! Feuer - Regengüsse - Feuchtigkeit - Staub und
dünnes Briefpapier! - Lacht Ihr, dass ich mich zuweilen ängstigen kann! - Mes
dames! was wollen Sie? Ich beweise Ihnen ja das vollste Vertrauen - Ja, Sie
sehen Alles. Sie brauchen jetzt durch kein Schlüsselloch zu observiren, ich
verhänge nicht einmal Ihr Gesicht. Was verlangen Sie mehr? Einige Galanterie? -
Mes dames de Bruckerode, je vous assure, que tout ce que vous voyez n'est que
moutarde après dîner, rien qu'un dessert maigre après un repas délicieux. -
Wirklich, Angelika - das waren andere Zeiten, andere Genüsse, voller Empfindung,
Sympatieen, Leidenschaften. Was ist es jetzt? Asche! Damals glühende Kohlen!
Calculatorische Geschäfte! Wo sind Deine süss schmollenden Lippen, meine Molly?
So etwas gibt es nicht mehr. Deine ängstlichen Blicke, als Du die Chocolade
trankst, ich musste vorher nippen, und dann, o das war Wonne! O Du meine
Angelika, Du hattest nicht genippt. Fest mich anblickend, ohne Angst, Vorwurf,
nur das tiefe Seelenverständniss im Auge, leertest Du die Schaale, und drücktest
mit der feuchten kalten Hand meine. Du hattest mich verstanden, ich Dich. Ils
sont passés, ces jours de fête!«
    »Schönen guten Morgen, mein lieber Herr Geheimer Legationsrat!« unterbrach
eine heisere Bassstimme diese Schwärmereien des Einsamen, und vor ihm stand der
Kaufmann van Asten. Es war so, - keine Erscheinung der Traumwelt. Der alte van
Asten war der letzte Mann, der in ein Traumgewebe gepasst hätte. Trotz seiner
schweren rindsledernen Schnallenschuhe war er unbemerkt durch die beiden Zimmer
gekommen, und drückte jetzt die Tür hinter sich zu, während dem Legationsrat
die Binde vom Kinn rutschte, und er, aufspringend, an der Lehne des Stuhles sich
hielt. »Na, wie gehts Ihnen denn, mein lieber Herr von Wandel. Haben sich ja so
lange nicht sehen lassen. Ist das Freundschaft?«
    Der Turban und die Brille waren vom Kopf des Legationsrates verschwunden,
eine Operation, die ihm Zeit liess, seine Fassung wieder zu gewinnen. So war es;
man merkte nichts von Bestürzung, kein Zittern mehr, es war das feste eiskalte
Gesicht, mit den durchforschenden Augen, als der Legationsrat den Kaufmann
anredete. »Wie kommen Sie hierher?«
    »Durch die Türe. Herr Legationsrat hatte vergessen, den Schlüssel
umzudrehen. Sehen Sie mal, liebster Herr von Wandel, in unsern unsichern Zeiten!
Wie viel Gesindel schleicht um. Hätten ja Ihren Sopha forttragen können. Sie
hätten's in Ihren Meditationen nicht gemerkt. Aber ich habe hinter mir
zugeschlossen; wir können jetzt ganz sicher sein.«
    »Tausendmal Vergebung, mein teuerster Freund, dass Sie mich in diesem Kostüm
und hier - Kommen Sie in meine Wohnstube. Diese unerwartete Freude -« Er wollte
ihn unter den Arm fassen; eben so schnell aber hatte der Kaufmann einen Schemel
vor die Tür gestellt und darauf Platz genommen. Wo van Asten einmal Platz
genommen, hätte es anderer Kräfte bedurft, ihn wieder fortzubringen. Breitbeinig
sass er, die Füsse fest auf den Boden, die Arme auf den Stock gestützt. Der Stock
schon hatte etwas Respekt gebietendes, er schien mit Blei ausgegossen, als er
auf die gebrannten Fliesen sank. »Werde mich ja nicht unterstehen, Sie zu
derangiren. Wo ich Sie finde, sind mir Herr Legationsrat lieb.«
    »Wie Sie wollen!« sagte Wandel und nahm auf dem Stuhle Platz, so nachlässig,
wie seine innere Aufregung erlaubte, den Rücken dem Herde zugekehrt, ein Bein
über das andere streckend. Wie der Kaufmann in seiner Positur dem Rat den Weg
durch die Tür versperrte, schien dieser den zum Herde zu verbarrikadiren. Der
Kaufmann liess seine Augen im Laboratorium wandern. »Was sind denn das für
Frauenbilder?« - »Wären Ihnen die Züge vielleicht bekannt?« fragte Wandel, ihn
scharf fixirend. - »Kam nie aus Berlin heraus. Aber das sind keine deutschen
Frauenzimmer.« - »Welcher Kennerblick! Die Aeltere eine Schwedin, die Jüngere
eine Italienerin.« - »So! so! Ich hätte sie für Schwestern gehalten, und sie
kommen mir so niederländisch vor. Sie müssen nämlich wissen, ich bin auch aus
flämischem Blute.«
    Der Legationsrat verzog faunisch das Gesicht: »Ich strenge mich vergebens
an, eine Aehnlichkeit zwischen Ihnen und den Damen zu entdecken.« - »So wenig,
als zwischen mir und dem Skelett da. - War auch wohl eine Dame?« - »Ich führe es
mit mir zu anatomischen Studien. Schon seit länger. Ich kaufte es einmal von
einem Todtengräber, ich erinnere mich wirklich nicht, wo.« - »Gleichviel! Der
Tod ist jetzt umsonst, und Leichen wohlfeil. Aber die italienische und die
schwedische Schwester, das müssen ein paar hübsche Mädchen gewesen sein. Gönne
es Ihnen, Recreations der Jugend, geht mich nichts an.«
    Die umschweifenden Blicke schienen je mehr und mehr den Legationsrat in
eine unbehagliche Spannung zu versetzen. Er kämpfte sichtbar mit einem
Entschluss, der ihm ebenfalls schwer ward, aber es brach heraus: »Was verschafft
mir die Ehre Ihres Besuchs?« - »Eine kleine Geschäftssache.« - »Welche,
teuerster Freund? Doch nicht -« »Ein kleiner Wechsel -« »Richtig!« Der
Legationsrat schlug sich an die Stirn. »Der ist aber erst in acht Tagen
fällig!« »Freut mich, dass Sie sich so genau erinnern. Ich habe immer gesagt, Sie
sind ein prompter Mann. Ja, in acht Tagen fünftausend Taler.« - »Die Sache ist
mir sehr erinnerlich - zu Ende der Hundstage, aber ich glaubte, Sie hätten die
Bagatelle längst abgegeben.« - »Auch geschehen, mir aber wieder zurückcedirt.
Hat viele Herren gehabt; das macht sich wohl so im Geschäft.«
    Als der Kaufmann sein Taschenbuch aus der Brust zog, wobei er aber etwas
sorgsamer zu Werke ging, als an jenem Abend, wo er die Wechsel vor dem
Rittmeister auf den Tisch ausstreute, fiel Wandel ihm ins Wort: »Aber lassen wir
das bis nachher. Die Sache ist ja kaum der Rede wert. Wie geht es jedoch Ihnen?
Sie sehen nicht ganz wohl aus. Dass die Partie Ihres Herrn Sohnes rückgängig
ward, konnte Sie doch nicht touchiren. Er ist im Gegenteil in sich gegangen und
hat beim neuen Minister eine kleine Stellung angenommen. Ich parire, er wird ein
vernünftiger Mensch werden.«
    »Kann sein. Söhne kosten immer Geld, so oder so; ob sie vernünftig sind oder
toll.« - »In jenem Zustande wird er auch die vernünftige Partie, welche ein
geliebter Vater für ihn ausgesucht, nicht länger von der Hand weisen.« - »Kann
sein, kann auch nicht sein. So oder so. Hilft auch nichts, wenn Krieg wird. Es
weiss Niemand, wo den Andern der Schuh drückt, mein Herr Geheimer Legationsrat.«
- »Ich bin simpel Legationsrat,« lächelte Wandel. - »Sie sind ein geborner
Geheimer. Ja, wenn Sie das wüssten, Sie müssten aber noch mehr wissen.«
    Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studirende Gesicht des Kaufmanns
beobachtet, und glaubte darauf gelesen zu haben, was ihm Ruhe gab. Der Mann war
innerlich bewegt. Plötzlich griff er nach seiner Hand, oder vielmehr nach dem
untern Arm, es ist aber möglich, dass der treuherzige Freundesdruck auch der
Wucht des Stockes galt, den er mit dem Arme schüttelte und sehr schwer fand. Mit
einer Stimme, dem Widerhall eines vollen Herzens, sprach er: »Herr van Asten,
Sie drückt etwas. Ich bedaure, dass es mir nicht gelungen, Ihr volles Vertrauen
zu erwerben. Könnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschütten,
schon das würde Sie erleichtern. Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer,
und Auswege und Mittel, die dem selbst Bedrängten entgehen. Mein Gott, sollte
der drohende Krieg - aber ich schweige -«
    Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann: »Geheimes will ich Ihnen gar nichts
sagen, aber was die ganze Börse erfahren hat, das können Sie auch wissen. Wir
hatten für 10,000 Taler Weine aus Bordeaux bestellt -« »Wir? - Ah, das ist das
kleine Kompagnongeschäft mit Seiner Excellenz. Sie exportirten dafür Holz und
Bretter von Seiner Excellenz Gütern.« - »Wissen Sie das auch? - Schadet nichts.«
- »Das Schiff muss jetzt in Stettin angekommen sein.« - »Ist! - Mit Weinen,
delikaten Weinen - volle Ladung zum Wert von 100,000 Talern unter Brüdern.« -
»Hundertausend! Eine volle Null zu viel.« - »Da liegt es, das Geheime, mein Herr
Legationsrat. Nur eine einzige Null zu viel bei der Bestellung. Der Casus ist
klar - ein Schreibfehler. Wer ihn beging ist gleichgültig. Der Zufall kann einen
Artillerielteutenant auf den Kaisertron bringen, und der Zufall ein grosses
Reich stürzen, warum nicht auch ein grosses Handlungshaus.« - »Es beweist nur,
welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben muss.« - »Es beweist, dass Einem auch
der Kredit den Hals zuschnüren kann.« - »Ich begreife Ihre Lage, die Waare ist
für den Augenblick nicht abzusetzen, sie übersteigt weit den momentanen Bedarf.
Alles schränkt sich ein. Indes wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen. Ihre Freunde
werden sich zeigen.« - »Haben sich schon gezeigt.« - »Sie werden Ihnen
beispringen.« - »Sind schon gesprungen. Kommen lauter kleine Wechselchen zurück:
Werden noch mehr kommen.« - »Excellenz der Minister -« »Pst! Excellenz sind ja
kein Kaufmann, lassen mich nicht vor. Verdenk's ihnen auch nicht, sind ja nicht
in die Gilde eingeschrieben. Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance
mitmachen. Alles kordial, mündlich. Setzten ein grosses Vertrauen in mich, was
ich sehr ästimire. Wenn wir den Profit gemacht, war's ja beim alten van Asten,
ob er die Hälfte auszahlen wollte. Verklagt hätte er mich nimmer.« - »Aber er
setzte den Wert seiner Hölzer auf's Spiel.« - »Wird kein Narr gewesen sein! Auf
Höhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauerstrasse
intabuliren lassen. Jedes Kind sieht nun ein, dass ich mit Excellenz nicht die
Schuld eines Schreibfehlers halbiren kann, und Excellenz haben zwar einen
vortrefflichen Magen, aber die Hälfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus.«
    Eine Pause trat ein. Der Legationsrat blickte mit verschränkten Armen vor
sich nieder: »Ihre Lage ist traurig, aber nur wer sich selbst aufgibt, ist
verloren. Die Weine unter dem Steuerverschluss, gleichviel ob hier oder in
Stettin, sind ein todtes Kapital, welches das grösste Haus ruiniren könnte. Wäre
Ihr Medoc nicht ein Kapital, das zwei-, dreihundert Prozent eintrüge, wenn Sie
es an einer Nordküste lagern hätten, wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft
hat? Wird die Schifffahrt geschlossen, sind Sie wieder ein Krösus.«
    »Alle Zeichen deuten, dass wir Krieg anfangen.«
    »Alle Zeichen sind trügerisch, wo kein Wille ist. Noch schwankt die Wage.
Die Kabinetsräte sehen es ein, der König möchte den Frieden erhalten, und wenn
sie doch das Wort Krieg aussprechen, ist's weil sie gezwungen werden, weil sie
keine Unterstützung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden. Mein Herr
van Asten, warum treten denn nicht die Patrioten zusammen, ich meine die, welche
Mittel haben, warum unterstützen sie nicht des Kabinet? Das ist noch möglich.
Fragen Sie sich doch, was es gilt? Bleibt Friede, bleibt er nur durch eine
Allianz mit Napoleon, es gibt nichts Drittes. Krieg mit ihm oder Anschluss. Im
letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem, die Häfen sind gesperrt, und
Ihr Bordeauxwein, ohne Konkurrenz, ist wenigstens dreihunderttausend Taler
wert. Nun rechnen Sie, wenn Krieg wird, wenn es nur bleibt, wie es ist! Ihr
Wein ein todtes Kapital, Ihre Gläubiger lebendige Quälgeister, Ihr Haus
erschüttert, vielleicht - Man schätzt Sie auf über zweihunderttausend, wenn
indes Ihre Aktiva nichts werden, Ihre Passiva - ich schweige davon. Aber in
solchem äussersten Fall muss der Mann das Äusserste wagen. Und sind Sie allein in
dem Falle? Verabreden Sie sich, schiessen Sie zusammen. Lucchesini, Haugwitz,
Lombard, sie Alle sind ja zugänglich, die freundlichsten Männer. Sie erwarten ja
nur, dass man sie unterstützt, gewichtige Stimmen aus dem Publikum. Schaffen Sie,
womit man Ihnen hilft, um den Schreiern den Mund zu stopfen. - Mit
hunderttausend Talern übernehme ich's.«
    Der Kaufmann verstand jetzt, aber er war sichtlich von einer Vorstellung
betroffen, die ihn schwindlig machte. Das Argument des Legationsrats hatte
etwas Verführerisches, die Verhältnisse waren, wie er sie schilderte, aber er
erschrak zuerst vor dem Gedanken, dass ein einfacher Bürger sich unterfangen
dürfe, in das Schicksal eines Staates einzugreifen, dann, dass er dies sein
könne; zuletzt, wenn er die angenehme Maske von der Sache fortzog, erschrak er,
denn was war die patriotische Operation -? Van Asten war ein rechtlicher Mann.
    »Mein teuerster Herr!« sprach der Legationsrat wieder mit der gewohnten
Ueberlegenheit des vornehmen Mannes, und auch sein Kostüm hinderte ihn nicht,
die Situation, die er liebte, einzunehmen, ein Bein über das andere, den
Hinterkopf mit der Lehne, die Finger der rechten Hand mit sich selbst spielend.
»Mein teurer Herr, wenn wir uns doch gewöhnten, die Verhältnisse zu betrachten,
wie sie sind. Was sind die Menschen in ihrer Massenhaftigkeit anders, als
Heerden zweibeiniger Geschöpfe, bestimmt, von Anderen, die klüger sind, geleitet
zu werden. Fragen wir uns: Wer denn überhaupt die Welt beherrscht? Einige wenige
Könige, die Genies waren oder Feldherrn aus Passion; das waren seltene
Ausnahmen. In der Regel waren es kluge Minister, schlaue Favoriten, noch
schlauere Maitressen. Sie herrschten um so sicherer, je feiner sie es zu
verstecken wussten. Oder wollen Sie nach Klassen gehen? Die Hohenpriester fingen
an, dann kamen die Könige, dann militärischer Adel, dann Priester, Könige und
Feudalritter im bunten Gemisch, bis die Könige wieder glaubten, das Oberwasser
zu haben; da nahmen es ihnen die Philosophen. Das Schibolet, früher Glauben
geheissen, hiess nun Aufklärung. Bei allem diesem Wechsel, mein teuerster Freund,
ist nur das beständig, dass die Pfiffigsten das Heft in der Hand behalten. Nun
sehe ich aber nicht ab, warum die reichen Leute nicht einmal den Priestern,
Rittern und Philosophen das Geschäft abnehmen, warum sie nicht auch einmal
pfiffig sein und regieren wollen? Sie ahnen nicht, mein werter Herr, welche
Macht in Ihren Komptoirstuben, Ihren Wechseln, in Ihren Federstrichen ruht,
durch welche Sie Weltteile verbinden. Im vollen Ernst, Ihnen, den grossen
Kaufleuten, Fabrikanten, blüht die künftige Welterrschaft entgegen. Wenn Sie
nur sich etwas verständigen wollten, etwas mit den Ackerbau treibenden
Herrschaften, etwas mit den Herren von der Feder, es braucht da nur kleine
Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten, ein klein wenig auch mit den Ideen, welche,
was man nennt, beim Volke im Schwunge sind, so prophezeie ich Ihnen, Sie, die
Herren von der Industrie, werden bald die wahre, reelle, effektive
Universalmonarchie in Händen haben, wie die grossen Handelsherren in dem kleinen
Venedig ehedem, wie im grossen England und im noch grösseren Amerika jetzt schon
und in Zukunft noch mehr. Sie, Sie, Teuerster, fingen ja schon an. Bravo! Ihre
Associèschast en commandite mit der Excellenz war eine grossartige Idee, nur muss
man sich von den vornehmen Herren nicht übers Ohr hauen lassen. Wenn Sie
geschickt agiren, haben Sie den Herrn ja noch jetzt in Händen, er muss jeden
Eklat vermeiden, während Sie vis-à-vis de rien Alles einsetzen müssen. Also,
Courage, für Frieden und Ruhe Alles dran gesetzt, Frieden und Ruhe, welche die
Nation und Ihr König wünschen. Also warum nicht frisch und kühn, ein Auge
zugedrückt und in die Tasche gegriffen!«
    Herr van Asten griff auch in die Tasche, aber nur, um seine Brieftasche
vorzuholen. Er war während der langen Rede wieder seiner Herr geworden: »Weil
mir ein Sperling auf der Hand lieber ist als eine Taube auf dem Dache. Weil mein
Fuss zu dick ist, um ihn in Diplomaten schuhe zu stecken. Weil ich auf glattem
Boden nicht gehen kann, und weil ich in der Schule gelernt habe, dass, wer
besticht, eben so ein Schurke ist, als wer Bestechung nimmt. - Hier ist Ihr
erster Wechsel.« Das Bleistift, welches die Brieftasche verschlossen, zwischen
den Zähnen haltend, zog der Kaufmann den Papierstreifen heraus.
    »In acht Tagen stehe ich zu Dienst,« entgegnete Wandel mit einem Versuch zu
lächeln. »Pressirt es so, Herr van Asten?« - »Mich nicht. Glaubte vielleicht,
dass es Sie pressiren würde, den Wechsel einzulösen.« - »Zeigen Sie. Sollt' ich
mich im Datum geirrt haben!«
    Der Kaufmann hielt den Wechsel seitwärts in die Höhe. Sein Bein und Stock
blieben die Barriere. »Sie haben ja wohl gute Augen. - Sehen Sie? - Sie sehen
vielleicht nicht Alles. Ich auch nicht. - Die Schrift ist blass. Herr
Legationsrat, seit acht Tagen wird sie jeden Tag blässer, und in acht Tagen
hätte ich einen weissen Papierstreifen in der Tasche. Ist das nicht kurios?«
    Wandel hielt die Hand vors Gesicht, um besser zu sehen. Plötzlich drehte er
sich auf dem Hacken um, und sank auf den Stuhl zurück mit einem lauten
Auflachen. Van Asten verlor keine seiner Bewegungen aus dem Auge. - »Das ist
kurios.« - »Nur kurios, Herr Legationsrat?« - »Waren Sie besorgt, dass ich den
Wechsel um deswillen nicht honoriren würde?« - »Besorgt eigentlich nicht, Herr
Legationsrat, ich liess nur, als ich's merkte, vom Notar eine vidimirte
Abschrift nehmen, und den kuriosen Fall ad protocollum vermerken.« - »Die
Geschichte wird immer hübscher. Ich hatte damals eine sympatetische Dinte
präparirt, und tauchte wahrscheinlich aus Versehen die Feder beim Ausfüllen des
Wechsels hinein. Wollen Sie gefälligst hergeben, der Schade ist im Moment
reparirt.« Er stellte eines der Kohlenbecken vom Herde auf den Fenstersims. »Wie
Sie wollen,« lächelte der vornehme Mann, als van Asten das Papier hinter seinen
Rücken hielt. »Probiren Sie selbst, eine Sekunde leise über den Kohlendampf und
die natürliche Schwärze ist wieder hergestellt.« Der Kaufmann besann sich einen
Moment. Er schien seine Position nicht verändern zu wollen, bei der Operation am
Fenster hätte er dem Rat den Rücken wenden müssen. Er überreichte ihm den
Wechsel, von dem er ja eine vidimirte Kopie besass, strengte aber jetzt seine
Augen noch mehr an, jede Bewegung des Andern zu verfolgen. Wandel fuhr nur
leicht ein paar Mal über das Kohlenbecken und reichte den Wechsel, ohne ihn
selbst anzusehen, zurück: »Prüfen Sie jetzt selbst.«
    Die Schrift stand wieder schwarz da, aber das Papier schien sehr mürbe
geworden. »Soll ich Ihnen vielleicht einen neuen Wechsel schreiben? - Sie
scheinen etwas ängstlich. - Ich vergebe Ihnen, ein Kaufmann soll vorsichtig
sein. Mit dem grössten Vergnügen.« Er schob aus dem Winkel einen kleinen Tisch
mit Schreibzeug hervor, bestimmt, um seine Notate bei den chemischen
Experimenten zu machen, und - schrieb.
    Van Asten hatte zu dem Anerbieten weder ja gesagt, noch nein. Er benutzte
den freien Moment, sich umzuschauen. Es war ein stiller Sonntag Nachmittag, das
ganze Haus schien ins Freie ausgeflogen, er war auf der Treppe Niemand begegnet.
Im Hofe knarrte nicht der Brunnen, keine Stimme; man hörte nur das Zwitschern
der Sperlinge, in der Küche das Picken des Holzwurms in dem alten Gebälk. Van
Asten war auch ein mutiger Mann, aber ihm war eigen zu Mute, wenn sein Blick
auf das Gerippe fiel, auf die eisernen Gerätschaften, die eben so viel Waffen
werden konnten. Waren nicht auch vielleicht auf dem Herde, in den Tiegeln und
Destillirkolben geheime Waffen! Wenn der Koch mit dem Löffel daraus auf ihn
spritzte, mochte nicht eine Essenz darin entalten sein, die ihn betäubte, ihn
selbst im Augenblick blass machte wie die Schrift auf dem Wechsel?
    Waren nicht die Blicke, die der Schreibende seitwärts dann und wann auf ihn
gleiten liess, auch Waffen! Der Kaufmann stand hinter seinem Schemel, den darauf
gestemmten Stock noch fester in die Hände pressend.
    An einer schwarzen Tafel standen mit Kreide aritmetische Figuren, darunter
Berechnungen, die des Kaufmanns Aufmerksamkeit anzogen, grosse Zahlen addirt. An
der einen Ecke:
        80,000 + 15,000 - 40 Jahr p.p. + + + zu viel.
        Summa: 95,000 - 40 Jahr p.p. + + + zu viel.
an der andern:
            90,000 + 28 Jahr - Verstand.
        p.p. 90,000
            180,000 + 28 Jahr - Verstand.???
    Der Legationsrat war fertig und hielt ihm die Schrift hin: »Wollen Sie
probiren - englische Immortell-Dinte, neueste Erfindung von Parry - es liesse
sich darin ein Geschäft machen. Um alle Simulation zu vermeiden, habe ich unter
heutigem Datum acceptirt.« - »Wollen Herr Legationsrat noch gefälligst darunter
notiren: Duplikat des an dem und dem acceptirten Solawechsels.« - »Wozu,
teuerster Mann, wir tauschen die Papiere aus und damit ist die Sache
abgemacht.« - »Möchte gern den ersten Wechsel auch behalten, nur aus Kuriosität,
von wegen der sympatetischen Tinte. Geschieht Ihnen ja kein Schade dadurch,
lieber Herr Legationsrat. Können noch, der Sicherheit wegen, hinzubemerken:
Duplikat u.s.w. wodurch der Primawechsel ausser Kraft gesetzt ist Weiter nichts.
Bin ein Raritätensammler, und trenne mich nicht gern von Seltenheiten.«
    Wandel war in die Höhe gesprungen, wie der Tiger beim Geräusch des
herangeschlichenen Jägers. So funkelte auch sein Auge, als er krampfhaft die
Stuhllehne presste. Der Stuhl in seiner Hand hätte zur Waffe werden können, aber
nicht gegen Den, der ihm gegenüber stand. Die markigen Hände des Kaufmanns
umklammerten den Stock, sein Kinn lehnte sich darauf und seine hellblauen Augen
fielen ohne Blinkern auf die gelbglühenden des Andern. »Was wollen Sie noch?«
fragte Wandel. - »Sie haben noch einen Wechsel, von mir acceptirt, auf Höhe von
zehn Tausend Talern.« - »Der am vierzehnten Oktober fällig ist, mein Herr.« -
»Weiss es, wir könnten aber doch vielleicht noch ein Geschäftchen machen.
Schreiben Sie mir noch ein solches Duplikat - der Wechsel wird auch blass.« -
Wandel verkniff die Lippen. Nach einer Pause sagte er: »Wie Sie wünschen.« -
»Ist mir lieb, dass Sie so gefällig sind; den Verfalltag wünsch' ich nur etwas
anders. Schreiben Sie gütigst: acceptirt zum ersten September.« - »Herr! Das
sind nicht vierzehn Tage.« - »Weiss es.« - »Das könnte mich derangiren.« - »Würde
mir sehr leid tun.« - »Das ist unverschämt.« - »Kann sein. Ein Kaufmann muss die
Konjunkturen benutzen. Ist sich Jeder selbst der Nächste, darin werden Sie mir
Recht geben« - »Ihre Gründe, Herr von Asten! Durch das Duplikat verschwindet
jede Besorgnis wegen der Dinte.« - »Gründe wollen Sie! So viel Sie wollen: bis
zum vierzehnten Oktober kann Krieg ausgebrochen, Sie können todt, bankerott, Sie
können nach Asien und Sibirien gereist sein. Ich könnte Ihnen noch viel mehr
Gründe sagen, der Hauptgrund aber ist, ich will mein Geld haben.« - »Das ist ein
sehr verständlicher, mein Herr van Asten. Wenn ich mich recht besinne, könnte
ich mich dazu bestimmen lassen. Ich erwarte Rimessen aus Türingen, die jeden
Augenblick eintreffen müssen. Indessen, Kaufmann gegen Kaufmann - dies
unbeschadet unserer Freundschaft - was geben Sie für die Gefälligkeit?« - »Die
Wechsel fürs Geld.« - »Und die Prima für die Anticipation?«
    Beide sahen sich durchdringend an. Beide waren Kaufleute durch und durch in
dem Augenblick, die durchbohrenden Blicke wurden milder, die Drohung schmolz in
ein Lächeln. Wandel schrieb auch den zweiten Wechsel um, und nachdem van Asten
ihn sorgsam geprüft, tauschte er beide neue Wechsel gegen die Primawechsel aus.
Von dem geschraubten Ton vorhin merkte man nichts mehr. Die Unterhaltung floss
noch einige Augenblicke über gleichgültige Dinge, wie zwischen Geschäftsmännern,
die eine unangenehme Disharmonie durch freundliches Entgegenkommen verlöschen
wollen. Van Asten versicherte, dass er die Differenz schon so gut wie vergessen
habe, Wandel lobte es, wer erfolgreich leben wolle, müsse an die Zukunft und so
wenig als möglich an die Vergangenheit denken. Auch vor Raritäten müsse man sich
hüten, sie würden am Ende todtes Kapital, in welchem unser Lebensstock immer
sparsamer, dünner wird. »Da! -« er riss aus einer Lade unter der schwarzen Tafel
eine Partie Papiere hervor - »was habe ich davon, dass ich diese Assignate zwölf
Jahre aufhob, eine halbe Million und darüber!«
    »Freilich jetzt nur Raritäten,« sagte nachdenklich der Kaufmann. »Kein
Gläubiger ist mehr so dumm, sie für Activa anzusehen. Vor fünf bis sechs Jahren
konnte man wohl noch etwas darauf erschwindeln.« - »Fidibus, Teuerster! Zum
Feueranmachen brauche ich sie.« - »Ueber eine halbe Million! Na - sie werden
Ihnen auch nicht so viel gekostet haben.« - »Es kommt darauf an,« entgegnete der
Legationsrat mit einem eigenen Zucken um die Lippen. »Was haben Herr
Legationsrat denn da an der Tafel ausgerechnet? Taler und Verstand ist ein
kurioses Additionsexempel.« - »Phantasiebelustigungen! Vielleicht Geschäfte, die
ich vor habe.« - »Das sind hohe Summen.« - »Ich habe grössere Geschäfte gemacht.«
- »Das Facit des einen ist fünf und neunzig Tausend, das des andern hundert und
achtzig Tausend ohne den Krimskrams dran von unbekannten und irrationalen
Grössen.« - »Sie sind ein unbefangener Mann, aber von glücklichem Takt. Beide
Geschäfte kann ich nicht zusammen machen. Es gilt die Wahl. Zu welchem raten
Sie?« - »Wenn ich hundert und achtzig Tausend machen kann, ziehe ich sie fünf
und neunzig Tausend vor.« - »Ich auch,« lachte der Legationsrat. »Nur habe ich
die achtzig Tausend so gut wie in der Hand; beim andern Geschäft aber sind
Schwierigkeiten zu überwinden; es ist, würde der Engländer sagen, ein steeple
chase mit Hindernissen.« - »Sie winden sich durch, Herr Legationsrat.« - »Ich
nehme es als ein gutes Omen an,« lächelte Wandel. »Wir scheiden doch als
Freunde.« - »Wie vorher.«
    Der Legationsrat hatte den Kaufmann bis zur Tür begleitet.
    »Nun sehen Sie, da wir als Freunde scheiden, und Sie sich so honett gezeigt,
ist ein Dienst des andern wert. Sie haben mich gerettet, ich gesteh's Ihnen,
für den Moment. Und aus purer Gefälligkeit! Der alte Asten ist aber kein
Bettler. Er nimmt nichts umsonst. Also erstens dafür: tiefste Verschwiegenheit;
von mir hört Keiner eine Sylbe. Zweitens eine Maxime: ein Kaufmann darf nicht zu
viel Speculationen vor sich haben. Wenn er zu lange wählt, entschliesst er sich
zu spät. Sieht er zu eifrig nach der Taube auf dem Dache, so fliegt ihm auch der
Sperling aus der Hand. Merken Sie sich das; rasch zugegriffen. Und drittens ist
mir lange schon für sie was eingefallen. Machen Sie sich doch an Madame
Braunbiegler. Das wäre eine Partie für Sie, so reich wie dick. Hundertzwanzig
Tausend unter Brüdern. Der alte Braunbiegler verstand's. Lauter solide
Hypoteken und Pfandbriefe. Und die halbe Fabrik! Unter uns hundertfunfzig
Tausend wenigstens. Und Sie mit Ihrer Chemie, können das Tuch noch dünner
strecken! Zugegriffen; ein Bischen Schwierigkeiten, aber Sie kriegen sie.«
    Die Treppen dröhnten unter den schweren Tritten des Kaufmanns, er sah nicht
mehr die Blässe auf dem Gesicht des Legationsrats; nicht, wie er in die Küche
zurück wankte, nicht, wie er an der Türpfoste stehen bleibend, das kalte
Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Da verliess ihn seine Kraft. Ihn schwindelte,
es drehte sich um ihn wie im Kreise, die Bilder, das Gerippe, die Retorten. Er
fletschte die Zähne, die Augen traten aus den Höhlen, er ballte die Faust gegen
die Bilder: »Lachen Sie nur, Mes dames de Bruckerode! Dann wankten die Knie. Der
starke Mann sank auf den Schemel, es war auch ihm zu viel gewesen. Die Retorte
fiel von der Erschütterung vom Gestell und verschüttete ihren Inhalt in die
Kohlen, der Staub wühlte auf, die Bilder bewegten sich, das Gerippe rasselte an
der Wand.«
 
                         Dreiundsiebenzigstes Kapitel.
                      Eine Spinne in ihrem Netz gefangen.
»Sie kommen so vergnügt von ihm?« empfing die Geheimrätin den eintretenden
Legationsrat. Er sah allerdings anders aus, als wir ihn neulich verliessen. In
sorgfältiger Toilette und Coiffüre, ein Ordensband im Knopfloch, ein anderes,
das sich unter dem Halstuch versteckte, schien er mehr zum Besuch bei Hofe als
im Krankenzimmer ajustirt. Es ist indes zu bemerken, dass er seit Kurzem seiner
Kleidung eine Sorgfalt widmete, welche seine Freunde in der letzten Zeit
vermisst hatten. Der Kleidung entsprach der heitere Gesichtsausdruck. »Wie haben
Sie ihn gefunden?« setzte die Lupinus hinzu.
    »Wie meine Freundin mich findet - vergnügt.« Sie blickte ihn verwundert an.
»Sie wissen, dass er in seiner Kollektion eine seltene Ausgabe des Horaz nicht
besitzt, die mit verschlungenen Händen und einem Todtenkopf unter dem Druckort.«
- »Leiden, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, Initialen von der und der Form,«
unterbrach ihn die Lupinus; »ich habe es oft genug hören müssen. Er hatte alle
Kommissionäre in Requisition gesetzt und grosse Summen geboten, immer umsonst.« -
»Und jetzt hat er sie.« - »Wie ist das möglich! Sie selbst sagten, die Ausgabe
wäre nicht mehr aufzutreiben.« - »Um einem Sterbenden einen letzten heitern
Augenblick zu machen, dünkt mich, ist Alles möglich und - erlaubt.« - »Erlaubt!«
wiederholte die Lupinus betonend, und blickte ihn fragend an.
    »Es tut mir leid, dass Sie nicht zugegen waren. Wie seine Augen aufbljetzten;
er traute ihnen kaum, und hatte auch gewissermassen Recht. Bekanntlich ward diese
Ausgabe in Leiden während der schweren Belagerung der Stadt gedruckt. Die Setzer
waren einer nach dem andern auf den Mauern gefallen. Die Typen wurden zu Kugeln
umgeschmolzen. Aber der Faktor, der Letzte in der Druckerei, hatte selbst sein
Letztes daran gesetzt, diesen Horaz, die Ehre der Offizin, zu vollenden. Mochte
dann die Freiheit, der Protestantismus, Holland, die Stadt Leiden untergehen,
wenn nur die Leidener Horazausgabe für die Nachwelt lebte. Von allen seinen
Typen, die schon als Kugeln um die Schanzen pfiffen, hatte er nur so viel sich
losgebettelt, um den Titel noch zu drucken, er selbst Setzer, Drucker. Da, im
Vorgefühl seines Schicksals, setzte er unter die Jahreszahl und das Wort Leiden
einen kleinen Todtenkopf. Nur eine geringe Zahl Exemplare hatte er abgezogen, da
verliessen ihn die Kräfte. Er sank um, mehr vom Hunger als von der Arbeit
erschöpft. Die Soldaten drangen ein, auch die letzten Buchstaben fortzunehmen,
als die Glocken der Stadt ertönten. Der Entsatz war gekommen. Leiden war frei,
der Faktor starb zwar am selben Tage, auch der grösste Teil der Bürgerwehr war
von Hunger, Seuchen, Kugeln fortgerafft, aber er starb mit frohem Gesicht -
seine Horazausgabe, Leidens Ehre, war gerettet. - Ist es nicht ein rührendes
Kapitel aus der Geschichte der Menschheit? Erhebt es nicht das Gefühl, dass ein
armer Setzer für eine Idee sein Leben daran setzte und glücklich starb?«
    »Allerdings, aber -«
    »Wer glücklich starb, hat glücklich gelebt. Es waren nur fünf und neunzig
Exemplare des Titels mit dem Todtenkopf gedruckt. Sie sollten das Ehrendenkmal
für den Patrioten bleiben. Der Magistrat liess die übrigen Titel mit einer
Aenderung abziehen. Auch sie sind von hohem Werh; dia aber mit dem Todtenkopf
und dem Todtenschweiss des Armen unschätzbar. Sie wurden an hohe Potentaten
verschenkt, sie finden sich jetzt nur in den Königlichen Biblioteken von
Schweden - Gustav Adolf führte sein Exemplar im Felde immer mit sich -, England,
Dänemark. Durch die Einnahme von Breda kamen mehrere nach Spanien. Man hielt es
in Holland für eine grosse Kalamität. Bei den endlichen Friedensverhandlungen gab
dies manchen Anstoss. Die Generalstaaten gaben sich umsonst alle Mühe, die
Exemplare zurück zu erhalten. Später sind durch die Verführung des Geldes und
die Macht des Handels auch Exemplare nach Amerika gegangen.«
    »Von daher haben Sie keins bezogen.« - »Gewiss nicht, sie sind auch gar nicht
mehr im Handel.« - »Sie haben ihm ein nachgemachtes Exemplar gebracht.«
    Mit einem weichen Lächeln drückte er ihr die Hand: »Finden Sie das unrecht,
Freundin, wenn ich seit Wochen ein solches Titelblatt nachbilden liess? Es
kostete einige Mühe, Druckerschwärze und Papier dem Braun des Altertums ähnlich
zu vergelben, allein die geschickte Unger'sche Offizin überwand alle
Schwierigkeiten. - Er ist so glücklich wie jener Setzer in Leiden, ein letzter
Sonnenstrahl fiel in den Dämmerschein seines Lebens. Schadet es ihm, dass es nur
eine Illusion ist! Was ist denn unser Aller Glück anderes. Sind nicht alle
unsere frohen Stimmungen auch nur das Produkt von Illusionen! Die frohen, meine
Gönnerin, wie die bösen. Die Wahrheit finden wir nur in uns selbst, wenn wir
alle Täuschung abgestreift.«
    »Ihre Leidner Geschichte, so rührend sie ist, erinnert mich nur zu sehr an
die Kindheit des Menschengeschlechts. Ueber diese naiven Zustände von Ehre
sollten wir doch hinaus sein!« Sie sassen auf dem Kanapé der halb dunklen Stube.
»Sollten!« rief er, sich in die Ecke zurücklehnend, »und wir sind immer nur
Kinder wie am ersten Tag. Nur das Spielzeug wechseln wir, oft auch nur wie es in
Familien mit beschränkten Mitteln geschieht. Die Mütter nehmen ihren Kleinen die
Puppen und Soldaten allmälig fort, an denen sie sich das Jahr durch satt
gespielt, um sie ihnen frisch lackirt und neu angezogen zu Weihnachten wieder zu
schenken. Die klügsten Kinder merken es nicht. So das ganze Menschengeschlecht.
Nur die Erwählten kommen mit sich ins Klare. - Ja, wenn sie so weit sind, wenn
alle Nebel, Dämmerscheine, chromatische Täuschungen, Vorurteile gesunken, wenn
sie wissen, ihre Kreise und sich selbst zu beherrschen, wenn sie sich das
Zeugnis ablegen können, dass sie durch nichts sich beirren lassen, keine
Missgriffe tun, rein und grad auf ihren Zweck hinsteuern, - dann - das muss ein
Göttergefühl eigener Art sein.« Die Geheimrätin senkte in ihrer Sophaecke den
Kopf: »Wer kann das von sich sagen!« - »Ich kenne eine Frau, die das kann!« Er
sah vor sich auf die Diele. Es war etwas Eigenes heut im Benehmen des
Legationsrates. So weich sein Ton, so sanft vorhin sein Händedruck, so
geschmeidig, fast herzlich sein ganzes Benehmen; aber er sah sie nicht an, er
streckte nicht die Hand aus, um sie auf ihren Arm zu legen, er sass isolirt wie
ein Träumer, und nur durch das Medium der Töne waren sie in Berührung. - »Die
Klügste kann sich darin täuschen!«
    Er schien es nicht gehört zu haben. Er legte den Arm auf die Lehne und seine
Finger hämmerten gedankenlos auf das polirte Ebenholz, während seine Augen jetzt
an der Decke hafteten.
    »Mögen Sie sich immerhin momentan isolirt fühlen, was ist das gegen das
beruhigende Gefühl, wie ein Gott in Ihren Kreisen gewaltet zu haben. Sind nicht,
seit Sie mit sich klar wurden, Ihre Wünsche in Erfüllung gegangen; ich meine,
ist nicht Alles geschehen, was Sie für gut, für notwendig erachteten? Jenes
undankbare Mädchen, das wirklich Ihr Lebensglück störte, musste sie verlassen,
ohne dass Sie der geringste Vorwurf trifft. Man entführte sie Ihnen, die Menschen
bedauern sie sogar wegen der hinterlistigen Art, wie es geschah, ohne zu ahnen,
welche Wohltat Ihnen damit widerfuhr Damit wurden Sie zugleich die lästigen
Gesellschaften los, die sie hinderten, ganz sich selbst zu leben. Wie oft fand
ich meine Freundin in Sorgen um das Schicksal des kränklichen Bedienten. Was
stand dem armen Geschöpf bevor, sobald Sie sich seiner nicht mehr annehmen
kannten? Bettelstab, Hospital! Da hat Gott seiner sich erbarmt, ihn zu sich
genommen. Gott nimmt sich aber nur da der Menschen an, wo er ihren ernsten
Willen, ihre angestrengte Tätigkeit sieht, sich selbst zu helfen. - Wie
belohnten jene unartigen Kinder Ihre mehr als mütterliche Aufmerksamkeit! Ich
darf Ihnen wohl sagen, man verdachte es Ihnen, dass Sie sich selbst diesen
verwahrlosten Geschöpfen opferten. Man hielt es für eine Art Ostentation, man
meinte, Sie wären auf die Sprünge der Fürstin Gargazin gekommen. Das sind die
Urteile der Menschen! Kann ein Vernünftiger noch davor Respekt haben! Sie
lernten nur zu bald, dass für diese Unglückseligen nichts Besseres sei, als -
wenn auch ihrer eine unsichtbare Hand sich erbarme. Diese so früh verdorbenen
Kinder wären ja unter der Aufsicht des nichtigen, läppischen Vaters, unter der
Erziehung dieser Köchin in Grund und Boden verworfene Geschöpfe geworden. Und am
Ende hätte Sie noch ein Vorwurf getroffen. Aber das Unkraut konnten Sie nicht
mehr ausziehen, Sie nicht mehr Weizen säen. Verzeihung, dass ich so offen es
ausspreche, auf die Gefahr hin, Sie zu beleidigen, die Kinder mussten sterben.«
    »Mussten -« wiederholte mehr fragend als trumpfend die Geheimrätin. »Ja,
teuerste Frau,« sagte er mit Nachdruck. »Ich habe es mir oft überlegt. Hätten
Sie einen Vorteil davon gehabt, dass sie starben, wäre eine Erbschaft im Spiel
gewesen, dann war es anders. Was jetzt die Leute sagen, darauf kommt es nicht
an.«
    Sie schielte innerlich bebend zu ihm hinüber, wagte aber die Frage: »was
sagen denn die Leute?« nicht über die Lippe zu bringen. »Die Geschichte der
Medea halte ich für eine unglücklich erfundene Fabel,« fuhr er in derselben Ruhe
fort. »Eine Mutter ihre Kinder schlachten, um ihren Geliebten zu retten! Das
wäre eine Verirrung der Natur. - Ja, wer über diese Empfindungen hinaus ist; ich
könnte mir eine Medea denken, ohne die brennende Glut des Südens, eine, deren
Blut eiskalt geworden, eine Seherin des Nordens, die abgerissen, abgeschüttelt
hat alle die Fibern und Blutadern, die sie mit den Lebendigen zusammenhalten,
eine Norne, welche im ehernen Becher die Loose der Menschen schüttelt; wer
fallen muss, der fällt, sie kann nicht weinen, sie kann nicht lächeln, es muss. -
Sind wir nicht Alle auf diesen Prozess angewiesen, ist es nicht der natürliche
des Daseins? Das Blut wird mit den Jahren kälter, was uns in der Jugend
entzückte, gleichgültig. Unsere Träume, Phantasieen, Projekte belächeln wir.
Werden die Menschen mit Runzeln liebenswürdiger? Wir erkennen ihre Schwächen,
die Ideale sind längst gesunken, ihre Eigenheiten treten heraus, sie werden uns
widerwärtig. Nein, nicht widerwärtig, Freundin, nur gleichgültig. Wir hören eine
Todespost verwundert an: Hat Der noch gelebt, wir dachten, er sei längst todt?
Wir sterben mit, wo Alles um uns stirbt, und lassen darum sterben, was nicht
leben kann! Einer weniger, der Anderen in die Quere kam. Einer weniger, der mit
verbrannten Flügeln nach der Sonne flattern wollte? Wem sind sie denn nicht
verbrannt? Wir sind allezeit bereite Todtengräber - aus Mitleid, Adepten der
Notwendigkeit. - Das ist weit natürlicher als die andere Erklärung, dass wir's
aus Neid wären, aus Hass, Hass gegen die ganze Menschheit. Ist denn die Menschheit
wert, dass wir sie hassen? So wenig als unserer Liebe. Allerdings lehrt uns der
Instinkt, zu stechen, wo wir gestochen werden. Sticht uns ein Grösserer, stechen
wir den Kleineren. Dagegen ist nicht anzukämpfen, es ist das Naturgesetz der
Kreatur. Wo wir's überwinden, ist Unnatur; die Verweichlichung der Moral, die
wir umsonst Religion taufen, es bleibt Verkehrteit, die sich rächt. Aber nur
nicht aus Hass, Erbitterung; wir spielen mit Tod und Leben, wie man mit uns
spielt; die Folterschrauben, die man uns ansetzt, probiren wir an Andern, um zu
erfahren, wie viel ein Mensch aushalten kann. Das führt zu einem Ziele; der Hass
ist immer eine irrationale Potenz, die ins wüste Blaue treibt, wo Niemand das
Ende absieht. Pfui, Blutrache! pfui, das alte mosaische: Zahn um Zahn! Wem hat
es genutzt, und alles Unnütze ist Verbrechen. Dagegen begreife ich wohl, was der
Alltagsmensch Rache nennt, und was doch weiter nichts ist, als der Schuss nach
einem Ziele. Napoleon hat Palm erschiessen lassen. Er hat Recht getan, man soll
ihn fürchten. Die Schriftsteller sollen sich nicht unterstehen, ihn unangenehm
zu kitzeln. Das Recht hat Jeder - sich furchtbar, sich gefürchtet zu machen.
Aber mit Klugheit, mit Vorsicht es benutzt! Nicht Jeder ist Napoleon, aber Jeder
kann wie die kleine Spinne aus seinen eigenen Säften ein Netz sich weben, um Die
zu fangen und zu verderben, die sich in seine Region drängen. Haben Sie einmal
die Spinne beobachtet? Es ist für mich ein furchtbares Tier. Da liegt sie
still, zusammen gekauert, ich möchte sagen, fromm, im Centrum ihres Kreises, sie
scheint zu schlafen, aber sie ist nur pensiv, sie brütet über ihr ungerechtes
Loos. Warum gab die Natur den Fliegen, Bremsen, Mücken, Wespen Flügel? Sie
flattern, spielen in den Lüften ein gedankenloses Spiel, sie naschen an den
Blumen, sie schlürfen den Mondenschein. Die Spinne ist stiefmütterlich
behandelt, sie, die arbeitsame, denkende Schöpferin, muss an Mauern kriechen, in
Winkeln ihr Gehänge spinnen, aus ihrer besten Kraft, nur um sich zu halten, zu
existiren. Sie ist gescheut, verachtet. Soll sie nicht dem Schicksal, dem
ungerechten, zürnen, nicht Grimm im Herzen tragen! Beim Allmächtigen, meine
Freundin, welcher Gerechte fordert das von ihr! Sie fügt sich in das
Unabänderliche, sie wartet und lauert; einmal kommt doch der Augenblick, um das
Gefühl der Rache zu kühlen. Dann - auch dann stürzt sie noch nicht wie eine
Harpye auf ihr Opfer los. Sie scheint fortzuschlafen, bis der unbesonnene
Wildfang sich in das Netz verwickelt hat, strampelt. Dann - Was ich plaudere! -
Da halte ich Sie ab von der Pflege des armen Kranken. - Es wird ja ohnedem nicht
mehr lange dauern. - Sollte der Krieg losbrechen, ach Gott, eine wahre Wohltat,
wenn der liebe Gott den Dulder früher zu sich nimmt. Denken Sie den armen
Gelehrten, wenn der Feind einrückte! Oder Berlin wird gestürmt; welches Loos,
wenn er mit seinem noli turbare circulos meos dem französischen Chasseur
entgegenträte. Im besten Fall, es ist Napoleons Art, alle Einwohner einer
eroberten Stadt müssen zum innern Schutz in die Nationalgarde treten. Stellen
Sie sich den Geheimrat vor mit dem Gewehr auf dem Rücken, einen Säbel an der
Seite! - Nein, aus Liebe für ihn muss man ihm bald den ewigen Frieden wünschen. -
A propos, ich vergass, womit haben Sie denn vorhin geräuchert?«
    Die Geheimrätin hatte vielleicht mit ganz andern Empfindungen auf dem Sopha
Platz genommen. Sie ahnte nicht, dass eine Schreckensstunde ihres Lebens nahte.
In ein laues Bad, umduftet mit Wonnegerüchen, glauben wir geführt zu werden, und
sie haben uns in ein kaltes Sturzbad gelockt. O, das ist nichts, wo es mit einem
Male herabrauscht, aber wenn man uns festgebunden, und tropfenweis stärker und
stärker, fällt es auf unsern Schädel, endlich öffnet sich das ganze Reservoir -
    Sie versuchte zu ihm aufzusehen, aber sie ertrug nicht den eiskalten,
durchbohrenden Blick. »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, welche Ingredienzen
schütteten Sie in die Kohlenpfanne? Denn dass Sie räuchern, dagegen ist nichts zu
sagen, es ist vielmehr notwendig. Der Staub, die Ausdünstungen, der
Katergeruch, es hat Alles zusammen genommen etwas Eblouirendes. Es muss dagegen
gewirkt werden. Aber Vorsicht, meine Freundin, man muss sich gegen den Verdacht
im Voraus schützen.«
    Sie wollte aufstehen; sie sank aufs Kanapé zurück. »Mit nichts, als was ich
von Ihnen habe,« sprang es aus der gepressten Brust. »Sie meinen die kleine
Apoteke, meine Gönnerin, die ich Ihnen aus Herrn Flittners Apoteke zum
Hausbedarf zusammenstellen liess. Die wird vor jedem Medicinalkollegium die
Prüfung bestehen. Es sind die unschuldigsten Mittel, wenn man sie unschuldig
gebraucht. Freilich, wenn man sich vergreift, dann stehe ich für nichts. Wasser
das beste Heilmittel, man kann auch mit Wasser ermorden.«
    Ein zweiter Versuch, aufzuspringen, scheiterte an der Schwäche ihrer Knie;
aber sie lehnte sich zurück und die Kraft hatte sie gewonnen, ihm starr ins
Gesicht zu sehen. - O, dies unveränderliche Gesicht! War es nur auch eine
Muskelbewegung, die eine Aufregung, Furcht, Schadenfreude, Mitgefühl verriet!
So hätte er eine Liebeserklärung machen, so ein Todesurteil aussprechen können.
Er erfasste die Spitze ihrer Hand: »Verständigen wir uns doch! Das Notwendige
erkenne ich an. Wo der Bruch da ist, der zur Auflösung führt, soll der
Wahrhaftige nicht Salbe darüber streichen. Er muss sich in das finden, was nun
einmal nicht zu ändern ging; ich kann es auch nicht tadeln, wenn er der
Notwendigkeit einen Schritt entgegen tat. Aber -«
    »Bei allen Mächten, warum foltern Sie mich? -«
    »Opiate, narkotische Mittel, alle Säfte aus Vegetabilien dunsten und
verdunsten, wie Veilchen und Rose duften und verduften. Sie lassen Materielles
nicht zurück, wogegen alles Mineralische ein Residuum, einen Satz, einen
Ausschlag zurücklässt. In wie veränderter Form es auch sei, die Wissenschaft
findet ihn. Wenn wir doch diese wohltätige Weisung der Natur nie aus dem Auge
liessen! Das Lebendige im Pflanzen- und animalischen Leben ist bestimmt, zu
blühen, reifen, um sich dann zu verflüchtigen, damit es, im Aeter scheinbar
verschwimmend, irgend wo wieder ansetzt zu neuem Leben. Diese Aussicht kann uns
angenehm berühren, zu welchen Träumen gibt sie nicht Stoff! Aber erschrecken
kann es uns nicht. Dagegen repräsentirt der Stein, das Metall die irdische,
niederdrückende Schwere. Wir mögen den Stein noch so hoch in die Luft
schleudern, er kehrt wieder zurück. Er kann uns auf die Brust fallen, unser Fuss
stolpert daran, und wenn wir ihn zerreiben zu Pulver, Staub, er fällt wieder auf
die Lunge, und bei der Sektion findet ihn der Arzt.«
    Die Geheimrätin hatte sich jetzt aufgerafft; mit beiden Händen an die
Sophalehne sich haltend, sah sie über die Schultern auf den Sprecher zurück:
»Welche Verständigung, - was wollen Sie?«
    »Ich, für mein Teil, meine Gönnerin, was kann ich wollen! Was könnte ich
bezeugen? Gar nichts! - Dass ich bei Herrn Flittner auf Ihren Wunsch eine
Hausapoteke entnahm! Das ist Alles dort in die Bücher eingetragen. Eine exakte
Apoteke. - Und wer sagt denn, dass das Physikat zu einer Obduktion zu schreiten
sich veranlasst finden wird! Reine Vermutungen von mir. Nur in Ihrem Interesse,
ein Freund stellt sich oft das Schlimmste vor. Denn wer in aller Welt draussen
wird auf die Vermutung kommen, weil in diesem Hause so kurz hinter einander
bedenkliche Todesfälle eingetreten sind, dass hier eine ungesunde Luft ist, aus
irgend einer nicht ergründeten Ursache. Die Polizei hat jetzt an Anderes zu
denken.«
    »Aber wenn - wenn sie daran dächte?« - »Da sind tausend Möglichkeiten, wie
man ihr ein X für ein U macht.« - »Aber wenn man Sie -« »Sie meinen, wenn man
mich als Zeugen aufriefe. Frau Geheimrätin, das ist eigentlich eine
Beleidigung. Zweifeln Sie, dass ich gegen mein Herz reden, und nicht meine
höchste Achtung vor Ihrem Charakter aussprechen würde?« - »Nach meinem Charakter
würde man nicht fragen.«
    »Man wird Tatsachen fordern. Was kann ich denn über Tatsachen aussagen!
Dass die Kinder näschig waren, dass sie zugriffen, wo sie nicht sollten; dass sie
in ihrer Naschgier eine schädliche Speise vom höchsten Küchenbrett holten. Oder
wird man mich inquiriren, ob ich den Geruch in der Krankenstube abscheulich
fand? Da würden die Experten sich nicht mit Meinungen befassen. - Doch, was ich
Ihnen zu sagen vergass, es war sehr klug, dass Sie dem todten Johann den
Blumenkranz so tief in die Stirn drückten. Da kam ein hässlicher blauer Fleck
über der Schläfe zum Vorschein -« Es war der entsetzlichste Blick, den wir von
ihr sahen - nein, den sahen wir hier noch nicht. - Es war einer, der einen
Abschnitt im Leben bedeutet. Mit solchem warf der Wüterich den Schlüssel zum
Hungerturm, worin er seinen Freund gesperrt, in den Fluss, mit solchem scheidet
man von der Hoffnung, man stösst den Kahn zurück ins Meer, der uns an die Wüste
trug, um darin zu verschmachten. Aber ein Blick war's, wie ein Eisendruck, der
die erschlafften Nerven plötzlich stählt.
    »Herr Legationsrat, was fordern Sie von mir?« - »Fordern - ich!« - »Ihre
Prinzipien verbieten Ihnen, etwas Unnützes zu tun. - Kurz, schnell, damit wir
ins Reine kommen.« - »Ich wollte Sie weder ängstigen, noch derangiren - nur eine
kleine Bitte. Eine Zahlung von fünftausend Talern übermorgen genirt mich, weil
mir eine Deckung aus Hamburg ausblieb. Sie haben wohl die Güte, mir mit den
fünftausend, welche Sie asserviren, augenblicklich beizuspringen, bis meine
Rimessen aus Türingen ankommen.« - »Ich - ich werde sie Ihnen schicken.« -
»Wozu Dritte impliciren - es gibt so leicht Nachfragen. Nur eine Feder, meine
Gönnerin, um die Schuldschrift aufzusetzen.«
    Sie wankte an den Sekretair; die Goldrollen aus dem verborgenen Fach lagen
auf der Platte. Sie wies stumm darauf hin. Er machte das Zeichen des Schreibens.
»Wozu das?« - »Es ist doch der Ordnung wegen.« - Um ihm zum Schreiben Platz zu
machen, trug sie die Rollen auf einen andern Tisch. Die Rollen waren schwer,
ihre Glieder waren wie gebrochen. Eine entglitt ihr, einige Goldstücke rollten
umher, die sie aufzuheben sich bückte. »O, mein Gott, Sie geben sich meinetwegen
so viel Mühe!« rief er, auf dem Stuhl sich umwendend, schrieb aber weiter. Er
wandte sich wieder um: »Wie wollen Sie es mit den Zinsen gehalten haben?« Sie
antwortete nicht.
    »Es ist doch wegen des Lebens und Sterbens, verehrte Freundin. Ich würde
sechs Prozent schreiben, aber Sie könnten, da Sie nicht kaufmännische Rechte
haben, dadurch in Verlegenheiten kommen. Sehr möglich auch, dass der Zinsfuss in
dieser Krisis noch steigt. Ich setze daher lieber; je nach dem höchsten
Börsensatz.«
    Sie winkte ihm Schweigen mit einem krächzenden Hohngelächter. Er schrieb
weiter. Was schrieb er noch! Er war aufgestanden und hatte ihr mit einer
verbindlichen Verbeugung den Schuldschein überreicht. Sie warf ihn auf den
Tisch, ohne ihn anzusehen. Jetzt war nichts mehr von Angst, Scheu, Bangigkeit in
diesem Gesichte, es wogte ein wildes Feuer in der Brust, ihre Augen vermieden
ihn nicht, sie sah mit einer Art böser Freude auf ihn: »Was ist Ihnen noch sonst
gefällig? - Da ist der Schrank mit meinem Silberzeug - dort meine Geschmeide,
Ketten, Ohrringe - meine Juwelen. Da im Korb die Schlüssel zum ganzen Hause.
Erbrechen Sie, nehmen Sie fort, was Sie Lust haben.«
    »Ich erkenne Ihre Güte, unter welcher Form sie sich auch ausspricht. In
Bezug darauf habe ich mir noch eine zweite Bitte erlaubt. Zum ersten September
läuft ein Wechsel auf mich von zehntausend Talern ab. Nur für den unerwarteten
Fall, dass meine Rimessen auch bis dahin nicht einträfen, wünschte ich mich hier
sicher zu stellen. Für Frau Geheimrätin Lupinus liegen fünfzehntausend Taler
auf der Seehandlung disponibel. Ich habe mir erlaubt, ein Cessionsinstrument auf
Höhe von zehntausend dort aufzusetzen. Zugleich ein eventuelles Recipisse. Wenn
Sie die Cession gefälligst unterzeichnen, befreien Sie mich, ich gestehe es, von
einer momentanen Verlegenheit. Momentan, sage ich, denn -« er lächelte - »meine
Aussichten sind gut. Es kostete nur den Entschluss zu einem sehr glücklichen
Geschäft, dessen Chancen so gut wie in meiner Hand liegen. Glauben Sie mir, ich
bin sicher auf höher als diese Bagatelle.«
    »Wie hoch schätzen Sie sich, mein Herr?« Der Hohn in der Frage berührte ihn
nicht. »Auf über zweihunderttausend Taler, meine Gnädige,« antwortete er
freundlich und überreichte ihr die eingetauchte Feder. Sie warf sich auf den
Stuhl, sie überlas, ohne zu lesen, sie schrieb ihren Namen darunter; zu seiner
Befriedigung, indem er über die Achsel sah, deutlich genug. Sie stand auf, sie
sah, sie hörte nichts mehr, quer durch das Zimmer wankend, stürzte sie auf's
Sopha. Tränen, um zu weinen, fand sie nicht, die Augen brannten unter den
vorgehaltenen Händen. Endlich ward es ein krampfhaftes Schlucken, Schluchzen,
ihre Füsse klappten auf dem Boden, ihre Brust hob und senkte sich, sie holte
Luft.
    Wandel falzte das Papier und steckte es in die Brieftasche, die Goldrollen
hatten in den Taschen nicht rechten Platz. Er schlang um einen Teil sein
seidenes Tuch, legte das Pack in den Hut und wollte leise zur Tür hinaus, als -
ihm ein anderer Gedanke kam. Er sass neben der Lupinus, als sie die Augen
aufschlug. »Noch martern!« rief sie zusammenzuckend. »Nein,« war die Antwort mit
fester Stimme, »nur zu stählen wünschte ich meine Freundin.« - »Das Wort nicht
mehr aus Ihrem Munde! Kennen Sie, was Erbarmen heisst, bäte ich Sie, mir aus den
Augen, aus meiner Nähe! Ein Todtengerippe könnte mit seinen hohlen Augen mich
nicht so entsetzlich anstarren.«
    »Denken Sie, ich wäre eines,« lächelte er. »Ich habe ein solches stets neben
mir - eine einst heissgeliebte Freundin. Wenn ich verzweifeln wollte, das Blut
gegen die Stirn presste, wenn ich einen dummen Streich zu begehen im Begriff war
- dumm sind alle Handlungen, deren Impuls im Blute liegt - dann drück' ich ihr
die Knochenhand, ich presse mich an ihre Brust, sie muss neben mir ruhen und ich
werde gesund. Sie war ein liebliches Wesen, das nur den Impulsen des Herzens
folgte, sie kannte keinen andern Regulator ihrer Handlungen, und - was ist sie
nun? - Ein Traum ihr Leben, nur ihre Treue, Hingebung war mehr - sie, im Tode,
gibt mir Kraft im Leben, sie giesst Eisen in mein Blut, Stahl in meine Nerven.
O, erheben Sie sich, - so dürfen wir nicht scheiden.« - »Die Kette ist gesprengt
- auf ewig.« - »Wenn uns die Verhältnisse auseinanderreissen, warum denn in
Feindschaft? - War denn unsre Freundschaft auf Affekte begründet? - Ruhe ist die
erste Pflicht, um in einem Schiffbruch nach dem Kahn auszublicken, der uns
retten kann. Ich bewunderte Ihre klare Ruhe und Klugheit, die Ihnen die
Entschlossenheit gab - wie lange handelten Sie in dieser Konsequenz, und nun
soll die Aufwallung eines Augenblicks -« »Wo die Hölle sich vor mir auftut -«
»Gut, nennen Sie es Hölle, mich einen Dämon, Teufel, weil ich nach derselben
Konsequenz handle, wie meine Freundin gehandelt hat. Aber wer in die Hölle
steigt, um in dem Bilde, was Sie beliebten, zu bleiben, würde dort sehr einsam
leben, wenn er nur mit Heiligen umgehen wollte. Wir selbst sollen uns das Ziel
sein, aber die Association ist das Mittel. - Ist das undenkbar, dass wir uns
gegenseitig noch Hülfe leisten könnten! Weil Sie mir jetzt helfen - meinetalben
helfen mussten, - können Sie nie in die Lage kommen, wo Sie von mir Hülfe
erwarteten? - O still, meine Freundin, ich weiss, was dieses Aufatmen sagen
soll: Sie stürzten lieber in den Abgrund, als sie von mir annehmen! Ich lasse
diesem natürlichen Gefühl sein Recht, wie die Alten schreien mussten, um ihren
Schmerz loszuwerden. Schreien Sie, meine Freundin, innerlich, weinen Sie, wenn
Sie wieder Tränen finden, verfluchen mich! Nichts von Resignation, Vergebung
edler Seelen; ein Palliativ, was die Natur abschwächt. Nein, ergehen Sie sich in
Ihrem ganzen Hass, aber dann - dann bedenken Sie, dass wir Beide uns kennen, dass
der Zufall in der Welt eine bedeutende Rolle spielt, dass, wo kein Tron mehr
sicher steht, die sicherste Stellung es im Leben nicht mehr ist, dass Fälle
denkbar sind -«
    Sie sah ihn scheu an: »Sie meinen -« »Ich gebe nichts auf Ahnungen, aber -
einen Wunsch, eine Weisung lass' ich Ihnen zurück, als letztes Angebinde. Sie
haben sich stark gezeigt, bleiben Sie es, wenn das Unglück da ist. Welches Recht
haben diese Menschen, die wir kennen, über uns? Etwa uns ins Herz zu schauen!
Der Pöbel! Wer in aller Welt gibt ihnen das: unsre innersten Gedanken
auszufragen? Ins Gefängnis mögen sie den Freien schleppen, auf den Rabenstein
uns schleifen, nicht uns zwingen, dass wir uns selbst verraten und verdammen.
Das Recht hat keiner Mutter Sohn, er stehe so hoch er will. Der Pöbel kann uns
nicht, wir können ihn, wenn wir fest bleiben, überwinden. Die Märtyrer wurden
mit Recht Heilige, nur dass sie töricht waren, sich für Andere martern zu
lassen. Wir würden es für uns. Sie versprechen es mir, Schwester im Bunde, ewig
zu schweigen, ich schweige auch. Darauf ein Bruderkuss!«
    Er war fort; seine letzten Tritte verhallten auf der Treppe. Sie hörte die
Haustür öffnen, zuschlagen. Aber er war noch bei ihr. Sein Bruderkuss brannte
wie Feuer, jetzt wie Eis. Sie war gebrandmarkt, der Druck des Stempels drang von
der Stirn bis ins Herz; sie fühlte ihn von den Fingerspitzen bis zur Zeh.
    Warum bin ich ein Weib! lachte es in ihr. Vergeltung - - Ohnmacht! - So viel
kleine Opfer, und der Dämon selbst, sein Hohngelächter zitterte in der Luft, er
umschwirrte sie, unerreichbar. Und hätte er zu ihren Füssen gelegen, ohnmächtig
gebunden, woher denn Marterwerkzeuge nehmen, die ihren Rachedurst gestillt!
Welche Schmerzen konnten das Mass ihrer Schmerzen ausgleichen! Und durfte sie's?
Ein Laut, ein Schrei, ein Wort des Gemarterten, und die Klingeln und Glocken
hätten in den Lüften geklungen bis ans Ende der Welt, wo Gerechtigkeit ist. Wo
ist denn Gerechtigkeit!
    Nein, sie war noch an ihn gekettet an einer feinen, unsichtbaren Stahlkette
- jede Rachezuckung und sie vibrirte wieder, elektrisch, in ihm, er hob die
Faust - nein, er lachte sie nur an, mit seinen Haifischzähnen: Wenn mich,
vernichtest Du Dich! - Zu entsetzlich, er war, er blieb ihr unsichtbarer
Bundesgenosse. - Wer in diese Strudel trieb, muss eine Säule finden, woran er
sich aufrecht hält. - Ein Todtengerippe! Was ist ein fühlloses Todtengerippe
Schreckliches mit einem verglichen, was die Augen noch rollen kann in den
Höhlungen? Ja, sie bedurfte solches Stahlgusses, solcher Stärkung, des glühenden
Eisens, das zur Wollust werden kann, wenn es den Nerv in dem nagenden Zahne
ausbrennt. Sie stürzte in das Krankenzimmer.
    Ja, das war noch schrecklicher als ein Gerippe an der Wand. Er stand
aufrecht. Wie die letzte Flamme in einem verglimmenden Feuer auflodert, spielte
der letzte Atem in dem lebendigen Knochenmann. Er musste furchtbar gespielt
haben. Da lagen zerschlagene Gläser, Geschirre, die kostbaren Horazbände auf die
Erde geworfen; ein dicker Staub wirbelte durch das Sonnenlicht, das ohnedem nur
dunstig durch die trüben Scheiben drang, wie eine dumpfe abendliche
Kirchenbeleuchtung durch gelbe Scheiben. Auch die Decke vom Schreibtisch
herabgerissen und der Kater oben, mit gekrümmtem Rücken und orangeglühenden
Augen, spinnend. Was hatte das ruhige alte Tier in diese Unruhe versetzt!
    Hatte er, vom Schmerz ergriffen, diese Verwüstung angerichtet? Körperliche
Schmerzen waren es nicht. Diese schienen überwunden. Das Gespenst, den
Schlafrock weit auf, ein Gerippe darunter, so wankte er auf die Frau zu. Die
Brust schlug noch - heftig, in den Skeletänden hielt er ihr ein Buch entgegen.
Das Buch zitterte durch die Luft. Das war ein wüster Blick in dem Auge, sein
letzter, das war ein Schrei aus tiefer Brust, auch sein letzter: »Weib! es ist
falsch - Alles falsch!«
    »Alles ist falsch!« antwortete sie tonlos.
    Er hatte nicht mehr die Antwort gehört. Er lag auf der Diele, er hatte
ausgelitten. Der Kater war vom Tisch gesprungen und bäumte sich über den
Leichnam. Die Geheimrätin irrte in der Stube umher und konnte den Spiegel nicht
finden. Als sie ihn gefunden, konnte sie nichts drin sehen. Sie rieb und rieb,
aber der Spiegel blieb blind. »Mein Gott, ich muss doch die Wahrheit sehen!« rief
sie und suchte nach einem Tuche. Jetzt meinte sie, der letzte Hauch sei
abgerieben. Sie sah sich und sie sah sich nicht. »Allmächtiger -!« schrie sie
auf und presste die Hände über ihren Scheitel. Diese Bewegung sah sie, aber
sonst nur Umrisse. Umsonst quollen die Augäpfel aus den Höhlungen hervor. Mit
einem neuen, entsetzlichen Schrei fuhr sie zurück. Die Gestalt im Spiegel fuhr
auch zurück: »Ich bin ja hohl!« Es war ein heulender Ton.
    Ihr Diener fand sie nachher halb auf der Erde liegend, den Kopf aufs Sopha
gefallen. Sie sträubte sich verzweifelt, als man sie ins Bett bringen wollte und
rief einmal über das andere, man werde gewiss nichts finden.
 
