
        
                                  Georg Weert
              Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
                                     Vorspiel
Als der Verfasser des Lebens und der Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
die ersten Arabesken seiner wundervollen affen- und ebenteuerlichen Geschichte
schrieb, da fiel es ihm im Traume nicht ein, dass zur Belohnung für all die
herrlichen Erzeugnisse seines unsterblichen Geistes einst ein Gerichtsvollzieher
bei ihm erscheinen werde, um ihn mit würdiger Miene, aber in sehr
nachdrücklichem Tone vor den Herrn Instruktionsrichter des Königlich-Preussischen
Landgerichtes in Köln zu zitieren.
    Der Verfasser des Schnapphahnski hielt sich bisher für einen der
unschuldigsten Menschen unsres verderbten Jahrhunderts. Er hatte sich oft
darüber geärgert - denn nichts ist langweiliger und uninteressanter als die
Unschuld. Als er aber den Gerichtsvollzieher sah und den Erscheinungsbefehl, in
dem es klar und deutlich zu lesen war, dass er sich binnen zwei Tagen in dem
Verhörzimmer des Richters melden solle, widrigenfalls nach der ganzen Strenge
der Gesetze gegen ihn verfahren werde - kurz, als er sich davon überzeugte, dass
man ihn für nichts mehr und nichts weniger als einen - Verbrecher halte: da
sprang er empor mit dem Schrei des Emzückens, mit dem Jubel der Freude ob der
endlich verlorenen Unschuld - er warf den Sessel um und den Tisch und alles, was
darauf stand, und wäre fast dem Gerichtsvollzieher um den Hals gefallen, um ihn
zu herzen und zu küssen, und ein über das andere Mal frohlockte er: »Ich bin ein
Verbrecher! ein Verbrecher! Verbrecher!«
    Die Freude des Verfassers hat sich seitdem in etwa gelegt. Er erschien
nämlich wirklich vor Gericht, und es wurde ihm plötzlich sehr seltsam zumute.
Das heilige Gerichtsgebäude der fröhlichen Stadt Köln machte trotz alledem einen
unangenehmen Eindruck auf ihn. Mit den zwei nach vorn gekrümmten Seitenflügeln
schien es ihn wie mit zwei abscheulichen Armen ergreifen und nicht wieder
loslassen zu wollen. Und als nun gar rechts einige Erzengel der Gerechtigkeit
mit langen Schleppsäbeln und grossen hässlichen Schnurrbärten aufmarschierten und
links Advokaten, Instruktionsrichter und Landgerichtsräte - alles Leute, die am
Abend, im Wirtshause, bei einer Flasche Wein ganz manierlich aussehen - in
langen wallenden Talaren, mit weissen Beffchen und altmodischen, höchst
schauerlichen Mützen vorbeispazierten: da regte sich mit einem Male eine gewisse
Stimme in der Seele des Angeklagten und sprach: »Wehe dir, wenn du etwas Böses
getan hast; mit der heiligen Temis ist nicht zu spassen!«
    Doch was soll ich meinen Lesern die Gemütsbewegungen des
unglücklich-glücklichen Verfassers noch weiter schildern -? Was geht meine Leser
der Verfasser an? - Wenden wir uns daher zu dem Prozesse selbst.
    Die Anklage lautet auf Verleumdung. Cervantes verleumdete den Don Quijote,
Louvet verleumdete den Chevalier Faublas, ich soll den Ritter Schnapphahnski
verleumdet haben. Das ist schrecklich!
    Hat man den Cervantes gehängt? Nein. Hat man den Louvet guillotiniert? Nein.
Wird man mich köpfen?
    Wer weiss es? Es wäre schade um mich. Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden,
als wenn man den Kopf verliert.
    Einstweilen besitze ich ihn noch, und hin und her habe ich mich besonnen, ob
es wohl schon je so etwas gegeben hat, was dem Prozesse Schnapphahnski ähnlich
sah. Die heilige Justiz möge mir verzeihen, wenn ich ihr unrecht tue - ich
konnte noch nichts finden. Und nähmt ihr die Flügel der Morgenröte und flögt bis
zum äussersten Meere: ihr fändet noch keinen zweiten Prozess Schnapphahnski.
    Das einzige, was ihm entfernt ähnlich sieht, finden wir aufgezeichnet in dem
11. und 12. Kapitel des 2. Buches der »Erschrecklichen Heldentaten und Ebenteuer
Pantagrueli, der Dipsoden König, in sein ursprünglich Naturell wiederhergestellt
durch Meister Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor«. Ich brauche meinen Lesern
nicht zu bemerken, dass dieser Alcofribas niemand anders ist als: Meister Franz
Rabelais, der Arzenei Doktoren.
    Meister Franz schildert uns in dem erwähnten Kapitel seines
unübertrefflichen Werkes, für das er ebenfalls weder gehängt, guillotiniert noch
geköpft wurde: den Prozess Leckebock-Saugefist. Um meinen Lesern einen
Vorgeschmack von dem möglicherweise zum wirklichen Ausbruch kommenden Prozess
Schnapphahnski zu geben, führe ich das Plädoyer jenes merkwürdigen Falles
wörtlich an:
    »Da sprach Pantagruel zu ihnen: Seid ihr es, die ihr den grossen Streit mit
einander habt? - Ja, gnädiger Herr, antworteten sie. - Und welcher von euch ist
der Kläger? - Ich bin's, sprach Herr von Leckebock. - Nun, mein Freund, so
erzählet uns also Punkt für Punkt euren Handel rein nach der Wahrheit: denn bei
dem hohen Sakrament! wo ihr auch nur ein Wort dran lügt, hol ich den Kopf euch
von den Schultern, und will euch weisen, dass man in Rechten und vor Gericht nur
die lautere Wahrheit sagen soll. Darum hütet euch also wohl, eurer Sache etwas
zuzusetzen oder davonzutun! Saget an.
    Da begann denn Leckebock wie folgt: Gnädigster Herr, es ist wohl wahr, dass
eine brave Frau meines Hofes Eier zu Markte trug - bedeckt euch, Leckebock,
sprach Pantagruel. - Grossen Dank, Herr, sagt' der Junker: doch weiter im Text:
zwischen den beiden Wendezirkeln kam sie sechs Kreuzer zenitwärts und einen
Stüber, in Betracht dass die Riphäischen Berg dies Jahr sehr unfruchtbar an
Gimpel-Schneisen gewesen waren, mittels eines Aufruhrs, der sich zwischen den
Kauderwelschen und den Accusirnern erhoben, wegen der Rebellion der Schweizer,
die sich auf Pumpzig an der Zahl zum Heereszug gen Neuennadel versammelt hatten,
im ersten Loch des Jahres, da man die Supp den Ochsen, und den Jungfrauen den
Kohlenschlüssel zum Haberschmaus für die Hund verabreicht'. Die ganze Nacht ward
(Hand am Pot) nichts weiter geschafft, als dass man Bullen expediert auf Posten
zu Fuss und Knecht zu Ross, um alle Kähn in Beschlag zu nehmen, denn die Schneider
wollten ein Blaserohr aus den gestohlenen Flecken machen, den Ocean zu
überdachen, der damals nach der Heubinder Meinung mit einem Krautgemüs schwanger
ging. Aber die Physici meinten, es wär an seinem Wasser kein Zeichen zu sehen so
deutlich wie am Fuss des Trappen, Hellebarden mit Senf zu pappen, wofern nicht
die Herren Oberrichter der Syphylis aus Be Moll verböten hinter den Laubwürmern
drein zu stoppeln, und also während des Gottesdiensts spazieren zu gehen. Ha,
ihr Herren, Gott helf uns weiter nach seinem Rat, und, wider des Unglücks böse
Tück zerbrach ein Kärrner nasenstüblings sein Peitsch: denn das Gedächtnis
verrauchet oft, wenn man die Hosen verkehrt anzeucht. - Hier sprach Pantagruel:
Sacht, mein Freund, nur sacht! sprecht langsam, ereifert euch nicht. Ich versteh
den Kasus; fahret fort.«
    Und Leckebock fuhr fort, noch eine halbe Stunde lang zu reden, in bisheriger
Weise. Nachdem er sich aber aller seiner Weisheit entledigt hatte, setzte er
sich und murmelte: »Demnach, Gestrenger, bitt ich schön, Euer Hoheit woll in
dieser Sach erkennen und sprechen was Rechtens ist, nebst Kost, Zinsen und
Schadenersatz.«
    Da erhob sich Herr von Saugefist; er räusperte sich vierundsechzigmal und
erwiderte: »Gnädigster Herr, und ihr andern Herren, wenn die Bosheit der
Menschen so leicht nach kategorischem Urteil erkannt würd', als man die Mücken
im Milchnapf sieht, so würd' das Vier-Ochsen-Land von den Ratzen nicht so
zerfressen sein als es ist, und manche zu schimpflich gestutzte Ohren würden
annoch auf Erden sein. Denn obschon was die Geschicht des Facti und den
Buchstaben anbetrifft, des Gegners Bericht auf ein Härlein wahr ist, so sieht
man doch gleichwohl, meine Herren, die Listen, Schlich und die feinen Häklein,
und sieht wo der Hund begraben liegt. Ey heilige Dam! man kann den Schnabel
nicht mit Kuhmist heitzen, ohne sich Winterstiefel zu kaufen, und die Schaarwach
kriegt ein Klystier-Decoct oder den Kackstoff. Muss man derhalb die hölzernen
Bratspiess schmoren? Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, und wenn die Sonne
hinunter ist, sitzt alles Vieh im kühlen Schatten. Anno Sechs und dreissig kaufte
ich mir noch einen Fuchsschwanz. Er stand fein hoch und kurz: die Woll' so
ziemlich, aber gleichwohl hing der Notar sein Cetera daran.
    Ich bin kein Studierter, aber im Buttertopf, wo die vulkanischen Instrument
besiegelt wurden, ging das Gerücht, der gepökelte Ochs, der spüret den Wein in
stockfinsterer Mitternacht ohn Licht aus, und stäcke er auch zu unterst im Sack
des Kohlenbrenners. Zwar ist an dem, dass die vier Ochsen, von denen die Rede
ist, einigermassen ein kurzes Gedächtnis hatten, doch was die Murrner anbetrifft,
so hätten sie auch bei der Hundshochzeit zum Garaus geblasen und der Notar hätte
auf kabbalistisch seinen Rapport darüber erstattet, dass sechs Morgen Wiesenland
keine drei Flaschen Dinte geben.«
    So sprach auch Saugefist noch eine lange Weile. Als er aber ebenfalls
ausgeredet, »erhub sich Pantagruel, rief alle Präsidenten, Rät und Doctores
zusammen, und sprach zu ihnen: Wohlan ihr Herren, ihr habt nun vivae vocis
oraculo den Handel gehört, davon die Red ist; was dünkt euch dazu?
    Und sie antworteten: Freilich haben wir's gehört, aber wir verstanden für'n
Teufel auch nicht ein Wörtlein davon. Bitten Euch demnach una voce untertänigst
um die Gunst, dass Ihr nach Eurer Einsicht wollt das Urtel sprechen.«
    Da nahm Pantagruel das Wort und sprach: »Auf Vernehmen, Anhörung und
reifliches Erwägen des Streites der Herren von Leckebock und Saugefist, erkennt
das Gericht, dass in Betracht dessen und dessen und in Erwägung, dass die
Glas-Molken auf nächsten Mai in Mitten August zahlbar sind, und die
Guttural-Beinschellen durch Heu verstopft werden müssen, jene zu leisten
schuldig sind und Freund wie vor, ohne Kosten, aus Ursach.
    Also lautete die Fällung des Urteils und beide Teile gingen zufrieden mit
dem Bescheid von dannen, welches schier ein unglaublich Ding war: denn seit dem
grossen Regen hätt' man noch nicht erlebt und wird's auch schwerlich in dreizehn
Jubeljahren erleben, dass zwo uneinige Parteien in einem Rechtsstreit ebenmässig
das Endurteil gut heissen sollten.
    Die übrigen anwesenden Räte und Doctoren aber sassen dort wohl noch an drei
Stunden steif und starr in stummer Verzückung, ausser sich für Staunen ob des
Pantagruels übermenschlicher Weisheit, welche sie aus Entscheidung dieses so
schweren und kitzlichen Handels klar erkannten. Und sässen noch allda, wenn man
nicht Essig und Rosenwasser die Fülle gebracht hätte, zu Erweckung ihrer fünf
Sinne und Lebensgeister, da denn Gott ewig Lob für sei. -«
    So weit Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor.
    Vor dem Prozess der Herren Leckebock und Saugefist gab es keinen ähnlichen:
und nach ihm gab es nur den des berühmten Ritters Schnapphahnski.
    Erwarten wir von ihm das Möglichste. Öffentlich werde ich an den
meistbietenden Advokaten die Ehre, mich zu verteidigen, verkaufen lassen.
    Unsterblich kann er sich machen durch meine Verteidigung! Denn meinen Prozess
werde ich besingen, in Jamben, in Daktylen, in Trochäen,
»In Spondeen und Molossen,
In antiken Verskolossen -«,
der Gegenwart zur Lust, der Nachwelt zu unauslöschlichem Gelächter.
    Köln, Dezember 1848
                                                                    Georg Weert
 
                                       I
                                   Schlesien
Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nachdem aus Berlin man verbannt ihn;
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat,
Auch bei Don Carlos so viel' unnennbare Leiden erduldet.
Gewiss! Vater Homer, der weissbärtige griechische Barde, würde nicht den edlen
Odysseus, nein, er würde den edlen Ritter Schnapphahnski besungen haben, wenn
Vater Homer nicht zufällig in einer Zeit gelebt hätte, wo man weder Klavier
spielte noch Manila-Zigarren rauchte, wo man weder an Berlin noch an Don Carlos
dachte.
    Homer ist tot. Ich lebe. Das letztere freut mich am meisten. Was Homer nicht
tun konnte: ich tue es. Homer besang den Odysseus - ich verherrliche den Ritter
Schnapphahnski.
    Seltsame Vögel gab es auf Erden - von Adam an bis auf Heinrich Heine. Adam
wurde im Paradiese geboren und war ein Mensch; Heine sah das Licht der Welt in
Düsseldorf und ist ein Gott - nämlich ein Dichter.
    Heine wohnt in Paris - dies wissen alle schönen Frauen. Viel artige
poetische Kinder zeugte er. Sein jüngster Sohn ist aber ein Bär. Und dieser Bär
heisst Atta Troll. Nächst dem Grossen und dem Kleinen Bären dort oben am Himmel
ist dieser Atta Troll der berühmteste Bär unserer Zeit.
    Meine Leser müssen mir nicht zürnen, dass ich von den Griechen plötzlich auf
die Bären komme - die Hauptsache ist aber, dass Atta Troll in genauem
Zusammenhange mit dem Ritter Schnapphahnski steht. In zauberisch-poetischen
Nebel gehüllt, sehen wir nämlich in Heines klingendem Gedichte den Ritter
Schnapphahnski zum ersten Male über die Bühne schreiten. Ein komisches
zweibeiniges Wesen, in eine Bärin verliebt, der Finanznot blasse Wehmut auf den
Wangen, beraubt seiner Kriegskasse von 22 Silbergroschen und die Uhr
zurückgelassen im Leihhause von Pampeluna!
    Schattenhaft, wie ein Jäger der wilden Jagd, huscht der edle Schnapphahnski
an uns vorüber; wir möchten ihn festalten, einen Augenblick; wir möchten ihm
noch einmal ins Auge schaun, ihn noch einmal vom Wirbel bis zur Zehe betrachten,
den geisterhaften, den interessanten Mann - aber fort ist er, ehe wir's uns
versehen, und erstaunt fragen wir uns: Wer ist dieser Schnapphahnski?
    Lieber Leser, sei nicht unbescheiden! »Zwar alles weiss ich nicht, doch viel
ist mir bewusst!« Höre zu, was ich dir von Schnapphahnski erzählen werde; es ist
Zeit, dass der edle Ritter aus seinem zauberisch-poetischen Nimbus heraustritt;
an den Zipfeln seines Frackrocks zerre ich ihn vor das grosse Publikum.
    Wie schlafende Riesen liegen hinter uns die verrauschten Jahrhunderte, tot
und stumm. Aber alte Historiker, bücherbestaubt und grün bebrillt, und naseweise
Poeten prickeln und stacheln sie bisweilen mit ihren spitzigen Federn, und dann
fahren sie empor, sie heben ihre Köpfe, sie öffnen den Mund, und halb im Traume
erzählen sie uns brockenweis ihre klugen und ihre törichten Geschichten - wie es
gerade kommt, und bleischwer sinken sie wieder zusammen.
    Glücklicherweise habe ich es nicht mit den schlafenden Riesen der
Jahrhunderte zu tun. Es handelt sich nur um die Vergangenheit des Ritters
Schnapphahnski, und lieblos werde ich sie mit meiner Feder emporstacheln, damit
die Welt doch endlich sieht, was sie an ihrem Ritter hat, damit unser
Schnapphahnski doch endlich zur rechten Anerkennung gelangt.
    Das Dasein Schnapphahnskis gleicht einer bunten Arabeske. Manchmal wird es
euch an die Aventüren des Chevalier Faublas erinnern; bald an eine Episode aus
der Geschichte des Ritters von der Mancha, bald an die Glanzmomente eines
Boscoschen Taschenspielerlebens.
    Zärtlicher verliebter Schäfer, rasender Raufbold, Spieler, Diplomat, Soldat,
Autor - alles ist dieser Schnapphahnski - ein liebenswürdig frecher Gesell. -
Doch zur Sache!
    Schnapphahnski ist von Geburt ein Wasserpolacke. Ich bitte meine Leser,
nicht zu lachen. Schnapphahnski ist ein wunderschöner Mann, den manches
allerliebste Frauenzimmerchen recht gern in den kohlschwarzen Bart hineinküssen
würde. Der Ritter ist nicht gross, aber er ist hübsch und kräftig gebaut. Ein
kleiner, schmaler Fuss, ein rundes Bein, eine gewölbte Brust, ein stolzer Kopf
mit schwarzem Knebel- und Schnurrbart, flink und gewandt: das ist der Ritter
Schnapphahnski. Ein Mann wie gedrechselt, mit funkelnden Augen, höhnischen
Lippen und aristokratisch weissen Händen.
    Im Monat Mai seines Lebens war der junge, schöne Wasserpolacke Freiwilliger
in dem 4. (braunen) Husarenregimente, dessen Stamm in O. in Schlesien stand.
    Das lautet wieder ganz prosaisch. Aber man denke sich den jungen Fant,
dessen Fuss nur auf den Teppich oder in den silbernen Bügel trat, in knapper
Uniform, die Reitpeitsche in der Hand, den ersten dunklen Flaum des Bartes auf
den zarten Wangen, die Gewandteit eines jungen Katers in jeder Bewegung und die
Lüsternheit blitzend aus beiden Augen - und man wird gestehen müssen, dass es
eben kein Wunder war, wenn er einen gewissen Eindruck auf die schöne Gräfin S.
machte.
    Die schöne Gräfin S. verliebte sich in den braunen Husaren. Weshalb sollte
sie nicht? Wär ich die Gräfin S., ich hätte es auch getan. Der jugendliche
Freiwillige war gar zu reizend. Schon damals zeigte sich bei ihm die Gabe der
Rede, jenes Talent, was ihm später von so unendlichem Nutzen war, mit dem er so
manchen stillen Landtagsabgeordneten in haarsträubendes Erstaunen setzte. Die
Worte flossen ihm so glatt von den Lippen, und eine jede Phrase begleitete er so
ausdrucksvoll mit der schneeweissen Hand, dass die arme Gräfin zuletzt nicht mehr
widerstehen konnte und sich ihrem Husaren auf Gnade und Ungnade ergab.
Glücklicher Ritter! Er durfte seinen jungen Schnurrbart auf die kusslichsten
Lippen ganz Schlesiens drücken. Kaum der Schule entlaufen und schon ein
Alexander, der eine Welt, ein Herz eroberte!
    Soweit war alles gut. Dass Schnapphahnski ein gräfliches Herz stahl: niemand
wird ihm das verdenken; und dass er seine Gräfin küsste: nun, das war seine
verfluchte Schuldigkeit. Denn der Mensch soll küssen! In flammender
Frakturschrift steht dies geschrieben in den rosigen Abend- und Morgenwolken.
Der Mensch soll küssen! In kleiner Schrift stehet es geschrieben auf dem Blatt
jeder Rose, jeder Lilie.
    Schnapphahnski küsste, und er gehorchte dem Gesetz, das mehr als die
Frakturschrift der brennenden Wolken und mehr als die kleine Schrift der Lilien
und der Rosen die Lippen einer Gräfin verkündigten, einer liebenswürdigen
schlesischen Gräfin.
    Wie gesagt, bis zu diesem Augenblicke konnte man Schnapphahnski nicht den
geringsten Vorwurf machen: er liebte und er ward geliebt, er küsste und er wurde
geküsst.
    Der edle Ritter war aber nicht zufrieden mit dem Schicksal gewöhnlicher
Sterblicher; abenteuerlich juckte es in seinen Knochen; er überredete die Gräfin
zur Flucht, er entführte sie. - Der Ritter stand also in der dritten Phase
seines Unternehmens. Zuerst geliebt, dann geküsst, und nun entführt. - Alle
Ehemänner werden ihn des letztern wegen ernstlich tadeln; so etwas ist
unhöflich; ein Weib entführen: das ist nicht recht; einen armen Ehemann mit
seinen Hörnern und mit seinem Gram allein zurückzulassen, das ist harterzig und
unpolitisch; namentlich unpolitisch, denn wollte man jede Helena entführen, wie
viele Städte würden da nicht das Schicksal Trojas teilen? welches Elend würde
über die Welt kommen? Paris, Wien und Berlin würden in Rauch und Flammen
untergehen - aller Spass hörte auf, mit den Nationalversammlungen hätte es ein
Ende, und mancher edle Ritter Schnapphahnski würde vergebens seine Beredsamkeit
an den Mann zu bringen suchen.
    Aber unser brauner Husar mit den prallen jugendlichen Schenkeln und den
lüsternen Augen dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft, als er
die schlesische Helena lächelnd hinauf in den Wagen hob, um eiligst das Weite zu
suchen.
    Weshalb sollte er auch an die Zukunft denken? War die Gegenwart nicht schön
genug? Ach, so herrlich fuhr es sich an der Seite des himmlischen Weibes. Die
Vögel sangen, die Blumen schauten verwundert zu den Liebenden empor, und die
Rosse trabten hinweg ventre à terre, und ihre Mähnen flatterten im Winde.
    Die Küsse, die man in solchen Augenblicken küsst, müssen nicht mit Millionen
zu bezahlen sein. Glücklicher Schnapphahnski! Während er die Lust des Daseins
schmeckte, lief dem geprellten Ehemanne gewiss bei jedem Kusse, ohne dass er wusste
weshalb, ein eisiges Frösteln über den Nacken.
    Wo war doch dieser Ehemann? Es ist wirklich merkwürdig, die Ehemänner sind
tausendmal zu Hause, wenn es sich um eine wahre Lumperei handelt, aber der
Teufel weiss, wie es kommt, dass sie stets abwesend sind, wenn es sich um ihre
Frisur dreht.
    Wer weiss, was aus der Frisur des Grafen S. geworden wäre, wenn nicht der
Kutscher der Liebenden, ein tressengeschmückter Kerl mit gewichstem Schnurrbart
und schrägsitzendem Hute, plötzlich die Zügel der Rosse fest angezogen und, vom
Bock hinunter und an den Wagenschlag springend, dem schönen Paris, dem braunen
freiwilligen Husaren Schnapphahnski mitgeteilt hätte, dass ganz gegen die Fabel
der ehrenwerte Ehemann, der Herr Menelaos, der Graf S., soeben im Begriff sei,
ihnen aufs gemächlichste entgegenzureiten.
    Man kann sich die Stimmung Schnapphahnskis denken; er begriff nicht, wie die
unsterblichen Götter so unverschämt sein konnten, dem lustigsten Husaren ganz
Schlesiens auf so erbärmliche Weise in den Weg zu treten. Aber in den
gefährlichsten Momenten zeigt sich die Bravour eines sinnreichen Junkers am
eklatantesten.
    »Gräfin«, sprach er zu der zitternden Helena, »ich werde dich ewig im Herzen
tragen. Aber so wahr ich Schnapphahnski heisse und vom reinsten preussischen Adel
bin: höhere Rücksichten gebieten mir, in diesem Augenblicke auf dich zu
verzichten, damit nicht aus deinem Raube ein zweiter Trojanischer Krieg
entspringe, städteverwüstend und hinraffend der Edlen viel aus der preussischen
Heerschar. Steige daher hinab auf die Landstrasse, wo dich ein zärtlicher Gatte
mit den liebenden Armen umfangen wird, um dich zurückzuführen gen O. in
Schlesien, wo das 4. Regiment der braunen Husaren steht, ein Regiment, dem ich
auf ewig Lebewohl sage.«
    Schnapphahnski schwieg, und sein Herz klopfte wilder - der Herr Menelaos kam
immer näher. Mochte die Träne von den Wimpern der schönsten aller Frauen rieseln
- galant bot ihr der kühne Ritter den schützenden Arm und hob sie hinab.
    Schnapphahnski selbst kehrte aber zurück in die harrende Karosse; der
Kutscher strich seinen Bart und:
    »Treibend schwang er die Geissel, und rasch hin trabten die Rosse« -
    und Schnapphahnski ward nicht mehr gesehen.
    Was sagen meine Leser zu dieser Geschichte? Ist sie nicht wert, von einem
preussischen Homer besungen zu werden?
    Der Raub der Helena unterscheidet sich von dem Raub der Gräfin S. nur durch
die Pointe. Der erstere endete damit, dass Troja in Flammen aufging, der andere
fand darin seinen Schluss, dass der Graf S., indem er seine Gemahlin nach Hause
zurückführte, den jungen Schnapphahnski den - Stöcken seiner Lakaien empfahl.
    Armer Schnapphahnski! - Rächenden Gespenstern gleich stehen hinfort die
Bedienten des Grafen S. vor der Seele des irrenden Ritters. In der Stille des
Gemaches, in dem Lärm der Gassen hat er keine Rast und keine Ruh. - O die
Bedienten des Grafen S.! O die verfluchten Lakaien aus O.! Die Jahre sind
geschwunden, und glücklich würde Schnapphahnski sein - sitzt er nicht endlich
mit den Männern des Jahrhunderts auf ein und derselben Bank? lauscht nicht ein
ganzes Volk seinen tönenden Worten? Aber ach, will er sich seines Schicksals
freuen, da zuckt er, da schrickt er zusammen, denn sieh, durch das Wogen der
Versammlung, über die Köpfe seiner Bewundrer schaut es plötzlich wie ein Gesicht
aus O., wie ein Bedienter des Grafen S. - und tief verhüllt der edle Ritter sein
erbleichendes Antlitz.
 
                                       II
                                    Troppau
Zu den Eigenschaften eines Ritters ohne Furcht und Tadel gehört nicht nur ein
kleiner Fuss, eine weisse Hand, ein kohlschwarzer Schnurrbart, ein
herausforderndes Profil, eine halbe Million, ein Dutzend Liebschaften - nein,
auch ein Duell.
    Ein glücklich überstandenes Duell verleiht dem Menschen einen eigentümlichen
Reiz. Ich rate einem jeden, sich wenigstens einmal in seinem Leben auf 14
Schritt mit Pistolen zu schiessen. Das ist eine herrliche Sache. Die Frauen
werden ihm artiger und die Männer werden ihm höflicher entgegenkommen. Man weiss,
er hat seine Sporen verdient, er hat den Kugeln getrotzt, er hat sich als Mann
gezeigt - kann man den Frauen ein grösseres Vergnügen machen, als wenn man ihnen
beweist, dass man ein Mann ist?
    So auch dachte der Ritter Schnapphahnski, als er nach seinem unsterblich
schönen Abenteuer mit der Gräfin S. wohlweislich den Weg zwischen die Beine nahm
und sich auf eine unglaublich schnelle Weise aus dem Staube machte. Halte Gott
vor Augen und im Herzen! heisst es in der Bibel. Halte die Lakaien des Grafen S.
vor Augen und im Herzen! summte es in die Ohren Schnapphahnskis. Er sah ein, dass
ihm in Schlesien weder Rosen noch Lorbeeren, sondern nur Hasel- und
Heinebüchenstöcke spriessen würden, dass er in der Gegend von O. nie auf einen
grünen Zweig kommen, sondern dass die grünen Zweige oder vielmehr die grünen
Prügel nur auf ihn herunterkommen würden, und er zweifelte aus diesem Grunde
daran, dass er es länger als Freiwilliger des 4. (braunen) Husarenregiments in O.
aushalten könne, und, mit einem Worte, der edle Ritter entfernte sich,
Schnapphahnski nahm reissaus.
    Ach! Noch so jung und doch schon so unglücklich! Der edle Ritter hätte über
sich selbst weinen mögen. Aber was war gegen das hässlich-unerbittliche Schicksal
zu machen? Der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden kann das Geschehene
nicht ungeschehen machen; selbst der Kaiser Nikolaus ist ohnmächtig in diesem
Punkte ... Schnapphahnski begriff, dass er die schöne Gräfin S. keck entführt und
dass er sie feige verlassen hatte. Die Schande stand über seinem Leben so
offenbar, wie die Sonne leuchtend über der Welt steht, und es handelte sich nur
noch darum, wie man diese Sonne der Schmach am besten in den
undurchdringlichsten blauen Dunst der Lüge verstecken könnte.
    Ein Mann wie Schnapphahnski, wenn er eine Flasche Champagner getrunken, drei
Zigarren geraucht und sich sechsmal verliebt im Spiegel angesehen hat, ist nie
um eine erbauliche, glaubhafte Lüge verlegen.
    Der edle Ritter war keineswegs ein solcher Narr, dass er schon von vornherein
an seinem erfinderischen Haupte verzweifelte. »Bin ich nicht Schnapphahnski, ein
Mann wie ein Engel?« rief er, den jugendlichen Schnurrbart streichend und das
ganze Firmament messend mit den flammenden Blicken. Unser Ritter hatte recht.
Gewandt und hübsch machte er aus dem Abenteuer mit der Gräfin S. die schönste
Duellgeschichte, eine Geschichte, so verwickelt, so verteufelt verzwickt, dass
zuletzt niemand mehr daraus klug wurde - die Lakaien des Grafen S. ausgenommen.
Die überstandene Gefahr eines erlogenen, aber nichtsdestoweniger frech
ausposaunten Duells sollte die nackte Schmach eines feigen Entrinnens in etwa
verhüllen. Die Welt sollte glauben, dass der edle Ritter unglücklich geliebt und
dass er sich furchtbar geschossen habe - mit einem Worte, Schnapphahnski tat
alles, was ein ehrlicher Mann tun kann, um aus einer schlechten Sache eine
brillante Historie zu machen, und keck stürzte er sich wieder in den Strudel der
vornehmen Welt - natürlich eben nicht in der Nähe der Lakaien des Grafen S.
    Mit ihrem Erfinder reiste auch die Fabel in die Welt hinein, und wie sie von
Mund zu Munde ging, da nahm sie natürlich auch an Abenteuerlichkeit zu, so dass
unser Schnapphahnski nach kaum einem Vierteljahre schon weit und breit als einer
der wütendsten Raufbolde, als einer der schrecklichsten Duellanten seiner Zeit
bekannt war.
    Unser Ritter war glücklich; aber ach, er hatte vergessen, dass es nichts
Gefährlicheres auf Erden gibt als Ruhm. Unberühmte Leute können die besten
Gedichte machen, die schlechtesten Prozesse gewinnen und die ausgezeichnetsten
Reden halten: man verzeiht ihnen das alles; aber wehe dir, wenn du ein bekanntes
Haupt bist, da passt man dir auf die Finger, und du magst dich drehen und wenden,
wie du willst, es sitzt dir irgendein Teufelskind im Nacken und erinnert dich
daran, dass du ein sehr sterblicher und vergänglicher Mann bist.
    Der edle Ritter Schnapphahnski fand sein Teufelskind, den Kobold seines
Lebens, in einem gewissen Grafen, in einem Manne, der zeit seines Lebens die
Menschen lieber lebendig als tot frass, lieber mit Haut und Haar als gestooft
oder abgekocht, lieber roh und ohne alle Zutat als mit Essig, Öl, Pfeffer, Salz
und Mostert. Graf G. ist womöglich noch einer der kühnsten und ehrlichsten
Degen, die der preussische Adel aufzuweisen hat; ein Mann, der auf seinem Ross die
steilste Treppe hinangaloppiert, der seine Pistole so sicher schiesst wie der
alte Lederstrumpf seine lange Flinte und der den Säbel mit einer solchen
Gewissenhaftigkeit zu führen weiss, dass ich ihn, nämlich den Herrn Grafen G.,
hierdurch aufs höflichste gebeten haben will, mir doch stets drei Schritte vom
Leibe zu bleiben, sintemalen ich nicht die geringste Lust verspüre, ihm zu
fernerer Erprobung seines schauerlichen Handwerks an meinem Leibe Gelegenheit zu
geben.
    Graf G. hörte von den Taten Schnapphahnskis, und es versteht sich von
selbst, dass ihn sofort die Eifersucht stachelte, um aus der Haut zu fahren, um
verrückt zu werden. Überall, wo er ging und stand, immer Schnapphahnski und ewig
Schnapphahnski! Graf G. geriet zuletzt in ein wahres Delirium, in einen St.
Veitstanz, wenn man ihn nur im entferntesten an unsern Ritter erinnerte; seine
Hengste spornte er blutig, er prügelte Hunde und Bediente, und alles nur wegen
des verfluchten Schnapphahnski.
    Am allerbegreiflichsten ist es indes, dass Graf G. zuletzt keinen anderen
Wunsch mehr auf Erden kannte, als unserm Ritter einmal auf den Zahn zu fühlen.
    Leider wollte sich hierzu aber nie eine Gelegenheit finden. Schnapphahnski
war der liebenswürdigste Mensch von der Welt, betörend bei den Weibern und
schlau bei den Männern. Er war allmählich zu der Überzeugung gekommen, dass das
Leben kostspielig ist, sehr kostenspielig. Trotz aller äussern Bravour glaubte er
in der Tiefe seiner Seele an den 10. Vers des 90. Psalms, wo da geschrieben
steht, dass unser Leben siebenzig Jahre währt, und wenn's hoch kommt achtzig, und
dass es köstlich gewesen ist, wenn es Mühe und Arbeit gewesen, und dass es schnell
dahinfährt, als flögen wir davon.
    Dachte er aber gar an den Grafen G., so ging es ihm nicht anders wie mir: er
hätte sich lieber mit dem Pferdefuss des Satans herumgeschlagen als mit der
Klinge jenes fürchterlichsten aller modernen Menschenfresser.
    Aber was hilft es, wenn die Unsterblichen nun einmal beschlossen haben, dass
einem das Schicksal ein Bein stellen soll?
    Schnapphahnski hatte eines Abends die Unvorsichtigkeit begangen, seinem
treuesten Freunde unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitzuteilen,
dass die Schwester des Grafen G. - - meine Leser müssen entschuldigen, wenn ich
ihnen eine der galantesten Lügen neuerer Zeit nicht zu wiederholen wage - genug,
unser Ritter liess sich durch seine Phantasie zu einer Mitteilung verleiten, die,
eben weil sie unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit geschah, auch schon
am nächsten Morgen von dem treuesten aller Freunde dem Grafen in ihrer ganzen
Frische wieder überbracht wurde.
    Graf G. fluchte wie ein Christ und wie ein Preusse. Er nahm seinen Säbel von
der Wand, und er nahm seine Pistolen - o armer Schnapphahnski! Doch was soll ich
weiter erzählen? Es versteht sich von selbst, dass Graf G. in der Wohnung unseres
Ritters eher den Vater Abraham hätte antreffen können als den Herrn von
Schnapphahnski.
    Ja wahrhaftig, wie der edle Ritter einst dem ehrenwerten schlesischen
Menelaos die Landstrasse geräumt und die liebenswürdigste Frau überlassen hatte,
so liess er diesmal dem kriegerischen Grafen G. die Überzeugung zurück, dass ein
Mann wie Schnapphahnski eine viel zu feine Nase hat, um nicht das Pulver auf
wenigstens tausend Schritt zu riechen - mit einem Worte: Mensen Ernst hätte
nicht schneller davonlaufen können als der berühmte Ritter Schnapphahnski.
    Die böse Welt erzählt von einer grossen unerbittlichen Hetzjagd, die jetzt
ihren Anfang nahm. Fabelhaft war die Wut des Grafen G., aber noch unglaublicher
war die Eile des Ritters Schnapphahnski. Wie die brennende Sonne den bleichen
Mond verfolgt, so folgte der zornglühende Graf dem angstblassen Ritter. Da war
kein Hotel, kein Salon zwischen Dresden, Berlin und Wien, da war kein Ort in dem
ganzen östlichen Deutschland, der nicht untersucht wurde, in dem man sich nicht
aufs angelegentlichste nach Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski,
erkundigte. Doch die Distanz wurde immer kleiner; immer näher rückte der Graf
auf des Ritters Pelz - in Troppau in Östreich stehen unsere Helden endlich mit
den krummen Säbeln in den Fäusten einander gegenüber.
    Der edle Ritter kann seinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Graf G. versteht
keinen Spass. Der Kampf beginnt. Seit Sir John Falstaff auf der Ebene von
Shrewsbury mit dem Schotten Douglas aneinander war, gab es kein so famoses
Treffen mehr auf der Welt als das unserer Helden in Troppau.
    »So fiel ich aus, und so führt ich meine Klinge!« hatte der edle Ritter
manchmal renommiert, wenn er den Damen seine Abenteuer schilderte. Jetzt war die
Stunde gekommen, wo er das in der Tat und in der Wahrheit durchmachen sollte,
was er früher so oft im Geiste und in der Lüge erlebte.
    Schnapphahnski empfahl sich dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden,
er setzte den einen Fuss vor, er erhob den Säbel, und die Paukerei ging los. Graf
G. schlug drein wie der leibhaftige Teufel. So ein Eisenfresser hat kein Mitleid
- armer Schnapphahnski! Der edle Ritter fühlt, dass er es mit dem Bruder einer
schönen Schwester zu tun hat, aber er wehrt sich, so gut er kann. Da fehlt er
zum ersten Male, und die Klinge seines Gegners fährt ihm über den Leib, so
nachdrücklich, so impertinent unhöflich, dass Graf G. nicht anders meint, als dass
der Ritter ins Gras beissen und das Zeitliche segnen müsste. Schnapphahnski denkt
aber nicht daran; ein leises Frösteln rieselt ihm über den Nacken, er schüttelt
sich, und wiederum steht er da in der alten Parade: »So fiel ich aus, und so
führt ich meine Klinge!«
    Graf G. macht da den zweiten Ausfall; abermals klirren die Säbel, und zum
zweiten Male besieht unser Schnapphahnski einen Schmiss, der dem besten
Korpsburschen Heulen und Zähnklappen verursacht haben würde, vor dem unser
Ritter aber nur leise stutzt und momentan zurückweicht, um sich sofort wieder zu
sammeln und seine frühere Stellung einzunehmen. Graf G. ist über das zähe Leben
seines Feindes nicht wenig erstaunt; er kennt doch die Force seines Säbels, er
weiss, was in frühern Jahren seinen Hieben zu folgen pflegte, und schäumend vor
Wut, dass seine besten Schläge ohne Erfolg bleiben, stürzt er zum dritten Male in
den Kampf, und wiederum rasseln die Klingen, dass die Lüfte schwirren, dass allen
beiden Kämpfern Hören und Sehen vergeht.
    Da trifft der Säbel des Grafen zum letzten Male, und Schnapphahnski taumelt
totenbleich zu Boden - o armer Mann! Die Klinge hat den Kopf nicht berührt, sie
machte eine Reise über Schulter und Brust, die Kleider hängen in Fetzen herunter
- o unglückseliger Ritter! Fallen in der Blüte der Jugend, ein Mann, so schön
und so glücklich - es ist hart! Da kniet der Graf an seinem Opfer nieder und
reisst die Kleider seines Gegners auf; er erwartet nicht anders als eine
klaffende Wunde von ein bis zwei Zoll, es wundert ihn, dass nicht das Blut schon
hervorsprjetzt. Da ist er mit dem Losknöpfen des Rockes fertig, zu seinem
Entsetzen zieht er - ein nasses seidnes Sacktuch aus dem Busen seines Feindes.
Er weiss nicht, was dies bedeuten soll; noch immer kein Blut; er greift abermals
zu - ein zweiter Foulard! Zum dritten Male untersucht er - ein drittes Sacktuch!
Und so: ein, zwei, drei, sechs, acht, zieht der erstaunte Graf einen nassen
Lappen nach dem andern vom Körper des Ritters, bis zuletzt unser guter
Schnapphahnski, seiner Hülle bar, als ein vollkommen unverletzter, höchst
liebenswürdiger junger Mann am Boden liegt. - O Reineke, Reineke! O berühmter
Ritter Schnapphahnski! Du hattest dein zweites Abenteuer überstanden. Zuerst die
Gräfin S., und dann der Graf G. O denke an die Lakaien zu O. in Schlesien, o
denke an das Duell von Troppau!
    Man erzählt, Graf G. sei unwillig aufgesprungen; er habe ausgespuckt, sich
auf sein Pferd geworfen und das Weite gesucht. Schnapphahnski gewann nach
einiger Zeit die Besinnung wieder; er sammelte die umherliegenden Tücher und
steckte sie vorsichtig in die Taschen. Sein Bedienter brachte ihn, leiblich sehr
erschöpft, aber geistig ungemein heiter, in die nächste Herberge.
 