                         Vierundsiebenzigstes Kapitel.
                        Ein treuer Freund seines Herrn.
Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft, aber er war so
durchlöchert, dass wer nur das Auge aufriss, durchsah. In Paris war der Rheinbund
gestiftet und Preussen war nicht dazu geladen, ja es hatte noch nichts davon
erfahren. Die Fürsten, welche an der Leimrute sassen, auffliegen konnten sie
nicht mehr, aber frei mit ihren Flügeln flattern, und der Grossmütige hatte sie
dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze, mit den freien Städten,
den Gütern der Stifter, Klöster, der Reichsritterschaft, mit der Souveränität im
eigenen Lande. Frei, von Niemand behindert, durften sie mit den Flügeln Die
schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte, die besiegelt
standen in allen Verträgen, waren durch einen Federstrich ausgelöscht. Und die
duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte: »Des Kaisers Absichten hätten sich
hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt.«
- Und wohin sollten sie schreien, wohin Hülfe flehend die Arme strecken? Der
Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt, »da er ausser Stande sei,
seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen.« Wo war das Reich, wo
das deutsche Volk! Osterreich, des langen, ehrenwerten Kampfes müde, hatte sich
in sein Schneckenhaus gezogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und
nur Preussen stand allein im Winkel, ohne den Mut, ohne den Beruf, ohne die
Mittel.
    Das fühlte Jeder in Preussen. Wenn eine Ueberzeugung auf dem trocknen Boden
aufschiesst, von dem wir reden, so haben Spötter behauptet, dass sie, wie ein
Unkraut, das die Wolken säen, plötzlich die Felder überwuchert, oder wie ein
Haidebrand über Berge und Täler sich ergiesst. Dann ist kein Widerstand mehr.
Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der
Strasse Wohnenden, die auf den Höhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen
nur sich selbst leben, unbekümmert um was nicht ihre nächste Sorge angeht,
berührt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung
und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen, was
gehen den guten Bürger Staatsakte an! Darum haben sich Die zu kümmern, die dazu
geboren sind, oder dafür bezahlt werden. Aber dass er den Buchhändler Palm in
Braunau erschiessen lassen, berührte das Gefühl des Menschen, sogar den Gedanken
des Bürgers. War Palm nicht ein Bürger, eingeschrieben in die Bürgerrolle, der
ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was
ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod,
weil er Den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben zu schweigen! Das
konnte Jedem »passiren!« Ist ein guter Bürger da, um den Heldentod zu sterben!
Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die
Entrüstung fand keine Worte dafür, und je gebundener die Meinung in dem andern
gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preussen aus. Man
fühlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, dass sie ein Gut, ein
heiliges Menschenrecht ist. Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes
wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet, und die Regierung
schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten
Kollektirens.
    So sah es in den Bürgerhäusern aus. Wie es in den Palästen der Grossen, in
den Hotels der Minister aussah?
    In dem des neuen Ministers sass in dem Zimmer, das wir schon kennen, Walter
van Asten am Schreibtisch. Aber die Flügeltüren waren zu dem neben anstossenden
Audienzsaal geöffnet, wo der Regierungsrat von Fuchsius auf und ab ging.
Zuweilen blätterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Sekretair, um
Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon
lange gewartet, der Minister war in den oberen Zimmern mit dem jungen Bovillard.
Walter war bei einer Arbeit, aber er liess oft selbst die Feder ruhen, und das
gelegentliche Gespräch mit dem Rate schien ihm keine unangenehme Unterbrechung.
    »Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt,« sagte der Rat. »
Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld und Herrn von Bovillard
schliesst er in seinen Intimis das Herz auf.«
    »Das war die ihm zugedachte Stellung,« entgegnete Walter, die Feder
weglegend, und stand auf. »Wir sind Jugendfreunde, die Verhältnisse haben darin
nichts geändert, und wenn sie es hätten, was kommt es jetzt darauf an, wo der
Beste ist - der handeln kann.«
    »Wer handeln kann!« rief Fuchsius mit einem wehmütigen Lächeln. »Welche
bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!«
    »Denen Herren von Fuchsius entoben ist, weil er freiwillig seine Stellung
aufgab.«
    »Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. -
Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere
zurückgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegenteil zu glauben berechtigt.«
    »Ich setze voraus,« sagte Walter und reichte ihm die Hand, »dass Sie nach
dem, was zwischen uns darüber verhandelt ist, in mir keine persönliche Rancune
mehr vermuten. Sie wäre jetzt ein Verbrechen.«
    Der Rat drückte die gebotene Hand. »Ich bin keinen Augenblick in Zweifel
über Ihre Intentionen, und eben darum tun Sie mir leid. Sie werden das Meer der
Täuschungen von vorn an ausschlürfen. - Zugeben will ich Ihnen übrigens, dass
jener Umstand vielleicht der äussere Anlass war, aber der Entschluss datirt von
länger. Der Gedanke, dass Seine Excellenz, von jetzt ab, meine Arbeiten mit einer
Reserve von Misstrauen kontrolliren dürfte, änderte meine bisherige Stellung zu
ihm; indessen, wertester Freund, was sind Stellungen, wo Alles Schattenbilder
sind in einer Laterna magica, wir Alle Tropfen in einem Meer - Sie einer,
Bovillard, der Freiherr selbst, Alle, Alle, die das Bessere wollen.«
    »Wer sich verloren gibt, ist verloren,« entgegnete Walter. »Wir sind
künstlich isolirt, ja, umgürtet von Gräben, Wasser, Sandwällen, und unser Feuer
droht in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist Vieler Ansicht.
Aber wer berechnet die Macht des Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag,
einmal entzündet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die über Deutschland sich
ergiesst. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!«
    »Und was dann! - Ich redete nicht davon. - Der Krieg liegt, ein so wüstes,
trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. - Ihr wollt das Volk
wecken, einen Nationalkrieg entzünden - die Idee liegt doch dunkel im
Hintergrunde?«
    »Und Sie teilten sie nicht?«
    »Ich habe sie geteilt - aber das ist vorüber. Einen Sturm wollen Sie los
lassen, und was wirbelt er auf? - Staub.«
    »Und wofür leben Sie jetzt?«
    »Für die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des
Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe
Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich
hier viel conciser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie
an, um rasch grösser zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht;
dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort
sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.«
    »Aber nichts, was das Gefühl erhebt.«
    »Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt,
wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu
verbergen, ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt, gäbe
das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da, in der grossen Geschichte
vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein
Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen,
dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur gibt sich, wie sie ist,
und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen besseren Schein zu geben,
so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte
tiefer, unlösbarer, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und
wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug, wie ein Licht
aus bessern Welten, vorschiesst, da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge
treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muss. Ja, Teuerster,
der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung
geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleissende Schein immer mehr
reisst, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinetalben
ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln
sollte, gewiss, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife
ich die Völkerwanderung. Die Barbaren, welche die römische Kulturwelt mit ihren
Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter
ihnen grassirten Laster, Blutsünde und Gräuel aller Art, aber sie waren der
frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.«
    »Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien? Ich
konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbniss betrachten.«
    »Nun, so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.«
    »Aber wo unter hundert Fällen neun und neunzig nur die Verwechselung des
Mein und Dein zum Gegenstand haben.«
    Fuchsius sah ihn lächelnd an: »Ist das nicht die grosse Frage, die Alles
regiert! Nur dass die Groben für Andere die Feinen für sich einen Mantel darüber
hängen. Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen, es ist
daher viel leichter, die Bemäntelung abzureissen und der Sache auf den Grund zu
kommen. Uebrigens versichere ich Sie, dass ich die interessantesten Studien
vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern
Abklatsch der höheren Stände erblicken. So zergliedere, arrangire ich sie mir;
ich finde die Erklärung für Vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem
Schattenreich. Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien, auch
in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die
Zerlassenheit, das laxe Wesen, die Maximen, Prinzipien dringen von oben nach
unten durch wie eine ätzende Säure. Hier verschenkt man freilich nicht
Staatsgüter, die Hunderttausende wert sind, zur Erinnerung für gute
Compagnieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Roués für eine
Galanterie; man gibt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuss seiner
Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen,
damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft
man auf vornehme Damen, die, wenn die Sünde sie verlässt, doch von der Sünde
nicht lassen können, und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre
Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergnügen, und noch
weniger verstehen meine Schelme, Betrüger, Galgenvögel, darüber den Schleier von
Philosophie und Humanität zu breiten, aber - Sie werden vielleicht nächstens
Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen
aufreissen. Leben Sie wohl - Excellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von
Bovillard.«
    »Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur.« Fuchsius nickte. »Dann
müssten Sie eilen. Mich dünkt, das grosse Ungeheuer Krieg verschlingt die
kleinen.«
    »Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Kriminalistik hat die Beständigkeit
vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf
die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Räuber und Giftmischer
liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Kourtoisie aus, und der Strick
ist der sicherste Orden für den, der eine Expectanz darauf erwarb.« Der Rat
schien doch noch etwas sagen zu wollen, als er den Türgriff langsam aufdrückte,
Walter kam ihm zu Hülfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mitteilen
könne, möge er kommandiren; er glaube nicht zu versichern nötig zu haben, dass
er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne.
    »Fand in letzter Zeit eine Communication zwischen dem Minister und dem
Legationsrat Wandel statt?« - »Ich glaube, es positiv verneinen zu können.« Der
Rat schien zufrieden: »Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung?« - »In
keine andere, als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der
Geheimrätin Lupinus mit sich brachten.« - »Mit der schien er in Relation zu
stehen -« »Welche das Geklätsch zu andern machte, als sie vielleicht waren.
Sprach man doch auch, dass die Geheimrätin sich scheiden lassen und ihn
heiraten wolle. Da, so viel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des
Geheimrats sich gelöst hat, so war auch das gewiss ein falsches Gerücht.« - »Um
so mehr, als jetzt verlautet, dass Herr von Wandel auf Freiersfüssen bei der
reichen Braunbiegler aus und ein geht.« - »In der Tat?«
    Der Rat fasste freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er:
»Herr van Asten, verzeihen Sie die Indiskretion, an der Börse meint man, dass
Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer
Spekulation verrechnet -«
    »Und wird hoffentlich, wenn sie fehl schlägt, der Mann sein, der seinen
ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, löst.«
    »Daran zweifle ich nicht, und wünsche ihm, dass er ohne dieses Opfer sich aus
der Klemme zieht. Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel
von ihm, er hat Mittel gefunden, während man glaubte, dass Wandel auf
Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, dass er diese Wechsel in andere auf
kürzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwürdig. Noch auffälliger, dass,
während man Ursache hatte, an des Legationsrats Verlegenheit zu glauben, dieser
aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.«
    »Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes
Geheimnis ist, dass Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten
Relationen steht.«
    »Pah!« sagte der Rat. »Spione hier werden nicht mehr teuer bezahlt, seit
man die Geheimnisse wohlfeiler hat. So viel haben wir heraus: was seine
politischen Mysterien anlangt, ist er ein Windbeutel, nur mit der Russin steht
er noch in einer Verbindung. Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit
der Münze, die er bringt. Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von
zehn- und zwanzigtausend Talern. Ich will, mein teuerster Herr, nicht hoffen,
dass Ihr Vater sich näher mit ihm einliess.« - »Sie erschrecken mich -« »Wenn Sie
für Ihren Vater einstehen, gewiss ohne Grund. Aber warnen Sie ihn, soweit ein
Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die
Gerechtigkeit.« Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde, sprach er ihm ins
Ohr: »Ich habe den dringendsten Verdacht, dass dieser Herr von Wandel -«
    In dem Augenblick hörte man starke Fusstritte auf der Treppe. »Der Minister!«
- »Und sehr ungnädig,« sagte Fuchsius, die Tür öffnend. »Die Audienz ist
ungünstig ausgefallen. - Schade, dass Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird
unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornerguss Seiner Excellenz
auf mich zu laden. - Von dem Bewussten ein ander Mal. Bis dahin
Verschwiegenheit!«
    Der Rat war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangstür geeilt,
ehe der Minister in jenes eingetreten war. - Der Minister war aufgeregt. Auf-und
abgehend liess er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im Unklaren. Ihm war
es darum zu tun, dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben, die
ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung
gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinnirt worden, dass er, um der
Person des Ministers einen abschlägigen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig
zurückstehen möchte.
    »Excellenz' Feinde also auch da geschäftig!« - »Diesmal sind sie
unschuldig.« - »Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit -!« Ein »Freilich!
wer denn sonst!« sprudelte von den Lippen, und verbot dem Sekretär fortzufahren.
    »Warum hat er nicht wie ein Kartäuser gelebt, warum hat er tolle Streiche
gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Tränen
um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen.« Also der Zorn war Ironie.
Walter liess eine Bemerkung fallen, dass für Jugendsünden die Zeit das beste
Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune. »Jede
Sünde rächt sich,« rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die
Gedanken waren weit darüber fortgeflogen.
    »Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die Andern? Warum sich nicht mit
Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer. Brauchte nur seinen
trefflichen Vater zu imitiren.«
    »Geheimrat Bovillard ist mir in der Tat unbegreiflich. Wiegt ihm die
Gunst, die Euer Excellenz seinem Sohne schenken, das Glück desselben auf! Ihm
wäre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die Andern umzustimmen.«
    »Was kümmern mich Die! Die Königin will ihn nicht.«
    »Die Königin! - Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.«
    »Wenn sie's wäre! - Freilich, sie müsste drei Viertel des Hofes fortjagen. -
Nun hat sie sich auf Diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher
Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Kavalier
von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie hasst auch wohl im Sohn den
Vater. Kurzum, Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen.«
    Ein Ausruf des Sekretärs protestirte dagegen.
    »Frauen, mein Lieber, wollen besonders behandelt sein, auch die
ausgezeichnetsten. In ihren Vorurteilen gegen Personen gehorchen sie dem
Impulse. Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem, was sich
schickt: Da fragt nur bei edlen Frauen nach! Und sie hätte Recht. Schöne Seelen
werden nicht durch Gründe, nur durch eine schöne Regung überwunden. Wenn er
nicht darauf eingehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.«
    »Es stände in Bovillards Willen?«
    »Seine Braut ist die schöne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer
Majestät hatte. Ich weiss es bestimmt, die Königin ist, wie hohe Personen sind,
für das Mädchen entusiasmirt; wenn er den Vorteil benutzte -« -«
    Der Minister hielt inne; nicht weil er die Röte auf Walters Gesicht
bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Erröten fühlte. Ein ernster
Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen, weil leider keine Staatskunst
ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefährlich, dass er im Ernst
sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch
und schien von der Lektüre absorbirt, während Walter mit einem wehmütigen
Lächeln einer Erinnerung nachhing.
                                     * * *
    Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte
Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir müssen mit unsern
Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen
Ball tun, den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte. Die
Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt und ein Diensttuender mochte aus
Unkenntnis eine missverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im
Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet: »Was sind Sie für eine Geborne?«
Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem
jungen Mädchen zu Hülfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort
gegeben: »Ach, Ihre Majestät verzeihen, sie ist gar keine Geborne.« - Nur die
Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten, was wie ein
Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte. Ihre ganze Huld und
Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu
sprechen, die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind, und nach
verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: »Ei, Frau Baronin,
Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiss das junge Mädchen nicht kränken. Von
Geburt sind wenigstens alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch
ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch
Verdienst und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Wert nicht anerkennen
und sich nicht selbst geehrt fühlen durch de Ehre, aus einer guten Familie zu
sein! Aber Gott Lob, das gilt für alle Stände gleich und aus den untersten sind
die grössten Wohltäter des Menschengeschlechts hervorgegangen. Stand und Würde
kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch Alles
ankommt, muss Jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die
Selbstbeherrschung, und ich bin überzeugt, wenn ich in den Zügen des jungen
Mädchens lese, dass ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat. - Ihnen, liebe
Baronin, danke ich, dass Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung
darüber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des
Königs, lebt.« Der strafende Blick der Königin, der leichtin über die Reihen
flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wieder traf.
Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die Wenigsten hörten, aber Beider
Augen verrieten den Sinn. Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorüber geschwebt.
    Die Scene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die moquanten Mienen von
vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mädchen war noch eben als
ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isolirt
hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tänzer sich ihr genaht. Welche
Urteile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden! Ach, selbst ihre
Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen. - Ist das die! hatten zwei Hofdamen
sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, über die Erinnerung zu erröten,
der indes unter dem dicken Karmin erstickt war.
    Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war Alles anders geworden.
Woltmann berichtet von der Königin Luise, dass, wenn sie mit Hässlichen
gesprochen, auch diese allmälig den Umstehenden schön gedünkt; solchen Zauber
strahlte die Fülle ihrer Anmut aus. Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt.
- Nein, wie schön sie ist! hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern.
Welcher Anstand! - Es ist etwas Geborenes darin! - Die Eitelbach war ohne Neid;
mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet. Sie
lächelte die Dame an, die sich an ihren Arm hing: »Nein, liebste Baronin, was
müssen Sie für eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist
auch der besten Obhut anvertraut.« - Damen und Herren liessen sich Adelheid
vorstellen. Ihre Antworten entzückten. - Da, um das Glück vollständig zu machen,
hatte sich auch der König ihr genähert. Auch er sprach gnädig; freundlich sah er
zum schönen Mädchen nieder, man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte; viel
von gehört haben - sehr freuen - einen braven Vater haben. - Auch die jüngeren
Prinzen waren herangetreten, der König scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den
gewichtigsten Folgen. Bald durchflog die Säle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen
mit der Alltag.
    Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gespräches in den
Equipagen, die nach Hause rollten. Ueber ihre Schönheit war nur eine Stimme. Nur
etwas zu ernst! Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon
angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den
jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte
der ältere Bruder, Prinz Louis, sich benommen? - Eine solche spirituelle
Schönheit musste doch auf den galantesten Ritter wirken. - Er war an ihr
vorübergegangen. - Unmöglich! hiess es; aber Viele versicherten es. Der
unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg
schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. - Aber nein, er war zurückgekehrt, er
hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehört.
Er hatte sie wehmütig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: »Was wollen Sie in
dieser Atmosphäre? Die ist nur für kranke Seelen.« - Und sie, was hatte sie
geantwortet? »Gnädigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebensluft in
jede Atmosphäre mit.« - Unbegreiflich fanden es Viele - ein simples
Bürgermädchen, die Tochter von dem alten Geheimrat Alltag! Er wird wohl nun
geadelt werden, meinten Einige. Andere schüttelten schlau den Kopf: Wer weiss
denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge, die an den
vorigen König erinnerten.
    Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schönen
Adelheid. Dann waren andere Gegenstände gekommen. Die Königin hatte sie nicht
rufen lassen, die Königin hatte an Anderes zu denken. Die Fürstin mochte auch an
Anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adelheid sah, schien ihr
lächelnder Blick zu sprechen: wenn eine Königin vergass, uns rufen zu lassen, so
wäre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unserer wieder erinnere. Zur
Diplomatin ist sie nicht geboren.
    Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben,
indem er mit der Schrift sich auf das Kanapé geworfen und mit dem Daumennagel
Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken liess.
    »Lesen Sie!« sprach er.
    Walter nahm das Papier, welches Jener auf das Kanapé fallen lassen. Der
Minister schüttelte mit dem Kopf.
    »Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben. Man
muss sich diese erst vergegenwärtigen. Es wird nicht mehr Alles für heute
passen.«
    Walter griff nach einem andern Heft und las: Bedrohte Selbstständigkeit -
Unwille der Nation über den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes. Der
Minister schüttelte den Kopf: »Dies bleibt nun weg. Wüster Lärm genug.« Walter
las weiter: Affiliirung der Kabinetsregierung mit Haugwitz. An den Ministern
haftet die Verantwortlichkeit für das, was sie nicht beschlossen, vor dem
Publikum. »Oeffentliche Meinung!« korrigirte der Minister. »Weiter.« Man schämt
sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt. »Habe ich das im April
geschrieben?« seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln. -
»Illusionen! Wenn sich Einige geschämt haben, jetzt haben sie sich anders
besonnen. Das bleibt weg.« Walter fuhr fort: Das Ehrgefühl der Beamten wird
unter einer solchen Regierung unterdrückt, ihr Pflichtgefühl abgestumpft. -
Subalterne gehorchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Götzen des
Tages. »Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Für die Reputation
ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter!« Der Monarch lebt in
völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern. Von Allem, was geschieht, erhält
er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinetsräte. »Sie halten
inne. Haben Sie da Bedenken?« - »Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus
der Sache lassen?«
    »Wir leben nicht in England. - Wir leben in Preussen, wo der Monarch mit dem
Volke identisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe
ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden könnte. Wo ein Fürst diese
abnorme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper, muss er auch
das vertragen können, was die anderen Glieder. Preussens König ist so wenig ein
Kaiser Karl und König Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Köpfe höher als ihre
Tafelrunde, als er ein Fürst ist, dem die Konstitution ein glänzendes Altenteil
angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist.
Exceptionell, ja, ja, durchaus exceptionell, aber so ist's. Wir dürfen's nie aus
dem Auge lassen. Er muss empfinden wie wir - das Streicheln und die Schläge. Man
muss ihn anfassen können, schütteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Verträgt er
es nicht - doch weiter, weiter!« - »Nun folgen die subjektiven Gründe. Wer hat
dies unbedingte königliche Vertrauen? check und Lombard, von ihnen ganz abhängig
Haugwitz. Jener - guter Jurist, ward übermütig, absprechend, korrumpirt -
Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit - gemeine Aufgeblasenheit
seiner -«
    Der Minister wehte mit der Hand. »Die Frauen mögen jetzt fortbleiben.«
    »Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: Physisch und moralisch
gleich gelähmt und abgestumpft. Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei.
Ernstafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt,
frühzeitige Teilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches
Gefühl erstickt. Soll das auch bleiben?« - »Weiter!« - In den unreinen und
schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines
Roués, der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen, mit Spiel und
Polissonnerien vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse, und
in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihres Gleichen
findet. »Auch das?« - »Ist's nicht wahr?« - »Aber wozu der Vorwurf niederer
Herkunft?« - »Das verstehen Sie nicht.« Der Minister war aufgesprungen. »Brüstet
er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, dass er der Sohn eines
Perrückenmachers ist! Ein Skandal! eine Verworfenheit ohne Gleichen. - Ja, wenn
sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depravirt hätten, es stände anders. -
Ihnen geschieht recht. - Lass sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.«
    »Das folgende, persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft
gesagt -« »Kann aber nicht oft genug wiederholt werden.« Walter las mit Zaudern:
Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschrobenheiten oder Äusserungen von
Verderbteiten. Sein Urteil seicht und unkräftig, sein Betragen süsslich und
geschmeidig. - Als Gelehrter Phantast - dann Mystiker aus Liederlichkeit -
Geisterseher aus Mode - Herrenhuter aus Bequemlichkeit - verschwendet die dem
Staate gehörige Zeit am Lhombretisch. Abgestumpfter Wollüstling, gebrandmarkt im
Publikum mit dem Namen eines listigen Verräters seiner täglichen Gesellschafter
und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
    Walter hielt inne und blickte auf den Minister.
    »War's eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder?« - »Ich frage mich nur, ob
dieser persönliche Angriff notwendig ist?« - »Man muss Personen ändern, wenn man
Massregeln will, habe ich Ihnen diktirt. Man muss die Personen niederschlagen, dass
sie das Aufstehen vergessen, wenn sie zur Vordertreppe hinabgeworfen, auf der
Hintertreppe immer wiederkommen. Man muss sie zertreten, tödten, vernichten, wenn
mit ihnen die Massregeln unmöglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.«
    »Wenn wir auf den Erfolg rechnen können! Seine Majestät erwiderten auf das
erste Memorial, worin Excellenz auf Aenderung des Kabinets drangen: Sie
wünschten nur, dass man Ihnen Beweise der Verräterei dieser Leute gäbe, so
würden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen. Die Beweise - sagt wenigstens
das Publikum - liegen seitdem zu Tage - und -«
    »Es bleibt Alles, wie es gewesen. - Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht
unsere Pflicht zu tun? Nicht zu rütteln an den faulen Aesten, so lange wir Mark
in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, so lange wir Atem
haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?«
    »Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrüstung.« -
»Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sagen, dazu sind Sie hier; darum liess
ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein. - Sie meinen, auch diese Denkschrift
wird ohne Wirkung bleiben?« - »Man weiss, dass auch der alte General Blücher
deshalb vergebens an den König geschrieben hat.«
    »Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis,
Ferdinand, Rüchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir
vorwirft, dass sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist, wird Johannes
Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten. Wenn solche Namen zusammenklingen,
solche Männer die Arme verschlingen, solche Gründe ihm ins Ohr donnern, über
welche Zaubermacht müssten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. -
Hier ist Müllers Konzept. Er schliesst: Dieses Kabinet, welches nach und nach
zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat, dass Jedermann
weiss, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier
Männer, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen längst
eingebüsst. Ja, Majestät, die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und
bestimmt von Bestechung.«
    »So wird er Ihnen entgegnen: Beweis't es! Excellenz, dies eine Wort kann
Alles verderben. Können wir, kann irgend Einer den Beweis führen? Ja, die Hand
aufs Herz, kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die
Beteuerung aussprechen: ich bin fest überzeugt, dass französisches Geld in ihren
Taschen klimpert! Haben wir nicht vielmehr die moralische Ueberzeugung, dass sie
mehr aus Indolenz, Eitelkeit, Dünkel, aus eigener Ueberhebung, aus Schlaffheit
und Faulheit im Denken, sich gegen das Vaterland versündigen, als dass sie
wirklich Verbrecher sind!«
    Der Minister machte, die Hände auf dem Rücken, die Augen niederschlagend,
wieder seine Zimmerpromenade: »Sie mögen Recht haben, Gott hat sie nicht in
seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Missmut: dass, zu unserer Beschämung, auch
solches Gewürm herum kriechen muss.« - »Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch
aufrecht gehen, und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen, sie müssen
sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wüsten Taumel
erwachen, müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken.« - »Was
kümmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollgeschlagen, die Taschen
gefüllt, so weit es die Honettität erlaubt, das heisst die Rücksicht vor den
Leuten, mit denen sie mal Lhombre spielen können, und nach ihnen die Sündflut!«
- »Das Gefühl für Schimpf und Schande -« »Prallt von den bunten Blechschilden
ab, vorausgesetzt, dass sie mit Gehalt, Pensionen, Güterschenkungen gefüttert
sind.« - »Excellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini
erklärt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz lässt den Kopf hängen -«
»Weil sie sich vor'm Pöbel fürchten.« - »Kann der Strahl nicht auch in Ihnen
gezündet haben?«
    »Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmeiss sie zur
Tür hinaus, so kommen sie zur Hintertür wieder hereingetänzelt und fragen mit
einem süssen Händedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen
einen Schurken ins Gesicht, so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz. Was
ist ein Fusstritt in einen Plunderhaufen! Sie wollen Minister bleiben,
Geheimräte, weiter nichts, und sie haben Recht. Was wären sie, wenn sie es
nicht sind!«
    »Und wenn denn doch eine innere Röte der Scham -«
    »Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit
sich wie der Pharisäer. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen,
ist ja ein treuer Diener ihres Königs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel
für diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht, was sie vor
Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können, haben sie es nur
als treue Diener ihres Herrn getan. Alles für ihren König! Mag Land und Volk
darüber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft
salvirt sind. Scham in diesen Lakaienseelen! Die sich nicht schämen, ihre
eigenen Fehler und Sünden Dem aufzupacken, als dessen Götzendiener sie sich
anstellen! Der, den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen,
als Kratzbürste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! - O dies Gezücht
schämt sich auch nicht, wenn es umschlägt, die Achseln zu zucken und mit den
Augen zu zwinkern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts tun! Wer seine
eigene Menschenwürde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert Alles, zuletzt den
Götzen selbst, wenn ein mächtigerer da ist.«
    Walter sagte nach einer Pause: »Sind Eure Excellenz überzeugt, dass Haugwitz
auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat?« Der Minister fasste leicht
seinen Rockzipfel: »Ein König, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch
nicht ein Chamäleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und
Joseph, die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der
Fürsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Böse, das Richtige und das
Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glücksrad. Da ist es Pflicht der
gewissenhaften Räte, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben
liegt. Da müssen sie das Rad stille halten, sie müssen es, sage ich, auf die
Gefahr hin, dass es sie ergreift und zerdrückt. Trauen sie sich das nicht zu,
sollen sie in der Schreibstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit
Kammerherrnschlüsseln genügen lassen. - Wer so dreist ist, da oben stehen zu
wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem Könige selber die Pflicht, ihm
dreist ins Gesicht zu sehen. Nicht seine gute Launen soll er belauschen, um
Gefälliges sich und Anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm
abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festalten, mit eisernem
Händedruck, er darf die Runzeln des Unmuts nicht sehen, er soll den sprudelnden
Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm, über Beiden steht ein
anderer König, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. - Und
dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Könige sich neigen und
sprechen: nimm das Amt zurück, das noch rein ist in meinen Händen! Wehe dem, der
ein leichter Gewissen hat, es zu beflecken. Das ist ein wahrhaft treuer Diener.
Die armen Könige, die keine Männer finden, nur treue Diener wie diese hier!«
setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat, die Arme
unterschlagend, ans Fenster. - »Die armen Könige!« wiederholte er, »ich könnte
sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Trone unterhöhlt, Dynastien
gestürzt. Ein arglistiger böser Staatsmann hinterlässt Flecke; die kann man
auswaschen, ausbeizen. Ein Chamäleon, das von jedem Regenbogenstrahl der
königlichen Laune durchschauert ist, und ihn in Reskripten und Gesetzen
austräufen lässt in alle Adern des Landes und Volks, dem Flüchtigen den Stempel
der Autorität aufdrückend, der verdirbt die Völker und die Monarchien. Ich sage
Ihnen, -«
    Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn, zugleich brachte der Diener Licht.
Es war Abend geworden.
 
                         Fünfundsiebenzigstes Kapitel.
                                Gewetzte Degen.
Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer, unterbrochen von schallendem Gelächter. Ein
schärfer Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört, aber die Fenster, die
ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden, liessen es nicht zu. Auch der
Minister öffnete einen Flügel: »Wahrscheinlich wieder ein Teaterfurore!« - »Die
Schick spielt heut die Elisabet und die Unzelmann die Maria Stuart,« bemerkte
Walter. »Man sprach davon, dass es unter ihren Anhängern einen Skandal geben
könne.« - Der Minister blickte hinaus: »Ich sehe Uniformen, wenn ich nicht irre,
Gensdarmen. - Der Lärm kommt näher.« Das Gelächter war jetzt mit lebhaften
Hussas, Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt. »Etwa noch eine
Schlittenfahrt! Dass Gott erbarm, diese Menschen lernen nichts.« Eine
Menschenmasse wälzte sich auf die Strasse zu, und die klappenden Hacken auf dem
Pflaster deuteten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung musste sein, aber die
Verfolgten, wie immer Strassenjungen voran, jauchzten zugleich wie in einem
Triumphgesang. »Die Sache wird ernstafter. Sie möchten sich umsehn, Asten, was
es gibt.«
    Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam
eben mit einem Rapport herauf, der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich
von der Strasse hörte, unterstützt ward.
    Es war allerdings ein Strassenskandal, doch ernsterer Art. Viel junge
Gensdarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg
spät zurückgekehrt. Der Wein sollte in Strömen geflossen sein. Gläser klangen,
zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder
der Schick noch der Unzelmann, sondern den Franzosen und Napoleon. Man hatte
sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votirt. Beim weiten Wege durch
den nächtlichen Tiergarten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der
Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Tore ihn noch erhöht. Die Kühnsten
vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen worden, ob hier erst,
oder schon in Charlottenburg, weiss man nicht. Plötzlich war man abgesessen und
nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward
verschieden erzählt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man
Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den
Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber
junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen, und auf den Treppenstufen zum Hotel
gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Himmel, noch die
spärliche Strassenbeleuchtung machten die Uebermütigen kenntlich. Aber
plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster,
von denen man die Läden fortriss, glänzten von so schnell angezündeten Kerzen,
dass die Vermutung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von Allem, auch
von diesem Impromptu Witterung gehabt. Symbol für Symbol. Wir kündigen den
Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kündigung an, antwortete der
Lichterschein. Uebrigens blieb es todtenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an
den Fenstern.
    Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen
Manifestation zurückgesprungen, und hüllten sich in ihre Mäntel. Nur einige
jüngere, in denen der Wein glühte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch
die Akklamationen des Strassenpublikums, das sich in immer dichteren Schaaren
sammelte, noch mehr entzündet. Aber während ihre geschwungenen Pallasche
funkelten, vernahmen Andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide
klirrende Säbel. War auch hier ein Verrat, eine Denunziation, eine geheime
Sympatie im Spiele? Die Tatsache war, im Gouvernementsgebäude musste der
Feldmarschall Möllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren
und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Täter zu
ergreifen.
    Der Lärm wuchs. Die sympatisirenden Zuschauer bildeten noch einen Wall
gegen die andringende Polizeimacht. Unter den besonnenen Teilnehmern an dem
Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie für ihre Personen sich ins Dunkel
salviren, und die jüngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem
Schicksal überlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu
teilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren näher als denen der Jugend,
war der Entschluss schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der
Bäume, wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft, sprang er plötzlich zurück,
umfasste einen jüngern Offizier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im
Fenster des Erdgeschosses berührte - in welcher Absicht, wusste der junge Mensch
nachher selbst nicht - und mit den Worten: »Fritz, bist Du toll?« schleuderte
oder riss der starke Mann ihn zurück. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht
als Landesverrat gelten mussten, der Rittmeister küsste sie ihm von den Lippen:
»Ja, Fritz, wenn's losgeht, schlagen wir ihn mit einander todt. Du nicht allein.
Fritz, Respect, ich bin Dein Onkel, Dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt,
Ordre parirt! - Mäuschenstill!« Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen
und um die Schultern des Neffen geknüpft. Der Neffe parirte auch, er schulterte,
ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. - »Platz! Platz!« riefen
die Polizeimänner. - »Retten Sie sich!« riefen viele Stimmen aus den Gruppen;
die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern, deren Übermut
so oft doch ihre lauten Äusserungen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der
Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen und
ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefasst und ins
Gedränge geführt. Er war gerettet, aber sein Retter - in der leuchtenden
Uniform, den blanken Degen in der Hand! »Da steht er!« rief der Kommandirende
der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern
gesehen, mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. »Platz! Platz!« Der Platz
aber war gerade das, was fehlte und wo er noch war, trat die hülfreiche
Strassenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu
necken, und wir verschwören nicht, dass sie der Patrouille falsche Weisung gab,
um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken.
    Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Mann unter den Arm
gefasst und fortgerissen. »Eilen Sie, schnell dort um die Ecke!« rief eine ihm
nicht unbekannte Stimme. Als sie um die Ecke waren, und der Offizier einen
Augenblick Atem schöpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn
seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst
vergolten hatte; es überkamen ihn aber andre Empfindungen, als die des
Dankgefühls, indem er den Schweiss von der Stirn wischte. »Ein Offizier darf doch
nicht Reissaus nehmen!«
    »Nicht vor dem Feinde,« entgegnete Walter, »aber vor einem Skandal. Schnell
fort, bester Herr von Dohleneck.«
    Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht so viel als sein Neffe, doch
auch viel des süssen Weines getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft:
»Stehen oder fallen!«
    »Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.«
    Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich
an einen Brunnen. »Das ist ja eine verfluchte Geschichte -« »Die noch übler
werden kann. Eine Verhöhnung des Gesandten, eine Verletzung des Völkerrechtes.
Um Gotteswillen kommen Sie, schnell - weiter. - Werfen Sie den Degen fort!« -
»Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen! - Wer sagt das!« - »Es ist ja
nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestörer aus der Hand
rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. - Ich will's bezeugen, wenn's zum
Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen
nicht gewetzt. - Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es könnte sehr schlimm
werden, ausserordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.«
    »Hol' mich der und jener, das ist grade eine Geschichte wie damals bei der
Schlittenfahrt -« »Schlimmer,« drängte Walter; »damals profanirten Sie Luter,
der es Ihnen gewiss vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergibt, nicht
Ihnen, nicht uns, nicht dem Könige.« - »Der König auch nicht!« rief der
Rittmeister. »Ach Gott, ich bin ja Katarina von Bora.« - »Besinnen Sie sich.« -
»Nein - richtig - ich war nur ihr Kammermädchen. Das ist alles eins. Wenn er's
erfährt, bin ich kassirt.« - »Teuerster Herr von Dohleneck, ich wünschte, die
Weihe der Kraft überkäme Sie, und Sie beschleunigten Ihre Schritte.«
    dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Haustür sich öffne, in
die er seinen Begleiter schieben könnte. Aber es war einige ruhige Strasse, man
hatte mit der Bürgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern
blickten Neugierige heraus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der
schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berüchtigte Schlittenfahrt der
Gensdarmen-Offiziere, in der sie Luter, Katarina von Bora und deren
Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt, ein
Ereignis, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmütigsten König
aufs Empfindlichste gereizt: sein eigner Wille war diesmal durchgedrungen, und
wenn die Täter auch nicht so gestraft wurden, wie er für angemessen hielt,
wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereignis, was
noch mehr überraschte, noch mehr von sich sprechen machte, als der tolle Streich
selbst. Er brauchte nicht der Erklärung, die man versucht hatte, dass dieser oder
jener Minister, oder ihre Frauen, eine Pique gegen einen oder den andern der
Offiziere gehabt, es war der religiöse Sinn des Monarchen, der die Profanationen
rächte. Man wusste auch schon, dass er derartige Kränkungen nicht vergass, und
Die, welche damals der Strafe entgangen waren, blieben doch in seinem
vortrefflichen Gedächtnis notirt.
    Da rollte eine Equipage vorüber, von links und rechts, von beiden Seiten der
Strasse zeigten sich berittene Piquets. Das Halt! welches Walter dem Kutscher
zurief, hatte eine glückliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er
den Kutschenschlag aufgerissen. Es sass nur eine Dame darin. Walter rief hinein:
»Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten retten. Kein Widerspruch, kein
Laut!«
    Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls,
ihm nicht ganz nachkam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin
Eitelbach erschräke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem
Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie
auf: »Herr Jesus, was ist das!« - Das folgende: »Er bringt mich um!« erstickte
aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Offiziers unter einem schweren
Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: »Ich kann nicht dafür!«
Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann, der auf den Rücksitz -
halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die
Baronin fing ihn auf; er war scharf - natürlich er war gewetzt, und an den
Sandsteinstufen des französischen Gesandten! - und sie verwundete ihre Finger. -
Nach Hause -- das schicken wir hier vorauf - kam sie, die Hand umwunden mit
ihrem Battisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den
Chirurgen gespielt, darüber schweigen unsre beglaubigten Nachrichten. Das war
der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen
und dem Kutscher zugerufen: »Nun zugefahren, was das Zeug hält!« Der Kutscher
gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl und der Wagen
kam unangefochten durch das Polizeipiquet.
    Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon. Das Husarenpiquet,
welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu
machen, ihm nachzusetzen. Der Kommandirende, welcher unsern Freund zu kennen
schien, salutirte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel, um die Frage
einzuleiten: ob nicht ein Militair in die Kutsche gesprungen sei?
    »Der Schlag ward geöffnet,« entgegnete Walter, »und die darin sitzende Dame
nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf.«
    »Ein Offizier mit blankem Degen?« - »Der Degen, wenn ich recht verstand, war
mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen.« - »Kornet
Wolfskehl,« rief der eine Husarenoffizier. »Sagt ich's nicht!« - »Ich lasse mich
nicht täuschen,« erwiderte der Kommandirende, »das war Dohlenecks Statur. Sie
müssen ihn ja kennen, Herr van Asten?« - »Sollte der Rittmeister so jugendlicher
Tollheit zugänglich sein! Es war zu dunkel. Aber meine Herren, da entsinne ich
mich ja, der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine
Lhombrepartie eingeladen, Exzellenz Blüchers wegen. War Lombard oder Herr
Crelinger der Vierte, darüber bin ich nicht recht gewiss, aber - warten Sie, - es
wird mir gleich einfallen -« Der Kommandirende lächelte: »Wir danken für den
Avis.« - »Kornet Wolfskehl wird wohl zu fangen sein,« meinte der Zweite.
    Die Husaren sprengten ihrer vorausgeeilten Patrouille nach. Wir verschwören
nicht, dass in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär nicht die
wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu lassen.
    Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glücklich der Polizei und den
Husaren, und als er vor dem Hause der Madame Braunbiegler hielt, war nichts
Gefährliches passirt, als dass eine Scheibe im Kutschenschlage - wahrscheinlich
durch einen zufälligen Ellenbogenstoss - entzwei gegangen war. Auch hatte sich
seltsamer Weise ein Fussgänger, nach einer Verständigung mit dem Kutscher, zu ihm
auf den Bock gesetzt. Dieser war, schneller als der Kutscher herab gesprungen,
und bereits verschwunden, als letzterer sich langsam herunter machte, um, in
Ermangelung eines Bedienten, den Wagen zu öffnen. Ehe das geschah, hatte sich
aber die Wagentür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war
nach einem langen zärtlichen Kuss auf die Hand der Baronin entschlüpft.
    Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft
hinaufgestiegen. Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu
tun. Ein Glück, dass die grosse Gesellschaft, welche sich noch spät bei der
Braunbiegler versammelt, mit andern Dingen beschäftigt war, um auf ihre
Verlegenheit Acht geben zu können. Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch
um ein Bedeutendes steigern müssen, als die Wirtin ihr mit dem Bedauern
entgegen kam, dass sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe, sie hoffe,
es werde doch nicht üble Folgen haben. Die Wirtin hatte nicht Zeit, ihr
Erröten zu bemerken, sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen
einzelnen Gast. Auch Andere, die an ihr vorüber streiften, beklagten die schöne
Hand. »Es wird aber gewiss nichts auf sich haben.« Wusste denn Jeder nicht nur
die Tatsache, sondern schon das Märchen, was sie sich künstlich zurecht gelegt,
um die Wahrheit verbergen zu dürfen? - Von wem hatten sie's erfahren? - Gott sei
Dank, dass sie wenigstens das nicht gehört, von dem nichts wussten, was - es war
das erste Geheimnis, was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg. Die Brust
blutete vielleicht heftiger als die Hand.
    In solchen Stimmungen kann eine grosse Gesellschaft, wo Keiner Zeit und Raum
hat, auf den Andern Acht zu geben, zur Wohltat für ein geängstetes Gemüt
werden. Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt, sie bestand mehr aus den
Optimaten des Reichtums als der Geburt. Der Reichtum hing von den Decken als
Kronenleuchter, Armleuchter, Festons, Seiden- und Damastgardinen; er lastete in
den Aufsätzen der Nischen und Ecktische, in den Teppichen auf dem Boden, vor
allem auf und an der Wirtin. Zum Schildern ist nicht mehr Zeit. Die Juwelen,
Ketten, Ringe, Aufsätze, die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel, von
den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug, waren in Berlin sprichwörtlich.
Reichtum, überall, wohin man sah, nicht ausgebreitet, sondern aufgeschichtet,
lastend, prahlerisch, ohne Geschmack. In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung
der Lebendigen, der Hauch, der über eine Gesellschaft hinfliegen soll, den
Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen.
    Der Patriotismus hier war anderer Schattirung als der, welcher den Scheiben
des französischen Gesandten gedroht. Das grosse Ereignis, welches die Strassen,
die höheren Kreise heut Abend in Bewegung versetzt, die diplomatischen in
Entsetzen, hatte weniger Wirkung hervorgebracht. Man betrachtete den Krieg als
etwas Ausgemachtes, Notwendiges, die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden
weniger. Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die
sechs neuen eben erschienenen Kriegslieder, komponirt von Helwig, zu singen.
Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preussen von Karl Müchler,
komponirt von Mappes: »Endlich tönt der Ruf der Lust!«
    Aber es war ein anderer, näher liegender Gegenstand, der die praktischen
Leute beschäftigte. Gestern war eine Frage entschieden, die schon Wochen lang
die Gemüter beschäftigt hatte: ob die Infanteristen Mäntel haben müssten? Es
war eine Frage gewesen, so wichtig, so ernst behandelt und so lebhaft als irgend
eine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin,
von den Spitzen der Türme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden
und dort ihre Streiter gefunden hat. Fragen wie die, ob das neue Jahrhundert um
Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse, ob Fleck oder Iffland
ein grösserer Schauspieler, Friedrich oder Napoleon ein grösserer Feldherr
gewesen?
    Es war eine ungeheure Neuerung, das gestand sich Jeder, Vielen schien sie
gefährlich, weil den Franzosen nachgebildet. Ja, ein Husar, ohne Mantel gedacht,
war kein Husar mehr; aber was blieb er noch, wenn auch Musketiere, Füsiliere,
Grenadiere Mäntel erhielten! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie
schien über den Haufen geworfen, ein so unübersehbarer Eingriff in die
bestehende Ordnung, als heute Vielen eine Gemeindeordnung bedünkt, die den
Unterschied von Stadt und Land aufhebt. Friedrich hatte mit einer Infanterie
ohne Mäntel gesiegt, er musste doch wissen, warum es so besser war. Ein guter
Soldat muss nicht frieren, wenn sein König befiehlt, dass er warm ist. Aber die
Neuerer hatten eingewandt, dass auch der Infanterist ein Mensch ist, und dass
jeder Mensch friert, wenn es kalt ist, dass der Regen den einen durchnässt wie
den andern, dass der Krieg seit Friedrich eine andere Façon angenommen, dass
Napoleon die Winterkantonirungen nicht mehr respektire, dass er seine Feinde zu
Winterfeldzügen nötigte.
    Die Mäntelpartei hatte gesiegt. Gestern hatte ein Erlass der Geheimen
Ober-Finanz-, Kriegs- und Domainen-Direktion das Publikum davon avertirt: wie
Seine Majestät, der König, schon längst darauf Bedacht genommen, dass der Soldat
im Kriege nicht frieren dürfe, und wie es Seiner Majestät Wunsch sei, dass alle
seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten, namentlich die
Infanterie Mäntel mit Aermeln, die Kavallerie wollene Unterhosen. Da aber
selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf
mannigfache Schwierigkeiten stosse, so werde die Bereitwilligkeit der Nation
angerufen, das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu unterstützen und ihren
warmen Patriotismus durch die Tat zu bewähren.
    Mäntel! war das Loosungswort durch die Stadt, im Civil, während das Militär
nur Krieg wollte, mit oder ohne Mäntel. Zum ersten Mal war das Publikum
aufgerufen, ein grosses Werk des Allgemeinwohls zu unterstützen, ja die
Initiative war ihm in die Hand gegeben. Wen darf es wundern, wenn es umher
brauste und schwirrte, eine Tätigkeit sich entwickelte, die sich selbst hemmte
und verwirrte. Der Staat hatte bisher für Alles gesorgt, nun sollte der Bürger
nicht allein für sich, auch für den Staat sorgen! Kommissionen und Ausschüsse zu
bilden, wo sollte man gelernt haben, was sich jetzt von selbst macht! Der
Magistrat, der es in die Hand genommen, fand dafür kein ander Mittel als eine
Subskription, die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden
sollte. Das war ein langer Weg. Aber nun fühlte sich Jeder berufen, auf seine
Hand es in die Hand zu nehmen; die Nähterinnen und die Geheimrätinnen, auf den
Kanzeln und in den Werkstuben, im Teater und in den Weinhäusern, auch in andern
Häusern, es war überall nur ein Wort, überall wollte man helfen, noch lieber
Ratschläge geben, wie man helfen könne.
    In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite.
Auf dem Conto Debet stand Patriotismus und Tuch. Was Madame Braunbiegler
gezeichnet, konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen. Die
Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab; auch sie las auf jedem
Gesichte, wie viel ist der Mann wert? Wie viel hätte er zeichnen müssen? Wie
viel hat er zu wenig gezeichnet? Wie viel zu viel, um sich höher zu stellen?
Endlich - wie tief stehen sie alle unter dir!
    Ihr zunächst musste der Baron Eitelbach stehen. War er doch ihr Kompagnon! -
Aber er stand nicht, er ging, er flankirte mit seinem strahlenden Gesicht durch
die Gruppen.
    »A propos, ma belle!« rief der witzige Baron, als er seine Gattin zu Gesicht
bekam, »was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestosse? Denkst Du, Glas
kostet kein Geld? Werde die Türen mit Brettern vernageln lassen, profit tout
clair! Dann sieht auch Keiner, mit wem Du drin sitzest.« - »Du weisst -« Ihre
weissen Perlenzähne starrten ihn an. »Ziert sich, weil er ihr den schönen Arm
küssen will, und stösst dabei die Scheibe ein.« Ihre Perlenzähne verschlossen
sich, aber ihre schönen Augen wurden grösser. »Mir schenkt man reinen Wein.« -
Jetzt erst platzte das »Um Gotteswillen wer?« heraus. »Wer anders als der
Legationsrat! Was war's denn nun, dass er zu Dir in die Kutsche sprang? Muss man
sich darum so haben?« - »Der Legationsrat?« - »Ist ein gescheidter Mann und
wird nicht plaudern.« - »Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn.« - »Man kann
Viele nicht ausstehn, ma chère, und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft.«
    In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an. »Ma chère, verstehe mich.
Die Sache ist ganz simpel. Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der
Braunbiegler - Wenn's zum Klappen kommt, wird sie - den Teufel - so dumm sein
und einschlagen. Aber 's ist doch die Möglichkeit, wer kennt die Weiberherzen. -
Und ein solcher Kompagnon ins Geschäft, na, da gratulire ich! Also -« »Was
denn?« - »Um's kurz und klein zu machen, lass ich Dir von ihm die Cour machen, so
viel er Lust hat, und wenn er zu Dir in den Wagen springt, schrei nicht auf.« -
»Der Legationsrat!« Weiter wusste die schöne Frau nichts zu sagen, denn der
Legationsrat stand vor ihnen. Es ging zur Tafel. Der Baron legte den Arm seiner
Frau in den des Rates: »Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung. Sein Sie
liebenswürdig, so viel Sie können, es wird Niemand eifersüchtig -« In sich
lachend, setzte er hinzu: - »ausser wer es soll!«
    Das Opfer ging neben Dem, dem sie geopfert schien. So roh, widerwärtig, war
ihr Gatte ihr nie vorgekommen. Wandel ging im würdigsten Ernst. Er sprach
Gleichgültiges, unbefangen. So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar,
aber sein Gespräch, seine Erzählungen waren für Alle, sie mussten Jeden
interessiren. Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht, die Braunbiegler
ward nicht eifersüchtig, die Baronin aber sass auf Kohlen.
    Nachher kam ein Moment, um mit Wandel, in eine Fensternische von den
Aufbrechenden zurückgedrängt, unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen. »Um
Gotteswillen, was ist das?« Wandel antwortete, mit der Quaste der Gardine
spielend, als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgend eine Trivialität:
»Seien Sie unbesorgt. - Ich bin, ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre - der
Kutscher ist von mir gewonnen: es wird noch Alles gut werden, wenn Sie sich
nicht selbst verraten.« - »Mein Gott, Herr von Wandel, wie komme ich dazu!« -
»Still! Ich beschwöre Sie, nur keine Emotion! Sie haben sich beherrscht, ich
habe Sie bewundert. Fahren Sie so fort. In meiner Brust ruht Ihr Geheimnis wie
im Schoss der Erde - vertrauen Sie mir -« »Aber, lieber Gott, wenn ich's recht
bedenke, was ist es denn eigentlich -« »Denken Sie nicht, um Gotteswillen,
denken Sie jetzt nicht. Dem Reinen ist Alles rein, aber wer ist vor Diesen rein?
Ein Rendezvous in der Kutsche - bei Nachtzeit - Ihre verwundete Hand! die
zerschlagene Scheibe - die Lüge! O verzeihen Sie, ich rede nur, was Diese reden
würden. Grässlich, wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs - Nein,
nimmermehr! Denken Sie nicht, Sie sind in Agitation - lassen Sie jetzt Andre für
sich denken, die ruhiger sind, die wenigstens ruhiger scheinen,« setzte er
seufzend hinzu. Sie reichte ihm bewegt die Hand: »Sie meinen es gut.« - »Gnädige
Frau,« sagte er, respektvoll zurücktretend, »Mancher ist doch besser, als man
glaubt.«
    »Charmant!« sagte der hinzutretende Baron, um seine Frau fortzuführen.
»Kontinuiren Sie, Herr Legationsrat, noch bin ich nicht eifersüchtig. Aber was
nicht ist, kann noch werden.«
 
                         Sechsundsiebenzigstes Kapitel.
                             Nur eine Kleinigkeit.
Es war schon Nacht, als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des
Ministers zurückkehrte. Depeschen wichtigen Inhalts waren diesem kommunicirt
worden: Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinet die Stiftung des
Rheinbundes notifizirt mit einer formellen Aufforderung, dieser Konförderation
zum Wohl des gesammten Deutschlands beizutreten. Ein bittrerer diplomatischer
Hohn liess sich kaum denken. Eben als Laforest von seiner Meldung zurückgekehrt,
hatte er die Serenade der Gensdarmen empfangen!
    Walter meinte, dass Laforest zu verständig sei, eine Insulte trunkener
Jünglinge anders zu betrachten, als sie war.
    »Gewiss,« hatte der Freiherr erwidert, »Napoleon wird um dieser Albernheit
willen keine Stunde früher losschlagen, als seine Absicht ist. Aber eben, weil
wir und er noch nicht gerüstet sind, weil wir beide die Maske der Freundlichkeit
noch nicht abwerfen dürfen, zu welchen Lügen zwingt uns abermals die
Unbesonnenheit! Man muss die jungen Leute härter strafen, als nötig. Hardenberg
muss wieder mit süssschwellenden Lippen Beteuerungen unserer freundschaftlichen
Gesinnung machen. Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit,« setzte er hinzu,
»des Allesgehenlassens, dass sich Zustände, Stimmungen entwickeln, die naturgemäss
heraus müssen; wir liessen sie zu, wir nährten sie sogar, und wenn es zur
Explosion kommt, erschrecken wir, stehen ratlos, und möchten mit Keulen das
Kind zurückschlagen, das aus der Mutter Leibe will.«
    Der Minister stand wieder am offenen Fenster. Atmete er die frische
Herbstluft ein, oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament? Zuweilen
schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen, deren Töne der Luftzug aus
entfernten Tabagieen und Gärten herantrug. Es war immer der Dessauer Marsch.
    »Der alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise! - Es
ist Alles hier eine Weise. Das ist's, was den Mut dämpft.« Walter meinte, in
Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden. »Nein, die Uniform ist ins Blut
gedrungen. Das ist's! das ist das Uebel. Ein König war einmal ein Wüterich der
Sitte, da wurde das Volk puritanisch, ein anderer ein Freidenker, da wurden sie
Freigeister. Dann Libertins, zur Abwechselung Träumer, magnetisch verzückt,
Geisterseher. Aus Überdruss auch wieder tugendhaft, häuslich. Sie wären
Encyklopädisten, Freimaurer, bureaukratisch fischblütige Jacobiner geworden,
wenn Menken länger gelebt, und check nicht in die Stricke der Andern gefallen
wäre! - Und was das Uebelste vom Uebel, sie halten diese Virtuosität des
Nachspringens noch für Bravour und Tugend.« - »Und hat nicht diese Virtuosität
oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht, was er ist?« - »Respekt vor dem
Geschlecht, junger Freund! Die grossen Männer waren es, die Riesengeister, von
jenen Bergen stammend, auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah.«
    Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken. Der
Minister musste den lächelnden Zug um seine Augen verstanden haben; es lag
wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton: »Sie können nicht dafür, dass Sie
es nicht begreifen. Ihre ganze Erziehung, die Bildung hier ist daran schuld. -
Es war ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal
vorgekommen. Dass eine Dynastie, ein Fürstengeschlecht ein Volk machte!
Zusammengeleimt widerstrebende Teile mit seinem Blute. Ich sage Ihnen, ich habe
den höchsten Respekt vor diesem Blute. Welche Eisenteile, welche
Attraktionskraft, Klarheit muss die Schöpferin Natur da einmal in ihrer
übermütigen Laune hineingegossen haben! Aber wenn ein Volk, wenn Stämme, wenn
die Natur selbst darüber untergingen, dann erlaube ich mir wenigstens eine
Träne an ihrem Grabe.« -
    Nach einer Pause hub er wieder an: »Ich sage Ihnen, ohne Aristokratieen ist
kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit. Die Weltgeschichte
wäre ein mongolisch-chinesischer Brei, ohne Halt, Erhebung, tragische Grösse.
Wenn man die Kirchtürme abbricht und die Schornsteine höher mauert, die Berge
planirt und mit Schubkarren Hügel aufführt, ist das Ersatz? Was wäre der Erdball
ohne sein Granitgerippe, das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluten, Wälle
gegen Sonnenbrand und Steppensand! Wo entspringen die Flüsse? In dem ewigen
Schnee, der auf ihren Firnen lagert. Die Menschennatur ist nicht anders. Hab'
ich eine Stimme wie die Catalani? Sind Sie schön wie Adonis? Können wir's uns
geben? Sie würden mich, ich Sie einen Tor nennen, wenn wir danach trachteten.
Wohin hat die Gleichmacherei der Jacobiner geführt! Frankreich seufzt unter
einem neuen Marschallsadel; so dünn plattirtes Gold es sei, das Volk muss es von
seinem Schweisse hergeben, wie es die Säckel der Direktoren füllen, die
Guillotinen mit seinem Gelde bauen musste! Ist der alte Adel darum todt? Er
lauert nur, und lässt seine Nägel wachsen, ums wieder an sich zu scharren, wenn
die Gelegenheit kommt. Das die Wirkung der Impetuosen.«
    »Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts und darüber. Wir
sehen nicht mehr die Arbeit, nur das fertige Werk.« - »Ist es fertig?« - Er
schüttelte den Kopf. - »Was wäre der schönste Gliederbau wert, dem der Kopf
fehlte? - Man fängt an, auf Friedrich zu schmälen. Man hat Unrecht, auch der
wackere Arndt irrt. Was er als Sünde des Individuums züchtigt, war nur der
Instinkt des Blutes, es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie, die Naturen und
ihre Summitäten zu ertödten, um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen.
Wär's ihnen gelungen, gelingt es ihnen, dann sind sie im Recht, es war eine
Mission, eine Aufgabe von Gott, aber -«
    Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet,
welche den Willen, ein Gespräch abzubrechen, andeuten. Er wollte Widerspruch.
Walter aber lenkte es von einer Seite ab, von der er wusste, dass sie für den
Freiherrn immer empfindlich war. Er lenkte es auf die Fragen hin: ob denn die
grossen Reorganisationspläne des Staatsmannes grade in dem kritischen Augenblicke
an der Zeit seien?
    »Jetzt oder nie!« fiel der Freiherr ein. »Preussens Geschichte lass ich als
eine seltene Rarität unberührt. Wir empfingen das Werk mit dem Stempel, den
seine Schöpfer darauf gedrückt. Diese Schöpfer sind todt. Und wenn sie als
Geister aus ihren Grüften um uns schwebten, sie könnten uns doch nicht
zuflüstern, was wir tun müssen, denn ihre Kenntnis ist aus ihrer Zeit. Wir
müssen aus der schöpfen, die ist. Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im
stürmischen Meere. Seine Kapitäne und Steuerleute sind gestorben, ihre Papiere
verloren, selbst die Traditionen, wohin es steuern müsse, sind es. Was soll man
tun? Die Hände in den Schoss legen, es den Winden überlassen, wohin sie
treiben? - Ja, dann verdienten sie, Mann und Maus, elendiglich auf dem Wrack
umzukommen. - Nein, das Volk wird zusammentreten, beraten, die Tüchtigsten aus
sich, die Erfahrensten, die Kühnsten auswählen, sie in die Masten schicken,
ihnen das Steuer in die Hand geben, und, mit Gott, sie werden tun, was an ihnen
ist, sich und das Fahrzeug zu retten. - Ein solches Schiff ist Preussen, ein
solcher Augenblick ist dieser. - Jetzt gilt es das Volk aufrufen, jetzt oder
nie. Erwacht, erwägt, was es Euch ist, dies Vaterland, ob es wert, dass Ihr
Alles dran setzt, Alles, nicht nur Gut und Blut, auch die Gewöhnung, das
eingeschrumpfte Dasein, den Stolz. Sie müssen neu geboren, sie müssen wieder
Kinder werden, um der Gnade empfänglich.« - »Und wenn das Volk den Ruf nicht
hörte!« - »So haben wir gerufen, und der Schall vibrirt fort durch die Luft - er
weckt nach uns, Andre werden uns hören, wenn wir längst untergegangen.«
    Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab. Er blickte noch
einmal zum Fenster hinaus, und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und
Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben, als er
zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte. »Wir dürfen uns
nicht in Empfindungen verlieren, es drängt. Nehmen Sie wieder die Feder -«
Walter schrieb - hingeworfene Sätze, die von den Lippen des Ministers, wie ein
immer lebendigerer Quell, sprudelten. »Gedenken Excellenz auch dieses Memorial
durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu befördern?« - »Ja, die
Königin - wenn sie -!« Die Gedanken flogen, sie drängten und überstürzten sich,
konvulsivisch, wie die Bewegungen der Lippen. »Und warum es uns verhehlen, was
eine nur zu sichere Ahnung uns sagt! Auch dieser Versuch wird scheitern! Zu
einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren. Die Zeit forderte einen Sulla.
Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten, wo das Rechte
aufhört. Dass es da ein Höheres gibt, was der geweihte Priester aus den Wolken
greifen muss, wer darf ihn tadeln, dass ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht.
Er hat eine Scheu vor ausserordentlichen Schritten - es wird ad acta gelegt
werden wie das andere. Sollen wir darum nicht unsere Pflicht tun? - Wir werden
Napoleon unterliegen.« - »Seiner Uebermacht?« - »Nein, unserer Unmacht! Unserm
Dünkel, der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht. -
Schreiben Sie weiter -« »Und mit dieser Vorahnung -« »Vorbewusstsein,«
korrigirte der Minister, »will ich ihnen einen Spiegel hinhalten. Desto besser,
wenn sie ihn im Zorn zerschlagen, weil sie so hässlich darin aussehen. Wenn die
Zuchtrute des Herrn über sie kommt, lernen die Völker beten. Mit Gebet allein
aber, mit dem Insichgehn ist's nicht getan, sie sollen aus sich herausgehn. An
Verstand hat's nicht gefehlt, aber an Mut, ihn auszuprägen. Wir werden nicht
ernten, aber säen wollen wir. Der Krieg wird die Saat zerstampfen, aber ein
Körnlein geht doch auf.«
    Es war lange nach Mitternacht, als Walter die Feder niederlegte. Es war
nicht ungewöhnlich, dass der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftigkeit
selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte. Zur Ruhe zurückgekehrt, hörte
er sie auch ruhig an. Walter glaubte, dass er in mehreren Punkten die
Wirklichkeit schwärzer gemalt, als sie sei.
    »Das ist nur der Fluch der Parteistellung. Im Eifer fliegen wir über das Mass
hinaus, in der Anschuldigung wie in der Verteidigung. Es lässt sich nicht
anders tun, der redlichste Wille wird untertan dem Zwecke. Götter sind wir
nicht, und der Allmächtige wird wissen, warum er uns nicht Engelsseelen gab. -
Uebrigens solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel. Heim braucht
jetzt Arsenik, wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will.«
    Walter legte aufstehend die Papiere zusammen. Die Sitzung war geschlossen.
    Draussen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster, junge Offiziere, von einem
verspäteten Zechgelage heimkehrend, gingen lachend und singend vorüber.
    »Es sind Teilnehmer an der Bravade von heut darunter,« sagte Walter, der
sich dem Fenster genähert hatte. »Sie sind des Erfolges sicher.«
    Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulte: »Und welchen andern, mein
Freund, hätte diese Bravade gehabt, wenn ein Jahr früher! Damals hätte es zünden
müssen. Damals, als das Pulver gestreut lag. Laforest hätte seine Pässe fordern
müssen, es ging nicht anders. Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt
- der Sturm war los, die Schleusen gebrochen, und die Sonne von Austerlitz wäre
anders untergegangen! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern!
- Warum da nicht? Warum zu spät? Das sind die Fragen, die unsere Philosophie aus
ihren Angeln heben.«
    Der Ministerialsekretär war schon aus der Tür, als er ihn wieder
zurückrief. »Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten, klein für Sie,
gross für mich. Es liegt mir viel, sehr viel daran, dass Bovillard Zutritt bei
Hofe erhält. Grade jetzt, wenn das Memorial eingeht. - Er wird eigensinnig
bleiben. - Tun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schönen Mädchen, ich
meine seine Braut. Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor, dass ihr eigen Glück
davon abhäugt, seine definitive Placirung. Wenn sie um Audienz bei der Königin
bittet, wenn sie das Sentiment, ihre eigne Herzenslage schildert, wird es ihr
nicht schwer werden, auch Luisens Herz zu rühren. Die Lafontaineschen Romane
spuken da noch immer. Ein Familienjammer ist ausserordentlich wirksam. Sie kann
ja auch einfliessen lassen, dass nur auf diese Weise die Abneigung des alten
Bovillard zu bewältigen ist.«
    Walter schwieg: »Liegt denn Euer Excellenz so - überaus viel an -« »An
Kleinigkeiten,« fiel ihm der Freiherr ins Wort. »Die Kieselsteine, die in ein
Räderwerk, der Staub, der in eine Taschenuhr fällt, soll der Müller und der
Uhrmacher sie liegen lassen, weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen
vertraut? Ja, Lieber, der Staatsmann, der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten
brauchte, wäre grösser, als je Einer in der Welt es war. Sie sind da, um unsern
Scharfsinn wach zu halten, und der sie nicht ergreift, wo sie ihm günstig sind,
versündigt sich vor dem, der sie ihm in die Hände spielte. Also morgen schon, wo
möglich.« - »Excellenz, wie komme ich dazu?« - »Sie waren ja ihr Lehrer. Einige
Schmeichelworte, einige Autorität. Einem so beredten Lehrer schlägt eine
Schülerin nichts ab.« - »Excellenz, diese Aufgabe -« »Kostet Sie Ueberwindung.
Desto ehrenwerter. Haben Sie vielleicht selbst einmal - zu tief in die schönen
Augen geblickt? - Um so schöner noch Ihre Aufgabe. Wir sind Alle zur Entsagung
geboren.«
 
                         Siebenundsiebzigstes Kapitel.
                                  Zur Königin.
Es war ein seltsames Zusammentreffen. Die Fürstin Gargazin war heute mit einem
Gedanken aufgestanden, der sie beim Frühstück beschäftigte. Sie wollte bei der
Königin eine Audienz erbitten, um Adelheid zu präsentiren. Vielleicht die Frucht
eines Traumes; auch unsere Träume sind nur die Früchte einer Saat, die wir
selbst gesäet. Adelheid fing an sie zu geniren. Weshalb? - Das Gesetz ihres
Zusammenlebens war ja, dass Keine die Andere geniren durfte! Und doch - zuweilen,
wenn ihre Blicke sich begegneten, schlug die Fürstin die Augen nieder. Die Augen
des Mädchens leuchteten so hell und klug. Sie erinnerte sich unwillkürlich an
das, was Wandel über sie gesagt. Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit? Warum
empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart? - Wandel war ein blasirter Mensch,
aber - ein Menschenkenner, es war etwas, worin Beide in ihren Gefühlen stimmten.
- Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause! - Kaiser Alexander war fern,
er hatte andere Gedanken; wenn er kam, kam er im Kriegerrock, und dann - dann!
Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl. - Und wenn Krieg ward, was
sollte Adelheid in ihrer Begleitung! - Aber was sollte sie bei der Königin? -
Das würde Gott am besten fügen. Die Fürstin war heute von einem Gottvertrauen,
das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte. Denn während sie noch am
Frühstückstisch sass, war die Hofdame der Königin, Fräulein von Viereck,
vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin
gesprochen, dass Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht
vorgestellt. Die andern Dinge waren bald bei Seite geschoben, die Viereck war
nur darum gekommen. Die Königin durfte es nicht offiziell wünschen, auch war die
Façon schwer zu finden, wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentiren
solle. Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangirt werden. Die
Kammerfrau der Königin, Mamsell Schadow, war eine Bekannte der Alltagschen
Familie. Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen, und so wenig dabei etwas
Auffälliges war, konnte es sein, wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das
junge Mädchen traf.
    Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut, als sie nicht nötig
hatte Mutterrolle zu spielen. Sie fürchtete nur Widerstand von dem kapriziösen
Kopfe ihres Schützlings, eine Befürchtung, die um so grösser ward, als sie hörte,
dass Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen, dass er
angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei. Was wollte der abgesetzte
Liebhaber bei ihr! Er konnte doch nicht beabsichtigen, seinen Nebenbuhler und
Freund wieder aus dem Sattel zu heben? Das Kammermädchen hatte zwar an der Tür
gehorcht, aber nichts von Tränen und Beteuerungen. Die Sprache hatte so ernst
geklungen, feierlich und - doch auch zärtlich, meinte das Kammermädchen. Sie
musste die Sprache, welche drinnen gesprochen ward, nicht verstehen.
    Jetzt ging er. Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe. Die Fürstin
sah durch die Glastür wenigstens den Abschied. Der junge Mann schien verändert,
aber zu seinem Vorteil, seine Haltung war fester, entschlossener, vornehmer. Er
ergriff Adelheids Hand, er schien sie an die Lippen bringen zu wollen, aber
besann sich. Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine
Hand darauf. Er sah sie dabei nicht zärtlich, aber innig an. Sie musste ihn
wieder so ansehen. Sie sprachen noch einige Worte, welche die Gargazin nicht
hörte. Dann war es Adelheid, welche ihm kräftig die Hand schüttelte und etwas
ihm nachrief. Als er verschwunden, kehrte sie um und trat durch die Glastür.
    Sie war nicht betroffen, als sie der Fürstin hier begegnete. Das
Betroffensein war an der Gargazin, als Adelheid ohne Umschweife, bescheiden,
aber kurz und entschlossen, mit der Bitte vorrückte, die Fürstin möge ihr
vergönnen, die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen. -
    Mamsell Schadow empfing das schöne Mädchen mit Herzlichkeit, obwohl sie
wusste, dass der Besuch nicht ihr gelte, und führte sie sogleich in den Garten
und in den Gang, wo die Königin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte.
    »Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab, und wenn sie kommt,
tun wir, als sähen wir sie nicht. Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen
will, was man gleich merkt, treten wir ins Gebüsch zurück. Will sie uns aber
sehen, dann tun wir sehr überrascht und etwas erschrocken. Das lieben die hohen
Herrschaften und dann encouragiren sie uns.«
    Eine Mitteilung der Schadow war aber nicht geeignet, Adelheid zu
encouragiren. Ihr Vater, der Geheimrat, hatte vor einigen Tagen eine kurze
Unterhaltung mit der Königin gehabt. Adelheids Name war dabei genannt worden.
»Das ist schade, das darf nicht sein!« hatte die Königin geäussert. Nachher hatte
die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört: »Ich muss das junge Mädchen
einmal sprechen.« Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit
Louis Bovillard. Die Mutter betrachtete sie als ein Glück. Sie wusste von
häuslichem Verdruss deshalb. Ueber diesen Kampf war Adelheid hinaus. Beim
kindlichsten Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden. Sie hatte es
keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt: Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andere
Welt, wo andere Gesetze gelten. Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen musste,
die sie fordern, so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen So war ungefähr
der Sinn eines Gespräches, in dem der Vater unterlegen war. Es war ja nicht
eigentlich sein Departement; er fühlte, dass der Geist seiner Tochter auf
Fittigen flog, die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen. Nun, wenn er in
seinem Missmut Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben, so
fühlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich. - Sie fühlte sich nicht
decouragirt.
    Die Königin kam, aber nicht allein. Ein Kavalier ging an ihrer Seite, mit
dem sie in lebhaftem Gespräche schien. Es war ein stattlicher, schöner Mann, von
einem gewinnenden Ansehen, jede Bewegung weltmännische Grazie, obwohl sein
rechter Arm, früh vom Schlage getroffen, gelähmt an der Seite hing. »Graf Hoym,«
flüsterte die Schadow, »der Vicekönig von Schlesien. Wir müssen zurücktreten.«
Beide gingen vorüber, und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich
nicht.
    »Palm! Palm! lieber Hoym, das bleibt doch das Abscheulichste. - So
unschuldig, in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern - um - o mein Gott,
ich glaube oft seinen Schatten zu sehen, wenn ich unter diesen Bäumen gehe.« -
»Die Hunderttausende, gnädige Frau, die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel
traf -« »Nein, Hoym, das ist nicht das. Er schreitet über Leichen, das ist der
Weg des Grässlichen. Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater -« Das
Säuseln der Bäume und die grössere Entfernung nahmen die andern Worte fort.
    »Wie fühlen Sie sich, meine Liebe?« fragte die Schadow, um ihr Mut zu
machen. »Nur Geduld es wird Alles ganz gut gehen.« - »Mich dünkt, die arme
Königin ist in grosser Aufregung. Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter?« -
»Die arme Königin! Sie haben Recht, sie so zu nennen. Ach, unter uns, sie hat
Niemand, dem sie ihr Herz ausschütten könnte.« »Ihr Herz?« Das war ein kluger
Blick, welcher der Kammerfrau Mut machte, mehr zu sagen, als Kammerfrauen
eigentlich dürfen.
    »Ja, wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte! Dafür hat sie ihre Kinder,
ihren Gemahl, sich selbst; aber die grossen Staatsangelegenhriten müssen
fürchterlich stehen. Das, ich möchte sagen, zersprengt ihr oft das Herz. Liebe
Demoiselle Alltag, ich möchte Manchen, der die Könige beneidet, einen Blick da
hinein tun lassen, und sie würden Gott danken, dass sie so glücklich in ihrem
Hause sind.«
    Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber. Die
Königin schien noch immer in derselben Stimmung: »Er sieht die ganze Gefahr,
klar und deutlich. Er könnte retten, und diesen einzigen Mann, der retten
könnte, ihn lässt man brach liegen.« Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte
hören: »Aber der Freiherr von Stein -«
    Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebüsch gezogen.
    »Das ist ihr Hauptkummer jetzt. Unsereins darf freilich nichts davon wissen,
und noch weniger sich darum kümmern, aber man müsste ja nicht Ohren und Augen
haben. Je mehr es eine hohe Person schmerzt, um so heftiger bricht es
unwillkürlich heraus, und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschöpfe,
die es angeht und die es verstehen.« - »Ihre Majestät wünscht den Freiherrn von
Stein zum Ratgeber des Königs?« Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an: »Das
wissen Sie auch! - Man mag im Publikum freilich Manches wissen, von dem die
hohen Herrschaften glauben, dass sie es allein besitzen. Es ist so. Der Herr hat
sich bei Hofe nicht beliebt gemacht; er hat viel Feinde. Das geht bis zu den
Lakaien hinunter, Sie wissen nicht, wie das bei uns ist. Wen sie oben von
Einfluss sehen, dessen Worte sprechen sie nach.«
    »Aber wenn die Königin -«
    »Es ist das Schlimme, liebe Demoiselle, dass der König selbst den Herrn nicht
liebt - er ist ihm unbequem. Ganz unter uns, er fühlt oft, dass es besser wäre,
wenn die Andern, gegen die jetzt das Geschrei ist, fort wären, er möchte sie
auch zuweilen los sein, denn er ist der edelste, beste Herr von der Welt, aber
sie sind ihm bequem, er hat sich an sie gewöhnt. Er entlässt ja keinen seiner
alten Diener.«
    Die Spaziergänger waren abermals zurückgekehrt.
    »In den Provinzen teilt man Ihro Majestät Entrüstung,« sagte Hoym, »Allen
ist es ein Rätsel: Friedrichs Staat in den eines französischen Roturiers!« Die
Königin blieb stehen: »Sagen Sie lieber, eines charakterlosen Libertins, der mit
den höchsten Gütern, den Tugenden, der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig
spielt wie mit den Geldrollen, die er alle Abend am Pharotisch verliert.« -
»Jammerschade, dass unser Haugwitz sich von ihm leiten lässt. Sonst ein so
liebenswürdiger heller Geist.« - »Mich dünkt, es ist der höchste Grad des
Unverstandes, das Werkzeug der Verworfenheit And rer zu werden.«
    Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muss der Untertan in
Ehrfurcht schweigen. Hoym schwieg; auch die Königin schwieg einen Augenblick,
wie im Gefühl, mehr gesagt zu haben, als die Etikette einer Königin zu sagen
erlaubt. Die leichte Röte war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht
verschwunden, als sie fortfuhr: »Ihm, ihm allein verdanken wir es, dass das
Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt. Er verachtet unsre Machtaber,
weil wir solchen an ihn bevollmächtigten. Ich sage nichts davon, wie er in Brünn
sich fortschicken, in Wien behandeln, in Schönbrunn dupiren liess; ich zerdrücke
meinen Schmerz, dass er es war, der Hannover uns schenken liess, der Brocken, an
dem unser Adler ersticken sollte. Dass er aber nach dieser Erfahrung, belastet
von den Verwünschungen einer ganzen edlen Nation, jetzt in Paris wieder dieselbe
Rolle der Insouciance spielen konnte!« - »Er war vielleicht, wie Lombard in
Brüssel, von der Grandeur der neuen Majestät eblouirt. Il est un peu phantaste,
Mystiker, er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen.« - »Nein, Hoym. Er glaubt
nur an sich. Er schrieb damals her: Sobald ich ihn gesehen, ist Alles abgemacht;
ich weiss ja, was er in Wien zu mir gesagt hat.« Solcher naive Glaube wäre
rührend, wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre, wenn nicht Seine
Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte. Da,
in der schrecklichen Audienz, die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und
Dringen erhielt, musste er sich von Bonaparte die Schmeichelei in's Gesicht
sagen lassen: »Sie sind ehrlich, ich weiss es, aber Sie haben keinen Kredit mehr
in Berlin; Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren wühlen das Volk auf
und beherrschen Ihren König.« Das musste er hören, der Abgesandte Preussens, aus
dem Munde des Corsen, und - schwieg - musste schweigen - und - und -
    Als sie wieder vorüber waren, meinte Adelheid, die Königin sei jetzt wohl
schwerlich gestimmt, ein unbedeutendes Mädchen zu empfangen; ob es nicht
schicklicher wäre, wenn sie sich zurückzöge? Die Schadow verneinte es: »Das geht
bald vorüber. Sie kann nicht lange zürnen, das ist ihr himmlisches Gemüt. Es
ist, wie wenn ein Gewittersturm vorüberzog und dann die Abendsonne scheint. Dann
atmet sie auf, sie kann sich an einer Feldblume freuen, und gerade dann wird
sie erst recht gütig, wenn sie aufgebracht war, und möchte es an Allen, denen
sie begegnet, wieder gut machen.«
    Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber. Es war nur auf dem Rückzuge.
Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um. Diesmal schien Hoym der Ankläger
gewesen zu sein. Die Fürstin schüttelte den Kopf: »Ich hielt ihn für ehrlich. Er
hat ein so angenehmes Wesen.« - »Leider ist es in Paris so bekannt wie hier, dass
Lucchesini nach Berlin nur das berichtet, was uns schmeichelt. Die Hauptsachen
hat er verschwiegen.« - »Er ist ein Italiener. Ich will zugeben, dass seine Lust
das Intriguiren ist, aber, Graf, er sieht sehr scharf die Dinge, wie sie sind.«
- »Das streitet ihm Niemand ab, Ihre Majestät, aber sein Gesandtenposten in der
französischen Hauptstadt gefiel ihm so ausserordentlich, dass er das geschickt
cachirt hat, was unser Kabinet genötigt hätte, ihn auf der Stelle
zurückzurufen. Noch weniger als er hatte seine Frau Lust Paris zu verlassen.« -
»Muss auch das in unser Unglück hineinspielen!« - »Madame la Marquise hasst ihre
Schwester, die Bischofswerder, auf Tod und Blut. Sie hat ihrem Gemahl erkärt,
dass sie an Krämpfen verginge, wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt
leben müsste. Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann! Ich kann ihn nicht
entschuldigen; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz's Versehen betrachten.
Ward er nicht immerfort, durch falsche Berichte getäuscht?« - »Ich möchte so
ungern auch diesen Mann aufgeben! Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch
Verstellung?« - »Nein, nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon, der ihn nie
leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschafte.« - »O, lieber Hoym -« fuhr
die Fürstin mit der Hand an die Stirn, »Menschen, wie sie sein sollten! - Sind
denn die Könige verdammt, dass ihr Glanz nur die an sich zieht, die nicht sind,
wie sie sein sollen!«
    »Jetzt entlässt sie ihn bald,« flüsterte die Schadow. »Geben Sie Acht, sie
wenden noch kürzer.« Adelheids Herz schlug lebhafter. Eine angenehme Wärme
durchdrang sie, sie fühlte eine Lust, dieser Königin Angesicht gegen Angesicht
zu stehen. Es waren wirklich die Abschiedsworte, als sie zum letzten Mal vorüber
gingen.
    »- Und diese Mäntelgeschichte, welche das Land in Aufruhr bringt, wird man
es künftig glauben, dass man erst jetzt, im letzten Augenblick daran denkt! Eine
Sottise, bedürfte es noch der Epigramme, es gibt kein schlagenderes auf die
Unfähigkeit unserer Verwalter. Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn
die Schuld auf sich zu nehmen, lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen
Lauten zum Publikum sprechen, sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund, über
die ich mich in der Seele schäme. Sie haben nicht daran gedacht, und ihre
Pflicht war es. Ist das Loyalität? - Auch im Kriegswesen sagte mir Rüchel
Unbegreifliches. Für das Nötigste nicht gesorgt! Unsre Festungen zu armiren,
dazu schickt man sich jetzt erst an. Es ist unerhört, man wird es künftig nicht
glauben. Wozu bezogen sie die grossen Besoldungen, wozu wurden ihnen Güter über
Güter geschenkt! - Nein, lieber Graf, das Kabinet, was diesen grässlichen Zustand
möglich machte - es kann, darf nicht bleiben - oder -«
    Die Worte verhallten. Am Ende der Allee war der Vicekönig von Schlesien
entlassen. Louise stand eine Weile sinnend. Ihre schöne, anmutige Gestalt im
weissen einfachen Morgenkleide ward noch vorteilhafter gehoben durch den grünen
Rasenfleck, gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt. Ein Sonnenstrahl, der
durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel, setzte ihr eine goldene Krone auf,
aber er goss zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Gesicht. Es war keine
Bildsäule; die Königin schwebte die Allee wieder herab. Auf ihrem Gesicht schien
jede Spur der Agitation verschwunden, als sie näher kam. Sie ging auf Beide zu.
    »Ihre Majestät entschuldigen,« wollte die Schadow anfangen, »es ist zufällig
eine liebe gute Freundin -«
    »Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch,« unterbrach die Fürstin.
»Wir sind ja hier unter uns, wozu die Komödie! - Es freut mich, Sie wieder zu
sehen, liebes Kind, so wie Sie sind. Ich meine,« setzte sie lächelnd hinzn, »wie
Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen. Das Lampenlicht täuscht immer, und
es ist mir lieb, dass ich mich nicht getäuscht habe.«
    Eine gebietende, aber graziöse Bewegung forderte Adelheid auf, an ihrer
Seite weiter zu gehen. Der Schadow schien es zweifelhaft, ob sie nach diesem
Empfange respektvoll unter dem Baume stehen bleiben, oder in ebenso
respektvoller Entfernung folgen solle. Da wandte sich die Fürstin freundlich um:
»Ach, liebe Schadow, da fällt mir ein, ich vergass, als Hoym sich vorhin melden
liess, dass meine Lieblingsbücher auf dem Nähtisch liegen geblieben sind. Sehen
Sie doch nach, damit die Kinder nicht darüber kommen.«
    Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst, sie verneigte sich und die
Königin und Adelheid waren allein. Es war ein wunderschöner Herbstmorgen, kein
Wölkchen am sonnendurchglühten Himmel, die laue Luft spielte durch die
angegelbten Baumwipfel, Sperlinge zwitscherten in den Büschen, weisse Herbstfäden
flogen umher. Es war kein gezwungener Anfang des Gespräches, wie von selbst
kamen die Worte von den Lippen der Königin: »Sind Sie auch eine Freundin der
Natur?«
    »Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden und wessen Herz vor Freude
jauchzt, wo findet er Laute dafür, als in ihrer stummen Sprache!«
    Das war zu starke Farbe für die Stimmung, sagen wir für die Poesie der
Königin, aufgetragen. Sie blieb einen Augenblick stumm. Dann sprach sie Worte,
die auch Andere behorcht haben müssen, denn wir finden sie schon verzeichnet.
    »Ich muss den Saiten meines Gemütes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen,
und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen, damit sie den rechten Ton und
Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im
Zimmer, ich muss hinaus in die freie Luft, in die stillen Schatten der Bäume.
Unterlasse ich es, dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein, und je
geräuschvoller es um mich wird, um so ärger wird sie. Ach, es liegt ein
ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst.«
    Das war viel von einer Fürstin gegen ein junges Mädchen, welches keine
Ansprüche an ihre Vertraulichkeit hatte, welches sie zum zweiten Mal sah.
Adelheid fühlte das Viele, es drückte sie indes weder nieder, noch erhob es sie.
Jene hatte wohl Recht: die auf den isolirten Höhen tronen, fühlen auch das
Bedürfnis, ihre Gefühle mitzuteilen. Wenn sie keine Herzen, Seelen, Geister
finden, die sie verstehen, klagen sie's der sternbesäeten Nacht. Sie schütten in
der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden, lieber als vor
marmorkalten und glatten Menschengesichtern. Adelheid gestand sich, sie war in
diesem Augenblick nur eine Wand, ein Baum, an den die Fürstin ihr Herz
ausschüttete. In der Art lag aber zugleich eine Korrektion. Die Königin hatte
die Saiten auf den Ton gestimmt, der im Gespräche durchklingen sollte, es war
ein elegisch-sentimentaler. Er passte nicht zu der Stimmung, welche Adelheid
mitgebracht, und die in dem belauschten Gespräche neue Nahrung erhalten hatte.
Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen, schwieg sie, in Erwartung, dass
der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde.
    »Sie sind eines von den glücklichen Wesen,« hub die Königin an, »an deren
Wiege, wie die Dichter sagen, gütige Feen standen.« Adelheid öffnete die Lippen,
aber verschluckte das Wort. Die Fürstin hatte den fragenden Blick aufgefangen
und verstanden: »Wäre ich nicht die - stände ich Ihnen nicht so fern und fremd,
so würden Sie mich gefragt haben: Was ist denn Glück?« - »An Ihre Maiestät
erlaube ich mir nicht die Frage, aber an mich selbst: Was macht das Glück dieses
Lebens aus?« - »Mich dünkt, der Stempel, den der Schöpfer seinen Geschöpfen
aufgedrückt hat, ist die beste Antwort. Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu
sehen. Sehen Sie nur die Miene der Leute, denen Sie begegnen. Die schöne
Adelheid Alltag ist überall willkommen.« - »Und doch verdankte ich neulich nur
der Huld einer höheren Zauberin, dass ich dem Spotte und der Kränkung entging.« -
»O das waren Unarten. Neidische und böse Menschen können den Frieden der
Glücklichen nicht verkümmern. Dieser Friede ist ein Gut, was tiefer liegt. Ihre
hässlichen Hände reichen da nicht hin.« - »Gnädigste Königin, ich preise
allerdings mein Glück, weil ich früh einen Lehrer fand, der mich auf das Wahre
hinwies.« - »Ich kenne Ihren Vater; er ist ein trefflicher Mann und treuer
Staatsdiener, der nichts Höheres kennt, als die Erfüllung seiner Pflichten.« -
»Mein Lehrer lehrte mich,« fuhr Adelheid rasch fort, »dass Leiden unsere besten
Erzieher sind. Aus der Schule grossen Unglücks entwickelt sich die Seele zur
Freiheit und Selbstständigkeit.« - »Haben Sie auch diese Schule durchgemacht! -
Doch das ist ja nun vorüber.« - »Wer kann sagen, dass er aus der Schule entlassen
ist, so lange er lebt! Und wer sieht unter dem fröhlichen Gesicht die Schmerzen
in der Brust!« Das war ein Ton, welcher anschlug, er vibrirte durch die Seele
der Königin: »Und wer sieht heute, was morgen kommt!«
    Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft. Da flog, von einem leisen
Luftzug getragen, einer jener weissen flockigen Herbstfäden, wo die Allee sich
bog, von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust, indem er, von
ihrer Bewegung festgehalten, sie umschlang. Beide waren durch ein Spiel der
Natur an einander gefesselt. Adelheid hob den Arm, um den Faden vom Hals der
Fürstin los zu machen, aber - es war die Wirkung und die Tat des Momentes, jene
Einwirkung unsichtbarer Geister, die wir umsonst erklären, und, wenn erklärt, so
wäre es nichts - die Tränen stürzten aus den Augen der Königin und sie drückte
Adelheid an ihre Brust. Niemand sah es, es war weite sonntägliche Einsamkeit im
Park. Die Sonne, obgleich sie Alles sieht, ist eine schweigende Zeugin, die
Käfer schwirrten, die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen;
vom Kirchturm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbnis einer alten Frau.
Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen: »Ach, liebes Mädchen, wer
weiss, was morgen kommt!« Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen
vorgegangen, als Worte aussprechen. Die Königin sprach: »Sie schickte mir der
allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde, wo ich Trost bedurfte. Was man so
gefunden, lässt man so leicht nicht wieder von sich.«
    Die Emotionen haben ihr ewiges, unverjährbares Recht, unter den goldenen
Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten; aber hier dürfen
sie austoben bis zur Erschöpfung, dort ist ihnen ein Mass gesteckt. Luise war
wieder die Königin geworden, als sie weiter gingen, aber von einer Huld, welche
die Majestät überstrahlte. Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach,
auf einer kleinen Höhe vor ihnen: »Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen.«
Ihr Gespräch, bis sie den Punkt erreicht, war lebhaft, aber es floss ruhig hin.
Adelheids Äusserungen mussten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben.
Sie hatte sie oft forschend angeblickt. Als sie auf der ländlichen, von
Blütenästen geflochtenen Bank Platz genommen, sagte Luise: »Sie sind noch so
jung, und schon solche Erfahrungen!«
    Adelheid errötete.
    »Sie kamen, wie Sie mir sagten, nie aus der Residenz, Sie lebten nur in
guten Häusern, unter respektabeln Familien, und zuweilen blitzt es aus Ihren
Reden, als wüssten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen.
Ich glaubte, das wäre uns nur aufgespart, die wir von oben so Vieles sehen, was
Ihnen unten verborgen bleibt. Wie die Motten nach dem Licht, so flattern uns Die
zu, welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden. Wir müssen
sie dulden, weil - ach, aus vielen Gründen! während die stillen, sittlichen,
bürgerlichen Kreise ihnen die Tür verschliessen dürfen. Man tut daher sehr
Unrecht, uns zu beneiden, liebe Mamsell. Wir, die wir andern Pflichten zu
gehorchen haben, könnten die Niederen beneiden, welche diese Rücksichten nicht
kennen. Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den
Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen.« - »Ihre Majestät, ich
meine, es gibt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise.« - »Ganz gewiss,
aber es ist leichter, in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch
keine Pflicht zu vergessen, als wenn unsre Wiege dem Trone nahe stand.«
    Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone, der keinen
Widerspruch zulässt. Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne. Wo ihre
Gedanken waren, liess sie die Zuhörerin nicht lange erraten: »Auch ich habe
einen Blick in dieses Glück getan. Es waren die schönsten, glänzendsten Stunden
meines Lebens. Damals, liebes Kind, hielt ich es auch für das höchste Glück, was
das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne, Königin
zu sein über ein glückliches Volk.«
    Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise, welche sie
nach der Tronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht. Luise
letzte sich an der Erinnerung. Sie malte einzelne jener schönen Züge, von denen
uns die Zeitgenossen berichten. Die Erscheinung des Königs und der Königin,
einer jungen, von Liebreiz und Güte umflossenen, in Provinzen, wo auch die
ältesten Greise sich nicht erinnern können, je eine Königin gesehen zu haben,
glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes, von erhabenen Genien
der Gerechtigkeit und Milde, die überall wo sie sich zeigen, unüberwindliche
Eroberer, jedes Herz gewinnen. Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe,
nein, eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten. Da brannte die Sonne herab,
dass man die Augen nicht auftun konnte, und doch wich Keiner vom Platze, bis er
seine Königin mit Augen gesehen. Da waren neunzehn weissgekleidete Mädchen an
ihren Wagen gesprungen. Eines hatte der Königin zugeflüstert: Wir sind
eigentlich zwanzig, aber die Eine ist nach Haus geschickt. Warum denn, liebes
Kind? - Weil sie so hässlich ausgesehen. Da hatte Luise nach der armen
Hässlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr. - Und
jener alte Bauer, der sie so gern sehen wollen, und immer wieder von den Andern
und den Gensd'armen zurückgedrängt war, die Königin hatte ihn wohl gesehen und
heranrufen lassen, und noch sah sie ihn, wie der Greis sein Haupt entblösste und
stumm, aber unverwandten Blickes, die Landesmutter anschaute. In dessen Herzen,
wusste sie, lebte ihr Bild ewig fort! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern
die Bauernschaft den Wagen umringt hatte, und die Bauern in ihrem Plattdeutsch
durchaus darauf bestanden, dass sie aussteigen müsse und sich »traktiren« lasse,
damit die Städter nicht dächten, sie hätten das Vorrecht allein. Und die Königin
war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten, und hatte von dem
grossen ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen, und versichert, dass er
sehr schmackhaft sei. Und wie der König im Zelt an der Weichsel wo er als Gast
der Elbinger tafelte, zu dem Landmann, der mit einer Bittschrift sich auf die
Knie geworfen, in edlem Unwillen gerufen; »Nur vor Gott knien! Ein Mensch muss
nicht vor einem andern Menschen knien!«
    »Da habe ich Blicke getan auf den Herd meines Volkes,« schloss die Königin,
»und weiss, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. - Sie frösteln, liebes
Kind, Sie schaudern sogar -« »Ach, Ihre Majestät, es waren Gedanken -« Die
Fürstin hatte sie gelesen: »Freilich weiss ich, nicht überall stehen Hütten von
Philemon und Baucis, aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo
bewährte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen. Wenn
wir wieder Ruhe und Frieden nach Aussen haben, dann hoffe ich, soll es in den
höheren - Gott gebe auch in den höchsten Kreisen besser werden. Aber Sie, liebes
Mädchen, können doch nicht klagen, Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle
Menschen -«
    »Erlauchte Frau! ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und
verzeihe mir der Allgütige, wenn es Sünde ist, sie kommen mir oft wie ein Knäuel
von Schlangen vor. Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den
Tiger, der den Kopf auf die Krallen drückt, zum Satz auf sein Opfer.« - »Was
sind das für Phantasieen!« - »Ich weiss es nicht. Aber ich sehe überall Larven
und dahinter Verbrecher.« - »Calmiren Sie sich.« - »Es ist nun einmal mein
Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine
Clairvoyante sein, aber wie Vieles musste ich wider Willen belauschen, und da
ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lüftchen kräuselt, als
werde er plötzlich gähren, sich heben, toben und Ungeheures zu Tage kommen. Wo
wir's am wenigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glücklichen
nennen, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drückt mich, und
zuweilen wünsche ich, dass der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg
erscheint mir nicht mehr so schreckenvoll, wenn diese brütende Stille nur
aufhört.«
    »Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Büchern. Diese Schlegel,
Tieck, Novalis sind aber eine excentrische Lektüre, welche das Blut erhitzt;
keine für ein junges Mädchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen
Menschen ausbilden will.« - »Mich dünkt, Ihre Majestät, die Zeit ist auch zu
ernst, und fordert von uns andere Pflichten, als in der Märchenwelt zu
lustwandeln.« - »Das ist verständig von Ihnen. Man eifert auch gegen das Lesen
von Romanen und Schauspielen, aber man tut Unrecht. Unser Iffland führt uns
doch immer rührende Beispiele vor, wie wir uns glücklich finden können in
beschränkten Verhältnissen. Sie wollen es tadeln, dass er die bösen Menschen
immer aus der vornehmen Welt nimmt. Aber hat Iffland Unrecht? Ich wenigstens und
der König sehen uns immer mit Befriedigung an. Sie sollen sich nur ein Exempel
dran nehmen, die es trifft, sagte neulich mein Gemahl. - Den Lafontaine möchten
sie uns auch verleiden, aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir
ihm, wie vielen Trost, wenn wir Abends nach einem verdriesslichen Tage uns mit
ihm auf dem Sopha vom Gewühl zurückzogen. O es gibt solche Tage, wo Fürsten
nichts hören als Klagen, Gegenanschuldigungen, wo uns die Welt wie ganz verderbt
erscheint, ein Knäuel von Schlangen, sagten Sie, wir wollen es nur ein
Durcheinander von bösen Menschen nennen. Da, wenn wir uns fürchten mussten vor
Allem, was uns nahe kam, da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt
seiner Person, wir sahen uns an, und wenn wir uns nicht aussprachen, dachten wir
es: es gibt doch noch gute Menschen. Warum sind die es nicht, welche die
Vorsehung uns in den Weg führt. Zuweilen erhört dann der Himmel unsern Wunsch,
und wenn wir es am wenigsten erwarten.« Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid.
»Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine?« fragte die Fürstin, um
sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern. Die Gütige sah wohl die
Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack
finden können: sie hatte die wenigsten durchgelesen. Sollte sie lügen vor einer
Monarchin, die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt, und nur in ihrem
edelsten Selbst sich gab! Adelheid hätte in diesem Augenblick aufstehen und ihr
zu Füssen stürzen können, um die Wahrheit in ihr zu verehren, die nicht in
schönerer Gestalt sich verkörpern konnte, aber die Unwahrheit sprechen konnte
sie nicht.
    Es floss von ihrem Munde, was sie dachte, mit einer kleinen Einfassung von
Schmeichelei, die darum nicht Unwahrheit war: »Mich dünkt, des Dichters Aufgabe
ist, die Menschen zu schildern, wie sie sind. Weil er Dichter ist, darf er das
Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrössern und
verschönern, und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein, das Hässliche und
Schlechte noch etwas hässlicher zu machen. Doch das verstehe ich nicht und
bescheide mich deshalb. Das Grosse und Schöne soll er indes nicht hässlich und
niedrig malen, sonst widersteht er unserm Gefühl, denn von der Dichtung
verlangen wir Frauen wenigstens, dass sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige
Schönheit ahnen lassen soll. Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Hässliche
ausschmückt, und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmutes umhängt,
damit uns das gefalle, was wir meiden und verabscheuen sollen, dann kommt es mir
vor, als versündigte er sich an seinem hohen Beruf. Wenn ich durch die Wimpern
einer edlen Fürstin eine Träne sich drängen sehe, weil sie bang einer schweren
Zukunft entgegen sieht, für ihre Familie, ihr Volk, ihr Land, oder ist's eine
der Freude, dass ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurückkehrt, ihre Kinder ihr
Freude bereiten, ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet, der an den
Edelmut und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert - das, dünkt mich, ist eine
Träne, die der Dichter auffassen muss wie ein Juwel im Sonnenschein. Aber
entweiht er die schöne Träne nicht, wenn er auch alle seine unbedeutenden
Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen lässt, um Kleines und
Geringfügiges, und wenn er dann die Träne so schön ausmalt, dass die armen Leser
mitweinen müssen! Sie wissen am Ende nicht recht, warum, aber er erhält die
weinerliche Stimmung, weil er darauf rechnet, dass wir Alle schwach sind und es
uns am Ende an ihn fesselt. So kommt mir Lafontaine vor, erlauchte Frau, er
weiss, wo wir Alle schwach sind, und da versucht er uns zu streicheln, er drückt
wehmütig die Hand, schlägt verführerische Akkorde an, bis wir fortgerissen
sind, und wenn wir wieder zu uns kommen, schämen wir uns darüber, denn er hat
uns weich gemacht, wo wir stark sein sollten, und wo haben wir dann noch Gefühl,
Stimmung, die unentweihte Träne für das grosse Schicksal wirklicher grosser
Menschen«
    Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört. Von Spöttern waren ihr
ähnliche Urteile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen. Dieser
Ton war anders. Sie stimmte nicht bei, sie widersprach nicht, sie schien die
Sache zur weitern Ueberlegung zurückzulegen, als sie sich seitwärts wandte.
    »Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter? Dieser Liebling der Museu erhebt uns
in die Höhen, wo unsre Adelheid sich wohl befindet. Ich liebe ihn auch, aber mir
schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen, mitten in meiner Begeisterung und
Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen. Dass ich es gerade heraussage, die
Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein, meine Neigungen sind doch noch zu
irdisch, ich fühle dass ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle
spielen würde. Es ist vielleicht die Eitelkeit« - setzte sie lächelnd hinzu -
»die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen
Gesellschaft des edlen Dichters.«
    »Ihre Majestät verzeihen, wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz
auch empfindet. Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und
Sonnenstrahlen gewebt. Wenn man sich an sie hielte, zerflössen sie -«
    »Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern sie uns,«
fiel die Fürstin noch im selben Ton ein. - »Nein, alle Admiration dem herrlichen
Manne, aber Sie haben wohl Recht, unsere Zeit fordert Männer, auch Frauen,
welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen, und vor
einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken. Sie fordert, dass wir unsere
Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer für einen
Jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, dass man sie hasst,
verachtet, was mehr für uns Fürsten! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit,
wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde, denen die Hand
drücken, von denen wir wissen, dass sie in der Tasche den Dolch gegen uns
versteckt halten. Das kostet etwas - eine Resignation, die oft unsere schwache
Kraft übersteigt. - Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern. Das ist
schön, aber wir dürfen nicht mehr träumen, wir Alle nicht. Jede muss ihre ganze
Kraft anrufen, um gerüstet dem gegenüber zu stehen, was Gott zu unserer Prüfung
schickt. Wir müssen uns bezwingen, entsagen zu können, auch dem, was uns das
Teuerste, Liebste ist!«
    Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt. Es
war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken
getreten, die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über
die Füsse der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an in den Büschen das
Gezweig zu rütteln, in raschen Stössen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln
das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauberhauch, einer empfindlichen,
scharfen Kälte Platz gemacht, dass die Damen die Tücher enger um den Hals zogen.
    »Sie müssen Alle entsagen,« sprach die Königin feierlich, »auch Sie,
Adelheid werden die Kraft haben. Ich habe das schöne Vertrauen, nachdem ich Ihre
schöne Seele kennen gelernt.«
    Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen, ein Vorhang gewebt aus
Sonnenstäubchen, die in anmutigem Spiel hin und her geschaukelt, und die
bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Fürstin Adelheid zu sich
beschieden; auch das blickte schon verräterisch hervor, warum Adelheid gekommen
war.
    Es gibt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klügste sich keine Rechenschaft
zu geben weiss, woher ein Gedanke aufquillt, dem er plötzlich zu folgen sich
gedrungen fühlt, auch wenn er entgegen der Strömung ist, der all sein Fühlen und
Denken sich hinneigt. Bei grossen Mänern ist es ein Kitzel, mitten in Plänen,
welche die Welt verrücken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt zu
setzen, der damit nichts zu tun hat, sorglos, ob die Emsigkeit, welche sie der
Bagatelle widmen, sie an ihrem grössern Schaffen hindert. Cäsar, mit dem Plan die
Welt zu erobern im Kopfe, beschrieb, wie ein Liebender die Augen der Geliebten,
die Konstruktion der hölzernen Rheinbrücke, die er erfunden. Es ist die ewige
Mahnung an die grossen Geister, dass all unser ernstes Tun vor einem höhern Auge
Spielwerk ist. An Frauen es zu rügen, ist keinem Billigen eingekommen. Wenn sie
gar nicht mehr spielen sollten, was wären sie sich - uns! Auf Königin Luisens
Seele lastete Ungeheures. Seit der vorjährigen Gruftscene in Potsdam schien sie
Vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht. Sie las nicht mehr Lafontaines Romane,
dass sie heute sie gerühmt, war nur pietätvolle Erinnerung gewesen, sie lebte der
ernsten Sorge vor der Gefahr, die über dem Hause ihres Gatten, dem Lande ihrer
Liebe und Wahl schwebte. Keine Frau, vielleicht wenig Männer fühlten so schwer,
innig, zuweilen klar die Bedeutung der Zeit, und doch hatte sie ein Etwas, was
ganz ausser diesem Kreise lag, mit Eifer aufgefasst. Sie hatte sich für das
schöne Mädchen interessirt, von dem der Ruf so viel sprach, die erste Begegnung
hatte dies Interesse erhöht. Sie wollte Adelheid, nach dem gelegentlichen
Gespräch mit ihrem Vater, vor einer Verbindung bewahren, welche dieser beklagt,
welche ihr als Unglück erschien. Wie ihre Phantasie plötzlich sich dieses
Gegenstandes so bemächtigen können, bleibt uns ungesagt, aber es war so, es war
nicht unnatürlich, und die Königin sprach wie eine lebende, zärtlich besorgte
Mutter zu ihrem Kinde.
    Luisens Beredtsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als so bezaubernd gerühmt.
Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens, ein Klang der Seele
gewesen, da wo eben das Wort nur die wahrhafte Äusserung des wahrhaft im Innern
Lebenden war. Der Zauber dieser Beredtsamkeit sei gewesen, dass sie nicht eine
Kunst war, sondern eine Tugend. Wie ihre Briefe ein voller unverkümmerter
Herzenserguss waren, so folgten in ihrer Rede, wenn das Herz sie diktirt, die
Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken.
    So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen. »Sein Sie, zeigen Sie sich
jetzt stark. Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz - ich weiss, dass es
blutet, ich kenne auch diesen Schmerz - aber man kann ihn überwinden! Reichen
Sie mir die andere, dann sehen Sie mich mit Ihren klaren Augen, die nicht lügen
können, an und sprechen: Ja, ich will entsagen.« So schloss die Königin und hatte
vielleicht erwartet, dass Adelheid auf die Kniee sinken, ihre Hand an die Lippen
pressen, das Gesicht in ihrem Schoss verbergen würde. Gerührt von so vieler Güte
und Teilnahme, musste sie das Gelöbnis stammeln, und Luise hätte sie dann in
ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen: »Nun sind Sie mir doppelt
gewonnen!«
    Aber Adelheid sank nicht auf die Kniee, sie presste nicht die königliche
Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie blickte so klar und
ohne Trug, wie die Fürstin es verlangt, diese an und sprach:
    »Gegen wen, erlauchte Frau, wäre es Pflicht, dem schönsten Traume meines
Lebens zu entsagen?« - »Gegen sich selbst! Können Sie keinen noch schöneren sich
denken, das Bewusstsein, Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten
gerettet zu haben?« - »Ich fühle in mir nicht den Beruf eine Heilige zu werden,«
erwiderte Adelheid. »Ich bin was ich bin, und will nicht mehr sein, ein Mädchen
wie andere, von nicht zu heissem und nicht zu kaltem Blute. Ich glaube mich
überwinden zu können, wenn ich muss, wo ich aber die Notwendigkeit nicht absehe,
glaube ich ein Recht zu haben, wie jedes lebende Wesen, wo Gottes Sonne auf mich
scheint, mich zu freuen in ihrem Strahl.«
    »O mein armes Kind,« fiel die Fürstin ein, »ich sehe die Glut Ihrer
Leidenschaft, aber täuschen Sie sich nicht. Ich sehe mehr, Ihre tugendhafte
Seele empfindet mit dem Verlorenen Mitleid, Sie wollen sich ihm opfern, um ihn
glücklich zu machen, Sie fühlen den Drang schöner Seelen, eine Märtyrerin zu
werden. Kennen Sie ihn ganz? Fragen Sie sich, ob er es wert ist, der Mann, der
- wie viele, so unschuldig als Sie, mag er auf seinem Gewissen haben! Danach
fragt die Welt freilich nicht, und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich
daraus kein Gewissen. Aber Sie beobachten doch wenigstens den äusseren Anstand.
Was man vom jungen Bovillard erzählt, o mich schaudert, ihn an Ihrer Seite zu
sehen!« - »Ist er darum schlechter, weil er keinen Schleier um seine wüste
Jugend gebreitet! Mich schaudert vor Denen, die die Welt lobt, weil die Welt nur
das feine Kleid und die feine Miene sieht, hinter denen ihr verwüsteter Geist
sich verbirgt.« - - »Man spricht ihm kein langes Leben zu, die Frucht seiner
Ausgelassenheit.« - »Rechnet die Liebe nach Jahren?« - »Doch soll die Ehe ein
Bund der Seelen, eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein.« - »Ist sie's denn
immer?« - »Aber der Mann muss wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen
wissen, wenn er auch dem kühnern Schwunge ihres Geistes nicht folgt.«
    Adelheid lächelte; »Sein Geist, gnädige Frau - O könnte ich Ihnen diesen
edlen Geist malen, der rein blieb wie der Aeter über dem aufgewühlten Schlamm,
könnte ich Ihnen sein Herz öffnen, wie es mächtig pulst, für die Leiden, die
Ehre des Vaterlandes, wie nur die Schmach, die er ansehen musste, Gift in die
Adern spritzte -« »Lassen wir die Poesie, liebes Mädchen, es handelt sich von
ernsten Dingen. Ich will Ihnen glauben, dass ein besserer Keim in ihm ist, dass
grosse Talente in ihm schlummerten, dass Charakterstärke ihm von Gott gegeben war,
ich will zu Ihrem Besten Alles zu seinen Gunsten glauben, aber warum gab er sich
keiner geordneten Tätigkeit hin, warum zersplitterte er und vergeudete er diese
Gaben. Bei seiner Geburt, dem Einfluss seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis
leicht geworden.«
    Adelheid sah die Königin mit einem eigentümlichen Blicke an, es lag Frage,
Bitte, ein Forschen darin. »Darf ich?« Sie hielt die Hände auf der Brust. Der
Augenschlag der Königin winkte Gewährung. »Ich kenne Jemand, den die Geburt hoch
gestellt, höher steht nur Einer. Sein Herz schlägt für das Vaterland, sein Blut
glüht für seine Ehre. Mit dem ritterlichen Feuermut der alten Zeit, schlägt
doch dies Herz weich für das Edle, Schöne, Grosse, das alle Zeiten schmückte. Er
möchte, er könnte ein Volk erheben, es glücklich machen, denn seine Gaben
befähigten ihn zu dem Höchsten. Und klar liegt vor seinem Gesichte die
Vergangenheit, sein Auge blickt in die Zukunft. Warum ist dies Auge trüb? - Weil
der Horizont trüb ist. Warum sank dieser Feuergeist, dessen Flügel der Sturm
durchschnitt, der der Sonne entgegenblickte, ohne zu zucken, in den Schlamm
zurück? Weil die Atmosphäre zu schwer ist, sein Feueratmen sie nicht
durchdringt, seine beredte Lippe umsonst redet, seine kühnen Vorstellungen an
der Macht der Menschen, an der Zähheit, der Gewöhnung, an der Macht der grauen
Alltäglichkeit abglitten. Da ward er mutlos, er verzweifelte. Erhabene Königin,
wie sollte ich es wissen! Ich spreche nur, was die Stimmen der Tausende, die
Lüfte mir zutragen, aber sie flüstern und rufen es laut: Das ist unser Loos.
Dies Firmament erdrückt Die, die zum Besseren aufwallen. Es ist einmal so in
diesem Reiche. Wer daran Schuld, sagten sie nicht, aber sie zählen viele, viele
edle Geister, die im fruchtlosen Kampf verkamen, untergingen. Wenn der edelste
Prinz, der tapferste Held, dessen Lob auf allen Zungen, den die Armee
vergöttert, diesem Loose nicht entging, dürfen wir Die verdammen, die dasselbe
gewollt, und auch ihre Flügel verbrannten, sie sanken, tief, tief - Dürfen wir
sie versinken lassen.«
    Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen.
    »Meine Königin ist nicht die grausame Richterin, welche die Edlen büssen
lässt, was Elende verbrachen! Man sagt -« fuhr Adelheid mit gedämpftem Tone fort
- »der Prinz wäre zu retten gewesen, wenn er ein edles Weib gefunden, das seine
Gedanken und seine Sorgen geteilt, wenn eine seiner würdige Gattin, seinem
Geiste nahe, seiner Liebe wert, ihn aufgerichtet. Er suchte, und - fand sie
nicht. Man sagt, man flüstert es wenigstens, dass er Eine gesehen, und er wäre
gerettet, er wäre geworden, sie sagen ein Gott. Aber er verschloss, entsagend,
die brennenden Wünsche in der Brust denn - die Eine gehörte schon einem Andern!«
    Adelheid fühlte, was sie gewagt, aber es war eine Macht über sie gekommen,
der sie nicht widerstand, Auf Eine Karte war Alles gesetzt - Tod und Leben hiess
die Krisis, es gab kein Mittel. Fieberhitze durchglühte sie, und sie schüttelte
vor Frost, als sie aufgestanden. Auch die Königin stand auf. Noch wandte sie ihr
Gesicht ab. Es war etwas - war's ein Kampf? - was sie vor sich selbst verbarg.
Wenn sie sich jetzt umwandte, ein zürnender Blick, eine Handbewegung Adelheid
zurückwies, wenn sie ohne eine Silbe den Hügel hinabschritt, Adelheid jetzt
allein liess, verstossen verloren - Nein, sie wandte sich um, und im nächsten
Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust. Worte sprach sie
nicht, nur eine Träne fühlte Adelheid über ihre Wangen rinnen. Als sie
schweigend die Allee zurückgingen, hatte das Sterbegeläute vom Kirchturm
aufgehört; dafür schmetterten Trompeten, und ein kriegerischer Marsch der
Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel. »Gott sei Dank!« sprach die
Königin. »Das erleichtert das Herz.« Am Schloss beim Scheiden reichte sie
Adelheid die Hand zum Kusse. dabei flüsterte sie ihr zu: »Wir sehen uns bald
wieder.«
    In ihren Appartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn, zum Minister
Stein zu fahren. Sie wünsche ihn zu sprechen.
    Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck. Die Hofdame
erklärte nachher den Hofleuten, dass Ihre Majestät endlich so huldreich gewesen,
in den Wunsch einzugehen, den sie schon längst gehegt, nämlich bei ihrem
geschwächten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen, welche in
ihren Appartements wohnen dürfe. Sie denke die Tochter des Geheimrats Alltag,
die sich dazu anstellig zeige, zu acquiriren.
 