                                      III
                                     Berlin
Nach dem Abenteuer in Troppau treffen wir Herrn v. Schnapphahnski zunächst in
Berlin. Eine interessante Blässe lagert auf seinem Gesicht, und es versteht sich
von selbst, dass der schöne schwarze Bart des Ritters dadurch nur um so
vorteilhafter ans Licht tritt. In Schlesien war unser Ritter ein verliebter
Husar, in Troppau erscheint er als renommierender Duellant - in Berlin ist er
Flaneur.
»Salamankas Damen glühen,
Wenn er durch die Strassen schreitet,
Sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd,
Und von Hunden stets begleitet.«
Gibt es etwas Schöneres als Flanieren? Der Hauptreiz des süssen Nichtstuns
besteht übrigens nicht darin, dass man überhaupt sporenklingend und
schnurrbartkräuselnd durch die Strassen schreitet, sondern dass man gerade dann
flaniert, wenn alle andern Leute wie die lieben Zugstiere arbeiten müssen.
    Ich bin fest davon überzeugt, ein westindischer Pflanzer fühlt sich nicht
nur deswegen so wohl in seiner Haut, weil er jedes Jahr an seinen Plantagen
diese oder jene Summe profitiert, nein, sondern nur aus dem Grunde scheint ihm
das Leben um so wonniger, weil er eben dann recht wohlgefällig seine
Havanna-Zigarren rauchen kann, wenn um ihn her die schwarzen Afrikaner in der
Glut der Sonne und unter der Wucht der Arbeit zu vergehen meinen.
    Hole der Teufel die Flaneure und die westindischen Pflanzer. Die Proletarier
werden einst die erstern und die Sklaven die letzteren totschlagen. Ja, tut es!
Es ist mir ganz recht - aber nur einen verschont mir: den Ritter Schnapphahnski!
    Unser Ritter gefiel sich in Berlin ausnehmend. Nichts konnte natürlicher
sein. Berlin, die Stadt, wo sich der Tee und das Weissbier den Rang streitig
machen, wo die schönsten Gardeoffiziere und die schönsten Frauen in schlanken
Taillen wetteifern und wo jeder Eckensteher wenigstens etwas Bildung besitzt,
wenn auch nur für einen Silbergroschen - Berlin war der Ort, wo unser Ritter am
ersten hoffen durfte, eine vermehrte und verbesserte Auflage seiner Blamagen
erscheinen zu sehen.
    Schnapphahnski war allmählich in der Liebe Gourmand geworden. Die süsse,
sanfte Unschuld hatte er satt. Er sehnte sich nach weiblichem Kaviar - - ein
Blaustrumpf, eine Emanzipierte, eine Giftmischerin! - es war unserm Ritter
einerlei. Nur starker Tabak, nur Furore!
    Man begreift solche Gelüste, wenn man bedenkt, dass der edle Ritter nach der
letzten Affäre in Troppau wenigstens für ein ganzes Jahr so blasiert war wie
eine kranke Ente.
    Der Zufall wollte es, dass die Augen Schnapphahnskis auf die göttliche
Carlotta fielen ... Er hatte gefunden, was er suchte. Nichts konnte erwünschter
sein als ein Roman mit einer geistreichen Schauspielerin, und nun vor allen
Dingen die Bekanntschaft mit einer Carlotta, die gerade damals in das Nachtgebet
jedes Gardelieutenants eingeschlossen wurde, deren Besitz nicht mit einer
Million aufzuwiegen war! Schnapphahnski hatte nicht so unrecht.
    Der Besitz einer Schauspielerin hat darin sein Pikantes, dass man in ihr das
besitzt, was allen Menschen gehört. In einer Schauspielerin umarme ich
gewissermassen die Lust und die Freude einer ganzen Stadt, eines ganzen Landes,
eines ganzen Weltteils. Nichts ist begreiflicher, als dass Herr Tiers eine
Rachel liebt - -
    Dieselbe schneeweisse Hand, die nach dem Fallen des Vorhanges noch vor allen
Blicken flimmert: ich darf sie zu süssem Kuss an meine Lippen drücken; derselbe
kleine Fuss, der noch durch das Gedächtnis von tausend Rivalen schreitet: ich
darf ihn ruhig und siegesgewiss betrachten, wenn er gleich einem seligen Rätsel
unter dem Saum des Kleides hervorschaut oder vor der Glut eines Kamines zu
einsamen Scherzen seine lieblichen Formen zeigt. Eine Carlotta, eine Rachel,
eine Donna Anna oder eine Donna Maria unter vier Augen ist ein Triumph über die
Jeunesse dorée von halb Europa.
    Konnte es anders sein, als dass unser Lion Schnapphahnski sofort den
Entschluss fasste, das Herz Carlottens zu erobern, koste es, was es wolle? Er
machte sich auf der Stelle an die Arbeit. Zur Belagerung eines Herzens gehört
der gewohnte Kriegsapparat. Ein paar Tausend Seufzer und einige Hundert Wehs und
Achs dringen gleich zitternden Truppen zuvörderst auf den Gegenstand der
Blockade ein. Als Faschinen, zum Ausfüllen hinderlicher Sümpfe und Gräben,
bedient man sich einiger Dutzend Veilchen-und Rosensträusse. Das Trompetensignal
des Angriffs besteht aus einem Ständchen von Flöten und Fiedeln, dem man indes
noch eine Aufforderung zur Übergabe in möglichst gelungenen Stanzen und Sonetten
vorhergehen lässt. Sieht man, dass mit Güte nichts auszurichten ist, so wirft man
einige Brandraketen in Gestalt der glühendsten, verzweifeltsten Blicke und lässt,
je nachdem es ist, auch das schwere Geschütz der herzinnigsten Flüche und
Verwünschungen mitspielen. Hat man den Angriff eine Zeitlang unerbittlich
fortgesetzt, so macht man einmal eine Pause und lässt durch einige Boten, die
gleich krummen Fragezeichen um die Mauern der Geliebten schleichen, bei
irgendeiner alten Tür- oder Torwächterin die Erkundigung einziehen, ob die
hartnäckige Schöne nicht bald Miene mache, das Gewehr zu strecken. Wird dies
verneint, so beginnt man das Feuer wütender als je zuvor. Man schwört bei allen
Göttern, dass man sich eher selbstmorden, ja, dass man lieber wahnsinnig werden
wolle, als von seinem Verlangen abstehen, und man gebärdet sich auch sofort wie
ein betrunkener Täuberich und ruht nicht eher, als bis man Himmel und Hölle in
Bewegung gesetzt und sich ruiniert hat an Witz, Leib und Beutel.
    Schnapphahnski belagerte seine Carlotta mit einer wahrhaft horntollen
Beständigkeit.
    Aber ach, es war alles umsonst. Der edle Ritter seufzte seine besten
Seufzer, er warf seine glühendsten Blicke, er erschöpfte »seine ganze
Kriegeskasse«, und doch sah Carlotta noch immer von der Bühne hinab in das
Parkett, wo stets an derselben Stelle, rein aus Zufall, ein wahrer Adonis von
einem Gardeoffizier stand und mit der lebendigen Künstlerin das Kreuzfeuer der
verliebtesten Blicke führte.
    Da sammelte der edle Ritter seine Gedanken um sich wie einen Kriegsrat und
beschloss, die Belagerung aufzuheben. Man glaube indes ja nicht, dass Herr von
Schnapphahnski ein solcher Narr gewesen wäre, um rein als Geprellter von dannen
zu ziehen. Gott bewahre! Der Mann, der die Gräfin S. auf der Landstrasse
aussetzte und die Hiebe seines Gegners mit nassen Sacktüchern parierte, er wusste
auch jetzt seine Ehre zu retten.
    Tiefsinnig schritt er Unter den Linden auf und ab, und nachdem er einen
Morgen und einen Nachmittag mit sich zu Rate gegangen war, liess er plötzlich am
Abend anspannen und seinen leeren Wagen vor das Hotel Carlottens fahren.
    Der Wagen stand dort den Abend, er stand die Nacht hindurch, und er stand
bis zum Morgen. Ruhige Bürger, die eben nicht ganz auf den Kopf gefallen waren,
stiessen einander an, wenn sie die Karosse sahen, und blickten dann schmunzelnd
hinauf zu dem Fenster der Künstlerin.
    Naseweise Literaten und spitzfindige Justizräte schauten sogar auf das
Wappen und die Livree des Kutschers, indem sie bedenklich die Köpfe schüttelten
und dann mit allerlei kuriosen Gesprächen nach Hause schritten. Einige Offiziere
stutzten aber erst vollends. - Zufällig war unter ihnen auch jener Adonis aus
dem Parkett des Schauspielhauses! Er weiss nicht, was er sieht, er reibt sich die
Augen, er fühlt an seinen Kopf, um sich davon zu überzeugen, ob ihn das
Schicksal wirklich mit einem jugendlichen Hornschmuck geziert hat, und den Säbel
in der Faust, dringt er dann in Carlottens Wohnung. - -
    Er findet die Künstlerin mutterseelenallein in ihrem Zimmer - sie empfängt
ihren Adonis, wie es einer Venus zukommt.
    Erst mit dem Morgenrot ist die Karosse Schnapphahnskis verschwunden. Berlin
erwacht zu geschäftigem Treiben. Trödler und Eckensteher murren über das
Pflaster; Karren und Droschken rasseln vorüber; Handwerker und Kaufleute eilen
an ihre Arbeit, und fast der einzige Mensch, der erst sehr spät und äusserst
langsam in die Stadt hinunterflaniert, das ist wieder niemand anders als unser
berühmter Ritter Schnapphahnski. - -
    Er sieht etwas leidend und angegriffen aus; seine Augen glänzen
feucht-melancholisch, und der schöne Kopf mit dem feinen Hute hängt sinnend
hinab auf die seufzerschwere Brust. Da schleicht der Ritter nachlässig
scharwenzelnd in den nächsten Salon und wirft sich gähnend auf den Diwan.
»Teurer Ritter, auf Ehre, was fehlt Ihnen?« fragen einige Bekannte, als sie
ihren Freund in so weicher, schmerzlicher Stimmung sehen. Keine Antwort. Die
Lippen Schnapphahnskis umspielt ein mildes Lächeln. »Auf Seele, Ritter«, fährt
man fort, »es scheint Ihnen etwas Ungewöhnliches passiert zu sein!«
Schnapphahnski reckt einmal alle Glieder. Eine halbe Stunde verstreicht so, da
hat der Ritter die Aufmerksamkeit seiner liebenswürdigen Umgebung bis aufs
höchste gesteigert; aufs neue bestürmt man ihn mit Fragen, er kann nicht mehr
widerstehen, und gleichgültig wirft er die Worte »die vorige Nacht« - »bei
Carlotta« hin, und rings entsteht das freudigste, interessanteste Erstaunen!
    Man sieht, die Aventüren unseres Ritters werden immer delikater. Zuerst eine
wirkliche Liebschaft, die zwar mit der erbärmlichsten Pointe schliesst, deren
eine Liebschaft fähig ist, die aber wenigstens bis zum Augenblick der Pointe
alle süssen, schauerlichen Phasen durchmacht und den Eindruck bei uns zurücklässt,
dass es dem edlen Ritter wenigstens einmal in seinem Leben gelang, eine Frau zu
erobern und ein Herz zu besitzen. Schade, dass die Stöcke der Lakaien des Grafen
S. sich an dieses erste Abenteuer reihen!
    Dann die zweite Aventüre. Sie drehte sich ebenfalls um das schöne
Geschlecht. Der Ritter besitzt aber schon nicht mehr, nein, er intrigiert nur.
Die Sache lässt sich aber trotzdem noch hören, weil ein Duell daraus entsteht,
ein Duell mit einem Grafen G., einem wahren Eisenfresser, ein Duell mit krummen
Säbeln, und wir sind schon auf dem Punkte, uns mit der Geschichte zu versöhnen,
als plötzlich jene erbauliche Wendung mit einem halben Dutzend nasser Sacktücher
eintritt und wir nur zu sehr fühlen, dass der Ritter eine bedeutende Stufe
gesunken ist.
    Doch ach, jetzt die dritte Affäre mit Carlotta! Zu dem Ekel, den uns das
galante Malheur Sr. Hochgeboren verursacht, gesellt sich der bedauerliche
Eindruck der gewöhnlichsten Lügen, der blassesten Renommage. Wir sehen den
Ritter auf dem Diwan liegen, umringt von jungen Offizieren, den physischen
Katzenjammer der Liebe heucheln - und es wird uns traurig zumute!
    Aber so war es. Wer weiss, inwieweit es Herrn von Schnapphahnski gelungen
wäre, seine Umgebung zu täuschen und jenes selige Ermatten einer glücklichen
Nacht täuschend nachzuahmen, wenn sich nicht plötzlich der süsse Adonis
Carlottens an der andern Seite des Salons emporgerichtet und den renommierenden
Ritter, seiner erbärmlichen Lüge wegen, ohne weiteres auf Pistolen gefordert
hätte. Was sollte unser Ritter tun? Er fühlte, dass er wieder einmal eine Stufe
sinken müsse; er wusste aus eigener Erfahrung, dass er im Duell eben kein Heros
war, und die Lust des Lebens und die Hoffnung einer besseren Zukunft in Erwägung
ziehend, entschloss er sich daher, eine gute Miene zu dem bösen Spiel zu machen
und in Gegenwart sämtlicher Offiziere die schriftliche Erklärung abzugeben, dass
er der gröbste Lügner sei und aufrichtig bedauere, die Reize der schönen
Carlotta durch das Manöver mit dem leeren Wagen auf so unnötige Weise
verdächtigt zu haben.
    Diese Erklärung des berühmten Ritters Schnapphahnski befindet sich noch
heutigen Tages in dem Archiv eines der Berliner Gardeoffizierkorps.
 
                                       IV
                                 Die Diamanten
Treue Freunde des Ritters Schnapphahnski, bedauern wir mit ihm die harte
Prüfung, die das Schicksal infolge jenes bekannten Abenteuers mit der göttlichen
Carlotta über ihn verhängte. Die Moral der Geschichte war, dass weder mit einem
schönen Frauenzimmer noch mit einem Gardeoffizier zu spassen ist und dass man
nicht den Wüstling und den Bramarbas herausbeissen soll, wenn man wirklich nur
ein so unschädlich liebenswürdiger Mann wie der Ritter Schnapphahnski ist. Der
Adonis Carlottens, der Gardelieutenant v.W.-M., dessen tugendhafte Entrüstung
wir nicht genug anerkennen können, war schuld daran, dass unser Ritter für einige
Zeit die Einsamkeit suchte, um in stillen Betrachtungen jene Ruhe des Gemütes
wiederzufinden, die er auf so leichtsinnige Weise verscherzt hatte. Zu der
Furcht vor den Lakaien aus O. und zu den unangenehmen Erinnerungen aus Troppau
gesellte sich nun noch die Angst vor dem verhängnisvollen Dokumente der Berliner
Offiziere, und wir brauchen wohl nicht zu versichern, dass das eine oder das
andere manchmal sehr störend auf die Morgenträume unseres Helden einwirkte. Der
jugendlich kühne Flug unseres Ritters war gelähmt; wie mancher andere ehrliche
Mann fühlte er allmählich, dass er dem Strassenkote näher war als den Sternen und
dass der schöne schwarze Schnurrbart vielleicht das beste an dem ganzen Menschen
sei. Diese und ähnliche melancholische Gedanken waren indes nur vorübergehend;
der Ritter war von zu guter Rasse, als dass er das Leben nicht von der heitersten
Seite aufgefasst hätte.
    Mag es dir noch so schlecht gehen, sagte er oft zu sich selbst, zum
allerwenigsten kannst du doch noch immer ein ausgezeichneter Diplomat werden!
Dies tröstete Herrn v. Schnapphahnski.
    Wir werden später sehen, wie unser Ritter diesen diplomatischen Gelüsten
wirklich Luft machte. Ehe wir dazu übergehen, wollen wir ihm noch etwas durch
die labyrintischen Gänge seines Berliner Daseins folgen.
    Wie gesagt, durchlebte der Ritter nach seiner letzten Prüfung eine Periode
der Erniedrigung. Zuerst liebte er eine Gräfin, dann eine Carlotta, jetzt sollte
er unter das Corps de Ballet geraten - - zwei leidliche Beine hatten Eindruck
auf unsern Ritter gemacht. Wir bitten unsere Leser wegen dieser ungemeinen
Wahrheitsliebe aufs demütigste um Verzeihung.
    Die Beine des Balletts waren damals in Berlin en vogue. Der höchste
Geschmack hatte sich dazu herabgelassen, und wir würden ein Verbrechen begehen,
wenn wir nachträglich darüber spötteln wollten. Übrigens schwärmen wir selbst
für den Tanz. Gibt es etwas Reizenderes als die süsse Musik der Schenkel? Gibt es
etwas Berauschenderes, als wenn eine Fanny Elssler ihre Bachschen Fugen, eine
Taglioni ihre Beetovenschen Symphonien und eine Grisi ihre weichen, wollüstigen
Donizettischen Arien tanzt? Jedesmal, wenn ich die Grisi sah, da war ich fest
davon überzeugt, dass Gott den Menschen nur der Beine wegen geschaffen hat; gern
hätte ich mich köpfen lassen; es wäre mir einerlei gewesen; ich hielt den Kopf
für wertlos, und ich begriff nicht, weshalb die Beine nicht die Ehre haben, oben
zu stehen, und weshalb der Kopf nicht nach unten geht - mit einem Worte: die
Beine hatten meinen Verstand auf den Kopf gestellt. Ist es die Kraft des kleinen
Fusses, aus dem das Bein so schlank emporsteigt wie ein Lilienstiel aus der
Wurzel, der den ganzen Leib so graziös zu tragen weiss wie der Stamm einer
Fächerpalme seine prächtig harmonische Krone - oder ist es der Schwung des
ganzen Körpers, wenn er in sanften Wellenlinien melodisch dahinschaukelt und all
unsere Gedanken mit fortreisst in das wogende Meer der Sinnlichkeit, was uns dem
Tanz einer Grisi mit wahrhaft religiöser Andacht zuschauen lässt? Ich weiss es
nicht, aber ich danke dir, Mutter Natur, dass du nicht nur deine Vulkane ihre
Flammen gen Himmel schleudern und deine tannenbewachsenen Felsen so herrlich mit
blitzendem Schnee prangen lässt, sondern dass du auch Rosen und Lilien geschaffen
hast, und ich liebe dich, weil du so graziös und so bezaubernd bist, herab von
den ewigen Sternen, dort oben in dem Blau der Unendlichkeit, bis hinunter in die
Fussspitze eines schönen Weibes.
    Ähnliche wohlfeile Betrachtungen durchfuhren auch den Ritter Schnapphahnski,
als er nach einigen aufmerksamen Studien, zwar nicht Helenen in jedem Weibe und
nicht die Grisi in jeder Korpsspringerin entdeckte, wohl aber die Bemerkung
machte, dass auch in der untern Sphäre der menschlichen Gesellschaft für Geld und
gute Worte des Süssen viel zu erwarten ist. Es rieselt uns kalt über den Rücken -
- zum ersten Male müssen wir von Geld und zugleich von Liebe sprechen. Ja
wahrhaftig, wir sehen unsern Ritter abermals eine Stufe hinabrutschen - was ihm
früher die Götter aus freien Händen gegeben: er kauft es!
    Liebe kaufen! Gibt es etwas Gemeineres? Als einst am 1. Mai die Welt begann
- ich glaube nämlich, dass die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und nicht am 1.
Januar, wie man fälschlich vermuten möchte, sintemalen die armen nackten
Menschen, da sie nicht mit Stiefeln und Sporen auf die Welt kamen, ja im Januar
sofort wieder erfroren wären - als, wie gesagt, die Welt am 1. Mai ihren Anfang
nahm und die goldne Sonne lachte und die Blumen dufteten und die Quellen
rieselten, da sprach der Spatz zu der Spätzin: Spätzin, ich achte dich! Da
sprach der Haifisch zu seinesgleichen: Fräulein Haifisch, ich verehre Sie! Da
brüllte der Löwe zu der Löwin: Löwin, du gefällst mir! Und der Mann sprach zum
Weibe: Frau, ich liebe dich! Das war eine schöne Hochzeit. Man trank Burgunder
und ass Austern nach Herzenslust. Menschen und Tiere sassen in bunter Reihe, und
als das Bankett vorüber war, da siedelten sich die Spatzen in den Lüften an, die
Haifische im Wasser, die Löwen in der Wüste und die Menschen in Ninive, Babylon,
Bagdad, Petersburg, Paris, Wien, Breslau usw. Lange Zeit ging dies gut. Die
Männer fanden stets ihre Frauen und die Frauen ihre Männer, was die vielen
artigen Buben und Mädchen bezeugen, die heuer in der Welt herumstreifen, und die
Männer und die Frauen nahmen sich einander, wie es gerade kam, so und so.
    Als dann aber mit der Zeit die Zahlen und das Geld erfunden wurden und das
Wechselrecht und die politische Ökonomie und als die Menschen immer klüger und
gescheiter wurden und folglich immer eitler und wählerischer, da hörten sie auch
allmählich auf, sich so ohne weiteres zu lieben, und jeder trachtete nur danach,
sich eine solche Frau zu verschaffen, wie sie gerade für seinen Beutel, für
seine Wechsel oder für seine Ökonomie passte. Mit einem Worte: Es stellte sich
eine durch Interessen geregelte Nachfrage nach Menschen ein, der durch eine
angemessene Zufuhr begegnet wurde. Der Weltmarkt der Heirat begann, die Männer
und die Frauen fingen an, sich gegenseitig zu kaufen! - Von diesem Augenblick an
kann man alles Unglück datieren. Die Ökonomie war in die Liebe gefahren, der
Mensch wurde ein Artikel, der nun hinfort von der Nachfrage und der Zufuhr
abhing und alle Leiden der Überproduktion mit der Wolle, der Baumwolle, dem
Flachs usw. teilte. Wer nicht ein verheirateter Gardemajor, ein Landgerichtsrat,
ein Bankier, ein Bischof wurde, der sank zu einem Schneider, zu einem
Steinklopfer, zu einem Tagelöhner oder dergleichen hinab, und die lieblichen
Weiber, die keine Gräfinnen, Hauptmänninnen, Kaufmannsfrauen oder sonst etwas
wurden, die endeten als Gemüseweiber, Bajaderen und mitunter auch als
Ballettänzerinnen.
    Eine solche, aus der Überproduktion hervorgegangene Ballettänzerin kaufte
sich unser Schnapphahnski. Armes Kind! Wenn du getanzt hattest, so musstest du
lieben - weder aus Liebe tanzen noch aus Liebe lieben, sondern tanzen und lieben
des lieben Brotes wegen - den Brottanz der Liebe!
    Doch unser Ritter hatte ein ritterliches Herz. Eines Tages, als er die Reize
seiner Schönen genugsam bewundert, als er ihren Fuss geküsst, ihre Taille umfangen
und ihre schwarzen Flechten um die weisse patrizische Hand gewickelt hatte, da
schwur er bei allem, was ihm heilig war, bei den Lakaien in O., bei dem Duell in
Troppau und bei dem Hohnlächeln Carlottens, dass er ihr, seiner Tänzerin, einen
Schmuck kaufen wolle, reich wie ihre Haarwellen, funkelnd wie ihre Augen und
ihre schneidigen Zähne.
    Hat ein Schnapphahnski je sein Wort gebrochen? Zum nächsten Juwelier ging
er, und so wahr, wie er keinen Friedrichsdor in seiner Kriegeskasse hatte,
kaufte er einen Schmuck, der einer Gräfin S., einer Schwester des Grafen G. oder
einer Carlotta würdig gewesen wäre.
    Unser Ritter kaufte den Schmuck auf Kredit - - meine Leser werden begreifen,
dass unser Ritter grade soviel Kredit hatte, wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel
haben kann - ein Ritter, der noch einmal Deputierter, Diplomat oder noch etwas
Schlimmeres werden konnte. - - Auf Kredit kaufte der Ritter den Schmuck; nur muss
ich noch bemerken, dass er ihn nicht auf seinen Namen kaufte, sondern auf den des
unsterblichen Gottes Zeus Kronion!
    Ja, auf Zeus Kronions Namen kaufte der Ritter die Diamanten, und der
Hofjuwelier fand nichts Arges hierin. Er wusste sehr gut, dass Zeus Kronion die
Tänzerinnen liebte. Auf Befehl des Ritters Schnapphahnski sandte der Juwelier
den Schmuck, für Rechnung des unsterblichen Gottes, an die lieblichste der
Tänzerinnen. Der Juwelier trug den Schmuck zu Lasten des Gottes in seine Bücher
ein; die Tänzerin kreditierte für den Schmuck den Ritter Schnapphahnski. Kann es
ein einfacheres Geschäft geben? Zeus Kronion war der einzige, der dabei zu kurz
kam.
    Überglücklich war aber die Tänzerin. Bisher hatte sie sich nur das liebe
Brot ertanzt, jetzt einen demantenen Schmuck erliebt! Der Name Schnapphahnskis
stand leuchtend in ihrem Herzen angeschrieben.
    Doch überlassen wir die Tänzerin ihrer Freude an den blitzenden Steinen und
den Juwelier seinem festen Vertrauen in die Solvabilität Kronions. Wir müssen
nämlich darauf zurückkommen, dass der edle Ritter, während er auf der einen Seite
alle Seligkeiten kostete, die ein Engel des Himmels nach dem Schluss der Oper zu
bieten imstande ist, sich auf der andern ernstlich damit beschäftigte: einen
Posten im diplomatischen Korps zu erobern. Der edle Ritter sah ein, dass man
nicht allein von der Liebe leben kann, sondern dass die Liebe sogar sehr
kostspielig ist; selbst wenn man bei dem Hofjuwelier im Namen Gottes den
unbeschränktesten Kredit geniesst. Herr von Schnapphahnski besann sich daher, ob
er ausser seinen gesunden Lenden und ausser seinem bewunderungswürdigen
Schnurrbart nicht auch noch einige andere vorteilhafte Eigenschaften und
namentlich soviel Grütze besässe, als man im schlimmsten Falle einem
diplomatischen Kandidaten zutrauen möchte.
    Nachdem er sich mehrere Tage lang den Kopf darüber zerbrochen hatte, fand er
endlich, dass die heilige Wissenschaft leider keinen besondern Stapelplatz für
ihre Schätze darin angelegt hatte. Sein Schädel war klar und durchsichtig wie
eine leere Wasserflasche, und auf der kahlen Lüneburger Heide seines
Gedächtnisses tummelte sich freilich manche galante Erinnerung herum, aber
leider nichts von alledem, was die Natur dem Menschen zu erobern überlassen hat.
Mit jener liebenswürdigen Frechheit, die einem Manne von Adel eigentümlich ist,
griff unser Ritter daher in den grossen Haufen der bürgerlichen Kanaillen, in die
Reihen jener Lasttiere der Kunst und der Wissenschaft, die die imaginären
Goldklumpen ihres Geistes hin und wieder in das preussische Kurant der
Wirklichkeit zu verwechseln pflegen. Mit einem Worte, der Studiosus Pl-r war so
gefällig, der unsterblichen Seele des Ritters mit einigen Probearbeiten zu Hilfe
zu kommen, die sofort an den gehörigen Ort weiterbefördert wurden und natürlich
für die enormen Kenntnisse des Ritters den unzweideutigsten Beweis lieferten.
    Wer weiss, zu welchem Posten man den gelehrten Ritter sofort erhoben hätte,
wenn nicht plötzlich die frühern Aventüren Sr. Hochwohlgeboren auf eine sehr
schauerliche Weise bekannt geworden wären! Schon ging man mit dem Gedanken um,
den Ritter der Weltgeschichte zu übergeben, da ragten mit einem Male die Stöcke
der Bedienten aus O. in Schlesien in die Szene hinein, da erklang der Hohn des
Grafen G. und das glückliche Lachen Carlottens, und da kam, ach, auch der
Juwelier und reichte allerhöchsten Ortes seine Rechnung ein, und die schöne
Arbeit des Studenten Pl-r hatte wieder allen Wert verloren, und unser armer
Ritter erhielt eine ebenso zarte als demütigend abgefasste Zurückweisung.
    Ja, die Diamantengeschichte des Ritters Schnapphahnski wurde stadtkundig;
sie machte die Runde in den höchsten Kreisen. Die ewigen Götter zürnten
erschrecklich. Zeus Kronion drohte mit Donner und Blitz, mit Magdeburg und
Spandau, und wäre die arme Balletttänzerin, der verrauschten Liebe gedenkend,
nicht so artig gewesen, den verhängnisvollen Schmuck aus übertriebener
künstlerischer Hochherzigkeit freiwillig zurückzuerstatten, so hätte unser
Ritter sehr wahrscheinlich einen Huissier ins Haus bekommen, und ach, seines
Bleibens wäre vielleicht gewesen, wo da ist Heulen und Zähnklappen, Hafergrütze,
Brot und Wasser.
    Unser Ritter war jetzt wirklich »ein armer Ritter«; wie eine Brotscheibe,
geröstet, in verdriesslichen Runzeln aus der Pfanne kommt, so taumelte unser
Schnapphahnski vom Unglück gebraten höchst ärgerlichen Antlitzes zurück von dem
Orte alles Heils, von dem Quell aller Ämter und Stellen. Finster schritt er nach
Hause: er packte seinen Koffer, und sieh, ehe die Morgenröte kam, lag auch schon
Berlin hinter ihm, mit seinen Kirchen und Palästen, mit seinen Geheimräten und
Eckenstehern, mit seinen Ballettänzerinnen und Juwelieren.
    Die Franzosen würden in betreff dieses Diamantenabenteuers sagen: »Monsieur
le Chevalier de Schnapphahnski avait frisé le code pénal.« Schnapphahnski reiste
nach Spanien.
 
                                       V
                                    Spanien
»Madrid, du Licht von Spaniens Talen,
In deinen tausend Feldern strahlen
Viel tausend Augen, schwarz und blau.
Du weisse Stadt der Serenaden,
Viel tausend kleine Füsse baden
Sich nachts in deines Prados Tau!«
So sang es einst »der lose Spötter« Alfred de Musset, und so hat es Freiligrat
ins Deutsche hinübergedichtet. Seit ich dies zum ersten Male las, kann ich
Madrid nicht nennen hören, ohne an ein paar Tausend kleine weisse Füsse zu denken,
die durch das grüne tauige Gras hüpfen, bald sittsam verschwindend, bald lüstern
wieder emportauchend und immer reizend verführerisch.
    Es versteht sich von selbst, dass ich mir einbilde, alle schönen Frauen
gingen barfuss in Spanien.
    In das Land der tausend kleinen Füsse, in das Land der spitzen Filzhüte, in
das Land der spanischen Fliegen und der spanischen Erdbeeren, kurz, in das Land
Spanien muss ich jetzt meine Leser führen, denn schon hat unser Ritter
Schnapphahnski Berlin im Rücken, schon hat er Belgien und Frankreich passiert,
und schon steht er auf den Pyrenäen, um hinunterzuscharwenzeln in das Reich, wo
jetzt der unschuldige König Paquo herrscht, der niemandem etwas zuleide tut, am
wenigsten seiner - Frau.
    Man reist nicht billiger und nicht schneller als in Gedanken. Ohne
Kostenaufwand und ohne Zeitverlust habe ich meine Leser nach Spanien gebracht.
Meine Leser sind mir für diese rasche Beförderung aufrichtigen Dank schuldig.
Wie würden sie sich gelangweilt haben, wenn sie von deutschen Eisenbahnen auf
die französischen Postwagen und dann von den französischen Postwagen auf die
spanischen Maulesel gekommen wären - ja, meine Leser würden auf den Hund
gekommen sein, wenn ich sie nicht vermöge meiner unendlichen Geschicklichkeit
auf den Flügeln des Gedankens hinübergewiegt hätte in das Reich, wo ausser Paquo
auch jetzt die unschuldige Königin Isabella herrscht, die sich über niemanden zu
beklagen hat, ausgenommen über ihren - Mann.
    Paquo und Isabella, Isabella und Paquo, sie waren noch kein seliges Paar,
als unser Schnapphahnski seine Reise antrat. Die unschuldige Isabella hatte
damals den Herrn Paquo noch nicht von seiner schwachen Seite her kennengelernt;
sie meinte nicht anders, als dass sie ebenso glücklich sein würde wie ihre
Mutter, die Frau Munoz, die wirklich mit allen Ehren zu ihren neun Kindern
gekommen ist - arme Isabella! armer Paquo! Sie sassen noch nicht auf dem Trone,
denn noch raste der grause Don Carlos, der bleiche Aristokrat mit dem grimmigen
Schnurrbart, durch Wälder und Auen, ein unerbittlicher Jäger auf der grossen
altspanischen Kronjagd. Don Carlos führte Krieg; er brauchte daher Soldaten.
Konnte ihm etwas erwünschter sein, als dass sich eines Morgens, schön wie ein
Engel und keck wie der Teufel, im schwarzen Frack und in weisser Weste und
duftend nach allen Wohlgerüchen der Levante: Se. Hochwohlgeboren, der Ritter
Schnapphahnski, bei ihm präsentierte, um seine Dienste anzubieten? Don Carlos
strich seinen grimmigen Schnurrbart und besah den deutschen Landsknecht von oben
bis unten. Der Ritter sah zwar aus, als ob er eben vom Friseur käme, aber:
Kanonenfutter! Kanonenfutter! dachte der Spanier, und es versteht sich von
selbst, dass er Sr. Hochgeboren auch nicht das geringste Hindernis in den Weg
legte, sich bei der nächsten Bataille vor den Kopf schiessen zu lassen.
    Deutsche Landsknechte waren tapfer zu allen Zeiten. Dieselben grossen Lümmel,
die zu Hause in Filzschuhen, in gestrickten Kamisölern und in baumwollenen
Nachtmützen faul wie alt gewordene Hunde und feige wie weibliche Hasen hinter
den Öfen oder auf den Wirts-hausbänken herumlungerten, sie haben sich im
Auslande, für fremde Fürsten, stets mit einer Gewissenhaftigkeit und mit einer
Ausdauer geprügelt, die wirklich alle Grenzen übersteigt. Wer daheim ein
Kaninchen war, er wurde draussen ein Tiger; die Träumer verwandelten sich in
Raufbolde; die blonden sentimentalen Schlingel in Totschläger; die sanften
blassen Heinriche und Gottfriede in donnerwetternde Generäle und Feldwebel, die
ihre Feinde so gemütlich ums Leben brachten, wie sie seinerzeit Korn mähten oder
Spargel stachen.
    Auf allen Schlachtfeldern aller Jahrhunderte haben sich Deutsche für ihren
pünktlich ausbezahlten Sold auch pünktlich totschlagen lassen. Mit ihren frommen
blauen Augen schauten sie so gutmütig in die kohlschwarzen Schlünde der Kanonen,
als sollten ihnen gebratene Tauben statt kopfdicker Kugeln daraus
entgegenfliegen, und wenn sie die Gewehre umdrehten und mit den Kolben
dreinfegten, da schnitten sie keine schlimmern Grimassen als unsere
Dorfschulmeister in Hessen oder in Nassau, wenn sie den Bauernjungen das
Einmaleins oder das Christentum einbleuen.
    Gott weiss, wie Schnapphahnski sich in Spanien benahm! Da wir aber im Laufe
unserer Erzählung in jedem Punkte streng bei der Wahrheit geblieben sind, so
wollen wir auch hier gestehen, dass derselbe Mund, der die Abenteuer in
Schlesien, Troppau und in Berlin erzählte, uns in betreff der spanischen Fahrten
die Versicherung gab, dass der edle Ritter, wider alles Erwarten, als sehr
ritterlicher Landsknecht dabei erschienen sei und den Ruhm unserer Tapferkeit im
Auslande nicht im geringsten in Frage gestellt habe. Mit dieser einfachen
Erklärung mussten wir aber auch zufrieden sein, denn alle Details über die
spanischen Erlebnisse unseres Ritters fehlen; zwischen Troppau und Spanien
liegen die Pyrenäen, und wohlmeinende Freunde unseres Helden waren nicht mehr
imstande, dem braunen Freiwilligen aus O. in Schlesien auf Schritt und Tritt zu
folgen. Deutlicher wird erst die Historie des Ritters:
»Als Don Carlos fliehen musste
Mit der ganzen Tafelrunde
Und die meisten Paladine
Nach honettem Handwerk griffen« -
mit einem Worte, als der Krieg wieder zu Ende war und unser Odysseus sich nach
seiner Ballettänzerin zurücksehnte, die nach der Abreise ihres schönen
Wasserpolacken zu einer wahren Tragödie hinabgetrauert war.
    Man kann sich leicht denken, wie sehr der edle Ritter nach der Heimat
verlangte, nach Berlin, wo man seiner so liebend gedachte, wo er so gut
angeschrieben stand bei Zeus Kronion, bei den Offizieren der Garde, bei seinem
Juwelier und bei seiner Tänzerin. Doch nicht unangefochten sollte er zu der
letztern zurückkehren, denn sieh, die Enkelin Heinrich Heines, die liebliche
Tochter Atta Trolls, des Bären, verliebte sich in den göttergleichen
Schnapphahnski, wie uns der Dichter selbst erzählt in seinem Werke, das bei
Hoffmann und Campe erschienen, in Hamburg, im Jahre des Herrn 47.
    In der Höhle, bei seinen Jungen, liegt nämlich Atta Troll, der Bär, und er
schläft
»Mit dem Schnarchen des Gerechten;
Endlich wacht er gähnend auf.
Neben ihm hockt Junker Einohr,
Und er kratzt sich an dem Kopfe
Wie ein Dichter, der den Reim sucht;
Auch skandiert er an den Tatzen.
Gleichfalls an des Vaters Seite
Liegen träumend auf dem Rücken,
Unschuldrein, vierfüss'ge Lilien,
Atta Trolls geliebte Töchter.
Ganz besonders scheint die Jüngste
Tiefbewegt. In ihrem Herzen
Fühlt sie schon ein sel'ges Jucken,
Ahndet sie die Macht Cupidos.
Ja, der Pfeil des kleinen Gottes
Ist ihr durch den Pelz gedrungen,
Als sie ihn erblickt - O Himmel,
Den sie liebt, der ist ein Mensch!
Ist ein Mensch und heisst Schnapphahnski.«
Da haben wir's! Es geht nun einmal nicht anders; wir treffen den edlen Ritter
immer bei der Liebe. Er verfolgt sie, und sie verfolgt ihn. Von der Gräfin S.
und der Gräfin O. geriet er auf Carlotta; von Carlotta auf die Tänzerin; von der
Tänzerin auf die Bärin! Oh, es ist kein Wunder, dass alle Berliner und
Frankfurter Damen in Herrn von Schnapphahnski vernarrt waren, da sogar einst
eine Bärin vor dem prächtigen Barte des Ritters anbetend zusammensank.
    Oh, diese Bärin hatte einen scharfen Blick, eine gute Schnauze! Sie
schnüffelte es schon vor Jahren, sie roch es schon zu Don Carlos' Zeiten, dass
unser Ritter einst ein gewaltiger Redner, ein grosser Staatsmann werden würde,
und schwärmerische Blicke richtete sie nach dem herrlichen Manne - die zarte
Bärenlilie. - -
»Ist ein Mensch und heisst Schnapphahnski.
Auf der grossen Retirade
Kam er ihr vorbeigelaufen
Eines Morgens im Gebirge.
Heldenunglück rührt die Weiber,
Und im Antlitz unsres Helden
Lag, wie immer, der Finanznot
Blasse Wehmut, düstre Sorge.«
Kann man sich wichtigere Aufschlüsse über die Rückkehr unseres Helden denken?
    Auf der Retirade sehen wir ihn, laufend, im Gebirge. Wunderbarer Anblick!
Echt spanischer Landstrassendreck spritzte ihm hinauf in den unsterblichen Bart,
seine Augen funkeln verdächtig, seine Knie schlottern. Der kühne Ritter gleicht
durchaus dem Manne, der einst in O. in Schlesien vor dem Grafen S. ausriss, nach
verlorener Liebesschlacht.
    »Heldenunglück rührt die Weiber.« - Die Bärin seufzt vor Liebe, dass ihr die
Schnauze zittert. Die Tochter Atta Trolls ist ausser sich vor brennender
Zuneigung - doch nicht der landstrassendreckbesprjetzte Bart, nicht das funkelnde
Auge, nicht das schlotternde Knie ist es, was sie wimmern und schmachten lässt,
nein, die Blässe des unübertroffenen Ritters rührt sie vor allen Dingen, ja, die
Blässe, die interessante Blässe - - kann es etwas Bezeichnenderes geben?
    Unsere Verwunderung erreicht indes erst ihren Gipfel, als wir sogar die
Natur dieser Blässe, den tiefern Grund dieser herzbetörenden Couleure angegeben
finden.
    Bisher glaubten wir, der Ritter sei nur blass aus Liebe, aus Furcht, aus
Ärger, der Mode wegen - aber wie irrten wir uns! Es ist die Blässe der Finanznot
- ein neues Licht geht über dem Leben Schnapphahnskis auf; der Ritter ist blass
vor Schulden - armer Ritter!
»Seine ganze Kriegeskasse,
Zweiundzwanzig Silbergroschen,
Die er mitgebracht nach Spanien,
Ward die Beute Esparteros.«
So etwas ist hart - zweiundzwanzig Silbergroschen - das ist bitter!
»Nicht einmal die Uhr gerettet!
Blieb zurück zu Pampeluna
In dem Leihhaus. War ein Erbstück,
Kostbar und von echtem Silber.«
Das Schicksal unseres Helden wird immer landsknechtartiger. Die Uhr der Familie
Schnapphahnski im Leihhause von Pampeluna! Das ist tragisch, das ist rührend.
Das Nürenberger Ei, das vom Urgrossvater Schnapphahnski, von dem alten
ehrwürdigen Wasserpolacken, auf den galanten Sohn vererbt wurde: der galante,
frivole Sohn hat dieses Erbstück versetzt im Leihhause von Pampeluna, vielleicht
ohne einmal zu erröten, ohne Herzklopfen, ohne schüchternes Hin-und Herschauen,
als er die Pforte des Lombard durchschritt, und ohne verlegen zu stottern, als
er dem Pfandkommissar sein Anliegen vortrug. »Wieviel Uhr haben Sie?« fragte
bisweilen ein Mauleseltreiber des Gebirges, und mit Patos erwiderte dann Se.
Hochgeboren: »Bemühe Er sich in das Leihhaus von Pampeluna, werter Freund, dort
wird Er ein Erbstück finden, kostbar und von echtem Silber, dort wird Er das
Nürenberger Ei der Familie Schnapphahnski antreffen, das Ihm Zeit und Stunde so
genau verkünden wird wie jene berühmte Uhr des morgenländischen Kalifen, die
einst Charlemagne zum Geschenk erhielt und die er hoffentlich nie so schmählich
auf den Mont de Piété getragen haben wird wie ich die meinige, Sela!«
    Armer Schnapphahnski! Nicht mehr erfreut ihn in der Stille der Nacht die
süsse Musik seiner alten Gefährtin, das trauliche »Tick-Tack« der Uhr, das einen
daran erinnert, wie man doch noch nicht ganz unter die Füsse gekommen ist, dass
man wenigstens noch etwas zu versetzen hat, dass man wenigstens noch ein lebendes
Wesen hat, das man sein nennen kann.
    »Wo ist Ihre Uhr?« - »Chez ma tante!« Oh, es ist traurig, wenn man also
antworten muss. Unwillkürlich greift man noch oft in die Westentasche, in die
einsame Wohnung der geschiedenen Gefährtin: aber ach, diese Wohnung ist wüst und
leer geworden. Die Stürme des Jahrhunderts sind durch sie hindurchgefahren, und
wenn nun der Abend kommt und die Nacht und die Sterne emporziehen und die
riesigen Schatten sich breiten über Berge und Täler wie die Geister der
Ossianischen Helden und man die Unterhose auszieht, um nach Bett zu gehen, und
den Uhrschlüssel ergreift, um das altergebrachte Geschäft zu vollziehen, so
pünktlich wie der Onkel Toby oder der Vater Tristrams - ach, da schrickt man
zurück, denn oh, die alte Genossin
»- blieb zurück zu Pampeluna
In dem Leihhaus. War ein Erbstück,
Kostbar und von echtem Silber.«
Heldenunglück rührt die Weiber - die Tochter Atta Trolls möchte weinen, Seufzer
entringen sich ihrem zottigen Busen, als sie die Blässe des fahrenden Ritters
bemerkt; sie glaubt natürlich, nur einen weltistorischen Schmerz zu sehen; die
tragischen Züge des Heldenantlitzes scheinen ihr nur das Resultat jenes riesigen
Grames zu sein, der einst auf den Zügen des Priamus lag oder in deinem Antlitz,
du herrlicher Dulder Odysseus - denn oh, die treffliche Bärin, die vierfüssige
Lilie der Pyrenäen, sie ist zu arglos, zu unerfahren, um daran zu denken, dass
ein Herr von Schnapphahnski in der trivialen Wehmut der Finanznot stecken
könnte, im Kummer um seine Uhr, von echtem Silber, zurückgelassen im Leihhause
von Pampeluna.
    Ja, Eva liebte ihren Adam, Venus ihren Adonis, Julchen ihren Romeo, Gretchen
ihren Faust - aber die vierfüssige Lilie, die Bärenjungfrau, liebt den berühmten
Ritter Schnapphahnski!
    Zärtlich brummend erhebt sie ihre rosige Schnauze und die lieblichen Tatzen
und den zottigen Busen, und schon meint man, dass der edle Ritter zu ihr
hinabsinken werde, mit jener hohen Grazie eines galanten Aristokraten, ein neues
Geschlecht zu zeugen, das da alle Vorzüge vereinige, der Bären und der
Wasserpolacken; da rennt der Undankbare von dannen und überlässt die arme Bärin
ihrem Schmerze, den Tag verfluchend, wo sie die Blüte der Menschheit gesehen,
und von Gram überwältigt, sinkt sie klagend zusammen.
    Ein vernünftiger Bär wird hoffentlich so gescheit gewesen sein, die
Unglückliche zu trösten. - -
    Als unser Ritter auf dem Gipfel der Pyrenäen stand, da machte er halt und
steckte die Hände tiefsinnig in die Hosentaschen. Er schnitt ein Gesicht wie ein
beschnittener Dukaten; er wünschte, dass ihn die Götter in einen Dudelsack
verwandelten oder dass sie ihm tausend Stück Friedrichsdor schenkten - doch das
letztere wäre ihm am liebsten gewesen. - »Don Carlos ist besiegt, was sollst du
beginnen?« fragte sich Schnapphahnski und sah verlegen nach seinem schäbigen
Frackrock. »Deine Kriegeskasse nahm Espartero, deine Uhr hängt im Leihhause zu
Pampeluna, und dein Herz fiel in die Hose. - Geld, Uhr und Herz, es ist alles
verloren! Sollst du nach England gehen und mit Lord Brougham Brandy und Wasser
trinken? Sollst du nach Italien wandern und dich unter die Lazzaroni legen, oder
sollst du nach O. in Schlesien eilen und dich von den Lakaien des Grafen S.
durchprügeln lassen?« - Herr von Schnapphahnski wurde immer ernstafter; er liess
den Hut tiefer ins Gesicht fallen; er steckte die Fäuste gründlicher in die
Taschen, und er sah steifer zu Boden.
    Unser Ritter war in jener Stimmung, in der der Mensch anfängt, sich
ungeheuer lächerrlich vorzukommen. Se. Hochgeboren litt an jener fatalen
Krankheit, die einst die Göttin der Langenweile mittags nach dem Essen mit einem
dünnen, schlottrigen Engländer zeugte. - Herr von Schnapphahnski litt am Spleen.
Unser Held hätte gern für vier gute Groschen seine Seele dem Teufel verkauft,
ja, was noch schlimmer ist, es wäre ihm einerlei gewesen, wenn man ihm ohne
Grund einen Backenzahn ausgezogen hätte - mit einem Worte: Se. Hochgeboren war
kaduk an Witz und Beutel.
    »Was habe ich nun davon, dass ich Don Carlos diente?« fuhr der Ritter fort.
»Was nutzt es mir, dass ich mich als Landsknecht ehrlich gehauen, und was brachte
es mir ein, dass ich nach Ruhm und Ehre jagte, nach den zwei substanzlosesten
Sachen, die es auf Erden gibt? O Sir John, du hattest Recht: man kann den Ruhm
weder essen noch trinken; ja, man kann ihn nicht einmal in die Pistole stopfen,
um sich den Schädel damit einzuschiessen. Wär ich als gewöhnlicher Bauer auf die
Welt gekommen, da pflügte ich meinen Acker und freute mich meines Lebens. Wär
ich ein simpler Bürger geworden, da schüttete ich all meine Zerwürfnisse
stockprügelnd auf meinen Lehrjungen aus, und hätte ich endlich die Wissenschaft
gewählt, da verlöre ich Prozesse, machte Kranke tot, spräche Blödsinn vom
Kateder hinab und wäre ein glücklicher Mann dabei! Aber der Durst nach Ruhm
war's, der mich hinauszog. Ich glaubte, die ewige Sonne zu packen, und ich
packte ein Irrlicht. Ist der Ruhm nicht wie ein falsches Geldstück in der Hand
eines Kindes? Es glaubt, alle Schätze der Welt dafür kaufen zu können, da kommt
der pfiffige Krämer und lacht und ergreift den Hammer und nagelt den falschen
Dreier auf den Tisch. - Oh, der Ruhm ist ein bildschöner Henker, der sein Opfer
scherzend hinauf an den Galgen zerrt und dann die Leiter umstösst, dass der arme
Teufel an des Ruhmes Galgen baumelt, weder mit den Füssen auf der Erde noch mit
dem Kopf im Himmel. O über den Wahnwitz!«
    So faselte der edle Ritter, und wer weiss, was aus ihm geworden wäre, wenn
die Götter nicht Mitleid mit ihm gehabt und einen milden Regen gesandt hätten,
der, allmählich zum Schauer und zum Guss anschwellend, Berge und Täler benetzte
und schliesslich auch auf höchst erfrischende Weise in Schnapphahnskis alte
Stiefel trat.
    Wohler ward ihm, und hinunter schritt er nach Frankreich.
 
                                       VI
                                    Brüssel
Von den Pyrenäen stieg der edle Ritter hinab nach Frankreich, und von Frankreich
eilte er nach Belgien. »Herr Schnapphahnski wurde Autor.« Ja wahrhaftig, wir
sehen den sinnreichen Junker in Brüssel sitzen und seine Memoiren schreiben.
    Alle grossen Männer machten es so; wenn sie des Lebens Last und Hitze
getragen hatten, da verkrochen sie sich in irgendeinen kühlen Winkel, und die
Hand, die bisher den Säbel, den Kommandostab oder das Szepter geführt hatte, sie
griff dann zur Feder und brachte das Erlebte zu Papier. Wir brauchen unsern
Lesern nicht zu versichern, dass sich von unsern Skizzen über Herrn von
Schnapphahnski auch nicht eine Spur in den Memoiren des edlen Ritters findet.
Se. Hochgeboren waren viel zu bescheiden, als dass sie alle glorreichen Aventüren
der Bewunderung der Nachwelt aufbewahrt hätten.
    Die Liebe, die den edlen Ritter nie verliess, zieht ihren roten Faden auch
durch den Brüsseler Aufentalt unseres Helden. Die Weiber müssen nun einmal
lieben; Schnapphahnski wusste dies. Sie können nicht anders, es ist ihre
Bestimmung. Ein Weib liebt nicht allein lange, nein, ein Weib liebt unendlich,
bis auf die Hefen. Ein Weib kann dich lieben, wenn deine Hose zerrissen ist,
wenn dein Rock in Fetzen hinabhängt und wenn die ewige Sonne durch die Löcher
deines Hutes auf dein verwildertes Landstreichergesicht scheint, ja, noch immer
wird eine schöne Frau dich lieben können, denn sie wird um dich weinen, und sie
wird dich küssen, und du wirst glücklich sein!
    Wie meine Leser bemerkt haben werden, sucht Herr von Schnapphahnski stets
die Frauen auf. Um junge Mädchen ist es ihm selten zu tun. In Brüssel machte
sich der edle Ritter an die Frau eines bekannten belgischen Künstlers. Die junge
Dame hatte ihren frommen Gemahl total unter dem Pantoffel.
    Die Pantoffelknechtschaft ist jedenfalls noch eine süsse Knechtschaft. Sie
hat nur das Unangenehme, dass der zärtliche Gatte zum Lohn für seine liebevolle
Unterwürfigkeit in den meisten Fällen nicht etwa mit einer Königs- oder einer
Bürgerkrone, sondern mit jenem Kopfschmuck gekrönt wird, den auch des Waldes
flüchtige Gebieter tragen. Man könnte in der Tat bei den Ehemännern dieselben
Benennungen anbringen wie bei den Hirschböcken. Nach Vollendung des ersten
Jahres der gekrönten Pantoffelknechtschaft würde man einen Ehemann: Spiesser
titulieren; nach Vollendung des zweiten Jahres hiesse man ihn: Gabler. Hierauf
träte dann die Bezeichnung nach Enden ein, so dass man einen Ehemann bald einen
Sechsender, einen Zehnender, einen Sechzehnender und so weiter nennen würde. Bei
recht stattlichen Ehemännern könnte man sogar die Benennung des Dam- und
Elen-Wildes eintreten lassen, ja, bis zu dem Namen Schaufler gehen.
    »Was schadet es, wenn ein Ehemann ein paar Hörner trägt!« hatte der edle
Ritter oft zu sich selbst gesagt, wenn er wohl einmal in die untergeordneten
Schichten der Gesellschaft hinabstieg. »So ein zweibeiniger Sechzehnender kann
immerhin noch nachmittags auf die Börse und abends ins Kasino gehen, ohne dass
man ihn auslacht, denn fast überall findet er ja Leidensgefährten, wehmütig
lächelnde Böcke, die gelebt und geliebt haben und die recht gut wissen, was es
für ein Malheur ist, wenn man eine junge Frau hat, mit funkelnden Augen, mit
wogendem Busen und mit kleinen alabasterweissen Füssen, recht ein Wesen wie ein
üppiges Rätsel, das nur die Liebe lösen kann, die Liebe eines flinken Gesellen,
der weder auf die Börse noch ins Kasino geht und der sich den Henker schiert um
alle Ehemänner und ein flotter Edelmann ist wie ich, der Ritter Schnapphahnski!«
Die Frau des Künstlers hatte Mitleid mit unserem Ritter. Zu jenem
melancholischen Blick, den Herr von Schnapphahnski mitunter anzunehmen pflegte,
wenn er an die Lakaien des Grafen S. in O. in Schlesien dachte, und zu der
interessanten Blässe der Finanznot, die unseren Helden eigentlich nie verliess,
gesellte sich nun noch die wichtige Miene eines Autors, so dass der edle Ritter
wirklich eine interessante Figur ausmachte und die Frau des Künstlers immer mehr
dazu veranlasste, einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob sie ihrem Gemahl
nicht bald die Dulderkrone aufsetzen könne. Herr von Schnapphahnski verfolgte
seine Beute mit aller Hartnäckigkeit eines Ritters ohne Furcht und Tadel.
    Wenn man bedenkt, welche Vorstudien der edle Abenteurer schon in der Liebe
gemacht hatte, so ist es zu begreifen, dass er täglich mehr Terrain gewann. In
der Liebe geht es aber wie in den Träumen; wenn man gerade im besten Zuge ist,
da kommt gewöhnlich etwas dazwischen. Das Renkontre, welches dieses Mal die
süssesten Hoffnungen unsres Helden vereitelte, gehörte wieder zu den
allerunangenehmsten.
    Es war um die Karnevalszeit auf einem Maskenballe. Die gute Stadt Brüssel
hatte alles aufgeboten, um auch durch den Ball der Oper den Beweis zu liefern,
dass man in Belgien jede französische Sitte nachahmen könne, wenigstens so gut,
als es dem kleinen Belgien überhaupt möglich ist. Die wenigen schönen Frauen,
die es in Brüssel gibt, waren in ihrem besten Staate gegenwärtig. Ich glaube, in
keinem Lande der Welt ist das »schöne Geschlecht« mehr vernachlässigt als in
Belgien. Man gehe in jedes beliebige Teater, und man überzeuge sich davon, dass
der Rand der Logen mit einer wahren Perlenschnur von Medusenköpfen gesäumt ist.
Die eigentlichen Flamländerinnen haben Gliedmassen, wie sie sich nie ein
weibliches Wesen erlauben sollte. Die Walloninnen, schwarzäugig und lebendig
zwar wie Französinnen, verlieren sehr durch ihren mangelhaften Teint. Fragt man
in Lüttich nach schönen Frauen, so heisst es: »Oh, gehen Sie nur par exemple nach
Brügge, dort finden Sie noch viel spanisches Blut.« Erkundigt man sich in Brügge
nach hübschen Damen, so heisst es: »Oh, gehen Sie nur nach Lüttich, dort herrscht
die französische Rasse vor.« Leider fand ich weder Spanier noch Franzosen in
Belgien - nur Belgier; rien que cela. Jedenfalls sind die Belgier schöner als
die Belgierinnen.
    In Holland ist dies gerade umgekehrt, wenigstens in dem eigentlichen
Holland, dem klassischen Lande des Kaffee- und Zuckerschachers. Die Männer sind
dort entweder infolge eines wüsten Lebens der Hafenstädte zu wahren Skeletten,
zu windhundartigen Figuren abgemagert oder im reifern Alter zu so enormen
Wänsten aufgeschwemmt, dass man erst einige Zeit suchen muss, ehe man in jenen
Fleischkolossen ein menschliches Wesen findet. Die holländischen Frauen sind
dagegen fast durchgängig hübsch; sie haben blondes Haar, himmelblaue Augen, eine
sehr weisse Haut; nur leider durch den Gebrauch der unterirdischen Kohlenpfannen
und Feuerstübchen bisweilen entsetzlich - grosse Füsse. Aber eine Holländerin kann
sehr schön und liebenswürdig sein, und wenn sie mit ihren roten Lippen jene
fürchterliche Sprache lispelt, welche in dem Munde der Männer wie das Grunzen
und Brummen einer Walkemühle klingt, da bleibt man verwundert stehn und sieht
aufs neue, dass von schönen Lippen: alles schön klingt, sogar Holländisch.
    Es verstand sich von selbst, dass Herr von Schnapphahnski auf dem Ball der
Brüsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit umherspazierte und nicht
wenig damit beschäftigt war, jede einigermassen erbauliche Maske Zoll für Zoll zu
studieren. Tanzende zu beschauen, ist ein Kunst- und Naturgenuss zu gleicher
Zeit. Der Tanz entüllt nicht nur manchen Körperteil, den wir bei der Prüderie
unsres Jahrhunderts selten en masse zu bewundern Gelegenheit haben, nein, die
melodisch dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns, dass diese und jene
Glieder auch noch einer ganz andern als der gewöhnlichen Tätigkeit fähig sind,
und unwillkürlich söhnen wir uns mit unsern alltäglichen Erinnerungen aus, wenn
wir die Menschen wieder einmal so kindlich-sonntäglich vor unsrer Nase
herumspringen sehen.
    Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brüsseler Balle haben freilich ihre
Grenzen, und unser Ritter würde mit seinen Forschungen bald zu Ende gewesen
sein, wenn nicht eine ungemein lebendige und graziöse Maske seine Aufmerksamkeit
stets von neuem in Anspruch genommen hätte. Bald einen entzückend kleinen Fuss,
bald eine zierliche Hand und bald einen Nacken zeigend, der durch seine
herrlichen Formen alle übrigen Gestalten des Balles hinter sich liess, wusste die
Geheimnisvolle unsern Ritter stundenlang zu fesseln. Vergebens suchte er aus der
Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden: sie widerstand seinen
genauesten Beobachtungen durch so rätselhafte Gebärden und seinen kühnsten
Fragen durch so zweideutige Antworten, dass er zuletzt davon überzeugt war, von
einer durchaus Fremden intrigiert zu werden.
    Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den Widerstand, den man findet,
nur erhöht. Ein zahmes Ross zu reiten, ist keine Kunst; ein wildes zu bändigen:
die höchste Lust. Der Schwache wünscht Nachgiebigkeit und Kapitulation; der
Kühne: Widerstand und Sieg. Der Schwache geniesst nur einmal; der Kühne
tausendmal, denn jede Stufe des Widerstandes wird durch ihr Überwundensein eine
Stufe der Glückseligkeit, die nur der letzte Sieg an Wonne überbietet. Suche
Widerstand, und du wirst ein Mann sein; lerne Weiber besiegen, und du wirst die
Welt erobern!
    Herr von Schnapphahnski war zufällig nicht in der Stimmung, seinen
Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen. Sei es, dass er alle
Hoffnung aufgeben zu müssen glaubte oder dass er an ähnlichen Orten rascheren
Erfolg gewohnt war - genug, es ennuyierte ihn mit der Zeit, sich so den ganzen
Abend für nichts und wieder nichts an der Nase herumführen zu lassen; und als
die verhängnisvolle Maske wiederum mit sehr spöttischem Grusse an ihm
vorüberhuschte, da vergass unser Held plötzlich, dass er nicht in der
Wasserpolackei und auf dem Ball einer zwar belgischen, aber nichtsdestoweniger
zivilisierten Stadt sei, und - es ist kaum zu glauben - ja, unser Ritter griff
der Vorübereilenden mitten in die Maske - -
    Die so brutal Angegriffene stutzt, stösst einen Schrei aus, und vierzig bis
fünfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame. Der Schleier
der Schönen ist indes gefallen, und der Ritter erkennt zu seinem nicht geringen
Schrecken die Gattin des belgischen Künstlers.
    Der unglückliche Ehemann, »déguisé en quelqu'un, qui s'embête à mort«, ist
ebenfalls herbeigesprungen. Er beobachtete den fremden Ritter und die eigne
Gattin den ganzen Abend hindurch; seit einigen Stunden schon fühlte er seine
Hörner wachsen, und mit der freudigen Wut eines erretteten Familienvaters stürzt
er sich auf unsern Ritter.
    Eine Szene entspinnt sich, wie man sie in Brüssel vielleicht noch nicht
erlebt hatte. Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht, wie ihn die Brüsseler
Bourgeois so langweilen können. Er nennt seinen Namen, seine Titel - -
    »Je m'en f ...«, brüllt der entrüstete Ehemann wie ein Hirsch in der
Brunstzeit, und: »Oui Monsieur! Oui Monsieur!« schreit der Chor wie im ersten
Akt des »Barbiers von Sevilla«.
    Schnapphahnski gibt seine Karte - -
    »J'aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure -«
    Oui Monsieur! Oui Monsieur! - und immer toller wird der Skandal, bis sich
zuletzt hundert zierliche Hände erheben, um unsern Ritter zu zerreissen, die
Faust des Ehemanns an ihrer Spitze - ach, und nur durch die schleunigste Flucht
rettete sich unser Held von der unangenehmsten Pointe, die ein Abenteuer haben
kann.
 
                                      VII
                                   Herzog C.
In Brüssel verfolgte unsern Helden ein eigenes Missgeschick. Kaum den Händen
eines erbosten bürgerlichen Ehemannes entronnen, fiel er in die Riesenfäuste
eines noch weit erbitterteren Aristokraten. Der Ritter war an seinem Malheur
selbst schuld, denn durch seinen Hochmut, durch seine Arroganz, kurz, durch
seinen Schnapphahnskismus brachte er jedermann gegen sich auf. Ganz besonders
hasste ihn damals ein Franzose, ein gewisser Herzog von C ..., und mehr als
einmal liess er die bedeutungsvollen Worte fallen: »Nun, wenn mir der Mensch
einmal in die Hände gerät - -«, der Herzog begleitete diese Phrase stets mit dem
verständlichsten Gestus.
    Herzog C., dem unser Ritter zu missfallen das Unglück hatte, war ein sehr
liebenswürdiger und durchaus anständiger Mann, beiläufig bemerkt in Besitz einer
Taille von weit über 6 Fuss; ungefähr die Hälfte im Durchmesser - -
    Die Abneigung des Herzogs war unserm Ritter keineswegs entgangen; mochte er
aber glauben, dass die grossen Hunde die kleinen niemals beissen oder dass sie gar
feige sind: genug, er suchte den herzoglichen Riesen durch Arroganz
einzuschüchtern und verdoppelte sie daher stets in seiner Gegenwart.
    Eines Tages treffen sie in einer Gesellschaft zusammen. Sie sprechen von
Kriegen, Kampagnen, Schlachten und zuletzt von Duellen. »Wieviel Duelle haben
Sie schon gehabt, Ritter?« fragte der Herzog gleichgültig. - - »Die Masse -!«
erwiderte Schnapphahnski - »Aber ich müsste mich eigentlich nie schlagen, denn
wer so sicher ist, seinen Gegner stets zu töten, wie ich es bin, der begeht fast
einen Mord. Nichtsdestoweniger macht es mir aber Vergnügen, mich zu schlagen -«
- »Bah!« sagt der Herzog, »wieso?« - »Sehn Sie«, versetzt der Ritter, »wenn ich
mich rächen will, so fordre ich meinen Gegner auf Säbel, et il est un homme
mort. Will ich ihn dagegen nur strafen, so fordre ich ihn auf Pistolen, car je
suis sûr de loger ma balle où je veux -« - »Bah!« erwidert nochmals der Herzog
und empfiehlt sich ganz untertänigst.
    Kurze Zeit nach dieser Unterredung kam eine sehr berühmte Pianistin, Madame
P., nach Brüssel, und tous les beaux der Hauptstadt wetteiferten um die Gunst
der schönen Virtuosin. Ein gewisser Gesandter, Graf ..., der damals noch nicht
verheiratet war, stellte sich in die ersten Reihen.
    Eines Tages wurden die Salons der Gesandtschaft prächtig mit Blumen
verziert, glänzend illuminiert - ein lukullisches Mahl angerichtet. Wer sollte
dazu erscheinen? Eine Hoheit, eine Majestät? Nein - - die schöne Konzertgeberin.
Alle Dandys, Lions, Tigres - kurz, die ganze fashionable Menagerie der
Hauptstadt wurde zu diesem Feste eingeladen. Unter ihnen befand sich auch unser
Ritter, der Herzog und ein gewisser Oberst C., ein alter Haudegen, der, unter
Soldaten erzogen und auf Schlachtfeldern ergraut, sich bei weitem behaglicher in
einem Corps de Garde als in einem Salon fühlte.
    Nach Tische, als der Champagner bereits das Blut im Kreise trieb und der
Kaffee der Vernunft den letzten Stoss geben sollte, entfernten sich die Damen.
Die Herrengesellschaft begab sich in einen Rauchsalon. - Der Herzog, den diese
Gesellschaft ziemlich langweilen mochte, setzte sich ans Klavier und präludierte
darauf. Schnapphahnskis unglücklicher Stern brachte ihn ganz in seine Nähe.
    Unglücklicher Schnapphahnski! - Der Hafer stach ihn mehr als gewöhnlich, und
keine fünf Minuten verstrichen, da machte er auch schon über das Spiel des
Herzogs einige ebenso kecke als boshafte Bemerkungen, indem er namentlich
hervorhob, wie es fast unbegreiflich sei, dass man mit einer so grossen Hand
spielen könne, ohne zu fürchten, alle Tasten gleich zu zertrümmern. Der Pianist
L., der voraussah, dass die Geschichte eine üble Wendung nehmen könne, beeilte
sich, unserm Ritter zu erwidern, dass man mit einer grossen Hand recht gut spiele,
dass er viele Virtuosen kenne usw. - - aber Schnapphahnski wollte nicht ruhen.
Den schöngelockten Kopf kokettierend auf die Schulter legend, die Zigarre
nachlässig an die Lippen führend und mit der höchsten Nonchalance über dem
Klavier hängend, fuhr er fort, seiner Laune den Zügel schiessen zu lassen, indem
er sich durch jeden freundlichen Einwurf der umherstehenden Gäste nur zu neuen,
beissendern Bemerkungen hinreissen liess.
    Der Herzog, der sich bis zum letzten Augenblick sehr ruhig benahm, spürte
doch mit der Zeit Lust, dem Gespräche ein Ende zu machen. Mehrere leise
Andeutungen waren schon in dem Humor des Ritters verlorengegangen: er sah sich
daher genötigt, etwas verständlicher zu werden, und als unser Held wiederum eine
Phrase hinwarf, die durch ihre liebenswürdige Unverschämteit alles Frühere
hinter sich liess, hob er den Kopf etwas feierlicher empor und versetzte mit sehr
bestimmtem Tone: »Wissen Sie, Ritter, ich kann auch einen gewissen Walzer
spielen, dem niemand widersteht. Ja, wenn ich den spiele, so muss man tanzen, wie
ich es befehle!«
    Herr von Schnapphahnski hatte die Bonhomie, auch dieses nicht zu verstehen.
Der Herzog verstummte. Der Ritter setzte seine Bemerkungen fort, und auf den
Gesichtern der Zunächstweilenden konnte man deutlich lesen, dass sie sich in
einer ziemlich peinlichen Stimmung befanden. Wer weiss, wie lange indes die
Katastrophe des Abends noch hinausgeschoben worden wäre, wenn der arme alte
Oberst, dessen Anwesenheit wir früher schon erwähnten, nicht plötzlich zum
Losplatzen des Sturmes auf eine ebenso unvorhergesehene als höchst komische
Weise Veranlassung gegeben hätte.
    Wir müssen bekennen, wir sind in einiger Verlegenheit: wir werden die
Geschichte schwerlich so erbaulich erzählen können, wie sie in der Wirklichkeit
geschehen sein mag. Die Verlegenheit der Menschen verrät sich auf verschiedene
Weise. Der eine errötet, der andre schlägt die Augen nieder, der dritte hustet,
der vierte nimmt eine Prise. Unsere Verlegenheit verrät sich dadurch, dass wir
plötzlich den Faden der Erzählung verlieren ...
    Ein Westfale reiste nach England. Er war sehr unglücklich wie alle Westfalen
auf Reisen. In Köln verlor er seinen Regenschirm, in Ostende wurde ihm der
Mantel gestohlen, in Dover fiel er beim Ausschiffen ins Meer, auf der Douane
konfiszierte man ihm den zigarrengefüllten Koffer, der Droschkenkutscher prellte
ihn entsetzlich, und höchst kalt und unkomfortabel langte unser Westfale in
Norfolk Street, Strand, London an. Norfolk Street ist eine totenstille
Nebenstrasse. Nachdem er um das schlechteste Zimmer gebeten hatte - für das er
natürlich geradesoviel bezahlen musste wie für das allerbeste -, und nachdem er,
mehr aus ökonomischen als aus Gesundheitsrücksichten, von dem aufgetragenen Beef
und Mutton weniger als ein Kanarienvogel gegessen hatte - um natürlich
geradesoviel dafür zu zahlen, wie für ein Mittagsmahl des Riesen Goliat-, legte
sich unser Westfale in sein teures, aber schlechtes Bett, faltete die Hände,
betete zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden und schlief schnarchend dabei
ein, wie mancher Gerechte vor ihm. Als er am nächsten Tage erwachte und nach
seiner Uhr griff, überzeugte er sich davon, dass die Uhr mit dem Regenschirm, dem
Mantel, dem Koffer usw. bereits den Weg alles Irdischen gegangen sei, und
schüchtern schlich unser Freund daher an den Rand der Treppe und fragte mit
zitternder Stimme: »Könnten Sie mir nicht sagen, Herr Kellner, was die Glocke
gefälligst geschlagen hat?« - »Tree o'clock!« rief der Kellner in barschem
Tone. Es war 3 Uhr nachmittags. Bei dem abscheulichen Nebel, der verfinsternd
über der Stadt lag, meinte der gute Westfale aber nicht anders, als dass es 3 Uhr
morgens sei, und es verstand sich von selbst, dass er als rücksichtsvoller
Fremder zurück ins Zimmer kroch, um, nach einigen Unterbrechungen und schweren
Träumen, abermals bis zu einem nächsten Tage im Bette zu liegen, wo er, da der
Nebel noch immer fortdauerte, gewiss bis zu einem dritten Tage geweilt hätte,
wenn er nicht durch den Hunger so sehr gepeinigt worden wäre, dass er sich
schliesslich ein Herz fasste und hinunter in die Gaststube stolperte.
    Hier angekommen, betrachtete man den foreign Gentleman mit so sonderbaren
Augen, dass er, an seinen Mantel, an den Regenschirm, an den Koffer und an die
Uhr gedenkend, plötzlich auf die gerechtesten Befürchtungen für seinen Frack und
die Hosen empfand. Er fasste daher den heroischen Entschluss, lieber das heiss
ersehnte Frühstück im Stich zu lassen, gleich zu bezahlen und dann rasch das
Haus zu verlassen. Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste.
Nicht ohne Bangen näherte er sich daher einem andern Fremden, den er für den
Wirt hielt, und fragte mit möglichster Fassung, indem er das Gold schon in den
Händen hielt: »How much?« »Goddam!« erwiderte dieser und streifte die Ärmel
empor und würde gewiss auf unsern Westfalen losgeboxt haben, wenn sich der
Landlord nicht noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und dem erschrockenen
Westfalen die Nota überreicht hätte. Die Rechnung war short and sweet, kurz und
süss, wie folgt:
1 Supper £ - 3 S. 6 d
2 Board and Lodging £ - 9 S. 10 d
Waiter £ - 2 S. - d
Boots and Chambermaid £ - 3 S. - d
£ - 18 S. 4 d
Der Westfale hatte den Verlust des Regenschirms, der Uhr, des Mantels und
Koffers verschmerzen können. »Gestohlen und verloren werden kann alles -«, sagte
er sich. Dass man ihm aber für ein Abendessen und für einen Schlaf 18 Schillinge
und 4 Pence, mit anderen Worten: 6 Taler, 3 Silbergroschen und 6 Pfennige
Preussisch Kurant anrechnete, nein, das war zu stark, das beleidigte die Seele
eines Biedermannes zu tief, und mit einiger Entrüstung bemerkte er daher:
    »Aber nein, Herr Wirt, sagen Sie mal, das ist denn doch gefälligst ein
bisschen zuviel -«
    »Very moderate, Sir!«
    »Aber nein, ich habe ja nur eine Nacht geschlafen.«
    »Two nights, if you please, Sir.«
    »Aber nein, ich habe ja gar nichts mehr gegessen.«
    »All included, Sir.«
    »Aber nein, das kann ich unmöglich bezahlen - -«
    Aber der Wirt hatte das einzige und letzte Goldstück seines Gastes schon in
der Hand, und ärgerlich den Überschuss von 1 Schilling und 8 Pence auf den Tisch
werfend, überliess er den Westfalen seinem Nachdenken, der noch immer nicht
begreifen konnte, wie man für 6 Taler, 3 Groschen und 6 Pfennig: in einer Nacht
zwei Nächte schlafen könne - und endlich trübselig davonschritt.
    Von Norfolk Street bis zu St. Paul sind es nach Londoner Mass nur wenige
Schritte, d.h., es ist noch ziemlich weit. Unser Westfale stand daher erst nach
geraumer Zeit vor der gewaltigen Kirche, und da er sein Morgengebet noch nicht
gestammelt hatte, so schritt er mit brünstiger Seele die grosse Treppe hinauf und
trat durch die offene Tür unter Meister Wrens herrliche Wölbung.
    »Four pence, if you please, Sir!« sagte da jemand, indem er unserm Freund
auf die Schulter klopfte. Der Westfale blickte erschrocken zurück:
    »Aber nein, dies ist ja eine Kirche -«
    »Four pence to be paid, Sir!«
    »Aber nein, ich habe noch nie in Münster Entrée in der Kirche bezahlt.«
    »Four pence!« wiederholte der Küster zum dritten Male, und so gewiss, wie der
Wirt in Norfolk Street zwei Nächte auf die Note gesetzt hatte, so gewiss musste
der Westfale schliesslich 4 Pence Entrée bezahlen. Mit seinem letzten Schilling
und mit einem so heissen Gebete, wie es je ein Gläubiger gesprochen hat, kniete
da der Westfale auf den Marmorboden nieder. Wer weiss, wie lange er sich mit Gott
unterhalten haben würde, wenn nicht plötzlich der Küster mit einem Bund
Schlüssel in der Hand und mit einem Schweif von vielen Herren und Damen quer
durch die Kirche gerannt wäre. Der Betende sah aufmerksam empor. Was soll das
bedeuten? Schliesst man die Kirche zu? Mit dem Schrei des Entsetzens sprang er
empor, und der Gesellschaft nachlaufend, war er bald der nächste hinter dem
Küster. Richtig! Die Riegel knarrten, die erste Tür fiel rasselnd ins Schloss.
    »One shilling, if you please, Sir!«
    Der Westfale war abermals wie vom Donner gerührt.
    »Aber nein, bezahlt man hier auch beim Hinausgehn?«
    »One shilling to be paid, Sir!«
    »Aber nein, ich habe noch nie in Münster bezahlt, wenn ich aus der Kirche
ging.«
    »One shilling!«
    Der Küster sprach dies mit so viel anglikanischer Würde und mit so unendlich
kategorischem Episkopalernst, dass der arme Westfale vor Schrecken in den Boden
zu sinken meinte und unwillkürlich in die Tasche der grünplüschenen Weste griff
und ach, seinen letzten Schilling herausholte. Es musste wohl so sein, denn alle
übrigen bezahlten ebenfalls. Nachdem die Sache berichtigt war, schritt der
Küster vorwärts. Der Westfale folgte ihm auf dem Fusse, seine Knie zitterten, er
schnappte nach Luft, und in der Angst und Verwirrung achtete er gar nicht
darauf, dass man, statt die Treppe hinunter nach der Strasse zu gehen, die Treppe
hinauf nach dem Turm schritt. Erst in der Mitte der ersten Windung bleibt er
entsetzt stehen. Ein neuer Betrug! Er will zurück, er macht kehrt - aber ach,
wenigstens zwanzig Menschen sind schon hinter ihm; keiner kann an dem andern
vorüber, zu schmal ist der Gang, und »Follow me!« ruft der Küster vor ihm, und
»Go on!« schreit die Menge hinter ihm, und weiter muss der Unglückselige, von
einem Tritt zum andern, immer vorwärts, immer hinauf, unter Ächzen und Stöhnen,
bis er endlich schweisstriefend oben in der Kuppel der Kirche anlangt.
    Herren und Damen sind indes nachgerückt; immer voller wird der Raum, der
eine drängt den andern, und unser Westfale sieht sich genötigt, eine kleine
Erhöhung zu besteigen, von der man zu der höchsten Öffnung der Kuppel
hinaufreichen kann. Sowie die Gesellschaft das Innere der Kuppel betrat, hatte
sie alle Fenster und Luken in Beschlag genommen. Die Öffnung, welcher unser
Freund zunächst stand, war bald allein noch unbesetzt, und man winkte ihm
hinauszusehen und dann für andre Platz zu machen. Unwillkürlich fasste er daher
rechts und links an die Seiten der Öffnung, und vom Boden emporspringend, hob er
sich mit dem Oberkörper über das Dach hinaus, auf die Hände gestützt, die Beine
noch immer baumeln lassend.
    Welch ein Anblick! Aus dem stillen Westfalen plötzlich auf die Spitze der
St.-Pauls-Kirche! Ein kalter Schauder durchfuhr unsres Freundes Rücken: vor ihm
ausgebreitet lag die Riesin London im heitersten Sonnenglanze. Des dichten
Nebels wegen hatte der Westfale nur das bemerkt, was auf sechs Schritt zu
bemerken war.
    Während er unten auf den Marmorstufen der Kirche betete, hatte aber der Wind
den Nebel zerstreut, und alle Gegenstände der unermesslichen Stadt traten jetzt
aus dem Dunkel hervor und leuchteten in grandiosen Umrissen am entwölkten
Horizonte. Dort die Yorksäule, die Nelsonsäule, die Türme der Westminsterabtei,
St. James, die Bäume von Hyde Park und Palast an Palast bis hinaus in die
weiteste Ferne. Nach der andern Seite die City mit ihren tausend und aber
tausend verschlungenen und verworrenen Gassen und Gängen, mit den
hochgegiebelten Häusern, vollgepfropft mit allen Schätzen des Erdballs, halb
noch in bläulichen Rauch gehüllt, der sich in düstern Massen hinauswälzt bis in
die entlegensten Felder. Und die Temse dann. Auf bläulicher Flut die
schneeweissen Segel und Mast an Mast, so weit das Auge reichte, vom Tower bis
hinab zur wogenden See. Dazu das Rasseln der Wagen, das Lärmen der Fussgänger,
das Geräusch der Werkstätten und hunderterlei Stöhnen, Schreien, Murren, Brummen
und Poltern, das in tollem Gemisch zu der Kuppel der Kirche emporklang - es
schwindelte den armen Westfalen, krampfhaft fasste er den Rahmen der Luke, er
dachte nicht mehr an den verlorenen Schirm, an den gestohlenen Mantel, an die
verschwundene Uhr, an den konfiszierten Koffer, an die Rechnung des Wirts, an
das Entrée der Kirche und an den letzten Schilling - nein, er dachte an nichts
mehr, er sah nur, mit aufgerissenen Augen, mit offenem Munde, mit Nase und
Ohren, er staunte, er glotzte, und wie seine Kraft durch die schwebende Haltung
immer mehr schwand und wie er zuletzt nicht mehr wusste, ob er sich nach hinten
zurückfallen lassen sollte, um irgendeiner Dame auf den Kopf zu stürzen, oder ob
er nach vorn springen sollte, um selbst den Hals zu brechen, und wie es ihm
plötzlich gelb und grün vor den Augen wurde und wie der kalte Schweiss auf seine
Stirn trat und ein Zittern durch alle Glieder fuhr: oh, da presste ihm die Mutter
Natur plötzlich einen jener heimischen Laute aus, der wie ein Pistolenschuss in
der Kuppel der Kirche widerklang, und einer Leiche ähnlich sank der Unglückliche
hinab, zwischen die nach allen Seiten auseinanderstiebenden Genossen, deren er
sicher im Niedersinken mehrere zerschmettert hätte, wäre der Laut nicht so
herrlich à propos gekommen, so voll, so donnernd - doch kehren wir zurück zu
Schnapphahnski. Der alte Oberst C. war in demselben Falle wie unser Westfale.
Das herrliche Diner, der Wein, die Lichter, Hitze, Musik, alles das hatte ihn
schon in eine Schwulität versetzt, wie sie ihm in der mörderischsten Schlacht
nicht vorgekommen war. Als er nun aber gar noch in das Rauchzimmer geriet, um
die Konversation des Ritters und des Herzogs anzuhören, eine Konversation, die
jeden Augenblick pikanter und beissender wurde; als er die Verlegenheit der
übrigen Gesellschaft bemerkte, eine Verlegenheit, die er selbst nicht recht
begriff, und als es ihm immer mehr einleuchtete, dass er sich eigentlich gar
nicht an seinem Platze befinde - nun, da wurde ihm geradeso zumute wie dem
Westfalen auf dem Gipfel der Paulskirche; es schwindelte ihm, es wurde ihm
rosenrot vor den alten Augen; wie der Westfale meinte er die Temse zu sehen und
den Tower und die Westminsterabtei, der Angstschweiss trat ihm auf die Stirn, und
ach, was der Westfale hoch oben über ganz London riskiert hatte, das riskierte
der alte Oberst in dem Salon der höchsten Brüsseler Gesellschaft:
    Brrrrr-um! und alles fuhr erschrocken zusammen. Es war geschehn. Aber man
hatte zuviel bon sens, um den armen Alten für seinen Verstoss büssen zu lassen,
und schon machte man Miene, das Unglück des ehrwürdigen Mannes mit lächelndem
Stillschweigen zu übergehen, als Herr von Schnapphahnski plötzlich so
unvorsichtig war, dem Beispiele des alten Oberst mit einem ähnlichen Laute im
raschesten Tempo zu folgen - -
    Die Katastrophe des Abends war gekommen. Der Herzog endete sein Klavierspiel
mit der schrecklichsten Dissonanz, und rasch emporfahrend, wandte er sich zu dem
Oberst und dem Ritter. »Ihnen, Herr Oberst, verzeiht man manches, denn man muss
es Ihnen verzeihen; Sie, Ritter, sind einer der erbärmlichsten Burschen, welche
die Welt je getragen hat!« - Eine Totenstille entsteht.
    Der Ritter, so direkt interpelliert, setzt den Hut auf den Kopf, um sich
recht das Ansehen eines Marquis léger zu geben, tritt dem Herzog gerade unter
die Nase und fragt: »Ist das Ernst oder Spass?«
    »Ich bin nicht gewohnt, dass man mit dem Hut auf dem Kopfe zu mir spricht!«
erwidert der Herzog, und seine Hand berührt die Wange des Ritters zu gleicher
Zeit in so unsanfter Weise, dass der Hut des Getroffenen hoch in die Luft fliegt.
Doch damit nicht zufrieden, ergreift er den taumelnden Ritter auch noch beim
Kragen, hebt ihn mit eiserner Faust empor, rüttelt und schüttelt ihn, dass ihm
Hören und Sehen vergeht, spricht: »Nun beginnt der Walzer!«, öffnet dann die
Tür, trägt den Unglücklichen wie eine Katze hinaus und schleudert ihn die Treppe
hinab, um dann ruhig, als wenn nichts geschehen sei, ins Zimmer zurückzukehren,
wo die Gäste stumm und bestürzt einander anschauen.
    Wir müssen gestehen, unser Herz beschleicht ein inniges Bedauern, indem wir
dieses niederschreiben. Unser Schmerz ist gerechtfertigt, denn mit seinem Helden
soll der Autor fühlen und empfinden.
    Fast wörtlich haben wir den Hauptinhalt dieses Kapitels aus den uns
vorliegenden Manuskripten wiedergegeben. Geben wir jetzt nur noch einfach den
Schluss. Kaum in den Salon zurückgekehrt - heisst es in unsern Notizen weiter -,
erblickt der Herzog den Hut des Ritters. Er hebt ihn vom Boden auf, und indem er
avec toute la courtoisie possible hinzusetzt: »Aber mein Gott, der Ritter kann
ja nicht ohne Hut nach Hause gehn« - wirft er ihn auf die Treppe seinem
Eigentümer nach.
    Sie glauben vielleicht, dass nach solch einer Katastrophe der Herzog am
andern Tage nicht mehr zu den Lebenden zu zählen war - - Sie irren sich. Er lebt
noch bis auf den heutigen Tag. Aber pro forma kam der Sekundant des Ritters, um
die Bedingungen des Zweikampfes zu ordnen. »Mein Gott«, sagt der Herzog
gleichgültig, »der Ritter sagte mir vor wenigen Tagen, dass er den Degen wählt,
wenn er jemanden mit dem Tode bestrafen will. - Nun, ich glaube, dass er alle
Ursache hat, mich zu bestrafen.« - -
    Bedenken Sie nur, dass des Herzogs Arm übermenschlich lang war und dass acht
Menschen denselben nicht biegen konnten - - armer Schnapphahnski! Aber es sagt
bei uns ein altes Sprichwort: Wer hängen soll, der wird nicht ertrinken. Wer
weiss, welches Los unserm Ritter reserviert ist!
    Vor allen Dingen erschien am selben Tage auch noch der Gesandte, Graf ...,
beim Herzog C.
    »O mon dieu, que faire? Was wird man sagen, wenn es heisst, dass man in dem
... Gesandtschafts-Hotel Fêten für Personen zweideutigen Rufes gibt, bei denen
man sich betrinkt, f .... und sich ohrfeigt - - Was wird Se. Majestät sagen! Was
der Premier! Ich bin verloren - -«
    »Aber lieber Graf, was wollen Sie, dass ich dabei tue?« erwiderte der Herzog
mit der grössten Höflichkeit.
    »Liebster, bester Herzog, erklären Sie dem Ritter, dass Sie ihn nicht
beleidigen wollten - -«
    »Aber kann ich das?« sagte der Herzog, berstend vor Lachen.
    »Es ist nur der Form wegen - -«
    »Nun gut, wenn der Ritter damit zufrieden ist - mir ist es einerlei.«
    Und so geschah's.
    Am anderen Morgen kommen die beiden Kämpfer zu einer heldenmütigen
Versöhnung zusammen. Schnapphahnski tritt dem Herzog mit der ritterlichsten
Miene und mit allen seinen Orden wie ein spanischer Maulesel behangen entgegen.
»Unter Männern so hohen Standes können keine Beleidigungen vorkommen«, sagt der
Ritter, »und kommen sie vor, so dürfen sie nicht als solche angesehen werden.«
    Der Herzog macht eine ironische Verbeugung.
    Die Memoiren des berühmten Ritters Schnapphahnski waren fast vollendet. Er
verliess Brüssel ...
    Zunächst finden wir ihn in Aachen. Tiefsinnig sitzt er am Grabe Karls des
Grossen und spielt - Roulette.
 