                          Achtundsiebzigstes Kapitel.
                         Eine Maus und eine Mausefalle.
Bei Madame Braunbiegler sollte Whist gespielt werden. Die Gesellschaft war nur
klein, kam aber nicht zur Ruhe. Wenn man kaum die Karten gezogen, störte eine
Nachricht, eine Person, die unerwartet hereinstürzte. Es war nun einmal Unruhe
in der Stadt, die mit dem besten Willen sich nicht bewältigen liess. Man wusste
schon, dass das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuss gesetzt werden solle. Wenn
man nur abgewartet hätte, bis die Mäntelgelder beisammen waren! hatte Madame
Braunbiegler gemeint; aber es waren noch nicht siebzigtausend Taler gesammelt.
- Und was hilft das Geld, wenn die Schneider fehlen! hatte der Legationsrat
gesagt. Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht, welche alle bisherigen in
den Hintergrund drängte. Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den
jungen Bovillard aufgegeben, er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn gnädig
aufgenommen, sich günstig über ihn geäussert, zu Andern aber spitz gesagt, er
müsse wohl viele Feinde haben, da er ihr ganz anders geschildert worden. Er war
Tages darauf zum Legationssekretär, Andere meinten sogar zum Legationsrat
ernannt worden, beauftragt zu gewissen Vorträgen im Kabinet und in der
persönlichen Nähe der höchsten Herrschaften. Man war geteilter Meinung, ob
dahinter eine Intrigue des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard.
Fuchsius lächelte, als eine Dame mit einem andern: Wissen Sie schon?
hereinplatzte. Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt. Sie
zieht ins Palais! - Ins Palais! - Was das zu bedeuten hatte, darüber war Niemand
im Zweifel, als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr, welche die Königin dem
schönen Mädchen gewährt. - »Nun wird's ja Alles klipp und klar. Ja, wer nur 'ne
hübsche Larve hat und Counexionen, dem fehlt's nicht.«
    So hatte Madame Braunbiegler gesagt. Madame Braunbiegler war ihrer Zeit eine
berühmte Persönlichkeit in Berlin, was man heut nennen würde ein öffentlicher
Charakter, von der sehr viele Dicta noch umgehen. Wenn der Raum unserer
Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die
Antwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber
der Rahmen schliesst sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die
Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns,
ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich
bliebe, ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den Mark-Brandenburgischen
Unterschied zwischen Mir und Mich. So genüge denn für dieses Mal - denn es ist
wohl möglich, dass wir ihr künftig wieder begegnen - ein Dictum, welches mit
stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist. Ex ungue
leonem. Madame Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand
mit den Worten geschlossen: »Denn heiratet er ihr och noch! Da gratulir' ich.
Er hat nischt und sie hat nischt. Des wird 'ne magere Kalbfleischsuppe. Ne sage
ich doch, wenn pover Volk noch dicke tun will und vornehm sind, die können mich
gestohlen werden.«
    Madame Braunbiegler musste sich dabei echauffirt haben; es kostete ihr immer
eine Gemütsbewegung, wenn sie von ordinären Leuten sprach, die es den Reichen
gleich tun wollten. Sie war den liberalen Ideenabgeneigt und hielt auf
Standesunterschied. Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden
Schultern gerutscht. Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wiederum: »Sie könnten
sich erkälten, gnädige Frau,« flüsterte er mit der sanftesten Stimme.
    Der Ritter begehrten nicht den Dank der Dame. Wie zufällig, hatte er sich
auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen, wo Frau Geheimrätin Lupinus schon
mit der Karte in der Hand sass. »Was sagt meine Freundin dazu?«
    »Was ich dazu sage? Das kommt doch nicht in Betracht. Was aber wird die
Gargazin dazu sagen?«
    »Sie ist vielleicht auch froh, dass sie das Wundertier los ist,« sagte
Wandel leiser. »Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen. Mit
dem Knüpfen werden die Meisten bald fertig, aber am Lösen, weil sie nicht voraus
daran gedacht, scheitert ein Bischen Verstand, und an den ungelösten Knoten des
Daseins ging so Mancher unter. Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten,
diese Kunst sich anzueignen, bei Allem, was sie schaffen und wirken, schon an
die Auflösung zu denken. O wer es dahin gebracht -« »Wenn Alles aufgelöst ist,
was ist denn dann?« unterbrach ihn die Wittwe. »Freiheit, Chaos, wie Sie es
nennen wollen, allgemeine Glückseligkeit: denn ist es nicht ein Glück, wenn wir
nicht mehr zu sorgen und zu denken brauchen um Bagatellen! - Ist das Leben mehr,
meine Freundin! - Pardon, ich halte Ihr Vergnügen auf, Madame wartet -«
    Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht, die sich mit ihrer Karte dem Tisch
näherte. Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach
getreten, die am Fenster stand. Er klopfte auf ihre schöne Hand, er brachte die
Fingerspitzen an den Mund. »Immer pensiv?« - »Sagen Sie mal, Legationsrat, was
sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus? Er ist doch nicht in sie verliebt?«
    »Ei, meine Freundin, eine so scharfe Beobachterin; man muss sich vor Ihnen in
Acht nehmen.« - »Nein, er observirt, er lässt sie nicht aus den Augen. Ich sehe
das schon eine halbe Stunde an.« - »Nun, wenn es ein süsses Spiel der Liebe wäre,
was kümmert es uns Beide.« - »Ich bitte Sie! - Die Lupinus-« »Lassen Sie doch
die arme Wittwe in Ruh. Haben Sie nicht an Anderes zu denken.« - »Sie sind ein
guter Mann, ich kenne Ihr Herz und Sie meinen es von Herzen,« sagte die Baronin,
»aber warum müssen Sie mich immer bei Seit ziehen?« - »Um alle Gedanken
abzulenken. Denn mich,« sagte Wandel mit einem Seufzer, »wird man doch nicht für
den Glücklichen halten können. Im Uebrigen bis jetzt geht Alles gut. Wenn wir
nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten. Offiziere plaudern gar zu gern -
in der Wachtstube, bei einer Flasche Wein -«
    Er ward unterbrochen, durch den Eintritt einer neuen Person. Eben hatte sich
Madame Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen, mit einem: »Na, kommt man
denn endlich zur Ruhe. Das war doch heut eine Störung« - als eine neue schon
wieder da war. Der Geheimrat Lupinus, nicht der selige, sondern von der Vogtei,
war eingetreten, und sofort schien man zu wissen, weshalb. Die Wirtin gab dem
allgemeinen Gefühl den Ausdruck: »Ach Gott, die Flanellleibbinden fehlten noch!«
    Die neueste Tätigkeit des Vogtei-Lupinus musste also eine bekannte Sache
sein; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache. Wer etwas gelten
wollte, musste sammeln, natürlich für die armen Krieger; wer sich hervortun
wollte, für einen neuen Zweck. Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und
auf den Strassen. Der Geheimrat sammelte für wollene Leibbinden. Die Mäntel
waren für die Infanterie, die wollenen Leibbinden für die Kavallerie. Weshalb
grade der Vogtei-Lupinus diese Sache mit Eifer ergriffen, dafür wusste der böse
Leumund auch einen Grund. Nachdem der Geheimrat seine Papiere und Listen aus
der Mappe genommen, welche ein Beamter ihm nachtrug, hub er an von dem Nutzen
der Leibbinden im Allgemeinen, er citirte Hufeland und Heim über die
Wichtigkeit, dass der Magen eines Menschen warm gehalten werde; wenn die
Funktionen desselben in Ordnung, sei der ganze Mensch in Ordnung. Das gelte aber
ganz insbesondere von Soldaten. Er ging dann auf die Kavallerie über, und
beschrieb, wie, Luft und Wind ausgesetzt, ein Kavallerist leichter am Magen sich
erkälte, als ein Infanterist, der durch die Bewegung des Marschirens schon den
Magen sich warm mache. Wenn nun der Letztere jedoch überdies noch Mäntel
erhalte, so erfordere die Humanität und Billigkeit, dass man für den Soldaten zu
Pferde auch etwas Uebriges tue. Er ging dann auf die drohende Herbst- und
Winterkampagne über, und schilderte, wie ein Kavallerist friere, wenn er auf der
Erde schlafen muss, denn die Zelte schützen nicht vor der Kälte, die aus dem
Boden dringt und zuerst in den Magen geht, zumal, wenn er leer ist. Nun aber
sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes, und komme es
auf diese Weise oft, dass er für seinen eigenen nicht gesorgt hat. Mit einer
glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurückgekehrt, zeigte er, wie sie
am besten zugeschnitten und gebunden würden, gab zu, dass die von Wolle
gestrickten allerdings zweckmässiger, aber nicht so schnell zu beschaffen seien,
daher die von Flanell dem Bedürfnis und Zeitgeist entsprächen, und schloss mit
einer rührenden Deklamation an die Anwesenden, dass sie für König und Vaterland
und die leiden de Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe
öffnen möchten. Auch die geringste sei ihm willkommen, lieber jedoch die
grösseren.
    An der Aufnahme sah man, dass auch hier schon fertige Parteien waren,
Infanteristen und Kavalleristen, Mäntel und Leibbinden, Tuch und Flanell.
Indessen siegte der Flanell. Wer widersteht, wenn Andre ihm vorangehen und der
Kontrolleur dabei steht. Nur Madame Braunbiegler fand es impertinent, grade ihr
damit ins Haus zu rücken. Sie gehörte natürlich zur Tuch- und Mäntelpartei, und
erklärte, sie würde nicht einen Pfennig rausrücken. »Eine Kleinigkeit doch!«
flüsterte ihr der Legationsrat zu. Das brachte sie nur noch mehr auf: Wenn sie
gäbe, lasse sie sich nicht lumpen, und wenn's honorig sei, greife sie in die
Tasche, dass es sich sehn lassen könne, aber Bettelei könne sie nun ein für alle
Mal nicht ausstehen. »Und wie kommt er denn dazu!« Wandel zog seine »edle
Freundin« bei Seite. Er teilte ganz ihre Ansichten, ob sie es ihm aber
verzeihen werde, wenn er eine Kleinigkeit nach Kräften beisteure: »Meine
Stellung zum Hofe bringt es mit sich, und der Geheimrat ist wohl nicht ohne
Auftrag hier.« Dies wirkte. Es konnte bei Hofe vermerkt werden, dass Madame
Braunbiegler nichts für die Kavallerie getan. - »Schreiben Sie mir auf mit
zwanzig Taler, Geheimrat!« rief die Wirtin, und die Blicke der stattlichen
Frau überflogen die Gesellschaft, um für die Taler das Erstaunen zu ernten.
»Eine Prise, Baron!« Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und
schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen, während sie nicht mit
gleicher Worte ihres Kompagnons vernahm: »Lupinus, Sie, hören Sie - notiren Sie
mich auch mit zwanzig!« - »Na, na, Baron, nur keine Extravaganzen nicht! Seit
wann haben Sie's denn so dicke sitzen?« - Allerdings hatte der Baron es nicht so
dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon, aber er schlug mit der
Hand an die Brust: »Wenn's Vaterland ruft!« Lupinus hatte die Hand, welche eben
in der Dose gewühlt, mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt: »Ah!
Madame Braunbiegler est un ange. Votre exemple glorieux rendra notre chose
victorieuse!«
    »Umgeguckt, Geheimrat, Ihre Schwägerin winkt, will Ihnen auch vielleicht
'nen Fuchs geben. Stecken Sie ein, was Sie kriegen.« Der Geheimrat Lupinus
prallte buchstäblich zurück, als er sein Ohr an den Mund der Geheimrätin
gelegt, und diese einige Worte ihm zugeflüstert hatte. »Hun - hundert!« - »Ich
bitte, Schwager, sein Sie kein Narr!« sagte sie mit leisem, strafendem Ton und
bittendem Blick. »Hundert Friedrichsd'or!« - »Aber ich habe Sie doch sehr
gebeten; das war ja unter uns - Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch.« -
»Hundert Friedrichsd'or!« lief es durch die Versammlung. - Hundert
Friedrichsd'or für Flanell! Starre Blicke, geöffnete Münder. Am weitesten hatte
die Wirtin ihn auf, es kam aber kein anderer Laut heraus, als ein: »Na nu -!«
    Die Geheimrätin Wittwe empfand das Unangenehme der Situation. Sie erhob
sich etwas vom Stuhl: »Warum musste mein guter Schwager über Etwas an die grosse
Glocke schlagen, was ganz unter uns abgetan werden sollte! Da es aber einmal
ist, so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig.
Ich bin nicht so reich, um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke
beizusteuern. Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen
Gemahls. So wenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten
kümmerte, sah er doch mit bangem Blick schwarze Gewitterwolken nahen, und es
waren seine letzten Unterhaltungen mit mir, dass für diesen Fall ein guter
Patriot, was er könne, zum Wohl des Ganzen beisteuern müsse. Namentlich ging ihm
die Lage unserer armen Soldaten zu Herzen; er, den jedes kalte Lüftchen wie ein
Eishauch berührte, erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge, die er für eine
Barbarei der neueren Kriegskunst erklärte. Er malte sich in seinen letzten
Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Bivouaks, und rief mehr als
einmal aus: Und sie haben nicht mal warme Kleider! Wenn ein unerforschlicher
Ratschluss ihn nicht plötzlich abgerufen, würde er in seinem Testament gewiss
Legate dafür ausgesetzt haben. Wollen Sie es mir daher nicht verargen, wenn ich
dies Testament für geschrieben halte, und in seinem Sinne zu handeln denke,
indem ich tue, wie ich getan. Nicht ich tue es, mir darf Niemand danken, mir
Niemand Verschwendung vorwerfen, es ist sein Geist, der mich in diesem
Augenblick umschwebt.«
    Während die Geheimrätin es sprach, waren Aller Blicke auf sie gerichtet. Es
war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen, ein sonorer Ton in der Sprache, der
selbst der Braunbiegler imponirte. Mit ganz besonderen Blicken beobachteten sie
aber zwei der Anwesenden, Wandel und Herr von Fuchsius; jenes Gesicht erheiterte
sich, dieser behielt denselben Ausdruck. »Nun aber, lieber Schwager,« ging die
Lupinus plötzlich in einen andern Ton über, »tun Sie uns den Gefallen und gehn
zu Andern, denn Ihre Flanellbinden dürfen unsere Heiterkeit nicht stören. Was
Sie mir getan, ist vergeben und vergessen. Sie sehen, wir haben die Karten in
der Hand, und brennen zu spielen.« Die Liebenswürdigkeit selbst! - Nein, eine
Vornehmheit doch, und diese Sanftmut dazu! - Wenn es nicht gesagt, wurde es
gedacht. Wie herzlich, zutrauend, um es wieder gut zu machen, hatte sie dem
Schwager, der so tief unter ihr stand, die Hand gereicht zum Abschied. Lupinus
hatte die Hand an die Lippen gedrückt - etwas schauspielerhaft, sagten Einige.
Wie ein Polisson - Andere. - »Er ist doch immer der Bruder meines seligen
Mannes, der einzig Hinterbliebene der Familie!« hatte sie geseufzt. »Und was man
auch immer gegen ihn sagen mag, von Herzen ist er gut.«
    Man erwähnte, dass die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimrats in
dieser Angelegenheit geäussert. Es sei schön, wenn ein alter Sünder durch gute
Taten seine schlimmen wieder gut zu machen suche.
    »Wenn's nur von ihm käme!« sprach die Braunbiegler. »Da habe ich auch nichts
gegen. Er ist ja ein Mann in Amt und Brod, und der König wird wissen, warum er
sich solche Geheimräte gemacht hat. Aber alle Welt weiss auch, er ist nichts im
Hause. Da steckt die Charlotte hinter, seine Köchin. Ich weiss nur gar nicht, wie
die Familie den Skandal zulassen kann. Wenn das in meiner wäre, ich würde mich
ja schämen -«
    »Madame Braunbiegler haben anzusagen.« sprach mit grosser Milde die Lupinus.
- »Mein Seliger.« setzte sie hinzu, »musste doch wissen, warum er mit seiner
unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah. Ich bin nur seine
Erbin. Sein Wille ist meiner.«
    Das Spiel ging gut. Die Braunbiegler gewann. Das kühlt den Unmut. Aber
hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut. Verschiedene Personen sassen
an dem grossen Trumeau, der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing.
    »Sie sind ja so munter, liebe Eitelbach?« fragte die Lupinus hinüber. - »Der
Regierungsrat erzählt uns allerliebste Kriminalgeschichten.« Fuchsius hatte
einen dankbaren Hörerkreis. »Das ist noch gar nichts,« sagte er. »Dann wird Sie
eine andere Geschichte, die ich in einer englischen Zeitung las, noch mehr
interessiren. Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit
seiner Frau, wahre Muster in Sittlichkeit und Wohltun. Man stellte die beiden
Leute wirklich als Exempel auf. Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne
Kinder und, da ihnen Alles glücklich ging, bedauerte man sie nur, wenn ein Gatte
dem andern in jene Welt vorausgehen sollte. Der Mann starb zuerst. Es hiess, er
hätte sich zu wenig Bewegung gemacht, der viele Staub seiner Bibliotek, den er
eingeschluckt, hätte sich auf seine Lunge geworfen.«
    »Die arme hinterbliebene Frau!« sagte die Eitelbach.
    »Frau Geheimrätin haben vergeben,« rief ein Spieler am Tisch. »Excus! es
flimmerte mir etwas vor den Augen.«
    »Sie ward auch allgemein bedauert,« fuhr Fuchsius fort, »ertrug aber ihr
Schicksal mit wunderbarer Fassung. Sie lebte nur dem Gedächtnis ihres Mannes und
führte mit grossen Opfern Alles aus, was er angeordnet. Man betrachtete sie als
eine Art Heilige. Da fügte es der Zufall, dass durch einen Gewitterregen der an
einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt
des Wassers mehrere Särge den Abhang hinuntergestürzt wurden. Darunter war auch
der, worin der selige Friedensrichter lag. Er zerbrach, und mit Erstaunen sah
man die wohl konservirte Leiche, als wenn er noch lebte. Von einer besondern
Luft konnte es nicht herrühren, denn die andern Leichen waren zerstört. Man fand
aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung. Werden Sie es
glauben, wenn ich Ihnen sage, dass es sich ermittelt hat, die eigene Frau hat ihn
umgebracht.« Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille: »Aber wie ist
denn das gekommen? Warum denn? Sie hat ihn ja so geliebt!« rief die Baronin.
Fuchsius, der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle sass, wie wohl Erzähler
tun, die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus
sich herausspinnen, und dabei nicht rechts und links blicken, Fuchsius sah dabei
unverwandt vor sich auf den Spiegel. »Gott sei Dank, das ist nicht möglich!«
rief die Eitelbach. »Aber ungleich interessanter,« fuhr der Rat fort, »und
vollständig ermittelt ist, wie sie ihren Mann umgebracht hat. Können Sie sich
das denken, sie puderte ihn, in dem Puderstaub aber war Arsenik.«
    Am Spieltisch war eine Störung. Der Geheimrätin waren die Karten aus der
Hand gefallen; sie sah blass aus, ihr Kopf senkte sich. Das hatten aber die
Wenigsten gesehen. Im selben Moment schon war der Legationsrat aufgesprungen:
»Eine Maus!« Er zog das Taschentuch; damit fuhr er und schlug er an der Wand
entlang, nach dem Boden. »Eine Maus, eine Maus!« - Vergebens schrie Madame
Braunbiegler auf: »Wir haben keine Mäuse!« Es hatten noch Andre die Maus
gesehen, denn worauf hätte sonst der Legationsrat sich so lebhaft geworfen! Wie
auch die Wirtin dagegen protestirte, in ihrem Hause seien nie welche gewesen,
noch sollten sie sich je zeigen, sie kam in dem allgemeinen Allarm nicht auf,
besonders als auch der Regierungsrat, an ihr vorüberstreifend, ihr zuflüsterte:
»Sie müssen sich schon zufrieden geben, es war eine Maus, Madame Braunbiegler.«
An der Tür sagte er halb für sich: »Eine Falle wird ja auch im Hause sein.« Die
Baronin meinte, er gehe eine zu holen, als er sich unbemerkt im allgemeinen
Aufstand entfernte.
    Es war ein verdriesslicher Aufstand, am verdriesslichsten für die Geheimrätin
Lupinus, welche die Ursache gewesen, denn sie konnte nun einmal keine Mäuse
sehen, ohne einer Ohnmacht nahe zu kommen. Aber wie schnell hatte sie auch jetzt
sich erholt, sie war die erste, welche ihre Karten wieder in der Hand hielt:
»Warum mussten Sie mich verraten!« schmollte sie mit einem eignen Blick zum
Legationsrat. »Das Tier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand
hervor. Was tat das! Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben.«
    Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette, aber die Maus noch nicht
fort. Man erzählte von andern bekannten Personen, die auch eine Idiosynkrasie
vor Mäusen hätten. Auch Herr von St. Real ward erwähnt. Er spränge trotz seines
Krückenstockes, wenn er eine wittere, auf Stuhl und Tisch. »Sprang!« rief eine
Stimme vom Spieltisch: »Ach, wissen Sie noch nicht, er ist todt, plötzlich am
Schlagfluss gestorben.« - Ein allgemeines Bedauern, das sich in ein allgemeines
wohlgefälliges Lächeln auflöste. Nicht der Kammerherr, sondern sein Onkel, der
reiche Johannitercomtur Graf St. Real, war gestorben und sein Neffe Erbe seines
Vermögens und seiner Titel geworden. Der Tribut allgemeiner Teilnahme ward dem
unsichtbaren Erben gezollt.
    »Ach, ein so liebenswürdiger Herr, dem gönne ich's,« sagte die Wirtin.
»Charmanter Kavalier,« schmunzelte ihr Kompagnon, der Baron. »Gefällig gegen
Jedermann, hat noch die feinen alten Hofsitten. Wenn solchem Mann ein Glück
zufällt, da kann man doch noch sagen, es ist Gerechtigkeit drin. Die Glückspilze
sind mir zuwider.« Die Braunbiegler meinte, er wäre todt, und nun könnte man ihn
in Ruhe lassen. »Wenn mir nu noch Ener kommt,« trumpfte sie auf den Tisch, »ob
er todtig ist oder lebendig, des weiss ich, denn schmeiss ich die Karten fort. Zu
ville ist zu ville. - Aber, Frau Geheimrätin, müssen Sie denn allemal
vergeben?«
    Der Bediente war eingetreten, offenbar mit einer Meldung, aber er schien zu
zaudern, als er die Lupinus im Begriff sah, die wieder aufgenommenen Karten zu
mischen. »Es ist draussen - es steht draussen - es will Jemand Frau Geheimrätin
Lupinus sprechen.« - »Wir haben hier auch zu sprechen.« - »Der sagt aber, er muss
absolut.« - »Na, wer ist es denn, Jean?« - »Ich kenne ihn nicht, Madame
Braunbiegler, - aber - aber er ist sehr dringend, er hat ein Schild auf der
Brust und sagt, er muss partout.«
    Wandel hatte die Geheimrätin fixirt. Ein »à merveille!« entstieg unhörbar
seinen Lippen, als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand. Sie verzog
keine Miene: »Ich kann mir denken, was es ist; wahrscheinlich wegen eines
Dokumentes aus meines Mannes Nachlass, auf das eine auswärtige Behörde aus
archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht. Es tut mir unendlich leid,
dass ich abermals die Gesellschaft stören muss, hoffentlich nur auf einige
Augenblicke.« Sie rückte den Stuhl zurück. Wandel reichte ihr den Arm und führte
sie bis an die Tür. Ob und was er mit ihr gesprochen, weiss man nicht. Sie haben
sich nicht wieder gesehen, heisst es.
    An der Tür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter, und die ihren
Blick damals sahen, wollten ihn nie wieder vergessen haben. Mit einem Lächeln
rief sie: »Ich bin am Geben, meine Damen, vergessen Sie es nicht und ich werde
nicht wieder vergeben.«
    Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten. Im Augenblick, wo man
einen Wagen abfahren hörte, trat das Stubenmädchen ein, blass, wie verstört: »Ach
Gott, wissen Sie schon -« Die Sprache versagte ihr. »Was?« - »Sie wird abgeführt
- sie ist kriminalisch -« die Tränen stürzten dem Mädchen aus den Augen. »Ach
Gott, ach Gott! dass solchen Leuten auch so was passiren muss. Die gute Frau
Geheimrätin!« - »Unmöglich! - Ein Missverständnis!« Die Karten fielen, die
Stühle und die Tische rückten. Ueberall blasse Gesichter. Mehrere Herren waren
hinausgeeilt. Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt. Es ist eine
fatale Wahrnehmung für unser Humanitätsgefühl, aber es steht unstreitbar fest,
mitten aus diesem Humanitätsgefühl schiesst oft eine kannibalische Lust, wenn wir
ungewöhnliches Unglück, von äusserem Schrecken begleitet, hören. In das Bedauern
für die Leidenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel. Es ist nicht immer
Schadenfreude, oft nur die Freude, aus dem Alltäglichen heraus in die Regionen
des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen. Hören wir, dass es nur blinder Lärm
war, kein Feuer, eine Mystifikation, so werden wir still. Wir äussern vielleicht
ein Gott sei Dank! Aber ganz recht ist es uns nicht, dass die wunderbare
Aufregung ohne Resultat geblieben.
    »'S ist richtig! Wissen Sie's?« schrie der Baron. »Um des Himmels Willen,
was?« - »Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben. - Die Leiche ist heimlich
ausgegraben - secirt. O wir werden noch mehr hören.«
    Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben, unternehmen wir nicht, die
aufgerissenen Augen, die bleichen Gesichter, die Taschentücher, die Eau de
Cologneflaschen. Die »Unmöglichkeit! Es ist Verleumdung!« welche zuerst von den
Lippen brachen, verstummten allmälig. Es kamen immer Mehr zurück, die es
bestätigten, neue Details angaben. Die hatten die Gerichtsdiener, Andere
Fuchsius, einen Kriminalrat, einen Gerichtsarzt gesprochen. Die Gesellschaft
war aufgelöst; die Nachrichten wuchsen mit den Vermutungen. Sie hatte nicht nur
ihren Mann vergiftet, auch die Kinder, ihre Dienerschaft. Sie war eine
Giftmischerin aus Profession, eine Brinvilliers. Sie hatte aus einer Apoteke
alles Rattengift aufgekauft. »Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen.«
    Eine Dame entsann sich, dass sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und
traktirt, und die Kinder waren nachher krank geworden. Sie hatte die ganze
Schule vergiften wollen, das war keine Frage. Wir wissen nicht, ob in derselben
Gesellschaft, aber am selben Abend schon erzählten Einige, dass die Lupinus die
Intention gehabt, ihre Nachbarschaft, ja die ganze Jägerstrasse aufzuräumen. »Und
in unserer Stadt! - In dem aufgeklärten Berlin! - Man wird es auswärts nicht
glauben. - Aber wir werden noch mehr hören.«
    Nachdem Madame Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt, war sie die
aufgeregteste, wenigstens die lauteste: Wenn man sie nur gefragt, sie hätte es
längst gewusst - nein, das freilich nicht, aber vorgeschwant hätte es ihr, dass
es so oder so etwa kommen werde. Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke
getraut; so etwas Maliciöses im Gange und den Fingerspitzen, in den Locken und
Lippen, und die cachirte Vornehmheit! An ihrem Gesichte konnte man ihr die
Giftmischerin ansehen. Und wenn sie nur Den wüsste, der sie ihr zuerst ins Haus
gebracht!
    War dies vielleicht die arme Baronin? Sie sass über ihren Stuhl gelehnt wie
ein Bild des Entsetzens, blass mit weit aufstarrenden Augen, sprachlos. Es war
ihr Vieles im Leben begegnet, sie hatte einmal geglaubt, noch vor Kurzem, was
sie dulden müsse, das dulde Keiner ausser ihr, aber das, was sie jetzt erlebt,
war mehr, es war zu viel. Sie hatte dafür keine Sprache, vielleicht auch keine
Gedanken. Die Lupinus galt ihr, und war ihr immer vorgestellt worden als ein
Muster von feiner, edler Bildung, von Herzensgüte und Verstand, das sie zwar
nicht erreichen, aber auf das sie zur Nacheiferung, blicken, woran sie sich
halten könne. Und glaubte die Eitelbach nicht, dass sie schon eine Andere,
Bessere geworden! Hatte sie nicht erkannt, woran es ihr fehle, hatte sie es in
einem gerührten Augenblicke nicht geradezu ausgesprochen, und die Lupinus hatte
ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt: die einfältigen
Herzens sind, denen ist das Himmelreich offen! - Und ja, sie war es wirklich,
welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht
hatte. Da brach es heraus. Schmerz, Aerger, Wut: »Herr Gott, wenn die 'ne
Giftmischerin ist, was sind wir dann Alle!«
    Der Legationsrat Wandel schien in dieser fürchterlichen Scene nicht die
Fassung behalten zu haben, welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag
gelegt. Das Unglück einer teuren, langjährigen Freundin musste auch ihn
momentan erschüttert haben. Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht
ganz Herr seiner selbst. Er sass auf einem Stuhle, den Rücken der Gesellschaft
zugewandt. Sein Kopf sank über. Plötzlich aber stand er auf, und trat in die
Mitte des Zimmers. Sein Auge leuchtete, indem er die Anwesenden überschaute, ein
hochmütiger, fast verächtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme: »Und wer sagt -
ich frage, wer wagt die Frau, welche man aus unserm Kreise geführt, eines
Verbrechens anzuklagen! Hat Jemand von Ihnen Beweise? Liest man in ihrem Herzen!
Wer, ich frage, traut sich zu, auf blosses Geschwätz, Vermutungen hin, ein
Urteil über eine Dame zu fällen, die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis
da in unserer Mitte stand? Wer? wiederhole ich, fühlt sich so reinen Herzens, um
den Stein auf sie zu werfen! - Warum senken Sie die Köpfe? - Wie! Weil die
Dienstleute ein Gerücht hereintrugen, ungebildete Gerichtsdiener, übereifrige
Beamte sie verhaftet, vielleicht auf ein blosses Missverständnis, eine
Verwechslung - Kommt das nicht vor? Giebt es nicht Justizmorde? - Wie, darum
verdammen wir Die, die Sie Alle durch lange Jahre mit Bewunderung, Respekt
betrachtet, die uns galt für ein Wesen höherer Art! Diese Bewunderung für ihre
guten Eigenschaften, der Eindruck, den sie unwillkürlich auf uns Alle geübt,
wäre erloschen, fortgewischt durch ein einziges Wort! O mein Gott, lassen Sie
mich nicht so schlecht von uns Allen denken, dass ein unbesonnenes, überhastetes
Wort die Taten eines ganzen Lebens verlöschen könnte -«
    »Aber -« fiel ihm Jemand ins Wort. Wandel liess ihn nicht zu Worte kommen.
    »Sie haben Recht, der Schein ist gegen sie. Ich vermesse mich auch in keiner
Art hier Richter zu sein, noch ableugnen zu wollen, was etwa von emsigen
Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist. Nein, von solcher Anmassung bin ich weit
entfernt. Aber meine verehrten Freunde, hüten wir uns Schlüsse zu ziehn aus dem,
was scheint, was wir vermuten. Wollte ich meinen Vermutungen nachträumen, dem
Scheine trauen, der eben wie ein Blitz vor mir aufzückt, ich müsste zum Ankläger
werden gegen die edelsten Männer, die lautersten Charaktere Berlins. Sie traute
keinem Arzte mehr, sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben, sie nannte
sie insgesammt Charlatane; das wussten Heim, Selle; Mucius hat es auch gewusst.
Sie präparirte sich selbst ihre Hausmittel, sie hatte sich eine kleine Apoteke
von Herrn Flittner verschafft, wie ich ihr auch abriet und vorstellte, dass es
zu Missdeutungen eben von Seiten der Aerzte führen könne. Es hat dazu, meine
Herren, geführt, man hat Urteile über sie ausgesprochen, die ich nicht
wiederholen will. Wie nun, wenn ich diesem Schein nachginge, argumentirte: sie
war eine sehr kluge Frau, die tiefer sah als Andere, darum waren Die, denen sie
ins Handwerk schaute, ihre gebornen Widersacher, die ihr auf den Dienst
lauerten, jede ihrer Handlungen missdeuteten; diese Aerzte sind es, die, weil sie
dieselben vom Todtenbette ihres Gatten fern gehalten, weil sie dieselben
beleidigt, verhöhnt, an Ruf und Praxis geschädigt, sie sind es, welche den
Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut, bis andere daraus eine Denunciation
gebildet. O nein, meine Freunde, ich unterdrücke diese Vermutung, und noch
andere, ich versichere Sie, Vermutungen, die einem Andern als mir zu Schlüssen
würden. Nein, sie steht mir zu hoch, als dass ich ihr helfen sollte durch das
Verderben Anderer. - Sie wundern sich über meinen persönlichen Eifer. Nun wohl
denn, wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht, das man einer
edlen Frau antut, nicht Grund genug ist, so habe ich keinen, unter so nahen
Freunden zu verschweigen, dass meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus
mich nach dem Tode ihres Gatten trieb, um ihre Hand zu werben. Ich sprach es
noch nicht aus, um ihre Gefühle zu schonen, aber schon bei einer blossen
Annäherung kam sie schonend, doch mit einer Würde mir entgegen, die alle meine
Hoffnungen zurückwies. Sie gehöre dem Todten wie einem Lebenden an, und nichts
dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen. Brauche ich Ihnen
zu sagen, wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte, da Jeder von
Ihnen weiss, dass ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat. Und diese Frau wagt man
zu beschuldigen, dass sie Hand gelegt an das teure Haupt ihres Verewigten! Diese
Mitteilungen bin ich dem Kriminalgericht schuldig. Ich werde sie machen und zum
Richter sprechen: Untersuchen Sie streng, das ist Ihre Pflicht, aber erlauben
Sie mir auch, eine moralische Ueberzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen.
Möglich ist Alles, aber nur Die, welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium, im
Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glücklichen, genaht ist, werden die
Beschuldigung aussprechen, sie werden ein Behagen daran finden sie zu glauben,
eine edle, reine Seele wird die Worte ausrufen, welche mir vorhin ins Ohr
klangen: Wenn sie eine Giftmischerin ist, gütiger Gott, was sind wir dann Alle!«
    Der Eindruck der Rede war gross. Er hatte seinen Hut ergriffen, sich gegen
die Gesellschaft verneigt, am tiefsten gegen Madame Braunbiegler. Die
Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers, trotz der
Unruhe des Aufsbruchs, denn die Meisten nahmen Abschied, bewunderte man den
ritterlichen Mann, welcher so der Ehre einer Frau sich annahm, die ihm den Korb
gegeben! Und seine hohe Gestalt, sein tiefglühendes Auge unter einer Stirn, die
sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien! So hatte man ihn nur gesehen,
als er im Hause der Obristin als Retter auftrat.
    Niemand schien vergnügter als Baron Eitelbach, er hätte, als Beide im
Vorzimmer sich begegneten, dem Legationsrat um den Hals fallen können: Seine
Frau übernahm es statt seiner. Eine Träne glänzte in ihrem schönen Auge, als
sie, vom Arm ihres Mannes sich losmachend, ihre Hände auf seine Schultern legen
und, auf den Zehen sich erhebend, einen Kuss auf seine Stirn hauchte: »Eine
schöne Tat verdient eine Belohnung. Eigentlich, dass Sie's wissen, habe ich Sie
nicht leiden können - Sie sind ein guter Mensch, das wusste ich, aber es war mir
doch immer daneben, als wenn sie ein schlechter Mensch wären - heute aber nein,
Sie sind gar kein Mensch nicht, heute waren Sie wie ein Gott.«
    Schade, dass die schöne Scene durch ein kreischendes Gelächter unterbrochen
ward. Nicht das des Barons, der nur etwas »grinste« und sich vor Schadenfreude
die Hände rieb, sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf, und der
Rittmeister schrie schon von draussen sein: »- Tralirum la! Krieg! Krieg!
Ausmarschordre! - Laforest kriegt seine Pässe!«
    Es war ein Intermezzo, das überhaupt zu dem, was hier geschehen, nicht
stimmte: Trompetengeschmetter, das einen Choralgesang, die Trauermusik eines
Grabeszuges unterbricht. Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom
Wein? Gleichviel, es glühte und er war trunken. Er fiel um den Hals, wer ihm in
Weg trat. »Krieg! es geht los!« begleitete den Kuss. Er hatte den Baron Eitelbach
so umarmt, er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die
Wangen. Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsrats wich er zurück, um den
General-Stabs-Chirurg Görecke ans Herz zu schliessen.
    Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu
sehen. Er flüsterte ihr ins Ohr: »Nicht verzweifelt, meine Freundin. Man muss in
solchen Momenten der Aufregung auch einer Rohheit nachsehen, die unter anderen
Umständen unverzeihlich wäre. - Er kann sich bessern, obgleich - doch es kommt
eben darauf an, ob er ein Diamant ist, oder nur ein Kieselstein.«
 