                                      VIII
                                    München
Das Spiel ist eine schöne Sache.
    Als acht- oder zehnjähriger Knabe nimmt man die Karten gewöhnlich zum ersten
Male in die Hand - an langen Winterabenden, wenn draussen der Schnee auf den
Bergen liegt und die Flamme rätselhaft im Kamine emporsteigt, flackernd und
knisternd. Man spielt »Schwarzen Peter«. - Agnes, Berta, Paul und Matilde
sitzen um den runden Tisch, und wer verliert, der bekommt einen schwarzen
Strich, und wenn Paul dreimal verliert, da bekommt er auch drei Striche, und
fängt er an zu weinen: da lacht man ihn aus, und Agnes fällt ihm um den Hals und
küsst ihn, trotz seines Schnurrbarts, und der Abend verstreicht unter Scherz und
Jubel, und es gibt kein schöneres Spiel als der »Schwarze Peter«.
    Herr von Schnapphahnski trieb es nicht so unschuldig. Wie wir schon
erzählten, sass er in Aachen am Grabe Karls des Grossen und spielte Roulette - -
    Beiläufig bemerkt, war Aachen bis in die neueste Zeit hinein ein höchst
unbekannter Ort. Erst vor kurzem wurde er durch Heinrich Heine entdeckt und nach
Verdienst besungen. Die Schönheiten Aachens sind erst durch Heine recht ans
Licht gekommen. Man hatte früher nur eine dunkle Ahnung davon. Man wusste nur,
dass Karl der Grosse, seliger, dort verstorben und vergraben sei, dass die Bauern
der Umgegend alle sieben Jahre zu der Kunstausstellung des heiligen Hemdes und
die Bonner Studenten jeden Sonntag zu dem naturgrünen Tische der Redoute
wallfahrteten - die Bauern, um mit reuigem Herzen, mit verzückten Augen und
gebeugten Knien vor dem wundertätigen Hemde ihre Andacht zu verrichten und von
Not und Fegefeuer erlöst zu werden, - die Studenten, um im Schmuck der goldenen
Locken an den grünen Altar der Croupiers zu treten und erst recht in Not und
Fegefeuer hineinzugeraten. Das war indes auch alles, was jedem Kinde von Aachen
bekannt war. Aber jetzt? Man kennt jeden Lieutenant auf der Strasse, man kennt
den Adler über dem Postause, man weiss genau, womit sich die Hunde, die armen
langweiligen Hunde, in Aachen beschäftigen. Genug, man kennt die winzigsten
Kleinigkeiten, und wenn der ehrwürdigen Stadt jemals etwas Menschliches
passieren sollte, wenn sie je einmal unterginge durch Pestilenz, Brand und
Hunger: da wird man nur Heines »Wintermärchen« aufzuschlagen haben, um den
Feuer- oder Lebensversicherungsgesellschaften die beste Anleitung zu geben, in
welcher Weise sie das Zerstörte zu ersetzen haben, sei es an Häusern, Menschen
oder Vieh.
    Nie hatte Aachen glänzendere Tage als bei der Anwesenheit des Herrn von
Schnapphahnski. Der edle Ritter liess die Aachener Bank aber auch gehörig für die
Ehre seines Besuches zahlen, und mit gefüllter Kriegeskasse reiste er dann nach
München.
    Nicht ohne Zittern und Zagen geschah indes diese Reise. Denn wenn in München
auch nicht wie in Berlin jeder Gardelieutenant mit dem Finger auf unseren Ritter
zeigen und seinen Kameraden fragen konnte, ob jener Herr von Schnapphahnski
derselbe Schnapphahnski sei, der einst die schriftliche Erklärung gab, dass er
sich in der berühmten Liebesaffäre mit Carlotta höchst unzweideutig benommen
habe, so war doch wenigstens immer die Möglichkeit vorhanden, dass dem edlen
Ritter selbst in dem bayrischen Babylon ein Lakai des Grafen S. aus O. in
Schlesien begegnete, und Herr von Schnapphahnski hatte nun einmal eine
entschiedene Abneigung vor den Haselstöcken dieser Ungeschlachten. Und nähmst du
die Flügel der Morgenröte und bettetest dich am äussersten Meere, die Arme der
Lakaien aus O. in Schlesien können dich doch noch erreichen! - Also dachte unser
Ritter, und es versteht sich von selbst, dass er auch in München nicht auf der
Stelle mit der alten Keckheit aufzutreten wagte.
    Jedenfalls tat er das, was auch jeder andere vernünftige Mensch in seinem
eignen wohlverstandenen Interesse getan haben würde. Er suchte nämlich seinem
Erscheinen in München vor allen Dingen einen angenehmen Geruch vorhergehen zu
lassen, um auf diese Weise jeder möglichen Gefahr wenigstens in etwas
vorzubeugen.
    Der sinnreiche Junker hatte bereits durch die Herausgabe seiner Memoiren ein
gewaltiges Stück in diesem Punkte vorgearbeitet. Indem er nämlich seine
spanischen Abenteuer schilderte und sich dabei von Gottes und Rechts wegen in
ein ungemein günstiges Licht stellte, hatte er wirklich die trostlosen
Ereignisse früherer Jahre vorteilhaft zu balancieren gewusst. Gewöhnliche
Vergehen würden gänzlich durch die spanischen Lorbeeren unsres Helden gesühnt
worden sein; aber Herr von Schnapphahnski begriff, dass er ein zu interessanter
Sünder sei, als dass nicht noch einige ausserordentliche Mittel zu seinem Heile
angewandt werden müssten.
    Er mietete daher einige seiner alten spanischen Genossen, mehrere seiner
Kameraden unter Don Carlos, die nach ihrer Rückkehr aus Spanien an der
Wüstenleere der Taschen litten, und sandte sie als die Herolde seines Ruhmes
oder besser als die Rosenölflaschen, die ihm den erwünschten guten Geruch
bereiten möchten, voraus nach München. Die zwei hauptsächlichsten dieser Ruhm-
und Rosenölflaschen waren der Königl .... Oberst Graf K. und der frühere Königl
.... General von R., zwei Leute, die des blanken Geldes geradeso dringend
bedurften wie Herr von Schnapphahnski des guten Geruches.
    Einmal engagiert, waren Graf K. und General von R. viel zu ehrliche und
gewissenhafte Spiessgesellen, als dass sie nicht alles aufgeboten hätten, um den
Sold ihres Meisters auch wirklich zu verdienen. Sie zogen von Haus zu Haus,
agitierend und intrigierend, und als vierzehn Tage herum waren, da duftete auch
schon ganz München nach dem Ruhme des trefflichsten aller Ritter, nach den
Lorbeern des Herrn von Schnapphahnski.
    Endlich erschien unser Held in eigner Person, und es war nicht anders, als
ob ein zweiter Frühling über der Biermetropole emporstiege. - Die Männer
zitterten, die Weiber erröteten, und gewandt wie ein Wiesel wedelte und
scharwenzelte der edle Ritter durch alle Salons. Man kann wirklich sagen, dass
unser Held in diesem Augenblicke seine schönsten Triumphe feierte.
    Meine Leser werden es mir hoffentlich erlassen, dieselben weitläufig zu
schildern. Es wäre auch unmöglich, den edlen Ritter ganz naturgetreu zu
zeichnen. Herr von Schnapphahnski strahlte von Anmut und Lügenhaftigkeit; nach
kurzem war er schon wieder ganz der alte, und wenn er morgens, mittags und
abends in den Spiegel sah, da verbeugte er sich vor seinem eignen Antlitz und
gestand sich, die Hand aufs Herz legend, dass er der schönste Mann seines
Jahrhunderts sei.
    In München weilte damals in der Nähe des kunstsinnigsten aller christlichen
Germanen ein gewisser Herzog von ......, ein Mann, den die Mainzer und Koblenzer
Bajaderen besser als alle züchtigen Weiber der Gegenwart zu schätzen wissen
werden. Wenn sie ihren Freund auch einst inkognito an die frische Luft setzten,
so machte dies wenig aus. Der Herzog versöhnte sich wieder mit seinen alten
Bekanntinnen, und die guten Mainzer und Koblenzer wissen von dem
freudenfreundlichen Manne viel galante Affenteuer zu erzählen.
    Es konnte nicht fehlen, dass der Herzog bei seinem Münchener Aufentalt auch
auf den Ritter Schnapphahnski stiess ... Tagtäglich hörte er von der ruhmreichen
Vergangenheit unsres Helden erzählen, und es versteht sich von selbst, dass er
schliesslich vor Eifersucht zu zerspringen meinte. Als man daher einst seinen
trefflichen Rivalen wieder bis in den Himmel erhob, strich der Herzog nachlässig
den Schnurrbart und meinte, dass er nach den Antezedenzien des edlen Ritters
nicht leicht an seine hohe Bravour glauben könne. Wie ein Nadelstich traf diese
Äusserung das fröhliche Herz unsres armen Ritters, und kaum davon in Kenntnis
gesetzt, lässt er den Herzog auch schon wegen seiner unerquicklichen Äusserung zur
Rede stellen. Er bemerkt ihm, dass alles nur auf Unkenntnis beruhen könne und dass
er, der edle Ritter Schnapphahnski, sich wegen seines unvergleichlichen
Heldentums auf das Zeugnis des - Generals von R. berufe, den der Herzog
jedenfalls als kompetent anerkennen werde ..., vor allen Dingen möge der Herzog
seine Äusserung zurücknehmen.
    Der Freund der Mainzer und der Koblenzer Bajaderen weigert dies, und im Nu
verbreitet sich die Geschichte durch alle Salons.
    Herr von Schnapphahnski sieht sich daher in die unangenehme Notwendigkeit
versetzt, dem Herzoge mit der ganzen unerbittlichen Frechheit eines Ritters ohne
Furcht und Tadel auf den Hals zu steigen, und als er ihn furchtsam findet:
fordert er ihn.
    Selten hatte unserm Helden der Stern des Glückes heller gestrahlt als dieses
Mal. Der Herzog will sich nämlich nicht schlagen; er verkriecht sich hinter
seine Souveränität und behauptet, dass im unglücklichen Falle alle Bäche und
Flüsse, von den Tränen seiner Untertanen zu reissenden Strömen angeschwemmt,
Häuser und Weingärten hinwegreissen würden, dass sein etwaiger Tod das europäische
Gleichgewicht stören könne usw., kurz, je mehr sich der Herzog weigert, auf ein
Duell einzugehen, desto gewaltiger schwillt unserm Falstaff-Schnapphahnski der
Kamm, und als der Herzog endlich sein letztes Wort gegeben, da erklärt ihm der
edle Ritter, dass der Herzog, wenn er sich wirklich dauernd hinter seiner
Souveränität verstecke, auch in seinem Herzogtum bleiben und sich mit einer
chinesischen Mauer umgeben müsse, denn an jedem andern Orte werde Se.
Hochgeboren so frei sein, den unübertrefflichen Souverän mit der Hundspeitsche
zu bedienen.
    Münchens kunstsinnigster Barde, dem diese Äusserung überbracht wurde, nahm
sie im höchsten Grade übel, und unser Ritter hatte das Pech, zwar nicht in ein
Kirchenfenster des Kölner Doms, wohl aber aus den heiligen Bierstaaten Sr.
Majestät für immer verbannt zu werden.
 
                                       IX
                                      Wien
Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitterböse Feinde in Menge. Nichts
schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fusse zu stehen. Nun
ich älter werde, begreife ich allmählich, dass mein Wunsch in Erfüllung gehen
mag, ja, ich glaube an Vater Goetes Worte, und sinnend schaue ich hinaus in die
Zukunft.
    Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den
Weibern!
    Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Hass der Weiber! Kränkt
mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern, hetzt mir alle
Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit - es
wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! - Oh, ein
Weib kann entsetzlich sein.
    Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird
dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fusse den Boden
stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn
sie errötet bis über den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung
funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und
lachen, wenn sie gross, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir höhnisch die
blendenden Zähne zu zeigen. Ja, lachen magst du für einen Augenblick, für einen
Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich
erreicht, wo sie mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein
Herz aus der ruchlosen Brust reisst und das blutrote Herz helljubelnd in die Luft
wirft und es wieder auffängt wie einen Ball, ja, Ball mit deinem Herzen spielt,
bis es gebrochen und verblutet ist, dein armes blutrotes Herz ...
    Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau
gehasst zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es hasste ihn eine Frau, die
früher einmal schön und jung gewesen.
    Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar
1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankrotten Genossen
der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie
den Ruhm unseres Helden in München ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in
Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K.
und General R. wetteiferten in Erfindung der märchenhaftesten Aventüren. Ein
Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet als die
beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.
    Weit vor den Gaskonaden der beiden sinnreichen Herolde flog indes unserm
Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Impertinenz, von Indiskretion
und Effronterie vorher, dass sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine
wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen
war, unsern Helden weder zu sehen noch zu empfangen. Die Geschichte mit der
Gräfin S., die jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung
bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich
aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien
aussetzen müsse, und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters
entgegen. Endlich erschien er, schön wie immer.
»Zierlich sass ihm Rock und Höschen,
Doch noch zierlicher die Binde. -«
Beau Brummell, der Dandy König Georgs IV., tändelte nicht koketter durch das
Drawing-room seines Herrn als Herr von Schnapphahnski durch die Wiener Gassen.
Aber ach, vergebens war alle Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst liess er
alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verschoss er Schuss auf
Schuss; aber er schoss keine Bresche in die Wiener Gesellschaft.
    Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H ..., nahm sich
zuletzt aus Mitleid seiner an, und vielleicht hätte der grosse Kredit dieses
Mannes ihn »durchgesetzt«, wenn sich nicht plötzlich wieder eine andere
Jugendsünde unseres Helden, ganz im Stile seines Abenteuers mit Carlotten, auf
eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte.
    Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das
Wiener Leben ein und berührt so weltbekannte Personen, dass wir uns, um nicht
indiskret zu werden, lieber aller Ausschmückungen entalten wollen, um uns rein
an die vorliegenden, von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstücke zu halten.
    Prahlend hatte nämlich einst ein Herr von Schnapphahnski bei seinem
Aufentalt in Paris einigen Freunden das Porträt der Fürstin ..., der Gemahlin
jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor kurzem die Geschicke so vieler Völker
in seinen Händen hatte und der vielleicht in diesem Augenblicke mit dem alten
Usurier der Tuilerien auf dem Schachbrett jenes Spielchen wieder aufnimmt, was
er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor.
    Herr von Schnapphahnski rühmte sich, dass er in der Gunst dieser Dame
gestanden habe.
    »Die Fürstin, hinlänglich blasiert darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst
rühmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden,
dass ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte.« - Ich führe diese
Passage wörtlich aus den vorliegenden Manuskripten an, da sie von zu köstlicher
Naivität ist, als dass auch nur ein Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu
merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hörner von unserm
Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine »Gegenleistung« von ihm erhalten hat!
    Gibt es eine feinere Wendung des Stiles? Gegenleistung, ja, Herr von
Schnapphahnski, Gegenleistung! Prägen Sie sich das tief ins Gedächtnis.
Gegenleistung! tat's the job! Leisten Sie etwas, Herr von Schnapphahnski. Um
Gottes willen, leisten Sie etwas, ehe Sie sich Ihrer Eroberungen rühmen, sonst
wird man auf allerlei seltsame Vermutungen kommen. Man verlangt nicht von Ihnen,
dass Sie ein Maximin sind, ein Mann wie jener kräftige Jüngling in goldener
Rüstung, von dem alle römischen Damen Mutter zu werden wünschten und der auch
viele Schmachtende zu trösten wusste, ehe sein abgeschlagenes Haupt gleich einem
»schönen Gespenste« von dem Gitter seines Palastes sah. Man verlangt auch nicht,
dass Sie dem Stuhlrichter Warga, jenem Graner Repräsentanten, gleichen, gegen
dessen Zulassung zum ungarischen Parlamente man im verflossenen Juli in Pest so
sehr protestierte, weil der glückliche Mann während seiner zehnjährigen
Amtsdauer 4000 Mädchen verführte ..., nein, auch mit den handfesten Lakaien des
Grafen S. aus O. in Schlesien will man Ihnen gern den Wettstreit erlassen; aber
lieber, teurer Ritter, leisten Sie etwas, etwas, etwas! Denn bei all Ihren
Liebschaften, die wir erzählten, sind Sie noch nicht bis zu dem Punkte gekommen,
der gerade die Pointe jeder Liebschaft ist ..., weder bei der Gräfin S. noch bei
der Schwester des Grafen G., noch bei Carlotten, ja, leisten Sie etwas, und das
recht bald, sonst werden Ihnen alle Ihre trefflichen Reden nichts nützen, sonst
werden trotz aller Ihrer angenehmen Manieren die Geister der Unweisen auf der
Galerie sitzen und über Sie lachen, sonst wird man trotz alledem jenen hübschen
Vers auf Sie anwenden, dass sehr oft die
    » ....gens d'esprit, d'ailleurs très estimables
    Ont fort peu de talent à former leurs semblables.«
    Die Fürstin ... wollte also nicht, dass unser Held sich ihrer Liebe rühme,
ohne ihr Gegenleistung gewährt zu haben. Armer Schnapphahnski, das war Pech! -
Gott weiss es, heisst es in den betreffenden Dokumenten weiter, wie der Ritter zu
dem Porträt der Fürstin gekommen war. Sicher ist, dass er die Gunst jener hohen
Frau nie genossen und dass er sich derselben mit vollkommenem Ungrund rühmte.
Übrigens ist die Fürstin seine ..., und er kann daher auf verwandtschaftlichem
Wege leicht zu dem Miniatur-Porträt gekommen sein, das er als Beweis-pièce
vorzeigte.
    Madame ..., der die freche und grundlose Kompromittierung von seiten unsres
Helden längst zu Ohren gekommen war, wurde natürlich sehr lebhaft daran
erinnert, als sie den edlen Ritter plötzlich in eigner Person nach Wien
hinübervoltigieren sah, und es war hauptsächlich durch ihre Vermittlung, dass
jene League entstand, welche Sr. Hochgeboren den Zutritt zu der Wiener
Gesellschaft à tout prix zu verbarrikadieren suchte.
    Man verbrüderte sich förmlich, um ihn weder zu empfangen noch um irgendein
Haus zu besuchen, wo er empfangen wurde. Einer Dame, bei welcher er seinen
Besuch durch den Fürsten H ... bewerkstelligte, wurde ohne weiteres notifiziert,
dass sie auf alle andern Besuche verzichten müsse, wenn sie den Ritter
Schnapphahnski bei sich empfange.
    Die Anstrengungen des Grafen K. und des Generals v.R. waren nutzlos; ihre
besten Anekdoten blieben ohne Erfolg; der Ruf unsres Helden war für immer
untergraben, und unerbittlich schlossen sich vor ihm alle Türen.
    Herr von Schnapphahnski überzeugte sich davon, was es heisst, mit wütenden
Frauen zu tun zu haben. Gegen ein feindlich gesinntes Weib helfen weder Säbel
noch Pistolen; ein Weib, das dich vernichten will, ist gefährlicher als alle
falschen Freunde, als alle wütenden Gläubiger, als alle bezahlten literarischen
Windhunde, als tausend Sbirren; eine Frau, die dich hasst, wird dich eher
niederwerfen als ein Regiment Dragoner, als eine Batterie Vierundzwanzigpfünder
- ein Weib ist allmächtig. Wehe dir, wenn sie mit ihren schwachen Händen in die
Räder deines Schicksals greift: zitternd wirst du zum Stillstand kommen! Und
wäre auch bei der Dauer des Kampfes das Rot ihrer Lippen verblichen, der Glanz
ihres Auges erloschen und das Braun ihrer Haare silberweiss geworden: kommen wird
die Stunde, wo sie ihren Fuss auf deinen Nacken setzt, wo sie sich königlich
schön erhebt, wo sie in der Majestät des Glückes mitleidig auf dich hinablächelt
und wo du fühlst, dass du ein Leben der Schmach hinter dir hast, ein Leben der
Schande, weil du dich vergingst, ja, weil du gesündigt hast an einem Weibe. -
    Wie gesagt, Herr von Schnapphahnski machte in Wien vollständig Fiasko. Aus
München hatte man ihn ausgewiesen, weil er so heroisch war, sich an einer
furchtsamen Souveränität zu vergreifen; aus Wien wurde er durch die Abneigung
der Damen verjagt, die alle bei dem Gedanken zitterten, dass sie sich bei der
geringsten Berührung mit dem herrlichen Ritter auch schon nach kurzem in ein
süsses Verhältnis mit ihm verwickelt hören müssten.
    Ingrimmig verliess Se. Hochgeboren Wien. Aber wie er nie damit zufrieden war,
eine einfache Niederlage erlitten zu haben, so konnte er auch dieses Mal nicht
umhin, einem Unglück noch eine Jämmerlichkeit hinzuzufügen. Er suchte nämlich
die Fürstin ... dadurch zu strafen, dass er über den wirklichen Geliebten
derselben, über den spanischen Chevalier ..., eine Infamie erdichtete und
veröffentlichte, eine Infamie, von der er seinen Bekannten selbst eingestand,
dass er sie nur fingiert habe, um sich an der Fürstin zu rächen. Glücklicherweise
brachte ihm diese Niederträchtigkeit eine wohlverdiente Züchtigung.
 
                                       X
                                 Die Huldigung
Es ging Herrn von Schnapphahnski wie den jungen Katzen, die sechsmal aus der
Dachrinne in die Strasse hinunterpurzeln können, ohne den Hals zu brechen. Unser
Ritter besass wirklich vor allem andern die Eigenschaft, dass er ein
unbeschreiblich zähes Leben hatte.
    Nach so fatalen Niederlagen, wie sie unser Held in München und Wien erfuhr,
würde jeder andere Mensch nach Indien, nach Amerika oder nach einem Eiland des
Stillen Ozeans gereist sein. Nur ein Schnapphahnski durfte noch hoffen, auch an
einem andern Orte eine Rolle spielen zu können.
    Der Ritter konnte sich gratulieren, dass er deutscher Abkunft war, oder
eigentlich wasserpolackischer. Wäre er als Pariser oder Londoner einmal in recht
Schnapphahnskischer Weise durchgefallen, so würde er sich schwerlich so schnell
wieder erholt haben. Bei den vielen Höfen des deutschen Vaterlandes wusste sich
der erfinderische Mann aber schon eher zu retten, und Gott weiss es, zu welchen
verwünschten Prinzessen er sich noch hinabgelassen hätte, wenn nicht um die
Mitte des Jahres 1840 durch den Tod eines grossen Monarchen plötzlich so viele
Hindernisse für unsern Helden aus dem Wege geräumt worden wären, dass er schnell
wieder den Plan aufgab, sich einstweilen nur in den mehr verborgenen Sphären des
germanischen Adels herumzutreiben, und es abermals wagen zu können glaubte,
sogar in Berlin sein holdes Antlitz von neuem sehen zu lassen.
    Sollte man es glauben? Schnapphahnski wieder in Berlin! - Man wird über die
Keckheit unseres Helden lachen, wenn man bedenkt, wie schmählich er das dortige
Feld einst räumen musste. Wurde nicht das Abenteuer aus O. in Schlesien und das
Duell aus Troppau noch manchmal bei Hofe erzählt? Lächelte nicht Carlotta noch
immer so selig von der Bühne hinab in das Parkett, wo der Adonis der Garde
stand, und wusste man nicht noch allerwärts die rührende Geschichte jener armen
Tänzerin, die sich geradeso grossmütig von des Ritters Diamanten trennte, wie der
Ritter die Tänzerin ungrossmütig im Stiche liess? Aber alles das machte nichts.
Der Ritter war davon überzeugt, dass noch etwas aus ihm werden könne. Sein
gewaltigster Feind war dahin; neue Gesichter verdrängten die alten, und unser
Held hätte nicht Schnapphahnski heissen müssen, wenn er nicht versucht hätte, die
Wendung der Dinge auch für sich zu exploitieren. Keck setzte er den Fuss wieder
in das Berliner Leben.
    Schnapphahnski musste etwas wagen, denn er hatte drei Sachen nötig, drei
Dinge, die man ungern im Leben zu entbehren pflegt. Unser Ritter bedurfte des
Vergnügens, der Ehre und des Geldes; nach dem letzteren sehnte er sich am
meisten. Für das Vergnügen war in Berlin schon gesorgt; Ehre konnte der
Umschwung der politischen Zustände mit sich bringen; mit dem Gelde sah es am
schlimmsten aus, und kopfschüttelnd dachte unser Ritter bisweilen an das alte
Sprichwort: »Wo Geld ist, da ist der Teufel; aber wo keins ist, da ist er
zweimal.«
    Über die Geldverhältnisse unseres Helden finden wir in den schon erwähnten
Dokumenten die genauesten und wichtigsten Aufschlüsse. Wir würden unserm Freunde
gern die Demütigungen ersparen, so vor allem Volke seine Tasche umzukehren.
Leider sehen wir uns aber gewissermassen dazu gezwungen, denn die spätern
Liebesabenteuer unsers Ritters stehen in so genauem Zusammenhange mit seinem
Beutel, dass wir wirklich das eine nicht ohne das andere schildern können.
    »Die in der Wasserpolackei gelegenen Güter Schnapphahnskis«, heisst es in
unsern Notizen, »waren fast gänzlich ertraglos, da enorme Schulden auf ihnen
lasteten, Schulden, die dadurch täglich stiegen, dass der edle Ritter auch nicht
im entferntesten nur soviel Einkünfte besass, als zur Bezahlung der
Hypotekenzinsen nötig waren. Der Vater Schnapphahnskis schaffte sich einen Teil
dieser Schuldenlast auf höchst geniale Weise vom Halse, indem er sich seinerzeit
freiwillig interdizieren liess. Die Güter gingen durch dieses Manöver auf den
damals noch blutjungen Ritter über, der die Schulden des Vaters nicht bezahlte,
da Majorate nicht angreifbar sind und selbst auf die Revenuen derselben nur so
lange von den Gläubigern gerechter Anspruch gemacht werden kann, als der
eigentliche Schuldner Herr des Majorates ist.
    Durch dieses feine Finanzkunststück der Familie Schnapphahnski war zwar mit
den Schulden grossenteils tabula rasa gemacht und manche bürgerliche Kanaille
ruiniert worden. Aus Mangel an jedem Betriebskapitale gerieten indes die Güter
sehr bald wieder in die alte Lage. Alle ihre Einkünfte wurden abermals
verpfändet, und der ganze Besitz war wiederum von Hypoteken erdrückt. An und
für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr bedeutend.
    Tzztzztzzt« - hier trägt das Manuskript einen unaussprechlich schönen
wasserpolackischen Namen, den wir dem Scharfsinn unserer Leser zu buchstabieren
überlassen - also, »an und für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr
bedeutend. Tzztzztzzt hat in ganz Deutschland die beste Zucht von
Merinomutterschafen und Böcken.« - Ich bitte meine freundlichen Leserinnen
höchst aufmerksam zu sein, da meine Skizzen über Herrn von Schnapphahnski in
diesem Augenblicke sehr belehrend werden. - »Diese Merinomutterschafe und Böcke
werfen allein jährlich einen Ertrag von 60.000 Talern Revenue ab, von denen Se.
Hochgeboren indes damals nicht einen Heller besah.« -
    Armer Schnapphahnski! Für 60.000 Taler Schafe und Böcke, und dann nicht
einmal einen Pfennig Einkommen. - Das ist unbegreiflich, das ist entsetzlich!
Übrigens hat die Geschichte etwas sehr Patriarchalisches. Man denke sich den
kleinen Schnapphahnski »sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd« mitten zwischen
seine Schafe und Böcke tretend. Zu seiner Rechten stehen die Schafe, zu seiner
Linken die Böcke. »Verehrte Mutterschafe und Böcke«, beginnt Schnapphahnski,
»ich bin im höchsten Grade erfreut, euch wiederzusehen. Ich habe viel gereist,
und ausserordentliche Taten bezeichnen meine Laufbahn. In O. in Schlesien setzte
ich dem Grafen S. ein Paar Hörner auf (hier unterbrach den Redner das freudige
Geblök sämtlicher Böcke). In Troppau erschlug ich den wilden Menschenfresser,
den Grafen G. (allgemeines Erstaunen). In Berlin kostete ich den Lilienleib
Carlottens (alle Schafe schlagen verschämt die Augen nieder). In Spanien erwarb
ich mir unsterblichen Ruhm unter Don Carlos (Schafe und Böcke brechen in Oho und
Bravo aus). In München erschoss ich den Herzog von ...... und wurde deswegen
verbannt (schmerzliche Rührung auf allen Gesichtern). In Wien drohte mich die
Liebe der Damen zu erdrücken (die Böcke wedeln und beissen einander in die
Ohren). Verehrte Herde, teure Majorats-Mutterschafe und Böcke! Ihr begreift, dass
mich ein wehmütig süsses Gefühl beschleichen muss, wenn ich nach so ungewöhnlichen
Fahrten und Schicksalen endlich in euren stillfriedlichen Kreis zurückkehre
(stilles Einverständnis aller Seelen). Oh, es ist mir zumute wie einem jener
alten Nomaden, die uns das Buch der Bücher in so trefflichen arabeskenhaften
Märchen zu schildern sucht. Gleiche ich nicht einem Joseph, einem Benjamin oder
lieber jenem
- - - Sohne des Hetiten,
Der einst die Maultier in der Wüst erfand,
Als er des Vaters Esel musste hüten?
(Allgemeines Interesse.)
Oh, ihr Gespielen meiner Jugend, ihr lieben Angehörigen der Familie
Schnapphahnski, seid mir gegrüsst, ja, seid mir von Herzen willkommen! Mit euch
aufgewachsen bin ich, ihr unvergleichlichen Mutterschafe, und gern denke ich
noch daran, wie ich euch oft so zärtlich an die Lämmerschwänzchen fasste. Ja, mit
euch habe ich mich entwickelt, ihr herrlichen Böcke, und nie werde ich
vergessen, dass ich von euch alle meine tollen Sprünge lernte, bis ich endlich
älter und erfahrener wurde und zu einem grossen Sündenbock gedieh (rauschender
Beifall). Ihr Schafe zur Rechten und ihr Böcke zur Linken, hört meine Rede!
Beide liebe ich euch, und es ist nur aus altadliger Courtoisie, dass ich mich
gewöhnlich mehr der Rechten zuwende, ja euch, ihr trefflichen Mutterschafe, da
ihr der Stamm und der Hort der ganzen Rasse seid (Bravo! Bravo! auf der
Rechten). Oh, mein Entusiasmus für euch und für diese Versammlung kennt keine
Grenzen. Mit euch, ihr Schafe und Böcke, will ich schaffen und wirken für alle
Schafe und Böcke ausserhalb dieser Versammlung (stürmische Jubelunterbrechung).
Gross ist unsere Aufgabe, aber nichts wird uns erschüttern. Einer der kühnsten
Streiter, stehe ich unter euch, heiter das Haupt erhebend, und nur eins, ach,
kränkt mich und schnürt mir das Herz zusammen (peinliche Aufmerksamkeit und
lautlose Stille). Ja, eins nur tut mir weh, dass ihr herrlichen
Merinomutterschafe und Böcke all miteinander hypoteziert seid und dass ihr nicht
geschoren werdet - für mich.«
    Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, dass die Beredsamkeit unsres
Helden namentlich in einer tieftraurigen elegischen Wehmut ihren Hauptreiz hat.
Viele der ausgezeichnetsten Schafe und Böcke haben mir versichert, dass sie bei
verschiedenen Gelegenheiten wahrhaft davon bezaubert gewesen seien und sich
schon bereitgehalten hätten, den Demostenes der Wasserpolackei mit einem Donner
des Applauses auf seinen Sitz zu begleiten, wenn nicht wider Erwarten, trotz
aller adligpatriarchalischen Phrasen, schliesslich der Finanznot blasse Wehmut,
tiefe Trauer zum Vorschein gekommen wäre und der ganze Sermon in einem
unsterblichen Gelächter sein Ende erreicht hätte.
    Ja, die Finanznot! Sie spielt in dem Leben unseres Helden eine ebenso grosse
Rolle als die Liebe. Die Finanznot war es auch, welche Sr. Hochgeboren vor allen
Dingen wieder nach Berlin trieb.
    Es wäre hier die Stelle, näher auf die Festlichkeiten einzugehen, die bei
der Huldigung im Spätjahre 1840 in Berlin stattatten. Wir unterlassen dies
aber. Herr von Schnapphahnski hatte sich natürlich sehr darauf gefreut. Er
hoffte, dass man bei dem allgemeinen Tumult nicht mehr an seine seltsame
Vergangenheit denken würde. Mit der angebornen liebenswürdigen Frechheit glaubte
er, das Verlorene wiedererobern zu können und dann auch schnell zu Amt, Ehre und
Kredit, kurz, zu allem zu gelangen, was das Dasein wünschenswert macht.
    »In Berlin«, heisst es in unsern Manuskripten, »wartete Sr. Hochgeboren aber
ein äusserst schlechter Empfang von seiten der schlesischen Ritterschaft. Nach
langen Debatten beschloss dieselbe nämlich, zu einem Diner, das sie als
Korporation gab, Herrn von Schnapphahnski nicht zuzulassen. Unser Ritter fand
sich aber dennoch ein und setzte sich mit zu Tische. Da erhob sich die ganze
Ritterschaft ...«
 
                                       XI
                                  Die Nordsee
Die Gelehrten, die in keinem Punkte übereinstimmen, sind natürlich auch darüber
uneinig, was aus Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski, wurde, nachdem er
in Berlin so glänzend Fiasko gemacht hatte. Einige behaupten, er sei sofort auf
seine Güter nach der Wasserpolackei gereist; andere lassen ihn dagegen nach
Norden ziehen und schwören darauf, dass er plötzlich auf einer Insel der Nordsee
unter dem Namen eines Grafen G.v.W. zum Vorschein gekommen sei, um eins der
trefflichsten Abenteuer seines Lebens zu bestehen.
    Schnapphahnski oder vielmehr Graf G.v.W. - erzählt uns einer dieser Herrn -
war des Lebens müd und matt, als er von dem Huldigungsfestmahl aufstand. Er
sprach kein Wort mehr, er liess seine Sachen packen und bestellte Postpferde in
die weite Welt - zunächst nach Hamburg.
    In Hamburg hatte unser Ritter nicht im geringsten etwas Böses vor - denn
ach, unser Held war zu kaduk. Er fühlte, dass er sehr unglücklich sei, und da
gegen alles Unglück nichts besser ist als eine ausgezeichnete Zigarre, so hielt
sich der hohe Reisende nur deswegen einige Tage in der liebenswürdigsten aller
deutschen Städte auf, um die besten Importierten zu kaufen, die je die Magazine
des Jungfernstieg durchduftet.
    Als aber nun Koffer, Taschen und Büchsen mit den braunen Kindern der Havanna
reichlich gefüllt waren, bestieg unser Held den Dampfer und fuhr die Elbe hinab,
hinaus in die dicke blaue Meerflut.
    In der frischen, freien Natur, dachte der Ritter, wirst du all dein
Missgeschick vergessen. Verflucht sei das Land! Gesegnet sei das Wasser! Wenn die
Wellen dich schaukelnd dahintragen und die Wolken wie geflügelte Gletscher das
Blau des Himmels durcheilen und wenn dich endlich ein Eiland aufnimmt, wo nur
fromme, robuste Fischer wohnen und stämmige Nereiden und wohlmeinende Austern:
oh, da wird dein krankes Herz gesunden, und du wirst ein Glücklicher unter
Glücklichen sein und ein billiges, gottgefälliges Leben führen in Ewigkeit. -
    Wie in so manchen Sachen, irrte sich der Ritter auch in diesem Punkte, denn
nichts kuriert einen vernünftigen Menschen weniger als die reine Natur, als eine
sogenannte schöne Gegend.
    Mit unserm kleinen, süssen Gewohnheitsplunder befinden wir uns in der
finstersten Gasse einer lärmenden Stadt auf die Dauer besser, als vom Frührot
umstrahlt auf dem Gipfel der Alpen unter Gemsböcken und dummen Kuhhirten. Ich
lasse es mir gefallen, dass man sich alle Jahre einmal auf den Rigi setzt, auf
den Snowdon oder den Blocksberg, um sich davon zu überzeugen, dass unser Herrgott
auf eine wahrhaft geniale Weise seine grossen Bergklötze durcheinanderwürfelte -
eine Stunde, einen Tag lang mag man alles beschauen; aber dann auch hinab zu der
ersten besten verwünschten Prinzessin!
    Was geht mich die ganze Schweiz an, wenn ich in ein paar schöne Augen sehe?
    Unser Held war daher auf einem ganz gewaltigen Irrwege, wenn er durch ein
dauerndes Schwelgen in der schönen Natur zu gesunden dachte.
    Hätte ich nur die Pläne des Ritters gewusst und wäre ich damals in St.
Petersburg gewesen, so würde ich meinem Freunde auf der Stelle geschrieben
haben: »Liebster Ritter, kommen Sie wenigstens nach St. Petersburg. Beschauen
Sie sich die Paläste Sr. Majestät, des grossen Bären. Amüsieren Sie sich an der
steifen Parade der kaiserlichen Truppen. Suchen Sie vergebens einige hungrige
russische Beamten zu bestechen, und fahren Sie auf einem abscheulich guten Wagen
nach Moskau oder zu Schlitten nach Sibirien - Sie werden wie gerädert dort
ankommen; Hören und Sehen wird Ihnen vergehen, und Moses und die Propheten
werden Sie vergessen und folglich auch Ihr Unglück.
    Oder reisen Sie nach London! Ich gebe Ihnen ein Empfehlungsschreiben mit an
meine Freunde in Eastcheap. Dort treffen Sie den unvergleichlichen Sir John
Falstaff. Er frühstückt bei Frau Hurtig und wird Sie mit Dortchen Lakenreisser
bekannt machen und mit Bardolph und Pistol und andern hervorragenden
Persönlichkeiten des Jahrhunderts. Mancher wird Ihnen freilich versichern, dass
dies nicht die beste Gesellschaft sei; aber das ist reine Verleumdung. Ein
englischer Literat namens Shakespeare ist schuld daran. Er hat in seinen
verwerflichen Dramen die nachteiligsten Dinge über den wahrheitsliebenden Sir
John und über das tugendhafte Dortchen erzählt. Aber dafür erscheint er denn
auch vor der Sternkammer, d.h. vor dem Zuchtpolizeigericht; die Klage lautet auf
Kalomnie, und da der unglückselige Angeklagte in dem rotnasigen Lord Brougham
einen sehr schlechten Advokaten hat, so hofft man, dass besagter Herr Shakespeare
wenigstens zu 3 Monat Arrest und zu 5 Jahr Verlust der bürgerlichen Rechte
verdonnert wird. Was können Sie also Besseres tun, als nach London reisen, um
diesen famosen Prozess mit anzuhören?
    Oder reisen Sie nach Paris! Paris ist der einzige Ort, wo ein vernünftiger
Mensch auf die Dauer leben kann. Stellen Sie sich auf die Place de la Concorde,
und wenn die Springbrunnen rings um Sie plätschern und wenn seitwärts der Duft
aus tausend Orangenblüten emporsteigt und wenn die Hieroglyphen des Obelisks von
Luxor im Abendgolde brennen und der Blick sich rechts in dem Lindengrün des
Tuileriengartens und links in der Weite der Elysäischen Felder und in dem Duft
verliert, der geisterhaft über die Höhe des Arc de Triomphe einherwogt - und
wenn sich nun der Abendwind aufmacht und das Tönen der Musik aus entfernten
Gärten in leisverhallenden Klängen zu Ihnen herüberträgt und die reizenden
Franzosen mit ihrer ganzen Lebendigkeit an Ihnen vorübertanzen und jetzt die
sinkende Sonne ihren letzten Purpur, ihre flammendsten Rosenlichter auf die
Wipfel der Bäume, auf die Perlen der Springbrunnen, auf das Blau der Wolken und
auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt wirft und endlich die ganze
ungeheure Stadt wie im Bewusstsein ihrer Schönheit noch einmal im Rausche der
Liebe und der Wollust emporzujauchzen scheint - nun, lieber Ritter, da will ich
ein Dromedar sein, wenn Sie sich nicht wie ein Gott fühlen, wenn Sie nicht Ihre
Leiden vergessen, wenn Sie nicht gern die ganze Welt für einen Pariser
Pflasterstein verkaufen, für einen einzigen dieser heiligen Steine, die heller
durch die Geschichte leuchten als alle Kronjuwelen, so den Schädel eines Fürsten
zierten, von Salomo bis auf Reuss LXXII.«
    Doch was hilft es, dass ich mir vorleiere, wie ich zu dem unglücklichen
Ritter gesprochen haben würde? Unser Freund sehnte sich weder nach den
Eispalästen Sr. Majestät, des grossen Bären, noch nach der Taverne in Eastcheap,
noch nach dem Obelisken von Luxor - traurig sass er auf dem Verdeck des
schwankenden Dampfers, die Möwen schrien, die Wolken zogen, und »stop!« rief der
Kapitän, da landeten sie auf einer Insel der Nordsee.
    Ich mag es nicht unternehmen, meinen Lesern diese weltbekannte Insel näher
zu schildern. Hunderte der geistreichsten Schriftsteller haben sich schon an
diesem Stoffe versucht, und es hiesse wirklich Wasser in den Rhein tragen, wenn
ich den trefflichen Reisebeschreibungen jener guten Leute noch meine
unvollkommenen Notizen hinzufügen wollte.
    Beschränken wir uns daher auf die Mitteilung, dass das Leben auf der
fraglichen Insel möglichst langweilig ist und dass es wirklich ein Wunder gewesen
wäre, wenn der arme melancholische Graf G.v.W. nicht schon nach kurzem recht
eigentlich mit sich zu Rate gegangen wäre, wie er durch irgendeinen tollen
Streich die Einförmigkeit eines Daseins brechen könne, das gewiss am
allerwenigsten geeignet war, um ihn die Stürme der Vergangenheit vergessen zu
lassen.
    Aber wie sollte man auf dieser einsamen Insel einen tollen Streich begehen?
    Sollst du mit den Fischern aufs Meer ziehen? fragte sich der Graf. Sollst du
dich mit dem ersten besten Engländer herumboxen? Sollst du dich in eine Auster
verlieben, oder sollst du gar zum Zeitvertreib heiraten? - -
    O ihr unsterblichen Götter: heiraten! welch eine Idee! Übrigens wäre die
Geschichte doch nicht so übel, dachte der Graf. In der Ehe langweilt man sich
wenigstens nicht mehr ganz allein: man langweilt sich zu zweien, und dies ist
schon ein Vorzug, ein sehr grosser Vorzug! O himmlischer Vater, du weisst es, wozu
die Langeweile einen Menschen verleiten kann - -
    Ja, du weisst alles. Auch meine geheimsten Gedanken kennst du, und gewiss
werden dir bei deinem vortrefflichen Gedächtnis noch jene ausgezeichneten Gebete
oder, wie der alte Kant sagt, jene »oratorischen Übungen« erinnerlich sein, die
ich manchmal in stiller Mitternacht »aus einem Rest von kindlichem Gefühle« zu
dir emporlallte, wenn ich mit des Jahrhunderts lieblichen Töchtern des
Vergänglichen viel genossen hatte und nun plötzlich auf den närrischen Gedanken
kam, dass ein treues Eheweib am Ende doch noch besser sei als alle jene
undankbaren, unersättlichen Loretten, die der böse Herr Teufel gezeugt hat mit
der schönen Frau Venus.
    Du hast sie gehört, jene rührenden Gebete, und du wirst sie gnädig verziehen
haben.
    Sieh, o Vater der Götter, Zeus, du Wolkenversammler - sieh, Jehovah oder
Odin oder wie du dich nennen willst: auch heute befinde ich mich wieder in
dieser heiratslustigen Stimmung. Ich langweile mich auf dieser einsamen Insel;
es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; drum erhöre mein Gebet und nimm
mir, wie weiland unserm Urgrossonkel Adam, eine Rippe aus der Seite, auf das ich
morgen früh ein holdes häusliches Wesen an meiner Brust finde, im leichten
Nachtkleid, eine Rose in Steifleinen. Also betete der Graf, und wenn er nicht
wirklich der Ritter Schnapphahnski war, so werden meine Leser doch gestehen
müssen, dass die »oratorischen Übungen« unsres Helden eine frappante Ähnlichkeit
mit den Herzensergüssen Schnapphahnskis hatten.
    Wie dem aber auch sei, soviel ist gewiss, dass der Himmel das Gebet des
unglücklichen Grafen erhörte - wenn auch gerade nicht in
streng-alttestamentlichem Sinne.
    Denn sieh, als unser Graf einst mit mehreren gleichgesinnten Badeseelen in
dem hübschen Gemache seines Hotels sass und eben damit beschäftigt war, statt der
Diamanten des reinsten Wassers die Perlen des vorzüglichsten Champagners in die
Nacht seines gramvollen Lebens hereinstrahlen zu lassen, da wurden plötzlich die
Türen geöffnet und herein trat - - -
    Die schöne Insulanerin war ein liebenswürdiges Mädchen. Sie zählte etwa 24
Jahre, als sie der Herr Graf kennenlernte. Prächtig schwarzes Haar umfloss die
blendend weissen Schultern, und der üppige Busen, die schlanke Taille und der
kleine Fuss, doch vor allem der Liebreiz ihres seligen Lächelns: alles das hatte
schon manchen Nordsee-Sohn halbtoll gemacht.
    Ja, schon mancher wilde Bursche war zahm und liebegefoltert vor ihr in den
Staub gesunken; aber keck hatte sie noch immer den Fuss auf ihrer Verehrer Nacken
gesetzt, und der alte Ozean war der einzige, der sich rühmen konnte, dass er den
Lilienleib der Schönen umschlungen und ihn im Gekräusel der Wogen davongetragen
habe.
    Da betrat Graf G. den Strand der Insel - - aber ich sehe zu meinem
Schrecken, dass ich in vollem Zuge bin, eine Liebesgeschichte zu schreiben!
    Genug, die schöne Insulanerin verliebte sich in den »reichen« Grafen; und
der »bankrotte« Graf freute sich nicht wenig über sein rasches Glück. Die guten
Eltern des armen Kindes waren zu sehr von den noblen Gesinnungen ihres
Schwiegersohnes überzeugt, als dass sie seinen Werbungen etwas in den Weg gelegt
hätten, und wer sonst von den einfachen Fischern den edlen Herrn mit so
unendlichem Anstand Champagner trinken sah, der musste sich gestehen, dass die
jugendliche Insulanerin einen Gemahl bekomme, der überirdisch vornehm und
liebenswürdig sei.
    Se. Hochgeboren spielten die Farçe ausnehmend gut, ja, sie spielten sie
schliesslich von der Nordseeinsel hinüber nach Hamburg, wo sich wunderbarerweise
ein katolischer Geistlicher fand, der nicht die geringsten Schwierigkeiten
machte, das abenteuerliche Paar zu trauen.
    Bei einem Hamburger Advokaten existieren noch heutigen Tages die Akten über
diese Vermählung, die später zu einer der interessantesten gerichtlichen
Untersuchungen Veranlassung gab. Es geht daraus hervor, dass der schöne
abenteuerliche Graf G. eigentlich durch nichts bewies, dass er wirklich der
eheliche Sohn des Grafen G.v.W. usw. sei. Da der Herr Pfarrer aber so gefällig
war, den Akt der Trauung mit seinem Gewissen zu vereinbaren, so konnte sich die
schöne Insulanerin nichtsdestoweniger bald Komtesse de G. nennen und erschien
unter diesem Titel mit ihrem Gemahle wieder auf der heimischen Insel, angestaunt
von den nachbarlichen Fischern und vielfach bewundert von dem Schwarm
neugieriger Gäste, den die Dampfer von Hamburg aus nach dem felsigen Eiland
hinüberbrachten.
    Wochen und Monate flossen so dahin, da trat eines Morgens der Herr Graf zu
der liebenswürdigsten aller Gräfinnen und kündigte ihr an, dass er trotz der
interessantesten Umstände, in denen sich die jugendliche Komtesse befand, einmal
hinüberreisen müsse nach dem Vaterlande, um einige finanzielle Angelegenheiten
zu ordnen, die lange genug vernachlässigt worden wären. Vergebens bat die junge
Dame, dass der Herr Gemahl so freundlich sein möge, sie mit sich zu nehmen. Der
Graf war unerbittlich, und als am folgenden Tage Eos mit Rosenfingern emporstieg
und der Schlot des »Patrioten« in die frische Seeluft hinausdampfte, da wurden
zum Abschied die Tücher geschwenkt, und die arme Komtesse sah ihren Gemahl - zum
letzten Male.
    Ja, der Herr Graf hat sich seitdem nicht wieder auf der Insel sehen lassen.
Umsonst waren alle Nachforschungen. Vergebens arbeiteten Advokaten und Pfaffen
und stille Verehrer skandalöser Geschichten jahrelang daran, das Dunkel des
gräflichen Verschwindens aufzuhellen.
    Keine Spur hat sich entdecken lassen wollen -
    Sollte der Herr Graf vielleicht einige Ähnlichkeit mit unserm Ritter
Schnapphahnski gehabt haben?
    Doch nein, es ist nicht möglich! Auf Helgoland sah man aber in jenen Jahren
oft beim Sinken der Sonne eine hohe schwarzgekleidete Dame das Ufer
entlangwandeln. Sie führte ein reizendes Mädchen an ihrer Hand, und wenn der
Abendwind den dunkeln Schleier der seltsamen Frau emporhob, da sah man in ein
schönes, totenbleiches Angesicht.
 