                         Neunundsiebenzigstes Kapitel.
                       Wir werden Alle Blut sehen müssen.
Die blaugraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der
innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin, als diese im
Negligé aus ihrem Kabinet trat. Wandel, der hinter ihr die Tür schloss, war
schon fertig angezogen. Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein
wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals, ehe er sich anschickte, den
Mantel umzuwerfen. Die Fürstin wies auf die Tür zur Hintertreppe: »Sie können
durch den Gartensalon. Adelheid schläft schon seit gestern nicht mehr hier.« -
»Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend?« Die Gargazin
sagte nach einigem Besinnen: »Ja - ich habe geweint.« Was sie noch sagen wollte,
verschluckte sie.
    »Tant mieux, Madame, sie kann uns nun protegiren. Le temps se change, mais
pas les hommes.« - »Ich wünschte, Sie changirten,« sagte die Fürstin ernst. »Hat
Sie der Anblick des jungen Mädchens nie gerührt? Zuweilen - wenn ich sah, wie
alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten - ja, zuweilen überkam
es mich, ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe.« - »Die Hand des
Schutzengels, den der Himmel ihr gesandt, drück' ich jetzt an meine Lippen. Au
revoir! Uebrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agirt.« Die Gargazin riss
die Hand zurück und ihr strafender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern
sollen, aber er schwieg nicht: »So war uns die Rolle des Verführers zugewiesen.
Jede Rolle ist gut, wenn man sie nur gut spielt. - Sie schaudern, es ist ein
frostiger Oktobermorgen. Sie werden sich erkälten, Sie sollten sich wieder zur
Ruhe legen.« - »Ich schaudre, doch ich friere nicht.« Er sah verwundert, als sie
nach der Klingelschnur griff. »Ich will nach der Hedwigskirche. - Wenn Sie
gesündigt, fühlen Sie dann nie das Bedürfnis, Ihr Herz auszuschütten? Haben Sie
gar keine Empfindung, keine Ahnung davon, welche Erleichterung, Wohltat es ist,
so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen, und im Bekenntnis, in der
Beichte zu den Füssen eines plénipotentiaire der Allmacht alles das
niederzulegen, und jeden Winkel in uns auszukehren?«
    »Ich begreife es - ich begreife es vollkommen!« - »Und Sie verschmähen die
Wohltat.« - »Was dem Armen ein Schatz ist, wirft der Reiche oft aus dem
Fenster.« - »O Sie reicher Mann!« Es war ein böser, aber scheuer Blick. »Weil
sie so gewaltig stark sind. Weil Sie die Schwäche nicht kennen! - Ich hätte Sie
von Anfang an hassen müssen -« »Aber Sie wollten mich bekehren, darum erbarmten
Sie sich meiner und liebten mich.« - »Nein! - Eigentlich bewundere ich in Ihnen
die Allmacht der Natur. Wie es möglich war, ein Geschöpf in Menschengestalt ohne
Blut und Herz zu bilden! Sie waren mir neu, interessant, ich wollte Sie
studiren. Ich klopfte an, ob nicht irgendwo eine schwache Seite herausklinge -
aber kalter Marmor von aussen und noch kälter von innen. Ich fragte mich, was
bewegt denn diesen Block, den irgend ein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb
und gemeisselt ins Leben setzte, mit täuschender Menschenähnlichkeit, aber er
ward kein Mensch.« - »Einige wollten behaupten, der Egoismus sei es allein, der
diesen - Marmorblock in Tätigkeit bringt.« - »Aber die Lichter des Himmels
blitzen Sie doch an, die Töne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall. Es
rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus, dass Sie blenden, berauschen,
verführen. Sagen Sie, ist das Alles nur der Reflex eines Spiegels, den selbst
nichts rührt? Haben Sie keine Seele, oder ist sie wie das Meer am Eispol,
eingefroren seit ihrer Schöpfung?«
    »Viel näher, teuerste Freundin, läge doch der Vergleich mit dem Dämon, den
der grosse Dichter ins Leben rief. Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des
Möglichen und Unmöglichen, statt Goete's Mephistopheles zu citiren? Die Ehre
erzeigten mir Andere, sie nannten mich den Geist, der immer verneint. Höflichere
hatten sogar die Freundlichkeit, den Schalk in mir zu wittern, von dem es dort
heisst, dass unter allen Geistern, die verneinen, er dem Herrn der Schöpfung am
wenigsten verhasst sei. Doch das lass' ich auf sich beruhen, es ist
Geschmackssache, wie Alles in der Welt, Antipatieen und Sympatieen. Was sich
anzieht, was sich abstösst, es ist Alles ein Spiel der Laune, die wir nicht
ergründen, der Kern des Kernes, die Ursach der Ursach, nach der die schöne
Königin Charlotte selbst einen Leibnitz umsonst fragte und quälte. Nein, danach
müssen wir nicht grübeln, um Gottes willen; wir Alle sind ja nach Ihrem Glauben
- Erwählte oder Verstossene, denen die Gnade leuchtet, oder es blieb in ihnen
finster. Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen, er kann ja
nicht für seine Maulwurfsaugen, noch dass sein Blut so kalt blieb als das
arktische Meer. Wenn Sie da weiter fragen wollten, hohe Frau, auf welche Fragen
stiessen Sie, Rätsel, die selbst Ihr Glaube, der Berge versetzt, nicht löst. Zum
Exempel, warum gab der Panurg sich die Mühe, Meer da oben am Nordpol zu
schaffen, wenn es sofort zu Eis erstarrte? Wir Skeptiker würden fragen, warum
schuf er nicht sogleich Eis? es wäre doch einfacher, bequemer, consequenter
gewesen, Was hat dies arme Salzwasser verschuldet, dass es die schmerzliche
Metamorphose erduldete? Muss es wie ein neugeboren Kind, die Sünden seiner
Erzeuger büssen? und warum büssen in alle Ewigkeit, denn bis nicht ein Komet an
diese alte Erde stösst, der Weltenbrand alles verzehrt, wird dies unglückliche,
verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst.«
    »Der Weltenbrand!« rief plötzlich die Fürstin auf, und ihr Gesicht glühte.
Nicht die Wärme von innen, es war eine Purpurglut, die von Aussen daran schlug.
Die Sonne war aufgegangen, die Wolken zerrissen, eine unförmlich grosse
Feuerkugel tanzte im Dunstlicht. Aber bald sah man sie nicht mehr vor der
Färbung, die sie dem ganzen Dunstmeer mitteilte. Das Firmament schien Feuer.
Das Zimmer, eben noch im unheimlichen Grau, war von rotem Gefunkel
übersprenkelt. Rasch hatte die Wirtin das Fenster aufgerissen, und die Dächer
der Häuser, die weite Stadt, so weit man sie übersah, schwammen in einem
Blutrot. Wenn sie überrascht war, schien es nicht die Ueberraschung des
Schrecks, sondern einer dämonischen Freude. Sie streckte ihren entblössten Arm
hinaus in die kalte Luft, während diese Kälte sie doch nötigte, die Enveloppe
mit der andern Hand fester um Brust und Hals zu drücken. »Sehen Sie!« - »Die
Nebel zerteilen sich. Es wird ein schöner Herbsttag werden.« - »Der Tag der
Vergeltung! Er bricht an. Feuer und Blut gemischt. O ich könnte mich freuen, ein
entzückendes Schauspiel, wenn die wogenden Flammen über die Dächer sausten, das
Lied der Vergeltung heulend. Des neuen Attila Mission ist gross, und ich sehe,
sie ist noch nicht zu Ende. Die Leichen sollen sich noch zu Bergen türmen und
das Blut in Strömen fliessen, wo wir noch kein Bett dafür sehen. - Ei, Sie
schaudern, das freut mich. So blutig rot, wie dieser Morgen -«
    Wandel schauerte wirklich, er zog den Mantel um die Brust: »Sie wissen, ich
kann kein Blut sehen, Alles - Andre - nur kein Blut -« Die Gargazin schien sich
an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden: »Steigt Ihnen es auch zu
Wangen! - Wir werden Alle Blut sehen müssen, mein Herr von Wandel. Ohne das
keine Erlösung aus diesem Dasein. Entweder stockt es, und wir gehen in
Konvulsionen unter, oder es strömt in hellen Purpurquellen aus und das ist die
leichtere. - Hören Sie die Trommeln wirbeln? Wie mutig und froh gehen die
Tausende dahin, wo die eisernen Würfel fallen. - Ja, das Spiel ist aus, der
Ernst beginnt, mein Herr. Verspüren Sie keine Lust? Hörten Sie's nicht singen:
Im Felde, da ist der Mann noch was wert! Regte es sich da nicht in Ihnen? Hier
ist er gar nichts mehr wert.«
    Welcher Dämon war in die Frau gefahren? dachte der Legationsrat. »Um ins
Feld zu ziehn, muss man -« »Mut haben,« unterbrach sie ihn. »Bewahre Ihr Genius
oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor, eine Amazone zu
werden!« Sie schien ihn nicht zu hören. »So rottenweis sie fallen, Reihe um
Reihe unter dem Kartätschenhagel stürzen, das Feld sich lichten zu sehen, für
einen Feldherrn soll es ein Götterschauspiel bieten. Da, wenn er auf der Höhe
hält, den Tubus in der Hand, sein Schlachtross unbeweglich unter seinen Lenden,
da soll Napoleon ein Gott sein. Ein Bewegen mit dem kleinen Finger, ein
Seitenblick, ein Zucken mit der Lippe, die Adjutanten verstehen es, neue
Bataillone wälzen heran, sie füllen die Lücken, um wieder - Lücken zu werden. -
Ich kann die Frau da begreifen, wenn es wahr ist, was sie von ihr erzählen. Mit
Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen, warum soll es nicht zum Kitzel
werden, dem man nicht widersteht.«
    »Die Unglückliche! Sie wollte gewiss keine Verbrecherin werden.« - »Wer will
das! Sie wollte nur Glück um sich verbreiten, aber weil die Menschen eigensinnig
sich ihres auf eigne Weise suchen, ward sie erbittert, bis - bis - Ja - weil sie
nicht Mut hatte zu sündigen, darum ward sie Verbrecherin. Eine Philosophin -
sie hat ihre Götter sich selbst geknetet, - weiss ich, aus welchem Kot! - Wer
den Gott des Lebens nicht kennt, seine Beseligung, dürstet doch nach einer
anderen. Der Gott des Todes gewährt sie auch, und wem die grossen Würgeengel
nicht zu Kommando stehen, wie Bonaparte, lässt sich mit den kleinen genügen. Die
Gemeinheit sagt, sie hätte es aus Rache getan. Nein, ich verteidige die Frau.
Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand.« - »Sie würde mit ihrer erlauchten
Verteidigerin schwerlich zufrieden sein.« - »Herr von Wandel wird sie
allerdings besser verteidigen, weil er sie besser kennt.« War das ein
Basiliskenblick? - Er wollte sprechen - aber er stotterte nur von Gott und
reinem Bewusstsein. Wenn sie unschuldig, werde jener sie schützen, dieses sie
trösten.
    »Reden Sie doch nur in Sprachen, die Sie verstehen.« herrschte die Fürstin
ihn an. »Wenn Gott seine Zuchtrute am Himmel aushängt für die Völker, straft er
auch die Einzelnen. Merken Sie sich das, Herr von Wandel. Wenn Pestilenz, Krieg,
Verderben in einem Lande ausbricht, kommt es nicht angeweht vom Winde, es bricht
von Innen heraus, wie ein Geschwür von den faulen Säften. Merken Sie das. -
Werden Sie noch hier bleiben? Mich dünkt, hier ist nicht Ihres Weilens. Mich
dünkt, Ihnen könnte Gefahr drohen. - Mich dünkt, man glaubt Sie zu kennen -«
»Wer?« - »Ich nicht,« rief mit Nachdruck die Gargazin. »Ich will nicht, mir
graut, Sie kennen zu lernen. Die Akademie will Sie nicht, aber für Gelegenheit
nach Russland lassen Sie mich sorgen - ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan
verschaffen.«
    Der Legationsrat verneigte sich zum Abschied: »Die Luft dort ist mir zu
streng.« - »Was fesselt Sie hier?« - »Erlaucht wissen -« »Unmöglich - nein -
abscheulich - das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu.« - »Eine mariage de
raison, weiter nichts. Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande
sind, behält die Vernunft das letzte Recht.« - »Mir aus den Augen!« - »Was tat
Madame Braunbiegler, Euer Erlaucht Zorn zu erregen?« - »O mehr als abscheulich -
widerwärtig - eine Versündigung gegen Geschmack, Gefühl, Aestetik! An einen
trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen, da war im Epheu holder Wahnsinn -
aber das Tier, das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt, das wagten die
Griechen selbst nicht - Und mit Bewusstsein, klar sehend - Mir aus den Augen -
da ist die Treppe - wenden Sie sich nicht um - Ich will Ihnen nicht wieder ins
Gesicht sehen - nie, nimmermehr!«
    Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und - er stand schon auf der Treppe.
Da aber wandte er sich doch um. Es musste ein eigner Blick sein. Sie ward rot
und blass: »Erinnern Sie sich,« rief sie ihm nach, »dass Sie keine Zeile
Schriftliches von mir in Händen haben. - Ich kenne Sie nicht. - Fort - hinunter
- Scheusal - schneller!«
    Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen. Er machte sich keine
Illusionen darüber. Aber warum? - Weil er das ästetische Gefühl der Fürstin
verletzt? Weil grade diese Rivalität ihren Schönheitssinn empörte? - Ein
höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen. Er litt zum ersten Male
ungerecht. Er hatte nie im Ernst an die Heirat gedacht. War es nur eine
Weiberlaune, welche plötzlich in ihr aufgestiegen, und hatte die Aufwallung
einer Phantasie so lange, künstliche, wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt?
Oder lag etwas Bestimmtes zu Grunde?
    Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht. Eine
fürchterliche Ueberzeugung, aus Kettengliedern zu einer Kette geworden. Er war
nicht mehr, oder vielmehr, er galt nicht mehr, was er gegolten. Wer gibt einem
fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder! Sein Kopf senkte sich, seine Füsse
wurden schwerer. Der frühe Morgen war ein Glück für ihn; er begegnete keinen
Bekannten. Der grosse Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen
können. Dort stand er an der Ecke, zaudernd, drei Wege vor ihm, der eine führte
zur Post. Seine rechte Hand griff unter den Rock, an die Stelle wo das Herz
sitzt. Ob er dessen Pochen hörte, es unterdrücken wollte? Ueber dem Herzen war
aber auch die Brusttasche des Rockes, in dieser sein Taschenbuch, und in
demselben steckte ein von allen Gesandschaften visirter Pass ins Ausland. Es
waren auch vielleicht mehrere Pässe auf mehrere Namen. - Sein Sinnen in dem
Augenblicke war, ob er nach der Post eilen, Extrapost nehmen, und die Stadt und
das Land auf immer verlassen solle? Vielleicht liess er damit mehr hier zurück,
als den Staub seiner Füsse - seinen Namen. An einem andern Orte tauchte er unter
einem andern neugeboren auf; die Welt ist gross.
    Aber vor seinen Augen musste sie nicht so gross erscheinen, als er, mit den
Zähnen die Unterlippe kneifend, vor sich hinstarrte. Auf der Landkarte, die sein
Auge in der Luft vor sich zeichnete, sah er vielleicht Städte und Länder, die
ihm schon verschlossen waren. Indem schallte Reitermusik die Strasse herauf.
Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte:
Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
Sie schaukelten sich dabei, noch ungeschult, in toller Lustigkeit in den
Sätteln. »Was ist diesen Bauernlümmeln Freiheit - was Vaterland!« rief es in
ihm. »Der Stock ihr Meister, und doch gehn sie mutig dem entgegen, dem sie
nicht ausweichen können; sie müssten denn desertiren. Und das Desertiren hat in
diesem Lande mehr Gefahr, als - dem Feinde stehen. Ich will auch nicht
desertiren.«
    Er ging weiter; nicht nach der Post, aber doch schien er noch unschlüssig,
wohin. War es Zufall, dass seine Schritte sich nach dem Hotel des französischen
Gesandten lenkten? Alles war hier in Tätigkeit, Packwagen standen unter dem
offenen Torweg; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Strasse. Laforest
wollte Abschiedsbesuche machen. Wenn Wandel hier angeklopft, würde er
bereitwillig aufgenommen sein; er ging unschlüssig bis an die Stufen, aber - er
musste Gründe haben, weshalb er nicht anklopfte. Er ging rasch vorüber, und
atmete auf. »Er ist doch nur ein Meteor!« sprach er für sich. »Wenn er
untersinkt, wo bleibt Napoleons Schweif!« Wir glauben, dass Wandel sich hierin
selbst belog. Er hatte andere Gründe, weshalb er Frankreich nicht mehr betrat.
    Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken. Zwei Morgenspaziergänger,
die einen Brunnen tranken, setzten sich ebenfalls. Nachdem sie über die
Wirkungen des Wassers sich des Längeren unterhalten, sprachen sie auch von der
Lupinus und ihrer Verhaftung. Die Geschichte erhielt neue Wendungen. Sie war
nach des Einen Konjektur eine geborne Giftmischerin aus Instinkt. Er wollte
gehört haben, sie hätte schon in der Schule angegiftet, dann als
fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplet
vergiftet. Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen, und sie
tue es ohne allen Zweck und Vorteil, nur weil es in ihrem Blut liege. Sie
könne es nicht lassen. Der Andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben: sie
sei eine wohlerzogene und treffliche Frau gewesen, aber die Neigung zu einem
fremden Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht. Sie hätte sich zuerst selbst
vergiften wollen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert, ihre Blicke nicht
verstanden. Dann aber hätten sie sich verständigt, und der fremde Herr merken
lassen, dass, wenn sie frei wäre, und nicht Manches sonst im Wege stände, er sie
gern heiraten würde. Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres
Schwagers vergeben. Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden
und man hätte sie aus dem Hause geschafft; die Kinder wären daraufgegangen. Der
fremde Herr hätte darauf gesagt: so sei es gar nicht gemeint gewesen, und er
habe auf immer von ihr Abschied genommen. Da aber hätte sie grade schon auch
ihren Mann vergeben gehabt, und wäre von der Alteration ausser sich geraten.
Alles wäre ja umsonst getan. »Ich weiss nicht, Herr Geheimsekretär,« sagte der
andere Geheimsekretär, »ich weiss nicht, ob ich nicht den andern vornehmen Herrn
auch bei den Ohren fasste.« - »Wird auch geschehen,« rief der Angeredete dem
klugen Manne ins Ohr. »Gestern im Kasino hörte ich so etwas, unter uns gesagt,
dass der Herr Regierungsrat von Fuchsius auf ihn vigilire. Es ist da was, - man
weiss nur nicht, was - indes man wird ja davon hören.« -
    Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rat Fuchsius, auch noch
in früher Morgenstunde, denn der Rat sass im Schlafrock und Pantoffeln beim
Kaffee und Pfeife. Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit
ihn zu sprechen, und ehe noch der Bescheid hinausging, war der Legationsrat
eingetreten.
    Zwei fein gebildete Männer sind um den Anfang eines Gesprächs nicht
verlegen, ohne das Wetter zu Hülfe zu rufen. Aber Wandel unterbrach den
schönsten Fluss der Introduktion, bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt, was
ihm die Ehre des Besuches verschafft, indem er den Hut auf die Erde fallen liess
und, mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend, die Hände gegen die
Stirn drückte: »Mein Gott wozu das Alles! - Sie wissen, warum ich hier bin. -
Die Arme, Unglückselige! - Sie sehen mich in unaussprechlicher Angst und
Verwirrung - ich kann kaum meine Worte fassen - Verzeihen Sie, wenn ich
Ungehöriges rede - Sie wissen aus eigner Anschauung, in wie naher Verbindung ich
mit ihr stand -« »Um so schmerzlicher, kann ich mir denken,« entgegnete
Fuchsius, »muss die Beschuldigung, welche die Dame trifft, einen edelgesinnten
Freund berühren.« - »Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache. Eine Bitte
voraus - wenn sie schuldig ist, ich meine nach Ihrer Ansicht, gleichviel, ob es
nur Ihre moralische Ueberzeugung ist, oder eine die sich auf Beweise gründet,
erlauben Sie mir wenigstens, ihrem ältesten Freunde, sie in unserm Gespräch als
eine arme, unglückselige Dulderin zu bezeichnen.«
    »Da der Jurist die Regel gelten lässt: Quilibet bonus praesumitur, donec
contrarium probetur, versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von
selbst.«
    »Und nun,« sagte Wandel mit fester Stimme, - »ohne Umschweife, wie es sich
unter Männern ziemt: was haben Sie über mich disponirt?« - »Sie vergessen, dass
ich mit der Diplomatie nichts mehr zu tun habe.« - »Mein Gott, wozu die
Komödie! bin ich ein fugae suspectus? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause? Mit
einem Worte: werden Sie mich verhaften lassen?« - »Ich - Sie? - Das ist eine
sonderbare Frage. Sind Sie denn angeklagt?« - »Qui s'accuse, wollen Sie damit
sagen. Wohlan, ich betrachte mich als ein Angeklagter, und frage Sie offen
heraus: habe ich mich als ein Surveillirter zu betrachten, oder habe ich die
Captur zu gewärtigen? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen, liegt mir
viel daran, es zu wissen, und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir
gradeaus Ihre Absicht mitteilten.«
    »Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe
zur Captur.«
    »Nun, sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe, dass eines intimen
Umganges mit der Geheimrätin das Gerücht mich bezüchtigt, und ich räume ein, es
war mehr als Gerücht. Ich war fast täglich in ihrem Hause, ich führte ihre
Geldgeschäfte, ich wusste um Dinge, die Niemand sonst weiss. Sie war eine
nervös-hysterische Kranke, eines jener zartgestimmten Instrumente, die eine ganz
besondere Behandlung erfordern, um nicht immer Disharmonien zu hören und von
sich zu geben. Sie hatte einen Widerwillen gegen die Aerzte, welche sie nicht so
zu behandeln verstanden, oder es nicht wollten. Ich musste ihr kleine
sympatetische Mittel verschreiben; es war oft Betrug dabei, das gestehe ich
ganz offen, denn solche Kranke, die sich stets selbst täuschen, verlangen, auch
von ihren Aerzten getäuscht zu werden. Im Verlauf der Zeit war sie auch damit
nicht zufrieden, sie wollte selbst operiren. Wie ich auch dagegen mich sträubte,
sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapoteke, und ich musste
den Vermittler spielen. Herr Regierungsrat, alles das sind schon
Verdachtsgründe, auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen
würde. Aber - ich empfand eine Achtung für die seltene Frau, die mit jedem Tage
wuchs, die, weil ich sie erwidert glaubte, zu einer Seelenharmonie ward. Ich
hatte daran gedacht, wenn sie frei ward, um ihre Hand zu bitten, mein Interesse
war daher des Geheimrats früher Tod; er ist früher gestorben, als man erwartet,
es heisst, nicht auf natürlichem Wege, ich war bis dahin, wenn nicht täglich,
doch sehr oft, in ihrem Hause, im nächsten Verkehr mit der, welche man der
Giftmischerei bezüchtigt, sie empfing Spezereien, wobei mein Name genannt ward -
ich will mich auch gar nicht darauf berufen, dass ich grad in letzter Zeit
seltener ansprach - ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an, wollte also
meinen Vorteil geltend machen. Nun, mein Herr, entscheiden Sie, ob das in Ihrem
Lande dringende Verdachtsgründe sind.«
    Fuchsius hatte ihn fest angesehen: »Ich kehre die Frage um; was würden Sie
in meiner Lage tun? Sie haben die Rechte studirt.« - »In Amerika liesse ich den
Mann auf der Stelle verhaften. Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles, wo ich
als Friedensrichter so handelte. Es ergab sich nachher, er war unschuldig. Aber
Sie müssen den amerikanischen Charakter, die besonderen Verhältnisse beachten.
Standesrücksichten gibt es nicht; die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören
dort nicht vor Gericht, nichts als die matter of fact. Ich weiss, ich stosse so
oft an, indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder
zurechtfinde.« - »Ich höre zum ersten Mal, dass Sie in Amerika waren, Herr
Legationsrat.« - »Eine Vorahnung, was die Revolution uns bringen würde, trieb
mich schon bei ihrem Ausbruch dahin,« sagte Wandel mit einem Seufzer. »Wäre ich
doch nie zurückgekehrt! Man muss gestehen, die Revolution hat mehr und Tieferes
zerstört, als Königreiche und Fürstentümer.« - - »Vielleicht auch dem nur den
letzten Stoss gegeben, was längst in sich zerstört war,« sagte der Rat. - »Sehr
wahr! Eine tiefe Wahrheit, Herr Regierungsrat. Wenn ich der schlichten Sitten,
der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe, nicht bei den Landbewohnern allein,
auch in unserer Familie, wie sie traulich Abends unter den Lindenbäumen vor der
Tür des reinlichen holländischen Hauses sassen und ihren Tee tranken bei der
weissen Tonpfeife. Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte
Herrengeschlecht der Vansitter. Und als ich zurückkehrte -« »Vansitter!«
wiederholte Fuchsius, und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung Den
an, von dessen Lippen dieses Wort geflossen war. Wandel, der sich nicht aus
seiner Ruhe bringen liess, lächelte fein: »Ja, wie Ihnen wohl auch schwerlich
geheim blieb, gehöre ich zu dieser, leider nur zu ausgebreiteten Familie.« -
»Sie stammen aus Geldern?« - »Wo die Familie herstammt, darüber befragen Sie die
Heraldiker. Ja, ein grosser Teil von Geldern, Yssel, glaube ich doch sogar
mehrere der grösseren friesischen Inseln, gehörten zu den Besjetztümern dieser
alten sassischen Dynastien. Soll ich etwa stolz darauf sein? Von der
Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Vansitter in Kopenhagen, und
dies reiche Handlungshaus, welches vermutlich Ihre Notiznahme veranlasst, ist
schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen. Sic transit
gloria mundi, mein Herr Regierungsrat. Die echten Abkömmlinge der Vansitter
sind über die Erde zerstreut, wie Ihre Becker und Schulzen. Der Zweig, dem ich
angehörte, war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark
übergesiedelt, aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der grossen Firma bin ich
nicht im Stande Ihnen anzugeben, denn schon mein Gross-Oheim, der Gouverneur von
Surinam, äusserte lachend: wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe, würde
Gott im Himmel selbst seine Mühe haben, sie wieder zu rangiren und Jeden an
seinen Platz zu stellen. Ehe ich nach Amerika ging, hatte allerdings mein Vater
mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern,
Wandel, von entfernten Vettern wieder erstanden. Aber lassen Sie mich davon
schweigen, wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand. Nach der Schlacht von
Gemappes war's geplündert, ecrasirt, die Särge meiner Vorfahren - doch genug
davon! Dennoch fand ich mich bewogen, wieder den Namen Wandel anzunehmen, mit
welchem Recht, das interessirt Sie nicht - aber beruhigen Sie sich, ich hätte
nötigenfalls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen, -
aber das Motiv können Sie sich leicht denken. Nicht wegen des Vansitter, der von
den holländischen Patrioten gehängt war, angeblich als preussischer Spion - der
politischen Sphäre war ich längst fremd - aber ein anderer Vansitter hatte ja, -
wars in Brüssel oder Brügge, die famose Entführungsgeschichte in der Familie
Bruckerode - selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die
Zeitungen mit diesen saubern Familienerinnerungen. A propos, weiss man gar nicht,
was aus diesem, meinem unglücklichen Vetter geworden ist?«
    »Wer weiss von allen Opfern, die im Strudel der Revolution untergingen!« -
»Desto besser für ihn. Ich hörte einmal dunkel, er sei mit Napoleon nach Egypten
gegangen, und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt
geschieden. Wie dem sei, er hat seine Torheiten oder seine Vergehungen gebüsst,
und so wenig ich auf meine altaristokratische Abkunft stolz bin, fühle ich mich
verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien. Wir Alle, mein
teuerster Regierungsrat, leben noch für die Gegenwart. Ihr und uns gehören wir
an; ein Tor, wer weiter hinaus will, und nun, Excus für die Abschweifung, zu
unserer unglücklichen Geheimrätin zurück. - Hat sie wirklich noch nichts
eingestanden?« - »So nehmen Sie an, dass sie etwas einzugestehen hat?«
    Wandel war aufgestanden. Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu
pressen: »Ja, wie die Dinge stehen, kann ich einer Vermutung mich nicht
erwehren. Und - offenherzig - kann man ein notorisches Faktum bestreiten? Sie
hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen; sie hat
sie dort bewirtet mit Kaffee und Kuchen: sie selbst bereitete den Kaffee, sie
hatte den Zucker mitgebracht, den Kuchen zu Haus gebacken. Die Lehrer und
Hunderte von Zeugen standen umher und sahen -« »Dass drei oder vier Kinder unwohl
wurden und nach Hause gefahren werden mussten, weil sie sich den Magen überladen
hatten. Alle sind wieder hergestellt. Das ist ein leeres Stadtgeschwätz.« -
»Gott sei Dank! Aber, unter uns, wir Beide waren im vorigen Jahre selbst Zeugen
von der plötzlichen, unerwarteten gefährlichen Erkrankung der Kinder ihres
Schwagers -« »Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte.« -
»Das konnte sein, Herr Regierungsrat. Aber in Verbindung mit jenem
nachfolgenden Faktum gewann die Sache für mich - ja, vor dem Richter ist es
Pflicht, die innerste Ueberzeugung auszusprechen - sie gewann dadurch ein mehr
als bedenkliches Ansehen.« Fuchsius blickte ihn verwundert an.
    »Mein Herr Regierungsrat, Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat
eine Bedeutung, die wir mit unserer Philosophie nicht lösen. Erklären Sie mir
den Instinkt der Kinder, der vielen jungen Mädchen, die ohne allen Grund, ohne
ein denkbares Interesse, nur einem dunklen Triebe folgend, Feuer anlegen. Wie
viele ähnliche, grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller
Völker, von sonderbaren Gelüsten, die zum Verbrechen, zur entsetzlichsten
Atrocität sonst gut geartete Seelen antreiben. - Die Lupinus hat keine Kinder,
ich weiss, wie der Mangel, die Sehnsucht danach auf Seiten ihres Gemüts hämmert.
Sie springt Nachts aus dem Bette, wandelt umher, die Leuchter in der Hand - so
sagten mir wenigstens ihre Kammermädchen - sie sucht an den Wänden und ruft: wo
sind meine Kinder! Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der
Gegensätze. War der Prozess so undenkbar, dass sie plötzlich das tödtlich hasste,
was sie liebte und entbehrte, dass sie die glücklichern Eltern, die sie
beneidete, verfolgte! Es ist ein schauerliches Geheimnis der Natur, eine
Exception von der Regel, aber diese ganze Frau ist eine Anomalie. Angenommen
dies, konnte ich sie nicht verteidigen, vielleicht nicht mal entschuldigen,
aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre Tat glauben und sie doch
nicht verdammen.«
    »Ich kann Ihnen die Beruhigung geben,« sagte Fuchsius, »dass so wenig als die
Schulkinder in den Zelten durch Kaffee, die der Lupinus durch die Chokolade
vergiftet sind.«
    Wandel richtete sich auf, ein tiefer Atemzug schien ihn zu erleichtern und
sein Gesicht klärte sich auf. Ehe Fuchsius sich dessen versah, fühlte er sich
embrassirt: »Mein teuerster - Sie edler Mann, Ihr Wort ist Leben. Es hat eine
Last, eine Angst, eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewälzt. Sie war
rein, ich bin der Sünder, der das für möglich hielt, der mit seinem heillosen
Argwohn - o Gott, ich weiss nicht, was ich rede - Dank, tausend Mal Dank, sie ist
gerettet -« »Gemach, mein Herr!« - »Sie ist für mich gerettet. Um das Uebrige
kümmere ich mich nicht.« - »Es bleibt, dünkt mich, noch viel übrig.« - »Das
Andre, ich bitte Sie - nicht wahr, sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet
haben, und ihren Mann mit Bücherstaub, und ein Attentat mit Trüffelwürsten, die
sie ihrem Schwager Lupinus schickte. Erlauben Sie mir, dass ich darüber lache.
Nach einer so ernstaften Stunde fühlt man zuweilen das Bedürfnis. Nun
inquiriren Sie, Liebster, so viel Sie wollen, wenn Sie mir nur sagen, sie hat
keine Kinder vergiftet -« »Das sagte ich nicht unbedingt.« - »Bedingt oder
unbedingt, mir gleich viel.« - »Man hat eine Substanz gefunden -« »Die wie
Arsenik aussieht. Liebster Fuchsius, ich will Ihnen etwas zugeben, ich will sehr
viel zugeben, es ist Arsenik. O es ist zum Todtlachen! In den Bücherstaub soll
sie ihn gemischt haben! Nicht wahr? Da muss sie ihn vorher im Mörser stampfen,
reiben, ausschütten, in ein Behältnis, eine Schachtel füllen, damit gar nichts
vorbeifällt; dann muss sie es in eine Streusandbüchse tun und nun in die Stube
schütten, schwenken, sprengen. Erlauben Sie mir, wenn das die Frau vermochte,
ohne sich selbst zu vergiften, verdiente sie ein Prämium der Akademieen.«
    »Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist untersucht und Hermbstädt hat
Arsenik darin gefunden.«
    »Der gute Hermbstädt! Verstehen Sie mich recht, ich zweifle gar nicht daran,
ich wundre mich nur, dass Hermbstädt ihn gefunden hat. Ich will ihn finden, wo
Sie wollen: da hier im alten Lederrücken des Stuhls, in Ihren Pantoffeln,
Arsenik ist überall, selbst in Ihrem Blute. Es kommt nur darauf an, ihn zu
sekretiren. Da rufen Sie mich, Teuerster, wenn Sie die Untersuchung nicht
aufgeben, und Sie sollen das Wunder sehen, aus seinen schweinsledernen Folianten
will ich, vor Ihren Augen, so viel Arsenikstaub entwickeln, um das ganze
Kammergericht vom Präsidenten bis zum letzten Nuntius, damit zu vergeben. Da
würden manche Leute triumphiren, die immer gesagt, dass in den Büchern Gift
steckt! - Au revoir!«
    »Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz. Wie
erklären Sie das?«
    Wandel verbeugte sich: »Gar nicht; wo das Märchen anfängt, kriecht die
Vernunft in ihr Schneckenhaus. Wenn der Märchendichter ein Motiv erfindet, warum
die Lupinus ihren Hausknecht vergiften musste, um ihn los zu werden, wo es ganz
einfach bei ihr stand, ihn fortzujagen, wenn er ihr nicht mehr gefiel, wird er
auch ein Motiv dafür finden, warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner
Trüffelwürste servirte. Mein Verstand steht still, ich weiss aus dem Märchen
keine andere Moral zu ziehen, als dass ein Hausknecht von einer Geheimrätin sich
nicht mit Trüffelwürsten muss traktiren lassen.«
    Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drückte jetzt dem Rat die
Hand.
    »Wohin so eilig?« - »Zu meinem alten Geschäftsfreunde, dem unglücklichen van
Asten.« - »Es kam ja noch nicht zum Äussersten. Der Wein lagert in Stettin. Bis
der Konkurs regulirt ist, finden sich doch vielleicht Abnehmer.«
    »Wer redet davon! - Sein Sohn, sein einziger Sohn könnte ihn retten, wenn er
das Mündel des Alten heiratet. Sechszigtausend - nein, mit den Zinsen müssen es
jetzt achtzigtausend Taler sein, und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches,
sittsames Mädchen, er hat nichts gegen sie einzuwenden, er bekäme eine
vortreffliche Hausfrau, aber - der junge Mann denkt höher hinaus, sie ist ihm
nicht ästetisch genug, er hat dem Vater erklärt, betteln wolle er für ihn, nur
könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht tödten, das wäre Selbstmord an
seiner Bestimmung, er gehöre nicht sich allein an, es gebe höhere Pflichten, und
was der sentimentalen Redensarten mehr sind. Ich sah eine Träne im Auge des
Alten, als er es erzählte. Und um dieser Tiraden und Sentiments willen lässt der
junge Herr, der als ein Muster von Tugend verschrieen ist, den würdigen alten
Mann, seinen Vater - ruiniren. Und das loben noch Einige, er hat doch seinen
Gefühlen gehorcht! - O Menschen!«
    Als der Legationsrat hinaus war sprach Herr von Fuchsius: »Sollte ich mich
doch getäuscht haben?« Aber der Legationsrat trat wieder ein, ohne anzuklopfen;
ja in seiner Aufregung vergass er, den Hut abzuziehen. »Sie fanden ein Residuum
von Arsenik im Magen des Menschen, des Bedienten oder Hausknechts?« -
»Unzweifelhaftes Arsenikpräparat«
    Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn, der Hut flog ab, er selbst sank
auf einen Stuhl, einige Minuten sprachlos: »Dann bin ich sein Mörder - ich
verschulde indirekt seinen Tod - ich gab den Ratschlag.« - »Erklären Sie sich
deutlicher, wenn ich bitten darf. Es ist vermutlich nur eine Phantasie.« -
»Nein, Wahrheit! Der Mensch litt an einem perennirenden kalten Fieber. - Die
Aerzte hatten es nicht erkannt, getäuscht durch zufällige Symptome. Heim macht
jetzt Versuche, das Wechselfieber mit Arsenik zu kuriren. Er wendet es bei
Unbemittelten an, seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so
enorm aufschlug. Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen
Kur. - Jetzt entsinne ich mich, die Lupinus hörte mit besonderer Aufmerksamkeit
zu - dieser Blick, den ich damals nicht verstand! - Ihre Wissbegierde, ihre
unselige Lust, alles Gewagte zu versuchen - o arme Freundin, jetzt wird mir
Alles klar, und ich - Dein Mörder! Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen; Sie
haben ja ein vollständiges Bekenntnis!« sprach der Legationsrat aufstehend.
    Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen; aber als er jetzt hinaus war, um
nicht wiederzukehren, sagte der Regierungsrat: »So kann man sich in einem
Menschen täuschen. Das ist der Fluch der vorgefassten Meinungen.«
 
                              Achtzigstes Kapitel.
                              Verschlungene Hände.
Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet, wissen wir nicht,
aber einige Stunden, nachdem wir sie verlassen, finden wir sie schon in
vollständiger Morgentoilette, wie sie mit einiger Verwunderung die Meldung eines
Besuches anhört. Der Besuch ward angenommen und der Gesandte, Herr von Laforest,
erschien im Zimmer, um bald darauf im Fauteuil ihr gegenüber zu sitzen. Die
Fürstin hatte diese - Aufmerksamkeit, wie sie sagte, nicht erwartet. »Die
Scheidestunde ist so ernst, dass man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln
wegsieht,« setzte sie hinzu. »Warum ernster, Fürstin, als jede andere Trennung?«
- »Weil es eine auf immer ist.« - »Das Wort immer und ewig ist, dünkt mich, aus
dem Lexikon der Diplomatie gestrichen. Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten.
In der Ausgabe, die ins Publikum kommt, ist es freilich dick unterstrichen; wir
schliessen immer ewige Verträge. Die Formeln aber dürfen wir nicht aus dem Auge
lassen, sie sind die ewigen Fäden, an denen ein zerrissenes Gewebe wieder
zusammengeknüpft wird. Man muss auch mit dem Teufel höflich sein, weil man nie
weiss, ob man nicht seine Allianz einmal braucht« - »Sie können unmöglich
glauben, dass man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet.« - »Mit Diesen hier?
Nein. Gott sei Dank, die Saat ist reif, zur Ernte, und die Sicheln geschliffen;
für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben. Preussen hat uns
viel, sehr viel Geld gekostet. Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen
müssen, auch wenn es darüber drauf geht.« - »Ihre Assurance lass' ich auf sich
beruhen, aber wir sind Preussens Alliirte.«
    Laforest fixirte sie lächelnd: »Ist der starke Mann, der einen Knaben hinter
sich aufs Pferd nimmt, weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet, der
Alliirte desselben? Eigentlich ist's ein Zwerg, der sich an die Croupe des
Riesen klammert.« - »Durch zehn Jahre hat das grosse Frankreich unter allen
seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt.« - »Um so
verdriesslicher sind wir gestimmt, und um so schärfer wird die Züchtigung
ausfallen.« - »Wenn der Riese es zugibt!« - »Das ist der Punkt, Prinzessin. Wir
müssen uns darüber klar werden. Der Zwerg hinten auf der Croupe wird auf die
Länge dem Reiter eine lästige Zugabe, er hindert ihn in seiner freien Bewegung
und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken. Wenn man ihn vor aller
Welt aufhob, und von seiner Grossmut ein Fait machte, kann man ihn nicht immer
ohne Weiteres wieder in den Staub setzen.« - »Lassen wir die Gleichnisse. Sie
sind merveillös in Ihrer Zuversicht auf Sieg.« - »Mein Kaiser schlägt nur los,
wenn er ihn schon in Händen hat.« - »Das kontrastirt furchtbar gegen den Glauben
hier.« - »Desto besser. Seit Friedrichs Auge erlosch, sieht man hier durch eine
Brille, die ihnen immer das Gegenteil von dem zeigt, wie die Dinge sind. Eine
wahre Wohltat der Vorsehung. Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehen!
Den Lauf der Gestirne berechnen Andere.« - »Sie gefallen sich heute in
Paradoxieen.«
    »Ohne alle Gleichnisse, Prinzessin, und aufrichtig, Gedanke gegen Gedanke!
Wenn grosse Mächte über grosse Fragen miteinander in Streit liegen, so ist die
Einmischung der kleinen immer verdriesslich. Was haben sie in die Wagschale zu
legen, wo Kraft, Wille, Genie auf beiden Seiten stehen?« - »Wo das Zünglein der
Wage hin und her schwankt, dünkt mich, gibt grade ein kleines Gewicht den
Ausschlag.« - »Das bestreite ich. In der Teorie mag es richtig sein, in der
Praxis grundfalsch. Bundesgenossen bringen Prätensionen mit, und beschweren, und
hemmen die Macht, die zu entscheiden hat. Wodurch siegte Friedrich? Weil er
keine Bagage von Alliirten hatte, weil er immer frei handeln konnte. Wodurch ist
dies deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation, das ehedem die
Welterrschaft prätendirte, untergegangen? Weil seine Kaiser nie frei handeln
konnten; an den Rücksichten, die sie allen möglichen Berechtigungen in dem
bunten Reiche gewähren mussten. Oesterreich verblutet, England lassen wir auf
seinem Brett im Meer Rule Britannia singen, die Frage steht nur noch zwischen
Frankreich und Russland. Ich bin wenigstens des Glaubens, dass Russlands grosse
Staatsmänner die Sache so ins Auge fassen. Es ist der Kampf um die Herrschaft
auf dem Continent zwischen dem Occident und dem Orient. Was soll, was hat da
mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen, die Bagatelle Preussens?«
    »Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede. Sie ruft unsern Beistand an,
wir gewähren ihn ihr. Alexander lässt marschiren. Herr von Laforest. Möge Ihr
Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoss bereit sein, als - Sie denken.« - »Wir
sind bereit und - freuen uns darauf, denn endlich muss es doch entschieden
werden, wem zwischen zwei gleich grossen Spielern das Schachbrett gehört. Aber
das ist ein Kampf, der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird. Jetzt räumen
wir nur das Feld von kleinen Mitspielern, unnützen Ratgebern; es könnte
eigentlich beiden Grossmächten gleichgültig sein, welche es über sich nimmt,
diese Parteigänger fortzukehren, denn Beide haben den Vorteil, wenn das Feld
frei wird. Ihre Armeen können sich entwickeln. Und« - setzte er aufstehend hinzu
- »sie können ihre ganze Stärke zeigen, sie kämpfen nicht für einen Vorwand, sie
kämpfen für sich - wer weiss, ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt, ob
beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden über die Teilung der Erde zu
verständigen wissen.«
    »Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume, Herr von Laforest!« sprach die
Fürstin. »Mit dem Ossian konnten Sie diese hier nicht beschwatzen; uns in
Russland -« »Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen. Die
Welt bedarf der Autorität. Ein Stempel der Kraft muss den Völkern wieder
aufgedrückt werden, damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand
durcheinander treiben. In Frankreich hat sein Fuss die Jakobiner zertreten, er
hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt, er ist des
Willens, sie auch den Völkern wieder aufzudrücken, wenn - wenn nicht, die seine
Bundesgenossen darin sein sollten, mit dem gemeinschaftlichen Feind
gemeinschaftliche Sache machen.«
    Die Fürstin blickte ihn scharf an. Sie war verwundert, sie wollte mehr
hören. Der Mund schien, halb geöffnet, als ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aber
er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung, während
Laforest fortfuhr: »Ist dies Preussen nicht das wahrhafte Wespennest der
Sektirer, Illuminaten, wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden, Laiche
und Brut zu neuen Revolutionen? Und das Schlimmste, sie wurden von oben
unterstützt, oder gingen von oben aus; die Philosophen lässt man Systeme bauen,
man schmeichelt ihnen, ruft sie in den Staatsdienst, und was man niedertreten
und ausrotten sollte, begiesst man noch! Können wir, nach solchen Erfahrungen,
uns noch täuschen, wie weit diese Systeme tragen, wie sie das Blut vergiften,
den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben, wo jeder dürftige
Verstand sich anmasst, selbst Alles von vorn an zu prüfen, bis in den Grund der
Dinge hinein! Täuschen wir uns auch darüber nicht, dass die Könige von Preussen
noch die Macht hätten, wenn sie wollten, das Unkraut auszujäten. Wir sahen ja,
wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen misslang. Es hat sich so eingefressen
in den fruchtbaren Boden, dass es den Weizen nicht mehr aufkommen lässt; ja, man
wird noch oft Versuche machen, aber ich besorge, immer vergebens. Was hat selbst
in Oesterreich das kurze Beispiel Josephs geschadet; nun bedenken Sie, was und
wie tief eine sechsundvierzigjährige Regierung, und eines Friedrich, das Blut
des Volkes vergiften musste! Voran dem Reigen ging, um das Mass voll zu machen,
sogar eine philosophische Königin! Es ist in der Nation zur Tradition geworden,
dass die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht, und sie hat,
meines Dafürhaltens, darin nicht so ganz Unrecht. Darum, Prinzessin, darf dieser
Staat keine Macht bleiben, oder wird der Funke zu einem Brande für alle Staaten.
Und welche Verpflichtungen haben denn die alten Mächtigen, in ihrer Mitte einen
Emporkömmling zu dulden, der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet, und sich
zuweilen die Miene gibt, sie zu verachten; stand er nicht jetzt eben noch, es
war unerhört, wie der Minos da, und masste sich an, zwischen den Kombattanten
über Europa's Schicksal zu richten?«
    Die Gargazin war ihm mit gespannter, dann, wie es schien, gesättigter
Aufmerksamkeit gefolgt: »Herr von Laforest überraschen mich. Wer hätte das
vermutet. Auch Ihr Kaiser will, als ein neuer Sankt Georg, den Drachen des
Unglaubens zertreten! Seit wann ging diese remarquable Veränderung in Sr.
Majestät vor?«
    »Können Sie mit Spott das Einmaleins umändern, oder einen matematischen
Lehrsatz umstossen? Der Satz heisst in diesem Falle: er folgt den Maximen, die er
zu seiner Selbsterhaltung für notwendig hält. Seine Pläne gehen tiefer, als Sie
glauben. Von wo entspringt alles das Unheil, an dem die Völker leiden? Aus den
Beispielen, die wir unvorsichtig aus dem Altertum holten, aus der
unverständigen Anwendung der Begriffe, die damals galten, auf die Verhältnisse
von heut. Schon lange geht er mit dem Projekt um, das Studium der Klassiker von
den Schulen zu verbannen. Das, was uns nützlich ist, soll daraus übersetzt
werden, eine Uebersetzung unter dem Stempel der Autorität; mit dem anderen
klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift. Stimmte dies nicht mit den
Ansichten meiner erlauchten Frau? Ihre Kirche gibt aus der Bibel dem Volke nur,
was sie für gut hält. Napoleon will dasselbe, das Heidentum will er verbannen.
Mich dünkt, da gehen wir noch Hand in Hand. Er hat die Pariser Universität zum
Instrumente seiner Macht umgeschaffen. Sind wir da nicht auch einig? Er will
nicht, dass, wie in Deutschland, so viel Lehrstühle sind, so viel Irrlehren der
Jugend gepredigt werden. Der Staat soll eine Lehre prüfen, als gut und richtig
approbiren, und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden. Stimmen wir
darin nicht? Er hasst die Ideologie, weil sie den Menschen vom Praktischen und
Notwendigen entfernt, weil sie ewig an der Autorität rüttelt, Stolz,
Ueberhebung, Schwärmer hervorruft. Will Ihre Kirche die? darf der Staat des
grossen Czaren sie dulden? Deutschland ging daran unter. Preussen schmeichelt
ihnen, weil die ganze Nation aus Ideologen besteht. Darum nennt mein Kaiser sie
die Jakobiner des Nordens. Mich dünkt, eins der treffendsten Worte, die aus
seinem Kopf entsprangen.«
    »Und was ist der langen Rede kurzer Sinn?« - »Das nur andeuten wollen, wäre
Vermessenheit, wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und -
Fürstin Gargazin das, was einschlägt, ihm anraten wird.« - »Was aber würden Sie
an meiner Statt meinem Kaiser raten? Versetzen Sie sich einmal in meine
Stelle.« - »Fürs Erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen, wie sie's
verdienen. Wer den heissen Brei angerichtet, kann ihn aufessen. Ihnen ihren
Willen gelassen! - Sie lächeln, das wäre gut französisch geraten, und so
arglistig dumm, dass es eigentlich eine Beleidigung sei, einer Fürstin Gargazin
es ins Gesicht zu sagen. - Erlauben Sie mir die Bemerkung, es ist nicht so ganz
dumm. Buxhövden hat in Riga den Befehl, zu rüsten. Vergönnen Sie mir auch, zu
bemerken, der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen, viel zu spät. Ich tadle
darum Ihre Staatsmänner nicht, denn konnten sie wissen, dass es hier endlich
Ernst, dass man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde? Eine
Mobilmachung kostet viel Geld; man tut es doch nicht immer bloss zum Vergnügen,
besonders dann nicht, wenn eine ernstafte, grosse Rüstung uns bevorsteht. Für
die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte. Nun rüstet Buxhövden. Es ist
jetzt Anfang Oktober. Bis spätestens Ende Oktober stossen die preussischen und
französischen Heere auf einander; irgendwo im Herzen von Deutschland, geht es
nach den Feuerköpfen hier, so weit wie möglich nach dem Rheine zu. Nun bitte ich
Sie, wie viel Truppen kann der wackere Buxhövden bis dahin disponibel machen,
bis dahin durch Kurland, Litauen, Preussen, Pommern, Brandenburg, durch
unwegsame Sandsteppen, aufgewühlte Wege, dem Gros der Preussen nachschicken? Ich
will das Höchste annehmen, dass dreissigtausend Mann in forcirten Märschen bis zum
Entscheidungstage die Preussen erreichen, dass sie dieselben noch nicht geschlagen
finden: würden diese dreissigtausend abgematteten Krieger, aus Complaisance auf
die Schlachtbank geführt, das Schicksal ändern? Sie würden mit den Preussen
aufgerollt, vernichtet. Und gesetzt, die Preussen siegten, wie viel Brosamen Ehre
würden die Bramarbasse dem russischen Succurs zukommen lassen? - Russland wäre
noch einmal moralisch geschlagen, ohne geschlagen zu haben. - Nein, erlauchte
Frau, ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmänner, und spreche
zugleich im Stolz eines Franzosen, wenn ich sie sagen lasse: Russland ist es sich
selbst schuldig, nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten
zu kämpfen, es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für Andere, es
ist Pflicht seiner Ehre, Gehorsam gegen seine Machtstellung, seine ganze Macht
zusammenzuhalten, um sie für sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwälzen, wenn
- die Zeit kam.«
    »Nachdem die preussische Armee vernichtet ist!« - »Die wird es ohnedies. In
ihrem Dünkel wollen es die Herren, die den König zum Kriege zwingen, auf einen
Schlag ankommen lassen. Durch einen Effektstreich soll wieder gut gemacht
werden, was so lange Jahre durch versäumt ist. Sind sie besiegt, so ist Preussen
zertrümmert, das Land liegt vor uns, eine offene Beute.« -
    »Und Russland, das zusieht?« - »Behält die Kraft, auf einen Feind sich zu
stürzen, der zwar Sieger ist, aber blutet. Denn auf einen verzweifelten
Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preussen sind wir gefasst. Was dann
weiter, steht im Rat der Götter, aber ich meine, dass Kaiser Alexander, an der
Spitze seines Reiches, soutenirt von seiner Grenze, ein Wort darin mitsprechen
wird, das nicht verhallen kann. Wo zwei Gleiche sich gegenüberstehen, ist aber
Zeit zum Verhandeln.«
    »Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen, dass Preussen keine Staatsmänner hat,
wie Herrn von Laforest.«
    »Und ich Russland Glück wünschen, dass sein Czar eine Freundin hat, deren
hellerem Blick er traut. Unter uns, Napoleon hat keine solche Freundin, er
glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen. Er traut
nur auf sich. Das ist - ein Unglück, denn über aller menschlichen Weisheit
schwebt doch ein Etwas - was wir mit dem Verstande nicht ergründen. - Gleichviel
nun, ob Sie Buxhövden die Regimenter, die er zusammentreibt, marschiren lassen,
oder ihn freundlich warnen, dass er die Dinge sich vorher ansieht, dass er mehr an
Russlands Ansehen denke, als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders
für Friedrich Wilhelm - das, teuerste Frau, sind Bagatellen - so oder so, ein
höherer Wille lenkt dennoch Alles, und - ich denke, unser Abschied ist nicht auf
lange, wir sehen uns bald unter andern Verhältnissen wieder.« -
    An der Tür war der Gesandte noch einmal umgekehrt, und zog ein gedrucktes
Blatt aus der Brusttasche: »A propos, Prinzessin, Sie kennen vermutlich das
noch nicht. Ein Korrekturabzug, durch Zufall mir in die Hände geraten, ein
Avantcoureur des kommenden Manifestes, in die Erfurter Zeitung gestreut.
Bemerken Sie den Passus!«
    Die Fürstin überflog das Blatt: »Nicht bloss Preussen, die deutsche Nation
sollte, ihrer Selbstständigkeit beraubt, aus der Reihe unabhängiger Völker
gestossen, einer fremden Souverainetät untergeordnet werden. Diesem Schlage, dem
schrecklichsten, der Deutschland noch treffen könnte, zu begegnen, ehe es zu
spät ist, dieses ist, nach glaubwürdigen Nachrichten, der einzige Zweck von
Preussens gegenwärtiger Rüstung.«
    »Qu'en dites-vous, Madame? Preussen rüstet nicht für sich, sondern für die
deutsche Nation! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre, könnten Andere als wir
vor den Konsequenzen erschrecken. Aber ich hoffe, man wird weder in der Hofburg
zu Wien blass werden, noch in Sanct Petersburg rot, noch wird mein Kaiser
fragen: wer in aller Welt gab denn Preussen die Vollmacht für die deutsche
Nation? Denn in Wien, Petersburg und Paris weiss man, dass Phrasen tönender Wind
sind. Nicht wahr? Aber ein wenig Achtung gibt man doch, wenn die Kinder in
Phrasen zu sprechen anfangen, die sie freilich gelernt haben, aber man fragt
doch: von wem?«
    Der französische Gesandte, Herr von Laforest, war längst in seinem Wagen
fortgerollt. »Und doch betrügt er mich nur!« war das Ende eines langen
Selbstgespräches, aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien.
»Aber man lässt sich zuweilen gern betrügen.« Sie setzte sich an ihren Sekretär,
und schrieb hastig. Das Billet auf Rosenpapier mit der Aufschrift: »An den
Legationsrat, Herrn von Wandel,« ward einem Diener übergeben, mit dem Befehl,
auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen. Die Antwort liess doch
eine Stunde auf sich warten, welche für die Prinzessin in sichtlicher Spannung
verging. Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt, aber Alles,
was sie angefangen, gefiel ihr nicht, sie zerriss es wieder. »Es geht nicht
schriftlich,« sprach sie. »Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden
gebracht werden.« Endlich kam Wandels Antwort. Sie lautete:
    »Die ehrenvolle Mission, welche Fürstin Gargazin mir zugedacht, wie sie auch
laute, ist mir der sicherste Beweis für das, was mein Herz mir sagt, dass es eine
Selbsttäuschung war, als ich einen Moment glaubte, dass sie im Zorn von mir
scheiden wollte. Eine Heilige kann nicht zürnen.
    Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, dass ich dem Rufe nicht folgen kann.
Meine Verhältnisse, meine Ehre gebieten mir, hier zu bleiben. Die Dame, um deren
Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreissen liess,
vergessen, und die Gerüchte, die man über eine Entzweiung aussprengt, selbst
widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die
Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere
Sphäre anweisen, so fühle ich doch nur zu sehr, dass der Mensch, der immer in
weiteren Peripherieen sein Glück sucht, so oft das übersieht, was ihm zunächst
liegt, und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstiess. Meine physikalischen
und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, dass ich in der
Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde, welche dem Lande, dem ich fortan
gehören will, von, wenn auch nur geringem, doch von Nutzen sein werden. Lächelt
Fürstin Gargazin darüber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den
Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt.
    Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heiligste Pflicht mich
fesselte. Jene Aussichten bei Seite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur
eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst teuer war, gegen
die Barbarei der Gesetze zu schützen. Ja, ihr gehört mein Leben.
    Urteilen Sie über mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was
seiner Wohltäterin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Fürstin Gargazin
verdankt
                                                          Ihr untertänigster -«
    Die Fürstin zerriss mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine
Stücke: »Nun muss ich selbst -« In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr
ihr Reisewagen, mit vier Courierpferden vorgespannt, aus dem Tore von Berlin.
Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Höhe draussen wandte sie
sich noch einmal um: »Lebe wohl, Babel! du und dein Reich sollen vergehen!«
 