                                      XII
                                  Die Herzogin
Wie ein begossener Pudel, bleich, zitternd, kaduk, verliess unser Ritter Berlin.
Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenäen, als er, ein flüchtiger
Landsknecht, bespritzt von altspanischem Landstrassendrecke, das Weite suchte und
aus Verzweiflung Autor wurde, ja, Schriftsteller - das Schlimmste, was einem
Menschen im Leben passieren kann.
    Es fröstelte unsern Helden. Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie
ein langer trüber Regentag. Gläsernen Auges stierte er hinaus in die Leere
seines Daseins, einem zerlumpten Auswanderer gleich, der müssig über das wüste,
einförmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht, ob er die Reise in
eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersäufen soll.
    Die ekelhafteste, hündischste Phase des Unglücks ist die, in der man
gleichgültig und dumm wird. Ein Unglücklicher, der weint und wimmert wie ein
verliebter arkadischer Schäfer, er kann schön sein, man wird ihn lieben können,
und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten,
und blauäugige Mädchen werden an ihn denken noch manchen stillen
Sonntagnachmittag. Ein Mensch, der sich, wie ein Laokoon, schmerzgefoltert durch
die Schlangen des Missgeschickes windet: er wird unsere Herzen mit sich
fortreissen, und ein grosser Meister wird ihn in Marmor hauen, und ein zweiter
Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben, und
kunstsinnige Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an
den Jüngsten Tag. Und ein Mann endlich, der, jenem Römer gleich, mit
kalt-heroischer Trauer auf den Trümmern einer Welt sitzt: er wird uns fesseln
durch die Ruhe seines Adlerauges, durch die Allgewalt seines Schicksals. - Herr
von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer
Schäfer noch wie der grosse Laokoon, noch wie ein alter Römer; er glich einem
Unglücklichen, den man zehn Jahre lang in einem Zellengefängnisse marterte, der
sich allmählich für den einzigen Menschen auf der Welt hielt, weil er niemand
anders als sich sah; ja, der sich endlich einbildete, dass er längst gestorben
wäre und dass der Tod nur in dem Leben eines Zellengefängnisses bestehe, und der
sich immer mehr mit seinem Schicksale aussöhnte, bis er zuletzt vor freudigem
Wahnsinne stupide lachte, ja, bis seine Seele so gespenstisch durch die
eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene
Fenster eines Hauses, das morsch und menschenverlassen ist und über Nacht
zusammenstürzen wird in Staub und Asche.
    Genug, unser Ritter war ein verlorener Mann, eine leichtsinnige Fliege, die
ins Licht flog und sich Kopf, Beine und Flügel verbrannte. Ja, noch mehr. Unser
Held hatte sich blamiert; er hatte sich lächerrlich gemacht; er war »unmöglich«
geworden, in jeder Beziehung (ridicule et impossible).
    Wir wollen es nicht versuchen, die Monologe unseres Helden wiederzugeben -
die Monologe, die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt, wenn er bald
die Götter bat, ihn in das räudigste Schaf zu verwandeln, das hypoteziert auf
seinen Triften ging, und bald wieder wünschte, seinen Kopf in beide Hände nehmen
zu können, um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern, dass der alte
Olympos platze mit all seinen Göttern.
    Schuldbeladen sass unser Held auf seinen verschuldeten Gütern. Seine Häuser,
seine Felder, seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfändet. Ihn
selbst hypotezierte das Schicksal. Schnapphahnski war nicht mehr der alte
Schnapphahnski. Man sagt, er habe in jenen Tagen manchmal in der Bibel gelesen -
- erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der
lustige Schmetterling springen. Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres
Ritters trat dadurch ein, dass ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen
ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte, dass er
durch die Liebe unglücklich geworden sei und dass er folglich auch suchen müsse,
durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen. Ein tiefer Sinn lag in diesen
Worten, und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte, dass
sich ganz in der Nähe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte, die zwar ein
höchst dornenvolles, jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung
darbiete, da erwachte unser Held plötzlich aus seiner Letargie und fasste den
Entschluss, seinen letzten grossen Coup zu wagen - -
    Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzählung zum ersten Male an eine Stelle, wo
ich unwillkürlich stutze und zurückschrecke. Die Feder versagt mir fast den
Dienst; ich möchte sie gern wegwerfen; ich bin unschlüssig, ob ich überhaupt
noch fortfahren soll: ich bin in der peinlichsten Verlegenheit. Meine
freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen, wenn ich ihnen rundheraus
sage, dass ich dazu gezwungen bin, mich über eine Dame auszulassen, deren
Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern, dass ich wirklich nicht
weiss, ob nicht manche Lilienwange über meine Schilderung leise erröten und
manche kleine Hand diese Blätter zornig zerreissen wird in tausend Stücke. - Was
soll ich tun?
    Bin ich nicht bisher immer höflich gegen die Frauen gewesen? Suchte ich
nicht die Ehre der trefflichen Gräfin S., jener schönen, edlen Frau, in jeder
Weise zu wahren? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G.? Habe ich
nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt? Nahm ich nicht die Tänzerin in
Schutz, und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen
Hoheit? - Ach, und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzählen, deren
Reize so unendlich zweideutig sind, dass ich durch meine Schilderung beim besten
Willen und bei der äussersten Zarteit doch mitunter gegen das Gefühl des
Anstandes und der Galanterie aufs gröbste verstossen muss, wenn ich nur
einigermassen der Wahrheit getreu bleiben will, der Göttin der Wahrheit, die
bisher meine Feder führte mit unerbittlicher Strenge.
    Doch wage ich es! Es sei! Möge der Stil meinen Gegenstand retten! Die Form
ist alles!
    Die Dame, auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet, ist die
achtundfünfzigjährige Herzogin - - meine Leser müssen verzeihen; ich werde dies
später erzählen.
    Die Herzogin ist achtundfünfzig Jahre alt - also fast zweimal »schier
dreissig«. Man muss gestehen, unser Ritter hatte plötzlich sehr seltsame Gelüste
bekommen. »Unser Leben währet kurze Zeit; siebenzig Jahre, wenn's hoch kommt:
achtzig -«, meint der Psalmist; achtundfünfzig Jahre ist schon ein hübsches
Alter; ohne unhöflich zu sein, darf man von einer Achtundfünfzigjährigen sagen:
»c'est une dame d'un certain âge.« - Die Herzogin ist klein. Sie ist äusserst
zart gebaut; ja, man könnte sie - mager nennen, wenn dieser Ausdruck nicht gar
zu unangenehm wäre. Unter vier Augen würde man sich sogar gestehen, dass die
Herzogin mager wie ein Skelett ist.
    Ich bitte sehr um Entschuldigung! Die Herzogin trägt falsche Waden - ich
stosse immer wieder auf Schwierigkeiten. Falsche Hüften - ich verwickle mich
immer mehr. Einen falschen Cul - aber jetzt höre ich auf. Mit der Toilette einer
Dame ist nicht zu spassen. Die Toilette ist etwas sehr Ernstes. Die Toilette ist
alles! Namentlich bei der Herzogin.
    »Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel.«
    Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe dies nicht gesagt. Es steht
wörtlich so in meinen Manuskripten. Die Herzogin gehört also nach dieser Aussage
in das Britische oder in das Leidener Museum. »Die Herzogin trägt auch die
Physiognomie desselben, nämlich des Raubvogels: enorme geierartige Nase,
Geieraugen, gross wie ein Teller - in früheren Zeiten von hoher Schönheit.« - Die
holde Persönlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher. »Sehn Sie hier,
meine Herren und Damen«, würde etwa ein Wärter des Britischen oder des Leidener
Museums sagen, »hier sehen Sie den grossen Raubvogel (jetzt käme irgendein
lateinischer Name), jenes berühmte Tier, das auf den höchsten Höhen der
menschlichen Gesellschaft nistet. Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem
Vogel gerupft. Trotzdem werden Sie aber an der grossen gebogenen Nase und an den
grimmigen Augen dieses Tieres bemerken können, dass er von ausserordentlich rein
adeliger Rasse ist. In seiner Jugend machte dieser Vogel die kühnsten Flüge; er
horstete mit den männlichen Raubvögeln des Jahrhunderts in der Nähe aller
europäischen Trone, auf allen Ambassaden moderner Völker. Er lebte mit Adlern,
mit Steinadlern, mit Geiern, mit Lämmergeiern, mit Falken und Kranichen; ja, er
liess sich später sogar zu Raben und Elstern herab, zu gewöhnlichen Haushähnen
und ähnlichem gemeinbürgerlichem Geflügel. In jüngster Zeit assoziierte sich
unser Vogel aber noch einmal mit einem Männchen aus dem berühmten Geschlechte
der Schnapphahnski, und Gott weiss, welch ein naturhistorischer Druckfehler aus
dieser Liaison hervorgegangen wäre, wenn nicht ein naseweiser weiser
Schriftsteller das alte Tier plötzlich mit seinem Geschosse erlegt hätte, so dass
es nun hier in dem Kasten des Museums prangt, ein wahres Kabinettstück,
bewundert von allen reisenden Engländern und vielfach besucht von allen
wissbegierigen Bürgerschulen.«
    
    Die Herzogin ist also eine geiernasige und geieräugige, aus Kunst und Natur
zusammengesetzte achtundfünfzigjährige kleine Dame. Wir wünschen Herrn von
Schnapphahnski von ganzem Herzen Glück. »Der Teint der Herzogin ist gelb
verwittert«, setzt das Manuskript hinzu, »die Herzogin hat höchst scharfe Züge.
Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandstätte der Leidenschaften.«
    Brandstätte der Leidenschaften!
    Seit wir diesen Vergleich haben, brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht
mehr zu schildern. Es ist unnötig, wenn wir noch hinzusetzen, dass unsere Heldin
sich stets sehr jugendlich kleidet, dass sie eine zweireihige Garnitur falscher
Zähne besitzt und dass sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon
seit undenklichen Zeiten eine vollständige Perücke trägt ...
    Die kahlen Köpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue. Die
älteste Schwester unserer Heldin, eine ausgezeichnete Dame, die sich von vier
Männern scheiden liess und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht
dasteht, beschäftigte sich während der zweiten Hälfte ihres schönen Lebens fast
ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels, das die letzten Reste des
herzoglichen Familienhaares konservieren könne.
    Pytagoras entdeckte seinen Lehrsatz; Kolumbus entdeckte Amerika, und die
Herzogin von ... entdeckte die berühmte schwarze Haartinktur. Ich weiss nicht, ob
die Herzogin den Göttern Hekatomben schlachtete, nachdem sie die Tinktur
erfunden hatte; jedenfalls ist es aber für gewiss anzunehmen, dass sie den
Augenblick der Entdeckung für den wichtigsten ihres Lebens hielt.
    Das Unglück, keine Haare mehr auf dem Kopfe zu besitzen, ist so gross, dass es
eigentlich nur dann zu ertragen ist, wenn man Haare auf den Zähnen hat. Ein
Mensch, der sie weder da noch dort trägt, ist sehr zu bedauern. Er ist ein
kahles Feld, ein entlaubter Baum; die Sonne seines Lebens hat sich in einen Mond
verwandelt. Der Abend ist hereingebrochen, und bald wird die Nacht kommen, und
am andern Morgen wird der arme Mond tot sein, mausetot. Wenn man seinen kahlen
schneeweissen Kopf mit einer vollen kohlschwarzen Perücke krönt, so erlebt man
mit seinem Monde gewissermassen eine Mondfinsternis. Aber eine Mondfinsternis ist
vergänglich. Der Wind kann eine Perücke davontragen, und man hat eigentlich den
Vorteil davon, dass der Tod vielleicht einst nur die Perücke fasst, wenn er uns
nach dem Schopf greift, und dass der wirkliche Kerl davonläuft - à revoir -
sterben Sie wohl, Herr Tod!
    Wie ich bereits bemerkte, trägt unsere Heldin eine Perücke ... Dies schien
mir von hoher Wichtigkeit zu sein; ich sah darin den bedauerlichsten Widerspruch
mit der von der älteren Schwester erfundenen Tinktur. Pflichtgetreu stellte ich
die genauesten Nachforschungen an, und leider hat sich dadurch herausgestellt,
dass der Schädel unserer Heldin sogar der berühmten herzoglichen Familientinktur
siegreich widerstanden hat und dass sich unsere Freundin dabei beruhigen muss,
eine Perücke auf dem kahlen Kopfe und kein Haar auf den falschen Zähnen zu
besitzen. Es tut mir leid, dass ich nicht näher auf die Tinktur eingehen darf.
Man könnte Bände darüber schreiben. Es kommt unendlich viel auf das Haar an.
Einer der ersten Künstler der Welt bezeichnete seine hinterlassenen Perücken mit
vollem Recht als den Hauptschatz seines Nachlasses.
    Doch nun noch etwas über den Fuss der Herzogin!
    Goete behauptete stets, ein schöner Fuss sei der einzig dauernd schöne Teil
an einem Weibe; er bleibe immer reizend, wenn er einmal reizend sei; er
verändere selten seine Form. Der alte Herr hatte von jeher gern mit den Füssen zu
tun; er hörte nichts lieber, als eine Frau in Pantoffeln mit hohen Absätzen
klipp, klapp einen langen hallenden Korridor hinunterschreiten. Ich bin
natürlich mit dieser hohen Autorität durchaus einverstanden. Auch unsere
Herzogin hatte aus den Tagen der Jugend einen Fuss gerettet, der wenigstens zu
einem schönen Schuh Veranlassung gab. In vielen Fällen wird man nach der Form
des Fusses den ganzen Menschen beurteilen können; auf die Rasse kann man stets
danach schliessen. Es verhält sich mit den Füssen wie mit den Zähnen und den
Fingerspitzen. Ich mache mich verbindlich, nach der Weisse und der Reinheit der
Zähne und der Fingerspitzen eines Menschen genau zu sagen, wievielmal er in der
Woche ein reines Hemd anzieht. Die Fingerspitze steht aber in genauem
Zusammenhange mit dem Zahne, der Zahn mit dem Hemde und das Hemd mit dem ganzen
Menschen.
    Seit Benvenuto Cellini aus den schönen Zähnen seines erschlagenen
Nebenbuhlers eine Kette für die lächelnde Herrin arbeitete, hat es wohl keine
bessern Kinnladen gegeben als die der neulich am Kap verunglückten englischen
Offiziere. Sie wurden von den Kaffern ermordet; nach einigen Tagen fand man sie
in der Tiefe des Waldes. Geld, Uhr und Waffen: alles hatte man ihnen gelassen.
Man nahm ihnen nur das Leben und die - Zähne. Die Engländer sind die
reinlichsten Leute. Nach Liebig verbrauchen die Engländer die meiste Seife; dann
kommen die Franzosen, dann die Deutschen usw., zuletzt die Russen. Die Engländer
haben die reinsten Hände, die saubersten Zähne und die weisseste Wäsche. Die
Engländer sind die Herren der Welt.
    Geieraugen, Geiernase, ein ausgestopfter Raubvogel, und im Antlitz die
Brandstätte aller Leidenschaften: das ist unsere Herzogin. In unsern Notizen
finden wir noch ausdrücklich bemerkt, dass die Herzogin nur Leute, die in der
engsten Intimität mit ihr stehen, bei Tage empfängt. In den meisten Fällen nimmt
sie nur abends Besuche an, wie sie sich denn überhaupt auch nur bei Abend zeigt,
da sie nur zu wohl weiss, wie sehr sie des Lampenlichtes bedürftig ist.
    Armer Schnapphahnski! Teurer Mann, du gehst mit einem heroischen Entschluss
um!
»Und würfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir holet die Kron,
Der soll sie tragen und König sein -
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn!«
Ja, armer Schnapphahnski.
    Unsere Herzogin ist niemand anders als die Herzogin von S., die jüngste
Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines »talentvollen« Königs, mit dem
sie erzogen wurde und mit dem sie sich duzt. Die Herzogin heiratete den Prince
de D., den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten, der gerade soviel Eide brach,
als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf
gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Mann und zog zu eben dem alten
Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältnis hatte,
und machte in seinem Hause die Honneurs etc. Da ihr indes die Anwesenheit des
Fürsten D. in Paris lästig war, so musste der alte T. ihm unter der Bedingung
Geld geben, dass er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies
geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt
wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden
Lebenswandels. Ja, der Flug ihrer raffinierten Phantasie verleitete sie zu so
abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, dass ihr unter Karl X. der Hof
verboten wurde.
    Bemerken muss ich noch, dass die Herzogin beim Einrücken der Alliierten in
Paris dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und, frohlockend über den
Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser
Gelegenheit vor Freude ausser sich gewesen sein und ihren Kosaken mit
Liebkosungen überhäuft haben.
    Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlt sie sich einst Mutter werden. Es
schien eine Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu
bringen. Und doch war sein Name für dasselbe notwendig. Die Herzogin ist in
keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschliesst
sie sich kurz: sie fasst ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spät am Abend lässt
sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne »weiteres lässt sie sich
daher auf sein Zimmer führen.
    Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück, nicht ahnend, was
ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den
unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten
Ehemannsphrasen Luft zu machen.
    Das eine Wort gibt das andere, und bald sind sie im besten Zuge, sich recht
gemütlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, dass das Antlitz der
Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger
und länger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes; da
ist eine Stunde herum, und die Herzogin springt plötzlich auf, indem sie
erklärt, dass sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle
sie ihm indes sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei - - der
ehrenwerte Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist
interessanter als das Bekenntnis einer schönen Seele. Vertraulich legt die
Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und teilt ihm leise
flüsternd mit, dass sie sich Mutter fühle - - sie habe getrennt von ihm gelebt,
jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm
gewesen zu sein. Ihr sei geholfen. Adieu, mon ami!
    »Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiss nicht, wie dir geschah.« -
    Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewusstsein zu Bette,
auch nicht im geringsten etwas Böses getan zu haben. Die Herzogin entfernte sich
aber so rasch als möglich, und hell klang ihr glückliches Lachen.
    »Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde, war eine Tochter,
die später den Grafen C. heiratete.
    Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben
bei seinem Tode 80000 Revenue. Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der
Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing.« -
    Auf das Gerücht hin, dass die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski.
 
                                      XIII
                                 Der Professor
Ritter Schnapphahnski war in demselben Falle wie Professor N. in Berlin - - es
stand ihm etwas ganz Ausserordentliches bevor. Doch erzählen wir zuerst die
Geschichte des Professors.
    Der Herr Professor war krank. Er liess den Doktor kommen. Der Doktor kam.
Arzt und Professor standen einander gegenüber. Der erstere mit jenem heidnisch
frohen Lächeln, welches den meisten Medizinern eigentümlich ist; der Professor:
lang, dürr, einer ausgetrunkenen Flasche ähnlich, mit sehr miserablem Antlitz.
    »Doktor, ich bin krank -«, begann der Professor.
    »Das freut mich -«, erwiderte der Doktor.
    »Ich glaube, ich habe die Schwindsucht, Doktor.«
    »Sehr leicht möglich, Herr Professor.«
    »Nicht wahr, ich bin sehr krank?«
    »Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen.«
    »Glauben Sie, dass die Sache gefährlich ist?«
    »Zeigen Sie mir Ihre Zunge.«
    »Meinen Sie nicht, dass ich bald sterben werde?«
    »Wann gehen Sie abends zu Bett?«
    »Soll ich nicht lieber mein Testament machen?«
    »Wie sieht es mit Ihrem Appetit aus?«
    »Soll ich nicht die Verwandten von meiner traurigen Lage benachrichtigen?«
    »Haben Sie regelmässigen Stuhlgang?«
    »Doktor, retten Sie mich!«
    »Herr Professor, antworten Sie auf meine Frage!«
    Eine Pause entstand. Der Professor schaute auf den Doktor wie ein krankes
Fohlen auf seine Mutter. Der Doktor fuhr fort:
    »Antworten Sie mir also klar und bestimmt, Herr Professor.«
    »Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Doktor.«
    »Schildern Sie mir Ihren Zustand - - haben Sie Beschwerden?«
    »Der Beschwerden habe ich manche- -«
    »Und welche, Herr Professor? Haben Sie z.B. eine gewisse Schwere in den
Gliedern?«
    »Ganz recht - es liegt mir wie Blei in den Gliedern -«
    »Haben Sie Kongestionen nach dem Kopfe oder nach andern Teilen des Körpers?«
    »Kongestionen - ganz recht, ich habe Kongestionen - fast nach allen Teilen.«
    »Lassen Sie mich doch Ihre Augen sehen - Sie scheinen ganz rote Augen zu
haben.«
    »Ach, allerdings, Herr Doktor. Das kommt von dem vielen Arbeiten in der
Nacht.«
    »Schlafen Sie nachts auf dem Rücken?«
    »Ich schlafe selten, Herr Doktor.«
    »Also träumen Sie?«
    »Ach, ich habe schwere Träume -«
    Der Professor schlug verschämt die Augen nieder.
    Wiederum entstand eine Pause. Der Doktor blickte auf den Professor wie der
Teufel auf einen armen Sünder.
    »Setzen wir unsere Konversation fort - nicht wahr, Sie sind unverheiratet,
Herr Professor?«
    »Allerdings, Herr Doktor!«
    »Sie haben auch sonst keinen Umgang mit Frauen?«
    »Herr Doktor, das ist eine Gewissensfrage.«
    »Verzeihen Sie, eine reine Gesundheitsfrage.«
    »Aber wie soll ich Ihnen darauf antworten?«
    »Nun, ganz einfach mit ja oder nein; haben Sie Umgang mit Frauen oder
nicht?«
    »Nein, Herr Doktor! Das ist durchaus gegen mein Prinzip.«
    »Aber es wäre gut für Ihre Gesundheit -«
    »Mein Prinzip geht über die Gesundheit.«
    »Aber Ihr Prinzip kann Sie ins Grab bringen.«
    »Mit meinem Prinzip will ich sterben.«
    »Nun, so sterben Sie wohl, Herr Professor« - der Doktor griff nach seinem
Hute, um sich zu entfernen. Der Professor trat ihm in den Weg.
    »Lieber Herr Doktor - -«
    »Verehrter Herr Professor - -«
    »Bleiben Sie um Gottes willen!«
    »Aber gehorchen Sie meinen Befehlen!«
    »Ich will alles tun, was Sie wünschen.«
    »Meine Befehle werden Ihnen nur angenehm sein.«
    »Ich will Moschus und Rhabarber fressen.«
    »Würde Ihnen wenig helfen.«
    »Ich will Balsam und Fliedertee trinken.«
    »Könnte von gar keinem Nutzen sein.«
    »Aber was wünschen Sie denn?«
    »Ich wünsche nur das Allermenschlichste, das Allererfreulichste von Ihnen!«
    »Sprechen Sie also!«
    »Und gehorchen Sie mir.«
    »Was soll ich tun?«
    »Sie solln sich verlieben - ein Weib nehmen!«
    Der Kopf des Professors sank auf die Brust, die Tabakspfeife entfiel seiner
Hand, und Wolken der tiefsten Verlegenheit, des innigsten Schmerzes verdunkelten
die Stirn des unglückseligsten Mannes.
    »Herr Doktor«, fuhr endlich der Gepeinigte in sehr gedrücktem, schleppendem
Tone fort, »Herr Doktor, Sie wissen, ich bin Teologe. Ihr Befehl widerspricht
meinem ganzen System, meiner ganzen Anschauungsweise. Ein viertel Jahrhundert
lang bin ich der Stimme meines Innern, meiner Überzeugung treu geblieben und
glaube auch heute noch an das, was uns der Apostel sagt im 8. Verse des 7.
Kapitels seiner Epistel an die Korinter, wo da geschrieben steht, dass es besser
ist, wenn die Ledigen bleiben wie der Apostel, nämlich ebenfalls ledig und
unbeweibt - -«
    »Narrenspossen, nichts als Narrenspossen!« unterbrach hier der Doktor, »und
ausserdem vergessen Sie, Herr Professor, dass es im 9. Verse heisst: So sie aber
sich nicht entalten können, so lass sie freien. Es ist besser freien, denn - -«
    Der Professor seufzte tief auf - »Sie verlangen also in vollem Ernst, dass
ich mich verheirate?«
    »Das habe ich nicht gesagt.«
    »Aber Sie wollen ja, dass ich mich verliebe.«
    »Man kann lieben, ohne zu heiraten.«
    »Aber Herr Doktor, das wäre Sünde.«
    »Herr Professor, Sie sind von wahrhaft biblischer Unschuld.«
    »Und eine Sünde werde ich nie begehen.«
    »Herr Professor, es gibt nur eine Sünde, das ist die Sünde gegen das eigene
Fleisch.«
    »Nun, so will ich mit dem Apostel sündigen.«
    »Vielleicht war der Apostel aber nicht in so krankhaftem Zustande wie Sie,
Herr Professor.«
    »Wie meinen Sie das, Herr Doktor?«
    »Vielleicht konnte der Apostel seinem Verlangen widerstehen. Sie werden
darüber zugrunde gehn.«
    »Nun, es sei! Ich werde heiraten!«
    »In vierundzwanzig Stunden!«
    Die letzten Worte waren für den armen Professor ein neuer Donnerschlag. Er
taumelte rücklings in seinen Sessel und bedeckte das fahle Antlitz mit beiden
Händen. Der Doktor spielte gelassen mit seinem Hute.
    »Sie sind grausam, Doktor!« nahm endlich der Professor das Gespräch wieder
auf. »Ich soll in vierundzwanzig Stunden heiraten: das ist unmöglich!«
    »Beim Menschen ist nichts unmöglich!«
    »Ich kenne alle Kirchenväter, aber ich kenne kein einziges Weib.«
    »So lassen Sie die Kirchenväter laufen und lernen Sie die Weiber kennen!«
    »Ich will mich verbindlich machen, in vierundzwanzig Stunden eine neue
Sprache kennenzulernen, aber ein Weib lieben lernen - bedenken Sie, Herr
Doktor!«
    »Die Sprache der Liebe lernt man in fünf Minuten.«
    »Sie sind unerbittlich, Herr Doktor!«
    »Unerbittlich, Herr Professor!«
    »O Gott, errette mich von diesem Doktor!«
    Der Doktor wurde ungeduldig. Er schritt der Türe zu. »Tun Sie, was Sie
wollen, Herr Professor. Ich bin hierhergekommen, um für Ihren Leib zu sorgen,
nicht für Ihre Seele. Suchen Sie meine Ratschläge mit Ihrem Gewissen zu
vereinbaren, das ist Ihre Sache. - Ich gebe zu, dass es mit einigen
Schwierigkeiten verbunden ist, in vierundzwanzig Stunden ein ehelich Weib zu
finden, Hochzeit zu machen und so weiter - - aber es fällt mir im Traume nicht
ein, Sie zu diesem extremen Schritte zu treiben. Richten Sie die Sache anders
ein - Sie werden mich verstehen. - Ich stelle Ihnen einfach die beiden Chancen:
entweder eine Konzession Ihres Gewissens oder ein früher Tod. Wählen Sie
zwischen einem Gewissensmord und einem Selbstmord. Wählen Sie von zwei Sünden
eine: wählen Sie!«
    Von der Stirn des Professors perlte der Angstschweiss. Der Doktor machte
seine Auseinandersetzungen aber mit soviel Präzision und mit so unendlicher
Bonhomie, dass der geplagte Mann Gottes endlich langsam das Haupt erhob und nach
einigem Stottern und Erröten mit einer wahrhaft naiven Unerschrockenheit die
Frage wagte:
    »Aber, lieber Herr Doktor, wie würde man diese Mordgeschichte einzurichten
haben?«
    Hier konnte sich der Doktor nicht länger halten. Er lachte laut auf -
    »Teuerster Professor - -«
    »Allerdings, Herr Doktor! Sagen Sie mir aufrichtig, wie ich mich dabei
benehmen soll!«
    »Aktiv sollen Sie sich dabei benehmen!«
    »Aber bedenken Sie doch, dass ich durchaus Neuling in der Sünde bin!«
    »Tant mieux, Herr Professor.«
    »Tant pis, Herr Doktor!«
    Das Dilemma wollte kein Ende nehmen. Der Doktor sah ein, dass er seinem
Patienten zu Hilfe kommen musste.
    »Wenn Sie den alten Jesuiten Escobar gründlich studiert hätten, Herr
Professor, so würden alle weiteren Explikationen unnötig sein. Aber ich merke,
dass Sie von der verstocktesten Unschuld sind. Sie sind ein wahrer Sankt Aloisius
- doch trösten Sie sich! Morgen abend zwischen 7 und 8 Uhr wird jemand
vernehmlich an Ihrer Haustür schellen. Sie werden Ihre Hausbewohner, Ihren
Knecht und Ihre Mägde hinausgeschickt haben, und Sie werden gütigst selbst die
Türe öffnen. Sie werden die Türe behutsam öffnen, ohne allen Eklat, damit
niemand der Vorübergehenden etwas bemerkt, und Sie werden die liebenswürdige
Person, die Ihnen eine der interessantesten Visiten abstatten wird, ebenso artig
als zuvorkommend empfangen und sie ohne Umstände sofort in Ihr Studierzimmer
führen. Sie werden dort die Fenster verhängt und das Sofa von Bibeln und
Kirchenvätern gereinigt haben. Sie werden ein gehöriges Feuer im Ofen
unterhalten und für die geeignete Beleuchtung sorgen. Sie werden sich leicht und
komfortabel gekleidet haben, Sie werden ebenso höflich als zutraulich und
hingebend sein, kurz, Sie werden sich ganz den Freuden Ihres Besuches hingeben -
- nun Adieu, Herr Professor! Für den Rest werde ich sorgen. Adieu! Bedenken Sie,
dass Ihr Leben auf dem Spiele steht - -«
    Da war der Doktor verschwunden.
    Von der Angst, die der Professor nach dem Fortgehen des Doktors ausstand,
kann sich nur der eine richtige Idee machen, der überhaupt die Qualen eines
Gerechten zu würdigen versteht. Der gelehrte Herr war ausser sich. Zwanzigmal in
Zeit von zehn Minuten erlosch ihm die Pfeife. Vierzigmal rieb er die Stirn, und
achtzigmal sah er mit frommen Augen andächtig gen Himmel, innerlich flehend, dass
dieser Kelch der Freude an ihm vorübergehe. Vor allen Dingen suchte er nach
irgendeiner Entschuldigung für seine bevorstehende Sünde, denn das Wagnis seines
Lebens schien ihm ein keineswegs ausreichender Grund zu sein. Er schlug den
Irenaeus nach, den Augustinus, den Eusebius, den Lactantius, den Chrysostomus
und einige Dreissig andere Schweinslederbände, um nachzuforschen, ob denn nicht
irgendein Kirchenvater weiland in demselben Falle gewesen sei und ob nicht einer
von ihnen auch nur ein Wörtlein über diesen kitzlichen Punkt habe fallen lassen
- aber vergebens!
    Der Professor überzeugte sich davon, dass nie ein Heiliger der Art vom Teufel
versucht worden sei, und an allem verzweifelnd, warf er sich schliesslich auf das
Lager seiner Leiden, um schlimmer zu träumen als je vorher.
    Der kommende Tag brachte nur neue und immer wildere Seelenstürme für den
gelehrten Herrn, denn mit jedem Augenblicke rückte ja die Stunde näher, wo die
Schelle von unbekannter Hand gerührt und wo der Herr Professor den Beweis
ablegen sollte, dass er als Mann und Meisterstück aus der Hand des Schöpfers
hervorgegangen sei. Wir brauchen nicht zu versichern, dass der Herr Professor die
Vorschriften des Doktors genau befolgte. Schon um 2 Uhr nachmittags war das Haus
des Gelehrten wie ausgestorben. Die Schwester des Unglücklichen, die Mägde, der
Knecht: alle waren vertrieben. Die Seufzer, welche sich der Studierstube
entrangen, zeigten, dass nur ein einziges Wesen in dem verödeten Räume
zurückgeblieben sei.
    Es schlug 4 Uhr: der Herr Professor zitterte. Es schlug 5: der Herr
Professor trocknete den Schweiss von Stirn und Wangen. Es schlug 6: der Herr
Professor schnappte nach Luft. Es schlug 7: da tönte die Schelle der Haustür,
und der Gelehrte stürzte hinab. - -
    Lassen wir ihn stürzen.
    Meine Leser werden mir verzeihen, dass ich sie so lange mit dem alten
Professor ennuyiere. - Die Sage geht, dass der unglückliche Mann statt einer
reizenden Bajadere die bejahrte Freundin seiner Schwester umarmte - der Herr
Professor war mit Blindheit geschlagen; er versicherte, dass sein Leben auf dem
Spiel stehe; er hielt den Besuch, welcher der Schwester galt, für den Besuch,
den er erwartete, und die herzzerreissendste Szene entwickelte sich zwischen
Kirchenvater und Matrone, eine Szene, der Feder eines Swift, eines Sterne, eines
Smollet würdig - wert, von einem andern Hogart gezeichnet zu werden, zur Lust
aller kommenden Geschlechter.
    Herr von Schnapphahnski verlebte vor seiner ersten Unterredung mit der
Herzogin von S. einen ähnlichen Tag wie der Berliner Professor. Der Kirchenvater
umarmte statt einer Grazie: eine Matrone. Sehen wir, wie es dem edlen Ritter mit
der Herzogin erging.
 
                                      XIV
                                    Der Graf
Ich führe meine Leser in das geräumige Gemach eines alten schlesischen
Schlosses. Es ist Abend geworden. Der letzte Strahl des Tages bricht durch die
schweren seidenen Vorhänge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins, der
immer lustigere Streiflichter auf den grünen Teppich wirft, auf die kolossalen
Spiegel der »Wände und auf eine Reihe vornehm adliger Köpfe, die aus goldenen
Rahmen ernst und feierlich niedersehen.
    Die Luft des Gemaches ist duftig warm. Der Rauch der besten Havanna-Zigarren
zieht in blauen »Wölkchen vorüber, und auf dem Marmorgesims des Kamins dampft
Punsch und Grog aus kristallenen Gläsern. Zur Rechten und zur Linken des Feuers
bemerken wir in zwei grossen Sesseln zwei junge Männer, die Beine dem Feuer
behaglich entgegenstreckend.
    Der eine, den Ellenbogen in die Lehne des Sessels drückend, stützt den
schönen schwarzgelockten Kopf auf die schneeweisse Hand. Die Flammen des Kamins
spiegeln sich in seinem dunklen Auge. Er scheint in tiefes Sinnen versunken.
Minutenlang liegt er regungslos da; aber plötzlich fährt er zusammen, er
streicht die Locken von der Stirn, und die halberloschene Zigarre aufs neue an
die Lippen führend, lacht er und zeigt unter dem kohlschwarzen Schnurrbart eine
Perlenreihe der schönsten Zähne.
    Der zweite der jungen Raucher bildet den besten Kontrast zu dem ersteren. Er
ist lang, dünn, trocken, blondhaarig, mit kahler Glatze - eine etwas ruinierte
Erscheinung, die durch fashionable Manieren den frühen Verlust aller übrigen
körperlichen Reize wiedergutzumachen strebt. Der Blonde weiss sehr graziös zu
rauchen, aber nur selten greift er nach seinem Grog, den er, statt zu trinken,
wie aus Langerweile nachlässig in den Kamin schüttet. Mit einem ironischen
Lächeln blickt er auf den sinnenden Freund.
    »Trösten Sie sich«, beginnt endlich der Blonde, »trösten Sie sich, Ritter,
Sie werden die Herzogin jedenfalls noch heute abend zu Gesichte bekommen. Sie
werden eine geistreiche Dame kennenlernen.«
    Der Schwarzgelockte hebt sich langsam im Sessel empor: »Sagen Sie mir zum
zwanzigsten Male, Graf, glauben Sie wirklich, dass ich reüssieren werde?«
    »Das hängt einzig und allein von Ihnen ab: übrigens werde ich Sie nach
Kräften unterstützen -«
    »Ich schenke Ihnen meinen schönsten Hengst!«
    »Einen Hengst für eine Herzogin! Es tut mir nur leid, dass ich nicht mehr so
gut wie früher mit ihr stehe.«
    »Wieso, Graf?«
    »Ich sagte der Herzogin einst, dass ich aus reiner Sympatie eine kahle
Glatze trüge: und sehen Sie, das konnte sie mir nie vergessen.«
    »Armer Mann - -«
    »Ja wahrhaftig, hüten Sie sich davor, die leiblichen Schönheiten der
Herzogin näher zu besprechen. Loben Sie nur ja nicht ihre glänzenden schwarzen
Haare, ihre herrlichen Zähne oder ihren eleganten Wuchs - die Herzogin würde
dies für die abscheulichste Ironie halten, denn alles Lob fiele auf den
Perruquier zurück, auf den Zahnarzt und auf ähnliche nützliche Mitglieder der
menschlichen Gesellschaft.«
    »Aber was soll ich tun -?«
    »Ich setze voraus, dass Sie nicht von der Herzogin benutzt zu werden
wünschen, sondern dass Sie die Herzogin benutzen wollen?«
    »Allerdings!«
    »Sie müssen daher die Herzogin zu unterjochen suchen.«
    »Sehr richtig!«
    »Und es stehen Ihnen zwei Wege zu diesem Ziele offen.«
    »Welche?«
    »Entweder müssen Sie als Tyrann auftreten - oder als harmloser Schäfer. Das
eine Mal werden Sie durch Ihre Keckheit, durch Ihre Unverschämteit die
Eitelkeit der Herzogin in so barbarischer Weise aufstacheln, dass sie es sich zur
Ehrensache macht, Ihnen nur nach dem fürchterlichsten Kampfe das Feld zu räumen.
Ein wahres Gemetzel von Blicken, Worten, Ränken und Intrigen wird sich zwischen
Ihnen entwickeln. Sie werden, ohne die Eitelkeit der Herzogin zu verletzen, jede
ihrer Frechheiten durch eine eklatantere Bosheit zu überbieten wissen. Ihre List
werden Sie durch List umgehen, ihrer Lüge werden Sie durch noch grössere Lügen
imponieren, die Renommage mit ihren galantesten Sünden werden Sie durch die
Erzählung galanterer Abenteuer zu paralysieren suchen. Malt die Herzogin grau,
so malen Sie schwarz; malt sie rot, so malen Sie purpurrot, und ist es zuletzt
nicht mehr möglich, sie im Raffiniertsein zu überbieten, da schlagen Sie
plötzlich in das ganz Entgegengesetzte um und vernichten Ihre Gegnerin durch das
Einfache. Sie treiben die Herzogin bis auf den Chimborasso des Unerhörten und
lassen sie plötzlich in die Sahara des Allergewöhnlichsten fallen, und ich bin
gewiss, dass Sie zuletzt siegen, dass das raffinierte Alter der raffinierten Jugend
weichen muss, dass die Herzogin zum Rückzug bläst, ja, dass sie enttäuscht
zusammensinkt, dass sie ächzt und winselt - aber dann erst ist der Augenblick
gekommen, wo Sie Ihrem Feldzuge die Krone aufsetzen.
    Denn statt den Fuss siegend auf ihren Nacken zu setzen, verzichten Sie
plötzlich auf den Ruhm der gewonnenen Schlacht; statt zu triumphieren, machen
Sie Ihren Triumph zu dem Triumph der Herzogin: während sie Ihnen zu Füssen fallen
will, kommen Sie der Herzogin zuvor und fallen ihr zu Füssen, ein sentimentaler
Satan, ein verliebter Nero, so dass Sie Ihre fallende Gegnerin mit den Armen
auffangen und sie emporrichten, sie masslos erstaunend durch Ihre Überlegenheit
und zum Danke rührend durch Ihre unbeschreibliche Galanterie. Seien Sie
versichert, Ritter, durch ein solches Spiel werden Sie die Herzogin durchaus
gewinnen - sie wird alle Ihre Schulden bezahlen - -«
    »Und den andern Weg?« fragte der Ritter, indem er sich aufmerksamer
emporrichtete.
    »Nun, der ist bei weitem einfacher, vielleicht zu einfach, als dass Sie
sicher und gewiss damit zum Ziele kommen. Soweit ich Sie zu beurteilen verstehe,
werden Sie die Rolle eines Roués besser spielen können als die eines Gimpels;
die zweite Manier, die Herzogin zu erobern, besteht nämlich wie gesagt darin,
dass Sie eben als harmloser, unerfahrener Jüngling auftreten, um die Herzogin
durch Ihre Naivität zu besiegen, durch das Reizende einer unerhörten
Unbefangenheit, durch eine bis zum Exzess getriebene Heuchelei der
tugendhaftesten, uneigennützigsten Liebe. Sie wissen, in welcher Verlegenheit
sich die Herzogin befindet, wie sie alle Ressourcen des Vergnügens erschöpft
hat, wie sie längst von ihren erträglichsten Anbetern im Stich gelassen wurde -
- Sie wissen alles. Jede neue Aventüre würde ihr willkommen sein, aber
schwärmen, schwärmen wie früher würde sie nur für den, der den Frühling des
Lebens wieder in ihr Alter hineinzauberte, der durch die jugendlichste
Hingebung, wenn auch nicht das Reelle eines jugendlichen Umgangs, so doch
wenigstens die Erinnerung an die Lust der Vergangenheit bei ihr heraufbeschwöre,
um sie auf diese Weise das Durchlebte scheinbar aufs neue erleben zu lassen.
Brächten Sie diese Täuschung bei der Herzogin zuwege, so glaube ich, dass sie
wahnsinnig vor Freude würde. Die Herzogin würde nicht nur Ihre Schulden
bezahlen, nein, sie würde ihre Schlösser in Brand stecken und ihre Diamanten ins
Meer werfen, wenn Sie es wünschten: alles, alles würde sie Ihnen zu Gefallen tun
- wählen Sie, lieber Ritter!«
    »Ich wähle das letztere!« rief der Ritter, indem er das eben gefasste
Kristallglas zu tausend Scherben an die nächste Wand schleuderte und seinen
blonden Freund so stürmisch umarmte, dass der unglückliche Graf wie von dem Stich
einer Tarantel laut schreiend zusammenfuhr. »Ich wähle das letztere! Mein Plan
ist gefasst!«
    Arm in Arm wandelten Graf und Ritter über den Teppich des weiten Gemaches.
    Herr von Schnapphahnski - denn niemand anders war der schwarzgelockte Gast
des blonden Grafen - war jetzt in demselben Falle wie unser Berliner Professor:
es stand ihm etwas sehr Ausserordentliches bevor. Nichts hätte ihn mehr aufregen
können als das bevorstehende Zusammentreffen mit der Herzogin von S. Die bösen
Geister der Vergangenheit zankten sich in seinem Innern mit der Hoffnung eines
endlichen Triumphes. Alle Wunden, die ihm das Missgeschick in Berlin, in Wien, in
München und an zwanzig andern Orten schlug, sollte das Glück bei der Herzogin
wiedergutmachen. Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit fühlte er aufs neue alle
seine Muskeln und Nerven in fieberhafter Bewegung. Er war endlich wieder der
alte Schnapphahnski, er war wieder ein schöner Mann vom Scheitel bis zur Zehe,
doppelt schön, weil er etwas wagte - er glich einem Spieler, der nach tausend
Verlusten aus seiner Letargie erwacht und die letzte Goldrolle hohnlachend auf
den grünen Tisch wirft.
    »Machen Sie die Herzogin, ich werde den jugendlichen Verliebten spielen!«
rief der erfindungsreiche Ritter, indem er plötzlich im Gehen innehielt, den Arm
des Freundes fahren liess und sich mit der zierlichsten Verbeugung vor den Grafen
pflanzte. »Ich weiss nicht mehr recht, wie ich mich seinerzeit als brauner Husar
in O. in Schlesien betragen habe. Ich muss mich einmal darin üben. Damals war ich
wirklich ein harmloser Junge, ein schönes Kind, und alle alten Damen wollten
mich auf den Schoss nehmen mit Stiefeln und Sporen, um mich zu küssen. Wenn ich
vor der Herzogin nur halb so naiv erscheine wie einst vor der Gräfin S., da
haben wir gewonnenes Spiel, und ich versetze meiner Dulcinea in einem einzigen
Jahre die Hälfte ihrer Waldungen - alle meine Schafe werden entypoteziert.«
    Der Ritter riss die Decke von dem nächsten Tisch und hing sie nolens volens
über die Schulter des Grafen - Uhr und Vasen rollten auf den Boden.
    »Drapieren Sie Ihre Reize so hübsch als möglich mit diesem Lappen! Sie sind
die Herzogin, ich bin der sechzehnjährige Schnapphahnski!«
    Ritter und Graf standen einander gegenüber.
    »Gnädige Frau--«, begann der Ritter.
    »Ach, guten Tag, Herr Ritter!« erwiderte der Graf.
    »Gnädige Frau, in tiefer Demut beuge ich mich vor Ihrer weltistorischen
Persönlichkeit.«
    »Es freut mich von Herzen, Sie kennenzulernen, Herr Ritter - ich habe schon
viele lose Streiche von Ihnen gehört.«
    »Halten Sie die losen Streiche meiner Jugend zugut, aber seien Sie
versichert, gnädige Frau, dass ich nur dem Ideale entgegenstrebe, welches mir in
diesem wichtigen Momente vor Augen schwebt.«
    »Sie haben Ihre Laufbahn jedenfalls früh begonnen; schon als brauner Husar
in O. in Schlesien parodierten Sie die Iliade mit so viel Glück, dass die Bauern
des Gebirges bereits eine Sage aus Ihnen gemacht haben.«
    »Allerdings, gnädige Frau! Ich hatte gehört, dass Sie, kaum verheiratet,
schon den Kosaken hinten aufs Pferd sprangen - ich glaubte, in der Romantik
nicht hinter Ihnen zurückbleiben zu dürfen. Ihr Bild wollte nicht aus des
feurigen Knaben Gedächtnis.«
    »Und in Troppau hatten Sie dann Ihr famoses Duell: die Säbel schwirrten, und
der Ruf des jungen Helden verbreitete sich durch alle Lande.«
    »In demselben Lebensjahre war es, wo Sie sich, gnädige Frau, zum ersten Male
mit Ihrem Gemahl so eklatant brouillierten. Die Locken flogen, und die
Geschichte machte Furore in allen Pariser Salons.«
    »Und nach Berlin eilten Sie dann.«
    »Sie machten Ihre diplomatische Reise.«
    »Dass Sie unglücklich mit Carlotten waren, Herr Ritter, ich habe es nie
geglaubt.«
    »Und wenn Ihre Untergebenen oft seltsame Dinge erzählten, gnädige Frau, so
war es reine Verleumdung.« »Jedenfalls wurden Sie aus Berlin durch den Zorn der
Götter vertrieben -«
    »Und Ihnen wurde unter Karl X. der Hof untersagt.«
    »Aber Sie machten sich nichts daraus; Sie gingen nach Spanien, Lorbeeren zu
pflücken unter Don Carlos.«
    »Sie, gnädige Frau, reisten unter den interessantesten Umständen nach
Florenz, Ihren unschuldigen Gatten aufzusuchen, und schon nach wenigen Monaten
beschenkten Sie die Welt mit der lieblichsten Tochter -«
    »Verzeihen Sie, Herr Ritter- -«
    »Entschuldigen Sie, gnädige Frau - -«
    »Aber Sie werden anzüglich, Herr Ritter!«
    »Aber Sie werden verletzend, gnädige Frau!«
    »Ich glaubte, einen anspruchslosen Knaben in Ihnen zu
    finden -«
    Beide Freunde lachten laut auf und sanken einander in die Arme.
    »Wir sind aus der zweiten in die erste Rolle gefallen!« rief der Graf.
    »Aus der harmlosen in die maliziöse!« erwiderte der Ritter.
    Da wurde die Türe geöffnet. Man meldete die Ankunft der Herzogin von S.
 