                           Einundachtzigstes Kapitel.
                       Sie sind die Puten von Excellenz.
In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen
Oktobernachmittage eine ungewöhnlich grosse Zahl von Gästen versammelt. Jene
Zeit, wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüber standen,
als es später der Fall war, hatte doch den Vorzug, oder, wenn man es nicht so
nennen will, sie bot für das gesellige Leben den Vorteil, dass die öffentlichen
Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren, dass die
Anwesenheit von im Leben niedriger Gestellten die höher Gestellten abhielt, auch
ihr Vergnügen zu suchen. Wo der Handwerksbursch Kegel schob, konnte auch der
höhere Bürgerstand mit Ehren Weissbier trinken; Beider Gegenwart schreckte sogar
den Königlichen Staatsbeamten und - was mehr sagen will - den Offizier nicht ab,
seine Pfeife zu rauchen. Wenn auch der Respekt die Stände nicht an denselben
Tischen vereinigte, wie es im glücklicheren Süden der Fall ist, so war doch
Gottes freier Himmel, die bretternen Lauben und der schmucklose Saal, wenn es
regnete, für Alle ein gleiches Asyl, wenn sie aus dem Staub und Geräusch der
Stadt sich retten wollten.
    Zwar dem Staub und dem Geräusch waren Diese hier nicht entflohen, denn der
Garten lag an der Landstrasse und auf derselben wälzten sich vom frühen Morgen an
die Züge der ausmarschirenden Truppen. Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken
bis mitten in die grosse Stadt, und die dicke Lyciumhecke, welche den erhöhten
Garten wie eine Mauer von der Strasse trennte, lag in einem braungrauen
Puderkleide, welches nichts mehr von dem ursprünglichen Grün zum Vorschein
kommen liess. Auch gaben sich die Mägde und die Gäste gar nicht mehr Mühe, den
dicken Staub von den Tischen abzuwischen, und empfahlen nur, die Porzellandeckel
sorgsam wieder auf die Weissbiergläser zu stülpen. Gegen Staub, meinten die
Herren, sei der Tabaksdampf die beste Waffe. Man war ja zu Staub und Geräusch
gekommen, und von den offenen Balkonen oder Estraden an der Hecke konnte man den
braven Kriegern, die zum Tod für König und Vaterland auszogen, ein Lebewohl
rufen, man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen
frischen Trunk auf den Weg - den schon von der Sonne Gebräunten; denn wie weit
her waren die Meisten marschirt und wie lange hatten sie auf den Sammelplätzen
stehen müssen, ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte. Wie die Lyciumhecke, Alle
vom Staub gepudert, vom Blau ihres Rockes, vom schönen weissen Mehl ihrer Locken
war nichts mehr zu sehen. Aber die Spontons und Bajonette funkelten in der
Sonne, die Federbüsche schüttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und
- Alle sangen. Ohne Gesang kein deutscher Soldat. Die Disciplin kann Alles; das
Singen wagt sie nicht zu verbieten. Lieder waren es, die kein Dichter für sie
gedichtet, am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tytäus; von
den Zeiten des dreissigjährigen Krieges, der Landsknechte, ja noch weiter hinauf,
sie machten sich ihre Lieder selbst, oder die Luft hauchte sie ihnen zu. Einige
aus alter Zeit vom Scheiden und Meiden, von frühem Tod und Morgenrot, von
grüner Erde und Lindenbäumen, klangen wohl noch wie das Wehen eines
Frühlingshauches durch Blütenwipfel, aber sie klangen selten. Der Soldat auf
dem Marsche sehnt sich nach »cannibalischem Wohlsein.« Wenn Einer die
Tabaksfreude anstimmt, den Krambambuli, das von den Müllersäcken und
Müllermädeln, da stimmte der ganze Chorus ein; Lieder sind es, welche der
Schrift nicht angehören, aber sie leben, schon viele Jahrhunderte, und wollen
auch wohl noch Jahrhunderte leben.
    Daher mochte der Leiermann im Garten, so er wollte, seine Ballade anheben,
die ein patriotischer Poet, um der Begeisterung aufzuhelfen, gedichtet, und die
etwa anfing:
Grad fünfzig Jahre sind es her,
Da zog der grosse König aus
Und hinter ihm sein mutig Heer,
Den Feinden all zu Schreck und Graus.
Die Militärs hörten gar nicht, die Bürger nur halb zu, trotz dem, dass jeder Vers
eine Schlacht des alten Fritz illustrirte, von Mollwitz bis Torgau. Wenn aber
die Füsiliere: »Ein Schifflein seh ich fahren« anstimmten, war Alles Aug' und
Ohr und die Zuschauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit gekreischten
Verse mitzusingen:
Wie kommen die Soldaten in den Himmel?
Kapitän und Lieutenant, auf einem weissen Schimmel,
Da reiten die Soldaten in den Himmel.
Kapitän und Lieutenant, Fähndrich, Sergeant,
Nimm das Mädel, nimm das Mädel bei der Hand,
Soldaten, Kameraden, Soldaten Kameraden!
Wie kommen die Offiziere in die Höllen?
Kapitän und Lieutenant, auf einem schwarzen Fohlen,
Da wird sie der Teufel schon alle holen.
Kapitän, Lieutenant, Fähnderich, Sergeant,
Nimm das Mädel u.s.w.
    Es sassen viele Offiziere, darunter sehr vornehme, auf den Estraden, den
Scheidegruss ihren Kameraden zu geben, den sie morgen von den nach ihnen
Scheidenden empfangen wollten. Aber die ernste Wehmut, welche ernste
Scheidestunden hervorrufen, hättest du auf wenigen Gesichtern gefunden.
Plötzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt, und eine grelle Beckenmusik
schallte übertäubend aus dem Garten herauf - wie zur Freude Aller. Der General,
den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennen gelernt, und der jetzt auf
einen der grössern Balkone trat, hatte es im Vorübergehen so angeordnet.
    »Das war ja nicht mehr zum Aushalten,« sprach er zu den Offizieren, die sich
respektvoll erhoben. »Was soll das Krächzen! Wenn der Soldat ins Feld zieht, muss
er fidel gestimmt sein.« -
    Der General hielt auf seine Autorität und duldete keinen Widerspruch von
unten; nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch, weil er auch dahin auf seine
Autorität hielt. Er galt für streng, tyrannisch in seinen Launen, ja Einige
nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten, und von
brutalem Stolz gegen das Civil. Heut erschien er milder. War es der Anblick der
wohlgeordneten Kriegerscharen, war es die Assurance, mit diesem Heer zu siegen,
oder der Ernst, welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer
Schlacht bemeistert. »Weiss vielleicht Einer von den Herren,« unterbrach er das
Schweigen, »was aus dem Obristwachtmeister von Eisenhauch geworden? Nach
Oesterreich kam er voriges Jahr zu spät, die Campagne war vorüber. Demnächst
schrieb man, dass er aus Alteration gefährlich erkrankt sei. Es sollte mich doch
wundern, ob er sich nicht wieder bei uns einfindet, wenn es Ernst wird.«
    Auf die Frage wusste Niemand Bescheid; sie wussten eben so wenig, ob der
General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Offiziers hören wollte. Sie
schwiegen.
    »Meine Herren, er ist ein Genieoffizier von admirablen Kenntnissen, hat auch
manche vortreffliche Konceptionen. Ich gestehe Ihnen, einige waren wirklich
acceptabel, und es tat mir leid, als er den Abschied nahm. Verdachte es ihm
freilich nicht. Wollte nicht bloss Rat geben, drauf los, ins Feuer;
chevaleresque und von exemplarischer Conduite. Aber, offenherzig, es ist mir
heute doch lieb, dass er nicht bei uns blieb. Wir wären auf manche Vorschläge
eingegangen, wir hätten Vieles geändert. Vielleicht zum Guten - wer weiss es, wer
hat die Probe gemacht! Heute gereicht es mir nun zur Genugtuung, dass auch
nichts in unserm Armeewesen geändert ist. Wenn der grosse König aus den Wolken
blickte, sähe er seine Armee, wie er sie verliess, kein Knopf an den Kamaschen
mehr oder weniger. Und so soll und wird sie Bonaparte sehen. Meine Herren,
Attention! Das ist etwas, was wir nicht zu gering anschlagen dürfen. Er muss bei
dem Anblick gleichsam fühlen, dass er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts
sich schlagen soll. Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist, muss
dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen. In seinem Moniteur lässt er uns
Don Ouixoten nennen. Nun, wir wollen doch abwarten, wer Mühlenflügel und wer
Geister gesehen hat!«
    Man konnte aber jetzt kaum noch etwas sehen und noch weniger hören. Der
Staub war unerträglich geworden, zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockner
Regen nieder. Dazu war ein Toben, Peitschengeknall, ein Gewieher der Pferde und
ein Gekreisch der Trossknechte, dass die Kommandoworte nicht mehr durch das Gewirr
drangen. Was halfen die Flüche und Klingen der Offiziere, die auf den Rücken der
Säumigen fuchtelten, wo Alles stockte! Drei Batterieen hatten, nachdem die
Dragonerregimenter das Ihre getan, die Strasse in Grund und Boden aufgewühlt,
und jetzt, so weit das Auge vor und zurück sehen konnte, war sie mit
Bagagewagen, Fourgons, mit Kaleschen und Küchenwagen bedeckt. So breit der Weg,
hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren und grad am Garten war eine totale
Stockung eingetreten. Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung, aber in jeder
Ordnung gibt es Ausnahmen, und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte
Aristokraten, die auf Rang und Stand im Vorfahren unerbittlich halten. Wessen
Generals, Obristen oder Kapitäns eigne Wagen vorfahren wollen, und dadurch die
Verwirrung verursacht, war nicht mehr zu ermitteln; kurz, Räder, Deichseln, die
Pferde und ihre Geschirre waren in ein wüstes Knäul gedrängt, dass die
Campagnepferde der Offiziere dazwischen in Gefahr gerieten, und nicht Reiter
noch Fussgänger mehr hindurch konnten, um zu sehen, wo die Stockung anfing und
Abhülfe nötig war. Die kommandirten Aufseher und Offiziere mussten über die
Wagen wegklettern und springen, und wo sich auch das nicht tun liess, schwangen
sich Einzelne über die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel.
    Die Lyciumhecke war kein schirmender Wall mehr. Tische, Bänke und Estraden
wurden, weil Alles überstieg und durchbrach, verlassen, um doch gleich wieder
von Neugierigen besetzt zu werden. Eine Gefahr erschreckt nur im ersten
Augenblick, im nächsten erregt sie schon den Kitzel, es mit ihr zu versuchen.
Die rohe Wut, die Leidenschaften waren entfesselt. Manches Gesicht glühte auch
vom Branntewein, es konnte aus der Zänkerei ein Kampf werden. Die verschiedenen
Truppenteile haben immer gegen einander Eifersucht. Da warfen sich die
Feldkutscher vor, wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen; dort hechelten
sie sich über den Inhalt und die Grösse der Bagagewagen, und aus ihren
versteckten Winken - wo man diese Rücksicht noch beobachtete - erfuhr das
Publikum, dass mancher Offizier Dinge oder Gegenstände mitnahm, die eigentlich
nicht ins Feld gehören. Wer daran zweifelte, sah wohl vorn aus dem Rüstwagen ein
halbverhülltes Frauengesicht scheu vorblicken, das nicht füglich zu den
Marketenderinnen zählen konnte. Doch waren das nur Ausnahmen. Aber zwischen dem
Schreien, Fluchen und Wiehern tönten noch andere Stimmen, die weder Pferden noch
Menschen angehörten, sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schliessen
liessen.
    Die Menagerie war indes gar kein Geheimnis, und wenn die grossen Hühnerkörbe,
hinten oder vorn auf den Generalswagen, bis da mit Decken verhängt gewesen, so
waren diese beim Zusammenstoss, dem Klettern und den Manipulationen der
Helfenwollenden von den Meisten abgefallen. Das geängstete Federvieh flatterte
und gackerte und schien selbst wieder einen Bürgerkrieg in den Gitterkörben zu
führen, als durch das Zurückstossen eines Wagens mit Zeltstangen diese an den
Fourgon eines Generals stiessen. Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite über,
ohne doch ganz fallen zu können, der Hühnerkorb aber brach, stürzte, und die
gefiederten Innewohner, so weit sie nicht von den Zeltstangen getödtet waren,
krochen, flatterten und flogen heraus. Da der Korb nach der Seite der Hecke
übergestürzt war, entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten. Die
Hühner, in glücklichem Rettungs-Instinkt, drängten sich nicht wie die Schafe in
einen Keil, sondern über Köpfe und Tische flatternd, krochen sie hier unter die
Hecke, dort zwischen die Beine der Gäste oder suchten in sympatischem Zuge den
Hühnerstall des Kafetiers. Der Aufruhr war damit in den Garten getragen.
    Wo war die Disciplin, wenn rohe Trainknechte über die Hecke auf den Tisch
springen konnten, wenn die Gläser von Stabsoffizieren unterm wuchtigen Tritt
ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten, wenn sie ohne Rücksicht auf Orden und
Epauletten, nicht einmal die Honneurs machend, auf die Erde platzten, wenn
entlaufenes Federvieh für diese Menschen alle Rücksichten, die der Autorität
gebühren, aufwog! Wo, wenn selbst ordnungsliebende Bürger nicht davor
schauderten, sondern es in der Ordnung fanden, denn durch den Garten verbreitete
sich ein geflügeltes Gerücht. »Es sind ja Obrist Köckeritzens Trutähne!« -
»Nein, riefen andere Stimmen, es sind Excellenz Feldmarschall Möllendorfs
Putühner!«
    Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene. Solche Gärten hatten auch
stille Plätzchen, wohin gefühlvolle Gemüter sich aus dem Geräusch des
Kegelschiebens und dem Klirren der Gläser zurückzogen. Auf einer Bank unter dem
Lycium, das seine ausgewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art
wilden Laube über ihre Köpfe rankte, sassen Charlotte und ihr Wachtmeister. Es
war die bittere Scheidestunde. Auch wir nähern uns der von unsern Lesern und
scheuen uns deshalb, ihnen eine neue Figur vorzuführen, die - sie vielleicht
nicht wiedersehn. Uebrigens sah ein Wachtmeister wie der andere aus. Charlotte
musste das auch denken. Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen.
Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint, aber sein Gesicht war rot, als
er die rechte Locke unter dem Hute ajustirte. »Es geht nun mal nicht anders in
der Welt; aber mit Kourage geht Alles.« - »Halten Sie sich nur recht warm.«
schluchzte sie, »dass Sie sich nicht verkälten.« - »Halten Sie nur Ihren
Geheimrat warm,« sagte er. »Darauf kommt Alles an. Denn die Civilversorgungen,
das ist die Schwerenot, die sind verflucht mager.« - »Und trinken Sie nicht so
viel Schnaps, - und wenn eine Kugel kommt« - »Dann schreib ich's Ihnen.« - »Und
wenn Sie mir nicht schreiben?«
    Da hub das Schluchzen von Neuem an; aber es war nur Charlotte. Der
Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen, den Pallasch in die rechte Lage
gebracht und sich grad aufgerichtet: »Demoiselle Charlotte, wozu hilft das
Greinen! Sie müssen bedenken, der Soldat ist Soldat. Ist's nicht so, so ist's
so. Sterben müssen wir Alle, und wenn's uns noch so gefällt in einem Quartier,
einmal ziehen wir raus. Drum sagt unser Obristwachtmeister: Kerle, Ihr müsst
denken, dass Andere nach Euch kommen, die wollen auch was finden. Und warum
nicht! Sie sind ja auch Menschen. Und so ist das ganze Leben, sagt er, wir
ziehen aus einem Quartier ins andere. Und wem's sein letztes war, das weiss
Keiner nicht, denn 's kommt auf einmal, auf den Plutz. Da steht der Tod vor ihm
rot und blass auf der Mauer und kräht ihn an, und eh es ausgekräht« -
    Charlotte schrie auf. Es krähte ihn ja an. Auf der Hecke stand ein
Kalekuter, seine roten Lappen von der Sonne beschienen, seine Augen funkelnd
vor Angst oder Zorn. Und eine Pute flog auch über die Hecke und ihr gar in die
Arme. Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf, schreiend, fluchend,
die bösen Trainknechte, mit so zornfunkelnden Augen als der Hahn. Charlotte
hatte sich wirklich die Pute nicht aneignen wollen, die sie unwillkürlich an ihr
liebebedürftiges Herz gedrückt. Charlotte war selten um eine Antwort verlegen,
aber kaum, dass sie über die Lippen war, musste sie es mit eignen Ohren hören,
dass der Knecht sie anschrie: »Selbst Pute, sie!« und mit eignen Augen musste sie
es sehen, dass der Wachtmeister, statt ihr beizuspringen, mit nach dem Kalekuter
haschte. »Es sind ja Excellenz Möllendorfs eigene Trutühner!« rief ein Anderer,
um sie zu Respekt und Raison zu bringen.
    Der Puter und die Pute waren längst fort, denn als Charlotte die Arme
öffnete, hatte die letztere es vorgezogen, einen Satz in die Luft zu machen, als
in die Arme des Knechts zu fliegen. »Bestien ihr, wartet!« war das letzte Wort,
das sie hörte, und leider war ihr die Stimme sehr bekannt. Das wilde Heer war
verschwunden, und das war der letzte Abschied von ihrem Wachtmeister. Die Frau
Hoflackir, die herbeikam, fand Charlotten in Tränen. Der Herr Hoflackir, der
seiner Gemahlin die beiden jüngsten Kinder auf den Armen nachtrug, derweil das
Aelteste an seinem Rockschooss ging, fragte, warum die Cousine weine. - »Das
frägt er noch!« sagte die Frau Hoflackir. - »Es frägt sich vieles,« sprach
Charlotte mit einem Blick gen Himmel. »Ach, lieber Cousin, die Militärs in
Ehren, aber ihnen geht doch das ab, was ein empfindungsvolles Gemüt bedarf,
wenn es sich über das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll. Die Montur und
die Uniform sind etwas sehr Schönes für König und Vaterland, aber mehr Gefühle
für Frauenwürde findet man doch beim Civil - selbst bei meinem lieben
Geheimrat.«
    Und dass Puter und Pute, dieselben, noch ein zärtliches Paar aufschrecken,
noch einen Abschied stören mussten! Den Obristwachtmeister Stier von Dohleneck
und die Baronin Eitelbach, die in der einfachen Allee am Rande des Gartens
promenirten. Es war die süsse Verständigung nach so langen, langen Zweifeln. »Und
nun grade uns trennen müssen!« Seltsam! war es doch hier das Widerspiel der
anderen Abschiedsscene. Er schien der Geknickte und strich über die
Augenwimpern. Tränen waren es nicht, aber ein Jucken und Drängen an den Augen,
als fürchte er sich vor ihnen.
    »Wissen Sie, mir ist's manchmal, als wären wir Alle nur da, um uns zu
trennen,« sprach die Baronin und sah in den blauen Himmel. »Und wir lebten nur,
damit wir uns darauf vorbereiteten.« Er blickte sie verwundert an. »Die zu
einander gehörten, müssten sich ihr Leben lang suchen, und wenn sie sich
gefunden haben, wäre es nur, um von einander Abschied zu nehmen. Da geht Mamsell
Alltag mit ihrem Vater in den Salon. Das ist doch ein kreuzbraves, schönes und
gescheites Mädchen. Was hat die ausstehen und sich versuchen müssen, darüber ist
doch nun alle Welt im Klaren, und nun's ihr endlich gut geht, und die schlechten
Zungen schweigen müssen, und die Königin sich ihrer angenommen hat, und sie Den
nun endlich heiraten soll, den sie von ganzem Herzen lieb hat da - da muss er
den Tag vor der Hochzeit spornstreichs auf und davon.« - »Nur auf einer
dringenden Mission vom Könige. Er wird wiederkommen.« - »Wenn sie ihn nun als
Spion hängen!«
    Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an. Welche Lichter zückten
plötzlich durch diese Seele! »Alles kommt anders, als wir's uns gedacht,« fuhr
die Baronin fort, »und es ist überall so. Die arme unglückliche schreckliche
Geheimrätin! Ich mag's noch immer nicht glauben, dass sie so schlimm ist, aber
wenn sie ihn liebte und heiraten wollte, und es darum getan hat, nun ist sie
auch auf immer von ihm getrennt.« - »Von wem?« - »Vom Legationsrat. A propos,
der ist Ihr aufrichtiger Freund, Dohleneck, Sie mögen es nun glauben oder nicht.
Ein Freund in der Not ist er, das kann ich Ihnen sagen. Sie packen ihm Alles
auf, wer was zu tragen hat und wen was ängstet, und dafür verreden sie ihn noch.
Aber er trägt es und lächelt. Er weiss auch, Dohleneck, dass er Ihnen
unausstehlich ist, und doch sorgt er um Sie wie ein Vater, nein, wie ein Freund,
der Alles tun möchte, um mir meinen liebsten Freund zu erhalten. Was gibt er
mir nicht für Ratschläge, dass Sie in der Campagne zu Ihrer Gesundheit tun und
mitnehmen sollen, und bittet mich, dass ich Sie beschwören soll. Sie möchten sich
nicht zu sehr exponiren.« - »Wenn er mir den Rat ins Gesicht gäbe, würde ich
wissen, wie ich ihm ins Gesicht antworte; ein Soldat tut nur seine
Schuldigkeit.«
    Sie lächelte ihn ruhig an: »Ich weiss es schon. Grade so würden und müssten
Sie sprechen, hat er zu mir gesagt. Darum hat er mir auch verboten, Ihnen von
den Salben und Pulvern zu geben; Sie würden lachen und den Plunder in den Graben
werfen. Der Beste und der Klügste ändert's nicht, was kommen soll, und das ist
das Wunderbare in unsrer Bestimmung, sagt er, dass man das weiss, und sich doch
immer wieder gedrungen fühlt, den Rat zu geben, der nicht befolgt wird. So hat
er's auch mit der Lupinus gemacht. Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben, dass
es nur Achtung und Verehrung von ihm sei, sie hat's für Liebe gehalten. Und wie
er jetzt auch sich Mühe gibt, dass ihre Unschuld an den Tag kommen soll, er weiss
doch, sie werden nicht auf ihn hören, denn die Menschen rennen alle in ihr
Verhängnis, und er preist die am glücklichsten, die nicht klug sind, und nicht
Alles sehen wollen, denn ihnen werden viele Qualen gespart. Darum, sagt er, hat
er uns so lieb, ob er schon weiss, dass ich ihm nicht gut bin und Sie ihn gar
nicht mögen. Da ist auch alle Mühe umsonst, setzte er hinzu, alle Beweise helfen
nichts, und der Misstrauische weiss sogar in der guten Tat die man ihm erzeigt,
eine heimliche böse Absicht herauszulesen.«
    Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf: »Wenn man sich doch
getäuscht hätte!«
    »Das sagt er ja auch. Wenn in der letzten Stunde nur die Enttäuschung käme!
Wenn er da liegt auf dem Felde der Ehre, und die Lüfte trügen mir wenigstens mit
Aeolsharfenklang sein Geständnis zu: Ich habe mich in Dir geirrt! Das wäre
wenigstens ein Trost!« - »Donner und - Himmeldonner! Er macht mich doch nicht
bei lebendigem Leibe todt!«
    Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Veränderung
gesehen, die auf dem Gesicht der Baronin vorgegangen. Die Tränen stürzten aus
ihren grossen, schönen Augen; sie zitterte: »Ja, mein inniger, einziger Freund,
er hat eine Ahnung - er wollte schweigen - ich erpresste ihm das Geständnis -
Ihr zügelloser Mut - er sah Ihr Blut fliessen - Wir ändern's nicht - ja, es ist
nur zu wahr, es findet sich Alles nur, um sich zu trennen, die Herzen, um von
einander gerissen zu werden, die Seelen und Geister, um sich schätzen zu lernen,
wenn sie sich verloren haben, und das Glück ist nur da auf der Welt, dass es
zerbricht! - Es ging ja auch nicht anders,« sagte sie, sich zurückbeugend, und
blickte ihn mit freudiger Wehmut an. »Wir konnten uns ja nur finden, um uns
wieder zu trennen! - Freiwillig, nicht wahr, hatten wir es getan? Und nun
trennt uns eine höhere Hand.« - »Aber warum denn auf immer!« sagte der Offizier,
ihre Hand an die Brust drückend. »Ohne Hoffnung -« »Darf der Mensch nicht leben
und nicht sterben,« fiel sie ein. »Das hat er auch gesagt. Und sah dabei in den
Himmel, und das war ein Blick! - Nein, nicht auf immer! sagte er, wer
unvergänglich liebte, der liebt auch in die Ewigkeit. Ist denn das Blut ein
Strom, der uns vom Jenseits trennt? Da liegt er auf der Haide, purpurn strömt es
aus Brust des Redlichen. Sein letzter Hauch ist seine Freundin, sein letzter
Blick für Sie. Wenn er Sie im Tode sah, warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode
sehen! Sie werden sich wiedersehen!« - »Nun, um Gottes Barmherzigkeit willen,
ja, wir werden uns auch wiedersehen!« rief Dohleneck in ungewöhnlicher
Aufregung. »Kein Krieg ohne Blut, aber warum gleich maustodt! Wozu gibt's denn
Charpie und Pflasterkasten? Das Blut mag zwischen uns fliessen, ja, ein tiefer
Fluss, aber warum soll ich denn nicht rüberspringen und« -
    »Wir werden uns wiedersehen!« und die Baronin öffnete die Arme und der
Obristwachtmeister auch - Da musste es um sie sausen, krächzen, und die wilde
Jagd kam hinterher. »Fangt sie! - Da sind sie! - Die Brut!«
    Als die Unholde heranstürmten, war die Baronin schon durch die Öffnung der
Hecke geschlüpft. Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die
Störenfriede, ja, seine Linke ruhte auf dem Degengriff. Ob Herr von Dohleneck
ihn gezogen hätte, wir wissen es nicht; aber es war ja sein Wachtmeister, der,
in Respekt erstarrend, vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten
Kopfes die Worte flüsterte: »Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, sie sind
die Puten von Excellenz Feldmarschall Möllendorf!«
 
                          Zweiundachtzigstes Kapitel.
                           Die Scheidestunde schlug.
Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft - sie hoffte, unbemerkt von den
Verfolgern, - befand sie sich in einem schmalen Gange, der eigentlich nicht zum
Spazierengehen, sondern zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten
Plankenzaune, mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gartens bestimmt
war. Ihre Absicht war auch wohl gewesen, wenn das wilde Heer vorüber, in die
Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren. Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch
einen andern Mann, den sie nicht als ihren Freund betrachtete, abgehalten. Nein,
sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard, und glaubte dazu
hinlänglichen Grund zu haben, denn hatte nicht der Legationsrat in einer
vertrauten Stunde ihr - wir sagen nicht Alles, aber doch Vieles vertraut, was
sie nie erfahren durfte, wenn man nicht ohnedem wüsste, dass das Amtssiegel der
Verschwiegenheit über die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des
Geheimrats Bovillard nur zu oft erbrochen war. Und diesen selben Bovillard, der
mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt, dem sie in in ihrer
Entrüstung geschworen, nie mehr ins Gesicht zu sehen, traf sie an dem einsamen
Orte, er kam grad' auf sie zu, und hob grade den Kopf, den er gesenkt trug, ehe
sie ausweichen konnte. Zu anderer Zeit kochte es in ihr, ihm Sottisen oder die
Wahrheit zu sagen, was sollte sie ihm jetzt sagen, wenn er mit seinem medisanten
Witze sie raillirte! Ach, aber der Geheimrat war ein Anderer, in kurzer Zeit
schien er um Jahre älter geworden. Wohin war der elastische Schritt, die
Jugendlichkeit, die er im Umgange affectirte? Er ging bedächtig und gesenkten
Hauptes. Er litt an fixen Ideen, sagte man. War es sein Stammbaum, dessen
Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen, was seinen Blick auf der Erde
wurzeln liess? Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten
Lebemannes; er benutzte sie, um seinem Depit gegen die Verbindung seines Sohnes
mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen. Er litt, wer
sollte es glauben, an einer andern Idee, die er zwar nicht deutlich aussprach,
aber aus seinen hervorgestossenen Reden erschien es, dass er an gewissen Tagen
sich für vergiftet hielt, von wem anders, als der Lupinus! Auf vernünftige
Vorstellungen gab der vernünftige Mann zu, dass dies unmöglich sei, da er jede
gesellige Berührung mit ihr vermieden hatte; aber er nahm doch in jenen Tagen
viele und starke Laxanzen. Er, der erklärte Gegner der Romantik und alles
Mysticismus, las in Büchern, die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen, und
an Aerzte, die sich jener Richtung näherten, stellte er die verblümte Frage, was
sie von dem bösen Blick hielten, an den die südlichen Nationen glauben, und ob
nicht eine physische Möglichkeit sei dass er der Gesundheit Anderer schaden
könne? Der Geheimrat Bovillard war bereits als malade imaginaire
sprüchwörtlich. Sein Gönner, der Minister mit der aufrechten Haltung, hatte ihm
seine Universalkur, Karlsbad, wiederholentlich empfohlen, der Geheimrat den
Rat aber von der Hand gewiesen - für jetzt. Er fürchte, es werde ihm als Furcht
ausgelegt, wenn er sich aus Preussen entferne, er sei ein Patriot, darum müsse er
es zeigen. Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten; wenn auch nicht grade an
dem, wo die Baronin ihm begegnete.
    »Ach, meine gnädige Frau,« sagte er, nachdem von seiner Seite weder eine
freudige noch eine andere Ueberraschung stattgefunden, er brachte vielmehr die
Worte mit einer Art innerem Gähnen heraus, indem er neben ihr herging. »Ach,
meine gnädige Frau, die Moralisten sagen, Alles in der Welt ist eitel; aber es
ist nur die Wirkung aus der Ferne. Ich sehe in der Welt nicht ab, warum das
eitel sein soll, was ich geniesse, und es schmeckt mir. Eitel, das heisst, es
verdirbt und vergeht, wird es nur durch die Einflüsse von ausserhalb. Könnte
Jeder seinem Penchant nachgehen, dann gäbe es keine Eitelkeit und keine Sünde,
nur vergnügte Menschen. Sie lieben im Frühling die Veilchen, ich die Maibutter,
wie schön duften sie am Morgen, wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum
Frühstück! Da muss ein Weltkörper viele Millionen Meilen von uns entfernt, so
einwirken, das das Veilchen am Abende welk ist, auch die Philosophie hilft
dagegen nicht. Der böse Magnet, Dämon, was es sei in der Ferne, unsere Pfeile
erreichen ihn nicht, und, was noch schlimmer, wir wissen gar nicht, wo unser
Feind sitzt. So ist der Klügste nicht sicher, woher's ihn einmal überkommt, ob
er auf dem Eis einbrechen, oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll. Was ist der
Krieg? Die Soldaten bilden sich ein, sie trügen ihn, und sie bluteten für uns.
Aber, contrair, sie haben das Vergnügen, und der Civilist hat die Leiden; er muss
zahlen und zahlen, Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott, Übermut
und Einquartierung ertragen, bis wir aus der Haut fahren. Ich will mich nicht um
die Weltändel kümmern, sagt der gute Bürger. Und hat er dazu nicht ein Recht?
was er nicht eingerührt hat, braucht er nicht aufzuessen. Hat der Weizenbauer in
Pyritz die französische Revolution gemacht, hat er consentirt zur Pillnitzer
Alliance, oder hat er Napoleon zum Kai er ausgerufen? Gott bewahre, er weiss von
alledem nichts, hat nie was von dem wissen wollen; aber büssen muss er jetzt:
seine Pferde werden ihm ausgespannt, Fourage muss er liefern, seine Söhne muss er
hergeben zum Todtschiessen, und wenn die Franzosen gewinnen, frisst und prügelt
ihn die Einquartierung, sie schmeisst ihn am Ende aus Haus und Bett, wenn er eine
Frau hat, alles das die Wirkung aus der Ferne, und Niemand weiss, meine teuerste
Baronin, wo das Uebel ihm sitzt und von wo es kommt.«
    Die Baronin schenkte ihm einen Blick, der zu verraten schien, dass sie
wenigstens die Ferne kenne, aus welcher sie die Wirkung empfunden. Der
Geheimrat hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl.
    »Meine Beste,« sagte er, das Gesicht in eigentümlicher Weise verkneifend,
und beide Hände gegen die Seiten stemmend, »denken wir nicht an vergangene
Torheiten. Sie sollten nach Karlsbad. Hier, Gott weiss, was hier kommt; die
schwere Luft und Niemand weiss, was er in den Sonnenstäubchen runterschluckt, die
er einatmet, wenn er den Mund auftut. - Da - da können Sie ungenirt und frei
leben. Ich ginge ja auch herzensgern, aber - ein Staatsmann und die Rücksichten.
- Excuse!«
    Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück, aus dem er die Baronin
unter so liebenswürdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte. Da
trafen sich im Gewühl viele Bekannte, die wieder auf die Estraden stiegen. Die
Stopfung auf der Strasse war gelöst. Der Abendwind trieb den Staub nach einer
jenseitigen Richtung. Herr von Fuchsius, der die vereinsamte Frau zuerst
gewahrte, hatte ihr seinen Arm angeboten. Sie hätte wohl einen bessern Führer
gewünscht, sagte er lächelnd, aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem
ersten Besten anvertrauen. »Wer in der Gefahr vereinsamt steht, ist verloren.«
Ueberall Abschiedsscenen, Tränen, Tücher. »Sie waren eben Zeugin einer der
tragischesten Abschiedsscenen!« Die Baronin sah ihn verwundert an. »Herr von
Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben. Es ist
der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute. Er ist auf dem
Wege, ein vollständiger Hypochonder zu werden. - Aber beachten Sie den Abschied
dort, er ist weit trauriger, zwischen Vater und Sohn.«
    »Zieht der junge van Asten auch ins Feld?« fragte die Baronin, denn dieser
war es, dem sein Vater nach einem langen, wie es schien, eindringlichen Gespräch
plötzlich den Rücken wandte. »Nur in die Freiheit - und der Alte vielleicht in
das Schuldgefängniss.« Das Verhältnis war stadtkundig: »Mein Gott, wer hat denn
da nun Recht? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann!« Der Rat zuckte die
Achseln: »Baroness, das sind Fragen, auf die nur der liebe Gott Antwort weiss.«
    Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Begleiters und der
Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen, dass der liebe Gott wohl Antwort
gegeben habe. Der alte van Asten, der noch eben den Stock mit beiden Armen
unmutig auf die Erde gestampft und den Hut in die Stirn gedrückt hatte, um den
Garten zu verlassen, war plötzlich stillgestanden. Eben so rasch wandte er sich
um, und fiel dem Sohn, der ihm wehmütig nachgesehen, um den Hals. Ob sie etwas
gesprochen und was, wer konnte das hören, besonders jetzt, wo wieder ein
feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung
schmetterte. Die Baronin riss ihren Führer auf die Estrade. War erst jetzt die
Ordre gekommen? Die Gensdarmen zogen aus der Stadt, um in einem benachbarten
Dorfe Nachtquartier zu halten. Noch war es hell genug um sich zu erkennen, und
ein letzter roter Schimmer färbte die Federbüsche und Gesichter der Reiter. Die
Baronin liess ihr Tuch wehen, er sah es und salutirte mit dem Degen. Sie sprach
kein Wort, aber unverwandten Blickes starrte sie hin, bis die Gestalt sich in
der Menge verlor, dann lehnte sie sich, wie erschöpft, auf die Schulter des
Rates. »Wir werden uns wiedersehen!« kam es wie aus tiefster Brust. - Unfern
von ihr schrie eine andere weibliche, Stimme: »Ich werde ihn nie wiedersehen!
Was soll aus mir werden!« Charlotte war auf eine Bank gesunken. Zum Glück stand
jetzt neben ihr ein ältlicher Herr - denn unter den übrigen Zuschauern schien
keiner sich um den andern zu kümmern, ihre Blicke und ihre Gedanken gehörten den
schönen, jungen ausmarschirenden Reitern allein an. Der ältliche Herr klopfte
ihr auf die Schultern: »Charlotte, weine Sie nur nicht, gebe Sie sich zur Ruhe,
es wird sich schon Alles finden, und ich verlasse Sie nicht.«
    Es war eine besondere Stimmung unter Allen, sehr verschieden von der lauten
beim Vorüberziehen der frühern Regimenter. Hatte der Abend sie gemacht? Waren
die Gensdarmen grade die Lieblinge der Zuschauer? Man hörte keine lauten
Hurrahs, keinen jubelnden Zuruf, nur unterdrücktes Schluchzen. Vielleicht tat's
die Regimentsmusik; sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von
Morgenrot und frühem Tod. Nachher flüsterte man sich zu: Prinz Louis sei in
seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschirt. In
den Sälen, die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen
Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen, hatten einzelne Familien und
Gesellschaften zum Abendbrod sich vereinigt. Die Lichter wurden schon
angezündet, es sah aber wenig festlich aus, trotz der Astern und anderer
Herbstblumen, die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt.
Luft und Boden, die Dielen auf dem Erdreich liegend, waren kalt und feucht, die
Frauen hatten ihre Enveloppen, die Männer ihre Ueberröcke umgetan. Es war auch
sonst ein Etwas, was die helle Freude nicht aufkommen liess.
    In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrat Alltag seine Familie
und einige Bekannte vereinigt. Als Fuchsius die Baronin vorüberführte, um sie
nach ihrer Equipage zu geleiten, rief sie, durch die hellen Fenster blickend:
»Herr Je - da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten.« - »Er war ihr
hochverehrter Lehrer,« sagte der Rat, »und der alte Alltag hat zum Abschied
alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten« - »Geht er auch mit in den Krieg?« -
»Er nicht, aber seine Tochter. Die Königin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier,
und Mamsell Alltag ist, als Gesellschafterin der Viereck, bestimmt. Ihre
Majestät zu begleiten.« - »Das ist eigen,« sagte die Baronin, »das schöne junge
Mädchen in den Krieg! Was man nicht erlebt! Wissen Sie wohl, was ich glaube?« -
»Gewiss etwas Richtiges.« - »Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft. Jetzt,
glaube ich, gäbe er etwas drum, wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben
wäre. Er ist ein solider Mensch, und die Leute meinen, er wird eine gute
Karriere machen. Hübsch ist er nicht, aber es ist so etwas in ihm - man traut
ihm aufs Wort.«
    Möglich, dass die Baronin das Richtige getroffen hatte. Der alte Alltag, der
schweigsam in der Gesellschaft umherging, drückte bei einer Gelegenheit ganz
besonders die Hand des jungen Asten, dankte ihm mit gerührter Stimme, dass er
seine Tochter zu dem gemacht, was sie sei. Rührung war weder sonst noch jetzt
das Departement des Geheimen Kriegsrates. Die Geheimrätin brachte selten das
Tuch von den Augen. Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten, er musste ihr
vom Krieg erzählen, wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr, ob die
Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen? Nie war sonst ihren Gedanken etwas
entfernter gewesen. »Sie ist noch gar nicht gereist, das Kind, einmal nur bis
Potsdam, und nun muss ihre erste Reise gleich in den Krieg sein! - Wer hätte das
nur als möglich gedacht; es wird doch Alles anders, als es sonst war.« - »Alles
- Alles!« sagte der alte Major, den Kopf schüttelnd, die Pfeife musste ihm heut
nicht schmecken. »'S ist Fügung des Himmels; das muss uns wohl trösten,« sagte
die Geheime Kriegsrätin, »aber - aber -« »Der Himmel fügt es, dass Alles aus dem
Gefüge geht, und es wird noch mehr losgehen. Er weiss, warum. Es muss wohl nicht
recht zusammengefügt gewesen sein.«
    Eine Konversation kam nicht auf. Wer zu sprechen anfing, brach plötzlich ab,
im Gefühl, dass es Wichtigeres zu sprechen gab, und die Zeit war kostbar. Und
dann hatte Jeder mit dem Andern etwas Besonderes zu sprechen. Wenn er
fortgegangen, fiel ihm ein, dass er das vergessen, was ihm besonders auf dem
Herzen lag. Welch ein Strom mütterlicher Ermahnungen war von den Lippen der
Mutter geflossen, und immer besann sie sich, dass sie doch noch etwas Anderes,
etwas Neues zu sagen hatte.
    Jetzt nahte die Scheidestunde. Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben,
der Wagen der Hofdame, der sie nach dem Palais bringen sollte, war angemeldet.
Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen. Jetzt legte er seine
Arme auf ihre Schultern: »Du, mein geliebtes Kind, mein Bijou! Nun ich Dich
verlieren soll, begreife ich erst, was ich in Dir gehabt habe. Und was ich hätte
in Dir haben können, dann wäre ich Dir mehr gewesen und Du mehr mir. Ich hätte
Dich besser verstanden, und Manches wäre besser - vielleicht! Aber es hat nicht
sein sollen. Andere sagen, der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner
Familie, und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat. Ich verstand es anders.
Gott wird wissen, wer Recht hat. Wenn Alles in der Welt wechselt, so wechseln
wohl auch die Ansichten über die Pflichten. Aber ich glaube doch, wer das tut,
was er gelernt hat, dass es recht sei, der tut Recht, und der himmlische Vater
wird ihm vergeben, wenn er dabei auch mal Unrecht tut. -«
    Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen, dass ihr Vater gegen sie
Unrecht getan; sie habe sich anzuklagen, dass sie nicht alle Pflichten eines
Kindes gegen ihn erfüllt.
    Er schüttelte den Kopf: »Du warst ein ausgezeichnetes Kind, und für die hat
die Vorsehung wohl besondere Gesetze. Sie führt sie Wege, die uns nicht gut
dünken, aber sie leiten zum Ziel, das wir nur nicht sehen. So ist's mit Dir
gekommen, und so wird es noch weiter kommen. Es wird Vieles besser werden, als
wir denken - und - wir werden uns wiedersehen und froher als heut -«
    Endlich musste doch die Glastür geschlossen werden, von der Zugluft
schmolzen schon die Talglichter. Die Geschwister wollten mit; anfänglich die
Mutter auch, sie fühlte sich zu schwach. Die Kinder aber konnten sich im Gedräng
und der Finsternis verlieren. So machte es sich denn wie von selbst, dass van
Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete.
    Die Sterne funkelten hell am klaren Herbstorizont, als sie aus dem Baumgang
traten. An der Hinterpforte stand der Wagen. Sie reichte ihm die Hand. Mit ihrer
Silberstimme sprach sie: »Walter, hinter uns ist es klar; ich hoffe es wird auch
vor uns immer klar bleiben.« Er schlug ein: »Es werden noch viele Nebel
aufsteigen, bewahre Deinen hellen Blick und dann bleibt es zwischen uns klar.« -
»In keinem Fältchen Deines Herzens ist ein Groll,« sprach sie »nicht wahr? - Das
gibt mir Mut. Aber -« Sie zauderte. »Sprich es aus!« sagte er. »Es soll gar
kein Fältchen zwischen uns bleiben.« - »Ich möchte Dich auch ganz zufrieden,
ganz klar mit Dir selbst verlassen. Bin ich's noch, Walter, die wie eine
Nachtwolke zwischen Dir und Deinem Vater schwebt, den Wünschen des Mannes,
dessen Glück und Frieden Dir das Teuerste sein müsste?«
    »Und wenn Du es wärest, was kannst Du dafür? Kann der Nordpol dafür, dass der
Magnet nach ihm zeigt? Es wäre die Arbeit eines Narren, den Magnet zwingen zu
wollen, dass er nach einer andern Himmelsgegend weist. Das sind ewige
Notwendigkeiten, vor denen sie sich beugen sollen und müssen, die nicht Mut
haben, sie freiwillig anzuerkennen. Dieser überreichen Welt an Allem fehlt nur
etwas - Charaktere. Ich bilde mir nicht ein, sie bessern zu wollen, dazu fühle
ich mich zu schwach, aber ich bin stark genug, mich nicht von ihr bilden,
fortreissen zu lassen.«
    »Lebe wohl, Walter!« sprach sie mit erstickter Stimme. »Ich habe den
Glauben: es ist kein Lebewohl für immer. Wir sehen uns wieder.« Sie drückte,
sich auf den Zehen hebend, einen Kuss auf seine Stirn; dann schwebte sie in den
Wagen, er rollte fort.
 
                          Dreiundachtzigstes Kapitel.
                         Der Schüler des Schauspielers.
Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13. zum 14. Oktober. Die Sterne warfen
kein Licht auf das tiefe Saaletal, und die Tausende von Lichtern, die auf
Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten, verbreiteten nur einen
ungewissen Schimmer, der die Dunkelheit noch dunkler zeigte. Durch die
Krümmungen der Schlucht, so weit das Auge getragen hätte, das Ohr reichte, wogte
und wallte es; es war kein Strom, der durch die Rippen der Erde bricht, keine
Windsbraut, die die Wolken peitscht, keine Feuersbrunst, die über Dächerreihen
prasselt, es war ein heimliches dumpfes Wirken und Schaffen, wie eine Sprache,
die keine artikulirten Töne findet. Wie die Riesenschlange die Erde umfasst: in
lautloser Wut und Kraft drückt sie ihre Weichen, und da steigen gepresste
Schmerzenstöne in die Luft, so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei, dort
ein Hallo, ein Zusammenstoss der Geschütze und Rüstwagen, ein Peitschenknallen,
ein grässlicher Fluch. Dann aber tiefe Stille, man hörte nur den dumpfen,
dröhnenden, ehernen Tritt der Tausende, die Erde stampfend, das Wiehern der
Rosse, das wuchtige Rasseln der Kanonen.
    Die Heeressäulen der Franzosen wälzten sich durch das tiefe Saaletal; wie
die fabelhafte Heerschlange, die im Türinger Walde sich zeigt, eine Kette, Mann
und Ross, von den Höhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen über Jena, da, wo
die Unstrut in die Saale fällt. Die Türinger, die das Weh aller grossen Kriege,
welche Deutschland zerfleichten, in ihren schönen Tälern, an ihren Berggeländen
recht aufgesogen und eingesammelt, hatten solche Massen Krieger nie gesehen.
Eine Völkerwanderung schien es.
    Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte, blitzte es auf von den
Bajonetten und Flintenläufen, den funkelnden Säbeln, von umbauschten Helmen. Da
auf dem Markte preschten die Chasseure, Raum machend für den Gewaltigen, und die
Glieder standen und präsentirten. Es war eine kurze, aber ernste Heeresschau.
Tausende und Tausende wälzten sich durch die Tore weiter, aber Tausende und
Tausende verschwanden aus der lichtellen Stadt, man wusste nicht, wohin. Keiner
legte sich zur Ruhe, der Kaiser wachte! Für nicht wie viel Tausende sollte es
die letzte Nacht sein, eine schlaflose Todesnacht.
    Steile Felsberge gipfeln sich über der Stadt; die Knaben üben sich im Spiel
zu klettern, der Jenaer Bursch wagt in kecker Laune den gefährlichen graden
Aufweg; wie wollen Mann und Ross und Kanonen zu uns herauf? scheinen die kahlen
Berge höhnisch zu fragen. Aber ein siegreiches Kriegsheer hat für jede Mauer
eine Leiter. Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben; Fackeln, brennende
Kienscheite erhellten die Berge, die Axtschläge krachten durch das Tal. Es
gibt keine noch so nackte und steile Höhe, die nicht durch Schlingungen und
Wendungen zu gewinnen ist. Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon
gebildet, der Berg am Mühltal heisst die Schnecke, andere kann ein geübter Blick
suchen, und wo die Natur vorgearbeitet, hilft die Kunst nach. Napoleon hatte in
jener Nacht auch die Hülfe der deutschen Wissenschaft. Ein gelehrter Militär in
seiner Suite, welcher einst in Jena studirt, wies den Ingenieuren die Stege, die
er im tollen Übermut der Jugend erklettert. Was man in einer Wette tut um
Kannen Bier, soll man's nicht, wo der Einsatz die Welterrschaft ist! Schaufeln
und Aexte halfen nach; Gerüll, in die Tiefen geschleudert, Baumstämme wurden zu
Brücken und das Saalufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon. Wo die
Pferde nicht konnten, zogen Menschenarme das Geschütz. Napoleon schmähte in
dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten.
    Lange, ehe der erste Hahn krähte, war es vollbracht. Die Massen der
kaiserlichen Garden und Linientruppen standen, ein dicht gedrängt Quarré, auf
dem Bergufer, und auf dem Landgrafenberg, dem höchsten Punkte, von dem das Auge
eine weite Aussicht hat auf die Hochebene, die sich nach Weimar erstreckt,
erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen. Fackeln beleuchteten den
Mantelrock, das schöne, prüfende Auge des Siegers, während er längs der Reihen
ritt, und den Jubel, der ihn begrüsste und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in
die Luft schallte, mit dem Lüften seines Hutes erwiderte. Seine Lippen blieben
verschlossen, die Augen sprachen um so beredter: es ist morgen ein grösserer Tag
denn je!
    Der Jubel verhallte, er war in das Gebüsch geritten, um - zu ruhen, bis der
Tag der Entscheidung anbrach. Auch seinen Kriegern war es jetzt vergönnt. Sie
sanken hin, wo sie in Reih und Glied gestanden, die neben dem Pferde, die unter
der Kanone; die kalte Nacht ihr Mantel. Hier brannten wenige Feuer, auch diese
halb versteckt hinter Gebüsch und Erderhöhungen. Die Augen schlossen sich, ein
allgemeines Schnarchen, ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemälde
des Todes, und welchem!
    Nicht Alle schliefen. Die dunklen Gestalten dort vorn, in ihre grauen
Kapotmäntel gehüllt, das Gewehr in den Arm gedrückt, gegen einen Baum gelehnt,
an einen Steinhaufen gekauert, hatten scharf das Aug geöffnet. Es verfolgte
jeden Rauchwirbel, der über den Wachtfeuern des Feindes sich kräuselte, jeden
Windzug, der in der Zeltleinwand spielte. Seit die Rotten und Glieder sich auf
die Erde gestreckt konnte man das Schauspiel frei übersehen. So weit das Auge in
die Nacht reichte, Wachtfeuer und Zeltreihen. Durch sechs Stunden dehnte sich
das Schlachtfeld der Preussen aus, hell, licht, Alles in bequemer, hergebrachter
Ordnung. Und hier auf engem Raum, um einen bewaldeten Berg zusammengedrängt, im
Dunkel seiner Schatten und Nacht, und am Rande eines Abgrunds hinter ihm, der
Feind. Die Wachtposten standen kaum auf Schussweite von einander entfernt; aber
es fiel kein Schuss, kein Allarmzeichen, kein versprengtes Pferd störte die Ruhe.
Schien es doch ein stillschweigend Abkommen, sie bedurften Beide der Ruhe, um
morgen sich zu morden.
    Nicht Alle schliefen, auch von Denen nicht, welchen es vergönnt war. Unter
einer Eiche lag ein zum Tode Verurteilter. Der Offizier, der ihm zur Bewachung
zubeordert, hatte ihm doch höflich das Bund Heu, das für sein Pferd bestimmt,
zum Kopfkissen gegeben, dass er, so bequem es ging, eines letzten Schlafes vor
seinem letzten Tage sich erfreue. Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen,
oder er hatte schon genug geschlafen; er richtete sich auf und stützte den Kopf
auf seinen gesunden rechten Arm. Der linke war verwundet, ein Verband war darum
geschlungen. Vorgestern war er, als er, aus dem Saaletal aufgescheucht, über
die Schwarzach setzen wollte, von französischen Jägern angerufen worden. Als er
die Antwort schuldig blieb, hatten sie gefeuert. Am Arm verwundet, war er vom
Pferde abgeschleudert und gefangen worden. Man hatte ihn nach Kahla gebracht und
vor ein Kriegsgericht gestellt. Da er nichts sagen konnte oder wollte, als dass
er in Aufträgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen, und, beim
Rückwege unter die Schaaren der Franzosen geraten, den Versuch gemacht, durch
den Türinger Wald sich nach dem Hauptquartier seines Königs durchzuschlagen,
hatte das Gericht ihn für einen Spion erklärt und zum Strang verurteilt. Irgend
ein Zufall, der schnelle Abmarsch, hatte die Exekution verhindert; man hatte ihn
mitgeschleppt bis Jena. Auch hier war dazu keine Zeit, man hatte ihn auch auf
den Berg mitgeschleppt. - Betrachtete er jetzt über sich den dürren Ast der
Eiche, von dem er morgen herab schweben sollte, eine kalte Leiche? Oder suchte
sein Auge durch den nebelgrau belegten Himmel nach einem Stern, an den er seine
Hoffnung knüpfen wollte? Es war keine Hoffnung, die noch mit diesem Leben
liebäugelt: das sprach sein umflorter Blick. Man hatte ihn immer menschlich,
zuletzt mit chevaleresker Höflichkeit behandelt. Sein Wächter hatte ihm vorhin
eine Cigarre angeboten, mit dem seltsamen Trost, wie in Spanien, woher er sie
gebracht, die Sitte fordere, dass der Henker mit seinem Opfer eine Art
Friedenspfeife raucht. »Der Tod ist ja der Frieden!« hatte der Gefangene
erwidert.
    
    Eine Schaar Krähen, von der momentanen Stille getäuscht, hatte sich auf den
Aesten des Baumes niedergelassen; auch sie schienen wie der kluge Feldherr das
grosse Feld zu überschauen, wo morgen Abend eine Tafel, und eine wie grosse, für
sie gedeckt sein sollte. Der Offizier, der, mit verschränkten Armen auf einem
Sattel sitzend, die Augen auf einen Moment geschlossen, schien durch das
Gekreisch der Tiere erweckt, und sah mit Verwunderung die Stellung seines
Gefangenen. Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen:
»Schreckten böse Träume Sie auf, oder die geflügelten Bestien da?« - »Ich bin
auf mein Schicksal gefasst.« - Der Gefangene schwieg, der Andere sagte nach
einer Pause: »Kamerad, aus Vorsicht möchte ich Ihnen anraten, präpariren Sie
sich noch für einige Momente auf das Leben. Sahen Sie nicht, dass der Kaiser
einen eigentümlichen Blick auf Sie warf? Er wandte noch einmal sein Pferd, um
Sie wieder anzusehen.« - »Wie der Tiger sein Opfer, ehe er es zerreisst. Das war
sein Blick auf Leichenhaufen.« - »Die sieht er vor jeder Schlacht. Ob eine mehr
oder weniger, darauf kommt es -« »Dem Grosshändler über Menschenleben freilich
nicht an.« - »Sie haben den unnatürlichen Hass Ihrer Nation gegen ihn
eingeimpft.« - »Nein!« antwortete Bovillard nach einigem Besinnen. »Dann würden
Sie sich selbst sagen: wenn ein Fürst einen zum Tode Verurteilten vor sein Auge
liess, bedeutete es sonst Gnade.« - »Sonst!« - »Sie prätendiren doch nicht, dass
Napoleon einen persönlichen Hass gegen Sie hat, dass er an Ihrer Angst sich weiden
wollte?« - »So wenig, als ich glaube, dass er den Herzog von Enghien persönlich
hasste, auch nicht den Buchhändler Palm.« - »Sie nähren selbst einen bittern Hass
gegen den grossen Mann. Das tut mir von Ihnen leid.« - »Gegen den grossen Mann!
Nein. Es gab Stunden, wo ich ihn bewunderte. Ja, in dieser meiner letzten, darf
ich es aussprechen, Momente, wo ich in ihm den neuen Heiland der modernen
Weltordnung erblickte. Seitdem - genug! Der edle Prinz, den ich bei Saalfeld
stürzen sah, war ein Bewunderer Ihres Kaisers. Einst rief er aus: Ich erlaube
ihm ja, uns zu vernichten, aber moralisch zu meuchelmorden, das empört.«
    »Eine seltsame Konversation, Kamerad! Der zum Tode Verurteilte richtet
seinen Richter. Ich hätte gewünscht, dass Sie heute wenigstens noch sein
Bewunderer wären, dass man ihn darauf aufmerksam machen könnte -« »Und dass er vor
der Schlacht einen Komödienakt spielen, grossmütig mit einer Tirade aus Racine
oder Corneille mich begnadigen könnte!« - »Was kümmerte Sie die Posse, wenn sie
den ernsten Schluss hätte, dass Sie mit dem Leben davon kämen, vielleicht gar mit
der Freiheit. Nachher könnten Sie darüber lachen, so viel Sie wollten. - Nun, im
Ernst gesprochen - man weiss in seiner Suite, wer Sie sind -« »Da weiss man sehr
viel!« - »Der Sohn eines Mannes von Einfluss, der lange die französische Partei
an Ihrem Hofe gehalten, vielleicht noch jetzt. Das hat die Gemüter sanft
gestimmt; Gott weiss, welche Konjekturen die Herren daran knüpfen, genug - ich
glaube, es käme nur auf Sie an -« »Ich sterbe in der grössten Tragödie, in der
mein Vaterland untergeht.«
    Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer
im Tale, deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten. Der Offizier sah ihn
verwundert an: »Wir werden siegen, denn ich glaube fest an Napoleons Stern. Aber
Sie, ein Preusse! Der kleine Sieg bei Saalfeld -«
    »Ward zum entscheidenden, da Ihre Feldherren ihn benutzten, die Saale in
reissender Schnelligkeit zu okkupiren. Sie haben das preussische Herr umflügelt,
von den Marken und Sachsen, woher es seine Lebenssäfte erhält, abgeschnitten,
Sie haben die Höhen des Flusses, die Uebergangspunkte besetzt, Sie greifen es im
Rücken an, und drängen es mit Ihrer Uebermacht in die Positionen, wo Sie Herren
sind. Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht, das Lager von Hochkirchen
wieder, sogar der verhängnisvolle Jahrestag ist's der Schlacht! Dort die weit
zerstreuten Feuer der sorglos Gelagerten, ohne Schanzen, Verhau, natürliche
Grenzen; hier zusammengekeilt auf der Höhe, welche das Plateau beherrscht, eine
stärkere Kriegsmacht, die, beweglich und elastisch, wie ein Bergstrom
hinabrauschend, die zerstreuten Feinde durchbrechen, trennen, aufrollen,
vernichten muss. Und der grösste Feldherr des Jahrhunderts gebietet über ein Heer,
das eine Einheit ist. Ja, mein Herr, Diese verdienen vernichtet zu werden, die
Sie auf die steilen Wände klimmen liessen, ohne den Versuch nur, Sie daran zu
hindern. Die mit Mann und Ross und vollem Geschütz müssig, zaudernd, unschlüssig
zusehen konnten, wie Napoleon sich auf diesen Höhen formirte, die keinen Angriff
wagten und Ihre Kolonnen nicht in den Abgrund stürzten - die sind schon
geschlagen, vernichtet.« Der Sprecher sank zurück und drückte sein Gesicht in
das Heu. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Kapitän ihm zugehört. Mit
Voranschickung eines französischen Fluches schloss er: »In Ihnen ist ein Soldat
verloren!« - »Verloren - verloren!« murmelte Bovillard dumpf in sich. »Warum,
Kamerad? Der Mann ist's nie, wenn er sich nicht selbst verloren gibt.« - »Oder
eine höhere Hand ihn schlug! - Da wieder!«
    Er atmete krampfhaft auf. Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel.
Die Hand machte eine konvulsivische Bewegung, er war im Fieber: - »Morgen,
morgen hinab - mit meinem Vaterland!« - »Sehn Sie Geister?«
    Der Kapitän fuhr mit Franzbranntwein über die eiskalte Stirn des
Verwundeten. Er erholte sich, er hatte sich wieder aufgerichtet. Die Krähen
flatterten, durch etwas erschreckt, schreiend in die Höhe, die Morgenluft strich
durch die Wipfel des Holzes. Es war ein Bedürfnis, sich selbst Luft zu machen,
als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach: »In Rudolstadt, am Tage vor
seinem Tode, hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist. Die Familie nahm
ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer; er winkte mir im Abgehen, dass ich
auf ihn warte. Dort warf er sich ans Klavier und überliess sich seinen
Phantasien. Er hat nie so schön gespielt. Ich stand allein in dem Saal, ein
altertümlich Zimmer, es dunkelte. Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah
den Wolken zu, die über den Horizont strichen. Ich schloss wohl die Augen. Das
waren Töne, die nicht die Finger den Tasten entlockten, die Seele wogte in
düstern und schmerzlich weichen Melodien; er schüttete sein Innerstes aus. Die
Prinzessinnen weinten. Wolken, nichts als Wolkengetreibe mit blutroten
Streifen. Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn, die Hand des Todes, und vom
Druck öffneten sich meine Augen. Es gleitete an der Wand hin, ein Schein, ein
Licht, wie ich es nie gesehen - ein Ross in den Wolken, Pulverdampf, Staub. Es
bäumte sich mit seinem Reiter - ein Blitzschlag, oder ein Strahl, aus den Wolken
niederzückend - der Schädel spaltete - die Brust klaffte - der Reiter sank vom
Pferde - und es ward wieder Nacht. - Im selben Augenblicke schloss das Spiel am
Klavier mit einer grellen Dissonanz, als sprängen die Saiten. - Der Prinz,
blasser als je, trat heraus und winkte mir, ihm zu folgen. Er blieb einsilbig.
Als er mich entliess, sprach er dumpf: Ich habe meinen Tod gesehen - Er hatte
gesehen, was ich sah.« - »Und?« - »Er fiel am nächsten Tage.« - »Und Sie?« -
»Ich bin kein Fortepianospieler, der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal
beschwört. Und doch, vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn,
die Wolken teilten sich und ich sah - ich sah nicht mehr, als ich schon längst
gesehen, und ich sehe es wieder -« Er richtete sich plötzlich auf, er stand
aufrecht. »Lachen Sie doch! - Wenn Sie ein Schüler von Voltaire und Diderot, so
müssen Sie mich auslachen - ich sah mich selbst.«
    Der Kapitän lachte nicht, ihn fröstelte. Er sah eine Patrouille mit einem
Ordonnanzoffizier heraneilen. Er reichte dem Gefangenen die Hand: »So wünsche
ich Ihnen wenigstens Eines - vor Ihrer letzten Stunde einen letzten
Sonnenblick.« Bovillard schüttelte die dargereichte: »Das ist ein guter Wunsch.
Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer, ist's doch nur ein Rest,
den ein Verschwender liess - aber scheiden mit einer hellen Aussicht, von
Harmonien umrauscht - und es ist mir gewährt, ich sah ein Bild -« Der
Ordonnanzoffizier war herangetreten: »Der Gefangene soll schleunigst vor Seine
Majestät den Kaiser gebracht werden.« - »Glück auf!« flüsterte der Kapitän ihm
zu. »Das ist Ihr schönes Bild.«
    In der kleinen Hütte eines Haidewärters stand der grosse Mann des
Jahrhunderts. Sie war so klein, dass der Adjutant, der die Feder führte, sich in
den Winkel drücken musste, um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen. Den
Hut auf dem Kopfe, den Kapotrock über der Uniform, schritt er auf und ab, den
Tubus in der behandschuhten Hand. Er diktirte, er sprach zu den Generalen, die
im Halbkreis draussen standen, durch die offene Tür. Durch diesen vornehmen
Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden. Der Kaiser
hatte ihn offiziell nicht bemerkt; er diktirte weiter, er observirte mit dem
Tubus durch das Fenster. »Wenn die Sonne aufgeht, okkupiren am linken Flügel die
Tirailleure das Kiefergebüsch!« kommandirte er zur Tür hinaus. Ein Adjutant
flog fort. Jetzt, als er sich umwandte, bemerkte er den Eingebrachten offiziell.
»Ein Spion!« - »Ein Gefangener, Sire!«
    Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie, er zitterte
nicht, er ertrug den kaiserlichen Blick, fest, ruhig. Vier Augen, die sich
begegneten, ohne zu zucken. »Ihre Generale lassen die Spione hängen, ich lasse
sie laufen.« Der Gefangene stürzte dem Grossmütigen nicht zu Füssen, er küsste
nicht seine Füsse. Der Angriff war fehlgeschlagen. Sonderbar, und doch stimmten
Beide in ihren Empfindungen. Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans
Fenster trat, glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu
sehen. Auch über Bovillards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung, die man so
hätte deuten können.
    Wieder stand im Vorübergehn, wie zufällig, der Imperator vor dem Gefangenen
still: »Ihr König hat Krieg gegen mich angefangen; ich weiss nicht warum.« - »Ich
gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät, meines gnädigsten Königs, auch
nicht zu seinen Räten,« entgegnete Bovillard. »Meine Räte haben mir ein
gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt. Da steht lauter Unsinn drin. Ich kann
nicht glauben, dass der König von Preussen drum weiss.« Der Gefangene schwieg. Der
Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle. Es lichtete sich
vor der Hütte. »Ihr König ist ein guter Mann,« fuhr der Cäsar fort, »aber er hat
böse Räte. Sie sind von England bestochen. Er hört nicht die Wahrheit. Ich habe
einen Brief von ihm erhalten, er schreibt, er will nicht Krieg. Ich will ihn
auch nicht. Aber die Konspirationen meiner Feinde zwingen mich; sie sind auch
seine Feinde, aller Welt Feinde. Sie leben von Intriguen, sie möchten in ihrem
Ehrgeiz, ihrer Rachsucht, die ganze Welt gegen mich aufwiegeln.« Der Gefangene
schwieg.
    »Der Brief kam zu spät. Sagen Sie das Ihrem Könige. Das Blut, was vergossen
wird, komme über ihre Häupter. Ich kenne sie - Alle - Alle!« Der Cäsar musste
noch Zeit haben zum Zorn; aber die Gelegenheit war ungünstig. Wenn ein Gegner,
der uns in Zorn bringen soll, schweigt, müssen wir uns selbst in Harnisch
setzen. »Sie waren bei dem Prinzen Louis,« fuhr er dazwischen, - »ich meine in
Saalfeld - Sie waren sein Freund.« - »Ich sah ihn fallen, den ritterlichen
Fürsten, das edelste Blut, was für eine heilige Sache geflossen ist.« - »Er war
betrunken, als er ausritt.« - »Er war der grösste Bewunderer des grössten
militärischen Genius dieser Zeit, und sprach von Eurer Majestät mit der hohen
Achtung, welche jeder grosse Mann einer andern Grösse schuldig ist.«
    Die Antwort kam dem Cäsar ungelegen. Indem er sein Auge nach einem Punkte
draussen richtete, rief sein Blick einen Obristen heran. Er mochte etwas sehen,
was dem Feldherrn nicht gefiel. Nachdem er dem Unwillen gegen den Offizier Luft
gemacht, hatte er den Ton gefunden, in dem er gegen den Gefangenen einfiel:
»Diese Hitzköpfe sind es, diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten,
diese Ideologen und Studenten! Der Prinz hat seinen Lohn weg. Viel zu gut! Wie,
ist es erhört, hier schreibt mir der König von Preussen, er wünscht Frieden, er
wünscht eine Zusammenkunft, eine Vermittelung. Die hätte sich so leicht gemacht.
Und während sein König das mir schreibt, verlässt der Tollkopf seinen Posten,
greift im rasenden Ehrgeiz meine Truppen an. Gleichviel ihm, wie viel Tausende
darum ihr Leben liessen. Wollte durch die Attaque zur Schlacht zwingen. Und das
nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen. Unerhört!«
    Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovillards Leben. Dem grössten Genius
des Jahrhunderts stand er, der Unbedeutende, gegenüber, gewürdigt einer
Unterhaltung, um die ihn Millionen beneidet hätten, und in der brennenden Krisis
welchen Momentes! Und wie kam es, dass nicht Schauer vor der Grösse, nicht Hass und
Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze, in ihm wechselten? Nein, er entsann sich
des spöttischen Artikels einer englischen Zeitung, worin der angebliche
Unterricht geschildert ward, den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer
Affekte gebe. Er sah nicht den Gewaltigen vor sich, sondern den Schüler des
Schauspielers. »Sire,« entgegnete er, »es ist die Taktik der Preussen, einen
gewissen Angriff nicht abzuwarten, sondern ihm zuvor zu kommen.«
    Seine Majestät der Kaiser musste aus irgend einem Grunde auch diese Antwort
nicht gehört haben. Er fuhr im vorigen Tone, als wäre gar nicht dazwischen
geredet, fort: »Füsiliren liesse ich ihn, wäre ich Ihr König, wenn er noch lebte.
Weiss Ihr König nicht, wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preussischen
Jakobiner gerichtet waren? Wer stand ihm dafür, dass sein Ehrgeiz nicht weiter
ging? Von politischer Freiheit sprach er, er klagte, dass ich die liberalen Ideen
ersticke - ich kann Briefe des Todten vorlegen - eine Krone wäre ihm nicht zu
hoch gewesen, wenn seine Freunde sie ihm boten. Kennt Ihr König diese Freunde?
Hab' ich umsonst die Jakobiner in Frankreich zertreten, damit sie in Preussen ihr
Haupt erheben? Ihr König dauert mich. Er ist von Schwärmern und Jakobinern
umgeben. Man will nicht sein Wohl, man will liberale Ideen. Ja, die will man!« -
»Lasst die Todten ruhen!« sprach Bovillard. »Und die Weiber auch. - Mit toll
gewordenen Frauen kämpfen müssen! Und man soll nicht in Harnisch geraten! - Ich
weiss Alles. - Warum ist die Königin bei der Armee? - Was tut eine Frau, wo die
Waffen entscheiden? Ihre alten Generale sind ausser sich. Weiber im Train, Weiber
im Hauptquartier und eine Armee ist verloren. Ich sollte mich freuen. Nein, ich
weiss, was sie soll. - Den König warm halten. Sie ist im Dienste Englands, von
Alexander beschwatzt; sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwärmer für
Deutschland. Sie hat ihn angetrieben, sie das Feuer geschürt, sie ist die -«
»Sire!« fuhr Bovillard auf, »muss ein Gefangener auf Alles schweigen!«
    Napoleons Schlachtross war vorgeführt. »Gebt ihm die Briefe!« rief ihm der
Kaiser, »und das schnellste Pferd aus meinem Stall.« Das Ross stampfte. Der
Kaiser war so dicht an Bovillard getreten, dass die Gesichter sich fast
berührten. »Junger Mann, die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen, und
wehe, wenn in das Rad der Weltgeschicke eine Frauenhand greift. - Ich biete dem
Könige von Preussen noch einmal meine Hand. Fliegen Sie mit dem Schreiben in sein
Hauptquartier. Keinen Moment Rast, das Leben von Hunderttausend hängt an einem
Haar. Dringen Sie zu ihm durch, selbst übergeben Sie ihm die Briefe, denn er ist
von Verrätern umringt. Ich will den Angriff von Saalfeld, ich will Alles
vergessen, aber keine Weiber zwischen uns. Die Königin muss fort. Sie bringen
ihm, Ihrem Vaterlande Frieden, junger Mann. Rasch, ohne sich umzusehen, ohne zu
atmen, wie der Blitz!«
    Das Schlachtross bäumte sich unter dem Imperator. Der erste Kanonenschuss
tönte dumpf aus der Tiefe, und in dem Augenblick ging die Sonne auf, eine
unförmliche, blutrot dunstende Kugel, den Herbstnebel färbend, der nicht
weichen wollte. Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr
angeglüht, der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft. In Louis Bovillard
rief eine Stimme: »Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil, er bringt ihr
den Sieg der Lüge.«
    Kaum dass der Kaiser fortgesprengt, stand der schönste andalusische Renner
vor der Tür, man hob ihn hinauf, vornehme Offiziere waren dabei geschäftig, man
empfahl ihm dringend Eile, die Richtung, die er zu halten habe, rechts am linken
Saaleufer fort, damit er aus dem Bereich der scharmutzirenden Parteigänger
komme, dann müsse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstädt
sich halten, rasch direkt nach des Königs Hauptquartier. Der Kapitän geleitete
ihn wieder bis zu den äussersten Vorposten. Las er die Fragen und Zweifel auf der
Stirn des Entlassenen? Er flüsterte ihm zu: »Ein Emissär Napoleons, ein Herr von
Montesquieu ist, wie ich eben hörte, von preussischen Parteigängern gefangen. Ihm
könnte das Schicksal drohen, dem Sie entgingen. Die Grossmut ist vielleicht das
Facit einer Rechnung. Gedenken Sie daran.« Das konnte es nicht sein! Auf einer
Höhe hielt er einen Moment, um Atem zu schöpfen. Der mit Millionen
Menschenleben spielte, konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich
nicht gedrängt fühlen - um einen seiner Offiziere! Da hörten die einzelnen
Signalschüsse auf, das Knattern der Tirailleure verstummte vor dem Krachen der
Geschützsalven, es donnerte an den Bergen und die Erde unter ihm zitterte. Jetzt
trieb ein frischer Morgenwind die Nebel aus einander. In dem Rahmen breitete
sich zu seinen Füssen ein sonnenerhelltes Bild - die Schlacht von Jena.
    Und in ihm riss auch ein Vorhang, es ward heller und heller: dort will er den
Fürsten von Hohenlohe schlagen, und er wird vernichtet, wenn das Haupteer ihm
nicht zeitig zu Hülfe eilt. Den König soll der Brief zweifelhaft machen, er
soll, der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend, den Moment versäumen, er
soll zaudern, um selbst vernichtet zu sein! Louis Bovillard fühlte an sein Herz.
Es schlug nicht, wie es sollte, er fühlte seinen Puls, er konnte die Schläge
nicht zählen, er drückte die Hand an seine kalte Stirn. Ein tiefbanger Seufzer
stieg aus seiner Brust: »O Du Lenker des Weltalls! - nur bis dahin - warum so
gross die Mission, wenn der Atem so kurz ist. Kraft nur - dann - dann -« Der
Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust: »Dank
für das Geschenk!« rief Louis. »Trage mich, mein Segler, durch die Lüfte. Du und
ich, wir mögen in Staub sinken, wenn der Atem nur ausreicht zu einem Wort - ein
letztes Wort!«
 