                                       XV
                                   Der Baron
Der Graf hatte alles aufgeboten, um die Herzogin glänzend zu empfangen. Vor
allen Dingen hatte er für die Gesellschaft der hervorragendsten Häupter des
benachbarten Adels gesorgt, die entweder für einige Tage bei ihrem Wirte
verweilten oder am Abend von ihren Landsitzen zu der Wohnung des Grafen
hinübereilten, um sich dann erst spät in der Nacht wieder zu entfernen.
    Baron von ... war einer von den Gästen, die immer nur wenige Stunden
blieben. - Er war ein Fünfundvierziger und ein hoher, breitschultriger, robuster
Mann, mit braunem Schnurrbart und einem Backenbart, der in wilden Büscheln bis
hoch hinauf auf die Wangen wuchs. Nase, Füsse und Hände des Barons waren sehr
gewöhnlich; zwei grosse lebendige Augen verliehen ihm aber einiges Interesse. In
seinen Manieren war der Baron im höchsten Grade ungeschlacht; die geräumigsten
Zimmer waren zu klein für seine grotesken Bewegungen; er zerbrach bei jeder
Soiree einige Tassen, einen Stuhl oder irgendein anderes unschuldiges Möbel, so
dass seine Freunde ihn ein für allemal als den kostspieligsten Gast bezeichneten.
Im Gespräche war der Baron sehr verständlich; er führte die undiplomatischsten
Redensarten und drückte sich sogar sehr derb aus, wenn er in Eifer geriet.
Nichtsdestoweniger war er bei den Damen gern gesehn, denn der Baron war
jedenfalls eine zu ehrliche Erscheinung, als dass man ihm hätte zürnen sollen. Er
liess sich auch so willig von den jungen Komtessen an der Nase herumführen, dass
man ihm schon der komischen Szenen wegen, zu denen er Veranlassung gab, mit
Freuden alle Extravaganzen verzieh. Schrecklich blieb er freilich für die
meisten Damen durch den mehr als pikanten Duft des Pferdestalles, den er
fortwährend in seinen Kleidern trug. Die Röcke und Beinkleider des adligen Herrn
waren dergestalt von diesem durchdringenden Parfüm gesättigt, dass die Fürstin X.
einst ohnmächtig wurde, als sie den Baron näher beroch. Ein wahrer Kampf
entspann sich zwischen der Atmosphäre des Salons und der Atmosphäre des Stalls,
wenn der Baron zur Türe hineintrat, und Fürstin X. behauptete, sie glaube auch
jedesmal nichts anderes, als dass ein leibhaftiger vierfüssiger Hengst
hereinspaziere. Das Eigentümliche und Charakteristische des Barons hatte sich
aus seiner täglichen Beschäftigung, aus seinem stündlichen Umgang entwickelt.
Der Baron war nämlich nicht nur ein leidenschaftlicher und ausgezeichneter
Reiter, sondern er trieb auch in eigner Person den bedeutendsten Rosshandel.
Besonderes Vergnügen machte es ihm stets, von wahrhaft fabelhaften Gewinsten zu
erzählen, die er bei seinem Schacher realisiert zu haben meinte. Kein Rosskamm,
versicherte er, habe ihn je betrogen; er sei dagegen der Mann, der alle Welt
überliste, und halbtot wollte er sich oft über diesen und jenen Israeliten
lachen, den er bei dem letzten Geschäft hintergangen zu haben vorgab. Gut
unterrichtete Freunde wussten indes besser, wie es mit der Liebhaberei des Barons
aussah. Sie hatten meistens schon selbst davon profitiert und hüteten sich wohl,
ihren entusiastischen Bekannten in seinen Illusionen zu stören. Sie wussten, dass
der Baron nur der Lust des Kaufens und des Verkaufens wegen den Rosshandel trieb
und dass er sich wenig daraus machte, wenn die Summe seiner Verluste jährlich
einen nicht unbeträchtlichen Ausfall in seinen sonstigen Revenuen hervorbrachte.
Vor allen andern zeichnete sich der Baron als Mitglied eines Reitjagdklubs aus,
der nach englischem Muster bei dem schlesischen Adel seinerzeit viel Furore
machte. Dieser Klub existierte nur für den Adel und für wenige auserlesene
Bürgerliche; er sollte die Freuden des Reitens und der Jagd miteinander
verbinden, »um die preussische Jugend wieder zu stählen«.
    Dieses »Stählens« bedurfte der Baron freilich nicht, denn trotz mancher
Ausschweifungen mit den Landschönheiten seiner Umgebung führte er im ganzen ein
sehr regelmässiges Leben und konservierte seinen eisernen Körper. Er stand
morgens mit der Sonne auf und schlief deswegen auch abends im Salon, in der
besten Gesellschaft, oft laut schnarchend auf seinem Stuhle ein. In den von den
Landräten ausgeschriebenen Kreisversammlungen, die in Schlesien gewöhnlich aus
50 adligen Gutsbesitzern und aus nur 6 oder 8 bürgerlichen und bäuerlichen
Deputierten bestehen, fehlte der Baron selten. Noch pünktlicher fand er sich
indes auf den in allen benachbarten Orten regelmässig stattabenden Wochenmärkten
ein; nicht nur, um Pferdehandel zu treiben und als Schafzüchter seine Wolle an
den Mann zu bringen, sondern namentlich der Annehmlichkeit wegen, viele Leute
seines Gelichters beim Trunk oder Spiel zusammen anzutreffen. Diese Wochenmärkte
bildeten für den schlesischen Adel lange Zeit einen besuchteren Sammelplatz als
die gegen das Ende der dreissiger Jahre gestifteten Adelsreunionen, die zuerst
nach den Freiheitskriegen auftauchten, dann aber für einige Jahre wieder
verschwanden. Die Krone aller Vergnügungen war für den Baron der jährlich gleich
nach Pfingsten stattfindende grosse Wollmarkt in Breslau. Es ist hinlänglich
bekannt, dass der ganze schafzüchtende schlesische Adel um diese Zeit nach der
Hauptstadt der Provinz pilgert. Der Baron war von jeher einer der
hervorragendsten Besucher dieses Marktes. Er schlug bei solchen Gelegenheiten
mehr Geld tot als jeder andere, und es war ihm schon mehr als einmal passiert,
dass er eine gehörige Portion Schulden machte, statt einen Haufen Geldes für die
verkaufte Wolle mit nach Hause zurückzubringen. Ausser dem unvermeidlichen
Pferde- und Wollhandel trieb der Baron auch noch die Runkelrübenkultur und die
Schnapsbrennerei, so dass er also in seiner Person fast alle »nobeln Passionen«
des schlesischen Landadels vereinigte.
    Diesen robusten schafzüchtenden und schnapsbrennenden Edelmann finden wir
als bestes Pendant zu seinem Wirte, dem in Bädern und grossen Städten frühzeitig
zerrütteten und entnervten Grafen: in der Gesellschaft einer durch ihre
Liederlichkeit weltgeschichtlich gewordenen Herzogin v.S. und eines Ritters
Schnapphahnski. Der Baron legitimierte sich zu solchem Umgange durch seinen
uralten Adel und durch sein kolossales Vermögen.
    Wie meine Leser wissen, war die Herzogin bereits auf dem Landsitze des
Grafen angekommen. Zu ermüdet und zu ängstlich, sich gleich den Blicken vieler
ihr noch unbekannter Leute auszusetzen, hatte sie aber am ersten Abend ihre
Gemächer noch nicht verlassen wollen, so dass also Ritter Schnapphahnski abermals
24 Stunden in der peinlichsten Erwartung zubringen musste.
    Wie sie es stets in Schlössern tat, deren Einrichtung ihr noch nicht
geläufig war, hatte die Herzogin auch dieses Mal vor ihrem Erscheinen erst mit
dem Grafen in betreff der Beleuchtung des Salons Rücksprache genommen. Es war
dies einer der wichtigsten Punkte für die Herzogin. Sie befand sich nämlich in
der umgekehrten Lage wie weiland der selige Peter Schlemihl. Der arme Schlemihl
hatte keine Schattenseite; die arme Herzogin hatte deren zu viele. Wenn
Schlemihl daher seinen Freund Bendel voranschickte, um die Beleuchtung zu
arrangieren, dass ihn alle Lichter trafen, so befahl die Herzogin dem Grafen, die
Sache so einzurichten, dass sie möglicherweise von keinem getroffen werde. Der
Graf war in die Geheimnisse der herzoglichen Toilette eingeweiht, und er leitete
denn auch alles in so umfassender Weise, dass die Konstellation der Lampen am
nächsten Abend die günstigste werden musste.
    Von der Nacht, die der Ritter und die Herzogin vor ihrem ersten
Zusammentreffen zubrachten, kann man sich leicht eine Idee machen. Während ihre
Körper noch durch kalte Mauern getrennt waren, schlangen sich ihre Seelen schon
ineinander und führten jenen lustigen Tanz der Träume auf, jenen Elfentanz der
Gedanken, den alle Liebenden kennen.
    Oh, das ist der Teufel, dass wir von dem Ziele unserer Wünsche oft nur durch
eine Mauer getrennt sind, durch eine Bretterwand, durch einen Vorhang. Wir hören
ihn seufzen und lachen und husten und singen: den Gegenstand unserer Verehrung.
Aber die Mauer steht wie eine Mauer vor unserm Glück; die Welt unserer Sehnsucht
ist mit Brettern vernagelt, und der Vorhang bleibt verhängt. Während die Dame
unsers Herzens vielleicht von uns träumt und gebrochenen Lautes die seltsamsten
Worte murmelt und mit den nackten kleinen Füssen in des Bettes Linnen wühlt und
die weissen Arme emporstreckt, um ihren Traum zu ergreifen und ihn festzuhalten
und an die Brust zu drücken mit Tränen und Küssen - ja, während unser ganzes
Sein aufgeht in dem ihrigen: müssen wir vielleicht mit kalten Beinen bei einer
Tasse schwarzen Kaffees sitzen, um über eine Zivilklage nachzudenken, über ein
philosophisches Problem oder dergleichen Lappalien.
    Aber alles das liegt an der schlechten Bauart unserer Häuser und an der
schlechten Bauart unserer schlechten Gesellschaft. Wie in Menagerien leben wir
in Käfigen und in Vogelbauern. Die Löwen verlernen das Brüllen, die Adler das
Fliegen und die Nachtigallen das Singen. Unser halbes Leben verstreicht mit
nichtsnutziger Arbeit, bei unbefriedigter Sehnsucht. Aus Titanen werden
Philister und aus himmlischen Huris: hysterische alte Jungfern. Zu erbärmlichen,
rücksichtsvollen Pedanten hat uns die gute Sitte gemacht, zu rechten Geizhälsen,
die ihre Schätze so lange konservieren, bis sie rostig und schimmelig sind. Wir
faseln wie der König Salomo, als er siebzig Jahr war, und meinen wir, etwas
Neues gesagt oder getan zu haben, da war es doch nur altes, abgetakeltes Zeug,
was die Griechen schon besser sagten und taten als wir, was längst im Homeros
steht, zugänglich für jeden Tertianer.
    Ach, nach Kaffee riechen wir, nach Wolle, nach alten Büchern und nach
schmutzigen Akten - nur nicht nach Menschen! Schöne Kerls sind wir. Wenn die
alten Götter noch leben, so werden sie sich hübsch über uns mokieren, dass wir
mit all unserm Scharfsinn, mit unserer immensen Klugheit doch nur so züchtige
Krämer geworden sind, so zahme Tagelöhner. Trone werfen wir um und jagen die
armen Könige übers Meer, aber unsern sittsamen Zopf, den Rattenschwanz des
Aberwitzes, behalten wir im Nacken. Möchte uns das Schicksal daran erhängen!
    Oh, es ist Zeit, dass ihr die Mauern einrennt und die Bretterwände zerschlagt
und die Vorhänge zerreisst. Wie die Kinder sollt ihr wieder werden - die Kinder
nennen sich du und du und betrügen sich selten und lachen miteinander und weinen
und küssen sich und schlafen sorglos in einem Bette, und die Kinder sind die
einzigen vernünftigen Menschen auf Erden.
 
                                      XVI
                            Der Baron und der Ritter
»Nicht wahr, Baron, Sie kennen die Herzogin?« fragte der Ritter Schnapphahnski.
    »Die Babylonierin meinen Sie?« erwiderte der pferdekundige Edelmann.
    »Nun, die Herzogin von S.!«
    »Allerdings kenne ich sie. Ich verkaufte ihr einst zwei Schimmel für 90
Friedrichsdor - zwei Schimmel, sage ich Ihnen, wie zwei Engel; zwei Gäule, die
ich liebte, die ich vergötterte. Wenn ich an diese zwei Schimmel denke, da werde
ich weich, da kommen mir die Tränen in die Augen. Und nur 90 Friedrichsdor - oh,
es war entsetzlich!«
    »Aber weshalb verkauften Sie so billig?«
    »Weil ich die armen Tiere total zuschanden gefahren hatte; weil sie keinen
Schuss Pulver mehr wert waren.«
    »Aber, beim Teufel, da bezahlte die Herzogin noch teuer genug!«
    »Allerdings, Ritter! Aber wer konnte mir meinen Kummer um die armen Tiere
bezahlen? Wer bezahlte mir meinen Schmerz, dass ich die herrlichen Gäule so früh
ruinierte?«
    »Sie sind sehr naiv, Herr Baron!«
    »Ich bin ein Edelmann, Ritter. Seit ich der Herzogin die Schimmel verkaufte,
machten wir keine Geschäfte mehr miteinander. Vergebens bot ich ihr das
Auserlesenste meines Stalles an. Schecken zum Küssen, Füchse zum Umarmen, Rappen
zum Anbeten - die Herzogin wollte sich auf nichts einlassen. Sie berief sich
immer auf die Schimmel; von neuem riss sie stets die kaum vernarbte Wunde meines
Kummers auf.«
    »Aber ich finde, dass die Herzogin alle Ursache dazu hatte.«
    »Ganz natürlich, Ritter; aber als galante Dame hatte sie ebensosehr Ursache,
die Geschichte nie wieder zu berühren, nie wieder an die Schimmel zu denken und
mir mein Unrecht ein für allemal zu verzeihen. Wenn ich mir als leichtsinniger
Mann in meiner Betrübnis das Vergnügen machte, die Herzogin für lumpige 90
Friedrichsdor hineinzureiten, da musste sie sich als geniale Frau das Vergnügen
machen, mir diesen Trost zu gönnen - jedenfalls ist dies logisch - -«
    »Die Logik des Pferdehandels.«
    »Übrigens werde ich mich mit der Herzogin aussöhnen. Ich werde ihr täglich
den Hof machen; denn ich verehre die Herzogin, ich verehre das Gespann, mit dem
sie gestern abend heranfuhr, und ich werde ihr den höchsten Preis dafür bieten,
den je ein Standesherr geboten hat.«
    »Ist dies Gespann vielleicht ebenfalls zuschanden gejagt?«
    »Ich bitte sehr um Verzeihung: nicht im geringsten! Vier Gäule, die
ihresgleichen suchen - -«
    »Aber wenn die Herzogin nicht verkaufen will?«
    »Nun, da werde ich tun, als ob ich halb verrückt würde.«
    »Und hilft auch das nichts?«
    »Da werde ich mich totzuschiessen drohen.«
    »Und kommen Sie noch immer nicht zum Ziel?«
    »Nun, da werde ich bis zum Äussersten gehen, ich werde der Herzogin zu Füssen
fallen, ich werde ihre Knie umfassen, ich werde ihr eine - Liebeserklärung
machen.«
    Herr von Schnapphahnski taumelte drei Schritte zurück, als ob er plötzlich
in der Person des Barons einen der gefährlichsten Konkurrenten sähe.
    »Eine Liebeserklärung -?« erwiderte er endlich mit besonderem Nachdruck.
    »Allerdings, lieber Ritter, denn ich kann nicht länger leben ohne die vier
Hengste der Herzogin.«
    »Aber wissen Sie auch, dass die Herzogin fast sechzig Jahre alt ist?«
    »Ich weiss, dass ihre Hengste die schönsten auf der Welt sind.«
    »Wissen Sie, dass die Herzogin falsche Waden trägt, falsche Zähne, falsche
Haare?«
    »Ich weiss, dass ihre Hengste echte Schweife, echte Mähnen und echte Hufe
haben.«
    »Wissen Sie, dass Sie sich vor der ganzen Welt lächerrlich machen werden?«
    »Ich weiss, dass ihre Hengste Stück für Stück hundert Pistolen wert sind.«
    »Wissen Sie, dass es ein Verrat an Ihrer Jugend sein würde, wenn Sie sich mit
einer so alten Person einliessen?«
    »Ich weiss, dass die Hengste der Herzogin meinen Stall ungemein zieren würden
-« Doch der Baron lachte plötzlich laut auf:
    »Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen, lieber Ritter. Es freut mich, dass
wir einerlei Meinung über die Herzogin sind. Man sagte mir gestern, dass Sie
wirklich mit ernstlichen Absichten auf die Herzogin losrückten. Ich konnte mir
dies nicht denken. Nach dem, was Sie mir eben von der Herzogin sagen, ist es
unmöglich. Nicht wahr, Herr Ritter, die Herzogin ist eine alte Runkelrübe?« -
Herr von Schnapphahnski biss sich die Lippen. - »Eine alte Runkelrübe, die einst
der Berggeist Rübezahl in ein Weib verwandelte?« - Herr von Schnapphahnski
blickte verschämt zu Boden. - »Ein junger Mann wie Sie, sich in eine alte
Runkelrübe verlieben - ich wusste es gleich, es war reine Verleumdung!« - Es
wurde Herrn von Schnapphahnski sehr unheimlich zumute.
    »Aber lassen Sie die Herzogin«, erwiderte er endlich.
    »Verzeihen Sie, Herr Ritter, Sie selbst haben die Herzogin aufs Tapet
gebracht!«
    »Jedenfalls ist die Herzogin eine geistreiche Dame!«
    »Eine geistreiche Runkelrübe!«
    »Sie ist eine berühmte Frau.«
    »Eine berühmte Runkelrübe.«
    »Herr Baron, ich verstehe Sie nicht.«
    »Aber ich verstehe mich auf diese Runkelrübe.«
    »Sie scheinen sich über mich lustig zu machen.«
    »Ich mache mich lustig über die Runkelrübe.«
    »Herr Baron, ich muss Ihre Redensarten als eine Provokation ansehen!«
    Der Baron sah den Ritter erstaunt an.
    »Also Sie interessieren sich dennoch für die Herzogin -?« - Herr von
Schnapphahnski sah, dass er besiegt war. - »Beruhigen Sie sich«, fuhr der Baron
fort, »ich werde ganz in Ihrem Interesse arbeiten - aber als Gegendienst müssen
Sie so gut sein und der Herzogin versichern, dass ihre vier Gäule den - Spat
haben - -« Der Ritter nickte beifällig, und der Handel war geschlossen.
 
                                      XVII
                          Der Ritter und die Herzogin
Der Ritter stand vor der Herzogin, und zierlich bog er sich hinab, ihre Hand zu
küssen. Der Handkuss ist die beste Ouvertüre zu dem Gespräch mit einer Dame. Die
Adligen kultivieren den Handkuss - wir Bürgerlichen höchstens die Kusshand. Die
Adligen haben den Handkuss vor uns voraus; es gibt nichts Passenderes und
Graziöseres, als einer schönen Dame passend und graziös die Hand zu küssen.
Während sich die Dame majestätisch emporrichtet und den Kopf in den seligen
Nacken wirft, dass die kohlschwarzen Locken wie verliebte Schlangen um den
alabasternen Hals flattern: beugt der Ritter seinen untertänigen Rücken und
drückt den Kuss auf die zierliche, souveräne Rechte, höfliche Grüsse winselnd,
süsse Beteuerungen und galante Lügen. Gibt es etwas Liebenswürdigeres als den
Handkuss? Wenn man mit der Hand anfängt, wer weiss, wo man aufhört!
    Als Ritter Schnapphahnski der Herzogin Hand geküsst hatte, hob er sich
langsam empor und liess die erwartungsvolle Dame in ein Antlitz schauen, auf dem
der Reiz der jugendlichsten Schüchternheit sich so geschickt mit der Frivolität
der Erfahrung zu vereinigen wusste, dass der Herzogin unwillkürlich ein Seufzer
entfuhr, ein Seufzer, wie sie ihn lange nicht geseufzt hatte, einer jener
Seufzer, für die man gern eine Million gibt, für die man sich in Fetzen schiessen
lässt, für die man tausend Eide schwört, aber auch tausend Eide bricht!
    Aus ihren besten Zeiten hatte sich die Herzogin diesen Seufzer aufbewahrt.
Herr von Schnapphahnski erschrak ordentlich, dass die Herzogin noch so natürlich
seufzen könne, und schnell die Hand aufs Herz legend, fragte er in so naivem
Tone als nur irgend möglich: »Gilt dieser Seufzer Ihnen oder mir, gnädige Frau?
Ihnen kann er unmöglich gelten, denn in heiterer Hoheit sehe ich Sie vor mir
tronen, erhaben über allen Seufzern, über jenen Lauten des Schmerzes und der
Sehnsucht, die nur mir gehören - ja, gnädige Frau, Ihr Seufzer gehörte mir, er
war mein Seufzer, er war die Huldigung, mit der ich Ihnen nahte, mit der ich
mich über die Seufzerbrücke des Lebens zu Ihnen hinüberrettete!«
    »Jedenfalls weiss dieser Schnapphahnski seine Phrasen abscheulich zu
verdrechseln«, sagte der Baron, indem er den Grafen mehr in die Tiefe des
Gemaches zog. Doch der Ritter war bereits im besten Zuge: »Am ersten Tage«, fuhr
er fort, »lachte Gott und machte das Licht; am zweiten wurde er noch heiterer
und schuf den Himmel. Am dritten Tage wurde er ernst und trocken und schuf die
trockne solide Erde; doch am vierten wurde er phantastisch und erfand den Mond
und die Sterne, und am fünften wandelte ihn endlich der Humor an, und er
erschuf, was sich regt in den Höhn und den Tiefen - am sechsten Tage seufzte er
aber und erfand den Menschen, er erfand die Liebe, und seit Jahrtausenden weht
nun dieser Schöpfungsseufzer des sechsten Tages durch die Herzen aller
Erschaffenen, einem ewigen Echo gleich, das von einer Seele zu der andern
widertönt, immer neue Töne schaffend, Töne der Freude und Töne des Schmerzes,
harmonische und herzzerreissende.«
    »Es ist schade, dass der Ritter kein Pastor wurde«, murmelte der Baron in das
Ohr des Grafen. »Sehn Sie nur, wie er gestikuliert: wie ein verrückt gewordener
Telegraf! Hat man je etwas Tolleres erlebt?«
    Die Herzogin hatte sich indes aufmerksamer emporgerichtet. Sie warf den
roten Kaschmirschal in geheimnisvollere Falten, und dem Ritter das adlige Profil
zeigend, den Handschuh der zierlichen Hand und den kleinen Fuss, erwiderte sie
mit freundlichem Lächeln? »Aber, in der Tat, Herr Ritter, Sie führen eine wahre
Seufzerkonversation; Sie müssen entsetzlich unglücklich sein -«
    »Entsetzlich! gnädige Frau -«
    »Aber geistreiche Leute sollten nie unglücklich sein; wenigstens sollten sie
nie so sehr an ihrem Glück verzweifeln, dass sie sich länger als einen Tag lang
ärgerten oder ennuyierten. - Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Ritter, sind Sie
seit gestern unglücklich oder seit heute?«
    »Seit zehn Minuten, gnädige Frau!« Der Ritter faltete die Hände und sah die
Herzogin mit schwärmerischen Augen an. Die Herzogin hätte tausend Louisdor darum
gegeben, wenn es ihr möglich gewesen wäre, in diesem Augenblick leise zu
erröten.
    »Sehn Sie nur, wie er wedelt und scharwenzelt«, murmelte der Graf. - »Wie
ein junger Hund vor einer alten Katze«, erwiderte der Baron. - »Ich hätte ihn
nie für einen so grossen Komödianten gehalten.« - »Er hat sich zehn Jahre lang
jeden Tag vor dem Spiegel im Gestikulieren geübt.« - »Es ist gar kein Zweifel
mehr, dass er die Herzogin erobert.« - »Gott sei gedankt, so erobere ich die vier
Hengste!« - Graf und Baron zogen sich etwas zurück, und unser Schnapphahnski
fuhr fort, seine Liebesleiden so rührend zu entwickeln wie noch nie ein Ritter
vor ihm.
    Mit jeder Sekunde wurde seine Beredsamkeit blumenreicher und ergreifender;
seine Worte galoppierten wie geflügelte Rosse über die Hindernisse der
kitzlichsten aller Unterredungen. Wie ein Dichter in dem windstillen Raume
seines Studierzimmers sich so lebhaft in den fürchterlichsten Sturm auf offener
See versetzen kann, dass er während der Schilderung desselben unwillkürlich nach
dem Kopfe greift, um den Hut festzuhalten, so wusste Herr von Schnapphahnski in
der Nähe einer fast sechzigjährigen Dame derart die Gegenwart eines blutjungen
unschuldigen Kindes heraufzubeschwören, dass er wahre Wunder der Naivität beging
und die Herzogin unwillkürlich in den Strudel der süssesten Liebesraserei mit
sich fortriss.
    »Unglücklich bin ich«, rief der Ritter, »unglücklich geworden seit zehn
Minuten, weil ich noch daran verzweifeln muss, ob ich je wieder glücklich werde.
Eine Rose fand ich - darf ich sie brechen? Eine Perle fand ich - darf ich sie an
meine Brust drücken?« -
    Ähnliche Phrasen entschlüpften dem Ritter zu Dutzenden. Die Herzogin gestand
sich, dass sie schon viel dummes Zeug im Leben gehört habe, gewiss aber nicht so
viele verliebte Schnörkel, wie sie der Ritter in Zeit von einer halben Stunde
produzierte.
    »Reisen Sie, Ritter! Suchen Sie Trost und Zerstreuung auf Reisen -«
    »Gnädige Frau, verstossen Sie mich nicht.«
    »Jagen Sie, Ritter! Suchen Sie Zerstreuung auf der Jagd -«
    »Gnädige Frau, verjagen Sie mich nicht.«
    »Treiben Sie Künste und Wissenschaften, Ritter, zerstreuen Sie sich!«
    »Lassen Sie mich das nicht in der Kunst suchen, was ich im Leben vor mir
habe -«
    So dauerte die Unterredung fort, und immer schwärmerischer schaute der
Ritter auf die Dame, und immer entzückter blickte die Dame auf den Ritter.
    Doch ich kann von meinen Freunden nicht erwarten, dass sie die Liebesduselei
zweier alter Sünder bis zu Ende lesen sollen. Das Geschwätz zweier Liebenden ist
unter allen Umständen langweilig, und wenn auch eine Konversation wie die der
Herzogin und des Ritters schon ihrer Heuchelei wegen interessanter ist als eine
wirkliche, aufrichtige, jugendliche Aventüre, so bleiben die mehr oder weniger
abgedroschenen Phrasen doch immer dieselben. »Der süsse Gram« und die »holde Not«
machen sich in schlecht stilisierten Briefen und in erbärmlichen Redefloskeln
Luft, und die Faseleien der Liebe sind unerträglich. Erst da wird die Liebe
interessant, wo sie rein sinnlich auftritt. Die sinnlichen Engel auf Erden sind
ganz leidliche und interessante Geschöpfe, aber die geschlechtslosen Engel im
Himmel wollen wir dem lieben Gotte überlassen.
    Alle Leute, heisst es in unsern Manuskripten, die seinerzeit auf dem Schloss
des Grafen anwesend waren und die Manöver des Ritters der Herzogin gegenüber zu
beobachten Gelegenheit hatten, meinten vor Lachen zu sterben. Der Ritter betrug
sich wie der sentimentalste Affe, und er führte diese Rolle mit einer solchen
Konsequenz durch, dass die Herzogin sich immer mehr täuschen liess und
wunderbarerweise zuletzt gar nicht mehr daran zweifelte, dass der Ritter ihr mit
demselben Verlangen entgegeneile, wie sie sich zu ihm hinübersehnte. Die
Herzogin gestand sich, dass sie noch nie so geliebt worden sei. Alle ihre
Jugendträume kehrten wieder; alles, was sie genossen, wurde aufs neue bei ihr
lebendig. Sie glaubte sich in jene Tage zurückversetzt, wo einst die Blüte der
französischen Jugend zu ihren Füssen lag, und in der Gestalt unseres Ritters
erschienen ihr alle Männer, von denen sie Liebes erfuhr. Dem Ritter war es
gelungen, was ihm der Graf als die schwierigste Aufgabe geschildert hatte. Es
war ihm gelungen, die Jugend der Herzogin in ihr Alter zurückzuzaubern.
    Als der Ritter aber soweit gelangt war, da kannte die Dankbarkeit der
Herzogin keine Grenzen mehr. Wäre es Schnapphahnskis Wunsch gewesen: sie hätte
wirklich mit Freuden ihre Schlösser in Brand gesteckt und ihre Demanten ins Meer
geschleudert. Diese Dankbarkeit der alten, unverwüstlichen Dame soll etwas
Rührendes gehabt haben. In dem abscheulichen Gewirr der Lügen, der Heuchelei,
der widerwärtigsten Eitelkeit und der schamlosesten Intrigen tauchte diese
Dankbarkeit, dem geschmolzenen Gold in seinen Schlacken ähnlich, als das einzig
erquickliche Gefühl auf und versöhnte gewissermassen das Bizarre und
Ekelerregende des ganzen Umgangs.
    Auf unsern Ritter wirkte dies zurück. Zum ersten Male in seinem Leben
schämte er sich. Er hatte zu sehr gesiegt, um sich nicht zu schämen. Aus der
ersten, unnatürlichen Annäherung wurde ein jahrelanges, zärtliches Verhältnis.
    Nach dem Besuch auf dem Landsitze des Grafen kehrte damals die Herzogin nach
ihrem Schloss zurück, und es verstand sich von selbst, dass sie unsern Ritter
mitnahm. Es erfolgte nun ein Zusammenleben, dass man unmöglich hinlänglich
beschreiben kann. Ein griechischer Kultus wird eingerichtet; die Herzogin lässt
die Badegrotte mit asiatischem Luxus neu möblieren, und hier weilen die
Liebenden halbe Tage lang.
                             Odysseus und Kalypso.
»Also geschah's; da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. Beide gingen zur
Kammer der schöngewölbten Grotte und genossen der Lieb und ruheten
nebeneinander.«
Todmüde und nach Luft schnappend, zieht sich der Ritter endlich nach seinem Gute
zurück. Aber hierhin folgt ihm die Schöne, voll ungestillten Verlangens, in
Mannskleidern - - -
    Gross wie der Dienst war auch schliesslich der Lohn. Auf einen Schlag erhält
der Ritter 200000 Taler.
 
                                     XVIII
                                  Das Resultat
Komisch würde es sich ausnehmen, wenn man auf unsern heutigen Bühnen bei hellem,
lichtem Tage Teater spielen wollte. Unter der ganzen gemalten Herrlichkeit
würde das Eselsohr der Wirklichkeit hervorschauen. Blumen und Bäume würden ihren
Glanz verlieren, und Salons und prächtige Hallen würden zu wahren Ställen und
schofeln Korridoren hinabsinken. Auch die Künstler würden sich ganz anders
ausnehmen. Unter einem Almaviva würde man trotz der besten Maske den Herrn Meyer
erkennen, Marquis Posa käme als Herr Fischer zum Vorschein, und so würde man
einen jeden an seinen Blatternarben erkennen, an seinem schlechten Schnurrbart
oder an irgendeiner andern Vernachlässigung der Schöpfung, und der Herr Direktor
würde bald vergebens sein Haus zu füllen suchen.
    Wie es dem Direktor mit dem Teater geht, so ging es mir mit der Herzogin
von S. Meine letzten Schilderungen würden ebenfalls hübscher geworden sein, wenn
ich sie bei Lampenlicht hätte geben können. Aber nur in trocknen Worten, bei
unzweifelhaftem Tageslichte musste ich die Schönheiten jener hohen Dame
zergliedern; da half kein Bitten und kein Flehen, die Sache wollte nun einmal
beschrieben sein, so oder so, jedenfalls aber gemäss der Wahrheit, und leider
musste ich gehorchen. Meine Leser werden bemerkt haben, dass dies nur mit grossem
Widerstreben geschah, ich zog die Sache soviel wie möglich in die Länge und
würde mich durch das Zwischenschieben anderer, fremdartiger Geschichten wohl
noch länger dagegen gesträubt haben, wenn mich mein Gewissen nicht daran
erinnert hätte, dass es besser sei, lieber um kein Haar breit von meinem Texte
abzuweichen und allein der Wahrheit die Ehre zu geben.
    Ich blieb bei der Wahrheit, und ich war deshalb zehnmal weniger interessant,
als wenn ich die Göttin der Lüge umarmt hätte. Wahrheit und Lüge! Die Göttin der
Wahrheit ist wie ein sechs Fuss hohes Mädchen mit blonden Haaren und mit kaltem,
aber schneeweissem Teint. Aus zwei grossen blauen Augen, die wie zwei Himmel in
ruhig heiterer Herrlichkeit zu dir niederlächeln, schaut dich die Seele der
reinen, keuschen Göttin so unbefangen und doch so feierlich an, dass du nur
schüchtern zu nahen wagst, um ihr höchstens die Stirn zu küssen, die hohe
olympische Stirn, und dann eines Befehles zu harren in banger Unterwürfigkeit,
den langen, lieben, langweiligen Tag. Es geht uns mit der Wahrheit wie Cupido
mit den sämtlichen Musen. Ich entsinne mich nämlich, gelesen zu haben, sagt
Meister Alcofribas, dass einst Cupido, den seine Mutter Venus frug, warum er
nicht die Musen anfiel, zur Antwort gab, er fände sie so schön, rein, ehrbar,
sittsam und stets beschäftigt, die eine mit Betrachtung der Sterne, die andere
mit Berechnung der Zahlen, die dritte mit geometrischen Massen, die vierte mit
rednerischer Erfindung, die fünfte mit poetischen Künsten, die sechste mit
Musikbesetzung usw., dass er, wenn er zu ihnen käme, seinen Bogen abspannte, den
Köcher zuschlöss und die Fackel verlöschte, aus Scham und Scheu, ihnen weh zu
tun. Auch nähme er sich die Binde von den Augen, sie offenen Angesichts zu
schauen, ihre artigen Lieder und Oden zu hören: dies wäre ihm die grösste Lust
der Welt, so dass er sich öfters schier verzückt fühle in ihrer Anmut und
Lieblichkeit, ja in der Harmonie entschliefe, geschweige dass er sie überfallen
oder von ihren Studien sollte abziehen. - So geht es uns denn auch mit der
Wahrheit.
    Oh, wie anders ist es mit der Lüge! Die Göttin der Lüge oder der Phantasie,
wenn ihr sie lieber so nennen wollt, ist nicht wie die der Wahrheit ihre sechs
Fuss hoch; sie trägt auch keine blonden Haare - nein, eine kleine schwarz- oder
braungelockte Person ist sie, südlich dunkler Gesichtsfarbe, mit schelmischem
Rosenmund und so verführerisch zierlich an Taille, Händen und Füssen, dass man
wirklich gleich auf allerlei Irrwege geraten würde, wenn die beiden feurigen
Augen der Kleinen nicht so sehnsüchtig verlangten, dass man sich taumelnd in
ihnen verlöre wie eine Mücke im flammenden Lichte. Ruhig nicht und ernst ist die
reizende Göttin, nein, sie ist lebendig, beweglich; sie tanzt und singt und
schmückt ihre Locken mit lustigen Blumen, lachend und weinend, wie es ihr gerade
einfällt, und immer bleibt sie graziös. Der Wahrheit musst du huldigen wie einer
Königin, und was sie dir gibt, das gibt sie dir aus Gnade. Nicht so die
Phantasie. Statt ihr nachzulaufen, läuft sie mitunter dir nach, und bist du ein
hübscher Junge, da besucht sie dich in den Nächten des Frühlings und schlingt
ihre weichen Arme um deinen Nacken und küsst dich, und am Morgen wachst du
verwundert auf. Die nackte Wahrheit ist eine englische Ehefrau; die schöne Lüge
eine französische Grisette.
    Doch zurück zu Schnapphahnski!
    Es war die höchste Zeit, dass unser Ritter in seinen Unternehmungen
reüssierte; er siegte noch gerade zur rechten Zeit über die Herzogin; ihre
Grossmut konnte ihn noch retten. Die bedeutenden Besitzungen der
Schnapphahnskischen Familie im östreichischen Schlesien sollten nämlich
öffentlich verkauft werden, da der Ritter nicht mehr imstande war, sie zu
halten. Schon war der Versteigerungstermin bestimmt, und ein Bevollmächtigter
des K. von H. präsentierte sich, um die enorme Besitzung zu erstehen. Da trat
jene Wendung in dem Leben unseres Ritters ein ... Die Herzogin von S. schwärmte
für Schnapphahnski, und kein Opfer war ihr zu gross, um dem unglücklichen Manne
zu helfen. Durch ihren Einfluss wusste sie es dahin zu bringen, dass der K. von H.
seinen Bevollmächtigten zurückzog und die Idee des Kaufes fahren liess. - Andere
Bieter waren bei der ungemeinen Beträchtlichkeit der Herrschaft nicht zu
fürchten und nicht vorhanden, und die Herzogin gab dann dem Ritter 200.000
Taler, damit er die ganze Geschichte halten konnte. Hiermit nicht zufrieden,
veranlasste der Ritter seine Gönnerin ausserdem noch, nach und nach die
Hypoteken, welche auf den andern Gütern lasteten, abzulösen und so mit seinen
bedeutendsten Schulden tabula rasa zu machen - unser Freund war einer der
Glücklichsten unter der Sonne.
    Ihr erinnert euch jener Sage von einem verwünschten Schloss? Disteln und
Dornen waren hoch um die alten Mauern gewachsen und bildeten mit den
efeuberankten Bäumen des Waldes einen undurchdringlichen Kranz, der die ganze
Feste einschloss. Totenstille herrschte in dem prächtigen Raume. Auf dem Hofe
schlummerten Hunde und Katzen; regungslos standen im Stalle die edlen Rosse,
eben noch bedient von rüstigen Knechten, die plötzlich bei der Arbeit
eingeschlafen waren und mit halb geschlossenen Augen träumerisch an den Krippen
lehnten.
    In der Küche nickten Koch und Küchenjunge, und da und dort sassen die andern
Dienstboten, alle wie vom Schlage gerührt. In den Hallen des Saales ruhten aber
auf weichen Polstern: Herren und Damen, beim Bankett vom Schlafe überrascht, die
Becher noch in Händen, mit gesenkten Häuptern.
    Kurz, alle lebenden Wesen des Schlosses, von den Helden des Saales an bis zu
der Fliege an der Wand, waren behext und vom Zauber berückt, und schlafen würden
sie vielleicht noch heute, wenn sich nicht einst ein jugendlicher Ritter mit dem
Schwerte Bahn durch die Disteln und Dornen geschlagen hätte und keck hinein in
den verwünschten Raum gedrungen wäre.
    Er sah sich verwundert um, und er begriff, dass dieser Zauber nur auf ganz
eigentümliche Weise gelöst werden könne. Wochenlang hätte er die Herren und die
Diener rütteln und schütteln können: sie würden doch nicht wach geworden sein.
Er schritt daher die Wendeltreppe des Turmes hinauf, und als er hoch oben in ein
kleines Gemach trat, da fand er auf weiche Kissen hingegossen: die schönste
Jungfrau. Die Locken ruhten neben dem lieblichen Köpfchen, und die Lippen
leuchteten in rosiger Frische.
    Entzückt war der Ritter, und lange schwelgte er in dem seligen Anblick. Als
er sich aber genug erquickt hatte, da bog er sich hinab, und es verstand sich
von selbst, dass er die Schöne mitten auf ihren roten Mund küsste - da war der
Zauber gelöst!
    Im Hofe erwachten Hunde und Katzen; im Stall die Rosse samt ihren Knechten;
in der Küche fuhr Koch und Küchenjunge empor, und erwachend reckten die übrigen
Dienstboten ihre steifgewordenen Glieder. Die Herren und Damen des Saales regten
sich nicht minder: sie fuhren in ihrem Bankett fort und ahnten kaum, dass sie ein
paar Hundert Jahre lang geschlafen hatten.
    Kurz, alles wurde lebendig, von den Helden des Saales an bis zu der Fliege
an der Wand, denn oben im Erker küsste der Ritter die Jungfrau, und vom Traume
erwachend, sank sie liebeseufzend an seine Brust.
    Gelehrte Leute behaupten, der ganze Zauber rühre von dem Stich einer Spindel
her und nur durch einen Kuss könne so etwas wiedergutgemacht werden - -
    Ich weiss nicht, wie es darum steht, soviel ist aber gewiss, dass die Umarmung
des Ritters Schnapphahnski und der Herzogin von S. denselben Einfluss auf die
verschuldeten Güter des erstern hatte wie der Kuss des Ritters der Sage und der
schlafenden Jungfrau auf das verwünschte Waldschloss. Der Kuss des Ritters
entzauberte das Schloss; die Umarmung unseres Schnapphahnski entypotezierte
seine sämtlichen Besitzungen.
    Wie die Rosse des Waldschlosses froh in die Luft hinauswieherten, dass
endlich der Spuk gelöst sei, so huben sich auch die Merinomutterschafe und Böcke
der Schnapphahnskischen Güter freudig empor und blökten ihrem schuldenfreien
Herrn ein lustiges Willkommen.
    Schnapphahnski hatte keine Schulden mehr.
    Jeder, der einmal Schulden hatte, wird die Seligkeit dieses Gefühles zu
begreifen wissen. Schulden gehören zu den unangenehmsten Rückerinnerungen;
Schulden sind gewissermassen der Katzenjammer längst verrauschter Genüsse. Alle
dummen Streiche, die wir im Leben begingen, treten in den steifen Ziffern
unserer Schulden noch einmal ärgerlich vor unser Gedächtnis, und mit widerlichen
Grimassen grinst die Vergangenheit in unsere Gegenwart herein.
    Das Schlimmste bei den Schulden ist indes, dass wir mit den Schulden
Gläubiger bekommen! Diese ernsten, mürrischen Leute, die uns auf der Strasse mit
Nasenrümpfen anschauen, die schon in der goldenen Frühe an unsere Tür pochen, um
uns all ihren Jammer vorzuleiern, ja, die uns gar bei der Arbeit überraschen,
wenn wir mit den höchsten Weltinteressen beschäftigt sind, um uns von dem Sinai
unserer Gedanken in das tote Meer ihrer kleinbürgerlichen Misere hinabzuziehen -
oh, es ist entsetzlich!
    Aber das ist die Ironie des Schicksals, dass schon mancher Titane, der für
das Heil der Menschheit schwärmte, nicht einmal seine Hosen bezahlen konnte - -
    Mensch, mache keine Schulden! Ein Gläubiger ist erboster als eine Hornisse,
beständiger wie der Teufel und langweiliger als ein Engel.
    Mit dem Bezahlen der Schnapphahnskischen Schulden glaubte die Herzogin
indes, noch nicht genug getan zu haben. Vor allen Dingen wollte sie ihm wieder
Bahn in die Berliner Gesellschaft brechen. Nur eine Herzogin von S. konnte eine
solche Aufgabe übernehmen. Eine Frau, die alle Intrigen des Ancien régime und
der Revolution kannte, die alle Wechselfälle des Kaiserreichs, der Restauration
und der Dynastie mit durchgemacht hatte, schrak vor nichts zurück. Imponierend
durch ihre Kühnheit, durch ihre Erfahrung und durch ihren kolossalen Reichtum,
sehen wir sie zugleich mit unserem Ritter in Berlin auftreten. Die alten Feinde
Schnapphahnskis regen sich an hundert Orten; aber ohnmächtig sind sie gegen die
Energie der Herzogin; die heillosesten Geschichten ihres Freundes werden zu den
liebenswürdigsten Abenteuern; Hass, Spott, Gelächter: alles weiss sie zu besiegen.
In einer Audienz bei dem Gespiel ihrer Jugend weiss sie Schnapphahnskis Zulassung
zu den höchsten Kreisen durchzusetzen. Der Ritter wird wieder »möglich«, er fasst
Fuss, er bekommt eine Stellung und - muss geduldet werden.
    Schnapphahnskis politische Laufbahn beginnt.
 