                          Vierundachtzigstes Kapitel.
                               In der Dorfkirche.
Im letzten Dorfe, welches die Königin passirte, hatten die Relaispferde gefehlt.
Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt; aber sie waren auch müde,
eben von einer Vorspannfahrt zurückgekehrt. Die Königin glaubte dem alten Manne
die Sorge um seine Tiere anzusehn; sie hatte sich anfänglich geweigert sie
anzunehmen. Der Prediger hatte erwidert: wer weiss, was heute sein ist, ob es
morgen sein bleibt! Wer es hingibt zu einem guten Werke, hat das Bewusstsein
hinter sich.
    Es war noch keine Flucht; die Monarchin hatte endlich, von den tausend
Stimmen, die laut und lauter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich aussprachen,
gedrängt, das Hauptquartier verlassen; sie wollte über Naumburg nach ihrem
geliebten Magdeburg zurück. Es war ein herzzerreissender Abschied gewesen von dem
Gemahl - der Schatten einer Leiche schwebte schon über der Umarmung. Ihr
schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand.
    Tausend wüste Nachrichten schwirrten durch Weimar, als sie es verliess. Alles
hatte sich verändert, der Feind kam nicht von daher, wo man ihn erwartete,
sondern griff vom Rücken an. So viel wusste man schon, nicht, wie weit er
vorgedrungen. Die festen Positionen an der Saale mussten ihn doch aufhalten!
Aber Wirrwarr überall auf der Strasse: verfahrenes Fuhrwerk, Marodeure, Kranke,
umgestürzte, geplünderte Bagagewagen, versprengte Flüchtlinge, die, jenseits der
Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen, jetzt ihre Corps
aufsuchten. Viele suchten sie auch nicht. Bei Lobeda war die sächsische Bagage,
ehe die Franzosen erschienen, von den eignen Trainknechten aufgegeben,
überfallen und geplündert worden. Wer mochte unter den Hunderten, die davon auf
der Strasse erzählten, die Vorfallenheiten vergrösserten, ausschmückten, die
Beraubten immer von den Räubern unterscheiden! Wohin war schon jetzt der Zauber
der Autorität, wenn man Mühe hatte, für den königlichen Wagen Platz zu machen.
    In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monarchin eine Katastrophe abgewendet
haben. Verwilderte Schaaren Zersprengter, die sich eingelagert, machten Miene,
das Mein und Dein zu vergessen. 'S ist Krieg, da hört Alles auf! hörte die
Königin mit eignen Ohren. Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener
Soldaten, die an der Hecke nicht schulterten, und sie trugen den preussischen
Rock, sie wussten, dass es ihre Königin war. Es sind ausgehobene Polen! Sollte
die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen? Unter dem blauen Rock sei Herz
und Verlass, hatte man sie gelehrt. Wenn nun Tausende von Herzen darunter
schlugen, auf die kein Verlass war, und Friedrichs Disciplin fehlte! Dass diese
nicht mehr sei, hatte sie in Weimar, Naumburg, selbst in Berlin von so vielen
klagenden Stimmen gehört. Auf dem Kirchhof sangen Marodeure, die ihre Beute von
Lobeda teilten, unter wildem Gekreisch das Räuberlied: Ein freies Leben führen
wir, ein Leben voller Wonne! - Die Königin, während der Umspannung einen
Augenblick abgestiegen, hatte in die offene Kirche treten wollen, der Geistliche
aber bat sie, umzukehren, es seien da Verwundete, Sterbende untergebracht. Es
mochte noch mancher andere Anblick sein, nicht geeignet für die Augen einer
zarten Frau. Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes Weib bemerkt, die Züge des
Todes auf ihrem blassen, schönen Gesicht. Der Prediger wollte den Anblick mit
seinem Rücken decken, aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen
Umgebung interessirten unwillkürlich die Königin. Wie kommt die Unglückliche
hierher? Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt: »Eins von den Geschöpfen,
welche die Soldaten mitschleppen, oder sie laufen ihnen von selbst nach. So was
gehört freilich nicht in ein Gotteshaus, aber wer kann's hindern. Sie haben sie
auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen. Sie
blutete.« Die Königin fühlte das Bedürfnis, der Armen etwas Wohltätiges zu
erweisen. Ach, sie hatte nichts, nicht einmal das, was jeder ihrer Diener bei
sich führte, eine Börse. Sie wollte einen heranwinken, aber der Stallmeister
stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag. Aller Mienen sagten:
hier ist nicht länger zu verweilen!
    Es war stiller geworden auf der Strasse. Der Wagen mit den müden Pferden fuhr
aber nur langsam in den aufgewühlten Wegen. Zuweilen liess der Wind den
Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen. Es schien eine stillschweigende
Uebereinkunft, nicht darauf zu achten. Die Hofdamen, von Ueberanstrengung
erschöpft, nickten. Auch die Königin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt, zu
schlafen geschienen. Jetzt richtete sie sich auf, warf den Schleier zurück und
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Nach einem kräftigen Atemholen löste
sich ihr Schmerz in Tränen, sie glaubte ohne Zeugen; aber ihr gegenüber in der
Wagenecke wachten zwei Augen. Adelheid Alltag, die hier in bescheidener
Zurückgezogenheit gesessen, wagte die Hand der Fürstin zu ergreifen und, halb
auf das Knie sinkend, sie an die Lippen zu drücken.
    »Es ist ja noch nichts verloren.«
    »Nichts!« sagte die Königin und schüttelte wehmütig den Kopf. - »Aber Ihr
Anblick, liebes Kind, sollte mir eigentlich Stärke geben. Würden Sie denn den
Mut gehabt haben, Alles zu ertragen, wenn Sie voraus gewusst, was Ihnen
bevorstand? Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier. So hat der
Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt. Hätte ich das, was ich jetzt
erlebe, noch vor zwei Jahren ahnen können, und wer sagt, was mir noch
bevorsteht! Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall
Sonnenschein und Wiesengrün um uns, während die Herbststürme schon heranziehen.
Aber es ist in seinem unerforschlichen Ratschluss, dass wir nichts davon ahnen,
um gesund zu sein und stark, wenn sie hereinbrechen.«
    Adelheid versuchte von einer besseren nächsten Zukunft zu sprechen. Der Ton
ihrer Stimme verriet, dass sie nicht daran glaubte.
    »Nein, liebes Kind, ich täusche mich nicht mehr; es ist vieles in diesen
Tagen vor meinen Augen gerissen. Es ist nicht mehr, wie es war. Wohin ist unser
Ansehen, wohin die Kriegszucht, wenn so kleine Derangements schon solche
Unordnung bringen. Die Offiziere mussten ein Auge zudrücken. Wenn das die
preussische Armee betrifft! Wie hat man uns belogen! Ich hörte Stimmen aus dem
Volke -«
    »Wir sind hier nicht in Preussen.«
    »Auch in unserem Heere selbst. Ich hatte nicht geglaubt, dass unsere
Offiziere so gehasst sind! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft! Und sah
ich's nicht mit eignen Augen! Die Brutalität gegen die armen Menschen, und diese
alten Generale, denen drei Mann helfen mussten, um aufs Pferd zu steigen. Die in
Weimar lachten, unsere Soldaten verzogen auch den Mund. Der wackere Rüchel
suchte es mir zu verbergen. Ach, er ist auch gefürchtet und gehasst -« »Desto
allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König.« - »Gott sei Dank!
Aber auch ich bin verredet, gehasst, verleumdet.« - »Um Gotteswillen, Ihro
Majestät, es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung -«
    Durch einen Lärm draussen wurden sie unterbrochen. Eine durchdringende Stimme
hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurück! gerufen. Die Pferde, entweder
scheu geworden oder angehalten, hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht,
auch der Wagen war davon zurückgestossen, als man das Fenster von innen
niederliess. Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen
entgegen. Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln, die um ihnen
aufflogen, nicht gesehen. Jetzt hielt er am Kutschenschlag. - Da kam ein Schrei
aus dem Wagen. Der Anblick konnte wohl ein zartes Frauenherz ausser sich bringen.
Er hing mehr, als er sass, auf dem Pferde, ein leichenblasses Todtengesicht mit
gläsernen Augen und stierem Blick. Der Hut war ihm vom Kopf geflogen, die Haare
hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel. Wie gänzlich vom Ritt erschöpft,
hielt er sich mit den Händen am Sattelknopf, während die Lippen konvulsivisch
bebten im Versuch, Worte hervorzubringen. Jetzt gelang es ihm, er riss zugleich
Briefe aus der Brust, die Worte kamen abgebrochen vor: »Zurück - die Königin muss
zurück - die Feinde in Naumburg - die Brücken genommen, Franzosen auf den Höhen
von Kösen - ein Angriff von dort!« - »Die Franzosen!« schrien zehn Stimmen. »Wir
sind verloren!« die Hofdamen. »Kehrt! Kehrt! Auf der Stelle Kehrt gemacht!«
kommandirten die Stallmeister. »Ist schon Gefahr?« rief die Königin zum Fenster
hinaus. Ihr Blick schien dem Erschöpften auf einen Augenblick Besinnung und
Kraft wiederzugeben. »Noch nicht - noch um Stunden sind sie zurück - mein guter
Renner - aber Majestät muss nach Weimar zurück, über den Harz ist noch ein
sicherer Rückweg. - Diese Schreiben an den König! - Schreiben der Arglist -
traue Niemand.«
    Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen, als
dieser Kehrt machte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht verloren. Es
war gut, dass die Hofdamen Riechfläschchen bei sich führten, ein Händedruck der
Königin wirkte indes vielleicht doch belebender. Luise hielt mit der Linken
Adelheids Hand, während sie aus dem Fenster mit den Stallmeistern und den
begleitenden Offizieren sprach. »Die Gefahr ist vorüber!« sagte sie, den Kopf
zurückziehend. »Er stirbt!« rief Adelheid mit einer ohnmächtigen Bewegung, sich
aufzurichten. Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin. Wer Zeit und
Sinn dafür gehabt, sie zu beobachten, würde jetzt ein Lächeln auf ihrem Gesicht
erblickt haben. Wer hatte Sinn dafür, wer Zeit! Der Wagen schien sich nicht
fortzubewegen: alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den müden Tieren.
Endlich stürzten sie; es war aber am Eingang ins Dorf. Gefahr war nicht mehr,
denn von der preussischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt. Rüchel hatte
einen Adjutanten der Königin nachgesandt, dessen Meldung mit der des Reiters
übereinstimmte, sie müsse in Eil nach Weimar zurück, von dort seien Relais und
Escorte nach Sondershausen und dem Harze für sie bereit. Aber noch fehlten die
Pferde, auch am Wagen war etwas zu bessern.
    Die Königin ging ins Dorf zurück. Sie sprach lebhaft mit den Offizieren. Sie
schien in raschen, scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Gesicht
entdecken zu wollen. Adelheid wankte allein. Er kam noch nicht. Sie wagte nicht
zu fragen; sie stand, ohne zu wissen wie und warum, auf dem Kirchhof. Ein
angelehntes Hinterpförtchen führte in die Kirche; eine einfache gotische
Landkirche von Steinquadern, mit einer Balkendecke. Und doch hatten Reste von
bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten; spinneumwebt,
verdunkelt von Staub und Wetter, und doch genug Farbe entaltend, um dem
Sonnenschein, der eindrang, eine dumpfe, gelb brennende Färbung zu geben. Sie
passte zu ihrer Stimmung. Ob der Schein sie lockte, ob eine Ahnung?
    Sie war eingetreten. Sie sah nichts von den Schrecken. Vielleicht waren sie
schon entfernt. Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote, welcher der Königin
die Rettungspost gebracht. Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern,
die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zügel führen sollten. Der Mann selbst
war ja nicht mehr im Stande, es zu lenken. Im Dorfe war das Tier gestürzt mit
seinem Herrn - ein heftiger, tödtlicher Blutsturz. Louis Bovillard hatte sich
nicht mehr aufrichten können, der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen.
    Der Sonnenschein fiel durch die gelben Scheiben grade auf sein Gesicht, als
Adelheid eintrat. Sie schrie nicht auf, sie rang nicht die Hände, ihre Knie
zitterten nicht. Schien es doch, als sei es nur die Erfüllung von etwas, was sie
längst gewusst. Die Hände faltend blieb sie noch in der Entfernung stehen und
blickte auf ihn, wie man zum ersten Mal den Grabstein eines teuren Verblichenen
erblickt. Nicht einmal eine Träne stürzte aus ihrem Auge. Aber etwas hätte sie
befremden mögen, - auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes;
sie hatte ihr Tuch über seine Füsse gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schoss
gedrückt. Ein Bildhauer hätte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt. Ihr
aufgelöstes Haar wallte um ihren Nacken.
    Auch die Anwesenheit dieser Trauernden störte sie nicht. Sie war jetzt neben
ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfasst, die sie an die Lippen
drückte. Sie schien zu beten, als es hinter ihr rauschte; die Königin legte die
Hände sanft auf ihren Scheitel; »Mein Kind, es trifft Jeden sein Teil und Du
warst darauf vorbereitet.« - »Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlüge!«
atmete sie leise. - »Um meinen Dank in den Himmel mitzunehmen, denn er hat
seine Königin gerettet. Ich kann ihm nicht mehr danken.« - »Doch, Königin.«
sprach Adelheid, sich umwendend. »Gönnen Sie mir die Freiheit, lassen Sie mich
hier zurück. Ich war seine Braut vor Gott und vor Ihnen, er darf nicht verlassen
sterben. Die Pflege ist spät, aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen.
Lassen Sie mich ihm die Augen zudrücken.« Da richtete sich das verwilderte
Mädchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an. Der Traum der Wahrheit
schien durch ihre brechenden Augen zu dämmern.
    Die Gräfin Voss war an die Königin, die zweifelnd dastand, getreten und
flüsterte ihr zu: »Wenn Ihro Majestät das zugeben, ist es absolut unmöglich, dass
die Demoiselle ferner, in welcher Stellung es sei, in Dero Nähe verweilt. Ja,
wenn sie nur getraut wären -« In dem nächsten Augenblick geschah vieles. Der
alte Geistliche hatte sich über den Sterbenden gebeugt: »Er atmet noch.« - Das
Mädchen zu seinen Füssen rief wie in wahnsinniger Freude: »Louis schlägt die
Augen auf.« Der Sonnenschein hatte eine rote Scheibe getroffen, und ein rosiger
Schein breitete sich über die eng zusammengedrängte Gruppe aus. Der Todte lebte
noch, er schien zu lächeln, er erkannte die Gegenstände. Die Königin aber hatte
im nächsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich gesprochen. »Ich übernehme
alle Verantwortung.«
    Der Geistliche erwiderte: »Auf die wage ich es selbst vor dem höchsten
Richter, wo ich bald mit ihm erscheine. Aber hat er die Besinnung - und die
junge Dame?« - »Sie wird ihr Ja deutlich sprechen,« hatte die Königin
geantwortet und flüsterte Adelheid etwas ins Ohr: »Bleib' knieen, mein Kind!«
    Da wollte es der Zufall, während der Pfarrer in Kürze die liturgischen
Formeln der Trauung sprach, dass ein Knabe des Küsters auf der Orgel intonirte.
Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten, das gelang ihm nicht, aber von seinen
Lippen kam es: »Da rufen sie uns!« Der Prediger sah froh der Königin ins
Gesicht, welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte. Das
fremde Mädchen aber hielt den Kopf des Sterbenden, während der Prediger die
Ringe wechselte. Als er die entscheidende Frage tat, antwortete ein Ja so
wunderbar laut, dass es die Orgel übertönte. Es war sein letztes Wort. Kaum dass
der Segen gesprochen, sank er röchelnd nieder. Der Brautkuss war der Sterbekuss.
Das fremde Mädchen weinte und lachte: »Ich habe doch seinen letzten Händedruck.«
- Die Königin sagte: »Ich konnte ihm doch danken.«
    Der Wagen stand fertig vor der Kirchentür. »Frau von Bovillard! sprach
feierlich die alte Voss, Ihro Majestät sind bereit.« Die Fürstin sah fragend auf
die Trauernde. Ihr Blick schien zu sprechen: »Willst Du mich jetzt verlassen!«
Der Geistliche sagte: »Für die Todten sorgt Gott und die Kirche. Wer noch
Pflichten im Leben hat, fliehe von hier. Den Todten ist wohler in der Erde als
den Lebendigen, wo die Verwüstung ihr Reich aufschlägt.«
    Das fremde Mädchen schrie wie im Irrsinn auf: »Er wird nicht allein begraben
werden.«
 
                          Fünfundachtzigstes Kapitel.
                           Ein Frühstück bei Dallach.
Es ist in der Luft eine Magie, die unsere Wissenschaft noch nicht erklärt hat;
eine Kommunikation durch unfassbare Organe, welche die Begebenheiten verbinden.
Unergründlich nannten unsere Väter eine Tiefe, die sie noch nicht ergründet;
unfassbar hätten sie das Lichtbild genannt, wir lernten es fassen und festigen
auf der Platte, und an Drahtseilen fliegt der Gedanke hunderte von Meilen in
Sekundenschnelle, und drückt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben, für jedes
Auge lesbar. Dieses Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer
Väter, der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle, nur fassten sie ihn
nicht, weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt waren; weil sie die Platten
und die Drahtseile nicht sahen, tauften sie es Wunder. Alte Leute entsinnen
sich, dass man in der Stille der Nacht nach dem 14. October vor Berlin auf der
Erde die Schläge des Kanonendonners von Auerstädt hatte hören können. Von Andern
sagt man, dass sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht gewusst.
Aufgeklärte meinten, das sei nur die Nachdröhnung gewesen von dem unglücklichen
Gefecht von Saalfeld, die als Vorahnung gespukt.
    Nicht Alle waren es, es waren nur Wenige, darunter zwei, die wir kennen. Der
Rat Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beängstigung ward gegen
Morgen immer grösser. Er horte die Kanonenschläge, sein Bett schien unter ihm zu
zittern; wie fest er auch die Augen zudrückte, er sah immer wieder den hellen
Schein, wie ein Nordlicht, das am äussersten Horizont aus der Erde quillt. Er
zündete das Licht an und ergriff eine Lekture, es war ein Band des Shakespeare.
Die Stelle aus Macbet, die er aufschlug, war nicht geeignet, seine Träume zu
beschwichtigen:
Die Nacht war stürmisch; wo wir schliefen, heul' es
Den Schlott herab; und wie man sagt, erscholl
Ein Wimmern in der Luft, ein Todesstöhnen,
Ein Prophezein in fürchterlichem Laut,
Von wildem Brand und gräflichen Geschichten,
Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens,
Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch:
Man sagt, die Erde bebte fieberkrank.
    Er sah die Schlacht, die meilenweit sich dehnende, mit ihren wankenden und
wogenden Linien, den dampfenden Batterieen, den Kavallerieattaquen, und so gewiss
er das Herz unter der Brust pochen hörte, so centnerschwer drückte ihn eine
Gewissheit - dass er nichts Frohes sah.
    Um den fürchterlichen Alp los zu werden, zündete er noch ein Licht an und
begrub sich unter seinen Akten. Auch aus diesen Bergen stiegen Dünste, tiefe
Schachte öffneten sich, deren Ende er nicht sah, und Sphinxe lagerten sich vor
dem Eingang.
    »Ein Weib, das selbst eine Sphinx ist,« rief er, sich im Armsessel
zurücklehnend, »und der Oedipus will nicht erscheinen. Die Tatsache liegt nackt
da, und alle Bezüge, Fäden, die zu einem Motiv führen, plötzlich abgeschnitten!«
    Er blätterte weiter in einem Konvolut. Es waren Privatkorrespondenzen der
gefangenen Geheimrätin: »Welcher Verstand! welche klare Erwägung der
Verhältnisse, welche ruhige treffende Beobachtung im Urteil über Personen! Und
nirgends nur ein Wink von auswärts her! Alle ihre Verbindungen bestehen die
Probe. Und vor allem dieser!« Er überlas noch einmal die Billette, welche Wandel
an die Lupinus gerichtet, und die mit ihrer ganzen Korrespondenz zu den Akten
genommen waren.
    Er fuhr, wie ein Unzufriedener mit sich selbst, mit beiden Händen über das
Gesicht: »Wie ein Kriminalrichter sich in Acht nehmen muss, auch auf den
dringendsten Verdacht hin, eine bestimmte Meinung zu fassen! Wie leicht verführt
er sich, und wie schwer wird es ihm, dann wieder auf den richtigen Weg
einzulenken! - War ich nicht schon innerlich überzeugt von der Identität jenes
von der französischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel! -
Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher
Fingerzeig! - Selbst die kecke Weise, wie er sich mir damals aufdrängte, konnte
mich noch nicht ganz überzeugen. Man hat Beispiele - und er ist klug, sehr klug!
- Aber diese Briefe an die Lupinus! - Der klarste Spiegel einer unbefangenen
Seele, besser als er sich selbst darstellt. Er mag anderweitig - aber in dieser
Sache ist er nicht implicirt. Nichts von Ostentation, Raffinement! Er schreibt
wie ein welterfahrener Mann. Seine Ratschläge, wie vernünftig! Er warnt sie vor
der Exaltation, ihr aufrichtiger Freund; anfänglich zwar scheint ein anderes
Gefühl im Spiele, die Neigung steigert sich, aber dann dies allmälige
Zurückfallen in den Ton der Achtung und des Respektes. - Schade, dass ihre Briefe
fehlen! ja eine Ahnung von dem, was in ihr vorging, mag er gehabt haben, darum
zog er sich zurück. Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen, dass er sich
jetzt Mühe gibt, eine von ihm hochverehrte Frau zu verteidigen? - Als
Kriminalist sollte ich es vielleicht, als Mensch kann ich es nicht.«
    Fuchsius war an ein anderes Konvolut, das auf einem Nebentisch lag,
getreten. Es waren französische Akten, er nahm eine Silhouette heraus und hielt
sie ans Licht: »Und was bedeutete die Aehnlichkeit eines Schattenbildes mit
einem lebendigen Menschen, wenn sie zu entdecken wäre! - Und dann, wie vieler
Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt! - Uebrigens -« sagte er mit
wehmütigem Lächeln - »muss man die Gefälligkeit der französischen Behörden
bewundern. Dass wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind, in einem Kriege, der
sie verpflichtet, Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen, hindert sie
nicht, uns in unserm köstlichen Rechte beizustehen, damit wir ja nicht fehl
gehen, ein uns verfallenes Justizopfer, und wäre es auch aus ihren Reihen, zum
Tode zu fangen! Welche Zuvorkommenheit! Es war Laforest's letzter Akt hier,
unserm Kanzler die Akten aus Paris zu kommuniciren. Eine schöne Sache um das
Band der Civilisation! Die Revolutionen, die grosse Verbrecher krönen, retten die
kleinen nicht vorm Galgen. Die ganze Welt wird für ihn zum Netz und ein
Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl!«
    Er war ans Fenster getreten. Als er nach den Sternen ausschaute, sah er
einen fernen Lichtschein. Es kam aus einem Hoffenster in einer jenseits
gelegenen Strasse. Er kannte die Strasse, das Haus, das Fenster. Hier wohnte der
Legationsrat. Das Fenster gehörte zu seiner Küche, die Küche diente ihm zum
Laboratorium. Was konnte Wandel so früh hier zu schaffen haben? Er war ein
Nachtschwärmer; er experimentirte nie anders als bei Tageslicht, hatte er selbst
zu Fuchsius gesagt. Was präparirte er jetzt? Es war zwischen drei und vier. Und
das Licht verschwand nicht. Gedanken durchzuckten ihn in rascher Folge. Was kann
er in dieser Nachtstunde experimentiren? Warum die Heimlichkeit? Warum hat er,
bei aller Offenherzigkeit in andern Dingen, Niemand klaren Wein über seine
Vermögensverhältnisse eingeschenkt? Warum schweigt über ihn der alte van Asten,
der einmal merken liess, dass er etwas wisse, und jetzt behauptet, dass er nichts
weiss? Er hatte Wechsel von ihm in der Hand! - Wechsel! Fuchsius sah Wandel
schreiben. Er rieb sich wieder die Stirn. Plötzlich sass er am Tisch und wühlte
in den französischen Akten. In einem kleinen vergilbten Handbillet verfolgte er
mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben. Ebenso rasch riss er das vorige
Aktenstück herbei, und verglich Wort um Wort, es schien Buchstabe um Buchstabe.
Es war ein französisch geschriebenes Billet Wandels an die Lupinus: »Welche
täuschende Waffe die Aehnlichkeit der Schriftzüge! Wie man auch da sich in Acht
nehmen muss!« Aber plötzlich vergrösserten sich seine Augen, sein Mund öffnete
sich - ein, zwei - drei Worte - nicht nur die Schriftzüge der Buchstaben, die
Schleifzüge, die Abbreviaturen waren dieselben, auch die ungewöhnliche
Ortographie.
    »Florestan Vansitter!« rief er aufstehend, und es schien, als fröstele ihn.
Er warf einen Blick in den Spiegel, sein Auge glänzte ihm entgegen, ein Glanz,
den man der Freude beimisst. »Pfui,« entfuhr es seinen Lippen. »Ist das nicht
die kannibalische Lust des Menschenfressers, wenn er sein Opfer auf Schussweite
erblickt! O du Mantel der Humanität, der uns so schön sitzt, aus welchen
Mondscheinspinnefäden bist du gewebt!«
    Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben
blickte, stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rate.
»Nichts von Wichtigkeit,« antwortete der Eingetretene auf eine Frage des Rates.
»Ihr Benehmen im Gefängnis bleibt dasselbe. Sie liess den Hofrat Heim, der ihr
die Wahrheit sagte, anlaufen und verbat sich seine fernere Teilnahme.« - »Sie
kennen wir« , entgegnete Fuchsius, »aber mein Auftrag war, dass Sie auf alle
Ereignisse und Bewegungen in dem Kreise Acht hätten, dem sie bis jetzt angehört.
Was haben sie da beobachtet, Eckard?« - »Nicht das Geringste, was zur Sache
gehört,« erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit. »Ob es dazu gehört,
werde ich beurteilen. Was macht ihr Schwager?« - »Er wird sich doch nicht
freuen, dass er pensionirt ist. Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Voigtei
liegt ihm noch in den Gliedern. Er spuckt. Neulich in der Weinstube bei Sala
Tarone liess er einen Witz los. Sie haben darüber gelacht. Das passirt ihm jetzt
selten,« - - »Welchen?« - »Damals, als er wirklich eine Bêtise begangen, sagte
er, nämlich mit den Gefangenen, sei er mit blauem Aug' davongekommen, und jetzt
müsse er büssen, wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind. Er hätte doch
seinem Bruder nie was zu trinken gegeben. Nun müsse er aus Haus und Brod, bloss
weil es sich nicht schicke, dass er der Kerkermeister seiner Schwägerin würde.« -
»Die Justiz ist blind, trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck. Noch
etwas von ihm?« - »Er heiratet sie. Das ist abgemacht. Im Dom ist schon die
Trauung bestellt.« - »Aus Depit, dass er die Voigtei verlor?« - »Nun ja! Er sagt
aber, weil er das Heulen der Charlotte nicht länger aushalten können. Das ist
wahr, ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niedergehauen, als er den Prinzen
raushauen wollte.« - »Was ist denn nicht wahr?« - »Dass der Major Stier von
Dohleneck auch da geblieben wäre. Der ist nur blessirt vom Pferde gefallen. Sie
haben ihn splitternackt ausgezogen, dann gefangen genommen, dann hat er ihnen
sein Ehrenwort geben müssen, und so kommt er retour nach Berlin. Die Baroness
Eitelbach weiss es nur noch nicht; sie geht schwarz.«
    Der Vigilant musste sehr genau, auch mit den inneren Familienverhältnissen,
vertraut sein. Ein flüchtiges Lächeln ging über die Lippen des Rates. »Was
macht Geheimrat Bovillard?« - »Sieht schon wie eine Leiche aus. Larirt einen
Tag um den andern; zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements. Der
Legationsrat Wandel sagt, wenn er so fortführe, würde es ihm ans Leben gehen.
Es sei kein Spass damit. Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um, und die
Werderschen bringen unreifes Obst. Man wisse aber garnicht, was noch daraus
werden könne, denn die Ruhr könne noch was ganz Anderes sein, woran jetzt kein
Mensch denkt.« Fuchsius hatte nur auf den einen Namen Acht gegeben: »Lässt der
Legationsrat sich viel beim Kranken sehn?« - »Nicht eben. Er steckt ja fast
immer bei der Braunbiegler. Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu
schaffen. Der mag ihn nicht; aber er lässt ihn nicht los. Besonders wenn er in
der Fabrik ist, da spricht er in allen Dingen mit.« Der Baron sagte: »wenn er
mal in den Farbekessel fiele, dann wäre auch nichts verdorben, als die Farbe.« -
»Eckard!« Der Rat zog ihn in den Winkel, als könnte die Luft hören, was er ihm
zu sagen hatte. Er schloss: »Von jetzt ab vigiliren Sie auf ihn, Schritt und
Tritt. Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge, wo er hingeht, an wen er
Briefe abschickt, von wo er Briefe empfängt, und wo möglich sehen Sie durch
seine Wände.«
    Auch der Legationsrat konnte in der Nacht nicht schlafen, auch er hörte den
Kanonendonner, auch unter ihm zitterte das Bett, der Himmel leuchtete, er sah
die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen, um Herr zu
werden seiner Sinne.
    Er zündete eine chemisch präparirte Kerze an, welche einen besonders hellen
Schein warf, und trat, was er wirklich selten bei Nacht tat, in sein
Laboratorium. Alles, wie er es am Abend verlassen, dort hingen die Bilder, da
das Gerippe, die Retorten, Kolben, Tiegel auf dem Heerde; einige kleine
Fläschchen, auf die sein Auge zuerst fiel, standen wie zur Abkühlung am Fenster.
Er hielt den Atem an, wie um zu horchen. Es bewegte sich ausser ihm etwas. Er
biss sich in die Lippen: Torheit! es ist die aufgeregte Phantasie!
    Da bewegte sich das Gerippe sichtlich, ein schrillender Ton kam aus der
Mundhöhlung, es rauschte etwas heraus, es wehte durch die Luft und das Licht
erlosch. Wandel sank nicht zu Boden, aber er presste den Leuchter so fest, dass
das Metall eingebogen war, der Todtenschweiss, der von seiner Stirn tropfte,
hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt.
    »Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen, der in seiner Angst durch den
Schornstein eindrang!« rief er, nachdem er mittelst eines chemischen Feuerzeuges
das Licht wieder angezündet. »Flattre nur, Unhold, Du bist kein Leben, und lügst
keines mehr der schönen Hülle an. Es gibt keine Geister, nur Spuk, den, den die
Schwäche unserer Nerven gebiert. Aber ein Spuk und eine Verhöhnung unserer
Kraft, dass wir uns zumeist von Denen in Angst setzen lassen, die selbst vor
Angst aus sich herausgehen.« Aber weshalb war er hier? Um mit den Gespenstern,
an die er nicht glaubte, eine Lanze zu brechen? - Warum hatte ihn die Dröhnung
des Kannonendonners, warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt? Berührte
ihn der Ausgang, welcher es sei? - »Doch!« rief er plötzlich. »Das ist der
Vorteil jener chaotischen Katastrophen, welche die kleine Menschenwelt und ihre
Ameisenhaufen, Staat und Gesellschaft genannt, durcheinander werfen, dass wir uns
da frei fühlen. Wo das Haus über ihren Köpfen zusammenbricht, merken sie nicht
das Insekt, das sie sticht. - Die Kerker öffnen sich - vielleicht! Es wird
vergessen, Alles - nein, doch Vieles - auch das? - Vielleicht.« Er nahm die
Fläschchen, hielt sie gegen das Licht und tat sie dann in ein Etui »So viele
Arbeit um - eine Bagatell. Ich ging doch an schwerere mit leichterm Mut, fast
im elastischen Tänzerschritt. Aber der alte Asten hatte Recht. Die
Polypragmosyne hat mir Schaden getan. Das erste Gesetz lautet: nicht zu Vieles
im Aug! Dies Abwägen verwirrt und schwächt unsere Sehkraft. Rasch drauf los. Die
Weisheit unserer Väter: Frisch gewagt, halb gewonnen! Es ist eine ewige alte
Fabel vom Hunde und dem Fleisch, und doch, wer wehrt sich vor dem Blendwerk, dass
ihn das grosse Bild im Wasser verlockt. Und das: Morgen, morgen, nur nicht heute
- wie viel kühnen Entschlüssen brach es den Hals.« Und doch schien er selbst
durch hervorgezogene Sprüchwörterphilosophie entweder sich Mut einzusprechen,
oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten. Er packte die Fläschchen aus, um
zu sehen, ob sie auch eingewickelt, waren. Er befühlte auch Gegenstände, die er
nicht mitnehmen wollte. Es war so heiss in der Küche, ob von der eingeschlossenen
Luft oder von seiner inneren Hitze? Schon hatte er die Tür in der Hand, als er
zurückkehrte. Ihm fiel ein, dass er auch auf die schlimmste Eventualität sich
waffnen müsse. »Sie dürfen auch nicht das finden, was sie bei der Lupinus
gefunden.« Er musste schon vorgearbeitet haben. Nur aus einem Tiegel schabte er
vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Abzugsgraben. Dann streute er
verschiedenen Farbenpuder verschwenderisch umher. Die Küche bekam dadurch einen
Wohlgeruch: »In meinen Schminkpräparaten mögen sie meine Arkane entdecken.«
    Dann näherte er sich dem Gerippe: »Wieder eifersüchtig? Gieb mir die Hand,
Angelika.« Sie gab sie ihm, aber schüttelte er so heftig, oder war der Wandnagel
lose? Das Knochenweib stürzte herab. Wir wissen nicht, ob er geschaudert, doch
schnell hatte er sich und das Gerippe gefasst: »Das hätte ein böser Fall werden
können, wie damals, als Du vom Pferde sprangst und ich Dich auffing. Du nanntest
mich Deinen Lebensretter. Ja, ein teurer ward ich Dir. Zwei Mal für das eine
Bischen Rettung nahm ich Dein Leben. Ihr armen jungen Weiber! Mit Eurem warmen
Blut und leichten Sinn seid Ihr nun einmal vom Fatum destinirt, in unsere Netze
zu flattern. Hier lernte ich Klügere, Kältere kennen, die auch denken, sogar
berechnen konnten. Das war Euch unmöglich. Und doch weiss ich nicht, ob Ihr nicht
die Glücklicheren seid. Ihr nipptet und dann schlürftet Ihr die Wonne des Lebens
in vollen Zügen. Dann - mit einem Mal - war es aus! Aber jetzt - jetzt - mach'
mir das Leben nicht schwer. Du könntest hier an der Wand in einem unbedachten
Augenblick plaudern. Dort im Kasten bist Du nicht gefährlich, Du bist ein
Präparat, eine anatomische Studie. Ruhe da sanft, und was würdest Du sagen,
Liebchen, wenn ich Dir über Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte? Schön
und gross wie Du, aber etwas dumm. Was tut das? Sie wird Dich nicht langweilen.
Sie ist stumm wie Du. Und wenn Ihr Beide dann friedlich neben einander ruht,
sieh, den Trost gebe ich Dir, bei Dir wird mein Sinnen bleiben, wir werden nach
wie vor kosen, bei Dir werde ich mir Rates erholen, Du wirst mich verstehen.
Die Andere ist eine Gliederpuppe, jetzt gelenkig, dann wie Du, aber Deine Folie.
Adieu, mein Herz!«
    Und wer behauptet, dass seines nicht doch schlug, dass der kalte, grässliche
Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war, der die Natterstiche, das
konvulsivische Aechzen, die Qualen, die keinen Namen haben, bedecken sollte?
Nicht täglich, wie er der Lupinus log, drückte er das Gerippe an seine Brust. Es
waren nur die fürchterlichsten Momente, wo er Kraft bedurfte, und er konnte sie
in sich nicht finden. Wer sah den Angstschweiss auf seiner Stirn, wer, wie die
Kniee wankten, wie er sich an das Treppengeländer hielt, als er herunter stieg.
Es war ein saurer Gang. Warum? das wusste er sich nicht zu sagen. Er hatte schon
viele Gänge der Art gemacht.
    Aber draussen sah man ihm nichts davon an. Wie der Hahn, um die Witterung
anzukrähen, schlürfte er sie ein. Die Luft war grau, regenhaltig, eine bange
Stimmung, wie sie einem grossen Unglück vorangeht. Der Tausendkünstler hatte
schnell die Physiognomie sich angeeignet. Wo fand er nicht auf der Strasse
Bekannte! Wo sah man sich nicht ängstlich an, hatte sich trübe Nachrichten,
bange Ahnungen mitzuteilen. Schon wandelten Frauengestalten in Trauer, die
frühe Nachwirkung des Gefechtes von Saalfeld.
    Der Baron Eitelbach ging zur Börse. Er ward unterwegs von Mehreren
angesprochen. Man kondolirte ihm. »Wie nahm sie's auf?« - »Ich kann wohl sagen,
sie deployirt eine grosse Seelenstärke.« - »Ist's denn auch ganz gewiss?« - »Na,
warum denn nicht? Sein Neveu, der Wolfskehl, hat ihn selbst vom Pferde hauen
sehen; er hat's hergeschrieben.«
    Der Legationsrat trat in dem Augenblick an die Gruppe, und es war der
vollste Ausdruck inniger Teilnahme, mit der er dem Baron die Hand drückte: »Sie
sind ein Mann.« Er zog ihn etwas bei Seite. »Und sie ist eine Frau, die durch
Leiden geadelt wird. Ich bin überzeugt, dass dies Unglück den wahren Bund Ihrer
Seelen nur fester schlingen wird. Es ist schön, es ist edel - ich sage nicht
gross von Ihnen, dass Sie ihre Empfindungen durch solche Teilnahme ehren.« -
    Als noch Jemand an die Gruppe getreten, war der Legationsrat plötzlich
fortgesprungen. Fuchsius sah ihm verwundert nach, aber noch verwundeter sah er
dem zu, was Wandel begann. Er unterhandelte mit einer Obstökerin. Er zog die
Börse und schien eine ahnsehnliche Summe ihr in die Hand zu drücken. Dann nahm
er plötzlich die Körbe mit Birnen und Pflaumen, den ganzen Vorrat der
Händlerin, und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine, die den ganzen
schwimmenden Vorrat alsbald in ein Abzugsloch trieben. Die Strassenjugend
jubelte, Andere jubelten nicht, sie schimpften auf den vornehmen Herren, der so
mit Gottes Gabe umgehe; statt armen Leuten sie zu schenken, verderbe er sie. Es
gab einen kleinen Auflauf, aus welchem Wandel sich nur mit einiger Mühe
losmachte. Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen, doch
ahnten sie die Aufklärung. Wahrscheinlich war das Obst unreif, oder der
Legationsrat hielt es dafür. Er hatte schon an mehreren Orten von der
unverzeihlichen Nachlässigkeit der Polizei gesprochen, dass sie solchen Verkauf
zulasse, wo die Ruhr in der Stadt grassire, man wisse ja nicht, was noch daraus
entstehe. »Ihre Intention in Ehren.« sagte Jemand zu dem Zurückkehrenden, »in
dieser allgemeinen Kalamität ist es aber nicht recht, Anlass zum Skandal zu
geben. Das Volk ist ohnedem aufsässig.« - »Und was helfen zwei Körbe weniger!« -
»Sie haben vollkommen Recht, meine Herren,« sagte Wandel, »doch wer ist Herr
über seine Impulse! Zudem sehe ich ein Gespenst, welches mir fürchterlicher
dünkt als alle Kriegskalamitäten, die uns noch drohen mögen. Noch ist es nicht
hier, aber es wogt aus dem fernen Asien herüber, eine Pest, gegen die der
schwarze Tod, das gelbe Fieber, und was sonst den Namen führte, unbedeutend
erscheinen werden. Eine Krankheit, die ganze Ortschaften, Landstriche hinrafft,
entwickelt sich in dem britischen Indien. Die englischen Aerzte geben
entsetzliche Schilderungen und behaupten, dass sie ihren Siegerzug durch die
ganze Welt halten werde. Sie nennen sie Cholera morbus, und was das
Schrecklichste, es ist kein ärztliches Mittel dagegen zu entdecken. Sie fängt
mit Vomiren an, heftiger Dyssenterie, dies steigert sich in wenigen Stunden bis
zum Tode. Der geringste Diätfehler, namentlich der Genuss von unreifem, ja,
selbst von reifem Obst ruft sie hervor. Ich kann Ihnen meine Besorgnis nicht
verhehlen, ich hörte durch Selle vorhin von Fällen, die mich fürchten machen,
dass sie schon in den Ringmauern von Berlin ist. - Ich bitte, lassen Sie sich
nicht ängstlich machen, meine Herren, aber hüten Sie sich ja vor jeder
Erkältung, vor Obstgenuss. Ja, ja, meine Herren, wir wissen alle nicht, was uns
bevorsteht, und welche neue Wendung das Schicksal nimmt. Wo diese Krankheit
grassirt, hört der Krieg von selbst auf. - Sie fühlen sich doch nicht unwohl,
liebster Baron, Sie fassen sich an den Magen?«
    Der Baron hatte Melonen gegessen. Die Gesichter einiger Andern verrieten
die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung. Da erst erblickte Wandel den
Rat Fuchsius. Er ergriff seine Hand: »Ach, mein wertester Freund! Vorsicht,
Vorsicht, meine Herren, weiter nichts! A propos, was macht denn unser Freund
Bovillard? Ich sah ihn seit vorgestern nicht.«
    Der Rat zuckte die Achseln: »Durch seine Selbstkur -«
    »Tut er Busse,« fiel der Baron ein, für die Gänseleberpasteten und
Trüffelwürste, um die er seine Nebenmenschen übervorteilt hat. »Es hat Einer
ausgerechnet, was er in seinem Leben verschlungen hat - die Summe ist gar nicht
auszusprechen.«
    »Ich bin sehr um ihn besorgt,« sagte Wandel, den Kopf schüttelnd. »Die fixe
Idee kehrt immer wieder. Und sonst die Raison selbst! Bestätigt sich noch das
grässliche Gerücht, dass sein Sohn gefangen und als Spion - das Leben verloren
hat - so gebe ich auch den edlen Mann verloren. Heim will es nicht Wort haben,
aber - glauben Sie mir -« sprach er, Fuchsius bei Seite ziehend, »das sind schon
die veritablen Symptome der Cholera. Ach, mein Gott,« sprach er, seine Hand
drückend, »teuerster Freund, was macht denn unsere Freundin?«
    »Sie wird mit der Rücksicht behandelt, die ihre Bildung beansprucht.« -
»Davon bin ich bei solchem Inquisitor überzeugt. Aber noch kein Geständnis,
keine Regung des Gewissens?« - »Stolz, fest, starr wie immer.« - »Dann bin ich
von ihrer Unschuld überzeugt. Jedes Weib verrät sich, wenn der rechte Inquirent
zu ihrem Gefühle spricht.« - »Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberkenners
sollte auch mir Beruhigung geben.« - »Nein, nein, inquiriren Sie, scharf und
schärfer, nehmen Sie sie ins Gebet, wie ich jetzt meinen Baron. Er will noch
nichts davon wissen, er ist ein starrer Anhänger des Alten, der gute Eitelbach,
aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm einleuchtend zu machen, denn
er ist doch ein guter Patriot -« »Was?« - »Dass wir unpatriotisch,
unverantwortlich handeln, wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo färben.
Wozu den Engländern den Gewinnst gönnen, wenn wir das Blau im Lande haben?« -
»Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen?« - »Kein Scherz. Die Mark
producirt seit alter Zeit einen Färbestoff in ihrer Waidpflanze, welcher bis zur
Entdeckung der Schifffahrt nach Ostindien nicht nur für das Bedürfnis
ausreichte, sondern für Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward. Da
verliess man die Produktion, natürlich, weil der Indigo wohlfeiler, besser
präparirt war. Jetzt, durch die Kriegsverhältnisse, ist er nicht mehr wohlfeil,
durch Sperrung der Schifffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden, es
ist also Aufgabe der Industrie, ein Surrogat zu finden, welches in diesem Falle
schon vor uns liegt. Ich wage zu behaupten, der Indigo ist jetzt nichts gegen
den Waid. Im Ernst, die Sache verdient Aufmerksamkeit. Uns in jeder Beziehung
unabhängig vom Auslande zu machen, ist, dünkt mich, die erste Aufgabe jedes
Patrioten. Bester Rat, beehren Sie uns mit ihrer Gegenwart bei Dallach, und
helfen Sie nur unsern Baron von seinem eigenen Vorteil überzeugen.«
    Fuchsius war vermutlich der Ansicht, dass es für einen Patrioten in dem
Augenblick näher liegende Aufgaben gebe, als die Blaufärberei; er lehnte die
Einladung ab. Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsrates
fortgerissen zu werden. »Assen Sie viel Melone?« hörte man im Abgehen Wandel zum
Baron sagen. »So springen wir vorher bei Selle an; er verschreibt Ihnen eine
kleine Magenstärkung.« Die Zurückbleibenden hörten nicht die Antwort, sie haben
den Baron nicht wieder gesehen.
    Die Indigo- und Waid-Angelegenheit schien diesen um so weniger zu
interessiren, je mehr der Legationsrat in ein wahres Feuer der Begeisterung
geriet. Auf dem Frühstücktisch, in einem separaten Zimmer der Restauration
gedeckt, nahmen die Proben Tuch, mit Indigo und Waid gefärbt, und die Fläschchen
mit Färbesaft fast mehr Platz ein, als die Teller und Flaschen aus Herrn
Dallachs Keller.
    »Alles ganz schön,« sagte der Baron, »wenn nur -« »In Gedanken! Was ist's?«
- »Wenn wir überhaupt noch blaues Tuch brauchen!« - »Was, Sie Patriot und
verzweifeln! Was wollen Sie da am Fenster?« - »Ich dachte, wenn es ein Courier
wäre.« »Wir sind unter uns, Patrioten Beide. Hören Sie, liebster Baron, und
wenn's denn wäre, Tuch brauchen sie, so lange die Welt steht. Ist's nicht
blaues, dann grünes -« »Und wenn wir französisch würden?« - »Changiren wir nur
etwas das Blau. - Qu'importe! Der Weltbürger ist auch ein Patriot. Aber Sie
trinken nicht. Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht?« - »Das könnte ich Ihnen
wiedergeben.« - »Ich bin etwas trunken, nicht vom Wein; aber ich möchte heut
aller Welt um den Hals fallen. Mir ist, als stände mir etwas Erfreuliches
bevor.«
    Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich, seinen Stammgästen eine
Prise zu offeriren: »Herr Baron sehn etwas angegriffen aus. Ihnen ist doch
wohl?« - »Es wird vorübergehen« sagte Eitelbach. »Er ist ein Anglomane, will an
seinem Indigo festalten, da sehn Sie, Dallach, das ist mit Waid gefärbt, wie
ich Ihnen sagte - halten Sie's gegen's Licht - Der Baron krümmt es sich
einzugestehen, das passirt so obstinaten Leuten. Aber was Teufel, Eitelbach!
hätte er sich beinah vergriffen und aus der Färbeflasche eingeschenkt.«
    »In der Stadt ist man sehr unruhig.« sagte Dallach. »Niemand weiss recht was,
aber es sollen beunruhigende Nachrichten eingelaufen sein.« - »Pah! nichts von
Politik. - Herzensmann. Sie essen zu viel Kompott! Nach der Melone, Vorsicht!
Vorsicht! Das merken Sie sich auch, Herr Dallach, nicht zu viel Obst Ihren
Gästen, Sie haben es zu verantworten. Schicken Sie uns Portwein, der wird dem
Magen des Barons guttun.«
    Ein Zeichen für Herren Dallach, sich zu entfernen. Auch der Baron war einen
Augenblick aufgestanden und wiedergekommen. Der Portwein schien ihm wohlzutun.
Und doch sass er wieder in sich versunken. Es war nicht seine Art: »Eine
niederträchtige Geschichte. Denken Sie sich, der Schmeckedanz, der Kerl auf dem
Mühlendamm - ein verfluchter Jude -« »Hat doch nicht Wechsel auf Baron
Eitelbach?« - »Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft, Gott weiss wie. - Und nun der
todt ist -« »Bravo! kann er sich Fidibus davon machen.« - »Nein, er schickt sie
meiner Frau.« -»O, das ist zum Todtlachen.« - »Nein, zum Einlösen.« - »Ist der
Kerl verrückt?« - »Wenn nur nicht ein Brief dabei wäre -« »Von wem?« - »Vom
todten Rittmeister, ich meine, vom Major Dohleneck.« - »Schreiben die Todten
wieder Briefe?« - »Nein, eh' er ausmarschirte. Solch ein Galimatias. Wenn er
fiele, sollt' er sich nur an meine Frau wenden, die sei so sterblich in ihn
verliebt, dass sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzen liesse. Bei
Lebzeiten hätte er sie können um den Finger wickeln, und sie hätte gehörig
blechen müssen. Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte, so -«
»Schnell noch ein Glas Port. Ich kann mir denken, wie die Niederträchtigkeit Sie
afficirt.«
    Der Baron sass zurückgelehnt auf dem Stuhl, leichenblass. »Die Erzählung hat
Sie angegriffen. Hoffentlich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt, Ihrer
Frau Gemahlin den Brief zu schicken.« - »Hat's! Das ist es eben.« - »O pfui!
Sind Sie auch sicher, dass der Brief wirklich von Dohleneck ist? Ich hielt ihn
für sehr beschränkt, aber ehrlich.« - »Das ist's eben - darüber heult sie mehr,
als dass er todt ist.« - »Gemeine Seelen! - Nun hat sie ihn kennen gelernt. - Sie
hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch?« - »Nein -
sie will sie auslösen - sie ist obstinat. Ich soll's aus ihrem -« »O, das müssen
wir hindern - auf der Stelle - wir wollen zu ihr - Was ist Ihnen?« -
    Der Baron stürzte hinaus. Er kam nach einer Weile, von einem Kellner
geführt, wieder herein. Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht
zu bemerken; in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab: »Ich kann's mir
denken - ihren Seelenzustand! Sie verachtet ihn. Und doch, sie will sich dadurch
an ihm rächen, dass sie seine Manen beschämt. Das soll das letzte Opfer sein, was
sie aus ewig von ihm scheidet. O, dort in jener Ewigkeit - mit welchem stolzen,
vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten -«
    Der Baron hörte nichts davon, er konnte nichts davon hören. Der
Legationsrat tat einen Schrei - er riss die Türen auf. Herr Dallach und die
Kellner, die hereintraten, sahen die liebende Teilnahme, mit welcher Wandel dem
Erkrankten den Kopf hielt. »Ein Arzt!« - »Ein Wagen!« - »Die verdammte Melone!
Habe ich ihn nicht gewarnt?«
    Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein. Er wehrte es mit
der Hand ab, Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser ein. Er atmete wieder auf.
»Ach, das Wasser,« sagte Wandel, »wenn die Aerzte erst seine wunderbare
Heilkraft ganz kennten! - Jetzt nur frische Luft!«
    Es kam kein Arzt, kein Wagen. »Die Stadt ist in Verwirrung.« »Würden Sie
sich stark finden, teuerster Baron, zu Fuss nach Ihrer Wohnung - ich führe Sie.«
Der Baron war aufgestanden: »Es wird gehen, es wird schon besser werden. Ich
erhole mich.« - »Die verfluchte Melone!« knirschte Wandel und stampfte; er
stülpte den Hut auf. Er zog den Wirt noch ein Mal bei Seile: »Herr Dallach,
habe ich's nicht gesagt? O, es wird noch ärger kommen. Wir können uns
gratuliren.« - »Was ist denn, Herr Legationsrat?« - »Die Cholera!« schrie er
ihm ins Ohr. »Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus! Und der Leichtsinn!
Aber still, liebster Dallach, erschrecken Sie nicht Ihre Gäste; wir werden bald
mehr hören.«
 