                                      XIX
                                 Die Römerfahrt
Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen, müssen wir
noch eine Episode seines Lebens berühren, die zu merkwürdig ist, als dass sie
übergangen werden dürfte. Es tut uns nur leid, dass wir etwas weit von dem
bisherigen Schauplatz der Begebenheiten abschweifen müssen. Schon einmal
begleiteten wir unsern Helden bis nach Spanien; heute müssen wir ihm nach
Italien folgen. Damals begleiteten wir ihn bis in das Leihhaus von Pampeluna;
heute folgen wir ihm bis zu den Füssen des Heiligen Vaters.
    Wir haben nämlich nichts mehr und nichts weniger zu erzählen als die
Römerfahrt unsres Ritters.
    Alle grossen Sünder verrauschter Jahrhunderte hielten es für ihre Pflicht,
wenigstens einmal im Leben, wenn auch nicht nach dem Heiligen Grabe, so doch
nach Rom zu wallfahrten, um dort, von allen Skrupeln erlöst, desto ruhiger in
einen neuen Sündenabschnitt ihres Lebens hineinzusteuern.
    Jede Zeit hatte ihre Sitte; so auch die damalige. Die Griechen brachten den
Göttern Hekatomben; das Mittelalter pilgerte nach Rom; wir sündigen Menschen der
Jetztzeit pilgern höchstens nach Paris.
    Nach Paris, dem welschen Babylon! Nach der heiligen Stadt der schönen
Babylonierinnen! Auf den Boulevards zu spazieren, zu tanzen in den
Champs-Élysées und zu Mittag speisen bei Véry für 48 Francs. - O welches
Vergnügen! Wie ein Araber in Mekka, wenn er, die Arme kreuzend und blumenreiche
Gebete murmelnd, in die heilige Kaaba tritt, so trat ich, Mabille, in deinen
Garten und neigte mich, o Babylon, vor deinen Frauen!
    Die Rosen dufteten, die Seide rauschte.
»Hörner, Pauken und Trompeten
Tönten jubelnd die Fanfare,
Und wir riefen alle: Heil!
Heil der Königin Pomare!«
Herr von Schnapphahnski hielt aber fest an den Sitten der Väter; Se. Hochgeboren
waren ein guter Katolik - niemand wird ihm dies verdenken.
    Die protestantische Religion ist eine Religion für Kaufleute und Fabrikanten
- - Herr von Schnapphahnski war weder Kaufmann noch Fabrikant, sondern, wie
gesagt, ein guter Katolik. Nichtsdestoweniger machte er aber von Zeit zu Zeit
seine Bilanz, d.h. seine geistige oder Seelenbilanz, indem er sich dann jedesmal
den Saldo seiner Sünden von der guten Mutter Kirche quittieren liess. Eine
materielle Bilanz brauchte der Ritter um so weniger zu machen, da ja die
Herzogin von S. seine sämtlichen Schulden bezahlt hatte.
    Mit der geistigen oder Seelenbilanz unseres Helden sah es diesmal schlimm
aus. Der edle Ritter hatte viel auf dem Herzen. Seit mehreren Jahren hatte er
die Sündenconti seines Gewissens nicht abgeschlossen, und wenn er die
Folioseiten seines Gedächtnisses durchblätterte, so fand er nur gar zu viele
dittos in seinem Debet - höchst wenige im Kredit.b
    Unser Ritter ging daher eines Tages sehr ernstlich mit sich zu Rate; er
zerbrach fünf Federmesser und zerschnitt zehn Bleistifte. Nachdem er aber die
fünf Federmesser zerbrochen und die zehn Bleistifte zerschnitten hatte, schnitt
er mit dem sechsten Federmesser den elften Bleistift und entwarf die folgende:
        Geistige oder Seelen-Bilanz des berühmten Ritters Schnapphanski
Unsere Leser werden gestehen, dass diese Abrechnung eben nicht sehr günstig für
unsern Ritter ausfiel. Wenn nicht der Papst ebenso grossmütig war wie die
Herzogin von S., so liessen sich die geistigen Angelegenheiten unseres Helden bei
weitem nicht so leicht ordnen, als es eben erst mit seinen materiellen
Verhältnissen geschah. Herr von Schnapphahnski wollte aber nichts unversucht
lassen, und so trat er denn eines Morgens in das Zimmer der Herzogin und sprach
in der Weise Ritter Tannhäusers die folgenden berühmten Worte:
»Mein Leben das ist worden krank,
ich mag nit lenger pleiben;
nun gebt mir urlob, frewlin zart,
von eurem stolzen leibe!«
Die Herzogin erschrak natürlich im höchsten Grade und begriff nicht gleich, was
die Geschichte zu bedeuten hatte. Sie war erst eben so gefällig gewesen, die
Schulden ihres Freundes mit baren 200000 Talern zu bezahlen, die Ablösung vieler
kleinen Hypoteken ungerechnet; und nun wollte der Ritter schon wieder
fortziehn: das war nicht recht! Es fiel ihr im Traume nicht ein, dass der Ritter
zur Busse seiner Sünden nach Rom pilgern wollte - - Ohne sich daher an der
altdeutschen Sprachweise ihres Freundes zu stören, fuhr die Herzogin in der
Manier der Frau Venus fort zu reden und erwiderte:
»Danhäuser, nit reden also!
ir tund euch nit wohl besinnen;
so gen wir in ain kemerlein
und spilen der edlen minne!«
Die Herzogin lispelte diese Worte geradeso verführerisch, wie sie einst Frau
Venus gesprochen haben mag. Der Ritter schien aber wenig davon erbaut zu sein;
er schüttelte mit dem schönen schwarzlockigen Kopfe, und ohne von den Tränen
Notiz zu nehmen, die aus den Augen der hohen Dame in den roten Kaschmirschal
rieselten, öffnete er zum zweiten Male den holdseligen Mund und antwortete,
indem er die Hände in die Hosentaschen steckte, mit sehr akzentuiertem Tone:
»Eur minne ist mir worden laid,
ich hab in meinem Sinne:
fraw Venus, edle fraw so zart!
ir seind ain teufelinne.«
Hierüber entsetzte sich die Herzogin nur um so mehr, so dass sie unwillkürlich
ein Kreuz schlug, was sie seit dem Einzug der Alliierten in Paris nicht mehr
getan hatte. Tödlich wäre es der Herzogin gewesen, ihren Schnapphahnski zu
verlieren; hätte sie nicht ihren kahlen Kopf gefürchtet, sie würde die Perücke
vor Verzweiflung unter die Decke geschleudert haben. Mit den Zähnen konnte sie
ebenfalls nicht knirschen, denn, wie unsern Lesern bekannt ist, waren sie mehr
ein Produkt des Zahnarztes als der Mutter Natur. Das Rollen der gewaltigen Augen
durfte daher einzig und allein den Zorn ihres Innern zu erkennen geben, und dies
Augengeroll war entsetzlich: zwei Roulettescheiben glaubte man in wilder
Bewegung zu sehn.
    Vergebens waren aber alle Anstrengungen: der Ritter beharrte auf seinem
Vorhaben, und die Herzogin würde sich gewiss mit einer Haarnadel den Tod gegeben
haben, wenn der muntere Schnapphahnski nicht plötzlich den Schluss des berühmten
Tannhäuser-Liedes gesprochen und ihr erklärt hätte:
»Ich will gen Rom wohl in die statt
gott well mein immer walten!
zu einem bapst der haist Urban
ob er mich möcht behalten - -«
Als nämlich der Ritter diesen Vers zitiert hatte, trocknete die Herzogin ihre
Tränen aus beiden Roulettescheiben und sprang empor mit dem Schrei des
Entzückens.
    »Ja, zum Papst! Zum Papst Urban!« rief sie. »Wenn er dich auch nicht
behalten soll, so soll er dich wenigstens erlösen. Ja, nach Rom, zum Papst! Ich
werde dich begleiten - -« Mit beiden Armen umschlang die Herzogin ihren
geliebten Ritter.
    Am nächsten Morgen waren sie auf dem Wege nach Italien.
    Meine Leser können unmöglich verlangen, dass ich ihnen die Abenteuer dieser
italienischen Reise haarklein erzähle. Ich dachte damals noch nicht an den
Ritter Schnapphahnski und bestach daher weder einen Kutscher noch eine
Kammerfrau, um mir alle die süssen Geheimnisse mitzuteilen, die zwischen der
kalten Jungfrau und dem feurigen Vesuv vorgefallen sein mögen. Genug, unser
glückliches Paar reiste von der Jungfrau bis fast an den Vesuv, d.h. bis nach
Rom. - Es versteht sich von selbst, dass unsere Pilger nicht wie die Pilger von
ehedem zu Fuss in härenem Gewände ihre Strasse zogen. Nein, sowohl Frau Venus als
Ritter Tannhäuser stimmten in der Ansicht überein, dass der religiöse Fanatismus
mit einer bequemen Karosse wohl zu vereinbaren sei. Indem sie nicht nur bequem,
sondern höchst elegant reisten, befolgten sie sogar recht eigentlich das Prinzip
des Katolizismus, denn die katolische Religion ist die Religion des Glanzes
und der Pracht.
    Gerade das macht den Katolizismus liebenswürdig, dass er ein Auge für das
Schöne, für das Sinnliche hat. Alles, was sinnlich ist, ist aber ewig, und so
glaube ich auch an die Ewigkeit des Katolizismus. Man lache mich ja nicht aus!
In keinem Falle muss man mir aber mit den Griechen kommen. Man könnte mir nämlich
vorwerfen, die Griechen seien auch im höchsten Grade sinnlich gewesen, und
trotzdem wären ihre Götter verschwunden, und niemand denke und niemand glaube
mehr an sie - - dummes Zeug! Die Griechengötter leben bis auf den heutigen Tag.
    Oh, ich habe das einem meiner alten Lehrer an der Nase angesehen. Am Morgen
gab er uns nämlich den nüchternen protestantischen Religionsunterricht, und dann
war er ledern, zum Verzweifeln. Steif wie ein Stockdegen stand er vor uns, seine
Ohren waren länger als gewöhnlich, seine Gesichtsfarbe war bleiern fahl, und die
Worte haspelten sich aus seinem Munde los wie ein dünner langweiliger
Zwirnsfaden von einer unbeholfenen Spule - oh, es war entsetzlich, wie man uns
peinigte! Da kam der Abend; und derselbe Mann, der uns morgens den Katechismus
einpaukte, er schlug den Homer auf und las uns einen Gesang der Odyssee vor.
Anfangs holprig und poltrig. Man merkte, dass der arme Mann erst das Christentum
vergessen musste, um ganz wieder Heide zu werden. Aber allmählich ging es besser,
mit jeder Strophe gewann seine Stimme an Wohlklang. Es war, als wenn der ganze
Mensch von Minute zu Minute anders geworden wäre. Der Rücken hörte auf, steif zu
sein, die Ohren wurden kleiner, sein Gesicht belebte sich, seine Augen
funkelten; der Schulmeister war ein Mensch geworden, ja, der arme Teufel war
plötzlich ein schöner Mann, und er riss uns fort, und atemlos horchten wir, und
war er zu Ende und blitzten Freudentränen in seinen Wimpern, da stürzten wir auf
ihn los, und warm drückte er uns die Hände, und heiter eilten wir in die Nacht
hinaus, wo die Sterne am dunkeln Himmel heraufzogen, feierlich, prächtig - ach,
und wir glaubten an die alten Götter.
    Der Mann, der uns zu Christen machen sollte, er machte uns zu Heiden. Ich
werde ihm das nie vergessen. Dankbar will ich seiner gedenken.
    Herrn von Schnapphahnski erwartete in Rom der beste Empfang. Frau Venus
protegierte ihn herrlich, und zum Lohn für seine Sünden schmückte man seine
Brust mit einem der höchsten Orden der Christenheit.
 
                                       XX
                                  Die Politik
Von Rom kehrte unser Ritter zurück nach Berlin. Er trat jetzt bei weitem anders
auf als früher, denn die Herzogin hatte ja alle Schwierigkeiten seines Daseins
aus dem Wege geräumt. Herr von Schnapphahnski konnte sich nicht nur wieder auf
der Strasse sehen lassen, nein, er hatte auch wieder Zutritt zu den besten
Kreisen, und allerhöchsten Ortes stand er von neuem sehr gut angeschrieben. Zu
allen diesen Errungenschaften kam jetzt noch die Huld des Papstes und der
Nimbus, die ihm die ganze italienische Reise verlieh - in der Tat, es gab nicht
leicht einen Menschen, der in so kurzer Zeit mehr auf den Strumpf gekommen wäre
als unser Ritter.
    Alles drängte sich an ihn heran, um ihn zu protegieren und um von ihm
protegiert zu werden. So machte man Schnapphahnski z.B. zum Direktor eines
grossen industriellen Unternehmens, eine Stellung, die er dadurch geschickt zu
seinem Vorteile zu benutzen wusste, dass er die ganze Anlage auf den Namen einer
der höchstgestellten Personen des Landes taufen liess und sich natürlich dadurch
die besondere Gunst derselben sicherte. Vor allen andern war es aber stets die
Herzogin, die unserm Ritter getreu blieb. Sie konnte nicht mehr ohne ihn leben.
Ging er von seinen Gütern nach Berlin, so folgte sie ihm; reiste sie nach
Berlin, so musste er ihr folgen. Schnapphahnski beutete diese Anhänglichkeit ganz
in seinem Interesse aus. Wenn die Herzogin nämlich ihren Liebling einlud, so
weigerte er sich gewöhnlich, ihrem Rufe zu folgen, unter dem Vorgeben: seine
Vermögensverhältnisse zwängen ihn, den Luxus, den er als Er (!) in Berlin machen
müsse, zu vermeiden und auf dem Lande zu bleiben. Dies Argument konnte dann
stets nur auf eine Weise aus dem Wege geräumt werden, nämlich durch bare
Zahlung. Regelmässig schickte ihm die Herzogin für eine vierwöchentliche Reise
nach Berlin 20000 Taler; allermindestens 10000 Taler.
    Die Herzogin war reich genug, um allen ihren wie allen Launen ihres Ritters
genügen zu können. Denn, wie wir früher schon erzählten, hatte sie nicht nur,
mit Ausnahme von 80000 Francs Revenue, welche an die Gemahlin des Grafen C., die
vermeintliche Tochter des alten T., gingen, das ganze Vermögen jenes
berüchtigten französischen Diplomaten geerbt, sondern auch noch seit 1839 den
Besitz der sämtlichen Güter ihrer ältern Schwester angetreten.
    Diese ihre älteste Schwester, welche wir schon früher als die Erfinderin der
berühmten schwarzen Haartinktur erwähnten, war nämlich plötzlich gestorben. Ob
sie, wie die alte Mars, eben an der Tinktur starb: haben wir nie ergründen
können. Die Mars, die viele Jahre lang an unsäglichen Kopfschmerzen litt, soll
nämlich dadurch zugrunde gegangen sein, dass die Tinktur allmählich durch die
Poren in das Innere des Körpers drang und diesen langsam vergiftete.
    Genug, die alte Herzogin starb, und ihr Tod erregte grosse Sensation, da man
die Herzogin allgemein für unsterblich hielt.
    Es ist nicht zu verwundern, wenn die englische Aristokratie bei ihrer
gesunden, vernünftigen Lebensweise in den meisten Fällen ein wahrhaft
alttestamentliches Alter erreicht; wenn aber der lasterhaftere französische oder
deutsche Adel sich bis in die achtzig oder neunzig versteigt, so heisst dies
wirklich, dem lieben Gotte einen Streich spielen.
    Die Herzogin hatte sich, wie gesagt, den Tod länger vom Halse zu halten
gewusst, als dies die kühnsten Sterndeuter für möglich hielten. Ein
fünfzigjähriges Geniessen, im weitesten Sinne des Wortes, hatte vergeblich an
ihrem schönen Körper gerüttelt. Vom Jahre 1800 bis 1819 zu drei verschiedenen
Malen vermählt, wiegte sie nicht nur nebenbei die glänzendsten Persönlichkeiten
der damaligen Zeit - darunter auch den damals jugendlich reizenden, jetzt
gefallenen Fürsten M. - auf ihrem Schosse: nein, sie wusste auch noch bis in die
dreissiger Jahre hinein eine solche Virtuosität zu behaupten, dass ihr endlicher
Tod in der Tat durchaus unvermutet kam und als sonderbares Faktum in der
galanten Welt betrauert wurde.
    Einmal mit ihren irdischen Resten unter der Erde, verfielen ihre irdischen
Besitzungen über der Erde den hinterlassenen tiefbetrübten Schwestern, und zwar
in der Weise, dass die zweite und die dritte Schwester auf jene Besitzungen als
auf das Majorat des schon längst verstorbenen Vaters, des Herzogs von K., noch
vor der jüngsten Tochter, der von uns so genau geschilderten Herzogin von S.,
Anspruch machen konnten.
    Die zweite Schwester, die Herzogin von H., und die dritte, die Herzogin von
A., lebten aber in zu wenig vorteilhaften Umständen, als dass sie den Besitz des
verschuldeten Majorats hätten antreten können, und verkauften ihre Ansprüche
daher an die jüngste Schwester, an unsere Herzogin von S., eine Abtretung, die
gehörigen Ortes bestätigt wurde und durch ihre eigentümlich mittelalterliche
Form seinerzeit viel Furore in der juristischen Welt machte.
    Die Freundin unseres Ritters, nachdem sie so alle Güter der Familie ihren
sonstigen Besitzungen hinzugefügt hatte, richtete sich dann in S. eine Art von
Hofstaat ein, die Crême der Aristokratie um sich versammelnd und abwechselnd da
und in Berlin lebend, im besten Einverständnis mit einem Herrn und einer Dame,
deren hohe Stellung es uns verbietet, mehr Worte über dieses Verhältnis fallen
zu lassen.
    Die Erlebnisse unsres Ritters gewinnen inzwischen auch ein so allgemeines
Interesse, dass wir ihm wirklich unsre ausschliessliche Aufmerksamkeit schuldig
sind.
    Nach der bei der Herzogin gemachten Eroberung, nach der italienischen Reise
und nach der Wiedererlangung einer Stellung in der Berliner Gesellschaft beginnt
nämlich, wie wir bereits bemerkten, die politische Laufbahn unsres Helden.
    Schnapphahnski: Politiker! Sollte es möglich sein! Aber unser Held ist zu
allem fähig. Deswegen auch zur Politik.
    Die ewig denkwürdige Epoche der Provinzial-Landtage mit ihren grossen
Erfolgen, der Emanzipation der Nachtigallen usw., ging zu Ende. Das Patent des
3. Februar 1847 erschien, und am 11. April eröffnete Se. Majestät der König von
Preussen mit einer Rede »ohnegleichen«, »ohne Beispiel« den Vereinigten Landtag.
    Es verstand sich von selbst, dass der politische Ehrgeiz aller
gesellschaftlichen Klassen durch dieses Ereignis in die lebendigste Bewegung
geriet, und es konnte nicht ausbleiben, dass auch unser Ritter, von diesem Fieber
angesteckt, das Bedürfnis fühlte, dem Vaterlande einmal als grosser Mann
gegenüberzutreten.
    
    Die Herzogin hatte unsern Helden oft darauf aufmerksam gemacht, dass er sich
à tout prix in die Politik hineinstürzen müsse. Die Krautjunkerei pure et
simple, die der Ritter bisher trieb, konnte natürlich der ausgezeichneten Dame
wenig gefallen. Sie war geistreich genug, um zu begreifen, dass die kompakte,
hausbackene Liebe erst dann ihren rechten Reiz erhält, wenn sie mit den »strong
emotions« des öffentlichen Lebens Hand in Hand geht. Einen Krautjunker zu
umarmen, einen harmlosen schönen Wasserpolacken, dessen Abenteuer, so wunderlich
sie auch sein mochten, doch keineswegs den Horizont des schon oft Dagewesenen
passierten: konnte ihr unmöglich auf die Dauer genügen.
    Die Herzogin war zu sehr an den Umgang mit weltgeschichtlichen
Persönlichkeiten gewöhnt, als dass sie nicht in unserm Ritter ausser dem bel homme
auch noch den Politiker, den Staatsmann, den Redner zu umfangen gewünscht hätte.
Ihre in diesem Sinne gemachten Andeutungen waren denn auch unserm Helden nicht
entgangen, und wenn ihn schon seine eigne Eitelkeit zu einer politischen
Karriere trieb, so sah er schliesslich nur einen doppelten Nutzen, wenn er daran
dachte, dass ihn auch der geringste Erfolg immer vorteilhafter mit der Herzogin
verbinden würde.
    Du willst als Staatsmann auftreten - sagte Schnapphahnski daher eines
Morgens zu sich selbst, indem er den Kopf auf die Hand stützte -, eh bien! - und
er besann sich auf alles, was er je von berühmten Rednern gehört, gesehen und
gelesen hatte. Die Alten lagen unserm Helden zu fern. Ein Römer und
Schnapphahnski - - der Ritter fühlte, dass er nie ein Römer werden würde.
    Ohne weiteres wandte er sich daher der neuen Zeit zu, und gewiss würde er
sich der Heroen der Konstituante und des Konvents erinnert haben, wenn er nicht
bei dem Gedanken an diese »blutdürstigen Ungeheuer« ein solches Herzklopfen
bekommen hätte, dass er sich schleunigst der allerneuesten Zeit zuwandte - - da
war unser Ritter zu Hause! Denn bis in die kleinsten Details hinein war ihm das
parlamentarische Leben der Franzosen und Briten gegenwärtig.
    Sollst du ein Montalembert werden, hinreissend durch Beredsamkeit,
imponierend durch altadlige Kühnheit und unterjochend durch jene
mystisch-katolischen Wendungen, die wie ein riesiger Trauerflor seiner Rede
nachwallen? Oder ein Larochejaquelin, lebendig, auf seinem Tema reitend wie auf
geflügeltem Rosse, frech und herausfordernd, sarkastisch-witzig und erobernd
durch die ritterliche Keckheit eines ungebändigten Edelmanns? Oder sollst du
Lamartine nachahmen, bald vornehm durch die Nase sprechen und bald in
blumenreichen Redensarten dich ergiessen, von der Vorsehung säuseln und durch den
Namen Gottes Effekt zu machen suchen; ja, historische und literarische
Reminiszenzen auskramen und deine Zuhörer mit dir fortziehen in das
rosenduftende Paradies der Rhetorik, wo da wenige praktische Wege und Stege
sind, aber desto mehr weiche Mooshügel, Palmen, Trauerweiden und ähnliche
wohlfeile dichterische Gegenstände? Oder sollst du dir den Herrn Guizot zum
Muster nehmen, den kalten, tugendhaften Mann, oder gar den kleinen betörenden
Tiers, der sich wie eine Schlange auf die Tribüne hinaufwindet und so
allerliebst von allem spricht, was er weiss und was er nicht weiss - -? Unser
Ritter wurde immer tiefsinniger.
    Aber auch die Geister des britischen Parlaments stiegen vor unserem Helden
herauf. Sollst du dich naiv ausdrücken wie der alte Wellington? Sollst du den
Rufer im Streit, den Lord Stanlei spielen? Sollst du dich Lord Campbell nähern
und behaupten, du seist ein grosser Rechtsgelehrter? Oder sollst du dir gar
Henry, den unvergleichlichen Lord Brougham, zum Vorbild nehmen? Das wäre eine
Rolle!
    Ja, und im Unterhaus, wen nimmst du dir da zum Muster? Sollst du, ein Sir
Robert Peel, in weisser Weste und im blauen Frack vor deine Zuhörer treten, jetzt
die Rechte feierlich erhebend und jetzt rasselnd die grüne Papierdose schlagend?
Oder sollst du wüten wie Roebuck, der ewige Krakeeler, oder die Interessen der
Torys vertreten wie ein Lord George oder ein Ferrand? O göttlicher Lord George,
der du aus dem Jockei-Klub kamst und im Parlamente dich erhobst als der Erste
deiner Partei, oh, wenn ich dir nicht gleichen kann, so lass mich wenigstens
deinem Freunde Disraeli ähnlich sehn, wenn er im Wirbelwinde der Beredsamkeit
seine Feinde zu Boden wirft, ihren alten Ruhm entwurzelnd und tabula rasa
machend mit ihrem ganzen Einfluss.
    Was sind die Lorbeeren der Literatur, was die Lorbeeren des Schlachtfeldes
gegen die Lorbeeren der Tribüne!
    Staunen soll man, wenn ich mich einst erhebe! Schnapphahnski, o
Schnapphahnski! was steht dir bevor! In wenigen Worten wirst du z.B. bei
irgendeiner Debatte auseinandersetzen, wie es eigentlich gar nicht vonnöten sei,
so vielen herrlichen Reden noch die deine folgen zu lassen, und wie nur die
Wichtigkeit des vorliegenden Gegenstandes dich zu einigen einfachen Bemerkungen
veranlassen könne - einfache Bemerkungen, die sich durch zwei oder drei Stunden
hinwinden. Kurz und bündig ziehst du dann die Grenzen deiner etwaigen Rede - um
natürlich nie innerhalb dieser Grenzen zu bleiben, sondern abzuschweifen und
dich über Spanien und Portugal zu ergehen, über die Heilige Allianz zu sprechen
und über die Not der arbeitenden Klasse, über deine Zuneigung zu Don Carlos und
über englische Wettrennen und über alles, nur nicht über das, was ursprünglich
zum Ziele gesteckt wurde.
    Bist du mit deiner Exposition fertig, so gibst du dich an die Argumentation
und argumentierst mit Händen und Füssen, bis es deinen Zuhörern gelb und grün vor
den Augen wird, ja, bis sie zu gähnen anfangen aus reinem Erstaunen vor deiner
entsetzlichen Gelehrsamkeit. Dann aber brichst du plötzlich ab und rüstest dich
zu der ersten Attacke auf deine Gegner, ein Übergang, der nie seine Wirkung
verfehlt, der die Einschlafenden emporrüttelt und sie unwillkürlich in einen
neuen Strom deiner Beredsamkeit hineinreisst. Mit Keulen schlägst du anfangs um
dich, mit dem Morgenstern echt adliger Unverschämteit; dann ziehst du den
krummen Säbel des Humors, und zuletzt spielst du mit dem Dolche des Witzes, der
spitz die Herzen trifft und tötet, wo bisher nur verwundet wurde.
    Schrecken, Lachen und lustige Tränen folgen deinen Worten - doch da änderst
du plötzlich deinen Ton, und wie du bisher als gewandter Gladiator deinen
Gegenstand tief im Staube behandeltest: so schwingst du dich jetzt auf das
stolze, hochtrabende Schlachtross des Patos und galoppierst zermalmend über die
Kadaver deiner Feinde, die Posaune des Sieges an die Lippen drückend, um unter
dem kaum verhaltenen Jubel der Versammlung in wenigen mystischen Worten den
Schluss zu sprechen, wo die Stenographen sich den Schweiss von der Stirn trocknen,
und das Haus »is ringing wit cheers for several minutes«.
    Schnapphahnski sprach's. Er ging hin, und wenn er auch kein Montalembert
wurde, kein Larochejaquelin, kein Lamartine, kein Guizot, kein Tiers, kein
Redner des Unterhauses oder des Oberhauses, so wurde er wenigstens - - nun, was
wurde er denn?
 
                                      XXI
                                  Das Domfest
Über die Zeiten des Vereinigten Landtags und der Revolution setzen wir uns rasch
hinweg und springen mitten in die heilige Stadt Köln, wo eben der Dom am 14.
August 1848 seinen sechshundertjährigen Geburtstag feiert.
    Grosse Erinnerungen liess dies Ereignis zurück und manchen erhabenen
Schnupfen. In der Tat, die Kölner konnten sagen, dass sie für ihren König zwar
nicht ins Feuer gegangen seien, wohl aber ins Wasser.
    Gab es je ein trefflicheres Regenwetter als das, welches den Tag
verherrlichte, wo der Protektor des Doms, König Friedrich Wilhelm IV. von
Preussen, und der Erzherzog Reichsverweser die riesige Säulenhalle
gemeinschaftlich besuchten? In die konstitutionellen Könige der Erde vertieft,
hatte das Volk die absoluten Monarchen des Himmels vergessen, den
Wolkenversammler Zeus, der, ärgerlich darüber, plötzlich seine Schleusen öffnete
und die gottvergessene Menge in so nachdrücklicher Weise von aller Unsauberkeit
reinigte, dass wirklich an den meisten Menschen kein einziger sündhafter Zoll
mehr zu waschen übrigblieb.
    Man muss gestehen, das Schicksal hat den Göttern nicht nur den Nektar
gegeben, sondern auch das Regenwasser, und das letztere in so grosser Menge, dass
es ihnen eben nicht darauf ankommt, sich gerade dann ihres Überflusses zu
entledigen, wenn die armen trocknen Menschenkinder des Befeuchtens am
allerwenigsten bedürfen.
    Leider sollte ich dem berühmten Festregen der Dombautage eben nicht aus
einem sichern Versteck zusehen.
    Tollkühn genug hatte ich mich gerade vor das Portal des Domes gepflanzt,
fest entschlossen, meinen Posten zu behaupten, denn ich sollte ja auf drei
Schritt den Reichsverweser sehen und den König - ich muss gestehen, ich befand
mich in einer eigentümlich schwarz-weiss und schwarz-rot-golden gemischten
Stimmung. Der Regen floss hinab; ich stand wie eine Mauer. Ich habe da zum ersten
Male für einen König gelitten; ich bin stolz darauf. Ich wartete eine halbe
Stunde, im Regen nämlich. Ein Verliebter kann nur so töricht sein oder jemand,
der einen König sehen will. Weder der König noch der Reichsverweser wollte indes
aus dem Dome hinaus ins Freie treten.
    So gequält von banger Erwartung und gepeitscht vom Regen, legte ich mich auf
den süssen Zeitvertreib des Gedankenspiels. Ist der König von Preussen nicht
wirklich ein vortrefflicher König? Ja wahrhaftig, er ist es! Wenn je ein Fürst
rücksichtsvoll und artig mit einer Stadt verfuhr, so war es Friedrich Wilhelm.
War ich nicht selbst dabei, als ihm die guten Kölner in ihrer Naivität einst zur
Karnevalszeit eine bunte Schellenkappe überreichten? Gott weiss, wie man zu
dieser Kühnheit kam! Ein Nero oder ein Tiberius würde uns gleich haben köpfen
lassen - Friedrich Wilhelm nahm die Narrenkappe aber lächelnd entgegen, und seit
der Zeit bin ich fest davon überzeugt, dass er ein geistreicher Mann und kein
Nero ist -
    Die kölnischen Funken setzen ihre Schellenkappen eigentlich nie ab, das
ganze Jahr hindurch klingelt es ihnen in den Ohren wie Römergeklirr und »O
Jerum! O Jerum!« Man ist verraten und verkauft, wenn man mit diesen Leuten in
ernster Weise anbinden will. Der Spass ist der Grundzug ihres Charakters, und
dieser Spass kitzelt sie auch bei jeder Gelegenheit, die ganze Welt existiert nur
für sie, damit Spässe darüber gerissen werden. Ein Kölner ist mit seinem alten
holprigen Köln so liebend verwachsen wie ein Grossvater mit seinem Schlafrock.
Ein humoristischer Grossvater und ein humoristischer Schlafrock. Ein Kölner ist
ganz unglücklich, wenn er nicht ausser seinem Karneval jedes Jahr wenigstens zwei
oder drei recht gründliche Feste in seinen Mauern feiert. Ein Musikfest, der
Empfang eines hohen Geistlichen oder eines Künstlers, eine Erinnerungsfeier
vergangener Herrlichkeit, ein politisches Fest, die Ankunft des neuen Weissen,
ein Bockessen usw., man ist wahrhaftig nicht verlegen um irgendeinen
denkwürdigen Gegenstand. Für alle möglichen Feierlichkeiten ist man vorbereitet.
Wenigstens zwei- oder dreimal im Jahre läutet man zu irgendeiner Feier mit allen
Glocken und mit allen Römergläsern; wenigstens zwei- oder dreimal schiesst man
aus Kanonen und Böllern und lässt Raketen aufsteigen und steckt die Giebel der
Häuser voll Fahnen und schmückt die Türen mit Eichenlaub und die eignen Rücken
mit Sonntagsröcken; wenigstens zwei-oder dreimal öffnet man die Kirchen, damit
alle Welt die lieblichen Heiligenbilder sehe, und lässt die Wirtshäuser wagenweit
offenstehen, damit jeder Fremde sich davon überzeuge, wie die Kölner so fromme
und so lustige Leute sind; wenigstens zwei- oder dreimal lässt man die
Lokalgrössen ihre wundervollsten Reden halten, die Mädchen und Frauen ihre
schönsten Kleider spazierenführen, alle Stadtmusikanten zu irgendeinem stillen
Vergnügen ihre Waldhörner blasen, und zwei- oder dreimal im Jahre lässt man den
alten Gürzenich bis in seine basaltenen Grundfesten zittern von dem Tanz oder
dem Gelage seiner heitersten Bürger. So war es bisher, und so wird es in Zukunft
sein; der Feste wird es geben in Köln, solange Gross-Martin und der Bayenturm in
den Rhein schauen und solange über dem Rhein das alte Banner weht mit den drei
Kronen und den elf Funken und den Farben Weiss und Rot, die gewissermassen das
Sinnbild des vielen weissen und roten Weines sind, der in Köln getrunken wird.
    So mit Erinnerungen spielend und zitternd vor Nässe und süsser Erwartung,
mochte ich eine halbe Stunde im furchtbarsten Gedränge gestanden haben, da
entstand vor der Türe des Domes eine unruhige Bewegung; die Mäuler flüsterten,
die Hälse reckten sich, die Regenschirme wurden geschlossen, und Federbüsche und
lange Schnurrbärte und kriegerische Figuren nickten in den Domhof hinaus.
    Voran der Erzherzog Reichsverweser und der König von Preussen. Der
Reichsverweser ist ein kleiner alter Mann mit gutmütigem Gesichte und mit grossem
kahlem Schädel. In der Tat, dieser ernste Schädel hängt über dem freundlichen
Antlitz wie ein Gletscher über einem friedlichen Alpentale. Der alte Herr nahm
sich ganz liebenswürdig in dem grauen Soldatenmäntelchen aus; nach der frommen
Hitze des Domes schien es ihn in der feuchten Aussenwelt zu frösteln; er hielt
die Krempe des Mantels fest aneinander und trippelte vorsichtig über die glatten
Steine. Wenn ich nicht den tiefsten Respekt vor dem Reichsverweser hätte, so
glaube ich, dass mir das Lachen näher gewesen wäre als das Weinen. Es ist nämlich
ein Fehler meiner Einbildungskraft, dass ich mir einen Kaiser oder einen
Reichsverweser noch immer wenigstens 7 Fuss hoch denke, mit furchtbaren Lenden,
breiter Brust, schrecklichem Barte - mit einem Worte, ein Kaiser musste meiner
Meinung nach ein Eisenfresser sein, ein Mann, der bei jedem Ritt ein oder zwei
Hengste zuschanden reitet, der die Türken lebendig frisst und, allezeit Mehrer
des Reiches, mit einem Säbel über das Pflaster rasselt, bei dem einem alle
Schrecken des Jüngsten Gerichtes einfallen. Wie freute ich mich daher, als ich
das friedliche Antlitz des alten Johann erblickte. Es wurde mir ganz familiär
zumute, ich würde den Hut vom Kopfe gerissen und ihn bewillkommend geschwenkt
haben, wenn nicht meine Hände in den Taschen gesessen hätten und dergestalt von
meinen schaulustigen Nachbarn zusammengepresst worden wären, dass nur eine
Herzensregung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte und an ein Schwingen des
Hutes vollends gar nicht zu denken war.
    Se. Majestät den König von Preussen kannte ich schon von früher. Er ist noch
immer derselbe wohlaussehende Mann mit den jugendlich roten Wangen und dem
pfiffigen Lächeln. Manche meiner Nachbarn behaupteten freilich, er sei etwas
mager geworden, man sähe Spuren der Sorge und der Betrübnis in seinen Zügen und
sein Auge strahle nicht mehr so volksvertrauend wie früher - -
    Ich muss gestehen, ich halte diese Ansicht für grundfalsch. Ich habe noch nie
eine so heitere Majestät gesehen - und ist nicht alle Ursache dazu vorhanden,
geht nicht alles nach Wunsch? »Es lebe der König!« rief ich, und ich mässigte
erst meinen Jubel, als einige alte Generäle mit grausenerregenden Gesichtern den
beiden Fürsten auf dem Fusse folgten und mich mit so komischen Augen ansahen, als
merkten sie trotz meiner loyalen Jubelausbrüche einigen Unrat und als wollten
sie sagen: »Kerl, du bist doch ein Kryptorepublikaner, und der Teufel soll dich
holen!« - - Da sassen die Fürsten in der Tiefe des schützenden Wagens, und hinter
ihnen her wogte das Volk, lange Gymnasiasten und duftende Hofräte, Flegel vom
Lande und gebildete Städter, Soldaten und Handwerker, Gemüseweiber und
Taschendiebe, und in dem steinernen Laubgewinde des Domes fingen die Glocken an
zu brummen und zu summen gleich riesigen Käfern in den Zweigen einer Linde, und
unter Lachen und Fluchen, unter Boxen, Beten, Grunzen und Hurrarufen stürzte der
Strom der Menge in die Gassen hinunter, dass man seinen besten Feinden auf die
Hühneraugen trat und an den Wänden der Häuser hinaufzufliegen meinte vor lauter
Lust und Begeisterung.
    Wer weiss, wie weit ich mit fortgerissen wäre, wenn nicht ein seltsames
Ereignis meine Schritte aufgehalten hätte. An einer der nächsten Strassenecken
hatte nämlich auf dem Rand einer Treppe ein fliegender Buchhändler Posto gefasst.
Wenig kehrten sich die vorüberstürzenden Fremden an den armen Gesellen. Da
rollte plötzlich eine brillante Karosse hart an der Treppe vorüber; der Junge
erhebt seine Bilder und Zeitungen, und »Fortsetzung von Schnapphahnski!
Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski!« schreit er, und der Wagen hält, und
empor richtet sich ein eleganter, hübscher Mann, der sich über den Wagenschlag
hinaus in die Strasse biegt.
    Das Wort »Schnapphahnski« scheint ihn zum Stutzen gebracht zu haben; rasch
greift er in die Tasche und wirft dem frohen Buchhändler ein Geldstück in den
Hut; noch hastiger streckt er die Hand nach der gekauften Zeitung aus, und wie
er das Blatt auseinanderfaltet und hinunter auf den Titel des Feuilleton blickt,
da schrickt er zusammen und - aber die Rosse schlagen schon wieder aufs
Pflaster, und der Wagen rollt weiter, und verschwunden ist der schöne Fremde,
und »Fortsetzung von Schnapphahnski! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski!«
beginnt der Junge von neuem, und tönend verliert sich sein Ruf in dem Getöse der
Gassen.
    In den Kölner Strassen wurde an jenem Tage die »Neue Rheinische Zeitung«
verkauft. Als Feuilletonaufsatz entielt sie ein Kapitel aus dem »Leben und den
Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski«.
 
                                      XXII
                                 Der Gürzenich
Es ist ein ergreifendes Schauspiel, wenn der Vesuv seine roten Feuerblöcke in
die tiefblaue See wirft; es ist ein erhabener Anblick, wenn die Lawine von den
Alpen hinab in das Tal rollt, und es muss grossartig aussehn, wenn der Niagara
seinem Bette entgegenschäumt - aber noch viel ergreifender, erhabener und
grossartiger ist es, wenn auf dem Gürzenich-Saal der heiligen Stadt Köln
zwölfhundert hungrige Gäste zur Feier des Dombaus über einen Heringssalat
herfallen. Ich habe in meinem Leben nichts Imposanteres gesehen. Unvergesslich
wird mir diese Szene bleiben. Als ein Mann, der den Dom und den Heringssalat
liebt, hatte ich mir für schweres Geld auf dem Sekretariate des
Zentral-Dombau-Vereins eine Festmahlkarte gekauft. Ich habe nie eine Portion
Heringssalat teurer und mit mehr Vergnügen gezahlt als diesmal; ich bin sogar
einen halben Tag lang dahinter hergelaufen, und wäre Herr Schnitzler nicht ein
so überaus artiger Mann, ich liefe noch - und alles um eine Portion
Heringssalat! Man sollte sagen, dass ich den schrecklichsten Katzenjammer haben
müsste.
    Aber wie meine Leser wissen, war dem nicht so. Ich hatte den ganzen Morgen
mit meinem beschränkten Untertanenhumor an den Pforten des Domes gestanden und
mich mehr des wohlfeilen Regenwassers als des kostspieligen Weines erfreut.
Endlich war der Reichsverweser und der König erschienen, endlich hatte ich beide
bewundert, und endlich konnte ich nass wie ein Pudel nach Hause gehen, um für das
bevorstehende Diner Toilette zu machen.
    Schön wie ein Gott und hungrig wie ein Wolf trat ich in den Saal. Schon auf
der Schwelle hätte ich vor Erstaunen fast einen Purzelbaum geschlagen. War das
der Gürzenich? O seltsame Ändrung!
    Ach, ich kenne den Gürzenich aus meinen Jugendjahren, aus jener Zeit, wo ich
in der Sternengasse nicht weit von dem berühmten Hause wohnte, von dem mir einst
ein todernster Kölner erzählte, dass der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und
dass die Mediceische Venus darin gestorben sei! - Ach, damals hatte ich noch
meine fünf Sinne beieinander und hielt es für meine Pflicht, jedesmal um die
Karnevalszeit Schulden zu machen und meine Uhr zu verkaufen, um hinter dem
Rücken meiner alten, grausamen Freunde die schönste Maske zu machen, welche je
durch die Strassen der heiligen Stadt Köln sprang. Hab ich nicht einmal den Don
Quijote gespielt, in gelben Stiefeln, in schwarzer Trikotose, den Panzer vor
der Brust, den Spitzenkragen um den Hals, das Barbierbecken auf dem Kopfe und
den fürchterlichen Speer in der Rechten?
    Zog nicht mein Sancho hinter mir her, mit weltkugelrundem Bauche, in
ländlicher Tracht, und forderte ich nicht auf dem Gürzenich wenigstens ein
Schock der holdseligsten Dulcineen zum Tanze heraus, bis mir zuletzt die Beine
unterm Leibe fortliefen und bis ich, einer blassen Leiche ähnlich, an die Brust
meines mir ewig teuren und unvergesslichen, damals als Bär verkleideten Freundes
Klütsch sank?
    Oh, wie hatte sich alles geändert! In demselben Saale, in dem ich früher nur
der heiligen Stadt Köln vortrefflichste Narren in buntem Gemisch
durcheinanderwogen sah, in demselben Freudensaale erblickte ich jetzt an
unendlich langen Tischen, ach Gott, der Politik geweihte Köpfe, Deputierte aus
Hessen, aus Österreich, aus Schwaben, aus Bayern, aus Ungarn, aus Oldenburg, und
mitten zwischen ihnen nichts als kohlschwarze Pastöre, Geheimräte, Kaufleute und
andere nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft - ich glaubte weinen
zu müssen.
    Aus den Deckenfeldern des Saales, aus denen früher Rosen und Reben nickten,
schauten jetzt grimmige schwarze Reichsadler; an den Säulen, die früher die
ausgezeichnetsten Geckenköpfe schmückten, hingen jetzt die Wappenschilde der
verschiedenen deutschen Staaten, und an den Wänden des Saales hiess es statt »Es
leben alle Narren!« - »Ein einiges Deutschland« und statt »Allen wohl und Keinem
weh!« - »Eintracht und Ausdauer«.
    Eine unendliche Wehmut erfasste mich; ich fühlte zum ersten Male, dass die
leidige Revolution, und noch dazu eine Revolution, die die guten Kölner gar
nicht einmal gemacht haben, uns um allen Spass zu bringen droht. Durch die Reihen
der Tische, an den unheimlich unverständlich redenden Volksvertretern schritt
ich so traurig vorüber, wie vielleicht der Geist eines alten verkommenen
Griechengottes an den glattgerittenen Bänken einer protestantischen Kirche
vorüberspukt, und ich konnte erst wieder recht herzlich lachen, als ich auf der
Erhöhung des gewaltigen Raumes, an derselben Stelle, wo ich seinerzeit als Don
Quijote meiner Dulcinea nachjagte, den edlen Gagern hinter der deutschen Einheit
herlaufen sah und den Sancho Soiron erblickte, wie er seinem berühmten Ritter im
purzelnden Eselstrab zu folgen strebte.
    Das Spasshafte dieser Erscheinung tröstete mich in etwas; ich überzeugte mich
davon, dass wenigstens noch nicht aller Humor aus der Welt verschwunden ist, und
da gerade an die Stelle des Heringssalates einige höchst einladende Salme auf
die Tafel schwammen, so bemächtigte ich mich, nicht ohne Lebensgefahr, eines
Kuvertes und drückte mich zwischen einige unbekannte Versammelte und stammelte
mein Tischgebet. Wie immer betete ich aus dem Homer, in Hexametern:
»Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das Brot auf
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat.
Und ich erhob die Hände zum lecker bereiteten Mahle.«
Mit den Gerichten und dem lecker bereiteten Mahle muss ich indes meine Leser erst
noch genauer bekannt machen. Die Speisen sind keineswegs eine Nebensache bei
einem Essen. Wie meine Leser wissen, folgte dem Heringssalat der Salm. Aber das
war noch keineswegs alles. Ich greife daher zu dem Küchenzettel, den jeder Gast
in Gross-Folio-Format neben seinem Teller fand und den ich wohlweislich mit nach
Hause nahm, um mich noch nachträglich davon zu überzeugen, ob ich auch
gewissenhaft das ganze Verzeichnis durchgekaut hatte. Ich tat dies zu meiner
besonderen Beruhigung.
    Der Speisezettel heisst aber treu kopiert wie folgt:
Das Ganze ist umringt von Arabesken und allegorischen Figuren: ein Küfer, ein
unentzifferbares Wesen, ein Kerl mit einem höchst christlich-germanischen
Gesichte mit dem Reichsadler und viertens ein dito mit dem preussischen Adler.
    Ich kann es mir nicht versagen, noch die Bemerkung hinzuzufügen, dass die
guten deutschen Blätter und namentlich die »Kölnische Zeitung« in ihren sonst so
reichhaltigen und schön stilisierten Berichten über die Festlichkeiten dieses
Dokument nicht mit aufgeführt haben. Die Gründe zu dieser Weglassung habe ich
beim besten Willen nicht ermitteln können, soviel ich aber höre, soll keine
böswillige Absicht dabei zugrunde gelegen haben, was natürlich auch nicht anders
zu erwarten war.
    Nachdem ich den Speisezettel aufs sorgfältigste studiert und meinem Salm -
dem Fisch, nicht dem Fürsten Salm - mit Messer und Gabel angekündigt hatte, dass
seine letzte Stunde gekommen sei, schaute ich mich zum ersten Male nach meinen
Nachbarn um. Lauter fremde Gesichter, alle in ihre Atzung vertieft. Es ist
traurig, wenn man unter 1200 Menschen sitzt und sich mit niemandem unterhalten
soll. Man kommt sich wie ein Zellengefangener vor. Ich schüttete daher meinem
Nebenmanne ein Glas Champagner über den Arm, um mich dann bei ihm aufs
untertänigste zu entschuldigen und auf diese Weise die Konversation zu beginnen.
    Der gute Mann schien Lebensart zu haben, denn er ging in die Falle und
teilte mir sofort mit, dass er ein Österreicher sei und der Frankfurter
Nationalversammlung angehöre. »Ich bin ganz entzückt darüber«, bemerkte er, »dass
Sie unsern Erzherzog so freundlich empfangen haben. Das hat mir in der Seele
wohlgetan. Ich werde die Artigkeiten der Kölner nicht genug zu loben wissen.
Einen solchen Entusiasmus und ein solches Hurrarufen habe ich selten gehört -
man empfing den Erzherzog Reichsverweser fast günstiger wie Se. Majestät den
König -«
    Das Gespräch wurde mir zu ernstaft: »Verzeihen Sie, mein Herr - Sie irren
sich; der Luftschiffer Coxwell, der bei der Ankunft des Reichsverwesers über
Köln emporstieg und der daher den ganzen Empfang aus der Vogelperspektive oder
sozusagen von einem höhern Standpunkt aus betrachtete, hat mir versichert, dass
die Feier viel zu wünschen übriggelassen habe; die Sonne habe nicht einmal
geschienen, es sei das hässlichste Regenwetter gewesen« - der Österreicher sah
mich verwundert an. »Aber jedenfalls«, fuhr ich fort, »haben wir uns sehr über
den Reichsverweser gefreut; wir glaubten eine Geissel Gottes zu bekommen, und wir
fanden einen alten freundlichen Mann, der im schäbigen Röckchen, mit weisser
Weste und mit entblösstem Haupte in unsere Stadt einzog, ein trauliches Märchen
aus alter Zeit - aber haben Sie Ihren Speisezettel schon einmal durchgesehen?«
    Der Österreicher sah auf seine Gross-Folio-Liste: »Den italienischen Salade
haben wir genossen.« Allen Irrtümern vorzubeugen, zog er indes noch einen
Bleistift aus der Westentasche und machte ein Kreuz vor die betreffende Speise.
»Ist dieser Salat nicht so vortrefflich, als ob ihn Radetzky selbst angemengt
hätte?« Der Österreicher blickte mich zum zweiten Male sehr erstaunt an. »Den
Salat«, begann er aufs neue, »und den Salm verstehe ich schon, auch der
Westerwalder Ochsen-Rücken ist mir bekannt, aber bitte, sagen Sie mir doch, was
verstehen Sie unter dem Festlied von Inkermann - es steht mitten unter den
Speisen, es wird ein Gericht sein?«
    »Allerdings! ein politisches Gericht, ein echt germanisches Ragout, in drei
Versen oder Schüsseln.« - »Soll mich wundern«, versetzte der wissbegierige Mann,
»dann kommen westfälische Schinken und Salatbohnen; wiederum zwei unzweideutige
Dinge; ferner aber: Preiset die Reben?«
    »Dies ist eine höchst poetische Ente mit einer Weinsauce und Trüffeln.« -
»Was Sie sagen!« rief der Österreicher und leckte die Finger. »Dann haben wir
gefülltes Geflügel und Wildpasteten; darüber kann kein Zweifel sein; beides zwei
auserlesene Sachen. Aber schliesslich wieder: Bekränzt mit Laub - was ist das?«
Ich schnitt ein Gesicht wie ein totes Kamel. »Bekränzt mit Laub ist ein wahres
Nationalfressen. Die Studenten lieben es vor allen Dingen; bei jedem Kommers
wird es aufgetischt und mit Bier angefeuchtet hinuntergeschluckt; ausserdem
findet man es im Munde aller fröhlichen Zecher; Harfenmädchen goutieren es
ebenfalls. Wenn ich mich nicht sehr irre, so erfand es der alte Asmus, als er
eines Abends mit der Frau vor der Haustüre sass und die Sterne beschaute. Es
scheint, der Zentral-Dombau-Verein hat dieses Gericht direkt durch den
Wandsbeker Boten kommen lassen.« - »Das ist sehr artig!« meinte der
Österreicher. Da überliess ich ihn den süssen Speisen, dem Nachtisch, der
Weinkarte und für die Zukunft der Paulskirche.
    Von meinem Nachbar zur Rechten wandte ich mich zu meinem Tischgenossen
vis-à-vis, der sich durch seinen rein uckermärkischen Akzent bereits als ein
Stockpreusse und durch verschiedene erhabene Festbemerkungen als ein Mann von
ungewöhnlicher Bildung beurkundet hatte. Er war wiederum ein
Nationalversammelter. Ich machte sofort die Honneurs und bot ihm das Salz meines
Geistes und den Senf meiner Konversation. Er behauptete aber, Rheinsalm schmecke
besser mit Öl und Essig. »Sie essen selten einen Salm in Berlin?« fragte ich
ihn. »Selten!« erwiderte er lakonisch, »aber wir essen viel Teltower Rüben -« Es
wurde mir traurig zumute. Ich sah schon bei den ersten Versuchen, dass ich die
unsterbliche Seele meines Preussen nicht ohne entsetzliche Anstrengung über den
Horizont eines Rübenfeldes zu erheben vermochte. Ich griff daher zu einem
Mittel, welches die Zeitverhältnisse zu dem stimulierendsten der Gegenwart
machen. »Der Erzherzog Reichsverweser ist wirklich bei weitem freudiger
empfangen worden als der König«, rief ich nämlich dem Österreicher zu und sagte
es so laut, dass es ringsum verstanden wurde.
    Dies wirkte. Der Preusse liess Gabel und Messer sinken, und »Sie irren sich!«
rief er mit dem Ausdruck der tiefsten Entrüstung. - Mein Plan war gelungen. Ich
hatte den Schwarz-weissen und den Schwarz-rot-goldenen aneinandergehetzt.
    Vergebens strengte sich jetzt der letztere an, unserm Teltower noch einmal
alle Hochs und alle Hurras auf den alten Erzherzog ins Gedächtnis zurückzurufen:
der Schwarz-weisse wusste seine Stimme sofort zu einem solchen durchdringenden
Diskant emporzuschrauben, dass er schnell den Österreicher übertönte und die
Unterredung im Nu beherrschte.
    »Sie irren sich!« begann er von neuem. »Als der König von Deutz nach Köln
hinüberfuhr, krachten da nicht die Kanonen, als ob die ganze Stadt bis in ihre
Grundfesten zusammenschaudre, als ob der Dom ineinanderbrechen wollte? Ja, Se.
Majestät war gerührt über diesen Empfang. Die Augen des Königs leuchteten Lust
und Seligkeit. Etwas bleich und schüchtern hatte er die Eisenbahn verlassen,
aber rosig und glücklich zog er ein in die donnernde Freudenstadt!«
    Österreicher und Preusse schwiegen, denn an der andern Seite des Saales erhob
sich plötzlich ein solcher Sturm des Begrüssens, des Trampelns und des
Serviettenschwenkens, dass der alte Gürzenich in eine schwingende Bewegung geriet
und dass ich nicht anders meinte, als dass wir jeden Augenblick in den untern Raum
des Gebäudes, in die Siruptöpfe und in die Butterfässer des Kaufhauses
hinabstürzen würden. - -
    Es war kein Zweifel mehr, eben erschien der König und der Reichsverweser,
und einmütig sang man das bereits erwähnte echt germanische Ragout von
Inkermann.
    Freundlich lächelten die hohen Herren auf die singende Menge hinab. Als aber
der Zauber der Inkermannschen Poesie wie mit fernem Nachtwächtergedudel in den
letzten Winkeln des Riesensaales verklungen war, da sprang empor von der Bank
der Fürsten, in strahlender Uniform und mit geistreichem Antlitz: Se. Majestät
der König, jetzt mit der Linken Ruhe gebietend und jetzt die Rechte mit
gefülltem Römer erhebend, zu begeisterndem Toaste:
    »Ich trinke auf das Wohlsein eines deutschen Mannes, auf das Wohlsein eines
meiner treuesten Freunde. Wie er Ihr Vertrauen besitzt, so besitzt er auch Mein
Vertrauen und Meine Liebe. Möge er uns einige und freie Völker geben; gebe er
uns einige und freie Fürsten. Hoch lebe Erzherzog Johann, der Reichsverweser!«
So ungefähr sprach Se. Majestät und leerte den Römer bis auf den Grund und
machte die Nagelprobe mit unendlicher Grazie! - Das letztere schien vor allen
Dingen einen berauschenden Eindruck auf die Zuschauer hervorzubringen. Mehrere
meiner Nachbarn rasten vor Wollust. Sie fühlten sich in die Zeiten des Kaisers
Max zurückversetzt, der auch wohl mit den Leuten derlei harmlose Spässe trieb. So
z.B. in Nüremberg. Der dumme Magistrat hatte nämlich damals für die Dauer der
Reichsfestlichkeiten alle schönen unverheirateten Frauenzimmer aus der Stadt
verbannt, weil ihm die ungesetzliche Liebe als ein Greuel vor dem Herrn
erschien. Vor den Toren standen nun die armen lüsternen Dinger und ennuyierten
sich à mort. Da kam der Kaiser, und ehe er sich's versah, umlagerten ihn ein
Dutzend der hübschesten Bajaderen und sagten ihm, er sei ein vernünftiger Mann,
der Magistrat bestehe aber aus Eseln, und er, der Kaiser, möge doch seine
bessere Einsicht bei diesen Blödsinnigen geltend machen und dafür sorgen, dass
sie, die Bajaderen, dennoch Erlaubnis erhielten, das Fest durch ihre Locken,
Lippen und wogenden Busen verherrlichen zu dürfen.
    Max hörte die liebenswürdigen Geschöpfe ruhig an und lächelte. Ehe er aber
weiterritt, befahl er statt aller Versprechungen dem zunächst stehenden jungen
Kinde, einmal hinter das kaiserliche Ross zu treten und des Pferdes Schweif zu
fassen, und der zweiten gebot er, sich wieder hinter ihre Genossin zu stellen
und deren Rock zu ergreifen, und als nun die erste den Schwanz des Gaules in der
Hand hielt und die zweite den Rock der erstern fasste und die dritte den Rock der
zweiten und so fort, da gab Kaiser Max seinem Pferde die Sporen, und mit ein,
zwei, drei, vier, acht, zwanzig, ja, wer weiss mit wieviel braunen und blonden
kichernden Weibern im Schlepptau ritt er fürbass gen Nüremberg, wo der Magistrat
schon an den Toren stand, um den Kaiser zu empfangen, und aus Scham und Wut
schier verrückt zu werden meinte, als er zugleich mit dem Einzug des Kaisers
auch das süsse Gefolge seines Rossschwanzes passieren lassen musste.
    Die Nüremberger Chronik setzt hinzu, dass die damaligen Festlichkeiten zu den
»verteufelt-fidelsten« gehört hätten.
    Wie es der ehrliche Max mit den Weibern machte, so machte es König Friedrich
Wilhelm mit dem Wein. Mit der Nagelprobe entzückte er den ganzen Gürzenich, und
dieselbe Rolle, die der steife Magistrat in Nüremberg spielte, sie wurde in Köln
von den unbeholfenen Liberalen gespielt, die mit Schrecken sahen, wie ein König
sogar imstande ist, nur durch eine Nagelprobe alle Herzen wiederzugewinnen und
alles vergessen zu machen, ja alles, alles, vom 18. März an bis auf den heutigen
Tag. O geht und lasst euch hängen, ihr Demokraten, ihr dummen Republikaner! Was
ist all eure Berserkerwut gegen die Nagelprobe eines klugen Königs?
    Dem Könige folgte der Erzherzog Reichsverweser. Das Glas erhebend, sprach
er:
    »Dem Fürsten, der eben meine Gesundheit ausbrachte, dem Könige von Preussen!
und dem, was an unserm Dom geschrieben steht: Eintracht und Ausdauer!«
    Die beiden Fürsten umarmten sich und küssten sich; laut schallte der Jubel
der Versammlung, und ihre schwarz-weissen und schwarz-rot-goldnen Leidenschaften
fluteten ineinander. Was wollt ihr mehr? Preussen ging in Deutschland und
Deutschland in Preussen auf in diesem Kuss vor allem Volke, in dieser versöhnenden
Umarmung. Was wollt ihr mehr, die ihr noch immer das Gespenst des Bürgerkrieges
zwischen den beiden Kokarden seht? Ist es nicht offenbar, dass es mit aller
Zwietracht aus ist? Oh, aber ihr seid kalte, berechnende Menschen, ihr finstern
Volkssouveränen. Ihr glaubt weder an Küsse noch an Umarmungen. Heilig ist euch
nichts mehr - heilig nur euer kalter Egoismus! Oh, wärt ihr doch in Köln
gewesen, auf dem Gürzenich, auf dem Dombaufestmahle, ihr würdet eure
revolutionären Ideen drangegeben, ihr würdet gelernt haben, was Fürsten über
Völker vermögen und wie man sich vor Fürsten beugen muss. Ja, herrlich hast du
dich bewährt, mein altes Köln, mein treffliches Rheinland, als eine Stadt, als
ein Land der Treue, der Loyalität, und niemand wird hinfort mehr von euch sagen
können, dass ihr der Herd des Aufruhrs wärt, der Revolution und der Anarchie.
    Wir übergehen den Toast eines loyalen Kölners und wenden uns zu dem
Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung von Gagern. Auftrat dieser grosse
Mann. Ich muss gestehen, ich war im höchsten Grade neugierig, den Zeus mit der
Schelle, von dem ich schon soviel hören und lesen musste, einmal in der Nähe zu
sehen und mit eignen Ohren zu belauschen. Hatten mir doch wenigstens schon
hundert Männer, alte und junge, aufzubinden versucht, Gagern sei ein Halbgott,
er stamme direkt aus dem Olymp her, Jupiter habe ihn auf einer Ferienreise mit
einer oberländischen Nymphe gezeugt! - Ich wollte es immer nicht glauben; auf
das Geschwätz von Männern gebe ich nichts; sie sind fast immer schief gewickelt;
wenn Männer über Männer urteilen, so steht es noch immer so und so um das
Resultat; auf Männer ist nicht zu bauen. Erst seit mir neulich ein hübsches Weib
mit schneeweissen Zähnen und mit verliebten Augen die feste Versicherung gab, dass
Gagern ein ausgezeichneter Mann sei und dass sie für ihn schwärmen könne, ja,
schwärmen trotz alledem und alledem, seit jenem Augenblick fing ich an, die
Wahrheit der verschiedenen Gerüchte weniger als bisher zu bezweifeln, denn die
Aussage einer schönen Frau ist massgebend in allen Dingen, einer Frau muss man
mehr glauben als dem Evangelium; was eine Nachtigall singt und was auf Rosen und
Lilien geschrieben steht und was ein Engel in Menschengestalt spricht, das ist
die lautere Wahrheit, das soll man glauben, dafür soll man leben und sterben und
auferstehen. Ja, was ist ein Sokrates und ein Hegel gegen eine kleine Person mit
kohlschwarzen Locken, die dir an den Hals springt und dich küsst und darauf
flucht mit dem liebenswürdigsten Fluche, dass sie recht habe und dass sie recht
behalten wolle ihr Leben lang.
»Wen Frauen loben, der wird bekannt,
Er hat den Ruhm an seiner Hand,
Dazu seines Herzens Wonne.«
So sagt schon der alte Wolfram von Eschenbach, und in der Tat, Gagern hat alle
Aussicht, einer der glücklichsten Menschen seiner Zeit zu werden. Gagern ist
eine gesunde Erscheinung. Junge Mädchen werden sich schwerlich für ihn
begeistern; hübsche Frauen werden ihn stets zu schätzen wissen. -
    Gagern brachte einen Toast auf ein »einiges, freies und starkes Deutschland«
aus. Wiederum bebte der Saal von Applaus. Alle Patrioten und alle Gläser
wackelten. Se. Majestät der König erhob sich hierauf zum zweiten Male, und ich
muss gestehen, dass ich ihn für einen weit grössern Redner als den Jupiter der
Paulskirche halte.
    »Schon zweimal«, sprach der König, »hat man auf die Erfüllung meines
schönsten Jugendtraumes, auf ein einiges und starkes Deutschland angestossen. Ich
lade Sie jetzt ein, auch auf das Wohl der Werkleute am Baue dieses einigen
Deutschlands zu trinken - es leben die anwesenden und abwesenden Mitglieder der
Nationalversammlung in Frankfurt!«
    Der Erzherzog Reichsverweser folgte wieder Se. Majestät mit einem Toaste auf
das Wohlsein der Stadt Köln. Die stotternde Beredsamkeit des verwitterten Mannes
war rührend komisch. Der alte Fürst und die alte Stadt - sie grüssten einander
wie zwei graue Kirchtürme. Es war, als ob der Domkranen und der Turm der
Stephanskirche sich umarmt hätten.
    Unter den übrigen Rednern fiel mir noch von Soiron, der Vizepräsident aus
Frankfurt, auf. Ich muss den Mann schon früher einmal gesehen haben. In Brüssel,
in Liverpool, in Hamburg - ich weiss es nicht. Aber ich möchte darauf wetten, dass
ich ihn schon einmal auf einem Droschkenbock sah; ja wahrhaftig, ich will mich
hängen lassen, Herr v. Soiron war schon einmal Droschkenkutscher! Ist das nicht
derselbe Kutscherbart, dieselbe Kutscherwürde, dasselbe Kutscherpatos? Was für
eine Nummer hatten Sie, Herr Soiron?
    »Hohe Versammlung!« begann Sancho-Soiron. »Gönnen Sie einem einfachen Manne
ein einfaches Wort, ein Wort, das aus dem Herzen kommt. Reichen wir uns die
Hände durch alle Gaue des deutschen Vaterlandes, auf dass Brüderlichkeit zwischen
uns herrsche bis an die äussersten Grenzen. Hoch lebe die Brüderlichkeit des
deutschen Volkes!«
    Kann ein patriotischer Kutscher besser sprechen? Hohe Versammlung -
einfacher Mann - Händereichen des deutschen Vaterlandes - äusserste Grenzen - es
lebe die Brüderlichkeit. Wunderschön! Es lebe Sancho, der einfache Mann! -
    Nachdem noch der Erzbischof von Köln den Segen über die Eintracht der Völker
und Fürsten ausgesprochen hatte, sprach auch noch der kölnische Deputierte Franz
Raveaux, der Mann mit dem melancholischen Schnurrbart, der nicht so berühmt ist
wie der Kölner Dom, der fast so bekannt ist wie der kölnische Karneval und der
jedenfalls die Unsterblichkeit mit der Eau de Cologne teilen wird. Die Heroen
des Tages hatten indes geredet, das Gürzenich-Bankett ging seinem Ende entgegen;
der König und der Reichsverweser verliessen den Saal, und mein Österreicher
rückte in dem Studium des Speisezettels bis zu den Salatbohnen, zu dem gefüllten
Geflügel und zu dem Nationalgerichte des »Wandsbeker Boten« vor.
    Ich muss gestehen, ich war erschöpft vom Anhören so vieler köstlicher Toaste.
Ich hatte meinen Platz verlassen und war hart an die Erhöhung des Saales
getreten, um recht in der nächsten Nähe in dem Anblick der grössten Männer unsres
Jahrhunderts schwelgen zu können. Gott weiss, wie lange ich dort festgebannt
worden wäre, wenn nicht plötzlich ein ziemlich wohlbeleibter Mann meine Schulter
berührt und mich im reinsten westfälischen Dialekt darauf aufmerksam gemacht
hätte, dass ich ihm durch meine Stellung die Aussicht nach einer höchst
einladenden Torte versperre, die bei dem allgemeinen Redeentusiasmus bisher
unberücksichtigt geblieben war. Der würdige Dombaudeputierte, der von Hamm,
Soest, Dortmund oder von irgendeiner andern sabbatstillen Stadt der roten Erde
nach Köln gekommen war, um sich einmal recht am Wein, am Gebet und am
Patriotismus zu letzen, schien mir fest entschlossen zu sein, den hohen
Eintrittspreis des Festmahles gewissenhaft herausfressen zu wollen. Der
ehrenwerte Mann kümmerte sich wenig um den Erzherzog Reichsverweser, um Herrn
von Gagern und den päpstlichen Nuntius - er liess der Weltgeschichte ihren Lauf
und beschäftigte sich mehr mit den praktischen Interessen des Hungers und des
Durstes.
    »Wollten Sie mir nicht die Aussicht nach jener Torte gewähren?« fragte mich
der gute Westfale mit dem Ausdruck der höchsten Freundlichkeit. Ich merkte die
leidenschaftlichen Gelüste des alten Knaben, denn während er mich anredete, sah
er nicht auf mich, sondern immer nach der Stelle hin, wo die herzerfreuende
Torte stand. »Mit dem grössten Vergnügen!« erwiderte ich ihm und stemmte meine
Faust in die Seite, so dass der Westfale, wie man durch das Bingerloch nach dem
Rheingau oder durch den Rolandsbogen nach dem Siebengebirge blickt, so durch
meinen gekrümmten Arm hindurch nach dem Gegenstand aller seiner Wünsche schauen
konnte. Der Westfale schien zu glauben, dass ich seine tiefern Absichten nicht
verstanden hätte; er sah mich daher mit seinen grossen blauen Augen ziemlich
stier an, als wollte er mich fragen, ob ich denn nicht die Sprüche Salomonis
kenne, wo da geschrieben steht, dass man dem Ochsen, der da drischt, das Maul
nicht verbinden soll? - Ich blieb aber unerbittlich. »Lieber Herr, wollten Sie
mir nicht gefälligst die Aussicht nach jener Torte gewähren?« fragte da der Sohn
der roten Erde zum zweiten Male, und ein Gemisch von Wollust und Melancholie
spielte um seinen sehr grossen Mund. Die Leiden des armen Mannes rührten mich.
»Mit dem grössten Vergnügen!« rief ich abermals. »Sie scheinen nicht gut sehen zu
können - wollen Sie sich meiner Lorgnette bedienen?«
    Während mein rechter Arm seine frühere gekrümmte Position beibehielt,
reichte ich ihm mit der linken Hand die Lorgnette über den Tisch hinüber. Der
Westfale stutzte. Sie müssen entweder ein sehr dummer oder ein höchst
impertinenter Mensch sein - schien der unglückliche Sehnsüchtige zu denken. Da
ermannte er sich und sprach zum dritten Male mit einer so bittenden, wehmütigen
Stimme, dass es einen Stein hätte erweichen können: »Sehr verehrter Herr, hätten
Sie nicht die grosse Gewogenheit, mir die Aussicht nach jener Torte gefälligst zu
gewähren? Ich habe 1 Taler 20 Silbergroschen für mein Billett bezahlt - Geld ist
Dreck, aber Dreck ist kein Geld! -, es verlangt mich nach jener Torte - -«
    Das Antlitz des Armen überflog eine sichtbare Bangigkeit. Er sah, wie von
der andern Seite noch ein zweiter Aspirant auf die reizende Torte lossteuerte;
ein Mann, der sich etwas verschämt, wie es Liebende sind, rechts und links
umschaute, um sich davon zu überzeugen, dass ihn auch niemand in dem allgemeinen
Wirrwarr bemerke. Es war die höchste Zeit, den Raub zu vollbringen. Den
Westfalen stach es wie mit tausend Nadeln, er rückte hin und her, und immer
flehentlicher und immer bittender leuchteten seine unschuldigen Augen.
    Da konnte ich nicht länger widerstehen; ich wandte mich seitwärts, und schon
hatte ich die Hand nach der Heissersehnten ausgestreckt, da kam mir plötzlich der
gewandtere Nebenbuhler des armen Westfalen zuvor, ich erkannte in meinem Gegner
meinen frühern Nachbar, den preussischen Deputierten, den Ritter von der Teltower
Rübe, und ich wäre fast vor Lachen gestorben, als ich ihn mit einer wahrhaft
teuflischen Geschwindigkeit samt der eroberten Torte davonrennen sah.
    Der arme Westfale sank aber wie eine geknickte Blume zusammen; er röchelte
in seine Serviette hinein, und »Geld ist Dreck, aber Dreck ist kein Geld!«
schien er noch einmal zu seufzen, da machte ich mich aus dem Staube, denn ich
fürchtete den gerechten Zorn des Mannes, ich glaube, er hätte mich getötet mit
Messer und Gabel und mich selbst gefressen statt der verhängnisvollsten aller
Torten.
    Meine Aufmerksamkeit wurde nach der andern Seite des Saales gelenkt, wo sich
ein eigentümliches Getöse erhob, das mein musikalisches Gefühl aufs
empfindlichste verletzte und mich ebensosehr an die Menagerie eines van Aken als
an jenes Grunzen und Brummen erinnerte, welches man nachts um die zwölfte Stunde
wohl aus den Bierhäusern deutscher Hochschulen schallen hört.
    Ich sah mich erstaunt und unwillig um und bemerkte zu meinem nicht geringen
Leidwesen einen ehrenwerten Vizepräsidenten, der sich mit Händen und Füssen und
mit einem nicht zu verachtenden Bierbass nochmals Gehör zu verschaffen suchte, um
sehr wahrscheinlich aufs neue zu erklären, dass er ein einfacher Mann sei und nur
ein einfaches Wort zu reden habe, recht aus dem Herzen, von allgemeiner
Brüderlichkeit, durch sämtliche Gaue des deutschen Vaterlandes, bis an die
äussersten Grenzen. Der bekannte Redner winkte in derselben Weise mit den Händen,
wie es die Droschkenkutscher bei schlechtem Wetter tun, wenn sie die
Vorübergehenden zum Besteigen des Wagens einladen.
    Aber ach, die hohe Versammlung wollte sich nicht zum zweiten Male verleiten
lassen. Vergebens trampelte, winkte und schrie Sancho - mit wahrhaft deutscher
Unhöflichkeit blieb man auf seinen Sitzen oder eilte an dem guten Manne vorüber,
so dass Sancho zuletzt auf die Ehre des Wortes verzichtete und seinem Herrn und
Meister das Feld überliess. Herr von Gagern machte indes keine Anstalt zu einem
abermaligen Vortrag, nein, er sammelte nur einige Deputierte um sich und stieg
wie Zeus, umgeben von seinen Olympiern, von der für die Fürsten und die
auserlesenen Abgeordneten reservierten Erhöhung hinab in die Reihen des
patriotischen Volkes.
    Es war ein imposanter Anblick. Voran der edle Gagern, in der ganzen gesunden
Fülle seiner irdischen Erhabenheit. Hinter ihm eine nicht weniger bemerkenswerte
Figur, einem Apollo ähnlich, der am Herunterkommen ist - dem die ambrosischen
Locken anfangen auszufallen, der aber noch immer Anmut und Manneswürde verrät in
Gang und Gebärde. Ich fragte den ersten besten Nachbar, ob er den bedeutenden
Herrn kenne. »Das ist der Herr Müller!« antwortete er mir mit besonderem
Nachdruck, und ich muss mich schämen, ich hätte beinah gelacht.
    Kann es ein grösseres Unglück für jemanden, der berühmt werden will - und von
jedem ehrenwerten Deputierten kann man doch gewiss erwarten, dass er wenigstens in
etwa den verwerflichen Durst nach Ruhm besitzt -, kann es, sage ich, etwas
Schlimmeres für einen solchen Ruhmdurstigen geben, als wenn er Müller heisst,
wenn er gerade den Namen trägt, unter dem schon so viele ausgezeichnete Männer
bekannt sind, dass man den einen oft nicht mehr von dem andern zu unterscheiden
weiss und den Wald nicht mehr vor lauter Bäumen sieht? Müller! Müller! ein
solcher Name ist entsetzlich; von der Geburt an hat einem schon das Schicksal
einen Strich durch die Rechnung gemacht! Gibt es nicht schon einen Johannes
Müller, einen Wilhelm Müller, ja, sogar einen Wolfgang Müller?
    Was sollen wir noch mit einem neuen Müller anfangen? Armer Herr Müller!
    Ausser Herrn Müller gewahrte man indes auch noch einen dritten Versammelten,
der es für seine Pflicht hielt, sich zu den übrigen Gästen herabzulassen. Es war
dies der stille Dulder, es war dies der Mann, der achtzehn Jahre lang für die
deutsche Freiheit »gedarbet« hat, es war derselbe Mann, dem die Republik nur
über den Leib, über die Leiche geht und der so sehr von der glorreichen Zukunft
Deutschlands überzeugt ist, dass er schon jetzt die Kaperprämien für unsre
zukünftigen Admiräle bestimmt haben will - es war, mit einem Worte, niemand
anders als der Hiob der Nationalversammlung, es war der herrliche Dulder Jacobus
Venedei.
    Zeus, Müller und Hiob schritten von Tisch zu Tisch, und es verstand sich von
selbst, dass alle Kehlen jubelten und alle Römer klirrten.
    Heiterkeit tronte auf Kronions Stirn. Er hatte die Donnerkeile seiner Rede
in die Taschen des schwarzen Fracks gesteckt und spielte nur leicht mit dem
unschädlichen Wetterleuchten seines unerforschlichen Geistes. Müller suchte
seinem Gotte durch eine freundlich-würdige Gelassenheit den rechten Hintergrund
zu geben; er war gewissermassen die schöne Abendwolke, auf der die Blitze seines
Meisters hin und her zuckten. Hiob, mit einem schmerzlich-süssen Lächeln,
säuselte hinter den beiden her wie ein milder Westwind. Gern wäre ich den dreien
mit dem Auge gefolgt, um zuzuschauen, wie sie schwatzend, nickend und
händeschüttelnd von Tisch zu Tisch zogen; aber sie verschwanden bald im Gewühle,
und ich verfügte mich daher zurück an meinen Platz. - Es freute mich nicht
wenig, dort meine alten Tafelgenossen, den Österreicher und den Preussen,
wiederzufinden. Der letztere war soeben, nach unsäglichen Anstrengungen, mit
seiner Torte eingetroffen, und der Schwarz-weisse und der Schwarz-rot-goldne
schickten sich auch sofort an, ihre Beute in vollkommener deutscher Einigkeit zu
teilen.
    Polen wurde nicht gewissenhafter geteilt als diese Torte. Man bot mir
natürlich sofort an, dass ich die Rolle Russlands bei der Teilung übernehmen und
der Dritte in dem schönen Bunde sein solle. Ich verweigerte dies aber, mehr aus
innerlichen als aus politischen Gründen, indem ich versicherte, dass mir die
Geschichte zu schwer im Magen liegen dürfte.
    »Dahinten«, setzte ich hinzu, »befindet sich aber ein Mann, der mich gerne
remplacieren wird. Er ist ein Westfale und deshalb nicht viel besser als ein
Kosake. Der Mann liebt die Torten über alles. Sollen wir ihn nicht einladen?« -
»Allerdings!« rief der Preusse, und »Ich halte es sogar für sehr nötig, ihn
hinzuzuziehen!« bemerkte der Österreicher. Da erhob ich mich, um meinen
hungrigen Zerberus herbeizuschleifen. Aber ach, ich hatte kaum zwei Schritte
getan, da nahte unser Freund schon ungerufen. Sein Kopf glühte von Wein, Zorn
und Gesundheit; er bemerkte mich gar nicht, denn steif war sein Auge auf die
Torte gerichtet. Mit einem schmunzelnden Lächeln schmiegte sich der westfälische
Russe zwischen Österreicher und Preusse; ich winkte sofort, dass dies der rechte
Mann sei, und keine Minute verstrich, da waren sie auch schon am Fressen nach
Herzenslust, alle drei, und die hübschen Verzierungen des armen Kuchens brachen
knisternd zusammen.
    Als ich aber die drei so glücklich essen sah und als mir bei der Torte, Gott
weiss wie, plötzlich das arme Polen in den Sinn kam, da fing es an, mir in den
Adern zu sieden und zu kochen. Hat denn der allmächtige Bäcker, der grosse
Schöpfer, diese hübsche Torte, dieses schöne Polen nur deshalb geschaffen, damit
ihr mit Gabeln und Messern, mit Kartätschen und Schrappnells darüber herfallen
sollt, um alles ineinanderzuschlagen und um es für ewig zu vertilgen? Mein Herz
pochte rascher. Und als der vielfrässig-absolutistische, der westfälische Russe
und als der konstitutionelle Preusse und der etwas demokratischere Österreicher
sich nun erhoben, um wieder auf irgendeine Lumperei anzustossen - da griff ich
nach meinem Glase, und »Es lebe die Republik!« rief ich, dass es bis hinauf unter
die Decke des Gürzenich klang - -
    Ich hatte nicht mehr die Zeit, um nach dem Eindruck zu sehen, den mein
unerhörter Frevel auf die Teiler der Torte hervorbringen musste, denn in
demselben Augenblick, wo ich mit der Rechten den Römer erhob und wo das
verhängnisvolle Wort meinen Lippen entfloh, fühlte ich meine nach hinten
fahrende Linke von eiserner Faust gefasst, und entsetzt wandte ich mich um.
    Zeus Kronion, der grosse Gagern, stand vor mir.
    Auf seiner Wanderung durch den Saal war er mit seinem Gefolge auch zu unserm
Tisch gekommen - jawohl, Zeus hatte mich gefasst mit eigner Faust. Kalt lief
mir's über den Rücken. Jetzt geht's dir schlecht. Wie Jupiter der Erste den
Prometeus an den Kaukasus schmieden liess, damit ihm ein Geier die Leber
aushacke, so wird jetzt Jupiter der Zweite, der edle Gagern, dich an den
Domkranen hängen, damit die dummen Konstitutionellen ihre schlechten Witze über
dich reissen! - Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf flog. Ja,
baumeln wirst du da oben, schon in aller Herrgottsfrühe, und alle deine Feinde
werden kommen und lachen über dich. Da wird der Herr Inkermann kommen und rufen:
Seht, dort hängt der Kerl, der über meine Verse gespottet hat; und da wird Herr
von Soiron herbeieilen und schreien: Seht, das ist der Schurke, welcher sagte,
ich sähe aus wie ein Kutscher; und der Herr Venedei wird gelaufen kommen und
jauchzen: Seht, das ist die Lästerzunge, die mich einen Dulder und einen Hiob
nannte; und der Herr Müller wird herzuspringen und lamentieren: Seht, das ist
der Mensch, der nicht einmal meinen ehrlichen Namen zufriedenlassen konnte! Und
so werden sie alle miteinander erscheinen und sticheln und spötteln und werden
mir sogar noch die Weiber unter die Augen setzen, damit ich sie immer sehe, ohne
sie je küssen zu können - dass Gott erbarm!
    Doch erst dann wird es mir gelb und grün werden vor den Augen, ja erst dann
wird mir der Angstschweiss ausbrechen aus allen Poren, und erst dann werde ich
wünschen, dass ich in dem Mittelpunkt der Erde sässe, sicher und verborgen wie ein
antediluvianischer Hamster: wenn nun endlich der schlimmste meiner Ankläger
erscheint, wenn »sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd« ein junger
elegantgekleideter Herr auf mich losschreitet, ja, wenn derselbe Fremdling naht,
der am Morgen des Domfestes die verhängnisvolle Zeitung kaufte, um sie so rasch
auseinanderzufalten, um sie so erschrocken mit dem Blick zu durchfliegen - -
denn zornig werden seine Augen funkeln, und mahnend wird er seine weisse
aristokratische Hand erheben, und Wehe! wird er ausrufen, Wehe über diesen
profanen Skribenten, der alle preussischen Junker, ja, der den ganzen deutschen
Adel verhöhnt hat, indem er, ach, so treu mein Leben schilderte, ja, indem er
das Leben und die Taten beschrieb: »des berühmten Ritters Schnapphahnski!« - -
    So blitzte es mir durch den Schädel, und noch immer hielt mich Gagerns Hand
gefasst; und wie ich jeden Augenblick erwartete, dass er Tod und Verdammnis auf
mich herabdonnern würde, und in furchtbarer Spannung, weder sitzend noch
stehend, abermals zu ihm emporschaute, da wäre ich fast von dem zweiten
Schrecken mehr gepackt worden als von dem ersten, denn sieh, das Antlitz des
grossen Mannes, welches mir aber noch voll schrecklicher Wolken erschien, es
schaute mit dem Ausdruck der freudigsten Zufriedenheit auf mich herab; nicht zum
Hängen, nein, zum Grusse hielt mich der Donnerer gefasst, und es war kein Zweifel
mehr, er hatte meinen republikanischen Ruf für einen höchst konstitutionellen
gehalten, und, ja beim Teufel, ehe ich mich's versah, wurde ich mit
hineingerissen in das fatale Gewoge, so dass ich bald den Westfalen, den
Österreicher und den Preussen samt ihren Tortenresten aus dem Auge verlor und,
endlich von Gagerns Hand befreit, mit hinweggeschwemmt wurde von der
schwarz-rot-goldnen Sündflut, über Tische und Bänke, bis dass ich endlich an der
andern Seite des Saales auf die Schwelle der Tür geriet und von der Schwelle auf
die Treppe und von der Treppe auf die Strasse - Alaaf Köln! und vorüber war das
Fest des Gürzenich.
    Ja, vorüber war die grosse kölnische Domfarce, bei der all die hohen Herrn
mit den schönsten Phrasen im Munde, aber den Groll im Herzen, unter dem Jubel
des törichten Volkes all die feinen Pläne ersannen, welche bald in den
standrechtlichen Erschiessungen Wiens, in der Oktroyierung der preussischen und
österreichischen Verfassung und in dem Lächerrlichwerden der Frankfurter
Versammlung so treffliche Früchte tragen sollten.
    Ja, vorüber war dies Fest des widerlichsten Kokettierens mit dem dummen
souveränen Michel, und wir würden vielleicht noch darüber lachen, wenn uns durch
den schimmernden Haufen dieser »volksfreundlichen« Fürsten, dieser feilen
Knechte und dieser düpierten Volksrepräsentanten nicht die kugelzerrissenen
Leichen der Proletarier von Paris, von Wien und Berlin angrinsten, wenn durch
dieses Gewirr der heuchlerischsten Versicherungen, der schamlosesten Lügen nicht
die Sterbeseufzer der zertretenen Polen, der Hilferuf der gefolterten Ungarn und
der Racheschrei der verwüsteten Lombardei zu uns herübertönten, wenn nicht das
blutige Haupt eines Robert Blum vor unsre Füsse rollte - doch genug! der Humor
ist versiegt; das Buch ist zu Ende.
 
                                   Nachspiel
Aber was wurde aus Schnapphahnski? Lebt er oder ist er tot?
    Schnapphahnski lebt, und nimmer wird er sterben. Mein Schnapphahnski ist
unsterblich!
 
    