                          Sechsundachtzigstes Kapitel.
                             Das grosse Trauerhaus.
Wo der Trauerhimmel über eine ganze Stadt ausgespannt ist, wer achtet da sehr
auf ein einzelnes Trauerhaus! Die Aerzte, nach denen Wandel geschickt, waren
nicht zu Hause gewesen. Sei doch der Krankheitsanfall einer Art, dass ein
gesunder Körper sich selbst heile, hatte er geäussert, oder wenn - dann war er
plötzlich aufgesprungen, und liess doch noch einen Arzt rufen. Er hatte ihm im
Vorzimmer die Symptome beschrieben, sie hatten gelacht, und als der Doktor ins
Zimmer trat, hatte er lächelnd den Puls des Kranken befühlt und auch lächelnd
zum Baron gesagt: »Etwas Kamillentee und Einreibungen - das wird den Patienten
bald auf die Beine bringen, aber wenn er auf den Beinen ist, gnädige Frau, dann
tun Sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich
erkälten.« Liebevoller, aufmerksamer, aufopfernder, hätte ein Bruder den Baron
nicht pflegen können. Tag und Nacht sass er abwechselnd mit der Baronin an seinem
Bette. Er trocknete, er rieb den Leib er schenkte ihm den Tee, den er selbst
vorher kostete. -
    Wandel stand am Fenster. Lärm, Unruhe, Hin- und Hergelaufe, kernige
Fluchworte, dazwischen ein Geschrei, das hier in Heulen überging. Ein Reiter
sprengte auf der Strasse vorüber: »Das ist der Rittmeister Dorville. Ich fürchte,
er bringt Uebles vom Schlachtfelde.« Eine Stimme rief zum Fenster hinauf:
»Verloren! Es ist Alles verloren.« Was eine Stimme, was Stimmen! Es war Alles in
der Stadt nur eine, und das war ein entsetzlicher Wehruf. Wohl Denen, die ihn
laut machen konnten; der stumme Schmerz ist der tiefere. Er sprengt nicht immer
die Brust, aber er stopft die Adern, er wirkt einen Niederschlag, der alle
Funktionen der Glieder lähmt. Das Herz, das so mutig noch eben schlug, scheint
still zu stehen, die Gedanken, die gradaus schossen, zittern und verirren. Es
war kein lauter Aufschrei in der Stadt; kein Todeshieb, der eine Wunde öffnete,
aus der das Herzblut mit einem Mal ausströmt; es war eine Quetschung, ein
Niederschlag. Ein Uhrwerk war's, dessen Räder noch gingen, aber keines griff ins
andere.
    Ein Knäuel von Hiobsposten wälzte, flog durch die Strassen. Die Franzosen
hatten gesiegt, die Armee war in die Flucht geschlagen; die Besonnenen hatten
wohl Recht, wenn sie schrieen, man solle zukochen, heizen, für Stroh, Decken,
Quartiere und Lazarete der Flüchtlinge sorgen, Andere schrieen nach Waffen und
Widerstand. Da schreckte Beide die Nachricht zu blassem Verstummen: Nichts von
Flucht und Widerstand! Unsere Armee ist aufgerieben, vernichtet, alle Generale,
der König, der Prinz gefallen! Das ward zwar von Unterrichteten dahin korrigirt:
die preussische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden, Napoleon habe
sich zuerst bei Jena auf das Corps Hohenlohe geworfen und es vernichtet, darauf
oder zugleich sei die Hauptarmee, wo der König und die Prinzen, bei Auerstädt
total geschlagen, der Herzog von Braunschweig, der Oberfeldherr im Getümmel
erschossen, und beide geworfenen Corps, auf einander gedrängt, würden von den
Franzosen nach dem Rheine zu verfolgt; aber für die Begriffe der Masse war das
zu schwer zu entwirren. Wenn auch einige Kluge kalkulirten, dann entferne sich
ja die Gefahr, wenn noch Klügere meinten, es sei nur eine Kriegslist, um den
Krieg nach Frankreich zu wälzen, so hörten Andere dafür schon, wenn ein Piket
Husaren durch eine entfernte Strasse preschte, die Vorposten der Franzosen in die
Stadt einreiten. Andere aber hatten besser gesehen oder gehört, es waren Russen
oder Engländer, die gelandet oder geflogen waren um Berlin beizustehen.
    Man sah Einige durch die Massen sich drängen. Aber wo Rates sich erholen?
Die Lenker des Kabinettes sollten im Hauptquartier sein. Hier klopften sie
umsonst an die Tür eines Grossen. Er lag in einer heftigen Kolik und hatte
befohlen, Niemand vorzulassen. Ein Anderer war bei einem Andern, der Andere war
aber wieder anderswohin geeilt. Im Gedränge trafen sich Zwei, die sich einst
gesehen und seitdem nicht wieder, Walter und der alte Rittgarten. »Zum
Gouverneur!« rief der Invalide. »Er muss die Trommel rühren lassen.« - »Trommeln!
Das fehlte noch,« rief ein gutgesinnter Bürger, »um den Wirrwarr voll zu
machen.« - »Es gibt nur Einen, und wenn Er nicht Hülfe weiss -«
    Walter ward durch einen lauten Aufschrei unterbrochen, der durch die Stimmen
von Tausenden immer neu anwuchs. Das waren Laute des Schmerzes, aber auch der
Freude - »Die Königin! die Königin!« In der Entfernung, bog ein Reisewagen um
die Strassenecke. Tränen, Schluchzen, Jubelrufe! Es war in dem Gewirr nichts zu
verstehen. Ein Tuch, ein Arm wehte heraus. Die Beiden, die sich eben gefunden,
wurden wieder getrennt. Jeder hatte ein anderes Ziel. Aber die Stimmung schien
sich geändert zu haben. Der Anblick der Königin hatte gewirkt. Der alte
Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter. Kernworte, Flüche! Da schüttelte
Einer seinen markigen Arm. Rittgarten ergriff ihn. Er sprach Worte, die zum
Herzen drangen. Als sie das Hotel des Ministers erreicht, hatte sich die Zahl
bedeutend verstärkt; es waren kräftige Männer, alte Soldaten darunter. Wut und
Freude strahlte auf den Gesichtern.
    Wo war die alte Ordnung, die heilige Ruhe, wenn man berusste Arme,
Schurzfelle auf den Treppen sah, Einige sogar bis in das innere Heiligtum
gedrungen. Es musste hier schon viel vorgegangen sein, wenn wir den Minister,
denselben, welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte, zwischen
diesen, selbst für die Antichambre ungeeigneten Gestalten umhergehen sehen, ohne
dass sein Auge Blicke der Entrüstung warf. Nein, er trug weder Uniform noch
Hofkleid, auch keinen Stern an der Brust, er ging nicht aufrecht und die Stirn
leuchtete nicht vom Widerschein seiner unantastbaren Würde. »Meine lieben
Freunde!« sprach er, zwischen den Eingedrungenen sich bewegend. Seine feinen
aristokratischen Hände, stets in einer Position erhalten, die sie vor jeder
Berührung schützen sollte, berührten doch freiwillig die Arme der Bürger, er
drückte dem Nagelschmied die Hand, er legte sie dem patriotischen
Stadtwachtmeister auf die Schulter: »Mein liebster guter Freund, nur keine
Uebereilung.«
    »Aber, Excellenz, sie stürmen Ihnen das Haus!« riefen drei, vier Stimmen.
Der Hausflur war voll, die halbe Treppe, sie drängten von aussen, Andere standen
im Hofe und gafften mit hässlichen Blicken die Reisewagen an, die in Hast
bepackt wurden. Die Excellenz beugte sich übers Geländer, sie rang die Hände, es
war der mildeste, freundlichste Ton: »Um Gottes Willen, meine Freunde, keine
Uebereilung! Was wollen Sie?« Da brach es los, wie, ich weiss es nicht; es war
aber das Unglück, dass Keiner wusste, was er wissen sollte. Es war die Wut, die
in hundert Lauten sich Luft machte. »Wir sind verraten!« - »Der König und die
Königin sind verraten!« - »Das Vaterland ist in Gefahr« - »Die Franzosen sind
vor der Tür!«
    »Ja, ja, meine lieben Freunde, um Gottes Willen ja, es ist wahr, wir sind
Alle in Gefahr - aber was wollt Ihr was sollen wir tun?« Die im Hofe zeigten
auf die bepackten Reisewagen: »Er kratzt aus, uns lässt er im Stich.« Ein
höhnisches Gelächter verschlimmerte die Lage der Autorität, die es nicht mehr
war. Da ward der Ruf laut: »Widerstand! Waffen! Ein Schuft, wer seinen König
verlässt!«
    »Um Gottes Willen, verehrte Mitbürger! Ich beschwöre Sie, bedenken Sie Ihre
Familien, Ihre lieben Kinder, Ihre Lage, diese Stadt! Es ist ein Unglück, ja ein
grosses, ein unermessliches Unglück, unsre Armee ist geschlagen, total
geschlagen, wir wissen nicht wo sie ist. Wo eine so tapfere Armee erliegen
musste, ist es Torheit, ich beschwöre Sie, es ist Raserei an den geringsten
Widerstand noch zu denken.« - »War's Torheit,« rief eine Stimme, es war der
alte Rittgarten, »als Haddick in unsre Strassen sprengte, dass die Berliner nicht
zu Kreuz krochen? Raserei, dass sie Schanzen aufwarfen, dass wer eine Muskete
tragen konnte, der Trommel folgte, als die Russen ihre Kugeln in die
Friedrichsstadt warfen? Des Königs Hauptstadt ward gerettet!« - »Meine lieben,
teuren Mitbürger, bedenken Sie doch die veränderten Verhältnisse. Wer war
Haddick, wer die Russen! Der Kaiser Napoleon ist unüberwindlich. Sie waren
selbst Militär. O erklären Sie Ihren Mitbürgern, dass aller Patriotismus und alle
Bravour gegen ein disziplinirtes Heer nichts ausrichten. O mein Gott, stehn Sie
mir doch bei, diese braven, rechtlichen, unsere Mitbürger vor einer
entsetzlichen Verirrung zu bewahren.«
    »Excellenz,« erwiderte Rittgarten, »eine Schlacht können wir den Franzosen
nicht liefern, noch besteht Bürger und Bauer vor Denen, die den Krieg erlernt.
Das weiss ein Kind. Aber hier gilt's, was Keiner erlernt, was geboren ist: das
Herz zeigen am rechten Fleck. Ist der König geschlagen, so gilt's, ihm
aufbewahren als treue Untertanen, unsern Mut, unsre Treue, uns selbst. Er wird
wissen, ob er Berlin halten soll oder aufgeben, und an uns ist's, ihm die
Entscheidung offen erhalten. Das ist unsre Schuldigkeit. Es gilt, der Obrigkeit,
die er zurückliess, gehorchen, und wenn sie stumm bleibt, sie fragen was müssen
wir tun, dass dem Könige seine Hauptstadt gerettet wird? Sind Soldaten da, so
sammelt sie, sind's Invaliden, ruft sie auf, sie werden dastehen. Sollen die
Bürger ihnen zutragen, schanzen, Wache stehen? Sollen Wagen und Proviant hinaus,
die Flüchtlinge einzuholen? Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden? Soll junge
Mannschaft geworben werden? Sollen wir Pulver holen, Kugeln giessen, abkochen für
die Ankömmlinge? Alles das weiss der Bürger nicht, Excellenz, aber er hat ein
Recht, von Denen es zu erfahren, die der König zurückliess an seiner Statt. Die
müssen es wissen, Die uns vorangehen. Und Die und wir Alle haben die
Verpflichtung, uns so zu zeigen, dass der Feind erfährt, er hat eine Stadt von
Männern vor sich, nicht von Memmen.«
    Gewirkt hätte die Rede, wenn nicht zwei Umstände die Wirkung paralysirten.
Von draussen schrie es: »die Königin! die Königin flieht aus Berlin!« - »Die
Königin redet zu den Bürgern!« Darauf eilten die Entschlossensten nach dem
Palais. Vielleicht war dort Rat und Hülfe. Im hintern Hofe aber hatten Andere
einen Reisewagen umgestürzt. Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein,
wenn der Patriotismus aufbraust! »Sie plündern! Herr Major, hindern Sie's! Man
weiss nicht, was draus wird! - Es sind Soldaten dabei.« Es bedurfte für den
Offizier kaum der Aufforderung.
    Die Excellenz liess ihren Wagen im Stich, sie hatte eine höhere Aufgabe, das
Terrain war günstiger, die Haufen gelichtet, er glaubte geneigtere Gesichter zu
sehen. Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten: »Mitbürger!
Teuerste Freunde! Der Augenblick ist entsetzlich, aber lassen Sie sich von
unruhigen Köpfen nichts aufreden. Hier ist nicht zu helfen. Der Himmel hat es so
gefügt, wir müssen uns drein finden. Der mindeste Widerstand, irgend ein
unruhiges Benehmen von Ihrer Seite könnte die schrecklichsten Folgen haben.
Denken Sie an Ihre Frauen, Ihre Kinder, denken Sie an Wien! Wie ungnädig hat
Seine Majestät der Kaiser Napoleon das trotzige Benehmen der Bürger aufgenommen.
Er ist nun einmal der Sieger. Er wird ein grossmütiger Sieger sein, wenn Sie der
Vernunft Gehör schenken. Seien Sie freundlich, seien Sie sehr freundlich gegen
ihn. Ueberwinden Sie sich; wenn er einzieht, rufen Sie Vive l'Empereur. Ich
weiss, es wird Ihnen schwer werden, aber der Mensch kann sich überwinden, meine
Herren, der Mensch kann viel, wenn die Not ihn zwingt. Recht friedlich, recht
besonnen! Illuminiren Sie! Das wird ihn überraschen, sein Herz wird sich
aufschliessen. Liebe Mitbürger, hören Sie auf den Rat eines Mannes, der's mit
Ihnen wohl meint, es ist nicht für mich. Bedenken, erwägen Sie, ich wiederhole
es nochmals, wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel. Sie sind keine Wiener, Sie
sind Berliner, und das Beispiel wird Sie lehren, dass eine männliche, ruhige
Hingebung im Unglück es allein ist, die den Patrioten ehrt.«
    In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben
finden. Aber man findet mehr - ein gedrucktes Aktenstück. An allen Strassenecken
stand - an einem spätern Tage - folgendes Proklama und in den Berliner Zeitungen
las man es am 21. Oktober 1806.
    In dem Proklama hiess es:
    »- Nur festes Anschliessen an Diejenigen, welche das mühselige Geschäft
übernehmen, die von einer solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mindern,
so wie die, mehr als jemals nötig gewordene Ordnung zu handhaben, kann die
schrecklichsten Folgen abwenden, welche der mindeste Widerstand oder irgend ein
unruhiges Benehmen der Einwohner über die Hauptstadt verbreiten würde, und das
noch neuerliche Andenken des Betragens, welches die Einwohner Wiens in einer
ähnlichen traurigen Lage beobachtet haben, muss die Einwohner Berlins belehren:
dass der Ueberwinder nur ruhige männliche Hingebung im Unglücke ehrt. - - - Ich
ermahne Jeden (denn - hoffentlich werde ich es nicht nötig haben zu befehlen) -
- ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben, und alle Sorgen Denjenigen zu überlassen,
welche sich rastlos mit seinem Wohl beschäftigen werden. Ich verbiete durchaus
alles Zusammenlaufen, alles Schreien auf den Strassen, alles öffentliche
Teilnehmen an denen so verschiedentlich einlaufenden Krieges-Gerüchten; denn
ruhige Fassung ist dermalen unser Loos, unsere Aussichten müssen sich nicht über
dasjenige entfernen, was in unsern Mauern vorgeht; dieses ist nur unser einziges
höheres Interesse, mit welchem wir uns allein beschäftigen müssen - - -
    Berlin, den 19. Oktober 1806.
                                                            Fürst von Hatzfeld.«
    Es mussten schon Flüchtlinge in der Stadt sein; vielleicht verbargen sie
sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Teilen. Aber
das Volk suchte nach ihnen. Da hielt es eine staubbedeckte Reisekalesche an, und
zwang einen Offizier herauszusteigen. Vergebens protestirte er, dass er die
Schlacht nicht mitgemacht, nicht vom Schlachtfeld komme, vielmehr über Schlesien
aus Oesterreich; der Wagen kam vom schlesischen Tor. Zum Gouverneur wollte er
sich führen lassen, obgleich die Eskorte ihm unangenehm war, als Herr von
Fuchsius ihm begegnete und von der verdächtigen Begleitung befreite.
    »Zu spät!« - »Wieder zu spät!« erwiderte Eisenhauch und drückte die ihm
entgegen gehaltene Hand. »Das ist mehr als Austerlitz.« - »Zum Gouverneur!
Kommen Sie mit? - So lange die Möglichkeit da ist -« »Die Gewissheit!« unterbrach
der Rat. »Auch Sie ohne Trost und Hoffnung?« - »Die Gesetze der Natur sind
ewig. Die Kugel rollt nur, bis sie den Abgrund erreicht, und der Verbrecher
bleibt nur ungestraft, bis sein Mass voll ist.« Welche fast lüsterne Freude
glänzte auf Fuchsius' Gesicht, als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch
zum Abschied gedrückt. »Wohin? Wohin?« - »Das im Kleinen tun, was Gott im
Grossen vollenden wird, wenn - auch da das Mass voll ist. Jetzt entlarven - ein
Scheusal!«
    Eisenhauch begriff ihn nicht. Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehen!
Das Reich der Pygmäen war ja aus. Er bedachte nicht, dass um desswillen noch nicht
das von Titanen beginnt. Er traf den Minister auf dem Flur - er kannte ihn, er
wusste, was er unter andern Umständen von ihm erwarten durfte, aber jetzt. - Der
Minister war zugleich preussischer Krieger, ein hoher General, er hatte einst ein
Armeecorps kommandiert. Jetzt musste er den Zopf fortgeworfen haben, jetzt in
Stahl und Eisen aufspringen, und wirklich der Minister schien erfreut, wie man
erfreut ist nach einer guten Tat. Er erkannte sogleich den Freiherrn: »Gott sei
Dank, mir gelang eben etwas, was von dieser Stadt eine grosse Gefahr abwendet.«
    Da rückte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Anträgen vor: er bot
seine Dienste an, er stellte sich zur Disposition, wohin man ihn brauchen könne,
er wollte noch mehr: einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten,
wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militärischen Kräfte und
Benutzung der Lokalitäten Positionen einnehmen könne, nicht stark genug, um
einem ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehen, doch ausreichend,
um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schützen, die zersprengten und
flüchtigen Truppen aufzunehmen in Cadres, zu sammeln - als der Minister mit
Entsetzen ihn unterbrach: »Sind Sie rasend! In ein brennend Haus sich stürzen!
Wir - wir werben nicht - was neue Soldaten - sollen wir noch den Kaiser reizen!
Wir können Gott danken -« »Wenn wir unser elendes Leben salviren,« rief eine
stimme von der Hoftür her.
    »Machen Sie sich aus dem Staube, liebster Freiherr Eisenhauch, verschwinden
Sie, schnell, schnell, ehe ein Spion Sie erblickt. Gott sei Dank, mir gelang
wenigstens eins: das Pulver ist aus Berlin, ehe er eintrifft. Er wittert überall
Verschwörungen, Empörungen, Herr Gott, er hätte in Zorn geraten können -«
    »Ueber die Kreatur, die er zum Mann schuf, und sie ward ein Wurm!« rief eine
Stimme und der alte Rittgarten hob seinen Stock. Es war ein erschreckender
Anblick, der Greis, der sichtlich auf den Füssen schwankte, seine Brust bebend,
sein Gesicht vom Blutandrang gerötet, aber weisse, verräterische Streifen zogen
sich von der Nasenwurzel bis an die Mundwinkel. Seine Stimme polterte, aber die
Laute waren nicht mehr artikulirt. Man konnte auf einen Schlaganfall aus
Gemütserschütterung schliessen. Und den Stock in der Luft schwingend, drohte er
das Gleichgewicht zu verlieren. Eisenhauch hatte ihn rasch unterfasst. Mit
äusserster Anstrengung stiess der alte Krieger Worte vor: »Fluch - über die
Verräter! - Diese Sykophanten an Friedrichs Tron, die sein Volk für nichts
achteten - sie werden die ersten sein - die ihm die Füsse lecken, dem neuen Herrn
- Stempelt diesen, zeichnet ihn, dass man ihn wieder erkennt, - er wird die
fremde Livrée tragen. - O fort, - hinaus, die Luft hier erstickt.«
    Rittgartens Stock hatte den Minister nicht getroffen, aber sein Blick und
Wort. Er war verschwunden, in der nächsten Stunde auch aus Berlin. Die
Prophezeiung des Sterbenden ging in Erfüllung. Der Minister - aber er nicht
allein - liess wenig Monate darauf sich ein neues bordirtes Galakleid anmessen;
er antichambrirte im Ministerrock des Königs von Westphalen, so stolz und
aufrecht, die Brust so reich geschmückt, und er sah so gnädig und herablassend
auf Niedere, als damals, wo er nichts war und sein wollte, als ein treuer Diener
seines Herrn, des Königs von Preussen. Kleider machen Leute, sagt das Sprüchwort,
aber nicht auf Alle passt es, denn in der Politik gibt es Männer, für die alle
Kleider passen.
    Ein Sterbender war der Major Rittgarten. Er atmete draussen noch einmal die
freie Luft, er schien Eisenhauch zu erkennen, er erschrak nicht. Der führte ihn,
den er einst auf Tod und Leben gefordert. Ein Anderer hatte die Loose geworfen,
eine andere Hand die Kugel abgedrückt. Aber da lief ein Mann mit Pinsel und
Zettel heran und klatschte ein Plakat an die Tür. Als er das gelesen, zitierte
er zusammen, Eisenhauch fühlte eine Erschütterung in den Gliedern des Greises.
Auf dem Plakate standen die Worte:
    »Der König hat eine Bataille verloren. Seine Majestät und dessen Brüder,
    Königliche Hoheit, sind am Leben und nicht verwundet. Ruhe ist die erste
    Bürgerpflicht. Ich bitte darum.
                                                                   Schulenburg.«
    »Es wird besser,« antwortete Rittgarten auf des Majors Frage, der
Hülfeleistende heranwinkte. »Ja, es wird besser, es muss besser werden,« rief
Eisenhauch. »O mein Gott, mein Vaterland!« - »Er kann nicht mehr allein stehen,«
sagte Jemand. »Preussen!« atmete der Sterbende, an des Freiherrn Brust sinkend -
es war sein letztes Wort. »Kann nicht mehr allein stehen,« wiederholte
Eisenhauch dumpf. »Es hätte nicht allein stehen dürfen ohne Deutschland.« Der
Schlag hatte den Invaliden getroffen.
                                     * * *
    Im Trauerhause, dem Hotel des Minister gegenüber, hatte auch ein Schlag
getroffen. Die Baronin lag auf ihren Knieen am Bette, ihr Gesicht verbergend.
Gott verzeih ihrer Seele, wenn sie nicht für die des Mannes betete, der eben,
nach furchtbaren Konvulsionen, sanft entschlummert war. Warum war's eine Sünde,
wenn ein edles Weib in ihrem Gebet an eine andere Seele dachte, wenn sie für
diese um Vergebung flehte. Der Todte vor ihr hatte nie Jemand getäuscht, was er
war, hatte immer zu Tage gelegen, der Richter überm Sternenzelt kannte ihn und
würde nach seinem Wert oder Unwert das Urteil fällen. Aber die Seele des
Einen war mit einem Fleck dahin gegangen. Ein einziger Fleck hatte die reinste
Seele getrübt, und ehe er sich verantworten können, hatte das blitzende Schwert
den Helden niedergeschmettert. Wusste sie, in welchen Aengsten, dass er Keinen
hatte, dem er beichten, gegen den er sich von dem einzigen Fehler, der ihn
drückte, entlasten konnte! Und war es denn eine Sünde, hatte er nicht wissen
können, dass sie gern Alles für ihn hingab, dass sie mit Freuden seine Schulden
bezahlt hätte, wenn er sich nur an sie gewandt! War das nicht edel, dass er es
nicht getan! Nur in einem schwachen Augenblick hatte er sich verführen lassen,
auch nur vielleicht in Betreff des Wucherers, der ihn aus der Not ziehen
sollte. Und darum auf ewig verdammt! Nein, wenn Einer, er bedurfte des Mitleids.
Und sie hatte zum Vater, von dem alle gute Gaben kommen, gebetet, dass er
Dohleneck vergebe. Da war sie, fast erheitert, aufgestanden, sie hatte des
Todten Hand gedrückt, auch er würde im Leben nichts dagegen einzuwenden gehabt
haben, und in stiller Fassung sass sie im Lehnstuhl, die Augen schliessend, als
ein heftiger Schrei sie aufschreckte. Der Legationsrat, der, um Nachricht, ob
Gefahr sei, einzuziehen, sie verlassen, war zurückgekehrt, er hatte sich über
das Bett geworfen, der stöhnende konvulsivische Schrei kam von ihm.
    »Da ist ein edler Freund mir hingegangen. Er da oben nur weiss, was er mir
war!« rief er, sich erhebend, die Hände über's Gesicht deckend. - Nur auf kurze
Sekunden. Den nächsten Augenblick beugte er sich über die Wittwe, sie fühlte
einen langen Kuss auf ihre Stirn gedrückt: »Das ist der Bruderkuss, der Schwester
gegeben. Die Sterne wollen es so. Edler Todter, Deine Seele blickt auf uns, aber
ich sehe Dich ruhig lächeln, denn Du weisst, dass ich Deine heiligen Pflichten
gegen Dein Weib erfüllen werde. Durch diesen Kuss besiegle ich mein Gelöbnis.«
    Sie war vorhin überrascht worden, jetzt, als seine Lippen sich ihr näherten,
stiess sie ihn zurück. Sie wollte sich auf die Leiche werfen, aber mit eben
solcher Entschlossenheit riss er sie am Arme zurück: »Unglückselige! Wissen Sie,
was Sie tun? Er ist an der Cholera gestorben. Sein Hauch ist Pest. Er muss noch
heut unter die Erde.« Er stand gebieterisch zwischen ihr und der Leiche. Ehe sie
Zeit zu antworten hatte, führte er sie schon, halb zwang er sie an den
Schreibsekretär: »Schnell, keine Minute verloren! Ihre wichtigsten Papiere,
Kleinodien, was Sie an Geldeswert fassen können - in einen Kasten, was es ist.
Ich besorge mit Ihrem Kammermädchen die nötigsten Kleider. Der Wagen rollt vor
-« »Was ist's, mein Herr!« - »Sie wissen nicht! In einer Viertelstunde
spätestens müssen wir fort. Auf der Schöneberger Höhe sieht man schon die
Avantgarde. Alles flieht, wer nur Pferde auftreibt. Die Königin beinahe in
Lebensgefahr. Sie wird jetzt schon aus dem Tore sein. Gestreckter Galopp. Die
Franzosen werden plündern, vielleicht die Stadt in Brand stecken. Napoleons Wut
ist unaussprechlich. Nur keine Frauen zurückgelassen, ruft es durch alle
Strassen. Sie misshandeln - Ihre Brutalität ist ohne Grenzen. Unglücklich Weib!
Keinen Augenblick verloren!«
    Er hatte den Sekretär aufgerissen. Mechanisch folgte sie seinem Befehl; sie
hatte keine Luft, keinen Atem zum Denken, zum Erwägen. Das Rädergerassel
draussen, das Stimmengewirr unterstützten, was Wandel sagte. Eine Chatoulle war
in lautloser Angst gepackt. »Nur nichts Unnützes!« rief er, als sie ein Pack
eröffneter Briefe hineinwerfen wollte. »Wozu sich mit Erinnerungen beschweren!
Nur nichts hinter uns.« Die Briefe fielen zerstreut auf die Tischplatte. Sie
liess Alles geschehen in sprachloser Erstarrung. Da nahm er einen: »Ah,
Dohlenecks Hand. Selig sind die Todten, aber sie haben nichts zu schwatzen.« Ehe
sie es hindern konnte, hatte er den Brief in kleine Stücke zerrissen. Aber sie
hatte den Blick gesehen, der auf das Papier schoss, die Freude, die aus seinen
Augen blitzte - es war eine ganz eigentümliche Freude - das Weisse des Auges
verzog sich, er kniff die Unterlippe mit den Zähnen ein. Da blitzte etwas in
ihr; es war, als ob ein Vorhang riss. Einige Schritte zurückfahrend, mass sie ihn
von Kopf bis zu Fuss. Es war ein fürchterliches Licht, das in ihr aufschoss. Ihr
Gesicht rötete sich, ein Strahl von einer Freude schoss darüber, während sie
unwillkürlich die weissen Zähne zeigte, und die Finger der schönen Hände sich
krümmten. »Warum vernichten Sie gerade den Brief?«
    »Weil - weil ich im Interesse dieses heiligen Todten seiner Wittwe
Erinnerungen sparen will, die den Seelenfrieden einer treuen Gattin trüben
könnten.«
    Der imponirende Ton verfehlte seine Wirkung. Ein krampfhaftes Lachen
erheiterte ihre Brust: »Falsch! es ist Alles falsch an Ihnen - jetzt - ich -
ahne - Sie sind ein Mensch, dem Niemand trauen durfte - o mein Gott! - und da
der todte Mann - Wer schützt mich!«
    Wir zweifeln nicht, dass der Legationsrat auch jetzt noch Mittel gefunden -
wenigstens würde er danach gesucht haben, das Misstrauen der Wittwe zu
beschwichtigen, wenn sein Blick nicht plötzlich durch einen Gegenstand an der
Türe absorbirt worden wäre. Es lag in der Natur der Dinge, dass, nachdem durch
die Diener die Nachricht von dem Tode des Barons bekannt geworden, eine Anzahl
Freunde, Angehöriger und Teilnehmender sich in das Haus drängte. Eben so
natürlich war es, wenn bei der obwaltenden Krisis Einige unangemeldet in das
Zimmer drangen, zur Förmlichkeit eines Trauerbesuches war nicht mehr Zeit.
Wandel glaubte, als die Tür aufgerissen ward, den roten Kragen eines obern
Polizeibeamten entdeckt zu haben. Der war zwar noch nicht eingetreten, aber wie
aus einer geöffneten Schleuse ergossen sich Nachrichten, die ihm nicht alle
angenehm waren. Dem »Wissen Sie schon?« der und jener Freundin folgte eine Reihe
von Unglücksfällen und eine Todtenliste. Der ist erschossen, der gefangen, der
niedergehauen! Rittmeister Dorville schien die Pandorabüchse, welche alle diese
Hiobsposten ausgeschüttet hatte. »Sah er auch den Major Dohleneck fallen?«
fragte sie sich selbst überwindend die Baronin schüchtern. »Den hat Dorville
selbst gesprochen.«
    »Gesprochen! eh' er fiel?« - »Nur verwundet, aber nicht schwer. Er ist
ranzionirt, oder losgegeben, er kommt direkt nach Berlin, nur darf er nicht mehr
dienen in dem Kriege.« Wandel hatte nicht mehr Zeit den Blick zu sehen, den ihm
Auguste Eitelbach zuwarf, ein triumphirender, durchbohrender Blick. Er sah auch
nicht, wie ihre Brust sich hob, wie tief sie Atem schöpfte, um dann aus dem
Stuhl zusammenzusinken, ihre Hände zu falten und ihr Gesicht zu verbergen. Der
junge Mensch, den wir am Morgen bei Fuchsius sahen und den er Eckard nannte,
hatte sich hinter ihn geschlichen und ihm zugeflüstert: »Es will Sie draussen
Jemand sprechen.« Wandel fixirte den Menschen, ob er ihn einer Antwort zu
würdigen habe, als sein Auge auf Fuchsius fiel, der unbeweglich an der Tür
stand. »Ah, ein alter Freund!« sagte er. »Das glaube ich nicht,« entgegnete der
junge Mensch.
    In dem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Polizei-Inspektor schritt
zum Befremden der Anwesenden auf Wandel zu, und sprach mit tönender Stimme: »Auf
Requisition des Tribunals der Seine zu Paris, und auf ausdrückliches Ansuchen
des Kaisers der Franzosen durch seine vormalige Gesandtschaft hier verhafte ich
Sie.«
    Todtenstille. Wandel erblasste, doch nur auf einen Augenblick: »Das ist ein
Missverständnis!« er knöpfte sich zu, verbeugte sich leicht gegen die Anwesenden
und folgte rasch dem Inspektor. Hinter ihm schnitt ein greller Pfiff durch die
Luft. Der junge Vigilant hatte sich einen Spass gemacht. Er schien ihn
fortzusetzen, indem er beim Hinausgehen zu einem Angehörigen des Hauses sagte.
»Sehen Sie nur im Sekretär nach, ob da nichts fehlt.«
    Der Inspektor brachte den Gefangenen in ein abgesondertes Zimmer zu flacher
Erde, bis der bestellte Wagen ankam. Fuchsius Gesicht war undurchdringlich
geblieben, als Wandel an ihm vorüberging. Das des Polizeimanns versprach ihm
vielleicht mehr, als er mit verschlungenen Armen ihn beweglich anblickte: »So
will man mich wirklich ausliefern - auf Requisition des Napoleonischen
Gerichts?« - »Sie hörten es.« - »Wissen Sie, was mit mir geschieht? In vier und
zwanzig Stunden bin ich erschossen. Ich wusste um eine Verschwörung gegen
Bonaparte's Leben, ich war vielleicht selbst dabei implicirt. Der Kaiser weiss
es; mein Loos ist entschieden. Ist Ihre Regierung so verzagt, mich ihrem Feinde
auszuliefern, weil er droht, so sind vielleicht doch noch Patrioten im Volke,
die den Vorteil ihres Vaterlandes und ihren eigenen bedenken.« Der fatale Pfiff
des Vigilanten antwortete von draussen. Der Inspektor erwiderte ruhig: »Sie sind
wegen Giftmordes verhaftet.« - »Das ist eine andere Sache,« hatte Wandel auch
ruhig erwidert und sich nach dem Fenster gewandt.
    Nach einer kleinen Weile trat Herr von Fuchsius ein. Wandel begrüsste ihn
höhnisch: »Ich gratulire, Ihr Staat macht noch in seinem Untergang Progressen
zur Gesetzlichkeit. Als wäre ich in dem glücklichen England, hat man mir so eben
das Verbrechen benannt, um was man Lust hatte, an mir einen Justizmord zu
begehen. Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Regierungsrat, für die
Berücksichtigung, da ich weiss, dass ich nach der alten Observanz sehr wohl ein
halbes, auch Jahre in Ihrem freien Quartiere schmachten können, ohne mit einer
Sterbenssilbe zu erfahren, was mir die Ehre verschaffe.«
    »Guido Florestan Baron Vansitter, genannt von Wandel!« redete Fuchsius ihn
an. Er irrte, wenn er auf eine Bestürzung des Gefangenen gerechnet hatte. Nur
ein moquanter Zug schwebte, um die Lippen desselben, als er erwiderte: »Ich
bedaure die Mühe, die es Ihnen machen wird, meine Identität mit der meines
genannten Vetters herzustellen. Die meisten Zeugen sind gestorben; bis Sie die
überlebenden auftreiben und nach Berlin schaffen, darüber können Jahre vergehen.
Der Untersuchungsrichter hat ein saures Geschäft, mein Herr von Fuchsius, wenn
er Inquisiten vor sich hat, welche die Gesetze, die Menschen und ihre
Inquirenten kennen. Aus persönlicher Freundschaft und Respekt vor Ihrem
Charakter würde ich Ihnen raten, die Untersuchung abzugeben. Sie erscheint
Ihrem Ehrgeiz lockend, ich versichere Sie aber, ich ärgere Sie zu Tode.«
    »Aus Respekt vor Ihrer Bildung, und nur darum, habe ich zwei Worte mit Ihnen
allein zu reden.« - »Allen Respekt vor Ihrer Versicherung, aber ich glaube Ihnen
nicht, weil die Pflicht der Selbsterhaltung mir gebietet. Ihnen zu misstrauen.
Allein Ihnen, was Sie wünschen, aber vorher die Gewissheit, dass hinter der Tapete
kein Protokollführer lauert.« - Wandel schien sich diese Gewissheit verschafft zu
haben: »Was steht zu Ihren Diensten?« - »Führen Sie Gift bei sich? Ich meine
Mittel, die es Ihnen ermöglichen, sich der Schande und der weltlichen Strafe
Ihres Richters zu enziehen? Es ist meine Pflicht, mich davon zu vergewissern.«
    »Soll ich Ihnen mit Macbet antworten:
Weshalb sollt' ich den röm'schen Narren spielen.
Sterbend durchs eigne Schwert? So lange Leben
Noch vor mir sind, steh'n denen Wunden besser.
So lange ich atme, will ich von dieser süssen Gewohnheit des Daseins nicht
lassen. Besser Kerkerluft und schimmliche Brodrinde, als schwimmen ein Atom im
grauen Nebel der wesenlosen Leere. Nein, da beruhigen Sie sich, Sie sollen mich
als Epikuräer kennen lernen. Ich wollte Viel, ich lasse mich aber auch genügen
am Wenigen. Die Welt ist ein Kerker, warum sollte nicht der Kerker zur Welt
werden für Den, der noch Lust am Leben hat! Ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde
mich verteidigen - besser als Ihr Staat gegen seinen Ueberwinder. Gewissermassen
soll jetzt mein Leben erst anfangen. Sie kennen mich doch einigermassen, und
wissen, wie ich in die Schranken trat. Man meinte, ich war ein glücklicher
Advokat, ich setzte manches durch, noch mehr wandte ich ab. Alles für Andre!
Nun, mein Herr, jetzt gilt es für mich selbst. Werde ich mich schlagen, wie Ihre
Soldaten, für Kommisbrod, aus Furcht vor dem Korporalstock? Nein, wie der Pirat,
den die Fregatten eingeholt. In dem Todeskampfe siegt er wohl zuweilen gegen die
Uebermacht. es kommt öfter vor, dass er die Verfolger mit sich in die Luft
sprengt. O, es soll ein Kampf werden, auf den ich mich freue; eine Beschäftigung
für den Geist, wie ich sie wünsche. Sperren Sie mich in den engsten Kerker; je
kleiner der Kessel, um so grösser die Expansionskraft des Gases. Mein Kompliment
Ihnen, ich weiss, wen ich vor mir habe: keine plumpe Kriminalspinne, die ausser
ihrer Aktenhöhle, blödsichtig, nicht um sich weiss, nein, einen feinen Welt- und
Lebemann, der mit seinen Kenntnissen und psychologischen Erfahrungen mich
umgarnen und harmlos saugen möchte. Grad auf solchen Gegner freue ich mich. Ich
schätze Sie. Wir wollen uns in Minen und Contreminen begegnen. Das wird meinen
Geist frisch erhalten; das erfrischt auch das Blut; weit mehr, als die
körperliche Bewegung. Ich werde ein gesunder Gefangener bleiben. Auch Sie sollen
Ihre Freude an mir haben. Ein Inquisitor verliebt sich am Ende in seinen
Inquisiten - er sehnt sich in der Nacht auf den nächsten Morgen, wo er ihn
wieder erblickt -«
    »Bis er ihn an einem Morgen dem Richter abliefert, der ihn nicht
zurückliefert.«
    »Das bilden Sie sich ja nicht ein. Sie meinen das Schaffot. Was wollen wir
wetten? Auf's Schaffot bringen Sie mich nicht. Ich kenne Ihre Gesetze, die
Ansichten Ihrer Richter. Höchstens, wenn Alles gut geht, nämlich für Sie, eine
ausserordentliche Strafe. Zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahr Gefängnis. Die
ganze Welt ist ein Gefängnis; wie angestrichen, schwarz-weiss, blau, grün,
schwarz-gelb, das ist am Ende gleichgiltig. Ja, wenn Sie mich nach Frankreich
auslieferten, das wäre eine andere Frage, vor den Geschwornen, da hört unsre
Logik auf. Aber Sie sind ein zu guter Patriot, und die Sache ist doch auch für
Sie zu interessant, um sie aus der Hand zu geben.«
    »Der Baron Eitelbach ist nicht an der Cholera gestorben.« sprach Fuchsius,
ihn fixirend. »Dann wäre es mir doch sehr interessant, zu erfahren, was man bei
ihm finden wird! - Nichts Mineralisches, darauf können Sie sich verlassen,« -
sprach Wandel mit höhnisch freundlicher Stimme, indem er die Frechheit hatte,
dem Rat dabei sanft auf die Schulter zu klopfen. »Scheusal!« rief dieser
zurückweichend.
    Der Wagen, der Wandel nach dem Gefängnis schaffen sollte, war vorgerollt. An
der Tür wandte Fuchsius sich noch einmal um:
    »Herr von Wandel, es ist möglich, dass Sie Recht behalten, dass die Gerichte
mit ihren groben Werkzeugen nicht in alle verborgenen Winkel Ihrer Verbrechen
dringen, ich aber habe die volle moralische Ueberzeugung. Um deshalb werde ich
die Untersuchung vielleicht einem unbefangenern Richter abgeben. Hier aber, vor
Gott, vor der Ewigkeit, oder, wenn Sie wollen, vor der wesenlosen Leere, deren
Annahen Sie grauen machte, möchte ich in Ihre Seele schauen und eine Frage tun
-«
    »Deren Inhalt ich mir denken kann. Geben Sie sich nicht die fruchtlose Mühe.
Nur ein Wort. Nicht wahr, vor dieser Ihrer moralischen Ueberzeugung bin ich ein
grässlicher Verbrecher, weil - weil ich mit Menschenleben gespielt habe, das
nehmen Sie an, zu meinem Vorteil, der Wissbegier, des Vergnügens wegen, was es
sei. Nun blicken Sie um sich, links und rechts, in West und Ost, in Nord und
Süd, auf die grossen Spieler. Die haben gespielt und spielen fort, mit tausenden,
mit hunderttausenden von Menschenleben, und ich kleiner bescheidener Bankhalter!
- Ja, die haben Motive, antworten Sie, Menschenliebe, Allgemeinwohl, Religion,
Freiheit und Gleichheit, Tron und Altar, Sitte und Nationalität - Herr, wer
sagt Ihnen, dass ich nicht auch Motive habe, Ideen, vor denen alle Rücksichten
schwinden müssen? Kann ich sie nicht auch überkleistern mit Goldschaum und
Tugendfloskeln? Das wahre Motiv, Herr, das ist überall dasselbe: der Grössere
frisst den Kleinern, wenn er Appetit hat und sein Magen es verträgt, und der
Unterschied ist nur der: die grossen Verbrecher kommen in die Geschichtsbücher
und wir kleinen irgendwo in ein Kriminalregister. Wenn der Wurm auf uns Mahlzeit
hält, ist's uns Beiden gleichgültig, ein Stein ist mir vom Herzen gewälzt, ein
Quell sprudelte in der Wüste - ich habe nichts mit der verfluchten Politik zu
tun. Dieser Verstellung, dieser Heuchelei, für Andre denken, fühlen zu sollen,
bin ich quitt. Mögen sie sich todtschlagen, betrügen, verreden, glorificiren,
wie sie Lust haben, mich kümmert's nicht mehr. Von nun an bin ich wahr, ja, mein
Herr, ich fühle ganz die Seligkeit der Wahrheit, ich atme, kämpfe, lebe nur für
mich.«
    Die Gerichtsdiener waren eingetreten. »Haben Sie mir nichts mehr zu sagen?
Wir sehen uns wahrscheinlich zum letzten Mal.«
    »Das würde ich aufrichtig bedauern.« - »Nicht die Baronin Eitelbach, deren
-« »Deren Glück ich gemacht, wollen Sie andeuten,« lachte Wandel auf. »Wider
Willen allerdings, wenn es wäre! Wenn ihre Wunden und seine Wunden geheilt, die
Trauermonate mit honetten Tränen anständig verweint sind, wird sie ihn
heiraten, und wenn ich an das Glück dieser geistreichen Ehe denke - wahrhaftig,
dann wird mein Gefängnis mir noch einmal so interessant erscheinen.« - »Und
keinen Wunsch mehr?« - »Nur eine Bitte. Haben Sie die Güte und empfehlen mich
der Frau Geheimrätin Lupinus. Ich traue ihr zwar zu, dass wenn sie von dem
Evenement hört, eine kleine Schadenfreude in ihr aufbljetzt. Warum nicht, sie
bleibt doch eine charmante Frau. Wir verstanden uns, es war eine wirkliche
Sympatie. Durch Mauern und Räume getrennt, werden wir noch mit einander leben,
eine platonische Ehe; um so sicherer, denn unter einem Dach hätte sie mir doch
vielleicht, aus Rache oder Liebe, einen ihrer Tränke gereicht, die für meinen
Geschmack zu stark sind. Es hat sich so besser gefügt.«
                                     * * *
    Die Kutsche mit dem Gefangenen musste oft anhalten. Wagen, schwer rasselnd
unter starker Militärescorte, versperrten die Strasse. Es waren die Kassen,
welche der neue Minister fortschaffen liess. »So wird doch etwas gerettet,«
murmelte der Transportirte. »Und wenn Preussen sagen kann: Tout est perdu, sauf
l'argent, ist's am Ende ein Anfang zu einer neuen Existenz.« Walter van Asten
gab aus dem Fenster des Ministers den Kommandirenden beim Transport Anweisungen.
Auch der Geheimrat Alltag schien unter Denen, welche auf ihn hörten. Wandel,
der den Zusammenhang gefasst, lächelte: »Die Welt dreht sich um: das kann was
werden! Wer Geld bringt, kann eine Karriere machen. Die beste freilich wäre es,
wenn der junge Mensch damit nach Amerika liefe.«
    Walter, der sich dem Auftrage des neuen Ministers mit Eifer unterzogen, war
gekommen, um seinen letzten Bericht abzustatten. Er hoffe das Geld mit sichern
Renten an den Ort seiner Bestimmung abzuliefern, aber - sein Bericht über die
Volksstimmung war traurig, er hegte keine Hoffnungen, nach dem, was er gesehen,
gehört. »Wie Jeder beobachtet.« sagte der Bankodirektor Niebuhr der ebenfalls
vom Minister Abschied nahm. »Niemand kann an allen Orten zugleich sein.« »Diese
jubelnden Tramknechte, diese gepressten Bauernbengel die froh sind, dem Stock
und der Fuchtelklinge einmal entlaufen zu sein, sind freilich so wenig das Volk,
als da die zitternden Käsekrämer und Schnittwaarenhändler,« hatte der Minister
nachdenkend erwidert.
    »Und doch, Excellenz,« fiel Niebuhr ein, »auch unter ihnen regt sich schon
eine andere Stimmung. Ich lernte, wie Sie, dies Volk erst kennen. Aber wenn Sie
es jetzt kennten, wie ich, Sie würden es Ihrer Liebe wert finden. Ich habe in
diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft, Ernst, Treue und Gutmütigkeit zu
finden erwartet. Von einem grossen Sinne geleitet, wäre dieses Volk immer der
ganzen Welt unbezwingbar geblieben, und wie sturmschnell auch die Flut unser
Land überschwemmt, noch jetzt drängte ein solcher Geist sie wieder zurück. Aber
wo ist er, der grosse Geist, der es vermöchte!«1
    »Er wird erscheinen,« rief der Minister und seine Stirn leuchtete, indem er
Niebuhrs Hand drückte, die andere reichte er Walter. »Warum sollen nur die
Völker des Altertums ihren Phönix haben! Ist das Christentum nicht basirt auf
dem Mysterium der Wiedergeburt! Sollten nur die germanischen Völker bestimmt
sein, auszugehen und überzugehen in andre! Ich glaube an den Phönix, aber der
Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug. Es muss noch vieles Morsche, Faule,
Wurmstichige darin verbrennen, viel mehr, als wir wähnten, vieles, was wir
gestern noch für gesund hielten, vielleicht was uns das Liebste und Teuerste
war. Leben Sie wohl, meine Freunde, wir sehen uns wieder, wenn noch nicht in
besserer Zeit, doch in einer, wo wir wieder hoffen dürfen.«
    In den Geschichtsbüchern steht, und es ist daraus nicht wegzulöschen, dass
viele der gutgesinnten Bürger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten. Sie
schickten sich in die Zeit, denn es war böse Zeit. Sie schwenkten die Hüte vor
dem einziehenden Napoleon und riefen Vive l'Empereur, und illuminirten ihre
Häuser, dass der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung, und der Schmach
ausbrach, die wir nicht wiederholen wollen. Aber es gab Männer und Frauen auch,
welche das Uebel beim rechten Namen nannten, und nicht erschraken, wenn es ihnen
ein böses Gesicht machte. Diese Einigen waren die Kieselsteine, an denen der
Stahl Funken schlagen sollte, aus denen der stille Brand ward, welcher später
zum allmächtigen Feuer aufloderte. Gut Ding will Weile im deutschen Lande. Viele
hat die Geschichte genannt, oder fängt jetzt an, ihre Namen zu nennen, aber wie
viele sind schlummern gegangen, auf ihren Grabsteinen wächst Moos, und die
Geschichte kratzt es nicht mehr ab, um von ihrem stillen Wirken Zeugnis zu
geben. Da darf die Dichtung, die so viel Trauriges und Schlimmes nicht
verschweigen durfte, auch an den einzelnen Mutigen erinnern, und wo wir solche
Bilder mutloser Zerschlagenheit aus der preussischen Hauptstadt hinstellen
mussten, um wahr zu sein, wird es zur Pflicht auch einiger Züge zu gedenken, die
schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen:
    Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen, und er erwartete stammelnde
Unterwürfigkeit, Bewunderung und demütiges Flehen. Er konnte es erwarten nach
dem, was vorging. Aber Einer im Priesterkleide trat vor und sprach: »Sire, ich
wäre nicht wert des Kleides, das ich trage, des Königs, dem ich diene, des
Wortes, das ich verkündige, wollte ich nicht bekennen, ich sehe - Eure Majestät
nicht gern in Berlin.« - Was Napoleon erwidert, haben die Kinder der
Zeitgenossen vergessen, aber im Verlauf des lebhaften Gesprächs, worin der kühne
Mann den Sieger fragte, ob er denn in der Geschichte lieber als ein Räuber
dastehen wolle, denn als ein christlicher Herrscher, trat der alte Erman
plötzlich herzhaft auf den Kaiser zu, fasste seinen Arm, schüttelte ihn und
sagte: »Ce bras victorieux sera bienfaisant!« Es wird erzählt, Napoleon sei
erschrocken zurückgetreten. Das hätte er aus Berlin nicht erwartet. Später habe
er zu seinen Adjutanten geäussert: »quel géant que ce vieux druide! Jamais prêtre
ne m'a dit cela.«
    Erman, so weiss man, aber nicht aus dem Munde des bescheidenen Mannes, der
selten davon sprach, wusste das Gespräch, als Napoleon eine gnädige Miene annahm,
auf die Königin Louise zu lenken. Als warmer Lobredner der erhabenen Tugenden
seiner Monarchin habe er versucht, die böse Meinung oder den bösen Willen des
Kaisers zu beschämen. - Darüber ruht ein Schleier, den Niemand lüften wird. Nach
der Rückkehr des Königspaares nach Berlin überreichte die Königin selbst Erman
die Dekoration, welche der König ihm verliehen, mit der Anrede: Mon chevalier!
    Der vor Kurzem verstorbene Sohn jenes alten Erman, der auch wieder der alte
Erman genannt ward, der berühmte Professor und Chemiker, schrieb in einem Briefe
an eine Verwandte zur Zeit der Mobilmachung im Herbste 1850: »Ich denke jetzt
oft an die Worte, die Napoleon an meinen Vater richtete: Votre reine m'a fait
une guerre de petit fille et de petit garçon. Schon sieben Jahre später waren
die Kinder der Knaben zu den Männern der Katzbach und von Leipzig erwachsen!
    Eine andere Deputation berief später der zürnende Kaiser nach Paris. Es
waren Männer des Gerichts, eines hohen Tribunals, das gewagt, ein Urteil zu
fällen, welches dem Gewaltigen nicht gefiel. Sie hatten Einen, der von Paris aus
verfolgt ward, freigesprochen, und Napoleon wollte ihn verurteilt wissen.
Napoleon donnerte sie an und schloss mit der Drohung, wenn der Fall wieder
vorkäme: Je vous fusillerai!« Der Präsident des Tribunals erwiderte dem
Imperator: »Sire, vous fusillerez la loi.« Napoleon leitete gegen ihn ein
Disziplinarverfahren ein. Der Mann Rechtes, der die männliche Antwort gab, hiess
Sete.
    Ob der Fall in unsere Geschichte gehört? - Er geht über sie hinaus. Wandel
ward von Paris aus verfolgt, das preussische Gericht fand aber die Beweise nicht
zur Ueberzeugung geführt. Auch in Bezug auf seine Verbrechen in Berlin hatte
Wandel gegen Fuchsius richtig vorausgesagt. Trotz der moralischen Ueberzeugung,
welche das Gericht gewann, genügten die Beweise nicht, um gegen ihn die letzte
Strafe zu diktiren. Er büsste, wie die Lupinus, für seine schweren Verbrechen nur
durch eine lange Freiheitsstrafe. Beide überlebten sogar ihre Strafzeit.
    Viele von den Personen, die wir hier vorgeführt, haben auch den Tag
überlebt, mit dem wir unsere Geschichte beschliessen, es wäre sogar möglich, dass
sie noch heute leben. Wenn sie die Teilnahme unserer Leser sich erwarben, wäre
es möglich, dass wir auch von ihren ferneren Schicksalen Kunde gäben, denn es ist
viel vorgegangen seit fünfzig Jahren und heut.
                                     * * *
    Das war der traurigste Auszug, den je Berlin gesehen. Selbst der Jubel des
Volks, als die Wagen der Königin vorm Schloss hielten, um Wäsche und das
Nötigste zu einer Reise ohne Ziel einzunehmen, war herzzerreissend für die hohe
Frau. Sie hatte nicht Worte, nur Tränen. Dann die Strassen, die Tausende, die
dem Wagen folgten, die zum letzten Mal die geliebte, schöne, milde,
bürgerfreundliche Königin sehen wollten. Auch da schrien Viele, sie wollten ihr
Gut und Blut lassen, man solle sie nur rufen. Was sollte Louise antworten! - Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehn! schluchzte es aus den Fenstern. Was konnte sie
darauf antworten! Die Fenster alle aufgerissen, überall Kopf an Kopf, Tücher
wehten und Tücher trockneten die Augen. Sie konnte nicht mehr hinauswehen, sie
lehnte sich erschöpft zurück. Und doch fielen ihr zwei stattliche Häuser auf, da
war es still, die Fenster, auch hie und da die Laden, waren geschlossen. Die
Blicke ihrer Begleiter sahen missvergnügt dahin. Die milde Fürstin sagte: »Gewiss
sehr Kranke!« - »Da wohnt der Geheimrat Bovillard,« sagte die Hofdame verlegen,
»er soll in der Tat krank sein!« Die Königin schütterte zusammen und fragte
nicht mehr, auch nicht, wer in dem andern Hause wohne? Der Adjutant zu Seiten
des Wagen flüsterte der Voss zu: »'S ist doch unglaublich vom Grafen St. Real. Er
hat Angst, dass Napoleon es ihm übel vermerken könnte.« - »Aber ein nobler
Kavalier sonst,« bemerkte die alte Gräfin. »Auch ein Kranker,« sagte sie zur
Königin.
    Da war die Strasse gesperrt in der Nähe des Doms. Ein Hochzeitszug kam aus
der Kirche. Die Leute lachten, die Strassenjugend war sogar sehr laut; sie
machten ihre Glossen zum Brautpaar. Auch die Kassenwagen hatten hier Halt machen
müssen, und Walter war mit dem Geheimrat Alltag aus dem Wagen gesprungen, nicht
aus Teilnahme für die Hochzeitleute, sondern weil Jeder den Augenblick nutzen
wollte, um Abschied von einem Angehörigen zu nehmen. Walter presste seinen Vater
an die Brust: »Ich suchte Sie vergebens in - Ihrem Hause. Aber, was bedeutet
das, die Siegel waren abgenommen?« - »Freude, mein Sohn, es können ja nicht Alle
trauern. Die Welt ist ein grosses Kaufmannsspiel: wenn Viele verlieren, müssen
doch Einige gewinnen, wo bliebe es sonst! Der Rotwein steigt, die Häfen werden
gesperrt. Er ist schon gestiegen. Gestern bot man mir zehn Prozent über den
Einkauf, heute zwanzig, wenn die Franzosen da sind, bieten sie funfzig. Soll ich
mich freuen, dass die Franzosen da sind, oder soll ich weinen, dass unsre
Junkeroffiziere Schläge bekommen haben? Dein Vater ist ein reicher Mann, er hat
Kredit, Freunde überall, die ihm längst hätten helfen wollen, wenn sie nur
gewusst, dass er in Not war. Nicht wahr, die Menschen sind doch besser, als wir
denken, wir merken's nur nicht! Lebewohl, mein Junge, behalt' im Gedächtnis, dass
der beste Rechner oft die grössten Fehler macht. Wer weiss, wenn der Bonaparte mal
'ne Null zu viel schreibt! Drum rechne nicht zu viel, schone Dein Leben, denn Du
musst rechnen, dass Du wieder eines reichen Mannes Sohn bist und sein Erbe; und
Minchen Schlarbaum, vor der brauchst Du Dich nicht zu fürchten, wenn Du
wiederkommst, sie wird wohl den Herrn Fuchsius heiraten. Drum bleibe
meinetalben romantisch, hast Recht, ich muss ja jetzt auch romantisch sein, auf
jeden Fall aber bleibe - ein Patriot!«
    »Platz!« rief es, der Hochzeitszug bewegte sich fort. Aber als der
Geheimrat Lupinus mit der ihm eben angetrauten Geheimrätin nach dem Lustgarten
schritt, rief es wieder: »Platz! Ihre Majestät die Königin!« Der Zug stiebte
auseinander, als der Wagen sich langsam Platz machte. Charlotte hatte in der
Kirche viel geweint vor Gemütsbewegung, und sie hatte Gründe:
    der Tod ihres Wachtmeisters, die unverhoffte Ehre, zu der er ihr endlich
verhalf, und der Verdruss, dass sie keine Kutschen und Pferde erhalten können. Die
waren alle requirirt zum Transport und für die Fliehenden. Ein Brautzug zu Fuss
hatte ihr eine Entwürdigung der Ehe gedünkt. Was aber war das gegen ihr Gefühl,
ihre Bestürzung, nein, es war ein Donnerschlag, als man ihr auf die Schulter
stiess: »Zurück! die Königin!« Die Königin hatte halten und warten müssen um
Charlotten! - Sie sah das holdselige Gesicht der Königin, das verwundert über
das Unerwartete zum Kutschenschlage herausblickte. Da war's um sie geschehen; es
war zu viel. In ihrem Brautanzuge, der sehr kostbar war, aber doch vielleicht
aus der Garderobe der seligen Frau Geheimrätin, war sie auf die Knie gestürzt,
das schwere bauschigte Damastkleid im Gemüll der Strasse! »Gnade,
allerdurchlauchtigste Königin, aber ich kann nicht dafür. Er hat mich
geheiratet.« Als die Königin, die vielleicht ein Bittgesuch vermutete, den
Kopf weiter vorbeugte, setzte der Geheimrat mit tiefer Verbeugung hinzu:
»Majestät, nur wegen der allgemeinen Kalamität.«
    Ob die Königin in ihren Schmerzen gelächelt, ob sie wirklich eine Bewegung
mit der Hand gemacht, die für eine Segnung gelten konnte? Sie hatte sich schnell
wieder in die Kutsche zurückgelehnt. Alles war das Werk des Augenblicks. Walter
zuckte plötzlich auf. Der Brautzug trennte ihn noch von jener Wagenreihe; aber
er sah eine weibliche Gestalt in Trauer sich aus der dritten Kutsche
hinauslehnen und dem alten Alltag einen Scheidekuss geben. Es war Adelheid. Ihre
Augen trafen sich. »Eine junge Wittwe, die Frau von Bovillard,« sagte Jemand
neben ihm. Der Wagen rollte den andern nach. Adelheid sah noch einmal hinaus und
winkte mit dem Tuche, er wusste nicht, ob ihm, ob ihrem Vater. Durch die Pappeln
schwirrte ein Luftzug; ihm war es, als säusele er: Auf Wiedersehen!
    »Rebutant!« sagte die Gräfin Voss, als die königlichen Wagen ausser dem Tore
waren. »Dass Ihro Majestät zuletzt ein solcher ridiculer Auftritt in Dero
Residenz begegnen musste. Man sieht, es ist mit aller Ordnung und Dehors dort
aus.«
    Man musste Zeit gehabt haben, vielleicht um sie zu zerstreuen, die Fürstin
von den Verhältnissen zu unterrichten. Auch hatte man sie aufmerksam gemacht,
dass der alte wohlbekannte Kaufmann van Asten lächelnd an der Strasse gestanden:
»Er hätte doch wenigstens in solchem Augenblick seine Freude verbergen müssen.«
    Die Königin hatte schweigend dagesessen. Jetzt öffnete sie die Lippen:
»Weshalb, meine Freunde, weil wir traurig sind und Millionen mit uns, sollen
Alle trauern? Hat die Vorsehung es nicht so gefügt, dass während es hier Nacht
ist, jenseits der Erde die Sonne scheint, und wir wissen, dass, wenn es dort
dunkelt, hier der Tag anbricht. Wenn wir Alle in Finsternis und Trauer
vergingen, wie sollte der Hoffnungsstrahl uns erleuchten! Freuen wir uns doch,
dass nicht alle Herzen brechen, dass sie sogar noch lachen können, während wir
blutige Tränen weinen. Die heute ausruhen, sind morgen wach. - Ich will es als
eine gute Vorbedeutung nehmen, dass wir eine Hochzeit, Lachende und Frohe sahen
beim Abschied aus Berlin.«
    Als sie, um von der Höhe einen letzten Scheideblick auf die Königsstadt zu
werfen, den Kopf aus dem Fenster steckte, teilte sich der Herbstnebel am
Horizont und die Sonne strahlte aus dem blauen Firmament. Sie horchte auf die
Lerchen in der Luft. Ob sie das Lied verstand? Es war kein letzter Seufzer des
Mohrenkönigs, als er sein »Wehe mir, Alhama!« auf dem Berge sang, von dem er zum
letzten Mal sein geliebtes Granada sah.
                                     Ende.
 
                                    Fussnoten
1 Historische Worte Niebuhrs aus jener Zeit.
 
    